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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/15711-8.txt b/15711-8.txt new file mode 100644 index 0000000..dd22c1f --- /dev/null +++ b/15711-8.txt @@ -0,0 +1,16369 @@ +The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Frau Bovary + +Author: Gustave Flaubert + +Translator: Arthur Schurig + +Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + + + + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + + + + +Frau Bovary + +von + +Gustave Flaubert + + + + +Erstes Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein +»Neuer«, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den beiden, +Schulstubengerät in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von +ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien +aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf. + +Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er +sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer. + +»Herr Roger!« lispelte er. »Diesen neuen Zögling hier empfehle ich +Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta. Bei löblichem +Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er +seinem Alter nach gehört.« + +Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man konnte +ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge, +so ungefähr fünfzehn Jahre alt und größer als alle andern. Die +Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein +Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er +höchst verlegen. So schmächtig er war, beengte ihn sein grüner +Tuchrock mit schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den +Schlitz in den Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke +hervor, die zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte +gelbbraune, durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an und +blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und +mit Nägeln beschlagen. + +Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte +aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht +einmal wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den +Ellenbogen aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete, +mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den +andern anschloß. + +Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer +die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. Es kam +darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter die richtige +Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen Staubwolke laut +aufklatschte. Das war so Schuljungenart. + +Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder daß er +nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das +Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch immer vor +sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von +Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Bärenmütze, +andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an +ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit einem Worte: an allerlei +armselige Dinge, deren stumme Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie +das Gesicht eines Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und +Fischbeinstäbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah +man drei runde Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band +getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art +Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter +Schnurenstickerei krönte und von dem herab an einem ziemlich +dünnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung +war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte. + +»Steh auf!« befahl der Lehrer. + +Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die +ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das Mützenungetüm +aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem Ellenbogen daran, so daß es +wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bücken. + +»Leg doch deinen Helm weg!« sagte der Lehrer, ein Witzbold. + +Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen Jungen +gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich gar nicht, ob er +seinen »Helm« in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen +lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mütze +über seine Knie. + +»Steh auf!« wiederholte der Lehrer, »und sag mir deinen Namen!« + +Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her. + +»Noch mal!« + +Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem Gelächter der +Klasse übertönt. + +»Lauter!« rief der Lehrer. »Lauter!« + +Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit auf +und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte, +das Wort von sich: »Kabovary!« + +Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; dazwischen gellten +Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder und wieder: »Kabovary! +Kabovary!« Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes +Brummen, kam mühsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen +heimlich weiter, um da und dort plötzlich als halbersticktes +Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlöschen +immer wieder noch ein paar Funken sprüht. + +Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in +der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer, +den Namen »Karl Bovary« festzustellen, nachdem er sich ihn hatte +diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen +wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf +die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte +den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als +er bereits wieder stehen blieb. + +»Was suchst du?« fragte der Lehrer. + +»Meine Mü...«, sagte er schüchtern, indem er mit scheuen Blicken +Umschau hielt. + +»Fünfhundert Verse die ganze Klasse!« + +Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte wütend +ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen. + +»Ich bitte mir Ruhe aus!« fuhr der empörte Schulmeister fort, +während er sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirne +trocknete. »Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den +Satz auf: Ridiculus sum!« Sein Zorn ließ nach. »Na, und deine +Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen.« + +Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und +der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung, +obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte +kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal +mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen +aufzuschlagen. + +Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem +Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich +sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er +gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im Wörterbuche nach +und gab sich viel Mühe. Zweifellos verdankte er es dem großen +Fleiße, den er an den Tag legte, daß man ihn nicht in der Quinta +zurückbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte, +so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer +seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht, +und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur +möglich auf das Gymnasium geschickt worden. + +Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er +hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen +lassen, worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr +seine körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte sich im +Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in +der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das +Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war ein +Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte, +Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller Ringe hatte und in +seiner Kleidung auffällige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum +besaß er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er +verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau +zu leben, aß und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein +und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr +spät heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehäusern herumgetrieben +hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterließ, war +Bovary empört darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld +dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land zurück, +wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er verstand von der +Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt +lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur Arbeit einspannen +ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in +Fässern zu verkaufen, ließ das fetteste Geflügel in den eignen +Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine +seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, daß +es am tunlichsten für ihn sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr +einzulassen. + +Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe +im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, halb +Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück, +fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig +und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er +sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben. + +Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter +tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem +heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie sich +abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch und nervös +geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer +wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und +abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu +ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst mächtig geregt, +aber schließlich schwieg sie, würgte ihren Grimm in stummem +Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten +Stündlein. Sie war unablässig tätig und immer auf dem Posten. Sie +war es, die zu den Anwälten und Behörden ging. Sie wußte, wenn +Wechsel fällig waren; sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte +alle Hausarbeiten, nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und +führte die Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts +kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher Schläfrigkeit nicht +herauskam und sich höchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige +Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab +und zu in die Asche. + +Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; und +als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche Geschöpf +grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit Zuckerzeug. Der +Vater ließ es barfuß herumlaufen und meinte höchst weise +obendrein, der Kleine könne eigentlich ganz nackt gehen wie die +Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter +hatte er sich ein bestimmtes männliches Erziehungsideal in den +Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mühe gab. +Er sollte rauh angefaßt werden wie ein junger Spartaner, damit er +sich tüchtig abhärte. Er mußte in einem ungeheizten Zimmer +schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den +»kirchlichen Klimbim« schimpfen. Aber der Kleine war von +friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die +Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm +Pappfiguren aus und erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit +ihm in endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger +Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. In ihrer +Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre +eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im Traume sah sie +ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als Beamten beim +Straßen- und Brückenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn +Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besaß, +das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten +Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei bloß schade +um die Mühe; sie hätten doch niemals die Mittel, den Jungen auf +eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft +zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary +schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief +mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste +Beeren an den Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und +durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem +Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen +bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu dürfen. Dann +hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der großen +Glocke und ließ sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine +Lilie auf dem Felde, bekam kräftige Glieder und frische Farben. + +Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch, +daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim +Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmäßig, daß +sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der +Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der +Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den +Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte +auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler nach dem Ave-Maria zu +sich holen. Die beiden saßen dann oben im Stübchen. Mücken und +Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, daß +der Junge schläfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da +schnarchte der biedere Pfarrer, die Hände über dem Schmerbauche +gefaltet. Es kam auch vor, daß der Seelensorger auf dem Heimwege +von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl +gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann +rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstündige Strafpredigt und +benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine +Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den +Unterricht störte, oder irgendein Bekannter, der vorüberging. +Übrigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja +er meinte sogar, der »junge Mann« habe ein gar treffliches +Gedächtnis. + +So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und +ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber +schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch +ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden. + +Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde +Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater +brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober. + +Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch +deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer +Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den +Arbeitsstunden eifrig lernte, während des Unterrichts aufmerksam +dasaß, im Schlafsaal vorschriftsmäßig schlief und bei den +Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule +war ein Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller +vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschluß. +Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und +brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das +Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an +seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten +zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine +Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von +Barthelemys »Reise des jungen Anacharsis«, das im Arbeitssaal +herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls +vom Lande war. + +Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der +Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der +Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn +seine Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren. +Sie waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen +schon durchwürgen würde. + +Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der +Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten +Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung +ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch und zwei +Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus +Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein +Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer +Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder +heim, nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja +hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein +auf sich selbst angewiesen sei. + +Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der +medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen +und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen, +von Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik, +Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen +Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft er sich +nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle +Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft. + +Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen +war, er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb fleißig +nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er +erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom, +der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was +für ein Geschäft er eigentlich verrichtet. + +Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine Mutter +allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück Kalbsbraten. Das war +sein Frühstück, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach +Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn +er mußte alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder +Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straßen hindurch. Abends nahm +er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher +ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbücher, +oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des +kleinen Ofens zu dampfen begannen. + +An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer wurden und +die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball spielten, öffnete er sein +Fenster und sah hinaus. Unten floß der Fluß vorüber, der aus +diesem Viertel von Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine +gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den +Wehren und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die +Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang +hervorragten, trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft. +Gegenüber, hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel +mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen im +Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief +Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar +nicht bis zu ihm drang. + +Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam +einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward +träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorsätzen +mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die Klinik, morgen ein +Kolleg, und allmählich fand er Genuß am Faulenzen und ging gar +nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein +passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen +Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem +Marmortische zu klappern, das dünkte ihn der höchste Grad von +Freiheit zu sein, und das stärkte ihm sein Selbstbewußtsein. Es +war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmännischen Lebens, +dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine +Hand mit geradezu sinnlichem Vergnügen auf die Türklinke. Eine +Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrückt worden waren, +gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer +auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Béranger, der +Freiheitssänger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle +brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen +Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glänzend +durch. + +Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei +einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf +den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er seine +Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie +entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der +Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem +sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf +Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die +Geschichte verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens hätte er +es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei. + +Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich +hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er +gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat +bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine +Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl +statt. + +Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. Dort +gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete +schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das +Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als sein +Nachfolger daselbst nieder. + +Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin +studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun +mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des +Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fünfundvierzig Jährlein +zwölfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie häßlich +war, dürr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie +ein Kirschbaum Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs +an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary +erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr +geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen +Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit +unterstützt wurde. + +Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich +dadurch günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie pekuniär +unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zügel in ihre Hände. +Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was +nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem +Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mußte +er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe, +überwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Türe, +wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen +mußte sie ihre Schokolade haben, und die Rücksichten, die sie +erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhörlich klagte sie über +Migräne, Brustschmerzen oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute +durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl +auswärts, dann fand sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim, +so war es zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im +Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm +ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang +seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging +die Jeremiade los. Er vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man +habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück. +Schließlich bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund +werde, und um ein bißchen mehr Liebe. + + + + +Zweites Kapitel + + +Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel +eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen kam. +Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf und +verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Straße +stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn. + +Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel +auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd stehen, +folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er +entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue Troddel hing, +einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und überreicht +ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der richtete sich im Bett auf, +um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den +Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschämt der Wand zu und +zeigte den Rücken. + +In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, wurde +Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem Pachtgut Les +Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht +man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis Bertaux zu +Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary +sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem Manne etwas zustoßen. +Infolgedessen ward beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten, +Karl aber erst drei Stunden später, nach Mondaufgang, folgen +solle. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den +Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlösse. + +Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel +gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen überließ +er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor +irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde +der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und +begann in seinem Gedächtnisse alles auszukramen, was er von +Knochenbrüchen wußte. + +Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen Ästen der +Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das Gefieder ob des kühlen +Morgenwindes gesträubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches +Land. Auf dieser endlosen grauen Fläche hoben sich hie und da in +großen Zwischenräumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte +mit des Himmels trüben Farben zusammenflossen; das waren +Baumgruppen um Güter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß +Karl seine Augen auf, bis ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte +und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen +traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten +Erinnerungen paarten, so daß er ein Doppelleben führte. Er war +noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen +Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch +den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen Umschlägen +mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des +Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den Stangen der +Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete ... + +Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen, +der am Rande des Straßengrabens im Grase saß. + +»Sind Sie der Herr Doktor?« + +Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln +in die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs +hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß Herr +Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten +Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege +von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest gefeiert hatte, ein +Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz +allein mit »dem gnädigen Fräulein«, das ihm den Haushalt führte. + +Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. Plötzlich +verschwand der Junge in der Lücke einer Gartenhecke, um hinter der +Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein großes Tor +öffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mußte +sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu +werden. Hofhunde fuhren aus ihren Hütten, schlugen an und +rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof +einritt, scheute der Gaul und machte einen großen Satz zur Seite. + +Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die +offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo kräftige +Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Längs der +Wirtschaftsgebäude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter +den Hühnern und Truthähnen machten sich fünf bis sechs Pfauen +mausig, der Stolz der Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang, +die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen +zwei große Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen +Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus +Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornböden +heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas +anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume bepflanzt. +Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter der Gänse. + +An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in +einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrüßte +den Arzt. Er wurde nach der Küche geführt, wo ein tüchtiges Feuer +brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Töpfen von verschiedener +Form das Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen +naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel, +Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Größe, +funkelten wie von blankem Stahl, während längs der Wände eine +Unmenge Küchengerät hing, über dem die helle Herdflamme um die +Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden +Morgensonne spielte und glitzerte. + +Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. +Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine +Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein +stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem Haar, blauen +Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem +Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der er sich +von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um »Mumm in die Knochen +zu kriegen«. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung. +Statt zu fluchen und zu wettern -- was er seit zwölf Stunden getan +hatte -- fing er nunmehr an zu ächzen und zu stöhnen. + +Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte sich +einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald erinnerte +er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern +zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten ein +reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams, +der an das Öl gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefettet +werden. Er ließ sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen, +um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stücken wählte +er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glättete sie +mit einer Glasscherbe. Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden +her, und Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster +anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, polterte +der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen stach sie sich +in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus. + +Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie hatte. Sie +waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so +schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände freilich +waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß genug und ein +wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank, +nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. Was jedoch +schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im +Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick +traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld. + +Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich +»einen Bissen zu essen«, ehe er wieder aufbräche. Karl ward in das +Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen +Tische war für zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten +silberne Becher. Aus dem großen Eichenschranke, gegenüber dem +Fenster, strömte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer +Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Säcke mit +Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz +gefunden, zu der drei Steinstufen hinaufführten. In der Mitte der +Wand, deren grüner Anstrich sich stellenweise abblätterte, hing in +einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer +Minerva. In schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben. +»Meinem lieben Vater!« + +Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken +Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen. +Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem Leben auf +dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft +fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, fröstelte sie +während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen +etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, pflegte sie mit den +Oberzähnen auf die Unterlippe zu beißen. + +Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr +schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in +der Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe, +daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen und kaum die +Ohrläppchen blicken ließen. Über den Schläfen war das Haar +gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte. +Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Taille lugte +-- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon aus Schildpatt hervor. + +Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, +trat er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend, +die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten +hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich +umwendend, fragte sie: + +»Suchen Sie etwas?« + +»Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!« + +Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den Stühlen. Der +Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade zwischen die Säcke und +die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich über die Säcke beugte, +wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der +nämlichen Absicht wie sie ausstreckte, berührte seine Brust den +gebückten Rücken des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma +fuhr rasch in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die +Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte. + +Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt +dessen war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab +kam er regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die +gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er +»zufällig in der Gegend« war. Übrigens ging alles vorzüglich; die +Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer +halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof +herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf +einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, besser hätten ihn +die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht +kurieren können. + +Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern +nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber +nachgesonnen hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers +zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in +Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber +wirklich die Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu +köstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines +tätigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt +im Galopp ab und ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem +kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich +die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen +Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof +ein. Es war ihm ein Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den +nachgebenden Flügel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der +Mauer krähen zu hören und sich von der Dorfjugend umringt zu +sehen. Er liebte die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa +Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen +Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des +Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der +Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen Schuhen +sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab +sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe. +War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete sie mit. Sie +hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie +nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im +Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schürzenbänder begannen ihr +um die Hüften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der +Bäume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dächern der +Gebäude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle, +da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte +ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue +Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weiße Haut ihres +Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefühl, daß Emma +lächelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut +vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer ... + +Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner +Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in ihrer +doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. Als sie +aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie nähere +Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß Fräulein Rouault im +Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, sozusagen +also »eine feine Erziehung genossen« hatte, daß sie infolgedessen +Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und +Klavierspielen haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie +man zu sagen pflegt. + +»Also darum!« sagte sie sich. »Darum also lacht ihm das ganze +Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue Weste +an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh dieses +Weib, dieses Weib!« + +Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte in +allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte +sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer +häuslichen Szene über sich ergehen ließ. Schließlich aber ging sie +im Sturm vor. Karl wußte nicht, was er sagen sollte. Weshalb renne +er denn ewig nach Bertaux, wo doch der Alte längst geheilt sei, +wenn die Rasselbande auch noch nicht berappt habe? Na freilich, +weil es da »eine Person« gäbe, die fein zu schwatzen verstünde, +ein Weibsbild, das sticken könne und weiter nichts, ein +Blaustrumpf! In die sei er verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei +ihm ein gefundenes Fressen. + +»Blödsinn!« polterte sie weiter. »Die Tochter des alten Rouault, +die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Großvater hat noch die Schafe +gehütet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt +gekommen, weil er bei einem Streite jemanden halbtot gedroschen +hat! So was hat gar keinen Anlaß, sich was Besonders einzubilden +und Sonntags aufgedonnert in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen +Kleidern wie eine Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! +Wenn im vergangenen Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut +ausgefallen wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen +können!« + +Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux +ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und Küssen +und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr Meßbuch schwören lassen, +nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner heimlichen +Sehnsucht war er kühner; da war er empört über seine tatsächliche +eigne Feigheit. Und in naivem Machiavellismus sagte er sich, +gerade ob dieses Verbots habe er ein Recht auf seine Liebe. Was +war die ehemalige Witwe auch für ein Weib: sie war spindeldürr und +hatte häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben +schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden langen +Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern wie +in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie über ihren +grauen Strümpfen. + +Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch +schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele +Essen bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich +ein Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von ihm, +keine Flanellwäsche zu tragen. + +Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der Vermögensverwalter +der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in Ingouville, samt allen +ihm anvertrauten Geldern übers Meer das Weite suchte. Nun besaß +sie allerdings außerdem einen Schiffsanteil in der Höhe von +sechstausend Franken und ein Haus in Dieppe. Aber von allen diesen +vielgepriesenen Besitztümern hatte man nie etwas Ordentliches zu +sehen bekommen. Die Witwe hatte nichts mit in die Ehe gebracht als +ein paar Möbel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache +auf den Grund, und da stellte sich denn heraus, daß besagtes Haus +bis an die Feueresse mit Hypotheken belastet, daß kein Mensch +wußte, wieviel Geld wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen, +und daß die Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich +hatte die liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der +alte Bovary einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke +ging, und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in +das Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke eingespannt, +die des Futters nicht einmal mehr wert sei. + +Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu +heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres +Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegenüber in Schutz zu +nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das +nahmen ihm die Alten übel. Sie reisten ab. + +Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage +darnach, als sie dabei war, Wäsche im Hofe aufzuhängen, bekam sie +einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot. + +Als Karl vom Friedhofe zurückkam, fand er im Erdgeschoß keinen +Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das Schlafzimmer +trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am Bette hing. +Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, bis es +dunkel wurde, in schmerzliche Träumereien versunken. Alles in +allem hatte sie ihn doch geliebt ... + + + + +Drittes Kapitel + + +Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar +für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in blanken +Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück erfahren und +tröstete ihn, so gut er konnte. + +»Ich weiß, wie einem da zumute ist!« sagte er, indem er dem Witwer +auf die Schulter klopfte. »Habs ja selber mal durchgemacht, ganz +so wie Sie! Als ich meine Selige begraben hatte, da lief ich +hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. Ich warf mich im +Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem lieben Gott zu +hadern, und machte ihm die dümmsten Vorwürfe. An einem Aste sah +ich einen verreckten Maulwurf hängen, dem der Bauch von Würmern +wimmelte. Ich beneidete den Kadaver! Und wenn ich daran dachte, +daß im selben Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen +Frauen zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit +meinem Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz +richtig mit mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein +Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und +so nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem +Winter und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei, +drei, und weg war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige +Wort: hinunter! Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben +nicht los. Da tief drinnen in der Brust bleibt immer was stecken. +Aber Luft kriegt man wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser +aller Schicksal, und deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins +Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben +sind. Auch Sie müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles +vorüber! Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an +Sie. Sie hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling. +Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein paar +Karnickel auf meinem Revier!« + +Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da +alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die Birnbäume +hatten schon Blüten, und der treffliche Vater Rouault war wieder +mordsgesund und von früh bis abend auf den Beinen. Und im ganzen +Gut war mächtiger Betrieb. + +Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten +Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so bequem +wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit ihm wie mit +einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, wenn man des +Gastes wegen nicht, wie befohlen, die leichtverdaulichsten +Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel feine Eierspeisen +oder gedünstete Birnen. Er erzählte Anekdoten und Abenteuer. Zu +seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir einem Male +erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. Der Kaffee +ward gebracht, und da vergaß er sie wieder. + +Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger gedachte +er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue Bewußtsein, +unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald erträglicher. +Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber bestimmen, +konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft darüber geben zu +müssen, und wenn er müde war, alle vier von sich strecken und sich +in seinem Bette breit machen. Er hegte und pflegte sich und ließ +alle Tröstungen über sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner +Frau keine ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man +wochenlang in einem fort sagte: »Der arme Doktor. Wie traurig!« +blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis vergrößerte sich. +Und dann konnte er nun nach Bertaux reiten, wann es ihm beliebte. +Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in ihm auf, ein namenloses +Glücksgefühl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich den +Bart strich, fand er sich gar nicht übel. + +Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute +angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die Küche. +Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst nicht. Die +Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes +stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf die +Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel entzwei und +wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische krabbelten +Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in die +Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den +Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine +Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß zwischen dem +Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein Halstuch um, und +auf ihren entblößten Schultern glänzten kleine Schweißperlen. + +Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk an. Als +er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich bat sie ihn +lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. Sie holte aus dem +Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei Gläser heraus, füllte +das eine bis zum Rande und goß in das andre ein paar Tropfen. Sie +stieß mit Karl an und führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel +wie nichts drin war, mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den +Kopf nach hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals +gestrafft, so stand sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf +die Zunge lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen +Zähnen herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals +suchend vorstieß. + +Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit +zu widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit +gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst recht +nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle +eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl sah +diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das Hämmern +seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das Gackern einer +Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin und wieder +hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den kalten Knauf der +Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, um diese zu kühlen. + +Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit +Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl +Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt +im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in +ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre +Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, die sie als +Schulprämien bekommen hatte, und die Eichenlaubkränze, die im +untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erzählte sie von +ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im Garten das +Beet, wo die Blumen wüchsen, die sie der Toten jeden ersten +Freitag im Monat hintrug. Der Gärtner, den sie hatten, verstünde +nichts. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es, +wenigstens während der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann +aber meinte sie wieder, an den langen Sommertagen sei das Leben +auf dem Lande noch langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte, +klang ihre Stimme hell oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen +matten Ton an, und wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward +sie wieder ganz anders, wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma +lustig und hatte große unschuldige Augen, dann wieder schlossen +sich ihre Lider zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah +teilnahmslos und traumverloren aus. + +Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie +geredet hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn +ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von +der Existenz schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt +hatte. Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu +erschauen als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten +Male erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. +Dann fragte er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich +verheiratete, aber mit wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so +reich und sie ... so schön! + +Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen, +und eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das +Surren eines Kreisels: »Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn du +dich nun verheiratetest!« In der Nacht konnte er keinen Schlaf +finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er verspürte Durst, +stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das Fenster auf. Der +Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind strich in das +Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die Rötung nach +Bertaux. + +Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten +könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit +um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese Gelegenheit bot, +wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte nicht über die +Lippen. Vater Rouault hätte längst nichts dagegen gehabt, wenn ihm +jemand seine Tochter geholt hätte. Im Grunde nützte sie ihm in +Haus und Hof nicht viel. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie +war eben für die Landwirtschaft zu geweckt. »Ein gottverdammtes +Gewerbe!« pflegte er zu schimpfen. »Das hat auch noch keinen zum +Millionär gemacht!« Ihm hatte es in der Tat keine Reichtümer +gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch +auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl bekannt war, +so war er eigentlich doch für Ackerbau und Viehzucht durchaus +nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht +gern die Hände aus den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe war +er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen +warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein gutes Glas Landwein, ein +halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein Täßchen Mokka mit +Kognak gehörten zu den Idealen seines Lebens. Er nahm seine +Mahlzeiten in der Küche ein und zwar allein für sich, in der Nähe +des Herdfeuers an einem kleinen Tische, der ihm -- wie auf der +Bühne -- fix und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte. + +Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam, +wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder später +ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald überlegte er sich die +Geschichte. Besonders schneidig sah ja Karl Bovary nicht gerade +aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen künftigen Schwiegersohn +ein bißchen anders gedacht, aber er war doch als anständiger Kerl +bekannt, sparsam und tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos +würde er wegen der Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault +hatte gerade eine Menge großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu +bezahlen, sah er sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem +Grund und Boden zu verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert +werden. Und so sagte er sich: »Wenn er um Emma anhält, soll er sie +kriegen!« + +Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag +und Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault +gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs +vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden. +Das war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis +zuallerletzt. Erst als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er +los: + +»Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas sagen!« + +Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben stehen. + +»Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!« Rouault +lachte gemütlich. + +»Vater Rouault! Vater Rouault!« stammelte Karl. + +»Meinen Segen sollen Sie haben!« fuhr der Gutspächter fort. »Meine +Kleine denkt gewiß nicht anders als ich, aber gefragt werden muß +sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins +Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- wohlverstanden! -- brauchen Sie +jedoch nicht umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie +sich erst ein bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu +lange Blut schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde +einen Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da +oben über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen beobachten!« + +Damit ging er. + +Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung +hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand. +Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ... +Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden +blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile. + +Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde über +und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte gezwungen ein wenig, +um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen künftigen +Schwiegersohn. Die Besprechung der geschäftlichen Punkte wurde +verschoben. Übrigens war noch viel Zeit dazu, da die Hochzeit +anstandshalber vor Ablauf von Karls Trauerjahr nicht stattfinden +konnte, das hieß, nicht vor dem nächsten Frühjahr. + +In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault +beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in +Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, +die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte +das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde +überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel +Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen +es geben solle. + +Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts +zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für +solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte +sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste +Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen +bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so +weitergehen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in Kutschen, +Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit Ledervorhängen, in +allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Das junge +Volk aus den nächsten Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im +Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe +stehend, die Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen. +Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville, +Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien waren samt +und sonders geladen. Freunde, mit denen man uneins gewesen, +versöhnte man, und es war an Bekannte geschrieben worden, von +denen man wer weiß wie lange nichts gehört hatte. + +Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall. +Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging es +bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die +Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie +und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen +städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen Enden, +die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die mit +einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie hinten +den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie ihre +Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich unbehaglich; viele +hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige Stiefel an. +Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis sechzehnjährige +Mädchen, offenbar ihre Basen oder älteren Schwestern, in ihren +weißen Firmelkleidern, die man zur Feier des Tages um ein Stück +länger gemacht hatte, alle mit roten verschämten Gesichtern und +pomadisiertem Haar, voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu +beschmutzen. Da nicht Knechte genug da waren, um all die Wagen +gleichzeitig abzuspannen, streiften die Herren die Rockärmel hoch +und stellten ihre Pferde eigenhändig ein. Je nach ihrem +gesellschaftlichen Range waren sie in Fräcken, Röcken oder +Jacketts erschienen. Manche in ehrwürdigen Bratenröcken, die nur +bei ganz besonderen Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke +geholt wurden; ihre langen Schöße flatterten im Winde, die Kragen +daran sahen aus wie Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang +von Säcken. Es waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein +gekommen, meist im Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin +ganz kurze Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen +Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so ausschauten, +als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem Ganzen +herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste -- und das waren +solche, die dann an der Festtafel gewiß am alleruntersten Ende zu +sitzen kamen -- trugen nur Sonntagsblusen mit breitem Umlegekragen +und Rückenfalten unter dem Gürtel. + +Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie Kürasse. +Durchweg hatte man sich unlängst das Haar schneiden lassen (um so +mehr standen die Ohren von den Schädeln ab!), und alle waren +ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden +waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und +hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder +hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, groß wie Talerstücke. +Unterwegs hatten sich diese Wunden in der frischen Morgenluft +gerötet, und so leuchteten auf den breiten blassen +Bauerngesichtern große rote Flecke. + +Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. +Man begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die +Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war +anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich +durch die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich +und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten +plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer +buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die +Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt +die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den Kornfeldern +zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas Kleid, +das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. Von +Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las +sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen +stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen geblieben +waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da und wartete, bis +sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und +einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an die Fingernägel +reichten. Am Arm führte er Frau Bovary senior. Der alte Herr +Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze Sippschaft um sich +herum verachtete, war einfach in einem uniformähnlichen +einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge +blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien traktierte. Sie +hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in ihrer Verlegenheit gar +nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen Gäste sprachen von ihren +Geschäften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele +Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, hörte in einem fort das +Tirilieren des Spielmannes, der auch im freien Felde weitergeigte. +Sooft er bemerkte, daß die Gesellschaft weit hinter ihm +zurückgeblieben war, machte er Halt und schöpfte Atem. Umständlich +rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten +schöner quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in +Bewegung. Er hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht +hübsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel +schon von weitem. + +Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens +aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs Schüsseln +mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem Kalbfleisch, drei +Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier Leberwürsten in +Sauerkraut, ein köstlich knusprig gebratenes Spanferkel. An den +vier Ecken des Tisches brüsteten sich Karaffen mit Branntwein, und +in einer langen Reihe von Flaschen wirbelte perlender +Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits alle Gläser im voraus +bis an den Rand vollgeschenkt waren. Große Teller mit gelber +Creme, die beim leisesten Stoß gegen den Tisch zitterte und bebte, +vervollständigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfläche +dieses Desserts prangten in umschnörkelten Monogrammen von +Zuckerguß die Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam. +Für die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot +kommen lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich +ganz besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig ein +Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines »Ah!« hervorrief. +Der Unterbau aus blauer Pappe stellte ein von Sternen aus +Goldpapier übersätes Tempelchen dar, mit einem Säulenumgang und +Nischen, in denen Statuen aus Marzipan standen. Im zweiten +Stockwerk rundete sich ein Festungsturm aus Pfefferkuchen, umbaut +von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und +Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber krönte über einer +grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen und Teichen mit +Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): ein niedlicher +Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade wiegte. In den +beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der Schaukel steckten zwei +lebendige Rosenknospen. + +Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen ermüdet +war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte eine Partie +des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und setzte sich +dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen gegen das Ende +des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim Kaffee war +alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte allerlei +Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß Purzelbäume, hob +Schubkarren bis zur Schulterhöhe, erzählte gepfefferte Geschichten +und scharwenzelte mit den Damen. + +Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden, +die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte +und Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, bockten +und schlugen aus, während die Herren und Kutscher fluchten und +lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den mondbeglänzten +Landstraßen in Karriere über Stock und Stein heimrasende +Fuhrwerke. + +Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am Küchentische +bis zum frühen Morgen weiter, während die Kinder unter den Bänken +schliefen. + +Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den +herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter +-- ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk +selbstverständlich ein paar Seezungen gestiftet hatte -- doch +daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlüsselloch des +Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault erwischte ihn gerade noch +rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er machte ihm klar, daß sich +derartige Scherze mit der Würde seines Schwiegersohnes nicht +vertrügen. Der Vetter ließ sich durch diese Einwände nur +widerwillig von seinem Vorhaben abbringen. Insgeheim hielt er den +alten Rouault für aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke +mir vier bis fünf andern Unzufriedenen, die während des Mahles bei +der Wahl der Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese +Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den +Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble. + +Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer +Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der +Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur +Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück. +Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er ließ +sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er Grog von +Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden unbekannt +war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an. + +Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes +gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien, +Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und Anulkungen, die +ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil geworden waren, hatte er +sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. Um so mächtiger war +seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er offensichtlich wie +neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor sozusagen die +Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich völlig und ließ +sich nicht das geringste anmerken. Die größten Schandmäuler waren +sprachlos; sie standen da wie vor einem Wundertier. Karl freilich +machte aus seinem Glück kein Hehl. Er nannte Emma »mein liebes +Frauchen«, duzte sie, lief ihr überallhin nach und zog sie +mehrfach abseits, um allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein +wenig zu plaudern, wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille +legte. Beim Hin- und Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz +nahe und zerdrückte mit seinem Kopfe ihr Halstuch. + +Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl +konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater +Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und gab +ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied küßte er +seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und machte sich zu +Fuß auf den Rückweg. + +Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem +Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei +seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, an +längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner +Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des Tages, +wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. Auf +dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er +seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so +um Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. +Mit der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der +andern ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen +Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm +um die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine +Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges +Gesicht, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich +hinlächelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger +eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange +war das nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre +er jetzt dreißig Jahre alt! + +Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu +sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem +vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die +zärtlichen Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen +Augenblick lang verspürte er das Verlangen, den Umweg über den +Friedhof zu machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur +noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten Wege +nach Hause. + +Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn +stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu erspähen. Die +alte Magd empfing sie unter Glückwünschen und bat um +Entschuldigung, daß das Mittagessen noch nicht ganz fertig sei. +Sie lud die gnädige Frau ein, einstweilen ihr neues Heim in +Augenschein zu nehmen. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie +der Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur, +gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel, +ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem Winkel auf +dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von trocken gewordnem +Straßenschmutz. Rechter Hand lag die »Große Stube«, das heißt der +Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich +als Wohnzimmer diente. An den Wänden bauschte sich allenthalben +die schlecht aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der +Decke durch eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward. +An den Fenstern überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote +Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine +Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten +Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen. + +Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines +Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei +Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines +Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die +Bände des »Medizinischen Lexikons« ausgefüllt, die +unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen +Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte +Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang Buttergeruch +aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, während man dort +hören konnte, wenn die Patienten husteten und ihre langen +Leidensgeschichten erzählten. + +Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein großes +verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als Holzraum, +Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit altem +Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und einer Menge +andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen kaum +mehr ansehen konnte. + +Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, dehnte +sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten +begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. +Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr +darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen +Heckenrosen umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem +Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand +eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft. + +Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war überhaupt +nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen Schlafstube, +stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein Himmelbett aus +Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit Muscheln besetzte +kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster leuchtete in +einer Kristallvase ein Strauß von Orangenblüten, umwunden von +einem Seidenbande: ein Hochzeitsbukett, die Brautblumen der +andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte es, nahm den Strauß +aus der Vase und trug ihn auf den Oberboden. Währenddem saß sie in +einem Lehnstuhl. Ihr eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das +in einer Schachtel verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in +das Zimmer und baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie +sich, was wohl mit ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch +bald stürbe. + +In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei +Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken +von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen und +Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum. + +Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem +Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl +wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine +Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von +neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein +Dogcart. + +So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der +Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der +Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band im +Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze +hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von +denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen könnten, all +das trug dazu bei, daß sein Glück nicht aufhörte. Frühmorgens im +Bette, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er zu, +wie die Sonnenlichter durch den blonden Flaum ihrer von den +Haubenbändern halbverdeckten Wangen huschten. So aus der Nähe +kamen ihm ihre Augen viel größer vor, besonders beim Erwachen, +wenn sich ihre Lider mehrere Male hintereinander hoben und wieder +senkten. Im Schatten sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau +am lichten Tage; in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während +sie sich nach der schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein +eigenes Auge verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin +gespiegelt, ganz klein, bis an die Schultern, mit dem Seidentuche, +das er sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seines +offen stehenden Nachthemdes. + +Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um +ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das +Fensterbrett gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie +leicht umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der +Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. Emma +sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem sie mit +ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den Geranien +abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und schaukelte +sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel und blieb +schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne der alten +Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der Haustüre wartete. +Karl saß auf und warf seiner Frau eine Kußhand zu. Sie antwortete +winkend und schloß das Fenster. Er ritt ab. + +Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in +den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache +schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die +Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische +Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der +Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, -- da genoß er +all sein Glück abermals, just wie einer, der nach einem +Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er bereits +verdaut, noch auf der Zunge hat. + +Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er denn +im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge hoher +Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, die +reicher und stärker waren als er, über seine bäuerische Aussprache +lachten, sich über seinen Anzug lustig machten und zur Besuchszeit +mit ihren Müttern plauderten, die mit Kuchen in der Tasche kamen? +Oder etwa später als Student der Medizin, wo er niemals Geld genug +im Beutel gehabt hatte, um irgendein kleines Mädel zum Tanz führen +zu können, das seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der +vierzehn Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße +im Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß +er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. Seine +Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen Unterrocks, +und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht genug. Und +so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. Spornstreichs +ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen +... Emma saß in ihrem Zimmer bei der Toilette. Er schlich sich auf +den Fußspitzen von hinten an sie heran und küßte ihr den Nacken. +Sie stieß einen Schrei aus. + +Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, +ihr Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie tüchtig auf die +Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner Küsse gleichsam +aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen Länge von den +Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn +ab, lächelnd und gelangweilt, wie man ein kleines Kind +zurückdrängt, das sich an einen anklammert. + +Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu +empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe erwartete, +ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht haben. So dachte sie. +Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, wo eigentlich in der +Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den Romanen mit den Worten +Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert +wird. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Emma hatte »Paul und Virginia« gelesen und in ihren Träumereien +alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den Neger Domingo, den +Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die zärtliche +Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, der für sie +rote Früchte auf überturmhohen Bäumen pflückte und barfuß durch +den Sand gelaufen kam, ihr ein Vogelnest zu bringen. + +Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt, +um sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im +Viertel Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt +bekamen, auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von +Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, hier +und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten Frömmigkeit, +Gefühlsüberschwang und höfischen Prunk. + +In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich +nicht im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft +der gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein +Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom +Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den +Freistunden spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie +alsbald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die +dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in +die Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben +und unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und +Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen +Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der +Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe +zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau umränderten +Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm +Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen +Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, zusammenbricht. Um +sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag lang ohne +Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um irgendein +Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte. + +Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, nur +damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände gefaltet, +das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem flüsternden Priester. +Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen +Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer +wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße +Schauer. + +Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen +Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen +Geschichte oder aus den »Stunden der Andacht« des Abbé Frayssinous +und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands »Geist des +Christentums«. Wie andachtsvoll lauschte sie bei den ersten Malen +den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo +aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas Kindheit im +Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel +dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der +Naturschwärmerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung +ihre Quelle hat. So aber kannte sie das Land zu gut: das Blöken +der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge +gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte: +das Abenteuerliche. So liebte sie das Meer einzig um der wilden +Stürme willen und das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein +Dasein fristete. Es war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen +egoistischen Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz +beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente. +Ihre Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte +lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach. + +Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier +Wochen auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da +sie einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution +zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert. +Sie aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern, +und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen, +bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß +sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die +Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem ancien +régime auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei +ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie erzählte Geschichten, +wußte stets Neuigkeiten, übernahm allerhand Besorgungen in der +Stadt und lieh den größeren Mädchen Romane, von denen sie immer +ein paar in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den +Ruhepausen ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber +schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften, +Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in +einsamen Pavillonen ohnmächtig, und von Postillionen, die an +allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die man +auf Seite für Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern, +Herzenskämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von +Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Büschen, von +hohen Herren, die wie Löwen tapfer und sanft wie Bergschafe +waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer köstlich +gekleidet und ganz unbeschreiblich tränenselig. Ein halbes Jahr +lang beschmutzte sich die fünfzehnjährige Emma ihre Finger mit +dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott +in die Hände, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen +Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Rittersälen und +Minnesängern. Am liebsten hätte sie in einem alten Herrensitze +gelebt, gehüllt in schlanke Gewänder wie jene Edeldamen, die, +den Ellenbogen auf den Fensterstein gestützt und das Kinn in der +Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage verträumten und in die +Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein Rittersmann +mit weißer Helmzier dahergestürmt käme auf einem schwarzen Roß. +Damals trieb sie einen wahren Kult mit Maria Stuart; ihre +Verehrung von berühmten oder unglücklichen Frauen ging bis zur +Schwärmerei. Die Jungfrau von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die +schöne Ferronnière und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende +Meteore in dem grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse. +Fast ganz im Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander +schwebten ferner in ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit +seiner Eiche, der sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame +Taten Ludwigs des Elften, irgendeine Szene aus der +Bartholomäusnacht, der Helmbusch Heinrichs des Vierten, dazu +unauslöschlich die Erinnerung an die gemalten Teller mit den +Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten. + +In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die +Rede von Englein mit goldenen Flügeln, von Madonnen, Lagunen und +Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr +Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die +Realitäten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber +der Sentimentalität. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten +lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als +Neujahrsgeschenke bekommen hatten. Daß man sie heimlich halten +mußte, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen. +Emma nahm die schönen Atlaseinbände nur behutsam in die Hand und +ließ sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, die +ihre Beiträge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. Das +Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin +leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre +Seite sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in +einem Mäntelchen, wie er hinter der Brüstung eines Altans ein weiß +gekleidetes junges Mädchen mit einer Tasche am Gürtel an sich +drückte; auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen +englischen Ladys, die unter runden Strohhüten mit großen hellen +Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch den +Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, die +von zwei kleinen Grooms in weißen Hosen kutschiert wurden. Andre +träumten auf dem Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und +himmelten durch das halb offene, schwarz umhängte Fenster den Mond +an. Wieder andre, Unschuldskinder, krauten, eine Träne auf der +Wange, durch das Gitter eines gotischen Käfigs ein Turteltäubchen +oder zerzupften, den Kopf verschämt geneigt, mit koketten Fingern, +die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine +Marguerite. Alles mögliche andre zeigten die übrigen Stiche: +Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in +den Armen; Giaurs, Türkensäbel, phrygische Mützen, nicht zu +vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und +Fichten, Tiger und Löwen friedlich beieinanderstehen, und +Minaretts am Horizonte und römische Ruinen im Vordergrunde eine +Gruppe lagernder Kamele überragen, während auf der einen Seite ein +wohlgepflegtes Stück Urwald steht, auf der andern ein See, eine +Riesensonne mit stechenden Strahlen darüber und auf seiner +stahlblauen, hie und da weiß aufschäumenden Flut, in die Ferne +verstreut, gleitende Schwäne ... + +Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Häupten an der Wand hing, +blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem +andern an ihr vorüberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die +kein Geräusch drang, höchstens das ferne Rollen eines späten +Fuhrwerks. + +Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie +ließ sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen fassen, +schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmütiger +Betrachtungen über das Leben und bat ihn, man möge sie dereinst in +demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei krank, +und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, daß +sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen +einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen niemals gelangen. +Sie verlor sich in Lamartinischen Rührseligkeiten, hörte +Harfenklänge über den Weihern und Schwanengesänge, die Klagen des +fallenden Laubes, die Himmelfahrten jungfräulicher Seelen und die +Stimme des Ewigen, die in den Tiefen flüstert. + +Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs +einzugestehen, und so blieb sie dabei zunächst aus Gewohnheit, +dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, daß sie +den inneren Frieden wiedergefunden hatte und daß ihr Herz +ebensowenig schwermütig war wie ihre jugendliche Stirne runzelig. + +Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission +gehofft hatten, bemerkten zu ihrem höchsten Befremden, daß +Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen drohte. Man hatte +ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, Predigten und Fasten +angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch große +Verehrung die Heiligen und Märtyrer genössen, und ihr zu +vorzügliche Ratschläge gegeben, wie man den Leib kasteie und die +Seele der ewigen Seligkeit zuführe; und so ging es mit ihr wie mit +einem Pferd, das man zu straff an die Kandare genommen hat: sie +blieb plötzlich stehen und machte nicht mehr mit. + +Bei aller Schwärmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie hatte +die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte und +die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr Geist +empörte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch mehr +lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem +tiefsten Wesen völlig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem +Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand +sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der +Schwesternschaft recht fehlen lassen. + +Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mädchen zunächst darin, das +Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des Landlebens +überdrüssig, und nun sehnte sie sich nach dem Kloster zurück. Als +Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie just überzeugt, daß +sie alle Illusionen verloren habe, daß es nichts mehr auf der Welt +gäbe, was ihr Hirn oder Herz rühren könne. Dann aber waren das mit +jedem neuen Zustande verbundene wirre Gefühl und die Unruhe, die +sich ihrer diesem Manne gegenüber bemächtigte, stark genug, um in +ihr den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare +Leidenschaft in ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein +Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit +himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, +hatte sie keine Kraft zu glauben, daß die Friedsamkeit, in der sie +hinlebte, das erträumte Glück sei. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten +Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu +sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene +Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen nach der +Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man fährt gemächlich in +einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhängen die Gebirgsstraßen +hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen +zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des +Gießbachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am +Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der +Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen +Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlösser. Es +kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimstätten des +Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten +gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden, +sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre +Trübsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite +eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe, +einen eleganten Hut und Manschettenhemden trüge? + +Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen mögen. +Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller +Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der Wind +wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die +Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, wenn +er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein +einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich alles +das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie eine +reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So aber ward +die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer +größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde. + +Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Straße: +Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die niemanden rührten, +über die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten. +Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, hätte er niemals den +Drang verspürt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er +konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein +Pistolenschütze, und gelegentlich kam es zutage, daß er Emma einen +Ausdruck des Reitsports nicht erklären konnte, der ihr in einem +Romane begegnet war. Muß ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf +allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die großen +Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Genüsse und in +alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts, +verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei +glücklich, indes sie sich über seine satte Trägheit empörte, +seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie +ihm gewährte. + +Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen +und zuzusehn, wie sie sich über das Blatt beugte oder wie sie die +Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit +den Fingern Brotkügelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte. +Wenn sie am Klavier saß, war sein Entzücken um so größer, je +geschwinder ihre Hände über die Tasten sprangen. Dann trommelte +sie ordentlich auf dem Klavier herum und machte ein Höllenkonzert. +Das alte Instrument dröhnte und wackelte, und wenn das Fenster +offen stand, hörte man das Spiel im ganzen Dorfe. Der +Gemeindediener, der im bloßen Kopfe und in Pantoffeln, Akten +unterm Arme, über die Straße humpelte, blieb stehen und lauschte. + +Dabei war Emma eine vorzügliche Hausfrau. Sie schickte die +Liquidationen an die Patienten aus und zwar in höflichster +Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie +Sonntags irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wußte +sie es immer einzurichten, daß etwas Besonderes auf den Tisch kam. +Sie schichtete auf Weinblättern Pyramiden von Reineclauden auf und +verstand, die eingezuckerten Früchte so aus ihren Büchsen zu +stürzen, daß sie noch in der Form serviert wurden. Demnächst +sollten auch kleine Waschschalen für den Nachtisch angeschafft +werden. Mit alledem vermehrte sie das öffentliche Ansehen ihres +Mannes. Schließlich fing er selbst an, mehr und mehr Respekt vor +sich zu bekommen, weil er solch eine Frau besaß. Mit Stolz zeigte +er zwei kleine Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich +breite Rahmen hatte fassen lassen und in der Großen Stube an +langen grünen Schnuren an den Wänden aufgehängt hatte. Wenn die +Kirche zu Ende war, sah man Herrn Bovary in schöngestickten +Hausschuhen vor der Haustüre stehen. + +Er kam spät heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann aß er +noch zu Abend, und da das Dienstmädchen bereits Schlafen gegangen +war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock auszuziehen +und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend zählte er +gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsüber begegnet war, +nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und wiederholte die +Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit sich selbst, +verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, schabte sich +den Käse sauber, schmauste einen Apfel und trank die Weinkaraffe +leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und zu +schnarchen begann. Wenn er frühmorgens aufmachte, hing ihm das +Haar wirr über die Stirn. + +Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knöchelgegend zwei +Falten hatten; in den Schäften waren sie steif und geradlinig, als +ob ein Holzbein drinnen stäke. Er pflegte zu sagen: »Die sind hier +auf dem Lande gut genug!« + +Seine Mutter bestärkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam +sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mißlichkeiten +gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre +Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr »für ihre +Verhältnisse ein bißchen zu großartig.« Mit Holz, Licht und +dergleichen werde »wie in einem herrschaftlichen Hause gewüstet.« +Und mit den Kohlen, die in der Küche verbraucht würden, könne man +zwei Dutzend Gänge kochen! Sie ordnete ihr den Wäscheschrank und +hielt Vorträge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen +habe, wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren +hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem. +Die von beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden »Liebe +Tochter« und »Liebe Mutter!« standen in Widerspruch zu den Mienen +der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor +Groll zitternder Stimme. + +Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in +den Hintergrund gedrängt gefühlt, jetzt aber kam ihr Karls Liebe +zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie ein +Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glück ihres +Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener +auf den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte +ihn durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst für ihn gesorgt +und abgemüht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit +leiste Emma viel weniger für ihn, und darum wäre seine +ausschließliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt. + +Karl wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine +Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art über alle Maßen. +Was die eine sagte, galt ihm für unfehlbar; gleichwohl fand er an +der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary wieder abgereist +war, machte er schüchterne Versuche, die oder jene ihrer +Bemerkungen wörtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm dann mit +wenigen Worten, daß er im Irrtum sei, und meinte, er solle sich +lieber seinen Patienten widmen. + +Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen, +Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei +Mondenschein zusammen im Garten saßen, sagte sie verliebte Verse +her, soviel sie nur auswendig wußte, oder sie sang eine +schwermütige gefühlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich selber +nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar weder +verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst. + +Das waren vergebliche Versuche, eine große Leidenschaft zu +entfachen. Im übrigen war Emma unfähig, etwas zu verstehen, was +sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was +nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein, +Karls Liebe sei nicht mehr übermäßig stark. In der Tat gewannen +seine Zärtlichkeiten eine gewisse Regelmäßigkeit. Er schloß seine +Frau zu ganz bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine +Gewohnheit wie alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen +muß, weil er auf der Menükarte steht. + +Ein Waldwärter, den der Herr Doktor von einer Lungenentzündung +geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junges italienisches +Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre Spaziergänge. Mitunter ging +sie nämlich aus, um einmal eine Weile für sich allein zu sein und +nicht in einem fort bloß den Garten und die staubige Landstraße +vor Augen zu haben. + +Sie wanderte meist bis zum Buchenwäldchen von Banneville, bis zu +dem leeren Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo +die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen +gewöhnlichen Gräsern hohes Schilf mit langen scharfen Blättern. +Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob sich seit +ihrem letzten Hiersein etwas verändert habe. Es war immer alles +so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf seinem +Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln, +die in Büscheln die großen Kieselsteine umwucherten, und die +Moosflächen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer +geschlossenen morschen Holzläden und rostigen Eisenbeschlägen. Nun +schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, wie die Sprünge ihres +Windspiels, das sich in großen Kreislinien tummelte, gelbe +Schmetterlinge ankläffte, Feldmäusen nachstellte und die +Mohnblumen am Raine des Kornfeldes anknabberte. Allmählich +gerieten ihre Grübeleien in eine bestimmte Richtung. Wenn die +junge Frau so im Grase saß und es mit der Stockspitze ihres +Sonnenschirmes ein wenig aufwühlte, sagte sie sich immer wieder: +»Mein Gott, warum habe ich eigentlich geheiratet?« + +Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht möglich gewesen wäre +durch irgendwelche andre Fügung des Schicksals, daß sie einen +andern Mann hätte finden können. Sie versuchte sich vorzustellen, +was für ungeschehene Ereignisse dazu gehört hätten, wie dieses +andre Leben geworden wäre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen +hätte. In keinem Falle so wie Karl! Er hätte elegant, klug, +vornehm, verführerisch aussehen müssen; so wie zweifellos die +Männer, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet +hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im +Getümmel des Straßenlebens, im Stimmengewirr der Theater, im +Lichtmeere der Bälle, da lebten sie sich aus und ließen die Herzen +und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie verkümmerte wie in +einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie eine schweigsame +Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen Herzens. + +Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah +sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen +ausgehändigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weißen Kleid und ihren +Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie zu +ihrem Platze zurückging, hatten ihr die anwesenden Herren galant +zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und durch +den Wagenschlag hatte man ihr »Auf Wiedersehn!« zugerufen. Und der +Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte im Vorübergehen +den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurück war das alles! Ach, +wie so weit! + +Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß und streichelte seinen +schmalen feinlinigen Kopf. + +»Komm!« flüsterte sie. »Gib Frauchen einen Kuß! Du, du hast keinen +Kummer!« + +Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmütig aussehende Gesicht des +schlanken Tieres. Es gähnte behaglich. Aber sie bildete sich ein, +das Tier habe auch einen Kummer. Die Rührung überkam sie, und sie +begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu jemandem, +den man in seiner Betrübnis trösten will. + +Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mächtig +über das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande +hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu +Boden, fliehende Schauer raschelten durch das Blätterwerk der +Buchen, während sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort +laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und +erhob sich. + +In der Allee, über dem teppichartigen Moos, das unter Emmas +Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grünen +Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der +rote Himmel flammte hinter den braunen Stämmen, die in Reih und +Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Säulenganges +an einer goldnen Wand entlang erzeugten. + +Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, +auf die Landstraße und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen +Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort. + +Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in +ihrem Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu +dem Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der +Restauration Staatssekretär gewesen war, wollte von neuem eine +politische Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in +das Abgeordnetenhaus vor. Im Winter ließ er große Mengen Holz +verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit dem +höchsten Eifer für neue Straßenbauten im Bezirk ein. Während des +letzten Hochsommers hatte er ein Geschwür im Munde bekommen, von +dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich +befreit hatte. Der Privatsekretär des Marquis war bald darauf nach +Tostes gekommen, um das Honorar für die Operation zu bezahlen, und +hatte abends nach seiner Rückkehr erzählt, daß er in dem kleinen +Garten des Arztes herrliche Kirschen gesehen habe. Nun gediehen +gerade die Kirschbäume in Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat +sich von Bovary einige Ableger und hielt es daraufhin für seine +Pflicht, sich persönlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah +er Emma, fand ihre Figur entzückend und die Art, wie sie ihn +empfing, durchaus nicht bäuerisch. Und so kam man im Schlosse zu +der Ansicht, es sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, +wenn man das junge Ehepaar einmal einlüde. + +An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren +Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrücks war ein großer +Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine +Hutschachtel. Außerdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen +den Beinen. + +Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schloßpark die Laternen +am Einfahrtswege anzündete, kamen sie an. + + + + +Achtes Kapitel + + +Vor dem Schloß, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei +vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine +ungeheure Rasenfläche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen denen +etliche Kühe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen hindurch, +beschattet von allerlei Gebüsch in verschiedenem Grün, +Rhododendren, Flieder- und Schneeballsträuchern. Unter einer +Brücke floß ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel, +erkannte man ein paar Häuser mit Strohdächern. Die große Wiese +ward durch längliche kleine Hügel begrenzt, die bewaldet waren. +Versteckt hinter diesem Gehölz lagen in zwei gleichlaufenden +Reihen die Wirtschaftsgebäude und Wagenschuppen, die noch vom +ehemaligen Schloßbau herrührten. + +Karls Wäglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft +erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und +geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle. +Geräusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer +Kirche. Dem Eingange gegenüber stieg geradeaus eine breite Treppe +auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem Garten +hinaus, die zum Billardzimmer führte; schon von weitem vernahm man +das Karambolieren der elfenbeinernen Bälle. Durch das +Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah +Emma Herren in würdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn vergraben +in den Krawatten, alle mit Ordensbändchen. Schweigsam lächelnd +handhabten sie die Queues. + +Auf dem düsteren Holzgetäfel der Wände hingen große Bilder in +schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine +lautete: + ++------------------------------------------------------+ +| Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville, | +| Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye, | +| gefallen in der Schlacht von Coutras | +| am 20. Oktober 1587. | ++------------------------------------------------------+ + +Eine andre: + ++------------------------------------------------------+ +| Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers | +| und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, | +| Ritter des Sankt-Michel-Ordens, | +| verwundet bei Saint Vaast de la Hougue | +| am 29. Mai 1692, | +| gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 | ++------------------------------------------------------+ + +Die übrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht +der Lampen auf das grüne Tuch des Billards konzentrierte und das +Zimmer im Dunkeln ließ. Nur ein schwacher Schein hellte die +Gemäldeflächen auf, deren sprüngiger Firnis mit diesem feinen +Schimmer spielte. Und so traten aus allen den großen schwarzen +goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher und +heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort +eine gepuderte Allongeperücke über der Schulter eines roten Rockes +und anderswo die Schnalle eines Kniebandes über einer strammen +Wade. + +Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen -- es war +die Schloßherrin selbst -- erhob sich, ging Emma entgegen und bot +ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und begann +freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine alte +Bekannte vor sich hätte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; sie +hatte hübsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas schleppende +Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie über ihrem +kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig +in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle, +saß eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den +Röcken, waren im Gespräche mit den Damen. Alle saßen sie um den +Kamin herum. + +Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl +da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die +Damen, der Marquis und die Marquise an der andern im Eßzimmer. Als +Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Düften und Gerüchen +entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und Delikatessen. Die +Flammen der Kandelaberkerzen liebäugelten mit dem Silberzeug, und +in den geschliffenen Gläsern und Schalen tanzte der bunte +Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe von +Blumensträußen. Aus den Falten der Servietten, die in der Form von +Bischofsmützen über den breitrandigen Tellern lagen, lugten ovale +Brötchen. Hummern, die auf den großen Platten nicht Platz genug +hatten, leuchteten in ihrem Rot. In durchbrochenen Körbchen waren +riesige Früchte aufgetürmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden +dampfend aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strümpfen, +Kniehosen und weißer Krawatte, reichte mit Grandezza und großem +Geschick die Schüsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben sah +regungslos die bis zum Kinn verhüllte Göttin herab, die auf dem +mächtigen, bronzegeschmückten Porzellanofen thronte. + +Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, saß, über +seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die +Serviette nach Kinderart um den Hals geknüpft hatte. Die Sauce +tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er +trug noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war. +Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von +Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste in +Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des +Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der Königin +Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von Coigny und +der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wüstes Leben +hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten und +Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem der +Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem +Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für Gerichte zu +essen gab. + +Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten +Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz +Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des +Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin geschlafen! + +Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen +Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. Zum erstenmal +in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß sie Ananas. Selbst der +gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam ihr weißer und feiner vor +denn anderswo. + +Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich +zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste +Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr Haar +ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann schlüpfte sie +in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet bereitlag. + +Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt. + +»Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen stören!« meinte er. + +»Du willst tanzen?« entgegnete ihm Emma. + +»Na ja!« + +»Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß auslachen. +Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das viel besser +für einen Arzt«, fügte sie hinzu. + +Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her +und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über ihren Rücken +weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre schwarzen +Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar war nach +den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem +bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche Rose, +mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr mattgelbes Kleid +ward durch drei Sträußchen von Moosrosen mit Grün darum belebt. + +Karl küßte sie von hinten auf die Schulter. + +»Laß mich!« wehrte sie ab. »Du zerknüllst mir alles!« + +Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die Treppe +hinunter, am liebsten wäre sie gerannt. + +Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt voller +Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich unweit der +Tür auf einen Diwan. + +Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur +Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große +Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die +bemalten Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur +Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der +Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen Handschuhen, +an denen die Konturen der Fingernägel ihrer Trägerinnen +hervortraten, während das eingepreßte Fleisch nur in den +Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die +Armbänder mit Anhängseln wogten an den Miedern, glitzerten an den +Brüsten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen im +Haar, das durchweg glatt und im Nacken geknotet war, +Vergißmeinnicht, Jasmin, Granatblüten, Ähren und Kornblumen in +Kränzen, Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten die +Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen. + +Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den +Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. Beim +ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre +Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit +einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei +besonders zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes +Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente schwiegen, +hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der Goldstücke auf den +Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit einem Male wieder voll +einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen Takte weiter; die Röcke +der Tänzerinnen bauschten sich und streiften einander, Hände +suchten und mieden sich, und dieselben Blicke, die eben schüchtern +gesenkt waren, fanden ihr Ziel. + +Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren +stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- und +sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von den +andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus +feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet +die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene +weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, +schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch +sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre +Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten +Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den älteren unter diesen +Herren haftete Jugendlichkeit an, während den Gesichtern der +jüngeren eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichgültigen +Blicken spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten +Sinne, und hinter ihren glatten Manieren schlummerte das brutale +eitle Herrentum, das sich im Umgange mit Rassepferden und leichten +Damen entwickelt und kräftigt. + +Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in +blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame +über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt Peter, von +Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den +Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem +andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend +Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der +vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus »geschlagen« +und durch einen »famosen Grabensprung« vierzigtausend Franken +gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, seine »Rennschinder« +seien »nicht im Training«, und ein dritter jammerte über einen +Druckfehler in der »Sportwelt«, der den Namen eines seiner +»Vollblüter« verballhornt habe. + +Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten +fahler. Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf +einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus +Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben +veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von +draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das +elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem +Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den Apfelbäumen und +sich selber ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den +Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz +der gegenwärtigen Stunde starb die eben noch so klare Erinnerung +an ihr früheres Leben schnell wieder; es je gelebt zu haben, kam +ihr fast unmöglich vor. Hier, hier lebte sie, und was über diesen +Ballsaal hinaus existieren mochte, das lag für sie im tiefsten +Dunkel ... + +Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten +Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb schloß +und den goldnen Löffel lange zwischen den Zähnen behielt. Neben +ihr ließ eine Dame ihren Fächer zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging +vorüber. + +»Sie wären sehr gütig, mein Herr,« sagte die Dame, »wenn Sie mir +meinen Fächer aufheben wollten. Er ist unter dieses Sofa +gefallen.« + +Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem Fächer +langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas weißes, dreieckig +Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er überreichte ihr den +aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie dankte mit einem leichten +Neigen des Kopfes und barg schnell ihr Gesicht in den Blumen ihres +Straußes. + +Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und +Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la Trafalgar +und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert, +begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer +einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob, +konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es +saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer war noch +Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger ab. Karl +stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe. + +Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht. +Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die Marquise +tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht bleibenden +Gäste da, etwa ein Dutzend Personen. + +Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg »Vicomte« +nannte -- die weitausgeschnittene Weste saß ihm wie angegossen -- +Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte +bat abermals, indem er versicherte, er würde sie sicher führen und +es würde vortrefflich gehen. + +Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. Schließlich +wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: die Lichter, +die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob sie in der Mitte +eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar dicht an einer der +Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas Schleppe um das Bein ihres +Tänzers. Sie fühlten sich beide und blickten sich einander in die +Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber +es ging weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin, +bis an das Ende der Galerie, wo Emma, völlig außer Atem, beinahe +umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. +Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an +ihren Platz zurück. Es schwindelte ihr; sie mußte den Rücken +anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken. + +Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte des +Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während drei der +Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der +Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein. + +Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch +einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das Kinn +ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung, +kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus +gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher +ermüdeten die Zuschauer. + +Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte +man sich »Gute Nacht« oder vielmehr »Guten Morgen«, und alles ging +schlafen. + +Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich »die +Beine in den Bauch gestanden.« Ohne sich zu setzen, hatte er sich +fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen aufgehalten und +den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem Spiel zu +verstehen. Und so stieß er einen mächtigen Seufzer der +Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel entledigt +hatte. + +Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster und +lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen fiel. +Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider kühlte. +Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma hielt sich +gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, ehe er ganz +wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ... + +Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den Fensterreihen +des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo die +einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend beobachtet +hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu wissen, +eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen. + +Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich und +schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten. + +Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte zehn +Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte. + +Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die +angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den Schwänen +auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der Fütterung begab man sich +in das Gewächshaus, mit seinen seltsamen Kakteen und +Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser führte ein +Ausgang in den Wirtschaftshof. + +Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der +Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren +Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben +die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen +stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. +Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst +wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des +Raumes auf drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen, +Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu Reihen +an den Wänden hingen. + +Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. Sodann +fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das Ehepaar Bovary +bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und der Marquise. +Und heim ging es nach Tostes. + +Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf dem +äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit abstehenden +Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner +Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel tanzten auf +der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der hinten +angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in einem fort +im Takte an den Wagenkasten. + +Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein paar +Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma +glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie +vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich +vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder +bewegten. + +Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die zerrissene +Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das ganze +Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den Beinen +seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine Zigarrentasche +auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf der Mitte der +Oberseite mit einem Wappen geschmückt. + +»Es sind sogar zwei Zigarren drin!« sagte er. »Die kommen heute +abend nach dem Essen dran!« + +»Du rauchst demnach?« fragte Emma. + +»Manchmal! Gelegentlich!« + +Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der +Peitsche. + +Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig. +Frau Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste +Antwort. + +»Scheren Sie sich fort« rief Emma. »Sie machen sich über mich +lustig. Sie sind entlassen!« + +Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl +saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und meinte +vergnügt: + +»Zu Hause ists doch am schönsten!« + +Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das arme Ding +gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit, +hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war +seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in der +ganzen Gegend. + +»Hast du ihr im Ernst gekündigt?« fragte er nach einer Weile. + +»Gewiß! Warum soll ich auch nicht?« gab Emma zur Antwort. + +Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, während die Große +Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich eine der +Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und spuckte dabei +aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich zurück, damit ihm +der Rauch nicht in die Nase stieg. + +»Das Rauchen wird dir nicht bekommen!« bemerkte Emma verächtlich. + +Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank +gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die +Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes. + +Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste! + +Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf +und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem +Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich alle +diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit +hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich +zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft drängte? +Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen tiefen Riß +gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm zuweilen in +einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. Trotzdem kam eine +gewisse Resignation über sie. Wie eine Reliquie verwahrte sie ihr +schönes Ballkleid in ihrem Schranke, sogar die Atlasschuhe, deren +Sohlen vom Parkettwachs eine bräunliche Politur bekommen hatten. +Emmas Herz ging es wie ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum +war etwas daran haften geblieben für immerdar. + +An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre +Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken auf: +»Ach, heute vor acht Tagen war es!« -- »Heute vor vierzehn Tagen +war es!« -- »Heute vor drei Wochen war es!« Allmählich aber +verschwammen in ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die +sie im Schlosse gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen +ihr. Sie vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen +hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre +Sehnsucht blieb zurück. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene +Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche +verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar den +Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem +mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein +Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf einem +kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, in +vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der träumerischen +Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch von Liebe wehte +aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine Hoffnung oder +eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese kleinen +Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen +Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die +Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als +sie noch auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen +und Stutzuhren aus den Zeiten der Pompadour lag? + +Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von +Tostes! Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name! +Paris! Sie flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte +ihr Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer +großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch +stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen. + +Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße vorbeifuhren +mit ihren Karren und die »Majorlaine« sangen, ward sie wach. Sie +lauschte dem Rasseln der Räder, bis die Wagen aus dem Dorfe hinaus +waren und es wieder still wurde. + +»Morgen sind sie in Paris!« seufzte die Einsame. Und in ihren +Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, durch Dörfer +und Städte, immer die große Straße hin in der lichten +Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein verschwommenes Ziel, wo +ihre Träume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von Paris und +machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch die Weltstadt. +Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder Straßenecke +stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan eingezeichnet war. Wenn +ihr die Augen schließlich müde wurden, schloß sie die Lider, und +dann sah sie im Dunkeln, wie die Flammen der Laternen im Winde +flackerten und wie die Kutschen vor dem Portal der Großen Oper +donnernd vorfuhren. + +Sie abonnierte auf den »Bazar« und die »Modenwelt« und studierte +auf das gewissenhafteste alle Berichte über die Premieren, Rennen +und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, wenn berühmte +Sängerinnen Gastspiele gaben oder neue Warenhäuser eröffnet +wurden; sie kannte die neuesten Moden, die Adressen der guten +Schneider; sie wußte, an welchen Tagen die vornehme Gesellschaft +im Bois und in der Oper zu finden war. Aus den Moderomanen lernte +sie, wie die Pariser Wohnungen eingerichtet waren. Sie las Balzac +und die George Sand, um wenigstens in der Phantasie ihre +Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte diese Bücher sogar mit +zu den Mahlzeiten und las darin, während Karl aß und ihr erzählte. +Und was sie auch las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an +den Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie +allerhand Beziehungen. Aber allmählich erweiterte sich der +Ideenkreis, dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den +er getragen hatte, erblich schließlich, um auf andren +Idealgeschöpfen wieder aufzuflammen. + +Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, so +stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, das +sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf ganz +bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in deutlichen +Bildern sah. Neben diesen -- man könnte sagen -- Symbolen des +mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel und Dämmerung zurück. + +Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte +sich auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale Tische, +auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu +Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter +heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels bildete sie +sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche Gesichter; man steht +früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt unglückliche Engel, +tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; die Männer, verkannte +Genies, kokettierend mit der Maske der Oberflächlichkeit, reiten +aus Übermut ihre Vollblüter zuschanden, die Sommersaison +verbringen sie in Baden-Baden, und wenn sie vierzig Jahre alt +geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt reiche Erbinnen. Die +dritte Welt, von der Emma träumte, war das bunte Leben und Treiben +der Künstler, Schriftsteller und Schauspielerinnen, das sich in +den separierten Zimmern der Restaurants abspielt, wo man nach +Mitternacht bei Kerzenschein soupiert und sich austollt. Diese +Menschen sind die Verschwender des Lebens, Könige in ihrer Art, +voller Ideale und Phantastereien. Ihr Dasein verläuft hoch über +dem Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang. + +Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut +wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens standen, um +so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was sie +unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen +armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam ihr wie +ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte zufällig, und +sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor seinen Toren, da begann +das weite, weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der +Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust und Luxus mit den +Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung mit Gefühlsfeinheiten +ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich wie die Pflanzen der Tropen, +nicht ihres eigenen Bodens und ihrer besondren Sonne? Seufzer bei +Mondenschein, innige Küsse, Tränen, vergossen auf hingebungsvolle +Hände, Fleischeslust und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war +ihr unzertrennlich von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von +Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von +blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden Brillanten +und goldstrotzender Dienerschaft. + +Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen +Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, um die Stute +zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch die Hausflur. +Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie zufrieden sein. +Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag über nicht wieder +blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, wenn er es geritten +hatte, selbst einzustellen. Während er Sattel und Zäumung aufhing, +warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor. + +Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus verlassen +hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in Dienst, +eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. Sie zog +sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte sie, ein +Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in ein +Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und Bügeln der +Wäsche und ließ sich von ihr beim Ankleiden helfen. Mit einem +Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe aus. Felicie -- so hieß +das neue Mädchen -- gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im +Hause. Die Hausfrau pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen. +Felicie nahm sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte +sie, wenn sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet +gesprochen hatte. Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich +oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die +Nachbarschaft klatschen. + +Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge und +einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie hätte +schreiben können. Häufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter nahm +sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in Träumereien +und ließ das Buch in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie eine +große Reise gemacht oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der +Wunsch zu sterben und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in +der gleichen Minute. + +Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. Er +frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte Krankenbetten, ließ +sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut spritzen, hörte dem +Röcheln Sterbender zu, prüfte den Inhalt von Nachttöpfen und zog +so und so oft schmutzige Hemden hoch. Abends aber fand er immer +ein gemütliches Feuer im Kamin, einen nett gedeckten Tisch, den +zurechtgesetzten Großvaterstuhl und eine allerliebst angezogene +Frau. Ein Duft von Frische ging von ihr aus; wer weiß, was das +war, ein Odeur, ihre Wäsche oder ihre Haut? + +Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. Sie +erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie besetzte +ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz +gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm +herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt +hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. Einmal sah +sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten allerlei Anhängsel +trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein andermal war es ihr +Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei große Vasen aus blauem +Porzellan stehen zu haben, oder sie wollte ein Nähkästchen aus +Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese +eleganten Neigungen begriff, so sehr übten sie doch auch auf ihn +eine verführerische Wirkung aus. Sie erhöhten die Freuden seiner +Sinnlichkeit und verliehen seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es +war, als ob Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel. + +Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand +längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht stolz +war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus und +flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen ein. Er war +Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In Wirklichkeit rührten +seine Erfolge daher, daß er Angst hatte, die Leute zu Tode zu +kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur beruhigende Arzneien +verschrieb und ihnen hin und wieder ein Abführmittel, ein Fußbad +oder einen Blutegel verordnete. In der Chirurgie war er allerdings +ein Stümper. Er schnitt drauflos wie ein Fleischermeister, und +Zähne zog er wie der Satan. + +Um sich in seinem Handwerk »auf dem laufenden zu halten«, war er +auf die »Medizinische Wochenschrift« abonniert, von der ihm einmal +ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der Hauptmahlzeit nahm er +sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme Zimmerluft und die +Verdauungsmüdigkeit brachten ihn regelmäßig nach fünf Minuten zum +Einschlafen. Das Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar +fiel wie eine Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe zu. +Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur +wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen +wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit sechzig Jahren, +wenn sich das Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in das +Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen Rockes gehängt +bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, hätte +Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in +ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt +aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam konsultiert worden war, +hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im Beisein der Verwandten +blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte erzählte, war Emma +maßlos empört über den Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn. +Die Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor Scham +ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am liebsten +verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den Gang hinaus, +öffnete das Fenster und sog die kühle Nachtluft ein. + +»Ach, was habe ich für einen erbärmlichen Mann!« klagte sie leise +vor sich hin und biß sich auf die Lippen. + +Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm er +allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch +zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen +leckte er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe +löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer +beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen drohten +allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu verschwinden. + +Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes +wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder +beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch +länger angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er +wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus nervöser +Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. Mitunter erzählte +sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus einem Roman oder +aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus dem Leben der oberen +Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte. +Schließlich war Karl wenigstens ein aufmerksamer und geneigter +Zuhörer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, das +Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren +Vertrauten machen! + +Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des +großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit +verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und +spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. Dabei +hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige +Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach +welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde, +welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches +Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er +fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten beladen bis +hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte, +rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich ereignen. Bei +jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann +betroffen, daß es immer noch nicht kam, das große Erlebnis. Wenn +die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von +neuem auf den nächsten Tag. + +Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer wurden +und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an Beklemmungen. +Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte sie sich an den +Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober seien. +Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder einen Ball. +Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein Brief oder ein +Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser Enttäuschung war ihr Herz +wieder leer, und das ewige Einerlei ihres Lebens hub von neuem an. + +Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die +Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, +sollten kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach +auch das Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die +Möglichkeit eines außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer +zieht häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und +verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb alles +beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie ein +langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war fest +verriegelt. + +Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer hörte ihr +denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in einem +Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem Konzertflügel vor +einer großen Zuhörerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger über +die Elfenbeintasten hinstürmen zu lassen und das Murmeln der +Verzückung um sich zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu +also das mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr +Zeichengerät und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles? +Wem zuliebe? Auch das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das +Lesen ließ sie. »Es ist immer wieder dasselbe!« sagte sie sich. + +Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins +oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel. + +Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur +Vesper läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen +Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die Dächer, gemächlich +und langsam, und wo ein bißchen Sonne war, machte sie einen +Buckel. Auf der Landstraße blies der Wind Staubwirbel auf. In der +Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem fort, in +gleichen Zeiträumen, der monotone Glockenklang, der über den +Feldern verhallte. + +Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in +Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her +laufenden Kinder in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf +bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des +Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde. + +Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben +mit Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch +mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag +über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die Lampen brennen. + +An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost +hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen +glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel +sang. Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh +umwickelt, und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste +Schlangen. Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte +den rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, +und graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht. + +Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß +die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der Wärme des +Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete schwerer auf +ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem Dienstmädchen zu +plaudern, aber dazu war sie zu stolz. + +Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der +Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die +Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm +mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die +Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem Dorfteiche +vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die Türklingel +irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, hörte man die +Messingbecken, die als Aushängeschilder vor dem Barbiergeschäfte +hingen, an ihre Stange klirren. Das Schaufenster schmückten ein +altes auf Pappe ausgeklebtes Modenkupfer und eine weibliche +Wachsbüste mit einer gelben Perücke. Der Friseur pflegte über +seinen brotlosen Beruf und seine jammervolle Zukunft zu +lamentieren; sein höchster Traum war ein Laden in einer großen +Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch +wanderte er den ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der +Kirche hin und her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary +durch ihr Fenster blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen +Rock, die Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin +und her patrouillieren. + +Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers ein +sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen Schnurrbarte und +einem trägen Lächeln um den Mund, in dem die Zähne leuchteten. +Alsbald begann eine Walzermelodie aus einem Leierkasten, auf +dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut war mit daumenhohen +Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, Tiroler in +Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in Kniehosen; alle +tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen und Tischen, wobei +sie sich in Spiegelstücken vervielfältigten, die mit Goldpapier +aneinandergereiht waren. Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und +spähte dabei nach rechts und links nach allen Fenstern. Hin und +wieder spie er einen langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen +die Prellsteine oder stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe, +dessen Gurt ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald +schwermütig und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die +Musik hinter dem roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft +ausgestanzten Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es +waren Melodien, die gerade Mode waren und die man überall hörte, +in den Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt, +die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im +Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen. +Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre +Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu +Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden Gaben +in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen Kasten mit +einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den Rücken und verließ das +Dorf schweren Schrittes. Emma schaute ihm lange nach. + +Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer unten im +Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, die Wände waren +feucht und der Fußboden kalt. Die ganze Bitternis ihres Daseins +schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und aus dem Dampf des +ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der Brodem ihres +ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl aß und aß, +während sie ein paar Nüsse knackte oder, auf die Ellenbogen +gestützt, sich damit vergnügte, mit der Messerspitze allerlei +Linien in das Wachstuch zu kritzeln. + +In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre +Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach +Tostes kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in +ihrem Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr +tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne +Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man +müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, fügte aber +hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus glücklich, und in +Tostes gefalle es ihr über alle Maßen. Mit solch wunderlichen +Reden beschwichtigte sie die alte Frau Bovary. Im übrigen zeigte +sie sich für die guten Lehren der Schwiegermutter nicht +empfänglicher denn früher. Als diese gelegentlich die Bemerkung +machte, die Herrschaft sei für die Gottesfurcht der Dienstboten +verantwortlich, ward Emmas Antwort von einem so zornigen Blick und +einem so eiskalten Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht +wieder zu nahe kam. + +Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich besondre +Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; an dem +einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein Dutzend +Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und bald +war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle +Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie +das Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten +Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft ausgehen. +Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen Leuten alles +Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie eigentlich gar +nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle Menschen, die +auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang etwas von der +Härte der väterlichen Hände in ihrem Herzen behalten. + +Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an +seine Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei +Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis war, +leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem +Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten, +Kälbern, Kühen, Hühnern und von den Gemeinderatssitzungen. Wenn er +wieder hinausgegangen war, schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl +der Befriedigung ab, das ihr selber sonderbar vorkam. + +Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan +immer weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten +Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut hielten, und +billigte Dinge, die für unnatürlich oder unmoralisch erklärt +wurden. Karl machte mitunter verwunderte Augen dazu. + +Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer +wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch +ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In +Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs +waren als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie +verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und drückte ihr +Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht nach dem Tumult +der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und frechen Freuden und +allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und die es doch gab. + +Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete +ihr Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch +reizsamer. + +An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine Fieberkranke. +Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher Umschlag in einen +Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne sich +zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein Belebungsmittel: das +Übergießen mit Kölnischem Wasser. + +Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete sich +Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen örtlichen +Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich daran zu denken, +sich in einer andren Gegend niederzulassen. + +Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager +werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor +jegliche Eßlust. + +Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt, +nach vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es +mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen +Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden; +Luftveränderung wäre vonnöten. + +Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in +Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem größeren +Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige Arzt, ein +polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht das Weite gesucht +hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte sich, +wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die nächsten Kollegen +entfernt säßen und wie hoch die Jahreseinnahme des Verschwundenen +gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend aus, und infolgedessen +entschloß sich Bovary, zu Beginn des kommenden Frühjahres nach +Abtei Yonville überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht +gebessert habe. + +Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem +Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der +Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren grau vor +Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war ausgefranst. +Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf wie trocknes +Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger Busch über der +Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah +Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, die Drähte +krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die verkohlte +Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im Kamine hin +und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den Rauchfang +hinaufflogen ... + +Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer guten +Hoffnung entgegen. + + + + +Zweites Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei, +von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein +Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der +Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im Tale +der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe seiner +Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, nach +denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer +Belustigung angeln. + +Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf der +Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland offen vor +sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei deutlich +unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts ist alles +bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften der Landschaft +Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen Hügelkette begrenzt, +während die Ebene gegen Osten allmählich ansteigt und sich im +Unermeßlichen verliert. So weit das Auge reicht, schweift es über +meilenweite Kornfelder. Das Gewässer sondert wie mit einem langen +weißen Strich das Grün der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so +liegt das ganze Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber +Mantel mit einem grünen silberngesäumten Samtkragen. + +Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil +und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen, +senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die Wege, +die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen auf dem +Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen Quellen drinnen +im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten hinab ins Land +schicken. + +Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der +Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich +behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner noch in +seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. Von hier +kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen Bezirks von +Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung dieser Gegend +kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel Dünger +verlangt. + +Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach Yonville. +Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter »Hauptvizinalweg« +angelegt, der die beiden großen Heeresstraßen von Abbeville und +von Amiens untereinander verbindet und bisweilen von den +Fuhrleuten benutzt wird, die von Rouen nach Flandern fahren. Aber +trotz dieser »neuen Verbindungen« gelangte Yonville zu keiner +rechten Entwicklung. Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu +legen, blieb man hartnäckig immer noch bei der +Weidebewirtschaftung, so kargen Gewinn sie auch brachte; und die +träge Bewohnerschaft baut sich auch noch heute lieber nach dem +Berge statt nach der Ebene zu an. Schon von weitem sieht man den +Ort am Ufer lang hingestreckt liegen, wie einen Kuhhirten, der +sich faulenzend am Bache hingeworfen hat. + +Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln +besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften +des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den +Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte +Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, dazwischen +buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und andres Gerät +hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie bis an die Augen ins +Gesicht hereingezogene Pelzmützen aus; sie verdecken ein Drittel +der niedrigen Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres +Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten +Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben +drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf den +Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken. + +Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher +aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser +hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein +Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder +drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. Weiterhin +leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein weißes +Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem Amor in der +Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die Freitreppe +flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild mit Wappen glänzt +am Tore. Es ist das Haus des Notars, das schönste der ganzen +Gegend. + +Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt +der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie +herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, liegt +Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu ein +Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes Gras grüne +Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein Neubau aus der +letzten Zeit der Regierung Karls des Zehnten. Das hölzerne Dach +beginnt bereits morsch zu werden. Auf dem blauen Anstrich der +Decke über dem Schiff zeigen sich stellenweise schwarze Flecken. +Über dem Eingang befindet sich da, wo gewöhnlich sonst in der +Kirche die Orgel ist, eine Empore für die Männer, zu der eine +Wendeltreppe hinaufführt, die laut dröhnt, wenn man sie betritt. + +Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die farblosen +Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von Längswand zu +Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind Strohmatten +befestigt, und Namensschilder verkünden weithin sichtbar: »Platz +des Herrn Soundso.« Wo sich das Schiff verengert, steht der +Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild der Madonna, die ein +Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter silbernen Sternen +besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so knallrot angemalt wie die +eines Götzenbildes auf den Sandwichinseln. Im Chor über dem +Hochaltar schimmert hinter vier hohen Leuchtern die Kopie einer +Heiligen Familie von Pietro Perugino, eine Stiftung der Regierung. +Die Chorstühle aus Fichtenholz sind ohne Anstrich. + +Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen »die Hallen« +ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. Das Rathaus, +nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten in antikem Stil +erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des Platzes neben der +Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine dorische Säulenhalle, der erste +Stock eine offene Galerie, und darüber im Giebelfelde haust ein +gallischer Hahn, der mit der einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt +und in der andern die Wage der Gerechtigkeit hält. + +Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die Apotheke des +Herrn Homais, schräg gegenüber vom »Gasthof zum goldnen Löwen«. +Zumal am Abend, wenn die große Lampe im Laden brennt und ihr +helles, durch die bunten Flüssigkeiten in den dickbauchigen +Flaschen, die das Schaufenster schmücken sollen, rot und grün +gefärbtes Licht weit hinaus über das Straßenpflaster fällt, dann +sieht man den Schattenriß des über sein Pult gebeugten Apothekers +wie in bengalischer Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis +unten mit Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen +Schriftarten ausschreien: »Mineralwasser von Vichy«, +»Sauerbrunnen«, »Selterswasser«, »Kamillentee«, »Kräuterlikör«, +»Kraftmehl«, »Hustenpastillen«, »Zahnpulver«, »Mundwasser«, +»Bandagen«, »Badesalz«, »Gesundheitsschokolade« usw. usw. Auf der +Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in mächtigen +goldnen Buchstaben: »Homais, Apotheker«. Drinnen, hinter den +hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest man über +einer Glastüre das Wort »Laboratorium« und auf der Tür selbst noch +einmal in goldnen Lettern auf schwarzem Grunde den Namen »Homais«. + +Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die +Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und hat +zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung ist der +Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und dem Hange +folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof. + +Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer +niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land +vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch +unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach +dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch +Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen der +Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das unbenutzte +Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber von Jahr zu +Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es brauchte bloß +wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte er nicht, ob er +sich über die vielen Toten freuen oder über ihre neuen Gräber +ärgern solle. + +»Lestiboudois, Sie leben von den Toten!« sagte eines Tages der +Pfarrer zu ihm. + +Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine +Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis +auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er +versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber. + +Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in +Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf der +Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch immer +flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei Kattunwimpel im +Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der Apotheke häßliche +Präparate in Glasbüchsen voll trübgewordnem Alkohol, und ganz wie +einst zeigt der alte, von Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe +über dem Tore des Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne. + +An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen sollte, +war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig beschäftigt, daß +ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der Schweiß von der Stirne +perlte. Am folgenden Tag war nämlich Markttag im Städtchen. Da +mußte Fleisch zurechtgehackt, Geflügel ausgenommen, Bouillon +gekocht und Kaffee gebrannt werden. Daneben die regelmäßigen +Tischteilnehmer und heute obendrein der neue Doktor nebst Frau +Gemahlin und Dienstmädchen! Am Billard lachten Gäste, und in der +kleinen Gaststube riefen drei Müllerburschen nach Schnaps. Im +Herde prasselte und schmorte es, und auf dem langen Küchentische +paradierten neben einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die +nach dem Takte des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat +zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker der +Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die +Köpfe abschneiden wollte. + +Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an seinem +schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des Gastzimmers den +Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar Blatternarben. Sein ganzes +Wesen strahlte förmlich von Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte +er genau so gleichmütig dahin wie der Stieglitz, der oben an der +Decke in seinem Weidenbauer herumhüpfte. Dieser Herr war der +Apotheker. + +»Artemisia!« rief die Wirtin. »Leg noch ein bißchen Reisig ins +Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps hinein! Und +mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich den Herrschaften, +die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen soll? Heiliger +Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft hören mit ihrem +Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und der Möbelwagen +steht draußen immer noch mitten auf der Straße, gerade vor der +Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine Karambolage geben. +Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen beiseiteschieben ... Was +ich sagen wollte, Herr Apotheker, diese Leute spielen schon den +ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei der fünfzehnten Partie und +beim achten Schoppen Apfelwein! Man wird mir noch ein Loch ins +Tuch stoßen!« + +Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins +Gastzimmer gelaufen. + +»Das wär auch weiter kein Malheur!« meinte Homais. »Dann schaffen +Sie gleich ein neues Billard an!« + +»Ein neues Billard!« jammerte die Witwe. + +»Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr viel! +Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr eigner Schaden! +Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen passionierte Spieler +große Bälle und schwere Queues. Mit solchen Bällchen spielt man +nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! Man muß modern sein! Sehen Sie +sich mal bei Tellier im Café Français ...« + +Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort: + +»Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist handlicher als +Ihrs. Und wenn es heißt, eine patriotische Poule zu entrieren, +sagen wir: zum Besten der vertriebenen Polen oder für die +Überschwemmten von Lyon ...« + +»Ach was!« unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. »Vor dem +Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen Sies nur +gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe bestehen wird, +sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber Ihr geliebtes +Café Français, das wird eines schönen Tages die Bude zumachen! +Oder vielmehr der Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres +Billard anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und +wenn Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten! +Nee, nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der +Hivert!« + +»Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die Post +gekommen ist?« fragte Homais ungeduldig. + +»Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag sechs, +einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit gibts auf der +ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit urdenklichen Zeiten seinen +Stammplatz in der kleinen Stube. Er ließe sich eher totschlagen, +als daß er wo anders äße. Was Schlechtes darf man dem nicht +vorsetzen. Und auf den Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er +ist nicht wie Herr Leo, der heute um sieben und morgen um halb +acht erscheint und alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein +feiner junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm +gehört.« + +»Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine +Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und +jetzigen Steuereinnehmer!« + +Es schlug sechs. Binet trat ein. + +Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren +Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte +ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem +langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug eine Weste +aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen und tadellos +blankgewichste Schuhe, die vorn besonders ausgearbeitet waren, +weil er dauernd an geschwollenen Zehen litt. Sein blonder +Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte ihm das lange +bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der Adlernase wie eine +Hecke den Garten. Er war ein Meister in jeglichem Kartenspiel und +ein guter Jäger, hatte eine hübsche Handschrift und besaß zu Hause +eine Drehbank, auf der er zu seinem Vergnügen Serviettenringe +drechselte. Er hatte ihrer schon eine Unmenge, die er mit der +Eifersucht eines Künstlers und dem Geiz des Spießers hütete. + +Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber die +drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während man drin +für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm in der Nähe +des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte die Türe ein und +nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so seine Ordnung. + +»An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!« bemerkte +der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein war. + +»Er redet nie viel,« entgegnete diese. »Vergangene Woche waren +zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend +Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen. +Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene +verzogen.« + +»Ja, ja,« sagte der Apotheker, »der Mensch hat keine Phantasie, +keinen Witz, keinen geselligen Sinn!« + +»Er soll aber wohlhabend sein,« warf die Wirtin ein. + +»Wohlhabend?« echote Homais. »Der und wohlhabend!« Und gelassen +fügte er hinzu: »Gott ja, so für seine Verhältnisse. Das ist schon +möglich!« + +Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: »Hm! Wenn ein Kaufmann, der +ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein Arzt, ein +Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum Griesgram +oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor gibt es Beispiele +und Exempel. Solche Leute haben immerhin Gedanken im Kopfe. Wie +oft ists mir nicht selber passiert, daß ich meinen Federhalter auf +meinem Schreibtische gesucht habe, um ein Schildchen auszufüllen +oder so was, -- und weiß der Kuckuck, schließlich hatte ich ihn +hinterm rechten Ohre stecken!« + +Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob die +Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da trat +ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das Dämmerlicht +beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß seine herkulischen +Linien. + +»Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?« fragte die Wirtin und +nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren weißen +Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. »Haben Ehrwürden +einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen Schoppen Wein?« + +Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines +Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte stehen +lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn gelegentlich +holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er sich, um +nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria geläutet ward. + +Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, machte +der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben sehr +ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung abzuschlagen, +sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche Heuchelei. Die +Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am liebsten möchten sie +den Zehnten wieder einführen. + +Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater. + +»Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber +zugleich auf!« meinte sie. »Voriges Jahr hat er unsern Leuten beim +Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf einmal +getragen. So stark ist er!« + +»Natürlich!« rief Homais aus. »Schickt nur Eure Mädels solchen +Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate was zu sagen hätte, +dann kriegte jeder Pfaffe aller vier Wochen einen Blutegel +angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier Wochen einen +ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und Sittlichkeit im +Lande!« + +»Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!« + +Homais erwiderte: + +»Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert als +die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. Ich +verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine höhere +Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht in Frage. +Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre Pflichten als +Staatsbürger und Familienväter erfüllen. Aber ich habe kein +Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, silbernes Gerät zu küssen und +eine Bande von Possenreißern aus meiner Tasche zu mästen, die sich +besser hegen und pflegen als ich mich selber. Gott kann man viel +schöner verehren im Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach +antiker Anschauung angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott +ist der Gott der Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus +Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die unsterblichen +Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den sogenannten +lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der Hand gemütlich +durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in einem +Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am +dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an und +für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! Es +beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der schmachvollen +Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen möchten, mir +Wollust selber herumsielen.« + +Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich ins +Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem Gemeinderat. Die +Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. Sie lauschte draußen +und vernahm ein fernes rollendes Geräusch. Bald hörte sie deutlich +das Rasseln der Räder und das Klappern eines lockeren Eisens auf +dem Pflaster. Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre. + +Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die bis an +das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem Reisenden jegliche +Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. Die winzigen Scheiben in +den Wagenfenstern klirrten in ihrem Rahmen. Wenn man sie +heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und Straßenschmutz starrten. +Der stärkste Platzregen hätte sie nicht rein gewaschen. Das +Fahrzeug war mit drei Pferden bespannt: zwei Stangen- und einem +Vorderpferde. + +Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles +redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer +wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine +Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er +zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei Aufträge +für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er machte Einkäufe, +brachte dem Schuster Leder und dem Schmied altes Eisen mit; er +besorgte der Posthalterin eine Tonne Heringe, holte von der +Modistin Hauben und vom Friseur Lockenwickel. Auf dem Rückwege +verteilte er dann die Pakete längs seiner Fahrstraße. Wenn er am +Gehöft eines Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle +und warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er sich +von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke ohne +Zügel laufen ließ. + +Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys Windspiel +querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff man nach +ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller +Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich +aber mußte weitergefahren werden. + +Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück +schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post +fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten +von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen +Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter +anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von +Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben sollte. +Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen gelaufen und +hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein eigner Vater +hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf Jahre weg. Eines +Abends, als der alte Lheureux durch die Stadt nach dem Gasthaus +ging, sprang der Hund an ihm hoch. + + + + +Zweites Kapitel + + +Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und +eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke +beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen. + +Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der »gnädigen Frau« +und dem »Herrn Doktor« gegenüber in Galanterien und Höflichkeiten. +Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben, +ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in herzlichem Tone fügte er +hinzu, er lüde sich für heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei +Strohwitwer. + +Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den +Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu +den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit schwarzledernen +Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in der die Hammelkeule +am Spieß gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt +und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre +poröse weiße Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von +Zeit zu Zeit schlössen. Der Luftzug strich durch die halboffene +Tür und rötete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am +Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem +Haar, der sie stumm betrachtete. + +Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der +Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich gehörig in +Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters absichtlich zu spät, +in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause +verplaudern zu können. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar +nichts zu tun hatte, mußte er aus Langeweile wohl oder übel +pünktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Käse Binets +Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht, +heute mit den neuen Gästen zusammen zu essen; er war mit Vergnügen +darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal für vier +Personen gedeckt worden. + +Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein +Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht. + +Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten. + +»Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?« begann er. »In +unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerüttelt.« + +»Freilich!« gab Emma zur Antwort. »Aber dieses Drüber und Drunter +macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.« + +»Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!« seufzte +der Adjunkt. + +»Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen müßten ...«, +warf Karl ein. + +Leo wandte sich an Emma: + +»Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein guter +Reiter sein.« + +»Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend +ziemlich bequem«, meinte der Apotheker. »Die Wege sind nämlich +soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im +allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind +wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir, +abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und +Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl Fälle +von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten schwere +Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die zahlreichen +skrofulösen Leiden, die zweifellos von den kläglichen hygienischen +Verhältnissen in den Bauernhäusern herrühren. Ja, ja, Herr Bovary, +Sie werden öfters mit altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und +vielfach werden Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle +Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute +hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit +Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt daß sie von +vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im übrigen ist +das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche +Neunzigjährige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die +Maximalkälte im Winter 4° Celsius, während wir im Hochsommer auf +25°, höchstens 30° kommen. Das wäre ein Maximum von 24° Reaumur. +Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor +den Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den +Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese +Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses +und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten +hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also +Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff +und Sauerstoff!), -- diese Wärme, die den Humus aussaugt und alle +Dünste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke +zusammenballt und sich mit der Elektrizität der Atmosphäre +verbindet, die könnte schließlich (wie in den Tropenländern) +gesundheitsschädliche Miasmen erzeugen --, diese Wärme, sag ich, +wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen +könnte, das heißt im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die +ihre Kühle über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich +als sanftes Mailüfterl wehen ...« + +»Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?« +fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches mit dem jungen Manne. + +»Leider nur sehr wenige«, entgegnete er. »Einen hübschen Ort gibt +es auf der Höhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort +sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh +mir den Sonnenuntergang an.« + +»Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,« schwärmte +Emma, »zumal am Gestade des Meeres!« + +»Ach, ich bete das Meer an!« stimmte Leo bei. + +»Haben Sie nicht auch die Empfindung,« fuhr Frau Bovary fort, »daß +die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt, +die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben, +in die Sphäre der Ideen, der Ideale?« + +»Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso«, meinte Leo. »Ich habe +einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht +hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, könne man sich +den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber +der Wasserfälle und den großartigen Eindruck der Gletscher. Über +Gießbächen hängen riesige Fichten, und am Rande von tiefen +Abgründen kleben Alpenhütten; und wenn die Wolken einmal +zerreißen, erblickt man tausend Fuß unten in der Tiefe die langen +Täler. Wer das schaut, muß in Begeisterung geraten, in +Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen +berühmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften +arbeiten konnte.« + +»Treiben Sie Musik?« fragte Emma. + +»Nein, aber ich liebe die Musik!« antwortete er. + +»Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!« mischte sich Homais ein. +»Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewiß, mein +Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das +Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem +Laboratorium aus gehört. Sie haben eine Stimme wie ein +Opernsänger!« + +Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im zweiten +Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem +Komplimente seines Hauswirtes wurde er über und über rot. + +Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die +bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er wußte +tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das Vermögen des +Notars könne er nichts Genaues sagen. Auch über die Familie +Tüvache munkele man so allerlei. + +Emma fuhr fort: + +»Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?« + +»Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...« + +»Kennen Sie die Italiener?« + +»Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich habe die +Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu +vollenden.« + +»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,« +sagte wiederum der Apotheker, »als ich ihm von dem armen +Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den +Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der +komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre +Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das Vorhandensein einer +Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch +unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle +denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein großes Eßzimmer, eine +Küche mit Speisekammer, eine Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr +Vorgänger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht +ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen, +da hat er sich ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an +Sommerabenden sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die +Blumenzucht liebt ...« + +»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl. +»Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie +lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.« + +»Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als +abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen, +während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?« + +»So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen +schwarzen Augen voll an. + +Er fuhr fort: + +»Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man +sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man +wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden +Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich +in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der +Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigne +Herz in ihnen.« + +»Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus. + +»Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer +bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar +längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit +einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem, +als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...« + +»Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie. + +»Und darum«, fuhr er fort, »liebe ich die Dichter über alles. Ich +finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren so schön zu +Tränen!« + +»Aber sie ermüden auf die Dauer,« wandte Emma ein, »und daher +ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und +aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme +Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.« + +»Gewiß,« bemerkte der Adjunkt, »die naturalistischen Romane haben +dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner +Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so süß, sich +aus den Häßlichkeiten des Daseins herauszuzüchten, wenigstens in +Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu +glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen +Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville +wenig Gelegenheit ...« + +»Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich +ständig in einer Leihbibliothek abonniert.« + +Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau +mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu +benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten +Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein +paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von +Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges, +Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.« + +Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne +Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen +saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln +hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer +wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend +von selber zuklappte. + +Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte, +einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem +Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen +und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie +mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder +entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich +Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen +Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen +andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu +bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze, +die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte, +und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in +ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war. + +Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen +Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die +kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen +Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben. +Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau +Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem +Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch +hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran. + +Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem +Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war +hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur +fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich +alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander. + +Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die +Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte +Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die +Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel +fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen +Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein +Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden +Dämpfe. + +Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen, +Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer +hatten alles so stehen und liegen lassen. + +Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das +erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das +zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß +Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein +neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß +sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen +könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so +müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein. + + + + +Drittes Kapitel + + +Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den +Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute +zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und +schloß das Fenster. + +Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es +sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand +er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische +saß. + +Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis +dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame« +geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche +Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem +unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine +gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei +zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er +hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich +in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen +Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er +aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen +Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten +spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und +Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war; +öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem +Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und +dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch +besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens +Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von +diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art +»Mann für alles« geworden war. + +Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary +die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen +Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an +der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen +geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und +billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den +Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und +Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von +Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs +Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde. + +Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem +Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich +früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI +verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der +sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines +Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor +den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte +ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf +dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer +Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem +Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es +war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser. +Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren. +Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die +Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier +Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem +Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine +bringen. + +Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und +Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche +Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war +und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in +ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary +durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit +ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen, +falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden. +Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ +er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein +wenig mit ihm zu schwatzen. + +Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang +saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er +machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau +beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen, +verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die +Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die +Anstreicher dagelassen hatten. + +Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes +eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im +Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug. +Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren +daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war +vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der +tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in +tausend Stücke zerschellt war. + +Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner +Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so +liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande +von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen +Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen +Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer +miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem +Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in +seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte +ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer +herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend +zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der +Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte +ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was +Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt +sein. + +In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann +kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie +wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als +sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen +und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine +plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung +selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in +Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden +dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich +stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe +von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei +allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch +Emma mehr daran zu denken. + +Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark +sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem +männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine +Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein +nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier +Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf +gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten +Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten. +Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den +Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie +den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt +es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen +möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht +losläßt. + +An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als +die Sonne aufging. + +»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl. + +Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich +auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu +umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige +Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue +Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten. + +Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind +bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch +klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr +gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte +den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber +davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch +und bat jeden Besucher um einen Vorschlag. + +»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber +gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen +Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die +Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau +Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für +Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke +erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen +Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die +Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia +(zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine +philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der +Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den +Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu +scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren. + +Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört +hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise« +angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die +Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde +Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk +allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs +Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade +und sechs Päckchen Malzbonbons. + +Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer +erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein +patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole +vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze +aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand +darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine +»Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß. +Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen +Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches +Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen +baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich +ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. +Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten +Kaffeetasse. + +Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und +verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit +Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf +dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker +Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen +Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was +selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine +Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an +Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß. + +Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in +der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg, +von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten, +die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte +Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte +er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!« + +Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück +ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen +unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben, +und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch +schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen. + +Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in +die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht, +das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den +Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes, +zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag. + +Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen. +Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren +Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte. +Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen +weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo +eintreten und sich ausruhen sollte. + +In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine +Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und +stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem +Lheureuxschen Modewarenladen. + +Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte, +aber müde zu werden beginne. + +»Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen. + +»Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des +Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend +desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die +Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens, +Frau Bovary habe sich kompromittiert.) + +Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der +Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen, +der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der +Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den +Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden +Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken +in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der +kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre +Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte. + +Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich +auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor +ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit +ganz leisem Summen. + +Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es +umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache. +Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine +Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat, +Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An +der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen +rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch +verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote +baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke +flatterte ein großes Stück Leinwand. + +Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind +an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich +aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines +Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in +Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten. + +»Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft +drinnen.« + +In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein +großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der +Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In +der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit +blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder +herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein +Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen +Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine +»trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik, +das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war. + +Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie +nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann +es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang. + +Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen +Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam +vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte, +sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind +wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am +Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke +abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon. + +»Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe +weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie +doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß +ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche +brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann +nicht immer zu stören.« + +»Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!« + +Beim Hinausgehen schüttelte sie sich. + +Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie +in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so +häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen, +daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen +gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch +trinke, reiche ich damit vier Wochen.« + +Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich +hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie +mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie +das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte +sich um. Es war die Amme. + +»Was wollen Sie noch?« + +Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von +ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs +Franken Pension im Jahre ...« + +»Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall. + +»Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen +jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird +böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie +wissen, wie die Männer sind ...« + +»Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken! +Sie langweilen mich.« + +»Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die +schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten +Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...« + +»Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma. + +»Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte, +»wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals +einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...« + +Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus: + +»Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer +Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...« + +Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie +Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde +sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war, +glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen +Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes +wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand +fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst +trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten; +er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische +aufbewahrte. + +Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in +der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man +drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von +den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß +lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser +neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung +treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und +wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen +und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen +Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die +Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen +Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so +verlassen ... + +Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die +junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang +ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie +redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid. + +Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie +nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die +Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen +Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres +Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab. +Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder +Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick +in den Spitzen hängen. + +Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst +im Rouener Theater gastieren sollte. + +»Werden Sie hinfahren?« fragte Emma. + +»Wenn ich kann, ja!« + +Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen +sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so +banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im +Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer +Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem +oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen +Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre +Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen. +Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit +über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch +herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne +den Horizont nach dem Woher zu fragen. + +An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen +und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die +Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma +eine Weile stehen, um zu erspähen, wohin sie den nächsten Schritt +zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen +hoch und beugte sich vornüber. Aber bei aller Hilflosigkeit und +Angst, in den Tümpel zu treten, lachte sie doch. + +Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte +auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in +seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in +einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich +ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von +Argueil ein Stück hinauf, nach dem »Futterplatz« am Waldrande. +Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das +Himmelsblau, die Hände locker über den Augen. + +»Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!« seufzte er. + +Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als +Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem gräßlichen +Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten +Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte auch der +geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit +gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen +Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville? +Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin, +sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter, +Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in +der Wirtschaft ließ sie alles drunter und drüber gehn. Sie war +eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewöhnlich aus und war in +ihrer Unterhaltung höchst beschränkt. Alles in allem war sie eine +ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre +alt war und er zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und +obgleich er täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in +den Sinn gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit +ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Röcke. + +Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar +Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den +Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige, +mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten, +unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit +denen zu verkehren glatt unmöglich war. + +Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab, +einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lägen +tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er +Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte +die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn +bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht, +für aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem +vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmöglich schien. + + + + +Viertes Kapitel + + +Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem +Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen niedrigen Raume +im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle +und betrachtete die Leute, die draußen vorübergingen. + +Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen +Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie +neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an +der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet und ohne den +Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, auf dem +Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, überlief sie ein +Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten seines Schattens. Dann +fuhr sie auf und befahl das Essen. + +Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen in +der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu stören, +jedesmal mit derselben Redensart: »Guten Abend, die Herrschaften!« +Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den +Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits +erkundigte, ob diese auch zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten +sich die beiden über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um +diese Stunde wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte +sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle +darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und Auslands. Wenn +auch dieser Gesprächsstoff erschöpft war, konnte er ein paar +Bemerkungen über die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrücken. +Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary +artig auf das zarteste Stück Fleisch aufmerksam, oder er wandte +sich an das Dienstmädchen und gab ihr Ratschläge über die +Zubereitung eines Ragouts oder über die richtige Verwendung der +Gewürze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über +aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu +sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen +in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig +und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle +neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder +das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine +wieder verwendbar zu machen. + +Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum +Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen +Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer war. Er +kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für das Haus des +Arztes. + +»Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!« meinte er. »Der +Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmädel +verguckt!« + +Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche +auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. Beispielsweise +sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn +er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu +schaffen. + +An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige Gäste. +Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen +Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und +seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt stellte +sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel hörte, eilte er +Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die +Überschuhe, die sie bei Schnee trug. + +Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten +Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half ihr. +Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles gestützt, betrachtete +er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei +jeder ihrer Bewegungen während des Kartenspiels raschelte ihr +Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte +ihre Haut einen bräunlichen Farbenton, der sich nach dem Rücken zu +aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock +bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine +Menge Falten und bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und +wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet, +zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen getreten. + +Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu +spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und +sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die »Illustrierte Zeitung« an. +Oft hatte sie auch ihren »Bazar« mitgebracht. Leo nahm neben ihr +Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit +dem Umblättern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte +vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten +Stellen flüsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine störte ihn. +Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch +unverschämtes Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren, +setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange, +da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im +Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte ihm +zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm +herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer Kutsche +und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit +einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die +eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie lispelnd +miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so süßer, als +niemand ihrer lauschte. + +So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein +fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, der +keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. Zu +seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, der +über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine +Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach +Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. Als infolge +eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein +Exemplar, das er während der Fahrt in der Post vor sich auf den +Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger. + +Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre +Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim +Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden. + +Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine +Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle +Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem +Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Köchin; sogar seinem +Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber +warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare +Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es +unumstößlich fest: sie war »seine gute Freundin.« + +Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er +unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und Klugheit +schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig grob: + +»Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der Clique!« + +Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma +erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, sich +ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine Feigheit. Er +vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft +genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. Er schrieb Briefe, +die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch +verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr, +alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut, +und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart +zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen, +war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der »gnädigen Frau« adieu +und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stück von ihr? + +Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war +ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter +Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die +Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen entreißt, +wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund +schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den flachen Dächern +der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so +wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit +einem Male den Riß in der Mauer bemerkt hätten. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite. + +Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen +Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine +halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon und +Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben sollten; +und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf der +Schulter. + +Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger als +sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem zwischen Sand- und +Steinhaufen bereits ein paar verrostete Maschinenräder lagen, zog +sich im Viereck ein Gebäude mit einer Menge kleiner Fenster hin. +Es war noch nicht ganz vollendet; durch den ungedeckten Dachstuhl +erblickte man den grauen Himmel. An einem Giebelhaken hing ein +Hebefestkranz aus Stroh und Ähren mit einem im Winde flatternden +weiß-rot-blauen Wimpel. + +Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die +künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die Stärke der +Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr bedauerte, kein +Metermaß bei sich zu haben. + +Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig auf +seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der +Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel kämpfte. +Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er hatte seine +Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht hereingezogen. Seine +dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm einen blöden Zug +verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein behäbiger Rücken ärgerte +sie. Sie fand, die breite Fläche seines Mantels kennzeichne die +ganze Plattheit von Karls Persönlichkeit. + +Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse +perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn +bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, Sanftes brachte. +Sein vorn offener Kragen ließ zwischen Krawatte und Hals ein Stück +Haut sehen; von seinem Ohr lugte ein Teilchen zwischen den +Strähnen seines Haars hervor, und seine großen blauen Augen, die +zu den Wolken aufschauten, kamen Emma viel klarer und schöner vor +als in den Gedichten die Bergseen, in denen sich der Himmel +spiegelt. + +»Rabenkind!« schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf seinen +Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um schöne +weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig ausgescholten wurde, +begann er laut zu heulen. Justin versuchte, ihm die Stiefelchen +mit einem Strohwisch zu reinigen, aber ohne Messer ging das nicht. +Karl bot ihm seins an. + +»Unerhört!« dachte Emma bei sich. »Er trägt ein Messer in der +Tasche wie ein Bauer!« + +Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den +Heimweg nach Yonville. + +An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten hinüber. +Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, begann sie die +beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der andere stand in +geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der eigentümlichen +Linienveränderung, die das menschliche Gedächtnis vornimmt. Von +ihrem Bette aus sah sie die lichte Glut im Kamin und daneben -- +ganz so wie vor ein paar Stunden -- Leo, den Freund. Er stand da, +in gerader Haltung, in der rechten Hand den Spazierstock, und +führte an der andern Athalia, die bedächtig an einem Eiszapfen +saugte. Diese Szene hatte ihr gefallen, und sie konnte von diesem +Bilde nicht loskommen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er an +andern Tagen ausgesehen hatte, welche Worte er gesagt, in welchem +Tone. Wie sein Wesen überhaupt sei ... + +Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor +sich hin: »Ach, süß, süß!« Und dann fragte sie sich: »Ob er eine +liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!« + +Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor Freude. +Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche Lichter. Emma +legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme weit aus. + +Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: »Ach, warum hat es der +Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem Grunde?« + +Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als wache +sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll auszog, klagte sie +über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte sie aber, wie der Abend +verlaufen sei. + +»Leo ist heute zeitig gegangen«, erzählte Karl. + +Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten +Glückseligkeit schlummerte sie ein. + +Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn +Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen pflegt, +mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener Gascogner, war er +doch ein vollkommener Normanne geworden; er einte in sich die +lebhafte Redseligkeit des Südländers und die nüchterne +Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein feistes, +aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah aus, als sei es mit +Süßholztinktur gefärbt, und sein weißes Haar brachte den scharfen +Glanz seiner munteren schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was +er früher getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei +Hausierer gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas +aber stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen +ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war er +kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung herum, +als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte. + +Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe +ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich +dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß er +ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings sei +eine »armselige Butike« wie die seine nicht gerade verlockend für +eine »elegante Dame«. Diese beiden Worte betonte er ganz +besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache sich +anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, Wäsche, +Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre regelmäßig viermal +im Monat nach der Stadt und stehe mit den ersten Firmen in +Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm erkundigen. Heute +komme er nur ganz im Vorübergehen, um der gnädigen Frau ein paar +feine Sachen zu zeigen, die er durch einen ganz besonders +günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. Dabei packte er aus dem +Kasten ein halbes Dutzend gestickter Halskragen. + +Frau Bovary besah sie sich. + +»Ich brauche nichts«, bemerkte sie. + +Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher +aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar strohgeflochtne +Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus Kokosnußschale, +filigranartige Schnitzarbeiten von Sträflingen. Sich mit beiden +Händen auf den Tisch stützend, mit langem Hals und offnem Mund, +beobachtete er Emmas Augen, die unentschlossen in all diesen +Gegenständen herumsuchten. Von Zeit zu Zeit strich er mit dem +Fingernagel über die lang hingebreiteten Tücher, als wolle er ein +Stäubchen entfernen; die Seide knisterte leise, und das grünliche +Dämmerlicht glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen +Funken. + +»Was kostet so ein Tuch?« fragte Emma. + +»Ein paar Groschen!« antwortete er. »Ein paar Groschen! Aber das +eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja kein +Jude!« + +Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem +Händler, der gelassen erwiderte: + +»Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen Damen +vertragen, mit meiner nur nicht.« + +Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des Biedermannes +fort: + +»Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. Wenn +Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir haben.« + +Sie machte eine erstaunte Miene. + +Schnell flüsterte er: + +»Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können Sie +sich verlassen!« + +Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten +Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in +Behandlung hatte. + +»Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, daß +sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, er läßt sich +eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß nehmen als zu einem +aus Wintertuch. Na, solange er auf dem Damme war, da hat er schöne +Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige Frau, die wird nie vernünftig! +Und dann der Schnaps, das ist allemal der Ruin! Aber es ist immer +betrübend, wenn man sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu +Ende geht.« + +Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte, +schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes. + +»Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!« erhärte er, indem er +verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. »Das bringt alle diese +Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle mich gar nicht +recht au fait. Werde wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn +Gemahl in die Sprechstunde kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen +wegen. Na, auf Wiedersehen, Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer +Verfügung! Gehorsamster Diener!« + +Und er schloß die Türe sacht hinter sich. + +Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem +Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es +schmeckte ihr alles vorzüglich. + +»Wie vernünftig ich doch war!« sagte sie bei sich und dachte an +die Seidentücher. + +Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand schnell +auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, die +gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der junge Mann +eintrat, tat sie sehr beschäftigt. + +Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary +schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit einsilbig. Er +saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und spielte mit ihrem +elfenbeinernen Nadelbüchschen. + +Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel den +umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, weil +ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie wer weiß +was gesprochen hätte. + +»Armer Junge!« dachte sie. + +»Warum bin ich bei ihr in Ungnade?« fragte er sich. + +Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen +nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit. + +»Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es erneuern?« + +»Nein«, entgegnete sie. + +»Warum nicht?« + +»Weil ...« + +Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen Zwirn +hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. »Warum zersticht sie +sich die Finger?« dachte er. Eine galante Bemerkung fuhr ihm durch +den Sinn, aber er wagte nicht, sie auszusprechen. + +»So wollen Sie es also aufgeben?« + +»Was?« fragte sie nervös. »Die Musik? Ach, du mein Gott! Ich habe +soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen und +tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!« + +Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein +müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte sie +im Gespräche: + +»Mein Mann ist so gut!« + +Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese +Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl +stimmte er in ihr Lob ein. + +»Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch immer!« +erklärte er. + +»Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!« wiederholte sie. + +»Gewiß!« bestätigte der Adjunkt. + +Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr +nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten. + +»So schlimm ist es gar nicht!« behauptete Emma heute. »Eine gute +Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.« + +Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen. + +So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr +Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte sich +um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und hielt ihr +Dienstmädchen strenger. + +Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch +kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, was +für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder hätte sie +über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre Freude, ihr Glück. +Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall von schwärmerischen +Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die biederen Yonviller waren +keine! -- an die Sachette in Viktor Hügos »Notre-Dame« erinnert +hätten. + +Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine +stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und an +seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte sogar +das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im Schranke +hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht mehr ab, ihn +zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. Sie war mit +jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort einverstanden; selbst +wenn sie den Zweck nicht recht einsah, fügte sie sich ohne Murren. +Wenn Leo die beiden nach Tisch so sah: ihn am Kamin, die Hände +über dem Bauche gefaltet, die Füße behaglich gegen die Glut +gestemmt, die Backen noch rot vom Mahle und die Äuglein in eitel +Wonne schwimmend, vor sich das Kind, das auf dem Teppich +herumrutschte, und daneben die feinlinige schlanke Frau, wie sie +sich über die Lehne seines Großvaterstuhls beugte und ihm einen +Kuß auf die Stirn gab, -- dann sagte er sich: + +»Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!« + +Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand +jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er +sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre +Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor +seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer +Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem +Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen +Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der +Geliebten Genuß gewährt. + +Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde +schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren großen +Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange und ihrer +jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu schreiten, ohne +den Erdboden zu berühren, und es war, als trüge sie auf der Stirne +das geheimnisvolle Mal einer höheren Bestimmung. Sie war so +traurig und so still, so sanft und dabei so unnahbar, daß man ihre +Gegenwart wie eine eiskalte Wonne empfand. Geradeso mischt sich in +den Kirchen in den Duft der Rosen die Kälte des Marmors, so daß +man zusammenschauert. Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem +niemand entrann. + +»Sie ist eine Frau großen Stils,« sagte der Apotheker einmal, »sie +müßte einen Minister zum Manne haben!« + +Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr +höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn. + +Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß. +Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes +Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der +Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, +um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der +Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur +gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er aber +eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts als +namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut. + +Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm nachzusehen, +wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe beobachtete +sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen Augen. Sie erfand +einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu haben, sein Zimmer +einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr beneidenswert, weil +sie mit ihm unter einem Dache schlafen durfte. Ihre Gedanken +ließen sich immer wieder auf seinem Hause nieder, just wie die +Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen kamen, um ihre roten +Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne zu netzen. + +Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr +drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein +bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; sie +erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies herbeiführten. +Aber ihre Passivität, die Angst vor der Entscheidung und auch ihr +Schamgefühl hielten sie zurück. Sie bildete sich ein, sie hätte +sich ihn bereits allzusehr entfremdet, es wäre nun zu spät und +alles sei verloren. Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: +»Ich bin eine anständige Frau geblieben!« Sie stellte sich vor den +Spiegel in der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob +des Opfers, das sie zu bringen wähnte. + +Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum +und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in allem ein +einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen zuzuwenden, +verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel sich darin und +trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. Ein ungeschickt +serviertes Gericht, eine offengelassene Türe brachte sie in +Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht haben konnte, ein +Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, machte sie unglücklich. +Weil sich ihre kühnen Träume nicht erfüllten, ward ihr das Haus zu +eng. + +Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am +allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine Frau +glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung, +Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es nicht +gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht er der +Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür ihres qualvollen +Käfigs? + +So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder +Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie +nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und +entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine Gutmütigkeit +reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer Wohnung +verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und die +ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte es, +daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie gerechten +Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich erschrak +sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und immer +mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie glücklich +sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so zu tun und +die Leute in ihrem Glauben zu lassen. + +Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht, +mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit +fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten +ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe. + +»Er liebt mich ja gar nicht mehr!« sagte sie sich. »Was soll da +aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche +Erleichterung bleibt mir noch?« + +Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin, +unter endlosen Tränen. + +»Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?« fragte +das Dienstmädchen, als es einmal während eines solchen Anfalles +ins Zimmer kam. + +»Ach was! Ich bin nervös!« erklärte Emma. »Daß du ihm ja nichts +davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.« + +»Ach Gott«, meinte Felicie. »Der Tochter des alten Fischers Guérin +aus Pollet, einer Bekannten von mir in Dieppe, wo ich vorher +gedient habe, der ging es ganz genau so. War die trübsinnig! +Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah sie immer aus. Ihr +Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, und die Ärzte und sogar +der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. Wenns ganz schlimm kam, +dann lief sie immer ganz allein ans Meer. Der Zollaufseher hat sie +auf seiner Patrouille oft gesehen, platt auf dem Bauche liegen und +auf den Steinen weinen. Später, als sie einen Mann hatte, soll +sichs gegeben haben ...« + +»Bei mir aber«, erwiderte Emma, »ist es erst nach der Hochzeit so +gekommen.« + + + + +Sechstes Kapitel + + +Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch +Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten +den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr das +Ave-Maria-Läuten ins Ohr. + +Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind +hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für die +Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin +leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen in den +flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen +Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf, +duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne +zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen. +Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit +wehmütigem Frieden. + +Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der +jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an +die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die +blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen Säulchen +emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien mögen in der +langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell abhoben von den +schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen hingesunkenen +Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie aufschaute und in +das von bläulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna +blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt +gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der +Sturmwind wegweht ... + +Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, fand +sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie +ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles +Irdische zu vergessen. + +Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder +aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit +zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Läuten +der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. Übrigens war das +Läuten ein Zeichen für die Kinder im Dorfe, daß es Zeit zur +Katechismusstunde war. + +Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den +Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, baumelten +mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die hohen +Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der +niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige +bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz dicht aneinander, +und über ihnen lag beständig feiner Staub, der dem reinigenden +Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen darüber wie über +einen eigens für sie hingebreiteten Teppich, und ihre +aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der +Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der großen Glocke, +der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin +und her geschleift war, beruhigte sich allmählich. Schwalben +schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoßend, +und flogen zurück in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im +Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht +unter einer hängenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie +ein über dem Öl schwimmender zittriger weißer Fleck aus. Ein +langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem +Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen. + +»Wo ist der Pfarrer?« fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich +damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte +völlig abzuwürgen. + +»Der wird gleich kommen!« war die Antwort. + +Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé Bournisien +erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein. + +»Rasselbande!« murmelte der Priester. »Einen wie alle Tage!« Er +hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß gestoßen +war. »Nichts wird respektiert!« Da bemerkte er Frau Bovary. + +»Verzeihung!« sagte er. »Ich hatte Sie nicht erkannt.« + +Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem +er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern balancierte. + +Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm +seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den Ellenbogen +bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. Fett- und +Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe die Brust +entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts, +wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen besät, die sich +in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom +Essen und atmete geräuschvoll. + +»Wie geht es Ihnen?« erkundigte er sich. + +»Schlecht!« antwortete Emma. + +»Ja, ja! Ganz wie mir«, erwiderte der Priester. »Die ersten warmen +Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun +einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und +wie denkt Herr Bovary darüber?« + +»Ach der!« Sie machte eine verächtliche Gebärde. + +»Was?« erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. »Verordnet er +Ihnen denn nichts?« + +»Ach,« meinte sie, »irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.« + +Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch +hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet +waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie +reihenweise wie die Kegel umpurzelten. + +»Ich möchte gern wissen ...«, fuhr Emma fort. + +»Warte nur, Boudet, warte du nur!« unterbrach sie der Priester in +zornigem Tone. »Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du +Schlingel, du!« Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: »Das ist der +Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie +lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel +könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar +nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?« + +Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der Geistliche fuhr +fort: + +»Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir +beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...« Er +lachte behäbig, »... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.« + +Emma schaute ihn flehentlich an. + +»Sie! Ja!« sagte sie. »Sie heilen alle Wunden!« + +»Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag, +da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer +wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext. +Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und +Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!« Mit einem großen +Satze war er drinnen in der Kirche. + +Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf den +Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl. +Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von +Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn +in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit +aller Gewalt in die Steinfliese hineindrücken wollte. + +»So!« sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, während +er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schweiß +von der Stirn wischte. »Die Landleute sind recht zu bedauern ...« + +»Andre Leute auch«, meinte sie. + +»Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.« + +»Die meine ich nicht.« + +»Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen +lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie +hatten nicht einmal das tägliche Brot.« + +»Ich meine solche,« fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten, +während sie sprach, »solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr täglich +Brot haben, aber kein ...« + +»Kein Holz im Winter ...«, ergänzte der Priester. + +»Ach, was liegt daran?« + +»Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine warme +Stube ... denn schließlich ...« + +»O du mein Gott!« seufzte Emma. + +»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte er, indem er sich ihr besorgt +näherte. »Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau +Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. Oder +vielleicht lieber eine Limonade?« + +»Wozu?« + +Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume. + +»Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es +sei Ihnen schwindlig.« Er besann sich. »Aber wollten Sie mich +nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?« + +»Ich? Nichts ... oh, nichts!« stammelte Emma. + +Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den alten +Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas +zu sagen. + +»Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary«, sagte er nach einer Weile. +»Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen da. Die +erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie überrumpelt uns. +Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde +länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht früh genug auf +den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat +... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, +Ihrem Herrn Gemahl!« + +Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie +gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bänken +verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig eingezogen, +die beiden Hände in segnender Haltung. + +Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf +einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine +Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen +und die hellen Antworten der Knaben ... + +»Bist du ein Christ?« + +»Ja, ich bin ein Christ.« + +»Wer ist ein Christ?« + +»Wer getauft ist und ...« + +Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Geländer +festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren +Lehnstuhl. + +Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch die +Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren Plätzen, +halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in einen +schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintönig +tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum +empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm +in ihrem Innern ... + +Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten +Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte +nach den Bändern ihrer Schürze. + +»Laß mich!« sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab. + +Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie. +Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen +blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen +Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schürze. + +»Laß mich!« wiederholte die junge Mutter sehr unwillig. + +Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien. + +»Aber so laß mich doch!« sagte Emma barsch und stieß ihr Kind mit +dem Ellenbogen zurück. + +Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der +ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte auf +das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am Klingelzug und +rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwürfe +zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von +seiner Praxis heim. + +»Sieh, mein Lieber,« sagte sie ruhigen Tones, »die Kleine ist beim +Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.« + +Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster. + +Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind +allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief, +verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht +töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfügigkeit +gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr. +Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum +merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den halbgeschlossenen +Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne +schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut. + +»Merkwürdig!« dachte Emma bei sich. »Wie häßlich das Kind ist!« + +Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum +Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen. + +»Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!« versicherte er +ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. »Ängstige dich +nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!« + +Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar +nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais für +verpflichtet gefühlt, ihn »aufzurappeln«. Dann hatte man von den +tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind, +und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mußte ein +Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein +Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Köchin einmal die +Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais +über die Maßen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht +geschliffen und der Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren +eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht. +Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten +keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der +geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll, +und als sie bereits über vier Jahre alt waren, mußten sie ohne +Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Köpfe tragen. Das war +lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim +sehr betrübt darüber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen +könne dem Gehirn schädlich sein. Einmal entfuhr es ihm: + +»Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?« + +Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in +eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die +Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu: + +»Ich wollte Sie noch etwas fragen!« + +»Sollte er etwas gemerkt haben?« fragte sich der Adjunkt. Er bekam +Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen. + +Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich +doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hübsches Lichtbild +koste. Er hegte nämlich schon lange den sentimentalen Plan, seine +Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu überraschen. Er gedachte +sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher +wissen, wieviel die Geschichte so ungefähr zu stehen käme. Dem +Adjunkt mache das wohl keine besondre Mühe, da er doch beinahe +aller acht Tage nach der Stadt führe. + +Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete +Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er +sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in +Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er seine +Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu kommen, +fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er +sei kein Polizeibüttel. + +Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor. +Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit den +Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen über +das menschliche Dasein aus. + +»Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen«, meinte der +Steuereinnehmer. + +»Womit denn?« + +»Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.« + +»Aber ich kann doch nicht drechseln«, erwiderte der Adjunkt. + +»Ach ja, freilich!« + +Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn. + +Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige Leben begann +ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfüllten, +keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die Yonviller +ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und bestimmte Häuser +nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders +unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker. +Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf völlig neue Verhältnisse +genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefühl +wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris, +das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und +dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein +Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt +ihn zurück? + +In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er +machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer aus. +Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. Gitarre wollte er +spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu ein Samtbarett und +Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über dem Kamin sollten zwei +gekreuzte Floretts hängen, ein Totenschädel darüber und die +Gitarre darunter. Wundervoll! + +Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu +bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der +allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer +andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo zunächst +zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen Adjunktenposten in +Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er schließlich seiner Mutter +einen langen Brief, in dem er ihr ausführlich auseinandersetzte, +warum er ohne weiteres nach Paris übersiedeln wollte. Sie war +damit einverstanden. + +Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen lang +gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville Koffer, +Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er vervollständigte +seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle aufpolstern, schaffte +sich einen Vorrat von seidnen Halstüchern an, kurz und gut, er +traf Vorbereitungen, als wolle er eine Reise um die Welt antreten. +So verstrich Woche auf Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief +seine Abreise beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen +nach einem Semester zu machen. + +Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte Frau +Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine Rührung, wie sich +das für einen ernsten Mann schickt. Er ließ es sich jedoch nicht +nehmen, den Mantel seines Freundes eigenhändig bis zur +Gartenpforte des Notars zu tragen, wo des letzteren Kutsche +wartete, die den Scheidenden nach Rouen fahren sollte. + +Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch im +Hause des Arztes. + +Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem zu +schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft +entgegen. + +»Da bin ich noch einmal!« sagte Leo. + +»Ich hab es erwartet!« + +Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der +Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über rot, vom +Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie blieb stehen und +lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung. + +»Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?« + +»Er ist fort.« + +Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre +Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich +aneinander wie zwei klopfende Herzen. + +»Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben«, sagte Leo. + +Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. Leo +warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, den +Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich nehmen. Aber +da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das Mädchen brachte die +kleine Berta, die einen Hampelmann an einem Faden in der Hand +hielt, verkehrt, den Kopf nach unten. + +Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn. + +»Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!« + +Er gab das Kind der Mutter zurück. + +»Bring sie weg!« befahl Emma. + +Sie waren wiederum allein. + +Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht gegen +eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand und +schlug damit leise gegen seinen Schenkel. + +»Es wird wohl regnen«, bemerkte Emma. + +»Ich habe einen Mantel«, antwortete er. + +»So!« + +Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt über +ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab in die +Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen +geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen. + +»Also adieu!« seufzte Leo. + +Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung. + +»Ja, adieu! Sie müssen gehen!« + +Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie zögerte. + +»Sozusagen ein französischer Abschied!« meinte sie, indem sie ihm +die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen. + +Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als ströme +ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand wieder öffnete, +begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann ging er. + +Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich hinter +einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr weißes Haus +mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da vermeinte er, ihren +Schatten hinter der Gardine ihres Zimmers zu erblicken. Aber der +Vorhang hatte sich wohl von selbst gebauscht und fiel nun wieder +langsam in seine langen senkrechten Falten zurück, in denen er +dann regungslos stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte +von dannen. + +Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der Straße +halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und hielt das +Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten miteinander. Man +wartete auf ihn. + +»Lassen Sie sich noch einmal umarmen!« sagte Homais, Tränen in den +Augen. »Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten Sie sich +unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie sich +ordentlich in acht!« + +»Einsteigen, Herr Düpuis!« mahnte der Notar. + +Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte mit +tränenerstickter Stimme nichts als die beiden wehmütigen Worte: + +»Glückliche Reise!« + +»Guten Abend, Herr Apotheker!« rief Guillaumin. »Los!« + +Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts. + + * * * * * + +Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres +Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung nach +Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. Leichteres +finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge heran, +durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die goldnen +Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe hervorschossen. Der +übrige wolkenlose Teil des Himmelszeltes war weiß wie Porzellan. +Ruckweise Windstöße beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich +rauschte Regen herab und prasselte durch das grünschimmernde +Laubwerk. Bald kam die Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten. +Die Spatzen schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in +den Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote +Akazienblüten. + +»Wie weit mag er nun schon sein!« dachte sie. + +Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise. + +»Na,« sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, »unsern jungen +Freund hätten wir glücklich verfrachtet!« + +»Wie man mir berichtet hat«, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf +seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: »Und was gibts bei +Ihnen Neues?« + +»Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein bißchen +aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich aus dem +Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man soll ihnen daraus +keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben zarter besaitet als +unsre.« + +»Der arme Leo,« bemerkte Karl, »wie wirds ihm in Paris ergehen? +Wird er sich dort einleben?« + +Frau Bovary seufzte. + +»Natürlich!« meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge. +»Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich schon, +versichre ich Ihnen.« + +»Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird«, warf Bovary +ein. + +»Gott bewahre!« entgegnete Homais lebhaft. »Aber mit den Wölfen +wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als Duckmäuser +verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese Kerlchens im +Studentenviertel für ein flottes Leben führen! Mit ihren kleinen +Mädchen! Übrigens sind die Studenten in Paris überall gern +gesehen. Wenn einer nur ein bißchen gesellige Talente hat, stehen +ihm die allerbesten Kreise offen. Und es gibt sogar in der +Vorstadt Saint-Germain feine Damen, die sich Studenten zu Liebsten +nehmen, und das gibt ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich +zu verheiraten.« + +»Das mag schon sein,« sagte der Arzt, »ich habe nur Angst, +er ... wird ... dort ...« + +»Sehr richtig,« unterbrach ihn der Apotheker, »das ist die +Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend die +Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer öffentlichen +Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, anständig angezogen, +womöglich ein Ordensbändchen im Knopfloch. Man könnte ihn für +einen Diplomaten halten. Er spricht Sie an. Sie kommen ins +Plaudern. Er bietet Ihnen eine Prise an oder hebt Ihnen den Hut +auf. So wird man intimer. Er nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in +sein Landhaus ein, macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und +Teufel bekannt -- und das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder +verstrickt Sie in gefährliche Abenteuer.« + +»So ist es!« gab Karl zu. »Aber ich dachte vor allem an die +Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der Großstadt +drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.« + +Emma zuckte zusammen. + +»Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise«, fuhr der +Apotheker fort, »und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung des +ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das Pariser Wasser! An +das Essen in den Restaurants! Diese starkgewürzten Speisen +verderben schließlich das Blut. Man mag sagen, was man will, mit +einer guten Hausmannskost sind sie nicht zu vergleichen. Ich für +meinen Teil, ich schätze von jeher die bürgerliche Küche. Die ist +am gesündesten. Als ich stud. pharm. in Rouen war, da habe +ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren +Professoren aßen auch da ...« + +In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im +allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern +auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer bestellten +Arznei holte. + +»Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!« schimpfte er. +»Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein +Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein +Hundedasein!« + +In der Tür sagte er noch: + +»Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?« + +»Was denn?« + +Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene. + +»Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der Landwirte +unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. Man munkelt +wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch schon eine +Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von großer Bedeutung! +Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich sehe schon. Justin +hat die Laterne mit ...« + + + + +Siebentes Kapitel + + +Der nächste Tag war für Emma ein Tag der Betrübnis. Alles um sie +herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, verschwommen, +zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit leisen Klagen +wie der Winterwind um ein einsames Schloß. Sie verfiel in die +Träumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er etwas auf immerdar +verloren hat. Sie empfand die Müdigkeit, die ihn der vollendeten +Tatsache gegenüber übermannt, den Schmerz, der ihn überkommt, wenn +eine ihm zur Gewohnheit gewordne Bewegung plötzlich stockt, wenn +Schwingungen jäh aufhören, die lange in ihm vibriert haben. + +Wie damals nach der Rückkehr vom Schlosse Vaubyessard, als die +wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, war sie +voll düsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo stand vor +ihrer Phantasie immer größer, schöner, verführerischer. Wie ein +Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so hatte er sie doch nicht +verlassen. Er war da, und an den Wänden ihres Hauses schien sein +Schatten noch zu haften. Immer wieder schaute sie auf den Teppich, +über den er so oft gegangen, auf die leeren Stühle, wo er +gesessen. Draußen kroch das Flüßlein noch immer vorbei mit seinen +niedlichen Wellen, zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem +Gestade waren sie so oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um +die moosigen Steine. Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie +traulich waren die Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im +schattigen Garten allein gesessen hatten! Er hatte laut +vorgelesen, bloßen Kopfes, in einem Korbstuhl sitzend. Der frische +Wind, der drüben von den Wiesen her wehte, hatte die Blätter des +Buches bewegt und die violetten Blüten der Glycinen an der Laube +... Ach, nun war er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die +einzige Hoffnung, daß sich ihr das erträumte Glück noch erfülle! +Warum hatte sie dieses Glück nicht mit beiden Händen festgehalten, +in den Schoß genommen, es nicht in die Ferne gelassen? Sie +verwünschte sich, Leos Geliebte nicht geworden zu sein. Sie +dürstete nach seinen Lippen. Am liebsten wäre sie ihm +nachgelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm gesagt: +»Hier bin ich! Nimm mich!« Aber vor den Hindernissen, die sich der +Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt hätten, verzagte +Emma von vornherein, und der Schmerz darüber schürte ihre +Sehnsucht zu noch heißerer Glut. + +Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt ihrer +Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein einsames +Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen Steppe inmitten des +Schnees angezündet haben. Zu diesem Feuer flüchtete sie, kauerte +sich daneben nieder und fachte es sorgfältig wieder an, wenn es zu +verlöschen drohte. Im Umkreise um sich herum suchte sie alles +mögliche herbei, um diese Flammen zu nähren. Die fernsten +Erinnerungen und die frischesten Ereignisse, Erlebtes und +Erträumtes, die wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre +Sehnsucht nach Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre +nutzlose Tugend, ihre getäuschten Illusionen, die Armseligkeit +ihres Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es zusammen und +warf es in die Glut, um ihre Trübsal daran zu wärmen. + +Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm die +Nahrung fehlte, sei es, weil die Überfülle von Brennstoff es +erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam allmählich +ihre Liebe. Das Ineinemfort tötete den Schmerz, und am Himmel +ihrer Gefühle verblaßte der erst grellrote Feuerschein und wich +nach und nach schwarzem Dunkel. Während ihres phantastischen +Zustandes hatte sich ihr Widerwille gegen den Gatten in +Schwärmerei für den Geliebten verwandelt, und die Glut ihres +Hasses hatte ihre zärtliche Sehnsucht gewärmt. Aber nunmehr, da +ihre stürmische unbefriedigte Leidenschaft zu Asche gebrannt war, +das keine Hilfe kam und keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht +um sie herum. In eisiger Kälte stand sie einsam da und erstarrte. + +Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur +bildete sie sich ein, noch unglücklicher denn damals zu sein, weil +sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wußte, daß es +nie anders werden könne. + +Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich -- +wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gönnen. +Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in +vier Wochen für vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer Hände. +Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues +Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schönsten Schal +aus und trug ihn über ihrem Hauskleid. Sie schloß die Läden, nahm +ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem Sofa liegen. + +Häufig änderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe +Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zöpfen, bald einen +Scheitel. + +Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so +kaufte sie sich ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Menge +Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektüre, las +Geschichtswerke und philosophische Schriften. + +Nachts fuhr Karl mitunter in die Höhe, im Glauben, man hole ihn zu +einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er: + +»Ich bin gleich fertig!« + +Aber es war nur das Knistern des Streichholzes gewesen, mit dem +sich Emma die Lampe angezündet hatte. Sie wollte lesen. Aber es +ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen ein ganzer Stoß +angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie anzufangen, dann +liegen zu lassen und eine andre zu beginnen. + +Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem +Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem +Manne gegenüber, sie könne ein Weinglas voll Schnaps mit einem +Zuge leeren, und da Karl so töricht war, es zu bezweifeln, tat sie +es wirklich. + +Bei allen ihren »Extravaganzen« (die Spießbürger von Yonville +nannten das so!) sah Emma keineswegs unternehmungslustig aus. Im +Gegenteil. Um ihre Mundwinkel lagerten sich jene gewissen starren +Falten, die alte Jungfern und verbissene Streber zu haben pflegen. +Sie war völlig blaß, weiß wie Leinwand; die Haut ihrer Nase +bildete nach den Flügeln zu Fältchen, und ihre Augen blickten wie +ins Leere. Seitdem sie an den Schläfen ein paar graue Haare +entdeckt hatte, nannte sie sich gesprächsweise eine alte Frau. + +Oft hatte sie Schwindelanfälle, und eines Tages spuckte sie sogar +Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemühte und seine Besorgnis +verriet, meinte sie: + +»Laß mich! Es ist mir alles gleich!« + +Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurück. Er sank in seinen +Schreibsessel, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und +weinte -- unter dem phrenologischen Schädel. + +Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat +sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz Emmas +wegen statt. Welche Maßnahmen sollten getroffen werden? Was +sollte geschehen? Wo sie jedwede ärztliche Behandlung ablehnte! + +»Weißt du, was deiner Frau fehlt?« meinte Frau Bovary schließlich. +»Eine ordentliche Beschäftigung! Körperliche Arbeit! Wenn sie wie +so manch andre ihr tägliches Brot selber verdienen müßte, dann +hätte sie keine Nerven und Launen. Die kommen bloß von den +überspannten Ideen, die sie sich aus purer Langweile in den Kopf +setzt.« + +»Beschäftigung hat sie doch aber!« erwiderte Karl. + +»So! Sie hat Beschäftigung? Was für welche denn? Romane schmökert +sie, schlechte Bücher, Schriften gegen die Religion, in denen die +Geistlichen verhöhnt werden mit Redensarten aus dem Voltaire! +Armer Junge, das führt zu nichts Gutem, und wer kein guter Christ +ist, mit dem nimmt es mal ein schlechtes Ende!« + +Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das schien +nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf sich. Auf +ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persönlich zum +Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn der +Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man da nicht +das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden? + +Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war +steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie, +abgesehen von den häuslichen Anordnungen und den höflichen Formeln +bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei Worte +gewechselt. + +Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage +von Yonville. Vom frühen Morgen ab war an diesem Tage auf dem +Marktplatz, gleichlaufend mit den Häusern von der Kirche bis zum +Goldnen Löwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren, +Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespießten Deichseln. Auf der +andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen +Baumwollenwaren, Decken und Strümpfe feilgeboten wurden, daneben +Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bändern, deren Enden im +Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Käsekörben, aus denen +klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand Eisenwaren auf dem +Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergerät gackerten Hühner in +flachen Körben und steckten ihre Hälse durch die Luftlöcher. Die +Menge schob sich, ohne zu weichen, gerade nach den Stellen, wo das +Gedränge schon am dichtesten war. So geriet bisweilen das +Schaufenster der Apotheke wirklich in Gefahr. An den Markttagen +ward diese nie leer. Es standen immer eine Menge Leute darin, +weniger um Arzneien zu kaufen als vielmehr um den Apotheker zu +konsultieren. Herr Homais war in den benachbarten Ortschaften ein +berühmter Mann. Seine rücksichtslose Sicherheit fing die Bauern. +Sie hielten ihn für einen besseren Arzt als alle Doktoren im +ganzen Lande. + +Emma saß an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in der +Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich über das +wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in einem Rock von +grünem Samt, mit gelben Handschuhen; sonderbarerweise trug er dazu +derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht mit gesenktem Kopf und recht +trübseliger Miene folgte ihm. Beide gingen auf das Bovarysche Haus +zu. + +»Ist der Herr Doktor zu sprechen?« fragte der Herr den +Apothekergehilfen, der an der Haustüre mit Felicie plauderte. Er +hielt ihn für den Diener des Arztes. »Melden Sie Herrn Rudolf +Boulanger von der Hüchette.« + +Es war keineswegs Eitelkeit, daß der Ankömmling sein Gut zu seinem +Namen fügte. Er wollte nur genau angeben, wer er war. Die Hüchette +war nämlich ein Rittergut in der Nähe von Yonville, das er samt +zwei Meiereien unlängst gekauft hatte. Er bewirtschaftete es +selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei anzustrengen. Er war +Junggeselle und hatte »so mindestens seine fünfzehntausend +Franken« im Jahr zu verzehren. + +Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger überwies +ihm seinen Knecht, der einen Aderlaß wünsche, weil er am ganzen +Körper ein Kribbeln wie von Ameisen habe. + +»Das wird mich erleichtern«, wiederholte der Bursche auf alle +Einwände. Bovary ließ sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine +Schüssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein. + +Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz blaß geworden +war. + +»Nur keine Angst, mein Lieber!« + +»Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!« erwiderte er. + +Dabei hielt er mit prahlerischer Gebärde seinen dicken Arm hin. +Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und spritzte +bis zum Spiegel hin. + +»Die Schüssel!« rief Karl. + +»Donnerwetter!« meinte der Knecht. »Das ist ja der reine +Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein gutes +Zeichen, nicht wahr?« + +Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel +zurück, daß die Lehne krachte. + +»Das hab ich mir gleich gedacht!« bemerkte Bovary, indem er mit +den Fingern die angestochne Ader zudrückte. »Erst gehts ganz gut, +dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten Kerlen wie +dem da!« + +Die Schüssel in Justins Händen geriet ins Schwanken. Die Knie +schlotterten ihm; er wurde leichenfahl. + +»Emma! Emma!« rief der Arzt. + +Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter. + +»Essig!« rief ihr Karl zu. »Ach du mein Gott! Gleich zweie auf +einmal!« + +In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen. + +»'s ist weiter nichts!« meinte Boulanger gelassen, der Justin +aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und lehnte +ihn mit dem Rücken gegen die Wand. + +Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmächtigen das Halstuch +aufzuknüpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich lösen, und so +berührte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren Fingern den +Hals des jungen Burschen. Dann goß sie Essig auf ihr +Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die Schläfen +und blies dann ein wenig darauf. + +Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht +dauerte an. Seine Augäpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert +wie blaue Blumen in Milch. + +»Er darf das da nicht sehen!« ordnete Karl an. + +Frau Bovary ergriff die Schüssel und setzte sie unter den Tisch. +Bei diesem Sichbücken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber +Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der +Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die Arme +ausstreckte und sich dabei in den Hüften ein wenig hin und her +drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine +Wasserflasche und löste ein paar Stück Zucker in einem Glase. + +In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mädchen hatte +ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen wieder bei +Bewußtsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn herum und +betrachtete sich ihn von oben bis unten. + +»Dummkopf!« brummte er. »Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! Als +obs wer weiß was wäre! Ein bißchen Aderlaß! Weiter nichts! Und das +will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn es gilt, von den höchsten +Bäumen die Nüsse herunterzuholen, da klettert er wie ein +Eichhörnchen ... Na, tu deinen Mund auf und zeig dich mal in +deiner Gloria! Das sind ja nette Eigenschaften für einen, der mal +Apotheker werden will! Ich sage dir: als Apotheker kommt man in +die schwierigsten Lagen. So zum Beispiel vor Gericht als +Sachverständiger. Da heißt es kaltblütig sein, hübsch ruhig +überlegen und ein ganzer Mann sein! Sonst gilt man als +Schwachmatikus ...« + +Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort: + +»Wer hat dir denn übrigens gesagt, daß du hierher gehen sollst? In +einem fort belästigst du Herrn und Frau Doktor! Noch dazu an den +Markttagen, wo du drüben so notwendig gebraucht wirst! Es warten +zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen habe ich alles stehn +und liegen lassen. Marsch! Hinüber! Trab! Gib auf die Arzneien +acht! Ich komme gleich nach!« + +Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und +fort war, plauderte man noch ein wenig über Ohnmachtanfälle. Frau +Bovary sagte, sie hätte noch nie einen gehabt. + +»Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!« behauptete +Boulanger. »Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich sind. Da +hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, daß ein Zeuge ohnmächtig +wurde, als die Pistolen beim Laden knackten.« + +»Was mich anbelangt,« erklärte der Apotheker, »mich stört der +Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloße Gedanke, +ich selber könne bluten, der macht mich schwindlig, wenn ich nicht +schnell an was andres denke.« + +Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er +ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen. + +»Nun ists aber alle mit der Einbildung!« sagte er ihm. »Die hat +mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft«, fügte er hinzu. Bei +dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen Taler auf +die Tischecke, grüßte flüchtig und verschwand. + +Bald darauf erschien er drüben auf dem andern Ufer des Baches. Das +war sein Weg nach der Hüchette. Emma sah ihm von einem der +Hinterfenster nach, wie er über die Wiesen ging, die Pappeln +entlang, langsam wie einer, der über etwas nachdenkt. + +»Allerliebst!« sagte er bei sich. »Wirklich allerliebst, diese +Doktorsfrau. Schöne Zähne, schwarze Augen, niedliche Füße und +schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo mag +sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?« + +Rudolf Boulanger war vierunddreißig Jahre alt von roher Gemütsart +und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit Weibern abgegeben +und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel ihm. Somit +beschäftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann. + +»Ich glaube, er ist mordsblöde. Sie hat ihn satt, zweifelsohne. Er +hat dreckige Fingernägel und rasiert sich nur aller drei Tage. +Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie daheim und +stopft Strümpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach der großen +Stadt und möchte am liebsten alle Abende auf den Ball. Arme kleine +Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein Karpfen auf dem +Küchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und sie ist futsch! +Sicherlich! Das wär was fürs Herze! Scharmant! Aber wie kriegt man +sie hinterher wieder los?« + +Diese Einschränkung des in der Ferne stehenden Genusses erinnerte +ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine Schauspielerin in +Rouen, die er aushielt. Er vergegenwärtigte sich ihren Körper, +dessen er sogar in der Vorstellung überdrüssig war. + +»Ja, diese Frau Bovary,« dachte er bei sich, »die ist viel +hübscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett. +Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft für +Krebse!« + +Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hörte nichts als das +taktmäßige Rascheln der Halme, die er beim Gehen streifte, und das +ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er schaute Emma vor sich, in +ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie gesehen hatte. Und in der +Phantasie entkleidete er sie. + +»Oh, ich werde sie haben!« rief er aus und zerschlug mit einem +Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im Wege lag. + +Sodann überlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er +fragte sich: + +»Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das zustande? +Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das Dienstmädel, +die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche Klatsch! Ach was! +Unnütze Zeitvergeudung!« + +Nach einer Weile begann er von neuem: + +»Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und wie +blaß sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwärmerei!« + +Auf der Höhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig. + +»Ich brauche bloß noch günstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde ein +paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und +Geflügel. Nötigenfalls lasse ich mich ein bißchen schröpfen. Wir +müssen gute Freunde werden. Dann lade ich die beiden zu mir ein +... Teufel noch mal, nächstens ist doch der Landwirtschaftliche +Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie sehen! Dann heißts: +Attacke! Und feste drauf! Das ist immer das Beste.« + + + + +Achtes Kapitel + + +Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der Landwirte! +Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von Yonville an ihren +Haustüren und sprachen von den Dingen, die da kommen sollten. Die +Stirnseite des Rathauses war mit Efeugirlanden geschmückt. Drüben +auf einer Wiese war ein großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen +worden, und mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller, +der die Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd +verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy -- in Yonville gab es +keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen +Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps +vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen +als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein Oberkörper +so steif und starr, daß es aussah, als sei alles Leben in ihm in +seine beiden Beine gerutscht, die sich parademarschmäßig bewegten. +Da der Oberst der Bürgergarde und der Hauptmann der Feuerwehr +eifersüchtig aufeinander waren, wollte jeder den andern +ausstechen, und so exerzierten beide ihre Mannschaft für sich. +Abwechselnd sah man die roten Epauletten und die schwarzen +Schutzleder vorbeimarschieren und wieder abschwenken. Das ging +immer wieder von neuem an und nahm schier kein Ende! + +Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit +gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser +abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den halboffnen +Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da schönes Wetter +war, sahen die gestärkten Häubchen weißer wie Schnee aus, die +Orden und Medaillen blitzten in der Sonne wie eitel Gold, und die +bunten Tücher leuchteten buntscheckig aus dem tristen Einerlei der +schwarzen Röcke und blauen Blusen hervor. Die Pächtersfrauen kamen +aus den umliegenden Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die +langen Nadeln heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt +hatten, damit sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die +Männer andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher +darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten. + +Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der Landstraße +heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und Häuser. Überall +klingelten die Türen, um die Bürgerinnen herauszulassen, die in +Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze wallten. + +Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden Seiten der +vor dem Rathause errichteten Estrade für die Ehrengäste, erregten +ganz besonders die allgemeine Bewunderung. Übrigens hatte man an +den vier Säulen am Rathause so etwas wie vier Stangen +aufgepflanzt; jede trug eine Art Standarte aus grüner Leinwand. +Auf der einen las man: HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der +dritten: INDUSTRIE, der vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT. + +Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann, +warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau Franz, +der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres Gasthofes +stehend, räsonierte sie vor sich hin: + +»So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun! +Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders +ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll, +wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen +Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra einen +Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen übrigens? Für +Kuhjungen und Lumpenpack!« + +Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen, +Lackschuhen und -- ausnahmsweise (statt des gewohnten Käppchens) +-- einem Hut von niedriger Form. + +»Ihr Diener!« sagte er. »Ich habs eilig!« + +Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er: + +»Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst den +ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im Käse +...« + +»In was für Käse?« unterbrach ihn die Wirtin. + +»Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint«, entgegnete Homais. +»Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im allgemeinen +meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute freilich muß ich +in Anbetracht ...« + +»Ah! Sie gehen auch hin?« fragte sie in geringschätzigem Tone. + +»Gewiß gehe ich hin!« sagte der Apotheker erstaunt. »Ich gehöre ja +zu den Preisrichtern!« + +Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte +sie lächelnd: + +»Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die +Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?« + +»Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch +Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, beschäftigt +sich mit den Wechselwirkungen und den Molekularverhältnissen aller +Körper, die in der Natur vorkommen. Folglich gehört auch die +Landwirtschaft in das Gebiet meiner Wissenschaft. In der Tat, die +Zusammensetzung der Düngemittel, die Gärungen der Säfte, die +Analyse der Gase und die Wirkung der Miasmen .., ich bitte Sie, +was ist das weiter als pure bare Chemie?« + +Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort: + +»Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der +Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die +Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat, +die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen +Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die +Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des Wassers, die +Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre Kapillarität! Und +tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den Grundsätzen der Hygiene +völlig vertraut sein, um den Bau von Gebäuden, die Unterhaltung +der Haus- und Arbeitstiere und die Ernährung der Dienstboten +leiten und kontrollieren zu können. Fernerhin, Frau Franz, muß man +die Botanik intus haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden +können, verstehen Sie, die nützlichen von den schädlichen, die +nutzlosen und die nahrhaften, welche Arten man vertilgen und +welche man pflegen, welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen +muß. Kurz und gut, man muß sich in der Wissenschaft auf dem +Laufenden halten, indem man die Broschüren und die öffentlichen +Bekanntmachungen liest, und immer auf dem Damme sein, um mit dem +Fortschritte zu gehen ...« + +Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café Français nicht +aus den Augen. Der Apotheker redete weiter: + +»Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie +hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! Da +habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine +Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: »Der Apfelwein. +Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen +Betrachtungen hierüber.« Ich habe sie der »Rouener Agronomischen +Gesellschaft« übersandt, die mich daraufhin unter ihre +Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für Pomologie) +aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt erschiene ...« + +Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas ganz +andrem in Anspruch genommen war. + +»Sehr richtig!« unterbrach er sich selber. »Eine unglaubliche +Spelunke!« + +Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die Maschen +ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit beiden Händen +deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem wüster Gesang +herüberhallte. + +»Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!« +bemerkte sie. »In acht Tagen ist der Rummel alle!« + +Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam die +drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr: + +»Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er +ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals +abgeschnitten. Mit Wechseln!« + +»Eine fürchterliche Katastrophe!« rief der Apotheker aus, der für +alle möglichen Ereignisse immer das passende Begleitwort zur Hand +hatte. + +Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen. +Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich sie +Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht ausstehen konnte, +mißbilligte sie doch das Vorgehen von Lheureux. Sie nannte ihn +einen Gauner, einen Halsabschneider. + +»Da! Sehen Sie!« fügte sie hinzu. »Da geht er! Unter den Hallen! +Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut auf und +geht am Arm von Herrn Boulanger.« + +»Frau Bovary!« echote Homais. »Ich muß ihr schnell guten Tag +sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der Tribüne +vor dem Rathause erwünscht.« + +Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte +weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit +lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei ihn die +langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde umflatterten, daß +er wer weiß wieviel Raum einnahm. + +Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte. + +Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend und +in brutalem Tone sagte er zu ihr: + +»Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!« + +Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen. + +»Was soll das heißen?« fragte er sie. Dabei blinzelte er sie im +Weitergehen von der Seite an. + +Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre Gedanken. +Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die lichte Luft, +unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen blaßfarbene +Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre Augen blickten +geradeaus unter ihren etwas nach oben gebogenen langen Wimpern. +Obgleich sie völlig geöffnet waren, erschienen sie doch ein wenig +zugedrückt durch den oberen Teil der Wangen, weil das Blut die +feine Haut straffte. Durch die Nasenwand schimmerte Rosenrot, und +zwischen den Lippen glänzte das Perlmutter ihrer spitzen Zähne. +Den Kopf neigte sie zur einen Schulter. + +»Mokiert sie sich über mich?« fragte sich Rudolf. + +In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur +ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von +Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen ins +Gespräch zu kommen. + +»Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- Wir +haben Ostwind!« + +Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux +bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit einem +ewigen »Wie meinen?« dazwischenfuhr, wobei er jedesmal den Hut +lüftete. + +Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab +in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut: + +»Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!« + +»Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!« lachte Emma. + +»Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?« +meinte Rudolf. »Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit +Ihnen ...« + +Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom +schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren +spazieren zu gehen. + +Ein paar Gänseblümchen standen am Raine. + +»Die niedlichen Dinger da!« sagte er. »Und so viele! Genug Orakel +für die verliebten Mädels des ganzen Landes!« Ein paar Augenblicke +später setzte er hinzu: »Soll ich welche pflücken? Was denken Sie +darüber?« + +»Sind Sie denn verliebt?« fragte Emma und hustete ein wenig. + +»Wer weiß?« meinte Rudolf. + +Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr +zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am einen +und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. Häufig mußten +sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch riechender +Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und silbernen +Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand. + +Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach dem +andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an Pfählen +gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten Raumes standen die +Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die ungleich hohen Kruppen in +einer unordentlichen Richtungslinie. Schläfrige Schweine wühlten +mit ihren Rüsseln in der Erde. Kälber brüllten, Schafe blökten. +Kühe lagen hingestreckt, die Bäuche im Grase, die Beine +eingezogen, kauten gemächlich wieder und zuckten mit ihren +schwerfälligen Lidern, wenn die sie umschwärmenden Bremsen +stachen. Pferdeknechte, die Arme entblößt, hielten an +Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern +nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Diese +verhielten sich friedlich und ließen die Köpfe und Mähnen hängen, +während ihre Füllen in ihrem Schatten ruhten und ab und zu an +ihnen saugten. Über der wogenden Masse aller dieser Leiber sah man +von weitem hie und da das Weiß einer Mähne wie eine Springflut im +Winde aufwehen oder ein spitzes Horn hervorspringen, und überall +dazwischen die Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der +Umseilung, etwa hundert Schritte davon entfernt, stand -- +unbeweglich wie aus Bronze gegossen -- ein großer schwarzer Stier +mit verbundenen Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein +zerlumptes Kind hielt ihn an einem Stricke. + +Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin, +besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich +jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, offenbar +der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein Buch. Das +war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr Derozerays, Besitzer +des Rittergutes La Panville. Als er Rudolf bemerkte, ging er +lebhaft auf ihn zu und sagte verbindlich-freundlich zu ihm: + +»Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?« + +Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er jedoch +außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er: + +»Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe lieber +bei Ihnen!« + +Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, was ihn aber +nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als Mitglied des +Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, wenn er irgendwo +durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach blieb er auch vor +dem oder jenem »Prachtstück« stehen. Frau Bovary bewunderte nichts +mit. Das beobachtete er, und nun begann er spöttische Bemerkungen +über die Toiletten der Damen von Yonville loszulassen. Dabei +entschuldigte er sich, daß er selber auch nicht elegant gehe. +Seine Kleidung war ein Nebeneinander von Alltäglichkeit und +Ausgesuchtheit. Der oberflächliche Menschenkenner hält derlei +meist für das äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die +bizarr in ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem +Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder Bewunderung +davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit gefälteten Manschetten +bauschte sich im Ausschnitt seiner grauen Flanellweste, wie es dem +Winde gerade gefiel; seine breitgestreiften Hosen reichten nur bis +an die Knöchel und ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf +deren spiegelblanke Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat +unbekümmert in die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der +Rocktasche, und der Hut saß ihm schief auf dem Kopfe. + +»Ein Bauer wie ich ...«, meinte er. + +»Bei dem ist Hopfen und Malz verloren«, scherzte Emma. + +»Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen +Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu beurteilen.« + +Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart +des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat. + +»Darum verfalle ich der Melancholie ...«, sagte er. + +»Sie?« erwiderte Emma erstaunt. »Ich halte Sie gerade für sehr +lebenslustig.« + +»Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die Maske des +Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich beim Anblick eines +Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob einem nicht am wohlsten +wäre, wenn man schliefe, wo die Toten schlafen ...« + +»Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!« + +»Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich +niemand.« + +Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich. + +Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich +ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen +schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm sah +als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war Lestiboudois, +der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle herbeischaffte. +Findig, wie er immer war, wo es etwas zu verdienen gab, war er auf +den Einfall gekommen, aus dem Bundestage seinen Vorteil zu +schlagen. Und damit hatte er sich nicht verrechnet; er wußte gar +nicht, wen er zuerst befriedigen sollte. Die Bauern, denen es heiß +war, rissen sich förmlich um diese Stühle, deren Strohsitze nach +Weihrauch dufteten. Sie lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung +gegen die hohen wachsbeklecksten Stuhlrücken. + +Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als spräche +er mit sich selbst. + +»Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, wenn +mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen +Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ... +Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre über +alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles überwunden ...« + +»Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert«, wandte +Emma ein. + +»So, finden Sie?« + +»Zum mindesten sind Sie frei ...« Sie zögerte. »... und reich!« + +»Spotten Sie doch nicht über mich!« bat er. + +Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß. +Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. Aber es +war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch gar nicht da. +Der Festausschuß war nun in der größten Verlegenheit. Sollte der +feierliche Akt beginnen, oder sollte man noch warten? + +Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige Mietkutsche +auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein Kutscher im +Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche loshieb. + +Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast: + +»An die Gewehre!« + +Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu. + +Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche der +Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen zuzuknöpfen. +Aber der Landauer des Herrn Landrats schien die Verwirrung zum +Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im langsamsten Zotteltrabe +gerade in dem Moment vor der Vorhalle des Rathauses an, als sich +Feuerwehr und Bürgergarde in Reih und Glied unter Trommelschlag +davor aufgestellt hatten. + +»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« kommandierte Binet. + +»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« der Oberst auf der +andern Seite. + +Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel +eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so. + +Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer +silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein +Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war +offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen, +kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen, +halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und +seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den +Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der +Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei +Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche Redensarten. + +Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat +erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht +gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der Festausschuß, +der Gemeinderat, die Honoratioren, die Bürgergarde und das +Publikum. Der Regierungsrat schwenkte seinen kleinen schwarzen +Dreimaster gegen die Brust und sagte ein paar Begrüßungsworte. +Währenddem klappte Tüvache in einem fort wie ein Taschenmesser +zusammen, lächelnd, stotternd, nach Worten suchend. Darauf +beteuerte er die Königstreue der Yonviller und dankte für die +ihnen widerfahrene große Ehre. + +Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die Pferde +der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt humpelnd nach dem +Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von gaffenden Landleuten +stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller krachte. + +Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem +Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten +Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung +gestellt worden waren. + +Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose +blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas +gebräunt waren, buschige Backenbärte, die sich unter hohen steifen +Halskragen verloren, und weiße, sorglich gebundene Krawatten. Die +Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale +Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die +Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam +zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte +mehr als das Leder ihrer derben Stiefel. + +Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf, +unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge +dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. Der +Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle +rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus der +Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges +Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe der +Estrade dringen konnte. + +»Ich finde,« sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der +Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, »man hätte +zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit irgendeinem +schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer Nouveauté. +Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!« + +»Gewiß!« meinte Homais. »Aber Sie wissen ja! Der Bürgermeister +macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er hat nicht viel +Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen Sinn nun gleich +gar nicht!« + +Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des +Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer war, +erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das Schauspiel +bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem ovalen Tisch, der +unter der Büste von Majestät stand, und trug sie an eins der +Fenster. + +Die beiden setzten sich nebeneinander hin. + +Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte und +tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem Sitze. Man +hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und nun lief sein +Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er ein paar Zettel +geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten hatte, begann er: + +»Meine Herren! + +Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung +eingehe, sei es mir zunächst gestattet, -- und ich bin überzeugt, +Sie sind insgesamt damit einverstanden! -- sei es mir gestattet, +sage ich, der Behörden und der Regierung zu gedenken, vor allem, +meine Herren, Seiner Majestät, unsers allergnädigsten und +allverehrten Landesherrn, dem jedes Gebiet der öffentlichen und +privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, der mit sicherer und kluger +Hand das Staatsschiff durch die unaufhörlichen Gefahren eines +stürmischen Ozeans lenkt und dabei jedem sein Recht läßt, dem +Frieden wie dem Kriege, der Industrie, dem Handel, der +Landwirtschaft, den Künsten und Wissenschaften ...« + +»Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück«, sagte Rudolf. + +»Warum?« fragte Emma. + +In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates +besonderen Schwung. Er deklamierte: + +»Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der +Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der +Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er +abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch das +Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu werden, wo +Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...« + +»Nur weil man mich von unten bemerken könnte«, gab Rudolf zur +Antwort. »Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen. +Und bei meinem schlechten Rufe ...« + +»Sie verleumden sich«, warf Emma ein. + +»I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.« + +»Meine Herren!« fuhr der Redner fort. »Wenn wir unsre Blicke von +diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den +gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: was +sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und Künste in +Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam +wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue +Beziehungen, neues Leben. Unsre großen Industriezentren sind von +neuem in vollster Tätigkeit. Die Religion ist gekräftigt und wärmt +wieder aller Herzen. Unsre Häfen strotzen, der Staatskredit ist +fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...« + +»Das heißt,« sagte Rudolf, »vom gesellschaftlichen Standpunkt hat +man vielleicht recht.« + +»Wie meinen Sie das?« fragte sie. + +»Wissen Sie denn nicht,« erläuterte er, »daß es problematische +Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie +den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genüssen. Nichts ist +ihnen zu toll, zu phantastisch ...« + +Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte +sie: + +»Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher Kontraste +verboten!« + +»Schöne Freuden!« entgegnete er bitter. »Das Glück liegt wo ganz +anders!« + +»Ach, so findet mans nirgends?« + +»Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!« flüsterte er. + +»Und das wissen Sie alle gerade am besten,« fuhr der Regierungsrat +fort, »Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter sind, friedliche +Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer des Fortschrittes und der +Ordnung! Sie wissen das, sage ich, daß politische Stürme weit +furchtbarer sind denn Stürme in der Natur ...« + +»Ja, eines Tages begegnet man ihm!« wiederholte Rudolf, »ganz +unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! Dann +öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe eine Stimme: +'Hier ist das Glück!' Und dem Menschen, den Sie da gefunden haben, +dem müssen Sie aus innerm Drange heraus ihr Leben anvertrauen, ihm +alles geben, alles opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles +ist nur Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland +gesehen ...« + +Er blickte Emma an. + +»Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat, +leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn für +ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist +geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die Sonne ...« + +Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte +auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er sie +auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg. + +Der Rat sprach immer weiter: + +»Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens Leute, +die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, dieses +Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile abgetaner +Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer verkennen. +Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus als auf dem Lande? Wo +mehr Opferfreudigkeit in Dingen des Gemeinwohls? Mit einem Worte: +wo mehr Intelligenz? Meine Herren, ich meine natürlich nicht jene +oberflächliche Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten, +nein, ich meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich +nur mit ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile +des Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine +Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor den +Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...« + +»Pflichterfüllung!« wiederholte Rudolf. »Immer und überall die +Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten +Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit Wärmbullen +und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte Litanei vor: 'Die +Pflicht, die Pflicht!' Der Teufel soll sie holen! Unsre Pflicht +ist es, alles Große in der Welt mitzufühlen, das Schöne anzubeten +und sich nicht immer gleich unter alle möglichen +gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, sich nicht zu Sklaven +herabwürdigen zu lassen ...« + +»Indessen ... indessen ...«, wandte Emma ein. + +»Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind +sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden gibt, der +Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der Dichtung, der Musik, +aller Künste, alles Lebens im wahren Sinne?« + +»Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten +und sich ihrer Moral fügen«, meinte Emma. + +»So! Das ist dann eben die doppelte Moral,« eiferte er. »Die eine: +die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem fort ein +andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im trüben fischt +und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all der versammelten +Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, die um uns ist und +über uns wie die Landschaft, die uns umprangt, und der blaue +Himmel, der über uns leuchtet ...« + +Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach +er weiter: + +»Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier +noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? Wer +schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der Landmann? Er +und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit seiner +schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden Furchen sät, +verdanken wir das Getreide, das dann, von sinnreichen Maschinen zu +Mehl gemahlen, in die Städte zu den Bäckern kommt, die Brot daraus +backen für arm und reich! Ist es nicht der Landmann, der auf den +Weiden die Schafherden hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten +wir uns anziehen, wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber, +meine Herren, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht +jeder von uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen +Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe ist und +uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen saftigen Braten für +unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme nicht zu Ende, wenn +ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse lückenlos aufzählen +müßte, mit denen die wohlbebaute Erde wie eine großmütige Mutter +ihre Kinder überschüttet. Ich nenne nur den Weinstock, den Baum, +der uns den Apfelwein spendet, und den Raps. Dann haben wir den +Käse und den Flachs. Meine Herren, vergessen wir den Flachs nicht! +Der Flachsbau hat in den letzten Jahren einen bedeutenden +Aufschwung genommen, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit ganz +besonders hinlenken möchte ...« + +Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte +offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der +Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit +aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und wieder +voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz etwas weiter +weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um Silbe für Silbe +ordentlich zu verstehen. Die übrigen Preisrichter nickten +bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um ihre Zustimmung zu +erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich auf ihre Gewehre, +und Binet stand immer noch stramm da im Stillgestanden und mit +vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. Hören konnte er vielleicht, aber +sehen nicht, weil ihm die Blende seines Helms bis über die Nase +reichte. Sein Leutnant, der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte +einen noch größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend +auf dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines seidnen +Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er lächelte wie ein +artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein schmales blasses +Gesicht, über das Schweißtropfen rannen, verriet zugleich helle +Freude und müde Abspannung. + +Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In +allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen Türschwellen. +Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, ganz versunken in +das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um den Redner herum +Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch bereits in einiger +Entfernung im Winde. Nur einzelne abgerissene Worte drangen +weiter, von denen das Geräusch hin- und hergerückter Stühle auch +noch einen Teil verschlang. Noch weiter weg vernahm man dicht +hinter sich langgedehntes Rindergebrüll oder das Blöken der +Schafe, die sich einander antworteten. Die Kuhjungen und Hirten +hatten nämlich ihre Tiere inzwischen bis auf den Markt getrieben, +wo sie sich nun von Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten. + +Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig zu: + +»Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum Rebellen +machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie nicht verdammt? Die +edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden von ihr verfolgt +und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen trotz alledem +finden, so verbündet sich alles, damit sie einander nicht gehören +können. Aber sie werden es dennoch versuchen, sie regen ihre +Flügel, und sie rufen sich. Früher oder später, in sieben Monaten +oder in sieben Jahren, sind sie doch vereint in ihrer Liebe, weil +es das Schicksal so will und weil sie füreinander geschaffen sind +...« + +Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, und +so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem Blicke. Sie +konnte in seinen Augen die kleinen goldnen Kreislinien sehen, um +die schwarzen Pupillen herum, und sie roch sogar das leise Parfüm +in seinem Haar. Wollüstige Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte, +mit dem sie im Schlosse Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den +Sinn. Sein Bart hatte genau so geduftet wie dieses Haar, nach +Vanille und Zitronen. Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um +den Geruch stärker zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl +zurücklehnte, fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern +am Horizonte, die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine +lange Staubwolke nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war +Leo so oft zu ihr zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er +von ihr weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu +sehen, im Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel +zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals im +Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des Vicomte. Und +Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... Dabei spürte sie +in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. Die süße Empfindung +seiner Nähe vermählte sich mit den alten Gelüsten; und wie +Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten sie diese Gefühle +zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten ihr die Seele. Ein +paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um -- stoßweise -- den +frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die um die Säulen +geschlungen waren. + +Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die +feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem +Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern des +Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und die immer noch +Phrasen dreschende Stimme des Regierungsrates verworren vernahm. + +Er predigte: + +»Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich +nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten +Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen +Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die +Verbesserung des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung +der Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese +Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem +der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt +wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft +wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes +Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine +Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für Eure +stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge des +Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch ermutigt und +beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden hin recht geben +wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, die Bürde Eurer +opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!« + +Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr +Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so +schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, das +heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden +Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer gefaßt; +die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft und der +Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden +beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation +gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume, +Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der +menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen +Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte. +Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch +bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies nun +ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen ungleich +mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte Derozerays +allerhand Betrachtungen an. + +Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die +Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom +Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen +Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr +eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau +auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen +gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei. + +»Nehmen Sie beispielsweise uns beide!« sagte er. »Warum haben wir +uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall gefügt? War es +nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, der uns gegenseitig +einander zuführte, wie zwei Ströme ineinander fließen, jeder von +weiter Ferne her?« + +Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht. + +»Preis für gute Bewirtschaftung ...«, rief unten der Redner. + +»Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus +kam ...« + +»Herrn Bizet aus Quincampoix!« + +»Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden sollten?« + +»Siebzig Franken ...« + +»Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu +Ihnen gekommen und hier geblieben ...« + +»Für Erfolge im Düngen.« + +»... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...« + +»Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!« + +»... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so völlig +bezaubert ...« + +»Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...« + +»... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...« + +»... für einen Merino-Schafbock ...« + +»Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen vorübergewandelt +wie ein Schatten!« + +»Herrn Belot aus Notre-Dame ...« + +»Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner +erinnern?« + +»Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den +Herren Lehérissé und Cüllembourg!« + +Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und +zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei es +nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß sie +Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit ihren +Fingern eine Bewegung. Da rief er aus: + +»Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind so +gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur sehen, +nur anschauen!« + +Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke +des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die +mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße +Schmetterlingsflügel auf. + +»Für die Herstellung von Ölkuchen ...« + +Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen. + +»Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ... +Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...« + +Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas trockne +Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von selbst +verschlangen sich ihre Hände. + +»Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière für +vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben Gute eine +silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!« + +Nach einer Weile hört man: »Wo ist Katharine Leroux?« + +Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen. + +»Geh doch!« + +»Ach nein!« + +»Brauchst keine Angst zu haben!« + +»Nee, ist die dumm!« + +»Hier! Hier steckt sie!« + +»So mag sie doch vorkommen!« rief der Bürgermeister dazwischen. + +Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur +Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen +aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die Hüften +eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von einer +schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter +Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke langten zwei dürre +Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der +Lauge der Wäsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig, +hart und rissig, daß sie wie schmutzig aussahen, und doch waren +sie in reinem Wasser tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige +Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an +ihrer demütigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig +Dienste zu empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus +den Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von +Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht, +nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit Tieren war +ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum +ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen, +der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Röcken, das +Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das +erschüttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wußte +nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie +begriff nicht, warum man sie nach vorn drängte und warum ihr die +Preisrichter freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen +behäbigen Bürgern als ein verkörpertes halbes Säkulum der +Knechtschaft. + +»Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia Elisabeth +Leroux!« sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrönten +aus den Händen des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er +abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte +er in väterlichem Tone: + +»Näher, immer näher!« + +»Sind Sie denn taub?« rief Tüvache heftig und sprang von seinem +Sitze auf. + +»Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille im +Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!« wurde ihr laut +gesagt. + +Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln +des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte man sie vor +sich hinmurmeln: + +»Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er +mir dermaleinst eine Messe liest.« + +»Selig die Geistesarmen!« meinte der Apotheker, zum Notar gewandt. + +Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und +nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder +seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren +schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das Vieh, +das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe +zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren. + +Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in +den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte +einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte sich die +spendierten Butterbrote auf die Bajonette. + +Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe nahmen sie +Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein +durch die Wiesen spazieren. + +Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung schlecht. +Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen gar keine +Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bänke dienten, +drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. Man aß +unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen +perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und den +Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über dem +Flusse an einem Herbstmorgen. + +Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich völlig +in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und hörte. Hinter +ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die +gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab +er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das Glas, ohne daß er es +wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer stärker werdenden Lärmes war +es in ihm ganz still. Er sann über das nach, was Emma gesagt +hatte, und über die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte +ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar +aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte +Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in +der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter +Tage. + +Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der +Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der +letztere beunruhigte sich sehr über die Möglichkeit, daß einmal +eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen könnte. Aller +Augenblicke verließ er seine Freunde, um Binet zur größten +Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskörper waren vorher aus +übertriebener Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt +worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzündete +sich nun schwer, und das Hauptstück, eine Schlange, die sich in +den Schwanz beißt, versagte vollständig. Ab und zu zischte ein +dürftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergnügen +laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der +Weiber, die im Dunkeln von dreisten Händen angefaßt wurden. + +Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben, +verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen +Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und +nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein +paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch über das +unbedeckte Haar. + +In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom +Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf +seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines +Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach +den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster. + +»Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen«, +bemerkte der Apotheker. »Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich +am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche +vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine +Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen Sie!« + +Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade +anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach +seiner Drehbank. + +»Vielleicht täten Sie gut,« mahnte ihn Homais, »wenn Sie einen von +Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen +...« + +»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« murrte der Steuereinnehmer. »Das +hätte ja gar keinen Sinn!« + +Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden. + +»Wir können völlig beruhigt sein«, sagte er zu ihnen. »Herr Binet +hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen +sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen +stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!« + +»Ach ja! Ich habs sehr nötig!« erwiderte Frau Homais, die schon +immer tüchtig gegähnt hatte. »Aber schön wars doch!« + +Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke: + +»Wunderschön!« + +Dann verabschiedete man sich und ging voneinander. + +Zwei Tage darauf stand im »Leuchtturm von Rouen« ein langer +Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker +hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt. + +»Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin wälzt +sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen Weltmeeres +unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren +sengt?« + +Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. »Gewiß, die +Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend +Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!« Bei der +Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er »das +martialische Aussehen unsrer Miliz«, die »behenden Dorfschönen,« +die »kahlköpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der +unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der +Trommeln höher schlagen.« Seinen eigenen Namen zählte er unter den +Preisrichtern als ersten auf und erwähnte in einer Anmerkung +sogar, daß Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlängst eine +Denkschrift über den Apfelwein an die Rouener Agronomische +Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt, +schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer +Begeisterung. »Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren +Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll +Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles +Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand +gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl +in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese errichteten großen +Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende +herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere Toaste wurden +ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestät, +Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr +Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft, +Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die +Künste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den +Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk +plötzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres +Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte +sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht +entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß +auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestört +hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit. +Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und +Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jünger Loyolas!« + + + + +Neuntes Kapitel + + +Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines +Spätnachmittags, erschien er. + +»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein +Fehler!« + +Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd +hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein +Gedankengang war folgender: + +»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach +dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten +wir also noch eine Weile!« + +Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß +wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte. + +Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den +Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall +des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der +Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer. + +Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine +ersten Höflichkeitsworte. + +»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.« + +»Ernstlich?« fragte sie erregt. + +»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen +niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht +wiederkommen.« + +»Warum?« + +»Erraten Sie es nicht?« + +Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot +wurde und die Augen senkte. + +Er begann von neuem: + +»Emma!« + +»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab. + +»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich +hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser +Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir entschlüpft, +und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt +nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name -- eines +andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt +sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an +Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen +Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg +... so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber +heute ... heute ... ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt +hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner +kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt +sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert +ist!« + +Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie +sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem +Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost. + +»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort, +»wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch +wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für +Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu +schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem +Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das +Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben +hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß +da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein +Unglücklicher stand ...« + +Sie schluchzte auf und sah ihn an. + +»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie. + +»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen +Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!« + +Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche +her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht +geschlossen. Er erinnerte sich daran. + +»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend, +»wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.« + +Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen. +Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da +trat Karl ein. + +»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf. + +Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel +schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen +wurde der andre wieder völlig Herr der Situation. + +»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...«, +begann er. + +Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau +habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten. + +Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre. + +»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein +guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!« + +Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins +an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in +sie. Dann erzählte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein +Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide +immer noch an Schwindelanfällen. + +»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary. + +»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder +zusammen. Das ist bequemer für Sie!« + +»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!« + +Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl: + +»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger +abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!« + +Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie +sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es +»komisch« finden. + +»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche +Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht +richtig von dir!« + +»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!« + +»Dann mußt du dir eins bestellen!« + +Das Reitkleid gab den Ausschlag. + +Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe +ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an. + +Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem +Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder +und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus +feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch +nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen +entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und +den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn +gewartet und war bereit. + +Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den +Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei +gute Ratschläge. + +»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie +vorsichtig! Sind die Tiere fromm?« + +Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der +Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta +einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen +zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte. + +»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht +vorsichtig!« + +Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit +seiner Zeitung. + +Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von +selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an. +Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig +eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem +Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden +Galoppade. + +Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die +Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter. + +Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In +langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die +Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel +auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann +erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von +Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und +Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus +herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie +da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten, +glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen, +verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm +herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der +hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt. + +Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die +laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die +Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den +Hufen berührt. + +Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur +Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der +Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die +unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde +keuchten. + +Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor. + +»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf. + +»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie. + +»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge. +Beide Tiere gehorchten. + +Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen +sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt, +bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein +paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende +Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie +ihr linkes Bein berührte. + +Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte +sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden +Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben +und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen +auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise +krächzend flogen Raben um die Eichen. + +Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus, +den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes +Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen +Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem +schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres +Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand. + +Emma blieb stehen. + +»Ich bin müde!« sagte sie. + +»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!« + +Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue +Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften +herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus, +wie in das Blau des Himmels getaucht. + +»Wohin gehen wir denn?« + +Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und +biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der +gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen. + +Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht +durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst, +schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit +der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem +Satze: + +»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen +zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn: + +»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!« + +Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so +blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht +schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig: + +»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern +Pferden!« + +Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte: + +»Gehen wir zu unsern Pferden!« + +Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten +Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich +zitternd zurück und stammelte: + +»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!« + +»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck +wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern +aus. + +Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an. + +»Was hatten Sie denn vorhin?« fragte er. »Was war es? Ich habe Sie +nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. Sie thronen +in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar! +Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre Augen sehen, Ihre +Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin, +meine Schwester, mein Schutzengel!« + +Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm +sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie +nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von den +Bäumen rupften. + +»Noch nicht!« bat Rudolf. »Reiten wir noch nicht zurück! Bleiben +Sie!« + +Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen Weihers, +dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf +träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer Schritte im +Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden. + +»Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! Ich +bin toll, daß ich auf Sie höre!« + +»Warum? Emma! Emma!« + +»Ach, Rudolf!« flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn +anschmiegte. + +Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog +ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer schwellte. Halb +ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände auf ihr Gesicht +pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin ... + +Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und +flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub +und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten Kolibris im +Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes +Schweigen. Die Bäume atmeten süße Melancholie. + +Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch +den Körper kreiste. + +In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein +langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie +schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen +ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ... + +Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines +Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her. + +Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im +weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider +Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder und +einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verändert, +und doch kam es Emma vor, als sei etwas höchst Bedeutsames +geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von +Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herüber, um ihre rechte +Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand Emma im Sattel entzückend +aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der +schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft +geröteten Wangen, -- alles im Abendrot. + +Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal +machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu. + +Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich aus. +Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen +sei, tat sie, als hätte sie die Frage überhört. Sie stützte sich +auf die Ellenbogen und starrte über ihren Teller weg in die +flackernden Kerzen. + +»Emma!« + +»Was denn?« + +»Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. Er +hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die +Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für hundert +Taler ...« Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar +Augenblicken fort: »Ich habe gedacht, es sei dir erwünscht, und da +habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... nein, gleich +gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!« + +Sie nickte bejahend mit dem Kopfe. + +Eine Viertelstunde später fragte sie: + +»Gehst du heute abend aus?« + +»Ja. Warum denn?« + +»Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!« + +Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und +schloß sich ein. + +Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die +Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine +Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte. +Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte über ihr +Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und +wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam +sich wie verklärt vor. + +Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen +Geliebten!« + +Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib +geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die +fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr +gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles +Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit +breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das +Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg +von diesen Höhen, lag der Alltag. + +Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar +empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den +Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene +Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer +Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der +amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefühl +befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt +triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit +wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß ihre +Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne Wirrungen. + +Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich +ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. Er +unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen +an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und +ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war wiederum im +Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die Wände waren +von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man drin nicht +aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander auf einer +Streu von trocknem Laub. + +Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle Abende. +Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen +lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach führte, verbarg. +Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine +Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle Tage beklagte. + +Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war, +geriet sie plötzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu +wollen. Ehe die Yonviller aufständen, konnte sie nach der Hüchette +gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurückkommen. Dieser +Plan ließ sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar +Augenblicke später war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich +umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs. + +Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut +des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem +höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab. + +Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte das +Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als öffnete sich +ihr alles von selbst. Eine breite Treppe führte auf einen Gang. +Emma drückte auf die Klinke einer Tür, und da erblickte sie im +Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie +frohlockte laut. + +»Du? Du!« rief er aus. »Wie hast du das fertig gebracht? Dein Kleid +ist feucht ...« + +»Ich liebe dich!« war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den +Hals schlang. + +Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, kleidete +sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, rasch an und +schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf +dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache führte, aus dem Hause. +Aber wenn die Planke, die als Steg über das Wasser diente, +zufällig weggenommen war, mußte sie ein Stück bis zum nächsten +Steg an den Gartenmauern längs des Baches hingehen. Die bewachsene +Böschung war steil und glitschig, und so mußte sie sich mit der +einen Hand an Büscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten, +um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein über die +Äcker, ungeachtet, daß ihre zierlichen Schuhe einsanken, daß sie +oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um +Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor +den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden +Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns +und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann +meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der +leibhaftgewordene Frühlingsmorgen. + +Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende +goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen +fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern +leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf +zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz. + +Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf, +kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem +Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in den +Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und +Zuckerstücken, neben der Wasserflasche. + +Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma +vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm +weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von +neuem in seine Arme. + +Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein +bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wäre. + +»Was hast du denn?« fragte sie. »Hast du Schmerzen? Sprich!« + +Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begönnen +unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Allmählich machten Rudolfs Befürchtungen auf Emma Eindruck. Zuerst +hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an nichts andres +gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu einer Lebensbedingung +geworden war, erwachte die Furcht in ihr, es könne ihr etwas davon +verloren gehen oder man könne sie ihr gar stören. Wenn sie von dem +Geliebten wieder heimging, hielt sie mit rastlosen Blicken +Umschau; sie spähte nach allem, was sich im Gesichtskreise regte, +sie suchte die Häuser des Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob +jemand sie beobachte. Sie lauschte auf jedes Geräusch, jeden +Tritt, jedes Rädergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und +zittriger als das Laub der Pappeln, die sich über ihrem Haupte +wiegten. + +Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem Male den +Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte schräg über den +oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hälfte in einem Graben +stand und vom Gebüsch verdeckt wurde. Vor Schreck halb ohnmächtig +ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann aus der Tonne wie +ein Springteufel aus seinem Kasten. Er trug Wickelgamaschen bis +an die Knie, und die Mütze hatte er tief ins Gesicht +hereingezogen, so daß man nur eine rote Nase und bebende Lippen +sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, der auf dem Anstand lag, +um Wildenten zu schießen. + +»Sie hätten schon von weitem rufen sollen!« schrie er ihr zu. +»Wenn man ein Gewehr sieht, muß man sich bemerkbar machen!« + +Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst +zu bemänteln. Es bestand nämlich eine landrätliche Verordnung, +nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne aus betreiben +durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte sich also Binet +einer Übertretung schuldig. Deshalb schwebte er in steter Furcht, +der Landgendarm könne ihn erwischen, und doch fügte die Aufregung +seinem Vergnügen einen Reiz mehr zu. Wenn er so einsam in seiner +Tonne saß, war er stolz auf sein Jagdglück und seine Schlauheit. + +Als er erkannte, daß es Frau Bovary war, fiel ihm ein großer Stein +vom Herzen. Er begann sofort ein Gespräch mit ihr. + +»Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!« + +Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort: + +»Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?« + +»Jawohl!« stotterte sie. »Ich war bei den Leuten, wo mein Kind +ist...« + +»So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon +seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, daß man +auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...« + +»Adieu, Herr Binet!« unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von +ihm ab. + +»Ihr Diener, Frau Bovary!« sagte er trocken und kroch wieder in +seine Tonne. + +Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen +gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige +Vermutungen. Auf eine dümmere Ausrede hätte sie auch wirklich +nicht verfallen können, denn in ganz Yonville wußte man, daß das +Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und sonst +wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg führte einzig und +allein nach der Hüchette. Somit mußte Binet erraten, wo Emma +gewesen war. Sicherlich würde er nicht schweigen, sondern es +ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle möglichen +Lügen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit seiner +Jagdtasche vor Augen. + +Als Karl nach dem Essen merkte, daß Emma bekümmert war, schlug er +ihr vor, zur Zerstreuung mit zu »Apothekers« zu gehen. + +Die erste Person, die sie schon von draußen in der Apotheke im +roten Lichte erblickte, war -- ausgerechnet -- der +Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade: + +»Ich möchte ein Lot Vitriol.« + +»Justin,« schrie der Apotheker, »bring mir mal die Schwefelsäure +her!« Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum +Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte. + +»Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden +Augenblick herunter. Wärmen Sie sich inzwischen am Ofen ... +Entschuldigen Sie!« Und zu Bovary sagte er: »Guten Abend, Doktor!« +Der Apotheker pflegte nämlich diesen Titel mit einer gewissen +Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der darauf +ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen würfe. »Justin, nimm dich +aber in acht und wirf mir die Mörser nicht um! So! Und nun holst +du ein paar Stühle aus dem kleinen Zimmer! Aber nicht etwa die +Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?« + +Homais wollte selber zu seinen Fauteuils stürzen, aber Binet bat +noch um ein Lot Zuckersäure. + +»Zuckersäure?« fragte der Apotheker eingebildet. »Kenne ich nicht! +Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsäure? Also +Oxalsäure, nicht wahr?« + +Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, daß er nach einem +selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur +Reinigung von verrostetem Jagdgerät. + +Bei dem Wort »Jagd« schrak Emma zusammen. + +Der Apotheker versetzte: + +»Gewiß! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!« + +»Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!« meinte Binet +bissig. + +Emma bekam keine Luft. + +»Und dann möcht ich noch ...« + +»Will er denn ewig hier bleiben!« seufzte sie bei sich. + +»... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes Wachs +und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren meines +Lederzeugs.« + +Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als seine Frau +erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, und Athalia +hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plüsch überzogene +Fensterbank. Der Junge lümmelte sich auf einen niedrigen Sessel, +während sich seine ältere Schwester am Kasten mit den Malzbonbons +zu schaffen machte, in nächster Nähe von »Papachen«, der mit dem +Trichter hantierte, die Fläschchen verkorkte, Etiketten darauf +klebte und dann alles zu einem Paket verpackte. Um ihn herrschte +Schweigen. Man hörte nichts, als von Zeit zu Zeit das Klappern der +Gewichte auf der Wage und ein paar leise anordnende Worte, die der +Apotheker dem Lehrling erteilte. + +»Wie gehts Ihrem Töchterchen?« fragte plötzlich Frau Homais. + +»Ruhe!« rief ihr Gatte, der den Betrag in das Geschäftsbuch +eintrug. + +»Warum haben Sies nicht mitgebracht?« fragte sie weiter. + +»Sst! Sst!« machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem +Apotheker. + +Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht +darauf gehört zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stieß Emma +einen lauten Seufzer aus. + +»Bißchen asthmatisch?« bemerkte Frau Homais. + +»Ach nein, es ist nur recht heiß hier!« entgegnete Frau Bovary. + +Alles das hatte zur Folge, daß die Liebenden tags darauf +beschlossen, ihre Zusammenkünfte anders einzurichten. Emma schlug +vor, ihr Hausmädchen ins Vertrauen zu ziehen und durch ein +Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es für besser, in +Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig zu machen. Er +versprach, sich darnach umzusehen. + +Den ganzen Winter über kam er drei- oder viermal in der Woche bei +Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlüssel zur +Hinterpforte gegeben, während Karl glaubte, er sei verloren +gegangen. Zum Zeichen, daß er da war, warf Rudolf jedesmal eine +Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, aber +oft mußte sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, am +Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma verging +beinahe vor Ungeduld und wünschte ihren Mann wer weiß wohin. +Schließlich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann nahm sie +ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch über alle Maßen +fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief ihr zu, sie solle +auch schlafen gehn. + +»Komm doch, Emma!« rief er. »Es ist schon spät!« + +»Gleich! Gleich!« erwiderte sie. + +Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und +schlief ein. Sie schlüpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, lächelnd, +zitternd, halbnackt. + +Rudolf hüllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, schlang +die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den Garten, in die +Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie dereinst so oft mit +Leo gesessen hatte. Das war an Sommerabenden gewesen. Wie verliebt +hatten seine Augen geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr +an ihn. + +Durch die kahlen Zweige der Jasminbüsche funkelten die Sterne. +Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am +Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich im +Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben bekam, +sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein schwarzes Ungetüm +auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu erdrücken. + +In der Kälte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und +ihr Liebesgestammel um so inbrünstiger. Ihre Augen, die sie +gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen größer, und in +der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflüsterten Worte +einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und zitterten +in ihnen tausendfach wider. + +Wenn die Nacht regnerisch war, flüchteten sie in Karls +Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem Pferdestall +gelegen war. Emma zündete eine Küchenlampe an, die sie hinter den +Büchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte sichs bequem, als sei +er zu Hause. Der Anblick der »Bibliothek«, des Schreibtisches, der +ganzen Einrichtung erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht +umhin, über Karl allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hörte. +Sie hätte ihn viel lieber ernst sehen mögen, ihretwegen +theatralischer, wie er es einmal gewesen war, als sie in der +Pappelallee das Geräusch von näherkommenden Tritten hinter sich zu +vernehmen wähnten. + +»Es kommt jemand!« sagte sie einmal. + +Er blies das Licht aus. + +»Hast du eine Pistole bei dir?« + +»Wozu?« + +»Damit du ... dich ... verteidigen kannst!« + +»Gegen deinen Mann? Der arme Junge!« Dazu machte er eine Gebärde, +die etwa sagen sollte: »Der mag mir nur kommen!« + +Dieser Mut entzückte sie, wenngleich sie die Unzartheit und +urwüchsige Roheit heraushörte und darüber entsetzt war. + +Rudolf dachte viel über diese kleine Szene nach. + +»Wenn das ihr Ernst war,« sagte er sich, »so war das recht +lächerlich, sogar häßlich.« Er hatte doch wahrlich keinen Anlaß, +ihren gutmütigen Mann zu hassen. Sozusagen »von Eifersucht +verzehrt«, das war er nicht. Überdies hatte ihm Emma ihre +körperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, der ihm +ziemlich abgeschmackt erschienen war. Überhaupt fing sie an, recht +sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit ihr tauschen +müssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze Handvoll Haare +für einander abgeschnitten, und jetzt wünschte sie sich sogar +einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen ewiger +Zusammengehörigkeit. Häufig schwärmte sie ihm von den Abendglocken +vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie erzählte von ihrer +seligen Mutter und wollte von der seinigen etwas wissen. Rudolfs +Mutter war schon zwanzig Jahre tot. Trotzdem tröstete ihn Emma mit +allerlei Koseworten der Klein-Kindersprache, als ob es gölte, ein +Wickelkind zu beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen +aufblickend, ausgerufen: + +»Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mütter segnen unsre +Liebe!« + +Aber sie war so hübsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er +noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzüchtigkeiten war +ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, das seinen +Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verführerisch umschmeichelte. +Selbst Emmas Überschwenglichkeiten, so zuwider sie einem +Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei näherer Betrachtung +reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so sicher war, daß +er geliebt wurde, ließ er sich gehen, und allmählich änderte sich +sein Benehmen. + +Nicht mehr wie einst hatte er für sie jene süßen Worte, die Emma +zu Tränen rührten, nicht mehr die stürmischen Liebkosungen, die +sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr vor, als ob der Strom +ihrer eignen großen Liebe, in der sie völlig untergetaucht war, +niedriger würde; sie sah gleichsam auf den schlammigen Grund. Vor +dieser Erkenntnis schauderte sie, und darum verdoppelte sie ihre +Zärtlichkeiten. Rudolf indessen verriet seine Gleichgültigkeit +immer mehr. + +Emma war sich selber nicht klar darüber, ob sie es bereuen müsse, +sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser für sie sei, +wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann sie ihre +Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll darüber +beeinträchtigte ihr den sinnlichen Genuß. Sie gab sich ihm nicht +mehr hin, sie ließ sich jedesmal von neuem verführen. Aber er +meisterte sie, und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. + +Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach außen ein harmloses +Gepräge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs Wunsch. So +war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, als der +Frühling ins Land kam, waren sie fast wie zwei Eheleute +zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemütlichen Flamme des +häuslichen Herdes bringen. + +Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljährlich eine +Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe kam, +wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem er an +den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen: + +»Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol +und is si so gut wi di früeren. Mir komt sie nämlig ein bissel +zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nächste mal schik ich +euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt ür liber ein par junge +un schikt mir den Korb zerük, bite un auch di vorgen, ich hab +Unglük mit der römise gehabt der ihr Dach ist mir neulig nachts +bei dem grosen Sturm in die Bäume geflogen, die ernte ist diesmal +nich besonders berümt. Kurz und gut ich weis nicht wan ich zu euch +zu besuch kome, das ist jez so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe +weg seit ich allein bin meine arme Emma.« + +Hier war ein großer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder +hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu träumen. + +»Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den Schnuppen den +ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo ich war, +einen neuen Schäfer zu mieten. Den alten hab ich nämlig +nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig schrecklig +mit diesen Gesindel, mausen tat er übrigens auch. + +»Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend gekomen +is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich vernomen das +Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich kar nich und den Zan +hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase Kafee dabehalten. Ich +fragt in ob er dich auch gesehen hat, da sagte er Nein aber im +Stale häte er zwei Gäule stehn sehn woraus ich schlise das der +kurkenhandel bei euch gut geht. Das freut mich sehr meine liben +Kinder der libe got mög euch ales möglige Glük schenken. Es tut +mir sör leid das ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer +nich kene. Ich habe für si unter deiner Stube ein Flaumenbäumgen +geflanzt. Das sol nich angerürt werden auser später um die Flaumen +für Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen +si komt krigt si imer welge. Adiö libe Kinder. Ig küse dich libe +Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide +Baken un verbleibe mit tausen Grüsen euer euch + +libender vater +Theodor Rouault.« + +Ein paar Minuten hielt sie das Stück grobes Papier noch nach dem +Lesen in den Händen. Die Verstöße gegen die Rechtschreibung jagten +sich in den väterlichen Zeilen nur so, aber Emma ging einzig und +allein dem lieben Geist darin nach, der wie eine Henne aus einer +dicken Dornenhecke allenthalben hervorgackerte. Rouault hatte die +noch nassen Schriftzüge offenbar mit Herdasche getrocknet, denn +aus dem Briefe rieselte eine Menge grauen Staubes auf das Kleid +der Leserin. Sie glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich +zu sehen, wie er sich nach dem Aschekasten bückte. Ach, wie lange +war es schon her, daß sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah +sie sich wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende +eines Steckens an der großen Flamme des Funken sprühenden +Ginsterreisigs anbrennen ließ. Und dann dachte sie zurück an +gewisse sonnendurchglühte Sommerabende, wo die Füllen so hell +aufwieherten, wenn man in ihre Nähe kam, und dann weggaloppierten. +Diese drolligen Galoppsprünge! Im Vaterhause, unter ihrem Fenster, +da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren die Bienen, wenn sie +in der Sonne ausschwärmten, gegen die Scheiben geflogen wie +fliegende Goldkugeln. Das war doch eigentlich eine glückliche Zeit +gewesen! Voller Freiheit! Voller Erwartung und voller Illusionen! +Nun waren sie alle zerronnen! Bei dem, was sie erlebt, hatte sie +ihre Seele verbraucht, in allen den verschiedenen Abschnitten +ihres Daseins, als junges Mädchen, dann als Gattin, zuletzt als +Geliebte. Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie +jemand, der auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stück von +seinen Habseligkeiten liegen läßt. + +Aber warum war sie denn so unglücklich? Was war Bedeutsames +geschehen, daß sie mit einem Male aus allen Himmeln gestürzt war? +Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche sie den +Anlaß ihres Herzeleids. + +Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des +Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe hindurch +spürte sie den weichen Teppich. Es war ein heller Frühlingstag, +und die Luft war lau. + +Da hörte sie, wie ihr Kind draußen laut aufjauchzte. + +Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermädchen wollte +sie am Kleide wieder in die Höhe ziehen. Lestiboudois war dabei, +den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nähe des Kindes +kam, streckte es ihm beide Ärmchen entgegen. + +»Bring sie mir mal herein!« rief sie dem Mädchen zu und riß ihr +Töchterchen hastig an sich, um es zu küssen. »Wie ich dich liebe, +mein armes Kind! Wie ich dich liebe!« + +Als sie bemerkte, daß es am Ohre etwas schmutzig war, klingelte +sie rasch und ließ sich warmes Wasser bringen. Sie wusch die +Kleine, zog ihr frische Wäsche und reine Strümpfe an. Dabei tat +sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der Kleinen stehe, +just als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. Schließlich küßte +sie sie noch einmal und gab sie tränenden Auges dem Mädchen +wieder. Felicie war ganz verdutzt über diesen Zärtlichkeitsanfall +der Mutter. + +Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst. + +»Eine vorübergehende Laune!« tröstete er sich. + +Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als +er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig. + +»Schade um die Zeit, mein Liebchen!« meinte er. Und er tat so, als +merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das Taschentuch, +das sie herauszog. + +Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus welchem +Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht besser +gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. Aber Karl +bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren Gefühlswandel zu +offenbaren. Wenn der Apotheker nicht zufällig eine solche +heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre hingebungsvolle Anwandlung +tatenlos geblieben. + + + + +Elftes Kapitel + + +Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode, +Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war, +verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in +Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit es auf +der Höhe der Kultur bleibe. + +»Was ist denn dabei zu riskieren?« fragte er Frau Bovary. Er +zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern +auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken. +Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende Reklame für den +Operateur. »Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den +armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? Bedenken Sie, daß er +seine Heilung allen Reisenden erzählen würde. Und dann ...« Der +Apotheker begann zu flüstern und blickte scheu um sich, »... was +sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darüber in die +Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird überall +gelesen ... man spricht davon ... schließlich weiß es die ganze +Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer +weiß?« + +Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar +keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln, +und was für eine Befriedigung wäre es für sie, die geistige +Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine +Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte mehr als bloß die Liebe +dieses Mannes. + +Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl +überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Düval, +und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den +Händen, in diese Lektüre. Während er sich über Pferdefußbildungen, +Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie, +Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen inneren und +äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen Fußes), +Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fußleiden, die +oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich greifen) +unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Löwen mit +allen Mitteln der Überredungskunst zur Operation zu bewegen. + +»Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren«, sagte er +zu ihm. »Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim +Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hühnerauge +schneiden läßt.« + +Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich. + +»Im übrigen«, fuhr der Apotheker fort, »kann mirs natürlich ganz +egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs nur aus purer +Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte dich gar zu gern von +deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, von diesem ewigen Hin- +und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst dagegen sagen, was du +willst: es stört dich in der Ausübung deines Berufs doch +erheblich!« + +Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach einer +Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu verstehen, daß +er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, worüber der +Bursche albern grinste. + +»Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch +auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten +ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!« + +Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei ihm +noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den +Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne. + +Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine +Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die +Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, die +Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in ihn, +redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was vollends den +Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen roten Heller +kosten. Bovary versprach sogar, Material und Medikamente umsonst +zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser Generosität. Karl +pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: »Meine Frau ist doch +wirklich ein Engel!« + +Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen +Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers eine +Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an Holz, +Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart worden. + +Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte +zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß +hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein nahezu +geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. Es war +also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, anders +ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker Neigung zu einem +Pferdefuß. + +Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein Pferdehuf +war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke Zehen mit +schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war der Krüppel von +früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah ihn unaufhörlich im +Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte sogar den Anschein, als +sei sein mißratenes Bein kräftiger denn das gesunde. Offenbar +hatte sich Hippolyt, von Jugend auf im schweren Dienst, sehr viel +Geduld und Ausdauer zu eigen gemacht. + +An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne durchschnitten +werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher kann der Varus +nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, beide Schnitte auf +einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, einen wichtigen Teil +zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse waren mangelhaft. + +Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die erste +unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, der es +unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, Gensoul, der als +erster eine Oberkiefer-Abtragung ausführte, -- allen diesen hat +sicherlich nicht so das Herz geklopft und die Hand gezittert, und +sie waren gewiß nicht so aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt +unter sein Messer nahm. + +Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in einem Lazarett. Auf +dem Tische lagen Haufen von Scharpie, gewichste Fäden, Binden, +alles was in der Apotheke an Verbandszeug vorrätig gewesen war. +Homais hatte das alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die +Leute zu verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen. + +Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. Die Sehne +war zerschnitten, die Operation beendet. + +Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm Bovarys +Hände und bedeckte sie mit Küssen. + +»Erst mal Ruhe!« gebot der Apotheker. »Die Dankbarkeit für deinen +Wohltäter kannst du ja später bezeigen!« + +Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs Neugierigen +mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich eingebildet hatten, +Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male laufen wie jeder +andere. Karl schnallte seinem Patienten das Gehäuse an und begab +sich sodann nach Haus, wo ihn Emma angstvoll an der Türe +erwartete. Sie fiel ihm um den Hals. + +Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch +sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst nur +Sonntags, wenn ein Gast da war. + +Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und +gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke, +von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen ärztlichen Ruf +wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe seiner Frau +immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt und verjüngt, +gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen leisen Zuneigung +für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. Flüchtig schoß ihr +der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber ihre Augen ruhten +alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte sie erstaunt, daß +seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich waren. + +Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr des +Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein frisch +beschriebenes Stück Papier. Es war der Reklame-Aufsatz, den er für +den »Leuchtturm von Rouen« verfaßt hatte. Er brachte ihn, um ihn +dem Arzte zum Lesen zu geben. + +»Lesen Sie ihn vor!« bat Bovary. + +Der Apotheker tat es: + +»Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer +noch immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer +Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen +Yonville der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich +ein Beispiel edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, +einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, ...« + +»Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!« unterbrach ihn Karl, vor +Erregung tief atmend. + +»Aber durchaus nicht! Wieso denn?« + +Er las weiter: + +»... hat den verkrüppelten Fuß ...« + +Er unterbrach sich selbst: + +»Ich habe hier absichtlich den terminus technicus vermieden, +wissen Sie! In einer Tageszeitung muß alles gemeinverständlich +sein ... die große Masse ...« + +»Sehr richtig!« meinte Bovary. »Bitte fahren Sie fort!« + +»Ich wiederhole: + +Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, +hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain +operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum Goldnen Löwen +der verwitweten Frau Franz am Markt. Das aktuelle Ereignis und das +allgemeine Interesse an der Operation hatten eine derartig große +Volksmenge angezogen, daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt +werden mußte. Die Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. +Bluterguß trat so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen +verrieten, daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der +Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise +-- wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf -- +nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt +nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die +vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave +Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten Urlaubern +um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch muntere +Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen Gelehrten, Ehre +den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der Menschheit zum +Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen! + +Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die +Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der +kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach, +schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden +unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so +ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.« + +Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz verstört +gelaufen und rief: + +»Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!« + +Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der +Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ +sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und mit +rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem er +auf der Treppe begegnete: + +»Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?« + +Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß das +Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen die Wand +geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte. + +Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht zu +verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot sich ein +gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war unter einer +derartigen Schwellung verschwunden, daß es aussah, als platze +demnächst die ganze Haut. Diese war blutunterlaufen und von +Druckflecken bedeckt, die das famose Gehäuse verursacht hatte. +Hippolyt hatte von Anfang an über Schmerzen geklagt, aber man +hatte ihn nicht angehört. Nachdem man nunmehr einsah, daß er im +Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein paar Stunden Befreiung. +Aber sowie die Schwellung ein wenig zurückgegangen war, hielten es +die beiden Heilkünstler für angebracht, das Bein wieder +einzuschienen und es noch fester einzupressen, um dadurch die +Wiederherstellung zu beschleunigen. + +Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr auszuhalten. +Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war höchst über das +verwundert, was sich nunmehr herausstellte. Die schwärzlichblau +gewordene Schwellung erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz +voller Blasen war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man +wurde bedenklich. + +Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in die +kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er wenigstens +etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, der dort seinen +Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese Nachbarschaft. +Nunmehr schaffte man den Kranken in das Billardzimmer. Dort lag +er wimmernd unter seinen schweren Decken, blaß, unrasiert, mit +eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte er seinen in Schweiß +gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen hin und her, wenn ihn +die Fliegen quälten. + +Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den +Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst fehlte +es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, wenn die +Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen +herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten. + +»Wie geht dirs denn?« fragten sie ihn und klopften ihm auf die +Schulter. »So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist aber +selber schuld daran!« Er hätte dies oder jenes machen sollen. Sie +erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere Heilmittel +wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren Trost meinten +sie: + +»Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie ein +Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! Und +besonders gut riechst du auch nicht!« + +Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast +selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke. +Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend +stammelte er: + +»Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, helfen +Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!« + +Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann verließ +er ihn. + +»Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!« meinte die Löwenwirtin. +»Sie haben dich schon gerade genug geschunden! Das macht dich bloß +immer noch schwächer! Da, trink!« + +Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule, +Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine +Lippen zu bringen wagte. + +Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt schlechter +ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber erklärte +er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, denn es +sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich mit dem Himmel +zu versöhnen. + +»Siehst du,« sagte der Priester in väterlichem Tone, »du hast +deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der +Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige Abendmahl +nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung und der +Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein Seelenheil zu +sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du dich darum kümmerst. +Verzweifle indessen nicht! Ich habe große Sünder gekannt, die, +kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du bist noch nicht so weit, +das weiß ich wohl!) seine Gnade erfleht haben; sie sind ohne +Verdammnis gestorben! Hoffen wir, daß auch du uns gleich ihnen ein +gutes Beispiel gibst! Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, +morgens ein Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue +das! Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das +versprechen?« + +Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger wieder. +Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen erzählte er den +beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, die Hippolyt +allerdings nicht verstand. Aber bei jeder Gelegenheit kam er auf +religiöse Dinge zu sprechen, wobei er jedesmal eine salbungsvolle +Miene annahm. + +Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht +lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt +nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde, +worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt genäht +halte besser. Er riskiere ja dabei nichts. + +Der Apotheker war empört über »diese Pfaffenschliche«, wie er sich +ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung des +Hausknechts nur. + +»Laßt ihn doch nur in Ruhe!« sagte er zur Löwenwirtin. »Mit euren +Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!« + +Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein anderer +sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein aus +Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen +Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf. + +Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der +chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom +Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue Salben +und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und schließlich +antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, als Mutter +Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser hoffnungslosen Lage +nicht den Doktor Canivet aus Neufchâtel kommen lassen solle, der +doch weitberühmt sei. + +Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso +wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht, +über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das bis an das +Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann erklärte er, das +Glied müsse amputiert werden. + +Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen »die Esel, die das +arme Luder so zugerichtet« hätten. Er faßte Homais am Rockknopf +und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke: + +»Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die +Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es mit +ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, Blaseneingriffen! +Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen +sollte! Diese Scharlatane wollen bloß immer was zu tun haben. Sie +erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken +sie nicht. Wir andern aber, wir sind rückständig. Wir sind keine +Gelehrten, keine Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben +unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns +nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! +Klumpfüße gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch +einem Buckligen seinen Höcker abhobeln wollen!« + +Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl zumute, aber +er verbarg sein Mißbehagen hinter einem verbindlichen Lächeln. Er +mußte mit Canivet auf gutem Fuße bleiben, dieweil dieser in der +Yonviller Gegend öfters konsultiert wurde und ihm dabei durch +Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde hütete er sich, für +Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze +Grundsätze sein und opferte seine Würde den ihm wichtigeren +Interessen seines Geschäfts. + +Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausführte, war +für den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frühzeitig waren die +Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstraße war voller +Menschen, die allesamt etwas Trübseliges an sich hatten, als solle +eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich +über Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau +Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen Morgen in +ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur +ankäme. + +Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber kutschierte. +Durch die Last seines Körpers war die rechte Feder des Gefährts +derartig niedergedrückt, daß der Wagenkasten schief stand. Neben +dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne +Reisetasche, deren Messingschlösser prächtig funkelten. In starkem +Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen +Löwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er +ging mit in den Stall und überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich +Hafer geschüttet bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer +zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im +Munde der Leute für einen »Pferdejockel«. Aber gerade weil er sich +darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. Und +wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten +Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst seiner +kavalleristischen Pflicht nachgekommen. + +Homais stellte sich ein. + +»Ich rechne auf Ihre Unterstützung!« sagte der Chirurg. »Ist alles +bereit? Na, dann kanns losgehen!« + +Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, um +einer solchen Operation assistieren zu können. »Als passiver +Zuschauer«, sagte er, »greift einen so was doppelt an. Meine +Nerven sind so herunter ...« + +»Quatsch!« unterbrach ihn Canivet. »Mir machen Sie vielmehr den +Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. Übrigens kein +Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh bis abends in Eurer +Giftbude. Das muß sich ja schließlich auf die Nerven legen! Gucken +Sie mich mal an! Tag für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf, +wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, +Flanellhemden gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich +nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und +morgen so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als +Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie +Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem +christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich +mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es +ist alles bloß Gewohnheit ...« + +Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem +Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung in +diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit +eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich +geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über die +Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein +Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines +Handwerk ausübe, der sei ein Heiligtumschänder. + +Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais +gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war dasselbe, das bereits +bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er +sich jemanden, der das Bein festhalten könne. Lestiboudois ward +geholt. + +Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel hoch und +begab sich in das Billardzimmer, während der Apotheker in die +Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ängstlich +warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weißer als ihre +Schürzen. + +Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus. +Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und die Hände +gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte, +und starrte vor sich hin. »Welch ein Mißgeschick!« seufzte er. +»Was für eine große Enttäuschung!« Er hatte doch alle denkbaren +Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner +Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! Wenn Hippolyt noch +stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was sollte er antworten, +wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe +einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wußte doch selber keinen, +so sehr er auch darüber nachsann. Die berühmtesten Chirurgen +versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie +werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache +wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchâtel, bis Rouen und noch +weiter! Vielleicht würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn +veröffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in +den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf +Schadenersatz klagen. + +Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von +tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her +wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres. + +Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung +dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie +hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines +Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit +doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte! + +Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten. + +»Setz dich doch!« sagte sie. »Du machst mich noch ganz verrückt!« + +Er tat es. + +Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war! +--, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer +Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der +Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich +alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum +Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer +Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den +Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an +alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich +gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den +geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum? + +Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein +herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig. +Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts +mehr anzusehen. + +Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und +ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis +dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht +hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und +sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte +unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war! + +»Vielleicht war es ein Valgus?« rief Karl plötzlich laut aus. Das +war das Ergebnis seines Nachsinnens. + +Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas +versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte +--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen, +fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt, +sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch +himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines +Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden +Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die +ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang +wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß +sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt +einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke +trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein +Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja +seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue, +daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von +Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen +ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den +Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des +Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild +entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre +ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben +herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden, +ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den +Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von +Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die +niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der +vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem +Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote +Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu. + +In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich +Karl seiner Frau: + +»Gib mir einen Kuß, Geliebte!« + +»Laß mich!« wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn. + +»Was hast du denn? Was ist dir?« fragte er betroffen. »Sei doch +ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe! +Komm!« + +»Weg!« rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem +Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das +Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging. + +Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach, +was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer +Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von +etwas Unheilvollem, Unfaßbarem. + +Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine +Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen +und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in +der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage. +Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell +seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam +alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich +langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich. + +»Kann ich das ändern?« rief er einmal ungeduldig aus. + +»Ja, wenn du wolltest!« + +Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem +Haar und traumverlorenem Blick. + +»Wieso?« fragte er. + +Sie seufzte. + +»Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg +von hier ...« + +»Ein toller Einfall!« lachte er. »Unmöglich!« + +Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm das +unverständlich, und begann von etwas anderm zu sprechen. + +Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes +aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie +müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch an +ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche. + +Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag +im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann +verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr +verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor, +seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so schwerfällig, +seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie nach einem +Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete +sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwährend +träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen +Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen +so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen +Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel mit der Sorgfalt +eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie eine Unmenge von +Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne für ihre Wäsche. +Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und Halsketten. Wenn sie +ihn erwartete, füllte sie ihre großen blauen Glasvasen mit Rosen +und schmückte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die +einen Fürsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit +Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Küche. + +Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer +Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, auf +dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn herum +aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die +Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen. + +»Wozu hat man das alles?« fragte der Bursche, indem er mit der +Hand über einen der Reifröcke strich. + +»Hast du sowas noch niegesehen?« Felicie lachte. »Deine Herrin, +Frau Homais, hat das doch auch!« + +»So? Die Frau Homais!« Er sann nach. »Ist sie denn eine Dame wie +die Frau Doktor?« + +Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie war +drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr Theodor, der +Diener des Notars, neuerdings den Hof. + +»Laß mich in Ruhe!« sagte sie und stellte den Stärketopf beiseite. +»Scher dich lieber an _deine_ Arbeit! Stoß deine Mandeln! +Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du dich damit +befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du +Knirps, du nichtsnütziger!« + +»Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch die +Schuhe für die Frau Doktor!« + +Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen +her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit +eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein +her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die +Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie +sich. + +»Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!« sagte Felicie, +die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt +anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht mehr +tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem +Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl +wagte nicht den geringsten Einwand dagegen. + +So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein aus, das +Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen müsse. Die Fläche, +mit der es anlag, war mit Kork überzogen. Es hatte Kugelgelenke +und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es +vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den +Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein +anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel mußte der Arzt +auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem +seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den +Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des +Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen +anderen Weg ein. + +Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. Das +gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr +über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, die Frauen +interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig und forderte +niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle Emmas wurden im +Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr +schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem +Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte Lheureux ihn +ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber überreichte er ihr eine +Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so +und soviel Centimes. Emma war in der gröbsten Verlegenheit. Die +Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu +bekommen, Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer +Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des +Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich gegen Ende Oktober +einzugehen pflegte. + +Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann verlor +er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, und wenn +er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er ihr alles wieder +abnehmen, was er ihr geliefert habe. + +»Gut!« meinte Emma. »Holen Sie sichs!« + +»Ach was! Das hab ich nur so gesagt!« entgegnete er. »Indessen um +den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir +vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!« + +»Um Gottes willen!« rief sie aus. + +»Warte nur! Dich hab ich!« dachte Lheureux bei sich. + +Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte, +lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin: + +»Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!« + +Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte +in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine kleine +in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine +Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die +Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das +schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe +hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den +Schlüssel ein. + +Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals. + +»Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen«, sagte er. »Wollen +Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...« + +»Hier haben Sie Ihr Geld!« unterbrach sie ihn und zählte ihm +vierzehn Goldstücke in die Hand. + +Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen, +brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle +möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte. + +Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit +dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche +ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig zu +sparen, damit sie recht bald ... + +»Was ist da weiter dabei?« beruhigte sie sich. »Er wird nicht +gleich dran denken!« + +Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte +Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit +dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein +seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster +die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstraße +gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. +Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke +erst nach langem Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma +drang in ihn, und so mußte er sich schließlich fügen. Er fand +das aufdringlich und höchst rücksichtslos. + +Sie hatte wunderliche Einfälle. + +»Wenn es Mitternacht schlägt,« bat sie ihn einmal, »mußt du an +mich denken!« + +Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose +Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen: + +»Du liebst mich nicht mehr!« + +»Ich dich nicht mehr lieben?« + +»Über alles?« + +»Natürlich!« + +»Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?« + +»Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?« brach er +lachend aus. + +Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe +zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu +mildern suchte. + +»Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!« begann sie von +neuem. »Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen kann! +Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu +sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich +frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen? +Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht +wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere als ich, aber +keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine +Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So +schön! So klug und stark!« + +Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß es +ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht +anders als alle seine früheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit +fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige +Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer +dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein +vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den nämlichen +Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefühlsarten +existieren können. Weil ihm die Lippen liederlicher oder +käuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflüstert +hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie +dieser nur schwach. + +»Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,« sagte +er sich, »sie sind nur ein Mäntelchen für Alltagsempfindungen.« + +Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den +banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau +zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine Innenwelt, +seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene +Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein +Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten. + +Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich +ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch +dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme +Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar +jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und verdarb sie +gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische Anhänglichkeit zu +ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig empfand sie +Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank +in diesem Rausche. + +Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem +äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre +Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs, +eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, »um die Spießer zu +ärgern«, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gänzlich +geschehen, als man sie eines schönen Tages in einem regelrechten +Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte +Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder +einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich +nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre +mißfiel ihr. Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das +Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die +»ganze Wirtschaft« nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich +Bemerkungen darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen +Auftritt. Felicie war die nähere Veranlassung dazu. + +Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, als sie durch +den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders +jungen Mannes überrascht. Der Betreffende trug ein braunes +Halstuch und verschwand bei der Annäherung der alten Dame. Emma +lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die +Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer bei seinen +Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert +darauf. + +»Sie sind wohl aus Hinterpommern?« fragte die junge Frau so +impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen +konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle. + +»Verlassen Sie mein Haus!« schrie Emma und sprang auf. + +»Emma! Mutter!« rief Karl beschwichtigend. + +In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. Emma +stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete. + +»So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!« rief sie. + +Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte: + +»So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres +vielleicht noch!« + +Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um +Verzeihung gebeten würde. + +Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien, +doch nachzugeben. Schließlich sagte sie: + +»Meinetwegen!« + +In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit +der Würde einer Fürstin. + +»Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!« + +Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf +den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen +vergraben. + +Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte, +hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weißen +Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, solle er +daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere Gartenpforte +eilen. + +Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am +Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke +der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn +hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung +überkam sie. + +Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das war +er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den Hof. +Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme. + +»Sei doch ein bißchen vorsichtiger!« mahnte er. + +»Ach, wenn du wüßtest!« Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu +erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei +übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine +solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht das +mindeste von der ganzen Geschichte begriff. + +»So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!« + +»Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!« erwiderte +sie. »Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu +scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette +mich!« + +Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen, +glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm. + +Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der +kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er: + +»Was soll ich tun? Was willst du?« + +»Flieh mit mir!« rief sie. »Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich +um alles in der Welt!« + +Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse +das Ja einhauchen und wieder heraussaugen. + +»Aber ...« + +»Kein Aber, Rudolf!« + +»... und dein Kind?« + +Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie: + +»Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!« + +»Ein Teufelsweib!« dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie +mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen. + +Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das +veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert. +Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig, +und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken +einzulegen, bat. + +Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu +täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch +einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im +Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne. +Der Gegenwart entrückt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden +Glückes. Davon schwärmte sie dem Geliebten immer und immer wieder +vor. An seine Schulter gelehnt, flüsterte sie: + +»Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen? +Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie +ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, daß sich +der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl haben, in einem +Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weißt +du, ich zähle die Tage ... Und du?« + +Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie besaß +eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus Lebensfreude, +Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt und das Symbol +seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lüste, +ihre Trübsal, ihre erweiterten Liebeskünste und ihre ewig jungen +Träume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind +und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblühte +ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu +geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie +verschleierten ihre Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen +Nasenflügel weitete und es leise um die Hügel der Mundwinkel +zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum +beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler +habe den Knoten ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus +wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig +geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag +aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser +geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes, +Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem +Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem +Manne entzückend und ganz unwiderstehlich. + +Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken. +Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende +Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein +weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhängen. +Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzüge seines Kindes +zu hören. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es +vorwärts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule +heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die +Schultasche am Arm. Dann mußte das Mädel in eine Pension kommen. +Das würde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er +sann nach. Wie wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut +pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er +hinreiten und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die +Sparkasse, später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft +werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit +rechnete er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie +sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch +würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer +Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden +Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei +Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken +vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und +Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft würde +sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfüllen. +Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde sich schon +irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen finden und sie +glücklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ... + +Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und +während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen +Träumereien nach. + +Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt, +auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder +zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren +dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie +plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt hinab, mit +ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und weißen +Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie dann durch +die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumensträuße an. +Glocken läuteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten +Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler Wasserstaub auf +Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu Pyramiden +aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die unter dem +Sprühregen lächelten. Und eines Abends erreichten sie ein +Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und +zwischen den Hütten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen, +in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher +Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und +träumten in Hängematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit +wie ihre seidenen Gewänder, und so warm und sternbesät wie die +süßen Nächte, die sie schauernd genossen ... Das war ein +unermeßlicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte +sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge +der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen +fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung, +stahlblau und sonnenbeglänzt ... + +Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte +laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße +Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden der +Apotheke öffnete. + +Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt: + +»Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel +mit einem breiten Kragen.« + +»Sie wollen verreisen?« fragte der Händler. + +»Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf Sie +verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!« + +Lheureux machte einen Kratzfuß. + +»Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ... +einen handlichen ...« + +»Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie man +sie jetzt meist hat!« + +»Und eine Handtasche für das Nachtzeug!« + +»Aha,« dachte der Händler, »sie hat sicher Krakeel gehabt!« + +»Da!« sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Gürtel +nestelte. »Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!« + +Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wäre +doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was +solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er wenigstens die +Kette nähme. + +Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief ihn +Emma zurück. + +»Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den Mantel +...,« sie tat so, als ob sie sichs überlegte »... den bringen Sie +auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse +des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum +Abholen bereitliegen.« + +Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte +Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu +machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post +bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit das +Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. In Marseille +wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise +ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepäck sollte +Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß irgendwer Verdacht +schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde +niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. »Sie denkt +vielleicht nicht mehr daran«, sagte er sich. + +Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten +zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei +Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er +eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen +diesen Verzögerungen schließlich »unwiderruflich« auf Montag den +4. September einigten. + +Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich +ein. + +»Ist alles bereit?« fragte sie ihn. + +»Ja.« + +Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf +den Rand der Gartenmauer. + +»Du bist verstimmt?« fragte Emma. + +»Nein. Warum auch?« + +Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an. + +»Vielleicht weil es nun fortgeht?« fragte sie. »Weil du Dinge, die +dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich +verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt +habe. Du bist mein alles! Und ebenso möchte ich dir alles sein, +Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich +lieben!« + +»Wie lieb du bist!« sagte er und zog sie an sein Herz. + +»Wirklich?« fragte sie in lachender Wollust. »Du liebst mich? +Schwöre mirs!« + +»Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!« + +Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des flachen +Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und +schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre +Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen Vorhang. +Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume des weiten +Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut +auch unten im Bache über den Wellen in zahllosen funkelnden +Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete +die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle +Schatten. + +Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den kühlen +Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und +verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage +ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie +der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die +Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die +verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen +Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen raschelte +auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs Gesträuch, ein Igel +oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein reifer Pfirsich von +selber zur Erde fiel. + +»Was für eine wunderbare Nacht!« sagte Rudolf. + +»Wir werden noch schönere erleben!« erwiderte Emma. Und wie zu +sich selbst fuhr sie fort: »Ach, wie herrlich wird unsere Reise +werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist +es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte +zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das Übermaß von Glück! +Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!« + +»Noch ist es Zeit!« rief er aus. »Überleg dirs! Wird es dich auch +niemals reuen?« + +»Niemals!« beteuerte sie leidenschaftlich. + +Sie schmiegte sich an ihn. + +»Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wüste, +kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren würde! +Je länger wir zusammen leben werden, um so inniger und +vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis +wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein und eins immerdar ... +Sprich doch! Antworte mir!« + +Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen: + +»Ja ... ja ... ja!« + +Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein +kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder: + +»Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...« + +Es schlug Mitternacht. + +»Mitternacht!« sagte sie. »Nun heißt es: morgen! Nur noch ein +Tag!« + +Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese +Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male +fröhlich. + +»Hast du die Pässe?« fragte sie. + +»Ja.« + +»Hast du nichts vergessen?« + +»Nein.« + +»Weißt du das genau?« + +»Ganz genau!« + +»Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?« + +Er nickte. + +»Also morgen auf Wiedersehen!« sagte Emma mit einem letzten Kusse. + +Er ging, und sie sah ihm nach. + +Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand +und rief durch die Weiden hindurch: + +»Auf morgen!« + +Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch +die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie +ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie eine +Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich gegen +einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken. + +»Ich bin kein Mann!« rief er aus. »Hol mich der Teufel! Ein +hübsches Weib wars doch!« + +Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn +noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen diese +Rührung. + +»Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!« + +Er gestikulierte heftig. + +»Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!« + +Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen. + +»Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!« + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den +Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine +Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte, +wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide +Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite +Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, hatte sie +ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet. + +Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke, +der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel +hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin gewesen waren und in +der er seine »Weiberbriefe« aufbewahrte. Geruch von Moder und +vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein +Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf +einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie einmal Nasenbluten +bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von +ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren +abgestoßen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm +theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jämmerlich. Wie er sich +ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie +zurückzurufen suchte, verschwammen Emmas Züge in seinem +Gedächtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung +und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre +vernichtete. + +Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten +Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz, +sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er +suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen, +mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von Papieren +und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, ein +Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus. +Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins +Scharnier gezwängt und rissen nun beim Herausnehmen ... + +Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte +seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, über +den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht minder +variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zärtlich +geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die wollten +Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem +bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang +einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste +Erinnerung herauf. + +Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn. +Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig +in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie +allesamt auf ein und dasselbe Niveau. + +Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine Art +Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er sie, +halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und stellte +diesen in den Schrank zurück. + +»Lauter Blödsinn!« + +Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein +Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt +waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die Freuden des Daseins +hatten noch gründlicher gewirtschaftet. Die Schüler kritzeln ihre +Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen. + +»Nun aber los!« rief er sich zu. + +Er begann zu schreiben: + +»Liebe Emma! +Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...« + +»Eigentlich sehr richtig!« dachte er bei sich. »Das ist nur in +ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...« + +»... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? Hast +Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich +beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkühn +und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, an die +Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet waren +wir!« + +Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflüchten. +»Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein Vermögen verloren? Ach, +nein, lieber nicht! Übrigens nützte das nichts. Die Geschichte +ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, weiß Gott, verdammt +schwer, so eine Frau wieder vernünftig zu machen!« + +Er sann nach, dann schrieb er weiter: + +»Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes +Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So +aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das +Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, früher oder später, +doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären ihrer müde geworden, und +wer weiß, ob mir nicht der gräßliche Schmerz beschieden gewesen +wäre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als +Veranlasser der Deinigen? Die bloße Vorstellung, Dir dieses Leid +verursachen zu können, martert mich. Liebste Emma, vergiß mich! +Wir hätten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schön! +Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir müssen das +Schicksal anklagen ...« + +»Dieses Wort machte immer Eindruck«, sagte er zu sich. + +»Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so viele +gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus Egoismus, +ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen schwärmerischen +Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers, +bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite +unsrer zukünftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich +habe zunächst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm +Höhenglücke behaglich gesonnt, mich in ein Märchenland geträumt +und mich um keine Folgen gekümmert ...« + +»Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... Auch +egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!« + +»... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns überall, +wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du hättest +unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und vielleicht +Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. Beleidigungen, Du! +Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. Du solltest mein +Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil +ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach, +ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig! + +Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht ganz, +der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie +mich in ihre Gebete einschließt!« + +Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom +Schreibtisch auf und schloß das Fenster. + +»So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine +Aussprache!« + +Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter: + +»Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit +weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen, +Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn +ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer +verlorenen Liebe reden, kühl und vernünftig. Adieu!« + +Er setzte noch ein »A dieu!« darunter, in zwei Worten geschrieben. +Das hielt er für sehr geschmackvoll. + +»Wie soll ich nun unterzeichnen?« fragte er sich. »Dein +ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!« + +Und er schrieb: + +»Dein treuer Freund +R.« + +Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm. + +»Armes Frauchen!« dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit. +»Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich fehlen +ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein +Fehler.« + +Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen +Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen Tropfen +auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift färbte ihn +blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem +Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die +Hand. + +»Paßt eigentlich nicht gerade!« dachte er. »Ach was! Tut nichts!« + +Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen. + +Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei +Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen pflücken, legte +den Brief unter die Weinblätter am Boden und befahl Gerhard, +seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau Bovary zu bringen. Auf +diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten zukommen lassen, je +nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten oder Wild. + +»Wenn sie sich nach mir erkundigt,« instruierte er, »dann +antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich +in die Hände! Verstanden? So! Ab!« + +Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über die +Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit +schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville. + +Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit +beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche zu +falten. + +»Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,« vermeldete er, »und das +schickt er hier!« + +Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer +Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah sie +den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert; +er begriff nicht, daß ein solches Geschenk jemanden so sehr +aufregen könne. Dann ging er. + +Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie eilte in +das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin +tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm die Weinblätter +heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn und floh hinauf nach +ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor +Angst. + +Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie +verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher, +außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den +unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern +knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen +Bodentüre stehen. + +Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn. +Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends +war sie ungestört. + +»Ja, hier gehts!« sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf und trat +in die Bodenkammer. + +Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe Schwüle, die +ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. Sie schleppte +sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß den Holzladen auf. +Grelles Licht flutete ihr entgegen. + +Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in die +Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des +Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser standen +unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, aus einem der +Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Geräusch herauf. +Binet saß an seiner Drehbank. + +Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit +zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je gründlicher +sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah +sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an +sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen +Hammerschlägen, die immer rascher und unregelmäßiger wurden. +Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte den Wunsch in sich, daß +die ganze Welt zusammenstürze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie, +ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie? + +Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das +Straßenpflaster. + +»Mut! Mut!« rief sie sich zu. + +Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Körpers +förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich +die Fläche des Marktplatzes und hebe sich an den Häusermauern +empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu +schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch +weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume. +Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den +wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr +festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen ... Ohne Unterlaß +summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bösen +Geistes ... + +In diesem Moment rief Karl: + +»Emma! Emma!« + +Da kam sie wieder zur Besinnung. + +»Wo steckst du denn? Komm doch!« + +Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie +mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend +fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie. + +»Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.« + +Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen. + +Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen +hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich +die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat +sie das und begann die Fäden des Gewebes zu zählen ... Plötzlich +fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen? +Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als daß sie imstande +gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu +können. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl. +Sicherlich wußte er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da +sagte er mit eigentümlicher Betonung: + +»Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?« + +»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie zitternd. + +»Wer mir das gesagt hat?« wiederholte er, ein wenig betroffen von +dem harten Klang ihrer Frage. »Na, sein Kutscher, dem ich vorhin +vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder +er steht im Begriff zu verreisen ...« + +Emma schluchzte laut auf. + +»Wundert dich das?« fuhr er fort. »Er verdrückt sich doch immer +mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht +verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und Junggeselle ist +... Übrigens ist unser Freund ein Lebenskünstler! Ein alter +Schäker! Langlois hat mir erzählt ...« + +Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade +hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das +Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf den +Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er nahm +eine der Früchte und biß hinein. + +»Ah!« machte er. »Vorzüglich! Koste mal!« + +Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab. + +»So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!« + +Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase. + +»Ich bekomm keine Luft!« rief sie und sprang auf. Aber schnell +beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. »Es +war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder +hin und iß!« + +Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie +dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich +wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und +legte sie dann auf seinen Teller. + +Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den +Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings langhin zu +Boden. + +Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen +zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer +Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl oder +übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die +draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt. + +Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des Arztes +»was los sei«, stürzte herbei. Der Eßtisch war mit allem, was +darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce, +die Bestecke, Salz und Öl, alles lag auf dem Fußboden umher. Karl +hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und +Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit +bebenden Händen die Kleider auf. + +»Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium holen!« +sagte Homais. + +Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend +die Augen wieder auf. + +»Natürlich!« meinte der Apotheker. »Damit kann man Tote erwecken!« + +»Sprich!« bat Karl. »Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl, +der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr +einen Kuß!« + +Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und wollte sie +um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte: + +»Nicht doch! Niemanden!« + +Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett. + +Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider +geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos und blaß +wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, die in zwei +Ketten langsam auf das Kissen rannen. + +Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und +nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich ist. + +»Beruhigen Sie sich!« sagte Homais und zupfte den Arzt. »Ich +glaube, der Paroxysmus ist vorüber.« + +»Ja,« erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. »Jetzt scheint +sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in das alte +Leiden!« + +Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur +Antwort: + +»Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.« + +»Höchst merkwürdig!« meinte der Apotheker. »Es ist indessen +möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt +gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind. +Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen +wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie +nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher +gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch +beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein +und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens +weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe +von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch +von verbranntem Horn, frischem Brot ...« + +»Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!« mahnte Bovary mit +flüsternder Stimme. + +»Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,« +fuhr der Apotheker fort, »sondern sogar bei Tieren. Zweifellos +ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze, +sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum +wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung +anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt +in der Malpalu-Straße -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal +Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die +Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit +angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte +mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den +Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist +höchst merkwürdig, nicht wahr?« + +»Gewiß!« sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte. + +»Das beweist uns,« fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig +lächelnd, »daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich +sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer +außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen, +verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien +zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit +beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit +schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter +nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man +bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken +versuchen?« + +»Wieso? Womit?« + +»Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That +is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen +habe.« + +Emma erwachte und rief: + +»Der Brief? Der Brief?« + +Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat +das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung. + +In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er +vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr, +unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und +erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach +Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mußte +nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor +Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl +war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten ängstigte ihn Emmas +Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich für nichts, ja, sie +schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als hätten +Körper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt. + +Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder +aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen mit +eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich +kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar +Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit wohl, +daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten +versuchte. + +Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam, +in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl angeschmiegt, +lächelte sie in einem fort vor sich hin. + +So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie +stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand +über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab +in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln große Feuer, in +denen man landwirtschaftliche Überbleibsel verbrannte. + +»Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!« warnte Karl und +geleitete sie behutsam zur Laube hin. »Setz dich hier ein wenig +auf die Bank! Das wird dir gut tun!« + +»Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!« stieß sie mit ersterbender +Stimme hervor. + +Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem da, +und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald +hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe, +bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an +dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen +wähnte. + +Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien +vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte +er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm peinlich gewesen. Dann +war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mädchen führte, schrecklich +teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die +Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte +Lheureux in lästiger Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas +Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als +sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche +und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer +Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es +nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die Sachen +nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese +Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht zurück. Herr +Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher verklagen als sich +selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mädchen, die +Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber Felicie vergaß es. Er +selbst hatte sich um andre Dinge zu kümmern und dachte nicht mehr +daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen +Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, daß +ihm Bovary schließlich einen Wechsel ausstellte, der in sechs +Monaten fällig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der +kühne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen +fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem +Zinsfuß verschaffen könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen +Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch +den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres +eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits +anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld +von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein +ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im voraus genau, daß +es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, daß der Arzt die +Wechsel am Fälligkeitstage nicht einlösen könne und sie +prolongieren müsse. Auf diese Weise sollte das erst armselige +Sümmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine +ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu +ihm zurückkehren. + +Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmäßigen +Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler Krankenhaus. Der Notar +Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grümesnil zu. +Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine +neue Postverbindung zu eröffnen, die den alten Rumpelkasten des +Goldnen Löwen unbedingt außer Konkurrenz stellen sollte, indem sie +schneller führe, billiger wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte +er den ganzen Handel von Yonville in seine Hände bringen. + +Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche +Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf +allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden +oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen +Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch +ausdenken, was er wollte: überall drohten die größten +Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere +unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er vernachlässige +seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme. +Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein +Abbruch geschähe. + +Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam +vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in ihrem +Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu +gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt +verleidet; deshalb mußte seine Jalousie beständig heruntergelassen +bleiben. Sie bestimmte, daß ihr Reitpferd verkauft werden solle. +Alles, was ihr früher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie +kümmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die +kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte +sie dem Mädchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit +ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen +hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen +Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage +wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, +die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der +allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die +Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die +Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck +herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die +Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank +ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen die +Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen über +das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie das andere mit +dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterläden. + +Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte +sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte +sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick +der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes. + +Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach +dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stündlein sei +gekommen. Während man im Gemach die nötigen Vorbereitungen zu +dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in +einen Altar wandelte und den Fußboden mit Blumen bestreute, da war +es ihr, als überkäme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre +Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie +körperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues +Leben begann ihr. Sie hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen +Himmel, als verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden +wie eine Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man +besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße +Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor +überirdischer Lust, öffnete Emma die Lippen, um den Leib des +Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie +herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden +Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie +Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurücksank, +glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische Harfenklänge zu +hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit +grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen +Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflügeln +wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ... + +Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. Es +war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab sich +Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus +der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in süßer +Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher +Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein +köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus ihrem Herzen der +eigene Wille wich und der hereindringenden göttlichen Gnade Tür +und Tor weit öffnete. Es gab also außer dem Erdenglück eine höhere +Glückseligkeit und über aller Liebe hienieden eine andre +erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brücke in das +Ewige! In neuen Illusionen erträumte sie sich über der Erde ein +Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre +Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich +Rosenkränze und trug Amulette. Ihr größter Wunsch war, in ihrem +Zimmer, zu Häupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit +Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende küssen. + +Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich +jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr leicht +in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. Aber er war +kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen Erscheinungen +gegenüber. Deshalb wandte er sich an den Buchhändler des +Erzbischofs und bat ihn, ihm »ein passendes Erbauungsbuch für eine +gebildete Frauensperson« zu schicken. Mit der größten +Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen +Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der +Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften in +ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort, +Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in +rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden +Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie: +»Die Herzpostille«, »Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn von +***, Ritter mehrerer Orden«, »Voltaires Ketzereien zum Gebrauch +für die Jugend«, usw. usw. + +Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen +Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie sich auf +diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach wirklicher Erbauung. +Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte sie, die Anmaßungen +der Polemik stießen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr +unbekannte Menschen verfolgt wurden, mißfiel ihr. Die Romane, in +denen profane Dinge durch religiöse Ideen aufgeputzt waren, +entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie +verschleierten die Realitäten des Lebens, für deren Brutalität sie +viel lieber literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie +weiter, und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann +wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu +empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren +imstande sind. + +Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens +begraben; darin ruhte es unberührter und stiller denn eine +ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser großen +eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchströmender Duft +von Zärtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma führen wollte. +Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren +Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten +zugeflüstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie +der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam +ihr keine Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem +leeren Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen, +dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut +ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen +der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den Szenen +aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière träumte, aufgegangen +war, jenen Damen in ihren mit königlicher Anmut getragenen langen +kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Füßen +Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten. + +Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für die +Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages +heimkam, fand er in der Küche drei Gassenjungen, die Suppe aßen. +Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie +während der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. +Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte, +regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über +sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache +ward voll gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber. + +Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen, +abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken und +ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber die gute +Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen müde, daß ihr +der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, daß sie bis nach +Ostern dablieb, um den Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu +entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine +Bratwurst auf dem Tische sehen wollte. + +Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre +Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab, +hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit +ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau Tüvache, sowie +die treffliche Frau Homais, die sich regelmäßig zwischen drei und +fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der über ihre +Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen. +Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er +brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen, +ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn +Frau Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht +stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem +Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen heftigen +Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese +volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den +Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er plötzlich ganz +Neues, Außergewöhnliches, und er starrte wie geblendet hin. + +Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch seine +schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die aus ihrem +Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt +wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem +jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschönheit weit +öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos +gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die +zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll, +daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden +konnte. Man wußte nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar. + +Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr +Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und stotterte +irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma: + +»Du liebst ihn also?« und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fügte +sie in traurigem Tone hinzu: »Geh! Lauf! Vergnüge dich!« + +In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig +umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich +darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch +äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie sich +wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß Frau +Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag mit ihren +Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der +Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schüttelte +sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die +andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie +seltener, zur großen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin +freundschaftlichst erklärte: + +»Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!« + +Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde. +Am liebsten blieb er im Freien, im »Hain«, wie er die Laube +scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl +meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Männer eine +Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie »auf die völlige Genesung +der gnädigen Frau« tranken. + +Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß etwas tiefer, +vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer +kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von +Sektflaschen. + +»Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,« +dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, »dann +zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen +ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!« + +Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der ganzen +Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ es +niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen: + +»Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!« + +Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas +dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner +Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im +Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais wunderte sich +über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb etwas auf den Zahn. +Der Priester erklärte, er halte die Musik für weniger +sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die +letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe unter dem leichten +Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und für die wahre Moral. + +»Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer!« zitierte +er. »Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragödien Voltaires an! Die +meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt, +die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit für das Volk +sind.« + +»Ich habe einmal ein Stück gesehen,« sagte Binet, »es hieß: 'Der +Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich +ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt seinen Sohn, der eine +Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt aber ...« + +»Gewiß«, unterbrach ihn Homais, »gibt es schlechte Literatur, +genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller +Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das +dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, würdig der +abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten +ließen.« + +Der Pfarrer ergriff das Wort: + +»Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute +Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen +Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, vollgepfropft +von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen +Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese Lichtvergeudung, dieser +Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als daß es +leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schändliche Gedanken und +unzüchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die +Ansicht der kirchlichen Autoritäten.« + +Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen seinen +Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. »Und wenn die Kirche +das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem +vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.« + +»Jawohl,« eiferte der Apotheker, »man exkommuniziert die +Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den +kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche +possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es häufig +nichts weniger als dezent zuging ...« + +Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der +Apotheker redete immer weiter: + +»Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja +am besten -- von Unanständigkeiten und -- man kann nicht anders +sagen -- groben Schweinereien ...« Bournisien machte eine +unwillige Gebärde. »Aber Sie müssen mir doch zugeben, daß das kein +Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde +es nie zulassen, daß meine Athalie ...« + +»Das sind ja die Protestanten, nicht wir,« rief der Pfarrer +ungeduldig, »die den Leuten die Bibel überlassen!« + +»Das kommt hier nicht in Frage«, erklärte Homais. »Ich wundre mich +nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der +wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu verdammen +sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in +hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das ist doch so, +nicht, Doktor?« + +»Zweifellos!« erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte er +niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder +er hatte hierüber überhaupt keine Meinung. + +Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt +es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten. + +»Ich habe Geistliche gekannt,« behauptete er, »die in Zivil ins +Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu +sehen.« + +»Ach was!« wehrte der Pfarrer ab. + +»Doch! Ich kenne welche!« Und nochmals sagte er, Silbe für Silbe +einzeln betonend: »Ich -- ken -- ne -- wel -- che!« + +»Na ja,« meinte Bournisien nachgiebig, »die Betreffenden haben da +aber etwas Unrechtes getan.« + +»Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz +andre Dinge!« + +»Herr -- Apo -- the -- ker!« rief der Geistliche mit einem so +zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und einlenkte: + +»Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste +Fürsprecherin der Kirche ist.« + +»Sehr wahr! Sehr wahr!« gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er +sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch +ein paar Minuten. + +Als er fort war, sagte Homais zu Bovary: + +»Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie +habens ja mit angehört! Um darauf zurückzukommen: tun Sie das ja, +führen Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns bloß deshalb wäre, +um diesen schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich +einen Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie +sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein +Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll er +ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte +bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen Künstler +können nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein, +es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie +in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete +Mahlzeit! Auf Wiedersehn!« + +Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe +schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte +sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu schwach, es +sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl +nicht nach, zumal er sich einbildete, daß ihr diese Zerstreuung +sehr dienlich wäre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor. +Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz unvermutet dreihundert Franken +geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht groß, und die +Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fällig, so daß er +daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur +aus Rücksicht auf ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis +sie seinen Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht +Uhr fuhren sie mit der Post ab. + +Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, aber er +hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden einsteigen sah, +jammerte er. + +»Glückliche Reise!« sagte er. »Habt ihrs gut!« Und zu Emma +gewandt, fügte er hinzu: »Sie sehen zum Anbeißen hübsch aus! Sie +werden in Rouen Furore machen!« + +Die Post spannte in Rouen im »Roten Kreuz« am Beauvoisine-Platz +aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit geräumigen +Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine +Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten Einspännern der +Geschäftsreisenden ihre Haferkörner aufpickten. Es war eine der +Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, +die in den Winternächten im Winde knarren; die Gäste, der Lärm +und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen +Tischplatten sind voller großer Kaffeeflecke, die trüben dicken +Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten +voller Rotweinspuren. Auf der Straßenseite gibt es ein Café und +hinten nach dem Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen +ländlichen Anstrich. + +Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wußte +er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie +war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klüger. Der +Kassierer wies ihn in die Direktion. Schließlich rannte er noch +einmal in den Gasthof zurück, dann wieder an die Kasse. Auf diese +Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt. + +Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen. +Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen. +Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu +nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen noch +geschlossen. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken +der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die in +auffälligen Lettern ausschrien: + +LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... +DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ... + +Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den Leuten +über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten Gesichtern mit +den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom +Strome her und blähte ein wenig die Leinwandmarkisen der +Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen +eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich Gerüche von Talg, Leder und +Öl aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der großen Fässer +lärmigen Gewölben der Karren-Gasse mischten. + +Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor, +noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang +durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die +Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit +seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so daß er +sie in einem fort fühlte. + +In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß sich +der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien +hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten Range +emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor Eitelkeit. +Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die breiten vergoldeten +Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen Zügen atmete sie den +Staubgeruch der Gänge ein, und als sie in ihrer Loge saß, machte +sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem. + +Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen aus ihren +Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung +zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres +Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen die Geschäfte nicht, +sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das +waren Grauköpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; weiß in der +Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene +Silbermünzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit +knallroten und grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie +von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die +goldenen Knäufe ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die +Orchesterlampen angezündet, und der Kronleuchter ward von der +Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes +Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen +die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getöse +an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, fauchenden +Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze Schläge mit +dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hörnerklang. Der +Vorhang hob sich. + +Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im +Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern, +Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein +Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten +Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen +ab. Der Chor singt von neuem. + +Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre +zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als höre +sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die nebelige Heide +hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr +das Verständnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten +Handlung, während eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um +alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verfließen. Sie gab +sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fühlte, wie ihr die +Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die +Violinenbogen über ihre Nerven. Sie hätte hundert Augen haben +mögen, um sich satt sehen zu können an den Dekorationen, Kostümen, +Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bäumen, an den +Samtbaretten, Rittermänteln und Degen, an allen diesen +Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer +ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem +Reitknecht in grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie +allein, und nun kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und +Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang +von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch Emma +hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in Liebesarmen! + +Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen +schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der +grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche Gestalt +war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem +Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende +Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man hatte Emma +erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand von Biarritz +singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn +verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann +einer andern zuliebe sitzen lassen. + +Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem +berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar +fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln über +den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit und die leichte +Empfänglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besaß eine schöne +Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz, +mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, +und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem +Toreador. + +Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er +schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder, +sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald klagte +er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm aus der +Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich weit vor, um +ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in den Plüsch der +Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmütigen +Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf begleitet, nicht +aufhörten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrüchigen im +Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzücktheiten und +Herzensängste, die sie unlängst dem Tode so nahe gebracht hatten. +Die Stimme der Primadonna erschütterte sie wie eine laute +Verkündung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst +beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war +sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte +nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im +Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ... + +Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte wiederholt +werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren +Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und Hoffnungen; und als +sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, stieß Emma einen lauten +Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte. + +»Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?« +fragte Bovary. + +»Aber nein!« antwortete sie. »Das ist doch ihr Geliebter!« + +»Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und der +andre, der dann kam, hat doch gesagt: + +'Nimm, Teure, meine Schwüre an +Der reinsten, wärmsten Liebe!' + +Und sie sagt: + +'So sei es denn!' + +Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine +Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater, +nicht wahr?« + +Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im +zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden hatte, +bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er +gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben. +Die Musik störe, sie beeinträchtige den Text. + +»Was schadet das?« wandte Emma ein. »Nun sei aber still!« + +Er lehnte sich an ihren Arm. »Ich möchte gern im Bilde sein. Weißt +du?« + +»Sei doch endlich still!« sagte sie unwillig. »Schweig!« + +Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im +Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte +ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den +Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange zur Kirche. +Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter +leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich gewesen, +ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ... +Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch nicht besudelt +durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem Ehebruch, auf ein +festes edles Herz bauen und Tugend, Zärtlichkeit, Sinnenlust und +Pflichttreue zusammen fühlen dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe +solcher Glückseligkeit herabgesunken! »Nein, nein!« rief sie +schmerzlich bei sich aus. »All das große Glück da unten ist doch +nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder verzweifelten +Phantasten!« Jetzt erkannte sie, daß die Leidenschaften in der +Wirklichkeit armselig sind und nur in der Überschwenglichkeit der +Kunst etwas Großes. Sie versuchte sich zur nüchternen Anschauung +zu zwingen. Sie wollte in dieser Wiedergabe ihrer eigenen +Schmerzen nichts mehr sehen als ein plastisches Phantasiegebilde, +nichts mehr und nichts weniger als eine amüsante Augenweide. Und +so lächelte sie in Gedanken überlegen-nachsichtig, als im +Hintergrunde der Bühne hinter einer Samtportiere ein Mann in einem +schwarzen Mantel erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei +einer Körperbewegung vom Kopfe fiel. + +Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. Edgard +rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton +schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen entgegen, +Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im Maße der +Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie Orgelgebraus. Die Frauen +des Chors wiederholen die Worte, ein köstliches Echo. +Gestikulierend stehen sie alle in einer Reihe. Zorn, Rachgier, +Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen entströmen gleichzeitig +ihren aufgerissenen Mündern. Der wütende Liebhaber schwingt seinen +blanken Degen. Der Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden +Brust auf und nieder, während er mächtigen Schritts in seinen +sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet. + +»Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,« dachte Emma, +»daß er sie an die Menge so verschwenden kann.« Ihre Anwandlung +von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner Rolle. Sie +fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter dieser +Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen, +sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes Leben, an dem sie hätte +teilnehmen können, wenn es der Zufall gefügt hätte. Warum hatten +sie sich nicht kennen gelernt und sich ineinander verliebt! Sie +wäre mit ihm durch alle Länder Europas gereist, von Hauptstadt zu +Hauptstadt, hätte mit ihm Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen +aufgelesen, die man ihm streute, und seine Bühnenkostüme +eigenhändig gestickt. Alle Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge, +hinter vergoldetem Gitter aufmerksam den Sängen seiner Seele +gelauscht, die einzig und allein ihr gewidmet wären. Von der +Szene, beim Singen, hätte er zu ihr geschaut ... + +Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. Kein +Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, in +seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der Liebe, und +ihm laut zurufen: + +»Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir +gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!« + +Der Vorhang fiel. + +Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der Fächer machte +die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge verlassen, aber +die Gänge waren durch die vielen Menschen versperrt. Sie sank in +ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen und Atemnot. Da Karl +fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, eilte er nach dem Büfett, +um ihr ein Glas Mandelmilch zu holen. + +Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das Glas in +beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er tat, jemanden +mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er dreiviertel des Inhalts +einer Dame in ausgeschnittener Toilette über die Schulter. Als sie +das kühle Naß, das ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie +laut auf, als ob man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener +Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit. +Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem +schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas von +Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich bei +Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr: + +»Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, diese +Menschheit! Diese Menschheit!« Nach einigem Verschnaufen fügte er +hinzu: »Und ahnst du, wer mir da oben begegnet ist? Leo!« + +»Leo?« + +»Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!« + +Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt auch +schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer Ungezwungenheit +reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau Bovary die +ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren Willens. Diesen fremden +Einfluß hatte sie lange nicht empfunden, seit jenem +Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie voneinander Abschied +genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und draußen war leiser +Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch besann sie sich auf +das, was die jetzige Situation und die Konvenienz erheischten. +Mit aller Kraft schüttelte sie den alten Bann und die alten +Erinnerungen von sich ab und begann ein paar hastige Redensarten +zu stammeln: + +»Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?« + +»Ruhe!« ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte nämlich +der dritte Akt begonnen. + +»So sind Sie also in Rouen?« + +»Ja, gnädige Frau!« + +»Und seit wann?« + +»Hinaus! Hinaus!« + +Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten. + +Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit vorbei. Der +Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton und seinem +Diener, das große Duett in D-Dur, alles das spielte sich für sie +wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, als klänge das Orchester +nur noch gedämpft, als sängen die Personen ihr weit entrückt. Sie +dachte zurück an die Spielabende im Hause des Apothekers, an den +Gang zu der Amme ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an +die Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser +armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war +und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da? +Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von +neuem ihren Lebenspfad kreuzen? + +Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von +Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch +seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte. + +»Macht Ihnen denn das Spaß?« fragte er sie, indem er sich über sie +beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts ihre Wange streifte. + +»Nein, nicht besonders!« entgegnete sie leichthin. + +Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und +irgendwo eine Portion Eis zu essen. + +»Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!« sagte Bovary. »Sie hat +aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!« + +Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das Spiel +der Sängerin schien ihr übertrieben. + +»Sie schreit zu sehr!« meinte sie, zu Karl gewandt, der aufmerksam +zuhörte. + +»Möglich! Jawohl! Ein wenig!« gab er zur Antwort. Eigentlich +gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er +immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig. + +Leo stöhnte: + +»Ist das eine Hitze!« + +»Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!« sagte Emma. + +»Verträgst dus nicht mehr?« fragte Bovary. + +»Ich ersticke! Wir wollen gehen!« + +Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann +schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem +Kaffeehause im Freien Platz nahmen. + +Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie versuchte +mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie die +Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne das langweilen. +Darauf erzählte dieser, er müsse sich in Rouen zwei Jahre tüchtig +auf die Hosen setzen, um sich in die hiesige Rechtspflege +einzuarbeiten. In der Normandie mache man alles anders als in +Paris. Dann erkundigte er sich nach der kleinen Berta, nach der +Familie Homais, nach der Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in +Karls Gegenwart nicht sagen, und so stockte die Unterhaltung. + +Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und +trällernd: + +'O Engel reiner Liebe!' + +Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu +sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im +Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar +nichts. + +Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte, +unterbrach ihn: + +»Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich bedaure, +daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es fing mir grade an +zu gefallen!« + +»Demnächst gibts ja eine Wiederholung!« tröstete ihn Leo. + +Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause müßten. +»Es sei denn,« meinte er, zu Emma gewandt, »du bliebst allein +hier, mein Herzchen?« + +Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner Begehrlichkeit +bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun lobte er das Finale +des Sängers. Er sei da köstlich, großartig! + +Von neuem redete Karl seiner Frau zu: + +»Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! Es +wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern du dir auch +nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!« + +Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner +stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff und +zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei +Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren ließ. + +»Es ist mir wirklich nicht recht,« murmelte Bovary, »daß Sie für +uns Geld ...« + +Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der +Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut. + +»Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!« + +Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben könne. +Emma indessen sei durch nichts gehindert. + +»Es ist nur ...«, stotterte sie, verlegen lächelnd, »... ich weiß +nicht recht ...« + +»Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber reden, wenn +dus beschlafen hast!« Und zu Leo gewandt, der sie begleitete, +sagte er: »Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend sind, hoffe ich, +daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch ansagen!« + +Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin +demnächst in Yonville beruflich zu tun habe. + +Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander +verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf. + + + + +Drittes Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle fleißig +besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den Grisetten +gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick aus. Übrigens war +er der mäßigste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu +lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes +Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von +wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten, +aus Ängstlichkeit und weil ihm das wüste Leben zu grob war. + +Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden +des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein Code-Napoléon aus den +Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmählich verblaßte +diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien überwucherten sie, ohne +sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle +Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der +Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume. + +Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte +seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt gälte es, +sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen wollte. Seine +ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im Verkehr mit +leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz +zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht +schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt abgetreten +hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berühmten +Professors mit Orden und Equipage, hätte der arme Adjunkt +sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen, +vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fühlte er sich +überlegen und eines leichten Sieges gewiß. Sicheres Auftreten +hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als +im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer +reichen Frau ihr Tugendwächter. Sie trägt sie alle mit sich wie +ein Panzerhemd unter ihrem Korsett. + +Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte, +war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen +gefolgt, bis er sie im »Roten Kreuz« verschwinden sah. Dann machte +er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen +Kriegsplan. + +Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof mit +beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, vor +nichts zurückzuscheuen. + +»Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!« vermeldete ihm ein +Kellner. + +Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf. + +Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn +kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm +mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien. + +»O, das habe ich erraten«, sagte Leo. + +»Wieso?« + +Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn hierher +geleitet. + +Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er +nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen +Gasthöfen nach ihnen zu fragen. + +»Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?« fügte er hinzu. + +»Ja,« gab sie zur Antwort, »aber ich hätte es lieber nicht tun +sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen gewöhnen, +wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...« + +»Ja, das kann ich mir denken ...« + +»Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.« + +Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer +philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung. +Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige +Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei. + +Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher +Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete +der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit +ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich +zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter +quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie +sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so +stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen +waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie +die nackte Wahrheit umschreiben könnten. Emma verheimlichte es, +daß sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, daß +er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht +mehr an die Soupers nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich +nicht ihrer Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem +Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte +nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr +Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid +aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des +alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete +umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem +schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte, +wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel. + +»Ach, verzeihen Sie!« sagte sie. »Es ist unrecht von mir, Sie mit +meinen ewigen Klagen zu langweilen.« + +»Keineswegs!« + +»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort und schlug ihre schönen Augen, +aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, »was ich mir alles +erträumt habe!« + +»Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich +ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais entlang +geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und +die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort +verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthändlers auf dem +Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen, +der eine Muse darstellt. Sie trägt eine Tunika, einen +Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor. +Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich +stundenlang davor gestanden ...« Und mit zitternder Stimme fügte +er hinzu: »Sie sah Ihnen ein wenig ähnlich.« + +Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre Lippen +nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte. + +»Und wie oft«, fuhr er fort, »habe ich an Sie Briefe geschrieben +und hinterher wieder zerrissen.« + +Sie antwortete nicht. + +»Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir +wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an der +nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken +hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie +Sie welche zu tragen pflegen ...« + +Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden +zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten +Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen +Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen +machte. + +Endlich sagte sie mit einem Seufzer: + +»Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben so wie ich +führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem +nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem Bewußtsein +trösten, sich für etwas zu opfern.« + +Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er +selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas +aufzugehen, die er nicht befriedigen könne. + +»Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein«, behauptete sie. + +»Ach ja!« erwiderte er. »Aber für uns Männer gibt es keinen +solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung ... es +sei denn vielleicht die des Arztes ...« + +Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von +ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. Wie +schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden. +Sofort schwärmte Leo für die »Ruhe im Grabe«. Ja, er hätte sogar +eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt, +daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit der Seidenstickerei +legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem, +wie alles hätte sein können, also nach einem imaginären Zustand, +änderten sie jetzt in der Erzählung ihre Vergangenheit. Ist doch +die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefühle breitdrückt. + +Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie: + +»Warum denn?« + +»Warum?« Er zögerte. »Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!« + +Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete +Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn +der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber war, zerreißt. +Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus +ihren Augen wie weggeweht. + +Er wartete. Endlich sagte sie: + +»Ich hab es immer geahnt ...« + +Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage +einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in +ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich der +Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem Zimmer, +ihres ganzen Hauses. + +»Und unsere armen Kakteen, was machen die?« + +»Sie sind letzten Winter alle erfroren!« + +»Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie mir +gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im +Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und Sie +mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...« + +»Armer Freund!« sagte sie und reichte ihm ihre Hand. + +Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er +tief auf und sagte: + +»Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich +war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen ... +aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?« + +»Doch, fahren Sie nur fort!« + +»Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, gerade +im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen +Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete +ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es +mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen das von mir war. +Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es +doch nicht über mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen +Laden traten, wartete ich draußen auf der Straße und sah Ihnen +durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und +das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei +Frau Tüvache; man öffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener +Pudel vor der mächtigen Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß +gefallen war.« + +Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon +her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen, +erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Unendlich +viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit +leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern: + +»Ja ... So war es ... So war es ... So war es!« + +Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den +Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen +nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein +Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, dieses +Rauschen ströme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre +Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft, +Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der zärtlichen Wonne +des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete sich an den Wänden, und +halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen +Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. Durch das oben +offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein +Stück des schwarzen Himmels. + +Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der +Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder. + +»Was ich sagen wollte ...«, begann Leo von neuem. + +»Was war es?« + +Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder +anzuknüpfen, da fragte sie ihn: + +»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse +anvertraut hat?« + +Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe +sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn +zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden +worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt +hätte. + +»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie. + +»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der +Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels +hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn +anzufangen?« + +»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt ... und +Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ... +und Sie werden sie wieder lieben!« + +»Nicht so, wie ich Sie liebe!« + +»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!« + +Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der +Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder +lieben könnten, wie ehemals. + +Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht. +Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und +daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß +sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu +liebkosen versuchten. + +»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück. + +Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die +ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit +ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein +Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche +Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig +aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut +seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie +glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit +ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr. + +»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns +verplaudert!« + +Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut. + +»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein +armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau +Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten ...« + +Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein. + +»So?« fragte Leo. + +»Gewiß!« + +»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu +sagen!« + +»Was denn?« + +»Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht +heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten ... Hören Sie +mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn +nicht ...« + +»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!« + +»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid +mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein +einziges ...« + +»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders, +sagte sie: »Aber nicht hier!« + +»Wo Sie wollen!« + +Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz: + +»Morgen um elf in der Kathedrale!« + +»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren +Händen. Sie entzog sie ihm. + +Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor +ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf +ihren Nacken. + +»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem +eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals +immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über +ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen. +Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick. + +Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb +er stehen und stammelte mit zitternder Stimme: + +»Auf Wiedersehn morgen!« + +Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer. + +Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die +Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle +beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig +war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was +sollte sie tun? + +»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen, +wenn er kommt.« + +Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre, +reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich +hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes +Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete +seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum +Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil +sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte. + +»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des +Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war. + +Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den +Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei +Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum +Notre-Dame-Platze. + +Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der +Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg +auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen +Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um +die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte +Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und +Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren +tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein +Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen +Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden +kleine Veilchensträuße. + +Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau +kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der +Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen +wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und +rasch trat er in die Kirche. + +Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der +'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf, +den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als +ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo +in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das +Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden: + +»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die +Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?« + +»Nein!« + +Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe +und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging +abermals bis zum Chor. + +Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den +gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende +Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte +Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen +des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen +Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan +hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die +übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen +Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine +silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel +gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder +das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den +hohen Gewölben widerhallten. + +Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so +schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und +stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten +Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten, +in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem +unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und +um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler +neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe +entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes +Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die +Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen +erscheine. + +Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und +seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit +Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte +die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während +seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ... + +Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich +erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein +Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging +geradezu eine Tempelschändung. + +Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte +auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen. + +Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. + +»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht +doch!« + +Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der +Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete. + +Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand +er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines +Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische +Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte, +langweilte er sich. + +Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der +Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung +begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören, +starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der +weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe +Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte. + +Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der +Schweizer rasch auf sie zu: + +»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die +Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?« + +»Aber nein!« rief der Adjunkt aus. + +»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich +an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden +Vorwand. + +Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück +und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen +Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift. + +»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten +Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte +ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist +vor Freude gestorben ...« + +»Weiter!« drängte Leo. + +Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der +Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem +Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten +zeigt, auf eine Grabplatte. + +»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr +von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser +der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli +1465.« + +Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße +auf den andern. + +»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden +Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und +Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des +Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie, +gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift +besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen +will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der +irdischen Vergänglichkeit!« + +Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah +sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu +machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der +einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite. + +Der unermüdliche Cicerone fuhr fort: + +»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin +Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois, +geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche +Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt +bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die +Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und +Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des +Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem +Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.« + +Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die +beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er +öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal +eine schlechte Statue gewesen sein konnte. + +»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer, +»das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von +der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine +Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier +sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die +Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern +von Lagargouille!« + +Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und +nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die +Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle +Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach: + +»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!« + +»Danke!« erwiderte Leo. + +»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt +vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte ägyptische +Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...« + +Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die +Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch +durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen, +den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt +hatte. Das wäre ihr Tod gewesen. + +»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma. + +Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte +schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie +plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen +eines Stockes hörten. Leo wandte sich um. + +»Meine Herrschaften!« + +»Was gibts?« + +Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke +ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch +gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale. + +»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche. + +Ein Junge spielte auf dem Vorplatz. + +»Hol uns eine Droschke!« + +Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten +allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig +verlegen. + +»Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!« Es klang +wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr +unschicklich, wissen Sie das?« + +»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In _Paris_ macht mans so!« + +Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument. +Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in +die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke. + +»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der +Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das +'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der +Hölle' an!« + +»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher. + +»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen. + +Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung. + +Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der +Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte +vor dem Denkmal Corneilles Halt. + +»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren. + +Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz +hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab. + +»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme. + +Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in +gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher +trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut +zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee +dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg +hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu, +über die Inseln hinaus. + +Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville, +die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum +drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten. + +»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend. +Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt +Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die +Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum, +wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen +überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte +die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer +Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller +Höhe. + +Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und +Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über +die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden +und am Hauptfriedhof vorüber. + +Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom +Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut +in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen +wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich +hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine +warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob +er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe +vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit. + +Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an +den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz +ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der +immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen +wie ein Grab. + +Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am +heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine +bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine +Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße +Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen. + +Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der +Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus +und ging, ohne sich umzusehen, weiter. + + + + +Zweites Kapitel + + +Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht +mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma +gewartet, schließlich aber war er abgefahren. + +Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu Hause +sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend +zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene +feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe +und zugleich der Preis für den Ehebruch ist. + +Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm +einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. Unterwegs +trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte aller +Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten +Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern +von Quincampoix ein. + +Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als sie +erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah sie +Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie wartete. Hivert +hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das sich bis zum Fenster +hinaufreckte, flüsterte ihr geheimnisvoll zu: + +»Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es +handelt sich um etwas sehr Dringliches!« + +Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine +dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des +Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am +selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen +besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man sah, +daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde. + +Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, und +sogar der »Leuchtturm von Rouen« lag am Boden zwischen zwei +Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in der +Küche -- inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll +abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und +zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln +über dem Feuer -- die ganze Familie Homais, groß und klein, alle +in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den Händen. Der +Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten Kopfes +dastand, und schrie ihn eben an: + +»Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?« + +»Was ist denn los? Was gibts?« fragte die Eintretende. + +»Was los ist?« antwortete der Apotheker. »Ich mache hier +Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft zu +dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem andern +Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus Faulheit hin +und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an einem Nagel +aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!« + +Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei +Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft +hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte +und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als einen +gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres Heiligtum, aus +dem, von seiner Hand hergestellt, alle die verschiedenen Sorten +von Pillen, Pasten, Säften, Salben und Arzneien hervorgingen, die +ihn in der ganzen Gegend berühmt machten. Niemand durfte das +Kapernaum betreten. Das ging soweit, daß er es selbst ausfegte. +Die Apotheke stand für jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er +würdevoll amtierte. Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo +sich Homais selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und +Experimenten hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine +unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine Johannisbeeren, +wetterte er: + +»Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den +Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen +Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch +genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat +auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel, +daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate +nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn man +sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...« + +»Aber so beruhige dich doch!« mahnte Frau Homais. + +Und Athalia zupfte ihn am Rock. + +»Papachen, Papachen!« + +»Laßt mich!« erwiderte der Apotheker. »Zum Donnerwetter, laßt +mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen! +Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die +Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure +Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!« + +»Sie hatten mir doch ...«, begann Emma. + +»Einen Augenblick! -- Weißt du, mein Junge, was dir hätte +passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten +Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen Ton +von dir!« + +»Ich ... weiß ... nicht«, stammelte der Lehrling. + +»Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da eine +Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben Deckel, gefüllt +mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von mir eigenhändig +draufgeschrieben: 'Gift! Gift! Gift!' Und weißt du, was da drin +ist? Ar -- se -- nik! Und so was rührst du an? Nimmst einen +Kessel, der daneben steht!« + +»Daneben!« rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände über +dem Kopfe zusammen. »Arsenik! Du hättest uns alle miteinander +vergiften können!« + +Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits die +schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden. + +»Oder du hättest einen Kranken vergiften können«, fuhr der +Apotheker fort. »Wolltest du mich gar auf die Anklagebank bringen, +vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem Schafott sehen? +Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen Arbeiten kolossal in +acht nehmen muß, trotz meiner großen Routine darin? Oft wird mir +selber angst, wenn ich an meine Verantwortung denke. Denn die +Regierung sieht uns tüchtig auf die Finger, und die albernen +Gesetze, denen wir unterstehen, schweben unsereinem faktisch wie +ein Damoklesschwert fortwährend über dem Haupte!« + +Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr +wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort: + +»So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden sind? +So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und Sorgfalt, die +ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn ohne mich? Wie +ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, erzogen, gekleidet? Wer +ermöglicht es dir, daß du eines Tages mit Ehren in die +Gesellschaft eintreten kannst? Aber um das zu erreichen, mußt du +noch feste zugreifen, mußt, wie man sagt, Blut schwitzen! +Fabricando sit faber, age, quod agis!« + +Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte +Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt +hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der +Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie das +Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den Grund und +Boden öffnet. + +Er predigte immer weiter: + +»Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein Haus +genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend Und dem +Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du wirst +niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als zum +Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! Du +kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir +wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt +dirs über die Maßen wohl gehn!« + +Emma wandte sich an Frau Homais: + +»Man hat mich hierher gerufen ...« + +»Ach, du lieber Gott!« unterbrach die gute Frau sie mit trauriger +Miene. »Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... Es ist nämlich ein +Unglück passiert ...« + +Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie: + +»Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn +wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!« + +Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel +Justins Tasche ein Buch. + +Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, hob den +Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen und +offenem Mund. + +»Liebe und Ehe«, las er vor. »Aha! Großartig! Großartig! Wirklich +nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein bißchen starker +Tobak!« + +Frau Homais wollte nach dem Buche greifen. + +»Nein, das ist nichts für dich!« wehrte er sie ab. + +Die Kinder wollten die Bilder sehn. + +»Geht hinaus!« befahl er gebieterisch. + +Und sie gingen hinaus. + +Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab, +das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz +außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren sollte. +Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit +verschränkten Armen vor ihn hin: + +»Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? Nimm +dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! Hast +du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch meinen Kindern +in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde in ihre Sinne +streuen, die Unschuld Athaliens trüben und Napoleon verderben? Er +ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens beschwören, daß die +beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du mir das schwören?« + +»Aber so sagen Sie mir doch endlich,« unterbrach ihn Emma, »was +Sie mir mitzuteilen haben!« + +»Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!« + +In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an +einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener Rücksichtnahme +hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die schreckliche +Nachricht schonend mitzuteilen. + +Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens +überlegt und ausgeklügelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht, +Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine +Sprachkunst triumphiert. + +Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da +Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er +sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte er +sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über: + +»Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. Der +Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche Tatsachen +darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja die er +vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch +wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!« + +Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie erwartet +hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen. + +»Meine liebe Emma!« + +Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber +bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. Da +fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht: + +»Ja ... ich weiß ... ich weiß ...« + +Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis ohne +jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, daß +ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod hatte +ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines +Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an +einem Liebesmahl teilgenommen hatte. + +Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus +konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. Als +er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl +unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß. + +Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem +traurigen Blick an. Einmal seufzte er: + +»Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!« + +Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas entgegnen +müsse, fragte sie: + +»Wie alt war dein Vater eigentlich?« + +»Achtundfünfzig!« + +»So!« + +Das war alles. + +Eine Viertelstunde später fing er wieder an: + +»Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?« + +Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse. + +Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt sei, +und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, um +ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich +zusammenraffend, fragte er sie: + +»Hast du dich gestern gut amüsiert?« + +»Ja!« + +Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma +gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung ansah, +um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen bis auf den +letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, wie eine Null +vor. Er war wirklich in jeder Beziehung »ein trauriger Kerl«. Wie +konnte sie ihn nur loswerden? Welch endloser Abend! Etwas +Betäubendes ergriff sie, wie Opium. + +In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. Es war +Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm viel Mühe, es +abzulegen. + +»Karl denkt schon gar nicht mehr daran«, dachte Emma, als sie den +armen Teufel sah, dem das rote Haar in die schweißtriefende Stirn +herabhing. + +Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein +Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen Anwesenheit +dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein leibhaftiger Vorwurf +der heillosen Unfähigkeit des Arztes herum? + +»Ein hübscher Strauß!« sagte er, als er auf dem Kamin Leos +Veilchen bemerkte. + +»Ja!« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe ihn einer armen Frau +abgekauft.« + +Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine von +Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie ihm aus +der Hand und stellte sie in ein Wasserglas. + +Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn +weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der +Wirtschaft zu tun. + +Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den +Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube +hinten im Garten am Bachrande. + +Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große +Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum +Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den Toten +nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst begehrenswert. +Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit geworden, daß sie nun +Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann eine dicke Träne über +ihre Nase und blieb einen Augenblick daran hängen. Dabei nähte sie +ununterbrochen weiter. + +Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit +sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz +trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die +kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen Tages ins +Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit ihres Mannes und +ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie hätte nichts hören und +nichts sehn mögen, um nicht in ihren Liebesträumereien gestört zu +werden, die gegen ihren Willen unter den äußeren Eindrücken zu +verwehen drohten. + +Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um sich +ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere und +Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in den +Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen +Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und sprach auch +kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen umhatte, spielte mit +ihrer Schaufel im Sande. + +Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen. + +Er bot in Anbetracht des »betrüblichen Ereignisses« seine Dienste +an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu können, aber +der Händler wich nicht so leicht. + +»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte er, »aber ich muß +Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.« Und flüsternd +fügte er hinzu: »Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen schon +...« + +Karl wurde rot bis über die Ohren. + +»Gewiß ... freilich ... natürlich!« + +In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau: + +»Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?« + +Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner +Mutter: + +»Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine Kleinigkeit, die +den Haushalt betrifft.« + +Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die Vorgeschichte des Wechsels erführe. + +Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in ziemlich +eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von +gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von +seiner Gesundheit, die immer »so lala« sei. Er müßte sich wirklich +höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, ihm fehle doch +die Butter zum Brote. + +Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich +entsetzlich. + +»Und sind Sie völlig wiederhergestellt?« fuhr er fort. »Ich sag +Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung +gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch +ordentlich einander in die Haare gefahren sind.« + +Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die +Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen. + +»Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur Reise ...« + +Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf +den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit +einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? Emma +verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er fort: + +»Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin gekommen, +ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...« + +Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt hatte, +zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache ganz nach +seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu ängstigen, +noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft sei. + +»Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders übernähme. Sie +zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das wäre das Bequemste. +Wir könnten dann unsere kleinen Geschäfte miteinander abmachen.« + +Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam er +auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse +unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege schicken, +zu einem neuen schwarzen Kleide. + +»Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie brauchen noch noch +ein andres für die Besuche. Gleich beim Eintreten habe ich das +bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein Amerikaner!« + +Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam +er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen +anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig und +dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand »gehorsamst zur +Verfügung«, wie Homais zu sagen pflegte. Dabei flüsterte er Emma +immer wieder irgendwelche Ratschläge wegen der Generalvollmacht +zu. Den Wechsel erwähnte er nicht mehr, und Emma dachte auch nicht +daran. Karl hatte wohl kurz nach ihrer Genesung mit ihr darüber +gesprochen, aber es war ihr seitdem so viel durch den Kopf +gegangen, daß sie das vergessen hatte. Sie hütete sich überhaupt, +Geldinteressen an den Tag zu legen. Frau Bovary wunderte sich +darüber, aber sie schrieb das der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der +Krankheit in ihr erstanden sei. + +Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren +Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse +Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob +nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte auf +gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von Ordnung des +Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung usw., und übertrieb +immerfort die Schwierigkeiten der Erbschaftsregelung. Eines Tages +zeigte sie ihm sogar den Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr +das Recht übertrug, das Vermögen zu verwalten, Darlehen +aufzunehmen, Wechsel auszustellen und zu akzeptieren, jederlei +Zahlung zu leisten und zu empfangen usw. + +Lheureux war ihr Lehrmeister. + +Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe. + +»Notar Guillaumin.« Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte sie +hinzu: »Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. Die +Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch einen +Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein ... +keinen.« + +»Höchstens Leo«, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei schwierig, +sich brieflich zu verständigen. + +Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es +nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit +nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn aus: + +»Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!« + +»Wie gut du bist!« sagte er und küßte sie auf die Stirn. + +Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren +und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort. + + + + +Drittes Kapitel + + +Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre +Flitterwochentage. + +Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei +verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter +überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man ihnen alle +Morgen in der Frühe brachte. + +Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer der +Inseln. + +Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen die +Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer stieg +zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man breite +ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der Sonne wie +schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten. + +Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen +hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen Ankertaue. +Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, das Stimmengewirr, +das Bellen der Hunde auf den Schiffen wurde ferner und ferner. +Emma knüpfte ihre Hutbänder auf. + +Sie landeten an »ihrer Insel«. Sie setzten sich in eine Herberge, +vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen gebackene Fische, +Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich ins Gras, küßten +einander im Schatten der hohen Pappeln und hätten am liebsten wie +zwei Robinsons immer auf diesem Erdenwinkel leben mögen, der ihnen +in ihrer Glückseligkeit als das schönste Fleckchen der ganzen Welt +erschien. Sie sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht +zum ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern +der Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es +war ihnen, als hätten sie das alles niemals so genossen, als wäre +die Natur vorher gar nicht dagewesen oder als wäre sie erst schön, +seitdem ihr Begehren gestillt war. + +Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade +von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank unter +dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die vierkantigen +Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen Gabeln, +taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das Wasser leise +um das herrenlose Steuer. + +Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom stillen +Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und Emma begann +sogar zu singen: + +»Weißt du, eines Abends +Fuhren wir dahin ...« + +Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut, +vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang Leos +Ohr. + +Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine +offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr +Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein +Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer erscheinen. Die +Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum Himmel empor. Von +Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der Weiden, an denen der +Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie plötzlich wieder auf, im +Lichte des Mondes, wie eine Geistererscheinung. + +Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges gelagert hatte, +hob ein Band aus roter Seide auf. Der Bootsmann sah es und meinte: + +»Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft +spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie +hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein +Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem +schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn +immer: 'Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem Leben, Adolf!' +Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...« + +Emma fuhr zusammen. + +»Ist dir nicht wohl?« fragte Leo und legte ihr die Hand um den +Nacken. + +»Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.« + +»Er mochte auch viel Glück bei den Frauen haben«, redete der +Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar eine +Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hände und begann +von neuem zu rudern. + +Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig. +Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet +schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte +Umschläge verwenden. Er wunderte sich über ihre Schlauheit in +Liebesdingen. + +»Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht wahr?« fragte +sie nach dem letzten Kusse. + +»Aber gewiß!« + +Als er dann allein durch die Straßen heimging, dachte er bei sich: + +»Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer +Generalvollmacht?« + + + + +Viertes Kapitel + + +Leo begann vor seinen Kameraden den Überlegenen zu spielen. Er +mied ihre Gesellschaft und vernachlässigte seine Akten. Er wartete +nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in ihnen und +schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in der +Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heißes Begehren +kühlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im Gegenteil, sein +Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaßen, daß er an einem +Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann. + +Als er von der Höhe herab unten im Tale den Kirchturm mit seiner +sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte, +durchschauerte ihn ein sonderbares Gefühl von Eitelkeit und +Rührung, wie es vielleicht ein Milliardär empfindet, der sein +Heimatdorf wieder aufsucht. + +Er ging um Emmas Haus. In der Küche war Licht. Er wartete, ob +nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar würde. Es erschien +nichts. + +Als Mutter Franz ihn gewahrte, stieß sie Freudenschreie aus. Sie +fand ihn »größer und schlanker geworden«, während Artemisia im +Gegensatze dazu meinte, er sähe »stärker und brauner« aus. + +Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein, +aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nämlich +»satt bekommen«, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte +seine Tischzeit ein für allemal auf Punkt fünf Uhr verlegt, was +ihn indessen nicht hinderte, darüber zu räsonieren, daß der »alte +Klapperkasten egal zu spät« käme. + +Endlich faßte Leo Mut und klingelte an der Haustüre des Arztes. +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer Viertelstunde kam +sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn wiederzusehen; aber +weder am Abend noch andern Tags wich er von Emmas Seite. Erst +nachts kam sie allein mit Leo zusammen, auf dem Wege hinter dem +Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, wie einst mit dem andern. + +Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem +Regenschirm, bei Donner und Blitz. + +Die Trennung war ihnen unerträglich. + +»Lieber sterben!« sagte Emma. + +Sie entwand sich seinen Armen und weinte. + +»Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?« + +Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da +versprach ihm Emma, sie wolle demnächst Mittel und Wege finden, +damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen könnten. Emma +zweifelte nicht an der Möglichkeit. Sie war überhaupt voller +Zuversicht. Lheureux hatte ihr für die nächste Zeit Geld in +Aussicht gestellt. + +Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores für ihr Zimmer an. +Lheureux rühmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen Teppich, +den der Händler bereitwillig zu besorgen versprach, wobei er +versicherte, er werde »die Welt nicht kosten«. Lheureux war ihr +unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie nach ihm, +und immer ließ er alles stehen und liegen und kam, ohne auch nur +zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte Frau Rollet +täglich zum Frühstück und auch außerdem noch häufig kam. + +Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma plötzlich einen ungemein +regen Eifer im Musizieren. + +Eines Abends spielte sie dasselbe Stück viermal hintereinander, +ohne über eine bestimmte schwierige Stelle glatt hinwegzukommen. +Karl, der ihr zuhörte, bemerkte den Fehler nicht und rief: + +»Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!« + +»Nein, nein! Ich stümpere. Meine Finger sind zu steif geworden.« + +Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen. + +»Meinetwegen! Wenn es dir Spaß macht.« + +Karl gab zu, daß sie ein wenig aus der Übung sei. Sie griff +daneben, blieb stecken, und plötzlich hörte sie auf zu spielen. + +»Ach, es geht nicht, ich müßte wieder Stunden nehmen, aber ...« +Sie biß sich in die Lippen und fügte hinzu: »Zwanzig Franken für +die Stunde, das ist zu teuer.« + +»Allerdings ... ja ...«, sagte Karl und lächelte einfältig, »aber +es gibt doch auch unbekannte Künstler, die billiger und manchmal +besser sind als die Berühmtheiten.« + +»Such mir einen!« sagte Emma. + +Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene an +und sagte schließlich: + +»Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in +Barfeuchères, und da hat mir Frau Liégeard erzählt, daß ihre drei +Töchter für zwölf Groschen die Stunde bei einer ganz +vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.« + +Emma zuckte mit den Achseln und öffnete fortan nicht mehr das +Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging, +seufzte sie allemal: + +»Ach, mein armes Klavier!« + +Wenn Besuch da war, erzählte sie jedermann, daß sie die Musik +aufgegeben und höheren Rücksichten geopfert habe. Dann beklagte +man sie. Es sei schade. Sie hätte soviel Talent. Man machte ihrem +Manne geradezu Vorwürfe, und der Apotheker sagte ihm eines Tages: + +»Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem die +Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Außerdem sparen Sie, +wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, später bei der +musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mütter +sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon +Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber das +wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernährung der Säuglinge +durch die eigenen Mütter und wie die Schutzpockenimpfung! Davon +bin ich überzeugt!« + +Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprächsweise auf diese +Angelegenheit zurück. Emma erwiderte ärgerlich, daß es besser +wäre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte sich Bovary. +Das kam ihm wie die Preisgabe eines Stückes von sich selbst vor. +Das brave Klavier hatte ihm so oft Vergnügen bereitet und ihn +einst so stolz und eitel gemacht! + +»Wie wäre es denn,« schlug er vor, »wenn du hin und wieder eine +Stunde nähmst? Das wird uns wohl nicht gleich ruinieren!« + +»Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmäßig erfolgt«, entgegnete +sie. + +Und so kam es schließlich dahin, daß sie von ihrem Gatten die +Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um +den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie +habe bedeutende Fortschritte gemacht. + + + + +Fünftes Kapitel + + +An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich geräuschlos +an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe wegen ihres zu +frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief sie in ihrem Zimmer +herum, stellte sich ans Fenster und sah auf den Marktplatz hinaus. +Das Morgengrauen huschte um die Pfeiler der Hallen und um die +Apotheke, deren Fensterläden noch geschlossen waren. Die großen +Buchstaben des Ladenschildes ließen sich durch das fahle +Dämmerlicht erkennen. + +Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem +Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und fachte +der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. Ganz +allein saß Emma dann in der Küche. + +Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst gemächlich +die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, die in der +Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster heraussah und ihm +tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln erteilte, die jeden +andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die Absätze von Emmas +Stiefeletten klapperten laut auf dem Pflaster des Hofes. + +Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel +angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die +Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock. + +Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie allerorts +Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor den Hoftoren +standen und warteten. Leute, die sich Plätze vorbestellt hatten, +ließen meist auf sich warten; ja es kam vor, daß sie noch in ihren +Betten lagen. Dann rief, schrie und fluchte Hivert, stieg von +seinem Sitz herunter und pochte mit den Fäusten laut gegen die +Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind durch die schlecht +schließenden Wagenfenster. + +Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt +schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten sich +rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser gefüllten +Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin bis in den +Horizont. + +Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, wann eine +Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine Scheune, das +Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal schloß sie die Augen eine +Weile, um sich überraschen zu lassen. Aber sie verlor niemals das +Gefühl für Zeit und Ort. + +Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte +unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch deren +Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken und +Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf. + +Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst +erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das Häusermeer in +undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich flaches Land in +eintönigen Linien, bis es weit in der Ferne im fahlen Grau des +Himmels verschwamm. So aus der Vogelschau sah die ganze Landschaft +leblos wie ein Gemälde aus. Die vor Anker liegenden Zillen +drängten sich in einem Winkel zusammen. Der Strom wand sich im +Bogen um grüne Hügel, und die länglichen Inseln in seinen Fluten +glichen großen schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen +Fabrikessen quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in +der Luft auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich +das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste +hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards wuchsen +aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, und die vom +Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder schwächer, je nach der +höheren oder tieferen Lage der Stadtteile. Bisweilen trieb ein +frischer Windstoß das dunstige Gewölk nach der Sankt +Katharinen-Höhe hin, an deren steilen Hängen sich die luftige Flut +geräuschlos brach. + +Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt, +diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut stürmte +ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die hundertundzwanzigtausend +Herzen, die da unten schlugen, den Brodem der Leidenschaften, die +in ihnen lodern mochten, in einem einzigen Hauche entgegensandten. +Vor der Gewalt dieses Anblicks wuchs ihre eigene Liebe, und das +dumpfe Rauschen des Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre +Stimmung. Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und +vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr +zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie Einzug hielt. + +Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die frische +Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der +schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert +rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger, +die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, wo sie +die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren Familienkutschen +gemächlich aus. + +Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer +Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht +und stieg aus. + +In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die +Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den +Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit +niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem +herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um nicht +beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre Gassen +hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen am Ende +der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt es dort die +meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. Ein paarmal fuhren +Karren mit Bühnendekorationen an Emma vorüber. Beschürzte Kellner +streuten Sand auf das Trottoir, zwischen Kästen mit grünen +Gewächsen. Es roch nach Absinth, Zigarren und Austern. + +Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie erkannte +ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich unter seinem +Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm nach dem +Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, öffnete die Tür +und trat ein ... + +Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne Ende! +Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von ihrem +Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber dann war +das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu Auge, unter dem +Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der Zärtlichkeit. + +Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten des +Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge herab. Wenn +sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von diesem Purpurrot +abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme verschämt hob und ihr +Gesicht in den Händen verbarg: was hätte Leo Schönres schauen +können? + +Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten +Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu +einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte +alles, was blank im Gemache war, hell auf: die Messingbeschläge an +der Tür, an den Gardinenhaltern und am Kamin. + +Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig +verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles so vor, +wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die Haarnadeln noch auf +dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am Donnerstag vorher liegen +gelassen hatte. + +Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen eingelegten +Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte alles zurecht +und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den Teller, unter tausend +süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über den Rand des dünnen +Kelches auf die Finger perlte, lachte sie lustig auf. Sie waren +beide in den gegenseitigen Genuß versunken und vergaßen völlig, +daß sie in einer Mietwohnung hausten. Es war Ihnen, als wären sie +Jungvermählte und hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder +zu verlassen brauchten. Sie sagten »unser Zimmer, unser Teppich, +unsre Stühle,« wie sie »unsre Pantoffeln« sagten, wobei sie die +meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa Atlas +mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten Füßen. Wenn +sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir ihren Beinen +und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen Zehen. + +Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen +Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese +entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen, +dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte +Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er hatte +eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine +verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen? + +Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald +tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald +schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte +Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die +Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je +gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der +Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der »Badenden +Odaliske«, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen Vrouwen +der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, die +spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als alles das: +sie war sein »Engel«. + +Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich seine +Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz und von +da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr zu Füßen +auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah zu ihr empor +und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu ihm herab und +flüsterte wie im Rausche: + +»O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist etwas +Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern habe!« + +Sie nannte ihn »mein Junge«. + +»Mein Junge, liebst du mich?« + +Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie +nicht. + +Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus Bronze, +der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande trug. Er +machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde schlug, kam +ihnen alles ernsthaft vor. + +Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer wiederholten +sie: + +»Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!« + +Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, küßte +ihn rasch auf die Stirn, und mit einem »Adieu!« stürmte sie die +Treppe hinunter. + +Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße und +ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. Im Laden +brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das Klingeln drüben im +Theater, das dem Personal den Beginn der Vorstellung anzeigte. +Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit bleichen Gesichtern und +Frauen in abgetragenen Kleidern im hinteren Eingang des +Theatergebäudes verschwanden. + +Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken +und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen Brennscheren +und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu schaffen +machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, so wäre sie +unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen. + +Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an. + +Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins »Rote +Kreuz«. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am Vormittag +unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und nahm ihren +Platz ein, unter den bereits ungeduldigen Mitfahrenden. Wo die +steile Strecke begann, stiegen alle aus. Emma blieb allein im +Wagen zurück. + +Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der +Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites +Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster +kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend +flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in Gedanken +und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind verschlang. + +Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen +ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter +Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn +abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit +Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in roten +Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, die an der +Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. Wenn man ihn +ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten seine bläulichen +Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager. + +Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam: + +»Wenns Sommer worden weit und breit, +Wird heiß das Herze mancher Maid ...« + +Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich hinter +Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg. + +Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf dem +nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er fragte +ihn, wie es seiner Liebsten ginge. + +Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch das +Wagenfenster herein. Er war draußen auf das kotbespritzte +Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand fest. Sein +erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er heulte durch +die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das Schellengeläut +der Pferde, das Rauschen der Bäume und das Rasseln des Wagens +tönten in diese Jammerlaute hinein, so daß sie wie aus der Ferne +zu kommen schienen. Emma war tieferschüttert. Empfindungen +brausten ihr durch die Seele wie wilder Wirbelsturm durch eine +Schlucht. Grenzenlose Melancholie ergriff sie. + +Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen Wagen +beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf den +Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den +Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus. + +Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die einen +schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die Brust +gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des Nachbars, +und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je nach den +Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der Schein der +Laterne drang durch die schokoladenbraunen Kattunvorhänge und +bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit blutroten Lichtstreifen. +Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie fror unter ihren Kleidern. +Ihre Füße wurden ihr kälter und kälter. Sie fühlte sich +sterbensunglücklich. + +Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer +Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, aber +was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte jetzt machen, was +es wollte. + +Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie fragte, ob +ihr etwas fehle. + +»Nein!« antwortete sie. + +»Aber du bist so sonderbar heute abend?« + +»Ach nein, nicht im geringsten!« + +Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war +gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser als +eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die Streichhölzer +zurecht, legte ihr ein Buch hin und das Nachthemd und deckte das +Bett auf. + +»Gut!« sagte sie. »Du kannst gehn.« + +Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und +blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an. + +Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch +qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit +der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor +Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre +Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen befriedigt +wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich unter +leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. Seine +anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie hegte und +pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, sein Herz zu +verlieren. + +Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme: + +»Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! Wirst +es machen wie alle andern!« + +»Welche andern?« + +»Wie alle Männer, meine ich.« + +Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu: + +»Ihr seid alle gemein!« + +Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch über die +menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um seine +Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem +Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, daß sie vor ihm einen +andern geliebt habe. + +»Nicht wie dich!« fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte +ihres Kindes, daß es »zu nichts gekommen« sei. + +Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der +Betreffende jetzt sei. + +»Er war Schiffskapitän, mein Lieber!« + +Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein +gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewiß +vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben sollte? + +In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der +Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, Orden +und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, das sah +er deutlich an ihrem Hang zum Luxus. + +Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins +Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen +blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in +schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren. +Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich +gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die +Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns +nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch zweifellos die +Bitterkeit der Trennung. + +Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise: + +»Ach, wenn wir dort leben könnten!« + +»Sind wir denn nicht glücklich?« erwiderte Leo zärtlich und strich +mit der Hand liebkosend über ihr Haar. + +»Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!« + +Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie +bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch +Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt. +Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er +plötzlich: + +»Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?« + +»Ja!« + +»Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen und +sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.« + +Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen: + +»Mein Name wird ihr entfallen sein.« + +»Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die +Klavierstunden geben«, meinte Karl. + +»Das ist auch möglich!« + +Plötzlich sagte Emma: + +»Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich +eine bringen.« + +Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, wühlte +in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl sie bat, +sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe zu machen. + +»Ich werde sie schon finden!« beharrte sie. + +In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel +anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß zu stehen +pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück Papier. Er +zog es hervor und las: + +»Quittung. + +Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für +verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn. + +Dankend erhalten +Friederike Lempereur, +Musiklehrerin.« + +»Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?« + +»Wahrscheinlich«, erwiderte Emma, »ist es aus dem Karton mit den +alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.« + +Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lügen. +Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand +sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen geradezu zu einem +Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn sie erzählte, daß sie +auf der rechten Seite der Straße gegangen sei, konnte man wetten, +daß es auf der linken gewesen war. + +Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich leicht +gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien begann. Karl +hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche +des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging +hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der +Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er im »Roten Kreuz« +angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau +Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, daß sie das »Rote +Kreuz« sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche +und erzählte ihr von seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine +sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald +eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale +so wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen. + +Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte, +so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und +so hielt es Emma für besser, fortan im »Roten Kreuz« abzusteigen, +damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der +Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwöhnten. + +Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den +Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne schwatzen; aber er +war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage später in ihr Zimmer +und erklärte, daß er Geld brauche. + +Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing zu +jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen. + +In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel +bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlängert +und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine +Anzahl unbezahlter Rechnungen für die Stores, den Teppich, für +Möbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstücke, im +Gesamtbetrag von ungefähr zweitausend Franken. + +Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort: + +»Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.« + +Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in +Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht +viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen Pachtgute gehört, +das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wußte +genau Bescheid über das Grundstück; er kannte sogar die Anzahl der +Hektare und die Namen der Nachbarn. + +»An Ihrer Stelle«, sagte er, »versuchte ich, es loszuwerden. Sie +bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!« + +Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber +Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, was +sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen. + +»Sie haben doch die Vollmacht«, antwortete er. + +Dieses Wort belebte sie. + +»Lassen Sie mir die Rechnung hier!« sagte sie. + +»O, das eilt ja nicht!« erwiderte Lheureux. + +In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und +berichtete, es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen +Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das +Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste. + +»Der Preis ist mir gleichgültig!« rief Emma aus. + +Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln lassen. +Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst +nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das Geschäft +mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurück, der +Käufer habe viertausend Franken geboten. + +Emma war hocherfreut. + +»Offen gestanden,« fügte der Händler hinzu, »das ist anständig +bezahlt!« + +Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma +sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte +Lheureux: + +»Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes Sümmchen +gleich wieder aus der Hand geben wollen!« + +Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der +Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten. + +»Wie? Wie meinen Sie?« stammelte sie. + +»O,« erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, »man kann ja was ganz +Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie das in einem +Haushalte so ist.« + +Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine +langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte +er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je +tausend Franken auf den Tisch. + +»Unterschreiben Sie!« sagte er, »und behalten Sie die ganze +Summe!« + +Sie fuhr erschrocken zurück. + +»Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,« sagte Lheureux +frech, »erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?« + +Er schrieb unter die Rechnung: + +»Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben, +bescheinigt +Lheureux.« + +»So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die +weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist auch der +letzte Wechsel nicht fällig.« + +Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den +Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor ihr +ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. Lheureux sagte +noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in Rouen, der die vier +Wechsel diskontieren wolle. Die überschüssige Summe werde er der +gnädigen Frau persönlich bringen. + +Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert. +Freund Vinçard habe »wie üblich« zweihundert Franken für Provision +und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig eine +Empfangsbestätigung. + +»Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! Das +Datum!« + +Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so +vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann +die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte. + +Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig auf einen +Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf +Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon aufklären. + +Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um +ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die +Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend +unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen +müssen. + +»Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist tausend +Franken nicht zuviel?« + +In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen +Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu +bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen +davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin +schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer +Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas +herausrücke, gab er ihr zur Antwort: + +»Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!« + +Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine +besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze +Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks heraus. +Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, daß sie erst +viel später bekannt wurde. + +Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte +die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu finden. + +»Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die +Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in +keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Großvaterstuhl! +Die jungen Leute hatten keine nötig. So war es wenigstens bei +meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir +versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und +Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn +ich mich so verwöhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte +Frau, die wahrlich ein bißchen der Pflege nötig hätte ... Da schau +mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, +das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schönen Futterstoff für +vier Groschen, ja schon für dreie bekommt, der seinen Zweck +vollkommen erfüllt!« + +Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe: + +»Ich finde, es ist nun gut!« + +Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie +würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der +Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr versprochen +habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ... + +»Was?« unterbrach Emma ihre Rede. + +»Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!« + +Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglücksmensch +mußte zugeben, daß ihm die Mutter das Ehrenwort abgenötigt hatte. +Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und händigte +ihrer Schwiegermutter mit der Gebärde einer Fürstin ein großes +Schriftstück ein. + +»Ich danke dir!« sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in +den Ofen. + +Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte +einen Nervenchok bekommen. + +»Ach du mein Gott!« rief Karl aus. »Siehst du, Mutter, es war doch +nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!« + +Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles »bloß Tuerei!« + +Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf +und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, sie +werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. Als Karl sie +noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben überreden wollte, +erwiderte sie: + +»Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja ganz in +der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst ja sehen ... +Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich wieder -- +sozusagen -- zusetzen!« + +Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm +erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte +erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue +Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der +sie ausstellen sollte. + +»Sehr begreiflich!« meinte der Notar. »Ein Mann der Wissenschaft +darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken lassen.« + +Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte +Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit mit +der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren Dingen +beschäftigt. + +Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in Leos +Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, weinte, +sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte +Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie +doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem +Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in den +Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, unersättlich, +wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie mit Leo durch die +Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste Angst, daß sie ins +Gerede kommen könnte. So sagte sie wenigstens. Insgeheim +erzitterte sie freilich mitunter bei dem Gedanken, Rudolf könne +ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf immerdar von ihm geschieden +war, so fühlte sie sich doch noch immer in seinem Banne. + +Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war außer +sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre »Mama« nicht +ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. Justin wurde auf +der Poststraße entgegengesandt, und selbst Homais verließ seine +Apotheke. + +Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. Er spannte +seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein Pferd los und +langte gegen zwei Uhr morgens im »Roten Kreuz« an. Emma war nicht +da. Er dachte, vielleicht könne der Adjunkt sie gesehen haben, +aber wo wohnte er? Glücklicherweise fiel ihm die Adresse des +Notars ein, bei dem Leo in der Kanzlei arbeitete. Er eilte hin. + +Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über der Tür +und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte ihm jemand +die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den nächtlichen Ruhestörer +zu schimpfen. + +Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen Türklopfer +noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug mit der Faust +gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging vorüber. Karl bekam +Angst und ging davon. + +»Ich bin ein Narr!« sagte er zu sich. »Wahrscheinlich haben +Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!« + +Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen. + +»Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank +... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre +gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?« + +Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café das +Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von Fräulein +Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des Maroquiniers Nummer 74. + +Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende auf. Er +stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals. + +»Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?« rief er. + +»Ich war krank.« + +»Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?« + +Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete: + +»Bei Fräulein Lempereur.« + +»Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.« + +»Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon +ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du +kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich +weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem +Gleichgewicht bringt!« + +Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in Zukunft +mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man zu sagen +pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den ausgiebigsten Gebrauch +davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo zu sehen, fuhr sie unter +irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser sie an solchen Tagen +nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner Kanzlei auf. + +Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber allmählich +verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren diese +Störungen durchaus nicht angenehm. + +»Ach was, komm nur mit!« sagte sie. + +Und er verließ ihretwegen seine Arbeit. + +Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz kleiden +und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er aussähe +wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er mußte ihr +seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. Er schämte +sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, Vorhänge zu +kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die seien sehr teuer, +sagte sie lachend: + +»Ach, hängst du an deinen paar Groschen!« + +Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem letzten +Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein Gedicht, um +ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei lag ihm nicht, +und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem alten Almanach ab. + +Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein andres +Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen Dingen ihrer +Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie sie. Mit einem +Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo wurde der +feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie verstand auf eine +Art zu kosen und zu küssen, daß er die Empfindung hatte, als sauge +sie ihm die Seele aus dem Leibe. Es steckte, im Kerne ihres Wesens +verborgen, eine eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis +in Emma, eine geheimnisvolle Erbschaft. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig bei +dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, ihn nun +auch einmal in Rouen zu besuchen. + +»Gern!« gab Homais zur Antwort. »Ich muß sowieso einmal +ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen +zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein paar +Dummheiten loslassen!« + +»Aber Mann!« mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren +Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus. + +»Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon +genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? Ja, +ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die Wissenschaften, +so sind sie eifersüchtig; und will man sich gelegentlich in +harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann ists ihnen auch +wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf +mich! In allernächster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann +wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!« + +Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen Ausdruck zu +gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin, +den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich wie seine Nachbarin, +Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den +Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner +Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu +imponieren. + +Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung in der +Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, in einen alten +Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine +Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der andern. Er +hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die +Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß nehmen. + +Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend +verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen +Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen, +so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half +kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das »Grand Café zur +Normandie«, wo er, bedeckten Hauptes, stolz wie ein Fürst eintrat. +Er hielt es nämlich für höchst provinzlerhaft, in einem +öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen. + +Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte +sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei sie +ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der +Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn +gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe. + +Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der große +Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, der die Form +eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen innen vergoldete +Fächer sich unter der weißen Decke ausbreiteten. Neben ihnen, im +hellen Sonnenlichte, hinter Glaswänden, sprudelte ein kleiner +Springbrunnen über einem Marmorbecken. An seinem Rande hockten +zwischen Brunnenkresse und Spargel drei schläfrige Hummern; +daneben lagen Wachteln, zu einem Haufen aufgeschichtet. + +Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die +Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so tat der +Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett mit Rum +aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien »über die +Weiber«. Am meisten rege ihn eine »schicke« Frau auf, und nichts +ginge über eine elegante Robe in einem vornehm eingerichteten +Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da sei viel Fleisch +»nicht ohne«. + +Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und +schmatzte weiter. + +»Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in Rouen«, +sagte er plötzlich. »Aber schließlich wohnt ja Ihr Liebchen nicht +allzuweit.« Da Leo errötete, setzte er hinzu: »Na, gestehen Sie +nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in Yonville ...« + +Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches. + +»... im Hause Bovary jemanden poussieren ...« + +»Aber wen denn?« + +»Na, das Dienstmädel!« + +Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als alle +Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er liebe nur +brünette Frauen. + +»Da haben Sie nicht unrecht«, meinte der Apotheker. »Die haben +mehr Temperament!« + +Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die Symptome, +an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. Er geriet +sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die Deutschen seien +schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die Italienerinnen +leidenschaftlich. + +»Und die Negerinnen?« fragte der Adjunkt. + +»Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!« + +»Gehen wir?« fragte Leo ungeduldig. + +»Yes!« + +Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen und ihm +seine Zufriedenheit aussprechen. + +Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen Gang +vor. Er wollte nun endlich allein sein. + +»Ich begleite Sie natürlich!« sagte Homais. + +Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von seinen +Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom verwahrlosten +Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie in die Höhe +gebracht habe. + +Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm, +eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten +Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in Wut. Leo +versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu beruhigen. Es +sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie kenne Homais doch. +Wie habe sie nur glauben können, daß er lieber mit ihm statt mit +ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar nichts hören und schickte +sich an, fortzugehen. Er hielt sie zurück, sank vor ihr auf die +Knie, umschlang sie mit beiden Armen und sah sie mit einem +rührenden Blick voller Begehrlichkeit und Unterwürfigkeit an. + +Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie +ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck +in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ ihm +ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der +Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen. + +»Du kommst doch wieder?« fragte Emma. + +»Gewiß!« + +»Aber wann?« + +»Sofort!« + +Es war der Apotheker. + +»Ein feiner Trick, nicht?« schmunzelte er, als er Leo erblickte. + +»Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch +offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund +Bridoux, einen Bittern genehmigen!« + +Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker +lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei. + +»Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum +nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux! +Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!« Und da +der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: »Na, da +begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung +lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.« + +Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des Apothekers +Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung des +reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, während Homais +immer wieder in ihn drang: + +»Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert +Schritte von hier! Rue Malpalu!« + +Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit oder +Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den Menschen +mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen Willen +zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie fanden ihn in +dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei Burschen +beaufsichtigte, die das große Rad einer +Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen +Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank man +den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu empfehlen, +aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er sagte: + +»Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den +'Leuchtturm von Rouen'! Dem Redakteur guten Tag sagen. Ich mache +Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.« + +Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den +Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade +aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das +Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung auf! Nun +suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. Er sei +eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, feminin, dazu +knickerig und kleinmütig. + +Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter +machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten +hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht +berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben. + +Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die nichts +mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm Emma +schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den +Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die +eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu +erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten +Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand +sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. Diese +Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. Emma kam +immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher Erregung. Sie +warf die Kleider ab und riß das Korsett herunter, dessen Schnuren +ihr um die Hüften schlugen wie zischende Schlangen. Mit nackten +Füßen lief sie an die Tür und überzeugte sich, daß sie verriegelt +war. Mit einer hastigen Bewegung entledigte sie sich dann des +Hemdes -- und bleich, stumm, ernst und von Schauern durchströmt, +warf sie sich in seine Arme. + +Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren +stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung +lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. Leo fühlte +es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu trennen. + +Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der +Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und des Leids +schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. Was ihn dereinst +entzückt hatte, das flößte ihm jetzt Grauen ein. + +Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung +seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen +Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann +auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein +Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt. + +Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von ausgesuchten +Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements der Kleidung und den +schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte aus ihrem Garten Rosen +mit, die sie an der Brust trug und ihm ins Gesicht warf. Sie +sorgte sich um seine Gesundheit und gab ihm gute Ratschläge, wie +er leben solle. Abergläubisch schenkte sie ihm ein Amulett mit +einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame Mutter erkundigte sie +sich nach seinen Freunden und Bekannten. + +»Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!« + +Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen. +Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der Nähe +des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, der dies wohl +übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab. + +»Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was tuts? +Ich halte ihn nicht!« + +Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als gewöhnlich. Als sie +allein den Boulevard hinschlenderte, bemerkte sie die Mauer ihres +Klosters. Da setzte sie sich auf eine schattige Bank unter den +Ulmen. Wie friedsam hatte sie damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht +nach den jungfräulichen Vorstellungen von der Liebe, die sie sich +damals aus Büchern erträumt hatte ... + +Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte, +mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald +... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr vorüber +... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie alles andre. + +»Aber ich liebe ihn doch!« flüsterte sie. + +Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen! +Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam immer +gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog? + +Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und +tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit einem +Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und Sänger, +warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil das eine +Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen! Weil +alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt immer nur das +Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genuß den +Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten Küsse +hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare Begierde nach +der Wollust der Götter! + +Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug +viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine Ewigkeit +auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in einer +Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem kleinen +Raume ... + +Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten +kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein Mann von +schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in Rouen schicke ihn +her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen er die eine +Seitentasche seines langen grünen Rockes verschlossen hatte, +steckte sie im Ärmelaufschlag fest und überreichte ihr höflich ein +Papier. Es war ein Wechsel auf siebenhundert Franken, den sie +ausgestellt hatte. Lheureux hatte ihn seinem Versprechen entgegen +an Vinçard weitergegeben. + +Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, ließ +er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und dabei +hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke auf +Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig: + +»Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?« + +»Sagen Sie ihm nur«, gab Emma zur Antwort, »... ich hätte kein +Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in +acht Tagen!« + +Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf erhielt +sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten Zustellungsurkunde +starrten ihr mehrfach die Worte »Hareng, Gerichtsvollzieher in +Büchy« entgegen. Darüber erschrak sie dermaßen, daß sie +spornstreichs zu Lheureux lief. + +Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu. + +»Ihr Diener!« begrüßte er sie. »Ich stehe Ihnen sogleich zur +Verfügung!« + +Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, bei +der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war ein wenig +verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die Stelle des +Ladenmädchens und der Köchin. + +Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten +Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der +Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in +dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller +Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem +Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand stand +ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch andre +Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In der Tat lieh +Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank lagen unter +anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe des alten +Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café Français hatte inzwischen +sein Grundstück verkaufen müssen und in Quincampoix einen kleinen +Kramladen eröffnet. Dort ging er seiner Schwindsucht langsam +zugrunde, inmitten seiner Talglichte, die weniger gelb waren als +sein Gesicht. + +Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte: + +»Na, was gibts Neues?« + +Emma hielt ihm die Vorladung hin. + +»Hier, lesen Sie!« + +»Ja, was geht denn mich das an?« + +Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, +ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu. + +»Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber das +Messer an der Kehle!« + +»Und was wird jetzt geschehn?« + +»Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann +die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!« + +Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe +ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein Mittel +gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten. + +»Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das ist ein +Bluthund!« + +Dann müsse eben Lheureux einspringen. + +»Hören Sie mal,« entgegnete er, »mir scheint, daß ich schon genug +für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!« Er schlug seine Bücher auf: +»Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. Juni +hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig Franken +... am 10. April ...« + +Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen. + +»Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt hat, +einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von Ihren +ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar nicht +zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar niemand mehr +hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun haben!« + +Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten +Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter »diesen +Schweinehund, den Vinçard«. Übrigens verfüge er selber über keinen +roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man zöge ihm das +Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, könne nichts +borgen. + +Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr +Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich: + +»Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...« + +Sie unterbrach ihn: + +»Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville bekomme +...« + +»Wieso?« + +Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch nicht +gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er: + +»Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!« + +»Ach, den müssen Sie machen!« + +Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. Hierauf +schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er käme sehr +schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er schneide sich +in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er vier Wechsel aus, +jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit Fälligkeitstagen, die +je vier Wochen auseinanderlagen. + +»Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!« sagte er. +»Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! Bei mir geht +alles wie geschmiert!« + +Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten. + +»Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!« meinte er. +»Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei Groschen und +angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich drum! Man sagt +ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist ... Sie könnens sich +ja denken!« + +Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber +sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war +bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei Meter +Brokatstickerei zeigte, einen »Gelegenheitskauf«, wie er sagte. + +»Prachtvoll! Nicht?« sagte er. »Man nimmt es jetzt vielfach zu +Sofabehängen. Das ist hochmodern!« + +Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den +Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma in +die Hände gedrückt. + +»Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...« + +»Ach, das eilt ja nicht!« unterbrach er sie und wandte sich einem +andern Kunden zu. + +Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch +seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke. +Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach Erledigung aller +Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von dem Grundstück +in Barneville -- jährlich sechshundert Franken, die ihm pünktlich +zugehen würden. + +Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten +Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das häufiger. +Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: »Ich bitte, es meinem +Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in dieser Beziehung +ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr ergebene ...« Hie und da +liefen Beschwerden ein, die sie unterschlug. + +Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe, +ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein +Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. Auf +ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, den +Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte +Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. Sie +lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom +»Roten Kreuz«, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit dem +Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, bezahlte sie +zwei von den vier Wechseln. Die übrigen fünfzehnhundert Franken +waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue Verpflichtungen ein und +immer wieder welche. + +Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei +herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete, +bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte gar nicht +mehr daran. + +Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten mit +wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete Wäsche. Und +die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von Frau Homais in +zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl gelegentlich eine +bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm Emma barsch, es sei +nicht ihre Schuld. + +»Warum ist sie so reizbar?« fragte er sich und suchte die +Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich +Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr körperliches +Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wäre am +liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie geküßt. + +»Lieber nicht!« sagte er sich. »Es könnte ihr lästig sein!« + +Und er ging nicht zu ihr. + +Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die +kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische +Wochenschrift auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen. +Es war noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große, +traurige Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte +Wasser in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er +brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als Bäumchen +in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er war schon +längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte schon wer weiß +wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das Kind, und es +verlangte nach der Mutter. + +»Ruf Felicie!« sagte Karl. »Du weißt, mein Herzchen, Mama will +nicht gestört werden!« + +Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt war es +genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde das endlich +wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, die Hände auf +dem Rücken. + +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören. +Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum +bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der Räucherkerzchen +an, die sie in Rouen im Laden eines Algeriers gekauft hatte. Um in +der Nacht nicht immer ihren schnarchenden Mann neben sich zu +haben, brachte sie es durch allerlei Grimassen so weit, daß er +sich in den zweiten Stock zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen +überspannte Bücher, die von Orgien und von Mord und Totschlag +erzählten. Oft bekam sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf, +und Karl kam eiligst herunter. + +»Ach, geh nur wieder!« sagte sie. + +Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs +durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung ans +Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den Wind um das +schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, wünschte sie +sich die Liebe eines Fürsten ... + +Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem Augenblick +darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm sattküssen +zu lassen. + +Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der +Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu +bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was beinahe +jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu überzeugen, daß sie +ebensogut in einem einfacheren Gasthofe zusammen kommen könnten. +Sie wollte jedoch nichts davon hören. + +Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes Dutzend +vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk ihres Vaters. Sie +bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er gehorchte, obgleich ihm +dieser Gang sehr peinlich war. Er fürchtete, sich bloßzustellen. +Als er hinterher noch einmal darüber nachdachte, fand er, daß +seine Geliebte überhaupt recht seltsam geworden sei und daß es +vielleicht ratsam wäre, mit ihr zu brechen. Seine Mutter hatte +übrigens einen langen anonymen Brief bekommen, in der ihr von +irgendwem mitgeteilt worden war, ihr Sohn »ruiniere sich mit einer +verheirateten Frau.« Der guten alten Dame stand sofort der +konventionelle Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, +die Teufelin, die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie +wandte sich brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem +die Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo +dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die +Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem er +zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei seine +weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das Verhältnis +abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so doch in seinem, +des Notars. + +Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen. +Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch, +indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was für +Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von den +Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich losließen, wenn +sie sich am Kamine wärmten. Er sollte demnächst in die erste +Adjunktenstelle rücken. Es ward also Zeit, ein gesetzter Mensch zu +werden. Aus diesem Grunde gab er auch das Flötespielen auf. Die +Tage der Schwärmereien und Phantastereien waren für ihn vorüber! +Jeder Philister hat in seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und +wenn der auch nur einen Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist +jeder der ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender +Pläne fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach +einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat sich +irgendwann einmal der Dichter geregt. + +Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung an +seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik nur in +gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die +Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde +Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht. + +Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz sie +noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die +Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander +überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der Ehe +wieder. + +Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr die +Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus Gewohnheit oder +Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der Sinnengenuß ward +ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch nach höheren +Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt und betrogen. +Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre Entzweiung zur +Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich aus freien Stücken +von ihm zu trennen. + +Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu überschütten. +Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer Frau, ihrem Geliebten +alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben stand vor ihrer +Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, sondern ein +Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten Erinnerungen, eine +Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, das leibhaft gewordne +Idol ihrer heißesten Gelüste. Allmählich ward ihr dieser imaginäre +Liebling so vertraut, als ob er wirklich existiere, und sie +empfand die seltsamsten Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, +obgleich sie eigentlich gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er +war ihr ein Gott, in der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er +wohnte irgendwo hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer +Abenteuer, unter Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war +ihr nahe. Er umarmte und küßte sie ... + +Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. Die +Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr als die wildeste +Ausschweifung. + +Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche +Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie zu +lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar +geschlafen. + +Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie nahm am +Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten Strümpfen, eine +Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster auf dem linken +Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. Es bildete sich +eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand sie unter der +Vorhalle des Theaters, umringt von einem halben Dutzend Masken, +Bekannten von Leo: Matrosen und Fischerinnen. Man wollte irgendwo +soupieren. Die Restaurants in der Nähe waren alle überfüllt. +Schließlich entdeckte man einen bescheidenen Gasthof, in dem sie +im vierten Stock ein kleines Zimmer bekamen. + +Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich +einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der +medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was für +eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? An +ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast alle der +untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann sie sich zu +ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und schlug die +Augen nieder. + +Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn glühte, +ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte ihr über +die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des Tanzsaals; es +war ihr, als stampften tausend Füße im Takte um sie herum. Dazu +betäubte sie der Zigarrenrauch und der Duft des Punsches. Sie +wurde ohnmächtig. Man trug sie ans Fenster. + +Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein +breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der +graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den +Brücken. Die Laternenlichter verblichen. + +Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in +Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll langer +Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte in +eigentümlichen Tönen ... + +Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo +und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr +eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, sich +wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im +kristallklaren Äther. + +Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ sie den +Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, durch die +Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. Sie ging rasch. +Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach vergaß sie die +lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das +Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im +»Roten Kreuz« angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in +demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen +ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von +Hivert geweckt. + +Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der Uhr +steckte. Emma las: + +»Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...« Sie hielt inne. +»Was für ein Urteil?« Sie besann sich. + +Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben worden, +das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie +weiter: + +»Im Namen des Königs! ...« Sie übersprang einige Zeilen. +»... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend +Franken ...« Und unten: »Vorstehende Ausfertigung wird ... zum +Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...« + +Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden! + +»Die sind morgen abgelaufen!« sagte sie sich. »Unsinn! Lheureux +will mir nur angst machen!« + +Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften, +den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was sie +etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der Schuldsumme. Durch +ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das +Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen, +Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Höhe +angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er +brauchte es zu neuen Geschäften. + +Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor. + +»Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist wohl ein +Scherz!« + +»Bewahre!« + +»Wieso aber?« + +Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte: + +»Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich +bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? Für +nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die höchste Zeit, daß +ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie doch einsehen!« + +Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme. + +»Ja, das tut mir leid!« erwiderte der Händler. »Das Gericht hat +die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist nichts zu +machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! Übrigens bin ich +nicht der Kläger, sondern Vinçard.« + +»Könnten Sie denn nicht ...« + +»Ich kann gar nichts!« + +»Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...« + +Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei überrascht +worden ... + +»Ist das denn meine Schuld?« fragte Lheureux mit einer höhnischen +Geste. »Während ich mich hier abplagte, haben Sie herrlich und in +Freuden gelebt!« + +»Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?« + +»Das könnte nichts schaden!« + +Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so weit, +daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand berührte. + +»Lassen Sie mich zufrieden!« wehrte er ab. »Am Ende wollen Sie +mich gar noch verführen!« + +»Sie sind ein gemeiner Mensch!« rief sie aus. + +»Na, na!« lachte er. »Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!« + +»Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie sind! Ich +werde meinem Manne sagen ...« + +»Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...« + +Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung der Summe +für das verkaufte Grundstück. + +»Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl halten +wird, der arme gute Mann?« + +Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. Lheureux +lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und her und +sagte immer wieder: + +»Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...« + +Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem +Tone: + +»'s ist grade kein Vergnügen -- das weiß ich wohl! -- aber es ist +noch niemand dran gestorben, und da es der einzige Weg ist, der +Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...« + +»Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?« jammerte Emma +und rang die Hände. + +»Na, wenn man Freunde hat wie Sie!« + +Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch +Mark und Bein ging. + +»Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...« + +»Danke! Habe genug von den alten!« + +»Könnte ich nicht was verkaufen?« + +»Was denn?« fragte er achselzuckend. »Sie besitzen doch gar +nichts!« Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in seinen +Laden hinein: »Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch Nummer +vierzehn!« + +Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen sollte. Sie +machte einen letzten Versuch. + +»Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung +aufzuhalten?« + +»Es ist schon zu spät!« antwortete Lheureux. + +»Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel +der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?« + +»Das hätte alles keinen Zweck!« + +Er drängte sie sanft dem Ausgange zu. + +»Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage Zeit!« + +Sie schluchzte. + +»Donnerwetter! Gar noch Tränen!« + +»Sie bringen mich zur Verzweiflung!« jammerte sie. + +»Mir auch egal!« + +Er machte die Türe zu. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den +Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie sich +einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen. + +Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen Schädel +schrieben sie indessen nicht mit in das Sachenverzeichnis. Sie +erklärten ihn als zur Berufsausübung nötig. Aber in der Küche +zählten sie die Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in +ihrem Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie +durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der +Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward bis in +die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der Anatomie +-- den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der +Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, eine +weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug, +wiederholte immer wieder: + +»Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!« + +Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie: + +»Wunderhübsch! Sehr nett!« + +Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis, +wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn +tauchte, das er in der linken Hand hielt. + +Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die +Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult bemerkte, +in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er an, daß es +geöffnet werde. + +»Ah! Briefe!« meinte er, geheimnisvoll lächelnd. »Sie erlauben +wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst noch was +drinnen steckt!« + +Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten Goldstücke +herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie seine plumpe rote +Hand mit den molluskenhaften Fettfingern diese Blätter anfaßte, +bei deren Empfang ihr Herz einst höher geschlagen hatte. + +Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag +gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den +Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände +zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein. + +Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma +beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in den +Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre +Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten +Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie +sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte sie +kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid mit sich +selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als unterdrückte. + +Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich. +Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige +langweilte. + +»Ging da nicht oben einer?« fragte Karl. + +»Nein!« beschwichtigte sie ihn. »Da war wahrscheinlich ein +Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.« + +Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie +alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die +meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich +nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie +beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich zurückzahlen. +Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie ab. + +Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es öffnete +niemand. Endlich kam er von der Straße her. + +»Was führt dich her?« + +»Störe ich dich?« + +»Nein ... aber ...« + +Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man »Damen« bei +sich empfinge. + +»Ich muß dich sprechen!« sagte sie. + +Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen. + +»Nein! Nicht hier! Bei uns!« + +Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer. + +Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz bleich. +Dann sagte sie: + +»Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!« + +Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu: + +»Hör mal: ich brauche achttausend Franken!« + +»Du bist verrückt!« + +»Noch nicht!« + +Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und klagte +ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer Schwiegermutter +stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater könne ihr wirklich +nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese unbedingt nötige Summe +schleunigst verschaffen. + +»Wie soll ich das?« + +»Du willst bloß nicht!« sagte sie aufgeregt. + +Er stellte sich dumm: + +»Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird der +Biedermann schon zufrieden sein!« + +»Vielleicht. Schaff sie mir nur!« sagte sie. Dreitausend Franken +seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf +seinen Namen aufnehmen. + +»Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will dich dafür +auch recht liebhaben!« + +Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, als +ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er: + +»Ich war bei drei Personen ... umsonst!« + +Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, ohne zu +sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor Ungeduld +mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte: + +»Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld +auftriebe!« + +»Wo denn?« + +»In eurer Kanzlei!« + +Sie sah ihn starr an. + +Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen ihren +sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so stark, +daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft dieses +Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe daran war, zu +erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht ergriff ihn, +und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug er sich vor +die Stirn und rief aus: + +»Morel kommt ja heute nacht zurück!« Morel war ein Freund von ihm, +der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. »Der schlägts mir +nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen vormittag bringen.« + +Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger +freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie seine +Lüge? + +Errötend fuhr er fort: + +»Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann +warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich +fort! Entschuldige mich! Lebwohl!« + +Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma hatte +alle Kraft verloren ... + +Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville +zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit. + +Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne +strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete +Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma den +Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. Die +Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals wie ein Strom +aus einer dreibogigen Brücke. + +Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in das +Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr wölbte und +ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu ihrer grenzenlosen +Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier strömten die +Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie schwankte und +war einer Ohnmacht nahe. + +»Vorsehen!« rief eine Stimme aus einem Torwege. + +Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen, +der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause herauskam. Ein +Herr in einem Zobelpelz kutschierte ... + +»Wer war das doch?« fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. Das +Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden. + +»Aber das war doch der Vicomte!« + +Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich so +niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand eines +Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie grübelte darüber +nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen war. Vielleicht, +vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war eine Verlassene, vor +sich selber und vor andern! Eine Verlorene, vom Geratewohl gegen +die Klippen des Lebens getrieben ... Und so empfand sie beinahe +Freude, als sie, am »Roten Kreuz« angelangt, den trefflichen +Homais traf, der das Aufladen einer großen Kiste voll +Apothekerwaren in die Post überwachte. In der Hand hielt er, in +ein Halstuch eingewickelt, sechs Stück Pumpernickel, die er seiner +Frau mitbringen wollte. + +Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der +Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und +in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk +sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten +Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim +gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen +riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden, +Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit +nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nämlich abscheulich +schlechte Zähne. + +»Bin entzückt, Sie zu sehen!« rief Homais, bot Emma die Hand und +half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche. + +Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, nahm +seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und einer +napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer +der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er: + +»Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor dieses +schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren +und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im +Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in Barbarei!« + +Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er wie +eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte. + +»Er hat eine skrofulöse Affektion«, dozierte der Apotheker. + +Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, als +sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star, +Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in +salbungsvollem Tone: + +»Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du +solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu +betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.« + +Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig +beschränkt. + +Schließlich zog Homais seine Börse. + +»Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus und +vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut +bekommen!« + +Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu +bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine +»antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats« könne ihn heilen. Er +gab ihm seine Adresse: + +»Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!« + +»So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schönes +kannst!« rief ihm Hivert zu. + +Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück, +rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge heraus. +Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und stieß ein +dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund. + +Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein +Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor, +es so wegzuwerfen. + +Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich Homais +plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief: + +»Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe +tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!« + +Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog, +lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche +Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und verschlafen +langte sie in Yonville an. + +»Mag nun kommen, was will!« dachte sie beim Aussteigen. »Zu guter +Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes +Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...« + +Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach. +Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, das an einem +der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf +einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im selben Moment faßte +ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus +seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in +der Volksmenge auf. + +»Gnädige Frau! Gnädige Frau!« rief Felicie, die ins Zimmer +stürzte. + +Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der +Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma überflog +ihn. Es war die Versteigerungsankündigung. + +Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten +längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie +nach einer Weile: + +»An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar +Guillaumin.« + +»Meinst du?« + +Diese Frage bedeutete: »Durch dein Verhältnis mit dem Diener +dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich dieser +Junggeselle für mich? + +»Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!« + +Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte +einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht sähe -- es +standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie +zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin. + +Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war +grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor +in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und öffnete +ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob +sie ins Haus gehörte, und führte sie in das Eßzimmer. + +Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem +ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wänden hingen +in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollüstige +Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schüsselwärmer, +der Kristallgriff der Türklinke, der Parkettboden, die Möbel, +alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit. + +»So ein Eßzimmer müßte ich haben!« dachte Emma. + +Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei +verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der +andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum Gruße ab +und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett etwas auf der +rechten Seite seines kahlen Schädels, über den drei lange blonde +Haarsträhnen liefen. + +Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den +Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser +Unhöflichkeit. + +»Herr Notar,« sagte sie, »ich möchte Sie bitten ...« + +»Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!« + +Sie begann ihm ihre Lage zu schildern. + +Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer +Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die +Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu +besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma -- +die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen, +von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen +ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt +hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf seinen +Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem +Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern nicht in +den Ruf eines Halsabschneiders gerate. + +Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen +Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden +Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen +Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer +Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. Ein sonderbares, +süßliches und zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen. Als er +sah, daß Emma nasse Schuhe hatte, sagte er: + +»Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe +doch an die Kacheln ... höher!« + +Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der +Notar sagte galant: + +»Schöne Sachen verderben nie etwas!« + +Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber nur +selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres häuslichen +Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedürfnissen. Der +Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen +abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er +berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heißen Ofen +zu dampfen begann. + +Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die +Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die +Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände bekommen +habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für eine Dame, ihr +Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wären die Torfgruben +von Grümesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen. +Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die +sie zweifellos dabei gewonnen hätte. + +»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?« + +»Das weiß ich selber nicht«, erwiderte sie. + +»Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich +sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns schon +längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr +gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!« + +Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und +behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und +sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie +Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die +spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die Ärmelöffnung +von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fühlte +seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange. + +Sie sprang auf und sagte: + +»Herr Guillaumin, ich warte ...« + +»Worauf?« sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden. + +»Auf das Geld!« + +»Aber ...« In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu sagen: +»Na ja ...« + +Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und +keuchte: + +»Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!« + +Er umschlang ihre Taille. + +Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von +dem Manne los und rief: + +»Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich bin +beklagenswert, aber nicht käuflich!« + +Damit eilte sie hinaus. + +Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine +schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter +Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel ihm +ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was hätte +verleiten können. + +»Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!« sagte Emma bei +sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre +Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung ihres +Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick, +und dieses Gefühl erfüllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem +Leben war sie hochmütiger und selbstbewußter gewesen und noch nie +so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie +hätte alle Männer schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie +niedertreten mögen. Während sie weitereilte, bleich, zitternd, +verbittert, irrten ihre tränenreichen Augen den grauen Horizont +hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Haß hinein. + +Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine +versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte sein! +Wohin hätte sie fliehen können? + +Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte. + +»Gnädige Frau?« + +»Es war umsonst!« + +Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch, +die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen, +den Felicie nannte, wandte Emma ein: + +»Unmöglich! Die tun es nicht!« + +»Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!« + +»Ich weiß es! Laß mich allein!« + +Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf +lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen: + +»Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser. +In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm +Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!« + +Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos weinen, und +wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde er ihr +verzeihen! + +»Ja! Er wird mir verzeihen!« murmelte sie in verhaltener Wut. »Er! +Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich die +Seine geworden bin! Niemals! Niemals!« + +Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen, +empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, jetzt +sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch alles +erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie hatte die +Zentnerlast seiner Großmut zu tragen! + +Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen +solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu +war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefügig +gewesen zu sein, -- da hörte sie den Hufschlag eines Pferdes in +der Allee. Es war Karl. Er öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war +weißer als Kalk. + +Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustür hinaus +nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister stand vor der Kirchentür +und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem +Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie +zu Frau Caron, die ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte, +und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen +zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte +Wäsche, so aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen +sehen konnten. + +Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei +beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz +fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle +Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter den +Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder schnurrten +und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf +etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken in sein +Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, das der Intelligenz nur +leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein, +wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales +Darüberhinaus, das man ersehnen könnte. + +»Ah, da ist sie!« sagte Frau Tüvache. + +Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu +verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie, +das Wort »Taler« zu hören, worauf Frau Caron flüsterte: + +»Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.« + +»Es scheint so«, meinte die andre. + +Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und +die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau +ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der +Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich. + +»Will sie bei ihm etwas bestellen?« fragte Frau Tüvache. + +»Er verkauft doch nie etwas!« + +Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die Augen +weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter, +eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich +erregt. Jetzt schwiegen sie beide. + +»Macht sie ihm gar einen Antrag?« flüsterte Frau Tüvache. Binet +bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände. + +»Nein, das ist doch stark!« zischelte Frau Caron. + +In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet gefordert +haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig +mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich plötzlich vor ihr +zurück, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus: + +»Frau Bovary, was muten Sie mir zu!« + +»Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!« eiferte +Frau Tüvache. + +»Wo ist sie denn mit einem Male hin?« erwiderte die andre. + +Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße +hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof +abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in allerhand +Vermutungen. + +Emma lief zur alten Frau Rollet. + +»Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!« + +Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett +und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu +und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen +antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad und +begann zu spinnen. + +»Ach, hören Sie auf!« sagte Emma leise. Es war ihr, als höre sie +noch Binets Drehbank. + +»Was mag sie nur haben?« fragte sich Frau Rollet. »Warum ist sie +hergekommen?« + +Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause +gejagt hatte? + +Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen +Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer +Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die +brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, das +im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über ihr an +einem rissigen Deckenbalken hinkroch ... + +Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf +... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit +lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die +Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... Tausend +andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt, +und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten Erlebnissen. + +»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie. + +Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle +des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemächlich +wieder herein. + +»Bald drei Uhr!« sagte sie. + +»Schön! Ich danke!« + +Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld +aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie hier +war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet, +sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen. + +»Machen Sie recht schnell!« + +»Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!« + +Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen +war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er +gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und +zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch. +Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, um ihrem Manne +die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter +schlimm! + +Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es schien der +Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte, +redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das +Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein +Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber plötzlich wieder +um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch auf einem andern Wege +nach Hause kommen. Schließlich war sie des Wartens müde. Bange +Ahnungen quälten sie. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie +seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert? + +Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich +die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine +Frage tat, vermeldete Frau Rollet: + +»Es war niemand da!« + +»Niemand?« + +»Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. Alles +ist auf den Beinen!« + +Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer +umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkürlich +lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden. + +Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten +Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein heller +Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig, +rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zögerte, +ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein einziger voller +Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu +zwingen! + +So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu haben, +daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so +verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie +daran, daß sie sich prostituierte. + + + + +Achtes Kapitel + + +Auf dem Wege fragte sie sich: + +»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?« + +Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und +Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor +ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf, +und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen +Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender +Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen +hernieder ins Gras. + +Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging +über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen +Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige. +Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells +erschien niemand. + +Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene +Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten +staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer +mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer +lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die Türklinke legte, +verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie fürchtete, er möchte nicht +zu Haus sein, ja, sie wünschte es beinah, und doch war es ihre +einzige Hoffnung, der letzte Versuch zu ihrer Rettung. Einen +Augenblick sammelte sie sich noch, dachte an ihre Not, faßte Mut +und trat ein. + +Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims gestemmt, und +rauchte eine Pfeife. + +»Mein Gott, Sie!« rief er aus und sprang rasch auf. + +»Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!« + +Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus. + +»Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.« + +»So,« wehrte sie voll Bitternis ab, »das müssen traurige Reize +sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!« + +Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er +entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er etwas +Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich durch seine +Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme und durch +seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich stellte, als +schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. Vielleicht glaubte sie ihm +auch wirklich. Er deutete ein Geheimnis an, von dem die Ehre und +das Leben eines dritten Menschen abgehangen hätte. + +»Das ist ja nun gleichgültig«, sagte sie und sah ihn traurig an. +»Ich habe schwer gelitten!« + +Rudolf meinte philosophisch: + +»So ist das Leben!« + +»Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer Trennung?« +fragte sie. + +»Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!« + +»Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals nicht +voneinander gegangen wären?« + +»Ja! Vielleicht!« + +»Glaubst du das?« fragte sie, indem sie aufseufzend ihm näher +trat. »Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr lieb +gehabt!« + +Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen sie +mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage der +Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes kämpfte er +gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an seine Brust +und sagte: + +»Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben sollte! +Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war ganz +verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, du sollst +alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal sehen mögen!« + +In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege +gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke +Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter +zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als eine +verliebte Katze. + +»Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja auch und +entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du mich +verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast alles, was uns +Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen wir von neuem beginnen? +Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! ... So rede doch!« + +Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, wie +eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen Blume. + +Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr +Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil +hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er +küßte sie leise und sanft auf die Augenlider. + +»Du hast geweint?« fragte er. »Warum?« + +Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen Ausbruch +ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr Schweigen für +eine letzte Scham und rief aus: + +»O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war ein +Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde dich +immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!« + +Er sank ihr zu Füßen. + +»So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir +dreitausend Franken leihen.« + +»Ja ... aber ...« + +Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten +Ausdruck an. + +»Du mußt nämlich wissen,« fuhr sie schnell fort, »daß mein Mann +sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der ist +flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die Patienten +bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs meines +Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald wieder Geld +haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. Deswegen sollen +wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in einer Stunde! Ich baue +auf deine Freundschaft, und deshalb bin zu dir gekommen!« + +»Aha!« dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. »Also darum ist sie +gekommen!« Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen: +»Verehrteste, soviel habe ich nicht!« + +Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er +sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen +unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von +allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine Bitte +um Geld der hartherzigste und gefährlichste. + +Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie: + +»Du hast sie nicht!« Und mehrere Male wiederholte sie: »Du hast +sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen +können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als die +andern!« + +Sie verriet sich und ihre Frauenehre. + +Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in Verlegenheit. + +»Ach! Du tust mir sehr leid ...«, sagte Emma. »Ja, ungemein!« + +Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im +Gewehrschrank blinkte. + +»Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit +Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit +Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!« Sie +berührte einen, der auf dem Tische lag. »Und trägt keine solche +Berlocken an der Uhrkette!« Ach, er ließ sich sichtlich nichts +abgehen. Das bewies allein das Likörschränkchen im Zimmer. »Ja, +dich selber, dich liebst du! Dich und ein gutes Leben! Du hast ein +Schloß, Pachthöfe, Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst +Reisen nach Paris! Und wenn du mir nur _das_ gegeben +hättest!« Sie sprach immer lauter und nahm seine mit Brillanten +geschmückten Manschettenknöpfe vom Kamin. »Diesen und andern +entbehrlichen Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun +nicht mehr! Ich will nichts davon haben! Behalt alles!« Sie +schleuderte die beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen +die Wand. Ein Goldkettchen zerbrach. + +»Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles verkauft. Mit +meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf der Straße hätte +ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, einen Blick, ein +einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du bleibst gemütlich in +deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir nicht schon genug Leid +zugefügt hättest! Ohne dich -- das weißt du sehr wohl! -- hätte +ich glücklich sein können! Wer zwang dich dazu? Wolltest du eine +Wette gewinnen? Und dabei hast du mir eben noch gesagt, daß du +mich liebtest! Ach, hättest du mich doch lieber davongejagt! Meine +Hände sind noch warm von deinen Küssen, und hier auf dem Teppich, +hier auf dieser Stelle hast du gekniet und mir ewige Liebe +geschworen! Du hast mich immer belogen und betrogen! Mich zwei +Jahre lang in dem süßen Wahn des herrlichsten Gefühls gelassen! +Und dann der Plan unsrer Flucht! Erinnerst du dich daran? An +deinen Brief, deinen Brief! Er hat mir das Herz zerrissen! Und +heute, wo ich zu diesem Manne zurückkehre, zu ihm, der reich, +glücklich und frei ist, und ihn um eine Hilfe bitte, die der erste +beste gewähren würde, wo ich ihn unter Tränen bitte und ihm meine +ganze Liebe wiederbringe, da stößt er mich zurück, -- weils ihn +dreitausend Franken kosten könnte!« + +»Ich habe sie nicht«, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit, +hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen +pflegen. + +Sie ging. + +Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder +nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen welken +Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor dem +Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so hastig +wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie völlig +außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Wie +sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das still daliegende +Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, auf den Park, die Höfe +und die Gärten. + +Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch etwas +andres als das Pochen und Pulsen des Blutes in ihren Adern, das +ihr aus dem Körper zu springen und wie laute Musik das ganze Land +rings um sie zu durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen +kam ihr weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege +erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten. +Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und Gedanken +sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein Feuerwerk. +Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des Wucherers, ihr +Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, immer wieder etwas +andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr ward bange. Da raffte sie +ihre letzten Kräfte zusammen. Es war nur noch wenig Verstand in +ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr an die Ursache ihres +schrecklichen Zustandes, das heißt an die Geldfrage. Sie litt +einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, wie ihr durch die alten +Erinnerungen die Seele dahinschwand, so wie zu Tode Verwundete ihr +Leben mit dem Blute ihrer Wunde hinströmen fühlen. + +Die Nacht brach herein. Raben flogen. + +Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch die +Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee zwischen +den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs +Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer näher; sie +bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt +erkannte sie die Lichter der Häuser, die von ferne durch den Nebel +schimmerten. + +Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen +Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu +wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit einem +beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie +den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, eilte +durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke +stand. + +Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Geräusch +der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging sie durch die +Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin +bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine Kerze über dem Herd. +Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine Schüssel durch die andere +Tür hinaus. + +»So! Man ist bei Tisch. Ich will warten«, sagte sie sich. + +Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Küchentüre. + +Er kam heraus. + +»Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...« + +Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das sich vom +Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch schön vor +und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte, +ahnte er doch etwas Schreckliches. + +Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das +Herz rührte: + +»Ich will ihn haben! Gib ihn mir!« + +Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf den +Tellern im Eßzimmer. + +Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht +schlafen ließen. + +»Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.« + +»Nein! Nicht!« Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: »Das +ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber sagen. Leucht mir +nur!« Sie trat in den Gang, von dem aus man in das Laboratorium +gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel mit einem Schildchen: +»Kapernaum.« + +»Justin!« rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange +wegblieb. + +»Gehn wir hinauf!« befahl Emma. + +Er folgte ihr. + +Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, griff +nach dem dritten Wandbrett -- ihr Gedächtnis führte sie richtig +--, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit der Hand +hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers heraus, das sie sich +schnell in den Mund schüttete. + +»Halten Sie ein!« schrie Justin, ihr in die Arme fallend. + +»Still! Man könnte kommen!« + +Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen. + +»Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung +ziehen!« + +Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen +Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die +Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu +seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was +nützte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu Homais, +zu Tüvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Löwen, überallhin. Und +mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der Gedanke, daß sein +guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames Vermögen verloren und die +Zukunft Bertas zerstört sei. Und warum? Keine Erklärung! Er +wartete bis sechs Uhr abends. Endlich hielt ers nicht mehr aus, +und da er vermutete, sie sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf +der Landstraße eine halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er +wartete noch eine Weile und kehrte dann zurück. + +Sie war zu Haus. + +»Was ist das für eine Geschichte? Wie ist das gekommen? Erklär es +mir!« + +Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, den +sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter +gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone: + +»Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine +einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!« + +»Aber ...« + +»Ach, laß mich!« + +Sie legte sich lang auf ihr Bett. + +Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ... +verschwommen ... und schloß die Augen wieder. + +Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein, +sie fühlte noch keine! Sie hörte den Pendelschlag der Uhr, das +Knistern des Feuers und Karls Atemzüge, der neben ihrem Bett +stand. + +»Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!« dachte sie. »Ich werde +einschlafen, und dann ist alles vorüber!« + +Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu. + +Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da. + +»Ich habe Durst! Großen Durst!« seufzte sie. + +»Was fehlt dir denn?« fragte Karl und reichte ihr ein Glas. + +»Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich ersticke!« + +Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich, daß sie kaum noch +Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen. + +»Nimms weg!« sagte sie nervös. »Wirfs weg!« + +Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag unbeweglich +da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung erbrechen zu +müssen. Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte von den Füßen zum +Herzen hinaufsteigen. + +»Ach,« murmelte sie, »jetzt fängt es wohl an?« + +»Was sagst du?« + +Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her. Fortwährend +öffnete sie den Mund, als läge etwas Schweres auf ihrer Zunge. Um +acht Uhr fing das Erbrechen wieder an. + +Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen Niederschlag, +der sich am Porzellan ansetzte. + +»Sonderbar! Sonderbar!« wiederholte er. + +Aber sie sagte mit fester Stimme: + +»Nein, du irrst dich!« + +Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die +Magengegend und drückte da. Sie stieß einen schrillen Schrei aus. +Er wich erschrocken zurück. + +Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schüttelfrost +überfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das sich ihre +Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmäßiger Pulsschlag war +kaum noch fühlbar. Kalte Schweißtropfen rannen über ihr bläulich +gewordnes Gesicht; etwas wie ein metallischer Ausschlag lag über +ihren erstarrten Zügen. Die Zähne schlugen ihr klappernd +aufeinander. Ihre erweiterten Augen blickten ausdruckslos umher. +Alle Fragen, die man an sie richtete, beantwortete sie nur mit +Kopfnicken. Zwei- oder dreimal lächelte sie freilich. Allmählich +wurde das Stöhnen heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr. +Dabei behauptete sie, daß es ihr besser gehe und daß sie sofort +aufstehen würde. + +Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie: + +»Mein Gott, ist das gräßlich!« + +Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie. + +»Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte mir!« + +Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit, wie Emma keine je +geschaut hatte. + +»Ja ... da ... da ... lies!« stammelte sie mit versagender Stimme. + +Er stürzte zum Schreibtisch, riß den Brief auf und las laut: + +»Man klage niemanden an ...« Er hielt inne, fuhr sich mit der Hand +über die Augen und las stumm weiter ... + +»Vergiftet!« + +Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen: + +»Vergiftet! Vergiftet!« + +Dann rief er um Hilfe. + +Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. Frau Franz +im Goldenen Löwen erfuhr es. Manche standen aus ihren Betten auf, +um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze Nacht hindurch war der +halbe Ort wach. + +Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl +im Zimmer umher, wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare +ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches +Schauspiel gesehen. + +Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor +Larivière zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er +brachte keinen vernünftigen Brief zustande. Schließlich mußte sich +Hippolyt nach Neufchâtel aufmachen, und Justin ritt auf Bovarys +Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul lahm und +halbtot zurück. + +Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er +war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den +Augen. + +»Ruhe!« sagte der Apotheker. »Es handelt sich einzig und allein +darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war es für ein +Gift?« + +Karl zeigte den Brief. Es wäre Arsenik gewesen. + +»Gut!« versetzte Homais. »Wir müssen eine Analyse machen!« + +Er hatte nämlich gelernt, daß man bei allen Vergiftungen eine +Analyse machen müsse. Bovary hatte in seiner Angst alle +Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm: + +»Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!« + +Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück, warf sich auf die Diele, +lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte. + +»Weine nicht!« flüsterte sie. »Bald werde ich dich nicht mehr +quälen!« + +»Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?« + +»Es mußte sein, mein Lieber!« + +»Warst du denn nicht glücklich? Bin ich schuld? Ich habe dir doch +alles zuliebe getan, was ich konnte!« + +»Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!« + +Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar. Die süße +Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fühlte sich bis in den +tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert, daß er sie +verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies denn je. Er +fand keinen Ausweg; er wußte keinen Zusammenhang; er wagte keine +Frage. Und die Dringlichkeit eines Entschlusses machte ihn +vollends wirr. + +Sie dachte bei sich: »Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen +Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzähligen, +qualvollen Sehnsüchten!« Nun haßte sie keinen mehr. Ihre Gedanken +verschwammen wie in Dämmerung, und von allen Geräuschen der Erde +hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen Herzens, matt +und verklungen wie der leise Nachhall einer Symphonie. + +»Bring mir die Kleine«, sagte sie und stützte sich leicht auf. + +»Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?« fragte Karl. + +»Nein, nein!« + +Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es hatte ein +langes Nachthemd an, aus dem die nackten Füße hervorsahen. Es war +ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt betrachtete es die große +Unordnung im Zimmer. Geblendet vom Licht der Kerzen, die da und +dort brannten, zwinkerte es mit den Augen. Offenbar dachte es, es +sei Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so früh wie heute geweckt +wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um Geschenke +zu bekommen. Und so fragte es: + +»Wo ist es denn, Mama?« Und da niemand antwortete, redete es +weiter: »Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!« + +Felicie hielt die Kleine übers Bett, die immer noch nach dem Kamin +hinsah. + +»Hat Frau Rollet sie mir genommen?« + +Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick +erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fühle sie den +ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf der +Zunge. Berta saß noch auf ihrem Bette. + +»Was für große Augen du hast, Mama! Wie blaß du bist! Wie du +schwitzest!« + +Die Mutter sah sie an. + +»Ich fürchte mich!« sagte die Kleine und wollte fort. + +Emma wollte die Hand des Kindes küssen, aber es sträubte sich. + +»Genug! Bringt sie weg!« rief Karl, der im Alkoven schluchzte. + +Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien +weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem +etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung. Als Canivet +endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme. + +»Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gütig von Ihnen! Es +geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...« + +Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er sich +ausdrückte, »immer aufs Ganze« ging, verordnete er Emma ein +ordentliches Brechmittel, um den Magen zunächst einmal völlig zu +entleeren. + +Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preßten sich krampfhaft +aufeinander. Sie zog die Gliedmaßen ein. Ihr Körper war bedeckt +mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren Fingern hin +wie ein dünnes Fädchen, das jeden Augenblick zu zerreißen droht. + +Dann begann sie, gräßlich zu schreien. Sie verfluchte und schmähte +das Gift, flehte, es möge sich beeilen, und stieß mit ihren steif +gewordnen Armen alles zurück, was Karl ihr zu trinken reichte. Er +war der völligen Auflösung noch näher als sie. Sein Taschentuch an +die Lippen gepreßt, stand er vor ihr, stöhnend, weinend, von +ruckweisem Schluchzen erschüttert und am ganzen Leib durchrüttelt. +Felicie lief im Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da +und seufzte tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm +zur Gewohnheit gewordnen selbstbewußten Haltung, unbehaglich zu +fühlen. + +»Zum Teufel!« murmelte er. »Der Magen ist nun doch leer! Und wenn +die Ursache beseitigt ist, so ...« + +»... muß die Wirkung aufhören!« ergänzte Homais. »Das ist klar!« + +»Rettet sie mir nur!« rief Bovary. + +Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein +heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und wollte +ihr gerade Theriak eingeben, da knallte draußen eine Peitsche. +Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei bis an die +Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die Ecke der Hallen. +Es war Professor Larivière. + +Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung +hervorrufen können. Bovary streckte ihm die Hände entgegen, +Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein Käppchen ab, +noch ehe der Arzt eingetreten war. + +Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an, das +heißt, einer Generation philosophischer Praktiker, die heute +ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und scharfsichtiger +Jünger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte in der ganzen +Klinik niemand zu atmen. Seine Schüler verehrten ihn so, daß sie +ihn, später in ihrer eigenen Praxis, mit möglichster Genauigkeit +kopierten. So kam es, daß man bei den Ärzten in der Umgegend von +Rouen allerorts seinen langen Schafspelz und seinen weiten +schwarzen Gehrock wiederfand. Die offenen Ärmelaufschläge daran +reichten ein Stück über seine fleischigen Hände, sehr schöne +Hände, die niemals in Handschuhen steckten, als wollten sie immer +schnell bereit sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er +war ein Verächter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich, +freidenkend, den Armen ein väterlicher Freund, Pessimist, selbst +aber edel in Wort und Tat. Man hätte ihn als einen Heiligen +gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und Verstandes +gefürchtet hätte wie den Teufel. Sein Blick war schärfer als sein +Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle +Heucheleien, Lügen und Ausflüchte hindurch. So ging er seines +Weges in der schlichten Würde, die ihm das Bewußtsein seiner +großen Tüchtigkeit, seines materiellen Vermögens und seiner +vierzigjährigen arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit +verlieh. + +Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon von weitem +die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem Rücken +ausgestreckt da. Während er Canivets Bericht scheinbar aufmerksam +anhörte, strich er sich mit dem Zeigefinger um die Nasenflügel und +sagte ein paarmal: + +»Gut! ... Gut!« + +Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete +ihn ängstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte, +der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war, konnte eine +Träne nicht zurückhalten, die ihm auf die Krawatte herablief. + +Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen. + +»Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wär es, wenn man ihr +ein Senfpflaster auflegte? Ich weiß nichts. Finden Sie doch etwas! +Sie haben ja schon so viele gerettet!« + +Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte ihn +verstört und flehend an. Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an die +Brust gesunken. + +»Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!« Larivière +wandte sich ab. + +»Sie gehn?« + +»Ich komme wieder.« + +Larivière ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine Anweisung +zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge des +Todeskampfes sein. + +Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts fiel +ihm von jeher schwerer, als sich von berühmten Menschen zu +trennen. So beschwor er denn Larivière, er möge ihm die hohe Ehre +erweisen, zum Frühstück sein Gast zu sein. + +Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Löwen nach Tauben, zu +Tüvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum Fleischer +nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den Vorbereitungen +zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre Jacke +zurechtzupfend, sagte: + +»Sie müssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so +einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...« + +»Die Weingläser!« flüsterte Homais. + +»Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit +Wurst und ...« + +»Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!« + +Er hielt es für angebracht, nach den ersten Bissen ein paar +Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben: + +»Zuerst äußerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf unerträgliche +gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, Schlafsucht ...« + +»Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?« + +»Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich weiß nicht einmal recht, +wo sie das acidum arsenicum herbekommen hat.« + +Justin, der einen Stoß Teller hereinbrachte, begann am ganzen +Körper zu zittern. + +»Was hast du?« fuhr ihn der Apotheker an. + +Bei dieser Frage ließ der Bursche alles, was er trug, fallen. Es +gab ein großes Gekrache. + +»Tolpatsch!« schrie Homais. »Ungeschickter Kerl! Tranlampe! +Alberner Esel!« + +Dann aber beherrschte er sich plötzlich: + +»Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr +Professor, und deshalb primo ganz vorsichtig in ein +Reagenzgläschen ...« + +»Dienlicher wäre es gewesen,« sagte der Chirurg, »wenn Sie ihr +Ihre Finger in den Hals gesteckt hätten.« + +Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter +vier Augen eine energische Belehrung wegen seines Brechmittels +eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des Klumpfußes so +hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt sich jetzt +mäuschenstill. Er lächelte nur unausgesetzt, um seine Zustimmung +zu markieren. + +Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrübliche +Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung -- +unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berühmten +Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze Gelehrsamkeit +aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von Kanthariden, +Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw. + +»Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, daß mehrere +Personen nach dem Genusse von zu stark geräucherter Wurst erkrankt +und plötzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens ein +hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten +Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein +Aufsatz des berühmten Cadet de Gassicourt!« + +Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte sich +nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte ihn +auch eigenhändig gemischt, gebrannt und gemahlen. + +»Saccharum gefällig, Herr Professor?« fragte er, indem er +ihm den Zucker anbot. + +Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig +war, die Ansicht des Chirurgen über ihre »Konstitution« zu hören. + +Als Larivière im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau Homais +noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres Mannes. Er schlief +nämlich allabendlich nach Tisch ein. Davon bekäme er dickes Blut. + +Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie +nicht verstand, dann ging er zur Türe. Aber die Apotheke war +voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm nur +schwer, sie loszuwerden. Da war Tüvache, der seine Frau für +schwindsüchtig hielt, weil sie öfters in die Asche spuckte; Binet, +der bisweilen an Heißhunger litt; Frau Caron, die es am ganzen +Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanfälle hatte; Lestiboudois, +der rheumatisch war; Frau Franz, die über Magenbeschwerden klagte. +Endlich brachten ihn die drei Pferde von dannen. Man fand aber +allgemein, daß er sich nicht besonders liebenswürdig gezeigt habe. + +Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien +gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging. + +Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit +den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines +»Pfaffen« war ihm ein Greuel. Er mußte bei einer Soutane immer an +ein Leichentuch denken, und so verwünschte er jene schon deshalb, +weil er dieses fürchtete. + +Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung +seiner »Mission«, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, dem +dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden war, in das +Bovarysche Haus zurück. Wenn seine Frau nicht völlig dagegen +gewesen wäre, hätte er sogar seine beiden Knaben mitgenommen, +damit sie das große Ereignis, das der Tod eines Menschen ist, +kennen lernten. Es sollte ihnen eine Lehre, ein Beispiel, ein +ernster Eindruck sein, eine Erinnerung für ihr ganzes weiteres +Leben. + +Sie fanden das Zimmer voll düstrer Feierlichkeit. Auf dem mit +einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei +brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine silberne +Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte. Emmas Kinn war ihr auf +die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen unnatürlich weit +offen, und ihre armen Hände tasteten über den Bettüberzug hin, mit +einer jener rührend-schrecklichen Gebärden, die Sterbenden eigen +sind. Man hat die Empfindung, als bereiteten sie sich selber ihr +Totenbett. Karl stand am Fußende des Lagers, ihrem Antlitz +gegenüber, bleich wie eine Bildsäule, tränenlos, aber mit Augen, +die rot waren wie glühende Kohlen. Der Priester kniete und +murmelte leise Worte. + +Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der +violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fühlte sie einen +seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust, +die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von +himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden. + +Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie +den Kopf in die Höhe, wie ein Durstiger, und preßte auf das +Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den +innigsten Liebeskuß, den sie jemals gegeben hatte. Dann sprach +der Geistliche das Misereatur und Indulgentiam, tauchte seinen +rechten Daumen in das Öl und nahm die letzte Ölung vor. Zuerst +salbte er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so +heiß gelüstet; dann die Nasenflügel, die so gern die lauen Lüfte +und die Düfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu +Lügen sich aufgetan, oft hoffärtig gezuckt und in sündigem +Girren geseufzt hatte; dann die Hände, die sich an vergnüglichen +Berührungen ergötzt hatten; und endlich die Sohlen der Füße, die +einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden +liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten. + +Der Priester trocknete sich die Hände, warf das ölgetränkte Stück +Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der Sterbenden. Er +sagte ihr, daß ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu Christi eins +seien. Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit vertrauen. + +Als er mit seiner Tröstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine +geweihte Kerze in die Hand zu drücken, das Symbol der himmlischen +Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. Aber Emma war +zu schwach, um die Finger zu schließen, und wenn Bournisien nicht +rasch wieder zugegriffen hätte, wäre die Kerze zu Boden gefallen. + +Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den +Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen, als ob das Sakrament +sie wieder gesund gemacht hätte. + +Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen, +ja er gemahnte Bovary daran, daß der Herr zuweilen das Leben +Sterbender wieder verlängere, wenn er es zum Heil ihrer Seele für +notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurück, an dem sie schon +einmal, dem Tode nahe, die letzte Ölung empfangen hatte. + +»Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!« dachte er. + +Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem Traum +erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren Spiegel +und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die Tränen aus +den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf zurück, stieß einen +Seufzer aus und sank in das Kissen. + +Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat weit +aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht zu +verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen +verlöschen. Man hätte glauben können, sie sei schon tot, wenn ihre +Atmungsorgane nicht so fürchterlich heftig gearbeitet hätten. Es +war, als schüttle sie ein wilder innerer Sturm, als ringe das +Leben gewaltig mit dem Tode. + +Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte +ein wenig die Beine, während Canivet gleichgültig auf den Markt +hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die +Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich die +lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes kniete Karl +und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff ihre Hände und +drückte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses zuckte er zusammen, als +stürze eine Ruine auf ihn. + +Je stärker das Röcheln wurde, um so mehr beschleunigte der +Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten +Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als das dumpfe +Murmeln der lateinischen Worte, das wie Totengeläut klang. + +Plötzlich klapperten draußen auf der Straße Holzschuhe. Ein Stock +schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine rauhe +Stimme, und sang: + +'Wenns Sommer worden weit und breit, +Wird heiß das Herze mancher Maid ...' + +Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein +elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelöst, ihre +Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf. + +'Nanette ging hinaus ins Feld, +Zu sammeln, was die Sense fällt. +Als sie sich in der Stoppel bückt, +Da ist passiert, was sich nicht schickt ...' + +»Der Blinde!« schrie sie. + +Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges, +verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das scheußliche +Gesicht des Unglücklichen sah, wie ein Schreckgespenst aus der +ewigen Nacht des Jenseits ... + +'Der Wind, der war so stark ... O weh! +Hob ihr die Röckchen in die Höh.' + +Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurück. Alle traten hinzu. +Sie war nicht mehr. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie +betäubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen Nichts zu +begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl aber, als er +sah, daß Emma unbeweglich dalag, warf sich über sie und schrie: + +»Lebwohl! Lebwohl!« + +Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer. + +»Fassen Sie sich!« + +»Ja!« rief er und machte sich von ihnen los. »Ich will vernünftig +sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich muß sie sehen! +Es ist meine Frau!« + +Er weinte. + +»Weinen Sie nur!« sagte der Apotheker. »Lassen Sie der Natur +freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!« + +Da wurde Karl schwach wie ein Kind und ließ sich in die Große +Stube im Erdgeschoß hinunterführen. Homais ging bald darnach in +sein Haus zurück. + +Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich bis +Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden +Vorübergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne. + +»Großartig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu tun +hätte! Bedaure! Komm ein andermal!« + +Er verschwand schnell in seinem Hause. + +Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank für +Bovary zu brauen und ein Märchen zu ersinnen, um Frau Bovarys +Vergiftung auf eine möglichst harmlose Weise zu erklären. Er +wollte einen Artikel für den »Leuchtturm von Rouen« daraus machen. +Außerdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. Alle +wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals wiederholt hatte, +Frau Bovary habe bei der Zubereitung von Vanillecreme aus Versehen +Arsenik statt Zucker genommen, begab er sich abermals zu Bovary. + +Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl saß im +Lehnstuhl am Fenster und starrte mit blödem Blick auf die Dielen. + +»Wir müssen die Stunde für die Feierlichkeit festsetzen!« sagte +der Apotheker. + +»Wozu? Für was für eine Feierlichkeit?« Stammelnd und voll Grauen +fügte er hinzu: »Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie +dabehalten?« + +Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom +Tisch und begoß die Geranien. + +»O, ich danke Ihnen!« sagte Karl. »Sie sind sehr gütig ...« + +Er wollte noch mehr sagen, aber die Fülle von Erinnerungen, die +des Apothekers Tun in ihm wachrief, überwältigte ihn. Es waren +Emmas Blumen! + +Homais gab sich Mühe, ihn zu zerstreuen, und begann über die +Gärtnerei zu plaudern. Die Pflanzen hätten die Feuchtigkeit sehr +nötig. Karl nickte zustimmend. + +»Jetzt werden auch bald schöne Tage kommen ...« + +Bovary seufzte. + +Der Apotheker wußte nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob +behutsam eine Scheibengardine beiseite. + +»Sehn Sie, da drüben geht der Bürgermeister!« + +Karl wiederholte mechanisch: + +»Da drüben geht der Bürgermeister!« + +Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begräbnis +zurückzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem +Entschlusse hierüber. + +Karl schloß sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und +nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er: + +»Ich bestimme, daß man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid +begrabe, in weißen Schuhen, einen Kranz auf dem +Haupte. Das Haar soll man ihr über die Schultern legen. +Drei Särge: einen aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen +von Blei. Man soll mich nicht trösten wollen! Ich werde +stark sein. Und über den Sarg soll man ein großes Stück grünen +Samt breiten. So will ich es! Tut es!« + +Man war über Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker ging +sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen: + +»Das mit dem Samt scheint mir übertrieben. Allein die Kosten ...« + +»Was geht Sie das an!« schrie Karl. »Lassen Sie mich! Sie haben +sie nicht geliebt! Gehn Sie!« + +Der Priester faßte Karl unter den Arm und führte ihn in den +Garten. Er sprach von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Gott +sei gut und weise. Man müsse sich ohne Murren seinem Ratschluß +unterwerfen. Man müsse ihm sogar dafür danken. + +Aber Karl brach in Gotteslästerungen aus. + +»Ich verfluche ihn, euren Gott!« + +»Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!« seufzte der +Priester. + +Bovary ließ ihn stehen. Mit großen Schritten ging er die +Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den +Zähnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verwünschungen waren. +Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt. + +Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer Weile +fror ihn. Er ging ins Haus zurück und setzte sich an den Herd in +der Küche. + +Um sechs Uhr hörte er Wagengerassel draußen auf dem Markte. Es war +die Post, die von Rouen zurückkehrte. Er preßte die Stirn gegen +die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden nacheinander +ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in das Wohnzimmer, er +warf sich darauf und schlief ein. + +Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug +dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um Totenwache zu +halten. Er brachte drei Bücher und ein Notizbuch mit. Er pflegte +sich Auszüge zu machen. + +Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen +brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem Alkoven +hervorgerückt hatte. + +Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte +Jeremiaden über die »unglückliche junge Frau«. Der Priester +unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als für sie zu beten. + +»Immerhin«, versetzte Homais, »sind nur zwei Fälle möglich. +Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrückt, selig +verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie ist als +Sünderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier der +kirchliche Ausdruck? Dann ...« + +Bournisien unterbrach ihn und erklärte in mürrischem Tone, man +müsse in jedem Falle beten. + +»Aber sagen Sie mir,« wandte der Apotheker ein, »da Gott stets +weiß, was uns not tut, wozu dann erst das Gebet?« + +»Wozu das Gebet?« wiederholte der Priester. »Ja, sind Sie denn +kein Christ?« + +»Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst die +Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral geschenkt, +die ...« + +»Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...« + +»Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach! +Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...« + +Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die +Vorhänge beiseite. + +Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. Ihr +Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren Teil +ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest in die +Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in ihren Wimpern, +und die Augen verschwammen bereits in blassem Schleim, der wie ein +dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen ihr Netz darüber gesponnen. +Das Bettuch senkte sich von ihren Brüsten bis zu den Knien und hob +sich von da an nach ihren Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung, +ein schweres Etwas, ein ungeheures Gewicht laste auf ihr. + +Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang das +dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne strömte. Von +Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien geräuschvoll, und Homais +kritzelte Notizen auf das Papier. + +»Lieber Freund,« sagte er, »gehn Sie nun! Dieser Anblick zerreißt +Ihnen das Herz!« + +Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden ihre +Erörterung von neuem. + +»Lesen Sie Voltaire!« sagte der eine. »Lesen Sie Holbach! Die +Enzyklopädisten!« + +»Lesen Sie die 'Briefe einiger portugiesischen Juden'«, sagte der +andre, »lesen Sie die 'Grundlagen des Christentums' von Nicolas!« + +Sie regten sich auf, bekamen rote Köpfe und sprachen gleichzeitig +ineinander hinein. Bournisien war entrüstet über die Vermessenheit +des Apothekers, Homais erstaunt über die Beschränktheit des +Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen zu +sagen, da kam plötzlich Karl abermals herein. Eine +unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mußte immer wieder die +Treppe hinauf. + +Er setzte sich der Toten gegenüber, so daß er ihr voll ins Antlitz +sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer +Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte. + +Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den +Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er könne sie wieder +aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft konzentriere. Einmal +beugte er sich sogar über sie und rief ganz leise: »Emma, Emma!« + +Er atmete so heftig, daß die Flammen der Kerzen flackerten ... + +Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte sie +und brach von neuem in Tränen aus. Ebenso wie der Apotheker +versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim Begräbnisse +Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, daß sie schwieg. +Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die Stadt zu +fahren und das Nötige zu besorgen. + +Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau +Homais. Felicie saß mit Frau Franz bei der Toten. + +Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drückte dem +Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, die +nach und nach einen großen Halbkreis um den Kamin bildeten. Alle +hatten die Köpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, schaukelten sie +mit den Beinen und stießen von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer +aus. Alle langweilten sich maßlos, aber keinem fiel es ein, wieder +zu gehen. + +Um neun Uhr kam Homais zurück, beladen mit einer Menge Kampfer, +Benzoe und aromatischen Kräutern. Auch ein Gefäß voll Chlor +brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, die +Löwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma herum, +damit beschäftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu legen. Sie +zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis hinab an die +Atlasschuhe reichte. + +Felicie wehklagte: + +»Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!« + +»Sehn Sie nur!« sagte die Witwe Franz seufzend, »wie reizend sie +noch immer ausschaut! Man möchte drauf schwören, daß sie gleich +wieder aufstünde!« + +Dann beugten sie sich über sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei +mußten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze Flüssigkeit +aus dem Munde hervor, als erbräche sie sich. + +»Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!« schrie Frau Franz. Und zum +Apotheker gewandt: »Helfen Sie uns doch! Oder fürchten Sie sich +vielleicht?« + +»Ich mich fürchten?« erwiderte er achselzuckend. »Nein, so was! +Ich habe in den Spitälern noch ganz andres gesehen und erlebt, als +ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns unsern Punsch im +Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen nicht. Ich habe +sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe --, meinen +Körper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst der +Wissenschaft noch etwas nützt.« + +Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des +Apothekers erwiderte er: + +»Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.« + +Darauf pries Homais ihn glücklich, weil er nicht darauf gefaßt zu +sein brauche, eine teure Gefährtin zu verlieren, worauf sich ein +Disput über das Zölibat entspann. + +»Es ist unnatürlich,« sagte der Apotheker, »daß sich ein Mann des +Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...« + +»Aber, zum Kuckuck!« rief der Priester. »Kann denn ein +verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?« + +Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er +zählte ihre guten Wirkungen auf. Er wußte Geschichten von Dieben, +die auf einmal ehrliche Menschen geworden wären. Sogar Soldaten +seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Sünden ledig gesprochen, +fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein Diener ...« + +Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwüle Luft im Zimmer +immer unerträglicher wurde, öffnete der Pfarrer das Fenster. Da +ward der Apotheker wieder wach. + +»Wie wärs mit einer Prise?« fragte er ihn. »Hier! Das hält +munter!« + +In der Ferne bellte irgendwo fortwährend ein Hund. + +»Hören Sie, wie der Hund heult?« fragte der Apotheker. + +»Man sagt, daß sie die Toten wittern«, sagte der Priester. +»Ähnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, wenn im +Haus ein Mensch stirbt.« + +Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er war +bereits wieder eingeschlafen. + +Bournisien, der widerstandsfähiger war, bewegte noch eine Zeitlang +leise die Lippen. Dann senkte sich allmählich sein Kinn, sein +dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu schnarchen. + +So saßen sie einander gegenüber, mit vorgestreckten Bäuchen, mit +ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all ihrem +Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwäche. Sie regten +sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu schlummern +schien. + +Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um +Abschied von ihr zu nehmen. + +Das Räucherwerk qualmte noch. Die bläuliche Wolke vermählte sich +am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Draußen blinkten +einige Sterne. Die Nacht war mild. + +Das Wachs der Kerzen träufelte in langen Tränen herab auf das +Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. Der +Lichtschimmer machte ihm die Augen müde. + +Über das Atlaskleid huschten Reflexe; es war weiß wie +Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, als +gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher über, als lebe sie nun +in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem wirbelnden +Kräuterdufte ... + +Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der Gartenbank +unter dem blühenden Weißdornbusch ... dann in Rouen auf dem Gange +durch die Straße ... und dann auf der Schwelle ihres Vaterhauses, +im Gutshofe, in Bertaux ... Es war ihm, als höre er das Jodeln der +lustigen Burschen, die unter den Apfelbäumen tanzten bei seiner +Hochzeitsfeier. Wie hatte das Brautgemach nach ihrem Haar +geduftet! Wie hatte ihr Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie +sprühende Funken! Dasselbe Kleid! Damals und heute! + +Langsam zog sein ganzes einstiges Glück noch einmal an ihm +vorüber. Er sah sie vor sich in ihren eigentümlichen Bewegungen, +ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hörte den Klang ihrer Stimme. Immer +wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhörlich, +unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande. + +Eine gräßliche Neugier überkam ihn. Langsam und klopfenden Herzens +hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da schrie er vor +Schrecken laut auf, und die beiden andern Männer erwachten. Sie +zogen ihn fort und führten ihn hinunter in die Große Stube. + +Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar +der Toten haben. + +»Schneiden Sie ihr welches ab!« befahl der Apotheker. + +Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere heran. +Er zitterte so stark, daß er die Haut an der Schläfe an mehreren +Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und schnitt +blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein paar kahle +Stellen mitten in dem schönen schwarzen Haar der Toten. + +Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre +Bücher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, wenn +sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. Der +Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais schüttete +ein wenig Chlor auf die Dielen. + +Felicie hatte für sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche +Branntwein, Käse und ein langes Weißbrot bereitgestellt. Gegen +vier Uhr früh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. Er seufzte: + +»Wahrhaftig. Eine Stärkung wäre nicht übel!« + +Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber erst die +Messe lesen. Als er wieder zurückkam, aßen und tranken beide, +wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen warum, verführt +von der sonderbaren Fröhlichkeit, die den Menschen nach +überstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten Gläschen klopfte +der Priester dem Apotheker auf die Schulter und sagte: + +»Wir werden uns am Ende noch verstehen!« + +In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg brachten. +Zwei Stunden lang mußte sich Karl von den Hammerschlägen martern +lassen, die von den Brettern zu ihm hallten. Dann legte man die +Tote in den Sarg aus Eichenholz und diesen in die beiden andern. +Aber da der letzte zu breit war, füllte man die Hohlräume mit Werg +aus einer Matratze. Als der letzte Deckel zurechtgehobelt und +vernagelt war, stellte man den Sarg vor die Tür. Das Haus ward +weit geöffnet, und die Leute von Yonville begannen +herbeizuströmen. + +Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er mitten +auf dem Markte ohnmächtig. + + + + +Elftes Kapitel + + +Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig Stunden +nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so +geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich +geschehen war. + +Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. Dann +sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch noch +leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut +aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp +weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst. +Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte +Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand. + +Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum +schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung. +Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre +Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen +Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville. + +In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof munter, +rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich auf einen +Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich +wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, daß die Funken +stoben. + +Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die +Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren +Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie tot. +Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er riß in +die Zügel. Da schwand die Erscheinung. + +In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei +Tassen Kaffee. + +Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender in der +Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe, +fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen. +Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein +schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines +Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte er +es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle +Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre Wipfel. Eine +Herde Schafe trottete friedlich vorüber. + +Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur +noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen vorwärts +gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte +Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in +Bovarys Arme. + +»Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...« + +Der andre antwortete schluchzend: + +»Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!« + +Der Apotheker zog sie auseinander. + +»Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn +schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man muß +Philosoph sein!« + +Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male +wiederholte er: + +»Ja, ja ... Mut! Mut!« + +»Na, wenns sein muß!« sagte Rouault. »Ich hab welchen! +Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und +wenns noch so weit wäre!« + +Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich +in Bewegung. + +Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die +drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her. +Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer +Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor +und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem +Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine +Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen. + +Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein +jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen würde. +Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg +und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, daß sie +dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende war, daß man +sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde Wut und schwarze +Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfände er überhaupt +nichts mehr. Er fühlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber +alsbald warf er sich vor, eine erbärmliche Kreatur zu sein. + +Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas wie +ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem +Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes +aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mühsam +nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Löwen. Heute hatte +er sein Bein erster Garnitur angeschnallt. + +Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld +einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem +andern in der silbernen Schale. + +»Schnell weg! Ich leide!« rief Bovary und warf zornig ein +Fünffrankenstück hinein. + +Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. + +Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das +nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in der ersten +Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten +rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu +läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing an. Die Sargträger hoben +die drei Stangen der Bahre in die Höhe. Man verließ die Kirche. + +Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst, +blaß und taumelnd. + +Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug +vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug +eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, der aus +den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge anzuschließen. + +Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam +vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die +Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald +leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte, +verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz +schimmerte immer zwischen den Bäumen. + +Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit +zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende +Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen unter der +ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden +Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein frischer Wind wehte +herüber. Roggen und Raps grünten, und Tautropfen zitterten auf den +Dornenhecken am Wege. Allerlei fröhliche Laute erfüllten die Luft: +das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener +Straße, das wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines +Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der klare Himmel +war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter spielten um +die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl erkannte im +Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten +Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier +vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem Rückwege zu »ihr«. + +Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte +Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger +verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie +eine Schaluppe auf bewegter See. + +Endlich war man da. + +Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen, +wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf. +Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten +aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und +ununterbrochen. + +Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf +gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer. + +Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll +wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois +reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel +schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde +ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und +das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein +Widerhall aus der Ewigkeit. + +Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war +Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie dann +Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde hinabwarf und +»Lebe wohl!« rief. Er sandte ihr Küsse und beugte sich über das +Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte. + +Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand +er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß alles +überstanden war. + +Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an, +was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er +berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß sich Tüvache +nach der Messe »gedrückt« hatte und daß Theodor, der Diener des +Notars, einen blauen Rock getragen hatte, »als ob nicht ein +schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da es nun einmal so üblich +ist, zum Teufel!« So hechelte er alles durch, was er beobachtet +hatte. + +Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht +verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen. + +»Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!« + +Der Apotheker antwortete: + +»Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus +Verzweiflung Selbstmord begangen.« + +»Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie vorigen +Sonnabend noch in meinem Laden war!« + +»Ich hatte nur keine Zeit,« sagte der Apotheker, »sonst hätte ich +mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab +nachgerufen hätte!« + +Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog +seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs +öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, hatte sie +Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man +sah, wo die Tränen herabgerollt waren. + +Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen. +Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer: + +»Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach +Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals +tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ...« Er +stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. »Ach, nun ist +es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen +Sohn ... und heute meine Tochter!« + +Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux +zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch +seine Enkelin wollte er nicht sehen. + +»Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse sie mir +ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier,« er +schlug auf sein Bein, »das werde ich dir nie vergessen. Hab keine +Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!« + +Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, ganz +wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf +der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter +umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie im Feuer unter +den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete +die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein +Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen +weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ... + +Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm +geworden war. + +Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und +plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von +vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte +Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen +und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und +Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung +zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte. + +Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie +immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«. + +Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald +geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte +Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde. + +Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte. +Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck +einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und +geheimnisvoll wie die Nacht. + +Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel +vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich +über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer +Kartoffeln stahl. + + + + +Letztes Kapitel + + +Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus kommen. +Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei verreist +und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das Kind tat noch +ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der Zeit, sprach sie +nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des Kindes bereitete Bovary +Schmerzen. Ganz unerträglich aber waren ihm die Trostreden des +Apothekers. + +Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen +Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm +beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis zulassen +wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, auch nur das +geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer sich darüber. Das +empörte ihn wiederum maßlos. Er war überhaupt ein ganz andrer +geworden. So verließ sie das Haus. + +Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr »Schnittchen« zu machen. +Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate Stundengeld, obgleich +Emma doch niemals Unterricht bei ihr genommen hatte. Die +quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt bekommen hatte, war +nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt worden. Der Leihbibliothekar +verlangte Abonnementsgebühren auf eine Zeit von drei Jahren und +Frau Rollet Botenlohn für zwanzig Briefe. Als Karl Näheres wissen +wollte, war sie wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten: + +»Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.« + +Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei nun +zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue Gläubiger. + +Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man +ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch +entschuldigen. + +Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn +Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich in +ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr Emmas +Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal den +Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, ihr +nachzurufen: »Emma, bleib, bleib!« + +Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener +des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas Kleidern noch +übrig war. + +Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die +Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu Yvetot, mit Fräulein +Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz ergebenst mitzuteilen. In +Karls Glückwunschbrief kam die Stelle vor: + +»Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!« + +Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs Haus irrte, +kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich unter einem seiner +Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück Papier. Er entfaltete es +und las: »Liebe Emma! Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz +nicht zertrümmern ...« Es war Rudolfs Brief, der zwischen die +Kisten gefallen und dort liegen geblieben war, bis ihn der durchs +Dachfenster wehende Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl +stand ganz starr da, mit offnem Munde, just auf demselben Platz, +wo dereinst Emma, bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den +Tod gehen wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift +ein kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche +und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen +Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn er +ihnen später -- es war zwei- oder dreimal gewesen -- begegnet war. +Aber der achtungsvolle Ton des Briefes täuschte ihn. + +»Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu sein!« +sagte er sich. + +Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen bis +auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu +suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen +Schmerze. + +»Man mußte sie anbeten!« sagte er bei sich. »Es ist ganz +natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!« Nunmehr erschien +sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein beständiges heißes +Verlangen nach ihr, das ihn trostlos machte und das keine Grenzen +kannte, weil es nicht mehr zu stillen war. + +Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach +ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich +Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und +-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus +ihrem Grabe heraus. + +Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein Stück +nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle Zimmer wurden +kahl, nur »ihr Zimmer« blieb wie früher. Nach dem Essen pflegte +Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den Kamin und +rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich gegenüber. Eine +Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. Berta, neben ihm, +tuschte Bilderbogen aus. + +Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht +gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des Kleidchens +aufgerissen, denn darum kümmerte sich die Aufwartefrau nicht. +Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie das Köpfchen graziös +neigte und ihr die blonden Locken über die rosigen Wangen fielen, +dann sah sie so reizend aus, daß ihn unendliche Zärtlichkeit +ergriff, eine Freude, die nach Wehmut schmeckte, wie ungepflegter +Wein nach Pech. Er besserte ihr Spielzeug aus, machte ihr +Hampelmänner aus Pappe und flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer +Puppen. Wenn seine Augen dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen, +auf ein Band, das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, +die noch in einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in +Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit traurig +wurde. + +Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen, +wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des Apothekers +ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater bei der +jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse auf +eine Fortsetzung des näheren Verkehrs keinen Wert legte. + +Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen können, +war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und erzählte allen +Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. Wenn Homais zur Stadt +fuhr, versteckte er sich infolgedessen hinter den Vorhängen der +Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er haßte ihn, +und da er ihn zugunsten seines Rufes als Heilkünstler um jeden +Preis aus dem Wege räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. +Die Art und Weise, wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso +seinen Scharfsinn wie seine bis zur Verruchtheit gehende +Eitelkeit. Sechs Monate hintereinander konnte man im »Leuchtturm +von Rouen« Nachrichten wie die folgenden lesen: + +»Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne +Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt +haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er +belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen +gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den abscheulichen +Zeiten des Mittelalters, wo es den Landstreichern erlaubt war, auf +den öffentlichen Plätzen die Lepra und die Skrofeln zur Schau zu +stellen, die sie von einem der Kreuzzüge mitgebracht hatten?« + +Oder: + +»Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die +Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von Bettlerscharen +heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und das sind +vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem Grunde duldet +das eigentlich die Obrigkeit?« + +Daneben erfand Homais auch Anekdoten: + +»Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd durchgegangen +...« + +Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche Auftauchen des +Blinden verursachten Unfalls. + +Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der Unglückliche +in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder frei. Er trieb es +wie vorher. Ebenso Homais. Es begann ein Kampf. Der Apotheker +blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu lebenslänglichem Aufenthalt in +ein Krankenhaus gesteckt. + +Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund +überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel +bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte --, +geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß gegen die +Priester. + +Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von den +»Ignorantinern« geleiteten, die natürlich zum Nachteil der +letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung von +hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die +Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche +Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. Dabei +wurde er ein gefährlicher Intrigant. + +Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch +Schreiben, ein »Werk«. So verfaßte er eine »Allgemeine Statistik +von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen Beobachtungen«. +Die damit verbundenen Studien führten ihn ins volkswirtschaftliche +Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen Fragen, in die Theorien +über die Volkserziehung, in das Verkehrswesen und andres mehr. Nun +begann er sich seiner kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er +bekam genialische Anwandlungen. + +Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im Gegenteil, er +verfolgte alle neuen Entdeckungen seines Faches. Beispielsweise +interessierte ihn der große Aufschwung in der Schokoladenindustrie. +Er war weit und breit der erste, der den Schoka (eine Mischung von +Kakao und Kaffee) und die Eisenschokolade einführte. Er +begeisterte sich für die hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers +und trug selbst eine. Wenn er beim Schlafengehen das Hemd +wechselte, staunte Frau Homais diese goldene Spirale an, die ihn +umschlang, und entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann, +der wie ein Magier glänzte. + +Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug er +einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide, +einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine +»künstliche Ruine«. Keinesfalls aber dürfe die Trauerweide fehlen, +die er für das »traditionelle Symbol« der Trauer hielt. + +Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem +Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein Kunstmaler +begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des Apothekers +Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte Witze. Man +besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich die +Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein zweitesmal allein +nach Rouen und entschloß sich zu einem Grabstein, über dem ein +Genius mit gesenkter Fackel trauert. + +Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: STA VIATOR! +Diese Worte schlug er immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in +sie. Beständig flüsterte er vor sich hin: »Sta viator!« +Endlich kam er auf: AMABILEM CONJUGEM CALCAS! Das wurde +angenommen. + +Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an +Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere +Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild seinem +Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, es zu +bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war immer +derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber sobald er +sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder. + +Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der +Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn +auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja fanatisch, +wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist des +Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der Predigt +vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im Todeskampfe +seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie jedermann wisse. + +Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden +heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und so +stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an seine +Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. Aber im +Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen Emma. Als +Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, der Felicies +Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. Darüber +entzweiten sie sich. + +Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung. +Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich +nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. Aber +als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande sich von ihm +zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, völliger Bruch. + +Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen war, +und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch dies +machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote Flecken +auf den Wangen. + +Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die +Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, gelang ihm. +Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia stickte ihm ein +neues Käppchen, Irma schnitt Pergamentpapierdeckel für die +Einmachegläser, und Franklin bewies ihm bereits schlankweg den +pythagoreischen Lehrsatz. Der Apotheker war der glücklichste Vater +und der glücklichste Mensch. + +Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen. +Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient hätte +er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich während der +Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. Zweitens hatte +er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- verschiedene +gemeinnützige Werke veröffentlicht, beispielsweise die Schrift +»Der Apfelwein. Seine Herstellung und seine Wirkung«, sodann seine +»Abhandlung über die Reblaus«, die er dem Ministerium unterbreitet +hatte, ferner seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen +von seiner ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles +auf. »Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher +Gesellschaften.« In Wirklichkeit war es nur eine einzige. + +»Eigentlich müßte es schon genügen,« rief er und warf sich +selbstbewusst in die Brust, »daß ich mich bei den Feuersbrünsten +hervorgetan habe!« + +Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der Wahlen +erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. Schließlich +verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er reichte ein +Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn +alleruntertänigst bat, »ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.« +Er nannte ihn »unsern guten König« und verglich ihn mit Heinrich +dem Vierten. + +Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung +zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging so +weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des Kreuzes der +Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von Geranien +umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste er dieses +bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der Regierung und +über den Undank der Menschen nach. + +Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus einer Art +Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich haben wollte, hatte +Karl das geheime Fach des Schreibtisches aus Polisanderholz, den +Emma benutzt hatte, noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er +sich endlich davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten +heraus. Da lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel +möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten Zeile. +Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, allen +Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend, +halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit einem +Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm buchstäblich ins Gesicht. +Es lag neben einem ganzen Bündel von Liebesbriefen. + +Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. Er +ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich sogar, +seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er +sich einschließe, um zu trinken. Neugierige aber, die hin und +nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, sahen zu ihrer +Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem langen Bart und in +schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging und laut weinte. + +An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf den +Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, wenn auf +dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer aus dem Stübchen +Binets. + +Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines Schmerzes +nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit ihm teilte. +Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von »ihr« sprechen +zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem Ohre zu, da auch +sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich seine Postverbindung +zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und Hivert, der ob seiner +Zuverlässigkeit in Kommissionen allenthalben großes Vertrauen +genoß, verlangte Lohnerhöhung und drohte, »zur Konkurrenz« +überzugehen. + +Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen war, um sein +Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, begegnete er +Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide blaß. Rudolf, der +bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine Visitenkarte bezeigt +hatte, murmelte zunächst einige Worte der Entschuldigung, dann +aber faßte er Mut und hatte sogar die Dreistigkeit, -- es war ein +heißer Augusttag -- Karl zu einem Glas Bier in der nächsten Kneipe +einzuladen. + +Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, plauderte +und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in tausend Träumen +vor diesem Gesicht, das »sie« geliebt hatte. Es war ihm, als sähe +er ein Stück von ihr wieder. Das war ihm selber sonderbar. Er +hätte der andre sein mögen. + +Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom +Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede +stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So +vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm gar +nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter diesem +zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen röteten +sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, seine Lippen +bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in so düsterem +Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im Satz +steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere +Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht. + +»Ich bin Ihnen nicht böse!« sagte er. + +Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und +wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser +Schmerzen: + +»Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!« + +Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je in seinem +Leben sprach: + +»Das Schicksal ist schuld!« + +Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, für +einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig, +eigentlich sogar komisch und verächtlich. + +Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die +Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter zeichneten +ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete süß, der Himmel +war blau, Insekten summten um die blühenden Lilien. Karl atmete +schwer; das Herz war ihm beklommen und tieftraurig vor unsagbarer +Liebessehnsucht. + +Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht +gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen. + +Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm +zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine +lange schwarze Haarlocke. + +»Papa, komm doch!« rief die Kleine. + +Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da +fiel er zu Boden. Er war tot. + +Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des +Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand aber +nichts. + +Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und dreiviertel +Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise der kleinen Berta +Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die gute alte Frau starb +aber noch im selben Jahre, und da der Vater Rouault gelähmt war, +nahm sich eine Tante des Kindes an. Sie ist arm und schickt Berta, +damit sie sich das tägliche Brot verdient, in eine +Baumwollspinnerei. + +Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander in +Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten können. +Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine Kurpfuscherei +hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde duldet ihn, +und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr. + +Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. + + * * * * * + +Die Übertragung des Romans Madame Bovary besorgte Arthur Schurig. + +Insel-Verlag. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + +***** This file should be named 15711-8.txt or 15711-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/ + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +*** END: FULL LICENSE *** + diff --git a/15711-8.zip b/15711-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4aef1c8 --- /dev/null +++ b/15711-8.zip diff --git a/15711-h.zip b/15711-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2c840db --- /dev/null +++ b/15711-h.zip diff --git a/15711-h/15711-h.htm b/15711-h/15711-h.htm new file mode 100644 index 0000000..a8a1c77 --- /dev/null +++ b/15711-h/15711-h.htm @@ -0,0 +1,22888 @@ +<?xml version="1.0" encoding="us-ascii"?> +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> + +<HTML> +<HEAD> +<TITLE>Gustave Flaubert: Frau Bovary</TITLE> +</HEAD> + +<BODY> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Frau Bovary + +Author: Gustave Flaubert + +Translator: Arthur Schurig + +Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + + + + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + + + + + +</pre> + +<CENTER> +<H1>Frau Bovary</H1> +<H3>von</H3> +<H1>Gustave Flaubert</H1> +<P> +Die Übertragung des Romans <TT>Madame +Bovary</TT> aus dem Französischen besorgte Arthur +Schurig. +</P><P> +Insel-Verlag zu Leipzig +</P> +</CENTER> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H1>Erstes Buch</H1> +</CENTER> +<HR> +<CENTER> +<H2>Erstes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P> +Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein +„Neuer“, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter +den beiden, Schulstubengerät in den Händen. Alle +Schüler erhoben sich von ihren Plätzen, wobei man so tat, +als sei man aus seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt +war, fuhr mit auf. + +</P><P> + +Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er +sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer. + +</P><P> + +„Herr Roger!“ lispelte er. „Diesen neuen +Zögling hier empfehle ich Ihnen besonders. Er kommt +zunächst in die Quinta. Bei löblichem Fleiß und +Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er seinem Alter +nach gehört.“ + +</P><P> + +Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man +konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein +Bauernjunge, so ungefähr fünfzehn Jahre alt und +größer als alle andern. Die Haare trug er mit +Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst +sah er gar nicht dumm aus, nur war er höchst verlegen. So +schmächtig er war, beengte ihn sein grüner Tuchrock mit +schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den Schlitz in den +Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke hervor, die +zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte gelbbraune, +durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an +und blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst +und mit Nägeln beschlagen. + +</P><P> + +Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte +aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht einmal +wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den Ellenbogen +aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete, +mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den +andern anschloß. + +</P><P> + +Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer +die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. +Es kam darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter +die richtige Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen +Staubwolke laut aufklatschte. Das war so Schuljungenart. + +</P><P> + +Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder +daß er nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: +als das Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch +immer vor sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von +Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine +Bärenmütze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen +runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit +einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme +Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie das Gesicht eines +Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und Fischbeinstäbchen +verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde +Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band getrennt) +Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den +ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei +krönte und von dem herab an einem ziemlich dünnen Faden +eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, was man +am Glanze des Schirmes erkennen konnte. + +</P><P> + +„Steh auf!“ befahl der Lehrer. + +</P><P> + +Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die ganze +Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das +Mützenungetüm aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem +Ellenbogen daran, so daß es wiederum zu Boden fiel. Ein +abermaliges Sich-darnach-bücken. + +</P><P> + +„Leg doch deinen Helm weg!“ sagte der Lehrer, ein +Witzbold. + +</P><P> + +Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen +Jungen gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich +gar nicht, ob er seinen „Helm“ in der Hand behalten oder +auf dem Boden liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und +legte die Mütze über seine Knie. + + +</P><P> + + +„Steh auf!“ wiederholte der Lehrer, „und sag mir +deinen Namen!“ + + +</P><P> + + +Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her. + +</P><P> + +„Noch mal!“ + +</P><P> + +Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem +Gelächter der Klasse übertönt. + +</P><P> + +„Lauter!“ rief der Lehrer. „Lauter!“ + +</P><P> + +Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit +auf und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte, +das Wort von sich: „Kabovary!“ + +</P><P> + +Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; +dazwischen gellten Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder +und wieder: „Kabovary! Kabovary!“ Nach und nach verlor +sich der Spektakel in vereinzeltes Brummen, kam mühsam zur Ruhe, +lebte aber in den Bankreihen heimlich weiter, um da und dort +plötzlich als halbersticktes Gekicher wieder aufzukommen, wie +eine Rakete, die im Verlöschen immer wieder noch ein paar Funken +sprüht. + +</P><P> + +Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung +in der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem +Lehrer, den Namen „Karl Bovary“ festzustellen, nachdem er +sich ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im +ganzen wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich +auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte +den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, +als er bereits wieder stehen blieb. + +</P><P> + +„Was suchst du?“ fragte der Lehrer. + +</P><P> + +„Meine Mü...“, sagte er schüchtern, indem er +mit scheuen Blicken Umschau hielt. + +</P><P> + +„Fünfhundert Verse die ganze Klasse!“ + +</P><P> + +Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte +wütend ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen. + +</P><P> + +„Ich bitte mir Ruhe aus!“ fuhr der empörte +Schulmeister fort, während er sich mit seinem Taschentuche den +Schweiß von der Stirne trocknete. „Und du, du Rekrut du, +du schreibst mir zwanzigmal den Satz auf: <TT>Ridiculus +sum!</TT>“ Sein Zorn ließ nach. „Na, und deine +Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand +gestohlen.“ + +</P><P> + +Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und +der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung, +obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte +kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal mit +der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen +aufzuschlagen. + +</P><P> + +Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem +Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich +sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er +gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im +Wörterbuche nach und gab sich viel Mühe. Zweifellos +verdankte er es dem großen Fleiße, den er an den Tag +legte, daß man ihn nicht in der Quinta zurückbehielt; denn +wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte, so verstand er +sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer seines +Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht, und +aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur +möglich auf das Gymnasium geschickt worden. + +</P><P> + +Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er hatte +sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen lassen, +worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr seine +körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte +sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm +in der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das +Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war +ein Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend +einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller +Ringe hatte und in seiner Kleidung auffällige Farben liebte. +Neben seinem Haudegentum besaß er das gewandte Getue eines +Ellenreiters. Sobald er verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre +auf Kosten seiner Frau zu leben, aß und trank gut, schlief bis +in den halben Tag hinein und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. +Nachts pflegte er sehr spät heimzukommen, nachdem er sich in +Kaffeehäusern herumgetrieben hatte. Als sein Schwiegervater +starb und nur wenig hinterließ, war Bovary empört +darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld +dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land +zurück, wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er +verstand von der Landwirtschaft auch nicht mehr als von der +Hutmacherei, ritt lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur +Arbeit einspannen ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise +selber, anstatt ihn in Fässern zu verkaufen, ließ das +fetteste Geflügel in den eignen Magen gelangen und schmierte +sich mit dem Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege +sah er zu guter Letzt ein, daß es am tunlichsten für ihn +sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr einzulassen. + +</P><P> + +Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem +Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, +halb Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück, +fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, +gallig und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen +angeekelt, wie er sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben. + +</P><P> + +Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter +tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem +heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie +sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch +und nervös geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, +wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her +war und abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher +Spelunke zu ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst +mächtig geregt, aber schließlich schwieg sie, würgte +ihren Grimm in stummem Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis +zu ihrem letzten Stündlein. Sie war unablässig tätig +und immer auf dem Posten. Sie war es, die zu den Anwälten und +Behörden ging. Sie wußte, wenn Wechsel fällig waren; +sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte alle Hausarbeiten, +nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und führte die +Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts +kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher +Schläfrigkeit nicht herauskam und sich höchstens dazu +ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am +Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche. + +</P><P> + +Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; +und als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche +Geschöpf grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit +Zuckerzeug. Der Vater ließ es barfuß herumlaufen und +meinte höchst weise obendrein, der Kleine könne eigentlich +ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den +Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmtes männliches +Erziehungsideal in den Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu +modeln sich Mühe gab. Er sollte rauh angefaßt werden wie +ein junger Spartaner, damit er sich tüchtig abhärte. Er +mußte in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen ordentlichen +Schluck Rum vertragen und auf den „kirchlichen Klimbim“ +schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur und +widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die Mutter schleppte ihn +immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren aus und +erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit ihm in +endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger +Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. +In ihrer Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle +ihre eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im +Traume sah sie ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als +Beamten beim Straßen- und Brückenbau oder in einer +Ratsstellung. Sie lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten +Klavier, das sie besaß, das Singen von ein paar Liedchen bei. +Ihr Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu +alledem, es sei bloß schade um die Mühe; sie hätten +doch niemals die Mittel, den Jungen auf eine höhere Schule zu +schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft zu kaufen. Zu was +auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary schwieg still, und +der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den Feldarbeitern +hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste Beeren an den +Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und +durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem +Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen +bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu +dürfen. Dann hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an +den Strang der großen Glocke und ließ sich mit +emporziehen. So wuchs er auf wie eine Lilie auf dem Felde, bekam +kräftige Glieder und frische Farben. + +</P><P> + +Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter +durch, daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam +Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so +unregelmäßig, daß sie nicht viel Erfolg hatten. Sie +fanden statt, wenn der Geistliche einmal gar nichts anders zu tun +hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen +zwischen den Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine +Lust hatte auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler +nach dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden saßen dann oben im +Stübchen. Mücken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber +es war so warm drin, daß der Junge schläfrig wurde, und es +dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die +Hände über dem Schmerbauche gefaltet. Es kam auch vor, +daß der Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken +in der Umgegend, dem er das Abendmahl gereicht hatte, den kleinen +Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm +eine viertelstündige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit, +ihn im Schatten eines Baumes seine Lektion hersagen zu lassen. +Entweder war es der Regen, der den Unterricht störte, oder +irgendein Bekannter, der vorüberging. Übrigens war der +Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja er meinte +sogar, der „junge Mann“ habe ein gar treffliches +Gedächtnis. + +</P><P> + +So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und ihr +Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber +schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch +ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden. + +</P><P> + +Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber +wurde Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein +Vater brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober. + +</P><P> + +Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch deutlich +an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer Junge, der in der +Freizeit wie ein Kind spielte, in den Arbeitsstunden eifrig lernte, +während des Unterrichts aufmerksam dasaß, im Schlafsaal +vorschriftsmäßig schlief und bei den Mahlzeiten ordentlich +zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule war ein +Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller +vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach +Ladenschluß. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die +Schiffe und brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen +wieder in das Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit +roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei +Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine +Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von Barthelemys +„Reise des jungen Anacharsis“, das im Arbeitssaal +herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der +ebenfalls vom Lande war. + +</P><P> + +Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der +Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der +Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn seine +Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren. Sie +waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen +schon durchwürgen würde. + +</P><P> + +Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der +Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten +Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung +ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch +und zwei Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus +Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein +Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer +Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder heim, +nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja +hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz +allein auf sich selbst angewiesen sei. + +</P><P> + +Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der +medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen +und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen, von +Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik, +Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen +Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft +er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie +geheimnisvolle Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft. + +</P><P> + +Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen war, +er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb +fleißig nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner +Übung. Er erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie +ein Gaul im Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet, +ohne zu wissen, was für ein Geschäft er eigentlich +verrichtet. + +</P><P> + +Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine +Mutter allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück +Kalbsbraten. Das war sein Frühstück, wenn er aus dem +Krankenhause auf einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen, +dazu langte die Zeit nicht, denn er mußte alsbald wieder in ein +Kolleg oder zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von +Straßen hindurch. Abends nahm er an der kargen Hauptmahlzeit +seiner Wirtsleute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und +setzte sich an seine Lehrbücher, oft in nassen Kleidern, die ihm +dann am Leibe bei der Rotglut des kleinen Ofens zu dampfen begannen. + +</P><P> + +An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer +wurden und die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball +spielten, öffnete er sein Fenster und sah hinaus. Unten +floß der Fluß vorüber, der aus diesem Viertel von +Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine gelben, +violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den Wehren +und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die Arme +in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang hervorragten, +trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft. Gegenüber, +hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel mit der +sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen +im Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief +Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch +gar nicht bis zu ihm drang. + +</P><P> + +Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam +einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward +träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten +Vorsätzen mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die +Klinik, morgen ein Kolleg, und allmählich fand er Genuß am +Faulenzen und ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer +Winkelkneipe und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in +einer schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen +Spielsteinen auf einem Marmortische zu klappern, das dünkte ihn +der höchste Grad von Freiheit zu sein, und das stärkte ihm +sein Selbstbewußtsein. Es war ihm das so etwas wie der Anfang +eines weltmännischen Lebens, dieses Kosten verbotener Freuden. +Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu sinnlichem +Vergnügen auf die Türklinke. Eine Menge Dinge, die bis +dahin in ihm unterdrückt worden waren, gewannen nunmehr Leben +und Gestalt. Er lernte Gassenhauer auswendig, die er gelegentlich zum +besten gab. Béranger, der Freiheitssänger, begeisterte +ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter Letzt entdeckte +er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er im medizinischen +Staatsexamen glänzend durch. + +</P><P> + +Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei +einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf +den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er +seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie +entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der +Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem sie +ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf +Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die Geschichte +verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens +hätte er es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn +ein Dummkopf sei. + +</P><P> + +Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich +hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er +gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat +bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine +Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl +statt. + +</P><P> + +Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. +Dort gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete +schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das +Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als +sein Nachfolger daselbst nieder. + +</P><P> + +Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn +Medizin studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: +nun mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der +Witwe des Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben +fünfundvierzig Jährlein zwölfhundert Franken Rente ihr +eigen nannte. Obgleich sie häßlich war, dürr wie eine +Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum +Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs an Bewerbern. +Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary erst alle +diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr geschickt +fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen +Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit +unterstützt wurde. + +</P><P> + +Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich dadurch +günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie +pekuniär unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die +Zügel in ihre Hände. Sie drillte ihm ein, was er vor den +Leuten zu sagen habe und was nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er +durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten, die +nicht bezahlten, mußte er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie +erbrach seine Briefe, überwachte jeden Schritt, den er tat, und +horchte an der Türe, wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde +waren. Jeden Morgen mußte sie ihre Schokolade haben, und die +Rücksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende. +Unaufhörlich klagte sie über Migräne, Brustschmerzen +oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute durch den Hausflur +liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl auswärts, dann fand +sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim, so war es +zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im Sterben. +Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm ihre mageren +langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang seinen Hals und zog +ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging die Jeremiade los. Er +vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man habe es ihr ja +gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück. Schließlich +bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund werde, und +um ein bißchen mehr Liebe. +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Zweites Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel +eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen +kam. Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf +und verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der +Straße stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an +ihn. + +</P><P> + +Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel +auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd +stehen, folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das +Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue +Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und +überreicht ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der +richtete sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand +dicht daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich +verschämt der Wand zu und zeigte den Rücken. + +</P><P> + +In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, +wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem +Pachtgut Les Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. +Nun braucht man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis +Bertaux zu Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. +Frau Bovary sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem +Manne etwas zustoßen. Infolgedessen ward beschlossen, daß +der Stallknecht vorausreiten, Karl aber erst drei Stunden +später, nach Mondaufgang, folgen solle. Man würde ihm einen +Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute zeige und ihm den +Hof aufschlösse. + +</P><P> + +Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel +gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen +überließ er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser +von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten +parierte, wurde der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des +gebrochnen Beines und begann in seinem Gedächtnisse alles +auszukramen, was er von Knochenbrüchen wußte. + +</P><P> + +Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen +Ästen der Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das +Gefieder ob des kühlen Morgenwindes gesträubt. So weit das +Auge sah, dehnte sich flaches Land. Auf dieser endlosen grauen +Fläche hoben sich hie und da in großen Zwischenräumen +tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit des Himmels trüben +Farben zusammenflossen; das waren Baumgruppen um Güter und +Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß Karl seine Augen auf, bis +ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte und der +Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand, +in dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so +daß er ein Doppelleben führte. Er war noch Student und +gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen Moment glaubte +er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den +Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen +Umschlägen mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen +Dufte des Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den +Stangen der Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe +atmete ... + +</P><P> + +Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen, der +am Rande des Straßengrabens im Grase saß. + +</P><P> + +„Sind Sie der Herr Doktor?“ + +</P><P> + +Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln in +die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs +hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß +Herr Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der +wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf +dem Heimwege von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest +gefeiert hatte, ein Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre +tot. Er lebte ganz allein mit „dem gnädigen +Fräulein“, das ihm den Haushalt führte. + +</P><P> + +Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. +Plötzlich verschwand der Junge in der Lücke einer +Gartenhecke, um hinter der Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, +wo er ein großes Tor öffnete. Das Pferd trat in nasses +rutschiges Gras, und Karl mußte sich ducken, um nicht vom +Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren aus +ihren Hütten, schlugen an und rasselten an den Ketten. Als der +Arzt in den eigentlichen Gutshof einritt, scheute der Gaul und machte +einen großen Satz zur Seite. + +</P><P> + +Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die +offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo +kräftige Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr +Heu kauten. Längs der Wirtschaftsgebäude zog sich ein +dampfender Misthaufen hin. Unter den Hühnern und Truthähnen +machten sich fünf bis sechs Pfauen mausig, der Stolz der +Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch +und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei große +Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen +Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus +Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den +Kornböden heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu +etwas anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume +bepflanzt. Vom Tümpel her erscholl das fröhliche +Geschnatter der Gänse. + +</P><P> + +An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in einem +mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und +begrüßte den Arzt. Er wurde nach der Küche +geführt, wo ein tüchtiges Feuer brannte. Auf dem Herde +kochte in kleinen Töpfen von verschiedener Form das +Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen +naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel, +Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger +Größe, funkelten wie von blankem Stahl, während +längs der Wände eine Unmenge Küchengerät hing, +über dem die helle Herdflamme um die Wette mit den ersten +Strahlen der durch die Fenster huschenden Morgensonne spielte und +glitzerte. + +</P><P> + +Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. Er +fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine +Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein +stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem +Haar, blauen Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf +einem Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der +er sich von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um +„Mumm in die Knochen zu kriegen“. Angesichts des Arztes +legte sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern — +was er seit zwölf Stunden getan hatte — fing er nunmehr an +zu ächzen und zu stöhnen. + +</P><P> + +Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte +sich einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald +erinnerte er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den +Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten +ein reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes +Chirurgenbalsams, der an das Öl gemahnt, mit dem die +Seziermesser eingefettet werden. Er ließ sich aus dem +Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu bekommen. +Von den gebrachten Stücken wählte er eins aus, schnitt die +Schienen daraus zurecht und glättete sie mit einer Glasscherbe. +Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden her, und +Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster +anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, +polterte der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen +stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut +aus. + +</P><P> + +Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie +hatte. Sie waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, +und so schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände +freilich waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß +genug und ein wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu +schlank, nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. +Was jedoch schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren +braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr +offener Blick traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld. + +</P><P> + +Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich +„einen Bissen zu essen“, ehe er wieder aufbräche. +Karl ward in das Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. +Auf einem kleinen Tische war für zwei Personen gedeckt; neben +den Gedecken blinkten silberne Becher. Aus dem großen +Eichenschranke, gegenüber dem Fenster, strömte Geruch von +Iris und feuchtem Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und +Glied mehrere Säcke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer +nebenan keinen Platz gefunden, zu der drei Steinstufen +hinaufführten. In der Mitte der Wand, deren grüner Anstrich +sich stellenweise abblätterte, hing in einem vergoldeten Rahmen +eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer Minerva. In +schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben. „Meinem +lieben Vater!“ + +</P><P> + +Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken +Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen. +Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem +Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der +Gutswirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, +fröstelte sie während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen +fielen ihre vollen Lippen etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, +pflegte sie mit den Oberzähnen auf die Unterlippe zu +beißen. + +</P><P> + +Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr +schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in der +Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe, +daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen +und kaum die Ohrläppchen blicken ließen. Über den +Schläfen war das Haar gewellt, was der Landarzt noch nie in +seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei +Knöpfen ihrer Taille lugte — wie bei einem Herrn — +ein Lorgnon aus Schildpatt hervor. + +</P><P> + +Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, trat +er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend, +die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten +hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich +umwendend, fragte sie: + +</P><P> + +„Suchen Sie etwas?“ + +</P><P> + +„Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!“ + +</P><P> + +Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den +Stühlen. Der Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade +zwischen die Säcke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie +sich über die Säcke beugte, wollte Karl ihr galant +zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der nämlichen Absicht wie sie +ausstreckte, berührte seine Brust den gebückten Rücken +des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma fuhr rasch +in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die +Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte. + +</P><P> + +Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt dessen +war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab kam er +regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die +gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er +„zufällig in der Gegend“ war. Übrigens ging +alles vorzüglich; die Heilung verlief regelrecht, und als man +nach sechs und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in +Haus und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen +Gegend den Ruf einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, +besser hätten ihn die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst +von Rouen auch nicht kurieren können. + +</P><P> + +Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern nach +dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber nachgesonnen +hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers zweifellos +in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in Aussicht +stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber wirklich die +Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu köstlichen +Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines tätigen Lebens +machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und +ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz +vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit +Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und +so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof ein. Es war ihm ein +Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Flügel +des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der Mauer krähen zu +hören und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte +die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa Rouault, der ihm +so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen Lebensretter +nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des +Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der +Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen +Schuhen sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl +wieder ging, gab sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der +Freitreppe. War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete +sie mit. Sie hatten schon Abschied voneinander genommen, und so +sprachen sie nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges +Haar im Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die +Schürzenbänder begannen ihr um die Hüften zu flattern. +Einmal war Tauwetter. An den Rinden der Bäume rann Wasser in den +Hof hinab, und auf den Dächern der Gebäude schmolz aller +Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle, da ging sie wieder ins +Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn auf. Die Sonnenlichter +stahlen sich durch die taubengraue Seide und tupften tanzende Reflexe +auf die weiße Haut ihres Gesichts. Das gab ein so warmes und +wohliges Gefühl, daß Emma lächelte. Einzelne +Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut vernehmbar, einer, +wieder einer, noch einer ... + +</P><P> + +Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner +Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in +ihrer doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. +Als sie aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie +nähere Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß +Fräulein Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen +worden war, sozusagen also „eine feine Erziehung +genossen“ hatte, daß sie infolgedessen Kenntnisse im +Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und Klavierspielen +haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie man zu +sagen pflegt. + +</P><P> + +„Also darum!“ sagte sie sich. „Darum also lacht ihm +das ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue +Weste an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh +dieses Weib, dieses Weib!“ + +</P><P> + +Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte +in allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte +sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer +häuslichen Szene über sich ergehen ließ. +Schließlich aber ging sie im Sturm vor. Karl wußte nicht, +was er sagen sollte. Weshalb renne er denn ewig nach Bertaux, wo doch +der Alte längst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch +nicht berappt habe? Na freilich, weil es da „eine Person“ +gäbe, die fein zu schwatzen verstünde, ein Weibsbild, das +sticken könne und weiter nichts, ein Blaustrumpf! In die sei er +verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei ihm ein gefundenes +Fressen. + +</P><P> + +„Blödsinn!“ polterte sie weiter. „Die Tochter +des alten Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr +Großvater hat noch die Schafe gehütet, und ein Vetter von +ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt gekommen, weil er bei einem +Streite jemanden halbtot gedroschen hat! So was hat gar keinen +Anlaß, sich was Besonders einzubilden und Sonntags aufgedonnert +in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen Kleidern wie eine +Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen +Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut ausgefallen +wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen +können!“ + +</P><P> + +Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux +ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und +Küssen und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr +Meßbuch schwören lassen, nicht mehr hinzugehen. Er +gehorchte. Aber in seiner heimlichen Sehnsucht war er kühner; da +war er empört über seine tatsächliche eigne Feigheit. +Und in naivem Machiavellismus sagte er sich, gerade ob dieses Verbots +habe er ein Recht auf seine Liebe. Was war die ehemalige Witwe auch +für ein Weib: sie war spindeldürr und hatte +häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben +schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden +langen Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern +wie in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie +über ihren grauen Strümpfen. + +</P><P> + +Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch +schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele Essen +bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich ein +Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von +ihm, keine Flanellwäsche zu tragen. + +</P><P> + +Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der +Vermögensverwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in +Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern übers Meer das +Weite suchte. Nun besaß sie allerdings außerdem einen +Schiffsanteil in der Höhe von sechstausend Franken und ein Haus +in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen Besitztümern +hatte man nie etwas Ordentliches zu sehen bekommen. Die Witwe hatte +nichts mit in die Ehe gebracht als ein paar Möbel und etliche +Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache auf den Grund, und da stellte +sich denn heraus, daß besagtes Haus bis an die Feueresse mit +Hypotheken belastet, daß kein Mensch wußte, wieviel Geld +wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen, und daß die +Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich hatte die +liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary +einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke ging, +und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in das +Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke +eingespannt, die des Futters nicht einmal mehr wert sei. + +</P><P> + +Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu +heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres Gatten +und beschwor ihn, sie den Eltern gegenüber in Schutz zu nehmen. +Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das nahmen ihm die +Alten übel. Sie reisten ab. + +</P><P> + +Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage +darnach, als sie dabei war, Wäsche im Hofe aufzuhängen, +bekam sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot. + +</P><P> + +Als Karl vom Friedhofe zurückkam, fand er im Erdgeschoß +keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das +Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am +Bette hing. Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, +bis es dunkel wurde, in schmerzliche Träumereien versunken. +Alles in allem hatte sie ihn doch geliebt ... + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Drittes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar +für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in +blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück +erfahren und tröstete ihn, so gut er konnte. + +</P><P> + +„Ich weiß, wie einem da zumute ist!“ sagte er, +indem er dem Witwer auf die Schulter klopfte. „Habs ja selber +mal durchgemacht, ganz so wie Sie! Als ich meine Selige begraben +hatte, da lief ich hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. +Ich warf mich im Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem +lieben Gott zu hadern, und machte ihm die dümmsten +Vorwürfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf +hängen, dem der Bauch von Würmern wimmelte. Ich beneidete +den Kadaver! Und wenn ich daran dachte, daß im selben +Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen Frauen +zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit meinem +Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit +mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein +Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und so +nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem Winter +und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei, drei, und weg +war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige Wort: hinunter! +Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben nicht los. Da tief +drinnen in der Brust bleibt immer was stecken. Aber Luft kriegt man +wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser aller Schicksal, und +deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Man darf +nicht sterben wollen, weil andere gestorben sind. Auch Sie +müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles vorüber! +Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an Sie. Sie +hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling. +Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein +paar Karnickel auf meinem Revier!“ + +</P><P> + +Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da +alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die +Birnbäume hatten schon Blüten, und der treffliche Vater +Rouault war wieder mordsgesund und von früh bis abend auf den +Beinen. Und im ganzen Gut war mächtiger Betrieb. + +</P><P> + +Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten +Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so +bequem wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit +ihm wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, +wenn man des Gastes wegen nicht, wie befohlen, die +leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel +feine Eierspeisen oder gedünstete Birnen. Er erzählte +Anekdoten und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl. +Aber mir einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde +nachdenklich. Der Kaffee ward gebracht, und da vergaß er sie +wieder. + +</P><P> + +Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger +gedachte er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue +Bewußtsein, unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit +bald erträglicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten +selber bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft +darüber geben zu müssen, und wenn er müde war, alle +vier von sich strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er +hegte und pflegte sich und ließ alle Tröstungen über +sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner Frau keine +ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man +wochenlang in einem fort sagte: „Der arme Doktor. Wie +traurig!“ blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis +vergrößerte sich. Und dann konnte er nun nach Bertaux +reiten, wann es ihm beliebte. Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in +ihm auf, ein namenloses Glücksgefühl. Wenn er sich im +Spiegel betrachtete und sich den Bart strich, fand er sich gar nicht +übel. + +</P><P> + +Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute +angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die +Küche. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst +nicht. Die Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des +Holzes stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf +die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel +entzwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische +krabbelten Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in +die Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den +Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine +Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß +zwischen dem Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein +Halstuch um, und auf ihren entblößten Schultern +glänzten kleine Schweißperlen. + +</P><P> + +Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk +an. Als er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich +bat sie ihn lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. +Sie holte aus dem Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei +Gläser heraus, füllte das eine bis zum Rande und goß +in das andre ein paar Tropfen. Sie stieß mit Karl an und +führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel wie nichts drin war, +mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den Kopf nach +hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals gestrafft, so stand +sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf die Zunge +lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen Zähnen +herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals suchend +vorstieß. + +</P><P> + +Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit zu +widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit +gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst +recht nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle +eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl +sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das +Hämmern seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das +Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin +und wieder hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den +kalten Knauf der Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, +um diese zu kühlen. + +</P><P> + +Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit +Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl +Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem +Aufenthalt im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten +sie in ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und +zeigte ihm ihre Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, +die sie als Schulprämien bekommen hatte, und die +Eichenlaubkränze, die im untersten Schrankfache ihr Dasein +fristeten. Dann erzählte sie von ihrer Mutter, von deren Grabe, +und zeigte ihm sogar im Garten das Beet, wo die Blumen wüchsen, +die sie der Toten jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der +Gärtner, den sie hatten, verstünde nichts. Mit dem seien +sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es, wenigstens während +der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder, +an den langen Sommertagen sei das Leben auf dem Lande noch +langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte, klang ihre Stimme hell +oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen matten Ton an, und +wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz anders, +wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte +große unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider +zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahmslos und +traumverloren aus. + +</P><P> + +Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie geredet +hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn ihrer Worte zu +erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von der Existenz +schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt hatte. +Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu erschauen +als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten Male +erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte +er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich verheiratete, aber mit +wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so +schön! + +</P><P> + +Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen, und +eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das +Surren eines Kreisels: „Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn +du dich nun verheiratetest!“ In der Nacht konnte er keinen +Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er +verspürte Durst, stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das +Fenster auf. Der Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind +strich in das Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die +Rötung nach Bertaux. + +</P><P> + +Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten +könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten +Gelegenheit um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese +Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte +nicht über die Lippen. Vater Rouault hätte längst +nichts dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt +hätte. Im Grunde nützte sie ihm in Haus und Hof nicht viel. +Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie war eben für die +Landwirtschaft zu geweckt. „Ein gottverdammtes Gewerbe!“ +pflegte er zu schimpfen. „Das hat auch noch keinen zum +Millionär gemacht!“ Ihm hatte es in der Tat keine +Reichtümer gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn +wenn er auch auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl +bekannt war, so war er eigentlich doch für Ackerbau und +Viehzucht durchaus nicht geschaffen. Er verstand nicht zu +wirtschaften. Er nahm nicht gern die Hände aus den Hosentaschen, +und seinem eigenen Leibe war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut +Essen und Trinken, einen warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein +gutes Glas Landwein, ein halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein +Täßchen Mokka mit Kognak gehörten zu den Idealen +seines Lebens. Er nahm seine Mahlzeiten in der Küche ein und +zwar allein für sich, in der Nähe des Herdfeuers an einem +kleinen Tische, der ihm — wie auf der Bühne — fix +und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte. + +</P><P> + +Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam, +wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder +später ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald +überlegte er sich die Geschichte. Besonders schneidig sah ja +Karl Bovary nicht gerade aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen +künftigen Schwiegersohn ein bißchen anders gedacht, aber +er war doch als anständiger Kerl bekannt, sparsam und +tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos würde er wegen der +Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge +großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er +sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu +verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert werden. Und so sagte +er sich: „Wenn er um Emma anhält, soll er sie +kriegen!“ + +</P><P> + +Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag und +Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault +gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs +vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden. Das +war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis zuallerletzt. Erst +als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er los: + +</P><P> + +„Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas +sagen!“ + +</P><P> + +Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben +stehen. + +</P><P> + +„Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!“ +Rouault lachte gemütlich. + +</P><P> + +„Vater Rouault! Vater Rouault!“ stammelte Karl. + +</P><P> + +„Meinen Segen sollen Sie haben!“ fuhr der +Gutspächter fort. „Meine Kleine denkt gewiß nicht +anders als ich, aber gefragt werden muß sie. Reiten Sie getrost +nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins Gebet nehmen. Wenn sie Ja +sagt, — wohlverstanden! — brauchen Sie jedoch nicht +umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein +bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut +schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde einen +Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da oben +über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen +beobachten!“ + +</P><P> + +Damit ging er. + +</P><P> + +Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung +hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand. +Eine halbe Stunde verstrich — und dann noch neunzehn Minuten +... Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden +blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile. + +</P><P> + +Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde +über und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte +gezwungen ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte +seinen künftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der +geschäftlichen Punkte wurde verschoben. Übrigens war noch +viel Zeit dazu, da die Hochzeit anstandshalber vor Ablauf von Karls +Trauerjahr nicht stattfinden konnte, das hieß, nicht vor dem +nächsten Frühjahr. + +</P><P> + +In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault +beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in +Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, die +sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte das +Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde +überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel +Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für +Vorspeisen es geben solle. + +</P><P> + +Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts +zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber +für solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. +Man einigte sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig +Gäste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch +sitzen bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es +so weitergehen. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Viertes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in +Kutschen, Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit +Ledervorhängen, in allerlei Fuhrwerk moderner und +vorsintflutlicher Art. Das junge Volk aus den nächsten +Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im Trabe in +einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe stehend, die +Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen. Etliche eilten +zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville, Normanville und Cany. +Die Verwandten beider Familien waren samt und sonders geladen. +Freunde, mit denen man uneins gewesen, versöhnte man, und es war +an Bekannte geschrieben worden, von denen man wer weiß wie +lange nichts gehört hatte. + +</P><P> + +Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall. +Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging +es bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die +Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie und +turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen +städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen +Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die +mit einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie +hinten den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie +ihre Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich +unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige +Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis +sechzehnjährige Mädchen, offenbar ihre Basen oder +älteren Schwestern, in ihren weißen Firmelkleidern, die +man zur Feier des Tages um ein Stück länger gemacht hatte, +alle mit roten verschämten Gesichtern und pomadisiertem Haar, +voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht +Knechte genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen, +streiften die Herren die Rockärmel hoch und stellten ihre Pferde +eigenhändig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren +sie in Fräcken, Röcken oder Jacketts erschienen. Manche in +ehrwürdigen Bratenröcken, die nur bei ganz besonderen +Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke geholt wurden; ihre langen +Schöße flatterten im Winde, die Kragen daran sahen aus wie +Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang von Säcken. Es +waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein gekommen, meist im +Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin ganz kurze +Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen +Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so +ausschauten, als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem +Ganzen herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste — und +das waren solche, die dann an der Festtafel gewiß am +alleruntersten Ende zu sitzen kamen — trugen nur Sonntagsblusen +mit breitem Umlegekragen und Rückenfalten unter dem Gürtel. + +</P><P> + +Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie +Kürasse. Durchweg hatte man sich unlängst das Haar +schneiden lassen (um so mehr standen die Ohren von den Schädeln +ab!), und alle waren ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln +aufgestanden waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug +gehabt und hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer +geschnitten oder hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, +groß wie Talerstücke. Unterwegs hatten sich diese Wunden +in der frischen Morgenluft gerötet, und so leuchteten auf den +breiten blassen Bauerngesichtern große rote Flecke. + +</P><P> + +Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. Man +begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die +Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war +anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich durch +die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich +und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten +plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer +buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die +Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt +die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den +Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas +Kleid, das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. +Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las +sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen +stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen +geblieben waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da +und wartete, bis sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen +Zylinderhut und einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an +die Fingernägel reichten. Am Arm führte er Frau Bovary +senior. Der alte Herr Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze +Sippschaft um sich herum verachtete, war einfach in einem +uniformähnlichen einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite +schritt eine junge blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien +traktierte. Sie hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in +ihrer Verlegenheit gar nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen +Gäste sprachen von ihren Geschäften oder ulkten sich +gegenseitig an, um sich in fidele Stimmung zu bringen. Wer +aufhorchte, hörte in einem fort das Tirilieren des Spielmannes, +der auch im freien Felde weitergeigte. Sooft er bemerkte, daß +die Gesellschaft weit hinter ihm zurückgeblieben war, machte er +Halt und schöpfte Atem. Umständlich rieb er seinen +Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten schöner +quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in Bewegung. Er +hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht hübsch im +Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel schon von +weitem. + +</P><P> + +Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens +aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs +Schüsseln mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem +Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier +Leberwürsten in Sauerkraut, ein köstlich knusprig +gebratenes Spanferkel. An den vier Ecken des Tisches brüsteten +sich Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen +wirbelte perlender Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits +alle Gläser im voraus bis an den Rand vollgeschenkt waren. +Große Teller mit gelber Creme, die beim leisesten Stoß +gegen den Tisch zitterte und bebte, vervollständigten die +Augenweide. Auf der glatten Oberfläche dieses Desserts prangten +in umschnörkelten Monogrammen von Zuckerguß die +Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam. Für +die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot kommen +lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich ganz +besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig +ein Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines +„Ah!“ hervorrief. Der Unterbau aus blauer Pappe stellte +ein von Sternen aus Goldpapier übersätes Tempelchen dar, +mit einem Säulenumgang und Nischen, in denen Statuen aus +Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich ein Festungsturm +aus Pfefferkuchen, umbaut von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, +Rosinen und Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber +krönte über einer grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen +und Teichen mit Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): +ein niedlicher Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade +wiegte. In den beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der +Schaukel steckten zwei lebendige Rosenknospen. + +</P><P> + +Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen +ermüdet war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte +eine Partie des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und +setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen +gegen das Ende des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim +Kaffee war alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte +allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß +Purzelbäume, hob Schubkarren bis zur Schulterhöhe, +erzählte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte mit den +Damen. + +</P><P> + +Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden, +die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte und +Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, +bockten und schlugen aus, während die Herren und Kutscher +fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den +mondbeglänzten Landstraßen in Karriere über Stock und +Stein heimrasende Fuhrwerke. + +</P><P> + +Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am +Küchentische bis zum frühen Morgen weiter, während die +Kinder unter den Bänken schliefen. + +</P><P> + +Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den +herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte +sich ein Vetter — ein Seefischhändler, der als +Hochzeitsgeschenk selbstverständlich ein paar Seezungen +gestiftet hatte — doch daran, einen Mund voll Wasser durch das +Schlüsselloch des Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault +erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er +machte ihm klar, daß sich derartige Scherze mit der Würde +seines Schwiegersohnes nicht vertrügen. Der Vetter ließ +sich durch diese Einwände nur widerwillig von seinem Vorhaben +abbringen. Insgeheim hielt er den alten Rouault für aufgeblasen. +Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bis fünf andern +Unzufriedenen, die während des Mahles bei der Wahl der +Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese +Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den +Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer +Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der +Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur +Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück. +Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er +ließ sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er +Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden +unbekannt war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an. + +</P><P> + +Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes +gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien, +Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und +Anulkungen, die ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil +geworden waren, hatte er sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. +Um so mächtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war +er offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor +sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich +völlig und ließ sich nicht das geringste anmerken. Die +größten Schandmäuler waren sprachlos; sie standen da +wie vor einem Wundertier. Karl freilich machte aus seinem Glück +kein Hehl. Er nannte Emma „mein liebes Frauchen“, duzte +sie, lief ihr überallhin nach und zog sie mehrfach abseits, um +allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein wenig zu plaudern, +wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und +Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdrückte +mit seinem Kopfe ihr Halstuch. + +</P><P> + +Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl +konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater +Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und +gab ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied +küßte er seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und +machte sich zu Fuß auf den Rückweg. + +</P><P> + +Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem +Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei +seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, +an längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft +seiner Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des +Tages, wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. +Auf dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er +seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so um +Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit +der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern +ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen +Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um +die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine +Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges Gesicht, +das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich hinlächelte. +Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger eine Weile in +seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange war das nun her! +Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre er jetzt +dreißig Jahre alt! + +</P><P> + +Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu +sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem vielen +Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die zärtlichen +Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen Augenblick lang +verspürte er das Verlangen, den Umweg über den Friedhof zu +machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur +noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten +Wege nach Hause. + +</P><P> + +Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn +stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu +erspähen. Die alte Magd empfing sie unter +Glückwünschen und bat um Entschuldigung, daß das +Mittagessen noch nicht ganz fertig sei. Sie lud die gnädige Frau +ein, einstweilen ihr neues Heim in Augenschein zu nehmen. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Fünftes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie der +Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur, +gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel, +ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem +Winkel auf dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von +trocken gewordnem Straßenschmutz. Rechter Hand lag die +„Große Stube“, das heißt der Raum, in dem die +Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich als Wohnzimmer diente. +An den Wänden bauschte sich allenthalben die schlecht +aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der Decke durch +eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern +überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote +Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine +Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten +Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen. + +</P><P> + +Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines +Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei +Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines +Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die +Bände des „Medizinischen Lexikons“ ausgefüllt, +die unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen +Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte +Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang +Buttergeruch aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, +während man dort hören konnte, wenn die Patienten husteten +und ihre langen Leidensgeschichten erzählten. + +</P><P> + +Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein +großes verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als +Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit +altem Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und +einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen +kaum mehr ansehen konnte. + +</P><P> + +Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, +dehnte sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten +begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. Mitten +im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr darauf, auf +einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen Heckenrosen +umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem +Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand +eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft. + +</P><P> + +Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war +überhaupt nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen +Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein +Himmelbett aus Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit +Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster +leuchtete in einer Kristallvase ein Strauß von +Orangenblüten, umwunden von einem Seidenbande: ein +Hochzeitsbukett, die Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie. +Karl bemerkte es, nahm den Strauß aus der Vase und trug ihn auf +den Oberboden. Währenddem saß sie in einem Lehnstuhl. Ihr +eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das in einer Schachtel +verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in das Zimmer und baute +sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, was wohl mit +ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch bald +stürbe. + +</P><P> + +In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei +Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken +von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen +und Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum. + +</P><P> + +Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem +Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl +wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade +eine Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von +neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein +Dogcart. + +</P><P> + +So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der +Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der +Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band +im Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze +hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von +denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen +könnten, all das trug dazu bei, daß sein Glück nicht +aufhörte. Frühmorgens im Bette, Seite an Seite mit ihr auf +demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch den +blonden Flaum ihrer von den Haubenbändern halbverdeckten Wangen +huschten. So aus der Nähe kamen ihm ihre Augen viel +größer vor, besonders beim Erwachen, wenn sich ihre Lider +mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten +sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau am lichten Tage; in +ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während sie sich nach der +schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein eigenes Auge verlor +sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz klein, bis an +die Schultern, mit dem Seidentuche, das er sich um den Kopf +geschlungen hatte, und dem Kragen seines offen stehenden Nachthemdes. + +</P><P> + +Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um +ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das Fensterbrett +gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie leicht +umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der +Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. +Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem +sie mit ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den +Geranien abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und +schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel +und blieb schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne +der alten Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der +Haustüre wartete. Karl saß auf und warf seiner Frau eine +Kußhand zu. Sie antwortete winkend und schloß das +Fenster. Er ritt ab. + +</P><P> + +Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in +den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache +schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die +Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische +Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der +Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, — da +genoß er all sein Glück abermals, just wie einer, der nach +einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er +bereits verdaut, noch auf der Zunge hat. + +</P><P> + +Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er +denn im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge +hoher Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, +die reicher und stärker waren als er, über seine +bäuerische Aussprache lachten, sich über seinen Anzug +lustig machten und zur Besuchszeit mit ihren Müttern plauderten, +die mit Kuchen in der Tasche kamen? Oder etwa später als Student +der Medizin, wo er niemals Geld genug im Beutel gehabt hatte, um +irgendein kleines Mädel zum Tanz führen zu können, das +seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der vierzehn +Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße im +Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß +er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. +Seine Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen +Unterrocks, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht +genug. Und so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. +Spornstreichs ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit +klopfendem Herzen ... Emma saß in ihrem Zimmer bei der +Toilette. Er schlich sich auf den Fußspitzen von hinten an sie +heran und küßte ihr den Nacken. Sie stieß einen +Schrei aus. + +</P><P> + +Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, ihr +Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie +tüchtig auf die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner +Küsse gleichsam aneinander, die ihren nackten Arm in seiner +ganzen Länge von den Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter +bedeckten. Sie wehrte ihn ab, lächelnd und gelangweilt, wie man +ein kleines Kind zurückdrängt, das sich an einen +anklammert. + +</P><P> + +Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu +empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe +erwartete, ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht +haben. So dachte sie. Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, +wo eigentlich in der Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den +Romanen mit den Worten Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch +so verlockend geschildert wird. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Sechstes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Emma hatte „Paul und Virginia“ gelesen und in ihren +Träumereien alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den +Neger Domingo, den Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die +zärtliche Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, +der für sie rote Früchte auf überturmhohen Bäumen +pflückte und barfuß durch den Sand gelaufen kam, ihr ein +Vogelnest zu bringen. + +</P><P> + +Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt, um +sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im Viertel +Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt bekamen, +auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von +Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, +hier und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten +Frömmigkeit, Gefühlsüberschwang und höfischen +Prunk. + +</P><P> + +In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich nicht +im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft der +gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein +Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom +Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den Freistunden +spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie alsbald +sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die dem Herrn +Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in die +Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben und +unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und +Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen +Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der +Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe +zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau +umränderten Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in +das kranke Lamm Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und +in den armen Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, +zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag +lang ohne Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um +irgendein Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte. + +</P><P> + +Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, +nur damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände +gefaltet, das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem +flüsternden Priester. Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom +Gemahl, vom himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in +den Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele +geheimnisvolle süße Schauer. + +</P><P> + +Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen +Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen +Geschichte oder aus den „Stunden der Andacht“ des +Abbé Frayssinous und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands +„Geist des Christentums“. Wie andachtsvoll lauschte sie +bei den ersten Malen den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, +die wie ein Echo aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas +Kindheit im Hinterstübchen eines Kramladens in einem +Geschäftsviertel dahingeflossen, dann wäre das junge +Mädchen vermutlich der Naturschwärmerei verfallen, die +zumeist in literarischer Anregung ihre Quelle hat. So aber kannte sie +das Land zu gut: das Blöken der Herden, die Milch- und +Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge gewöhnt, gewann sie +eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte: das Abenteuerliche. +So liebte sie das Meer einzig um der wilden Stürme willen und +das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein Dasein fristete. Es +war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen egoistischen +Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz +beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente. Ihre +Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte +lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach. + +</P><P> + +Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier Wochen +auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da sie +einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution zugrunde +gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert. Sie +aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern, und +pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen, +bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß +sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die +Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem <TT>ancien +régime</TT> auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, +ohne dabei ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie +erzählte Geschichten, wußte stets Neuigkeiten, +übernahm allerhand Besorgungen in der Stadt und lieh den +größeren Mädchen Romane, von denen sie immer ein paar +in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den Ruhepausen +ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber schnell +ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften, Liebhabern, +Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in einsamen Pavillonen +ohnmächtig, und von Postillionen, die an allen Ecken und Enden +gemordet wurden, von edlen Rossen, die man auf Seite für Seite +zuschanden ritt, von düsteren Wäldern, Herzenskämpfen, +Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von +Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Büschen, von +hohen Herren, die wie Löwen tapfer und sanft wie Bergschafe +waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer köstlich +gekleidet und ganz unbeschreiblich tränenselig. Ein halbes Jahr +lang beschmutzte sich die fünfzehnjährige Emma ihre Finger +mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott +in die Hände, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen +Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Rittersälen und +Minnesängern. Am liebsten hätte sie in einem alten +Herrensitze gelebt, gehüllt in schlanke Gewänder wie jene +Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gestützt und +das Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage verträumten +und in die Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein +Rittersmann mit weißer Helmzier dahergestürmt käme +auf einem schwarzen Roß. Damals trieb sie einen wahren Kult mit +Maria Stuart; ihre Verehrung von berühmten oder +unglücklichen Frauen ging bis zur Schwärmerei. Die Jungfrau +von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die schöne Ferronnière +und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem +grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse. Fast ganz im +Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in ihrer +Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende +Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwigs des Elften, irgendeine +Szene aus der Bartholomäusnacht, der Helmbusch Heinrichs des +Vierten, dazu unauslöschlich die Erinnerung an die gemalten +Teller mit den Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten. + +</P><P> + +In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die +Rede von Englein mit goldenen Flügeln, von Madonnen, Lagunen und +Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr +Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die +Realitäten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber +der Sentimentalität. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten +lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als Neujahrsgeschenke +bekommen hatten. Daß man sie heimlich halten mußte, war +die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen. Emma nahm die +schönen Atlaseinbände nur behutsam in die Hand und +ließ sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, +die ihre Beiträge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. +Das Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin +leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre Seite +sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in einem +Mäntelchen, wie er hinter der Brüstung eines Altans ein +weiß gekleidetes junges Mädchen mit einer Tasche am +Gürtel an sich drückte; auf anderen waren Bildnisse von +ungenannten blondlockigen englischen Ladys, die unter runden +Strohhüten mit großen hellen Augen hervorschauten. Andre +sah man in flotten Wagen durch den Park fahren, wobei ein Windspiel +vor den Pferden hersprang, die von zwei kleinen Grooms in +weißen Hosen kutschiert wurden. Andre träumten auf dem +Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und himmelten durch das halb +offene, schwarz umhängte Fenster den Mond an. Wieder andre, +Unschuldskinder, krauten, eine Träne auf der Wange, durch das +Gitter eines gotischen Käfigs ein Turteltäubchen oder +zerzupften, den Kopf verschämt geneigt, mit koketten Fingern, +die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine +Marguerite. Alles mögliche andre zeigten die übrigen +Stiche: Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen +in den Armen; Giaurs, Türkensäbel, phrygische Mützen, +nicht zu vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen +Palmen und Fichten, Tiger und Löwen friedlich beieinanderstehen, +und Minaretts am Horizonte und römische Ruinen im Vordergrunde +eine Gruppe lagernder Kamele überragen, während auf der +einen Seite ein wohlgepflegtes Stück Urwald steht, auf der +andern ein See, eine Riesensonne mit stechenden Strahlen darüber +und auf seiner stahlblauen, hie und da weiß aufschäumenden +Flut, in die Ferne verstreut, gleitende Schwäne ... + +</P><P> + +Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Häupten an der Wand +hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem +andern an ihr vorüberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die +kein Geräusch drang, höchstens das ferne Rollen eines +späten Fuhrwerks. + +</P><P> + +Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie +ließ sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen +fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmütiger +Betrachtungen über das Leben und bat ihn, man möge sie +dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei +krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, +daß sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen +Regionen einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen +niemals gelangen. Sie verlor sich in Lamartinischen +Rührseligkeiten, hörte Harfenklänge über den +Weihern und Schwanengesänge, die Klagen des fallenden Laubes, +die Himmelfahrten jungfräulicher Seelen und die Stimme des +Ewigen, die in den Tiefen flüstert. + +</P><P> + +Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs +einzugestehen, und so blieb sie dabei zunächst aus Gewohnheit, +dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, +daß sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und daß +ihr Herz ebensowenig schwermütig war wie ihre jugendliche Stirne +runzelig. + +</P><P> + +Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission gehofft +hatten, bemerkten zu ihrem höchsten Befremden, daß +Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen +drohte. Man hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, +Predigten und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, +welch große Verehrung die Heiligen und Märtyrer +genössen, und ihr zu vorzügliche Ratschläge gegeben, +wie man den Leib kasteie und die Seele der ewigen Seligkeit +zuführe; und so ging es mit ihr wie mit einem Pferd, das man zu +straff an die Kandare genommen hat: sie blieb plötzlich stehen +und machte nicht mehr mit. + +</P><P> + +Bei aller Schwärmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie +hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte +und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr +Geist empörte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch +mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem +tiefsten Wesen völlig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem +Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand +sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der +Schwesternschaft recht fehlen lassen. + +</P><P> + +Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mädchen zunächst +darin, das Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des +Landlebens überdrüssig, und nun sehnte sie sich nach dem +Kloster zurück. Als Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie +just überzeugt, daß sie alle Illusionen verloren habe, +daß es nichts mehr auf der Welt gäbe, was ihr Hirn oder +Herz rühren könne. Dann aber waren das mit jedem neuen +Zustande verbundene wirre Gefühl und die Unruhe, die sich ihrer +diesem Manne gegenüber bemächtigte, stark genug, um in ihr +den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in +ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein Riesenvogel mit +rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit himmlischer Traumfernen +geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, hatte sie keine Kraft zu +glauben, daß die Friedsamkeit, in der sie hinlebte, das +erträumte Glück sei. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Siebentes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten +Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu sagen +pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene +Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen +nach der Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man +fährt gemächlich in einer Postkutsche mit blauseidnen +Vorhängen die Gebirgsstraßen hinauf und lauscht dem Lied +des Postillions, das in den Bergen zusammen mit den Herdenglocken und +dem dumpfen Rauschen des Gießbachs sein Echo findet. Wenn die +Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft der Limonen, und dann nachts +steht man auf der Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit +verschlungenen Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut +Luftschlösser. Es kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel +Heimstätten des Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur +an sonnigen Orten gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr +nicht beschieden, sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu +lehnen oder ihre Trübsal in einem schottischen Landhause zu +vergessen, an der Seite eines Gatten, der einen langen schwarzen +Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und Manschettenhemden +trüge? + +</P><P> + +Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen +mögen. Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich +aller Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der +Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die +Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, +wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein +einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich +alles das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie +eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So +aber ward die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, +immer größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde. + +</P><P> + +Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der +Straße: Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die +niemanden rührten, über die kein Mensch lachte, die nie +einen Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte +er, hätte er niemals den Drang verspürt, ein Pariser +Gastspiel im Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch +fechten; er war auch kein Pistolenschütze, und gelegentlich kam +es zutage, daß er Emma einen Ausdruck des Reitsports nicht +erklären konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Muß +ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf allen Gebieten bewandert +sein und seine Frau in die großen Leidenschaften des Lebens, in +seine erlesensten Genüsse und in alle Geheimnisse einweihen? Der +ihre aber lehrte sie nichts, verstand von nichts und erstrebte +nichts. Er glaubte, sie sei glücklich, indes sie sich über +seine satte Trägheit empörte, seinen zufriedenen +Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie ihm +gewährte. + +</P><P> + +Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen und +zuzusehn, wie sie sich über das Blatt beugte oder wie sie die +Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit den +Fingern Brotkügelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte. +Wenn sie am Klavier saß, war sein Entzücken um so +größer, je geschwinder ihre Hände über die +Tasten sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum +und machte ein Höllenkonzert. Das alte Instrument dröhnte +und wackelte, und wenn das Fenster offen stand, hörte man das +Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im bloßen Kopfe +und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, über die Straße +humpelte, blieb stehen und lauschte. + +</P><P> + +Dabei war Emma eine vorzügliche Hausfrau. Sie schickte die +Liquidationen an die Patienten aus und zwar in höflichster +Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie Sonntags +irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wußte sie es +immer einzurichten, daß etwas Besonderes auf den Tisch kam. Sie +schichtete auf Weinblättern Pyramiden von Reineclauden auf und +verstand, die eingezuckerten Früchte so aus ihren Büchsen +zu stürzen, daß sie noch in der Form serviert wurden. +Demnächst sollten auch kleine Waschschalen für den +Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie das +öffentliche Ansehen ihres Mannes. Schließlich fing er +selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er solch +eine Frau besaß. Mit Stolz zeigte er zwei kleine +Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich breite Rahmen hatte +fassen lassen und in der Großen Stube an langen grünen +Schnuren an den Wänden aufgehängt hatte. Wenn die Kirche zu +Ende war, sah man Herrn Bovary in schöngestickten Hausschuhen +vor der Haustüre stehen. + +</P><P> + +Er kam spät heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann +aß er noch zu Abend, und da das Dienstmädchen bereits +Schlafen gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen +Rock auszuziehen und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend +zählte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsüber +begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und +wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit +sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, +schabte sich den Käse sauber, schmauste einen Apfel und trank +die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und +zu schnarchen begann. Wenn er frühmorgens aufmachte, hing ihm +das Haar wirr über die Stirn. + +</P><P> + +Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knöchelgegend zwei +Falten hatten; in den Schäften waren sie steif und geradlinig, +als ob ein Holzbein drinnen stäke. Er pflegte zu sagen: +„Die sind hier auf dem Lande gut genug!“ + +</P><P> + +Seine Mutter bestärkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam +sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mißlichkeiten +gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre +Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr „für +ihre Verhältnisse ein bißchen zu großartig.“ +Mit Holz, Licht und dergleichen werde „wie in einem +herrschaftlichen Hause gewüstet.“ Und mit den Kohlen, die +in der Küche verbraucht würden, könne man zwei Dutzend +Gänge kochen! Sie ordnete ihr den Wäscheschrank und hielt +Vorträge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen habe, +wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren hin, aber +die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem. Die von +beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden „Liebe +Tochter“ und „Liebe Mutter!“ standen in Widerspruch +zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten +mit vor Groll zitternder Stimme. + +</P><P> + +Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in den +Hintergrund gedrängt gefühlt, jetzt aber kam ihr Karls +Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie +ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glück ihres +Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener auf +den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte ihn +durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst für ihn gesorgt und +abgemüht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit +leiste Emma viel weniger für ihn, und darum wäre seine +ausschließliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt. + +</P><P> + +Karl wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine +Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art über alle +Maßen. Was die eine sagte, galt ihm für unfehlbar; +gleichwohl fand er an der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary +wieder abgereist war, machte er schüchterne Versuche, die oder +jene ihrer Bemerkungen wörtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm +dann mit wenigen Worten, daß er im Irrtum sei, und meinte, er +solle sich lieber seinen Patienten widmen. + +</P><P> + +Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen, +Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei +Mondenschein zusammen im Garten saßen, sagte sie verliebte +Verse her, soviel sie nur auswendig wußte, oder sie sang eine +schwermütige gefühlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich +selber nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar +weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst. + +</P><P> + +Das waren vergebliche Versuche, eine große Leidenschaft zu +entfachen. Im übrigen war Emma unfähig, etwas zu verstehen, +was sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was +nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein, +Karls Liebe sei nicht mehr übermäßig stark. In der +Tat gewannen seine Zärtlichkeiten eine gewisse +Regelmäßigkeit. Er schloß seine Frau zu ganz +bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine Gewohnheit wie +alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen muß, weil er +auf der Menükarte steht. + +</P><P> + +Ein Waldwärter, den der Herr Doktor von einer +Lungenentzündung geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein +junges italienisches Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre +Spaziergänge. Mitunter ging sie nämlich aus, um einmal eine +Weile für sich allein zu sein und nicht in einem fort bloß +den Garten und die staubige Landstraße vor Augen zu haben. + +</P><P> + +Sie wanderte meist bis zum Buchenwäldchen von Banneville, bis zu +dem leeren Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo +die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen +gewöhnlichen Gräsern hohes Schilf mit langen scharfen +Blättern. Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob +sich seit ihrem letzten Hiersein etwas verändert habe. Es war +immer alles so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf +seinem Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die +Brennesseln, die in Büscheln die großen Kieselsteine +umwucherten, und die Moosflächen unter den drei Pavillonfenstern +mit ihren immer geschlossenen morschen Holzläden und rostigen +Eisenbeschlägen. Nun schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, +wie die Sprünge ihres Windspiels, das sich in großen +Kreislinien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankläffte, +Feldmäusen nachstellte und die Mohnblumen am Raine des +Kornfeldes anknabberte. Allmählich gerieten ihre Grübeleien +in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase saß +und es mit der Stockspitze ihres Sonnenschirmes ein wenig +aufwühlte, sagte sie sich immer wieder: „Mein Gott, warum +habe ich eigentlich geheiratet?“ + +</P><P> + +Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht möglich gewesen +wäre durch irgendwelche andre Fügung des Schicksals, +daß sie einen andern Mann hätte finden können. Sie +versuchte sich vorzustellen, was für ungeschehene Ereignisse +dazu gehört hätten, wie dieses andre Leben geworden +wäre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen hätte. In +keinem Falle so wie Karl! Er hätte elegant, klug, vornehm, +verführerisch aussehen müssen; so wie zweifellos die +Männer, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet +hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im +Getümmel des Straßenlebens, im Stimmengewirr der Theater, +im Lichtmeere der Bälle, da lebten sie sich aus und ließen +die Herzen und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie +verkümmerte wie in einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie +eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen +Herzens. + +</P><P> + +Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah +sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen +ausgehändigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weißen Kleid und +ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie +zu ihrem Platze zurückging, hatten ihr die anwesenden Herren +galant zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und +durch den Wagenschlag hatte man ihr „Auf Wiedersehn!“ +zugerufen. Und der Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte +im Vorübergehen den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurück +war das alles! Ach, wie so weit! + +</P><P> + +Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß und streichelte seinen +schmalen feinlinigen Kopf. + +</P><P> + +„Komm!“ flüsterte sie. „Gib Frauchen einen +Kuß! Du, du hast keinen Kummer!“ + +</P><P> + +Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmütig aussehende Gesicht +des schlanken Tieres. Es gähnte behaglich. Aber sie bildete sich +ein, das Tier habe auch einen Kummer. Die Rührung überkam +sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu +jemandem, den man in seiner Betrübnis trösten will. + +</P><P> + +Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mächtig +über das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande +hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu Boden, +fliehende Schauer raschelten durch das Blätterwerk der Buchen, +während sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort laut +rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und erhob sich. + +</P><P> + +In der Allee, über dem teppichartigen Moos, das unter Emmas +Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grünen +Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der rote +Himmel flammte hinter den braunen Stämmen, die in Reih und Glied +kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Säulenganges an +einer goldnen Wand entlang erzeugten. + +</P><P> + +Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, auf +die Landstraße und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen +Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort. + +</P><P> + +Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in ihrem +Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu dem +Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der Restauration +Staatssekretär gewesen war, wollte von neuem eine politische +Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in das +Abgeordnetenhaus vor. Im Winter ließ er große Mengen Holz +verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit dem +höchsten Eifer für neue Straßenbauten im Bezirk ein. +Während des letzten Hochsommers hatte er ein Geschwür im +Munde bekommen, von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen +einzigen Einstich befreit hatte. Der Privatsekretär des Marquis +war bald darauf nach Tostes gekommen, um das Honorar für die +Operation zu bezahlen, und hatte abends nach seiner Rückkehr +erzählt, daß er in dem kleinen Garten des Arztes herrliche +Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschbäume in +Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat sich von Bovary einige +Ableger und hielt es daraufhin für seine Pflicht, sich +persönlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand +ihre Figur entzückend und die Art, wie sie ihn empfing, durchaus +nicht bäuerisch. Und so kam man im Schlosse zu der Ansicht, es +sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, wenn man das junge +Ehepaar einmal einlüde. + +</P><P> + +An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren +Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrücks war ein +großer Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag +eine Hutschachtel. Außerdem hatte Karl noch einen Pappkarton +zwischen den Beinen. + +</P><P> + +Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schloßpark die +Laternen am Einfahrtswege anzündete, kamen sie an. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Achtes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Vor dem Schloß, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei +vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine +ungeheure Rasenfläche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen +denen etliche Kühe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen +hindurch, beschattet von allerlei Gebüsch in verschiedenem +Grün, Rhododendren, Flieder- und Schneeballsträuchern. +Unter einer Brücke floß ein Bach. Weiter weg, verschwommen +im Abendnebel, erkannte man ein paar Häuser mit +Strohdächern. Die große Wiese ward durch längliche +kleine Hügel begrenzt, die bewaldet waren. Versteckt hinter +diesem Gehölz lagen in zwei gleichlaufenden Reihen die +Wirtschaftsgebäude und Wagenschuppen, die noch vom ehemaligen +Schloßbau herrührten. + +</P><P> + +Karls Wäglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft +erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und +geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle. +Geräusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer +Kirche. Dem Eingange gegenüber stieg geradeaus eine breite +Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem +Garten hinaus, die zum Billardzimmer führte; schon von weitem +vernahm man das Karambolieren der elfenbeinernen Bälle. Durch +das Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah +Emma Herren in würdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn +vergraben in den Krawatten, alle mit Ordensbändchen. Schweigsam +lächelnd handhabten sie die Queues. + +</P><P> + +Auf dem düsteren Holzgetäfel der Wände hingen +große Bilder in schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen +Inschriften. Eine lautete: + +</P> + +<DIV ALIGN="CENTER"> +<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1"> +<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville,<BR> +Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye,<BR> +gefallen in der Schlacht von Coutras<BR> +am 20. Oktober 1587.</TD> +</TR> +</TABLE> +</DIV> + +<P> + +Eine andre: + +</P> + +<DIV ALIGN="CENTER"> +<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1"> +<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers<BR> +und Vaubyessard, Admiral von Frankreich,<BR> +Ritter des Sankt-Michel-Ordens,<BR> +verwundet bei Saint Vaast de la Hougue<BR> +am 29. Mai 1692,<BR> +gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693</TD> +</TR> +</TABLE> +</DIV> + +<P> + +Die übrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht +der Lampen auf das grüne Tuch des Billards konzentrierte und das +Zimmer im Dunkeln ließ. Nur ein schwacher Schein hellte die +Gemäldeflächen auf, deren sprüngiger Firnis mit diesem +feinen Schimmer spielte. Und so traten aus allen den großen +schwarzen goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher +und heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort +eine gepuderte Allongeperücke über der Schulter eines roten +Rockes und anderswo die Schnalle eines Kniebandes über einer +strammen Wade. + +</P><P> + +Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen +— es war die Schloßherrin selbst — erhob sich, ging +Emma entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, +und begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine +alte Bekannte vor sich hätte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; +sie hatte hübsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas +schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie über ihrem +kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig in +den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle, +saß eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den +Röcken, waren im Gespräche mit den Damen. Alle saßen +sie um den Kamin herum. + +</P><P> + +Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl +da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die Damen, +der Marquis und die Marquise an der andern im Eßzimmer. Als +Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Düften und +Gerüchen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und +Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen liebäugelten mit +dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gläsern und Schalen +tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe +von Blumensträußen. Aus den Falten der Servietten, die in +der Form von Bischofsmützen über den breitrandigen Tellern +lagen, lugten ovale Brötchen. Hummern, die auf den großen +Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In +durchbrochenen Körbchen waren riesige Früchte +aufgetürmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend +aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strümpfen, Kniehosen +und weißer Krawatte, reichte mit Grandezza und großem +Geschick die Schüsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben +sah regungslos die bis zum Kinn verhüllte Göttin herab, die +auf dem mächtigen, bronzegeschmückten Porzellanofen +thronte. + +</P><P> + +Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, saß, +über seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die +Serviette nach Kinderart um den Hals geknüpft hatte. Die Sauce +tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er trug +noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war. Das war +der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von +Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste +in Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des +Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der +Königin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von +Coigny und der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein +wüstes Leben hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten +und Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem +der Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem +Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für +Gerichte zu essen gab. + +</P><P> + +Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten +Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz +Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des +Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin +geschlafen! + +</P><P> + +Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen +Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. +Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß +sie Ananas. Selbst der gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam +ihr weißer und feiner vor denn anderswo. + +</P><P> + +Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich +zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste +Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr +Haar ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann +schlüpfte sie in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet +bereitlag. + +</P><P> + +Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt. + +</P><P> + +„Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen +stören!“ meinte er. + +</P><P> + +„Du willst tanzen?“ entgegnete ihm Emma. + +</P><P> + +„Na ja!“ + +</P><P> + +„Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß +auslachen. Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das +viel besser für einen Arzt“, fügte sie hinzu. + +</P><P> + +Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und +her und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über +ihren Rücken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. +Ihre schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar +war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem +bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche +Rose, mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr +mattgelbes Kleid ward durch drei Sträußchen von Moosrosen +mit Grün darum belebt. + +</P><P> + +Karl küßte sie von hinten auf die Schulter. + +</P><P> + +„Laß mich!“ wehrte sie ab. „Du +zerknüllst mir alles!“ + +</P><P> + +Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die +Treppe hinunter, am liebsten wäre sie gerannt. + +</P><P> + +Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt +voller Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich +unweit der Tür auf einen Diwan. + +</P><P> + +Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur Gruppen +plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große Platten +herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die bemalten +Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur +Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der +Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen +Handschuhen, an denen die Konturen der Fingernägel ihrer +Trägerinnen hervortraten, während das eingepreßte +Fleisch nur in den Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die +Brillantbroschen, die Armbänder mit Anhängseln wogten an +den Miedern, glitzerten an den Brüsten und klapperten an den +Handgelenken. Die Damen trugen im Haar, das durchweg glatt und im +Nacken geknotet war, Vergißmeinnicht, Jasmin, +Granatblüten, Ähren und Kornblumen in Kränzen, +Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten +die Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen. + +</P><P> + +Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den +Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. +Beim ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre +Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit +einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei besonders +zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes +Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente +schwiegen, hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der +Goldstücke auf den Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit +einem Male wieder voll einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen +Takte weiter; die Röcke der Tänzerinnen bauschten sich und +streiften einander, Hände suchten und mieden sich, und dieselben +Blicke, die eben schüchtern gesenkt waren, fanden ihr Ziel. + +</P><P> + +Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren +stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- +und sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von +den andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus +feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet +die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene +weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, +schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch +sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre +Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten +Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den +älteren unter diesen Herren haftete Jugendlichkeit an, +während den Gesichtern der jüngeren eine gewisse Reife +eigen war. In ihren gleichgültigen Blicken spiegelte sich die +Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und hinter ihren glatten +Manieren schlummerte das brutale eitle Herrentum, das sich im Umgange +mit Rassepferden und leichten Damen entwickelt und kräftigt. + +</P><P> + +Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in blauem +Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame +über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt +Peter, von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den +Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem andern +Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend Dinge +nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der +vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus +„geschlagen“ und durch einen „famosen +Grabensprung“ vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer +beklagte sich, seine „Rennschinder“ seien „nicht im +Training“, und ein dritter jammerte über einen Druckfehler +in der „Sportwelt“, der den Namen eines seiner +„Vollblüter“ verballhornt habe. + +</P><P> + +Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten fahler. +Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf einen +Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus +Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben +veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von +draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das +elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem +Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den +Apfelbäumen und sich selber ganz wie einst, wie sie in der +Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. +Aber im Strahlenglanz der gegenwärtigen Stunde starb die eben +noch so klare Erinnerung an ihr früheres Leben schnell wieder; +es je gelebt zu haben, kam ihr fast unmöglich vor. Hier, hier +lebte sie, und was über diesen Ballsaal hinaus existieren +mochte, das lag für sie im tiefsten Dunkel ... + +</P><P> + +Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer +vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb +schloß und den goldnen Löffel lange zwischen den +Zähnen behielt. Neben ihr ließ eine Dame ihren Fächer +zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging vorüber. + +</P><P> + +„Sie wären sehr gütig, mein Herr,“ sagte die +Dame, „wenn Sie mir meinen Fächer aufheben wollten. Er ist +unter dieses Sofa gefallen.“ + +</P><P> + +Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem +Fächer langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas +weißes, dreieckig Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er +überreichte ihr den aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie +dankte mit einem leichten Neigen des Kopfes und barg schnell ihr +Gesicht in den Blumen ihres Straußes. + +</P><P> + +Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und +Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la +Trafalgar und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert, +begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer +einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob, +konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es +saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer +war noch Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger +ab. Karl stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe. + +</P><P> + +Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht. +Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die +Marquise tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht +bleibenden Gäste da, etwa ein Dutzend Personen. + +</P><P> + +Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg +„Vicomte“ nannte — die weitausgeschnittene Weste +saß ihm wie angegossen — Frau Bovary zum Tanz +aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte bat abermals, indem er +versicherte, er würde sie sicher führen und es würde +vortrefflich gehen. + +</P><P> + +Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. +Schließlich wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: +die Lichter, die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob +sie in der Mitte eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar +dicht an einer der Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas +Schleppe um das Bein ihres Tänzers. Sie fühlten sich beide +und blickten sich einander in die Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. +Sie wollte stehen bleiben. Aber es ging weiter: der Vicomte raste nur +noch rascher mit ihr dahin, bis an das Ende der Galerie, wo Emma, +völlig außer Atem, beinahe umsank und einen Augenblick +lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. Dann brachte er sie, von +neuem, aber ganz langsam tanzend, an ihren Platz zurück. Es +schwindelte ihr; sie mußte den Rücken anlehnen und ihr +Gesicht mit der einen Hand bedecken. + +</P><P> + +Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte +des Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während +drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der +Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein. + +</P><P> + +Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch +einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das +Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung, +kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus +gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher +ermüdeten die Zuschauer. + +</P><P> + +Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte +man sich „Gute Nacht“ oder vielmehr „Guten +Morgen“, und alles ging schlafen. + +</P><P> + +Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich +„die Beine in den Bauch gestanden.“ Ohne sich zu setzen, +hatte er sich fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen +aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem +Spiel zu verstehen. Und so stieß er einen mächtigen +Seufzer der Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel +entledigt hatte. + +</P><P> + +Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster +und lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen +fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider +kühlte. Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma +hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, +ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ... + +</P><P> + +Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den +Fensterreihen des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu +erraten, wo die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend +beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu +wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen. + +</P><P> + +Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich +und schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten. + +</P><P> + +Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte +zehn Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte. + +</P><P> + +Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die +angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den +Schwänen auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der +Fütterung begab man sich in das Gewächshaus, mit seinen +seltsamen Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von +dieser führte ein Ausgang in den Wirtschaftshof. + +</P><P> + +Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der +Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren +Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben die +Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen stehen, +und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. Die Dielen +in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst wie +Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des Raumes auf +drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen, +Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu +Reihen an den Wänden hingen. + +</P><P> + +Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. +Sodann fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das +Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und +der Marquise. Und heim ging es nach Tostes. + +</P><P> + +Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf +dem äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit +abstehenden Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in +seiner Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel +tanzten auf der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der +hinten angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in +einem fort im Takte an den Wagenkasten. + +</P><P> + +Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein +paar Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. +Emma glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie +vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich +vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder +bewegten. + +</P><P> + +Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die +zerrissene Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das +ganze Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den +Beinen seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine +Zigarrentasche auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf +der Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschmückt. + +</P><P> + +„Es sind sogar zwei Zigarren drin!“ sagte er. „Die +kommen heute abend nach dem Essen dran!“ + +</P><P> + +„Du rauchst demnach?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Manchmal! Gelegentlich!“ + +</P><P> + +Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der +Peitsche. + +</P><P> + +Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig. Frau +Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste Antwort. + +</P><P> + +„Scheren Sie sich fort“ rief Emma. „Sie machen sich +über mich lustig. Sie sind entlassen!“ + +</P><P> + +Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl +saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und +meinte vergnügt: + +</P><P> + +„Zu Hause ists doch am schönsten!“ + +</P><P> + +Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das +arme Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner +Witwerzeit, hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. +Sie war seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in +der ganzen Gegend. + +</P><P> + +„Hast du ihr im Ernst gekündigt?“ fragte er nach +einer Weile. + +</P><P> + +„Gewiß! Warum soll ich auch nicht?“ gab Emma zur +Antwort. + +</P><P> + +Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, +während die Große Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. +Karl brannte sich eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen +Lippen und spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er +sich zurück, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg. + +</P><P> + +„Das Rauchen wird dir nicht bekommen!“ bemerkte Emma +verächtlich. + +</P><P> + +Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank +gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die +Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes. + +</P><P> + +Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste! + +</P><P> + +Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf +und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem +Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich +alle diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie +weit hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich +zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft +drängte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen +tiefen Riß gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der +Sturm zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. +Trotzdem kam eine gewisse Resignation über sie. Wie eine +Reliquie verwahrte sie ihr schönes Ballkleid in ihrem Schranke, +sogar die Atlasschuhe, deren Sohlen vom Parkettwachs eine +bräunliche Politur bekommen hatten. Emmas Herz ging es wie +ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum war etwas daran haften +geblieben für immerdar. + +</P><P> + +An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre +Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken +auf: „Ach, heute vor acht Tagen war es!“ — +„Heute vor vierzehn Tagen war es!“ — „Heute +vor drei Wochen war es!“ Allmählich aber verschwammen in +ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse +gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen ihr. Sie +vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen +hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre +Sehnsucht blieb zurück. + +</P> +<P></P> + +<CENTER> +<H2>Neuntes Kapitel</H2> +</CENTER> + +<P></P><P> + +Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene +Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche +verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar +den Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem +mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein +Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf +einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, +in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der +träumerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch +von Liebe wehte aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine +Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese +kleinen Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen +Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die Tasche +mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als sie noch +auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen und Stutzuhren +aus den Zeiten der Pompadour lag? + +</P><P> + +Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von Tostes! +Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name! Paris! Sie +flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte ihr +Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer +großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch +stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen. + +</P><P> + +Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße +vorbeifuhren mit ihren Karren und die „Majorlaine“ +sangen, ward sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der Räder, bis +die Wagen aus dem Dorfe hinaus waren und es wieder still wurde. + +</P><P> + +„Morgen sind sie in Paris!“ seufzte die Einsame. Und in +ihren Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, +durch Dörfer und Städte, immer die große Straße +hin in der lichten Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein +verschwommenes Ziel, wo ihre Träume versagten. Sie kaufte sich +einen Plan von Paris und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen +durch die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder +Straßenecke stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan +eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schließlich müde +wurden, schloß sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie +die Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor +dem Portal der Großen Oper donnernd vorfuhren. + +</P><P> + +Sie abonnierte auf den „Bazar“ und die +„Modenwelt“ und studierte auf das gewissenhafteste alle +Berichte über die Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie +war unterrichtet, wenn berühmte Sängerinnen Gastspiele +gaben oder neue Warenhäuser eröffnet wurden; sie kannte die +neuesten Moden, die Adressen der guten Schneider; sie wußte, an +welchen Tagen die vornehme Gesellschaft im Bois und in der Oper zu +finden war. Aus den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen +eingerichtet waren. Sie las Balzac und die George Sand, um wenigstens +in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte +diese Bücher sogar mit zu den Mahlzeiten und las darin, +während Karl aß und ihr erzählte. Und was sie auch +las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an den Vicomte. +Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand Beziehungen. +Aber allmählich erweiterte sich der Ideenkreis, dessen +Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen hatte, +erblich schließlich, um auf andren Idealgeschöpfen wieder +aufzuflammen. + +</P><P> + +Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, +so stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, +das sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf +ganz bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in +deutlichen Bildern sah. Neben diesen — man könnte sagen +— Symbolen des mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel +und Dämmerung zurück. + +</P><P> + +Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte sich +auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale +Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu +Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter +heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels +bildete sie sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche +Gesichter; man steht früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt +unglückliche Engel, tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; +die Männer, verkannte Genies, kokettierend mit der Maske der +Oberflächlichkeit, reiten aus Übermut ihre Vollblüter +zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und wenn +sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt +reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma träumte, war das +bunte Leben und Treiben der Künstler, Schriftsteller und +Schauspielerinnen, das sich in den separierten Zimmern der +Restaurants abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein +soupiert und sich austollt. Diese Menschen sind die Verschwender des +Lebens, Könige in ihrer Art, voller Ideale und Phantastereien. +Ihr Dasein verläuft hoch über dem Alltag, zwischen Himmel +und Erde, in Sturm und Drang. + +</P><P> + +Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut +wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens +standen, um so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was +sie unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen +armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam +ihr wie ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte +zufällig, und sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor +seinen Toren, da begann das weite, weite Reich der Seligkeiten und +Leidenschaften. In der Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust +und Luxus mit den Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung +mit Gefühlsfeinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich +wie die Pflanzen der Tropen, nicht ihres eigenen Bodens und ihrer +besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige Küsse, +Tränen, vergossen auf hingebungsvolle Hände, Fleischeslust +und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war ihr unzertrennlich +von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von +Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von +blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden +Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft. + +</P><P> + +Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen +Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, +um die Stute zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch +die Hausflur. Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie +zufrieden sein. Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag +über nicht wieder blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, +wenn er es geritten hatte, selbst einzustellen. Während er +Sattel und Zäumung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu +vor. + +</P><P> + +Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus +verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in +Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. +Sie zog sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte +sie, ein Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in +ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und +Bügeln der Wäsche und ließ sich von ihr beim +Ankleiden helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe +aus. Felicie — so hieß das neue Mädchen — +gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im Hause. Die Hausfrau +pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen. Felicie nahm +sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte sie, wenn +sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte. +Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich oben in ihrem +Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die Nachbarschaft klatschen. + +</P><P> + +Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge +und einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie +hätte schreiben können. Häufig besah sie sich im +Spiegel. Mitunter nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel +sie in Träumereien und ließ das Buch in den Schoß +sinken. Am liebsten hätte sie eine große Reise gemacht +oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben +und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in der gleichen Minute. + +</P><P> + +Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. +Er frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte +Krankenbetten, ließ sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut +spritzen, hörte dem Röcheln Sterbender zu, prüfte den +Inhalt von Nachttöpfen und zog so und so oft schmutzige Hemden +hoch. Abends aber fand er immer ein gemütliches Feuer im Kamin, +einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Großvaterstuhl +und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging von +ihr aus; wer weiß, was das war, ein Odeur, ihre Wäsche +oder ihre Haut? + +</P><P> + +Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. +Sie erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie +besetzte ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein +ganz gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm +herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt +hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. +Einmal sah sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten +allerlei Anhängsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein +andermal war es ihr Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei +große Vasen aus blauem Porzellan stehen zu haben, oder sie +wollte ein Nähkästchen aus Elfenbein mit einem vergoldeten +Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen begriff, so sehr +übten sie doch auch auf ihn eine verführerische Wirkung +aus. Sie erhöhten die Freuden seiner Sinnlichkeit und verliehen +seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es war, als ob +Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel. + +</P><P> + +Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand +längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht +stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus +und flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen +ein. Er war Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In +Wirklichkeit rührten seine Erfolge daher, daß er Angst +hatte, die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe +nur beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein +Abführmittel, ein Fußbad oder einen Blutegel verordnete. +In der Chirurgie war er allerdings ein Stümper. Er schnitt +drauflos wie ein Fleischermeister, und Zähne zog er wie der +Satan. + +</P><P> + +Um sich in seinem Handwerk „auf dem laufenden zu halten“, +war er auf die „Medizinische Wochenschrift“ abonniert, +von der ihm einmal ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der +Hauptmahlzeit nahm er sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme +Zimmerluft und die Verdauungsmüdigkeit brachten ihn +regelmäßig nach fünf Minuten zum Einschlafen. Das +Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine +Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe +zu. Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur +wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen +wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit +sechzig Jahren, wenn sich das Zipperlein einstellt, den +Verdienstorden in das Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen +Rockes gehängt bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre +war, hätte Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in +den Zeitungen, in ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen +Ehrgeiz. Ein Arzt aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam +konsultiert worden war, hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im +Beisein der Verwandten blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte +erzählte, war Emma maßlos empört über den +Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn. Die +Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor +Scham ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am +liebsten verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den +Gang hinaus, öffnete das Fenster und sog die kühle +Nachtluft ein. + +</P><P> + +„Ach, was habe ich für einen erbärmlichen +Mann!“ klagte sie leise vor sich hin und biß sich auf die +Lippen. + +</P><P> + +Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm +er allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch +zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen leckte +er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe +löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer +beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen +drohten allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu +verschwinden. + +</P><P> + +Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes +wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder beseitigte +ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch länger +angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er +wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus +nervöser Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. +Mitunter erzählte sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus +einem Roman oder aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus +dem Leben der oberen Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung +erhascht hatte. Schließlich war Karl wenigstens ein +aufmerksamer und geneigter Zuhörer, und sie konnte doch nicht +immer nur ihr Windspiel, das Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer +Kaminuhr zu ihren Vertrauten machen! + +</P><P> + +Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des +großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit +verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und +spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. +Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige +Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach +welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde, +welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches +Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er +fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten +beladen bis hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie +erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich +ereignen. Bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor +und war dann betroffen, daß es immer noch nicht kam, das +große Erlebnis. Wenn die Sonne sank, war sie jedesmal +tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den nächsten Tag. + +</P><P> + +Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer +wurden und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an +Beklemmungen. Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte +sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober +seien. Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder +einen Ball. Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein +Brief oder ein Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser +Enttäuschung war ihr Herz wieder leer, und das ewige Einerlei +ihres Lebens hub von neuem an. + +</P><P> + +Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die +Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, sollten +kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach auch das Leben +andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die Möglichkeit eines +außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer zieht +häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und +verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb +alles beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie +ein langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war +fest verriegelt. + +</P><P> + +Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer +hörte ihr denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in +einem Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem +Konzertflügel vor einer großen Zuhörerschaft +vorzutragen, ihre flinken Finger über die Elfenbeintasten +hinstürmen zu lassen und das Murmeln der Verzückung um sich +zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu also das +mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr Zeichengerät +und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles? Wem zuliebe? Auch +das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das Lesen ließ +sie. „Es ist immer wieder dasselbe!“ sagte sie sich. + +</P><P> + +Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins +oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel. + +</P><P> + +Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur Vesper +läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen +Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die +Dächer, gemächlich und langsam, und wo ein bißchen +Sonne war, machte sie einen Buckel. Auf der Landstraße blies +der Wind Staubwirbel auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem +dem, in einem fort, in gleichen Zeiträumen, der monotone +Glockenklang, der über den Feldern verhallte. + +</P><P> + +Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in Lackschuhen, +die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her laufenden Kinder +in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf +bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des +Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde. + +</P><P> + +Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben mit +Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch +mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag +über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die +Lampen brennen. + +</P><P> + +An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost +hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen +glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel sang. +Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh umwickelt, +und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste Schlangen. +Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte den +rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, und +graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht. + +</P><P> + +Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß +die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der +Wärme des Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete +schwerer auf ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem +Dienstmädchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz. + +</P><P> + +Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der +Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die +Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm +mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die +Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem +Dorfteiche vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die +Türklingel irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, +hörte man die Messingbecken, die als Aushängeschilder vor +dem Barbiergeschäfte hingen, an ihre Stange klirren. Das +Schaufenster schmückten ein altes auf Pappe ausgeklebtes +Modenkupfer und eine weibliche Wachsbüste mit einer gelben +Perücke. Der Friseur pflegte über seinen brotlosen Beruf +und seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein höchster +Traum war ein Laden in einer großen Stadt, etwa in Rouen, am +Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch wanderte er den +ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und +her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster +blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen Rock, die +Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her +patrouillieren. + +</P><P> + +Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers +ein sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen +Schnurrbarte und einem trägen Lächeln um den Mund, in dem +die Zähne leuchteten. Alsbald begann eine Walzermelodie aus +einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut +war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, +Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in +Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen +und Tischen, wobei sie sich in Spiegelstücken +vervielfältigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren. +Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und spähte dabei nach +rechts und links nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen +langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen die Prellsteine oder +stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe, dessen Gurt +ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald schwermütig +und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem +roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft ausgestanzten +Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es waren Melodien, +die gerade Mode waren und die man überall hörte, in den +Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt, +die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im +Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen. +Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre +Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu +Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden +Gaben in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen +Kasten mit einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den +Rücken und verließ das Dorf schweren Schrittes. Emma +schaute ihm lange nach. + +</P><P> + +Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer +unten im Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, +die Wände waren feucht und der Fußboden kalt. Die ganze +Bitternis ihres Daseins schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und +aus dem Dampf des ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der +Brodem ihres ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl +aß und aß, während sie ein paar Nüsse knackte +oder, auf die Ellenbogen gestützt, sich damit vergnügte, +mit der Messerspitze allerlei Linien in das Wachstuch zu kritzeln. + +</P><P> + +In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre +Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach Tostes +kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in ihrem +Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr +tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne +Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man +müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, +fügte aber hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus +glücklich, und in Tostes gefalle es ihr über alle +Maßen. Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte +Frau Bovary. Im übrigen zeigte sie sich für die guten +Lehren der Schwiegermutter nicht empfänglicher denn früher. +Als diese gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei +für die Gottesfurcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emmas +Antwort von einem so zornigen Blick und einem so eiskalten +Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht wieder zu +nahe kam. + +</P><P> + +Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich +besondre Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; +an dem einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein +Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und +bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle +Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie das +Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten +Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft +ausgehen. Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen +Leuten alles Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie +eigentlich gar nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle +Menschen, die auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang +etwas von der Härte der väterlichen Hände in ihrem +Herzen behalten. + +</P><P> + +Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an seine +Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei +Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis +war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem +Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten, +Kälbern, Kühen, Hühnern und von den +Gemeinderatssitzungen. Wenn er wieder hinausgegangen war, +schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl der Befriedigung +ab, das ihr selber sonderbar vorkam. + +</P><P> + +Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan immer +weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten +Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut +hielten, und billigte Dinge, die für unnatürlich oder +unmoralisch erklärt wurden. Karl machte mitunter verwunderte +Augen dazu. + +</P><P> + +Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer +wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch +ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In +Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs waren +als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie +verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und +drückte ihr Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht +nach dem Tumult der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und +frechen Freuden und allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und +die es doch gab. + +</P><P> + +Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete ihr +Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch +reizsamer. + +</P><P> + +An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine +Fieberkranke. Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher +Umschlag in einen Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie +stumm da, ohne sich zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein +Belebungsmittel: das Übergießen mit Kölnischem +Wasser. + +</P><P> + +Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete +sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen +örtlichen Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich +daran zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen. + +</P><P> + +Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager werden +wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor jegliche +Eßlust. + +</P><P> + +Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt, nach +vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es +mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen +Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden; +Luftveränderung wäre vonnöten. + +</P><P> + +Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in +Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem +größeren Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige +Arzt, ein polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht +das Weite gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und +erkundigte sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die +nächsten Kollegen entfernt säßen und wie hoch die +Jahreseinnahme des Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel +befriedigend aus, und infolgedessen entschloß sich Bovary, zu +Beginn des kommenden Frühjahres nach Abtei Yonville +überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht gebessert +habe. + +</P><P> + +Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem +Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der +Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren +grau vor Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war +ausgefranst. Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf +wie trocknes Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger +Busch über der Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. +Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, +die Drähte krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die +verkohlte Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im +Kamine hin und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den +Rauchfang hinaufflogen ... + +</P><P> + +Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer +guten Hoffnung entgegen. + +</P> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H1>Zweites Buch</H1> +</CENTER> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H2>Erstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei, +von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein +Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der +Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im +Tale der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe +seiner Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, +nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer +Belustigung angeln. + +</P><P> + +Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf +der Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland +offen vor sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei +deutlich unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts +ist alles bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften +der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen +Hügelkette begrenzt, während die Ebene gegen Osten allmählich +ansteigt und sich im Unermeßlichen verliert. So weit das Auge +reicht, schweift es über meilenweite Kornfelder. Das +Gewässer sondert wie mit einem langen weißen Strich das Grün +der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so liegt das ganze +Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit +einem grünen silberngesäumten Samtkragen. + +</P><P> + +Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil +und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen, +senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die +Wege, die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen +auf dem Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen +Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten +hinab ins Land schicken. + +</P><P> + +Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der +Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich +behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner +noch in seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. +Von hier kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen +Bezirks von Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung +dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel +Dünger verlangt. + +</P><P> + +Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach +Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter +„Hauptvizinalweg“ angelegt, der die beiden großen +Heeresstraßen von Abbeville und von Amiens untereinander +verbindet und bisweilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die +von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser „neuen +Verbindungen“ gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung. +Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man +hartnäckig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen +Gewinn sie auch brachte; und die träge Bewohnerschaft baut sich +auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an. +Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt +liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache +hingeworfen hat. + +</P><P> + +Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln +besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften +des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den +Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte +Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, +dazwischen buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und +andres Gerät hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie +bis an die Augen ins Gesicht hereingezogene Pelzmützen +aus; sie verdecken ein Drittel der niedrigen +Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres +Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten +Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben +drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf +den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken. + +</P><P> + +Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher +aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser +hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein +Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder +drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. +Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein +weißes Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem +Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die +Freitreppe flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild +mit Wappen glänzt am Tore. Es ist das Haus des +Notars, das schönste der ganzen Gegend. + +</P><P> + +Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt +der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie +herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, +liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu +ein Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes +Gras grüne Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein +Neubau aus der letzten Zeit der Regierung Karls des +Zehnten. Das hölzerne Dach beginnt bereits morsch zu +werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke über dem Schiff zeigen +sich stellenweise schwarze Flecken. Über dem Eingang befindet +sich da, wo gewöhnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine +Empore für die Männer, zu der eine Wendeltreppe hinaufführt, +die laut dröhnt, wenn man sie betritt. + +</P><P> + +Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die +farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von +Längswand zu Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind +Strohmatten befestigt, und Namensschilder verkünden weithin +sichtbar: „Platz des Herrn Soundso.“ Wo sich das Schiff +verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild +der Madonna, die ein Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter +silbernen Sternen besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so +knallrot angemalt wie die eines Götzenbildes auf den +Sandwichinseln. Im Chor über dem Hochaltar schimmert hinter vier +hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro +Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorstühle aus +Fichtenholz sind ohne Anstrich. + +</P><P> + +Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen „die +Hallen“ ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. +Das Rathaus, nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten +in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des +Platzes neben der Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine +dorische Säulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und +darüber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der +einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage +der Gerechtigkeit hält. + +</P><P> + +Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die +Apotheke des Herrn Homais, schräg gegenüber vom „Gasthof +zum goldnen Löwen“. Zumal am Abend, wenn die große Lampe im +Laden brennt und ihr helles, durch die bunten Flüssigkeiten in +den dickbauchigen Flaschen, die das Schaufenster schmücken +sollen, rot und grün gefärbtes Licht weit hinaus über +das Straßenpflaster fällt, dann sieht man den Schattenriß +des über sein Pult gebeugten Apothekers wie in bengalischer +Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis unten mit +Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen Schriftarten +ausschreien: „Mineralwasser von Vichy“, „Sauerbrunnen“, +„Selterswasser“, „Kamillentee“, „Kräuterlikör“, +„Kraftmehl“, „Hustenpastillen“, „Zahnpulver“, „Mundwasser“, +„Bandagen“, „Badesalz“, „Gesundheitsschokolade“ usw. usw. +Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in +mächtigen goldnen Buchstaben: „Homais, Apotheker“. Drinnen, +hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest +man über einer Glastüre das Wort „Laboratorium“ und auf +der Tür selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem +Grunde den Namen „Homais“. + +</P><P> + +Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die +Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und +hat zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung +ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und +dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof. + +</P><P> + +Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer +niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land +vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch +unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach +dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch +Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen +der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das +unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber +von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es +brauchte bloß wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte +er nicht, ob er sich über die vielen Toten freuen oder über ihre +neuen Gräber ärgern solle. + +</P><P> + +„Lestiboudois, Sie leben von den Toten!“ sagte eines +Tages der Pfarrer zu ihm. + +</P><P> + +Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine +Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis +auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er +versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber. + +</P><P> + +Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in +Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf +der Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch +immer flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei +Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der +Apotheke häßliche Präparate in Glasbüchsen voll +trübgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von +Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe über dem Tore des +Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne. + +</P><P> + +An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen +sollte, war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig +beschäftigt, daß ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der +Schweiß von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war nämlich +Markttag im Städtchen. Da mußte Fleisch zurechtgehackt, +Geflügel ausgenommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt +werden. Daneben die regelmäßigen Tischteilnehmer und heute +obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstmädchen! +Am Billard lachten Gäste, und in der kleinen Gaststube riefen +drei Müllerburschen nach Schnaps. Im Herde prasselte und +schmorte es, und auf dem langen Küchentische paradierten neben +einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die nach dem Takte +des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat +zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker +der Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die +Köpfe abschneiden wollte. + +</P><P> + +Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an +seinem schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des +Gastzimmers den Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar +Blatternarben. Sein ganzes Wesen strahlte förmlich von +Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichmütig dahin +wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer +herumhüpfte. Dieser Herr war der Apotheker. + +</P><P> + +„Artemisia!“ rief die Wirtin. „Leg noch ein bißchen Reisig +ins Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps +hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich +den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen +soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft +hören mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und +der Möbelwagen steht draußen immer noch mitten auf der Straße, +gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine +Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen +beiseiteschieben ... Was ich sagen wollte, Herr Apotheker, +diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei +der fünfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man +wird mir noch ein Loch ins Tuch stoßen!“ + +</P><P> + +Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins +Gastzimmer gelaufen. + +</P><P> + +„Das wär auch weiter kein Malheur!“ meinte Homais. „Dann +schaffen Sie gleich ein neues Billard an!“ + +</P><P> + +„Ein neues Billard!“ jammerte die Witwe. + +</P><P> + +„Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr +viel! Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr +eigner Schaden! Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen +passionierte Spieler große Bälle und schwere Queues. Mit +solchen Bällchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! +Man muß modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Café +Français ...“ + +</P><P> + +Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort: + +</P><P> + +„Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist +handlicher als Ihrs. Und wenn es heißt, eine +patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der +vertriebenen Polen oder für die Überschwemmten von Lyon ...“ + +</P><P> + +„Ach was!“ unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. +„Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen +Sies nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe +bestehen wird, sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber +Ihr geliebtes Café Français, das wird eines +schönen Tages die Bude zumachen! Oder vielmehr der +Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres Billard +anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und wenn +Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten! Nee, +nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der +Hivert!“ + +</P><P> + +„Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die +Post gekommen ist?“ fragte Homais ungeduldig. + +</P><P> + +„Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag +sechs, einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit +gibts auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit +urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er +ließe sich eher totschlagen, als daß er wo anders äße. +Was Schlechtes darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den +Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er ist nicht wie Herr +Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und +alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein feiner +junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm +gehört.“ + +</P><P> + +„Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine +Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und +jetzigen Steuereinnehmer!“ + +</P><P> + +Es schlug sechs. Binet trat ein. + +</P><P> + +Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren +Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte +ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem +langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug +eine Weste aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen +und tadellos blankgewichste Schuhe, die vorn besonders +ausgearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen +litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte +ihm das lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der +Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in +jeglichem Kartenspiel und ein guter Jäger, hatte eine hübsche +Handschrift und besaß zu Hause eine Drehbank, auf der er zu +seinem Vergnügen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon +eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eines Künstlers und +dem Geiz des Spießers hütete. + +</P><P> + +Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber +die drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während +man drin für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm +in der Nähe des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte +die Türe ein und nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so +seine Ordnung. + +</P><P> + +„An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!“ +bemerkte der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein +war. + +</P><P> + +„Er redet nie viel,“ entgegnete diese. „Vergangene Woche waren +zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend +Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen. +Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene +verzogen.“ + +</P><P> + +„Ja, ja,“ sagte der Apotheker, „der Mensch hat keine Phantasie, +keinen Witz, keinen geselligen Sinn!“ + +</P><P> + +„Er soll aber wohlhabend sein,“ warf die Wirtin ein. + +</P><P> + +„Wohlhabend?“ echote Homais. „Der und wohlhabend!“ Und +gelassen fügte er hinzu: „Gott ja, so für seine Verhältnisse. +Das ist schon möglich!“ + +</P><P> + +Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: „Hm! Wenn ein Kaufmann, +der ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein +Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum +Griesgram oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor +gibt es Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin +Gedanken im Kopfe. Wie oft ists mir nicht selber passiert, daß +ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um +ein Schildchen auszufüllen oder so was, — und weiß der +Kuckuck, schließlich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre +stecken!“ + +</P><P> + +Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob +die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da +trat ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das +Dämmerlicht beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß +seine herkulischen Linien. + +</P><P> + +„Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?“ fragte die Wirtin +und nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren +weißen Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. „Haben +Ehrwürden einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen +Schoppen Wein?“ + +</P><P> + +Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines +Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte +stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn +gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er +sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria +geläutet ward. + +</P><P> + +Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, +machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben +sehr ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung +abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche +Heuchelei. Die Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am +liebsten möchten sie den Zehnten wieder einführen. + +</P><P> + +Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater. + +</P><P> + +„Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber +zugleich auf!“ meinte sie. „Voriges Jahr hat er unsern Leuten +beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf +einmal getragen. So stark ist er!“ + +</P><P> + +„Natürlich!“ rief Homais aus. „Schickt nur Eure +Mädels solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate +was zu sagen hätte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier +Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier +Wochen einen ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und +Sittlichkeit im Lande!“ + +</P><P> + +„Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!“ + +</P><P> + +Homais erwiderte: + +</P><P> + +„Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert +als die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. +Ich verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine +höhere Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht +in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre +Pflichten als Staatsbürger und Familienväter erfüllen. +Aber ich habe kein Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, +silbernes Gerät zu küssen und eine Bande von Possenreißern +aus meiner Tasche zu mästen, die sich besser hegen und pflegen +als ich mich selber. Gott kann man viel schöner verehren im +Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung +angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der +Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus +Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die +unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den +sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der +Hand gemütlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in +einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am +dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an +und für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! +Es beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der +schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen +möchten, mir Wollust selber herumsielen.“ + +</P><P> + +Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich +ins Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem +Gemeinderat. Die Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. +Sie lauschte draußen und vernahm ein fernes rollendes +Geräusch. Bald hörte sie deutlich das Rasseln der Räder und +das Klappern eines lockeren Eisens auf dem Pflaster. +Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre. + +</P><P> + +Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die +bis an das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem +Reisenden jegliche Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. +Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem +Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und +Straßenschmutz starrten. Der stärkste Platzregen hätte sie +nicht rein gewaschen. Das Fahrzeug war mit drei Pferden +bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde. + +</P><P> + +Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles +redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer +wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine +Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er +zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei +Aufträge für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er +machte Einkäufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied +altes Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne +Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur +Lockenwickel. Auf dem Rückwege verteilte er dann die Pakete +längs seiner Fahrstraße. Wenn er am Gehöft eines +Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle und +warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er +sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke +ohne Zügel laufen ließ. + +</P><P> + +Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys +Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff +man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller +Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich +aber mußte weitergefahren werden. + +</P><P> + +Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück +schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post +fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten +von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen +Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter +anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von +Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben +sollte. Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen +gelaufen und hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein +eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf +Jahre weg. Eines Abends, als der alte Lheureux durch die +Stadt nach dem Gasthaus ging, sprang der Hund an ihm hoch. + +</P> +<P></P> +<CENTER> +<H2>Zweites Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und +eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke +beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen. + +</P><P> + +Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der „gnädigen +Frau“ und dem „Herrn Doktor“ gegenüber in Galanterien und +Höflichkeiten. Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit +gehabt zu haben, ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in +herzlichem Tone fügte er hinzu, er lüde sich für heute bei +ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer. + +</P><P> + +Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den +Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es +bis zu den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit +schwarzledernen Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in +der die Hammelkeule am Spieß gedreht wurde. Das Feuer +beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den +Stoff ihres Kleides, auf ihre poröse weiße Haut und in die +Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schlössen. Der +Luftzug strich durch die halboffene Tür und rötete die Flammen. +Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende +desselben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm +betrachtete. + +</P><P> + +Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, +einer der Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich +gehörig in Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters +absichtlich zu spät, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden +den Abend im Wirtshause verplaudern zu können. Wenn er aber in +der Kanzlei gerade gar nichts zu tun hatte, mußte er aus +Langeweile wohl oder übel pünktlich erscheinen und von der Suppe +bis zum Käse Binets Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte +ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen Gästen zusammen zu +essen; er war mit Vergnügen darauf eingegangen. Zur Feier des +Tages war im Saal für vier Personen gedeckt worden. + +</P><P> + +Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein +Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht. + +</P><P> + +Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten. + +</P><P> + +„Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?“ begann er. +„In unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft +durchgerüttelt.“ + +</P><P> + +„Freilich!“ gab Emma zur Antwort. „Aber dieses Drüber und +Drunter macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.“ + +</P><P> + +„Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!“ +seufzte der Adjunkt. + +</P><P> + +„Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen +müßten ...“, warf Karl ein. + +</P><P> + +Leo wandte sich an Emma: + +</P><P> + +„Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein +guter Reiter sein.“ + +</P><P> + +„Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend +ziemlich bequem“, meinte der Apotheker. „Die Wege sind nämlich +soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im +allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind +wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir, +abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und +Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl +Fälle von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten +schwere Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die +zahlreichen skrofulösen Leiden, die zweifellos von den +kläglichen hygienischen Verhältnissen in den Bauernhäusern +herrühren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden öfters mit +altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und vielfach werden +Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer +Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen es +in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit +dem Pfarrer, statt daß sie von vornherein zum Arzt oder in die +Apotheke gingen. Im übrigen ist das Klima wirklich nicht +schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigjährige in der Gemeinde. +Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalkälte im Winter +4° Celsius, während wir im Hochsommer auf +25°, höchstens 30° kommen. Das +wäre ein Maximum von 24° Reaumur. Das ist +nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor den +Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den +Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese +Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des +Flusses und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den +Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren +(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur +Stickstoff und Sauerstoff!), — diese Wärme, die den Humus +aussaugt und alle Dünste des Bodens aufnimmt, sich +gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der +Elektrizität der Atmosphäre verbindet, die könnte schließlich +(wie in den Tropenländern) gesundheitsschädliche Miasmen +erzeugen —, diese Wärme, sag ich, wird gerade dort, wo sie +herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen könnte, das heißt +im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die ihre Kühle +über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich +als sanftes Mailüfterl wehen ...“ + +</P><P> + +„Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der +Umgegend?“ fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches +mit dem jungen Manne. + +</P><P> + +„Leider nur sehr wenige“, entgegnete er. „Einen hübschen Ort +gibt es auf der Höhe, am Waldrande, der +‚Futterplatz‘ genannt. Dort sitze ich manchmal +Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den +Sonnenuntergang an.“ + +</P><P> + +„Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,“ +schwärmte Emma, „zumal am Gestade des Meeres!“ + +</P><P> + +„Ach, ich bete das Meer an!“ stimmte Leo bei. + +</P><P> + +„Haben Sie nicht auch die Empfindung,“ fuhr Frau Bovary fort, +„daß die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel +bekommt, die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten +emporheben, in die Sphäre der Ideen, der Ideale?“ + +</P><P> + +„Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso“, meinte Leo. „Ich +habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise +gemacht hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, +könne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht +vorstellen, den Zauber der Wasserfälle und den großartigen +Eindruck der Gletscher. Über Gießbächen hängen riesige +Fichten, und am Rande von tiefen Abgründen kleben Alpenhütten; +und wenn die Wolken einmal zerreißen, erblickt man tausend Fuß +unten in der Tiefe die langen Täler. Wer das schaut, muß in +Begeisterung geraten, in Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt +begreife ich auch jenen berühmten Musiker, der nur angesichts +von erhabenen Landschaften arbeiten konnte.“ + +</P><P> + +„Treiben Sie Musik?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Nein, aber ich liebe die Musik!“ antwortete er. + +</P><P> + +„Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!“ mischte sich +Homais ein. „Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit +... Aber gewiß, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da +haben Sie doch das <B>Engellied</B> wundervoll gesungen. Ich hab +es von meinem Laboratorium aus gehört. Sie haben eine +Stimme wie ein Opernsänger!“ + +</P><P> + +Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im +zweiten Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt +hinausging. Bei dem Komplimente seines Hauswirtes +wurde er über und über rot. + +</P><P> + +Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die +bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er +wußte tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das +Vermögen des Notars könne er nichts Genaues sagen. +Auch über die Familie Tüvache munkele man so allerlei. + +</P><P> + +Emma fuhr fort: + +</P><P> + +„Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am +meisten?“ + +</P><P> + +„Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...“ + +</P><P> + +„Kennen Sie die Italiener?“ + +</P><P> + +„Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich +habe die Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches +Studium zu vollenden.“ + +</P><P> + +„Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl +mitzuteilen,“ sagte wiederum der Apotheker, „als ich ihm von +dem armen Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen +ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich +eines der komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine +ganz besondre Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das +Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. +Man kann dadurch unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung +selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein +großes Eßzimmer, eine Küche mit Speisekammer, eine +Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr Vorgänger war ein flotter +Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in +seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen, da hat er sich +ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden +sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die Blumenzucht +liebt ...“ + +</P><P> + +„Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab“, unterbrach ihn +Karl. „Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt +sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.“ + +</P><P> + +„Ganz wie ich!“ fiel Leo ein. „Was wäre wohl auch +gemütlicher, als abends beim Schein der Lampe mit einem +Buche am Kamine zu sitzen, während draußen der Wind gegen die +Fensterscheiben schlägt?“ + +</P><P> + +„So ist es!“ stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen +schwarzen Augen voll an. + +</P><P> + +Er fuhr fort: + +</P><P> + +„Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne +daß man sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne +Lande. Man wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die +fremden Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man +verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter +den Gestalten der Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, +als schlüge das eigne Herz in ihnen.“ + +</P><P> + +„Wie wahr! Wie wahr!“ rief Emma aus. + +</P><P> + +„Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer +bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar +längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie +nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es +ist einem, als stehe man vor einer Offenbarung seines +tiefsten Ichs ...“ + +</P><P> + +„Das hab ich schon erlebt!“ flüsterte sie. + +</P><P> + +„Und darum“, fuhr er fort, „liebe ich die Dichter über +alles. Ich finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren +so schön zu Tränen!“ + +</P><P> + +„Aber sie ermüden auf die Dauer,“ wandte Emma ein, „und daher +ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und +aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme +Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.“ + +</P><P> + +„Gewiß,“ bemerkte der Adjunkt, „die naturalistischen Romane +haben dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, +meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so +süß, sich aus den Häßlichkeiten des Daseins +herauszuzüchten, wenigstens in Gedanken: zu edlen +Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu glückseligen +Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen Welt lebe, +ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig +Gelegenheit ...“ + +</P><P> + +„Jedenfalls genau so wie in Tostes!“ bemerkte Emma. „Drum +war ich ständig in einer Leihbibliothek abonniert.“ + +</P><P> + +Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. „Wenn gnädige +Frau mir die Ehre erweisen wollen,“ sagte er, „meine Bibliothek +zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die +besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, +außerdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den +„Leuchtturm von Rouen“, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent +für Buchy, Forges, Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich +bin.“ + +</P><P> + +Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht +ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren +Holzschuhen saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller +einzeln hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte +und immer wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann +krachend von selber zuklappte. + +</P><P> + +Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig +plauderte, einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles +gesetzt, auf dem Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten +steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlips, und je nach +den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn +den Batist oder entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und +Emma, während sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins +jener uferlosen Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge +kreisen und keinen andern Sinn haben, als die gegenseitige +Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse, +Romantitel, moderne Tänze, die ihnen fremde große Gesellschaft, +Tostes, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich +gefunden, alles das berührten sie in ihrer Plauderei, +bis die Mahlzeit zu Ende war. + +</P><P> + +Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der +neuen Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf +brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am +erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war +wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn +und Frau Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, +und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, +den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er +voran. + +</P><P> + +Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem +Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war +hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des +Arztes nur fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, +wünschte man sich alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so +schied man voneinander. + +</P><P> + +Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte +sie die Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie +feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die +Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel +fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen +Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein +Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die +aufwallenden Dämpfe. + +</P><P> + +Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen, +Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden +Packer hatten alles so stehen und liegen lassen. + +</P><P> + +Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. +Das erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins +Kloster gewesen, das zweitemal an dem ihrer Ankunft in +Tostes, das drittemal im Schloß Vaubyessard und das +vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein neuer Abschnitt in +ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß sich die gleichen +Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen könnten; und da +ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so müsse +das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner +sein. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Drittes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den +Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute +zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und +schloß das Fenster. + +</P><P> + +Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, +daß es sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen +Löwen kam, fand er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der +bereits am Tische saß. + +</P><P> + +Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles +Ereignis. Bis dahin hatte er noch niemals zwei Stunden +lang mit einer „Dame“ geplaudert. Wie hatte er es nur +fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter +Form zu sagen? Das war ihm vordem unmöglich gewesen. Er war +von Natur schüchtern und wahrte eine gewisse Zurückhaltung, die +sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die +Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er hörte still zu, +wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich in +politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem +jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei +Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte +sich in seinen Mußestunden gern mit der Literatur, — wenn er +nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen +seiner Kenntnisse, und Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er +höflich und gefällig war; öfters widmete er sich nämlich im +Garten ihren Kindern, kleinem Volk, das immer schmutzig +aussah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung +einmal dem Dienstmädchen und dann noch besonders dem Lehrling +oblag, einem jungen Burschen, namens Justin. Er war ein +entfernter Verwandter des Apothekers, von diesem aus +Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art „Mann für +alles“ geworden war. + +</P><P> + +Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau +Bovary die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen +Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich +an der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte +Faß einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die +beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr +Lestiboudois, den Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen +Ämtern in Kirche und Gottesacker hielt dieser nämlich die +Gärten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn +„stundenweise“ oder „aufs Jahr“, ganz wie es gewünscht +wurde. + +</P><P> + +Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger +einem Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. +Homais hatte nämlich früher einmal gegen das Gesetz vom +19. Ventôse des Jahres XI verstoßen, wonach die +ärztliche Praxis jedem verboten ist, +der sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms +befindet. Eines Tages war er auf eine geheimnisvolle +Anzeige hin nach Rouen vor den Staatsanwalt geladen worden. +Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amtszimmer, +stehend und in Amtsrobe, das Barett auf dem Kopfe, +vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer +Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem +Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. +Es war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger +Schlösser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde +ihn rühren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in +Tränen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in +alle vier Winde verstreut. Hinterher mußte er seine +Lebensgeister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in +Selters wieder auf die Beine bringen. + +</P><P> + +Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und +Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche +Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war +und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in +ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary +durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit +ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen, +falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar +würden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den „Leuchtturm“, und +oft verließ er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein +Geschäft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. + +</P><P> + +Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden +lang saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. +Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner +Frau beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen, +verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, +die Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die +Anstreicher dagelassen hatten. + +</P><P> + +Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in +Tostes eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue +Anschaffungen im Hause, für die Kleider seiner Frau und +neuerdings für den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr als +dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der +Übersiedelung von Tostes nach Yonville war vieles +beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der +tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und +in tausend Stücke zerschellt war. + +</P><P> + +Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner +Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so +liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande +von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen +Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen +Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer +miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf +dem Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in +seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, +streichelte ihr Gesicht, nannte sie „Mammchen“, wollte mit ihr +im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen +tausend zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn +kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas +Köstliches. Jetzt fehlte ihm nichts mehr auf der Welt. Nun +hatte er alles erlebt, was Menschen erleben können, und er +durfte zufrieden und vergnügt sein. + +</P><P> + +In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann +kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie +wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. +Aber als sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen +Vorhängen und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam +sie eine plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die +Baby-Ausstattung selber sorglich auszuwählen, und +überließ die Herstellung in Bausch und Bogen einer Näherin. So +lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen, +die andre Mütter so zärtlich stimmen, und vielleicht war dies +der Grund, daß ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente +entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von +dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken. + +</P><P> + +Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark +sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem +männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine +Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen +Dasein nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein +freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, +er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die +allerfernsten Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend +Ketten. Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den +Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie +den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band +hält, so gibt es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem +sie hinwegfliegen möchte, und immer irgendwelche herkömmliche +Moral, die sie nicht losläßt. + +</P><P> + +An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs +Uhr, als die Sonne aufging. + +</P><P> + +„Es ist ein Mädchen!“ verkündete Karl. + +</P><P> + +Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten +sich auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die +Wöchnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar +vorläufige Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die +neue Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten. + +</P><P> + +Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das +Kind bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch +klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr +gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl +äußerte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft +werden, aber davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle +Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag. + +</P><P> + +„Herr Leo,“ berichtete der Apotheker, „mit dem ich neulich +darüber gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht +den Namen Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.“ Aber +gegen die Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die +alte Frau Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine +Vorliebe für Namen, die an große Männer, berühmte Taten und +hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier +eigenen Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die +Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und +Athalia (zu Ehren des Meisterstücks des französischen +Dramas!). Seine philosophische Überzeugung, sagte er, stehe +seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm +ersticke durchaus nicht den Gefühlsmenschen. Er verstünde +sich darauf, das eine vom andern zu scheiden und sich vor +fanatischer Einseitigkeit zu bewahren. + +</P><P> + +Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard +gehört hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit +„Berta-Luise“ angeredet worden war. Von diesem Augenblick an +stand die Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen +verhindert war, wurde Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er +stiftete als Patengeschenk allerlei Gegenstände aus seinem +Geschäft, als wie: sechs Schachteln Brusttee, eine Dose +Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade und sechs Päckchen +Malzbonbons. + +</P><P> + +Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer +erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker +ein patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine +Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des +Kindes) eine Romanze aus der Napoleonischen Zeit sang. Der +alte Herr Bovary bestand darauf, daß das Kind heruntergebracht +wurde, und taufte die Kleine „Berta“, indem er ihr ein Glas +Sekt von oben über den Kopf goß. Den Abbé Bournisien ärgerte +diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und als der alte +Bovary ihm gar noch ein spöttisches Zitat vorhielt, wollte der +Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inständig zu +bleiben, und auch der Apotheker legte sich ins Mittel. So +gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte +er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse. + +</P><P> + +Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und +verblüffte die Yonviller durch das prächtige +Stabsarztskäppi mit Silbertressen, das er vormittags +trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Als +gewohnheitsmäßiger starker Schnapstrinker schickte er das +Dienstmädchen häufig in den Goldnen Löwen, um seine Feldflasche +füllen zu lassen, was selbstverständlich auf Rechnung +seines Sohnes erfolgte. Um seine Halstücher zu +parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an Kölnischem +Wasser, den seine Schwiegertochter besaß. + +</P><P> + +Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er +war in der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, +Straßburg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den +Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er +wieder ganz der alte Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder +auf der Treppe, faßte er Emma um die Taille und rief aus: +„Karl, nimm dich in acht!“ + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das +Eheglück ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am +Ende einen unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen +Frau ausüben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war +ihre Besorgnis noch schlimmer. Dem alten Herrn war alles +zuzutrauen. + +</P><P> + +Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens +Rollet in die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie +plötzlich Sehnsucht, das kleine Mädchen zu sehen. +Unverzüglich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren +Häuschen ganz am Ende des Ortes, zwischen der +Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag. + +</P><P> + +Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle +geschlossen. Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, +deren Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind +wehte. Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat +ihren Füßen weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren +oder irgendwo eintreten und sich ausruhen sollte. + +</P><P> + +In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause +heraus, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, +begrüßte sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der +Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen. + +</P><P> + +Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte, +aber müde zu werden beginne. + +</P><P> + +„Wenn ...“, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen. + +</P><P> + +„Haben Sie etwas vor?“ fragte Emma. Auf die Verneinung des +Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend +desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, +die Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres +Dienstmädchens, Frau Bovary habe sich kompromittiert.) + +</P><P> + +Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der +Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg +einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften +in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die +den Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, +die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. +Durch Lücken in den Hecken erblickte man hie und da auf den +Misthaufen der kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne +Kuh, die ihre Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte. + +</P><P> + +Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte +sich auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den +ihren. Vor ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die +warme Luft mit ganz leisem Summen. + +</P><P> + +Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der +es umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf +dem Dache. Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von +Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges +Gärtlein mit Salat, Lavendel und blühenden Schoten, die an +Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde +aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen rann sich verzettelnd +durch das Gras; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein +gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem +Rasen umher, und über der Hecke flatterte ein großes Stück +Leinwand. + +</P><P> + +Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein +Kind an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, +schwächlich aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es +war das Kind eines Mützenmachers in Rouen, das die +von ihrem Geschäft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf +das Land gegeben hatten. + +</P><P> + +„Kommen Sie nur herein!“ sagte die Frau. „Ihre Kleine schläft +drinnen.“ + +</P><P> + +In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand +ein großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem +eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein +Backtrog ein. In der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse +Stiefel mit blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus +deren Hals eine Feder herausragte. Auf dem verstaubten +Kaminsims lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe +und ein paar Fetzen Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück +dieses Gemachs war eine „trompetende Fama“, offenbar +das Reklameplakat einer Parfümfabrik, das mit sechs +Schuhzwecken an die Wand genagelt war. + +</P><P> + +Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus +Weidengeflecht. Sie nahm es mit der Decke, in die es +gewickelt war, empor und begann es im Arme hin und her zu +wiegen, wobei sie leise sang. + +</P><P> + +Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen +Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam +vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte, +sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das +Kind wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die +Mutter am Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die +Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon. + +</P><P> + +„Mir kommt sie noch ganz anders!“ meinte die Frau. „Ich habe +weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn +Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus +beauftragten, daß ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, +wenn ich welche brauche. Das wäre auch für Sie das +bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu stören.“ + +</P><P> + +„Meinetwegen!“ sagte Emma. „Auf Wiedersehn, Frau Rollet!“ + +</P><P> + +Beim Hinausgehen schüttelte sie sich. + +</P><P> + +Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, +wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, +nachts so häufig aufstehen zu müssen. „Manchmal bin ich +früh so zerschlagen, daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten +Sie mir ein Pfündchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich +ihn früh mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen.“ + +</P><P> + +Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich +hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie +mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als +sie das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie +drehte sich um. Es war die Amme. + +</P><P> + +„Was wollen Sie noch?“ + +</P><P> + +Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, +von ihrem Manne zu erzählen. „Bei seinem Handwerke und seinen +sechs Franken Pension im Jahre ...“ + +</P><P> + +„Machen Sie rasch!“ unterbrach Emma ihren Wortschwall. + +</P><P> + +„Ach, liebste Frau Doktor,“ fuhr die Frau fort, indem sie +zwischen jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, „ich habe +Angst, er wird böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich +Kaffee trinke. Sie wissen, wie die Männer sind ...“ + +</P><P> + +„Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken! +Sie langweilen mich.“ + +</P><P> + +„Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die +schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten +Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...“ + +</P><P> + +„Na, was wollen Sie denn noch?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Wenn es also,“ fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks +machte, „wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...“ Sie +machte abermals einen tiefen Knicks. „Wenn Sie so gut sein +wollen ...“ + +</P><P> + +Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es +heraus: + +</P><P> + +„Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer +Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...“ + +</P><P> + +Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm +sie Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. +Dann wurde sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher +geradeaus gegangen war, glitt über die Schulter ihres +Begleiters. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem +Rocke, auf den sein kastanienbraunes wohlgepflegtes Haar +schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand fielen ihr auf; +sie waren länger, als man sie in Yonville sonst trug. Ihre +Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten; er +besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische +aufbewahrte. + +</P><P> + +Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. +Jetzt in der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, +daß man drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen +konnte. Von den Gartenpforten führten kleine Treppen in das +Wasser. Es floß lautlos und rasch dahin, Kühle +verbreitend. Hohe, dünne Gräser neigten sich zur klaren Flut und +ließen sich von der Strömung treiben; das sah aus wie +ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und wieder +liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf +den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im +Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die +verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen Stämme auf dem +Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so verlassen ... + +</P><P> + +Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. +Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als +den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, +die sie redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid. + +</P><P> + +Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie +nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die +Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen +Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande +ihres Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub +rieselte herab. Ab und zu streifte eine überhängende +Jelänger-jelieber- oder Klematis-Ranke die Seide ihres +Schirmes und blieb einen Augenblick in den Spitzen hängen. + +</P><P> + +Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst +im Rouener Theater gastieren sollte. + +</P><P> + +„Werden Sie hinfahren?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Wenn ich kann, ja!“ + +</P><P> + +Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen +sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so +banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im +Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer +Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem +oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten +süßen Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre +Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen. +Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es +sendet weit über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen +lauen Erdgeruch herüber, balsamischen Duft, von dem man sich +berauschen läßt, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen. + +</P><P> + +An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den +Wagengeleisen und Hufspuren; man mußte ein paar große +moosbewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten, +begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu erspähen, +wohin sie den nächsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein +wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vornüber. +Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den Tümpel zu treten, +lachte sie doch. + +</P><P> + +Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte +auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in +seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in +einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich +ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von +Argueil ein Stück hinauf, nach dem „Futterplatz“ am Waldrande. +Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das +Himmelsblau, die Hände locker über den Augen. + +</P><P> + +„Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!“ seufzte er. + +</P><P> + +Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais +als Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem +gräßlichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem +roten Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte +auch der geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der +ersten Zeit gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen +Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in +Yonville? Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit +die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, +Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie +leiden sehen, und in der Wirtschaft ließ sie alles drunter und +drüber gehn. Sie war eine Feindin des Korsetts, sah sehr +gewöhnlich aus und war in ihrer Unterhaltung höchst +beschränkt. Alles in allem war sie eine ebenso harmlose wie +langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre alt war und er +zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und obgleich er +täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in den Sinn +gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit +ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die +Röcke. + +</P><P> + +Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein +paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den +Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige, +mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten, +unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit +denen zu verkehren glatt unmöglich war. + +</P><P> + +Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab, +einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als +lägen tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit +hatte er Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, +aber er hatte die Empfindung, als sei der Arzt durchaus +nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo +immer zwischen der Furcht, für aufdringlich gehalten zu werden, +und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut +wie unmöglich schien. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Viertes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus +ihrem Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen +niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster +in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die draußen +vorübergingen. + +</P><P> + +Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen +Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. +Sie neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann +glitt an der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet +und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, +auf dem Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, +überlief sie ein Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten +seines Schattens. Dann fuhr sie auf und befahl das Essen. + +</P><P> + +Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen +in der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu +stören, jedesmal mit derselben Redensart: „Guten Abend, +die Herrschaften!“ Er setzte sich an den Tisch zwischen das +Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf +sich Bovary seinerseits erkundigte, ob diese auch +zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten sich die beiden über +das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde +wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte +sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle +darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und +Auslands. Wenn auch dieser Gesprächsstoff erschöpft +war, konnte er ein paar Bemerkungen über die Gerichte auf dem +Tische nicht unterdrücken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig +und machte Frau Bovary artig auf das zarteste Stück Fleisch +aufmerksam, oder er wandte sich an das Dienstmädchen und gab +ihr Ratschläge über die Zubereitung eines Ragouts oder +über die richtige Verwendung der Gewürze. Er verstand mit +erstaunlicher Fachkenntnis über aromatische Zutaten, +Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu sprechen. Er hatte in seinem +Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In +der Herstellung von Konfitüren, Weinessig und süßen Likören +war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen +auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder das beste +Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine wieder +verwendbar zu machen. + +</P><P> + +Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum +Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen +pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer +war. Er kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für +das Haus des Arztes. + +</P><P> + +„Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!“ meinte er. +„Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr +Dienstmädel verguckt!“ + +</P><P> + +Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er +horche auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. +Beispielsweise sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon +hinauszubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder +hole, um sie ins Bett zu schaffen. + +</P><P> + +An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige +Gäste. Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen +Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht +und seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt +stellte sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel +hörte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr das +Umschlagetuch ab und die Überschuhe, die sie bei Schnee trug. + +</P><P> + +Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten +Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half +ihr. Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles +gestützt, betrachtete er sich die Zinken des Kammes, der +ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen während des +Kartenspiels raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb des +heraufgesteckten Haares, hatte ihre Haut einen bräunlichen +Farbenton, der sich nach dem Rücken zu aufhellte und im Schatten +des Kragens verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden +Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine Menge Falten und +bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und wieder +aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet, +zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen +getreten. + +</P><P> + +Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu +spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des +Tisches und sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die +„Illustrierte Zeitung“ an. Oft hatte sie auch ihren „Bazar“ +mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen +die Holzschnitte und warteten mit dem Umblättern aufeinander. +Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer +Stimme vor, die bei verliebten Stellen flüsternd wurde. Das +Klappern der Dominosteine störte ihn. Der Apotheker war ein +gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unverschämtes +Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren, setzten +sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange, da +waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im +Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte +ihm zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm +herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer +Kutsche und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt +waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine +Geste auf die eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie +lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so +süßer, als niemand ihrer lauschte. + +</P><P> + +So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein +fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, +der keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. +Zu seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, +der über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, +eine Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter +nach Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. +Als infolge eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit +kamen, brachte er ein Exemplar, das er während der Fahrt in +der Post vor sich auf den Knien hielt. Das stachlige Ding +zerstach ihm alle Finger. + +</P><P> + +Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre +Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins +hatte. Beim Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden. + +</P><P> + +Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem +Zimmer eine Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide +und Wolle Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau +Homais, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der +Köchin; sogar seinem Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte +nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau des Doktors +dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Das war doch sonderbar. +Und alsobald stand es unumstößlich fest: sie war „seine gute +Freundin.“ + +</P><P> + +Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er +unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und +Klugheit schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig +grob: + +</P><P> + +„Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der +Clique!“ + +</P><P> + +Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma +erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, +sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine +Feigheit. Er vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner +Sehnsucht. Oft genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. +Er schrieb Briefe, die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat +vor, die er dann doch verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem +festen Vorsatz zu ihr, alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart +verlor er alsbald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn +einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen +Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit. +Dann sagte er der „gnädigen Frau“ adieu und fuhr mit. War nicht +ihr Mann auch ein Stück von ihr? + +</P><P> + +Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es +war ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter +Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die +Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen +entreißt, wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in +den Abgrund schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den +flachen Dächern der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen +verstopft sind. Und so wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, +wenn sie nicht mit einem Male den Riß in der Mauer bemerkt +hätten. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Fünftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite. + +</P><P> + +Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen +Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine +halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon +und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben +sollten; und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf +der Schulter. + +</P><P> + +Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger +als sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem +zwischen Sand- und Steinhaufen bereits ein paar verrostete +Maschinenräder lagen, zog sich im Viereck ein Gebäude mit einer +Menge kleiner Fenster hin. Es war noch nicht ganz vollendet; +durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel. +An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz aus Stroh und +Ähren mit einem im Winde flatternden weiß-rot-blauen Wimpel. + +</P><P> + +Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die +künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die +Stärke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr +bedauerte, kein Metermaß bei sich zu haben. + +</P><P> + +Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig +auf seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der +Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel +kämpfte. Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er +hatte seine Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht +hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm +einen blöden Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein +behäbiger Rücken ärgerte sie. Sie fand, die breite Fläche +seines Mantels kennzeichne die ganze Plattheit von Karls +Persönlichkeit. + +</P><P> + +Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse +perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn +bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, +Sanftes brachte. Sein vorn offener Kragen ließ zwischen +Krawatte und Hals ein Stück Haut sehen; von seinem Ohr lugte +ein Teilchen zwischen den Strähnen seines Haars hervor, und +seine großen blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen +Emma viel klarer und schöner vor als in den Gedichten die +Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt. + +</P><P> + +„Rabenkind!“ schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf +seinen Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um +schöne weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig +ausgescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin +versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen, +aber ohne Messer ging das nicht. Karl bot ihm seins an. + +</P><P> + +„Unerhört!“ dachte Emma bei sich. „Er trägt ein Messer in der +Tasche wie ein Bauer!“ + +</P><P> + +Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den +Heimweg nach Yonville. + +</P><P> + +An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten +hinüber. Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, +begann sie die beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der +andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der +eigentümlichen Linienveränderung, die das menschliche +Gedächtnis vornimmt. Von ihrem Bette aus sah sie die lichte +Glut im Kamin und daneben — ganz so wie vor ein paar Stunden — +Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten +Hand den Spazierstock, und führte an der andern Athalia, die +bedächtig an einem Eiszapfen saugte. Diese Szene hatte ihr +gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht loskommen. Sie +versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen ausgesehen +hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen +überhaupt sei ... + +</P><P> + +Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor +sich hin: „Ach, süß, süß!“ Und dann fragte sie sich: „Ob er +eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!“ + +</P><P> + +Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor +Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche +Lichter. Emma legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme +weit aus. + +</P><P> + +Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: „Ach, warum hat +es der Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem +Grunde?“ + +</P><P> + +Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als +wache sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll +auszog, klagte sie über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte +sie aber, wie der Abend verlaufen sei. + +</P><P> + +„Leo ist heute zeitig gegangen“, erzählte Karl. + +</P><P> + +Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten +Glückseligkeit schlummerte sie ein. + +</P><P> + +Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn +Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen +pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener +Gascogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er +einte in sich die lebhafte Redseligkeit des Südländers und +die nüchterne Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein +feistes, aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah +aus, als sei es mit Süßholztinktur gefärbt, und sein +weißes Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren +schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was er früher +getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer +gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas aber +stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen +ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war +er kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung +herum, als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte. + +</P><P> + +Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe +ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich +dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß +er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings +sei eine „armselige Butike“ wie die seine nicht gerade +verlockend für eine „elegante Dame“. Diese beiden Worte betonte +er ganz besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache +sich anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, +Wäsche, Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre +regelmäßig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den +ersten Firmen in Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm +erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vorübergehen, um der +gnädigen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen +ganz besonders günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. +Dabei packte er aus dem Kasten ein halbes Dutzend gestickter +Halskragen. + +</P><P> + +Frau Bovary besah sie sich. + +</P><P> + +„Ich brauche nichts“, bemerkte sie. + +</P><P> + +Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher +aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar +strohgeflochtne Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus +Kokosnußschale, filigranartige Schnitzarbeiten von +Sträflingen. Sich mit beiden Händen auf den Tisch stützend, mit +langem Hals und offnem Mund, beobachtete er Emmas Augen, die +unentschlossen in all diesen Gegenständen herumsuchten. Von Zeit +zu Zeit strich er mit dem Fingernagel über die lang +hingebreiteten Tücher, als wolle er ein Stäubchen entfernen; +die Seide knisterte leise, und das grünliche Dämmerlicht +glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen +Funken. + +</P><P> + +„Was kostet so ein Tuch?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Ein paar Groschen!“ antwortete er. „Ein paar Groschen! Aber +das eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja +kein Jude!“ + +</P><P> + +Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem +Händler, der gelassen erwiderte: + +</P><P> + +„Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen +Damen vertragen, mit meiner nur nicht.“ + +</P><P> + +Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des +Biedermannes fort: + +</P><P> + +„Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. +Wenn Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir +haben.“ + +</P><P> + +Sie machte eine erstaunte Miene. + +</P><P> + +Schnell flüsterte er: + +</P><P> + +„Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können +Sie sich verlassen!“ + +</P><P> + +Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten +Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in +Behandlung hatte. + +</P><P> + +„Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, +daß sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, +er läßt sich eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß +nehmen als zu einem aus Wintertuch. Na, solange er auf dem +Damme war, da hat er schöne Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige +Frau, die wird nie vernünftig! Und dann der Schnaps, das +ist allemal der Ruin! Aber es ist immer betrübend, wenn man +sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu Ende geht.“ + +</P><P> + +Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte, +schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes. + +</P><P> + +„Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!“ erhärte er, indem +er verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. „Das bringt +alle diese Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle +mich gar nicht recht <TT>au fait</TT>. Werde +wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde +kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen, +Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verfügung! Gehorsamster +Diener!“ + +</P><P> + +Und er schloß die Türe sacht hinter sich. + +</P><P> + +Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem +Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es +schmeckte ihr alles vorzüglich. + +</P><P> + +„Wie vernünftig ich doch war!“ sagte sie bei sich und dachte an +die Seidentücher. + +</P><P> + +Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand +schnell auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, +die gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der +junge Mann eintrat, tat sie sehr beschäftigt. + +</P><P> + +Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary +schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit +einsilbig. Er saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und +spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelbüchschen. + +</P><P> + +Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel +den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, +weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie +wer weiß was gesprochen hätte. + +</P><P> + +„Armer Junge!“ dachte sie. + +</P><P> + +„Warum bin ich bei ihr in Ungnade?“ fragte er sich. + +</P><P> + +Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen +nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit. + +</P><P> + +„Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es +erneuern?“ + +</P><P> + +„Nein“, entgegnete sie. + +</P><P> + +„Warum nicht?“ + +</P><P> + +„Weil ...“ + +</P><P> + +Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen +Zwirn hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. „Warum +zersticht sie sich die Finger?“ dachte er. Eine galante Bemerkung +fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie +auszusprechen. + +</P><P> + +„So wollen Sie es also aufgeben?“ + +</P><P> + +„Was?“ fragte sie nervös. „Die Musik? Ach, du mein Gott! +Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen +und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!“ + +</P><P> + +Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein +müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte +sie im Gespräche: + +</P><P> + +„Mein Mann ist so gut!“ + +</P><P> + +Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese +Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl +stimmte er in ihr Lob ein. + +</P><P> + +„Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch +immer!“ erklärte er. + +</P><P> + +„Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!“ wiederholte sie. + +</P><P> + +„Gewiß!“ bestätigte der Adjunkt. + +</P><P> + +Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr +nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten. + +</P><P> + +„So schlimm ist es gar nicht!“ behauptete Emma heute. „Eine +gute Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.“ + +</P><P> + +Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen. + +</P><P> + +So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr +Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte +sich um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und +hielt ihr Dienstmädchen strenger. + +</P><P> + +Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch +kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, +was für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder +hätte sie über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre +Freude, ihr Glück. Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall +von schwärmerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund — die +biederen Yonviller waren keine! — an die Sachette in Viktor +Hügos „Notre-Dame“ erinnert hätten. + +</P><P> + +Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine +stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und +an seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte +sogar das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im +Schranke hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht +mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. +Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort +einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah, +fügte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so +sah: ihn am Kamin, die Hände über dem Bauche gefaltet, die +Füße behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom +Mahle und die Äuglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich das +Kind, das auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die +feinlinige schlanke Frau, wie sie sich über die Lehne seines +Großvaterstuhls beugte und ihm einen Kuß auf die Stirn gab, +— dann sagte er sich: + +</P><P> + +„Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!“ + +</P><P> + +Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand +jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er +sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre +Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor +seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer +Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem +Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen +Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der +Geliebten Genuß gewährt. + +</P><P> + +Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde +schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren +großen Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange +und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu +schreiten, ohne den Erdboden zu berühren, und es war, als +trüge sie auf der Stirne das geheimnisvolle Mal einer +höheren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und +dabei so unnahbar, daß man ihre Gegenwart wie eine eiskalte +Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der +Rosen die Kälte des Marmors, so daß man zusammenschauert. +Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann. + +</P><P> + +„Sie ist eine Frau großen Stils,“ sagte der Apotheker +einmal, „sie müßte einen Minister zum Manne haben!“ + +</P><P> + +Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr +höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn. + +</P><P> + +Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß. +Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes +Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der +Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, +um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der +Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten +nur gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er +aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts +als namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut. + +</P><P> + +Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm +nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe +beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen +Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu +haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr +beneidenswert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen +durfte. Ihre Gedanken ließen sich immer wieder auf seinem Hause +nieder, just wie die Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen +kamen, um ihre roten Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne +zu netzen. + +</P><P> + +Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr +drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein +bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; +sie erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies +herbeiführten. Aber ihre Passivität, die Angst vor der +Entscheidung und auch ihr Schamgefühl hielten sie zurück. Sie +bildete sich ein, sie hätte sich ihn bereits allzusehr +entfremdet, es wäre nun zu spät und alles sei verloren. +Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: „Ich bin eine +anständige Frau geblieben!“ Sie stellte sich vor den Spiegel in +der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob des +Opfers, das sie zu bringen wähnte. + +</P><P> + +Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum +und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in +allem ein einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen +zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel +sich darin und trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. +Ein ungeschickt serviertes Gericht, eine offengelassene Türe +brachte sie in Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht +haben konnte, ein Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, +machte sie unglücklich. Weil sich ihre kühnen Träume nicht +erfüllten, ward ihr das Haus zu eng. + +</P><P> + +Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am +allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine +Frau glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung, +Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es +nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht +er der Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür +ihres qualvollen Käfigs? + +</P><P> + +So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder +Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie +nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und +entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine +Gutmütigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer +Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und +die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte +es, daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie +gerechten Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich +erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und +immer mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie +glücklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so +zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen. + +</P><P> + +Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht, +mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit +fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten +ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe. + +</P><P> + +„Er liebt mich ja gar nicht mehr!“ sagte sie sich. „Was soll +da aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche +Erleichterung bleibt mir noch?“ + +</P><P> + +Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin, +unter endlosen Tränen. + +</P><P> + +„Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?“ +fragte das Dienstmädchen, als es einmal während +eines solchen Anfalles ins Zimmer kam. + +</P><P> + +„Ach was! Ich bin nervös!“ erklärte Emma. „Daß du ihm +ja nichts davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.“ + +</P><P> + +„Ach Gott“, meinte Felicie. „Der Tochter des alten +Fischers Guérin aus Pollet, einer Bekannten von mir in +Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging es ganz genau so. +War die trübsinnig! Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah +sie immer aus. Ihr Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, +und die Ärzte und sogar der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. +Wenns ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein ans +Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen, +platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Später, +als sie einen Mann hatte, soll sichs gegeben haben ...“ + +</P><P> + +„Bei mir aber“, erwiderte Emma, „ist es erst nach der +Hochzeit so gekommen.“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Sechstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie +noch Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten +im Garten den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr +das Ave-Maria-Läuten ins Ohr. + +</P><P> + +Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind +hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für +die Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und +weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen +in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch +kahlen Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett +auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne +zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen. +Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit +wehmütigem Frieden. + +</P><P> + +Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der +jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an +die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die +blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen +Säulchen emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien +mögen in der langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell +abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen +hingesunkenen Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie +aufschaute und in das von bläulichem Weihrauch umwobene holde +Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und +ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine +Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht ... + +</P><P> + +Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, +fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht +hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und +alles Irdische zu vergessen. + +</P><P> + +Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits +wieder aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit +zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das +Läuten der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. +Übrigens war das Läuten ein Zeichen für die Kinder im +Dorfe, daß es Zeit zur Katechismusstunde war. + +</P><P> + +Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den +Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, +baumelten mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die +hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der +niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war +das einzige bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz +dicht aneinander, und über ihnen lag beständig feiner Staub, der +dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen +darüber wie über einen eigens für sie hingebreiteten +Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das +letzte Ausklingen der Glocken. Das Summen verstummte, und +der Strang der großen Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit +dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte +sich allmählich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft, +kurze Schreie ausstoßend, und flogen zurück in ihre gelben +Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe +oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer hängenden Glasglocke. +Von weitem sah die Flamme wie ein über dem Öl schwimmender +zittriger weißer Fleck aus. Ein langer Sonnenstrahl +durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die +Nebenschiffe und Nischen. + +</P><P> + +„Wo ist der Pfarrer?“ fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich +damit belustigte, die bereits lockere Klinke der +Friedhofspforte völlig abzuwürgen. + +</P><P> + +„Der wird gleich kommen!“ war die Antwort. + +</P><P> + +Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé +Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche +hinein. + +</P><P> + +„Rasselbande!“ murmelte der Priester. „Einen wie alle Tage!“ +Er hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß +gestoßen war. „Nichts wird respektiert!“ Da bemerkte er Frau +Bovary. + +</P><P> + +„Verzeihung!“ sagte er. „Ich hatte Sie nicht erkannt.“ + +</P><P> + +Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, +indem er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern +balancierte. + +</P><P> + +Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm +seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den +Ellenbogen bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. +Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe +die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn +seines Gesichts, wurden sie zahlreicher. Es war von +Sommersprossen besät, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart +hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete geräuschvoll. + +</P><P> + +„Wie geht es Ihnen?“ erkundigte er sich. + +</P><P> + +„Schlecht!“ antwortete Emma. + +</P><P> + +„Ja, ja! Ganz wie mir“, erwiderte der Priester. „Die ersten +warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es +ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt +Paulus sagt. Und wie denkt Herr Bovary darüber?“ + +</P><P> + +„Ach der!“ Sie machte eine verächtliche Gebärde. + +</P><P> + +„Was?“ erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. +„Verordnet er Ihnen denn nichts?“ + +</P><P> + +„Ach,“ meinte sie, „irdische Heilmittel, die nutzen mir +nichts.“ + +</P><P> + +Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch +hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet +waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie +reihenweise wie die Kegel umpurzelten. + +</P><P> + +„Ich möchte gern wissen ...“, fuhr Emma fort. + +</P><P> + +„Warte nur, Boudet, warte du nur!“ unterbrach sie der Priester +in zornigem Tone. „Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du +Schlingel, du!“ Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: „Das ist +der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; +sie lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel +könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist +gar nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?“ + +</P><P> + +Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der +Geistliche fuhr fort: + +</P><P> + +„Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir +beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...“ +Er lachte behäbig, „... er als Arzt des Leibes und ich +der Seele.“ + +</P><P> + +Emma schaute ihn flehentlich an. + +</P><P> + +„Sie! Ja!“ sagte sie. „Sie heilen alle Wunden!“ + +</P><P> + +„Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag, +da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer +wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext. +Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! — Longuemarre +und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!“ Mit einem +großen Satze war er drinnen in der Kirche. + +</P><P> + +Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf +den Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den +Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links +einen Hagel von Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am +Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, +als ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese +hineindrücken wollte. + +</P><P> + +„So!“ sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, +während er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich +den Schweiß von der Stirn wischte. „Die Landleute sind recht zu +bedauern ...“ + +</P><P> + +„Andre Leute auch“, meinte sie. + +</P><P> + +„Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.“ + +</P><P> + +„Die meine ich nicht.“ + +</P><P> + +„Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen +lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie +hatten nicht einmal das tägliche Brot.“ + +</P><P> + +„Ich meine solche,“ fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel +zitterten, während sie sprach, „solche, Herr Pfarrer, die zwar +ihr täglich Brot haben, aber kein ...“ + +</P><P> + +„Kein Holz im Winter ...“, ergänzte der Priester. + +</P><P> + +„Ach, was liegt daran?“ + +</P><P> + +„Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine +warme Stube ... denn schließlich ...“ + +</P><P> + +„O du mein Gott!“ seufzte Emma. + +</P><P> + +„Ist Ihnen nicht wohl?“ fragte er, indem er sich ihr besorgt +näherte. „Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau +Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. +Oder vielleicht lieber eine Limonade?“ + +</P><P> + +„Wozu?“ + +</P><P> + +Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume. + +</P><P> + +„Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, +es sei Ihnen schwindlig.“ Er besann sich. „Aber wollten Sie +mich nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es +denn?“ + +</P><P> + +„Ich? Nichts ... oh, nichts!“ stammelte Emma. + +</P><P> + +Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den +alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne +etwas zu sagen. + +</P><P> + +„Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary“, sagte er nach einer +Weile. „Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen +da. Die erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie +überrumpelt uns. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle +Mittwoch eine Stunde länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie +nicht früh genug auf den Weg des Herrn leiten, wie es +Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung, +Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!“ + +</P><P> + +Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das +Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den +Bänken verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig +eingezogen, die beiden Hände in segnender Haltung. + +</P><P> + +Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf +einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine +Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des +Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben ... + +</P><P> + +„Bist du ein Christ?“ + +</P><P> + +„Ja, ich bin ein Christ.“ + +</P><P> + +„Wer ist ein Christ?“ + +</P><P> + +„Wer getauft ist und ...“ + +</P><P> + +Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am +Geländer festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren +Lehnstuhl. + +</P><P> + +Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch +die Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren +Plätzen, halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in +einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und +eintönig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um +sich herum empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem +wilden Sturm in ihrem Innern ... + +</P><P> + +Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren +gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie +haschte nach den Bändern ihrer Schürze. + +</P><P> + +„Laß mich!“ sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab. + +</P><P> + +Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie. +Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen +blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen +Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne +Schürze. + +</P><P> + +„Laß mich!“ wiederholte die junge Mutter sehr unwillig. + +</P><P> + +Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann +zu schreien. + +</P><P> + +„Aber so laß mich doch!“ sagte Emma barsch und stieß ihr Kind +mit dem Ellenbogen zurück. + +</P><P> + +Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der +ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte +auf das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am +Klingelzug und rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe +daran, sich Vorwürfe zu machen, da erschien Karl. Es war um +die Essenszeit. Er kam von seiner Praxis heim. + +</P><P> + +„Sieh, mein Lieber,“ sagte sie ruhigen Tones, „die Kleine +ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.“ + +</P><P> + +Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster. + +</P><P> + +Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind +allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief, +verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht +töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer +Geringfügigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die +Kleine nicht mehr. Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene +Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den +halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse +Augensterne schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster +verzog die Haut. + +</P><P> + +„Merkwürdig!“ dachte Emma bei sich. „Wie häßlich das Kind +ist!“ + +</P><P> + +Als Karl um elf Uhr nach Hause kam — er war nach Tisch zum +Apotheker gegangen —, fand er seine Frau an der Wiege stehen. + +</P><P> + +„Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!“ +versicherte er ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. +„Ängstige dich nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!“ + +</P><P> + +Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar +nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich +Homais für verpflichtet gefühlt, ihn „aufzurappeln“. Dann +hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder +ausgesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. +Frau Homais mußte ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte +sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die +damalige Köchin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen! +Infolgedessen waren die braven Homais über die Maßen +vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der +Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und +vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht. Die +Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten +keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der +geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons +voll, und als sie bereits über vier Jahre alt waren, +mußten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die +Köpfe tragen. Das war lediglich eine Schrulle der Mutter; der +Apotheker war insgeheim sehr betrübt darüber, weil er Angst +hatte, dieses Zusammenpressen könne dem Gehirn schädlich +sein. Einmal entfuhr es ihm: + +</P><P> + +„Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?“ + +</P><P> + +Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in +eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die +Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu: + +</P><P> + +„Ich wollte Sie noch etwas fragen!“ + +</P><P> + +„Sollte er etwas gemerkt haben?“ fragte sich der Adjunkt. Er +bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen. + +</P><P> + +Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle +sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein +hübsches Lichtbild koste. Er hegte nämlich schon lange den +sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu +überraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu +lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so +ungefähr zu stehen käme. Dem Adjunkt mache das wohl keine +besondre Mühe, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt +führe. + +</P><P> + +Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete +Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er +sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in +Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er +seine Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu +kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte +unwirsch, er sei kein Polizeibüttel. + +</P><P> + +Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar +vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit +den Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen +über das menschliche Dasein aus. + +</P><P> + +„Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen“, meinte der +Steuereinnehmer. + +</P><P> + +„Womit denn?“ + +</P><P> + +„Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.“ + +</P><P> + +„Aber ich kann doch nicht drechseln“, erwiderte der Adjunkt. + +</P><P> + +„Ach ja, freilich!“ + +</P><P> + +Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn. + +</P><P> + +Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige +Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn +erfüllten, keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die +Yonviller ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und +bestimmte Häuser nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu +geraten. Besonders unausstehlich wurde ihm nachgerade der +biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf +völlig neue Verhältnisse genau so sehr, wie er sich danach +sehnte. Dieses bange Gefühl wandelte sich nach und nach in +Unruhe, und nun lockte ihn Paris, das ferne Paris mit der +rauschenden Musik seiner Maskenfeste und dem Lachen seiner +Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden. +Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt ihn zurück? + +</P><P> + +In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er +machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer +aus. Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. +Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu +ein Samtbarett und Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über +dem Kamin sollten zwei gekreuzte Floretts hängen, ein +Totenschädel darüber und die Gitarre darunter. Wundervoll! + +</P><P> + +Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu +bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der +allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer +andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo +zunächst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen +Adjunktenposten in Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er +schließlich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr +ausführlich auseinandersetzte, warum er ohne weiteres +nach Paris übersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden. + +</P><P> + +Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen +lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville +Koffer, Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er +vervollständigte seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle +aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen +Halstüchern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, als +wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf +Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief seine Abreise +beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen nach einem +Semester zu machen. + +</P><P> + +Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte +Frau Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine +Rührung, wie sich das für einen ernsten Mann schickt. Er +ließ es sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seines +Freundes eigenhändig bis zur Gartenpforte des Notars +zu tragen, wo des letzteren Kutsche wartete, die den +Scheidenden nach Rouen fahren sollte. + +</P><P> + +Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch +im Hause des Arztes. + +</P><P> + +Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem +zu schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft +entgegen. + +</P><P> + +„Da bin ich noch einmal!“ sagte Leo. + +</P><P> + +„Ich hab es erwartet!“ + +</P><P> + +Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der +Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über +rot, vom Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie +blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung. + +</P><P> + +„Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?“ + +</P><P> + +„Er ist fort.“ + +</P><P> + +Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre +Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich +aneinander wie zwei klopfende Herzen. + +</P><P> + +„Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben“, sagte +Leo. + +</P><P> + +Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. +Leo warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, +den Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich +nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das +Mädchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem +Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten. + +</P><P> + +Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn. + +</P><P> + +„Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!“ + +</P><P> + +Er gab das Kind der Mutter zurück. + +</P><P> + +„Bring sie weg!“ befahl Emma. + +</P><P> + +Sie waren wiederum allein. + +</P><P> + +Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht +gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand +und schlug damit leise gegen seinen Schenkel. + +</P><P> + +„Es wird wohl regnen“, bemerkte Emma. + +</P><P> + +„Ich habe einen Mantel“, antwortete er. + +</P><P> + +„So!“ + +</P><P> + +Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt +über ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab +in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen +geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen. + +</P><P> + +„Also adieu!“ seufzte Leo. + +</P><P> + +Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung. + +</P><P> + +„Ja, adieu! Sie müssen gehen!“ + +</P><P> + +Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie +zögerte. + +</P><P> + +„Sozusagen ein französischer Abschied!“ meinte sie, indem sie +ihm die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen. + +</P><P> + +Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als +ströme ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand +wieder öffnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann +ging er. + +</P><P> + +Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich +hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr +weißes Haus mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da +vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihres +Zimmers zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von +selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen +senkrechten Falten zurück, in denen er dann regungslos +stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte von dannen. + +</P><P> + +Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der +Straße halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und +hielt das Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten +miteinander. Man wartete auf ihn. + +</P><P> + +„Lassen Sie sich noch einmal umarmen!“ sagte Homais, Tränen +in den Augen. „Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten +Sie sich unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie +sich ordentlich in acht!“ + +</P><P> + +„Einsteigen, Herr Düpuis!“ mahnte der Notar. + +</P><P> + +Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte +mit tränenerstickter Stimme nichts als die +beiden wehmütigen Worte: + +</P><P> + +„Glückliche Reise!“ + +</P><P> + +„Guten Abend, Herr Apotheker!“ rief Guillaumin. „Los!“ + +</P><P> + +Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts. + +</P> +<HR STYLE="width: 65%;" /> +<P> + +Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres +Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung +nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. +Leichteres finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge +heran, durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die +goldnen Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe +hervorschossen. Der übrige wolkenlose Teil des +Himmelszeltes war weiß wie Porzellan. Ruckweise Windstöße +beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich rauschte Regen herab +und prasselte durch das grünschimmernde Laubwerk. Bald kam die +Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten. Die Spatzen +schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in den +Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote +Akazienblüten. + +</P><P> + +„Wie weit mag er nun schon sein!“ dachte sie. + +</P><P> + +Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise. + +</P><P> + +„Na,“ sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, „unsern +jungen Freund hätten wir glücklich verfrachtet!“ + +</P><P> + +„Wie man mir berichtet hat“, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf +seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: „Und was +gibts bei Ihnen Neues?“ + +</P><P> + +„Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein +bißchen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich +aus dem Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man +soll ihnen daraus keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben +zarter besaitet als unsre.“ + +</P><P> + +„Der arme Leo,“ bemerkte Karl, „wie wirds ihm in Paris +ergehen? Wird er sich dort einleben?“ + +</P><P> + +Frau Bovary seufzte. + +</P><P> + +„Natürlich!“ meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge. +„Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich +schon, versichre ich Ihnen.“ + +</P><P> + +„Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird“, warf Bovary +ein. + +</P><P> + +„Gott bewahre!“ entgegnete Homais lebhaft. „Aber mit den +Wölfen wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als +Duckmäuser verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese +Kerlchens im Studentenviertel für ein flottes Leben +führen! Mit ihren kleinen Mädchen! Übrigens sind die +Studenten in Paris überall gern gesehen. Wenn einer nur ein +bißchen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise +offen. Und es gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine +Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und das gibt +ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten.“ + +</P><P> + +„Das mag schon sein,“ sagte der Arzt, „ich habe nur Angst, +er ... wird ... dort ...“ + +</P><P> + +„Sehr richtig,“ unterbrach ihn der Apotheker, „das ist die +Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend +die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer +öffentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, +anständig angezogen, womöglich ein Ordensbändchen im +Knopfloch. Man könnte ihn für einen Diplomaten halten. Er +spricht Sie an. Sie kommen ins Plaudern. Er bietet Ihnen eine +Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er +nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in sein Landhaus ein, +macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und Teufel bekannt — und +das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in +gefährliche Abenteuer.“ + +</P><P> + +„So ist es!“ gab Karl zu. „Aber ich dachte vor allem an die +Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der +Großstadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.“ + +</P><P> + +Emma zuckte zusammen. + +</P><P> + +„Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise“, fuhr +der Apotheker fort, „und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung +des ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das +Pariser Wasser! An das Essen in den Restaurants! Diese +starkgewürzten Speisen verderben schließlich das Blut. Man +mag sagen, was man will, mit einer guten Hausmannskost +sind sie nicht zu vergleichen. Ich für meinen Teil, ich schätze +von jeher die bürgerliche Küche. Die ist am gesündesten. Als +ich <TT>stud. pharm.</TT> in Rouen war, da habe +ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren +Professoren aßen auch da ...“ + +</P><P> + +In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im +allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern +auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer +bestellten Arznei holte. + +</P><P> + +„Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!“ schimpfte er. +„Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein +Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein +Hundedasein!“ + +</P><P> + +In der Tür sagte er noch: + +</P><P> + +„Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?“ + +</P><P> + +„Was denn?“ + +</P><P> + +Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene. + +</P><P> + +„Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der +Landwirte unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. +Man munkelt wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch +schon eine Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von +großer Bedeutung! Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich +sehe schon. Justin hat die Laterne mit ...“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Siebentes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Der nächste Tag war für Emma ein Tag der Betrübnis. Alles +um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, +verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit +leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsames Schloß. Sie +verfiel in die Träumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er +etwas auf immerdar verloren hat. Sie empfand die Müdigkeit, +die ihn der vollendeten Tatsache gegenüber übermannt, den +Schmerz, der ihn überkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne +Bewegung plötzlich stockt, wenn Schwingungen jäh aufhören, die +lange in ihm vibriert haben. + +</P><P> + +Wie damals nach der Rückkehr vom Schlosse Vaubyessard, als +die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, +war sie voll düsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo +stand vor ihrer Phantasie immer größer, schöner, +verführerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so +hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den Wänden +ihres Hauses schien sein Schatten noch zu haften. Immer +wieder schaute sie auf den Teppich, über den er so oft gegangen, +auf die leeren Stühle, wo er gesessen. Draußen kroch das +Flüßlein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen, +zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so +oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine. +Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die +Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein +gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, bloßen Kopfes, in +einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der drüben von den +Wiesen her wehte, hatte die Blätter des Buches bewegt und +die violetten Blüten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war +er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die einzige +Hoffnung, daß sich ihr das erträumte Glück noch erfülle! +Warum hatte sie dieses Glück nicht mit beiden Händen +festgehalten, in den Schoß genommen, es nicht in die Ferne +gelassen? Sie verwünschte sich, Leos Geliebte nicht geworden +zu sein. Sie dürstete nach seinen Lippen. Am liebsten wäre sie +ihm nachgelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm +gesagt: „Hier bin ich! Nimm mich!“ Aber vor den Hindernissen, +die sich der Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt +hätten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz darüber +schürte ihre Sehnsucht zu noch heißerer Glut. + +</P><P> + +Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt +ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein +einsames Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen +Steppe inmitten des Schnees angezündet haben. Zu diesem +Feuer flüchtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte es +sorgfältig wieder an, wenn es zu verlöschen drohte. Im +Umkreise um sich herum suchte sie alles mögliche herbei, um +diese Flammen zu nähren. Die fernsten Erinnerungen und die +frischesten Ereignisse, Erlebtes und Erträumtes, die +wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach +Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre nutzlose +Tugend, ihre getäuschten Illusionen, die Armseligkeit ihres +Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es +zusammen und warf es in die Glut, um ihre Trübsal daran zu +wärmen. + +</P><P> + +Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm +die Nahrung fehlte, sei es, weil die Überfülle von Brennstoff +es erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam +allmählich ihre Liebe. Das Ineinemfort tötete den Schmerz, +und am Himmel ihrer Gefühle verblaßte der erst grellrote +Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. Während +ihres phantastischen Zustandes hatte sich ihr Widerwille +gegen den Gatten in Schwärmerei für den Geliebten verwandelt, +und die Glut ihres Hasses hatte ihre zärtliche Sehnsucht +gewärmt. Aber nunmehr, da ihre stürmische unbefriedigte +Leidenschaft zu Asche gebrannt war, das keine Hilfe kam und +keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In +eisiger Kälte stand sie einsam da und erstarrte. + +</P><P> + +Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur +bildete sie sich ein, noch unglücklicher denn damals zu sein, +weil sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wußte, +daß es nie anders werden könne. + +</P><P> + +Eine Frau, die so viel geopfert, sei — so sagte sie sich — +wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gönnen. +Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in +vier Wochen für vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer +Hände. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues +Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schönsten Schal +aus und trug ihn über ihrem Hauskleid. Sie schloß die +Läden, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem +Sofa liegen. + +</P><P> + +Häufig änderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe +Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zöpfen, bald einen +Scheitel. + +</P><P> + +Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so +kaufte sie sich ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Menge +Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektüre, +las Geschichtswerke und philosophische Schriften. + +</P><P> + +Nachts fuhr Karl mitunter in die Höhe, im Glauben, man hole +ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er: + +</P><P> + +„Ich bin gleich fertig!“ + +</P><P> + +Aber es war nur das Knistern des Streichholzes +gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angezündet hatte. Sie wollte +lesen. Aber es ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen +ein ganzer Stoß angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie +anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen. + +</P><P> + +Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem +Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem +Manne gegenüber, sie könne ein Weinglas voll Schnaps mit +einem Zuge leeren, und da Karl so töricht war, es zu +bezweifeln, tat sie es wirklich. + +</P><P> + +Bei allen ihren „Extravaganzen“ (die Spießbürger von Yonville +nannten das so!) sah Emma keineswegs +unternehmungslustig aus. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel +lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und +verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war völlig blaß, weiß +wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Flügeln zu +Fältchen, und ihre Augen blickten wie ins Leere. Seitdem sie +an den Schläfen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie +sich gesprächsweise eine alte Frau. + +</P><P> + +Oft hatte sie Schwindelanfälle, und eines Tages spuckte sie +sogar Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemühte und seine +Besorgnis verriet, meinte sie: + +</P><P> + +„Laß mich! Es ist mir alles gleich!“ + +</P><P> + +Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurück. Er sank in seinen +Schreibsessel, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und +weinte — unter dem phrenologischen Schädel. + +</P><P> + +Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat +sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz +Emmas wegen statt. Welche Maßnahmen sollten getroffen werden? +Was sollte geschehen? Wo sie jedwede ärztliche Behandlung +ablehnte! + +</P><P> + +„Weißt du, was deiner Frau fehlt?“ meinte Frau Bovary +schließlich. „Eine ordentliche Beschäftigung! Körperliche +Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr tägliches Brot selber +verdienen müßte, dann hätte sie keine Nerven und Launen. Die +kommen bloß von den überspannten Ideen, die sie sich aus +purer Langweile in den Kopf setzt.“ + +</P><P> + +„Beschäftigung hat sie doch aber!“ erwiderte Karl. + +</P><P> + +„So! Sie hat Beschäftigung? Was für welche denn? Romane +schmökert sie, schlechte Bücher, Schriften gegen die Religion, +in denen die Geistlichen verhöhnt werden mit Redensarten +aus dem Voltaire! Armer Junge, das führt zu nichts +Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt es mal ein +schlechtes Ende!“ + +</P><P> + +Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das +schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf +sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persönlich zum +Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn +der Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man +da nicht das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden? + +</P><P> + +Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war +steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie, +abgesehen von den häuslichen Anordnungen und den höflichen +Formeln bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei +Worte gewechselt. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage +von Yonville. Vom frühen Morgen ab war an diesem Tage auf dem +Marktplatz, gleichlaufend mit den Häusern von der Kirche bis +zum Goldnen Löwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren, +Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespießten Deichseln. Auf der +andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen +Baumwollenwaren, Decken und Strümpfe feilgeboten wurden, daneben +Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bändern, deren Enden im +Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Käsekörben, aus +denen klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand +Eisenwaren auf dem Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergerät +gackerten Hühner in flachen Körben und steckten ihre Hälse +durch die Luftlöcher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen, +gerade nach den Stellen, wo das Gedränge schon am dichtesten +war. So geriet bisweilen das Schaufenster der Apotheke +wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. Es +standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu +kaufen als vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr +Homais war in den benachbarten Ortschaften ein berühmter Mann. +Seine rücksichtslose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten +ihn für einen besseren Arzt als alle Doktoren im ganzen Lande. + +</P><P> + +Emma saß an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in +der Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich +über das wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in +einem Rock von grünem Samt, mit gelben Handschuhen; +sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht +mit gesenktem Kopf und recht trübseliger Miene folgte ihm. Beide +gingen auf das Bovarysche Haus zu. + +</P><P> + +„Ist der Herr Doktor zu sprechen?“ fragte der Herr den +Apothekergehilfen, der an der Haustüre mit Felicie plauderte. +Er hielt ihn für den Diener des Arztes. „Melden Sie Herrn +Rudolf Boulanger von der Hüchette.“ + +</P><P> + +Es war keineswegs Eitelkeit, daß der Ankömmling sein +Gut zu seinem Namen fügte. Er wollte nur genau angeben, wer er +war. Die Hüchette war nämlich ein Rittergut in der Nähe von +Yonville, das er samt zwei Meiereien unlängst gekauft hatte. +Er bewirtschaftete es selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei +anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte „so mindestens +seine fünfzehntausend Franken“ im Jahr zu verzehren. + +</P><P> + +Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger +überwies ihm seinen Knecht, der einen Aderlaß wünsche, weil +er am ganzen Körper ein Kribbeln wie von Ameisen habe. + +</P><P> + +„Das wird mich erleichtern“, wiederholte der Bursche auf alle +Einwände. Bovary ließ sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine +Schüssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein. + +</P><P> + +Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz blaß geworden +war. + +</P><P> + +„Nur keine Angst, mein Lieber!“ + +</P><P> + +„Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!“ erwiderte er. + +</P><P> + +Dabei hielt er mit prahlerischer Gebärde seinen dicken Arm hin. +Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und +spritzte bis zum Spiegel hin. + +</P><P> + +„Die Schüssel!“ rief Karl. + +</P><P> + +„Donnerwetter!“ meinte der Knecht. „Das ist ja der reine +Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein +gutes Zeichen, nicht wahr?“ + +</P><P> + +Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel +zurück, daß die Lehne krachte. + +</P><P> + +„Das hab ich mir gleich gedacht!“ bemerkte Bovary, indem er +mit den Fingern die angestochne Ader zudrückte. „Erst gehts +ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten +Kerlen wie dem da!“ + +</P><P> + +Die Schüssel in Justins Händen geriet ins Schwanken. Die +Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl. + +</P><P> + +„Emma! Emma!“ rief der Arzt. + +</P><P> + +Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter. + +</P><P> + +„Essig!“ rief ihr Karl zu. „Ach du mein Gott! Gleich zweie auf +einmal!“ + +</P><P> + +In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen. + +</P><P> + +„'s ist weiter nichts!“ meinte Boulanger gelassen, der +Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und +lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. + +</P><P> + +Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmächtigen das +Halstuch aufzuknüpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich +lösen, und so berührte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren +Fingern den Hals des jungen Burschen. Dann goß sie Essig +auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die +Schläfen und blies dann ein wenig darauf. + +</P><P> + +Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht +dauerte an. Seine Augäpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert +wie blaue Blumen in Milch. + +</P><P> + +„Er darf das da nicht sehen!“ ordnete Karl an. + +</P><P> + +Frau Bovary ergriff die Schüssel und setzte sie unter den Tisch. +Bei diesem Sichbücken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber +Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der +Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die +Arme ausstreckte und sich dabei in den Hüften ein wenig hin +und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine +Wasserflasche und löste ein paar Stück Zucker in einem Glase. + +</P><P> + +In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mädchen +hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen +wieder bei Bewußtsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn +herum und betrachtete sich ihn von oben bis unten. + +</P><P> + +„Dummkopf!“ brummte er. „Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! +Als obs wer weiß was wäre! Ein bißchen Aderlaß! +Weiter nichts! Und das will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn +es gilt, von den höchsten Bäumen die Nüsse herunterzuholen, +da klettert er wie ein Eichhörnchen ... Na, tu deinen Mund auf +und zeig dich mal in deiner Gloria! Das sind ja nette +Eigenschaften für einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage +dir: als Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum +Beispiel vor Gericht als Sachverständiger. Da heißt es +kaltblütig sein, hübsch ruhig überlegen und ein ganzer Mann +sein! Sonst gilt man als Schwachmatikus ...“ + +</P><P> + +Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort: + +</P><P> + +„Wer hat dir denn übrigens gesagt, daß du hierher gehen +sollst? In einem fort belästigst du Herrn und Frau Doktor! Noch +dazu an den Markttagen, wo du drüben so notwendig gebraucht +wirst! Es warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen +habe ich alles stehn und liegen lassen. Marsch! Hinüber! Trab! +Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!“ + +</P><P> + +Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und +fort war, plauderte man noch ein wenig über Ohnmachtanfälle. +Frau Bovary sagte, sie hätte noch nie einen gehabt. + +</P><P> + +„Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!“ behauptete +Boulanger. „Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich +sind. Da hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, daß ein +Zeuge ohnmächtig wurde, als die Pistolen beim Laden +knackten.“ + +</P><P> + +„Was mich anbelangt,“ erklärte der Apotheker, „mich stört +der Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloße +Gedanke, ich selber könne bluten, der macht mich schwindlig, wenn +ich nicht schnell an was andres denke.“ + +</P><P> + +Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er +ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen. + +</P><P> + +„Nun ists aber alle mit der Einbildung!“ sagte er ihm. „Die +hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft“, fügte er +hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen +Taler auf die Tischecke, grüßte flüchtig und verschwand. + +</P><P> + +Bald darauf erschien er drüben auf dem andern Ufer des +Baches. Das war sein Weg nach der Hüchette. Emma sah ihm +von einem der Hinterfenster nach, wie er über die Wiesen ging, +die Pappeln entlang, langsam wie einer, der über etwas +nachdenkt. + +</P><P> + +„Allerliebst!“ sagte er bei sich. „Wirklich allerliebst, diese +Doktorsfrau. Schöne Zähne, schwarze Augen, niedliche Füße +und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo +mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?“ + +</P><P> + +Rudolf Boulanger war vierunddreißig Jahre alt von roher +Gemütsart und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit +Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel +ihm. Somit beschäftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann. + +</P><P> + +„Ich glaube, er ist mordsblöde. Sie hat ihn satt, +zweifelsohne. Er hat dreckige Fingernägel und rasiert sich nur +aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie +daheim und stopft Strümpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach +der großen Stadt und möchte am liebsten alle Abende auf den +Ball. Arme kleine Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein +Karpfen auf dem Küchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und +sie ist futsch! Sicherlich! Das wär was fürs Herze! +Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder los?“ + +</P><P> + +Diese Einschränkung des in der Ferne stehenden Genusses +erinnerte ihn — zum Kontrast — an seine Geliebte, eine +Schauspielerin in Rouen, die er aushielt. Er vergegenwärtigte +sich ihren Körper, dessen er sogar in der Vorstellung +überdrüssig war. + +</P><P> + +„Ja, diese Frau Bovary,“ dachte er bei sich, „die ist viel +hübscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett. +Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft für +Krebse!“ + +</P><P> + +Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hörte nichts als +das taktmäßige Rascheln der Halme, die er beim Gehen +streifte, und das ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er +schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie +gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie. + +</P><P> + +„Oh, ich werde sie haben!“ rief er aus und zerschlug mit +einem Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im +Wege lag. + +</P><P> + +Sodann überlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er +fragte sich: + +</P><P> + +„Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das +zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das +Dienstmädel, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche +Klatsch! Ach was! Unnütze Zeitvergeudung!“ + +</P><P> + +Nach einer Weile begann er von neuem: + +</P><P> + +„Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und +wie blaß sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwärmerei!“ + +</P><P> + +Auf der Höhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig. + +</P><P> + +„Ich brauche bloß noch günstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde +ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und +Geflügel. Nötigenfalls lasse ich mich ein bißchen +schröpfen. Wir müssen gute Freunde werden. Dann lade ich die +beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, nächstens ist doch der +Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie +sehen! Dann heißts: Attacke! Und feste drauf! Das ist immer +das Beste.“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Achtes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der +Landwirte! Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von +Yonville an ihren Haustüren und sprachen von den Dingen, die +da kommen sollten. Die Stirnseite des Rathauses war mit +Efeugirlanden geschmückt. Drüben auf einer Wiese war ein +großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen worden, und +mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller, der die +Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd +verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy — in Yonville gab +es keine — war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen +Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps +vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen +als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein +Oberkörper so steif und starr, daß es aussah, als sei +alles Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich +parademarschmäßig bewegten. Da der Oberst der Bürgergarde und +der Hauptmann der Feuerwehr eifersüchtig aufeinander waren, +wollte jeder den andern ausstechen, und so exerzierten beide +ihre Mannschaft für sich. Abwechselnd sah man die roten +Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und +wieder abschwenken. Das ging immer wieder von neuem an und nahm +schier kein Ende! + +</P><P> + +Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit +gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser +abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den +halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da +schönes Wetter war, sahen die gestärkten Häubchen weißer +wie Schnee aus, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne +wie eitel Gold, und die bunten Tücher leuchteten buntscheckig +aus dem tristen Einerlei der schwarzen Röcke und blauen Blusen +hervor. Die Pächtersfrauen kamen aus den umliegenden +Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln +heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt hatten, damit +sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die Männer +andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher +darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten. + +</P><P> + +Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der +Landstraße heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und +Häuser. Überall klingelten die Türen, um die Bürgerinnen +herauszulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze +wallten. + +</P><P> + +Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden +Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade für die +Ehrengäste, erregten ganz besonders die allgemeine +Bewunderung. Übrigens hatte man an den vier Säulen am +Rathause so etwas wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine +Art Standarte aus grüner Leinwand. Auf der einen las man: +HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der dritten: INDUSTRIE, der +vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT. + +</P><P> + +Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann, +warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau +Franz, der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres +Gasthofes stehend, räsonierte sie vor sich hin: + +</P><P> + +„So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun! +Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders +ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll, +wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen +Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra +einen Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen +übrigens? Für Kuhjungen und Lumpenpack!“ + +</P><P> + +Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen, +Lackschuhen und — ausnahmsweise (statt des gewohnten +Käppchens) — einem Hut von niedriger Form. + +</P><P> + +„Ihr Diener!“ sagte er. „Ich habs eilig!“ + +</P><P> + +Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er: + +</P><P> + +„Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst +den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im +Käse ...“ + +</P><P> + +„In was für Käse?“ unterbrach ihn die Wirtin. + +</P><P> + +„Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint“, entgegnete +Homais. „Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im +allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute +freilich muß ich in Anbetracht ...“ + +</P><P> + +„Ah! Sie gehen auch hin?“ fragte sie in geringschätzigem Tone. + +</P><P> + +„Gewiß gehe ich hin!“ sagte der Apotheker erstaunt. „Ich +gehöre ja zu den Preisrichtern!“ + +</P><P> + +Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte +sie lächelnd: + +</P><P> + +„Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die +Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?“ + +</P><P> + +„Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch +Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, +beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen und den +Molekularverhältnissen aller Körper, die in der Natur vorkommen. +Folglich gehört auch die Landwirtschaft in das Gebiet meiner +Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der Düngemittel, +die Gärungen der Säfte, die Analyse der Gase und die Wirkung der +Miasmen .., ich bitte Sie, was ist das weiter als pure +bare Chemie?“ + +</P><P> + +Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort: + +</P><P> + +„Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der +Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die +Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat, +die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen +Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die +Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des +Wassers, die Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre +Kapillarität! Und tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den +Grundsätzen der Hygiene völlig vertraut sein, um den Bau von +Gebäuden, die Unterhaltung der Haus- und Arbeitstiere und +die Ernährung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu +können. Fernerhin, Frau Franz, muß man die Botanik intus +haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden können, verstehen Sie, +die nützlichen von den schädlichen, die nutzlosen und die +nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen, +welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen muß. Kurz und gut, +man muß sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem +man die Broschüren und die öffentlichen Bekanntmachungen liest, +und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu +gehen ...“ + +</P><P> + +Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café +Français nicht aus den Augen. Der Apotheker redete +weiter: + +</P><P> + +„Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie +hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! +Da habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine +Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: „Der Apfelwein. +Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen +Betrachtungen hierüber.“ Ich habe sie der „Rouener +Agronomischen Gesellschaft“ übersandt, die mich daraufhin unter +ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für +Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt +erschiene ...“ + +</P><P> + +Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas +ganz andrem in Anspruch genommen war. + +</P><P> + +„Sehr richtig!“ unterbrach er sich selber. „Eine unglaubliche +Spelunke!“ + +</P><P> + +Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die +Maschen ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit +beiden Händen deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem +wüster Gesang herüberhallte. + +</P><P> + +„Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!“ +bemerkte sie. „In acht Tagen ist der Rummel alle!“ + +</P><P> + +Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam +die drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr: + +</P><P> + +„Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er +ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals +abgeschnitten. Mit Wechseln!“ + +</P><P> + +„Eine fürchterliche Katastrophe!“ rief der Apotheker aus, +der für alle möglichen Ereignisse immer das passende +Begleitwort zur Hand hatte. + +</P><P> + +Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen. +Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich +sie Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht +ausstehen konnte, mißbilligte sie doch das Vorgehen von +Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Halsabschneider. + +</P><P> + +„Da! Sehen Sie!“ fügte sie hinzu. „Da geht er! Unter den +Hallen! Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut +auf und geht am Arm von Herrn Boulanger.“ + +</P><P> + +„Frau Bovary!“ echote Homais. „Ich muß ihr schnell guten +Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der +Tribüne vor dem Rathause erwünscht.“ + +</P><P> + +Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte +weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit +lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei +ihn die langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde +umflatterten, daß er wer weiß wieviel Raum einnahm. + +</P><P> + +Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte. + +</P><P> + +Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend +und in brutalem Tone sagte er zu ihr: + +</P><P> + +„Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!“ + +</P><P> + +Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen. + +</P><P> + +„Was soll das heißen?“ fragte er sie. Dabei blinzelte er +sie im Weitergehen von der Seite an. + +</P><P> + +Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre +Gedanken. Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die +lichte Luft, unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen +blaßfarbene Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre +Augen blickten geradeaus unter ihren etwas nach oben +gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie völlig geöffnet waren, +erschienen sie doch ein wenig zugedrückt durch den oberen Teil +der Wangen, weil das Blut die feine Haut straffte. Durch die +Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen glänzte +das Perlmutter ihrer spitzen Zähne. Den Kopf neigte sie zur +einen Schulter. + +</P><P> + +„Mokiert sie sich über mich?“ fragte sich Rudolf. + +</P><P> + +In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur +ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von +Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen +ins Gespräch zu kommen. + +</P><P> + +„Ein herrlicher Tag heute! — Alle Welt ist auf den Beinen! — +Wir haben Ostwind!“ + +</P><P> + +Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux +bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit +einem ewigen „Wie meinen?“ dazwischenfuhr, wobei er jedesmal +den Hut lüftete. + +</P><P> + +Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab +in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut: + +</P><P> + +„Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!“ + +</P><P> + +„Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!“ lachte Emma. + +</P><P> + +„Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?“ +meinte Rudolf. „Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit +Ihnen ...“ + +</P><P> + +Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom +schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren +spazieren zu gehen. + +</P><P> + +Ein paar Gänseblümchen standen am Raine. + +</P><P> + +„Die niedlichen Dinger da!“ sagte er. „Und so viele! Genug +Orakel für die verliebten Mädels des ganzen Landes!“ +Ein paar Augenblicke später setzte er hinzu: „Soll ich welche +pflücken? Was denken Sie darüber?“ + +</P><P> + +„Sind Sie denn verliebt?“ fragte Emma und hustete ein wenig. + +</P><P> + +„Wer weiß?“ meinte Rudolf. + +</P><P> + +Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr +zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am +einen und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. +Häufig mußten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch +riechender Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und +silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand. + +</P><P> + +Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach +dem andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an +Pfählen gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten +Raumes standen die Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die +ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtungslinie. +Schläfrige Schweine wühlten mit ihren Rüsseln in der Erde. +Kälber brüllten, Schafe blökten. Kühe lagen hingestreckt, die +Bäuche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gemächlich wieder +und zuckten mit ihren schwerfälligen Lidern, wenn die sie +umschwärmenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme +entblößt, hielten an Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die +mit geblähten Nüstern nach der Seite hin wieherten, wo die +Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und ließen die +Köpfe und Mähnen hängen, während ihre Füllen in ihrem +Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. Über der wogenden +Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da das +Weiß einer Mähne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein +spitzes Horn hervorspringen, und überall dazwischen die +Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der Umseilung, etwa +hundert Schritte davon entfernt, stand — unbeweglich wie aus +Bronze gegossen — ein großer schwarzer Stier mit verbundenen +Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumptes Kind +hielt ihn an einem Stricke. + +</P><P> + +Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin, +besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich +jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, +offenbar der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein +Buch. Das war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr +Derozerays, Besitzer des Rittergutes La Panville. Als +er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte +verbindlich-freundlich zu ihm: + +</P><P> + +„Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?“ + +</P><P> + +Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er +jedoch außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er: + +</P><P> + +„Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe +lieber bei Ihnen!“ + +</P><P> + +Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, +was ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als +Mitglied des Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, +wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach +blieb er auch vor dem oder jenem „Prachtstück“ stehen. Frau +Bovary bewunderte nichts mit. Das beobachtete er, und nun +begann er spöttische Bemerkungen über die Toiletten der Damen +von Yonville loszulassen. Dabei entschuldigte er sich, daß er +selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein +Nebeneinander von Alltäglichkeit und Ausgesuchtheit. Der +oberflächliche Menschenkenner hält derlei meist für das +äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in +ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem +Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder +Bewunderung davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit +gefälteten Manschetten bauschte sich im Ausschnitt seiner +grauen Flanellweste, wie es dem Winde gerade gefiel; seine +breitgestreiften Hosen reichten nur bis an die Knöchel und +ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke +Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat unbekümmert in +die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der +Hut saß ihm schief auf dem Kopfe. + +</P><P> + +„Ein Bauer wie ich ...“, meinte er. + +</P><P> + +„Bei dem ist Hopfen und Malz verloren“, scherzte Emma. + +</P><P> + +„Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen +Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu +beurteilen.“ + +</P><P> + +Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart +des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat. + +</P><P> + +„Darum verfalle ich der Melancholie ...“, sagte er. + +</P><P> + +„Sie?“ erwiderte Emma erstaunt. „Ich halte Sie gerade für sehr +lebenslustig.“ + +</P><P> + +„Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die +Maske des Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich +beim Anblick eines Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob +einem nicht am wohlsten wäre, wenn man schliefe, wo die Toten +schlafen ...“ + +</P><P> + +„Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!“ + +</P><P> + +„Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich +niemand.“ + +</P><P> + +Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich. + +</P><P> + +Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich +ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen +schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm +sah als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war +Lestiboudois, der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle +herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo es etwas zu +verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, aus dem +Bundestage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich +nicht verrechnet; er wußte gar nicht, wen er zuerst befriedigen +sollte. Die Bauern, denen es heiß war, rissen sich förmlich +um diese Stühle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie +lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen +wachsbeklecksten Stuhlrücken. + +</P><P> + +Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als +spräche er mit sich selbst. + +</P><P> + +„Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, +wenn mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen +Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ... +Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre +über alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles +überwunden ...“ + +</P><P> + +„Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert“, +wandte Emma ein. + +</P><P> + +„So, finden Sie?“ + +</P><P> + +„Zum mindesten sind Sie frei ...“ Sie zögerte. „... und +reich!“ + +</P><P> + +„Spotten Sie doch nicht über mich!“ bat er. + +</P><P> + +Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß. +Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. +Aber es war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch +gar nicht da. Der Festausschuß war nun in der größten +Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man +noch warten? + +</P><P> + +Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige +Mietkutsche auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein +Kutscher im Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche +loshieb. + +</P><P> + +Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast: + +</P><P> + +„An die Gewehre!“ + +</P><P> + +Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu. + +</P><P> + +Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche +der Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen +zuzuknöpfen. Aber der Landauer des Herrn Landrats schien +die Verwirrung zum Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im +langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle +des Rathauses an, als sich Feuerwehr und Bürgergarde in +Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten. + +</P><P> + +„Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!“ kommandierte +Binet. + +</P><P> + +„Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!“ der Oberst auf der +andern Seite. + +</P><P> + +Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel +eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so. + +</P><P> + +Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer +silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein +Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war +offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen, +kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen, +halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und +seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den +Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der +Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei +Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche +Redensarten. + +</P><P> + +Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat +erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht +gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der +Festausschuß, der Gemeinderat, die Honoratioren, die +Bürgergarde und das Publikum. Der Regierungsrat schwenkte +seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein +paar Begrüßungsworte. Währenddem klappte Tüvache in einem +fort wie ein Taschenmesser zusammen, lächelnd, stotternd, nach +Worten suchend. Darauf beteuerte er die Königstreue der +Yonviller und dankte für die ihnen widerfahrene große Ehre. + +</P><P> + +Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die +Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt +humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von +gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller +krachte. + +</P><P> + +Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem +Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten +Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung +gestellt worden waren. + +</P><P> + +Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie +ausdruckslose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von +der Sonne etwas gebräunt waren, buschige Backenbärte, die +sich unter hohen steifen Halskragen verloren, und weiße, +sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem, +ebensowenig an den Uhrketten das ovale Petschaft aus +Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie +die Falten des Beinkleides sorgsam zurechtgestrichen hatten. +Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte mehr als das +Leder ihrer derben Stiefel. + +</P><P> + +Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf, +unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge +dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. +Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle +rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus +der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges +Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe +der Estrade dringen konnte. + +</P><P> + +„Ich finde,“ sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der +Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, „man +hätte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit +irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer +Nouveauté. Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!“ + +</P><P> + +„Gewiß!“ meinte Homais. „Aber Sie wissen ja! Der +Bürgermeister macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er +hat nicht viel Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen +Sinn nun gleich gar nicht!“ + +</P><P> + +Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des +Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer +war, erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das +Schauspiel bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem +ovalen Tisch, der unter der Büste von Majestät stand, und trug +sie an eins der Fenster. + +</P><P> + +Die beiden setzten sich nebeneinander hin. + +</P><P> + +Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte +und tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem +Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und +nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er +ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten +hatte, begann er: + +</P><P> + +„Meine Herren! + +</P><P> + +Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung +eingehe, sei es mir zunächst gestattet, — und ich bin +überzeugt, Sie sind insgesamt damit einverstanden! — sei +es mir gestattet, sage ich, der Behörden und der Regierung zu +gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majestät, unsers +allergnädigsten und allverehrten Landesherrn, dem jedes +Gebiet der öffentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, +der mit sicherer und kluger Hand das Staatsschiff durch die +unaufhörlichen Gefahren eines stürmischen Ozeans lenkt und +dabei jedem sein Recht läßt, dem Frieden wie dem Kriege, der +Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den Künsten und +Wissenschaften ...“ + +</P><P> + +„Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück“, sagte +Rudolf. + +</P><P> + +„Warum?“ fragte Emma. + +</P><P> + +In diesem Augenblicke bekam die Stimme des +Regierungsrates besonderen Schwung. Er deklamierte: + +</P><P> + +„Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der +Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der +Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er +abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch +das Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu +werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...“ + +</P><P> + +„Nur weil man mich von unten bemerken könnte“, gab Rudolf zur +Antwort. „Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen. +Und bei meinem schlechten Rufe ...“ + +</P><P> + +„Sie verleumden sich“, warf Emma ein. + +</P><P> + +„I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.“ + +</P><P> + +„Meine Herren!“ fuhr der Redner fort. „Wenn wir unsre Blicke +von diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den +gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: +was sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und +Künste in Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und +-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe des Staates, und +schaffen neue Beziehungen, neues Leben. Unsre großen +Industriezentren sind von neuem in vollster Tätigkeit. Die +Religion ist gekräftigt und wärmt wieder aller Herzen. Unsre +Häfen strotzen, der Staatskredit ist fest. Frankreich atmet +endlich wieder auf ...“ + +</P><P> + +„Das heißt,“ sagte Rudolf, „vom gesellschaftlichen +Standpunkt hat man vielleicht recht.“ + +</P><P> + +„Wie meinen Sie das?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Wissen Sie denn nicht,“ erläuterte er, „daß es +problematische Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? +Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten +Genüssen. Nichts ist ihnen zu toll, zu phantastisch ...“ + +</P><P> + +Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte +sie: + +</P><P> + +„Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher +Kontraste verboten!“ + +</P><P> + +„Schöne Freuden!“ entgegnete er bitter. „Das Glück liegt +wo ganz anders!“ + +</P><P> + +„Ach, so findet mans nirgends?“ + +</P><P> + +„Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!“ flüsterte er. + +</P><P> + +„Und das wissen Sie alle gerade am besten,“ fuhr der +Regierungsrat fort, „Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter +sind, friedliche Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer +des Fortschrittes und der Ordnung! Sie wissen das, sage +ich, daß politische Stürme weit furchtbarer sind denn Stürme in +der Natur ...“ + +</P><P> + +„Ja, eines Tages begegnet man ihm!“ wiederholte Rudolf, +„ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! +Dann öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe +eine Stimme: ‚Hier ist das Glück!‘ Und dem Menschen, +den Sie da gefunden haben, dem müssen Sie aus innerm Drange +heraus ihr Leben anvertrauen, ihm alles geben, alles +opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles ist nur +Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland gesehen ...“ + +</P><P> + +Er blickte Emma an. + +</P><P> + +„Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat, +leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn +für ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist +geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die +Sonne ...“ + +</P><P> + +Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte +auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er +sie auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg. + +</P><P> + +Der Rat sprach immer weiter: + +</P><P> + +„Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens +Leute, die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, +dieses Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile +abgetaner Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer +verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus +als auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen des +Gemeinwohls? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine +Herren, ich meine natürlich nicht jene oberflächliche +Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten, nein, ich +meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich nur mit +ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile des +Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine +Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor +den Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...“ + +</P><P> + +„Pflichterfüllung!“ wiederholte Rudolf. „Immer und überall +die Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten +Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit +Wärmbullen und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte +Litanei vor: ‚Die Pflicht, die Pflicht!‘ Der Teufel soll +sie holen! Unsre Pflicht ist es, alles Große in der Welt +mitzufühlen, das Schöne anzubeten und sich nicht immer gleich +unter alle möglichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, +sich nicht zu Sklaven herabwürdigen zu lassen ...“ + +</P><P> + +„Indessen ... indessen ...“, wandte Emma ein. + +</P><P> + +„Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind +sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden +gibt, der Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der +Dichtung, der Musik, aller Künste, alles Lebens im wahren +Sinne?“ + +</P><P> + +„Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten und +sich ihrer Moral fügen“, meinte Emma. + +</P><P> + +„So! Das ist dann eben die doppelte Moral,“ eiferte er. „Die +eine: die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem +fort ein andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im +trüben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all +der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, +die um uns ist und über uns wie die Landschaft, die uns +umprangt, und der blaue Himmel, der über uns leuchtet ...“ + +</P><P> + +Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach +er weiter: + +</P><P> + +„Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier +noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? +Wer schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der +Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit +seiner schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden +Furchen sät, verdanken wir das Getreide, das dann, von +sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die Städte zu den +Bäckern kommt, die Brot daraus backen für arm und reich! Ist +es nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden +hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir uns anziehen, +wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren, +wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von +uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen +Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe +ist und uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen +saftigen Braten für unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme +nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse +lückenlos aufzählen müßte, mit denen die wohlbebaute Erde +wie eine großmütige Mutter ihre Kinder überschüttet. Ich nenne +nur den Weinstock, den Baum, der uns den Apfelwein spendet, und +den Raps. Dann haben wir den Käse und den Flachs. Meine +Herren, vergessen wir den Flachs nicht! Der Flachsbau hat in +den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den +ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders hinlenken möchte ...“ + +</P><P> + +Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte +offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der +Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit +aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und +wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz +etwas weiter weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um +Silbe für Silbe ordentlich zu verstehen. Die übrigen +Preisrichter nickten bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um +ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich +auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im +Stillgestanden und mit vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. +Hören konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende +seines Helms bis über die Nase reichte. Sein Leutnant, +der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte einen noch +größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend auf +dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines +seidnen Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er +lächelte wie ein artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein +schmales blasses Gesicht, über das Schweißtropfen +rannen, verriet zugleich helle Freude und müde Abspannung. + +</P><P> + +Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In +allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen +Türschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, +ganz versunken in das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um +den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch +bereits in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne +abgerissene Worte drangen weiter, von denen das Geräusch hin- +und hergerückter Stühle auch noch einen Teil verschlang. Noch +weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehntes +Rindergebrüll oder das Blöken der Schafe, die sich einander +antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten nämlich ihre Tiere +inzwischen bis auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von +Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten. + +</P><P> + +Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig +zu: + +</P><P> + +„Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum +Rebellen machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie +nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden +von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen +trotz alledem finden, so verbündet sich alles, damit sie +einander nicht gehören können. Aber sie werden es dennoch +versuchen, sie regen ihre Flügel, und sie rufen sich. Früher +oder später, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie +doch vereint in ihrer Liebe, weil es das Schicksal so will +und weil sie füreinander geschaffen sind ...“ + +</P><P> + +Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, +und so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem +Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen +Kreislinien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie +roch sogar das leise Parfüm in seinem Haar. Wollüstige +Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse +Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte +genau so geduftet wie dieses Haar, nach Vanille und Zitronen. +Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um den Geruch stärker +zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl zurücklehnte, +fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte, +die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke +nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr +zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er von ihr +weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im +Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel +zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals +im Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des +Vicomte. Und Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... +Dabei spürte sie in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. +Die süße Empfindung seiner Nähe vermählte sich mit den alten +Gelüsten; und wie Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten +sie diese Gefühle zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten +ihr die Seele. Ein paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um +— stoßweise — den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die +um die Säulen geschlungen waren. + +</P><P> + +Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die +feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem +Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern +des Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und +die immer noch Phrasen dreschende Stimme des +Regierungsrates verworren vernahm. + +</P><P> + +Er predigte: + +</P><P> + +„Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich +nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten +Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen +Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung +des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung der +Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese +Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem +der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt +wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft +wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes +Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine +Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für +Eure stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge +des Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch +ermutigt und beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden +hin recht geben wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, +die Bürde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!“ + +</P><P> + +Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr +Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so +schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, +das heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden +Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer +gefaßt; die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft +und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden +beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation +gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume, +Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der +menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen +Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte. +Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch +bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies +nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen +ungleich mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte +Derozerays allerhand Betrachtungen an. + +</P><P> + +Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die +Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom +Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen +Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr +eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau +auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen +gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei. + +</P><P> + +„Nehmen Sie beispielsweise uns beide!“ sagte er. „Warum +haben wir uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall +gefügt? War es nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, +der uns gegenseitig einander zuführte, wie zwei Ströme +ineinander fließen, jeder von weiter Ferne her?“ + +</P><P> + +Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht. + +</P><P> + +„Preis für gute Bewirtschaftung ...“, rief unten der Redner. + +</P><P> + +„Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus +kam ...“ + +</P><P> + +„Herrn Bizet aus Quincampoix!“ + +</P><P> + +„Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden +sollten?“ + +</P><P> + +„Siebzig Franken ...“ + +</P><P> + +„Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu +Ihnen gekommen und hier geblieben ...“ + +</P><P> + +„Für Erfolge im Düngen.“ + +</P><P> + +„... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...“ + +</P><P> + +„Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!“ + +</P><P> + +„... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so +völlig bezaubert ...“ + +</P><P> + +„Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...“ + +</P><P> + +„... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...“ + +</P><P> + +„... für einen Merino-Schafbock ...“ + +</P><P> + +„Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen +vorübergewandelt wie ein Schatten!“ + +</P><P> + +„Herrn Belot aus Notre-Dame ...“ + +</P><P> + +„Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner +erinnern?“ + +</P><P> + +„Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den +Herren Lehérissé und Cüllembourg!“ + +</P><P> + +Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und +zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei +es nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß +sie Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit +ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er aus: + +</P><P> + +„Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind +so gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur +sehen, nur anschauen!“ + +</P><P> + +Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke +des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die +mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße +Schmetterlingsflügel auf. + +</P><P> + +„Für die Herstellung von Ölkuchen ...“ + +</P><P> + +Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen. + +</P><P> + +„Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ... +Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...“ + +</P><P> + +Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas +trockne Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von +selbst verschlangen sich ihre Hände. + +</P><P> + +„Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière +für vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben +Gute eine silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!“ + +</P><P> + +Nach einer Weile hört man: „Wo ist Katharine Leroux?“ + +</P><P> + +Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen. + +</P><P> + +„Geh doch!“ + +</P><P> + +„Ach nein!“ + +</P><P> + +„Brauchst keine Angst zu haben!“ + +</P><P> + +„Nee, ist die dumm!“ + +</P><P> + +„Hier! Hier steckt sie!“ + +</P><P> + +„So mag sie doch vorkommen!“ rief der Bürgermeister dazwischen. + +</P><P> + +Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur +Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen +aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die +Hüften eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von +einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein +verschrumpfelter Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke +langten zwei dürre Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom +Staub der Scheunen, der Lauge der Wäsche und dem Fett der +Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, daß sie wie +schmutzig aussahen, und doch waren sie in reinem Wasser +tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige Strapazen hinter +sich hatten, das verrieten sie von selbst an ihrer demütigen +Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu +empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus den +Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit. +Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht, +nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit +Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie +sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. +Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen +Röcken, das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des +Rates, alles das erschüttertere bis ins Herz. Sie +stand ganz erstarrt da, sie wußte nicht, ob sie zur Estrade +vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man +sie nach vorn drängte und warum ihr die Preisrichter +freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen behäbigen Bürgern +als ein verkörpertes halbes Säkulum der Knechtschaft. + +</P><P> + +„Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia +Elisabeth Leroux!“ sagte der Regierungsrat, der die Liste der +Preisgekrönten aus den Händen des Vorsetzenden +entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf +die Greisin blickte, wiederholte er in väterlichem Tone: + +</P><P> + +„Näher, immer näher!“ + +</P><P> + +„Sind Sie denn taub?“ rief Tüvache heftig und sprang von seinem +Sitze auf. + +</P><P> + +„Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille +im Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!“ wurde +ihr laut gesagt. + +</P><P> + +Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln +des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte +man sie vor sich hinmurmeln: + +</P><P> + +„Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit +er mir dermaleinst eine Messe liest.“ + +</P><P> + +„Selig die Geistesarmen!“ meinte der Apotheker, zum Notar +gewandt. + +</P><P> + +Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und +nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder +seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren +schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das +Vieh, das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe +zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren. + +</P><P> + +Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in +den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour +schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte +sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette. + +</P><P> + +Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe +nahmen sie Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des +Festmahles allein durch die Wiesen spazieren. + +</P><P> + +Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung +schlecht. Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen +gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als +Bänke dienten, drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. +Man aß unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. +Allen perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und +den Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über +dem Flusse an einem Herbstmorgen. + +</P><P> + +Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich +völlig in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und +hörte. Hinter ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die +Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn +anredete, gab er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das +Glas, ohne daß er es wahrnahm. Trotz des allgemeinen +immer stärker werdenden Lärmes war es in ihm ganz still. +Er sann über das nach, was Emma gesagt hatte, und über die +Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie aus +Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar +aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte +Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor +ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe +verliebter Tage. + +</P><P> + +Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der +Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des +Apothekers. Der letztere beunruhigte sich sehr über die +Möglichkeit, daß einmal eine Rakete versehentlich in das +Publikum gehen könnte. Aller Augenblicke verließ er seine +Freunde, um Binet zur größten Vorsicht zu vermahnen. Die +Feuerwerkskörper waren vorher aus übertriebener +Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt +worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver +entzündete sich nun schwer, und das Hauptstück, eine +Schlange, die sich in den Schwanz beißt, versagte vollständig. +Ab und zu zischte ein dürftiges Feuerrad. Dann schrie die +gaffende Menge vor Vergnügen laut auf, und in dieses Geschrei +mischte sich das Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von +dreisten Händen angefaßt wurden. + +</P><P> + +Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben, +verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen +Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach +und nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. +Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch +über das unbedeckte Haar. + +</P><P> + +In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates +vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen +auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse +seines Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her +pendelte, je nach den Bewegungen des Wagens auf dem +holperigen Pflaster. + +</P><P> + +„Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen“, +bemerkte der Apotheker. „Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich +am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche +vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine +Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen +Sie!“ + +</P><P> + +Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade +anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach +seiner Drehbank. + +</P><P> + +„Vielleicht täten Sie gut,“ mahnte ihn Homais, „wenn Sie +einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie +selber gingen ...“ + +</P><P> + +„Lassen Sie mich doch in Ruhe!“ murrte der Steuereinnehmer. +„Das hätte ja gar keinen Sinn!“ + +</P><P> + +Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden. + +</P><P> + +„Wir können völlig beruhigt sein“, sagte er zu ihnen. „Herr +Binet hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln +getroffen sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und +die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!“ + +</P><P> + +„Ach ja! Ich habs sehr nötig!“ erwiderte Frau Homais, die +schon immer tüchtig gegähnt hatte. „Aber schön wars doch!“ + +</P><P> + +Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke: + +</P><P> + +„Wunderschön!“ + +</P><P> + +Dann verabschiedete man sich und ging voneinander. + +</P><P> + +Zwei Tage darauf stand im „Leuchtturm von Rouen“ ein langer +Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker +hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt. + +</P><P> + +„Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin +wälzt sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen +Weltmeeres unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, +die unsere Fluren sengt?“ + +</P><P> + +Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. „Gewiß, die +Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend +Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!“ Bei der +Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte +er „das martialische Aussehen unsrer Miliz“, die +„behenden Dorfschönen,“ die „kahlköpfigen Greise, diese +Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren +Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln höher schlagen.“ Seinen +eigenen Namen zählte er unter den Preisrichtern als ersten +auf und erwähnte in einer Anmerkung sogar, daß Herr Homais, +der Apotheker von Yonville, unlängst eine Denkschrift über den +Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht +habe. Bei der Preisverteilung angelangt, schilderte er die +Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung. +„Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren +Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll +Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles +Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand +gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein +Festmahl in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese +errichteten großen Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von +Anfang bis Ende herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere +Toaste wurden ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank +auf Seine Majestät, Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn +Landrat, sodann Herr Rittergutsbesitzer Derozerays auf +das Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homais auf +die Industrie und ihre Schwestern, die Künste und Wissenschaften, +so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend +erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk plötzlich alle +Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres +Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte +sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht +entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß +auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest +gestört hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der +Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von +Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr +Jünger Loyolas!“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Neuntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines +Spätnachmittags, erschien er. + +</P><P> + +„Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre +ein Fehler!“ + +</P><P> + +Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd +hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. +Sein Gedankengang war folgender: + +</P><P> + +„Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach +dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. +Warten wir also noch eine Weile!“ + +</P><P> + +Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie +blaß wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte. + +</P><P> + +Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den +Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke +Metall des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, +glitzerte auf der Fläche des Spiegels über dem Kamin wider +wie flammendes Feuer. + +</P><P> + +Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine +ersten Höflichkeitsworte. + +</P><P> + +„Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank +gewesen.“ + +</P><P> + +„Ernstlich?“ fragte sie erregt. + +</P><P> + +„Na,“ erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen +niedrigen Sessel setzte, „eigentlich wollte ich nicht +wiederkommen.“ + +</P><P> + +„Warum?“ + +</P><P> + +„Erraten Sie es nicht?“ + +</P><P> + +Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie +rot wurde und die Augen senkte. + +</P><P> + +Er begann von neuem: + +</P><P> + +„Emma!“ + +</P><P> + +„Herr Boulanger!“ rief sie und rückte ein wenig von ihm ab. + +</P><P> + +„Ah!“ sagte er in wehmütigem Tone. „Sehen Sie, wie recht ich +hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser +Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir +entschlüpft, und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau +Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist +das der Name — eines andern!“ Nach einer Weile wiederholte +er: „Eines andern!“ Er hielt sich die Hände vor sein +Gesicht. „Ach, ich denke fortwährend an Sie ... Die Erinnerung +bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ... +Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, daß +Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber heute ... heute ... +ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt hierher zu +Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner kämpfen! +Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt sich +hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert +ist!“ + +</P><P> + +Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und +als ob sie sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich +in ihrem Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache +umkost. + +</P><P> + +„Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,“ fuhr er fort, +„wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch +wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, +Nacht für Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um +Ihr Haus zu schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die +Bäume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, +und das Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die +Scheiben hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es +nicht geahnt, daß da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein +Armer, ein Unglücklicher stand ...“ + +</P><P> + +Sie schluchzte auf und sah ihn an. + +</P><P> + +„Sie sind ein guter Mensch!“ flüsterte sie. + +</P><P> + +„Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? +Sagen Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!“ + +</P><P> + +Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche +her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe +nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran. + +</P><P> + +„Es wäre barmherzig von Ihnen,“ sagte er, sich wieder +erhebend, „wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.“ + +</P><P> + +Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen +lernen. Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur +Türe, da trat Karl ein. + +</P><P> + +„Guten Tag, Doktor!“ begrüßte ihn Rudolf. + +</P><P> + +Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel +schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. +Währenddessen wurde der andre wieder völlig Herr der Situation. + +</P><P> + +„Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...“, +begann er. + +</P><P> + +Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine +Frau habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten. + +</P><P> + +Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre. + +</P><P> + +„Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich +ein guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!“ + +</P><P> + +Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr +eins an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht +weiter in sie. Dann erzählte er — um seinen Besuch zu motivieren +-, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen +habe, leide immer noch an Schwindelanfällen. + +</P><P> + +„Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen“, sagte +Bovary. + +</P><P> + +„Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder +zusammen. Das ist bequemer für Sie!“ + +</P><P> + +„Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!“ + +</P><P> + +Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl: + +</P><P> + +„Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger +abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!“ + +</P><P> + +Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was +sie sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute +könnten es „komisch“ finden. + +</P><P> + +„Ich pfeif auf die Leute!“ sagte Karl und machte eine +verächtliche Gebärde. „Die Gesundheit ist tausendmal mehr +wert! Das war nicht richtig von dir!“ + +</P><P> + +„Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!“ + +</P><P> + +„Dann mußt du dir eins bestellen!“ + +</P><P> + +Das Reitkleid gab den Ausschlag. + +</P><P> + +Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau +stehe ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten +an. + +</P><P> + +Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor +dem Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel +aus Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe +Reitstiefel aus feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß +Emma solche gewiß noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie +über sein Aussehen entzückt, als sie ihn in seinem langen +dunkelbraunen Samtrock und den weißen Breeches an der Türe +erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit. + +</P><P> + +Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch +den Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf +allerlei gute Ratschläge. + +</P><P> + +„Es passiert so leicht ein Malheur!“ sagte er. „Reiten Sie +vorsichtig! Sind die Tiere fromm?“ + +</P><P> + +Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit +der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta +einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein +Kußhändchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte. + +</P><P> + +„Viel Vergnügen!“ rief Homais. „Ja recht vorsichtig! Recht +vorsichtig!“ + +</P><P> + +Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend +mit seiner Zeitung. + +</P><P> + +Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es +von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd +an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig +eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem +Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden +Galoppade. + +</P><P> + +Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die +Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte +weiter. + +</P><P> + +Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den +Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis +und ließen die Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und +wieder rissen die Nebel auseinander, flogen wie in Fetzen auf +und zerstoben. Dann erblickte man durch die Lücken in der Ferne +die Dächer von Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am +Bachufer, die Gehöfte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich +Mühe, ihr Haus herauszufinden, und noch nie war ihr der +armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der +Höhe, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem +ungeheuer großen, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen +Bäume, die hie und da aus ihm herausragten, sahen wie +schwarze Riffe aus, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange +Wellenzüge, die der Wind kräuselt. + +</P><P> + +Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch +die laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, +dämpfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den +Weg, von den Hufen berührt. + +</P><P> + +Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur +Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der +Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die +unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde +keuchten. + +</P><P> + +Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor. + +</P><P> + +„Gott ist mit uns!“ sagte Rudolf. + +</P><P> + +„Glauben Sie denn an ihn?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Galopp! Galopp!“ rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge. +Beide Tiere gehorchten. + +</P><P> + +Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, +verfingen sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken +Emmas ritt, bückte sich jedesmal im Weiterreiten und +befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben +ihr hin, um überhängende Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte +sie, wie sein rechtes Knie ihr linkes Bein berührte. + +</P><P> + +Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte +sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden +Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und +gelben und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden +Veilchen auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser +Flügelschlag. Leise krächzend flogen Raben um die Eichen. + +</P><P> + +Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm +voraus, den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr +langes Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es +mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er +sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das +lockende Weiß ihres Strumpfes, das er wie ein Stück +Nacktheit empfand. + +</P><P> + +Emma blieb stehen. + +</P><P> + +„Ich bin müde!“ sagte sie. + +</P><P> + +„Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!“ bat er. „Mut!“ + +</P><P> + +Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue +Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften +herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es +sah aus, wie in das Blau des Himmels getaucht. + +</P><P> + +„Wohin gehen wir denn?“ + +</P><P> + +Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und +biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in +der gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf +einen. + +</P><P> + +Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht +durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst, +schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie +mit der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. +Aber bei dem Satze: + +</P><P> + +„Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen +zusammengelaufen?“ unterbrach sie ihn: + +</P><P> + +„Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!“ + +</P><P> + +Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so +blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht +schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig: + +</P><P> + +„Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern +Pferden!“ + +</P><P> + +Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte: + +</P><P> + +„Gehen wir zu unsern Pferden!“ + +</P><P> + +Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten +Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich +zitternd zurück und stammelte: + +</P><P> + +„Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!“ + +</P><P> + +„Wenn es sein muß!“ gab er zur Antwort. Sein +Gesichtsausdruck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, +zärtlich, schüchtern aus. + +</P><P> + +Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an. + +</P><P> + +„Was hatten Sie denn vorhin?“ fragte er. „Was war es? +Ich habe Sie nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. +Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und +unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre +Augen sehen, Ihre Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie +meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!“ + +</P><P> + +Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm +sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie +nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von +den Bäumen rupften. + +</P><P> + +„Noch nicht!“ bat Rudolf. „Reiten wir noch nicht zurück! +Bleiben Sie!“ + +</P><P> + +Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen +Weihers, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen +Schilf träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer +Schritte im Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden. + +</P><P> + +„Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! +Ich bin toll, daß ich auf Sie höre!“ + +</P><P> + +„Warum? Emma! Emma!“ + +</P><P> + +„Ach, Rudolf!“ flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn +anschmiegte. + +</P><P> + +Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines +Rockes. Sie bog ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer +schwellte. Halb ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände +auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich +ihm hin ... + +</P><P> + +Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont +und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im +Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten +Kolibris im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. +Rings tiefes Schweigen. Die Bäume atmeten süße +Melancholie. + +</P><P> + +Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut +durch den Körper kreiste. + +</P><P> + +In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein +langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie +schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen +ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ... + +</P><P> + +Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines +Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her. + +</P><P> + +Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im +weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte +beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder +und einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich +verändert, und doch kam es Emma vor, als sei etwas +höchst Bedeutsames geschehen, als seien die Berge von ihrem +Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr +herüber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand +Emma im Sattel entzückend aussehend, bei ihrem geraden Sitz, +ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihres rechten +Knies, ihren von der scharfen Luft geröteten Wangen, — +alles im Abendrot. + +</P><P> + +Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal +machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu. + +</P><P> + +Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich +aus. Als er sich aber darnach erkundigte, wie der +Spazierritt gewesen sei, tat sie, als hätte sie die Frage +überhört. Sie stützte sich auf die Ellenbogen und starrte über +ihren Teller weg in die flackernden Kerzen. + +</P><P> + +„Emma!“ + +</P><P> + +„Was denn?“ + +</P><P> + +„Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. +Er hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. +Die Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für +hundert Taler ...“ Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein +paar Augenblicken fort: „Ich habe gedacht, es sei dir +erwünscht, und da habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... +nein, gleich gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!“ + +</P><P> + +Sie nickte bejahend mit dem Kopfe. + +</P><P> + +Eine Viertelstunde später fragte sie: + +</P><P> + +„Gehst du heute abend aus?“ + +</P><P> + +„Ja. Warum denn?“ + +</P><P> + +„Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!“ + +</P><P> + +Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und +schloß sich ein. + +</P><P> + +Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die +Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine +Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf +rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte +über ihr Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie +gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß +ihre Gestalt. Sie kam sich wie verklärt vor. + +</P><P> + +Immer wieder sagte sie sich: „Ich habe einen Geliebten! Einen +Geliebten!“ + +</P><P> + +Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt +erst Weib geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für +sie da, die fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits +keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt +eingetreten, in der alles Leidenschaft, Verzückung und Rausch +war. Blaue Unermeßlichkeit breitete sich rings um sie her, vor +ihrer Phantasie glänzte das Hochland der Gefühle, und fern, +tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen Höhen, lag der Alltag. + +</P><P> + +Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar +empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den +Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene +Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer +Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der +amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das +Gefühl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt +triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit +wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß +ihre Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne +Wirrungen. + +</P><P> + +Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich +ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. +Er unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen +Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu +nennen und ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war +wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die +Wände waren von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man +drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander +auf einer Streu von trocknem Laub. + +</P><P> + +Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle +Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn +unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach +führte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von +sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle +Tage beklagte. + +</P><P> + +Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang +fortgegangen war, geriet sie plötzlich auf den Einfall, +unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufständen, +konnte sie nach der Hüchette gehen, eine Stunde dort verweilen +und wieder zurückkommen. Dieser Plan ließ sie gar nicht recht +zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke später war sie schon +mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig +ihres Wegs. + +</P><P> + +Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut +des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem +höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab. + +</P><P> + +Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte +das Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, +als öffnete sich ihr alles von selbst. Eine breite Treppe +führte auf einen Gang. Emma drückte auf die Klinke einer Tür, +und da erblickte sie im Hintergrunde dieses Zimmers einen +Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie frohlockte laut. + +</P><P> + +„Du? Du!“ rief er aus. „Wie hast du das fertig gebracht? +Dein Kleid ist feucht ...“ + +</P><P> + +„Ich liebe dich!“ war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um +den Hals schlang. + +</P><P> + +Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, +kleidete sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, +rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere +Gartenpforte, auf dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache +führte, aus dem Hause. Aber wenn die Planke, die als Steg +über das Wasser diente, zufällig weggenommen war, mußte sie +ein Stück bis zum nächsten Steg an den Gartenmauern längs +des Baches hingehen. Die bewachsene Böschung war steil und +glitschig, und so mußte sie sich mit der einen Hand an Büscheln +der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann +aber eilte sie querfeldein über die Äcker, ungeachtet, daß ihre +zierlichen Schuhe einsanken, daß sie oft stolperte oder stecken +blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um Kopf und Hals +gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor den weidenden +Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden Wangen, +ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns +und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann +meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der +leibhaftgewordene Frühlingsmorgen. + +</P><P> + +Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende +goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen +fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern +leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. +Rudolf zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz. + +</P><P> + +Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf, +kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem +Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in +den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und +Zuckerstücken, neben der Wasserflasche. + +</P><P> + +Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma +vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm +weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von +neuem in seine Arme. + +</P><P> + +Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, +machte er ein bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht +recht wäre. + +</P><P> + +„Was hast du denn?“ fragte sie. „Hast du Schmerzen? +Sprich!“ + +</P><P> + +Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche +begönnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Allmählich machten Rudolfs Befürchtungen auf Emma Eindruck. +Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an +nichts andres gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu +einer Lebensbedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr, +es könne ihr etwas davon verloren gehen oder man könne sie +ihr gar stören. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt +sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie spähte nach allem, was +sich im Gesichtskreise regte, sie suchte die Häuser des +Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie +beobachte. Sie lauschte auf jedes Geräusch, jeden Tritt, +jedes Rädergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und +zittriger als das Laub der Pappeln, die sich über ihrem +Haupte wiegten. + +</P><P> + +Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem +Male den Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte +schräg über den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hälfte +in einem Graben stand und vom Gebüsch verdeckt wurde. Vor Schreck +halb ohnmächtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann +aus der Tonne wie ein Springteufel aus seinem Kasten. Er +trug Wickelgamaschen bis an die Knie, und die Mütze hatte er +tief ins Gesicht hereingezogen, so daß man nur eine rote Nase +und bebende Lippen sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, +der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schießen. + +</P><P> + +„Sie hätten schon von weitem rufen sollen!“ schrie er ihr zu. +„Wenn man ein Gewehr sieht, muß man sich bemerkbar machen!“ + +</P><P> + +Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst +zu bemänteln. Es bestand nämlich eine landrätliche +Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne +aus betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte +sich also Binet einer Übertretung schuldig. Deshalb schwebte +er in steter Furcht, der Landgendarm könne ihn erwischen, und +doch fügte die Aufregung seinem Vergnügen einen Reiz mehr zu. +Wenn er so einsam in seiner Tonne saß, war er stolz auf sein +Jagdglück und seine Schlauheit. + +</P><P> + +Als er erkannte, daß es Frau Bovary war, fiel ihm ein +großer Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespräch mit ihr. + +</P><P> + +„Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!“ + +</P><P> + +Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort: + +</P><P> + +„Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?“ + +</P><P> + +„Jawohl!“ stotterte sie. „Ich war bei den Leuten, wo mein Kind +ist...“ + +</P><P> + +„So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon +seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, daß man +auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...“ + +</P><P> + +„Adieu, Herr Binet!“ unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von +ihm ab. + +</P><P> + +„Ihr Diener, Frau Bovary!“ sagte er trocken und kroch wieder in +seine Tonne. + +</P><P> + +Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen +gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige +Vermutungen. Auf eine dümmere Ausrede hätte sie auch wirklich +nicht verfallen können, denn in ganz Yonville wußte man, daß +das Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und +sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg führte +einzig und allein nach der Hüchette. Somit mußte Binet erraten, +wo Emma gewesen war. Sicherlich würde er nicht schweigen, sondern +es ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle +möglichen Lügen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit +seiner Jagdtasche vor Augen. + +</P><P> + +Als Karl nach dem Essen merkte, daß Emma bekümmert war, +schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu „Apothekers“ zu +gehen. + +</P><P> + +Die erste Person, die sie schon von draußen in der Apotheke im +roten Lichte erblickte, war — ausgerechnet — der +Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade: + +</P><P> + +„Ich möchte ein Lot Vitriol.“ + +</P><P> + +„Justin,“ schrie der Apotheker, „bring mir mal die Schwefelsäure +her!“ Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum +Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte. + +</P><P> + +„Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden +Augenblick herunter. Wärmen Sie sich inzwischen am Ofen ... +Entschuldigen Sie!“ Und zu Bovary sagte er: „Guten Abend, +Doktor!“ Der Apotheker pflegte nämlich diesen Titel mit einer +gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der +darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen würfe. „Justin, +nimm dich aber in acht und wirf mir die Mörser nicht um! So! Und +nun holst du ein paar Stühle aus dem kleinen Zimmer! Aber +nicht etwa die Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?“ + +</P><P> + +Homais wollte selber zu seinen Fauteuils stürzen, aber +Binet bat noch um ein Lot Zuckersäure. + +</P><P> + +„Zuckersäure?“ fragte der Apotheker eingebildet. „Kenne ich +nicht! Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsäure? +Also Oxalsäure, nicht wahr?“ + +</P><P> + +Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, daß er nach einem +selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur +Reinigung von verrostetem Jagdgerät. + +</P><P> + +Bei dem Wort „Jagd“ schrak Emma zusammen. + +</P><P> + +Der Apotheker versetzte: + +</P><P> + +„Gewiß! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!“ + +</P><P> + +„Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!“ meinte +Binet bissig. + +</P><P> + +Emma bekam keine Luft. + +</P><P> + +„Und dann möcht ich noch ...“ + +</P><P> + +„Will er denn ewig hier bleiben!“ seufzte sie bei sich. + +</P><P> + +„... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes +Wachs und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren +meines Lederzeugs.“ + +</P><P> + +Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als +seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, +und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plüsch +überzogene Fensterbank. Der Junge lümmelte sich auf einen +niedrigen Sessel, während sich seine ältere Schwester am Kasten +mit den Malzbonbons zu schaffen machte, in nächster Nähe von +„Papachen“, der mit dem Trichter hantierte, die Fläschchen +verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alles zu einem +Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man hörte nichts, +als von Zeit zu Zeit das Klappern der Gewichte auf der Wage +und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem +Lehrling erteilte. + +</P><P> + +„Wie gehts Ihrem Töchterchen?“ fragte plötzlich Frau +Homais. + +</P><P> + +„Ruhe!“ rief ihr Gatte, der den Betrag in das +Geschäftsbuch eintrug. + +</P><P> + +„Warum haben Sies nicht mitgebracht?“ fragte sie weiter. + +</P><P> + +„Sst! Sst!“ machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem +Apotheker. + +</P><P> + +Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht +darauf gehört zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stieß Emma +einen lauten Seufzer aus. + +</P><P> + +„Bißchen asthmatisch?“ bemerkte Frau Homais. + +</P><P> + +„Ach nein, es ist nur recht heiß hier!“ entgegnete Frau +Bovary. + +</P><P> + +Alles das hatte zur Folge, daß die Liebenden tags darauf +beschlossen, ihre Zusammenkünfte anders einzurichten. Emma +schlug vor, ihr Hausmädchen ins Vertrauen zu ziehen und +durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es für +besser, in Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig +zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen. + +</P><P> + +Den ganzen Winter über kam er drei- oder viermal in der Woche bei +Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlüssel zur +Hinterpforte gegeben, während Karl glaubte, er sei verloren +gegangen. Zum Zeichen, daß er da war, warf Rudolf jedesmal +eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, +aber oft mußte sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, +am Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma +verging beinahe vor Ungeduld und wünschte ihren Mann wer weiß +wohin. Schließlich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann +nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch +über alle Maßen fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief +ihr zu, sie solle auch schlafen gehn. + +</P><P> + +„Komm doch, Emma!“ rief er. „Es ist schon spät!“ + +</P><P> + +„Gleich! Gleich!“ erwiderte sie. + +</P><P> + +Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und +schlief ein. Sie schlüpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, +lächelnd, zitternd, halbnackt. + +</P><P> + +Rudolf hüllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, +schlang die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den +Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie +dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Das war an +Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen +geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn. + +</P><P> + +Durch die kahlen Zweige der Jasminbüsche funkelten die Sterne. +Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am +Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich +im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben +bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein +schwarzes Ungetüm auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu +erdrücken. + +</P><P> + +In der Kälte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und +ihr Liebesgestammel um so inbrünstiger. Ihre Augen, die sie +gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen größer, und +in der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflüsterten +Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und +zitterten in ihnen tausendfach wider. + +</P><P> + +Wenn die Nacht regnerisch war, flüchteten sie in Karls +Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem +Pferdestall gelegen war. Emma zündete eine Küchenlampe an, die +sie hinter den Büchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte +sichs bequem, als sei er zu Hause. Der Anblick der +„Bibliothek“, des Schreibtisches, der ganzen Einrichtung +erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, über Karl +allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hörte. Sie hätte +ihn viel lieber ernst sehen mögen, ihretwegen theatralischer, wie +er es einmal gewesen war, als sie in der Pappelallee das +Geräusch von näherkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen +wähnten. + +</P><P> + +„Es kommt jemand!“ sagte sie einmal. + +</P><P> + +Er blies das Licht aus. + +</P><P> + +„Hast du eine Pistole bei dir?“ + +</P><P> + +„Wozu?“ + +</P><P> + +„Damit du ... dich ... verteidigen kannst!“ + +</P><P> + +„Gegen deinen Mann? Der arme Junge!“ Dazu machte er eine +Gebärde, die etwa sagen sollte: „Der mag mir nur kommen!“ + +</P><P> + +Dieser Mut entzückte sie, wenngleich sie die Unzartheit und +urwüchsige Roheit heraushörte und darüber entsetzt war. + +</P><P> + +Rudolf dachte viel über diese kleine Szene nach. + +</P><P> + +„Wenn das ihr Ernst war,“ sagte er sich, „so war das +recht lächerlich, sogar häßlich.“ Er hatte doch wahrlich +keinen Anlaß, ihren gutmütigen Mann zu hassen. Sozusagen „von +Eifersucht verzehrt“, das war er nicht. Überdies hatte ihm +Emma ihre körperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, +der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. Überhaupt fing sie +an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit +ihr tauschen müssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze +Handvoll Haare für einander abgeschnitten, und jetzt wünschte +sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen +ewiger Zusammengehörigkeit. Häufig schwärmte sie ihm von den +Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie +erzählte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen +etwas wissen. Rudolfs Mutter war schon zwanzig Jahre tot. +Trotzdem tröstete ihn Emma mit allerlei Koseworten der +Klein-Kindersprache, als ob es gölte, ein Wickelkind zu +beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen +aufblickend, ausgerufen: + +</P><P> + +„Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mütter segnen unsre +Liebe!“ + +</P><P> + +Aber sie war so hübsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er +noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzüchtigkeiten war +ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, +das seinen Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verführerisch +umschmeichelte. Selbst Emmas Überschwenglichkeiten, so zuwider +sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei näherer +Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so +sicher war, daß er geliebt wurde, ließ er sich gehen, und +allmählich änderte sich sein Benehmen. + +</P><P> + +Nicht mehr wie einst hatte er für sie jene süßen Worte, die +Emma zu Tränen rührten, nicht mehr die stürmischen +Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr +vor, als ob der Strom ihrer eignen großen Liebe, in der sie +völlig untergetaucht war, niedriger würde; sie sah gleichsam auf +den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntnis schauderte sie, +und darum verdoppelte sie ihre Zärtlichkeiten. Rudolf indessen +verriet seine Gleichgültigkeit immer mehr. + +</P><P> + +Emma war sich selber nicht klar darüber, ob sie es bereuen +müsse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser +für sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann +sie ihre Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll +darüber beeinträchtigte ihr den sinnlichen Genuß. Sie gab sich +ihm nicht mehr hin, sie ließ sich jedesmal von neuem +verführen. Aber er meisterte sie, und sie fürchtete sich beinahe +vor ihm. + +</P><P> + +Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach außen ein harmloses +Gepräge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs +Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, +als der Frühling ins Land kam, waren sie fast wie zwei +Eheleute zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemütlichen +Flamme des häuslichen Herdes bringen. + +</P><P> + +Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljährlich eine +Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe +kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem +er an den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen: + +</P><P> + +„Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol +und is si so gut wi di früeren. Mir komt sie nämlig ein +bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nächste mal +schik ich euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt ür liber +ein par junge un schikt mir den Korb zerük, bite un auch di +vorgen, ich hab Unglük mit der römise gehabt der ihr Dach ist +mir neulig nachts bei dem grosen Sturm in die Bäume geflogen, +die ernte ist diesmal nich besonders berümt. Kurz und gut +ich weis nicht wan ich zu euch zu besuch kome, das ist jez +so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine +arme Emma.“ + +</P><P> + +Hier war ein großer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder +hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu träumen. + +</P><P> + +„Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den +Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo +ich war, einen neuen Schäfer zu mieten. Den alten hab ich nämlig +nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig +schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er übrigens auch. + +</P><P> + +„Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend +gekomen is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich +vernomen das Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich +kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase +Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da +sagte er Nein aber im Stale häte er zwei Gäule stehn sehn +woraus ich schlise das der kurkenhandel bei euch gut geht. +Das freut mich sehr meine liben Kinder der libe got mög euch +ales möglige Glük schenken. Es tut mir sör leid das +ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich +habe für si unter deiner Stube ein Flaumenbäumgen geflanzt. +Das sol nich angerürt werden auser später um die Flaumen für +Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si +komt krigt si imer welge. Adiö libe Kinder. Ig küse dich libe +Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide +Baken un verbleibe mit tausen Grüsen euer euch +</P><P> + +libender vater +</P><P> + +Theodor Rouault.“ + +</P><P> + +Ein paar Minuten hielt sie das Stück grobes Papier noch +nach dem Lesen in den Händen. Die Verstöße gegen die +Rechtschreibung jagten sich in den väterlichen Zeilen nur so, +aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der +wie eine Henne aus einer dicken Dornenhecke allenthalben +hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schriftzüge +offenbar mit Herdasche getrocknet, denn aus dem Briefe rieselte +eine Menge grauen Staubes auf das Kleid der Leserin. Sie +glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er +sich nach dem Aschekasten bückte. Ach, wie lange war es schon +her, daß sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich +wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende eines +Steckens an der großen Flamme des Funken sprühenden +Ginsterreisigs anbrennen ließ. Und dann dachte sie zurück an +gewisse sonnendurchglühte Sommerabende, wo die Füllen so hell +aufwieherten, wenn man in ihre Nähe kam, und dann +weggaloppierten. Diese drolligen Galoppsprünge! Im Vaterhause, +unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren +die Bienen, wenn sie in der Sonne ausschwärmten, gegen die +Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Das war doch +eigentlich eine glückliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller +Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei +dem, was sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen +den verschiedenen Abschnitten ihres Daseins, als +junges Mädchen, dann als Gattin, zuletzt als Geliebte. +Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der +auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stück von seinen +Habseligkeiten liegen läßt. + +</P><P> + +Aber warum war sie denn so unglücklich? Was war Bedeutsames +geschehen, daß sie mit einem Male aus allen Himmeln gestürzt +war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche +sie den Anlaß ihres Herzeleids. + +</P><P> + +Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des +Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe +hindurch spürte sie den weichen Teppich. Es war ein heller +Frühlingstag, und die Luft war lau. + +</P><P> + +Da hörte sie, wie ihr Kind draußen laut aufjauchzte. + +</P><P> + +Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermädchen +wollte sie am Kleide wieder in die Höhe ziehen. Lestiboudois +war dabei, den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nähe +des Kindes kam, streckte es ihm beide Ärmchen entgegen. + +</P><P> + +„Bring sie mir mal herein!“ rief sie dem Mädchen zu und riß +ihr Töchterchen hastig an sich, um es zu küssen. „Wie ich +dich liebe, mein armes Kind! Wie ich dich liebe!“ + +</P><P> + +Als sie bemerkte, daß es am Ohre etwas schmutzig war, +klingelte sie rasch und ließ sich warmes Wasser bringen. Sie +wusch die Kleine, zog ihr frische Wäsche und reine Strümpfe an. +Dabei tat sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der +Kleinen stehe, just als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. +Schließlich küßte sie sie noch einmal und gab sie tränenden +Auges dem Mädchen wieder. Felicie war ganz verdutzt über +diesen Zärtlichkeitsanfall der Mutter. + +</P><P> + +Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst. + +</P><P> + +„Eine vorübergehende Laune!“ tröstete er sich. + +</P><P> + +Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als +er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig. + +</P><P> + +„Schade um die Zeit, mein Liebchen!“ meinte er. Und er tat so, +als merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das +Taschentuch, das sie herauszog. + +</P><P> + +Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus +welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht +besser gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. +Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren +Gefühlswandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht +zufällig eine solche heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre +hingebungsvolle Anwandlung tatenlos geblieben. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Elftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode, +Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er +war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in +Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit +es auf der Höhe der Kultur bleibe. + +</P><P> + +„Was ist denn dabei zu riskieren?“ fragte er Frau Bovary. +Er zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den +Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des +Kranken. Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende +Reklame für den Operateur. „Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht +beispielsweise den armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? +Bedenken Sie, daß er seine Heilung allen Reisenden erzählen +würde. Und dann ...“ Der Apotheker begann zu flüstern und +blickte scheu um sich, „... was sollte mich daran hindern, +eine kleine Notiz darüber in die Zeitung zu bringen? Du mein +Gott! So ein Artikel wird überall gelesen ... man spricht davon +... schließlich weiß es die ganze Welt. Aus Schneeflocken +werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer weiß?“ + +</P><P> + +Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar +keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu +bezweifeln, und was für eine Befriedigung wäre es für +sie, die geistige Urheberin eines Entschlusses zu sein, der +sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte +mehr als bloß die Liebe dieses Mannes. + +</P><P> + +Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl +überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des +Doktors Düval, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf +zwischen den Händen, in diese Lektüre. Während er sich über +Pferdefußbildungen, Varus und Valgus, Strephocatopodie, +Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen +inneren und äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen +Fußes), Strephypopodie und Strephanopodie (das sind +Fußleiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich +greifen) unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom +Goldnen Löwen mit allen Mitteln der Überredungskunst zur +Operation zu bewegen. + +</P><P> + +„Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren“, +sagte er zu ihm. „Es ist nichts weiter als ein Einstich +wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein +Hühnerauge schneiden läßt.“ + +</P><P> + +Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich. + +</P><P> + +„Im übrigen“, fuhr der Apotheker fort, „kann mirs +natürlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs +nur aus purer Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte +dich gar zu gern von deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, +von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst +dagegen sagen, was du willst: es stört dich in der +Ausübung deines Berufs doch erheblich!“ + +</P><P> + +Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach +einer Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu +verstehen, daß er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, +worüber der Bursche albern grinste. + +</P><P> + +„Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch +auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten +ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!“ + +</P><P> + +Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei +ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den +Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne. + +</P><P> + +Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine +Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die +Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, +die Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in +ihn, redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was +vollends den Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen +roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und +Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser +Generosität. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: +„Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!“ + +</P><P> + +Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen +Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers +eine Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an +Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart +worden. + +</P><P> + +Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte +zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß +hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein +nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. +Es war also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, +anders ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker +Neigung zu einem Pferdefuß. + +</P><P> + +Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein +Pferdehuf war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke +Zehen mit schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war +der Krüppel von früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah +ihn unaufhörlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte +sogar den Anschein, als sei sein mißratenes Bein kräftiger +denn das gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf +im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Ausdauer zu eigen +gemacht. + +</P><P> + +An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne +durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher +kann der Varus nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, +beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, +einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse +waren mangelhaft. + +</P><P> + +Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die +erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, +der es unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, +Gensoul, der als erster eine Oberkiefer-Abtragung +ausführte, — allen diesen hat sicherlich nicht so das Herz +geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewiß nicht so +aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt unter sein Messer nahm. + +</P><P> + +Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in +einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie, +gewichste Fäden, Binden, alles was in der Apotheke an +Verbandszeug vorrätig gewesen war. Homais hatte das +alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die Leute zu +verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen. + +</P><P> + +Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. +Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet. + +</P><P> + +Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm +Bovarys Hände und bedeckte sie mit Küssen. + +</P><P> + +„Erst mal Ruhe!“ gebot der Apotheker. „Die Dankbarkeit für +deinen Wohltäter kannst du ja später bezeigen!“ + +</P><P> + +Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs +Neugierigen mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich +eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male +laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten das +Gehäuse an und begab sich sodann nach Haus, wo ihn Emma +angstvoll an der Türe erwartete. Sie fiel ihm um den Hals. + +</P><P> + +Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch +sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst +nur Sonntags, wenn ein Gast da war. + +</P><P> + +Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und +gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke, +von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen +ärztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe +seiner Frau immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt +und verjüngt, gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen +leisen Zuneigung für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. +Flüchtig schoß ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber +ihre Augen ruhten alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte +sie erstaunt, daß seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich +waren. + +</P><P> + +Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr +des Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein +frisch beschriebenes Stück Papier. Es war der +Reklame-Aufsatz, den er für den „Leuchtturm von Rouen“ verfaßt +hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben. + +</P><P> + +„Lesen Sie ihn vor!“ bat Bovary. + +</P><P> + +Der Apotheker tat es: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer noch +immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer +Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen Yonville +der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel +edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer +angesehensten praktischen Ärzte, ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +„Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!“ unterbrach ihn +Karl, vor Erregung tief atmend. + +</P><P> + +„Aber durchaus nicht! Wieso denn?“ + +</P><P> + +Er las weiter: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„... hat den verkrüppelten Fuß ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Er unterbrach sich selbst: + +</P><P> + +„Ich habe hier absichtlich den <TT>terminus +technicus</TT> vermieden, wissen Sie! In einer +Tageszeitung muß alles gemeinverständlich sein ... die +große Masse ...“ + +</P><P> + +„Sehr richtig!“ meinte Bovary. „Bitte fahren Sie fort!“ + +</P><P> + +„Ich wiederhole: + +</P><P> + +<BLOCKQUOTE> +Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, +hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain +operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum +Goldnen Löwen der verwitweten Frau Franz am Markt. Das +aktuelle Ereignis und das allgemeine Interesse an der +Operation hatten eine derartig große Volksmenge angezogen, +daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mußte. Die +Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Bluterguß trat +so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen verrieten, +daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der +Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise +— wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf — +nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt +nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die +vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave +Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten +Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch +muntere Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen +Gelehrten, Ehre den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der +Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen! +<BR> +Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die +Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der +kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach, +schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden +unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so +ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz +verstört gelaufen und rief: + +</P><P> + +„Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!“ + +</P><P> + +Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der +Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ +sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und +mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem +er auf der Treppe begegnete: + +</P><P> + +„Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?“ + +</P><P> + +Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß +das Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen +die Wand geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte. + +</P><P> + +Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht +zu verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot +sich ein gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war +unter einer derartigen Schwellung verschwunden, daß es +aussah, als platze demnächst die ganze Haut. Diese war +blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die das famose +Gehäuse verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an über +Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angehört. Nachdem man +nunmehr einsah, daß er im Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein +paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig +zurückgegangen war, hielten es die beiden Heilkünstler für +angebracht, das Bein wieder einzuschienen und es noch fester +einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen. + +</P><P> + +Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr +auszuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war +höchst über das verwundert, was sich nunmehr +herausstellte. Die schwärzlichblau gewordene Schwellung +erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz voller Blasen +war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man wurde +bedenklich. + +</P><P> + +Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in +die kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er +wenigstens etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, +der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese +Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in das +Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken, +blaß, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte +er seinen in Schweiß gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen +hin und her, wenn ihn die Fliegen quälten. + +</P><P> + +Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den +Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst +fehlte es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, +wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen +herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten. + +</P><P> + +„Wie geht dirs denn?“ fragten sie ihn und klopften ihm auf +die Schulter. „So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist +aber selber schuld daran!“ Er hätte dies oder jenes machen +sollen. Sie erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere +Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren +Trost meinten sie: + +</P><P> + +„Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie +ein Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! +Und besonders gut riechst du auch nicht!“ + +</P><P> + +Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast +selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke. +Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend +stammelte er: + +</P><P> + +„Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, +helfen Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!“ + +</P><P> + +Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann +verließ er ihn. + +</P><P> + +„Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!“ meinte die +Löwenwirtin. „Sie haben dich schon gerade genug geschunden! +Das macht dich bloß immer noch schwächer! Da, trink!“ + +</P><P> + +Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule, +Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine +Lippen zu bringen wagte. + +</P><P> + +Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt +schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber +erklärte er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, +denn es sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich +mit dem Himmel zu versöhnen. + +</P><P> + +„Siehst du,“ sagte der Priester in väterlichem Tone, „du hast +deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der +Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige +Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung +und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein +Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du +dich darum kümmerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe große +Sünder gekannt, die, kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du +bist noch nicht so weit, das weiß ich wohl!) seine Gnade +erfleht haben; sie sind ohne Verdammnis gestorben! Hoffen wir, +daß auch du uns gleich ihnen ein gutes Beispiel gibst! +Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgens ein +Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue das! +Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das +versprechen?“ + +</P><P> + +Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger +wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen +erzählte er den beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, +die Hippolyt allerdings nicht verstand. Aber bei jeder +Gelegenheit kam er auf religiöse Dinge zu sprechen, wobei er +jedesmal eine salbungsvolle Miene annahm. + +</P><P> + +Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht +lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt +nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde, +worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt +genäht halte besser. Er riskiere ja dabei nichts. + +</P><P> + +Der Apotheker war empört über „diese Pfaffenschliche“, wie er +sich ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung +des Hausknechts nur. + +</P><P> + +„Laßt ihn doch nur in Ruhe!“ sagte er zur Löwenwirtin. „Mit +euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!“ + +</P><P> + +Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein +anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein +aus Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen +Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf. + +</P><P> + +Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der +chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom +Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue +Salben und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und +schließlich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, +als Mutter Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser +hoffnungslosen Lage nicht den Doktor Canivet aus +Neufchâtel kommen lassen solle, der doch weitberühmt sei. + +</P><P> + +Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso +wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht, +über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das +bis an das Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann +erklärte er, das Glied müsse amputiert werden. + +</P><P> + +Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen „die Esel, die +das arme Luder so zugerichtet“ hätten. Er faßte Homais am +Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke: + +</P><P> + +„Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die +Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es +mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, +Blaseneingriffen! Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich +der Staat ins Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen bloß +immer was zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten +Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber, +wir sind rückständig. Wir sind keine Gelehrten, keine +Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxis, wir +heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns nicht ein, +Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpfüße gerade +zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch einem Buckligen +seinen Höcker abhobeln wollen!“ + +</P><P> + +Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl +zumute, aber er verbarg sein Mißbehagen hinter einem +verbindlichen Lächeln. Er mußte mit Canivet auf gutem Fuße +bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend öfters +konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab. +Aus diesem Grunde hütete er sich, für Bovary einzutreten. Er +vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze Grundsätze sein und +opferte seine Würde den ihm wichtigeren Interessen seines +Geschäfts. + +</P><P> + +Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet +ausführte, war für den ganzen Ort ein wichtiges +Ereignis. Frühzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und +die Hauptstraße war voller Menschen, die allesamt etwas +Trübseliges an sich hatten, als solle eine Hinrichtung +stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich über +Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau +Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen +Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der +Operateur ankäme. + +</P><P> + +Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber +kutschierte. Durch die Last seines Körpers war die rechte +Feder des Gefährts derartig niedergedrückt, daß der +Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster +stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschlösser +prächtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bis vor die +kleine Freitreppe des Goldnen Löwen. Mit lauter Stimme befahl +er, das Pferd auszuspannen. Er ging mit in den Stall und +überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich Hafer geschüttet +bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer zuerst +seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im +Munde der Leute für einen „Pferdejockel“. Aber gerade weil er +sich darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. +Und wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den +letzten Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst +seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen. + +</P><P> + +Homais stellte sich ein. + +</P><P> + +„Ich rechne auf Ihre Unterstützung!“ sagte der Chirurg. „Ist +alles bereit? Na, dann kanns losgehen!“ + +</P><P> + +Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, +um einer solchen Operation assistieren zu können. „Als +passiver Zuschauer“, sagte er, „greift einen so was doppelt +an. Meine Nerven sind so herunter ...“ + +</P><P> + +„Quatsch!“ unterbrach ihn Canivet. „Mir machen Sie vielmehr den +Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. +Übrigens kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh +bis abends in Eurer Giftbude. Das muß sich ja +schließlich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag +für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf, wasche mich mit +eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden +gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich nicht, und +mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und morgen +so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als +Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so +zimperlich wie Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn +oder einem christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie +haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. +Sehr richtig! Es ist alles bloß Gewohnheit ...“ + +</P><P> + +Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem +Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung +in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit +eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen +Vergleich geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über +die Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes +sei ein Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern +als gemeines Handwerk ausübe, der sei ein +Heiligtumschänder. + +</P><P> + +Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von +Homais gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war +dasselbe, das bereits bei der ersten Operation zur Stelle +gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der das Bein +festhalten könne. Lestiboudois ward geholt. + +</P><P> + +Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel +hoch und begab sich in das Billardzimmer, während der +Apotheker in die Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia +neugierig und ängstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen +waren weißer als ihre Schürzen. + +</P><P> + +Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause +heraus. Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und +die Hände gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer +brannte, und starrte vor sich hin. „Welch ein Mißgeschick!“ +seufzte er. „Was für eine große Enttäuschung!“ Er hatte +doch alle denkbaren Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war +der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! +Wenn Hippolyt noch stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was +sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten? +Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er +wußte doch selber keinen, so sehr er auch darüber nachsann. Die +berühmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber das wird +kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur auslachen und in +Verruf bringen. Die Sache wird bis Forges ruchbar werden, +bis Neufchâtel, bis Rouen und noch weiter! Vielleicht +würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn veröffentlichen, +dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in den Zeitungen +eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf Schadenersatz +klagen. + +</P><P> + +Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von +tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her +wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres. + +</P><P> + +Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung +dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie +hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines +Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine +Unfähigkeit doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte! + +</P><P> + +Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten. + +</P><P> + +„Setz dich doch!“ sagte sie. „Du machst mich noch ganz +verrückt!“ + +</P><P> + +Er tat es. + +</P><P> + +Wie hatte sie es nur fertig gebracht — wo sie doch so klug +war! —, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, +ihr ganzer Lebenspfad war doch fortwährend durch das +traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! +Sie rief sich alles einzeln ins Gedächtnis zurück: +ihren unbefriedigten Hang zum Lebensgenuß, die Einsamkeit +ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihres +Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den Sumpf +hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an +alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie +von sich gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! +Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn +alles so? Warum? + +</P><P> + +Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein +herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig. +Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr +nichts mehr anzusehen. + +</P><P> + +Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und +ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis +dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos +gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren +Namen! Und sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! +Hatte unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war! + +</P><P> + +„Vielleicht war es ein Valgus?“ rief Karl plötzlich laut +aus. Das war das Ergebnis seines Nachsinnens. + +</P><P> + +Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken +Emmas versetzte — er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne +Platte —, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit +sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam +erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich +seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick +eines Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den +verhallenden Schreien des Amputierten. Der heulte in +langgedehnten Tönen, die ab und zu von grellem Gebrüll +unterbrochen wurden. Alles das klang wie das ferne +Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß sich +auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer +Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke trafen +ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein +Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja +seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue, +daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von +Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen +ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den +Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie +des Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein +Bild entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie +gab ihm ihre ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus +ihrem Leben herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich +geworden, ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor +ihren Augen den Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her +drang das Geräusch von Tritten herauf. Karl ging an das +Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor +Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte +sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt +Homais, die große rote Reisetasche in der Hand. Beide +steuerten auf die Apotheke zu. + +</P><P> + +In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis +näherte sich Karl seiner Frau: + +</P><P> + +„Gib mir einen Kuß, Geliebte!“ + +</P><P> + +„Laß mich!“ wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn. + +</P><P> + +„Was hast du denn? Was ist dir?“ fragte er betroffen. +„Sei doch ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich +dich liebe! Komm!“ + +</P><P> + +„Weg!“ rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem +Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß +das Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging. + +</P><P> + +Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach, +was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer +Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von +etwas Unheilvollem, Unfaßbarem. + +</P><P> + +Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er +seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe +sitzen und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger +schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zwölftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage. +Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell +seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf +kam alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie +sich langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein +schrecklich. + +</P><P> + +„Kann ich das ändern?“ rief er einmal ungeduldig aus. + +</P><P> + +„Ja, wenn du wolltest!“ + +</P><P> + +Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem +Haar und traumverlorenem Blick. + +</P><P> + +„Wieso?“ fragte er. + +</P><P> + +Sie seufzte. + +</P><P> + +„Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... +weit weg von hier ...“ + +</P><P> + +„Ein toller Einfall!“ lachte er. „Unmöglich!“ + +</P><P> + +Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm +das unverständlich, und begann von etwas anderm zu +sprechen. + +</P><P> + +Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes +aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. +Sie müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch +an ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche. + +</P><P> + +Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu +Tag im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann +verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr +verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor, +seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so +schwerfällig, seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie +nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. +Sie bildete sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. +Immerwährend träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, +seiner braunen Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten +Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so +leidenschaftlichen Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel +mit der Sorgfalt eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie +eine Unmenge von Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne +für ihre Wäsche. Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und +Halsketten. Wenn sie ihn erwartete, füllte sie ihre großen +blauen Glasvasen mit Rosen und schmückte ihr Zimmer und sich +selber wie eine Kurtisane, die einen Fürsten erwartet. Felicie +wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte +sie in ihrer Küche. + +</P><P> + +Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer +Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, +auf dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn +herum aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die +Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen. + +</P><P> + +„Wozu hat man das alles?“ fragte der Bursche, indem er mit +der Hand über einen der Reifröcke strich. + +</P><P> + +„Hast du sowas noch niegesehen?“ Felicie lachte. „Deine +Herrin, Frau Homais, hat das doch auch!“ + +</P><P> + +„So? Die Frau Homais!“ Er sann nach. „Ist sie denn eine Dame +wie die Frau Doktor?“ + +</P><P> + +Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie +war drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr +Theodor, der Diener des Notars, neuerdings den Hof. + +</P><P> + +„Laß mich in Ruhe!“ sagte sie und stellte den Stärketopf +beiseite. „Scher dich lieber an <B>deine</B> Arbeit! Stoß deine +Mandeln! Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du +dich damit befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase +wachsen, du Knirps, du nichtsnütziger!“ + +</P><P> + +„Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch +die Schuhe für die Frau Doktor!“ + +</P><P> + +Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen +her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit +eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt — vom letzten +Stelldichein her —, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo +gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin +betrachtete sie sich. + +</P><P> + +„Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!“ sagte Felicie, +die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt +anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht +mehr tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in +ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber +Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen. + +</P><P> + +So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein +aus, das Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen +müsse. Die Fläche, mit der es anlag, war mit Kork überzogen. +Es hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und +Schuh verdeckten es vollkommen. Hippolyt wagte es indessen +nicht in den Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm +noch ein anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel +mußte der Arzt auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der +Hausknecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah +man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den +harten Anschlag des Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, +schlug er schnell einen anderen Weg ein. + +</P><P> + +Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. +Das gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte +mit ihr über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, +die Frauen interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig +und forderte niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle +Emmas wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie +Rudolf einen sehr schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in +einem Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte +Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber +überreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von +zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centimes. Emma +war in der gröbsten Verlegenheit. Die Kasse war leer. +Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu bekommen, +Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer +Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang +des Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich +gegen Ende Oktober einzugehen pflegte. + +</P><P> + +Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann +verlor er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, +und wenn er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er +ihr alles wieder abnehmen, was er ihr geliefert habe. + +</P><P> + +„Gut!“ meinte Emma. „Holen Sie sichs!“ + +</P><P> + +„Ach was! Das hab ich nur so gesagt!“ entgegnete er. +„Indessen um den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, +den werd ich mir vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!“ + +</P><P> + +„Um Gottes willen!“ rief sie aus. + +</P><P> + +„Warte nur! Dich hab ich!“ dachte Lheureux bei sich. + +</P><P> + +Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte, +lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin: + +</P><P> + +„Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!“ + +</P><P> + +Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte +in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine +kleine in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine +Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die +Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das +schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe +hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte +den Schlüssel ein. + +</P><P> + +Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals. + +</P><P> + +„Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen“, sagte er. +„Wollen Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...“ + +</P><P> + +„Hier haben Sie Ihr Geld!“ unterbrach sie ihn und zählte ihm +vierzehn Goldstücke in die Hand. + +</P><P> + +Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen, +brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle +möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte. + +</P><P> + +Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit +dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die +Tasche ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig +zu sparen, damit sie recht bald ... + +</P><P> + +„Was ist da weiter dabei?“ beruhigte sie sich. „Er wird +nicht gleich dran denken!“ + +</P><P> + +Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte +Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem +Wahlspruch: <TT>Amor nel Cor!</TT> (Liebe im +Herzen!), fernerhin ein seidenes Halstuch und eine +Zigarrentasche, zu der sie als Muster die Tasche genommen +hatte, die Karl damals auf der Landstraße gefunden hatte, +als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie +sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem +Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so +mußte er sich schließlich fügen. Er fand das aufdringlich +und höchst rücksichtslos. + +</P><P> + +Sie hatte wunderliche Einfälle. + +</P><P> + +„Wenn es Mitternacht schlägt,“ bat sie ihn einmal, „mußt +du an mich denken!“ + +</P><P> + +Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er +endlose Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen: + +</P><P> + +„Du liebst mich nicht mehr!“ + +</P><P> + +„Ich dich nicht mehr lieben?“ + +</P><P> + +„Über alles?“ + +</P><P> + +„Natürlich!“ + +</P><P> + +„Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?“ + +</P><P> + +„Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?“ brach +er lachend aus. + +</P><P> + +Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe +zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu +mildern suchte. + +</P><P> + +„Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!“ begann sie von +neuem. „Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen +kann! Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, +dich zu sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter +Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern +Frauen? Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; +nicht wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere +als ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine +Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so +gut! So schön! So klug und stark!“ + +</P><P> + +Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß +es ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin +nicht anders als alle seine früheren Geliebten, und der +Reiz der Neuheit fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, +und das ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt +zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er +war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den +nämlichen Ausdrucksformen himmelweit voneinander +verschiedene Gefühlsarten existieren können. Weil ihm die +Lippen liederlicher oder käuflicher Frauenzimmer schon die +gleichen Phrasen zugeflüstert hatten, war sein Glaube an die +Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach. + +</P><P> + +„Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,“ +sagte er sich, „sie sind nur ein Mäntelchen für +Alltagsempfindungen.“ + +</P><P> + +Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den +banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand +genau zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine +Innenwelt, seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine +gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, +nach der kaum ein Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen +möchten. + +</P><P> + +Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich +ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch +dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme +Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie +bar jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und +verdarb sie gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische +Anhänglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig +empfand sie Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre +Seele ertrank in diesem Rausche. + +</P><P> + +Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem +äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre +Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung +Rudolfs, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, „um die +Spießer zu ärgern“, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war +es gänzlich geschehen, als man sie eines schönen +Tages in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener +Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem +heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne +Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger als die +Yonviller Philister. Und noch vieles andre mißfiel ihr. +Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das Roman-Lesen doch +wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die „ganze +Wirtschaft“ nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich Bemerkungen +darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen Auftritt. +Felicie war die nähere Veranlassung dazu. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, +als sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht +mehr besonders jungen Mannes überrascht. Der Betreffende +trug ein braunes Halstuch und verschwand bei der Annäherung +der alten Dame. Emma lachte, als ihr der Vorfall berichtet +ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer +bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig +Wert darauf. + +</P><P> + +„Sie sind wohl aus Hinterpommern?“ fragte die junge Frau so +impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen +konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle. + +</P><P> + +„Verlassen Sie mein Haus!“ schrie Emma und sprang auf. + +</P><P> + +„Emma! Mutter!“ rief Karl beschwichtigend. + +</P><P> + +In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. +Emma stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete. + +</P><P> + +„So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!“ rief sie. + +</P><P> + +Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte: + +</P><P> + +„So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. +Schlimmeres vielleicht noch!“ + +</P><P> + +Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um +Verzeihung gebeten würde. + +</P><P> + +Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den +Knien, doch nachzugeben. Schließlich sagte sie: + +</P><P> + +„Meinetwegen!“ + +</P><P> + +In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit +der Würde einer Fürstin. + +</P><P> + +„Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!“ + +</P><P> + +Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf +den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen +vergraben. + +</P><P> + +Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen +sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen +weißen Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, +solle er daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere +Gartenpforte eilen. + +</P><P> + +Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am +Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke +der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn +hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung +überkam sie. + +</P><P> + +Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das +war er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den +Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme. + +</P><P> + +„Sei doch ein bißchen vorsichtiger!“ mahnte er. + +</P><P> + +„Ach, wenn du wüßtest!“ Und sie begann ihm den ganzen Vorfall +zu erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei +übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte +eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht +das mindeste von der ganzen Geschichte begriff. + +</P><P> + +„So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!“ + +</P><P> + +„Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!“ erwiderte +sie. „Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht +nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr +aus! Rette mich!“ + +</P><P> + +Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen, +glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm. + +</P><P> + +Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der +kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er: + +</P><P> + +„Was soll ich tun? Was willst du?“ + +</P><P> + +„Flieh mit mir!“ rief sie. „Weit weg von hier! Ach, ich bitte +dich um alles in der Welt!“ + +</P><P> + +Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem +Kusse das Ja einhauchen und wieder heraussaugen. + +</P><P> + +„Aber ...“ + +</P><P> + +„Kein Aber, Rudolf!“ + +</P><P> + +„... und dein Kind?“ + +</P><P> + +Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie: + +</P><P> + +„Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!“ + +</P><P> + +„Ein Teufelsweib!“ dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. +Sie mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen. + +</P><P> + +Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das +veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert. +Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig, +und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken +einzulegen, bat. + +</P><P> + +Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu +täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch +einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, +was sie im Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr +durchaus nicht im Sinne. Der Gegenwart entrückt, lebte sie im +Vorgeschmacke des kommenden Glückes. Davon schwärmte sie +dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter +gelehnt, flüsterte sie: + +</P><P> + +„Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen? +Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist +es wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, +daß sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl +haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken +hinein! Weißt du, ich zähle die Tage ... Und du?“ + +</P><P> + +Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie +besaß eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus +Lebensfreude, Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt +und das Symbol seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre +heimlichen Lüste, ihre Trübsal, ihre erweiterten +Liebeskünste und ihre ewig jungen Träume hatten sich stetig +entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur +Entfaltung bringen, und nun erst erblühte ihre volle Eigenart. +Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu geschnitten, +schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie verschleierten ihre +Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen Nasenflügel weitete +und es leise um die Hügel der Mundwinkel zuckte, die im +Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war +versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler habe den Knoten +ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus wie +eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig +geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag +aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser +geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes, +Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und +aus dem Rhythmus ihres Ganges. Wie in den +Flitterwochen erschien sie ihrem Manne entzückend und ganz +unwiderstehlich. + +</P><P> + +Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu +wecken. Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht +warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im +Halbdunkel wie ein weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen +bauschigen Vorhängen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen +Atemzüge seines Kindes zu hören. Es wuchs sichtlich +heran, jeder Monat brachte es vorwärts. Im Geiste sah er +es bereits abends aus der Schule heimkehren, froh und +munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mußte +das Mädel in eine Pension kommen. Das würde viel Geld +kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er sann nach. Wie +wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut pachtete? +Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er hinreiten +und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die Sparkasse, +später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft werden. +Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit rechnete +er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte +etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch +würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer +Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden +Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei +Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken +vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater +und Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft +würde sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn +erfüllen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde +sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen +finden und sie glücklich machen. Und so bliebe es dann +immerdar ... + +</P><P> + +Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und +während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen +Träumereien nach. + +</P><P> + +Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt, +auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder +zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren +dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie +plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt +hinab, mit ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und +weißen Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie +dann durch die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen +Blumensträuße an. Glocken läuteten, Maulesel schrien, und +dazwischen girrten Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler +Wasserstaub auf Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu +Pyramiden aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die +unter dem Sprühregen lächelten. Und eines Abends +erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde +trockneten, am Strand und zwischen den Hütten. Dort wollte sie +bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem +Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht des +Meeres. Sie fuhren in Gondeln und träumten in Hängematten. +Das Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen +Gewänder, und so warm und sternbesät wie die süßen Nächte, +die sie schauernd genossen ... Das war ein unermeßlicher +Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte sie ihn +nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der +andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen +fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser +Bewegung, stahlblau und sonnenbeglänzt ... + +</P><P> + +Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte +laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße +Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden +der Apotheke öffnete. + +</P><P> + +Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt: + +</P><P> + +„Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel +mit einem breiten Kragen.“ + +</P><P> + +„Sie wollen verreisen?“ fragte der Händler. + +</P><P> + +„Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf +Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!“ + +</P><P> + +Lheureux machte einen Kratzfuß. + +</P><P> + +„Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren +... einen handlichen ...“ + +</P><P> + +„Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie +man sie jetzt meist hat!“ + +</P><P> + +„Und eine Handtasche für das Nachtzeug!“ + +</P><P> + +„Aha,“ dachte der Händler, „sie hat sicher Krakeel gehabt!“ + +</P><P> + +„Da!“ sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem +Gürtel nestelte. „Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit +bezahlt!“ + +</P><P> + +Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie +wäre doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? +Was solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er +wenigstens die Kette nähme. + +</P><P> + +Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief +ihn Emma zurück. + +</P><P> + +„Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den +Mantel ...,“ sie tat so, als ob sie sichs überlegte „... +den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie +mir die Adresse des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel +soll bei ihm zum Abholen bereitliegen.“ + +</P><P> + +Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte +Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu +machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post +bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit +das Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. +In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann +sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas +Gepäck sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß +irgendwer Verdacht schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war +von ihrem Kinde niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon +zu sprechen. „Sie denkt vielleicht nicht mehr daran“, sagte er +sich. + +</P><P> + +Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten +zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei +Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er +eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach +allen diesen Verzögerungen schließlich „unwiderruflich“ auf +Montag den 4. September einigten. + +</P><P> + +Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich +ein. + +</P><P> + +„Ist alles bereit?“ fragte sie ihn. + +</P><P> + +„Ja.“ + +</P><P> + +Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf +den Rand der Gartenmauer. + +</P><P> + +„Du bist verstimmt?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Nein. Warum auch?“ + +</P><P> + +Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an. + +</P><P> + +„Vielleicht weil es nun fortgeht?“ fragte sie. „Weil du +Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes +jetziges Leben? Ich verstehe das wohl, wenn ich selber auch +nichts derlei auf der Welt habe. Du bist mein alles! Und +ebenso möchte ich dir alles sein, Familie und Vaterland. Ich +will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!“ + +</P><P> + +„Wie lieb du bist!“ sagte er und zog sie an sein Herz. + +</P><P> + +„Wirklich?“ fragte sie in lachender Wollust. „Du liebst mich? +Schwöre mirs!“ + +</P><P> + +„Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, +Liebste!“ + +</P><P> + +Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des +flachen Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er +hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch +ihre Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen +Vorhang. Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume +des weiten Himmels. Er ward immer silberner, und nun +rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache über den Wellen in +zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener +Diamanten. Ringsum leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur +in den Wipfeln hingen dunkle Schatten. + +</P><P> + +Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den +kühlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken +und verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage +ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie +der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die +Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die +verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen +Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen +raschelte auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs +Gesträuch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein +reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel. + +</P><P> + +„Was für eine wunderbare Nacht!“ sagte Rudolf. + +</P><P> + +„Wir werden noch schönere erleben!“ erwiderte Emma. Und wie zu +sich selbst fuhr sie fort: „Ach, wie herrlich wird unsere Reise +werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? +Ist es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das +Gewohnte zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist +das Übermaß von Glück! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih +mir!“ + +</P><P> + +„Noch ist es Zeit!“ rief er aus. „Überleg dirs! Wird +es dich auch niemals reuen?“ + +</P><P> + +„Niemals!“ beteuerte sie leidenschaftlich. + +</P><P> + +Sie schmiegte sich an ihn. + +</P><P> + +„Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt +keine Wüste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht +durchqueren würde! Je länger wir zusammen leben werden, um so +inniger und vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, +kein Hindernis wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein +und eins immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!“ + +</P><P> + +Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen: + +</P><P> + +„Ja ... ja ... ja!“ + +</P><P> + +Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein +kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder: + +</P><P> + +„Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter +Rudolf ...“ + +</P><P> + +Es schlug Mitternacht. + +</P><P> + +„Mitternacht!“ sagte sie. „Nun heißt es: morgen! Nur noch +ein Tag!“ + +</P><P> + +Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese +Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male +fröhlich. + +</P><P> + +„Hast du die Pässe?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Ja.“ + +</P><P> + +„Hast du nichts vergessen?“ + +</P><P> + +„Nein.“ + +</P><P> + +„Weißt du das genau?“ + +</P><P> + +„Ganz genau!“ + +</P><P> + +„Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?“ + +</P><P> + +Er nickte. + +</P><P> + +„Also morgen auf Wiedersehen!“ sagte Emma mit einem letzten +Kusse. + +</P><P> + +Er ging, und sie sah ihm nach. + +</P><P> + +Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den +Bachrand und rief durch die Weiden hindurch: + +</P><P> + +„Auf morgen!“ + +</P><P> + +Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch +die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, +wie ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie +eine Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich +gegen einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken. + +</P><P> + +„Ich bin kein Mann!“ rief er aus. „Hol mich der Teufel! Ein +hübsches Weib wars doch!“ + +</P><P> + +Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten +ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen +diese Rührung. + +</P><P> + +„Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!“ + +</P><P> + +Er gestikulierte heftig. + +</P><P> + +„Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die +Kosten!“ + +</P><P> + +Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen. + +</P><P> + +„Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Dreizehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den +Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine +Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte, +wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen +beide Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in +weite Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, +hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet. + +</P><P> + +Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem +Schranke, der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte +Blechschachtel hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin +gewesen waren und in der er seine „Weiberbriefe“ aufbewahrte. +Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu +oberst lag ein Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es +war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie +einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. +Daneben lag ein Bild von ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle +vier Ecken daran waren abgestoßen. Das Kleid, das sie auf +diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder +Blick jämmerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und +sich das Urbild in die Phantasie zurückzurufen suchte, +verschwammen Emmas Züge in seinem Gedächtnisse, gleichsam +als ob sich die noch lebende Erinnerung und das gemalte +Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre +vernichtete. + +</P><P> + +Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten +Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz, +sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er +suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen, +mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von +Papieren und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, +ein Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken +heraus. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten +sich ins Scharnier gezwängt und rissen nun beim +Herausnehmen ... + +</P><P> + +Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte +seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, +über den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht +minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten +zärtlich geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die +wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem +bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang +einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste +Erinnerung herauf. + +</P><P> + +Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn. +Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig +in den Schmutz. Etwas Gemeinsames — die Liebe — stellte +sie allesamt auf ein und dasselbe Niveau. + +</P><P> + +Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine +Art Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er +sie, halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und +stellte diesen in den Schrank zurück. + +</P><P> + +„Lauter Blödsinn!“ + +</P><P> + +Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war +wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos +herumgetrampelt waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die +Freuden des Daseins hatten noch gründlicher gewirtschaftet. +Die Schüler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz +war keiner zu lesen. + +</P><P> + +„Nun aber los!“ rief er sich zu. + +</P><P> + +Er begann zu schreiben: + +</P><P> + +„Liebe Emma! + +</P><P> + +Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...“ + +</P><P> + +„Eigentlich sehr richtig!“ dachte er bei sich. „Das ist nur +in ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...“ + +</P><P> + +„... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? +Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich +Dich beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir +tollkühn und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, +an die Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet +waren wir!“ + +</P><P> + +Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten +Ausflüchten. „Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein +Vermögen verloren? Ach, nein, lieber nicht! Übrigens nützte +das nichts. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem +los. Es ist, weiß Gott, verdammt schwer, so eine Frau +wieder vernünftig zu machen!“ + +</P><P> + +Er sann nach, dann schrieb er weiter: + +</P><P> + +„Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein +ganzes Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner +gedenken. So aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun +einmal das Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, +früher oder später, doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären +ihrer müde geworden, und wer weiß, ob mir nicht der gräßliche +Schmerz beschieden gewesen wäre, Deine Reue zu erleben und selber +welche zu empfinden als Veranlasser der Deinigen? Die bloße +Vorstellung, Dir dieses Leid verursachen zu können, martert +mich. Liebste Emma, vergiß mich! Wir hätten uns nie kennen +lernen sollen! Warum bist Du so schön! Bin ich der Schuldige? Bei +Gott, nein, nein! Wir müssen das Schicksal anklagen ...“ + +</P><P> + +„Dieses Wort machte immer Eindruck“, sagte er zu sich. + +</P><P> + +„Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so +viele gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus +Egoismus, ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen +schwärmerischen Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich +Deines vielen Kummers, bist Du nicht imstande, Du Beste +aller Frauen, die Kehrseite unsrer zukünftigen Stellung in der +Welt vorauszusehen. Auch ich habe zunächst gar nicht daran +gedacht, habe mich in unserm Höhenglücke behaglich gesonnt, mich +in ein Märchenland geträumt und mich um keine Folgen +gekümmert ...“ + +</P><P> + +„Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... +Auch egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!“ + +</P><P> + +„... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns +überall, wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du +hättest unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und +vielleicht Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. +Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. +Du solltest mein Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der +Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich +gehe fort. Wohin? Ach, ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig! + +</P><P> + +Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht +ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, +damit sie mich in ihre Gebete einschließt!“ + +</P><P> + +Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom +Schreibtisch auf und schloß das Fenster. + +</P><P> + +„So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen +Fall eine Aussprache!“ + +</P><P> + +Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter: + +</P><P> + +„Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit +weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu +entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach +werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht +miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, kühl und +vernünftig. Adieu!“ + +</P><P> + +Er setzte noch ein „A dieu!“ darunter, in zwei Worten +geschrieben. Das hielt er für sehr geschmackvoll. + +</P><P> + +„Wie soll ich nun unterzeichnen?“ fragte er sich. „Dein +ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!“ + +</P><P> + +Und er schrieb: + +</P><P> + +„Dein treuer Freund + +</P><P> + +R.“ + +</P><P> + +Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm. + +</P><P> + +„Armes Frauchen!“ dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit. +„Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich +fehlen ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das +ist mein Fehler.“ + +</P><P> + +Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte +einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen +Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift +färbte ihn blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun +nach einem Petschaft. Das mit dem Wahlspruch +<TT>Amor nel Cor</TT> geriet ihm in die Hand. + +</P><P> + +„Paßt eigentlich nicht gerade!“ dachte er. „Ach was! Tut +nichts!“ + +</P><P> + +Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen. + +</P><P> + +Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen +zwei Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen +pflücken, legte den Brief unter die Weinblätter am Boden und +befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau +Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten +zukommen lassen, je nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten +oder Wild. + +</P><P> + +„Wenn sie sich nach mir erkundigt,“ instruierte er, „dann +antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich +in die Hände! Verstanden? So! Ab!“ + +</P><P> + +Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über +die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit +schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville. + +</P><P> + +Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit +beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche +zu falten. + +</P><P> + +„Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,“ vermeldete er, „und +das schickt er hier!“ + +</P><P> + +Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer +Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah +sie den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie +verwundert; er begriff nicht, daß ein solches Geschenk +jemanden so sehr aufregen könne. Dann ging er. + +</P><P> + +Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie +eilte in das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die +Aprikosen dahin tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm +die Weinblätter heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn +und floh hinauf nach ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. +Sie war fassungslos vor Angst. + +</P><P> + +Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie +verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher, +außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den +unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern +knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen +Bodentüre stehen. + +</P><P> + +Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem +Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. +Nirgends war sie ungestört. + +</P><P> + +„Ja, hier gehts!“ sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf +und trat in die Bodenkammer. + +</P><P> + +Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe +Schwüle, die ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. +Sie schleppte sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß +den Holzladen auf. Grelles Licht flutete ihr entgegen. + +</P><P> + +Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in +die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine +des Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser +standen unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, +aus einem der Dachfenster drang ein schnarrendes, +kreischendes Geräusch herauf. Binet saß an seiner Drehbank. + +</P><P> + +Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit +zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je +gründlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. +Im Geist sah sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn +leidenschaftlich an sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie +mit wuchtigen Hammerschlägen, die immer rascher und +unregelmäßiger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte +den Wunsch in sich, daß die ganze Welt zusammenstürze. Wozu +weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die +Vogelfreie? + +</P><P> + +Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab +auf das Straßenpflaster. + +</P><P> + +„Mut! Mut!“ rief sie sich zu. + +</P><P> + +Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres +Körpers förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, +als bewege sich die Fläche des Marktplatzes und hebe +sich an den Häusermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie +stand, begann zu schwanken wie das Deck eines Seeschiffes +... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinaus. Schon hing +sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und +die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch +sich nicht mehr festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen +... Ohne Unterlaß summte unten die Drehbank wie die rufende +Stimme eines bösen Geistes ... + +</P><P> + +In diesem Moment rief Karl: + +</P><P> + +„Emma! Emma!“ + +</P><P> + +Da kam sie wieder zur Besinnung. + +</P><P> + +„Wo steckst du denn? Komm doch!“ + +</P><P> + +Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie +mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend +fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie. + +</P><P> + +„Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.“ + +</P><P> + +Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen. + +</P><P> + +Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen +hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie +sich die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und +wirklich tat sie das und begann die Fäden des Gewebes zu +zählen ... Plötzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie +ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, +als daß sie imstande gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, +um bei Tisch aufstehen zu können. Sie war feig geworden. Sie +hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wußte er nun alles, +sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigentümlicher +Betonung: + +</P><P> + +„Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?“ + +</P><P> + +„Wer hat dir das gesagt?“ fragte sie zitternd. + +</P><P> + +„Wer mir das gesagt hat?“ wiederholte er, ein wenig betroffen +von dem harten Klang ihrer Frage. „Na, sein Kutscher, dem ich +vorhin vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist +verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen ...“ + +</P><P> + +Emma schluchzte laut auf. + +</P><P> + +„Wundert dich das?“ fuhr er fort. „Er verdrückt sich doch +immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm +nicht verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und +Junggeselle ist ... Übrigens ist unser Freund ein +Lebenskünstler! Ein alter Schäker! Langlois hat mir +erzählt ...“ + +</P><P> + +Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade +hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das +Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf +den Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er +nahm eine der Früchte und biß hinein. + +</P><P> + +„Ah!“ machte er. „Vorzüglich! Koste mal!“ + +</P><P> + +Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab. + +</P><P> + +„So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!“ + +</P><P> + +Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase. + +</P><P> + +„Ich bekomm keine Luft!“ rief sie und sprang auf. Aber schnell +beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. +„Es war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz +dich nur wieder hin und iß!“ + +</P><P> + +Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein +und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte +sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand +und legte sie dann auf seinen Teller. + +</P><P> + +Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den +Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings +langhin zu Boden. + +</P><P> + +Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen +zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer +Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl +oder übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, +die draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt. + +</P><P> + +Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des +Arztes „was los sei“, stürzte herbei. Der Eßtisch war +mit allem, was darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, +das Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und Öl, alles +lag auf dem Fußboden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die +erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in +Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden Händen die Kleider auf. + +</P><P> + +„Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium +holen!“ sagte Homais. + +</P><P> + +Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug +sie seufzend die Augen wieder auf. + +</P><P> + +„Natürlich!“ meinte der Apotheker. „Damit kann man Tote +erwecken!“ + +</P><P> + +„Sprich!“ bat Karl. „Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein +Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib +ihr einen Kuß!“ + +</P><P> + +Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und +wollte sie um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg +und stammelte: + +</P><P> + +„Nicht doch! Niemanden!“ + +</P><P> + +Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett. + +</P><P> + +Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider +geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos +und blaß wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, +die in zwei Ketten langsam auf das Kissen rannen. + +</P><P> + +Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und +nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich +ist. + +</P><P> + +„Beruhigen Sie sich!“ sagte Homais und zupfte den Arzt. „Ich +glaube, der Paroxysmus ist vorüber.“ + +</P><P> + +„Ja,“ erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. „Jetzt +scheint sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in +das alte Leiden!“ + +</P><P> + +Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab +zur Antwort: + +</P><P> + +„Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.“ + +</P><P> + +„Höchst merkwürdig!“ meinte der Apotheker. „Es ist +indessen möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht +haben. Es gibt gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche +stark empfänglich sind. Es wäre eine sehr interessante +Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen, +sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen +Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher gewußt, wie +wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim +Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein +und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens +weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich +habe von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim +Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot ...“ + +</P><P> + +„Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!“ mahnte Bovary +mit flüsternder Stimme. + +</P><P> + +„Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,“ +fuhr der Apotheker fort, „sondern sogar bei Tieren. Zweifellos +ist Ihnen nicht unbekannt, daß <TT>Nepeta +cataria</TT>, vulgär Katzenminze, sonderbarerweise auf +das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum wirkt. Einen +weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung anführen. +Bridoux, ein Studienfreund von mir — er wohnt jetzt in der +Malpalu-Straße — besitzt einen Foxterrier, der jedesmal +Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die +Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit +angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. +Sollte mans für möglich halten, daß ein so harmloses +Niesemittel in den Organismus eines Vierfüßlers +derartig eingreifen kann? Das ist höchst merkwürdig, nicht +wahr?“ + +</P><P> + +„Gewiß!“ sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte. + +</P><P> + +„Das beweist uns,“ fuhr der andre fort, +gutmütig-selbstgefällig lächelnd, „daß im Nervensystem +zahllose Unregelmäßigkeiten möglich sind. Ich muß gestehen, +daß mir Ihre Frau Gemahlin immer außerordentlich reizsam +vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen, verehrter Freund, auf +keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die +angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in +Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier +sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter nichts! Beruhigende, +milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man bei ihr nicht auch +irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken versuchen?“ + +</P><P> + +„Wieso? Womit?“ + +</P><P> + +„Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! +<TT>That is the question!</TT> — wie ich +neulich in der Zeitung gelesen habe.“ + +</P><P> + +Emma erwachte und rief: + +</P><P> + +„Der Brief? Der Brief?“ + +</P><P> + +Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat +das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung. + +</P><P> + +In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. +Er vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr, +unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und +erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach +Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. +Justin mußte nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. +Professor Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen +hergeholt. Karl war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten +ängstigte ihn Emmas Apathie. Sie sprach nicht, interessierte +sich für nichts, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu +empfinden. Es war, als hätten Körper wie Geist bei ihr +alle ihre Funktionen eingestellt. + +</P><P> + +Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder +aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen +mit eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich +kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar +Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit +wohl, daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den +Garten versuchte. + +</P><P> + +Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz +langsam, in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl +angeschmiegt, lächelte sie in einem fort vor sich hin. + +</P><P> + +So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie +stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand +über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber +es gab in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln +große Feuer, in denen man landwirtschaftliche Überbleibsel +verbrannte. + +</P><P> + +„Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!“ warnte Karl +und geleitete sie behutsam zur Laube hin. „Setz dich hier ein +wenig auf die Bank! Das wird dir gut tun!“ + +</P><P> + +„Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!“ stieß sie mit +ersterbender Stimme hervor. + +</P><P> + +Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem +da, und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. +Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im +Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein +Auswurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der +Lungenschwindsucht zu erkennen wähnte. + +</P><P> + +Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Vierzehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen +Arzneien vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als +Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm +peinlich gewesen. Dann war der Haushalt, jetzt wo ihn das +Mädchen führte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen +regneten nur so ins Haus. Die Lieferanten begannen +ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte Lheureux in lästiger +Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas Krankheit dazu +benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als sie +wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche +und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer +Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es +nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die +Sachen nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle +diese Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht +zurück. Herr Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher +verklagen als sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin +dem Mädchen, die Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber +Felicie vergaß es. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu +kümmern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit +unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald +jammernd, brachte er es so weit, daß ihm Bovary schließlich +einen Wechsel ausstellte, der in sechs Monaten fällig war. +Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der kühne Gedanke, +tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er +ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zinsfuß verschaffen +könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen Laden, brachte +das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich +Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres +eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits +anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine +Gesamtschuld von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte +hierbei ein ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im +voraus genau, daß es hierbei nicht bliebe. Er rechnete +darauf, daß der Arzt die Wechsel am Fälligkeitstage nicht +einlösen könne und sie prolongieren müsse. Auf diese Weise +sollte das erst armselige Sümmchen im Hause des Arztes +wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und +eines Tages dick und rund zu ihm zurückkehren. + +</P><P> + +Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die +regelmäßigen Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler +Krankenhaus. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der +Torfgruben zu Grümesnil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane, +zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu eröffnen, +die den alten Rumpelkasten des Goldnen Löwen unbedingt außer +Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller führe, billiger +wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von +Yonville in seine Hände bringen. + +</P><P> + +Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche +Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf +allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden +oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich +keinen Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte +sich sonst noch ausdenken, was er wollte: überall drohten +die größten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu +gern weitere unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er +vernachlässige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und +Trachten widme. Er wollte an nichts andres denken, selbst +wenn ihr dadurch kein Abbruch geschähe. + +</P><P> + +Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam +vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in +ihrem Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem +Marktplatze zu gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten +war ihr jetzt verleidet; deshalb mußte seine Jalousie +beständig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, daß ihr +Reitpferd verkauft werden solle. Alles, was ihr früher lieb +gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie kümmerte sich um nichts +mehr als um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie +in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem Mädchen, um sich +die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der +Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen +Widerschein in das Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand +eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden +unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie +eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der +allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die +Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die +Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck +herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die +Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank +ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen +die Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen +über das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie +das andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der +Fensterläden. + +</P><P> + +Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte +sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte +sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick +der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes. + +</P><P> + +Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte +sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes +Stündlein sei gekommen. Während man im Gemach die nötigen +Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen +bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fußboden mit +Blumen bestreute, da war es ihr, als überkäme sie eine +geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen +und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie körperlos geworden, sie +hegte keine Gedanken mehr, und ein neues Leben begann ihr. Sie +hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen Himmel, als +verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine +Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man besprengte ihr +Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße Hostie aus +dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor überirdischer Lust, +öffnete Emma die Lippen, um den Leib des Heilands zu +empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie herum +bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen +auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie +Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen +zurücksank, glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische +Harfenklänge zu hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt +von Heiligen mit grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner +erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit +Flammenflügeln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ... + +</P><P> + +Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. +Es war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab +sich Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr +nicht aus der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal +und in süßer Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich +in christlicher Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht +ward ihr ein köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus +ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden +göttlichen Gnade Tür und Tor weit öffnete. Es gab also +außer dem Erdenglück eine höhere Glückseligkeit und über +aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und +ohne Ende, eine Brücke in das Ewige! In neuen Illusionen +erträumte sie sich über der Erde ein Reich der Reinheit, einen +Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine +Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkränze und trug Amulette. +Ihr größter Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu Häupten ihres +Bettes, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den +wollte sie dann alle Abende küssen. + +</P><P> + +Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich +jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr +leicht in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. +Aber er war kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen +Erscheinungen gegenüber. Deshalb wandte er sich an den +Buchhändler des Erzbischofs und bat ihn, ihm „ein +passendes Erbauungsbuch für eine gebildete +Frauensperson“ zu schicken. Mit der größten +Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen +Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der +Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften +in ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort, +Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in +rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden +Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie: +„Die Herzpostille“, „Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn +von ***, Ritter mehrerer Orden“, „Voltaires Ketzereien zum +Gebrauch für die Jugend“, usw. usw. + +</P><P> + +Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen +Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie +sich auf diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach +wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte +sie, die Anmaßungen der Polemik stießen sie ab, und die +Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden, +mißfiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religiöse +Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der +geringsten Weltkenntnis. Sie verschleierten die Realitäten +des Lebens, für deren Brutalität sie viel lieber +literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie weiter, +und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann +wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu +empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren +imstande sind. + +</P><P> + +Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres +Herzens begraben; darin ruhte es unberührter und stiller +denn eine ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus +dieser großen eingesargten Liebe drang ein leiser, alles +durchströmender Duft von Zärtlichkeit in das neue reine +Dasein, das Emma führen wollte. Wenn sie in ihrem gotischen +Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten +Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugeflüstert hatte in den +Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie der göttlichen +Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine +Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem leeren +Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen, +dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut +ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen +der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den +Szenen aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière +träumte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit königlicher +Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen +Stunden zu Füßen Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen +ausgeweint hatten. + +</P><P> + +Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für +die Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl +eines Tages heimkam, fand er in der Küche drei +Gassenjungen, die Suppe aßen. Die kleine Berta wurde wieder +ins Haus genommen; Karl hatte sie während der Krankheit +seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma +das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte, regte sie sich +nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über sie gekommen, +eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache ward voll +gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen, +abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken +und ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber +die gute Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen +müde, daß ihr der Frieden am Herde ihres Sohnes so +wohltat, daß sie bis nach Ostern dablieb, um den +Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu entgehen, der alle +Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem +Tische sehen wollte. + +</P><P> + +Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre +Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab, +hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten +mit ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau +Tüvache, sowie die treffliche Frau Homais, die sich +regelmäßig zwischen drei und fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem +Klatsch, der über ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war, +niemals Glauben schenken wollen. Auch die Apothekerskinder +kamen mitunter in Justins Begleitung. Er brachte sie in +Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen, ohne sich +zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau +Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht +stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem +Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen +heftigen Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten +Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln +bis zu den Knien herabwallte, war es ihm zumute, als +schaue er plötzlich ganz Neues, Außergewöhnliches, und er +starrte wie geblendet hin. + +</P><P> + +Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch +seine schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die +aus ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in +neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, +in einem jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer +Frauenschönheit weit öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder +Hinsicht grenzenlos gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte +sagte sie die zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so +widerspruchsvoll, daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid +an ihr unterscheiden konnte. Man wußte nicht mehr, war sie +verdorben oder unnahbar. + +</P><P> + +Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr +Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und +stotterte irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma: + +</P><P> + +„Du liebst ihn also?“ und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, +fügte sie in traurigem Tone hinzu: „Geh! Lauf! Vergnüge dich!“ + +</P><P> + +In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig +umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich +darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch +äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie +sich wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß +Frau Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag +mit ihren Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen +Appetit in der Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. +Sodann schüttelte sie sich die Familie Homais vom Halse, nach +und nach auch die andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in +die Kirche ging sie seltener, zur großen Freude des +Apothekers, der ihr daraufhin freundschaftlichst erklärte: + +</P><P> + +„Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!“ + +</P><P> + +Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der +Katechismusstunde. Am liebsten blieb er im Freien, im +„Hain“, wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um +dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so +bekamen die beiden Männer eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den +sie „auf die völlige Genesung der gnädigen Frau“ tranken. + +</P><P> + +Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß +etwas tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary +lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im +Aufbrechen von Sektflaschen. + +</P><P> + +„Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,“ +dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, „dann +zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen +ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!“ + +</P><P> + +Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der +ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ +es niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen: + +</P><P> + +„Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!“ + +</P><P> + +Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas +dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit +seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort +im Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais +wunderte sich über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb +etwas auf den Zahn. Der Priester erklärte, er halte die Musik +für weniger sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais +verteidigte die letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe +unter dem leichten Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen +und für die wahre Moral. + +</P><P> + +„<TT>Castigat ridendo mores,</TT> verehrter +Herr Pfarrer!“ zitierte er. „Sehen Sie sich daraufhin mal die +Tragödien Voltaires an! Die meisten von ihnen sind mit +philosophischen Aphorismen durchsetzt, die eine wahre Schule +der Moral und Lebensklugheit für das Volk sind.“ + +</P><P> + +„Ich habe einmal ein Stück gesehen,“ sagte Binet, „es +hieß: ‚Der Pariser Taugenichts.‘ Darin kommt ein +alter General vor, wirklich ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt +seinen Sohn, der eine Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt +aber ...“ + +</P><P> + +„Gewiß“, unterbrach ihn Homais, „gibt es schlechte +Literatur, genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die +wichtigste aller Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu +verurteilen, das dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine +groteske Idee, würdig der abscheulichen Zeiten, die einen +Galilei im Kerker schmachten ließen.“ + +</P><P> + +Der Pfarrer ergriff das Wort: + +</P><P> + +„Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute +Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen +Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, +vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese +schamlosen Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese +Lichtvergeudung, dieser Feminismus, alles das hat +keine andre Wirkung, als daß es leichtfertige Ideen in die +Welt setzt, schändliche Gedanken und unzüchtige Anwandlungen. +Wenigstens ist das zu allen Zeiten die Ansicht der +kirchlichen Autoritäten.“ + +</P><P> + +Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen +seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. „Und wenn die +Kirche das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie +in ihrem vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.“ + +</P><P> + +„Jawohl,“ eiferte der Apotheker, „man exkommuniziert die +Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den +kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche +possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es +häufig nichts weniger als dezent zuging ...“ + +</P><P> + +Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der +Apotheker redete immer weiter: + +</P><P> + +„Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin — Sie +wissens ja am besten — von Unanständigkeiten und — man kann +nicht anders sagen — groben Schweinereien ...“ Bournisien +machte eine unwillige Gebärde. „Aber Sie müssen mir doch +zugeben, daß das kein Buch ist, das man jungen Leuten in +die Hand geben kann. Ich werde es nie zulassen, daß meine +Athalie ...“ + +</P><P> + +„Das sind ja die Protestanten, nicht wir,“ rief der Pfarrer +ungeduldig, „die den Leuten die Bibel überlassen!“ + +</P><P> + +„Das kommt hier nicht in Frage“, erklärte Homais. „Ich +wundre mich nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der +wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu +verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja +sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das +ist doch so, nicht, Doktor?“ + +</P><P> + +„Zweifellos!“ erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte +er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, +oder er hatte hierüber überhaupt keine Meinung. + +</P><P> + +Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt +es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten. + +</P><P> + +„Ich habe Geistliche gekannt,“ behauptete er, „die in Zivil +ins Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen +strampeln zu sehen.“ + +</P><P> + +„Ach was!“ wehrte der Pfarrer ab. + +</P><P> + +„Doch! Ich kenne welche!“ Und nochmals sagte er, Silbe für +Silbe einzeln betonend: „Ich — ken — ne — wel — che!“ + +</P><P> + +„Na ja,“ meinte Bournisien nachgiebig, „die Betreffenden haben +da aber etwas Unrechtes getan.“ + +</P><P> + +„Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch +ganz andre Dinge!“ + +</P><P> + +„Herr — Apo — the — ker!“ rief der Geistliche mit einem so +zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und +einlenkte: + +</P><P> + +„Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste +Fürsprecherin der Kirche ist.“ + +</P><P> + +„Sehr wahr! Sehr wahr!“ gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er +sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch +ein paar Minuten. + +</P><P> + +Als er fort war, sagte Homais zu Bovary: + +</P><P> + +„Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal +gesteckt! Sie habens ja mit angehört! Um darauf +zurückzukommen: tun Sie das ja, führen Sie Ihre Frau in +das Theater, und wenns bloß deshalb wäre, um diesen +schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich einen +Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich +dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein +Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll +er ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei +Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen +Künstler können nicht rechnen. Sie brauchen ein +verschwenderisches Dasein, es regt ihre Phantasie an. +Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu +sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!“ + +</P><P> + +Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys +Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs +wollte sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu +schwach, es sei zu beschwerlich und zu kostspielig. +Ausnahmsweise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete, +daß ihr diese Zerstreuung sehr dienlich wäre. Irgendwelche +Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz +unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden +Ausgaben waren nicht groß, und die Wechselschuld bei Lheureux +war noch lange nicht fällig, so daß er daran nicht zu denken +brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur aus Rücksicht auf +ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis sie seinen +Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren +sie mit der Post ab. + +</P><P> + +Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, +aber er hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden +einsteigen sah, jammerte er. + +</P><P> + +„Glückliche Reise!“ sagte er. „Habt ihrs gut!“ Und zu Emma +gewandt, fügte er hinzu: „Sie sehen zum Anbeißen hübsch +aus! Sie werden in Rouen Furore machen!“ + +</P><P> + +Die Post spannte in Rouen im „Roten Kreuz“ am Beauvoisine-Platz +aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit +geräumigen Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe +lief eine Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten +Einspännern der Geschäftsreisenden ihre Haferkörner +aufpickten. Es war eine der Herbergen aus der guten alten +Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Winternächten im +Winde knarren; die Gäste, der Lärm und die Esserei werden in +ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller großer +Kaffeeflecke, die trüben dicken Fensterscheiben voller +Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren. +Auf der Straßenseite gibt es ein Café und hinten nach dem +Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen ländlichen +Anstrich. + +</P><P> + +Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse +wußte er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang +und Galerie war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch +nicht klüger. Der Kassierer wies ihn in die Direktion. +Schließlich rannte er noch einmal in den Gasthof zurück, dann +wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmals durch die +halbe Stadt. + +</P><P> + +Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen. +Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen. +Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu +nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen +noch geschlossen. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Fünfzehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken +der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die +in auffälligen Lettern ausschrien: + +</P> + +<CENTER> +LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... +<BR> +DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ... + +</CENTER> + +<P> + +Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den +Leuten über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten +Gesichtern mit den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder +wehte lauer Wind vom Strome her und blähte ein wenig die +Leinwandmarkisen der Restaurants. Weiter unten, an den Kais, +wurde man durch einen eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich +Gerüche von Talg, Leder und Öl aus den zahlreichen dunklen, +vom Rollen der großen Fässer lärmigen Gewölben der +Karren-Gasse mischten. + +</P><P> + +Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor, +noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen +Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl +die Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig +mit seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so +daß er sie in einem fort fühlte. + +</P><P> + +In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß +sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien +hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten +Range emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor +Eitelkeit. Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die +breiten vergoldeten Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen +Zügen atmete sie den Staubgeruch der Gänge ein, und als sie +in ihrer Loge saß, machte sie sichs mit einer Ungezwungenheit +einer Principessa bequem. + +</P><P> + +Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen +aus ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus +der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von +der Unrast ihres Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen +die Geschäfte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle, +Fusel und Indigo. Das waren Grauköpfe mit friedfertigen +Alltagsgesichtern; weiß in der Farbe von Haar und Haut, +glichen sie einander wie abgegriffene Silbermünzen. Im Parkett +paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und +grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie +sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die goldenen Knäufe +ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die Orchesterlampen +angezündet, und der Kronleuchter ward von der Decke +herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes +Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen +die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres +Getöse an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, +fauchenden Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze +Schläge mit dem Taktstocke des Kapellmeisters. +Paukenwirbel, Hörnerklang. Der Vorhang hob sich. + +</P><P> + +Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im +Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern, +Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein +Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten +Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen +ab. Der Chor singt von neuem. + +</P><P> + +Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre +zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, +als höre sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die +nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten +erleichterte ihr das Verständnis der Oper. Aufmerksam +folgte sie der intriganten Handlung, während eine Flut von +Gedanken in ihr aufwallte, um alsbald unter den Wogen der Musik +wieder zu verfließen. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien +hin. Sie fühlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in +Schwingungen geriet, als strichen die Violinenbogen über ihre +Nerven. Sie hätte hundert Augen haben mögen, um sich satt sehen +zu können an den Dekorationen, Kostümen, Gestalten, an den +gemalten und doch zitternden Bäumen, an den Samtbaretten, +Rittermänteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen +eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt +lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in +grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun +kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und +Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang +von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch +Emma hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in +Liebesarmen! + +</P><P> + +Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen +schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der +grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche +Gestalt war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch +mit zierlichem Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange +schmachtende Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man +hatte Emma erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand +von Biarritz singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen +sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. +Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen. + +</P><P> + +Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem +berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte +es sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische +Floskeln über den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit +und die leichte Empfänglichkeit seines Herzens zu +lancieren. Er besaß eine schöne Stimme, unfehlbare Sicherheit, +mehr Temperament als Intelligenz, mehr Pathos als +Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem +Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador. + +</P><P> + +Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er +schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder, +sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald +klagte er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm +aus der Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich +weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in +den Plüsch der Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von +diesen wehmütigen Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf +begleitet, nicht aufhörten, gleich wie die Notschreie von +Schiffbrüchigen im Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle +diese Verzücktheiten und Herzensängste, die sie unlängst dem +Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna +erschütterte sie wie eine laute Verkündung ihrer heimlichsten +Beichte. Das Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen +Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in +der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie +Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, als sie sich Lebewohl +sagten ... + +</P><P> + +Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte +wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen +auf ihren Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und +Hoffnungen; und als sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, +stieß Emma einen lauten Schrei aus, der in der Orchestermusik +des Finale verhallte. + +</P><P> + +„Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in +Ruhe?“ fragte Bovary. + +</P><P> + +„Aber nein!“ antwortete sie. „Das ist doch ihr Geliebter!“ + +</P><P> + +„Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und +der andre, der dann kam, hat doch gesagt: +</P> +<BLOCKQUOTE> +‚Nimm, Teure, meine Schwüre an<BR> +Der reinsten, wärmsten Liebe!‘ +</BLOCKQUOTE> +<P> +Und sie sagt: +</P> +<BLOCKQUOTE> +‚So sei es denn!‘ +</BLOCKQUOTE> +<P> +Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine +Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr +Vater, nicht wahr?“ + +</P><P> + +Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im +zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden +hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen +gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nichts +begriffen zu haben. Die Musik störe, sie beeinträchtige den +Text. + +</P><P> + +„Was schadet das?“ wandte Emma ein. „Nun sei aber +still!“ + +</P><P> + +Er lehnte sich an ihren Arm. „Ich möchte gern im Bilde sein. +Weißt du?“ + +</P><P> + +„Sei doch endlich still!“ sagte sie unwillig. „Schweig!“ + +</P><P> + +Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im +Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... +Emma gedachte ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich +zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange +zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, +unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich +gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie +zuschritt ... Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch +nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem +Ehebruch, auf ein festes edles Herz bauen und Tugend, +Zärtlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen fühlen +dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe solcher +Glückseligkeit herabgesunken! „Nein, nein!“ rief sie +schmerzlich bei sich aus. „All das große Glück da unten +ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder +verzweifelten Phantasten!“ Jetzt erkannte sie, daß die +Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der +Überschwenglichkeit der Kunst etwas Großes. Sie versuchte +sich zur nüchternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser +Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nichts mehr sehen als ein +plastisches Phantasiegebilde, nichts mehr und nichts +weniger als eine amüsante Augenweide. Und so lächelte sie in +Gedanken überlegen-nachsichtig, als im Hintergrunde der Bühne +hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel +erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei einer +Körperbewegung vom Kopfe fiel. + +</P><P> + +Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. +Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton +schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen +entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im +Maße der Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie +Orgelgebraus. Die Frauen des Chors wiederholen die Worte, +ein köstliches Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer +Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen +entströmen gleichzeitig ihren aufgerissenen Mündern. Der +wütende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der +Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und +nieder, während er mächtigen Schritts in seinen +sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet. + +</P><P> + +„Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,“ dachte +Emma, „daß er sie an die Menge so verschwenden kann.“ Ihre +Anwandlung von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner +Rolle. Sie fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter +dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben +vorzustellen, sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes +Leben, an dem sie hätte teilnehmen können, wenn es der Zufall +gefügt hätte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und +sich ineinander verliebt! Sie wäre mit ihm durch alle Länder +Europas gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, hätte mit ihm +Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm +streute, und seine Bühnenkostüme eigenhändig gestickt. Alle +Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter +aufmerksam den Sängen seiner Seele gelauscht, die einzig und +allein ihr gewidmet wären. Von der Szene, beim Singen, hätte er +zu ihr geschaut ... + +</P><P> + +Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. +Kein Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, +in seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der +Liebe, und ihm laut zurufen: + +</P><P> + +„Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir +gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!“ + +</P><P> + +Der Vorhang fiel. + +</P><P> + +Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der +Fächer machte die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge +verlassen, aber die Gänge waren durch die vielen Menschen +versperrt. Sie sank in ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen +und Atemnot. Da Karl fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, +eilte er nach dem Büfett, um ihr ein Glas Mandelmilch zu +holen. + +</P><P> + +Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das +Glas in beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er +tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er +dreiviertel des Inhalts einer Dame in ausgeschnittener +Toilette über die Schulter. Als sie das kühle Naß, das +ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie laut auf, als ob +man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener +Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit. +Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem +schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas +von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich +bei Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr: + +</P><P> + +„Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, +diese Menschheit! Diese Menschheit!“ Nach einigem +Verschnaufen fügte er hinzu: „Und ahnst du, wer mir da oben +begegnet ist? Leo!“ + +</P><P> + +„Leo?“ + +</P><P> + +„Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!“ + +</P><P> + +Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt +auch schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer +Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau +Bovary die ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren +Willens. Diesen fremden Einfluß hatte sie lange nicht +empfunden, seit jenem Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie +voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und +draußen war leiser Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch +besann sie sich auf das, was die jetzige Situation und die +Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft schüttelte sie den alten +Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar +hastige Redensarten zu stammeln: + +</P><P> + +„Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?“ + +</P><P> + +„Ruhe!“ ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte +nämlich der dritte Akt begonnen. + +</P><P> + +„So sind Sie also in Rouen?“ + +</P><P> + +„Ja, gnädige Frau!“ + +</P><P> + +„Und seit wann?“ + +</P><P> + +„Hinaus! Hinaus!“ + +</P><P> + +Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten. + +</P><P> + +Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit +vorbei. Der Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton +und seinem Diener, das große Duett in D-Dur, alles das +spielte sich für sie wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, +als klänge das Orchester nur noch gedämpft, als sängen +die Personen ihr weit entrückt. Sie dachte zurück an die +Spielabende im Hause des Apothekers, an den Gang zu der Amme +ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an die +Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser +armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war +und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da? +Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von +neuem ihren Lebenspfad kreuzen? + +</P><P> + +Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von +Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch +seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte. + +</P><P> + +„Macht Ihnen denn das Spaß?“ fragte er sie, indem er sich +über sie beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts +ihre Wange streifte. + +</P><P> + +„Nein, nicht besonders!“ entgegnete sie leichthin. + +</P><P> + +Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und +irgendwo eine Portion Eis zu essen. + +</P><P> + +„Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!“ sagte Bovary. „Sie hat +aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!“ + +</P><P> + +Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das +Spiel der Sängerin schien ihr übertrieben. + +</P><P> + +„Sie schreit zu sehr!“ meinte sie, zu Karl gewandt, der +aufmerksam zuhörte. + +</P><P> + +„Möglich! Jawohl! Ein wenig!“ gab er zur Antwort. Eigentlich +gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er +immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig. + +</P><P> + +Leo stöhnte: + +</P><P> + +„Ist das eine Hitze!“ + +</P><P> + +„Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!“ sagte Emma. + +</P><P> + +„Verträgst dus nicht mehr?“ fragte Bovary. + +</P><P> + +„Ich ersticke! Wir wollen gehen!“ + +</P><P> + +Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann +schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem +Kaffeehause im Freien Platz nahmen. + +</P><P> + +Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie +versuchte mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, +indem sie die Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne +das langweilen. Darauf erzählte dieser, er müsse sich in +Rouen zwei Jahre tüchtig auf die Hosen setzen, um sich in die +hiesige Rechtspflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man +alles anders als in Paris. Dann erkundigte er sich +nach der kleinen Berta, nach der Familie Homais, nach der +Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karls Gegenwart nicht +sagen, und so stockte die Unterhaltung. + +</P><P> + +Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und +trällernd: +</P> +<BLOCKQUOTE> +‚O Engel reiner Liebe!‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu +sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im +Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar +nichts. + +</P><P> + +Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte, +unterbrach ihn: + +</P><P> + +„Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich +bedaure, daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es +fing mir grade an zu gefallen!“ + +</P><P> + +„Demnächst gibts ja eine Wiederholung!“ tröstete ihn Leo. + +</P><P> + +Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause +müßten. „Es sei denn,“ meinte er, zu Emma gewandt, „du +bliebst allein hier, mein Herzchen?“ + +</P><P> + +Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner +Begehrlichkeit bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun +lobte er das Finale des Sängers. Er sei da köstlich, +großartig! + +</P><P> + +Von neuem redete Karl seiner Frau zu: + +</P><P> + +„Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! +Es wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern +du dir auch nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!“ + +</P><P> + +Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner +stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff +und zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei +Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren +ließ. + +</P><P> + +„Es ist mir wirklich nicht recht,“ murmelte Bovary, „daß +Sie für uns Geld ...“ + +</P><P> + +Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der +Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut. + +</P><P> + +„Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!“ + +</P><P> + +Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben +könne. Emma indessen sei durch nichts gehindert. + +</P><P> + +„Es ist nur ...“, stotterte sie, verlegen lächelnd, „... ich +weiß nicht recht ...“ + +</P><P> + +„Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber +reden, wenn dus beschlafen hast!“ Und zu Leo gewandt, der sie +begleitete, sagte er: „Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend +sind, hoffe ich, daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch +ansagen!“ + +</P><P> + +Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin +demnächst in Yonville beruflich zu tun habe. + +</P><P> + +Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander +verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf. + +</P> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H1>Drittes Buch</H1> +</CENTER> +<P></P> +<HR> +<P></P> +<CENTER> +<H2>Erstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle +fleißig besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den +Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick +aus. Übrigens war er der mäßigste Student. Er trug das +Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am +Ersten des Monats sein ganzes Geld und stand sich mit +seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Ausschweifungen +hatte er sich allezeit fern gehalten, aus Ängstlichkeit und +weil ihm das wüste Leben zu grob war. + +</P><P> + +Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter +den Linden des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein +Code-Napoléon aus den Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. +Aber allmählich verblaßte diese Erinnerung, und allerlei +Liebeleien überwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu +ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und +ein vages Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne +Frucht an einem Wunderbaume. + +</P><P> + +Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, +erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt +gälte es, sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen +wollte. Seine ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im +Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die +Provinz zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, +die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt +abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon +eines berühmten Professors mit Orden und Equipage, hätte +der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in +Rouen, am Hafen, vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da +fühlte er sich überlegen und eines leichten Sieges gewiß. +Sicheres Auftreten hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock +spricht man anders als im vierten, und es ist beinahe, +als seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendwächter. +Sie trägt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem +Korsett. + +</P><P> + +Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte, +war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen +gefolgt, bis er sie im „Roten Kreuz“ verschwinden sah. Dann +machte er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen +Kriegsplan. + +</P><P> + +Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof +mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, +vor nichts zurückzuscheuen. + +</P><P> + +„Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!“ vermeldete ihm ein +Kellner. + +</P><P> + +Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf. + +</P><P> + +Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat +ihn kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm +mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien. + +</P><P> + +„O, das habe ich erraten“, sagte Leo. + +</P><P> + +„Wieso?“ + +</P><P> + +Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn +hierher geleitet. + +</P><P> + +Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er +nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen +Gasthöfen nach ihnen zu fragen. + +</P><P> + +„Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?“ fügte er hinzu. + +</P><P> + +„Ja,“ gab sie zur Antwort, „aber ich hätte es lieber nicht +tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen +gewöhnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...“ + +</P><P> + +„Ja, das kann ich mir denken ...“ + +</P><P> + +„Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.“ + +</P><P> + +Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer +philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung. +Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige +Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei. + +</P><P> + +Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher +Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete +der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit +ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich +zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine +Mutter quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten +sie sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie +sprachen, um so stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. +Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach +Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben könnten. +Emma verheimlichte es, daß sie inzwischen einen andern +geliebt, und er gestand nicht, daß er sie vergessen hatte. +Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Soupers +nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich nicht ihrer +Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem +Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte nur schwach zu +ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr Alleinsein +noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid aus +leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des +alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete +umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem +schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte, +wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel. + +</P><P> + +„Ach, verzeihen Sie!“ sagte sie. „Es ist unrecht von mir, +Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen.“ + +</P><P> + +„Keineswegs!“ + +</P><P> + +„Wenn Sie wüßten,“ fuhr sie fort und schlug ihre schönen +Augen, aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, „was ich +mir alles erträumt habe!“ + +</P><P> + +„Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich +ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais +entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu +zerstreuen und die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in +einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eines +Kunsthändlers auf dem Boulevard habe ich einmal einen +italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie +trägt eine Tunika, einen Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und +blickt zum Mond empor. Irgend etwas trieb mich immer wieder +dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden ...“ Und mit +zitternder Stimme fügte er hinzu: „Sie sah Ihnen ein wenig +ähnlich.“ + +</P><P> + +Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre +Lippen nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte. + +</P><P> + +„Und wie oft“, fuhr er fort, „habe ich an Sie Briefe +geschrieben und hinterher wieder zerrissen.“ + +</P><P> + +Sie antwortete nicht. + +</P><P> + +„Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir +wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an +der nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter +Droschken hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier +flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen ...“ + +</P><P> + +Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden +zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten +Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas +die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den +Zehen machte. + +</P><P> + +Endlich sagte sie mit einem Seufzer: + +</P><P> + +„Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben +so wie ich führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens +jemandem nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem +Bewußtsein trösten, sich für etwas zu opfern.“ + +</P><P> + +Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. +Er selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas +aufzugehen, die er nicht befriedigen könne. + +</P><P> + +„Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein“, behauptete sie. + +</P><P> + +„Ach ja!“ erwiderte er. „Aber für uns Männer gibt es +keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung +... es sei denn vielleicht die des Arztes ...“ + +</P><P> + +Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von +ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. +Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu +leiden. Sofort schwärmte Leo für die „Ruhe im Grabe“. Ja, er +hätte sogar eines Abends sein Testament niedergeschrieben +und darin bestimmt, daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit +der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen +hatte. Nach dem, wie alles hätte sein können, also nach einem +imaginären Zustand, änderten sie jetzt in der Erzählung ihre +Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, das die +Gefühle breitdrückt. + +</P><P> + +Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie: + +</P><P> + +„Warum denn?“ + +</P><P> + +„Warum?“ Er zögerte. „Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!“ + +</P><P> + +Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete +Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der +Himmel, wenn der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber +war, zerreißt. Die vielen traurigen Gedanken, die es +verdunkelt hatten, waren aus ihren Augen wie weggeweht. + +</P><P> + +Er wartete. Endlich sagte sie: + +</P><P> + +„Ich hab es immer geahnt ...“ + +</P><P> + +Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage +einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben +in ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich +der Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem +Zimmer, ihres ganzen Hauses. + +</P><P> + +„Und unsere armen Kakteen, was machen die?“ + +</P><P> + +„Sie sind letzten Winter alle erfroren!“ + +</P><P> + +„Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie +mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals +im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und +Sie mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...“ + +</P><P> + +„Armer Freund!“ sagte sie und reichte ihm ihre Hand. + +</P><P> + +Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er +tief auf und sagte: + +</P><P> + +„Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich +aus. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich +zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran +erinnern?“ + +</P><P> + +„Doch, fahren Sie nur fort!“ + +</P><P> + +„Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, +gerade im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen +blauen Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, +begleitete ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder +Minute trat es mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen +das von mir war. Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen +her und brachte es doch nicht über mich, mich von Ihnen zu +trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich draußen auf +der Straße und sah Ihnen durch das Schaufenster zu, wie Sie +die Handschuhe abstreiften und das Geld auf den Ladentisch +legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau Tüvache; man öffnete +Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der mächtigen +Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß gefallen war.“ + +</P><P> + +Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das +schon her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit +heraufstiegen, erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu +sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und +zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern: + +</P><P> + +„Ja ... So war es ... So war es ... So war es!“ + +</P><P> + +Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den +Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen +nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein +Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, +dieses Rauschen ströme aus den starren Augensternen des +anderen. Ihre Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und +Zukunft, Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der +zärtlichen Wonne des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete +sich an den Wänden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur +noch die grellen Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. +Durch das oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen +Dachgiebeln ein Stück des schwarzen Himmels. + +</P><P> + +Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der +Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder. + +</P><P> + +„Was ich sagen wollte ...“, begann Leo von neuem. + +</P><P> + +„Was war es?“ + +</P><P> + +Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder +anzuknüpfen, da fragte sie ihn: + +</P><P> + +„Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse +anvertraut hat?“ + +</P><P> + +Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er +habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke +bringe ihn zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar +verbunden worden wären, wenn ein guter Stern sie früher +zusammengeführt hätte. + +</P><P> + +„Ich habe manchmal dasselbe gedacht“, sagte sie. + +</P><P> + +„Welch ein schöner Traum!“ murmelte Leo. Und während er mit +der Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen +Gürtels hinstrich, fügte er hinzu: „Aber was hindert +uns denn, von vorn anzufangen?“ + +</P><P> + +„Nein, mein Freund“, erwiderte sie. „Dazu bin ich zu alt ... +und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben +... und Sie werden sie wieder lieben!“ + +</P><P> + +„Nicht so, wie ich Sie liebe!“ + +</P><P> + +„Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!“ + +</P><P> + +Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding +der Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und +Bruder lieben könnten, wie ehemals. + +</P><P> + +Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst +nicht. Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen +drohte und daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo +zärtlich an und stieß sanft seine zitternden Hände zurück, die +sie schüchtern zu liebkosen versuchten. + +</P><P> + +„Seien Sie mir nicht bös!“ sagte er und wich zurück. + +</P><P> + +Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die +ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn +er mit ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals +war ihr ein Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine +köstliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein +wenig aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die +zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach +ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu +widerstehen, sie mit ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick +auf die Wanduhr. + +</P><P> + +„Mein Gott, wie spät es schon ist!“ rief sie aus. „Wir +haben uns verplaudert!“ + +</P><P> + +Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut. + +</P><P> + +„Das Theater habe ich ganz vergessen“, fuhr Emma fort. „Und +mein armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr +und Frau Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich +begleiten ...“ + +</P><P> + +Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein. + +</P><P> + +„So?“ fragte Leo. + +</P><P> + +„Gewiß!“ + +</P><P> + +„Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas +zu sagen!“ + +</P><P> + +„Was denn?“ + +</P><P> + +„Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch +nicht heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten +... Hören Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? +Ahnen Sie denn nicht ...“ + +</P><P> + +„Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!“ + +</P><P> + +„Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie +Mitleid mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... +ein einziges ...“ + +</P><P> + +„Es sei!“ Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich +anders, sagte sie: „Aber nicht hier!“ + +</P><P> + +„Wo Sie wollen!“ + +</P><P> + +Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz: + +</P><P> + +„Morgen um elf in der Kathedrale!“ + +</P><P> + +„Ich werde dort sein“, rief er aus und griff hastig nach +ihren Händen. Sie entzog sie ihm. + +</P><P> + +Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor +ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß +auf ihren Nacken. + +</P><P> + +„Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!“ rief sie und lachte mit +einem eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren +Hals immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den +Kopf über ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre +Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick. + +</P><P> + +Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle +blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme: + +</P><P> + +„Auf Wiedersehn morgen!“ + +</P><P> + +Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer. + +</P><P> + +Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die +Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es +wäre zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber +als der Brief fertig war, fiel ihr ein, daß sie doch seine +Adresse gar nicht wußte. Was sollte sie tun? + +</P><P> + +„Ich werde ihm den Brief selbst geben,“ sagte sie sich, +„morgen, wenn er kommt.“ + +</P><P> + +Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre, +reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich +hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes +Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und +schüttete seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. +Er ging zum Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur +ein wenig, weil sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte. + +</P><P> + +„Es ist noch zu zeitig“, sagte er, als er auf der +Kuckucksuhr des Friseurs sah, daß es noch nicht neun +Uhr war. + +</P><P> + +Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den +Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei +Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam +zum Notre-Dame-Platze. + +</P><P> + +Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der +Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das +schräg auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen +der grauen Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau +des Himmels um die Kreuzblumen der Türme. Über den +lärmigen Platz wehte Blumenduft aus den Anlagen her, wo +Jasmin, Nelken, Narzissen und Tuberosen blühten, von saftigen +Grasflächen umrahmt und von Beeren tragenden Büschen für die +Vögel. In der Mitte plätscherte ein Springbrunnen, und zwischen +Pyramiden von Melonen saßen Hökerinnen, barhäuptig unter +ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchensträuße. + +</P><P> + +Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für +eine Frau kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den +Duft der Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er +Emma darbringen wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, +beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche. + +</P><P> + +Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der +‚Tanzenden Salome‘ stand der Schweizer, den Federhut auf +dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, +würdevoller als ein Kardinal und goldstrotzend wie ein +Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem +süßlich-gütigen Lächeln, das Geistliche anzunehmen pflegen, +wenn sie mit Kindern reden: + +</P><P> + +„Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die +Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?“ + +</P><P> + +„Nein!“ + +</P><P> + +Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe +und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging +abermals bis zum Chor. + +</P><P> + +Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich +in den gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die +Glasmalerei einfallende Licht brach sich an den marmornen +Kanten und breitete bunte Teppichstücke über die Fliesen. Durch +die drei geöffneten Türen des Hauptportals flutete das +Tageslicht in drei mächtigen Lichtströmen in die Innenräume. +Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vorüber und +machte vor dem Heiligtum die übliche Kniebeugung der eiligen +Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab. +Im Chor brannte eine silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, +aus den in Dunkel gehüllten Teilen der Kirche vernahm man +zuweilen Schluchzen oder das Klirren einer zugeschlagenen +Gittertür, Geräusche, die in den hohen Gewölben widerhallten. + +</P><P> + +Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das +Leben so schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, +erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem +volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen +Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, +und all dem unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden +Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures +Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte +Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster +leuchteten, ihr schönes Gesicht zu verklären, und aus den +Weihrauchgefäßen wirbelten die Dämpfe, damit sie wie ein Engel +in einer Wolke von Wohlgerüchen erscheine. + +</P><P> + +Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und +seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer +mit Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, +zählte die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den +Wämsen, während seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die +Weite irrten ... + +</P><P> + +Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der +sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein +Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging +geradezu eine Tempelschändung. + +</P><P> + +Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes +tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr +entgegen. + +</P><P> + +Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. + +</P><P> + +„Lesen Sie das!“ sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. +„Nicht doch!“ + +</P><P> + +Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle +der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete. + +</P><P> + +Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann +fand er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines +Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische +Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören +wollte, langweilte er sich. + +</P><P> + +Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der +Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung +begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören, +starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den +Duft der weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die +tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch +steigerte. + +</P><P> + +Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der +Schweizer rasch auf sie zu: + +</P><P> + +„Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die +Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?“ + +</P><P> + +„Aber nein!“ rief der Adjunkt aus. + +</P><P> + +„Warum nicht?“ erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte +sich an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden +Vorwand. + +</P><P> + +Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal +zurück und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis +von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift. + +</P><P> + +„Das hier“, sagte er salbungsvoll, „ist der Umfang der +berühmten Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und +hatte ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie +gegossen, ist vor Freude gestorben ...“ + +</P><P> + +„Weiter!“ drängte Leo. + +</P><P> + +Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der +Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem +Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine +Saaten zeigt, auf eine Grabplatte. + +</P><P> + +„Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler +Herr von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und +Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry +am 16. Juli 1465.“ + +</P><P> + +Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße +auf den andern. + +</P><P> + +„Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden +Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval +und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr +des Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der +Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die +Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab +steigen will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche +Darstellung der irdischen Vergänglichkeit!“ + +</P><P> + +Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah +sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu +machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf +der einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite. + +</P><P> + +Der unermüdliche Cicerone fuhr fort: + +</P><P> + +„Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin +Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von +Valentinois, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier +links die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die +heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu +sehen. Hier sind die Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide +Kardinäle und Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister +König Ludwigs des Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr +viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen +dreißigtausend Taler in Gold.“ + +</P><P> + +Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die +beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er +öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal +eine schlechte Statue gewesen sein konnte. + +</P><P> + +„Dieser Stein zierte dereinst“, sagte er mit einem tiefen +Seufzer, „das Grab von Richard Löwenherz, König von England +und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so +zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit +hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die Tür, durch die sich +Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den +berühmten Kirchenfenstern von Lagargouille!“ + +</P><P> + +Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand +und nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die +Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle +Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach: + +</P><P> + +„Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!“ + +</P><P> + +„Danke!“ erwiderte Leo. + +</P><P> + +„Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt +vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte +ägyptische Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...“ + +</P><P> + +Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die +Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch +durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu +lassen, den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche +gesetzt hatte. Das wäre ihr Tod gewesen. + +</P><P> + +„Wohin gehen wir nun?“ fragte Emma. + +</P><P> + +Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte +schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, +als sie plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das +regelmäßige Aufklopfen eines Stockes hörten. Leo wandte +sich um. + +</P><P> + +„Meine Herrschaften!“ + +</P><P> + +„Was gibts?“ + +</P><P> + +Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke +ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch +gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale. + +</P><P> + +„Troddel!“ murmelte Leo und stürzte aus der Kirche. + +</P><P> + +Ein Junge spielte auf dem Vorplatz. + +</P><P> + +„Hol uns eine Droschke!“ + +</P><P> + +Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten +allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig +verlegen. + +</P><P> + +„Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!“ Es +klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: „Es +ist sehr unschicklich, wissen Sie das?“ + +</P><P> + +„Wieso?“ erwiderte der Adjunkt. „In <B>Paris</B> macht mans +so!“ + +</P><P> + +Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches +Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie +könne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke. + +</P><P> + +„Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!“ rief ihnen +der Schweizer nach. „Und sehen Sie sich ‚Die +Auferstehung‘, das ‚Jüngste Gericht‘, den +‚König David‘ und ‚Die Verdammten in der +Hölle‘ an!“ + +</P><P> + +„Wohin wollen die Herrschaften?“ fragte der Kutscher. + +</P><P> + +„Fahren Sie irgendwohin!“ befahl Leo und schob Emma in den Wagen. + +</P><P> + +Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung. + +</P><P> + +Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz +der Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und +machte vor dem Denkmal Corneilles Halt. + +</P><P> + +„Weiter fahren!“ rief eine Stimme aus dem Inneren. + +</P><P> + +Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz +hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab. + +</P><P> + +„Nein, geradeaus!“ rief dieselbe Stimme. + +</P><P> + +Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in +gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher +trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut +zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee +dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den +Schifferweg hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, +nach Oyssel zu, über die Inseln hinaus. + +</P><P> + +Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, +Sotteville, die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und +machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten. + +</P><P> + +„So fahren Sie doch weiter!“ rief die Stimme, diesmal +wütend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr +durch Sankt Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, +wiederum über die Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den +Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von +Schlingpflanzen überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren +gingen. Dann führte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, +nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan +bis zur Deviller Höhe. + +</P><P> + +Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und +Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über +die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen +Gebäuden und am Hauptfriedhof vorüber. + +</P><P> + +Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom +Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche +Bewegungswut in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie +nirgends Halt machen wollten. Er versuchte es ein paarmal, +aber jedesmal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem +trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, +unbekümmert, ob er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung +und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit. + +</P><P> + +Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an +den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der +Provinz ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen +Vorhängen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer +verschlossen wie ein Grab. + +</P><P> + +Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne +am heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte +eine bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und +streute eine Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde +flatterten wie weiße Schmetterlinge und auf ein Kleefeld +niederfielen. + +</P><P> + +Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen +der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg +heraus und ging, ohne sich umzusehen, weiter. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zweites Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht +mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma +gewartet, schließlich aber war er abgefahren. + +</P><P> + +Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu +Hause sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend +zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene +feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe +und zugleich der Preis für den Ehebruch ist. + +</P><P> + +Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm +einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. +Unterwegs trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte +aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten +Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern +von Quincampoix ein. + +</P><P> + +Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als +sie erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah +sie Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie +wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das +sich bis zum Fenster hinaufreckte, flüsterte ihr +geheimnisvoll zu: + +</P><P> + +„Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es +handelt sich um etwas sehr Dringliches!“ + +</P><P> + +Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine +dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des +Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am +selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen +besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man +sah, daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde. + +</P><P> + +Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, +und sogar der „Leuchtturm von Rouen“ lag am Boden zwischen zwei +Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in +der Küche — inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll +abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und +zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln +über dem Feuer — die ganze Familie Homais, groß und klein, +alle in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den +Händen. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten +Kopfes dastand, und schrie ihn eben an: + +</P><P> + +„Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?“ + +</P><P> + +„Was ist denn los? Was gibts?“ fragte die +Eintretende. + +</P><P> + +„Was los ist?“ antwortete der Apotheker. „Ich mache hier +Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft +zu dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem +andern Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus +Faulheit hin und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an +einem Nagel aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!“ + +</P><P> + +Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei +Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft +hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte +und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als +einen gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres +Heiligtum, aus dem, von seiner Hand hergestellt, alle die +verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, Säften, Salben und +Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend berühmt +machten. Niemand durfte das Kapernaum betreten. Das ging +soweit, daß er es selbst ausfegte. Die Apotheke stand für +jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er würdevoll amtierte. +Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo sich Homais +selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten +hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine +unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine +Johannisbeeren, wetterte er: + +</P><P> + +„Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den +Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen +Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch +genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat +auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel, +daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate +nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn +man sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...“ + +</P><P> + +„Aber so beruhige dich doch!“ mahnte Frau Homais. + +</P><P> + +Und Athalia zupfte ihn am Rock. + +</P><P> + +„Papachen, Papachen!“ + +</P><P> + +„Laßt mich!“ erwiderte der Apotheker. „Zum Donnerwetter, laßt +mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen! +Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die +Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure +Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!“ + +</P><P> + +„Sie hatten mir doch ...“, begann Emma. + +</P><P> + +„Einen Augenblick! — Weißt du, mein Junge, was dir hätte +passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten +Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen +Ton von dir!“ + +</P><P> + +„Ich ... weiß ... nicht“, stammelte der Lehrling. + +</P><P> + +„Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da +eine Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben +Deckel, gefüllt mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von +mir eigenhändig draufgeschrieben: ‚Gift! Gift! Gift!‘ +Und weißt du, was da drin ist? Ar — se — nik! Und so was +rührst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!“ + +</P><P> + +„Daneben!“ rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände +über dem Kopfe zusammen. „Arsenik! Du hättest uns alle +miteinander vergiften können!“ + +</P><P> + +Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits +die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden. + +</P><P> + +„Oder du hättest einen Kranken vergiften können“, fuhr der +Apotheker fort. „Wolltest du mich gar auf die Anklagebank +bringen, vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem +Schafott sehen? Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen +Arbeiten kolossal in acht nehmen muß, trotz meiner großen +Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine +Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht uns tüchtig auf +die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen, +schweben unsereinem faktisch wie ein Damoklesschwert +fortwährend über dem Haupte!“ + +</P><P> + +Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr +wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort: + +</P><P> + +„So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden +sind? So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und +Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn +ohne mich? Wie ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, +erzogen, gekleidet? Wer ermöglicht es dir, daß du eines +Tages mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um +das zu erreichen, mußt du noch feste zugreifen, mußt, wie man +sagt, Blut schwitzen! <TT>Fabricando sit faber, age, +quod agis!</TT>“ + +</P><P> + +Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte +Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt +hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der +Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie +das Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den +Grund und Boden öffnet. + +</P><P> + +Er predigte immer weiter: + +</P><P> + +„Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein +Haus genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend +Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du +wirst niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als +zum Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! +Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir +wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt +dirs über die Maßen wohl gehn!“ + +</P><P> + +Emma wandte sich an Frau Homais: + +</P><P> + +„Man hat mich hierher gerufen ...“ + +</P><P> + +„Ach, du lieber Gott!“ unterbrach die gute Frau sie mit +trauriger Miene. „Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... +Es ist nämlich ein Unglück passiert ...“ + +</P><P> + +Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie: + +</P><P> + +„Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn +wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!“ + +</P><P> + +Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel +Justins Tasche ein Buch. + +</P><P> + +Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, +hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen +und offenem Mund. + +</P><P> + +„Liebe und Ehe“, las er vor. „Aha! Großartig! Großartig! +Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein +bißchen starker Tobak!“ + +</P><P> + +Frau Homais wollte nach dem Buche greifen. + +</P><P> + +„Nein, das ist nichts für dich!“ wehrte er sie ab. + +</P><P> + +Die Kinder wollten die Bilder sehn. + +</P><P> + +„Geht hinaus!“ befahl er gebieterisch. + +</P><P> + +Und sie gingen hinaus. + +</P><P> + +Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab, +das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz +außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren +sollte. Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit +verschränkten Armen vor ihn hin: + +</P><P> + +„Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? +Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! +Hast du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch +meinen Kindern in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde +in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athaliens trüben und +Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens +beschwören, daß die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du +mir das schwören?“ + +</P><P> + +„Aber so sagen Sie mir doch endlich,“ unterbrach ihn Emma, +„was Sie mir mitzuteilen haben!“ + +</P><P> + +„Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!“ + +</P><P> + +In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an +einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener +Rücksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die +schreckliche Nachricht schonend mitzuteilen. + +</P><P> + +Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens +überlegt und ausgeklügelt — ein Meisterwerk voll Vorsicht, +Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine +Sprachkunst triumphiert. + +</P><P> + +Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da +Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er +sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte +er sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über: + +</P><P> + +„Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. +Der Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche +Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja +die er vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch +wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!“ + +</P><P> + +Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie +erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen. + +</P><P> + +„Meine liebe Emma!“ + +</P><P> + +Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber +bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. +Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht: + +</P><P> + +„Ja ... ich weiß ... ich weiß ...“ + +</P><P> + +Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis +ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, +daß ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod +hatte ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines +Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an +einem Liebesmahl teilgenommen hatte. + +</P><P> + +Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus +konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. +Als er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl +unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß. + +</P><P> + +Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem +traurigen Blick an. Einmal seufzte er: + +</P><P> + +„Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!“ + +</P><P> + +Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas +entgegnen müsse, fragte sie: + +</P><P> + +„Wie alt war dein Vater eigentlich?“ + +</P><P> + +„Achtundfünfzig!“ + +</P><P> + +„So!“ + +</P><P> + +Das war alles. + +</P><P> + +Eine Viertelstunde später fing er wieder an: + +</P><P> + +„Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?“ + +</P><P> + +Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse. + +</P><P> + +Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt +sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, +um ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich +zusammenraffend, fragte er sie: + +</P><P> + +„Hast du dich gestern gut amüsiert?“ + +</P><P> + +„Ja!“ + +</P><P> + +Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma +gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung +ansah, um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen +bis auf den letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, +wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung „ein +trauriger Kerl“. Wie konnte sie ihn nur loswerden? Welch +endloser Abend! Etwas Betäubendes ergriff sie, wie Opium. + +</P><P> + +In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. +Es war Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm +viel Mühe, es abzulegen. + +</P><P> + +„Karl denkt schon gar nicht mehr daran“, dachte Emma, als sie +den armen Teufel sah, dem das rote Haar in die +schweißtriefende Stirn herabhing. + +</P><P> + +Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein +Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen +Anwesenheit dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein +leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unfähigkeit des Arztes +herum? + +</P><P> + +„Ein hübscher Strauß!“ sagte er, als er auf dem Kamin +Leos Veilchen bemerkte. + +</P><P> + +„Ja!“ erwiderte sie gleichgültig. „Ich habe ihn einer armen +Frau abgekauft.“ + +</P><P> + +Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine +von Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie +ihm aus der Hand und stellte sie in ein Wasserglas. + +</P><P> + +Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn +weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der +Wirtschaft zu tun. + +</P><P> + +Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den +Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube +hinten im Garten am Bachrande. + +</P><P> + +Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große +Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum +Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den +Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst +begehrenswert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit +geworden, daß sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann +eine dicke Träne über ihre Nase und blieb einen Augenblick daran +hängen. Dabei nähte sie ununterbrochen weiter. + +</P><P> + +Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit +sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz +trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die +kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen +Tages ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit +ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie +hätte nichts hören und nichts sehn mögen, um nicht in +ihren Liebesträumereien gestört zu werden, die gegen ihren +Willen unter den äußeren Eindrücken zu verwehen drohten. + +</P><P> + +Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um +sich ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere +und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in +den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen +Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und +sprach auch kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen +umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande. + +</P><P> + +Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen. + +</P><P> + +Er bot in Anbetracht des „betrüblichen Ereignisses“ seine +Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu +können, aber der Händler wich nicht so leicht. + +</P><P> + +„Ich bitte tausendmal um Verzeihung,“ sagte er, „aber ich muß +Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.“ Und flüsternd +fügte er hinzu: „Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen +schon ...“ + +</P><P> + +Karl wurde rot bis über die Ohren. + +</P><P> + +„Gewiß ... freilich ... natürlich!“ + +</P><P> + +In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau: + +</P><P> + +„Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?“ + +</P><P> + +Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner +Mutter: + +</P><P> + +„Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine +Kleinigkeit, die den Haushalt betrifft.“ + +</P><P> + +Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die +Vorgeschichte des Wechsels erführe. + +</P><P> + +Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in +ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von +gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von +seiner Gesundheit, die immer „so lala“ sei. Er müßte sich +wirklich höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, +ihm fehle doch die Butter zum Brote. + +</P><P> + +Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich +entsetzlich. + +</P><P> + +„Und sind Sie völlig wiederhergestellt?“ fuhr er fort. „Ich +sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung +gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch +ordentlich einander in die Haare gefahren sind.“ + +</P><P> + +Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die +Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen. + +</P><P> + +„Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur +Reise ...“ + +</P><P> + +Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf +den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit +einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? +Emma verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er +fort: + +</P><P> + +„Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin +gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...“ + +</P><P> + +Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt +hatte, zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache +ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu +ängstigen, noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft +sei. + +</P><P> + +„Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders +übernähme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das +wäre das Bequemste. Wir könnten dann unsere kleinen +Geschäfte miteinander abmachen.“ + +</P><P> + +Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam +er auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse +unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege +schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide. + +</P><P> + +„Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie +brauchen noch noch ein andres für die Besuche. Gleich beim +Eintreten habe ich das bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein +Amerikaner!“ + +</P><P> + +Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam +er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen +anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig +und dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand +„gehorsamst zur Verfügung“, wie Homais zu sagen pflegte. +Dabei flüsterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschläge +wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erwähnte er nicht +mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach +ihrer Genesung mit ihr darüber gesprochen, aber es war ihr +seitdem so viel durch den Kopf gegangen, daß sie das vergessen +hatte. Sie hütete sich überhaupt, Geldinteressen an den Tag zu +legen. Frau Bovary wunderte sich darüber, aber sie schrieb das +der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden +sei. + +</P><P> + +Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren +Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse +Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob +nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte +auf gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von +Ordnung des Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung +usw., und übertrieb immerfort die Schwierigkeiten der +Erbschaftsregelung. Eines Tages zeigte sie ihm sogar den +Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr das Recht übertrug, +das Vermögen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel +auszustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten +und zu empfangen usw. + +</P><P> + +Lheureux war ihr Lehrmeister. + +</P><P> + +Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe. + +</P><P> + +„Notar Guillaumin.“ Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte +sie hinzu: „Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. +Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch +einen Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein +... keinen.“ + +</P><P> + +„Höchstens Leo“, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei +schwierig, sich brieflich zu verständigen. + +</P><P> + +Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es +nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit +nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn +aus: + +</P><P> + +„Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!“ + +</P><P> + +„Wie gut du bist!“ sagte er und küßte sie auf die Stirn. + +</P><P> + +Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren +und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Drittes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre +Flitterwochentage. + +</P><P> + +Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei +verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter +überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man +ihnen alle Morgen in der Frühe brachte. + +</P><P> + +Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer +der Inseln. + +</P><P> + +Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen +die Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer +stieg zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man +breite ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der +Sonne wie schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten. + +</P><P> + +Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen +hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen +Ankertaue. Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, +das Stimmengewirr, das Bellen der Hunde auf den Schiffen +wurde ferner und ferner. Emma knüpfte ihre Hutbänder auf. + +</P><P> + +Sie landeten an „ihrer Insel“. Sie setzten sich in eine +Herberge, vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen +gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich +ins Gras, küßten einander im Schatten der hohen Pappeln +und hätten am liebsten wie zwei Robinsons immer auf diesem +Erdenwinkel leben mögen, der ihnen in ihrer Glückseligkeit +als das schönste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie +sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht zum +ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern der +Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es +war ihnen, als hätten sie das alles niemals so +genossen, als wäre die Natur vorher gar nicht dagewesen oder +als wäre sie erst schön, seitdem ihr Begehren gestillt war. + +</P><P> + +Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade +von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank +unter dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die +vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen +Gabeln, taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das +Wasser leise um das herrenlose Steuer. + +</P><P> + +Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom +stillen Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und +Emma begann sogar zu singen: </P> +<BLOCKQUOTE> +„Weißt du, eines Abends <BR> +Fuhren wir dahin ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut, +vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang +Leos Ohr. + +</P><P> + +Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine +offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr +Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein +Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer +erscheinen. Die Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum +Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der +Weiden, an denen der Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie +plötzlich wieder auf, im Lichte des Mondes, wie eine +Geistererscheinung. + +</P><P> + +Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges +gelagert hatte, hob ein Band aus roter Seide auf. Der +Bootsmann sah es und meinte: + +</P><P> + +„Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft +spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie +hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein +Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem +schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn +immer: ‚Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem +Leben, Adolf!‘ Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...“ + +</P><P> + +Emma fuhr zusammen. + +</P><P> + +„Ist dir nicht wohl?“ fragte Leo und legte ihr die Hand um den +Nacken. + +</P><P> + +„Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.“ + +</P><P> + +„Er mochte auch viel Glück bei den Frauen haben“, redete der +Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar +eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hände und +begann von neuem zu rudern. + +</P><P> + +Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig. +Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet +schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte +Umschläge verwenden. Er wunderte sich über ihre Schlauheit in +Liebesdingen. + +</P><P> + +„Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht +wahr?“ fragte sie nach dem letzten Kusse. + +</P><P> + +„Aber gewiß!“ + +</P><P> + +Als er dann allein durch die Straßen heimging, dachte er bei +sich: + +</P><P> + +„Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer +Generalvollmacht?“ + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Viertes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Leo begann vor seinen Kameraden den Überlegenen zu spielen. Er +mied ihre Gesellschaft und vernachlässigte seine Akten. Er +wartete nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in +ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in +der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heißes +Begehren kühlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im +Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaßen, +daß er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann. + +</P><P> + +Als er von der Höhe herab unten im Tale den Kirchturm mit +seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte, +durchschauerte ihn ein sonderbares Gefühl von Eitelkeit und +Rührung, wie es vielleicht ein Milliardär empfindet, der sein +Heimatdorf wieder aufsucht. + +</P><P> + +Er ging um Emmas Haus. In der Küche war Licht. Er wartete, +ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar würde. Es +erschien nichts. + +</P><P> + +Als Mutter Franz ihn gewahrte, stieß sie Freudenschreie +aus. Sie fand ihn „größer und schlanker geworden“, während +Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er sähe „stärker und +brauner“ aus. + +</P><P> + +Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein, +aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nämlich +„satt bekommen“, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte +seine Tischzeit ein für allemal auf Punkt fünf Uhr verlegt, +was ihn indessen nicht hinderte, darüber zu räsonieren, daß +der „alte Klapperkasten egal zu spät“ käme. + +</P><P> + +Endlich faßte Leo Mut und klingelte an der Haustüre des +Arztes. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer +Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn +wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tags wich er von +Emmas Seite. Erst nachts kam sie allein mit Leo zusammen, +auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, +wie einst mit dem andern. + +</P><P> + +Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem +Regenschirm, bei Donner und Blitz. + +</P><P> + +Die Trennung war ihnen unerträglich. + +</P><P> + +„Lieber sterben!“ sagte Emma. + +</P><P> + +Sie entwand sich seinen Armen und weinte. + +</P><P> + +„Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?“ + +</P><P> + +Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da +versprach ihm Emma, sie wolle demnächst Mittel und Wege finden, +damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen könnten. +Emma zweifelte nicht an der Möglichkeit. Sie war überhaupt +voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr für die nächste Zeit Geld +in Aussicht gestellt. + +</P><P> + +Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores für ihr Zimmer an. +Lheureux rühmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen +Teppich, den der Händler bereitwillig zu besorgen versprach, +wobei er versicherte, er werde „die Welt nicht kosten“. Lheureux +war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie +nach ihm, und immer ließ er alles stehen und liegen und kam, +ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte +Frau Rollet täglich zum Frühstück und auch außerdem noch +häufig kam. + +</P><P> + +Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma plötzlich einen +ungemein regen Eifer im Musizieren. + +</P><P> + +Eines Abends spielte sie dasselbe Stück viermal +hintereinander, ohne über eine bestimmte schwierige Stelle glatt +hinwegzukommen. Karl, der ihr zuhörte, bemerkte den Fehler nicht +und rief: + +</P><P> + +„Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!“ + +</P><P> + +„Nein, nein! Ich stümpere. Meine Finger sind zu steif +geworden.“ + +</P><P> + +Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen. + +</P><P> + +„Meinetwegen! Wenn es dir Spaß macht.“ + +</P><P> + +Karl gab zu, daß sie ein wenig aus der Übung sei. Sie griff +daneben, blieb stecken, und plötzlich hörte sie auf zu spielen. + +</P><P> + +„Ach, es geht nicht, ich müßte wieder Stunden nehmen, +aber ...“ Sie biß sich in die Lippen und fügte hinzu: „Zwanzig +Franken für die Stunde, das ist zu teuer.“ + +</P><P> + +„Allerdings ... ja ...“, sagte Karl und lächelte einfältig, +„aber es gibt doch auch unbekannte Künstler, die billiger und +manchmal besser sind als die Berühmtheiten.“ + +</P><P> + +„Such mir einen!“ sagte Emma. + +</P><P> + +Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene +an und sagte schließlich: + +</P><P> + +„Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in +Barfeuchères, und da hat mir Frau Liégeard erzählt, daß +ihre drei Töchter für zwölf Groschen die Stunde bei einer ganz +vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.“ + +</P><P> + +Emma zuckte mit den Achseln und öffnete fortan nicht mehr das +Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging, +seufzte sie allemal: + +</P><P> + +„Ach, mein armes Klavier!“ + +</P><P> + +Wenn Besuch da war, erzählte sie jedermann, daß sie die Musik +aufgegeben und höheren Rücksichten geopfert habe. Dann beklagte +man sie. Es sei schade. Sie hätte soviel Talent. Man machte +ihrem Manne geradezu Vorwürfe, und der Apotheker sagte ihm +eines Tages: + +</P><P> + +„Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem +die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Außerdem sparen +Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, später bei +der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mütter +sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon +Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber +das wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernährung der +Säuglinge durch die eigenen Mütter und wie die +Schutzpockenimpfung! Davon bin ich überzeugt!“ + +</P><P> + +Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprächsweise auf diese +Angelegenheit zurück. Emma erwiderte ärgerlich, daß es +besser wäre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte +sich Bovary. Das kam ihm wie die Preisgabe eines +Stückes von sich selbst vor. Das brave Klavier hatte ihm so +oft Vergnügen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht! + +</P><P> + +„Wie wäre es denn,“ schlug er vor, „wenn du hin und wieder +eine Stunde nähmst? Das wird uns wohl nicht gleich +ruinieren!“ + +</P><P> + +„Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmäßig erfolgt“, +entgegnete sie. + +</P><P> + +Und so kam es schließlich dahin, daß sie von ihrem Gatten die +Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um +den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie +habe bedeutende Fortschritte gemacht. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Fünftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich +geräuschlos an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe +wegen ihres zu frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief +sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich ans Fenster und sah auf +den Marktplatz hinaus. Das Morgengrauen huschte um die +Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterläden noch +geschlossen waren. Die großen Buchstaben des Ladenschildes +ließen sich durch das fahle Dämmerlicht erkennen. + +</P><P> + +Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem +Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und +fachte der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. +Ganz allein saß Emma dann in der Küche. + +</P><P> + +Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst +gemächlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, +die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster +heraussah und ihm tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln +erteilte, die jeden andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die +Absätze von Emmas Stiefeletten klapperten laut auf dem +Pflaster des Hofes. + +</P><P> + +Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel +angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die +Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock. + +</P><P> + +Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie +allerorts Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor +den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Plätze +vorbestellt hatten, ließen meist auf sich warten; ja es kam +vor, daß sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und +fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den +Fäusten laut gegen die Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind +durch die schlecht schließenden Wagenfenster. + +</P><P> + +Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt +schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten +sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser +gefüllten Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin +bis in den Horizont. + +</P><P> + +Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, +wann eine Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine +Scheune, das Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal +schloß sie die Augen eine Weile, um sich überraschen zu lassen. +Aber sie verlor niemals das Gefühl für Zeit und Ort. + +</P><P> + +Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte +unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch +deren Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken +und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf. + +</P><P> + +Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst +erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das +Häusermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich +flaches Land in eintönigen Linien, bis es weit in der +Ferne im fahlen Grau des Himmels verschwamm. So aus der +Vogelschau sah die ganze Landschaft leblos wie ein Gemälde +aus. Die vor Anker liegenden Zillen drängten sich in einem +Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um grüne Hügel, +und die länglichen Inseln in seinen Fluten glichen großen +schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen Fabrikessen +quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft +auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich +das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste +hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards +wuchsen aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, +und die vom Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder +schwächer, je nach der höheren oder tieferen Lage der +Stadtteile. Bisweilen trieb ein frischer Windstoß das +dunstige Gewölk nach der Sankt Katharinen-Höhe hin, an deren +steilen Hängen sich die luftige Flut geräuschlos brach. + +</P><P> + +Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt, +diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut +stürmte ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die +hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem +der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen +Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt dieses Anblicks +wuchs ihre eigene Liebe, und das dumpfe Rauschen des +Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung. +Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und +vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr +zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie +Einzug hielt. + +</P><P> + +Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die +frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der +schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert +rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger, +die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, +wo sie die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren +Familienkutschen gemächlich aus. + +</P><P> + +Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer +Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht +und stieg aus. + +</P><P> + +In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die +Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den +Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit +niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem +herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um +nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre +Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen +am Ende der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt +es dort die meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. +Ein paarmal fuhren Karren mit Bühnendekorationen an Emma +vorüber. Beschürzte Kellner streuten Sand auf das Trottoir, +zwischen Kästen mit grünen Gewächsen. Es roch nach Absinth, +Zigarren und Austern. + +</P><P> + +Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie +erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich +unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm +nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, +öffnete die Tür und trat ein ... + +</P><P> + +Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne +Ende! Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von +ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber +dann war das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu +Auge, unter dem Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der +Zärtlichkeit. + +</P><P> + +Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten +des Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge +herab. Wenn sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von +diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme +verschämt hob und ihr Gesicht in den Händen verbarg: was +hätte Leo Schönres schauen können? + +</P><P> + +Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten +Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu +einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte +alles, was blank im Gemache war, hell auf: die +Messingbeschläge an der Tür, an den Gardinenhaltern und am +Kamin. + +</P><P> + +Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig +verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles +so vor, wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die +Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am +Donnerstag vorher liegen gelassen hatte. + +</P><P> + +Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen +eingelegten Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte +alles zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den +Teller, unter tausend süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über +den Rand des dünnen Kelches auf die Finger perlte, lachte +sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genuß +versunken und vergaßen völlig, daß sie in einer Mietwohnung +hausten. Es war Ihnen, als wären sie Jungvermählte und +hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder zu +verlassen brauchten. Sie sagten „unser Zimmer, unser Teppich, +unsre Stühle,“ wie sie „unsre Pantoffeln“ sagten, wobei sie +die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa +Atlas mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten +Füßen. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir +ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen +Zehen. + +</P><P> + +Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen +Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese +entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen, +dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte +Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er +hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine +verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen? + +</P><P> + +Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald +tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald +schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte +Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die +Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je +gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der +Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der „Badenden +Odaliske“, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen +Vrouwen der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, +die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als +alles das: sie war sein „Engel“. + +</P><P> + +Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich +seine Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz +und von da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr +zu Füßen auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah +zu ihr empor und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu +ihm herab und flüsterte wie im Rausche: + +</P><P> + +„O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist +etwas Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern +habe!“ + +</P><P> + +Sie nannte ihn „mein Junge“. + +</P><P> + +„Mein Junge, liebst du mich?“ + +</P><P> + +Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie +nicht. + +</P><P> + +Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus +Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande +trug. Er machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde +schlug, kam ihnen alles ernsthaft vor. + +</P><P> + +Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer +wiederholten sie: + +</P><P> + +„Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!“ + +</P><P> + +Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, +küßte ihn rasch auf die Stirn, und mit einem „Adieu!“ stürmte +sie die Treppe hinunter. + +</P><P> + +Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße +und ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. +Im Laden brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das +Klingeln drüben im Theater, das dem Personal den Beginn der +Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit +bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im +hinteren Eingang des Theatergebäudes verschwanden. + +</P><P> + +Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken +und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen +Brennscheren und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu +schaffen machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, +so wäre sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen. + +</P><P> + +Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an. + +</P><P> + +Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins +„Rote Kreuz“. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am +Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und +nahm ihren Platz ein, unter den bereits ungeduldigen +Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle aus. +Emma blieb allein im Wagen zurück. + +</P><P> + +Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der +Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites +Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster +kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend +flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in +Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind +verschlang. + +</P><P> + +Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen +ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter +Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn +abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit +Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in +roten Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, +die an der Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. +Wenn man ihn ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten +seine bläulichen Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager. + +</P><P> + +Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam: +</P> +<BLOCKQUOTE> +„Wenns Sommer worden weit und breit,<BR> +Wird heiß das Herze mancher Maid ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich +hinter Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg. + +</P><P> + +Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf +dem nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er +fragte ihn, wie es seiner Liebsten ginge. + +</P><P> + +Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch +das Wagenfenster herein. Er war draußen auf das +kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand +fest. Sein erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er +heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das +Schellengeläut der Pferde, das Rauschen der Bäume und das +Rasseln des Wagens tönten in diese Jammerlaute hinein, so +daß sie wie aus der Ferne zu kommen schienen. Emma war +tieferschüttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie +wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie +ergriff sie. + +</P><P> + +Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen +Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf +den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den +Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus. + +</P><P> + +Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die +einen schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die +Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des +Nachbars, und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je +nach den Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der +Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen +Kattunvorhänge und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit +blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie +fror unter ihren Kleidern. Ihre Füße wurden ihr kälter und +kälter. Sie fühlte sich sterbensunglücklich. + +</P><P> + +Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer +Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, +aber was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte +jetzt machen, was es wollte. + +</P><P> + +Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie +fragte, ob ihr etwas fehle. + +</P><P> + +„Nein!“ antwortete sie. + +</P><P> + +„Aber du bist so sonderbar heute abend?“ + +</P><P> + +„Ach nein, nicht im geringsten!“ + +</P><P> + +Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war +gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser +als eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die +Streichhölzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und das +Nachthemd und deckte das Bett auf. + +</P><P> + +„Gut!“ sagte sie. „Du kannst gehn.“ + +</P><P> + +Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und +blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an. + +</P><P> + +Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch +qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit +der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor +Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre +Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen +befriedigt wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich +unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. +Seine anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie +hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, +sein Herz zu verlieren. + +</P><P> + +Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme: + +</P><P> + +„Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! +Wirst es machen wie alle andern!“ + +</P><P> + +„Welche andern?“ + +</P><P> + +„Wie alle Männer, meine ich.“ + +</P><P> + +Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu: + +</P><P> + +„Ihr seid alle gemein!“ + +</P><P> + +Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch +über die menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um +seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu +starkem Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, +daß sie vor ihm einen andern geliebt habe. + +</P><P> + +„Nicht wie dich!“ fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte +ihres Kindes, daß es „zu nichts gekommen“ sei. + +</P><P> + +Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der +Betreffende jetzt sei. + +</P><P> + +„Er war Schiffskapitän, mein Lieber!“ + +</P><P> + +Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich +ein gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer +und gewiß vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben +sollte? + +</P><P> + +In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der +Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, +Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, +das sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxus. + +</P><P> + +Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins +Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen +blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in +schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren. +Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich +gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn +die Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des +Wiedersehns nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch +zweifellos die Bitterkeit der Trennung. + +</P><P> + +Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise: + +</P><P> + +„Ach, wenn wir dort leben könnten!“ + +</P><P> + +„Sind wir denn nicht glücklich?“ erwiderte Leo zärtlich und +strich mit der Hand liebkosend über ihr Haar. + +</P><P> + +„Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!“ + +</P><P> + +Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie +bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach +Tisch Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der +Welt. Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines +Abends sagte er plötzlich: + +</P><P> + +„Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?“ + +</P><P> + +„Ja!“ + +</P><P> + +„Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen +und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.“ + +</P><P> + +Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie +unbefangen: + +</P><P> + +„Mein Name wird ihr entfallen sein.“ + +</P><P> + +„Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in +Rouen, die Klavierstunden geben“, meinte Karl. + +</P><P> + +„Das ist auch möglich!“ + +</P><P> + +Plötzlich sagte Emma: + +</P><P> + +„Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich +eine bringen.“ + +</P><P> + +Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, +wühlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl +sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe +zu machen. + +</P><P> + +„Ich werde sie schon finden!“ beharrte sie. + +</P><P> + +In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die +Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß +zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück +Papier. Er zog es hervor und las: + +</P><P> + +<DIV ALIGN="CENTER"> +<TABLE WIDTH="50%" CELLPADDING="0" BORDER="0"> +<TR><TD ALIGN="CENTER">„Quittung. +</TD></TR> +<TR><TD> +Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für +verschiedene beschaffte Musikalien: 65,- Frkn. +</TD></TR> +<TR><TD ALIGN="RIGHT"> +Dankend erhalten <BR> +Friederike Lempereur, <BR> +Musiklehrerin.“ +</TD> +</TR> +</TABLE> +</DIV> + +<P> + +„Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?“ + +</P><P> + +„Wahrscheinlich“, erwiderte Emma, „ist es aus dem Karton +mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal +steht.“ + +</P><P> + +Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von +Lügen. Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit +niemand sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen +geradezu zu einem Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn +sie erzählte, daß sie auf der rechten Seite der Straße gegangen +sei, konnte man wetten, daß es auf der linken gewesen war. + +</P><P> + +Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich +leicht gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien +begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien +in der Kutsche des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach +Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken +Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er +im „Roten Kreuz“ angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe +sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die +Antwort, daß sie das „Rote Kreuz“ sehr selten aufsuche. +Abends traf er sie in der Postkutsche und erzählte ihr von +seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine sonderliche +Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald eine +Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so +wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen. + +</P><P> + +Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben +hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret +sein. Und so hielt es Emma für besser, fortan im „Roten +Kreuz“ abzusteigen, damit die guten Leute aus Yonville sie hin +und wieder auf der Treppe des Gasthofes sahen und nichts +argwöhnten. + +</P><P> + +Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos +Arm den Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne +schwatzen; aber er war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage +später in ihr Zimmer und erklärte, daß er Geld brauche. + +</P><P> + +Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing +zu jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen. + +</P><P> + +In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten +Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin +verlängert und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus +seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen für die +Stores, den Teppich, für Möbelstoff, mehrere Kleider und +verschiedene Toilettenstücke, im Gesamtbetrag von ungefähr +zweitausend Franken. + +</P><P> + +Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort: + +</P><P> + +„Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.“ + +</P><P> + +Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus +in Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es +brachte nicht viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen +Pachtgute gehört, das der alte Bovary vor Jahren verkauft +hatte. Lheureux wußte genau Bescheid über das Grundstück; er +kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn. + +</P><P> + +„An Ihrer Stelle“, sagte er, „versuchte ich, es +loszuwerden. Sie bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!“ + +</P><P> + +Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber +Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, +was sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen. + +</P><P> + +„Sie haben doch die Vollmacht“, antwortete er. + +</P><P> + +Dieses Wort belebte sie. + +</P><P> + +„Lassen Sie mir die Rechnung hier!“ sagte sie. + +</P><P> + +„O, das eilt ja nicht!“ erwiderte Lheureux. + +</P><P> + +In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete, +es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen Langlois +ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das +Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste. + +</P><P> + +„Der Preis ist mir gleichgültig!“ rief Emma aus. + +</P><P> + +Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln +lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie +selbst nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das +Geschäft mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung +zurück, der Käufer habe viertausend Franken geboten. + +</P><P> + +Emma war hocherfreut. + +</P><P> + +„Offen gestanden,“ fügte der Händler hinzu, „das ist +anständig bezahlt!“ + +</P><P> + +Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma +sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte +Lheureux: + +</P><P> + +„Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes +Sümmchen gleich wieder aus der Hand geben wollen!“ + +</P><P> + +Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der +Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten. + +</P><P> + +„Wie? Wie meinen Sie?“ stammelte sie. + +</P><P> + +„O,“ erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, „man kann ja was +ganz Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie +das in einem Haushalte so ist.“ + +</P><P> + +Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine +langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte +er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je +tausend Franken auf den Tisch. + +</P><P> + +„Unterschreiben Sie!“ sagte er, „und behalten Sie die ganze +Summe!“ + +</P><P> + +Sie fuhr erschrocken zurück. + +</P><P> + +„Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,“ sagte +Lheureux frech, „erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?“ + +</P><P> + +Er schrieb unter die Rechnung: + +</P><P> + +„Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben, +bescheinigt + +</P><P> + +Lheureux.“ + +</P><P> + +„So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie +die weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist +auch der letzte Wechsel nicht fällig.“ + +</P><P> + +Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den +Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor +ihr ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. +Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in +Rouen, der die vier Wechsel diskontieren wolle. Die +überschüssige Summe werde er der gnädigen Frau persönlich +bringen. + +</P><P> + +Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert. +Freund Vinçard habe „wie üblich“ zweihundert Franken für +Provision und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig +eine Empfangsbestätigung. + +</P><P> + +„Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! +Das Datum!“ + +</P><P> + +Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so +vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann +die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte. + +</P><P> + +Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig +auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber +geduldig auf Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon +aufklären. + +</P><P> + +Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um +ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die +Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend +unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen +müssen. + +</P><P> + +„Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist +tausend Franken nicht zuviel?“ + +</P><P> + +In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen +Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu +bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen +davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin +schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer +Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie +etwas herausrücke, gab er ihr zur Antwort: + +</P><P> + +„Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!“ + +</P><P> + +Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine +besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze +Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks +heraus. Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, +daß sie erst viel später bekannt wurde. + +</P><P> + +Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte +die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu +finden. + +</P><P> + +„Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die +Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in +keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den +Großvaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine nötig. So war +es wenigstens bei meiner Mutter, und das war eine ehrbare +Frau! Das kann ich dir versichern! Es sind nun einmal nicht +alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde +mich zu Tode schämen, wenn ich mich so verwöhnen wollte wie du! +Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bißchen der +Pflege nötig hätte ... Da schau mal einer diesen Luxus an! +Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, das Meter zu zwei Franken! +Wo man ganz schönen Futterstoff für vier Groschen, ja schon für +dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erfüllt!“ + +</P><P> + +Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe: + +</P><P> + +„Ich finde, es ist nun gut!“ + +</P><P> + +Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie +würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der +Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr +versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ... + +</P><P> + +„Was?“ unterbrach Emma ihre Rede. + +</P><P> + +„Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!“ + +</P><P> + +Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der +Unglücksmensch mußte zugeben, daß ihm die Mutter das +Ehrenwort abgenötigt hatte. Da ging Emma aus dem Zimmer, kam +sehr bald wieder und händigte ihrer Schwiegermutter mit der +Gebärde einer Fürstin ein großes Schriftstück ein. + +</P><P> + +„Ich danke dir!“ sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in +den Ofen. + +</P><P> + +Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie +hatte einen Nervenchok bekommen. + +</P><P> + +„Ach du mein Gott!“ rief Karl aus. „Siehst du, Mutter, es +war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!“ + +</P><P> + +Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles „bloß Tuerei!“ + +</P><P> + +Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf +und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, +sie werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. +Als Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben +überreden wollte, erwiderte sie: + +</P><P> + +„Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja +ganz in der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst +ja sehen ... Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich +wieder — sozusagen — zusetzen!“ + +</P><P> + +Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm +erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte +erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue +Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der +sie ausstellen sollte. + +</P><P> + +„Sehr begreiflich!“ meinte der Notar. „Ein Mann der +Wissenschaft darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken +lassen.“ + +</P><P> + +Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte +Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit +mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren +Dingen beschäftigt. + +</P><P> + +Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in +Leos Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, +weinte, sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte +Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie +doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem +Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in +den Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, +unersättlich, wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie +mit Leo durch die Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste +Angst, daß sie ins Gerede kommen könnte. So sagte sie +wenigstens. Insgeheim erzitterte sie freilich mitunter bei +dem Gedanken, Rudolf könne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf +immerdar von ihm geschieden war, so fühlte sie sich doch noch +immer in seinem Banne. + +</P><P> + +Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war +außer sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre +„Mama“ nicht ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. +Justin wurde auf der Poststraße entgegengesandt, und selbst +Homais verließ seine Apotheke. + +</P><P> + +Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. +Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein +Pferd los und langte gegen zwei Uhr morgens im „Roten +Kreuz“ an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht könne der +Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Glücklicherweise +fiel ihm die Adresse des Notars ein, bei dem Leo in der +Kanzlei arbeitete. Er eilte hin. + +</P><P> + +Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über +der Tür und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte +ihm jemand die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den +nächtlichen Ruhestörer zu schimpfen. + +</P><P> + +Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen +Türklopfer noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug +mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging +vorüber. Karl bekam Angst und ging davon. + +</P><P> + +„Ich bin ein Narr!“ sagte er zu sich. „Wahrscheinlich haben +Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!“ + +</P><P> + +Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen. + +</P><P> + +„Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank +... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre +gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?“ + +</P><P> + +Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café +das Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von +Fräulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des +Maroquiniers Nummer 74. + +</P><P> + +Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende +auf. Er stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals. + +</P><P> + +„Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?“ rief er. + +</P><P> + +„Ich war krank.“ + +</P><P> + +„Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?“ + +</P><P> + +Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete: + +</P><P> + +„Bei Fräulein Lempereur.“ + +</P><P> + +„Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.“ + +</P><P> + +„Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon +ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du +kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich +weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem +Gleichgewicht bringt!“ + +</P><P> + +Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in +Zukunft mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man +zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den +ausgiebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo +zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser +sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner +Kanzlei auf. + +</P><P> + +Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber +allmählich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren +diese Störungen durchaus nicht angenehm. + +</P><P> + +„Ach was, komm nur mit!“ sagte sie. + +</P><P> + +Und er verließ ihretwegen seine Arbeit. + +</P><P> + +Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz +kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er +aussähe wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er +mußte ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. +Er schämte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, +Vorhänge zu kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die +seien sehr teuer, sagte sie lachend: + +</P><P> + +„Ach, hängst du an deinen paar Groschen!“ + +</P><P> + +Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem +letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein +Gedicht, um ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei +lag ihm nicht, und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem +alten Almanach ab. + +</P><P> + +Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein +andres Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen +Dingen ihrer Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie +sie. Mit einem Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo +wurde der feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie +verstand auf eine Art zu kosen und zu küssen, daß er die +Empfindung hatte, als sauge sie ihm die Seele aus dem Leibe. +Es steckte, im Kerne ihres Wesens verborgen, eine +eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis in Emma, +eine geheimnisvolle Erbschaft. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Sechstes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig +bei dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, +ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen. + +</P><P> + +„Gern!“ gab Homais zur Antwort. „Ich muß sowieso einmal +ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir +wollen zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein +paar Dummheiten loslassen!“ + +</P><P> + +„Aber Mann!“ mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren +Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus. + +</P><P> + +„Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon +genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? +Ja, ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die +Wissenschaften, so sind sie eifersüchtig; und will man sich +gelegentlich in harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann +ists ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut +sein! Rechnen Sie auf mich! In allernächster Zeit tauch ich in +Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!“ + +</P><P> + +Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen +Ausdruck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich +ungemein darin, den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich +wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das +neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten aus. Er +begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser +anzunehmen, um den Philistern zu imponieren. + +</P><P> + +Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung +in der Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, +in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen +hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der +andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus +Furcht, die Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß +nehmen. + +</P><P> + +Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend +verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen +Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen, +so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt +half kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das +„Grand Café zur Normandie“, wo er, bedeckten Hauptes, stolz +wie ein Fürst eintrat. Er hielt es nämlich für höchst +provinzlerhaft, in einem öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen. + +</P><P> + +Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte +sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei +sie ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der +Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn +gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe. + +</P><P> + +Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der +große Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, +der die Form eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen +innen vergoldete Fächer sich unter der weißen Decke +ausbreiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter +Glaswänden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen über einem +Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und +Spargel drei schläfrige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem +Haufen aufgeschichtet. + +</P><P> + +Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die +Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so +tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett +mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien +„über die Weiber“. Am meisten rege ihn eine „schicke“ Frau +auf, und nichts ginge über eine elegante Robe in einem vornehm +eingerichteten Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da +sei viel Fleisch „nicht ohne“. + +</P><P> + +Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und +schmatzte weiter. + +</P><P> + +„Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in +Rouen“, sagte er plötzlich. „Aber schließlich wohnt ja Ihr +Liebchen nicht allzuweit.“ Da Leo errötete, setzte er hinzu: +„Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in +Yonville ...“ + +</P><P> + +Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches. + +</P><P> + +„... im Hause Bovary jemanden poussieren ...“ + +</P><P> + +„Aber wen denn?“ + +</P><P> + +„Na, das Dienstmädel!“ + +</P><P> + +Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als +alle Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er +liebe nur brünette Frauen. + +</P><P> + +„Da haben Sie nicht unrecht“, meinte der Apotheker. „Die haben +mehr Temperament!“ + +</P><P> + +Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die +Symptome, an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. +Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die +Deutschen seien schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die +Italienerinnen leidenschaftlich. + +</P><P> + +„Und die Negerinnen?“ fragte der Adjunkt. + +</P><P> + +„Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!“ + +</P><P> + +„Gehen wir?“ fragte Leo ungeduldig. + +</P><P> + +„<TT>Yes!</TT>“ + +</P><P> + +Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen +und ihm seine Zufriedenheit aussprechen. + +</P><P> + +Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen +Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein. + +</P><P> + +„Ich begleite Sie natürlich!“ sagte Homais. + +</P><P> + +Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von +seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom +verwahrlosten Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie +in die Höhe gebracht habe. + +</P><P> + +Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm, +eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten +Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in +Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu +beruhigen. Es sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie +kenne Homais doch. Wie habe sie nur glauben können, daß er +lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar +nichts hören und schickte sich an, fortzugehen. Er hielt sie +zurück, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen +und sah sie mit einem rührenden Blick voller Begehrlichkeit und +Unterwürfigkeit an. + +</P><P> + +Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie +ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck +in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ +ihm ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der +Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen. + +</P><P> + +„Du kommst doch wieder?“ fragte Emma. + +</P><P> + +„Gewiß!“ + +</P><P> + +„Aber wann?“ + +</P><P> + +„Sofort!“ + +</P><P> + +Es war der Apotheker. + +</P><P> + +„Ein feiner Trick, nicht?“ schmunzelte er, als er Leo +erblickte. + +</P><P> + +„Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch +offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund +Bridoux, einen Bittern genehmigen!“ + +</P><P> + +Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker +lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei. + +</P><P> + +„Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum +nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux! +Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!“ Und da +der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: „Na, da +begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung +lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.“ + +</P><P> + +Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des +Apothekers Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung +des reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, +während Homais immer wieder in ihn drang: + +</P><P> + +„Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert +Schritte von hier! Rue Malpalu!“ + +</P><P> + +Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit +oder Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den +Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen +Willen zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie +fanden ihn in dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei +Burschen beaufsichtigte, die das große Rad einer +Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen +Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank +man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu +empfehlen, aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er +sagte: + +</P><P> + +„Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den +‚Leuchtturm von Rouen‘! Dem Redakteur guten Tag sagen. +Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.“ + +</P><P> + +Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den +Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade +aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das +Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung +auf! Nun suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. +Er sei eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, +feminin, dazu knickerig und kleinmütig. + +</P><P> + +Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter +machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten +hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht +berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben. + +</P><P> + +Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die +nichts mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm +Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den +Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die +eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu +erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten +Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand +sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. +Diese Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. +Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher +Erregung. Sie warf die Kleider ab und riß das Korsett +herunter, dessen Schnuren ihr um die Hüften schlugen wie +zischende Schlangen. Mit nackten Füßen lief sie an die Tür und +überzeugte sich, daß sie verriegelt war. Mit einer hastigen +Bewegung entledigte sie sich dann des Hemdes — und bleich, +stumm, ernst und von Schauern durchströmt, warf sie sich in seine +Arme. + +</P><P> + +Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren +stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung +lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. +Leo fühlte es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu +trennen. + +</P><P> + +Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der +Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und +des Leids schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. +Was ihn dereinst entzückt hatte, das flößte ihm jetzt +Grauen ein. + +</P><P> + +Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung +seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen +Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann +auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein +Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt. + +</P><P> + +Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von +ausgesuchten Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements +der Kleidung und den schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte +aus ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm +ins Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab +ihm gute Ratschläge, wie er leben solle. Abergläubisch schenkte +sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame +Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten. + +</P><P> + +„Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!“ + +</P><P> + +Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen. +Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der +Nähe des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, +der dies wohl übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie +davon ab. + +</P><P> + +„Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was +tuts? Ich halte ihn nicht!“ + +</P><P> + +Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als +gewöhnlich. Als sie allein den Boulevard hinschlenderte, +bemerkte sie die Mauer ihres Klosters. Da setzte sie sich +auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie +damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfräulichen +Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damals aus +Büchern erträumt hatte ... + +</P><P> + +Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte, +mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald +... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr +vorüber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie +alles andre. + +</P><P> + +„Aber ich liebe ihn doch!“ flüsterte sie. + +</P><P> + +Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen! +Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam +immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog? + +</P><P> + +Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und +tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit +einem Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und +Sänger, warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil +das eine Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu +suchen! Weil alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt +immer nur das Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, +jeder Genuß den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten +Küsse hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare +Begierde nach der Wollust der Götter! + +</P><P> + +Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug +viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine +Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in +einer Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem +kleinen Raume ... + +</P><P> + +Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten +kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein +Mann von schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in +Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen +er die eine Seitentasche seines langen grünen Rockes +verschlossen hatte, steckte sie im Ärmelaufschlag fest und +überreichte ihr höflich ein Papier. Es war ein Wechsel auf +siebenhundert Franken, den sie ausgestellt hatte. Lheureux +hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vinçard +weitergegeben. + +</P><P> + +Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, +ließ er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und +dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke +auf Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig: + +</P><P> + +„Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?“ + +</P><P> + +„Sagen Sie ihm nur“, gab Emma zur Antwort, „... ich hätte kein +Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in +acht Tagen!“ + +</P><P> + +Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf +erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten +Zustellungsurkunde starrten ihr mehrfach die Worte „Hareng, +Gerichtsvollzieher in Büchy“ entgegen. Darüber erschrak sie +dermaßen, daß sie spornstreichs zu Lheureux lief. + +</P><P> + +Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu. + +</P><P> + +„Ihr Diener!“ begrüßte er sie. „Ich stehe Ihnen sogleich zur +Verfügung!“ + +</P><P> + +Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, +bei der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war +ein wenig verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die +Stelle des Ladenmädchens und der Köchin. + +</P><P> + +Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten +Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der +Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in +dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller +Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem +Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand +stand ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch +andre Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In +der Tat lieh Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank +lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe +des alten Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café +Français hatte inzwischen sein Grundstück verkaufen +müssen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen eröffnet. Dort +ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner +Talglichte, die weniger gelb waren als sein Gesicht. + +</P><P> + +Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte: + +</P><P> + +„Na, was gibts Neues?“ + +</P><P> + +Emma hielt ihm die Vorladung hin. + +</P><P> + +„Hier, lesen Sie!“ + +</P><P> + +„Ja, was geht denn mich das an?“ + +</P><P> + +Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, +ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu. + +</P><P> + +„Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber +das Messer an der Kehle!“ + +</P><P> + +„Und was wird jetzt geschehn?“ + +</P><P> + +„Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann +die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!“ + +</P><P> + +Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe +ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein +Mittel gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten. + +</P><P> + +„Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das +ist ein Bluthund!“ + +</P><P> + +Dann müsse eben Lheureux einspringen. + +</P><P> + +„Hören Sie mal,“ entgegnete er, „mir scheint, daß ich schon +genug für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!“ Er schlug seine +Bücher auf: „Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. +Juni hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig +Franken ... am 10. April ...“ + +</P><P> + +Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen. + +</P><P> + +„Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt +hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von +Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar +nicht zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar +niemand mehr hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun +haben!“ + +</P><P> + +Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten +Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter „diesen +Schweinehund, den Vinçard“. Übrigens verfüge er selber +über keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man +zöge ihm das Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, +könne nichts borgen. + +</P><P> + +Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr +Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich: + +</P><P> + +„Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...“ + +</P><P> + +Sie unterbrach ihn: + +</P><P> + +„Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville +bekomme ...“ + +</P><P> + +„Wieso?“ + +</P><P> + +Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch +nicht gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er: + +</P><P> + +„Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!“ + +</P><P> + +„Ach, den müssen Sie machen!“ + +</P><P> + +Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. +Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er +käme sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er +schneide sich in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er +vier Wechsel aus, jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit +Fälligkeitstagen, die je vier Wochen auseinanderlagen. + +</P><P> + +„Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!“ +sagte er. „Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! +Bei mir geht alles wie geschmiert!“ + +</P><P> + +Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten. + +</P><P> + +„Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!“ +meinte er. „Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei +Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich +drum! Man sagt ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist +... Sie könnens sich ja denken!“ + +</P><P> + +Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber +sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war +bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei +Meter Brokatstickerei zeigte, einen „Gelegenheitskauf“, wie +er sagte. + +</P><P> + +„Prachtvoll! Nicht?“ sagte er. „Man nimmt es jetzt vielfach +zu Sofabehängen. Das ist hochmodern!“ + +</P><P> + +Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den +Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma +in die Hände gedrückt. + +</P><P> + +„Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...“ + +</P><P> + +„Ach, das eilt ja nicht!“ unterbrach er sie und wandte sich +einem andern Kunden zu. + +</P><P> + +Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch +seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke. +Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach +Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm — abgesehen von +dem Grundstück in Barneville — jährlich sechshundert +Franken, die ihm pünktlich zugehen würden. + +</P><P> + +Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten +Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das +häufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: „Ich bitte, +es meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in +dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr +ergebene ...“ Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie +unterschlug. + +</P><P> + +Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe, +ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein +Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. +Auf ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, +den Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte +Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. +Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom +„Roten Kreuz“, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit +dem Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, +bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die übrigen +fünfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue +Verpflichtungen ein und immer wieder welche. + +</P><P> + +Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei +herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete, +bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte +gar nicht mehr daran. + +</P><P> + +Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten +mit wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete +Wäsche. Und die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von +Frau Homais in zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl +gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm +Emma barsch, es sei nicht ihre Schuld. + +</P><P> + +„Warum ist sie so reizbar?“ fragte er sich und suchte die +Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich +Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr +körperliches Leiden genommen habe. Er schalt sich einen +Egoisten und wäre am liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie +geküßt. + +</P><P> + +„Lieber nicht!“ sagte er sich. „Es könnte ihr lästig sein!“ + +</P><P> + +Und er ging nicht zu ihr. + +</P><P> + +Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die +kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift +auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen. Es war +noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große, traurige +Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte Wasser +in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er +brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als +Bäumchen in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er +war schon längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte +schon wer weiß wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das +Kind, und es verlangte nach der Mutter. + +</P><P> + +„Ruf Felicie!“ sagte Karl. „Du weißt, mein Herzchen, Mama will +nicht gestört werden!“ + +</P><P> + +Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt +war es genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde +das endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, +die Hände auf dem Rücken. + +</P><P> + +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören. +Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum +bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der +Räucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eines +Algeriers gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren +schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie es durch +allerlei Grimassen so weit, daß er sich in den zweiten Stock +zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen überspannte Bücher, +die von Orgien und von Mord und Totschlag erzählten. Oft bekam +sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst +herunter. + +</P><P> + +„Ach, geh nur wieder!“ sagte sie. + +</P><P> + +Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs +durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung +ans Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den +Wind um das schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, +wünschte sie sich die Liebe eines Fürsten ... + +</P><P> + +Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem +Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm +sattküssen zu lassen. + +</P><P> + +Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der +Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu +bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was +beinahe jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu +überzeugen, daß sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe +zusammen kommen könnten. Sie wollte jedoch nichts davon +hören. + +</P><P> + +Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes +Dutzend vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk +ihres Vaters. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er +gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er +fürchtete, sich bloßzustellen. Als er hinterher noch einmal +darüber nachdachte, fand er, daß seine Geliebte überhaupt recht +seltsam geworden sei und daß es vielleicht ratsam wäre, mit +ihr zu brechen. Seine Mutter hatte übrigens einen langen +anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt +worden war, ihr Sohn „ruiniere sich mit einer verheirateten +Frau.“ Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle +Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin, +die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich +brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem die +Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo +dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die +Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem +er zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei +seine weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das +Verhältnis abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so +doch in seinem, des Notars. + +</P><P> + +Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen. +Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch, +indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was +für Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von +den Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich +losließen, wenn sie sich am Kamine wärmten. Er sollte +demnächst in die erste Adjunktenstelle rücken. Es ward also +Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Aus diesem Grunde gab er +auch das Flötespielen auf. Die Tage der Schwärmereien und +Phantastereien waren für ihn vorüber! Jeder Philister hat in +seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen +Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist jeder der +ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender Pläne +fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach +einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat +sich irgendwann einmal der Dichter geregt. + +</P><P> + +Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung +an seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik +nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die +Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde +Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht. + +</P><P> + +Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz +sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die +Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander +überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der +Ehe wieder. + +</P><P> + +Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr +die Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus +Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der +Sinnengenuß ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch +nach höheren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt +und betrogen. Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre +Entzweiung zur Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich +aus freien Stücken von ihm zu trennen. + +</P><P> + +Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu +überschütten. Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer +Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben +stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, +sondern ein Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten +Erinnerungen, eine Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, +das leibhaft gewordne Idol ihrer heißesten Gelüste. +Allmählich ward ihr dieser imaginäre Liebling so vertraut, +als ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten +Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich +gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in +der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo +hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter +Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war ihr nahe. Er +umarmte und küßte sie ... + +</P><P> + +Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. +Die Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr +als die wildeste Ausschweifung. + +</P><P> + +Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche +Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie +zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar +geschlafen. + +</P><P> + +Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie +nahm am Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten +Strümpfen, eine Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster +auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. +Es bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand +sie unter der Vorhalle des Theaters, umringt von einem +halben Dutzend Masken, Bekannten von Leo: Matrosen und +Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurants in +der Nähe waren alle überfüllt. Schließlich entdeckte man einen +bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleines +Zimmer bekamen. + +</P><P> + +Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich +einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der +medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was +für eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? +An ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast +alle der untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann +sie sich zu ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und +schlug die Augen nieder. + +</P><P> + +Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn +glühte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte +ihr über die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des +Tanzsaals; es war ihr, als stampften tausend Füße im +Takte um sie herum. Dazu betäubte sie der Zigarrenrauch und der +Duft des Punsches. Sie wurde ohnmächtig. Man trug sie +ans Fenster. + +</P><P> + +Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein +breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der +graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den +Brücken. Die Laternenlichter verblichen. + +</P><P> + +Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in +Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll +langer Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte +in eigentümlichen Tönen ... + +</P><P> + +Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo +und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr +eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, +sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im +kristallklaren Äther. + +</P><P> + +Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ +sie den Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, +durch die Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. +Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach +vergaß sie die lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, +das Lampenlicht, das Souper, die Dirnen. Alles war weg +wie der Nebel im Winde. Im „Roten Kreuz“ angekommen, warf sie +sich aufs Bett. Es war in demselben Zimmer des zweiten +Stocks, wo ihr Leo damals seinen ersten Besuch gemacht +hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von Hivert geweckt. + +</P><P> + +Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der +Uhr steckte. Emma las: + +</P><P> + +„Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...“ Sie hielt +inne. „Was für ein Urteil?“ Sie besann sich. + +</P><P> + +Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben +worden, das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken +las sie weiter: + +</P><P> + +„<B>Im Namen des Königs!</B> ...“ Sie übersprang einige +Zeilen. „... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... +achttausend Franken ...“ Und unten: „Vorstehende Ausfertigung +wird ... zum Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...“ + +</P><P> + +Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden! + +</P><P> + +„Die sind morgen abgelaufen!“ sagte sie sich. „Unsinn! Lheureux +will mir nur angst machen!“ + +</P><P> + +Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften, +den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was +sie etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der +Schuldsumme. Durch ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, +die Darlehen, das Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die +Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu +dieser Höhe angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld +ungeduldig. Er brauchte es zu neuen Geschäften. + +</P><P> + +Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor. + +</P><P> + +„Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist +wohl ein Scherz!“ + +</P><P> + +„Bewahre!“ + +</P><P> + +„Wieso aber?“ + +</P><P> + +Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte: + +</P><P> + +„Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich +bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? +Für nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die +höchste Zeit, daß ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie +doch einsehen!“ + +</P><P> + +Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme. + +</P><P> + +„Ja, das tut mir leid!“ erwiderte der Händler. „Das +Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist +nichts zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! +Übrigens bin ich nicht der Kläger, sondern Vinçard.“ + +</P><P> + +„Könnten Sie denn nicht ...“ + +</P><P> + +„Ich kann gar nichts!“ + +</P><P> + +„Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...“ + +</P><P> + +Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei +überrascht worden ... + +</P><P> + +„Ist das denn meine Schuld?“ fragte Lheureux mit einer +höhnischen Geste. „Während ich mich hier abplagte, haben Sie +herrlich und in Freuden gelebt!“ + +</P><P> + +„Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?“ + +</P><P> + +„Das könnte nichts schaden!“ + +</P><P> + +Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so +weit, daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand +berührte. + +</P><P> + +„Lassen Sie mich zufrieden!“ wehrte er ab. „Am Ende wollen Sie +mich gar noch verführen!“ + +</P><P> + +„Sie sind ein gemeiner Mensch!“ rief sie aus. + +</P><P> + +„Na, na!“ lachte er. „Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!“ + +</P><P> + +„Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie +sind! Ich werde meinem Manne sagen ...“ + +</P><P> + +„Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...“ + +</P><P> + +Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung +der Summe für das verkaufte Grundstück. + +</P><P> + +„Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl +halten wird, der arme gute Mann?“ + +</P><P> + +Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. +Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und +her und sagte immer wieder: + +</P><P> + +„Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...“ + +</P><P> + +Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem +Tone: + +</P><P> + +„'s ist grade kein Vergnügen — das weiß ich wohl! — +aber es ist noch niemand dran gestorben, und da es der +einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...“ + +</P><P> + +„Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?“ jammerte +Emma und rang die Hände. + +</P><P> + +„Na, wenn man Freunde hat wie Sie!“ + +</P><P> + +Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch +Mark und Bein ging. + +</P><P> + +„Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...“ + +</P><P> + +„Danke! Habe genug von den alten!“ + +</P><P> + +„Könnte ich nicht was verkaufen?“ + +</P><P> + +„Was denn?“ fragte er achselzuckend. „Sie besitzen doch gar +nichts!“ Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in +seinen Laden hinein: „Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch +Nummer vierzehn!“ + +</P><P> + +Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen +sollte. Sie machte einen letzten Versuch. + +</P><P> + +„Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung +aufzuhalten?“ + +</P><P> + +„Es ist schon zu spät!“ antwortete Lheureux. + +</P><P> + +„Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel +der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?“ + +</P><P> + +„Das hätte alles keinen Zweck!“ + +</P><P> + +Er drängte sie sanft dem Ausgange zu. + +</P><P> + +„Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage +Zeit!“ + +</P><P> + +Sie schluchzte. + +</P><P> + +„Donnerwetter! Gar noch Tränen!“ + +</P><P> + +„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ jammerte sie. + +</P><P> + +„Mir auch egal!“ + +</P><P> + +Er machte die Türe zu. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Siebentes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den +Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie +sich einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen. + +</P><P> + +Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen +Schädel schrieben sie indessen nicht mit in das +Sachenverzeichnis. Sie erklärten ihn als zur +Berufsausübung nötig. Aber in der Küche zählten sie die +Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in ihrem +Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie +durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der +Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward +bis in die heimlichsten Einzelheiten — wie ein Leichnam in der +Anatomie — den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der +Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, +eine weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug, +wiederholte immer wieder: + +</P><P> + +„Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!“ + +</P><P> + +Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie: + +</P><P> + +„Wunderhübsch! Sehr nett!“ + +</P><P> + +Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis, +wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn +tauchte, das er in der linken Hand hielt. + +</P><P> + +Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die +Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult +bemerkte, in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er +an, daß es geöffnet werde. + +</P><P> + +„Ah! Briefe!“ meinte er, geheimnisvoll lächelnd. „Sie +erlauben wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst +noch was drinnen steckt!“ + +</P><P> + +Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten +Goldstücke herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie +seine plumpe rote Hand mit den molluskenhaften Fettfingern +diese Blätter anfaßte, bei deren Empfang ihr Herz einst höher +geschlagen hatte. + +</P><P> + +Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag +gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den +Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände +zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein. + +</P><P> + +Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma +beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in +den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre +Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten +Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie +sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte +sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid +mit sich selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als +unterdrückte. + +</P><P> + +Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich. +Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige +langweilte. + +</P><P> + +„Ging da nicht oben einer?“ fragte Karl. + +</P><P> + +„Nein!“ beschwichtigte sie ihn. „Da war wahrscheinlich ein +Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.“ + +</P><P> + +Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie +alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die +meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich +nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie +beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich +zurückzahlen. Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie +ab. + +</P><P> + +Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es +öffnete niemand. Endlich kam er von der Straße her. + +</P><P> + +„Was führt dich her?“ + +</P><P> + +„Störe ich dich?“ + +</P><P> + +„Nein ... aber ...“ + +</P><P> + +Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man „Damen“ +bei sich empfinge. + +</P><P> + +„Ich muß dich sprechen!“ sagte sie. + +</P><P> + +Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen. + +</P><P> + +„Nein! Nicht hier! Bei uns!“ + +</P><P> + +Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer. + +</P><P> + +Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz +bleich. Dann sagte sie: + +</P><P> + +„Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!“ + +</P><P> + +Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu: + +</P><P> + +„Hör mal: ich brauche achttausend Franken!“ + +</P><P> + +„Du bist verrückt!“ + +</P><P> + +„Noch nicht!“ + +</P><P> + +Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und +klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer +Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater +könne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese +unbedingt nötige Summe schleunigst verschaffen. + +</P><P> + +„Wie soll ich das?“ + +</P><P> + +„Du willst bloß nicht!“ sagte sie aufgeregt. + +</P><P> + +Er stellte sich dumm: + +</P><P> + +„Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird +der Biedermann schon zufrieden sein!“ + +</P><P> + +„Vielleicht. Schaff sie mir nur!“ sagte sie. Dreitausend Franken +seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf +seinen Namen aufnehmen. + +</P><P> + +„Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will +dich dafür auch recht liebhaben!“ + +</P><P> + +Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, +als ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er: + +</P><P> + +„Ich war bei drei Personen ... umsonst!“ + +</P><P> + +Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, +ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor +Ungeduld mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte: + +</P><P> + +„Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld +auftriebe!“ + +</P><P> + +„Wo denn?“ + +</P><P> + +„In eurer Kanzlei!“ + +</P><P> + +Sie sah ihn starr an. + +</P><P> + +Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen +ihren sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so +stark, daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft +dieses Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe +daran war, zu erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht +ergriff ihn, und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug +er sich vor die Stirn und rief aus: + +</P><P> + +„Morel kommt ja heute nacht zurück!“ Morel war ein Freund von +ihm, der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. „Der +schlägts mir nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen +vormittag bringen.“ + +</P><P> + +Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger +freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie +seine Lüge? + +</P><P> + +Errötend fuhr er fort: + +</P><P> + +„Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann +warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich +fort! Entschuldige mich! Lebwohl!“ + +</P><P> + +Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma +hatte alle Kraft verloren ... + +</P><P> + +Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville +zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit. + +</P><P> + +Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne +strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete +Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma +den Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. +Die Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals +wie ein Strom aus einer dreibogigen Brücke. + +</P><P> + +Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in +das Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr +wölbte und ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu +ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier +strömten die Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie +schwankte und war einer Ohnmacht nahe. + +</P><P> + +„Vorsehen!“ rief eine Stimme aus einem Torwege. + +</P><P> + +Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen, +der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause +herauskam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte ... + +</P><P> + +„Wer war das doch?“ fragte sie sich. Er kam ihr bekannt +vor. Das Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden. + +</P><P> + +„Aber das war doch der Vicomte!“ + +</P><P> + +Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich +so niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand +eines Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie +grübelte darüber nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen +war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war +eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene, +vom Geratewohl gegen die Klippen des Lebens getrieben ... +Und so empfand sie beinahe Freude, als sie, am „Roten Kreuz“ +angelangt, den trefflichen Homais traf, der das Aufladen +einer großen Kiste voll Apothekerwaren in die Post überwachte. +In der Hand hielt er, in ein Halstuch eingewickelt, sechs +Stück Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte. + +</P><P> + +Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in +der Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans +gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen +werden. Man buk sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die +wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn +sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische +liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten +sie sich einbilden, Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die +Apothekersfrau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute; +sie hatte nämlich abscheulich schlechte Zähne. + +</P><P> + +„Bin entzückt, Sie zu sehen!“ rief Homais, bot Emma die Hand +und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche. + +</P><P> + +Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, +nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und +einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs +wie immer der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er: + +</P><P> + +„Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor +dieses schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man +einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht +bei uns im Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in +Barbarei!“ + +</P><P> + +Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er +wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte. + +</P><P> + +„Er hat eine skrofulöse Affektion“, dozierte der Apotheker. + +</P><P> + +Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, +als sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von +Hornhaut, Star, Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er +ihm in salbungsvollem Tone: + +</P><P> + +„Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? +Du solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu +betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.“ + +</P><P> + +Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig +beschränkt. + +</P><P> + +Schließlich zog Homais seine Börse. + +</P><P> + +„Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus +und vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir +gut bekommen!“ + +</P><P> + +Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines +Rezepts zu bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, +lediglich eine „antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats“ +könne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse: + +</P><P> + +„Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!“ + +</P><P> + +„So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du +Schönes kannst!“ rief ihm Hivert zu. + +</P><P> + +Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück, +rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge +heraus. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und +stieß ein dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund. + +</P><P> + +Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein +Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr +edel vor, es so wegzuwerfen. + +</P><P> + +Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich +Homais plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief: + +</P><P> + +„Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe +tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!“ + +</P><P> + +Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog, +lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche +Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und +verschlafen langte sie in Yonville an. + +</P><P> + +„Mag nun kommen, was will!“ dachte sie beim Aussteigen. +„Zu guter Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein +unerwartetes Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann +sterben ...“ + +</P><P> + +Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach. +Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, +das an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, +wie Justin auf einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im +selben Moment faßte ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem +Augenblick trat Homais aus seiner Apotheke, und auch Frau +Franz tauchte laut redend mitten in der Volksmenge auf. + +</P><P> + +„Gnädige Frau! Gnädige Frau!“ rief Felicie, die ins Zimmer +stürzte. + +</P><P> + +Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in +der Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma +überflog ihn. Es war die Versteigerungsankündigung. + +</P><P> + +Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten +längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie +nach einer Weile: + +</P><P> + +„An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar +Guillaumin.“ + +</P><P> + +„Meinst du?“ + +</P><P> + +Diese Frage bedeutete: „Durch dein Verhältnis mit dem Diener +dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich +dieser Junggeselle für mich? + +</P><P> + +„Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!“ + +</P><P> + +Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und +setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht +sähe — es standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte +-, ging sie zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin. + +</P><P> + +Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der +Himmel war grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin +erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam +er und öffnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen +Vertraulichkeit, als ob sie ins Haus gehörte, und +führte sie in das Eßzimmer. + +</P><P> + +Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor +dem ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten +Wänden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: +wollüstige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen +Schüsselwärmer, der Kristallgriff der Türklinke, der +Parkettboden, die Möbel, alles blinkte in reinlicher, +germanischer Sauberkeit. + +</P><P> + +„So ein Eßzimmer müßte ich haben!“ dachte Emma. + +</P><P> + +Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei +verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der +andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum +Gruße ab und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett +etwas auf der rechten Seite seines kahlen Schädels, +über den drei lange blonde Haarsträhnen liefen. + +</P><P> + +Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den +Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser +Unhöflichkeit. + +</P><P> + +„Herr Notar,“ sagte sie, „ich möchte Sie bitten ...“ + +</P><P> + +„Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!“ + +</P><P> + +Sie begann ihm ihre Lage zu schildern. + +</P><P> + +Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer +Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die +Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu +besorgen Auftrag gab. Somit kannte er — und besser als Emma — +die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen, +von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen +ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. +Jetzt hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf +seinen Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun +in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern +nicht in den Ruf eines Halsabschneiders gerate. + +</P><P> + +Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen +Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar +nichtssagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett +und trank seinen Tee, — wobei er das Kinn gegen seine +himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. +Ein sonderbares, süßliches und zweideutiges Lächeln +spielte um seine Lippen. Als er sah, daß Emma nasse Schuhe +hatte, sagte er: + +</P><P> + +„Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe +doch an die Kacheln ... höher!“ + +</P><P> + +Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der +Notar sagte galant: + +</P><P> + +„Schöne Sachen verderben nie etwas!“ + +</P><P> + +Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber +nur selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres +häuslichen Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren +Bedürfnissen. Der Notar verstand das: eine elegante Frau! Und +ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl +nach ihr um. Er berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle +am heißen Ofen zu dampfen begann. + +</P><P> + +Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die +Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die +Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände +bekommen habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für +eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise +wären die Torfgruben von Grümesnil oder Bauland in Havre +bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut, +angesichts der enormen Summen, die sie zweifellos dabei +gewonnen hätte. + +</P><P> + +„Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?“ + +</P><P> + +„Das weiß ich selber nicht“, erwiderte sie. + +</P><P> + +„Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich +sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns +schon längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr +gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe +ich!“ + +</P><P> + +Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und +behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und +sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie +Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die +spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die +Ärmelöffnung von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu +betasten. Sie fühlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange. + +</P><P> + +Sie sprang auf und sagte: + +</P><P> + +„Herr Guillaumin, ich warte ...“ + +</P><P> + +„Worauf?“ sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden. + +</P><P> + +„Auf das Geld!“ + +</P><P> + +„Aber ...“ In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu +sagen: „Na ja ...“ + +</P><P> + +Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und +keuchte: + +</P><P> + +„Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!“ + +</P><P> + +Er umschlang ihre Taille. + +</P><P> + +Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von +dem Manne los und rief: + +</P><P> + +„Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich +bin beklagenswert, aber nicht käuflich!“ + +</P><P> + +Damit eilte sie hinaus. + +</P><P> + +Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine +schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter +Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel +ihm ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was +hätte verleiten können. + +</P><P> + +„Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!“ sagte Emma +bei sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. +Ihre Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung +ihres Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein +unseliges Geschick, und dieses Gefühl erfüllte sie von +neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochmütiger und +selbstbewußter gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung. +Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie hätte alle Männer schlagen, +ihnen ins Gesicht speien, sie niedertreten mögen. Während sie +weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre +tränenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen +Wollust bohrte sie sich in Haß hinein. + +</P><P> + +Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die +Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte +sein! Wohin hätte sie fliehen können? + +</P><P> + +Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte. + +</P><P> + +„Gnädige Frau?“ + +</P><P> + +„Es war umsonst!“ + +</P><P> + +Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch, +die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen, +den Felicie nannte, wandte Emma ein: + +</P><P> + +„Unmöglich! Die tun es nicht!“ + +</P><P> + +„Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!“ + +</P><P> + +„Ich weiß es! Laß mich allein!“ + +</P><P> + +Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf +lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen: + +</P><P> + +„Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr +unser. In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein +Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. +Armer Mann!“ + +</P><P> + +Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos +weinen, und wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde +er ihr verzeihen! + +</P><P> + +„Ja! Er wird mir verzeihen!“ murmelte sie in verhaltener Wut. +„Er! Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich +die Seine geworden bin! Niemals! Niemals!“ + +</P><P> + +Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen, +empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, +jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch +alles erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie +hatte die Zentnerlast seiner Großmut zu tragen! + +</P><P> + +Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux +gehen solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater +schreiben? Dazu war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem +Notar nicht gefügig gewesen zu sein, — da hörte sie den +Hufschlag eines Pferdes in der Allee. Es war Karl. Er +öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war weißer als Kalk. + +</P><P> + +Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der +Haustür hinaus nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister +stand vor der Kirchentür und sprach mit dem Kirchendiener. Sie +beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der +Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die +ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte, und klatschte +ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den +Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte Wäsche, so +aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen sehen +konnten. + +</P><P> + +Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei +beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz +fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle +Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter +den Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder +schnurrten und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, +den Kopf etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken +in sein Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, +das der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet, +befriedigt den Menschen ungemein, wenn es vollendet ist, denn +es gibt dabei ja kein ideales Darüberhinaus, das man +ersehnen könnte. + +</P><P> + +„Ah, da ist sie!“ sagte Frau Tüvache. + +</P><P> + +Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu +verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten +sie, das Wort „Taler“ zu hören, worauf Frau Caron +flüsterte: + +</P><P> + +„Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.“ + +</P><P> + +„Es scheint so“, meinte die andre. + +</P><P> + +Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und +die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau +ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der +Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich. + +</P><P> + +„Will sie bei ihm etwas bestellen?“ fragte Frau Tüvache. + +</P><P> + +„Er verkauft doch nie etwas!“ + +</P><P> + +Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die +Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter, +eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich +erregt. Jetzt schwiegen sie beide. + +</P><P> + +„Macht sie ihm gar einen Antrag?“ flüsterte Frau Tüvache. +Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände. + +</P><P> + +„Nein, das ist doch stark!“ zischelte Frau Caron. + +</P><P> + +In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet +gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden +und Leipzig mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich +plötzlich vor ihr zurück, als ob ihn eine Natter stechen +wollte, und rief aus: + +</P><P> + +„Frau Bovary, was muten Sie mir zu!“ + +</P><P> + +„Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!“ eiferte +Frau Tüvache. + +</P><P> + +„Wo ist sie denn mit einem Male hin?“ erwiderte die andre. + +</P><P> + +Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße +hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum +Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in +allerhand Vermutungen. + +</P><P> + +Emma lief zur alten Frau Rollet. + +</P><P> + +„Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!“ + +</P><P> + +Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das +Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke +zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen +antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad +und begann zu spinnen. + +</P><P> + +„Ach, hören Sie auf!“ sagte Emma leise. Es war ihr, als +höre sie noch Binets Drehbank. + +</P><P> + +„Was mag sie nur haben?“ fragte sich Frau Rollet. „Warum ist +sie hergekommen?“ + +</P><P> + +Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause +gejagt hatte? + +</P><P> + +Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die +keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer +Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die +brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, +das im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über +ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch ... + +</P><P> + +Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf +... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit +lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die +Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... +Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder +Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten +Erlebnissen. + +</P><P> + +„Wieviel Uhr ist es?“ fragte sie. + +</P><P> + +Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten +Stelle des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam +gemächlich wieder herein. + +</P><P> + +„Bald drei Uhr!“ sagte sie. + +</P><P> + +„Schön! Ich danke!“ + +</P><P> + +Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das +Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie +hier war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau +Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen. + +</P><P> + +„Machen Sie recht schnell!“ + +</P><P> + +„Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!“ + +</P><P> + +Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen +war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er +gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und +zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen +Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, +um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. +Das war nicht weiter schlimm! + +</P><P> + +Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es +schien der Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei +sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus +in das Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt +sie ein Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber +plötzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch +auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schließlich war sie +des Wartens müde. Bange Ahnungen quälten sie. Sie hatte +kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit +einem Jahrhundert? + +</P><P> + +Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich +die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine +Frage tat, vermeldete Frau Rollet: + +</P><P> + +„Es war niemand da!“ + +</P><P> + +„Niemand?“ + +</P><P> + +„Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. +Alles ist auf den Beinen!“ + +</P><P> + +Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer +umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. +Unwillkürlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig +geworden. + +</P><P> + +Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten +Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein +heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig, +rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er +zögerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein +einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen +und ihn dazu zwingen! + +</P><P> + +So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu +haben, daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch +so verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie +daran, daß sie sich prostituierte. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Achtes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Auf dem Wege fragte sie sich: + +</P><P> + +„Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?“ + +</P><P> + +Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und +Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus +vor ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte +wieder auf, und ihr armes gequältes Herz schwoll im +Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr +übers Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, +von den knospenden Bäumen hernieder ins Gras. + +</P><P> + +Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging +über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen +Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige. +Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres +Gebells erschien niemand. + +</P><P> + +Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene +Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten +staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer +mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs +Zimmer lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die +Türklinke legte, verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie +fürchtete, er möchte nicht zu Haus sein, ja, sie wünschte +es beinah, und doch war es ihre einzige Hoffnung, der letzte +Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch, +dachte an ihre Not, faßte Mut und trat ein. + +</P><P> + +Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims +gestemmt, und rauchte eine Pfeife. + +</P><P> + +„Mein Gott, Sie!“ rief er aus und sprang rasch auf. + +</P><P> + +„Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!“ + +</P><P> + +Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus. + +</P><P> + +„Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.“ + +</P><P> + +„So,“ wehrte sie voll Bitternis ab, „das müssen traurige +Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!“ + +</P><P> + +Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er +entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er +etwas Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich +durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme +und durch seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich +stellte, als schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. +Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein +Geheimnis an, von dem die Ehre und das Leben eines +dritten Menschen abgehangen hätte. + +</P><P> + +„Das ist ja nun gleichgültig“, sagte sie und sah ihn traurig +an. „Ich habe schwer gelitten!“ + +</P><P> + +Rudolf meinte philosophisch: + +</P><P> + +„So ist das Leben!“ + +</P><P> + +„Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer +Trennung?“ fragte sie. + +</P><P> + +„Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!“ + +</P><P> + +„Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals +nicht voneinander gegangen wären?“ + +</P><P> + +„Ja! Vielleicht!“ + +</P><P> + +„Glaubst du das?“ fragte sie, indem sie aufseufzend ihm +näher trat. „Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr +lieb gehabt!“ + +</P><P> + +Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen +sie mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage +der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes +kämpfte er gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an +seine Brust und sagte: + +</P><P> + +„Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben +sollte! Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war +ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, +du sollst alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal +sehen mögen!“ + +</P><P> + +In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege +gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke +Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter +zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als +eine verliebte Katze. + +</P><P> + +„Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja +auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du +mich verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast +alles, was uns Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen +wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! +... So rede doch!“ + +</P><P> + +Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, +wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen +Blume. + +</P><P> + +Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr +Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil +hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er +küßte sie leise und sanft auf die Augenlider. + +</P><P> + +„Du hast geweint?“ fragte er. „Warum?“ + +</P><P> + +Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen +Ausbruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr +Schweigen für eine letzte Scham und rief aus: + +</P><P> + +„O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war +ein Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde +dich immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!“ + +</P><P> + +Er sank ihr zu Füßen. + +</P><P> + +„So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir +dreitausend Franken leihen.“ + +</P><P> + +„Ja ... aber ...“ + +</P><P> + +Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten +Ausdruck an. + +</P><P> + +„Du mußt nämlich wissen,“ fuhr sie schnell fort, „daß mein +Mann sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der +ist flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die +Patienten bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs +meines Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald +wieder Geld haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. +Deswegen sollen wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in +einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und deshalb bin +zu dir gekommen!“ + +</P><P> + +„Aha!“ dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. „Also darum ist +sie gekommen!“ Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen: +„Verehrteste, soviel habe ich nicht!“ + +</P><P> + +Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er +sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen +unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von +allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine +Bitte um Geld der hartherzigste und gefährlichste. + +</P><P> + +Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie: + +</P><P> + +„Du hast sie nicht!“ Und mehrere Male wiederholte sie: „Du hast +sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen +können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als +die andern!“ + +</P><P> + +Sie verriet sich und ihre Frauenehre. + +</P><P> + +Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in +Verlegenheit. + +</P><P> + +„Ach! Du tust mir sehr leid ...“, sagte Emma. „Ja, ungemein!“ + +</P><P> + +Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im +Gewehrschrank blinkte. + +</P><P> + +„Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit +Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit +Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!“ Sie +berührte einen, der auf dem Tische lag. „Und trägt keine solche +Berlocken an der Uhrkette!“ Ach, er ließ sich sichtlich +nichts abgehen. Das bewies allein das +Likörschränkchen im Zimmer. „Ja, dich selber, dich liebst du! +Dich und ein gutes Leben! Du hast ein Schloß, Pachthöfe, +Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Paris! +Und wenn du mir nur <B>das</B> gegeben hättest!“ Sie sprach +immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschmückten +Manschettenknöpfe vom Kamin. „Diesen und andern entbehrlichen +Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich +will nichts davon haben! Behalt alles!“ Sie schleuderte die +beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein +Goldkettchen zerbrach. + +</P><P> + +„Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles +verkauft. Mit meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf +der Straße hätte ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, +einen Blick, ein einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du +bleibst gemütlich in deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir +nicht schon genug Leid zugefügt hättest! Ohne dich — das +weißt du sehr wohl! — hätte ich glücklich sein können! Wer +zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast +du mir eben noch gesagt, daß du mich liebtest! Ach, hättest du +mich doch lieber davongejagt! Meine Hände sind noch warm von +deinen Küssen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle +hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer +belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem süßen Wahn +des herrlichsten Gefühls gelassen! Und dann der Plan unsrer +Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er +hat mir das Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne +zurückkehre, zu ihm, der reich, glücklich und frei ist, und ihn +um eine Hilfe bitte, die der erste beste gewähren würde, wo ich +ihn unter Tränen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da +stößt er mich zurück, — weils ihn dreitausend Franken +kosten könnte!“ + +</P><P> + +„Ich habe sie nicht“, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit, +hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen +pflegen. + +</P><P> + +Sie ging. + +</P><P> + +Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder +nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen +welken Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor +dem Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so +hastig wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie +völlig außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht +halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das +still daliegende Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, +auf den Park, die Höfe und die Gärten. + +</P><P> + +Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch +etwas andres als das Pochen und Pulsen des +Blutes in ihren Adern, das ihr aus dem Körper zu +springen und wie laute Musik das ganze Land rings um sie zu +durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen kam ihr +weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege +erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten. +Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und +Gedanken sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein +Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des +Wucherers, ihr Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, +immer wieder etwas andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr +ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kräfte zusammen. Es war +nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr +an die Ursache ihres schrecklichen Zustandes, das heißt +an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, +wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so +wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde +hinströmen fühlen. + +</P><P> + +Die Nacht brach herein. Raben flogen. + +</P><P> + +Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch +die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee +zwischen den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder +erschien Rudolfs Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie +kamen immer näher; sie bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie +alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der Häuser, +die von ferne durch den Nebel schimmerten. + +</P><P> + +Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen +Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen +zu wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit +einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief +sie den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, +eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der +Apotheke stand. + +</P><P> + +Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das +Geräusch der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging +sie durch die Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand +der Hausflur hin bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine +Kerze über dem Herd. Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine +Schüssel durch die andere Tür hinaus. + +</P><P> + +„So! Man ist bei Tisch. Ich will warten“, sagte sie sich. + +</P><P> + +Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der +Küchentüre. + +</P><P> + +Er kam heraus. + +</P><P> + +„Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...“ + +</P><P> + +Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das +sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch +schön vor und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, +was sie wollte, ahnte er doch etwas Schreckliches. + +</P><P> + +Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das +Herz rührte: + +</P><P> + +„Ich will ihn haben! Gib ihn mir!“ + +</P><P> + +Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf +den Tellern im Eßzimmer. + +</P><P> + +Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht +schlafen ließen. + +</P><P> + +„Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.“ + +</P><P> + +„Nein! Nicht!“ Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: +„Das ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber +sagen. Leucht mir nur!“ Sie trat in den Gang, von dem aus man +in das Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel +mit einem Schildchen: „Kapernaum.“ + +</P><P> + +„Justin!“ rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange +wegblieb. + +</P><P> + +„Gehn wir hinauf!“ befahl Emma. + +</P><P> + +Er folgte ihr. + +</P><P> + +Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, +griff nach dem dritten Wandbrett — ihr Gedächtnis führte sie +richtig —, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit +der Hand hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers +heraus, das sie sich schnell in den Mund schüttete. + +</P><P> + +„Halten Sie ein!“ schrie Justin, ihr in die Arme fallend. + +</P><P> + +„Still! Man könnte kommen!“ + +</P><P> + +Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen. + +</P><P> + +„Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung +ziehen!“ + +</P><P> + +Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen +Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Neuntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die +Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu +seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was +nützte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu +Homais, zu Tüvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Löwen, +überallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der +Gedanke, daß sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames +Vermögen verloren und die Zukunft Bertas zerstört sei. Und +warum? Keine Erklärung! Er wartete bis sechs Uhr abends. +Endlich hielt ers nicht mehr aus, und da er vermutete, sie +sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstraße eine +halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine +Weile und kehrte dann zurück. + +</P><P> + +Sie war zu Haus. + +</P><P> + +„Was ist das für eine Geschichte? Wie ist das gekommen? +Erklär es mir!“ + +</P><P> + +Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, +den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter +gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone: + +</P><P> + +„Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine +einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!“ + +</P><P> + +„Aber ...“ + +</P><P> + +„Ach, laß mich!“ + +</P><P> + +Sie legte sich lang auf ihr Bett. + +</P><P> + +Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ... +verschwommen ... und schloß die Augen wieder. + +</P><P> + +Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein, +sie fühlte noch keine! Sie hörte den Pendelschlag der Uhr, +das Knistern des Feuers und Karls Atemzüge, der neben +ihrem Bett stand. + +</P><P> + +„Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!“ dachte sie. „Ich +werde einschlafen, und dann ist alles vorüber!“ + +</P><P> + +Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu. + +</P><P> + +Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da. + +</P><P> + +„Ich habe Durst! Großen Durst!“ seufzte sie. + +</P><P> + +„Was fehlt dir denn?“ fragte Karl und reichte ihr ein +Glas. + +</P><P> + +„Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich +ersticke!“ + +</P><P> + +Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich, daß sie kaum noch +Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen. + +</P><P> + +„Nimms weg!“ sagte sie nervös. „Wirfs weg!“ + +</P><P> + +Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag +unbeweglich da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung +erbrechen zu müssen. Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte +von den Füßen zum Herzen hinaufsteigen. + +</P><P> + +„Ach,“ murmelte sie, „jetzt fängt es wohl an?“ + +</P><P> + +„Was sagst du?“ + +</P><P> + +Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her. +Fortwährend öffnete sie den Mund, als läge etwas +Schweres auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing das Erbrechen +wieder an. + +</P><P> + +Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen +Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte. + +</P><P> + +„Sonderbar! Sonderbar!“ wiederholte er. + +</P><P> + +Aber sie sagte mit fester Stimme: + +</P><P> + +„Nein, du irrst dich!“ + +</P><P> + +Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die +Magengegend und drückte da. Sie stieß einen schrillen Schrei +aus. Er wich erschrocken zurück. + +</P><P> + +Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schüttelfrost +überfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das +sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmäßiger +Pulsschlag war kaum noch fühlbar. Kalte Schweißtropfen rannen +über ihr bläulich gewordnes Gesicht; etwas wie ein +metallischer Ausschlag lag über ihren erstarrten Zügen. Die +Zähne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen +blickten ausdruckslos umher. Alle Fragen, die man an sie +richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal +lächelte sie freilich. Allmählich wurde das Stöhnen +heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete +sie, daß es ihr besser gehe und daß sie sofort aufstehen +würde. + +</P><P> + +Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie: + +</P><P> + +„Mein Gott, ist das gräßlich!“ + +</P><P> + +Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie. + +</P><P> + +„Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte +mir!“ + +</P><P> + +Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit, wie Emma keine je +geschaut hatte. + +</P><P> + +„Ja ... da ... da ... lies!“ stammelte sie mit versagender +Stimme. + +</P><P> + +Er stürzte zum Schreibtisch, riß den Brief auf und las laut: + +</P><P> + +„Man klage niemanden an ...“ Er hielt inne, fuhr sich mit der +Hand über die Augen und las stumm weiter ... + +</P><P> + +„Vergiftet!“ + +</P><P> + +Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen: + +</P><P> + +„Vergiftet! Vergiftet!“ + +</P><P> + +Dann rief er um Hilfe. + +</P><P> + +Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. +Frau Franz im Goldenen Löwen erfuhr es. Manche standen aus +ihren Betten auf, um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze +Nacht hindurch war der halbe Ort wach. + +</P><P> + +Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl +im Zimmer umher, wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare +ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches +Schauspiel gesehen. + +</P><P> + +Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor +Larivière zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er +brachte keinen vernünftigen Brief zustande. Schließlich mußte +sich Hippolyt nach Neufchâtel aufmachen, und Justin ritt auf +Bovarys Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul +lahm und halbtot zurück. + +</P><P> + +Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er +war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den +Augen. + +</P><P> + +„Ruhe!“ sagte der Apotheker. „Es handelt sich einzig und +allein darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war +es für ein Gift?“ + +</P><P> + +Karl zeigte den Brief. Es wäre Arsenik gewesen. + +</P><P> + +„Gut!“ versetzte Homais. „Wir müssen eine Analyse machen!“ + +</P><P> + +Er hatte nämlich gelernt, daß man bei allen Vergiftungen eine +Analyse machen müsse. Bovary hatte in seiner Angst alle +Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm: + +</P><P> + +„Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!“ + +</P><P> + +Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück, warf sich auf die Diele, +lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte. + +</P><P> + +„Weine nicht!“ flüsterte sie. „Bald werde ich dich nicht mehr +quälen!“ + +</P><P> + +„Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?“ + +</P><P> + +„Es mußte sein, mein Lieber!“ + +</P><P> + +„Warst du denn nicht glücklich? Bin ich schuld? Ich habe dir +doch alles zuliebe getan, was ich konnte!“ + +</P><P> + +„Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!“ + +</P><P> + +Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar. Die süße +Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fühlte sich bis in +den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert, daß +er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies +denn je. Er fand keinen Ausweg; er wußte keinen Zusammenhang; +er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eines +Entschlusses machte ihn vollends wirr. + +</P><P> + +Sie dachte bei sich: „Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen +Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzähligen, +qualvollen Sehnsüchten!“ Nun haßte sie keinen mehr. Ihre +Gedanken verschwammen wie in Dämmerung, und von allen Geräuschen +der Erde hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen +Herzens, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer +Symphonie. + +</P><P> + +„Bring mir die Kleine“, sagte sie und stützte sich leicht auf. + +</P><P> + +„Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?“ fragte Karl. + +</P><P> + +„Nein, nein!“ + +</P><P> + +Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es +hatte ein langes Nachthemd an, aus dem die nackten Füße +hervorsahen. Es war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt +betrachtete es die große Unordnung im Zimmer. Geblendet vom +Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte es mit +den Augen. Offenbar dachte es, es sei +Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so früh wie heute +geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um +Geschenke zu bekommen. Und so fragte es: + +</P><P> + +„Wo ist es denn, Mama?“ Und da niemand antwortete, redete +es weiter: „Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!“ + +</P><P> + +Felicie hielt die Kleine übers Bett, die immer noch nach dem +Kamin hinsah. + +</P><P> + +„Hat Frau Rollet sie mir genommen?“ + +</P><P> + +Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick +erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fühle sie den +ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf +der Zunge. Berta saß noch auf ihrem Bette. + +</P><P> + +„Was für große Augen du hast, Mama! Wie blaß du bist! Wie +du schwitzest!“ + +</P><P> + +Die Mutter sah sie an. + +</P><P> + +„Ich fürchte mich!“ sagte die Kleine und wollte fort. + +</P><P> + +Emma wollte die Hand des Kindes küssen, aber es +sträubte sich. + +</P><P> + +„Genug! Bringt sie weg!“ rief Karl, der im Alkoven schluchzte. + +</P><P> + +Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien +weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem +etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung. Als +Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme. + +</P><P> + +„Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gütig von Ihnen! +Es geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...“ + +</P><P> + +Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er +sich ausdrückte, „immer aufs Ganze“ ging, verordnete er +Emma ein ordentliches Brechmittel, um den Magen zunächst +einmal völlig zu entleeren. + +</P><P> + +Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preßten sich +krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedmaßen ein. Ihr Körper +war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren +Fingern hin wie ein dünnes Fädchen, das jeden Augenblick +zu zerreißen droht. + +</P><P> + +Dann begann sie, gräßlich zu schreien. Sie verfluchte und +schmähte das Gift, flehte, es möge sich beeilen, und +stieß mit ihren steif gewordnen Armen alles zurück, was +Karl ihr zu trinken reichte. Er war der völligen Auflösung noch +näher als sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepreßt, stand +er vor ihr, stöhnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen +erschüttert und am ganzen Leib durchrüttelt. Felicie lief im +Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da und seufzte +tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit +gewordnen selbstbewußten Haltung, unbehaglich zu fühlen. + +</P><P> + +„Zum Teufel!“ murmelte er. „Der Magen ist nun doch leer! Und +wenn die Ursache beseitigt ist, so ...“ + +</P><P> + +„... muß die Wirkung aufhören!“ ergänzte Homais. „Das +ist klar!“ + +</P><P> + +„Rettet sie mir nur!“ rief Bovary. + +</P><P> + +Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein +heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und +wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte draußen eine +Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei +bis an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die +Ecke der Hallen. Es war Professor Larivière. + +</P><P> + +Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung +hervorrufen können. Bovary streckte ihm die Hände entgegen, +Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein +Käppchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war. + +</P><P> + +Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an, +das heißt, einer Generation philosophischer Praktiker, die +heute ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und +scharfsichtiger Jünger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte +in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Schüler verehrten +ihn so, daß sie ihn, später in ihrer eigenen Praxis, mit +möglichster Genauigkeit kopierten. So kam es, daß man bei den +Ärzten in der Umgegend von Rouen allerorts seinen langen +Schafspelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die +offenen Ärmelaufschläge daran reichten ein Stück über seine +fleischigen Hände, sehr schöne Hände, die niemals in +Handschuhen steckten, als wollten sie immer schnell bereit +sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein +Verächter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich, +freidenkend, den Armen ein väterlicher Freund, Pessimist, selbst +aber edel in Wort und Tat. Man hätte ihn als einen Heiligen +gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und +Verstandes gefürchtet hätte wie den Teufel. Sein Blick war +schärfer als sein Messer; er drang einem bis tief in die +Seele, durch alle Heucheleien, Lügen und Ausflüchte hindurch. +So ging er seines Weges in der schlichten Würde, die ihm +das Bewußtsein seiner großen Tüchtigkeit, seines +materiellen Vermögens und seiner vierzigjährigen +arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh. + +</P><P> + +Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon +von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem +Rücken ausgestreckt da. Während er Canivets Bericht +scheinbar aufmerksam anhörte, strich er sich mit dem Zeigefinger +um die Nasenflügel und sagte ein paarmal: + +</P><P> + +„Gut! ... Gut!“ + +</P><P> + +Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete +ihn ängstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte, +der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war, konnte +eine Träne nicht zurückhalten, die ihm auf die Krawatte +herablief. + +</P><P> + +Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen. + +</P><P> + +„Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wär es, wenn +man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich weiß nichts. Finden Sie +doch etwas! Sie haben ja schon so viele gerettet!“ + +</P><P> + +Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte +ihn verstört und flehend an. Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an +die Brust gesunken. + +</P><P> + +„Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!“ +Larivière wandte sich ab. + +</P><P> + +„Sie gehn?“ + +</P><P> + +„Ich komme wieder.“ + +</P><P> + +Larivière ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine +Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge +des Todeskampfes sein. + +</P><P> + +Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts +fiel ihm von jeher schwerer, als sich von berühmten Menschen +zu trennen. So beschwor er denn Larivière, er möge ihm die hohe +Ehre erweisen, zum Frühstück sein Gast zu sein. + +</P><P> + +Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Löwen nach Tauben, zu +Tüvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum +Fleischer nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den +Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre +Jacke zurechtzupfend, sagte: + +</P><P> + +„Sie müssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so +einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...“ + +</P><P> + +„Die Weingläser!“ flüsterte Homais. + +</P><P> + +„Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit +Wurst und ...“ + +</P><P> + +„Sei doch still! — Zu Tisch, bitte, Herr Professor!“ + +</P><P> + +Er hielt es für angebracht, nach den ersten Bissen ein paar +Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben: + +</P><P> + +„Zuerst äußerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf +unerträgliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, +Schlafsucht ...“ + +</P><P> + +„Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?“ + +</P><P> + +„Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich weiß nicht einmal recht, +wo sie das <TT>acidum arsenicum</TT> herbekommen hat.“ + +</P><P> + +Justin, der einen Stoß Teller hereinbrachte, begann am ganzen +Körper zu zittern. + +</P><P> + +„Was hast du?“ fuhr ihn der Apotheker an. + +</P><P> + +Bei dieser Frage ließ der Bursche alles, was er trug, +fallen. Es gab ein großes Gekrache. + +</P><P> + +„Tolpatsch!“ schrie Homais. „Ungeschickter Kerl! Tranlampe! +Alberner Esel!“ + +</P><P> + +Dann aber beherrschte er sich plötzlich: + +</P><P> + +„Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr +Professor, und deshalb <TT>primo</TT> ganz +vorsichtig in ein Reagenzgläschen ...“ + +</P><P> + +„Dienlicher wäre es gewesen,“ sagte der Chirurg, „wenn Sie +ihr Ihre Finger in den Hals gesteckt hätten.“ + +</P><P> + +Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter +vier Augen eine energische Belehrung wegen seines +Brechmittels eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des +Klumpfußes so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt +sich jetzt mäuschenstill. Er lächelte nur unausgesetzt, um +seine Zustimmung zu markieren. + +</P><P> + +Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrübliche +Gedanke an Bovary trug — in egoistischer Kontrastwirkung — +unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berühmten +Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze +Gelehrsamkeit aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von +Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw. + +</P><P> + +„Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, daß mehrere +Personen nach dem Genusse von zu stark geräucherter Wurst +erkrankt und plötzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens +ein hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten +Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein +Aufsatz des berühmten Cadet de Gassicourt!“ + +</P><P> + +Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte +sich nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte +ihn auch eigenhändig gemischt, gebrannt und gemahlen. + +</P><P> + +„<TT>Saccharum</TT> gefällig, Herr +Professor?“ fragte er, indem er ihm den Zucker anbot. + +</P><P> + +Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig +war, die Ansicht des Chirurgen über ihre „Konstitution“ zu +hören. + +</P><P> + +Als Larivière im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau +Homais noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres +Mannes. Er schlief nämlich allabendlich nach Tisch ein. Davon +bekäme er dickes Blut. + +</P><P> + +Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie +nicht verstand, dann ging er zur Türe. Aber die Apotheke war +voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm +nur schwer, sie loszuwerden. Da war Tüvache, der seine Frau +für schwindsüchtig hielt, weil sie öfters in die Asche +spuckte; Binet, der bisweilen an Heißhunger litt; Frau Caron, +die es am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanfälle +hatte; Lestiboudois, der rheumatisch war; Frau Franz, die über +Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von +dannen. Man fand aber allgemein, daß er sich nicht besonders +liebenswürdig gezeigt habe. + +</P><P> + +Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien +gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging. + +</P><P> + +Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit +den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines +„Pfaffen“ war ihm ein Greuel. Er mußte bei einer Soutane immer +an ein Leichentuch denken, und so verwünschte er jene schon +deshalb, weil er dieses fürchtete. + +</P><P> + +Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung +seiner „Mission“, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, +dem dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden +war, in das Bovarysche Haus zurück. Wenn seine Frau nicht +völlig dagegen gewesen wäre, hätte er sogar seine beiden Knaben +mitgenommen, damit sie das große Ereignis, das der Tod +eines Menschen ist, kennen lernten. Es sollte ihnen eine +Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung +für ihr ganzes weiteres Leben. + +</P><P> + +Sie fanden das Zimmer voll düstrer Feierlichkeit. Auf dem mit +einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei +brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine +silberne Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte. Emmas +Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen +unnatürlich weit offen, und ihre armen Hände tasteten über den +Bettüberzug hin, mit einer jener rührend-schrecklichen +Gebärden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung, +als bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am +Fußende des Lagers, ihrem Antlitz gegenüber, bleich wie +eine Bildsäule, tränenlos, aber mit Augen, die rot waren wie +glühende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte. + +</P><P> + +Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der +violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fühlte sie einen +seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust, +die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von +himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden. + +</P><P> + +Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie +den Kopf in die Höhe, wie ein Durstiger, und preßte auf das +Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den +innigsten Liebeskuß, den sie jemals gegeben hatte. Dann +sprach der Geistliche das +<TT>Misereatur</TT> und <TT>Indulgentiam</TT>, tauchte seinen rechten +Daumen in das Öl und nahm die letzte Ölung vor. Zuerst salbte +er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so heiß +gelüstet; dann die Nasenflügel, die so gern die lauen Lüfte und +die Düfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu +Lügen sich aufgetan, oft hoffärtig gezuckt und in sündigem +Girren geseufzt hatte; dann die Hände, die sich an vergnüglichen +Berührungen ergötzt hatten; und endlich die Sohlen der Füße, +die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden +liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten. + +</P><P> + +Der Priester trocknete sich die Hände, warf das ölgetränkte +Stück Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der +Sterbenden. Er sagte ihr, daß ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu +Christi eins seien. Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit +vertrauen. + +</P><P> + +Als er mit seiner Tröstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine +geweihte Kerze in die Hand zu drücken, das Symbol der +himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. +Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schließen, und wenn +Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen hätte, wäre die Kerze +zu Boden gefallen. + +</P><P> + +Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den +Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen, als ob das +Sakrament sie wieder gesund gemacht hätte. + +</P><P> + +Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen, +ja er gemahnte Bovary daran, daß der Herr zuweilen das Leben +Sterbender wieder verlängere, wenn er es zum Heil ihrer Seele +für notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurück, an dem sie +schon einmal, dem Tode nahe, die letzte Ölung empfangen hatte. + +</P><P> + +„Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!“ dachte er. + +</P><P> + +Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem +Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren +Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die +Tränen aus den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf +zurück, stieß einen Seufzer aus und sank in das Kissen. + +</P><P> + +Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat +weit aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht +zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen +verlöschen. Man hätte glauben können, sie sei schon tot, wenn +ihre Atmungsorgane nicht so fürchterlich heftig gearbeitet +hätten. Es war, als schüttle sie ein wilder innerer Sturm, +als ringe das Leben gewaltig mit dem Tode. + +</P><P> + +Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte +ein wenig die Beine, während Canivet gleichgültig auf den Markt +hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die +Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich +die lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes +kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff +ihre Hände und drückte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses +zuckte er zusammen, als stürze eine Ruine auf ihn. + +</P><P> + +Je stärker das Röcheln wurde, um so mehr beschleunigte der +Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten +Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als +das dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, das wie +Totengeläut klang. + +</P><P> + +Plötzlich klapperten draußen auf der Straße Holzschuhe. Ein +Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine +rauhe Stimme, und sang: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +‚Wenns Sommer worden weit und breit, <BR> +Wird heiß das Herze mancher Maid ...‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein +elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelöst, ihre +Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf. + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +‚Nanette ging hinaus ins Feld,<BR> +Zu sammeln, was die Sense fällt.<BR> +Als sie sich in der Stoppel bückt,<BR> +Da ist passiert, was sich nicht schickt ...‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +„Der Blinde!“ schrie sie. + +</P><P> + +Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges, +verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das +scheußliche Gesicht des Unglücklichen sah, wie ein +Schreckgespenst aus der ewigen Nacht des Jenseits ... + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +‚Der Wind, der war so stark ... O weh!<BR> +Hob ihr die Röckchen in die Höh.‘ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurück. Alle traten +hinzu. Sie war nicht mehr. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Zehntes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie +betäubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen +Nichts zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl +aber, als er sah, daß Emma unbeweglich dalag, warf sich über +sie und schrie: + +</P><P> + +„Lebwohl! Lebwohl!“ + +</P><P> + +Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer. + +</P><P> + +„Fassen Sie sich!“ + +</P><P> + +„Ja!“ rief er und machte sich von ihnen los. „Ich will +vernünftig sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich +muß sie sehen! Es ist meine Frau!“ + +</P><P> + +Er weinte. + +</P><P> + +„Weinen Sie nur!“ sagte der Apotheker. „Lassen Sie der Natur +freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!“ + +</P><P> + +Da wurde Karl schwach wie ein Kind und ließ sich in die Große +Stube im Erdgeschoß hinunterführen. Homais ging bald darnach +in sein Haus zurück. + +</P><P> + +Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich +bis Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden +Vorübergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne. + +</P><P> + +„Großartig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu +tun hätte! Bedaure! Komm ein andermal!“ + +</P><P> + +Er verschwand schnell in seinem Hause. + +</P><P> + +Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank für +Bovary zu brauen und ein Märchen zu ersinnen, um Frau Bovarys +Vergiftung auf eine möglichst harmlose Weise zu erklären. Er +wollte einen Artikel für den „Leuchtturm von Rouen“ daraus +machen. Außerdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. +Alle wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals +wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von +Vanillecreme aus Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab +er sich abermals zu Bovary. + +</P><P> + +Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl saß im +Lehnstuhl am Fenster und starrte mit blödem Blick auf die Dielen. + +</P><P> + +„Wir müssen die Stunde für die Feierlichkeit festsetzen!“ +sagte der Apotheker. + +</P><P> + +„Wozu? Für was für eine Feierlichkeit?“ Stammelnd und voll +Grauen fügte er hinzu: „Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie +dabehalten?“ + +</P><P> + +Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom +Tisch und begoß die Geranien. + +</P><P> + +„O, ich danke Ihnen!“ sagte Karl. „Sie sind sehr gütig ...“ + +</P><P> + +Er wollte noch mehr sagen, aber die Fülle von Erinnerungen, die +des Apothekers Tun in ihm wachrief, überwältigte ihn. +Es waren Emmas Blumen! + +</P><P> + +Homais gab sich Mühe, ihn zu zerstreuen, und begann über die +Gärtnerei zu plaudern. Die Pflanzen hätten die Feuchtigkeit sehr +nötig. Karl nickte zustimmend. + +</P><P> + +„Jetzt werden auch bald schöne Tage kommen ...“ + +</P><P> + +Bovary seufzte. + +</P><P> + +Der Apotheker wußte nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob +behutsam eine Scheibengardine beiseite. + +</P><P> + +„Sehn Sie, da drüben geht der Bürgermeister!“ + +</P><P> + +Karl wiederholte mechanisch: + +</P><P> + +„Da drüben geht der Bürgermeister!“ + +</P><P> + +Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begräbnis +zurückzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem +Entschlusse hierüber. + +</P><P> + +Karl schloß sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und +nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Ich bestimme, daß man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid +begrabe, in weißen Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Das +Haar soll man ihr über die Schultern legen. Drei Särge: einen +aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich +nicht trösten wollen! Ich werde stark sein. Und über den Sarg +soll man ein großes Stück grünen Samt breiten. So will ich +es! Tut es!“ + +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Man war über Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker +ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen: + +</P><P> + +„Das mit dem Samt scheint mir übertrieben. Allein die +Kosten ...“ + +</P><P> + +„Was geht Sie das an!“ schrie Karl. „Lassen Sie mich! Sie +haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!“ + +</P><P> + +Der Priester faßte Karl unter den Arm und führte ihn in den +Garten. Er sprach von der Vergänglichkeit alles Irdischen. +Gott sei gut und weise. Man müsse sich ohne Murren seinem +Ratschluß unterwerfen. Man müsse ihm sogar dafür danken. + +</P><P> + +Aber Karl brach in Gotteslästerungen aus. + +</P><P> + +„Ich verfluche ihn, euren Gott!“ + +</P><P> + +„Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!“ seufzte der +Priester. + +</P><P> + +Bovary ließ ihn stehen. Mit großen Schritten ging er die +Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den +Zähnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verwünschungen waren. +Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt. + +</P><P> + +Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer +Weile fror ihn. Er ging ins Haus zurück und setzte sich an +den Herd in der Küche. + +</P><P> + +Um sechs Uhr hörte er Wagengerassel draußen auf dem Markte. +Es war die Post, die von Rouen zurückkehrte. Er preßte die +Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden +nacheinander ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in +das Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein. + +</P><P> + +Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug +dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um +Totenwache zu halten. Er brachte drei Bücher und ein Notizbuch +mit. Er pflegte sich Auszüge zu machen. + +</P><P> + +Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen +brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem +Alkoven hervorgerückt hatte. + +</P><P> + +Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte +Jeremiaden über die „unglückliche junge Frau“. Der Priester +unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als für sie zu +beten. + +</P><P> + +„Immerhin“, versetzte Homais, „sind nur zwei Fälle +möglich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrückt, +selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie +ist als Sünderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier +der kirchliche Ausdruck? Dann ...“ + +</P><P> + +Bournisien unterbrach ihn und erklärte in mürrischem Tone, man +müsse in jedem Falle beten. + +</P><P> + +„Aber sagen Sie mir,“ wandte der Apotheker ein, „da Gott +stets weiß, was uns not tut, wozu dann erst das +Gebet?“ + +</P><P> + +„Wozu das Gebet?“ wiederholte der Priester. „Ja, sind Sie +denn kein Christ?“ + +</P><P> + +„Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst +die Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral +geschenkt, die ...“ + +</P><P> + +„Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...“ + +</P><P> + +„Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach! +Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...“ + +</P><P> + +Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die +Vorhänge beiseite. + +</P><P> + +Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. +Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren +Teil ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest +in die Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in +ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereits in blassem +Schleim, der wie ein dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen +ihr Netz darüber gesponnen. Das Bettuch senkte sich von ihren +Brüsten bis zu den Knien und hob sich von da an nach ihren +Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schweres Etwas, +ein ungeheures Gewicht laste auf ihr. + +</P><P> + +Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang +das dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne +strömte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien +geräuschvoll, und Homais kritzelte Notizen auf das Papier. + +</P><P> + +„Lieber Freund,“ sagte er, „gehn Sie nun! Dieser Anblick +zerreißt Ihnen das Herz!“ + +</P><P> + +Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden +ihre Erörterung von neuem. + +</P><P> + +„Lesen Sie Voltaire!“ sagte der eine. „Lesen Sie Holbach! Die +Enzyklopädisten!“ + +</P><P> + +„Lesen Sie die ‚Briefe einiger portugiesischen Juden‘“, +sagte der andre, „lesen Sie die ‚Grundlagen des +Christentums‘ von Nicolas!“ + +</P><P> + +Sie regten sich auf, bekamen rote Köpfe und sprachen gleichzeitig +ineinander hinein. Bournisien war entrüstet über die Vermessenheit +des Apothekers, Homais erstaunt über die Beschränktheit +des Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen +zu sagen, da kam plötzlich Karl abermals herein. Eine +unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mußte immer wieder die +Treppe hinauf. + +</P><P> + +Er setzte sich der Toten gegenüber, so daß er ihr voll ins +Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer +Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte. + +</P><P> + +Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den +Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er könne +sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft +konzentriere. Einmal beugte er sich sogar über sie und rief ganz +leise: „Emma, Emma!“ + +</P><P> + +Er atmete so heftig, daß die Flammen der Kerzen flackerten ... + +</P><P> + +Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte +sie und brach von neuem in Tränen aus. Ebenso wie der +Apotheker versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim +Begräbnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, daß +sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die +Stadt zu fahren und das Nötige zu besorgen. + +</P><P> + +Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau +Homais. Felicie saß mit Frau Franz bei der Toten. + +</P><P> + +Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drückte +dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, +die nach und nach einen großen Halbkreis um den Kamin +bildeten. Alle hatten die Köpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, +schaukelten sie mit den Beinen und stießen von Zeit zu Zeit einen +tiefen Seufzer aus. Alle langweilten sich maßlos, aber +keinem fiel es ein, wieder zu gehen. + +</P><P> + +Um neun Uhr kam Homais zurück, beladen mit einer Menge +Kampfer, Benzoe und aromatischen Kräutern. Auch ein Gefäß voll +Chlor brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, +die Löwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma +herum, damit beschäftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu +legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis +hinab an die Atlasschuhe reichte. + +</P><P> + +Felicie wehklagte: + +</P><P> + +„Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!“ + +</P><P> + +„Sehn Sie nur!“ sagte die Witwe Franz seufzend, „wie reizend +sie noch immer ausschaut! Man möchte drauf schwören, daß sie +gleich wieder aufstünde!“ + +</P><P> + +Dann beugten sie sich über sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei +mußten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze +Flüssigkeit aus dem Munde hervor, als erbräche sie sich. + +</P><P> + +„Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!“ schrie Frau Franz. +Und zum Apotheker gewandt: „Helfen Sie uns doch! Oder +fürchten Sie sich vielleicht?“ + +</P><P> + +„Ich mich fürchten?“ erwiderte er achselzuckend. „Nein, so +was! Ich habe in den Spitälern noch ganz andres gesehen und +erlebt, als ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns +unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen +nicht. Ich habe sogar die Absicht — wie ich schon oft gesagt habe +-, meinen Körper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst +der Wissenschaft noch etwas nützt.“ + +</P><P> + +Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des +Apothekers erwiderte er: + +</P><P> + +„Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.“ + +</P><P> + +Darauf pries Homais ihn glücklich, weil er nicht darauf +gefaßt zu sein brauche, eine teure Gefährtin zu verlieren, +worauf sich ein Disput über das Zölibat entspann. + +</P><P> + +„Es ist unnatürlich,“ sagte der Apotheker, „daß sich ein +Mann des Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...“ + +</P><P> + +„Aber, zum Kuckuck!“ rief der Priester. „Kann denn ein +verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?“ + +</P><P> + +Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er +zählte ihre guten Wirkungen auf. Er wußte Geschichten von +Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden wären. Sogar +Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Sünden ledig +gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein +Diener ...“ + +</P><P> + +Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwüle Luft im Zimmer +immer unerträglicher wurde, öffnete der Pfarrer das Fenster. +Da ward der Apotheker wieder wach. + +</P><P> + +„Wie wärs mit einer Prise?“ fragte er ihn. „Hier! Das +hält munter!“ + +</P><P> + +In der Ferne bellte irgendwo fortwährend ein Hund. + +</P><P> + +„Hören Sie, wie der Hund heult?“ fragte der Apotheker. + +</P><P> + +„Man sagt, daß sie die Toten wittern“, sagte der Priester. +„Ähnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, +wenn im Haus ein Mensch stirbt.“ + +</P><P> + +Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er +war bereits wieder eingeschlafen. + +</P><P> + +Bournisien, der widerstandsfähiger war, bewegte noch eine +Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allmählich sein Kinn, +sein dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu +schnarchen. + +</P><P> + +So saßen sie einander gegenüber, mit vorgestreckten Bäuchen, +mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all +ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwäche. Sie +regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu +schlummern schien. + +</P><P> + +Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um +Abschied von ihr zu nehmen. + +</P><P> + +Das Räucherwerk qualmte noch. Die bläuliche Wolke vermählte +sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Draußen +blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild. + +</P><P> + +Das Wachs der Kerzen träufelte in langen Tränen herab auf +das Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. +Der Lichtschimmer machte ihm die Augen müde. + +</P><P> + +Über das Atlaskleid huschten Reflexe; es war weiß wie +Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, +als gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher über, als +lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem +wirbelnden Kräuterdufte ... + +</P><P> + +Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der +Gartenbank unter dem blühenden Weißdornbusch ... dann in Rouen +auf dem Gange durch die Straße ... und dann auf der Schwelle +ihres Vaterhauses, im Gutshofe, in Bertaux ... Es war +ihm, als höre er das Jodeln der lustigen Burschen, die +unter den Apfelbäumen tanzten bei seiner Hochzeitsfeier. Wie +hatte das Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr +Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie sprühende Funken! +Dasselbe Kleid! Damals und heute! + +</P><P> + +Langsam zog sein ganzes einstiges Glück noch einmal an ihm +vorüber. Er sah sie vor sich in ihren eigentümlichen Bewegungen, +ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hörte den Klang ihrer Stimme. Immer +wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhörlich, +unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande. + +</P><P> + +Eine gräßliche Neugier überkam ihn. Langsam und klopfenden +Herzens hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da +schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern Männer +erwachten. Sie zogen ihn fort und führten ihn hinunter in die +Große Stube. + +</P><P> + +Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar +der Toten haben. + +</P><P> + +„Schneiden Sie ihr welches ab!“ befahl der Apotheker. + +</P><P> + +Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere +heran. Er zitterte so stark, daß er die Haut an der Schläfe an +mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und +schnitt blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein +paar kahle Stellen mitten in dem schönen schwarzen Haar der +Toten. + +</P><P> + +Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre +Bücher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, +wenn sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. +Der Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais +schüttete ein wenig Chlor auf die Dielen. + +</P><P> + +Felicie hatte für sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche +Branntwein, Käse und ein langes Weißbrot bereitgestellt. +Gegen vier Uhr früh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. +Er seufzte: + +</P><P> + +„Wahrhaftig. Eine Stärkung wäre nicht übel!“ + +</P><P> + +Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber +erst die Messe lesen. Als er wieder zurückkam, aßen und +tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen +warum, verführt von der sonderbaren Fröhlichkeit, die den +Menschen nach überstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten +Gläschen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und +sagte: + +</P><P> + +„Wir werden uns am Ende noch verstehen!“ + +</P><P> + +In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg +brachten. Zwei Stunden lang mußte sich Karl von den +Hammerschlägen martern lassen, die von den Brettern zu ihm +hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg aus Eichenholz und +diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war, +füllte man die Hohlräume mit Werg aus einer Matratze. Als +der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man +den Sarg vor die Tür. Das Haus ward weit geöffnet, und die +Leute von Yonville begannen herbeizuströmen. + +</P><P> + +Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er +mitten auf dem Markte ohnmächtig. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Elftes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig +Stunden nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte +Homais so geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, +was eigentlich geschehen war. + +</P><P> + +Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. +Dann sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch +noch leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen +Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp +weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst. +Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte +Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand. + +</P><P> + +Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum +schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung. +Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre +Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen +Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville. + +</P><P> + +In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof +munter, rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich +auf einen Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, +setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, +daß die Funken stoben. + +</P><P> + +Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die +Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren +Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie +tot. Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er +riß in die Zügel. Da schwand die Erscheinung. + +</P><P> + +In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei +Tassen Kaffee. + +</P><P> + +Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender +in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem +Briefe, fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen. +Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur +ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines +Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte +er es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen +aus wie alle Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre +Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vorüber. + +</P><P> + +Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur +noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen +vorwärts gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte +Blut. Als der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter +heftigem Weinen in Bovarys Arme. + +</P><P> + +„Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...“ + +</P><P> + +Der andre antwortete schluchzend: + +</P><P> + +„Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!“ + +</P><P> + +Der Apotheker zog sie auseinander. + +</P><P> + +„Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn +schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man +muß Philosoph sein!“ + +</P><P> + +Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male +wiederholte er: + +</P><P> + +„Ja, ja ... Mut! Mut!“ + +</P><P> + +„Na, wenns sein muß!“ sagte Rouault. „Ich hab welchen! +Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, +und wenns noch so weit wäre!“ + +</P><P> + +Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich +in Bewegung. + +</P><P> + +Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die +drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her. +Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer +Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor +und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem +Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine +Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen. + +</P><P> + +Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein +jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen +würde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, +weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, +daß sie dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende +war, daß man sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde +Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als +empfände er überhaupt nichts mehr. Er fühlte sich in seinem +Schmerze erleichtert, aber alsbald warf er sich vor, eine +erbärmliche Kreatur zu sein. + +</P><P> + +Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas +wie ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem +Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines +Seitenschiffes aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen +Rock kniete mühsam nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom +Goldnen Löwen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur +angeschnallt. + +</P><P> + +Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld +einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem +andern in der silbernen Schale. + +</P><P> + +„Schnell weg! Ich leide!“ rief Bovary und warf zornig ein +Fünffrankenstück hinein. + +</P><P> + +Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. + +</P><P> + +Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... +Das nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in +der ersten Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen +war. Sie hatten rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke +begann wieder zu läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing +an. Die Sargträger hoben die drei Stangen der Bahre in die Höhe. +Man verließ die Kirche. + +</P><P> + +Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst, +blaß und taumelnd. + +</P><P> + +Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug +vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er +trug eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, +der aus den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge +anzuschließen. + +</P><P> + +Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam +vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die +Chorknaben sangen das <TT>De profundis</TT>. +Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der +Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber +das hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den Bäumen. + +</P><P> + +Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit +zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende +Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen +unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten +des faden Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein +frischer Wind wehte herüber. Roggen und Raps grünten, und +Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei +fröhliche Laute erfüllten die Luft: das Quietschen eines +kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener Straße, das +wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines +Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der +klare Himmel war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter +spielten um die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl +erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich +eines bestimmten Morgens, an dem er, einen Kranken zu +besuchen, hier vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem +Rückwege zu „ihr“. + +</P><P> + +Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte +Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger +verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie +eine Schaluppe auf bewegter See. + +</P><P> + +Endlich war man da. + +</P><P> + +Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im +Rasen, wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis +herum auf. Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den +Seiten aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, +lautlos und ununterbrochen. + +</P><P> + +Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf +gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer. + +</P><P> + +Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll +wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois +reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel +schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde +ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, +und das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie +ein Widerhall aus der Ewigkeit. + +</P><P> + +Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war +Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie +dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde +hinabwarf und „Lebe wohl!“ rief. Er sandte ihr Küsse und beugte +sich über das Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte. + +</P><P> + +Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar +empfand er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß +alles überstanden war. + +</P><P> + +Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife +an, was Homais insgeheim nicht besonders schicklich +fand. Er berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß +sich Tüvache nach der Messe „gedrückt“ hatte und daß Theodor, +der Diener des Notars, einen blauen Rock getragen hatte, +„als ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da +es nun einmal so üblich ist, zum Teufel!“ So hechelte er +alles durch, was er beobachtet hatte. + +</P><P> + +Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der +nicht verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen. + +</P><P> + +„Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!“ + +</P><P> + +Der Apotheker antwortete: + +</P><P> + +„Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus +Verzweiflung Selbstmord begangen.“ + +</P><P> + +„Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie +vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!“ + +</P><P> + +„Ich hatte nur keine Zeit,“ sagte der Apotheker, „sonst hätte +ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins +Grab nachgerufen hätte!“ + +</P><P> + +Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog +seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich +unterwegs öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, +hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht +hinterlassen. Man sah, wo die Tränen herabgerollt waren. + +</P><P> + +Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen. +Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer: + +</P><P> + +„Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach +Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? +Damals tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt +aber ...“ Er stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust +hob. „Ach, nun ist es aus mit mir! Ich habe meine Frau +sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine +Tochter!“ + +</P><P> + +Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux +zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch +seine Enkelin wollte er nicht sehen. + +</P><P> + +„Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse +sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und +das hier,“ er schlug auf sein Bein, „das werde ich dir nie +vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch +noch jedes Jahr!“ + +</P><P> + +Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, +ganz wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem +Abschied auf der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach +seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie +im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. +Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am +Horizont ein Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze +Büschel zwischen weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der +Friedhof ... + +</P><P> + +Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm +geworden war. + +</P><P> + +Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und +plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von +vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte +Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen +und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- +und Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung +zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte. + +</P><P> + +Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das +war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an +„sie“. + +</P><P> + +Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald +geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte +Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde. + +</P><P> + +Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte. +Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem +Druck einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond +und geheimnisvoll wie die Nacht. + +</P><P> + +Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine +Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, +als er sich über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, +wer ihm immer Kartoffeln stahl. + +</P><P></P> +<CENTER> +<H2>Letztes Kapitel</H2> +</CENTER> +<P></P><P> + +Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus +kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei +verreist und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das +Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der +Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des +Kindes bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unerträglich aber +waren ihm die Trostreden des Apothekers. + +</P><P> + +Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen +Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm +beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis +zulassen wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, +auch nur das geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer +sich darüber. Das empörte ihn wiederum maßlos. Er war +überhaupt ein ganz andrer geworden. So verließ sie das +Haus. + +</P><P> + +Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr „Schnittchen“ zu +machen. Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate +Stundengeld, obgleich Emma doch niemals Unterricht bei ihr +genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt +bekommen hatte, war nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt +worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnementsgebühren auf +eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn für zwanzig +Briefe. Als Karl Näheres wissen wollte, war sie +wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten: + +</P><P> + +„Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.“ + +</P><P> + +Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei +nun zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue +Gläubiger. + +</P><P> + +Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man +ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch +entschuldigen. + +</P><P> + +Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn +Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich +in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr +Emmas Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal +den Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, +ihr nachzurufen: „Emma, bleib, bleib!“ + +</P><P> + +Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener +des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas +Kleidern noch übrig war. + +</P><P> + +Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die +Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu +Yvetot, mit Fräulein Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz +ergebenst mitzuteilen. In Karls Glückwunschbrief kam die +Stelle vor: + +</P><P> + +„Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!“ + +</P><P> + +Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs +Haus irrte, kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich +unter einem seiner Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück +Papier. Er entfaltete es und las: „Liebe Emma! Sei tapfer! +Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...“ Es war +Rudolfs Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen +geblieben war, bis ihn der durchs Dachfenster wehende +Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl stand ganz starr da, +mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma, +bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den Tod gehen +wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift ein +kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche +und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen +Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn +er ihnen später — es war zwei- oder dreimal gewesen — +begegnet war. Aber der achtungsvolle Ton des Briefes +täuschte ihn. + +</P><P> + +„Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu +sein!“ sagte er sich. + +</P><P> + +Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen +bis auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu +suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen +Schmerze. + +</P><P> + +„Man mußte sie anbeten!“ sagte er bei sich. „Es ist ganz +natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!“ Nunmehr +erschien sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein +beständiges heißes Verlangen nach ihr, das ihn +trostlos machte und das keine Grenzen kannte, weil es +nicht mehr zu stillen war. + +</P><P> + +Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach +ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich +Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und +— unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus +ihrem Grabe heraus. + +</P><P> + +Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein +Stück nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle +Zimmer wurden kahl, nur „ihr Zimmer“ blieb wie früher. Nach dem +Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den +Kamin und rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich +gegenüber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. +Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen aus. + +</P><P> + +Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht +gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des +Kleidchens aufgerissen, denn darum kümmerte sich die +Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie +das Köpfchen graziös neigte und ihr die blonden Locken +über die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend aus, +daß ihn unendliche Zärtlichkeit ergriff, eine Freude, die nach +Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr +Spielzeug aus, machte ihr Hampelmänner aus Pappe und +flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer Puppen. Wenn seine Augen +dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen, auf ein Band, +das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in +einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in +Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit +traurig wurde. + +</P><P> + +Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen, +wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des +Apothekers ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater +bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen +Verhältnisse auf eine Fortsetzung des näheren Verkehrs +keinen Wert legte. + +</P><P> + +Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen +können, war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und +erzählte allen Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. +Wenn Homais zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen +hinter den Vorhängen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm +zu vermeiden. Er haßte ihn, und da er ihn zugunsten seines +Rufes als Heilkünstler um jeden Preis aus dem Wege +räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise, +wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso seinen Scharfsinn +wie seine bis zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sechs +Monate hintereinander konnte man im „Leuchtturm von Rouen“ +Nachrichten wie die folgenden lesen: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne +Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt +haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er +belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen +gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den +abscheulichen Zeiten des Mittelalters, wo es den +Landstreichern erlaubt war, auf den öffentlichen Plätzen die +Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der +Kreuzzüge mitgebracht hatten?“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Oder: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die +Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von +Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und +das sind vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem +Grunde duldet das eigentlich die Obrigkeit?“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Daneben erfand Homais auch Anekdoten: + +</P> + +<BLOCKQUOTE> +„Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd +durchgegangen ...“ +</BLOCKQUOTE> + +<P> + +Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche +Auftauchen des Blinden verursachten Unfalls. + +</P><P> + +Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der +Unglückliche in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder +frei. Er trieb es wie vorher. Ebenso Homais. Es begann +ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu +lebenslänglichem Aufenthalt in ein Krankenhaus gesteckt. + +</P><P> + +Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund +überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel +bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte +-, geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß +gegen die Priester. + +</P><P> + +Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von +den „Ignorantinern“ geleiteten, die natürlich zum Nachteil der +letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung +von hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die +Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche +Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. +Dabei wurde er ein gefährlicher Intrigant. + +</P><P> + +Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch +Schreiben, ein „Werk“. So verfaßte er eine „Allgemeine +Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen +Beobachtungen“. Die damit verbundenen Studien führten ihn ins +volkswirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen +Fragen, in die Theorien über die Volkserziehung, in das +Verkehrswesen und andres mehr. Nun begann er sich seiner +kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er bekam +genialische Anwandlungen. + +</P><P> + +Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im +Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seines +Faches. Beispielsweise interessierte ihn der große +Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der +erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die +Eisenschokolade einführte. Er begeisterte sich für die +hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers und trug selbst eine. +Wenn er beim Schlafengehen das Hemd wechselte, staunte Frau +Homais diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und +entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann, der wie ein +Magier glänzte. + +</P><P> + +Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug +er einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide, +einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine +„künstliche Ruine“. Keinesfalls aber dürfe die +Trauerweide fehlen, die er für das „traditionelle Symbol“ +der Trauer hielt. + +</P><P> + +Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem +Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein +Kunstmaler begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des +Apothekers Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte +Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich +die Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein +zweitesmal allein nach Rouen und entschloß sich zu einem +Grabstein, über dem ein Genius mit gesenkter Fackel trauert. + +</P><P> + +Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: +<TT>STA VIATOR!</TT> Diese Worte schlug er +immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Beständig +flüsterte er vor sich hin: „<TT>Sta +viator!</TT>“ Endlich kam er auf: <TT>AMABILEM +CONJUGEM CALCAS!</TT> Das wurde angenommen. + +</P><P> + +Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an +Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere +Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild +seinem Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, +es zu bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war +immer derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber +sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder. + +</P><P> + +Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der +Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn +auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja +fanatisch, wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist +des Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der +Predigt vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im +Todeskampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie +jedermann wisse. + +</P><P> + +Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden +heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und +so stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an +seine Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. +Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen +Emma. Als Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, +der Felicies Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. +Darüber entzweiten sie sich. + +</P><P> + +Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung. +Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich +nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. +Aber als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande +sich von ihm zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, +völliger Bruch. + +</P><P> + +Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen +war, und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch +dies machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote +Flecken auf den Wangen. + +</P><P> + +Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die +Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, +gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia +stickte ihm ein neues Käppchen, Irma schnitt +Pergamentpapierdeckel für die Einmachegläser, und Franklin +bewies ihm bereits schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz. +Der Apotheker war der glücklichste Vater und der glücklichste +Mensch. + +</P><P> + +Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen. +Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient +hätte er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich +während der Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. +Zweitens hatte er — und zwar auf seine eigenen Kosten — +verschiedene gemeinnützige Werke veröffentlicht, +beispielsweise die Schrift „Der Apfelwein. Seine Herstellung +und seine Wirkung“, sodann seine „Abhandlung über die +Reblaus“, die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner +seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen von seiner +ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles +auf. „Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher +Gesellschaften.“ In Wirklichkeit war es nur eine einzige. + +</P><P> + +„Eigentlich müßte es schon genügen,“ rief er und warf sich +selbstbewußt in die Brust, „daß ich mich bei den +Feuersbrünsten hervorgetan habe!“ + +</P><P> + +Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der +Wahlen erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. +Schließlich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er +reichte ein Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn +alleruntertänigst bat, „ihm Gerechtigkeit widerfahren zu +lassen.“ Er nannte ihn „unsern guten König“ und verglich ihn +mit Heinrich dem Vierten. + +</P><P> + +Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung +zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging +so weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des +Kreuzes der Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von +Geranien umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste +er dieses bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der +Regierung und über den Undank der Menschen nach. + +</P><P> + +Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus +einer Art Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich +haben wollte, hatte Karl das geheime Fach des +Schreibtisches aus Polisanderholz, den Emma benutzt hatte, +noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er sich endlich +davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten heraus. Da +lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel +möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten +Zeile. Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, +allen Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend, +halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit +einem Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm +buchstäblich ins Gesicht. Es lag neben einem ganzen Bündel +von Liebesbriefen. + +</P><P> + +Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. +Er ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich +sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das +Gerücht, daß er sich einschließe, um zu trinken. Neugierige +aber, die hin und nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, +sahen zu ihrer Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem +langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging +und laut weinte. + +</P><P> + +An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf +den Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, +wenn auf dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer +aus dem Stübchen Binets. + +</P><P> + +Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines +Schmerzes nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit +ihm teilte. Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von +„ihr“ sprechen zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem +Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich +seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und +Hivert, der ob seiner Zuverlässigkeit in Kommissionen +allenthalben großes Vertrauen genoß, verlangte Lohnerhöhung +und drohte, „zur Konkurrenz“ überzugehen. + +</P><P> + +Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen +war, um sein Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, +begegnete er Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide +blaß. Rudolf, der bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine +Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zunächst einige Worte der +Entschuldigung, dann aber faßte er Mut und hatte sogar die +Dreistigkeit, — es war ein heißer Augusttag — Karl zu einem +Glas Bier in der nächsten Kneipe einzuladen. + +</P><P> + +Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, +plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in +tausend Träumen vor diesem Gesicht, das „sie“ geliebt hatte. +Es war ihm, als sähe er ein Stück von ihr wieder. Das +war ihm selber sonderbar. Er hätte der andre sein mögen. + +</P><P> + +Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom +Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede +stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So +vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm +gar nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter +diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen +röteten sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, +seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in +so düsterem Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im +Satz steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere +Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht. + +</P><P> + +„Ich bin Ihnen nicht böse!“ sagte er. + +</P><P> + +Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und +wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser +Schmerzen: + +</P><P> + +„Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!“ + +</P><P> + +Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je +in seinem Leben sprach: + +</P><P> + +„Das Schicksal ist schuld!“ + +</P><P> + +Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, +für einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig, +eigentlich sogar komisch und verächtlich. + +</P><P> + +Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die +Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter +zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete +süß, der Himmel war blau, Insekten summten um die blühenden +Lilien. Karl atmete schwer; das Herz war ihm beklommen und +tieftraurig vor unsagbarer Liebessehnsucht. + +</P><P> + +Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht +gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen. + +</P><P> + +Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm +zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine +lange schwarze Haarlocke. + +</P><P> + +„Papa, komm doch!“ rief die Kleine. + +</P><P> + +Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da +fiel er zu Boden. Er war tot. + +</P><P> + +Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des +Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand +aber nichts. + +</P><P> + +Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und +dreiviertel Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise +der kleinen Berta Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die +gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater +Rouault gelähmt war, nahm sich eine Tante des Kindes an. +Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich das tägliche +Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei. + +</P><P> + +Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander +in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten +können. Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine +Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde +duldet ihn, und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr. + +</P><P> + +Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. +</P> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + +***** This file should be named 15711-h.htm or 15711-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/ + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +*** END: FULL LICENSE *** + + + +</pre> + +</BODY> +</HTML> diff --git a/15711-pdf.pdf b/15711-pdf.pdf Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..93c4df4 --- /dev/null +++ b/15711-pdf.pdf diff --git a/15711-pdf.zip b/15711-pdf.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d3f2079 --- /dev/null +++ b/15711-pdf.zip diff --git a/15711-t.tex b/15711-t.tex new file mode 100644 index 0000000..e273d22 --- /dev/null +++ b/15711-t.tex @@ -0,0 +1,17098 @@ +\documentclass[oneside,12pt]{book} +\usepackage[german]{babel}%required, alt.: \usepackage{german} + +% comment (delete) the following five lines for a non-fraktur version +\usepackage{yfonts}%required for fraktur version +\usepackage{soul}%recommended +\newenvironment{antiqua}{\normalfont}{}% +\protect\renewcommand{\thepage}{\textfrak{\arabic{page}}}% +\newcommand{\s}{s:}% + +% un-comment the following five lines for a non-fraktur version +%\newcommand{\s}{s} +%\newcommand{\so}[1]{\textbf{#1}} +%\newcommand{\frakfamily}{\null} +%\newenvironment{antiqua}{}{} +%\sloppy + +\begin{document} +\thispagestyle{empty} + +\begin{verbatim} + +The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Frau Bovary + +Author: Gustave Flaubert + +Translator: Arthur Schurig + +Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711] + +Language: German + +Character set encoding: TeX + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + + + + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + + + +\end{verbatim} + + +\newpage +\frakfamily + +\thispagestyle{empty} + +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\begin{center} +\Huge \so{Frau Bovary} + +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\large + +\so{von} \\ +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\Huge \so{Gu{st}ave Flaubert} \\ +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\large +\vfill +Die "Ubertragung de{\s} Roman{\s} \begin{antiqua}Madame +Bovary\end{antiqua} au{\s} dem Franz"osischen besorgte Arthur +Schurig. \\ \bigskip\bigskip +Insel-Verlag zu Leipzig +\end{center} +\newpage +\thispagestyle{empty} + + +\begin{center} +\vspace{5cm} +{\Huge \so{Er{st}e{\s} Bu{ch}}} +\end{center} + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +E{\s} war Arbeit{\s}stunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite +ein "`Neuer"', in gew"ohnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den +beiden, Schulstubenger"at in den H"anden. Alle Sch"uler erhoben +sich von ihren Pl"atzen, wobei man so tat, al{\s} sei man au{\s} +seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit +auf. + +Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er +sich zu dem die Aufsicht f"uhrenden Lehrer. + +"`Herr Roger!"' lispelte er. "`Diesen neuen Z"ogling hier empfehle +ich Ihnen besonder{\s}. Er kommt zun"achst in die Quinta. Bei +l"oblichem Flei"s und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, +in die er seinem Alter nach geh"ort."' + +Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der T"ure stehen. Man +konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein +Bauernjunge, so ungef"ahr f"unfzehn Jahre alt und gr"o"ser al{\s} +alle andern. Die Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn +hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm +au{\s}, nur war er h"ochst verlegen. So schm"achtig er war, +beengte ihn sein gr"uner Tuchrock mit schwarzen Kn"opfen doch +sichtlich, und durch den Schlitz in den "Armelaufschl"agen +schimmerten rote Handgelenke hervor, die zweifello{\s} die freie +Luft gew"ohnt waren. Er hatte gelbbraune, durch die Tr"ager +"uberm"a"sig hochgezogene Hosen an und blaue Str"umpfe. Seine +Stiefel waren derb, schlecht gewichst und mit N"ageln beschlagen. + +Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling h"orte +aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er e{\s} nicht +einmal wagte, die Beine "ubereinander zu schlagen noch den +Ellenbogen aufzust"utzen. Um zwei Uhr, al{\s} die Schulglocke +l"autete, mu"ste ihn der Lehrer erst besonder{\s} auffordern, ehe +er sich den andern anschlo"s. + +E{\s} war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in da{\s} +Unterricht{\s}zimmer die M"utzen wegzuschleudern, um die H"ande +frei zu bekommen. E{\s} kam darauf an, seine M"utze gleich von der +T"ur au{\s} unter die richtige Bank zu facken, wobei sie unter +einer t"uchtigen Staubwolke laut aufklatschte. Da{\s} war so +Schuljungenart. + +Sei e{\s} nun, da"s ihm diese{\s} Verfahren entgangen war oder +da"s er nicht gewagt hatte, e{\s} ebenso zu machen, kurz und gut: +al{\s} da{\s} Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine M"utze +noch immer vor sich auf den Knien. Da{\s} war ein wahrer +Wechselbalg von Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an +eine B"arenm"utze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen +runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollne{\s} K"appi, mit +einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme +H"a"slichkeit tiefsinnig stimmt wie da{\s} Gesicht eine{\s} +Bl"odsinnigen. Sie war eif"ormig, und Fischbeinst"abchen verliehen +ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde W"ulste, +dar"uber (voneinander durch ein rote{\s} Band getrennt) Rauten +au{\s} Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den ein +vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei kr"onte +und von dem herab an einem ziemlich d"unnen Faden eine kleine +goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, wa{\s} man am +Glanze de{\s} Schirme{\s} erkennen konnte. + +"`Steh auf!"' befahl der Lehrer. + +Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die +ganze Klasse fing an zu kichern. Er b"uckte sich, da{\s} +M"utzenunget"um aufzuheben. Ein Nachbar stie"s mit dem Ellenbogen +daran, so da"s e{\s} wiederum zu Boden fiel. Ein abermalige{\s} +Sich-darnach-b"ucken. + +"`Leg doch deinen Helm weg!"' sagte der Lehrer, ein Witzbold. + +Da{\s} schallende Gel"achter der Sch"uler brachte den armen Jungen +g"anzlich au{\s} der Fassung, und nun wu"ste er gleich gar nicht, +ob er seinen "`Helm"' in der Hand behalten oder auf dem Boden +liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die +M"utze "uber seine Knie. + +"`Steh auf!"' wiederholte der Lehrer, "`und sag mir deinen Namen!"' + +Der Neuling stotterte einen unverst"andlichen Namen her. + +"`Noch mal!"' + +Da{\s}selbe Silbengestammel machte sich h"orbar, von dem Gel"achter +der Klasse "ubert"ont. + +"`Lauter!"' rief der Lehrer. "`Lauter!"' + +Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, ri"s den Mund weit +auf und gab mit voller Lungenkraft, al{\s} ob er jemanden rufen +wollte, da{\s} Wort von sich: "`Kabovary!"' + +H"ollenl"arm erhob sich und wurde immer st"arker; dazwischen +gellten Rufe. Man br"ullte, heulte, gr"olte wieder und wieder: +"`Kabovary! Kabovary!"' Nach und nach verlor sich der Spektakel in +vereinzelte{\s} Brummen, kam m"uhsam zur Ruhe, lebte aber in den +Bankreihen heimlich weiter, um da und dort pl"otzlich al{\s} +halberstickte{\s} Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, +die im Verl"oschen immer wieder noch ein paar Funken spr"uht. + +W"ahrenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung +in der Klasse allm"ahlich wiedergewonnen, und e{\s} gelang dem +Lehrer, den Namen "`Karl Bovary"' fest\/zustellen, nachdem er sich +ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen +wiederholen lassen. Al{\s}dann befahl er dem armen Schelm, sich +auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge +wollte den Befehl au{\s}f"uhren, aber kaum hatte er sich in Gang +gesetzt, al{\s} er bereit{\s} wieder stehen blieb. + +"`Wa{\s} suchst du?"' fragte der Lehrer. + +"`Meine M"u..."', sagte er sch"uchtern, indem er mit scheuen +Blicken Umschau hielt. + +"`F"unfhundert Verse die ganze Klasse!"' + +Wie da{\s} \begin{antiqua}Quos ego\end{antiqua} b"andigte +die Stimme, die diese Worte w"utend au{\s}rief, einen neuen +Sturm im Entstehen. + +"`Ich bitte mir Ruhe au{\s}!"' fuhr der emp"orte Schulmeister +fort, w"ahrend er sich mit seinem Taschentuche den Schwei"s von +der Stirne trocknete. "`Und du, du Rekrut du, du schreibst mir +zwanzigmal den Satz auf: \begin{antiqua}Ridiculus +sum\end{antiqua}!"' Sein Zorn lie"s nach. "`Na, und deine M"utze +wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen."' + +Alle{\s} ward wieder ruhig. Die K"opfe versanken in den Heften, +und der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter +Haltung, obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter +abgeschwuppte kleine Papierkugeln in{\s} Gesicht flogen. Er wischte +sich jede{\s}mal mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch +die Augen aufzuschlagen. + +Abend{\s}, im Arbeit{\s}saal, holte er seine "Armelschoner au{\s} +seinem Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte +sich sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er +gewissenhaft arbeitete; er schlug alle W"orter im W"orterbuche +nach und gab sich viel M"uhe. Zweifello{\s} verdankte er e{\s} dem +gro"sen Flei"se, den er an den Tag legte, da"s man ihn nicht in +der Quinta zur"uckbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz +leidlich wu"ste, so verstand er sich doch nicht gewandt +au{\s}zudr"ucken. Der Pfarrer seine{\s} Heimatdorfe{\s} hatte ihm +kaum ein bi"schen Latein beigebracht, und au{\s} Sparsamkeit war +er von seinen Eltern so sp"at wie nur m"oglich auf da{\s} +Gymnasium geschickt worden. + +Sein Vater, Karl Diony{\s} Barthel Bovary, war Stab{\s}arzt a.D.; +er hatte sich um 1812 bei den Au{\s}hebungen etwa{\s} zuschulden +kommen lassen, worauf er den Abschied nehmen mu"ste. Er setzte +nunmehr seine k"orperlichen Vorz"uge in bare M"unze um und +ergatterte sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend +Franken, die ihm in der Person der Tochter eine{\s} Hutfabrikanten +in den Weg kam. Da{\s} M"adchen hatte sich in den h"ubschen Mann +verliebt. Er war ein Schweren"oter und Prahlhan{\s}, der +sporenklingend einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die +H"ande voller Ringe hatte und in seiner Kleidung auff"allige +Farben liebte. Neben seinem Haudegentum besa"s er da{\s} gewandte +Getue eine{\s} Ellenreiter{\s}. Sobald er verheiratet war, begann +er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau zu leben, a"s und trank +gut, schlief bi{\s} in den halben Tag hinein und rauchte au{\s} +langen Porzellanpfeifen. Nacht{\s} pflegte er sehr sp"at +heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeeh"ausern herumgetrieben +hatte. Al{\s} sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterlie"s, +war Bovary emp"ort dar"uber. Er "ubernahm die Fabrik, b"u"ste aber +Geld dabei ein, und so zog er sich schlie"slich auf da{\s} Land +zur"uck, wovon er sich goldne Berge ertr"aumte. Aber er verstand +von der Landwirtschaft auch nicht mehr al{\s} von der Hutmacherei, +ritt lieber spazieren, al{\s} da"s er seine Pferde zur Arbeit +einspannen lie"s, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, +anstatt ihn in F"assern zu verkaufen, lie"s da{\s} fetteste +Gefl"ugel in den eignen Magen gelangen und schmierte sich mit dem +Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu +guter Letzt ein, da"s e{\s} am tunlichsten f"ur ihn sei, sich in +keinerlei Gesch"afte mehr einzulassen. + +F"ur zweihundert Franken Jahre{\s}pacht mietete er nun in einem +Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundst"uck, +halb Bauernhof, halb Herrenhau{\s}. Dahin zog er sich zur"uck, +f"unfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig +und mi"sg"unstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er +sagte, wollte er in Frieden f"ur sich hinleben. + +Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter +tausend Dem"utigungen starb ihre Liebe doch rettung{\s}lo{\s}. +Ehedem heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allm"ahlich (just +wie sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) m"urrisch, z"ankisch +und nerv"o{\s} geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, +wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen +her war und abend{\s} m"ude und nach Fusel stinkend au{\s} +irgendwelcher Spelunke zu ihr nach Hau{\s} kam. Ihr Stolz hatte +sich zun"achst m"achtig geregt, aber schlie"slich schwieg sie, +w"urgte ihren Grimm in stummem Stoizi{\s}mu{\s} hinunter und +beherrschte sich bi{\s} zu ihrem letzten St"undlein. Sie war +unabl"assig t"atig und immer auf dem Posten. Sie war e{\s}, die zu +den Anw"alten und Beh"orden ging. Sie wu"ste, wenn Wechsel f"allig +waren; sie erwirkte ihre Verl"angerung. Sie machte alle +Hau{\s}arbeiten, n"ahte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und +f"uhrte die B"ucher, w"ahrend der Herr und Gebieter sich um +nicht{\s} k"ummerte, au{\s} seinem Zustande grie{\s}gr"amlicher +Schl"afrigkeit nicht herau{\s}kam und sich h"ochsten{\s} dazu +ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am +Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche. + +Al{\s} ein Kind zur Welt kam, mu"ste e{\s} einer Amme gegeben +werden; und al{\s} e{\s} wieder zu Hause war, wurde da{\s} +schw"achliche Gesch"opf grenzenlo{\s} verw"ohnt. Die Mutter +n"ahrte e{\s} mit Zuckerzeug. Der Vater lie"s e{\s} barfu"s +herumlaufen und meinte h"ochst weise obendrein, der Kleine k"onne +eigentlich ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz +zu den Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmte{\s} +m"annliche{\s} Erziehung{\s}ideal in den Kopf gesetzt, nach +welchem er seinen Sohn zu modeln sich M"uhe gab. Er sollte rauh +angefa"st werden wie ein junger Spartaner, damit er sich t"uchtig +abh"arte. Er mu"ste in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen +ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den "`kirchlichen +Klimbim"' schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur +und widerstrebte allen diesen Bem"uhungen. Die Mutter schleppte +ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren au{\s} und +erz"ahlte ihm M"archen; sie unterhielt sich mit ihm in endlosen +Selbstgespr"achen, die von schwerm"utiger Fr"ohlichkeit und +wortreicher Z"artlichkeit "uberquollen. In ihrer Verlassenheit +pflanzte sie in da{\s} Herz ihre{\s} Jungen alle ihre eigenen +unerf"ullten und verlorenen Sehns"uchte. Im Traume sah sie ihn +erwachsen, hochangesehen, sch"on, klug, al{\s} Beamten beim +Stra"sen- und Br"uckenbau oder in einer Rat{\s}stellung. Sie +lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, +da{\s} sie besa"s, da{\s} Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr +Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu +alledem, e{\s} sei blo"s schade um die M"uhe; sie h"atten doch +niemal{\s} die Mittel, den Jungen auf eine h"ohere Schule zu +schicken oder ihm ein Amt oder ein Gesch"aft zu kaufen. Zu wa{\s} +auch? Dem Kecken geh"ore die Welt! Frau Bovary schwieg still, und +der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den +Feldarbeitern hinau{\s}, scheuchte die Kr"ahen auf, schmauste +Beeren an den Rainen, h"utete mit einer Gerte die Truth"ahne und +durchstreifte Wald und Flur. Wenn e{\s} regnete, spielte er unter +dem Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen +best"urmte er den Kirchendiener, die Glocken l"auten zu d"urfen. +Dann h"angte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der +gro"sen Glocke und lie"s sich mit emporziehen. So wuch{\s} er auf +wie eine Lilie auf dem Felde, bekam kr"aftige Glieder und frische +Farben. + +Al{\s} er zw"olf Jahre alt geworden war, setzte e{\s} seine Mutter +durch, da"s er endlich etwa{\s} Gescheite{\s} lerne. Er bekam +Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so +unregelm"a"sig, da"s sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden +statt, wenn der Geistliche einmal gar nicht{\s} ander{\s} zu tun +hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen +zwischen den Taufen und Begr"abnissen. Mitunter, wenn er keine +Lust hatte au{\s}zugehen, lie"s der Pfarrer seinen Sch"uler nach +dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden sa"sen dann oben im +St"ubchen. M"ucken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber +e{\s} war so warm drin, da"s der Junge schl"afrig wurde, und e{\s} +dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die H"ande +"uber dem Schmerbauche gefaltet. E{\s} kam auch vor, da"s der +Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken in der +Umgegend, dem er da{\s} Abendmahl gereicht hatte, den kleinen +Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm +eine viertelst"undige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit, +ihn im Schatten eine{\s} Baume{\s} seine Lektion hersagen zu +lassen. Entweder war e{\s} der Regen, der den Unterricht st"orte, +oder irgendein Bekannter, der vor"uberging. "Ubrigen{\s} war der +Lehrer durchweg mit seinem Sch"uler zufrieden, ja er meinte sogar, +der "`junge Mann"' habe ein gar treffliche{\s} Ged"achtni{\s}. + +So konnte e{\s} nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und +ihr Mann gab widerstand{\s}lo{\s} nach, vielleicht weil er sich +selber sch"amte, wahrscheinlicher aber au{\s} Ohnmacht. Man wollte +nur noch ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden. + +Dar"uber hinau{\s} verstrich abermal{\s} ein halbe{\s} Jahr, dann +aber wurde Karl wirklich auf da{\s} Gymnasium nach Rouen +geschickt. Sein Vater brachte ihn selber hin. Da{\s} war Ende +Oktober. + +Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch +deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer +Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den +Arbeit{\s}stunden eifrig lernte, w"ahrend de{\s} Unterricht{\s} +aufmerksam dasa"s, im Schlafsaal vorschrift{\s}m"a"sig schlief und +bei den Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr au"serhalb +der Schule war ein Eisengro"sh"andler in der Handschuhmachergasse, +der aller vier Wochen einmal mit ihm au{\s}ging, an Sonntagen nach +Ladenschlu"s. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die +Schiffe und brachte ihn abend{\s} um sieben Uhr vor dem Abendessen +wieder in da{\s} Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl +mit roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer +mit drei Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in +seine Geschicht{\s}hefte, oder er la{\s} in einem alten Exemplar +von Barthelemy{\s} "`Reise de{\s} jungen Anacharsi{\s}"', da{\s} +im Arbeit{\s}saal herumlag. Bei Au{\s}fl"ugen plauderte er mit dem +Pedell, der ebenfall{\s} vom Lande war. + +Durch seinen Flei"s gelang e{\s} ihm, sich immer in der Mitte der +Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Prei{\s} in +der Naturkunde. Aber gegen Ende de{\s} dritten Schuljahre{\s} +nahmen ihn seine Eltern vom Gymnasium fort und lie"sen ihn Medizin +studieren. Sie waren der festen Zuversicht, da"s er sich bi{\s} +zum Staat{\s}examen schon durchw"urgen w"urde. + +Die Mutter mietete ihm ein St"ubchen, vier Stock hoch, nach der +Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eine{\s} F"arber{\s}, eine{\s} +alten Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen "uber die +Verpflegung ihre{\s} Sohne{\s}, besorgte ein paar M"obelst"ucke, +einen Tisch und zwei St"uhle, wozu sie von zu Hause noch eine +Bettstelle au{\s} Kirschbaumholz kommen lie"s. De{\s} weiteren +kaufte sie ein Kanonen"ofchen und einen kleinen Vorrat von Holz, +damit ihr armer Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach +reiste sie wieder heim, nachdem sie ihn tausend- und +abertausendmal ermahnt hatte, ja h"ubsch flei"sig und solid zu +bleiben, sintemal er nun ganz allein auf sich selbst angewiesen sei. + +Vor dem Verzeichni{\s} der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette +der medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten +Augen und Ohren. Er la{\s} da von anatomischen und pathologischen +Kursen, von Kollegien "uber Physiologie, Pharmazie, Chemie, +Botanik, Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von +praktischen "Ubungen usw. Alle diese vielen Namen, "uber deren +Herkunft er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm +wie geheimni{\s}volle Pforten in da{\s} Heiligtum der +Wissenschaft. + +Er lernte gar nicht{\s}. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen +war, er begriff nicht{\s}. Um so mehr b"uffelte er. Er schrieb +flei"sig nach, vers"aumte kein Kolleg und fehlte in keiner "Ubung. +Er erf"ullte sein t"agliche{\s} Arbeit{\s}pensum wie ein Gaul im +Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu +wissen, wa{\s} f"ur ein Gesch"aft er eigentlich verrichtet. + +Zu seiner pekuni"aren Unterst"utzung schickte ihm seine Mutter +all\-w"ochentlich durch den Botenmann ein St"uck Kalb{\s}braten. +Da{\s} war sein Fr"uh\-st"uck, wenn er au{\s} dem Krankenhause auf +einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die +Zeit nicht, denn er mu"ste al{\s}bald wieder in ein Kolleg oder +zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von Stra"sen +hindurch. Abend{\s} nahm er an der kargen Hauptmahlzeit seiner +Wirt{\s}leute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und +setzte sich an seine Lehrb"ucher, oft in nassen Kleidern, die ihm +dann am Leibe bei der Rotglut de{\s} kleinen Ofen{\s} zu dampfen +begannen. + +An sch"onen Sommerabenden, wenn die schw"ulen Gassen leer wurden +und die Dienstm"adchen vor den Haust"uren Ball spielten, "offnete +er sein Fenster und sah hinau{\s}. Unten flo"s der Flu"s vor"uber, +der au{\s} diesem Viertel von Rouen ein h"a"sliche{\s} +Klein-Venedig machte. Seine gelben, violett und blau schimmernden +Wasser krochen tr"ag zu den Wehren und Br"ucken. Arbeiter kauerten +am Ufer und wuschen sich die Arme in der Flut. An Stangen, die +au{\s} Speichergiebeln lang hervorragten, trockneten B"undel von +Baumwolle in der Luft. Gegen"uber, hinter den D"achern, leuchtete +der weite klare Himmel mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich +mu"ste e{\s} da drau"sen im Freien sein! Und dort im Buchenwald +wie frisch! Karl holte tief Atem, um den k"ostlichen Duft der +Felder einzusaugen, der doch gar nicht bi{\s} zu ihm drang. + +Er magerte ab und sah sehr schm"achtig au{\s}. Sein Gesicht bekam +einen leidvollen Zug, der e{\s} beinahe interessant machte. Er +ward tr"age, wa{\s} gar nicht zu verwundern war, und seinen guten +Vors"atzen mehr und mehr untreu. Heute vers"aumte er die Klinik, +morgen ein Kolleg, und allm"ahlich fand er Genu"s am Faulenzen und +ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe +und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer +schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen +auf einem Marmortische zu klappern, da{\s} d"unkte ihn der +h"ochste Grad von Freiheit zu sein, und da{\s} st"arkte ihm sein +Selbstbewu"stsein. E{\s} war ihm da{\s} so etwa{\s} wie der Anfang +eine{\s} weltm"annischen Leben{\s}, diese{\s} Kosten verbotener +Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu +sinnlichem Vergn"ugen auf die T"urklinke. Eine Menge Dinge, die +bi{\s} dahin in ihm unterdr"uckt worden waren, gewannen nunmehr +Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer au{\s}wendig, die er +gelegentlich zum besten gab. B\'eranger, der Freiheit{\s}s"anger, +begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter +Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er +im medizinischen Staat{\s}examen gl"anzend durch. + +Man erwartete ihn am n"amlichen Abend zu Hau{\s}, wo sein Erfolg +bei einem Schmau{\s} gefeiert werden sollte. Er machte sich zu +Fu"s auf den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort +lie"s er seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr +alle{\s}. Sie entschuldigte ihn, schob den Mi"serfolg der +Ungerechtigkeit der Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn +ein wenig auf, indem sie ihm versprach, die Sache in{\s} Lot zu +bringen. Erst volle f"unf Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die +Wahrheit. Da war die Geschichte verj"ahrt, und so f"ugte er sich +drein. "Ubrigen{\s} h"atte er e{\s} niemal{\s} zugegeben, da"s +sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei. + +Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich +hart\-n"ackigst auf eine nochmalige Pr"ufung vor. Alle{\s}, wa{\s} +er gefragt werden konnte, lernte er einfach au{\s}wendig. In der +Tat bestand er da{\s} Examen nunmehr mit einer ziemlich guten +Note. Seine Mutter erlebte einen Freudentag. E{\s} fand ein +gro"se{\s} Festmahl statt. + +Wo sollte er seine "arztliche Praxi{\s} nun au{\s}"uben? In +Toste{\s}. Dort gab e{\s} nur einen und zwar sehr alten Arzt. +Mutter Bovary wartete schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum +hatte der alte Herr da{\s} Zeitliche gesegnet, da lie"s sich Karl +Bovary auch bereit{\s} al{\s} sein Nachfolger daselbst nieder. + +Aber nicht genug, da"s die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin +studieren lassen und ihm eine Praxi{\s} au{\s}findig gemacht +hatte: nun mu"ste er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der +Witwe de{\s} Gericht{\s}vollzieher{\s} von Dieppe, die neben +f"unfundvierzig J"ahrlein zw"olfhundert Franken Rente ihr eigen +nannte. Obgleich sie h"a"slich war, d"urr wie eine Hopfenstange +und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum Bl"uten hatte, +fehlte e{\s} der Witwe Dubuc keine{\s}weg{\s} an Bewerbern. Um zu +ihrem Ziele zu gelangen, mu"ste Mutter Bovary erst alle diese +Nebenbuhler au{\s} dem Felde schlagen, wa{\s} sie sehr geschickt +fertig brachte. Sie triumphierte sogar "uber einen +Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit +unterst"utzt wurde. + +Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich +dadurch g"unstiger zu stellen. Er hoffte, pers"onlich wie +pekuni"ar unabh"angiger zu werden. Aber Heloise nahm die Z"ugel in +ihre H"ande. Sie drillte ihm ein, wa{\s} er vor den Leuten zu +sagen habe und wa{\s} nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er +durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten, +die nicht bezahlten, mu"ste er auf ihren Befehl hin kujonieren. +Sie erbrach seine Briefe, "uberwachte jeden Schritt, den er tat, +und horchte an der T"ure, wenn weibliche Wesen in seiner +Sprechstunde waren. Jeden Morgen mu"ste sie ihre Schokolade haben, +und die R"ucksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende. +Unaufh"orlich klagte sie "uber Migr"ane, Brustschmerzen oder +Verdauung{\s}st"orungen. Wenn viel Leute durch den Hau{\s}flur +liefen, ging e{\s} ihr auf die Nerven. War Karl au{\s}w"art{\s}, +dann fand sie die Einsamkeit gr"a"slich; kehrte er heim, so war +e{\s} zweifello{\s} blo"s, weil er gedacht habe, sie liege im +Sterben. Wenn er nacht{\s} in da{\s} Schlafzimmer kam, streckte +sie ihm ihre mageren langen Arme au{\s} ihren Decken entgegen, +umschlang seinen Hal{\s} und zog ihn auf den Rand ihre{\s} +Bette{\s}. Und nun ging die Jeremiade lo{\s}. Er vernachl"assige +sie, er liebe eine andre! Man habe e{\s} ihr ja gleich gesagt, +diese Heirat sei ihr Ungl"uck. Schlie"slich bat sie ihn um einen +L"offel Arznei, damit sie gesund werde, und um ein bi"schen mehr +Liebe. + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Einmal nacht{\s} gegen elf Uhr wurde da{\s} Ehepaar durch da{\s} +Getrappel eine{\s} Pferde{\s} geweckt, da{\s} gerade vor der +Haust"ure zum Stehen kam. Anastasia, da{\s} Dienstm"adchen, +klappte ihr Bodenfenster auf und verhandelte eine Weile mit einem +Manne, der unten auf der Stra"se stand. Er wolle den Arzt holen. +Er habe einen Brief an ihn. + +Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel +auf, einen und dann den andern. Der Bote lie"s sein Pferd stehen, +folgte dem M"adchen und betrat ohne weitere{\s} da{\s} +Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen K"appi, an dem eine graue +Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, +und "uberreicht ihn dem Arzt mit h"oflicher Geb"arde. Der richtete +sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht +daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich +versch"amt der Wand zu und zeigte den R"ucken. + +In dem Briefe, den ein niedliche{\s} blaue{\s} Siegel verschlo"s, +wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverz"uglich nach dem +Pachtgut Le{\s} Bertaux zu kommen, ein gebrochene{\s} Bein zu +behandeln. Nun braucht man von Toste{\s} "uber Longueville und +Sankt Victor bi{\s} Bertaux zu Fu"s sech{\s} gute Stunden. Die +Nacht war stockfinster. Frau Bovary sprach die Bef"urchtung +au{\s}, e{\s} k"onne ihrem Manne etwa{\s} zusto"sen. Infolgedessen +ward beschlossen, da"s der Stallknecht vorau{\s}reiten, Karl aber +erst drei Stunden sp"ater, nach Mondaufgang, folgen solle. Man +w"urde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute +zeige und ihm den Hof aufschl"osse. + +Fr"uh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel +geh"ullt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen +"uberlie"s er sich dem Zotteltrab seine{\s} Gaule{\s}. Wenn dieser +von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hinderni{\s} zum +Halten parierte, wurde der Reiter jede{\s}mal wach, erinnerte sich +de{\s} gebrochnen Beine{\s} und begann in seinem Ged"achtnisse +alle{\s} au{\s}zukramen, wa{\s} er von Knochenbr"uchen wu"ste. + +Der Regen h"orte auf. E{\s} d"ammerte. Auf den laublosen "Asten +der Apfelb"aume hockten regung{\s}lose V"ogel, da{\s} Gefieder ob +de{\s} k"uhlen Morgenwinde{\s} gestr"aubt. So weit da{\s} Auge +sah, dehnte sich flache{\s} Land. Auf dieser endlosen grauen +Fl"ache hoben sich hie und da in gro"sen Zwischenr"aumen +tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit de{\s} Himmel{\s} +tr"uben Farben zusammenflossen; da{\s} waren Baumgruppen um G"uter +und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit ri"s Karl seine Augen auf, +bi{\s} ihn die M"udigkeit von neuem "uberw"altigte und der Schlaf +von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand, in +dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so +da"s er ein Doppelleben f"uhrte. Er war noch Student und +gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im n"amlichen Moment glaubte +er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den +Operation{\s}saal zu schreiten. Der Geruch von hei"sen Umschl"agen +mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte de{\s} +Morgentau{\s}. Dazu h"orte er, wie die Messingringe an den Stangen +der Bettvorh"ange klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete~... + +Al{\s} er durch da{\s} Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen +Jungen, der am Rande de{\s} Stra"sengraben{\s} im Grase sa"s. + +"`Sind Sie der Herr Doktor?"' + +Al{\s} Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine +Holzpantoffeln in die H"ande und begann vor dem Pferde +herzurennen. Unterweg{\s} h"orte Bovary au{\s} den Reden seine{\s} +F"uhrer{\s} herau{\s}, da"s Herr Rouault, der Patient, der ihn +erwartete, einer der wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich +am vergangenen Abend auf dem Heimwege von einem Nachbar, wo man +da{\s} Dreik"onig{\s}fest gefeiert hatte, ein Bein gebrochen. +Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz allein mit +"`dem gn"adigen Fr"aulein"', da{\s} ihm den Hau{\s}halt f"uhrte. + +Die Radfurchen wurden tiefer. Man n"aherte sich dem Gute. +Pl"otzlich verschwand der Junge in der L"ucke einer Gartenhecke, +um hinter der Mauer eine{\s} Vorhofe{\s} wieder aufzutauchen, wo +er ein gro"se{\s} Tor "offnete. Da{\s} Pferd trat in nasse{\s} +rutschige{\s} Gra{\s}, und Karl mu"ste sich ducken, um nicht vom +Baumgezweig au{\s} dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren +au{\s} ihren H"utten, schlugen an und rasselten an den Ketten. +Al{\s} der Arzt in den eigentlichen Gut{\s}hof einritt, scheute +der Gaul und machte einen gro"sen Satz zur Seite. + +Da{\s} Pachtgut Bertaux war ein ansehnliche{\s} Besitztum. Durch +die offenstehenden T"uren konnte man in die St"alle blicken, wo +kr"aftige Ackerg"aule gem"achlich au{\s} blanken Raufen ihr Heu +kauten. L"ang{\s} der Wirtschaft{\s}geb"aude zog sich ein +dampfender Misthaufen hin. Unter den H"uhnern und Truth"ahnen +machten sich f"unf bi{\s} sech{\s} Pfauen mausig, der Stolz der +G"uter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch und +ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei gro"se +Leiterwagen und vier Pfl"uge, dazu die n"otigen Pferdegeschirre, +Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilach{\s} au{\s} Schafwolle +hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornb"oden +heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwa{\s} +anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe B"aume bepflanzt. +Vom T"umpel her erscholl da{\s} fr"ohliche Geschnatter der G"anse. + +An der Schwelle de{\s} Hause{\s} erschien ein junge{\s} +Frauenzimmer in einem mit drei Volant{\s} besetzten blauen +Merinokleide und begr"u"ste den Arzt. Er wurde nach der K"uche +gef"uhrt, wo ein t"uchtige{\s} Feuer brannte. Auf dem Herde kochte +in kleinen T"opfen von verschiedener Form da{\s} Fr"uhst"uck +de{\s} Gesinde{\s}. Oben im Rauchfang hingen na"sgewordene +Kleidung{\s}st"ucke zum Trocknen. Kohlenschaufel, Feuerzange und +Blasebalg, alle miteinander von riesiger Gr"o"se, funkelten wie +von blankem Stahl, w"ahrend l"ang{\s} der W"ande eine Unmenge +K"uchenger"at hing, "uber dem die helle Herdflamme um die Wette +mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden +Morgensonne spielte und glitzerte. + +Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. +Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine +Nachtm"utze hatte er in die Stube geschleudert. E{\s} war ein +st"ammiger kleiner Mann, ein F"unfziger, mit wei"sem Haar, blauen +Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem +Stuhle stand eine gro"se Karaffe voll Branntwein, au{\s} der er +sich von Zeit zu Zeit ein Gl"a{\s}chen einschenkte, um "`Mumm in +die Knochen zu kriegen"'. Angesicht{\s} de{\s} Arzte{\s} legte +sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern -- wa{\s} er +seit zw"olf Stunden getan hatte -- fing er nunmehr an zu "achzen +und zu st"ohnen. + +Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl h"atte sich +einen leichteren Fall nicht zu w"unschen gewagt. Al{\s}bald +erinnerte er sich der Al"l"uren, die seine Lehrmeister an den +Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem +Patienten ein reichliche{\s} Ma"s der "ublichen guten Worte, +jene{\s} Chirurgenbalsam{\s}, der an da{\s} "Ol gemahnt, mit dem +die Seziermesser eingefettet werden. Er lie"s sich au{\s} dem +Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu +bekommen. Von den gebrachten St"ucken w"ahlte er ein{\s} au{\s}, +schnitt die Schienen darau{\s} zurecht und gl"attete sie mit einer +Gla{\s}scherbe. W"ahrenddem stellte die Magd Leinwandbinden her, +und Fr"aulein Emma, die Tochter de{\s} Hause{\s}, versuchte +Polster anzufertigen. Al{\s} sie ihren N"ahkasten nicht gleich +fand, polterte der Vater lo{\s}. Sie sagte kein Wort. Aber beim +N"ahen stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog +da{\s} Blut au{\s}. + +Karl war erstaunt, wa{\s} f"ur blendendwei"se N"agel sie hatte. +Sie waren mandelf"ormig geschnitten und sorglich gepflegt, und so +schimmerten sie wie da{\s} feinste Elfenbein. Ihre H"ande freilich +waren nicht gerade sch"on, vielleicht nicht wei"s genug und ein +wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank, +nicht besonder{\s} weich und in ihren Linien ungrazi"o{\s}. Wa{\s} +jedoch sch"on an ihr war, da{\s} waren ihre Augen. Sie waren +braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz au{\s}, und +ihr offener Blick traf die Menschen mit der K"uhnheit der +Unschuld. + +Al{\s} der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich +"`einen Bissen zu essen"', ehe er wieder aufbr"ache. Karl ward in +da{\s} E"szimmer gef"uhrt, da{\s} zu ebener Erde lag. Auf einem +kleinen Tische war f"ur zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken +blinkten silberne Becher. Au{\s} dem gro"sen Eichenschranke, +gegen"uber dem Fenster, str"omte Geruch von Iri{\s} und feuchtem +Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere +S"acke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen +Platz gefunden, zu der drei Steinstufen hinauff"uhrten. In der +Mitte der Wand, deren gr"uner Anstrich sich stellenweise +abbl"atterte, hing in einem vergoldeten Rahmen eine +Bleistift\/zeichnung: der Kopf einer Minerva. In schn"orkeliger +Schrift stand darunter geschrieben. "`Meinem lieben Vater!"' + +Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken +Frost, von den W"olfen, die nacht{\s} die Umgegend unsicher +machen. Fr"aulein Rouault schw"armte gar nicht besonder{\s} von +dem Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der +Gut{\s}wirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da e{\s} im Zimmer +kalt war, fr"ostelte sie w"ahrend der ganzen Mahlzeit. Beim Essen +fielen ihre vollen Lippen etwa{\s} auf. Wenn da{\s} Gespr"ach +stockte, pflegte sie mit den Oberz"ahnen auf die Unterlippe zu +bei"sen. + +Ihr Hal{\s} wuch{\s} au{\s} einem wei"sen Umlegekragen herau{\s}. +Ihr schwarze{\s}, hinten zu einem reichen Knoten vereinte{\s} Haar +war in der Mitte gescheitelt; beide H"alften lagen so glatt auf +dem Kopfe, da"s sie wie zwei Fl"ugel au{\s} je einem St"ucke +au{\s}sahen und kaum die Ohrl"appchen blicken lie"sen. "Uber den +Schl"afen war da{\s} Haar gewellt, wa{\s} der Landarzt noch nie in +seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei +Kn"opfen ihrer Taille lugte -- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon +au{\s} Schildpatt hervor. + +Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, +trat er nochmal{\s} in da{\s} E"szimmer. Er fand Emma am Fenster +stehend, die Stirn an die Scheiben gedr"uckt. Sie schaute in den +Garten hinau{\s}, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. +Sich umwendend, fragte sie: + +"`Suchen Sie etwa{\s}?"' + +"`Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!"' + +Er fing an zu suchen, hinter den T"uren und unter den St"uhlen. +Der Stock war auf den Fu"sboden gefallen, gerade zwischen die +S"acke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Al{\s} sie sich "uber die +S"acke beugte, wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen +Arm in der n"amlichen Absicht wie sie au{\s}streckte, ber"uhrte +seine Brust den geb"uckten R"ucken de{\s} jungen M"adchen{\s}. Sie +f"uhlten e{\s} beide. Emma fuhr rasch in die H"ohe. Ganz rot +geworden, sah sie ihn "uber die Schulter weg an, indem sie ihm +seinen Reitstock reichte. + +Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt +dessen war er bereit{\s} am n"achsten Tag zur Stelle, und von da +ab kam er regelm"a"sig zweimal in der Woche, ungerechnet die +gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er +"`zuf"allig in der Gegend"' war. "Ubrigen{\s} ging alle{\s} +vorz"uglich; die Heilung verlief regelrecht, und al{\s} man nach +sech{\s} und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in +Hau{\s} und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen +Gegend den Ruf einer Kapazit"at erworben. Der alte Herr meinte, +besser h"atten ihn die ersten "Arzte von Yvetot oder selbst von +Rouen auch nicht kurieren k"onnen. + +Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern +nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch dar"uber +nachgesonnen h"atte, so w"urde er den Beweggrund seine{\s} +Eifer{\s} zweifello{\s} in die Wichtigkeit de{\s} Falle{\s} oder +vielleicht in da{\s} in Au{\s}sicht stehende hohe Honorar gelegt +haben. Waren die{\s} aber wirklich die Gr"unde, die ihm seine +Besuche de{\s} Pachthofe{\s} zu k"ostlichen Abwechselungen in dem +armseligen Einerlei seine{\s} t"atigen Leben{\s} machten? An +solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und lie"s den +Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz vor seinem +Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit Gra{\s} +zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und +so ritt er kreuzvergn"ugt in den Gut{\s}hof ein. E{\s} war ihm ein +Wonnegef"uhl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Fl"ugel +de{\s} Hoftore{\s} anzureiten, den Hahn auf der Mauer kr"ahen zu +h"oren und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte die +Scheune und die St"alle; er liebte den Papa Rouault, der ihm so +treuherzig die Hand sch"uttelte und ihn seinen Leben{\s}retter +nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln de{\s} +Gut{\s}fr"aulein{\s}, die auf den immer sauber gescheuerten +Fliesen der K"uche so allerliebst schl"urften und klapperten. In +diesen Schuhen sah Emma viel gr"o"ser au{\s} denn sonst. Wenn Karl +wieder ging, gab sie ihm jede{\s}mal da{\s} Geleit bi{\s} zur +ersten Stufe der Freitreppe. War sein Pferd noch nicht +vorgef"uhrt, dann wartete sie mit. Sie hatten schon Abschied +voneinander genommen, und so sprachen sie nicht mehr. Wenn e{\s} +sehr windig war, kam ihr flaumige{\s} Haar im Nacken in wehenden +Wirrwarr, oder die Sch"urzenb"ander begannen ihr um die H"uften zu +flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der B"aume rann +Wasser in den Hof hinab, und auf den D"achern der Geb"aude schmolz +aller Schnee. Emma war bereit{\s} auf der Schwelle, da ging sie +wieder in{\s} Hau{\s}, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn +auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue Seide +und tupften tanzende Reflexe auf die wei"se Haut ihre{\s} +Gesicht{\s}. Da{\s} gab ein so warme{\s} und wohlige{\s} Gef"uhl, +da"s Emma l"achelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf da{\s} +Schirmdach, laut vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer~... + +Im Anfang hatte Frau Bovary h"aufig nach Herrn Rouault und seiner +Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, f"ur ihn in +ihrer doppelten Buchf"uhrung ein besondre{\s} Konto einzurichten. +Al{\s} sie aber vernahm, da"s er eine Tochter hatte, zog sie +n"ahere Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, da"s Fr"aulein +Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, +sozusagen also "`eine feine Erziehung genossen"' hatte, da"s sie +infolgedessen Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, +Sticken und Klavierspielen haben mu"ste. Da{\s} ging ihr "uber die +Hutschnur, wie man zu sagen pflegt. + +"`Also darum!"' sagte sie sich. "`Darum also lacht ihm da{\s} +ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue +Weste an, gleichg"ultig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh +diese{\s} Weib, diese{\s} Weib!"' + +Instinktiv ha"ste sie Emma. Zuerst tat sie sich eine G"ute in +allerhand Anspielungen. Karl verstand da{\s} nicht. Darauf +versuchte sie e{\s} mit anz"uglichen Bemerkungen, die er au{\s} +Angst vor einer h"au{\s}lichen Szene "uber sich ergehen lie"s. +Schlie"slich aber ging sie im Sturm vor. Karl wu"ste nicht, wa{\s} +er sagen sollte. We{\s}halb renne er denn ewig nach Bertaux, wo +doch der Alte l"angst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch +nicht berappt habe? Na freilich, weil e{\s} da "`eine Person"' +g"abe, die fein zu schwatzen verst"unde, ein Weib{\s}bild, da{\s} +sticken k"onne und weiter nicht{\s}, ein Blaustrumpf! In die sei +er verschossen! Ein Stadtd"amchen, da{\s} sei ihm ein +gefundene{\s} Fressen. + +"`Bl"odsinn!"' polterte sie weiter. "`Die Tochter de{\s} alten +Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Gro"svater hat noch +die Schafe geh"utet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den +Staat{\s}anwalt gekommen, weil er bei einem Streite jemanden +halbtot gedroschen hat! So wa{\s} hat gar keinen Anla"s, sich +wa{\s} Besonder{\s} einzubilden und Sonntag{\s} aufgedonnert in +die Kirche zu schw"anzeln, in seidnen Kleidern wie eine +Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen +Jahre die Rap{\s}ernte nicht so unversch"amt gut au{\s}gefallen +w"are, h"atte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen +k"onnen!"' + +Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux +ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tr"anen und K"ussen +und unter tausend Z"artlichkeiten auf ihr Me"sbuch schw"oren +lassen, nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner +heimlichen Sehnsucht war er k"uhner; da war er emp"ort "uber seine +tats"achliche eigne Feigheit. Und in naivem Machiavelli{\s}mu{\s} +sagte er sich, gerade ob diese{\s} Verbot{\s} habe er ein Recht +auf seine Liebe. Wa{\s} war die ehemalige Witwe auch f"ur ein +Weib: sie war spindeld"urr und hatte h"a"sliche Z"ahne; Sommer wie +Winter trug sie denselben schwarzen Schal mit dem "uber den +R"ucken herabh"angenden langen Zipfel; ihre steife Figur stak in +den immer zu kurzen Kleidern wie in einem Futteral, und wa{\s} +f"ur plumpe Schuhe trug sie "uber ihren grauen Str"umpfen. + +Karl{\s} Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde e{\s} +noch schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Da{\s} +viele Essen bek"ame ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer +gleich ein Gla{\s} Wein vorsetze? Und e{\s} sei blo"s +Dickk"opfigkeit von ihm, keine Flanellw"asche zu tragen. + +Zu Beginn de{\s} Fr"uhling{\s} begab e{\s} sich, da"s der +Verm"ogen{\s}verwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in +Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern "uber{\s} Meer +da{\s} Weite suchte. Nun besa"s sie allerding{\s} au"serdem einen +Schiff{\s}anteil in der H"ohe von sechstausend Franken und ein +Hau{\s} in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen +Besitzt"umern hatte man nie etwa{\s} Ordentliche{\s} zu sehen +bekommen. Die Witwe hatte nicht{\s} mit in die Ehe gebracht al{\s} +ein paar M"obel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache +auf den Grund, und da stellte sich denn herau{\s}, da"s +besagte{\s} Hau{\s} bi{\s} an die Feueresse mit Hypotheken +belastet, da"s kein Mensch wu"ste, wieviel Geld wirklich mit dem +Notar zum Teufel gegangen, und da"s die Schiff{\s}hypothek keine +tausend Taler wert war. Folglich hatte die liebe Frau Heloise +geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary einen Stuhl gegen +die Wand, da"s er in tausend St"ucke ging, und machte seiner Frau +den Vorwurf, sie habe den Jungen in da{\s} Ungl"uck gest"urzt und +ihn mit einer alten Kracke eingespannt, die de{\s} Futter{\s} +nicht einmal mehr wert sei. + +Sie fuhren nach Toste{\s}. E{\s} kam zu einer Au{\s}einandersetzung +und zu heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme +ihre{\s} Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegen"uber in +Schutz zu nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. +Aber da{\s} nahmen ihm die Alten "ubel. Sie reisten ab. + +Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage +darnach, al{\s} sie dabei war, W"asche im Hofe aufzuh"angen, bekam +sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot. + +Al{\s} Karl vom Friedhofe zur"uckkam, fand er im Erdgescho"s +keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in da{\s} +Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisen{\s}, +der am Bette hing. Er lehnte sich gegen da{\s} Schreibpult und +blieb da hocken, bi{\s} e{\s} dunkel wurde, in schmerzliche +Tr"aumereien versunken. Alle{\s} in allem hatte sie ihn doch +geliebt~... + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Eine{\s} Vormittag{\s} erschien Vater Rouault und brachte da{\s} +Honorar f"ur den behandelten Beinbruch: f"unfundsiebzig Franken in +blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karl{\s} Ungl"uck +erfahren und tr"ostete ihn, so gut er konnte. + +"`Ich wei"s, wie einem da zumute ist!"' sagte er, indem er dem +Witwer auf die Schulter klopfte. "`Hab{\s} ja selber mal +durchgemacht, ganz so wie Sie! Al{\s} ich meine Selige begraben +hatte, da lief ich hinau{\s} in{\s} Freie, um allein f"ur mich zu +sein. Ich warf mich im Walde hin und weinte mich au{\s}. Fing an, +mit dem lieben Gott zu hadern, und machte ihm die d"ummsten +Vorw"urfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf +h"angen, dem der Bauch von W"urmern wimmelte. Ich beneidete den +Kadaver! Und wenn ich daran dachte, da"s im selben Augenblicke +andre M"anner mit ihren netten kleinen Frauen zusammen waren und +sie an sich dr"uckten, schlug ich mit meinem Stocke wild um mich. +E{\s} war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit mir. Ich a"s nicht +mehr. Der blo"se Gedanke, in ein Kaffeehau{\s} zu gehn, ekelte +mich an. Glauben Sie mir da{\s}! Na, und so nach und nach im Gang +der Zeiten, wie so der Fr"uhling dem Winter und der Herbst dem +Sommer folgte, da ging{\s} ein{\s}, zwei, drei, und weg war der +Jammer! Weg! Hinunter! Da{\s} ist da{\s} richtige Wort: hinunter! +Denn ganz kriegt man ja so wa{\s} im ganzen Leben nicht lo{\s}. Da +tief drinnen in der Brust bleibt immer wa{\s} stecken. Aber Luft +kriegt man wieder! Sehen Sie, da{\s} ist nun einmal unser aller +Schicksal, und de{\s}halb darf man nicht gleich die Flinte in{\s} +Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben +sind. Auch Sie m"ussen sich aufrappeln, Herr Bovary! E{\s} geht +alle{\s} vor"uber! Besuchen Sie un{\s}! Sie wissen ja, meine Emma +denkt oft an Sie. Sie h"atten un{\s} vergessen, meint sie. E{\s} +wird nun Fr"uhling. Zerstreuen Sie sich ein bi"schen bei un{\s}. +Schie"sen Sie ein paar Karnickel auf meinem Revier!"' + +Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da +alle{\s} wie einst, da{\s} hei"st wie vor f"unf Monaten. Die +Birnb"aume hatten schon Bl"uten, und der treffliche Vater Rouault +war wieder mord{\s}gesund und von fr"uh bi{\s} abend auf den +Beinen. Und im ganzen Gut war m"achtiger Betrieb. + +E{\s} war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten +R"ucksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sich{\s} so +bequem wie nur m"oglich zu machen, sprach im Fl"ustertone mit ihm +wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich au"ser sich, wenn +man de{\s} Gaste{\s} wegen nicht, wie befohlen, die +leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel +feine Eierspeisen oder ged"unstete Birnen. Er erz"ahlte Anekdoten +und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir +einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. +Der Kaffee ward gebracht, und da verga"s er sie wieder. + +Je mehr er sich an sein Witwertum gew"ohnte, um so weniger +gedachte er der Verstorbenen. Da{\s} angenehme, ihm neue +Bewu"stsein, unabh"angig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald +ertr"aglicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber +bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft dar"uber +geben zu m"ussen, und wenn er m"ude war, alle vier von sich +strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er hegte und +pflegte sich und lie"s alle Tr"ostungen "uber sich ergehen. +"Ubrigen{\s} hatte der Tod seiner Frau keine ung"unstige Wirkung +auf seinen Beruf al{\s} Arzt. Indem man wochenlang in einem fort +sagte: "`Der arme Doktor. Wie traurig!"' blieb sein Name im Munde +der Leute. Seine Praxi{\s} vergr"o"serte sich. Und dann konnte er +nun nach Bertaux reiten, wann e{\s} ihm beliebte. Eine +unbestimmbare Sehnsucht wuch{\s} in ihm auf, ein namenlose{\s} +Gl"uck{\s}gef"uhl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich +den Bart strich, fand er sich gar nicht "ubel. + +Eine{\s} sch"onen Tage{\s} kam er nachmittag{\s} gegen drei Uhr im +Gute angeritten. Alle{\s} war drau"sen auf dem Felde. Er betrat +die K"uche. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zun"achst +nicht. Die Fensterl"aden waren geschlossen. Durch die Ritzen +de{\s} Holze{\s} stachen die Sonnenstrahlen mit langen d"unnen +Nadeln auf die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der +M"obel ent\/zwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem +K"uchentische krabbelten Fliegen an den Gl"asern hinauf, purzelten +summend in die Apfelweinneigen und ertranken. Da{\s} Sonnenlicht, +da{\s} durch den Kamin eindrang, verwandelte die ru"sige +Herdplatte in eine Samtfl"ache und f"arbte den Aschehaufen blau. +Emma sa"s zwischen dem Fenster und dem Herd und n"ahte. Sie hatte +kein Hal{\s}tuch um, und auf ihren entbl"o"sten Schultern +gl"anzten kleine Schwei"sperlen. + +Nach l"andlichem Brauch bot sie dem Ank"ommling einen Trunk an. +Al{\s} er ihn au{\s}schlug, n"otigte sie ihn, und schlie"slich bat +sie ihn lachend, ein Gl"a{\s}chen Lik"or mit ihr zu trinken. Sie +holte au{\s} dem Schranke eine Flasche Cura\c{c}ao, suchte zwei +Gl"aser herau{\s}, f"ullte da{\s} eine bi{\s} zum Rande und go"s +in da{\s} andre ein paar Tropfen. Sie stie"s mit Karl an und +f"uhrte dann ihr Gla{\s} zum Munde. Da soviel wie nicht{\s} drin +war, mu"ste sie sich beim Trinken zur"uckbiegen. Den Kopf nach +hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hal{\s} gestrafft, so +stand sie da und lachte dar"uber, da"s ihr nicht{\s} auf die Zunge +lief, obgleich diese mit der Spitze au{\s} den feinen Z"ahnen +herau{\s}spazierte und bi{\s} an den Boden de{\s} Glase{\s} +mehreremal{\s} suchend vorstie"s. + +Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit +zu widmen. Ein wei"ser baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit +gesenkter Stirn sa"s sie da. Sie sagte nicht{\s} und Karl erst +recht nicht{\s}. Der Luft\/zug, der sich zwischen T"ur und Schwelle +eindr"angte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl +sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei h"orte er nicht{\s} al{\s} +da{\s} H"ammern seine{\s} Blute{\s} im eignen Hirne und au{\s} der +Ferne da{\s} Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei +gelegt hatte. Hin und wieder hielt Emma die Handfl"achen ihrer +H"ande auf den kalten Knauf der Herdstange und pre"ste sie dann an +ihre Wangen, um diese zu k"uhlen. + +Sie klagte "uber die Schwindelanf"alle, von denen sie seit +Fr"uhjahr{\s}anfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl +Seeb"ader dienlich w"aren. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt +im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in +ein Gespr"ach. Sie f"uhrte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre +Notenhefte von damal{\s} und die niedlichen B"ucher, die sie +al{\s} Schulpr"amien bekommen hatte, und die Eichenlaubkr"anze, +die im untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erz"ahlte +sie von ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im +Garten da{\s} Beet, wo die Blumen w"uchsen, die sie der Toten +jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der G"artner, den sie +hatten, verst"unde nicht{\s}. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr +Wunsch w"are e{\s}, wenigsten{\s} w"ahrend der Wintermonate in der +Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder, an den langen +Sommertagen sei da{\s} Leben auf dem Lande noch langweiliger. Und +je nachdem, wa{\s} sie sagte, klang ihre Stimme hell oder scharf; +oder sie nahm pl"otzlich einen matten Ton an, und wenn sie wie mit +sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz ander{\s}, wie +fl"usternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte gro"se +unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider zur +H"alfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahm{\s}lo{\s} und +traumverloren au{\s}. + +Abend{\s} auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alle{\s}, wa{\s} +sie geredet hatte, bi{\s} in{\s} einzelne, und versuchte den +vollen Sinn ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine +Vorstellung von der Existenz schaffen, die Emma gef"uhrt, ehe er +sie kennen gelernt hatte. Aber e{\s} gelang ihm nicht, sie in +seinen Gedanken ander{\s} zu erschauen al{\s} so, wie sie +au{\s}gesehen hatte, al{\s} er sie zum ersten Male erblickt, oder +so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte er sich, +wie e{\s} wohl w"urde, wenn sie sich verheiratete, aber mit wem? +Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so sch"on! + +Und immer wieder sah er Emma{\s} Gesicht vor seinen geistigen +Augen, und eine Art eint"onige Melodie summte ihm durch die Ohren +wie da{\s} Surren eine{\s} Kreisel{\s}: "`Emma, wenn du dich +verheiratetest! Wenn du dich nun verheiratetest!"' In der Nacht +konnte er keinen Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie +zugeschn"urt. Er versp"urte Durst, stand auf, trank ein Gla{\s} +Wasser und machte da{\s} Fenster auf. Der Himmel stand voller +Sterne. Der laue Nachtwind strich in da{\s} Zimmer. Fern bellten +Hunde. Er wandte den Blick in die R"otung nach Bertaux. + +Endlich kam er auf den Gedanken, da"s e{\s} den Hal{\s} nicht +kosten k"onne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten +Gelegenheit um Emma{\s} Hand zu bitten. Aber sooft sich diese +Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte +nicht "uber die Lippen. Vater Rouault h"atte l"angst nicht{\s} +dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt h"atte. Im +Grunde n"utzte sie ihm in Hau{\s} und Hof nicht viel. Er machte +ihr keinen Vorwurf darau{\s}: sie war eben f"ur die Landwirtschaft +zu geweckt. "`Ein gottverdammte{\s} Gewerbe!"' pflegte er zu +schimpfen. "`Da{\s} hat auch noch keinen zum Million"ar gemacht!"' +Ihm hatte e{\s} in der Tat keine Reicht"umer gebracht; im +Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch auf den +M"arkten zu seinem Stolz al{\s} gerissener Kerl bekannt war, so +war er eigentlich doch f"ur Ackerbau und Viehzucht durchau{\s} +nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht +gern die H"ande au{\s} den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe +war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen +warmen Ofen und au{\s}giebigen Schlaf. Ein gute{\s} Gla{\s} +Landwein, ein halb durchgebratene{\s} Hammelkotelett und ein +T"a"schen Mokka mit Kognak geh"orten zu den Idealen seine{\s} +Leben{\s}. Er nahm seine Mahlzeiten in der K"uche ein und zwar +allein f"ur sich, in der N"ahe de{\s} Herdfeuer{\s} an einem +kleinen Tische, der ihm -- wie auf der B"uhne -- fix und fertig +gedeckt hereingebracht werden mu"ste. + +Al{\s} er die Entdeckung machte, da"s Karl einen roten Kopf bekam, +wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, da"s fr"uher oder +sp"ater ein Heirat{\s}antrag zu erwarten war. Alsobald "uberlegte +er sich die Geschichte. Besonder{\s} schneidig sah ja Karl Bovary +nicht gerade au{\s}, und Rouault hatte sich ehedem seinen +k"unftigen Schwiegersohn ein bi"schen ander{\s} gedacht, aber er +war doch al{\s} anst"andiger Kerl bekannt, sparsam und t"uchtig in +seinem Berufe. Und zweifello{\s} w"urde er wegen der Mitgift nicht +lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge gro"ser +Au{\s}gaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er sich +gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu +verkaufen. Die Kelter mu"ste auch erneuert werden. Und so sagte er +sich: "`Wenn er um Emma anh"alt, soll er sie kriegen!"' + +Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag +und Stunde auf Stunde, ohne da"s Karl{\s} Wille zur Tat ward. +Rouault gab ihm ein kleine{\s} St"uck Weg{\s} da{\s} Geleite; am +Ende de{\s} Hohlweg{\s} vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem +Gaste zu verabschieden. Da{\s} war also der Moment! Karl nahm sich +noch Zeit bi{\s} zuallerletzt. Erst al{\s} die Hecke hinter ihnen +lag, stotterte er lo{\s}: + +"`Verehrter Herr Rouault, ich m"ochte Ihnen gern etwa{\s} sagen!"' + +Weiter brachte er nicht{\s} herau{\s}. Die beiden M"anner blieben +stehen. + +"`Na, rau{\s} mit der Sprache! Ich kann mir{\s} schon denken!"' +Rouault lachte gem"utlich. + +"`Vater Rouault! Vater Rouault!"' stammelte Karl. + +"`Meinen Segen sollen Sie haben!"' fuhr der Gut{\s}p"achter fort. +"`Meine Kleine denkt gewi"s nicht ander{\s} al{\s} ich, aber +gefragt werden mu"s sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde +sie gleich mal in{\s} Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- +wohlverstanden! -- brauchen Sie jedoch nicht umzukehren. Wegen der +Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein bi"schen beruhigen +soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut schwitzen, will ich Ihnen +ein Zeichen geben: ich werde einen Fensterladen gegen die Mauer +klappen lassen. Wenn Sie da oben "uber die Hecke gucken, k"onnen +Sie da{\s} ungesehen beobachten!"' + +Damit ging er. + +Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die B"oschung +hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand. +Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ... +Da gab e{\s} mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der +Laden blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile. + +Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde +"uber und "uber rot, al{\s} sie ihn sah. Sie l"achelte gezwungen +ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen +k"unftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der gesch"aftlichen +Punkte wurde verschoben. "Ubrigen{\s} war noch viel Zeit dazu, da +die Hochzeit anstand{\s}halber vor Ablauf von Karl{\s} Trauerjahr +nicht stattfinden konnte, da{\s} hie"s, nicht vor dem n"achsten +Fr"uhjahr. + +In dieser Erwartung verging der Winter. Fr"aulein Rouault +besch"aftigte sich mit ihrer Au{\s}steuer. Ein Teil davon wurde in +Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, +die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte +da{\s} Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeit{\s}feier. +E{\s} wurde "uberlegt, in welchem Raume da{\s} Festmahl +stattfinden, wieviel Platten und Sch"usseln auf die Tafel kommen +und wa{\s} f"ur Vorspeisen e{\s} geben solle. + +Am liebsten h"atte e{\s} Emma gehabt, wenn die Trauung auf +nacht{\s} zw"olf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden w"are; +aber f"ur solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verst"andni{\s}. +Man einigte sich also auf eine Hochzeit{\s}feier, zu der +dreiundvierzig G"aste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte +man bei Tisch sitzen bleiben. Am n"achsten Tage und an den +folgenden sollte e{\s} so weitergehen. + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Die Hochzeit{\s}g"aste stellten sich p"unktlich ein, in Kutschen, +Landauern, Einsp"annern, Gig{\s}, Kremsern mit Ledervorh"angen, in +allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Da{\s} junge +Volk au{\s} den n"achsten Nachbard"orfern kam t"uchtig +durchger"uttelt im Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in +einer Reihe stehend, die H"ande an den Seitenstangen, um nicht +umzufallen. Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, au{\s} +Goderville, Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien +waren samt und sonder{\s} geladen. Freunde, mit denen man +unein{\s} gewesen, vers"ohnte man, und e{\s} war an Bekannte +geschrieben worden, von denen man wer wei"s wie lange nicht{\s} +geh"ort hatte. + +Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall. +Eine Weile sp"ater erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging +e{\s} bi{\s} zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. +Die Insassen stiegen nach beiden Seiten au{\s}. Man rieb sich die +Knie und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, +trugen st"adtische Kleider, goldne Uhrketten, Umh"ange mit langen +Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder +Schal{\s}, die mit einer Nadel auf dem R"ucken festgesteckt waren, +damit sie hinten den Hal{\s} frei lie"sen. Die Knaben, genau so +angezogen wie ihre V"ater, f"uhlten sich in ihren R"ocken +sichtlich unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten +Male richtige Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- +bi{\s} sechzehnj"ahrige M"adchen, offenbar ihre Basen oder +"alteren Schwestern, in ihren wei"sen Firmelkleidern, die man zur +Feier de{\s} Tage{\s} um ein St"uck l"anger gemacht hatte, alle +mit roten versch"amten Gesichtern und pomadisiertem Haar, voller +Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht Knechte +genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen, +streiften die Herren die Rock"armel hoch und stellten ihre Pferde +eigenh"andig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren sie +in Fr"acken, R"ocken oder Jackett{\s} erschienen. Manche in +ehrw"urdigen Bratenr"ocken, die nur bei ganz besonderen +Festlichkeiten feierlich au{\s} dem Schranke geholt wurden; ihre +langen Sch"o"se flatterten im Winde, die Kragen daran sahen au{\s} +wie Hal{\s}panzer, und die Taschen hatten den Umfang von S"acken. +E{\s} waren auch Jacken au{\s} derbem Tuch zum Vorschein gekommen, +meist im Verein mit messingumr"anderten M"utzen; fernerhin ganz +kurze R"ocke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden gro"sen +Kn"opfen hinten in der Taille und mit Sch"o"sen, die so +au{\s}schauten, al{\s} habe sie der Zimmermann mit einem Beile +au{\s} dem Ganzen herau{\s}gehackt. Ein paar (einige wenige) +G"aste -- und da{\s} waren solche, die dann an der Festtafel +gewi"s am alleruntersten Ende zu sitzen kamen -- trugen nur +Sonntag{\s}blusen mit breitem Umlegekragen und R"uckenfalten unter +dem G"urtel. + +Die steifen Hemden w"olbten sich "uber den Br"usten wie K"urasse. +Durchweg hatte man sich unl"angst da{\s} Haar schneiden lassen (um +so mehr standen die Ohren von den Sch"adeln ab!), und alle waren +ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden +waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und +hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder +hatten am Kinn L"ocher in der Haut bekommen, gro"s wie +Talerst"ucke. Unterweg{\s} hatten sich diese Wunden in der +frischen Morgenluft ger"otet, und so leuchteten auf den breiten +blassen Bauerngesichtern gro"se rote Flecke. + +Da{\s} Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. +Man begab sich zu Fu"s dahin und ebenso zur"uck, nachdem die +Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeit{\s}zug +war anfang{\s} wohlgeordnet gewesen. Wie ein bunte{\s} Band hatte +er sich durch die gr"unen Felder geschl"angelt. Aber bald lockerte +er sich und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die +letzten plaudernd versp"ateten. Ganz vorn schritt ein Spielmann +mit einer buntbeb"anderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, +darauf die Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde +und zuletzt die Kinder, die sich damit vergn"ugten, "Ahren au{\s} +den Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn e{\s} niemand +sah. Emma{\s} Kleid, da{\s} etwa{\s} zu lang war, schleppte ein +wenig auf der Erde hin. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den +Rock aufzuraffen. Dabei la{\s} sie behutsam mit ihren +behandschuhten H"anden die kleinen stacheligen Distelbl"atter ab, +die an ihrem Kleide h"angen geblieben waren. W"ahrenddem stand +Karl mit leeren H"anden da und wartete, bi{\s} sie fertig war. +Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und einen schwarzen +Rock, dessen "Armel ihm bi{\s} an die Fingern"agel reichten. Am +Arm f"uhrte er Frau Bovary senior. Der alte Herr Bovary, der im +Grunde seine{\s} Herzen{\s} die ganze Sippschaft um sich herum +verachtete, war einfach in einem uniform"ahnlichen einreihigen +Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge blonde B"auerin, +die er mir derben Galanterien traktierte. Sie h"orte ihm +respektvoll zu, wu"ste aber in ihrer Verlegenheit gar nicht, +wa{\s} sie sagen sollte. Die "ubrigen G"aste sprachen von ihren +Gesch"aften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele +Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, h"orte in einem fort da{\s} +Tirilieren de{\s} Spielmanne{\s}, der auch im freien Felde +weitergeigte. Sooft er bemerkte, da"s die Gesellschaft weit hinter +ihm zur"uckgeblieben war, machte er Halt und sch"opfte Atem. +Umst"andlich rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit +die Saiten sch"oner quietschen sollten, und dann setzte er sich +wieder in Bewegung. Er hob und senkte den Hal{\s} seine{\s} +Instrument{\s}, um recht h"ubsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei +verscheuchte die V"ogel schon von weitem. + +Die Festtafel war unter dem Schutzdache de{\s} Wagenschuppen{\s} +aufgestellt. E{\s} prangten darauf vier Lendenbraten, sech{\s} +Sch"usseln mit H"uhnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem +Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier +Leberw"ursten in Sauerkraut, ein k"ostlich knusprig gebratene{\s} +Spanferkel. An den vier Ecken de{\s} Tische{\s} br"usteten sich +Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen +wirbelte perlender Apfelweinsekt, w"ahrend auf der Tafel +bereit{\s} alle Gl"aser im vorau{\s} bi{\s} an den Rand +vollgeschenkt waren. Gro"se Teller mit gelber Creme, die beim +leisesten Sto"s gegen den Tisch zitterte und bebte, +vervollst"andigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfl"ache +diese{\s} Dessert{\s} prangten in umschn"orkelten Monogrammen von +Zuckergu"s die Anfang{\s}buchstaben der Namen von Braut und +Br"autigam. F"ur die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor +au{\s} Yvetot kommen lassen. Da die{\s} sein Deb"ut in der Gegend +war, hatte er sich ganz besondre M"uhe gegeben. Beim Nachtisch +trug er eigenh"andig ein Prunkst"uck seiner Kunst auf, da{\s} ein +allgemeine{\s} "`Ah!"' hervorrief. Der Unterbau au{\s} blauer +Pappe stellte ein von Sternen au{\s} Goldpapier "ubers"ate{\s} +Tempelchen dar, mit einem S"aulenumgang und Nischen, in denen +Statuen au{\s} Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich +ein Festung{\s}turm au{\s} Pfefferkuchen, umbaut von einer +Brustwehr au{\s} Bonbon{\s}, Mandeln, Rosinen und +Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber kr"onte "uber +einer gr"unen Landschaft au{\s} Wiesen, Felsen und Teichen mit +Nu"sschalenschiffchen darauf (alle{\s} Zuckerwerk): ein niedlicher +Amor, der sich auf einer Schaukel au{\s} Schokolade wiegte. In den +beiden kugelgeschm"uckten Schn"abeln der Schaukel steckten zwei +lebendige Rosenknospen. + +Man schmauste bi{\s} zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen +erm"udet war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte +eine Partie de{\s} in jener Gegend beliebten Pfropfenspiel{\s} mit +und setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar G"aste +schliefen gegen da{\s} Ende de{\s} Mahle{\s} ein und schnarchten +ganz laut. Aber beim Kaffee war alle{\s} wieder munter. Man sang +Lieder, vollf"uhrte allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere +Steine, scho"s Purzelb"aume, hob Schubkarren bi{\s} zur +Schulterh"ohe, erz"ahlte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte +mit den Damen. + +Vor dem Aufbruch war e{\s} kein leichte{\s} St"uck Arbeit, den +Pferden, die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, +die Kumte und Geschirre aufzulegen. Die "uberm"utigen Tiere +stiegen, bockten und schlugen au{\s}, w"ahrend die Herren und +Kutscher fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab e{\s} +auf den mondbegl"anzten Landstra"sen in Karriere "uber Stock und +Stein heimrasende Fuhrwerke. + +Die nacht"uber in Bertaux bleibenden G"aste zechten am K"uchentische +bi{\s} zum fr"uhen Morgen weiter, w"ahrend die Kinder unter den +B"anken schliefen. + +Die junge Frau hatte ihren Vater besonder{\s} gebeten, sie vor den +herk"ommlichen Sp"a"sen zu bewahren. Indessen machte sich ein +Vetter -- ein See\-fisch\-h"and\-ler, der al{\s} +Hoch\-zeit{\s}\-ge\-schenk selbstverst"andlich ein paar Seezungen +gestiftet hatte -- doch daran, einen Mund voll Wasser durch da{\s} +Schl"usselloch de{\s} Brautgemach{\s} zu spritzen. Vater Rouault +erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er +machte ihm klar, da"s sich derartige Scherze mit der W"urde +seine{\s} Schwiegersohne{\s} nicht vertr"ugen. Der Vetter lie"s +sich durch diese Einw"ande nur widerwillig von seinem Vorhaben +abbringen. In{\s}geheim hielt er den alten Rouault f"ur +aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bi{\s} +f"unf andern Unzufriedenen, die w"ahrend de{\s} Mahle{\s} bei der +Wahl der Fleischst"ucke Mi"sgriffe getan hatten. Diese +Ungl"uck{\s}menschen r"asonierten nun alle untereinander auf den +Gastgeber und w"unschten ihm ungeniert alle{\s} "Uble. + +Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag "uber au{\s} ihrer +Verbissenheit nicht herau{\s}gekommen. Man hatte sie weder bei der +Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur +Hochzeit{\s}feier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig +zur"uck. Ihrem Manne aber fiel e{\s} nicht ein, mit zu verschwinden; +er lie"s sich Zigarren holen und paffte bi{\s} zum Morgen, wozu er +Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden +unbekannt war, staunte man ihn erst recht al{\s} Wundertier an. + +Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er w"ahrend de{\s} +Feste{\s} gar keine gl"anzende Rolle gespielt. Gegen alle die +Neckereien, Sp"a"se, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und +Anulkungen, die ihm der Sitte gem"a"s bei Tische zuteil geworden +waren, hatte er sich alle{\s} andre denn schlagfertig gezeigt. Um +so m"achtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er +offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tag{\s} zuvor +sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich +v"ollig und lie"s sich nicht da{\s} geringste anmerken. Die +gr"o"sten Schandm"auler waren sprachlo{\s}; sie standen da wie vor +einem Wundertier. Karl freilich machte au{\s} seinem Gl"uck kein +Hehl. Er nannte Emma "`mein liebe{\s} Frauchen"', duzte sie, lief +ihr "uberallhin nach und zog sie mehrfach abseit{\s}, um allein +mit ihr im Hofe unter den B"aumen ein wenig zu plaudern, wobei er +den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und Hergehen +kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdr"uckte mit seinem +Kopfe ihr Hal{\s}tuch. + +Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuverm"ahlten auf. Karl +konnte seiner Patienten wegen nicht l"anger verweilen. Vater +Rouault lie"s da{\s} Ehepaar in seinem Wagen nach Hau{\s} fahren +und gab ihm pers"onlich bi{\s} Vassonville da{\s} Geleite. Beim +Abschied k"u"ste er seine Tochter noch einmal, dann stieg er +au{\s} und machte sich zu Fu"s auf den R"uckweg. + +Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem +Wagen nachzuschauen, der die sandige Stra"se dahinrollte. Dabei +seufzte er tief auf. Er dachte zur"uck an seine eigne Hochzeit, an +l"angstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner +Frau. Wie froh war er damal{\s} gewesen. Er erinnerte sich de{\s} +Tage{\s}, wo er mit ihr da{\s} Hau{\s} de{\s} Schwiegervater{\s} +verlassen hatte. Auf dem Ritt in da{\s} eigne Heim, durch den +tiefen Schnee, da hatte er seine Frau hinten auf die Kruppe +seine{\s} Pferde{\s} gesetzt. E{\s} war so um Weihnachten herum +gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit der einen Hand +hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern ihren Korb +getragen. Die langen B"ander ihre{\s} normannischen Kopfputze{\s} +hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um die Nase +geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er "uber seine Schulter +weg ganz dicht hinter sich ihr niedliche{\s} rosige{\s} Gesicht, +da{\s} unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich +hinl"achelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger +eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange +war da{\s} nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben w"are, dann +w"are er jetzt drei"sig Jahre alt! + +Er blickte sich nochmal{\s} um. Auf der Stra"se war nicht{\s} mehr +zu sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem +vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die +z"artlichen Erinnerungen mit schwerm"utigen Gedanken. Einen +Augenblick lang versp"urte er da{\s} Verlangen, den Umweg "uber +den Friedhof zu machen. Aber er f"urchtete sich davor, da"s ihn +die{\s} nur noch tr"ubseliger stimmte, und so ging er auf dem +k"urzesten Wege nach Hause. + +Karl und Emma erreichten Toste{\s} gegen sech{\s} Uhr. Die +Nachbarn st"urzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu +ersp"ahen. Die alte Magd empfing sie unter Gl"uckw"unschen und bat +um Entschuldigung, da"s da{\s} Mittagessen noch nicht ganz fertig +sei. Sie lud die gn"adige Frau ein, einstweilen ihr neue{\s} Heim +in Augenschein zu nehmen. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Die Backsteinfassade de{\s} Hause{\s} stand gerade in der +Fluchtlinie der Stra"se, genauer gesagt: der Landstra"se. In der +Hau{\s}flur, gleich an der Hau{\s}t"ure, hingen an einem Halter +ein Kragenmantel, ein Z"ugel, eine M"utze au{\s} schwarzem Leder, +und in einem Winkel auf dem Fu"sboden lagen ein paar Gamaschen, +voll von trocken gewordnem Stra"senschmutz. Rechter Hand lag die +"`Gro"se Stube"', da{\s} hei"st der Raum, in dem die Mahlzeiten +eingenommen wurden und der zugleich al{\s} Wohnzimmer diente. An +den W"anden bauschte sich allenthalben die schlecht aufgeklebte +zeisiggr"une Papiertapete, die an der Decke durch eine Girlande +von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern +"uberschnitten sich wei"se Kattunvorh"ange, die rote Borten +hatten. Auf dem schmalen Sim{\s} de{\s} Kamin{\s} funkelte eine +Stutzuhr mit dem Kopfe de{\s} Hippokrate{\s} zwischen zwei +versilberten Leuchtern, die unter ovalen Gla{\s}glocken standen. + +Auf der andern Seite der Flur lag Karl{\s} Sprechzimmer, ein +kleine{\s} Gemach, etwa sech{\s} Fu"s in der Breite. Drinnen ein +Tisch, drei St"uhle und ein Schreibtischsessel. Die sech{\s} +F"acher eine{\s} B"uchergestell{\s} au{\s} Tannenholz wurden in +der Hauptsache durch die B"ande de{\s} "`Medizinischen +Lexikon{\s}"' au{\s}gef"ullt, die unaufgeschnitten geblieben waren +und durch den mehrfachen Besitzerwechsel, den sie bereit{\s} +erlebt hatten, zerfledderte Umschl"age bekommen hatten. Durch die +d"unne Wand drang Buttergeruch au{\s} der benachbarten K"uche in +da{\s} Sprechzimmer, w"ahrend man dort h"oren konnte, wenn die +Patienten husteten und ihre langen Leiden{\s}geschichten +erz"ahlten. + +Nach dem Hofe zu, wo da{\s} Stallgeb"aude stand, lag ein +gro"se{\s} verwahrloste{\s} Gemach, ehemal{\s} Backstube, da{\s} +jetzt al{\s} Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und +vollgepfropft war mit altem Eisen, leeren F"assern, abgetanenem +Ackerger"at und einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren +einstigen Zweck man ihnen kaum mehr ansehen konnte. + +Der Garten, der mehr in die L"ange denn in die Breite ging, dehnte +sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten +begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. +Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr +darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit d"urftigen +Heckenrosen umg"urteten symmetrisch ein Mittelbeet mit +n"utzlicherem Gew"ach{\s}. Ganz am Ende de{\s} Garten{\s}, in +einer Fichtengruppe, stand eine Tonfigur: ein M"onch, in sein +Brevier vertieft. + +Emma stieg die Treppe hinauf. Da{\s} erste Zimmer oben war +"uberhaupt nicht m"obliert, aber im zweiten, der gemeinsamen +Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorh"angen ein +Himmelbett au{\s} Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit +Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster +leuchtete in einer Kristallvase ein Strau"s von Orangenbl"uten, +umwunden von einem Seidenbande: ein Hochzeit{\s}bukett, die +Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte e{\s}, +nahm den Strau"s au{\s} der Vase und trug ihn auf den Oberboden. +W"ahrenddem sa"s sie in einem Lehnstuhl. Ihr eigene{\s} +Brautbukett kam ihr in den Sinn, da{\s} in einer Schachtel +verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in da{\s} Zimmer und +baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, wa{\s} +wohl mit ihrem Strau"se gesch"ahe, wenn sie zuf"allig auch bald +st"urbe. + +In den ersten Tagen besch"aftigte sich Emma damit, sich allerlei +"Anderungen in ihrem Hause au{\s}zudenken. Sie nahm die +Gla{\s}glocken von den Leuchtern, lie"s neu tapezieren, die Treppe +streichen und B"anke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum. + +Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem +Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden k"onnte. Karl +wu"ste, da"s sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine +Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von +neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz au{\s} wie +ein Dogcart. + +So war Karl der gl"ucklichste und sorgenloseste Mensch auf der +Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der +Landstra"se, die Gesten von Emma{\s} Hand, wenn sie sich da{\s} +Band im Haar zurechtstrich, der Anblick ihre{\s} an einem +Fensterkreuze h"angenden Strohhute{\s} und noch allerhand andre +kleine Dinge, von denen er nie geglaubt h"atte, da"s sie einen +erfreuen k"onnten, all da{\s} trug dazu bei, da"s sein Gl"uck +nicht aufh"orte. Fr"uhmorgen{\s} im Bette, Seite an Seite mit ihr +auf demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch +den blonden Flaum ihrer von den Haubenb"andern halbverdeckten +Wangen huschten. So au{\s} der N"ahe kamen ihm ihre Augen viel +gr"o"ser vor, besonder{\s} beim Erwachen, wenn sich ihre Lider +mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten +sahen diese Augen schwarz au{\s} und dunkelblau am lichten Tage; +in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, w"ahrend sie sich nach +der schimmernden Oberfl"ache zu aufhellten. Sein eigene{\s} Auge +verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz +klein, bi{\s} an die Schultern, mit dem Seidentuche, da{\s} er +sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seine{\s} offen +stehenden Nachthemde{\s}. + +Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster au{\s} nach, +um ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf da{\s} +Fensterbrett gest"utzt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, da{\s} +sie leicht umflo"s, zwischen zwei Geranienst"ocken. Karl unten auf +der Stra"se schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. +Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, w"ahrenddem +sie mit ihrem Munde eine Bl"ute oder ein Bl"attchen von den +Geranien abzupfte und ihm zublie{\s}. Da{\s} Abgerupfte schwebte +und schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein +Vogel und blieb schlie"slich im Fallen in der ungepflegten M"ahne +der alten Schimmelstute h"angen, die unbeweglich vor der +Hau{\s}t"ure wartete. Karl sa"s auf und warf seiner Frau eine +Ku"shand zu. Sie antwortete winkend und schlo"s da{\s} Fenster. Er +ritt ab. + +Dann, auf der endlo{\s} sich hinwindenden staubigen Landstra"se, +in den Hohlwegen, "uber denen sich die B"aume zu einem Laubdache +schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm da{\s} Korn zu beiden Seiten +die Knie streifte, die warme Sonne auf dem R"ucken, die frische +Morgenluft in der Nase und da{\s} Herz noch voll von den Freuden +der Nacht, friedsamen Gem"ut{\s} und befriedigter Sinne, -- da +geno"s er all sein Gl"uck abermal{\s}, just wie einer, der nach +einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Tr"uffeln, die er +bereit{\s} verdaut, noch auf der Zunge hat. + +Wa{\s} hatte er bi{\s}her an Gl"uck in seinem Leben erfahren? War +er denn im Gymnasium gl"ucklich gewesen, wo er sich in der Enge +hoher Mauern so einsam gef"uhlt hatte, unter seinen Kameraden, die +reicher und st"arker waren al{\s} er, "uber seine b"auerische +Au{\s}sprache lachten, sich "uber seinen Anzug lustig machten und +zur Besuch{\s}zeit mit ihren M"uttern plauderten, die mit Kuchen +in der Tasche kamen? Oder etwa sp"ater al{\s} Student der Medizin, +wo er niemal{\s} Geld genug im Beutel gehabt hatte, um irgendein +kleine{\s} M"adel zum Tanz f"uhren zu k"onnen, da{\s} seine +Geliebte geworden w"are? Oder gar w"ahrend der vierzehn Monate, da +er mit der Witwe verheiratet war, deren F"u"se im Bett kalt wie +Ei{\s}klumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besa"s er f"ur +immerdar seine h"ubsche Frau, in die er vernarrt war. Seine Welt +fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihre{\s} seidnen +Unterrock{\s}, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie +nicht genug. Und so "uberkam ihn unterweg{\s} die Sehnsucht nach +ihr. Spornstreich{\s} ritt er heimw"art{\s}, rannte die Treppe +hinauf, mit klopfendem Herzen ... Emma sa"s in ihrem Zimmer bei +der Toilette. Er schlich sich auf den Fu"sspitzen von hinten an +sie heran und k"u"ste ihr den Nacken. Sie stie"s einen Schrei +au{\s}. + +Er konnte e{\s} nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, +ihr Hal{\s}tuch zu bef"uhlen. Manchmal k"u"ste er sie t"uchtig auf +die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner K"usse gleichsam +aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen L"ange von den +Fingerspitzen bi{\s} hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn +ab, l"achelnd und gelangweilt, wie man ein kleine{\s} Kind +zur"uckdr"angt, da{\s} sich an einen anklammert. + +Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu +empfinden. Aber al{\s} da{\s} Gl"uck, da{\s} sie au{\s} dieser +Liebe erwartete, au{\s}blieb, da mu"ste sie sich doch get"auscht +haben. So dachte sie. Und sie gab sich M"uhe, zu ergr"ubeln, wo +eigentlich in der Wirklichkeit all da{\s} Sch"one sei, da{\s} in +den Romanen mit den Worten Gl"uckseligkeit, Leidenschaft und +Rausch so verlockend geschildert wird. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Emma hatte "`Paul und Virginia"' gelesen und in ihren Tr"aumereien +alle{\s} vor sich gesehen: die Bambu{\s}h"utte, den Neger Domingo, +den Hund Fideli{\s}. In{\s}besondre hatte sie sich in die +z"artliche Freundschaft irgendeine{\s} guten Kameraden +hineingelebt, der f"ur sie rote Fr"uchte auf "uberturmhohen +B"aumen pfl"uckte und barfu"s durch den Sand gelaufen kam, ihr ein +Vogelnest zu bringen. + +Al{\s} sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur +Stadt, um sie in da{\s} Kloster zu geben. Sie stiegen in einem +Gasthofe im Viertel Saint-Gervai{\s} ab, wo sie beim Abendessen +Teller vorgesetzt bekamen, auf denen Szenen au{\s} dem Leben +de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere gemalt waren. Alle diese +legendenhaften Bilder, hier und da von Messerkritzeln besch"adigt, +verherrlichten Fr"ommigkeit, Gef"uhl{\s}"uberschwang und +h"ofischen Prunk. + +In der ersten Zeit ihre{\s} Klosteraufenthalt{\s} langweilte sie +sich nicht im geringsten. Sie f"uhlte sich vielmehr in der +Gesellschaft der g"utigen Schwestern ganz behaglich, und e{\s} war +ihr ein Vergn"ugen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin +man vom Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den +Freistunden spielte sie nur h"ochst selten, im Katechi{\s}mu{\s} +war sie al{\s}bald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war +sie e{\s}, die dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wu"ste. So +lebte sie, ohne in die Welt hinau{\s}zukommen, in der lauen +Atmosph"are der Schulstuben und unter den blassen Frauen mit ihren +Rosenkr"anzen und Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den +mystischen Traumzustand, der sich um die Weihrauchd"ufte, die +K"uhle der Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der +Messe zuzuh"oren, betrachtete sie die frommen himmelblau +umr"anderten Vignetten ihre{\s} Gebetbuche{\s} und verliebte sich +in da{\s} kranke Lamm Gotte{\s}, in da{\s} von Pfeilen durchbohrte +Herz Jesu und in den armen Christu{\s} selber, der, sein Kreuz +schleppend, zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie, +einen ganzen Tag lang ohne Nahrung au{\s}zuhalten. Sie zerbrach +sich den Kopf, um irgendein Gel"ubde zu ersinnen, da{\s} sie auf +sich nehmen wollte. + +Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine S"unden, nur +damit sie l"anger im Halbdunkel knien durfte, die H"ande gefaltet, +da{\s} Gesicht an{\s} Gitter gepre"st, unter dem fl"usternden +Priester. Die Gleichnisse vom Br"autigam, vom Gemahl, vom +himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den +Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele +geheimni{\s}volle s"u"se Schauer. + +Abend{\s}, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeit{\s}saal au{\s} einem +frommen Buche vorgelesen. An den Wochentagen la{\s} man au{\s} der +Biblischen Geschichte oder au{\s} den "`Stunden der Andacht"' +de{\s} Abb\'e Frayssinou{\s} und Sonntag{\s} zur Erbauung au{\s} +Chateaubriand{\s} "`Geist de{\s} Christentum{\s}"'. Wie +andacht{\s}voll lauschte sie bei den ersten Malen den klangreichen +Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo au{\s} Welt und +Ewigkeit erschallten! W"are Emma{\s} Kindheit im Hinterst"ubchen +eine{\s} Kramladen{\s} in einem Gesch"aft{\s}viertel +dahingeflossen, dann w"are da{\s} junge M"adchen vermutlich der +Naturschw"armerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung +ihre Quelle hat. So aber kannte sie da{\s} Land zu gut: da{\s} +Bl"oken der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame +Vorg"ange gew"ohnt, gewann sie eine Vorliebe f"ur da{\s} dem +Entgegengesetzte: da{\s} Abenteuerliche. So liebte sie da{\s} Meer +einzig um der wilden St"urme willen und da{\s} Gr"un, nur wenn +e{\s} zwischen Ruinen sein Dasein fristete. E{\s} war ihr ein +Bed"urfni{\s}, au{\s} den Dingen einen egoistischen Genu"s zu +sch"opfen, und sie warf alle{\s} al{\s} unn"utz beiseite, wa{\s} +nicht unmittelbar zum Labsal ihre{\s} Herzen{\s} diente. Ihre +Eigenart war eher sentimental al{\s} "asthetisch; sie sp"urte +lieber seelischen Erregungen al{\s} Landschaften nach. + +Im Kloster gab e{\s} nun eine alte Jungfer, die sich alle vier +Wochen auf acht Tage einstellte, um die W"asche au{\s}zubessern. +Da sie einer alten Adel{\s}familie entstammte, die in der +Revolution zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit +beg"onnert. Sie a"s mit im Refektorium, an der Tafel der frommen +Schwestern, und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderst"undchen +zu machen, bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah e{\s} +auch, da"s sich die Pension"arinnen au{\s} der Arbeit{\s}stube +stahlen und die Alte aufsuchten. Sie wu"ste galante Chanson{\s} +au{\s} dem \begin{antiqua}ancien r\'egime\end{antiqua} +au{\s}wendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei ihre +Flickarbeit zu vernachl"assigen. Sie erz"ahlte Geschichten, wu"ste +stet{\s} Neuigkeiten, "ubernahm allerhand Besorgungen in der Stadt +und lieh den gr"o"seren M"adchen Romane, von denen sie immer ein +paar in den Taschen ihrer Sch"urze bei sich hatte. In den +Ruhepausen ihrer T"atigkeit verschlang da{\s} gute Fr"aulein +selber schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte e{\s} von +Liebschaften, Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, +die in einsamen Pavillonen ohnm"achtig, und von Postillionen, die +an allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die +man auf Seite f"ur Seite zuschanden ritt, von d"usteren W"aldern, +Herzen{\s}k"ampfen, Schw"uren, Schluchzen, Tr"anen und K"ussen, +von Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den B"uschen, +von hohen Herren, die wie L"owen tapfer und sanft wie Bergschafe +waren, dabei tugendsam bi{\s} in{\s} Wunderbare, immer k"ostlich +gekleidet und ganz unbeschreiblich tr"anenselig. Ein halbe{\s} +Jahr lang beschmutzte sich die f"unfzehnj"ahrige Emma ihre Finger +mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter +Scott in die H"ande, und nun berauschte sie sich an +geschichtlichen Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, +Ritters"alen und Minnes"angern. Am liebsten h"atte sie in einem +alten Herrensitze gelebt, geh"ullt in schlanke Gew"ander wie jene +Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gest"utzt und +da{\s} Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage +vertr"aumten und in die Fernen der Landschaft hinau{\s}schauten, +ob nicht ein Ritter{\s}mann mit wei"ser Helmzier dahergest"urmt +k"ame auf einem schwarzen Ro"s. Damal{\s} trieb sie einen wahren +Kult mit Maria Stuart; ihre Verehrung von ber"uhmten oder +ungl"ucklichen Frauen ging bi{\s} zur Schw"armerei. Die Jungfrau +von Orlean{\s}, Heloise, Agne{\s} Sorel, die sch"one Ferronni\`ere +und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem +grenzenlosen Dunkel ihrer Geschicht{\s}unkenntnisse. Fast ganz im +Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in +ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der +sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwig{\s} de{\s} +Elften, irgendeine Szene au{\s} der Bartholom"au{\s}nacht, der +Helmbusch Heinrich{\s} de{\s} Vierten, dazu unau{\s}l"oschlich die +Erinnerung an die gemalten Teller mit den Verherrlichungen +Ludwig{\s} de{\s} Vierzehnten. + +In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die +Rede von Englein mit goldenen Fl"ugeln, von Madonnen, Lagunen und +Gondolieren. Sie waren musikalisch nicht{\s} wert, aber so banal +ihr Text und so reizlo{\s} ihre Melodien auch sein mochten: die +Realit"aten de{\s} Leben{\s} hatten in ihnen den phantastischen +Zauber der Sentimentalit"at. Etliche ihrer Kameradinnen +schmuggelten lyrische Almanache in da{\s} Kloster ein, die sie +al{\s} Neujahr{\s}geschenke bekommen hatten. Da"s man sie heimlich +halten mu"ste, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal +gelesen. Emma nahm die sch"onen Atla{\s}einb"ande nur behutsam in +die Hand und lie"s sich von den Namen der unbekannten Autoren +fa{\s}\/zinieren, die ihre Beitr"age zumeist al{\s} Grafen und +Barone signiert hatten. Da{\s} Herz klopfte ihr, wenn sie da{\s} +Seidenpapier von den Kupfern darin leise aufblie{\s}, bi{\s} e{\s} +sich bauschte und langsam auf die andre Seite sank. Auf einem der +Stiche sah man einen jungen Mann in einem M"antelchen, wie er +hinter der Br"ustung eine{\s} Altan{\s} ein wei"s gekleidete{\s} +junge{\s} M"adchen mit einer Tasche am G"urtel an sich dr"uckte; +auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen +englischen Lady{\s}, die unter runden Strohh"uten mit gro"sen +hellen Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch +den Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, +die von zwei kleinen Groom{\s} in wei"sen Hosen kutschiert wurden. +Andre tr"aumten auf dem Sofa, ein offene{\s} Briefchen neben sich, +und himmelten durch da{\s} halb offene, schwarz umh"angte Fenster +den Mond an. Wieder andre, Unschuld{\s}kinder, krauten, eine +Tr"ane auf der Wange, durch da{\s} Gitter eine{\s} gotischen +K"afig{\s} ein Turtelt"aubchen oder zerzupften, den Kopf +versch"amt geneigt, mit koketten Fingern, die wie +Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine Marguerite. +Alle{\s} m"ogliche andre zeigten die "ubrigen Stiche: Sultane mit +langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in den Armen; +Giaur{\s}, T"urkens"abel, phrygische M"utzen, nicht zu vergessen +die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und Fichten, +Tiger und L"owen friedlich beieinanderstehen, und Minarett{\s} am +Horizonte und r"omische Ruinen im Vordergrunde eine Gruppe +lagernder Kamele "uberragen, w"ahrend auf der einen Seite ein +wohlgepflegte{\s} St"uck Urwald steht, auf der andern ein See, +eine Riesensonne mit stechenden Strahlen dar"uber und auf seiner +stahlblauen, hie und da wei"s aufsch"aumenden Flut, in die Ferne +verstreut, gleitende Schw"ane~... + +Da{\s} matte Licht der Lampe, die zu Emma{\s} H"aupten an der Wand +hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die ein{\s} nach +dem andern an ihr vor"uberzogen, in de{\s} Schlafsaale{\s} Stille, +in die kein Ger"ausch drang, h"ochsten{\s} da{\s} ferne Rollen +eine{\s} sp"aten Fuhrwerk{\s}. + +Al{\s} ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie +lie"s sich eine Locke der Verstorbenen in einen Gla{\s}rahmen +fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehm"utiger +Betrachtungen "uber da{\s} Leben und bat ihn, man m"oge sie +dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie +sei krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung +darin, da"s sie mit einem Male emporgehoben worden war in die +hohen Regionen einer seltenen Gef"uhl{\s}welt, in die +Alltag{\s}herzen niemal{\s} gelangen. Sie verlor sich in +Lamartinischen R"uhrseligkeiten, h"orte Harfenkl"ange "uber den +Weihern und Schwanenges"ange, die Klagen de{\s} fallenden +Laube{\s}, die Himmelfahrten jungfr"aulicher Seelen und die Stimme +de{\s} Ewigen, die in den Tiefen fl"ustert. + +Eine{\s} Tage{\s} jedoch ward ihr alle{\s} da{\s} langweilig, aber +ohne sich{\s} einzugestehen, und so blieb sie dabei zun"achst +au{\s} Gewohnheit, dann au{\s} Eitelkeit, und schlie"slich war sie +"uberrascht, da"s sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und +da"s ihr Herz ebensowenig schwerm"utig war wie ihre jugendliche +Stirne runzelig. + +Die frommen Schwestern, die stark auf Emma{\s} heilige Mission +gehofft hatten, bemerkten zu ihrem h"ochsten Befremden, da"s +Fr"aulein Rouault ihrem Einflu"s zu entschl"upfen drohte. Man +hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andacht{\s}lieder, Predigten +und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch +gro"se Verehrung die Heiligen und M"artyrer gen"ossen, und ihr zu +vorz"ugliche Ratschl"age gegeben, wie man den Leib kasteie und die +Seele der ewigen Seligkeit zuf"uhre; und so ging e{\s} mit ihr wie +mit einem Pferd, da{\s} man zu straff an die Kandare genommen hat: +sie blieb pl"otzlich stehen und machte nicht mehr mit. + +Bei aller Schw"armerei war sie doch eine Verstande{\s}natur; sie +hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der +Liedertexte und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung +geliebt. Ihr Geist emp"orte sich gegen die Mysterien de{\s} +Glauben{\s}, und noch mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die +Klosterzucht auf, die ihrem tiefsten Wesen v"ollig zuwider war. +Al{\s} ihr Vater sie au{\s} dem Kloster nahm, hatte man +durchau{\s} nicht{\s} dagegen; die Oberin fand sogar, Emma habe +e{\s} in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der Schwesternschaft +recht fehlen lassen. + +Wieder zu Hause, gefiel sich da{\s} junge M"adchen zun"achst +darin, da{\s} Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie de{\s} +Landleben{\s} "uberdr"ussig, und nun sehnte sie sich nach dem +Kloster zur"uck. Al{\s} Karl zum ersten Male da{\s} Gut betrat, +war sie just "uberzeugt, da"s sie alle Illusionen verloren habe, +da"s e{\s} nicht{\s} mehr auf der Welt g"abe, wa{\s} ihr Hirn oder +Herz r"uhren k"onne. Dann aber waren da{\s} mit jedem neuen +Zustande verbundene wirre Gef"uhl und die Unruhe, die sich ihrer +diesem Manne gegen"uber bem"achtigte, stark genug, um in ihr den +Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in +ihr erstanden, die bi{\s}her nicht ander{\s} al{\s} wie ein +Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit +himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, +hatte sie keine Kraft zu glauben, da"s die Friedsamkeit, in der +sie hinlebte, da{\s} ertr"aumte Gl"uck sei. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob da{\s} wirklich die +sch"onsten Tage ihre{\s} Leben{\s} sein sollten: ihre +Flitterwochen, wie man zu sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu sp"uren, +h"atten sie wohl in jene L"ander mit klangvollen Namen reisen +m"ussen, wo der Morgen nach der Hochzeit in s"u"sem Nicht{\s}tun +verrinnt. Man f"ahrt gem"achlich in einer Postkutsche mit +blauseidnen Vorh"angen die Gebirg{\s}stra"sen hinauf und lauscht +dem Lied de{\s} Postillion{\s}, da{\s} in den Bergen zusammen mit +den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen de{\s} Gie"sbach{\s} +sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft +der Limonen, und dann nacht{\s} steht man auf der Terrasse einer +Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen H"anden, +schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschl"osser. E{\s} kam +ihr vor, al{\s} seien nur gewisse Erdenwinkel Heimst"atten de{\s} +Gl"uck{\s}, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten +gedeihen und nirgend{\s} ander{\s}. Warum war e{\s} ihr nicht +beschieden, sich auf den Altan eine{\s} Schweizerh"au{\s}chen{\s} +zu lehnen oder ihre Tr"ubsal in einem schottischen Landhause zu +vergessen, an der Seite eine{\s} Gatten, der einen langen +schwarzen Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und +Manschettenhemden tr"uge? + +Alle diese Gr"ubeleien h"atte sie wohl irgendwem anvertrauen +m"ogen. H"atte sie aber ihr namenlose{\s} Unbehagen, da{\s} sich +aller Augenblicke neu formte wie leichte{\s} Gew"olk und da{\s} +wie der Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, e{\s} +fehlten ihr die Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl +gewollt h"atte, wenn er eine Ahnung davon gehabt h"atte, wenn sein +Blick nur ein einzige{\s}mal ihren Gedanken begegnet w"are, dann +h"atte sich alle{\s} da{\s}, so meinte sie, sofort von ihrem +Herzen lo{\s}gel"ost wie eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine +Hand daran r"uhrt. So aber ward die innere Entfremdung, die sie +gegen ihren Mann empfand, immer gr"o"ser, je intimer ihr +eheliche{\s} Leben wurde. + +Karl{\s} Art zu sprechen war platt wie da{\s} Trottoir auf der +Stra"se: Allerwelt{\s}gedanken und Allt"aglichkeiten, die +niemanden r"uhrten, "uber die kein Mensch lachte, die nie einen +Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, +h"atte er niemal{\s} den Drang versp"urt, ein Pariser Gastspiel im +Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch fechten; er war +auch kein Pistolensch"utze, und gelegentlich kam e{\s} zutage, +da"s er Emma einen Au{\s}druck de{\s} Reitsport{\s} nicht +erkl"aren konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Mu"s ein +Mann nicht vielmehr alle{\s} kennen, auf allen Gebieten bewandert +sein und seine Frau in die gro"sen Leidenschaften de{\s} +Leben{\s}, in seine erlesensten Gen"usse und in alle Geheimnisse +einweihen? Der ihre aber lehrte sie nicht{\s}, verstand von +nicht{\s} und erstrebte nicht{\s}. Er glaubte, sie sei gl"ucklich, +inde{\s} sie sich "uber seine satte Tr"agheit emp"orte, seinen +zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst "uber die Wonnen, die sie ihm +gew"ahrte. + +Manchmal zeichnete sie. E{\s} belustigte ihn ungemein, +dabeizustehen und zuzusehn, wie sie sich "uber da{\s} Blatt beugte +oder wie sie die Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete +oder wie sie mit den Fingern Brotk"ugelchen drehte, die sie zum +Verwischen brauchte. Wenn sie am Klavier sa"s, war sein Ent\/z"ucken +um so gr"o"ser, je geschwinder ihre H"ande "uber die Tasten +sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum und +machte ein H"ollenkonzert. Da{\s} alte Instrument dr"ohnte und +wackelte, und wenn da{\s} Fenster offen stand, h"orte man da{\s} +Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im blo"sen Kopfe +und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, "uber die Stra"se humpelte, +blieb stehen und lauschte. + +Dabei war Emma eine vorz"ugliche Hau{\s}frau. Sie schickte die +Liquidationen an die Patienten au{\s} und zwar in h"oflichster +Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie +Sonntag{\s} irgendwen au{\s} der Nachbarschaft zu Gaste hatten, +wu"ste sie e{\s} immer einzurichten, da"s etwa{\s} Besondere{\s} +auf den Tisch kam. Sie schichtete auf Weinbl"attern Pyramiden von +Reineclauden auf und verstand, die eingezuckerten Fr"uchte so +au{\s} ihren B"uchsen zu st"urzen, da"s sie noch in der Form +serviert wurden. Demn"achst sollten auch kleine Waschschalen f"ur +den Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie da{\s} +"offentliche Ansehen ihre{\s} Manne{\s}. Schlie"slich fing er +selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er +solch eine Frau besa"s. Mit Stolz zeigte er zwei kleine +Bleistift\/zeichnungen Emma{\s}, die er in ziemlich breite Rahmen +hatte fassen lassen und in der Gro"sen Stube an langen gr"unen +Schnuren an den W"anden aufgeh"angt hatte. Wenn die Kirche zu Ende +war, sah man Herrn Bovary in sch"ongestickten Hau{\s}schuhen vor +der Hau{\s}t"ure stehen. + +Er kam sp"at heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann a"s +er noch zu Abend, und da da{\s} Dienstm"adchen bereit{\s} Schlafen +gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock +au{\s}zuziehen und sich{\s} zum Essen bequem zu machen. Kauend +z"ahlte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tag{\s}"uber +begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und +wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit +sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bi{\s} auf den letzten +Rest, schabte sich den K"ase sauber, schmauste einen Apfel und +trank die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich auf{\s} +Ohr legte und zu schnarchen begann. Wenn er fr"uhmorgen{\s} +aufmachte, hing ihm da{\s} Haar wirr "uber die Stirn. + +Er trug stet{\s} derbe hohe Stiefel, die in der Kn"ochelgegend +zwei Falten hatten; in den Sch"aften waren sie steif und +geradlinig, al{\s} ob ein Holzbein drinnen st"ake. Er pflegte zu +sagen: "`Die sind hier auf dem Lande gut genug!"' + +Seine Mutter best"arkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam +sie zu Besuch, wenn e{\s} bei ihr zu Hause kleine Mi"slichkeiten +gegeben hatte. Allerding{\s} hegte die alte Frau Bovary gegen ihre +Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr "`f"ur ihre +Verh"altnisse ein bi"schen zu gro"sartig."' Mit Holz, Licht und +dergleichen werde "`wie in einem herrschaftlichen Hause +gew"ustet."' Und mit den Kohlen, die in der K"uche verbraucht +w"urden, k"onne man zwei Dutzend G"ange kochen! Sie ordnete ihr +den W"ascheschrank und hielt Vortr"age, wie man dem Fleischer auf +die Finger zu sehen habe, wenn er da{\s} Fleisch brachte. Emma +nahm diese guten Lehren hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie +immer wieder von neuem. Die von beiden Seiten in einem fort +gewechselten Anreden "`Liebe Tochter"' und "`Liebe Mutter!"' +standen in Widerspruch zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide +Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor Groll zitternder Stimme. + +Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in +den Hintergrund gedr"angt gef"uhlt, jetzt aber kam ihr Karl{\s} +Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, +wie ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf da{\s} Gl"uck +ihre{\s} Sohne{\s} mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut +Gekommener auf den neuen Besitzer{\s} eine{\s} ehemaligen +Hause{\s} blickt. Sie mahnte ihn durch Erinnerungen daran, wie sie +sich einst f"ur ihn gesorgt und abgem"uht und ihm Opfer gebracht +hatte. Im Vergleiche damit leiste Emma viel weniger f"ur ihn, und +darum w"are seine au{\s}schlie"sliche Anbetung durchau{\s} nicht +gerechtfertigt. + +Karl wu"ste nicht, wa{\s} er dazu sagen sollte. Er verehrte seine +Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art "uber alle Ma"sen. +Wa{\s} die eine sagte, galt ihm f"ur unfehlbar; gleichwohl fand er +an der andern nicht{\s} au{\s}zusetzen. Wenn Frau Bovary wieder +abgereist war, machte er sch"uchterne Versuche, die oder jene +ihrer Bemerkungen w"ortlich zu wiederholen. Emma bewie{\s} ihm +dann mit wenigen Worten, da"s er im Irrtum sei, und meinte, er +solle sich lieber seinen Patienten widmen. + +Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen, +Liebe{\s}stimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei +Mondenschein zusammen im Garten sa"sen, sagte sie verliebte Verse +her, soviel sie nur au{\s}wendig wu"ste, oder sie sang eine +schwerm"utige gef"uhlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich +selber nicht aufgeregter al{\s} vorher vor, und auch Karl war +offenbar weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst. + +Da{\s} waren vergebliche Versuche, eine gro"se Leidenschaft zu +entfachen. Im "ubrigen war Emma unf"ahig, etwa{\s} zu verstehen, +wa{\s} sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwa{\s} zu +glauben, wa{\s} nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich +ohne weitere{\s} ein, Karl{\s} Liebe sei nicht mehr "uberm"a"sig +stark. In der Tat gewannen seine Z"artlichkeiten eine gewisse +Regelm"a"sigkeit. Er schlo"s seine Frau zu ganz bestimmten Stunden +in seine Arme. E{\s} ward da{\s} eine Gewohnheit wie alle andern, +gleichsam der Nachtisch, der kommen mu"s, weil er auf der +Men"ukarte steht. + +Ein Waldw"arter, den der Herr Doktor von einer Lungenent\/z"undung +geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junge{\s} +italienische{\s} Windspiel. Sie nahm e{\s} mit auf ihre +Spazierg"ange. Mitunter ging sie n"amlich au{\s}, um einmal eine +Weile f"ur sich allein zu sein und nicht in einem fort blo"s den +Garten und die staubige Landstra"se vor Augen zu haben. + +Sie wanderte meist bi{\s} zum Buchenw"aldchen von Banneville, +bi{\s} zu dem leeren Lusth"au{\s}chen, da{\s} an der Ecke der +Parkmauer steht, wo die Felder beginnen. Dort wuch{\s} in einem +Graben zwischen gew"ohnlichen Gr"asern hohe{\s} Schilf mit langen +scharfen Bl"attern. Jede{\s}mal, wenn sie dahin kam, sah sie +zuerst nach, ob sich seit ihrem letzten Hiersein etwa{\s} +ver"andert habe. E{\s} war immer alle{\s} so, wie sie e{\s} +verlassen hatte. Alle{\s} stand noch auf seinem Platze: die +Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln, die in +B"uscheln die gro"sen Kieselsteine umwucherten, und die +Moo{\s}fl"achen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer +geschlossenen morschen Holzl"aden und rostigen Eisenbeschl"agen. +Nun schweiften Emma{\s} Gedanken in{\s} Ziellose ab, wie die +Spr"unge ihre{\s} Windspiel{\s}, da{\s} sich in gro"sen +Krei{\s}linien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankl"affte, +Feldm"ausen nachstellte und die Mohnblumen am Raine de{\s} +Kornfelde{\s} anknabberte. Allm"ahlich gerieten ihre Gr"ubeleien +in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase sa"s +und e{\s} mit der Stockspitze ihre{\s} Sonnenschirme{\s} ein wenig +aufw"uhlte, sagte sie sich immer wieder: "`Mein Gott, warum habe +ich eigentlich geheiratet?"' + +Sie legte sich die Frage vor, ob e{\s} nicht m"oglich gewesen +w"are durch irgendwelche andre F"ugung de{\s} Schicksal{\s}, da"s +sie einen andern Mann h"atte finden k"onnen. Sie versuchte sich +vorzustellen, wa{\s} f"ur ungeschehene Ereignisse dazu geh"ort +h"atten, wie diese{\s} andre Leben geworden w"are und wie der +ungefundne Gatte au{\s}gesehen h"atte. In keinem Falle so wie +Karl! Er h"atte elegant, klug, vornehm, verf"uhrerisch au{\s}sehen +m"ussen; so wie zweifello{\s} die M"anner, die ihre ehemaligen +Klosterfreundinnen alle geheiratet hatten ... Wie e{\s} denen wohl +jetzt erging? In der Stadt, im Get"ummel de{\s} Stra"senleben{\s}, +im Stimmengewirr der Theater, im Lichtmeere der B"alle, da lebten +sie sich au{\s} und lie"sen die Herzen und Sinne nicht verdorren. +Sie jedoch, sie verk"ummerte wie in einem Ei{\s}keller, und die +Langeweile spann wie eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen +Winkeln ihre{\s} sonnelosen Herzen{\s}. + +Die Tage der Prei{\s}verteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie +sah sich auf da{\s} Podium steigen, wo sie ihre kleinen +Au{\s}zeichnungen au{\s}geh"andigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem +wei"sen Kleid und ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst +au{\s}gesehen, und wenn sie zu ihrem Platze zur"uckging, hatten +ihr die anwesenden Herren galant zugenickt. Der Klosterhof war +voller Kutschen gewesen, und durch den Wagenschlag hatte man ihr +"`Auf Wiedersehn!"' zugerufen. Und der Musiklehrer, den +Violinkasten in der Hand, hatte im Vor"ubergehen den Hut vor ihr +gezogen ... Wie weit zur"uck war da{\s} alle{\s}! Ach, wie so +weit! + +Sie rief Djali, nahm ihn auf den Scho"s und streichelte seinen +schmalen feinlinigen Kopf. + +"`Komm!"' fl"usterte sie. "`Gib Frauchen einen Ku"s! Du, du hast +keinen Kummer!"' + +Dabei betrachtete sie da{\s} ihr wie wehm"utig au{\s}sehende +Gesicht de{\s} schlanken Tiere{\s}. E{\s} g"ahnte behaglich. Aber +sie bildete sich ein, da{\s} Tier habe auch einen Kummer. Die +R"uhrung "uberkam sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu +sprechen, genau so wie zu jemandem, den man in seiner +Betr"ubni{\s} tr"osten will. + +Zuweilen blie{\s} ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und +m"achtig "uber da{\s} ganze Hochland von Caux strich und weit in +die Lande hinein salzige Frische trug. Da{\s} Schilf bog sich +pfeifend zu Boden, fliehende Schauer raschelten durch da{\s} +Bl"atterwerk der Buchen, w"ahrend sich die Wipfel rastlo{\s} +wiegten und in einem fort laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester +um die Schultern und erhob sich. + +In der Allee, "uber dem teppichartigen Moo{\s}, da{\s} unter +Emma{\s} Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den +gr"unen Reflexen de{\s} Laubdache{\s}. Da{\s} Tage{\s}gestirn war +im Versinken; der rote Himmel flammte hinter den braunen St"ammen, +die in Reih und Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck +eine{\s} S"aulengange{\s} an einer goldnen Wand entlang erzeugten. + +Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, +auf die Landstra"se und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen +Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort. + +Da, gegen Ende de{\s} September{\s}, geschah etwa{\s} ganz +Besondere{\s} in ihrem Leben. Bovary{\s} bekamen eine Einladung +nach Vaubyessard, zu dem Marqui{\s} von Andervillier{\s}. Der +Marqui{\s}, der unter der Restauration Staatssekret"ar gewesen +war, wollte von neuem eine politische Rolle spielen. Seit langem +bereitete er seine Wahl in da{\s} Abgeordnetenhau{\s} vor. Im +Winter lie"s er gro"se Mengen Holz verteilen, und im +Bezirk{\s}au{\s}schu"s trat er immer wieder mit dem h"ochsten +Eifer f"ur neue Stra"senbauten im Bezirk ein. W"ahrend de{\s} +letzten Hochsommer{\s} hatte er ein Geschw"ur im Munde bekommen, +von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich +befreit hatte. Der Privatsekret"ar de{\s} Marqui{\s} war bald +darauf nach Toste{\s} gekommen, um da{\s} Honorar f"ur die +Operation zu bezahlen, und hatte abend{\s} nach seiner R"uckkehr +erz"ahlt, da"s er in dem kleinen Garten de{\s} Arzte{\s} herrliche +Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschb"aume in +Vaubyessard schlecht. Der Marqui{\s} erbat sich von Bovary einige +Ableger und hielt e{\s} daraufhin f"ur seine Pflicht, sich +pers"onlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand +ihre Figur ent\/z"uckend und die Art, wie sie ihn empfing, +durchau{\s} nicht b"auerisch. Und so kam man im Schlosse zu der +Ansicht, e{\s} sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, +wenn man da{\s} junge Ehepaar einmal einl"ude. + +An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren +Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterr"uck{\s} war ein +gro"ser Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine +Hutschachtel. Au"serdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen +den Beinen. + +Bei Anbruch der Nacht, gerade al{\s} man im Schlo"spark die +Laternen am Einfahrt{\s}wege anz"undete, kamen sie an. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Vor dem Schlo"s, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei +vorspringenden Fl"ugeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine +ungeheure Rasenfl"ache mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen +denen etliche K"uhe weideten. Ein Kie{\s}weg lief in Windungen +hindurch, beschattet von allerlei Geb"usch in verschiedenem Gr"un, +Rhododendren, Flieder- und Schneeballstr"auchern. Unter einer +Br"ucke flo"s ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel, +erkannte man ein paar H"auser mit Strohd"achern. Die gro"se Wiese +ward durch l"angliche kleine H"ugel begrenzt, die bewaldet waren. +Versteckt hinter diesem Geh"olz lagen in zwei gleichlaufenden +Reihen die Wirtschaft{\s}geb"aude und Wagenschuppen, die noch vom +ehemaligen Schlo"sbau herr"uhrten. + +Karl{\s} W"aglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft +erschien. Der Marqui{\s} kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm +und geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle. +Ger"ausch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer +Kirche. Dem Eingange gegen"uber stieg geradeau{\s} eine breite +Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem +Garten hinau{\s}, die zum Billardzimmer f"uhrte; schon von weitem +vernahm man da{\s} Karambolieren der elfenbeinernen B"alle. Durch +da{\s} Billardzimmer kam man in den Empfang{\s}saal. Beim +Hindurchgehen sah Emma Herren in w"urdevoller Haltung beim Spiel, +da{\s} Kinn vergraben in den Krawatten, alle mit +Orden{\s}b"andchen. Schweigsam l"achelnd handhabten sie die +Queue{\s}. + +Auf dem d"usteren Holzget"afel der W"ande hingen gro"se Bilder in +schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine +lautete: + +\begin{center} +\begin{tabular}{|c|} +\hline +Han{\s} Anton von Andervillier{\s} zu Yverbonville, \\ +Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fre{\s}naye, \\ +gefallen in der Schlacht von Coutra{\s} \\ +am 20. Oktober 1587. \\ +\hline +\end{tabular} +\end{center} + +Eine andre: + +\begin{center} +\begin{tabular}{|c|} +\hline +Han{\s} Anton Heinrich Guy, Graf von Andervillier{\s} \\ +und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, \\ +Ritter de{\s} Sankt-Michel-Orden{\s}, \\ +verwundet bei Saint Vaast de la Hougue \\ +am 29. Mai 1692, \\ +gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 \\ +\hline +\end{tabular} +\end{center} + +Die "ubrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich da{\s} +Licht der Lampen auf da{\s} gr"une Tuch de{\s} Billard{\s} +konzentrierte und da{\s} Zimmer im Dunkeln lie"s. Nur ein +schwacher Schein hellte die Gem"aldefl"achen auf, deren +spr"ungiger Firni{\s} mit diesem feinen Schimmer spielte. Und so +traten au{\s} allen den gro"sen schwarzen goldumflossenen +Vierecken Partien der Malerei deutlicher und heller hervor, hier +eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort eine gepuderte +Allongeper"ucke "uber der Schulter eine{\s} roten Rocke{\s} und +ander{\s}wo die Schnalle eine{\s} Kniebande{\s} "uber einer +strammen Wade. + +Der Marqui{\s} "offnete die T"ur zum Salon. Eine der Damen -- +e{\s} war die Schlo"sherrin selbst -- erhob sich, ging Emma +entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und +begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz al{\s} ob sie +eine alte Bekannte vor sich h"atte. Die Marquise war etwa +Vierzigerin; sie hatte h"ubsche Schultern, eine Adlernase und eine +etwa{\s} schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie +"uber ihrem kastanienbraunen Haar ein einfache{\s} Spitzentuch, +da{\s} ihr dreieckig in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem +hochlehnigen Stuhle, sa"s eine junge Blondine. Ein paar Herren, +kleine Blumen an den R"ocken, waren im Gespr"ache mit den Damen. +Alle sa"sen sie um den Kamin herum. + +Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der "Uberzahl +da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die +Damen, der Marqui{\s} und die Marquise an der andern im E"szimmer. +Al{\s} Emma eintrat, drang ihr ein warme{\s} Gemisch von D"uften +und Ger"uchen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und +Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen lieb"augelten mit +dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gl"asern und Schalen +tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine +Reihe von Blumenstr"au"sen. Au{\s} den Falten der Servietten, die +in der Form von Bischof{\s}m"utzen "uber den breitrandigen Tellern +lagen, lugten ovale Br"otchen. Hummern, die auf den gro"sen +Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In +durchbrochenen K"orbchen waren riesige Fr"uchte aufget"urmt. +Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend aufgetragen. Der +Hau{\s}hofmeister, in seidnen Str"umpfen, Kniehosen und wei"ser +Krawatte, reichte mit Grandezza und gro"sem Geschick die +Sch"usseln. Auf all die{\s} gesellschaftliche Treiben sah +regung{\s}lo{\s} die bi{\s} zum Kinn verh"ullte G"ottin herab, die +auf dem m"achtigen, bronzegeschm"uckten Porzellanofen thronte. + +Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, sa"s, "uber +seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die +Serviette nach Kinderart um den Hal{\s} gekn"upft hatte. Die Sauce +tropfte ihm au{\s} dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er +trug noch einen Zopf, um den ein schwarze{\s} Band geschlungen +war. Da{\s} war der Schwiegervater de{\s} Marqui{\s}, der alte +Herzog von Laverdi\`ere. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der +Jagdfeste in Vaudreuil beim Marqui{\s} von Conflan{\s}) war er ein +Busenfreund de{\s} Grafen Artoi{\s}. Auch munkelte man, er w"are +der Geliebte der K"onigin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger +de{\s} Herrn von Coigny und der Vorg"anger de{\s} Herzog{\s} von +Lauzun. Er hatte ein w"uste{\s} Leben hinter sich, voller +Zweik"ampfe, toller Wetten und Frauengeschichten. Ob seiner +Verschwendung{\s}sucht war er ehedem der Schrecken seiner Familie. +Jetzt stand ein Diener hinter seinem Stuhle, der ihm in{\s} Ohr +br"ullen mu"ste, wa{\s} e{\s} f"ur Gerichte zu essen gab. + +Emma{\s} Blicke kehrten immer wieder unwillk"urlich zu diesem +alten Manne mit den h"angenden Lippen zur"uck, al{\s} ob er +etwa{\s} ganz Besondere{\s} und Gro"sartige{\s} sei: war er doch +ein Favorit de{\s} K"onig{\s}hofe{\s} gewesen und hatte im Bette +einer K"onigin geschlafen! + +E{\s} wurde frappierter Sekt gereicht. Emma "uberlief e{\s} am +ganzen K"orper, al{\s} sie da{\s} eisige Getr"ank im Munde +sp"urte. Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granat"apfel und a"s +sie Anana{\s}. Selbst der gesto"sene Zucker, den e{\s} dazu gab, +kam ihr wei"ser und feiner vor denn ander{\s}wo. + +Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zur"uck, um sich +zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste +Gr"undlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Deb"ut. Ihr Haar +ordnete sie nach den Ratschl"agen de{\s} Coiffeur{\s}. Dann +schl"upfte sie in ihr Barege-Kleid, da{\s} auf dem Bett +au{\s}gebreitet bereitlag. + +Karl f"uhlte sich in seiner Sonntag{\s}hose am Bauche beengt. + +"`Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen st"oren!"' meinte +er. + +"`Du willst tanzen?"' entgegnete ihm Emma. + +"`Na ja!"' + +"`Du bist nicht recht gescheit! Man w"urde dich blo"s au{\s}lachen. +Bleib du nur ruhig sitzen! "Ubrigen{\s} schickt sich da{\s} viel +besser f"ur einen Arzt"', f"ugte sie hinzu. + +Karl schwieg. Er lief mit gro"sen Schritten im Zimmer hin und her +und wartete, bi{\s} Emma fertig w"are. Er sah sie "uber ihren +R"ucken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre +schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar +war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; e{\s} schimmerte in +einem bl"aulichen Glanze, und "uber ihnen zitterte eine bewegliche +Rose, mit k"unstlichen Tauperlen in den Bl"attern. Ihr +mattgelbe{\s} Kleid ward durch drei Str"au"schen von Moo{\s}rosen +mit Gr"un darum belebt. + +Karl k"u"ste sie von hinten auf die Schulter. + +"`La"s mich!"' wehrte sie ab. "`Du zerkn"ullst mir alle{\s}!"' + +Violinen- und Waldhornkl"ange drangen herauf. Emma stieg die +Treppe hinunter, am liebsten w"are sie gerannt. + +Die Quadrille hatte bereit{\s} begonnen. Der Saal war gedr"angt +voller Menschen, und immer noch kamen G"aste. Emma setzte sich +unweit der T"ur auf einen Diwan. + +Al{\s} der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur +Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die gro"se +Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die +bemalten F"acher auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur +H"alfte die lachenden Gesichter, und die goldnen St"opsel der +Riechfl"aschchen funkelten hin und her in den wei"sen Handschuhen, +an denen die Konturen der Fingern"agel ihrer Tr"agerinnen +hervortraten, w"ahrend da{\s} eingepre"ste Fleisch nur in den +Handfl"achen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die +Armb"ander mit Anh"angseln wogten an den Miedern, glitzerten an +den Br"usten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen +im Haar, da{\s} durchweg glatt und im Nacken geknotet war, +Vergi"smeinnicht, Ja{\s}min, Granatbl"uten, "Ahren und Kornblumen +in Kr"anzen, Str"au"sen oder Ranken. Bequem in ihren St"uhlen +lehnten die M"utter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten +Turbanen. + +Da{\s} Herz klopfte Emma ein wenig, al{\s} der erste T"anzer sie +an den Fingerspitzen fa"ste und in die Reihe der anderen f"uhrte. +Beim ersten Geigenton tanzten sie lo{\s}. Bald jedoch legte sich +ihre Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und +mit einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei +besonder{\s} z"artlichen Passagen de{\s} Violinsolo{\s} flog ein +s"u"se{\s} L"acheln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente +schwiegen, h"orte man im Tanzsaal da{\s} helle Klimpern der +Goldst"ucke auf den Spieltischen nebenan, bi{\s} da{\s} Orchester +mit einem Male wieder voll einsetzte. Dann ging{\s} im +wiedergewonnenen Takte weiter; die R"ocke der T"anzerinnen +bauschten sich und streiften einander, H"ande suchten und mieden +sich, und dieselben Blicke, die eben sch"uchtern gesenkt waren, +fanden ihr Ziel. + +Unter den tanzenden oder plaudernd an den T"uren stehenden Herren +stachen etliche, etwa zw"olf bi{\s} f"unfzehn, bei allem +Alter{\s}- und sonstigem Unterschied durch einen gewissen +gemeinsamen Typ von den andern ab. Ihre Kleider waren von +eleganterem Schnitte und au{\s} feinerem Stoff. Ihr nach den +Schl"afen zu gewellte{\s} Haar verriet die beste Pflege. Sie +hatten den Teint de{\s} Grandseigneur{\s}, jene wei"se Hautfarbe, +die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, schillernder Seide und +feinpolierten M"obeln erscheint und durch sorgf"altige und +raffinierte Ern"ahrung erhalten wird. Ihre Bewegungen waren +ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten Taschent"uchern +entstr"omte leise{\s} Parf"um. Den "alteren unter diesen Herren +haftete Jugendlichkeit an, w"ahrend den Gesichtern der j"ungeren +eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichg"ultigen Blicken +spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und +hinter ihren glatten Manieren schlummerte da{\s} brutale eitle +Herrentum, da{\s} sich im Umgange mit Rassepferden und leichten +Damen entwickelt und kr"aftigt. + +Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in +blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschm"uckten Dame +"uber Italien. Sie schw"armten von der Kuppel de{\s} Sankt Peter, +von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den +Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem +andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend +Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der +vergangnen Woche in England Mi"s Arabella und Romulu{\s} +"`geschlagen"' und durch einen "`famosen Grabensprung"' +vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, +seine "`Rennschinder"' seien "`nicht im Training"', und ein +dritter jammerte "uber einen Druckfehler in der "`Sportwelt"', der +den Namen eine{\s} seiner "`Vollbl"uter"' verballhornt habe. + +Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten +fahler. Man dr"angte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf +einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu "offnen, zerbrach +au{\s} Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Da{\s} Klirren der +Gla{\s}scherben veranla"ste Frau Bovary hinzublicken, und da +gewahrte sie von drau"sen herein gaffende Bauerngesichter. Die +Erinnerung an da{\s} elterliche Gut "uberkam sie. Im Geiste sah +sie den Hof mit dem Misthaufen, ihren Vater in Hemd{\s}"armeln +unter den Apfelb"aumen und sich selber ganz wie einst, wie sie in +der Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Sch"usseln +abrahmte. Aber im Strahlenglanz der gegenw"artigen Stunde starb +die eben noch so klare Erinnerung an ihr fr"uhere{\s} Leben +schnell wieder; e{\s} je gelebt zu haben, kam ihr fast unm"oglich +vor. Hier, hier lebte sie, und wa{\s} "uber diesen Ballsaal +hinau{\s} existieren mochte, da{\s} lag f"ur sie im tiefsten +Dunkel~... + +Sie schl"urfte von dem Mara{\s}chino-Ei{\s}, da{\s} sie in einer +vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen +halb schlo"s und den goldnen L"offel lange zwischen den Z"ahnen +behielt. Neben ihr lie"s eine Dame ihren F"acher zu Boden gleiten. +Ein T"anzer ging vor"uber. + +"`Sie w"aren sehr g"utig, mein Herr,"' sagte die Dame, "`wenn Sie +mir meinen F"acher aufheben wollten. Er ist unter diese{\s} Sofa +gefallen."' + +Der Herr b"uckte sich, und w"ahrend er mit dem Arm nach dem +F"acher langte, bemerkte Emma, da"s ihm die Dame etwa{\s} +wei"se{\s}, dreieckig Zusammengefaltete{\s} in den Hut warf. Er +"uberreichte ihr den aufgehobenen F"acher ehrerbietig. Sie dankte +mit einem leichten Neigen de{\s} Kopfe{\s} und barg schnell ihr +Gesicht in den Blumen ihre{\s} Strau"se{\s}. + +Nach dem Souper, bei dem e{\s} verschiedene Sorten von S"ud- und +Rheinweinen gab, Kreb{\s}suppe, Mandelmilch, Pudding \`a la +Trafalgar und allerlei kalte{\s} Fleisch, mit zitterndem Gelee +garniert, begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und +wegzufahren. Wer einen der Musselinvorh"ange am Fenster ein wenig +beiseiteschob, konnte die Laternenlichter in die Nacht +hinau{\s}ziehen sehen. E{\s} sa"sen immer weniger T"anzer im +Saale. Nur im Spielzimmer war noch Leben. Die Musikanten leckten +sich die hei"sen Finger ab. Karl stand gegen eine T"ur gelehnt, +dem Einschlafen nahe. + +Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht. +Aber alle Welt, sogar Fr"aulein von Andervillier{\s} und die +Marquise tanzten. E{\s} waren nur noch die im Schlosse zur Nacht +bleibenden G"aste da, etwa ein Dutzend Personen. + +Da geschah e{\s}, da"s einer der T"anzer, den man schlechtweg +"`Vicomte"' nannte -- die weitau{\s}geschnittene Weste sa"s ihm +wie angegossen -- Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte +e{\s} nicht. Der Vicomte bat abermal{\s}, indem er versicherte, er +w"urde sie sicher f"uhren und e{\s} w"urde vortrefflich gehen. + +Sie begannen langsam, um allm"ahlich rascher zu tanzen. +Schlie"slich wirbelten sie dahin. Alle{\s} drehte sich rund um +sie: die Lichter, die M"obel, die W"ande, der Parkettboden, al{\s} +ob sie in der Mitte eine{\s} Kreisel{\s} w"aren. Einmal, al{\s} +da{\s} Paar dicht an einer der T"uren vorbeitanzte, wickelte sich +Emma{\s} Schleppe um da{\s} Bein ihre{\s} T"anzer{\s}. Sie +f"uhlten sich beide und blickten sich einander in die Augen. Ein +Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber e{\s} ging +weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin, bi{\s} +an da{\s} Ende der Galerie, wo Emma, v"ollig au"ser Atem, beinahe +umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. +Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an +ihren Platz zur"uck. E{\s} schwindelte ihr; sie mu"ste den R"ucken +anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken. + +Al{\s} sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, da"s in der Mitte +de{\s} Saale{\s} eine der Damen auf einem Taburett sa"s, w"ahrend +drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war +der Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein. + +Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. E{\s} tanzte einmal und +noch einmal herum: sie regung{\s}lo{\s} in den Linien ihre{\s} +K"orper{\s}, da{\s} Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der +n"amlichen Haltung, kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den +Blick geradeau{\s} gerichtet. Da{\s} waren Walzert"anzer! Sie +fanden kein Ende. Eher erm"udeten die Zuschauer. + +Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte +man sich "`Gute Nacht"' oder vielmehr "`Guten Morgen"', und alle{\s} +ging schlafen. + +Karl schleppte sich am Treppengel"ander hinauf. Er hatte sich +"`die Beine in den Bauch gestanden."' Ohne sich zu setzen, hatte +er sich f"unf Stunden hintereinander bei den Spieltischen +aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwa{\s} von +diesem Spiel zu verstehen. Und so stie"s er einen m"achtigen +Seufzer der Erleichterung au{\s}, al{\s} er sich endlich seiner +Stiefel entledigt hatte. + +Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, "offnete da{\s} Fenster +und lehnte sich hinau{\s}. Die Nacht war schwarz. Feiner +Spr"uhregen fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die +Augenlider k"uhlte. Walzerkl"ange summten ihr noch in den Ohren. +Emma hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten +M"archenglanz, ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu +besitzen~... + +Der Morgen d"ammerte. Sie schaute hin"uber nach den Fensterreihen +de{\s} Mittelbaue{\s}, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo +die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend +beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwa{\s} von ihrem +Leben zu wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin +aufzugehen. + +Schlie"slich begann sie zu fr"osteln. Sie entkleidete sich und +schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihre{\s} schlafenden +Gatten. + +Zum Fr"uhst"uck erschienen eine Menge Menschen. E{\s} dauerte zehn +Minuten. E{\s} gab keinen Kognak, wa{\s} dem Arzt wenig behagte. + +Beim Aufstehen sammelte Fr"aulein von Andervillier{\s} die +angebrochenen Br"otchen in einen kleinen Korb, um sie den +Schw"anen auf dem Schlo"steiche zu bringen. Nach der F"utterung +begab man sich in da{\s} Gew"ach{\s}hau{\s}, mit seinen seltsamen +Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser +f"uhrte ein Au{\s}gang in den Wirtschaft{\s}hof. + +Um der jungen Arztfrau ein Vergn"ugen zu bereiten, zeigte ihr der +Marqui{\s} die St"alle. "Uber den korbartigen Raufen waren +Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben +die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen +stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. +Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst +wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte de{\s} +Raume{\s} auf drehbaren B"ocken, w"ahrend die Kandaren, Trensen, +Kinnketten, Steigb"ugel, Z"ugel und Peitschen wohlgeordnet zu +Reihen an den W"anden hingen. + +Karl bat einen Stallburschen, sein Gef"ahrt zurechtzumachen. +Sodann fuhr er vor. Da{\s} ganze Gep"ack ward aufgepackt. Da{\s} +Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marqui{\s} +und der Marquise. Und heim ging e{\s} nach Toste{\s}. + +Schweigsam sah Emma dem Drehen der R"ader zu. Karl sa"s auf dem +"au"sersten Ende de{\s} Sitze{\s} und kutschierte mit abstehenden +Ellbogen. Da{\s} kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner +Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Z"ugel tanzten auf +der Kruppe de{\s} Gaule{\s}. Gischt flatterte. Der Koffer, der +hinten angeschnallt war, sa"s nicht recht fest und polterte in +einem fort im Takte an den Wagenkasten. + +Auf der H"ohe von Thibourville wurden sie pl"otzlich von ein paar +Reitern "uberholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma +glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie +vermochte nicht{\s} zu erkennen al{\s} die Konturen der Reiter, +die sich vom Himmel abhoben und sich im Rhythmu{\s} de{\s} +Trabe{\s} auf und nieder bewegten. + +Wenige Minuten sp"ater mu"sten sie Halt machen, um die zerrissene +Hemmkette mit einem Strick fest\/zubinden. Al{\s} Karl da{\s} ganze +Geschirr noch einmal "uberblickte, gewahrte er zwischen den Beinen +seine{\s} Pferde{\s} einen Gegenstand liegen. Er hob eine +Zigarrentasche auf; sie war mit gr"uner Seide gestickt und auf der +Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschm"uckt. + +"`E{\s} sind sogar zwei Zigarren drin!"' sagte er. "`Die kommen +heute abend nach dem Essen dran!"' + +"`Du rauchst demnach?"' fragte Emma. + +"`Manchmal! Gelegentlich!"' + +Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul ein{\s} mit +der Peitsche. + +Al{\s} sie zu Hause ankamen, war da{\s} Mittagessen noch nicht +fertig. Frau Bovary war unwillig dar"uber. Anastasia gab eine +dreiste Antwort. + +"`Scheren Sie sich fort"' rief Emma. "`Sie machen sich "uber mich +lustig. Sie sind entlassen!"' + +Zu Tisch gab e{\s} Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. +Karl sa"s seiner Frau gegen"uber. Er rieb sich die H"ande und +meinte vergn"ugt: + +"`Zu Hause ist{\s} doch am sch"onsten!"' + +Man h"orte, wie Anastasia drau"sen weinte. Karl hatte da{\s} arme +Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit, +hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war +seine erste Patientin gewesen, seine "alteste Bekannte in der +ganzen Gegend. + +"`Hast du ihr im Ernst gek"undigt?"' fragte er nach einer Weile. + +"`Gewi"s! Warum soll ich auch nicht?"' gab Emma zur Antwort. + +Nach Tisch w"armten sich die beiden in der K"uche, w"ahrend die +Gro"se Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich +eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und +spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich +zur"uck, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg. + +"`Da{\s} Rauchen wird dir nicht bekommen!"' bemerkte Emma +ver"achtlich. + +Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank +gierig ein Gla{\s} frische{\s} Wasser. W"ahrenddessen nahm Emma +die Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel de{\s} +Schranke{\s}. + +Der Tag war endlo{\s}: dieser Tag nach dem Feste! + +Emma ging in ihrem G"artchen spazieren. Immer dieselben Wege auf +und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem +Obstspalier, vor dem t"onernen M"onch, und betrachtete sich alle +diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit +hinter ihr der Ballabend schon lag! Und wa{\s} war e{\s}, da{\s} +sich zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft +dr"angte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen +tiefen Ri"s gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm +zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufw"uhlt. Trotzdem +kam eine gewisse Resignation "uber sie. Wie eine Reliquie +verwahrte sie ihr sch"one{\s} Ballkleid in ihrem Schranke, sogar +die Atla{\s}schuhe, deren Sohlen vom Parkettwach{\s} eine +br"aunliche Politur bekommen hatten. Emma{\s} Herz ging e{\s} wie +ihnen. Bei der Ber"uhrung mit dem Reichtum war etwa{\s} daran +haften geblieben f"ur immerdar. + +An den Ball zur"uckdenken, wurde f"ur Emma eine besondre +Besch"aftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken +auf: "`Ach, heute vor acht Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor +vierzehn Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor drei Wochen war +e{\s}!"' Allm"ahlich aber verschwammen in ihrem Ged"achtnisse die +einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse gesehen hatte. Die +Melodien der T"anze entfielen ihr. Sie verga"s, wie die Gem"acher +und die Livreen au{\s}gesehen hatten. Immer mehr schwanden ihr die +Einzelheiten, aber ihre Sehnsucht blieb zur"uck. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Oft, wenn Karl unterweg{\s} war, holte Emma die gr"unseidene +Zigarrentasche au{\s} dem Schrank, wo sie unter gefalteter W"asche +verborgen lag. Sie betrachtete sie, "offnete sie und sog sogar den +Duft ihre{\s} Futter{\s} ein, da{\s} nach Lavendel und Tabak roch. +Wem mochte sie geh"ort haben? Dem Vicomte? Vielleicht war e{\s} +ein Geschenk seiner Geliebten. Gewi"s hatte sie die Stickerei auf +einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz +heimlich, in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der +tr"aumerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch +von Liebe wehte au{\s} den Stichen hervor. Mir jedem Faden war +eine Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle +diese kleinen Seidenkreuzchen waren da{\s} Denkmal einer langen +stummen Leidenschaft. Und dann, eine{\s} Morgen{\s}, hatte der +Vicomte die Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl +geplaudert, al{\s} sie noch auf dem breiten Simse de{\s} +Kamine{\s} zwischen Blumenvasen und Stutzuhren au{\s} den Zeiten +der Pompadour lag? + +Jetzt war der Vicomte wohl in Pari{\s}. Weit weg von ihr und von +Toste{\s}! Wie mochte diese{\s} Pari{\s} sein? Welch +geheimni{\s}voller Name! Pari{\s}! Sie fl"usterte da{\s} Wort +immer wieder vor sich hin. E{\s} machte ihr Vergn"ugen. E{\s} +raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer gro"sen +Kirchenglocke. E{\s} flammte ihr in die Augen, wo e{\s} auch +stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenb"uchsen. + +Nacht{\s}, wenn die Seefischh"andler unten auf der Stra"se +vorbeifuhren mit ihren Karren und die "`Majorlaine"' sangen, ward +sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der R"ader, bi{\s} die Wagen +au{\s} dem Dorfe hinau{\s} waren und e{\s} wieder still wurde. + +"`Morgen sind sie in Pari{\s}!"' seufzte die Einsame. Und in ihren +Gedanken folgte sie den Fahrzeugen "uber Berg und Tal, durch +D"orfer und St"adte, immer die gro"se Stra"se hin in der lichten +Sternennacht. Aber weiter weg gab e{\s} ein verschwommene{\s} +Ziel, wo ihre Tr"aume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von +Pari{\s} und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch +die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevard{\s} hin, blieb an jeder +Stra"senecke stehen, an jedem Hause, da{\s} im Stadtplan +eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schlie"slich m"ude wurden, +schlo"s sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie die +Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor +dem Portal der Gro"sen Oper donnernd vorfuhren. + +Sie abonnierte auf den "`Bazar"' und die "`Modenwelt"' und +studierte auf da{\s} gewissenhafteste alle Berichte "uber die +Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, +wenn ber"uhmte S"angerinnen Gastspiele gaben oder neue +Warenh"auser er"offnet wurden; sie kannte die neuesten Moden, die +Adressen der guten Schneider; sie wu"ste, an welchen Tagen die +vornehme Gesellschaft im Boi{\s} und in der Oper zu finden war. +Au{\s} den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen +eingerichtet waren. Sie la{\s} Balzac und die George Sand, um +wenigsten{\s} in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen. +Sie brachte diese B"ucher sogar mit zu den Mahlzeiten und la{\s} +darin, w"ahrend Karl a"s und ihr erz"ahlte. Und wa{\s} sie auch +la{\s}, "uberallhinein drangen ihre Reminis\/zenzen an den +Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand +Beziehungen. Aber allm"ahlich erweiterte sich der Ideenkrei{\s}, +dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen +hatte, erblich schlie"slich, um auf andren Idealgesch"opfen wieder +aufzuflammen. + +Unerme"slich wie da{\s} Weltmeer, in der Sonne eine{\s} +Wunderhimmel{\s}, so stand Pari{\s} vor Emma{\s} Phantasie. Da{\s} +tausendf"altige Leben, da{\s} sich in diesem Babylon abspielt, war +gleichwohl f"ur sie auf ganz bestimmte Einzelheiten beschr"ankt, +die sie im Geiste in deutlichen Bildern sah. Neben diesen -- man +k"onnte sagen -- Symbolen de{\s} mond"anen Leben{\s} trat alle{\s} +andre in Dunkel und D"ammerung zur"uck. + +Da{\s} Dasein der Hofmenschen, so wie sie sich{\s} vorstellte, +spielte sich auf gl"anzendem Parkett ab, in Spiegels"alen, um +ovale Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. +Dazu Schleppkleider, Staat{\s}geheimnisse und tausend Qualen +hinter heuchlerischem L"acheln. Da{\s} Milieu de{\s} h"ochsten +Adel{\s} bildete sie sich folgenderma"sen ein: Vornehme bleiche +Gesichter; man steht fr"uh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt +ungl"uckliche Engel, tragen Unterr"ocke au{\s} irischen Spitzen; +die M"anner, verkannte Genie{\s}, kokettierend mit der Ma{\s}ke +der Oberfl"achlichkeit, reiten au{\s} "Ubermut ihre Vollbl"uter +zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und +wenn sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter +Letzt reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma tr"aumte, war +da{\s} bunte Leben und Treiben der K"unstler, Schriftsteller und +Schauspielerinnen, da{\s} sich in den separierten Zimmern der +Restaurant{\s} abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein +soupiert und sich au{\s}tollt. Diese Menschen sind die +Verschwender de{\s} Leben{\s}, K"onige in ihrer Art, voller Ideale +und Phantastereien. Ihr Dasein verl"auft hoch "uber dem Alltag, +zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang. + +Alle{\s} andre in der Welt war f"ur Emma verloren, +wesen{\s}lo{\s}, so gut wie nicht vorhanden. Je n"aher ihr die +Dinge "ubrigen{\s} standen, um so weniger ber"uhrten sie ihr +Innenleben. Alle{\s}, wa{\s} sie unmittelbar umgab: die eint"onige +Landschaft, die kleinlichen armseligen Spie"sb"urger, ihr +ganze{\s} Durchschnitt{\s}dasein kam ihr wie ein Winkel der +eigentlichen Welt vor. Er existierte zuf"allig, und sie war in ihn +verbannt. Aber drau"sen vor seinen Toren, da begann da{\s} weite, +weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der Sehnsucht +ihre{\s} Traumleben{\s} flossen Wollust und Luxu{\s} mit den +Freuden de{\s} Herzen{\s}, erlesene Leben{\s}f"uhrung mit +Gef"uhl{\s}feinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, "ahnlich wie +die Pflanzen der Tropen, nicht ihre{\s} eigenen Boden{\s} und +ihrer besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige K"usse, +Tr"anen, vergossen auf hingebung{\s}volle H"ande, Fleische{\s}lust +und schmachtende Z"artlichkeit, alle{\s} da{\s} war ihr +unzertrennlich von stolzen Schl"ossern voll m"u"sigen Leben{\s}, +von Boudoiren mit seidnen Vorh"angen und dicken Teppichen, von +blumengef"ullten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden +Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft. + +Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen +Stalljacke, die blo"sen F"u"se in Holzpantoffeln, kam, um die +Stute zu f"uttern und zu putzen, klapperte jede{\s}mal durch die +Hau{\s}flur. Da{\s} war der Groom in Kniehosen. Mit dem mu"ste sie +zufrieden sein. Wenn er fertig war, lie"s er sich den ganzen Tag +"uber nicht wieder blicken. Karl pflegte n"amlich sein Pferd, wenn +er e{\s} geritten hatte, selbst einzustellen. W"ahrend er Sattel +und Z"aumung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor. + +Nachdem Anastasia unter tausend Tr"anen wirklich da{\s} Hau{\s} +verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junge{\s} M"adchen +in Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftm"utige{\s} +Wesen. Sie zog sie nett an, brachte ihr h"ofliche Manieren bei, +lehrte sie, ein Gla{\s} Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem +Eintreten in ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Pl"atten +und B"ugeln der W"asche und lie"s sich von ihr beim Ankleiden +helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe au{\s}. +Felicie -- so hie"s da{\s} neue M"adchen -- gehorchte ihr ohne +Murren. E{\s} gefiel ihr im Hause. Die Hau{\s}frau pflegte den +B"ufettschl"ussel stecken zu lassen. Felicie nahm sich alle Abende +einige St"ucke Zucker und verzehrte sie, wenn sie allein war, im +Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte. Nachmittag{\s}, wenn +Frau Bovary wie gew"ohnlich oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie +ein wenig in die Nachbarschaft klatschen. + +Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschl"age und +einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie h"atte +schreiben k"onnen. H"aufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter +nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in +Tr"aumereien und lie"s da{\s} Buch in den Scho"s sinken. Am +liebsten h"atte sie eine gro"se Reise gemacht oder w"are wieder in +da{\s} Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben und die Sehnsucht +nach Pari{\s} beherrschten sie in der gleichen Minute. + +Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstra"sen hin. +Er fr"uhst"uckte in den Geh"often, griff in feuchte Krankenbetten, +lie"s sich beim Aderlassen da{\s} Gesicht voll Blut spritzen, +h"orte dem R"ocheln Sterbender zu, pr"ufte den Inhalt von +Nachtt"opfen und zog so und so oft schmutzige Hemden hoch. +Abend{\s} aber fand er immer ein gem"utliche{\s} Feuer im Kamin, +einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Gro"svaterstuhl +und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging +von ihr au{\s}; wer wei"s, wa{\s} da{\s} war, ein Odeur, ihre +W"asche oder ihre Haut? + +Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Ent\/z"ucken. Sie +erfand neue Papiermanschetten f"ur die Leuchter, oder sie besetzte +ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz +gew"ohnliche{\s} Gericht mit einem putzigen Namen, weil e{\s} ihm +herrlich geschmeckt und er e{\s} bi{\s} auf den letzten Rest +vertilgt hatte, obgleich e{\s} dem M"adchen greulich mi"sraten +war. Einmal sah sie in Rouen, da"s die Damen an ihren Uhrketten +allerlei Anh"angsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein +andermal war e{\s} ihr Wunsch, auf dem Kamine ihre{\s} Zimmer{\s} +zwei gro"se Vasen au{\s} blauem Porzellan stehen zu haben, oder +sie wollte ein N"ahk"astchen au{\s} Elfenbein mit einem +vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen +begriff, so sehr "ubten sie doch auch auf ihn eine verf"uhrerische +Wirkung au{\s}. Sie erh"ohten die Freuden seiner Sinnlichkeit und +verliehen seinem Heim einen s"u"sen Reiz mehr. E{\s} war, al{\s} +ob Goldstaub auf den Pfad seine{\s} Leben{\s} fiel. + +Er sah gesund und w"urdevoll au{\s}, und sein Ansehen al{\s} Arzt +stand l"angst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht +stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemal{\s} in ein +Wirt{\s}hau{\s} und fl"o"ste jedermann durch seine Solidit"at +Vertrauen ein. Er war Spezialist f"ur Hal{\s}- und Lungenleiden. +In Wirklichkeit r"uhrten seine Erfolge daher, da"s er Angst hatte, +die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur +beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein +Abf"uhrmittel, ein Fu"sbad oder einen Blutegel verordnete. In der +Chirurgie war er allerding{\s} ein St"umper. Er schnitt +drauflo{\s} wie ein Fleischermeister, und Z"ahne zog er wie der +Satan. + +Um sich in seinem Handwerk "`auf dem laufenden zu halten"', war er +auf die "`Medizinische Wochenschrift"' abonniert, von der ihm +einmal ein Prospekt zugegangen war. Abend{\s} nach der +Hauptmahlzeit nahm er sie gew"ohnlich zur Hand, aber die warme +Zimmerluft und die Verdauung{\s}m"udigkeit brachten ihn +regelm"a"sig nach f"unf Minuten zum Einschlafen. Da{\s} Haupt sank +ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine L"owenm"ahne +vorn"uber nach dem Fu"se der Tischlampe zu. Emma sah sich +diese{\s} Bild ver"achtlich an. Wenn ihr Mann nur wenigsten{\s} +eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen w"are, die +nacht{\s} "uber ihren B"uchern hocken und mit sechzig Jahren, wenn +sich da{\s} Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in da{\s} +Knopfloch ihre{\s} schlecht sitzenden schwarzen Rocke{\s} geh"angt +bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, h"atte +Bedeutung haben m"ussen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in +ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt +au{\s} Yvetot, mit dem er unl"angst gemeinsam konsultiert worden +war, hatte ihn in Gegenwart de{\s} Kranken und im Beisein der +Verwandten blamiert. Al{\s} Karl ihr abend{\s} die Geschichte +erz"ahlte, war Emma ma"slo{\s} emp"ort "uber den Kollegen. Karl +k"u"ste ihr ger"uhrt die Stirn. Die Tr"anen standen ihm in den +Augen. Sie war au"ser sich vor Scham ob der Dem"utigung ihre{\s} +Manne{\s} und h"atte ihn am liebsten verpr"ugelt. Um sich zu +beruhigen, eilte sie auf den Gang hinau{\s}, "offnete da{\s} +Fenster und sog die k"uhle Nachtluft ein. + +"`Ach, wa{\s} habe ich f"ur einen erb"armlichen Mann!"' klagte sie +leise vor sich hin und bi"s sich auf die Lippen. + +Er wurde ihr auch sonst immer widerw"artiger. Mit der Zeit nahm er +allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch +zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen +leckte er sich die Z"ahne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe +l"offelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer +beleibter, und seine an und f"ur sich schon winzigen Augen drohten +allm"ahlich g"anzlich hinter seinen feisten Backen zu +verschwinden. + +Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seine{\s} +Trikotunterhemde{\s} wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte +zurecht oder beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er +sonst noch l"anger angezogen h"atte. Aber dergleichen tat sie +nicht, wie er w"ahnte, ihm zuliebe. E{\s} geschah einzig und +allein au{\s} nerv"oser Reizbarkeit und egoistischem +Sch"onheit{\s}drang. Mitunter erz"ahlte sie ihm Dinge, die sie +gelesen hatte, etwa au{\s} einem Roman oder au{\s} einem neuen +St"ucke, oder Vorkommnisse au{\s} dem Leben der oberen +Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte. +Schlie"slich war Karl wenigsten{\s} ein aufmerksamer und geneigter +Zuh"orer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, +da{\s} Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren +Vertrauten machen! + +Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer de{\s} +gro"sen Erlebnisse{\s}. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit +verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihre{\s} Dasein{\s} ab +und sp"ahte in die dunstigen Fernen nach einem wei"sen Segel. +Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der +richtige Kur{\s} oder der Zufall da{\s} ersehnte Schiff zuf"uhren +solle, nach welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern +w"urde, welcher Art diese{\s} Schiff "uberhaupt sein solle, ob ein +schwache{\s} Boot oder ein gro"ser Ozeandampfer, und mit welcher +Fracht er fahre, mit tausend "Angsten oder mit Gl"uckseligkeiten +beladen bi{\s} hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie +erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute m"usse e{\s} sich +ereignen. Bei jedem Ger"ausch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor +und war dann betroffen, da"s e{\s} immer noch nicht kam, da{\s} +gro"se Erlebni{\s}. Wenn die Sonne sank, war sie jede{\s}mal +tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den n"achsten Tag. + +Der Fr"uhling zog wieder in da{\s} Land. Al{\s} die Tage w"armer +wurden und die Birnb"aume zu bl"uhen begannen, litt Emma an +Beklemmungen. Dann ward e{\s} Sommer. Bereit{\s} Anfang Juli +z"ahlte sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen e{\s} noch +bi{\s} zum Oktober seien. Vielleicht g"abe der Marqui{\s} von +Andervillier{\s} wieder einen Ball. Aber der ganze September +verstrich, ohne da"s ein Brief oder ein Besuch au{\s} Vaubyessard +kam. Nach dieser Entt"auschung war ihr Herz wieder leer, und +da{\s} ewige Einerlei ihre{\s} Leben{\s} hub von neuem an. + +Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die +Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, +sollten kommen und gehen und nie etwa{\s} Neue{\s} bringen! So +flach auch da{\s} Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin +die M"oglichkeit eine{\s} au"sergew"ohnlichen Geschehnisse{\s}. +Ein Abenteuer zieht h"aufig die unglaublichsten Umw"alzungen nach +sich und ver"andert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein +blieb alle{\s} beim alten. Da{\s} war ihr Schicksal! Die Zukunft +lag vor ihr wie ein langer stockfinsterer Gang, und die T"ur ganz +am Ende war fest verriegelt. + +Sie vernachl"assigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer h"orte +ihr denn zu? E{\s} war ihr doch niemal{\s} verg"onnt, in einem +Gesellschaft{\s}kleid mit kurzen "Armeln auf einem Konzertfl"ugel +vor einer gro"sen Zuh"orerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger +"uber die Elfenbeintasten hinst"urmen zu lassen und da{\s} Murmeln +der Verz"uckung um sich zu h"oren wie da{\s} Rauschen de{\s} +Zephir{\s}. Wozu also da{\s} m"uhevolle Einstudieren? Ebenso +packte sie ihr Zeichenger"at und den Stickrahmen in den Schrank. +Wozu da{\s} alle{\s}? Wem zuliebe? Auch da{\s} N"ahen ward ihr +widerlich, und selbst da{\s} Lesen lie"s sie. "`E{\s} ist immer +wieder da{\s}selbe!"' sagte sie sich. + +Und so tr"aumte sie vor sich hin, starrte in die Glut de{\s} +Kamin{\s} oder sah zu, wie drau"sen der Regen herniederfiel. + +Am traurigsten waren ihr die Sonntag{\s}nachmittage. Wenn e{\s} +zur Vesper l"autete, h"orte sie, vor sich hinbr"utend, den dumpfen +Glockenschl"agen zu. Eine Katze schlich "uber die D"acher, +gem"achlich und langsam, und wo ein bi"schen Sonne war, machte sie +einen Buckel. Auf der Landstra"se blie{\s} der Wind Staubwirbel +auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem +fort, in gleichen Zeitr"aumen, der monotone Glockenklang, der +"uber den Feldern verhallte. + +Inzwischen kamen die Leute au{\s} der Kirche. Die Frauen in +Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntag{\s}blusen, die hin und +her laufenden Kinder in blo"sen K"opfen. Alle{\s} ging +heimw"art{\s}. Nur f"unf bi{\s} sech{\s} M"anner, immer dieselben, +blieben vor dem Hoftor de{\s} Gasthofe{\s} beim St"opselspiel, +bi{\s} e{\s} dunkel wurde. + +E{\s} kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die +Fensterscheiben mit Ei{\s}blumen bedeckt, und da{\s} +Tage{\s}licht, da{\s} wie durch mattgeschliffene{\s} Gla{\s} +hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag "uber tr"ub. Von +nachmittag{\s} vier Uhr an mu"sten die Lampen brennen. + +An sch"onen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost +hatte "uber die Gr"aser ein silberne{\s} Netz gewoben, dessen +glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel +sang. Die Natur schien zu schlafen. Da{\s} Spalier war mit Stroh +umwickelt, und die Weinst"ocke hingen an der Mauer wie vereiste +Schlangen. Der lesende M"onch unter den Fichten an der Hecke hatte +den rechten Fu"s verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, +und graue Flecke entstellten ihm nun da{\s} Gesicht. + +Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schlo"s +die T"ur ab und sch"urte da{\s} Feuer im Kamine. In der W"arme +de{\s} Zimmer{\s} ward sie matt, und die Langeweile lastete +schwerer auf ihr. Gern w"are sie hinuntergelaufen, um mit dem +Dienstm"adchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz. + +Alle Morgen um die n"amliche Stunde "offnete dr"uben der +Schulmeister, sein schwarzseidne{\s} K"appchen auf dem Kopfe, die +Fensterl"aden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm +mit seinem S"abel vor"uber. Morgen{\s} und abend{\s} wurden die +Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tr"anke nach dem Dorfteiche +vorbeigef"uhrt. Von Zeit zu Zeit schellte die T"urklingel +irgendeine{\s} Laden{\s}; und wenn der Wind ging, h"orte man die +Messingbecken, die al{\s} Au{\s}h"angeschilder vor dem +Barbiergesch"afte hingen, an ihre Stange klirren. Da{\s} +Schaufenster schm"uckten ein alte{\s} auf Pappe au{\s}geklebte{\s} +Modenkupfer und eine weibliche Wach{\s}b"uste mit einer gelben +Per"ucke. Der Friseur pflegte "uber seinen brotlosen Beruf und +seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein h"ochster Traum war +ein Laden in einer gro"sen Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der +N"ahe de{\s} Theater{\s}. M"urrisch wanderte er den ganzen Tag +"uber zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und her und +lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster +blickte, sah sie ihn jede{\s}mal in seinem braunen Rock, die +Zipfelm"utze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her +patrouillieren. + +Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern de{\s} +E"szimmer{\s} ein sonnengebr"aunter M"annerkopf mit einem +schwarzen Schnurrbarte und einem tr"agen L"acheln um den Mund, in +dem die Z"ahne leuchteten. Al{\s}bald begann eine Walzermelodie +au{\s} einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal +aufgebaut war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten +Kopft"uchern, Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen R"ocken, +Herren in Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofa{\s} und +Lehnst"uhlen und Tischen, wobei sie sich in Spiegelst"ucken +vervielf"altigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren. Der +Leierkastenmann drehte die Kurbel und sp"ahte dabei nach recht{\s} +und link{\s} nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen +langen Strahl tabakbraunen Speichel{\s} gegen die Prellsteine oder +stie"s mit dem Knie seinen Kasten in die H"ohe, dessen Gurt ihm +die Schultern dr"uckte. In einem fort, bald schwerm"utig und +schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem +roten Taftbezug, der unter einer schn"orkelhaft au{\s}gestanzten +Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. E{\s} waren +Melodien, die gerade Mode waren und die man "uberall h"orte, in +den Theatern, Salon{\s} und Tanzs"alen, Kl"ange au{\s} der fernen +Welt, die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese +Kl"ange im Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder au{\s} ihrem +Kopfe weichen. Wie die Bajadere "uber den Blumen ihre{\s} +Teppich{\s}, tanzten ihre Gedanken im Rhythmu{\s} dieser Melodien +und wiegten sich von Traum zu Traum und von Tr"ubsal zu Tr"ubsal. +Wenn der Mann die milden Gaben in seiner M"utze gesammelt hatte, +umh"ullte er seinen Kasten mit einem blauwollnen "Uberzug, nahm +ihn auf den R"ucken und verlie"s da{\s} Dorf schweren +Schritte{\s}. Emma schaute ihm lange nach. + +Am unertr"aglichsten waren ihr die Mahlzeiten im E"szimmer unten +im Erdgescho"s. Der Ofen rauchte, die T"ure knarrte, die W"ande +waren feucht und der Fu"sboden kalt. Die ganze Bitterni{\s} +ihre{\s} Dasein{\s} schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und +au{\s} dem Dampf de{\s} au{\s}gekochten Rindfleische{\s} wehte ihr +gleichsam der Brodem ihre{\s} ihr so widerw"artig gewordenen +Leben{\s} entgegen. Karl a"s und a"s, w"ahrend sie ein paar N"usse +knackte oder, auf die Ellenbogen gest"utzt, sich damit vergn"ugte, +mit der Messerspitze allerlei Linien in da{\s} Wach{\s}tuch zu +kritzeln. + +In der Wirtschaft lie"s sie jetzt alle{\s} gehen, wie e{\s} ging. +Ihre Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach +Toste{\s} kam, war ob diese{\s} Wandel{\s} arg verdutzt. Emma, die +erst in ihrem "Au"seren so akkurat und adrett gewesen war, lief +nunmehr tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue +baumwollne Str"umpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie +meinte, man m"usse sich einschr"anken, da sie nicht reich seien, +f"ugte aber hinzu, sie sei h"ochst zufrieden und "uberau{\s} +gl"ucklich, und in Toste{\s} gefalle e{\s} ihr "uber alle Ma"sen. +Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte Frau +Bovary. Im "ubrigen zeigte sie sich f"ur die guten Lehren der +Schwiegermutter nicht empf"anglicher denn fr"uher. Al{\s} diese +gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei f"ur die +Gotte{\s}furcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emma{\s} +Antwort von einem so zornigen Blick und einem so ei{\s}kalten +L"acheln begleitet, da"s die gute Frau ihr nicht wieder zu nahe +kam. + +Emma wurde unzug"anglich und launisch. Sie lie"s sich besondre +Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anr"uhrte; an dem +einen Tage trank sie nicht{\s} al{\s} Milch und am andern ein +Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht au{\s} dem Hause zu +bekommen, und bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. +Sie sperrte alle Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug +anziehen. Wenn sie da{\s} Dienstm"adchen angefahren hatte, machte +sie ihr im n"achsten Augenblicke Geschenke oder lie"s sie in die +Nachbarschaft au{\s}gehen. Au{\s} "ahnlicher Bizarrerie warf sie +bi{\s}weilen armen Leuten alle{\s} Kleingeld hin, da{\s} sie bei +sich hatte, obgleich sie eigentlich gar nicht weichherzig und +mitleidig war, just wie alle Menschen, die auf dem Lande gro"s +geworden sind und leben{\s}lang etwa{\s} von der H"arte der +v"aterlichen H"ande in ihrem Herzen behalten. + +Gegen Ende de{\s} Februar{\s} brachte Vater Rouault in Erinnerung +an seine Heilung pers"onlich eine pr"achtige Truthenne und blieb +drei Tage im Hause seine{\s} Schwiegersohne{\s}. W"ahrend Karl auf +Praxi{\s} war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte +in ihrem Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von +Ernteau{\s}sichten, K"albern, K"uhen, H"uhnern und von den +Gemeinderat{\s}sitzungen. Wenn er wieder hinau{\s}gegangen war, +schlo"s sie ihre T"ur mit einem Gef"uhl der Befriedigung ab, +da{\s} ihr selber sonderbar vorkam. + +Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan +immer weniger. Bi{\s}weilen gefiel sie sich darin, die +merkw"urdigsten Ansichten zu "au"sern. Sie tadelte, wa{\s} andre +f"ur gut hielten, und billigte Dinge, die f"ur unnat"urlich oder +unmoralisch erkl"art wurden. Karl machte mitunter verwunderte +Augen dazu. + +Sollte diese{\s} Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich +immer wieder. Sollte sie niemal{\s} von hier fortkommen? Sie war +doch ebensoviel wert wie alle die Menschen, die gl"ucklich waren! +In Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im +Wuch{\s} waren al{\s} sie und ein gew"ohnlichere{\s} Benehmen +hatten. Sie verw"unschte die Ungerechtigkeit ihre{\s} +Sch"opfer{\s} und dr"uckte ihr Haupt weinend an die W"ande vor +lauter Sehnsucht nach dem Tumult der Welt, ihren n"achtlichen +Ma{\s}keraden und frechen Freuden und allen den Tollheiten, die +sie nicht kannte und die e{\s} doch gab. + +Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete +ihr Baldriantropfen und Kampferb"ader. Da{\s} machte sie nur noch +reizsamer. + +An manchen Tagen redete sie ohne Unterla"s wie eine Fieberkranke. +Dieser Aufgeregtheit folgte ein pl"otzlicher Umschlag in einen +Zustand von Empfindung{\s}losigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne +sich zu r"uhren, und e{\s} wirkte bei ihr nur ein +Belebung{\s}mittel: da{\s} "Ubergie"sen mit K"olnischem Wasser. + +Dieweil sie sich fortw"ahrend "uber Toste{\s} beklagte, bildete +sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifello{\s} durch irgendwelchen +"ortlichen Einflu"s verursacht, und so begann er ernstlich daran +zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen. + +Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager +werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor +jegliche E"slust. + +E{\s} fiel Karl sehr schwer, Toste{\s} aufzugeben, wo er gerade +jetzt, nach vierj"ahriger Praxi{\s}, ein gemachter Mann war. +Indessen, e{\s} mu"ste sein! Er lie"s Emma in Rouen von seinem +ehemaligen Lehrmeister untersuchen. E{\s} sei ein nerv"ose{\s} +Leiden; Luftver"anderung w"are vonn"oten. + +Karl zog nun allerort{\s} Erkundigungen ein, und da brachte er in +Erfahrung, da"s im Bezirk von Neufch\^atel in einem gr"o"seren +Marktflecken namen{\s} Abtei Yonville der bi{\s}herige Arzt, ein +polnischer Ref"ugi\'e, in der vergangenen Nacht da{\s} Weite +gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte +sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die n"achsten +Kollegen entfernt s"a"sen und wie hoch die Jahre{\s}einnahme +de{\s} Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend +au{\s}, und infolgedessen entschlo"s sich Bovary, zu Beginn de{\s} +kommenden Fr"uhjahre{\s} nach Abtei Yonville "uberzusiedeln, +fall{\s} sich Emma{\s} Zustand noch nicht gebessert habe. + +Eine{\s} Tage{\s} kramte Emma de{\s} bevorstehenden Umzuge{\s} +wegen in einem Schubfache. Da ri"s sie sich in den Finger und zwar +an einem der Dr"ahte ihre{\s} Hochzeit{\s}strau"se{\s}. Die +Orangenknospen waren grau vor Staub, und da{\s} Atla{\s}band mit +der silbernen Franse war au{\s}gefranst. Sie warf den Strau"s in +da{\s} Feuer. Er flackerte auf wie trockne{\s} Stroh. Eine Weile +gl"uhte er noch wie ein feuriger Busch "uber der Asche, dann sank +er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen +Beeren au{\s} Pappmasse platzten, die Dr"ahte kr"ummten sich, die +Silberfransen schmolzen. Die verkohlte Papiermanschette zerfiel, +und die St"ucke flatterten im Kamine hin und her wie schwarze +Schmetterlinge, bi{\s} sie in den Rauchfang hinaufflogen~... + +Bei dem Weggange von Toste{\s}, im M"arz, ging Frau Bovary einer +guten Hoffnung entgegen. + + +\newpage +\thispagestyle{empty} +\begin{center} +\vspace{5cm} +{\Huge \so{Zweite{\s} Bu{ch}}} +\end{center} + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei, +von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein +Marktflecken, acht Wegstunden "ostlich von Rouen, zwischen der +Stra"se von Abbeville und der von Beauvai{\s}. Der Ort liegt im +Tale der Rieule, eine{\s} Nebenfl"u"schen{\s} der Andelle. Nahe +seiner Einm"undung treibt der Bach drei M"uhlen. Er hat Forellen, +nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer +Belustigung angeln. + +Man verl"a"st die Heere{\s}stra"se bei La Boissi\`ere und geht auf +der Hochebene bi{\s} zur H"ohe von Leux, wo man da{\s} Tiefland +offen vor sich liegen sieht. Der Flu"s teilt e{\s} in zwei +deutlich unterscheidbare H"alften: zur Linken Weideland, recht{\s} +ist alle{\s} bebaut. Diese Pr"arie, die sich bi{\s} zu den Triften +der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen +H"ugelkette begrenzt, w"ahrend die Ebene gegen Osten allm"ahlich +ansteigt und sich im Unerme"slichen verliert. So weit da{\s} Auge +reicht, schweift e{\s} "uber meilenweite Kornfelder. Da{\s} +Gew"asser sondert wie mit einem langen wei"sen Strich da{\s} Gr"un +der Wiesen von dem Blond der "Acker, und so liegt da{\s} ganze +Land unten au{\s}gebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit +einem gr"unen silbernges"aumten Samtkragen. + +Fern am Horizont erkennt man geradeau{\s} den Eichwald von Argueil +und die steilen Abh"ange von Sankt Johann mit ihren eigent"umlichen, +senkrechten, ungleichm"a"sigen roten Strichen. Da{\s} sind die +Wege, die sich da{\s} Regenwasser sucht; und die roten Streifen +auf dem Grau der Berge r"uhren von den vielen eisenhaltigen +Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten +hinab in{\s} Land schicken. + +Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der +Ile-de-France, inmitten eine{\s} von der Natur stiefm"utterlich +behandelten Ge\-l"ande{\s}, da{\s} weder im Dialekt seiner Bewohner +noch in seinem Landschaft{\s}bilde besondre Eigenheiten aufweist. +Von hier kommen die allerschlechtesten K"ase de{\s} ganzen +Bezirk{\s} von Neufch\^atel. Allerding{\s} ist die Bewirtschaftung +dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel +D"unger verlangt. + +Bi{\s} zum Jahre 1835 f"uhrte keine brauchbare Stra"se nach +Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter +"`Hauptvizinalweg"' angelegt, der die beiden gro"sen +Heere{\s}stra"sen von Abbeville und von Amien{\s} untereinander +verbindet und bi{\s}weilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die +von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser "`neuen +Verbindungen"' gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung. +Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man +hartn"ackig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen +Gewinn sie auch brachte; und die tr"age Bewohnerschaft baut sich +auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an. +Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt +liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache +hingeworfen hat. + +Von der Br"ucke, die "uber die Rieule f"uhrt, geht der mit Pappeln +bes"aumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Geh"often +de{\s} Orte{\s}. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den +Hauptgeb"auden sieht man allerhand ordnung{\s}lo{\s} angelegte +Nebenh"au{\s}chen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, +dazwischen buschige B"aume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und +andre{\s} Ger"at h"angen oder lehnen. Die Strohd"acher sehen wie +bi{\s} an die Augen in{\s} Gesicht hereingezogene Pelzm"utzen +au{\s}; sie verdecken ein Drittel der niedrigen +Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich d"urre{\s} +Spalierobst an den wei"sen, von schwarzem Geb"alk durchquerten +Kalkw"anden der H"auser empor. Die Eing"ange im Erdgescho"s haben +drehbare Halbt"uren, damit die H"uhner nicht eindringen, die auf +den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken. + +Allm"ahlich werden die H"ofe enger, die Geb"aude r"ucken n"aher +aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der H"auser +h"angt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster herau{\s}, ein +B"undel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder +drei neue Karren stehen davor und versperren die Stra"se. +Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein +wei"se{\s} Landhau{\s}, eine runde Rasenfl"ache davor mit einem +Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund h"alt. Die +Freitreppe flankieren zwei Vasen au{\s} Bronze. Ein Amt{\s}schild +mit Wappen gl"anzt am Tore. E{\s} ist da{\s} Hau{\s} de{\s} +Notar{\s}, da{\s} sch"onste der ganzen Gegend. + +Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Stra"se, beginnt +der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie +herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenh"ohe umschlie"st, +liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu +ein Pflaster, auf da{\s} au{\s} den Ritzen hervorschie"sende{\s} +Gra{\s} gr"une Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein +Neubau au{\s} der letzten Zeit der Regierung Karl{\s} de{\s} +Zehnten. Da{\s} h"olzerne Dach beginnt bereit{\s} morsch zu +werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke "uber dem Schiff zeigen +sich stellenweise schwarze Flecken. "Uber dem Eingang befindet +sich da, wo gew"ohnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine +Empore f"ur die M"anner, zu der eine Wendeltreppe hinauff"uhrt, +die laut dr"ohnt, wenn man sie betritt. + +Da{\s} Tage{\s}licht flutet in schr"agen Strahlen durch die +farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von +L"ang{\s}wand zu L"ang{\s}wand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind +Strohmatten befestigt, und Namen{\s}schilder verk"unden weithin +sichtbar: "`Platz de{\s} Herrn Soundso."' Wo sich da{\s} Schiff +verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegen"uber ein Standbild +der Madonna, die ein Atla{\s}gewand und einen Schleier, mit lauter +silbernen Sternen bes"at, tr"agt. Ihre Wangen sind genau so +knallrot angemalt wie die eine{\s} G"otzenbilde{\s} auf den +Sandwichinseln. Im Chor "uber dem Hochaltar schimmert hinter vier +hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro +Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorst"uhle au{\s} +Fichtenholz sind ohne Anstrich. + +Fast die H"alfte de{\s} Marktplatze{\s} von Yonville nehmen "`die +Hallen"' ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzs"aulen. +Da{\s} Rathau{\s}, nach dem Entwurfe eine{\s} Pariser Architekten +in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke de{\s} +Platze{\s} neben der Apotheke. Da{\s} Erdgescho"s hat eine +dorische S"aulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und +dar"uber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der +einen Klaue da{\s} Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage +der Gerechtigkeit h"alt. + +Da{\s} Augenmerk de{\s} Fremden f"allt immer zuerst auf die +Apotheke de{\s} Herrn Homai{\s}, schr"ag gegen"uber vom "`Gasthof +zum goldnen L"owen"'. Zumal am Abend, wenn die gro"se Lampe im +Laden brennt und ihr helle{\s}, durch die bunten Fl"ussigkeiten in +den dickbauchigen Flaschen, die da{\s} Schaufenster schm"ucken +sollen, rot und gr"un gef"arbte{\s} Licht weit hinau{\s} "uber +da{\s} Stra"senpflaster f"allt, dann sieht man den Schattenri"s +de{\s} "uber sein Pult gebeugten Apotheker{\s} wie in bengalischer +Beleuchtung. Au"sen ist sein Hau{\s} von oben bi{\s} unten mit +Reklameschildern bedeckt, die in allen m"oglichen Schriftarten +au{\s}schreien: "`Mineralwasser von Vichy"', "`Sauerbrunnen"', +"`Selter{\s}wasser"', "`Kamillentee"', "`Kr"auterlik"or"', +"`Kraftmehl"', "`Hustenpastillen"', "`Zahnpulver"', "`Mundwasser"', +"`Bandagen"', "`Badesalz"', "`Gesundheit{\s}schokolade"' usw. usw. +Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in +m"achtigen goldnen Buchstaben: "`Homai{\s}, Apotheker"'. Drinnen, +hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest +man "uber einer Gla{\s}t"ure da{\s} Wort "`Laboratorium"' und auf +der T"ur selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem +Grunde den Namen "`Homai{\s}"'. + +Weitere Sehen{\s}w"urdigkeiten gibt e{\s} in Yonville nicht. Die +Hauptstra"se (die einzige) reicht einen B"uchsenschu"s weit und +hat zu beiden Seiten ein paar Kraml"aden. An der Stra"senbiegung +ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach link{\s} abwendet und +dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof. + +Zur Zeit der Cholera wurde ein St"uck der Kirchhof{\s}mauer +niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land +vergr"o"sert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch +unbenutzt geblieben. Wie vordem dr"angen sich die Grabh"ugel nach +dem Eingang{\s}tor zu zusammen. Der Pf"ortner, der zugleich auch +Totengr"aber und Kirchendiener ist und somit au{\s} den Leichen +der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich da{\s} +unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber +von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bi"schen Boden, und e{\s} +brauchte blo"s wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so w"u"ste +er nicht, ob er sich "uber die vielen Toten freuen oder "uber ihre +neuen Gr"aber "argern solle. + +"`Lestiboudoi{\s}, Sie leben von den Toten!"' sagte eine{\s} +Tage{\s} der Pfarrer zu ihm. + +Diese gruselige Bemerkung stimmte den K"uster nachdenklich. Eine +Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bi{\s} +auf den heutigen Tag zog er seine Erd"apfel weiter. Ja, er +versichert sogar mit Nachdruck, sie w"uchsen ganz von selber. + +Seit den Ereignissen, die hier erz"ahlt werden, hat sich in +Yonville wirklich nicht{\s} ver"andert. Noch immer dreht sich auf +der Kirchturmspitze die wei"s-rot-blaue Fahne au{\s} Blech, noch +immer flattern vor dem Laden de{\s} Modewarenh"andler{\s} zwei +Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der +Apotheke h"a"sliche Pr"aparate in Gla{\s}b"uchsen voll +tr"ubgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von +Wind und Wetter ziemlich entgoldete L"owe "uber dem Tore de{\s} +Gasthofe{\s} den Vor"ubergehenden seine Pudelm"ahne. + +An dem Abend, da da{\s} Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen +sollte, war die L"owenwirtin, die Witwe Franz, derartig +besch"aftigt, da"s ihr beim Hantieren mit ihren T"opfen der +Schwei"s von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war n"amlich +Markttag im St"adtchen. Da mu"ste Fleisch zurechtgehackt, +Gefl"ugel au{\s}genommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt +werden. Daneben die regelm"a"sigen Tischteilnehmer und heute +obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstm"adchen! +Am Billard lachten G"aste, und in der kleinen Gaststube riefen +drei M"ullerburschen nach Schnap{\s}. Im Herde prasselte und +schmorte e{\s}, und auf dem langen K"uchentische paradierten neben +einer rohen Hammelkeule St"o"se von Tellern, die nach dem Takte +de{\s} Wiegemesser{\s} tanzten, mit dem die K"ochin Spinat +zerkleinerte. Vom Hofe au{\s} ert"onte da{\s} "angstliche Gegacker +der H"uhner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die +K"opfe abschneiden wollte. + +Ein Herr in gr"unledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an +seinem schwarz\-samt\-nen K"appchen, w"armte sich am Kamin de{\s} +Gast\/zimmer{\s} den R"ucken. Im Gesicht hatte er ein paar +Blatternarben. Sein ganze{\s} Wesen strahlte f"ormlich von +Selbst\/zufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichm"utig dahin +wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer +herumh"upfte. Dieser Herr war der Apotheker. + +"`Artemisia!"' rief die Wirtin. "`Leg noch ein bi"schen Reisig +in{\s} Feuer! F"ulle die Wasserflaschen! Schaff den Schnap{\s} +hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur w"u"ste, wa{\s} ich +den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen +soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Spedition{\s}gesellschaft +h"oren mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und +der M"obelwagen steht drau"sen immer noch mitten auf der Stra"se, +gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird e{\s} eine +Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen +beiseiteschieben ... Wa{\s} ich sagen wollte, Herr Apotheker, +diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei +der f"unfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man +wird mir noch ein Loch in{\s} Tuch sto"sen!"' + +Sie war auf einen Augenblick, den Kochl"offel in der Hand, in{\s} +Gast\/zimmer gelaufen. + +"`Da{\s} w"ar auch weiter kein Malheur!"' meinte Homai{\s}. "`Dann +schaffen Sie gleich ein neue{\s} Billard an!"' + +"`Ein neue{\s} Billard!"' jammerte die Witwe. + +"`Nu freilich, Frau Franz! Da{\s} alte Ding da taugt nicht mehr +viel! Ich hab{\s} Ihnen schon tausendmal gesagt. E{\s} ist Ihr +eigner Schaden! Und ein gro"ser Schaden! Heutzutage verlangen +passionierte Spieler gro"se B"alle und schwere Queue{\s}. Mit +solchen B"allchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten "andern sich! +Man mu"s modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Caf\'e +Fran\c{c}ai{\s}~..."' + +Die Wirtin wurde rot vor "Arger, aber der Apotheker fuhr fort: + +"`Sie k"onnen sagen, wa{\s} Sie wollen! Sein Billard ist +handlicher al{\s} Ihr{\s}. Und wenn e{\s} hei"st, eine +patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der +vertriebenen Polen oder f"ur die "Uberschwemmten von Lyon~..."' + +"`Ach wa{\s}!"' unterbrach ihn die L"owenwirtin ver"achtlich. +"`Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen +Sie{\s} nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne L"owe +bestehen wird, sitzen auch G"aste drin! Wir verhungern nicht! Aber +Ihr geliebte{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, da{\s} wird eine{\s} +sch"onen Tage{\s} die Bude zumachen! Oder vielmehr der +Gericht{\s}vollzieher! Ich soll mir ein andre{\s} Billard +anschaffen? Wo mein{\s} so bequem ist zum W"aschefalten! Und wenn +Jagdg"aste da sind, k"onnen gleich sechse drauf "ubernachten! Nee, +nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der +Hivert!"' + +"`Sollen denn Ihre Tischg"aste mit dem Essen warten, bi{\s} die +Post gekommen ist?"' fragte Homai{\s} ungeduldig. + +"`Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag +sech{\s}, einen wie alle Tage! So ein Muster von P"unktlichkeit +gibt{\s} auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit +urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er +lie"se sich eher totschlagen, al{\s} da"s er wo ander{\s} "a"se. +Wa{\s} Schlechte{\s} darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den +Apfelwein versteht er sich au{\s} dem ff. Er ist nicht wie Herr +Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und +alle{\s} i"st, wa{\s} man ihm vorsetzt! "Ubrigen{\s} ein feiner +junger Mann! Ich hab noch nie ein laute{\s} Wort von ihm +geh"ort."' + +"`Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine +Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen K"urassier und +jetzigen Steuereinnehmer!"' + +E{\s} schlug sech{\s}. Binet trat ein. + +Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren +K"orper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Lederm"utze blickte +ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedr"uckt von dem +langj"ahrigen Tragen de{\s} schweren Helm{\s} au{\s}sah. Er trug +eine Weste au{\s} schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen +und tadello{\s} blankgewichste Schuhe, die vorn besonder{\s} +au{\s}gearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen +litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte +ihm da{\s} lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der +Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in +jeglichem Kartenspiel und ein guter J"ager, hatte eine h"ubsche +Handschrift und besa"s zu Hause eine Drehbank, auf der er zu +seinem Vergn"ugen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon +eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eine{\s} K"unstler{\s} und +dem Geiz de{\s} Spie"ser{\s} h"utete. + +Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mu"sten dort aber +die drei M"ullerburschen hinau{\s}komplimentiert werden. W"ahrend +man drin f"ur ihn deckte, blieb er in der gro"sen Gaststube stumm +in der N"ahe de{\s} Ofen{\s} stehen, dann ging er hinein, klinkte +die T"ure ein und nahm seine M"utze ab. Da{\s} hatte alle{\s} so +seine Ordnung. + +"`An "uberm"a"siger H"oflichkeit wird der mal nicht sterben!"' +bemerkte der Apotheker, al{\s} er wieder mit der Wirtin allein +war. + +"`Er redet nie viel,"' entgegnete diese. "`Vergangene Woche waren +zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die un{\s} den ganzen Abend +Schnurren erz"ahlt haben. Ich w"are beinahe umgekommen vor Lachen. +Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene +verzogen."' + +"`Ja, ja,"' sagte der Apotheker, "`der Mensch hat keine Phantasie, +keinen Witz, keinen geselligen Sinn!"' + +"`Er soll aber wohlhabend sein,"' warf die Wirtin ein. + +"`Wohlhabend?"' echote Homai{\s}. "`Der und wohlhabend!"' Und +gelassen f"ugte er hinzu: "`Gott ja, so f"ur seine Verh"altnisse. +Da{\s} ist schon m"oglich!"' + +Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: "`Hm! Wenn ein Kaufmann, +der ein gro"se{\s} Gesch"aft hat, oder ein Recht{\s}anwalt, ein +Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, da"s er zum +Grie{\s}gram oder Sonderling wird, so verstehe ich da{\s}. Davor +gibt e{\s} Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin +Gedanken im Kopfe. Wie oft ist{\s} mir nicht selber passiert, da"s +ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um +ein Schildchen au{\s}zuf"ullen oder so wa{\s}, -- und wei"s der +Kuckuck, schlie"slich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre +stecken!"' + +Frau Franz ging indessen an die Hau{\s}t"ur, um nachzusehen, ob +die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da +trat ein schwarz gekleideter Mann in die K"uche. Da{\s} +D"ammerlicht beleuchtete sein kupferrote{\s} Antlitz und umflo"s +seine herkulischen Linien. + +"`Wa{\s} steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?"' fragte die Wirtin +und nahm vom Kaminsim{\s} einen der Messingleuchter, die mit ihren +wei"sen Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. "`Haben +Ehrw"urden einen Wunsch? Ein Gl"a{\s}chen Wacholder oder einen +Schoppen Wein?"' + +Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seine{\s} +Regenschirme{\s}, den er tag{\s} zuvor im Kloster Ernemont hatte +stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn +gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er +sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon da{\s} Ave-Maria +gel"autet ward. + +Al{\s} die Tritte de{\s} Geistlichen drau"sen verklungen waren, +machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben +sehr ungeb"uhrlich benommen. Eine angebotene Erfrischung +abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche +Heuchelei. Die Pfaffen s"offen in{\s}geheim alle miteinander. Am +liebsten m"ochten sie den Zehnten wieder einf"uhren. + +Die L"owenwirtin verteidigte ihren Beichtvater. + +"`Na, "ubrigen{\s} nimmt er{\s} mit vier Mannsen von Eurem Kaliber +zugleich auf!"' meinte sie. "`Vorige{\s} Jahr hat er unsern Leuten +beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sech{\s} Sch"utten auf +einmal getragen. So stark ist er!"' + +"`Nat"urlich!"' rief Homai{\s} au{\s}. "`Schickt nur Eure +M"adel{\s} solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate +wa{\s} zu sagen h"atte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier +Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier +Wochen einen ordentlichen Aderla"s zur Hebung von Sicherheit und +Sittlichkeit im Lande!"' + +"`Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlo{\s}! Sie haben keine Religion!"' + +Homai{\s} erwiderte: + +"`Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert +al{\s} die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. +Ich verehre Gott. Erst recht tue ich da{\s}. Ich glaube an eine +h"ohere Macht, an einen Sch"opfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht +in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre +Pflichten al{\s} Staat{\s}b"urger und Familienv"ater erf"ullen. +Aber ich habe kein Bed"urfni{\s}, in die Kirche zu gehen, +silberne{\s} Ger"at zu k"ussen und eine Bande von Possenrei"sern +au{\s} meiner Tasche zu m"asten, die sich besser hegen und pflegen +al{\s} ich mich selber. Gott kann man viel sch"oner verehren im +Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung +angesicht{\s} der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der +Philosophen und K"unstler. Ich bin f"ur Rousseau{\s} +Glauben{\s}bekenntni{\s} de{\s} savoyischen Vikar{\s}. F"ur die +unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den +sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierst"ockchen in der +Hand gem"utlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in +einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am +dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Da{\s} ist schon an +und f"ur sich Bl"odsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! +E{\s} beweist aber nebenbei, da"s sich die Pfaffen in der +schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen +m"ochten, mir Wollust selber herumsielen."' + +Er schwieg und "uberschaute seine Zuh"orerschaft. Er hatte sich +in{\s} Zeug gelegt, al{\s} spr"ache er vor versammeltem +Gemeinderat. Die Wirtin war l"angst au{\s} der Gaststube gelaufen. +Sie lauschte drau"sen und vernahm ein ferne{\s} rollende{\s} +Ger"ausch. Bald h"orte sie deutlich da{\s} Rasseln der R"ader und +da{\s} Klappern eine{\s} lockeren Eisen{\s} auf dem Pflaster. +Endlich hielt die Postkutsche vor der Hau{\s}t"ure. + +E{\s} war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenr"adern, die +bi{\s} an da{\s} Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem +Reisenden jegliche Au{\s}sicht und bespritzten ihn fortw"ahrend. +Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem +Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, da"s sie vor Staub und +Stra"senschmutz starrten. Der st"arkste Platzregen h"atte sie +nicht rein gewaschen. Da{\s} Fahrzeug war mit drei Pferden +bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde. + +Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alle{\s} +redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer +wollte irgendwelche Au{\s}kunft, ein dritter erwartete eine +Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wu"ste gar nicht, wem er +zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte n"amlich allerlei +Auftr"age f"ur die Landleute in der Stadt zu "ubernehmen. Er +machte Eink"aufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied +alte{\s} Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne +Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur +Lockenwickel. Auf dem R"uckwege verteilte er dann die Pakete +l"ang{\s} seiner Fahrstra"se. Wenn er am Geh"oft eine{\s} +Auftraggeber{\s} vorbeifuhr, schrie er au{\s} voller Kehle und +warf da{\s} Paket "uber den Zaun in da{\s} Grundst"uck, wobei er +sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke +ohne Z"ugel laufen lie"s. + +Heute kam er mit Versp"atung. Unterweg{\s} war Frau Bovary{\s} +Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff +man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zur"uck; aller +Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schlie"slich +aber mu"ste weitergefahren werden. + +Emma weinte und war ganz au"ser sich. Karl sei an diesem Ungl"uck +schuld. Herr Lheureux, der Modewarenh"andler, der mit in der Post +fuhr, versuchte sie zu tr"osten, indem er ein Schock Geschichten +von Hunden erz"ahlte, die entlaufen waren und sich nach langen +Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter +anderem wu"ste er von einem Dackel zu berichten, der von +Konstantinopel au{\s} den Weg nach Pari{\s} zur"uckgefunden haben +sollte. Ein andrer Hund war hinter einander drei"sig Meilen +gelaufen und hatte dabei vier Fl"usse durchschwommen. Und sein +eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zw"olf +Jahre weg. Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} der alte Lheureux durch die +Stadt nach dem Gasthau{\s} ging, sprang der Hund an ihm hoch. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Emma stieg zuerst au{\s}, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und +eine Amme. Karl mu"ste man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke +beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen. + +Homai{\s} stellte sich vor. Er ersch"opfte sich der "`gn"adigen +Frau"' und dem "`Herrn Doktor"' gegen"uber in Galanterien und +H"oflichkeiten. Er sei ent\/z"uckt, sagte er, bereit{\s} Gelegenheit +gehabt zu haben, ihnen gef"allig sein zu d"urfen. Und in +herzlichem Tone f"ugte er hinzu, er l"ude sich f"ur heute bei +ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer. + +Frau Bovary begab sich in die K"uche und an den Herd. Mit den +Fingerspitzen fa"ste sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog e{\s} +bi{\s} zu den Kn"ocheln herauf und w"armte ihre mit +schwarzledernen Stiefeletten bekleideten F"u"se an der Glut, in +der die Hammelkeule am Spie"s gedreht wurde. Da{\s} Feuer +beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den +Stoff ihre{\s} Kleide{\s}, auf ihre por"ose wei"se Haut und in die +Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schl"ossen. Der +Luft\/zug strich durch die halboffene T"ur und r"otete die Flammen. +Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende +de{\s}selben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm +betrachtete. + +E{\s} war Leo D"upui{\s}, der Adjunkt de{\s} Notar{\s} Guillaumin, +einer der Stamm\-g"aste im Goldnen L"owen. Er langweilte sich +geh"orig in Yonville, und de{\s}halb kam er zu Tisch "ofter{\s} +absichtlich zu sp"at, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden +den Abend im Wirt{\s}hause verplaudern zu k"onnen. Wenn er aber in +der Kanzlei gerade gar nicht{\s} zu tun hatte, mu"ste er au{\s} +Langeweile wohl oder "ubel p"unktlich erscheinen und von der Suppe +bi{\s} zum K"ase Binet{\s} Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte +ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen G"asten zusammen zu +essen; er war mit Vergn"ugen darauf eingegangen. Zur Feier de{\s} +Tage{\s} war im Saal f"ur vier Personen gedeckt worden. + +Man versammelte sich daselbst. Homai{\s} bat um Erlaubni{\s}, sein +K"appchen aufbehalten zu d"urfen. Er erk"alte sich leicht. + +Frau Bovary sa"s ihm beim Essen zur Rechten. + +"`Gn"adige Frau sind zweifello{\s} ein wenig m"ude?"' begann er. +"`In un{\s}rer alten Postkutsche wird man schauderhaft +durchger"uttelt."' + +"`Freilich!"' gab Emma zur Antwort. "`Aber diese{\s} Dr"uber und +Drunter macht mir gerade Spa"s. Ich liebe die Abwechselung."' + +"`Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gr"a"slich!"' +seufzte der Adjunkt. + +"`Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen +m"u"sten~..."', warf Karl ein. + +Leo wandte sich an Emma: + +"`Grade da{\s} denke ich mir k"ostlich. Nat"urlich mu"s man ein +guter Reiter sein."' + +"`Ein praktizierender Arzt hat{\s} "ubrigen{\s} in hiesiger Gegend +ziemlich bequem"', meinte der Apotheker. "`Die Wege sind n"amlich +soweit imstand, da"s man ein Kabriolett verwenden kann. Im +allgemeinen lohnt sich die Praxi{\s} auch. Die Bauern sind +wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir, +abgesehen von den gew"ohnlichen Diarrh"oen, Rachenkatarrhen und +Magenbeschwerden, hin und wieder w"ahrend der Erntezeit wohl +F"alle von Wechselfieber, aber im gro"sen und ganzen selten +schwere Krankheiten. Besonder{\s} zu erw"ahnen sind die +zahlreichen skroful"osen Leiden, die zweifello{\s} von den +kl"aglichen hygienischen Verh"altnissen in den Bauernh"ausern +herr"uhren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden "ofter{\s} mit +altmodischen Ansichten zu k"ampfen haben, und vielfach werden +Dickk"opfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer +Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen e{\s} +in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit +dem Pfarrer, statt da"s sie von vornherein zum Arzt oder in die +Apotheke gingen. Im "ubrigen ist da{\s} Klima wirklich nicht +schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigj"ahrige in der Gemeinde. +Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalk"alte im Winter +4${}^{\circ}$ Celsiu{\s}, w"ahrend wir im Hochsommer auf +25${}^{\circ}$, h"ochsten{\s} 30${}^{\circ}$ kommen. Da{\s} +w"are ein Maximum von 24${}^{\circ}$ Reaumur. Da{\s} ist +nicht viel. Da{\s} kommt aber daher, da"s wir einerseit{\s} vor den +Nordwinden durch die W"alder von Argueil, andrerseit{\s} vor den +Westwinden durch die H"ohe von Sankt Johann gesch"utzt sind. Diese +W"arme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung de{\s} +Flusse{\s} und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den +Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren +(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur +Stickstoff und Sauerstoff!), -- diese W"arme, die den Humu{\s} +au{\s}saugt und alle D"unste de{\s} Boden{\s} aufnimmt, sich +gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der +Elektrizit"at der Atmosph"are verbindet, die k"onnte schlie"slich +(wie in den Tropenl"andern) gesundheit{\s}sch"adliche Mia{\s}men +erzeugen --, diese W"arme, sag ich, wird gerade dort, wo sie +herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen k"onnte, da{\s} hei"st +im S"uden, durch die S"udostwinde abgek"uhlt, die ihre K"uhle +"uber der Seine erlangen und bei un{\s} bi{\s}weilen pl"otzlich +al{\s} sanfte{\s} Mail"ufterl wehen~..."' + +"`Gibt e{\s} denn wenigsten{\s} ein paar Spazierwege in der +Umgegend?"' fragte Frau Bovary im Laufe ihre{\s} Gespr"ache{\s} +mit dem jungen Manne. + +"`Leider nur sehr wenige"', entgegnete er. "`Einen h"ubschen Ort +gibt e{\s} auf der H"ohe, am Waldrande, der +{\glq}Futterplatz{\grq} genannt. Dort sitze ich manchmal +Sonntag{\s} und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den +Sonnenuntergang an."' + +"`E{\s} gibt nicht{\s} Wunderbarere{\s} al{\s} den Sonnenuntergang,"' +schw"armte Emma, "`zumal am Gestade de{\s} Meere{\s}!"' + +"`Ach, ich bete da{\s} Meer an!"' stimmte Leo bei. + +"`Haben Sie nicht auch die Empfindung,"' fuhr Frau Bovary fort, +"`da"s die Seele beim Anblicke dieser unerme"slichen Weite Fl"ugel +bekommt, die Fl"ugel der Andacht, die in{\s} Reich der Ewigkeiten +emporheben, in die Sph"are der Ideen, der Ideale?"' + +"`Im Hochgebirge ergeht e{\s} einem ebenso"', meinte Leo. "`Ich +habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise +gemacht hat. Der hat mir erz"ahlt: ohne sie selber zu sehen, +k"onne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht +vorstellen, den Zauber der Wasserf"alle und den gro"sartigen +Eindruck der Gletscher. "Uber Gie"sb"achen h"angen riesige +Fichten, und am Rande von tiefen Abgr"unden kleben Alpenh"utten; +und wenn die Wolken einmal zerrei"sen, erblickt man tausend Fu"s +unten in der Tiefe die langen T"aler. Wer da{\s} schaut, mu"s in +Begeisterung geraten, in Andacht{\s}stimmung, in Ekstase! Jetzt +begreife ich auch jenen ber"uhmten Musiker, der nur angesicht{\s} +von erhabenen Landschaften arbeiten konnte."' + +"`Treiben Sie Musik?"' fragte Emma. + +"`Nein, aber ich liebe die Musik!"' antwortete er. + +"`Glauben Sie ihm da{\s} nicht, Frau Doktor!"' mischte sich +Homai{\s} ein. "`Da{\s} sagt er nur au{\s} purer Bescheidenheit +... Aber gewi"s, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da +haben Sie doch da{\s} \so{Engellied} wundervoll gesungen. Ich hab +e{\s} von meinem Laboratorium au{\s} geh"ort. Sie haben eine +Stimme wie ein Operns"anger!"' + +Leo D"upui{\s} bewohnte n"amlich im Hause de{\s} Apotheker{\s} im +zweiten Stock ein kleine{\s} Zimmer, da{\s} nach dem Markt +hinau{\s}ging. Bei dem Komplimente seine{\s} Hau{\s}wirte{\s} +wurde er "uber und "uber rot. + +Homai{\s} widmete sich bereit{\s} wieder dem Arzte, dem er die +bemerken{\s}werten Einwohner von Yonville einzeln aufz"ahlte. Er +wu"ste tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur "uber da{\s} +Verm"ogen de{\s} Notar{\s} k"onne er nicht{\s} Genaue{\s} sagen. +Auch "uber die Familie T"uvache munkele man so allerlei. + +Emma fuhr fort: + +"`Da{\s} ist ja ent\/z"uckend! Und welche Musik lieben Sie am +meisten?"' + +"`Die deutsche! Die ist da{\s} wahre Traumland~..."' + +"`Kennen Sie die Italiener?"' + +"`Noch nicht. Aber ich werde sie n"achste{\s} Jahr h"oren. Ich +habe die Absicht, nach Pari{\s} zu gehen, um mein juristische{\s} +Studium zu vollenden."' + +"`Wie ich bereit{\s} die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl +mit\/zuteilen,"' sagte wiederum der Apotheker, "`al{\s} ich ihm von +dem armen Stryien{\s}ki berichtete, der auf und davon gegangen +ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich +eine{\s} der komfortabelsten H"auser von Yonville erfreuen. Eine +ganz besondre Bequemlichkeit gerade f"ur einen Arzt ist da{\s} +Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. +Man kann dadurch unbeobachtet ein und au{\s} gehen. Die Wohnung +selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein +gro"se{\s} E"szimmer, eine K"uche mit Speisekammer, eine +Waschk"uche, einen Obstkeller usw. Ihr Vorg"anger war ein flotter +Kerl, dem e{\s} auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in +seinem Garten, mit dem Blick auf unser Fl"u"schen, da hat er sich +ein Lusth"au{\s}chen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden +sein Bier drin zu s"uffeln. Wenn die gn"adige Frau die Blumenzucht +liebt~..."' + +"`Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab"', unterbrach ihn +Karl. "`Obgleich ihr k"orperliche Bewegung verordnet ist, bleibt +sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest."' + +"`Ganz wie ich!"' fiel Leo ein. "`Wa{\s} w"are wohl auch +gem"utlicher, al{\s} abend{\s} beim Schein der Lampe mit einem +Buche am Kamine zu sitzen, w"ahrend drau"sen der Wind gegen die +Fensterscheiben schl"agt?"' + +"`So ist e{\s}!"' stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren gro"sen +schwarzen Augen voll an. + +Er fuhr fort: + +"`Dann denkt man an nicht{\s}, und die Stunden verrinnen. Ohne +da"s man sich bewegt, wandert man mit dem Erz"ahler durch ferne +Lande. Man w"ahnt sie vor Augen zu haben. Man tr"aumt sich in die +fremden Erlebnisse hinein, bi{\s} in alle Einzelheiten; man +verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter +den Gestalten der Dichtung, und e{\s} kommt einem zuletzt vor, +al{\s} schl"uge da{\s} eigne Herz in ihnen."' + +"`Wie wahr! Wie wahr!"' rief Emma au{\s}. + +"`Haben Sie e{\s} nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer +bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar +l"angst in sich selbst tr"agt? Wie au{\s} der Ferne schwebt sie +nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und e{\s} +ist einem, al{\s} stehe man vor einer Offenbarung seine{\s} +tiefsten Ich{\s}~..."' + +"`Da{\s} hab ich schon erlebt!"' fl"usterte sie. + +"`Und darum"', fuhr er fort, "`liebe ich die Dichter "uber +alle{\s}. Ich finde, Verse sind zarter al{\s} Prosa. Sie r"uhren +so sch"on zu Tr"anen!"' + +"`Aber sie erm"uden auf die Dauer,"' wandte Emma ein, "`und daher +ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie m"ussen spannend und +aufregend sein. Widerlich sind mir Alltag{\s}leute und lauwarme +Gef"uhle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit."' + +"`Gewi"s,"' bemerkte der Adjunkt, "`die naturalistischen Romane +haben dem Herzen nicht{\s} zu sagen und entfernen sich damit, +meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. E{\s} ist so +s"u"s, sich au{\s} den H"a"slichkeiten de{\s} Dasein{\s} +herau{\s}zuz"uchten, wenigsten{\s} in Gedanken: zu edlen +Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu gl"uckseligen +Zust"anden. F"ur mich, der ich hier fern der gro"sen Welt lebe, +ist da{\s} die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig +Gelegenheit~..."' + +"`Jedenfall{\s} genau so wie in Toste{\s}!"' bemerkte Emma. "`Drum +war ich st"andig in einer Leihbibliothek abonniert."' + +Der Apotheker hatte diese letzten Worte geh"ort. "`Wenn gn"adige +Frau mir die Ehre erweisen wollen,"' sagte er, "`meine Bibliothek +zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verf"ugung. Sie enth"alt die +besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, +au"serdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den +"`Leuchtturm von Rouen"', ein Tage{\s}blatt, dessen Korrespondent +f"ur Buchy, Forge{\s}, Neufch\^atel, Yonville und Umgegend ich +bin."' + +Man sa"s bereit{\s} zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht +ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren +Holzschuhen saumselig "uber die Dielen schl"urfte, jeden Teller +einzeln hereinbrachte, allerlei verga"s, jeden Auftrag "uberh"orte +und immer wieder die T"ure zum Billardzimmer offen lie"s, die dann +krachend von selber zuklappte. + +Ohne e{\s} zu bemerken, hatte Leo, w"ahrend er so eifrig +plauderte, einen Fu"s auf eine der Querleisten de{\s} Stuhle{\s} +gesetzt, auf dem Frau Bovary sa"s. Sie trug einen gefalteten +steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlip{\s}, und je nach +den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, ber"uhrte ihr Kinn +den Batist oder entfernte sich grazi"o{\s} davon. So kamen Leo und +Emma, w"ahrend sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in ein{\s} +jener uferlosen Gespr"ache, die um tausend oberfl"achliche Dinge +kreisen und keinen andern Sinn haben, al{\s} die gegenseitige +Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse, +Romantitel, moderne T"anze, die ihnen fremde gro"se Gesellschaft, +Toste{\s}, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich +gefunden, alle{\s} da{\s} ber"uhrten sie in ihrer Plauderei, +bi{\s} die Mahlzeit zu Ende war. + +Al{\s} der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der +neuen Wohnung da{\s} Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf +brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war l"angst am +erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hau{\s}knecht war +wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn +und Frau Bovary nach Hau{\s}. In seinem roten Haar hing H"acksel, +und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm de{\s} Pfarrer{\s}, +den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er +voran. + +Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die S"aulen der Hallen auf dem +Markte warfen lange Schatten "uber da{\s} Pflaster. Der Boden war +hellgrau wie in einer Sommernacht. Da da{\s} Hau{\s} de{\s} +Arzte{\s} nur f"unfzig Schritte vom Goldnen L"owen entfernt lag, +w"unschte man sich al{\s}bald gegenseitig Gute Nacht, und so +schied man voneinander. + +Al{\s} Emma die Hau{\s}flur ihre{\s} neuen Heim{\s} betrat, hatte +sie die Empfindung, al{\s} lege sich ihr die K"uhle der W"ande wie +feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die +Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel +fahle{\s} Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah drau"sen +Baumwipfel und weiterhin in der Niederung da{\s} Wiesenland, ein +Nebelmeer dar"uber. Da{\s} Mondlicht sickerte durch die +aufwallenden D"ampfe. + +Im Zimmer standen Kommodenk"asten, Flaschen, Gardinenstangen, +M"o\-bel\-st"ucke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden +Packer hatten alle{\s} so stehen und liegen lassen. + +Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. +Da{\s} erstemal war e{\s} am Tage ihre{\s} Eintritt{\s} in{\s} +Kloster gewesen, da{\s} zweitemal an dem ihrer Ankunft in +Toste{\s}, da{\s} drittemal im Schlo"s Vaubyessard und da{\s} +vierte hier in Yonville. Jede{\s}mal hatte ein neuer Abschnitt in +ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, da"s sich die gleichen +Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen k"onnten; und da +ihr bi{\s}herige{\s} St"uck Leben h"a"slich gewesen war, so m"usse +da{\s}, wa{\s} sie noch zu erleben hatte, zweifello{\s} sch"oner +sein. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Am andern Morgen, al{\s} Emma kaum aufgestanden war, sah sie den +Adjunkt "uber den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute +zu ihr herauf und gr"u"ste. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und +schlo"s da{\s} Fenster. + +Den ganzen Tag "uber konnte e{\s} Leo D"upui{\s} kaum erwarten, +da"s e{\s} sech{\s} schlug. Al{\s} er aber endlich in den Goldnen +L"owen kam, fand er niemanden vor al{\s} den Steuereinnehmer, der +bereit{\s} am Tische sa"s. + +Da{\s} gestrige Mahl war f"ur Leo ein bedeutung{\s}volle{\s} +Ereigni{\s}. Bi{\s} dahin hatte er noch niemal{\s} zwei Stunden +lang mit einer "`Dame"' geplaudert. Wie hatte er e{\s} nur +fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter +Form zu sagen? Da{\s} war ihm vordem unm"oglich gewesen. Er war +von Natur sch"uchtern und wahrte eine gewisse Zur"uckhaltung, die +sich au{\s} Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die +Yonviller fanden sein Benehmen tadello{\s}. Er h"orte still zu, +wenn "altere Herren di{\s}putierten, und zeigte sich in +politischen Dingen keine{\s}weg{\s} radikal, wa{\s} an einem +jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besa"s er allerlei +Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er besch"aftigte +sich in seinen Mu"sestunden gern mit der Literatur, -- wenn er +nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker sch"atzte ihn wegen +seiner Kenntnisse, und Frau Homai{\s} war ihm wohlgewogen, weil er +h"oflich und gef"allig war; "ofter{\s} widmete er sich n"amlich im +Garten ihren Kindern, kleinem Volk, da{\s} immer schmutzig +au{\s}sah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung +einmal dem Dienstm"adchen und dann noch besonder{\s} dem Lehrling +oblag, einem jungen Burschen, namen{\s} Justin. Er war ein +entfernter Verwandter de{\s} Apotheker{\s}, von diesem au{\s} +Mitleid in seinem Hau{\s} aufgenommen, wo er eine Art "`Mann f"ur +alle{\s}"' geworden war. + +Homai{\s} spielte die Rolle de{\s} guten Nachbar{\s}. Er gab Frau +Bovary die besten Adressen f"ur ihre Eink"aufe, lie"s seinen +Apfelweinlieferanten eigen{\s} f"ur sie herkommen, beteiligte sich +an der Weinprobe und gab pers"onlich acht, da"s da{\s} bestellte +Fa"s einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die +beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr +Lestiboudoi{\s}, den Kirchendiener, al{\s} G"artner; neben seinen +"Amtern in Kirche und Gotte{\s}acker hielt dieser n"amlich die +G"arten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn +"`stundenweise"' oder "`auf{\s} Jahr"', ganz wie e{\s} gew"unscht +wurde. + +Diese Hilf{\s}bereitschaft de{\s} Apotheker{\s} entsprang weniger +einem Herzen{\s}bed"urfni{\s} al{\s} schlauer Berechnung. +Homai{\s} hatte n"amlich fr"uher einmal gegen da{\s} Gesetz vom +19. Vent\^ose de{\s} Jahre{\s} \begin{antiqua}XI\end{antiqua}~ +versto"sen, wonach die "arztliche Praxi{\s} jedem verboten ist, +der sich nicht im Besitze eine{\s} staatlichen Diplom{\s} +befindet. Eine{\s} Tage{\s} war er auf eine geheimni{\s}volle +Anzeige hin nach Rouen vor den Staat{\s}anwalt geladen worden. +Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amt{\s}zimmer, +stehend und in Amt{\s}robe, da{\s} Barett auf dem Kopfe, +vernommen. E{\s} war am Vormittag, unmittelbar vor einer +Gericht{\s}sitzung gewesen. Von drau"sen, vom Gange her, waren dem +Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute in{\s} Ohr gehallt. +E{\s} war ihm, al{\s} h"orte er fern da{\s} Aufschnappen wuchtiger +Schl"osser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag w"urde +ihn r"uhren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in +Tr"anen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in +alle vier Winde verstreut. Hinterher mu"ste er seine +Leben{\s}geister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in +Selter{\s} wieder auf die Beine bringen. + +Allm"ahlich verbla"ste die Erinnerung an diese Vermahnung, und +Homai{\s} hielt von neuem in seinem Hinterst"ubchen "arztliche +Sprechstunden ab. Da aber der B"urgermeister nicht sein Freund war +und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in +ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary +durch kleine Gef"alligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit +ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen, +fall{\s} die Kurpfuschereien in der Apotheke abermal{\s} ruchbar +w"urden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den "`Leuchtturm"', und +oft verlie"s er nachmittag{\s} auf ein Viertelst"undchen sein +Gesch"aft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. + +Karl war mi"sgestimmt. E{\s} kamen keine Patienten. Ganze Stunden +lang sa"s er vor sich hinbr"utend da, ohne ein Wort zu sprechen. +Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schl"afchen oder sah seiner +Frau beim N"ahen zu. Um sich ein wenig Besch"aftigung zu machen, +verrichtete er allerhand grobe Hau{\s}arbeit. Er versuchte sogar, +die Bodent"ure mit dem Rest von "Olfarbe anzupinseln, den die +Anstreicher dagelassen hatten. + +Am meisten dr"uckte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in +Toste{\s} eine betr"achtliche Summe au{\s}gegeben f"ur neue +Anschaffungen im Hause, f"ur die Kleider seiner Frau und +neuerding{\s} f"ur den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr al{\s} +dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der +"Ubersiedelung von Toste{\s} nach Yonville war viele{\s} +besch"adigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der +t"onerne M"onch, der unterweg{\s} vom Wagen heruntergefallen und +in tausend St"ucke zerschellt war. + +Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner +Frau. Je n"aher diese ihrer Erf"ullung entgegengingen, um so +liebevoller behandelte er Emma. Diese sich kn"upfenden neuen Bande +von Fleisch und Blut machten da{\s} Gef"uhl der ewigen +Zusammengeh"origkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem tr"agen +Gange zusah, wenn er da{\s} allm"ahliche Vollerwerden ihrer +miederlosen H"uften bemerkte, wenn sie m"ude ihm gegen"uber auf +dem Sofa sa"s, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in +seinem Gl"ucke nicht fassen. Er sprang auf, k"u"ste sie, +streichelte ihr Gesicht, nannte sie "`Mammchen"', wollte mit ihr +im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen +tausend z"artliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn +kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwa{\s} +K"ostliche{\s}. Jetzt fehlte ihm nicht{\s} mehr auf der Welt. Nun +hatte er alle{\s} erlebt, wa{\s} Menschen erleben k"onnen, und er +durfte zufrieden und vergn"ugt sein. + +In der ersten Zeit war Emma "uber sich selbst arg verwundert. Dann +kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie +wollte wissen, wie e{\s} sein w"urde, wenn da{\s} Kind da war. +Aber al{\s} sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen +Vorh"angen und gestickte Kinderh"aubchen zu kaufen, da "uberkam +sie eine pl"otzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die +Baby-Au{\s}stattung selber sorglich au{\s}zuw"ahlen, und +"uberlie"s die Herstellung in Bausch und Bogen einer N"aherin. So +lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen, +die andre M"utter so z"artlich stimmen, und vielleicht war die{\s} +der Grund, da"s ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente +entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von +dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken. + +Sie w"unschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark +sollte er werden, und Georg m"u"ste er hei"sen! Der Gedanke, einem +m"annlichen Wesen da{\s} Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine +Entsch"adigung f"ur alle{\s} da{\s}, wa{\s} sich in ihrem eigenen +Dasein nicht erf"ullt hatte. Ein Mann ist doch wenigsten{\s} sein +freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, +er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die +allerfernsten Gl"uckseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend +Ketten. Tatenlo{\s} und doch genu"sfreudig, steht sie zwischen den +Verf"uhrungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie +den flatternden Schleier ihre{\s} Hute{\s} ein feste{\s} Band +h"alt, so gibt e{\s} f"ur die Frau immer ein Verlangen, mit dem +sie hinwegfliegen m"ochte, und immer irgendwelche herk"ommliche +Moral, die sie nicht lo{\s}l"a"st. + +An einem Sonntag kam da{\s} Kind zur Welt, fr"uh gegen sech{\s} +Uhr, al{\s} die Sonne aufging. + +"`E{\s} ist ein M"adchen!"' verk"undete Karl. + +Emma fiel im Bett zur"uck und ward ohnm"achtig. Schon stellten +sich auch Frau Homai{\s} und die L"owenwirtin ein, um die +W"ochnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr di{\s}kret ein paar +vorl"aufige Gl"uckw"unsche durch die T"urspalte zu. Er wollte die +neue Erdenb"urgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten. + +W"ahrend der Genesung gr"ubelte Emma nach, welchen Namen da{\s} +Kind bekommen sollte. Zun"achst dachte sie an einen italienisch +klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr +gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl +"au"serte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft +werden, aber davon wollte Emma nicht{\s} wissen. Man nahm alle +Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag. + +"`Herr Leo,"' berichtete der Apotheker, "`mit dem ich neulich +dar"uber gesprochen habe, wundert sich dar"uber, da"s Sie nicht +den Namen Magdalena w"ahlen. Der sei jetzt sehr in Mode."' Aber +gegen die Patenschaft einer solchen S"underin str"aubte sich die +alte Frau Bovary gewaltig. Homai{\s} f"ur seine Person hegte eine +Vorliebe f"ur Namen, die an gro"se M"anner, ber"uhmte Taten und +hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier +eigenen Spr"o"slinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die +Freiheit!), Irma (ein Zugest"andni{\s} an die Romantik!) und +Athalia (zu Ehren de{\s} Meisterst"uck{\s} de{\s} franz"osischen +Drama{\s}!). Seine philosophische "Uberzeugung, sagte er, stehe +seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm +ersticke durchau{\s} nicht den Gef"uhl{\s}menschen. Er verst"unde +sich darauf, da{\s} eine vom andern zu scheiden und sich vor +fanatischer Einseitigkeit zu bewahren. + +Zu guter Letzt fiel Emma ein, da"s sie im Schlo"s Vaubyessard +geh"ort hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit +"`Berta-Luise"' angeredet worden war. Von diesem Augenblick an +stand die Namen{\s}wahl fest. Da Vater Rouault zu kommen +verhindert war, wurde Homai{\s} gebeten, Gevatter zu stehen. Er +stiftete al{\s} Patengeschenk allerlei Gegenst"ande au{\s} seinem +Gesch"aft, al{\s} wie: sech{\s} Schachteln Brusttee, eine Dose +Kraftmehl, drei B"uchsen Marmelade und sech{\s} P"ackchen +Malzbonbon{\s}. + +Am Taufabend gab e{\s} ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer +erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Lik"or gab der Apotheker +ein patriotische{\s} Lied zum besten, worauf Leo D"upui{\s} eine +Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin de{\s} +Kinde{\s}) eine Romanze au{\s} der Napoleonischen Zeit sang. Der +alte Herr Bovary bestand darauf, da"s da{\s} Kind heruntergebracht +wurde, und taufte die Kleine "`Berta"', indem er ihr ein Gla{\s} +Sekt von oben "uber den Kopf go"s. Den Abb\'e Bournisien "argerte +diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und al{\s} der alte +Bovary ihm gar noch ein sp"ottische{\s} Zitat vorhielt, wollte der +Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inst"andig zu +bleiben, und auch der Apotheker legte sich in{\s} Mittel. So +gelang e{\s}, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte +er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse. + +Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und +verbl"uffte die Yonviller durch da{\s} pr"achtige +Stab{\s}arzt{\s}k"appi mit Silbertressen, da{\s} er vormittag{\s} +trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Al{\s} +gewohnheit{\s}m"a"siger starker Schnapstrinker schickte er da{\s} +Dienstm"adchen h"aufig in den Goldnen L"owen, um seine Feldflasche +f"ullen zu lassen, wa{\s} selbstverst"andlich auf Rechnung +seine{\s} Sohne{\s} erfolgte. Um seine Hal{\s}t"ucher zu +parf"umieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an K"olnischem +Wasser, den seine Schwiegertochter besa"s. + +Ihr selbst war seine Anwesenheit keine{\s}weg{\s} unangenehm. Er +war in der Welt herumgekommen. Er erz"ahlte von Berlin, Wien, +Stra"sburg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den +Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er +wieder ganz der alte Schweren"oter, und zuweilen, im Garten oder +auf der Treppe, fa"ste er Emma um die Taille und rief au{\s}: +"`Karl, nimm dich in acht!"' + +Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um da{\s} +Ehegl"uck ihre{\s} Sohne{\s}. Sie f"urchtete, ihr Mann k"onne am +Ende einen unsittlichen Einflu"s auf die Gedankenwelt der jungen +Frau au{\s}"uben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war +ihre Besorgni{\s} noch schlimmer. Dem alten Herrn war alle{\s} +zuzutrauen. + +Emma hatte da{\s} Kind zu der Frau eine{\s} Tischler{\s} namen{\s} +Rollet in die Pflege gegeben. Eine{\s} Tage{\s} empfand sie +pl"otzlich Sehnsucht, da{\s} kleine M"adchen zu sehen. +Unverz"uglich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren +H"au{\s}chen ganz am Ende de{\s} Orte{\s}, zwischen der +Landstra"se und den Wiesen, in der Tiefe lag. + +E{\s} war Mittag. Die Fensterl"aden der H"auser waren alle +geschlossen. Die sengende Sonne br"utete "uber den Schieferd"achern, +deren Giebellinien richtige Funken spr"uhten. Ein schw"uler Wind +wehte. Emma fiel da{\s} Gehen schwer. Da{\s} spitzige Pflaster tat +ihren F"u"sen weh. Sie ward sich unschl"ussig, ob sie umkehren +oder irgendwo eintreten und sich au{\s}ruhen sollte. + +In diesem Augenblick trat Leo au{\s} dem n"achsten Hause +herau{\s}, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, +begr"u"ste sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der +Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen. + +Frau Bovary erz"ahlte ihm, da"s sie nach ihrem Kinde sehen wollte, +aber m"ude zu werden beginne. + +"`Wenn~..."', fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen. + +"`Haben Sie etwa{\s} vor?"' fragte Emma. Auf die Verneinung de{\s} +Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereit{\s} am Abend +de{\s}selben Tage{\s} war die{\s} stadtbekannt, und Frau T"uvache, +die B"urgermeister{\s}gattin, erkl"arte in Gegenwart ihre{\s} +Dienstm"adchen{\s}, Frau Bovary habe sich kompromittiert.) + +Um zu der Amme zu gelangen, mu"sten die beiden am Ende der +Hauptstra"se link{\s} abgehen und einen kleinen Fu"sweg +einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen H"ausern und Geh"often +in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die +den Pfad ums"aumten, bl"uhten, und e{\s} bl"uhten die Veroniken, +die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeerstr"aucher. +Durch L"ucken in den Hecken erblickte man hie und da auf den +Misthaufen der kleinen Geh"ofte ein Schwein oder eine angebundne +Kuh, die ihre H"orner an den St"ammen der B"aume wetzte. + +Seite an Seite wandelten sie gem"achlich weiter. Emma st"utzte +sich auf Leo{\s} Arm, und er verk"urzte seine Schritte nach den +ihren. Vor ihnen her tanzte ein M"uckenschwarm und erf"ullte die +warme Luft mit ganz leisem Summen. + +Emma erkannte da{\s} Hau{\s} an einem alten Nu"sbaum wieder, der +e{\s} umschattete. E{\s} war niedrig und hatte braune Ziegel auf +dem Dache. Au{\s} der Luke de{\s} Oberboden{\s} hing ein Kranz von +Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckige{\s} +G"artlein mit Salat, Lavendel und bl"uhenden Schoten, die an +Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde +aufgeschichtet. Ein tr"ube{\s} W"asserchen rann sich verzettelnd +durch da{\s} Gra{\s}; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein +gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem +Rasen umher, und "uber der Hecke flatterte ein gro"se{\s} St"uck +Leinwand. + +Beim Knarren der Gartent"ure erschien die Tischler{\s}frau, ein +Kind an der Brust, ein andre{\s} an der Hand, ein armselige{\s}, +schw"achlich au{\s}sehende{\s}, skroful"ose{\s} J"ungelchen. E{\s} +war da{\s} Kind eine{\s} M"utzenmacher{\s} in Rouen, da{\s} die +von ihrem Gesch"aft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf +da{\s} Land gegeben hatten. + +"`Kommen Sie nur herein!"' sagte die Frau. "`Ihre Kleine schl"aft +drinnen."' + +In der einzigen Stube im Erdgescho"s stand an der hinteren Wand +ein gro"se{\s} Bett ohne Vorh"ange. Die Seite am Fenster, in dem +eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein +Backtrog ein. In der Ecke hinter der T"ure standen unter der Gosse +Stiefel mit blanken N"ageln, daneben eine Flasche "Ol, au{\s} +deren Hal{\s} eine Feder herau{\s}ragte. Auf dem verstaubten +Kaminsim{\s} lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenst"umpfe +und ein paar Fetzen Z"undschwamm. Ein weitere{\s} Schmuckst"uck +diese{\s} Gemach{\s} war eine "`trompetende Fama"', offenbar +da{\s} Reklameplakat einer Parf"umfabrik, da{\s} mit sech{\s} +Schuhzwecken an die Wand genagelt war. + +Emma{\s} T"ochterchen schlief in einer Wiege au{\s} +Weidengeflecht. Sie nahm e{\s} mit der Decke, in die e{\s} +gewickelt war, empor und begann e{\s} im Arme hin und her zu +wiegen, wobei sie leise sang. + +Leo ging im Zimmer auf und ab. Die sch"one Frau in ihrem hellen +Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam +vor. Sie ward pl"otzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte, +sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte da{\s} +Kind wieder in die Wiege. E{\s} hatte sich erbrochen, und die +Mutter am Hal{\s}kragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die +Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man s"ahe nicht{\s} mehr davon. + +"`Mir kommt sie noch ganz ander{\s}!"' meinte die Frau. "`Ich habe +weiter nicht{\s} zu tun, al{\s} sie immer wieder zu s"aubern. Wenn +Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmu{\s} +beauftragten, da"s ich mir bei ihm ein bi"schen Seife holen kann, +wenn ich welche brauche. Da{\s} w"are auch f"ur Sie da{\s} +bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu st"oren."' + +"`Meinetwegen!"' sagte Emma. "`Auf Wiedersehn, Frau Rollet!"' + +Beim Hinau{\s}gehen sch"uttelte sie sich. + +Die Frau begleitete die beiden bi{\s} zum Ende de{\s} Hofe{\s}, +wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich e{\s} sei, +nacht{\s} so h"aufig aufstehen zu m"ussen. "`Manchmal bin ich +fr"uh so zerschlagen, da"s ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten +Sie mir ein Pf"undchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich +ihn fr"uh mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen."' + +Nachdem Frau Bovary die Danke{\s}beteuerungen der Frau "uber sich +hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie +mit ihrem Begleiter ein St"uck auf dem Fu"swege gegangen, al{\s} +sie da{\s} Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie +drehte sich um. E{\s} war die Amme. + +"`Wa{\s} wollen Sie noch?"' + +Die Frau zog Emma bi{\s} hinter eine Ulme beiseite und fing an, +von ihrem Manne zu erz"ahlen. "`Bei seinem Handwerke und seinen +sech{\s} Franken Pension im Jahre~..."' + +"`Machen Sie rasch!"' unterbrach Emma ihren Wortschwall. + +"`Ach, liebste Frau Doktor,"' fuhr die Frau fort, indem sie +zwischen jede{\s} ihrer Worte einen Seufzer schob, "`ich habe +Angst, er wird b"ose, wenn er sieht, da"s ich allein f"ur mich +Kaffee trinke. Sie wissen, wie die M"anner sind~..."' + +"`Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken! +Sie langweilen mich."' + +"`Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, '{\s} ist ja blo"s f"ur die +schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten +Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut~..."' + +"`Na, wa{\s} wollen Sie denn noch?"' fragte Emma. + +"`Wenn e{\s} also,"' fuhr die Frau fort, indem sie einen Knick{\s} +machte, "`wenn e{\s} also nicht zuviel verlangt ist~..."' Sie +machte abermal{\s} einen tiefen Knick{\s}. "`Wenn Sie so gut sein +wollen~..."' + +Ihre Augen bettelten gott{\s}j"ammerlich. Endlich bekam sie e{\s} +herau{\s}: + +"`Ein Bullchen Branntwein! Ich k"onnte damit auch die F"u"se Ihrer +Kleinen ein bi"schen einreiben. Sie sind so riesig zart~..."' + +Nachdem sich Emma endlich von der Frau lo{\s}gemacht hatte, nahm +sie Leo{\s} Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorw"art{\s}. +Dann wurde sie langsamer, und Emma{\s} Blick, der bi{\s}her +geradeau{\s} gegangen war, glitt "uber die Schulter ihre{\s} +Begleiter{\s}. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem +Rocke, auf den sein kastanienbraune{\s} wohlgepflegte{\s} Haar +schlicht herabwallte. Die N"agel an seiner Hand fielen ihr auf; +sie waren l"anger, al{\s} man sie in Yonville sonst trug. Ihre +Pflege war eine der Hauptbesch"aftigungen de{\s} Adjunkten; er +besa"s dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische +aufbewahrte. + +Am Ufer de{\s} Bache{\s} gingen sie nach dem St"adtchen zur"uck. +Jetzt in der hei"sen Jahre{\s}zeit war der Wasserstand so niedrig, +da"s man dr"uben die Gartenmauern bi{\s} auf ihre Grundlage sehen +konnte. Von den Gartenpforten f"uhrten kleine Treppen in da{\s} +Wasser. E{\s} flo"s lautlo{\s} und rasch dahin, K"uhle +verbreitend. Hohe, d"unne Gr"aser neigten sich zur klaren Flut und +lie"sen sich von der Str"omung treiben; da{\s} sah au{\s} wie +au{\s}gel"oste{\s}, lange{\s}, gr"une{\s} Haar. Hin und wieder +liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf +den Bl"attern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im +Zerflie"sen schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die +verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen St"amme auf dem +Wasser. Und h"uben die weiten Wiesen lagen so verlassen~... + +E{\s} war die Stunde, da man in den Gut{\s}h"ofen zu Mittag i"st. +Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nicht{\s} al{\s} +den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, +die sie redeten, und da{\s} leise Rascheln von Emma{\s} Kleid. + +Die oben mit Gla{\s}scherben bespickten Gartenmauern, an denen sie +nach "Uberschreitung eine{\s} Steg{\s} hingingen, gl"uhten wie die +Scheiben eine{\s} Treibhause{\s}. Zwischen den Steinen sprossen +Mauerblumen. Im Vor"ubergehen stie"s Frau Bovary mit dem Rande +ihre{\s} Sonnenschirme{\s} an die welken Bl"uten; gelber Staub +rieselte herab. Ab und zu streifte eine "uberh"angende +Jel"anger-jelieber- oder Klemati{\s}-Ranke die Seide ihre{\s} +Schirme{\s} und blieb einen Augenblick in den Spitzen h"angen. + +Sie plauderten von einer Truppe spanischer T"anzer, die demn"achst +im Rouener Theater gastieren sollte. + +"`Werden Sie hinfahren?"' fragte Emma. + +"`Wenn ich kann, ja!"' + +Hatten sie sich wirklich nicht{\s} andre{\s} zu sagen? Ihre Augen +sprachen eine viel ernstere Sprache, und w"ahrend sie sich mit so +banalen Reden{\s}arten abqu"alten, f"uhlten sie sich alle beide im +Banne der n"amlichen schw"ulen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer +Unterton dominierte heimlich ohne Unterla"s in ihrem +oberfl"achlichen Gespr"ach. Betroffen von diesem ungewohnten +s"u"sen Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre +Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen. +K"unftige{\s} Gl"uck ist wie ein tropische{\s} Gestade: e{\s} +sendet weit "uber den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen +lauen Erdgeruch her"uber, balsamischen Duft, von dem man sich +berauschen l"a"st, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen. + +An einer Stelle de{\s} Wege{\s} stand Regenwasser in den +Wagengeleisen und Hufspuren; man mu"ste ein paar gro"se +moo{\s}bewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten, +begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu ersp"ahen, +wohin sie den n"achsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein +wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vorn"uber. +Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den T"umpel zu treten, +lachte sie doch. + +Vor ihrem Garten angelangt, stie"s Frau Bovary die kleine Pforte +auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in +seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt bl"atterte in +einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schlie"slich +ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die H"ohe von +Argueil ein St"uck hinauf, nach dem "`Futterplatz"' am Waldrande. +Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in da{\s} +Himmel{\s}blau, die H"ande locker "uber den Augen. + +"`Ach, ist da{\s} langweilig! Ist da{\s} langweilig!"' seufzte er. + +Er fand da{\s} Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homai{\s} +al{\s} Freund und Guillaumin al{\s} Chef. Dem letzteren, diesem +gr"a"slichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem +roten Backenbart, seiner ewigen wei"sen Krawatte, dem mangelte +auch der geringste Sinn f"ur h"ohere Dinge. E{\s} war nur in der +ersten Zeit gewesen, da"s er dem Adjunkten mit seinen formellen +Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab e{\s} weiter in +Yonville? Die Frau de{\s} Apotheker{\s}. Die war weit und breit +die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, +Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie +leiden sehen, und in der Wirtschaft lie"s sie alle{\s} drunter und +dr"uber gehn. Sie war eine Feindin de{\s} Korsett{\s}, sah sehr +gew"ohnlich au{\s} und war in ihrer Unterhaltung h"ochst +beschr"ankt. Alle{\s} in allem war sie eine ebenso harmlose wie +langweilige Dame. Obgleich sie drei"sig Jahre alt war und er +zwanzig, obwohl er T"ur an T"ur mit ihr schlief und obgleich er +t"aglich mit ihr sprach, war e{\s} ihm doch noch nie in den Sinn +gekommen, da"s sie irgendjemande{\s} Frau sein k"onne und mit +ihren Geschlecht{\s}genossinnen mehr gemeinsam habe al{\s} die +R"ocke. + +Und wen gab e{\s} au"serdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein +paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den +B"urgermeister T"uvache und seine beiden S"ohne, gro"sprotzige, +m"urrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre "Acker selber pfl"ugten, +unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckm"auser, mit +denen zu verkehren glatt unm"oglich war. + +Von dieser Masse allt"aglicher Leute hob sich Emma{\s} Gestalt ab, +einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigsten{\s} war e{\s}, al{\s} +l"agen tiefe Abgr"unde zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit +hatte er Bovary{\s} hin und wieder zusammen mit Homai{\s} besucht, +aber er hatte die Empfindung, al{\s} sei der Arzt durchau{\s} +nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo +immer zwischen der Furcht, f"ur aufdringlich gehalten zu werden, +und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut +wie unm"oglich schien. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Sobald e{\s} herbstlich zu werden begann, siedelte Emma au{\s} +ihrem Zimmer in die Gro"se Stube "uber, einem l"anglichen +niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gew"ohnlich sa"s sie am Fenster +in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die drau"sen +vor"ubergingen. + +Leo kam t"aglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen +L"owen und zur"uck. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. +Sie neigte sich jede{\s}mal vor und lauschte, und der junge Mann +glitt an der Scheibengardine vor"uber, immer tadello{\s} gekleidet +und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der D"ammerung, wenn sie, +auf dem Scho"se die begonnene Stickerei, vertr"aumt dasa"s, +"uberlief sie ein Schauer beim pl"otzlichen Vor"ubergleiten +seine{\s} Schatten{\s}. Dann fuhr sie auf und befahl da{\s} Essen. + +Der Apotheker kam mitunter w"ahrend der Tischzeit. Sein K"appchen +in der Hand, trat er ger"auschlo{\s} ein, um ja niemanden zu +st"oren, jede{\s}mal mit derselben Reden{\s}art: "`Guten Abend, +die Herrschaften!"' Er setzte sich an den Tisch zwischen da{\s} +Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf +sich Bovary seinerseit{\s} erkundigte, ob diese auch +zahlung{\s}f"ahig seien. Sodann unterhielten sich die beiden "uber +da{\s}, wa{\s} in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde +wu"ste Homai{\s} sie bereit{\s} au{\s}wendig. Er rekapitulierte +sie von Anfang bi{\s} zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle +darin berichteten merkw"urdigen Vorg"ange de{\s} In- und +Au{\s}land{\s}. Wenn auch dieser Gespr"ach{\s}stoff ersch"opft +war, konnte er ein paar Bemerkungen "uber die Gerichte auf dem +Tische nicht unterdr"ucken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig +und machte Frau Bovary artig auf da{\s} zarteste St"uck Fleisch +aufmerksam, oder er wandte sich an da{\s} Dienstm"adchen und gab +ihr Ratschl"age "uber die Zubereitung eine{\s} Ragout{\s} oder +"uber die richtige Verwendung der Gew"urze. Er verstand mit +erstaunlicher Fachkenntni{\s} "uber aromatische Zutaten, +Fleischertrakte, Saucen und S"afte zu sprechen. Er hatte in seinem +Kopfe mehr Rezepte al{\s} Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In +der Herstellung von Konfit"uren, Weinessig und s"u"sen Lik"oren +war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen +auf dem Gebiete der K"uchen"okonomie, nicht minder da{\s} beste +Verfahren, K"ase zu konservieren und verdorbne Weine wieder +verwendbar zu machen. + +Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum +Schlie"sen de{\s} Laden{\s} zu holen. Homai{\s} pflegte ihm einen +pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zuf"allig im Zimmer +war. Er kannte n"amlich die Vorliebe seine{\s} Famulusse{\s} f"ur +da{\s} Hau{\s} de{\s} Arzte{\s}. + +"`Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!"' meinte er. +"`Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr +Dienstm"adel verguckt!"' + +"Ubrigen{\s} machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er +horche auf alle{\s}, wa{\s} in seinem Hause gesprochen w"urde. +Beispiel{\s}weise sei er an den Sonntagen nicht au{\s} dem Salon +hinau{\s}zubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder +hole, um sie in{\s} Bett zu schaffen. + +An diesen Sonntag{\s}abenden erschienen "ubrigen{\s} nur wenige +G"aste. Homai{\s} hatte sich nach und nach mit verschiedenen +Hauptpers"onlichkeiten de{\s} Orte{\s} wegen seiner Klatschsucht +und seiner politischen Ansichten "uberworfen. Aber der Adjunkt +stellte sich regelm"a"sig ein. Sobald er die Hau{\s}t"urklingel +h"orte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr da{\s} +Umschlagetuch ab und die "Uberschuhe, die sie bei Schnee trug. + +Zun"achst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten +Emma und der Apotheker Ecart\'e. Leo stand hinter ihr und half +ihr. Die H"ande auf die R"uckenlehne ihre{\s} Stuhle{\s} +gest"utzt, betrachtete er sich die Zinken de{\s} Kamme{\s}, der +ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen w"ahrend de{\s} +Kartenspiel{\s} raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb de{\s} +heraufgesteckten Haare{\s}, hatte ihre Haut einen br"aunlichen +Farbenton, der sich nach dem R"ucken zu aufhellte und im Schatten +de{\s} Kragen{\s} verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden +Seiten de{\s} Stuhlsitze{\s} auf; er schlug eine Menge Falten und +bedeckte ein St"uck de{\s} Boden{\s}. Wenn Leo hin und wieder +au{\s} Versehen mit der Sohle seine{\s} Schuhe{\s} darauf geriet, +zog er den Fu"s rasch zur"uck, al{\s} habe er einen Menschen +getreten. + +Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homai{\s} und Karl Domino zu +spielen. Emma setzte sich dann an da{\s} andre Ende de{\s} +Tische{\s} und sah sich, die Ellbogen aufgest"utzt, die +"`Illustrierte Zeitung"' an. Oft hatte sie auch ihren "`Bazar"' +mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen +die Holzschnitte und warteten mit dem Umbl"attern aufeinander. +Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer +Stimme vor, die bei verliebten Stellen fl"usternd wurde. Da{\s} +Klappern der Dominosteine st"orte ihn. Der Apotheker war ein +gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unversch"amte{\s} +Gl"uck. Wenn die dreihundert Point{\s} erreicht waren, setzten +sich die Spieler an den Kamin, und e{\s} dauerte nicht lange, da +waren sie alle beide eingenickt. Da{\s} Feuer im Kamin war im +Erl"oschen, die Teekanne leer. Leo la{\s} weiter, und Emma h"orte +ihm zu, wobei sie halb unbewu"st in einem fort den Lampenschirm +herumdrehte, auf dessen d"unnen Kattun Pierrot{\s} in einer +Kutsche und Seilt"anzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt +waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wie{\s} durch eine +Geste auf die eingeschlafene Zuh"orerschaft, und nun sprachen sie +lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei d"unkte beide um so +s"u"ser, al{\s} niemand ihrer lauschte. + +So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein +fortw"ahrender Au{\s}tausch von Romanen und Gedichtb"uchern. Karl, +der keine Neigung zur Eifersucht besa"s, hatte nicht{\s} dagegen. +Zu seinem Geburt{\s}tage bekam er einen phrenologischen Sch"adel, +der "uber und "uber mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, +eine Aufmerksamkeit Leo{\s}. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter +nach Rouen, um dort Besorgungen f"ur da{\s} Ehepaar zu machen. +Al{\s} infolge eine{\s} Moderoman{\s} die Kakteen in Beliebtheit +kamen, brachte er ein Exemplar, da{\s} er w"ahrend der Fahrt in +der Post vor sich auf den Knien hielt. Da{\s} stachlige Ding +zerstach ihm alle Finger. + +Emma lie"s vor ihrem Fenster ein kleine{\s} Blumenbrett f"ur ihre +Blu\-men\-t"opfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt ein{\s} +hatte. Beim Begie"sen ihrer Blumen sahen sich die beiden. + +Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} Leo nach Hau{\s} kam, fand er in seinem +Zimmer eine Reisedecke au{\s} mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide +und Wolle Blumen und Bl"atter gestickt waren. Er zeigte sie Frau +Homai{\s}, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der +K"ochin; sogar seinem Chef erz"ahlte er davon. Alle Welt wollte +nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau de{\s} Doktor{\s} +dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Da{\s} war doch sonderbar. +Und alsobald stand e{\s} unumst"o"slich fest: sie war "`seine gute +Freundin."' + +Leo verst"arkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er +unaufh"orlich und vor jedermann von Emma{\s} Sch"onheit und +Klugheit schw"armte. Binet wurde ihm de{\s}halb einmal geh"orig +grob: + +"`Wa{\s} geht mich denn da{\s} an? Ich geh"ore nicht zu der +Clique!"' + +Der Verliebte marterte sich mit Gr"ubeleien ab, wie er sich Emma +erkl"aren k"onne. Er schwankte fortw"ahrend zwischen der Furcht, +sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham "uber seine +Feigheit. Er vergo"s Tr"anen ob seiner Mutlosigkeit und seiner +Sehnsucht. Oft genug entschlo"s er sich zu k"uhner Entscheidung. +Er schrieb Briefe, die er wieder zerri"s; nahm sich Tage der Tat +vor, die er dann doch verstreichen lie"s. Manchmal ging er mir dem +festen Vorsatz zu ihr, alle{\s} zu wagen; aber in ihrer Gegenwart +verlor er al{\s}bald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn +einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen +Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit. +Dann sagte er der "`gn"adigen Frau"' adieu und fuhr mit. War nicht +ihr Mann auch ein St"uck von ihr? + +Emma ihrerseit{\s} fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. E{\s} +war ihr Glaube, da"s die Liebe mit einem Male dasein m"usse, unter +Donner und Blitz, wie ein Sturm au{\s} blauem Himmel, der die +Menschen packt und ersch"uttert, ihnen den freien Willen +entrei"st, wie einem Baum da{\s} Laub, und da{\s} ganze Herz in +den Abgrund schwemmt. Sie wu"ste nicht, da"s der Regen auf den +flachen D"achern der H"auser Seen bildet, wenn die Traufen +verstopft sind. Und so w"are sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, +wenn sie nicht mit einem Male den Ri"s in der Mauer bemerkt +h"atten. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +E{\s} war an einem Sonntag nachmittag im Februar. E{\s} schneite. + +Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen +Au{\s}flug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine +halbe Stunde talabw"art{\s} von Yonville, zu besichtigen. Napoleon +und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben +sollten; und auch Justin war dabei, ein B"undel Regenschirme auf +der Schulter. + +Die neue Sehen{\s}w"urdigkeit war eigentlich nicht{\s} weniger +al{\s} sehen{\s}wert. Um einen gro"sen "oden Platz, auf dem +zwischen Sand- und Steinhaufen bereit{\s} ein paar verrostete +Maschinenr"ader lagen, zog sich im Viereck ein Geb"aude mit einer +Menge kleiner Fenster hin. E{\s} war noch nicht ganz vollendet; +durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel. +An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz au{\s} Stroh und +"Ahren mit einem im Winde flatternden wei"s-rot-blauen Wimpel. + +Homai{\s} machte den F"uhrer. Er erkl"arte der Gesellschaft die +k"unftige Bedeutung de{\s} Etablissement{\s} und sch"atzte die +St"arke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr +bedauerte, kein Meterma"s bei sich zu haben. + +Emma hatte sich bei ihm eingeh"angt. Sie st"utzte sich ein wenig +auf seinen Arm und schaute tr"aumerisch in die Ferne nach der +Sonnenscheibe, deren matte{\s} rote{\s} Licht mit dem Nebel +k"ampfte. Pl"otzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er +hatte seine M"utze bi{\s} auf die Augenbrauen in{\s} Gesicht +hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, wa{\s} ihm +einen bl"oden Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein +beh"abiger R"ucken "argerte sie. Sie fand, die breite Fl"ache +seine{\s} Mantel{\s} kennzeichne die ganze Plattheit von Karl{\s} +Pers"onlichkeit. + +W"ahrend sie ihn so ver"achtlich musterte, geno"s sie eine gewisse +perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die K"alte machte ihn +bleich, wa{\s} in sein Gesicht etwa{\s} Schmachtende{\s}, +Sanfte{\s} brachte. Sein vorn offener Kragen lie"s zwischen +Krawatte und Hal{\s} ein St"uck Haut sehen; von seinem Ohr lugte +ein Teilchen zwischen den Str"ahnen seine{\s} Haar{\s} hervor, und +seine gro"sen blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen +Emma viel klarer und sch"oner vor al{\s} in den Gedichten die +Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt. + +"`Rabenkind!"' schrie pl"otzlich der Apotheker und scho"s auf +seinen Jungen lo{\s}, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um +sch"one wei"se Schuhe zu bekommen. Al{\s} er t"uchtig +au{\s}gescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin +versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen, +aber ohne Messer ging da{\s} nicht. Karl bot ihm sein{\s} an. + +"`Unerh"ort!"' dachte Emma bei sich. "`Er tr"agt ein Messer in der +Tasche wie ein Bauer!"' + +Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den +Heimweg nach Yonville. + +An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbar{\s}leuten +hin"uber. Al{\s} ihr Mann fort war und sie sich allein wu"ste, +begann sie die beiden M"anner von neuem zu vergleichen, und der +andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der +eigent"umlichen Linienver"anderung, die da{\s} menschliche +Ged"achtni{\s} vornimmt. Von ihrem Bette au{\s} sah sie die lichte +Glut im Kamin und daneben -- ganz so wie vor ein paar Stunden -- +Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten +Hand den Spazierstock, und f"uhrte an der andern Athalia, die +bed"achtig an einem Ei{\s}zapfen saugte. Diese Szene hatte ihr +gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht lo{\s}kommen. Sie +versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen au{\s}gesehen +hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen +"uberhaupt sei~... + +Die Lippen wie zum Kusse gerundet, fl"usterte sie immer wieder vor +sich hin: "`Ach, s"u"s, s"u"s!"' Und dann fragte sie sich: "`Ob er +eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!"' + +Mit einem Male sprach alle{\s} daf"ur. Da{\s} Herz schlug ihr vor +Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fr"ohliche +Lichter. Emma legte sich auf den R"ucken und breitete ihre Arme +weit au{\s}. + +Dann aber hob sie ihr alte{\s} Klagelied an: "`Ach, warum hat +e{\s} der Himmel so gewollt? Warum nicht ander{\s}? Au{\s} welchem +Grunde?"' + +Al{\s} Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, al{\s} +wache sie auf; und al{\s} er sich etwa{\s} ger"auschvoll +au{\s}zog, klagte sie "uber Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte +sie aber, wie der Abend verlaufen sei. + +"`Leo ist heute zeitig gegangen"', erz"ahlte Karl. + +Sie mu"ste l"acheln, und mit dem Gef"uhl einer ungeahnten +Gl"uckseligkeit schlummerte sie ein. + +Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch de{\s} Herrn +Lheureux, de{\s} Modewarenh"andler{\s}. Der war, wie man zu sagen +pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener +Ga{\s}cogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er +einte in sich die lebhafte Redseligkeit de{\s} S"udl"ander{\s} und +die n"uchterne Verschlagenheit seiner neuen Land{\s}leute. Sein +feiste{\s}, aufgeschwemmte{\s} und bartlose{\s} Gesicht sah +au{\s}, al{\s} sei e{\s} mit S"u"sholztinktur gef"arbt, und sein +wei"se{\s} Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren +schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Wa{\s} er fr"uher +getrieben, wu"ste man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer +gewesen, andre sagten, Geldwech{\s}ler in Routot. Etwa{\s} aber +stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen +au{\s}f"uhren. Selbst Binet kam die{\s} unheimlich vor. Dabei war +er kriechend h"oflich; er lief in immer halb geb"uckter Haltung +herum, al{\s} ob er jemanden gr"u"sen oder einladen wollte. + +Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der T"ure +ab, stellte einen gr"unen Pappkasten auf den Tisch und begann sich +dann unter tausend Flo{\s}keln bei Frau Bovary zu beklagen, da"s +er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerding{\s} +sei eine "`armselige Butike"' wie die seine nicht gerade +verlockend f"ur eine "`elegante Dame"'. Diese beiden Worte betonte +er ganz besonder{\s}. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache +sich anheischig, ihr alle{\s} nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, +W"asche, Str"umpfe, Modewaren, wa{\s} sie brauche. Er fahre +regelm"a"sig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den +ersten Firmen in Verbindung. Sie k"onne sich "uberall nach ihm +erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vor"ubergehen, um der +gn"adigen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen +ganz besonder{\s} g"unstigen Gelegenheit{\s}kauf erworben h"atte. +Dabei packte er au{\s} dem Kasten ein halbe{\s} Dutzend gestickter +Hal{\s}kragen. + +Frau Bovary besah sie sich. + +"`Ich brauche nicht{\s}"', bemerkte sie. + +Nunmehr kramte der H"andler behutsam drei algerische Seident"ucher +au{\s}, mehrere Pakete englischer N"ahnadeln, ein paar +strohgeflochtne Pantoffeln und schlie"slich vier Eierbecher au{\s} +Koko{\s}nu"sschale, filigranartige Schnitzarbeiten von +Str"aflingen. Sich mit beiden H"anden auf den Tisch st"utzend, mit +langem Hal{\s} und offnem Mund, beobachtete er Emma{\s} Augen, die +unentschlossen in all diesen Gegenst"anden herumsuchten. Von Zeit +zu Zeit strich er mit dem Fingernagel "uber die lang +hingebreiteten T"ucher, al{\s} wolle er ein St"aubchen entfernen; +die Seide knisterte leise, und da{\s} gr"unliche D"ammerlicht +glitzerte auf den Goldf"aden de{\s} Gewebe{\s} in sternigen +Funken. + +"`Wa{\s} kostet so ein Tuch?"' fragte Emma. + +"`Ein paar Groschen!"' antwortete er. "`Ein paar Groschen! Aber +da{\s} eilt ja nicht. Ganz wann{\s} Ihnen pa"st! Unsereiner ist ja +kein Jude!"' + +Sie dachte einen Augenblick nach, schlie"slich dankte sie dem +H"andler, der gelassen erwiderte: + +"`Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bi{\s}her mit allen +Damen vertragen, mit meiner nur nicht."' + +Emma l"achelte. Er sah e{\s} und fuhr mit der Ma{\s}ke de{\s} +Biedermanne{\s} fort: + +"`Ich wollte damit nur gesagt haben, da"s Geld Nebensache ist. +Wenn Sie mal welche{\s} brauchten, k"onnten Sie e{\s} von mir +haben."' + +Sie machte eine erstaunte Miene. + +Schnell fl"usterte er: + +"`Oh! Ich verschaffte e{\s} Ihnen auf der Stelle! Darauf k"onnen +Sie sich verlassen!"' + +Davon abspringend, erkundigte er sich flug{\s} nach dem alten +Tellier, dem Wirt vom Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, den Bovary gerade in +Behandlung hatte. + +"`Wa{\s} fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, +da"s sein ganze{\s} Hau{\s} wackelt. Ich f"urchte, ich f"urchte, +er l"a"st sich eher zu einem "Uberzieher au{\s} Fichtenholz Ma"s +nehmen al{\s} zu einem au{\s} Wintertuch. Na, solange er auf dem +Damme war, da hat er sch"one Zicken gemacht! Die Sorte, gn"adige +Frau, die wird nie vern"unftig! Und dann der Schnap{\s}, da{\s} +ist allemal der Ruin! Aber e{\s} ist immer betr"ubend, wenn man +sieht, wie e{\s} mit einem alten Bekannten zu Ende geht."' + +W"ahrend er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte, +schwatzte er so von allen m"oglichen Patienten de{\s} Arzte{\s}. + +"`Da{\s} liegt am Wetter, ganz zweifello{\s}!"' erh"arte er, indem +er verdrie"slich durch die Fensterscheiben sah. "`Da{\s} bringt +alle diese Krankheiten. E{\s} geht mir ja selber so: ich f"uhle +mich gar nicht recht \begin{antiqua}au fait\end{antiqua}. Werde +wohl demn"achst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde +kommen m"ussen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen, +Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verf"ugung! Gehorsamster +Diener!"' + +Und er schlo"s die T"ure sacht hinter sich. + +Emma lie"s sich da{\s} Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem +Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und e{\s} +schmeckte ihr alle{\s} vorz"uglich. + +"`Wie vern"unftig ich doch war!"' sagte sie bei sich und dachte an +die Seident"ucher. + +Da h"orte sie Tritte auf der Treppe. E{\s} war Leo. Sie stand +schnell auf und nahm von der Kommode von einem Sto"s Wischt"ucher, +die ges"aumt werden sollten, da{\s} oberste zur Hand. Al{\s} der +junge Mann eintrat, tat sie sehr besch"aftigt. + +Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary +schwieg immer wieder, und Leo war au{\s} Sch"uchternheit +einsilbig. Er sa"s nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und +spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelb"uchschen. + +Emma n"ahte oder gl"attete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel +den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nicht{\s}, +weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, al{\s} ob sie +wer wei"s wa{\s} gesprochen h"atte. + +"`Armer Junge!"' dachte sie. + +"`Warum bin ich bei ihr in Ungnade?"' fragte er sich. + +Schlie"slich fing er an zu reden. Er m"usse in den n"achsten Tagen +nach Rouen fahren. In einer Beruf{\s}angelegenheit. + +"`Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich e{\s} +erneuern?"' + +"`Nein"', entgegnete sie. + +"`Warum nicht?"' + +"`Weil~..."' + +Emma bi"s sich auf die Lippen. Umst"andlich zog sie den grauen +Zwirn hoch. Leo "argerte sich "uber ihre Emsigkeit. "`Warum +zersticht sie sich die Finger?"' dachte er. Eine galante Bemerkung +fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie +au{\s}zusprechen. + +"`So wollen Sie e{\s} also aufgeben?"' + +"`Wa{\s}?"' fragte sie nerv"o{\s}. "`Die Musik? Ach, du mein Gott! +Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen +und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!"' + +Sie blickte nach der Uhr. Karl h"atte schon l"angst heim sein +m"ussen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte +sie im Gespr"ache: + +"`Mein Mann ist so gut!"' + +Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese +Z"artlichkeit befremdete ihn auf da{\s} unangenehmste. Gleichwohl +stimmte er in ihr Lob ein. + +"`Dar"uber sind wir un{\s} alle einig; der Apotheker sagt{\s} auch +immer!"' erkl"arte er. + +"`Ja, ja, er ist ein pr"achtiger Mensch!"' wiederholte sie. + +"`Gewi"s!"' best"atigte der Adjunkt. + +Er begann dann von Frau Homai{\s} zu sprechen, "uber deren sehr +nachl"assige Kleidung sich die beiden sonst h"aufig am"usierten. + +"`So schlimm ist e{\s} gar nicht!"' behauptete Emma heute. "`Eine +gute Hau{\s}frau kann sich nicht blo"s um ihre Toilette k"ummern."' + +Dann versank sie in ihr fr"uhere{\s} Stillschweigen. + +So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr +Benehmen, ihr ganze{\s} Wesen waren wie verwandelt. Sie k"ummerte +sich um ihr Hau{\s}, ging wieder regelm"a"sig in die Kirche und +hielt ihr Dienstm"adchen strenger. + +Die kleine Berta wurde au{\s} der Ziehe zur"uckgeholt. Wenn Besuch +kam, brachte Felicie da{\s} Kind herein, und Frau Bovary zeigte, +wa{\s} f"ur stramme Beinchen e{\s} hatte. Sie beteuerte, Kinder +h"atte sie "uber alle{\s} gern; da{\s} ihre sei ihr Trost, ihre +Freude, ihr Gl"uck. Dabei liebkoste sie e{\s} unter einem Schwall +von schw"armerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die +biederen Yonviller waren keine! -- an die Sachette in Viktor +H"ugo{\s} "`Notre-Dame"' erinnert h"atten. + +Wenn Karl heimkam, fand er seine Hau{\s}schuhe gew"armt am Kamine +stehen, seine Westen hatten kein zerrissene{\s} Futter mehr, und +an seinen Hemden waren die Kn"opfe immer vollz"ahlig. Er hatte +sogar da{\s} Vergn"ugen, seine H"ute und M"utzen wohlgeordnet im +Schranke h"angen zu sehen. Emma lehnte e{\s} mit einem Male nicht +mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. +Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort +einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah, +f"ugte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so +sah: ihn am Kamin, die H"ande "uber dem Bauche gefaltet, die +F"u"se behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom +Mahle und die "Auglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich da{\s} +Kind, da{\s} auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die +feinlinige schlanke Frau, wie sie sich "uber die Lehne seine{\s} +Gro"svaterstuhl{\s} beugte und ihm einen Ku"s auf die Stirn gab, +-- dann sagte er sich: + +"`Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!"' + +Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand +jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er +sie zu verg"ottern. Allm"ahlich verlor sie in seinen Augen ihre +K"orperlichkeit, die nun einmal doch f"ur ihn nicht da war. Vor +seiner Phantasie schwebte sie immer h"oher, umstrahlt von einer +Gloriole. Seine reine Liebe hatte nicht{\s} mehr mit seinem +Alltag{\s}leben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen +Verlust mehr Schmerz bereitet, al{\s} der k"orperliche Besitz der +Geliebten Genu"s gew"ahrt. + +Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde +schm"achtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren +gro"sen Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange +und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durch{\s} Leben zu +schreiten, ohne den Erdboden zu ber"uhren, und e{\s} war, al{\s} +tr"uge sie auf der Stirne da{\s} geheimni{\s}volle Mal einer +h"oheren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und +dabei so unnahbar, da"s man ihre Gegenwart wie eine ei{\s}kalte +Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der +Rosen die K"alte de{\s} Marmor{\s}, so da"s man zusammenschauert. +E{\s} lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann. + +"`Sie ist eine Frau gro"sen Stil{\s},"' sagte der Apotheker +einmal, "`sie m"u"ste einen Minister zum Manne haben!"' + +Die Spie"sb"urger r"uhmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr +h"ofliche{\s} Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn. + +Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Ha"s. +Hinter ihrem kl"osterlichen Kleid st"urmte ein weltverlangende{\s} +Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der +Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, +um in der Vorstellung ungest"ort zu schwelgen. Diese Wollust der +Tr"aume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick de{\s} Geliebten +nur gest"ort. Beim H"oren seiner Tritte zitterte sie. Sobald er +aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie f"uhlte nicht{\s} +al{\s} namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut. + +Leo ahnte nicht, da"s Emma an{\s} Fenster eilte, um ihm +nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe +beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen +Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu +haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr +beneiden{\s}wert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen +durfte. Ihre Gedanken lie"sen sich immer wieder auf seinem Hause +nieder, just wie die Tauben vom Goldnen L"owen, die hingeflogen +kamen, um ihre roten Stelzen und wei"sen Fl"ugel in der Dachrinne +zu netzen. + +Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewu"st ward, um so mehr +dr"angte sie sie zur"uck. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein +bleiben. Wohl war e{\s} ihr Sehnen, da"s Leo die Wahrheit bemerke; +sie ertr"aumte sich Zuf"alle und Katastrophen, die die{\s} +herbeif"uhrten. Aber ihre Passivit"at, die Angst vor der +Entscheidung und auch ihr Schamgef"uhl hielten sie zur"uck. Sie +bildete sich ein, sie h"atte sich ihn bereit{\s} allzusehr +entfremdet, e{\s} w"are nun zu sp"at und alle{\s} sei verloren. +Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: "`Ich bin eine +anst"andige Frau geblieben!"' Sie stellte sich vor den Spiegel in +der Pose der Resignation. Da{\s} tr"ostete sie ein wenig ob de{\s} +Opfer{\s}, da{\s} sie zu bringen w"ahnte. + +Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre L"usternheit nach Reichtum +und Luxu{\s} und ihre schwerm"utige Liebe ergaben alle{\s} in +allem ein einzige{\s} Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen +zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in diese{\s} Leid, gefiel +sich darin und trug e{\s} in alle Einzelheiten ihre{\s} Leben{\s}. +Ein ungeschickt servierte{\s} Gericht, eine offengelassene T"ure +brachte sie in Aufregung. Ein h"ubsche{\s} Kleid, da{\s} sie nicht +haben konnte, ein Vergn"ugen, auf da{\s} sie verzichten mu"ste, +machte sie ungl"ucklich. Weil sich ihre k"uhnen Tr"aume nicht +erf"ullten, ward ihr da{\s} Hau{\s} zu eng. + +Da"s Karl keine Dulderin in ihr sah, da{\s} emp"orte sie am +allermeisten. Seine felsenfeste "Uber\-zeu\-gung, da"s er seine +Frau gl"ucklich mache, d"unkte sie Beschr"anktheit, Beleidigung, +Undankbarkeit. F"ur wen war sie denn so vern"unftig? War e{\s} +nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Gl"uck trennte? War nicht +er der Anla"s all ihre{\s} Elend{\s}, da{\s} Schlo"s an der T"ur +ihre{\s} qualvollen K"afig{\s}? + +So h"aufte sie auf ihn alle Bitternisse ihre{\s} Herzen{\s}. Jeder +Versuch, diese Verstimmungen zu bek"ampfen, verschlimmerten sie +nur. Denn die vergebliche M"uhe machte sie noch mutloser und +entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine +Gutm"utigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spie"serlichkeit ihrer +Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und +die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gel"usten. Sie bedauerte +e{\s}, da"s Karl sie nicht schlecht behandelte; dann h"atte sie +gerechten Anla"s gehabt, sich an ihm zu r"achen. Zuweilen freilich +erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und +immer mu"ste sie l"acheln, wenn sie in einem fort h"orte, da"s sie +gl"ucklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch M"uhe gab, so +zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen. + +Manchmal hatte sie diese Kom"odie satt. Sie f"uhlte sich versucht, +mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit +fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten +ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgr"unde. + +"`Er liebt mich ja gar nicht mehr!"' sagte sie sich. "`Wa{\s} soll +da au{\s} mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche +Erleichterung bleibt mir noch?"' + +Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin, +unter endlosen Tr"anen. + +"`Warum sagt e{\s} die gn"adige Frau nicht dem Herrn Doktor?"' +fragte da{\s} Dienstm"adchen, al{\s} e{\s} einmal w"ahrend +eine{\s} solchen Anfalle{\s} in{\s} Zimmer kam. + +"`Ach wa{\s}! Ich bin nerv"o{\s}!"' erkl"arte Emma. "`Da"s du ihm +ja nicht{\s} davon erz"ahlst! Du w"urdest ihn nur beunruhigen."' + +"`Ach Gott"', meinte Felicie. "`Der Tochter de{\s} alten +Fischer{\s} Gu\'erin au{\s} Pollet, einer Bekannten von mir in +Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging e{\s} ganz genau so. +War die tr"ubsinnig! Schrecklich tr"ubsinnig! Und leichenbla"s sah +sie immer au{\s}. Ihr Leiden war so wa{\s} wie ein Nebel im Kopfe, +und die "Arzte und sogar der Pfarrer wu"sten kein Mittel dagegen. +Wenn{\s} ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein an{\s} +Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen, +platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Sp"ater, +al{\s} sie einen Mann hatte, soll sich{\s} gegeben haben~..."' + +"`Bei mir aber"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} erst nach der +Hochzeit so gekommen."' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Eine{\s} Abend{\s} sa"s Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie +noch Lestiboudoi{\s}, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten +im Garten den Buch{\s}baum zugestutzt hatte. Pl"otzlich drang ihr +da{\s} Ave-Maria-L"auten in{\s} Ohr. + +E{\s} war Anfang April. Die Primeln bl"uhten, und ein lauer Wind +h"upfte "uber die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich f"ur +die Festtage de{\s} Sommer{\s}. Durch die Latten der Laube und +weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schn"orkeligen Windungen +in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch +kahlen Pappeln und l"oste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett +auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne +zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Br"ullen verklangen. +Nur die Abendglocke l"autete immerfort und f"ullte die Luft mit +wehm"utigem Frieden. + +Bei diesen gleichf"ormigen T"onen verloren sich die Gedanken der +jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an +die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich "uber die +blumenreichen Vasen und "uber da{\s} Tabernakel mit seinen +S"aulchen emporgereckt hatten. Wie einst h"atte sie wieder knien +m"ogen in der langen Reihe der wei"sen Schleier, die sich grell +abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betst"uhlen +hingesunkenen Schwestern. Sonntag{\s} w"ahrend der Messe, wenn sie +aufschaute und in da{\s} von bl"aulichem Weihrauch umwobene holde +Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und +ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine +Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht~... + +Mit einem Male, ohne da"s sie sich "uber den Vorgang klar ward, +fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht +hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und +alle{\s} Irdische zu vergessen. + +Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudoi{\s}, der bereit{\s} +wieder au{\s} der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit +zur"uckzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und da{\s} +L"auten der Glocke besorgte er, wie e{\s} ihm gerade pa"ste. +"Ubrigen{\s} war da{\s} L"auten ein Zeichen f"ur die Kinder im +Dorfe, da"s e{\s} Zeit zur Katechi{\s}mu{\s}stunde war. + +Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den +Friedhof{\s}steinen. Andre sa"sen rittling{\s} auf der Mauer, +baumelten mit den Beinen und k"opften mit ihren Schuhspitzen die +hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gr"aberreihe und der +niedrigen Umfassung{\s}mauer aufgeschossen waren. Da{\s} war +da{\s} einzige bi"schen Gr"un, denn die Grabm"aler standen ganz +dicht aneinander, und "uber ihnen lag best"andig feiner Staub, der +dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Str"umpfen +dar"uber wie "uber einen eigen{\s} f"ur sie hingebreiteten +Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in da{\s} +letzte Au{\s}klingen der Glocken. Da{\s} Summen verstummte, und +der Strang der gro"sen Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit +dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte +sich allm"ahlich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft, +kurze Schreie au{\s}sto"send, und flogen zur"uck in ihre gelben +Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe +oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer h"angenden Gla{\s}glocke. +Von weitem sah die Flamme wie ein "uber dem "Ol schwimmender +zittriger wei"ser Fleck au{\s}. Ein langer Sonnenstrahl +durchquerte da{\s} Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die +Nebenschiffe und Nischen. + +"`Wo ist der Pfarrer?"' fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich +damit belustigte, die bereit{\s} lockere Klinke der +Friedhof{\s}pforte v"ollig abzuw"urgen. + +"`Der wird gleich kommen!"' war die Antwort. + +Wirklich knarrte die T"ur de{\s} Pfarrhause{\s}, und der Abb\'e +Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche +hinein. + +"`Rasselbande!"' murmelte der Priester. "`Einen wie alle Tage!"' +Er hob einen zerflederten Katechi{\s}mu{\s} auf, an den sein Fu"s +gesto"sen war. "`Nicht{\s} wird respektiert!"' Da bemerkte er Frau +Bovary. + +"`Verzeihung!"' sagte er. "`Ich hatte Sie nicht erkannt."' + +Er steckte den Katechi{\s}mu{\s} in die Tasche und blieb stehen, +indem er den schweren Sakristeischl"ussel auf zwei Fingern +balancierte. + +Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll in{\s} Gesicht und nahm +seiner Soutane alle Farbe. Sie gl"anzte "ubrigen{\s} an den +Ellenbogen bereit{\s}, und in den S"aumen war sie au{\s}gefasert. +Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Kn"opfe +die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn +seine{\s} Gesicht{\s}, wurden sie zahlreicher. E{\s} war von +Sommersprossen bes"at, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart +hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete ger"auschvoll. + +"`Wie geht e{\s} Ihnen?"' erkundigte er sich. + +"`Schlecht!"' antwortete Emma. + +"`Ja, ja! Ganz wie mir"', erwiderte der Priester. "`Die ersten +warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber e{\s} +ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt +Paulu{\s} sagt. Und wie denkt Herr Bovary dar"uber?"' + +"`Ach der!"' Sie machte eine ver"achtliche Geb"arde. + +"`Wa{\s}?"' erwiderte der ehrw"urdige Mann ganz erstaunt. +"`Verordnet er Ihnen denn nicht{\s}?"' + +"`Ach,"' meinte sie, "`irdische Heilmittel, die nutzen mir +nicht{\s}."' + +Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch +hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet +waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so da"s sie +reihenweise wie die Kegel umpurzelten. + +"`Ich m"ochte gern wissen~..."', fuhr Emma fort. + +"`Warte nur, Boudet, warte du nur!"' unterbrach sie der Priester +in zornigem Tone. "`Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du +Schlingel, du!"' Zu Emma gewandt, f"ugte er hinzu: "`Da{\s} ist +der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; +sie lassen dem Jungen die gr"o"sten Narrenpossen durch. Der Bengel +k"onnte sehr wohl wa{\s} lernen, wenn er nur wollte, denn er ist +gar nicht dumm ... Na, und wie geht{\s} dem Herrn Gemahl?"' + +Emma tat, al{\s} ob sie die Frage "uberh"ort h"atte. Der +Geistliche fuhr fort: + +"`Immer t"uchtig besch"aftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir +beiden haben im Kirchspiel zweifello{\s} am meisten zu tun~..."' +Er lachte beh"abig, "`... er al{\s} Arzt de{\s} Leibe{\s} und ich +der Seele."' + +Emma schaute ihn flehentlich an. + +"`Sie! Ja!"' sagte sie. "`Sie heilen alle Wunden!"' + +"`Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag, +da bin ich nach Ba{\s}-Diauville gerufen worden, zu einer +wassers"uchtigen Kuh. Die Leute glaubten, da{\s} Tier sei verhext. +Merkw"urdig! Alle K"uhe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre +und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!"' Mit einem +gro"sen Satze war er drinnen in der Kirche. + +Da flohen die Knaben hinter da{\s} Me"spult oder kletterten auf +den Sitz de{\s} Vors"anger{\s}. Andre verkrochen sich in den +Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend recht{\s} und link{\s} +einen Hagel von Backpfeifen au{\s}; einen der Jungen packte er am +Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, +al{\s} ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese +hineindr"ucken wollte. + +"`So!"' sagte er zu Frau Bovary, al{\s} er wieder bei ihr war, +w"ahrend er sein gro"se{\s} Kattuntaschentuch entfaltete und sich +den Schwei"s von der Stirn wischte. "`Die Landleute sind recht zu +bedauern~..."' + +"`Andre Leute auch"', meinte sie. + +"`Gewi"s! Die Arbeiter in den St"adten zum Beispiel."' + +"`Die meine ich nicht."' + +"`Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienm"utter kennen +lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie +hatten nicht einmal da{\s} t"agliche Brot."' + +"`Ich meine solche,"' fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel +zitterten, w"ahrend sie sprach, "`solche, Herr Pfarrer, die zwar +ihr t"aglich Brot haben, aber kein~..."' + +"`Kein Holz im Winter~..."', erg"anzte der Priester. + +"`Ach, wa{\s} liegt daran?"' + +"`Wa{\s} daran liegt? Mich d"unkt, wer gut zu essen hat und eine +warme Stube ... denn schlie"slich~..."' + +"`O du mein Gott!"' seufzte Emma. + +"`Ist Ihnen nicht wohl?"' fragte er, indem er sich ihr besorgt +n"aherte. "`Gewi"s Magenbeschwerden? Sie m"ussen heimgehen, Frau +Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Da{\s} wird Sie kr"aftigen. +Oder vielleicht lieber eine Limonade?"' + +"`Wozu?"' + +Sie sah au{\s}, al{\s} erwache sie au{\s} einem Traume. + +"`Sie fa"sten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, +e{\s} sei Ihnen schwindlig."' Er besann sich. "`Aber wollten Sie +mich nicht etwa{\s} fragen? Mir ist e{\s} so. Wa{\s} war e{\s} +denn?"' + +"`Ich? Nicht{\s} ... oh, nicht{\s}!"' stammelte Emma. + +Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel m"ud auf den +alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne +etwa{\s} zu sagen. + +"`Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary"', sagte er nach einer +Weile. "`Die Pflicht ruft mich. Ich mu"s zu meinen Taugenichtsen +da. Die erste Kommunion r"uckt heran. Ich f"urchte, sie +"uberrumpelt un{\s}. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle +Mittwoch eine Stunde l"anger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie +nicht fr"uh genug auf den Weg de{\s} Herrn leiten, wie e{\s} +Gotte{\s} Sohn un{\s} ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung, +Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!"' + +Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle da{\s} +Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bi{\s} er zwischen den +B"anken verschwand. Er ging schwerf"allig, den Kopf ein wenig +eingezogen, die beiden H"ande in segnender Haltung. + +Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf +einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine +Weile h"orte sie hinter sich noch die rauhe Stimme de{\s} +Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben~... + +"`Bist du ein Christ?"' + +"`Ja, ich bin ein Christ."' + +"`Wer ist ein Christ?"' + +"`Wer getauft ist und~..."' + +Zu Hau{\s} stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am +Gel"ander festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren +Lehnstuhl. + +Da{\s} Licht de{\s} hellen Abend{\s} drau"sen flutete weich durch +die Scheiben herein. Die M"obel schlummerten still auf ihren +Pl"atzen, halb versunken in den Schatten der D"ammerung wie in +einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und +eint"onig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um +sich herum empfand Emma al{\s} einen wunderlichen Kontrast zu dem +wilden Sturm in ihrem Innern~... + +Vom N"ahtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren +gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie +haschte nach den B"andern ihrer Sch"urze. + +"`La"s mich!"' sagte Emma und wehrte da{\s} Kind mit der Hand ab. + +Aber die Kleine kam noch n"aher und schmiegte sich an ihre Knie. +Sie umfa"ste sie mit ihren "Armchen und schaute mit ihren gro"sen +blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen +Speichel au{\s} dem Munde de{\s} Kinde{\s} auf Emma{\s} seidne +Sch"urze. + +"`La"s mich!"' wiederholte die junge Mutter sehr unwillig. + +Ihr Gesicht{\s}au{\s}druck erschreckte da{\s} Kind. E{\s} begann +zu schreien. + +"`Aber so la"s mich doch!"' sagte Emma barsch und stie"s ihr Kind +mit dem Ellenbogen zur"uck. + +Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der +ihr die Wange ritzte, so da"s sie blutete. Frau Bovary st"urzte +auf da{\s} Kind zu und hob e{\s} auf. Dann ri"s sie heftig am +Klingelzug und rief da{\s} Dienstm"adchen herbei. Sie war nahe +daran, sich Vorw"urfe zu machen, da erschien Karl. E{\s} war um +die Essen{\s}zeit. Er kam von seiner Praxi{\s} heim. + +"`Sieh, mein Lieber,"' sagte sie ruhigen Tone{\s}, "`die Kleine +ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bi"schen geschunden."' + +Karl beruhigte sie; e{\s} sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster. + +Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind +allein pflegen. Al{\s} sie dann aber sah, wie e{\s} ruhig schlief, +verging ihr bi"schen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht +t"oricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer +Geringf"ugigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die +Kleine nicht mehr. Ihre Atemz"uge hoben und senkten die wollene +Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tr"anen hingen ihr in den +halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse +Augensterne schimmerten. Da{\s} auf die Backe geklebte Pflaster +verzog die Haut. + +"`Merkw"urdig!"' dachte Emma bei sich. "`Wie h"a"slich da{\s} Kind +ist!"' + +Al{\s} Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum +Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen. + +"`Aber ich habe dir doch gesagt, da"s e{\s} nicht{\s} ist!"' +versicherte er ihr, indem er ihr einen Ku"s auf die Stirn gab. +"`"Angstige dich nicht, arme{\s} Lieb, du wirst mir sonst krank!"' + +Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar +nicht besonder{\s} aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich +Homai{\s} f"ur verpflichtet gef"uhlt, ihn "`aufzurappeln"'. Dann +hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder +au{\s}gesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. +Frau Homai{\s} mu"ste ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte +sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die +damalige K"ochin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen! +Infolgedessen waren die braven Homai{\s} "uber die Ma"sen +vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der +Fu"sboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und +vor dem Kamin ein paar Querst"abe angebracht. Die +Apotheker{\s}kinder, so verwahrlost sie im "ubrigen waren, konnten +keinen Schritt tun, ohne da"s jemand dabei sein mu"ste. Bei der +geringsten Erk"altung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbon{\s} +voll, und al{\s} sie bereit{\s} "uber vier Jahre alt waren, +mu"sten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die +K"opfe tragen. Da{\s} war lediglich eine Schrulle der Mutter; der +Apotheker war in{\s}geheim sehr betr"ubt dar"uber, weil er Angst +hatte, diese{\s} Zusammenpressen k"onne dem Gehirn sch"adlich +sein. Einmal entfuhr e{\s} ihm: + +"`Willst du denn Hottentotten au{\s} deinen Kindern machen?"' + +Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in +eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, al{\s} Leo vor ihm die +Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu: + +"`Ich wollte Sie noch etwa{\s} fragen!"' + +"`Sollte er etwa{\s} gemerkt haben?"' fragte sich der Adjunkt. Er +bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen. + +Al{\s} die T"ure hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle +sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, wa{\s} ein +h"ubsche{\s} Lichtbild koste. Er hegte n"amlich schon lange den +sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu +"uberraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu +lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so +ungef"ahr zu stehen k"ame. Dem Adjunkt mache da{\s} wohl keine +besondre M"uhe, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt +f"uhre. + +Zu welchem Zwecke eigentlich? Homai{\s} vermutete +Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da t"auschte er +sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in +Wertherstimmung. Die L"owenwirtin merkte e{\s} daran, da"s er +seine Portionen nicht mehr aufa"s. Um hinter die Ursache zu +kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte +unwirsch, er sei kein Polizeib"uttel. + +Allerding{\s} kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar +vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zur"uck, packte sich mit +den H"anden hinten am Kopfe und lie"s sich in unbestimmten Klagen +"uber da{\s} menschliche Dasein au{\s}. + +"`Sie sollten sich ein bi"schen mehr zerstreuen"', meinte der +Steuereinnehmer. + +"`Womit denn?"' + +"`Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an."' + +"`Aber ich kann doch nicht drechseln"', erwiderte der Adjunkt. + +"`Ach ja, freilich!"' + +Binet strich sich selbst\/zufrieden-ver"achtlich da{\s} Kinn. + +Leo war e{\s} m"ude, erfolglo{\s} zu lieben. Da{\s} eint"onige +Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn +erf"ullten, keine Hoffnungen, die ihn st"arkten. Yonville und die +Yonviller "odeten ihn derma"sen an, da"s er gewisse Leute und +bestimmte H"auser nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu +geraten. Besonder{\s} unau{\s}stehlich wurde ihm nachgerade der +biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Au{\s}sicht auf +v"ollig neue Verh"altnisse genau so sehr, wie er sich danach +sehnte. Diese{\s} bange Gef"uhl wandelte sich nach und nach in +Unruhe, und nun lockte ihn Pari{\s}, da{\s} ferne Pari{\s} mit der +rauschenden Musik seiner Ma{\s}kenfeste und dem Lachen seiner +Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden. +Warum ging er nicht endlich dahin? Wa{\s} hielt ihn zur"uck? + +In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er +machte heimliche Pl"ane. Er tr"aumte sich sein Pariser Zimmer +au{\s}. Dort wollte er da{\s} Leben eine{\s} Boh\'emien f"uhren. +Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu +ein Samtbarett und Hau{\s}schuhe au{\s} blauem Pl"usch. Und "uber +dem Kamin sollten zwei gekreuzte Florett{\s} h"angen, ein +Totensch"adel dar"uber und die Gitarre darunter. Wundervoll! + +Da{\s} Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu +bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der +allervern"unftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer +andern Kanzlei weiter au{\s}zubilden. So entschied sich Leo +zun"achst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen +Adjunktenposten in Rouen. Al{\s} ihm die{\s} mi"slang, schrieb er +schlie"slich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr +au{\s}f"uhrlich au{\s}einandersetzte, warum er ohne weitere{\s} +nach Pari{\s} "ubersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden. + +Trotz alledem beeilte er sich keine{\s}weg{\s}. Volle vier Wochen +lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville +Koffer, Rucks"acke und Pakete f"ur ihn hin und her. Er +vervollst"andigte seine Garderobe, lie"s seine drei Lehnst"uhle +aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen +Hal{\s}t"uchern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, al{\s} +wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf +Woche, bi{\s} ein zweiter m"utterlicher Brief seine Abreise +beschleunigte. Er h"atte doch die Absicht, ein Examen nach einem +Semester zu machen. + +Al{\s} der Augenblick de{\s} Abschied{\s} gekommen war, da weinte +Frau Homai{\s}, Justin heulte, und Homai{\s} verbarg seine +R"uhrung, wie sich da{\s} f"ur einen ernsten Mann schickt. Er +lie"s e{\s} sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seine{\s} +Freunde{\s} eigenh"andig bi{\s} zur Gartenpforte de{\s} Notar{\s} +zu tragen, wo de{\s} letzteren Kutsche wartete, die den +Scheidenden nach Rouen fahren sollte. + +Im letzten Viertelst"undchen machte Leo seinen Abschied{\s}besuch +im Hause de{\s} Arzte{\s}. + +Al{\s} er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem +zu sch"opfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft +entgegen. + +"`Da bin ich noch einmal!"' sagte Leo. + +"`Ich hab e{\s} erwartet!"' + +Emma bi"s sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle scho"s unter der +Haut ihre{\s} Gesicht{\s} hin und f"arbte e{\s} "uber und "uber +rot, vom Hal{\s}kragen an bi{\s} hinauf zu den Haarwurzeln. Sie +blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holzt"afelung. + +"`Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?"' + +"`Er ist fort."' + +Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre +Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich +aneinander wie zwei klopfende Herzen. + +"`Ich m"ochte Berta gern einen Abschied{\s}ku"s geben"', sagte +Leo. + +Emma ging hinau{\s}, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. +Leo warf schnell einen hei"sen Blick auf die W"ande, die M"obel, +den Kamin, al{\s} wollte er alle{\s} umfassen, alle{\s} mit sich +nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Da{\s} +M"adchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem +Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten. + +Leo k"u"ste die Kleine ein paarmal auf die Stirn. + +"`Lebwohl, arme{\s} Kind! Lebwohl, liebe{\s} Bertchen! Lebwohl!"' + +Er gab da{\s} Kind der Mutter zur"uck. + +"`Bring sie weg!"' befahl Emma. + +Sie waren wiederum allein. + +Frau Bovary wandte Leo den R"ucken zu und pre"ste ihr Gesicht +gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisem"utze in der Hand +und schlug damit leise gegen seinen Schenkel. + +"`E{\s} wird wohl regnen"', bemerkte Emma. + +"`Ich habe einen Mantel"', antwortete er. + +"`So!"' + +Sie wandte sich wieder um, da{\s} Kinn gesenkt. Da{\s} Licht glitt +"uber ihre vorgebeugte Stirn wie "uber glatten Marmor bi{\s} hinab +in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, wa{\s} in ihren Augen +geschrieben stand, noch wa{\s} die Gedanken dahinter sannen. + +"`Also adieu!"' seufzte Leo. + +Sie hob den Kopf mit einer j"ahen Bewegung. + +"`Ja, adieu! Sie m"ussen gehen!"' + +Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie +z"ogerte. + +"`Sozusagen ein franz"osischer Abschied!"' meinte sie, indem sie +ihm die Hand "uberlie"s. Dabei l"achelte sie gezwungen. + +Leo f"uhlte ihre Finger in den seinen. E{\s} kam ihm vor, al{\s} +str"ome ihr ganze{\s} Ich in seine Haut. Al{\s} er seine Hand +wieder "offnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann +ging er. + +Al{\s} er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich +hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letzte{\s} Mal ihr +wei"se{\s} Hau{\s} mit seinen vier gr"unen Fensterl"aden sehen. Da +vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihre{\s} +Zimmer{\s} zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von +selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen +senkrechten Falten zur"uck, in denen er dann regung{\s}lo{\s} +stehen blieb wie eine Mauer von Gip{\s}. Leo eilte von dannen. + +Von weitem sah er schon den Wagen seine{\s} Chef{\s} auf der +Stra"se halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und +hielt da{\s} Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten +miteinander. Man wartete auf ihn. + +"`Lassen Sie sich noch einmal umarmen!"' sagte Homai{\s}, Tr"anen +in den Augen. "`Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erk"alten +Sie sich unterweg{\s} nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie +sich ordentlich in acht!"' + +"`Einsteigen, Herr D"upui{\s}!"' mahnte der Notar. + +Der Apotheker beugte sich "uber da{\s} Spritzleder und stammelte +mit tr"a\-nen\-er\-stick\-ter Stimme nicht{\s} al{\s} die +beiden wehm"utigen Worte: + +"`Gl"uckliche Reise!"' + +"`Guten Abend, Herr Apotheker!"' rief Guillaumin. "`Lo{\s}!"' + +Die beiden fuhren weg, und Homai{\s} wandte sich heimw"art{\s}. + +\begin{center} +\makebox[15em]{\hrulefill}\bigskip +\end{center} + +Frau Bovary hatte da{\s} nach dem Garten gehende Fenster ihre{\s} +Zimmer{\s} ge"offnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung +nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. +Leichtere{\s} finstere{\s} Gew"olk zog von daher im raschen Fluge +heran, durchleuchtet von schr"agen Sonnenstrahlen, die wie die +goldnen Strahlenb"undel einer aufgeh"angten Troph"ae +hervorschossen. Der "ubrige wolkenlose Teil de{\s} +Himmel{\s}zelte{\s} war wei"s wie Porzellan. Ruckweise Windst"o"se +beugten die H"aupter der Pappeln; pl"otzlich rauschte Regen herab +und prasselte durch da{\s} gr"unschimmernde Laubwerk. Bald kam die +Sonne wieder herau{\s}. Die Hennen gackerten. Die Spatzen +sch"uttelten ihre Fl"ugel auf dem nassen Gezweig, und in den +Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote +Akazienbl"uten. + +"`Wie weit mag er nun schon sein!"' dachte sie. + +Halb sieben, beim Essen, erschien Homai{\s} gewohnterweise. + +"`Na,"' sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, "`unsern +jungen Freund h"atten wir gl"ucklich verfrachtet!"' + +"`Wie man mir berichtet hat"', gab der Arzt zur Antwort. Sich auf +seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: "`Und wa{\s} +gibt{\s} bei Ihnen Neue{\s}?"' + +"`Nicht{\s} weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein +bi"schen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich +au{\s} dem H"au{\s}chen. Und meine ganz besonder{\s}! Aber man +soll ihnen darau{\s} keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben +zarter besaitet al{\s} unsre."' + +"`Der arme Leo,"' bemerkte Karl, "`wie wird{\s} ihm in Pari{\s} +ergehen? Wird er sich dort einleben?"' + +Frau Bovary seufzte. + +"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge. +"`Feine Souper{\s}! Ma{\s}kenb"alle! Sekt! Daran gew"ohnt man sich +schon, versichre ich Ihnen."' + +"`Ich glaube nicht, da"s er unsolid werden wird"', warf Bovary +ein. + +"`Gott bewahre!"' entgegnete Homai{\s} lebhaft. "`Aber mit den +W"olfen wird er halt heulen m"ussen. Sonst wird er al{\s} +Duckm"auser verschrien. Sie haben keine Ahnung, wa{\s} diese +Kerlchen{\s} im Studentenviertel f"ur ein flotte{\s} Leben +f"uhren! Mit ihren kleinen M"adchen! "Ubrigen{\s} sind die +Studenten in Pari{\s} "uberall gern gesehen. Wenn einer nur ein +bi"schen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise +offen. Und e{\s} gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine +Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und da{\s} gibt +ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten."' + +"`Da{\s} mag schon sein,"' sagte der Arzt, "`ich habe nur Angst, +er ... wird ... dort~..."' + +"`Sehr richtig,"' unterbrach ihn der Apotheker, "`da{\s} ist die +Kehrseite der Medaille! In Pari{\s}, da mu"s man sich fortw"ahrend +die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer +"offentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, +anst"andig angezogen, wom"oglich ein Orden{\s}b"andchen im +Knopfloch. Man k"onnte ihn f"ur einen Diplomaten halten. Er +spricht Sie an. Sie kommen in{\s} Plaudern. Er bietet Ihnen eine +Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er +nimmt Sie mit in{\s} Caf\'e, ladet Sie in sein Landhau{\s} ein, +macht Sie bei einem Gla{\s} Wein mit Tod und Teufel bekannt -- und +da{\s} Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in +gef"ahrliche Abenteuer."' + +"`So ist e{\s}!"' gab Karl zu. "`Aber ich dachte vor allem an die +Krankheiten, die dem Studenten au{\s} der Provinz in der +Gro"sstadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhu{\s}."' + +Emma zuckte zusammen. + +"`Der kommt von der g"anzlich ver"anderten Leben{\s}weise"', fuhr +der Apotheker fort, "`und der dadurch hervorgebrachten Umw"alzung +de{\s} ganzen Organi{\s}mu{\s}. Und dann denken Sie an da{\s} +Pariser Wasser! An da{\s} Essen in den Restaurant{\s}! Diese +starkgew"urzten Speisen verderben schlie"slich da{\s} Blut. Man +mag sagen, wa{\s} man will, mit einer guten Hau{\s}mann{\s}kost +sind sie nicht zu vergleichen. Ich f"ur meinen Teil, ich sch"atze +von jeher die b"urgerliche K"uche. Die ist am ges"undesten. Al{\s} +ich \begin{antiqua}stud. pharm.\end{antiqua} in Rouen war, da habe +ich de{\s}halb regelm"a"sig in einer Pension gegessen. Die Herren +Professoren a"sen auch da~..."' + +In dieser Weise fuhr er fort, sich "uber seine Ansichten im +allgemeinen und seinen pers"onlichen Geschmack im besondern +au{\s}zulassen, bi{\s} Justin kam und ihn zur Bereitung einer +bestellten Arznei holte. + +"`Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!"' schimpfte er. +"`Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein +Arbeitstier bin ich, da{\s} Blut schwitzen mu"s. Da{\s} ist ein +Hundedasein!"' + +In der T"ur sagte er noch: + +"`"Ubrigen{\s}, wissen Sie schon da{\s} Neueste?"' + +"`Wa{\s} denn?"' + +Homai{\s} zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene. + +"`E{\s} ist sehr wahrscheinlich, da"s die Versammlung der +Landwirte unser{\s} Departement{\s} heuer in Yonville stattfindet. +Man munkelt wenigsten{\s}. In der heutigen Zeitung steht auch +schon eine Andeutung. Da{\s} w"are f"ur die hiesige Gegend von +gro"ser Bedeutung! Aber dar"uber reden wir noch einmal! Danke, ich +sehe schon. Justin hat die Laterne mit~..."' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Der n"achste Tag war f"ur Emma ein Tag der Betr"ubni{\s}. Alle{\s} +um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, +verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit +leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsame{\s} Schlo"s. Sie +verfiel in die Tr"aumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er +etwa{\s} auf immerdar verloren hat. Sie empfand die M"udigkeit, +die ihn der vollendeten Tatsache gegen"uber "ubermannt, den +Schmerz, der ihn "uberkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne +Bewegung pl"otzlich stockt, wenn Schwingungen j"ah aufh"oren, die +lange in ihm vibriert haben. + +Wie damal{\s} nach der R"uckkehr vom Schlosse Vaubyessard, al{\s} +die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht au{\s} dem Sinne wollten, +war sie voll d"usterer Schwermut, in dumpfer Leben{\s}unlust. Leo +stand vor ihrer Phantasie immer gr"o"ser, sch"oner, +verf"uhrerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so +hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den W"anden +ihre{\s} Hause{\s} schien sein Schatten noch zu haften. Immer +wieder schaute sie auf den Teppich, "uber den er so oft gegangen, +auf die leeren St"uhle, wo er gesessen. Drau"sen kroch da{\s} +Fl"u"slein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen, +zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so +oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine. +Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die +Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein +gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, blo"sen Kopfe{\s}, in +einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der dr"uben von den +Wiesen her wehte, hatte die Bl"atter de{\s} Buche{\s} bewegt und +die violetten Bl"uten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war +er fort, die einzige Freude ihre{\s} Dasein{\s}, die einzige +Hoffnung, da"s sich ihr da{\s} ertr"aumte Gl"uck noch erf"ulle! +Warum hatte sie diese{\s} Gl"uck nicht mit beiden H"anden +festgehalten, in den Scho"s genommen, e{\s} nicht in die Ferne +gelassen? Sie verw"unschte sich, Leo{\s} Geliebte nicht geworden +zu sein. Sie d"urstete nach seinen Lippen. Am liebsten w"are sie +ihm nachgelaufen, h"atte sich in seine Arme geworfen und ihm +gesagt: "`Hier bin ich! Nimm mich!"' Aber vor den Hindernissen, +die sich der Verwirklichung diese{\s} Drange{\s} entgegengestellt +h"atten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz dar"uber +sch"urte ihre Sehnsucht zu noch hei"serer Glut. + +Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisation{\s}punkt +ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender al{\s} ein +einsame{\s} Lagerfeuer, da{\s} Wanderer in einer sibirischen +Steppe inmitten de{\s} Schnee{\s} angez"undet haben. Zu diesem +Feuer fl"uchtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte e{\s} +sorgf"altig wieder an, wenn e{\s} zu verl"oschen drohte. Im +Umkreise um sich herum suchte sie alle{\s} m"ogliche herbei, um +diese Flammen zu n"ahren. Die fernsten Erinnerungen und die +frischesten Ereignisse, Erlebte{\s} und Ertr"aumte{\s}, die +wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach +Sonne, geknickt wie trockne{\s} Gezweig im Wind, ihre nutzlose +Tugend, ihre get"auschten Illusionen, die Armseligkeit ihre{\s} +Hau{\s}wesen{\s}, alle{\s} da{\s} sammelte sie, raffte e{\s} +zusammen und warf e{\s} in die Glut, um ihre Tr"ubsal daran zu +w"armen. + +Mit der Zeit verglomm da{\s} Feuer aber doch, sei e{\s}, weil ihm +die Nahrung fehlte, sei e{\s}, weil die "Uberf"ulle von Brennstoff +e{\s} erstickte. In der Abwesenheit de{\s} Geliebten verkam +allm"ahlich ihre Liebe. Da{\s} Ineinemfort t"otete den Schmerz, +und am Himmel ihrer Gef"uhle verbla"ste der erst grellrote +Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. W"ahrend +ihre{\s} phantastischen Zustande{\s} hatte sich ihr Widerwille +gegen den Gatten in Schw"armerei f"ur den Geliebten verwandelt, +und die Glut ihre{\s} Hasse{\s} hatte ihre z"artliche Sehnsucht +gew"armt. Aber nunmehr, da ihre st"urmische unbefriedigte +Leidenschaft zu Asche gebrannt war, da{\s} keine Hilfe kam und +keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In +eisiger K"alte stand sie einsam da und erstarrte. + +Die schrecklichen Tage von Toste{\s} wiederholten sich nun. Nur +bildete sie sich ein, noch ungl"ucklicher denn damal{\s} zu sein, +weil sie jetzt ein wirkliche{\s} Herzeleid trug und genau wu"ste, +da"s e{\s} nie ander{\s} werden k"onne. + +Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich -- +wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu g"onnen. +Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in +vier Wochen f"ur vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer +H"ande. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaue{\s} +Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den sch"onsten Schal +au{\s} und trug ihn "uber ihrem Hau{\s}kleid. Sie schlo"s die +L"aden, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem +Sofa liegen. + +H"aufig "anderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe +Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Z"opfen, bald einen +Scheitel. + +Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so +kaufte sie sich ein W"orterbuch, eine Grammatik und eine Menge +Schreibpapier. Dann versuchte sie e{\s} mit ernsthafter Lekt"ure, +la{\s} Geschicht{\s}werke und philosophische Schriften. + +Nacht{\s} fuhr Karl mitunter in die H"ohe, im Glauben, man hole +ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er: + +"`Ich bin gleich fertig!"' + +Aber e{\s} war nur da{\s} Knistern de{\s} Streichholze{\s} +gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angez"undet hatte. Sie wollte +lesen. Aber e{\s} ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen +ein ganzer Sto"s angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie +anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen. + +Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem +Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem +Manne gegen\-"uber, sie k"onne ein Weingla{\s} voll Schnap{\s} mit +einem Zuge leeren, und da Karl so t"oricht war, e{\s} zu +bezweifeln, tat sie e{\s} wirklich. + +Bei allen ihren "`Extravaganzen"' (die Spie"sb"urger von Yonville +nannten da{\s} so!) sah Emma keine{\s}weg{\s} +unternehmung{\s}lustig au{\s}. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel +lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und +verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war v"ollig bla"s, wei"s +wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Fl"ugeln zu +F"altchen, und ihre Augen blickten wie in{\s} Leere. Seitdem sie +an den Schl"afen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie +sich gespr"ach{\s}weise eine alte Frau. + +Oft hatte sie Schwindelanf"alle, und eine{\s} Tage{\s} spuckte sie +sogar Blut. Aber al{\s} sich Karl eifrig um sie bem"uhte und seine +Besorgni{\s} verriet, meinte sie: + +"`La"s mich! E{\s} ist mir alle{\s} gleich!"' + +Karl zog sich in sein Sprechzimmer zur"uck. Er sank in seinen +Schreibsessel, st"utzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und +weinte -- unter dem phrenologischen Sch"adel. + +Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat +sie zu kommen. E{\s} fand zwischen beiden eine lange Konferenz +Emma{\s} wegen statt. Welche Ma"snahmen sollten getroffen werden? +Wa{\s} sollte geschehen? Wo sie jedwede "arztliche Behandlung +ablehnte! + +"`Wei"st du, wa{\s} deiner Frau fehlt?"' meinte Frau Bovary +schlie"slich. "`Eine ordentliche Besch"aftigung! K"orperliche +Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr t"agliche{\s} Brot selber +verdienen m"u"ste, dann h"atte sie keine Nerven und Launen. Die +kommen blo"s von den "uberspannten Ideen, die sie sich au{\s} +purer Langweile in den Kopf setzt."' + +"`Besch"aftigung hat sie doch aber!"' erwiderte Karl. + +"`So! Sie hat Besch"aftigung? Wa{\s} f"ur welche denn? Romane +schm"okert sie, schlechte B"ucher, Schriften gegen die Religion, +in denen die Geistlichen verh"ohnt werden mit Reden{\s}arten +au{\s} dem Voltaire! Armer Junge, da{\s} f"uhrt zu nicht{\s} +Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt e{\s} mal ein +schlechte{\s} Ende!"' + +Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Da{\s} +schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf +sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen pers"onlich zum +Leihbibliothekar gehen und Emma{\s} Abonnement abbestellen. Wenn +der Mann trotzdem sein Vergiftung{\s}werk fortsetzte, sollte man +da nicht da{\s} Recht haben, sich an die Polizei zu wenden? + +Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war +steif. In den drei Wochen ihre{\s} Beisammensein{\s} hatten sie, +abgesehen von den h"au{\s}lichen Anordnungen und den h"oflichen +Formeln bei Tisch und abend{\s} vor dem Zubettgehen, keine drei +Worte gewechselt. + +Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage +von Yonville. Vom fr"uhen Morgen ab war an diesem Tage auf dem +Marktplatz, gleichlaufend mit den H"ausern von der Kirche bi{\s} +zum Goldnen L"owen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren, +Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespie"sten Deichseln. Auf der +andern Seite de{\s} Platze{\s} standen Zeltbuden, in denen +Baumwollenwaren, Decken und Str"umpfe feilgeboten wurden, daneben +Pferdegeschirre und Haufen von bunten B"andern, deren Enden im +Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und K"asek"orben, au{\s} +denen klebrige{\s} Stroh herau{\s}ragte, lagen allerhand +Eisenwaren auf dem Pflaster au{\s}gebreitet. Neben Ackerger"at +gackerten H"uhner in flachen K"orben und steckten ihre H"alse +durch die Luftl"ocher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen, +gerade nach den Stellen, wo da{\s} Gedr"ange schon am dichtesten +war. So geriet bi{\s}weilen da{\s} Schaufenster der Apotheke +wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. E{\s} +standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu +kaufen al{\s} vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr +Homai{\s} war in den benachbarten Ortschaften ein ber"uhmter Mann. +Seine r"ucksicht{\s}lose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten +ihn f"ur einen besseren Arzt al{\s} alle Doktoren im ganzen Lande. + +Emma sa"s an ihrem Fenster, wie so oft. Da{\s} Fenster ersetzt in +der Kleinstadt da{\s} Theater und den Korso. Sie belustigte sich +"uber da{\s} wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in +einem Rock von gr"unem Samt, mit gelben Handschuhen; +sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauer{\s}knecht +mit gesenktem Kopf und recht tr"ubseliger Miene folgte ihm. Beide +gingen auf da{\s} Bovarysche Hau{\s} zu. + +"`Ist der Herr Doktor zu sprechen?"' fragte der Herr den +Apothekergehilfen, der an der Hau{\s}t"ure mit Felicie plauderte. +Er hielt ihn f"ur den Diener de{\s} Arzte{\s}. "`Melden Sie Herrn +Rudolf Boulanger von der H"uchette."' + +E{\s} war keine{\s}weg{\s} Eitelkeit, da"s der Ank"ommling sein +Gut zu seinem Namen f"ugte. Er wollte nur genau angeben, wer er +war. Die H"uchette war n"amlich ein Rittergut in der N"ahe von +Yonville, da{\s} er samt zwei Meiereien unl"angst gekauft hatte. +Er bewirtschaftete e{\s} selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei +anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte "`so mindesten{\s} +seine f"unfzehntausend Franken"' im Jahr zu verzehren. + +Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger +"uberwie{\s} ihm seinen Knecht, der einen Aderla"s w"unsche, weil +er am ganzen K"orper ein Kribbeln wie von Ameisen habe. + +"`Da{\s} wird mich erleichtern"', wiederholte der Bursche auf alle +Einw"ande. Bovary lie"s sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine +Sch"ussel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein. + +Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz bla"s geworden +war. + +"`Nur keine Angst, mein Lieber!"' + +"`Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur lo{\s}!"' erwiderte er. + +Dabei hielt er mit prahlerischer Geb"arde seinen dicken Arm hin. +Unter dem Stich der Lanzette sprang da{\s} Blut hervor und +spritzte bi{\s} zum Spiegel hin. + +"`Die Sch"ussel!"' rief Karl. + +"`Donnerwetter!"' meinte der Knecht. "`Da{\s} ist ja der reine +Springbrunnen! Und wie rot da{\s} Blut ist! Da{\s} ist ein +gute{\s} Zeichen, nicht wahr?"' + +Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel +zur"uck, da"s die Lehne krachte. + +"`Da{\s} hab ich mir gleich gedacht!"' bemerkte Bovary, indem er +mit den Fingern die angestochne Ader zudr"uckte. "`Erst geht{\s} +ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten +Kerlen wie dem da!"' + +Die Sch"ussel in Justin{\s} H"anden geriet in{\s} Schwanken. Die +Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl. + +"`Emma! Emma!"' rief der Arzt. + +Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter. + +"`Essig!"' rief ihr Karl zu. "`Ach du mein Gott! Gleich zweie auf +einmal!"' + +In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen. + +"`'{\s} ist weiter nicht{\s}!"' meinte Boulanger gelassen, der +Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und +lehnte ihn mit dem R"ucken gegen die Wand. + +Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnm"achtigen da{\s} +Hal{\s}tuch aufzukn"upfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich +l"osen, und so ber"uhrte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren +Fingern den Hal{\s} de{\s} jungen Burschen. Dann go"s sie Essig +auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die +Schl"afen und blie{\s} dann ein wenig darauf. + +Der Knecht war bereit{\s} wieder munter, aber Justin{\s} Ohnmacht +dauerte an. Seine Aug"apfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert +wie blaue Blumen in Milch. + +"`Er darf da{\s} da nicht sehen!"' ordnete Karl an. + +Frau Bovary ergriff die Sch"ussel und setzte sie unter den Tisch. +Bei diesem Sichb"ucken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber +Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der +Diele, und je nach der Bewegung Emma{\s}, die sich neigte, die +Arme au{\s}streckte und sich dabei in den H"uften ein wenig hin +und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine +Wasserflasche und l"oste ein paar St"uck Zucker in einem Glase. + +In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Da{\s} M"adchen +hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Al{\s} er seinen Gehilfen +wieder bei Bewu"stsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn +herum und betrachtete sich ihn von oben bi{\s} unten. + +"`Dummkopf!"' brummte er. "`Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! +Al{\s} ob{\s} wer wei"s wa{\s} w"are! Ein bi"schen Aderla"s! +Weiter nicht{\s}! Und da{\s} will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn +e{\s} gilt, von den h"ochsten B"aumen die N"usse herunterzuholen, +da klettert er wie ein Eichh"ornchen ... Na, tu deinen Mund auf +und zeig dich mal in deiner Gloria! Da{\s} sind ja nette +Eigenschaften f"ur einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage +dir: al{\s} Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum +Beispiel vor Gericht al{\s} Sachverst"andiger. Da hei"st e{\s} +kaltbl"utig sein, h"ubsch ruhig "uberlegen und ein ganzer Mann +sein! Sonst gilt man al{\s} Schwachmatiku{\s}~..."' + +Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort: + +"`Wer hat dir denn "ubrigen{\s} gesagt, da"s du hierher gehen +sollst? In einem fort bel"astigst du Herrn und Frau Doktor! Noch +dazu an den Markttagen, wo du dr"uben so notwendig gebraucht +wirst! E{\s} warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen +habe ich alle{\s} stehn und liegen lassen. Marsch! Hin"uber! Trab! +Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!"' + +Al{\s} Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und +fort war, plauderte man noch ein wenig "uber Ohnmachtanf"alle. +Frau Bovary sagte, sie h"atte noch nie einen gehabt. + +"`Ja, bei Damen kommt so wa{\s} sehr selten vor!"' behauptete +Boulanger. "`E{\s} gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich +sind. Da hab ich gelegentlich eine{\s} Duell{\s} erlebt, da"s ein +Zeuge ohnm"achtig wurde, al{\s} die Pistolen beim Laden +knackten."' + +"`Wa{\s} mich anbelangt,"' erkl"arte der Apotheker, "`mich st"ort +der Anblick fremden Blute{\s} ganz und gar nicht. Aber der blo"se +Gedanke, ich selber k"onne bluten, der macht mich schwindlig, wenn +ich nicht schnell an wa{\s} andre{\s} denke."' + +Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er +ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen. + +"`Nun ist{\s} aber alle mit der Einbildung!"' sagte er ihm. "`Die +hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft"', f"ugte er +hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen +Taler auf die Tischecke, gr"u"ste fl"uchtig und verschwand. + +Bald darauf erschien er dr"uben auf dem andern Ufer de{\s} +Bache{\s}. Da{\s} war sein Weg nach der H"uchette. Emma sah ihm +von einem der Hinterfenster nach, wie er "uber die Wiesen ging, +die Pappeln entlang, langsam wie einer, der "uber etwa{\s} +nachdenkt. + +"`Allerliebst!"' sagte er bei sich. "`Wirklich allerliebst, diese +Doktor{\s}frau. Sch"one Z"ahne, schwarze Augen, niedliche F"u"se +und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo +mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?"' + +Rudolf Boulanger war vierunddrei"sig Jahre alt von roher +Gem"ut{\s}art und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit +Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel +ihm. Somit besch"aftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann. + +"`Ich glaube, er ist mord{\s}bl"ode. Sie hat ihn satt, +zweifelsohne. Er hat dreckige Fingern"agel und rasiert sich nur +aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie +daheim und stopft Str"umpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach +der gro"sen Stadt und m"ochte am liebsten alle Abende auf den +Ball. Arme kleine Frau! So wa{\s} schnappt nach Liebe wie ein +Karpfen auf dem K"uchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und +sie ist futsch! Sicherlich! Da{\s} w"ar wa{\s} f"ur{\s} Herze! +Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder lo{\s}?"' + +Diese Einschr"ankung de{\s} in der Ferne stehenden Genusse{\s} +erinnerte ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine +Schauspielerin in Rouen, die er au{\s}hielt. Er vergegenw"artigte +sich ihren K"orper, dessen er sogar in der Vorstellung +"uberdr"ussig war. + +"`Ja, diese Frau Bovary,"' dachte er bei sich, "`die ist viel +h"ubscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett. +Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft f"ur +Krebse!"' + +Die Fluren waren menschenleer. Rudolf h"orte nicht{\s} al{\s} +da{\s} taktm"a"sige Rascheln der Halme, die er beim Gehen +streifte, und da{\s} ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er +schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie +gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie. + +"`Oh, ich werde sie haben!"' rief er au{\s} und zerschlug mit +einem Schlage seine{\s} Spazierstocke{\s} eine Erdscholle, die im +Wege lag. + +Sodann "uberlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er +fragte sich: + +"`Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich da{\s} +zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann da{\s} +Dienstm"adel, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche +Klatsch! Ach wa{\s}! Unn"utze Zeitvergeudung!"' + +Nach einer Weile begann er von neuem: + +"`Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in da{\s} Herz dringen! Und +wie bla"s sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schw"armerei!"' + +Auf der H"ohe von Argueil war sein Krieg{\s}plan fertig. + +"`Ich brauche blo"s noch g"unstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde +ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und +Gefl"ugel. N"otigenfall{\s} lasse ich mich ein bi"schen +schr"opfen. Wir m"ussen gute Freunde werden. Dann lade ich die +beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, n"achsten{\s} ist doch der +Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie +sehen! Dann hei"st{\s}: Attacke! Und feste drauf! Da{\s} ist immer +da{\s} Beste."' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Endlich war sie da, die ber"uhmte Jahre{\s}versammlung der +Landwirte! Vom fr"uhen Morgen an standen alle Einwohner von +Yonville an ihren Hau{\s}t"uren und sprachen von den Dingen, die +da kommen sollten. Die Stirnseite de{\s} Rathause{\s} war mit +Efeugirlanden geschm"uckt. Dr"uben auf einer Wiese war ein +gro"se{\s} Zelt f"ur da{\s} Festmahl aufgeschlagen worden, und +mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein B"oller, der die +Ankunft de{\s} Landrat{\s} und die Prei{\s}kr"onung donnernd +verk"unden sollte. Die B"urgergarde von B"uchy -- in Yonville gab +e{\s} keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen +Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korp{\s} +vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch h"oheren Kragen +al{\s} gew"ohnlich. In die Litewka eingezw"angt, war sein +Oberk"orper so steif und starr, da"s e{\s} au{\s}sah, al{\s} sei +alle{\s} Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich +parademarschm"a"sig bewegten. Da der Oberst der B"urgergarde und +der Hauptmann der Feuerwehr eifers"uchtig aufeinander waren, +wollte jeder den andern au{\s}stechen, und so exerzierten beide +ihre Mannschaft f"ur sich. Abwechselnd sah man die roten +Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und +wieder abschwenken. Da{\s} ging immer wieder von neuem an und nahm +schier kein Ende! + +Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit +gesehen. Verschiedene B"urger hatten tag{\s} zuvor ihre H"auser +abwaschen lassen. Wei"s-rot-blaue Fahnen hingen au{\s} den +halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da +sch"one{\s} Wetter war, sahen die gest"arkten H"aubchen wei"ser +wie Schnee au{\s}, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne +wie eitel Gold, und die bunten T"ucher leuchteten buntscheckig +au{\s} dem tristen Einerlei der schwarzen R"ocke und blauen Blusen +hervor. Die P"achter{\s}frauen kamen au{\s} den umliegenden +D"orfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln +herau{\s}, mit denen sie ihre R"ocke hochgesteckt hatten, damit +sie unterweg{\s} nicht schmutzig werden sollten. Die M"anner +andrerseit{\s} hatten zum Schutze ihrer H"ute die Sackt"ucher +dar"uber gezogen, deren Zipfel sie mit den Z"ahnen festhielten. + +Die Menge str"omte von beiden Enden de{\s} Ort{\s} auf der +Landstra"se heran und ergo"s sich in alle Gassen, Alleen und +H"auser. "Uberall klingelten die T"uren, um die B"urgerinnen +herau{\s}zulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze +wallten. + +Zwei mit Lampion{\s} beh"angte hohe Taxu{\s}b"aume, zu beiden +Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade f"ur die +Ehreng"aste, erregten ganz besonder{\s} die allgemeine +Bewunderung. "Ubrigen{\s} hatte man an den vier S"aulen am +Rathause so etwa{\s} wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine +Art Standarte au{\s} gr"uner Leinwand. Auf der einen la{\s} man: +\begin{antiqua}HANDEL,\end{antiqua} auf der zweiten: \begin{antiqua}ACKERBAU,\end{antiqua} der dritten: \begin{antiqua}INDUSTRIE,\end{antiqua} der +vierten: \begin{antiqua}KUNST UND WISSENSCHAFT.\end{antiqua} + +Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann, +warf auch ihren Schatten und zwar auf da{\s} Antlitz der Frau +Franz, der L"owenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihre{\s} +Gasthofe{\s} stehend, r"asonierte sie vor sich hin: + +"`So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun! +Glaubt diese Bagage wirklich, da"s der Herr Landrat besonder{\s} +erg"otzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll, +wie ein Seilt"anzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen +Gegend zugute kommen! War e{\s} wirklich der M"uhe wert, extra +einen Koch au{\s} Neufch\^atel herkommen zu lassen? F"ur wen +"ubrigen{\s}? F"ur Kuhjungen und Lumpenpack!"' + +Der Apotheker ging vor"uber in schwarzem Rock, gelben Buxen, +Lackschuhen und -- au{\s}nahm{\s}weise (statt de{\s} gewohnten +K"appchen{\s}) -- einem Hut von niedriger Form. + +"`Ihr Diener!"' sagte er. "`Ich hab{\s} eilig!"' + +Al{\s} die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er: + +"`E{\s} kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst +den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im +K"ase~..."' + +"`In wa{\s} f"ur K"ase?"' unterbrach ihn die Wirtin. + +"`Nein, nein. Da{\s} ist nur bildlich gemeint"', entgegnete +Homai{\s}. "`Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, da"s e{\s} im +allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute +freilich mu"s ich in Anbetracht~..."' + +"`Ah! Sie gehen auch hin?"' fragte sie in geringsch"atzigem Tone. + +"`Gewi"s gehe ich hin!"' sagte der Apotheker erstaunt. "`Ich +geh"ore ja zu den Prei{\s}richtern!"' + +Die L"owenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schlie"slich meinte +sie l"achelnd: + +"`Da{\s} ist wa{\s} ander{\s}! Aber wa{\s} geht Sie eigentlich die +Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn wa{\s} davon?"' + +"`Selbstverst"andlich verstehe ich etwa{\s} davon! Ich bin doch +Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, +besch"aftigt sich mit den Wechselwirkungen und den +Molekularverh"altnissen aller K"orper, die in der Natur vorkommen. +Folglich geh"ort auch die Landwirtschaft in da{\s} Gebiet meiner +Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der D"ungemittel, +die G"arungen der S"afte, die Analyse der Gase und die Wirkung der +Mia{\s}men --, ich bitte Sie, wa{\s} ist da{\s} weiter al{\s} pure +bare Chemie?"' + +Die L"owenwirtin erwiderte nicht{\s}, und Homai{\s} fuhr fort: + +"`Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, m"usse man selber in der +Erde gebuddelt oder G"anse genudelt haben? Keine Spur! Aber die +Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat, +die mu"s man unbedingt studiert haben, die geologischen +Gruppierungen, die atmo{\s}ph"arischen Vorkommnisse, die +Beschaffenheit de{\s} Erdboden{\s}, de{\s} Gestein{\s}, de{\s} +Wasser{\s}, die Dichtigkeit der verschiedenen K"orper und ihre +Kapillarit"at! Und tausend andre Dinge! Dazu mu"s man mit den +Grunds"atzen der Hygiene v"ollig vertraut sein, um den Bau von +Geb"auden, die Unterhaltung der Hau{\s}- und Arbeit{\s}tiere und +die Ern"ahrung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu +k"onnen. Fernerhin, Frau Franz, mu"s man die Botanik intu{\s} +haben. Man mu"s die Pflanzen unterscheiden k"onnen, verstehen Sie, +die n"utzlichen von den sch"adlichen, die nutzlosen und die +nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen, +welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen mu"s. Kurz und gut, +man mu"s sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem +man die Brosch"uren und die "offentlichen Bekanntmachungen liest, +und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu +gehen~..."' + +Die Wirtin lie"s unterdessen den Eingang de{\s} Caf\'e +Fran\c{c}ai{\s} nicht au{\s} den Augen. Der Apotheker redete +weiter: + +"`Wollte Gott, unsre Agrarier w"aren zugleich Chemiker, oder sie +h"orten wenigsten{\s} besser auf die Ratschl"age der Wissenschaft! +Da habe ich k"urzlich selbst eine gro"se Abhandlung verfa"st, eine +Denkschrift von mehr al{\s} 72 Seiten, betitelt: "`Der Apfelwein. +Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen +Betrachtungen hier"uber."' Ich habe sie der "`Rouener +Agronomischen Gesellschaft"' "ubersandt, die mich daraufhin unter +ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung f"ur +Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt +erschiene~..."' + +Der Apotheker hielt ein. Er merkte, da"s Frau Franz von etwa{\s} +ganz andrem in Anspruch genommen war. + +"`Sehr richtig!"' unterbrach er sich selber. "`Eine unglaubliche +Spelunke!"' + +Die L"owenwirtin zuckte so heftig die Achseln, da"s sich die +Maschen ihrer Trikottaille weit au{\s}\-ein\-an\-der\-zogen. Mit +beiden H"anden deutete sie auf da{\s} Konkurrenzlokal, au{\s} dem +w"uster Gesang her"uberhallte. + +"`Na! Lange wird die Herrlichkeit da dr"uben nicht mehr dauern!"' +bemerkte sie. "`In acht Tagen ist der Rummel alle!"' + +Homai{\s} trat erschrocken einen Schritt zur"uck. Die Wirtin kam +die drei Stufen herunter und fl"usterte ihm in{\s} Ohr: + +"`Wa{\s}? Da{\s} wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er +au{\s}gepf"andet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hal{\s} +abgeschnitten. Mit Wechseln!"' + +"`Eine f"urchterliche Katastrophe!"' rief der Apotheker au{\s}, +der f"ur alle m"oglichen Ereignisse immer da{\s} passende +Begleitwort zur Hand hatte. + +Die L"owenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erz"ahlen. +Sie wu"ste sie von Theodor, dem Diener de{\s} Notar{\s}. Obgleich +sie Tellier, den Besitzer de{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, nicht +au{\s}stehen konnte, mi"sbilligte sie doch da{\s} Vorgehen von +Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Hal{\s}abschneider. + +"`Da! Sehen Sie!"' f"ugte sie hinzu. "`Da geht er! Unter den +Hallen! Jetzt begr"u"st er Frau Bovary. Sie hat einen gr"unen Hut +auf und geht am Arm von Herrn Boulanger."' + +"`Frau Bovary!"' echote Homai{\s}. "`Ich mu"s ihr schnell guten +Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der +Trib"une vor dem Rathause erw"unscht."' + +Ohne auf die L"owenwirtin zu h"oren, die ihm ihre lange Geschichte +weitererz"ahlen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit +l"achelnder Miene gr"u"ste er nach link{\s} und recht{\s}, wobei +ihn die langen Sch"o"se seine{\s} schwarzen Rocke{\s} im Winde +umflatterten, da"s er wer wei"s wieviel Raum einnahm. + +Rudolf hatte ihn l"angst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte. + +Da aber Emma au"ser Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend +und in brutalem Tone sagte er zu ihr: + +"`Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!"' + +Sie versetzte ihm ein{\s} mit dem Ellbogen. + +"`Wa{\s} soll da{\s} hei"sen?"' fragte er sie. Dabei blinzelte er +sie im Weitergehen von der Seite an. + +Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nicht{\s} darin verriet ihre +Gedanken. Die Linie ihre{\s} Profil{\s} schnitt sich scharf in die +lichte Luft, unter der Rundung ihre{\s} Kapotthute{\s}, dessen +bla"sfarbene Bindeb"ander wie Schilfbl"atter au{\s}sahen. Ihre +Augen blickten geradeau{\s} unter ihren etwa{\s} nach oben +gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie v"ollig ge"offnet waren, +erschienen sie doch ein wenig zugedr"uckt durch den oberen Teil +der Wangen, weil da{\s} Blut die feine Haut straffte. Durch die +Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen gl"anzte +da{\s} Perlmutter ihrer spitzen Z"ahne. Den Kopf neigte sie zur +einen Schulter. + +"`Mokiert sie sich "uber mich?"' fragte sich Rudolf. + +In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur +ein Zeichen sein sollen, da"s Lheureux neben ihnen herlief. Von +Zeit zu Zeit redete der H"andler die beiden an, um mit ihnen +in{\s} Gespr"ach zu kommen. + +"`Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- +Wir haben Ostwind!"' + +Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, w"ahrend Lheureux +bei der geringsten Bewegung, die ein{\s} der beiden machte, mit +einem ewigen "`Wie meinen?"' dazwischenfuhr, wobei er jede{\s}mal +den Hut l"uftete. + +Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstra"se ab +in einen Fu"sweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut: + +"`Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergn"ugen!"' + +"`Den haben Sie aber fein abgesch"uttelt!"' lachte Emma. + +"`Warum sollen wir un{\s} von fremden Leuten bel"astigen lassen?"' +meinte Rudolf. "`Noch dazu heute, wo ich da{\s} Gl"uck habe, mit +Ihnen~..."' + +Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom +sch"onen Wetter und wie h"ubsch e{\s} sei, so durch die Fluren +spazieren zu gehen. + +Ein paar G"ansebl"umchen standen am Raine. + +"`Die niedlichen Dinger da!"' sagte er. "`Und so viele! Genug +Orakel f"ur die verliebten M"adel{\s} de{\s} ganzen Lande{\s}!"' +Ein paar Augenblicke sp"ater setzte er hinzu: "`Soll ich welche +pfl"ucken? Wa{\s} denken Sie dar"uber?"' + +"`Sind Sie denn verliebt?"' fragte Emma und hustete ein wenig. + +"`Wer wei"s?"' meinte Rudolf. + +Sie kamen auf die Festwiese, auf der da{\s} Gedr"ange immer mehr +zunahm. Bauer{\s}frauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am +einen und einen S"augling im andern Arme, rempelten sie an. +H"aufig mu"sten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch +riechender Dorfsch"onen in blauen Str"umpfen, derben Schuhen und +silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand. + +Die Prei{\s}verteilung fand statt. Die Z"uchter traten, einer nach +dem andern, in eine Art Arena, die durch ein lange{\s} Seil an +Pf"ahlen gebildet wurde. Innerhalb de{\s} so abgegrenzten +Raume{\s} standen die Tiere, mit den Schnauzen nach au"sen, die +ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtung{\s}linie. +Schl"afrige Schweine w"uhlten mit ihren R"usseln in der Erde. +K"alber br"ullten, Schafe bl"okten. K"uhe lagen hingestreckt, die +B"auche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gem"achlich wieder +und zuckten mit ihren schwerf"alligen Lidern, wenn die sie +umschw"armenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme +entbl"o"st, hielten an Trensenz"ugeln steigende Zuchthengste, die +mit gebl"ahten N"ustern nach der Seite hin wieherten, wo die +Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und lie"sen die +K"opfe und M"ahnen h"angen, w"ahrend ihre F"ullen in ihrem +Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. "Uber der wogenden +Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da da{\s} +Wei"s einer M"ahne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein +spitze{\s} Horn hervorspringen, und "uberall dazwischen die +H"aupter wimmelnder Menschen. Au"serhalb der Umseilung, etwa +hundert Schritte davon entfernt, stand -- unbeweglich wie au{\s} +Bronze gegossen -- ein gro"ser schwarzer Stier mit verbundenen +Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumpte{\s} Kind +hielt ihn an einem Stricke. + +Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin, +besichtigten jede{\s} Tier einzeln und eingehend und berieten sich +jede{\s}mal hinterher in fl"usternder Weise. Einer von ihnen, +offenbar der Einflu"sreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein +Buch. Da{\s} war der Vorsitzende der Prei{\s}richter, Herr +Derozeray{\s}, Besitzer de{\s} Rittergute{\s} La Panville. Al{\s} +er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte +verbindlich-freundlich zu ihm: + +"`Herr Boulanger, Sie lassen un{\s} ja im Stich?"' + +Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Al{\s} er +jedoch au"ser H"orweite de{\s} Vorsitzenden war, meinte er: + +"`Der Fuch{\s} soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe +lieber bei Ihnen!"' + +Er machte seine Witze "uber da{\s} Prei{\s}richterkollegium, +wa{\s} ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Au{\s}wei{\s} al{\s} +Mitglied de{\s} Festau{\s}schusse{\s} mit Grandezza zu zeigen, +wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach +blieb er auch vor dem oder jenem "`Prachtst"uck"' stehen. Frau +Bovary bewunderte nicht{\s} mit. Da{\s} beobachtete er, und nun +begann er sp"ottische Bemerkungen "uber die Toiletten der Damen +von Yonville lo{\s}zulassen. Dabei entschuldigte er sich, da"s er +selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein +Nebeneinander von Allt"aglichkeit und Au{\s}gesuchtheit. Der +oberfl"achliche Menschenkenner h"alt derlei meist f"ur da{\s} +"au"sere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in +ihrem Gef"uhl{\s}leben, k"unstlerisch beanlagt und allem +Herk"ommlichen abhold ist, und empfindet "Argerni{\s} oder +Bewunderung davor. Rudolf{\s} wei"se{\s} Batisthemd mit +gef"alteten Manschetten bauschte sich im Au{\s}schnitt seiner +grauen Flanellweste, wie e{\s} dem Winde gerade gefiel; seine +breitgestreiften Hosen reichten nur bi{\s} an die Kn"ochel und +lie"sen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke +Lackspitzen da{\s} Gra{\s} Reflexe warf. Er trat unbek"ummert in +die Pferde"apfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der +Hut sa"s ihm schief auf dem Kopfe. + +"`Ein Bauer wie ich~..."', meinte er. + +"`Bei dem ist Hopfen und Malz verloren"', scherzte Emma. + +"`Sehr richtig! "Ubrigen{\s} ist kein einziger von all diesen +Biederm"annern imstande, den Schnitt eine{\s} Rocke{\s} zu +beurteilen."' + +Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart +de{\s} einzelnen erstickt und da{\s} Leben keinen Schwung hat. + +"`Darum verfalle ich der Melancholie~..."', sagte er. + +"`Sie?"' erwiderte Emma erstaunt. "`Ich halte Sie gerade f"ur sehr +leben{\s}lustig."' + +"`Ach, da{\s} sieht nur so au{\s}! Weil ich vor den Leuten die +Ma{\s}ke de{\s} Sp"otter{\s} trage. Aber wie oft habe ich mich +beim Anblick eine{\s} Friedhofe{\s} im Mondenscheine gefragt, ob +einem nicht am wohlsten w"are, wenn man schliefe, wo die Toten +schlafen~..."' + +"`Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!"' + +"`Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich k"ummert sich +niemand."' + +Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich. + +Sie mu"sten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich +ein Mann zwischen sie dr"angte, der einen Turm von St"uhlen +schleppte. Er war derartig "uberladen, da"s man nicht{\s} von ihm +sah al{\s} seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. E{\s} war +Lestiboudoi{\s}, der Totengr"aber, der ein Dutzend Kirchenst"uhle +herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo e{\s} etwa{\s} zu +verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, au{\s} dem +Bunde{\s}tage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich +nicht verrechnet; er wu"ste gar nicht, wen er zuerst befriedigen +sollte. Die Bauern, denen e{\s} hei"s war, rissen sich f"ormlich +um diese St"uhle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie +lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen +wach{\s}beklecksten Stuhlr"ucken. + +Frau Bovary nahm Rudolf{\s} Arm von neuem. Er fuhr fort, al{\s} +spr"ache er mit sich selbst. + +"`Ja, ja! Ich habe viele{\s} entbehren m"ussen! Immer einsam! Ach, +wenn mein Dasein einen Zweck gehabt h"atte, wenn ich einer gro"sen +Leidenschaft begegnet w"are, wenn ich ein Herz gefunden h"atte ... +Oh, alle meine Leben{\s}kraft h"atte ich daran gesetzt, ich w"are +"uber alle Hindernisse hinweggest"urmt, h"atte alle{\s} +"uberwunden~..."' + +"`Mich d"unkt, Sie seien gar nicht besonder{\s} beklagen{\s}wert"', +wandte Emma ein. + +"`So, finden Sie?"' + +"`Zum mindesten sind Sie frei~..."' Sie z"ogerte. "`... und +reich!"' + +"`Spotten Sie doch nicht "uber mich!"' bat er. + +Sie beteuerte, e{\s} sei ihr Ernst. Da donnerte ein B"ollerschu"s. +Al{\s}bald w"alzte und dr"angte sich alle{\s} der Ortschaft zu. +Aber e{\s} war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch +gar nicht da. Der Festau{\s}schu"s war nun in der gr"o"sten +Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man +noch warten? + +Endlich tauchte an der Ecke de{\s} Markte{\s} eine riesige +Mietkutsche auf, von zwei mageren G"aulen gezogen, auf die ein +Kutscher im Zylinderhut au{\s} Leibe{\s}kr"aften mit der Peitsche +lo{\s}hieb. + +Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast: + +"`An die Gewehre!"' + +Und der Oberst der B"urgergarde br"ullte da{\s} Echo dazu. + +Hal{\s} "uber Kopf st"urzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche +der B"urgergardisten verga"sen in der Eile, sich den Kragen +zuzukn"opfen. Aber der Landauer de{\s} Herrn Landrat{\s} schien +die Verwirrung zum Gl"uck zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im +langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle +de{\s} Rathause{\s} an, al{\s} sich Feuerwehr und B"urgergarde in +Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten. + +"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' kommandierte +Binet. + +"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' der Oberst auf der +andern Seite. + +Die Trageringe rasselten in den Reihen, al{\s} ob ein Kupferkessel +eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so. + +Nun sah man einen Herrn au{\s} der Karosse steigen, in einer +silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine gro"se Glatze, ein +Toupet auf dem Hinterhaupte, sah bla"s im Gesicht au{\s} und war +offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen, +kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen, +halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und +seinen eingefallenen Mund zum L"acheln verschob. Er erkannte den +B"urgermeister an seiner Sch"arpe und teilte ihm mit, da"s der +Landrat verhindert sei, pers"onlich zu kommen. Er selber sei +Regierung{\s}rat. E{\s} folgten noch ein paar verbindliche +Reden{\s}arten. + +T"uvache, der B"urgermeister, begr"u"ste ihn ehrerbietig. Der Rat +erkl"arte, er f"uhle sich besch"amt. Die beiden standen sich dicht +gegen"uber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der +Festau{\s}schu"s, der Gemeinderat, die Honoratioren, die +B"urgergarde und da{\s} Publikum. Der Regierung{\s}rat schwenkte +seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein +paar Begr"u"sung{\s}worte. W"ahrenddem klappte T"uvache in einem +fort wie ein Taschenmesser zusammen, l"achelnd, stotternd, nach +Worten suchend. Darauf beteuerte er die K"onig{\s}treue der +Yonviller und dankte f"ur die ihnen widerfahrene gro"se Ehre. + +Hippolyt, der Hau{\s}knecht au{\s} dem Goldnen L"owen, nahm die +Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog da{\s} Gef"ahrt +humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von +gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der B"oller +krachte. + +Die Herren vom Festau{\s}schu"s begaben sich nun auf die vor dem +Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten +Pl"uschsessel, die von der Frau B"urgermeisterin zur Verf"ugung +gestellt worden waren. + +Alle die M"anner glichen einander. Alle hatten sie +au{\s}druck{\s}lose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von +der Sonne etwa{\s} gebr"aunt waren, buschige Backenb"arte, die +sich unter hohen steifen Hal{\s}kragen verloren, und wei"se, +sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem, +ebensowenig an den Uhrketten da{\s} ovale Petschaft au{\s} +Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie +die Falten de{\s} Beinkleide{\s} sorgsam zurechtgestrichen hatten. +Da{\s} nicht dekatierte Hosentuch gl"anzte mehr al{\s} da{\s} +Leder ihrer derben Stiefel. + +Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf, +unter der Vorhalle zwischen den S"aulen, w"ahrend die gro"se Menge +dem Rathause gegen"uber stand oder teilweise auf St"uhlen sa"s. +Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen St"uhle +rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr au{\s} +der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartige{\s} +Gedr"ange, da"s man nur mit M"uhe und Not zu der kleinen Treppe +der Estrade dringen konnte. + +"`Ich finde,"' sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der +Estrade durchdr"angelte und gerade an ihm vor"uberkam, "`man +h"atte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit +irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer +Nouveaut\'e. Da{\s} w"urde sehr h"ubsch au{\s}gesehen haben!"' + +"`Gewi"s!"' meinte Homai{\s}. "`Aber Sie wissen ja! Der +B"urgermeister macht alle{\s} blo"s nach seinem eignen Kopfe. Er +hat nicht viel Geschmack, der gute T"uvache, und k"unstlerischen +Sinn nun gleich gar nicht!"' + +Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock de{\s} +Rathause{\s} gestiegen, in den Sitzung{\s}saal. Da dieser leer +war, erkl"arte Boulanger, da{\s} w"are so recht der Ort, da{\s} +Schauspiel bequem zu genie"sen. Er nahm zwei St"uhle von dem +ovalen Tisch, der unter der B"uste von Majest"at stand, und trug +sie an ein{\s} der Fenster. + +Die beiden setzten sich nebeneinander hin. + +Unten auf der Estrade ging e{\s} lebhaft her. Alle{\s} plauderte +und tuschelte. Da erhob sich der Regierung{\s}rat von seinem +Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, da"s er Lieuvain hie"s, und +nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er +ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten +hatte, begann er: + +"`Meine Herren! + +Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung +eingehe, sei e{\s} mir zun"achst gestattet, -- und ich bin +"uberzeugt, Sie sind in{\s}gesamt damit einverstanden! -- sei +e{\s} mir gestattet, sage ich, der Beh"orden und der Regierung zu +gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majest"at, unser{\s} +allergn"adigsten und allverehrten Lande{\s}herrn, dem jede{\s} +Gebiet der "offentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, +der mit sicherer und kluger Hand da{\s} Staat{\s}schiff durch die +unaufh"orlichen Gefahren eine{\s} st"urmischen Ozean{\s} lenkt und +dabei jedem sein Recht l"a"st, dem Frieden wie dem Kriege, der +Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den K"unsten und +Wissenschaften~..."' + +"`Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zur"uck"', sagte +Rudolf. + +"`Warum?"' fragte Emma. + +In diesem Augenblicke bekam die Stimme de{\s} +Regierung{\s}rate{\s} besonderen Schwung. Er deklamierte: + +"`Die Zeiten sind vor"uber, meine Herren, wo die Zwietracht der +B"urger unsre "offentlichen Pl"atze mit Blut besudelte, wo der +Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er +abend{\s} friedlich schlafen ging, bef"urchten mu"ste, durch +da{\s} St"urmen der Brandglocken j"ah wieder aufgeschreckt zu +werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten r"uttelten~..."' + +"`Nur weil man mich von unten bemerken k"onnte"', gab Rudolf zur +Antwort. "`Dann m"u"ste ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen. +Und bei meinem schlechten Rufe~..."' + +"`Sie verleumden sich"', warf Emma ein. + +"`I wo! Der ist unter aller Kritik! Da{\s} schw"or ich Ihnen."' + +"`Meine Herren!"' fuhr der Redner fort. "`Wenn wir unsre Blicke +von diesen d"ustern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den +gegenw"artigen Zustand unser{\s} sch"onen Vaterlande{\s} richten: +wa{\s} sehen wir da? "Uberall stehen Handel, Wissenschaften und +K"unste in Bl"ute, "uberall erwachsen neue Verkehr{\s}wege und +-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe de{\s} Staate{\s}, und +schaffen neue Beziehungen, neue{\s} Leben. Unsre gro"sen +Industriezentren sind von neuem in vollster T"atigkeit. Die +Religion ist gekr"aftigt und w"armt wieder aller Herzen. Unsre +H"afen strotzen, der Staat{\s}kredit ist fest. Frankreich atmet +endlich wieder auf~..."' + +"`Da{\s} hei"st,"' sagte Rudolf, "`vom gesellschaftlichen +Standpunkt hat man vielleicht recht."' + +"`Wie meinen Sie da{\s}?"' fragte sie. + +"`Wissen Sie denn nicht,"' erl"auterte er, "`da"s e{\s} +problematische Naturen gibt? Halb Tr"aumer, halb Tatenmenschen? +Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten +Gen"ussen. Nicht{\s} ist ihnen zu toll, zu phantastisch~..."' + +Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte +sie: + +"`Un{\s} armen Frauen dagegen, un{\s} sind die Freuden solcher +Kontraste verboten!"' + +"`Sch"one Freuden!"' entgegnete er bitter. "`Da{\s} Gl"uck liegt +wo ganz ander{\s}!"' + +"`Ach, so findet man{\s} nirgend{\s}?"' + +"`Doch! Eine{\s} Tage{\s} begegnet man dem Gl"uck!"' fl"usterte er. + +"`Und da{\s} wissen Sie alle gerade am besten,"' fuhr der +Regierung{\s}rat fort, "`Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter +sind, friedliche Vork"ampfer eine{\s} Kulturideal{\s}, M"anner +de{\s} Fortschritte{\s} und der Ordnung! Sie wissen da{\s}, sage +ich, da"s politische St"urme weit furchtbarer sind denn St"urme in +der Natur~..."' + +"`Ja, eine{\s} Tage{\s} begegnet man ihm!"' wiederholte Rudolf, +"`ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! +Dann "offnet sich der Himmel, und e{\s} ist einem, al{\s} riefe +eine Stimme: {\glq}Hier ist da{\s} Gl"uck!{\grq} Und dem Menschen, +den Sie da gefunden haben, dem m"ussen Sie au{\s} innerm Drange +herau{\s} ihr Leben anvertrauen, ihm alle{\s} geben, alle{\s} +opfern! E{\s} werden keine Worte gewechselt. Alle{\s} ist nur +Ahnung, Gef"uhl! Man hat sich ja l"angst im Traumland gesehen~..."' + +Er blickte Emma an. + +"`Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat, +leibhaftig da! Er gl"anzt und strahlt! Noch immer h"alt man ihn +f"ur ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist +geblendet, al{\s} k"ame man pl"otzlich au{\s} der Nacht in die +Sonne~..."' + +Rudolf begleitete seine Worte mit Geb"arden. Er pre"ste die Rechte +auf sein Gesicht wie jemand, dem e{\s} schwindelt. Dann lie"s er +sie auf Emma{\s} Hand sinken. Sie zog sie weg. + +Der Rat sprach immer weiter: + +"`Wen k"onnte da{\s} auch verwundern, meine Herren? H"ochsten{\s} +Leute, die so blind w"aren, so verbohrt (ich scheue mich nicht, +diese{\s} Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile +abgetaner Zeiten, da"s sie die Gesinnung der Landwirte noch immer +verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patrioti{\s}mu{\s} +al{\s} auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen de{\s} +Gemeinwohl{\s}? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine +Herren, ich meine nat"urlich nicht jene oberfl"achliche +Intelligenz, mit der sich m"u"sige Geister br"usten, nein, ich +meine die gr"undliche und ma"svolle Intelligenz, die sich nur mit +ersprie"slichen Absichten bet"atigt und damit dem Vorteile de{\s} +Einzelnen wie der F"orderung der Allgemeinheit dient und eine +St"utze de{\s} Staate{\s} ist, durchdrungen von der Achtung vor +den Gesetzen und dem Gef"uhle der Pflichterf"ullung~..."' + +"`Pflichterf"ullung!"' wiederholte Rudolf. "`Immer und "uberall +die Pflicht! Wie mich diese{\s} Wort anwidert! Ein Chor von alten +Schaf{\s}\-k"opfen in Schlaf\-r"ocken und von Betschwestern mit +W"armbullen und Gesangb"uchern kr"achzt un{\s} ewig die alte +Litanei vor: {\glq}Die Pflicht, die Pflicht!{\grq} Der Teufel soll +sie holen! Unsre Pflicht ist e{\s}, alle{\s} Gro"se in der Welt +mit\/zuf"uhlen, da{\s} Sch"one anzubeten und sich nicht immer gleich +unter alle m"oglichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, +sich nicht zu Sklaven herabw"urdigen zu lassen~..."' + +"`Indessen ... indessen~..."', wandte Emma ein. + +"`Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften k"ampfen? Sind +sie nicht vielmehr da{\s} Allersch"onste, wa{\s} e{\s} auf Erden +gibt, der Quell de{\s} Heldensinn{\s}, der Begeisterung, der +Dichtung, der Musik, aller K"unste, alle{\s} Leben{\s} im wahren +Sinne?"' + +"`Aber man mu"s sich doch ein wenig nach den Leuten richten und +sich ihrer Moral f"ugen"', meinte Emma. + +"`So! Da{\s} ist dann eben die doppelte Moral,"' eiferte er. "`Die +eine: die kleinliche, herk"ommliche, die der Leute, die in einem +fort ein andre{\s} Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im +tr"uben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Da{\s} ist die all +der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die g"ottliche, +die um un{\s} ist und "uber un{\s} wie die Landschaft, die un{\s} +umprangt, und der blaue Himmel, der "uber un{\s} leuchtet~..."' + +Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach +er weiter: + +"`Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier +noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt f"ur unser t"aglich Brot? +Wer schafft un{\s} die Unterhaltung{\s}mittel? Tut e{\s} nicht der +Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit +seiner schwieligen Hand da{\s} Saatkorn in die fruchtbringenden +Furchen s"at, verdanken wir da{\s} Getreide, da{\s} dann, von +sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die St"adte zu den +B"ackern kommt, die Brot darau{\s} backen f"ur arm und reich! Ist +e{\s} nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden +h"utet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir un{\s} anziehen, +wie un{\s} n"ahren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren, +wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von +un{\s} schon manchmal "uber die Bedeutung jene{\s} bescheidenen +Tierchen{\s} nachgedacht, da{\s} die Zierde unserer Bauernh"ofe +ist und un{\s} gleichzeitig ein weiche{\s} Kopfkissen, einen +saftigen Braten f"ur unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich k"ame +nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse +l"uckenlo{\s} aufz"ahlen m"u"ste, mit denen die wohlbebaute Erde +wie eine gro"sm"utige Mutter ihre Kinder "ubersch"uttet. Ich nenne +nur den Weinstock, den Baum, der un{\s} den Apfelwein spendet, und +den Rap{\s}. Dann haben wir den K"ase und den Flach{\s}. Meine +Herren, vergessen wir den Flach{\s} nicht! Der Flach{\s}bau hat in +den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den +ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonder{\s} hinlenken m"ochte~..."' + +Dieser Appell war eigentlich unn"otig, denn die Menge lauschte +offenen Munde{\s} und lie"s sich kein W"ortchen entgehen. Der +B"urgermeister, der zur Seite de{\s} Redner{\s} sa"s, horchte mit +aufgerissenen Augen. Derozeray{\s} schlo"s die seinen hin und +wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz +etwa{\s} weiter weg hatte, hielt sich eine Hand an{\s} Ohr, um +Silbe f"ur Silbe ordentlich zu verstehen. Die "ubrigen +Prei{\s}richter nickten bed"achtig mit den gesenkten H"auptern, um +ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr st"utzte sich +auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im +Stillgestanden und mit vorschrift{\s}m"a"siger S"abelhaltung. +H"oren konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende +seine{\s} Helm{\s} bi{\s} "uber die Nase reichte. Sein Leutnant, +der j"ungste Sohn de{\s} B"urgermeister{\s}, hatte einen noch +gr"o"seren auf. Diese{\s} Unget"um wackelte ihm fortw"ahrend auf +dem Kopfe hin und her. "Uberdie{\s} sah der Zipfel eine{\s} +seidnen Tuche{\s} hervor, da{\s} er untergestopft hatte. Er +l"achelte wie ein artige{\s} Kind unter dem Helme hervor, und sein +schmale{\s} blasse{\s} Gesicht, "uber da{\s} Schwei"stropfen +rannen, verriet zugleich helle Freude und m"ude Abspannung. + +Der Marktplatz war bi{\s} an die H"auser heran voller Menschen. In +allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen +T"urschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, +ganz versunken in da{\s} Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um +den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch +bereit{\s} in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne +abgerissene Worte drangen weiter, von denen da{\s} Ger"ausch hin- +und herger"uckter St"uhle auch noch einen Teil verschlang. Noch +weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehnte{\s} +Rindergebr"ull oder da{\s} Bl"oken der Schafe, die sich einander +antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten n"amlich ihre Tiere +inzwischen bi{\s} auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von +Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten. + +Rudolf war dicht an Emma heranger"uckt und fl"usterte ihr hastig +zu: + +"`Mu"s einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum +Rebellen machen? Gibt e{\s} ein einzige{\s} Gef"uhl, da{\s} sie +nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden +von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen +trotz alledem finden, so verb"undet sich alle{\s}, damit sie +einander nicht geh"oren k"onnen. Aber sie werden e{\s} dennoch +versuchen, sie regen ihre Fl"ugel, und sie rufen sich. Fr"uher +oder sp"ater, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie +doch vereint in ihrer Liebe, weil e{\s} da{\s} Schicksal so will +und weil sie f"ureinander geschaffen sind~..."' + +Er hatte die Arme verschr"ankt und st"utzte sie auf seine Knie, +und so schaute er Emma an, ganz au{\s} der N"ahe, mit starrem +Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen +Krei{\s}linien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie +roch sogar da{\s} leise Parf"um in seinem Haar. Woll"ustige +M"udigkeit "uberfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse +Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte +genau so geduftet wie diese{\s} Haar, nach Vanille und Zitronen. +Unwillk"urlich schlo"s sie die Augenlider, um den Geruch st"arker +zu sp"uren. Aber al{\s} sie sich in ihren Stuhl zur"ucklehnte, +fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte, +die langsam die H"ohe von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke +nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr +zur"uckgekommen, und auf dieser Stra"se da war er von ihr +weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im +Rahmen seine{\s} Fenster{\s}. Dann verschwamm alle{\s}, und Nebel +zogen vor"uber. E{\s} kam ihr vor, al{\s} wirble sie wie damal{\s} +im Walzer, in der Lichtflut de{\s} Ballsaale{\s}, im Arme de{\s} +Vicomte. Und Leo w"are nicht weit weg, sondern k"ame wieder ... +Dabei sp"urte sie in einem fort Rudolf{\s} Haar dicht neben sich. +Die s"u"se Empfindung seiner N"ahe verm"ahlte sich mit den alten +Gel"usten; und wie Staubk"orner, die der Wind aufjagt, umtanzten +sie diese Gef"uhle zusammen mit dem leisen Dufte und bet"aubten +ihr die Seele. Ein paarmal "offnete sie weit die Nasenfl"ugel, um +-- sto"sweise -- den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die +um die S"aulen geschlungen waren. + +Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die +feuchtgewordnen H"ande; dann f"achelte sie ihren Wangen mit dem +Taschentuche K"uhlung zu, wobei sie mitten durch da{\s} H"ammern +de{\s} Blute{\s} in ihren Schl"afen da{\s} Gesumme der Menge und +die immer noch Phrasen dreschende Stimme de{\s} +Regierung{\s}rate{\s} verworren vernahm. + +Er predigte: + +"`Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich +nicht beirren, weder durch H"angenbleiben an veralteten +"Uberlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von k"uhnen +Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung +de{\s} Boden{\s}, auf eine gute D"ungung, auf die Veredelung der +Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! M"oge diese +Versammlung f"ur Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem +der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand dr"uckt +wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg f"ur die Zukunft +w"unscht! Und Ihr, Ihr w"urdigen Dienstboten, bescheidene{\s} +Hofgesinde, um deren m"uhevolle Arbeit sich bi{\s}her noch keine +Regierung gek"ummert hat, kommt her und empfangt den Lohn f"ur +Eure stille T"uchtigkeit und seid "uberzeugt, da"s die F"ursorge +de{\s} Staate{\s} fortan auch Euch gelten wird, da"s er Euch +ermutigt und besch"utzt, da"s er Euch auf begr"undete Beschwerden +hin recht geben wird und Euch, soweit e{\s} in seiner Macht steht, +die B"urde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!"' + +Darnach setzte sich der Regierung{\s}rat. Jetzt erhob sich Herr +Derozeray{\s} und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so +schwungvoll wie die Lieuvain{\s}, daf"ur war sie sachlicher, +da{\s} hei"st: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden +Betrachtungen Raum. Da{\s} Lob auf die Regierung war k"urzer +gefa"st; die Rede besch"aftigte sich mehr mit der Landwirtschaft +und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden +beleuchtet. Beide h"atten zu allen Zeiten die Zivilisation +gef"ordert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary "uber Tr"aume, +Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anf"ange der +menschlichen Gesellschaft zur"uck und schilderte die barbarischen +Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln gen"ahrt hatte. +Sp"ater h"atte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch +bekleidet, h"atte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War die{\s} +nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Besch"aftigungen +ungleich mehr M"uhen denn Nutzen? "Uber diese{\s} Problem stellte +Derozeray{\s} allerhand Betrachtungen an. + +Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allm"ahlich auf die +Wahlverwandtschaft gekommen, und w"ahrend der Redner unten vom +Pfluge de{\s} Cincinnatu{\s} sprach, von Diocletian und seinen +Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr +eigenh"andig s"aen, setzte der junge Mann der jungen Frau +au{\s}einander, da"s die Ursache einer solchen unwiderstehlichen +gegenseitigen Anziehung in einer fr"uheren Existenz zu suchen sei. + +"`Nehmen Sie beispiel{\s}weise un{\s} beide!"' sagte er. "`Warum +haben wir un{\s} kennen gelernt? Hat die{\s} allein der Zufall +gef"ugt? War e{\s} nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, +der un{\s} gegenseitig einander zuf"uhrte, wie zwei Str"ome +ineinander flie"sen, jeder von weiter Ferne her?"' + +Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie ent\/zog sie ihm nicht. + +"`Prei{\s} f"ur gute Bewirtschaftung~..."', rief unten der Redner. + +"`Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Hau{\s} +kam~..."' + +"`Herrn Bizet au{\s} Quincampoix!"' + +"`Wu"ste ich damal{\s}, da"s wir so bald gute Freunde werden +sollten?"' + +"`Siebzig Franken~..."' + +"`Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu +Ihnen gekommen und hier geblieben~..."' + +"`F"ur Erfolge im D"ungen."' + +"`... heute und morgen, alle Tage, mein ganze{\s} Leben~..."' + +"`Herrn Caron au{\s} Argueil eine goldene Medaille!"' + +"`... denn noch keine{\s} Menschen Gesellschaft hat mich so +v"ollig bezaubert~..."' + +"`Herrn Bain au{\s} Givry-Saint-Martin~..."' + +"`... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen~..."' + +"`... f"ur einen Merino-Schafbock~..."' + +"`Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen +vor"ubergewandelt wie ein Schatten!"' + +"`Herrn Belot au{\s} Notre-Dame~..."' + +"`Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner +erinnern?"' + +"`F"ur Schweinezucht ein Prei{\s} geteilt, je achtzig Franken, den +Herren Leh\'eriss\'e und C"ullembourg!"' + +Rudolf dr"uckte Emma{\s} Hand. Sie f"uhlte sich ganz hei"s an und +zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen m"ochte. Sei +e{\s} nun, da"s Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder da"s +sie Rudolf{\s} Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit +ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er au{\s}: + +"`Ach, ich danke Ihnen! Sie sto"sen mich nicht zur"uck! Sie sind +so gut! Sie f"uhlen, da"s ich Ihnen geh"ore! Ich will Sie ja nur +sehen, nur anschauen!"' + +Ein Windsto"s, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke +de{\s} Tische{\s} im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die +m"achtigen Haubenschleifen der B"auerinnen wie wei"se +Schmetterling{\s}fl"ugel auf. + +"`F"ur die Herstellung von "Olkuchen~..."' + +Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen. + +"`F"ur Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ... +Feldbew"asserung ... langj"ahrigen Pacht ... treue Dienste~..."' + +Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emma{\s} +trockne Lippen bebten in hei"sestem Begehren. Weich und ganz von +selbst verschlangen sich ihre H"ande. + +"`Katharine Nikasia Elisabeth Leroux au{\s} Sassetot-la-Guerri\`ere +f"ur vier\-und\-f"unfzig\-j"ahrigen Dienst auf ein und demselben +Gute eine silberne Medaille im Werte von f"unfundzwanzig Franken!"' + +Nach einer Weile h"ort man: "`Wo ist Katharine Leroux?"' + +Sie erschien nicht, aber man vernahm fl"usternde Stimmen. + +"`Geh doch!"' + +"`Ach nein!"' + +"`Brauchst keine Angst zu haben!"' + +"`Nee, ist die dumm!"' + +"`Hier! Hier steckt sie!"' + +"`So mag sie doch vorkommen!"' rief der B"urgermeister dazwischen. + +Da begann eine kleine alte Frau mit "angstlicher Geb"arde zur +Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen +au{\s}. Sie hatte die F"u"se in derben Holzschuhen und um die +H"uften eine gro"se blaue Sch"urze. Ihr magere{\s} Gesicht, von +einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger al{\s} ein +verschrumpfelter Apfel, und au{\s} den "Armeln ihrer roten Jacke +langten zwei d"urre H"ande mit knochigen Gelenken herau{\s}. Vom +Staub der Scheunen, der Lauge der W"asche und dem Fett der +Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, da"s sie wie +schmutzig au{\s}sahen, und doch waren sie in reinem Wasser +t"uchtig gewaschen worden. Da"s sie unz"ahlige Strapazen hinter +sich hatten, da{\s} verrieten sie von selbst an ihrer dem"utigen +Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu +empfangen. Etwa{\s} wie kl"osterliche Strenge sprach au{\s} den +Z"ugen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit. +E{\s} lebte nicht{\s} Weiche{\s} in ihrem bleichen Gesicht, +nicht{\s} Traurige{\s} oder R"uhrselige{\s}. Im steten Umgang mit +Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie +sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. +Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen +R"ocken, da{\s} Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust de{\s} +Rate{\s}, alle{\s} da{\s} ersch"uttertere bi{\s} in{\s} Herz. Sie +stand ganz erstarrt da, sie wu"ste nicht, ob sie zur Estrade +vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man +sie nach vorn dr"angte und warum ihr die Prei{\s}richter +freundlich zul"achelten. Sie stand vor diesen beh"abigen B"urgern +al{\s} ein verk"orperte{\s} halbe{\s} S"akulum der Knechtschaft. + +"`Treten Sie n"aher, verehrung{\s}w"urdige Katharine Nikasia +Elisabeth Leroux!"' sagte der Regierung{\s}rat, der die Liste der +Prei{\s}gekr"onten au{\s} den H"anden de{\s} Vorsetzenden +entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf +die Greisin blickte, wiederholte er in v"aterlichem Tone: + +"`N"aher, immer n"aher!"' + +"`Sind Sie denn taub?"' rief T"uvache heftig und sprang von seinem +Sitze auf. + +"`F"ur vierundf"unfzigj"ahrige Dienst\/zeit eine silberne Medaille +im Werte von f"unfundzwanzig Franken! Die ist f"ur Sie!"' wurde +ihr laut gesagt. + +Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein L"acheln +de{\s} Gl"ucke{\s} sonnte ihr Gesicht. Al{\s} sie wegging, h"orte +man sie vor sich hinmurmeln: + +"`Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei un{\s} zu Hause geben, damit +er mir dermaleinst eine Messe liest."' + +"`Selig die Geiste{\s}armen!"' meinte der Apotheker, zum Notar +gewandt. + +Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und +nachdem nun die Prei{\s}verteilung vor"uber war, nahm jeder wieder +seinen Rang ein, und alle{\s} lief im alten Gleise. Die Herren +schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte pr"ugelten da{\s} +Vieh, da{\s} mit gr"unen Kr"anzen um die H"orner in seine St"alle +zur"ucktrottete. Ahnung{\s}lose Triumphatoren. + +Die B"urgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in +den ersten Stock de{\s} Rathause{\s}. Der Bataillon{\s}tambour +schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spie"ste +sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette. + +Frau Bovary ging an Rudolf{\s} Arm nach Hau{\s}. An der T"ure +nahmen sie Abschied. Sodann ging er bi{\s} zur Stunde de{\s} +Festmahle{\s} allein durch die Wiesen spazieren. + +Der Schmau{\s} dauerte lange. E{\s} war l"armig, die Bedienung +schlecht. Man sa"s so eng aneinander, da"s man f"ur die Ellenbogen +gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die al{\s} +B"anke dienten, drohten unter der Last der G"aste zusammenzubrechen. +Man a"s unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. +Allen perlte der Schwei"s von der Stirne. Zwischen der Tafel und +den H"angelampen schwebte wei"slicher Dunst, wie der Nebel "uber +dem Flusse an einem Herbstmorgen. + +Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich +v"ollig in Tr"aumereien an Emma, so da"s er nicht{\s} sah und +h"orte. Hinter ihm, drau"sen auf dem Rasen, schichteten die +Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn +anredete, gab er ihm keine Antwort. Man f"ullte ihm da{\s} +Gla{\s}, ohne da"s er e{\s} wahrnahm. Trotz de{\s} allgemeinen +immer st"arker werdenden L"arme{\s} war e{\s} in ihm ganz still. +Er sann "uber da{\s} nach, wa{\s} Emma gesagt hatte, und "uber die +Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie au{\s} +Zauberspiegeln au{\s} allem entgegen, wa{\s} gl"anzte, sogar +au{\s} dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte +Falten, die ihn an die ihre{\s} Kleide{\s} erinnerten. Und vor +ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlo{\s} lange Reihe +verliebter Tage. + +Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der +Gesellschaft ihre{\s} Manne{\s}, der Frau Homai{\s} und de{\s} +Apotheker{\s}. Der letztere beunruhigte sich sehr "uber die +M"oglichkeit, da"s einmal eine Rakete versehentlich in da{\s} +Publikum gehen k"onnte. Aller Augenblicke verlie"s er seine +Freunde, um Binet zur gr"o"sten Vorsicht zu vermahnen. Die +Feuerwerk{\s}k"orper waren vorher au{\s} "ubertriebener +"Angstlichkeit im Hause de{\s} B"urgermeister{\s} aufbewahrt +worden, in dessen Keller. Da{\s} feucht gewordene Pulver +ent\/z"undete sich nun schwer, und da{\s} Hauptst"uck, eine +Schlange, die sich in den Schwanz bei"st, versagte vollst"andig. +Ab und zu zischte ein d"urftige{\s} Feuerrad. Dann schrie die +gaffende Menge vor Vergn"ugen laut auf, und in diese{\s} Geschrei +mischte sich da{\s} Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von +dreisten H"anden angefa"st wurden. + +Emma schmiegte sich schweigsam an Karl{\s} Arm. Den Kopf gehoben, +verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen +Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampion{\s}. Nach +und nach verl"oschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. +Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch +"uber da{\s} unbedeckte Haar. + +In diesem Augenblicke fuhr der Landauer de{\s} Regierung{\s}rate{\s} +vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen +auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse +seine{\s} K"orper{\s} zwischen den Wagenlichtern hin und her +pendelte, je nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} auf dem +holperigen Pflaster. + +"`Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen"', +bemerkte der Apotheker. "`Mein Vorschlag geht dahin, allw"ochentlich +am Rathause die Namen derer au{\s}zuh"angen, die sich in der Woche +vorher sinnlo{\s} betrunken haben. Da{\s} erg"abe nebenbei eine +Statistik, die man in gewissen F"allen ... Aber entschuldigen +Sie!"' + +Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade +anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach +seiner Drehbank. + +"`Vielleicht t"aten Sie gut,"' mahnte ihn Homai{\s}, "`wenn Sie +einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie +selber gingen~..."' + +"`Lassen Sie mich doch in Ruhe!"' murrte der Steuereinnehmer. +"`Da{\s} h"atte ja gar keinen Sinn!"' + +Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden. + +"`Wir k"onnen v"ollig beruhigt sein"', sagte er zu ihnen. "`Herr +Binet hat mir soeben versichert, da"s alle Vorsicht{\s}ma"sregeln +getroffen sind. E{\s} ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und +die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!"' + +"`Ach ja! Ich hab{\s} sehr n"otig!"' erwiderte Frau Homai{\s}, die +schon immer t"uchtig geg"ahnt hatte. "`Aber sch"on war{\s} doch!"' + +Rudolf wiederholte leise mit einem z"artlichen Blicke: + +"`Wundersch"on!"' + +Dann verabschiedete man sich und ging voneinander. + +Zwei Tage darauf stand im "`Leuchtturm von Rouen"' ein langer +Bericht "uber die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker +hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfa"st. + +"`Wa{\s} k"unden diese Girlanden, diese Blumen und Kr"anze? Wohin +w"alzt sich die Menge, gleichwie die Wogen de{\s} st"urmischen +Weltmeere{\s} unter den Strahlenb"uscheln der tropischen Sonne, +die unsere Fluren sengt?"' + +Sodann sprach er von der Lage der Landbev"olkerung. "`Gewi"s, die +Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend +Reformen sind unerl"a"slich. Man gehe an sie heran!"' Bei der +Schilderung der Ankunft de{\s} Regierung{\s}vertreter{\s} feierte +er "`da{\s} martialische Au{\s}sehen unsrer Miliz"', die +"`behenden Dorfsch"onen,"' die "`kahlk"opfigen Greise, diese +Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren +Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln h"oher schlagen."' Seinen +eigenen Namen z"ahlte er unter den Prei{\s}richtern al{\s} ersten +auf und erw"ahnte in einer Anmerkung sogar, da"s Herr Homai{\s}, +der Apotheker von Yonville, unl"angst eine Denkschrift "uber den +Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht +habe. Bei der Prei{\s}verteilung angelangt, schilderte er die +Freude der Au{\s}gezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung. +"`V"ater fielen ihren S"ohnen um den Hal{\s}, Br"uder ihren +Br"udern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll +Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stille{\s} +K"ammerlein, mag sie so mancher, Tr"anen in den Augen, an die Wand +geh"angt haben ... Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} vereinigte ein +Festmahl in dem auf der Herrn Li\'egeard geh"orenden Wiese +errichteten gro"sen Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von +Anfang bi{\s} Ende herrschte die gr"o"ste Gem"utlichkeit. Mehrere +Toaste wurden au{\s}gebracht. Herr Regierung{\s}rat Lieuvain trank +auf Seine Majest"at, Herr B"urgermeister T"uvache auf den Herrn +Landrat, sodann Herr Rittergut{\s}besitzer Derozeray{\s} auf +da{\s} Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homai{\s} auf +die Industrie und ihre Schwestern, die K"unste und Wissenschaften, +so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend +erleuchtete ein pr"achtige{\s} Feuerwerk pl"otzlich alle +Gesichter. Man kann wohl sagen, e{\s} war ein wahre{\s} +Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte +sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht +entr"uckt w"ahnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, da"s +auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall da{\s} Volk{\s}fest +gest"ort hat. Zu bemerken w"are nur noch da{\s} Fernbleiben der +Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von +Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet e{\s}, wie ihr wollt, ihr +J"unger Loyola{\s}!"' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Sech{\s} Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eine{\s} +Sp"atnachmittag{\s}, erschien er. + +"`Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Da{\s} w"are +ein Fehler!"' + +Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd +hatte er sich gesagt, nun sei e{\s} zu sp"at zu einem Besuche. +Sein Gedankengang war folgender: + +"`Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach +dem Hangen und Bangen de{\s} Warten{\s} nur um so mehr lieben. +Warten wir also noch eine Weile!"' + +Al{\s} er Emma in der Gro"sen Stube entgegentrat, sah er, wie sie +bla"s wurde. Da wu"ste er, da"s er sich nicht verrechnet hatte. + +Sie war allein. E{\s} d"ammerte. Die kleinen Mullgardinen an den +Scheiben der Fenster vermehrten da{\s} Halbdunkel. Da{\s} blanke +Metall de{\s} Barometer{\s}, auf da{\s} ein Sonnenstrahl fiel, +glitzerte auf der Fl"ache de{\s} Spiegel{\s} "uber dem Kamin wider +wie flammende{\s} Feuer. + +Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit M"uhe auf seine +ersten H"oflichkeit{\s}worte. + +"`Ich war stark besch"aftigt. Und dann bin ich auch krank +gewesen."' + +"`Ernstlich?"' fragte sie erregt. + +"`Na,"' erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen +niedrigen Sessel setzte, "`eigentlich wollte ich nicht +wiederkommen."' + +"`Warum?"' + +"`Erraten Sie e{\s} nicht?"' + +Wiederum sah er sie an, die{\s}mal so leidenschaftlich, da"s sie +rot wurde und die Augen senkte. + +Er begann von neuem: + +"`Emma!"' + +"`Herr Boulanger!"' rief sie und r"uckte ein wenig von ihm ab. + +"`Ah!"' sagte er in wehm"utigem Tone. "`Sehen Sie, wie recht ich +hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name~..., dieser +Name, der mein ganze{\s} Herz erf"ullt~..., er ist mir +entschl"upft, und Sie verbieten mir, ihn au{\s}zusprechen! Frau +Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So hei"sen Sie! Und doch ist +da{\s} der Name -- eine{\s} andern!"' Nach einer Weile wiederholte +er: "`Eine{\s} andern!"' Er hielt sich die H"ande vor sein +Gesicht. "`Ach, ich denke fortw"ahrend an Sie ... Die Erinnerung +bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ... +Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, da"s +Sie nicht{\s} mehr von mir h"oren werden! Aber heute ... heute ... +ach, ich wei"s nicht, wa{\s} mich mit aller Gewalt hierher zu +Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner k"ampfen! +Und wo Engel l"acheln, wer k"onnte da widerstehen? Man l"a"st sich +hinrei"sen von der, die so sch"on, so s"u"s, so anbeten{\s}wert +ist!"' + +E{\s} war da{\s} erstemal, da"s Emma solche Dinge h"orte, und +al{\s} ob sie sich im Bade woll"ustig dehnte, so f"uhlte sie sich +in ihrem Selbstbewu"stsein von der warmen Flut dieser Sprache +umkost. + +"`Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,"' fuhr er fort, +"`wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch +wenigsten{\s} da{\s} gesehen, wa{\s} Sie umgibt. Ach, nacht{\s}, +Nacht f"ur Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um +Ihr Hau{\s} zu schauen, Ihr Dach im Scheine de{\s} Monde{\s}, die +B"aume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, +und da{\s} Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die +Scheiben hinau{\s}leuchtete in da{\s} Dunkel! Ach, Sie haben e{\s} +nicht geahnt, da"s da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein +Armer, ein Ungl"ucklicher stand~..."' + +Sie schluchzte auf und sah ihn an. + +"`Sie sind ein guter Mensch!"' fl"usterte sie. + +"`Nein! Ich liebe Sie! Weiter nicht{\s}! Glauben Sie mir da{\s}? +Sagen Sie mir{\s}! Ein Wort! Ein einzige{\s} Wort!"' + +Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der K"uche +her drang da{\s} Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die T"ure +nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran. + +"`E{\s} w"are barmherzig von Ihnen,"' sagte er, sich wieder +erhebend, "`wenn Sie mir einen Wunsch erf"ullten."' + +Er bat darum, ihm da{\s} Hau{\s} zu zeigen. Er wolle e{\s} kennen +lernen. Frau Bovary hatte nicht{\s} dagegen. Sie gingen beide zur +T"ure, da trat Karl ein. + +"`Guten Tag, Doktor!"' begr"u"ste ihn Rudolf. + +Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel +schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. +W"ahrenddessen wurde der andre wieder v"ollig Herr der Situation. + +"`Die gn"adige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erz"ahlt~..."', +begann er. + +Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat "au"serst besorgt. Seine +Frau habe bereit{\s} einmal an "ahnlichen Zust"anden gelitten. + +Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut w"are. + +"`Gewi"s! Ganz au{\s}gezeichnet! Vortrefflich! Da{\s} ist wirklich +ein guter Rat! Den solltest du tats"achlich befolgen, Emma!"' + +Sie wandte ein, da"s sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr +ein{\s} an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht +weiter in sie. Dann erz"ahlte er -- um seinen Besuch zu motivieren +--, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen +habe, leide immer noch an Schwindelanf"allen. + +"`Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen"', sagte +Bovary. + +"`Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder +zusammen. Da{\s} ist bequemer f"ur Sie!"' + +"`Sehr g"utig! Ganz wie Sie w"unschen!"' + +Al{\s} da{\s} Ehepaar dann allein war, fragte Karl: + +"`Warum hast du eigentlich da{\s} Angebot de{\s} Herrn Boulanger +abgelehnt? E{\s} war doch sehr lieben{\s}w"urdig!"' + +Emma tat, al{\s} ob sie schmollte; sie wu"ste nicht gleich, wa{\s} +sie sagen sollte, und schlie"slich erkl"arte sie, die Leute +k"onnten e{\s} "`komisch"' finden. + +"`Ich pfeif auf die Leute!"' sagte Karl und machte eine +ver"achtliche Ge\-b"arde. "`Die Gesundheit ist tausendmal mehr +wert! Da{\s} war nicht richtig von dir!"' + +"`Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!"' + +"`Dann mu"st du dir ein{\s} bestellen!"' + +Da{\s} Reitkleid gab den Au{\s}schlag. + +Al{\s} e{\s} fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau +stehe ihm zur Verf"ugung. Sie n"ahme sein g"utige{\s} Anerbieten +an. + +Andern Tag{\s} um zw"olf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor +dem Hause de{\s} Arzte{\s}. Da{\s} eine trug einen Damensattel +au{\s} Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe +Reitstiefel au{\s} feinstem weichen Leder an. Er nahm an, da"s +Emma solche gewi"s noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie +"uber sein Au{\s}sehen ent\/z"uckt, al{\s} sie ihn in seinem langen +dunkelbraunen Samtrock und den wei"sen Breeche{\s} an der T"ure +erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit. + +Justin stahl sich au{\s} der Apotheke. Er mu"ste sie sehen. Auch +den Apotheker litt e{\s} nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf +allerlei gute Ratschl"age. + +"`E{\s} passiert so leicht ein Malheur!"' sagte er. "`Reiten Sie +vorsichtig! Sind die Tiere fromm?"' + +Emma vernahm "uber sich ein Ger"ausch. E{\s} war Felicie, die mit +der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta +einen Spa"s zu bereiten. Da{\s} Kind warf der Mutter ein +Ku"sh"andchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte. + +"`Viel Vergn"ugen!"' rief Homai{\s}. "`Ja recht vorsichtig! Recht +vorsichtig!"' + +Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte gr"u"send +mit seiner Zeitung. + +Sobald Emma{\s} Pferd weichen Boden unter sich f"uhlte, fing e{\s} +von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd +an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Da{\s} Kinn ein wenig +eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Z"ugeln nach dem +Widerrist zu vorhaltend, so "uberlie"s sie sich der wiegenden +Galoppade. + +E{\s} ging die Anh"ohe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die +G"aule pl"otzlich. Emma{\s} langer blauer Schleier flatterte +weiter. + +E{\s} war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag "uber den +Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesicht{\s}krei{\s} +und lie"sen die H"ugel nur in Umri"slinien erkennen. Hin und +wieder rissen die Nebel au{\s}einander, flogen wie in Fetzen auf +und zerstoben. Dann erblickte man durch die L"ucken in der Ferne +die D"acher von Yonville im Sonnenscheine, die G"arten am +Bachufer, die Geh"ofte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich +M"uhe, ihr Hau{\s} herau{\s}zufinden, und noch nie war ihr der +armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der +H"ohe, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem +ungeheuer gro"sen, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen +B"aume, die hie und da au{\s} ihm herau{\s}ragten, sahen wie +schwarze Riffe au{\s}, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange +Wellenz"uge, die der Wind kr"auselt. + +"Uber dem Rasen unter den Tannen sickerte braune{\s} Licht durch +die laue Luft. Der Boden, r"otlich wie zerbl"atterter Tabak, +d"ampfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten "uber den +Weg, von den Hufen ber"uhrt. + +Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur +Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die St"amme der +B"aume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vor"uber, da"s die +unaufh"orliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde +keuchten. + +Gerade, al{\s} sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor. + +"`Gott ist mit un{\s}!"' sagte Rudolf. + +"`Glauben Sie denn an ihn?"' fragte sie. + +"`Galopp! Galopp!"' rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge. +Beide Tiere gehorchten. + +Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten de{\s} Pfade{\s} standen, +verfingen sich in Emma{\s} Steigb"ugel. Rudolf, der zur Linken +Emma{\s} ritt, b"uckte sich jede{\s}mal im Weiterreiten und +befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben +ihr hin, um "uberh"angende Zweige von ihr abzuwehren; dann f"uhlte +sie, wie sein rechte{\s} Knie ihr linke{\s} Bein ber"uhrte. + +Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt r"uhrte +sich. Sie kamen "uber weite Felder, ganz voll bl"uhenden +Heidekraut{\s}, und hie und da leuchteten unter dem grauen und +gelben und goldbraunen Bl"atterwerk der B"aume Flecke von wilden +Veilchen auf. Im Geb"usch regte sich "ofter{\s} leiser +Fl"ugelschlag. Leise kr"achzend flogen Raben um die Eichen. + +Sie sa"sen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm +vorau{\s}, den Weg weiter, "uber Moo{\s} in alten Wagenspuren. Ihr +lange{\s} Reitkleid erschwerte ihr da{\s} Gehen, obwohl sie e{\s} +mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er +sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln da{\s} +lockende Wei"s ihre{\s} Strumpfe{\s}, da{\s} er wie ein St"uck +Nacktheit empfand. + +Emma blieb stehen. + +"`Ich bin m"ude!"' sagte sie. + +"`Gehen wir weiter! Versuchen Sie e{\s}!"' bat er. "`Mut!"' + +Hundert Schritte weiter blieb sie abermal{\s} stehen. Der blaue +Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bi{\s} zu den H"uften +herabwallte, "ubergo"s ihr Gesicht mit bl"aulichem Licht. E{\s} +sah au{\s}, wie in da{\s} Blau de{\s} Himmel{\s} getaucht. + +"`Wohin gehen wir denn?"' + +Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und +bi"s sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in +der gef"allte Baumst"amme dalagen. Sie setzten sich beide auf +einen. + +Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht +durch "Uberschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst, +schwerm"utig. Sie h"orte ihm gesenkten Haupte{\s} zu, w"ahrend sie +mit der Spitze ihre{\s} Stiefel{\s} den Waldboden aufscharrte. +Aber bei dem Satze: + +"`Sind unsre beiden Leben{\s}pfade nunmehr nicht in einen +zusammengelaufen?"' unterbrach sie ihn: + +"`Nein! Da{\s} wissen Sie doch! E{\s} ist unm"oglich!"' + +Sie stand auf und wollte gehen. Er umfa"ste ihr Handgelenk, und so +blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht +schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig: + +"`Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zur"uck zu unsern +Pferden!"' + +Rudolf machte eine Bewegung zornigen "Arger{\s}. Sie wiederholte: + +"`Gehen wir zu unsern Pferden!"' + +Da l"achelte er seltsam und n"aherte sich ihr mit vorgestreckten +H"anden, zusammengebissenen Z"ahnen und starrem Blicke. Sie wich +zitternd zur"uck und stammelte: + +"`Ich f"urchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zur"uck!"' + +"`Wenn e{\s} sein mu"s!"' gab er zur Antwort. Sein +Gesicht{\s}au{\s}druck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, +z"artlich, sch"uchtern au{\s}. + +Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den R"uckweg an. + +"`Wa{\s} hatten Sie denn vorhin?"' fragte er. "`Wa{\s} war e{\s}? +Ich habe Sie nicht begriffen. Gewi"s haben Sie mich mi"sverstanden. +Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und +unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich mu"s Ihre +Augen sehen, Ihre Stimme h"oren, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie +meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!"' + +Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm +sanft zu entwinden, aber er lie"s sie nicht lo{\s}. So gingen sie +nebeneinander hin. Da h"orten sie ihre Pferde, die Bl"atter von +den B"aumen rupften. + +"`Noch nicht!"' bat Rudolf. "`Reiten wir noch nicht zur"uck! +Bleiben Sie!"' + +Er zog sie mit sich vom Wege ab in die N"ahe eine{\s} kleinen +Weiher{\s}, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen +Schilf tr"aumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Ger"ausch ihrer +Schritte im Gra{\s} h"upften die Fr"osche davon und verschwanden. + +"`E{\s} ist nicht recht von mir ... e{\s} ist nicht recht von mir! +Ich bin toll, da"s ich auf Sie h"ore!"' + +"`Warum? Emma! Emma!"' + +"`Ach, Rudolf!"' fl"usterte die junge Frau, indem sie sich an ihn +anschmiegte. + +Da{\s} Tuch ihre{\s} Jackett{\s} lag dicht am Samt seine{\s} +Rocke{\s}. Sie bog ihren wei"sen Hal{\s} zur"uck, den ein Seufzer +schwellte. Halb ohnm"achtig und tr"anen"uberstr"omt, die H"ande +auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich +ihm hin~... + +Die D"ammerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont +und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im +Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, al{\s} h"atten +Kolibri{\s} im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. +Ring{\s} tiefe{\s} Schweigen. Die B"aume atmeten s"u"se +Melancholie. + +Emma f"uhlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr da{\s} Blut +durch den K"orper kreiste. + +In der Ferne, hinter dem Walde, "uber der H"ohe ert"onte ein +langgezogener seltsamer Schrei, unaufh"orlich. Dem lauschte sie +schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen +ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik~... + +Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seine{\s} +Taschenmesser{\s} einen zerrissenen Z"ugel wieder her. + +Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zur"uck. Sie sahen im +weichen Boden die Spuren ihre{\s} Hinritte{\s}, die Huftritte +beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die B"usche wieder +und einzelne Steine am Rain. Nicht{\s} um sie herum hatte sich +ver"andert, und doch kam e{\s} Emma vor, al{\s} sei etwa{\s} +h"ochst Bedeutsame{\s} geschehen, al{\s} seien die Berge von ihrem +Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr +her"uber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu k"ussen. Er fand +Emma im Sattel ent\/z"uckend au{\s}sehend, bei ihrem geraden Sitz, +ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihre{\s} rechten +Knie{\s}, ihren von der scharfen Luft ger"oteten Wangen, -- +alle{\s} im Abendrot. + +Al{\s} sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal +machte e{\s} sogar kehrt. Au{\s} allen Fenstern sah man ihr zu. + +Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma s"ahe vorz"uglich +au{\s}. Al{\s} er sich aber darnach erkundigte, wie der +Spazierritt gewesen sei, tat sie, al{\s} h"atte sie die Frage +"uberh"ort. Sie st"utzte sich auf die Ellenbogen und starrte "uber +ihren Teller weg in die flackernden Kerzen. + +"`Emma!"' + +"`Wa{\s} denn?"' + +"`Wei"st du, ich bin heute nachmittag beim Pferdeh"andler gewesen. +Er hat eine recht gut au{\s}sehende alte Mutterstute zu verkaufen. +Die Knie sind nur ein bi"schen durch. Ich bin "uberzeugt, f"ur +hundert Taler~..."' Da sie nicht{\s} dazu sagte, fuhr er nach ein +paar Augenblicken fort: "`Ich habe gedacht, e{\s} sei dir +erw"unscht, und da habe ich mir den Gaul zur"uckstellen lassen ... +nein, gleich gekauft ... Ist{\s} dir recht? Sag mal!"' + +Sie nickte bejahend mit dem Kopfe. + +Eine Viertelstunde sp"ater fragte sie: + +"`Gehst du heute abend au{\s}?"' + +"`Ja. Warum denn?"' + +"`Ach, ich wollt e{\s} blo"s wissen, Bester!"' + +Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und +schlo"s sich ein. + +Sie war zun"achst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die +B"aume, die Wege, die Gr"aben, den Geliebten und f"uhlte seine +Umarmung. Da{\s} Laub wisperte um sie herum, und da{\s} Schilf +rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte +"uber ihr Au{\s}sehen. So gro"se schwarze Augen hatte sie noch nie +gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwa{\s} Unsagbare{\s} umflo"s +ihre Gestalt. Sie kam sich wie verkl"art vor. + +Immer wieder sagte sie sich: "`Ich habe einen Geliebten! Einen +Geliebten!"' + +Der Gedanke ent\/z"uckte sie. E{\s} war ihr, al{\s} sei sie jetzt +erst Weib geworden. Endlich waren die Liebe{\s}freuden auch f"ur +sie da, die fiebernde Gl"uckseligkeit, auf die sie bereit{\s} +keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt +eingetreten, in der alle{\s} Leidenschaft, Verz"uckung und Rausch +war. Blaue Unerme"slichkeit breitete sich ring{\s} um sie her, vor +ihrer Phantasie gl"anzte da{\s} Hochland der Gef"uhle, und fern, +tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen H"ohen, lag der Alltag. + +Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar +empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Ged"achtnisse mit den +Stimmen der Klosterschwestern. Ent\/z"uckende Kl"ange! Jene +Phantasiegesch"opfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer +M"adchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der +amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu da{\s} +Gef"uhl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt +triumphierte sie, und ihre so lange unterdr"uckte Sinnlichkeit +wallte nun auf und sch"aumte leben{\s}freudig "uber. Sie geno"s +ihre Liebe ohne Gewissen{\s}k"ampfe, ohne Nervosit"at, ohne +Wirrungen. + +Der Tag darauf verging in neuem s"u"sen Gl"uck. Sie schworen sich +ewige Treue. Emma erz"ahlte ihm von ihren Leiden und Tr"ubsalen. +Er unterbrach sie mit K"ussen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen +Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu +nennen und ihr noch einmal zu sagen, da"s er sie liebe. E{\s} war +wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherh"utte. Die +W"ande waren von Strohmatten und da{\s} Dach so niedrig, da"s man +drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie sa"sen dicht beieinander +auf einer Streu von trocknem Laub. + +Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelm"a"sig alle +Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn +unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach +f"uhrte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von +sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, wor"uber sie sich alle +Tage beklagte. + +Eine{\s} Morgen{\s}, da Karl bereit{\s} vor Sonnenaufgang +fortgegangen war, geriet sie pl"otzlich auf den Einfall, +unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufst"anden, +konnte sie nach der H"uchette gehen, eine Stunde dort verweilen +und wieder zur"uckkommen. Dieser Plan lie"s sie gar nicht recht +zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke sp"ater war sie schon +mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig +ihre{\s} Weg{\s}. + +Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie da{\s} Gut +de{\s} Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem +h"ochsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab. + +"Uber den Hof weg stand ein gro"se{\s} Geb"aude. Da{\s} mu"ste +da{\s} Herrenhau{\s} sein. Dort trat sie ein. E{\s} war ihr, +al{\s} "offnete sich ihr alle{\s} von selbst. Eine breite Treppe +f"uhrte auf einen Gang. Emma dr"uckte auf die Klinke einer T"ur, +und da erblickte sie im Hintergrunde diese{\s} Zimmer{\s} einen +Mann im Bett. E{\s} war Rudolf. Sie frohlockte laut. + +"`Du? Du!"' rief er au{\s}. "`Wie hast du da{\s} fertig gebracht? +Dein Kleid ist feucht~..."' + +"`Ich liebe dich!"' war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um +den Hal{\s} schlang. + +Nachdem ihr diese{\s} Wagni{\s} beim ersten Male gegl"uckt war, +kleidete sich Emma jede{\s}mal, wenn Karl fr"uhzeitig fort mu"ste, +rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere +Gartenpforte, auf dem Treppchen, da{\s} hinunter nach dem Bache +f"uhrte, au{\s} dem Hause. Aber wenn die Planke, die al{\s} Steg +"uber da{\s} Wasser diente, zuf"allig weggenommen war, mu"ste sie +ein St"uck bi{\s} zum n"achsten Steg an den Gartenmauern l"ang{\s} +de{\s} Bache{\s} hingehen. Die bewachsene B"oschung war steil und +glitschig, und so mu"ste sie sich mit der einen Hand an B"uscheln +der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann +aber eilte sie querfeldein "uber die "Acker, ungeachtet, da"s ihre +zierlichen Schuhe einsanken, da"s sie oft stolperte oder stecken +blieb. Da{\s} Chiffontuch, da{\s} sie sich um Kopf und Hal{\s} +gewunden hatte, flatterte im Winde. Au{\s} Angst vor den weidenden +Ochsen begann sie zu laufen. Atemlo{\s}, mit gl"uhenden Wangen, +ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer S"afte, ihre{\s} Gr"un{\s} +und der freien Luft durchtr"ankt, kam sie an. Rudolf schlief dann +meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der +leibhaftgewordene Fr"uhling{\s}morgen. + +Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten da{\s} eindringende +goldene Morgenlicht traulich und d"ammerig. Mit blinzelnden Augen +fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gew"andern +leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwa{\s} Feenhafte{\s}. +Rudolf zog sie lachend zu sich und dr"uckte sie an sein Herz. + +Darnach sah sie sich im Zimmer alle{\s} an, zog alle F"acher auf, +k"ammte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem +Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine gro"se Tabak{\s}pfeife in +den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und +Zuckerst"ucken, neben der Wasserflasche. + +Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma +vergo"s Tr"anen. Am liebsten w"are sie gar nicht wieder von ihm +weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von +neuem in seine Arme. + +Da eine{\s} Tage{\s}, al{\s} er sie unerwartet eintreten sah, +machte er ein bedenkliche{\s} Gesicht, al{\s} ob e{\s} ihm nicht +recht w"are. + +"`Wa{\s} hast du denn?"' fragte sie. "`Hast du Schmerzen? +Sprich!"' + +Schlie"slich erkl"arte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche +beg"onnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Allm"ahlich machten Rudolf{\s} Bef"urchtungen auf Emma Eindruck. +Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an +nicht{\s} andre{\s} gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu +einer Leben{\s}bedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr, +e{\s} k"onne ihr etwa{\s} davon verloren gehen oder man k"onne sie +ihr gar st"oren. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt +sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie sp"ahte nach allem, wa{\s} +sich im Gesicht{\s}kreise regte, sie suchte die H"auser de{\s} +Orte{\s} bi{\s} hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie +beobachte. Sie lauschte auf jede{\s} Ger"ausch, jeden Tritt, +jede{\s} R"adergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und +zittriger al{\s} da{\s} Laub der Pappeln, die sich "uber ihrem +Haupte wiegten. + +Eine{\s} Morgen{\s}, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem +Male den Lauf eine{\s} Gewehr{\s} auf sich gerichtet. E{\s} ragte +schr"ag "uber den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur H"alfte +in einem Graben stand und vom Geb"usch verdeckt wurde. Vor Schreck +halb ohnm"achtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann +au{\s} der Tonne wie ein Springteufel au{\s} seinem Kasten. Er +trug Wickelgamaschen bi{\s} an die Knie, und die M"utze hatte er +tief in{\s} Gesicht hereingezogen, so da"s man nur eine rote Nase +und bebende Lippen sah. E{\s} war der Feuerwehrhauptmann Binet, +der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schie"sen. + +"`Sie h"atten schon von weitem rufen sollen!"' schrie er ihr zu. +"`Wenn man ein Gewehr sieht, mu"s man sich bemerkbar machen!"' + +Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst +zu bem"anteln. E{\s} bestand n"amlich eine landr"atliche +Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne +au{\s} betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte +sich also Binet einer "Ubertretung schuldig. De{\s}halb schwebte +er in steter Furcht, der Landgendarm k"onne ihn erwischen, und +doch f"ugte die Aufregung seinem Vergn"ugen einen Reiz mehr zu. +Wenn er so einsam in seiner Tonne sa"s, war er stolz auf sein +Jagdgl"uck und seine Schlauheit. + +Al{\s} er erkannte, da"s e{\s} Frau Bovary war, fiel ihm ein +gro"ser Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespr"ach mit ihr. + +"`E{\s} ist kalt heute! Ordentlich kalt!"' + +Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort: + +"`Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?"' + +"`Jawohl!"' stotterte sie. "`Ich war bei den Leuten, wo mein Kind +ist..."' + +"`So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon +seit Morgengrauen hier. Aber da{\s} Wetter ist so ruppig, da"s man +auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt~..."' + +"`Adieu, Herr Binet!"' unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von +ihm ab. + +"`Ihr Diener, Frau Bovary!"' sagte er trocken und kroch wieder in +seine Tonne. + +Emma bereute e{\s}, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen +gelassen zu haben. Zweifello{\s} hegte er allerlei ihr nachteilige +Vermutungen. Auf eine d"ummere Au{\s}rede h"atte sie auch wirklich +nicht verfallen k"onnen, denn in ganz Yonville wu"ste man, da"s +da{\s} Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und +sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg f"uhrte +einzig und allein nach der H"uchette. Somit mu"ste Binet erraten, +wo Emma gewesen war. Sicherlich w"urde er nicht schweigen, sondern +e{\s} au{\s}klatschen! Bi{\s} zum Abend marterte sie sich ab, alle +m"oglichen L"ugen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit +seiner Jagdtasche vor Augen. + +Al{\s} Karl nach dem Essen merkte, da"s Emma bek"ummert war, +schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu "`Apotheker{\s}"' zu +gehen. + +Die erste Person, die sie schon von drau"sen in der Apotheke im +roten Lichte erblickte, war -- au{\s}gerechnet -- der +Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade: + +"`Ich m"ochte ein Lot Vitriol."' + +"`Justin,"' schrie der Apotheker, "`bring mir mal die Schwefels"aure +her!"' Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum +Zimmer von Frau Homai{\s} hinaufgehen wollte. + +"`Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden +Augenblick herunter. W"armen Sie sich inzwischen am Ofen ... +Entschuldigen Sie!"' Und zu Bovary sagte er: "`Guten Abend, +Doktor!"' Der Apotheker pflegte n"amlich diesen Titel mit einer +gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, al{\s} ob der Glanz, der +darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen w"urfe. "`Justin, +nimm dich aber in acht und wirf mir die M"orser nicht um! So! Und +nun holst du ein paar St"uhle au{\s} dem kleinen Zimmer! Aber +nicht etwa die Fauteuil{\s} au{\s} dem Salon! Verstanden?"' + +Homai{\s} wollte selber zu seinen Fauteuil{\s} st"urzen, aber +Binet bat noch um ein Lot Zuckers"aure. + +"`Zuckers"aure?"' fragte der Apotheker eingebildet. "`Kenne ich +nicht! Gibt e{\s} nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxals"aure? +Also Oxals"aure, nicht wahr?"' + +Der Steuereinnehmer setzte ihm au{\s}einander, da"s er nach einem +selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur +Reinigung von verrostetem Jagdger"at. + +Bei dem Wort "`Jagd"' schrak Emma zusammen. + +Der Apotheker versetzte: + +"`Gewi"s! Bei solch schlechtem Wetter braucht man da{\s}!"' + +"`E{\s} gibt aber doch Leute, die e{\s} nicht anficht!"' meinte +Binet bissig. + +Emma bekam keine Luft. + +"`Und dann m"ocht ich noch~..."' + +"`Will er denn ewig hier bleiben!"' seufzte sie bei sich. + +"`... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbe{\s} +Wach{\s} und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren +meine{\s} Lederzeug{\s}."' + +Der Apotheker wollte gerade da{\s} Wach{\s} abschneiden, al{\s} +seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, +und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Pl"usch +"uberzogene Fensterbank. Der Junge l"ummelte sich auf einen +niedrigen Sessel, w"ahrend sich seine "altere Schwester am Kasten +mit den Malzbonbon{\s} zu schaffen machte, in n"achster N"ahe von +"`Papachen"', der mit dem Trichter hantierte, die Fl"aschchen +verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alle{\s} zu einem +Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man h"orte nicht{\s}, +al{\s} von Zeit zu Zeit da{\s} Klappern der Gewichte auf der Wage +und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem +Lehrling erteilte. + +"`Wie geht{\s} Ihrem T"ochterchen?"' fragte pl"otzlich Frau +Homai{\s}. + +"`Ruhe!"' rief ihr Gatte, der den Betrag in da{\s} +Gesch"aft{\s}buch eintrug. + +"`Warum haben Sie{\s} nicht mitgebracht?"' fragte sie weiter. + +"`Sst! Sst!"' machte Emma und wie{\s} mit dem Daumen nach dem +Apotheker. + +Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht +darauf geh"ort zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stie"s Emma +einen lauten Seufzer au{\s}. + +"`Bi"schen asthmatisch?"' bemerkte Frau Homai{\s}. + +"`Ach nein, e{\s} ist nur recht hei"s hier!"' entgegnete Frau +Bovary. + +Alle{\s} da{\s} hatte zur Folge, da"s die Liebenden tag{\s} darauf +beschlossen, ihre Zusammenk"unfte ander{\s} einzurichten. Emma +schlug vor, ihr Hau{\s}m"adchen in{\s} Vertrauen zu ziehen und +durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt e{\s} f"ur +besser, in Yonville irgendein stille{\s} Winkelchen au{\s}findig +zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen. + +Den ganzen Winter "uber kam er drei- oder viermal in der Woche bei +Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schl"ussel zur +Hinterpforte gegeben, w"ahrend Karl glaubte, er sei verloren +gegangen. Zum Zeichen, da"s er da war, warf Rudolf jede{\s}mal +eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, +aber oft mu"ste sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, +am Kamine zu sitzen und in{\s} Endlose hinein zu plaudern. Emma +verging beinahe vor Ungeduld und w"unschte ihren Mann wer wei"s +wohin. Schlie"slich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann +nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, al{\s} sei da{\s} Buch +"uber alle Ma"sen fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief +ihr zu, sie solle auch schlafen gehn. + +"`Komm doch, Emma!"' rief er. "`E{\s} ist schon sp"at!"' + +"`Gleich! Gleich!"' erwiderte sie. + +Da{\s} Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und +schlief ein. Sie schl"upfte hinau{\s}, mit verhaltenem Atem, +l"achelnd, zitternd, halbnackt. + +Rudolf h"ullte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, +schlang die Arme um sie und zog sie wortlo{\s} hinter in den +Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie +dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Da{\s} war an +Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen +geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn. + +Durch die kahlen Zweige der Ja{\s}minb"usche funkelten die Sterne. +Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am +Ufer da{\s} vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte e{\s} sich +im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben +bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein +schwarze{\s} Unget"um auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu +erdr"ucken. + +In der K"alte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und +ihr Liebe{\s}gestammel um so inbr"unstiger. Ihre Augen, die sie +gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen gr"o"ser, und +in der Stille ring{\s}um bekamen ihre ganz leise gefl"usterten +Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und +zitterten in ihnen tausendfach wider. + +Wenn die Nacht regnerisch war, fl"uchteten sie in Karl{\s} +Sprechzimmer, da{\s} zwischen dem Wagenschuppen und dem +Pferdestall gelegen war. Emma z"undete eine K"uchenlampe an, die +sie hinter den B"uchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte +sich{\s} bequem, al{\s} sei er zu Hause. Der Anblick der +"`Bibliothek"', de{\s} Schreibtische{\s}, der ganzen Einrichtung +erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, "uber Karl +allerhand Witze zu machen, wa{\s} Emma ungern h"orte. Sie h"atte +ihn viel lieber ernst sehen m"ogen, ihretwegen theatralischer, wie +er e{\s} einmal gewesen war, al{\s} sie in der Pappelallee da{\s} +Ger"ausch von n"aherkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen +w"ahnten. + +"`E{\s} kommt jemand!"' sagte sie einmal. + +Er blie{\s} da{\s} Licht au{\s}. + +"`Hast du eine Pistole bei dir?"' + +"`Wozu?"' + +"`Damit du ... dich ... verteidigen kannst!"' + +"`Gegen deinen Mann? Der arme Junge!"' Dazu machte er eine +Geb"arde, die etwa sagen sollte: "`Der mag mir nur kommen!"' + +Dieser Mut ent\/z"uckte sie, wenngleich sie die Unzartheit und +urw"uchsige Roheit herau{\s}h"orte und dar"uber entsetzt war. + +Rudolf dachte viel "uber diese kleine Szene nach. + +"`Wenn da{\s} ihr Ernst war,"' sagte er sich, "`so war da{\s} +recht l"acherlich, sogar h"a"slich."' Er hatte doch wahrlich +keinen Anla"s, ihren gutm"utigen Mann zu hassen. Sozusagen "`von +Eifersucht verzehrt"', da{\s} war er nicht. "Uberdie{\s} hatte ihm +Emma ihre k"orperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, +der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. "Uberhaupt fing sie +an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit +ihr tauschen m"ussen, und sie hatten sich alle beide eine ganze +Handvoll Haare f"ur einander abgeschnitten, und jetzt w"unschte +sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen +ewiger Zusammengeh"origkeit. H"aufig schw"armte sie ihm von den +Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie +erz"ahlte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen +etwa{\s} wissen. Rudolf{\s} Mutter war schon zwanzig Jahre tot. +Trotzdem tr"ostete ihn Emma mit allerlei Koseworten der +Klein-Kindersprache, al{\s} ob e{\s} g"olte, ein Wickelkind zu +beruhigen. Mehr al{\s} einmal hatte sie, zu den Sternen +aufblickend, au{\s}gerufen: + +"`Ich glaube fest, da droben, unsre beiden M"utter segnen unsre +Liebe!"' + +Aber sie war so h"ubsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er +noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unz"uchtigkeiten war +ihm, der da{\s} Verdorbenste kannte, etwa{\s} ganz Neue{\s}, +da{\s} seinen Manne{\s}stolz und seine Sinnlichkeit verf"uhrerisch +umschmeichelte. Selbst Emma{\s} "Uberschwenglichkeiten, so zuwider +sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei n"aherer +Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so +sicher war, da"s er geliebt wurde, lie"s er sich gehen, und +allm"ahlich "anderte sich sein Benehmen. + +Nicht mehr wie einst hatte er f"ur sie jene s"u"sen Worte, die +Emma zu Tr"anen r"uhrten, nicht mehr die st"urmischen +Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam e{\s} ihr +vor, al{\s} ob der Strom ihrer eignen gro"sen Liebe, in der sie +v"ollig untergetaucht war, niedriger w"urde; sie sah gleichsam auf +den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntni{\s} schauderte sie, +und darum verdoppelte sie ihre Z"artlichkeiten. Rudolf indessen +verriet seine Gleichg"ultigkeit immer mehr. + +Emma war sich selber nicht klar dar"uber, ob sie e{\s} bereuen +m"usse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob e{\s} nicht besser +f"ur sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann +sie ihre Schwachheit al{\s} Schmach zu empfinden, und der Groll +dar"uber beeintr"achtigte ihr den sinnlichen Genu"s. Sie gab sich +ihm nicht mehr hin, sie lie"s sich jede{\s}mal von neuem +verf"uhren. Aber er meisterte sie, und sie f"urchtete sich beinahe +vor ihm. + +Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach au"sen ein harmlose{\s} +Gepr"age wie nie zuvor. Da{\s} war so recht nach Rudolf{\s} +Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, +al{\s} der Fr"uhling in{\s} Land kam, waren sie fast wie zwei +Eheleute zueinander, die ihre Liebe{\s}opfer an der gem"utlichen +Flamme de{\s} h"au{\s}lichen Herde{\s} bringen. + +Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie allj"ahrlich eine +Truthenne zur Erinnerung an da{\s} geheilte Bein. Mit der Gabe +kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem +er an den Korb gebunden war, und la{\s} die folgenden Zeilen: + +"`Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol +und i{\s} si so gut wi di fr"ueren. Mir komt sie n"amlig ein +bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, da{\s} n"achste mal +schik ich euch zur abwek{\s}lung mal einen Han oder wolt "ur liber +ein par junge un schikt mir den Korb zer"uk, bite un auch di +vorgen, ich hab Ungl"uk mit der r"omise gehabt der ihr Dach ist +mir neulig nacht{\s} bei dem grosen Sturm in die B"aume geflogen, +die ernte ist die{\s}mal nich besonder{\s} ber"umt. Kurz und gut +ich wei{\s} nicht wan ich zu euch zu besuch kome, da{\s} ist jez +so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine +arme Emma."' + +Hier war ein gro"ser Absatz, al{\s} ob der gute Mann seine Feder +hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu tr"aumen. + +"`Wa{\s} mich anbelangt so geht{\s} mir leidlig bi{\s} auf den +Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo +ich war, einen neuen Sch"afer zu mieten. Den alten hab ich n"amlig +nau{\s}geschmisen wegen seiner Grosen klape. E{\s} i{\s} wirklig +schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er "ubrigen{\s} auch. + +"`Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend +gekomen i{\s} und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich +vernomen da{\s} Karl imer feste ze tun hat. Da{\s} wundert mich +kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase +Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da +sagte er Nein aber im Stale h"ate er zwei G"aule stehn sehn +worau{\s} ich schlise da{\s} der kurkenhandel bei euch gut geht. +Da{\s} freut mich sehr meine liben Kinder der libe got m"og euch +ale{\s} m"oglige Gl"uk schenken. E{\s} tut mir s"or leid da{\s} +ich mein libe{\s} Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich +habe f"ur si unter deiner Stube ein Flaumenb"aumgen geflanzt. +Da{\s} sol nich anger"urt werden auser sp"ater um die Flaumen f"ur +Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si +komt krigt si imer welge. Adi"o libe Kinder. Ig k"use dich libe +Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide +Baken un verbleibe mit tausen Gr"usen euer euch \nopagebreak + +\hfill libender vater \hspace{7em}\nopagebreak + +\hfill Theodor Rouault."' \hspace{5em} + +Ein paar Minuten hielt sie da{\s} St"uck grobe{\s} Papier noch +nach dem Lesen in den H"anden. Die Verst"o"se gegen die +Rechtschreibung jagten sich in den v"aterlichen Zeilen nur so, +aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der +wie eine Henne au{\s} einer dicken Dornenhecke allenthalben +hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schrift\/z"uge +offenbar mit Herdasche getrocknet, denn au{\s} dem Briefe rieselte +eine Menge grauen Staube{\s} auf da{\s} Kleid der Leserin. Sie +glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er +sich nach dem Aschekasten b"uckte. Ach, wie lange war e{\s} schon +her, da"s sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich +wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie da{\s} Ende eine{\s} +Stecken{\s} an der gro"sen Flamme de{\s} Funken spr"uhenden +Ginsterreisig{\s} anbrennen lie"s. Und dann dachte sie zur"uck an +gewisse sonnendurchgl"uhte Sommerabende, wo die F"ullen so hell +aufwieherten, wenn man in ihre N"ahe kam, und dann +weggaloppierten. Diese drolligen Galoppspr"unge! Im Vaterhause, +unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren +die Bienen, wenn sie in der Sonne au{\s}schw"armten, gegen die +Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Da{\s} war doch +eigentlich eine gl"uckliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller +Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei +dem, wa{\s} sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen +den verschiedenen Abschnitten ihre{\s} Dasein{\s}, al{\s} +junge{\s} M"adchen, dann al{\s} Gattin, zuletzt al{\s} Geliebte. +Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der +auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein St"uck von seinen +Habseligkeiten liegen l"a"st. + +Aber warum war sie denn so ungl"ucklich? Wa{\s} war Bedeutsame{\s} +geschehen, da"s sie mit einem Male au{\s} allen Himmeln gest"urzt +war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam al{\s} suche +sie den Anla"s ihre{\s} Herzeleid{\s}. + +Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan de{\s} +Wandbrette{\s}. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hau{\s}schuhe +hindurch sp"urte sie den weichen Teppich. E{\s} war ein heller +Fr"uhling{\s}tag, und die Luft war lau. + +Da h"orte sie, wie ihr Kind drau"sen laut aufjauchzte. + +Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Da{\s} Kinderm"adchen +wollte sie am Kleide wieder in die H"ohe ziehen. Lestiboudoi{\s} +war dabei, den Rasen zu scheren. Jede{\s}mal, wenn er in die N"ahe +de{\s} Kinde{\s} kam, streckte e{\s} ihm beide "Armchen entgegen. + +"`Bring sie mir mal herein!"' rief sie dem M"adchen zu und ri"s +ihr T"ochterchen hastig an sich, um e{\s} zu k"ussen. "`Wie ich +dich liebe, mein arme{\s} Kind! Wie ich dich liebe!"' + +Al{\s} sie bemerkte, da"s e{\s} am Ohre etwa{\s} schmutzig war, +klingelte sie rasch und lie"s sich warme{\s} Wasser bringen. Sie +wusch die Kleine, zog ihr frische W"asche und reine Str"umpfe an. +Dabei tat sie tausend Fragen, wie e{\s} mit der Gesundheit der +Kleinen stehe, just al{\s} sei sie von einer Reise zur"uckgekehrt. +Schlie"slich k"u"ste sie sie noch einmal und gab sie tr"anenden +Auge{\s} dem M"adchen wieder. Felicie war ganz verdutzt "uber +diesen Z"artlichkeit{\s}anfall der Mutter. + +Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst. + +"`Eine vor"ubergehende Laune!"' tr"ostete er sich. + +Dreimal hintereinander vers"aumte er da{\s} Stelldichein. Al{\s} +er wieder erschien, behandelte sie ihn k"uhl, fast geringsch"atzig. + +"`Schade um die Zeit, mein Liebchen!"' meinte er. Und er tat so, +al{\s} merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch da{\s} +Taschentuch, da{\s} sie herau{\s}zog. + +Jetzt kam wirklich die Reue "uber sie. Sie fragte sich, au{\s} +welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob e{\s} nicht +besser gewesen w"are, wenn sie ihm treu h"atte bleiben k"onnen. +Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren +Gef"uhl{\s}wandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht +zuf"allig eine solche heraufbeschworen h"atte, w"are alle ihre +hingebung{\s}volle Anwandlung tatenlo{\s} geblieben. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Homai{\s} hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode, +Klumpf"u"se zu heilen, gelesen, und al{\s} Fortschrittler, der er +war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in +Yonville m"usse e{\s} strephopodische Operationen geben, damit +e{\s} auf der H"ohe der Kultur bleibe. + +"`Wa{\s} ist denn dabei zu ri{\s}kieren?"' fragte er Frau Bovary. +Er z"ahlte ihr die Vorteile eine{\s} solchen Versuche{\s} an den +Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung de{\s} +Kranken. Befreiung von einem Sch"onheit{\s}fehler. Bedeutende +Reklame f"ur den Operateur. "`Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht +beispiel{\s}weise den armen Hippolyt vom Goldnen L"owen kurieren? +Bedenken Sie, da"s er seine Heilung allen Reisenden erz"ahlen +w"urde. Und dann~..."' Der Apotheker begann zu fl"ustern und +blickte scheu um sich, "`... wa{\s} sollte mich daran hindern, +eine kleine Notiz dar"uber in die Zeitung zu bringen? Du mein +Gott! So ein Artikel wird "uberall gelesen ... man spricht davon +... schlie"slich wei"s e{\s} die ganze Welt. Au{\s} Schneeflocken +werden am Ende Lawinen! Und wer wei"s? Wer wei"s?"' + +Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar +keinen Anla"s, Karl{\s} chirurgische Geschicklichkeit zu +bezweifeln, und wa{\s} f"ur eine Befriedigung w"are e{\s} f"ur +sie, die geistige Urheberin eine{\s} Entschlusse{\s} zu sein, der +sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mu"ste. Sie verlangte +mehr al{\s} blo"s die Liebe diese{\s} Manne{\s}. + +Vom Apotheker und von seiner Frau best"urmt, lie"s sich Karl +"uberreden. Er bestellte sich in Rouen da{\s} Werk de{\s} +Doktor{\s} D"uval, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf +zwischen den H"anden, in diese Lekt"ure. W"ahrend er sich "uber +Pferdefu"sbildungen, Varu{\s} und Valgu{\s}, Strephocatopodie, +Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. "uber die verschiedenartigen +inneren und "au"serlichen Verkr"uppelungen de{\s} menschlichen +Fu"se{\s}), Strephypopodie und Strephanopodie (da{\s} sind +Fu"sleiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkr"uppelung um sich +greifen) unterrichtete, suchte Homai{\s} den Hau{\s}knecht vom +Goldnen L"owen mit allen Mitteln der "Uberredung{\s}kunst zur +Operation zu bewegen. + +"`Du wirst h"ochsten{\s} einen ganz leichten Schmerz sp"uren"', +sagte er zu ihm. "`E{\s} ist nicht{\s} weiter al{\s} ein Einstich +wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, al{\s} wenn du dir ein +H"uhnerauge schneiden l"a"st."' + +Hippolyt{\s} bl"ode Augen blickten unschl"ussig um sich. + +"`Im "ubrigen"', fuhr der Apotheker fort, "`kann mir{\s} +nat"urlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist e{\s}. Ich rate dir{\s} +nur au{\s} purer N"achstenliebe. Mein lieber Freund, ich m"ochte +dich gar zu gern von deinem scheu"slichen Hinkfu"s befreit sehen, +von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den H"uften. Du kannst +dagegen sagen, wa{\s} du willst: e{\s} st"ort dich in der +Au{\s}"ubung deine{\s} Beruf{\s} doch erheblich!"' + +Nun schilderte ihm Homai{\s}, wie frei und flott er sich nach +einer Operation werde bewegen k"onnen. Auch gab er ihm zu +verstehen, da"s er dann mehr Gl"uck bei den Weibern haben w"urde, +wor"uber der Bursche albern grinste. + +"`Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du h"attest doch +auch nicht kneifen k"onnen, wenn man dich zu den Soldaten +au{\s}gehoben und in den Krieg geschickt h"atte! Also Hippolyt!"' + +Homai{\s} wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei +ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den +Wohltaten der Wissenschaft derartig st"orrisch ent\/ziehen k"onne. + +Endlich gab der arme Schlucker nach. Da{\s} war ja die reine +Verschw"orung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemal{\s} um die +Angelegenheiten anderer k"ummerte, die L"owenwirtin, Artemisia, +die Nachbarn und selbst der B"urgermeister, alle drangen sie in +ihn, redeten ihm zu und machten ihn l"acherlich. Und wa{\s} +vollend{\s} den Au{\s}schlag gab: die Operation sollte ihm keinen +roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und +Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser +Generosit"at. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: +"`Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!"' + +Beraten vom Apotheker, lie"s Karl nach drei fehlgeschlagenen +Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe de{\s} Schlosser{\s} +eine Art Geh"ause anfertigen. E{\s} wog beinahe acht Pfund, und an +Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart +worden. + +Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mu"ste +zu\-n"achst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfu"s +hier vorlag. Hippolyt{\s} Fu"s setzte sich an sein Schienbein +nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. +E{\s} war also Pferdefu"s, verbunden mit etwa{\s} Varu{\s} oder, +ander{\s} au{\s}gedr"uckt, ein Fall leichten Varu{\s} mit starker +Neigung zu einem Pferdefu"s. + +Trotz diese{\s} Klumpfu"se{\s}, der in der Tat plump wie ein +Pferdehuf war und runzelige Haut, au{\s}ged"orrte Sehnen und dicke +Zehen mit schwarzen wie eisern au{\s}sehenden N"ageln hatte, war +der Kr"uppel von fr"uh bi{\s} abend munter wie ein Wiesel. Man sah +ihn unaufh"orlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. E{\s} hatte +sogar den Anschein, al{\s} sei sein mi"sratene{\s} Bein kr"aftiger +denn da{\s} gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf +im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Au{\s}dauer zu eigen +gemacht. + +An einem Pferdefu"s mu"s zun"achst die Achille{\s}sehne +durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmu{\s}kel. Eher +kann der Varu{\s} nicht beseitigt werden. Karl wagte e{\s} kaum, +beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er gro"se Angst, +einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse +waren mangelhaft. + +Ambrosiu{\s} Par\'e, der f"unfzehn Jahrhunderte nach Celsu{\s} die +erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, D"upuytren, +der e{\s} unternahm, einen Abs\/ze"s am Gehirn zu "offnen, +Gensoul, der al{\s} erster eine Oberkiefer-Abtragung +au{\s}f"uhrte, -- allen diesen hat sicherlich nicht so da{\s} Herz +geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewi"s nicht so +aufgeregt wie Bovary, al{\s} er Hippolyt unter sein Messer nahm. + +Im St"ubchen de{\s} Hau{\s}knecht{\s} sah e{\s} au{\s} wie in +einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie, +gewichste F"aden, Binden, alle{\s} wa{\s} in der Apotheke an +Verband{\s}zeug vorr"atig gewesen war. Homai{\s} hatte da{\s} +alle{\s} eigenh"andig vorbereitet, sowohl um die Leute zu +verbl"uffen al{\s} auch um sich selbst etwa{\s} vorzumachen. + +Karl f"uhrte den Einschnitt au{\s}. Ein platzende{\s} Ger"ausch. +Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet. + +Hippolyt war vor Erstaunen au"ser aller Fassung. Er nahm +Bovary{\s} H"ande und bedeckte sie mit K"ussen. + +"`Erst mal Ruhe!"' gebot der Apotheker. "`Die Dankbarkeit f"ur +deinen Wohlt"ater kannst du ja sp"ater bezeigen!"' + +Er ging hinunter, um da{\s} Ereigni{\s} den f"unf oder sech{\s} +Neugierigen mit\/zuteilen, die im Hofe herumstanden und sich +eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male +laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten da{\s} +Geh"ause an und begab sich sodann nach Hau{\s}, wo ihn Emma +angstvoll an der T"ure erwartete. Sie fiel ihm um den Hal{\s}. + +Sie setzten sich zu Tisch. Er a"s viel und verlangte zum Nachtisch +sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxu{\s} erlaubte er sich sonst +nur Sonntag{\s}, wenn ein Gast da war. + +Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gespr"achen und +gemeinsamem Pl"aneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Gl"ucke, +von der Hebung ihre{\s} Hau{\s}stande{\s}. Er sah seinen +"arztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe +seiner Frau immerdar w"ahren. Und sie, sie f"uhlte sich begl"uckt +und verj"ungt, ges"under und besser in ihrer wiedererstandenen +leisen Zuneigung f"ur diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. +Fl"uchtig scho"s ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber +ihre Augen ruhten al{\s}bald wieder auf Karl, und dabei bemerkte +sie erstaunt, da"s seine Z"ahne eigentlich gar nicht h"a"slich +waren. + +Sie waren bereit{\s} zu Bett, al{\s} Homai{\s} trotz der Abwehr +de{\s} M"adchen{\s} pl"otzlich in{\s} Zimmer trat, in der Hand ein +frisch beschriebene{\s} St"uck Papier. E{\s} war der +Reklame-Aufsatz, den er f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' verfa"st +hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben. + +"`Lesen Sie ihn vor!"' bat Bovary. + +Der Apotheker tat e{\s}: + +\begin{quotation}\noindent +"`Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europ"aer noch +immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt e{\s} in unserer +Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser St"adtchen Yonville +der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel +edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer +angesehensten praktischen "Arzte,~..."' +\end{quotation} + +"`Ach, da{\s} ist zu viel! Da{\s} ist zu viel!"' unterbrach ihn +Karl, vor Erregung tief atmend. + +"`Aber durchau{\s} nicht! Wieso denn?"' + +Er la{\s} weiter: + +\begin{quotation}\noindent +"`... hat den verkr"uppelten Fu"s~..."' +\end{quotation} + +Er unterbrach sich selbst: + +"`Ich habe hier absichtlich den \begin{antiqua}terminus +technicus\end{antiqua} vermieden, wissen Sie! In einer +Tage{\s}zeitung mu"s alle{\s} gemeinverst"andlich sein ... die +gro"se Masse~..."' + +"`Sehr richtig!"' meinte Bovary. "`Bitte fahren Sie fort!"' + +"`Ich wiederhole: + +\begin{quotation}\noindent +Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen "Arzte, +hat den verkr"uppelten Fu"s eine{\s} gewissen Hippolyt Tautain +operiert, de{\s} langj"ahrigen Hau{\s}knecht{\s} im Hotel zum +Goldnen L"owen der verwitweten Frau Franz am Markt. Da{\s} +aktuelle Ereigni{\s} und da{\s} allgemeine Interesse an der +Operation hatten eine derartig gro"se Volk{\s}menge angezogen, +da"s der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mu"ste. Die +Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Blutergu"s trat +so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blut{\s}tropfen verrieten, +da"s ein hartn"ackige{\s} Leiden endlich der Macht der +Wissenschaft wich. Der Kranke versp"urte dabei erstaunlicherweise +-- wie der Berichterstatter al{\s} Augenzeuge versichern darf -- +nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand l"a"st bi{\s} jetzt +nicht{\s} zu w"unschen "ubrig. Allem Daf"urhalten nach wird die +vollst"andige Heilung rasch erfolgen, und wer wei"s, ob der brave +Hippolyt nicht bei der kommenden Kirme{\s} mit den flotten +Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch +muntere Spr"unge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen +Gelehrten, Ehre den unerm"udlichen Geistern, die ihre N"achte der +Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen! + +Der Tag wird noch kommen, wo verk"undet werden wird, da"s die +Blinden sehen, die Tauben h"oren und die Lahmen gehen! Wa{\s} der +kirchliche Aberglaube ehedem nur den Au{\s}erw"ahlten versprach, +schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden +unsere verehrten Leser "uber den weiteren Verlauf dieser so +ungemein merkw"urdigen Kur auf dem laufenden erhalten."' +\end{quotation} + +Trotz alledem kam f"unf Tage darauf die L"owenwirtin ganz +verst"ort gelaufen und rief: + +"`Zu Hilfe! Er stirbt! Ich wei"s nicht, wa{\s} ich machen soll!"' + +Karl rannte Hal{\s} "uber Kopf nach dem Goldnen L"owen, und der +Apotheker, der den Arzt so "uber den Markt st"urmen sah, verlie"s +sofort im blo"sen Kopfe seinen Laden. Atemlo{\s}, aufgeregt und +mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem +er auf der Treppe begegnete: + +"`Na, wa{\s} macht denn unser interessanter Strephopode?"' + +Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so da"s +da{\s} Ge\-h"ause, in da{\s} sein Bein eingezw"angt war, gegen +die Wand geschlagen ward und ent\/zwei zu gehen drohte. + +Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage de{\s} Fu"se{\s} nicht +zu verschieben, entfernte man da{\s} Holzgeh"ause. Und nun bot +sich ein gr"a"slicher Anblick dar. Die Form de{\s} Fu"se{\s} war +unter einer derartigen Schwellung verschwunden, da"s e{\s} +au{\s}sah, al{\s} platze demn"achst die ganze Haut. Diese war +blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die da{\s} famose +Geh"ause verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an "uber +Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angeh"ort. Nachdem man +nunmehr einsah, da"s er im Rechte gewesen war, g"onnte man ihm ein +paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig +zur"uckgegangen war, hielten e{\s} die beiden Heilk"unstler f"ur +angebracht, da{\s} Bein wieder einzuschienen und e{\s} noch fester +einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen. + +Aber nach drei Tagen vermochte e{\s} Hippolyt nicht mehr +au{\s}zuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermal{\s} ab und war +h"ochst "uber da{\s} verwundert, wa{\s} sich nunmehr +herau{\s}stellte. Die schw"arzlichblau gewordene Schwellung +erstreckte sich "uber da{\s} ganze Bein, da{\s} ganz voller Blasen +war; eine dunkle Fl"ussigkeit sonderte sich ab. Man wurde +bedenklich. + +Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz lie"s ihn in +die kleine Gaststube bringen neben der K"uche, damit er +wenigsten{\s} etwa{\s} Zerstreuung h"atte. Aber der Steuereinnehmer, +der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich "uber diese +Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in da{\s} +Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken, +bla"s, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte +er seinen in Schwei"s gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen +hin und her, wenn ihn die Fliegen qu"alten. + +Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den +Umschl"agen, tr"ostete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst +fehlte e{\s} ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, +wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen +herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten. + +"`Wie geht dir{\s} denn?"' fragten sie ihn und klopften ihm auf +die Schulter. "`So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist +aber selber schuld daran!"' Er h"atte die{\s} oder jene{\s} machen +sollen. Sie erz"ahlten ihm von Leuten, die durch ganz andere +Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren +Trost meinten sie: + +"`Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du l"a"st dich wie +ein F"urst verh"atscheln! Da{\s} ist Unsinn, alter Schlaumeier! +Und besonder{\s} gut riechst du auch nicht!"' + +Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast +selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke. +Hippolyt sah ihn mit angsterf"ullten Augen an. Schluchzend +stammelte er: + +"`Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, +helfen Sie mir! Ich bin so ungl"ucklich, so ungl"ucklich!"' + +Bovary schrieb ihm alle Tage vor, wa{\s} er essen solle. Dann +verlie"s er ihn. + +"`H"or nur gar nicht auf ihn, mein Junge!"' meinte die +L"owenwirtin. "`Sie haben dich schon gerade genug geschunden! +Da{\s} macht dich blo"s immer noch schw"acher! Da, trink!"' + +Sie gab ihm hin und wieder Fleischbr"uhe, ein St"uck Hammelkeule, +Speck und manchmal ein Gl"aschen Schnap{\s}, den er kaum an seine +Lippen zu bringen wagte. + +Abb\'e Bournisien, der geh"ort hatte, da"s e{\s} Hippolyt +schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber +erkl"arte er, in gewisser Beziehung m"usse sich der Kranke freuen, +denn e{\s} sei de{\s} Herrn Wille, der ihm Gelegenheit g"abe, sich +mit dem Himmel zu vers"ohnen. + +"`Siehst du,"' sagte der Priester in v"aterlichem Tone, "`du hast +deine Pflichten recht vernachl"assigt! Man hat dich selten in der +Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du da{\s} heilige +Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, da"s deine Besch"aftigung +und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, f"ur dein +Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist e{\s} an der Zeit, da"s du +dich darum k"ummerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe gro"se +S"under gekannt, die, kurz ehe sie vor Gotte{\s} Thron traten, (du +bist noch nicht so weit, da{\s} wei"s ich wohl!) seine Gnade +erfleht haben; sie sind ohne Verdammni{\s} gestorben! Hoffen wir, +da"s auch du un{\s} gleich ihnen ein gute{\s} Beispiel gibst! +Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgen{\s} ein +Ave-Maria und abend{\s} ein Paternoster zu beten! Ja, tue da{\s}! +Mir zuliebe! Wa{\s} kostet dich da{\s}? Willst du mir da{\s} +versprechen?"' + +Der arme Teufel gelobte e{\s}. Tag f"ur Tag kam der Seelsorger +wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bi{\s}weilen +erz"ahlte er den beiden sogar Anekdoten, Sp"a"se und faule Witze, +die Hippolyt allerding{\s} nicht verstand. Aber bei jeder +Gelegenheit kam er auf religi"ose Dinge zu sprechen, wobei er +jede{\s}mal eine salbung{\s}volle Miene annahm. + +Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. E{\s} dauerte nicht +lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt +nach Bon-Secour{\s} zu unternehmen, wenn er wieder gesund w"urde, +worauf der Priester entgegnete, da{\s} sei nicht "ubel. Doppelt +gen"aht halte besser. Er ri{\s}kiere ja dabei nicht{\s}. + +Der Apotheker war emp"ort "uber "`diese Pfaffenschliche"', wie er +sich au{\s}dr"uckte. Er behauptete, da{\s} verz"ogre die Genesung +de{\s} Hau{\s}knecht{\s} nur. + +"`La"st ihn doch nur in Ruhe!"' sagte er zur L"owenwirtin. "`Mit +euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!"' + +Aber die gute Frau wollte davon nicht{\s} h"oren. Er und kein +anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein +au{\s} Widerspruch{\s}geist hing sie dem Kranken zu H"aupten einen +Weihwasserkessel und einen Buch{\s}baumzweig auf. + +Allerding{\s} n"utzten offenbar weder der kirchliche noch der +chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom +Beine weiter in den K"orper hinauf. Man versuchte immer neue +Salben und Pflaster, aber der Fu"s wurde immer brandiger, und +schlie"slich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, +al{\s} Mutter Franz ihn fragte, ob man angesicht{\s} dieser +hoffnung{\s}losen Lage nicht den Doktor Canivet au{\s} +Neufch\^atel kommen lassen solle, der doch weitber"uhmt sei. + +Canivet war Doktor der Medizin, f"unfzig Jahre alt, ebenso +wohlhabend wie selbstbewu"st. Er kam und entbl"odete sich nicht, +"uber den Kollegen geringsch"atzig zu l"acheln, al{\s} er da{\s} +bi{\s} an da{\s} Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann +erkl"arte er, da{\s} Glied m"usse amputiert werden. + +Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen "`die Esel, die +da{\s} arme Luder so zugerichtet"' h"atten. Er fa"ste Homai{\s} am +Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke: + +"`Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die +Herren Gelehrten der Weltstadt nun au{\s}! Genau so steht e{\s} +mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Bet"aubungen, +Blaseneingriffen! Da{\s} ist alle{\s} Kapitalunfug gegen den sich +der Staat in{\s} Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen blo"s +immer wa{\s} zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten +Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber, +wir sind r"uckst"andig. Wir sind keine Gelehrten, keine +Zauberk"unstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxi{\s}, wir +heilen lumpige Krankheiten, aber e{\s} f"allt un{\s} nicht ein, +Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpf"u"se gerade +zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso k"onnte man auch einem Buckligen +seinen H"ocker abhobeln wollen!"' + +Homai{\s} war bei diesem Ergu"s gar nicht besonder{\s} wohl +zumute, aber er verbarg sein Mi"sbehagen hinter einem +verbindlichen L"acheln. Er mu"ste mit Canivet auf gutem Fu"se +bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend "ofter{\s} +konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab. +Au{\s} diesem Grunde h"utete er sich, f"ur Bovary einzutreten. Er +vermuckste sich nicht, lie"s Grunds"atze Grunds"atze sein und +opferte seine W"urde den ihm wichtigeren Interessen seine{\s} +Gesch"aft{\s}. + +Die Amputation de{\s} Beine{\s}, die der Doktor Canivet +au{\s}f"uhrte, war f"ur den ganzen Ort ein wichtige{\s} +Ereigni{\s}. Fr"uhzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und +die Hauptstra"se war voller Menschen, die allesamt etwa{\s} +Tr"ubselige{\s} an sich hatten, al{\s} solle eine Hinrichtung +stattfinden. Im Laden de{\s} Kr"amer{\s} stritt man sich "uber +Hippolyt{\s} Krankheit. An{\s} Kaufen dachte niemand. Und Frau +T"uvache, die Gattin de{\s} B"urgermeister{\s}, lag vom fr"uhen +Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der +Operateur ank"ame. + +Er kam in seinem W"agelchen angefahren, da{\s} er selber +kutschierte. Durch die Last seine{\s} K"orper{\s} war die rechte +Feder de{\s} Gef"ahrt{\s} derartig niedergedr"uckt, da"s der +Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster +stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschl"osser +pr"achtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bi{\s} vor die +kleine Freitreppe de{\s} Goldnen L"owen. Mit lauter Stimme befahl +er, da{\s} Pferd au{\s}zuspannen. Er ging mit in den Stall und +"uberzeugte sich, da"s der Gaul ordentlich Hafer gesch"uttet +bekam. E{\s} war seine Gewohnheit, da"s er sich immer zuerst +seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt de{\s}halb im +Munde der Leute f"ur einen "`Pferdejockel"'. Aber gerade weil er +sich darin unabbringbar gleichblieb, sch"atzte man ihn um so mehr. +Und wenn der letzte Mensch auf Gotte{\s} ganzem Erdboden in den +letzten Z"ugen gelegen h"atte: Doktor Canivet w"are zun"achst +seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen. + +Homai{\s} stellte sich ein. + +"`Ich rechne auf Ihre Unterst"utzung!"' sagte der Chirurg. "`Ist +alle{\s} bereit? Na, dann kann{\s} lo{\s}gehen!"' + +Der Apotheker gestand err"otend ein, da"s er zu empfindlich sei, +um einer solchen Operation assistieren zu k"onnen. "`Al{\s} +passiver Zuschauer"', sagte er, "`greift einen so wa{\s} doppelt +an. Meine Nerven sind so herunter~..."' + +"`Quatsch!"' unterbrach ihn Canivet. "`Mir machen Sie vielmehr den +Eindruck, al{\s} solle Sie demn"achst der Schlag r"uhren. +"Ubrigen{\s} kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von fr"uh +bi{\s} abend{\s} in Eurer Giftbude. Da{\s} mu"s sich ja +schlie"slich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag +f"ur Tag stehe ich vier Uhr morgen{\s} auf, wasche mich mit +ei{\s}kaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden +gibt{\s} f"ur mich nicht, da{\s} Zipperlein kriege ich nicht, und +mein Magen ist mord{\s}gesund. Dabei lebe ich heute so und morgen +so, wie mir{\s} gerade einf"allt, aber immer al{\s} +Leben{\s}k"unstler! Und de{\s}halb bin ich auch nicht so +zimperlich wie Sie. E{\s} ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn +oder einem christlichen Individuum da{\s} Bein abschneide. Sie +haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheit{\s}tier. +Sehr richtig! E{\s} ist alle{\s} blo"s Gewohnheit~..."' + +Ohne irgendwelche R"ucksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem +Lager vor Angst schwitzte, f"uhrten die beiden ihre Unterhaltung +in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltbl"utigkeit +eine{\s} Chirurgen mit der eine{\s} Feldherrn. Durch diesen +Vergleich geschmeichelt, lie"s sich Canivet de{\s} l"angeren "uber +die Erfordernisse seiner Kunst au{\s}. Der Beruf de{\s} Arzte{\s} +sei ein Priesteramt, und wer e{\s} nicht al{\s} da{\s}, sondern +al{\s} gemeine{\s} Handwerk au{\s}"ube, der sei ein +Heiligtumsch"ander. + +Endlich erinnerte er sich de{\s} Patienten und begann da{\s} von +Homai{\s} gelieferte Verband{\s}zeug zu pr"ufen. E{\s} war +dasselbe, da{\s} bereit{\s} bei der ersten Operation zur Stelle +gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der da{\s} Bein +festhalten k"onne. Lestiboudoi{\s} ward geholt. + +Der Doktor zog den Rock au{\s}, streifte sich die Hemd{\s}"armel +hoch und begab sich in da{\s} Billardzimmer, w"ahrend der +Apotheker in die K"uche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia +neugierig und "angstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen +waren wei"ser al{\s} ihre Sch"urzen. + +W"ahrenddessen wagte sich Bovary nicht au{\s} seinem Hause +herau{\s}. Er sa"s unten in der Gro"sen Stube, zusammengeduckt und +die H"ande gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer +brannte, und starrte vor sich hin. "`Welch ein Mi"sgeschick!"' +seufzte er. "`Wa{\s} f"ur eine gro"se Entt"auschung!"' Er hatte +doch alle denkbaren Vorsicht{\s}ma"sregeln getroffen, und doch war +der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu "andern! +Wenn Hippolyt noch st"urbe, dann w"are er schuld daran! Und wa{\s} +sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten? +Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er +wu"ste doch selber keinen, so sehr er auch dar"uber nachsann. Die +ber"uhmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber da{\s} wird +kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur au{\s}lachen und in +Verruf bringen. Die Sache wird bi{\s} Forge{\s} ruchbar werden, +bi{\s} Neufch\^atel, bi{\s} Rouen und noch weiter! Vielleicht +w"urde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn ver"offentlichen, +dem dann eine Polemik folgte, die ihn zw"ange, in den Zeitungen +eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt k"onnte auf Schadenersatz +klagen. + +Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von +tausend Bef"urchtungen best"urmte Phantasie schwankte hin und her +wie eine leere Tonne auf den Wogen de{\s} Meere{\s}. + +Emma sa"s ihm gegen"uber und beobachtete ihn. An seine Dem"utigung +dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie +hatte sie sich nur einbilden k"onnen, da"s sich ein Mann seine{\s} +Schlage{\s} zu einer Leistung aufschw"ange, wo sich seine +Unf"ahigkeit doch schon mehr al{\s} ein dutzendmal erwiesen hatte! + +Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten. + +"`Setz dich doch!"' sagte sie. "`Du machst mich noch ganz +verr"uckt!"' + +Er tat e{\s}. + +Wie hatte sie e{\s} nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug +war! --, da"s sie sich abermal{\s} so get"auscht hatte? Aber ja, +ihr ganzer Leben{\s}pfad war doch fortw"ahrend durch da{\s} +traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! +Sie rief sich alle{\s} einzeln in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uck: +ihren unbefriedigten Hang zum Leben{\s}genu"s, die Einsamkeit +ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihre{\s} +Hau{\s}stande{\s}, ihre Tr"aume und Illusionen, die in den Sumpf +hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an +alle{\s} da{\s}, wa{\s} sie sich ersehnt, an alle{\s}, wa{\s} sie +von sich gewiesen, an alle{\s}, wa{\s} sie h"atte haben k"onnen! +Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn +alle{\s} so? Warum? + +Da{\s} St"adtchen lag in tiefer Ruhe. Pl"otzlich erscholl ein +herzzerrei"sender Schrei. Bovary ward bla"s und beinahe ohnm"achtig. +Emma zuckte nerv"o{\s} mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr +nicht{\s} mehr anzusehen. + +Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und +ohne Feingef"uhl! Da sa"s er, stumpfsinnig und ohne Verst"andni{\s} +daf"ur, da"s er nicht nur seinen Namen l"acherlich und ehrlo{\s} +gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren +Namen! Und sie, sie hatte sich solche M"uhe gegeben, ihn zu lieben! +Hatte unter Tr"anen bereut, da"s sie ihm untreu geworden war! + +"`Vielleicht war e{\s} ein Valgu{\s}?"' rief Karl pl"otzlich laut +au{\s}. Da{\s} war da{\s} Ergebni{\s} seine{\s} Nachsinnen{\s}. + +Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Au{\s}ruf den Gedanken +Emma{\s} versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne +Platte --, hob sie erschrocken ihr Haupt. Wa{\s} wollte er damit +sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam +erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich +seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick +eine{\s} Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den +verhallenden Schreien de{\s} Amputierten. Der heulte in +langgedehnten T"onen, die ab und zu von grellem Gebr"ull +unterbrochen wurden. Alle{\s} da{\s} klang wie da{\s} ferne +Gejammer eine{\s} Tiere{\s}, da{\s} man schlachtet. Emma bi"s sich +auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer +Blume, die sie zerpfl"uckt hatte, und ihre hei"sen Blicke trafen +ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alle{\s} an ihm; sein +Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja +seine Existenz. Wie "uber ein Verbrechen empfand sie darob Reue, +da"s sie ihm so lange treu geblieben, und wa{\s} noch von +Anh"anglichkeit "ubrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen +ihre{\s} Ingrimm{\s} auf. Mit wilder Schadenfreude geno"s sie den +Siege{\s}jubel "uber ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie +de{\s} Geliebten und f"uhlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein +Bild ent\/z"uckte und verf"uhrte sie in Gedanken abermal{\s}. Sie +gab ihm ihre ganze Seele. E{\s} war ihr, al{\s} sei Karl au{\s} +ihrem Leben herau{\s}gerissen, f"ur immer entfremdet, unm"oglich +geworden, au{\s}getilgt. Al{\s} sei er gestorben, nachdem er vor +ihren Augen den Tode{\s}kampf gek"ampft hatte. Vom Trottoir her +drang da{\s} Ger"ausch von Tritten herauf. Karl ging an da{\s} +Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor +Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte +sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt +Homai{\s}, die gro"se rote Reisetasche in der Hand. Beide +steuerten auf die Apotheke zu. + +In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebe{\s}bed"urfni{\s} +n"aherte sich Karl seiner Frau: + +"`Gib mir einen Ku"s, Geliebte!"' + +"`La"s mich!"' wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn. + +"`Wa{\s} hast du denn? Wa{\s} ist dir?"' fragte er betroffen. +"`Sei doch ruhig! "Argere dich nicht! Du wei"st ja, wie sehr ich +dich liebe! Komm!"' + +"`Weg!"' rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie st"urzte au{\s} dem +Zimmer, wobei sie die T"ur so heftig hinter sich zuschlug, da"s +da{\s} Barometer von der Wand fiel und in St"ucke ging. + +Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er dar"uber nach, +wa{\s} sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer +Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgef"uhl von +etwa{\s} Unheilvollem, Unfa"sbarem. + +Al{\s} Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er +seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe +sitzen und auf ihn warten. Sie k"u"sten sich, und all ihr "Arger +schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zw"olfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage. +Sie winkte sich Justin durch da{\s} Fenster her. Der legte schnell +seine Arbeit{\s}sch"urze ab und trabte nach der H"uchette. Rudolf +kam al{\s}bald. Sie hatte ihm nicht{\s} zu sagen, al{\s} da"s sie +sich langweile, da"s ihr Mann gr"a"slich sei und ihr Dasein +schrecklich. + +"`Kann ich da{\s} "andern?"' rief er einmal ungeduldig au{\s}. + +"`Ja, wenn du wolltest!"' + +Sie sa"s auf dem Fu"sboden zwischen seinen Knien, mit aufgel"ostem +Haar und traumverlorenem Blick. + +"`Wieso?"' fragte er. + +Sie seufzte. + +"`Wir m"ussen irgendwo ander{\s} ein neue{\s} Leben beginnen ... +weit weg von hier~..."' + +"`Ein toller Einfall!"' lachte er. "`Unm"oglich!"' + +Sie kam immer wieder darauf zur"uck. Er tat so, al{\s} sei ihm +da{\s} unverst"andlich, und begann von etwa{\s} anderm zu +sprechen. + +Wa{\s} Rudolf in der Tat nicht begriff, da{\s} war ihr ganze{\s} +aufgeregte{\s} Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. +Sie m"usse dazu doch Anla"s haben, Motive. Sie klammere sich doch +an ihn, al{\s} ob sie bei ihm Hilfe suche. + +Wirklich wuch{\s} ihre Z"artlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu +Tag im gleichen Ma"se, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann +verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr +verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unertr"aglich vor, +seine H"ande nie so vierschr"otig, sein Geist nie so +schwerf"allig, seine Manieren nie so gew"ohnlich, al{\s} wenn sie +nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. +Sie bildete sich ein, sie sei Rudolf{\s} Frau, seine treue Gattin. +Immerw"ahrend tr"aumte sie von seinem dunklen welligen Haar, +seiner braunen Stirn, seiner kr"aftigen und doch eleganten +Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so +leidenschaftlichen Menschen. Nur f"ur ihn pflegte sie ihre N"agel +mit der Sorgfalt eine{\s} Ziseleur{\s}, f"ur ihn verschwendete sie +eine Unmenge von Coldcream f"ur ihre Haut und von Peau d'E{\s}pagne +f"ur ihre W"asche. Sie "uberlud sich mit Armb"andern, Ringen und +Hal{\s}ketten. Wenn sie ihn erwartete, f"ullte sie ihre gro"sen +blauen Gla{\s}vasen mit Rosen und schm"uckte ihr Zimmer und sich +selber wie eine Kurtisane, die einen F"ursten erwartet. Felicie +wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte +sie in ihrer K"uche. + +Justin leistete ihr h"aufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer +Arbeit zu. Die Ellenbogen auf da{\s} lange B"ugelbrett gest"utzt, +auf dem sie pl"attete, betrachtete er l"ustern alle die um ihn +herum aufgeschichtete Damenw"asche, die Pikee-Unterr"ocke, die +Spitzent"ucher, die Hal{\s}kragen, die breith"uftigen Unterhosen. + +"`Wozu hat man da{\s} alle{\s}?"' fragte der Bursche, indem er mit +der Hand "uber einen der Reifr"ocke strich. + +"`Hast du sowa{\s} noch niegesehen?"' Felicie lachte. "`Deine +Herrin, Frau Homai{\s}, hat da{\s} doch auch!"' + +"`So? Die Frau Homai{\s}!"' Er sann nach. "`Ist sie denn eine Dame +wie die Frau Doktor?"' + +Felicie liebte e{\s} gar nicht, wenn er sie so umschn"uffelte. Sie +war drei Jahre "alter al{\s} er, und "ubrigen{\s} machte ihr +Theodor, der Diener de{\s} Notar{\s}, neuerding{\s} den Hof. + +"`La"s mich in Ruhe!"' sagte sie und stellte den St"arketopf +beiseite. "`Scher dich lieber an \so{deine} Arbeit! Sto"s deine +Mandeln! Immer mu"st du an irgendeiner Sch"urze h"angen! Eh du +dich damit befa"st, la"s dir mal erst die Stoppeln unter der Nase +wachsen, du Knirp{\s}, du nicht{\s}n"utziger!"' + +"`Ach, seien Sie doch nicht gleich b"o{\s}! Ich putze Ihnen auch +die Schuhe f"ur die Frau Doktor!"' + +Alsobald machte er sich "uber ein Paar von Frau Bovary{\s} Schuhen +her, die in der K"uche standen. Sie waren "uber und "uber mit +eingetrocknetem Stra"senschmutz bedeckt -- vom letzten +Stelldichein her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo +gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin +betrachtete sie sich. + +"`Hab nur keine Angst! Die gehen nicht ent\/zwei!"' sagte Felicie, +die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt +anwandte, weil die Herrin sie ihr "uberlie"s, sobald sie nicht +mehr tadello{\s} au{\s}sahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in +ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber +Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen. + +So gab er auch dreihundert Franken f"ur ein h"olzerne{\s} Bein +au{\s}, da{\s} Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen +m"usse. Die Fl"ache, mit der e{\s} anlag, war mit Kork "uberzogen. +E{\s} hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und +Schuh verdeckten e{\s} vollkommen. Hippolyt wagte e{\s} indessen +nicht in den Alltag{\s}gebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm +noch ein andere{\s}, einfachere{\s} zu besorgen. Wohl oder "ubel +mu"ste der Arzt auch diese Au{\s}gabe tragen. Nun konnte der +Hau{\s}knecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah +man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den +harten Anschlag de{\s} Stelzfu"se{\s} auf dem Pflaster vernahm, +schlug er schnell einen anderen Weg ein. + +Lheureux, der Modewarenh"andler, hatte da{\s} Holzbein besorgt. +Da{\s} gab ihm Gelegenheit, Emma h"aufig aufzusuchen. Er plauderte +mit ihr "uber die neuesten Pariser Moden und "uber tausend Dinge, +die Frauen interessieren. Dabei war er immer "au"serst gef"allig +und forderte niemal{\s} bare Bezahlung. Alle Launen und Einf"alle +Emma{\s} wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie +Rudolf einen sehr sch"onen Reitstock schenken, den sie in Rouen in +einem Schirmgesch"aft gesehen hatte. Eine Woche sp"ater legte +Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber +"uberreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von +zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centime{\s}. Emma +war in der gr"obsten Verlegenheit. Die Kasse war leer. +Lestiboudoi{\s} hatte noch Lohn f"ur vierzehn Tage zu bekommen, +Felicie f"ur acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer +Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang +de{\s} Honorar{\s} von Herrn Derozeray{\s}, da{\s} allj"ahrlich +gegen Ende Oktober einzugehen pflegte. + +Ein paar Tage gelang e{\s} ihr, Lheureux zu vertr"osten. Dann +verlor er aber die Geduld. Man dr"ange auch ihn, er brauche Geld, +und wenn er nicht al{\s}bald welche{\s} von ihr bek"ame, m"usse er +ihr alle{\s} wieder abnehmen, wa{\s} er ihr geliefert habe. + +"`Gut!"' meinte Emma. "`Holen Sie sich{\s}!"' + +"`Ach wa{\s}! Da{\s} hab ich nur so gesagt!"' entgegnete er. +"`Indessen um den Reitstock tut{\s} mir wirklich leid! Bei Gott, +den werd ich mir vom Herrn Doktor zur"uckgeben lassen!"' + +"`Um Gotte{\s} willen!"' rief sie au{\s}. + +"`Warte nur! Dich hab ich!"' dachte Lheureux bei sich. + +Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte, +lispelte er in seinem gewohnten Fl"ustertone vor sich hin: + +"`Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!"' + +Frau Bovary gr"ubelte gerade dar"uber nach, wie sie diese Geschichte +in Ordnung bringen k"onne, da kam da{\s} M"adchen und legte eine +kleine in blaue{\s} Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine +Empfehlung von Herrn Derozeray{\s}. Emma sprang auf und brach die +Rolle auf. E{\s} waren dreihundert Franken in Napoleon{\s}, da{\s} +schuldige Honorar. Karl{\s} Tritte wurden drau"sen auf der Treppe +h"orbar. Sie legte da{\s} Gold rasch in die Schublade und steckte +den Schl"ussel ein. + +Drei Tage darauf erschien Lheureux abermal{\s}. + +"`Ich m"ochte Ihnen einen Vergleich vorschlagen"', sagte er. +"`Wollen Sie mir nicht statt de{\s} baren Gelde{\s} lieber~..."' + +"`Hier haben Sie Ihr Geld!"' unterbrach sie ihn und z"ahlte ihm +vierzehn Goldst"ucke in die Hand. + +Der Kaufmann war verbl"ufft. Um seine Entt"auschung zu verbergen, +brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle +m"oglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte. + +Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit +dem Kleingeld, da{\s} sie wieder herau{\s}bekommen und in die +Tasche ihrer Sch"urze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, t"uchtig +zu sparen, damit sie recht bald~... + +"`Wa{\s} ist da weiter dabei?"' beruhigte sie sich. "`Er wird +nicht gleich dran denken!"' + +Au"ser dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte +Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem +Wahlspruch: \begin{antiqua}Amor nel Cor!\end{antiqua} (Liebe im +Herzen!), fernerhin ein seidene{\s} Hal{\s}tuch und eine +Zigarrentasche, zu der sie al{\s} Muster die Tasche genommen +hatte, die Karl damal{\s} auf der Landstra"se gefunden hatte, +al{\s} sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie +sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem +Str"auben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so +mu"ste er sich schlie"slich f"ugen. Er fand da{\s} aufdringlich +und h"ochst r"ucksicht{\s}lo{\s}. + +Sie hatte wunderliche Einf"alle. + +"`Wenn e{\s} Mitternacht schl"agt,"' bat sie ihn einmal, "`mu"st +du an mich denken!"' + +Al{\s} er hinterher gestand, er habe e{\s} vergessen, bekam er +endlose Vorw"urfe zu h"oren, die alle in die Worte au{\s}klangen: + +"`Du liebst mich nicht mehr!"' + +"`Ich dich nicht mehr lieben?"' + +"`"Uber alle{\s}?"' + +"`Nat"urlich!"' + +"`Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?"' + +"`Glaubst du, ich h"atte meine Unschuld bei dir verloren?"' brach +er lachend au{\s}. + +Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel M"uhe +zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu +mildern suchte. + +"`Ach, du wei"st gar nicht, wie ich dich liebe!"' begann sie von +neuem. "`Ich liebe dich so sehr, da"s ich nicht von dir lassen +kann! Verstehst du da{\s}? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, +dich zu sehen, und dann springt mir beinahe da{\s} Herz vor lauter +Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern +Frauen? Sie l"acheln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; +nicht wahr, e{\s} gef"allt dir keine? E{\s} gibt ja sch"onere +al{\s} ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine +Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so +gut! So sch"on! So klug und stark!"' + +Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft geh"ort, da"s +e{\s} ihm ganz und gar nicht{\s} Neue{\s} mehr war. Emma war darin +nicht ander{\s} al{\s} alle seine fr"uheren Geliebten, und der +Reiz der Neuheit fiel St"uck um St"uck von ihr ab wie ein Gewand, +und da{\s} ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt +zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er +war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, da"s unter den +n"amlichen Au{\s}druck{\s}formen himmelweit voneinander +verschiedene Gef"uhl{\s}arten existieren k"onnen. Weil ihm die +Lippen liederlicher oder k"auflicher Frauenzimmer schon die +gleichen Phrasen zugefl"ustert hatten, war sein Glaube an die +Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach. + +"`Man darf die "uberschwenglichen Worte nicht gelten lassen,"' +sagte er sich, "`sie sind nur ein M"antelchen f"ur +Alltag{\s}empfindungen."' + +Aber ist e{\s} nicht oft so, da"s ein "ubervolle{\s} Herz mit den +banalsten Worten nach Au{\s}druck sucht? Und vermag denn jemand +genau zu sagen, wie gro"s sein W"unschen und Wollen, seine +Innenwelt, seine Schmerzen sind? De{\s} Menschen Wort ist wie eine +gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie herau{\s}trommeln, +nach der kaum ein B"ar tanzt, w"ahrend wir die Sterne bewegen +m"ochten. + +Aber mit der "Uberlegenheit, die kritischen Naturen eigent"umlich +ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch +dieser Liebschaft neue Gen"usse. Er nahm keine ihm unbequeme +R"ucksicht auf Emma{\s} Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie +bar jede{\s} Zwange{\s}. Er machte sie zu allem f"ugsam und +verdarb sie gr"undlich. Sie hegte eine geradezu h"undische +Anh"anglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alle{\s}. Woll"ustig +empfand sie Gl"uckseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre +Seele ertrank in diesem Rausche. + +Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem +"au"serlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden k"uhner, ihre +Rede freim"utiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung +Rudolf{\s}, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, "`um die +Spie"ser zu "argern"', wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war +e{\s} g"anzlich geschehen, al{\s} man sie eine{\s} sch"onen +Tage{\s} in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener +Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem +heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne +Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger al{\s} die +Yonviller Philister. Und noch viele{\s} andre mi"sfiel ihr. +Zun"achst hatte Karl ihrem Rate entgegen da{\s} Roman-Lesen doch +wieder zugelassen. Und dann war "uberhaupt die "`ganze +Wirtschaft"' nicht nach ihrem Sinne. Al{\s} sie sich Bemerkungen +dar"uber gestattete, kam e{\s} zu einem "argerlichen Auftritt. +Felicie war die n"ahere Veranlassung dazu. + +Die alte Frau Bovary hatte da{\s} M"adchen eine{\s} Abend{\s}, +al{\s} sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eine{\s} nicht +mehr besonder{\s} jungen Manne{\s} "uberrascht. Der Betreffende +trug ein braune{\s} Hal{\s}tuch und verschwand bei der Ann"aherung +der alten Dame. Emma lachte, al{\s} ihr der Vorfall berichtet +ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erkl"arte, wer +bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig +Wert darauf. + +"`Sie sind wohl au{\s} Hinterpommern?"' fragte die junge Frau so +impertinent, da"s sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen +konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle. + +"`Verlassen Sie mein Hau{\s}!"' schrie Emma und sprang auf. + +"`Emma! Mutter!"' rief Karl beschwichtigend. + +In ihrer Erregung waren beide Frauen au{\s} dem Zimmer gest"urzt. +Emma stampfte mit dem Fu"se auf, al{\s} er ihr zuredete. + +"`So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!"' rief sie. + +Er eilte zur Mutter. Sie war ganz au"ser sich und stammelte: + +"`So eine Unversch"amtheit! Eine leichtsinnige Trine. +Schlimmere{\s} vielleicht noch!"' + +Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um +Verzeihung gebeten w"urde. + +Karl ging abermal{\s} zu seiner Frau und beschwor sie auf den +Knien, doch nachzugeben. Schlie"slich sagte sie: + +"`Meinetwegen!"' + +In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit +der W"urde einer F"urstin. + +"`Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!"' + +Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf +den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in da{\s} Kissen +vergraben. + +F"ur den Fall, da"s sich irgend etwa{\s} Besondere{\s} ereignen +sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen +wei"sen Zettel zu stecken. Wenn er zuf"allig in Yonville w"are, +solle er daraufhin sofort durch da{\s} G"a"schen an die hintere +Gartenpforte eilen. + +Diese{\s} Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden sa"s sie wartend am +Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke +der Hallen. Beinahe h"atte sie da{\s} Fenster aufgerissen und ihn +hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung +"uberkam sie. + +Bald darauf vernahm sie unten auf dem B"urgersteige Tritte. Da{\s} +war er. Zweifello{\s}! Sie eilte die Treppe hinunter und "uber den +Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme. + +"`Sei doch ein bi"schen vorsichtiger!"' mahnte er. + +"`Ach, wenn du w"u"stest!"' Und sie begann ihm den ganzen Vorfall +zu erz"ahlen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei +"ubertrieb sie manche{\s}, dichtete etliche{\s} hinzu und machte +eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, da"s er nicht +da{\s} mindeste von der ganzen Geschichte begriff. + +"`So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!"' + +"`Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!"' erwiderte +sie. "`Eine Liebe wie die unsrige braucht da{\s} Tage{\s}licht +nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte e{\s} nicht mehr +au{\s}! Rette mich!"' + +Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tr"anen, +gl"anzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungest"um. + +Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der +k"uhle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er: + +"`Wa{\s} soll ich tun? Wa{\s} willst du?"' + +"`Flieh mit mir!"' rief sie. "`Weit weg von hier! Ach, ich bitte +dich um alle{\s} in der Welt!"' + +Sie pre"ste sich an seinen Mund, al{\s} wolle sie ihm mit einem +Kusse da{\s} Ja einhauchen und wieder herau{\s}saugen. + +"`Aber~..."' + +"`Kein Aber, Rudolf!"' + +"`... und dein Kind?"' + +Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie: + +"`Da{\s} nehmen wir mit! Da{\s} ist ihm schon recht!"' + +"`Ein Teufel{\s}weib!"' dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. +Sie mu"ste in{\s} Hau{\s}. Man hatte nach ihr gerufen. + +W"ahrend der folgenden Tage war die alte Frau Bovary "uber da{\s} +ver"anderte Wesen ihrer Schwiegertochter h"ochst verwundert. +Wirklich, sie zeigte sich au"serordentlich f"ugsam, ja ehrerbietig, +und da{\s} ging so weit, da"s Emma sie um ihr Rezept, Gurken +einzulegen, bat. + +Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu +t"auschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch +einmal die volle Bitterni{\s} alle{\s} dessen durchzukosten, +wa{\s} sie im Stiche lassen wollte? Nein, da{\s} lag ihr +durchau{\s} nicht im Sinne. Der Gegenwart entr"uckt, lebte sie im +Vorgeschmacke de{\s} kommenden Gl"ucke{\s}. Davon schw"armte sie +dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter +gelehnt, fl"usterte sie: + +"`Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen? +Kannst du dir au{\s}denken, wie da{\s} dann sein wird? Mir ist +e{\s} wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich sp"ure, +da"s sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich da{\s} Gef"uhl +haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken +hinein! Wei"st du, ich z"ahle die Tage ... Und du?"' + +Frau Bovary hatte nie so sch"on au{\s}gesehen wie jetzt. Sie +besa"s eine unbeschreibliche Art von Sch"onheit, die au{\s} +Leben{\s}freude, Schw"armerei und Siege{\s}gef"uhl zusammenstr"omt +und da{\s} Symbol seelischer und k"orperlicher Harmonie ist. Ihre +heimlichen L"uste, ihre Tr"ubsal, ihre erweiterten +Liebe{\s}k"unste und ihre ewig jungen Tr"aume hatten sich stetig +entwickelt, just wie D"unger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur +Entfaltung bringen, und nun erst erbl"uhte ihre volle Eigenart. +Ihre Lider waren wie ganz besonder{\s} dazu geschnitten, +schmachtende Liebe{\s}blicke zu werfen; sie verschleierten ihre +Aug"apfel, w"ahrend ihr Atem die feinlinigen Nasenfl"ugel weitete +und e{\s} leise um die H"ugel der Mundwinkel zuckte, die im +Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war +versucht zu sagen: ein Verf"uhrer und K"unstler habe den Knoten +ihre{\s} Haare{\s} "uber dem Nacken geordnet. Er sah au{\s} wie +eine schwere Welle, und doch war er nur lose und l"assig +geschlungen, weil er im Spiel de{\s} Ehebruch{\s} Tag f"ur Tag +aufgenestelt ward. Emma{\s} Stimme war weicher und grazi"oser +geworden, "ahnlich wie ihre Gestalt. Etwa{\s} unsagbar Zarte{\s}, +Bezaubernde{\s} str"omte au{\s} jeder Falte ihrer Kleider und +au{\s} dem Rhythmu{\s} ihre{\s} Gange{\s}. Wie in den +Flitterwochen erschien sie ihrem Manne ent\/z"uckend und ganz +unwiderstehlich. + +Wenn er nacht{\s} sp"at nach Hause kam, wagte er sie nicht zu +wecken. Da{\s} in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht +warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im +Halbdunkel wie ein wei"se{\s} Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen +bauschigen Vorh"angen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen +Atemz"uge seine{\s} Kinde{\s} zu h"oren. E{\s} wuch{\s} sichtlich +heran, jeder Monat brachte e{\s} vorw"art{\s}. Im Geiste sah er +e{\s} bereit{\s} abend{\s} au{\s} der Schule heimkehren, froh und +munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mu"ste +da{\s} M"adel in eine Pension kommen. Da{\s} w"urde viel Geld +kosten. Wie sollte da{\s} geschafft werden? Er sann nach. Wie +w"are e{\s}, wenn man in der Umgegend ein kleine{\s} Gut pachtete? +Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, w"urde er hinreiten +und da{\s} N"otige anordnen. Der Ertrag k"ame auf die Sparkasse, +sp"ater k"onnten ja irgendwelche Papiere daf"ur gekauft werden. +Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxi{\s}. Damit rechnete +er, denn sein T"ochterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte +etwa{\s} Ordentliche{\s} lernen, auch Klavier spielen. Und h"ubsch +w"urde sie sein, die dann F"unfzehnj"ahrige! Ein Ebenbild ihrer +Mutter! Ganz wie sie m"u"ste sie im Sommer einen gro"sen runden +Strohhut tragen. Dann w"urden die beiden von weitem f"ur zwei +Schwestern gehalten. Er stellte sich sein T"ochterchen in Gedanken +vor: abend{\s}, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater +und Mutter, Pantoffeln f"ur ihn stickend. Und in der Wirtschaft +w"urde sie helfen und da{\s} ganze Hau{\s} mit Lachen und Frohsinn +erf"ullen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. E{\s} w"urde +sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verh"altnissen +finden und sie gl"ucklich machen. Und so bliebe e{\s} dann +immerdar~... + +Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und +w"ahrend ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen +Tr"aumereien nach. + +Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entf"uhrt, +auf der Reise nach einem andern Lande, au{\s} dem sie nie wieder +zur"uckzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren +dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie +pl"otzlich von Berge{\s}h"oh auf irgendwelche m"achtige Stadt +hinab, mit ihrem Dom, ihren Br"ucken, Schiffen, Limonenhainen und +wei"sen Marmorkirchen mit spitzen T"urmen. Zu Fu"s wanderten sie +dann durch die Stra"sen. Frauen in roten Miedern boten ihnen +Blumenstr"au"se an. Glocken l"auteten, Maulesel schrien, und +dazwischen girrten Gitarren und rauschten Font"anen, deren k"uhler +Wasserstaub auf Haufen von Fr"uchten herabspr"uhte. Sie lagen zu +Pyramiden aufgeschichtet da, zu F"u"sen bleicher Bilds"aulen, die +unter dem Spr"uhregen l"achelten. Und eine{\s} Abend{\s} +erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde +trockneten, am Strand und zwischen den H"utten. Dort wollte sie +bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem +Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht de{\s} +Meere{\s}. Sie fuhren in Gondeln und tr"aumten in H"angematten. +Da{\s} Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen +Gew"ander, und so warm und sternbes"at wie die s"u"sen N"achte, +die sie schauernd genossen ... Da{\s} war ein unerme"slicher +Zukunft{\s}traum; aber bi{\s} in die Einzelheiten dachte sie ihn +nicht au{\s}. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der +andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen +fluteten fernhin bi{\s} in den Horizont, endlo{\s}, in leiser +Bewegung, stahlblau und sonnenbegl"anzt~... + +Da{\s} Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte +laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, al{\s} da{\s} wei"se +D"ammerlicht an den Scheiben stand und Justin dr"uben die L"aden +der Apotheke "offnete. + +Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt: + +"`Ich brauche einen Mantel, einen gro"sen gef"utterten Reisemantel +mit einem breiten Kragen."' + +"`Sie wollen verreisen?"' fragte der H"andler. + +"`Nein, aber ... da{\s} ist ja gleichg"ultig! Ich kann mich auf +Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!"' + +Lheureux machte einen Kratzfu"s. + +"`Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren +... einen handlichen~..."' + +"`Sch"on! Sch"on! Ich wei"s schon: zweiundneunzig zu f"unfzig! Wie +man sie jetzt meist hat!"' + +"`Und eine Handtasche f"ur da{\s} Nachtzeug!"' + +"`Aha,"' dachte der H"andler, "`sie hat sicher Krakeel gehabt!"' + +"`Da!"' sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr au{\s} dem +G"urtel nestelte. "`Nehmen Sie da{\s}! Machen Sie sich damit +bezahlt!"' + +Aber Lheureux str"aubte sich dagegen. Da{\s} ginge nicht. Sie +w"are doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? +Wa{\s} solle denn da{\s}? Doch sie bestand darauf, da"s er +wenigsten{\s} die Kette n"ahme. + +Er hatte sie bereit{\s} eingesackt und war schon drau"sen, da rief +ihn Emma zur"uck. + +"`Behalten Sie da{\s} Bestellte vorl"aufig bei sich! Und den +Mantel~...,"' sie tat so, al{\s} ob sie sich{\s} "uberlegte "`... +den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie +mir die Adresse de{\s} Schneider{\s} und sagen Sie ihm, der Mantel +soll bei ihm zum Abholen bereitliegen."' + +Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte +Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu +machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Pl"atze in der Post +bestellen, P"asse besorgen und nach Pari{\s} schreiben, damit +da{\s} Gep"ack gleich direkt bi{\s} Marseille bef"ordert w"urde. +In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann +sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emma{\s} +Gep"ack sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne da"s +irgendwer Verdacht sch"opfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war +von ihrem Kinde niemal{\s} die Rede. Rudolf vermied e{\s}, davon +zu sprechen. "`Sie denkt vielleicht nicht mehr daran"', sagte er +sich. + +Er erbat sich zun"achst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten +zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmal{\s} zwei +Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mu"ste er +eine Reise machen. So verging der August, bi{\s} sie sich nach +allen diesen Verz"ogerungen schlie"slich "`unwiderruflich"' auf +Montag den 4. September einigten. + +Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gew"ohnlich +ein. + +"`Ist alle{\s} bereit?"' fragte sie ihn. + +"`Ja."' + +Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf +den Rand der Gartenmauer. + +"`Du bist verstimmt?"' fragte Emma. + +"`Nein. Warum auch?"' + +Dabei sah er sie mit einem sonderbaren z"artlichen Blick an. + +"`Vielleicht weil e{\s} nun fortgeht?"' fragte sie. "`Weil du +Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganze{\s} +jetzige{\s} Leben? Ich verstehe da{\s} wohl, wenn ich selber auch +nicht{\s} derlei auf der Welt habe. Du bist mein alle{\s}! Und +ebenso m"ochte ich dir alle{\s} sein, Familie und Vaterland. Ich +will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!"' + +"`Wie lieb du bist!"' sagte er und zog sie an sein Herz. + +"`Wirklich?"' fragte sie in lachender Wollust. "`Du liebst mich? +Schw"ore mir{\s}!"' + +"`Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, +Liebste!"' + +Der Vollmond ging purpurrot auf, dr"uben "uber der Linie de{\s} +flachen Horizont{\s}, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er +hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch +ihre Zweige, versteckt wie hinter einem l"ochrigen, schwarzen +Vorhang. Und bald erschien er gl"anzend-wei"s im klaren Raume +de{\s} weiten Himmel{\s}. Er ward immer silberner, und nun +rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache "uber den Wellen in +zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener +Diamanten. Ring{\s}um leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur +in den Wipfeln hingen dunkle Schatten. + +Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Z"ugen den +k"uhlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken +und verloren in ihre Gedanken. Die Z"artlichkeit vergangener Tage +ergriff von neuem ihre Herzen, unersch"opflich und schweigsam wie +der dahinflie"sende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die +Erinnerung an da{\s} Einst war von Schatten durchwirkt, die +verschwommener und wehm"utiger waren al{\s} die der unbeweglichen +Weiden, deren Umrisse au{\s} den Gr"asern wuchsen. Zuweilen +raschelte auf seiner n"achtlichen Jagd ein Tier durch{\s} +Gestr"auch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man h"orte, wie ein +reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel. + +"`Wa{\s} f"ur eine wunderbare Nacht!"' sagte Rudolf. + +"`Wir werden noch sch"onere erleben!"' erwiderte Emma. Und wie zu +sich selbst fuhr sie fort: "`Ach, wie herrlich wird unsere Reise +werden ... Aber warum ist mir da{\s} Herz so schwer? Warum wohl? +Ist e{\s} die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, da{\s} +Gewohnte zu verlassen ... oder wa{\s} ist{\s}? Ach, e{\s} ist +da{\s} "Uberma"s von Gl"uck! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih +mir!"' + +"`Noch ist e{\s} Zeit!"' rief er au{\s}. "`"Uberleg dir{\s}! Wird +e{\s} dich auch niemal{\s} reuen?"' + +"`Niemal{\s}!"' beteuerte sie leidenschaftlich. + +Sie schmiegte sich an ihn. + +"`Wa{\s} k"onnte mir denn Schlimme{\s} bevorstehen! E{\s} gibt +keine W"uste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht +durchqueren w"urde! Je l"anger wir zusammen leben werden, um so +inniger und vollkommener werden wir un{\s} lieben! Keine Sorge, +kein Hinderni{\s} wird un{\s} mehr qu"alen! Wir werden allein sein +und ein{\s} immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!"' + +Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenr"aumen: + +"`Ja ... ja ... ja!"' + +Sie strich mit den H"anden durch sein Haar und fl"usterte wie ein +kleine{\s} Kind unter gro"sen rollenden Tr"anen immer wieder: + +"`Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter +Rudolf~..."' + +E{\s} schlug Mitternacht. + +"`Mitternacht!"' sagte sie. "`Nun hei"st e{\s}: morgen! Nur noch +ein Tag!"' + +Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und al{\s} ob diese +Geb"arde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male +fr"ohlich. + +"`Hast du die P"asse?"' fragte sie. + +"`Ja."' + +"`Hast du nicht{\s} vergessen?"' + +"`Nein."' + +"`Wei"st du da{\s} genau?"' + +"`Ganz genau!"' + +"`Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittag{\s}?"' + +Er nickte. + +"`Also morgen auf Wiedersehen!"' sagte Emma mit einem letzten +Kusse. + +Er ging, und sie sah ihm nach. + +Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bi{\s} an den +Bachrand und rief durch die Weiden hindurch: + +"`Auf morgen!"' + +Er war schon dr"uben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch +die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Al{\s} er sah, +wie ihr wei"se{\s} Kleid allm"ahlich im Schatten verschwand wie +eine Vision, da bekam er so heftige{\s} Herzklopfen, da"s er sich +gegen einen Baum lehnen mu"ste, um nicht umzusinken. + +"`Ich bin kein Mann!"' rief er au{\s}. "`Hol mich der Teufel! Ein +h"ubsche{\s} Weib war{\s} doch!"' + +Emma{\s} Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten +ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber emp"orte er sich gegen +diese R"uhrung. + +"`Nein, nein! Ich kann Hau{\s} und Hof nicht verlassen!"' + +Er gestikulierte heftig. + +"`Und dann da{\s} l"astige Kind ... die Scherereien ... die +Kosten!"' + +Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s} auf, um sich stark zu machen. + +"`Nein, nein! Tausendmal nein! E{\s} w"are eine Riesentorheit!"' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dreizehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den +Schreibtisch, "uber dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine +Jagdtroph"ae, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte, +wu"ste er nicht, wa{\s} er schreiben sollte. Den Kopf zwischen +beide H"ande gest"utzt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in +weite Ferne entr"uckt. Der blo"se Entschlu"s, mit ihr zu brechen, +hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet. + +Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er au{\s} dem +Schranke, der am Kopfende seine{\s} Bette{\s} stand, eine alte +Blechschachtel hervor, in der urspr"unglich einmal Kake{\s} drin +gewesen waren und in der er seine "`Weiberbriefe"' aufbewahrte. +Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu +oberst lag ein Taschentuch, verbla"ste Blutflecken darauf. E{\s} +war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spazierg"ange hatte sie +einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel e{\s} ihm wieder ein. +Daneben lag ein Bild von ihr, da{\s} sie ihm geschenkt hatte. Alle +vier Ecken daran waren abgesto"sen. Da{\s} Kleid, da{\s} sie auf +diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder +Blick j"ammerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und +sich da{\s} Urbild in die Phantasie zur"uckzurufen suchte, +verschwammen Emma{\s} Z"uge in seinem Ged"achtnisse, gleichsam +al{\s} ob sich die noch lebende Erinnerung und da{\s} gemalte +Bildchen gegenseitig befehdeten und ein{\s} da{\s} andre +vernichtete. + +Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die au{\s} der letzten +Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz, +sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Gesch"aft{\s}briefe. Er +suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen, +mu"ste er den ganzen Kasten durchw"uhlen. Au{\s} dem Wust von +Papieren und kleinen Gegenst"anden zog er mechanisch welke Blumen, +ein Strumpfband, eine schwarze Ma{\s}ke, Haarnadeln und Locken +herau{\s}. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten +sich in{\s} Scharnier gezw"angt und rissen nun beim +Herau{\s}nehmen~... + +Mit allen diesen Andenken vertr"odelte er eine Weile. Er stellte +seine Betrachtungen "uber die verschiedenen Handschriften an, +"uber den Stil in den einzelnen Briefb"undeln, "uber die nicht +minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten +z"artlich geschrieben, andre lustig, witzig oder r"uhrselig. Die +wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem +bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang +einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste +Erinnerung herauf. + +Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn. +Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig +in den Schmutz. Etwa{\s} Gemeinsame{\s} -- die Liebe -- stellte +sie allesamt auf ein und da{\s}selbe Niveau. + +Wahllo{\s} nahm er einen Sto"s Briefe in die Finger, bildete eine +Art F"acher darau{\s} und spielte damit. Schlie"slich aber warf er +sie, halb gelangweilt, halb vertr"aumt, wieder in den Kasten und +stellte diesen in den Schrank zur"uck. + +"`Lauter Bl"odsinn!"' + +Da{\s} war der Extrakt seiner Leben{\s}wei{\s}heit. Sein Herz war +wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmung{\s}lo{\s} +herumgetrampelt waren, da"s kein gr"uner Halm mehr spro"s. Die +Freuden de{\s} Dasein{\s} hatten noch gr"undlicher gewirtschaftet. +Die Sch"uler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolf{\s} Herz +war keiner zu lesen. + +"`Nun aber lo{\s}!"' rief er sich zu. + +Er begann zu schreiben: + +"`Liebe Emma! + +Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."' + +"`Eigentlich sehr richtig!"' dachte er bei sich. "`Da{\s} ist nur +in ihrem Interesse. Also durchau{\s} anst"andig von mir~..."' + +"`... Hast Du Dir Deinen Entschlu"s wirklich reiflich "uberlegt? +Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, arme{\s} Lieb, in den ich +Dich beinahe schon gef"uhrt h"atte? Wohl nicht! Du folgst mir +tollk"uhn und zuversichtlich, im festen Glauben an da{\s} Gl"uck, +an die Zukunft! Ach, wie ungl"ucklich sind wir! Und wie verblendet +waren wir!"' + +Rudolf h"orte zu schreiben auf. Er suchte nach guten +Au{\s}fl"uchten. "`Wenn ich ihr nun sagte, ich h"atte mein +Verm"ogen verloren? Ach, nein, lieber nicht! "Ubrigen{\s} n"utzte +da{\s} nicht{\s}. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem +lo{\s}. E{\s} ist, wei"s Gott, verdammt schwer, so eine Frau +wieder vern"unftig zu machen!"' + +Er sann nach, dann schrieb er weiter: + +"`Ich werde Dich niemal{\s} vergessen. Glaube mir da{\s}! Mein +ganze{\s} Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner +gedenken. So aber h"atte sich unsre Leidenschaft (da{\s} ist nun +einmal da{\s} Schicksal alle{\s} Menschlichen!) eine{\s} Tage{\s}, +fr"uher oder sp"ater, doch verfl"uchtet. Zweifello{\s}! Wir w"aren +ihrer m"ude geworden, und wer wei"s, ob mir nicht der gr"a"sliche +Schmerz beschieden gewesen w"are, Deine Reue zu erleben und selber +welche zu empfinden al{\s} Veranlasser der Deinigen? Die blo"se +Vorstellung, Dir diese{\s} Leid verursachen zu k"onnen, martert +mich. Liebste Emma, vergi"s mich! Wir h"atten un{\s} nie kennen +lernen sollen! Warum bist Du so sch"on! Bin ich der Schuldige? Bei +Gott, nein, nein! Wir m"ussen da{\s} Schicksal anklagen~..."' + +"`Diese{\s} Wort machte immer Eindruck"', sagte er zu sich. + +"`Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau w"arst, wie e{\s} ihrer so +viele gibt, ja dann h"atte ich den Versuch wagen k"onnen, au{\s} +Egoi{\s}mu{\s}, ohne Gefahr f"ur Dich. Aber bei Deiner k"ostlichen +schw"armerischen Art, dem Quell Deine{\s} Reize{\s} und zugleich +Deine{\s} vielen Kummer{\s}, bist Du nicht imstande, Du Beste +aller Frauen, die Kehrseite unsrer zuk"unftigen Stellung in der +Welt vorau{\s}zusehen. Auch ich habe zun"achst gar nicht daran +gedacht, habe mich in unserm H"ohengl"ucke behaglich gesonnt, mich +in ein M"archenland getr"aumt und mich um keine Folgen +gek"ummert~..."' + +"`Vielleicht glaubt sie, ich z"oge mich au{\s} Geiz zur"uck ... +Auch egal! Desto besser! Wenn{\s} nur Schlu"s wird!"' + +"`... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man h"atte un{\s} +"uberall, wohin wir gekommen w"aren, Schwierigkeiten bereitet. Du +h"attest unversch"amte Fragen, Verleumdungen, Schm"ahungen und +vielleicht Beleidigungen "uber Dich ergehen lassen m"ussen. +Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner K"onigin erheben. +Du solltest mein Heiligste{\s} sein. Nun bestrafe ich mich mit der +Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimme{\s} angetan habe. Ich +gehe fort. Wohin? Ach, ich wei"s e{\s} nicht, ich bin wahnsinnig! + +Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergi"s den Ungl"ucklichen nicht +ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, +damit sie mich in ihre Gebete einschlie"st!"' + +Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom +Schreibtisch auf und schlo"s da{\s} Fenster. + +"`So! Ich denke, da{\s} gen"ugt! Halt! Noch etwa{\s}! Auf keinen +Fall eine Au{\s}sprache!"' + +Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter: + +"`Wenn Du diese betr"ubten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit +weg, denn ich mu"s eilend{\s} fliehen, um der Versuchung zu +entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach +werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht +miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, k"uhl und +vern"unftig. Adieu!"' + +Er setzte noch ein "`A dieu!"' darunter, in zwei Worten +geschrieben. Da{\s} hielt er f"ur sehr geschmackvoll. + +"`Wie soll ich nun unterzeichnen?"' fragte er sich. "`Dein +ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!"' + +Und er schrieb: + +\hfill "`Dein treuer Freund + +\hfill R."' \hspace{3em} + +Er la{\s} den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm. + +"`Arme{\s} Frauchen!"' dachte er in einem Anflug von R"uhrseligkeit. +"`Sie wird denken, ich sei gef"uhllo{\s} wie Stein. Eigentlich +fehlen ein paar Tr"anenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Da{\s} +ist mein Fehler."' + +Er go"s etwa{\s} Wasser au{\s} der Flasche in ein Gla{\s}, tauchte +einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und lie"s einen gro"sen +Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift +f"arbte ihn bla"sblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun +nach einem Petschaft. Da{\s} mit dem Wahlspruch +\begin{antiqua}Amor nel Cor\end{antiqua} geriet ihm in die Hand. + +"`Pa"st eigentlich nicht gerade!"' dachte er. "`Ach wa{\s}! Tut +nicht{\s}!"' + +Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen. + +E{\s} war sp"at geworden. Am andern Tage stand er mittag{\s} gegen +zwei Uhr auf. Al{\s}bald lie"s er ein K"orbchen Aprikosen +pfl"ucken, legte den Brief unter die Weinbl"atter am Boden und +befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverz"uglich Frau +Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma h"aufig Nachrichten +zukommen lassen, je nach der Jahre{\s}zeit, zusammen mit Fr"uchten +oder Wild. + +"`Wenn sie sich nach mir erkundigt,"' instruierte er, "`dann +antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr pers"onlich +in die H"ande! Verstanden? So! Ab!"' + +Gerhard zog seine neue Bluse an, kn"upfte sein Taschentuch "uber +die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit +schwerf"alligen Schritten voller Gem"ut{\s}ruhe gen Yonville. + +Al{\s} der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit +besch"aftigt, auf dem K"uchentische zusammen mit Felicie W"asche +zu falten. + +"`Eine sch"one Empfehlung von meinem Herrn,"' vermeldete er, "`und +da{\s} schickt er hier!"' + +Emma "uberkam eine bange Ahnung, und w"ahrend sie in ihrer +Sch"urzentasche nach einem Geldst"ucke zum Trinkgeld suchte, sah +sie den Mann mit verst"ortem Blick an. Der betrachtete sie +verwundert; er begriff nicht, da"s ein solche{\s} Geschenk +jemanden so sehr aufregen k"onne. Dann ging er. + +Felicie war noch da. Emma hielt e{\s} nicht l"anger au{\s}, sie +eilte in da{\s} E"szimmer, indem sie sagte, sie wolle die +Aprikosen dahin tragen. Dort sch"uttete sie den Korb au{\s}, nahm +die Weinbl"atter herau{\s} und fand den Brief. Sie "offnete ihn +und floh hinauf nach ihrem Zimmer, al{\s} brenne e{\s} hinter ihr. +Sie war fassung{\s}lo{\s} vor Angst. + +Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwa{\s} zu ihr. Sie +verstand e{\s} nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe h"oher, +au"ser Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverr"uckt, immer den +unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern +knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen +Bodent"ure stehen. + +Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht au{\s} dem +Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte e{\s} nicht. +Nirgend{\s} war sie ungest"ort. + +"`Ja, hier geht{\s}!"' sagte sie sich. Sie klinkte die T"ur auf +und trat in die Bodenkammer. + +Unter den Schieferplatten de{\s} Dache{\s} br"utete dumpfe +Schw"ule, die ihr auf die Schl"afen dr"uckte und den Atem benahm. +Sie schleppte sich bi{\s} zu dem gro"sen Bodenfenster und stie"s +den Holzladen auf. Grelle{\s} Licht flutete ihr entgegen. + +Vor ihr, "uber den D"achern, breitete sich da{\s} Land bi{\s} in +die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine +de{\s} Fu"ssteig{\s} gl"anzten. Die Wetterfahnen der H"auser +standen unbeweglich. Au{\s} dem Eckhause schr"ag gegen"uber, +au{\s} einem der Dachfenster drang ein schnarrende{\s}, +kreischende{\s} Ger"ausch herauf. Binet sa"s an seiner Drehbank. + +Emma lehnte sich an da{\s} Fensterkreuz und la{\s} den Brief mit +zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je +gr"undlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. +Im Geist sah sie den Geliebten, h"orte ihn reden, zog ihn +leidenschaftlich an sich. Da{\s} Herz schlug ihr in der Brust wie +mit wuchtigen Hammerschl"agen, die immer rascher und +unregelm"a"siger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie f"uhlte +den Wunsch in sich, da"s die ganze Welt zusammenst"urze. Wozu +weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die +Vogelfreie? + +Sie bog sich weit au{\s} dem Fenster herau{\s} und starrte hinab +auf da{\s} Stra"senpflaster. + +"`Mut! Mut!"' rief sie sich zu. + +Da{\s} leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihre{\s} +K"orper{\s} f"ormlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, +al{\s} bewege sich die Fl"ache de{\s} Marktplatze{\s} und hebe +sich an den H"ausermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie +stand, begann zu schwanken wie da{\s} Deck eine{\s} Seeschiffe{\s} +... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinau{\s}. Schon hing +sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und +die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch +sich nicht mehr fest\/zuhalten, nur noch die H"ande lo{\s}zulassen +... Ohne Unterla"s summte unten die Drehbank wie die rufende +Stimme eine{\s} b"osen Geiste{\s}~... + +In diesem Moment rief Karl: + +"`Emma! Emma!"' + +Da kam sie wieder zur Besinnung. + +"`Wo steckst du denn? Komm doch!"' + +Der Gedanke, da"s sie soeben dem Tode entronnen war, erf"ullte sie +mit Schrecken und Grauen. Sie schlo"s die Augen. Zusammenfahrend +f"uhlte sie sich von jemandem am Arm gefa"st: e{\s} war Felicie. + +"`Gn"adige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet."' + +Sie mu"ste hinunter, mu"ste sich mit zu Tisch setzen. + +Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen +hinunter. Sie faltete ihre Serviette au{\s}einander, al{\s} ob sie +sich die au{\s}gebesserten Stellen genau ansehen wollte, und +wirklich tat sie da{\s} und begann die F"aden de{\s} Gewebe{\s} zu +z"ahlen ... Pl"otzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie +ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, +al{\s} da"s sie imstande gewesen w"are, einen Vorwand zu ersinnen, +um bei Tisch aufstehen zu k"onnen. Sie war feig geworden. Sie +hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wu"ste er nun alle{\s}, +sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigent"umlicher +Betonung: + +"`Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?"' + +"`Wer hat dir da{\s} gesagt?"' fragte sie zitternd. + +"`Wer mir da{\s} gesagt hat?"' wiederholte er, ein wenig betroffen +von dem harten Klang ihrer Frage. "`Na, sein Kutscher, dem ich +vorhin vor dem Cafe Fran\c{c}ai{\s} begegnet bin. Boulanger ist +verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen~..."' + +Emma schluchzte laut auf. + +"`Wundert dich da{\s}?"' fuhr er fort. "`Er verdr"uckt sich doch +immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kann{\s} ihm +nicht verdenken. Wenn man da{\s} n"otige Geld dazu hat und +Junggeselle ist~... "Ubrigen{\s} ist unser Freund ein +Leben{\s}k"unstler! Ein alter Sch"aker! Langloi{\s} hat mir +erz"ahlt~..."' + +Er verstummte, au{\s} Anstand, weil da{\s} Dienstm"adchen gerade +hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in da{\s} +K"orbchen, da{\s} auf der Kredenz stand. Karl lie"s e{\s} sich auf +den Tisch bringen, ohne zu bemerken, da"s seine Frau rot wurde. Er +nahm eine der Fr"uchte und bi"s hinein. + +"`Ah!"' machte er. "`Vorz"uglich! Koste mal!"' + +Er schob ihr da{\s} K"orbchen zu. Sie wehrte leicht ab. + +"`So riech doch wenigsten{\s}! Da{\s} ist ein Duft!"' + +Er hielt ihr eine Aprikose link{\s} und recht{\s} an die Nase. + +"`Ich bekomm keine Luft!"' rief sie und sprang auf. Aber schnell +beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. +"`E{\s} war nicht{\s}! Gar nicht{\s}! Wieder meine Nerven! Setz +dich nur wieder hin und i"s!"' + +Sie f"urchtete, er k"onne sie au{\s}fragen, um sie besorgt sein +und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte +sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand +und legte sie dann auf seinen Teller. + +Da fuhr drau"sen ein blauer Dogcart im flotten Trabe "uber den +Markt. Emma stie"s einen Schrei au{\s} und fiel r"uckling{\s} +langhin zu Boden. + +Rudolf hatte sich nach langer "Uberlegung entschlossen, nach Rouen +zu fahren. Da nun aber von der H"uchette nach dorthin kein anderer +Weg al{\s} der "uber Yonville f"uhrte, mu"ste er diesen Ort wohl +oder "ubel ber"uhren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, +die drau"sen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt. + +Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, da"s im Hause de{\s} +Arzte{\s} "`wa{\s} lo{\s} sei"', st"urzte herbei. Der E"stisch war +mit allem, wa{\s} darauf gestanden, umgest"urzt. Die Teller, +da{\s} Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und "Ol, alle{\s} +lag auf dem Fu"sboden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die +erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in +Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden H"anden die Kleider auf. + +"`Ich werde schnell Kr"auteressig au{\s} meinem Laboratorium +holen!"' sagte Homai{\s}. + +Al{\s} man Emma da{\s} Fl"aschchen an{\s} Gesicht hielt, schlug +sie seufzend die Augen wieder auf. + +"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker. "`Damit kann man Tote +erwecken!"' + +"`Sprich!"' bat Karl. "`Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein +Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib +ihr einen Ku"s!"' + +Da{\s} Kind streckte die "Armchen nach der Mutter au{\s} und +wollte sie um den Hal{\s} fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg +und stammelte: + +"`Nicht doch! Niemanden!"' + +Sie wurde abermal{\s} ohnm"achtig. Man trug sie in ihr Bett. + +Lang au{\s}gestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider +geschlossen, die H"ande schlaff herabh"angend, regung{\s}lo{\s} +und bla"s wie ein Wach{\s}bild. Ihren Augen entquollen Tr"anen, +die in zwei Ketten langsam auf da{\s} Kissen rannen. + +Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und +nachdenklich, wie da{\s} bei ernsten Vorf"allen so herk"ommlich +ist. + +"`Beruhigen Sie sich!"' sagte Homai{\s} und zupfte den Arzt. "`Ich +glaube, der Paroxy{\s}mu{\s} ist vor"uber."' + +"`Ja,"' erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. "`Jetzt +scheint sie ein wenig zu schlafen, die "Armste! Ein R"uckfall in +da{\s} alte Leiden!"' + +Nun erkundigte sich Homai{\s}, wie da{\s} gekommen sei. Karl gab +zur Antwort: + +"`Ganz pl"otzlich! W"ahrend sie eine Aprikose a"s."' + +"`H"ochst merkw"urdig!"' meinte der Apotheker. "`E{\s} ist +indessen m"oglich, da"s die Aprikosen die Ohnmacht verursacht +haben. E{\s} gibt gewisse Naturen, die f"ur bestimmte Ger"uche +stark empf"anglich sind. E{\s} w"are eine sehr interessante +Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen, +sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen +Gesicht{\s}punkten. Die Pfaffen haben von jeher gewu"st, wie +wertvoll da{\s} f"ur sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim +Gotte{\s}dienst ist uralt. Damit schl"afert man den Verstand ein +und versetzt And"achtige in Ekstase, am leichtesten "ubrigen{\s} +weibliche Wesen. Die sind feinnerviger al{\s} wir M"anner. Ich +habe von F"allen gelesen, wo Frauen ohnm"achtig geworden sind beim +Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot~..."' + +"`Geben Sie acht, da"s sie nicht aufgeweckt wird!"' mahnte Bovary +mit fl"usternder Stimme. + +"`Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,"' +fuhr der Apotheker fort, "`sondern sogar bei Tieren. Zweifello{\s} +ist Ihnen nicht unbekannt, da"s \begin{antiqua}Nepeta +cataria\end{antiqua}, vulg"ar Katzenminze, sonderbarerweise auf +da{\s} gesamte Katzengeschlecht al{\s} Aphrodisiakum wirkt. Einen +weiteren Beleg kann ich au{\s} meiner eigenen Erfahrung anf"uhren. +Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt in der +Malpalu-Stra"se -- besitzt einen Foxterrier, der jede{\s}mal +Kr"ampfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabak{\s}dose vor die +Nase h"alt. Ich habe diese{\s} Experiment selber ein paarmal mit +angesehen, im Landhause meine{\s} Freunde{\s} am Wilhelm{\s}walde. +Sollte man{\s} f"ur m"oglich halten, da"s ein so harmlose{\s} +Niesemittel in den Organi{\s}mu{\s} eine{\s} Vierf"u"sler{\s} +derartig eingreifen kann? Da{\s} ist h"ochst merkw"urdig, nicht +wahr?"' + +"`Gewi"s!"' sagte Karl, der gar nicht darauf geh"ort hatte. + +"`Da{\s} beweist un{\s},"' fuhr der andre fort, +gutm"utig-selbstgef"allig l"achelnd, "`da"s im Nervensystem +zahllose Unregelm"a"sigkeiten m"oglich sind. Ich mu"s gestehen, +da"s mir Ihre Frau Gemahlin immer au"serordentlich reizsam +vorgekommen ist. Darum m"ochte ich Ihnen, verehrter Freund, auf +keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die +angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in +Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier +sind Medikamente unn"utz! Di"at! Weiter nicht{\s}! Beruhigende, +milde, kr"aftigende Kost! Und dann, k"onnte man bei ihr nicht auch +irgendwie auf die Einbildung{\s}kraft einzuwirken versuchen?"' + +"`Wieso? Womit?"' + +"`Ja, da{\s} ist eben die Frage! Da{\s} ist wirklich die Frage! +\begin{antiqua}That is the question\end{antiqua}! -- wie ich +neulich in der Zeitung gelesen habe."' + +Emma erwachte und rief: + +"`Der Brief? Der Brief?"' + +Die beiden M"anner glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat +da{\s} mitternacht{\s} ein. Emma hatte Gehirnent\/z"undung. + +In den n"achsten sech{\s} Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. +Er vernachl"assigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr, +unerm"udlich ma"s er ihren Pul{\s}, legte ihr Senfpflaster auf und +erneute die Kaltwasser-Umschl"age. Er schickte Justin nach +Neufch\^atel, um Ei{\s} zu holen. E{\s} schmolz unterweg{\s}. +Justin mu"ste nochmal{\s} hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. +Professor Larivi\`ere, sein ehemaliger Lehrer, ward au{\s} Rouen +hergeholt. Karl war der v"olligen Verzweiflung nahe. Am meisten +"angstigte ihn Emma{\s} Apathie. Sie sprach nicht, interessierte +sich f"ur nicht{\s}, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu +empfinden. E{\s} war, al{\s} h"atten K"orper wie Geist bei ihr +alle ihre Funktionen eingestellt. + +Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gest"utzt, wieder +aufrecht in ihrem Bette sitzen. Al{\s} sie da{\s} erste Br"otchen +mit eingemachten Fr"uchten verzehrte, da weinte Karl. Allm"ahlich +kehrten ihre Kr"afte zur"uck. Sie durfte nachmittag{\s} ein paar +Stunden aufstehen, und eine{\s} Tage{\s} f"uhlte sie sich soweit +wohl, da"s sie an Karl{\s} Arm einen kleinen Spaziergang durch den +Garten versuchte. + +Auf den sandigen Wegen lag gefallene{\s} Laub. Sie ging ganz +langsam, in Hau{\s}schuhen, ohne die F"u"se zu heben. An Karl +angeschmiegt, l"achelte sie in einem fort vor sich hin. + +So schritten sie bi{\s} hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie +stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand +"uber die Augen. Lange schaute sie hinau{\s} in die Weite. Aber +e{\s} gab in der Ferne nicht{\s} zu sehen al{\s} auf den H"ugeln +gro"se Feuer, in denen man landwirtschaftliche "Uberbleibsel +verbrannte. + +"`Da{\s} Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!"' warnte Karl +und geleitete sie behutsam zur Laube hin. "`Setz dich hier ein +wenig auf die Bank! Da{\s} wird dir gut tun!"' + +"`Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!"' stie"s sie mit +ersterbender Stimme hervor. + +Sie wurde ohnm"achtig, und abend{\s} war die Krankheit von neuem +da, und zwar in erh"ohtem Grade und mit allerlei Komplikationen. +Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im +Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein +Au{\s}wurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der +Lungenschwindsucht zu erkennen w"ahnte. + +Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Zun"achst wu"ste er nicht, wie er dem Apotheker die vielen +Arzneien ver\-g"uten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Al{\s} +Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber da{\s} w"are ihm +peinlich gewesen. Dann war der Hau{\s}halt, jetzt wo ihn da{\s} +M"adchen f"uhrte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen +regneten nur so in{\s} Hau{\s}. Die Lieferanten begannen +ungeduldig zu werden. In{\s}besondre mahnte Lheureux in l"astiger +Weise. Er hatte den H"ohepunkt von Emma{\s} Krankheit dazu +benutzt, ihre Rechnung h"oher au{\s}zuschreiben, al{\s} sie +wirklich war. Flug{\s} brachte er auch den Mantel, die Handtasche +und zwei Koffer statt de{\s} einen und noch eine Menge andrer +Gegenst"ande, die bestellt worden seien, wie er behauptete. E{\s} +n"utzte Bovary gar nicht{\s}, da"s er erkl"arte, er brauche die +Sachen nicht; der H"andler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle +diese Waren seien bei ihm bestellt und er n"ahme sie nicht +zur"uck. Herr Bovary m"oge sich{\s} "uberlegen; er werde ihn eher +verklagen al{\s} sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin +dem M"adchen, die Gegenst"ande im Gesch"aft abzugeben, aber +Felicie verga"s e{\s}. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu +k"ummern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit +unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald +jammernd, brachte er e{\s} so weit, da"s ihm Bovary schlie"slich +einen Wechsel au{\s}stellte, der in sech{\s} Monaten f"allig war. +Al{\s} er da{\s} Papier unterschrieb, kam ihm der k"uhne Gedanke, +tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er +ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zin{\s}fu"s verschaffen +k"onne. Der Handel{\s}mann eilte sofort in seinen Laden, brachte +da{\s} Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich +Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahre{\s} +eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereit{\s} +anerkannten hundertundachtzig Franken ergab da{\s} eine +Gesamtschuld von zw"olfhundertundf"unfzig Franken. Lheureux machte +hierbei ein ganz h"ubsche{\s} Gesch"aft; im "ubrigen wu"ste er im +vorau{\s} genau, da"s e{\s} hierbei nicht bliebe. Er rechnete +darauf, da"s der Arzt die Wechsel am F"alligkeit{\s}tage nicht +einl"osen k"onne und sie prolongieren m"usse. Auf diese Weise +sollte da{\s} erst armselige S"ummchen im Hause de{\s} Arzte{\s} +wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und +eine{\s} Tage{\s} dick und rund zu ihm zur"uckkehren. + +Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die +regelm"a"sigen Apfelweinlieferungen f"ur da{\s} Neufch\^ateler +Krankenhau{\s}. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der +Torfgruben zu Gr"ume{\s}nil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane, +zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu er"offnen, +die den alten Rumpelkasten de{\s} Goldnen L"owen unbedingt au"ser +Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller f"uhre, billiger +w"are und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von +Yonville in seine H"ande bringen. + +Karl gr"ubelte oftmal{\s} dar"uber nach, wie er die betr"achtliche +Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen k"onne. Er kam dabei auf +allerhand M"oglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden +oder irgend etwa{\s} verkaufen? Aber erstere{\s} hatte vermutlich +keinen Erfolg, und zu verkaufen gab e{\s} nicht{\s}. Er mochte +sich sonst noch au{\s}denken, wa{\s} er wollte: "uberall drohten +die gr"o"sten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu +gern weitere unerfreuliche "Uberlegungen. Er redete sich ein, er +vernachl"assige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und +Trachten widme. Er wollte an nicht{\s} andre{\s} denken, selbst +wenn ihr dadurch kein Abbruch gesch"ahe. + +Der Winter war streng. Emma{\s} Genesung schritt nur langsam +vorw"art{\s}. Al{\s} da{\s} Wetter w"armer wurde, schob man sie in +ihrem Lehnstuhl an da{\s} Fenster, und zwar an da{\s} nach dem +Marktplatze zu gelegene. Da{\s} andre mit dem Blick in den Garten +war ihr jetzt verleidet; de{\s}halb mu"ste seine Jalousie +best"andig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, da"s ihr +Reitpferd verkauft werden solle. Alle{\s}, wa{\s} ihr fr"uher lieb +gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie k"ummerte sich um nicht{\s} +mehr al{\s} um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie +in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem M"adchen, um sich +die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der +Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen +Widerschein in da{\s} Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand +eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden +unau{\s}bleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie +eigentlich gar nicht{\s} angingen, am meisten vor der +allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen L"owen. Dann redete die +Wirtin laut, allerlei andre Stimmen l"armten dazwischen, und die +Laterne Hippolyt{\s}, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck +herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die +Mittag{\s}zeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank +ihre Bouillon. Um f"unf Uhr, wenn e{\s} zu d"ammern begann, kamen +die Kinder au{\s} der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen +"uber da{\s} Trottoir, und im Vor"ubergehen schlug ein{\s} wie +da{\s} andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der +Fensterl"aden. + +Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte +sich nach ihrem Befinden, erz"ahlte ihr Neuigkeiten und ermahnte +sie zur Fr"ommigkeit in gef"alligem Plaudertone. Schon der Anblick +der Soutane hatte f"ur Emma etwa{\s} Beruhigende{\s}. + +Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte +sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letzte{\s} +St"undlein sei gekommen. W"ahrend man im Gemach die n"otigen +Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen +bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fu"sboden mit +Blumen bestreute, da war e{\s} ihr, al{\s} "uberk"ame sie eine +geheimni{\s}volle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen +und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie k"orperlo{\s} geworden, sie +hegte keine Gedanken mehr, und ein neue{\s} Leben begann ihr. Sie +hatte da{\s} Gef"uhl, al{\s} schwebe ihre Seele gen Himmel, al{\s} +verl"osche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine +Opferflamme "uber verglimmendem R"aucherwerk. Man besprengte ihr +Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die wei"se Hostie au{\s} +dem heiligen Ciborium. Halb ohnm"achtig vor "uberirdischer Lust, +"offnete Emma die Lippen, um den Leib de{\s} Heiland{\s} zu +empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorh"ange um sie herum +bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen +auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie +Gloriolen her"uber. Al{\s} sie mit dem Kopfe in da{\s} Kissen +zur"ucksank, glaubte sie au{\s} himmlischen H"ohen seraphische +Harfenkl"ange zu h"oren und im Azur auf goldnem Throne, umringt +von Heiligen mit gr"unen Palmen, Gott den Vater in aller seiner +erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit +Flammenfl"ugeln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen~... + +Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Ged"achtnisse. +E{\s} war der allersch"onste Traum, den sie je getr"aumt. Sie gab +sich M"uhe, da{\s} Bild immer wieder zu empfinden. E{\s} wich ihr +nicht au{\s} der Phantasie, aber e{\s} erschien ihr nur manchmal +und in s"u"ser Verkl"arung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich +in christlicher Demut. Da{\s} Gef"uhl der menschlichen Ohnmacht +ward ihr ein k"ostlicher Genu"s. Sie sah f"ormlich, wie au{\s} +ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden +g"ottlichen Gnade T"ur und Tor weit "offnete. E{\s} gab also +au"ser dem Erdengl"uck eine h"ohere Gl"uckseligkeit und "uber +aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und +ohne Ende, eine Br"ucke in da{\s} Ewige! In neuen Illusionen +ertr"aumte sie sich "uber der Erde ein Reich der Reinheit, einen +Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine +Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkr"anze und trug Amulette. +Ihr gr"o"ster Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu H"aupten ihre{\s} +Bette{\s}, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den +wollte sie dann alle Abende k"ussen. + +Der Pfarrer wunderte sich "uber Emma{\s} Wandlung, verhehlte sich +jedoch nicht, da"s diese allzu inbr"unstige Fr"ommigkeit sehr +leicht in "Uberschwenglichkeit und Ketzerei au{\s}arten k"onne. +Aber er war kein Seelenkenner, zumal au"sergew"ohnlichen +Erscheinungen gegen"uber. De{\s}halb wandte er sich an den +Buchh"andler de{\s} Erzbischof{\s} und bat ihn, ihm "`ein +passende{\s} Erbauung{\s}buch f"ur eine gebildete +Frauen{\s}person"' zu schicken. Mit der gr"o"sten +Gleichg"ultigkeit, al{\s} handle e{\s} sich darum, irgendwelchen +Krim{\s}kram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der +Buchh"andler alle m"oglichen gerade vorr"atigen frommen Schriften +in ein Paket: Katechi{\s}men in Form von Frage und Antwort, +Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und fr"ommelnde Romane in +rosa Einb"andchen und s"u"slichem Stil, verbrochen von dichtenden +Schulmeistern oder blaustr"umpfigen Betschwestern, mit Titeln wie: +"`Die Herzpostille"', "`Der Weltmann zu F"u"sen Mari"a. Von Herrn +von ***, Ritter mehrerer Orden"', "`Voltaire{\s} Ketzereien zum +Gebrauch f"ur die Jugend"', usw. usw. + +Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen +Dingen ernstlich befassen zu k"onnen. "Uberdie{\s} st"urzte sie +sich auf diese B"ucher mit allzu gro"sem Bed"urfni{\s} nach +wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren emp"orte +sie, die Anma"sungen der Polemik stie"sen sie ab, und die +Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden, +mi"sfiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religi"ose +Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der +geringsten Weltkenntni{\s}. Sie verschleierten die Realit"aten +de{\s} Leben{\s}, f"ur deren Brutalit"at sie viel lieber +literarische Beweise gefunden h"atte. Trotzdem la{\s} sie weiter, +und wenn ihr ein{\s} der B"ucher au{\s} den H"anden glitt, dann +w"ahnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu +empfinden, wie ihn nur die "ubersinnlichsten Seelen zu versp"uren +imstande sind. + +Da{\s} Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihre{\s} +Herzen{\s} begraben; darin ruhte e{\s} unber"uhrter und stiller +denn eine "agyptische K"onig{\s}mumie in ihrer Kammer. Au{\s} +dieser gro"sen eingesargten Liebe drang ein leiser, alle{\s} +durchstr"omender Duft von Z"artlichkeit in da{\s} neue reine +Dasein, da{\s} Emma f"uhren wollte. Wenn sie in ihrem gotischen +Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten +Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugefl"ustert hatte in den +Ekstasen de{\s} Ehebruch{\s}. Damit wollte sie der g"ottlichen +Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine +Tr"ostung, und sie erhob sich mit m"uden Gliedern und dem leeren +Gef"uhl, namenlo{\s} betrogen worden zu sein. Diese{\s} Suchen, +dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut +ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den gro"sen Damen +der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damal{\s}, al{\s} sie "uber den +Szenen au{\s} dem Leben de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere +tr"aumte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit k"oniglicher +Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen +Stunden zu F"u"sen Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen +au{\s}geweint hatten. + +Nun wurde sie "uber die Ma"sen mildt"atig. Sie n"ahte Kleider f"ur +die Armen, schickte W"ochnerinnen Brennholz, und al{\s} Karl +eine{\s} Tage{\s} heimkam, fand er in der K"uche drei +Gassenjungen, die Suppe a"sen. Die kleine Berta wurde wieder +in{\s} Hau{\s} genommen; Karl hatte sie w"ahrend der Krankheit +seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma +da{\s} Lesen beibringen. Wenn da{\s} Kind weinte, regte sie sich +nicht mehr auf. E{\s} war eine Art Resignation "uber sie gekommen, +eine duldsame Nachsicht gegen alle{\s}. Ihre Sprache ward voll +gew"ahlter Au{\s}dr"ucke, selbst Allt"aglichkeiten gegen"uber. + +Die alte Frau Bovary hatte nicht{\s} mehr an Emma au{\s}zusetzen, +abgesehen von ihrer Manie, f"ur Waisenkinder Jacken zu stricken +und ihre eigenen Wischt"ucher unau{\s}gebessert zu lassen. Aber +die gute Frau war der Zwiste in ihre{\s} Manne{\s} Hause derma"sen +m"ude, da"s ihr der Frieden am Herde ihre{\s} Sohne{\s} so +wohltat, da"s sie bi{\s} nach Ostern dablieb, um den +B"arbei"sigkeiten de{\s} alten Bovary zu entgehen, der alle +Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem +Tische sehen wollte. + +Au"ser der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre +Rechtlichkeit und ihr w"urdige{\s} Wesen einen gewissen Halt gab, +hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. E{\s} verkehrten +mit ihr: Frau Langloi{\s}, Frau Caron, Frau D"ubreuil, Frau +T"uvache, sowie die treffliche Frau Homai{\s}, die sich +regelm"a"sig zwischen drei und f"unf Uhr einstellte. Sie hatte dem +Klatsch, der "uber ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war, +niemal{\s} Glauben schenken wollen. Auch die Apotheker{\s}kinder +kamen mitunter in Justin{\s} Begleitung. Er brachte sie in +Emma{\s} Zimmer und blieb in der N"ahe der T"ure stehen, ohne sich +zu r"uhren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau +Bovary gar nicht und lie"s sich in ihrem Toilettemachen nicht +st"oren. Sie k"ammte sich da{\s} Haar, wobei sie den Kopf nach dem +Durchziehen de{\s} Kamme{\s} jede{\s}mal mit einer eigent"umlichen +heftigen Bewegung zur"uckwarf. Al{\s} der arme Junge zum ersten +Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln +bi{\s} zu den Knien herabwallte, war e{\s} ihm zumute, al{\s} +schaue er pl"otzlich ganz Neue{\s}, Au"sergew"ohnliche{\s}, und er +starrte wie geblendet hin. + +Sicherlich bemerke Emma weder sein stumme{\s} Ent\/z"ucken noch +seine sch"uchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, da"s die +au{\s} ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in +neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, +in einem jungen Herzen, da{\s} sich der Offenbarung ihrer +Frauensch"onheit weit "offnete. Im "ubrigen war sie jetzt in jeder +Hinsicht grenzenlo{\s} gleichg"ultig. Mit dem stolzesten Gesichte +sagte sie die z"artlichsten Worte. Ihr ganze{\s} Benehmen war so +widerspruch{\s}voll, da"s man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid +an ihr unterscheiden konnte. Man wu"ste nicht mehr, war sie +verdorben oder unnahbar. + +Zum Beispiel war sie eine{\s} Abend{\s} sehr ungehalten "uber ihr +Dienst\-m"ad\-chen. E{\s} bat, au{\s}gehen zu d"urfen, und +stotterte irgendeinen Vorwand her. Un\-vermittelt fragte Emma: + +"`Du liebst ihn also?"' und, ohne Felicie{\s} Antwort abzuwarten, +f"ugte sie in traurigem Tone hinzu: "`Geh! Lauf! Vergn"uge dich!"' + +In den ersten Fr"uhling{\s}tagen lie"s sie den Garten vollst"andig +um"andern. Karl war anfang{\s} dagegen, dann jedoch freute er sich +dar"uber, da"s sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch +"au"serte. Nach und nach bewie{\s} sie auch anderweitig, da"s sie +sich wieder erholt hatte. Zun"achst brachte sie e{\s} zuwege, da"s +Frau Rollet, die Amme, die sich{\s} angew"ohnt hatte, Tag f"ur Tag +mit ihren S"auglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen +Appetit in der K"uche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. +Sodann sch"uttelte sie sich die Familie Homai{\s} vom Halse, nach +und nach auch die andern regelm"a"sigen Besucherinnen. Sogar in +die Kirche ging sie seltener, zur gro"sen Freude de{\s} +Apotheker{\s}, der ihr daraufhin freundschaftlichst erkl"arte: + +"`Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!"' + +Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der +Katechi{\s}mu{\s}stunde. Am liebsten blieb er im Freien, im +"`Hain"', wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um +dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so +bekamen die beiden M"anner eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den +sie "`auf die v"ollige Genesung der gn"adigen Frau"' tranken. + +"Ofter{\s} fand sich auch Binet ein, da{\s} hei"st: er sa"s +etwa{\s} tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary +lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im +Aufbrechen von Sektflaschen. + +"`Zun"achst mu"s man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,"' +dozierte er, indem er selbstbewu"st um sich blickte, "`dann +zerschneidet man die Bindf"aden, und dann l"a"st man dem Pfropfen +ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!"' + +Aber bei dieser Vorf"uhrung spritzte der Sekt "ofter{\s} der +ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterlie"s +e{\s} niemal{\s}, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen: + +"`Seine Vortrefflichkeit springt einem buchst"ablich in die Augen!"' + +Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwa{\s} +dagegen, al{\s} der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit +seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort +im Theater den ber"uhmten Tenor Lagardy anh"oren. Homai{\s} +wunderte sich "uber diese Duldsamkeit und f"uhlte ihm de{\s}halb +etwa{\s} auf den Zahn. Der Priester erkl"arte, er halte die Musik +f"ur weniger sittenverderbend al{\s} die Literatur. Aber Homai{\s} +verteidigte die letztere. Er behauptete, da{\s} Theater k"ampfe +unter dem leichten Gewande de{\s} Spiel{\s} gegen veraltete Ideen +und f"ur die wahre Moral. + +"`\begin{antiqua}Castigat ridendo mores\end{antiqua}, verehrter +Herr Pfarrer!"' zitierte er. "`Sehen Sie sich daraufhin mal die +Trag"odien Voltaire{\s} an! Die meisten von ihnen sind mit +philosophischen Aphori{\s}men durchsetzt, die eine wahre Schule +der Moral und Leben{\s}klugheit f"ur da{\s} Volk sind."' + +"`Ich habe einmal ein St"uck gesehen,"' sagte Binet, "`e{\s} +hie"s: {\glq}Der Pariser Taugenicht{\s}.{\grq} Darin kommt ein +alter General vor, wirklich ein hahneb"uchner Kerl. Er verst"o"st +seinen Sohn, der eine Arbeiterin verf"uhrt hat; zu guter Letzt +aber~..."' + +"`Gewi"s"', unterbrach ihn Homai{\s}, "`gibt e{\s} schlechte +Literatur, genau so wie e{\s} schlechte Arzneien gibt. Aber die +wichtigste aller K"unste de{\s}halb gleich in Bausch und Bogen zu +verurteilen, da{\s} d"unkt mich eine kolossale Dummheit, eine +grote{\s}ke Idee, w"urdig der abscheulichen Zeiten, die einen +Galilei im Kerker schmachten lie"sen."' + +Der Pfarrer ergriff da{\s} Wort: + +"`Ich wei"s sehr wohl: e{\s} gibt gute Dramen und gute +Theaterschriftsteller. Aber diese modernen St"ucke, in denen +Personen zweierlei Geschlecht{\s} in Prunkgem"achern, +vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese +schamlosen B"uhnenm"atzchen, dieser Kost"umluxu{\s}, diese +Lichtvergeudung, dieser Femini{\s}mu{\s}, alle{\s} da{\s} hat +keine andre Wirkung, al{\s} da"s e{\s} leichtfertige Ideen in die +Welt setzt, sch"andliche Gedanken und unz"uchtige Anwandlungen. +Wenigsten{\s} ist da{\s} zu allen Zeiten die Ansicht der +kirchlichen Autorit"aten."' + +Er nahm einen salbung{\s}vollen Ton an, w"ahrend er zwischen +seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. "`Und wenn die +Kirche da{\s} Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie +in ihrem vollen Rechte. Wir m"ussen un{\s} ihrem Gebote f"ugen."' + +"`Jawohl,"' eiferte der Apotheker, "`man exkommuniziert die +Schauspieler. In fr"uheren Jahrhunderten nahmen sie an den +kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche +possenhafte St"ucke, die sogenannten Mysterien, in denen e{\s} +h"aufig nicht{\s} weniger al{\s} dezent zuging~..."' + +Der Geistliche begn"ugte sich, einen Seufzer au{\s}zusto"sen. Der +Apotheker redete immer weiter: + +"`Und wie steht{\s} mit der Bibel? E{\s} wimmelt darin -- Sie +wissen{\s} ja am besten -- von Unanst"andigkeiten und -- man kann +nicht ander{\s} sagen -- groben Schweinereien~..."' Bournisien +machte eine unwillige Geb"arde. "`Aber Sie m"ussen mir doch +zugeben, da"s da{\s} kein Buch ist, da{\s} man jungen Leuten in +die Hand geben kann. Ich werde e{\s} nie zulassen, da"s meine +Athalie~..."' + +"`Da{\s} sind ja die Protestanten, nicht wir,"' rief der Pfarrer +ungeduldig, "`die den Leuten die Bibel "uberlassen!"' + +"`Da{\s} kommt hier nicht in Frage"', erkl"arte Homai{\s}. "`Ich +wundre mich nur, da"s man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der +wissenschaftlichen Aufkl"arung, eine geistige Erholung zu +verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja +sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit f"ordert! Da{\s} +ist doch so, nicht, Doktor?"' + +"`Zweifello{\s}!"' erwiderte der Arzt nachl"assig. Entweder wollte +er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, +oder er hatte hier"uber "uberhaupt keine Meinung. + +Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt +e{\s} f"ur angebracht, eine letzte Attacke zu reiten. + +"`Ich habe Geistliche gekannt,"' behauptete er, "`die in Zivil +in{\s} Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen +strampeln zu sehen."' + +"`Ach wa{\s}!"' wehrte der Pfarrer ab. + +"`Doch! Ich kenne welche!"' Und nochmal{\s} sagte er, Silbe f"ur +Silbe einzeln betonend: "`Ich -- ken -- ne -- wel -- che!"' + +"`Na ja,"' meinte Bournisien nachgiebig, "`die Betreffenden haben +da aber etwa{\s} Unrechte{\s} getan."' + +"`Wa{\s} Unrechte{\s}? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch +ganz andre Dinge!"' + +"`Herr -- Apo -- the -- ker!"' rief der Geistliche mit einem so +zornigen Blicke, da"s Homai{\s} eingesch"uchtert wurde und +einlenkte: + +"`Ich wollte damit ja nur sagen, da"s die Toleranz die beste +F"ursprecherin der Kirche ist."' + +"`Sehr wahr! Sehr wahr!"' gab der gutm"utige Pfarrer zu, indem er +sich wieder in seinen Stuhl zur"ucklehnte. Er blieb aber nur noch +ein paar Minuten. + +Al{\s} er fort war, sagte Homai{\s} zu Bovary: + +"`Da{\s} war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ich{\s} mal +gesteckt! Sie haben{\s} ja mit angeh"ort! Um darauf +zur"uckzukommen: tun Sie da{\s} ja, f"uhren Sie Ihre Frau in +da{\s} Theater, und wenn{\s} blo"s de{\s}halb w"are, um diesen +schwarzen Raben damit zu "argern. Sapperlot! Wenn ich einen +Vertreter h"atte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich +dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein +Engagement nach England f"ur ein Riesenhonorar! "Ubrigen{\s} soll +er ein toller Schweren"oter sein! Er schwimmt im Gold! Drei +Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese gro"sen +K"unstler k"onnen nicht rechnen. Sie brauchen ein +verschwenderische{\s} Dasein, e{\s} regt ihre Phantasie an. +Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu +sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!"' + +Der Gedanke, da{\s} Theater zu besuchen, schlug in Bovary{\s} +Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfang{\s} +wollte sie nicht{\s} davon wissen und meinte, sie f"uhle sich zu +schwach, e{\s} sei zu beschwerlich und zu kostspielig. +Au{\s}nahm{\s}weise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete, +da"s ihr diese Zerstreuung sehr dienlich w"are. Irgendwelche +Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm j"ungst ganz +unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden +Au{\s}gaben waren nicht gro"s, und die Wechselschuld bei Lheureux +war noch lange nicht f"allig, so da"s er daran nicht zu denken +brauchte. Er dachte, Emma str"aube sich nur au{\s} R"ucksicht auf +ihn. De{\s}halb best"urmte er sie immer mehr, bi{\s} sie seinen +Bitten schlie"slich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren +sie mit der Post ab. + +Den Apotheker hielt nicht{\s} Dringliche{\s} in Yonville zur"uck, +aber er hielt sich f"ur unabk"ommlich. Al{\s} er die beiden +einsteigen sah, jammerte er. + +"`Gl"uckliche Reise!"' sagte er. "`Habt ihr{\s} gut!"' Und zu Emma +gewandt, f"ugte er hinzu: "`Sie sehen zum Anbei"sen h"ubsch +au{\s}! Sie werden in Rouen Furore machen!"' + +Die Post spannte in Rouen im "`Roten Kreuz"' am Beauvoisine-Platz +au{\s}. Da{\s} war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit +ger"aumigen St"allen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe +lief eine Schar H"uhner herum, die unter den verschmutzten +Einsp"annern der Gesch"aft{\s}reisenden ihre Haferk"orner +aufpickten. E{\s} war eine der Herbergen au{\s} der guten alten +Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Wintern"achten im +Winde knarren; die G"aste, der L"arm und die Esserei werden in +ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller gro"ser +Kaffeeflecke, die tr"uben dicken Fensterscheiben voller +Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren. +Auf der Stra"senseite gibt e{\s} ein Caf\'e und hinten nach dem +Freien zu einen Gem"usegarten. Alle{\s} tr"agt einen l"andlichen +Anstrich. + +Karl machte sofort einen Besorgung{\s}gang. An der Theaterkasse +wu"ste er nicht, wa{\s} Parkett, Pros\/zenium{\s}loge, erster Rang +und Galerie war; er bat um Au{\s}kunft, wurde dadurch aber auch +nicht kl"uger. Der Kassierer wie{\s} ihn in die Direktion. +Schlie"slich rannte er noch einmal in den Gasthof zur"uck, dann +wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmal{\s} durch die +halbe Stadt. + +Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen. +Karl war fortw"ahrend in Angst, den Beginn der Oper zu vers"aumen. +Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu +nehmen. Al{\s} sie aber vor dem Theater ankamen, waren die T"uren +noch geschlossen. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Eine Menge Menschen umlagerte die Eing"ange. "Uberall an den Ecken +der in der N"ahe gelegenen Stra"sen prangten riesige Plakate, die +in auff"alligen Lettern au{\s}schrien: + +\begin{center} +\begin{antiqua} +LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... \\ +DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ... +\end{antiqua} +\end{center} + +E{\s} war ein sch"oner, aber hei"ser Tag. Der Schwei"s rann den +Leuten "uber die Stirn, und sie f"achelten ihren erhitzten +Gesichtern mit den Taschent"uchern K"uhlung zu. Hin und wieder +wehte lauer Wind vom Strome her und bl"ahte ein wenig die +Leinwandmarkisen der Restaurant{\s}. Weiter unten, an den Kai{\s}, +wurde man durch einen eisigen Luft\/zug abgek"uhlt, in den sich +Ger"uche von Talg, Leder und "Ol au{\s} den zahlreichen dunklen, +vom Rollen der gro"sen F"asser l"armigen Gew"olben der +Karren-Gasse mischten. + +Au{\s} Furcht, sich l"acherlich zu machen, schlug Frau Bovary vor, +noch nicht in da{\s} Theater hineinzugehen und erst einen +Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl +die Eintritt{\s}karten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig +mit seinen Fingern fest und dr"uckte sie gegen die Bauchwand, so +da"s er sie in einem fort f"uhlte. + +In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Al{\s} sie wahrnahm, da"s +sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien +hinaufschob, w"ahrend sie selbst die breite Treppe zum ersten +Range emporschreiten durfte, l"achelte sie unwillk"urlich vor +Eitelkeit. E{\s} gew"ahrte ihr ein kindliche{\s} Vergn"ugen, die +breiten vergoldeten T"uren mit der Hand aufzusto"sen. In vollen +Z"ugen atmete sie den Staubgeruch der G"ange ein, und al{\s} sie +in ihrer Loge sa"s, machte sie sich{\s} mit einer Ungezwungenheit +einer Principessa bequem. + +Da{\s} Hau{\s} f"ullte sich allm"ahlich. Die Operngl"aser kamen +au{\s} ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich au{\s} +der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von +der Unrast ihre{\s} Kr"amerleben{\s} erholen, doch sie verga"sen +die Gesch"afte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle, +Fusel und Indigo. Da{\s} waren Grauk"opfe mit friedfertigen +Alltag{\s}gesichtern; wei"s in der Farbe von Haar und Haut, +glichen sie einander wie abgegriffene Silberm"unzen. Im Parkett +paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und +gra{\s}gr"unen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie +sie sich mit gelbbehandschuhten H"anden auf die goldenen Kn"aufe +ihrer St"ocke st"utzten. Jetzt wurden die Orchesterlampen +angez"undet, und der Kronleuchter ward von der Decke +herabgelassen. Sein in den Gla{\s}pri{\s}men widerglitzernde{\s} +Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen +die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirre{\s} +Get"ose an von brummenden Kontrab"assen, kratzenden Violinen, +fauchenden Klarinetten und winselnden Fl"oten. Endlich drei kurze +Schl"age mit dem Taktstocke de{\s} Kapellmeister{\s}. +Paukenwirbel, H"ornerklang. Der Vorhang hob sich. + +Auf der B"uhne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im +Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern, +M"antel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein +Edelmann auf, der die Geister der H"olle mit gen Himmel gereckten +Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen +ab. Der Chor singt von neuem. + +Emma sah sich in die Atmosph"are ihrer M"adchenlekt"ure +zur"uckversetzt, in die Welt Walter Scott{\s}. E{\s} war ihr, +al{\s} h"ore sie den Klang schottischer Dudels"acke "uber die +nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman de{\s} Briten +erleichterte ihr da{\s} Verst"andni{\s} der Oper. Aufmerksam +folgte sie der intriganten Handlung, w"ahrend eine Flut von +Gedanken in ihr aufwallte, um al{\s}bald unter den Wogen der Musik +wieder zu verflie"sen. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien +hin. Sie f"uhlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in +Schwingungen geriet, al{\s} strichen die Violinenbogen "uber ihre +Nerven. Sie h"atte hundert Augen haben m"ogen, um sich satt sehen +zu k"onnen an den Dekorationen, Kost"umen, Gestalten, an den +gemalten und doch zitternden B"aumen, an den Samtbaretten, +Ritterm"anteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen +eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt +lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in +gr"unem Rocke eine B"orse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun +kam ein Fl"otensolo, zart wie Quellengefl"uster und +Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang +von ungl"ucklicher Liebe und w"unschte sich Fl"ugel. Ach, auch +Emma h"atte au{\s} diesem Leben fliehen m"ogen, weit weg in +Liebe{\s}armen! + +Da erschien auf der Szene Lagardy al{\s} Edgard. Er hatte jenen +schimmernden blassen Teint, der dem S"udl"ander etwa{\s} von der +grandiosen Wirkung de{\s} Marmor{\s} verleiht. Seine m"annliche +Gestalt war in ein braune{\s} Wam{\s} gezw"angt. Ein kleiner Dolch +mit zierlichem Geh"ange schlug ihm die linke Lende. Er warf lange +schmachtende Blicke und zeigte seine blendend wei"sen Z"ahne. Man +hatte Emma erz"ahlt, eine polnische F"urstin habe ihn am Strand +von Biarritz singen h"oren, wo er Schiff{\s}zimmermann gewesen +sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. +Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen. + +Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem +be\-r"uhm\-ten K"unstler al{\s} Reklame. Der schlaue Mime brachte +e{\s} sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische +Flo{\s}keln "uber den bezaubernden Eindruck seiner Pers"onlichkeit +und die leichte Empf"anglichkeit seine{\s} Herzen{\s} zu +lancieren. Er besa"s eine sch"one Stimme, unfehlbare Sicherheit, +mehr Temperament al{\s} Intelligenz, mehr Patho{\s} al{\s} +Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem +Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador. + +Sobald er nur auf der B"uhne erschien, begeisterte er Emma. Er +schlo"s Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder, +sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Ha"s wild auf, bald +klagte er in den zartesten Elegien, und die T"one perlten ihm +au{\s} der Kehle, zwischen Tr"anen und K"ussen. Emma beugte sich +weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingern"agel in +den Pl"usch der Logenbr"ustung eingruben. Ihr Herz ward voll von +diesen wehm"utigen Melodien, die, von den Kontrab"assen dumpf +begleitet, nicht aufh"orten, gleich wie die Notschreie von +Schiffbr"uchigen im Sturmgebrau{\s}. Die junge Frau kannte alle +diese Verz"ucktheiten und Herzen{\s}"angste, die sie unl"angst +dem Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna +ersch"utterte sie wie eine laute Verk"undung ihrer heimlichsten +Beichte. Da{\s} Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen +Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in +der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie +Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, al{\s} sie sich Lebewohl +sagten~... + +Beifall durchst"urmte da{\s} Hau{\s}. Die ganze Stretta mu"ste +wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen +auf ihren Gr"abern, von Treue, Trennung, Verh"angni{\s} und +Hoffnungen; und al{\s} sie sich den letzten Scheidegru"s zuriefen, +stie"s Emma einen lauten Schrei au{\s}, der in der Orchestermusik +de{\s} Finale verhallte. + +"`Warum l"a"st sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in +Ruhe?"' fragte Bovary. + +"`Aber nein!"' antwortete sie. "`Da{\s} ist doch ihr Geliebter!"' + +"`Er schw"ort doch, er wolle sich an ihrer Familie r"achen. Und +der andre, der dann kam, hat doch gesagt: +\begin{verse} +{\glq}Nimm, Teure, meine Schw"ure an \\ +Der reinsten, w"armsten Liebe!{\grq} +\end{verse} +Und sie sagt: +\begin{verse} +{\glq}So sei e{\s} denn!{\grq} +\end{verse} +"Ubrigen{\s} der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine +H"a"sliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, da{\s} war doch ihr +Vater, nicht wahr?"' + +Trotz Emma{\s} Berichtigungen blieb Karl, der da{\s} Rezitativ im +zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mi"sverstanden +hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebe{\s}zeichen +gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nicht{\s} +begriffen zu haben. Die Musik st"ore, sie beeintr"achtige den +Text. + +"`Wa{\s} schadet da{\s}?"' wandte Emma ein. "`Nun sei aber +still!"' + +Er lehnte sich an ihren Arm. "`Ich m"ochte gern im Bilde sein. +Wei"st du?"' + +"`Sei doch endlich still!"' sagte sie unwillig. "`Schweig!"' + +Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gest"utzt, einen Myrtenkranz im +Haar, bleicher al{\s} der wei"se Atla{\s} ihre{\s} Kleide{\s} ... +Emma gedachte ihre{\s} eigenen Hochzeit{\s}tage{\s}, sie sah sich +zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fu"sweg auf dem Gange +zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, +unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fr"ohlich +gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie +zuschritt ... Ach, h"atte sie, jung und frisch und sch"on, noch +nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht entt"auscht in ihrem +Ehebruch, auf ein feste{\s} edle{\s} Herz bauen und Tugend, +Z"artlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen f"uhlen +d"urfen! Niemal{\s} w"are sie von der H"ohe solcher +Gl"uckseligkeit herabgesunken! "`Nein, nein!"' rief sie +schmerzlich bei sich au{\s}. "`All da{\s} gro"se Gl"uck da unten +ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehns"uchtigen oder +verzweifelten Phantasten!"' Jetzt erkannte sie, da"s die +Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der +"Uberschwenglichkeit der Kunst etwa{\s} Gro"se{\s}. Sie versuchte +sich zur n"uchternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser +Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nicht{\s} mehr sehen al{\s} ein +plastische{\s} Phantasiegebilde, nicht{\s} mehr und nicht{\s} +weniger al{\s} eine am"usante Augenweide. Und so l"achelte sie in +Gedanken "uberlegen-nachsichtig, al{\s} im Hintergrunde der B"uhne +hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel +erschien, dem sein breitkrempiger gro"ser Hut bei einer +K"orperbewegung vom Kopfe fiel. + +Da{\s} Sextett begann. S"anger und Orchester entfalten sich. +Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton +schleudert ihm in wuchtigen T"onen seine Tode{\s}drohungen +entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im +Ma"se der Nebenrolle, und Raimund{\s} Ba"s brummt wie +Orgelgebrau{\s}. Die Frauen de{\s} Chor{\s} wiederholen die Worte, +ein k"ostliche{\s} Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer +Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen +entstr"omen gleichzeitig ihren aufgerissenen M"undern. Der +w"utende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der +Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und +nieder, w"ahrend er m"achtigen Schritt{\s} in seinen +sporenklirrenden Stulpenstiefeln "uber die B"uhne schreitet. + +"`Er mu"s eine unersch"opfliche Liebe in sich tragen,"' dachte +Emma, "`da"s er sie an die Menge so verschwenden kann."' Ihre +Anwandlung von Gering\-sch"atzigkeit schwand vor dem Zauber seiner +Rolle. Sie f"uhlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter +dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben +vorzustellen, sein bewegte{\s}, ungew"ohnliche{\s}, gl"anzende{\s} +Leben, an dem sie h"atte teilnehmen k"onnen, wenn e{\s} der Zufall +gef"ugt h"atte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und +sich ineinander verliebt! Sie w"are mit ihm durch alle L"ander +Europa{\s} gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, h"atte mit ihm +M"uhen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm +streute, und seine B"uhnenkost"ume eigenh"andig gestickt. Alle +Abende h"atte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter +aufmerksam den S"angen seiner Seele gelauscht, die einzig und +allein ihr gewidmet w"aren. Von der Szene, beim Singen, h"atte er +zu ihr geschaut~... + +Sie erschrak und ward verwirrt. Der S"anger sah zu ihr hinauf. +Kein Zweifel! Sie h"atte zu ihm hinst"urzen m"ogen, in seine Arme, +in seine Umarmung fliehen, al{\s} sei er die Verk"orperung der +Liebe, und ihm laut zurufen: + +"`Nimm mich, entf"uhre mich! Komm! Ich geh"ore dir, nur dir! Dir +gelten alle meine Tr"aume, mein ganze{\s} hei"se{\s} Herz!"' + +Der Vorhang fiel. + +Ga{\s}geruch erschwerte da{\s} Atmen, und da{\s} F"acheln der +F"acher machte die Luft noch unertr"aglicher. Emma wollte die Loge +verlassen, aber die G"ange waren durch die vielen Menschen +versperrt. Sie sank in ihren Sessel zur"uck. Sie bekam Herzklopfen +und Atemnot. Da Karl f"urchtete, sie k"onne ohnm"achtig werden, +eilte er nach dem B"ufett, um ihr ein Gla{\s} Mandelmilch zu +holen. + +Er hatte gro"se M"uhe, wieder nach der Loge zu gelangen. Da{\s} +Gla{\s} in beiden H"anden, rannte er bei jedem Schritte, den er +tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schlie"slich go"s er +dreiviertel de{\s} Inhalt{\s} einer Dame in au{\s}geschnittener +Toilette "uber die Schulter. Al{\s} sie da{\s} k"uhle Na"s, da{\s} +ihr den R"ucken hinabrann, sp"urte, schrie sie laut auf, al{\s} ob +man ihr an{\s} Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener +Seifenfabrikant, ereiferte sich "uber diese Ungeschicktheit. +W"ahrend seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem +sch"onen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er w"utend etwa{\s} +von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl gl"ucklich +bei Emma wieder an. G"anzlich au"ser Atem berichtete er ihr: + +"`Wei"s Gott, beinahe h"att ich mich nicht durchgew"urgt! Nein, +diese Mensch\-heit! Diese Mensch\-heit!"' Nach einigem +Verschnaufen f"ugte er hinzu: "`Und ahnst du, wer mir da oben +begegnet ist? Leo!"' + +"`Leo?"' + +"`Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!"' + +Er hatte diese Worte kaum au{\s}gesprochen, al{\s} der Adjunkt +auch schon in der Loge erschien. Mit weltm"annischer +Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau +Bovary die ihrige au{\s}, wie im Banne eine{\s} st"arkeren +Willen{\s}. Diesen fremden Einflu"s hatte sie lange nicht +empfunden, seit jenem Fr"uhling{\s}nachmittage nicht, an dem sie +voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und +drau"sen war leiser Regen auf die Bl"atter gefallen. Aber rasch +besann sie sich auf da{\s}, wa{\s} die jetzige Situation und die +Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft sch"uttelte sie den alten +Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar +hastige Reden{\s}arten zu stammeln: + +"`Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?"' + +"`Ruhe!"' ert"onte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte +n"amlich der dritte Akt begonnen. + +"`So sind Sie also in Rouen?"' + +"`Ja, gn"adige Frau!"' + +"`Und seit wann?"' + +"`Hinau{\s}! Hinau{\s}!"' + +Alle{\s} drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten. + +Von diesem Augenblick war e{\s} mit Emma{\s} Aufmerksamkeit +vorbei. Der Chor der Hochzeit{\s}g"aste, die Szene zwischen Ashton +und seinem Diener, da{\s} gro"se Duett in D-Dur, alle{\s} da{\s} +spielte sich f"ur sie wie in gro"ser Entfernung ab. E{\s} war ihr, +al{\s} kl"ange da{\s} Orchester nur noch ged"ampft, al{\s} s"angen +die Personen ihr weit entr"uckt. Sie dachte zur"uck an die +Spielabende im Hause de{\s} Apotheker{\s}, an den Gang zu der Amme +ihre{\s} Kinde{\s}, an da{\s} Vorlesen in der Laube, an die +Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser +armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war +und die sie l"angst vergessen hatte. Warum war er wieder da? +Welche{\s} Zusammentreffen von besonderen Umst"anden lie"s ihn von +neuem ihren Leben{\s}pfad kreuzen? + +Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von +Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch +seiner Atemz"uge auf ihrem Haar sp"urte. + +"`Macht Ihnen denn da{\s} Spa"s?"' fragte er sie, indem er sich +"uber sie beugte, so da"s die Spitze seine{\s} Schnurrbart{\s} +ihre Wange streifte. + +"`Nein, nicht besonder{\s}!"' entgegnete sie leichthin. + +Daraufhin machte er den Vorschlag, da{\s} Theater zu verlassen und +irgendwo eine Portion Ei{\s} zu essen. + +"`Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!"' sagte Bovary. "`Sie hat +aufgel"oste{\s} Haar! E{\s} scheint also tragisch zu werden!"' + +Aber die Wahnsinn{\s}s\/zene interessierte Emma gar nicht. Da{\s} +Spiel der S"angerin schien ihr "ubertrieben. + +"`Sie schreit zu sehr!"' meinte sie, zu Karl gewandt, der +aufmerksam zu\-h"orte. + +"`M"oglich! Jawohl! Ein wenig!"' gab er zur Antwort. Eigentlich +gefiel ihm die S"angerin, aber die Meinung seiner Frau, die er +immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschl"ussig. + +Leo st"ohnte: + +"`Ist da{\s} eine Hitze!"' + +"`Tats"achlich! Nicht zum Au{\s}halten!"' sagte Emma. + +"`Vertr"agst du{\s} nicht mehr?"' fragte Bovary. + +"`Ich ersticke! Wir wollen gehen!"' + +Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann +schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem +Kaffeehause im Freien Platz nahmen. + +Anfang{\s} unterhielten sie sich von Emma{\s} Krankheit. Sie +versuchte mehrfach, dem Gespr"ach eine andere Wendung zu geben, +indem sie die Bemerkung machte, sie f"urchte, Herrn Leo k"onne +da{\s} langweilen. Darauf erz"ahlte dieser, er m"usse sich in +Rouen zwei Jahre t"uchtig auf die Hosen setzen, um sich in die +hiesige Recht{\s}pflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man +alle{\s} ander{\s} al{\s} in Pari{\s}. Dann erkundigte er sich +nach der kleinen Berta, nach der Familie Homai{\s}, nach der +L"owenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karl{\s} Gegenwart nicht +sagen, und so stockte die Unterhaltung. + +Au{\s} der Oper kommende Leute gingen vor"uber, laut pfeifend und +tr"al\-lernd: +\begin{verse} +{\glq}O Engel reiner Liebe!{\grq} +\end{verse} + +Leo kehrte den Kunstkenner herau{\s} und begann "uber Musik zu +sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi geh"ort. Im +Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner gro"sen Erfolge gar +nicht{\s}. + +Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte, +unterbrach ihn: + +"`Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich +bedaure, da"s ich nicht bi{\s} zu Ende drin geblieben bin. E{\s} +fing mir grade an zu gefallen!"' + +"`Demn"achst gibt{\s} ja eine Wiederholung!"' tr"ostete ihn Leo. + +Karl erwiderte, da"s sie am n"achsten Tage wieder nach Hause +m"u"sten. "`E{\s} sei denn,"' meinte er, zu Emma gewandt, "`du +bliebst allein hier, mein Herzchen?"' + +Bei dieser unerwarteten Au{\s}sicht, die sich seiner +Begehrlichkeit bot, "anderte der junge Mann seine Taktik. Nun +lobte er da{\s} Finale de{\s} S"anger{\s}. Er sei da k"ostlich, +gro"sartig! + +Von neuem redete Karl seiner Frau zu: + +"`Du kannst ja am Sonntag zur"uckfahren. Entschlie"se dich nur! +E{\s} w"are unrecht von dir, wenn du e{\s} nicht t"atest, sofern +du dir auch nur ein wenig Vergn"ugen davon versprichst!"' + +Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner +stand fortw"ahrend in ihrer n"achsten N"ahe herum. Karl begriff +und zog seine B"orse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei +Silberst"ucke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren +lie"s. + +"`E{\s} ist mir wirklich nicht recht,"' murmelte Bovary, "`da"s +Sie f"ur un{\s} Geld~..."' + +Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der +Nebens"achlichkeit und ergriff seinen Hut. + +"`E{\s} bleibt dabei! Morgen um sech{\s} Uhr!"' + +Karl beteuerte nochmal{\s}, da"s er unm"oglich so lange bleiben +k"onne. Emma indessen sei durch nicht{\s} gehindert. + +"`E{\s} ist nur~..."', stotterte sie, verlegen l"achelnd, "`... ich +wei"s nicht recht~..."' + +"`Na, "uberleg dir{\s} noch! Wir k"onnen ja noch mal dar"uber +reden, wenn du{\s} beschlafen hast!"' Und zu Leo gewandt, der sie +begleitete, sagte er: "`Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend +sind, hoffe ich, da"s Sie sich ab und zu bei un{\s} zu Tisch +ansagen!"' + +Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin +dem\-n"achst in Yonville beruflich zu tun habe. + +Al{\s} man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander +verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zw"olf. + + +\newpage +\thispagestyle{empty} +\begin{center} +\vspace{5cm} +{\Huge \so{Dritte{\s} Bu{ch}}} +\end{center} + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip + +\end{center} + +Leo hatte w"ahrend seiner Pariser Studienzeit die Balls"ale +flei"sig besucht und daselbst recht h"ubsche Erfolge bei den +Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er s"ahe sehr schick +au{\s}. "Ubrigen{\s} war er der m"a"sigste Student. Er trug da{\s} +Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am +Ersten de{\s} Monat{\s} sein ganze{\s} Geld und stand sich mit +seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Au{\s}schweifungen +hatte er sich allezeit fern gehalten, au{\s} "Angstlichkeit und +weil ihm da{\s} w"uste Leben zu grob war. + +Oft, wenn er de{\s} Abend{\s} in seinem Zimmer la{\s} oder unter +den Linden de{\s} Luxemburggarten{\s} sa"s, glitt ihm sein +Code-Napol\'eon au{\s} den H"anden. Dann kam ihm Emma in den Sinn. +Aber allm"ahlich verbla"ste diese Erinnerung, und allerlei +Liebeleien "uberwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu +ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und +ein vage{\s} Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne +Frucht an einem Wunderbaume. + +Al{\s} er sie jetzt nach dreij"ahriger Trennung wiedersah, +erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt +g"alte e{\s}, sich fest zu entschlie"sen, wenn er sie besitzen +wollte. Seine ehemalige Sch"uchternheit hatte er "ubrigen{\s} im +Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die +Provinz zur"uckgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, +die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Gro"sstadt +abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon +eine{\s} ber"uhmten Professor{\s} mit Orden und Equipage, h"atte +der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in +Rouen, am Hafen, vor der Frau diese{\s} kleinen Landarzte{\s}, da +f"uhlte er sich "uberlegen und eine{\s} leichten Siege{\s} gewi"s. +Sichere{\s} Auftreten h"angt von der Umgebung ab. Im ersten Stock +spricht man ander{\s} al{\s} im vierten, und e{\s} ist beinahe, +al{\s} seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendw"achter. +Sie tr"agt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem +Korsett. + +Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte, +war er au{\s} einiger Entfernung den beiden durch die Stra"sen +gefolgt, bi{\s} er sie im "`Roten Kreuz"' verschwinden sah. Dann +machte er kehrt und gr"ubelte die ganze Nacht hindurch "uber einen +Krieg{\s}plan. + +Am andern Tag nachmittag{\s} gegen f"unf Uhr betrat er den Gasthof +mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschlu"s, +vor nicht{\s} zur"uckzuscheuen. + +"`Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!"' vermeldete ihm ein +Kellner. + +Leo fa"ste da{\s} al{\s} gute{\s} Vorzeichen auf. Er stieg hinauf. + +Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, al{\s} er eintrat. Sie bat +ihn k"uhl um Entschuldigung, da"s sie gestern vergessen habe, ihm +mit\/zuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien. + +"`O, da{\s} habe ich erraten"', sagte Leo. + +"`Wieso?"' + +Er behauptete, da{\s} gute Gl"uck, eine innere Stimme habe ihn +hierher geleitet. + +Sie l"achelte; und um seine Albernheit wieder gut\/zumachen, log +er nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen +Gasth"ofen nach ihnen zu fragen. + +"`Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?"' f"ugte er hinzu. + +"`Ja,"' gab sie zur Antwort, "`aber ich h"atte e{\s} lieber nicht +tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergn"ugungen +gew"ohnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat~..."' + +"`Ja, da{\s} kann ich mir denken~..."' + +"`Nein, da{\s} k"onnen Sie nicht. Da{\s} kann nur eine Frau."' + +Er meinte, die M"anner h"atten auch ihr Kreuz, und nach einer +philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung. +Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige +Einsamkeit, in die da{\s} Menschenherz verbannt sei. + +Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillk"urlicher +Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete +der junge Mann, er h"atte sich w"ahrend seiner ganzen Studienzeit +ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gr"a"slich +zuwider. Andere Beruf{\s}arten lockten ihn stark, aber seine +Mutter qu"ale ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten +sie sich die Gr"unde ihre{\s} Leid{\s}, und je eifriger sie +sprachen, um so st"arker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. +Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach +Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben k"onnten. +Emma verheimlichte e{\s}, da"s sie inzwischen einen andern +geliebt, und er gestand nicht, da"s er sie vergessen hatte. +Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Souper{\s} +nach den Ma{\s}kenb"allen, und sie erinnerte sich nicht ihrer +Morgeng"ange, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem +Geliebten gegangen war. Der Stra"senl"arm hallte nur schwach zu +ihnen herauf, und die Enge de{\s} Zimmer{\s} schien ihr Alleinsein +noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid au{\s} +leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den R"ucken de{\s} +alten Lehnstuhl{\s}, in dem sie sa"s. Hinter ihr die gelbe Tapete +umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr blo"ser Kopf mit dem +schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte, +wiederholte sich wie ein Gem"alde im Spiegel. + +"`Ach, verzeihen Sie!"' sagte sie. "`E{\s} ist unrecht von mir, +Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen."' + +"`Keine{\s}weg{\s}!"' + +"`Wenn Sie w"u"sten,"' fuhr sie fort und schlug ihre sch"onen +Augen, au{\s} denen Tr"anen rollten, zur Decke empor, "`wa{\s} ich +mir alle{\s} ertr"aumt habe!"' + +"`Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich +au{\s}gegangen, still f"ur mich hin, und hab mich die Kai{\s} +entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu +zerstreuen und die tr"uben Gedanken lo{\s}zubekommen, die mich in +einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eine{\s} +Kunsth"andler{\s} auf dem Boulevard habe ich einmal einen +italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie +tr"agt eine Tunika, einen Vergi"smeinnichtkranz im offnen Haar und +blickt zum Mond empor. Irgend etwa{\s} trieb mich immer wieder +dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden~..."' Und mit +zitternder Stimme f"ugte er hinzu: "`Sie sah Ihnen ein wenig +"ahnlich."' + +Frau Bovary wandte sich ab, damit er da{\s} L"acheln um ihre +Lippen nicht bemerke, da{\s} sie nicht unterdr"ucken konnte. + +"`Und wie oft"', fuhr er fort, "`habe ich an Sie Briefe +geschrieben und hinterher wieder zerrissen."' + +Sie antwortete nicht. + +"`Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall m"usse Sie mir +wieder in den Weg f"uhren. Oft war e{\s} mir, al{\s} ob ich Sie an +der n"achsten Stra"senecke treffen sollte. Ich bin hinter +Droschken hergelaufen, au{\s} denen ein Schal oder ein Schleier +flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen~..."' + +Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden +zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten +Haupte{\s} die Rosetten ihrer Hau{\s}schuhe, auf deren Atla{\s} +die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den +Zehen machte. + +Endlich sagte sie mit einem Seufzer: + +"`Ist e{\s} nicht da{\s} Allertraurigste, ein unn"utze{\s} Leben +so wie ich f"uhren zu m"ussen? Wenn unsere Schmerzen wenigsten{\s} +jemandem n"utzlich w"aren, dann k"onnte man sich doch in dem +Bewu"stsein tr"osten, sich f"ur etwa{\s} zu opfern."' + +Er prie{\s} die Tugend, die Pflicht und da{\s} stumme Sichaufopfern. +Er selbst versp"ure eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwa{\s} +aufzugehen, die er nicht befriedigen k"onne. + +"`Ich m"ochte am liebsten Krankenschwester sein"', behauptete sie. + +"`Ach ja!"' erwiderte er. "`Aber f"ur un{\s} M"anner gibt e{\s} +keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich w"u"ste keine Besch"aftigung +... e{\s} sei denn vielleicht die de{\s} Arzte{\s}~..."' + +Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von +ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben w"are. +Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu +leiden. Sofort schw"armte Leo f"ur die "`Ruhe im Grabe"'. Ja, er +h"atte sogar eine{\s} Abend{\s} sein Testament niedergeschrieben +und darin bestimmt, da"s man ihm in den Sarg die sch"one Decke mit +der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen +hatte. Nach dem, wie alle{\s} h"atte sein k"onnen, also nach einem +imagin"aren Zustand, "anderten sie jetzt in der Erz"ahlung ihre +Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, da{\s} die +Gef"uhle breitdr"uckt. + +Bei dem M"archen von der Reisedecke fragte sie: + +"`Warum denn?"' + +"`Warum?"' Er z"ogerte. "`Weil ich Sie so z"artlich geliebt habe!"' + +Froh, die gr"o"ste Schwierigkeit "uberwunden zu haben, beobachtete +Leo Emma{\s} Gesicht von der Seite. E{\s} leuchtete wie der +Himmel, wenn der Wind pl"otzlich eine Wolkenschicht, die dar"uber +war, zerrei"st. Die vielen traurigen Gedanken, die e{\s} +verdunkelt hatten, waren au{\s} ihren Augen wie weggeweht. + +Er wartete. Endlich sagte sie: + +"`Ich hab e{\s} immer geahnt~..."' + +Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage +einander zu erz"ahlen, von allem Freud und Leid, da{\s} sie soeben +in ein einzige{\s} Wort zusammengefa"st hatten. Er erinnerte sich +der Wiege au{\s} Tannenholz, ihrer Kleider, der M"obel in ihrem +Zimmer, ihre{\s} ganzen Hause{\s}. + +"`Und unsere armen Kakteen, wa{\s} machen die?"' + +"`Sie sind letzten Winter alle erfroren!"' + +"`Ach, wie oft hab ich an sie zur"uckgedacht. Da{\s} glauben Sie +mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damal{\s} +im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und +Sie mit blo"sen Armen Ihre Blumen begossen~..."' + +"`Armer Freund!"' sagte sie und reichte ihm ihre Hand. + +Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er +tief auf und sagte: + +"`Damal{\s} "ubten Sie einen geheimni{\s}vollen Zauber auf mich +au{\s}. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich +zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran +erinnern?"' + +"`Doch, fahren Sie nur fort!"' + +"`Sie standen unten in der Hau{\s}flur, wo die Treppe aufh"ort, +gerade im Begriff au{\s}zugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen +blauen Blumen auf. Ohne da"s Sie mich dazu aufgefordert hatten, +begleitete ich Sie. Ich konnte nicht ander{\s}. Aber mir jeder +Minute trat e{\s} mir klarer in{\s} Bewu"stsein, wie ungezogen +da{\s} von mir war. "Angstlich und unsicher ging ich neben Ihnen +her und brachte e{\s} doch nicht "uber mich, mich von Ihnen zu +trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich drau"sen auf +der Stra"se und sah Ihnen durch da{\s} Schaufenster zu, wie Sie +die Handschuhe abstreiften und da{\s} Geld auf den Ladentisch +legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau T"uvache; man "offnete +Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der m"achtigen +Hau{\s}t"ure, die hinter Ihnen in{\s} Schlo"s gefallen war."' + +Frau Bovary h"orte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war da{\s} +schon her! Alle diese Dinge, die au{\s} der Vergessenheit +heraufstiegen, erweckten in ihr da{\s} Gef"uhl, eine alte Frau zu +sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und +zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern: + +"`Ja ... So war e{\s} ... So war e{\s} ... So war e{\s}!"' + +Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug e{\s} acht, von den +Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Pal"aste. Sie sprachen +nicht mehr, aber sie sahen einander an und sp"urten dabei ein +Brausen in ihren K"opfen, und jeder hatte da{\s} Gef"uhl, +diese{\s} Rauschen str"ome au{\s} den starren Augensternen de{\s} +anderen. Ihre H"ande hatten sich gefunden, und Vergangenheit und +Zukunft, Erinnerung und Tr"aume, alle{\s} ward ein{\s} mir der +z"artlichen Wonne de{\s} Augenblick{\s}. Die D"ammerung dichtete +sich an den W"anden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur +noch die grellen Farbenflecke von vier dah"angenden Buntdrucken. +Durch da{\s} oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen +Dachgiebeln ein St"uck de{\s} schwarzen Himmel{\s}. + +Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der +Kommode anzuz"unden. Dann setzte sie sich wieder. + +"`Wa{\s} ich sagen wollte~..."', begann Leo von neuem. + +"`Wa{\s} war e{\s}?"' + +Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder +anzukn"upfen, da fragte sie ihn: + +"`Wie kommt e{\s}, da"s mir noch niemand solche innere Erlebnisse +anvertraut hat?"' + +Leo erwiderte, ideale Naturen f"anden selten Wahlverwandte. Er +habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke +bringe ihn zur Verzweiflung, da"s sie miteinander f"ur immerdar +verbunden worden w"aren, wenn ein guter Stern sie fr"uher +zusammengef"uhrt h"atte. + +"`Ich habe manchmal da{\s}selbe gedacht"', sagte sie. + +"`Welch ein sch"oner Traum!"' murmelte Leo. Und w"ahrend er mit +der Hand "uber den blauen Saum der Schleife ihre{\s} wei"sen +G"urtel{\s} hinstrich, f"ugte er hinzu: "`Aber wa{\s} hindert +un{\s} denn, von vorn anzufangen?"' + +"`Nein, mein Freund"', erwiderte sie. "`Dazu bin ich zu alt ... +und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben +... und Sie werden sie wieder lieben!"' + +"`Nicht so, wie ich Sie liebe!"' + +"`Sie sind ein Kind! Seien Sie vern"unftig. Ich will e{\s}!"' + +Sie setzte ihm au{\s}einander, da"s Liebe zwischen ihnen ein Ding +der Un\-m"oglich\-keit sei und da"s sie sich nur wie Schwester und +Bruder lieben k"onnten, wie ehemal{\s}. + +Ob sie da{\s} wirklich im Ernst sagte, da{\s} wu"ste sie selbst +nicht. Sie f"uhlte nur, wie sie der Verf"uhrung zu unterliegen +drohte und da"s sie dagegen ank"ampfen m"usse. Sie sah Leo +z"artlich an und stie"s sanft seine zitternden H"ande zur"uck, die +sie sch"uchtern zu liebkosen versuchten. + +"`Seien Sie mir nicht b"o{\s}!"' sagte er und wich zur"uck. + +Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die +ihr viel gef"ahrlicher war al{\s} die K"uhnheit Rudolf{\s}, wenn +er mit au{\s}gebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemal{\s} +war ihr ein Mann so sch"on erschienen. In seinem Wesen lag eine +k"ostliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein +wenig aufw"art{\s}gebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die +zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, au{\s} Verlangen nach +ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu +widerstehen, sie mit ihren Lippen zu ber"uhren. Da fiel ihr Blick +auf die Wanduhr. + +"`Mein Gott, wie sp"at e{\s} schon ist!"' rief sie au{\s}. "`Wir +haben un{\s} verplaudert!"' + +Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut. + +"`Da{\s} Theater habe ich ganz vergessen"', fuhr Emma fort. "`Und +mein armer Mann hat mich doch de{\s}halb nur hiergelassen. Herr +und Frau Lormeaux au{\s} der Gro"senbr"uckenstra"se wollten mich +begleiten~..."' + +Schade! Denn morgen m"usse sie wieder zu Hause sein. + +"`So?"' fragte Leo. + +"`Gewi"s!"' + +"`Aber ich mu"s Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwa{\s} +zu sagen!"' + +"`Wa{\s} denn?"' + +"`Etwa{\s} ... Wichtige{\s}, Ernste{\s}! Ach, Sie d"urfen noch +nicht heimfahren! Nein! Da{\s} ist unm"oglich! Wenn Sie w"u"sten +... H"oren Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? +Ahnen Sie denn nicht~..."' + +"`Sie haben e{\s} doch ziemlich deutlich gesagt!"' + +"`Ach, scherzen Sie nicht! Da{\s} ertrag ich nicht! Haben Sie +Mitleid mit mir! Ich m"ochte Sie noch einmal sehen ... einmal ... +ein einzige{\s}~..."' + +"`E{\s} sei!"' Sie hielt inne. Dann aber, al{\s} bes"anne sie sich +ander{\s}, sagte sie: "`Aber nicht hier!"' + +"`Wo Sie wollen!"' + +Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz: + +"`Morgen um elf in der Kathedrale!"' + +"`Ich werde dort sein"', rief er au{\s} und griff hastig nach +ihren H"anden. Sie ent\/zog sie ihm. + +Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor +ihm, da beugte er sich "uber sie und dr"uckte einen langen Ku"s +auf ihren Nacken. + +"`Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!"' rief sie und lachte mit +einem eigent"umlichen tiefen Klange leise auf, w"ahrend er ihren +Hal{\s} immer noch mehr mit K"ussen bedeckte. Dann beugte er den +Kopf "uber ihre Schulter, al{\s} wolle er in den Augen ihre +Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick. + +Er trat drei Schritte zur"uck, der T"ure zu. Auf der Schwelle +blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme: + +"`Auf Wiedersehn morgen!"' + +Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer. + +Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die +Verabredung zur"ucknahm. E{\s} sei alle{\s} au{\s}, und e{\s} +w"are zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wieders"ahen. Aber +al{\s} der Brief fertig war, fiel ihr ein, da"s sie doch seine +Adresse gar nicht wu"ste. Wa{\s} sollte sie tun? + +"`Ich werde ihm den Brief selbst geben,"' sagte sie sich, +"`morgen, wenn er kommt."' + +Am andern Morgen stand Leo schon fr"uh in der offnen Balkont"ure, +reinigte sich eigenh"andig seine Schuhe und sang leise vor sich +hin. Er machte e{\s} sehr sorgf"altig. Dann zog er ein wei"se{\s} +Beinkleid an, elegante Str"umpfe, einen gr"unen Rock, und +sch"uttete seinen ganzen Vorrat von Parf"um in sein Taschentuch. +Er ging zum Coiffeur, zerst"orte sich aber hinterher die Frisur +ein wenig, weil sein Haar nicht unnat"urlich au{\s}sehen sollte. + +"`E{\s} ist noch zu zeitig"', sagte er, al{\s} er auf der +Kuckuck{\s}uhr de{\s} Friseur{\s} sah, da"s e{\s} noch nicht neun +Uhr war. + +Er bl"atterte in einem alten Modejournal, dann verlie"s er den +Laden, z"undete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei +Stra"sen, und al{\s} er dachte, e{\s} sei Zeit, ging er langsam +zum Notre-Dame-Platze. + +E{\s} war ein pr"achtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der +Juweliere glitzerten die Silberwaren, und da{\s} Licht, da{\s} +schr"ag auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchfl"achen +der grauen Quadersteine. Ein Schwarm V"ogel flatterte im Blau +de{\s} Himmel{\s} um die Kreuzblumen der T"urme. "Uber den +l"armigen Platz wehte Blumenduft au{\s} den Anlagen her, wo +Ja{\s}min, Nelken, Narzissen und Tuberosen bl"uhten, von saftigen +Gra{\s}fl"achen umrahmt und von Beeren tragenden B"uschen f"ur die +V"ogel. In der Mitte pl"atscherte ein Springbrunnen, und zwischen +Pyramiden von Melonen sa"sen H"okerinnen, barh"auptig unter +ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchenstr"au"se. + +Leo kaufte einen. E{\s} war da{\s} erstemal, da"s er Blumen f"ur +eine Frau kaufte; und da{\s} Herz schlug ihm h"oher, wie er den +Duft der Veilchen einatmete, al{\s} ob diese Huldigung, die er +Emma darbringen wollte, ihm selber g"olte. Er f"urchtete, +beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche. + +Auf der Schwelle der linken T"ure de{\s} Hauptportal{\s} unter der +{\glq}Tanzenden Salome{\grq} stand der Schweizer, den Federhut auf +dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, +w"urdevoller al{\s} ein Kardinal und goldstrotzend wie ein +Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem +s"u"slich-g"utigen L"acheln, da{\s} Geistliche anzunehmen pflegen, +wenn sie mit Kindern reden: + +"`Der Herr ist gewi"s nicht von hier? Will der Herr die +Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kathedrale besichtigen?"' + +"`Nein!"' + +Leo machte zun"achst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe +und kam zum Hauptportal zur"uck. Emma war noch nicht da. Er ging +abermal{\s} bi{\s} zum Chor. + +Teile de{\s} Ma"swerk{\s} und der bunten Fenster spiegelten sich +in den gef"ullten Weihwasserbecken. Da{\s} durch die +Gla{\s}malerei einfallende Licht brach sich an den marmornen +Kanten und breitete bunte Teppichst"ucke "uber die Fliesen. Durch +die drei ge"offneten T"uren de{\s} Hauptportal{\s} flutete da{\s} +Tage{\s}licht in drei m"achtigen Lichtstr"omen in die Innenr"aume. +Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vor"uber und +machte vor dem Heiligtum die "ubliche Kniebeugung der eiligen +Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab. +Im Chor brannte eine silberne Lampe. Au{\s} den Seitenkapellen, +au{\s} den in Dunkel geh"ullten Teilen der Kirche vernahm man +zuweilen Schluchzen oder da{\s} Klirren einer zugeschlagenen +Gittert"ur, Ger"ausche, die in den hohen Gew"olben widerhallten. + +Leo ging gemessenen Schritte{\s} hin. Niemal{\s} war ihm da{\s} +Leben so sch"on erschienen. Nun mu"ste sie bald kommen, reizend, +erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem +volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen +Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, +und all dem unbeschreiblich Verf"uhrerischen einer unterliegenden +Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheure{\s} +Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel gefl"usterte +Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster +leuchteten, ihr sch"one{\s} Gesicht zu verkl"aren, und au{\s} den +Weihrauchgef"a"sen wirbelten die D"ampfe, damit sie wie ein Engel +in einer Wolke von Wohlger"uchen erscheine. + +Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen St"uhle, und +seine Blicke fielen auf ein blaue{\s} Fenster, auf da{\s} Fischer +mit K"orben gemalt waren. Er betrachtete da{\s} Bild aufmerksam, +z"ahlte die Schuppen der Fische und die Knopfl"ocher an den +W"amsen, w"ahrend seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die +Weite irrten~... + +Der Schweizer "argerte sich im stillen "uber den Menschen, der +sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein +Benehmen unerh"ort. Man bestahl ihn gewisserma"sen und beging +geradezu eine Tempelsch"andung. + +Da raschelte Seide "uber die Fliesen. Der Rand eine{\s} Hute{\s} +tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war e{\s}. Leo eilte ihr +entgegen. + +Sie war bla"s und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. + +"`Lesen Sie da{\s}!"' sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. +"`Nicht doch!"' + +Sie ri"s ihre Hand au{\s} der seinen und eilte nach der Kapelle +der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete. + +Leo war "uber diesen Anfall von Bigotterie zuerst emp"ort, dann +fand er einen eigent"umlichen Reiz darin, sie w"ahrend eine{\s} +Stelldichein{\s} in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische +Marquise, schlie"slich aber, al{\s} sie gar nicht aufh"oren +wollte, langweilte er sich. + +Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der +Hoffnung, da"s der Himmel sie mit einer pl"otzlichen Eingebung +begnaden w"urde. Um diese Hilfe de{\s} Himmel{\s} herabzuschw"oren, +starrte sie auf den Glanz de{\s} Tabernakel{\s}, atmete sie den +Duft der wei"sen Blumen in den gro"sen Vasen, lauschte sie auf die +tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch +steigerte. + +Sie erhob sich und wandte sich dem Au{\s}gang zu. Da trat der +Schweizer rasch auf sie zu: + +"`Gn"adige Frau sind gewi"s hier fremd? Wollen Sie sich die +Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kirche ansehen?"' + +"`Aber nein!"' rief der Adjunkt au{\s}. + +"`Warum nicht?"' erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte +sich an die Madonna, an die Bilds"aulen, die Grabm"aler, an jeden +Vorwand. + +Programmgem"a"s f"uhrte sie der Schweizer nach dem Hauptportal +zur"uck und zeigte ihnen mit seinem Stock einen gro"sen Krei{\s} +von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift. + +"`Da{\s} hier"', sagte er salbung{\s}voll, "`ist der Umfang der +ber"uhmten Glocke de{\s} Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und +hatte ihre{\s}gleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie +gegossen, ist vor Freude gestorben~..."' + +"`Weiter!"' dr"angte Leo. + +Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der +Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem +Arm und wie{\s} mit dem Stolze eine{\s} Landmanne{\s}, der seine +Saaten zeigt, auf eine Grabplatte. + +"`Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Br\'ez\'e, Edler +Herr von Varenne und Brissac, Gro"sseneschall von Poitou und +Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlh\'ery +am 16. Juli 1465."' + +Leo bi"s sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fu"se +auf den andern. + +"`Und hier recht{\s}, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden +Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Br\'ez\'e, Edler Herr von Breval +und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr +de{\s} K"onig{\s}, Orden{\s}ritter und ebenfall{\s} Verweser der +Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die +Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben in{\s} Grab +steigen will, zeigt ihn ebenfall{\s}. Eine un"ubertreffliche +Darstellung der irdischen Verg"anglichkeit!"' + +Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah +sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu +machen. So sehr entmutigte ihn da{\s} langweilige Geschw"atz auf +der einen und die Gleichg"ultigkeit auf der andern Seite. + +Der unerm"udliche Cicerone fuhr fort: + +"`Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin +Diana von Poitier{\s}, Gr"afin von Br\'ez\'e, Herzogin von +Valentinoi{\s}, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier +link{\s} die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die +heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu +sehen. Hier sind die Grabm"aler derer von Amboise! Sie waren beide +Kardin"ale und Erzbisch"ofe von Rouen. Dieser hier war Minister +K"onig Ludwig{\s} de{\s} Zw"olften. Die Kathedrale hat ihm sehr +viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen +drei"sigtausend Taler in Gold."' + +Ohne stehen zu bleiben und fortw"ahrend redend, dr"angte er die +beiden in eine Kapelle, die durch ein Gel"ander abgesperrt war. Er +"offnete e{\s} und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal +eine schlechte Statue gewesen sein konnte. + +"`Dieser Stein zierte dereinst"', sagte er mit einem tiefen +Seufzer, "`da{\s} Grab von Richard L"owenherz, K"onig von England +und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so +zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn au{\s} Bo{\s}heit +hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die T"ur, durch die sich +Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den +ber"uhmten Kirchenfenstern von Lagargouille!"' + +Da dr"uckte ihm Leo hastig ein gro"se{\s} Silberst"uck in die Hand +und nahm Emma{\s} Arm. Der Schweizer war ganz verbl"ufft "uber die +Freigebigkeit de{\s} Fremden, der noch lange nicht alle +Sehen{\s}w"urdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach: + +"`Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!"' + +"`Danke!"' erwiderte Leo. + +"`Er ist wirklich sehen{\s}wert, meine Herrschaften! Er mi{\ss}t +vierhundertvierzig Fu"s, nur neun weniger al{\s} die gr"o"ste +"agyptische Pyramide, und ist vollst"andig au{\s} Eisen~..."' + +Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die +Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch +durch den grote{\s}ken k"afigartigen Schornstein zw"angen zu +lassen, den ein "uberspannter Eisengie"ser keck auf die Kirche +gesetzt hatte. Da{\s} w"are ihr Tod gewesen. + +"`Wohin gehen wir nun?"' fragte Emma. + +Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte +schon ihren Finger in da{\s} Weihwasserbecken am Au{\s}gang, +al{\s} sie pl"otzlich hinter sich ein Schnaufen und da{\s} +regelm"a"sige Aufklopfen eine{\s} Stocke{\s} h"orten. Leo wandte +sich um. + +"`Meine Herrschaften!"' + +"`Wa{\s} gibt{\s}?"' + +E{\s} war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke +ungebundene B"ucher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch +gedr"uckt, trug. E{\s} war die Literatur "uber die Kathedrale. + +"`Troddel!"' murmelte Leo und st"urzte au{\s} der Kirche. + +Ein Junge spielte auf dem Vorplatz. + +"`Hol un{\s} eine Droschke!"' + +Der Knabe rannte "uber den Platz, w"ahrend sie ein paar Minuten +allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig +verlegen. + +"`Leo ... wirklich ... ich wei"s nicht ... ob ich darf!"' E{\s} +klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: "`E{\s} +ist sehr unschicklich, wissen Sie da{\s}?"' + +"`Wieso?"' erwiderte der Adjunkt. "`In \so{Pari{\s}} macht man{\s} +so!"' + +Diese{\s} eine Wort bestimmte sie wie ein unumst"o"sliche{\s} +Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo f"urchtete schon, sie +k"onne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke. + +"`Fahren Sie wenigsten{\s} noch an{\s} Nordportal!"' rief ihnen +der Schweizer nach. "`Und sehen Sie sich {\glq}Die +Auferstehung{\grq}, da{\s} {\glq}J"ungste Gericht{\grq}, den +{\glq}K"onig David{\grq} und {\glq}Die Verdammten in der +H"olle{\grq} an!"' + +"`Wohin wollen die Herrschaften?"' fragte der Kutscher. + +"`Fahren Sie irgendwohin!"' befahl Leo und schob Emma in den Wagen. + +Da{\s} schwerf"allige Gef"ahrt setzte sich in Bewegung. + +Der Kutscher fuhr durch die Gro"sebr"uckenstra"se, "uber den Platz +der K"unste, den Kai Napoleon hinunter, "uber die Neue Br"ucke und +machte vor dem Denkmal Corneille{\s} Halt. + +"`Weiter fahren!"' rief eine Stimme au{\s} dem Inneren. + +Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz +hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab. + +"`Nein, geradeau{\s}!"' rief dieselbe Stimme. + +Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in +gem"achlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher +trocknete sich den Schwei"s von der Stirn, nahm seinen Lederhut +zwischen die Beine und lenkte sein Gef"ahrt durch eine Seitenallee +dem Seine-Ufer zu, bi{\s} an die Wiesen. Dann fuhr er den +Schifferweg hin, am Strom entlang, "uber schlechte{\s} Pflaster, +nach Oyssel zu, "uber die Inseln hinau{\s}. + +Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremare{\s}, +Sotteville, die gro"se Chaussee hin, durch die Elbeuferstra"se und +machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten. + +"`So fahren Sie doch weiter!"' rief die Stimme, die{\s}mal +w"utend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr +durch Sankt Sever "uber da{\s} Bleicher-Ufer und M"uhlstein-Ufer, +wiederum "uber die Br"ucke, "uber den Exerzierplatz, hinten um den +Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von +Schlingpflanzen "uberwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren +gingen. Dann f"uhrte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, +nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan +bi{\s} zur Deviller H"ohe. + +Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und +Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Stra"sen und Gassen, "uber +die Pl"atze und M"arkte, an den Kirchen und "offentlichen +Geb"auden und am Hauptfriedhof vor"uber. + +Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom +Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche +Bewegung{\s}wut in seinen Fahrg"asten steckte, so da"s sie +nirgend{\s} Halt machen wollten. Er versuchte e{\s} ein paarmal, +aber jede{\s}mal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem +trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, +unbek"ummert, ob er hier und dort anrannte, ganz au"ser Fassung +und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit. + +Am Hafen, zwischen den Karren und F"assern, in den Strassen und an +den Ecken machten die B"urger gro"se Augen ob diese{\s} in der +Provinz ungewohnten Anblick{\s}: ein Wagen mir herabgelassenen +Vorh"angen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer +verschlossen wie ein Grab. + +Einmal nur, im Freien, um die Mittag{\s}stunde, al{\s} die Sonne +am hei"sesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte +eine blo"se Hand unter den gelben Fenstervorhang herau{\s} und +streute eine Menge Papierschnitzel hinau{\s}, die im Winde +flatterten wie wei"se Schmetterlinge und auf ein Kleefeld +niederfielen. + +Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} hielt die Droschke in einem G"a"schen +der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg +herau{\s} und ging, ohne sich umzusehen, weiter. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht +mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundf"unfzig Minuten auf Emma +gewartet, schlie"slich aber war er abgefahren. + +E{\s} war zwar nicht unbedingt erforderlich, da"s sie wieder zu +Hause sein mu"ste. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend +zur"uckzukehren. Karl erwartete sie also, und so f"uhlte sie jene +feige Untert"anigkeit im Herzen, die f"ur viele Frauen die Strafe +und zugleich der Prei{\s} f"ur den Ehebruch ist. + +Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm +einen der zweir"adrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. +Unterweg{\s} trieb sie den Kutscher zu gr"o"ster Eile an, fragte +aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zur"uckgelegten +Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten H"ausern +von Quincampoix ein. + +Kaum sa"s sie drin, so schlo"s sie auch schon die Augen. Al{\s} +sie erwachte, waren sie schon "uber den Berg, und von weitem sah +sie Felicie, die vor dem Hause de{\s} Schmiede{\s} auf sie +wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und da{\s} M"adchen, da{\s} +sich bi{\s} zum Fenster hinaufreckte, fl"usterte ihr +geheimni{\s}voll zu: + +"`Gn"adige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! E{\s} +handelt sich um etwa{\s} sehr Dringliche{\s}!"' + +Da{\s} Dorf war still wie immer. Vor den H"ausern lagen kleine +dampfende, rosafarbige Haufen. E{\s} war die Zeit de{\s} +Fr"uchteeinmachen{\s}, und jedermann in Yonville bereitete sich am +selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen +besonder{\s} gro"sen Haufen dieser au{\s}gekochten "Uberreste. Man +sah, da"s hier mit f"ur die Allgemeinheit gesorgt wurde. + +Emma trat in die Apotheke. Der gro"se Lehnstuhl war umgeworfen, +und sogar der "`Leuchtturm von Rouen"' lag am Boden zwischen zwei +M"orserkeulen. Sie stie"s die T"ur zur Flur auf und erblickte in +der K"uche -- inmitten von gro"sen braunen Einmachet"opfen voll +abgebeerter Johanni{\s}beeren und Sch"usseln mit geriebenem und +zerst"uckeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln +"uber dem Feuer -- die ganze Familie Homai{\s}, gro"s und klein, +alle in Sch"urzen, die bi{\s} zum Kinn gingen, Gabeln in den +H"anden. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten +Kopfe{\s} dastand, und schrie ihn eben an: + +"`Wer hat dir gehei"sen, wa{\s} au{\s} dem Kapernaum zu holen?"' + +"`Wa{\s} ist denn lo{\s}? Wa{\s} gibt{\s}?"' fragte die +Eintretende. + +"`Wa{\s} lo{\s} ist?"' antwortete der Apotheker. "`Ich mache hier +Johanni{\s}beeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft +zu dick ist, droht er mir "uberzukochen. Ich schicke nach einem +andern Kessel. Da geht dieser Mensch au{\s} Bequemlichkeit, au{\s} +Faulheit hin und nimmt au{\s} meinem Laboratorium den dort an +einem Nagel aufgeh"angten Schl"ussel zu meinem Kapernaum!"' + +Kapernaum nannte er n"amlich eine Bodenkammer, in der er allerlei +Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft +hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte +und packte. Diese{\s} kleine Gemach betrachtete er nicht al{\s} +einen gew"ohnlichen Vorrat{\s}raum, sondern al{\s} ein wahre{\s} +Heiligtum, au{\s} dem, von seiner Hand hergestellt, alle die +verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, S"aften, Salben und +Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend ber"uhmt +machten. Niemand durfte da{\s} Kapernaum betreten. Da{\s} ging +soweit, da"s er e{\s} selbst au{\s}fegte. Die Apotheke stand f"ur +jedermann offen. Sie war die St"atte, wo er w"urdevoll amtierte. +Aber da{\s} Kapernaum war der Zuflucht{\s}ort, wo sich Homai{\s} +selbst geh"orte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten +hingab. Justin{\s} Leichtsinn d"unkte ihn de{\s}halb eine +unerh"orte Respektlosigkeit, und r"oter al{\s} seine +Johanni{\s}beeren, wetterte er: + +"`Nat"urlich! Au{\s}gerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den +Schl"ussel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen +Reservekessel, den ich selber vielleicht niemal{\s} in Gebrauch +genommen h"atte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat +auch der geringste Umstand die gr"o"ste Wichtigkeit! Zum Teufel, +daran mu"s man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate +nicht zu K"uchenzwecken verwenden! Da{\s} w"are gradeso, al{\s} wenn +man sich mit einer Sense rasieren wollte oder al{\s} wenn~..."' + +"`Aber so beruhige dich doch!"' mahnte Frau Homai{\s}. + +Und Athalia zupfte ihn am Rock. + +"`Papachen, Papachen!"' + +"`La"st mich!"' erwiderte der Apotheker. "`Zum Donnerwetter, la"st +mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen er"offnen! +Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alle{\s}! La"s die +Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure +Gurken in den Arzneib"uchsen ein! Zerrei"s die Bandagen!"' + +"`Sie hatten mir doch~..."', begann Emma. + +"`Einen Augenblick! -- Wei"st du, mein Junge, wa{\s} dir h"atte +passieren k"onnen? Hast du link{\s} in der Ecke auf dem dritten +Wandbrett nicht{\s} stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen +Ton von dir!"' + +"`Ich ... wei"s ... nicht"', stammelte der Lehrling. + +"`Ah, du wei"st nicht! Freilich! Aber ich wei"s e{\s}! Du hast da +eine B"uchse gesehn, au{\s} blauem Gla{\s}, mit einem gelben +Deckel, gef"ullt mit wei"sem Pulver, und auf dem Schild steht, von +mir eigenh"andig draufgeschrieben: {\glq}Gift! Gift! Gift!{\grq} +Und wei"st du, wa{\s} da drin ist? Ar -- se -- nik! Und so wa{\s} +r"uhrst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!"' + +"`Daneben!"' rief Frau Homai{\s} erschrocken und schlug die H"ande +"uber dem Kopfe zusammen. "`Arsenik! Du h"attest un{\s} alle +miteinander vergiften k"onnen!"' + +Die Kinder fingen an zu schreien, al{\s} sp"urten sie bereit{\s} +die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden. + +"`Oder du h"attest einen Kranken vergiften k"onnen"', fuhr der +Apotheker fort. "`Wolltest du mich gar auf die Anklagebank +bringen, vor da{\s} Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem +Schafott sehen? Wei"st du denn nicht, da"s ich mich bei meinen +Arbeiten kolossal in acht nehmen mu"s, trotz meiner gro"sen +Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine +Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht un{\s} t"uchtig auf +die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen, +schweben unsereinem faktisch wie ein Damokle{\s}schwert +fortw"ahrend "uber dem Haupte!"' + +Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, wa{\s} man von ihr +wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen S"atzen fort: + +"`So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden +sind? So dankst du mir die geradezu v"aterliche M"uhe und +Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo w"arst du denn +ohne mich? Wie ginge dir{\s} heute? Wer hat dich ern"ahrt, +erzogen, gekleidet? Wer erm"oglicht e{\s} dir, da"s du eine{\s} +Tage{\s} mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um +da{\s} zu erreichen, mu"st du noch feste zugreifen, mu"st, wie man +sagt, Blut schwitzen! \begin{antiqua}Fabricando sit faber, age, +quod agis\end{antiqua}!"' + +Er war derma"sen aufgeregt, da"s er Lateinisch sprach. Er h"atte +Chinesisch oder Gr"onl"andisch gesprochen, wenn er da{\s} gekonnt +h"atte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der +Mensch sein geheimste{\s} Ich ohne Selbstkritik enth"ullt, wie +da{\s} Meer, da{\s} sich im Sturm an seinem Gestade bi{\s} auf den +Grund und Boden "offnet. + +Er predigte immer weiter: + +"`Ich fange an, e{\s} furchtbar zu bereuen, da"s ich dich in mein +Hau{\s} genommen habe. Ich h"atte besser getan, dich in dem Elend +Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du +wirst niemal{\s} zu etwa{\s} Besserem zu gebrauchen sein al{\s} +zum Rindviehh"uten. Zur Wissenschaft hast du kein bi"schen Talent! +Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir +wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und l"a"st +dir{\s} "uber die Ma"sen wohl gehn!"' + +Emma wandte sich an Frau Homai{\s}: + +"`Man hat mich hierher gerufen~..."' + +"`Ach, du lieber Gott!"' unterbrach die gute Frau sie mit +trauriger Miene. "`Wie soll ich{\s} Ihnen nur beibringen? ... +E{\s} ist n"amlich ein Ungl"uck passiert~..."' + +Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker "uberschrie sie: + +"`Hier! Leer ihn wieder au{\s}! Mache ihn wieder rein! Bring ihn +wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!"' + +Er packte Justin beim Kragen und sch"uttelte ihn ab. Dabei entfiel +Justin{\s} Tasche ein Buch. + +Der Junge b"uckte sich, aber Homai{\s} war schneller al{\s} er, +hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen +und offenem Mund. + +"`Liebe und Ehe"', la{\s} er vor. "`Aha! Gro"sartig! Gro"sartig! +Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Da{\s} ist denn doch ein +bi"schen starker Tobak!"' + +Frau Homai{\s} wollte nach dem Buche greifen. + +"`Nein, da{\s} ist nicht{\s} f"ur dich!"' wehrte er sie ab. + +Die Kinder wollten die Bilder sehn. + +"`Geht hinau{\s}!"' befahl er gebieterisch. + +Und sie gingen hinau{\s}. + +Eine Weile schritt er zun"achst mit gro"sen Schritten auf und ab, +da{\s} Buch halb ge"offnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz +au"ser Atem, mit rotem Kopfe, al{\s} ob ihn der Schlag r"uhren +sollte. Dann ging er auf den Lehrling lo{\s} und stellte sich mit +verschr"ankten Armen vor ihn hin: + +"`Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Ungl"uck{\s}wurm? +Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! +Hast du denn nicht bedacht, da"s diese{\s} sch"andliche Buch +meinen Kindern in die H"ande fallen konnte, den Samen der S"unde +in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athalien{\s} tr"uben und +Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigsten{\s} +beschw"oren, da"s die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du +mir da{\s} schw"oren?"' + +"`Aber so sagen Sie mir doch endlich,"' unterbrach ihn Emma, +"`wa{\s} Sie mir mit\/zuteilen haben!"' + +"`Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!"' + +In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an +einem Schlaganfall verschieden. Au{\s} "ubertriebener +R"ucksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die +schreckliche Nachricht schonend mit\/zuteilen. + +Homai{\s} hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauesten{\s} +"uberlegt und au{\s}gekl"ugelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht, +Zartgef"uhl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte "uber seine +Sprachkunst triumphiert. + +Emma verzichtete auf Einzelheiten und verlie"s die Apotheke, da +Homai{\s} seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, w"ahrend er +sich mit seinem K"appchen Luft zuf"achelte. Allm"ahlich beruhigte +er sich jedoch und ging in einen v"aterlicheren Ton "uber: + +"`Ich will nicht sagen, da"s ich diese{\s} Buch g"anzlich ablehne. +Der Verfasser ist Arzt, und e{\s} stehen wissenschaftliche +Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja +die er vielleicht kennen mu"s. Aber da{\s} hat ja Zeit! Warte doch +wenigsten{\s}, bi{\s} du ein wirklicher Mann bist!"' + +Al{\s} Emma an ihrem Hause klingelte, "offnete Karl, der sie +erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen. + +"`Meine liebe Emma!"' + +Er neigte sich z"artlich zu ihr hernieder, um sie zu k"ussen. Aber +bei der Ber"uhrung ihrer Lippen mu"ste sie an den andern denken. +Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand "uber da{\s} Gesicht: + +"`Ja ... ich wei"s ... ich wei"s~..."' + +Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter da{\s} Ereigni{\s} +ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, +da"s ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod +hatte ihn in Doudeville auf der Stra"se, an der Schwelle eine{\s} +Restaurant{\s}, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an +einem Liebe{\s}mahl teilgenommen hatte. + +Emma reichte Karl den Brief zur"uck. Bei Tisch tat sie au{\s} +konventionellem Taktgef"uhl so, al{\s} h"atte sie keinen Appetit. +Al{\s} er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, w"ahrend Karl +unbeweglich und mit betr"ubter Miene ihr gegen"uber dasa"s. + +Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem +traurigen Blick an. Einmal seufzte er: + +"`Ich wollt, ich h"atte ihn noch einmal gesehen!"' + +Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, da"s sie etwa{\s} +entgegnen m"usse, fragte sie: + +"`Wie alt war dein Vater eigentlich?"' + +"`Achtundf"unfzig!"' + +"`So!"' + +Da{\s} war alle{\s}. + +Eine Viertelstunde sp"ater fing er wieder an: + +"`Meine arme Mutter! Wa{\s} soll nun au{\s} ihr werden?"' + +Emma machte eine Geb"arde, da"s sie e{\s} nicht wisse. + +Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, da"s sie sehr betr"ubt +sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfall{\s} zum Schweigen, +um ihren r"uhrenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich +zusammenraffend, fragte er sie: + +"`Hast du dich gestern gut am"usiert?"' + +"`Ja!"' + +Al{\s} der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma +gleichfall{\s}. Je l"anger sie ihn in dieser monotonen Stimmung +ansah, um so mehr schwand da{\s} Mitleid au{\s} ihrem Herzen +bi{\s} auf den letzten Rest. Karl kam ihr erb"armlich, jammervoll, +wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung "`ein +trauriger Kerl"'. Wie konnte sie ihn nur lo{\s}werden? Welch +endloser Abend! Etwa{\s} Bet"aubende{\s} ergriff sie, wie Opium. + +In der Hau{\s}flur ward ein schl"urfende{\s} Ger"ausch vernehmbar. +E{\s} war Hippolyt, der Emma{\s} Gep"ack brachte. E{\s} machte ihm +viel M"uhe, e{\s} abzulegen. + +"`Karl denkt schon gar nicht mehr daran"', dachte Emma, al{\s} sie +den armen Teufel sah, dem da{\s} rote Haar in die +schwei"striefende Stirn herabhing. + +Bovary zog einen Groschen au{\s} der Westentasche. Er hatte kein +Gef"uhl f"ur die Dem"utigung, die f"ur ihn in der blo"sen +Anwesenheit diese{\s} Kr"uppel{\s} lag. Lief er nicht wie ein +leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unf"ahigkeit de{\s} Arzte{\s} +herum? + +"`Ein h"ubscher Strau"s!"' sagte er, al{\s} er auf dem Kamin +Leo{\s} Veilchen bemerkte. + +"`Ja!"' erwiderte sie gleichg"ultig. "`Ich habe ihn einer armen +Frau abgekauft."' + +Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur K"uhlung vor seine +von Tr"anen ger"oteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie ri"s sie +ihm au{\s} der Hand und stellte sie in ein Wassergla{\s}. + +Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn +weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der +Wirtschaft zu tun. + +Am Tage nachher besch"aftigten sich die beiden Frauen mit den +Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem N"ahzeug in die Laube +hinten im Garten am Bachrande. + +Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich "uber seine gro"se +Liebe zu diesem Mann, die ihm bi{\s} dahin gar nicht weiter zum +Bewu"stsein gekommen war. Auch Frau Bovary gr"ubelte "uber den +Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst +begehren{\s}wert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit +geworden, da"s sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann +eine dicke Tr"ane "uber ihre Nase und blieb einen Augenblick daran +h"angen. Dabei n"ahte sie ununterbrochen weiter. + +Emma dachte, da"s kaum achtundvierzig Stunden vor"uber waren, seit +sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentr"uckt, ganz +trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die +kleinsten und allerkleinsten Z"uge diese{\s} entschwundenen +Tage{\s} in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uckzurufen. Aber die Anwesenheit +ihre{\s} Manne{\s} und ihrer Schwiegermutter st"orte sie. Sie +h"atte nicht{\s} h"oren und nicht{\s} sehn m"ogen, um nicht in +ihren Liebestr"aumereien gest"ort zu werden, die gegen ihren +Willen unter den "au"seren Eindr"ucken zu verwehen drohten. + +Sie trennte da{\s} Futter eine{\s} Kleide{\s} ab, da{\s} sie um +sich au{\s}gebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere +und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide H"ande in +den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen +"Uberrock, der ihm al{\s} Hau{\s}anzug diente, bei ihnen und +sprach auch kein Wort. Berta, die ein wei"se{\s} Sch"urzchen +umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande. + +Pl"otzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenh"andler, kommen. + +Er bot in Anbetracht de{\s} "`betr"ublichen Ereignisse{\s}"' seine +Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu +k"onnen, aber der H"andler wich nicht so leicht. + +"`Ich bitte tausendmal um Verzeihung,"' sagte er, "`aber ich mu"s +Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten."' Und fl"usternd +f"ugte er hinzu: "`E{\s} ist wegen dieser Sache ... Sie wissen +schon~..."' + +Karl wurde rot bi{\s} "uber die Ohren. + +"`Gewi"s ... freilich ... nat"urlich!"' + +In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau: + +"`K"onntest du da{\s} nicht mal ... meine Liebe~...?"' + +Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner +Mutter: + +"`E{\s} ist nicht{\s} weiter! Wahrscheinlich irgend eine +Kleinigkeit, die den Hau{\s}halt betrifft."' + +Er f"urchtete ihre Vorw"urfe und wollte nicht, da"s sie die +Vorgeschichte de{\s} Wechsel{\s} erf"uhre. + +Sobald sie allein waren, begl"uckw"unschte Lheureux Emma in +ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von +gleichg"ultigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von +seiner Gesundheit, die immer "`so lala"' sei. Er m"u"ste sich +wirklich h"ollisch anstrengen und, wa{\s} die Leute auch sagten, +ihm fehle doch die Butter zum Brote. + +Emma lie"s ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich +entsetzlich. + +"`Und sind Sie v"ollig wiederhergestellt?"' fuhr er fort. "`Ich +sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer sch"onen Verfassung +gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir un{\s} auch +ordentlich einander in die Haare gefahren sind."' + +Sie fragte, wa{\s} da{\s} gewesen sei. Karl hatte ihr n"amlich die +Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen. + +"`Aber Sie wissen doch! E{\s} handelte sich um Ihre Sachen zur +Reise~..."' + +Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die H"ande auf +den R"ucken genommen und sah ihr, l"achelnd und leise redend, mit +einem unertr"aglichen Blick in{\s} Gesicht. Vermutete er etwa{\s}? +Emma verlor sich in allerlei Bef"urchtungen. Inzwischen fuhr er +fort: + +"`Aber wir haben un{\s} schlie"slich geeinigt, und ich bin +gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen~..."' + +E{\s} handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary au{\s}gestellt +hatte, zu erneuern. "Ubrigen{\s} k"onne der Herr Doktor die Sache +ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu +"angstigen, noch dazu jetzt, wo er gewi"s mit Sorgen "uberh"auft +sei. + +"`Da{\s} beste w"are ja, wenn die Schuld jemand ander{\s} +"ubern"ahme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Da{\s} +w"are da{\s} Bequemste. Wir k"onnten dann unsere kleinen +Gesch"afte miteinander abmachen."' + +Sie begriff nicht recht, aber er sagte nicht{\s} weiter. Dann kam +er auf sein Gesch"aft zu sprechen und erkl"arte ihr, sie m"usse +unbedingt etwa{\s} nehmen. Er wolle ihr zw"olf Meter Barege +schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide. + +"`Da{\s}, wa{\s} Sie da haben, ist gut f"ur{\s} Hau{\s}. Sie +brauchen noch noch ein andre{\s} f"ur die Besuche. Gleich beim +Eintreten habe ich da{\s} bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein +Amerikaner!"' + +Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam +er nochmal{\s}, um Ma"s zu nehmen, und dann unter allen m"oglichen +anderen Vorw"anden wieder und wieder, wobei er sich so gef"allig +und dienstbeflissen wie nur m"oglich stellte. Er stand +"`gehorsamst zur Verf"ugung"', wie Homai{\s} zu sagen pflegte. +Dabei fl"usterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschl"age +wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erw"ahnte er nicht +mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach +ihrer Genesung mit ihr dar"uber gesprochen, aber e{\s} war ihr +seitdem so viel durch den Kopf gegangen, da"s sie da{\s} vergessen +hatte. Sie h"utete sich "uberhaupt, Geldinteressen an den Tag zu +legen. Frau Bovary wunderte sich dar"uber, aber sie schrieb da{\s} +der Fr"ommigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden +sei. + +Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren +Gatten durch ihren Gesch"aft{\s}sinn in Erstaunen. Man m"usse +Erkundigungen einholen, die Hypotheken pr"ufen und feststellen, ob +nicht vielleicht ein Nachla"skonkur{\s} n"otig sei. Sie gebrauchte +auf gut Gl"uck allerhand juristische Au{\s}dr"ucke, sprach von +Ordnung de{\s} Nachlasse{\s}, Nachla"sverbindlichkeiten, Haftung +usw., und "ubertrieb immerfort die Schwierigkeiten der +Erbschaft{\s}regelung. Eine{\s} Tage{\s} zeigte sie ihm sogar den +Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr da{\s} Recht "ubertrug, +da{\s} Verm"ogen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel +au{\s}zustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten +und zu empfangen usw. + +Lheureux war ihr Lehrmeister. + +Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde au{\s}gestellt habe. + +"`Notar Guillaumin."' Und mit der gr"o"sten Kaltbl"utigkeit f"ugte +sie hinzu: "`Ich habe nur nicht da{\s} rechte Vertrauen zur Sache. +Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht m"u"ste man noch +einen Recht{\s}anwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein +... keinen."' + +"`H"ochsten{\s} Leo"', meinte Karl nachdenklich. Aber e{\s} sei +schwierig, sich brieflich zu verst"andigen. + +Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot e{\s} +nochmal{\s} an. Kein{\s} wollte dem andern an Zuvorkommenheit +nachstehen. Schlie"slich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn +au{\s}: + +"`Ich will aber! Ich bitte dich, la"s mich{\s} machen!"' + +"`Wie gut du bist!"' sagte er und k"u"ste sie auf die Stirn. + +Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren +und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +E{\s} waren drei erlebni{\s}volle, k"ostliche, wunderbare wahre +Flitterwochentage. + +Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei +verschlossenen T"uren und herabgelassenen Fensterl"aden, unter +"uberallhin gestreuten Blumen und bei Fruchtei{\s}, da{\s} man +ihnen alle Morgen in der Fr"uhe brachte. + +Abend{\s} mieteten sie einen "uberdeckten Kahn und a"sen auf einer +der Inseln. + +E{\s} war die Stunde, da man von den Werften her die H"ammer gegen +die Schiff{\s}w"ande schlagen h"orte. Der Dampf von siedendem Teer +stieg zwischen den B"aumen empor, und auf dem Strome sah man +breite "olige, ungleich gro"se Flecken, die im Purpurlichte der +Sonne wie schwimmende Platten au{\s} Florenzer Bronze gl"anzten. + +Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flu"sk"ahnen +hindurch, und bi{\s}weilen streifte ihre Barke die langen +Ankertaue. Da{\s} Ger"ausch der Stadt, da{\s} Rasseln der Wagen, +da{\s} Stimmengewirr, da{\s} Bellen der Hunde auf den Schiffen +wurde ferner und ferner. Emma kn"upfte ihre Hutb"ander auf. + +Sie landeten an "`ihrer Insel"'. Sie setzten sich in eine +Herberge, vor deren T"ur schwarze Netze hingen, und a"sen +gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich +in{\s} Gra{\s}, k"u"sten einander im Schatten der hohen Pappeln +und h"atten am liebsten wie zwei Robinson{\s} immer auf diesem +Erdenwinkel leben m"ogen, der ihnen in ihrer Gl"uckseligkeit +al{\s} da{\s} sch"onste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie +sahn die B"aume, den blauen Himmel und da{\s} Gra{\s} nicht zum +ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Pl"atschern der +Wellen und dem Wind, der durch die Bl"atter rauschte, aber e{\s} +war ihnen, al{\s} h"atten sie da{\s} alle{\s} niemal{\s} so +genossen, al{\s} w"are die Natur vorher gar nicht dagewesen oder +al{\s} w"are sie erst sch"on, seitdem ihr Begehren gestillt war. + +Wenn e{\s} dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade +von Inseln entlang. Die beiden sa"sen im Dunkeln auf der Bank +unter dem h"olzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die +vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen +Gabeln, taktm"a"sig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte da{\s} +Wasser leise um da{\s} herrenlose Steuer. + +Einmal erschien der Mond. Da schw"armten sie nat"urlich vom +stillen Nebelglanz "uber Busch und Tal und seinen Melodien. Und +Emma begann sogar zu singen: +\begin{verse} +"`Wei"st du, eine{\s} Abend{\s} \\ +Fuhren wir dahin~..."' +\end{verse} + +Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte "uber der Flut, +vom Wind entf"uhrt. Wie sanfter Fl"ugelschlag streifte der Sang +Leo{\s} Ohr. + +Emma sa"s an die R"uckwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine +offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr +Gesicht. Ihr schwarze{\s} Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein +F"acher au{\s}breitete, lie"s sie schlanker und gr"o"ser +erscheinen. Die H"ande gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum +Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der +Weiden, an denen der Kahn vor"uberglitt, und dann tauchte sie +pl"otzlich wieder auf, im Lichte de{\s} Monde{\s}, wie eine +Geistererscheinung. + +Leo, der sich ihr zu F"u"sen am Boden de{\s} Fahrzeuge{\s} +gelagert hatte, hob ein Band au{\s} roter Seide auf. Der +Boot{\s}mann sah e{\s} und meinte: + +"`Da{\s} ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft +spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie +hatten Kuchen und Champagner mit und Waldh"orner. Da{\s} war ein +Rummel! Da war einer dabei, ein gro"ser h"ubscher Mann mit einem +schwarzen Schnurrb"artchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn +immer: {\glq}Du, erz"ahl un{\s} mal einen Schwank au{\s} deinem +Leben, Adolf!{\grq} Oder hie"s er Rudolf? Ich wei"s nicht mehr~..."' + +Emma fuhr zusammen. + +"`Ist dir nicht wohl?"' fragte Leo und legte ihr die Hand um den +Nacken. + +"`Ach nein, e{\s} ist nicht{\s}! E{\s} ist ein bi"schen k"uhl."' + +"`Er mochte auch viel Gl"uck bei den Frauen haben"', redete der +Boot{\s}mann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar +eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die H"ande und +begann von neuem zu rudern. + +Endlich kam die Trennung{\s}stunde. Der Abschied war sehr traurig. +Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet +schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte +Umschl"age verwenden. Er wunderte sich "uber ihre Schlauheit in +Liebe{\s}dingen. + +"`Und da{\s} andre ist doch auch alle{\s} in Ordnung, nicht +wahr?"' fragte sie nach dem letzten Kusse. + +"`Aber gewi"s!"' + +Al{\s} er dann allein durch die Stra"sen heimging, dachte er bei +sich: + +"`Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesen{\s} mit ihrer +Generalvollmacht?"' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Leo begann vor seinen Kameraden den "Uberlegenen zu spielen. Er +mied ihre Gesellschaft und vernachl"assigte seine Akten. Er +wartete nur immer auf Emma{\s} Briefe, la{\s} wieder und wieder in +ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in +der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein hei"se{\s} +Begehren k"uhlte sich durch da{\s} Getrenntsein nicht ab, im +Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuch{\s} derma"sen, +da"s er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann. + +Al{\s} er von der H"ohe herab unten im Tale den Kirchturm mit +seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte, +durchschauerte ihn ein sonderbare{\s} Gef"uhl von Eitelkeit und +R"uhrung, wie e{\s} vielleicht ein Milliard"ar empfindet, der sein +Heimatdorf wieder aufsucht. + +Er ging um Emma{\s} Hau{\s}. In der K"uche war Licht. Er wartete, +ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar w"urde. E{\s} +erschien nicht{\s}. + +Al{\s} Mutter Franz ihn gewahrte, stie"s sie Freudenschreie +au{\s}. Sie fand ihn "`gr"o"ser und schlanker geworden"', w"ahrend +Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er s"ahe "`st"arker und +brauner"' au{\s}. + +Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein, +aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte e{\s} n"amlich +"`satt bekommen"', immer auf die Post warten zu sollen, und hatte +seine Tischzeit ein f"ur allemal auf Punkt f"unf Uhr verlegt, +wa{\s} ihn indessen nicht hinderte, dar"uber zu r"asonieren, da"s +der "`alte Klapperkasten egal zu sp"at"' k"ame. + +Endlich fa"ste Leo Mut und klingelte an der Hau{\s}t"ure de{\s} +Arzte{\s}. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer +Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn +wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tag{\s} wich er von +Emma{\s} Seite. Erst nacht{\s} kam sie allein mit Leo zusammen, +auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, +wie einst mit dem andern. + +Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem +Regenschirm, bei Donner und Blitz. + +Die Trennung war ihnen unertr"aglich. + +"`Lieber sterben!"' sagte Emma. + +Sie entwand sich seinen Armen und weinte. + +"`Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?"' + +Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da +versprach ihm Emma, sie wolle demn"achst Mittel und Wege finden, +damit sie sich wenigsten{\s} einmal jede Woche sehen k"onnten. +Emma zweifelte nicht an der M"oglichkeit. Sie war "uberhaupt +voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr f"ur die n"achste Zeit Geld +in Au{\s}sicht gestellt. + +Sie schaffte ein Paar cremefarbige Store{\s} f"ur ihr Zimmer an. +Lheureux r"uhmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen +Teppich, den der H"andler bereitwillig zu besorgen versprach, +wobei er versicherte, er werde "`die Welt nicht kosten"'. Lheureux +war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie +nach ihm, und immer lie"s er alle{\s} stehen und liegen und kam, +ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte +Frau Rollet t"aglich zum Fr"uhst"uck und auch au"serdem noch +h"aufig kam. + +Gegen Anfang de{\s} Winter{\s} entwickelte Emma pl"otzlich einen +ungemein regen Eifer im Musizieren. + +Eine{\s} Abend{\s} spielte sie da{\s}selbe St"uck viermal +hintereinander, ohne "uber eine bestimmte schwierige Stelle glatt +hinwegzukommen. Karl, der ihr zuh"orte, bemerkte den Fehler nicht +und rief: + +"`Bravo! Au{\s}gezeichnet! Fehlerlo{\s}! Spiele nur weiter!"' + +"`Nein, nein! Ich st"umpere. Meine Finger sind zu steif +geworden."' + +Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwa{\s} vorzuspielen. + +"`Meinetwegen! Wenn e{\s} dir Spa"s macht."' + +Karl gab zu, da"s sie ein wenig au{\s} der "Ubung sei. Sie griff +daneben, blieb stecken, und pl"otzlich h"orte sie auf zu spielen. + +"`Ach, e{\s} geht nicht, ich m"u"ste wieder Stunden nehmen, +aber~..."' Sie bi"s sich in die Lippen und f"ugte hinzu: "`Zwanzig +Franken f"ur die Stunde, da{\s} ist zu teuer."' + +"`Allerding{\s} ... ja~..."', sagte Karl und l"achelte einf"altig, +"`aber e{\s} gibt doch auch unbekannte K"unstler, die billiger und +manchmal besser sind al{\s} die Ber"uhmtheiten."' + +"`Such mir einen!"' sagte Emma. + +Am andern Tag, al{\s} er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene +an und sagte schlie"slich: + +"`Wa{\s} du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in +Barfeuch\`ere{\s}, und da hat mir Frau Li\'egeard erz"ahlt, da"s +ihre drei T"ochter f"ur zw"olf Groschen die Stunde bei einer ganz +vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben."' + +Emma zuckte mit den Achseln und "offnete fortan nicht mehr da{\s} +Klavier. Aber wenn sie in Karl{\s} Gegenwart daran vorbeiging, +seufzte sie allemal: + +"`Ach, mein arme{\s} Klavier!"' + +Wenn Besuch da war, erz"ahlte sie jedermann, da"s sie die Musik +aufgegeben und h"oheren R"ucksichten geopfert habe. Dann beklagte +man sie. E{\s} sei schade. Sie h"atte soviel Talent. Man machte +ihrem Manne geradezu Vorw"urfe, und der Apotheker sagte ihm +eine{\s} Tage{\s}: + +"`E{\s} ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem +die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Au"serdem sparen +Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, sp"ater bei +der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die M"utter +sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Da{\s} hat schon +Rousseau gesagt, so neu un{\s} diese Forderung auch anmutet. Aber +da{\s} wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ern"ahrung der +S"auglinge durch die eigenen M"utter und wie die +Schutzpockenimpfung! Davon bin ich "uberzeugt!"' + +Infolgedessen kam Karl noch einmal gespr"ach{\s}weise auf diese +Angelegenheit zur"uck. Emma erwiderte "argerlich, da"s e{\s} +besser w"are, da{\s} Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte +sich Bovary. Da{\s} kam ihm wie die Prei{\s}gabe eine{\s} +St"ucke{\s} von sich selbst vor. Da{\s} brave Klavier hatte ihm so +oft Vergn"ugen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht! + +"`Wie w"are e{\s} denn,"' schlug er vor, "`wenn du hin und wieder +eine Stunde n"ahmst? Da{\s} wird un{\s} wohl nicht gleich +ruinieren!"' + +"`Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelm"a"sig erfolgt"', +entgegnete sie. + +Und so kam e{\s} schlie"slich dahin, da"s sie von ihrem Gatten die +Erlaubni{\s} erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um +den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie +habe bedeutende Fortschritte gemacht. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich +ger"auschlo{\s} an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorw"urfe +wegen ihre{\s} zu fr"uhen Aufstehen{\s} gemacht h"atte. Dann lief +sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich an{\s} Fenster und sah auf +den Marktplatz hinau{\s}. Da{\s} Morgengrauen huschte um die +Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterl"aden noch +geschlossen waren. Die gro"sen Buchstaben de{\s} Ladenschilde{\s} +lie"sen sich durch da{\s} fahle D"ammerlicht erkennen. + +Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem +Goldnen L"owen. Artemisia "offnete ihr g"ahnend die T"ur und +fachte der gn"adigen Frau wegen im Herde die gl"uhenden Kohlen an. +Ganz allein sa"s Emma dann in der K"uche. + +Von Zeit zu Zeit ging sie hinau{\s}. Hivert spannte h"ochst +gem"achlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuh"orte, +die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster +herau{\s}sah und ihm tausend Auftr"age und Verhaltung{\s}ma"sregeln +erteilte, die jeden andern Kutscher verr"uckt gemacht h"atten. Die +Abs"atze von Emma{\s} Stiefeletten klapperten laut auf dem +Pflaster de{\s} Hofe{\s}. + +Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel +angezogen, die Tabak{\s}pfeife angez"undet und die Peitsche in die +Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock. + +Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfang{\s} machte sie +allerort{\s} Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Stra"se vor +den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Pl"atze +vorbestellt hatten, lie"sen meist auf sich warten; ja e{\s} kam +vor, da"s sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und +fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den +F"austen laut gegen die Fensterl"aden. Inzwischen pfiff der Wind +durch die schlecht schlie"senden Wagenfenster. + +Allm"ahlich f"ullten sich die vier B"anke. Der Wagen rollte jetzt +schneller hin. Die Apfelb"aume an den Stra"senr"andern folgten +sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser +gef"ullten Gr"aben dehnte sich die Chaussee noch endlo{\s} hin +bi{\s} in den Horizont. + +Emma kannte jede Einzelheit de{\s} Wege{\s}. Sie wu"ste genau, +wann eine Wiese oder eine Wegs"aule kam oder eine Ulme, eine +Scheune, da{\s} H"auschen eine{\s} Stra"senw"arter{\s}. Manchmal +schlo"s sie die Augen eine Weile, um sich "uberraschen zu lassen. +Aber sie verlor niemal{\s} da{\s} Gef"uhl f"ur Zeit und Ort. + +Endlich erschienen die ersten Backsteinh"auser. Der Boden dr"ohnte +unter den R"adern, recht{\s} und link{\s} lagen G"arten, durch +deren Gitter man Bilds"aulen, Lauben, beschnittene Taxu{\s}hecken +und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf. + +Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst +erf"ullten Tiefe. Jenseit{\s} der Br"ucken verlief da{\s} +H"ausermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich +flache{\s} Land in eint"onigen Linien, bi{\s} e{\s} weit in der +Ferne im fahlen Grau de{\s} Himmel{\s} verschwamm. So au{\s} der +Vogelschau sah die ganze Landschaft leblo{\s} wie ein Gem"alde +au{\s}. Die vor Anker liegenden Zillen dr"angten sich in einem +Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um gr"une H"ugel, +und die l"anglichen Inseln in seinen Fluten glichen gro"sen +schwarzen, tot daliegenden Fischen. Au{\s} den hohen Fabrikessen +quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft +aufl"osten. In da{\s} Dr"ohnen der Dampfh"ammer mischte sich +da{\s} helle Glockengel"aut der Kirchen, die au{\s} dem Dunste +hervorragten. Die bl"atterlosen B"aume auf den Boulevard{\s} +wuchsen au{\s} den H"ausermassen herau{\s} wie violette Gew"achse, +und die vom Regen nassen D"acher glitzerten st"arker oder +schw"acher, je nach der h"oheren oder tieferen Lage der +Stadtteile. Bi{\s}weilen trieb ein frischer Windsto"s da{\s} +dunstige Gew"olk nach der Sankt Katharinen-H"ohe hin, an deren +steilen H"angen sich die luftige Flut ger"auschlo{\s} brach. + +Emma empfand jede{\s}mal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt, +diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Da{\s} Blut +st"urmte ihr heftiger durch die Adern, al{\s} ob ihr die +hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem +der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen +Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt diese{\s} Anblick{\s} +wuch{\s} ihre eigene Liebe, und da{\s} dumpfe Rauschen de{\s} +Stra"senl"arm{\s}, da{\s} zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung. +Die Pl"atze, die Stra"sen, die Promenaden erweiterten und +vergr"o"serten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr +zur Ko{\s}mopoli{\s}, zu einem zweiten Babylon, in da{\s} sie +Einzug hielt. + +Sie lehnte sich au{\s} dem Wagenfenster hinau{\s} und sog die +frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der +schmutzigen Landstra"se knirschten, der Wagen schwankte. Hivert +rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die B"urger, +die au{\s} ihren Landh"ausern im Wilhelm{\s}walde zur"uckkehrten, +wo sie die Nacht "uber geblieben waren, wichen mit ihren +Familienkutschen gem"achlich au{\s}. + +Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer +"Uberschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht +und stieg au{\s}. + +In der Stadt wurde e{\s} lebendig. Die Lehrjungen putzten die +Schaufenster der L"aden. Marktweiber mit K"orben schrien an den +Stra"senecken ihre Waren au{\s}. Emma dr"uckte sich mit +niedergeschlagenen Augen an den H"ausermauern entlang. Unter ihrem +herabgezogenen schwarzen Schleier l"achelte sie vergn"ugt. Um +nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch d"ustre +Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen +am Ende der Rue Nationale. Wegen der N"ahe de{\s} Theater{\s} gibt +e{\s} dort die meisten Kneipen. E{\s} wimmelt von Frauenzimmern. +Ein paarmal fuhren Karren mit B"uhnendekorationen an Emma +vor"uber. Besch"urzte Kellner streuten Sand auf da{\s} Trottoir, +zwischen K"asten mit gr"unen Gew"achsen. E{\s} roch nach Absinth, +Zigarren und Austern. + +Emma bog in die verabredete Stra"se ein. Da stand Leo. Sie +erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, da{\s} sich +unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm +nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, +"offnete die T"ur und trat ein~... + +Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebe{\s}worte und K"usse ohne +Ende! Sie erz"ahlten sich vom Leid der vergangenen Woche, von +ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber +dann war da{\s} alle{\s} vergessen. Sie sahen sich von Auge zu +Auge, unter dem L"acheln der Wollust und unter dem Gefl"uster der +Z"artlichkeit. + +Da{\s} Bett war au{\s} Mahagoni und sehr gro"s. Zu beiden Seiten +de{\s} Kopfkissen{\s} hingen rotseidne weitbauschige Vorh"ange +herab. Wenn sich Emma{\s} braune{\s} Haar und ihre wei"se Haut von +diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme +versch"amt hob und ihr Gesicht in den H"anden verbarg: wa{\s} +h"atte Leo Sch"onre{\s} schauen k"onnen? + +Da{\s} warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten +Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu +einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte +alle{\s}, wa{\s} blank im Gemache war, hell auf: die +Messingbeschl"age an der T"ur, an den Gardinenhaltern und am +Kamin. + +Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig +verblichen war. Jede{\s}mal, wenn sie kamen, fanden sie alle{\s} +so vor, wie sie e{\s} verlassen. Mitunter lagen sogar die +Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am +Donnerstag vorher liegen gelassen hatte. + +Da{\s} Fr"uhst"uck pflegten sie am Kamin an einem kleinen +eingelegten Tisch au{\s} Polisanderholz einzunehmen. Emma machte +alle{\s} zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den +Teller, unter tausend s"u"sen Torheiten. Wenn der Sekt ihr "uber +den Rand de{\s} d"unnen Kelche{\s} auf die Finger perlte, lachte +sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genu"s +versunken und verga"sen v"ollig, da"s sie in einer Mietwohnung +hausten. E{\s} war Ihnen, al{\s} w"aren sie Jungverm"ahlte und +h"atten ein gemeinsame{\s} Heim, da{\s} sie nie wieder zu +verlassen brauchten. Sie sagten "`unser Zimmer, unser Teppich, +unsre St"uhle,"' wie sie "`unsre Pantoffeln"' sagten, wobei sie +die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln au{\s} rosa +Atla{\s} mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie "uber den nackten +F"u"sen. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir +ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den gro"sen +Zehen. + +Zum ersten Male in seinem Leben geno"s er den unbeschreiblichen +Reiz einer mond"anen Liebschaft. Alle{\s} war ihm neu: diese +ent\/z"uckende Art zu plaudern, diese{\s} versch"amte Sichentbl"o"sen, +diese{\s} schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verz"uckte +Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihre{\s} Unterrocke{\s}. Er +hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine +verheiratete Frau ... Wa{\s} h"atte er mehr haben wollen? + +Durch den fortw"ahrenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald +tiefsinnig, bald au{\s}gelassen machten, bald redselig, bald +schweigsam, bald "uberschwenglich, bald blasiert, rief und reizte +Emma in ihm tausend L"uste, Gef"uhle und Reminis\/zenzen. Die +Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je +gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der +Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der "`Badenden +Odali{\s}ke"', ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen +Vrouwen der Minnes"anger, und ihr blasse{\s} Gesicht glich denen, +die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr al{\s} +alle{\s} da{\s}: sie war sein "`Engel"'. + +Oft, wenn er sie anblickte, war e{\s} ihm, al{\s} erg"osse sich +seine Seele "uber sie und flie"se wie eine Welle "uber ihr Antlitz +und von da herab wie ein Strom auf ihre wei"se Brust. Er sank ihr +zu F"u"sen auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah +zu ihr empor und schaute sie l"achelnd an. Und sie neigte sich zu +ihm herab und fl"usterte wie im Rausche: + +"`O r"uhr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! E{\s} ist +etwa{\s} Liebe{\s}, S"u"se{\s} in deinen Augen, da{\s} ich so gern +habe!"' + +Sie nannte ihn "`mein Junge"'. + +"`Mein Junge, liebst du mich?"' + +Er best"urmte sie mit K"ussen. Eine andre Antwort begehrte sie +nicht. + +Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor au{\s} +Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande +trug. Er machte ihnen viel Spa"s. Nur wenn die Trennung{\s}stunde +schlug, kam ihnen alle{\s} ernsthaft vor. + +Unbeweglich standen sie einander gegen"uber, und immer +wiederholten sie: + +"`Auf Wiedersehn! N"achsten Donnerstag!"' + +Pl"otzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden H"ande, +k"u"ste ihn rasch auf die Stirn, und mit einem "`Adieu!"' st"urmte +sie die Treppe hinunter. + +Zun"achst ging sie jede{\s}mal zum Friseur in der Theaterstra"se +und lie"s sich ihr Haar in Ordnung bringen. E{\s} war schon sp"at. +Im Laden brannten bereit{\s} die Ga{\s}flammen. Sie h"orte da{\s} +Klingeln dr"uben im Theater, da{\s} dem Personal den Beginn der +Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie M"anner mit +bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im +hinteren Eingang de{\s} Theatergeb"aude{\s} verschwanden. + +Der sehr niedrige Raum war "uberheizt. Mitten unter den Per"ucken +und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der hei"sen +Brennscheren und der fettigen H"ande, die sich mit ihrem Haar zu +schaffen machten, bet"aubte sie beinahe. E{\s} fehlte nicht viel, +so w"are sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen. + +Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Ma{\s}kenball an. + +Dann ging sie fort, die Stra"sen wieder hinan, zur"uck in{\s} +"`Rote Kreuz"'. Sie suchte ihre "Uberschuhe hervor, die sie am +Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und +nahm ihren Platz ein, unter den bereit{\s} ungeduldigen +Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle au{\s}. +Emma blieb allein im Wagen zur"uck. + +Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der +Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weite{\s} +Lichtermeer, in dem die H"auser verschwanden. Auf dem Sitzpolster +kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend +fl"usterte sie den Namen Leo{\s} vor sich hin, k"u"ste ihn in +Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind +verschlang. + +Oben auf der H"ohe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen +ablauerte. Er war in Lumpen geh"ullt, und ein alter verwetterter +Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn +abnahm, sah man in seinen Augenh"ohlen zwei blutige Aug"apfel mit +L"ochern an Stelle der Pupillen. Da{\s} Fleisch sch"alte sich in +roten Fetzen ab, und eine gr"unliche Fl"ussigkeit lief herau{\s}, +die an der Nase gerann, deren schwarze Fl"ugel nerv"o{\s} zuckten. +Wenn man ihn ansprach, grinste er einen bl"od an. Dann rollten +seine bl"aulichen Aug"apfel fortw"ahrend in ihrem wunden Lager. + +Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam: +\begin{verse} +"`Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\ +Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~..."' +\end{verse} + +Manchmal erschien der Ungl"uckliche ohne Hut ganz pl"otzlich +hinter Emma{\s} Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg. + +Hivert pflegte den Bettler zu verh"ohnen. Er riet ihm, sich auf +dem n"achsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er +fragte ihn, wie e{\s} seiner Liebsten ginge. + +Einmal streckte der Bettler seinen Hut w"ahrend der Fahrt durch +da{\s} Wagenfenster herein. Er war drau"sen auf da{\s} +kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand +fest. Sein erst schwacher und kl"aglicher Gesang ward schrill. Er +heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Da{\s} +Schellengel"aut der Pferde, da{\s} Rauschen der B"aume und da{\s} +Rasseln de{\s} Wagen{\s} t"onten in diese Jammerlaute hinein, so +da"s sie wie au{\s} der Ferne zu kommen schienen. Emma war +tiefersch"uttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie +wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie +ergriff sie. + +Inzwischen hatte Hivert bemerkt, da"s eine fremde Last seinen +Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf +den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den +Stra"senkot und stie"s ein Schmerzen{\s}geheul au{\s}. + +Die Insassen de{\s} Wagen{\s} waren nach und nach eingenickt. Die +einen schliefen mit offenem Munde; andern war da{\s} Kinn auf die +Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter de{\s} +Nachbar{\s}, und jener hatte den Arm in dem H"angeriemen, der je +nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} hin und her schaukelte. Der +Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen +Kattunvorh"ange und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit +blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie +fror unter ihren Kleidern. Ihre F"u"se wurden ihr k"alter und +k"alter. Sie f"uhlte sich sterben{\s}ungl"ucklich. + +Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstag{\s} hatte die Post immer +Versp"atung. Endlich kam sie. Da{\s} Essen war noch nicht fertig, +aber wa{\s} k"ummerte sie da{\s}? Da{\s} Dienstm"adchen konnte +jetzt machen, wa{\s} e{\s} wollte. + +E{\s} geschah oft, da"s Karl, dem Emma{\s} Bl"asse auffiel, sie +fragte, ob ihr etwa{\s} fehle. + +"`Nein!"' antwortete sie. + +"`Aber du bist so sonderbar heute abend?"' + +"`Ach nein, nicht im geringsten!"' + +Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war +gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser +al{\s} eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die +Streichh"olzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und da{\s} +Nachthemd und deckte da{\s} Bett auf. + +"`Gut!"' sagte sie. "`Du kannst gehn."' + +Er blieb n"amlich immer noch eine Weile an der T"ure stehen und +blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an. + +Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gr"a"slich, und noch +qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit +der sie nach ihrem Gl"ucke lechzte. Sie verging fast vor +L"usternheit, unter woll"ustigen Erinnerungen, bi{\s} alle ihre +Sehnsucht am siebenten Tage in Leo{\s} z"artlichen Armen +befriedigt wurde. Seine eigne, hei"se Sinnlichkeit verbarg sich +unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. +Seine anbetung{\s}volle stille Liebe war Emma{\s} Ent\/z"ucken. Sie +hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, +sein Herz zu verlieren. + +Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme: + +"`Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! +Wirst e{\s} machen wie alle andern!"' + +"`Welche andern?"' + +"`Wie alle M"anner, meine ich."' + +Ihn sanft zur"ucksto"send, f"ugte sie hinzu: + +"`Ihr seid alle gemein!"' + +Eine{\s} Tage{\s} f"uhrten sie ein philosophische{\s} Gespr"ach +"uber die menschlichen Entt"auschungen, al{\s} sie pl"otzlich, um +seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch au{\s} allzu +starkem Mitteilung{\s}bed"urfni{\s}, da{\s} Gest"andni{\s} machte, +da"s sie vor ihm einen andern geliebt habe. + +"`Nicht wie dich!"' f"ugte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte +ihre{\s} Kinde{\s}, da"s e{\s} "`zu nicht{\s} gekommen"' sei. + +Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der +Betreffende jetzt sei. + +"`Er war Schiff{\s}kapit"an, mein Lieber!"' + +Log sie da{\s}, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich +ein gewisse{\s} Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer +und gewi"s vielumworbener Mann zu ihren F"u"sen gelegen haben +sollte? + +In der Tat empfand der Adjunkt etwa{\s} wie da{\s} Bewu"stsein der +Inferiorit"at. Am liebsten h"atte er gleichfall{\s} Epauletten, +Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mu"sten ihr gefallen, +da{\s} sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxu{\s}. + +Dabei verschwieg ihm Emma noch einen gro"sen Teil ihrer in{\s} +Gro"sartige gehenden W"unsche; zum Beispiel, da"s sie gern einen +blauen Tilbury mit einem englischen Vollbl"uter und einem Groom in +schicker Livree gehabt h"atte, um in Rouen spazieren zu fahren. +Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich +gebeten hatte, ihn al{\s} Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn +die Nichterf"ullung dieser Laune ihr auch die Seligkeit de{\s} +Wiedersehn{\s} nicht weiter tr"ubte, so versch"arfte sie doch +zweifello{\s} die Bitterkeit der Trennung. + +Oft, wenn sie zusammen von Pari{\s} plauderten, sagte sie leise: + +"`Ach, wenn wir dort leben k"onnten!"' + +"`Sind wir denn nicht gl"ucklich?"' erwiderte Leo z"artlich und +strich mit der Hand liebkosend "uber ihr Haar. + +"`Doch! Du hast recht! Ich bin t"oricht. K"usse mich!"' + +Gegen ihren Gatten war sie jetzt lieben{\s}w"urdiger denn je. Sie +bereitete ihm seine Liebling{\s}gerichte und spielte ihm nach +Tisch Walzer vor. Er hielt sich f"ur den gl"ucklichsten Mann der +Welt. Emma lebte in v"olliger Sorglosigkeit. Aber eine{\s} +Abend{\s} sagte er pl"otzlich: + +"`Nicht wahr, du hast doch bei Fr"aulein Lempereur Stunden?"' + +"`Ja!"' + +"`Merkw"urdig! Ich habe sie heute bei Frau Li\'egeard getroffen +und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht."' + +Da{\s} traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie +unbefangen: + +"`Mein Name wird ihr entfallen sein."' + +"`Oder e{\s} gibt mehrere Lehrerinnen diese{\s} Namen{\s} in +Rouen, die Klavierstunden geben"', meinte Karl. + +"`Da{\s} ist auch m"oglich!"' + +Pl"otzlich sagte Emma: + +"`Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich +eine bringen."' + +Sie ging an ihren Schreibtisch, ri"s alle Schubf"acher auf, +w"uhlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, da"s Karl +sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel M"uhe +zu machen. + +"`Ich werde sie schon finden!"' beharrte sie. + +In der Tat f"uhlte Karl am Freitag darauf, al{\s} er sich die +Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gela"s +zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein St"uck +Papier. Er zog e{\s} hervor und la{\s}: + +\begin{center} +"`\so{Quittung.} +\end{center} +Honorar f"ur drei Monate Klavierstunden, nebst Au{\s}lagen f"ur +verschiedene beschaffte Musikalien: 65,--~Frkn. + +\hfill Dankend erhalten \hspace{4em} + +\hfill Friederike Lempereur, + +\hfill Musiklehrerin."' +\bigskip + +"`Zum Kuckuck! Wie kommt denn da{\s} in meinen Stiefel?"' + +"`Wahrscheinlich"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} au{\s} dem Karton +mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal +steht."' + +Von nun an war ihre ganze Existenz nicht{\s} al{\s} ein Netz von +L"ugen. Sie h"ullte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit +niemand sie s"ahe. Aber auch sonst wurde ihr da{\s} L"ugen +geradezu zu einem Bed"urfni{\s}. Sie log zu ihrem Vergn"ugen. Wenn +sie erz"ahlte, da"s sie auf der rechten Seite der Stra"se gegangen +sei, konnte man wetten, da"s e{\s} auf der linken gewesen war. + +Eine{\s} Donnerstag{\s} war sie fr"uh, wie gew"ohnlich ziemlich +leicht gekleidet, abgefahren, al{\s} e{\s} pl"otzlich zu schneien +begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien +in der Kutsche de{\s} B"urgermeister{\s}. Sie fuhren zusammen nach +Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken +Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuh"andigen, sobald er +im "`Roten Kreuz"' angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe +sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die +Antwort, da"s sie da{\s} "`Rote Kreuz"' sehr selten aufsuche. +Abend{\s} traf er sie in der Postkutsche und erz"ahlte ihr von +seinem Mi"serfolge, dem er "ubrigen{\s} keine sonderliche +Bedeutung beizumessen schien, denn er begann al{\s}bald eine +Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so +wunderbar predige, da"s die Frauen in Scharen hingingen. + +Wenn sich auch Bournisien ohne weitere{\s} zufrieden gegeben +hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so di{\s}kret +sein. Und so hielt e{\s} Emma f"ur besser, fortan im "`Roten +Kreuz"' abzusteigen, damit die guten Leute au{\s} Yonville sie hin +und wieder auf der Treppe de{\s} Gasthofe{\s} sahen und nicht{\s} +argw"ohnten. + +Eine{\s} Tage{\s} traf sie Lheureux, gerade al{\s} sie an Leo{\s} +Arm den Boulogner Hof verlie"s. Sie f"urchtete, er k"onne +schwatzen; aber er war nicht so t"oricht. Daf"ur trat er drei Tage +sp"ater in ihr Zimmer und erkl"arte, da"s er Geld brauche. + +Sie erwiderte ihm, sie k"onne ihm nicht{\s} geben. Lheureux fing +zu jammern an und z"ahlte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen. + +In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl au{\s}gestellten +Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin +verl"angert und dann abermal{\s} prolongiert. Jetzt zog er au{\s} +seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen f"ur die +Store{\s}, den Teppich, f"ur M"obelstoff, mehrere Kleider und +verschiedene Toilettenst"ucke, im Gesamtbetrag von ungef"ahr +zweitausend Franken. + +Sie lie"s den Kopf h"angen, und er fuhr fort: + +"`Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien."' + +Und nun machte er sie auf ein halbverfallene{\s} alte{\s} Hau{\s} +in Barneville aufmerksam, da{\s} sie mit geerbt hatten. E{\s} +brachte nicht viel ein. E{\s} hatte urspr"unglich zu einem kleinen +Pachtgute geh"ort, da{\s} der alte Bovary vor Jahren verkauft +hatte. Lheureux wu"ste genau Bescheid "uber da{\s} Grundst"uck; er +kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn. + +"`An Ihrer Stelle"', sagte er, "`versuchte ich, e{\s} +lo{\s}zuwerden. Sie bek"amen dann sogar noch bar Geld herau{\s}!"' + +Sie entgegnete, e{\s} sei schwer, einen K"aufer zu finden, aber +Lheureux meinte, da{\s} lie"se sich schon machen. Da fragte sie, +wa{\s} sie tun m"usse, um da{\s} Hau{\s} zu verkaufen. + +"`Sie haben doch die Vollmacht"', antwortete er. + +Diese{\s} Wort belebte sie. + +"`Lassen Sie mir die Rechnung hier!"' sagte sie. + +"`O, da{\s} eilt ja nicht!"' erwiderte Lheureux. + +In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete, +e{\s} sei ihm mit vieler M"uhe gelungen, einen gewissen Langloi{\s} +au{\s}findig zu machen, der schon lange ein Auge auf da{\s} +Grundst"uck geworfen habe und wissen m"ochte, wa{\s} e{\s} koste. + +"`Der Prei{\s} ist mir gleichg"ultig!"' rief Emma au{\s}. + +Lheureux erkl"arte, man m"usse den K"aufer eine Weile zappeln +lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie +selbst nicht gut verreisen k"onne, bot er sich dazu an, um da{\s} +Gesch"aft mit Langloi{\s} zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung +zur"uck, der K"aufer habe viertausend Franken geboten. + +Emma war hocherfreut. + +"`Offen gestanden,"' f"ugte der H"andler hinzu, "`da{\s} ist +anst"andig bezahlt!"' + +Die erste H"alfte der Summe z"ahlte er ihr sofort auf. Al{\s} Emma +sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte +Lheureux: + +"`Auf Ehre, e{\s} ist doch schade, da"s Sie ein so sch"one{\s} +S"ummchen gleich wieder au{\s} der Hand geben wollen!"' + +Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der +Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten. + +"`Wie? Wie meinen Sie?"' stammelte sie. + +"`O,"' erwiderte er mit gutm"utigem L"acheln, "`man kann ja wa{\s} +ganz Beliebige{\s} auf die Rechnung setzen. Ich wei"s ja, wie +da{\s} in einem Hau{\s}halte so ist."' + +Er sah sie scharf an, w"ahrend er die beiden Tausendfrankenscheine +langsam durch die Finger hin und her gleiten lie"s. Endlich machte +er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je +tausend Franken auf den Tisch. + +"`Unterschreiben Sie!"' sagte er, "`und behalten Sie die ganze +Summe!"' + +Sie fuhr erschrocken zur"uck. + +"`Na, wenn ich Ihnen den "Uberschu"s bar au{\s}zahle,"' sagte +Lheureux frech, "`erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?"' + +Er schrieb unter die Rechnung: + +"`Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben, +bescheinigt + +\hfill Lheureux."' + +"`So! Sie k"onnen unbesorgt sein. In sech{\s} Monaten erhalten Sie +die weiteren zweitausend Franken f"ur Ihre alte Bude! Eher ist +auch der letzte Wechsel nicht f"allig."' + +Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den +Ohren klang e{\s} ihr, al{\s} w"urden S"acke voll Goldst"ucke vor +ihr au{\s}gesch"uttet, die nur so "uber die Diele kollerten. +Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vin\c{c}ard, Bankier in +Rouen, der die vier Wechsel di{\s}kontieren wolle. Die +"ubersch"ussige Summe werde er der gn"adigen Frau pers"onlich +bringen. + +Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert. +Freund Vin\c{c}ard habe "`wie "ublich"' zweihundert Franken f"ur +Provision und Di{\s}kont abgezogen. Dann forderte er nachl"assig +eine Empfang{\s}best"atigung. + +"`Sie verstehen! Gesch"aft ist Gesch"aft! Und da{\s} Datum! Bitte! +Da{\s} Datum!"' + +Tausend nun erf"ullbare W"unsche umgaukelten Emma. Aber sie war so +vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann +die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte. + +Der F"alligkeit{\s}tag de{\s} vierten Papiere{\s} fiel zuf"allig +auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber +geduldig auf Emma{\s} R"uckkehr. Die Sache w"urde sich schon +aufkl"aren. + +Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nicht{\s} gesagt zu haben, um +ihm h"au{\s}liche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die +Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und z"ahlte ihm tausend +unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg h"atte anschaffen +m"ussen. + +"`Nicht wahr, du mu"st doch zugeben: f"ur so viele Dinge ist +tausend Franken nicht zuviel?"' + +In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen +Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu +bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel au{\s}stelle, einen +davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin +schrieb Bovary seiner Mutter einen kl"aglichen Brief. Statt einer +Antwort kam sie pers"onlich. Al{\s} Emma wissen wollte, ob sie +etwa{\s} herau{\s}r"ucke, gab er ihr zur Antwort: + +"`Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!"' + +Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine +besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst k"ame die ganze +Geschichte und auch die Ver"au"serung de{\s} Grundst"uck{\s} +herau{\s}. Letztere hatte der H"andler so geschickt betrieben, +da"s sie erst viel sp"ater bekannt wurde. + +Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte +die alte Frau Bovary nicht umhin, die Au{\s}gaben unerh"ort zu +finden. + +"`Ging{\s} denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mu"sten die +Lehnst"uhle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab e{\s} in +keinem Hause mehr al{\s} einen einigen Lehnstuhl, den +Gro"svaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine n"otig. So war +e{\s} wenigsten{\s} bei meiner Mutter, und da{\s} war eine ehrbare +Frau! Da{\s} kann ich dir versichern! E{\s} sind nun einmal nicht +alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich w"urde +mich zu Tode sch"amen, wenn ich mich so verw"ohnen wollte wie du! +Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bi"schen der +Pflege n"otig h"atte ... Da schau mal einer diesen Luxu{\s} an! +Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, da{\s} Meter zu zwei Franken! +Wo man ganz sch"onen Futterstoff f"ur vier Groschen, ja schon f"ur +dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erf"ullt!"' + +Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe: + +"`Ich finde, e{\s} ist nun gut!"' + +Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie +w"urden alle beide im Armenhause enden. "Ubrigen{\s} sei Karl der +Hauptschuldige. E{\s} sei ein wahre{\s} Gl"uck, da"s er ihr +versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten~... + +"`Wa{\s}?"' unterbrach Emma ihre Rede. + +"`Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!"' + +Emma "offnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der +Ungl"uck{\s}mensch mu"ste zugeben, da"s ihm die Mutter da{\s} +Ehrenwort abgen"otigt hatte. Da ging Emma au{\s} dem Zimmer, kam +sehr bald wieder und h"andigte ihrer Schwiegermutter mit der +Geb"arde einer F"urstin ein gro"se{\s} Schriftst"uck ein. + +"`Ich danke dir!"' sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in +den Ofen. + +Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache au{\s}. Sie +hatte einen Nervenchok bekommen. + +"`Ach du mein Gott!"' rief Karl au{\s}. "`Siehst du, Mutter, e{\s} +war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!"' + +Sie zuckte mit den Achseln. Da{\s} sei alle{\s} "`blo"s Tuerei!"' + +Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf +und vertrat Emma so nachdr"ucklich, da"s die alte Frau erkl"arte, +sie werde abreisen. In der Tat tat sie da{\s} andern Tag{\s}. +Al{\s} Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben +"uberreden wollte, erwiderte sie: + +"`Nein, nein! Du liebst sie mehr al{\s} mich, und da{\s} ist ja +ganz in der Ordnung! Wenn e{\s} auch dein Nachteil ist. Du wirst +ja sehen ... La"s dir{\s} wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich +wieder -- sozusagen -- zusetzen!"' + +Nicht weniger al{\s} armer S"under stand er dann vor Emma, die ihm +erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mu"ste +erst lange bitten, ehe sie sich herablie"s, eine neue +Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der +sie au{\s}stellen sollte. + +"`Sehr begreiflich!"' meinte der Notar. "`Ein Mann der +Wissenschaft darf sich durch die Alltag{\s}dinge nicht ablenken +lassen."' + +Karl f"uhlte sich durch diese im v"aterlichen Tone vorgebrachte +Wei{\s}heit wieder aufgerichtet. Sie bem"antelte seine Schwachheit +mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit h"oheren +Dingen besch"aftigt. + +Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in +Leo{\s} Armen war sie "uber die Ma"sen au{\s}gelassen. Sie lachte, +weinte, sang, tanzte, lie"s sich Sorbett heraufbringen und rauchte +Zigaretten. So "uberschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie +doch k"ostlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, da"s e{\s} in ihrem +Innern g"arte und da"s sie sich au{\s} diesem Motiv kopf"uber in +den Strudel de{\s} Leben{\s} st"urzte. Sie war reizbar, +uners"attlich, woll"ustig geworden. Erhobenen Haupte{\s} ging sie +mit Leo durch die Stra"sen der Stadt spazieren, ohne die geringste +Angst, da"s sie in{\s} Gerede kommen k"onnte. So sagte sie +wenigsten{\s}. In{\s}geheim erzitterte sie freilich mitunter bei +dem Gedanken, Rudolf k"onne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf +immerdar von ihm geschieden war, so f"uhlte sie sich doch noch +immer in seinem Banne. + +Eine{\s} Abend{\s} kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Karl war +au"ser sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre +"`Mama"' nicht in{\s} Bett gehen wollte, schluchzte herzzerrei"send. +Justin wurde auf der Poststra"se entgegengesandt, und selbst +Homai{\s} verlie"s seine Apotheke. + +Al{\s} e{\s} elf Uhr schlug, hielt e{\s} Karl nicht mehr au{\s}. +Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein +Pferd lo{\s} und langte gegen zwei Uhr morgen{\s} im "`Roten +Kreuz"' an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht k"onne der +Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Gl"ucklicherweise +fiel ihm die Adresse de{\s} Notar{\s} ein, bei dem Leo in der +Kanzlei arbeitete. Er eilte hin. + +E{\s} begann zu d"ammern. Er erkannte da{\s} Wappenschild "uber +der T"ur und klopfte an. Ohne da"s ihm ge"offnet ward, erteilte +ihm jemand die gew"unschte Au{\s}kunft, nicht ohne auf den +n"achtlichen Ruhest"orer zu schimpfen. + +Da{\s} Hau{\s}, in dem der Adjunkt wohnte, besa"s weder einen +T"urklopfer noch eine Klingel noch einen Pf"ortner. Karl schlug +mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging +vor"uber. Karl bekam Angst und ging davon. + +"`Ich bin ein Narr!"' sagte er zu sich. "`Wahrscheinlich haben +Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!"' + +Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen. + +"`Vielleicht ist sie bei Frau D"ubreuil. Die ist vielleicht krank +... Ach nein, Frau D"ubreuil ist ja schon vor einem halben Jahre +gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?"' + +Pl"otzlich fiel ihm etwa{\s} ein. Er lie"s sich in einem Caf\'e +da{\s} Adre"sbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von +Fr"aulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle de{\s} +Maroquinier{\s} Nummer 74. + +Al{\s} er in diese Stra"se einbog, tauchte Emma am andern Ende +auf. Er st"urzte auf sie lo{\s} und fiel ihr um den Hal{\s}. + +"`Wa{\s} hat dich denn gestern hier zur"uckgehalten?"' rief er. + +"`Ich war krank."' + +"`Wa{\s} fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?"' + +Sie fuhr mit der Hand "uber die Stirn und antwortete: + +"`Bei Fr"aulein Lempereur."' + +"`Da{\s} dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr."' + +"`Die M"uhe kannst du dir nun ersparen. Sie ist "ubrigen{\s} schon +au{\s}gegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du +kannst dir denken, da"s ich mich nicht gar frei f"uhle, wenn ich +wei"s, da"s dich die geringste Versp"atung derma"sen au{\s} dem +Gleichgewicht bringt!"' + +Da{\s} war eine Art Erlaubni{\s}, die sie sich selbst gab, in +Zukunft mit aller Ruhe "uber den Strang hauen zu k"onnen, wie man +zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den +au{\s}giebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust versp"urte, Leo +zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser +sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner +Kanzlei auf. + +Die ersten Male war ihm da{\s} eine gro"se Freude, aber +allm"ahlich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren +diese St"orungen durchau{\s} nicht angenehm. + +"`Ach wa{\s}, komm nur mit!"' sagte sie. + +Und er verlie"s ihretwegen seine Arbeit. + +Sie sprach den Wunsch au{\s}, er solle sich immer in Schwarz +kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er +au{\s}s"ahe wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er +mu"ste ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. +Er sch"amte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, +Vorh"ange zu kaufen, wie sie welche hatte. Al{\s} er meinte, die +seien sehr teuer, sagte sie lachend: + +"`Ach, h"angst du an deinen paar Groschen!"' + +Jede{\s}mal mu"ste ihr Leo genau berichten, wa{\s} er seit dem +letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein +Gedicht, um ein Liebe{\s}gedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei +lag ihm nicht, und er schrieb schlie"slich ein Sonett au{\s} einem +alten Almanach ab. + +Er tat da{\s} keine{\s}weg{\s} au{\s} Eitelkeit. Er kannte kein +andre{\s} Bed"urfni{\s}, al{\s} ihr zu gefallen. Er war in allen +Dingen ihrer Ansicht und hatte stet{\s} denselben Geschmack wie +sie. Mit einem Worte: sie tauschten allm"ahlich ihre Rollen. Leo +wurde der feminine Teil in diesem Liebe{\s}verh"altnisse. Sie +verstand auf eine Art zu kosen und zu k"ussen, da"s er die +Empfindung hatte, al{\s} sauge sie ihm die Seele au{\s} dem Leibe. +E{\s} steckte, im Kerne ihre{\s} Wesen{\s} verborgen, eine +eigent"umliche, geradezu unk"orperliche Verderbni{\s} in Emma, +eine geheimni{\s}volle Erbschaft. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, a"s er h"aufig +bei dem Apotheker zu Mittag. Au{\s} H"oflichkeit lud er ihn ein, +ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen. + +"`Gern!"' gab Homai{\s} zur Antwort. "`Ich mu"s sowieso einmal +au{\s}spannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir +wollen zusammen in{\s} Theater gehen, ein bi"schen kneipen und ein +paar Dummheiten lo{\s}lassen!"' + +"`Aber Mann!"' mahnte Frau Homai{\s} besorgt. Die undefinierbaren +Gefahren, denen er entgegenlief, "angstigten sie im vorau{\s}. + +"`Wa{\s} ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon +genug ruiniert in den fortw"ahrenden Au{\s}d"unstungen der Drogen? +Ja, ja, so sind die Frauen! Vergr"abt man sich in die +Wissenschaften, so sind sie eifers"uchtig; und will man sich +gelegentlich in harmlosester Weise ein bi"schen erholen, dann +ist{\s} ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wir{\s} gut +sein! Rechnen Sie auf mich! In allern"achster Zeit tauch ich in +Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste "offnen!"' + +Fr"uher h"atte sich Homai{\s} geh"utet, einen derartigen +Au{\s}druck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich +ungemein darin, den jovialen Gro"s\-st"adter zu spielen. "Ahnlich +wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf da{\s} +neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten au{\s}. Er +begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser +anzunehmen, um den Philistern zu imponieren. + +Eine{\s} Donnerstag{\s} fr"uh traf ihn Emma zu ihrer "Uberraschung +in der K"uche de{\s} Goldnen L"owen im Reiseanzug, da{\s} hei"st, +in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen +hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fu"ssack in der +andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, au{\s} +Furcht, die Kundschaft k"onne an seiner Abwesenheit Ansto"s +nehmen. + +Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend +verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn w"ahrend der ganzen +Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen, +so st"urzte er au{\s} dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt +half kein Widerstreben: Homai{\s} schleppte ihn mit in da{\s} +"`Grand Caf\'e zur Normandie"', wo er, bedeckten Haupte{\s}, stolz +wie ein F"urst eintrat. Er hielt e{\s} n"amlich f"ur h"ochst +provinzlerhaft, in einem "offentlichen Lokal den Hut abzunehmen. + +Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schlie"slich eilte +sie in seine Kanzlei. Unter allen m"oglichen Mutma"sungen, wobei +sie ihm den Vorwurf der Gleichg"ultigkeit und sich selber den der +Schw"ache machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn +gegen die Scheiben gepre"st, im Boulogner Hofe. + +Um zwei Uhr sa"sen Leo und Homai{\s} immer noch bei Tisch. Der +gro"se Saal de{\s} Restaurant{\s} leerte sich. Sie sa"sen am Ofen, +der die Form eine{\s} hochragenden Palmenstamme{\s} hatte, dessen +innen vergoldete F"acher sich unter der wei"sen Decke +au{\s}breiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter +Gla{\s}w"anden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen "uber einem +Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und +Spargel drei schl"afrige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem +Haufen aufgeschichtet. + +Der Apotheker tat sich sozusagen eine G"ute. Wenngleich ihn die +Pracht noch mehr ent\/z"uckte al{\s} da{\s} vortreffliche Mahl, so +tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und al{\s} da{\s} Omelett +mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien +"`"uber die Weiber"'. Am meisten rege ihn eine "`schicke"' Frau +auf, und nicht{\s} ginge "uber eine elegante Robe in einem vornehm +eingerichteten Raume. Wa{\s} die k"orperlichen Reize anbelange, da +sei viel Fleisch "`nicht ohne"'. + +Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, a"s und +schmatzte weiter. + +"`Sie m"ussen sich "ubrigen{\s} ziemlich einsam f"uhlen hier in +Rouen"', sagte er pl"otzlich. "`Aber schlie"slich wohnt ja Ihr +Liebchen nicht allzuweit."' Da Leo err"otete, setzte er hinzu: +"`Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, da"s Sie in +Yonville~..."' + +Der junge Mann stammelte etwa{\s} Unverst"andliche{\s}. + +"`... im Hause Bovary jemanden poussieren~..."' + +"`Aber wen denn?"' + +"`Na, da{\s} Dienstm"adel!"' + +E{\s} war sein Ernst. Aber Leo{\s} Eitelkeit war st"arker al{\s} +alle Vorsicht. Ohne sich{\s} zu "uberlegen, widersprach er. Er +liebe nur br"unette Frauen. + +"`Da haben Sie nicht unrecht"', meinte der Apotheker. "`Die haben +mehr Temperament!"' + +Homai{\s} begann zu fl"ustern und verriet seinem Freunde die +Symptome, an denen man erkennen k"onne, ob eine Frau Feuer habe. +Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die +Deutschen seien schw"armerisch, die Franz"osinnen woll"ustig, die +Italienerinnen leidenschaftlich. + +"`Und die Negerinnen?"' fragte der Adjunkt. + +"`Da{\s} ist etwa{\s} f"ur Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!"' + +"`Gehen wir?"' fragte Leo ungeduldig. + +"`\begin{antiqua}Yes!\end{antiqua}"' + +Aber zuvor wollte er den Besitzer de{\s} Restaurant{\s} sprechen +und ihm seine Zufriedenheit au{\s}sprechen. + +De{\s} weiteren sch"utzte der junge Mann einen gesch"aftlichen +Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein. + +"`Ich begleite Sie nat"urlich!"' sagte Homai{\s}. + +Unterweg{\s} erz"ahlte er unaufh"orlich von seiner Frau, von +seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom +verwahrlosten Zustand, in dem er sie "ubernommen, und wie er sie +in die H"ohe gebracht habe. + +Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm, +eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der gr"o"sten +Erregung. Bei der Erw"ahnung de{\s} Apotheker{\s} geriet sie in +Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vern"unftige Gr"unde zu +beruhigen. E{\s} sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie +kenne Homai{\s} doch. Wie habe sie nur glauben k"onnen, da"s er +lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar +nicht{\s} h"oren und schickte sich an, fort\/zugehen. Er hielt sie +zur"uck, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen +und sah sie mit einem r"uhrenden Blick voller Begehrlichkeit und +Unterw"urfigkeit an. + +Sie stand aufrecht vor ihm. Mit gro"sen flammenden Augen sah sie +ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Au{\s}druck +in Tr"anen. Ihre ger"oteten Lider schlossen sich, sie "uberlie"s +ihm ihre H"ande, die er an seine Lippen zog. Da erschien der +Hau{\s}diener. Ein Herr w"unsche ihn dringend zu sprechen. + +"`Du kommst doch wieder?"' fragte Emma. + +"`Gewi"s!"' + +"`Aber wann?"' + +"`Sofort!"' + +E{\s} war der Apotheker. + +"`Ein feiner Trick, nicht?"' schmunzelte er, al{\s} er Leo +erblickte. + +"`Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verk"urzen. Sie war Ihnen doch +offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund +Bridoux, einen Bittern genehmigen!"' + +Leo beteuerte, er m"usse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker +lachte ihn au{\s} und machte seine Witze "uber die Juristerei. + +"`Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum +nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux! +Seinen Terrier m"ussen Sie mal sehen! Der ist zu spa"sig!"' Und da +der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: "`Na, da +begleite ich Sie wenigsten{\s}! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung +lesen oder in irgendeinem alten Schm"oker bl"attern."' + +Leo war wie bet"aubt durch Emma{\s} Unwillen, durch de{\s} +Apotheker{\s} Geschw"atz und vielleicht auch durch die Nachwirkung +de{\s} reichlichen Fr"uh\-st"uck{\s}. Unentschlossen stand er da, +w"ahrend Homai{\s} immer wieder in ihn drang: + +"`Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert +Schritte von hier! Rue Malpalu!"' + +Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Au{\s} Feigheit +oder Narrheit oder au{\s} jenem merkw"urdigen Drange, der den +Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen +Willen zuwiderlaufen, lie"s sich Leo zu Bridoux f"uhren. Sie +fanden ihn in dem kleinen Hofe seine{\s} Hause{\s}, wo er drei +Burschen beaufsichtigte, die da{\s} gro"se Rad einer +Selterwasserzubereitung{\s}maschine drehten. Nach einer herzlichen +Begr"u"sung gab Homai{\s} seinem Kollegen Ratschl"age. Dann trank +man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu +empfehlen, aber Homai{\s} hielt ihn immer wieder fest, indem er +sagte: + +"`Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den +{\glq}Leuchtturm von Rouen{\grq}! Dem Redakteur guten Tag sagen. +Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin."' + +Trotzdem machte sich Leo endlich lo{\s} und eilte wiederum in den +Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im h"ochsten Grade +aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt ha"ste sie Leo. Da{\s} +Stelldichein zu vers"aumen, da{\s} fa"ste sie al{\s} Beschimpfung +auf! Nun suchte sie nach noch andern Gr"unden, mit ihm zu brechen. +Er sei eine{\s} h"oheren Aufschwung{\s} unf"ahig, schwach, banal, +feminin, dazu knickerig und kleinm"utig. + +Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, da"s sie ihn schlechter +machte, al{\s} er war. Aber da{\s} Herabzerren eine{\s} Geliebten +hinterl"a"st immer gewisse Spuren. Man darf ein G"otzenbild nicht +ber"uhren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben. + +Fortan unterhielten sie sich immer h"aufiger von Dingen, die +nicht{\s} mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm +Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den +Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die +eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu +erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem n"achsten +Beieinandersein die alte Gl"uckseligkeit, aber hinterher gestand +sie sich jede{\s}mal, da"s sie nicht{\s} davon gesp"urt hatte. +Diese Entt"auschung wandelte sich trotzdem in neue{\s} Hoffen. +Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher +Erregung. Sie warf die Kleider ab und ri"s da{\s} Korsett +herunter, dessen Schnuren ihr um die H"uften schlugen wie +zischende Schlangen. Mit nackten F"u"sen lief sie an die T"ur und +"uberzeugte sich, da"s sie verriegelt war. Mit einer hastigen +Bewegung entledigte sie sich dann de{\s} Hemde{\s} -- und bleich, +stumm, ernst und von Schauern durchstr"omt, warf sie sich in seine +Arme. + +Aber auf ihrer von kaltem Schwei"s beperlten Stirn, auf ihren +st"ohnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung +lebte etwa{\s} Unheimliche{\s}, Feindselige{\s}, Todtraurige{\s}. +Leo f"uhlte e{\s}. E{\s} hatte sich eingeschlichen, um sie zu +trennen. + +Ohne da"s er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der +Erkenntni{\s}, da"s die Geliebte alle Pr"ufungen der Lust und +de{\s} Leid{\s} schon einmal an sich selber erfahren haben mu"ste. +Wa{\s} ihn dereinst ent\/z"uckt hatte, da{\s} fl"o"ste ihm jetzt +Grauen ein. + +Dazu kam, da"s er gegen die t"aglich zunehmende Vergewaltigung +seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen +Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann +auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein +Absinthtrinker, den da{\s} gr"une Gift immer wieder verf"uhrt. + +Allerding{\s} wandte sie alle Liebe{\s}k"unste an: von +au{\s}gesuchten Gen"ussen bei Tisch bi{\s} zu den Raffinement{\s} +der Kleidung und den schmachtendsten Z"artlichkeiten. Sie brachte +au{\s} ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm +in{\s} Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab +ihm gute Ratschl"age, wie er leben solle. Abergl"aubisch schenkte +sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame +Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten. + +"`La"s sie! Geh nicht au{\s}! Denk nur an mich und bleib mir treu!"' + +Am liebsten h"atte sie ihn "uberwacht oder gar "uberwachen lassen. +Mitunter kam ihr letztere{\s} in den Sinn. E{\s} trieb sich in der +N"ahe de{\s} Boulogner Hofe{\s} regelm"a"sig ein Tagedieb herum, +der die{\s} wohl "ubernommen h"atte. Aber ihr Stolz hielt sie +davon ab. + +"`Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nicht{\s} wert! Wa{\s} +tut{\s}? Ich halte ihn nicht!"' + +Eine{\s} Tage{\s} ging sie zeitiger von ihm weg al{\s} +gew"ohnlich. Al{\s} sie allein den Boulevard hinschlenderte, +bemerkte sie die Mauer ihre{\s} Kloster{\s}. Da setzte sie sich +auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie +damal{\s} gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfr"aulichen +Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damal{\s} au{\s} +B"uchern ertr"aumt hatte~... + +Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte, +mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald +... an den Tenor Lagardy ... Alle{\s} da{\s} zog wieder an ihr +vor"uber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie +alle{\s} andre. + +"`Aber ich liebe ihn doch!"' fl"usterte sie. + +Sie war dennoch nicht gl"ucklich, und nie war sie da{\s} gewesen! +Warum reichte ihr da{\s} Leben nie etwa{\s} Ganze{\s}? Warum kam +immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog? + +Wenn e{\s} irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und sch"on und +tapfer, begeisterung{\s}f"ahig und liebe{\s}erfahren zugleich, mit +einem Dichterherzen und einem Engel{\s}k"orper, ein Schw"armer und +S"anger, warum war sie ihm nicht zuf"allig begegnet? Ach, weil +da{\s} eine Unm"oglichkeit ist! Weil e{\s} vergeblich ist, ihn zu +suchen! Weil alle{\s} Lug und Trug ist! Jede{\s} L"acheln verbirgt +immer nur da{\s} G"ahnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, +jeder Genu"s den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die hei"sesten +K"usse hinterlassen dem Menschen nicht{\s} al{\s} die unstillbare +Begierde nach der Wollust der G"otter! + +Eherne Kl"ange dr"ohnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug +viermal. Vier Uhr! E{\s} d"unkte Emma, sie s"a"se schon eine +Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in +einer Minute zusammendr"angen, wie eine Menschenmenge in einem +kleinen Raume~... + +Emma lebte nur noch f"ur sich selbst. Die Geldangelegenheiten +k"ummerten sie nicht mehr. Aber eine{\s} Tage{\s} erschien ein +Mann von sch"abigem Au{\s}sehen und erkl"arte, Herr Vin\c{c}ard in +Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln herau{\s}, mit denen +er die eine Seitentasche seine{\s} langen gr"unen Rocke{\s} +verschlossen hatte, steckte sie im "Armelaufschlag fest und +"uberreichte ihr h"oflich ein Papier. E{\s} war ein Wechsel auf +siebenhundert Franken, den sie au{\s}gestellt hatte. Lheureux +hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vin\c{c}ard +weitergegeben. + +Sie schickte Felicie zu dem H"andler. Er k"onne nicht abkommen, +lie"s er zur"ucksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und +dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke +auf Hau{\s} und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einf"altig: + +"`Wa{\s} soll ich Herrn Vin\c{c}ard au{\s}richten?"' + +"`Sagen Sie ihm nur"', gab Emma zur Antwort, "`... ich h"atte kein +Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in +acht Tagen!"' + +Der Mann ging, ohne etwa{\s} zu erwidern. Aber am Tage darauf +erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten +Zustellung{\s}urkunde starrten ihr mehrfach die Worte "`Hareng, +Gericht{\s}vollzieher in B"uchy"' entgegen. Dar"uber erschrak sie +derma"sen, da"s sie spornstreich{\s} zu Lheureux lief. + +Er stand in seinem Laden und schn"urte gerade ein Paket zu. + +"`Ihr Diener!"' begr"u"ste er sie. "`Ich stehe Ihnen sogleich zur +Verf"ugung!"' + +Im "ubrigen lie"s er sich in seiner Besch"aftigung nicht st"oren, +bei der ihm ein etwa dreizehnj"ahrige{\s} M"adchen half. E{\s} war +ein wenig verwachsen und versah bei dem H"andler zugleich die +Stelle de{\s} Ladenm"adchen{\s} und der K"ochin. + +Al{\s} er fertig war, f"uhrte er Frau Bovary hinauf in den ersten +Stock. Er ging ihr in seinen schl"urfenden Holzschuhen auf der +Treppe voran. Oben "offnete er die T"ur zu einem engen Gemach, in +dem ein gro"ser Schreibtisch mit einem Aufsatz voller +Rechnung{\s}b"ucher stand, die durch eine eiserne, mit einem +Vorh"angeschlo"s versehene Stange verwahrt waren. An der Wand +stand ein Geldschrank von solcher Gr"o"se, da"s er sichtlich noch +andre Dinge al{\s} blo"s Geld und Banknoten enthalten mu"ste. In +der Tat lieh Lheureux Geld auf Pf"ander au{\s}. In diesem Schrank +lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe +de{\s} alten Tellier. Der ehemalige Besitzer de{\s} Caf\'e +Fran\c{c}ai{\s} hatte inzwischen sein Grundst"uck verkaufen +m"ussen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen er"offnet. Dort +ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner +Talglichte, die weniger gelb waren al{\s} sein Gesicht. + +Lheureux setzte sich in seinen gro"sen Rohrstuhl und fragte: + +"`Na, wa{\s} gibt{\s} Neue{\s}?"' + +Emma hielt ihm die Vorladung hin. + +"`Hier, lesen Sie!"' + +"`Ja, wa{\s} geht denn mich da{\s} an?"' + +Diese Antwort emp"orte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, +ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab da{\s} zu. + +"`Aber notgedrungen hab ich{\s} doch tun m"ussen! Mir sa"s selber +da{\s} Messer an der Kehle!"' + +"`Und wa{\s} wird jetzt geschehn?"' + +"`Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann +die Zwang{\s}\-voll\-stre"ckung! Schwapp! Ab!"' + +Emma konnte sich nur mit M"uhe beherrschen. Sie h"atte ihm beinahe +in{\s} Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob e{\s} denn kein +Mittel gebe, Herrn Vin\c{c}ard zu vertr"osten. + +"`Den und vertr"osten! Da kennen Sie Vin\c{c}ard schlecht! Da{\s} +ist ein Bluthund!"' + +Dann m"usse eben Lheureux einspringen. + +"`H"oren Sie mal,"' entgegnete er, "`mir scheint, da"s ich schon +genug f"ur Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!"' Er schlug seine +B"ucher auf: "`Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. +Juni hundertundf"unfzig Franken ... am 23. M"arz sech{\s}undvierzig +Franken ... am 10. April~..."' + +Er hielt inne, al{\s} f"urchte er eine Dummheit zu sagen. + +"`Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann au{\s}gestellt +hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von +Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den r"uckst"andigen Zinsen gar +nicht zu reden! Da{\s} ist ja endlo{\s}! Da findet sich ja gar +niemand mehr hinein! Ich will nicht{\s} mehr mit der Sache zu tun +haben!"' + +Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten +Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter "`diesen +Schweinehund, den Vin\c{c}ard"'. "Ubrigen{\s} verf"uge er selber +"uber keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man +z"oge ihm da{\s} Fell "uber die Ohren. Ein armer H"andler, wie er, +k"onne nicht{\s} borgen. + +Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr +Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schlie"slich: + +"`Na, vielleicht ... wenn dieser Tage wa{\s} einkommt~..."' + +Sie unterbrach ihn: + +"`Wenn ich die letzte Rate f"ur da{\s} Grundst"uck in Barneville +bekomme~..."' + +"`Wieso?"' + +Er tat so, al{\s} sei er sehr "uberrascht, da"s Langloi{\s} noch +nicht gezahlt habe. Mit honigs"u"ser Stimme sagte er: + +"`Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!"' + +"`Ach, den m"ussen Sie machen!"' + +Er schlo"s die Augen, al{\s} ob er sich etwa{\s} "uberlegte. +Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erkl"arte er, er +k"ame sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er +schneide sich in sein eigne{\s} Fleisch. Schlie"slich f"ullte er +vier Wechsel au{\s}, jeden zu zweihundertundf"unfzig Franken, mit +F"alligkeit{\s}tagen, die je vier Wochen au{\s}einanderlagen. + +"`Vorau{\s}gesetzt nat"urlich, da"s Vin\c{c}ard darauf eingeht!"' +sagte er. "`Mir soll{\s} ja recht sein! Ich fackle nicht lange! +Bei mir geht alle{\s} wie geschmiert!"' + +Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten. + +"`E{\s} ist aber nicht{\s} f"ur Sie darunter, gn"adige Frau!"' +meinte er. "`Wenn ich bedenke: dieser Stoff, da{\s} Meter zu drei +Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute rei"sen sich +drum! Man sagt ihnen nat"urlich nicht, wa{\s} wirklich dran ist +... Sie k"onnen{\s} sich ja denken!"' + +Durch derlei Gest"andnisse seiner Unreellit"at andern gegen"uber +sollte er sich bei ihr al{\s} desto ehrlicher hinstellen. Emma war +bereit{\s} an der T"ur, al{\s} er sie zur"uckrief und ihr drei +Meter Brokatstickerei zeigte, einen "`Gelegenheit{\s}kauf"', wie +er sagte. + +"`Prachtvoll! Nicht?"' sagte er. "`Man nimmt e{\s} jetzt vielfach +zu Sofabeh"angen. Da{\s} ist hochmodern!"' + +Mit der Geschicklichkeit eine{\s} Taschenspieler{\s} hatte er den +Spitzenstoff bereit{\s} in blaue{\s} Papier eingeschlagen und Emma +in die H"ande gedr"uckt. + +"`Ich mu"s doch aber wenigsten{\s} wissen, wa{\s}~..."' + +"`Ach, da{\s} eilt ja nicht!"' unterbrach er sie und wandte sich +einem andern Kunden zu. + +Noch an dem n"amlichen Abend best"urmte sie Karl, er solle doch +seiner Mutter schreiben, da"s sie den Rest der Erbschaft schicke. +E{\s} kam die Antwort, e{\s} sei nicht{\s} mehr da. Nach +Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von +dem Grundst"uck in Barneville -- j"ahrlich sech{\s}hundert +Franken, die ihm p"unktlich zugehen w"urden. + +Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karl{\s} Patienten +Rechnungen; und da die{\s} von Erfolg war, machte sie da{\s} +h"aufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: "`Ich bitte, +e{\s} meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in +dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie g"utigst. Ihre sehr +ergebene~..."' Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie +unterschlug. + +Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe, +ihre abgelegten H"ute, alte{\s} Eisen. Dabei handelte sie wie ein +Jude. Hier kam ihr gewinns"uchtige{\s} Bauernblut zum Vorschein. +Auf ihren Au{\s}fl"ugen nach Rouen erstand sie allerhand Tr"odel, +den Lheureux an Zahlung{\s} Statt annehmen sollte. Sie kaufte +Strau"senfedern, chinesische{\s} Porzellan, altert"umliche Truhen. +Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom +"`Roten Kreuz"', von aller Welt. Darin war sie skrupello{\s}. Mit +dem Geld, da{\s} sie noch f"ur da{\s} Barneviller Hau{\s} bekam, +bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die "ubrigen +f"unfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue +Verpflichtungen ein und immer wieder welche. + +Manchmal versuchte sie allerding{\s} zu rechnen, aber wa{\s} dabei +herau{\s}kam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete, +bi{\s} ihr wirr im Kopfe wurde. Dann lie"s sie e{\s} und dachte +gar nicht mehr daran. + +Um ihr Hau{\s} war e{\s} traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten +mit w"utenden Gesichtern herau{\s}kommen. Am Ofen trocknete +W"asche. Und die kleine Berta lief zum gr"o"sten Entsetzen von +Frau Homai{\s} in zerrissenen Str"umpfen einher. Wenn sich Karl +gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm +Emma barsch, e{\s} sei nicht ihre Schuld. + +"`Warum ist sie so reizbar?"' fragte er sich und suchte die +Erkl"arung daf"ur in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich +Vorw"urfe, da"s er nicht gen"ugend R"ucksicht auf ihr +k"orperliche{\s} Leiden genommen habe. Er schalt sich einen +Egoisten und w"are am liebsten zu ihr gelaufen und h"atte sie +gek"u"st. + +"`Lieber nicht!"' sagte er sich. "`E{\s} k"onnte ihr l"astig sein!"' + +Und er ging nicht zu ihr. + +Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die +kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift +auf und versuchte dem Kind da{\s} Lesen beizubringen. E{\s} war +noch g"anzlich unwissend. Sehr bald machte e{\s} gro"se, traurige +Augen und begann zu weinen. Da tr"ostete er e{\s}. Er holte Wasser +in der Gie"skanne und legte ein B"achlein im Kie{\s} an, oder er +brach Zweige von den Ja{\s}minstr"auchern und pflanze sie al{\s} +B"aumchen in die Beete. Dem Garten schadete da{\s} nur wenig, er +war schon l"angst von Unkraut "uberwuchert. Lestiboudoi{\s} hatte +schon wer wei"s wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror da{\s} +Kind, und e{\s} verlangte nach der Mutter. + +"`Ruf Felicie!"' sagte Karl. "`Du wei"st, mein Herzchen, Mama will +nicht gest"ort werden!"' + +E{\s} wurde wieder Herbst, und schon fielen die Bl"atter. Jetzt +war e{\s} genau zwei Jahre her, da"s Emma krank war! Wann w"urde +da{\s} endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, +die H"ande auf dem R"ucken. + +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie st"oren. +Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum +bekleidet. Von Zeit zu Zeit z"undete sie ein{\s} der +R"aucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eine{\s} +Algerier{\s} gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren +schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie e{\s} durch +allerlei Grimassen so weit, da"s er sich in den zweiten Stock +zur"uckzog. Nun la{\s} sie bi{\s} zum Morgen "uberspannte B"ucher, +die von Orgien und von Mord und Totschlag erz"ahlten. Oft bekam +sie davon Angstanf"alle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst +herunter. + +"`Ach, geh nur wieder!"' sagte sie. + +Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer de{\s} Ehebruch{\s} +durch\-gl"uht, schwer atmend und in hei"ser sinnlicher Erregung +an{\s} Fenster, sog die k"uhle Nachtluft ein und lie"s sich den +Wind um da{\s} schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, +w"unschte sie sich die Liebe eine{\s} F"ursten~... + +Leo trat ihr vor die Phantasie. Wa{\s} h"atte sie in diesem +Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm +sattk"ussen zu lassen. + +Die Tage de{\s} Stelldichein{\s} waren ihre Sonntage, Tage der +Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alle{\s} allein zu +bezahlen, steuerte sie auf da{\s} freigebigste dazu bei, wa{\s} +beinahe jede{\s}mal der Fall war. Er versuchte, sie zu +"uberzeugen, da"s sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe +zusammen kommen k"onnten. Sie wollte jedoch nicht{\s} davon +h"oren. + +Eine{\s} Tage{\s} brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbe{\s} +Dutzend vergoldete Teel"offel mit, da{\s} Hochzeit{\s}geschenk +ihre{\s} Vater{\s}. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er +gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er +f"urchtete, sich blo"szustellen. Al{\s} er hinterher noch einmal +dar"uber nachdachte, fand er, da"s seine Geliebte "uberhaupt recht +seltsam geworden sei und da"s e{\s} vielleicht ratsam w"are, mit +ihr zu brechen. Seine Mutter hatte "ubrigen{\s} einen langen +anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt +worden war, ihr Sohn "`ruiniere sich mit einer verheirateten +Frau."' Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle +Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin, +die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich +brieflich an Leo{\s} Chef, den Justizrat D"ubocage, dem die +Geschichte l"angst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo +dreiviertel Stunden lang ordentlich in{\s} Gebet, "offnete ihm die +Augen, wie er sich au{\s}dr"uckte, und zeigte ihm den Abgrund, dem +er zusteuere. Wenn e{\s} zum "offentlichen Skandal k"ame, sei +seine weitere Karriere gef"ahrdet! Er bat ihn dringend, da{\s} +Verh"altni{\s} abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so +doch in seinem, de{\s} Notar{\s}. + +Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen. +Er hielt e{\s} nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch, +indem er sich klar ward, in welche Mi"shelligkeiten und in wa{\s} +f"ur Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von +den Anz"uglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich +lo{\s}lie"sen, wenn sie sich am Kamine w"armten. Er sollte +demn"achst in die erste Adjunktenstelle r"ucken. E{\s} ward also +Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Au{\s} diesem Grunde gab er +auch da{\s} Fl"otespielen auf. Die Tage der Schw"armereien und +Phantastereien waren f"ur ihn vor"uber! Jeder Philister hat in +seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen +Tag, nur eine Stunde w"ahrt. Einmal ist jeder der +ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelst"urmender Pl"ane +f"ahig. Den spie"serlichsten Mann gel"ustet e{\s} einmal nach +einer gro"sen Kurtisane, und selbst im n"uchternen Juristen hat +sich irgendwann einmal der Dichter geregt. + +E{\s} verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung +an seiner Brust schluchzte. Und wie e{\s} Leute gibt, die Musik +nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er f"ur die +"Uberschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gef"uhl mehr. Die wilde +Sch"onheit dieser Herzen{\s}st"urme begriff er nicht. + +Sie kannten einander zu gut, al{\s} da"s der gegenseitige Besitz +sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die +Entwicklung{\s}f"ahigkeit verloren. Sie waren beide einander +"uberdr"ussig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalit"aten der +Ehe wieder. + +Wie sollte sie sich aber Leo{\s} entledigen? So ver"achtlich ihr +die Verflachung ihre{\s} Gl"ucke{\s} auch vorkam: au{\s} +Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der +Sinnengenu"s ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch +nach h"oheren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt +und betrogen. Sie w"unschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre +Ent\/zweiung zur Folge h"atte, weil sie nicht den Mut hatte, sich +au{\s} freien St"ucken von ihm zu trennen. + +Sie h"orte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu +"ubersch"utten. Ihrer Meinung nach war e{\s} die Pflicht einer +Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben +stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, +sondern ein Traumgebilde, die Au{\s}geburt ihrer z"artlichsten +Erinnerungen, eine Reminis\/zenz an die herrlichsten Romanhelden, +da{\s} leibhaft gewordne Idol ihrer hei"sesten Gel"uste. +Allm"ahlich ward ihr dieser imagin"are Liebling so vertraut, +al{\s} ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten +Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich +gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in +der F"ulle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo +hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter +Rosend"uften und Mondenschein. Sie f"uhlte, er war ihr nahe. Er +umarmte und k"u"ste sie~... + +Nach solchen Traumzust"anden war sie kraftlo{\s} und gebrochen. +Die Raserei diese{\s} Liebe{\s}wahne{\s} erschlaffte sie mehr +al{\s} die wildeste Au{\s}schweifung. + +Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche +Zustellungen und Vorladungen kamen. E{\s} war ihr unm"oglich, sie +zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten h"atte sie immerdar +geschlafen. + +Am Fastnacht{\s}abend kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Sie +nahm am Ma{\s}kenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten +Str"umpfen, eine Rokokoper"ucke auf dem Kopfe und einen Dreimaster +auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. +E{\s} bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand +sie unter der Vorhalle de{\s} Theater{\s}, umringt von einem +halben Dutzend Ma{\s}ken, Bekannten von Leo: Matrosen und +Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurant{\s} in +der N"ahe waren alle "uberf"ullt. Schlie"slich entdeckte man einen +bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleine{\s} +Zimmer bekamen. + +Die m"annlichen Ma{\s}ken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich +einigten sie sich "uber die Kosten. E{\s} waren zwei Studenten der +medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verk"aufer. Wa{\s} +f"ur eine Gesellschaft f"ur eine Dame! Und die weiblichen Wesen? +An ihrer Au{\s}druck{\s}weise merkte Emma gar bald, da"s sie fast +alle der untersten Volk{\s}schicht angeh"oren mu"sten. Nun begann +sie sich zu "angstigen. Sie r"uckte mit ihrem Sessel beiseite und +schlug die Augen nieder. + +Die andern begannen zu tafeln. Emma a"s nicht{\s}. Ihre Stirn +gl"uhte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte +ihr "uber die Haut. In ihrem Hirn dr"ohnte noch der L"arm de{\s} +Tanzsaal{\s}; e{\s} war ihr, al{\s} stampften tausend F"u"se im +Takte um sie herum. Dazu bet"aubte sie der Zigarrenrauch und der +Duft de{\s} Punsche{\s}. Sie wurde ohnm"achtig. Man trug sie +an{\s} Fenster. + +Der Morgen d"ammerte. Hinter der Sankt-Katharinen-H"ohe stand ein +breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der +graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den +Br"ucken. Die Laternenlichter verblichen. + +Sie erholte sich allm"ahlich und dachte an ihre Berta, die fern in +Yonville schlief, im Zimmer de{\s} M"adchen{\s}. Ein Wagen voll +langer Eisenstangen fuhr unten vor"uber; da{\s} Metall vibrierte +in eigent"umlichen T"onen~... + +Da stahl sie sich in pl"otzlichem Entschlusse fort. Sie lie"s Leo +und kam allein zur"uck in den Boulogner Hof. Alle{\s}, selbst ihr +eigner K"orper war ihr unertr"aglich. Sie h"atte fliegen m"ogen, +sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im +kristallklaren "Ather. + +Nachdem sie sich ihre{\s} Kost"um{\s} entledigt hatte, verlie"s +sie den Gasthof und ging "uber den Boulevard, den Causer Platz, +durch die Vorstadt, bi{\s} zu einer freien Stra"se mit G"arten. +Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach +verga"s sie die l"armende Menge, die Ma{\s}ken, die Tanzmusik, +da{\s} Lampenlicht, da{\s} Souper, die Dirnen. Alle{\s} war weg +wie der Nebel im Winde. Im "`Roten Kreuz"' angekommen, warf sie +sich auf{\s} Bett. E{\s} war in demselben Zimmer de{\s} zweiten +Stock{\s}, wo ihr Leo damal{\s} seinen ersten Besuch gemacht +hatte. Um vier Uhr nachmittag{\s} ward sie von Hivert geweckt. + +Zu Hau{\s} zeigte ihr Felicie ein Schriftst"uck, da{\s} hinter der +Uhr steckte. Emma la{\s}: + +"`Beglaubigte Abschrift. Urteil{\s}au{\s}fertigung~..."' Sie hielt +inne. "`Wa{\s} f"ur ein Urteil?"' Sie besann sich. + +Etliche Tage vorher war ein andre{\s} Schriftst"uck abgegeben +worden, da{\s} sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken +la{\s} sie weiter: + +"`\so{Im Namen de{\s} K"onig{\s}!}~..."' Sie "ubersprang einige +Zeilen. "`... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... +achttausend Franken~..."' Und unten: "`Vorstehende Au{\s}fertigung +wird ... zum Zwecke der Zwang{\s}vollstreckung erteilt~..."' + +Wa{\s} sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden! + +"`Die sind morgen abgelaufen!"' sagte sie sich. "`Unsinn! Lheureux +will mir nur angst machen!"' + +Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften, +den Endzweck aller seiner Gef"alligkeiten. Da{\s} einzige, wa{\s} +sie etwa{\s} beruhigte, war gerade die enorme H"ohe der +Schuldsumme. Durch ihre fortw"ahrenden K"aufe, ihr Nichtbarbezahlen, +die Darlehen, da{\s} Au{\s}stellen von Wechseln, die Zinsen, die +Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bi{\s} zu +dieser H"ohe angelaufen. Lheureux wartete auf diese{\s} Geld +ungeduldig. Er brauchte e{\s} zu neuen Gesch"aften. + +Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor. + +"`Wissen Sie, wa{\s} mir da zugefertigt worden ist? Da{\s} ist +wohl ein Scherz!"' + +"`Bewahre!"' + +"`Wieso aber?"' + +Er wandte sich ihr langsam zu, verschr"ankte die Arme und sagte: + +"`Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, da"s ich +bi{\s} zum J"ungsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? +F"ur nicht{\s} und wieder nicht{\s}? E{\s} ist vielmehr die +h"ochste Zeit, da"s ich mein Geld zur"uckkriege! Da{\s} werden Sie +doch einsehen!"' + +Sie bestritt die H"ohe der Schuldsumme. + +"`Ja, da{\s} tut mir leid!"' erwiderte der H"andler. "`Da{\s} +Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist +nicht{\s} zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! +"Ubrigen{\s} bin ich nicht der Kl"ager, sondern Vin\c{c}ard."' + +"`K"onnten Sie denn nicht~..."' + +"`Ich kann gar nicht{\s}!"' + +"`Aber ... sagen Sie ... "uberlegen wir un{\s} einmal~..."' + +Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewu"st, sie sei +"uberrascht worden~... + +"`Ist da{\s} denn meine Schuld?"' fragte Lheureux mit einer +h"ohnischen Geste. "`W"ahrend ich mich hier abplagte, haben Sie +herrlich und in Freuden gelebt!"' + +"`Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?"' + +"`Da{\s} k"onnte nicht{\s} schaden!"' + +Sie wurde feig und legte sich auf{\s} Bitten. Dabei ging sie so +weit, da"s sie den H"andler mit ihrer schmalen wei"sen Hand +ber"uhrte. + +"`Lassen Sie mich zufrieden!"' wehrte er ab. "`Am Ende wollen Sie +mich gar noch verf"uhren!"' + +"`Sie sind ein gemeiner Mensch!"' rief sie au{\s}. + +"`Na, na!"' lachte er. "`Werden Sie nur nicht gleich ungn"adig!"' + +"`Ich werde allen Leuten erz"ahlen, wa{\s} f"ur ein Mensch Sie +sind! Ich werde meinem Manne sagen~..."' + +"`Und ich werde Ihrem Manne wa{\s} zeigen~..."' + +Er entnahm seinem Geldschranke Emma{\s} Empfang{\s}best"atigung +der Summe f"ur da{\s} verkaufte Grundst"uck. + +"`Glauben Sie, da"s er da{\s} nicht f"ur einen kleinen Diebstahl +halten wird, der arme gute Mann?"' + +Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. +Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und +her und sagte immer wieder: + +"`Jawohl, da{\s} zeig ich ihm ... da{\s} zeig ich ihm~..."' + +Pl"otzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem +Tone: + +"`'{\s} ist grade kein Vergn"ugen -- da{\s} wei"s ich wohl! -- +aber e{\s} ist noch niemand dran gestorben, und da e{\s} der +einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen~..."' + +"`Aber wo soll ich denn da{\s} viele Geld hernehmen?"' jammerte +Emma und rang die H"ande. + +"`Na, wenn man Freunde hat wie Sie!"' + +Er sah sie scharf und so t"uckisch an, da"s ihr dieser Blick durch +Mark und Bein ging. + +"`Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben~..."' + +"`Danke! Habe genug von den alten!"' + +"`K"onnte ich nicht wa{\s} verkaufen?"' + +"`Wa{\s} denn?"' fragte er achselzuckend. "`Sie besitzen doch gar +nicht{\s}!"' Dann rief er durch da{\s} kleine Schiebfensterchen in +seinen Laden hinein: "`Anna, vergi"s nicht die drei St"uck Tuch +Nummer vierzehn!"' + +Da{\s} M"adchen trat ein. Emma begriff, wa{\s} da{\s} hei"sen +sollte. Sie machte einen letzten Versuch. + +"`Wieviel Geld w"are dazu n"otig, die Zwang{\s}vollstreckung +aufzuhalten?"' + +"`E{\s} ist schon zu sp"at!"' antwortete Lheureux. + +"`Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken br"achte? Ein Viertel +der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?"' + +"`Da{\s} h"atte alle{\s} keinen Zweck!"' + +Er dr"angte sie sanft dem Au{\s}gange zu. + +"`Ich beschw"ore Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage +Zeit!"' + +Sie schluchzte. + +"`Donnerwetter! Gar noch Tr"anen!"' + +"`Sie bringen mich zur Verzweiflung!"' jammerte sie. + +"`Mir auch egal!"' + +Er machte die T"ure zu. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den +Gericht{\s}vollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, al{\s} sie +sich einstellten, um da{\s} Pf"andung{\s}protokoll aufzusetzen. + +Sie begannen in Bovary{\s} Sprechzimmer. Den phrenologischen +Sch"adel schrieben sie indessen nicht mit in da{\s} +Sachenverzeichni{\s}. Sie erkl"arten ihn al{\s} zur +Beruf{\s}au{\s}"ubung n"otig. Aber in der K"uche z"ahlten sie die +Sch"usseln, T"opfe, St"uhle und Leuchter, und in ihrem +Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie +durchst"oberten ihren Kleidervorrat, ihre W"asche. Sogar der +Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emma{\s} Existenz ward +bi{\s} in die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der +Anatomie -- den Blicken der drei M"anner prei{\s}gegeben. Der +Gericht{\s}vollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, +eine wei"se Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug, +wiederholte immer wieder: + +"`Sie erlauben, gn"adige Frau! Sie erlauben!"' + +Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie: + +"`Wunderh"ubsch! Sehr nett!"' + +Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichni{\s}, +wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfa"s au{\s} Horn +tauchte, da{\s} er in der linken Hand hielt. + +Al{\s} man in den Wohnr"aumen fertig war, ging e{\s} hinauf in die +Bodenkammern. Al{\s} der Gericht{\s}vollzieher ein Schreibpult +bemerkte, in dem Rudolf{\s} Briefe aufbewahrt waren, ordnete er +an, da"s e{\s} ge"offnet werde. + +"`Ah! Briefe!"' meinte er, geheimni{\s}voll l"achelnd. "`Sie +erlauben wohl! Ich mu"s mich n"amlich "uberzeugen, ob nicht sonst +noch wa{\s} drinnen steckt!"' + +Er bl"atterte die B"undel fl"uchtig durch, al{\s} sollten +Goldst"ucke herau{\s}fallen. Emma war emp"ort, al{\s} sie sah, wie +seine plumpe rote Hand mit den mollu{\s}kenhaften Fettfingern +diese Bl"atter anfa"ste, bei deren Empfang ihr Herz einst h"oher +geschlagen hatte. + +Endlich gingen sie. Felicie kam zur"uck. Sie hatte den Auftrag +gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den +Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepf"andeten Gegenst"ande +zur"uckblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein. + +Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma +beobachtete ihn "angstlich. E{\s} kam ihr vor, al{\s} st"unden in +den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre +Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten +Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie +sich die Armseligkeit ihre{\s} Leben{\s} versch"ont hatte, f"uhlte +sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenlose{\s} Mitleid +mit sich selber, da{\s} ihre W"unsche eher noch anfachte al{\s} +unterdr"uckte. + +Karl sa"s friedlich am Kamin und f"uhlte sich h"ochst behaglich. +Einmal rumorte der Gericht{\s}diener, der sich in seinem K"afige +langweilte. + +"`Ging da nicht oben einer?"' fragte Karl. + +"`Nein!"' beschwichtigte sie ihn. "`Da war wahrscheinlich ein +Dachfenster offen, und der Wind hat e{\s} zugeschlagen."' + +Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie fr"uh nach Rouen, wo sie +alle Bankier{\s} aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die +meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie lie"s sich +nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie +beteuerte, sie brauche e{\s} und wolle e{\s} p"unktlich +zur"uckzahlen. Einige lachten ihr in{\s} Gesicht. Alle wiesen sie +ab. + +Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner T"ure. E{\s} +"offnete niemand. Endlich kam er von der Stra"se her. + +"`Wa{\s} f"uhrt dich her?"' + +"`St"ore ich dich?"' + +"`Nein ... aber~..."' + +Er gestand, sein Wirt s"ahe e{\s} nicht gern, wenn man "`Damen"' +bei sich empfinge. + +"`Ich mu"s dich sprechen!"' sagte sie. + +Da nahm er den Schl"ussel, aber sie hinderte ihn am Aufschlie"sen. + +"`Nein! Nicht hier! Bei un{\s}!"' + +Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer. + +Emma trank zun"achst ein gro"se{\s} Gla{\s} Wasser. Sie war ganz +bleich. Dann sagte sie: + +"`Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!"' + +Sie fa"ste seine H"ande, dr"uckte sie fest und f"ugte hinzu: + +"`H"or mal: ich brauche achttausend Franken!"' + +"`Du bist verr"uckt!"' + +"`Noch nicht!"' + +Nun erz"ahlte sie ihm rasch die Geschichte der Pf"andung und +klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nicht{\s}; mit ihrer +Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fu"se, und ihr Vater +k"onne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, m"usse ihr diese +unbedingt n"otige Summe schleunigst verschaffen. + +"`Wie soll ich da{\s}?"' + +"`Du willst blo"s nicht!"' sagte sie aufgeregt. + +Er stellte sich dumm: + +"`E{\s} wird nicht so gef"ahrlich sein! Mit tausend Talern wird +der Biedermann schon zufrieden sein!"' + +"`Vielleicht. Schaff sie mir nur!"' sagte sie. Dreitausend Franken +seien allemal aufzutreiben! Leo m"oge sie doch einstweilen auf +seinen Namen aufnehmen. + +"`Geh! Versuch{\s}! E{\s} mu"s sein! Schnell! Schnell! Ich will +dich daf"ur auch recht liebhaben!"' + +Er ging und kam nach einer Stunde zur"uck. Mit einem Gesicht, +al{\s} ob er wer wei"s wa{\s} zu verk"unden h"atte, sagte er: + +"`Ich war bei drei Personen ... umsonst!"' + +Darauf sa"sen sie einander gegen"uber am Kamin, regung{\s}lo{\s}, +ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor +Ungeduld mit den F"u"sen. Er h"orte, wie sie ganz leise sagte: + +"`Wenn ich an deiner Stelle w"are, ich w"u"ste, wo ich da{\s} Geld +auftriebe!"' + +"`Wo denn?"' + +"`In eurer Kanzlei!"' + +Sie sah ihn starr an. + +Au{\s} ihren fiebernden Augen sprach ein wilder D"amon. Zwischen +ihren sich ber"uhrenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und S"unde so +stark, da"s der junge Mann unter der stummen Verf"uhrung{\s}kraft +diese{\s} Weibe{\s}, da{\s} ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe +daran war, zu erliegen. Er f"uhlte seine Schwachheit. J"ahe Furcht +ergriff ihn, und um jeder weiteren Er"orterung zu entgehen, schlug +er sich vor die Stirn und rief au{\s}: + +"`Morel kommt ja heute nacht zur"uck!"' Morel war ein Freund von +ihm, der Sohn eine{\s} sehr wohlhabenden Kaufmann{\s}. "`Der +schl"agt{\s} mir nicht ab! Ich werde dir da{\s} Geld morgen +vormittag bringen."' + +Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger +freudigen Eindruck, al{\s} er erwartet hatte. Durchschaute sie +seine L"uge? + +Err"otend fuhr er fort: + +"`Wenn ich morgen bi{\s} drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann +warte nicht l"anger auf mich, Schatz! Jetzt mu"s ich aber wirklich +fort! Entschuldige mich! Lebwohl!"' + +Er dr"uckte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma +hatte alle Kraft verloren~... + +Al{\s} e{\s} vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville +zur"uckzufahren. Nicht{\s} mehr trieb sie al{\s} die Gewohnheit. + +Da{\s} Wetter war pr"achtig. Ein klarer kalter M"arztag. Die Sonne +strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonnt"aglich gekleidete +B"urger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Al{\s} Emma +den Notre-Dame-Platz "uberschritt, war die Vesper gerade zu Ende. +Die Menge str"omte au{\s} den drei T"uren de{\s} Hauptportal{\s} +wie ein Strom au{\s} einer dreibogigen Br"ucke. + +Emma dachte zur"uck an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in +da{\s} Mittelschiff eingetreten war, da{\s} sich so hoch vor ihr +w"olbte und ihr damal{\s} doch klein erschien im Vergleich zu +ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier +str"omten die Tr"anen "uber ihre Wangen. Sie war wie bet"aubt, sie +schwankte und war einer Ohnmacht nahe. + +"`Vorsehen!"' rief eine Stimme au{\s} einem Torwege. + +Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen, +der, in der Gabel eine{\s} Dogcart{\s}, au{\s} dem Hause +herau{\s}kam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte~... + +"`Wer war da{\s} doch?"' fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. +Da{\s} Gef"ahrt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden. + +"`Aber da{\s} war doch der Vicomte!"' + +Emma wandte sich um, aber die Stra"se war leer. Sie f"uhlte sich +so niedergeschlagen, so traurig, da"s sie sich an die Wand +eine{\s} Hause{\s} lehnen mu"ste, um nicht umzusinken. Sie +gr"ubelte dar"uber nach, ob e{\s} wirklich der Vicomte gewesen +war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Wa{\s} lag daran? Sie war +eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene, +vom Geratewohl gegen die Klippen de{\s} Leben{\s} getrieben ... +Und so empfand sie beinahe Freude, al{\s} sie, am "`Roten Kreuz"' +angelangt, den trefflichen Homai{\s} traf, der da{\s} Aufladen +einer gro"sen Kiste voll Apothekerwaren in die Post "uberwachte. +In der Hand hielt er, in ein Hal{\s}tuch eingewickelt, sech{\s} +St"uck Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte. + +Frau Homai{\s} liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in +der Normandie seit uralten Zeiten in Form eine{\s} Turban{\s} +gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen +werden. Man buk sie bereit{\s} zur Zeit der Kreuzz"uge. Die +wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn +sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische +liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten +sie sich einbilden, Sarazenenk"opfe zu vertilgen. Die +Apotheker{\s}frau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute; +sie hatte n"amlich abscheulich schlechte Z"ahne. + +"`Bin ent\/z"uckt, Sie zu sehen!"' rief Homai{\s}, bot Emma die Hand +und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche. + +Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in da{\s} Gep"acknetz, +nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschr"ankten Armen und +einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Al{\s} unterweg{\s} +wie immer der Blinde am Stra"sengraben auftauchte, bemerkte er: + +"`E{\s} ist mir unverst"andlich, da"s die Beh"orde nach wie vor +diese{\s} schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man +einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht +bei un{\s} im Schneckengange vorw"art{\s}! Wir waten noch in +Barbarei!"' + +Der Blinde steckte seinen Hut so durch{\s} Wagenfenster, da"s er +wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte. + +"`Er hat eine skroful"ose Affektion"', dozierte der Apotheker. + +Obgleich er den armen Schelm schon l"angst kannte, tat er doch, +al{\s} s"ahe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwa{\s} von +Hornhaut, Star, Sklerotika, Facie{\s} vor sich hin. Dann riet er +ihm in salbung{\s}vollem Tone: + +"`Hast du diese{\s} schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? +Du solltest vor allem Di"at halten, statt dich in der Kneipe zu +betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache."' + +Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifello{\s} geistig +beschr"ankt. + +Schlie"slich zog Homai{\s} seine B"orse. + +"`Hier hast du einen F"unfer, gib mir einen Dreier wieder rau{\s} +und vergi"s nicht, wa{\s} ich dir verordnet habe! E{\s} wird dir +gut bekommen!"' + +Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seine{\s} +Rezept{\s} zu bezweifeln. Da versicherte Homai{\s} dem Manne, +lediglich eine "`antiphlogistische Salbe eignen Fabrikat{\s}"' +k"onne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse: + +"`Apotheker Homai{\s}, am Markt, allgemein bekannt!"' + +"`So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, wa{\s} du +Sch"one{\s} kannst!"' rief ihm Hivert zu. + +Der Blinde lie"s sich in die Knie nieder, warf den Kopf zur"uck, +rollte mit seinen gr"unlichen Augen und streckte die Zunge +herau{\s}. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den H"anden und +stie"s ein dumpfe{\s} Geheul au{\s} wie ein halbverhungerter Hund. + +Emma ward "ubel. Sie warf ihm "uber die Schulter ein +F"unf\/frankenst"uck zu. E{\s} war ihr ganze{\s} Geld. E{\s} kam +ihr edel vor, e{\s} so wegzuwerfen. + +Der Wagen war schon ein ziemliche{\s} St"uck weiter, al{\s} sich +Homai{\s} pl"otzlich au{\s} dem Fenster lehnte und hinau{\s}rief: + +"`Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe +tragen! Und Wacholderd"ampfe auf die kranken Teile!"' + +Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vor"uberzog, +lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche +M"udigkeit "uberkam sie. Ganz ersch"opft, leben{\s}m"ude und +verschlafen langte sie in Yonville an. + +"`Mag nun kommen, wa{\s} will!"' dachte sie beim Au{\s}steigen. +"`Zu guter Letzt, wer wei"s? Kann nicht jeden Augenblick ein +unerwartete{\s} Ereigni{\s} eintreten? Sogar Lheureux kann +sterben~..."' + +Am andern Morgen wurde sie durch ein Ger"ausch auf dem Markt wach. +E{\s} war ein Gedr"ange um ein gro"se{\s} Plakat entstanden, +da{\s} an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, +wie Justin auf einen Prellstein stieg und e{\s} abri"s. Aber im +selben Moment fa"ste ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem +Augenblick trat Homai{\s} au{\s} seiner Apotheke, und auch Frau +Franz tauchte laut redend mitten in der Volk{\s}menge auf. + +"`Gn"adige Frau! Gn"adige Frau!"' rief Felicie, die in{\s} Zimmer +st"urzte. + +Da{\s} arme Ding war au"ser sich. Sie hielt einen gelben Zettel in +der Hand, den sie von der Hau{\s}t"ure abgerissen hatte. Emma +"uberflog ihn. E{\s} war die Versteigerung{\s}ank"undigung. + +Dann sahen sich beide wortlo{\s} an. Herrin und Dienerin hatten +l"angst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie +nach einer Weile: + +"`An der Stelle der gn"adigen Frau ging ich mal zum Notar +Guillaumin."' + +"`Meinst du?"' + +Diese Frage bedeutete: "`Durch dein Verh"altni{\s} mit dem Diener +diese{\s} Hause{\s} wei"st du doch Bescheid. Interessiert sich +dieser Junggeselle f"ur mich? + +"`Ja, gehn Sie nur, gn"adige Frau! E{\s} wird Ihnen n"utzen!"' + +Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarze{\s} Kleid an und +setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht +s"ahe -- e{\s} standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte +--, ging sie zur Gartenpforte hinau{\s} und den Weg am Bache hin. + +Atemlo{\s} erreichte sie da{\s} Gittertor de{\s} Notar{\s}. Der +Himmel war grau. E{\s} schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin +erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam +er und "offnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen +Vertraulichkeit, al{\s} ob sie in{\s} Hau{\s} geh"orte, und +f"uhrte sie in da{\s} E"szimmer. + +Emma{\s} Blick fiel fl"uchtig auf den breiten Porzellanofen, vor +dem ein m"achtiger Kaktu{\s} stand. An den braun tapezierten +W"anden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: +woll"ustige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen +Sch"usselw"armer, der Kristallgriff der T"urklinke, der +Parkettboden, die M"obel, alle{\s} blinkte in reinlicher, +germanischer Sauberkeit. + +"`So ein E"szimmer m"u"ste ich haben!"' dachte Emma. + +Der Notar trat ein. Er dr"uckte seinen mit Palmenblattstickerei +verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der +andern Hand nahm er sein braunsamtne{\s} Hau{\s}k"appchen zum +Gru"se ab und setzte e{\s} rasch wieder auf. E{\s} sa"s ihm kokett +etwa{\s} auf der rechten Seite seine{\s} kahlen Sch"adel{\s}, +"uber den drei lange blonde Haarstr"ahnen liefen. + +Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den +Tisch, um zu fr"uhst"ucken. Er entschuldigte sich ob dieser +Unh"oflichkeit. + +"`Herr Notar,"' sagte sie, "`ich m"ochte Sie bitten~..."' + +"`Um wa{\s} denn, gn"adige Frau? Ich bin ganz Ohr!"' + +Sie begann ihm ihre Lage zu schildern. + +Guillaumin wu"ste bereit{\s} alle{\s}, da er in geheimer +Gesch"aft{\s}verbindung mit Lheureux stand, der ihm die +Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu +besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser al{\s} Emma -- +die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen, +von den verschiedensten Leuten di{\s}kontiert, auf lange Fristen +au{\s}gestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. +Jetzt hatte sie der H"andler allesamt protestieren lassen und auf +seinen Freund Vin\c{c}ard abgeschoben, der die Angelegenheit nun +in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitb"urgern +nicht in den Ruf eine{\s} Hal{\s}abschneider{\s} gerate. + +Sie unterbrach ihre Erz"ahlung h"aufig durch Beschuldigungen gegen +Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar +nicht{\s}sagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett +und trank seinen Tee, -- wobei er da{\s} Kinn gegen seine +himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschm"uckte Krawatte einzog. +Ein sonderbare{\s}, s"u"sliche{\s} und zweideutige{\s} L"acheln +spielte um seine Lippen. Al{\s} er sah, da"s Emma nasse Schuhe +hatte, sagte er: + +"`Kommen Sie doch n"aher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe +doch an die Kacheln ... h"oher!"' + +Sie bef"urchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der +Notar sagte galant: + +"`Sch"one Sachen verderben nie etwa{\s}!"' + +Sie machte einen Versuch, ihn zu r"uhren. Da{\s} brachte sie aber +nur selbst in R"uhrung. Sie erz"ahlte ihm von der Enge ihre{\s} +h"au{\s}lichen Leben{\s}, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren +Bed"urfnissen. Der Notar verstand da{\s}: eine elegante Frau! Und +ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl +nach ihr um. Er ber"uhrte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle +am hei"sen Ofen zu dampfen begann. + +Al{\s} sie ihn aber um tausend Taler anging, bi"s er sich auf die +Lippen und erkl"arte, e{\s} tue ihm ungemein leid, da"s er die +Verwaltung ihre{\s} Verm"ogen{\s} nicht rechtzeitig in die H"ande +bekommen habe. E{\s} g"abe tausend M"oglichkeiten, selbst f"ur +eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispiel{\s}weise +w"aren die Torfgruben von Gr"ume{\s}nil oder Bauland in Havre +bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut, +angesicht{\s} der enormen Summen, die sie zweifello{\s} dabei +gewonnen h"atte. + +"`We{\s}halb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?"' + +"`Da{\s} wei"s ich selber nicht"', erwiderte sie. + +"`Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich +sollte Ihnen wirklich de{\s}halb b"ose sein! Wir h"atten un{\s} +schon l"angst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr +gehorsamster Diener! Da{\s} werden Sie mir doch glauben, hoffe +ich!"' + +Er fa"ste nach ihrer Hand, dr"uckte einen gierigen Ku"s darauf und +behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und +sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie +Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die +spiegelnden Brillengl"aser; w"ahrend seine H"ande in die +"Armel"offnung von Emma{\s} Kleid fuhren, um ihren Arm zu +betasten. Sie f"uhlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange. + +Sie sprang auf und sagte: + +"`Herr Guillaumin, ich warte~..."' + +"`Worauf?"' sagte der Notar, pl"otzlich ganz bleich geworden. + +"`Auf da{\s} Geld!"' + +"`Aber~..."' In seiner L"usternheit lie"s er sich bewegen zu +sagen: "`Na ja~..."' + +Trotz seine{\s} Schlafrocke{\s} fiel er vor Emma auf die Knie und +keuchte: + +"`Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!"' + +Er umschlang ihre Taille. + +Ein Blutstrom scho"s Emma in die Wangen. Emp"ort machte sie sich von +dem Manne lo{\s} und rief: + +"`Sie n"utzen mein Ungl"uck au{\s}! Da{\s} ist schamlo{\s}! Ich +bin beklagen{\s}wert, aber nicht k"auflich!"' + +Damit eilte sie hinau{\s}. + +Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine +sch"onen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter +Hand. Dieser Anblick tr"ostete ihn schlie"slich. "Uberdie{\s} fiel +ihm ein, da"s ihn ein derartige{\s} Abenteuer zu wer wei"s wa{\s} +h"atte verleiten k"onnen. + +"`Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!"' sagte Emma +bei sich, al{\s} sie hastigen Schritt{\s} an den Pappeln hinging. +Ihre Entt"auschung "uber den Mi"serfolg verst"arkte die Emp"orung +ihre{\s} Schamgef"uhl{\s}. E{\s} war ihr, al{\s} verfolge sie ein +unselige{\s} Geschick, und diese{\s} Gef"uhl erf"ullte sie von +neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochm"utiger und +selbstbewu"ster gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung. +Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie h"atte alle M"anner schlagen, +ihnen in{\s} Gesicht speien, sie niedertreten m"ogen. W"ahrend sie +weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre +tr"anenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen +Wollust bohrte sie sich in Ha"s hinein. + +Al{\s} sie ihr Hau{\s} von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die +Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber e{\s} mu"ste +sein! Wohin h"atte sie fliehen k"onnen? + +Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte. + +"`Gn"adige Frau?"' + +"`E{\s} war umsonst!"' + +Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch, +die vielleicht ihr zu helfen geneigt w"aren. Aber bei jedem Namen, +den Felicie nannte, wandte Emma ein: + +"`Unm"oglich! Die tun e{\s} nicht!"' + +"`Der Herr Doktor mu"s jeden Augenblick nach Hause kommen!"' + +"`Ich wei"s e{\s}! La"s mich allein!"' + +Sie hatte alle{\s} versucht. Nun mu"ste sie den Dingen ihren Lauf +lassen. Karl w"urde heimkommen. Sie mu"ste ihm sagen: + +"`Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr +unser. In diesem Hau{\s} geh"ort un{\s} kein Stuhl mehr, kein +Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. +Armer Mann!"' + +Dann w"urde e{\s} eine gro"se Szene geben, sie w"urde ma"slo{\s} +weinen, und wenn sich die erste Best"urzung gelegt h"atte, w"urde +er ihr verzeihen! + +"`Ja! Er wird mir verzeihen!"' murmelte sie in verhaltener Wut. +"`Er! Er, dem ich nicht f"ur eine Million verzeihen kann, da"s ich +die Seine geworden bin! Niemal{\s}! Niemal{\s}!"' + +Der Gedanke, Bovary k"onnte die "Uberlegenheit "uber sie erringen, +emp"orte sie. Ob sie ihm ein Gest"andni{\s} machte oder nicht, +jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mu"ste doch +alle{\s} erfahren. Und dann war die gr"a"sliche Szene da, und sie +hatte die Zentnerlast seiner Gro"smut zu tragen! + +Wiederum "uberlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux +gehen solle? Aber da{\s} n"utzte ja nicht{\s}! Oder ihrem Vater +schreiben? Dazu war e{\s} zu sp"at! Beinahe bereute sie e{\s}, dem +Notar nicht gef"ugig gewesen zu sein, -- da h"orte sie den +Hufschlag eine{\s} Pferde{\s} in der Allee. E{\s} war Karl. Er +"offnete da{\s} Hoftor. Sie sah ihn: er war wei"ser al{\s} Kalk. + +Da lief sie eilend{\s} die Treppe hinunter und au{\s} der +Hau{\s}t"ur hinau{\s} nach dem Markt. Die Frau B"urgermeister +stand vor der Kirchent"ur und sprach mit dem Kirchendiener. Sie +beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der +Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die +ihm gegen"uber in der Ecke de{\s} Markte{\s} wohnte, und klatschte +ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den +Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgeh"angte W"asche, so +aufstellten, da"s sie bequem in Binet{\s} Dachst"ubchen sehen +konnten. + +Er war allein und sa"s an seiner Drehbank, gerade dabei +besch"aftigt, eine v"ollig zwecklose Spielerei au{\s} Holz +fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt spr"uhte der helle +Holzstaub au{\s} seiner Maschine hervor, wie Funkenb"uschel unter +den Eisen eine{\s} galoppierenden Pferde{\s}. Die beiden R"ader +schnurrten und kreisten. Binet l"achelte mit aufmerksamer Miene, +den Kopf etwa{\s} vorgebeugt. Er war sichtlich v"ollig versunken +in sein Sch"opfergl"uck. Gerade da{\s} Handwerk{\s}m"a"sige, +da{\s} der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet, +befriedigt den Menschen ungemein, wenn e{\s} vollendet ist, denn +e{\s} gibt dabei ja kein ideale{\s} Dar"uberhinau{\s}, da{\s} man +ersehnen k"onnte. + +"`Ah, da ist sie!"' sagte Frau T"uvache. + +Infolge de{\s} Ger"ausche{\s} der Drehbank vermochten sie nicht zu +verstehen, wa{\s} dr"uben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten +sie, da{\s} Wort "`Taler"' zu h"oren, worauf Frau Caron +fl"usterte: + +"`Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern."' + +"`E{\s} scheint so"', meinte die andre. + +Sie beobachteten, wie Emma in Binet{\s} Stube hin und her ging und +die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau +au{\s}gelegten Krim{\s}kram besichtigte, w"ahrend sich der +Steuereinnehmer wohlgef"allig den Bart strich. + +"`Will sie bei ihm etwa{\s} bestellen?"' fragte Frau T"uvache. + +"`Er verkauft doch nie etwa{\s}!"' + +Dann sah man, da"s Binet ihr aufmerksam zuh"orte. Er ri"s die +Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter, +eindringlich, flehend. Sie n"aherte sich ihm. Sie war sichtlich +erregt. Jetzt schwiegen sie beide. + +"`Macht sie ihm gar einen Antrag?"' fl"usterte Frau T"uvache. +Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfa"ste seine H"ande. + +"`Nein, da{\s} ist doch stark!"' zischelte Frau Caron. + +In der Tat mu"ste Emma etwa{\s} Sch"andliche{\s} von Binet +gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dre{\s}den +und Leipzig mitgek"ampft hatte und dekoriert worden war, wich +pl"otzlich vor ihr zur"uck, al{\s} ob ihn eine Natter stechen +wollte, und rief au{\s}: + +"`Frau Bovary, wa{\s} muten Sie mir zu!"' + +"`Solche Frauenzimmer sollte man "offentlich au{\s}peitschen!"' eiferte +Frau T"uvache. + +"`Wo ist sie denn mit einem Male hin?"' erwiderte die andre. + +Wenige Augenblicke sp"ater sahen sie Emma die Hauptstra"se +hinau{\s}gehen und dann link{\s} verschwinden, wo der Weg zum +Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen ersch"opften sich in +allerhand Vermutungen. + +Emma lief zur alten Frau Rollet. + +"`Machen Sie mir da{\s} Korsett auf! Ich ersticke!"' + +Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf da{\s} +Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke +zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen +antwortete, ging sie schlie"slich hinau{\s}, holte ihr Spinnrad +und begann zu spinnen. + +"`Ach, h"oren Sie auf!"' sagte Emma leise. E{\s} war ihr, al{\s} +h"ore sie noch Binet{\s} Drehbank. + +"`Wa{\s} mag sie nur haben?"' fragte sich Frau Rollet. "`Warum ist +sie hergekommen?"' + +Wa{\s} ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary au{\s} ihrem Hause +gejagt hatte? + +Emma lag auf dem R"ucken, regung{\s}lo{\s}, mit stieren Augen, die +keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer +Beharrlichkeit bem"uhte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die +br"uchigen Stellen der Mauer, auf da{\s} armselige bi"schen Holz, +da{\s} im Kamine qualmte, auf eine gro"se Spinne, die gerade "uber +ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch~... + +Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf +... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit +lag da{\s} zur"uck! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die +Klemati{\s}ranken hatten sie im Vor"ubergehen gestreift ... +Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder +Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren j"ungsten +Erlebnissen. + +"`Wieviel Uhr ist e{\s}?"' fragte sie. + +Mutter Rollet ging vor da{\s} Hau{\s}, schaute nach der lichten +Stelle de{\s} Himmel{\s}, die den Stand der Sonne verriet, und kam +gem"achlich wieder herein. + +"`Bald drei Uhr!"' sagte sie. + +"`Sch"on! Ich danke!"' + +Jetzt mu"ste Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte da{\s} +Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Da"s sie +hier war, konnte er doch nicht wissen. De{\s}halb bat sie Frau +Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen. + +"`Machen Sie recht schnell!"' + +"`Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!"' + +Emma verwunderte sich, da"s ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen +war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Da{\s} brach er +gewi"s nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und +z"ahlte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen +Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein M"archen zu ersinnen, +um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlo{\s} hinzustellen. +Da{\s} war nicht weiter schlimm! + +Frau Rollet h"atte l"angst wieder zur"uck sein m"ussen. E{\s} +schien der Wartenden wenigsten{\s} so. Aber da sie keine Uhr bei +sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinau{\s} +in da{\s} G"artchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt +sie ein St"uck den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber +pl"otzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau k"onne auch +auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schlie"slich war sie +de{\s} Warten{\s} m"ude. Bange Ahnungen qu"alten sie. Sie hatte +kein Zeitgef"uhl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit +einem Jahrhundert? + +Sie kauerte sich in einen Winkel, schlo"s die Augen und hielt sich +die Ohren zu. Die Zaunt"ure knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine +Frage tat, vermeldete Frau Rollet: + +"`E{\s} war niemand da!"' + +"`Niemand?"' + +"`Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er l"a"st Sie suchen. +Alle{\s} ist auf den Beinen!"' + +Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer +umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken in{\s} Gesicht. +Unwillk"urlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig +geworden. + +Pl"otzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten +Schrei. Rudolf war ihr in{\s} Ged"achtni{\s} gekommen, wie ein +heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutm"utig, +r"ucksicht{\s}voll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er +z"ogerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mu"ste ihn nicht ein +einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen +und ihn dazu zwingen! + +So ging sie denn nach der H"uchette, ohne da{\s} Bewu"stsein zu +haben, da"s sie damit doch da{\s} tun wollte, wa{\s} ihr eben noch +so ver"achtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie +daran, da"s sie sich prostituierte. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Auf dem Wege fragte sie sich: + +"`Wa{\s} werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?"' + +Je n"aher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die B"usche und +B"aume, der Ginster am Hange und schlie"slich da{\s} Herrenhau{\s} +vor ihr. Die z"artliche Liebe{\s}stimmung von damal{\s} tauchte +wieder auf, und ihr arme{\s} gequ"alte{\s} Herz schwoll im +Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr +"uber{\s} Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, +von den knospenden B"aumen hernieder in{\s} Gra{\s}. + +Wie einst schl"upfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging +"uber den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen +Herrenhof. Die B"aume wiegten s"auselnd ihre langen Zweige. +S"amtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihre{\s} +Gebell{\s} erschien niemand. + +Sie stieg die breite, mit einem h"olzernen Gel"ander versehene +Treppe hinauf. Die f"uhrte zu einem mit Steinfliesen belegten +staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer +m"undete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolf{\s} +Zimmer lag link{\s} ganz am Ende. Al{\s} sie die Finger um die +T"urklinke legte, verlie"sen sie pl"otzlich die Kr"afte. Sie +f"urchtete, er m"ochte nicht zu Hau{\s} sein, ja, sie w"unschte +e{\s} beinah, und doch war e{\s} ihre einzige Hoffnung, der letzte +Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch, +dachte an ihre Not, fa"ste Mut und trat ein. + +Er sa"s vor dem Feuer, beide F"u"se gegen den Kaminsim{\s} +gestemmt, und rauchte eine Pfeife. + +"`Mein Gott, Sie!"' rief er au{\s} und sprang rasch auf. + +"`Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!"' + +Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nicht{\s} herau{\s}. + +"`Sie haben sich nicht ver"andert! Sie sind noch immer reizend."' + +"`So,"' wehrte sie voll Bitterni{\s} ab, "`da{\s} m"ussen traurige +Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschm"aht haben!"' + +Und nun begann er sein damalige{\s} Benehmen zu erkl"aren. Er +entschuldigte sich in halbsch"urigen Au{\s}dr"ucken, da er +etwa{\s} Ordentliche{\s} nicht vorzubringen hatte. Emma lie"s sich +durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme +und durch seine Gegenwart. Die{\s} war so m"achtig, da"s sie sich +stellte, al{\s} schenke sie seinen Au{\s}fl"uchten Glauben. +Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein +Geheimni{\s} an, von dem die Ehre und da{\s} Leben eine{\s} +dritten Menschen abgehangen h"atte. + +"`Da{\s} ist ja nun gleichg"ultig"', sagte sie und sah ihn traurig +an. "`Ich habe schwer gelitten!"' + +Rudolf meinte philosophisch: + +"`So ist da{\s} Leben!"' + +"`Hat e{\s} wenigsten{\s} Ihnen Gute{\s} gebracht, nach unserer +Trennung?"' fragte sie. + +"`Ach, nicht{\s} Gute{\s} und nicht{\s} Schlechte{\s}!"' + +"`Dann w"are e{\s} vielleicht besser gewesen, wenn wir damal{\s} +nicht voneinander gegangen w"aren?"' + +"`Ja! Vielleicht!"' + +"`Glaubst du da{\s}?"' fragte sie, indem sie aufseufzend ihm +n"aher trat. "`Ach Rudolf! Wenn du w"u"stest! Ich habe dich sehr +lieb gehabt!"' + +Jetzt war sie e{\s}, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang sa"sen +sie mit verschlungenen H"anden da wie damal{\s}, am Bunde{\s}tage +der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seine{\s} Stolze{\s} +k"ampfte er gegen seine eigene R"uhrung. Da schmiegte sich Emma an +seine Brust und sagte: + +"`Wie hast du nur glauben k"onnen, da"s ich ohne dich leben +sollte! Ein Gl"uck, da{\s} man besessen, vergi"st man nie! Ich war +ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alle{\s} erz"ahlen, +du sollst alle{\s} erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal +sehen m"ogen!"' + +In der Tat war er ihr seit drei Jahren "angstlich au{\s} dem Wege +gegangen, in jener nat"urlichen Feigheit, die f"ur da{\s} starke +Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter +zierlichen Sendungen ihre{\s} Kopfe{\s}, schmeichlerischer al{\s} +eine verliebte Katze. + +"`Du liebst andre! Gesteh e{\s} nur! Ach, ich begreife da{\s} ja +auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verf"uhrt, wie du +mich verf"uhrt hast. Du bist der geborene Verf"uhrer! Hast +alle{\s}, wa{\s} un{\s} Frauen verr"uckt macht. Aber sag! Wollen +wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin gl"ucklich! +... So rede doch!"' + +Sie sah ent\/z"uckend au{\s}. Eine Tr"ane zitterte in ihrem Auge, +wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen +Blume. + +Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr +Haar, "uber da{\s} der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil +hinwegflog, funkelnd im D"ammerlicht. Sie senkte die Stirn, und er +k"u"ste sie leise und sanft auf die Augenlider. + +"`Du hast geweint?"' fragte er. "`Warum?"' + +Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt da{\s} f"ur einen +Au{\s}bruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr +Schweigen f"ur eine letzte Scham und rief au{\s}: + +"`O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gef"allt. Ich war +ein Tor, ein Schw"achling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde +dich immer lieben! Aber wa{\s} hast du? Sag e{\s} mir doch!"' + +Er sank ihr zu F"u"sen. + +"`So h"ore! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mu"st mir +dreitausend Franken leihen."' + +"`Ja ... aber~..."' + +Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten +Au{\s}druck an. + +"`Du mu"st n"amlich wissen,"' fuhr sie schnell fort, "`da"s mein +Mann sein ganze{\s} Verm"ogen einem Notar anvertraut hatte. Der +ist fl"uchtig geworden. Wir haben un{\s} Geld geliehen. Die +Patienten bezahlten nicht. "Ubrigen{\s} ist der Nachla"skonkur{\s} +meine{\s} Schwiegervater{\s} noch nicht zu Ende. Wir werden bald +wieder Geld haben. Aber heute fehlen un{\s} dreitausend Franken. +De{\s}wegen sollen wir gepf"andet werden. Und zwar gleich, in +einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und de{\s}halb bin +zu dir gekommen!"' + +"`Aha!"' dachte Rudolf und ward pl"otzlich bla"s. "`Also darum ist +sie gekommen!"' Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen: +"`Verehrteste, soviel habe ich nicht!"' + +Er log nicht. Er w"urde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er +sie da gehabt h"atte, obgleich e{\s} ihm wie den meisten Menschen +unangenehm gewesen w"are, sich gro"sm"utig zeigen zu m"ussen. Von +allen Feinden, die "uber die Liebe herfallen k"onnen, ist eine +Bitte um Geld der hartherzigste und gef"ahrlichste. + +Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie: + +"`Du hast sie nicht!"' Und mehrere Male wiederholte sie: "`Du hast +sie nicht! ... Ich h"atte mir diese letzte Schmach also ersparen +k"onnen! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert al{\s} +die andern!"' + +Sie verriet sich und ihre Frauenehre. + +Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in +Verlegenheit. + +"`Ach! Du tust mir sehr leid~..."', sagte Emma. "`Ja, ungemein!"' + +Ihre Augen blieben an einer damas\/zierten B"uchse h"angen, die im +Gewehrschrank blinkte. + +"`Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit +Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit +Schildpatteinlagen, keine Reitst"ocke mit goldnen Griffen!"' Sie +ber"uhrte einen, der auf dem Tische lag. "`Und tr"agt keine solche +Berlocken an der Uhrkette!"' Ach, er lie"s sich sichtlich +nicht{\s} abgehen. Da{\s} bewie{\s} allein da{\s} +Lik"orschr"ankchen im Zimmer. "`Ja, dich selber, dich liebst du! +Dich und ein gute{\s} Leben! Du hast ein Schlo"s, Pachth"ofe, +W"alder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Pari{\s}! +Und wenn du mir nur \so{da{\s}} gegeben h"attest!"' Sie sprach +immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschm"uckten +Manschettenkn"opfe vom Kamin. "`Diesen und andern entbehrlichen +Tand! Geld l"a"st sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich +will nicht{\s} davon haben! Behalt alle{\s}!"' Sie schleuderte die +beiden Kn"opfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein +Goldkettchen zerbrach. + +"`Ich, ach, ich h"atte dir alle{\s} gegeben, h"atte alle{\s} +verkauft. Mit meinen H"anden h"atte ich f"ur dich gearbeitet, auf +der Stra"se h"atte ich gebettelt, nur um von dir ein L"acheln, +einen Blick, ein einzige{\s} Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du +bleibst gem"utlich in deinem Lehnstuhl sitzen, al{\s} ob du mir +nicht schon genug Leid zugef"ugt h"attest! Ohne dich -- da{\s} +wei"st du sehr wohl! -- h"atte ich gl"ucklich sein k"onnen! Wer +zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast +du mir eben noch gesagt, da"s du mich liebtest! Ach, h"attest du +mich doch lieber davongejagt! Meine H"ande sind noch warm von +deinen K"ussen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle +hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer +belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem s"u"sen Wahn +de{\s} herrlichsten Gef"uhl{\s} gelassen! Und dann der Plan unsrer +Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er +hat mir da{\s} Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne +zur"uckkehre, zu ihm, der reich, gl"ucklich und frei ist, und ihn +um eine Hilfe bitte, die der erste beste gew"ahren w"urde, wo ich +ihn unter Tr"anen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da +st"o"st er mich zur"uck, -- weil{\s} ihn dreitausend Franken +kosten k"onnte!"' + +"`Ich habe sie nicht"', wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit, +hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen +pflegen. + +Sie ging. + +Die W"ande schwankten, die Decke drohte sie zu erdr"ucken. Wieder +nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, "uber Haufen +welken Laub{\s}, da{\s} der Wind aufw"uhlte. Endlich stand sie vor +dem Gittertor. Sie zerbrach sich die N"agel an seinem Schlo"s, so +hastig wollte sie e{\s} "offnen. Hundert Schritte weiter blieb sie +v"ollig au"ser Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht +halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf da{\s} +still daliegende Herrenhau{\s} mit seinen langen Fensterreihen, +auf den Park, die H"ofe und die G"arten. + +Wie in einer Bet"aubung stand sie da. Sie empfand kaum noch +etwa{\s} andre{\s} al{\s} da{\s} Pochen und Pulsen de{\s} +Blute{\s} in ihren Adern, da{\s} ihr au{\s} dem K"orper zu +springen und wie laute Musik da{\s} ganze Land ring{\s} um sie zu +durchrauschen schien. Der Boden unter ihren F"u"sen kam ihr +weicher vor al{\s} Wasser, und die Furchen der Felder am Wege +erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten. +Alle{\s}, wa{\s} ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und +Gedanken sprangen auf einmal herau{\s}, mit tausend Funken wie ein +Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann da{\s} Kontor de{\s} +Wucherer{\s}, ihr Zimmer zu Hau{\s}, dann irgendeine Landschaft, +immer wieder etwa{\s} andre{\s}. Da{\s} war heller Wahnsinn! Ihr +ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kr"afte zusammen. E{\s} war +nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr +an die Ursache ihre{\s} schrecklichen Zustande{\s}, da{\s} hei"st +an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie f"uhlte, +wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so +wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde +hinstr"omen f"uhlen. + +Die Nacht brach herein. Raben flogen. + +E{\s} schien ihr pl"otzlich, al{\s} sausten feurige Kugeln durch +die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schlie"slich im Schnee +zwischen den kahlen "Asten der B"aume zu zergehen. In jeder +erschien Rudolf{\s} Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie +kamen immer n"aher; sie bedrohten sie. Da, pl"otzlich waren sie +alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der H"auser, +die von ferne durch den Nebel schimmerten. + +Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewu"st, ihre{\s} tiefen +Elend{\s}. Ihr klopfende{\s} Herz schien ihr die Brust zersprengen +zu wollen ... Aber mit einem Male f"ullte sich ihre Seele mit +einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief +sie den Abhang hinunter, "uberschritt die Planke "uber dem Bach, +eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bi{\s} sie vor der +Apotheke stand. + +E{\s} war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber da{\s} +Ger"ausch der Klingel h"atte sie verraten k"onnen. De{\s}halb ging +sie durch die Hau{\s}t"ure; kaum atmend, tastete sie an der Wand +der Hau{\s}flur hin bi{\s} zur K"uchent"ure. Drinnen brannte eine +Kerze "uber dem Herd. Justin, in Hemd{\s}"armeln, trug gerade eine +Sch"ussel durch die andere T"ur hinau{\s}. + +"`So! Man ist bei Tisch. Ich will warten"', sagte sie sich. + +Al{\s} er zur"uckkam, klopfte sie gegen die Scheibe der +K"uchent"ure. + +Er kam herau{\s}. + +"`Den Schl"ussel! Den von oben, wo die~..."' + +Er sah sie an und erschrak "uber ihr blasse{\s} Gesicht, da{\s} +sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm "uberirdisch +sch"on vor und hoheit{\s}voll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, +wa{\s} sie wollte, ahnte er doch etwa{\s} Schreckliche{\s}. + +Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm da{\s} +Herz r"uhrte: + +"`Ich will ihn haben! Gib ihn mir!"' + +Durch die d"unne Wand h"orte man da{\s} Klappern der Gabeln auf +den Tellern im E"szimmer. + +Sie gebrauche etwa{\s}, um die Ratten zu t"oten, die sie nicht +schlafen lie"sen. + +"`Ich m"u"ste den Herrn Apotheker rufen."' + +"`Nein! Nicht!"' Und in gleichg"ultigem Tone setzte sie hinzu: +"`Da{\s} ist nicht n"otig. Ich werd e{\s} ihm nachher selber +sagen. Leucht mir nur!"' Sie trat in den Gang, von dem au{\s} man +in da{\s} Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schl"ussel +mit einem Schildchen: "`Kapernaum."' + +"`Justin!"' rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange +wegblieb. + +"`Gehn wir hinauf!"' befahl Emma. + +Er folgte ihr. + +Der Schl"ussel drehte sich im Schlo"s. Sie st"urzte nach link{\s}, +griff nach dem dritten Wandbrett -- ihr Ged"achtni{\s} f"uhrte sie +richtig --, hob den Deckel der blauen Gla{\s}b"uchse, fa"ste mit +der Hand hinein und zog die Faust voll wei"sen Pulver{\s} +herau{\s}, da{\s} sie sich schnell in den Mund sch"uttete. + +"`Halten Sie ein!"' schrie Justin, ihr in die Arme fallend. + +"`Still! Man k"onnte kommen!"' + +Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen. + +"`Sag nicht{\s} davon! Man k"onnte deinen Herrn zur Verantwortung +ziehen!"' + +Dann ging sie hinau{\s}, pl"otzlich voller Frieden, im seligen +Gef"uhle, eine Pflicht erf"ullt zu haben. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Emma hatte eben da{\s} Hau{\s} verlassen, al{\s} Karl heimkam. Die +Nachricht von der Pf"andung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu +seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Wa{\s} +n"utzte da{\s}? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu +Homai{\s}, zu T"uvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen L"owen, +"uberallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma qu"alte ihn der +Gedanke, da"s sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsame{\s} +Verm"ogen verloren und die Zukunft Berta{\s} zerst"ort sei. Und +warum? Keine Erkl"arung! Er wartete bi{\s} sech{\s} Uhr abend{\s}. +Endlich hielt er{\s} nicht mehr au{\s}, und da er vermutete, sie +sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstra"se eine +halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine +Weile und kehrte dann zur"uck. + +Sie war zu Hau{\s}. + +"`Wa{\s} ist da{\s} f"ur eine Geschichte? Wie ist da{\s} gekommen? +Erkl"ar e{\s} mir!"' + +Sie sa"s an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, +den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter +gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone: + +"`Du wirst ihn morgen lesen! Bi{\s} dahin bitte ich dich, keine +einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!"' + +"`Aber~..."' + +"`Ach, la"s mich!"' + +Sie legte sich lang auf ihr Bett. + +Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ... +verschwommen ... und schlo"s die Augen wieder. + +Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen fest\/zustellen. Nein, +sie f"uhlte noch keine! Sie h"orte den Pendelschlag der Uhr, +da{\s} Knistern de{\s} Feuer{\s} und Karl{\s} Atemz"uge, der neben +ihrem Bett stand. + +"`Ach, der Tod ist gar nicht{\s} Schlimme{\s}!"' dachte sie. "`Ich +werde einschlafen, und dann ist alle{\s} vor"uber!"' + +Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu. + +Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da. + +"`Ich habe Durst! Gro"sen Durst!"' seufzte sie. + +"`Wa{\s} fehlt dir denn?"' fragte Karl und reichte ihr ein +Gla{\s}. + +"`E{\s} ist nicht{\s}! ... Mach da{\s} Fenster auf! ... Ich +ersticke!"' + +Ein Brechreiz "uberkam sie jetzt so pl"otzlich, da"s sie kaum noch +Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen. + +"`Nimm{\s} weg!"' sagte sie nerv"o{\s}. "`Wirf{\s} weg!"' + +Er fragte sie au{\s}, aber sie antwortete nicht. Sie lag +unbeweglich da, au{\s} Furcht, sich bei der geringsten Bewegung +erbrechen zu m"ussen. Inzwischen f"uhlte sie eine eisige K"alte +von den F"u"sen zum Herzen hinaufsteigen. + +"`Ach,"' murmelte sie, "`jetzt f"angt e{\s} wohl an?"' + +"`Wa{\s} sagst du?"' + +Sie warf den Kopf in unterdr"uckter Unruhe hin und her. +Fortw"ahrend "offnete sie den Mund, al{\s} l"age etwa{\s} +Schwere{\s} auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing da{\s} Erbrechen +wieder an. + +Karl bemerkte auf dem Boden de{\s} Napfe{\s} einen wei"sen +Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte. + +"`Sonderbar! Sonderbar!"' wiederholte er. + +Aber sie sagte mit fester Stimme: + +"`Nein, du irrst dich!"' + +Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bi{\s} in die +Magengegend und dr"uckte da. Sie stie"s einen schrillen Schrei +au{\s}. Er wich erschrocken zur"uck. + +Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Sch"uttelfrost +"uberfiel sie. Sie wurde bleicher al{\s} da{\s} Bettuch, in da{\s} +sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelm"a"siger +Pul{\s}schlag war kaum noch f"uhlbar. Kalte Schwei"stropfen rannen +"uber ihr bl"aulich gewordne{\s} Gesicht; etwa{\s} wie ein +metallischer Au{\s}schlag lag "uber ihren erstarrten Z"ugen. Die +Z"ahne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen +blickten au{\s}druck{\s}lo{\s} umher. Alle Fragen, die man an sie +richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal +l"achelte sie freilich. Allm"ahlich wurde da{\s} St"ohnen +heftiger. Ein dumpfe{\s} Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete +sie, da"s e{\s} ihr besser gehe und da"s sie sofort aufstehen +w"urde. + +Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie: + +"`Mein Gott, ist da{\s} gr"a"slich!"' + +Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie. + +"`Sprich! Wa{\s} hast du gegessen? Um Gotte{\s} willen, antworte +mir!"' + +Er sah sie an mit Augen voller Z"artlichkeit, wie Emma keine je +geschaut hatte. + +"`Ja ... da ... da ... lie{\s}!"' stammelte sie mit versagender +Stimme. + +Er st"urzte zum Schreibtisch, ri"s den Brief auf und la{\s} laut: + +"`Man klage niemanden an~..."' Er hielt inne, fuhr sich mit der +Hand "uber die Augen und la{\s} stumm weiter~... + +"`Vergiftet!"' + +Er konnte immer nur da{\s} eine Wort herau{\s}bringen: + +"`Vergiftet! Vergiftet!"' + +Dann rief er um Hilfe. + +Felicie lief zu Homai{\s}, der e{\s} aller Welt au{\s}posaunte. +Frau Franz im Goldenen L"owen erfuhr e{\s}. Manche standen au{\s} +ihren Betten auf, um e{\s} ihren Nachbarn mit\/zuteilen. Die ganze +Nacht hindurch war der halbe Ort wach. + +Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl +im Zimmer umher, wobei er an die M"obel anrannte und sich Haare +au{\s}raufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so f"urchterliche{\s} +Schauspiel gesehen. + +Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor +Larivi\`ere zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er +brachte keinen vern"unftigen Brief zustande. Schlie"slich mu"ste +sich Hippolyt nach Neufch\^atel aufmachen, und Justin ritt auf +Bovary{\s} Pferd nach Rouen. Am Wilhelm{\s}walde lie"s er den Gaul +lahm und halbtot zur"uck. + +Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er +war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den +Augen. + +"`Ruhe!"' sagte der Apotheker. "`E{\s} handelt sich einzig und +allein darum, ein wirksame{\s} Gegenmittel anzuwenden. Wa{\s} war +e{\s} f"ur ein Gift?"' + +Karl zeigte den Brief. E{\s} w"are Arsenik gewesen. + +"`Gut!"' versetzte Homai{\s}. "`Wir m"ussen eine Analyse machen!"' + +Er hatte n"amlich gelernt, da"s man bei allen Vergiftungen eine +Analyse machen m"usse. Bovary hatte in seiner Angst alle +Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm: + +"`Ja! Machen Sie eine. Tun Sie e{\s}! Retten Sie sie!"' + +Dann kehrte er in ihr Zimmer zur"uck, warf sich auf die Diele, +lehnte den Kopf gegen den Rand ihre{\s} Bette{\s} und schluchzte. + +"`Weine nicht!"' fl"usterte sie. "`Bald werde ich dich nicht mehr +qu"alen!"' + +"`Warum hast du da{\s} getan? Wa{\s} trieb dich dazu?"' + +"`E{\s} mu"ste sein, mein Lieber!"' + +"`Warst du denn nicht gl"ucklich? Bin ich schuld? Ich habe dir +doch alle{\s} zuliebe getan, wa{\s} ich konnte!"' + +"`Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!"' + +Sie strich ihm langsam mit der Hand "uber da{\s} Haar. Die s"u"se +Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er f"uhlte sich bi{\s} in +den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele ersch"uttert, da"s +er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewie{\s} +denn je. Er fand keinen Au{\s}weg; er wu"ste keinen Zusammenhang; +er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eine{\s} +Entschlusse{\s} machte ihn vollend{\s} wirr. + +Sie dachte bei sich: "`Nun ist e{\s} zu Ende mit dem vielfachen +Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unz"ahligen, +qualvollen Sehns"uchten!"' Nun ha"ste sie keinen mehr. Ihre +Gedanken verschwammen wie in D"ammerung, und von allen Ger"auschen +der Erde h"orte Emma nur noch die versagende Klage eine{\s} armen +Herzen{\s}, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer +Symphonie. + +"`Bring mir die Kleine"', sagte sie und st"utzte sich leicht auf. + +"`E{\s} ist nicht schlimmer, nicht wahr?"' fragte Karl. + +"`Nein, nein!"' + +Da{\s} Dienstm"adchen trug da{\s} Kind auf dem Arm herein. E{\s} +hatte ein lange{\s} Nachthemd an, au{\s} dem die nackten F"u"se +hervorsahen. E{\s} war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt +betrachtete e{\s} die gro"se Unordnung im Zimmer. Geblendet vom +Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte e{\s} mit +den Augen. Offenbar dachte e{\s}, e{\s} sei +Neujahr{\s}tag{\s}morgen, an dem e{\s} auch so fr"uh wie heute +geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter an{\s} Bett kam, um +Geschenke zu bekommen. Und so fragte e{\s}: + +"`Wo ist e{\s} denn, Mama?"' Und da niemand antwortete, redete +e{\s} weiter: "`Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!"' + +Felicie hielt die Kleine "uber{\s} Bett, die immer noch nach dem +Kamin hinsah. + +"`Hat Frau Rollet sie mir genommen?"' + +Bei diesem Namen, der an ihre Ehebr"uche und all ihr Mi"sgeschick +erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, al{\s} f"uhle sie den +ekelhaften Geschmack eine{\s} noch viel st"arkeren Gifte{\s} auf +der Zunge. Berta sa"s noch auf ihrem Bette. + +"`Wa{\s} f"ur gro"se Augen du hast, Mama! Wie bla"s du bist! Wie +du schwitzest!"' + +Die Mutter sah sie an. + +"`Ich f"urchte mich!"' sagte die Kleine und wollte fort. + +Emma wollte die Hand de{\s} Kinde{\s} k"ussen, aber e{\s} +str"aubte sich. + +"`Genug! Bringt sie weg!"' rief Karl, der im Alkoven schluchzte. + +Dann lie"sen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien +weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem +etwa{\s} ruhigeren Atemzug sch"opfte er neue Hoffnung. Al{\s} +Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme. + +"`Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! E{\s} ist g"utig von Ihnen! +E{\s} geht ja besser! Da! Sehen Sie mal~..."' + +Der Kollege war keine{\s}weg{\s} dieser Meinung, und da er, wie er +sich au{\s}dr"uckte, "`immer auf{\s} Ganze"' ging, verordnete er +Emma ein ordentliche{\s} Brechmittel, um den Magen zun"achst +einmal v"ollig zu entleeren. + +Sie brach al{\s}bald Blut au{\s}. Ihre Lippen pre"sten sich +krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedma"sen ein. Ihr K"orper +war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Pul{\s} glitt unter ihren +Fingern hin wie ein d"unne{\s} F"adchen, da{\s} jeden Augenblick +zu zerrei"sen droht. + +Dann begann sie, gr"a"slich zu schreien. Sie verfluchte und +schm"ahte da{\s} Gift, flehte, e{\s} m"oge sich beeilen, und +stie"s mit ihren steif gewordnen Armen alle{\s} zur"uck, wa{\s} +Karl ihr zu trinken reichte. Er war der v"olligen Aufl"osung noch +n"aher al{\s} sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepre"st, stand +er vor ihr, st"ohnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen +ersch"uttert und am ganzen Leib durchr"uttelt. Felicie lief im +Zimmer hin und her, Homai{\s} stand unbeweglich da und seufzte +tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit +gewordnen selbstbewu"sten Haltung, unbehaglich zu f"uhlen. + +"`Zum Teufel!"' murmelte er. "`Der Magen ist nun doch leer! Und +wenn die Ursache beseitigt ist, so~..."' + +"`... mu"s die Wirkung aufh"oren!"' erg"anzte Homai{\s}. "`Da{\s} +ist klar!"' + +"`Rettet sie mir nur!"' rief Bovary. + +Der Apotheker ri{\s}kierte die Hypothese, e{\s} sei vielleicht ein +heilsamer Paroxi{\s}mu{\s}. Aber Canivet achtete nicht darauf und +wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte drau"sen eine +Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei +bi{\s} an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die +Ecke der Hallen. E{\s} war Professor Larivi\`ere. + +Die Erscheinung eine{\s} Gotte{\s} h"atte keine gr"o"sere Erregung +hervorrufen k"onnen. Bovary streckte ihm die H"ande entgegen, +Canivet stand bewegung{\s}lo{\s} da, und Homai{\s} nahm sein +K"appchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war. + +Larivi\`ere geh"orte der ber"uhmten Chirurgenschule Bichat{\s} an, +da{\s} hei"st, einer Generation philosophischer Praktiker, die +heute au{\s}gestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und +scharfsichtiger J"unger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte +in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Sch"uler verehrten +ihn so, da"s sie ihn, sp"ater in ihrer eigenen Praxi{\s}, mit +m"oglichster Genauigkeit kopierten. So kam e{\s}, da"s man bei den +"Arzten in der Umgegend von Rouen allerort{\s} seinen langen +Schaf{\s}pelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die +offenen "Armelaufschl"age daran reichten ein St"uck "uber seine +fleischigen H"ande, sehr sch"one H"ande, die niemal{\s} in +Handschuhen steckten, al{\s} wollten sie immer schnell bereit +sein, wo e{\s} Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein +Ver"achter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich, +freidenkend, den Armen ein v"aterlicher Freund, Pessimist, selbst +aber edel in Wort und Tat. Man h"atte ihn al{\s} einen Heiligen +gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seine{\s} Witze{\s} und +Verstande{\s} gef"urchtet h"atte wie den Teufel. Sein Blick war +sch"arfer al{\s} sein Messer; er drang einem bi{\s} tief in die +Seele, durch alle Heucheleien, L"ugen und Au{\s}fl"uchte hindurch. +So ging er seine{\s} Wege{\s} in der schlichten W"urde, die ihm +da{\s} Bewu"stsein seiner gro"sen T"uchtigkeit, seine{\s} +materiellen Verm"ogen{\s} und seiner vierzigj"ahrigen +arbeit{\s}reichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh. + +Al{\s} er da{\s} leichenhafte Antlitz Emma{\s} sah, zog er schon +von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem +R"ucken au{\s}gestreckt da. W"ahrend er Canivet{\s} Bericht +scheinbar aufmerksam anh"orte, strich er sich mit dem Zeigefinger +um die Nasenfl"ugel und sagte ein paarmal: + +"`Gut! ... Gut!"' + +Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete +ihn "angstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte, +der an den Anblick menschlichen Elend{\s} so gew"ohnt war, konnte +eine Tr"ane nicht zur"uckhalten, die ihm auf die Krawatte +herablief. + +Er wollte Canivet in da{\s} Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen. + +"`E{\s} steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie w"ar e{\s}, wenn +man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich wei"s nicht{\s}. Finden Sie +doch etwa{\s}! Sie haben ja schon so viele gerettet!"' + +Karl legte beide Arme auf Larivi\`ere{\s} Schultern und starrte +ihn verst"ort und flehend an. Beinahe w"are er ihm ohnm"achtig an +die Brust gesunken. + +"`Mut! Mein armer Junge! E{\s} ist nicht{\s} mehr zu machen!"' +Larivi\`ere wandte sich ab. + +"`Sie gehn?"' + +"`Ich komme wieder."' + +Larivi\`ere ging hinau{\s}, angeblich um dem Postillion eine +Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge +de{\s} Tode{\s}kampfe{\s} sein. + +Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nicht{\s} +fiel ihm von jeher schwerer, al{\s} sich von ber"uhmten Menschen +zu trennen. So beschwor er denn Larivi\`ere, er m"oge ihm die hohe +Ehre erweisen, zum Fr"uhst"uck sein Gast zu sein. + +Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen L"owen nach Tauben, zu +T"uvache nach Sahne, zu Lestiboudoi{\s} nach Eiern und zum +Fleischer nach Kotelett{\s}. Der Apotheker war selbst bei den +Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homai{\s}, sich ihre +Jacke zurechtzupfend, sagte: + +"`Sie m"ussen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so +einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet~..."' + +"`Die Weingl"aser!"' fl"usterte Homai{\s}. + +"`Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit +Wurst und~..."' + +"`Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!"' + +Er hielt e{\s} f"ur angebracht, nach den ersten Bissen ein paar +Einzelheiten "uber die Katastrophe zum besten zu geben: + +"`Zuerst "au"serte sich Trockenheit im Pharynx, darauf +unertr"agliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, +Schlafsucht~..."' + +"`Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?"' + +"`Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich wei"s nicht einmal recht, +wo sie da{\s} \begin{antiqua}acidum arsenicum\end{antiqua} +herbekommen hat."' + +Justin, der einen Sto"s Teller hereinbrachte, begann am ganzen +K"orper zu zittern. + +"`Wa{\s} hast du?"' fuhr ihn der Apotheker an. + +Bei dieser Frage lie"s der Bursche alle{\s}, wa{\s} er trug, +fallen. E{\s} gab ein gro"se{\s} Gekrache. + +"`Tolpatsch!"' schrie Homai{\s}. "`Ungeschickter Kerl! Tranlampe! +Alberner Esel!"' + +Dann aber beherrschte er sich pl"otzlich: + +"`Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr +Professor, und de{\s}halb \begin{antiqua}primo\end{antiqua} ganz +vorsichtig in ein Reagenzgl"aschen~..."' + +"`Dienlicher w"are e{\s} gewesen,"' sagte der Chirurg, "`wenn Sie +ihr Ihre Finger in den Hal{\s} gesteckt h"atten."' + +Kollege Canivet sagte gar nicht{\s} dazu, dieweil er soeben unter +vier Augen eine energische Belehrung wegen seine{\s} +Brechmittel{\s} eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit de{\s} +Klumpfu"se{\s} so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt +sich jetzt m"auschenstill. Er l"achelte nur unau{\s}gesetzt, um +seine Zustimmung zu markieren. + +Homai{\s} strahlte vor Hau{\s}herrenstolz. Selbst der betr"ubliche +Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung -- +unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit de{\s} ber"uhmten +Arzte{\s} stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze +Gelehrsamkeit au{\s}. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von +Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw. + +"`Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, da"s mehrere +Personen nach dem Genusse von zu stark ger"aucherter Wurst +erkrankt und pl"otzlich gestorben sind. So berichtet wenigsten{\s} +ein hochinteressanter Aufsatz eine{\s} unserer hervorragendsten +Pharmazeuten, eine{\s} Klassiker{\s} meiner Wissenschaft, ... ein +Aufsatz de{\s} ber"uhmten Cadet de Gassicourt!"' + +Frau Homai{\s} erschien mit der Kaffeemaschine. Homai{\s} pflegte +sich n"amlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte +ihn auch eigenh"andig gemischt, gebrannt und gemahlen. + +"`\begin{antiqua}Saccharum\end{antiqua} gef"allig, Herr +Professor?"' fragte er, indem er ihm den Zucker anbot. + +Dann lie"s er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig +war, die Ansicht de{\s} Chirurgen "uber ihre "`Konstitution"' zu +h"oren. + +Al{\s} Larivi\`ere im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau +Homai{\s} noch um einen "arztlichen Rat in betreff ihre{\s} +Manne{\s}. Er schlief n"amlich allabendlich nach Tisch ein. Davon +bek"ame er dicke{\s} Blut. + +Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie +nicht verstand, dann ging er zur T"ure. Aber die Apotheke war +voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und e{\s} gelang ihm +nur schwer, sie lo{\s}zuwerden. Da war T"uvache, der seine Frau +f"ur schwinds"uchtig hielt, weil sie "ofter{\s} in die Asche +spuckte; Binet, der bi{\s}weilen an Hei"shunger litt; Frau Caron, +die e{\s} am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanf"alle +hatte; Lestiboudoi{\s}, der rheumatisch war; Frau Franz, die "uber +Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von +dannen. Man fand aber allgemein, da"s er sich nicht besonder{\s} +lieben{\s}w"urdig gezeigt habe. + +Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien +gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging. + +Seiner Weltanschauung treu, verglich Homai{\s} die Geistlichen mit +den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eine{\s} +"`Pfaffen"' war ihm ein Greuel. Er mu"ste bei einer Soutane immer +an ein Leichentuch denken, und so verw"unschte er jene schon +de{\s}halb, weil er diese{\s} f"urchtete. + +Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erf"ullung +seiner "`Mission"', wie er e{\s} nannte, und kehrte mit Canivet, +dem die{\s} von Larivi\`ere dringend an{\s} Herz gelegt worden +war, in da{\s} Bovarysche Hau{\s} zur"uck. Wenn seine Frau nicht +v"ollig dagegen gewesen w"are, h"atte er sogar seine beiden Knaben +mitgenommen, damit sie da{\s} gro"se Ereigni{\s}, da{\s} der Tod +eine{\s} Menschen ist, kennen lernten. E{\s} sollte ihnen eine +Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung +f"ur ihr ganze{\s} weitere{\s} Leben. + +Sie fanden da{\s} Zimmer voll d"ustrer Feierlichkeit. Auf dem mit +einem wei"sen Tischtuch bedeckten N"ahtische stand zwischen zwei +brennenden Wach{\s}kerzen ein hohe{\s} Kruzifix; daneben eine +silberne Sch"ussel und f"unf oder sech{\s} St"uck Watte. Emma{\s} +Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen +unnat"urlich weit offen, und ihre armen H"ande tasteten "uber den +Bett"uberzug hin, mit einer jener r"uhrend-schrecklichen +Geb"arden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung, +al{\s} bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am +Fu"sende de{\s} Lager{\s}, ihrem Antlitz gegen"uber, bleich wie +eine Bilds"aule, tr"anenlo{\s}, aber mit Augen, die rot waren wie +gl"uhende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte. + +Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der +violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar f"uhlte sie einen +seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust, +die sie schon einmal erlebt hatte. Etwa{\s} wie eine Vision von +himmlischer Gl"uckseligkeit bet"aubte ihre letzten Leiden. + +Der Priester erhob sich und ergriff da{\s} Kruzifix. Da reckte sie +den Kopf in die H"ohe, wie ein Durstiger, und pre"ste auf da{\s} +Symbol de{\s} Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den +innigsten Liebe{\s}ku"s, den sie jemal{\s} gegeben hatte. Dann +sprach der Geistliche da{\s} +\begin{antiqua}Misereatur\end{antiqua} und +\begin{antiqua}Indulgentiam\end{antiqua}, tauchte seinen rechten +Daumen in da{\s} "Ol und nahm die letzte "Olung vor. Zuerst salbte +er die Augen, die e{\s} nach allem Herrlichen auf Erden so hei"s +gel"ustet; dann die Nasenfl"ugel, die so gern die lauen L"ufte und +die D"ufte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu +L"ugen sich aufgetan, oft hoff"artig gezuckt und in s"undigem +Girren geseufzt hatte; dann die H"ande, die sich an vergn"uglichen +Ber"uhrungen erg"otzt hatten; und endlich die Sohlen der F"u"se, +die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden +liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten. + +Der Priester trocknete sich die H"ande, warf da{\s} "olgetr"ankte +St"uck Watte in{\s} Feuer und setzte sich wieder zu der +Sterbenden. Er sagte ihr, da"s ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu +Christi ein{\s} seien. Sie solle der g"ottlichen Barmherzigkeit +vertrauen. + +Al{\s} er mit seiner Tr"ostung zu Ende war, versuchte er, ihr eine +geweihte Kerze in die Hand zu dr"ucken, da{\s} Symbol der +himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. +Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schlie"sen, und wenn +Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen h"atte, w"are die Kerze +zu Boden gefallen. + +Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den +Au{\s}druck heiterer Gl"uckseligkeit angenommen, al{\s} ob da{\s} +Sakrament sie wieder gesund gemacht h"atte. + +Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen, +ja er gemahnte Bovary daran, da"s der Herr zuweilen da{\s} Leben +Sterbender wieder verl"angere, wenn er e{\s} zum Heil ihrer Seele +f"ur notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zur"uck, an dem sie +schon einmal, dem Tode nahe, die letzte "Olung empfangen hatte. + +"`Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!"' dachte er. + +Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der au{\s} einem +Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren +Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bi{\s} ihr die +Tr"anen au{\s} den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf +zur"uck, stie"s einen Seufzer au{\s} und sank in da{\s} Kissen. + +Ihre Brust begann al{\s}bald heftig zu keuchen. Die Zunge trat +weit au{\s} dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht +zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen +verl"oschen. Man h"atte glauben k"onnen, sie sei schon tot, wenn +ihre Atmung{\s}organe nicht so f"urchterlich heftig gearbeitet +h"atten. E{\s} war, al{\s} sch"uttle sie ein wilder innerer Sturm, +al{\s} ringe da{\s} Leben gewaltig mit dem Tode. + +Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte +ein wenig die Beine, w"ahrend Canivet gleichg"ultig auf den Markt +hinau{\s}starrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die +Stirn gegen den Rand de{\s} Bette{\s} geneigt, weit hinter sich +die lange schwarze Soutane. An der andern Seite de{\s} Bette{\s} +kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma au{\s}. Er ergriff +ihre H"ande und dr"uckte sie! Bei jedem Schlag ihre{\s} Pulse{\s} +zuckte er zusammen, al{\s} st"urze eine Ruine auf ihn. + +Je st"arker da{\s} R"ocheln wurde, um so mehr beschleunigte der +Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten +Schluchzen Bovary{\s}, und zuweilen vernahm man nicht{\s} al{\s} +da{\s} dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, da{\s} wie +Totengel"aut klang. + +Pl"otzlich klapperten drau"sen auf der Stra"se Holzschuhe. Ein +Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine +rauhe Stimme, und sang: + +\begin{verse} +{\glq}Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\ +Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~...{\grq} +\end{verse} + +Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein +elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gel"ost, ihre +Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf. + +\begin{verse} +{\glq}Nanette ging hinau{\s} in{\s} Feld, \\ +Zu sammeln, wa{\s} die Sense f"allt. \\ +Al{\s} sie sich in der Stoppel b"uckt, \\ +Da ist passiert, wa{\s} sich nicht schickt~...{\grq} +\end{verse} + +"`Der Blinde!"' schrie sie. + +Sie brach in Lachen au{\s}, in ein furchtbare{\s}, wahnsinnige{\s}, +verzweifelte{\s} Lachen, weil sie in ihrer Phantasie da{\s} +scheu"sliche Gesicht de{\s} Ungl"ucklichen sah, wie ein +Schreckgespenst au{\s} der ewigen Nacht de{\s} Jenseit{\s}~... + +\begin{verse} +{\glq}Der Wind, der war so stark ... O weh! \\ +Hob ihr die R"ockchen in die H"oh.{\grq} +\end{verse} + +Ein letzter Krampf warf sie in da{\s} Bett zur"uck. Alle traten +hinzu. Sie war nicht mehr. + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Nach dem Tode eine{\s} Menschen sind die Umstehenden immer wie +bet"aubt. So schwer ist e{\s}, den Hereinbruch de{\s} ewigen +Nicht{\s} zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl +aber, al{\s} er sah, da"s Emma unbeweglich dalag, warf sich "uber +sie und schrie: + +"`Lebwohl! Lebwohl!"' + +Homai{\s} und Canivet zogen ihn au{\s} dem Zimmer. + +"`Fassen Sie sich!"' + +"`Ja!"' rief er und machte sich von ihnen lo{\s}. "`Ich will +vern"unftig sein! Ich tue ja nicht{\s}. Aber lassen Sie mich! Ich +mu"s sie sehen! E{\s} ist meine Frau!"' + +Er weinte. + +"`Weinen Sie nur!"' sagte der Apotheker. "`Lassen Sie der Natur +freien Lauf! Da{\s} wird Sie erleichtern!"' + +Da wurde Karl schwach wie ein Kind und lie"s sich in die Gro"se +Stube im Erdgescho"s hinunterf"uhren. Homai{\s} ging bald darnach +in sein Hau{\s} zur"uck. + +Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich +bi{\s} Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden +Vor"ubergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne. + +"`Gro"sartig! Al{\s} wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu +tun h"atte! Bedaure! Komm ein andermal!"' + +Er verschwand schnell in seinem Hause. + +Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank f"ur +Bovary zu brauen und ein M"archen zu ersinnen, um Frau Bovary{\s} +Vergiftung auf eine m"oglichst harmlose Weise zu erkl"aren. Er +wollte einen Artikel f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' darau{\s} +machen. Au"serdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. +Alle wollten Genauere{\s} wissen. Nachdem er mehreremal{\s} +wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von +Vanillecreme au{\s} Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab +er sich abermal{\s} zu Bovary. + +Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl sa"s im +Lehnstuhl am Fenster und starrte mit bl"odem Blick auf die Dielen. + +"`Wir m"ussen die Stunde f"ur die Feierlichkeit festsetzen!"' +sagte der Apotheker. + +"`Wozu? F"ur wa{\s} f"ur eine Feierlichkeit?"' Stammelnd und voll +Grauen f"ugte er hinzu: "`Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie +dabehalten?"' + +Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homai{\s} die Wasserflasche vom +Tisch und bego"s die Geranien. + +"`O, ich danke Ihnen!"' sagte Karl. "`Sie sind sehr g"utig~..."' + +Er wollte noch mehr sagen, aber die F"ulle von Erinnerungen, die +de{\s} Apotheker{\s} Tun in ihm wachrief, "uberw"altigte ihn. +E{\s} waren Emma{\s} Blumen! + +Homai{\s} gab sich M"uhe, ihn zu zerstreuen, und begann "uber die +G"artnerei zu plaudern. Die Pflanzen h"atten die Feuchtigkeit sehr +n"otig. Karl nickte zustimmend. + +"`Jetzt werden auch bald sch"one Tage kommen~..."' + +Bovary seufzte. + +Der Apotheker wu"ste nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob +behutsam eine Scheibengardine beiseite. + +"`Sehn Sie, da dr"uben geht der B"urgermeister!"' + +Karl wiederholte mechanisch: + +"`Da dr"uben geht der B"urgermeister!"' + +Homai{\s} wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begr"abni{\s} +zur"uckzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem +Entschlusse hier"uber. + +Karl schlo"s sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und +nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er: + +\begin{quotation} +"`Ich bestimme, da"s man meine Frau in ihrem Hochzeit{\s}kleid +begrabe, in wei"sen Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Da{\s} +Haar soll man ihr "uber die Schultern legen. Drei S"arge: einen +au{\s} Eiche, einen au{\s} Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich +nicht tr"osten wollen! Ich werde stark sein. Und "uber den Sarg +soll man ein gro"se{\s} St"uck gr"unen Samt breiten. So will ich +e{\s}! Tut e{\s}!"' +\end{quotation} + +Man war "uber Bovary{\s} Romantik arg erstaunt, und der Apotheker +ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen: + +"`Da{\s} mit dem Samt scheint mir "ubertrieben. Allein die +Kosten~..."' + +"`Wa{\s} geht Sie da{\s} an!"' schrie Karl. "`Lassen Sie mich! Sie +haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!"' + +Der Priester fa"ste Karl unter den Arm und f"uhrte ihn in den +Garten. Er sprach von der Verg"anglichkeit alle{\s} Irdischen. +Gott sei gut und weise. Man m"usse sich ohne Murren seinem +Ratschlu"s unterwerfen. Man m"usse ihm sogar daf"ur danken. + +Aber Karl brach in Gotte{\s}l"asterungen au{\s}. + +"`Ich verfluche ihn, euren Gott!"' + +"`Der Geist de{\s} Aufruhr{\s} steckt noch in Ihnen!"' seufzte der +Priester. + +Bovary lie"s ihn stehen. Mit gro"sen Schritten ging er die +Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den +Z"ahnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verw"unschungen waren. +Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt. + +E{\s} begann zu regnen. Karl{\s} Weste stand offen. Nach einer +Weile fror ihn. Er ging in{\s} Hau{\s} zur"uck und setzte sich an +den Herd in der K"uche. + +Um sech{\s} Uhr h"orte er Wagengerassel drau"sen auf dem Markte. +E{\s} war die Post, die von Rouen zur"uckkehrte. Er pre"ste die +Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden +nacheinander au{\s}stiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in +da{\s} Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein. + +Herr Homai{\s} war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug +dem armen Karl auch nicht{\s} nach und kam abend{\s}, um +Totenwache zu halten. Er brachte drei B"ucher und ein Notizbuch +mit. Er pflegte sich Au{\s}z"uge zu machen. + +Bournisien fand sich gleichfall{\s} ein. Zwei hohe Wach{\s}kerzen +brannten am Kopfende de{\s} Bette{\s}, da{\s} man au{\s} dem +Alkoven hervorger"uckt hatte. + +Der Apotheker, dem da{\s} Schweigen unheimlich vorkam, drechselte +Jeremiaden "uber die "`ungl"uckliche junge Frau"'. Der Priester +unterbrach ihn. E{\s} sei nicht{\s} am Platze, al{\s} f"ur sie zu +beten. + +"`Immerhin"', versetzte Homai{\s}, "`sind nur zwei F"alle +m"oglich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche au{\s}dr"uckt, +selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie +ist al{\s} S"underin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier +der kirchliche Au{\s}druck? Dann~..."' + +Bournisien unterbrach ihn und erkl"arte in m"urrischem Tone, man +m"usse in jedem Falle beten. + +"`Aber sagen Sie mir,"' wandte der Apotheker ein, "`da Gott +stet{\s} wei"s, wa{\s} un{\s} not tut, wozu dann erst da{\s} +Gebet?"' + +"`Wozu da{\s} Gebet?"' wiederholte der Priester. "`Ja, sind Sie +denn kein Christ?"' + +"`Verzeihung! Ich bewundre da{\s} Christentum. E{\s} hat zuerst +die Sklaverei abgeschafft, e{\s} hat der Welt eine neue Moral +geschenkt, die~..."' + +"`Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift~..."' + +"`Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach! +Man wei"s, da"s sie von den Jesuiten gef"alscht ist~..."' + +Karl trat ein, n"aherte sich dem Totenbette und zog langsam die +Vorh"ange beiseite. + +Emma{\s} Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. +Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarze{\s} Loch im unteren +Teil ihre{\s} Gesichte{\s} au{\s}. Beide Daumen hatten sich fest +in die Handballen gedr"uckt. Etwa{\s} wie wei"ser Staub lag in +ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereit{\s} in blassem +Schleim, der wie ein d"unne{\s} Gewebe war, al{\s} h"atten Spinnen +ihr Netz dar"uber gesponnen. Da{\s} Bettuch senkte sich von ihren +Br"usten bi{\s} zu den Knien und hob sich von da an nach ihren +Fu"sspitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schwere{\s} Etwa{\s}, +ein ungeheure{\s} Gewicht laste auf ihr. + +Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang +da{\s} dumpfe Murmeln de{\s} Bache{\s}, der in die dunkle Ferne +str"omte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien +ger"auschvoll, und Homai{\s} kritzelte Notizen auf da{\s} Papier. + +"`Lieber Freund,"' sagte er, "`gehn Sie nun! Dieser Anblick +zerrei"st Ihnen da{\s} Herz!"' + +Sobald Karl da{\s} Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden +ihre Er"orterung von neuem. + +"`Lesen Sie Voltaire!"' sagte der eine. "`Lesen Sie Holbach! Die +Enzyklop"adisten!"' + +"`Lesen Sie die {\glq}Briefe einiger portugiesischen Juden{\grq}"', +sagte der andre, "`lesen Sie die {\glq}Grundlagen de{\s} +Christentum{\s}{\grq} von Nicola{\s}!"' + +Sie regten sich auf, bekamen rote K"opfe und sprachen gleichzeitig +ineinander hinein. Bournisien war entr"ustet "uber die Vermessenheit +de{\s} Apotheker{\s}, Homai{\s} erstaunt "uber die Beschr"anktheit +de{\s} Priester{\s}. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen +zu sagen, da kam pl"otzlich Karl abermal{\s} herein. Eine +unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mu"ste immer wieder die +Treppe hinauf. + +Er setzte sich der Toten gegen"uber, so da"s er ihr voll in{\s} +Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer +Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte. + +Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den +Wundern de{\s} Magneti{\s}mu{\s}. Er bildete sich ein, er k"onne +sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willen{\s}kraft +konzentriere. Einmal beugte er sich sogar "uber sie und rief ganz +leise: "`Emma, Emma!"' + +Er atmete so heftig, da"s die Flammen der Kerzen flackerten~... + +Bei Tage{\s}anbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte +sie und brach von neuem in Tr"anen au{\s}. Ebenso wie der +Apotheker versuchte sie, ihm wegen de{\s} Aufwande{\s} beim +Begr"abnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, da"s +sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die +Stadt zu fahren und da{\s} N"otige zu besorgen. + +Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau +Homai{\s}. Felicie sa"s mit Frau Franz bei der Toten. + +Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jede{\s}mal, dr"uckte +dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, +die nach und nach einen gro"sen Halbkrei{\s} um den Kamin +bildeten. Alle hatten die K"opfe gesenkt. Die Knie aufeinander, +schaukelten sie mit den Beinen und stie"sen von Zeit zu Zeit einen +tiefen Seufzer au{\s}. Alle langweilten sich ma"slo{\s}, aber +keinem fiel e{\s} ein, wieder zu gehen. + +Um neun Uhr kam Homai{\s} zur"uck, beladen mit einer Menge +Kampfer, Benzoe und aromatischen Kr"autern. Auch ein Gef"a"s voll +Chlor brachte er mit, um die Luft zu de{\s}infizieren. Felicie, +die L"owenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma +herum, damit besch"aftigt, die letzte Hand an{\s} Totenkleid zu +legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bi{\s} +hinab an die Atla{\s}schuhe reichte. + +Felicie wehklagte: + +"`Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!"' + +"`Sehn Sie nur!"' sagte die Witwe Franz seufzend, "`wie reizend +sie noch immer au{\s}schaut! Man m"ochte drauf schw"oren, da"s sie +gleich wieder aufst"unde!"' + +Dann beugten sie sich "uber sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei +mu"sten sie den Kopf etwa{\s} hochheben. Da quoll schwarze +Fl"ussigkeit au{\s} dem Munde hervor, al{\s} erbr"ache sie sich. + +"`Mein Gott! Da{\s} Kleid! Geben Sie acht!"' schrie Frau Franz. +Und zum Apotheker gewandt: "`Helfen Sie un{\s} doch! Oder +f"urchten Sie sich vielleicht?"' + +"`Ich mich f"urchten?"' erwiderte er achselzuckend. "`Nein, so +wa{\s}! Ich habe in den Spit"alern noch ganz andre{\s} gesehen und +erlebt, al{\s} ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten un{\s} +unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen +nicht. Ich habe sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe +--, meinen K"orper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst +der Wissenschaft noch etwa{\s} n"utzt."' + +Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid de{\s} +Apotheker{\s} erwiderte er: + +"`Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch."' + +Darauf prie{\s} Homai{\s} ihn gl"ucklich, weil er nicht darauf +gefa"st zu sein brauche, eine teure Gef"ahrtin zu verlieren, +worauf sich ein Di{\s}put "uber da{\s} Z"olibat entspann. + +"`E{\s} ist unnat"urlich,"' sagte der Apotheker, "`da"s sich ein +Mann de{\s} Weibe{\s} enthalten soll. Manche Verbrechen~..."' + +"`Aber, zum Kuckuck!"' rief der Priester. "`Kann denn ein +verheirateter Mensch da{\s} Beichtgeheimni{\s} wahren?"' + +Nun griff Homai{\s} die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er +z"ahlte ihre guten Wirkungen auf. Er wu"ste Geschichten von +Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden w"aren. Sogar +Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer S"unden ledig +gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein +Diener~..."' + +Sein Partner war eingeschlafen. Al{\s} die schw"ule Luft im Zimmer +immer unertr"aglicher wurde, "offnete der Pfarrer da{\s} Fenster. +Da ward der Apotheker wieder wach. + +"`Wie w"ar{\s} mit einer Prise?"' fragte er ihn. "`Hier! Da{\s} +h"alt munter!"' + +In der Ferne bellte irgendwo fortw"ahrend ein Hund. + +"`H"oren Sie, wie der Hund heult?"' fragte der Apotheker. + +"`Man sagt, da"s sie die Toten wittern"', sagte der Priester. +"`"Ahnlich ist e{\s} bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, +wenn im Hau{\s} ein Mensch stirbt."' + +Homai{\s} erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er +war bereit{\s} wieder eingeschlafen. + +Bournisien, der widerstand{\s}f"ahiger war, bewegte noch eine +Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allm"ahlich sein Kinn, +sein dicke{\s} schwarze{\s} Buch entfiel ihm, und er begann zu +schnarchen. + +So sa"sen sie einander gegen"uber, mit vorgestreckten B"auchen, +mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all +ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schw"ache. Sie +regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu +schlummern schien. + +Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um +Abschied von ihr zu nehmen. + +Da{\s} R"aucherwerk qualmte noch. Die bl"auliche Wolke verm"ahlte +sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Drau"sen +blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild. + +Da{\s} Wach{\s} der Kerzen tr"aufelte in langen Tr"anen herab auf +da{\s} Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. +Der Lichtschimmer machte ihm die Augen m"ude. + +"Uber da{\s} Atla{\s}kleid huschten Reflexe; e{\s} war wei"s wie +Mondenschein. Emma verschwand darunter, und e{\s} schien ihm, +al{\s} gehe die Tote in alle die Dinge ring{\s}umher "uber, al{\s} +lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem +wirbelnden Kr"auterdufte~... + +Und mit einem Male sah er sie wieder in Toste{\s} auf der +Gartenbank unter dem bl"uhenden Wei"sdornbusch ... dann in Rouen +auf dem Gange durch die Stra"se ... und dann auf der Schwelle +ihre{\s} Vaterhause{\s}, im Gut{\s}hofe, in Bertaux ... E{\s} war +ihm, al{\s} h"ore er da{\s} Jodeln der lustigen Burschen, die +unter den Apfelb"aumen tanzten bei seiner Hochzeit{\s}feier. Wie +hatte da{\s} Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr +Atla{\s}kleid in seinen Armen geknistert, wie spr"uhende Funken! +Da{\s}selbe Kleid! Damal{\s} und heute! + +Langsam zog sein ganze{\s} einstige{\s} Gl"uck noch einmal an ihm +vor"uber. Er sah sie vor sich in ihren eigent"umlichen Bewegungen, +ihrer Haltung, ihrem Gang. Er h"orte den Klang ihrer Stimme. Immer +wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufh"orlich, +unversiegbar wie die Flut de{\s} Meere{\s} am Strande. + +Eine gr"a"sliche Neugier "uberkam ihn. Langsam und klopfenden +Herzen{\s} hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da +schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern M"anner +erwachten. Sie zogen ihn fort und f"uhrten ihn hinunter in die +Gro"se Stube. + +Bald darauf kam Felicie und richtete au{\s}, Bovary wolle vom Haar +der Toten haben. + +"`Schneiden Sie ihr welche{\s} ab!"' befahl der Apotheker. + +Da sie sich{\s} nicht getraute, trat er selbst mit der Schere +heran. Er zitterte so stark, da"s er die Haut an der Schl"afe an +mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und +schnitt blindling{\s} zwei- oder dreimal zu. E{\s} entstanden ein +paar kahle Stellen mitten in dem sch"onen schwarzen Haar der +Toten. + +Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre +B"ucher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jede{\s}mal, +wenn sie wieder erwachten, warfen sie e{\s} sich gegenseitig vor. +Der Pfarrer besprengte da{\s} Zimmer mit Weihwasser, und Homai{\s} +sch"uttete ein wenig Chlor auf die Dielen. + +Felicie hatte f"ur sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche +Branntwein, K"ase und ein lange{\s} Wei"sbrot bereitgestellt. +Gegen vier Uhr fr"uh hielt e{\s} der Apotheker nicht mehr au{\s}. +Er seufzte: + +"`Wahrhaftig. Eine St"arkung w"are nicht "ubel!"' + +Der Priester hatte durchau{\s} nicht{\s} dagegen. Er ging aber +erst die Messe lesen. Al{\s} er wieder zur"uckkam, a"sen und +tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen +warum, verf"uhrt von der sonderbaren Fr"ohlichkeit, die den +Menschen nach "uberstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten +Gl"aschen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und +sagte: + +"`Wir werden un{\s} am Ende noch verstehen!"' + +In der Hau{\s}flur begegneten sie den Leuten, die den Sarg +brachten. Zwei Stunden lang mu"ste sich Karl von den +Hammerschl"agen martern lassen, die von den Brettern zu ihm +hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg au{\s} Eichenholz und +diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war, +f"ullte man die Hohlr"aume mit Werg au{\s} einer Matratze. Al{\s} +der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man +den Sarg vor die T"ur. Da{\s} Hau{\s} ward weit ge"offnet, und die +Leute von Yonville begannen herbeizustr"omen. + +Der alte Rouault kam an. Al{\s} er da{\s} Sargtuch sah, wurde er +mitten auf dem Markte ohnm"achtig. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Rouault hatte den Brief de{\s} Apotheker{\s} sech{\s}unddrei"sig +Stunden nach dem Ereigni{\s} erhalten. Um ihn zu schonen, hatte +Homai{\s} so geschrieben, da"s er gar nicht genau wissen konnte, +wa{\s} eigentlich geschehen war. + +Der gute Mann war zun"achst wie vom Schlag ger"uhrt umgesunken. +Dann sagte er sich, sie k"onne wohl tot sein, aber sie k"onne auch +noch leben ... Schlie"slich hatte er seine Bluse angezogen, seinen +Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp +weggeritten. Den ganzen Weg "uber verging er beinahe vor Angst. +Einmal mu"ste er sogar absitzen. Er sah nicht{\s} mehr, er h"orte +Stimmen ring{\s}um und glaubte, er verl"ore den Verstand. + +Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum +schliefen. Er erbebte vor Schreck "uber diese b"ose Vorbedeutung. +Schnell gelobte er der Madonna drei neue Me"sgew"ander f"ur ihre +Kirche und eine Wallfahrt in blo"sen F"u"sen vom heimatlichen +Kirchhof bi{\s} zur Kapelle von Vassonville. + +In Maromme, wo er rastete, br"ullte er die Leute im Gasthof +munter, rannte mit der Schulter die Hau{\s}t"ur ein, st"urzte sich +auf einen Hafersack, go"s in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, +setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem lo{\s}, +da"s die Funken stoben. + +Immer wieder sagte er sich, da"s man sie sicher retten w"urde. Die +"Arzte h"atten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren +Heilungen, die man ihm je erz"ahlt hatte. Dann aber sah er sie +tot. Sie lag auf dem R"ucken vor ihm, mitten auf der Stra"se. Er +ri"s in die Z"ugel. Da schwand die Erscheinung. + +In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei +Tassen Kaffee. + +E{\s} w"are auch m"oglich, sagte er sich, da"s sich der Absender +in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem +Briefe, f"uhlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen. +Schlie"slich kam er auf die Vermutung, e{\s} sei vielleicht nur +ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eine{\s} +Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot w"are, dann m"u"ste +er e{\s} doch an irgend etwa{\s} merken! Aber die Fluren sahen +au{\s} wie alle Tage, der Himmel war blau, die B"aume wiegten ihre +Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vor"uber. + +Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur +noch im Sattel h"angend. Er hatte da{\s} Pferd mit Schl"agen +vorw"art{\s} gehetzt; au{\s} den Flanken de{\s} Tiere{\s} tropfte +Blut. Al{\s} der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter +heftigem Weinen in Bovary{\s} Arme. + +"`Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch~..."' + +Der andre antwortete schluchzend: + +"`Ich wei"s nicht! Ich wei"s nicht! E{\s} ist so schrecklich!"' + +Der Apotheker zog sie au{\s}einander. + +"`Die gr"a"slichen Einzelheiten sind unn"utz! Ich werde dem Herrn +schon alle{\s} erz"ahlen. Da kommen Leute! W"urde! Fassung! Man +mu"s Philosoph sein!"' + +Der arme Karl gab sich alle M"uhe, stark zu sein. Mehrere Male +wiederholte er: + +"`Ja, ja ... Mut! Mut!"' + +"`Na, wenn{\s} sein mu"s!"' sagte Rouault. "`Ich hab welchen! +Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma da{\s} Geleite geben, +und wenn{\s} noch so weit w"are!"' + +Die Glocke begann zu l"auten. Alle{\s} war bereit. Der Zug setzte sich +in Bewegung. + +Rouault und Bovary sa"sen nebeneinander in den Chorst"uhlen. Die +drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her. +Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer +Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die H"ande empor +und breitete die Arme au{\s}. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem +Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine +Anwandlung, aufzustehn und sie au{\s}zublasen. + +Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein +jenseitige{\s} Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen +w"urde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, +weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, +da"s sie dort unter dem Leichentuche lag, da"s alle{\s} zu Ende +war, da"s man sie nun in die Erde scharrte, da fa"ste ihn wilde +Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, al{\s} +empf"ande er "uberhaupt nicht{\s} mehr. Er f"uhlte sich in seinem +Schmerze erleichtert, aber al{\s}bald warf er sich vor, eine +erb"armliche Kreatur zu sein. + +Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeitr"aumen etwa{\s} +wie ein Eisenstab auf. Diese{\s} harte Ger"ausch drang au{\s} dem +Hintergrund, bi{\s} e{\s} mit einem Male im Winkel eine{\s} +Seitenschiffe{\s} aufh"orte. Ein Mensch in einem groben braunen +Rock kniete m"uhsam nieder. E{\s} war Hippolyt, der Knecht vom +Goldnen L"owen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur +angeschnallt. + +Ein Chorknabe machte die Runde durch{\s} Kirchenschiff, um Geld +einzusammeln. Die gro"sen Kupferst"ucke klirrten ein{\s} nach dem +andern in der silbernen Schale. + +"`Schnell weg! Ich leide!"' rief Bovary und warf zornig ein +F"unf\/frankenst"uck hinein. + +Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. + +Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... +Da{\s} nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, da"s er mit Emma in +der ersten Zeit ihre{\s} Hiersein{\s} einmal zur Messe dagewesen +war. Sie hatten recht{\s} an der Mauer gesessen ... Die Glocke +begann wieder zu l"auten. Ein allgemeine{\s} St"uhler"ucken fing +an. Die Sargtr"ager hoben die drei Stangen der Bahre in die H"ohe. +Man verlie"s die Kirche. + +Justin stand an der T"ur der Apotheke. Er verschwand schleunigst, +bla"s und taumelnd. + +Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug +vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Haupte{\s}. Er +trug eine tapfre Miene zur Schau und gr"u"ste kopfnickend jeden, +der au{\s} den Gassen oder den H"ausern trat, um sich dem Zuge +anzuschlie"sen. + +Die sech{\s} Tr"ager, drei auf jeder Seite, schritten langsam +vorw"art{\s}. Sie keuchten. Die Priester, die S"anger und die +Chorknaben sangen da{\s} \begin{antiqua}De profundis\end{antiqua}. +Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der +Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber +da{\s} hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den B"aumen. + +Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen M"anteln mit +zur"uckgeschlagenen Kapuzen, in den H"anden dicke brennende +Wach{\s}kerzen. Karl f"uhlte, wie ihn seine Kr"afte verlie"sen +unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten +de{\s} faden Geruch{\s} von Wach{\s} und Me"sgew"andern. Ein +frischer Wind wehte her"uber. Roggen und Rap{\s} gr"unten, und +Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei +fr"ohliche Laute erf"ullten die Luft: da{\s} Quietschen eine{\s} +kleinen Wagen{\s} in der Ferne auf zerfahrener Stra"se, da{\s} +wiederholte Kr"ahen eine{\s} Hahne{\s} oder der Galopp eine{\s} +F"ullen{\s}, da{\s} sich unter den Apfelb"aumen au{\s}tobte. Der +klare Himmel war mit rosigen W"olkchen betupft. Bl"auliche Lichter +spielten um die Schwertlilien vor den H"ausern und H"utten. Karl +erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich +eine{\s} bestimmten Morgen{\s}, an dem er, einen Kranken zu +besuchen, hier vor"ubergekommen war, erst hin und dann auf dem +R"uckwege zu "`ihr"'. + +Manchmal flatterte da{\s} schwarze mit silbernen Tr"anen bestickte +Leichentuch auf und lie"s den Sarg sehen. Die erm"udeten Tr"ager +verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortw"ahrend wie +eine Schaluppe auf bewegter See. + +Endlich war man da. + +Die Tr"ager gingen bi{\s} ganz hinter, bi{\s} zu einer Stelle im +Rasen, wo da{\s} Grab gegraben war. Man stellte sich im Krei{\s} +herum auf. W"ahrend der Priester sprach, rieselte die rote, an den +Seiten aufgeh"aufte Erde "uber die Kanten hinweg in die Grube, +lautlo{\s} und ununterbrochen. + +Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf +gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer. + +Endlich h"orte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen ger"auschvoll +wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudoi{\s} +reichte. Und w"ahrend er mit der rechten Hand den Weihwedel +schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde +in{\s} Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, +und da{\s} Ger"ausch dr"ohnte Karl in die Ohren, unheimlich wie +ein Widerhall au{\s} der Ewigkeit. + +Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. E{\s} war +Homai{\s}. W"urdevoll f"ullte und leerte er sie und reichte sie +dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen H"anden Erde +hinabwarf und "`Lebe wohl!"' rief. Er sandte ihr K"usse und beugte +sich "uber da{\s} Grab, al{\s} ob er sich hinabst"urzen wollte. + +Man f"uhrte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar +empfand er gleich den andern eine merkw"urdige Befriedigung, da"s +alle{\s} "uberstanden war. + +Auf dem Heimwege z"undete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife +an, wa{\s} Homai{\s} in{\s}geheim nicht besonder{\s} schicklich +fand. Er berichtete, da"s Binet nicht zugegen gewesen war, da"s +sich T"uvache nach der Messe "`gedr"uckt"' hatte und da"s Theodor, +der Diener de{\s} Notar{\s}, einen blauen Rock getragen hatte, +"`al{\s} ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen w"are, da +e{\s} nun einmal so "ublich ist, zum Teufel!"' So hechelte er +alle{\s} durch, wa{\s} er beobachtet hatte. + +Alle andern beklagten Emma{\s} Tod, besonder{\s} Lheureux, der +nicht verfehlt hatte, zum Begr"abni{\s} zu erscheinen. + +"`Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag f"ur ihren Mann!"' + +Der Apotheker antwortete: + +"`Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen w"are, h"atte er au{\s} +Verzweiflung Selbstmord begangen."' + +"`Sie war immer so lieben{\s}w"urdig! Wenn ich bedenke, da"s sie +vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!"' + +"`Ich hatte nur keine Zeit,"' sagte der Apotheker, "`sonst h"atte +ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr in{\s} +Grab nachgerufen h"atte!"' + +Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog +seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich +unterweg{\s} "ofter{\s} die Augen mit dem "Armel gewischt hatte, +hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht +hinterlassen. Man sah, wo die Tr"anen herabgerollt waren. + +Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen. +Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer: + +"`Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damal{\s} nach +Toste{\s} kam, al{\s} du deine erste Frau verloren hattest? +Damal{\s} tr"ostete ich dich, damal{\s} fand ich Worte! Jetzt +aber~..."' Er st"ohnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust +hob. "`Ach, nun ist e{\s} au{\s} mit mir! Ich habe meine Frau +sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine +Tochter!"' + +Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux +zur"uckzureiten. In diesem Hause k"onne er nicht schlafen. Auch +seine Enkelin wollte er nicht sehen. + +"`Nein! Nein! Da{\s} w"urde mich zu traurig machen! Aber k"usse +sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und +da{\s} hier,"' er schlug auf sein Bein, "`da{\s} werde ich dir nie +vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch +noch jede{\s} Jahr!"' + +Aber al{\s} er auf der H"ohe angelangt war, wandte er sich um, +ganz wie damal{\s} nach der Hochzeit, al{\s} er sich nach dem +Abschied auf der Landstra"se bei Sankt Viktor noch einmal nach +seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe gl"uhten wie +im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. +Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am +Horizont ein Mauerviereck und B"aume darinnen, die wie schwarze +B"uschel zwischen wei"sen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der +Friedhof~... + +Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm +geworden war. + +Karl und seine Mutter blieben bi{\s} in die sp"ate Nacht auf und +plauderten, obwohl sie beide sehr m"ude waren. Sie sprachen von +vergangenen Tagen und von dem, wa{\s} nun werden sollte. Die alte +Frau wollte nach Yonville "ubersiedeln, ihm die Wirtschaft f"uhren +und f"ur immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Troste{\s}- +und Liebe{\s}worte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung +zur"uckzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte. + +E{\s} schlug Mitternacht. Da{\s} Dorf lag in tiefer Stille. Da{\s} +war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an +"`sie"'. + +Rudolf, der zu seinem Vergn"ugen den Tag "uber durch den Wald +geritten war, schlief ruhig in seinem Schlo"s. Ebenso schlummerte +Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde. + +Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte. +Seine vom Schluchzen wunde Brust st"ohnte im Dunkel unter dem +Druck einer unerme"slichen Sehnsucht, die s"u"s war wie der Mond +und geheimni{\s}voll wie die Nacht. + +Pl"otzlich knarrte die Gittert"ur. Lestiboudoi{\s} hatte seine +Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, +al{\s} er sich "uber die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, +wer ihm immer Kartoffeln stahl. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Le{tz}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Am Tage darauf lie"s Karl die kleine Berta wieder in{\s} Hau{\s} +kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei +verreist und werde ihr h"ubsche Spielsachen mitbringen. Da{\s} +Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der +Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit de{\s} +Kinde{\s} bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unertr"aglich aber +waren ihm die Trostreden de{\s} Apotheker{\s}. + +Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux lie"s seinen +Strohmann Vin\c{c}ard abermal{\s} vorgehen, und Karl "ubernahm +betr"achtliche Verpflichtungen, weil er e{\s} um keinen Prei{\s} +zulassen wollte, da"s von den M"obeln, die ihr geh"ort hatten, +auch nur da{\s} geringste verkauft w"urde. Seine Mutter war au"ser +sich dar"uber. Da{\s} emp"orte ihn wiederum ma"slo{\s}. Er war +"uberhaupt ein ganz andrer geworden. So verlie"s sie da{\s} +Hau{\s}. + +Nun fingen alle m"oglichen Leute an, ihr "`Schnittchen"' zu +machen. Fr"aulein Lempereur forderte f"ur sech{\s} Monate +Stundengeld, obgleich Emma doch niemal{\s} Unterricht bei ihr +genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt +bekommen hatte, war nur auf Emma{\s} Bitte hin au{\s}gestellt +worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnement{\s}geb"uhren auf +eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn f"ur zwanzig +Briefe. Al{\s} Karl N"ahere{\s} wissen wollte, war sie +wenigsten{\s} so r"ucksicht{\s}voll, zu antworten: + +"`Ach, ich wei"s von nicht{\s}! E{\s} waren wohl Rechnungen."' + +Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, e{\s} sei +nun zu Ende, aber e{\s} meldeten sich immer wieder neue +Gl"aubiger. + +Er schickte an seine Patienten Liquidationen au{\s}. Da zeigte man +ihm die Briefe seiner Frau, und so mu"ste er sich noch +entschuldigen. + +Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn +Karl hatte einige davon zur"uckbehalten. Manchmal schlo"s er sich +in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungef"ahr +Emma{\s} Figur. Wenn sie au{\s} dem Zimmer ging, hatte er manchmal +den Eindruck, e{\s} sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, +ihr nachzurufen: "`Emma, bleib, bleib!"' + +Aber zu Pfingsten verlie"s sie Yonville, zusammen mit dem Diener +de{\s} Notar{\s}, wobei sie alle{\s} mitnahm, wa{\s} von Emma{\s} +Kleidern noch "ubrig war. + +Um diese Zeit gab sich die Witwe D"upui{\s} die Ehre, ihm die +Verm"ahlung ihre{\s} Sohne{\s} Leo D"upui{\s}, Notar{\s} zu +Yvetot, mit Fr"aulein Leocadia Leboeuf au{\s} Bondeville ganz +ergebenst mit\/zuteilen. In Karl{\s} Gl"uckwunschbrief kam die +Stelle vor: + +"`Wie h"atte sich meine arme Frau dar"uber gefreut!"' + +Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl ohne bestimmte Absicht durch{\s} +Hau{\s} irrte, kam er in die Dachkammer und sp"urte pl"otzlich +unter einem seiner Pantoffel ein zusammengekn"ullte{\s} St"uck +Papier. Er entfaltete e{\s} und la{\s}: "`Liebe Emma! Sei tapfer! +Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."' E{\s} war +Rudolf{\s} Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen +geblieben war, bi{\s} ihn der durch{\s} Dachfenster wehende +Luft\/zug an die T"ure getrieben hatte. Karl stand ganz starr da, +mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma, +bleicher noch al{\s} er, au{\s} Verzweiflung in den Tod gehen +wollte. Am Ende der zweiten Seite stand al{\s} Unterschrift ein +kleine{\s} R. Wer war da{\s}? Er erinnerte sich der vielen Besuche +und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulanger{\s}, seine{\s} pl"otzlichen +Au{\s}bleiben{\s} und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn +er ihnen sp"ater -- e{\s} war zwei- oder dreimal gewesen -- +begegnet war. Aber der achtung{\s}volle Ton de{\s} Briefe{\s} +t"auschte ihn. + +"`Da{\s} scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu +sein!"' sagte er sich. + +"Ubrigen{\s} geh"orte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen +bi{\s} auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu +suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem ma"slosen +Schmerze. + +"`Man mu"ste sie anbeten!"' sagte er bei sich. "`E{\s} ist ganz +nat"urlich, da"s alle M"anner sie begehrt haben!"' Nunmehr +erschien sie ihm noch sch"oner, und e{\s} "uberkam ihn ein +best"andige{\s} hei"se{\s} Verlangen nach ihr, da{\s} ihn +trostlo{\s} machte und da{\s} keine Grenzen kannte, weil e{\s} +nicht mehr zu stillen war. + +Um ihr zu gefallen, al{\s} lebte sie noch, richtete er sich nach +ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich +Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und +-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch au{\s} +ihrem Grabe herau{\s}. + +Karl sah sich gen"otigt, da{\s} Silberzeug zu verkaufen, ein +St"uck nach dem andern, dann die M"obel de{\s} Salon{\s}. Alle +Zimmer wurden kahl, nur "`ihr Zimmer"' blieb wie fr"uher. Nach dem +Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den +Kamin und r"uckte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich +gegen"uber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. +Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen au{\s}. + +E{\s} tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht +gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schn"ure, die N"ahte de{\s} +Kleidchen{\s} aufgerissen, denn darum k"ummerte sich die +Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie +da{\s} K"opfchen grazi"o{\s} neigte und ihr die blonden Locken +"uber die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend au{\s}, +da"s ihn unendliche Z"artlichkeit ergriff, eine Freude, die nach +Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr +Spielzeug au{\s}, machte ihr Hampelm"anner au{\s} Pappe und +flickte sie aufgeplatzten B"auche ihrer Puppen. Wenn seine Augen +dabei auf Emma{\s} Arbeit{\s}k"astchen fielen, auf ein Band, +da{\s} liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in +einer Ritze de{\s} N"ahtische{\s} steckte, dann verfiel er in +Tr"aumereien und sah so traurig au{\s}, da"s da{\s} Kind auch mit +traurig wurde. + +Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen, +wo er Kr"amerlehrling geworden war, und die Kinder de{\s} +Apotheker{\s} lie"sen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater +bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen +Verh"altnisse auf eine Fortsetzung de{\s} n"aheren Verkehr{\s} +keinen Wert legte. + +Der Blinde, den Homai{\s} mit seiner Salbe nicht hatte heilen +k"onnen, war auf die H"ohe am Wilhelm{\s}walde zur"uckgekehrt und +erz"ahlte allen Reisenden den Mi"serfolg de{\s} Apotheker{\s}. +Wenn Homai{\s} zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen +hinter den Vorh"angen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm +zu vermeiden. Er ha"ste ihn, und da er ihn zugunsten seine{\s} +Rufe{\s} al{\s} Heilk"unstler um jeden Prei{\s} au{\s} dem Wege +r"aumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise, +wie er da{\s} bewerkstelligte, enth"ullte ebenso seinen Scharfsinn +wie seine bi{\s} zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sech{\s} +Monate hintereinander konnte man im "`Leuchtturm von Rouen"' +Nachrichten wie die folgenden lesen: + +\begin{quotation} +"`Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne +Zweifel auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde einen Vagabunden bemerkt +haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er +bel"astigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen +gewisserma"sen einen Zoll. Leben wir denn noch in den +abscheulichen Zeiten de{\s} Mittelalter{\s}, wo e{\s} den +Landstreichern erlaubt war, auf den "offentlichen Pl"atzen die +Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der +Kreuzz"uge mitgebracht hatten?"' +\end{quotation} + +Oder: + +\begin{quotation} +"`Ungeachtet der Gesetze gegen da{\s} Landstreichertum werden die +Zug"ange unsrer Gro"sst"adte noch unau{\s}gesetzt von +Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und +da{\s} sind vielleicht nicht die ungef"ahrlichsten. Au{\s} welchem +Grunde duldet da{\s} eigentlich die Obrigkeit?"' +\end{quotation} + +Daneben erfand Homai{\s} auch Anekdoten: + +\begin{quotation} +"`Gestern ist auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde ein Pferd +durchgegangen~..."' +\end{quotation} + +E{\s} folgte der Bericht eine{\s} durch da{\s} pl"otzliche +Auftauchen de{\s} Blinden verursachten Unfall{\s}. + +Alle{\s} da{\s} hatte eine so treffliche Wirkung, da"s der +Ungl"uckliche in Haft genommen wurde. Aber man lie"s ihn wieder +frei. Er trieb e{\s} wie vorher. Ebenso Homai{\s}. E{\s} begann +ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu +leben{\s}l"anglichem Aufenthalt in ein Krankenhau{\s} gesteckt. + +Dieser Erfolg machte ihn immer k"uhner. Fortan konnte kein Hund +"uberfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Pr"ugel +bekommen, ohne da"s er den Vorfall sofort ver"offentlicht h"atte +--, geleitet vom Fortschritt{\s}fanati{\s}mu{\s} und vom Ha"s +gegen die Priester. + +Er stellte Vergleiche an zwischen den Volk{\s}schulen und den von +den "`Ignorantinern"' geleiteten, die nat"urlich zum Nachteil der +letzteren au{\s}fielen. Anl"a"slich einer staatlichen Bewilligung +von hundert Franken f"ur kirchliche Zwecke erinnerte er an die +Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche +Mi"sbr"auche. Er la{\s} den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. +Dabei wurde er ein gef"ahrlicher Intrigant. + +Bald war ihm der Journali{\s}mu{\s} zu eng; er wollte ein Buch +Schreiben, ein "`Werk"'. So verfa"ste er eine "`Allgemeine +Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen +Beobachtungen"'. Die damit verbundenen Studien f"uhrten ihn in{\s} +volk{\s}wirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen +Fragen, in die Theorien "uber die Volk{\s}erziehung, in da{\s} +Verkehr{\s}wesen und andre{\s} mehr. Nun begann er sich seiner +kleinb"urgerlichen Ob{\s}kurit"at zu sch"amen; er bekam +genialische Anwandlungen. + +Seinen Beruf vernachl"assigte er dabei keine{\s}weg{\s}, im +Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seine{\s} +Fache{\s}. Beispiel{\s}weise interessierte ihn der gro"se +Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der +erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die +Eisenschokolade einf"uhrte. Er begeisterte sich f"ur die +hydro-elektrischen Ketten Pulvermacher{\s} und trug selbst eine. +Wenn er beim Schlafengehen da{\s} Hemd wechselte, staunte Frau +Homai{\s} diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und +entbrannte in verdoppelter Liebe f"ur diesen Mann, der wie ein +Magier gl"anzte. + +F"ur Emma{\s} Grabmal hatte er sehr sch"one Ideen. Zuerst schlug +er einen S"aulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide, +einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine +"`k"unstliche Ruine"'. Keine{\s}fall{\s} aber d"urfe die +Trauerweide fehlen, die er f"ur da{\s} "`traditionelle Symbol"' +der Trauer hielt. + +Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem +Grabsteinfabrikanten etwa{\s} Passende{\s} zu suchen. Ein +Kunstmaler begleitete sie, namen{\s} Vaufrylard, ein Freund de{\s} +Apotheker{\s} Bridoux. Er ri"s die ganze Zeit "uber schlechte +Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich +die Zusendung von Kostenanschl"agen. Er fuhr dann ein +zweite{\s}mal allein nach Rouen und entschlo"s sich zu einem +Grabstein, "uber dem ein Geniu{\s} mit gesenkter Fackel trauert. + +Al{\s} Inschrift fand Homai{\s} nicht{\s} sch"oner al{\s}: +\begin{antiqua}STA VIATOR!\end{antiqua} Diese Worte schlug er +immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Best"andig +fl"usterte er vor sich hin: "`\begin{antiqua}Sta +viator!\end{antiqua}"' Endlich kam er auf: \begin{antiqua}AMABILEM +CONJUGEM CALCAS!\end{antiqua} Da{\s} wurde angenommen. + +Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an +Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre "au"sere +Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung f"uhlte er, wie ihr Bild +seinem Ged"achtni{\s} entwich, w"ahrend er sich so viel M"uhe gab, +e{\s} zu bewahren. Dabei tr"aumte er jede Nacht von ihr. E{\s} war +immer derselbe Traum: er sah sie und n"aherte sich ihr, aber +sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder. + +Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der +Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn +auf. Bournisien war neuerding{\s} "uberhaupt unduldsam, ja +fanatisch, wie Homai{\s} behauptete. Er wetterte gegen den Geist +de{\s} Jahrhundert{\s}, und aller vierzehn Tage pflegte er in der +Predigt vom schrecklichen Ende Voltaire{\s} zu erz"ahlen, der im +Tode{\s}kampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie +jedermann wisse. + +Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht au{\s} den alten Schulden +herau{\s}. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und +so stand die Pf"andung abermal{\s} bevor. Da wandte er sich an +seine Mutter. Sie schickte ihm eine B"urgschaft{\s}erkl"arung. +Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen +Emma. Al{\s} Entgelt f"ur ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, +der Felicie{\s} Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. +Dar"uber ent\/zweiten sie sich. + +Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Vers"ohnung. +Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich +nehmen; sie k"onne ihr im Hau{\s}halt helfen. Karl willigte ein. +Aber al{\s} da{\s} Kind abreisen sollte, war er nicht imstande +sich von ihm zu trennen. Die{\s}mal erfolgte ein endg"ultiger, +v"olliger Bruch. + +Nun hatte er alle{\s} verloren, wa{\s} ihm lieb und wert gewesen +war, und er schlo"s sich immer enger an sein Kind an. Aber auch +die{\s} machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote +Flecken auf den Wangen. + +Ihm gegen"uber machte sich in Gesundheit, Gl"uck und Frohsinn die +Familie de{\s} Apotheker{\s} breit. Wa{\s} Homai{\s} auch wollte, +gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia +stickte ihm ein neue{\s} K"appchen, Irma schnitt +Pergamentpapierdeckel f"ur die Einmachegl"aser, und Franklin +bewie{\s} ihm bereit{\s} schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz. +Der Apotheker war der gl"ucklichste Vater und der gl"ucklichste +Mensch. + +Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen. +Homai{\s} sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient +h"atte er e{\s} zur Gen"uge, meinte er. Ersten{\s} hatte er sich +w"ahrend der Cholera durch grenzenlosen Opfermut au{\s}gezeichnet. +Zweiten{\s} hatte er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- +verschiedene gemeinn"utzige Werke ver"offentlicht, +beispiel{\s}weise die Schrift "`Der Apfelwein. Seine Herstellung +und seine Wirkung"', sodann seine "`Abhandlung "uber die +Reblau{\s}"', die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner +seine statistische Ver"offentlichung, ganz abgesehen von seiner +ehemaligen Pr"ufung{\s}arbeit. Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s} +auf. "`Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher +Gesellschaften."' In Wirklichkeit war e{\s} nur eine einzige. + +"`Eigentlich m"u"ste e{\s} schon gen"ugen,"' rief er und warf sich +selbstbewu"st in die Brust, "`da"s ich mich bei den +Feuer{\s}br"unsten hervorgetan habe!"' + +Er begann F"uhlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der +Wahlen erwie{\s} er dem Landrat heimlich gro"se Dienste. +Schlie"slich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er +reichte ein Immediatgesuch an Seine Majest"at ein, worin er ihn +alleruntert"anigst bat, "`ihm Gerechtigkeit widerfahren zu +lassen."' Er nannte ihn "`unsern guten K"onig"' und verglich ihn +mit Heinrich dem Vierten. + +Jeden Morgen st"urzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung +zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Orden{\s}koller ging +so weit, da"s er in seinem Garten ein Beet in Form de{\s} +Kreuze{\s} der Ehrenlegion anlegen lie"s, auf der einen Seite von +Geranien ums"aumt, die da{\s} rote Band vorstellten. Oft umkreiste +er diese{\s} bunte Beet und dachte "uber die Schwerf"alligkeit der +Regierung und "uber den Undank der Menschen nach. + +Au{\s} Achtung f"ur seine verstorbene Frau, oder weil er au{\s} +einer Art Sinnlichkeit noch etwa{\s} Unerforschte{\s} vor sich +haben wollte, hatte Karl da{\s} geheime Fach de{\s} +Schreibtische{\s} au{\s} Polisanderholz, den Emma benutzt hatte, +noch nicht ge"offnet. Eine{\s} Tage{\s} setzte er sich endlich +davor, drehte den Schl"ussel um und zog den Kasten herau{\s}. Da +lagen s"amtliche Briefe Leo{\s}. Die{\s}mal war kein Zweifel +m"oglich. Er verschlang sie von der ersten bi{\s} zur letzten +Zeile. Dann st"oberte er noch in allen Winkeln, allen M"obeln, +allen Schiebf"achern, hinter den Tapeten, schluchzend, st"ohnend, +halbverr"uckt. Er entdeckte eine Schachtel und stie"s sie mit +einem Fu"stritt auf. Rudolf{\s} Bildni{\s} sprang ihm +buchst"ablich in{\s} Gesicht. E{\s} lag neben einem ganzen B"undel +von Liebe{\s}briefen. + +Bovary{\s} Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. +Er ging nicht mehr au{\s}, empfing niemanden und weigerte sich +sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand da{\s} +Ger"ucht, da"s er sich einschlie"se, um zu trinken. Neugierige +aber, die hin und nieder den Kopf "uber die Gartenhecke reckten, +sahen zu ihrer "Uberraschung, wie der Menschenscheue in seinem +langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging +und laut weinte. + +An Sommerabenden nahm er sein T"ochterchen mit sich hinau{\s} auf +den Friedhof. Erst sp"at in der Nacht kamen die beiden zur"uck, +wenn auf dem Marktpl"atze kein Licht mehr schimmerte, au"ser +au{\s} dem St"ubchen Binet{\s}. + +Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seine{\s} +Schmerze{\s} nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit +ihm teilte. Au{\s} diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von +"`ihr"' sprechen zu k"onnen. Aber die Wirtin h"orte nur mit halbem +Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte n"amlich +seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen er"offnet, und +Hivert, der ob seiner Zuverl"assigkeit in Kommissionen +allenthalben gro"se{\s} Vertrauen geno"s, verlangte Lohnerh"ohung +und drohte, "`zur Konkurrenz"' "uberzugehen. + +Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl nach Argueil zum Markt gegangen +war, um sein Pferd, sein letzte{\s} St"uck Besitz, zu verkaufen, +begegnete er Rudolf. Al{\s} sie einander sahn, wurden sie beide +bla"s. Rudolf, der bei Emma{\s} Tode sein Beileid nur durch seine +Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zun"achst einige Worte der +Entschuldigung, dann aber fa"ste er Mut und hatte sogar die +Dreistigkeit, -- e{\s} war ein hei"ser Augusttag -- Karl zu einem +Gla{\s} Bier in der n"achsten Kneipe einzuladen. + +Er l"ummelte sich Karl gegen"uber auf der Tischplatte auf, +plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in +tausend Tr"aumen vor diesem Gesicht, da{\s} "`sie"' geliebt hatte. +E{\s} war ihm, al{\s} s"ahe er ein St"uck von ihr wieder. Da{\s} +war ihm selber sonderbar. Er h"atte der andre sein m"ogen. + +Rudolf sprach unau{\s}gesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom +Vieh, vom D"ungen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede +stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Reden{\s}arten. So +vermied er jedwede Anspielung auf da{\s} Einst. Karl h"orte ihm +gar nicht zu. Rudolf nahm da{\s} wahr; er ahnte, da"s hinter +diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karl{\s} Wangen +r"oteten sich mehr und mehr, seine Nasenfl"ugel bl"ahten sich, +seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karl{\s} Augen in +so d"usterem Groll auf Rudolf, da"s dieser erschrak und mitten im +Satz steckenblieb. Aber al{\s}bald erschien wieder die fr"uhere +Leben{\s}m"udigkeit auf Karl{\s} Gesicht. + +"`Ich bin Ihnen nicht b"ose!"' sagte er. + +Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen H"anden und +wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser +Schmerzen: + +"`Nein, ich bin Ihnen nicht mehr b"ose!"' + +Er f"ugte ein gro"se{\s} Wort hinzu, da{\s} einzige, da{\s} er je +in seinem Leben sprach: + +"`Da{\s} Schicksal ist schuld!"' + +Rudolf, der diese{\s} Schicksal gelenkt hatte, fand in{\s}geheim, +f"ur einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutm"utig, +eigentlich sogar komisch und ver"achtlich. + +Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die +Abendsonne leuchtete durch da{\s} Gitter, die Weinbl"atter +zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Ja{\s}min duftete +s"u"s, der Himmel war blau, Insekten summten um die bl"uhenden +Lilien. Karl atmete schwer; da{\s} Herz war ihm beklommen und +tieftraurig vor unsagbarer Liebe{\s}sehnsucht. + +Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht +gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen. + +Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm +zugefallen, sein Mund stand offen. In den H"anden hielt er eine +lange schwarze Haarlocke. + +"`Papa, komm doch!"' rief die Kleine. + +Sie glaubte, er wolle mit ihr spa"sen, und stie"s ihn sacht an. Da +fiel er zu Boden. Er war tot. + +Sech{\s}unddrei"sig Stunden darnach eilte auf Veranlassung de{\s} +Apotheker{\s} Doktor Canivet herbei. Er "offnete die Leiche, fand +aber nicht{\s}. + +Al{\s} aller Hau{\s}rat verkauft war, blieben zw"olf und +dreiviertel Franken "ubrig, die gerade au{\s}reichten, die Reise +der kleinen Berta Bovary zu ihrer Gro"smutter zu bestreiten. Die +gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater +Rouault gel"ahmt war, nahm sich eine Tante de{\s} Kinde{\s} an. +Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich da{\s} t"agliche +Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei. + +Seit Bovary{\s} Tode haben sich bereit{\s} drei "Arzte nacheinander +in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten +k"onnen. Homai{\s} hat sie alle au{\s} dem Feld geschlagen. Seine +Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Beh"orde +duldet ihn, und die "offentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr. + +K"urzlich hat er da{\s} Kreuz der Ehrenlegion erhalten. + + + +\chapter{PROJECT GUTENBERG ``SMALL PRINT''} +\small \pagenumbering{gobble} +\begin{verbatim} + + +*** This file should be named 15711-t.txt or 15711-t.zip *** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/ + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. +\end{verbatim} + +*** END: FULL LICENSE *** + +\end{document} diff --git a/15711-t.zip b/15711-t.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ddaeaa1 --- /dev/null +++ b/15711-t.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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