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diff --git a/15711-h/15711-h.htm b/15711-h/15711-h.htm new file mode 100644 index 0000000..a8a1c77 --- /dev/null +++ b/15711-h/15711-h.htm @@ -0,0 +1,22888 @@ +<?xml version="1.0" encoding="us-ascii"?> +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> + +<HTML> +<HEAD> +<TITLE>Gustave Flaubert: Frau Bovary</TITLE> +</HEAD> + +<BODY> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Frau Bovary + +Author: Gustave Flaubert + +Translator: Arthur Schurig + +Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + + + + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + + + + + +</pre> + +<CENTER> +<H1>Frau Bovary</H1> +<H3>von</H3> +<H1>Gustave Flaubert</H1> +<P> +Die Übertragung des Romans <TT>Madame +Bovary</TT> aus dem Französischen besorgte Arthur +Schurig. +</P><P> +Insel-Verlag zu Leipzig +</P> +</CENTER> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H1>Erstes Buch</H1> +</CENTER> +<HR> +<CENTER> +<H2>Erstes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P> +Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein +„Neuer“, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter +den beiden, Schulstubengerät in den Händen. Alle +Schüler erhoben sich von ihren Plätzen, wobei man so tat, +als sei man aus seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt +war, fuhr mit auf. + +</P><P> + +Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er +sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer. + +</P><P> + +„Herr Roger!“ lispelte er. „Diesen neuen +Zögling hier empfehle ich Ihnen besonders. Er kommt +zunächst in die Quinta. Bei löblichem Fleiß und +Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er seinem Alter +nach gehört.“ + +</P><P> + +Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man +konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein +Bauernjunge, so ungefähr fünfzehn Jahre alt und +größer als alle andern. Die Haare trug er mit +Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst +sah er gar nicht dumm aus, nur war er höchst verlegen. So +schmächtig er war, beengte ihn sein grüner Tuchrock mit +schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den Schlitz in den +Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke hervor, die +zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte gelbbraune, +durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an +und blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst +und mit Nägeln beschlagen. + +</P><P> + +Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte +aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht einmal +wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den Ellenbogen +aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete, +mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den +andern anschloß. + +</P><P> + +Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer +die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. +Es kam darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter +die richtige Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen +Staubwolke laut aufklatschte. Das war so Schuljungenart. + +</P><P> + +Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder +daß er nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: +als das Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch +immer vor sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von +Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine +Bärenmütze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen +runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit +einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme +Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie das Gesicht eines +Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und Fischbeinstäbchen +verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde +Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band getrennt) +Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den +ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei +krönte und von dem herab an einem ziemlich dünnen Faden +eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, was man +am Glanze des Schirmes erkennen konnte. + +</P><P> + +„Steh auf!“ befahl der Lehrer. + +</P><P> + +Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die ganze +Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das +Mützenungetüm aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem +Ellenbogen daran, so daß es wiederum zu Boden fiel. Ein +abermaliges Sich-darnach-bücken. + +</P><P> + +„Leg doch deinen Helm weg!“ sagte der Lehrer, ein +Witzbold. + +</P><P> + +Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen +Jungen gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich +gar nicht, ob er seinen „Helm“ in der Hand behalten oder +auf dem Boden liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und +legte die Mütze über seine Knie. + + +</P><P> + + +„Steh auf!“ wiederholte der Lehrer, „und sag mir +deinen Namen!“ + + +</P><P> + + +Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her. + +</P><P> + +„Noch mal!“ + +</P><P> + +Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem +Gelächter der Klasse übertönt. + +</P><P> + +„Lauter!“ rief der Lehrer. „Lauter!“ + +</P><P> + +Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit +auf und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte, +das Wort von sich: „Kabovary!“ + +</P><P> + +Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; +dazwischen gellten Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder +und wieder: „Kabovary! Kabovary!“ Nach und nach verlor +sich der Spektakel in vereinzeltes Brummen, kam mühsam zur Ruhe, +lebte aber in den Bankreihen heimlich weiter, um da und dort +plötzlich als halbersticktes Gekicher wieder aufzukommen, wie +eine Rakete, die im Verlöschen immer wieder noch ein paar Funken +sprüht. + +</P><P> + +Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung +in der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem +Lehrer, den Namen „Karl Bovary“ festzustellen, nachdem er +sich ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im +ganzen wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich +auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte +den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, +als er bereits wieder stehen blieb. + +</P><P> + +„Was suchst du?“ fragte der Lehrer. + +</P><P> + +„Meine Mü...“, sagte er schüchtern, indem er +mit scheuen Blicken Umschau hielt. + +</P><P> + +„Fünfhundert Verse die ganze Klasse!“ + +</P><P> + +Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte +wütend ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen. + +</P><P> + +„Ich bitte mir Ruhe aus!“ fuhr der empörte +Schulmeister fort, während er sich mit seinem Taschentuche den +Schweiß von der Stirne trocknete. „Und du, du Rekrut du, +du schreibst mir zwanzigmal den Satz auf: <TT>Ridiculus +sum!</TT>“ Sein Zorn ließ nach. „Na, und deine +Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand +gestohlen.“ + +</P><P> + +Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und +der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung, +obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte +kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal mit +der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen +aufzuschlagen. + +</P><P> + +Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem +Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich +sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er +gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im +Wörterbuche nach und gab sich viel Mühe. Zweifellos +verdankte er es dem großen Fleiße, den er an den Tag +legte, daß man ihn nicht in der Quinta zurückbehielt; denn +wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte, so verstand er +sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer seines +Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht, und +aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur +möglich auf das Gymnasium geschickt worden. + +</P><P> + +Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er hatte +sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen lassen, +worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr seine +körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte +sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm +in der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das +Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war +ein Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend +einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller +Ringe hatte und in seiner Kleidung auffällige Farben liebte. +Neben seinem Haudegentum besaß er das gewandte Getue eines +Ellenreiters. Sobald er verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre +auf Kosten seiner Frau zu leben, aß und trank gut, schlief bis +in den halben Tag hinein und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. +Nachts pflegte er sehr spät heimzukommen, nachdem er sich in +Kaffeehäusern herumgetrieben hatte. Als sein Schwiegervater +starb und nur wenig hinterließ, war Bovary empört +darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld +dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land +zurück, wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er +verstand von der Landwirtschaft auch nicht mehr als von der +Hutmacherei, ritt lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur +Arbeit einspannen ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise +selber, anstatt ihn in Fässern zu verkaufen, ließ das +fetteste Geflügel in den eignen Magen gelangen und schmierte +sich mit dem Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege +sah er zu guter Letzt ein, daß es am tunlichsten für ihn +sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr einzulassen. + +</P><P> + +Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem +Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, +halb Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück, +fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, +gallig und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen +angeekelt, wie er sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben. + +</P><P> + +Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter +tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem +heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie +sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch +und nervös geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, +wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her +war und abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher +Spelunke zu ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst +mächtig geregt, aber schließlich schwieg sie, würgte +ihren Grimm in stummem Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis +zu ihrem letzten Stündlein. Sie war unablässig tätig +und immer auf dem Posten. Sie war es, die zu den Anwälten und +Behörden ging. Sie wußte, wenn Wechsel fällig waren; +sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte alle Hausarbeiten, +nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und führte die +Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts +kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher +Schläfrigkeit nicht herauskam und sich höchstens dazu +ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am +Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche. + +</P><P> + +Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; +und als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche +Geschöpf grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit +Zuckerzeug. Der Vater ließ es barfuß herumlaufen und +meinte höchst weise obendrein, der Kleine könne eigentlich +ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den +Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmtes männliches +Erziehungsideal in den Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu +modeln sich Mühe gab. Er sollte rauh angefaßt werden wie +ein junger Spartaner, damit er sich tüchtig abhärte. Er +mußte in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen ordentlichen +Schluck Rum vertragen und auf den „kirchlichen Klimbim“ +schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur und +widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die Mutter schleppte ihn +immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren aus und +erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit ihm in +endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger +Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. +In ihrer Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle +ihre eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im +Traume sah sie ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als +Beamten beim Straßen- und Brückenbau oder in einer +Ratsstellung. Sie lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten +Klavier, das sie besaß, das Singen von ein paar Liedchen bei. +Ihr Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu +alledem, es sei bloß schade um die Mühe; sie hätten +doch niemals die Mittel, den Jungen auf eine höhere Schule zu +schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft zu kaufen. Zu was +auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary schwieg still, und +der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den Feldarbeitern +hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste Beeren an den +Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und +durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem +Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen +bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu +dürfen. Dann hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an +den Strang der großen Glocke und ließ sich mit +emporziehen. So wuchs er auf wie eine Lilie auf dem Felde, bekam +kräftige Glieder und frische Farben. + +</P><P> + +Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter +durch, daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam +Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so +unregelmäßig, daß sie nicht viel Erfolg hatten. Sie +fanden statt, wenn der Geistliche einmal gar nichts anders zu tun +hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen +zwischen den Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine +Lust hatte auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler +nach dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden saßen dann oben im +Stübchen. Mücken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber +es war so warm drin, daß der Junge schläfrig wurde, und es +dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die +Hände über dem Schmerbauche gefaltet. Es kam auch vor, +daß der Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken +in der Umgegend, dem er das Abendmahl gereicht hatte, den kleinen +Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm +eine viertelstündige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit, +ihn im Schatten eines Baumes seine Lektion hersagen zu lassen. +Entweder war es der Regen, der den Unterricht störte, oder +irgendein Bekannter, der vorüberging. Übrigens war der +Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja er meinte +sogar, der „junge Mann“ habe ein gar treffliches +Gedächtnis. + +</P><P> + +So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und ihr +Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber +schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch +ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden. + +</P><P> + +Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber +wurde Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein +Vater brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober. + +</P><P> + +Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch deutlich +an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer Junge, der in der +Freizeit wie ein Kind spielte, in den Arbeitsstunden eifrig lernte, +während des Unterrichts aufmerksam dasaß, im Schlafsaal +vorschriftsmäßig schlief und bei den Mahlzeiten ordentlich +zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule war ein +Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller +vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach +Ladenschluß. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die +Schiffe und brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen +wieder in das Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit +roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei +Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine +Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von Barthelemys +„Reise des jungen Anacharsis“, das im Arbeitssaal +herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der +ebenfalls vom Lande war. + +</P><P> + +Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der +Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der +Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn seine +Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren. Sie +waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen +schon durchwürgen würde. + +</P><P> + +Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der +Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten +Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung +ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch +und zwei Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus +Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein +Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer +Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder heim, +nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja +hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz +allein auf sich selbst angewiesen sei. + +</P><P> + +Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der +medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen +und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen, von +Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik, +Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen +Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft +er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie +geheimnisvolle Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft. + +</P><P> + +Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen war, +er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb +fleißig nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner +Übung. Er erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie +ein Gaul im Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet, +ohne zu wissen, was für ein Geschäft er eigentlich +verrichtet. + +</P><P> + +Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine +Mutter allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück +Kalbsbraten. Das war sein Frühstück, wenn er aus dem +Krankenhause auf einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen, +dazu langte die Zeit nicht, denn er mußte alsbald wieder in ein +Kolleg oder zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von +Straßen hindurch. Abends nahm er an der kargen Hauptmahlzeit +seiner Wirtsleute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und +setzte sich an seine Lehrbücher, oft in nassen Kleidern, die ihm +dann am Leibe bei der Rotglut des kleinen Ofens zu dampfen begannen. + +</P><P> + +An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer +wurden und die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball +spielten, öffnete er sein Fenster und sah hinaus. Unten +floß der Fluß vorüber, der aus diesem Viertel von +Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine gelben, +violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den Wehren +und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die Arme +in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang hervorragten, +trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft. Gegenüber, +hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel mit der +sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen +im Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief +Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch +gar nicht bis zu ihm drang. + +</P><P> + +Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam +einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward +träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten +Vorsätzen mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die +Klinik, morgen ein Kolleg, und allmählich fand er Genuß am +Faulenzen und ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer +Winkelkneipe und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in +einer schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen +Spielsteinen auf einem Marmortische zu klappern, das dünkte ihn +der höchste Grad von Freiheit zu sein, und das stärkte ihm +sein Selbstbewußtsein. Es war ihm das so etwas wie der Anfang +eines weltmännischen Lebens, dieses Kosten verbotener Freuden. +Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu sinnlichem +Vergnügen auf die Türklinke. Eine Menge Dinge, die bis +dahin in ihm unterdrückt worden waren, gewannen nunmehr Leben +und Gestalt. Er lernte Gassenhauer auswendig, die er gelegentlich zum +besten gab. Béranger, der Freiheitssänger, begeisterte +ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter Letzt entdeckte +er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er im medizinischen +Staatsexamen glänzend durch. + +</P><P> + +Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei +einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf +den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er +seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie +entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der +Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem sie +ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf +Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die Geschichte +verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens +hätte er es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn +ein Dummkopf sei. + +</P><P> + +Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich +hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er +gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat +bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine +Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl +statt. + +</P><P> + +Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. +Dort gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete +schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das +Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als +sein Nachfolger daselbst nieder. + +</P><P> + +Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn +Medizin studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: +nun mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der +Witwe des Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben +fünfundvierzig Jährlein zwölfhundert Franken Rente ihr +eigen nannte. Obgleich sie häßlich war, dürr wie eine +Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum +Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs an Bewerbern. +Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary erst alle +diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr geschickt +fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen +Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit +unterstützt wurde. + +</P><P> + +Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich dadurch +günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie +pekuniär unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die +Zügel in ihre Hände. Sie drillte ihm ein, was er vor den +Leuten zu sagen habe und was nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er +durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten, die +nicht bezahlten, mußte er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie +erbrach seine Briefe, überwachte jeden Schritt, den er tat, und +horchte an der Türe, wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde +waren. Jeden Morgen mußte sie ihre Schokolade haben, und die +Rücksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende. +Unaufhörlich klagte sie über Migräne, Brustschmerzen +oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute durch den Hausflur +liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl auswärts, dann fand +sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim, so war es +zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im Sterben. +Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm ihre mageren +langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang seinen Hals und zog +ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging die Jeremiade los. Er +vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man habe es ihr ja +gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück. Schließlich +bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund werde, und +um ein bißchen mehr Liebe. +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Zweites Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel +eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen +kam. Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf +und verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der +Straße stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an +ihn. + +</P><P> + +Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel +auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd +stehen, folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das +Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue +Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und +überreicht ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der +richtete sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand +dicht daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich +verschämt der Wand zu und zeigte den Rücken. + +</P><P> + +In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, +wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem +Pachtgut Les Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. +Nun braucht man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis +Bertaux zu Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. +Frau Bovary sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem +Manne etwas zustoßen. Infolgedessen ward beschlossen, daß +der Stallknecht vorausreiten, Karl aber erst drei Stunden +später, nach Mondaufgang, folgen solle. Man würde ihm einen +Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute zeige und ihm den +Hof aufschlösse. + +</P><P> + +Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel +gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen +überließ er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser +von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten +parierte, wurde der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des +gebrochnen Beines und begann in seinem Gedächtnisse alles +auszukramen, was er von Knochenbrüchen wußte. + +</P><P> + +Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen +Ästen der Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das +Gefieder ob des kühlen Morgenwindes gesträubt. So weit das +Auge sah, dehnte sich flaches Land. Auf dieser endlosen grauen +Fläche hoben sich hie und da in großen Zwischenräumen +tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit des Himmels trüben +Farben zusammenflossen; das waren Baumgruppen um Güter und +Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß Karl seine Augen auf, bis +ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte und der +Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand, +in dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so +daß er ein Doppelleben führte. Er war noch Student und +gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen Moment glaubte +er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den +Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen +Umschlägen mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen +Dufte des Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den +Stangen der Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe +atmete ... + +</P><P> + +Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen, der +am Rande des Straßengrabens im Grase saß. + +</P><P> + +„Sind Sie der Herr Doktor?“ + +</P><P> + +Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln in +die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs +hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß +Herr Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der +wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf +dem Heimwege von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest +gefeiert hatte, ein Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre +tot. Er lebte ganz allein mit „dem gnädigen +Fräulein“, das ihm den Haushalt führte. + +</P><P> + +Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. +Plötzlich verschwand der Junge in der Lücke einer +Gartenhecke, um hinter der Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, +wo er ein großes Tor öffnete. Das Pferd trat in nasses +rutschiges Gras, und Karl mußte sich ducken, um nicht vom +Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren aus +ihren Hütten, schlugen an und rasselten an den Ketten. Als der +Arzt in den eigentlichen Gutshof einritt, scheute der Gaul und machte +einen großen Satz zur Seite. + +</P><P> + +Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die +offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo +kräftige Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr +Heu kauten. Längs der Wirtschaftsgebäude zog sich ein +dampfender Misthaufen hin. Unter den Hühnern und Truthähnen +machten sich fünf bis sechs Pfauen mausig, der Stolz der +Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch +und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei große +Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen +Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus +Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den +Kornböden heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu +etwas anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume +bepflanzt. Vom Tümpel her erscholl das fröhliche +Geschnatter der Gänse. + +</P><P> + +An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in einem +mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und +begrüßte den Arzt. Er wurde nach der Küche +geführt, wo ein tüchtiges Feuer brannte. Auf dem Herde +kochte in kleinen Töpfen von verschiedener Form das +Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen +naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel, +Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger +Größe, funkelten wie von blankem Stahl, während +längs der Wände eine Unmenge Küchengerät hing, +über dem die helle Herdflamme um die Wette mit den ersten +Strahlen der durch die Fenster huschenden Morgensonne spielte und +glitzerte. + +</P><P> + +Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. Er +fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine +Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein +stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem +Haar, blauen Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf +einem Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der +er sich von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um +„Mumm in die Knochen zu kriegen“. Angesichts des Arztes +legte sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern — +was er seit zwölf Stunden getan hatte — fing er nunmehr an +zu ächzen und zu stöhnen. + +</P><P> + +Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte +sich einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald +erinnerte er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den +Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten +ein reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes +Chirurgenbalsams, der an das Öl gemahnt, mit dem die +Seziermesser eingefettet werden. Er ließ sich aus dem +Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu bekommen. +Von den gebrachten Stücken wählte er eins aus, schnitt die +Schienen daraus zurecht und glättete sie mit einer Glasscherbe. +Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden her, und +Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster +anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, +polterte der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen +stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut +aus. + +</P><P> + +Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie +hatte. Sie waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, +und so schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände +freilich waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß +genug und ein wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu +schlank, nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. +Was jedoch schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren +braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr +offener Blick traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld. + +</P><P> + +Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich +„einen Bissen zu essen“, ehe er wieder aufbräche. +Karl ward in das Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. +Auf einem kleinen Tische war für zwei Personen gedeckt; neben +den Gedecken blinkten silberne Becher. Aus dem großen +Eichenschranke, gegenüber dem Fenster, strömte Geruch von +Iris und feuchtem Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und +Glied mehrere Säcke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer +nebenan keinen Platz gefunden, zu der drei Steinstufen +hinaufführten. In der Mitte der Wand, deren grüner Anstrich +sich stellenweise abblätterte, hing in einem vergoldeten Rahmen +eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer Minerva. In +schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben. „Meinem +lieben Vater!“ + +</P><P> + +Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken +Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen. +Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem +Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der +Gutswirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, +fröstelte sie während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen +fielen ihre vollen Lippen etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, +pflegte sie mit den Oberzähnen auf die Unterlippe zu +beißen. + +</P><P> + +Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr +schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in der +Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe, +daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen +und kaum die Ohrläppchen blicken ließen. Über den +Schläfen war das Haar gewellt, was der Landarzt noch nie in +seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei +Knöpfen ihrer Taille lugte — wie bei einem Herrn — +ein Lorgnon aus Schildpatt hervor. + +</P><P> + +Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, trat +er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend, +die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten +hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich +umwendend, fragte sie: + +</P><P> + +„Suchen Sie etwas?“ + +</P><P> + +„Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!“ + +</P><P> + +Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den +Stühlen. Der Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade +zwischen die Säcke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie +sich über die Säcke beugte, wollte Karl ihr galant +zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der nämlichen Absicht wie sie +ausstreckte, berührte seine Brust den gebückten Rücken +des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma fuhr rasch +in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die +Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte. + +</P><P> + +Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt dessen +war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab kam er +regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die +gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er +„zufällig in der Gegend“ war. Übrigens ging +alles vorzüglich; die Heilung verlief regelrecht, und als man +nach sechs und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in +Haus und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen +Gegend den Ruf einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, +besser hätten ihn die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst +von Rouen auch nicht kurieren können. + +</P><P> + +Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern nach +dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber nachgesonnen +hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers zweifellos +in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in Aussicht +stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber wirklich die +Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu köstlichen +Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines tätigen Lebens +machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und +ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz +vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit +Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und +so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof ein. Es war ihm ein +Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Flügel +des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der Mauer krähen zu +hören und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte +die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa Rouault, der ihm +so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen Lebensretter +nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des +Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der +Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen +Schuhen sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl +wieder ging, gab sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der +Freitreppe. War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete +sie mit. Sie hatten schon Abschied voneinander genommen, und so +sprachen sie nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges +Haar im Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die +Schürzenbänder begannen ihr um die Hüften zu flattern. +Einmal war Tauwetter. An den Rinden der Bäume rann Wasser in den +Hof hinab, und auf den Dächern der Gebäude schmolz aller +Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle, da ging sie wieder ins +Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn auf. Die Sonnenlichter +stahlen sich durch die taubengraue Seide und tupften tanzende Reflexe +auf die weiße Haut ihres Gesichts. Das gab ein so warmes und +wohliges Gefühl, daß Emma lächelte. Einzelne +Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut vernehmbar, einer, +wieder einer, noch einer ... + +</P><P> + +Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner +Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in +ihrer doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. +Als sie aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie +nähere Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß +Fräulein Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen +worden war, sozusagen also „eine feine Erziehung +genossen“ hatte, daß sie infolgedessen Kenntnisse im +Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und Klavierspielen +haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie man zu +sagen pflegt. + +</P><P> + +„Also darum!“ sagte sie sich. „Darum also lacht ihm +das ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue +Weste an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh +dieses Weib, dieses Weib!“ + +</P><P> + +Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte +in allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte +sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer +häuslichen Szene über sich ergehen ließ. +Schließlich aber ging sie im Sturm vor. Karl wußte nicht, +was er sagen sollte. Weshalb renne er denn ewig nach Bertaux, wo doch +der Alte längst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch +nicht berappt habe? Na freilich, weil es da „eine Person“ +gäbe, die fein zu schwatzen verstünde, ein Weibsbild, das +sticken könne und weiter nichts, ein Blaustrumpf! In die sei er +verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei ihm ein gefundenes +Fressen. + +</P><P> + +„Blödsinn!“ polterte sie weiter. „Die Tochter +des alten Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr +Großvater hat noch die Schafe gehütet, und ein Vetter von +ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt gekommen, weil er bei einem +Streite jemanden halbtot gedroschen hat! So was hat gar keinen +Anlaß, sich was Besonders einzubilden und Sonntags aufgedonnert +in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen Kleidern wie eine +Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen +Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut ausgefallen +wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen +können!“ + +</P><P> + +Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux +ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und +Küssen und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr +Meßbuch schwören lassen, nicht mehr hinzugehen. Er +gehorchte. Aber in seiner heimlichen Sehnsucht war er kühner; da +war er empört über seine tatsächliche eigne Feigheit. +Und in naivem Machiavellismus sagte er sich, gerade ob dieses Verbots +habe er ein Recht auf seine Liebe. Was war die ehemalige Witwe auch +für ein Weib: sie war spindeldürr und hatte +häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben +schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden +langen Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern +wie in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie +über ihren grauen Strümpfen. + +</P><P> + +Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch +schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele Essen +bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich ein +Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von +ihm, keine Flanellwäsche zu tragen. + +</P><P> + +Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der +Vermögensverwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in +Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern übers Meer das +Weite suchte. Nun besaß sie allerdings außerdem einen +Schiffsanteil in der Höhe von sechstausend Franken und ein Haus +in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen Besitztümern +hatte man nie etwas Ordentliches zu sehen bekommen. Die Witwe hatte +nichts mit in die Ehe gebracht als ein paar Möbel und etliche +Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache auf den Grund, und da stellte +sich denn heraus, daß besagtes Haus bis an die Feueresse mit +Hypotheken belastet, daß kein Mensch wußte, wieviel Geld +wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen, und daß die +Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich hatte die +liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary +einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke ging, +und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in das +Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke +eingespannt, die des Futters nicht einmal mehr wert sei. + +</P><P> + +Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu +heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres Gatten +und beschwor ihn, sie den Eltern gegenüber in Schutz zu nehmen. +Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das nahmen ihm die +Alten übel. Sie reisten ab. + +</P><P> + +Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage +darnach, als sie dabei war, Wäsche im Hofe aufzuhängen, +bekam sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot. + +</P><P> + +Als Karl vom Friedhofe zurückkam, fand er im Erdgeschoß +keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das +Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am +Bette hing. Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, +bis es dunkel wurde, in schmerzliche Träumereien versunken. +Alles in allem hatte sie ihn doch geliebt ... + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Drittes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar +für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in +blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück +erfahren und tröstete ihn, so gut er konnte. + +</P><P> + +„Ich weiß, wie einem da zumute ist!“ sagte er, +indem er dem Witwer auf die Schulter klopfte. „Habs ja selber +mal durchgemacht, ganz so wie Sie! Als ich meine Selige begraben +hatte, da lief ich hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. +Ich warf mich im Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem +lieben Gott zu hadern, und machte ihm die dümmsten +Vorwürfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf +hängen, dem der Bauch von Würmern wimmelte. Ich beneidete +den Kadaver! Und wenn ich daran dachte, daß im selben +Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen Frauen +zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit meinem +Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit +mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein +Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und so +nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem Winter +und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei, drei, und weg +war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige Wort: hinunter! +Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben nicht los. Da tief +drinnen in der Brust bleibt immer was stecken. Aber Luft kriegt man +wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser aller Schicksal, und +deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Man darf +nicht sterben wollen, weil andere gestorben sind. Auch Sie +müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles vorüber! +Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an Sie. Sie +hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling. +Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein +paar Karnickel auf meinem Revier!“ + +</P><P> + +Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da +alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die +Birnbäume hatten schon Blüten, und der treffliche Vater +Rouault war wieder mordsgesund und von früh bis abend auf den +Beinen. Und im ganzen Gut war mächtiger Betrieb. + +</P><P> + +Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten +Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so +bequem wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit +ihm wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, +wenn man des Gastes wegen nicht, wie befohlen, die +leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel +feine Eierspeisen oder gedünstete Birnen. Er erzählte +Anekdoten und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl. +Aber mir einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde +nachdenklich. Der Kaffee ward gebracht, und da vergaß er sie +wieder. + +</P><P> + +Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger +gedachte er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue +Bewußtsein, unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit +bald erträglicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten +selber bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft +darüber geben zu müssen, und wenn er müde war, alle +vier von sich strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er +hegte und pflegte sich und ließ alle Tröstungen über +sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner Frau keine +ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man +wochenlang in einem fort sagte: „Der arme Doktor. Wie +traurig!“ blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis +vergrößerte sich. Und dann konnte er nun nach Bertaux +reiten, wann es ihm beliebte. Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in +ihm auf, ein namenloses Glücksgefühl. Wenn er sich im +Spiegel betrachtete und sich den Bart strich, fand er sich gar nicht +übel. + +</P><P> + +Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute +angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die +Küche. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst +nicht. Die Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des +Holzes stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf +die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel +entzwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische +krabbelten Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in +die Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den +Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine +Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß +zwischen dem Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein +Halstuch um, und auf ihren entblößten Schultern +glänzten kleine Schweißperlen. + +</P><P> + +Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk +an. Als er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich +bat sie ihn lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. +Sie holte aus dem Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei +Gläser heraus, füllte das eine bis zum Rande und goß +in das andre ein paar Tropfen. Sie stieß mit Karl an und +führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel wie nichts drin war, +mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den Kopf nach +hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals gestrafft, so stand +sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf die Zunge +lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen Zähnen +herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals suchend +vorstieß. + +</P><P> + +Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit zu +widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit +gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst +recht nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle +eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl +sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das +Hämmern seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das +Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin +und wieder hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den +kalten Knauf der Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, +um diese zu kühlen. + +</P><P> + +Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit +Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl +Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem +Aufenthalt im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten +sie in ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und +zeigte ihm ihre Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, +die sie als Schulprämien bekommen hatte, und die +Eichenlaubkränze, die im untersten Schrankfache ihr Dasein +fristeten. Dann erzählte sie von ihrer Mutter, von deren Grabe, +und zeigte ihm sogar im Garten das Beet, wo die Blumen wüchsen, +die sie der Toten jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der +Gärtner, den sie hatten, verstünde nichts. Mit dem seien +sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es, wenigstens während +der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder, +an den langen Sommertagen sei das Leben auf dem Lande noch +langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte, klang ihre Stimme hell +oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen matten Ton an, und +wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz anders, +wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte +große unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider +zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahmslos und +traumverloren aus. + +</P><P> + +Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie geredet +hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn ihrer Worte zu +erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von der Existenz +schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt hatte. +Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu erschauen +als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten Male +erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte +er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich verheiratete, aber mit +wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so +schön! + +</P><P> + +Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen, und +eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das +Surren eines Kreisels: „Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn +du dich nun verheiratetest!“ In der Nacht konnte er keinen +Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er +verspürte Durst, stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das +Fenster auf. Der Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind +strich in das Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die +Rötung nach Bertaux. + +</P><P> + +Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten +könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten +Gelegenheit um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese +Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte +nicht über die Lippen. Vater Rouault hätte längst +nichts dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt +hätte. Im Grunde nützte sie ihm in Haus und Hof nicht viel. +Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie war eben für die +Landwirtschaft zu geweckt. „Ein gottverdammtes Gewerbe!“ +pflegte er zu schimpfen. „Das hat auch noch keinen zum +Millionär gemacht!“ Ihm hatte es in der Tat keine +Reichtümer gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn +wenn er auch auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl +bekannt war, so war er eigentlich doch für Ackerbau und +Viehzucht durchaus nicht geschaffen. Er verstand nicht zu +wirtschaften. Er nahm nicht gern die Hände aus den Hosentaschen, +und seinem eigenen Leibe war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut +Essen und Trinken, einen warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein +gutes Glas Landwein, ein halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein +Täßchen Mokka mit Kognak gehörten zu den Idealen +seines Lebens. Er nahm seine Mahlzeiten in der Küche ein und +zwar allein für sich, in der Nähe des Herdfeuers an einem +kleinen Tische, der ihm — wie auf der Bühne — fix +und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte. + +</P><P> + +Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam, +wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder +später ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald +überlegte er sich die Geschichte. Besonders schneidig sah ja +Karl Bovary nicht gerade aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen +künftigen Schwiegersohn ein bißchen anders gedacht, aber +er war doch als anständiger Kerl bekannt, sparsam und +tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos würde er wegen der +Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge +großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er +sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu +verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert werden. Und so sagte +er sich: „Wenn er um Emma anhält, soll er sie +kriegen!“ + +</P><P> + +Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag und +Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault +gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs +vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden. Das +war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis zuallerletzt. Erst +als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er los: + +</P><P> + +„Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas +sagen!“ + +</P><P> + +Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben +stehen. + +</P><P> + +„Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!“ +Rouault lachte gemütlich. + +</P><P> + +„Vater Rouault! Vater Rouault!“ stammelte Karl. + +</P><P> + +„Meinen Segen sollen Sie haben!“ fuhr der +Gutspächter fort. „Meine Kleine denkt gewiß nicht +anders als ich, aber gefragt werden muß sie. Reiten Sie getrost +nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins Gebet nehmen. Wenn sie Ja +sagt, — wohlverstanden! — brauchen Sie jedoch nicht +umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein +bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut +schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde einen +Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da oben +über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen +beobachten!“ + +</P><P> + +Damit ging er. + +</P><P> + +Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung +hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand. +Eine halbe Stunde verstrich — und dann noch neunzehn Minuten +... Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden +blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile. + +</P><P> + +Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde +über und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte +gezwungen ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte +seinen künftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der +geschäftlichen Punkte wurde verschoben. Übrigens war noch +viel Zeit dazu, da die Hochzeit anstandshalber vor Ablauf von Karls +Trauerjahr nicht stattfinden konnte, das hieß, nicht vor dem +nächsten Frühjahr. + +</P><P> + +In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault +beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in +Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, die +sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte das +Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde +überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel +Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für +Vorspeisen es geben solle. + +</P><P> + +Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts +zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber +für solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. +Man einigte sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig +Gäste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch +sitzen bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es +so weitergehen. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Viertes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in +Kutschen, Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit +Ledervorhängen, in allerlei Fuhrwerk moderner und +vorsintflutlicher Art. Das junge Volk aus den nächsten +Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im Trabe in +einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe stehend, die +Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen. Etliche eilten +zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville, Normanville und Cany. +Die Verwandten beider Familien waren samt und sonders geladen. +Freunde, mit denen man uneins gewesen, versöhnte man, und es war +an Bekannte geschrieben worden, von denen man wer weiß wie +lange nichts gehört hatte. + +</P><P> + +Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall. +Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging +es bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die +Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie und +turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen +städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen +Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die +mit einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie +hinten den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie +ihre Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich +unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige +Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis +sechzehnjährige Mädchen, offenbar ihre Basen oder +älteren Schwestern, in ihren weißen Firmelkleidern, die +man zur Feier des Tages um ein Stück länger gemacht hatte, +alle mit roten verschämten Gesichtern und pomadisiertem Haar, +voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht +Knechte genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen, +streiften die Herren die Rockärmel hoch und stellten ihre Pferde +eigenhändig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren +sie in Fräcken, Röcken oder Jacketts erschienen. Manche in +ehrwürdigen Bratenröcken, die nur bei ganz besonderen +Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke geholt wurden; ihre langen +Schöße flatterten im Winde, die Kragen daran sahen aus wie +Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang von Säcken. Es +waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein gekommen, meist im +Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin ganz kurze +Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen +Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so +ausschauten, als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem +Ganzen herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste — und +das waren solche, die dann an der Festtafel gewiß am +alleruntersten Ende zu sitzen kamen — trugen nur Sonntagsblusen +mit breitem Umlegekragen und Rückenfalten unter dem Gürtel. + +</P><P> + +Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie +Kürasse. Durchweg hatte man sich unlängst das Haar +schneiden lassen (um so mehr standen die Ohren von den Schädeln +ab!), und alle waren ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln +aufgestanden waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug +gehabt und hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer +geschnitten oder hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, +groß wie Talerstücke. Unterwegs hatten sich diese Wunden +in der frischen Morgenluft gerötet, und so leuchteten auf den +breiten blassen Bauerngesichtern große rote Flecke. + +</P><P> + +Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. Man +begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die +Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war +anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich durch +die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich +und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten +plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer +buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die +Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt +die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den +Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas +Kleid, das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. +Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las +sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen +stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen +geblieben waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da +und wartete, bis sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen +Zylinderhut und einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an +die Fingernägel reichten. Am Arm führte er Frau Bovary +senior. Der alte Herr Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze +Sippschaft um sich herum verachtete, war einfach in einem +uniformähnlichen einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite +schritt eine junge blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien +traktierte. Sie hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in +ihrer Verlegenheit gar nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen +Gäste sprachen von ihren Geschäften oder ulkten sich +gegenseitig an, um sich in fidele Stimmung zu bringen. Wer +aufhorchte, hörte in einem fort das Tirilieren des Spielmannes, +der auch im freien Felde weitergeigte. Sooft er bemerkte, daß +die Gesellschaft weit hinter ihm zurückgeblieben war, machte er +Halt und schöpfte Atem. Umständlich rieb er seinen +Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten schöner +quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in Bewegung. Er +hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht hübsch im +Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel schon von +weitem. + +</P><P> + +Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens +aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs +Schüsseln mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem +Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier +Leberwürsten in Sauerkraut, ein köstlich knusprig +gebratenes Spanferkel. An den vier Ecken des Tisches brüsteten +sich Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen +wirbelte perlender Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits +alle Gläser im voraus bis an den Rand vollgeschenkt waren. +Große Teller mit gelber Creme, die beim leisesten Stoß +gegen den Tisch zitterte und bebte, vervollständigten die +Augenweide. Auf der glatten Oberfläche dieses Desserts prangten +in umschnörkelten Monogrammen von Zuckerguß die +Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam. Für +die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot kommen +lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich ganz +besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig +ein Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines +„Ah!“ hervorrief. Der Unterbau aus blauer Pappe stellte +ein von Sternen aus Goldpapier übersätes Tempelchen dar, +mit einem Säulenumgang und Nischen, in denen Statuen aus +Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich ein Festungsturm +aus Pfefferkuchen, umbaut von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, +Rosinen und Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber +krönte über einer grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen +und Teichen mit Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): +ein niedlicher Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade +wiegte. In den beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der +Schaukel steckten zwei lebendige Rosenknospen. + +</P><P> + +Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen +ermüdet war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte +eine Partie des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und +setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen +gegen das Ende des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim +Kaffee war alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte +allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß +Purzelbäume, hob Schubkarren bis zur Schulterhöhe, +erzählte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte mit den +Damen. + +</P><P> + +Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden, +die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte und +Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, +bockten und schlugen aus, während die Herren und Kutscher +fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den +mondbeglänzten Landstraßen in Karriere über Stock und +Stein heimrasende Fuhrwerke. + +</P><P> + +Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am +Küchentische bis zum frühen Morgen weiter, während die +Kinder unter den Bänken schliefen. + +</P><P> + +Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den +herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte +sich ein Vetter — ein Seefischhändler, der als +Hochzeitsgeschenk selbstverständlich ein paar Seezungen +gestiftet hatte — doch daran, einen Mund voll Wasser durch das +Schlüsselloch des Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault +erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er +machte ihm klar, daß sich derartige Scherze mit der Würde +seines Schwiegersohnes nicht vertrügen. Der Vetter ließ +sich durch diese Einwände nur widerwillig von seinem Vorhaben +abbringen. Insgeheim hielt er den alten Rouault für aufgeblasen. +Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bis fünf andern +Unzufriedenen, die während des Mahles bei der Wahl der +Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese +Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den +Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer +Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der +Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur +Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück. +Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er +ließ sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er +Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden +unbekannt war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an. + +</P><P> + +Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes +gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien, +Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und +Anulkungen, die ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil +geworden waren, hatte er sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. +Um so mächtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war +er offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor +sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich +völlig und ließ sich nicht das geringste anmerken. Die +größten Schandmäuler waren sprachlos; sie standen da +wie vor einem Wundertier. Karl freilich machte aus seinem Glück +kein Hehl. Er nannte Emma „mein liebes Frauchen“, duzte +sie, lief ihr überallhin nach und zog sie mehrfach abseits, um +allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein wenig zu plaudern, +wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und +Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdrückte +mit seinem Kopfe ihr Halstuch. + +</P><P> + +Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl +konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater +Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und +gab ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied +küßte er seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und +machte sich zu Fuß auf den Rückweg. + +</P><P> + +Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem +Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei +seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, +an längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft +seiner Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des +Tages, wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. +Auf dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er +seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so um +Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit +der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern +ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen +Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um +die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine +Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges Gesicht, +das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich hinlächelte. +Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger eine Weile in +seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange war das nun her! +Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre er jetzt +dreißig Jahre alt! + +</P><P> + +Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu +sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem vielen +Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die zärtlichen +Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen Augenblick lang +verspürte er das Verlangen, den Umweg über den Friedhof zu +machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur +noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten +Wege nach Hause. + +</P><P> + +Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn +stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu +erspähen. Die alte Magd empfing sie unter +Glückwünschen und bat um Entschuldigung, daß das +Mittagessen noch nicht ganz fertig sei. Sie lud die gnädige Frau +ein, einstweilen ihr neues Heim in Augenschein zu nehmen. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Fünftes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie der +Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur, +gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel, +ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem +Winkel auf dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von +trocken gewordnem Straßenschmutz. Rechter Hand lag die +„Große Stube“, das heißt der Raum, in dem die +Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich als Wohnzimmer diente. +An den Wänden bauschte sich allenthalben die schlecht +aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der Decke durch +eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern +überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote +Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine +Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten +Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen. + +</P><P> + +Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines +Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei +Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines +Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die +Bände des „Medizinischen Lexikons“ ausgefüllt, +die unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen +Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte +Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang +Buttergeruch aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, +während man dort hören konnte, wenn die Patienten husteten +und ihre langen Leidensgeschichten erzählten. + +</P><P> + +Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein +großes verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als +Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit +altem Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und +einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen +kaum mehr ansehen konnte. + +</P><P> + +Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, +dehnte sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten +begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. Mitten +im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr darauf, auf +einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen Heckenrosen +umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem +Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand +eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft. + +</P><P> + +Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war +überhaupt nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen +Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein +Himmelbett aus Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit +Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster +leuchtete in einer Kristallvase ein Strauß von +Orangenblüten, umwunden von einem Seidenbande: ein +Hochzeitsbukett, die Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie. +Karl bemerkte es, nahm den Strauß aus der Vase und trug ihn auf +den Oberboden. Währenddem saß sie in einem Lehnstuhl. Ihr +eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das in einer Schachtel +verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in das Zimmer und baute +sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, was wohl mit +ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch bald +stürbe. + +</P><P> + +In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei +Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken +von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen +und Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum. + +</P><P> + +Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem +Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl +wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade +eine Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von +neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein +Dogcart. + +</P><P> + +So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der +Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der +Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band +im Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze +hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von +denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen +könnten, all das trug dazu bei, daß sein Glück nicht +aufhörte. Frühmorgens im Bette, Seite an Seite mit ihr auf +demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch den +blonden Flaum ihrer von den Haubenbändern halbverdeckten Wangen +huschten. So aus der Nähe kamen ihm ihre Augen viel +größer vor, besonders beim Erwachen, wenn sich ihre Lider +mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten +sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau am lichten Tage; in +ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während sie sich nach der +schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein eigenes Auge verlor +sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz klein, bis an +die Schultern, mit dem Seidentuche, das er sich um den Kopf +geschlungen hatte, und dem Kragen seines offen stehenden Nachthemdes. + +</P><P> + +Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um +ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das Fensterbrett +gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie leicht +umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der +Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. +Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem +sie mit ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den +Geranien abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und +schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel +und blieb schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne +der alten Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der +Haustüre wartete. Karl saß auf und warf seiner Frau eine +Kußhand zu. Sie antwortete winkend und schloß das +Fenster. Er ritt ab. + +</P><P> + +Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in +den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache +schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die +Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische +Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der +Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, — da +genoß er all sein Glück abermals, just wie einer, der nach +einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er +bereits verdaut, noch auf der Zunge hat. + +</P><P> + +Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er +denn im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge +hoher Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, +die reicher und stärker waren als er, über seine +bäuerische Aussprache lachten, sich über seinen Anzug +lustig machten und zur Besuchszeit mit ihren Müttern plauderten, +die mit Kuchen in der Tasche kamen? Oder etwa später als Student +der Medizin, wo er niemals Geld genug im Beutel gehabt hatte, um +irgendein kleines Mädel zum Tanz führen zu können, das +seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der vierzehn +Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße im +Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß +er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. +Seine Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen +Unterrocks, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht +genug. Und so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. +Spornstreichs ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit +klopfendem Herzen ... Emma saß in ihrem Zimmer bei der +Toilette. Er schlich sich auf den Fußspitzen von hinten an sie +heran und küßte ihr den Nacken. Sie stieß einen +Schrei aus. + +</P><P> + +Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, ihr +Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie +tüchtig auf die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner +Küsse gleichsam aneinander, die ihren nackten Arm in seiner +ganzen Länge von den Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter +bedeckten. Sie wehrte ihn ab, lächelnd und gelangweilt, wie man +ein kleines Kind zurückdrängt, das sich an einen +anklammert. + +</P><P> + +Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu +empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe +erwartete, ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht +haben. So dachte sie. Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, +wo eigentlich in der Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den +Romanen mit den Worten Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch +so verlockend geschildert wird. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Sechstes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Emma hatte „Paul und Virginia“ gelesen und in ihren +Träumereien alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den +Neger Domingo, den Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die +zärtliche Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, +der für sie rote Früchte auf überturmhohen Bäumen +pflückte und barfuß durch den Sand gelaufen kam, ihr ein +Vogelnest zu bringen. + +</P><P> + +Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt, um +sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im Viertel +Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt bekamen, +auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von +Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, +hier und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten +Frömmigkeit, Gefühlsüberschwang und höfischen +Prunk. + +</P><P> + +In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich nicht +im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft der +gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein +Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom +Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den Freistunden +spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie alsbald +sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die dem Herrn +Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in die +Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben und +unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und +Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen +Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der +Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe +zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau +umränderten Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in +das kranke Lamm Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und +in den armen Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, +zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag +lang ohne Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um +irgendein Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte. + +</P><P> + +Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, +nur damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände +gefaltet, das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem +flüsternden Priester. Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom +Gemahl, vom himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in +den Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele +geheimnisvolle süße Schauer. + +</P><P> + +Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen +Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen +Geschichte oder aus den „Stunden der Andacht“ des +Abbé Frayssinous und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands +„Geist des Christentums“. Wie andachtsvoll lauschte sie +bei den ersten Malen den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, +die wie ein Echo aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas +Kindheit im Hinterstübchen eines Kramladens in einem +Geschäftsviertel dahingeflossen, dann wäre das junge +Mädchen vermutlich der Naturschwärmerei verfallen, die +zumeist in literarischer Anregung ihre Quelle hat. So aber kannte sie +das Land zu gut: das Blöken der Herden, die Milch- und +Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge gewöhnt, gewann sie +eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte: das Abenteuerliche. +So liebte sie das Meer einzig um der wilden Stürme willen und +das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein Dasein fristete. Es +war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen egoistischen +Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz +beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente. Ihre +Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte +lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach. + +</P><P> + +Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier Wochen +auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da sie +einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution zugrunde +gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert. Sie +aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern, und +pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen, +bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß +sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die +Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem <TT>ancien +régime</TT> auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, +ohne dabei ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie +erzählte Geschichten, wußte stets Neuigkeiten, +übernahm allerhand Besorgungen in der Stadt und lieh den +größeren Mädchen Romane, von denen sie immer ein paar +in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den Ruhepausen +ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber schnell +ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften, Liebhabern, +Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in einsamen Pavillonen +ohnmächtig, und von Postillionen, die an allen Ecken und Enden +gemordet wurden, von edlen Rossen, die man auf Seite für Seite +zuschanden ritt, von düsteren Wäldern, Herzenskämpfen, +Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von +Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Büschen, von +hohen Herren, die wie Löwen tapfer und sanft wie Bergschafe +waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer köstlich +gekleidet und ganz unbeschreiblich tränenselig. Ein halbes Jahr +lang beschmutzte sich die fünfzehnjährige Emma ihre Finger +mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott +in die Hände, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen +Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Rittersälen und +Minnesängern. Am liebsten hätte sie in einem alten +Herrensitze gelebt, gehüllt in schlanke Gewänder wie jene +Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gestützt und +das Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage verträumten +und in die Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein +Rittersmann mit weißer Helmzier dahergestürmt käme +auf einem schwarzen Roß. Damals trieb sie einen wahren Kult mit +Maria Stuart; ihre Verehrung von berühmten oder +unglücklichen Frauen ging bis zur Schwärmerei. Die Jungfrau +von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die schöne Ferronnière +und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem +grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse. Fast ganz im +Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in ihrer +Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende +Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwigs des Elften, irgendeine +Szene aus der Bartholomäusnacht, der Helmbusch Heinrichs des +Vierten, dazu unauslöschlich die Erinnerung an die gemalten +Teller mit den Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten. + +</P><P> + +In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die +Rede von Englein mit goldenen Flügeln, von Madonnen, Lagunen und +Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr +Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die +Realitäten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber +der Sentimentalität. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten +lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als Neujahrsgeschenke +bekommen hatten. Daß man sie heimlich halten mußte, war +die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen. Emma nahm die +schönen Atlaseinbände nur behutsam in die Hand und +ließ sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, +die ihre Beiträge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. +Das Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin +leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre Seite +sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in einem +Mäntelchen, wie er hinter der Brüstung eines Altans ein +weiß gekleidetes junges Mädchen mit einer Tasche am +Gürtel an sich drückte; auf anderen waren Bildnisse von +ungenannten blondlockigen englischen Ladys, die unter runden +Strohhüten mit großen hellen Augen hervorschauten. Andre +sah man in flotten Wagen durch den Park fahren, wobei ein Windspiel +vor den Pferden hersprang, die von zwei kleinen Grooms in +weißen Hosen kutschiert wurden. Andre träumten auf dem +Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und himmelten durch das halb +offene, schwarz umhängte Fenster den Mond an. Wieder andre, +Unschuldskinder, krauten, eine Träne auf der Wange, durch das +Gitter eines gotischen Käfigs ein Turteltäubchen oder +zerzupften, den Kopf verschämt geneigt, mit koketten Fingern, +die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine +Marguerite. Alles mögliche andre zeigten die übrigen +Stiche: Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen +in den Armen; Giaurs, Türkensäbel, phrygische Mützen, +nicht zu vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen +Palmen und Fichten, Tiger und Löwen friedlich beieinanderstehen, +und Minaretts am Horizonte und römische Ruinen im Vordergrunde +eine Gruppe lagernder Kamele überragen, während auf der +einen Seite ein wohlgepflegtes Stück Urwald steht, auf der +andern ein See, eine Riesensonne mit stechenden Strahlen darüber +und auf seiner stahlblauen, hie und da weiß aufschäumenden +Flut, in die Ferne verstreut, gleitende Schwäne ... + +</P><P> + +Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Häupten an der Wand +hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem +andern an ihr vorüberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die +kein Geräusch drang, höchstens das ferne Rollen eines +späten Fuhrwerks. + +</P><P> + +Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie +ließ sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen +fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmütiger +Betrachtungen über das Leben und bat ihn, man möge sie +dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei +krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, +daß sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen +Regionen einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen +niemals gelangen. Sie verlor sich in Lamartinischen +Rührseligkeiten, hörte Harfenklänge über den +Weihern und Schwanengesänge, die Klagen des fallenden Laubes, +die Himmelfahrten jungfräulicher Seelen und die Stimme des +Ewigen, die in den Tiefen flüstert. + +</P><P> + +Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs +einzugestehen, und so blieb sie dabei zunächst aus Gewohnheit, +dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, +daß sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und daß +ihr Herz ebensowenig schwermütig war wie ihre jugendliche Stirne +runzelig. + +</P><P> + +Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission gehofft +hatten, bemerkten zu ihrem höchsten Befremden, daß +Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen +drohte. Man hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, +Predigten und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, +welch große Verehrung die Heiligen und Märtyrer +genössen, und ihr zu vorzügliche Ratschläge gegeben, +wie man den Leib kasteie und die Seele der ewigen Seligkeit +zuführe; und so ging es mit ihr wie mit einem Pferd, das man zu +straff an die Kandare genommen hat: sie blieb plötzlich stehen +und machte nicht mehr mit. + +</P><P> + +Bei aller Schwärmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie +hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte +und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr +Geist empörte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch +mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem +tiefsten Wesen völlig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem +Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand +sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der +Schwesternschaft recht fehlen lassen. + +</P><P> + +Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mädchen zunächst +darin, das Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des +Landlebens überdrüssig, und nun sehnte sie sich nach dem +Kloster zurück. Als Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie +just überzeugt, daß sie alle Illusionen verloren habe, +daß es nichts mehr auf der Welt gäbe, was ihr Hirn oder +Herz rühren könne. Dann aber waren das mit jedem neuen +Zustande verbundene wirre Gefühl und die Unruhe, die sich ihrer +diesem Manne gegenüber bemächtigte, stark genug, um in ihr +den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in +ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein Riesenvogel mit +rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit himmlischer Traumfernen +geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, hatte sie keine Kraft zu +glauben, daß die Friedsamkeit, in der sie hinlebte, das +erträumte Glück sei. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Siebentes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten +Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu sagen +pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene +Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen +nach der Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man +fährt gemächlich in einer Postkutsche mit blauseidnen +Vorhängen die Gebirgsstraßen hinauf und lauscht dem Lied +des Postillions, das in den Bergen zusammen mit den Herdenglocken und +dem dumpfen Rauschen des Gießbachs sein Echo findet. Wenn die +Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft der Limonen, und dann nachts +steht man auf der Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit +verschlungenen Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut +Luftschlösser. Es kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel +Heimstätten des Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur +an sonnigen Orten gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr +nicht beschieden, sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu +lehnen oder ihre Trübsal in einem schottischen Landhause zu +vergessen, an der Seite eines Gatten, der einen langen schwarzen +Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und Manschettenhemden +trüge? + +</P><P> + +Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen +mögen. Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich +aller Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der +Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die +Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, +wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein +einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich +alles das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie +eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So +aber ward die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, +immer größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde. + +</P><P> + +Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der +Straße: Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die +niemanden rührten, über die kein Mensch lachte, die nie +einen Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte +er, hätte er niemals den Drang verspürt, ein Pariser +Gastspiel im Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch +fechten; er war auch kein Pistolenschütze, und gelegentlich kam +es zutage, daß er Emma einen Ausdruck des Reitsports nicht +erklären konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Muß +ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf allen Gebieten bewandert +sein und seine Frau in die großen Leidenschaften des Lebens, in +seine erlesensten Genüsse und in alle Geheimnisse einweihen? Der +ihre aber lehrte sie nichts, verstand von nichts und erstrebte +nichts. Er glaubte, sie sei glücklich, indes sie sich über +seine satte Trägheit empörte, seinen zufriedenen +Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie ihm +gewährte. + +</P><P> + +Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen und +zuzusehn, wie sie sich über das Blatt beugte oder wie sie die +Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit den +Fingern Brotkügelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte. +Wenn sie am Klavier saß, war sein Entzücken um so +größer, je geschwinder ihre Hände über die +Tasten sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum +und machte ein Höllenkonzert. Das alte Instrument dröhnte +und wackelte, und wenn das Fenster offen stand, hörte man das +Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im bloßen Kopfe +und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, über die Straße +humpelte, blieb stehen und lauschte. + +</P><P> + +Dabei war Emma eine vorzügliche Hausfrau. Sie schickte die +Liquidationen an die Patienten aus und zwar in höflichster +Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie Sonntags +irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wußte sie es +immer einzurichten, daß etwas Besonderes auf den Tisch kam. Sie +schichtete auf Weinblättern Pyramiden von Reineclauden auf und +verstand, die eingezuckerten Früchte so aus ihren Büchsen +zu stürzen, daß sie noch in der Form serviert wurden. +Demnächst sollten auch kleine Waschschalen für den +Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie das +öffentliche Ansehen ihres Mannes. Schließlich fing er +selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er solch +eine Frau besaß. Mit Stolz zeigte er zwei kleine +Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich breite Rahmen hatte +fassen lassen und in der Großen Stube an langen grünen +Schnuren an den Wänden aufgehängt hatte. Wenn die Kirche zu +Ende war, sah man Herrn Bovary in schöngestickten Hausschuhen +vor der Haustüre stehen. + +</P><P> + +Er kam spät heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann +aß er noch zu Abend, und da das Dienstmädchen bereits +Schlafen gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen +Rock auszuziehen und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend +zählte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsüber +begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und +wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit +sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, +schabte sich den Käse sauber, schmauste einen Apfel und trank +die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und +zu schnarchen begann. Wenn er frühmorgens aufmachte, hing ihm +das Haar wirr über die Stirn. + +</P><P> + +Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knöchelgegend zwei +Falten hatten; in den Schäften waren sie steif und geradlinig, +als ob ein Holzbein drinnen stäke. Er pflegte zu sagen: +„Die sind hier auf dem Lande gut genug!“ + +</P><P> + +Seine Mutter bestärkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam +sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mißlichkeiten +gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre +Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr „für +ihre Verhältnisse ein bißchen zu großartig.“ +Mit Holz, Licht und dergleichen werde „wie in einem +herrschaftlichen Hause gewüstet.“ Und mit den Kohlen, die +in der Küche verbraucht würden, könne man zwei Dutzend +Gänge kochen! Sie ordnete ihr den Wäscheschrank und hielt +Vorträge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen habe, +wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren hin, aber +die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem. Die von +beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden „Liebe +Tochter“ und „Liebe Mutter!“ standen in Widerspruch +zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten +mit vor Groll zitternder Stimme. + +</P><P> + +Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in den +Hintergrund gedrängt gefühlt, jetzt aber kam ihr Karls +Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie +ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glück ihres +Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener auf +den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte ihn +durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst für ihn gesorgt und +abgemüht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit +leiste Emma viel weniger für ihn, und darum wäre seine +ausschließliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt. + +</P><P> + +Karl wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine +Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art über alle +Maßen. Was die eine sagte, galt ihm für unfehlbar; +gleichwohl fand er an der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary +wieder abgereist war, machte er schüchterne Versuche, die oder +jene ihrer Bemerkungen wörtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm +dann mit wenigen Worten, daß er im Irrtum sei, und meinte, er +solle sich lieber seinen Patienten widmen. + +</P><P> + +Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen, +Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei +Mondenschein zusammen im Garten saßen, sagte sie verliebte +Verse her, soviel sie nur auswendig wußte, oder sie sang eine +schwermütige gefühlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich +selber nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar +weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst. + +</P><P> + +Das waren vergebliche Versuche, eine große Leidenschaft zu +entfachen. Im übrigen war Emma unfähig, etwas zu verstehen, +was sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was +nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein, +Karls Liebe sei nicht mehr übermäßig stark. In der +Tat gewannen seine Zärtlichkeiten eine gewisse +Regelmäßigkeit. Er schloß seine Frau zu ganz +bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine Gewohnheit wie +alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen muß, weil er +auf der Menükarte steht. + +</P><P> + +Ein Waldwärter, den der Herr Doktor von einer +Lungenentzündung geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein +junges italienisches Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre +Spaziergänge. Mitunter ging sie nämlich aus, um einmal eine +Weile für sich allein zu sein und nicht in einem fort bloß +den Garten und die staubige Landstraße vor Augen zu haben. + +</P><P> + +Sie wanderte meist bis zum Buchenwäldchen von Banneville, bis zu +dem leeren Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo +die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen +gewöhnlichen Gräsern hohes Schilf mit langen scharfen +Blättern. Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob +sich seit ihrem letzten Hiersein etwas verändert habe. Es war +immer alles so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf +seinem Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die +Brennesseln, die in Büscheln die großen Kieselsteine +umwucherten, und die Moosflächen unter den drei Pavillonfenstern +mit ihren immer geschlossenen morschen Holzläden und rostigen +Eisenbeschlägen. Nun schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, +wie die Sprünge ihres Windspiels, das sich in großen +Kreislinien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankläffte, +Feldmäusen nachstellte und die Mohnblumen am Raine des +Kornfeldes anknabberte. Allmählich gerieten ihre Grübeleien +in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase saß +und es mit der Stockspitze ihres Sonnenschirmes ein wenig +aufwühlte, sagte sie sich immer wieder: „Mein Gott, warum +habe ich eigentlich geheiratet?“ + +</P><P> + +Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht möglich gewesen +wäre durch irgendwelche andre Fügung des Schicksals, +daß sie einen andern Mann hätte finden können. Sie +versuchte sich vorzustellen, was für ungeschehene Ereignisse +dazu gehört hätten, wie dieses andre Leben geworden +wäre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen hätte. In +keinem Falle so wie Karl! Er hätte elegant, klug, vornehm, +verführerisch aussehen müssen; so wie zweifellos die +Männer, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet +hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im +Getümmel des Straßenlebens, im Stimmengewirr der Theater, +im Lichtmeere der Bälle, da lebten sie sich aus und ließen +die Herzen und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie +verkümmerte wie in einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie +eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen +Herzens. + +</P><P> + +Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah +sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen +ausgehändigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weißen Kleid und +ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie +zu ihrem Platze zurückging, hatten ihr die anwesenden Herren +galant zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und +durch den Wagenschlag hatte man ihr „Auf Wiedersehn!“ +zugerufen. Und der Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte +im Vorübergehen den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurück +war das alles! Ach, wie so weit! + +</P><P> + +Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß und streichelte seinen +schmalen feinlinigen Kopf. + +</P><P> + +„Komm!“ flüsterte sie. „Gib Frauchen einen +Kuß! Du, du hast keinen Kummer!“ + +</P><P> + +Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmütig aussehende Gesicht +des schlanken Tieres. Es gähnte behaglich. Aber sie bildete sich +ein, das Tier habe auch einen Kummer. Die Rührung überkam +sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu +jemandem, den man in seiner Betrübnis trösten will. + +</P><P> + +Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mächtig +über das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande +hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu Boden, +fliehende Schauer raschelten durch das Blätterwerk der Buchen, +während sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort laut +rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und erhob sich. + +</P><P> + +In der Allee, über dem teppichartigen Moos, das unter Emmas +Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grünen +Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der rote +Himmel flammte hinter den braunen Stämmen, die in Reih und Glied +kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Säulenganges an +einer goldnen Wand entlang erzeugten. + +</P><P> + +Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, auf +die Landstraße und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen +Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort. + +</P><P> + +Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in ihrem +Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu dem +Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der Restauration +Staatssekretär gewesen war, wollte von neuem eine politische +Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in das +Abgeordnetenhaus vor. Im Winter ließ er große Mengen Holz +verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit dem +höchsten Eifer für neue Straßenbauten im Bezirk ein. +Während des letzten Hochsommers hatte er ein Geschwür im +Munde bekommen, von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen +einzigen Einstich befreit hatte. Der Privatsekretär des Marquis +war bald darauf nach Tostes gekommen, um das Honorar für die +Operation zu bezahlen, und hatte abends nach seiner Rückkehr +erzählt, daß er in dem kleinen Garten des Arztes herrliche +Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschbäume in +Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat sich von Bovary einige +Ableger und hielt es daraufhin für seine Pflicht, sich +persönlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand +ihre Figur entzückend und die Art, wie sie ihn empfing, durchaus +nicht bäuerisch. Und so kam man im Schlosse zu der Ansicht, es +sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, wenn man das junge +Ehepaar einmal einlüde. + +</P><P> + +An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren +Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrücks war ein +großer Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag +eine Hutschachtel. Außerdem hatte Karl noch einen Pappkarton +zwischen den Beinen. + +</P><P> + +Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schloßpark die +Laternen am Einfahrtswege anzündete, kamen sie an. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Achtes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Vor dem Schloß, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei +vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine +ungeheure Rasenfläche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen +denen etliche Kühe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen +hindurch, beschattet von allerlei Gebüsch in verschiedenem +Grün, Rhododendren, Flieder- und Schneeballsträuchern. +Unter einer Brücke floß ein Bach. Weiter weg, verschwommen +im Abendnebel, erkannte man ein paar Häuser mit +Strohdächern. Die große Wiese ward durch längliche +kleine Hügel begrenzt, die bewaldet waren. Versteckt hinter +diesem Gehölz lagen in zwei gleichlaufenden Reihen die +Wirtschaftsgebäude und Wagenschuppen, die noch vom ehemaligen +Schloßbau herrührten. + +</P><P> + +Karls Wäglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft +erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und +geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle. +Geräusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer +Kirche. Dem Eingange gegenüber stieg geradeaus eine breite +Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem +Garten hinaus, die zum Billardzimmer führte; schon von weitem +vernahm man das Karambolieren der elfenbeinernen Bälle. Durch +das Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah +Emma Herren in würdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn +vergraben in den Krawatten, alle mit Ordensbändchen. Schweigsam +lächelnd handhabten sie die Queues. + +</P><P> + +Auf dem düsteren Holzgetäfel der Wände hingen +große Bilder in schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen +Inschriften. Eine lautete: + +</P> + +<DIV ALIGN="CENTER"> +<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1"> +<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville,<BR> +Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye,<BR> +gefallen in der Schlacht von Coutras<BR> +am 20. Oktober 1587.</TD> +</TR> +</TABLE> +</DIV> + +<P> + +Eine andre: + +</P> + +<DIV ALIGN="CENTER"> +<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1"> +<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers<BR> +und Vaubyessard, Admiral von Frankreich,<BR> +Ritter des Sankt-Michel-Ordens,<BR> +verwundet bei Saint Vaast de la Hougue<BR> +am 29. Mai 1692,<BR> +gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693</TD> +</TR> +</TABLE> +</DIV> + +<P> + +Die übrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht +der Lampen auf das grüne Tuch des Billards konzentrierte und das +Zimmer im Dunkeln ließ. Nur ein schwacher Schein hellte die +Gemäldeflächen auf, deren sprüngiger Firnis mit diesem +feinen Schimmer spielte. Und so traten aus allen den großen +schwarzen goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher +und heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort +eine gepuderte Allongeperücke über der Schulter eines roten +Rockes und anderswo die Schnalle eines Kniebandes über einer +strammen Wade. + +</P><P> + +Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen +— es war die Schloßherrin selbst — erhob sich, ging +Emma entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, +und begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine +alte Bekannte vor sich hätte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; +sie hatte hübsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas +schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie über ihrem +kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig in +den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle, +saß eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den +Röcken, waren im Gespräche mit den Damen. Alle saßen +sie um den Kamin herum. + +</P><P> + +Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl +da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die Damen, +der Marquis und die Marquise an der andern im Eßzimmer. Als +Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Düften und +Gerüchen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und +Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen liebäugelten mit +dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gläsern und Schalen +tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe +von Blumensträußen. Aus den Falten der Servietten, die in +der Form von Bischofsmützen über den breitrandigen Tellern +lagen, lugten ovale Brötchen. Hummern, die auf den großen +Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In +durchbrochenen Körbchen waren riesige Früchte +aufgetürmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend +aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strümpfen, Kniehosen +und weißer Krawatte, reichte mit Grandezza und großem +Geschick die Schüsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben +sah regungslos die bis zum Kinn verhüllte Göttin herab, die +auf dem mächtigen, bronzegeschmückten Porzellanofen +thronte. + +</P><P> + +Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, saß, +über seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die +Serviette nach Kinderart um den Hals geknüpft hatte. Die Sauce +tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er trug +noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war. Das war +der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von +Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste +in Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des +Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der +Königin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von +Coigny und der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein +wüstes Leben hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten +und Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem +der Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem +Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für +Gerichte zu essen gab. + +</P><P> + +Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten +Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz +Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des +Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin +geschlafen! + +</P><P> + +Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen +Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. +Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß +sie Ananas. Selbst der gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam +ihr weißer und feiner vor denn anderswo. + +</P><P> + +Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich +zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste +Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr +Haar ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann +schlüpfte sie in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet +bereitlag. + +</P><P> + +Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt. + +</P><P> + +„Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen +stören!“ meinte er. + +</P><P> + +„Du willst tanzen?“ entgegnete ihm Emma. + +</P><P> + +„Na ja!“ + +</P><P> + +„Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß +auslachen. Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das +viel besser für einen Arzt“, fügte sie hinzu. + +</P><P> + +Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und +her und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über +ihren Rücken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. +Ihre schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar +war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem +bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche +Rose, mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr +mattgelbes Kleid ward durch drei Sträußchen von Moosrosen +mit Grün darum belebt. + +</P><P> + +Karl küßte sie von hinten auf die Schulter. + +</P><P> + +„Laß mich!“ wehrte sie ab. „Du +zerknüllst mir alles!“ + +</P><P> + +Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die +Treppe hinunter, am liebsten wäre sie gerannt. + +</P><P> + +Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt +voller Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich +unweit der Tür auf einen Diwan. + +</P><P> + +Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur Gruppen +plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große Platten +herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die bemalten +Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur +Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der +Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen +Handschuhen, an denen die Konturen der Fingernägel ihrer +Trägerinnen hervortraten, während das eingepreßte +Fleisch nur in den Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die +Brillantbroschen, die Armbänder mit Anhängseln wogten an +den Miedern, glitzerten an den Brüsten und klapperten an den +Handgelenken. Die Damen trugen im Haar, das durchweg glatt und im +Nacken geknotet war, Vergißmeinnicht, Jasmin, +Granatblüten, Ähren und Kornblumen in Kränzen, +Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten +die Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen. + +</P><P> + +Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den +Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. +Beim ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre +Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit +einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei besonders +zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes +Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente +schwiegen, hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der +Goldstücke auf den Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit +einem Male wieder voll einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen +Takte weiter; die Röcke der Tänzerinnen bauschten sich und +streiften einander, Hände suchten und mieden sich, und dieselben +Blicke, die eben schüchtern gesenkt waren, fanden ihr Ziel. + +</P><P> + +Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren +stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- +und sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von +den andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus +feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet +die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene +weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, +schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch +sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre +Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten +Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den +älteren unter diesen Herren haftete Jugendlichkeit an, +während den Gesichtern der jüngeren eine gewisse Reife +eigen war. In ihren gleichgültigen Blicken spiegelte sich die +Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und hinter ihren glatten +Manieren schlummerte das brutale eitle Herrentum, das sich im Umgange +mit Rassepferden und leichten Damen entwickelt und kräftigt. + +</P><P> + +Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in blauem +Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame +über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt +Peter, von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den +Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem andern +Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend Dinge +nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der +vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus +„geschlagen“ und durch einen „famosen +Grabensprung“ vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer +beklagte sich, seine „Rennschinder“ seien „nicht im +Training“, und ein dritter jammerte über einen Druckfehler +in der „Sportwelt“, der den Namen eines seiner +„Vollblüter“ verballhornt habe. + +</P><P> + +Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten fahler. +Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf einen +Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus +Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben +veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von +draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das +elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem +Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den +Apfelbäumen und sich selber ganz wie einst, wie sie in der +Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. +Aber im Strahlenglanz der gegenwärtigen Stunde starb die eben +noch so klare Erinnerung an ihr früheres Leben schnell wieder; +es je gelebt zu haben, kam ihr fast unmöglich vor. Hier, hier +lebte sie, und was über diesen Ballsaal hinaus existieren +mochte, das lag für sie im tiefsten Dunkel ... + +</P><P> + +Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer +vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb +schloß und den goldnen Löffel lange zwischen den +Zähnen behielt. Neben ihr ließ eine Dame ihren Fächer +zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging vorüber. + +</P><P> + +„Sie wären sehr gütig, mein Herr,“ sagte die +Dame, „wenn Sie mir meinen Fächer aufheben wollten. Er ist +unter dieses Sofa gefallen.“ + +</P><P> + +Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem +Fächer langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas +weißes, dreieckig Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er +überreichte ihr den aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie +dankte mit einem leichten Neigen des Kopfes und barg schnell ihr +Gesicht in den Blumen ihres Straußes. + +</P><P> + +Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und +Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la +Trafalgar und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert, +begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer +einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob, +konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es +saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer +war noch Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger +ab. Karl stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe. + +</P><P> + +Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht. +Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die +Marquise tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht +bleibenden Gäste da, etwa ein Dutzend Personen. + +</P><P> + +Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg +„Vicomte“ nannte — die weitausgeschnittene Weste +saß ihm wie angegossen — Frau Bovary zum Tanz +aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte bat abermals, indem er +versicherte, er würde sie sicher führen und es würde +vortrefflich gehen. + +</P><P> + +Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. +Schließlich wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: +die Lichter, die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob +sie in der Mitte eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar +dicht an einer der Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas +Schleppe um das Bein ihres Tänzers. Sie fühlten sich beide +und blickten sich einander in die Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. +Sie wollte stehen bleiben. Aber es ging weiter: der Vicomte raste nur +noch rascher mit ihr dahin, bis an das Ende der Galerie, wo Emma, +völlig außer Atem, beinahe umsank und einen Augenblick +lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. Dann brachte er sie, von +neuem, aber ganz langsam tanzend, an ihren Platz zurück. Es +schwindelte ihr; sie mußte den Rücken anlehnen und ihr +Gesicht mit der einen Hand bedecken. + +</P><P> + +Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte +des Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während +drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der +Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein. + +</P><P> + +Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch +einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das +Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung, +kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus +gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher +ermüdeten die Zuschauer. + +</P><P> + +Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte +man sich „Gute Nacht“ oder vielmehr „Guten +Morgen“, und alles ging schlafen. + +</P><P> + +Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich +„die Beine in den Bauch gestanden.“ Ohne sich zu setzen, +hatte er sich fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen +aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem +Spiel zu verstehen. Und so stieß er einen mächtigen +Seufzer der Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel +entledigt hatte. + +</P><P> + +Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster +und lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen +fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider +kühlte. Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma +hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, +ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ... + +</P><P> + +Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den +Fensterreihen des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu +erraten, wo die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend +beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu +wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen. + +</P><P> + +Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich +und schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten. + +</P><P> + +Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte +zehn Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte. + +</P><P> + +Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die +angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den +Schwänen auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der +Fütterung begab man sich in das Gewächshaus, mit seinen +seltsamen Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von +dieser führte ein Ausgang in den Wirtschaftshof. + +</P><P> + +Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der +Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren +Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben die +Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen stehen, +und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. Die Dielen +in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst wie +Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des Raumes auf +drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen, +Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu +Reihen an den Wänden hingen. + +</P><P> + +Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. +Sodann fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das +Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und +der Marquise. Und heim ging es nach Tostes. + +</P><P> + +Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf +dem äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit +abstehenden Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in +seiner Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel +tanzten auf der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der +hinten angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in +einem fort im Takte an den Wagenkasten. + +</P><P> + +Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein +paar Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. +Emma glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie +vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich +vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder +bewegten. + +</P><P> + +Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die +zerrissene Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das +ganze Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den +Beinen seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine +Zigarrentasche auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf +der Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschmückt. + +</P><P> + +„Es sind sogar zwei Zigarren drin!“ sagte er. „Die +kommen heute abend nach dem Essen dran!“ + +</P><P> + +„Du rauchst demnach?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Manchmal! Gelegentlich!“ + +</P><P> + +Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der +Peitsche. + +</P><P> + +Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig. Frau +Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste Antwort. + +</P><P> + +„Scheren Sie sich fort“ rief Emma. „Sie machen sich +über mich lustig. Sie sind entlassen!“ + +</P><P> + +Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl +saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und +meinte vergnügt: + +</P><P> + +„Zu Hause ists doch am schönsten!“ + +</P><P> + +Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das +arme Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner +Witwerzeit, hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. +Sie war seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in +der ganzen Gegend. + +</P><P> + +„Hast du ihr im Ernst gekündigt?“ fragte er nach +einer Weile. + +</P><P> + +„Gewiß! Warum soll ich auch nicht?“ gab Emma zur +Antwort. + +</P><P> + +Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, +während die Große Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. +Karl brannte sich eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen +Lippen und spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er +sich zurück, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg. + +</P><P> + +„Das Rauchen wird dir nicht bekommen!“ bemerkte Emma +verächtlich. + +</P><P> + +Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank +gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die +Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes. + +</P><P> + +Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste! + +</P><P> + +Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf +und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem +Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich +alle diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie +weit hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich +zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft +drängte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen +tiefen Riß gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der +Sturm zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. +Trotzdem kam eine gewisse Resignation über sie. Wie eine +Reliquie verwahrte sie ihr schönes Ballkleid in ihrem Schranke, +sogar die Atlasschuhe, deren Sohlen vom Parkettwachs eine +bräunliche Politur bekommen hatten. Emmas Herz ging es wie +ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum war etwas daran haften +geblieben für immerdar. + +</P><P> + +An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre +Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken +auf: „Ach, heute vor acht Tagen war es!“ — +„Heute vor vierzehn Tagen war es!“ — „Heute +vor drei Wochen war es!“ Allmählich aber verschwammen in +ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse +gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen ihr. Sie +vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen +hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre +Sehnsucht blieb zurück. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Neuntes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene +Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche +verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar +den Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem +mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein +Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf +einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, +in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der +träumerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch +von Liebe wehte aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine +Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese +kleinen Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen +Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die Tasche +mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als sie noch +auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen und Stutzuhren +aus den Zeiten der Pompadour lag? + +</P><P> + +Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von Tostes! +Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name! Paris! Sie +flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte ihr +Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer +großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch +stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen. + +</P><P> + +Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße +vorbeifuhren mit ihren Karren und die „Majorlaine“ +sangen, ward sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der Räder, bis +die Wagen aus dem Dorfe hinaus waren und es wieder still wurde. + +</P><P> + +„Morgen sind sie in Paris!“ seufzte die Einsame. Und in +ihren Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, +durch Dörfer und Städte, immer die große Straße +hin in der lichten Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein +verschwommenes Ziel, wo ihre Träume versagten. Sie kaufte sich +einen Plan von Paris und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen +durch die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder +Straßenecke stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan +eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schließlich müde +wurden, schloß sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie +die Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor +dem Portal der Großen Oper donnernd vorfuhren. + +</P><P> + +Sie abonnierte auf den „Bazar“ und die +„Modenwelt“ und studierte auf das gewissenhafteste alle +Berichte über die Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie +war unterrichtet, wenn berühmte Sängerinnen Gastspiele +gaben oder neue Warenhäuser eröffnet wurden; sie kannte die +neuesten Moden, die Adressen der guten Schneider; sie wußte, an +welchen Tagen die vornehme Gesellschaft im Bois und in der Oper zu +finden war. Aus den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen +eingerichtet waren. Sie las Balzac und die George Sand, um wenigstens +in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte +diese Bücher sogar mit zu den Mahlzeiten und las darin, +während Karl aß und ihr erzählte. Und was sie auch +las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an den Vicomte. +Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand Beziehungen. +Aber allmählich erweiterte sich der Ideenkreis, dessen +Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen hatte, +erblich schließlich, um auf andren Idealgeschöpfen wieder +aufzuflammen. + +</P><P> + +Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, +so stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, +das sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf +ganz bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in +deutlichen Bildern sah. Neben diesen — man könnte sagen +— Symbolen des mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel +und Dämmerung zurück. + +</P><P> + +Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte sich +auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale +Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu +Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter +heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels +bildete sie sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche +Gesichter; man steht früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt +unglückliche Engel, tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; +die Männer, verkannte Genies, kokettierend mit der Maske der +Oberflächlichkeit, reiten aus Übermut ihre Vollblüter +zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und wenn +sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt +reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma träumte, war das +bunte Leben und Treiben der Künstler, Schriftsteller und +Schauspielerinnen, das sich in den separierten Zimmern der +Restaurants abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein +soupiert und sich austollt. Diese Menschen sind die Verschwender des +Lebens, Könige in ihrer Art, voller Ideale und Phantastereien. +Ihr Dasein verläuft hoch über dem Alltag, zwischen Himmel +und Erde, in Sturm und Drang. + +</P><P> + +Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut +wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens +standen, um so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was +sie unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen +armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam +ihr wie ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte +zufällig, und sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor +seinen Toren, da begann das weite, weite Reich der Seligkeiten und +Leidenschaften. In der Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust +und Luxus mit den Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung +mit Gefühlsfeinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich +wie die Pflanzen der Tropen, nicht ihres eigenen Bodens und ihrer +besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige Küsse, +Tränen, vergossen auf hingebungsvolle Hände, Fleischeslust +und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war ihr unzertrennlich +von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von +Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von +blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden +Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft. + +</P><P> + +Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen +Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, +um die Stute zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch +die Hausflur. Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie +zufrieden sein. Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag +über nicht wieder blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, +wenn er es geritten hatte, selbst einzustellen. Während er +Sattel und Zäumung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu +vor. + +</P><P> + +Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus +verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in +Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. +Sie zog sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte +sie, ein Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in +ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und +Bügeln der Wäsche und ließ sich von ihr beim +Ankleiden helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe +aus. Felicie — so hieß das neue Mädchen — +gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im Hause. Die Hausfrau +pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen. Felicie nahm +sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte sie, wenn +sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte. +Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich oben in ihrem +Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die Nachbarschaft klatschen. + +</P><P> + +Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge +und einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie +hätte schreiben können. Häufig besah sie sich im +Spiegel. Mitunter nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel +sie in Träumereien und ließ das Buch in den Schoß +sinken. Am liebsten hätte sie eine große Reise gemacht +oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben +und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in der gleichen Minute. + +</P><P> + +Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. +Er frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte +Krankenbetten, ließ sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut +spritzen, hörte dem Röcheln Sterbender zu, prüfte den +Inhalt von Nachttöpfen und zog so und so oft schmutzige Hemden +hoch. Abends aber fand er immer ein gemütliches Feuer im Kamin, +einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Großvaterstuhl +und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging von +ihr aus; wer weiß, was das war, ein Odeur, ihre Wäsche +oder ihre Haut? + +</P><P> + +Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. +Sie erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie +besetzte ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein +ganz gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm +herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt +hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. +Einmal sah sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten +allerlei Anhängsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein +andermal war es ihr Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei +große Vasen aus blauem Porzellan stehen zu haben, oder sie +wollte ein Nähkästchen aus Elfenbein mit einem vergoldeten +Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen begriff, so sehr +übten sie doch auch auf ihn eine verführerische Wirkung +aus. Sie erhöhten die Freuden seiner Sinnlichkeit und verliehen +seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es war, als ob +Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel. + +</P><P> + +Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand +längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht +stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus +und flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen +ein. Er war Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In +Wirklichkeit rührten seine Erfolge daher, daß er Angst +hatte, die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe +nur beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein +Abführmittel, ein Fußbad oder einen Blutegel verordnete. +In der Chirurgie war er allerdings ein Stümper. Er schnitt +drauflos wie ein Fleischermeister, und Zähne zog er wie der +Satan. + +</P><P> + +Um sich in seinem Handwerk „auf dem laufenden zu halten“, +war er auf die „Medizinische Wochenschrift“ abonniert, +von der ihm einmal ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der +Hauptmahlzeit nahm er sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme +Zimmerluft und die Verdauungsmüdigkeit brachten ihn +regelmäßig nach fünf Minuten zum Einschlafen. Das +Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine +Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe +zu. Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur +wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen +wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit +sechzig Jahren, wenn sich das Zipperlein einstellt, den +Verdienstorden in das Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen +Rockes gehängt bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre +war, hätte Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in +den Zeitungen, in ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen +Ehrgeiz. Ein Arzt aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam +konsultiert worden war, hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im +Beisein der Verwandten blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte +erzählte, war Emma maßlos empört über den +Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn. Die +Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor +Scham ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am +liebsten verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den +Gang hinaus, öffnete das Fenster und sog die kühle +Nachtluft ein. + +</P><P> + +„Ach, was habe ich für einen erbärmlichen +Mann!“ klagte sie leise vor sich hin und biß sich auf die +Lippen. + +</P><P> + +Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm +er allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch +zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen leckte +er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe +löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer +beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen +drohten allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu +verschwinden. + +</P><P> + +Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes +wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder beseitigte +ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch länger +angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er +wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus +nervöser Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. +Mitunter erzählte sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus +einem Roman oder aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus +dem Leben der oberen Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung +erhascht hatte. Schließlich war Karl wenigstens ein +aufmerksamer und geneigter Zuhörer, und sie konnte doch nicht +immer nur ihr Windspiel, das Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer +Kaminuhr zu ihren Vertrauten machen! + +</P><P> + +Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des +großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit +verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und +spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. +Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige +Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach +welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde, +welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches +Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er +fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten +beladen bis hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie +erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich +ereignen. Bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor +und war dann betroffen, daß es immer noch nicht kam, das +große Erlebnis. Wenn die Sonne sank, war sie jedesmal +tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den nächsten Tag. + +</P><P> + +Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer +wurden und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an +Beklemmungen. Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte +sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober +seien. Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder +einen Ball. Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein +Brief oder ein Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser +Enttäuschung war ihr Herz wieder leer, und das ewige Einerlei +ihres Lebens hub von neuem an. + +</P><P> + +Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die +Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, sollten +kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach auch das Leben +andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die Möglichkeit eines +außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer zieht +häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und +verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb +alles beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie +ein langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war +fest verriegelt. + +</P><P> + +Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer +hörte ihr denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in +einem Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem +Konzertflügel vor einer großen Zuhörerschaft +vorzutragen, ihre flinken Finger über die Elfenbeintasten +hinstürmen zu lassen und das Murmeln der Verzückung um sich +zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu also das +mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr Zeichengerät +und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles? Wem zuliebe? Auch +das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das Lesen ließ +sie. „Es ist immer wieder dasselbe!“ sagte sie sich. + +</P><P> + +Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins +oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel. + +</P><P> + +Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur Vesper +läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen +Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die +Dächer, gemächlich und langsam, und wo ein bißchen +Sonne war, machte sie einen Buckel. Auf der Landstraße blies +der Wind Staubwirbel auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem +dem, in einem fort, in gleichen Zeiträumen, der monotone +Glockenklang, der über den Feldern verhallte. + +</P><P> + +Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in Lackschuhen, +die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her laufenden Kinder +in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf +bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des +Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde. + +</P><P> + +Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben mit +Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch +mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag +über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die +Lampen brennen. + +</P><P> + +An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost +hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen +glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel sang. +Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh umwickelt, +und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste Schlangen. +Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte den +rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, und +graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht. + +</P><P> + +Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß +die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der +Wärme des Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete +schwerer auf ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem +Dienstmädchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz. + +</P><P> + +Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der +Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die +Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm +mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die +Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem +Dorfteiche vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die +Türklingel irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, +hörte man die Messingbecken, die als Aushängeschilder vor +dem Barbiergeschäfte hingen, an ihre Stange klirren. Das +Schaufenster schmückten ein altes auf Pappe ausgeklebtes +Modenkupfer und eine weibliche Wachsbüste mit einer gelben +Perücke. Der Friseur pflegte über seinen brotlosen Beruf +und seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein höchster +Traum war ein Laden in einer großen Stadt, etwa in Rouen, am +Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch wanderte er den +ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und +her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster +blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen Rock, die +Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her +patrouillieren. + +</P><P> + +Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers +ein sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen +Schnurrbarte und einem trägen Lächeln um den Mund, in dem +die Zähne leuchteten. Alsbald begann eine Walzermelodie aus +einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut +war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, +Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in +Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen +und Tischen, wobei sie sich in Spiegelstücken +vervielfältigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren. +Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und spähte dabei nach +rechts und links nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen +langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen die Prellsteine oder +stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe, dessen Gurt +ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald schwermütig +und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem +roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft ausgestanzten +Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es waren Melodien, +die gerade Mode waren und die man überall hörte, in den +Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt, +die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im +Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen. +Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre +Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu +Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden +Gaben in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen +Kasten mit einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den +Rücken und verließ das Dorf schweren Schrittes. Emma +schaute ihm lange nach. + +</P><P> + +Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer +unten im Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, +die Wände waren feucht und der Fußboden kalt. Die ganze +Bitternis ihres Daseins schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und +aus dem Dampf des ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der +Brodem ihres ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl +aß und aß, während sie ein paar Nüsse knackte +oder, auf die Ellenbogen gestützt, sich damit vergnügte, +mit der Messerspitze allerlei Linien in das Wachstuch zu kritzeln. + +</P><P> + +In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre +Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach Tostes +kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in ihrem +Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr +tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne +Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man +müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, +fügte aber hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus +glücklich, und in Tostes gefalle es ihr über alle +Maßen. Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte +Frau Bovary. Im übrigen zeigte sie sich für die guten +Lehren der Schwiegermutter nicht empfänglicher denn früher. +Als diese gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei +für die Gottesfurcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emmas +Antwort von einem so zornigen Blick und einem so eiskalten +Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht wieder zu +nahe kam. + +</P><P> + +Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich +besondre Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; +an dem einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein +Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und +bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle +Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie das +Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten +Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft +ausgehen. Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen +Leuten alles Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie +eigentlich gar nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle +Menschen, die auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang +etwas von der Härte der väterlichen Hände in ihrem +Herzen behalten. + +</P><P> + +Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an seine +Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei +Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis +war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem +Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten, +Kälbern, Kühen, Hühnern und von den +Gemeinderatssitzungen. Wenn er wieder hinausgegangen war, +schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl der Befriedigung +ab, das ihr selber sonderbar vorkam. + +</P><P> + +Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan immer +weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten +Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut +hielten, und billigte Dinge, die für unnatürlich oder +unmoralisch erklärt wurden. Karl machte mitunter verwunderte +Augen dazu. + +</P><P> + +Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer +wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch +ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In +Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs waren +als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie +verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und +drückte ihr Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht +nach dem Tumult der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und +frechen Freuden und allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und +die es doch gab. + +</P><P> + +Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete ihr +Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch +reizsamer. + +</P><P> + +An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine +Fieberkranke. Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher +Umschlag in einen Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie +stumm da, ohne sich zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein +Belebungsmittel: das Übergießen mit Kölnischem +Wasser. + +</P><P> + +Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete +sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen +örtlichen Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich +daran zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen. + +</P><P> + +Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager werden +wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor jegliche +Eßlust. + +</P><P> + +Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt, nach +vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es +mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen +Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden; +Luftveränderung wäre vonnöten. + +</P><P> + +Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in +Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem +größeren Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige +Arzt, ein polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht +das Weite gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und +erkundigte sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die +nächsten Kollegen entfernt säßen und wie hoch die +Jahreseinnahme des Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel +befriedigend aus, und infolgedessen entschloß sich Bovary, zu +Beginn des kommenden Frühjahres nach Abtei Yonville +überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht gebessert +habe. + +</P><P> + +Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem +Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der +Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren +grau vor Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war +ausgefranst. Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf +wie trocknes Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger +Busch über der Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. +Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, +die Drähte krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die +verkohlte Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im +Kamine hin und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den +Rauchfang hinaufflogen ... + +</P><P> + +Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer +guten Hoffnung entgegen. + +</P> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H1>Zweites Buch</H1> +</CENTER> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H2>Erstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei, +von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein +Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der +Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im +Tale der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe +seiner Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, +nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer +Belustigung angeln. + +</P><P> + +Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf +der Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland +offen vor sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei +deutlich unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts +ist alles bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften +der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen +Hügelkette begrenzt, während die Ebene gegen Osten allmählich +ansteigt und sich im Unermeßlichen verliert. So weit das Auge +reicht, schweift es über meilenweite Kornfelder. Das +Gewässer sondert wie mit einem langen weißen Strich das Grün +der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so liegt das ganze +Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit +einem grünen silberngesäumten Samtkragen. + +</P><P> + +Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil +und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen, +senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die +Wege, die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen +auf dem Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen +Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten +hinab ins Land schicken. + +</P><P> + +Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der +Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich +behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner +noch in seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. +Von hier kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen +Bezirks von Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung +dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel +Dünger verlangt. + +</P><P> + +Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach +Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter +„Hauptvizinalweg“ angelegt, der die beiden großen +Heeresstraßen von Abbeville und von Amiens untereinander +verbindet und bisweilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die +von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser „neuen +Verbindungen“ gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung. +Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man +hartnäckig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen +Gewinn sie auch brachte; und die träge Bewohnerschaft baut sich +auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an. +Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt +liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache +hingeworfen hat. + +</P><P> + +Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln +besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften +des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den +Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte +Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, +dazwischen buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und +andres Gerät hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie +bis an die Augen ins Gesicht hereingezogene Pelzmützen +aus; sie verdecken ein Drittel der niedrigen +Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres +Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten +Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben +drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf +den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken. + +</P><P> + +Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher +aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser +hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein +Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder +drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. +Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein +weißes Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem +Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die +Freitreppe flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild +mit Wappen glänzt am Tore. Es ist das Haus des +Notars, das schönste der ganzen Gegend. + +</P><P> + +Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt +der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie +herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, +liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu +ein Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes +Gras grüne Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein +Neubau aus der letzten Zeit der Regierung Karls des +Zehnten. Das hölzerne Dach beginnt bereits morsch zu +werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke über dem Schiff zeigen +sich stellenweise schwarze Flecken. Über dem Eingang befindet +sich da, wo gewöhnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine +Empore für die Männer, zu der eine Wendeltreppe hinaufführt, +die laut dröhnt, wenn man sie betritt. + +</P><P> + +Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die +farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von +Längswand zu Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind +Strohmatten befestigt, und Namensschilder verkünden weithin +sichtbar: „Platz des Herrn Soundso.“ Wo sich das Schiff +verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild +der Madonna, die ein Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter +silbernen Sternen besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so +knallrot angemalt wie die eines Götzenbildes auf den +Sandwichinseln. Im Chor über dem Hochaltar schimmert hinter vier +hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro +Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorstühle aus +Fichtenholz sind ohne Anstrich. + +</P><P> + +Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen „die +Hallen“ ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. +Das Rathaus, nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten +in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des +Platzes neben der Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine +dorische Säulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und +darüber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der +einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage +der Gerechtigkeit hält. + +</P><P> + +Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die +Apotheke des Herrn Homais, schräg gegenüber vom „Gasthof +zum goldnen Löwen“. Zumal am Abend, wenn die große Lampe im +Laden brennt und ihr helles, durch die bunten Flüssigkeiten in +den dickbauchigen Flaschen, die das Schaufenster schmücken +sollen, rot und grün gefärbtes Licht weit hinaus über +das Straßenpflaster fällt, dann sieht man den Schattenriß +des über sein Pult gebeugten Apothekers wie in bengalischer +Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis unten mit +Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen Schriftarten +ausschreien: „Mineralwasser von Vichy“, „Sauerbrunnen“, +„Selterswasser“, „Kamillentee“, „Kräuterlikör“, +„Kraftmehl“, „Hustenpastillen“, „Zahnpulver“, „Mundwasser“, +„Bandagen“, „Badesalz“, „Gesundheitsschokolade“ usw. usw. +Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in +mächtigen goldnen Buchstaben: „Homais, Apotheker“. Drinnen, +hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest +man über einer Glastüre das Wort „Laboratorium“ und auf +der Tür selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem +Grunde den Namen „Homais“. + +</P><P> + +Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die +Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und +hat zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung +ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und +dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof. + +</P><P> + +Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer +niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land +vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch +unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach +dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch +Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen +der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das +unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber +von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es +brauchte bloß wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte +er nicht, ob er sich über die vielen Toten freuen oder über ihre +neuen Gräber ärgern solle. + +</P><P> + +„Lestiboudois, Sie leben von den Toten!“ sagte eines +Tages der Pfarrer zu ihm. + +</P><P> + +Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine +Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis +auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er +versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber. + +</P><P> + +Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in +Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf +der Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch +immer flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei +Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der +Apotheke häßliche Präparate in Glasbüchsen voll +trübgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von +Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe über dem Tore des +Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne. + +</P><P> + +An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen +sollte, war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig +beschäftigt, daß ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der +Schweiß von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war nämlich +Markttag im Städtchen. Da mußte Fleisch zurechtgehackt, +Geflügel ausgenommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt +werden. Daneben die regelmäßigen Tischteilnehmer und heute +obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstmädchen! +Am Billard lachten Gäste, und in der kleinen Gaststube riefen +drei Müllerburschen nach Schnaps. Im Herde prasselte und +schmorte es, und auf dem langen Küchentische paradierten neben +einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die nach dem Takte +des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat +zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker +der Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die +Köpfe abschneiden wollte. + +</P><P> + +Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an +seinem schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des +Gastzimmers den Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar +Blatternarben. Sein ganzes Wesen strahlte förmlich von +Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichmütig dahin +wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer +herumhüpfte. Dieser Herr war der Apotheker. + +</P><P> + +„Artemisia!“ rief die Wirtin. „Leg noch ein bißchen Reisig +ins Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps +hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich +den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen +soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft +hören mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und +der Möbelwagen steht draußen immer noch mitten auf der Straße, +gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine +Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen +beiseiteschieben ... Was ich sagen wollte, Herr Apotheker, +diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei +der fünfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man +wird mir noch ein Loch ins Tuch stoßen!“ + +</P><P> + +Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins +Gastzimmer gelaufen. + +</P><P> + +„Das wär auch weiter kein Malheur!“ meinte Homais. „Dann +schaffen Sie gleich ein neues Billard an!“ + +</P><P> + +„Ein neues Billard!“ jammerte die Witwe. + +</P><P> + +„Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr +viel! Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr +eigner Schaden! Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen +passionierte Spieler große Bälle und schwere Queues. Mit +solchen Bällchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! +Man muß modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Café +Français ...“ + +</P><P> + +Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort: + +</P><P> + +„Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist +handlicher als Ihrs. Und wenn es heißt, eine +patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der +vertriebenen Polen oder für die Überschwemmten von Lyon ...“ + +</P><P> + +„Ach was!“ unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. +„Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen +Sies nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe +bestehen wird, sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber +Ihr geliebtes Café Français, das wird eines +schönen Tages die Bude zumachen! Oder vielmehr der +Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres Billard +anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und wenn +Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten! Nee, +nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der +Hivert!“ + +</P><P> + +„Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die +Post gekommen ist?“ fragte Homais ungeduldig. + +</P><P> + +„Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag +sechs, einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit +gibts auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit +urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er +ließe sich eher totschlagen, als daß er wo anders äße. +Was Schlechtes darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den +Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er ist nicht wie Herr +Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und +alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein feiner +junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm +gehört.“ + +</P><P> + +„Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine +Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und +jetzigen Steuereinnehmer!“ + +</P><P> + +Es schlug sechs. Binet trat ein. + +</P><P> + +Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren +Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte +ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem +langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug +eine Weste aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen +und tadellos blankgewichste Schuhe, die vorn besonders +ausgearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen +litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte +ihm das lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der +Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in +jeglichem Kartenspiel und ein guter Jäger, hatte eine hübsche +Handschrift und besaß zu Hause eine Drehbank, auf der er zu +seinem Vergnügen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon +eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eines Künstlers und +dem Geiz des Spießers hütete. + +</P><P> + +Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber +die drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während +man drin für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm +in der Nähe des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte +die Türe ein und nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so +seine Ordnung. + +</P><P> + +„An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!“ +bemerkte der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein +war. + +</P><P> + +„Er redet nie viel,“ entgegnete diese. „Vergangene Woche waren +zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend +Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen. +Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene +verzogen.“ + +</P><P> + +„Ja, ja,“ sagte der Apotheker, „der Mensch hat keine Phantasie, +keinen Witz, keinen geselligen Sinn!“ + +</P><P> + +„Er soll aber wohlhabend sein,“ warf die Wirtin ein. + +</P><P> + +„Wohlhabend?“ echote Homais. „Der und wohlhabend!“ Und +gelassen fügte er hinzu: „Gott ja, so für seine Verhältnisse. +Das ist schon möglich!“ + +</P><P> + +Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: „Hm! Wenn ein Kaufmann, +der ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein +Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum +Griesgram oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor +gibt es Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin +Gedanken im Kopfe. Wie oft ists mir nicht selber passiert, daß +ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um +ein Schildchen auszufüllen oder so was, — und weiß der +Kuckuck, schließlich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre +stecken!“ + +</P><P> + +Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob +die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da +trat ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das +Dämmerlicht beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß +seine herkulischen Linien. + +</P><P> + +„Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?“ fragte die Wirtin +und nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren +weißen Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. „Haben +Ehrwürden einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen +Schoppen Wein?“ + +</P><P> + +Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines +Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte +stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn +gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er +sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria +geläutet ward. + +</P><P> + +Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, +machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben +sehr ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung +abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche +Heuchelei. Die Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am +liebsten möchten sie den Zehnten wieder einführen. + +</P><P> + +Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater. + +</P><P> + +„Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber +zugleich auf!“ meinte sie. „Voriges Jahr hat er unsern Leuten +beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf +einmal getragen. So stark ist er!“ + +</P><P> + +„Natürlich!“ rief Homais aus. „Schickt nur Eure +Mädels solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate +was zu sagen hätte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier +Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier +Wochen einen ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und +Sittlichkeit im Lande!“ + +</P><P> + +„Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!“ + +</P><P> + +Homais erwiderte: + +</P><P> + +„Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert +als die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. +Ich verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine +höhere Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht +in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre +Pflichten als Staatsbürger und Familienväter erfüllen. +Aber ich habe kein Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, +silbernes Gerät zu küssen und eine Bande von Possenreißern +aus meiner Tasche zu mästen, die sich besser hegen und pflegen +als ich mich selber. Gott kann man viel schöner verehren im +Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung +angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der +Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus +Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die +unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den +sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der +Hand gemütlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in +einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am +dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an +und für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! +Es beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der +schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen +möchten, mir Wollust selber herumsielen.“ + +</P><P> + +Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich +ins Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem +Gemeinderat. Die Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. +Sie lauschte draußen und vernahm ein fernes rollendes +Geräusch. Bald hörte sie deutlich das Rasseln der Räder und +das Klappern eines lockeren Eisens auf dem Pflaster. +Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre. + +</P><P> + +Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die +bis an das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem +Reisenden jegliche Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. +Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem +Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und +Straßenschmutz starrten. Der stärkste Platzregen hätte sie +nicht rein gewaschen. Das Fahrzeug war mit drei Pferden +bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde. + +</P><P> + +Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles +redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer +wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine +Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er +zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei +Aufträge für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er +machte Einkäufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied +altes Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne +Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur +Lockenwickel. Auf dem Rückwege verteilte er dann die Pakete +längs seiner Fahrstraße. Wenn er am Gehöft eines +Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle und +warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er +sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke +ohne Zügel laufen ließ. + +</P><P> + +Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys +Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff +man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller +Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich +aber mußte weitergefahren werden. + +</P><P> + +Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück +schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post +fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten +von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen +Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter +anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von +Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben +sollte. Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen +gelaufen und hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein +eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf +Jahre weg. Eines Abends, als der alte Lheureux durch die +Stadt nach dem Gasthaus ging, sprang der Hund an ihm hoch. + +</P> +<P></P> +<CENTER> +<H2>Zweites Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und +eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke +beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen. + +</P><P> + +Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der „gnädigen +Frau“ und dem „Herrn Doktor“ gegenüber in Galanterien und +Höflichkeiten. Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit +gehabt zu haben, ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in +herzlichem Tone fügte er hinzu, er lüde sich für heute bei +ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer. + +</P><P> + +Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den +Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es +bis zu den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit +schwarzledernen Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in +der die Hammelkeule am Spieß gedreht wurde. Das Feuer +beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den +Stoff ihres Kleides, auf ihre poröse weiße Haut und in die +Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schlössen. Der +Luftzug strich durch die halboffene Tür und rötete die Flammen. +Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende +desselben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm +betrachtete. + +</P><P> + +Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, +einer der Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich +gehörig in Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters +absichtlich zu spät, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden +den Abend im Wirtshause verplaudern zu können. Wenn er aber in +der Kanzlei gerade gar nichts zu tun hatte, mußte er aus +Langeweile wohl oder übel pünktlich erscheinen und von der Suppe +bis zum Käse Binets Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte +ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen Gästen zusammen zu +essen; er war mit Vergnügen darauf eingegangen. Zur Feier des +Tages war im Saal für vier Personen gedeckt worden. + +</P><P> + +Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein +Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht. + +</P><P> + +Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten. + +</P><P> + +„Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?“ begann er. +„In unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft +durchgerüttelt.“ + +</P><P> + +„Freilich!“ gab Emma zur Antwort. „Aber dieses Drüber und +Drunter macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.“ + +</P><P> + +„Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!“ +seufzte der Adjunkt. + +</P><P> + +„Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen +müßten ...“, warf Karl ein. + +</P><P> + +Leo wandte sich an Emma: + +</P><P> + +„Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein +guter Reiter sein.“ + +</P><P> + +„Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend +ziemlich bequem“, meinte der Apotheker. „Die Wege sind nämlich +soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im +allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind +wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir, +abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und +Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl +Fälle von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten +schwere Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die +zahlreichen skrofulösen Leiden, die zweifellos von den +kläglichen hygienischen Verhältnissen in den Bauernhäusern +herrühren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden öfters mit +altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und vielfach werden +Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer +Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen es +in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit +dem Pfarrer, statt daß sie von vornherein zum Arzt oder in die +Apotheke gingen. Im übrigen ist das Klima wirklich nicht +schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigjährige in der Gemeinde. +Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalkälte im Winter +4° Celsius, während wir im Hochsommer auf +25°, höchstens 30° kommen. Das +wäre ein Maximum von 24° Reaumur. Das ist +nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor den +Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den +Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese +Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des +Flusses und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den +Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren +(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur +Stickstoff und Sauerstoff!), — diese Wärme, die den Humus +aussaugt und alle Dünste des Bodens aufnimmt, sich +gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der +Elektrizität der Atmosphäre verbindet, die könnte schließlich +(wie in den Tropenländern) gesundheitsschädliche Miasmen +erzeugen —, diese Wärme, sag ich, wird gerade dort, wo sie +herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen könnte, das heißt +im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die ihre Kühle +über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich +als sanftes Mailüfterl wehen ...“ + +</P><P> + +„Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der +Umgegend?“ fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches +mit dem jungen Manne. + +</P><P> + +„Leider nur sehr wenige“, entgegnete er. „Einen hübschen Ort +gibt es auf der Höhe, am Waldrande, der +‚Futterplatz‘ genannt. Dort sitze ich manchmal +Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den +Sonnenuntergang an.“ + +</P><P> + +„Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,“ +schwärmte Emma, „zumal am Gestade des Meeres!“ + +</P><P> + +„Ach, ich bete das Meer an!“ stimmte Leo bei. + +</P><P> + +„Haben Sie nicht auch die Empfindung,“ fuhr Frau Bovary fort, +„daß die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel +bekommt, die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten +emporheben, in die Sphäre der Ideen, der Ideale?“ + +</P><P> + +„Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso“, meinte Leo. „Ich +habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise +gemacht hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, +könne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht +vorstellen, den Zauber der Wasserfälle und den großartigen +Eindruck der Gletscher. Über Gießbächen hängen riesige +Fichten, und am Rande von tiefen Abgründen kleben Alpenhütten; +und wenn die Wolken einmal zerreißen, erblickt man tausend Fuß +unten in der Tiefe die langen Täler. Wer das schaut, muß in +Begeisterung geraten, in Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt +begreife ich auch jenen berühmten Musiker, der nur angesichts +von erhabenen Landschaften arbeiten konnte.“ + +</P><P> + +„Treiben Sie Musik?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Nein, aber ich liebe die Musik!“ antwortete er. + +</P><P> + +„Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!“ mischte sich +Homais ein. „Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit +... Aber gewiß, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da +haben Sie doch das <B>Engellied</B> wundervoll gesungen. Ich hab +es von meinem Laboratorium aus gehört. Sie haben eine +Stimme wie ein Opernsänger!“ + +</P><P> + +Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im +zweiten Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt +hinausging. Bei dem Komplimente seines Hauswirtes +wurde er über und über rot. + +</P><P> + +Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die +bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er +wußte tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das +Vermögen des Notars könne er nichts Genaues sagen. +Auch über die Familie Tüvache munkele man so allerlei. + +</P><P> + +Emma fuhr fort: + +</P><P> + +„Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am +meisten?“ + +</P><P> + +„Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...“ + +</P><P> + +„Kennen Sie die Italiener?“ + +</P><P> + +„Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich +habe die Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches +Studium zu vollenden.“ + +</P><P> + +„Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl +mitzuteilen,“ sagte wiederum der Apotheker, „als ich ihm von +dem armen Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen +ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich +eines der komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine +ganz besondre Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das +Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. +Man kann dadurch unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung +selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein +großes Eßzimmer, eine Küche mit Speisekammer, eine +Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr Vorgänger war ein flotter +Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in +seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen, da hat er sich +ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden +sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die Blumenzucht +liebt ...“ + +</P><P> + +„Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab“, unterbrach ihn +Karl. „Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt +sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.“ + +</P><P> + +„Ganz wie ich!“ fiel Leo ein. „Was wäre wohl auch +gemütlicher, als abends beim Schein der Lampe mit einem +Buche am Kamine zu sitzen, während draußen der Wind gegen die +Fensterscheiben schlägt?“ + +</P><P> + +„So ist es!“ stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen +schwarzen Augen voll an. + +</P><P> + +Er fuhr fort: + +</P><P> + +„Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne +daß man sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne +Lande. Man wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die +fremden Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man +verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter +den Gestalten der Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, +als schlüge das eigne Herz in ihnen.“ + +</P><P> + +„Wie wahr! Wie wahr!“ rief Emma aus. + +</P><P> + +„Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer +bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar +längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie +nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es +ist einem, als stehe man vor einer Offenbarung seines +tiefsten Ichs ...“ + +</P><P> + +„Das hab ich schon erlebt!“ flüsterte sie. + +</P><P> + +„Und darum“, fuhr er fort, „liebe ich die Dichter über +alles. Ich finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren +so schön zu Tränen!“ + +</P><P> + +„Aber sie ermüden auf die Dauer,“ wandte Emma ein, „und daher +ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und +aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme +Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.“ + +</P><P> + +„Gewiß,“ bemerkte der Adjunkt, „die naturalistischen Romane +haben dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, +meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so +süß, sich aus den Häßlichkeiten des Daseins +herauszuzüchten, wenigstens in Gedanken: zu edlen +Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu glückseligen +Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen Welt lebe, +ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig +Gelegenheit ...“ + +</P><P> + +„Jedenfalls genau so wie in Tostes!“ bemerkte Emma. „Drum +war ich ständig in einer Leihbibliothek abonniert.“ + +</P><P> + +Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. „Wenn gnädige +Frau mir die Ehre erweisen wollen,“ sagte er, „meine Bibliothek +zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die +besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, +außerdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den +„Leuchtturm von Rouen“, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent +für Buchy, Forges, Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich +bin.“ + +</P><P> + +Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht +ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren +Holzschuhen saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller +einzeln hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte +und immer wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann +krachend von selber zuklappte. + +</P><P> + +Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig +plauderte, einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles +gesetzt, auf dem Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten +steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlips, und je nach +den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn +den Batist oder entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und +Emma, während sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins +jener uferlosen Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge +kreisen und keinen andern Sinn haben, als die gegenseitige +Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse, +Romantitel, moderne Tänze, die ihnen fremde große Gesellschaft, +Tostes, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich +gefunden, alles das berührten sie in ihrer Plauderei, +bis die Mahlzeit zu Ende war. + +</P><P> + +Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der +neuen Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf +brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am +erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war +wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn +und Frau Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, +und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, +den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er +voran. + +</P><P> + +Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem +Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war +hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des +Arztes nur fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, +wünschte man sich alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so +schied man voneinander. + +</P><P> + +Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte +sie die Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie +feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die +Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel +fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen +Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein +Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die +aufwallenden Dämpfe. + +</P><P> + +Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen, +Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden +Packer hatten alles so stehen und liegen lassen. + +</P><P> + +Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. +Das erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins +Kloster gewesen, das zweitemal an dem ihrer Ankunft in +Tostes, das drittemal im Schloß Vaubyessard und das +vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein neuer Abschnitt in +ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß sich die gleichen +Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen könnten; und da +ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so müsse +das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner +sein. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Drittes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den +Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute +zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und +schloß das Fenster. + +</P><P> + +Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, +daß es sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen +Löwen kam, fand er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der +bereits am Tische saß. + +</P><P> + +Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles +Ereignis. Bis dahin hatte er noch niemals zwei Stunden +lang mit einer „Dame“ geplaudert. Wie hatte er es nur +fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter +Form zu sagen? Das war ihm vordem unmöglich gewesen. Er war +von Natur schüchtern und wahrte eine gewisse Zurückhaltung, die +sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die +Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er hörte still zu, +wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich in +politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem +jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei +Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte +sich in seinen Mußestunden gern mit der Literatur, — wenn er +nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen +seiner Kenntnisse, und Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er +höflich und gefällig war; öfters widmete er sich nämlich im +Garten ihren Kindern, kleinem Volk, das immer schmutzig +aussah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung +einmal dem Dienstmädchen und dann noch besonders dem Lehrling +oblag, einem jungen Burschen, namens Justin. Er war ein +entfernter Verwandter des Apothekers, von diesem aus +Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art „Mann für +alles“ geworden war. + +</P><P> + +Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau +Bovary die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen +Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich +an der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte +Faß einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die +beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr +Lestiboudois, den Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen +Ämtern in Kirche und Gottesacker hielt dieser nämlich die +Gärten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn +„stundenweise“ oder „aufs Jahr“, ganz wie es gewünscht +wurde. + +</P><P> + +Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger +einem Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. +Homais hatte nämlich früher einmal gegen das Gesetz vom +19. Ventôse des Jahres XI verstoßen, wonach die +ärztliche Praxis jedem verboten ist, +der sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms +befindet. Eines Tages war er auf eine geheimnisvolle +Anzeige hin nach Rouen vor den Staatsanwalt geladen worden. +Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amtszimmer, +stehend und in Amtsrobe, das Barett auf dem Kopfe, +vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer +Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem +Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. +Es war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger +Schlösser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde +ihn rühren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in +Tränen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in +alle vier Winde verstreut. Hinterher mußte er seine +Lebensgeister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in +Selters wieder auf die Beine bringen. + +</P><P> + +Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und +Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche +Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war +und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in +ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary +durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit +ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen, +falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar +würden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den „Leuchtturm“, und +oft verließ er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein +Geschäft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. + +</P><P> + +Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden +lang saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. +Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner +Frau beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen, +verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, +die Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die +Anstreicher dagelassen hatten. + +</P><P> + +Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in +Tostes eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue +Anschaffungen im Hause, für die Kleider seiner Frau und +neuerdings für den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr als +dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der +Übersiedelung von Tostes nach Yonville war vieles +beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der +tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und +in tausend Stücke zerschellt war. + +</P><P> + +Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner +Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so +liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande +von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen +Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen +Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer +miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf +dem Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in +seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, +streichelte ihr Gesicht, nannte sie „Mammchen“, wollte mit ihr +im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen +tausend zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn +kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas +Köstliches. Jetzt fehlte ihm nichts mehr auf der Welt. Nun +hatte er alles erlebt, was Menschen erleben können, und er +durfte zufrieden und vergnügt sein. + +</P><P> + +In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann +kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie +wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. +Aber als sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen +Vorhängen und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam +sie eine plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die +Baby-Ausstattung selber sorglich auszuwählen, und +überließ die Herstellung in Bausch und Bogen einer Näherin. So +lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen, +die andre Mütter so zärtlich stimmen, und vielleicht war dies +der Grund, daß ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente +entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von +dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken. + +</P><P> + +Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark +sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem +männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine +Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen +Dasein nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein +freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, +er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die +allerfernsten Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend +Ketten. Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den +Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie +den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band +hält, so gibt es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem +sie hinwegfliegen möchte, und immer irgendwelche herkömmliche +Moral, die sie nicht losläßt. + +</P><P> + +An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs +Uhr, als die Sonne aufging. + +</P><P> + +„Es ist ein Mädchen!“ verkündete Karl. + +</P><P> + +Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten +sich auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die +Wöchnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar +vorläufige Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die +neue Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten. + +</P><P> + +Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das +Kind bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch +klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr +gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl +äußerte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft +werden, aber davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle +Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag. + +</P><P> + +„Herr Leo,“ berichtete der Apotheker, „mit dem ich neulich +darüber gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht +den Namen Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.“ Aber +gegen die Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die +alte Frau Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine +Vorliebe für Namen, die an große Männer, berühmte Taten und +hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier +eigenen Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die +Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und +Athalia (zu Ehren des Meisterstücks des französischen +Dramas!). Seine philosophische Überzeugung, sagte er, stehe +seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm +ersticke durchaus nicht den Gefühlsmenschen. Er verstünde +sich darauf, das eine vom andern zu scheiden und sich vor +fanatischer Einseitigkeit zu bewahren. + +</P><P> + +Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard +gehört hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit +„Berta-Luise“ angeredet worden war. Von diesem Augenblick an +stand die Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen +verhindert war, wurde Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er +stiftete als Patengeschenk allerlei Gegenstände aus seinem +Geschäft, als wie: sechs Schachteln Brusttee, eine Dose +Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade und sechs Päckchen +Malzbonbons. + +</P><P> + +Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer +erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker +ein patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine +Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des +Kindes) eine Romanze aus der Napoleonischen Zeit sang. Der +alte Herr Bovary bestand darauf, daß das Kind heruntergebracht +wurde, und taufte die Kleine „Berta“, indem er ihr ein Glas +Sekt von oben über den Kopf goß. Den Abbé Bournisien ärgerte +diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und als der alte +Bovary ihm gar noch ein spöttisches Zitat vorhielt, wollte der +Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inständig zu +bleiben, und auch der Apotheker legte sich ins Mittel. So +gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte +er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse. + +</P><P> + +Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und +verblüffte die Yonviller durch das prächtige +Stabsarztskäppi mit Silbertressen, das er vormittags +trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Als +gewohnheitsmäßiger starker Schnapstrinker schickte er das +Dienstmädchen häufig in den Goldnen Löwen, um seine Feldflasche +füllen zu lassen, was selbstverständlich auf Rechnung +seines Sohnes erfolgte. Um seine Halstücher zu +parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an Kölnischem +Wasser, den seine Schwiegertochter besaß. + +</P><P> + +Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er +war in der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, +Straßburg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den +Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er +wieder ganz der alte Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder +auf der Treppe, faßte er Emma um die Taille und rief aus: +„Karl, nimm dich in acht!“ + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das +Eheglück ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am +Ende einen unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen +Frau ausüben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war +ihre Besorgnis noch schlimmer. Dem alten Herrn war alles +zuzutrauen. + +</P><P> + +Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens +Rollet in die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie +plötzlich Sehnsucht, das kleine Mädchen zu sehen. +Unverzüglich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren +Häuschen ganz am Ende des Ortes, zwischen der +Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag. + +</P><P> + +Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle +geschlossen. Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, +deren Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind +wehte. Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat +ihren Füßen weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren +oder irgendwo eintreten und sich ausruhen sollte. + +</P><P> + +In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause +heraus, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, +begrüßte sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der +Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen. + +</P><P> + +Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte, +aber müde zu werden beginne. + +</P><P> + +„Wenn ...“, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen. + +</P><P> + +„Haben Sie etwas vor?“ fragte Emma. Auf die Verneinung des +Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend +desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, +die Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres +Dienstmädchens, Frau Bovary habe sich kompromittiert.) + +</P><P> + +Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der +Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg +einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften +in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die +den Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, +die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. +Durch Lücken in den Hecken erblickte man hie und da auf den +Misthaufen der kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne +Kuh, die ihre Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte. + +</P><P> + +Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte +sich auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den +ihren. Vor ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die +warme Luft mit ganz leisem Summen. + +</P><P> + +Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der +es umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf +dem Dache. Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von +Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges +Gärtlein mit Salat, Lavendel und blühenden Schoten, die an +Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde +aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen rann sich verzettelnd +durch das Gras; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein +gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem +Rasen umher, und über der Hecke flatterte ein großes Stück +Leinwand. + +</P><P> + +Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein +Kind an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, +schwächlich aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es +war das Kind eines Mützenmachers in Rouen, das die +von ihrem Geschäft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf +das Land gegeben hatten. + +</P><P> + +„Kommen Sie nur herein!“ sagte die Frau. „Ihre Kleine schläft +drinnen.“ + +</P><P> + +In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand +ein großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem +eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein +Backtrog ein. In der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse +Stiefel mit blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus +deren Hals eine Feder herausragte. Auf dem verstaubten +Kaminsims lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe +und ein paar Fetzen Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück +dieses Gemachs war eine „trompetende Fama“, offenbar +das Reklameplakat einer Parfümfabrik, das mit sechs +Schuhzwecken an die Wand genagelt war. + +</P><P> + +Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus +Weidengeflecht. Sie nahm es mit der Decke, in die es +gewickelt war, empor und begann es im Arme hin und her zu +wiegen, wobei sie leise sang. + +</P><P> + +Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen +Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam +vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte, +sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das +Kind wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die +Mutter am Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die +Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon. + +</P><P> + +„Mir kommt sie noch ganz anders!“ meinte die Frau. „Ich habe +weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn +Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus +beauftragten, daß ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, +wenn ich welche brauche. Das wäre auch für Sie das +bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu stören.“ + +</P><P> + +„Meinetwegen!“ sagte Emma. „Auf Wiedersehn, Frau Rollet!“ + +</P><P> + +Beim Hinausgehen schüttelte sie sich. + +</P><P> + +Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, +wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, +nachts so häufig aufstehen zu müssen. „Manchmal bin ich +früh so zerschlagen, daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten +Sie mir ein Pfündchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich +ihn früh mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen.“ + +</P><P> + +Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich +hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie +mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als +sie das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie +drehte sich um. Es war die Amme. + +</P><P> + +„Was wollen Sie noch?“ + +</P><P> + +Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, +von ihrem Manne zu erzählen. „Bei seinem Handwerke und seinen +sechs Franken Pension im Jahre ...“ + +</P><P> + +„Machen Sie rasch!“ unterbrach Emma ihren Wortschwall. + +</P><P> + +„Ach, liebste Frau Doktor,“ fuhr die Frau fort, indem sie +zwischen jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, „ich habe +Angst, er wird böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich +Kaffee trinke. Sie wissen, wie die Männer sind ...“ + +</P><P> + +„Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken! +Sie langweilen mich.“ + +</P><P> + +„Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die +schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten +Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...“ + +</P><P> + +„Na, was wollen Sie denn noch?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Wenn es also,“ fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks +machte, „wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...“ Sie +machte abermals einen tiefen Knicks. „Wenn Sie so gut sein +wollen ...“ + +</P><P> + +Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es +heraus: + +</P><P> + +„Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer +Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...“ + +</P><P> + +Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm +sie Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. +Dann wurde sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher +geradeaus gegangen war, glitt über die Schulter ihres +Begleiters. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem +Rocke, auf den sein kastanienbraunes wohlgepflegtes Haar +schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand fielen ihr auf; +sie waren länger, als man sie in Yonville sonst trug. Ihre +Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten; er +besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische +aufbewahrte. + +</P><P> + +Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. +Jetzt in der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, +daß man drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen +konnte. Von den Gartenpforten führten kleine Treppen in das +Wasser. Es floß lautlos und rasch dahin, Kühle +verbreitend. Hohe, dünne Gräser neigten sich zur klaren Flut und +ließen sich von der Strömung treiben; das sah aus wie +ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und wieder +liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf +den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im +Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die +verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen Stämme auf dem +Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so verlassen ... + +</P><P> + +Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. +Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als +den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, +die sie redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid. + +</P><P> + +Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie +nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die +Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen +Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande +ihres Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub +rieselte herab. Ab und zu streifte eine überhängende +Jelänger-jelieber- oder Klematis-Ranke die Seide ihres +Schirmes und blieb einen Augenblick in den Spitzen hängen. + +</P><P> + +Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst +im Rouener Theater gastieren sollte. + +</P><P> + +„Werden Sie hinfahren?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Wenn ich kann, ja!“ + +</P><P> + +Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen +sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so +banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im +Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer +Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem +oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten +süßen Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre +Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen. +Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es +sendet weit über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen +lauen Erdgeruch herüber, balsamischen Duft, von dem man sich +berauschen läßt, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen. + +</P><P> + +An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den +Wagengeleisen und Hufspuren; man mußte ein paar große +moosbewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten, +begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu erspähen, +wohin sie den nächsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein +wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vornüber. +Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den Tümpel zu treten, +lachte sie doch. + +</P><P> + +Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte +auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in +seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in +einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich +ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von +Argueil ein Stück hinauf, nach dem „Futterplatz“ am Waldrande. +Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das +Himmelsblau, die Hände locker über den Augen. + +</P><P> + +„Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!“ seufzte er. + +</P><P> + +Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais +als Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem +gräßlichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem +roten Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte +auch der geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der +ersten Zeit gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen +Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in +Yonville? Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit +die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, +Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie +leiden sehen, und in der Wirtschaft ließ sie alles drunter und +drüber gehn. Sie war eine Feindin des Korsetts, sah sehr +gewöhnlich aus und war in ihrer Unterhaltung höchst +beschränkt. Alles in allem war sie eine ebenso harmlose wie +langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre alt war und er +zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und obgleich er +täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in den Sinn +gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit +ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die +Röcke. + +</P><P> + +Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein +paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den +Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige, +mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten, +unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit +denen zu verkehren glatt unmöglich war. + +</P><P> + +Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab, +einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als +lägen tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit +hatte er Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, +aber er hatte die Empfindung, als sei der Arzt durchaus +nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo +immer zwischen der Furcht, für aufdringlich gehalten zu werden, +und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut +wie unmöglich schien. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Viertes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus +ihrem Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen +niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster +in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die draußen +vorübergingen. + +</P><P> + +Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen +Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. +Sie neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann +glitt an der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet +und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, +auf dem Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, +überlief sie ein Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten +seines Schattens. Dann fuhr sie auf und befahl das Essen. + +</P><P> + +Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen +in der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu +stören, jedesmal mit derselben Redensart: „Guten Abend, +die Herrschaften!“ Er setzte sich an den Tisch zwischen das +Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf +sich Bovary seinerseits erkundigte, ob diese auch +zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten sich die beiden über +das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde +wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte +sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle +darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und +Auslands. Wenn auch dieser Gesprächsstoff erschöpft +war, konnte er ein paar Bemerkungen über die Gerichte auf dem +Tische nicht unterdrücken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig +und machte Frau Bovary artig auf das zarteste Stück Fleisch +aufmerksam, oder er wandte sich an das Dienstmädchen und gab +ihr Ratschläge über die Zubereitung eines Ragouts oder +über die richtige Verwendung der Gewürze. Er verstand mit +erstaunlicher Fachkenntnis über aromatische Zutaten, +Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu sprechen. Er hatte in seinem +Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In +der Herstellung von Konfitüren, Weinessig und süßen Likören +war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen +auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder das beste +Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine wieder +verwendbar zu machen. + +</P><P> + +Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum +Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen +pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer +war. Er kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für +das Haus des Arztes. + +</P><P> + +„Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!“ meinte er. +„Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr +Dienstmädel verguckt!“ + +</P><P> + +Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er +horche auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. +Beispielsweise sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon +hinauszubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder +hole, um sie ins Bett zu schaffen. + +</P><P> + +An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige +Gäste. Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen +Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht +und seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt +stellte sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel +hörte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr das +Umschlagetuch ab und die Überschuhe, die sie bei Schnee trug. + +</P><P> + +Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten +Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half +ihr. Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles +gestützt, betrachtete er sich die Zinken des Kammes, der +ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen während des +Kartenspiels raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb des +heraufgesteckten Haares, hatte ihre Haut einen bräunlichen +Farbenton, der sich nach dem Rücken zu aufhellte und im Schatten +des Kragens verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden +Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine Menge Falten und +bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und wieder +aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet, +zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen +getreten. + +</P><P> + +Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu +spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des +Tisches und sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die +„Illustrierte Zeitung“ an. Oft hatte sie auch ihren „Bazar“ +mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen +die Holzschnitte und warteten mit dem Umblättern aufeinander. +Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer +Stimme vor, die bei verliebten Stellen flüsternd wurde. Das +Klappern der Dominosteine störte ihn. Der Apotheker war ein +gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unverschämtes +Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren, setzten +sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange, da +waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im +Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte +ihm zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm +herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer +Kutsche und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt +waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine +Geste auf die eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie +lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so +süßer, als niemand ihrer lauschte. + +</P><P> + +So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein +fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, +der keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. +Zu seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, +der über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, +eine Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter +nach Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. +Als infolge eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit +kamen, brachte er ein Exemplar, das er während der Fahrt in +der Post vor sich auf den Knien hielt. Das stachlige Ding +zerstach ihm alle Finger. + +</P><P> + +Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre +Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins +hatte. Beim Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden. + +</P><P> + +Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem +Zimmer eine Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide +und Wolle Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau +Homais, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der +Köchin; sogar seinem Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte +nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau des Doktors +dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Das war doch sonderbar. +Und alsobald stand es unumstößlich fest: sie war „seine gute +Freundin.“ + +</P><P> + +Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er +unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und +Klugheit schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig +grob: + +</P><P> + +„Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der +Clique!“ + +</P><P> + +Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma +erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, +sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine +Feigheit. Er vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner +Sehnsucht. Oft genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. +Er schrieb Briefe, die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat +vor, die er dann doch verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem +festen Vorsatz zu ihr, alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart +verlor er alsbald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn +einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen +Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit. +Dann sagte er der „gnädigen Frau“ adieu und fuhr mit. War nicht +ihr Mann auch ein Stück von ihr? + +</P><P> + +Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es +war ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter +Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die +Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen +entreißt, wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in +den Abgrund schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den +flachen Dächern der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen +verstopft sind. Und so wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, +wenn sie nicht mit einem Male den Riß in der Mauer bemerkt +hätten. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Fünftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite. + +</P><P> + +Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen +Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine +halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon +und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben +sollten; und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf +der Schulter. + +</P><P> + +Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger +als sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem +zwischen Sand- und Steinhaufen bereits ein paar verrostete +Maschinenräder lagen, zog sich im Viereck ein Gebäude mit einer +Menge kleiner Fenster hin. Es war noch nicht ganz vollendet; +durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel. +An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz aus Stroh und +Ähren mit einem im Winde flatternden weiß-rot-blauen Wimpel. + +</P><P> + +Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die +künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die +Stärke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr +bedauerte, kein Metermaß bei sich zu haben. + +</P><P> + +Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig +auf seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der +Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel +kämpfte. Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er +hatte seine Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht +hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm +einen blöden Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein +behäbiger Rücken ärgerte sie. Sie fand, die breite Fläche +seines Mantels kennzeichne die ganze Plattheit von Karls +Persönlichkeit. + +</P><P> + +Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse +perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn +bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, +Sanftes brachte. Sein vorn offener Kragen ließ zwischen +Krawatte und Hals ein Stück Haut sehen; von seinem Ohr lugte +ein Teilchen zwischen den Strähnen seines Haars hervor, und +seine großen blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen +Emma viel klarer und schöner vor als in den Gedichten die +Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt. + +</P><P> + +„Rabenkind!“ schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf +seinen Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um +schöne weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig +ausgescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin +versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen, +aber ohne Messer ging das nicht. Karl bot ihm seins an. + +</P><P> + +„Unerhört!“ dachte Emma bei sich. „Er trägt ein Messer in der +Tasche wie ein Bauer!“ + +</P><P> + +Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den +Heimweg nach Yonville. + +</P><P> + +An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten +hinüber. Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, +begann sie die beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der +andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der +eigentümlichen Linienveränderung, die das menschliche +Gedächtnis vornimmt. Von ihrem Bette aus sah sie die lichte +Glut im Kamin und daneben — ganz so wie vor ein paar Stunden — +Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten +Hand den Spazierstock, und führte an der andern Athalia, die +bedächtig an einem Eiszapfen saugte. Diese Szene hatte ihr +gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht loskommen. Sie +versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen ausgesehen +hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen +überhaupt sei ... + +</P><P> + +Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor +sich hin: „Ach, süß, süß!“ Und dann fragte sie sich: „Ob er +eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!“ + +</P><P> + +Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor +Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche +Lichter. Emma legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme +weit aus. + +</P><P> + +Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: „Ach, warum hat +es der Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem +Grunde?“ + +</P><P> + +Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als +wache sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll +auszog, klagte sie über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte +sie aber, wie der Abend verlaufen sei. + +</P><P> + +„Leo ist heute zeitig gegangen“, erzählte Karl. + +</P><P> + +Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten +Glückseligkeit schlummerte sie ein. + +</P><P> + +Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn +Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen +pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener +Gascogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er +einte in sich die lebhafte Redseligkeit des Südländers und +die nüchterne Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein +feistes, aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah +aus, als sei es mit Süßholztinktur gefärbt, und sein +weißes Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren +schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was er früher +getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer +gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas aber +stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen +ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war +er kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung +herum, als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte. + +</P><P> + +Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe +ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich +dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß +er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings +sei eine „armselige Butike“ wie die seine nicht gerade +verlockend für eine „elegante Dame“. Diese beiden Worte betonte +er ganz besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache +sich anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, +Wäsche, Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre +regelmäßig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den +ersten Firmen in Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm +erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vorübergehen, um der +gnädigen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen +ganz besonders günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. +Dabei packte er aus dem Kasten ein halbes Dutzend gestickter +Halskragen. + +</P><P> + +Frau Bovary besah sie sich. + +</P><P> + +„Ich brauche nichts“, bemerkte sie. + +</P><P> + +Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher +aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar +strohgeflochtne Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus +Kokosnußschale, filigranartige Schnitzarbeiten von +Sträflingen. Sich mit beiden Händen auf den Tisch stützend, mit +langem Hals und offnem Mund, beobachtete er Emmas Augen, die +unentschlossen in all diesen Gegenständen herumsuchten. Von Zeit +zu Zeit strich er mit dem Fingernagel über die lang +hingebreiteten Tücher, als wolle er ein Stäubchen entfernen; +die Seide knisterte leise, und das grünliche Dämmerlicht +glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen +Funken. + +</P><P> + +„Was kostet so ein Tuch?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Ein paar Groschen!“ antwortete er. „Ein paar Groschen! Aber +das eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja +kein Jude!“ + +</P><P> + +Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem +Händler, der gelassen erwiderte: + +</P><P> + +„Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen +Damen vertragen, mit meiner nur nicht.“ + +</P><P> + +Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des +Biedermannes fort: + +</P><P> + +„Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. +Wenn Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir +haben.“ + +</P><P> + +Sie machte eine erstaunte Miene. + +</P><P> + +Schnell flüsterte er: + +</P><P> + +„Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können +Sie sich verlassen!“ + +</P><P> + +Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten +Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in +Behandlung hatte. + +</P><P> + +„Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, +daß sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, +er läßt sich eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß +nehmen als zu einem aus Wintertuch. Na, solange er auf dem +Damme war, da hat er schöne Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige +Frau, die wird nie vernünftig! Und dann der Schnaps, das +ist allemal der Ruin! Aber es ist immer betrübend, wenn man +sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu Ende geht.“ + +</P><P> + +Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte, +schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes. + +</P><P> + +„Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!“ erhärte er, indem +er verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. „Das bringt +alle diese Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle +mich gar nicht recht <TT>au fait</TT>. Werde +wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde +kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen, +Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verfügung! Gehorsamster +Diener!“ + +</P><P> + +Und er schloß die Türe sacht hinter sich. + +</P><P> + +Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem +Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es +schmeckte ihr alles vorzüglich. + +</P><P> + +„Wie vernünftig ich doch war!“ sagte sie bei sich und dachte an +die Seidentücher. + +</P><P> + +Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand +schnell auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, +die gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der +junge Mann eintrat, tat sie sehr beschäftigt. + +</P><P> + +Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary +schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit +einsilbig. Er saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und +spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelbüchschen. + +</P><P> + +Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel +den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, +weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie +wer weiß was gesprochen hätte. + +</P><P> + +„Armer Junge!“ dachte sie. + +</P><P> + +„Warum bin ich bei ihr in Ungnade?“ fragte er sich. + +</P><P> + +Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen +nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit. + +</P><P> + +„Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es +erneuern?“ + +</P><P> + +„Nein“, entgegnete sie. + +</P><P> + +„Warum nicht?“ + +</P><P> + +„Weil ...“ + +</P><P> + +Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen +Zwirn hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. „Warum +zersticht sie sich die Finger?“ dachte er. Eine galante Bemerkung +fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie +auszusprechen. + +</P><P> + +„So wollen Sie es also aufgeben?“ + +</P><P> + +„Was?“ fragte sie nervös. „Die Musik? Ach, du mein Gott! +Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen +und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!“ + +</P><P> + +Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein +müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte +sie im Gespräche: + +</P><P> + +„Mein Mann ist so gut!“ + +</P><P> + +Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese +Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl +stimmte er in ihr Lob ein. + +</P><P> + +„Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch +immer!“ erklärte er. + +</P><P> + +„Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!“ wiederholte sie. + +</P><P> + +„Gewiß!“ bestätigte der Adjunkt. + +</P><P> + +Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr +nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten. + +</P><P> + +„So schlimm ist es gar nicht!“ behauptete Emma heute. „Eine +gute Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.“ + +</P><P> + +Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen. + +</P><P> + +So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr +Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte +sich um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und +hielt ihr Dienstmädchen strenger. + +</P><P> + +Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch +kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, +was für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder +hätte sie über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre +Freude, ihr Glück. Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall +von schwärmerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund — die +biederen Yonviller waren keine! — an die Sachette in Viktor +Hügos „Notre-Dame“ erinnert hätten. + +</P><P> + +Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine +stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und +an seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte +sogar das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im +Schranke hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht +mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. +Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort +einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah, +fügte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so +sah: ihn am Kamin, die Hände über dem Bauche gefaltet, die +Füße behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom +Mahle und die Äuglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich das +Kind, das auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die +feinlinige schlanke Frau, wie sie sich über die Lehne seines +Großvaterstuhls beugte und ihm einen Kuß auf die Stirn gab, +— dann sagte er sich: + +</P><P> + +„Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!“ + +</P><P> + +Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand +jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er +sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre +Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor +seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer +Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem +Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen +Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der +Geliebten Genuß gewährt. + +</P><P> + +Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde +schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren +großen Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange +und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu +schreiten, ohne den Erdboden zu berühren, und es war, als +trüge sie auf der Stirne das geheimnisvolle Mal einer +höheren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und +dabei so unnahbar, daß man ihre Gegenwart wie eine eiskalte +Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der +Rosen die Kälte des Marmors, so daß man zusammenschauert. +Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann. + +</P><P> + +„Sie ist eine Frau großen Stils,“ sagte der Apotheker +einmal, „sie müßte einen Minister zum Manne haben!“ + +</P><P> + +Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr +höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn. + +</P><P> + +Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß. +Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes +Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der +Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, +um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der +Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten +nur gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er +aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts +als namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut. + +</P><P> + +Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm +nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe +beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen +Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu +haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr +beneidenswert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen +durfte. Ihre Gedanken ließen sich immer wieder auf seinem Hause +nieder, just wie die Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen +kamen, um ihre roten Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne +zu netzen. + +</P><P> + +Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr +drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein +bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; +sie erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies +herbeiführten. Aber ihre Passivität, die Angst vor der +Entscheidung und auch ihr Schamgefühl hielten sie zurück. Sie +bildete sich ein, sie hätte sich ihn bereits allzusehr +entfremdet, es wäre nun zu spät und alles sei verloren. +Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: „Ich bin eine +anständige Frau geblieben!“ Sie stellte sich vor den Spiegel in +der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob des +Opfers, das sie zu bringen wähnte. + +</P><P> + +Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum +und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in +allem ein einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen +zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel +sich darin und trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. +Ein ungeschickt serviertes Gericht, eine offengelassene Türe +brachte sie in Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht +haben konnte, ein Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, +machte sie unglücklich. Weil sich ihre kühnen Träume nicht +erfüllten, ward ihr das Haus zu eng. + +</P><P> + +Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am +allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine +Frau glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung, +Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es +nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht +er der Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür +ihres qualvollen Käfigs? + +</P><P> + +So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder +Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie +nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und +entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine +Gutmütigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer +Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und +die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte +es, daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie +gerechten Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich +erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und +immer mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie +glücklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so +zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen. + +</P><P> + +Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht, +mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit +fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten +ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe. + +</P><P> + +„Er liebt mich ja gar nicht mehr!“ sagte sie sich. „Was soll +da aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche +Erleichterung bleibt mir noch?“ + +</P><P> + +Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin, +unter endlosen Tränen. + +</P><P> + +„Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?“ +fragte das Dienstmädchen, als es einmal während +eines solchen Anfalles ins Zimmer kam. + +</P><P> + +„Ach was! Ich bin nervös!“ erklärte Emma. „Daß du ihm +ja nichts davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.“ + +</P><P> + +„Ach Gott“, meinte Felicie. „Der Tochter des alten +Fischers Guérin aus Pollet, einer Bekannten von mir in +Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging es ganz genau so. +War die trübsinnig! Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah +sie immer aus. Ihr Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, +und die Ärzte und sogar der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. +Wenns ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein ans +Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen, +platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Später, +als sie einen Mann hatte, soll sichs gegeben haben ...“ + +</P><P> + +„Bei mir aber“, erwiderte Emma, „ist es erst nach der +Hochzeit so gekommen.“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Sechstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie +noch Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten +im Garten den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr +das Ave-Maria-Läuten ins Ohr. + +</P><P> + +Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind +hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für +die Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und +weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen +in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch +kahlen Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett +auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne +zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen. +Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit +wehmütigem Frieden. + +</P><P> + +Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der +jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an +die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die +blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen +Säulchen emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien +mögen in der langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell +abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen +hingesunkenen Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie +aufschaute und in das von bläulichem Weihrauch umwobene holde +Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und +ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine +Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht ... + +</P><P> + +Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, +fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht +hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und +alles Irdische zu vergessen. + +</P><P> + +Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits +wieder aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit +zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das +Läuten der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. +Übrigens war das Läuten ein Zeichen für die Kinder im +Dorfe, daß es Zeit zur Katechismusstunde war. + +</P><P> + +Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den +Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, +baumelten mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die +hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der +niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war +das einzige bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz +dicht aneinander, und über ihnen lag beständig feiner Staub, der +dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen +darüber wie über einen eigens für sie hingebreiteten +Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das +letzte Ausklingen der Glocken. Das Summen verstummte, und +der Strang der großen Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit +dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte +sich allmählich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft, +kurze Schreie ausstoßend, und flogen zurück in ihre gelben +Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe +oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer hängenden Glasglocke. +Von weitem sah die Flamme wie ein über dem Öl schwimmender +zittriger weißer Fleck aus. Ein langer Sonnenstrahl +durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die +Nebenschiffe und Nischen. + +</P><P> + +„Wo ist der Pfarrer?“ fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich +damit belustigte, die bereits lockere Klinke der +Friedhofspforte völlig abzuwürgen. + +</P><P> + +„Der wird gleich kommen!“ war die Antwort. + +</P><P> + +Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé +Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche +hinein. + +</P><P> + +„Rasselbande!“ murmelte der Priester. „Einen wie alle Tage!“ +Er hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß +gestoßen war. „Nichts wird respektiert!“ Da bemerkte er Frau +Bovary. + +</P><P> + +„Verzeihung!“ sagte er. „Ich hatte Sie nicht erkannt.“ + +</P><P> + +Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, +indem er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern +balancierte. + +</P><P> + +Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm +seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den +Ellenbogen bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. +Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe +die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn +seines Gesichts, wurden sie zahlreicher. Es war von +Sommersprossen besät, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart +hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete geräuschvoll. + +</P><P> + +„Wie geht es Ihnen?“ erkundigte er sich. + +</P><P> + +„Schlecht!“ antwortete Emma. + +</P><P> + +„Ja, ja! Ganz wie mir“, erwiderte der Priester. „Die ersten +warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es +ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt +Paulus sagt. Und wie denkt Herr Bovary darüber?“ + +</P><P> + +„Ach der!“ Sie machte eine verächtliche Gebärde. + +</P><P> + +„Was?“ erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. +„Verordnet er Ihnen denn nichts?“ + +</P><P> + +„Ach,“ meinte sie, „irdische Heilmittel, die nutzen mir +nichts.“ + +</P><P> + +Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch +hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet +waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie +reihenweise wie die Kegel umpurzelten. + +</P><P> + +„Ich möchte gern wissen ...“, fuhr Emma fort. + +</P><P> + +„Warte nur, Boudet, warte du nur!“ unterbrach sie der Priester +in zornigem Tone. „Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du +Schlingel, du!“ Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: „Das ist +der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; +sie lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel +könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist +gar nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?“ + +</P><P> + +Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der +Geistliche fuhr fort: + +</P><P> + +„Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir +beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...“ +Er lachte behäbig, „... er als Arzt des Leibes und ich +der Seele.“ + +</P><P> + +Emma schaute ihn flehentlich an. + +</P><P> + +„Sie! Ja!“ sagte sie. „Sie heilen alle Wunden!“ + +</P><P> + +„Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag, +da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer +wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext. +Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! — Longuemarre +und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!“ Mit einem +großen Satze war er drinnen in der Kirche. + +</P><P> + +Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf +den Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den +Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links +einen Hagel von Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am +Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, +als ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese +hineindrücken wollte. + +</P><P> + +„So!“ sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, +während er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich +den Schweiß von der Stirn wischte. „Die Landleute sind recht zu +bedauern ...“ + +</P><P> + +„Andre Leute auch“, meinte sie. + +</P><P> + +„Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.“ + +</P><P> + +„Die meine ich nicht.“ + +</P><P> + +„Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen +lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie +hatten nicht einmal das tägliche Brot.“ + +</P><P> + +„Ich meine solche,“ fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel +zitterten, während sie sprach, „solche, Herr Pfarrer, die zwar +ihr täglich Brot haben, aber kein ...“ + +</P><P> + +„Kein Holz im Winter ...“, ergänzte der Priester. + +</P><P> + +„Ach, was liegt daran?“ + +</P><P> + +„Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine +warme Stube ... denn schließlich ...“ + +</P><P> + +„O du mein Gott!“ seufzte Emma. + +</P><P> + +„Ist Ihnen nicht wohl?“ fragte er, indem er sich ihr besorgt +näherte. „Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau +Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. +Oder vielleicht lieber eine Limonade?“ + +</P><P> + +„Wozu?“ + +</P><P> + +Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume. + +</P><P> + +„Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, +es sei Ihnen schwindlig.“ Er besann sich. „Aber wollten Sie +mich nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es +denn?“ + +</P><P> + +„Ich? Nichts ... oh, nichts!“ stammelte Emma. + +</P><P> + +Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den +alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne +etwas zu sagen. + +</P><P> + +„Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary“, sagte er nach einer +Weile. „Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen +da. Die erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie +überrumpelt uns. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle +Mittwoch eine Stunde länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie +nicht früh genug auf den Weg des Herrn leiten, wie es +Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung, +Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!“ + +</P><P> + +Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das +Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den +Bänken verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig +eingezogen, die beiden Hände in segnender Haltung. + +</P><P> + +Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf +einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine +Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des +Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben ... + +</P><P> + +„Bist du ein Christ?“ + +</P><P> + +„Ja, ich bin ein Christ.“ + +</P><P> + +„Wer ist ein Christ?“ + +</P><P> + +„Wer getauft ist und ...“ + +</P><P> + +Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am +Geländer festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren +Lehnstuhl. + +</P><P> + +Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch +die Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren +Plätzen, halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in +einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und +eintönig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um +sich herum empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem +wilden Sturm in ihrem Innern ... + +</P><P> + +Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren +gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie +haschte nach den Bändern ihrer Schürze. + +</P><P> + +„Laß mich!“ sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab. + +</P><P> + +Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie. +Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen +blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen +Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne +Schürze. + +</P><P> + +„Laß mich!“ wiederholte die junge Mutter sehr unwillig. + +</P><P> + +Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann +zu schreien. + +</P><P> + +„Aber so laß mich doch!“ sagte Emma barsch und stieß ihr Kind +mit dem Ellenbogen zurück. + +</P><P> + +Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der +ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte +auf das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am +Klingelzug und rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe +daran, sich Vorwürfe zu machen, da erschien Karl. Es war um +die Essenszeit. Er kam von seiner Praxis heim. + +</P><P> + +„Sieh, mein Lieber,“ sagte sie ruhigen Tones, „die Kleine +ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.“ + +</P><P> + +Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster. + +</P><P> + +Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind +allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief, +verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht +töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer +Geringfügigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die +Kleine nicht mehr. Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene +Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den +halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse +Augensterne schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster +verzog die Haut. + +</P><P> + +„Merkwürdig!“ dachte Emma bei sich. „Wie häßlich das Kind +ist!“ + +</P><P> + +Als Karl um elf Uhr nach Hause kam — er war nach Tisch zum +Apotheker gegangen —, fand er seine Frau an der Wiege stehen. + +</P><P> + +„Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!“ +versicherte er ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. +„Ängstige dich nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!“ + +</P><P> + +Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar +nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich +Homais für verpflichtet gefühlt, ihn „aufzurappeln“. Dann +hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder +ausgesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. +Frau Homais mußte ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte +sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die +damalige Köchin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen! +Infolgedessen waren die braven Homais über die Maßen +vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der +Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und +vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht. Die +Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten +keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der +geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons +voll, und als sie bereits über vier Jahre alt waren, +mußten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die +Köpfe tragen. Das war lediglich eine Schrulle der Mutter; der +Apotheker war insgeheim sehr betrübt darüber, weil er Angst +hatte, dieses Zusammenpressen könne dem Gehirn schädlich +sein. Einmal entfuhr es ihm: + +</P><P> + +„Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?“ + +</P><P> + +Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in +eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die +Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu: + +</P><P> + +„Ich wollte Sie noch etwas fragen!“ + +</P><P> + +„Sollte er etwas gemerkt haben?“ fragte sich der Adjunkt. Er +bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen. + +</P><P> + +Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle +sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein +hübsches Lichtbild koste. Er hegte nämlich schon lange den +sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu +überraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu +lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so +ungefähr zu stehen käme. Dem Adjunkt mache das wohl keine +besondre Mühe, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt +führe. + +</P><P> + +Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete +Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er +sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in +Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er +seine Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu +kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte +unwirsch, er sei kein Polizeibüttel. + +</P><P> + +Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar +vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit +den Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen +über das menschliche Dasein aus. + +</P><P> + +„Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen“, meinte der +Steuereinnehmer. + +</P><P> + +„Womit denn?“ + +</P><P> + +„Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.“ + +</P><P> + +„Aber ich kann doch nicht drechseln“, erwiderte der Adjunkt. + +</P><P> + +„Ach ja, freilich!“ + +</P><P> + +Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn. + +</P><P> + +Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige +Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn +erfüllten, keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die +Yonviller ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und +bestimmte Häuser nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu +geraten. Besonders unausstehlich wurde ihm nachgerade der +biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf +völlig neue Verhältnisse genau so sehr, wie er sich danach +sehnte. Dieses bange Gefühl wandelte sich nach und nach in +Unruhe, und nun lockte ihn Paris, das ferne Paris mit der +rauschenden Musik seiner Maskenfeste und dem Lachen seiner +Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden. +Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt ihn zurück? + +</P><P> + +In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er +machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer +aus. Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. +Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu +ein Samtbarett und Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über +dem Kamin sollten zwei gekreuzte Floretts hängen, ein +Totenschädel darüber und die Gitarre darunter. Wundervoll! + +</P><P> + +Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu +bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der +allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer +andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo +zunächst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen +Adjunktenposten in Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er +schließlich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr +ausführlich auseinandersetzte, warum er ohne weiteres +nach Paris übersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden. + +</P><P> + +Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen +lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville +Koffer, Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er +vervollständigte seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle +aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen +Halstüchern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, als +wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf +Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief seine Abreise +beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen nach einem +Semester zu machen. + +</P><P> + +Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte +Frau Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine +Rührung, wie sich das für einen ernsten Mann schickt. Er +ließ es sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seines +Freundes eigenhändig bis zur Gartenpforte des Notars +zu tragen, wo des letzteren Kutsche wartete, die den +Scheidenden nach Rouen fahren sollte. + +</P><P> + +Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch +im Hause des Arztes. + +</P><P> + +Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem +zu schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft +entgegen. + +</P><P> + +„Da bin ich noch einmal!“ sagte Leo. + +</P><P> + +„Ich hab es erwartet!“ + +</P><P> + +Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der +Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über +rot, vom Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie +blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung. + +</P><P> + +„Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?“ + +</P><P> + +„Er ist fort.“ + +</P><P> + +Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre +Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich +aneinander wie zwei klopfende Herzen. + +</P><P> + +„Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben“, sagte +Leo. + +</P><P> + +Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. +Leo warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, +den Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich +nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das +Mädchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem +Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten. + +</P><P> + +Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn. + +</P><P> + +„Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!“ + +</P><P> + +Er gab das Kind der Mutter zurück. + +</P><P> + +„Bring sie weg!“ befahl Emma. + +</P><P> + +Sie waren wiederum allein. + +</P><P> + +Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht +gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand +und schlug damit leise gegen seinen Schenkel. + +</P><P> + +„Es wird wohl regnen“, bemerkte Emma. + +</P><P> + +„Ich habe einen Mantel“, antwortete er. + +</P><P> + +„So!“ + +</P><P> + +Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt +über ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab +in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen +geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen. + +</P><P> + +„Also adieu!“ seufzte Leo. + +</P><P> + +Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung. + +</P><P> + +„Ja, adieu! Sie müssen gehen!“ + +</P><P> + +Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie +zögerte. + +</P><P> + +„Sozusagen ein französischer Abschied!“ meinte sie, indem sie +ihm die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen. + +</P><P> + +Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als +ströme ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand +wieder öffnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann +ging er. + +</P><P> + +Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich +hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr +weißes Haus mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da +vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihres +Zimmers zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von +selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen +senkrechten Falten zurück, in denen er dann regungslos +stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte von dannen. + +</P><P> + +Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der +Straße halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und +hielt das Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten +miteinander. Man wartete auf ihn. + +</P><P> + +„Lassen Sie sich noch einmal umarmen!“ sagte Homais, Tränen +in den Augen. „Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten +Sie sich unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie +sich ordentlich in acht!“ + +</P><P> + +„Einsteigen, Herr Düpuis!“ mahnte der Notar. + +</P><P> + +Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte +mit tränenerstickter Stimme nichts als die +beiden wehmütigen Worte: + +</P><P> + +„Glückliche Reise!“ + +</P><P> + +„Guten Abend, Herr Apotheker!“ rief Guillaumin. „Los!“ + +</P><P> + +Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts. + +</P> +<HR STYLE="width: 65%;" /> +<P> + +Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres +Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung +nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. +Leichteres finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge +heran, durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die +goldnen Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe +hervorschossen. Der übrige wolkenlose Teil des +Himmelszeltes war weiß wie Porzellan. Ruckweise Windstöße +beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich rauschte Regen herab +und prasselte durch das grünschimmernde Laubwerk. Bald kam die +Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten. Die Spatzen +schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in den +Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote +Akazienblüten. + +</P><P> + +„Wie weit mag er nun schon sein!“ dachte sie. + +</P><P> + +Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise. + +</P><P> + +„Na,“ sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, „unsern +jungen Freund hätten wir glücklich verfrachtet!“ + +</P><P> + +„Wie man mir berichtet hat“, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf +seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: „Und was +gibts bei Ihnen Neues?“ + +</P><P> + +„Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein +bißchen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich +aus dem Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man +soll ihnen daraus keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben +zarter besaitet als unsre.“ + +</P><P> + +„Der arme Leo,“ bemerkte Karl, „wie wirds ihm in Paris +ergehen? Wird er sich dort einleben?“ + +</P><P> + +Frau Bovary seufzte. + +</P><P> + +„Natürlich!“ meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge. +„Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich +schon, versichre ich Ihnen.“ + +</P><P> + +„Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird“, warf Bovary +ein. + +</P><P> + +„Gott bewahre!“ entgegnete Homais lebhaft. „Aber mit den +Wölfen wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als +Duckmäuser verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese +Kerlchens im Studentenviertel für ein flottes Leben +führen! Mit ihren kleinen Mädchen! Übrigens sind die +Studenten in Paris überall gern gesehen. Wenn einer nur ein +bißchen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise +offen. Und es gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine +Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und das gibt +ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten.“ + +</P><P> + +„Das mag schon sein,“ sagte der Arzt, „ich habe nur Angst, +er ... wird ... dort ...“ + +</P><P> + +„Sehr richtig,“ unterbrach ihn der Apotheker, „das ist die +Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend +die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer +öffentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, +anständig angezogen, womöglich ein Ordensbändchen im +Knopfloch. Man könnte ihn für einen Diplomaten halten. Er +spricht Sie an. Sie kommen ins Plaudern. Er bietet Ihnen eine +Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er +nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in sein Landhaus ein, +macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und Teufel bekannt — und +das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in +gefährliche Abenteuer.“ + +</P><P> + +„So ist es!“ gab Karl zu. „Aber ich dachte vor allem an die +Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der +Großstadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.“ + +</P><P> + +Emma zuckte zusammen. + +</P><P> + +„Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise“, fuhr +der Apotheker fort, „und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung +des ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das +Pariser Wasser! An das Essen in den Restaurants! Diese +starkgewürzten Speisen verderben schließlich das Blut. Man +mag sagen, was man will, mit einer guten Hausmannskost +sind sie nicht zu vergleichen. Ich für meinen Teil, ich schätze +von jeher die bürgerliche Küche. Die ist am gesündesten. Als +ich <TT>stud. pharm.</TT> in Rouen war, da habe +ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren +Professoren aßen auch da ...“ + +</P><P> + +In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im +allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern +auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer +bestellten Arznei holte. + +</P><P> + +„Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!“ schimpfte er. +„Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein +Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein +Hundedasein!“ + +</P><P> + +In der Tür sagte er noch: + +</P><P> + +„Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?“ + +</P><P> + +„Was denn?“ + +</P><P> + +Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene. + +</P><P> + +„Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der +Landwirte unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. +Man munkelt wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch +schon eine Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von +großer Bedeutung! Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich +sehe schon. Justin hat die Laterne mit ...“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Siebentes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Der nächste Tag war für Emma ein Tag der Betrübnis. Alles +um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, +verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit +leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsames Schloß. Sie +verfiel in die Träumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er +etwas auf immerdar verloren hat. Sie empfand die Müdigkeit, +die ihn der vollendeten Tatsache gegenüber übermannt, den +Schmerz, der ihn überkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne +Bewegung plötzlich stockt, wenn Schwingungen jäh aufhören, die +lange in ihm vibriert haben. + +</P><P> + +Wie damals nach der Rückkehr vom Schlosse Vaubyessard, als +die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, +war sie voll düsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo +stand vor ihrer Phantasie immer größer, schöner, +verführerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so +hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den Wänden +ihres Hauses schien sein Schatten noch zu haften. Immer +wieder schaute sie auf den Teppich, über den er so oft gegangen, +auf die leeren Stühle, wo er gesessen. Draußen kroch das +Flüßlein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen, +zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so +oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine. +Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die +Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein +gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, bloßen Kopfes, in +einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der drüben von den +Wiesen her wehte, hatte die Blätter des Buches bewegt und +die violetten Blüten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war +er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die einzige +Hoffnung, daß sich ihr das erträumte Glück noch erfülle! +Warum hatte sie dieses Glück nicht mit beiden Händen +festgehalten, in den Schoß genommen, es nicht in die Ferne +gelassen? Sie verwünschte sich, Leos Geliebte nicht geworden +zu sein. Sie dürstete nach seinen Lippen. Am liebsten wäre sie +ihm nachgelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm +gesagt: „Hier bin ich! Nimm mich!“ Aber vor den Hindernissen, +die sich der Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt +hätten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz darüber +schürte ihre Sehnsucht zu noch heißerer Glut. + +</P><P> + +Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt +ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein +einsames Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen +Steppe inmitten des Schnees angezündet haben. Zu diesem +Feuer flüchtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte es +sorgfältig wieder an, wenn es zu verlöschen drohte. Im +Umkreise um sich herum suchte sie alles mögliche herbei, um +diese Flammen zu nähren. Die fernsten Erinnerungen und die +frischesten Ereignisse, Erlebtes und Erträumtes, die +wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach +Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre nutzlose +Tugend, ihre getäuschten Illusionen, die Armseligkeit ihres +Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es +zusammen und warf es in die Glut, um ihre Trübsal daran zu +wärmen. + +</P><P> + +Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm +die Nahrung fehlte, sei es, weil die Überfülle von Brennstoff +es erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam +allmählich ihre Liebe. Das Ineinemfort tötete den Schmerz, +und am Himmel ihrer Gefühle verblaßte der erst grellrote +Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. Während +ihres phantastischen Zustandes hatte sich ihr Widerwille +gegen den Gatten in Schwärmerei für den Geliebten verwandelt, +und die Glut ihres Hasses hatte ihre zärtliche Sehnsucht +gewärmt. Aber nunmehr, da ihre stürmische unbefriedigte +Leidenschaft zu Asche gebrannt war, das keine Hilfe kam und +keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In +eisiger Kälte stand sie einsam da und erstarrte. + +</P><P> + +Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur +bildete sie sich ein, noch unglücklicher denn damals zu sein, +weil sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wußte, +daß es nie anders werden könne. + +</P><P> + +Eine Frau, die so viel geopfert, sei — so sagte sie sich — +wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gönnen. +Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in +vier Wochen für vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer +Hände. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues +Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schönsten Schal +aus und trug ihn über ihrem Hauskleid. Sie schloß die +Läden, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem +Sofa liegen. + +</P><P> + +Häufig änderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe +Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zöpfen, bald einen +Scheitel. + +</P><P> + +Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so +kaufte sie sich ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Menge +Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektüre, +las Geschichtswerke und philosophische Schriften. + +</P><P> + +Nachts fuhr Karl mitunter in die Höhe, im Glauben, man hole +ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er: + +</P><P> + +„Ich bin gleich fertig!“ + +</P><P> + +Aber es war nur das Knistern des Streichholzes +gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angezündet hatte. Sie wollte +lesen. Aber es ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen +ein ganzer Stoß angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie +anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen. + +</P><P> + +Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem +Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem +Manne gegenüber, sie könne ein Weinglas voll Schnaps mit +einem Zuge leeren, und da Karl so töricht war, es zu +bezweifeln, tat sie es wirklich. + +</P><P> + +Bei allen ihren „Extravaganzen“ (die Spießbürger von Yonville +nannten das so!) sah Emma keineswegs +unternehmungslustig aus. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel +lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und +verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war völlig blaß, weiß +wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Flügeln zu +Fältchen, und ihre Augen blickten wie ins Leere. Seitdem sie +an den Schläfen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie +sich gesprächsweise eine alte Frau. + +</P><P> + +Oft hatte sie Schwindelanfälle, und eines Tages spuckte sie +sogar Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemühte und seine +Besorgnis verriet, meinte sie: + +</P><P> + +„Laß mich! Es ist mir alles gleich!“ + +</P><P> + +Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurück. Er sank in seinen +Schreibsessel, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und +weinte — unter dem phrenologischen Schädel. + +</P><P> + +Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat +sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz +Emmas wegen statt. Welche Maßnahmen sollten getroffen werden? +Was sollte geschehen? Wo sie jedwede ärztliche Behandlung +ablehnte! + +</P><P> + +„Weißt du, was deiner Frau fehlt?“ meinte Frau Bovary +schließlich. „Eine ordentliche Beschäftigung! Körperliche +Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr tägliches Brot selber +verdienen müßte, dann hätte sie keine Nerven und Launen. Die +kommen bloß von den überspannten Ideen, die sie sich aus +purer Langweile in den Kopf setzt.“ + +</P><P> + +„Beschäftigung hat sie doch aber!“ erwiderte Karl. + +</P><P> + +„So! Sie hat Beschäftigung? Was für welche denn? Romane +schmökert sie, schlechte Bücher, Schriften gegen die Religion, +in denen die Geistlichen verhöhnt werden mit Redensarten +aus dem Voltaire! Armer Junge, das führt zu nichts +Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt es mal ein +schlechtes Ende!“ + +</P><P> + +Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das +schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf +sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persönlich zum +Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn +der Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man +da nicht das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden? + +</P><P> + +Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war +steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie, +abgesehen von den häuslichen Anordnungen und den höflichen +Formeln bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei +Worte gewechselt. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage +von Yonville. Vom frühen Morgen ab war an diesem Tage auf dem +Marktplatz, gleichlaufend mit den Häusern von der Kirche bis +zum Goldnen Löwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren, +Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespießten Deichseln. Auf der +andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen +Baumwollenwaren, Decken und Strümpfe feilgeboten wurden, daneben +Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bändern, deren Enden im +Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Käsekörben, aus +denen klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand +Eisenwaren auf dem Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergerät +gackerten Hühner in flachen Körben und steckten ihre Hälse +durch die Luftlöcher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen, +gerade nach den Stellen, wo das Gedränge schon am dichtesten +war. So geriet bisweilen das Schaufenster der Apotheke +wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. Es +standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu +kaufen als vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr +Homais war in den benachbarten Ortschaften ein berühmter Mann. +Seine rücksichtslose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten +ihn für einen besseren Arzt als alle Doktoren im ganzen Lande. + +</P><P> + +Emma saß an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in +der Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich +über das wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in +einem Rock von grünem Samt, mit gelben Handschuhen; +sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht +mit gesenktem Kopf und recht trübseliger Miene folgte ihm. Beide +gingen auf das Bovarysche Haus zu. + +</P><P> + +„Ist der Herr Doktor zu sprechen?“ fragte der Herr den +Apothekergehilfen, der an der Haustüre mit Felicie plauderte. +Er hielt ihn für den Diener des Arztes. „Melden Sie Herrn +Rudolf Boulanger von der Hüchette.“ + +</P><P> + +Es war keineswegs Eitelkeit, daß der Ankömmling sein +Gut zu seinem Namen fügte. Er wollte nur genau angeben, wer er +war. Die Hüchette war nämlich ein Rittergut in der Nähe von +Yonville, das er samt zwei Meiereien unlängst gekauft hatte. +Er bewirtschaftete es selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei +anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte „so mindestens +seine fünfzehntausend Franken“ im Jahr zu verzehren. + +</P><P> + +Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger +überwies ihm seinen Knecht, der einen Aderlaß wünsche, weil +er am ganzen Körper ein Kribbeln wie von Ameisen habe. + +</P><P> + +„Das wird mich erleichtern“, wiederholte der Bursche auf alle +Einwände. Bovary ließ sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine +Schüssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein. + +</P><P> + +Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz blaß geworden +war. + +</P><P> + +„Nur keine Angst, mein Lieber!“ + +</P><P> + +„Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!“ erwiderte er. + +</P><P> + +Dabei hielt er mit prahlerischer Gebärde seinen dicken Arm hin. +Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und +spritzte bis zum Spiegel hin. + +</P><P> + +„Die Schüssel!“ rief Karl. + +</P><P> + +„Donnerwetter!“ meinte der Knecht. „Das ist ja der reine +Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein +gutes Zeichen, nicht wahr?“ + +</P><P> + +Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel +zurück, daß die Lehne krachte. + +</P><P> + +„Das hab ich mir gleich gedacht!“ bemerkte Bovary, indem er +mit den Fingern die angestochne Ader zudrückte. „Erst gehts +ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten +Kerlen wie dem da!“ + +</P><P> + +Die Schüssel in Justins Händen geriet ins Schwanken. Die +Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl. + +</P><P> + +„Emma! Emma!“ rief der Arzt. + +</P><P> + +Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter. + +</P><P> + +„Essig!“ rief ihr Karl zu. „Ach du mein Gott! Gleich zweie auf +einmal!“ + +</P><P> + +In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen. + +</P><P> + +„'s ist weiter nichts!“ meinte Boulanger gelassen, der +Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und +lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. + +</P><P> + +Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmächtigen das +Halstuch aufzuknüpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich +lösen, und so berührte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren +Fingern den Hals des jungen Burschen. Dann goß sie Essig +auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die +Schläfen und blies dann ein wenig darauf. + +</P><P> + +Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht +dauerte an. Seine Augäpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert +wie blaue Blumen in Milch. + +</P><P> + +„Er darf das da nicht sehen!“ ordnete Karl an. + +</P><P> + +Frau Bovary ergriff die Schüssel und setzte sie unter den Tisch. +Bei diesem Sichbücken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber +Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der +Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die +Arme ausstreckte und sich dabei in den Hüften ein wenig hin +und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine +Wasserflasche und löste ein paar Stück Zucker in einem Glase. + +</P><P> + +In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mädchen +hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen +wieder bei Bewußtsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn +herum und betrachtete sich ihn von oben bis unten. + +</P><P> + +„Dummkopf!“ brummte er. „Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! +Als obs wer weiß was wäre! Ein bißchen Aderlaß! +Weiter nichts! Und das will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn +es gilt, von den höchsten Bäumen die Nüsse herunterzuholen, +da klettert er wie ein Eichhörnchen ... Na, tu deinen Mund auf +und zeig dich mal in deiner Gloria! Das sind ja nette +Eigenschaften für einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage +dir: als Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum +Beispiel vor Gericht als Sachverständiger. Da heißt es +kaltblütig sein, hübsch ruhig überlegen und ein ganzer Mann +sein! Sonst gilt man als Schwachmatikus ...“ + +</P><P> + +Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort: + +</P><P> + +„Wer hat dir denn übrigens gesagt, daß du hierher gehen +sollst? In einem fort belästigst du Herrn und Frau Doktor! Noch +dazu an den Markttagen, wo du drüben so notwendig gebraucht +wirst! Es warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen +habe ich alles stehn und liegen lassen. Marsch! Hinüber! Trab! +Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!“ + +</P><P> + +Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und +fort war, plauderte man noch ein wenig über Ohnmachtanfälle. +Frau Bovary sagte, sie hätte noch nie einen gehabt. + +</P><P> + +„Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!“ behauptete +Boulanger. „Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich +sind. Da hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, daß ein +Zeuge ohnmächtig wurde, als die Pistolen beim Laden +knackten.“ + +</P><P> + +„Was mich anbelangt,“ erklärte der Apotheker, „mich stört +der Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloße +Gedanke, ich selber könne bluten, der macht mich schwindlig, wenn +ich nicht schnell an was andres denke.“ + +</P><P> + +Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er +ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen. + +</P><P> + +„Nun ists aber alle mit der Einbildung!“ sagte er ihm. „Die +hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft“, fügte er +hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen +Taler auf die Tischecke, grüßte flüchtig und verschwand. + +</P><P> + +Bald darauf erschien er drüben auf dem andern Ufer des +Baches. Das war sein Weg nach der Hüchette. Emma sah ihm +von einem der Hinterfenster nach, wie er über die Wiesen ging, +die Pappeln entlang, langsam wie einer, der über etwas +nachdenkt. + +</P><P> + +„Allerliebst!“ sagte er bei sich. „Wirklich allerliebst, diese +Doktorsfrau. Schöne Zähne, schwarze Augen, niedliche Füße +und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo +mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?“ + +</P><P> + +Rudolf Boulanger war vierunddreißig Jahre alt von roher +Gemütsart und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit +Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel +ihm. Somit beschäftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann. + +</P><P> + +„Ich glaube, er ist mordsblöde. Sie hat ihn satt, +zweifelsohne. Er hat dreckige Fingernägel und rasiert sich nur +aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie +daheim und stopft Strümpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach +der großen Stadt und möchte am liebsten alle Abende auf den +Ball. Arme kleine Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein +Karpfen auf dem Küchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und +sie ist futsch! Sicherlich! Das wär was fürs Herze! +Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder los?“ + +</P><P> + +Diese Einschränkung des in der Ferne stehenden Genusses +erinnerte ihn — zum Kontrast — an seine Geliebte, eine +Schauspielerin in Rouen, die er aushielt. Er vergegenwärtigte +sich ihren Körper, dessen er sogar in der Vorstellung +überdrüssig war. + +</P><P> + +„Ja, diese Frau Bovary,“ dachte er bei sich, „die ist viel +hübscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett. +Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft für +Krebse!“ + +</P><P> + +Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hörte nichts als +das taktmäßige Rascheln der Halme, die er beim Gehen +streifte, und das ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er +schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie +gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie. + +</P><P> + +„Oh, ich werde sie haben!“ rief er aus und zerschlug mit +einem Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im +Wege lag. + +</P><P> + +Sodann überlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er +fragte sich: + +</P><P> + +„Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das +zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das +Dienstmädel, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche +Klatsch! Ach was! Unnütze Zeitvergeudung!“ + +</P><P> + +Nach einer Weile begann er von neuem: + +</P><P> + +„Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und +wie blaß sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwärmerei!“ + +</P><P> + +Auf der Höhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig. + +</P><P> + +„Ich brauche bloß noch günstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde +ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und +Geflügel. Nötigenfalls lasse ich mich ein bißchen +schröpfen. Wir müssen gute Freunde werden. Dann lade ich die +beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, nächstens ist doch der +Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie +sehen! Dann heißts: Attacke! Und feste drauf! Das ist immer +das Beste.“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Achtes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der +Landwirte! Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von +Yonville an ihren Haustüren und sprachen von den Dingen, die +da kommen sollten. Die Stirnseite des Rathauses war mit +Efeugirlanden geschmückt. Drüben auf einer Wiese war ein +großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen worden, und +mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller, der die +Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd +verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy — in Yonville gab +es keine — war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen +Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps +vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen +als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein +Oberkörper so steif und starr, daß es aussah, als sei +alles Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich +parademarschmäßig bewegten. Da der Oberst der Bürgergarde und +der Hauptmann der Feuerwehr eifersüchtig aufeinander waren, +wollte jeder den andern ausstechen, und so exerzierten beide +ihre Mannschaft für sich. Abwechselnd sah man die roten +Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und +wieder abschwenken. Das ging immer wieder von neuem an und nahm +schier kein Ende! + +</P><P> + +Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit +gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser +abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den +halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da +schönes Wetter war, sahen die gestärkten Häubchen weißer +wie Schnee aus, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne +wie eitel Gold, und die bunten Tücher leuchteten buntscheckig +aus dem tristen Einerlei der schwarzen Röcke und blauen Blusen +hervor. Die Pächtersfrauen kamen aus den umliegenden +Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln +heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt hatten, damit +sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die Männer +andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher +darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten. + +</P><P> + +Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der +Landstraße heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und +Häuser. Überall klingelten die Türen, um die Bürgerinnen +herauszulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze +wallten. + +</P><P> + +Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden +Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade für die +Ehrengäste, erregten ganz besonders die allgemeine +Bewunderung. Übrigens hatte man an den vier Säulen am +Rathause so etwas wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine +Art Standarte aus grüner Leinwand. Auf der einen las man: +HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der dritten: INDUSTRIE, der +vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT. + +</P><P> + +Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann, +warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau +Franz, der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres +Gasthofes stehend, räsonierte sie vor sich hin: + +</P><P> + +„So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun! +Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders +ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll, +wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen +Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra +einen Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen +übrigens? Für Kuhjungen und Lumpenpack!“ + +</P><P> + +Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen, +Lackschuhen und — ausnahmsweise (statt des gewohnten +Käppchens) — einem Hut von niedriger Form. + +</P><P> + +„Ihr Diener!“ sagte er. „Ich habs eilig!“ + +</P><P> + +Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er: + +</P><P> + +„Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst +den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im +Käse ...“ + +</P><P> + +„In was für Käse?“ unterbrach ihn die Wirtin. + +</P><P> + +„Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint“, entgegnete +Homais. „Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im +allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute +freilich muß ich in Anbetracht ...“ + +</P><P> + +„Ah! Sie gehen auch hin?“ fragte sie in geringschätzigem Tone. + +</P><P> + +„Gewiß gehe ich hin!“ sagte der Apotheker erstaunt. „Ich +gehöre ja zu den Preisrichtern!“ + +</P><P> + +Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte +sie lächelnd: + +</P><P> + +„Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die +Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?“ + +</P><P> + +„Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch +Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, +beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen und den +Molekularverhältnissen aller Körper, die in der Natur vorkommen. +Folglich gehört auch die Landwirtschaft in das Gebiet meiner +Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der Düngemittel, +die Gärungen der Säfte, die Analyse der Gase und die Wirkung der +Miasmen .., ich bitte Sie, was ist das weiter als pure +bare Chemie?“ + +</P><P> + +Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort: + +</P><P> + +„Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der +Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die +Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat, +die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen +Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die +Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des +Wassers, die Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre +Kapillarität! Und tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den +Grundsätzen der Hygiene völlig vertraut sein, um den Bau von +Gebäuden, die Unterhaltung der Haus- und Arbeitstiere und +die Ernährung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu +können. Fernerhin, Frau Franz, muß man die Botanik intus +haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden können, verstehen Sie, +die nützlichen von den schädlichen, die nutzlosen und die +nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen, +welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen muß. Kurz und gut, +man muß sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem +man die Broschüren und die öffentlichen Bekanntmachungen liest, +und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu +gehen ...“ + +</P><P> + +Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café +Français nicht aus den Augen. Der Apotheker redete +weiter: + +</P><P> + +„Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie +hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! +Da habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine +Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: „Der Apfelwein. +Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen +Betrachtungen hierüber.“ Ich habe sie der „Rouener +Agronomischen Gesellschaft“ übersandt, die mich daraufhin unter +ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für +Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt +erschiene ...“ + +</P><P> + +Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas +ganz andrem in Anspruch genommen war. + +</P><P> + +„Sehr richtig!“ unterbrach er sich selber. „Eine unglaubliche +Spelunke!“ + +</P><P> + +Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die +Maschen ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit +beiden Händen deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem +wüster Gesang herüberhallte. + +</P><P> + +„Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!“ +bemerkte sie. „In acht Tagen ist der Rummel alle!“ + +</P><P> + +Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam +die drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr: + +</P><P> + +„Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er +ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals +abgeschnitten. Mit Wechseln!“ + +</P><P> + +„Eine fürchterliche Katastrophe!“ rief der Apotheker aus, +der für alle möglichen Ereignisse immer das passende +Begleitwort zur Hand hatte. + +</P><P> + +Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen. +Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich +sie Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht +ausstehen konnte, mißbilligte sie doch das Vorgehen von +Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Halsabschneider. + +</P><P> + +„Da! Sehen Sie!“ fügte sie hinzu. „Da geht er! Unter den +Hallen! Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut +auf und geht am Arm von Herrn Boulanger.“ + +</P><P> + +„Frau Bovary!“ echote Homais. „Ich muß ihr schnell guten +Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der +Tribüne vor dem Rathause erwünscht.“ + +</P><P> + +Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte +weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit +lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei +ihn die langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde +umflatterten, daß er wer weiß wieviel Raum einnahm. + +</P><P> + +Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte. + +</P><P> + +Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend +und in brutalem Tone sagte er zu ihr: + +</P><P> + +„Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!“ + +</P><P> + +Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen. + +</P><P> + +„Was soll das heißen?“ fragte er sie. Dabei blinzelte er +sie im Weitergehen von der Seite an. + +</P><P> + +Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre +Gedanken. Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die +lichte Luft, unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen +blaßfarbene Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre +Augen blickten geradeaus unter ihren etwas nach oben +gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie völlig geöffnet waren, +erschienen sie doch ein wenig zugedrückt durch den oberen Teil +der Wangen, weil das Blut die feine Haut straffte. Durch die +Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen glänzte +das Perlmutter ihrer spitzen Zähne. Den Kopf neigte sie zur +einen Schulter. + +</P><P> + +„Mokiert sie sich über mich?“ fragte sich Rudolf. + +</P><P> + +In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur +ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von +Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen +ins Gespräch zu kommen. + +</P><P> + +„Ein herrlicher Tag heute! — Alle Welt ist auf den Beinen! — +Wir haben Ostwind!“ + +</P><P> + +Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux +bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit +einem ewigen „Wie meinen?“ dazwischenfuhr, wobei er jedesmal +den Hut lüftete. + +</P><P> + +Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab +in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut: + +</P><P> + +„Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!“ + +</P><P> + +„Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!“ lachte Emma. + +</P><P> + +„Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?“ +meinte Rudolf. „Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit +Ihnen ...“ + +</P><P> + +Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom +schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren +spazieren zu gehen. + +</P><P> + +Ein paar Gänseblümchen standen am Raine. + +</P><P> + +„Die niedlichen Dinger da!“ sagte er. „Und so viele! Genug +Orakel für die verliebten Mädels des ganzen Landes!“ +Ein paar Augenblicke später setzte er hinzu: „Soll ich welche +pflücken? Was denken Sie darüber?“ + +</P><P> + +„Sind Sie denn verliebt?“ fragte Emma und hustete ein wenig. + +</P><P> + +„Wer weiß?“ meinte Rudolf. + +</P><P> + +Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr +zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am +einen und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. +Häufig mußten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch +riechender Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und +silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand. + +</P><P> + +Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach +dem andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an +Pfählen gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten +Raumes standen die Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die +ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtungslinie. +Schläfrige Schweine wühlten mit ihren Rüsseln in der Erde. +Kälber brüllten, Schafe blökten. Kühe lagen hingestreckt, die +Bäuche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gemächlich wieder +und zuckten mit ihren schwerfälligen Lidern, wenn die sie +umschwärmenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme +entblößt, hielten an Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die +mit geblähten Nüstern nach der Seite hin wieherten, wo die +Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und ließen die +Köpfe und Mähnen hängen, während ihre Füllen in ihrem +Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. Über der wogenden +Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da das +Weiß einer Mähne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein +spitzes Horn hervorspringen, und überall dazwischen die +Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der Umseilung, etwa +hundert Schritte davon entfernt, stand — unbeweglich wie aus +Bronze gegossen — ein großer schwarzer Stier mit verbundenen +Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumptes Kind +hielt ihn an einem Stricke. + +</P><P> + +Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin, +besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich +jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, +offenbar der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein +Buch. Das war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr +Derozerays, Besitzer des Rittergutes La Panville. Als +er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte +verbindlich-freundlich zu ihm: + +</P><P> + +„Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?“ + +</P><P> + +Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er +jedoch außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er: + +</P><P> + +„Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe +lieber bei Ihnen!“ + +</P><P> + +Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, +was ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als +Mitglied des Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, +wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach +blieb er auch vor dem oder jenem „Prachtstück“ stehen. Frau +Bovary bewunderte nichts mit. Das beobachtete er, und nun +begann er spöttische Bemerkungen über die Toiletten der Damen +von Yonville loszulassen. Dabei entschuldigte er sich, daß er +selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein +Nebeneinander von Alltäglichkeit und Ausgesuchtheit. Der +oberflächliche Menschenkenner hält derlei meist für das +äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in +ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem +Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder +Bewunderung davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit +gefälteten Manschetten bauschte sich im Ausschnitt seiner +grauen Flanellweste, wie es dem Winde gerade gefiel; seine +breitgestreiften Hosen reichten nur bis an die Knöchel und +ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke +Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat unbekümmert in +die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der +Hut saß ihm schief auf dem Kopfe. + +</P><P> + +„Ein Bauer wie ich ...“, meinte er. + +</P><P> + +„Bei dem ist Hopfen und Malz verloren“, scherzte Emma. + +</P><P> + +„Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen +Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu +beurteilen.“ + +</P><P> + +Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart +des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat. + +</P><P> + +„Darum verfalle ich der Melancholie ...“, sagte er. + +</P><P> + +„Sie?“ erwiderte Emma erstaunt. „Ich halte Sie gerade für sehr +lebenslustig.“ + +</P><P> + +„Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die +Maske des Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich +beim Anblick eines Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob +einem nicht am wohlsten wäre, wenn man schliefe, wo die Toten +schlafen ...“ + +</P><P> + +„Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!“ + +</P><P> + +„Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich +niemand.“ + +</P><P> + +Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich. + +</P><P> + +Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich +ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen +schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm +sah als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war +Lestiboudois, der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle +herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo es etwas zu +verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, aus dem +Bundestage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich +nicht verrechnet; er wußte gar nicht, wen er zuerst befriedigen +sollte. Die Bauern, denen es heiß war, rissen sich förmlich +um diese Stühle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie +lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen +wachsbeklecksten Stuhlrücken. + +</P><P> + +Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als +spräche er mit sich selbst. + +</P><P> + +„Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, +wenn mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen +Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ... +Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre +über alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles +überwunden ...“ + +</P><P> + +„Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert“, +wandte Emma ein. + +</P><P> + +„So, finden Sie?“ + +</P><P> + +„Zum mindesten sind Sie frei ...“ Sie zögerte. „... und +reich!“ + +</P><P> + +„Spotten Sie doch nicht über mich!“ bat er. + +</P><P> + +Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß. +Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. +Aber es war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch +gar nicht da. Der Festausschuß war nun in der größten +Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man +noch warten? + +</P><P> + +Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige +Mietkutsche auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein +Kutscher im Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche +loshieb. + +</P><P> + +Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast: + +</P><P> + +„An die Gewehre!“ + +</P><P> + +Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu. + +</P><P> + +Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche +der Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen +zuzuknöpfen. Aber der Landauer des Herrn Landrats schien +die Verwirrung zum Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im +langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle +des Rathauses an, als sich Feuerwehr und Bürgergarde in +Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten. + +</P><P> + +„Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!“ kommandierte +Binet. + +</P><P> + +„Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!“ der Oberst auf der +andern Seite. + +</P><P> + +Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel +eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so. + +</P><P> + +Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer +silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein +Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war +offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen, +kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen, +halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und +seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den +Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der +Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei +Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche +Redensarten. + +</P><P> + +Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat +erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht +gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der +Festausschuß, der Gemeinderat, die Honoratioren, die +Bürgergarde und das Publikum. Der Regierungsrat schwenkte +seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein +paar Begrüßungsworte. Währenddem klappte Tüvache in einem +fort wie ein Taschenmesser zusammen, lächelnd, stotternd, nach +Worten suchend. Darauf beteuerte er die Königstreue der +Yonviller und dankte für die ihnen widerfahrene große Ehre. + +</P><P> + +Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die +Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt +humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von +gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller +krachte. + +</P><P> + +Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem +Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten +Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung +gestellt worden waren. + +</P><P> + +Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie +ausdruckslose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von +der Sonne etwas gebräunt waren, buschige Backenbärte, die +sich unter hohen steifen Halskragen verloren, und weiße, +sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem, +ebensowenig an den Uhrketten das ovale Petschaft aus +Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie +die Falten des Beinkleides sorgsam zurechtgestrichen hatten. +Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte mehr als das +Leder ihrer derben Stiefel. + +</P><P> + +Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf, +unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge +dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. +Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle +rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus +der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges +Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe +der Estrade dringen konnte. + +</P><P> + +„Ich finde,“ sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der +Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, „man +hätte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit +irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer +Nouveauté. Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!“ + +</P><P> + +„Gewiß!“ meinte Homais. „Aber Sie wissen ja! Der +Bürgermeister macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er +hat nicht viel Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen +Sinn nun gleich gar nicht!“ + +</P><P> + +Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des +Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer +war, erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das +Schauspiel bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem +ovalen Tisch, der unter der Büste von Majestät stand, und trug +sie an eins der Fenster. + +</P><P> + +Die beiden setzten sich nebeneinander hin. + +</P><P> + +Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte +und tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem +Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und +nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er +ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten +hatte, begann er: + +</P><P> + +„Meine Herren! + +</P><P> + +Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung +eingehe, sei es mir zunächst gestattet, — und ich bin +überzeugt, Sie sind insgesamt damit einverstanden! — sei +es mir gestattet, sage ich, der Behörden und der Regierung zu +gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majestät, unsers +allergnädigsten und allverehrten Landesherrn, dem jedes +Gebiet der öffentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, +der mit sicherer und kluger Hand das Staatsschiff durch die +unaufhörlichen Gefahren eines stürmischen Ozeans lenkt und +dabei jedem sein Recht läßt, dem Frieden wie dem Kriege, der +Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den Künsten und +Wissenschaften ...“ + +</P><P> + +„Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück“, sagte +Rudolf. + +</P><P> + +„Warum?“ fragte Emma. + +</P><P> + +In diesem Augenblicke bekam die Stimme des +Regierungsrates besonderen Schwung. Er deklamierte: + +</P><P> + +„Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der +Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der +Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er +abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch +das Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu +werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...“ + +</P><P> + +„Nur weil man mich von unten bemerken könnte“, gab Rudolf zur +Antwort. „Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen. +Und bei meinem schlechten Rufe ...“ + +</P><P> + +„Sie verleumden sich“, warf Emma ein. + +</P><P> + +„I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.“ + +</P><P> + +„Meine Herren!“ fuhr der Redner fort. „Wenn wir unsre Blicke +von diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den +gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: +was sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und +Künste in Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und +-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe des Staates, und +schaffen neue Beziehungen, neues Leben. Unsre großen +Industriezentren sind von neuem in vollster Tätigkeit. Die +Religion ist gekräftigt und wärmt wieder aller Herzen. Unsre +Häfen strotzen, der Staatskredit ist fest. Frankreich atmet +endlich wieder auf ...“ + +</P><P> + +„Das heißt,“ sagte Rudolf, „vom gesellschaftlichen +Standpunkt hat man vielleicht recht.“ + +</P><P> + +„Wie meinen Sie das?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Wissen Sie denn nicht,“ erläuterte er, „daß es +problematische Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? +Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten +Genüssen. Nichts ist ihnen zu toll, zu phantastisch ...“ + +</P><P> + +Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte +sie: + +</P><P> + +„Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher +Kontraste verboten!“ + +</P><P> + +„Schöne Freuden!“ entgegnete er bitter. „Das Glück liegt +wo ganz anders!“ + +</P><P> + +„Ach, so findet mans nirgends?“ + +</P><P> + +„Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!“ flüsterte er. + +</P><P> + +„Und das wissen Sie alle gerade am besten,“ fuhr der +Regierungsrat fort, „Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter +sind, friedliche Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer +des Fortschrittes und der Ordnung! Sie wissen das, sage +ich, daß politische Stürme weit furchtbarer sind denn Stürme in +der Natur ...“ + +</P><P> + +„Ja, eines Tages begegnet man ihm!“ wiederholte Rudolf, +„ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! +Dann öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe +eine Stimme: ‚Hier ist das Glück!‘ Und dem Menschen, +den Sie da gefunden haben, dem müssen Sie aus innerm Drange +heraus ihr Leben anvertrauen, ihm alles geben, alles +opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles ist nur +Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland gesehen ...“ + +</P><P> + +Er blickte Emma an. + +</P><P> + +„Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat, +leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn +für ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist +geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die +Sonne ...“ + +</P><P> + +Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte +auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er +sie auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg. + +</P><P> + +Der Rat sprach immer weiter: + +</P><P> + +„Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens +Leute, die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, +dieses Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile +abgetaner Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer +verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus +als auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen des +Gemeinwohls? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine +Herren, ich meine natürlich nicht jene oberflächliche +Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten, nein, ich +meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich nur mit +ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile des +Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine +Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor +den Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...“ + +</P><P> + +„Pflichterfüllung!“ wiederholte Rudolf. „Immer und überall +die Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten +Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit +Wärmbullen und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte +Litanei vor: ‚Die Pflicht, die Pflicht!‘ Der Teufel soll +sie holen! Unsre Pflicht ist es, alles Große in der Welt +mitzufühlen, das Schöne anzubeten und sich nicht immer gleich +unter alle möglichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, +sich nicht zu Sklaven herabwürdigen zu lassen ...“ + +</P><P> + +„Indessen ... indessen ...“, wandte Emma ein. + +</P><P> + +„Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind +sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden +gibt, der Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der +Dichtung, der Musik, aller Künste, alles Lebens im wahren +Sinne?“ + +</P><P> + +„Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten und +sich ihrer Moral fügen“, meinte Emma. + +</P><P> + +„So! Das ist dann eben die doppelte Moral,“ eiferte er. „Die +eine: die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem +fort ein andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im +trüben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all +der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, +die um uns ist und über uns wie die Landschaft, die uns +umprangt, und der blaue Himmel, der über uns leuchtet ...“ + +</P><P> + +Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach +er weiter: + +</P><P> + +„Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier +noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? +Wer schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der +Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit +seiner schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden +Furchen sät, verdanken wir das Getreide, das dann, von +sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die Städte zu den +Bäckern kommt, die Brot daraus backen für arm und reich! Ist +es nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden +hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir uns anziehen, +wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren, +wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von +uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen +Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe +ist und uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen +saftigen Braten für unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme +nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse +lückenlos aufzählen müßte, mit denen die wohlbebaute Erde +wie eine großmütige Mutter ihre Kinder überschüttet. Ich nenne +nur den Weinstock, den Baum, der uns den Apfelwein spendet, und +den Raps. Dann haben wir den Käse und den Flachs. Meine +Herren, vergessen wir den Flachs nicht! Der Flachsbau hat in +den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den +ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders hinlenken möchte ...“ + +</P><P> + +Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte +offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der +Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit +aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und +wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz +etwas weiter weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um +Silbe für Silbe ordentlich zu verstehen. Die übrigen +Preisrichter nickten bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um +ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich +auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im +Stillgestanden und mit vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. +Hören konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende +seines Helms bis über die Nase reichte. Sein Leutnant, +der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte einen noch +größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend auf +dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines +seidnen Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er +lächelte wie ein artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein +schmales blasses Gesicht, über das Schweißtropfen +rannen, verriet zugleich helle Freude und müde Abspannung. + +</P><P> + +Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In +allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen +Türschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, +ganz versunken in das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um +den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch +bereits in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne +abgerissene Worte drangen weiter, von denen das Geräusch hin- +und hergerückter Stühle auch noch einen Teil verschlang. Noch +weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehntes +Rindergebrüll oder das Blöken der Schafe, die sich einander +antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten nämlich ihre Tiere +inzwischen bis auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von +Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten. + +</P><P> + +Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig +zu: + +</P><P> + +„Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum +Rebellen machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie +nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden +von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen +trotz alledem finden, so verbündet sich alles, damit sie +einander nicht gehören können. Aber sie werden es dennoch +versuchen, sie regen ihre Flügel, und sie rufen sich. Früher +oder später, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie +doch vereint in ihrer Liebe, weil es das Schicksal so will +und weil sie füreinander geschaffen sind ...“ + +</P><P> + +Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, +und so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem +Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen +Kreislinien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie +roch sogar das leise Parfüm in seinem Haar. Wollüstige +Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse +Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte +genau so geduftet wie dieses Haar, nach Vanille und Zitronen. +Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um den Geruch stärker +zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl zurücklehnte, +fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte, +die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke +nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr +zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er von ihr +weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im +Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel +zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals +im Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des +Vicomte. Und Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... +Dabei spürte sie in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. +Die süße Empfindung seiner Nähe vermählte sich mit den alten +Gelüsten; und wie Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten +sie diese Gefühle zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten +ihr die Seele. Ein paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um +— stoßweise — den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die +um die Säulen geschlungen waren. + +</P><P> + +Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die +feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem +Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern +des Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und +die immer noch Phrasen dreschende Stimme des +Regierungsrates verworren vernahm. + +</P><P> + +Er predigte: + +</P><P> + +„Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich +nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten +Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen +Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung +des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung der +Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese +Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem +der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt +wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft +wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes +Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine +Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für +Eure stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge +des Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch +ermutigt und beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden +hin recht geben wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, +die Bürde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!“ + +</P><P> + +Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr +Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so +schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, +das heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden +Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer +gefaßt; die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft +und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden +beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation +gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume, +Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der +menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen +Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte. +Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch +bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies +nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen +ungleich mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte +Derozerays allerhand Betrachtungen an. + +</P><P> + +Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die +Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom +Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen +Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr +eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau +auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen +gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei. + +</P><P> + +„Nehmen Sie beispielsweise uns beide!“ sagte er. „Warum +haben wir uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall +gefügt? War es nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, +der uns gegenseitig einander zuführte, wie zwei Ströme +ineinander fließen, jeder von weiter Ferne her?“ + +</P><P> + +Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht. + +</P><P> + +„Preis für gute Bewirtschaftung ...“, rief unten der Redner. + +</P><P> + +„Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus +kam ...“ + +</P><P> + +„Herrn Bizet aus Quincampoix!“ + +</P><P> + +„Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden +sollten?“ + +</P><P> + +„Siebzig Franken ...“ + +</P><P> + +„Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu +Ihnen gekommen und hier geblieben ...“ + +</P><P> + +„Für Erfolge im Düngen.“ + +</P><P> + +„... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...“ + +</P><P> + +„Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!“ + +</P><P> + +„... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so +völlig bezaubert ...“ + +</P><P> + +„Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...“ + +</P><P> + +„... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...“ + +</P><P> + +„... für einen Merino-Schafbock ...“ + +</P><P> + +„Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen +vorübergewandelt wie ein Schatten!“ + +</P><P> + +„Herrn Belot aus Notre-Dame ...“ + +</P><P> + +„Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner +erinnern?“ + +</P><P> + +„Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den +Herren Lehérissé und Cüllembourg!“ + +</P><P> + +Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und +zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei +es nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß +sie Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit +ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er aus: + +</P><P> + +„Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind +so gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur +sehen, nur anschauen!“ + +</P><P> + +Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke +des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die +mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße +Schmetterlingsflügel auf. + +</P><P> + +„Für die Herstellung von Ölkuchen ...“ + +</P><P> + +Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen. + +</P><P> + +„Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ... +Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...“ + +</P><P> + +Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas +trockne Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von +selbst verschlangen sich ihre Hände. + +</P><P> + +„Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière +für vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben +Gute eine silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!“ + +</P><P> + +Nach einer Weile hört man: „Wo ist Katharine Leroux?“ + +</P><P> + +Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen. + +</P><P> + +„Geh doch!“ + +</P><P> + +„Ach nein!“ + +</P><P> + +„Brauchst keine Angst zu haben!“ + +</P><P> + +„Nee, ist die dumm!“ + +</P><P> + +„Hier! Hier steckt sie!“ + +</P><P> + +„So mag sie doch vorkommen!“ rief der Bürgermeister dazwischen. + +</P><P> + +Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur +Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen +aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die +Hüften eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von +einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein +verschrumpfelter Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke +langten zwei dürre Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom +Staub der Scheunen, der Lauge der Wäsche und dem Fett der +Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, daß sie wie +schmutzig aussahen, und doch waren sie in reinem Wasser +tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige Strapazen hinter +sich hatten, das verrieten sie von selbst an ihrer demütigen +Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu +empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus den +Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit. +Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht, +nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit +Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie +sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. +Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen +Röcken, das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des +Rates, alles das erschüttertere bis ins Herz. Sie +stand ganz erstarrt da, sie wußte nicht, ob sie zur Estrade +vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man +sie nach vorn drängte und warum ihr die Preisrichter +freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen behäbigen Bürgern +als ein verkörpertes halbes Säkulum der Knechtschaft. + +</P><P> + +„Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia +Elisabeth Leroux!“ sagte der Regierungsrat, der die Liste der +Preisgekrönten aus den Händen des Vorsetzenden +entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf +die Greisin blickte, wiederholte er in väterlichem Tone: + +</P><P> + +„Näher, immer näher!“ + +</P><P> + +„Sind Sie denn taub?“ rief Tüvache heftig und sprang von seinem +Sitze auf. + +</P><P> + +„Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille +im Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!“ wurde +ihr laut gesagt. + +</P><P> + +Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln +des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte +man sie vor sich hinmurmeln: + +</P><P> + +„Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit +er mir dermaleinst eine Messe liest.“ + +</P><P> + +„Selig die Geistesarmen!“ meinte der Apotheker, zum Notar +gewandt. + +</P><P> + +Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und +nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder +seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren +schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das +Vieh, das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe +zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren. + +</P><P> + +Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in +den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour +schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte +sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette. + +</P><P> + +Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe +nahmen sie Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des +Festmahles allein durch die Wiesen spazieren. + +</P><P> + +Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung +schlecht. Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen +gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als +Bänke dienten, drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. +Man aß unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. +Allen perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und +den Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über +dem Flusse an einem Herbstmorgen. + +</P><P> + +Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich +völlig in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und +hörte. Hinter ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die +Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn +anredete, gab er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das +Glas, ohne daß er es wahrnahm. Trotz des allgemeinen +immer stärker werdenden Lärmes war es in ihm ganz still. +Er sann über das nach, was Emma gesagt hatte, und über die +Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie aus +Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar +aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte +Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor +ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe +verliebter Tage. + +</P><P> + +Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der +Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des +Apothekers. Der letztere beunruhigte sich sehr über die +Möglichkeit, daß einmal eine Rakete versehentlich in das +Publikum gehen könnte. Aller Augenblicke verließ er seine +Freunde, um Binet zur größten Vorsicht zu vermahnen. Die +Feuerwerkskörper waren vorher aus übertriebener +Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt +worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver +entzündete sich nun schwer, und das Hauptstück, eine +Schlange, die sich in den Schwanz beißt, versagte vollständig. +Ab und zu zischte ein dürftiges Feuerrad. Dann schrie die +gaffende Menge vor Vergnügen laut auf, und in dieses Geschrei +mischte sich das Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von +dreisten Händen angefaßt wurden. + +</P><P> + +Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben, +verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen +Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach +und nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. +Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch +über das unbedeckte Haar. + +</P><P> + +In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates +vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen +auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse +seines Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her +pendelte, je nach den Bewegungen des Wagens auf dem +holperigen Pflaster. + +</P><P> + +„Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen“, +bemerkte der Apotheker. „Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich +am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche +vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine +Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen +Sie!“ + +</P><P> + +Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade +anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach +seiner Drehbank. + +</P><P> + +„Vielleicht täten Sie gut,“ mahnte ihn Homais, „wenn Sie +einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie +selber gingen ...“ + +</P><P> + +„Lassen Sie mich doch in Ruhe!“ murrte der Steuereinnehmer. +„Das hätte ja gar keinen Sinn!“ + +</P><P> + +Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden. + +</P><P> + +„Wir können völlig beruhigt sein“, sagte er zu ihnen. „Herr +Binet hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln +getroffen sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und +die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!“ + +</P><P> + +„Ach ja! Ich habs sehr nötig!“ erwiderte Frau Homais, die +schon immer tüchtig gegähnt hatte. „Aber schön wars doch!“ + +</P><P> + +Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke: + +</P><P> + +„Wunderschön!“ + +</P><P> + +Dann verabschiedete man sich und ging voneinander. + +</P><P> + +Zwei Tage darauf stand im „Leuchtturm von Rouen“ ein langer +Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker +hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt. + +</P><P> + +„Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin +wälzt sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen +Weltmeeres unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, +die unsere Fluren sengt?“ + +</P><P> + +Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. „Gewiß, die +Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend +Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!“ Bei der +Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte +er „das martialische Aussehen unsrer Miliz“, die +„behenden Dorfschönen,“ die „kahlköpfigen Greise, diese +Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren +Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln höher schlagen.“ Seinen +eigenen Namen zählte er unter den Preisrichtern als ersten +auf und erwähnte in einer Anmerkung sogar, daß Herr Homais, +der Apotheker von Yonville, unlängst eine Denkschrift über den +Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht +habe. Bei der Preisverteilung angelangt, schilderte er die +Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung. +„Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren +Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll +Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles +Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand +gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein +Festmahl in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese +errichteten großen Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von +Anfang bis Ende herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere +Toaste wurden ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank +auf Seine Majestät, Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn +Landrat, sodann Herr Rittergutsbesitzer Derozerays auf +das Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homais auf +die Industrie und ihre Schwestern, die Künste und Wissenschaften, +so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend +erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk plötzlich alle +Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres +Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte +sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht +entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß +auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest +gestört hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der +Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von +Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr +Jünger Loyolas!“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Neuntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines +Spätnachmittags, erschien er. + +</P><P> + +„Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre +ein Fehler!“ + +</P><P> + +Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd +hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. +Sein Gedankengang war folgender: + +</P><P> + +„Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach +dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. +Warten wir also noch eine Weile!“ + +</P><P> + +Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie +blaß wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte. + +</P><P> + +Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den +Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke +Metall des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, +glitzerte auf der Fläche des Spiegels über dem Kamin wider +wie flammendes Feuer. + +</P><P> + +Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine +ersten Höflichkeitsworte. + +</P><P> + +„Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank +gewesen.“ + +</P><P> + +„Ernstlich?“ fragte sie erregt. + +</P><P> + +„Na,“ erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen +niedrigen Sessel setzte, „eigentlich wollte ich nicht +wiederkommen.“ + +</P><P> + +„Warum?“ + +</P><P> + +„Erraten Sie es nicht?“ + +</P><P> + +Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie +rot wurde und die Augen senkte. + +</P><P> + +Er begann von neuem: + +</P><P> + +„Emma!“ + +</P><P> + +„Herr Boulanger!“ rief sie und rückte ein wenig von ihm ab. + +</P><P> + +„Ah!“ sagte er in wehmütigem Tone. „Sehen Sie, wie recht ich +hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser +Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir +entschlüpft, und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau +Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist +das der Name — eines andern!“ Nach einer Weile wiederholte +er: „Eines andern!“ Er hielt sich die Hände vor sein +Gesicht. „Ach, ich denke fortwährend an Sie ... Die Erinnerung +bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ... +Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, daß +Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber heute ... heute ... +ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt hierher zu +Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner kämpfen! +Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt sich +hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert +ist!“ + +</P><P> + +Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und +als ob sie sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich +in ihrem Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache +umkost. + +</P><P> + +„Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,“ fuhr er fort, +„wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch +wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, +Nacht für Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um +Ihr Haus zu schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die +Bäume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, +und das Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die +Scheiben hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es +nicht geahnt, daß da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein +Armer, ein Unglücklicher stand ...“ + +</P><P> + +Sie schluchzte auf und sah ihn an. + +</P><P> + +„Sie sind ein guter Mensch!“ flüsterte sie. + +</P><P> + +„Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? +Sagen Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!“ + +</P><P> + +Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche +her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe +nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran. + +</P><P> + +„Es wäre barmherzig von Ihnen,“ sagte er, sich wieder +erhebend, „wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.“ + +</P><P> + +Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen +lernen. Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur +Türe, da trat Karl ein. + +</P><P> + +„Guten Tag, Doktor!“ begrüßte ihn Rudolf. + +</P><P> + +Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel +schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. +Währenddessen wurde der andre wieder völlig Herr der Situation. + +</P><P> + +„Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...“, +begann er. + +</P><P> + +Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine +Frau habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten. + +</P><P> + +Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre. + +</P><P> + +„Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich +ein guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!“ + +</P><P> + +Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr +eins an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht +weiter in sie. Dann erzählte er — um seinen Besuch zu motivieren +-, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen +habe, leide immer noch an Schwindelanfällen. + +</P><P> + +„Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen“, sagte +Bovary. + +</P><P> + +„Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder +zusammen. Das ist bequemer für Sie!“ + +</P><P> + +„Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!“ + +</P><P> + +Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl: + +</P><P> + +„Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger +abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!“ + +</P><P> + +Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was +sie sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute +könnten es „komisch“ finden. + +</P><P> + +„Ich pfeif auf die Leute!“ sagte Karl und machte eine +verächtliche Gebärde. „Die Gesundheit ist tausendmal mehr +wert! Das war nicht richtig von dir!“ + +</P><P> + +„Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!“ + +</P><P> + +„Dann mußt du dir eins bestellen!“ + +</P><P> + +Das Reitkleid gab den Ausschlag. + +</P><P> + +Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau +stehe ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten +an. + +</P><P> + +Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor +dem Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel +aus Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe +Reitstiefel aus feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß +Emma solche gewiß noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie +über sein Aussehen entzückt, als sie ihn in seinem langen +dunkelbraunen Samtrock und den weißen Breeches an der Türe +erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit. + +</P><P> + +Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch +den Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf +allerlei gute Ratschläge. + +</P><P> + +„Es passiert so leicht ein Malheur!“ sagte er. „Reiten Sie +vorsichtig! Sind die Tiere fromm?“ + +</P><P> + +Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit +der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta +einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein +Kußhändchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte. + +</P><P> + +„Viel Vergnügen!“ rief Homais. „Ja recht vorsichtig! Recht +vorsichtig!“ + +</P><P> + +Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend +mit seiner Zeitung. + +</P><P> + +Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es +von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd +an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig +eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem +Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden +Galoppade. + +</P><P> + +Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die +Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte +weiter. + +</P><P> + +Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den +Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis +und ließen die Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und +wieder rissen die Nebel auseinander, flogen wie in Fetzen auf +und zerstoben. Dann erblickte man durch die Lücken in der Ferne +die Dächer von Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am +Bachufer, die Gehöfte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich +Mühe, ihr Haus herauszufinden, und noch nie war ihr der +armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der +Höhe, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem +ungeheuer großen, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen +Bäume, die hie und da aus ihm herausragten, sahen wie +schwarze Riffe aus, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange +Wellenzüge, die der Wind kräuselt. + +</P><P> + +Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch +die laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, +dämpfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den +Weg, von den Hufen berührt. + +</P><P> + +Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur +Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der +Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die +unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde +keuchten. + +</P><P> + +Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor. + +</P><P> + +„Gott ist mit uns!“ sagte Rudolf. + +</P><P> + +„Glauben Sie denn an ihn?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Galopp! Galopp!“ rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge. +Beide Tiere gehorchten. + +</P><P> + +Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, +verfingen sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken +Emmas ritt, bückte sich jedesmal im Weiterreiten und +befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben +ihr hin, um überhängende Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte +sie, wie sein rechtes Knie ihr linkes Bein berührte. + +</P><P> + +Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte +sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden +Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und +gelben und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden +Veilchen auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser +Flügelschlag. Leise krächzend flogen Raben um die Eichen. + +</P><P> + +Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm +voraus, den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr +langes Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es +mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er +sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das +lockende Weiß ihres Strumpfes, das er wie ein Stück +Nacktheit empfand. + +</P><P> + +Emma blieb stehen. + +</P><P> + +„Ich bin müde!“ sagte sie. + +</P><P> + +„Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!“ bat er. „Mut!“ + +</P><P> + +Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue +Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften +herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es +sah aus, wie in das Blau des Himmels getaucht. + +</P><P> + +„Wohin gehen wir denn?“ + +</P><P> + +Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und +biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in +der gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf +einen. + +</P><P> + +Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht +durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst, +schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie +mit der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. +Aber bei dem Satze: + +</P><P> + +„Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen +zusammengelaufen?“ unterbrach sie ihn: + +</P><P> + +„Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!“ + +</P><P> + +Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so +blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht +schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig: + +</P><P> + +„Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern +Pferden!“ + +</P><P> + +Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte: + +</P><P> + +„Gehen wir zu unsern Pferden!“ + +</P><P> + +Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten +Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich +zitternd zurück und stammelte: + +</P><P> + +„Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!“ + +</P><P> + +„Wenn es sein muß!“ gab er zur Antwort. Sein +Gesichtsausdruck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, +zärtlich, schüchtern aus. + +</P><P> + +Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an. + +</P><P> + +„Was hatten Sie denn vorhin?“ fragte er. „Was war es? +Ich habe Sie nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. +Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und +unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre +Augen sehen, Ihre Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie +meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!“ + +</P><P> + +Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm +sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie +nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von +den Bäumen rupften. + +</P><P> + +„Noch nicht!“ bat Rudolf. „Reiten wir noch nicht zurück! +Bleiben Sie!“ + +</P><P> + +Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen +Weihers, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen +Schilf träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer +Schritte im Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden. + +</P><P> + +„Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! +Ich bin toll, daß ich auf Sie höre!“ + +</P><P> + +„Warum? Emma! Emma!“ + +</P><P> + +„Ach, Rudolf!“ flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn +anschmiegte. + +</P><P> + +Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines +Rockes. Sie bog ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer +schwellte. Halb ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände +auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich +ihm hin ... + +</P><P> + +Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont +und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im +Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten +Kolibris im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. +Rings tiefes Schweigen. Die Bäume atmeten süße +Melancholie. + +</P><P> + +Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut +durch den Körper kreiste. + +</P><P> + +In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein +langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie +schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen +ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ... + +</P><P> + +Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines +Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her. + +</P><P> + +Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im +weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte +beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder +und einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich +verändert, und doch kam es Emma vor, als sei etwas +höchst Bedeutsames geschehen, als seien die Berge von ihrem +Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr +herüber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand +Emma im Sattel entzückend aussehend, bei ihrem geraden Sitz, +ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihres rechten +Knies, ihren von der scharfen Luft geröteten Wangen, — +alles im Abendrot. + +</P><P> + +Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal +machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu. + +</P><P> + +Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich +aus. Als er sich aber darnach erkundigte, wie der +Spazierritt gewesen sei, tat sie, als hätte sie die Frage +überhört. Sie stützte sich auf die Ellenbogen und starrte über +ihren Teller weg in die flackernden Kerzen. + +</P><P> + +„Emma!“ + +</P><P> + +„Was denn?“ + +</P><P> + +„Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. +Er hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. +Die Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für +hundert Taler ...“ Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein +paar Augenblicken fort: „Ich habe gedacht, es sei dir +erwünscht, und da habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... +nein, gleich gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!“ + +</P><P> + +Sie nickte bejahend mit dem Kopfe. + +</P><P> + +Eine Viertelstunde später fragte sie: + +</P><P> + +„Gehst du heute abend aus?“ + +</P><P> + +„Ja. Warum denn?“ + +</P><P> + +„Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!“ + +</P><P> + +Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und +schloß sich ein. + +</P><P> + +Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die +Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine +Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf +rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte +über ihr Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie +gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß +ihre Gestalt. Sie kam sich wie verklärt vor. + +</P><P> + +Immer wieder sagte sie sich: „Ich habe einen Geliebten! Einen +Geliebten!“ + +</P><P> + +Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt +erst Weib geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für +sie da, die fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits +keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt +eingetreten, in der alles Leidenschaft, Verzückung und Rausch +war. Blaue Unermeßlichkeit breitete sich rings um sie her, vor +ihrer Phantasie glänzte das Hochland der Gefühle, und fern, +tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen Höhen, lag der Alltag. + +</P><P> + +Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar +empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den +Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene +Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer +Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der +amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das +Gefühl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt +triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit +wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß +ihre Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne +Wirrungen. + +</P><P> + +Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich +ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. +Er unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen +Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu +nennen und ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war +wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die +Wände waren von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man +drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander +auf einer Streu von trocknem Laub. + +</P><P> + +Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle +Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn +unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach +führte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von +sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle +Tage beklagte. + +</P><P> + +Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang +fortgegangen war, geriet sie plötzlich auf den Einfall, +unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufständen, +konnte sie nach der Hüchette gehen, eine Stunde dort verweilen +und wieder zurückkommen. Dieser Plan ließ sie gar nicht recht +zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke später war sie schon +mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig +ihres Wegs. + +</P><P> + +Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut +des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem +höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab. + +</P><P> + +Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte +das Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, +als öffnete sich ihr alles von selbst. Eine breite Treppe +führte auf einen Gang. Emma drückte auf die Klinke einer Tür, +und da erblickte sie im Hintergrunde dieses Zimmers einen +Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie frohlockte laut. + +</P><P> + +„Du? Du!“ rief er aus. „Wie hast du das fertig gebracht? +Dein Kleid ist feucht ...“ + +</P><P> + +„Ich liebe dich!“ war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um +den Hals schlang. + +</P><P> + +Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, +kleidete sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, +rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere +Gartenpforte, auf dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache +führte, aus dem Hause. Aber wenn die Planke, die als Steg +über das Wasser diente, zufällig weggenommen war, mußte sie +ein Stück bis zum nächsten Steg an den Gartenmauern längs +des Baches hingehen. Die bewachsene Böschung war steil und +glitschig, und so mußte sie sich mit der einen Hand an Büscheln +der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann +aber eilte sie querfeldein über die Äcker, ungeachtet, daß ihre +zierlichen Schuhe einsanken, daß sie oft stolperte oder stecken +blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um Kopf und Hals +gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor den weidenden +Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden Wangen, +ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns +und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann +meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der +leibhaftgewordene Frühlingsmorgen. + +</P><P> + +Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende +goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen +fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern +leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. +Rudolf zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz. + +</P><P> + +Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf, +kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem +Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in +den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und +Zuckerstücken, neben der Wasserflasche. + +</P><P> + +Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma +vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm +weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von +neuem in seine Arme. + +</P><P> + +Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, +machte er ein bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht +recht wäre. + +</P><P> + +„Was hast du denn?“ fragte sie. „Hast du Schmerzen? +Sprich!“ + +</P><P> + +Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche +begönnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Allmählich machten Rudolfs Befürchtungen auf Emma Eindruck. +Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an +nichts andres gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu +einer Lebensbedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr, +es könne ihr etwas davon verloren gehen oder man könne sie +ihr gar stören. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt +sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie spähte nach allem, was +sich im Gesichtskreise regte, sie suchte die Häuser des +Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie +beobachte. Sie lauschte auf jedes Geräusch, jeden Tritt, +jedes Rädergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und +zittriger als das Laub der Pappeln, die sich über ihrem +Haupte wiegten. + +</P><P> + +Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem +Male den Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte +schräg über den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hälfte +in einem Graben stand und vom Gebüsch verdeckt wurde. Vor Schreck +halb ohnmächtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann +aus der Tonne wie ein Springteufel aus seinem Kasten. Er +trug Wickelgamaschen bis an die Knie, und die Mütze hatte er +tief ins Gesicht hereingezogen, so daß man nur eine rote Nase +und bebende Lippen sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, +der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schießen. + +</P><P> + +„Sie hätten schon von weitem rufen sollen!“ schrie er ihr zu. +„Wenn man ein Gewehr sieht, muß man sich bemerkbar machen!“ + +</P><P> + +Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst +zu bemänteln. Es bestand nämlich eine landrätliche +Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne +aus betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte +sich also Binet einer Übertretung schuldig. Deshalb schwebte +er in steter Furcht, der Landgendarm könne ihn erwischen, und +doch fügte die Aufregung seinem Vergnügen einen Reiz mehr zu. +Wenn er so einsam in seiner Tonne saß, war er stolz auf sein +Jagdglück und seine Schlauheit. + +</P><P> + +Als er erkannte, daß es Frau Bovary war, fiel ihm ein +großer Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespräch mit ihr. + +</P><P> + +„Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!“ + +</P><P> + +Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort: + +</P><P> + +„Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?“ + +</P><P> + +„Jawohl!“ stotterte sie. „Ich war bei den Leuten, wo mein Kind +ist...“ + +</P><P> + +„So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon +seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, daß man +auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...“ + +</P><P> + +„Adieu, Herr Binet!“ unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von +ihm ab. + +</P><P> + +„Ihr Diener, Frau Bovary!“ sagte er trocken und kroch wieder in +seine Tonne. + +</P><P> + +Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen +gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige +Vermutungen. Auf eine dümmere Ausrede hätte sie auch wirklich +nicht verfallen können, denn in ganz Yonville wußte man, daß +das Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und +sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg führte +einzig und allein nach der Hüchette. Somit mußte Binet erraten, +wo Emma gewesen war. Sicherlich würde er nicht schweigen, sondern +es ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle +möglichen Lügen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit +seiner Jagdtasche vor Augen. + +</P><P> + +Als Karl nach dem Essen merkte, daß Emma bekümmert war, +schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu „Apothekers“ zu +gehen. + +</P><P> + +Die erste Person, die sie schon von draußen in der Apotheke im +roten Lichte erblickte, war — ausgerechnet — der +Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade: + +</P><P> + +„Ich möchte ein Lot Vitriol.“ + +</P><P> + +„Justin,“ schrie der Apotheker, „bring mir mal die Schwefelsäure +her!“ Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum +Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte. + +</P><P> + +„Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden +Augenblick herunter. Wärmen Sie sich inzwischen am Ofen ... +Entschuldigen Sie!“ Und zu Bovary sagte er: „Guten Abend, +Doktor!“ Der Apotheker pflegte nämlich diesen Titel mit einer +gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der +darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen würfe. „Justin, +nimm dich aber in acht und wirf mir die Mörser nicht um! So! Und +nun holst du ein paar Stühle aus dem kleinen Zimmer! Aber +nicht etwa die Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?“ + +</P><P> + +Homais wollte selber zu seinen Fauteuils stürzen, aber +Binet bat noch um ein Lot Zuckersäure. + +</P><P> + +„Zuckersäure?“ fragte der Apotheker eingebildet. „Kenne ich +nicht! Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsäure? +Also Oxalsäure, nicht wahr?“ + +</P><P> + +Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, daß er nach einem +selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur +Reinigung von verrostetem Jagdgerät. + +</P><P> + +Bei dem Wort „Jagd“ schrak Emma zusammen. + +</P><P> + +Der Apotheker versetzte: + +</P><P> + +„Gewiß! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!“ + +</P><P> + +„Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!“ meinte +Binet bissig. + +</P><P> + +Emma bekam keine Luft. + +</P><P> + +„Und dann möcht ich noch ...“ + +</P><P> + +„Will er denn ewig hier bleiben!“ seufzte sie bei sich. + +</P><P> + +„... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes +Wachs und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren +meines Lederzeugs.“ + +</P><P> + +Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als +seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, +und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plüsch +überzogene Fensterbank. Der Junge lümmelte sich auf einen +niedrigen Sessel, während sich seine ältere Schwester am Kasten +mit den Malzbonbons zu schaffen machte, in nächster Nähe von +„Papachen“, der mit dem Trichter hantierte, die Fläschchen +verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alles zu einem +Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man hörte nichts, +als von Zeit zu Zeit das Klappern der Gewichte auf der Wage +und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem +Lehrling erteilte. + +</P><P> + +„Wie gehts Ihrem Töchterchen?“ fragte plötzlich Frau +Homais. + +</P><P> + +„Ruhe!“ rief ihr Gatte, der den Betrag in das +Geschäftsbuch eintrug. + +</P><P> + +„Warum haben Sies nicht mitgebracht?“ fragte sie weiter. + +</P><P> + +„Sst! Sst!“ machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem +Apotheker. + +</P><P> + +Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht +darauf gehört zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stieß Emma +einen lauten Seufzer aus. + +</P><P> + +„Bißchen asthmatisch?“ bemerkte Frau Homais. + +</P><P> + +„Ach nein, es ist nur recht heiß hier!“ entgegnete Frau +Bovary. + +</P><P> + +Alles das hatte zur Folge, daß die Liebenden tags darauf +beschlossen, ihre Zusammenkünfte anders einzurichten. Emma +schlug vor, ihr Hausmädchen ins Vertrauen zu ziehen und +durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es für +besser, in Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig +zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen. + +</P><P> + +Den ganzen Winter über kam er drei- oder viermal in der Woche bei +Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlüssel zur +Hinterpforte gegeben, während Karl glaubte, er sei verloren +gegangen. Zum Zeichen, daß er da war, warf Rudolf jedesmal +eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, +aber oft mußte sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, +am Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma +verging beinahe vor Ungeduld und wünschte ihren Mann wer weiß +wohin. Schließlich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann +nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch +über alle Maßen fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief +ihr zu, sie solle auch schlafen gehn. + +</P><P> + +„Komm doch, Emma!“ rief er. „Es ist schon spät!“ + +</P><P> + +„Gleich! Gleich!“ erwiderte sie. + +</P><P> + +Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und +schlief ein. Sie schlüpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, +lächelnd, zitternd, halbnackt. + +</P><P> + +Rudolf hüllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, +schlang die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den +Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie +dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Das war an +Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen +geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn. + +</P><P> + +Durch die kahlen Zweige der Jasminbüsche funkelten die Sterne. +Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am +Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich +im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben +bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein +schwarzes Ungetüm auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu +erdrücken. + +</P><P> + +In der Kälte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und +ihr Liebesgestammel um so inbrünstiger. Ihre Augen, die sie +gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen größer, und +in der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflüsterten +Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und +zitterten in ihnen tausendfach wider. + +</P><P> + +Wenn die Nacht regnerisch war, flüchteten sie in Karls +Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem +Pferdestall gelegen war. Emma zündete eine Küchenlampe an, die +sie hinter den Büchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte +sichs bequem, als sei er zu Hause. Der Anblick der +„Bibliothek“, des Schreibtisches, der ganzen Einrichtung +erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, über Karl +allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hörte. Sie hätte +ihn viel lieber ernst sehen mögen, ihretwegen theatralischer, wie +er es einmal gewesen war, als sie in der Pappelallee das +Geräusch von näherkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen +wähnten. + +</P><P> + +„Es kommt jemand!“ sagte sie einmal. + +</P><P> + +Er blies das Licht aus. + +</P><P> + +„Hast du eine Pistole bei dir?“ + +</P><P> + +„Wozu?“ + +</P><P> + +„Damit du ... dich ... verteidigen kannst!“ + +</P><P> + +„Gegen deinen Mann? Der arme Junge!“ Dazu machte er eine +Gebärde, die etwa sagen sollte: „Der mag mir nur kommen!“ + +</P><P> + +Dieser Mut entzückte sie, wenngleich sie die Unzartheit und +urwüchsige Roheit heraushörte und darüber entsetzt war. + +</P><P> + +Rudolf dachte viel über diese kleine Szene nach. + +</P><P> + +„Wenn das ihr Ernst war,“ sagte er sich, „so war das +recht lächerlich, sogar häßlich.“ Er hatte doch wahrlich +keinen Anlaß, ihren gutmütigen Mann zu hassen. Sozusagen „von +Eifersucht verzehrt“, das war er nicht. Überdies hatte ihm +Emma ihre körperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, +der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. Überhaupt fing sie +an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit +ihr tauschen müssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze +Handvoll Haare für einander abgeschnitten, und jetzt wünschte +sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen +ewiger Zusammengehörigkeit. Häufig schwärmte sie ihm von den +Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie +erzählte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen +etwas wissen. Rudolfs Mutter war schon zwanzig Jahre tot. +Trotzdem tröstete ihn Emma mit allerlei Koseworten der +Klein-Kindersprache, als ob es gölte, ein Wickelkind zu +beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen +aufblickend, ausgerufen: + +</P><P> + +„Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mütter segnen unsre +Liebe!“ + +</P><P> + +Aber sie war so hübsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er +noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzüchtigkeiten war +ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, +das seinen Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verführerisch +umschmeichelte. Selbst Emmas Überschwenglichkeiten, so zuwider +sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei näherer +Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so +sicher war, daß er geliebt wurde, ließ er sich gehen, und +allmählich änderte sich sein Benehmen. + +</P><P> + +Nicht mehr wie einst hatte er für sie jene süßen Worte, die +Emma zu Tränen rührten, nicht mehr die stürmischen +Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr +vor, als ob der Strom ihrer eignen großen Liebe, in der sie +völlig untergetaucht war, niedriger würde; sie sah gleichsam auf +den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntnis schauderte sie, +und darum verdoppelte sie ihre Zärtlichkeiten. Rudolf indessen +verriet seine Gleichgültigkeit immer mehr. + +</P><P> + +Emma war sich selber nicht klar darüber, ob sie es bereuen +müsse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser +für sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann +sie ihre Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll +darüber beeinträchtigte ihr den sinnlichen Genuß. Sie gab sich +ihm nicht mehr hin, sie ließ sich jedesmal von neuem +verführen. Aber er meisterte sie, und sie fürchtete sich beinahe +vor ihm. + +</P><P> + +Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach außen ein harmloses +Gepräge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs +Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, +als der Frühling ins Land kam, waren sie fast wie zwei +Eheleute zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemütlichen +Flamme des häuslichen Herdes bringen. + +</P><P> + +Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljährlich eine +Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe +kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem +er an den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen: + +</P><P> + +„Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol +und is si so gut wi di früeren. Mir komt sie nämlig ein +bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nächste mal +schik ich euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt ür liber +ein par junge un schikt mir den Korb zerük, bite un auch di +vorgen, ich hab Unglük mit der römise gehabt der ihr Dach ist +mir neulig nachts bei dem grosen Sturm in die Bäume geflogen, +die ernte ist diesmal nich besonders berümt. Kurz und gut +ich weis nicht wan ich zu euch zu besuch kome, das ist jez +so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine +arme Emma.“ + +</P><P> + +Hier war ein großer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder +hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu träumen. + +</P><P> + +„Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den +Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo +ich war, einen neuen Schäfer zu mieten. Den alten hab ich nämlig +nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig +schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er übrigens auch. + +</P><P> + +„Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend +gekomen is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich +vernomen das Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich +kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase +Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da +sagte er Nein aber im Stale häte er zwei Gäule stehn sehn +woraus ich schlise das der kurkenhandel bei euch gut geht. +Das freut mich sehr meine liben Kinder der libe got mög euch +ales möglige Glük schenken. Es tut mir sör leid das +ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich +habe für si unter deiner Stube ein Flaumenbäumgen geflanzt. +Das sol nich angerürt werden auser später um die Flaumen für +Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si +komt krigt si imer welge. Adiö libe Kinder. Ig küse dich libe +Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide +Baken un verbleibe mit tausen Grüsen euer euch +</P><P> + +libender vater +</P><P> + +Theodor Rouault.“ + +</P><P> + +Ein paar Minuten hielt sie das Stück grobes Papier noch +nach dem Lesen in den Händen. Die Verstöße gegen die +Rechtschreibung jagten sich in den väterlichen Zeilen nur so, +aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der +wie eine Henne aus einer dicken Dornenhecke allenthalben +hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schriftzüge +offenbar mit Herdasche getrocknet, denn aus dem Briefe rieselte +eine Menge grauen Staubes auf das Kleid der Leserin. Sie +glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er +sich nach dem Aschekasten bückte. Ach, wie lange war es schon +her, daß sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich +wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende eines +Steckens an der großen Flamme des Funken sprühenden +Ginsterreisigs anbrennen ließ. Und dann dachte sie zurück an +gewisse sonnendurchglühte Sommerabende, wo die Füllen so hell +aufwieherten, wenn man in ihre Nähe kam, und dann +weggaloppierten. Diese drolligen Galoppsprünge! Im Vaterhause, +unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren +die Bienen, wenn sie in der Sonne ausschwärmten, gegen die +Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Das war doch +eigentlich eine glückliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller +Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei +dem, was sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen +den verschiedenen Abschnitten ihres Daseins, als +junges Mädchen, dann als Gattin, zuletzt als Geliebte. +Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der +auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stück von seinen +Habseligkeiten liegen läßt. + +</P><P> + +Aber warum war sie denn so unglücklich? Was war Bedeutsames +geschehen, daß sie mit einem Male aus allen Himmeln gestürzt +war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche +sie den Anlaß ihres Herzeleids. + +</P><P> + +Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des +Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe +hindurch spürte sie den weichen Teppich. Es war ein heller +Frühlingstag, und die Luft war lau. + +</P><P> + +Da hörte sie, wie ihr Kind draußen laut aufjauchzte. + +</P><P> + +Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermädchen +wollte sie am Kleide wieder in die Höhe ziehen. Lestiboudois +war dabei, den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nähe +des Kindes kam, streckte es ihm beide Ärmchen entgegen. + +</P><P> + +„Bring sie mir mal herein!“ rief sie dem Mädchen zu und riß +ihr Töchterchen hastig an sich, um es zu küssen. „Wie ich +dich liebe, mein armes Kind! Wie ich dich liebe!“ + +</P><P> + +Als sie bemerkte, daß es am Ohre etwas schmutzig war, +klingelte sie rasch und ließ sich warmes Wasser bringen. Sie +wusch die Kleine, zog ihr frische Wäsche und reine Strümpfe an. +Dabei tat sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der +Kleinen stehe, just als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. +Schließlich küßte sie sie noch einmal und gab sie tränenden +Auges dem Mädchen wieder. Felicie war ganz verdutzt über +diesen Zärtlichkeitsanfall der Mutter. + +</P><P> + +Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst. + +</P><P> + +„Eine vorübergehende Laune!“ tröstete er sich. + +</P><P> + +Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als +er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig. + +</P><P> + +„Schade um die Zeit, mein Liebchen!“ meinte er. Und er tat so, +als merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das +Taschentuch, das sie herauszog. + +</P><P> + +Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus +welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht +besser gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. +Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren +Gefühlswandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht +zufällig eine solche heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre +hingebungsvolle Anwandlung tatenlos geblieben. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Elftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode, +Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er +war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in +Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit +es auf der Höhe der Kultur bleibe. + +</P><P> + +„Was ist denn dabei zu riskieren?“ fragte er Frau Bovary. +Er zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den +Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des +Kranken. Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende +Reklame für den Operateur. „Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht +beispielsweise den armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? +Bedenken Sie, daß er seine Heilung allen Reisenden erzählen +würde. Und dann ...“ Der Apotheker begann zu flüstern und +blickte scheu um sich, „... was sollte mich daran hindern, +eine kleine Notiz darüber in die Zeitung zu bringen? Du mein +Gott! So ein Artikel wird überall gelesen ... man spricht davon +... schließlich weiß es die ganze Welt. Aus Schneeflocken +werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer weiß?“ + +</P><P> + +Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar +keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu +bezweifeln, und was für eine Befriedigung wäre es für +sie, die geistige Urheberin eines Entschlusses zu sein, der +sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte +mehr als bloß die Liebe dieses Mannes. + +</P><P> + +Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl +überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des +Doktors Düval, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf +zwischen den Händen, in diese Lektüre. Während er sich über +Pferdefußbildungen, Varus und Valgus, Strephocatopodie, +Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen +inneren und äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen +Fußes), Strephypopodie und Strephanopodie (das sind +Fußleiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich +greifen) unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom +Goldnen Löwen mit allen Mitteln der Überredungskunst zur +Operation zu bewegen. + +</P><P> + +„Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren“, +sagte er zu ihm. „Es ist nichts weiter als ein Einstich +wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein +Hühnerauge schneiden läßt.“ + +</P><P> + +Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich. + +</P><P> + +„Im übrigen“, fuhr der Apotheker fort, „kann mirs +natürlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs +nur aus purer Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte +dich gar zu gern von deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, +von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst +dagegen sagen, was du willst: es stört dich in der +Ausübung deines Berufs doch erheblich!“ + +</P><P> + +Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach +einer Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu +verstehen, daß er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, +worüber der Bursche albern grinste. + +</P><P> + +„Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch +auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten +ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!“ + +</P><P> + +Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei +ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den +Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne. + +</P><P> + +Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine +Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die +Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, +die Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in +ihn, redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was +vollends den Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen +roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und +Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser +Generosität. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: +„Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!“ + +</P><P> + +Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen +Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers +eine Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an +Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart +worden. + +</P><P> + +Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte +zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß +hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein +nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. +Es war also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, +anders ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker +Neigung zu einem Pferdefuß. + +</P><P> + +Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein +Pferdehuf war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke +Zehen mit schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war +der Krüppel von früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah +ihn unaufhörlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte +sogar den Anschein, als sei sein mißratenes Bein kräftiger +denn das gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf +im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Ausdauer zu eigen +gemacht. + +</P><P> + +An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne +durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher +kann der Varus nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, +beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, +einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse +waren mangelhaft. + +</P><P> + +Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die +erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, +der es unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, +Gensoul, der als erster eine Oberkiefer-Abtragung +ausführte, — allen diesen hat sicherlich nicht so das Herz +geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewiß nicht so +aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt unter sein Messer nahm. + +</P><P> + +Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in +einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie, +gewichste Fäden, Binden, alles was in der Apotheke an +Verbandszeug vorrätig gewesen war. Homais hatte das +alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die Leute zu +verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen. + +</P><P> + +Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. +Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet. + +</P><P> + +Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm +Bovarys Hände und bedeckte sie mit Küssen. + +</P><P> + +„Erst mal Ruhe!“ gebot der Apotheker. „Die Dankbarkeit für +deinen Wohltäter kannst du ja später bezeigen!“ + +</P><P> + +Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs +Neugierigen mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich +eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male +laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten das +Gehäuse an und begab sich sodann nach Haus, wo ihn Emma +angstvoll an der Türe erwartete. Sie fiel ihm um den Hals. + +</P><P> + +Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch +sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst +nur Sonntags, wenn ein Gast da war. + +</P><P> + +Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und +gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke, +von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen +ärztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe +seiner Frau immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt +und verjüngt, gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen +leisen Zuneigung für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. +Flüchtig schoß ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber +ihre Augen ruhten alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte +sie erstaunt, daß seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich +waren. + +</P><P> + +Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr +des Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein +frisch beschriebenes Stück Papier. Es war der +Reklame-Aufsatz, den er für den „Leuchtturm von Rouen“ verfaßt +hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben. + +</P><P> + +„Lesen Sie ihn vor!“ bat Bovary. + +</P><P> + +Der Apotheker tat es: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer noch +immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer +Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen Yonville +der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel +edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer +angesehensten praktischen Ärzte, ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +„Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!“ unterbrach ihn +Karl, vor Erregung tief atmend. + +</P><P> + +„Aber durchaus nicht! Wieso denn?“ + +</P><P> + +Er las weiter: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„... hat den verkrüppelten Fuß ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Er unterbrach sich selbst: + +</P><P> + +„Ich habe hier absichtlich den <TT>terminus +technicus</TT> vermieden, wissen Sie! In einer +Tageszeitung muß alles gemeinverständlich sein ... die +große Masse ...“ + +</P><P> + +„Sehr richtig!“ meinte Bovary. „Bitte fahren Sie fort!“ + +</P><P> + +„Ich wiederhole: + +</P><P> + +<BLOCKQUOTE> +Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, +hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain +operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum +Goldnen Löwen der verwitweten Frau Franz am Markt. Das +aktuelle Ereignis und das allgemeine Interesse an der +Operation hatten eine derartig große Volksmenge angezogen, +daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mußte. Die +Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Bluterguß trat +so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen verrieten, +daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der +Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise +— wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf — +nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt +nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die +vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave +Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten +Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch +muntere Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen +Gelehrten, Ehre den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der +Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen! +<BR> +Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die +Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der +kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach, +schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden +unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so +ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz +verstört gelaufen und rief: + +</P><P> + +„Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!“ + +</P><P> + +Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der +Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ +sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und +mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem +er auf der Treppe begegnete: + +</P><P> + +„Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?“ + +</P><P> + +Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß +das Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen +die Wand geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte. + +</P><P> + +Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht +zu verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot +sich ein gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war +unter einer derartigen Schwellung verschwunden, daß es +aussah, als platze demnächst die ganze Haut. Diese war +blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die das famose +Gehäuse verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an über +Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angehört. Nachdem man +nunmehr einsah, daß er im Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein +paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig +zurückgegangen war, hielten es die beiden Heilkünstler für +angebracht, das Bein wieder einzuschienen und es noch fester +einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen. + +</P><P> + +Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr +auszuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war +höchst über das verwundert, was sich nunmehr +herausstellte. Die schwärzlichblau gewordene Schwellung +erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz voller Blasen +war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man wurde +bedenklich. + +</P><P> + +Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in +die kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er +wenigstens etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, +der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese +Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in das +Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken, +blaß, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte +er seinen in Schweiß gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen +hin und her, wenn ihn die Fliegen quälten. + +</P><P> + +Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den +Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst +fehlte es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, +wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen +herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten. + +</P><P> + +„Wie geht dirs denn?“ fragten sie ihn und klopften ihm auf +die Schulter. „So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist +aber selber schuld daran!“ Er hätte dies oder jenes machen +sollen. Sie erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere +Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren +Trost meinten sie: + +</P><P> + +„Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie +ein Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! +Und besonders gut riechst du auch nicht!“ + +</P><P> + +Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast +selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke. +Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend +stammelte er: + +</P><P> + +„Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, +helfen Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!“ + +</P><P> + +Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann +verließ er ihn. + +</P><P> + +„Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!“ meinte die +Löwenwirtin. „Sie haben dich schon gerade genug geschunden! +Das macht dich bloß immer noch schwächer! Da, trink!“ + +</P><P> + +Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule, +Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine +Lippen zu bringen wagte. + +</P><P> + +Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt +schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber +erklärte er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, +denn es sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich +mit dem Himmel zu versöhnen. + +</P><P> + +„Siehst du,“ sagte der Priester in väterlichem Tone, „du hast +deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der +Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige +Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung +und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein +Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du +dich darum kümmerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe große +Sünder gekannt, die, kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du +bist noch nicht so weit, das weiß ich wohl!) seine Gnade +erfleht haben; sie sind ohne Verdammnis gestorben! Hoffen wir, +daß auch du uns gleich ihnen ein gutes Beispiel gibst! +Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgens ein +Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue das! +Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das +versprechen?“ + +</P><P> + +Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger +wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen +erzählte er den beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, +die Hippolyt allerdings nicht verstand. Aber bei jeder +Gelegenheit kam er auf religiöse Dinge zu sprechen, wobei er +jedesmal eine salbungsvolle Miene annahm. + +</P><P> + +Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht +lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt +nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde, +worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt +genäht halte besser. Er riskiere ja dabei nichts. + +</P><P> + +Der Apotheker war empört über „diese Pfaffenschliche“, wie er +sich ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung +des Hausknechts nur. + +</P><P> + +„Laßt ihn doch nur in Ruhe!“ sagte er zur Löwenwirtin. „Mit +euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!“ + +</P><P> + +Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein +anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein +aus Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen +Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf. + +</P><P> + +Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der +chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom +Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue +Salben und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und +schließlich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, +als Mutter Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser +hoffnungslosen Lage nicht den Doktor Canivet aus +Neufchâtel kommen lassen solle, der doch weitberühmt sei. + +</P><P> + +Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso +wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht, +über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das +bis an das Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann +erklärte er, das Glied müsse amputiert werden. + +</P><P> + +Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen „die Esel, die +das arme Luder so zugerichtet“ hätten. Er faßte Homais am +Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke: + +</P><P> + +„Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die +Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es +mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, +Blaseneingriffen! Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich +der Staat ins Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen bloß +immer was zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten +Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber, +wir sind rückständig. Wir sind keine Gelehrten, keine +Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxis, wir +heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns nicht ein, +Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpfüße gerade +zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch einem Buckligen +seinen Höcker abhobeln wollen!“ + +</P><P> + +Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl +zumute, aber er verbarg sein Mißbehagen hinter einem +verbindlichen Lächeln. Er mußte mit Canivet auf gutem Fuße +bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend öfters +konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab. +Aus diesem Grunde hütete er sich, für Bovary einzutreten. Er +vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze Grundsätze sein und +opferte seine Würde den ihm wichtigeren Interessen seines +Geschäfts. + +</P><P> + +Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet +ausführte, war für den ganzen Ort ein wichtiges +Ereignis. Frühzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und +die Hauptstraße war voller Menschen, die allesamt etwas +Trübseliges an sich hatten, als solle eine Hinrichtung +stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich über +Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau +Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen +Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der +Operateur ankäme. + +</P><P> + +Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber +kutschierte. Durch die Last seines Körpers war die rechte +Feder des Gefährts derartig niedergedrückt, daß der +Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster +stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschlösser +prächtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bis vor die +kleine Freitreppe des Goldnen Löwen. Mit lauter Stimme befahl +er, das Pferd auszuspannen. Er ging mit in den Stall und +überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich Hafer geschüttet +bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer zuerst +seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im +Munde der Leute für einen „Pferdejockel“. Aber gerade weil er +sich darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. +Und wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den +letzten Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst +seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen. + +</P><P> + +Homais stellte sich ein. + +</P><P> + +„Ich rechne auf Ihre Unterstützung!“ sagte der Chirurg. „Ist +alles bereit? Na, dann kanns losgehen!“ + +</P><P> + +Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, +um einer solchen Operation assistieren zu können. „Als +passiver Zuschauer“, sagte er, „greift einen so was doppelt +an. Meine Nerven sind so herunter ...“ + +</P><P> + +„Quatsch!“ unterbrach ihn Canivet. „Mir machen Sie vielmehr den +Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. +Übrigens kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh +bis abends in Eurer Giftbude. Das muß sich ja +schließlich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag +für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf, wasche mich mit +eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden +gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich nicht, und +mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und morgen +so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als +Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so +zimperlich wie Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn +oder einem christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie +haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. +Sehr richtig! Es ist alles bloß Gewohnheit ...“ + +</P><P> + +Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem +Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung +in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit +eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen +Vergleich geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über +die Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes +sei ein Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern +als gemeines Handwerk ausübe, der sei ein +Heiligtumschänder. + +</P><P> + +Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von +Homais gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war +dasselbe, das bereits bei der ersten Operation zur Stelle +gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der das Bein +festhalten könne. Lestiboudois ward geholt. + +</P><P> + +Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel +hoch und begab sich in das Billardzimmer, während der +Apotheker in die Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia +neugierig und ängstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen +waren weißer als ihre Schürzen. + +</P><P> + +Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause +heraus. Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und +die Hände gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer +brannte, und starrte vor sich hin. „Welch ein Mißgeschick!“ +seufzte er. „Was für eine große Enttäuschung!“ Er hatte +doch alle denkbaren Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war +der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! +Wenn Hippolyt noch stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was +sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten? +Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er +wußte doch selber keinen, so sehr er auch darüber nachsann. Die +berühmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber das wird +kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur auslachen und in +Verruf bringen. Die Sache wird bis Forges ruchbar werden, +bis Neufchâtel, bis Rouen und noch weiter! Vielleicht +würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn veröffentlichen, +dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in den Zeitungen +eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf Schadenersatz +klagen. + +</P><P> + +Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von +tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her +wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres. + +</P><P> + +Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung +dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie +hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines +Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine +Unfähigkeit doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte! + +</P><P> + +Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten. + +</P><P> + +„Setz dich doch!“ sagte sie. „Du machst mich noch ganz +verrückt!“ + +</P><P> + +Er tat es. + +</P><P> + +Wie hatte sie es nur fertig gebracht — wo sie doch so klug +war! —, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, +ihr ganzer Lebenspfad war doch fortwährend durch das +traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! +Sie rief sich alles einzeln ins Gedächtnis zurück: +ihren unbefriedigten Hang zum Lebensgenuß, die Einsamkeit +ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihres +Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den Sumpf +hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an +alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie +von sich gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! +Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn +alles so? Warum? + +</P><P> + +Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein +herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig. +Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr +nichts mehr anzusehen. + +</P><P> + +Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und +ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis +dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos +gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren +Namen! Und sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! +Hatte unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war! + +</P><P> + +„Vielleicht war es ein Valgus?“ rief Karl plötzlich laut +aus. Das war das Ergebnis seines Nachsinnens. + +</P><P> + +Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken +Emmas versetzte — er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne +Platte —, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit +sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam +erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich +seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick +eines Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den +verhallenden Schreien des Amputierten. Der heulte in +langgedehnten Tönen, die ab und zu von grellem Gebrüll +unterbrochen wurden. Alles das klang wie das ferne +Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß sich +auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer +Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke trafen +ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein +Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja +seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue, +daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von +Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen +ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den +Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie +des Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein +Bild entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie +gab ihm ihre ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus +ihrem Leben herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich +geworden, ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor +ihren Augen den Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her +drang das Geräusch von Tritten herauf. Karl ging an das +Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor +Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte +sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt +Homais, die große rote Reisetasche in der Hand. Beide +steuerten auf die Apotheke zu. + +</P><P> + +In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis +näherte sich Karl seiner Frau: + +</P><P> + +„Gib mir einen Kuß, Geliebte!“ + +</P><P> + +„Laß mich!“ wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn. + +</P><P> + +„Was hast du denn? Was ist dir?“ fragte er betroffen. +„Sei doch ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich +dich liebe! Komm!“ + +</P><P> + +„Weg!“ rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem +Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß +das Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging. + +</P><P> + +Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach, +was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer +Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von +etwas Unheilvollem, Unfaßbarem. + +</P><P> + +Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er +seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe +sitzen und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger +schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zwölftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage. +Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell +seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf +kam alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie +sich langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein +schrecklich. + +</P><P> + +„Kann ich das ändern?“ rief er einmal ungeduldig aus. + +</P><P> + +„Ja, wenn du wolltest!“ + +</P><P> + +Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem +Haar und traumverlorenem Blick. + +</P><P> + +„Wieso?“ fragte er. + +</P><P> + +Sie seufzte. + +</P><P> + +„Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... +weit weg von hier ...“ + +</P><P> + +„Ein toller Einfall!“ lachte er. „Unmöglich!“ + +</P><P> + +Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm +das unverständlich, und begann von etwas anderm zu +sprechen. + +</P><P> + +Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes +aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. +Sie müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch +an ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche. + +</P><P> + +Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu +Tag im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann +verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr +verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor, +seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so +schwerfällig, seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie +nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. +Sie bildete sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. +Immerwährend träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, +seiner braunen Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten +Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so +leidenschaftlichen Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel +mit der Sorgfalt eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie +eine Unmenge von Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne +für ihre Wäsche. Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und +Halsketten. Wenn sie ihn erwartete, füllte sie ihre großen +blauen Glasvasen mit Rosen und schmückte ihr Zimmer und sich +selber wie eine Kurtisane, die einen Fürsten erwartet. Felicie +wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte +sie in ihrer Küche. + +</P><P> + +Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer +Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, +auf dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn +herum aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die +Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen. + +</P><P> + +„Wozu hat man das alles?“ fragte der Bursche, indem er mit +der Hand über einen der Reifröcke strich. + +</P><P> + +„Hast du sowas noch niegesehen?“ Felicie lachte. „Deine +Herrin, Frau Homais, hat das doch auch!“ + +</P><P> + +„So? Die Frau Homais!“ Er sann nach. „Ist sie denn eine Dame +wie die Frau Doktor?“ + +</P><P> + +Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie +war drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr +Theodor, der Diener des Notars, neuerdings den Hof. + +</P><P> + +„Laß mich in Ruhe!“ sagte sie und stellte den Stärketopf +beiseite. „Scher dich lieber an <B>deine</B> Arbeit! Stoß deine +Mandeln! Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du +dich damit befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase +wachsen, du Knirps, du nichtsnütziger!“ + +</P><P> + +„Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch +die Schuhe für die Frau Doktor!“ + +</P><P> + +Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen +her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit +eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt — vom letzten +Stelldichein her —, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo +gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin +betrachtete sie sich. + +</P><P> + +„Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!“ sagte Felicie, +die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt +anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht +mehr tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in +ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber +Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen. + +</P><P> + +So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein +aus, das Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen +müsse. Die Fläche, mit der es anlag, war mit Kork überzogen. +Es hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und +Schuh verdeckten es vollkommen. Hippolyt wagte es indessen +nicht in den Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm +noch ein anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel +mußte der Arzt auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der +Hausknecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah +man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den +harten Anschlag des Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, +schlug er schnell einen anderen Weg ein. + +</P><P> + +Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. +Das gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte +mit ihr über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, +die Frauen interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig +und forderte niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle +Emmas wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie +Rudolf einen sehr schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in +einem Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte +Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber +überreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von +zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centimes. Emma +war in der gröbsten Verlegenheit. Die Kasse war leer. +Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu bekommen, +Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer +Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang +des Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich +gegen Ende Oktober einzugehen pflegte. + +</P><P> + +Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann +verlor er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, +und wenn er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er +ihr alles wieder abnehmen, was er ihr geliefert habe. + +</P><P> + +„Gut!“ meinte Emma. „Holen Sie sichs!“ + +</P><P> + +„Ach was! Das hab ich nur so gesagt!“ entgegnete er. +„Indessen um den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, +den werd ich mir vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!“ + +</P><P> + +„Um Gottes willen!“ rief sie aus. + +</P><P> + +„Warte nur! Dich hab ich!“ dachte Lheureux bei sich. + +</P><P> + +Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte, +lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin: + +</P><P> + +„Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!“ + +</P><P> + +Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte +in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine +kleine in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine +Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die +Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das +schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe +hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte +den Schlüssel ein. + +</P><P> + +Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals. + +</P><P> + +„Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen“, sagte er. +„Wollen Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...“ + +</P><P> + +„Hier haben Sie Ihr Geld!“ unterbrach sie ihn und zählte ihm +vierzehn Goldstücke in die Hand. + +</P><P> + +Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen, +brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle +möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte. + +</P><P> + +Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit +dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die +Tasche ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig +zu sparen, damit sie recht bald ... + +</P><P> + +„Was ist da weiter dabei?“ beruhigte sie sich. „Er wird +nicht gleich dran denken!“ + +</P><P> + +Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte +Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem +Wahlspruch: <TT>Amor nel Cor!</TT> (Liebe im +Herzen!), fernerhin ein seidenes Halstuch und eine +Zigarrentasche, zu der sie als Muster die Tasche genommen +hatte, die Karl damals auf der Landstraße gefunden hatte, +als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie +sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem +Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so +mußte er sich schließlich fügen. Er fand das aufdringlich +und höchst rücksichtslos. + +</P><P> + +Sie hatte wunderliche Einfälle. + +</P><P> + +„Wenn es Mitternacht schlägt,“ bat sie ihn einmal, „mußt +du an mich denken!“ + +</P><P> + +Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er +endlose Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen: + +</P><P> + +„Du liebst mich nicht mehr!“ + +</P><P> + +„Ich dich nicht mehr lieben?“ + +</P><P> + +„Über alles?“ + +</P><P> + +„Natürlich!“ + +</P><P> + +„Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?“ + +</P><P> + +„Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?“ brach +er lachend aus. + +</P><P> + +Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe +zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu +mildern suchte. + +</P><P> + +„Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!“ begann sie von +neuem. „Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen +kann! Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, +dich zu sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter +Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern +Frauen? Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; +nicht wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere +als ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine +Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so +gut! So schön! So klug und stark!“ + +</P><P> + +Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß +es ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin +nicht anders als alle seine früheren Geliebten, und der +Reiz der Neuheit fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, +und das ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt +zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er +war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den +nämlichen Ausdrucksformen himmelweit voneinander +verschiedene Gefühlsarten existieren können. Weil ihm die +Lippen liederlicher oder käuflicher Frauenzimmer schon die +gleichen Phrasen zugeflüstert hatten, war sein Glaube an die +Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach. + +</P><P> + +„Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,“ +sagte er sich, „sie sind nur ein Mäntelchen für +Alltagsempfindungen.“ + +</P><P> + +Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den +banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand +genau zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine +Innenwelt, seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine +gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, +nach der kaum ein Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen +möchten. + +</P><P> + +Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich +ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch +dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme +Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie +bar jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und +verdarb sie gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische +Anhänglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig +empfand sie Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre +Seele ertrank in diesem Rausche. + +</P><P> + +Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem +äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre +Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung +Rudolfs, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, „um die +Spießer zu ärgern“, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war +es gänzlich geschehen, als man sie eines schönen +Tages in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener +Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem +heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne +Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger als die +Yonviller Philister. Und noch vieles andre mißfiel ihr. +Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das Roman-Lesen doch +wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die „ganze +Wirtschaft“ nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich Bemerkungen +darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen Auftritt. +Felicie war die nähere Veranlassung dazu. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, +als sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht +mehr besonders jungen Mannes überrascht. Der Betreffende +trug ein braunes Halstuch und verschwand bei der Annäherung +der alten Dame. Emma lachte, als ihr der Vorfall berichtet +ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer +bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig +Wert darauf. + +</P><P> + +„Sie sind wohl aus Hinterpommern?“ fragte die junge Frau so +impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen +konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle. + +</P><P> + +„Verlassen Sie mein Haus!“ schrie Emma und sprang auf. + +</P><P> + +„Emma! Mutter!“ rief Karl beschwichtigend. + +</P><P> + +In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. +Emma stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete. + +</P><P> + +„So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!“ rief sie. + +</P><P> + +Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte: + +</P><P> + +„So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. +Schlimmeres vielleicht noch!“ + +</P><P> + +Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um +Verzeihung gebeten würde. + +</P><P> + +Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den +Knien, doch nachzugeben. Schließlich sagte sie: + +</P><P> + +„Meinetwegen!“ + +</P><P> + +In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit +der Würde einer Fürstin. + +</P><P> + +„Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!“ + +</P><P> + +Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf +den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen +vergraben. + +</P><P> + +Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen +sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen +weißen Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, +solle er daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere +Gartenpforte eilen. + +</P><P> + +Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am +Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke +der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn +hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung +überkam sie. + +</P><P> + +Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das +war er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den +Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme. + +</P><P> + +„Sei doch ein bißchen vorsichtiger!“ mahnte er. + +</P><P> + +„Ach, wenn du wüßtest!“ Und sie begann ihm den ganzen Vorfall +zu erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei +übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte +eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht +das mindeste von der ganzen Geschichte begriff. + +</P><P> + +„So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!“ + +</P><P> + +„Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!“ erwiderte +sie. „Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht +nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr +aus! Rette mich!“ + +</P><P> + +Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen, +glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm. + +</P><P> + +Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der +kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er: + +</P><P> + +„Was soll ich tun? Was willst du?“ + +</P><P> + +„Flieh mit mir!“ rief sie. „Weit weg von hier! Ach, ich bitte +dich um alles in der Welt!“ + +</P><P> + +Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem +Kusse das Ja einhauchen und wieder heraussaugen. + +</P><P> + +„Aber ...“ + +</P><P> + +„Kein Aber, Rudolf!“ + +</P><P> + +„... und dein Kind?“ + +</P><P> + +Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie: + +</P><P> + +„Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!“ + +</P><P> + +„Ein Teufelsweib!“ dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. +Sie mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen. + +</P><P> + +Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das +veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert. +Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig, +und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken +einzulegen, bat. + +</P><P> + +Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu +täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch +einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, +was sie im Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr +durchaus nicht im Sinne. Der Gegenwart entrückt, lebte sie im +Vorgeschmacke des kommenden Glückes. Davon schwärmte sie +dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter +gelehnt, flüsterte sie: + +</P><P> + +„Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen? +Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist +es wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, +daß sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl +haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken +hinein! Weißt du, ich zähle die Tage ... Und du?“ + +</P><P> + +Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie +besaß eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus +Lebensfreude, Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt +und das Symbol seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre +heimlichen Lüste, ihre Trübsal, ihre erweiterten +Liebeskünste und ihre ewig jungen Träume hatten sich stetig +entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur +Entfaltung bringen, und nun erst erblühte ihre volle Eigenart. +Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu geschnitten, +schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie verschleierten ihre +Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen Nasenflügel weitete +und es leise um die Hügel der Mundwinkel zuckte, die im +Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war +versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler habe den Knoten +ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus wie +eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig +geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag +aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser +geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes, +Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und +aus dem Rhythmus ihres Ganges. Wie in den +Flitterwochen erschien sie ihrem Manne entzückend und ganz +unwiderstehlich. + +</P><P> + +Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu +wecken. Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht +warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im +Halbdunkel wie ein weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen +bauschigen Vorhängen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen +Atemzüge seines Kindes zu hören. Es wuchs sichtlich +heran, jeder Monat brachte es vorwärts. Im Geiste sah er +es bereits abends aus der Schule heimkehren, froh und +munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mußte +das Mädel in eine Pension kommen. Das würde viel Geld +kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er sann nach. Wie +wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut pachtete? +Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er hinreiten +und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die Sparkasse, +später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft werden. +Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit rechnete +er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte +etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch +würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer +Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden +Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei +Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken +vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater +und Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft +würde sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn +erfüllen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde +sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen +finden und sie glücklich machen. Und so bliebe es dann +immerdar ... + +</P><P> + +Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und +während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen +Träumereien nach. + +</P><P> + +Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt, +auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder +zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren +dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie +plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt +hinab, mit ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und +weißen Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie +dann durch die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen +Blumensträuße an. Glocken läuteten, Maulesel schrien, und +dazwischen girrten Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler +Wasserstaub auf Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu +Pyramiden aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die +unter dem Sprühregen lächelten. Und eines Abends +erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde +trockneten, am Strand und zwischen den Hütten. Dort wollte sie +bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem +Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht des +Meeres. Sie fuhren in Gondeln und träumten in Hängematten. +Das Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen +Gewänder, und so warm und sternbesät wie die süßen Nächte, +die sie schauernd genossen ... Das war ein unermeßlicher +Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte sie ihn +nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der +andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen +fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser +Bewegung, stahlblau und sonnenbeglänzt ... + +</P><P> + +Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte +laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße +Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden +der Apotheke öffnete. + +</P><P> + +Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt: + +</P><P> + +„Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel +mit einem breiten Kragen.“ + +</P><P> + +„Sie wollen verreisen?“ fragte der Händler. + +</P><P> + +„Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf +Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!“ + +</P><P> + +Lheureux machte einen Kratzfuß. + +</P><P> + +„Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren +... einen handlichen ...“ + +</P><P> + +„Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie +man sie jetzt meist hat!“ + +</P><P> + +„Und eine Handtasche für das Nachtzeug!“ + +</P><P> + +„Aha,“ dachte der Händler, „sie hat sicher Krakeel gehabt!“ + +</P><P> + +„Da!“ sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem +Gürtel nestelte. „Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit +bezahlt!“ + +</P><P> + +Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie +wäre doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? +Was solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er +wenigstens die Kette nähme. + +</P><P> + +Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief +ihn Emma zurück. + +</P><P> + +„Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den +Mantel ...,“ sie tat so, als ob sie sichs überlegte „... +den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie +mir die Adresse des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel +soll bei ihm zum Abholen bereitliegen.“ + +</P><P> + +Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte +Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu +machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post +bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit +das Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. +In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann +sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas +Gepäck sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß +irgendwer Verdacht schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war +von ihrem Kinde niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon +zu sprechen. „Sie denkt vielleicht nicht mehr daran“, sagte er +sich. + +</P><P> + +Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten +zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei +Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er +eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach +allen diesen Verzögerungen schließlich „unwiderruflich“ auf +Montag den 4. September einigten. + +</P><P> + +Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich +ein. + +</P><P> + +„Ist alles bereit?“ fragte sie ihn. + +</P><P> + +„Ja.“ + +</P><P> + +Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf +den Rand der Gartenmauer. + +</P><P> + +„Du bist verstimmt?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Nein. Warum auch?“ + +</P><P> + +Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an. + +</P><P> + +„Vielleicht weil es nun fortgeht?“ fragte sie. „Weil du +Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes +jetziges Leben? Ich verstehe das wohl, wenn ich selber auch +nichts derlei auf der Welt habe. Du bist mein alles! Und +ebenso möchte ich dir alles sein, Familie und Vaterland. Ich +will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!“ + +</P><P> + +„Wie lieb du bist!“ sagte er und zog sie an sein Herz. + +</P><P> + +„Wirklich?“ fragte sie in lachender Wollust. „Du liebst mich? +Schwöre mirs!“ + +</P><P> + +„Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, +Liebste!“ + +</P><P> + +Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des +flachen Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er +hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch +ihre Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen +Vorhang. Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume +des weiten Himmels. Er ward immer silberner, und nun +rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache über den Wellen in +zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener +Diamanten. Ringsum leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur +in den Wipfeln hingen dunkle Schatten. + +</P><P> + +Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den +kühlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken +und verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage +ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie +der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die +Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die +verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen +Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen +raschelte auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs +Gesträuch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein +reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel. + +</P><P> + +„Was für eine wunderbare Nacht!“ sagte Rudolf. + +</P><P> + +„Wir werden noch schönere erleben!“ erwiderte Emma. Und wie zu +sich selbst fuhr sie fort: „Ach, wie herrlich wird unsere Reise +werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? +Ist es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das +Gewohnte zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist +das Übermaß von Glück! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih +mir!“ + +</P><P> + +„Noch ist es Zeit!“ rief er aus. „Überleg dirs! Wird +es dich auch niemals reuen?“ + +</P><P> + +„Niemals!“ beteuerte sie leidenschaftlich. + +</P><P> + +Sie schmiegte sich an ihn. + +</P><P> + +„Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt +keine Wüste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht +durchqueren würde! Je länger wir zusammen leben werden, um so +inniger und vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, +kein Hindernis wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein +und eins immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!“ + +</P><P> + +Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen: + +</P><P> + +„Ja ... ja ... ja!“ + +</P><P> + +Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein +kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder: + +</P><P> + +„Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter +Rudolf ...“ + +</P><P> + +Es schlug Mitternacht. + +</P><P> + +„Mitternacht!“ sagte sie. „Nun heißt es: morgen! Nur noch +ein Tag!“ + +</P><P> + +Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese +Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male +fröhlich. + +</P><P> + +„Hast du die Pässe?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Ja.“ + +</P><P> + +„Hast du nichts vergessen?“ + +</P><P> + +„Nein.“ + +</P><P> + +„Weißt du das genau?“ + +</P><P> + +„Ganz genau!“ + +</P><P> + +„Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?“ + +</P><P> + +Er nickte. + +</P><P> + +„Also morgen auf Wiedersehen!“ sagte Emma mit einem letzten +Kusse. + +</P><P> + +Er ging, und sie sah ihm nach. + +</P><P> + +Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den +Bachrand und rief durch die Weiden hindurch: + +</P><P> + +„Auf morgen!“ + +</P><P> + +Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch +die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, +wie ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie +eine Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich +gegen einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken. + +</P><P> + +„Ich bin kein Mann!“ rief er aus. „Hol mich der Teufel! Ein +hübsches Weib wars doch!“ + +</P><P> + +Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten +ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen +diese Rührung. + +</P><P> + +„Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!“ + +</P><P> + +Er gestikulierte heftig. + +</P><P> + +„Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die +Kosten!“ + +</P><P> + +Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen. + +</P><P> + +„Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Dreizehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den +Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine +Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte, +wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen +beide Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in +weite Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, +hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet. + +</P><P> + +Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem +Schranke, der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte +Blechschachtel hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin +gewesen waren und in der er seine „Weiberbriefe“ aufbewahrte. +Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu +oberst lag ein Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es +war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie +einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. +Daneben lag ein Bild von ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle +vier Ecken daran waren abgestoßen. Das Kleid, das sie auf +diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder +Blick jämmerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und +sich das Urbild in die Phantasie zurückzurufen suchte, +verschwammen Emmas Züge in seinem Gedächtnisse, gleichsam +als ob sich die noch lebende Erinnerung und das gemalte +Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre +vernichtete. + +</P><P> + +Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten +Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz, +sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er +suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen, +mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von +Papieren und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, +ein Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken +heraus. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten +sich ins Scharnier gezwängt und rissen nun beim +Herausnehmen ... + +</P><P> + +Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte +seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, +über den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht +minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten +zärtlich geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die +wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem +bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang +einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste +Erinnerung herauf. + +</P><P> + +Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn. +Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig +in den Schmutz. Etwas Gemeinsames — die Liebe — stellte +sie allesamt auf ein und dasselbe Niveau. + +</P><P> + +Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine +Art Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er +sie, halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und +stellte diesen in den Schrank zurück. + +</P><P> + +„Lauter Blödsinn!“ + +</P><P> + +Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war +wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos +herumgetrampelt waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die +Freuden des Daseins hatten noch gründlicher gewirtschaftet. +Die Schüler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz +war keiner zu lesen. + +</P><P> + +„Nun aber los!“ rief er sich zu. + +</P><P> + +Er begann zu schreiben: + +</P><P> + +„Liebe Emma! + +</P><P> + +Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...“ + +</P><P> + +„Eigentlich sehr richtig!“ dachte er bei sich. „Das ist nur +in ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...“ + +</P><P> + +„... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? +Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich +Dich beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir +tollkühn und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, +an die Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet +waren wir!“ + +</P><P> + +Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten +Ausflüchten. „Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein +Vermögen verloren? Ach, nein, lieber nicht! Übrigens nützte +das nichts. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem +los. Es ist, weiß Gott, verdammt schwer, so eine Frau +wieder vernünftig zu machen!“ + +</P><P> + +Er sann nach, dann schrieb er weiter: + +</P><P> + +„Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein +ganzes Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner +gedenken. So aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun +einmal das Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, +früher oder später, doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären +ihrer müde geworden, und wer weiß, ob mir nicht der gräßliche +Schmerz beschieden gewesen wäre, Deine Reue zu erleben und selber +welche zu empfinden als Veranlasser der Deinigen? Die bloße +Vorstellung, Dir dieses Leid verursachen zu können, martert +mich. Liebste Emma, vergiß mich! Wir hätten uns nie kennen +lernen sollen! Warum bist Du so schön! Bin ich der Schuldige? Bei +Gott, nein, nein! Wir müssen das Schicksal anklagen ...“ + +</P><P> + +„Dieses Wort machte immer Eindruck“, sagte er zu sich. + +</P><P> + +„Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so +viele gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus +Egoismus, ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen +schwärmerischen Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich +Deines vielen Kummers, bist Du nicht imstande, Du Beste +aller Frauen, die Kehrseite unsrer zukünftigen Stellung in der +Welt vorauszusehen. Auch ich habe zunächst gar nicht daran +gedacht, habe mich in unserm Höhenglücke behaglich gesonnt, mich +in ein Märchenland geträumt und mich um keine Folgen +gekümmert ...“ + +</P><P> + +„Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... +Auch egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!“ + +</P><P> + +„... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns +überall, wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du +hättest unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und +vielleicht Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. +Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. +Du solltest mein Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der +Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich +gehe fort. Wohin? Ach, ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig! + +</P><P> + +Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht +ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, +damit sie mich in ihre Gebete einschließt!“ + +</P><P> + +Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom +Schreibtisch auf und schloß das Fenster. + +</P><P> + +„So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen +Fall eine Aussprache!“ + +</P><P> + +Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter: + +</P><P> + +„Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit +weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu +entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach +werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht +miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, kühl und +vernünftig. Adieu!“ + +</P><P> + +Er setzte noch ein „A dieu!“ darunter, in zwei Worten +geschrieben. Das hielt er für sehr geschmackvoll. + +</P><P> + +„Wie soll ich nun unterzeichnen?“ fragte er sich. „Dein +ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!“ + +</P><P> + +Und er schrieb: + +</P><P> + +„Dein treuer Freund + +</P><P> + +R.“ + +</P><P> + +Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm. + +</P><P> + +„Armes Frauchen!“ dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit. +„Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich +fehlen ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das +ist mein Fehler.“ + +</P><P> + +Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte +einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen +Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift +färbte ihn blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun +nach einem Petschaft. Das mit dem Wahlspruch +<TT>Amor nel Cor</TT> geriet ihm in die Hand. + +</P><P> + +„Paßt eigentlich nicht gerade!“ dachte er. „Ach was! Tut +nichts!“ + +</P><P> + +Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen. + +</P><P> + +Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen +zwei Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen +pflücken, legte den Brief unter die Weinblätter am Boden und +befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau +Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten +zukommen lassen, je nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten +oder Wild. + +</P><P> + +„Wenn sie sich nach mir erkundigt,“ instruierte er, „dann +antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich +in die Hände! Verstanden? So! Ab!“ + +</P><P> + +Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über +die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit +schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville. + +</P><P> + +Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit +beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche +zu falten. + +</P><P> + +„Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,“ vermeldete er, „und +das schickt er hier!“ + +</P><P> + +Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer +Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah +sie den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie +verwundert; er begriff nicht, daß ein solches Geschenk +jemanden so sehr aufregen könne. Dann ging er. + +</P><P> + +Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie +eilte in das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die +Aprikosen dahin tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm +die Weinblätter heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn +und floh hinauf nach ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. +Sie war fassungslos vor Angst. + +</P><P> + +Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie +verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher, +außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den +unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern +knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen +Bodentüre stehen. + +</P><P> + +Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem +Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. +Nirgends war sie ungestört. + +</P><P> + +„Ja, hier gehts!“ sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf +und trat in die Bodenkammer. + +</P><P> + +Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe +Schwüle, die ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. +Sie schleppte sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß +den Holzladen auf. Grelles Licht flutete ihr entgegen. + +</P><P> + +Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in +die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine +des Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser +standen unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, +aus einem der Dachfenster drang ein schnarrendes, +kreischendes Geräusch herauf. Binet saß an seiner Drehbank. + +</P><P> + +Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit +zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je +gründlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. +Im Geist sah sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn +leidenschaftlich an sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie +mit wuchtigen Hammerschlägen, die immer rascher und +unregelmäßiger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte +den Wunsch in sich, daß die ganze Welt zusammenstürze. Wozu +weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die +Vogelfreie? + +</P><P> + +Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab +auf das Straßenpflaster. + +</P><P> + +„Mut! Mut!“ rief sie sich zu. + +</P><P> + +Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres +Körpers förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, +als bewege sich die Fläche des Marktplatzes und hebe +sich an den Häusermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie +stand, begann zu schwanken wie das Deck eines Seeschiffes +... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinaus. Schon hing +sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und +die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch +sich nicht mehr festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen +... Ohne Unterlaß summte unten die Drehbank wie die rufende +Stimme eines bösen Geistes ... + +</P><P> + +In diesem Moment rief Karl: + +</P><P> + +„Emma! Emma!“ + +</P><P> + +Da kam sie wieder zur Besinnung. + +</P><P> + +„Wo steckst du denn? Komm doch!“ + +</P><P> + +Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie +mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend +fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie. + +</P><P> + +„Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.“ + +</P><P> + +Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen. + +</P><P> + +Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen +hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie +sich die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und +wirklich tat sie das und begann die Fäden des Gewebes zu +zählen ... Plötzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie +ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, +als daß sie imstande gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, +um bei Tisch aufstehen zu können. Sie war feig geworden. Sie +hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wußte er nun alles, +sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigentümlicher +Betonung: + +</P><P> + +„Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?“ + +</P><P> + +„Wer hat dir das gesagt?“ fragte sie zitternd. + +</P><P> + +„Wer mir das gesagt hat?“ wiederholte er, ein wenig betroffen +von dem harten Klang ihrer Frage. „Na, sein Kutscher, dem ich +vorhin vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist +verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen ...“ + +</P><P> + +Emma schluchzte laut auf. + +</P><P> + +„Wundert dich das?“ fuhr er fort. „Er verdrückt sich doch +immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm +nicht verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und +Junggeselle ist ... Übrigens ist unser Freund ein +Lebenskünstler! Ein alter Schäker! Langlois hat mir +erzählt ...“ + +</P><P> + +Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade +hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das +Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf +den Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er +nahm eine der Früchte und biß hinein. + +</P><P> + +„Ah!“ machte er. „Vorzüglich! Koste mal!“ + +</P><P> + +Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab. + +</P><P> + +„So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!“ + +</P><P> + +Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase. + +</P><P> + +„Ich bekomm keine Luft!“ rief sie und sprang auf. Aber schnell +beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. +„Es war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz +dich nur wieder hin und iß!“ + +</P><P> + +Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein +und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte +sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand +und legte sie dann auf seinen Teller. + +</P><P> + +Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den +Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings +langhin zu Boden. + +</P><P> + +Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen +zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer +Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl +oder übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, +die draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt. + +</P><P> + +Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des +Arztes „was los sei“, stürzte herbei. Der Eßtisch war +mit allem, was darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, +das Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und Öl, alles +lag auf dem Fußboden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die +erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in +Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden Händen die Kleider auf. + +</P><P> + +„Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium +holen!“ sagte Homais. + +</P><P> + +Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug +sie seufzend die Augen wieder auf. + +</P><P> + +„Natürlich!“ meinte der Apotheker. „Damit kann man Tote +erwecken!“ + +</P><P> + +„Sprich!“ bat Karl. „Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein +Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib +ihr einen Kuß!“ + +</P><P> + +Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und +wollte sie um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg +und stammelte: + +</P><P> + +„Nicht doch! Niemanden!“ + +</P><P> + +Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett. + +</P><P> + +Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider +geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos +und blaß wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, +die in zwei Ketten langsam auf das Kissen rannen. + +</P><P> + +Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und +nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich +ist. + +</P><P> + +„Beruhigen Sie sich!“ sagte Homais und zupfte den Arzt. „Ich +glaube, der Paroxysmus ist vorüber.“ + +</P><P> + +„Ja,“ erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. „Jetzt +scheint sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in +das alte Leiden!“ + +</P><P> + +Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab +zur Antwort: + +</P><P> + +„Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.“ + +</P><P> + +„Höchst merkwürdig!“ meinte der Apotheker. „Es ist +indessen möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht +haben. Es gibt gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche +stark empfänglich sind. Es wäre eine sehr interessante +Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen, +sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen +Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher gewußt, wie +wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim +Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein +und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens +weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich +habe von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim +Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot ...“ + +</P><P> + +„Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!“ mahnte Bovary +mit flüsternder Stimme. + +</P><P> + +„Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,“ +fuhr der Apotheker fort, „sondern sogar bei Tieren. Zweifellos +ist Ihnen nicht unbekannt, daß <TT>Nepeta +cataria</TT>, vulgär Katzenminze, sonderbarerweise auf +das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum wirkt. Einen +weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung anführen. +Bridoux, ein Studienfreund von mir — er wohnt jetzt in der +Malpalu-Straße — besitzt einen Foxterrier, der jedesmal +Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die +Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit +angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. +Sollte mans für möglich halten, daß ein so harmloses +Niesemittel in den Organismus eines Vierfüßlers +derartig eingreifen kann? Das ist höchst merkwürdig, nicht +wahr?“ + +</P><P> + +„Gewiß!“ sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte. + +</P><P> + +„Das beweist uns,“ fuhr der andre fort, +gutmütig-selbstgefällig lächelnd, „daß im Nervensystem +zahllose Unregelmäßigkeiten möglich sind. Ich muß gestehen, +daß mir Ihre Frau Gemahlin immer außerordentlich reizsam +vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen, verehrter Freund, auf +keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die +angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in +Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier +sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter nichts! Beruhigende, +milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man bei ihr nicht auch +irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken versuchen?“ + +</P><P> + +„Wieso? Womit?“ + +</P><P> + +„Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! +<TT>That is the question!</TT> — wie ich +neulich in der Zeitung gelesen habe.“ + +</P><P> + +Emma erwachte und rief: + +</P><P> + +„Der Brief? Der Brief?“ + +</P><P> + +Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat +das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung. + +</P><P> + +In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. +Er vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr, +unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und +erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach +Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. +Justin mußte nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. +Professor Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen +hergeholt. Karl war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten +ängstigte ihn Emmas Apathie. Sie sprach nicht, interessierte +sich für nichts, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu +empfinden. Es war, als hätten Körper wie Geist bei ihr +alle ihre Funktionen eingestellt. + +</P><P> + +Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder +aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen +mit eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich +kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar +Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit +wohl, daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den +Garten versuchte. + +</P><P> + +Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz +langsam, in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl +angeschmiegt, lächelte sie in einem fort vor sich hin. + +</P><P> + +So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie +stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand +über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber +es gab in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln +große Feuer, in denen man landwirtschaftliche Überbleibsel +verbrannte. + +</P><P> + +„Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!“ warnte Karl +und geleitete sie behutsam zur Laube hin. „Setz dich hier ein +wenig auf die Bank! Das wird dir gut tun!“ + +</P><P> + +„Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!“ stieß sie mit +ersterbender Stimme hervor. + +</P><P> + +Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem +da, und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. +Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im +Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein +Auswurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der +Lungenschwindsucht zu erkennen wähnte. + +</P><P> + +Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Vierzehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen +Arzneien vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als +Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm +peinlich gewesen. Dann war der Haushalt, jetzt wo ihn das +Mädchen führte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen +regneten nur so ins Haus. Die Lieferanten begannen +ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte Lheureux in lästiger +Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas Krankheit dazu +benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als sie +wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche +und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer +Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es +nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die +Sachen nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle +diese Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht +zurück. Herr Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher +verklagen als sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin +dem Mädchen, die Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber +Felicie vergaß es. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu +kümmern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit +unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald +jammernd, brachte er es so weit, daß ihm Bovary schließlich +einen Wechsel ausstellte, der in sechs Monaten fällig war. +Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der kühne Gedanke, +tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er +ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zinsfuß verschaffen +könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen Laden, brachte +das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich +Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres +eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits +anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine +Gesamtschuld von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte +hierbei ein ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im +voraus genau, daß es hierbei nicht bliebe. Er rechnete +darauf, daß der Arzt die Wechsel am Fälligkeitstage nicht +einlösen könne und sie prolongieren müsse. Auf diese Weise +sollte das erst armselige Sümmchen im Hause des Arztes +wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und +eines Tages dick und rund zu ihm zurückkehren. + +</P><P> + +Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die +regelmäßigen Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler +Krankenhaus. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der +Torfgruben zu Grümesnil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane, +zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu eröffnen, +die den alten Rumpelkasten des Goldnen Löwen unbedingt außer +Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller führe, billiger +wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von +Yonville in seine Hände bringen. + +</P><P> + +Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche +Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf +allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden +oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich +keinen Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte +sich sonst noch ausdenken, was er wollte: überall drohten +die größten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu +gern weitere unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er +vernachlässige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und +Trachten widme. Er wollte an nichts andres denken, selbst +wenn ihr dadurch kein Abbruch geschähe. + +</P><P> + +Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam +vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in +ihrem Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem +Marktplatze zu gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten +war ihr jetzt verleidet; deshalb mußte seine Jalousie +beständig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, daß ihr +Reitpferd verkauft werden solle. Alles, was ihr früher lieb +gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie kümmerte sich um nichts +mehr als um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie +in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem Mädchen, um sich +die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der +Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen +Widerschein in das Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand +eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden +unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie +eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der +allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die +Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die +Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck +herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die +Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank +ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen +die Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen +über das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie +das andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der +Fensterläden. + +</P><P> + +Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte +sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte +sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick +der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes. + +</P><P> + +Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte +sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes +Stündlein sei gekommen. Während man im Gemach die nötigen +Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen +bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fußboden mit +Blumen bestreute, da war es ihr, als überkäme sie eine +geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen +und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie körperlos geworden, sie +hegte keine Gedanken mehr, und ein neues Leben begann ihr. Sie +hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen Himmel, als +verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine +Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man besprengte ihr +Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße Hostie aus +dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor überirdischer Lust, +öffnete Emma die Lippen, um den Leib des Heilands zu +empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie herum +bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen +auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie +Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen +zurücksank, glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische +Harfenklänge zu hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt +von Heiligen mit grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner +erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit +Flammenflügeln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ... + +</P><P> + +Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. +Es war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab +sich Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr +nicht aus der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal +und in süßer Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich +in christlicher Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht +ward ihr ein köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus +ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden +göttlichen Gnade Tür und Tor weit öffnete. Es gab also +außer dem Erdenglück eine höhere Glückseligkeit und über +aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und +ohne Ende, eine Brücke in das Ewige! In neuen Illusionen +erträumte sie sich über der Erde ein Reich der Reinheit, einen +Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine +Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkränze und trug Amulette. +Ihr größter Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu Häupten ihres +Bettes, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den +wollte sie dann alle Abende küssen. + +</P><P> + +Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich +jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr +leicht in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. +Aber er war kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen +Erscheinungen gegenüber. Deshalb wandte er sich an den +Buchhändler des Erzbischofs und bat ihn, ihm „ein +passendes Erbauungsbuch für eine gebildete +Frauensperson“ zu schicken. Mit der größten +Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen +Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der +Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften +in ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort, +Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in +rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden +Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie: +„Die Herzpostille“, „Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn +von ***, Ritter mehrerer Orden“, „Voltaires Ketzereien zum +Gebrauch für die Jugend“, usw. usw. + +</P><P> + +Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen +Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie +sich auf diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach +wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte +sie, die Anmaßungen der Polemik stießen sie ab, und die +Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden, +mißfiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religiöse +Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der +geringsten Weltkenntnis. Sie verschleierten die Realitäten +des Lebens, für deren Brutalität sie viel lieber +literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie weiter, +und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann +wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu +empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren +imstande sind. + +</P><P> + +Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres +Herzens begraben; darin ruhte es unberührter und stiller +denn eine ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus +dieser großen eingesargten Liebe drang ein leiser, alles +durchströmender Duft von Zärtlichkeit in das neue reine +Dasein, das Emma führen wollte. Wenn sie in ihrem gotischen +Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten +Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugeflüstert hatte in den +Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie der göttlichen +Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine +Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem leeren +Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen, +dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut +ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen +der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den +Szenen aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière +träumte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit königlicher +Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen +Stunden zu Füßen Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen +ausgeweint hatten. + +</P><P> + +Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für +die Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl +eines Tages heimkam, fand er in der Küche drei +Gassenjungen, die Suppe aßen. Die kleine Berta wurde wieder +ins Haus genommen; Karl hatte sie während der Krankheit +seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma +das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte, regte sie sich +nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über sie gekommen, +eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache ward voll +gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen, +abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken +und ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber +die gute Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen +müde, daß ihr der Frieden am Herde ihres Sohnes so +wohltat, daß sie bis nach Ostern dablieb, um den +Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu entgehen, der alle +Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem +Tische sehen wollte. + +</P><P> + +Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre +Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab, +hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten +mit ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau +Tüvache, sowie die treffliche Frau Homais, die sich +regelmäßig zwischen drei und fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem +Klatsch, der über ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war, +niemals Glauben schenken wollen. Auch die Apothekerskinder +kamen mitunter in Justins Begleitung. Er brachte sie in +Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen, ohne sich +zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau +Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht +stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem +Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen +heftigen Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten +Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln +bis zu den Knien herabwallte, war es ihm zumute, als +schaue er plötzlich ganz Neues, Außergewöhnliches, und er +starrte wie geblendet hin. + +</P><P> + +Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch +seine schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die +aus ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in +neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, +in einem jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer +Frauenschönheit weit öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder +Hinsicht grenzenlos gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte +sagte sie die zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so +widerspruchsvoll, daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid +an ihr unterscheiden konnte. Man wußte nicht mehr, war sie +verdorben oder unnahbar. + +</P><P> + +Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr +Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und +stotterte irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma: + +</P><P> + +„Du liebst ihn also?“ und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, +fügte sie in traurigem Tone hinzu: „Geh! Lauf! Vergnüge dich!“ + +</P><P> + +In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig +umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich +darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch +äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie +sich wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß +Frau Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag +mit ihren Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen +Appetit in der Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. +Sodann schüttelte sie sich die Familie Homais vom Halse, nach +und nach auch die andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in +die Kirche ging sie seltener, zur großen Freude des +Apothekers, der ihr daraufhin freundschaftlichst erklärte: + +</P><P> + +„Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!“ + +</P><P> + +Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der +Katechismusstunde. Am liebsten blieb er im Freien, im +„Hain“, wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um +dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so +bekamen die beiden Männer eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den +sie „auf die völlige Genesung der gnädigen Frau“ tranken. + +</P><P> + +Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß +etwas tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary +lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im +Aufbrechen von Sektflaschen. + +</P><P> + +„Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,“ +dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, „dann +zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen +ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!“ + +</P><P> + +Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der +ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ +es niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen: + +</P><P> + +„Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!“ + +</P><P> + +Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas +dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit +seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort +im Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais +wunderte sich über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb +etwas auf den Zahn. Der Priester erklärte, er halte die Musik +für weniger sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais +verteidigte die letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe +unter dem leichten Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen +und für die wahre Moral. + +</P><P> + +„<TT>Castigat ridendo mores,</TT> verehrter +Herr Pfarrer!“ zitierte er. „Sehen Sie sich daraufhin mal die +Tragödien Voltaires an! Die meisten von ihnen sind mit +philosophischen Aphorismen durchsetzt, die eine wahre Schule +der Moral und Lebensklugheit für das Volk sind.“ + +</P><P> + +„Ich habe einmal ein Stück gesehen,“ sagte Binet, „es +hieß: ‚Der Pariser Taugenichts.‘ Darin kommt ein +alter General vor, wirklich ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt +seinen Sohn, der eine Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt +aber ...“ + +</P><P> + +„Gewiß“, unterbrach ihn Homais, „gibt es schlechte +Literatur, genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die +wichtigste aller Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu +verurteilen, das dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine +groteske Idee, würdig der abscheulichen Zeiten, die einen +Galilei im Kerker schmachten ließen.“ + +</P><P> + +Der Pfarrer ergriff das Wort: + +</P><P> + +„Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute +Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen +Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, +vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese +schamlosen Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese +Lichtvergeudung, dieser Feminismus, alles das hat +keine andre Wirkung, als daß es leichtfertige Ideen in die +Welt setzt, schändliche Gedanken und unzüchtige Anwandlungen. +Wenigstens ist das zu allen Zeiten die Ansicht der +kirchlichen Autoritäten.“ + +</P><P> + +Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen +seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. „Und wenn die +Kirche das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie +in ihrem vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.“ + +</P><P> + +„Jawohl,“ eiferte der Apotheker, „man exkommuniziert die +Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den +kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche +possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es +häufig nichts weniger als dezent zuging ...“ + +</P><P> + +Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der +Apotheker redete immer weiter: + +</P><P> + +„Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin — Sie +wissens ja am besten — von Unanständigkeiten und — man kann +nicht anders sagen — groben Schweinereien ...“ Bournisien +machte eine unwillige Gebärde. „Aber Sie müssen mir doch +zugeben, daß das kein Buch ist, das man jungen Leuten in +die Hand geben kann. Ich werde es nie zulassen, daß meine +Athalie ...“ + +</P><P> + +„Das sind ja die Protestanten, nicht wir,“ rief der Pfarrer +ungeduldig, „die den Leuten die Bibel überlassen!“ + +</P><P> + +„Das kommt hier nicht in Frage“, erklärte Homais. „Ich +wundre mich nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der +wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu +verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja +sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das +ist doch so, nicht, Doktor?“ + +</P><P> + +„Zweifellos!“ erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte +er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, +oder er hatte hierüber überhaupt keine Meinung. + +</P><P> + +Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt +es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten. + +</P><P> + +„Ich habe Geistliche gekannt,“ behauptete er, „die in Zivil +ins Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen +strampeln zu sehen.“ + +</P><P> + +„Ach was!“ wehrte der Pfarrer ab. + +</P><P> + +„Doch! Ich kenne welche!“ Und nochmals sagte er, Silbe für +Silbe einzeln betonend: „Ich — ken — ne — wel — che!“ + +</P><P> + +„Na ja,“ meinte Bournisien nachgiebig, „die Betreffenden haben +da aber etwas Unrechtes getan.“ + +</P><P> + +„Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch +ganz andre Dinge!“ + +</P><P> + +„Herr — Apo — the — ker!“ rief der Geistliche mit einem so +zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und +einlenkte: + +</P><P> + +„Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste +Fürsprecherin der Kirche ist.“ + +</P><P> + +„Sehr wahr! Sehr wahr!“ gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er +sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch +ein paar Minuten. + +</P><P> + +Als er fort war, sagte Homais zu Bovary: + +</P><P> + +„Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal +gesteckt! Sie habens ja mit angehört! Um darauf +zurückzukommen: tun Sie das ja, führen Sie Ihre Frau in +das Theater, und wenns bloß deshalb wäre, um diesen +schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich einen +Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich +dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein +Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll +er ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei +Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen +Künstler können nicht rechnen. Sie brauchen ein +verschwenderisches Dasein, es regt ihre Phantasie an. +Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu +sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!“ + +</P><P> + +Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys +Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs +wollte sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu +schwach, es sei zu beschwerlich und zu kostspielig. +Ausnahmsweise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete, +daß ihr diese Zerstreuung sehr dienlich wäre. Irgendwelche +Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz +unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden +Ausgaben waren nicht groß, und die Wechselschuld bei Lheureux +war noch lange nicht fällig, so daß er daran nicht zu denken +brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur aus Rücksicht auf +ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis sie seinen +Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren +sie mit der Post ab. + +</P><P> + +Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, +aber er hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden +einsteigen sah, jammerte er. + +</P><P> + +„Glückliche Reise!“ sagte er. „Habt ihrs gut!“ Und zu Emma +gewandt, fügte er hinzu: „Sie sehen zum Anbeißen hübsch +aus! Sie werden in Rouen Furore machen!“ + +</P><P> + +Die Post spannte in Rouen im „Roten Kreuz“ am Beauvoisine-Platz +aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit +geräumigen Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe +lief eine Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten +Einspännern der Geschäftsreisenden ihre Haferkörner +aufpickten. Es war eine der Herbergen aus der guten alten +Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Winternächten im +Winde knarren; die Gäste, der Lärm und die Esserei werden in +ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller großer +Kaffeeflecke, die trüben dicken Fensterscheiben voller +Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren. +Auf der Straßenseite gibt es ein Café und hinten nach dem +Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen ländlichen +Anstrich. + +</P><P> + +Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse +wußte er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang +und Galerie war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch +nicht klüger. Der Kassierer wies ihn in die Direktion. +Schließlich rannte er noch einmal in den Gasthof zurück, dann +wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmals durch die +halbe Stadt. + +</P><P> + +Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen. +Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen. +Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu +nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen +noch geschlossen. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Fünfzehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken +der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die +in auffälligen Lettern ausschrien: + +</P> + +<CENTER> +LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... +<BR> +DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ... + +</CENTER> + +<P> + +Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den +Leuten über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten +Gesichtern mit den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder +wehte lauer Wind vom Strome her und blähte ein wenig die +Leinwandmarkisen der Restaurants. Weiter unten, an den Kais, +wurde man durch einen eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich +Gerüche von Talg, Leder und Öl aus den zahlreichen dunklen, +vom Rollen der großen Fässer lärmigen Gewölben der +Karren-Gasse mischten. + +</P><P> + +Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor, +noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen +Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl +die Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig +mit seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so +daß er sie in einem fort fühlte. + +</P><P> + +In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß +sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien +hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten +Range emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor +Eitelkeit. Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die +breiten vergoldeten Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen +Zügen atmete sie den Staubgeruch der Gänge ein, und als sie +in ihrer Loge saß, machte sie sichs mit einer Ungezwungenheit +einer Principessa bequem. + +</P><P> + +Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen +aus ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus +der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von +der Unrast ihres Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen +die Geschäfte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle, +Fusel und Indigo. Das waren Grauköpfe mit friedfertigen +Alltagsgesichtern; weiß in der Farbe von Haar und Haut, +glichen sie einander wie abgegriffene Silbermünzen. Im Parkett +paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und +grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie +sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die goldenen Knäufe +ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die Orchesterlampen +angezündet, und der Kronleuchter ward von der Decke +herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes +Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen +die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres +Getöse an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, +fauchenden Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze +Schläge mit dem Taktstocke des Kapellmeisters. +Paukenwirbel, Hörnerklang. Der Vorhang hob sich. + +</P><P> + +Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im +Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern, +Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein +Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten +Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen +ab. Der Chor singt von neuem. + +</P><P> + +Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre +zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, +als höre sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die +nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten +erleichterte ihr das Verständnis der Oper. Aufmerksam +folgte sie der intriganten Handlung, während eine Flut von +Gedanken in ihr aufwallte, um alsbald unter den Wogen der Musik +wieder zu verfließen. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien +hin. Sie fühlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in +Schwingungen geriet, als strichen die Violinenbogen über ihre +Nerven. Sie hätte hundert Augen haben mögen, um sich satt sehen +zu können an den Dekorationen, Kostümen, Gestalten, an den +gemalten und doch zitternden Bäumen, an den Samtbaretten, +Rittermänteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen +eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt +lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in +grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun +kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und +Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang +von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch +Emma hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in +Liebesarmen! + +</P><P> + +Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen +schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der +grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche +Gestalt war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch +mit zierlichem Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange +schmachtende Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man +hatte Emma erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand +von Biarritz singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen +sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. +Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen. + +</P><P> + +Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem +berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte +es sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische +Floskeln über den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit +und die leichte Empfänglichkeit seines Herzens zu +lancieren. Er besaß eine schöne Stimme, unfehlbare Sicherheit, +mehr Temperament als Intelligenz, mehr Pathos als +Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem +Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador. + +</P><P> + +Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er +schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder, +sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald +klagte er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm +aus der Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich +weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in +den Plüsch der Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von +diesen wehmütigen Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf +begleitet, nicht aufhörten, gleich wie die Notschreie von +Schiffbrüchigen im Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle +diese Verzücktheiten und Herzensängste, die sie unlängst dem +Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna +erschütterte sie wie eine laute Verkündung ihrer heimlichsten +Beichte. Das Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen +Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in +der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie +Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, als sie sich Lebewohl +sagten ... + +</P><P> + +Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte +wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen +auf ihren Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und +Hoffnungen; und als sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, +stieß Emma einen lauten Schrei aus, der in der Orchestermusik +des Finale verhallte. + +</P><P> + +„Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in +Ruhe?“ fragte Bovary. + +</P><P> + +„Aber nein!“ antwortete sie. „Das ist doch ihr Geliebter!“ + +</P><P> + +„Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und +der andre, der dann kam, hat doch gesagt: +</P> +<BLOCKQUOTE> +‚Nimm, Teure, meine Schwüre an<BR> +Der reinsten, wärmsten Liebe!‘ +</BLOCKQUOTE> +<P> +Und sie sagt: +</P> +<BLOCKQUOTE> +‚So sei es denn!‘ +</BLOCKQUOTE> +<P> +Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine +Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr +Vater, nicht wahr?“ + +</P><P> + +Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im +zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden +hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen +gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nichts +begriffen zu haben. Die Musik störe, sie beeinträchtige den +Text. + +</P><P> + +„Was schadet das?“ wandte Emma ein. „Nun sei aber +still!“ + +</P><P> + +Er lehnte sich an ihren Arm. „Ich möchte gern im Bilde sein. +Weißt du?“ + +</P><P> + +„Sei doch endlich still!“ sagte sie unwillig. „Schweig!“ + +</P><P> + +Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im +Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... +Emma gedachte ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich +zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange +zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, +unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich +gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie +zuschritt ... Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch +nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem +Ehebruch, auf ein festes edles Herz bauen und Tugend, +Zärtlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen fühlen +dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe solcher +Glückseligkeit herabgesunken! „Nein, nein!“ rief sie +schmerzlich bei sich aus. „All das große Glück da unten +ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder +verzweifelten Phantasten!“ Jetzt erkannte sie, daß die +Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der +Überschwenglichkeit der Kunst etwas Großes. Sie versuchte +sich zur nüchternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser +Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nichts mehr sehen als ein +plastisches Phantasiegebilde, nichts mehr und nichts +weniger als eine amüsante Augenweide. Und so lächelte sie in +Gedanken überlegen-nachsichtig, als im Hintergrunde der Bühne +hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel +erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei einer +Körperbewegung vom Kopfe fiel. + +</P><P> + +Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. +Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton +schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen +entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im +Maße der Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie +Orgelgebraus. Die Frauen des Chors wiederholen die Worte, +ein köstliches Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer +Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen +entströmen gleichzeitig ihren aufgerissenen Mündern. Der +wütende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der +Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und +nieder, während er mächtigen Schritts in seinen +sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet. + +</P><P> + +„Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,“ dachte +Emma, „daß er sie an die Menge so verschwenden kann.“ Ihre +Anwandlung von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner +Rolle. Sie fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter +dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben +vorzustellen, sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes +Leben, an dem sie hätte teilnehmen können, wenn es der Zufall +gefügt hätte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und +sich ineinander verliebt! Sie wäre mit ihm durch alle Länder +Europas gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, hätte mit ihm +Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm +streute, und seine Bühnenkostüme eigenhändig gestickt. Alle +Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter +aufmerksam den Sängen seiner Seele gelauscht, die einzig und +allein ihr gewidmet wären. Von der Szene, beim Singen, hätte er +zu ihr geschaut ... + +</P><P> + +Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. +Kein Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, +in seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der +Liebe, und ihm laut zurufen: + +</P><P> + +„Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir +gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!“ + +</P><P> + +Der Vorhang fiel. + +</P><P> + +Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der +Fächer machte die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge +verlassen, aber die Gänge waren durch die vielen Menschen +versperrt. Sie sank in ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen +und Atemnot. Da Karl fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, +eilte er nach dem Büfett, um ihr ein Glas Mandelmilch zu +holen. + +</P><P> + +Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das +Glas in beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er +tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er +dreiviertel des Inhalts einer Dame in ausgeschnittener +Toilette über die Schulter. Als sie das kühle Naß, das +ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie laut auf, als ob +man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener +Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit. +Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem +schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas +von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich +bei Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr: + +</P><P> + +„Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, +diese Menschheit! Diese Menschheit!“ Nach einigem +Verschnaufen fügte er hinzu: „Und ahnst du, wer mir da oben +begegnet ist? Leo!“ + +</P><P> + +„Leo?“ + +</P><P> + +„Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!“ + +</P><P> + +Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt +auch schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer +Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau +Bovary die ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren +Willens. Diesen fremden Einfluß hatte sie lange nicht +empfunden, seit jenem Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie +voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und +draußen war leiser Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch +besann sie sich auf das, was die jetzige Situation und die +Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft schüttelte sie den alten +Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar +hastige Redensarten zu stammeln: + +</P><P> + +„Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?“ + +</P><P> + +„Ruhe!“ ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte +nämlich der dritte Akt begonnen. + +</P><P> + +„So sind Sie also in Rouen?“ + +</P><P> + +„Ja, gnädige Frau!“ + +</P><P> + +„Und seit wann?“ + +</P><P> + +„Hinaus! Hinaus!“ + +</P><P> + +Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten. + +</P><P> + +Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit +vorbei. Der Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton +und seinem Diener, das große Duett in D-Dur, alles das +spielte sich für sie wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, +als klänge das Orchester nur noch gedämpft, als sängen +die Personen ihr weit entrückt. Sie dachte zurück an die +Spielabende im Hause des Apothekers, an den Gang zu der Amme +ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an die +Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser +armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war +und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da? +Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von +neuem ihren Lebenspfad kreuzen? + +</P><P> + +Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von +Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch +seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte. + +</P><P> + +„Macht Ihnen denn das Spaß?“ fragte er sie, indem er sich +über sie beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts +ihre Wange streifte. + +</P><P> + +„Nein, nicht besonders!“ entgegnete sie leichthin. + +</P><P> + +Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und +irgendwo eine Portion Eis zu essen. + +</P><P> + +„Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!“ sagte Bovary. „Sie hat +aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!“ + +</P><P> + +Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das +Spiel der Sängerin schien ihr übertrieben. + +</P><P> + +„Sie schreit zu sehr!“ meinte sie, zu Karl gewandt, der +aufmerksam zuhörte. + +</P><P> + +„Möglich! Jawohl! Ein wenig!“ gab er zur Antwort. Eigentlich +gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er +immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig. + +</P><P> + +Leo stöhnte: + +</P><P> + +„Ist das eine Hitze!“ + +</P><P> + +„Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!“ sagte Emma. + +</P><P> + +„Verträgst dus nicht mehr?“ fragte Bovary. + +</P><P> + +„Ich ersticke! Wir wollen gehen!“ + +</P><P> + +Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann +schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem +Kaffeehause im Freien Platz nahmen. + +</P><P> + +Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie +versuchte mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, +indem sie die Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne +das langweilen. Darauf erzählte dieser, er müsse sich in +Rouen zwei Jahre tüchtig auf die Hosen setzen, um sich in die +hiesige Rechtspflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man +alles anders als in Paris. Dann erkundigte er sich +nach der kleinen Berta, nach der Familie Homais, nach der +Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karls Gegenwart nicht +sagen, und so stockte die Unterhaltung. + +</P><P> + +Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und +trällernd: +</P> +<BLOCKQUOTE> +‚O Engel reiner Liebe!‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu +sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im +Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar +nichts. + +</P><P> + +Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte, +unterbrach ihn: + +</P><P> + +„Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich +bedaure, daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es +fing mir grade an zu gefallen!“ + +</P><P> + +„Demnächst gibts ja eine Wiederholung!“ tröstete ihn Leo. + +</P><P> + +Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause +müßten. „Es sei denn,“ meinte er, zu Emma gewandt, „du +bliebst allein hier, mein Herzchen?“ + +</P><P> + +Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner +Begehrlichkeit bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun +lobte er das Finale des Sängers. Er sei da köstlich, +großartig! + +</P><P> + +Von neuem redete Karl seiner Frau zu: + +</P><P> + +„Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! +Es wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern +du dir auch nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!“ + +</P><P> + +Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner +stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff +und zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei +Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren +ließ. + +</P><P> + +„Es ist mir wirklich nicht recht,“ murmelte Bovary, „daß +Sie für uns Geld ...“ + +</P><P> + +Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der +Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut. + +</P><P> + +„Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!“ + +</P><P> + +Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben +könne. Emma indessen sei durch nichts gehindert. + +</P><P> + +„Es ist nur ...“, stotterte sie, verlegen lächelnd, „... ich +weiß nicht recht ...“ + +</P><P> + +„Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber +reden, wenn dus beschlafen hast!“ Und zu Leo gewandt, der sie +begleitete, sagte er: „Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend +sind, hoffe ich, daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch +ansagen!“ + +</P><P> + +Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin +demnächst in Yonville beruflich zu tun habe. + +</P><P> + +Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander +verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf. + +</P> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H1>Drittes Buch</H1> +</CENTER> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H2>Erstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle +fleißig besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den +Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick +aus. Übrigens war er der mäßigste Student. Er trug das +Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am +Ersten des Monats sein ganzes Geld und stand sich mit +seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Ausschweifungen +hatte er sich allezeit fern gehalten, aus Ängstlichkeit und +weil ihm das wüste Leben zu grob war. + +</P><P> + +Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter +den Linden des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein +Code-Napoléon aus den Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. +Aber allmählich verblaßte diese Erinnerung, und allerlei +Liebeleien überwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu +ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und +ein vages Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne +Frucht an einem Wunderbaume. + +</P><P> + +Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, +erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt +gälte es, sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen +wollte. Seine ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im +Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die +Provinz zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, +die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt +abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon +eines berühmten Professors mit Orden und Equipage, hätte +der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in +Rouen, am Hafen, vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da +fühlte er sich überlegen und eines leichten Sieges gewiß. +Sicheres Auftreten hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock +spricht man anders als im vierten, und es ist beinahe, +als seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendwächter. +Sie trägt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem +Korsett. + +</P><P> + +Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte, +war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen +gefolgt, bis er sie im „Roten Kreuz“ verschwinden sah. Dann +machte er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen +Kriegsplan. + +</P><P> + +Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof +mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, +vor nichts zurückzuscheuen. + +</P><P> + +„Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!“ vermeldete ihm ein +Kellner. + +</P><P> + +Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf. + +</P><P> + +Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat +ihn kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm +mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien. + +</P><P> + +„O, das habe ich erraten“, sagte Leo. + +</P><P> + +„Wieso?“ + +</P><P> + +Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn +hierher geleitet. + +</P><P> + +Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er +nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen +Gasthöfen nach ihnen zu fragen. + +</P><P> + +„Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?“ fügte er hinzu. + +</P><P> + +„Ja,“ gab sie zur Antwort, „aber ich hätte es lieber nicht +tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen +gewöhnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...“ + +</P><P> + +„Ja, das kann ich mir denken ...“ + +</P><P> + +„Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.“ + +</P><P> + +Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer +philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung. +Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige +Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei. + +</P><P> + +Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher +Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete +der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit +ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich +zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine +Mutter quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten +sie sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie +sprachen, um so stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. +Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach +Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben könnten. +Emma verheimlichte es, daß sie inzwischen einen andern +geliebt, und er gestand nicht, daß er sie vergessen hatte. +Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Soupers +nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich nicht ihrer +Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem +Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte nur schwach zu +ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr Alleinsein +noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid aus +leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des +alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete +umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem +schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte, +wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel. + +</P><P> + +„Ach, verzeihen Sie!“ sagte sie. „Es ist unrecht von mir, +Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen.“ + +</P><P> + +„Keineswegs!“ + +</P><P> + +„Wenn Sie wüßten,“ fuhr sie fort und schlug ihre schönen +Augen, aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, „was ich +mir alles erträumt habe!“ + +</P><P> + +„Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich +ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais +entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu +zerstreuen und die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in +einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eines +Kunsthändlers auf dem Boulevard habe ich einmal einen +italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie +trägt eine Tunika, einen Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und +blickt zum Mond empor. Irgend etwas trieb mich immer wieder +dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden ...“ Und mit +zitternder Stimme fügte er hinzu: „Sie sah Ihnen ein wenig +ähnlich.“ + +</P><P> + +Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre +Lippen nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte. + +</P><P> + +„Und wie oft“, fuhr er fort, „habe ich an Sie Briefe +geschrieben und hinterher wieder zerrissen.“ + +</P><P> + +Sie antwortete nicht. + +</P><P> + +„Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir +wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an +der nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter +Droschken hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier +flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen ...“ + +</P><P> + +Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden +zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten +Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas +die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den +Zehen machte. + +</P><P> + +Endlich sagte sie mit einem Seufzer: + +</P><P> + +„Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben +so wie ich führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens +jemandem nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem +Bewußtsein trösten, sich für etwas zu opfern.“ + +</P><P> + +Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. +Er selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas +aufzugehen, die er nicht befriedigen könne. + +</P><P> + +„Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein“, behauptete sie. + +</P><P> + +„Ach ja!“ erwiderte er. „Aber für uns Männer gibt es +keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung +... es sei denn vielleicht die des Arztes ...“ + +</P><P> + +Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von +ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. +Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu +leiden. Sofort schwärmte Leo für die „Ruhe im Grabe“. Ja, er +hätte sogar eines Abends sein Testament niedergeschrieben +und darin bestimmt, daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit +der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen +hatte. Nach dem, wie alles hätte sein können, also nach einem +imaginären Zustand, änderten sie jetzt in der Erzählung ihre +Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, das die +Gefühle breitdrückt. + +</P><P> + +Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie: + +</P><P> + +„Warum denn?“ + +</P><P> + +„Warum?“ Er zögerte. „Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!“ + +</P><P> + +Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete +Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der +Himmel, wenn der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber +war, zerreißt. Die vielen traurigen Gedanken, die es +verdunkelt hatten, waren aus ihren Augen wie weggeweht. + +</P><P> + +Er wartete. Endlich sagte sie: + +</P><P> + +„Ich hab es immer geahnt ...“ + +</P><P> + +Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage +einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben +in ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich +der Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem +Zimmer, ihres ganzen Hauses. + +</P><P> + +„Und unsere armen Kakteen, was machen die?“ + +</P><P> + +„Sie sind letzten Winter alle erfroren!“ + +</P><P> + +„Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie +mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals +im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und +Sie mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...“ + +</P><P> + +„Armer Freund!“ sagte sie und reichte ihm ihre Hand. + +</P><P> + +Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er +tief auf und sagte: + +</P><P> + +„Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich +aus. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich +zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran +erinnern?“ + +</P><P> + +„Doch, fahren Sie nur fort!“ + +</P><P> + +„Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, +gerade im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen +blauen Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, +begleitete ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder +Minute trat es mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen +das von mir war. Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen +her und brachte es doch nicht über mich, mich von Ihnen zu +trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich draußen auf +der Straße und sah Ihnen durch das Schaufenster zu, wie Sie +die Handschuhe abstreiften und das Geld auf den Ladentisch +legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau Tüvache; man öffnete +Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der mächtigen +Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß gefallen war.“ + +</P><P> + +Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das +schon her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit +heraufstiegen, erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu +sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und +zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern: + +</P><P> + +„Ja ... So war es ... So war es ... So war es!“ + +</P><P> + +Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den +Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen +nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein +Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, +dieses Rauschen ströme aus den starren Augensternen des +anderen. Ihre Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und +Zukunft, Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der +zärtlichen Wonne des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete +sich an den Wänden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur +noch die grellen Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. +Durch das oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen +Dachgiebeln ein Stück des schwarzen Himmels. + +</P><P> + +Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der +Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder. + +</P><P> + +„Was ich sagen wollte ...“, begann Leo von neuem. + +</P><P> + +„Was war es?“ + +</P><P> + +Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder +anzuknüpfen, da fragte sie ihn: + +</P><P> + +„Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse +anvertraut hat?“ + +</P><P> + +Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er +habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke +bringe ihn zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar +verbunden worden wären, wenn ein guter Stern sie früher +zusammengeführt hätte. + +</P><P> + +„Ich habe manchmal dasselbe gedacht“, sagte sie. + +</P><P> + +„Welch ein schöner Traum!“ murmelte Leo. Und während er mit +der Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen +Gürtels hinstrich, fügte er hinzu: „Aber was hindert +uns denn, von vorn anzufangen?“ + +</P><P> + +„Nein, mein Freund“, erwiderte sie. „Dazu bin ich zu alt ... +und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben +... und Sie werden sie wieder lieben!“ + +</P><P> + +„Nicht so, wie ich Sie liebe!“ + +</P><P> + +„Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!“ + +</P><P> + +Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding +der Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und +Bruder lieben könnten, wie ehemals. + +</P><P> + +Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst +nicht. Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen +drohte und daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo +zärtlich an und stieß sanft seine zitternden Hände zurück, die +sie schüchtern zu liebkosen versuchten. + +</P><P> + +„Seien Sie mir nicht bös!“ sagte er und wich zurück. + +</P><P> + +Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die +ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn +er mit ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals +war ihr ein Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine +köstliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein +wenig aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die +zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach +ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu +widerstehen, sie mit ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick +auf die Wanduhr. + +</P><P> + +„Mein Gott, wie spät es schon ist!“ rief sie aus. „Wir +haben uns verplaudert!“ + +</P><P> + +Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut. + +</P><P> + +„Das Theater habe ich ganz vergessen“, fuhr Emma fort. „Und +mein armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr +und Frau Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich +begleiten ...“ + +</P><P> + +Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein. + +</P><P> + +„So?“ fragte Leo. + +</P><P> + +„Gewiß!“ + +</P><P> + +„Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas +zu sagen!“ + +</P><P> + +„Was denn?“ + +</P><P> + +„Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch +nicht heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten +... Hören Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? +Ahnen Sie denn nicht ...“ + +</P><P> + +„Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!“ + +</P><P> + +„Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie +Mitleid mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... +ein einziges ...“ + +</P><P> + +„Es sei!“ Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich +anders, sagte sie: „Aber nicht hier!“ + +</P><P> + +„Wo Sie wollen!“ + +</P><P> + +Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz: + +</P><P> + +„Morgen um elf in der Kathedrale!“ + +</P><P> + +„Ich werde dort sein“, rief er aus und griff hastig nach +ihren Händen. Sie entzog sie ihm. + +</P><P> + +Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor +ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß +auf ihren Nacken. + +</P><P> + +„Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!“ rief sie und lachte mit +einem eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren +Hals immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den +Kopf über ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre +Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick. + +</P><P> + +Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle +blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme: + +</P><P> + +„Auf Wiedersehn morgen!“ + +</P><P> + +Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer. + +</P><P> + +Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die +Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es +wäre zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber +als der Brief fertig war, fiel ihr ein, daß sie doch seine +Adresse gar nicht wußte. Was sollte sie tun? + +</P><P> + +„Ich werde ihm den Brief selbst geben,“ sagte sie sich, +„morgen, wenn er kommt.“ + +</P><P> + +Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre, +reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich +hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes +Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und +schüttete seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. +Er ging zum Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur +ein wenig, weil sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte. + +</P><P> + +„Es ist noch zu zeitig“, sagte er, als er auf der +Kuckucksuhr des Friseurs sah, daß es noch nicht neun +Uhr war. + +</P><P> + +Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den +Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei +Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam +zum Notre-Dame-Platze. + +</P><P> + +Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der +Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das +schräg auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen +der grauen Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau +des Himmels um die Kreuzblumen der Türme. Über den +lärmigen Platz wehte Blumenduft aus den Anlagen her, wo +Jasmin, Nelken, Narzissen und Tuberosen blühten, von saftigen +Grasflächen umrahmt und von Beeren tragenden Büschen für die +Vögel. In der Mitte plätscherte ein Springbrunnen, und zwischen +Pyramiden von Melonen saßen Hökerinnen, barhäuptig unter +ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchensträuße. + +</P><P> + +Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für +eine Frau kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den +Duft der Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er +Emma darbringen wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, +beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche. + +</P><P> + +Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der +‚Tanzenden Salome‘ stand der Schweizer, den Federhut auf +dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, +würdevoller als ein Kardinal und goldstrotzend wie ein +Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem +süßlich-gütigen Lächeln, das Geistliche anzunehmen pflegen, +wenn sie mit Kindern reden: + +</P><P> + +„Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die +Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?“ + +</P><P> + +„Nein!“ + +</P><P> + +Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe +und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging +abermals bis zum Chor. + +</P><P> + +Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich +in den gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die +Glasmalerei einfallende Licht brach sich an den marmornen +Kanten und breitete bunte Teppichstücke über die Fliesen. Durch +die drei geöffneten Türen des Hauptportals flutete das +Tageslicht in drei mächtigen Lichtströmen in die Innenräume. +Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vorüber und +machte vor dem Heiligtum die übliche Kniebeugung der eiligen +Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab. +Im Chor brannte eine silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, +aus den in Dunkel gehüllten Teilen der Kirche vernahm man +zuweilen Schluchzen oder das Klirren einer zugeschlagenen +Gittertür, Geräusche, die in den hohen Gewölben widerhallten. + +</P><P> + +Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das +Leben so schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, +erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem +volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen +Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, +und all dem unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden +Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures +Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte +Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster +leuchteten, ihr schönes Gesicht zu verklären, und aus den +Weihrauchgefäßen wirbelten die Dämpfe, damit sie wie ein Engel +in einer Wolke von Wohlgerüchen erscheine. + +</P><P> + +Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und +seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer +mit Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, +zählte die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den +Wämsen, während seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die +Weite irrten ... + +</P><P> + +Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der +sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein +Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging +geradezu eine Tempelschändung. + +</P><P> + +Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes +tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr +entgegen. + +</P><P> + +Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. + +</P><P> + +„Lesen Sie das!“ sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. +„Nicht doch!“ + +</P><P> + +Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle +der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete. + +</P><P> + +Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann +fand er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines +Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische +Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören +wollte, langweilte er sich. + +</P><P> + +Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der +Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung +begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören, +starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den +Duft der weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die +tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch +steigerte. + +</P><P> + +Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der +Schweizer rasch auf sie zu: + +</P><P> + +„Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die +Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?“ + +</P><P> + +„Aber nein!“ rief der Adjunkt aus. + +</P><P> + +„Warum nicht?“ erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte +sich an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden +Vorwand. + +</P><P> + +Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal +zurück und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis +von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift. + +</P><P> + +„Das hier“, sagte er salbungsvoll, „ist der Umfang der +berühmten Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und +hatte ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie +gegossen, ist vor Freude gestorben ...“ + +</P><P> + +„Weiter!“ drängte Leo. + +</P><P> + +Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der +Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem +Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine +Saaten zeigt, auf eine Grabplatte. + +</P><P> + +„Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler +Herr von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und +Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry +am 16. Juli 1465.“ + +</P><P> + +Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße +auf den andern. + +</P><P> + +„Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden +Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval +und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr +des Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der +Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die +Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab +steigen will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche +Darstellung der irdischen Vergänglichkeit!“ + +</P><P> + +Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah +sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu +machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf +der einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite. + +</P><P> + +Der unermüdliche Cicerone fuhr fort: + +</P><P> + +„Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin +Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von +Valentinois, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier +links die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die +heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu +sehen. Hier sind die Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide +Kardinäle und Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister +König Ludwigs des Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr +viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen +dreißigtausend Taler in Gold.“ + +</P><P> + +Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die +beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er +öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal +eine schlechte Statue gewesen sein konnte. + +</P><P> + +„Dieser Stein zierte dereinst“, sagte er mit einem tiefen +Seufzer, „das Grab von Richard Löwenherz, König von England +und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so +zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit +hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die Tür, durch die sich +Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den +berühmten Kirchenfenstern von Lagargouille!“ + +</P><P> + +Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand +und nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die +Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle +Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach: + +</P><P> + +„Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!“ + +</P><P> + +„Danke!“ erwiderte Leo. + +</P><P> + +„Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt +vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte +ägyptische Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...“ + +</P><P> + +Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die +Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch +durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu +lassen, den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche +gesetzt hatte. Das wäre ihr Tod gewesen. + +</P><P> + +„Wohin gehen wir nun?“ fragte Emma. + +</P><P> + +Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte +schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, +als sie plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das +regelmäßige Aufklopfen eines Stockes hörten. Leo wandte +sich um. + +</P><P> + +„Meine Herrschaften!“ + +</P><P> + +„Was gibts?“ + +</P><P> + +Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke +ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch +gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale. + +</P><P> + +„Troddel!“ murmelte Leo und stürzte aus der Kirche. + +</P><P> + +Ein Junge spielte auf dem Vorplatz. + +</P><P> + +„Hol uns eine Droschke!“ + +</P><P> + +Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten +allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig +verlegen. + +</P><P> + +„Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!“ Es +klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: „Es +ist sehr unschicklich, wissen Sie das?“ + +</P><P> + +„Wieso?“ erwiderte der Adjunkt. „In <B>Paris</B> macht mans +so!“ + +</P><P> + +Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches +Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie +könne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke. + +</P><P> + +„Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!“ rief ihnen +der Schweizer nach. „Und sehen Sie sich ‚Die +Auferstehung‘, das ‚Jüngste Gericht‘, den +‚König David‘ und ‚Die Verdammten in der +Hölle‘ an!“ + +</P><P> + +„Wohin wollen die Herrschaften?“ fragte der Kutscher. + +</P><P> + +„Fahren Sie irgendwohin!“ befahl Leo und schob Emma in den Wagen. + +</P><P> + +Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung. + +</P><P> + +Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz +der Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und +machte vor dem Denkmal Corneilles Halt. + +</P><P> + +„Weiter fahren!“ rief eine Stimme aus dem Inneren. + +</P><P> + +Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz +hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab. + +</P><P> + +„Nein, geradeaus!“ rief dieselbe Stimme. + +</P><P> + +Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in +gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher +trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut +zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee +dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den +Schifferweg hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, +nach Oyssel zu, über die Inseln hinaus. + +</P><P> + +Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, +Sotteville, die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und +machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten. + +</P><P> + +„So fahren Sie doch weiter!“ rief die Stimme, diesmal +wütend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr +durch Sankt Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, +wiederum über die Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den +Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von +Schlingpflanzen überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren +gingen. Dann führte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, +nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan +bis zur Deviller Höhe. + +</P><P> + +Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und +Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über +die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen +Gebäuden und am Hauptfriedhof vorüber. + +</P><P> + +Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom +Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche +Bewegungswut in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie +nirgends Halt machen wollten. Er versuchte es ein paarmal, +aber jedesmal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem +trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, +unbekümmert, ob er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung +und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit. + +</P><P> + +Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an +den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der +Provinz ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen +Vorhängen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer +verschlossen wie ein Grab. + +</P><P> + +Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne +am heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte +eine bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und +streute eine Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde +flatterten wie weiße Schmetterlinge und auf ein Kleefeld +niederfielen. + +</P><P> + +Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen +der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg +heraus und ging, ohne sich umzusehen, weiter. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zweites Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht +mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma +gewartet, schließlich aber war er abgefahren. + +</P><P> + +Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu +Hause sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend +zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene +feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe +und zugleich der Preis für den Ehebruch ist. + +</P><P> + +Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm +einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. +Unterwegs trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte +aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten +Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern +von Quincampoix ein. + +</P><P> + +Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als +sie erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah +sie Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie +wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das +sich bis zum Fenster hinaufreckte, flüsterte ihr +geheimnisvoll zu: + +</P><P> + +„Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es +handelt sich um etwas sehr Dringliches!“ + +</P><P> + +Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine +dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des +Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am +selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen +besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man +sah, daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde. + +</P><P> + +Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, +und sogar der „Leuchtturm von Rouen“ lag am Boden zwischen zwei +Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in +der Küche — inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll +abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und +zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln +über dem Feuer — die ganze Familie Homais, groß und klein, +alle in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den +Händen. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten +Kopfes dastand, und schrie ihn eben an: + +</P><P> + +„Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?“ + +</P><P> + +„Was ist denn los? Was gibts?“ fragte die +Eintretende. + +</P><P> + +„Was los ist?“ antwortete der Apotheker. „Ich mache hier +Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft +zu dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem +andern Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus +Faulheit hin und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an +einem Nagel aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!“ + +</P><P> + +Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei +Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft +hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte +und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als +einen gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres +Heiligtum, aus dem, von seiner Hand hergestellt, alle die +verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, Säften, Salben und +Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend berühmt +machten. Niemand durfte das Kapernaum betreten. Das ging +soweit, daß er es selbst ausfegte. Die Apotheke stand für +jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er würdevoll amtierte. +Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo sich Homais +selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten +hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine +unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine +Johannisbeeren, wetterte er: + +</P><P> + +„Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den +Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen +Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch +genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat +auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel, +daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate +nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn +man sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...“ + +</P><P> + +„Aber so beruhige dich doch!“ mahnte Frau Homais. + +</P><P> + +Und Athalia zupfte ihn am Rock. + +</P><P> + +„Papachen, Papachen!“ + +</P><P> + +„Laßt mich!“ erwiderte der Apotheker. „Zum Donnerwetter, laßt +mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen! +Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die +Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure +Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!“ + +</P><P> + +„Sie hatten mir doch ...“, begann Emma. + +</P><P> + +„Einen Augenblick! — Weißt du, mein Junge, was dir hätte +passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten +Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen +Ton von dir!“ + +</P><P> + +„Ich ... weiß ... nicht“, stammelte der Lehrling. + +</P><P> + +„Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da +eine Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben +Deckel, gefüllt mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von +mir eigenhändig draufgeschrieben: ‚Gift! Gift! Gift!‘ +Und weißt du, was da drin ist? Ar — se — nik! Und so was +rührst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!“ + +</P><P> + +„Daneben!“ rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände +über dem Kopfe zusammen. „Arsenik! Du hättest uns alle +miteinander vergiften können!“ + +</P><P> + +Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits +die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden. + +</P><P> + +„Oder du hättest einen Kranken vergiften können“, fuhr der +Apotheker fort. „Wolltest du mich gar auf die Anklagebank +bringen, vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem +Schafott sehen? Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen +Arbeiten kolossal in acht nehmen muß, trotz meiner großen +Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine +Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht uns tüchtig auf +die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen, +schweben unsereinem faktisch wie ein Damoklesschwert +fortwährend über dem Haupte!“ + +</P><P> + +Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr +wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort: + +</P><P> + +„So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden +sind? So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und +Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn +ohne mich? Wie ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, +erzogen, gekleidet? Wer ermöglicht es dir, daß du eines +Tages mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um +das zu erreichen, mußt du noch feste zugreifen, mußt, wie man +sagt, Blut schwitzen! <TT>Fabricando sit faber, age, +quod agis!</TT>“ + +</P><P> + +Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte +Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt +hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der +Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie +das Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den +Grund und Boden öffnet. + +</P><P> + +Er predigte immer weiter: + +</P><P> + +„Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein +Haus genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend +Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du +wirst niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als +zum Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! +Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir +wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt +dirs über die Maßen wohl gehn!“ + +</P><P> + +Emma wandte sich an Frau Homais: + +</P><P> + +„Man hat mich hierher gerufen ...“ + +</P><P> + +„Ach, du lieber Gott!“ unterbrach die gute Frau sie mit +trauriger Miene. „Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... +Es ist nämlich ein Unglück passiert ...“ + +</P><P> + +Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie: + +</P><P> + +„Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn +wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!“ + +</P><P> + +Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel +Justins Tasche ein Buch. + +</P><P> + +Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, +hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen +und offenem Mund. + +</P><P> + +„Liebe und Ehe“, las er vor. „Aha! Großartig! Großartig! +Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein +bißchen starker Tobak!“ + +</P><P> + +Frau Homais wollte nach dem Buche greifen. + +</P><P> + +„Nein, das ist nichts für dich!“ wehrte er sie ab. + +</P><P> + +Die Kinder wollten die Bilder sehn. + +</P><P> + +„Geht hinaus!“ befahl er gebieterisch. + +</P><P> + +Und sie gingen hinaus. + +</P><P> + +Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab, +das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz +außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren +sollte. Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit +verschränkten Armen vor ihn hin: + +</P><P> + +„Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? +Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! +Hast du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch +meinen Kindern in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde +in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athaliens trüben und +Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens +beschwören, daß die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du +mir das schwören?“ + +</P><P> + +„Aber so sagen Sie mir doch endlich,“ unterbrach ihn Emma, +„was Sie mir mitzuteilen haben!“ + +</P><P> + +„Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!“ + +</P><P> + +In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an +einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener +Rücksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die +schreckliche Nachricht schonend mitzuteilen. + +</P><P> + +Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens +überlegt und ausgeklügelt — ein Meisterwerk voll Vorsicht, +Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine +Sprachkunst triumphiert. + +</P><P> + +Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da +Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er +sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte +er sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über: + +</P><P> + +„Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. +Der Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche +Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja +die er vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch +wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!“ + +</P><P> + +Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie +erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen. + +</P><P> + +„Meine liebe Emma!“ + +</P><P> + +Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber +bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. +Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht: + +</P><P> + +„Ja ... ich weiß ... ich weiß ...“ + +</P><P> + +Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis +ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, +daß ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod +hatte ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines +Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an +einem Liebesmahl teilgenommen hatte. + +</P><P> + +Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus +konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. +Als er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl +unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß. + +</P><P> + +Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem +traurigen Blick an. Einmal seufzte er: + +</P><P> + +„Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!“ + +</P><P> + +Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas +entgegnen müsse, fragte sie: + +</P><P> + +„Wie alt war dein Vater eigentlich?“ + +</P><P> + +„Achtundfünfzig!“ + +</P><P> + +„So!“ + +</P><P> + +Das war alles. + +</P><P> + +Eine Viertelstunde später fing er wieder an: + +</P><P> + +„Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?“ + +</P><P> + +Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse. + +</P><P> + +Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt +sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, +um ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich +zusammenraffend, fragte er sie: + +</P><P> + +„Hast du dich gestern gut amüsiert?“ + +</P><P> + +„Ja!“ + +</P><P> + +Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma +gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung +ansah, um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen +bis auf den letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, +wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung „ein +trauriger Kerl“. Wie konnte sie ihn nur loswerden? Welch +endloser Abend! Etwas Betäubendes ergriff sie, wie Opium. + +</P><P> + +In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. +Es war Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm +viel Mühe, es abzulegen. + +</P><P> + +„Karl denkt schon gar nicht mehr daran“, dachte Emma, als sie +den armen Teufel sah, dem das rote Haar in die +schweißtriefende Stirn herabhing. + +</P><P> + +Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein +Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen +Anwesenheit dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein +leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unfähigkeit des Arztes +herum? + +</P><P> + +„Ein hübscher Strauß!“ sagte er, als er auf dem Kamin +Leos Veilchen bemerkte. + +</P><P> + +„Ja!“ erwiderte sie gleichgültig. „Ich habe ihn einer armen +Frau abgekauft.“ + +</P><P> + +Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine +von Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie +ihm aus der Hand und stellte sie in ein Wasserglas. + +</P><P> + +Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn +weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der +Wirtschaft zu tun. + +</P><P> + +Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den +Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube +hinten im Garten am Bachrande. + +</P><P> + +Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große +Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum +Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den +Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst +begehrenswert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit +geworden, daß sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann +eine dicke Träne über ihre Nase und blieb einen Augenblick daran +hängen. Dabei nähte sie ununterbrochen weiter. + +</P><P> + +Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit +sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz +trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die +kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen +Tages ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit +ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie +hätte nichts hören und nichts sehn mögen, um nicht in +ihren Liebesträumereien gestört zu werden, die gegen ihren +Willen unter den äußeren Eindrücken zu verwehen drohten. + +</P><P> + +Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um +sich ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere +und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in +den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen +Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und +sprach auch kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen +umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande. + +</P><P> + +Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen. + +</P><P> + +Er bot in Anbetracht des „betrüblichen Ereignisses“ seine +Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu +können, aber der Händler wich nicht so leicht. + +</P><P> + +„Ich bitte tausendmal um Verzeihung,“ sagte er, „aber ich muß +Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.“ Und flüsternd +fügte er hinzu: „Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen +schon ...“ + +</P><P> + +Karl wurde rot bis über die Ohren. + +</P><P> + +„Gewiß ... freilich ... natürlich!“ + +</P><P> + +In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau: + +</P><P> + +„Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?“ + +</P><P> + +Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner +Mutter: + +</P><P> + +„Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine +Kleinigkeit, die den Haushalt betrifft.“ + +</P><P> + +Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die +Vorgeschichte des Wechsels erführe. + +</P><P> + +Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in +ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von +gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von +seiner Gesundheit, die immer „so lala“ sei. Er müßte sich +wirklich höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, +ihm fehle doch die Butter zum Brote. + +</P><P> + +Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich +entsetzlich. + +</P><P> + +„Und sind Sie völlig wiederhergestellt?“ fuhr er fort. „Ich +sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung +gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch +ordentlich einander in die Haare gefahren sind.“ + +</P><P> + +Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die +Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen. + +</P><P> + +„Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur +Reise ...“ + +</P><P> + +Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf +den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit +einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? +Emma verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er +fort: + +</P><P> + +„Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin +gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...“ + +</P><P> + +Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt +hatte, zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache +ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu +ängstigen, noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft +sei. + +</P><P> + +„Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders +übernähme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das +wäre das Bequemste. Wir könnten dann unsere kleinen +Geschäfte miteinander abmachen.“ + +</P><P> + +Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam +er auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse +unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege +schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide. + +</P><P> + +„Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie +brauchen noch noch ein andres für die Besuche. Gleich beim +Eintreten habe ich das bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein +Amerikaner!“ + +</P><P> + +Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam +er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen +anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig +und dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand +„gehorsamst zur Verfügung“, wie Homais zu sagen pflegte. +Dabei flüsterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschläge +wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erwähnte er nicht +mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach +ihrer Genesung mit ihr darüber gesprochen, aber es war ihr +seitdem so viel durch den Kopf gegangen, daß sie das vergessen +hatte. Sie hütete sich überhaupt, Geldinteressen an den Tag zu +legen. Frau Bovary wunderte sich darüber, aber sie schrieb das +der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden +sei. + +</P><P> + +Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren +Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse +Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob +nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte +auf gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von +Ordnung des Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung +usw., und übertrieb immerfort die Schwierigkeiten der +Erbschaftsregelung. Eines Tages zeigte sie ihm sogar den +Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr das Recht übertrug, +das Vermögen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel +auszustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten +und zu empfangen usw. + +</P><P> + +Lheureux war ihr Lehrmeister. + +</P><P> + +Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe. + +</P><P> + +„Notar Guillaumin.“ Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte +sie hinzu: „Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. +Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch +einen Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein +... keinen.“ + +</P><P> + +„Höchstens Leo“, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei +schwierig, sich brieflich zu verständigen. + +</P><P> + +Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es +nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit +nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn +aus: + +</P><P> + +„Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!“ + +</P><P> + +„Wie gut du bist!“ sagte er und küßte sie auf die Stirn. + +</P><P> + +Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren +und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Drittes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre +Flitterwochentage. + +</P><P> + +Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei +verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter +überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man +ihnen alle Morgen in der Frühe brachte. + +</P><P> + +Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer +der Inseln. + +</P><P> + +Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen +die Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer +stieg zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man +breite ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der +Sonne wie schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten. + +</P><P> + +Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen +hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen +Ankertaue. Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, +das Stimmengewirr, das Bellen der Hunde auf den Schiffen +wurde ferner und ferner. Emma knüpfte ihre Hutbänder auf. + +</P><P> + +Sie landeten an „ihrer Insel“. Sie setzten sich in eine +Herberge, vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen +gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich +ins Gras, küßten einander im Schatten der hohen Pappeln +und hätten am liebsten wie zwei Robinsons immer auf diesem +Erdenwinkel leben mögen, der ihnen in ihrer Glückseligkeit +als das schönste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie +sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht zum +ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern der +Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es +war ihnen, als hätten sie das alles niemals so +genossen, als wäre die Natur vorher gar nicht dagewesen oder +als wäre sie erst schön, seitdem ihr Begehren gestillt war. + +</P><P> + +Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade +von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank +unter dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die +vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen +Gabeln, taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das +Wasser leise um das herrenlose Steuer. + +</P><P> + +Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom +stillen Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und +Emma begann sogar zu singen: </P> +<BLOCKQUOTE> +„Weißt du, eines Abends <BR> +Fuhren wir dahin ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut, +vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang +Leos Ohr. + +</P><P> + +Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine +offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr +Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein +Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer +erscheinen. Die Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum +Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der +Weiden, an denen der Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie +plötzlich wieder auf, im Lichte des Mondes, wie eine +Geistererscheinung. + +</P><P> + +Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges +gelagert hatte, hob ein Band aus roter Seide auf. Der +Bootsmann sah es und meinte: + +</P><P> + +„Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft +spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie +hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein +Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem +schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn +immer: ‚Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem +Leben, Adolf!‘ Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...“ + +</P><P> + +Emma fuhr zusammen. + +</P><P> + +„Ist dir nicht wohl?“ fragte Leo und legte ihr die Hand um den +Nacken. + +</P><P> + +„Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.“ + +</P><P> + +„Er mochte auch viel Glück bei den Frauen haben“, redete der +Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar +eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hände und +begann von neuem zu rudern. + +</P><P> + +Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig. +Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet +schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte +Umschläge verwenden. Er wunderte sich über ihre Schlauheit in +Liebesdingen. + +</P><P> + +„Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht +wahr?“ fragte sie nach dem letzten Kusse. + +</P><P> + +„Aber gewiß!“ + +</P><P> + +Als er dann allein durch die Straßen heimging, dachte er bei +sich: + +</P><P> + +„Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer +Generalvollmacht?“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Viertes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Leo begann vor seinen Kameraden den Überlegenen zu spielen. Er +mied ihre Gesellschaft und vernachlässigte seine Akten. Er +wartete nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in +ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in +der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heißes +Begehren kühlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im +Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaßen, +daß er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann. + +</P><P> + +Als er von der Höhe herab unten im Tale den Kirchturm mit +seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte, +durchschauerte ihn ein sonderbares Gefühl von Eitelkeit und +Rührung, wie es vielleicht ein Milliardär empfindet, der sein +Heimatdorf wieder aufsucht. + +</P><P> + +Er ging um Emmas Haus. In der Küche war Licht. Er wartete, +ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar würde. Es +erschien nichts. + +</P><P> + +Als Mutter Franz ihn gewahrte, stieß sie Freudenschreie +aus. Sie fand ihn „größer und schlanker geworden“, während +Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er sähe „stärker und +brauner“ aus. + +</P><P> + +Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein, +aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nämlich +„satt bekommen“, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte +seine Tischzeit ein für allemal auf Punkt fünf Uhr verlegt, +was ihn indessen nicht hinderte, darüber zu räsonieren, daß +der „alte Klapperkasten egal zu spät“ käme. + +</P><P> + +Endlich faßte Leo Mut und klingelte an der Haustüre des +Arztes. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer +Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn +wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tags wich er von +Emmas Seite. Erst nachts kam sie allein mit Leo zusammen, +auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, +wie einst mit dem andern. + +</P><P> + +Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem +Regenschirm, bei Donner und Blitz. + +</P><P> + +Die Trennung war ihnen unerträglich. + +</P><P> + +„Lieber sterben!“ sagte Emma. + +</P><P> + +Sie entwand sich seinen Armen und weinte. + +</P><P> + +„Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?“ + +</P><P> + +Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da +versprach ihm Emma, sie wolle demnächst Mittel und Wege finden, +damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen könnten. +Emma zweifelte nicht an der Möglichkeit. Sie war überhaupt +voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr für die nächste Zeit Geld +in Aussicht gestellt. + +</P><P> + +Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores für ihr Zimmer an. +Lheureux rühmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen +Teppich, den der Händler bereitwillig zu besorgen versprach, +wobei er versicherte, er werde „die Welt nicht kosten“. Lheureux +war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie +nach ihm, und immer ließ er alles stehen und liegen und kam, +ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte +Frau Rollet täglich zum Frühstück und auch außerdem noch +häufig kam. + +</P><P> + +Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma plötzlich einen +ungemein regen Eifer im Musizieren. + +</P><P> + +Eines Abends spielte sie dasselbe Stück viermal +hintereinander, ohne über eine bestimmte schwierige Stelle glatt +hinwegzukommen. Karl, der ihr zuhörte, bemerkte den Fehler nicht +und rief: + +</P><P> + +„Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!“ + +</P><P> + +„Nein, nein! Ich stümpere. Meine Finger sind zu steif +geworden.“ + +</P><P> + +Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen. + +</P><P> + +„Meinetwegen! Wenn es dir Spaß macht.“ + +</P><P> + +Karl gab zu, daß sie ein wenig aus der Übung sei. Sie griff +daneben, blieb stecken, und plötzlich hörte sie auf zu spielen. + +</P><P> + +„Ach, es geht nicht, ich müßte wieder Stunden nehmen, +aber ...“ Sie biß sich in die Lippen und fügte hinzu: „Zwanzig +Franken für die Stunde, das ist zu teuer.“ + +</P><P> + +„Allerdings ... ja ...“, sagte Karl und lächelte einfältig, +„aber es gibt doch auch unbekannte Künstler, die billiger und +manchmal besser sind als die Berühmtheiten.“ + +</P><P> + +„Such mir einen!“ sagte Emma. + +</P><P> + +Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene +an und sagte schließlich: + +</P><P> + +„Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in +Barfeuchères, und da hat mir Frau Liégeard erzählt, daß +ihre drei Töchter für zwölf Groschen die Stunde bei einer ganz +vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.“ + +</P><P> + +Emma zuckte mit den Achseln und öffnete fortan nicht mehr das +Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging, +seufzte sie allemal: + +</P><P> + +„Ach, mein armes Klavier!“ + +</P><P> + +Wenn Besuch da war, erzählte sie jedermann, daß sie die Musik +aufgegeben und höheren Rücksichten geopfert habe. Dann beklagte +man sie. Es sei schade. Sie hätte soviel Talent. Man machte +ihrem Manne geradezu Vorwürfe, und der Apotheker sagte ihm +eines Tages: + +</P><P> + +„Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem +die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Außerdem sparen +Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, später bei +der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mütter +sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon +Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber +das wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernährung der +Säuglinge durch die eigenen Mütter und wie die +Schutzpockenimpfung! Davon bin ich überzeugt!“ + +</P><P> + +Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprächsweise auf diese +Angelegenheit zurück. Emma erwiderte ärgerlich, daß es +besser wäre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte +sich Bovary. Das kam ihm wie die Preisgabe eines +Stückes von sich selbst vor. Das brave Klavier hatte ihm so +oft Vergnügen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht! + +</P><P> + +„Wie wäre es denn,“ schlug er vor, „wenn du hin und wieder +eine Stunde nähmst? Das wird uns wohl nicht gleich +ruinieren!“ + +</P><P> + +„Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmäßig erfolgt“, +entgegnete sie. + +</P><P> + +Und so kam es schließlich dahin, daß sie von ihrem Gatten die +Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um +den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie +habe bedeutende Fortschritte gemacht. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Fünftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich +geräuschlos an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe +wegen ihres zu frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief +sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich ans Fenster und sah auf +den Marktplatz hinaus. Das Morgengrauen huschte um die +Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterläden noch +geschlossen waren. Die großen Buchstaben des Ladenschildes +ließen sich durch das fahle Dämmerlicht erkennen. + +</P><P> + +Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem +Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und +fachte der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. +Ganz allein saß Emma dann in der Küche. + +</P><P> + +Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst +gemächlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, +die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster +heraussah und ihm tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln +erteilte, die jeden andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die +Absätze von Emmas Stiefeletten klapperten laut auf dem +Pflaster des Hofes. + +</P><P> + +Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel +angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die +Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock. + +</P><P> + +Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie +allerorts Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor +den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Plätze +vorbestellt hatten, ließen meist auf sich warten; ja es kam +vor, daß sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und +fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den +Fäusten laut gegen die Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind +durch die schlecht schließenden Wagenfenster. + +</P><P> + +Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt +schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten +sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser +gefüllten Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin +bis in den Horizont. + +</P><P> + +Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, +wann eine Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine +Scheune, das Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal +schloß sie die Augen eine Weile, um sich überraschen zu lassen. +Aber sie verlor niemals das Gefühl für Zeit und Ort. + +</P><P> + +Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte +unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch +deren Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken +und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf. + +</P><P> + +Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst +erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das +Häusermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich +flaches Land in eintönigen Linien, bis es weit in der +Ferne im fahlen Grau des Himmels verschwamm. So aus der +Vogelschau sah die ganze Landschaft leblos wie ein Gemälde +aus. Die vor Anker liegenden Zillen drängten sich in einem +Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um grüne Hügel, +und die länglichen Inseln in seinen Fluten glichen großen +schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen Fabrikessen +quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft +auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich +das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste +hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards +wuchsen aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, +und die vom Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder +schwächer, je nach der höheren oder tieferen Lage der +Stadtteile. Bisweilen trieb ein frischer Windstoß das +dunstige Gewölk nach der Sankt Katharinen-Höhe hin, an deren +steilen Hängen sich die luftige Flut geräuschlos brach. + +</P><P> + +Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt, +diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut +stürmte ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die +hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem +der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen +Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt dieses Anblicks +wuchs ihre eigene Liebe, und das dumpfe Rauschen des +Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung. +Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und +vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr +zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie +Einzug hielt. + +</P><P> + +Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die +frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der +schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert +rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger, +die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, +wo sie die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren +Familienkutschen gemächlich aus. + +</P><P> + +Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer +Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht +und stieg aus. + +</P><P> + +In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die +Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den +Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit +niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem +herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um +nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre +Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen +am Ende der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt +es dort die meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. +Ein paarmal fuhren Karren mit Bühnendekorationen an Emma +vorüber. Beschürzte Kellner streuten Sand auf das Trottoir, +zwischen Kästen mit grünen Gewächsen. Es roch nach Absinth, +Zigarren und Austern. + +</P><P> + +Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie +erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich +unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm +nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, +öffnete die Tür und trat ein ... + +</P><P> + +Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne +Ende! Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von +ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber +dann war das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu +Auge, unter dem Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der +Zärtlichkeit. + +</P><P> + +Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten +des Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge +herab. Wenn sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von +diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme +verschämt hob und ihr Gesicht in den Händen verbarg: was +hätte Leo Schönres schauen können? + +</P><P> + +Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten +Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu +einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte +alles, was blank im Gemache war, hell auf: die +Messingbeschläge an der Tür, an den Gardinenhaltern und am +Kamin. + +</P><P> + +Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig +verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles +so vor, wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die +Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am +Donnerstag vorher liegen gelassen hatte. + +</P><P> + +Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen +eingelegten Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte +alles zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den +Teller, unter tausend süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über +den Rand des dünnen Kelches auf die Finger perlte, lachte +sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genuß +versunken und vergaßen völlig, daß sie in einer Mietwohnung +hausten. Es war Ihnen, als wären sie Jungvermählte und +hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder zu +verlassen brauchten. Sie sagten „unser Zimmer, unser Teppich, +unsre Stühle,“ wie sie „unsre Pantoffeln“ sagten, wobei sie +die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa +Atlas mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten +Füßen. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir +ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen +Zehen. + +</P><P> + +Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen +Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese +entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen, +dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte +Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er +hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine +verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen? + +</P><P> + +Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald +tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald +schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte +Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die +Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je +gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der +Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der „Badenden +Odaliske“, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen +Vrouwen der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, +die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als +alles das: sie war sein „Engel“. + +</P><P> + +Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich +seine Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz +und von da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr +zu Füßen auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah +zu ihr empor und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu +ihm herab und flüsterte wie im Rausche: + +</P><P> + +„O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist +etwas Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern +habe!“ + +</P><P> + +Sie nannte ihn „mein Junge“. + +</P><P> + +„Mein Junge, liebst du mich?“ + +</P><P> + +Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie +nicht. + +</P><P> + +Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus +Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande +trug. Er machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde +schlug, kam ihnen alles ernsthaft vor. + +</P><P> + +Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer +wiederholten sie: + +</P><P> + +„Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!“ + +</P><P> + +Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, +küßte ihn rasch auf die Stirn, und mit einem „Adieu!“ stürmte +sie die Treppe hinunter. + +</P><P> + +Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße +und ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. +Im Laden brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das +Klingeln drüben im Theater, das dem Personal den Beginn der +Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit +bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im +hinteren Eingang des Theatergebäudes verschwanden. + +</P><P> + +Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken +und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen +Brennscheren und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu +schaffen machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, +so wäre sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen. + +</P><P> + +Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an. + +</P><P> + +Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins +„Rote Kreuz“. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am +Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und +nahm ihren Platz ein, unter den bereits ungeduldigen +Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle aus. +Emma blieb allein im Wagen zurück. + +</P><P> + +Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der +Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites +Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster +kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend +flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in +Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind +verschlang. + +</P><P> + +Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen +ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter +Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn +abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit +Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in +roten Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, +die an der Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. +Wenn man ihn ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten +seine bläulichen Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager. + +</P><P> + +Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam: +</P> +<BLOCKQUOTE> +„Wenns Sommer worden weit und breit,<BR> +Wird heiß das Herze mancher Maid ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich +hinter Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg. + +</P><P> + +Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf +dem nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er +fragte ihn, wie es seiner Liebsten ginge. + +</P><P> + +Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch +das Wagenfenster herein. Er war draußen auf das +kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand +fest. Sein erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er +heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das +Schellengeläut der Pferde, das Rauschen der Bäume und das +Rasseln des Wagens tönten in diese Jammerlaute hinein, so +daß sie wie aus der Ferne zu kommen schienen. Emma war +tieferschüttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie +wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie +ergriff sie. + +</P><P> + +Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen +Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf +den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den +Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus. + +</P><P> + +Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die +einen schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die +Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des +Nachbars, und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je +nach den Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der +Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen +Kattunvorhänge und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit +blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie +fror unter ihren Kleidern. Ihre Füße wurden ihr kälter und +kälter. Sie fühlte sich sterbensunglücklich. + +</P><P> + +Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer +Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, +aber was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte +jetzt machen, was es wollte. + +</P><P> + +Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie +fragte, ob ihr etwas fehle. + +</P><P> + +„Nein!“ antwortete sie. + +</P><P> + +„Aber du bist so sonderbar heute abend?“ + +</P><P> + +„Ach nein, nicht im geringsten!“ + +</P><P> + +Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war +gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser +als eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die +Streichhölzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und das +Nachthemd und deckte das Bett auf. + +</P><P> + +„Gut!“ sagte sie. „Du kannst gehn.“ + +</P><P> + +Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und +blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an. + +</P><P> + +Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch +qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit +der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor +Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre +Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen +befriedigt wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich +unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. +Seine anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie +hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, +sein Herz zu verlieren. + +</P><P> + +Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme: + +</P><P> + +„Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! +Wirst es machen wie alle andern!“ + +</P><P> + +„Welche andern?“ + +</P><P> + +„Wie alle Männer, meine ich.“ + +</P><P> + +Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu: + +</P><P> + +„Ihr seid alle gemein!“ + +</P><P> + +Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch +über die menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um +seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu +starkem Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, +daß sie vor ihm einen andern geliebt habe. + +</P><P> + +„Nicht wie dich!“ fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte +ihres Kindes, daß es „zu nichts gekommen“ sei. + +</P><P> + +Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der +Betreffende jetzt sei. + +</P><P> + +„Er war Schiffskapitän, mein Lieber!“ + +</P><P> + +Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich +ein gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer +und gewiß vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben +sollte? + +</P><P> + +In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der +Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, +Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, +das sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxus. + +</P><P> + +Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins +Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen +blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in +schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren. +Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich +gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn +die Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des +Wiedersehns nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch +zweifellos die Bitterkeit der Trennung. + +</P><P> + +Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise: + +</P><P> + +„Ach, wenn wir dort leben könnten!“ + +</P><P> + +„Sind wir denn nicht glücklich?“ erwiderte Leo zärtlich und +strich mit der Hand liebkosend über ihr Haar. + +</P><P> + +„Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!“ + +</P><P> + +Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie +bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach +Tisch Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der +Welt. Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines +Abends sagte er plötzlich: + +</P><P> + +„Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?“ + +</P><P> + +„Ja!“ + +</P><P> + +„Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen +und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.“ + +</P><P> + +Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie +unbefangen: + +</P><P> + +„Mein Name wird ihr entfallen sein.“ + +</P><P> + +„Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in +Rouen, die Klavierstunden geben“, meinte Karl. + +</P><P> + +„Das ist auch möglich!“ + +</P><P> + +Plötzlich sagte Emma: + +</P><P> + +„Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich +eine bringen.“ + +</P><P> + +Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, +wühlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl +sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe +zu machen. + +</P><P> + +„Ich werde sie schon finden!“ beharrte sie. + +</P><P> + +In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die +Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß +zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück +Papier. Er zog es hervor und las: + +</P><P> + +<DIV ALIGN="CENTER"> +<TABLE WIDTH="50%" CELLPADDING="0" BORDER="0"> +<TR><TD ALIGN="CENTER">„Quittung. +</TD></TR> +<TR><TD> +Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für +verschiedene beschaffte Musikalien: 65,- Frkn. +</TD></TR> +<TR><TD ALIGN="RIGHT"> +Dankend erhalten <BR> +Friederike Lempereur, <BR> +Musiklehrerin.“ +</TD> +</TR> +</TABLE> +</DIV> + +<P> + +„Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?“ + +</P><P> + +„Wahrscheinlich“, erwiderte Emma, „ist es aus dem Karton +mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal +steht.“ + +</P><P> + +Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von +Lügen. Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit +niemand sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen +geradezu zu einem Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn +sie erzählte, daß sie auf der rechten Seite der Straße gegangen +sei, konnte man wetten, daß es auf der linken gewesen war. + +</P><P> + +Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich +leicht gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien +begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien +in der Kutsche des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach +Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken +Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er +im „Roten Kreuz“ angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe +sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die +Antwort, daß sie das „Rote Kreuz“ sehr selten aufsuche. +Abends traf er sie in der Postkutsche und erzählte ihr von +seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine sonderliche +Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald eine +Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so +wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen. + +</P><P> + +Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben +hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret +sein. Und so hielt es Emma für besser, fortan im „Roten +Kreuz“ abzusteigen, damit die guten Leute aus Yonville sie hin +und wieder auf der Treppe des Gasthofes sahen und nichts +argwöhnten. + +</P><P> + +Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos +Arm den Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne +schwatzen; aber er war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage +später in ihr Zimmer und erklärte, daß er Geld brauche. + +</P><P> + +Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing +zu jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen. + +</P><P> + +In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten +Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin +verlängert und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus +seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen für die +Stores, den Teppich, für Möbelstoff, mehrere Kleider und +verschiedene Toilettenstücke, im Gesamtbetrag von ungefähr +zweitausend Franken. + +</P><P> + +Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort: + +</P><P> + +„Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.“ + +</P><P> + +Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus +in Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es +brachte nicht viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen +Pachtgute gehört, das der alte Bovary vor Jahren verkauft +hatte. Lheureux wußte genau Bescheid über das Grundstück; er +kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn. + +</P><P> + +„An Ihrer Stelle“, sagte er, „versuchte ich, es +loszuwerden. Sie bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!“ + +</P><P> + +Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber +Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, +was sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen. + +</P><P> + +„Sie haben doch die Vollmacht“, antwortete er. + +</P><P> + +Dieses Wort belebte sie. + +</P><P> + +„Lassen Sie mir die Rechnung hier!“ sagte sie. + +</P><P> + +„O, das eilt ja nicht!“ erwiderte Lheureux. + +</P><P> + +In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete, +es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen Langlois +ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das +Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste. + +</P><P> + +„Der Preis ist mir gleichgültig!“ rief Emma aus. + +</P><P> + +Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln +lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie +selbst nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das +Geschäft mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung +zurück, der Käufer habe viertausend Franken geboten. + +</P><P> + +Emma war hocherfreut. + +</P><P> + +„Offen gestanden,“ fügte der Händler hinzu, „das ist +anständig bezahlt!“ + +</P><P> + +Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma +sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte +Lheureux: + +</P><P> + +„Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes +Sümmchen gleich wieder aus der Hand geben wollen!“ + +</P><P> + +Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der +Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten. + +</P><P> + +„Wie? Wie meinen Sie?“ stammelte sie. + +</P><P> + +„O,“ erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, „man kann ja was +ganz Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie +das in einem Haushalte so ist.“ + +</P><P> + +Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine +langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte +er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je +tausend Franken auf den Tisch. + +</P><P> + +„Unterschreiben Sie!“ sagte er, „und behalten Sie die ganze +Summe!“ + +</P><P> + +Sie fuhr erschrocken zurück. + +</P><P> + +„Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,“ sagte +Lheureux frech, „erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?“ + +</P><P> + +Er schrieb unter die Rechnung: + +</P><P> + +„Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben, +bescheinigt + +</P><P> + +Lheureux.“ + +</P><P> + +„So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie +die weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist +auch der letzte Wechsel nicht fällig.“ + +</P><P> + +Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den +Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor +ihr ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. +Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in +Rouen, der die vier Wechsel diskontieren wolle. Die +überschüssige Summe werde er der gnädigen Frau persönlich +bringen. + +</P><P> + +Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert. +Freund Vinçard habe „wie üblich“ zweihundert Franken für +Provision und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig +eine Empfangsbestätigung. + +</P><P> + +„Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! +Das Datum!“ + +</P><P> + +Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so +vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann +die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte. + +</P><P> + +Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig +auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber +geduldig auf Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon +aufklären. + +</P><P> + +Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um +ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die +Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend +unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen +müssen. + +</P><P> + +„Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist +tausend Franken nicht zuviel?“ + +</P><P> + +In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen +Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu +bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen +davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin +schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer +Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie +etwas herausrücke, gab er ihr zur Antwort: + +</P><P> + +„Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!“ + +</P><P> + +Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine +besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze +Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks +heraus. Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, +daß sie erst viel später bekannt wurde. + +</P><P> + +Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte +die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu +finden. + +</P><P> + +„Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die +Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in +keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den +Großvaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine nötig. So war +es wenigstens bei meiner Mutter, und das war eine ehrbare +Frau! Das kann ich dir versichern! Es sind nun einmal nicht +alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde +mich zu Tode schämen, wenn ich mich so verwöhnen wollte wie du! +Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bißchen der +Pflege nötig hätte ... Da schau mal einer diesen Luxus an! +Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, das Meter zu zwei Franken! +Wo man ganz schönen Futterstoff für vier Groschen, ja schon für +dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erfüllt!“ + +</P><P> + +Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe: + +</P><P> + +„Ich finde, es ist nun gut!“ + +</P><P> + +Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie +würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der +Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr +versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ... + +</P><P> + +„Was?“ unterbrach Emma ihre Rede. + +</P><P> + +„Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!“ + +</P><P> + +Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der +Unglücksmensch mußte zugeben, daß ihm die Mutter das +Ehrenwort abgenötigt hatte. Da ging Emma aus dem Zimmer, kam +sehr bald wieder und händigte ihrer Schwiegermutter mit der +Gebärde einer Fürstin ein großes Schriftstück ein. + +</P><P> + +„Ich danke dir!“ sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in +den Ofen. + +</P><P> + +Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie +hatte einen Nervenchok bekommen. + +</P><P> + +„Ach du mein Gott!“ rief Karl aus. „Siehst du, Mutter, es +war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!“ + +</P><P> + +Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles „bloß Tuerei!“ + +</P><P> + +Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf +und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, +sie werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. +Als Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben +überreden wollte, erwiderte sie: + +</P><P> + +„Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja +ganz in der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst +ja sehen ... Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich +wieder — sozusagen — zusetzen!“ + +</P><P> + +Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm +erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte +erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue +Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der +sie ausstellen sollte. + +</P><P> + +„Sehr begreiflich!“ meinte der Notar. „Ein Mann der +Wissenschaft darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken +lassen.“ + +</P><P> + +Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte +Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit +mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren +Dingen beschäftigt. + +</P><P> + +Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in +Leos Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, +weinte, sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte +Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie +doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem +Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in +den Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, +unersättlich, wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie +mit Leo durch die Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste +Angst, daß sie ins Gerede kommen könnte. So sagte sie +wenigstens. Insgeheim erzitterte sie freilich mitunter bei +dem Gedanken, Rudolf könne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf +immerdar von ihm geschieden war, so fühlte sie sich doch noch +immer in seinem Banne. + +</P><P> + +Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war +außer sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre +„Mama“ nicht ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. +Justin wurde auf der Poststraße entgegengesandt, und selbst +Homais verließ seine Apotheke. + +</P><P> + +Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. +Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein +Pferd los und langte gegen zwei Uhr morgens im „Roten +Kreuz“ an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht könne der +Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Glücklicherweise +fiel ihm die Adresse des Notars ein, bei dem Leo in der +Kanzlei arbeitete. Er eilte hin. + +</P><P> + +Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über +der Tür und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte +ihm jemand die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den +nächtlichen Ruhestörer zu schimpfen. + +</P><P> + +Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen +Türklopfer noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug +mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging +vorüber. Karl bekam Angst und ging davon. + +</P><P> + +„Ich bin ein Narr!“ sagte er zu sich. „Wahrscheinlich haben +Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!“ + +</P><P> + +Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen. + +</P><P> + +„Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank +... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre +gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?“ + +</P><P> + +Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café +das Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von +Fräulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des +Maroquiniers Nummer 74. + +</P><P> + +Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende +auf. Er stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals. + +</P><P> + +„Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?“ rief er. + +</P><P> + +„Ich war krank.“ + +</P><P> + +„Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?“ + +</P><P> + +Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete: + +</P><P> + +„Bei Fräulein Lempereur.“ + +</P><P> + +„Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.“ + +</P><P> + +„Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon +ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du +kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich +weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem +Gleichgewicht bringt!“ + +</P><P> + +Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in +Zukunft mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man +zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den +ausgiebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo +zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser +sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner +Kanzlei auf. + +</P><P> + +Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber +allmählich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren +diese Störungen durchaus nicht angenehm. + +</P><P> + +„Ach was, komm nur mit!“ sagte sie. + +</P><P> + +Und er verließ ihretwegen seine Arbeit. + +</P><P> + +Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz +kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er +aussähe wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er +mußte ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. +Er schämte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, +Vorhänge zu kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die +seien sehr teuer, sagte sie lachend: + +</P><P> + +„Ach, hängst du an deinen paar Groschen!“ + +</P><P> + +Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem +letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein +Gedicht, um ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei +lag ihm nicht, und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem +alten Almanach ab. + +</P><P> + +Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein +andres Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen +Dingen ihrer Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie +sie. Mit einem Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo +wurde der feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie +verstand auf eine Art zu kosen und zu küssen, daß er die +Empfindung hatte, als sauge sie ihm die Seele aus dem Leibe. +Es steckte, im Kerne ihres Wesens verborgen, eine +eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis in Emma, +eine geheimnisvolle Erbschaft. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Sechstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig +bei dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, +ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen. + +</P><P> + +„Gern!“ gab Homais zur Antwort. „Ich muß sowieso einmal +ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir +wollen zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein +paar Dummheiten loslassen!“ + +</P><P> + +„Aber Mann!“ mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren +Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus. + +</P><P> + +„Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon +genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? +Ja, ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die +Wissenschaften, so sind sie eifersüchtig; und will man sich +gelegentlich in harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann +ists ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut +sein! Rechnen Sie auf mich! In allernächster Zeit tauch ich in +Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!“ + +</P><P> + +Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen +Ausdruck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich +ungemein darin, den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich +wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das +neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten aus. Er +begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser +anzunehmen, um den Philistern zu imponieren. + +</P><P> + +Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung +in der Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, +in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen +hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der +andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus +Furcht, die Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß +nehmen. + +</P><P> + +Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend +verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen +Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen, +so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt +half kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das +„Grand Café zur Normandie“, wo er, bedeckten Hauptes, stolz +wie ein Fürst eintrat. Er hielt es nämlich für höchst +provinzlerhaft, in einem öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen. + +</P><P> + +Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte +sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei +sie ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der +Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn +gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe. + +</P><P> + +Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der +große Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, +der die Form eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen +innen vergoldete Fächer sich unter der weißen Decke +ausbreiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter +Glaswänden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen über einem +Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und +Spargel drei schläfrige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem +Haufen aufgeschichtet. + +</P><P> + +Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die +Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so +tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett +mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien +„über die Weiber“. Am meisten rege ihn eine „schicke“ Frau +auf, und nichts ginge über eine elegante Robe in einem vornehm +eingerichteten Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da +sei viel Fleisch „nicht ohne“. + +</P><P> + +Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und +schmatzte weiter. + +</P><P> + +„Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in +Rouen“, sagte er plötzlich. „Aber schließlich wohnt ja Ihr +Liebchen nicht allzuweit.“ Da Leo errötete, setzte er hinzu: +„Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in +Yonville ...“ + +</P><P> + +Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches. + +</P><P> + +„... im Hause Bovary jemanden poussieren ...“ + +</P><P> + +„Aber wen denn?“ + +</P><P> + +„Na, das Dienstmädel!“ + +</P><P> + +Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als +alle Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er +liebe nur brünette Frauen. + +</P><P> + +„Da haben Sie nicht unrecht“, meinte der Apotheker. „Die haben +mehr Temperament!“ + +</P><P> + +Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die +Symptome, an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. +Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die +Deutschen seien schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die +Italienerinnen leidenschaftlich. + +</P><P> + +„Und die Negerinnen?“ fragte der Adjunkt. + +</P><P> + +„Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!“ + +</P><P> + +„Gehen wir?“ fragte Leo ungeduldig. + +</P><P> + +„<TT>Yes!</TT>“ + +</P><P> + +Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen +und ihm seine Zufriedenheit aussprechen. + +</P><P> + +Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen +Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein. + +</P><P> + +„Ich begleite Sie natürlich!“ sagte Homais. + +</P><P> + +Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von +seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom +verwahrlosten Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie +in die Höhe gebracht habe. + +</P><P> + +Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm, +eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten +Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in +Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu +beruhigen. Es sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie +kenne Homais doch. Wie habe sie nur glauben können, daß er +lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar +nichts hören und schickte sich an, fortzugehen. Er hielt sie +zurück, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen +und sah sie mit einem rührenden Blick voller Begehrlichkeit und +Unterwürfigkeit an. + +</P><P> + +Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie +ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck +in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ +ihm ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der +Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen. + +</P><P> + +„Du kommst doch wieder?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Gewiß!“ + +</P><P> + +„Aber wann?“ + +</P><P> + +„Sofort!“ + +</P><P> + +Es war der Apotheker. + +</P><P> + +„Ein feiner Trick, nicht?“ schmunzelte er, als er Leo +erblickte. + +</P><P> + +„Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch +offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund +Bridoux, einen Bittern genehmigen!“ + +</P><P> + +Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker +lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei. + +</P><P> + +„Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum +nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux! +Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!“ Und da +der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: „Na, da +begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung +lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.“ + +</P><P> + +Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des +Apothekers Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung +des reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, +während Homais immer wieder in ihn drang: + +</P><P> + +„Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert +Schritte von hier! Rue Malpalu!“ + +</P><P> + +Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit +oder Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den +Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen +Willen zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie +fanden ihn in dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei +Burschen beaufsichtigte, die das große Rad einer +Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen +Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank +man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu +empfehlen, aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er +sagte: + +</P><P> + +„Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den +‚Leuchtturm von Rouen‘! Dem Redakteur guten Tag sagen. +Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.“ + +</P><P> + +Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den +Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade +aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das +Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung +auf! Nun suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. +Er sei eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, +feminin, dazu knickerig und kleinmütig. + +</P><P> + +Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter +machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten +hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht +berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben. + +</P><P> + +Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die +nichts mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm +Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den +Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die +eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu +erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten +Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand +sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. +Diese Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. +Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher +Erregung. Sie warf die Kleider ab und riß das Korsett +herunter, dessen Schnuren ihr um die Hüften schlugen wie +zischende Schlangen. Mit nackten Füßen lief sie an die Tür und +überzeugte sich, daß sie verriegelt war. Mit einer hastigen +Bewegung entledigte sie sich dann des Hemdes — und bleich, +stumm, ernst und von Schauern durchströmt, warf sie sich in seine +Arme. + +</P><P> + +Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren +stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung +lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. +Leo fühlte es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu +trennen. + +</P><P> + +Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der +Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und +des Leids schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. +Was ihn dereinst entzückt hatte, das flößte ihm jetzt +Grauen ein. + +</P><P> + +Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung +seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen +Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann +auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein +Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt. + +</P><P> + +Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von +ausgesuchten Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements +der Kleidung und den schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte +aus ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm +ins Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab +ihm gute Ratschläge, wie er leben solle. Abergläubisch schenkte +sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame +Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten. + +</P><P> + +„Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!“ + +</P><P> + +Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen. +Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der +Nähe des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, +der dies wohl übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie +davon ab. + +</P><P> + +„Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was +tuts? Ich halte ihn nicht!“ + +</P><P> + +Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als +gewöhnlich. Als sie allein den Boulevard hinschlenderte, +bemerkte sie die Mauer ihres Klosters. Da setzte sie sich +auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie +damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfräulichen +Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damals aus +Büchern erträumt hatte ... + +</P><P> + +Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte, +mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald +... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr +vorüber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie +alles andre. + +</P><P> + +„Aber ich liebe ihn doch!“ flüsterte sie. + +</P><P> + +Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen! +Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam +immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog? + +</P><P> + +Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und +tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit +einem Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und +Sänger, warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil +das eine Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu +suchen! Weil alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt +immer nur das Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, +jeder Genuß den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten +Küsse hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare +Begierde nach der Wollust der Götter! + +</P><P> + +Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug +viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine +Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in +einer Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem +kleinen Raume ... + +</P><P> + +Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten +kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein +Mann von schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in +Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen +er die eine Seitentasche seines langen grünen Rockes +verschlossen hatte, steckte sie im Ärmelaufschlag fest und +überreichte ihr höflich ein Papier. Es war ein Wechsel auf +siebenhundert Franken, den sie ausgestellt hatte. Lheureux +hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vinçard +weitergegeben. + +</P><P> + +Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, +ließ er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und +dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke +auf Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig: + +</P><P> + +„Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?“ + +</P><P> + +„Sagen Sie ihm nur“, gab Emma zur Antwort, „... ich hätte kein +Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in +acht Tagen!“ + +</P><P> + +Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf +erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten +Zustellungsurkunde starrten ihr mehrfach die Worte „Hareng, +Gerichtsvollzieher in Büchy“ entgegen. Darüber erschrak sie +dermaßen, daß sie spornstreichs zu Lheureux lief. + +</P><P> + +Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu. + +</P><P> + +„Ihr Diener!“ begrüßte er sie. „Ich stehe Ihnen sogleich zur +Verfügung!“ + +</P><P> + +Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, +bei der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war +ein wenig verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die +Stelle des Ladenmädchens und der Köchin. + +</P><P> + +Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten +Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der +Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in +dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller +Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem +Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand +stand ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch +andre Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In +der Tat lieh Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank +lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe +des alten Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café +Français hatte inzwischen sein Grundstück verkaufen +müssen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen eröffnet. Dort +ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner +Talglichte, die weniger gelb waren als sein Gesicht. + +</P><P> + +Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte: + +</P><P> + +„Na, was gibts Neues?“ + +</P><P> + +Emma hielt ihm die Vorladung hin. + +</P><P> + +„Hier, lesen Sie!“ + +</P><P> + +„Ja, was geht denn mich das an?“ + +</P><P> + +Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, +ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu. + +</P><P> + +„Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber +das Messer an der Kehle!“ + +</P><P> + +„Und was wird jetzt geschehn?“ + +</P><P> + +„Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann +die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!“ + +</P><P> + +Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe +ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein +Mittel gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten. + +</P><P> + +„Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das +ist ein Bluthund!“ + +</P><P> + +Dann müsse eben Lheureux einspringen. + +</P><P> + +„Hören Sie mal,“ entgegnete er, „mir scheint, daß ich schon +genug für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!“ Er schlug seine +Bücher auf: „Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. +Juni hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig +Franken ... am 10. April ...“ + +</P><P> + +Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen. + +</P><P> + +„Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt +hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von +Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar +nicht zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar +niemand mehr hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun +haben!“ + +</P><P> + +Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten +Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter „diesen +Schweinehund, den Vinçard“. Übrigens verfüge er selber +über keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man +zöge ihm das Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, +könne nichts borgen. + +</P><P> + +Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr +Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich: + +</P><P> + +„Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...“ + +</P><P> + +Sie unterbrach ihn: + +</P><P> + +„Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville +bekomme ...“ + +</P><P> + +„Wieso?“ + +</P><P> + +Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch +nicht gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er: + +</P><P> + +„Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!“ + +</P><P> + +„Ach, den müssen Sie machen!“ + +</P><P> + +Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. +Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er +käme sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er +schneide sich in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er +vier Wechsel aus, jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit +Fälligkeitstagen, die je vier Wochen auseinanderlagen. + +</P><P> + +„Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!“ +sagte er. „Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! +Bei mir geht alles wie geschmiert!“ + +</P><P> + +Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten. + +</P><P> + +„Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!“ +meinte er. „Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei +Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich +drum! Man sagt ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist +... Sie könnens sich ja denken!“ + +</P><P> + +Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber +sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war +bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei +Meter Brokatstickerei zeigte, einen „Gelegenheitskauf“, wie +er sagte. + +</P><P> + +„Prachtvoll! Nicht?“ sagte er. „Man nimmt es jetzt vielfach +zu Sofabehängen. Das ist hochmodern!“ + +</P><P> + +Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den +Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma +in die Hände gedrückt. + +</P><P> + +„Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...“ + +</P><P> + +„Ach, das eilt ja nicht!“ unterbrach er sie und wandte sich +einem andern Kunden zu. + +</P><P> + +Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch +seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke. +Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach +Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm — abgesehen von +dem Grundstück in Barneville — jährlich sechshundert +Franken, die ihm pünktlich zugehen würden. + +</P><P> + +Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten +Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das +häufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: „Ich bitte, +es meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in +dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr +ergebene ...“ Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie +unterschlug. + +</P><P> + +Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe, +ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein +Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. +Auf ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, +den Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte +Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. +Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom +„Roten Kreuz“, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit +dem Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, +bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die übrigen +fünfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue +Verpflichtungen ein und immer wieder welche. + +</P><P> + +Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei +herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete, +bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte +gar nicht mehr daran. + +</P><P> + +Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten +mit wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete +Wäsche. Und die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von +Frau Homais in zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl +gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm +Emma barsch, es sei nicht ihre Schuld. + +</P><P> + +„Warum ist sie so reizbar?“ fragte er sich und suchte die +Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich +Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr +körperliches Leiden genommen habe. Er schalt sich einen +Egoisten und wäre am liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie +geküßt. + +</P><P> + +„Lieber nicht!“ sagte er sich. „Es könnte ihr lästig sein!“ + +</P><P> + +Und er ging nicht zu ihr. + +</P><P> + +Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die +kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift +auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen. Es war +noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große, traurige +Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte Wasser +in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er +brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als +Bäumchen in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er +war schon längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte +schon wer weiß wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das +Kind, und es verlangte nach der Mutter. + +</P><P> + +„Ruf Felicie!“ sagte Karl. „Du weißt, mein Herzchen, Mama will +nicht gestört werden!“ + +</P><P> + +Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt +war es genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde +das endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, +die Hände auf dem Rücken. + +</P><P> + +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören. +Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum +bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der +Räucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eines +Algeriers gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren +schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie es durch +allerlei Grimassen so weit, daß er sich in den zweiten Stock +zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen überspannte Bücher, +die von Orgien und von Mord und Totschlag erzählten. Oft bekam +sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst +herunter. + +</P><P> + +„Ach, geh nur wieder!“ sagte sie. + +</P><P> + +Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs +durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung +ans Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den +Wind um das schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, +wünschte sie sich die Liebe eines Fürsten ... + +</P><P> + +Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem +Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm +sattküssen zu lassen. + +</P><P> + +Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der +Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu +bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was +beinahe jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu +überzeugen, daß sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe +zusammen kommen könnten. Sie wollte jedoch nichts davon +hören. + +</P><P> + +Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes +Dutzend vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk +ihres Vaters. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er +gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er +fürchtete, sich bloßzustellen. Als er hinterher noch einmal +darüber nachdachte, fand er, daß seine Geliebte überhaupt recht +seltsam geworden sei und daß es vielleicht ratsam wäre, mit +ihr zu brechen. Seine Mutter hatte übrigens einen langen +anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt +worden war, ihr Sohn „ruiniere sich mit einer verheirateten +Frau.“ Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle +Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin, +die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich +brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem die +Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo +dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die +Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem +er zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei +seine weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das +Verhältnis abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so +doch in seinem, des Notars. + +</P><P> + +Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen. +Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch, +indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was +für Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von +den Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich +losließen, wenn sie sich am Kamine wärmten. Er sollte +demnächst in die erste Adjunktenstelle rücken. Es ward also +Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Aus diesem Grunde gab er +auch das Flötespielen auf. Die Tage der Schwärmereien und +Phantastereien waren für ihn vorüber! Jeder Philister hat in +seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen +Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist jeder der +ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender Pläne +fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach +einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat +sich irgendwann einmal der Dichter geregt. + +</P><P> + +Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung +an seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik +nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die +Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde +Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht. + +</P><P> + +Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz +sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die +Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander +überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der +Ehe wieder. + +</P><P> + +Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr +die Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus +Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der +Sinnengenuß ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch +nach höheren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt +und betrogen. Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre +Entzweiung zur Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich +aus freien Stücken von ihm zu trennen. + +</P><P> + +Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu +überschütten. Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer +Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben +stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, +sondern ein Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten +Erinnerungen, eine Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, +das leibhaft gewordne Idol ihrer heißesten Gelüste. +Allmählich ward ihr dieser imaginäre Liebling so vertraut, +als ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten +Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich +gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in +der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo +hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter +Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war ihr nahe. Er +umarmte und küßte sie ... + +</P><P> + +Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. +Die Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr +als die wildeste Ausschweifung. + +</P><P> + +Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche +Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie +zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar +geschlafen. + +</P><P> + +Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie +nahm am Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten +Strümpfen, eine Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster +auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. +Es bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand +sie unter der Vorhalle des Theaters, umringt von einem +halben Dutzend Masken, Bekannten von Leo: Matrosen und +Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurants in +der Nähe waren alle überfüllt. Schließlich entdeckte man einen +bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleines +Zimmer bekamen. + +</P><P> + +Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich +einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der +medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was +für eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? +An ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast +alle der untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann +sie sich zu ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und +schlug die Augen nieder. + +</P><P> + +Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn +glühte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte +ihr über die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des +Tanzsaals; es war ihr, als stampften tausend Füße im +Takte um sie herum. Dazu betäubte sie der Zigarrenrauch und der +Duft des Punsches. Sie wurde ohnmächtig. Man trug sie +ans Fenster. + +</P><P> + +Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein +breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der +graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den +Brücken. Die Laternenlichter verblichen. + +</P><P> + +Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in +Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll +langer Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte +in eigentümlichen Tönen ... + +</P><P> + +Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo +und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr +eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, +sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im +kristallklaren Äther. + +</P><P> + +Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ +sie den Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, +durch die Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. +Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach +vergaß sie die lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, +das Lampenlicht, das Souper, die Dirnen. Alles war weg +wie der Nebel im Winde. Im „Roten Kreuz“ angekommen, warf sie +sich aufs Bett. Es war in demselben Zimmer des zweiten +Stocks, wo ihr Leo damals seinen ersten Besuch gemacht +hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von Hivert geweckt. + +</P><P> + +Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der +Uhr steckte. Emma las: + +</P><P> + +„Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...“ Sie hielt +inne. „Was für ein Urteil?“ Sie besann sich. + +</P><P> + +Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben +worden, das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken +las sie weiter: + +</P><P> + +„<B>Im Namen des Königs!</B> ...“ Sie übersprang einige +Zeilen. „... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... +achttausend Franken ...“ Und unten: „Vorstehende Ausfertigung +wird ... zum Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...“ + +</P><P> + +Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden! + +</P><P> + +„Die sind morgen abgelaufen!“ sagte sie sich. „Unsinn! Lheureux +will mir nur angst machen!“ + +</P><P> + +Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften, +den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was +sie etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der +Schuldsumme. Durch ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, +die Darlehen, das Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die +Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu +dieser Höhe angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld +ungeduldig. Er brauchte es zu neuen Geschäften. + +</P><P> + +Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor. + +</P><P> + +„Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist +wohl ein Scherz!“ + +</P><P> + +„Bewahre!“ + +</P><P> + +„Wieso aber?“ + +</P><P> + +Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte: + +</P><P> + +„Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich +bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? +Für nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die +höchste Zeit, daß ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie +doch einsehen!“ + +</P><P> + +Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme. + +</P><P> + +„Ja, das tut mir leid!“ erwiderte der Händler. „Das +Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist +nichts zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! +Übrigens bin ich nicht der Kläger, sondern Vinçard.“ + +</P><P> + +„Könnten Sie denn nicht ...“ + +</P><P> + +„Ich kann gar nichts!“ + +</P><P> + +„Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...“ + +</P><P> + +Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei +überrascht worden ... + +</P><P> + +„Ist das denn meine Schuld?“ fragte Lheureux mit einer +höhnischen Geste. „Während ich mich hier abplagte, haben Sie +herrlich und in Freuden gelebt!“ + +</P><P> + +„Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?“ + +</P><P> + +„Das könnte nichts schaden!“ + +</P><P> + +Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so +weit, daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand +berührte. + +</P><P> + +„Lassen Sie mich zufrieden!“ wehrte er ab. „Am Ende wollen Sie +mich gar noch verführen!“ + +</P><P> + +„Sie sind ein gemeiner Mensch!“ rief sie aus. + +</P><P> + +„Na, na!“ lachte er. „Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!“ + +</P><P> + +„Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie +sind! Ich werde meinem Manne sagen ...“ + +</P><P> + +„Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...“ + +</P><P> + +Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung +der Summe für das verkaufte Grundstück. + +</P><P> + +„Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl +halten wird, der arme gute Mann?“ + +</P><P> + +Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. +Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und +her und sagte immer wieder: + +</P><P> + +„Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...“ + +</P><P> + +Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem +Tone: + +</P><P> + +„'s ist grade kein Vergnügen — das weiß ich wohl! — +aber es ist noch niemand dran gestorben, und da es der +einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...“ + +</P><P> + +„Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?“ jammerte +Emma und rang die Hände. + +</P><P> + +„Na, wenn man Freunde hat wie Sie!“ + +</P><P> + +Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch +Mark und Bein ging. + +</P><P> + +„Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...“ + +</P><P> + +„Danke! Habe genug von den alten!“ + +</P><P> + +„Könnte ich nicht was verkaufen?“ + +</P><P> + +„Was denn?“ fragte er achselzuckend. „Sie besitzen doch gar +nichts!“ Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in +seinen Laden hinein: „Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch +Nummer vierzehn!“ + +</P><P> + +Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen +sollte. Sie machte einen letzten Versuch. + +</P><P> + +„Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung +aufzuhalten?“ + +</P><P> + +„Es ist schon zu spät!“ antwortete Lheureux. + +</P><P> + +„Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel +der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?“ + +</P><P> + +„Das hätte alles keinen Zweck!“ + +</P><P> + +Er drängte sie sanft dem Ausgange zu. + +</P><P> + +„Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage +Zeit!“ + +</P><P> + +Sie schluchzte. + +</P><P> + +„Donnerwetter! Gar noch Tränen!“ + +</P><P> + +„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ jammerte sie. + +</P><P> + +„Mir auch egal!“ + +</P><P> + +Er machte die Türe zu. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Siebentes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den +Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie +sich einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen. + +</P><P> + +Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen +Schädel schrieben sie indessen nicht mit in das +Sachenverzeichnis. Sie erklärten ihn als zur +Berufsausübung nötig. Aber in der Küche zählten sie die +Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in ihrem +Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie +durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der +Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward +bis in die heimlichsten Einzelheiten — wie ein Leichnam in der +Anatomie — den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der +Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, +eine weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug, +wiederholte immer wieder: + +</P><P> + +„Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!“ + +</P><P> + +Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie: + +</P><P> + +„Wunderhübsch! Sehr nett!“ + +</P><P> + +Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis, +wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn +tauchte, das er in der linken Hand hielt. + +</P><P> + +Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die +Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult +bemerkte, in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er +an, daß es geöffnet werde. + +</P><P> + +„Ah! Briefe!“ meinte er, geheimnisvoll lächelnd. „Sie +erlauben wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst +noch was drinnen steckt!“ + +</P><P> + +Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten +Goldstücke herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie +seine plumpe rote Hand mit den molluskenhaften Fettfingern +diese Blätter anfaßte, bei deren Empfang ihr Herz einst höher +geschlagen hatte. + +</P><P> + +Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag +gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den +Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände +zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein. + +</P><P> + +Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma +beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in +den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre +Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten +Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie +sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte +sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid +mit sich selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als +unterdrückte. + +</P><P> + +Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich. +Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige +langweilte. + +</P><P> + +„Ging da nicht oben einer?“ fragte Karl. + +</P><P> + +„Nein!“ beschwichtigte sie ihn. „Da war wahrscheinlich ein +Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.“ + +</P><P> + +Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie +alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die +meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich +nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie +beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich +zurückzahlen. Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie +ab. + +</P><P> + +Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es +öffnete niemand. Endlich kam er von der Straße her. + +</P><P> + +„Was führt dich her?“ + +</P><P> + +„Störe ich dich?“ + +</P><P> + +„Nein ... aber ...“ + +</P><P> + +Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man „Damen“ +bei sich empfinge. + +</P><P> + +„Ich muß dich sprechen!“ sagte sie. + +</P><P> + +Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen. + +</P><P> + +„Nein! Nicht hier! Bei uns!“ + +</P><P> + +Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer. + +</P><P> + +Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz +bleich. Dann sagte sie: + +</P><P> + +„Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!“ + +</P><P> + +Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu: + +</P><P> + +„Hör mal: ich brauche achttausend Franken!“ + +</P><P> + +„Du bist verrückt!“ + +</P><P> + +„Noch nicht!“ + +</P><P> + +Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und +klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer +Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater +könne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese +unbedingt nötige Summe schleunigst verschaffen. + +</P><P> + +„Wie soll ich das?“ + +</P><P> + +„Du willst bloß nicht!“ sagte sie aufgeregt. + +</P><P> + +Er stellte sich dumm: + +</P><P> + +„Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird +der Biedermann schon zufrieden sein!“ + +</P><P> + +„Vielleicht. Schaff sie mir nur!“ sagte sie. Dreitausend Franken +seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf +seinen Namen aufnehmen. + +</P><P> + +„Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will +dich dafür auch recht liebhaben!“ + +</P><P> + +Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, +als ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er: + +</P><P> + +„Ich war bei drei Personen ... umsonst!“ + +</P><P> + +Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, +ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor +Ungeduld mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte: + +</P><P> + +„Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld +auftriebe!“ + +</P><P> + +„Wo denn?“ + +</P><P> + +„In eurer Kanzlei!“ + +</P><P> + +Sie sah ihn starr an. + +</P><P> + +Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen +ihren sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so +stark, daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft +dieses Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe +daran war, zu erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht +ergriff ihn, und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug +er sich vor die Stirn und rief aus: + +</P><P> + +„Morel kommt ja heute nacht zurück!“ Morel war ein Freund von +ihm, der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. „Der +schlägts mir nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen +vormittag bringen.“ + +</P><P> + +Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger +freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie +seine Lüge? + +</P><P> + +Errötend fuhr er fort: + +</P><P> + +„Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann +warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich +fort! Entschuldige mich! Lebwohl!“ + +</P><P> + +Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma +hatte alle Kraft verloren ... + +</P><P> + +Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville +zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit. + +</P><P> + +Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne +strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete +Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma +den Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. +Die Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals +wie ein Strom aus einer dreibogigen Brücke. + +</P><P> + +Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in +das Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr +wölbte und ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu +ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier +strömten die Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie +schwankte und war einer Ohnmacht nahe. + +</P><P> + +„Vorsehen!“ rief eine Stimme aus einem Torwege. + +</P><P> + +Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen, +der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause +herauskam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte ... + +</P><P> + +„Wer war das doch?“ fragte sie sich. Er kam ihr bekannt +vor. Das Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden. + +</P><P> + +„Aber das war doch der Vicomte!“ + +</P><P> + +Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich +so niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand +eines Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie +grübelte darüber nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen +war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war +eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene, +vom Geratewohl gegen die Klippen des Lebens getrieben ... +Und so empfand sie beinahe Freude, als sie, am „Roten Kreuz“ +angelangt, den trefflichen Homais traf, der das Aufladen +einer großen Kiste voll Apothekerwaren in die Post überwachte. +In der Hand hielt er, in ein Halstuch eingewickelt, sechs +Stück Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte. + +</P><P> + +Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in +der Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans +gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen +werden. Man buk sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die +wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn +sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische +liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten +sie sich einbilden, Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die +Apothekersfrau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute; +sie hatte nämlich abscheulich schlechte Zähne. + +</P><P> + +„Bin entzückt, Sie zu sehen!“ rief Homais, bot Emma die Hand +und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche. + +</P><P> + +Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, +nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und +einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs +wie immer der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er: + +</P><P> + +„Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor +dieses schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man +einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht +bei uns im Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in +Barbarei!“ + +</P><P> + +Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er +wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte. + +</P><P> + +„Er hat eine skrofulöse Affektion“, dozierte der Apotheker. + +</P><P> + +Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, +als sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von +Hornhaut, Star, Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er +ihm in salbungsvollem Tone: + +</P><P> + +„Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? +Du solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu +betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.“ + +</P><P> + +Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig +beschränkt. + +</P><P> + +Schließlich zog Homais seine Börse. + +</P><P> + +„Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus +und vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir +gut bekommen!“ + +</P><P> + +Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines +Rezepts zu bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, +lediglich eine „antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats“ +könne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse: + +</P><P> + +„Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!“ + +</P><P> + +„So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du +Schönes kannst!“ rief ihm Hivert zu. + +</P><P> + +Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück, +rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge +heraus. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und +stieß ein dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund. + +</P><P> + +Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein +Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr +edel vor, es so wegzuwerfen. + +</P><P> + +Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich +Homais plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief: + +</P><P> + +„Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe +tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!“ + +</P><P> + +Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog, +lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche +Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und +verschlafen langte sie in Yonville an. + +</P><P> + +„Mag nun kommen, was will!“ dachte sie beim Aussteigen. +„Zu guter Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein +unerwartetes Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann +sterben ...“ + +</P><P> + +Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach. +Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, +das an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, +wie Justin auf einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im +selben Moment faßte ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem +Augenblick trat Homais aus seiner Apotheke, und auch Frau +Franz tauchte laut redend mitten in der Volksmenge auf. + +</P><P> + +„Gnädige Frau! Gnädige Frau!“ rief Felicie, die ins Zimmer +stürzte. + +</P><P> + +Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in +der Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma +überflog ihn. Es war die Versteigerungsankündigung. + +</P><P> + +Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten +längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie +nach einer Weile: + +</P><P> + +„An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar +Guillaumin.“ + +</P><P> + +„Meinst du?“ + +</P><P> + +Diese Frage bedeutete: „Durch dein Verhältnis mit dem Diener +dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich +dieser Junggeselle für mich? + +</P><P> + +„Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!“ + +</P><P> + +Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und +setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht +sähe — es standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte +-, ging sie zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin. + +</P><P> + +Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der +Himmel war grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin +erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam +er und öffnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen +Vertraulichkeit, als ob sie ins Haus gehörte, und +führte sie in das Eßzimmer. + +</P><P> + +Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor +dem ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten +Wänden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: +wollüstige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen +Schüsselwärmer, der Kristallgriff der Türklinke, der +Parkettboden, die Möbel, alles blinkte in reinlicher, +germanischer Sauberkeit. + +</P><P> + +„So ein Eßzimmer müßte ich haben!“ dachte Emma. + +</P><P> + +Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei +verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der +andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum +Gruße ab und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett +etwas auf der rechten Seite seines kahlen Schädels, +über den drei lange blonde Haarsträhnen liefen. + +</P><P> + +Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den +Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser +Unhöflichkeit. + +</P><P> + +„Herr Notar,“ sagte sie, „ich möchte Sie bitten ...“ + +</P><P> + +„Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!“ + +</P><P> + +Sie begann ihm ihre Lage zu schildern. + +</P><P> + +Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer +Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die +Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu +besorgen Auftrag gab. Somit kannte er — und besser als Emma — +die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen, +von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen +ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. +Jetzt hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf +seinen Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun +in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern +nicht in den Ruf eines Halsabschneiders gerate. + +</P><P> + +Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen +Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar +nichtssagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett +und trank seinen Tee, — wobei er das Kinn gegen seine +himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. +Ein sonderbares, süßliches und zweideutiges Lächeln +spielte um seine Lippen. Als er sah, daß Emma nasse Schuhe +hatte, sagte er: + +</P><P> + +„Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe +doch an die Kacheln ... höher!“ + +</P><P> + +Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der +Notar sagte galant: + +</P><P> + +„Schöne Sachen verderben nie etwas!“ + +</P><P> + +Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber +nur selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres +häuslichen Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren +Bedürfnissen. Der Notar verstand das: eine elegante Frau! Und +ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl +nach ihr um. Er berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle +am heißen Ofen zu dampfen begann. + +</P><P> + +Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die +Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die +Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände +bekommen habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für +eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise +wären die Torfgruben von Grümesnil oder Bauland in Havre +bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut, +angesichts der enormen Summen, die sie zweifellos dabei +gewonnen hätte. + +</P><P> + +„Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?“ + +</P><P> + +„Das weiß ich selber nicht“, erwiderte sie. + +</P><P> + +„Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich +sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns +schon längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr +gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe +ich!“ + +</P><P> + +Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und +behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und +sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie +Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die +spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die +Ärmelöffnung von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu +betasten. Sie fühlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange. + +</P><P> + +Sie sprang auf und sagte: + +</P><P> + +„Herr Guillaumin, ich warte ...“ + +</P><P> + +„Worauf?“ sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden. + +</P><P> + +„Auf das Geld!“ + +</P><P> + +„Aber ...“ In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu +sagen: „Na ja ...“ + +</P><P> + +Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und +keuchte: + +</P><P> + +„Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!“ + +</P><P> + +Er umschlang ihre Taille. + +</P><P> + +Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von +dem Manne los und rief: + +</P><P> + +„Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich +bin beklagenswert, aber nicht käuflich!“ + +</P><P> + +Damit eilte sie hinaus. + +</P><P> + +Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine +schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter +Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel +ihm ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was +hätte verleiten können. + +</P><P> + +„Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!“ sagte Emma +bei sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. +Ihre Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung +ihres Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein +unseliges Geschick, und dieses Gefühl erfüllte sie von +neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochmütiger und +selbstbewußter gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung. +Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie hätte alle Männer schlagen, +ihnen ins Gesicht speien, sie niedertreten mögen. Während sie +weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre +tränenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen +Wollust bohrte sie sich in Haß hinein. + +</P><P> + +Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die +Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte +sein! Wohin hätte sie fliehen können? + +</P><P> + +Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte. + +</P><P> + +„Gnädige Frau?“ + +</P><P> + +„Es war umsonst!“ + +</P><P> + +Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch, +die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen, +den Felicie nannte, wandte Emma ein: + +</P><P> + +„Unmöglich! Die tun es nicht!“ + +</P><P> + +„Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!“ + +</P><P> + +„Ich weiß es! Laß mich allein!“ + +</P><P> + +Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf +lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen: + +</P><P> + +„Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr +unser. In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein +Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. +Armer Mann!“ + +</P><P> + +Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos +weinen, und wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde +er ihr verzeihen! + +</P><P> + +„Ja! Er wird mir verzeihen!“ murmelte sie in verhaltener Wut. +„Er! Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich +die Seine geworden bin! Niemals! Niemals!“ + +</P><P> + +Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen, +empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, +jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch +alles erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie +hatte die Zentnerlast seiner Großmut zu tragen! + +</P><P> + +Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux +gehen solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater +schreiben? Dazu war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem +Notar nicht gefügig gewesen zu sein, — da hörte sie den +Hufschlag eines Pferdes in der Allee. Es war Karl. Er +öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war weißer als Kalk. + +</P><P> + +Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der +Haustür hinaus nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister +stand vor der Kirchentür und sprach mit dem Kirchendiener. Sie +beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der +Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die +ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte, und klatschte +ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den +Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte Wäsche, so +aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen sehen +konnten. + +</P><P> + +Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei +beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz +fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle +Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter +den Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder +schnurrten und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, +den Kopf etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken +in sein Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, +das der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet, +befriedigt den Menschen ungemein, wenn es vollendet ist, denn +es gibt dabei ja kein ideales Darüberhinaus, das man +ersehnen könnte. + +</P><P> + +„Ah, da ist sie!“ sagte Frau Tüvache. + +</P><P> + +Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu +verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten +sie, das Wort „Taler“ zu hören, worauf Frau Caron +flüsterte: + +</P><P> + +„Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.“ + +</P><P> + +„Es scheint so“, meinte die andre. + +</P><P> + +Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und +die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau +ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der +Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich. + +</P><P> + +„Will sie bei ihm etwas bestellen?“ fragte Frau Tüvache. + +</P><P> + +„Er verkauft doch nie etwas!“ + +</P><P> + +Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die +Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter, +eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich +erregt. Jetzt schwiegen sie beide. + +</P><P> + +„Macht sie ihm gar einen Antrag?“ flüsterte Frau Tüvache. +Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände. + +</P><P> + +„Nein, das ist doch stark!“ zischelte Frau Caron. + +</P><P> + +In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet +gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden +und Leipzig mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich +plötzlich vor ihr zurück, als ob ihn eine Natter stechen +wollte, und rief aus: + +</P><P> + +„Frau Bovary, was muten Sie mir zu!“ + +</P><P> + +„Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!“ eiferte +Frau Tüvache. + +</P><P> + +„Wo ist sie denn mit einem Male hin?“ erwiderte die andre. + +</P><P> + +Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße +hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum +Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in +allerhand Vermutungen. + +</P><P> + +Emma lief zur alten Frau Rollet. + +</P><P> + +„Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!“ + +</P><P> + +Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das +Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke +zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen +antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad +und begann zu spinnen. + +</P><P> + +„Ach, hören Sie auf!“ sagte Emma leise. Es war ihr, als +höre sie noch Binets Drehbank. + +</P><P> + +„Was mag sie nur haben?“ fragte sich Frau Rollet. „Warum ist +sie hergekommen?“ + +</P><P> + +Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause +gejagt hatte? + +</P><P> + +Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die +keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer +Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die +brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, +das im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über +ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch ... + +</P><P> + +Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf +... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit +lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die +Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... +Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder +Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten +Erlebnissen. + +</P><P> + +„Wieviel Uhr ist es?“ fragte sie. + +</P><P> + +Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten +Stelle des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam +gemächlich wieder herein. + +</P><P> + +„Bald drei Uhr!“ sagte sie. + +</P><P> + +„Schön! Ich danke!“ + +</P><P> + +Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das +Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie +hier war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau +Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen. + +</P><P> + +„Machen Sie recht schnell!“ + +</P><P> + +„Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!“ + +</P><P> + +Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen +war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er +gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und +zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen +Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, +um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. +Das war nicht weiter schlimm! + +</P><P> + +Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es +schien der Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei +sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus +in das Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt +sie ein Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber +plötzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch +auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schließlich war sie +des Wartens müde. Bange Ahnungen quälten sie. Sie hatte +kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit +einem Jahrhundert? + +</P><P> + +Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich +die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine +Frage tat, vermeldete Frau Rollet: + +</P><P> + +„Es war niemand da!“ + +</P><P> + +„Niemand?“ + +</P><P> + +„Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. +Alles ist auf den Beinen!“ + +</P><P> + +Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer +umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. +Unwillkürlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig +geworden. + +</P><P> + +Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten +Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein +heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig, +rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er +zögerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein +einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen +und ihn dazu zwingen! + +</P><P> + +So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu +haben, daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch +so verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie +daran, daß sie sich prostituierte. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Achtes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Auf dem Wege fragte sie sich: + +</P><P> + +„Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?“ + +</P><P> + +Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und +Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus +vor ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte +wieder auf, und ihr armes gequältes Herz schwoll im +Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr +übers Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, +von den knospenden Bäumen hernieder ins Gras. + +</P><P> + +Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging +über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen +Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige. +Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres +Gebells erschien niemand. + +</P><P> + +Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene +Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten +staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer +mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs +Zimmer lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die +Türklinke legte, verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie +fürchtete, er möchte nicht zu Haus sein, ja, sie wünschte +es beinah, und doch war es ihre einzige Hoffnung, der letzte +Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch, +dachte an ihre Not, faßte Mut und trat ein. + +</P><P> + +Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims +gestemmt, und rauchte eine Pfeife. + +</P><P> + +„Mein Gott, Sie!“ rief er aus und sprang rasch auf. + +</P><P> + +„Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!“ + +</P><P> + +Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus. + +</P><P> + +„Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.“ + +</P><P> + +„So,“ wehrte sie voll Bitternis ab, „das müssen traurige +Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!“ + +</P><P> + +Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er +entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er +etwas Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich +durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme +und durch seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich +stellte, als schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. +Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein +Geheimnis an, von dem die Ehre und das Leben eines +dritten Menschen abgehangen hätte. + +</P><P> + +„Das ist ja nun gleichgültig“, sagte sie und sah ihn traurig +an. „Ich habe schwer gelitten!“ + +</P><P> + +Rudolf meinte philosophisch: + +</P><P> + +„So ist das Leben!“ + +</P><P> + +„Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer +Trennung?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!“ + +</P><P> + +„Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals +nicht voneinander gegangen wären?“ + +</P><P> + +„Ja! Vielleicht!“ + +</P><P> + +„Glaubst du das?“ fragte sie, indem sie aufseufzend ihm +näher trat. „Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr +lieb gehabt!“ + +</P><P> + +Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen +sie mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage +der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes +kämpfte er gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an +seine Brust und sagte: + +</P><P> + +„Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben +sollte! Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war +ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, +du sollst alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal +sehen mögen!“ + +</P><P> + +In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege +gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke +Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter +zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als +eine verliebte Katze. + +</P><P> + +„Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja +auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du +mich verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast +alles, was uns Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen +wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! +... So rede doch!“ + +</P><P> + +Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, +wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen +Blume. + +</P><P> + +Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr +Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil +hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er +küßte sie leise und sanft auf die Augenlider. + +</P><P> + +„Du hast geweint?“ fragte er. „Warum?“ + +</P><P> + +Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen +Ausbruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr +Schweigen für eine letzte Scham und rief aus: + +</P><P> + +„O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war +ein Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde +dich immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!“ + +</P><P> + +Er sank ihr zu Füßen. + +</P><P> + +„So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir +dreitausend Franken leihen.“ + +</P><P> + +„Ja ... aber ...“ + +</P><P> + +Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten +Ausdruck an. + +</P><P> + +„Du mußt nämlich wissen,“ fuhr sie schnell fort, „daß mein +Mann sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der +ist flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die +Patienten bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs +meines Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald +wieder Geld haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. +Deswegen sollen wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in +einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und deshalb bin +zu dir gekommen!“ + +</P><P> + +„Aha!“ dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. „Also darum ist +sie gekommen!“ Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen: +„Verehrteste, soviel habe ich nicht!“ + +</P><P> + +Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er +sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen +unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von +allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine +Bitte um Geld der hartherzigste und gefährlichste. + +</P><P> + +Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie: + +</P><P> + +„Du hast sie nicht!“ Und mehrere Male wiederholte sie: „Du hast +sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen +können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als +die andern!“ + +</P><P> + +Sie verriet sich und ihre Frauenehre. + +</P><P> + +Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in +Verlegenheit. + +</P><P> + +„Ach! Du tust mir sehr leid ...“, sagte Emma. „Ja, ungemein!“ + +</P><P> + +Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im +Gewehrschrank blinkte. + +</P><P> + +„Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit +Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit +Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!“ Sie +berührte einen, der auf dem Tische lag. „Und trägt keine solche +Berlocken an der Uhrkette!“ Ach, er ließ sich sichtlich +nichts abgehen. Das bewies allein das +Likörschränkchen im Zimmer. „Ja, dich selber, dich liebst du! +Dich und ein gutes Leben! Du hast ein Schloß, Pachthöfe, +Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Paris! +Und wenn du mir nur <B>das</B> gegeben hättest!“ Sie sprach +immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschmückten +Manschettenknöpfe vom Kamin. „Diesen und andern entbehrlichen +Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich +will nichts davon haben! Behalt alles!“ Sie schleuderte die +beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein +Goldkettchen zerbrach. + +</P><P> + +„Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles +verkauft. Mit meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf +der Straße hätte ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, +einen Blick, ein einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du +bleibst gemütlich in deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir +nicht schon genug Leid zugefügt hättest! Ohne dich — das +weißt du sehr wohl! — hätte ich glücklich sein können! Wer +zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast +du mir eben noch gesagt, daß du mich liebtest! Ach, hättest du +mich doch lieber davongejagt! Meine Hände sind noch warm von +deinen Küssen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle +hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer +belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem süßen Wahn +des herrlichsten Gefühls gelassen! Und dann der Plan unsrer +Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er +hat mir das Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne +zurückkehre, zu ihm, der reich, glücklich und frei ist, und ihn +um eine Hilfe bitte, die der erste beste gewähren würde, wo ich +ihn unter Tränen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da +stößt er mich zurück, — weils ihn dreitausend Franken +kosten könnte!“ + +</P><P> + +„Ich habe sie nicht“, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit, +hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen +pflegen. + +</P><P> + +Sie ging. + +</P><P> + +Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder +nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen +welken Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor +dem Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so +hastig wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie +völlig außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht +halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das +still daliegende Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, +auf den Park, die Höfe und die Gärten. + +</P><P> + +Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch +etwas andres als das Pochen und Pulsen des +Blutes in ihren Adern, das ihr aus dem Körper zu +springen und wie laute Musik das ganze Land rings um sie zu +durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen kam ihr +weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege +erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten. +Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und +Gedanken sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein +Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des +Wucherers, ihr Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, +immer wieder etwas andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr +ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kräfte zusammen. Es war +nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr +an die Ursache ihres schrecklichen Zustandes, das heißt +an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, +wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so +wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde +hinströmen fühlen. + +</P><P> + +Die Nacht brach herein. Raben flogen. + +</P><P> + +Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch +die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee +zwischen den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder +erschien Rudolfs Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie +kamen immer näher; sie bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie +alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der Häuser, +die von ferne durch den Nebel schimmerten. + +</P><P> + +Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen +Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen +zu wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit +einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief +sie den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, +eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der +Apotheke stand. + +</P><P> + +Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das +Geräusch der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging +sie durch die Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand +der Hausflur hin bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine +Kerze über dem Herd. Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine +Schüssel durch die andere Tür hinaus. + +</P><P> + +„So! Man ist bei Tisch. Ich will warten“, sagte sie sich. + +</P><P> + +Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der +Küchentüre. + +</P><P> + +Er kam heraus. + +</P><P> + +„Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...“ + +</P><P> + +Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das +sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch +schön vor und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, +was sie wollte, ahnte er doch etwas Schreckliches. + +</P><P> + +Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das +Herz rührte: + +</P><P> + +„Ich will ihn haben! Gib ihn mir!“ + +</P><P> + +Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf +den Tellern im Eßzimmer. + +</P><P> + +Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht +schlafen ließen. + +</P><P> + +„Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.“ + +</P><P> + +„Nein! Nicht!“ Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: +„Das ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber +sagen. Leucht mir nur!“ Sie trat in den Gang, von dem aus man +in das Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel +mit einem Schildchen: „Kapernaum.“ + +</P><P> + +„Justin!“ rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange +wegblieb. + +</P><P> + +„Gehn wir hinauf!“ befahl Emma. + +</P><P> + +Er folgte ihr. + +</P><P> + +Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, +griff nach dem dritten Wandbrett — ihr Gedächtnis führte sie +richtig —, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit +der Hand hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers +heraus, das sie sich schnell in den Mund schüttete. + +</P><P> + +„Halten Sie ein!“ schrie Justin, ihr in die Arme fallend. + +</P><P> + +„Still! Man könnte kommen!“ + +</P><P> + +Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen. + +</P><P> + +„Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung +ziehen!“ + +</P><P> + +Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen +Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Neuntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die +Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu +seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was +nützte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu +Homais, zu Tüvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Löwen, +überallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der +Gedanke, daß sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames +Vermögen verloren und die Zukunft Bertas zerstört sei. Und +warum? Keine Erklärung! Er wartete bis sechs Uhr abends. +Endlich hielt ers nicht mehr aus, und da er vermutete, sie +sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstraße eine +halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine +Weile und kehrte dann zurück. + +</P><P> + +Sie war zu Haus. + +</P><P> + +„Was ist das für eine Geschichte? Wie ist das gekommen? +Erklär es mir!“ + +</P><P> + +Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, +den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter +gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone: + +</P><P> + +„Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine +einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!“ + +</P><P> + +„Aber ...“ + +</P><P> + +„Ach, laß mich!“ + +</P><P> + +Sie legte sich lang auf ihr Bett. + +</P><P> + +Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ... +verschwommen ... und schloß die Augen wieder. + +</P><P> + +Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein, +sie fühlte noch keine! Sie hörte den Pendelschlag der Uhr, +das Knistern des Feuers und Karls Atemzüge, der neben +ihrem Bett stand. + +</P><P> + +„Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!“ dachte sie. „Ich +werde einschlafen, und dann ist alles vorüber!“ + +</P><P> + +Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu. + +</P><P> + +Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da. + +</P><P> + +„Ich habe Durst! Großen Durst!“ seufzte sie. + +</P><P> + +„Was fehlt dir denn?“ fragte Karl und reichte ihr ein +Glas. + +</P><P> + +„Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich +ersticke!“ + +</P><P> + +Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich, daß sie kaum noch +Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen. + +</P><P> + +„Nimms weg!“ sagte sie nervös. „Wirfs weg!“ + +</P><P> + +Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag +unbeweglich da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung +erbrechen zu müssen. Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte +von den Füßen zum Herzen hinaufsteigen. + +</P><P> + +„Ach,“ murmelte sie, „jetzt fängt es wohl an?“ + +</P><P> + +„Was sagst du?“ + +</P><P> + +Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her. +Fortwährend öffnete sie den Mund, als läge etwas +Schweres auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing das Erbrechen +wieder an. + +</P><P> + +Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen +Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte. + +</P><P> + +„Sonderbar! Sonderbar!“ wiederholte er. + +</P><P> + +Aber sie sagte mit fester Stimme: + +</P><P> + +„Nein, du irrst dich!“ + +</P><P> + +Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die +Magengegend und drückte da. Sie stieß einen schrillen Schrei +aus. Er wich erschrocken zurück. + +</P><P> + +Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schüttelfrost +überfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das +sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmäßiger +Pulsschlag war kaum noch fühlbar. Kalte Schweißtropfen rannen +über ihr bläulich gewordnes Gesicht; etwas wie ein +metallischer Ausschlag lag über ihren erstarrten Zügen. Die +Zähne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen +blickten ausdruckslos umher. Alle Fragen, die man an sie +richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal +lächelte sie freilich. Allmählich wurde das Stöhnen +heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete +sie, daß es ihr besser gehe und daß sie sofort aufstehen +würde. + +</P><P> + +Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie: + +</P><P> + +„Mein Gott, ist das gräßlich!“ + +</P><P> + +Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie. + +</P><P> + +„Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte +mir!“ + +</P><P> + +Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit, wie Emma keine je +geschaut hatte. + +</P><P> + +„Ja ... da ... da ... lies!“ stammelte sie mit versagender +Stimme. + +</P><P> + +Er stürzte zum Schreibtisch, riß den Brief auf und las laut: + +</P><P> + +„Man klage niemanden an ...“ Er hielt inne, fuhr sich mit der +Hand über die Augen und las stumm weiter ... + +</P><P> + +„Vergiftet!“ + +</P><P> + +Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen: + +</P><P> + +„Vergiftet! Vergiftet!“ + +</P><P> + +Dann rief er um Hilfe. + +</P><P> + +Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. +Frau Franz im Goldenen Löwen erfuhr es. Manche standen aus +ihren Betten auf, um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze +Nacht hindurch war der halbe Ort wach. + +</P><P> + +Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl +im Zimmer umher, wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare +ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches +Schauspiel gesehen. + +</P><P> + +Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor +Larivière zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er +brachte keinen vernünftigen Brief zustande. Schließlich mußte +sich Hippolyt nach Neufchâtel aufmachen, und Justin ritt auf +Bovarys Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul +lahm und halbtot zurück. + +</P><P> + +Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er +war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den +Augen. + +</P><P> + +„Ruhe!“ sagte der Apotheker. „Es handelt sich einzig und +allein darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war +es für ein Gift?“ + +</P><P> + +Karl zeigte den Brief. Es wäre Arsenik gewesen. + +</P><P> + +„Gut!“ versetzte Homais. „Wir müssen eine Analyse machen!“ + +</P><P> + +Er hatte nämlich gelernt, daß man bei allen Vergiftungen eine +Analyse machen müsse. Bovary hatte in seiner Angst alle +Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm: + +</P><P> + +„Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!“ + +</P><P> + +Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück, warf sich auf die Diele, +lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte. + +</P><P> + +„Weine nicht!“ flüsterte sie. „Bald werde ich dich nicht mehr +quälen!“ + +</P><P> + +„Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?“ + +</P><P> + +„Es mußte sein, mein Lieber!“ + +</P><P> + +„Warst du denn nicht glücklich? Bin ich schuld? Ich habe dir +doch alles zuliebe getan, was ich konnte!“ + +</P><P> + +„Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!“ + +</P><P> + +Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar. Die süße +Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fühlte sich bis in +den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert, daß +er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies +denn je. Er fand keinen Ausweg; er wußte keinen Zusammenhang; +er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eines +Entschlusses machte ihn vollends wirr. + +</P><P> + +Sie dachte bei sich: „Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen +Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzähligen, +qualvollen Sehnsüchten!“ Nun haßte sie keinen mehr. Ihre +Gedanken verschwammen wie in Dämmerung, und von allen Geräuschen +der Erde hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen +Herzens, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer +Symphonie. + +</P><P> + +„Bring mir die Kleine“, sagte sie und stützte sich leicht auf. + +</P><P> + +„Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?“ fragte Karl. + +</P><P> + +„Nein, nein!“ + +</P><P> + +Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es +hatte ein langes Nachthemd an, aus dem die nackten Füße +hervorsahen. Es war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt +betrachtete es die große Unordnung im Zimmer. Geblendet vom +Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte es mit +den Augen. Offenbar dachte es, es sei +Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so früh wie heute +geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um +Geschenke zu bekommen. Und so fragte es: + +</P><P> + +„Wo ist es denn, Mama?“ Und da niemand antwortete, redete +es weiter: „Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!“ + +</P><P> + +Felicie hielt die Kleine übers Bett, die immer noch nach dem +Kamin hinsah. + +</P><P> + +„Hat Frau Rollet sie mir genommen?“ + +</P><P> + +Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick +erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fühle sie den +ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf +der Zunge. Berta saß noch auf ihrem Bette. + +</P><P> + +„Was für große Augen du hast, Mama! Wie blaß du bist! Wie +du schwitzest!“ + +</P><P> + +Die Mutter sah sie an. + +</P><P> + +„Ich fürchte mich!“ sagte die Kleine und wollte fort. + +</P><P> + +Emma wollte die Hand des Kindes küssen, aber es +sträubte sich. + +</P><P> + +„Genug! Bringt sie weg!“ rief Karl, der im Alkoven schluchzte. + +</P><P> + +Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien +weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem +etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung. Als +Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme. + +</P><P> + +„Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gütig von Ihnen! +Es geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...“ + +</P><P> + +Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er +sich ausdrückte, „immer aufs Ganze“ ging, verordnete er +Emma ein ordentliches Brechmittel, um den Magen zunächst +einmal völlig zu entleeren. + +</P><P> + +Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preßten sich +krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedmaßen ein. Ihr Körper +war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren +Fingern hin wie ein dünnes Fädchen, das jeden Augenblick +zu zerreißen droht. + +</P><P> + +Dann begann sie, gräßlich zu schreien. Sie verfluchte und +schmähte das Gift, flehte, es möge sich beeilen, und +stieß mit ihren steif gewordnen Armen alles zurück, was +Karl ihr zu trinken reichte. Er war der völligen Auflösung noch +näher als sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepreßt, stand +er vor ihr, stöhnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen +erschüttert und am ganzen Leib durchrüttelt. Felicie lief im +Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da und seufzte +tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit +gewordnen selbstbewußten Haltung, unbehaglich zu fühlen. + +</P><P> + +„Zum Teufel!“ murmelte er. „Der Magen ist nun doch leer! Und +wenn die Ursache beseitigt ist, so ...“ + +</P><P> + +„... muß die Wirkung aufhören!“ ergänzte Homais. „Das +ist klar!“ + +</P><P> + +„Rettet sie mir nur!“ rief Bovary. + +</P><P> + +Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein +heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und +wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte draußen eine +Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei +bis an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die +Ecke der Hallen. Es war Professor Larivière. + +</P><P> + +Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung +hervorrufen können. Bovary streckte ihm die Hände entgegen, +Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein +Käppchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war. + +</P><P> + +Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an, +das heißt, einer Generation philosophischer Praktiker, die +heute ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und +scharfsichtiger Jünger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte +in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Schüler verehrten +ihn so, daß sie ihn, später in ihrer eigenen Praxis, mit +möglichster Genauigkeit kopierten. So kam es, daß man bei den +Ärzten in der Umgegend von Rouen allerorts seinen langen +Schafspelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die +offenen Ärmelaufschläge daran reichten ein Stück über seine +fleischigen Hände, sehr schöne Hände, die niemals in +Handschuhen steckten, als wollten sie immer schnell bereit +sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein +Verächter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich, +freidenkend, den Armen ein väterlicher Freund, Pessimist, selbst +aber edel in Wort und Tat. Man hätte ihn als einen Heiligen +gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und +Verstandes gefürchtet hätte wie den Teufel. Sein Blick war +schärfer als sein Messer; er drang einem bis tief in die +Seele, durch alle Heucheleien, Lügen und Ausflüchte hindurch. +So ging er seines Weges in der schlichten Würde, die ihm +das Bewußtsein seiner großen Tüchtigkeit, seines +materiellen Vermögens und seiner vierzigjährigen +arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh. + +</P><P> + +Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon +von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem +Rücken ausgestreckt da. Während er Canivets Bericht +scheinbar aufmerksam anhörte, strich er sich mit dem Zeigefinger +um die Nasenflügel und sagte ein paarmal: + +</P><P> + +„Gut! ... Gut!“ + +</P><P> + +Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete +ihn ängstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte, +der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war, konnte +eine Träne nicht zurückhalten, die ihm auf die Krawatte +herablief. + +</P><P> + +Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen. + +</P><P> + +„Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wär es, wenn +man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich weiß nichts. Finden Sie +doch etwas! Sie haben ja schon so viele gerettet!“ + +</P><P> + +Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte +ihn verstört und flehend an. Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an +die Brust gesunken. + +</P><P> + +„Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!“ +Larivière wandte sich ab. + +</P><P> + +„Sie gehn?“ + +</P><P> + +„Ich komme wieder.“ + +</P><P> + +Larivière ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine +Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge +des Todeskampfes sein. + +</P><P> + +Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts +fiel ihm von jeher schwerer, als sich von berühmten Menschen +zu trennen. So beschwor er denn Larivière, er möge ihm die hohe +Ehre erweisen, zum Frühstück sein Gast zu sein. + +</P><P> + +Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Löwen nach Tauben, zu +Tüvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum +Fleischer nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den +Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre +Jacke zurechtzupfend, sagte: + +</P><P> + +„Sie müssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so +einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...“ + +</P><P> + +„Die Weingläser!“ flüsterte Homais. + +</P><P> + +„Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit +Wurst und ...“ + +</P><P> + +„Sei doch still! — Zu Tisch, bitte, Herr Professor!“ + +</P><P> + +Er hielt es für angebracht, nach den ersten Bissen ein paar +Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben: + +</P><P> + +„Zuerst äußerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf +unerträgliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, +Schlafsucht ...“ + +</P><P> + +„Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?“ + +</P><P> + +„Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich weiß nicht einmal recht, +wo sie das <TT>acidum arsenicum</TT> herbekommen hat.“ + +</P><P> + +Justin, der einen Stoß Teller hereinbrachte, begann am ganzen +Körper zu zittern. + +</P><P> + +„Was hast du?“ fuhr ihn der Apotheker an. + +</P><P> + +Bei dieser Frage ließ der Bursche alles, was er trug, +fallen. Es gab ein großes Gekrache. + +</P><P> + +„Tolpatsch!“ schrie Homais. „Ungeschickter Kerl! Tranlampe! +Alberner Esel!“ + +</P><P> + +Dann aber beherrschte er sich plötzlich: + +</P><P> + +„Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr +Professor, und deshalb <TT>primo</TT> ganz +vorsichtig in ein Reagenzgläschen ...“ + +</P><P> + +„Dienlicher wäre es gewesen,“ sagte der Chirurg, „wenn Sie +ihr Ihre Finger in den Hals gesteckt hätten.“ + +</P><P> + +Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter +vier Augen eine energische Belehrung wegen seines +Brechmittels eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des +Klumpfußes so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt +sich jetzt mäuschenstill. Er lächelte nur unausgesetzt, um +seine Zustimmung zu markieren. + +</P><P> + +Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrübliche +Gedanke an Bovary trug — in egoistischer Kontrastwirkung — +unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berühmten +Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze +Gelehrsamkeit aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von +Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw. + +</P><P> + +„Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, daß mehrere +Personen nach dem Genusse von zu stark geräucherter Wurst +erkrankt und plötzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens +ein hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten +Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein +Aufsatz des berühmten Cadet de Gassicourt!“ + +</P><P> + +Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte +sich nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte +ihn auch eigenhändig gemischt, gebrannt und gemahlen. + +</P><P> + +„<TT>Saccharum</TT> gefällig, Herr +Professor?“ fragte er, indem er ihm den Zucker anbot. + +</P><P> + +Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig +war, die Ansicht des Chirurgen über ihre „Konstitution“ zu +hören. + +</P><P> + +Als Larivière im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau +Homais noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres +Mannes. Er schlief nämlich allabendlich nach Tisch ein. Davon +bekäme er dickes Blut. + +</P><P> + +Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie +nicht verstand, dann ging er zur Türe. Aber die Apotheke war +voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm +nur schwer, sie loszuwerden. Da war Tüvache, der seine Frau +für schwindsüchtig hielt, weil sie öfters in die Asche +spuckte; Binet, der bisweilen an Heißhunger litt; Frau Caron, +die es am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanfälle +hatte; Lestiboudois, der rheumatisch war; Frau Franz, die über +Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von +dannen. Man fand aber allgemein, daß er sich nicht besonders +liebenswürdig gezeigt habe. + +</P><P> + +Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien +gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging. + +</P><P> + +Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit +den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines +„Pfaffen“ war ihm ein Greuel. Er mußte bei einer Soutane immer +an ein Leichentuch denken, und so verwünschte er jene schon +deshalb, weil er dieses fürchtete. + +</P><P> + +Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung +seiner „Mission“, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, +dem dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden +war, in das Bovarysche Haus zurück. Wenn seine Frau nicht +völlig dagegen gewesen wäre, hätte er sogar seine beiden Knaben +mitgenommen, damit sie das große Ereignis, das der Tod +eines Menschen ist, kennen lernten. Es sollte ihnen eine +Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung +für ihr ganzes weiteres Leben. + +</P><P> + +Sie fanden das Zimmer voll düstrer Feierlichkeit. Auf dem mit +einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei +brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine +silberne Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte. Emmas +Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen +unnatürlich weit offen, und ihre armen Hände tasteten über den +Bettüberzug hin, mit einer jener rührend-schrecklichen +Gebärden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung, +als bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am +Fußende des Lagers, ihrem Antlitz gegenüber, bleich wie +eine Bildsäule, tränenlos, aber mit Augen, die rot waren wie +glühende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte. + +</P><P> + +Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der +violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fühlte sie einen +seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust, +die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von +himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden. + +</P><P> + +Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie +den Kopf in die Höhe, wie ein Durstiger, und preßte auf das +Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den +innigsten Liebeskuß, den sie jemals gegeben hatte. Dann +sprach der Geistliche das +<TT>Misereatur</TT> und <TT>Indulgentiam</TT>, tauchte seinen rechten +Daumen in das Öl und nahm die letzte Ölung vor. Zuerst salbte +er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so heiß +gelüstet; dann die Nasenflügel, die so gern die lauen Lüfte und +die Düfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu +Lügen sich aufgetan, oft hoffärtig gezuckt und in sündigem +Girren geseufzt hatte; dann die Hände, die sich an vergnüglichen +Berührungen ergötzt hatten; und endlich die Sohlen der Füße, +die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden +liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten. + +</P><P> + +Der Priester trocknete sich die Hände, warf das ölgetränkte +Stück Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der +Sterbenden. Er sagte ihr, daß ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu +Christi eins seien. Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit +vertrauen. + +</P><P> + +Als er mit seiner Tröstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine +geweihte Kerze in die Hand zu drücken, das Symbol der +himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. +Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schließen, und wenn +Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen hätte, wäre die Kerze +zu Boden gefallen. + +</P><P> + +Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den +Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen, als ob das +Sakrament sie wieder gesund gemacht hätte. + +</P><P> + +Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen, +ja er gemahnte Bovary daran, daß der Herr zuweilen das Leben +Sterbender wieder verlängere, wenn er es zum Heil ihrer Seele +für notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurück, an dem sie +schon einmal, dem Tode nahe, die letzte Ölung empfangen hatte. + +</P><P> + +„Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!“ dachte er. + +</P><P> + +Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem +Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren +Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die +Tränen aus den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf +zurück, stieß einen Seufzer aus und sank in das Kissen. + +</P><P> + +Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat +weit aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht +zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen +verlöschen. Man hätte glauben können, sie sei schon tot, wenn +ihre Atmungsorgane nicht so fürchterlich heftig gearbeitet +hätten. Es war, als schüttle sie ein wilder innerer Sturm, +als ringe das Leben gewaltig mit dem Tode. + +</P><P> + +Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte +ein wenig die Beine, während Canivet gleichgültig auf den Markt +hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die +Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich +die lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes +kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff +ihre Hände und drückte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses +zuckte er zusammen, als stürze eine Ruine auf ihn. + +</P><P> + +Je stärker das Röcheln wurde, um so mehr beschleunigte der +Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten +Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als +das dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, das wie +Totengeläut klang. + +</P><P> + +Plötzlich klapperten draußen auf der Straße Holzschuhe. Ein +Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine +rauhe Stimme, und sang: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +‚Wenns Sommer worden weit und breit, <BR> +Wird heiß das Herze mancher Maid ...‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein +elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelöst, ihre +Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf. + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +‚Nanette ging hinaus ins Feld,<BR> +Zu sammeln, was die Sense fällt.<BR> +Als sie sich in der Stoppel bückt,<BR> +Da ist passiert, was sich nicht schickt ...‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +„Der Blinde!“ schrie sie. + +</P><P> + +Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges, +verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das +scheußliche Gesicht des Unglücklichen sah, wie ein +Schreckgespenst aus der ewigen Nacht des Jenseits ... + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +‚Der Wind, der war so stark ... O weh!<BR> +Hob ihr die Röckchen in die Höh.‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurück. Alle traten +hinzu. Sie war nicht mehr. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie +betäubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen +Nichts zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl +aber, als er sah, daß Emma unbeweglich dalag, warf sich über +sie und schrie: + +</P><P> + +„Lebwohl! Lebwohl!“ + +</P><P> + +Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer. + +</P><P> + +„Fassen Sie sich!“ + +</P><P> + +„Ja!“ rief er und machte sich von ihnen los. „Ich will +vernünftig sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich +muß sie sehen! Es ist meine Frau!“ + +</P><P> + +Er weinte. + +</P><P> + +„Weinen Sie nur!“ sagte der Apotheker. „Lassen Sie der Natur +freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!“ + +</P><P> + +Da wurde Karl schwach wie ein Kind und ließ sich in die Große +Stube im Erdgeschoß hinunterführen. Homais ging bald darnach +in sein Haus zurück. + +</P><P> + +Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich +bis Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden +Vorübergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne. + +</P><P> + +„Großartig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu +tun hätte! Bedaure! Komm ein andermal!“ + +</P><P> + +Er verschwand schnell in seinem Hause. + +</P><P> + +Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank für +Bovary zu brauen und ein Märchen zu ersinnen, um Frau Bovarys +Vergiftung auf eine möglichst harmlose Weise zu erklären. Er +wollte einen Artikel für den „Leuchtturm von Rouen“ daraus +machen. Außerdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. +Alle wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals +wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von +Vanillecreme aus Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab +er sich abermals zu Bovary. + +</P><P> + +Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl saß im +Lehnstuhl am Fenster und starrte mit blödem Blick auf die Dielen. + +</P><P> + +„Wir müssen die Stunde für die Feierlichkeit festsetzen!“ +sagte der Apotheker. + +</P><P> + +„Wozu? Für was für eine Feierlichkeit?“ Stammelnd und voll +Grauen fügte er hinzu: „Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie +dabehalten?“ + +</P><P> + +Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom +Tisch und begoß die Geranien. + +</P><P> + +„O, ich danke Ihnen!“ sagte Karl. „Sie sind sehr gütig ...“ + +</P><P> + +Er wollte noch mehr sagen, aber die Fülle von Erinnerungen, die +des Apothekers Tun in ihm wachrief, überwältigte ihn. +Es waren Emmas Blumen! + +</P><P> + +Homais gab sich Mühe, ihn zu zerstreuen, und begann über die +Gärtnerei zu plaudern. Die Pflanzen hätten die Feuchtigkeit sehr +nötig. Karl nickte zustimmend. + +</P><P> + +„Jetzt werden auch bald schöne Tage kommen ...“ + +</P><P> + +Bovary seufzte. + +</P><P> + +Der Apotheker wußte nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob +behutsam eine Scheibengardine beiseite. + +</P><P> + +„Sehn Sie, da drüben geht der Bürgermeister!“ + +</P><P> + +Karl wiederholte mechanisch: + +</P><P> + +„Da drüben geht der Bürgermeister!“ + +</P><P> + +Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begräbnis +zurückzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem +Entschlusse hierüber. + +</P><P> + +Karl schloß sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und +nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Ich bestimme, daß man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid +begrabe, in weißen Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Das +Haar soll man ihr über die Schultern legen. Drei Särge: einen +aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich +nicht trösten wollen! Ich werde stark sein. Und über den Sarg +soll man ein großes Stück grünen Samt breiten. So will ich +es! Tut es!“ + +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Man war über Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker +ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen: + +</P><P> + +„Das mit dem Samt scheint mir übertrieben. Allein die +Kosten ...“ + +</P><P> + +„Was geht Sie das an!“ schrie Karl. „Lassen Sie mich! Sie +haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!“ + +</P><P> + +Der Priester faßte Karl unter den Arm und führte ihn in den +Garten. Er sprach von der Vergänglichkeit alles Irdischen. +Gott sei gut und weise. Man müsse sich ohne Murren seinem +Ratschluß unterwerfen. Man müsse ihm sogar dafür danken. + +</P><P> + +Aber Karl brach in Gotteslästerungen aus. + +</P><P> + +„Ich verfluche ihn, euren Gott!“ + +</P><P> + +„Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!“ seufzte der +Priester. + +</P><P> + +Bovary ließ ihn stehen. Mit großen Schritten ging er die +Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den +Zähnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verwünschungen waren. +Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt. + +</P><P> + +Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer +Weile fror ihn. Er ging ins Haus zurück und setzte sich an +den Herd in der Küche. + +</P><P> + +Um sechs Uhr hörte er Wagengerassel draußen auf dem Markte. +Es war die Post, die von Rouen zurückkehrte. Er preßte die +Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden +nacheinander ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in +das Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein. + +</P><P> + +Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug +dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um +Totenwache zu halten. Er brachte drei Bücher und ein Notizbuch +mit. Er pflegte sich Auszüge zu machen. + +</P><P> + +Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen +brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem +Alkoven hervorgerückt hatte. + +</P><P> + +Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte +Jeremiaden über die „unglückliche junge Frau“. Der Priester +unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als für sie zu +beten. + +</P><P> + +„Immerhin“, versetzte Homais, „sind nur zwei Fälle +möglich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrückt, +selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie +ist als Sünderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier +der kirchliche Ausdruck? Dann ...“ + +</P><P> + +Bournisien unterbrach ihn und erklärte in mürrischem Tone, man +müsse in jedem Falle beten. + +</P><P> + +„Aber sagen Sie mir,“ wandte der Apotheker ein, „da Gott +stets weiß, was uns not tut, wozu dann erst das +Gebet?“ + +</P><P> + +„Wozu das Gebet?“ wiederholte der Priester. „Ja, sind Sie +denn kein Christ?“ + +</P><P> + +„Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst +die Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral +geschenkt, die ...“ + +</P><P> + +„Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...“ + +</P><P> + +„Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach! +Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...“ + +</P><P> + +Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die +Vorhänge beiseite. + +</P><P> + +Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. +Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren +Teil ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest +in die Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in +ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereits in blassem +Schleim, der wie ein dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen +ihr Netz darüber gesponnen. Das Bettuch senkte sich von ihren +Brüsten bis zu den Knien und hob sich von da an nach ihren +Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schweres Etwas, +ein ungeheures Gewicht laste auf ihr. + +</P><P> + +Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang +das dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne +strömte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien +geräuschvoll, und Homais kritzelte Notizen auf das Papier. + +</P><P> + +„Lieber Freund,“ sagte er, „gehn Sie nun! Dieser Anblick +zerreißt Ihnen das Herz!“ + +</P><P> + +Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden +ihre Erörterung von neuem. + +</P><P> + +„Lesen Sie Voltaire!“ sagte der eine. „Lesen Sie Holbach! Die +Enzyklopädisten!“ + +</P><P> + +„Lesen Sie die ‚Briefe einiger portugiesischen Juden‘“, +sagte der andre, „lesen Sie die ‚Grundlagen des +Christentums‘ von Nicolas!“ + +</P><P> + +Sie regten sich auf, bekamen rote Köpfe und sprachen gleichzeitig +ineinander hinein. Bournisien war entrüstet über die Vermessenheit +des Apothekers, Homais erstaunt über die Beschränktheit +des Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen +zu sagen, da kam plötzlich Karl abermals herein. Eine +unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mußte immer wieder die +Treppe hinauf. + +</P><P> + +Er setzte sich der Toten gegenüber, so daß er ihr voll ins +Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer +Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte. + +</P><P> + +Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den +Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er könne +sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft +konzentriere. Einmal beugte er sich sogar über sie und rief ganz +leise: „Emma, Emma!“ + +</P><P> + +Er atmete so heftig, daß die Flammen der Kerzen flackerten ... + +</P><P> + +Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte +sie und brach von neuem in Tränen aus. Ebenso wie der +Apotheker versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim +Begräbnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, daß +sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die +Stadt zu fahren und das Nötige zu besorgen. + +</P><P> + +Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau +Homais. Felicie saß mit Frau Franz bei der Toten. + +</P><P> + +Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drückte +dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, +die nach und nach einen großen Halbkreis um den Kamin +bildeten. Alle hatten die Köpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, +schaukelten sie mit den Beinen und stießen von Zeit zu Zeit einen +tiefen Seufzer aus. Alle langweilten sich maßlos, aber +keinem fiel es ein, wieder zu gehen. + +</P><P> + +Um neun Uhr kam Homais zurück, beladen mit einer Menge +Kampfer, Benzoe und aromatischen Kräutern. Auch ein Gefäß voll +Chlor brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, +die Löwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma +herum, damit beschäftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu +legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis +hinab an die Atlasschuhe reichte. + +</P><P> + +Felicie wehklagte: + +</P><P> + +„Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!“ + +</P><P> + +„Sehn Sie nur!“ sagte die Witwe Franz seufzend, „wie reizend +sie noch immer ausschaut! Man möchte drauf schwören, daß sie +gleich wieder aufstünde!“ + +</P><P> + +Dann beugten sie sich über sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei +mußten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze +Flüssigkeit aus dem Munde hervor, als erbräche sie sich. + +</P><P> + +„Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!“ schrie Frau Franz. +Und zum Apotheker gewandt: „Helfen Sie uns doch! Oder +fürchten Sie sich vielleicht?“ + +</P><P> + +„Ich mich fürchten?“ erwiderte er achselzuckend. „Nein, so +was! Ich habe in den Spitälern noch ganz andres gesehen und +erlebt, als ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns +unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen +nicht. Ich habe sogar die Absicht — wie ich schon oft gesagt habe +-, meinen Körper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst +der Wissenschaft noch etwas nützt.“ + +</P><P> + +Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des +Apothekers erwiderte er: + +</P><P> + +„Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.“ + +</P><P> + +Darauf pries Homais ihn glücklich, weil er nicht darauf +gefaßt zu sein brauche, eine teure Gefährtin zu verlieren, +worauf sich ein Disput über das Zölibat entspann. + +</P><P> + +„Es ist unnatürlich,“ sagte der Apotheker, „daß sich ein +Mann des Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...“ + +</P><P> + +„Aber, zum Kuckuck!“ rief der Priester. „Kann denn ein +verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?“ + +</P><P> + +Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er +zählte ihre guten Wirkungen auf. Er wußte Geschichten von +Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden wären. Sogar +Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Sünden ledig +gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein +Diener ...“ + +</P><P> + +Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwüle Luft im Zimmer +immer unerträglicher wurde, öffnete der Pfarrer das Fenster. +Da ward der Apotheker wieder wach. + +</P><P> + +„Wie wärs mit einer Prise?“ fragte er ihn. „Hier! Das +hält munter!“ + +</P><P> + +In der Ferne bellte irgendwo fortwährend ein Hund. + +</P><P> + +„Hören Sie, wie der Hund heult?“ fragte der Apotheker. + +</P><P> + +„Man sagt, daß sie die Toten wittern“, sagte der Priester. +„Ähnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, +wenn im Haus ein Mensch stirbt.“ + +</P><P> + +Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er +war bereits wieder eingeschlafen. + +</P><P> + +Bournisien, der widerstandsfähiger war, bewegte noch eine +Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allmählich sein Kinn, +sein dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu +schnarchen. + +</P><P> + +So saßen sie einander gegenüber, mit vorgestreckten Bäuchen, +mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all +ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwäche. Sie +regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu +schlummern schien. + +</P><P> + +Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um +Abschied von ihr zu nehmen. + +</P><P> + +Das Räucherwerk qualmte noch. Die bläuliche Wolke vermählte +sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Draußen +blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild. + +</P><P> + +Das Wachs der Kerzen träufelte in langen Tränen herab auf +das Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. +Der Lichtschimmer machte ihm die Augen müde. + +</P><P> + +Über das Atlaskleid huschten Reflexe; es war weiß wie +Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, +als gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher über, als +lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem +wirbelnden Kräuterdufte ... + +</P><P> + +Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der +Gartenbank unter dem blühenden Weißdornbusch ... dann in Rouen +auf dem Gange durch die Straße ... und dann auf der Schwelle +ihres Vaterhauses, im Gutshofe, in Bertaux ... Es war +ihm, als höre er das Jodeln der lustigen Burschen, die +unter den Apfelbäumen tanzten bei seiner Hochzeitsfeier. Wie +hatte das Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr +Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie sprühende Funken! +Dasselbe Kleid! Damals und heute! + +</P><P> + +Langsam zog sein ganzes einstiges Glück noch einmal an ihm +vorüber. Er sah sie vor sich in ihren eigentümlichen Bewegungen, +ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hörte den Klang ihrer Stimme. Immer +wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhörlich, +unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande. + +</P><P> + +Eine gräßliche Neugier überkam ihn. Langsam und klopfenden +Herzens hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da +schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern Männer +erwachten. Sie zogen ihn fort und führten ihn hinunter in die +Große Stube. + +</P><P> + +Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar +der Toten haben. + +</P><P> + +„Schneiden Sie ihr welches ab!“ befahl der Apotheker. + +</P><P> + +Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere +heran. Er zitterte so stark, daß er die Haut an der Schläfe an +mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und +schnitt blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein +paar kahle Stellen mitten in dem schönen schwarzen Haar der +Toten. + +</P><P> + +Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre +Bücher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, +wenn sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. +Der Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais +schüttete ein wenig Chlor auf die Dielen. + +</P><P> + +Felicie hatte für sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche +Branntwein, Käse und ein langes Weißbrot bereitgestellt. +Gegen vier Uhr früh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. +Er seufzte: + +</P><P> + +„Wahrhaftig. Eine Stärkung wäre nicht übel!“ + +</P><P> + +Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber +erst die Messe lesen. Als er wieder zurückkam, aßen und +tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen +warum, verführt von der sonderbaren Fröhlichkeit, die den +Menschen nach überstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten +Gläschen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und +sagte: + +</P><P> + +„Wir werden uns am Ende noch verstehen!“ + +</P><P> + +In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg +brachten. Zwei Stunden lang mußte sich Karl von den +Hammerschlägen martern lassen, die von den Brettern zu ihm +hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg aus Eichenholz und +diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war, +füllte man die Hohlräume mit Werg aus einer Matratze. Als +der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man +den Sarg vor die Tür. Das Haus ward weit geöffnet, und die +Leute von Yonville begannen herbeizuströmen. + +</P><P> + +Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er +mitten auf dem Markte ohnmächtig. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Elftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig +Stunden nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte +Homais so geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, +was eigentlich geschehen war. + +</P><P> + +Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. +Dann sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch +noch leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen +Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp +weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst. +Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte +Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand. + +</P><P> + +Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum +schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung. +Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre +Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen +Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville. + +</P><P> + +In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof +munter, rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich +auf einen Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, +setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, +daß die Funken stoben. + +</P><P> + +Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die +Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren +Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie +tot. Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er +riß in die Zügel. Da schwand die Erscheinung. + +</P><P> + +In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei +Tassen Kaffee. + +</P><P> + +Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender +in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem +Briefe, fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen. +Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur +ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines +Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte +er es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen +aus wie alle Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre +Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vorüber. + +</P><P> + +Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur +noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen +vorwärts gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte +Blut. Als der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter +heftigem Weinen in Bovarys Arme. + +</P><P> + +„Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...“ + +</P><P> + +Der andre antwortete schluchzend: + +</P><P> + +„Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!“ + +</P><P> + +Der Apotheker zog sie auseinander. + +</P><P> + +„Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn +schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man +muß Philosoph sein!“ + +</P><P> + +Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male +wiederholte er: + +</P><P> + +„Ja, ja ... Mut! Mut!“ + +</P><P> + +„Na, wenns sein muß!“ sagte Rouault. „Ich hab welchen! +Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, +und wenns noch so weit wäre!“ + +</P><P> + +Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich +in Bewegung. + +</P><P> + +Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die +drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her. +Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer +Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor +und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem +Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine +Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen. + +</P><P> + +Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein +jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen +würde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, +weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, +daß sie dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende +war, daß man sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde +Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als +empfände er überhaupt nichts mehr. Er fühlte sich in seinem +Schmerze erleichtert, aber alsbald warf er sich vor, eine +erbärmliche Kreatur zu sein. + +</P><P> + +Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas +wie ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem +Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines +Seitenschiffes aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen +Rock kniete mühsam nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom +Goldnen Löwen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur +angeschnallt. + +</P><P> + +Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld +einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem +andern in der silbernen Schale. + +</P><P> + +„Schnell weg! Ich leide!“ rief Bovary und warf zornig ein +Fünffrankenstück hinein. + +</P><P> + +Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. + +</P><P> + +Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... +Das nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in +der ersten Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen +war. Sie hatten rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke +begann wieder zu läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing +an. Die Sargträger hoben die drei Stangen der Bahre in die Höhe. +Man verließ die Kirche. + +</P><P> + +Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst, +blaß und taumelnd. + +</P><P> + +Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug +vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er +trug eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, +der aus den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge +anzuschließen. + +</P><P> + +Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam +vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die +Chorknaben sangen das <TT>De profundis</TT>. +Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der +Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber +das hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den Bäumen. + +</P><P> + +Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit +zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende +Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen +unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten +des faden Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein +frischer Wind wehte herüber. Roggen und Raps grünten, und +Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei +fröhliche Laute erfüllten die Luft: das Quietschen eines +kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener Straße, das +wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines +Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der +klare Himmel war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter +spielten um die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl +erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich +eines bestimmten Morgens, an dem er, einen Kranken zu +besuchen, hier vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem +Rückwege zu „ihr“. + +</P><P> + +Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte +Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger +verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie +eine Schaluppe auf bewegter See. + +</P><P> + +Endlich war man da. + +</P><P> + +Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im +Rasen, wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis +herum auf. Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den +Seiten aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, +lautlos und ununterbrochen. + +</P><P> + +Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf +gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer. + +</P><P> + +Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll +wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois +reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel +schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde +ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, +und das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie +ein Widerhall aus der Ewigkeit. + +</P><P> + +Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war +Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie +dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde +hinabwarf und „Lebe wohl!“ rief. Er sandte ihr Küsse und beugte +sich über das Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte. + +</P><P> + +Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar +empfand er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß +alles überstanden war. + +</P><P> + +Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife +an, was Homais insgeheim nicht besonders schicklich +fand. Er berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß +sich Tüvache nach der Messe „gedrückt“ hatte und daß Theodor, +der Diener des Notars, einen blauen Rock getragen hatte, +„als ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da +es nun einmal so üblich ist, zum Teufel!“ So hechelte er +alles durch, was er beobachtet hatte. + +</P><P> + +Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der +nicht verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen. + +</P><P> + +„Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!“ + +</P><P> + +Der Apotheker antwortete: + +</P><P> + +„Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus +Verzweiflung Selbstmord begangen.“ + +</P><P> + +„Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie +vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!“ + +</P><P> + +„Ich hatte nur keine Zeit,“ sagte der Apotheker, „sonst hätte +ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins +Grab nachgerufen hätte!“ + +</P><P> + +Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog +seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich +unterwegs öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, +hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht +hinterlassen. Man sah, wo die Tränen herabgerollt waren. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen. +Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer: + +</P><P> + +„Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach +Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? +Damals tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt +aber ...“ Er stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust +hob. „Ach, nun ist es aus mit mir! Ich habe meine Frau +sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine +Tochter!“ + +</P><P> + +Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux +zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch +seine Enkelin wollte er nicht sehen. + +</P><P> + +„Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse +sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und +das hier,“ er schlug auf sein Bein, „das werde ich dir nie +vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch +noch jedes Jahr!“ + +</P><P> + +Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, +ganz wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem +Abschied auf der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach +seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie +im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. +Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am +Horizont ein Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze +Büschel zwischen weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der +Friedhof ... + +</P><P> + +Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm +geworden war. + +</P><P> + +Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und +plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von +vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte +Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen +und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- +und Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung +zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte. + +</P><P> + +Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das +war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an +„sie“. + +</P><P> + +Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald +geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte +Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde. + +</P><P> + +Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte. +Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem +Druck einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond +und geheimnisvoll wie die Nacht. + +</P><P> + +Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine +Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, +als er sich über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, +wer ihm immer Kartoffeln stahl. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Letztes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus +kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei +verreist und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das +Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der +Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des +Kindes bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unerträglich aber +waren ihm die Trostreden des Apothekers. + +</P><P> + +Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen +Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm +beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis +zulassen wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, +auch nur das geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer +sich darüber. Das empörte ihn wiederum maßlos. Er war +überhaupt ein ganz andrer geworden. So verließ sie das +Haus. + +</P><P> + +Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr „Schnittchen“ zu +machen. Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate +Stundengeld, obgleich Emma doch niemals Unterricht bei ihr +genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt +bekommen hatte, war nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt +worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnementsgebühren auf +eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn für zwanzig +Briefe. Als Karl Näheres wissen wollte, war sie +wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten: + +</P><P> + +„Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.“ + +</P><P> + +Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei +nun zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue +Gläubiger. + +</P><P> + +Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man +ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch +entschuldigen. + +</P><P> + +Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn +Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich +in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr +Emmas Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal +den Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, +ihr nachzurufen: „Emma, bleib, bleib!“ + +</P><P> + +Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener +des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas +Kleidern noch übrig war. + +</P><P> + +Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die +Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu +Yvetot, mit Fräulein Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz +ergebenst mitzuteilen. In Karls Glückwunschbrief kam die +Stelle vor: + +</P><P> + +„Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!“ + +</P><P> + +Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs +Haus irrte, kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich +unter einem seiner Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück +Papier. Er entfaltete es und las: „Liebe Emma! Sei tapfer! +Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...“ Es war +Rudolfs Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen +geblieben war, bis ihn der durchs Dachfenster wehende +Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl stand ganz starr da, +mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma, +bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den Tod gehen +wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift ein +kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche +und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen +Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn +er ihnen später — es war zwei- oder dreimal gewesen — +begegnet war. Aber der achtungsvolle Ton des Briefes +täuschte ihn. + +</P><P> + +„Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu +sein!“ sagte er sich. + +</P><P> + +Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen +bis auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu +suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen +Schmerze. + +</P><P> + +„Man mußte sie anbeten!“ sagte er bei sich. „Es ist ganz +natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!“ Nunmehr +erschien sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein +beständiges heißes Verlangen nach ihr, das ihn +trostlos machte und das keine Grenzen kannte, weil es +nicht mehr zu stillen war. + +</P><P> + +Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach +ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich +Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und +— unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus +ihrem Grabe heraus. + +</P><P> + +Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein +Stück nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle +Zimmer wurden kahl, nur „ihr Zimmer“ blieb wie früher. Nach dem +Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den +Kamin und rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich +gegenüber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. +Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen aus. + +</P><P> + +Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht +gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des +Kleidchens aufgerissen, denn darum kümmerte sich die +Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie +das Köpfchen graziös neigte und ihr die blonden Locken +über die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend aus, +daß ihn unendliche Zärtlichkeit ergriff, eine Freude, die nach +Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr +Spielzeug aus, machte ihr Hampelmänner aus Pappe und +flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer Puppen. Wenn seine Augen +dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen, auf ein Band, +das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in +einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in +Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit +traurig wurde. + +</P><P> + +Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen, +wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des +Apothekers ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater +bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen +Verhältnisse auf eine Fortsetzung des näheren Verkehrs +keinen Wert legte. + +</P><P> + +Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen +können, war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und +erzählte allen Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. +Wenn Homais zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen +hinter den Vorhängen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm +zu vermeiden. Er haßte ihn, und da er ihn zugunsten seines +Rufes als Heilkünstler um jeden Preis aus dem Wege +räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise, +wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso seinen Scharfsinn +wie seine bis zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sechs +Monate hintereinander konnte man im „Leuchtturm von Rouen“ +Nachrichten wie die folgenden lesen: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne +Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt +haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er +belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen +gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den +abscheulichen Zeiten des Mittelalters, wo es den +Landstreichern erlaubt war, auf den öffentlichen Plätzen die +Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der +Kreuzzüge mitgebracht hatten?“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Oder: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die +Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von +Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und +das sind vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem +Grunde duldet das eigentlich die Obrigkeit?“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Daneben erfand Homais auch Anekdoten: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd +durchgegangen ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche +Auftauchen des Blinden verursachten Unfalls. + +</P><P> + +Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der +Unglückliche in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder +frei. Er trieb es wie vorher. Ebenso Homais. Es begann +ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu +lebenslänglichem Aufenthalt in ein Krankenhaus gesteckt. + +</P><P> + +Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund +überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel +bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte +-, geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß +gegen die Priester. + +</P><P> + +Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von +den „Ignorantinern“ geleiteten, die natürlich zum Nachteil der +letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung +von hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die +Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche +Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. +Dabei wurde er ein gefährlicher Intrigant. + +</P><P> + +Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch +Schreiben, ein „Werk“. So verfaßte er eine „Allgemeine +Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen +Beobachtungen“. Die damit verbundenen Studien führten ihn ins +volkswirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen +Fragen, in die Theorien über die Volkserziehung, in das +Verkehrswesen und andres mehr. Nun begann er sich seiner +kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er bekam +genialische Anwandlungen. + +</P><P> + +Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im +Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seines +Faches. Beispielsweise interessierte ihn der große +Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der +erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die +Eisenschokolade einführte. Er begeisterte sich für die +hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers und trug selbst eine. +Wenn er beim Schlafengehen das Hemd wechselte, staunte Frau +Homais diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und +entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann, der wie ein +Magier glänzte. + +</P><P> + +Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug +er einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide, +einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine +„künstliche Ruine“. Keinesfalls aber dürfe die +Trauerweide fehlen, die er für das „traditionelle Symbol“ +der Trauer hielt. + +</P><P> + +Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem +Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein +Kunstmaler begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des +Apothekers Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte +Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich +die Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein +zweitesmal allein nach Rouen und entschloß sich zu einem +Grabstein, über dem ein Genius mit gesenkter Fackel trauert. + +</P><P> + +Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: +<TT>STA VIATOR!</TT> Diese Worte schlug er +immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Beständig +flüsterte er vor sich hin: „<TT>Sta +viator!</TT>“ Endlich kam er auf: <TT>AMABILEM +CONJUGEM CALCAS!</TT> Das wurde angenommen. + +</P><P> + +Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an +Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere +Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild +seinem Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, +es zu bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war +immer derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber +sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder. + +</P><P> + +Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der +Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn +auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja +fanatisch, wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist +des Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der +Predigt vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im +Todeskampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie +jedermann wisse. + +</P><P> + +Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden +heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und +so stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an +seine Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. +Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen +Emma. Als Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, +der Felicies Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. +Darüber entzweiten sie sich. + +</P><P> + +Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung. +Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich +nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. +Aber als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande +sich von ihm zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, +völliger Bruch. + +</P><P> + +Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen +war, und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch +dies machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote +Flecken auf den Wangen. + +</P><P> + +Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die +Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, +gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia +stickte ihm ein neues Käppchen, Irma schnitt +Pergamentpapierdeckel für die Einmachegläser, und Franklin +bewies ihm bereits schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz. +Der Apotheker war der glücklichste Vater und der glücklichste +Mensch. + +</P><P> + +Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen. +Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient +hätte er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich +während der Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. +Zweitens hatte er — und zwar auf seine eigenen Kosten — +verschiedene gemeinnützige Werke veröffentlicht, +beispielsweise die Schrift „Der Apfelwein. Seine Herstellung +und seine Wirkung“, sodann seine „Abhandlung über die +Reblaus“, die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner +seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen von seiner +ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles +auf. „Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher +Gesellschaften.“ In Wirklichkeit war es nur eine einzige. + +</P><P> + +„Eigentlich müßte es schon genügen,“ rief er und warf sich +selbstbewußt in die Brust, „daß ich mich bei den +Feuersbrünsten hervorgetan habe!“ + +</P><P> + +Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der +Wahlen erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. +Schließlich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er +reichte ein Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn +alleruntertänigst bat, „ihm Gerechtigkeit widerfahren zu +lassen.“ Er nannte ihn „unsern guten König“ und verglich ihn +mit Heinrich dem Vierten. + +</P><P> + +Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung +zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging +so weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des +Kreuzes der Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von +Geranien umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste +er dieses bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der +Regierung und über den Undank der Menschen nach. + +</P><P> + +Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus +einer Art Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich +haben wollte, hatte Karl das geheime Fach des +Schreibtisches aus Polisanderholz, den Emma benutzt hatte, +noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er sich endlich +davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten heraus. Da +lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel +möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten +Zeile. Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, +allen Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend, +halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit +einem Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm +buchstäblich ins Gesicht. Es lag neben einem ganzen Bündel +von Liebesbriefen. + +</P><P> + +Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. +Er ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich +sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das +Gerücht, daß er sich einschließe, um zu trinken. Neugierige +aber, die hin und nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, +sahen zu ihrer Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem +langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging +und laut weinte. + +</P><P> + +An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf +den Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, +wenn auf dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer +aus dem Stübchen Binets. + +</P><P> + +Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines +Schmerzes nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit +ihm teilte. Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von +„ihr“ sprechen zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem +Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich +seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und +Hivert, der ob seiner Zuverlässigkeit in Kommissionen +allenthalben großes Vertrauen genoß, verlangte Lohnerhöhung +und drohte, „zur Konkurrenz“ überzugehen. + +</P><P> + +Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen +war, um sein Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, +begegnete er Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide +blaß. Rudolf, der bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine +Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zunächst einige Worte der +Entschuldigung, dann aber faßte er Mut und hatte sogar die +Dreistigkeit, — es war ein heißer Augusttag — Karl zu einem +Glas Bier in der nächsten Kneipe einzuladen. + +</P><P> + +Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, +plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in +tausend Träumen vor diesem Gesicht, das „sie“ geliebt hatte. +Es war ihm, als sähe er ein Stück von ihr wieder. Das +war ihm selber sonderbar. Er hätte der andre sein mögen. + +</P><P> + +Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom +Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede +stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So +vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm +gar nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter +diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen +röteten sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, +seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in +so düsterem Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im +Satz steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere +Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht. + +</P><P> + +„Ich bin Ihnen nicht böse!“ sagte er. + +</P><P> + +Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und +wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser +Schmerzen: + +</P><P> + +„Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!“ + +</P><P> + +Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je +in seinem Leben sprach: + +</P><P> + +„Das Schicksal ist schuld!“ + +</P><P> + +Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, +für einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig, +eigentlich sogar komisch und verächtlich. + +</P><P> + +Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die +Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter +zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete +süß, der Himmel war blau, Insekten summten um die blühenden +Lilien. Karl atmete schwer; das Herz war ihm beklommen und +tieftraurig vor unsagbarer Liebessehnsucht. + +</P><P> + +Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht +gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen. + +</P><P> + +Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm +zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine +lange schwarze Haarlocke. + +</P><P> + +„Papa, komm doch!“ rief die Kleine. + +</P><P> + +Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da +fiel er zu Boden. Er war tot. + +</P><P> + +Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des +Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand +aber nichts. + +</P><P> + +Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und +dreiviertel Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise +der kleinen Berta Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die +gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater +Rouault gelähmt war, nahm sich eine Tante des Kindes an. +Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich das tägliche +Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei. + +</P><P> + +Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander +in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten +können. Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine +Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde +duldet ihn, und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr. + +</P><P> + +Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. +</P> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + +***** This file should be named 15711-h.htm or 15711-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/ + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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