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+The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Frau Bovary
+
+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Arthur Schurig
+
+Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
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+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
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+Frau Bovary
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+von
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+Gustave Flaubert
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+Erstes Buch
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+Erstes Kapitel
+
+
+Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein
+»Neuer«, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den beiden,
+Schulstubengerät in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von
+ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien
+aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf.
+
+Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
+sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer.
+
+»Herr Roger!« lispelte er. »Diesen neuen Zögling hier empfehle ich
+Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta. Bei löblichem
+Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er
+seinem Alter nach gehört.«
+
+Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man konnte
+ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge,
+so ungefähr fünfzehn Jahre alt und größer als alle andern. Die
+Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein
+Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er
+höchst verlegen. So schmächtig er war, beengte ihn sein grüner
+Tuchrock mit schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den
+Schlitz in den Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke
+hervor, die zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte
+gelbbraune, durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an und
+blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und
+mit Nägeln beschlagen.
+
+Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte
+aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht
+einmal wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den
+Ellenbogen aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete,
+mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den
+andern anschloß.
+
+Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer
+die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. Es kam
+darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter die richtige
+Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen Staubwolke laut
+aufklatschte. Das war so Schuljungenart.
+
+Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder daß er
+nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das
+Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch immer vor
+sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von
+Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Bärenmütze,
+andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an
+ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit einem Worte: an allerlei
+armselige Dinge, deren stumme Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie
+das Gesicht eines Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und
+Fischbeinstäbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah
+man drei runde Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band
+getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art
+Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter
+Schnurenstickerei krönte und von dem herab an einem ziemlich
+dünnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung
+war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte.
+
+»Steh auf!« befahl der Lehrer.
+
+Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die
+ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das Mützenungetüm
+aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem Ellenbogen daran, so daß es
+wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bücken.
+
+»Leg doch deinen Helm weg!« sagte der Lehrer, ein Witzbold.
+
+Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen Jungen
+gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich gar nicht, ob er
+seinen »Helm« in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen
+lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mütze
+über seine Knie.
+
+»Steh auf!« wiederholte der Lehrer, »und sag mir deinen Namen!«
+
+Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her.
+
+»Noch mal!«
+
+Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem Gelächter der
+Klasse übertönt.
+
+»Lauter!« rief der Lehrer. »Lauter!«
+
+Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit auf
+und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte,
+das Wort von sich: »Kabovary!«
+
+Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; dazwischen gellten
+Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder und wieder: »Kabovary!
+Kabovary!« Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes
+Brummen, kam mühsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen
+heimlich weiter, um da und dort plötzlich als halbersticktes
+Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlöschen
+immer wieder noch ein paar Funken sprüht.
+
+Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in
+der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer,
+den Namen »Karl Bovary« festzustellen, nachdem er sich ihn hatte
+diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen
+wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf
+die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte
+den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als
+er bereits wieder stehen blieb.
+
+»Was suchst du?« fragte der Lehrer.
+
+»Meine Mü...«, sagte er schüchtern, indem er mit scheuen Blicken
+Umschau hielt.
+
+»Fünfhundert Verse die ganze Klasse!«
+
+Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte wütend
+ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.
+
+»Ich bitte mir Ruhe aus!« fuhr der empörte Schulmeister fort,
+während er sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirne
+trocknete. »Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den
+Satz auf: Ridiculus sum!« Sein Zorn ließ nach. »Na, und deine
+Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen.«
+
+Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und
+der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung,
+obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte
+kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal
+mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen
+aufzuschlagen.
+
+Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem
+Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich
+sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
+gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im Wörterbuche nach
+und gab sich viel Mühe. Zweifellos verdankte er es dem großen
+Fleiße, den er an den Tag legte, daß man ihn nicht in der Quinta
+zurückbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte,
+so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer
+seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht,
+und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur
+möglich auf das Gymnasium geschickt worden.
+
+Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er
+hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen
+lassen, worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr
+seine körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte sich im
+Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in
+der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das
+Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war ein
+Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte,
+Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller Ringe hatte und in
+seiner Kleidung auffällige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum
+besaß er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er
+verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau
+zu leben, aß und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein
+und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr
+spät heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehäusern herumgetrieben
+hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterließ, war
+Bovary empört darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld
+dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land zurück,
+wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er verstand von der
+Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt
+lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur Arbeit einspannen
+ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in
+Fässern zu verkaufen, ließ das fetteste Geflügel in den eignen
+Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine
+seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, daß
+es am tunlichsten für ihn sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr
+einzulassen.
+
+Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe
+im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, halb
+Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück,
+fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig
+und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er
+sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben.
+
+Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
+tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem
+heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie sich
+abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch und nervös
+geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer
+wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und
+abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu
+ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst mächtig geregt,
+aber schließlich schwieg sie, würgte ihren Grimm in stummem
+Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten
+Stündlein. Sie war unablässig tätig und immer auf dem Posten. Sie
+war es, die zu den Anwälten und Behörden ging. Sie wußte, wenn
+Wechsel fällig waren; sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte
+alle Hausarbeiten, nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und
+führte die Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts
+kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher Schläfrigkeit nicht
+herauskam und sich höchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige
+Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab
+und zu in die Asche.
+
+Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; und
+als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche Geschöpf
+grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit Zuckerzeug. Der
+Vater ließ es barfuß herumlaufen und meinte höchst weise
+obendrein, der Kleine könne eigentlich ganz nackt gehen wie die
+Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter
+hatte er sich ein bestimmtes männliches Erziehungsideal in den
+Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mühe gab.
+Er sollte rauh angefaßt werden wie ein junger Spartaner, damit er
+sich tüchtig abhärte. Er mußte in einem ungeheizten Zimmer
+schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den
+»kirchlichen Klimbim« schimpfen. Aber der Kleine war von
+friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die
+Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm
+Pappfiguren aus und erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit
+ihm in endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger
+Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. In ihrer
+Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre
+eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im Traume sah sie
+ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als Beamten beim
+Straßen- und Brückenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn
+Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besaß,
+das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten
+Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei bloß schade
+um die Mühe; sie hätten doch niemals die Mittel, den Jungen auf
+eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft
+zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary
+schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief
+mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste
+Beeren an den Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und
+durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem
+Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
+bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu dürfen. Dann
+hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der großen
+Glocke und ließ sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine
+Lilie auf dem Felde, bekam kräftige Glieder und frische Farben.
+
+Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch,
+daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim
+Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmäßig, daß
+sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der
+Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der
+Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den
+Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte
+auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler nach dem Ave-Maria zu
+sich holen. Die beiden saßen dann oben im Stübchen. Mücken und
+Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, daß
+der Junge schläfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da
+schnarchte der biedere Pfarrer, die Hände über dem Schmerbauche
+gefaltet. Es kam auch vor, daß der Seelensorger auf dem Heimwege
+von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl
+gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann
+rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstündige Strafpredigt und
+benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine
+Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den
+Unterricht störte, oder irgendein Bekannter, der vorüberging.
+Übrigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja
+er meinte sogar, der »junge Mann« habe ein gar treffliches
+Gedächtnis.
+
+So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und
+ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber
+schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch
+ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.
+
+Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde
+Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater
+brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.
+
+Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch
+deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer
+Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den
+Arbeitsstunden eifrig lernte, während des Unterrichts aufmerksam
+dasaß, im Schlafsaal vorschriftsmäßig schlief und bei den
+Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule
+war ein Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller
+vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschluß.
+Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und
+brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das
+Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an
+seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten
+zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine
+Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von
+Barthelemys »Reise des jungen Anacharsis«, das im Arbeitssaal
+herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls
+vom Lande war.
+
+Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der
+Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der
+Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn
+seine Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren.
+Sie waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen
+schon durchwürgen würde.
+
+Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der
+Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten
+Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung
+ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch und zwei
+Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus
+Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein
+Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer
+Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder
+heim, nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja
+hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein
+auf sich selbst angewiesen sei.
+
+Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der
+medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen
+und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen,
+von Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik,
+Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen
+Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft er sich
+nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle
+Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.
+
+Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen
+war, er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb fleißig
+nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er
+erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom,
+der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was
+für ein Geschäft er eigentlich verrichtet.
+
+Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine Mutter
+allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück Kalbsbraten. Das war
+sein Frühstück, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach
+Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn
+er mußte alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder
+Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straßen hindurch. Abends nahm
+er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher
+ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbücher,
+oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des
+kleinen Ofens zu dampfen begannen.
+
+An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer wurden und
+die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball spielten, öffnete er sein
+Fenster und sah hinaus. Unten floß der Fluß vorüber, der aus
+diesem Viertel von Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine
+gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den
+Wehren und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die
+Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang
+hervorragten, trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft.
+Gegenüber, hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel
+mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen im
+Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief
+Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar
+nicht bis zu ihm drang.
+
+Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam
+einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward
+träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorsätzen
+mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die Klinik, morgen ein
+Kolleg, und allmählich fand er Genuß am Faulenzen und ging gar
+nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein
+passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen
+Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem
+Marmortische zu klappern, das dünkte ihn der höchste Grad von
+Freiheit zu sein, und das stärkte ihm sein Selbstbewußtsein. Es
+war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmännischen Lebens,
+dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine
+Hand mit geradezu sinnlichem Vergnügen auf die Türklinke. Eine
+Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrückt worden waren,
+gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer
+auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Béranger, der
+Freiheitssänger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle
+brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen
+Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glänzend
+durch.
+
+Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei
+einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf
+den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er seine
+Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie
+entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der
+Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem
+sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf
+Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die
+Geschichte verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens hätte er
+es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.
+
+Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
+hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er
+gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat
+bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine
+Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl
+statt.
+
+Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. Dort
+gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete
+schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das
+Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als sein
+Nachfolger daselbst nieder.
+
+Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin
+studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun
+mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des
+Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fünfundvierzig Jährlein
+zwölfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie häßlich
+war, dürr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie
+ein Kirschbaum Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs
+an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary
+erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr
+geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen
+Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
+unterstützt wurde.
+
+Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich
+dadurch günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie pekuniär
+unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zügel in ihre Hände.
+Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was
+nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem
+Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mußte
+er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe,
+überwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Türe,
+wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen
+mußte sie ihre Schokolade haben, und die Rücksichten, die sie
+erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhörlich klagte sie über
+Migräne, Brustschmerzen oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute
+durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl
+auswärts, dann fand sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim,
+so war es zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im
+Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm
+ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang
+seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging
+die Jeremiade los. Er vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man
+habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück.
+Schließlich bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund
+werde, und um ein bißchen mehr Liebe.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel
+eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen kam.
+Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf und
+verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Straße
+stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn.
+
+Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
+auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd stehen,
+folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er
+entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue Troddel hing,
+einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und überreicht
+ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der richtete sich im Bett auf,
+um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den
+Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschämt der Wand zu und
+zeigte den Rücken.
+
+In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, wurde
+Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem Pachtgut Les
+Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht
+man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis Bertaux zu
+Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary
+sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem Manne etwas zustoßen.
+Infolgedessen ward beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten,
+Karl aber erst drei Stunden später, nach Mondaufgang, folgen
+solle. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den
+Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlösse.
+
+Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
+gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen überließ
+er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor
+irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde
+der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und
+begann in seinem Gedächtnisse alles auszukramen, was er von
+Knochenbrüchen wußte.
+
+Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen Ästen der
+Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das Gefieder ob des kühlen
+Morgenwindes gesträubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches
+Land. Auf dieser endlosen grauen Fläche hoben sich hie und da in
+großen Zwischenräumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte
+mit des Himmels trüben Farben zusammenflossen; das waren
+Baumgruppen um Güter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß
+Karl seine Augen auf, bis ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte
+und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen
+traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten
+Erinnerungen paarten, so daß er ein Doppelleben führte. Er war
+noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen
+Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch
+den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen Umschlägen
+mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des
+Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den Stangen der
+Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete ...
+
+Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen,
+der am Rande des Straßengrabens im Grase saß.
+
+»Sind Sie der Herr Doktor?«
+
+Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln
+in die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs
+hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß Herr
+Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten
+Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege
+von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest gefeiert hatte, ein
+Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz
+allein mit »dem gnädigen Fräulein«, das ihm den Haushalt führte.
+
+Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. Plötzlich
+verschwand der Junge in der Lücke einer Gartenhecke, um hinter der
+Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein großes Tor
+öffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mußte
+sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu
+werden. Hofhunde fuhren aus ihren Hütten, schlugen an und
+rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof
+einritt, scheute der Gaul und machte einen großen Satz zur Seite.
+
+Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die
+offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo kräftige
+Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Längs der
+Wirtschaftsgebäude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter
+den Hühnern und Truthähnen machten sich fünf bis sechs Pfauen
+mausig, der Stolz der Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang,
+die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen
+zwei große Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen
+Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus
+Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornböden
+heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas
+anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume bepflanzt.
+Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter der Gänse.
+
+An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in
+einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrüßte
+den Arzt. Er wurde nach der Küche geführt, wo ein tüchtiges Feuer
+brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Töpfen von verschiedener
+Form das Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen
+naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel,
+Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Größe,
+funkelten wie von blankem Stahl, während längs der Wände eine
+Unmenge Küchengerät hing, über dem die helle Herdflamme um die
+Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden
+Morgensonne spielte und glitzerte.
+
+Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen.
+Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
+Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein
+stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem Haar, blauen
+Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem
+Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der er sich
+von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um »Mumm in die Knochen
+zu kriegen«. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung.
+Statt zu fluchen und zu wettern -- was er seit zwölf Stunden getan
+hatte -- fing er nunmehr an zu ächzen und zu stöhnen.
+
+Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte sich
+einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald erinnerte
+er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern
+zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten ein
+reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams,
+der an das Öl gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefettet
+werden. Er ließ sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen,
+um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stücken wählte
+er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glättete sie
+mit einer Glasscherbe. Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden
+her, und Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster
+anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, polterte
+der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen stach sie sich
+in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus.
+
+Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie hatte. Sie
+waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so
+schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände freilich
+waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß genug und ein
+wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank,
+nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. Was jedoch
+schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im
+Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick
+traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld.
+
+Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
+»einen Bissen zu essen«, ehe er wieder aufbräche. Karl ward in das
+Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen
+Tische war für zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten
+silberne Becher. Aus dem großen Eichenschranke, gegenüber dem
+Fenster, strömte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer
+Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Säcke mit
+Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz
+gefunden, zu der drei Steinstufen hinaufführten. In der Mitte der
+Wand, deren grüner Anstrich sich stellenweise abblätterte, hing in
+einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer
+Minerva. In schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben.
+»Meinem lieben Vater!«
+
+Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
+Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen.
+Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem Leben auf
+dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft
+fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, fröstelte sie
+während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen
+etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, pflegte sie mit den
+Oberzähnen auf die Unterlippe zu beißen.
+
+Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr
+schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in
+der Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe,
+daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen und kaum die
+Ohrläppchen blicken ließen. Über den Schläfen war das Haar
+gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
+Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Taille lugte
+-- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.
+
+Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte,
+trat er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend,
+die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten
+hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich
+umwendend, fragte sie:
+
+»Suchen Sie etwas?«
+
+»Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!«
+
+Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den Stühlen. Der
+Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade zwischen die Säcke und
+die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich über die Säcke beugte,
+wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der
+nämlichen Absicht wie sie ausstreckte, berührte seine Brust den
+gebückten Rücken des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma
+fuhr rasch in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die
+Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.
+
+Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt
+dessen war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab
+kam er regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die
+gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
+»zufällig in der Gegend« war. Übrigens ging alles vorzüglich; die
+Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer
+halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof
+herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf
+einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, besser hätten ihn
+die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht
+kurieren können.
+
+Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern
+nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber
+nachgesonnen hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers
+zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in
+Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber
+wirklich die Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu
+köstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines
+tätigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt
+im Galopp ab und ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem
+kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich
+die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen
+Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof
+ein. Es war ihm ein Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den
+nachgebenden Flügel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der
+Mauer krähen zu hören und sich von der Dorfjugend umringt zu
+sehen. Er liebte die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa
+Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen
+Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des
+Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der
+Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen Schuhen
+sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab
+sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe.
+War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete sie mit. Sie
+hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie
+nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im
+Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schürzenbänder begannen ihr
+um die Hüften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der
+Bäume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dächern der
+Gebäude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle,
+da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte
+ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue
+Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weiße Haut ihres
+Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefühl, daß Emma
+lächelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut
+vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer ...
+
+Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner
+Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in ihrer
+doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. Als sie
+aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie nähere
+Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß Fräulein Rouault im
+Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, sozusagen
+also »eine feine Erziehung genossen« hatte, daß sie infolgedessen
+Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und
+Klavierspielen haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie
+man zu sagen pflegt.
+
+»Also darum!« sagte sie sich. »Darum also lacht ihm das ganze
+Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue Weste
+an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh dieses
+Weib, dieses Weib!«
+
+Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte in
+allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte
+sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer
+häuslichen Szene über sich ergehen ließ. Schließlich aber ging sie
+im Sturm vor. Karl wußte nicht, was er sagen sollte. Weshalb renne
+er denn ewig nach Bertaux, wo doch der Alte längst geheilt sei,
+wenn die Rasselbande auch noch nicht berappt habe? Na freilich,
+weil es da »eine Person« gäbe, die fein zu schwatzen verstünde,
+ein Weibsbild, das sticken könne und weiter nichts, ein
+Blaustrumpf! In die sei er verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei
+ihm ein gefundenes Fressen.
+
+»Blödsinn!« polterte sie weiter. »Die Tochter des alten Rouault,
+die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Großvater hat noch die Schafe
+gehütet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt
+gekommen, weil er bei einem Streite jemanden halbtot gedroschen
+hat! So was hat gar keinen Anlaß, sich was Besonders einzubilden
+und Sonntags aufgedonnert in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen
+Kleidern wie eine Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder!
+Wenn im vergangenen Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut
+ausgefallen wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
+können!«
+
+Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
+ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und Küssen
+und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr Meßbuch schwören lassen,
+nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner heimlichen
+Sehnsucht war er kühner; da war er empört über seine tatsächliche
+eigne Feigheit. Und in naivem Machiavellismus sagte er sich,
+gerade ob dieses Verbots habe er ein Recht auf seine Liebe. Was
+war die ehemalige Witwe auch für ein Weib: sie war spindeldürr und
+hatte häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben
+schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden langen
+Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern wie
+in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie über ihren
+grauen Strümpfen.
+
+Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch
+schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele
+Essen bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich
+ein Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von ihm,
+keine Flanellwäsche zu tragen.
+
+Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der Vermögensverwalter
+der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in Ingouville, samt allen
+ihm anvertrauten Geldern übers Meer das Weite suchte. Nun besaß
+sie allerdings außerdem einen Schiffsanteil in der Höhe von
+sechstausend Franken und ein Haus in Dieppe. Aber von allen diesen
+vielgepriesenen Besitztümern hatte man nie etwas Ordentliches zu
+sehen bekommen. Die Witwe hatte nichts mit in die Ehe gebracht als
+ein paar Möbel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache
+auf den Grund, und da stellte sich denn heraus, daß besagtes Haus
+bis an die Feueresse mit Hypotheken belastet, daß kein Mensch
+wußte, wieviel Geld wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen,
+und daß die Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich
+hatte die liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der
+alte Bovary einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke
+ging, und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in
+das Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke eingespannt,
+die des Futters nicht einmal mehr wert sei.
+
+Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu
+heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres
+Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegenüber in Schutz zu
+nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das
+nahmen ihm die Alten übel. Sie reisten ab.
+
+Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
+darnach, als sie dabei war, Wäsche im Hofe aufzuhängen, bekam sie
+einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.
+
+Als Karl vom Friedhofe zurückkam, fand er im Erdgeschoß keinen
+Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das Schlafzimmer
+trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am Bette hing.
+Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, bis es
+dunkel wurde, in schmerzliche Träumereien versunken. Alles in
+allem hatte sie ihn doch geliebt ...
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar
+für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in blanken
+Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück erfahren und
+tröstete ihn, so gut er konnte.
+
+»Ich weiß, wie einem da zumute ist!« sagte er, indem er dem Witwer
+auf die Schulter klopfte. »Habs ja selber mal durchgemacht, ganz
+so wie Sie! Als ich meine Selige begraben hatte, da lief ich
+hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. Ich warf mich im
+Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem lieben Gott zu
+hadern, und machte ihm die dümmsten Vorwürfe. An einem Aste sah
+ich einen verreckten Maulwurf hängen, dem der Bauch von Würmern
+wimmelte. Ich beneidete den Kadaver! Und wenn ich daran dachte,
+daß im selben Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen
+Frauen zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit
+meinem Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz
+richtig mit mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein
+Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und
+so nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem
+Winter und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei,
+drei, und weg war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige
+Wort: hinunter! Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben
+nicht los. Da tief drinnen in der Brust bleibt immer was stecken.
+Aber Luft kriegt man wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser
+aller Schicksal, und deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins
+Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben
+sind. Auch Sie müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles
+vorüber! Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an
+Sie. Sie hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling.
+Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein paar
+Karnickel auf meinem Revier!«
+
+Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
+alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die Birnbäume
+hatten schon Blüten, und der treffliche Vater Rouault war wieder
+mordsgesund und von früh bis abend auf den Beinen. Und im ganzen
+Gut war mächtiger Betrieb.
+
+Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
+Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so bequem
+wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit ihm wie mit
+einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, wenn man des
+Gastes wegen nicht, wie befohlen, die leichtverdaulichsten
+Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel feine Eierspeisen
+oder gedünstete Birnen. Er erzählte Anekdoten und Abenteuer. Zu
+seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir einem Male
+erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. Der Kaffee
+ward gebracht, und da vergaß er sie wieder.
+
+Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger gedachte
+er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue Bewußtsein,
+unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald erträglicher.
+Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber bestimmen,
+konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft darüber geben zu
+müssen, und wenn er müde war, alle vier von sich strecken und sich
+in seinem Bette breit machen. Er hegte und pflegte sich und ließ
+alle Tröstungen über sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner
+Frau keine ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man
+wochenlang in einem fort sagte: »Der arme Doktor. Wie traurig!«
+blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis vergrößerte sich.
+Und dann konnte er nun nach Bertaux reiten, wann es ihm beliebte.
+Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in ihm auf, ein namenloses
+Glücksgefühl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich den
+Bart strich, fand er sich gar nicht übel.
+
+Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute
+angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die Küche.
+Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst nicht. Die
+Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes
+stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf die
+Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel entzwei und
+wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische krabbelten
+Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in die
+Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den
+Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine
+Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß zwischen dem
+Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein Halstuch um, und
+auf ihren entblößten Schultern glänzten kleine Schweißperlen.
+
+Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk an. Als
+er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich bat sie ihn
+lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. Sie holte aus dem
+Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei Gläser heraus, füllte
+das eine bis zum Rande und goß in das andre ein paar Tropfen. Sie
+stieß mit Karl an und führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel
+wie nichts drin war, mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den
+Kopf nach hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals
+gestrafft, so stand sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf
+die Zunge lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen
+Zähnen herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals
+suchend vorstieß.
+
+Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit
+zu widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
+gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst recht
+nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle
+eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl sah
+diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das Hämmern
+seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das Gackern einer
+Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin und wieder
+hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den kalten Knauf der
+Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, um diese zu kühlen.
+
+Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit
+Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
+Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt
+im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in
+ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre
+Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, die sie als
+Schulprämien bekommen hatte, und die Eichenlaubkränze, die im
+untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erzählte sie von
+ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im Garten das
+Beet, wo die Blumen wüchsen, die sie der Toten jeden ersten
+Freitag im Monat hintrug. Der Gärtner, den sie hatten, verstünde
+nichts. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es,
+wenigstens während der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann
+aber meinte sie wieder, an den langen Sommertagen sei das Leben
+auf dem Lande noch langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte,
+klang ihre Stimme hell oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen
+matten Ton an, und wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward
+sie wieder ganz anders, wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma
+lustig und hatte große unschuldige Augen, dann wieder schlossen
+sich ihre Lider zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah
+teilnahmslos und traumverloren aus.
+
+Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie
+geredet hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn
+ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von
+der Existenz schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt
+hatte. Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu
+erschauen als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten
+Male erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte.
+Dann fragte er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich
+verheiratete, aber mit wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so
+reich und sie ... so schön!
+
+Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen,
+und eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das
+Surren eines Kreisels: »Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn du
+dich nun verheiratetest!« In der Nacht konnte er keinen Schlaf
+finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er verspürte Durst,
+stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das Fenster auf. Der
+Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind strich in das
+Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die Rötung nach
+Bertaux.
+
+Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten
+könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit
+um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese Gelegenheit bot,
+wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte nicht über die
+Lippen. Vater Rouault hätte längst nichts dagegen gehabt, wenn ihm
+jemand seine Tochter geholt hätte. Im Grunde nützte sie ihm in
+Haus und Hof nicht viel. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie
+war eben für die Landwirtschaft zu geweckt. »Ein gottverdammtes
+Gewerbe!« pflegte er zu schimpfen. »Das hat auch noch keinen zum
+Millionär gemacht!« Ihm hatte es in der Tat keine Reichtümer
+gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch
+auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl bekannt war,
+so war er eigentlich doch für Ackerbau und Viehzucht durchaus
+nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht
+gern die Hände aus den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe war
+er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen
+warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein gutes Glas Landwein, ein
+halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein Täßchen Mokka mit
+Kognak gehörten zu den Idealen seines Lebens. Er nahm seine
+Mahlzeiten in der Küche ein und zwar allein für sich, in der Nähe
+des Herdfeuers an einem kleinen Tische, der ihm -- wie auf der
+Bühne -- fix und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte.
+
+Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam,
+wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder später
+ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald überlegte er sich die
+Geschichte. Besonders schneidig sah ja Karl Bovary nicht gerade
+aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen künftigen Schwiegersohn
+ein bißchen anders gedacht, aber er war doch als anständiger Kerl
+bekannt, sparsam und tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos
+würde er wegen der Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault
+hatte gerade eine Menge großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu
+bezahlen, sah er sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem
+Grund und Boden zu verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert
+werden. Und so sagte er sich: »Wenn er um Emma anhält, soll er sie
+kriegen!«
+
+Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag
+und Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault
+gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs
+vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden.
+Das war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis
+zuallerletzt. Erst als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er
+los:
+
+»Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas sagen!«
+
+Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben stehen.
+
+»Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!« Rouault
+lachte gemütlich.
+
+»Vater Rouault! Vater Rouault!« stammelte Karl.
+
+»Meinen Segen sollen Sie haben!« fuhr der Gutspächter fort. »Meine
+Kleine denkt gewiß nicht anders als ich, aber gefragt werden muß
+sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins
+Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- wohlverstanden! -- brauchen Sie
+jedoch nicht umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie
+sich erst ein bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu
+lange Blut schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde
+einen Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da
+oben über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen beobachten!«
+
+Damit ging er.
+
+Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung
+hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
+Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ...
+Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden
+blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.
+
+Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde über
+und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte gezwungen ein wenig,
+um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen künftigen
+Schwiegersohn. Die Besprechung der geschäftlichen Punkte wurde
+verschoben. Übrigens war noch viel Zeit dazu, da die Hochzeit
+anstandshalber vor Ablauf von Karls Trauerjahr nicht stattfinden
+konnte, das hieß, nicht vor dem nächsten Frühjahr.
+
+In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault
+beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
+Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
+die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
+das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
+überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
+Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen
+es geben solle.
+
+Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
+zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für
+solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte
+sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste
+Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen
+bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so
+weitergehen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in Kutschen,
+Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit Ledervorhängen, in
+allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Das junge
+Volk aus den nächsten Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im
+Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe
+stehend, die Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen.
+Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville,
+Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien waren samt
+und sonders geladen. Freunde, mit denen man uneins gewesen,
+versöhnte man, und es war an Bekannte geschrieben worden, von
+denen man wer weiß wie lange nichts gehört hatte.
+
+Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
+Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging es
+bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die
+Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie
+und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen
+städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen Enden,
+die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die mit
+einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie hinten
+den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie ihre
+Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich unbehaglich; viele
+hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige Stiefel an.
+Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis sechzehnjährige
+Mädchen, offenbar ihre Basen oder älteren Schwestern, in ihren
+weißen Firmelkleidern, die man zur Feier des Tages um ein Stück
+länger gemacht hatte, alle mit roten verschämten Gesichtern und
+pomadisiertem Haar, voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu
+beschmutzen. Da nicht Knechte genug da waren, um all die Wagen
+gleichzeitig abzuspannen, streiften die Herren die Rockärmel hoch
+und stellten ihre Pferde eigenhändig ein. Je nach ihrem
+gesellschaftlichen Range waren sie in Fräcken, Röcken oder
+Jacketts erschienen. Manche in ehrwürdigen Bratenröcken, die nur
+bei ganz besonderen Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke
+geholt wurden; ihre langen Schöße flatterten im Winde, die Kragen
+daran sahen aus wie Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang
+von Säcken. Es waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein
+gekommen, meist im Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin
+ganz kurze Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen
+Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so ausschauten,
+als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem Ganzen
+herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste -- und das waren
+solche, die dann an der Festtafel gewiß am alleruntersten Ende zu
+sitzen kamen -- trugen nur Sonntagsblusen mit breitem Umlegekragen
+und Rückenfalten unter dem Gürtel.
+
+Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie Kürasse.
+Durchweg hatte man sich unlängst das Haar schneiden lassen (um so
+mehr standen die Ohren von den Schädeln ab!), und alle waren
+ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden
+waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und
+hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder
+hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, groß wie Talerstücke.
+Unterwegs hatten sich diese Wunden in der frischen Morgenluft
+gerötet, und so leuchteten auf den breiten blassen
+Bauerngesichtern große rote Flecke.
+
+Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt.
+Man begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die
+Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war
+anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich
+durch die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich
+und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten
+plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer
+buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die
+Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt
+die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den Kornfeldern
+zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas Kleid,
+das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. Von
+Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las
+sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen
+stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen geblieben
+waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da und wartete, bis
+sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und
+einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an die Fingernägel
+reichten. Am Arm führte er Frau Bovary senior. Der alte Herr
+Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze Sippschaft um sich
+herum verachtete, war einfach in einem uniformähnlichen
+einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge
+blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien traktierte. Sie
+hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in ihrer Verlegenheit gar
+nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen Gäste sprachen von ihren
+Geschäften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele
+Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, hörte in einem fort das
+Tirilieren des Spielmannes, der auch im freien Felde weitergeigte.
+Sooft er bemerkte, daß die Gesellschaft weit hinter ihm
+zurückgeblieben war, machte er Halt und schöpfte Atem. Umständlich
+rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten
+schöner quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in
+Bewegung. Er hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht
+hübsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel
+schon von weitem.
+
+Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens
+aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs Schüsseln
+mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem Kalbfleisch, drei
+Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier Leberwürsten in
+Sauerkraut, ein köstlich knusprig gebratenes Spanferkel. An den
+vier Ecken des Tisches brüsteten sich Karaffen mit Branntwein, und
+in einer langen Reihe von Flaschen wirbelte perlender
+Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits alle Gläser im voraus
+bis an den Rand vollgeschenkt waren. Große Teller mit gelber
+Creme, die beim leisesten Stoß gegen den Tisch zitterte und bebte,
+vervollständigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfläche
+dieses Desserts prangten in umschnörkelten Monogrammen von
+Zuckerguß die Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam.
+Für die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot
+kommen lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich
+ganz besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig ein
+Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines »Ah!« hervorrief.
+Der Unterbau aus blauer Pappe stellte ein von Sternen aus
+Goldpapier übersätes Tempelchen dar, mit einem Säulenumgang und
+Nischen, in denen Statuen aus Marzipan standen. Im zweiten
+Stockwerk rundete sich ein Festungsturm aus Pfefferkuchen, umbaut
+von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und
+Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber krönte über einer
+grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen und Teichen mit
+Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): ein niedlicher
+Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade wiegte. In den
+beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der Schaukel steckten zwei
+lebendige Rosenknospen.
+
+Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen ermüdet
+war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte eine Partie
+des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und setzte sich
+dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen gegen das Ende
+des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim Kaffee war
+alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte allerlei
+Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß Purzelbäume, hob
+Schubkarren bis zur Schulterhöhe, erzählte gepfefferte Geschichten
+und scharwenzelte mit den Damen.
+
+Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden,
+die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte
+und Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, bockten
+und schlugen aus, während die Herren und Kutscher fluchten und
+lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den mondbeglänzten
+Landstraßen in Karriere über Stock und Stein heimrasende
+Fuhrwerke.
+
+Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am Küchentische
+bis zum frühen Morgen weiter, während die Kinder unter den Bänken
+schliefen.
+
+Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den
+herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter
+-- ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk
+selbstverständlich ein paar Seezungen gestiftet hatte -- doch
+daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlüsselloch des
+Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault erwischte ihn gerade noch
+rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er machte ihm klar, daß sich
+derartige Scherze mit der Würde seines Schwiegersohnes nicht
+vertrügen. Der Vetter ließ sich durch diese Einwände nur
+widerwillig von seinem Vorhaben abbringen. Insgeheim hielt er den
+alten Rouault für aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke
+mir vier bis fünf andern Unzufriedenen, die während des Mahles bei
+der Wahl der Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese
+Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den
+Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble.
+
+Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer
+Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der
+Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
+Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück.
+Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er ließ
+sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er Grog von
+Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden unbekannt
+war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an.
+
+Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes
+gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien,
+Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und Anulkungen, die
+ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil geworden waren, hatte er
+sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. Um so mächtiger war
+seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er offensichtlich wie
+neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor sozusagen die
+Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich völlig und ließ
+sich nicht das geringste anmerken. Die größten Schandmäuler waren
+sprachlos; sie standen da wie vor einem Wundertier. Karl freilich
+machte aus seinem Glück kein Hehl. Er nannte Emma »mein liebes
+Frauchen«, duzte sie, lief ihr überallhin nach und zog sie
+mehrfach abseits, um allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein
+wenig zu plaudern, wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille
+legte. Beim Hin- und Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz
+nahe und zerdrückte mit seinem Kopfe ihr Halstuch.
+
+Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl
+konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater
+Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und gab
+ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied küßte er
+seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und machte sich zu
+Fuß auf den Rückweg.
+
+Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
+Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei
+seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, an
+längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner
+Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des Tages,
+wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. Auf
+dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er
+seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so
+um Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit.
+Mit der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der
+andern ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen
+Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm
+um die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine
+Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges
+Gesicht, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich
+hinlächelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger
+eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange
+war das nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre
+er jetzt dreißig Jahre alt!
+
+Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu
+sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem
+vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die
+zärtlichen Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen
+Augenblick lang verspürte er das Verlangen, den Umweg über den
+Friedhof zu machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur
+noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten Wege
+nach Hause.
+
+Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn
+stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu erspähen. Die
+alte Magd empfing sie unter Glückwünschen und bat um
+Entschuldigung, daß das Mittagessen noch nicht ganz fertig sei.
+Sie lud die gnädige Frau ein, einstweilen ihr neues Heim in
+Augenschein zu nehmen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie
+der Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur,
+gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel,
+ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem Winkel auf
+dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von trocken gewordnem
+Straßenschmutz. Rechter Hand lag die »Große Stube«, das heißt der
+Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich
+als Wohnzimmer diente. An den Wänden bauschte sich allenthalben
+die schlecht aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der
+Decke durch eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward.
+An den Fenstern überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote
+Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine
+Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten
+Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen.
+
+Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines
+Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei
+Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines
+Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die
+Bände des »Medizinischen Lexikons« ausgefüllt, die
+unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen
+Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte
+Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang Buttergeruch
+aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, während man dort
+hören konnte, wenn die Patienten husteten und ihre langen
+Leidensgeschichten erzählten.
+
+Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein großes
+verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als Holzraum,
+Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit altem
+Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und einer Menge
+andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen kaum
+mehr ansehen konnte.
+
+Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, dehnte
+sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
+begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde.
+Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr
+darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen
+Heckenrosen umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem
+Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand
+eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft.
+
+Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war überhaupt
+nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen Schlafstube,
+stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein Himmelbett aus
+Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit Muscheln besetzte
+kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster leuchtete in
+einer Kristallvase ein Strauß von Orangenblüten, umwunden von
+einem Seidenbande: ein Hochzeitsbukett, die Brautblumen der
+andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte es, nahm den Strauß
+aus der Vase und trug ihn auf den Oberboden. Währenddem saß sie in
+einem Lehnstuhl. Ihr eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das
+in einer Schachtel verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in
+das Zimmer und baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie
+sich, was wohl mit ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch
+bald stürbe.
+
+In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei
+Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken
+von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen und
+Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
+
+Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
+Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl
+wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine
+Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
+neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein
+Dogcart.
+
+So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der
+Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
+Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band im
+Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze
+hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von
+denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen könnten, all
+das trug dazu bei, daß sein Glück nicht aufhörte. Frühmorgens im
+Bette, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er zu,
+wie die Sonnenlichter durch den blonden Flaum ihrer von den
+Haubenbändern halbverdeckten Wangen huschten. So aus der Nähe
+kamen ihm ihre Augen viel größer vor, besonders beim Erwachen,
+wenn sich ihre Lider mehrere Male hintereinander hoben und wieder
+senkten. Im Schatten sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau
+am lichten Tage; in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während
+sie sich nach der schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein
+eigenes Auge verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin
+gespiegelt, ganz klein, bis an die Schultern, mit dem Seidentuche,
+das er sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seines
+offen stehenden Nachthemdes.
+
+Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um
+ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das
+Fensterbrett gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie
+leicht umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der
+Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. Emma
+sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem sie mit
+ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den Geranien
+abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und schaukelte
+sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel und blieb
+schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne der alten
+Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der Haustüre wartete.
+Karl saß auf und warf seiner Frau eine Kußhand zu. Sie antwortete
+winkend und schloß das Fenster. Er ritt ab.
+
+Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in
+den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache
+schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die
+Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische
+Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der
+Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, -- da genoß er
+all sein Glück abermals, just wie einer, der nach einem
+Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er bereits
+verdaut, noch auf der Zunge hat.
+
+Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er denn
+im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge hoher
+Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, die
+reicher und stärker waren als er, über seine bäuerische Aussprache
+lachten, sich über seinen Anzug lustig machten und zur Besuchszeit
+mit ihren Müttern plauderten, die mit Kuchen in der Tasche kamen?
+Oder etwa später als Student der Medizin, wo er niemals Geld genug
+im Beutel gehabt hatte, um irgendein kleines Mädel zum Tanz führen
+zu können, das seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der
+vierzehn Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße
+im Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß
+er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. Seine
+Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen Unterrocks,
+und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht genug. Und
+so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. Spornstreichs
+ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen
+... Emma saß in ihrem Zimmer bei der Toilette. Er schlich sich auf
+den Fußspitzen von hinten an sie heran und küßte ihr den Nacken.
+Sie stieß einen Schrei aus.
+
+Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe,
+ihr Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie tüchtig auf die
+Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner Küsse gleichsam
+aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen Länge von den
+Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn
+ab, lächelnd und gelangweilt, wie man ein kleines Kind
+zurückdrängt, das sich an einen anklammert.
+
+Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
+empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe erwartete,
+ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht haben. So dachte sie.
+Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, wo eigentlich in der
+Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den Romanen mit den Worten
+Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert
+wird.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Emma hatte »Paul und Virginia« gelesen und in ihren Träumereien
+alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den Neger Domingo, den
+Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die zärtliche
+Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, der für sie
+rote Früchte auf überturmhohen Bäumen pflückte und barfuß durch
+den Sand gelaufen kam, ihr ein Vogelnest zu bringen.
+
+Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt,
+um sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im
+Viertel Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt
+bekamen, auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von
+Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, hier
+und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten Frömmigkeit,
+Gefühlsüberschwang und höfischen Prunk.
+
+In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich
+nicht im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft
+der gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein
+Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom
+Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den
+Freistunden spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie
+alsbald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die
+dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in
+die Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben
+und unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und
+Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen
+Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der
+Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe
+zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau umränderten
+Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm
+Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen
+Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, zusammenbricht. Um
+sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag lang ohne
+Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um irgendein
+Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte.
+
+Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, nur
+damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände gefaltet,
+das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem flüsternden Priester.
+Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen
+Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer
+wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße
+Schauer.
+
+Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen
+Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen
+Geschichte oder aus den »Stunden der Andacht« des Abbé Frayssinous
+und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands »Geist des
+Christentums«. Wie andachtsvoll lauschte sie bei den ersten Malen
+den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo
+aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas Kindheit im
+Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel
+dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der
+Naturschwärmerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung
+ihre Quelle hat. So aber kannte sie das Land zu gut: das Blöken
+der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge
+gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte:
+das Abenteuerliche. So liebte sie das Meer einzig um der wilden
+Stürme willen und das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein
+Dasein fristete. Es war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen
+egoistischen Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz
+beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente.
+Ihre Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte
+lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach.
+
+Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier
+Wochen auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da
+sie einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution
+zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert.
+Sie aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern,
+und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen,
+bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß
+sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die
+Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem ancien
+régime auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei
+ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie erzählte Geschichten,
+wußte stets Neuigkeiten, übernahm allerhand Besorgungen in der
+Stadt und lieh den größeren Mädchen Romane, von denen sie immer
+ein paar in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den
+Ruhepausen ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber
+schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften,
+Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in
+einsamen Pavillonen ohnmächtig, und von Postillionen, die an
+allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die man
+auf Seite für Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern,
+Herzenskämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von
+Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Büschen, von
+hohen Herren, die wie Löwen tapfer und sanft wie Bergschafe
+waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer köstlich
+gekleidet und ganz unbeschreiblich tränenselig. Ein halbes Jahr
+lang beschmutzte sich die fünfzehnjährige Emma ihre Finger mit
+dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott
+in die Hände, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen
+Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Rittersälen und
+Minnesängern. Am liebsten hätte sie in einem alten Herrensitze
+gelebt, gehüllt in schlanke Gewänder wie jene Edeldamen, die,
+den Ellenbogen auf den Fensterstein gestützt und das Kinn in der
+Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage verträumten und in die
+Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein Rittersmann
+mit weißer Helmzier dahergestürmt käme auf einem schwarzen Roß.
+Damals trieb sie einen wahren Kult mit Maria Stuart; ihre
+Verehrung von berühmten oder unglücklichen Frauen ging bis zur
+Schwärmerei. Die Jungfrau von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die
+schöne Ferronnière und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende
+Meteore in dem grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse.
+Fast ganz im Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander
+schwebten ferner in ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit
+seiner Eiche, der sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame
+Taten Ludwigs des Elften, irgendeine Szene aus der
+Bartholomäusnacht, der Helmbusch Heinrichs des Vierten, dazu
+unauslöschlich die Erinnerung an die gemalten Teller mit den
+Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten.
+
+In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
+Rede von Englein mit goldenen Flügeln, von Madonnen, Lagunen und
+Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr
+Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die
+Realitäten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber
+der Sentimentalität. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten
+lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als
+Neujahrsgeschenke bekommen hatten. Daß man sie heimlich halten
+mußte, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen.
+Emma nahm die schönen Atlaseinbände nur behutsam in die Hand und
+ließ sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, die
+ihre Beiträge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. Das
+Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin
+leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre
+Seite sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in
+einem Mäntelchen, wie er hinter der Brüstung eines Altans ein weiß
+gekleidetes junges Mädchen mit einer Tasche am Gürtel an sich
+drückte; auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen
+englischen Ladys, die unter runden Strohhüten mit großen hellen
+Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch den
+Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, die
+von zwei kleinen Grooms in weißen Hosen kutschiert wurden. Andre
+träumten auf dem Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und
+himmelten durch das halb offene, schwarz umhängte Fenster den Mond
+an. Wieder andre, Unschuldskinder, krauten, eine Träne auf der
+Wange, durch das Gitter eines gotischen Käfigs ein Turteltäubchen
+oder zerzupften, den Kopf verschämt geneigt, mit koketten Fingern,
+die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine
+Marguerite. Alles mögliche andre zeigten die übrigen Stiche:
+Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in
+den Armen; Giaurs, Türkensäbel, phrygische Mützen, nicht zu
+vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und
+Fichten, Tiger und Löwen friedlich beieinanderstehen, und
+Minaretts am Horizonte und römische Ruinen im Vordergrunde eine
+Gruppe lagernder Kamele überragen, während auf der einen Seite ein
+wohlgepflegtes Stück Urwald steht, auf der andern ein See, eine
+Riesensonne mit stechenden Strahlen darüber und auf seiner
+stahlblauen, hie und da weiß aufschäumenden Flut, in die Ferne
+verstreut, gleitende Schwäne ...
+
+Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Häupten an der Wand hing,
+blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem
+andern an ihr vorüberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die
+kein Geräusch drang, höchstens das ferne Rollen eines späten
+Fuhrwerks.
+
+Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
+ließ sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen fassen,
+schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmütiger
+Betrachtungen über das Leben und bat ihn, man möge sie dereinst in
+demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei krank,
+und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, daß
+sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen
+einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen niemals gelangen.
+Sie verlor sich in Lamartinischen Rührseligkeiten, hörte
+Harfenklänge über den Weihern und Schwanengesänge, die Klagen des
+fallenden Laubes, die Himmelfahrten jungfräulicher Seelen und die
+Stimme des Ewigen, die in den Tiefen flüstert.
+
+Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs
+einzugestehen, und so blieb sie dabei zunächst aus Gewohnheit,
+dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, daß sie
+den inneren Frieden wiedergefunden hatte und daß ihr Herz
+ebensowenig schwermütig war wie ihre jugendliche Stirne runzelig.
+
+Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission
+gehofft hatten, bemerkten zu ihrem höchsten Befremden, daß
+Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen drohte. Man hatte
+ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, Predigten und Fasten
+angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch große
+Verehrung die Heiligen und Märtyrer genössen, und ihr zu
+vorzügliche Ratschläge gegeben, wie man den Leib kasteie und die
+Seele der ewigen Seligkeit zuführe; und so ging es mit ihr wie mit
+einem Pferd, das man zu straff an die Kandare genommen hat: sie
+blieb plötzlich stehen und machte nicht mehr mit.
+
+Bei aller Schwärmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie hatte
+die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte und
+die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr Geist
+empörte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch mehr
+lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem
+tiefsten Wesen völlig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem
+Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand
+sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der
+Schwesternschaft recht fehlen lassen.
+
+Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mädchen zunächst darin, das
+Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des Landlebens
+überdrüssig, und nun sehnte sie sich nach dem Kloster zurück. Als
+Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie just überzeugt, daß
+sie alle Illusionen verloren habe, daß es nichts mehr auf der Welt
+gäbe, was ihr Hirn oder Herz rühren könne. Dann aber waren das mit
+jedem neuen Zustande verbundene wirre Gefühl und die Unruhe, die
+sich ihrer diesem Manne gegenüber bemächtigte, stark genug, um in
+ihr den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare
+Leidenschaft in ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein
+Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit
+himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe,
+hatte sie keine Kraft zu glauben, daß die Friedsamkeit, in der sie
+hinlebte, das erträumte Glück sei.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten
+Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu
+sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene
+Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen nach der
+Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man fährt gemächlich in
+einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhängen die Gebirgsstraßen
+hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen
+zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des
+Gießbachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am
+Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der
+Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen
+Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlösser. Es
+kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimstätten des
+Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten
+gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden,
+sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre
+Trübsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite
+eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe,
+einen eleganten Hut und Manschettenhemden trüge?
+
+Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen mögen.
+Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller
+Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der Wind
+wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die
+Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, wenn
+er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein
+einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich alles
+das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie eine
+reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So aber ward
+die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer
+größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde.
+
+Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Straße:
+Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die niemanden rührten,
+über die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten.
+Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, hätte er niemals den
+Drang verspürt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er
+konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein
+Pistolenschütze, und gelegentlich kam es zutage, daß er Emma einen
+Ausdruck des Reitsports nicht erklären konnte, der ihr in einem
+Romane begegnet war. Muß ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf
+allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die großen
+Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Genüsse und in
+alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts,
+verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei
+glücklich, indes sie sich über seine satte Trägheit empörte,
+seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie
+ihm gewährte.
+
+Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen
+und zuzusehn, wie sie sich über das Blatt beugte oder wie sie die
+Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit
+den Fingern Brotkügelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte.
+Wenn sie am Klavier saß, war sein Entzücken um so größer, je
+geschwinder ihre Hände über die Tasten sprangen. Dann trommelte
+sie ordentlich auf dem Klavier herum und machte ein Höllenkonzert.
+Das alte Instrument dröhnte und wackelte, und wenn das Fenster
+offen stand, hörte man das Spiel im ganzen Dorfe. Der
+Gemeindediener, der im bloßen Kopfe und in Pantoffeln, Akten
+unterm Arme, über die Straße humpelte, blieb stehen und lauschte.
+
+Dabei war Emma eine vorzügliche Hausfrau. Sie schickte die
+Liquidationen an die Patienten aus und zwar in höflichster
+Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie
+Sonntags irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wußte
+sie es immer einzurichten, daß etwas Besonderes auf den Tisch kam.
+Sie schichtete auf Weinblättern Pyramiden von Reineclauden auf und
+verstand, die eingezuckerten Früchte so aus ihren Büchsen zu
+stürzen, daß sie noch in der Form serviert wurden. Demnächst
+sollten auch kleine Waschschalen für den Nachtisch angeschafft
+werden. Mit alledem vermehrte sie das öffentliche Ansehen ihres
+Mannes. Schließlich fing er selbst an, mehr und mehr Respekt vor
+sich zu bekommen, weil er solch eine Frau besaß. Mit Stolz zeigte
+er zwei kleine Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich
+breite Rahmen hatte fassen lassen und in der Großen Stube an
+langen grünen Schnuren an den Wänden aufgehängt hatte. Wenn die
+Kirche zu Ende war, sah man Herrn Bovary in schöngestickten
+Hausschuhen vor der Haustüre stehen.
+
+Er kam spät heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann aß er
+noch zu Abend, und da das Dienstmädchen bereits Schlafen gegangen
+war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock auszuziehen
+und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend zählte er
+gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsüber begegnet war,
+nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und wiederholte die
+Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit sich selbst,
+verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, schabte sich
+den Käse sauber, schmauste einen Apfel und trank die Weinkaraffe
+leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und zu
+schnarchen begann. Wenn er frühmorgens aufmachte, hing ihm das
+Haar wirr über die Stirn.
+
+Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knöchelgegend zwei
+Falten hatten; in den Schäften waren sie steif und geradlinig, als
+ob ein Holzbein drinnen stäke. Er pflegte zu sagen: »Die sind hier
+auf dem Lande gut genug!«
+
+Seine Mutter bestärkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
+sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mißlichkeiten
+gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
+Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr »für ihre
+Verhältnisse ein bißchen zu großartig.« Mit Holz, Licht und
+dergleichen werde »wie in einem herrschaftlichen Hause gewüstet.«
+Und mit den Kohlen, die in der Küche verbraucht würden, könne man
+zwei Dutzend Gänge kochen! Sie ordnete ihr den Wäscheschrank und
+hielt Vorträge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen
+habe, wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren
+hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem.
+Die von beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden »Liebe
+Tochter« und »Liebe Mutter!« standen in Widerspruch zu den Mienen
+der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor
+Groll zitternder Stimme.
+
+Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in
+den Hintergrund gedrängt gefühlt, jetzt aber kam ihr Karls Liebe
+zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie ein
+Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glück ihres
+Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener
+auf den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte
+ihn durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst für ihn gesorgt
+und abgemüht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit
+leiste Emma viel weniger für ihn, und darum wäre seine
+ausschließliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt.
+
+Karl wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
+Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art über alle Maßen.
+Was die eine sagte, galt ihm für unfehlbar; gleichwohl fand er an
+der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary wieder abgereist
+war, machte er schüchterne Versuche, die oder jene ihrer
+Bemerkungen wörtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm dann mit
+wenigen Worten, daß er im Irrtum sei, und meinte, er solle sich
+lieber seinen Patienten widmen.
+
+Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
+Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
+Mondenschein zusammen im Garten saßen, sagte sie verliebte Verse
+her, soviel sie nur auswendig wußte, oder sie sang eine
+schwermütige gefühlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich selber
+nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar weder
+verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.
+
+Das waren vergebliche Versuche, eine große Leidenschaft zu
+entfachen. Im übrigen war Emma unfähig, etwas zu verstehen, was
+sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was
+nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein,
+Karls Liebe sei nicht mehr übermäßig stark. In der Tat gewannen
+seine Zärtlichkeiten eine gewisse Regelmäßigkeit. Er schloß seine
+Frau zu ganz bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine
+Gewohnheit wie alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen
+muß, weil er auf der Menükarte steht.
+
+Ein Waldwärter, den der Herr Doktor von einer Lungenentzündung
+geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junges italienisches
+Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre Spaziergänge. Mitunter ging
+sie nämlich aus, um einmal eine Weile für sich allein zu sein und
+nicht in einem fort bloß den Garten und die staubige Landstraße
+vor Augen zu haben.
+
+Sie wanderte meist bis zum Buchenwäldchen von Banneville, bis zu
+dem leeren Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo
+die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen
+gewöhnlichen Gräsern hohes Schilf mit langen scharfen Blättern.
+Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob sich seit
+ihrem letzten Hiersein etwas verändert habe. Es war immer alles
+so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf seinem
+Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln,
+die in Büscheln die großen Kieselsteine umwucherten, und die
+Moosflächen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer
+geschlossenen morschen Holzläden und rostigen Eisenbeschlägen. Nun
+schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, wie die Sprünge ihres
+Windspiels, das sich in großen Kreislinien tummelte, gelbe
+Schmetterlinge ankläffte, Feldmäusen nachstellte und die
+Mohnblumen am Raine des Kornfeldes anknabberte. Allmählich
+gerieten ihre Grübeleien in eine bestimmte Richtung. Wenn die
+junge Frau so im Grase saß und es mit der Stockspitze ihres
+Sonnenschirmes ein wenig aufwühlte, sagte sie sich immer wieder:
+»Mein Gott, warum habe ich eigentlich geheiratet?«
+
+Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht möglich gewesen wäre
+durch irgendwelche andre Fügung des Schicksals, daß sie einen
+andern Mann hätte finden können. Sie versuchte sich vorzustellen,
+was für ungeschehene Ereignisse dazu gehört hätten, wie dieses
+andre Leben geworden wäre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen
+hätte. In keinem Falle so wie Karl! Er hätte elegant, klug,
+vornehm, verführerisch aussehen müssen; so wie zweifellos die
+Männer, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet
+hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im
+Getümmel des Straßenlebens, im Stimmengewirr der Theater, im
+Lichtmeere der Bälle, da lebten sie sich aus und ließen die Herzen
+und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie verkümmerte wie in
+einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie eine schweigsame
+Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen Herzens.
+
+Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah
+sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen
+ausgehändigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weißen Kleid und ihren
+Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie zu
+ihrem Platze zurückging, hatten ihr die anwesenden Herren galant
+zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und durch
+den Wagenschlag hatte man ihr »Auf Wiedersehn!« zugerufen. Und der
+Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte im Vorübergehen
+den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurück war das alles! Ach,
+wie so weit!
+
+Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß und streichelte seinen
+schmalen feinlinigen Kopf.
+
+»Komm!« flüsterte sie. »Gib Frauchen einen Kuß! Du, du hast keinen
+Kummer!«
+
+Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmütig aussehende Gesicht des
+schlanken Tieres. Es gähnte behaglich. Aber sie bildete sich ein,
+das Tier habe auch einen Kummer. Die Rührung überkam sie, und sie
+begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu jemandem,
+den man in seiner Betrübnis trösten will.
+
+Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mächtig
+über das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande
+hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu
+Boden, fliehende Schauer raschelten durch das Blätterwerk der
+Buchen, während sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort
+laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und
+erhob sich.
+
+In der Allee, über dem teppichartigen Moos, das unter Emmas
+Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grünen
+Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der
+rote Himmel flammte hinter den braunen Stämmen, die in Reih und
+Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Säulenganges
+an einer goldnen Wand entlang erzeugten.
+
+Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich,
+auf die Landstraße und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
+Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.
+
+Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in
+ihrem Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu
+dem Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der
+Restauration Staatssekretär gewesen war, wollte von neuem eine
+politische Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in
+das Abgeordnetenhaus vor. Im Winter ließ er große Mengen Holz
+verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit dem
+höchsten Eifer für neue Straßenbauten im Bezirk ein. Während des
+letzten Hochsommers hatte er ein Geschwür im Munde bekommen, von
+dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich
+befreit hatte. Der Privatsekretär des Marquis war bald darauf nach
+Tostes gekommen, um das Honorar für die Operation zu bezahlen, und
+hatte abends nach seiner Rückkehr erzählt, daß er in dem kleinen
+Garten des Arztes herrliche Kirschen gesehen habe. Nun gediehen
+gerade die Kirschbäume in Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat
+sich von Bovary einige Ableger und hielt es daraufhin für seine
+Pflicht, sich persönlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah
+er Emma, fand ihre Figur entzückend und die Art, wie sie ihn
+empfing, durchaus nicht bäuerisch. Und so kam man im Schlosse zu
+der Ansicht, es sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht,
+wenn man das junge Ehepaar einmal einlüde.
+
+An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
+Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrücks war ein großer
+Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine
+Hutschachtel. Außerdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen
+den Beinen.
+
+Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schloßpark die Laternen
+am Einfahrtswege anzündete, kamen sie an.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Vor dem Schloß, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
+vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
+ungeheure Rasenfläche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen denen
+etliche Kühe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen hindurch,
+beschattet von allerlei Gebüsch in verschiedenem Grün,
+Rhododendren, Flieder- und Schneeballsträuchern. Unter einer
+Brücke floß ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel,
+erkannte man ein paar Häuser mit Strohdächern. Die große Wiese
+ward durch längliche kleine Hügel begrenzt, die bewaldet waren.
+Versteckt hinter diesem Gehölz lagen in zwei gleichlaufenden
+Reihen die Wirtschaftsgebäude und Wagenschuppen, die noch vom
+ehemaligen Schloßbau herrührten.
+
+Karls Wäglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
+erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und
+geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
+Geräusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
+Kirche. Dem Eingange gegenüber stieg geradeaus eine breite Treppe
+auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem Garten
+hinaus, die zum Billardzimmer führte; schon von weitem vernahm man
+das Karambolieren der elfenbeinernen Bälle. Durch das
+Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah
+Emma Herren in würdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn vergraben
+in den Krawatten, alle mit Ordensbändchen. Schweigsam lächelnd
+handhabten sie die Queues.
+
+Auf dem düsteren Holzgetäfel der Wände hingen große Bilder in
+schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine
+lautete:
+
++------------------------------------------------------+
+| Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville, |
+| Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye, |
+| gefallen in der Schlacht von Coutras |
+| am 20. Oktober 1587. |
++------------------------------------------------------+
+
+Eine andre:
+
++------------------------------------------------------+
+| Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers |
+| und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, |
+| Ritter des Sankt-Michel-Ordens, |
+| verwundet bei Saint Vaast de la Hougue |
+| am 29. Mai 1692, |
+| gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 |
++------------------------------------------------------+
+
+Die übrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht
+der Lampen auf das grüne Tuch des Billards konzentrierte und das
+Zimmer im Dunkeln ließ. Nur ein schwacher Schein hellte die
+Gemäldeflächen auf, deren sprüngiger Firnis mit diesem feinen
+Schimmer spielte. Und so traten aus allen den großen schwarzen
+goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher und
+heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort
+eine gepuderte Allongeperücke über der Schulter eines roten Rockes
+und anderswo die Schnalle eines Kniebandes über einer strammen
+Wade.
+
+Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen -- es war
+die Schloßherrin selbst -- erhob sich, ging Emma entgegen und bot
+ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und begann
+freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine alte
+Bekannte vor sich hätte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; sie
+hatte hübsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas schleppende
+Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie über ihrem
+kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig
+in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle,
+saß eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den
+Röcken, waren im Gespräche mit den Damen. Alle saßen sie um den
+Kamin herum.
+
+Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl
+da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die
+Damen, der Marquis und die Marquise an der andern im Eßzimmer. Als
+Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Düften und Gerüchen
+entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und Delikatessen. Die
+Flammen der Kandelaberkerzen liebäugelten mit dem Silberzeug, und
+in den geschliffenen Gläsern und Schalen tanzte der bunte
+Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe von
+Blumensträußen. Aus den Falten der Servietten, die in der Form von
+Bischofsmützen über den breitrandigen Tellern lagen, lugten ovale
+Brötchen. Hummern, die auf den großen Platten nicht Platz genug
+hatten, leuchteten in ihrem Rot. In durchbrochenen Körbchen waren
+riesige Früchte aufgetürmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden
+dampfend aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strümpfen,
+Kniehosen und weißer Krawatte, reichte mit Grandezza und großem
+Geschick die Schüsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben sah
+regungslos die bis zum Kinn verhüllte Göttin herab, die auf dem
+mächtigen, bronzegeschmückten Porzellanofen thronte.
+
+Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, saß, über
+seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
+Serviette nach Kinderart um den Hals geknüpft hatte. Die Sauce
+tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er
+trug noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war.
+Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von
+Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste in
+Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des
+Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der Königin
+Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von Coigny und
+der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wüstes Leben
+hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten und
+Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem der
+Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem
+Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für Gerichte zu
+essen gab.
+
+Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten
+Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz
+Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des
+Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin geschlafen!
+
+Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen
+Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. Zum erstenmal
+in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß sie Ananas. Selbst der
+gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam ihr weißer und feiner vor
+denn anderswo.
+
+Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich
+zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
+Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr Haar
+ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann schlüpfte sie
+in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet bereitlag.
+
+Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt.
+
+»Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen stören!« meinte er.
+
+»Du willst tanzen?« entgegnete ihm Emma.
+
+»Na ja!«
+
+»Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß auslachen.
+Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das viel besser
+für einen Arzt«, fügte sie hinzu.
+
+Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her
+und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über ihren Rücken
+weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre schwarzen
+Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar war nach
+den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem
+bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche Rose,
+mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr mattgelbes Kleid
+ward durch drei Sträußchen von Moosrosen mit Grün darum belebt.
+
+Karl küßte sie von hinten auf die Schulter.
+
+»Laß mich!« wehrte sie ab. »Du zerknüllst mir alles!«
+
+Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die Treppe
+hinunter, am liebsten wäre sie gerannt.
+
+Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt voller
+Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich unweit der
+Tür auf einen Diwan.
+
+Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur
+Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große
+Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die
+bemalten Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
+Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der
+Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen Handschuhen,
+an denen die Konturen der Fingernägel ihrer Trägerinnen
+hervortraten, während das eingepreßte Fleisch nur in den
+Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die
+Armbänder mit Anhängseln wogten an den Miedern, glitzerten an den
+Brüsten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen im
+Haar, das durchweg glatt und im Nacken geknotet war,
+Vergißmeinnicht, Jasmin, Granatblüten, Ähren und Kornblumen in
+Kränzen, Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten die
+Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen.
+
+Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den
+Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. Beim
+ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre
+Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit
+einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei
+besonders zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes
+Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente schwiegen,
+hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der Goldstücke auf den
+Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit einem Male wieder voll
+einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen Takte weiter; die Röcke
+der Tänzerinnen bauschten sich und streiften einander, Hände
+suchten und mieden sich, und dieselben Blicke, die eben schüchtern
+gesenkt waren, fanden ihr Ziel.
+
+Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren
+stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- und
+sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von den
+andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus
+feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet
+die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene
+weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan,
+schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch
+sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre
+Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten
+Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den älteren unter diesen
+Herren haftete Jugendlichkeit an, während den Gesichtern der
+jüngeren eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichgültigen
+Blicken spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten
+Sinne, und hinter ihren glatten Manieren schlummerte das brutale
+eitle Herrentum, das sich im Umgange mit Rassepferden und leichten
+Damen entwickelt und kräftigt.
+
+Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in
+blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame
+über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt Peter, von
+Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
+Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem
+andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend
+Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
+vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus »geschlagen«
+und durch einen »famosen Grabensprung« vierzigtausend Franken
+gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, seine »Rennschinder«
+seien »nicht im Training«, und ein dritter jammerte über einen
+Druckfehler in der »Sportwelt«, der den Namen eines seiner
+»Vollblüter« verballhornt habe.
+
+Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten
+fahler. Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf
+einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus
+Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben
+veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von
+draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das
+elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem
+Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den Apfelbäumen und
+sich selber ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den
+Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz
+der gegenwärtigen Stunde starb die eben noch so klare Erinnerung
+an ihr früheres Leben schnell wieder; es je gelebt zu haben, kam
+ihr fast unmöglich vor. Hier, hier lebte sie, und was über diesen
+Ballsaal hinaus existieren mochte, das lag für sie im tiefsten
+Dunkel ...
+
+Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten
+Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb schloß
+und den goldnen Löffel lange zwischen den Zähnen behielt. Neben
+ihr ließ eine Dame ihren Fächer zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging
+vorüber.
+
+»Sie wären sehr gütig, mein Herr,« sagte die Dame, »wenn Sie mir
+meinen Fächer aufheben wollten. Er ist unter dieses Sofa
+gefallen.«
+
+Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem Fächer
+langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas weißes, dreieckig
+Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er überreichte ihr den
+aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie dankte mit einem leichten
+Neigen des Kopfes und barg schnell ihr Gesicht in den Blumen ihres
+Straußes.
+
+Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und
+Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la Trafalgar
+und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert,
+begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer
+einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob,
+konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es
+saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer war noch
+Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger ab. Karl
+stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe.
+
+Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
+Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die Marquise
+tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht bleibenden
+Gäste da, etwa ein Dutzend Personen.
+
+Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg »Vicomte«
+nannte -- die weitausgeschnittene Weste saß ihm wie angegossen --
+Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte
+bat abermals, indem er versicherte, er würde sie sicher führen und
+es würde vortrefflich gehen.
+
+Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. Schließlich
+wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: die Lichter,
+die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob sie in der Mitte
+eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar dicht an einer der
+Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas Schleppe um das Bein ihres
+Tänzers. Sie fühlten sich beide und blickten sich einander in die
+Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber
+es ging weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin,
+bis an das Ende der Galerie, wo Emma, völlig außer Atem, beinahe
+umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte.
+Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an
+ihren Platz zurück. Es schwindelte ihr; sie mußte den Rücken
+anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken.
+
+Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte des
+Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während drei der
+Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der
+Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
+
+Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch
+einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das Kinn
+ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung,
+kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus
+gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher
+ermüdeten die Zuschauer.
+
+Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
+man sich »Gute Nacht« oder vielmehr »Guten Morgen«, und alles ging
+schlafen.
+
+Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich »die
+Beine in den Bauch gestanden.« Ohne sich zu setzen, hatte er sich
+fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen aufgehalten und
+den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem Spiel zu
+verstehen. Und so stieß er einen mächtigen Seufzer der
+Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel entledigt
+hatte.
+
+Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster und
+lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen fiel.
+Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider kühlte.
+Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma hielt sich
+gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, ehe er ganz
+wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ...
+
+Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den Fensterreihen
+des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo die
+einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend beobachtet
+hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu wissen,
+eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen.
+
+Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich und
+schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten.
+
+Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte zehn
+Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte.
+
+Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die
+angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den Schwänen
+auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der Fütterung begab man sich
+in das Gewächshaus, mit seinen seltsamen Kakteen und
+Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser führte ein
+Ausgang in den Wirtschaftshof.
+
+Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der
+Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren
+Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben
+die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen
+stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere.
+Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst
+wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des
+Raumes auf drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen,
+Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu Reihen
+an den Wänden hingen.
+
+Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. Sodann
+fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das Ehepaar Bovary
+bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und der Marquise.
+Und heim ging es nach Tostes.
+
+Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf dem
+äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit abstehenden
+Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner
+Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel tanzten auf
+der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der hinten
+angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in einem fort
+im Takte an den Wagenkasten.
+
+Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein paar
+Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma
+glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
+vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich
+vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder
+bewegten.
+
+Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die zerrissene
+Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das ganze
+Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den Beinen
+seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine Zigarrentasche
+auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf der Mitte der
+Oberseite mit einem Wappen geschmückt.
+
+»Es sind sogar zwei Zigarren drin!« sagte er. »Die kommen heute
+abend nach dem Essen dran!«
+
+»Du rauchst demnach?« fragte Emma.
+
+»Manchmal! Gelegentlich!«
+
+Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der
+Peitsche.
+
+Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig.
+Frau Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste
+Antwort.
+
+»Scheren Sie sich fort« rief Emma. »Sie machen sich über mich
+lustig. Sie sind entlassen!«
+
+Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl
+saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und meinte
+vergnügt:
+
+»Zu Hause ists doch am schönsten!«
+
+Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das arme Ding
+gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit,
+hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war
+seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in der
+ganzen Gegend.
+
+»Hast du ihr im Ernst gekündigt?« fragte er nach einer Weile.
+
+»Gewiß! Warum soll ich auch nicht?« gab Emma zur Antwort.
+
+Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, während die Große
+Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich eine der
+Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und spuckte dabei
+aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich zurück, damit ihm
+der Rauch nicht in die Nase stieg.
+
+»Das Rauchen wird dir nicht bekommen!« bemerkte Emma verächtlich.
+
+Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
+gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die
+Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.
+
+Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste!
+
+Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
+und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
+Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich alle
+diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit
+hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich
+zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft drängte?
+Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen tiefen Riß
+gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm zuweilen in
+einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. Trotzdem kam eine
+gewisse Resignation über sie. Wie eine Reliquie verwahrte sie ihr
+schönes Ballkleid in ihrem Schranke, sogar die Atlasschuhe, deren
+Sohlen vom Parkettwachs eine bräunliche Politur bekommen hatten.
+Emmas Herz ging es wie ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum
+war etwas daran haften geblieben für immerdar.
+
+An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre
+Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken auf:
+»Ach, heute vor acht Tagen war es!« -- »Heute vor vierzehn Tagen
+war es!« -- »Heute vor drei Wochen war es!« Allmählich aber
+verschwammen in ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die
+sie im Schlosse gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen
+ihr. Sie vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen
+hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre
+Sehnsucht blieb zurück.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene
+Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche
+verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar den
+Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem
+mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein
+Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf einem
+kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, in
+vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der träumerischen
+Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch von Liebe wehte
+aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine Hoffnung oder
+eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese kleinen
+Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen
+Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die
+Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als
+sie noch auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen
+und Stutzuhren aus den Zeiten der Pompadour lag?
+
+Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von
+Tostes! Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name!
+Paris! Sie flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte
+ihr Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer
+großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch
+stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen.
+
+Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße vorbeifuhren
+mit ihren Karren und die »Majorlaine« sangen, ward sie wach. Sie
+lauschte dem Rasseln der Räder, bis die Wagen aus dem Dorfe hinaus
+waren und es wieder still wurde.
+
+»Morgen sind sie in Paris!« seufzte die Einsame. Und in ihren
+Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, durch Dörfer
+und Städte, immer die große Straße hin in der lichten
+Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein verschwommenes Ziel, wo
+ihre Träume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von Paris und
+machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch die Weltstadt.
+Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder Straßenecke
+stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan eingezeichnet war. Wenn
+ihr die Augen schließlich müde wurden, schloß sie die Lider, und
+dann sah sie im Dunkeln, wie die Flammen der Laternen im Winde
+flackerten und wie die Kutschen vor dem Portal der Großen Oper
+donnernd vorfuhren.
+
+Sie abonnierte auf den »Bazar« und die »Modenwelt« und studierte
+auf das gewissenhafteste alle Berichte über die Premieren, Rennen
+und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, wenn berühmte
+Sängerinnen Gastspiele gaben oder neue Warenhäuser eröffnet
+wurden; sie kannte die neuesten Moden, die Adressen der guten
+Schneider; sie wußte, an welchen Tagen die vornehme Gesellschaft
+im Bois und in der Oper zu finden war. Aus den Moderomanen lernte
+sie, wie die Pariser Wohnungen eingerichtet waren. Sie las Balzac
+und die George Sand, um wenigstens in der Phantasie ihre
+Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte diese Bücher sogar mit
+zu den Mahlzeiten und las darin, während Karl aß und ihr erzählte.
+Und was sie auch las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an
+den Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie
+allerhand Beziehungen. Aber allmählich erweiterte sich der
+Ideenkreis, dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den
+er getragen hatte, erblich schließlich, um auf andren
+Idealgeschöpfen wieder aufzuflammen.
+
+Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, so
+stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, das
+sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf ganz
+bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in deutlichen
+Bildern sah. Neben diesen -- man könnte sagen -- Symbolen des
+mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel und Dämmerung zurück.
+
+Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte
+sich auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale Tische,
+auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu
+Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter
+heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels bildete sie
+sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche Gesichter; man steht
+früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt unglückliche Engel,
+tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; die Männer, verkannte
+Genies, kokettierend mit der Maske der Oberflächlichkeit, reiten
+aus Übermut ihre Vollblüter zuschanden, die Sommersaison
+verbringen sie in Baden-Baden, und wenn sie vierzig Jahre alt
+geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt reiche Erbinnen. Die
+dritte Welt, von der Emma träumte, war das bunte Leben und Treiben
+der Künstler, Schriftsteller und Schauspielerinnen, das sich in
+den separierten Zimmern der Restaurants abspielt, wo man nach
+Mitternacht bei Kerzenschein soupiert und sich austollt. Diese
+Menschen sind die Verschwender des Lebens, Könige in ihrer Art,
+voller Ideale und Phantastereien. Ihr Dasein verläuft hoch über
+dem Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang.
+
+Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut
+wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens standen, um
+so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was sie
+unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen
+armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam ihr wie
+ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte zufällig, und
+sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor seinen Toren, da begann
+das weite, weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der
+Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust und Luxus mit den
+Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung mit Gefühlsfeinheiten
+ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich wie die Pflanzen der Tropen,
+nicht ihres eigenen Bodens und ihrer besondren Sonne? Seufzer bei
+Mondenschein, innige Küsse, Tränen, vergossen auf hingebungsvolle
+Hände, Fleischeslust und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war
+ihr unzertrennlich von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von
+Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von
+blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden Brillanten
+und goldstrotzender Dienerschaft.
+
+Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
+Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, um die Stute
+zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch die Hausflur.
+Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie zufrieden sein.
+Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag über nicht wieder
+blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, wenn er es geritten
+hatte, selbst einzustellen. Während er Sattel und Zäumung aufhing,
+warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor.
+
+Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus verlassen
+hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in Dienst,
+eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. Sie zog
+sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte sie, ein
+Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in ein
+Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und Bügeln der
+Wäsche und ließ sich von ihr beim Ankleiden helfen. Mit einem
+Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe aus. Felicie -- so hieß
+das neue Mädchen -- gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im
+Hause. Die Hausfrau pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen.
+Felicie nahm sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte
+sie, wenn sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet
+gesprochen hatte. Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich
+oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die
+Nachbarschaft klatschen.
+
+Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge und
+einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie hätte
+schreiben können. Häufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter nahm
+sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in Träumereien
+und ließ das Buch in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie eine
+große Reise gemacht oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der
+Wunsch zu sterben und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in
+der gleichen Minute.
+
+Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. Er
+frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte Krankenbetten, ließ
+sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut spritzen, hörte dem
+Röcheln Sterbender zu, prüfte den Inhalt von Nachttöpfen und zog
+so und so oft schmutzige Hemden hoch. Abends aber fand er immer
+ein gemütliches Feuer im Kamin, einen nett gedeckten Tisch, den
+zurechtgesetzten Großvaterstuhl und eine allerliebst angezogene
+Frau. Ein Duft von Frische ging von ihr aus; wer weiß, was das
+war, ein Odeur, ihre Wäsche oder ihre Haut?
+
+Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. Sie
+erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie besetzte
+ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz
+gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm
+herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt
+hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. Einmal sah
+sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten allerlei Anhängsel
+trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein andermal war es ihr
+Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei große Vasen aus blauem
+Porzellan stehen zu haben, oder sie wollte ein Nähkästchen aus
+Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese
+eleganten Neigungen begriff, so sehr übten sie doch auch auf ihn
+eine verführerische Wirkung aus. Sie erhöhten die Freuden seiner
+Sinnlichkeit und verliehen seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es
+war, als ob Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel.
+
+Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand
+längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht stolz
+war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus und
+flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen ein. Er war
+Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In Wirklichkeit rührten
+seine Erfolge daher, daß er Angst hatte, die Leute zu Tode zu
+kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur beruhigende Arzneien
+verschrieb und ihnen hin und wieder ein Abführmittel, ein Fußbad
+oder einen Blutegel verordnete. In der Chirurgie war er allerdings
+ein Stümper. Er schnitt drauflos wie ein Fleischermeister, und
+Zähne zog er wie der Satan.
+
+Um sich in seinem Handwerk »auf dem laufenden zu halten«, war er
+auf die »Medizinische Wochenschrift« abonniert, von der ihm einmal
+ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der Hauptmahlzeit nahm er
+sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme Zimmerluft und die
+Verdauungsmüdigkeit brachten ihn regelmäßig nach fünf Minuten zum
+Einschlafen. Das Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar
+fiel wie eine Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe zu.
+Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur
+wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen
+wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit sechzig Jahren,
+wenn sich das Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in das
+Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen Rockes gehängt
+bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, hätte
+Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in
+ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt
+aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam konsultiert worden war,
+hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im Beisein der Verwandten
+blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte erzählte, war Emma
+maßlos empört über den Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn.
+Die Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor Scham
+ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am liebsten
+verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den Gang hinaus,
+öffnete das Fenster und sog die kühle Nachtluft ein.
+
+»Ach, was habe ich für einen erbärmlichen Mann!« klagte sie leise
+vor sich hin und biß sich auf die Lippen.
+
+Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm er
+allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
+zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen
+leckte er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
+löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
+beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen drohten
+allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu verschwinden.
+
+Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes
+wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder
+beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch
+länger angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er
+wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus nervöser
+Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. Mitunter erzählte
+sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus einem Roman oder
+aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus dem Leben der oberen
+Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte.
+Schließlich war Karl wenigstens ein aufmerksamer und geneigter
+Zuhörer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, das
+Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren
+Vertrauten machen!
+
+Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des
+großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
+verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und
+spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. Dabei
+hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige
+Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach
+welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde,
+welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches
+Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er
+fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten beladen bis
+hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte,
+rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich ereignen. Bei
+jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann
+betroffen, daß es immer noch nicht kam, das große Erlebnis. Wenn
+die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von
+neuem auf den nächsten Tag.
+
+Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer wurden
+und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an Beklemmungen.
+Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte sie sich an den
+Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober seien.
+Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder einen Ball.
+Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein Brief oder ein
+Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser Enttäuschung war ihr Herz
+wieder leer, und das ewige Einerlei ihres Lebens hub von neuem an.
+
+Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
+Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern,
+sollten kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach
+auch das Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die
+Möglichkeit eines außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer
+zieht häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und
+verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb alles
+beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie ein
+langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war fest
+verriegelt.
+
+Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer hörte ihr
+denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in einem
+Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem Konzertflügel vor
+einer großen Zuhörerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger über
+die Elfenbeintasten hinstürmen zu lassen und das Murmeln der
+Verzückung um sich zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu
+also das mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr
+Zeichengerät und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles?
+Wem zuliebe? Auch das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das
+Lesen ließ sie. »Es ist immer wieder dasselbe!« sagte sie sich.
+
+Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins
+oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel.
+
+Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur
+Vesper läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen
+Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die Dächer, gemächlich
+und langsam, und wo ein bißchen Sonne war, machte sie einen
+Buckel. Auf der Landstraße blies der Wind Staubwirbel auf. In der
+Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem fort, in
+gleichen Zeiträumen, der monotone Glockenklang, der über den
+Feldern verhallte.
+
+Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in
+Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her
+laufenden Kinder in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf
+bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des
+Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde.
+
+Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben
+mit Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch
+mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag
+über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die Lampen brennen.
+
+An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
+hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen
+glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel
+sang. Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh
+umwickelt, und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste
+Schlangen. Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte
+den rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen,
+und graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht.
+
+Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß
+die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der Wärme des
+Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete schwerer auf
+ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem Dienstmädchen zu
+plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
+
+Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der
+Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die
+Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
+mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die
+Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem Dorfteiche
+vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die Türklingel
+irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, hörte man die
+Messingbecken, die als Aushängeschilder vor dem Barbiergeschäfte
+hingen, an ihre Stange klirren. Das Schaufenster schmückten ein
+altes auf Pappe ausgeklebtes Modenkupfer und eine weibliche
+Wachsbüste mit einer gelben Perücke. Der Friseur pflegte über
+seinen brotlosen Beruf und seine jammervolle Zukunft zu
+lamentieren; sein höchster Traum war ein Laden in einer großen
+Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch
+wanderte er den ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der
+Kirche hin und her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary
+durch ihr Fenster blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen
+Rock, die Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin
+und her patrouillieren.
+
+Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers ein
+sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen Schnurrbarte und
+einem trägen Lächeln um den Mund, in dem die Zähne leuchteten.
+Alsbald begann eine Walzermelodie aus einem Leierkasten, auf
+dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut war mit daumenhohen
+Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, Tiroler in
+Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in Kniehosen; alle
+tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen und Tischen, wobei
+sie sich in Spiegelstücken vervielfältigten, die mit Goldpapier
+aneinandergereiht waren. Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und
+spähte dabei nach rechts und links nach allen Fenstern. Hin und
+wieder spie er einen langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen
+die Prellsteine oder stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe,
+dessen Gurt ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald
+schwermütig und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die
+Musik hinter dem roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft
+ausgestanzten Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es
+waren Melodien, die gerade Mode waren und die man überall hörte,
+in den Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt,
+die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im
+Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen.
+Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre
+Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu
+Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden Gaben
+in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen Kasten mit
+einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den Rücken und verließ das
+Dorf schweren Schrittes. Emma schaute ihm lange nach.
+
+Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer unten im
+Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, die Wände waren
+feucht und der Fußboden kalt. Die ganze Bitternis ihres Daseins
+schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und aus dem Dampf des
+ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der Brodem ihres
+ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl aß und aß,
+während sie ein paar Nüsse knackte oder, auf die Ellenbogen
+gestützt, sich damit vergnügte, mit der Messerspitze allerlei
+Linien in das Wachstuch zu kritzeln.
+
+In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre
+Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach
+Tostes kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in
+ihrem Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr
+tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne
+Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man
+müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, fügte aber
+hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus glücklich, und in
+Tostes gefalle es ihr über alle Maßen. Mit solch wunderlichen
+Reden beschwichtigte sie die alte Frau Bovary. Im übrigen zeigte
+sie sich für die guten Lehren der Schwiegermutter nicht
+empfänglicher denn früher. Als diese gelegentlich die Bemerkung
+machte, die Herrschaft sei für die Gottesfurcht der Dienstboten
+verantwortlich, ward Emmas Antwort von einem so zornigen Blick und
+einem so eiskalten Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht
+wieder zu nahe kam.
+
+Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich besondre
+Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; an dem
+einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein Dutzend
+Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und bald
+war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle
+Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie
+das Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten
+Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft ausgehen.
+Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen Leuten alles
+Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie eigentlich gar
+nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle Menschen, die
+auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang etwas von der
+Härte der väterlichen Hände in ihrem Herzen behalten.
+
+Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an
+seine Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei
+Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis war,
+leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem
+Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten,
+Kälbern, Kühen, Hühnern und von den Gemeinderatssitzungen. Wenn er
+wieder hinausgegangen war, schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl
+der Befriedigung ab, das ihr selber sonderbar vorkam.
+
+Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan
+immer weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten
+Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut hielten, und
+billigte Dinge, die für unnatürlich oder unmoralisch erklärt
+wurden. Karl machte mitunter verwunderte Augen dazu.
+
+Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer
+wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch
+ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In
+Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs
+waren als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie
+verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und drückte ihr
+Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht nach dem Tumult
+der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und frechen Freuden und
+allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und die es doch gab.
+
+Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete
+ihr Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch
+reizsamer.
+
+An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine Fieberkranke.
+Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher Umschlag in einen
+Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne sich
+zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein Belebungsmittel: das
+Übergießen mit Kölnischem Wasser.
+
+Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete sich
+Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen örtlichen
+Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich daran zu denken,
+sich in einer andren Gegend niederzulassen.
+
+Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager
+werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor
+jegliche Eßlust.
+
+Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt,
+nach vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es
+mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen
+Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden;
+Luftveränderung wäre vonnöten.
+
+Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in
+Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem größeren
+Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige Arzt, ein
+polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht das Weite gesucht
+hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte sich,
+wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die nächsten Kollegen
+entfernt säßen und wie hoch die Jahreseinnahme des Verschwundenen
+gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend aus, und infolgedessen
+entschloß sich Bovary, zu Beginn des kommenden Frühjahres nach
+Abtei Yonville überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht
+gebessert habe.
+
+Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem
+Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der
+Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren grau vor
+Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war ausgefranst.
+Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf wie trocknes
+Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger Busch über der
+Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah
+Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, die Drähte
+krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die verkohlte
+Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im Kamine hin
+und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den Rauchfang
+hinaufflogen ...
+
+Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer guten
+Hoffnung entgegen.
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
+von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
+Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der
+Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im Tale
+der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe seiner
+Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, nach
+denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
+Belustigung angeln.
+
+Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf der
+Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland offen vor
+sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei deutlich
+unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts ist alles
+bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften der Landschaft
+Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen Hügelkette begrenzt,
+während die Ebene gegen Osten allmählich ansteigt und sich im
+Unermeßlichen verliert. So weit das Auge reicht, schweift es über
+meilenweite Kornfelder. Das Gewässer sondert wie mit einem langen
+weißen Strich das Grün der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so
+liegt das ganze Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber
+Mantel mit einem grünen silberngesäumten Samtkragen.
+
+Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil
+und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen,
+senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die Wege,
+die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen auf dem
+Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen Quellen drinnen
+im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten hinab ins Land
+schicken.
+
+Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
+Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich
+behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner noch in
+seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. Von hier
+kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen Bezirks von
+Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung dieser Gegend
+kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel Dünger
+verlangt.
+
+Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach Yonville.
+Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter »Hauptvizinalweg«
+angelegt, der die beiden großen Heeresstraßen von Abbeville und
+von Amiens untereinander verbindet und bisweilen von den
+Fuhrleuten benutzt wird, die von Rouen nach Flandern fahren. Aber
+trotz dieser »neuen Verbindungen« gelangte Yonville zu keiner
+rechten Entwicklung. Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu
+legen, blieb man hartnäckig immer noch bei der
+Weidebewirtschaftung, so kargen Gewinn sie auch brachte; und die
+träge Bewohnerschaft baut sich auch noch heute lieber nach dem
+Berge statt nach der Ebene zu an. Schon von weitem sieht man den
+Ort am Ufer lang hingestreckt liegen, wie einen Kuhhirten, der
+sich faulenzend am Bache hingeworfen hat.
+
+Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln
+besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften
+des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
+Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte
+Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, dazwischen
+buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und andres Gerät
+hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie bis an die Augen ins
+Gesicht hereingezogene Pelzmützen aus; sie verdecken ein Drittel
+der niedrigen Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres
+Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten
+Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben
+drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf den
+Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
+
+Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher
+aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser
+hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein
+Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
+drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. Weiterhin
+leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein weißes
+Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem Amor in der
+Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die Freitreppe
+flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild mit Wappen glänzt
+am Tore. Es ist das Haus des Notars, das schönste der ganzen
+Gegend.
+
+Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt
+der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
+herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, liegt
+Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu ein
+Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes Gras grüne
+Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein Neubau aus der
+letzten Zeit der Regierung Karls des Zehnten. Das hölzerne Dach
+beginnt bereits morsch zu werden. Auf dem blauen Anstrich der
+Decke über dem Schiff zeigen sich stellenweise schwarze Flecken.
+Über dem Eingang befindet sich da, wo gewöhnlich sonst in der
+Kirche die Orgel ist, eine Empore für die Männer, zu der eine
+Wendeltreppe hinaufführt, die laut dröhnt, wenn man sie betritt.
+
+Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die farblosen
+Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von Längswand zu
+Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind Strohmatten
+befestigt, und Namensschilder verkünden weithin sichtbar: »Platz
+des Herrn Soundso.« Wo sich das Schiff verengert, steht der
+Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild der Madonna, die ein
+Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter silbernen Sternen
+besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so knallrot angemalt wie die
+eines Götzenbildes auf den Sandwichinseln. Im Chor über dem
+Hochaltar schimmert hinter vier hohen Leuchtern die Kopie einer
+Heiligen Familie von Pietro Perugino, eine Stiftung der Regierung.
+Die Chorstühle aus Fichtenholz sind ohne Anstrich.
+
+Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen »die Hallen«
+ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. Das Rathaus,
+nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten in antikem Stil
+erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des Platzes neben der
+Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine dorische Säulenhalle, der erste
+Stock eine offene Galerie, und darüber im Giebelfelde haust ein
+gallischer Hahn, der mit der einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt
+und in der andern die Wage der Gerechtigkeit hält.
+
+Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die Apotheke des
+Herrn Homais, schräg gegenüber vom »Gasthof zum goldnen Löwen«.
+Zumal am Abend, wenn die große Lampe im Laden brennt und ihr
+helles, durch die bunten Flüssigkeiten in den dickbauchigen
+Flaschen, die das Schaufenster schmücken sollen, rot und grün
+gefärbtes Licht weit hinaus über das Straßenpflaster fällt, dann
+sieht man den Schattenriß des über sein Pult gebeugten Apothekers
+wie in bengalischer Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis
+unten mit Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen
+Schriftarten ausschreien: »Mineralwasser von Vichy«,
+»Sauerbrunnen«, »Selterswasser«, »Kamillentee«, »Kräuterlikör«,
+»Kraftmehl«, »Hustenpastillen«, »Zahnpulver«, »Mundwasser«,
+»Bandagen«, »Badesalz«, »Gesundheitsschokolade« usw. usw. Auf der
+Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in mächtigen
+goldnen Buchstaben: »Homais, Apotheker«. Drinnen, hinter den
+hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest man über
+einer Glastüre das Wort »Laboratorium« und auf der Tür selbst noch
+einmal in goldnen Lettern auf schwarzem Grunde den Namen »Homais«.
+
+Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die
+Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und hat
+zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung ist der
+Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und dem Hange
+folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
+
+Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer
+niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
+vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
+unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach
+dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch
+Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen der
+Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das unbenutzte
+Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber von Jahr zu
+Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es brauchte bloß
+wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte er nicht, ob er
+sich über die vielen Toten freuen oder über ihre neuen Gräber
+ärgern solle.
+
+»Lestiboudois, Sie leben von den Toten!« sagte eines Tages der
+Pfarrer zu ihm.
+
+Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine
+Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis
+auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er
+versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber.
+
+Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in
+Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf der
+Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch immer
+flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei Kattunwimpel im
+Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der Apotheke häßliche
+Präparate in Glasbüchsen voll trübgewordnem Alkohol, und ganz wie
+einst zeigt der alte, von Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe
+über dem Tore des Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne.
+
+An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen sollte,
+war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig beschäftigt, daß
+ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der Schweiß von der Stirne
+perlte. Am folgenden Tag war nämlich Markttag im Städtchen. Da
+mußte Fleisch zurechtgehackt, Geflügel ausgenommen, Bouillon
+gekocht und Kaffee gebrannt werden. Daneben die regelmäßigen
+Tischteilnehmer und heute obendrein der neue Doktor nebst Frau
+Gemahlin und Dienstmädchen! Am Billard lachten Gäste, und in der
+kleinen Gaststube riefen drei Müllerburschen nach Schnaps. Im
+Herde prasselte und schmorte es, und auf dem langen Küchentische
+paradierten neben einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die
+nach dem Takte des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat
+zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker der
+Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
+Köpfe abschneiden wollte.
+
+Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an seinem
+schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des Gastzimmers den
+Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar Blatternarben. Sein ganzes
+Wesen strahlte förmlich von Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte
+er genau so gleichmütig dahin wie der Stieglitz, der oben an der
+Decke in seinem Weidenbauer herumhüpfte. Dieser Herr war der
+Apotheker.
+
+»Artemisia!« rief die Wirtin. »Leg noch ein bißchen Reisig ins
+Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps hinein! Und
+mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich den Herrschaften,
+die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen soll? Heiliger
+Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft hören mit ihrem
+Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und der Möbelwagen
+steht draußen immer noch mitten auf der Straße, gerade vor der
+Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine Karambolage geben.
+Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen beiseiteschieben ... Was
+ich sagen wollte, Herr Apotheker, diese Leute spielen schon den
+ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei der fünfzehnten Partie und
+beim achten Schoppen Apfelwein! Man wird mir noch ein Loch ins
+Tuch stoßen!«
+
+Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins
+Gastzimmer gelaufen.
+
+»Das wär auch weiter kein Malheur!« meinte Homais. »Dann schaffen
+Sie gleich ein neues Billard an!«
+
+»Ein neues Billard!« jammerte die Witwe.
+
+»Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr viel!
+Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr eigner Schaden!
+Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen passionierte Spieler
+große Bälle und schwere Queues. Mit solchen Bällchen spielt man
+nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! Man muß modern sein! Sehen Sie
+sich mal bei Tellier im Café Français ...«
+
+Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort:
+
+»Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist handlicher als
+Ihrs. Und wenn es heißt, eine patriotische Poule zu entrieren,
+sagen wir: zum Besten der vertriebenen Polen oder für die
+Überschwemmten von Lyon ...«
+
+»Ach was!« unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. »Vor dem
+Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen Sies nur
+gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe bestehen wird,
+sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber Ihr geliebtes
+Café Français, das wird eines schönen Tages die Bude zumachen!
+Oder vielmehr der Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres
+Billard anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und
+wenn Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten!
+Nee, nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
+Hivert!«
+
+»Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die Post
+gekommen ist?« fragte Homais ungeduldig.
+
+»Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag sechs,
+einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit gibts auf der
+ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit urdenklichen Zeiten seinen
+Stammplatz in der kleinen Stube. Er ließe sich eher totschlagen,
+als daß er wo anders äße. Was Schlechtes darf man dem nicht
+vorsetzen. Und auf den Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er
+ist nicht wie Herr Leo, der heute um sieben und morgen um halb
+acht erscheint und alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein
+feiner junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm
+gehört.«
+
+»Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
+Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und
+jetzigen Steuereinnehmer!«
+
+Es schlug sechs. Binet trat ein.
+
+Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
+Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte
+ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem
+langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug eine Weste
+aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen und tadellos
+blankgewichste Schuhe, die vorn besonders ausgearbeitet waren,
+weil er dauernd an geschwollenen Zehen litt. Sein blonder
+Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte ihm das lange
+bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der Adlernase wie eine
+Hecke den Garten. Er war ein Meister in jeglichem Kartenspiel und
+ein guter Jäger, hatte eine hübsche Handschrift und besaß zu Hause
+eine Drehbank, auf der er zu seinem Vergnügen Serviettenringe
+drechselte. Er hatte ihrer schon eine Unmenge, die er mit der
+Eifersucht eines Künstlers und dem Geiz des Spießers hütete.
+
+Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber die
+drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während man drin
+für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm in der Nähe
+des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte die Türe ein und
+nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so seine Ordnung.
+
+»An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!« bemerkte
+der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein war.
+
+»Er redet nie viel,« entgegnete diese. »Vergangene Woche waren
+zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend
+Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen.
+Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
+verzogen.«
+
+»Ja, ja,« sagte der Apotheker, »der Mensch hat keine Phantasie,
+keinen Witz, keinen geselligen Sinn!«
+
+»Er soll aber wohlhabend sein,« warf die Wirtin ein.
+
+»Wohlhabend?« echote Homais. »Der und wohlhabend!« Und gelassen
+fügte er hinzu: »Gott ja, so für seine Verhältnisse. Das ist schon
+möglich!«
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: »Hm! Wenn ein Kaufmann, der
+ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein Arzt, ein
+Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum Griesgram
+oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor gibt es Beispiele
+und Exempel. Solche Leute haben immerhin Gedanken im Kopfe. Wie
+oft ists mir nicht selber passiert, daß ich meinen Federhalter auf
+meinem Schreibtische gesucht habe, um ein Schildchen auszufüllen
+oder so was, -- und weiß der Kuckuck, schließlich hatte ich ihn
+hinterm rechten Ohre stecken!«
+
+Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob die
+Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da trat
+ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das Dämmerlicht
+beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß seine herkulischen
+Linien.
+
+»Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?« fragte die Wirtin und
+nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren weißen
+Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. »Haben Ehrwürden
+einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen Schoppen Wein?«
+
+Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines
+Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte stehen
+lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn gelegentlich
+holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er sich, um
+nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria geläutet ward.
+
+Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, machte
+der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben sehr
+ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung abzuschlagen,
+sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche Heuchelei. Die
+Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am liebsten möchten sie
+den Zehnten wieder einführen.
+
+Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
+
+»Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
+zugleich auf!« meinte sie. »Voriges Jahr hat er unsern Leuten beim
+Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf einmal
+getragen. So stark ist er!«
+
+»Natürlich!« rief Homais aus. »Schickt nur Eure Mädels solchen
+Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate was zu sagen hätte,
+dann kriegte jeder Pfaffe aller vier Wochen einen Blutegel
+angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier Wochen einen
+ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und Sittlichkeit im
+Lande!«
+
+»Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!«
+
+Homais erwiderte:
+
+»Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert als
+die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. Ich
+verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine höhere
+Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht in Frage.
+Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre Pflichten als
+Staatsbürger und Familienväter erfüllen. Aber ich habe kein
+Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, silbernes Gerät zu küssen und
+eine Bande von Possenreißern aus meiner Tasche zu mästen, die sich
+besser hegen und pflegen als ich mich selber. Gott kann man viel
+schöner verehren im Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach
+antiker Anschauung angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott
+ist der Gott der Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus
+Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die unsterblichen
+Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den sogenannten
+lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der Hand gemütlich
+durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in einem
+Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
+dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an und
+für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! Es
+beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der schmachvollen
+Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen möchten, mir
+Wollust selber herumsielen.«
+
+Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich ins
+Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem Gemeinderat. Die
+Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. Sie lauschte draußen
+und vernahm ein fernes rollendes Geräusch. Bald hörte sie deutlich
+das Rasseln der Räder und das Klappern eines lockeren Eisens auf
+dem Pflaster. Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre.
+
+Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die bis an
+das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem Reisenden jegliche
+Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. Die winzigen Scheiben in
+den Wagenfenstern klirrten in ihrem Rahmen. Wenn man sie
+heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und Straßenschmutz starrten.
+Der stärkste Platzregen hätte sie nicht rein gewaschen. Das
+Fahrzeug war mit drei Pferden bespannt: zwei Stangen- und einem
+Vorderpferde.
+
+Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles
+redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
+wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine
+Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er
+zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei Aufträge
+für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er machte Einkäufe,
+brachte dem Schuster Leder und dem Schmied altes Eisen mit; er
+besorgte der Posthalterin eine Tonne Heringe, holte von der
+Modistin Hauben und vom Friseur Lockenwickel. Auf dem Rückwege
+verteilte er dann die Pakete längs seiner Fahrstraße. Wenn er am
+Gehöft eines Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle
+und warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er sich
+von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke ohne
+Zügel laufen ließ.
+
+Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys Windspiel
+querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff man nach
+ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller
+Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich
+aber mußte weitergefahren werden.
+
+Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück
+schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post
+fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten
+von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen
+Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
+anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von
+Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben sollte.
+Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen gelaufen und
+hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein eigner Vater
+hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf Jahre weg. Eines
+Abends, als der alte Lheureux durch die Stadt nach dem Gasthaus
+ging, sprang der Hund an ihm hoch.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
+eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
+beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
+
+Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der »gnädigen Frau«
+und dem »Herrn Doktor« gegenüber in Galanterien und Höflichkeiten.
+Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben,
+ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in herzlichem Tone fügte er
+hinzu, er lüde sich für heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei
+Strohwitwer.
+
+Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den
+Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu
+den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit schwarzledernen
+Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in der die Hammelkeule
+am Spieß gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt
+und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre
+poröse weiße Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von
+Zeit zu Zeit schlössen. Der Luftzug strich durch die halboffene
+Tür und rötete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am
+Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem
+Haar, der sie stumm betrachtete.
+
+Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der
+Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich gehörig in
+Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters absichtlich zu spät,
+in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause
+verplaudern zu können. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar
+nichts zu tun hatte, mußte er aus Langeweile wohl oder übel
+pünktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Käse Binets
+Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht,
+heute mit den neuen Gästen zusammen zu essen; er war mit Vergnügen
+darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal für vier
+Personen gedeckt worden.
+
+Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
+Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht.
+
+Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten.
+
+»Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?« begann er. »In
+unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerüttelt.«
+
+»Freilich!« gab Emma zur Antwort. »Aber dieses Drüber und Drunter
+macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.«
+
+»Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!« seufzte
+der Adjunkt.
+
+»Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen müßten ...«,
+warf Karl ein.
+
+Leo wandte sich an Emma:
+
+»Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein guter
+Reiter sein.«
+
+»Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend
+ziemlich bequem«, meinte der Apotheker. »Die Wege sind nämlich
+soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im
+allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
+wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
+abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und
+Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl Fälle
+von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten schwere
+Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die zahlreichen
+skrofulösen Leiden, die zweifellos von den kläglichen hygienischen
+Verhältnissen in den Bauernhäusern herrühren. Ja, ja, Herr Bovary,
+Sie werden öfters mit altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und
+vielfach werden Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle
+Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute
+hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit
+Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt daß sie von
+vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im übrigen ist
+das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche
+Neunzigjährige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die
+Maximalkälte im Winter 4° Celsius, während wir im Hochsommer auf
+25°, höchstens 30° kommen. Das wäre ein Maximum von 24° Reaumur.
+Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor
+den Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den
+Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese
+Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses
+und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten
+hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also
+Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff
+und Sauerstoff!), -- diese Wärme, die den Humus aussaugt und alle
+Dünste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke
+zusammenballt und sich mit der Elektrizität der Atmosphäre
+verbindet, die könnte schließlich (wie in den Tropenländern)
+gesundheitsschädliche Miasmen erzeugen --, diese Wärme, sag ich,
+wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen
+könnte, das heißt im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die
+ihre Kühle über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich
+als sanftes Mailüfterl wehen ...«
+
+»Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?«
+fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches mit dem jungen Manne.
+
+»Leider nur sehr wenige«, entgegnete er. »Einen hübschen Ort gibt
+es auf der Höhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort
+sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh
+mir den Sonnenuntergang an.«
+
+»Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,« schwärmte
+Emma, »zumal am Gestade des Meeres!«
+
+»Ach, ich bete das Meer an!« stimmte Leo bei.
+
+»Haben Sie nicht auch die Empfindung,« fuhr Frau Bovary fort, »daß
+die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt,
+die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben,
+in die Sphäre der Ideen, der Ideale?«
+
+»Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso«, meinte Leo. »Ich habe
+einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht
+hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, könne man sich
+den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber
+der Wasserfälle und den großartigen Eindruck der Gletscher. Über
+Gießbächen hängen riesige Fichten, und am Rande von tiefen
+Abgründen kleben Alpenhütten; und wenn die Wolken einmal
+zerreißen, erblickt man tausend Fuß unten in der Tiefe die langen
+Täler. Wer das schaut, muß in Begeisterung geraten, in
+Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen
+berühmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften
+arbeiten konnte.«
+
+»Treiben Sie Musik?« fragte Emma.
+
+»Nein, aber ich liebe die Musik!« antwortete er.
+
+»Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!« mischte sich Homais ein.
+»Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewiß, mein
+Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das
+Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem
+Laboratorium aus gehört. Sie haben eine Stimme wie ein
+Opernsänger!«
+
+Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im zweiten
+Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem
+Komplimente seines Hauswirtes wurde er über und über rot.
+
+Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
+bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er wußte
+tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das Vermögen des
+Notars könne er nichts Genaues sagen. Auch über die Familie
+Tüvache munkele man so allerlei.
+
+Emma fuhr fort:
+
+»Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?«
+
+»Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...«
+
+»Kennen Sie die Italiener?«
+
+»Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich habe die
+Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu
+vollenden.«
+
+»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,«
+sagte wiederum der Apotheker, »als ich ihm von dem armen
+Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den
+Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der
+komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre
+Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das Vorhandensein einer
+Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch
+unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle
+denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein großes Eßzimmer, eine
+Küche mit Speisekammer, eine Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr
+Vorgänger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht
+ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen,
+da hat er sich ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an
+Sommerabenden sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die
+Blumenzucht liebt ...«
+
+»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl.
+»Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie
+lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.«
+
+»Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als
+abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen,
+während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?«
+
+»So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen
+schwarzen Augen voll an.
+
+Er fuhr fort:
+
+»Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man
+sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man
+wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden
+Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich
+in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der
+Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigne
+Herz in ihnen.«
+
+»Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus.
+
+»Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
+bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
+längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit
+einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem,
+als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...«
+
+»Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie.
+
+»Und darum«, fuhr er fort, »liebe ich die Dichter über alles. Ich
+finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren so schön zu
+Tränen!«
+
+»Aber sie ermüden auf die Dauer,« wandte Emma ein, »und daher
+ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und
+aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
+Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.«
+
+»Gewiß,« bemerkte der Adjunkt, »die naturalistischen Romane haben
+dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner
+Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so süß, sich
+aus den Häßlichkeiten des Daseins herauszuzüchten, wenigstens in
+Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu
+glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen
+Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville
+wenig Gelegenheit ...«
+
+»Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich
+ständig in einer Leihbibliothek abonniert.«
+
+Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau
+mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu
+benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten
+Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein
+paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von
+Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges,
+Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.«
+
+Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne
+Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen
+saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln
+hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer
+wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend
+von selber zuklappte.
+
+Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte,
+einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem
+Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen
+und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie
+mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder
+entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich
+Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen
+Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen
+andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu
+bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze,
+die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte,
+und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in
+ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war.
+
+Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen
+Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die
+kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen
+Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben.
+Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau
+Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem
+Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch
+hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran.
+
+Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem
+Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war
+hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur
+fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich
+alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander.
+
+Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die
+Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte
+Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
+Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
+fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen
+Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
+Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden
+Dämpfe.
+
+Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen,
+Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer
+hatten alles so stehen und liegen lassen.
+
+Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das
+erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das
+zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß
+Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein
+neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß
+sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen
+könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so
+müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
+Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
+zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
+schloß das Fenster.
+
+Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es
+sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand
+er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische
+saß.
+
+Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis
+dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame«
+geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche
+Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem
+unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine
+gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei
+zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er
+hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich
+in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen
+Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er
+aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen
+Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten
+spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und
+Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war;
+öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem
+Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und
+dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch
+besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens
+Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von
+diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art
+»Mann für alles« geworden war.
+
+Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary
+die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen
+Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an
+der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen
+geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und
+billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den
+Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und
+Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von
+Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs
+Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde.
+
+Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem
+Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich
+früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI
+verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der
+sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines
+Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor
+den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte
+ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf
+dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer
+Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem
+Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es
+war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser.
+Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren.
+Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die
+Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier
+Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem
+Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine
+bringen.
+
+Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und
+Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche
+Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war
+und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
+ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
+durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
+ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
+falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden.
+Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ
+er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein
+wenig mit ihm zu schwatzen.
+
+Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang
+saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er
+machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau
+beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen,
+verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die
+Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die
+Anstreicher dagelassen hatten.
+
+Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes
+eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im
+Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug.
+Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren
+daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war
+vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
+tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in
+tausend Stücke zerschellt war.
+
+Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
+Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so
+liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande
+von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen
+Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen
+Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer
+miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem
+Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
+seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte
+ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer
+herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend
+zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der
+Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte
+ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was
+Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt
+sein.
+
+In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann
+kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
+wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als
+sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen
+und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine
+plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung
+selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in
+Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden
+dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich
+stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe
+von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei
+allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch
+Emma mehr daran zu denken.
+
+Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
+sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem
+männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
+Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein
+nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier
+Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf
+gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten
+Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten.
+Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den
+Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
+den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt
+es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen
+möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht
+losläßt.
+
+An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als
+die Sonne aufging.
+
+»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl.
+
+Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich
+auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu
+umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige
+Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue
+Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
+
+Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind
+bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch
+klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
+gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte
+den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber
+davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch
+und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
+
+»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber
+gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen
+Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die
+Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau
+Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für
+Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke
+erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen
+Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
+Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia
+(zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine
+philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der
+Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den
+Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu
+scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
+
+Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört
+hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise«
+angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die
+Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde
+Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk
+allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs
+Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade
+und sechs Päckchen Malzbonbons.
+
+Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
+erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein
+patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole
+vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze
+aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand
+darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine
+»Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß.
+Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen
+Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches
+Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen
+baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich
+ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen.
+Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten
+Kaffeetasse.
+
+Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
+verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit
+Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf
+dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker
+Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen
+Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was
+selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine
+Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an
+Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß.
+
+Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in
+der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg,
+von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten,
+die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte
+Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte
+er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!«
+
+Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück
+ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen
+unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben,
+und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch
+schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen.
+
+Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in
+die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht,
+das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den
+Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes,
+zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag.
+
+Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen.
+Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren
+Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte.
+Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen
+weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo
+eintreten und sich ausruhen sollte.
+
+In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine
+Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und
+stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem
+Lheureuxschen Modewarenladen.
+
+Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
+aber müde zu werden beginne.
+
+»Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
+
+»Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des
+Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend
+desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die
+Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens,
+Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
+
+Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der
+Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen,
+der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der
+Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den
+Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden
+Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken
+in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der
+kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre
+Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte.
+
+Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich
+auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor
+ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit
+ganz leisem Summen.
+
+Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es
+umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache.
+Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine
+Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat,
+Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An
+der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen
+rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch
+verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote
+baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke
+flatterte ein großes Stück Leinwand.
+
+Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind
+an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich
+aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines
+Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in
+Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten.
+
+»Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft
+drinnen.«
+
+In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein
+großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der
+Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In
+der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit
+blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder
+herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein
+Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen
+Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine
+»trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik,
+das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
+
+Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie
+nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann
+es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang.
+
+Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen
+Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
+vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
+sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind
+wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am
+Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke
+abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon.
+
+»Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe
+weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie
+doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß
+ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche
+brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann
+nicht immer zu stören.«
+
+»Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!«
+
+Beim Hinausgehen schüttelte sie sich.
+
+Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie
+in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so
+häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen,
+daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen
+gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch
+trinke, reiche ich damit vier Wochen.«
+
+Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich
+hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
+mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie
+das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte
+sich um. Es war die Amme.
+
+»Was wollen Sie noch?«
+
+Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von
+ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs
+Franken Pension im Jahre ...«
+
+»Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall.
+
+»Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen
+jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird
+böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie
+wissen, wie die Männer sind ...«
+
+»Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
+Sie langweilen mich.«
+
+»Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die
+schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
+Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...«
+
+»Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma.
+
+»Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte,
+»wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals
+einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...«
+
+Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus:
+
+»Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer
+Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...«
+
+Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie
+Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde
+sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war,
+glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen
+Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes
+wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand
+fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst
+trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten;
+er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
+aufbewahrte.
+
+Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in
+der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man
+drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von
+den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß
+lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser
+neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung
+treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und
+wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen
+und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen
+Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die
+Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen
+Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so
+verlassen ...
+
+Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die
+junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang
+ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie
+redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.
+
+Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
+nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die
+Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen
+Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres
+Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab.
+Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder
+Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick
+in den Spitzen hängen.
+
+Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst
+im Rouener Theater gastieren sollte.
+
+»Werden Sie hinfahren?« fragte Emma.
+
+»Wenn ich kann, ja!«
+
+Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen
+sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so
+banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im
+Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
+Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem
+oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen
+Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
+Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
+Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit
+über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch
+herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne
+den Horizont nach dem Woher zu fragen.
+
+An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen
+und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die
+Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma
+eine Weile stehen, um zu erspähen, wohin sie den nächsten Schritt
+zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen
+hoch und beugte sich vornüber. Aber bei aller Hilflosigkeit und
+Angst, in den Tümpel zu treten, lachte sie doch.
+
+Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte
+auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
+seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in
+einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich
+ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von
+Argueil ein Stück hinauf, nach dem »Futterplatz« am Waldrande.
+Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das
+Himmelsblau, die Hände locker über den Augen.
+
+»Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!« seufzte er.
+
+Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als
+Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem gräßlichen
+Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten
+Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte auch der
+geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit
+gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen
+Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville?
+Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin,
+sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter,
+Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in
+der Wirtschaft ließ sie alles drunter und drüber gehn. Sie war
+eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewöhnlich aus und war in
+ihrer Unterhaltung höchst beschränkt. Alles in allem war sie eine
+ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre
+alt war und er zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und
+obgleich er täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in
+den Sinn gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit
+ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Röcke.
+
+Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar
+Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
+Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige,
+mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten,
+unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit
+denen zu verkehren glatt unmöglich war.
+
+Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,
+einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lägen
+tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er
+Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte
+die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn
+bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht,
+für aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem
+vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmöglich schien.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem
+Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen niedrigen Raume
+im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle
+und betrachtete die Leute, die draußen vorübergingen.
+
+Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
+Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie
+neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an
+der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet und ohne den
+Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, auf dem
+Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, überlief sie ein
+Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten seines Schattens. Dann
+fuhr sie auf und befahl das Essen.
+
+Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen in
+der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu stören,
+jedesmal mit derselben Redensart: »Guten Abend, die Herrschaften!«
+Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den
+Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits
+erkundigte, ob diese auch zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten
+sich die beiden über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um
+diese Stunde wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
+sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
+darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und Auslands. Wenn
+auch dieser Gesprächsstoff erschöpft war, konnte er ein paar
+Bemerkungen über die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrücken.
+Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary
+artig auf das zarteste Stück Fleisch aufmerksam, oder er wandte
+sich an das Dienstmädchen und gab ihr Ratschläge über die
+Zubereitung eines Ragouts oder über die richtige Verwendung der
+Gewürze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über
+aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu
+sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen
+in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig
+und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle
+neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder
+das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine
+wieder verwendbar zu machen.
+
+Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
+Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen
+Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer war. Er
+kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für das Haus des
+Arztes.
+
+»Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!« meinte er. »Der
+Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmädel
+verguckt!«
+
+Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche
+auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. Beispielsweise
+sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn
+er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu
+schaffen.
+
+An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige Gäste.
+Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
+Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und
+seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt stellte
+sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel hörte, eilte er
+Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die
+Überschuhe, die sie bei Schnee trug.
+
+Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
+Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half ihr.
+Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles gestützt, betrachtete
+er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei
+jeder ihrer Bewegungen während des Kartenspiels raschelte ihr
+Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte
+ihre Haut einen bräunlichen Farbenton, der sich nach dem Rücken zu
+aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock
+bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine
+Menge Falten und bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und
+wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
+zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen getreten.
+
+Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
+spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und
+sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die »Illustrierte Zeitung« an.
+Oft hatte sie auch ihren »Bazar« mitgebracht. Leo nahm neben ihr
+Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit
+dem Umblättern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte
+vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten
+Stellen flüsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine störte ihn.
+Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch
+unverschämtes Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren,
+setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange,
+da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
+Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte ihm
+zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm
+herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer Kutsche
+und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit
+einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die
+eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie lispelnd
+miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so süßer, als
+niemand ihrer lauschte.
+
+So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
+fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, der
+keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. Zu
+seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, der
+über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine
+Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach
+Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. Als infolge
+eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein
+Exemplar, das er während der Fahrt in der Post vor sich auf den
+Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger.
+
+Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre
+Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim
+Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden.
+
+Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine
+Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle
+Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem
+Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Köchin; sogar seinem
+Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber
+warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare
+Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es
+unumstößlich fest: sie war »seine gute Freundin.«
+
+Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
+unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und Klugheit
+schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig grob:
+
+»Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der Clique!«
+
+Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma
+erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, sich
+ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine Feigheit. Er
+vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft
+genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. Er schrieb Briefe,
+die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch
+verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr,
+alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut,
+und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart
+zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen,
+war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der »gnädigen Frau« adieu
+und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stück von ihr?
+
+Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war
+ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter
+Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
+Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen entreißt,
+wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund
+schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den flachen Dächern
+der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so
+wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit
+einem Male den Riß in der Mauer bemerkt hätten.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite.
+
+Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
+Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
+halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon und
+Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben sollten;
+und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf der
+Schulter.
+
+Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger als
+sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem zwischen Sand- und
+Steinhaufen bereits ein paar verrostete Maschinenräder lagen, zog
+sich im Viereck ein Gebäude mit einer Menge kleiner Fenster hin.
+Es war noch nicht ganz vollendet; durch den ungedeckten Dachstuhl
+erblickte man den grauen Himmel. An einem Giebelhaken hing ein
+Hebefestkranz aus Stroh und Ähren mit einem im Winde flatternden
+weiß-rot-blauen Wimpel.
+
+Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die
+künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die Stärke der
+Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr bedauerte, kein
+Metermaß bei sich zu haben.
+
+Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig auf
+seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der
+Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel kämpfte.
+Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er hatte seine
+Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht hereingezogen. Seine
+dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm einen blöden Zug
+verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein behäbiger Rücken ärgerte
+sie. Sie fand, die breite Fläche seines Mantels kennzeichne die
+ganze Plattheit von Karls Persönlichkeit.
+
+Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse
+perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn
+bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, Sanftes brachte.
+Sein vorn offener Kragen ließ zwischen Krawatte und Hals ein Stück
+Haut sehen; von seinem Ohr lugte ein Teilchen zwischen den
+Strähnen seines Haars hervor, und seine großen blauen Augen, die
+zu den Wolken aufschauten, kamen Emma viel klarer und schöner vor
+als in den Gedichten die Bergseen, in denen sich der Himmel
+spiegelt.
+
+»Rabenkind!« schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf seinen
+Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um schöne
+weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig ausgescholten wurde,
+begann er laut zu heulen. Justin versuchte, ihm die Stiefelchen
+mit einem Strohwisch zu reinigen, aber ohne Messer ging das nicht.
+Karl bot ihm seins an.
+
+»Unerhört!« dachte Emma bei sich. »Er trägt ein Messer in der
+Tasche wie ein Bauer!«
+
+Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
+Heimweg nach Yonville.
+
+An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten hinüber.
+Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, begann sie die
+beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der andere stand in
+geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der eigentümlichen
+Linienveränderung, die das menschliche Gedächtnis vornimmt. Von
+ihrem Bette aus sah sie die lichte Glut im Kamin und daneben --
+ganz so wie vor ein paar Stunden -- Leo, den Freund. Er stand da,
+in gerader Haltung, in der rechten Hand den Spazierstock, und
+führte an der andern Athalia, die bedächtig an einem Eiszapfen
+saugte. Diese Szene hatte ihr gefallen, und sie konnte von diesem
+Bilde nicht loskommen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er an
+andern Tagen ausgesehen hatte, welche Worte er gesagt, in welchem
+Tone. Wie sein Wesen überhaupt sei ...
+
+Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor
+sich hin: »Ach, süß, süß!« Und dann fragte sie sich: »Ob er eine
+liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!«
+
+Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor Freude.
+Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche Lichter. Emma
+legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme weit aus.
+
+Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: »Ach, warum hat es der
+Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem Grunde?«
+
+Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als wache
+sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll auszog, klagte sie
+über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte sie aber, wie der Abend
+verlaufen sei.
+
+»Leo ist heute zeitig gegangen«, erzählte Karl.
+
+Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten
+Glückseligkeit schlummerte sie ein.
+
+Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn
+Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen pflegt,
+mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener Gascogner, war er
+doch ein vollkommener Normanne geworden; er einte in sich die
+lebhafte Redseligkeit des Südländers und die nüchterne
+Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein feistes,
+aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah aus, als sei es mit
+Süßholztinktur gefärbt, und sein weißes Haar brachte den scharfen
+Glanz seiner munteren schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was
+er früher getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei
+Hausierer gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas
+aber stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
+ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war er
+kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung herum,
+als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte.
+
+Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe
+ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
+dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß er
+ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings sei
+eine »armselige Butike« wie die seine nicht gerade verlockend für
+eine »elegante Dame«. Diese beiden Worte betonte er ganz
+besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache sich
+anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, Wäsche,
+Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre regelmäßig viermal
+im Monat nach der Stadt und stehe mit den ersten Firmen in
+Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm erkundigen. Heute
+komme er nur ganz im Vorübergehen, um der gnädigen Frau ein paar
+feine Sachen zu zeigen, die er durch einen ganz besonders
+günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. Dabei packte er aus dem
+Kasten ein halbes Dutzend gestickter Halskragen.
+
+Frau Bovary besah sie sich.
+
+»Ich brauche nichts«, bemerkte sie.
+
+Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher
+aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar strohgeflochtne
+Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus Kokosnußschale,
+filigranartige Schnitzarbeiten von Sträflingen. Sich mit beiden
+Händen auf den Tisch stützend, mit langem Hals und offnem Mund,
+beobachtete er Emmas Augen, die unentschlossen in all diesen
+Gegenständen herumsuchten. Von Zeit zu Zeit strich er mit dem
+Fingernagel über die lang hingebreiteten Tücher, als wolle er ein
+Stäubchen entfernen; die Seide knisterte leise, und das grünliche
+Dämmerlicht glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen
+Funken.
+
+»Was kostet so ein Tuch?« fragte Emma.
+
+»Ein paar Groschen!« antwortete er. »Ein paar Groschen! Aber das
+eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja kein
+Jude!«
+
+Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem
+Händler, der gelassen erwiderte:
+
+»Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen Damen
+vertragen, mit meiner nur nicht.«
+
+Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des Biedermannes
+fort:
+
+»Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. Wenn
+Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir haben.«
+
+Sie machte eine erstaunte Miene.
+
+Schnell flüsterte er:
+
+»Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können Sie
+sich verlassen!«
+
+Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten
+Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in
+Behandlung hatte.
+
+»Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, daß
+sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, er läßt sich
+eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß nehmen als zu einem
+aus Wintertuch. Na, solange er auf dem Damme war, da hat er schöne
+Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige Frau, die wird nie vernünftig!
+Und dann der Schnaps, das ist allemal der Ruin! Aber es ist immer
+betrübend, wenn man sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu
+Ende geht.«
+
+Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
+schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes.
+
+»Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!« erhärte er, indem er
+verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. »Das bringt alle diese
+Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle mich gar nicht
+recht au fait. Werde wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn
+Gemahl in die Sprechstunde kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen
+wegen. Na, auf Wiedersehen, Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer
+Verfügung! Gehorsamster Diener!«
+
+Und er schloß die Türe sacht hinter sich.
+
+Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
+Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es
+schmeckte ihr alles vorzüglich.
+
+»Wie vernünftig ich doch war!« sagte sie bei sich und dachte an
+die Seidentücher.
+
+Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand schnell
+auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, die
+gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der junge Mann
+eintrat, tat sie sehr beschäftigt.
+
+Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
+schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit einsilbig. Er
+saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und spielte mit ihrem
+elfenbeinernen Nadelbüchschen.
+
+Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel den
+umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, weil
+ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie wer weiß
+was gesprochen hätte.
+
+»Armer Junge!« dachte sie.
+
+»Warum bin ich bei ihr in Ungnade?« fragte er sich.
+
+Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen
+nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit.
+
+»Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es erneuern?«
+
+»Nein«, entgegnete sie.
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil ...«
+
+Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen Zwirn
+hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. »Warum zersticht sie
+sich die Finger?« dachte er. Eine galante Bemerkung fuhr ihm durch
+den Sinn, aber er wagte nicht, sie auszusprechen.
+
+»So wollen Sie es also aufgeben?«
+
+»Was?« fragte sie nervös. »Die Musik? Ach, du mein Gott! Ich habe
+soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen und
+tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!«
+
+Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein
+müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte sie
+im Gespräche:
+
+»Mein Mann ist so gut!«
+
+Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
+Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl
+stimmte er in ihr Lob ein.
+
+»Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch immer!«
+erklärte er.
+
+»Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!« wiederholte sie.
+
+»Gewiß!« bestätigte der Adjunkt.
+
+Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr
+nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten.
+
+»So schlimm ist es gar nicht!« behauptete Emma heute. »Eine gute
+Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.«
+
+Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen.
+
+So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
+Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte sich
+um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und hielt ihr
+Dienstmädchen strenger.
+
+Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch
+kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, was
+für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder hätte sie
+über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre Freude, ihr Glück.
+Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall von schwärmerischen
+Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die biederen Yonviller waren
+keine! -- an die Sachette in Viktor Hügos »Notre-Dame« erinnert
+hätten.
+
+Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine
+stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und an
+seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte sogar
+das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im Schranke
+hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht mehr ab, ihn
+zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. Sie war mit
+jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort einverstanden; selbst
+wenn sie den Zweck nicht recht einsah, fügte sie sich ohne Murren.
+Wenn Leo die beiden nach Tisch so sah: ihn am Kamin, die Hände
+über dem Bauche gefaltet, die Füße behaglich gegen die Glut
+gestemmt, die Backen noch rot vom Mahle und die Äuglein in eitel
+Wonne schwimmend, vor sich das Kind, das auf dem Teppich
+herumrutschte, und daneben die feinlinige schlanke Frau, wie sie
+sich über die Lehne seines Großvaterstuhls beugte und ihm einen
+Kuß auf die Stirn gab, -- dann sagte er sich:
+
+»Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!«
+
+Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
+jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
+sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre
+Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor
+seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer
+Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem
+Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
+Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der
+Geliebten Genuß gewährt.
+
+Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
+schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren großen
+Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange und ihrer
+jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu schreiten, ohne
+den Erdboden zu berühren, und es war, als trüge sie auf der Stirne
+das geheimnisvolle Mal einer höheren Bestimmung. Sie war so
+traurig und so still, so sanft und dabei so unnahbar, daß man ihre
+Gegenwart wie eine eiskalte Wonne empfand. Geradeso mischt sich in
+den Kirchen in den Duft der Rosen die Kälte des Marmors, so daß
+man zusammenschauert. Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem
+niemand entrann.
+
+»Sie ist eine Frau großen Stils,« sagte der Apotheker einmal, »sie
+müßte einen Minister zum Manne haben!«
+
+Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
+höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
+
+Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß.
+Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes
+Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
+Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
+um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der
+Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur
+gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er aber
+eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts als
+namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
+
+Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm nachzusehen,
+wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe beobachtete
+sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen Augen. Sie erfand
+einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu haben, sein Zimmer
+einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr beneidenswert, weil
+sie mit ihm unter einem Dache schlafen durfte. Ihre Gedanken
+ließen sich immer wieder auf seinem Hause nieder, just wie die
+Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen kamen, um ihre roten
+Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne zu netzen.
+
+Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr
+drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
+bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; sie
+erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies herbeiführten.
+Aber ihre Passivität, die Angst vor der Entscheidung und auch ihr
+Schamgefühl hielten sie zurück. Sie bildete sich ein, sie hätte
+sich ihn bereits allzusehr entfremdet, es wäre nun zu spät und
+alles sei verloren. Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude:
+»Ich bin eine anständige Frau geblieben!« Sie stellte sich vor den
+Spiegel in der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob
+des Opfers, das sie zu bringen wähnte.
+
+Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum
+und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in allem ein
+einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen zuzuwenden,
+verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel sich darin und
+trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. Ein ungeschickt
+serviertes Gericht, eine offengelassene Türe brachte sie in
+Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht haben konnte, ein
+Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, machte sie unglücklich.
+Weil sich ihre kühnen Träume nicht erfüllten, ward ihr das Haus zu
+eng.
+
+Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am
+allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine Frau
+glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung,
+Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es nicht
+gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht er der
+Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür ihres qualvollen
+Käfigs?
+
+So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder
+Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie
+nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und
+entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine Gutmütigkeit
+reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer Wohnung
+verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und die
+ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte es,
+daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie gerechten
+Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich erschrak
+sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und immer
+mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie glücklich
+sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so zu tun und
+die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
+
+Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht,
+mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
+fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
+ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe.
+
+»Er liebt mich ja gar nicht mehr!« sagte sie sich. »Was soll da
+aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
+Erleichterung bleibt mir noch?«
+
+Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
+unter endlosen Tränen.
+
+»Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?« fragte
+das Dienstmädchen, als es einmal während eines solchen Anfalles
+ins Zimmer kam.
+
+»Ach was! Ich bin nervös!« erklärte Emma. »Daß du ihm ja nichts
+davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.«
+
+»Ach Gott«, meinte Felicie. »Der Tochter des alten Fischers Guérin
+aus Pollet, einer Bekannten von mir in Dieppe, wo ich vorher
+gedient habe, der ging es ganz genau so. War die trübsinnig!
+Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah sie immer aus. Ihr
+Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, und die Ärzte und sogar
+der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. Wenns ganz schlimm kam,
+dann lief sie immer ganz allein ans Meer. Der Zollaufseher hat sie
+auf seiner Patrouille oft gesehen, platt auf dem Bauche liegen und
+auf den Steinen weinen. Später, als sie einen Mann hatte, soll
+sichs gegeben haben ...«
+
+»Bei mir aber«, erwiderte Emma, »ist es erst nach der Hochzeit so
+gekommen.«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch
+Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten
+den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr das
+Ave-Maria-Läuten ins Ohr.
+
+Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind
+hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für die
+Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin
+leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen in den
+flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen
+Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf,
+duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
+zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen.
+Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit
+wehmütigem Frieden.
+
+Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der
+jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
+die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die
+blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen Säulchen
+emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien mögen in der
+langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell abhoben von den
+schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen hingesunkenen
+Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie aufschaute und in
+das von bläulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna
+blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt
+gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der
+Sturmwind wegweht ...
+
+Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, fand
+sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie
+ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles
+Irdische zu vergessen.
+
+Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder
+aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
+zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Läuten
+der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. Übrigens war das
+Läuten ein Zeichen für die Kinder im Dorfe, daß es Zeit zur
+Katechismusstunde war.
+
+Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
+Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, baumelten
+mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die hohen
+Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der
+niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige
+bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz dicht aneinander,
+und über ihnen lag beständig feiner Staub, der dem reinigenden
+Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen darüber wie über
+einen eigens für sie hingebreiteten Teppich, und ihre
+aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der
+Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der großen Glocke,
+der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin
+und her geschleift war, beruhigte sich allmählich. Schwalben
+schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoßend,
+und flogen zurück in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im
+Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht
+unter einer hängenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie
+ein über dem Öl schwimmender zittriger weißer Fleck aus. Ein
+langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem
+Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen.
+
+»Wo ist der Pfarrer?« fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
+damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte
+völlig abzuwürgen.
+
+»Der wird gleich kommen!« war die Antwort.
+
+Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé Bournisien
+erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein.
+
+»Rasselbande!« murmelte der Priester. »Einen wie alle Tage!« Er
+hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß gestoßen
+war. »Nichts wird respektiert!« Da bemerkte er Frau Bovary.
+
+»Verzeihung!« sagte er. »Ich hatte Sie nicht erkannt.«
+
+Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem
+er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern balancierte.
+
+Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
+seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den Ellenbogen
+bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. Fett- und
+Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe die Brust
+entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts,
+wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen besät, die sich
+in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom
+Essen und atmete geräuschvoll.
+
+»Wie geht es Ihnen?« erkundigte er sich.
+
+»Schlecht!« antwortete Emma.
+
+»Ja, ja! Ganz wie mir«, erwiderte der Priester. »Die ersten warmen
+Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun
+einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und
+wie denkt Herr Bovary darüber?«
+
+»Ach der!« Sie machte eine verächtliche Gebärde.
+
+»Was?« erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. »Verordnet er
+Ihnen denn nichts?«
+
+»Ach,« meinte sie, »irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.«
+
+Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
+hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
+waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie
+reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
+
+»Ich möchte gern wissen ...«, fuhr Emma fort.
+
+»Warte nur, Boudet, warte du nur!« unterbrach sie der Priester in
+zornigem Tone. »Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
+Schlingel, du!« Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: »Das ist der
+Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie
+lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel
+könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar
+nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?«
+
+Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der Geistliche fuhr
+fort:
+
+»Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
+beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...« Er
+lachte behäbig, »... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.«
+
+Emma schaute ihn flehentlich an.
+
+»Sie! Ja!« sagte sie. »Sie heilen alle Wunden!«
+
+»Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
+da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
+wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
+Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und
+Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!« Mit einem großen
+Satze war er drinnen in der Kirche.
+
+Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf den
+Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl.
+Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von
+Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn
+in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit
+aller Gewalt in die Steinfliese hineindrücken wollte.
+
+»So!« sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, während
+er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schweiß
+von der Stirn wischte. »Die Landleute sind recht zu bedauern ...«
+
+»Andre Leute auch«, meinte sie.
+
+»Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.«
+
+»Die meine ich nicht.«
+
+»Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen
+lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
+hatten nicht einmal das tägliche Brot.«
+
+»Ich meine solche,« fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten,
+während sie sprach, »solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr täglich
+Brot haben, aber kein ...«
+
+»Kein Holz im Winter ...«, ergänzte der Priester.
+
+»Ach, was liegt daran?«
+
+»Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine warme
+Stube ... denn schließlich ...«
+
+»O du mein Gott!« seufzte Emma.
+
+»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte er, indem er sich ihr besorgt
+näherte. »Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau
+Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. Oder
+vielleicht lieber eine Limonade?«
+
+»Wozu?«
+
+Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.
+
+»Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es
+sei Ihnen schwindlig.« Er besann sich. »Aber wollten Sie mich
+nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?«
+
+»Ich? Nichts ... oh, nichts!« stammelte Emma.
+
+Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den alten
+Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas
+zu sagen.
+
+»Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary«, sagte er nach einer Weile.
+»Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen da. Die
+erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie überrumpelt uns.
+Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde
+länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht früh genug auf
+den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat
+... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte,
+Ihrem Herrn Gemahl!«
+
+Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie
+gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bänken
+verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig eingezogen,
+die beiden Hände in segnender Haltung.
+
+Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
+einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
+Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen
+und die hellen Antworten der Knaben ...
+
+»Bist du ein Christ?«
+
+»Ja, ich bin ein Christ.«
+
+»Wer ist ein Christ?«
+
+»Wer getauft ist und ...«
+
+Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Geländer
+festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
+Lehnstuhl.
+
+Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch die
+Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren Plätzen,
+halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in einen
+schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintönig
+tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum
+empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm
+in ihrem Innern ...
+
+Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten
+Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte
+nach den Bändern ihrer Schürze.
+
+»Laß mich!« sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.
+
+Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie.
+Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen
+blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
+Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schürze.
+
+»Laß mich!« wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
+
+Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien.
+
+»Aber so laß mich doch!« sagte Emma barsch und stieß ihr Kind mit
+dem Ellenbogen zurück.
+
+Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
+ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte auf
+das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am Klingelzug und
+rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwürfe
+zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von
+seiner Praxis heim.
+
+»Sieh, mein Lieber,« sagte sie ruhigen Tones, »die Kleine ist beim
+Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.«
+
+Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
+
+Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
+allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
+verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
+töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfügigkeit
+gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr.
+Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum
+merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den halbgeschlossenen
+Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne
+schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut.
+
+»Merkwürdig!« dachte Emma bei sich. »Wie häßlich das Kind ist!«
+
+Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
+Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
+
+»Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!« versicherte er
+ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. »Ängstige dich
+nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!«
+
+Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
+nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais für
+verpflichtet gefühlt, ihn »aufzurappeln«. Dann hatte man von den
+tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind,
+und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mußte ein
+Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein
+Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Köchin einmal die
+Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais
+über die Maßen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht
+geschliffen und der Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren
+eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht.
+Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten
+keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der
+geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll,
+und als sie bereits über vier Jahre alt waren, mußten sie ohne
+Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Köpfe tragen. Das war
+lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim
+sehr betrübt darüber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen
+könne dem Gehirn schädlich sein. Einmal entfuhr es ihm:
+
+»Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?«
+
+Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
+eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
+Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
+
+»Ich wollte Sie noch etwas fragen!«
+
+»Sollte er etwas gemerkt haben?« fragte sich der Adjunkt. Er bekam
+Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
+
+Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich
+doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hübsches Lichtbild
+koste. Er hegte nämlich schon lange den sentimentalen Plan, seine
+Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu überraschen. Er gedachte
+sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher
+wissen, wieviel die Geschichte so ungefähr zu stehen käme. Dem
+Adjunkt mache das wohl keine besondre Mühe, da er doch beinahe
+aller acht Tage nach der Stadt führe.
+
+Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
+Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er
+sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
+Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er seine
+Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu kommen,
+fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er
+sei kein Polizeibüttel.
+
+Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor.
+Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit den
+Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen über
+das menschliche Dasein aus.
+
+»Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen«, meinte der
+Steuereinnehmer.
+
+»Womit denn?«
+
+»Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.«
+
+»Aber ich kann doch nicht drechseln«, erwiderte der Adjunkt.
+
+»Ach ja, freilich!«
+
+Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn.
+
+Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige Leben begann
+ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfüllten,
+keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die Yonviller
+ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und bestimmte Häuser
+nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders
+unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker.
+Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf völlig neue Verhältnisse
+genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefühl
+wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris,
+das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und
+dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein
+Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt
+ihn zurück?
+
+In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
+machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer aus.
+Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. Gitarre wollte er
+spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu ein Samtbarett und
+Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über dem Kamin sollten zwei
+gekreuzte Floretts hängen, ein Totenschädel darüber und die
+Gitarre darunter. Wundervoll!
+
+Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
+bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
+allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
+andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo zunächst
+zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen Adjunktenposten in
+Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er schließlich seiner Mutter
+einen langen Brief, in dem er ihr ausführlich auseinandersetzte,
+warum er ohne weiteres nach Paris übersiedeln wollte. Sie war
+damit einverstanden.
+
+Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen lang
+gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville Koffer,
+Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er vervollständigte
+seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle aufpolstern, schaffte
+sich einen Vorrat von seidnen Halstüchern an, kurz und gut, er
+traf Vorbereitungen, als wolle er eine Reise um die Welt antreten.
+So verstrich Woche auf Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief
+seine Abreise beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen
+nach einem Semester zu machen.
+
+Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte Frau
+Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine Rührung, wie sich
+das für einen ernsten Mann schickt. Er ließ es sich jedoch nicht
+nehmen, den Mantel seines Freundes eigenhändig bis zur
+Gartenpforte des Notars zu tragen, wo des letzteren Kutsche
+wartete, die den Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
+
+Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch im
+Hause des Arztes.
+
+Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem zu
+schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
+entgegen.
+
+»Da bin ich noch einmal!« sagte Leo.
+
+»Ich hab es erwartet!«
+
+Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der
+Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über rot, vom
+Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie blieb stehen und
+lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung.
+
+»Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?«
+
+»Er ist fort.«
+
+Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
+Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
+aneinander wie zwei klopfende Herzen.
+
+»Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben«, sagte Leo.
+
+Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. Leo
+warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, den
+Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich nehmen. Aber
+da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das Mädchen brachte die
+kleine Berta, die einen Hampelmann an einem Faden in der Hand
+hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
+
+Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
+
+»Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!«
+
+Er gab das Kind der Mutter zurück.
+
+»Bring sie weg!« befahl Emma.
+
+Sie waren wiederum allein.
+
+Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht gegen
+eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand und
+schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
+
+»Es wird wohl regnen«, bemerkte Emma.
+
+»Ich habe einen Mantel«, antwortete er.
+
+»So!«
+
+Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt über
+ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab in die
+Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen
+geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen.
+
+»Also adieu!« seufzte Leo.
+
+Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung.
+
+»Ja, adieu! Sie müssen gehen!«
+
+Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie zögerte.
+
+»Sozusagen ein französischer Abschied!« meinte sie, indem sie ihm
+die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen.
+
+Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als ströme
+ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand wieder öffnete,
+begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann ging er.
+
+Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich hinter
+einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr weißes Haus
+mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da vermeinte er, ihren
+Schatten hinter der Gardine ihres Zimmers zu erblicken. Aber der
+Vorhang hatte sich wohl von selbst gebauscht und fiel nun wieder
+langsam in seine langen senkrechten Falten zurück, in denen er
+dann regungslos stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte
+von dannen.
+
+Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der Straße
+halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und hielt das
+Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten miteinander. Man
+wartete auf ihn.
+
+»Lassen Sie sich noch einmal umarmen!« sagte Homais, Tränen in den
+Augen. »Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten Sie sich
+unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie sich
+ordentlich in acht!«
+
+»Einsteigen, Herr Düpuis!« mahnte der Notar.
+
+Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte mit
+tränenerstickter Stimme nichts als die beiden wehmütigen Worte:
+
+»Glückliche Reise!«
+
+»Guten Abend, Herr Apotheker!« rief Guillaumin. »Los!«
+
+Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts.
+
+ * * * * *
+
+Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres
+Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung nach
+Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. Leichteres
+finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge heran,
+durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die goldnen
+Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe hervorschossen. Der
+übrige wolkenlose Teil des Himmelszeltes war weiß wie Porzellan.
+Ruckweise Windstöße beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich
+rauschte Regen herab und prasselte durch das grünschimmernde
+Laubwerk. Bald kam die Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten.
+Die Spatzen schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in
+den Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
+Akazienblüten.
+
+»Wie weit mag er nun schon sein!« dachte sie.
+
+Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise.
+
+»Na,« sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, »unsern jungen
+Freund hätten wir glücklich verfrachtet!«
+
+»Wie man mir berichtet hat«, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
+seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: »Und was gibts bei
+Ihnen Neues?«
+
+»Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein bißchen
+aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich aus dem
+Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man soll ihnen daraus
+keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben zarter besaitet als
+unsre.«
+
+»Der arme Leo,« bemerkte Karl, »wie wirds ihm in Paris ergehen?
+Wird er sich dort einleben?«
+
+Frau Bovary seufzte.
+
+»Natürlich!« meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
+»Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich schon,
+versichre ich Ihnen.«
+
+»Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird«, warf Bovary
+ein.
+
+»Gott bewahre!« entgegnete Homais lebhaft. »Aber mit den Wölfen
+wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als Duckmäuser
+verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese Kerlchens im
+Studentenviertel für ein flottes Leben führen! Mit ihren kleinen
+Mädchen! Übrigens sind die Studenten in Paris überall gern
+gesehen. Wenn einer nur ein bißchen gesellige Talente hat, stehen
+ihm die allerbesten Kreise offen. Und es gibt sogar in der
+Vorstadt Saint-Germain feine Damen, die sich Studenten zu Liebsten
+nehmen, und das gibt ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich
+zu verheiraten.«
+
+»Das mag schon sein,« sagte der Arzt, »ich habe nur Angst,
+er ... wird ... dort ...«
+
+»Sehr richtig,« unterbrach ihn der Apotheker, »das ist die
+Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend die
+Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer öffentlichen
+Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, anständig angezogen,
+womöglich ein Ordensbändchen im Knopfloch. Man könnte ihn für
+einen Diplomaten halten. Er spricht Sie an. Sie kommen ins
+Plaudern. Er bietet Ihnen eine Prise an oder hebt Ihnen den Hut
+auf. So wird man intimer. Er nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in
+sein Landhaus ein, macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und
+Teufel bekannt -- und das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder
+verstrickt Sie in gefährliche Abenteuer.«
+
+»So ist es!« gab Karl zu. »Aber ich dachte vor allem an die
+Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der Großstadt
+drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.«
+
+Emma zuckte zusammen.
+
+»Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise«, fuhr der
+Apotheker fort, »und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung des
+ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das Pariser Wasser! An
+das Essen in den Restaurants! Diese starkgewürzten Speisen
+verderben schließlich das Blut. Man mag sagen, was man will, mit
+einer guten Hausmannskost sind sie nicht zu vergleichen. Ich für
+meinen Teil, ich schätze von jeher die bürgerliche Küche. Die ist
+am gesündesten. Als ich stud. pharm. in Rouen war, da habe
+ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren
+Professoren aßen auch da ...«
+
+In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im
+allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern
+auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer bestellten
+Arznei holte.
+
+»Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!« schimpfte er.
+»Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
+Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein
+Hundedasein!«
+
+In der Tür sagte er noch:
+
+»Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?«
+
+»Was denn?«
+
+Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
+
+»Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der Landwirte
+unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. Man munkelt
+wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch schon eine
+Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von großer Bedeutung!
+Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich sehe schon. Justin
+hat die Laterne mit ...«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Der nächste Tag war für Emma ein Tag der Betrübnis. Alles um sie
+herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, verschwommen,
+zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit leisen Klagen
+wie der Winterwind um ein einsames Schloß. Sie verfiel in die
+Träumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er etwas auf immerdar
+verloren hat. Sie empfand die Müdigkeit, die ihn der vollendeten
+Tatsache gegenüber übermannt, den Schmerz, der ihn überkommt, wenn
+eine ihm zur Gewohnheit gewordne Bewegung plötzlich stockt, wenn
+Schwingungen jäh aufhören, die lange in ihm vibriert haben.
+
+Wie damals nach der Rückkehr vom Schlosse Vaubyessard, als die
+wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, war sie
+voll düsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo stand vor
+ihrer Phantasie immer größer, schöner, verführerischer. Wie ein
+Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so hatte er sie doch nicht
+verlassen. Er war da, und an den Wänden ihres Hauses schien sein
+Schatten noch zu haften. Immer wieder schaute sie auf den Teppich,
+über den er so oft gegangen, auf die leeren Stühle, wo er
+gesessen. Draußen kroch das Flüßlein noch immer vorbei mit seinen
+niedlichen Wellen, zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem
+Gestade waren sie so oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um
+die moosigen Steine. Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie
+traulich waren die Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im
+schattigen Garten allein gesessen hatten! Er hatte laut
+vorgelesen, bloßen Kopfes, in einem Korbstuhl sitzend. Der frische
+Wind, der drüben von den Wiesen her wehte, hatte die Blätter des
+Buches bewegt und die violetten Blüten der Glycinen an der Laube
+... Ach, nun war er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die
+einzige Hoffnung, daß sich ihr das erträumte Glück noch erfülle!
+Warum hatte sie dieses Glück nicht mit beiden Händen festgehalten,
+in den Schoß genommen, es nicht in die Ferne gelassen? Sie
+verwünschte sich, Leos Geliebte nicht geworden zu sein. Sie
+dürstete nach seinen Lippen. Am liebsten wäre sie ihm
+nachgelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm gesagt:
+»Hier bin ich! Nimm mich!« Aber vor den Hindernissen, die sich der
+Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt hätten, verzagte
+Emma von vornherein, und der Schmerz darüber schürte ihre
+Sehnsucht zu noch heißerer Glut.
+
+Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt ihrer
+Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein einsames
+Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen Steppe inmitten des
+Schnees angezündet haben. Zu diesem Feuer flüchtete sie, kauerte
+sich daneben nieder und fachte es sorgfältig wieder an, wenn es zu
+verlöschen drohte. Im Umkreise um sich herum suchte sie alles
+mögliche herbei, um diese Flammen zu nähren. Die fernsten
+Erinnerungen und die frischesten Ereignisse, Erlebtes und
+Erträumtes, die wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre
+Sehnsucht nach Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre
+nutzlose Tugend, ihre getäuschten Illusionen, die Armseligkeit
+ihres Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es zusammen und
+warf es in die Glut, um ihre Trübsal daran zu wärmen.
+
+Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm die
+Nahrung fehlte, sei es, weil die Überfülle von Brennstoff es
+erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam allmählich
+ihre Liebe. Das Ineinemfort tötete den Schmerz, und am Himmel
+ihrer Gefühle verblaßte der erst grellrote Feuerschein und wich
+nach und nach schwarzem Dunkel. Während ihres phantastischen
+Zustandes hatte sich ihr Widerwille gegen den Gatten in
+Schwärmerei für den Geliebten verwandelt, und die Glut ihres
+Hasses hatte ihre zärtliche Sehnsucht gewärmt. Aber nunmehr, da
+ihre stürmische unbefriedigte Leidenschaft zu Asche gebrannt war,
+das keine Hilfe kam und keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht
+um sie herum. In eisiger Kälte stand sie einsam da und erstarrte.
+
+Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur
+bildete sie sich ein, noch unglücklicher denn damals zu sein, weil
+sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wußte, daß es
+nie anders werden könne.
+
+Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich --
+wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gönnen.
+Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
+vier Wochen für vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer Hände.
+Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues
+Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schönsten Schal
+aus und trug ihn über ihrem Hauskleid. Sie schloß die Läden, nahm
+ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem Sofa liegen.
+
+Häufig änderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
+Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zöpfen, bald einen
+Scheitel.
+
+Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
+kaufte sie sich ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Menge
+Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektüre, las
+Geschichtswerke und philosophische Schriften.
+
+Nachts fuhr Karl mitunter in die Höhe, im Glauben, man hole ihn zu
+einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:
+
+»Ich bin gleich fertig!«
+
+Aber es war nur das Knistern des Streichholzes gewesen, mit dem
+sich Emma die Lampe angezündet hatte. Sie wollte lesen. Aber es
+ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen ein ganzer Stoß
+angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie anzufangen, dann
+liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.
+
+Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
+Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
+Manne gegenüber, sie könne ein Weinglas voll Schnaps mit einem
+Zuge leeren, und da Karl so töricht war, es zu bezweifeln, tat sie
+es wirklich.
+
+Bei allen ihren »Extravaganzen« (die Spießbürger von Yonville
+nannten das so!) sah Emma keineswegs unternehmungslustig aus. Im
+Gegenteil. Um ihre Mundwinkel lagerten sich jene gewissen starren
+Falten, die alte Jungfern und verbissene Streber zu haben pflegen.
+Sie war völlig blaß, weiß wie Leinwand; die Haut ihrer Nase
+bildete nach den Flügeln zu Fältchen, und ihre Augen blickten wie
+ins Leere. Seitdem sie an den Schläfen ein paar graue Haare
+entdeckt hatte, nannte sie sich gesprächsweise eine alte Frau.
+
+Oft hatte sie Schwindelanfälle, und eines Tages spuckte sie sogar
+Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemühte und seine Besorgnis
+verriet, meinte sie:
+
+»Laß mich! Es ist mir alles gleich!«
+
+Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurück. Er sank in seinen
+Schreibsessel, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
+weinte -- unter dem phrenologischen Schädel.
+
+Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
+sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz Emmas
+wegen statt. Welche Maßnahmen sollten getroffen werden? Was
+sollte geschehen? Wo sie jedwede ärztliche Behandlung ablehnte!
+
+»Weißt du, was deiner Frau fehlt?« meinte Frau Bovary schließlich.
+»Eine ordentliche Beschäftigung! Körperliche Arbeit! Wenn sie wie
+so manch andre ihr tägliches Brot selber verdienen müßte, dann
+hätte sie keine Nerven und Launen. Die kommen bloß von den
+überspannten Ideen, die sie sich aus purer Langweile in den Kopf
+setzt.«
+
+»Beschäftigung hat sie doch aber!« erwiderte Karl.
+
+»So! Sie hat Beschäftigung? Was für welche denn? Romane schmökert
+sie, schlechte Bücher, Schriften gegen die Religion, in denen die
+Geistlichen verhöhnt werden mit Redensarten aus dem Voltaire!
+Armer Junge, das führt zu nichts Gutem, und wer kein guter Christ
+ist, mit dem nimmt es mal ein schlechtes Ende!«
+
+Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das schien
+nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf sich. Auf
+ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persönlich zum
+Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn der
+Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man da nicht
+das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?
+
+Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
+steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie,
+abgesehen von den häuslichen Anordnungen und den höflichen Formeln
+bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei Worte
+gewechselt.
+
+Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
+von Yonville. Vom frühen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
+Marktplatz, gleichlaufend mit den Häusern von der Kirche bis zum
+Goldnen Löwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
+Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespießten Deichseln. Auf der
+andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen
+Baumwollenwaren, Decken und Strümpfe feilgeboten wurden, daneben
+Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bändern, deren Enden im
+Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Käsekörben, aus denen
+klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand Eisenwaren auf dem
+Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergerät gackerten Hühner in
+flachen Körben und steckten ihre Hälse durch die Luftlöcher. Die
+Menge schob sich, ohne zu weichen, gerade nach den Stellen, wo das
+Gedränge schon am dichtesten war. So geriet bisweilen das
+Schaufenster der Apotheke wirklich in Gefahr. An den Markttagen
+ward diese nie leer. Es standen immer eine Menge Leute darin,
+weniger um Arzneien zu kaufen als vielmehr um den Apotheker zu
+konsultieren. Herr Homais war in den benachbarten Ortschaften ein
+berühmter Mann. Seine rücksichtslose Sicherheit fing die Bauern.
+Sie hielten ihn für einen besseren Arzt als alle Doktoren im
+ganzen Lande.
+
+Emma saß an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in der
+Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich über das
+wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in einem Rock von
+grünem Samt, mit gelben Handschuhen; sonderbarerweise trug er dazu
+derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht mit gesenktem Kopf und recht
+trübseliger Miene folgte ihm. Beide gingen auf das Bovarysche Haus
+zu.
+
+»Ist der Herr Doktor zu sprechen?« fragte der Herr den
+Apothekergehilfen, der an der Haustüre mit Felicie plauderte. Er
+hielt ihn für den Diener des Arztes. »Melden Sie Herrn Rudolf
+Boulanger von der Hüchette.«
+
+Es war keineswegs Eitelkeit, daß der Ankömmling sein Gut zu seinem
+Namen fügte. Er wollte nur genau angeben, wer er war. Die Hüchette
+war nämlich ein Rittergut in der Nähe von Yonville, das er samt
+zwei Meiereien unlängst gekauft hatte. Er bewirtschaftete es
+selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei anzustrengen. Er war
+Junggeselle und hatte »so mindestens seine fünfzehntausend
+Franken« im Jahr zu verzehren.
+
+Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger überwies
+ihm seinen Knecht, der einen Aderlaß wünsche, weil er am ganzen
+Körper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.
+
+»Das wird mich erleichtern«, wiederholte der Bursche auf alle
+Einwände. Bovary ließ sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
+Schüssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.
+
+Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz blaß geworden
+war.
+
+»Nur keine Angst, mein Lieber!«
+
+»Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!« erwiderte er.
+
+Dabei hielt er mit prahlerischer Gebärde seinen dicken Arm hin.
+Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und spritzte
+bis zum Spiegel hin.
+
+»Die Schüssel!« rief Karl.
+
+»Donnerwetter!« meinte der Knecht. »Das ist ja der reine
+Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein gutes
+Zeichen, nicht wahr?«
+
+Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
+zurück, daß die Lehne krachte.
+
+»Das hab ich mir gleich gedacht!« bemerkte Bovary, indem er mit
+den Fingern die angestochne Ader zudrückte. »Erst gehts ganz gut,
+dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten Kerlen wie
+dem da!«
+
+Die Schüssel in Justins Händen geriet ins Schwanken. Die Knie
+schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.
+
+»Emma! Emma!« rief der Arzt.
+
+Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.
+
+»Essig!« rief ihr Karl zu. »Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
+einmal!«
+
+In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.
+
+»'s ist weiter nichts!« meinte Boulanger gelassen, der Justin
+aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und lehnte
+ihn mit dem Rücken gegen die Wand.
+
+Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmächtigen das Halstuch
+aufzuknüpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich lösen, und so
+berührte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren Fingern den
+Hals des jungen Burschen. Dann goß sie Essig auf ihr
+Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die Schläfen
+und blies dann ein wenig darauf.
+
+Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht
+dauerte an. Seine Augäpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
+wie blaue Blumen in Milch.
+
+»Er darf das da nicht sehen!« ordnete Karl an.
+
+Frau Bovary ergriff die Schüssel und setzte sie unter den Tisch.
+Bei diesem Sichbücken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
+Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
+Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die Arme
+ausstreckte und sich dabei in den Hüften ein wenig hin und her
+drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
+Wasserflasche und löste ein paar Stück Zucker in einem Glase.
+
+In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mädchen hatte
+ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen wieder bei
+Bewußtsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn herum und
+betrachtete sich ihn von oben bis unten.
+
+»Dummkopf!« brummte er. »Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! Als
+obs wer weiß was wäre! Ein bißchen Aderlaß! Weiter nichts! Und das
+will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn es gilt, von den höchsten
+Bäumen die Nüsse herunterzuholen, da klettert er wie ein
+Eichhörnchen ... Na, tu deinen Mund auf und zeig dich mal in
+deiner Gloria! Das sind ja nette Eigenschaften für einen, der mal
+Apotheker werden will! Ich sage dir: als Apotheker kommt man in
+die schwierigsten Lagen. So zum Beispiel vor Gericht als
+Sachverständiger. Da heißt es kaltblütig sein, hübsch ruhig
+überlegen und ein ganzer Mann sein! Sonst gilt man als
+Schwachmatikus ...«
+
+Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:
+
+»Wer hat dir denn übrigens gesagt, daß du hierher gehen sollst? In
+einem fort belästigst du Herrn und Frau Doktor! Noch dazu an den
+Markttagen, wo du drüben so notwendig gebraucht wirst! Es warten
+zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen habe ich alles stehn
+und liegen lassen. Marsch! Hinüber! Trab! Gib auf die Arzneien
+acht! Ich komme gleich nach!«
+
+Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
+fort war, plauderte man noch ein wenig über Ohnmachtanfälle. Frau
+Bovary sagte, sie hätte noch nie einen gehabt.
+
+»Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!« behauptete
+Boulanger. »Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich sind. Da
+hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, daß ein Zeuge ohnmächtig
+wurde, als die Pistolen beim Laden knackten.«
+
+»Was mich anbelangt,« erklärte der Apotheker, »mich stört der
+Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloße Gedanke,
+ich selber könne bluten, der macht mich schwindlig, wenn ich nicht
+schnell an was andres denke.«
+
+Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
+ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.
+
+»Nun ists aber alle mit der Einbildung!« sagte er ihm. »Die hat
+mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft«, fügte er hinzu. Bei
+dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen Taler auf
+die Tischecke, grüßte flüchtig und verschwand.
+
+Bald darauf erschien er drüben auf dem andern Ufer des Baches. Das
+war sein Weg nach der Hüchette. Emma sah ihm von einem der
+Hinterfenster nach, wie er über die Wiesen ging, die Pappeln
+entlang, langsam wie einer, der über etwas nachdenkt.
+
+»Allerliebst!« sagte er bei sich. »Wirklich allerliebst, diese
+Doktorsfrau. Schöne Zähne, schwarze Augen, niedliche Füße und
+schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo mag
+sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?«
+
+Rudolf Boulanger war vierunddreißig Jahre alt von roher Gemütsart
+und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit Weibern abgegeben
+und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel ihm. Somit
+beschäftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.
+
+»Ich glaube, er ist mordsblöde. Sie hat ihn satt, zweifelsohne. Er
+hat dreckige Fingernägel und rasiert sich nur aller drei Tage.
+Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie daheim und
+stopft Strümpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach der großen
+Stadt und möchte am liebsten alle Abende auf den Ball. Arme kleine
+Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein Karpfen auf dem
+Küchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und sie ist futsch!
+Sicherlich! Das wär was fürs Herze! Scharmant! Aber wie kriegt man
+sie hinterher wieder los?«
+
+Diese Einschränkung des in der Ferne stehenden Genusses erinnerte
+ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine Schauspielerin in
+Rouen, die er aushielt. Er vergegenwärtigte sich ihren Körper,
+dessen er sogar in der Vorstellung überdrüssig war.
+
+»Ja, diese Frau Bovary,« dachte er bei sich, »die ist viel
+hübscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
+Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft für
+Krebse!«
+
+Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hörte nichts als das
+taktmäßige Rascheln der Halme, die er beim Gehen streifte, und das
+ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er schaute Emma vor sich, in
+ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie gesehen hatte. Und in der
+Phantasie entkleidete er sie.
+
+»Oh, ich werde sie haben!« rief er aus und zerschlug mit einem
+Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im Wege lag.
+
+Sodann überlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
+fragte sich:
+
+»Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das zustande?
+Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das Dienstmädel,
+die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche Klatsch! Ach was!
+Unnütze Zeitvergeudung!«
+
+Nach einer Weile begann er von neuem:
+
+»Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und wie
+blaß sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwärmerei!«
+
+Auf der Höhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig.
+
+»Ich brauche bloß noch günstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde ein
+paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
+Geflügel. Nötigenfalls lasse ich mich ein bißchen schröpfen. Wir
+müssen gute Freunde werden. Dann lade ich die beiden zu mir ein
+... Teufel noch mal, nächstens ist doch der Landwirtschaftliche
+Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie sehen! Dann heißts:
+Attacke! Und feste drauf! Das ist immer das Beste.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der Landwirte!
+Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von Yonville an ihren
+Haustüren und sprachen von den Dingen, die da kommen sollten. Die
+Stirnseite des Rathauses war mit Efeugirlanden geschmückt. Drüben
+auf einer Wiese war ein großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen
+worden, und mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller,
+der die Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd
+verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy -- in Yonville gab es
+keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
+Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps
+vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen
+als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein Oberkörper
+so steif und starr, daß es aussah, als sei alles Leben in ihm in
+seine beiden Beine gerutscht, die sich parademarschmäßig bewegten.
+Da der Oberst der Bürgergarde und der Hauptmann der Feuerwehr
+eifersüchtig aufeinander waren, wollte jeder den andern
+ausstechen, und so exerzierten beide ihre Mannschaft für sich.
+Abwechselnd sah man die roten Epauletten und die schwarzen
+Schutzleder vorbeimarschieren und wieder abschwenken. Das ging
+immer wieder von neuem an und nahm schier kein Ende!
+
+Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
+gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser
+abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den halboffnen
+Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da schönes Wetter
+war, sahen die gestärkten Häubchen weißer wie Schnee aus, die
+Orden und Medaillen blitzten in der Sonne wie eitel Gold, und die
+bunten Tücher leuchteten buntscheckig aus dem tristen Einerlei der
+schwarzen Röcke und blauen Blusen hervor. Die Pächtersfrauen kamen
+aus den umliegenden Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die
+langen Nadeln heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt
+hatten, damit sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die
+Männer andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher
+darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten.
+
+Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der Landstraße
+heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und Häuser. Überall
+klingelten die Türen, um die Bürgerinnen herauszulassen, die in
+Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze wallten.
+
+Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden Seiten der
+vor dem Rathause errichteten Estrade für die Ehrengäste, erregten
+ganz besonders die allgemeine Bewunderung. Übrigens hatte man an
+den vier Säulen am Rathause so etwas wie vier Stangen
+aufgepflanzt; jede trug eine Art Standarte aus grüner Leinwand.
+Auf der einen las man: HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der
+dritten: INDUSTRIE, der vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT.
+
+Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
+warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau Franz,
+der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres Gasthofes
+stehend, räsonierte sie vor sich hin:
+
+»So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
+Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders
+ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
+wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
+Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra einen
+Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen übrigens? Für
+Kuhjungen und Lumpenpack!«
+
+Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
+Lackschuhen und -- ausnahmsweise (statt des gewohnten Käppchens)
+-- einem Hut von niedriger Form.
+
+»Ihr Diener!« sagte er. »Ich habs eilig!«
+
+Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
+
+»Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst den
+ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im Käse
+...«
+
+»In was für Käse?« unterbrach ihn die Wirtin.
+
+»Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint«, entgegnete Homais.
+»Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im allgemeinen
+meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute freilich muß ich
+in Anbetracht ...«
+
+»Ah! Sie gehen auch hin?« fragte sie in geringschätzigem Tone.
+
+»Gewiß gehe ich hin!« sagte der Apotheker erstaunt. »Ich gehöre ja
+zu den Preisrichtern!«
+
+Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte
+sie lächelnd:
+
+»Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die
+Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?«
+
+»Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch
+Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, beschäftigt
+sich mit den Wechselwirkungen und den Molekularverhältnissen aller
+Körper, die in der Natur vorkommen. Folglich gehört auch die
+Landwirtschaft in das Gebiet meiner Wissenschaft. In der Tat, die
+Zusammensetzung der Düngemittel, die Gärungen der Säfte, die
+Analyse der Gase und die Wirkung der Miasmen .., ich bitte Sie,
+was ist das weiter als pure bare Chemie?«
+
+Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort:
+
+»Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der
+Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
+Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
+die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen
+Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die
+Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des Wassers, die
+Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre Kapillarität! Und
+tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den Grundsätzen der Hygiene
+völlig vertraut sein, um den Bau von Gebäuden, die Unterhaltung
+der Haus- und Arbeitstiere und die Ernährung der Dienstboten
+leiten und kontrollieren zu können. Fernerhin, Frau Franz, muß man
+die Botanik intus haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden
+können, verstehen Sie, die nützlichen von den schädlichen, die
+nutzlosen und die nahrhaften, welche Arten man vertilgen und
+welche man pflegen, welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen
+muß. Kurz und gut, man muß sich in der Wissenschaft auf dem
+Laufenden halten, indem man die Broschüren und die öffentlichen
+Bekanntmachungen liest, und immer auf dem Damme sein, um mit dem
+Fortschritte zu gehen ...«
+
+Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café Français nicht
+aus den Augen. Der Apotheker redete weiter:
+
+»Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie
+hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! Da
+habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine
+Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: »Der Apfelwein.
+Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
+Betrachtungen hierüber.« Ich habe sie der »Rouener Agronomischen
+Gesellschaft« übersandt, die mich daraufhin unter ihre
+Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für Pomologie)
+aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt erschiene ...«
+
+Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas ganz
+andrem in Anspruch genommen war.
+
+»Sehr richtig!« unterbrach er sich selber. »Eine unglaubliche
+Spelunke!«
+
+Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die Maschen
+ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit beiden Händen
+deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem wüster Gesang
+herüberhallte.
+
+»Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!«
+bemerkte sie. »In acht Tagen ist der Rummel alle!«
+
+Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam die
+drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr:
+
+»Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
+ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals
+abgeschnitten. Mit Wechseln!«
+
+»Eine fürchterliche Katastrophe!« rief der Apotheker aus, der für
+alle möglichen Ereignisse immer das passende Begleitwort zur Hand
+hatte.
+
+Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen.
+Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich sie
+Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht ausstehen konnte,
+mißbilligte sie doch das Vorgehen von Lheureux. Sie nannte ihn
+einen Gauner, einen Halsabschneider.
+
+»Da! Sehen Sie!« fügte sie hinzu. »Da geht er! Unter den Hallen!
+Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut auf und
+geht am Arm von Herrn Boulanger.«
+
+»Frau Bovary!« echote Homais. »Ich muß ihr schnell guten Tag
+sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der Tribüne
+vor dem Rathause erwünscht.«
+
+Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte
+weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
+lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei ihn die
+langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde umflatterten, daß
+er wer weiß wieviel Raum einnahm.
+
+Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
+
+Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend und
+in brutalem Tone sagte er zu ihr:
+
+»Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!«
+
+Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen.
+
+»Was soll das heißen?« fragte er sie. Dabei blinzelte er sie im
+Weitergehen von der Seite an.
+
+Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre Gedanken.
+Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die lichte Luft,
+unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen blaßfarbene
+Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre Augen blickten
+geradeaus unter ihren etwas nach oben gebogenen langen Wimpern.
+Obgleich sie völlig geöffnet waren, erschienen sie doch ein wenig
+zugedrückt durch den oberen Teil der Wangen, weil das Blut die
+feine Haut straffte. Durch die Nasenwand schimmerte Rosenrot, und
+zwischen den Lippen glänzte das Perlmutter ihrer spitzen Zähne.
+Den Kopf neigte sie zur einen Schulter.
+
+»Mokiert sie sich über mich?« fragte sich Rudolf.
+
+In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
+ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von
+Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen ins
+Gespräch zu kommen.
+
+»Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- Wir
+haben Ostwind!«
+
+Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux
+bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit einem
+ewigen »Wie meinen?« dazwischenfuhr, wobei er jedesmal den Hut
+lüftete.
+
+Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab
+in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
+
+»Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!«
+
+»Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!« lachte Emma.
+
+»Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?«
+meinte Rudolf. »Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit
+Ihnen ...«
+
+Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
+schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren
+spazieren zu gehen.
+
+Ein paar Gänseblümchen standen am Raine.
+
+»Die niedlichen Dinger da!« sagte er. »Und so viele! Genug Orakel
+für die verliebten Mädels des ganzen Landes!« Ein paar Augenblicke
+später setzte er hinzu: »Soll ich welche pflücken? Was denken Sie
+darüber?«
+
+»Sind Sie denn verliebt?« fragte Emma und hustete ein wenig.
+
+»Wer weiß?« meinte Rudolf.
+
+Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr
+zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am einen
+und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. Häufig mußten
+sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch riechender
+Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und silbernen
+Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
+
+Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach dem
+andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an Pfählen
+gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten Raumes standen die
+Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die ungleich hohen Kruppen in
+einer unordentlichen Richtungslinie. Schläfrige Schweine wühlten
+mit ihren Rüsseln in der Erde. Kälber brüllten, Schafe blökten.
+Kühe lagen hingestreckt, die Bäuche im Grase, die Beine
+eingezogen, kauten gemächlich wieder und zuckten mit ihren
+schwerfälligen Lidern, wenn die sie umschwärmenden Bremsen
+stachen. Pferdeknechte, die Arme entblößt, hielten an
+Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern
+nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Diese
+verhielten sich friedlich und ließen die Köpfe und Mähnen hängen,
+während ihre Füllen in ihrem Schatten ruhten und ab und zu an
+ihnen saugten. Über der wogenden Masse aller dieser Leiber sah man
+von weitem hie und da das Weiß einer Mähne wie eine Springflut im
+Winde aufwehen oder ein spitzes Horn hervorspringen, und überall
+dazwischen die Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der
+Umseilung, etwa hundert Schritte davon entfernt, stand --
+unbeweglich wie aus Bronze gegossen -- ein großer schwarzer Stier
+mit verbundenen Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein
+zerlumptes Kind hielt ihn an einem Stricke.
+
+Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
+besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich
+jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, offenbar
+der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein Buch. Das
+war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr Derozerays, Besitzer
+des Rittergutes La Panville. Als er Rudolf bemerkte, ging er
+lebhaft auf ihn zu und sagte verbindlich-freundlich zu ihm:
+
+»Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?«
+
+Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er jedoch
+außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er:
+
+»Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe lieber
+bei Ihnen!«
+
+Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, was ihn aber
+nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als Mitglied des
+Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, wenn er irgendwo
+durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach blieb er auch vor
+dem oder jenem »Prachtstück« stehen. Frau Bovary bewunderte nichts
+mit. Das beobachtete er, und nun begann er spöttische Bemerkungen
+über die Toiletten der Damen von Yonville loszulassen. Dabei
+entschuldigte er sich, daß er selber auch nicht elegant gehe.
+Seine Kleidung war ein Nebeneinander von Alltäglichkeit und
+Ausgesuchtheit. Der oberflächliche Menschenkenner hält derlei
+meist für das äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die
+bizarr in ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem
+Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder Bewunderung
+davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit gefälteten Manschetten
+bauschte sich im Ausschnitt seiner grauen Flanellweste, wie es dem
+Winde gerade gefiel; seine breitgestreiften Hosen reichten nur bis
+an die Knöchel und ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf
+deren spiegelblanke Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat
+unbekümmert in die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der
+Rocktasche, und der Hut saß ihm schief auf dem Kopfe.
+
+»Ein Bauer wie ich ...«, meinte er.
+
+»Bei dem ist Hopfen und Malz verloren«, scherzte Emma.
+
+»Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen
+Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu beurteilen.«
+
+Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
+des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat.
+
+»Darum verfalle ich der Melancholie ...«, sagte er.
+
+»Sie?« erwiderte Emma erstaunt. »Ich halte Sie gerade für sehr
+lebenslustig.«
+
+»Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die Maske des
+Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich beim Anblick eines
+Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob einem nicht am wohlsten
+wäre, wenn man schliefe, wo die Toten schlafen ...«
+
+»Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!«
+
+»Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich
+niemand.«
+
+Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
+
+Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
+ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen
+schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm sah
+als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war Lestiboudois,
+der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle herbeischaffte.
+Findig, wie er immer war, wo es etwas zu verdienen gab, war er auf
+den Einfall gekommen, aus dem Bundestage seinen Vorteil zu
+schlagen. Und damit hatte er sich nicht verrechnet; er wußte gar
+nicht, wen er zuerst befriedigen sollte. Die Bauern, denen es heiß
+war, rissen sich förmlich um diese Stühle, deren Strohsitze nach
+Weihrauch dufteten. Sie lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung
+gegen die hohen wachsbeklecksten Stuhlrücken.
+
+Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als spräche
+er mit sich selbst.
+
+»Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, wenn
+mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen
+Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ...
+Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre über
+alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles überwunden ...«
+
+»Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert«, wandte
+Emma ein.
+
+»So, finden Sie?«
+
+»Zum mindesten sind Sie frei ...« Sie zögerte. »... und reich!«
+
+»Spotten Sie doch nicht über mich!« bat er.
+
+Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß.
+Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. Aber es
+war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch gar nicht da.
+Der Festausschuß war nun in der größten Verlegenheit. Sollte der
+feierliche Akt beginnen, oder sollte man noch warten?
+
+Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige Mietkutsche
+auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein Kutscher im
+Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche loshieb.
+
+Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
+
+»An die Gewehre!«
+
+Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu.
+
+Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche der
+Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen zuzuknöpfen.
+Aber der Landauer des Herrn Landrats schien die Verwirrung zum
+Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im langsamsten Zotteltrabe
+gerade in dem Moment vor der Vorhalle des Rathauses an, als sich
+Feuerwehr und Bürgergarde in Reih und Glied unter Trommelschlag
+davor aufgestellt hatten.
+
+»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« kommandierte Binet.
+
+»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« der Oberst auf der
+andern Seite.
+
+Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel
+eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
+
+Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer
+silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein
+Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war
+offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
+kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
+halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
+seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den
+Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der
+Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei
+Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche Redensarten.
+
+Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat
+erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht
+gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der Festausschuß,
+der Gemeinderat, die Honoratioren, die Bürgergarde und das
+Publikum. Der Regierungsrat schwenkte seinen kleinen schwarzen
+Dreimaster gegen die Brust und sagte ein paar Begrüßungsworte.
+Währenddem klappte Tüvache in einem fort wie ein Taschenmesser
+zusammen, lächelnd, stotternd, nach Worten suchend. Darauf
+beteuerte er die Königstreue der Yonviller und dankte für die
+ihnen widerfahrene große Ehre.
+
+Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die Pferde
+der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt humpelnd nach dem
+Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von gaffenden Landleuten
+stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller krachte.
+
+Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem
+Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
+Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung
+gestellt worden waren.
+
+Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose
+blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas
+gebräunt waren, buschige Backenbärte, die sich unter hohen steifen
+Halskragen verloren, und weiße, sorglich gebundene Krawatten. Die
+Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale
+Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die
+Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam
+zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte
+mehr als das Leder ihrer derben Stiefel.
+
+Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
+unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge
+dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. Der
+Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle
+rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus der
+Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges
+Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe der
+Estrade dringen konnte.
+
+»Ich finde,« sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
+Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, »man hätte
+zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit irgendeinem
+schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer Nouveauté.
+Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!«
+
+»Gewiß!« meinte Homais. »Aber Sie wissen ja! Der Bürgermeister
+macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er hat nicht viel
+Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen Sinn nun gleich
+gar nicht!«
+
+Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des
+Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer war,
+erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das Schauspiel
+bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem ovalen Tisch, der
+unter der Büste von Majestät stand, und trug sie an eins der
+Fenster.
+
+Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
+
+Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte und
+tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem Sitze. Man
+hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und nun lief sein
+Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er ein paar Zettel
+geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten hatte, begann er:
+
+»Meine Herren!
+
+Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
+eingehe, sei es mir zunächst gestattet, -- und ich bin überzeugt,
+Sie sind insgesamt damit einverstanden! -- sei es mir gestattet,
+sage ich, der Behörden und der Regierung zu gedenken, vor allem,
+meine Herren, Seiner Majestät, unsers allergnädigsten und
+allverehrten Landesherrn, dem jedes Gebiet der öffentlichen und
+privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, der mit sicherer und kluger
+Hand das Staatsschiff durch die unaufhörlichen Gefahren eines
+stürmischen Ozeans lenkt und dabei jedem sein Recht läßt, dem
+Frieden wie dem Kriege, der Industrie, dem Handel, der
+Landwirtschaft, den Künsten und Wissenschaften ...«
+
+»Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück«, sagte Rudolf.
+
+»Warum?« fragte Emma.
+
+In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates
+besonderen Schwung. Er deklamierte:
+
+»Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der
+Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der
+Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
+abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch das
+Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu werden, wo
+Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...«
+
+»Nur weil man mich von unten bemerken könnte«, gab Rudolf zur
+Antwort. »Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
+Und bei meinem schlechten Rufe ...«
+
+»Sie verleumden sich«, warf Emma ein.
+
+»I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.«
+
+»Meine Herren!« fuhr der Redner fort. »Wenn wir unsre Blicke von
+diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
+gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: was
+sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und Künste in
+Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam
+wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue
+Beziehungen, neues Leben. Unsre großen Industriezentren sind von
+neuem in vollster Tätigkeit. Die Religion ist gekräftigt und wärmt
+wieder aller Herzen. Unsre Häfen strotzen, der Staatskredit ist
+fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...«
+
+»Das heißt,« sagte Rudolf, »vom gesellschaftlichen Standpunkt hat
+man vielleicht recht.«
+
+»Wie meinen Sie das?« fragte sie.
+
+»Wissen Sie denn nicht,« erläuterte er, »daß es problematische
+Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie
+den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genüssen. Nichts ist
+ihnen zu toll, zu phantastisch ...«
+
+Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
+sie:
+
+»Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher Kontraste
+verboten!«
+
+»Schöne Freuden!« entgegnete er bitter. »Das Glück liegt wo ganz
+anders!«
+
+»Ach, so findet mans nirgends?«
+
+»Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!« flüsterte er.
+
+»Und das wissen Sie alle gerade am besten,« fuhr der Regierungsrat
+fort, »Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter sind, friedliche
+Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer des Fortschrittes und der
+Ordnung! Sie wissen das, sage ich, daß politische Stürme weit
+furchtbarer sind denn Stürme in der Natur ...«
+
+»Ja, eines Tages begegnet man ihm!« wiederholte Rudolf, »ganz
+unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! Dann
+öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe eine Stimme:
+'Hier ist das Glück!' Und dem Menschen, den Sie da gefunden haben,
+dem müssen Sie aus innerm Drange heraus ihr Leben anvertrauen, ihm
+alles geben, alles opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles
+ist nur Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland
+gesehen ...«
+
+Er blickte Emma an.
+
+»Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
+leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn für
+ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
+geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die Sonne ...«
+
+Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte
+auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er sie
+auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg.
+
+Der Rat sprach immer weiter:
+
+»Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens Leute,
+die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, dieses
+Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile abgetaner
+Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer verkennen.
+Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus als auf dem Lande? Wo
+mehr Opferfreudigkeit in Dingen des Gemeinwohls? Mit einem Worte:
+wo mehr Intelligenz? Meine Herren, ich meine natürlich nicht jene
+oberflächliche Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten,
+nein, ich meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich
+nur mit ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile
+des Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine
+Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor den
+Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...«
+
+»Pflichterfüllung!« wiederholte Rudolf. »Immer und überall die
+Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten
+Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit Wärmbullen
+und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte Litanei vor: 'Die
+Pflicht, die Pflicht!' Der Teufel soll sie holen! Unsre Pflicht
+ist es, alles Große in der Welt mitzufühlen, das Schöne anzubeten
+und sich nicht immer gleich unter alle möglichen
+gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, sich nicht zu Sklaven
+herabwürdigen zu lassen ...«
+
+»Indessen ... indessen ...«, wandte Emma ein.
+
+»Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind
+sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden gibt, der
+Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der Dichtung, der Musik,
+aller Künste, alles Lebens im wahren Sinne?«
+
+»Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten
+und sich ihrer Moral fügen«, meinte Emma.
+
+»So! Das ist dann eben die doppelte Moral,« eiferte er. »Die eine:
+die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem fort ein
+andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im trüben fischt
+und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all der versammelten
+Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, die um uns ist und
+über uns wie die Landschaft, die uns umprangt, und der blaue
+Himmel, der über uns leuchtet ...«
+
+Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
+er weiter:
+
+»Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
+noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? Wer
+schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der Landmann? Er
+und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit seiner
+schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden Furchen sät,
+verdanken wir das Getreide, das dann, von sinnreichen Maschinen zu
+Mehl gemahlen, in die Städte zu den Bäckern kommt, die Brot daraus
+backen für arm und reich! Ist es nicht der Landmann, der auf den
+Weiden die Schafherden hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten
+wir uns anziehen, wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber,
+meine Herren, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht
+jeder von uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen
+Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe ist und
+uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen saftigen Braten für
+unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme nicht zu Ende, wenn
+ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse lückenlos aufzählen
+müßte, mit denen die wohlbebaute Erde wie eine großmütige Mutter
+ihre Kinder überschüttet. Ich nenne nur den Weinstock, den Baum,
+der uns den Apfelwein spendet, und den Raps. Dann haben wir den
+Käse und den Flachs. Meine Herren, vergessen wir den Flachs nicht!
+Der Flachsbau hat in den letzten Jahren einen bedeutenden
+Aufschwung genommen, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit ganz
+besonders hinlenken möchte ...«
+
+Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte
+offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der
+Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit
+aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und wieder
+voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz etwas weiter
+weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um Silbe für Silbe
+ordentlich zu verstehen. Die übrigen Preisrichter nickten
+bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um ihre Zustimmung zu
+erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich auf ihre Gewehre,
+und Binet stand immer noch stramm da im Stillgestanden und mit
+vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. Hören konnte er vielleicht, aber
+sehen nicht, weil ihm die Blende seines Helms bis über die Nase
+reichte. Sein Leutnant, der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte
+einen noch größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend
+auf dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines seidnen
+Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er lächelte wie ein
+artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein schmales blasses
+Gesicht, über das Schweißtropfen rannen, verriet zugleich helle
+Freude und müde Abspannung.
+
+Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In
+allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen Türschwellen.
+Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, ganz versunken in
+das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um den Redner herum
+Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch bereits in einiger
+Entfernung im Winde. Nur einzelne abgerissene Worte drangen
+weiter, von denen das Geräusch hin- und hergerückter Stühle auch
+noch einen Teil verschlang. Noch weiter weg vernahm man dicht
+hinter sich langgedehntes Rindergebrüll oder das Blöken der
+Schafe, die sich einander antworteten. Die Kuhjungen und Hirten
+hatten nämlich ihre Tiere inzwischen bis auf den Markt getrieben,
+wo sie sich nun von Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
+
+Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig zu:
+
+»Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum Rebellen
+machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie nicht verdammt? Die
+edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden von ihr verfolgt
+und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen trotz alledem
+finden, so verbündet sich alles, damit sie einander nicht gehören
+können. Aber sie werden es dennoch versuchen, sie regen ihre
+Flügel, und sie rufen sich. Früher oder später, in sieben Monaten
+oder in sieben Jahren, sind sie doch vereint in ihrer Liebe, weil
+es das Schicksal so will und weil sie füreinander geschaffen sind
+...«
+
+Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, und
+so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem Blicke. Sie
+konnte in seinen Augen die kleinen goldnen Kreislinien sehen, um
+die schwarzen Pupillen herum, und sie roch sogar das leise Parfüm
+in seinem Haar. Wollüstige Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte,
+mit dem sie im Schlosse Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den
+Sinn. Sein Bart hatte genau so geduftet wie dieses Haar, nach
+Vanille und Zitronen. Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um
+den Geruch stärker zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl
+zurücklehnte, fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern
+am Horizonte, die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine
+lange Staubwolke nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war
+Leo so oft zu ihr zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er
+von ihr weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu
+sehen, im Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel
+zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals im
+Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des Vicomte. Und
+Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... Dabei spürte sie
+in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. Die süße Empfindung
+seiner Nähe vermählte sich mit den alten Gelüsten; und wie
+Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten sie diese Gefühle
+zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten ihr die Seele. Ein
+paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um -- stoßweise -- den
+frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die um die Säulen
+geschlungen waren.
+
+Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
+feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem
+Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern des
+Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und die immer noch
+Phrasen dreschende Stimme des Regierungsrates verworren vernahm.
+
+Er predigte:
+
+»Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
+nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten
+Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen
+Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die
+Verbesserung des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung
+der Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese
+Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
+der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt
+wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft
+wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes
+Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine
+Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für Eure
+stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge des
+Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch ermutigt und
+beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden hin recht geben
+wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, die Bürde Eurer
+opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!«
+
+Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr
+Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
+schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, das
+heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
+Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer gefaßt;
+die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft und der
+Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
+beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation
+gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume,
+Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der
+menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen
+Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte.
+Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
+bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies nun
+ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen ungleich
+mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte Derozerays
+allerhand Betrachtungen an.
+
+Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die
+Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom
+Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen
+Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
+eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau
+auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
+gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei.
+
+»Nehmen Sie beispielsweise uns beide!« sagte er. »Warum haben wir
+uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall gefügt? War es
+nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, der uns gegenseitig
+einander zuführte, wie zwei Ströme ineinander fließen, jeder von
+weiter Ferne her?«
+
+Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht.
+
+»Preis für gute Bewirtschaftung ...«, rief unten der Redner.
+
+»Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus
+kam ...«
+
+»Herrn Bizet aus Quincampoix!«
+
+»Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden sollten?«
+
+»Siebzig Franken ...«
+
+»Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
+Ihnen gekommen und hier geblieben ...«
+
+»Für Erfolge im Düngen.«
+
+»... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...«
+
+»Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!«
+
+»... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so völlig
+bezaubert ...«
+
+»Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...«
+
+»... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...«
+
+»... für einen Merino-Schafbock ...«
+
+»Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen vorübergewandelt
+wie ein Schatten!«
+
+»Herrn Belot aus Notre-Dame ...«
+
+»Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
+erinnern?«
+
+»Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den
+Herren Lehérissé und Cüllembourg!«
+
+Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und
+zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei es
+nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß sie
+Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit ihren
+Fingern eine Bewegung. Da rief er aus:
+
+»Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind so
+gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur sehen,
+nur anschauen!«
+
+Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
+des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
+mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße
+Schmetterlingsflügel auf.
+
+»Für die Herstellung von Ölkuchen ...«
+
+Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
+
+»Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
+Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...«
+
+Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas trockne
+Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von selbst
+verschlangen sich ihre Hände.
+
+»Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière für
+vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben Gute eine
+silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!«
+
+Nach einer Weile hört man: »Wo ist Katharine Leroux?«
+
+Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen.
+
+»Geh doch!«
+
+»Ach nein!«
+
+»Brauchst keine Angst zu haben!«
+
+»Nee, ist die dumm!«
+
+»Hier! Hier steckt sie!«
+
+»So mag sie doch vorkommen!« rief der Bürgermeister dazwischen.
+
+Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur
+Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
+aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die Hüften
+eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von einer
+schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter
+Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke langten zwei dürre
+Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der
+Lauge der Wäsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig,
+hart und rissig, daß sie wie schmutzig aussahen, und doch waren
+sie in reinem Wasser tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige
+Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an
+ihrer demütigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig
+Dienste zu empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus
+den Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von
+Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
+nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit Tieren war
+ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum
+ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen,
+der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Röcken, das
+Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das
+erschüttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wußte
+nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie
+begriff nicht, warum man sie nach vorn drängte und warum ihr die
+Preisrichter freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen
+behäbigen Bürgern als ein verkörpertes halbes Säkulum der
+Knechtschaft.
+
+»Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia Elisabeth
+Leroux!« sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrönten
+aus den Händen des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er
+abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte
+er in väterlichem Tone:
+
+»Näher, immer näher!«
+
+»Sind Sie denn taub?« rief Tüvache heftig und sprang von seinem
+Sitze auf.
+
+»Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille im
+Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!« wurde ihr laut
+gesagt.
+
+Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln
+des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte man sie vor
+sich hinmurmeln:
+
+»Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er
+mir dermaleinst eine Messe liest.«
+
+»Selig die Geistesarmen!« meinte der Apotheker, zum Notar gewandt.
+
+Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
+nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder
+seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
+schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das Vieh,
+das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe
+zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.
+
+Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
+den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte
+einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte sich die
+spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
+
+Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe nahmen sie
+Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein
+durch die Wiesen spazieren.
+
+Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung schlecht.
+Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen gar keine
+Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bänke dienten,
+drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. Man aß
+unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen
+perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und den
+Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über dem
+Flusse an einem Herbstmorgen.
+
+Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich völlig
+in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und hörte. Hinter
+ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die
+gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab
+er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das Glas, ohne daß er es
+wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer stärker werdenden Lärmes war
+es in ihm ganz still. Er sann über das nach, was Emma gesagt
+hatte, und über die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte
+ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar
+aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
+Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in
+der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter
+Tage.
+
+Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
+Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der
+letztere beunruhigte sich sehr über die Möglichkeit, daß einmal
+eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen könnte. Aller
+Augenblicke verließ er seine Freunde, um Binet zur größten
+Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskörper waren vorher aus
+übertriebener Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt
+worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzündete
+sich nun schwer, und das Hauptstück, eine Schlange, die sich in
+den Schwanz beißt, versagte vollständig. Ab und zu zischte ein
+dürftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergnügen
+laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der
+Weiber, die im Dunkeln von dreisten Händen angefaßt wurden.
+
+Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
+verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
+Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und
+nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein
+paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch über das
+unbedeckte Haar.
+
+In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom
+Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf
+seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines
+Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach
+den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster.
+
+»Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen«,
+bemerkte der Apotheker. »Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich
+am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche
+vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine
+Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen Sie!«
+
+Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
+anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
+seiner Drehbank.
+
+»Vielleicht täten Sie gut,« mahnte ihn Homais, »wenn Sie einen von
+Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen
+...«
+
+»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« murrte der Steuereinnehmer. »Das
+hätte ja gar keinen Sinn!«
+
+Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
+
+»Wir können völlig beruhigt sein«, sagte er zu ihnen. »Herr Binet
+hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen
+sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen
+stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!«
+
+»Ach ja! Ich habs sehr nötig!« erwiderte Frau Homais, die schon
+immer tüchtig gegähnt hatte. »Aber schön wars doch!«
+
+Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke:
+
+»Wunderschön!«
+
+Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
+
+Zwei Tage darauf stand im »Leuchtturm von Rouen« ein langer
+Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
+hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt.
+
+»Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin wälzt
+sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen Weltmeeres
+unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren
+sengt?«
+
+Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. »Gewiß, die
+Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
+Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!« Bei der
+Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er »das
+martialische Aussehen unsrer Miliz«, die »behenden Dorfschönen,«
+die »kahlköpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der
+unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der
+Trommeln höher schlagen.« Seinen eigenen Namen zählte er unter den
+Preisrichtern als ersten auf und erwähnte in einer Anmerkung
+sogar, daß Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlängst eine
+Denkschrift über den Apfelwein an die Rouener Agronomische
+Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt,
+schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer
+Begeisterung. »Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren
+Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
+Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
+Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand
+gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl
+in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese errichteten großen
+Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende
+herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere Toaste wurden
+ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestät,
+Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr
+Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft,
+Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die
+Künste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den
+Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk
+plötzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
+Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
+sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
+entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß
+auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestört
+hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit.
+Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und
+Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jünger Loyolas!«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines
+Spätnachmittags, erschien er.
+
+»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein
+Fehler!«
+
+Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
+hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein
+Gedankengang war folgender:
+
+»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
+dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten
+wir also noch eine Weile!«
+
+Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß
+wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte.
+
+Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den
+Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall
+des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der
+Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer.
+
+Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine
+ersten Höflichkeitsworte.
+
+»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.«
+
+»Ernstlich?« fragte sie erregt.
+
+»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
+niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht
+wiederkommen.«
+
+»Warum?«
+
+»Erraten Sie es nicht?«
+
+Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot
+wurde und die Augen senkte.
+
+Er begann von neuem:
+
+»Emma!«
+
+»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab.
+
+»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich
+hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser
+Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir entschlüpft,
+und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt
+nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name -- eines
+andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt
+sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an
+Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen
+Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg
+... so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber
+heute ... heute ... ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt
+hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner
+kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt
+sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert
+ist!«
+
+Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie
+sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem
+Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost.
+
+»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort,
+»wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
+wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für
+Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu
+schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem
+Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das
+Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben
+hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß
+da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein
+Unglücklicher stand ...«
+
+Sie schluchzte auf und sah ihn an.
+
+»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie.
+
+»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen
+Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!«
+
+Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche
+her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht
+geschlossen. Er erinnerte sich daran.
+
+»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend,
+»wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.«
+
+Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen.
+Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da
+trat Karl ein.
+
+»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf.
+
+Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
+schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen
+wurde der andre wieder völlig Herr der Situation.
+
+»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...«,
+begann er.
+
+Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau
+habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten.
+
+Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre.
+
+»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein
+guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!«
+
+Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins
+an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in
+sie. Dann erzählte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein
+Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide
+immer noch an Schwindelanfällen.
+
+»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary.
+
+»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
+zusammen. Das ist bequemer für Sie!«
+
+»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!«
+
+Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
+
+»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger
+abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!«
+
+Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie
+sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es
+»komisch« finden.
+
+»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche
+Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht
+richtig von dir!«
+
+»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!«
+
+»Dann mußt du dir eins bestellen!«
+
+Das Reitkleid gab den Ausschlag.
+
+Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe
+ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an.
+
+Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem
+Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder
+und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus
+feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch
+nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen
+entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und
+den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn
+gewartet und war bereit.
+
+Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den
+Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei
+gute Ratschläge.
+
+»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie
+vorsichtig! Sind die Tiere fromm?«
+
+Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der
+Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
+einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen
+zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
+
+»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht
+vorsichtig!«
+
+Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit
+seiner Zeitung.
+
+Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von
+selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an.
+Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig
+eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem
+Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden
+Galoppade.
+
+Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
+Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter.
+
+Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In
+langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die
+Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel
+auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann
+erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von
+Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und
+Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus
+herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie
+da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten,
+glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen,
+verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm
+herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der
+hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt.
+
+Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die
+laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die
+Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den
+Hufen berührt.
+
+Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
+Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der
+Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die
+unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
+keuchten.
+
+Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
+
+»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf.
+
+»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie.
+
+»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
+Beide Tiere gehorchten.
+
+Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen
+sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt,
+bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein
+paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende
+Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie
+ihr linkes Bein berührte.
+
+Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte
+sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden
+Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben
+und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen
+auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise
+krächzend flogen Raben um die Eichen.
+
+Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus,
+den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes
+Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen
+Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem
+schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres
+Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand.
+
+Emma blieb stehen.
+
+»Ich bin müde!« sagte sie.
+
+»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!«
+
+Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue
+Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften
+herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus,
+wie in das Blau des Himmels getaucht.
+
+»Wohin gehen wir denn?«
+
+Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
+biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der
+gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen.
+
+Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
+durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
+schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit
+der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem
+Satze:
+
+»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen
+zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn:
+
+»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!«
+
+Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so
+blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
+schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
+
+»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern
+Pferden!«
+
+Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte:
+
+»Gehen wir zu unsern Pferden!«
+
+Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten
+Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich
+zitternd zurück und stammelte:
+
+»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!«
+
+»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck
+wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern
+aus.
+
+Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an.
+
+»Was hatten Sie denn vorhin?« fragte er. »Was war es? Ich habe Sie
+nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. Sie thronen
+in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar!
+Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre Augen sehen, Ihre
+Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin,
+meine Schwester, mein Schutzengel!«
+
+Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
+sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie
+nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von den
+Bäumen rupften.
+
+»Noch nicht!« bat Rudolf. »Reiten wir noch nicht zurück! Bleiben
+Sie!«
+
+Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen Weihers,
+dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf
+träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer Schritte im
+Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden.
+
+»Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! Ich
+bin toll, daß ich auf Sie höre!«
+
+»Warum? Emma! Emma!«
+
+»Ach, Rudolf!« flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
+anschmiegte.
+
+Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog
+ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer schwellte. Halb
+ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände auf ihr Gesicht
+pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin ...
+
+Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und
+flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub
+und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten Kolibris im
+Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes
+Schweigen. Die Bäume atmeten süße Melancholie.
+
+Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch
+den Körper kreiste.
+
+In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein
+langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie
+schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
+ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ...
+
+Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines
+Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her.
+
+Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im
+weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider
+Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder und
+einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verändert,
+und doch kam es Emma vor, als sei etwas höchst Bedeutsames
+geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von
+Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herüber, um ihre rechte
+Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand Emma im Sattel entzückend
+aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der
+schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft
+geröteten Wangen, -- alles im Abendrot.
+
+Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
+machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.
+
+Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich aus.
+Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen
+sei, tat sie, als hätte sie die Frage überhört. Sie stützte sich
+auf die Ellenbogen und starrte über ihren Teller weg in die
+flackernden Kerzen.
+
+»Emma!«
+
+»Was denn?«
+
+»Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. Er
+hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die
+Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für hundert
+Taler ...« Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar
+Augenblicken fort: »Ich habe gedacht, es sei dir erwünscht, und da
+habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... nein, gleich
+gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!«
+
+Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.
+
+Eine Viertelstunde später fragte sie:
+
+»Gehst du heute abend aus?«
+
+»Ja. Warum denn?«
+
+»Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!«
+
+Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
+schloß sich ein.
+
+Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
+Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine
+Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte.
+Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte über ihr
+Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und
+wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam
+sich wie verklärt vor.
+
+Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen
+Geliebten!«
+
+Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib
+geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die
+fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr
+gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles
+Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit
+breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das
+Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg
+von diesen Höhen, lag der Alltag.
+
+Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
+empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den
+Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene
+Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
+Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
+amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefühl
+befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
+triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit
+wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß ihre
+Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne Wirrungen.
+
+Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich
+ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. Er
+unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen
+an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und
+ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war wiederum im
+Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die Wände waren
+von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man drin nicht
+aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander auf einer
+Streu von trocknem Laub.
+
+Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle Abende.
+Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen
+lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach führte, verbarg.
+Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine
+Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle Tage beklagte.
+
+Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war,
+geriet sie plötzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu
+wollen. Ehe die Yonviller aufständen, konnte sie nach der Hüchette
+gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurückkommen. Dieser
+Plan ließ sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar
+Augenblicke später war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich
+umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs.
+
+Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut
+des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
+höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.
+
+Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte das
+Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als öffnete sich
+ihr alles von selbst. Eine breite Treppe führte auf einen Gang.
+Emma drückte auf die Klinke einer Tür, und da erblickte sie im
+Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie
+frohlockte laut.
+
+»Du? Du!« rief er aus. »Wie hast du das fertig gebracht? Dein Kleid
+ist feucht ...«
+
+»Ich liebe dich!« war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den
+Hals schlang.
+
+Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, kleidete
+sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, rasch an und
+schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf
+dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache führte, aus dem Hause.
+Aber wenn die Planke, die als Steg über das Wasser diente,
+zufällig weggenommen war, mußte sie ein Stück bis zum nächsten
+Steg an den Gartenmauern längs des Baches hingehen. Die bewachsene
+Böschung war steil und glitschig, und so mußte sie sich mit der
+einen Hand an Büscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten,
+um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein über die
+Äcker, ungeachtet, daß ihre zierlichen Schuhe einsanken, daß sie
+oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um
+Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor
+den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden
+Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns
+und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann
+meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
+leibhaftgewordene Frühlingsmorgen.
+
+Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende
+goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen
+fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern
+leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf
+zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz.
+
+Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf,
+kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
+Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in den
+Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
+Zuckerstücken, neben der Wasserflasche.
+
+Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
+vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm
+weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
+neuem in seine Arme.
+
+Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein
+bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wäre.
+
+»Was hast du denn?« fragte sie. »Hast du Schmerzen? Sprich!«
+
+Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begönnen
+unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Allmählich machten Rudolfs Befürchtungen auf Emma Eindruck. Zuerst
+hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an nichts andres
+gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu einer Lebensbedingung
+geworden war, erwachte die Furcht in ihr, es könne ihr etwas davon
+verloren gehen oder man könne sie ihr gar stören. Wenn sie von dem
+Geliebten wieder heimging, hielt sie mit rastlosen Blicken
+Umschau; sie spähte nach allem, was sich im Gesichtskreise regte,
+sie suchte die Häuser des Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob
+jemand sie beobachte. Sie lauschte auf jedes Geräusch, jeden
+Tritt, jedes Rädergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
+zittriger als das Laub der Pappeln, die sich über ihrem Haupte
+wiegten.
+
+Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem Male den
+Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte schräg über den
+oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hälfte in einem Graben
+stand und vom Gebüsch verdeckt wurde. Vor Schreck halb ohnmächtig
+ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann aus der Tonne wie
+ein Springteufel aus seinem Kasten. Er trug Wickelgamaschen bis
+an die Knie, und die Mütze hatte er tief ins Gesicht
+hereingezogen, so daß man nur eine rote Nase und bebende Lippen
+sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, der auf dem Anstand lag,
+um Wildenten zu schießen.
+
+»Sie hätten schon von weitem rufen sollen!« schrie er ihr zu.
+»Wenn man ein Gewehr sieht, muß man sich bemerkbar machen!«
+
+Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
+zu bemänteln. Es bestand nämlich eine landrätliche Verordnung,
+nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne aus betreiben
+durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte sich also Binet
+einer Übertretung schuldig. Deshalb schwebte er in steter Furcht,
+der Landgendarm könne ihn erwischen, und doch fügte die Aufregung
+seinem Vergnügen einen Reiz mehr zu. Wenn er so einsam in seiner
+Tonne saß, war er stolz auf sein Jagdglück und seine Schlauheit.
+
+Als er erkannte, daß es Frau Bovary war, fiel ihm ein großer Stein
+vom Herzen. Er begann sofort ein Gespräch mit ihr.
+
+»Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!«
+
+Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:
+
+»Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?«
+
+»Jawohl!« stotterte sie. »Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
+ist...«
+
+»So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
+seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, daß man
+auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...«
+
+»Adieu, Herr Binet!« unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
+ihm ab.
+
+»Ihr Diener, Frau Bovary!« sagte er trocken und kroch wieder in
+seine Tonne.
+
+Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
+gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige
+Vermutungen. Auf eine dümmere Ausrede hätte sie auch wirklich
+nicht verfallen können, denn in ganz Yonville wußte man, daß das
+Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und sonst
+wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg führte einzig und
+allein nach der Hüchette. Somit mußte Binet erraten, wo Emma
+gewesen war. Sicherlich würde er nicht schweigen, sondern es
+ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle möglichen
+Lügen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit seiner
+Jagdtasche vor Augen.
+
+Als Karl nach dem Essen merkte, daß Emma bekümmert war, schlug er
+ihr vor, zur Zerstreuung mit zu »Apothekers« zu gehen.
+
+Die erste Person, die sie schon von draußen in der Apotheke im
+roten Lichte erblickte, war -- ausgerechnet -- der
+Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:
+
+»Ich möchte ein Lot Vitriol.«
+
+»Justin,« schrie der Apotheker, »bring mir mal die Schwefelsäure
+her!« Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
+Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte.
+
+»Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
+Augenblick herunter. Wärmen Sie sich inzwischen am Ofen ...
+Entschuldigen Sie!« Und zu Bovary sagte er: »Guten Abend, Doktor!«
+Der Apotheker pflegte nämlich diesen Titel mit einer gewissen
+Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der darauf
+ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen würfe. »Justin, nimm dich
+aber in acht und wirf mir die Mörser nicht um! So! Und nun holst
+du ein paar Stühle aus dem kleinen Zimmer! Aber nicht etwa die
+Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?«
+
+Homais wollte selber zu seinen Fauteuils stürzen, aber Binet bat
+noch um ein Lot Zuckersäure.
+
+»Zuckersäure?« fragte der Apotheker eingebildet. »Kenne ich nicht!
+Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsäure? Also
+Oxalsäure, nicht wahr?«
+
+Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, daß er nach einem
+selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
+Reinigung von verrostetem Jagdgerät.
+
+Bei dem Wort »Jagd« schrak Emma zusammen.
+
+Der Apotheker versetzte:
+
+»Gewiß! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!«
+
+»Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!« meinte Binet
+bissig.
+
+Emma bekam keine Luft.
+
+»Und dann möcht ich noch ...«
+
+»Will er denn ewig hier bleiben!« seufzte sie bei sich.
+
+»... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes Wachs
+und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren meines
+Lederzeugs.«
+
+Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als seine Frau
+erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, und Athalia
+hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plüsch überzogene
+Fensterbank. Der Junge lümmelte sich auf einen niedrigen Sessel,
+während sich seine ältere Schwester am Kasten mit den Malzbonbons
+zu schaffen machte, in nächster Nähe von »Papachen«, der mit dem
+Trichter hantierte, die Fläschchen verkorkte, Etiketten darauf
+klebte und dann alles zu einem Paket verpackte. Um ihn herrschte
+Schweigen. Man hörte nichts, als von Zeit zu Zeit das Klappern der
+Gewichte auf der Wage und ein paar leise anordnende Worte, die der
+Apotheker dem Lehrling erteilte.
+
+»Wie gehts Ihrem Töchterchen?« fragte plötzlich Frau Homais.
+
+»Ruhe!« rief ihr Gatte, der den Betrag in das Geschäftsbuch
+eintrug.
+
+»Warum haben Sies nicht mitgebracht?« fragte sie weiter.
+
+»Sst! Sst!« machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem
+Apotheker.
+
+Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
+darauf gehört zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stieß Emma
+einen lauten Seufzer aus.
+
+»Bißchen asthmatisch?« bemerkte Frau Homais.
+
+»Ach nein, es ist nur recht heiß hier!« entgegnete Frau Bovary.
+
+Alles das hatte zur Folge, daß die Liebenden tags darauf
+beschlossen, ihre Zusammenkünfte anders einzurichten. Emma schlug
+vor, ihr Hausmädchen ins Vertrauen zu ziehen und durch ein
+Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es für besser, in
+Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig zu machen. Er
+versprach, sich darnach umzusehen.
+
+Den ganzen Winter über kam er drei- oder viermal in der Woche bei
+Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlüssel zur
+Hinterpforte gegeben, während Karl glaubte, er sei verloren
+gegangen. Zum Zeichen, daß er da war, warf Rudolf jedesmal eine
+Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, aber
+oft mußte sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, am
+Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma verging
+beinahe vor Ungeduld und wünschte ihren Mann wer weiß wohin.
+Schließlich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann nahm sie
+ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch über alle Maßen
+fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief ihr zu, sie solle
+auch schlafen gehn.
+
+»Komm doch, Emma!« rief er. »Es ist schon spät!«
+
+»Gleich! Gleich!« erwiderte sie.
+
+Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
+schlief ein. Sie schlüpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, lächelnd,
+zitternd, halbnackt.
+
+Rudolf hüllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, schlang
+die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den Garten, in die
+Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie dereinst so oft mit
+Leo gesessen hatte. Das war an Sommerabenden gewesen. Wie verliebt
+hatten seine Augen geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr
+an ihn.
+
+Durch die kahlen Zweige der Jasminbüsche funkelten die Sterne.
+Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
+Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich im
+Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben bekam,
+sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein schwarzes Ungetüm
+auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu erdrücken.
+
+In der Kälte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
+ihr Liebesgestammel um so inbrünstiger. Ihre Augen, die sie
+gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen größer, und in
+der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflüsterten Worte
+einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und zitterten
+in ihnen tausendfach wider.
+
+Wenn die Nacht regnerisch war, flüchteten sie in Karls
+Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem Pferdestall
+gelegen war. Emma zündete eine Küchenlampe an, die sie hinter den
+Büchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte sichs bequem, als sei
+er zu Hause. Der Anblick der »Bibliothek«, des Schreibtisches, der
+ganzen Einrichtung erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht
+umhin, über Karl allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hörte.
+Sie hätte ihn viel lieber ernst sehen mögen, ihretwegen
+theatralischer, wie er es einmal gewesen war, als sie in der
+Pappelallee das Geräusch von näherkommenden Tritten hinter sich zu
+vernehmen wähnten.
+
+»Es kommt jemand!« sagte sie einmal.
+
+Er blies das Licht aus.
+
+»Hast du eine Pistole bei dir?«
+
+»Wozu?«
+
+»Damit du ... dich ... verteidigen kannst!«
+
+»Gegen deinen Mann? Der arme Junge!« Dazu machte er eine Gebärde,
+die etwa sagen sollte: »Der mag mir nur kommen!«
+
+Dieser Mut entzückte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
+urwüchsige Roheit heraushörte und darüber entsetzt war.
+
+Rudolf dachte viel über diese kleine Szene nach.
+
+»Wenn das ihr Ernst war,« sagte er sich, »so war das recht
+lächerlich, sogar häßlich.« Er hatte doch wahrlich keinen Anlaß,
+ihren gutmütigen Mann zu hassen. Sozusagen »von Eifersucht
+verzehrt«, das war er nicht. Überdies hatte ihm Emma ihre
+körperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, der ihm
+ziemlich abgeschmackt erschienen war. Überhaupt fing sie an, recht
+sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit ihr tauschen
+müssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze Handvoll Haare
+für einander abgeschnitten, und jetzt wünschte sie sich sogar
+einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen ewiger
+Zusammengehörigkeit. Häufig schwärmte sie ihm von den Abendglocken
+vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie erzählte von ihrer
+seligen Mutter und wollte von der seinigen etwas wissen. Rudolfs
+Mutter war schon zwanzig Jahre tot. Trotzdem tröstete ihn Emma mit
+allerlei Koseworten der Klein-Kindersprache, als ob es gölte, ein
+Wickelkind zu beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen
+aufblickend, ausgerufen:
+
+»Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mütter segnen unsre
+Liebe!«
+
+Aber sie war so hübsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
+noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzüchtigkeiten war
+ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, das seinen
+Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verführerisch umschmeichelte.
+Selbst Emmas Überschwenglichkeiten, so zuwider sie einem
+Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei näherer Betrachtung
+reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so sicher war, daß
+er geliebt wurde, ließ er sich gehen, und allmählich änderte sich
+sein Benehmen.
+
+Nicht mehr wie einst hatte er für sie jene süßen Worte, die Emma
+zu Tränen rührten, nicht mehr die stürmischen Liebkosungen, die
+sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr vor, als ob der Strom
+ihrer eignen großen Liebe, in der sie völlig untergetaucht war,
+niedriger würde; sie sah gleichsam auf den schlammigen Grund. Vor
+dieser Erkenntnis schauderte sie, und darum verdoppelte sie ihre
+Zärtlichkeiten. Rudolf indessen verriet seine Gleichgültigkeit
+immer mehr.
+
+Emma war sich selber nicht klar darüber, ob sie es bereuen müsse,
+sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser für sie sei,
+wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann sie ihre
+Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll darüber
+beeinträchtigte ihr den sinnlichen Genuß. Sie gab sich ihm nicht
+mehr hin, sie ließ sich jedesmal von neuem verführen. Aber er
+meisterte sie, und sie fürchtete sich beinahe vor ihm.
+
+Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach außen ein harmloses
+Gepräge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs Wunsch. So
+war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, als der
+Frühling ins Land kam, waren sie fast wie zwei Eheleute
+zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemütlichen Flamme des
+häuslichen Herdes bringen.
+
+Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljährlich eine
+Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe kam,
+wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem er an
+den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen:
+
+»Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
+und is si so gut wi di früeren. Mir komt sie nämlig ein bissel
+zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nächste mal schik ich
+euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt ür liber ein par junge
+un schikt mir den Korb zerük, bite un auch di vorgen, ich hab
+Unglük mit der römise gehabt der ihr Dach ist mir neulig nachts
+bei dem grosen Sturm in die Bäume geflogen, die ernte ist diesmal
+nich besonders berümt. Kurz und gut ich weis nicht wan ich zu euch
+zu besuch kome, das ist jez so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe
+weg seit ich allein bin meine arme Emma.«
+
+Hier war ein großer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder
+hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu träumen.
+
+»Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den Schnuppen den
+ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo ich war,
+einen neuen Schäfer zu mieten. Den alten hab ich nämlig
+nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig schrecklig
+mit diesen Gesindel, mausen tat er übrigens auch.
+
+»Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend gekomen
+is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich vernomen das
+Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich kar nich und den Zan
+hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase Kafee dabehalten. Ich
+fragt in ob er dich auch gesehen hat, da sagte er Nein aber im
+Stale häte er zwei Gäule stehn sehn woraus ich schlise das der
+kurkenhandel bei euch gut geht. Das freut mich sehr meine liben
+Kinder der libe got mög euch ales möglige Glük schenken. Es tut
+mir sör leid das ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer
+nich kene. Ich habe für si unter deiner Stube ein Flaumenbäumgen
+geflanzt. Das sol nich angerürt werden auser später um die Flaumen
+für Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen
+si komt krigt si imer welge. Adiö libe Kinder. Ig küse dich libe
+Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
+Baken un verbleibe mit tausen Grüsen euer euch
+
+libender vater
+Theodor Rouault.«
+
+Ein paar Minuten hielt sie das Stück grobes Papier noch nach dem
+Lesen in den Händen. Die Verstöße gegen die Rechtschreibung jagten
+sich in den väterlichen Zeilen nur so, aber Emma ging einzig und
+allein dem lieben Geist darin nach, der wie eine Henne aus einer
+dicken Dornenhecke allenthalben hervorgackerte. Rouault hatte die
+noch nassen Schriftzüge offenbar mit Herdasche getrocknet, denn
+aus dem Briefe rieselte eine Menge grauen Staubes auf das Kleid
+der Leserin. Sie glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich
+zu sehen, wie er sich nach dem Aschekasten bückte. Ach, wie lange
+war es schon her, daß sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah
+sie sich wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende
+eines Steckens an der großen Flamme des Funken sprühenden
+Ginsterreisigs anbrennen ließ. Und dann dachte sie zurück an
+gewisse sonnendurchglühte Sommerabende, wo die Füllen so hell
+aufwieherten, wenn man in ihre Nähe kam, und dann weggaloppierten.
+Diese drolligen Galoppsprünge! Im Vaterhause, unter ihrem Fenster,
+da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren die Bienen, wenn sie
+in der Sonne ausschwärmten, gegen die Scheiben geflogen wie
+fliegende Goldkugeln. Das war doch eigentlich eine glückliche Zeit
+gewesen! Voller Freiheit! Voller Erwartung und voller Illusionen!
+Nun waren sie alle zerronnen! Bei dem, was sie erlebt, hatte sie
+ihre Seele verbraucht, in allen den verschiedenen Abschnitten
+ihres Daseins, als junges Mädchen, dann als Gattin, zuletzt als
+Geliebte. Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie
+jemand, der auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stück von
+seinen Habseligkeiten liegen läßt.
+
+Aber warum war sie denn so unglücklich? Was war Bedeutsames
+geschehen, daß sie mit einem Male aus allen Himmeln gestürzt war?
+Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche sie den
+Anlaß ihres Herzeleids.
+
+Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des
+Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe hindurch
+spürte sie den weichen Teppich. Es war ein heller Frühlingstag,
+und die Luft war lau.
+
+Da hörte sie, wie ihr Kind draußen laut aufjauchzte.
+
+Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermädchen wollte
+sie am Kleide wieder in die Höhe ziehen. Lestiboudois war dabei,
+den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nähe des Kindes
+kam, streckte es ihm beide Ärmchen entgegen.
+
+»Bring sie mir mal herein!« rief sie dem Mädchen zu und riß ihr
+Töchterchen hastig an sich, um es zu küssen. »Wie ich dich liebe,
+mein armes Kind! Wie ich dich liebe!«
+
+Als sie bemerkte, daß es am Ohre etwas schmutzig war, klingelte
+sie rasch und ließ sich warmes Wasser bringen. Sie wusch die
+Kleine, zog ihr frische Wäsche und reine Strümpfe an. Dabei tat
+sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der Kleinen stehe,
+just als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. Schließlich küßte
+sie sie noch einmal und gab sie tränenden Auges dem Mädchen
+wieder. Felicie war ganz verdutzt über diesen Zärtlichkeitsanfall
+der Mutter.
+
+Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.
+
+»Eine vorübergehende Laune!« tröstete er sich.
+
+Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als
+er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig.
+
+»Schade um die Zeit, mein Liebchen!« meinte er. Und er tat so, als
+merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das Taschentuch,
+das sie herauszog.
+
+Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus welchem
+Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht besser
+gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. Aber Karl
+bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren Gefühlswandel zu
+offenbaren. Wenn der Apotheker nicht zufällig eine solche
+heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre hingebungsvolle Anwandlung
+tatenlos geblieben.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
+Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war,
+verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
+Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit es auf
+der Höhe der Kultur bleibe.
+
+»Was ist denn dabei zu riskieren?« fragte er Frau Bovary. Er
+zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern
+auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken.
+Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende Reklame für den
+Operateur. »Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den
+armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? Bedenken Sie, daß er
+seine Heilung allen Reisenden erzählen würde. Und dann ...« Der
+Apotheker begann zu flüstern und blickte scheu um sich, »... was
+sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darüber in die
+Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird überall
+gelesen ... man spricht davon ... schließlich weiß es die ganze
+Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer
+weiß?«
+
+Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
+keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln,
+und was für eine Befriedigung wäre es für sie, die geistige
+Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine
+Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte mehr als bloß die Liebe
+dieses Mannes.
+
+Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl
+überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Düval,
+und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den
+Händen, in diese Lektüre. Während er sich über Pferdefußbildungen,
+Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie,
+Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen inneren und
+äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen Fußes),
+Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fußleiden, die
+oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich greifen)
+unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Löwen mit
+allen Mitteln der Überredungskunst zur Operation zu bewegen.
+
+»Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren«, sagte er
+zu ihm. »Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim
+Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hühnerauge
+schneiden läßt.«
+
+Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich.
+
+»Im übrigen«, fuhr der Apotheker fort, »kann mirs natürlich ganz
+egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs nur aus purer
+Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte dich gar zu gern von
+deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, von diesem ewigen Hin-
+und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst dagegen sagen, was du
+willst: es stört dich in der Ausübung deines Berufs doch
+erheblich!«
+
+Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach einer
+Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu verstehen, daß
+er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, worüber der
+Bursche albern grinste.
+
+»Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch
+auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten
+ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!«
+
+Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei ihm
+noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
+Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne.
+
+Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine
+Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die
+Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, die
+Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in ihn,
+redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was vollends den
+Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen roten Heller
+kosten. Bovary versprach sogar, Material und Medikamente umsonst
+zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser Generosität. Karl
+pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: »Meine Frau ist doch
+wirklich ein Engel!«
+
+Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen
+Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers eine
+Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an Holz,
+Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart worden.
+
+Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte
+zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß
+hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein nahezu
+geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. Es war
+also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, anders
+ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker Neigung zu einem
+Pferdefuß.
+
+Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein Pferdehuf
+war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke Zehen mit
+schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war der Krüppel von
+früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah ihn unaufhörlich im
+Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte sogar den Anschein, als
+sei sein mißratenes Bein kräftiger denn das gesunde. Offenbar
+hatte sich Hippolyt, von Jugend auf im schweren Dienst, sehr viel
+Geduld und Ausdauer zu eigen gemacht.
+
+An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne durchschnitten
+werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher kann der Varus
+nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, beide Schnitte auf
+einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, einen wichtigen Teil
+zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse waren mangelhaft.
+
+Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die erste
+unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, der es
+unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, Gensoul, der als
+erster eine Oberkiefer-Abtragung ausführte, -- allen diesen hat
+sicherlich nicht so das Herz geklopft und die Hand gezittert, und
+sie waren gewiß nicht so aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt
+unter sein Messer nahm.
+
+Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in einem Lazarett. Auf
+dem Tische lagen Haufen von Scharpie, gewichste Fäden, Binden,
+alles was in der Apotheke an Verbandszeug vorrätig gewesen war.
+Homais hatte das alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die
+Leute zu verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen.
+
+Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. Die Sehne
+war zerschnitten, die Operation beendet.
+
+Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm Bovarys
+Hände und bedeckte sie mit Küssen.
+
+»Erst mal Ruhe!« gebot der Apotheker. »Die Dankbarkeit für deinen
+Wohltäter kannst du ja später bezeigen!«
+
+Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs Neugierigen
+mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich eingebildet hatten,
+Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male laufen wie jeder
+andere. Karl schnallte seinem Patienten das Gehäuse an und begab
+sich sodann nach Haus, wo ihn Emma angstvoll an der Türe
+erwartete. Sie fiel ihm um den Hals.
+
+Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch
+sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst nur
+Sonntags, wenn ein Gast da war.
+
+Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und
+gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke,
+von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen ärztlichen Ruf
+wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe seiner Frau
+immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt und verjüngt,
+gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen leisen Zuneigung
+für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. Flüchtig schoß ihr
+der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber ihre Augen ruhten
+alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte sie erstaunt, daß
+seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich waren.
+
+Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr des
+Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein frisch
+beschriebenes Stück Papier. Es war der Reklame-Aufsatz, den er für
+den »Leuchtturm von Rouen« verfaßt hatte. Er brachte ihn, um ihn
+dem Arzte zum Lesen zu geben.
+
+»Lesen Sie ihn vor!« bat Bovary.
+
+Der Apotheker tat es:
+
+»Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer
+noch immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer
+Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen
+Yonville der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich
+ein Beispiel edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary,
+einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, ...«
+
+»Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!« unterbrach ihn Karl, vor
+Erregung tief atmend.
+
+»Aber durchaus nicht! Wieso denn?«
+
+Er las weiter:
+
+»... hat den verkrüppelten Fuß ...«
+
+Er unterbrach sich selbst:
+
+»Ich habe hier absichtlich den terminus technicus vermieden,
+wissen Sie! In einer Tageszeitung muß alles gemeinverständlich
+sein ... die große Masse ...«
+
+»Sehr richtig!« meinte Bovary. »Bitte fahren Sie fort!«
+
+»Ich wiederhole:
+
+Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte,
+hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain
+operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum Goldnen Löwen
+der verwitweten Frau Franz am Markt. Das aktuelle Ereignis und das
+allgemeine Interesse an der Operation hatten eine derartig große
+Volksmenge angezogen, daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt
+werden mußte. Die Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell.
+Bluterguß trat so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen
+verrieten, daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der
+Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise
+-- wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf --
+nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt
+nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die
+vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave
+Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten Urlaubern
+um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch muntere
+Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen Gelehrten, Ehre
+den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der Menschheit zum
+Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!
+
+Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die
+Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der
+kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach,
+schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
+unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so
+ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.«
+
+Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz verstört
+gelaufen und rief:
+
+»Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!«
+
+Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der
+Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ
+sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und mit
+rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem er
+auf der Treppe begegnete:
+
+»Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?«
+
+Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß das
+Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen die Wand
+geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte.
+
+Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht zu
+verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot sich ein
+gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war unter einer
+derartigen Schwellung verschwunden, daß es aussah, als platze
+demnächst die ganze Haut. Diese war blutunterlaufen und von
+Druckflecken bedeckt, die das famose Gehäuse verursacht hatte.
+Hippolyt hatte von Anfang an über Schmerzen geklagt, aber man
+hatte ihn nicht angehört. Nachdem man nunmehr einsah, daß er im
+Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein paar Stunden Befreiung.
+Aber sowie die Schwellung ein wenig zurückgegangen war, hielten es
+die beiden Heilkünstler für angebracht, das Bein wieder
+einzuschienen und es noch fester einzupressen, um dadurch die
+Wiederherstellung zu beschleunigen.
+
+Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr auszuhalten.
+Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war höchst über das
+verwundert, was sich nunmehr herausstellte. Die schwärzlichblau
+gewordene Schwellung erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz
+voller Blasen war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man
+wurde bedenklich.
+
+Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in die
+kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er wenigstens
+etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, der dort seinen
+Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese Nachbarschaft.
+Nunmehr schaffte man den Kranken in das Billardzimmer. Dort lag
+er wimmernd unter seinen schweren Decken, blaß, unrasiert, mit
+eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte er seinen in Schweiß
+gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen hin und her, wenn ihn
+die Fliegen quälten.
+
+Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
+Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst fehlte
+es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, wenn die
+Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
+herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.
+
+»Wie geht dirs denn?« fragten sie ihn und klopften ihm auf die
+Schulter. »So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist aber
+selber schuld daran!« Er hätte dies oder jenes machen sollen. Sie
+erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere Heilmittel
+wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren Trost meinten
+sie:
+
+»Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie ein
+Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! Und
+besonders gut riechst du auch nicht!«
+
+Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
+selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
+Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend
+stammelte er:
+
+»Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, helfen
+Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!«
+
+Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann verließ
+er ihn.
+
+»Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!« meinte die Löwenwirtin.
+»Sie haben dich schon gerade genug geschunden! Das macht dich bloß
+immer noch schwächer! Da, trink!«
+
+Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule,
+Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine
+Lippen zu bringen wagte.
+
+Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt schlechter
+ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber erklärte
+er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, denn es
+sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich mit dem Himmel
+zu versöhnen.
+
+»Siehst du,« sagte der Priester in väterlichem Tone, »du hast
+deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der
+Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige Abendmahl
+nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung und der
+Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein Seelenheil zu
+sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du dich darum kümmerst.
+Verzweifle indessen nicht! Ich habe große Sünder gekannt, die,
+kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du bist noch nicht so weit,
+das weiß ich wohl!) seine Gnade erfleht haben; sie sind ohne
+Verdammnis gestorben! Hoffen wir, daß auch du uns gleich ihnen ein
+gutes Beispiel gibst! Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir,
+morgens ein Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue
+das! Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das
+versprechen?«
+
+Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger wieder.
+Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen erzählte er den
+beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, die Hippolyt
+allerdings nicht verstand. Aber bei jeder Gelegenheit kam er auf
+religiöse Dinge zu sprechen, wobei er jedesmal eine salbungsvolle
+Miene annahm.
+
+Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht
+lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
+nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde,
+worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt genäht
+halte besser. Er riskiere ja dabei nichts.
+
+Der Apotheker war empört über »diese Pfaffenschliche«, wie er sich
+ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung des
+Hausknechts nur.
+
+»Laßt ihn doch nur in Ruhe!« sagte er zur Löwenwirtin. »Mit euren
+Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!«
+
+Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein anderer
+sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein aus
+Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen
+Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf.
+
+Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der
+chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
+Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue Salben
+und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und schließlich
+antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, als Mutter
+Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser hoffnungslosen Lage
+nicht den Doktor Canivet aus Neufchâtel kommen lassen solle, der
+doch weitberühmt sei.
+
+Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso
+wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht,
+über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das bis an das
+Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann erklärte er, das
+Glied müsse amputiert werden.
+
+Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen »die Esel, die das
+arme Luder so zugerichtet« hätten. Er faßte Homais am Rockknopf
+und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:
+
+»Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
+Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es mit
+ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, Blaseneingriffen!
+Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen
+sollte! Diese Scharlatane wollen bloß immer was zu tun haben. Sie
+erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken
+sie nicht. Wir andern aber, wir sind rückständig. Wir sind keine
+Gelehrten, keine Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben
+unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns
+nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen!
+Klumpfüße gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch
+einem Buckligen seinen Höcker abhobeln wollen!«
+
+Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl zumute, aber
+er verbarg sein Mißbehagen hinter einem verbindlichen Lächeln. Er
+mußte mit Canivet auf gutem Fuße bleiben, dieweil dieser in der
+Yonviller Gegend öfters konsultiert wurde und ihm dabei durch
+Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde hütete er sich, für
+Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze
+Grundsätze sein und opferte seine Würde den ihm wichtigeren
+Interessen seines Geschäfts.
+
+Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausführte, war
+für den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frühzeitig waren die
+Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstraße war voller
+Menschen, die allesamt etwas Trübseliges an sich hatten, als solle
+eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich
+über Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau
+Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen Morgen in
+ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur
+ankäme.
+
+Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber kutschierte.
+Durch die Last seines Körpers war die rechte Feder des Gefährts
+derartig niedergedrückt, daß der Wagenkasten schief stand. Neben
+dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne
+Reisetasche, deren Messingschlösser prächtig funkelten. In starkem
+Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen
+Löwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er
+ging mit in den Stall und überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich
+Hafer geschüttet bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer
+zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im
+Munde der Leute für einen »Pferdejockel«. Aber gerade weil er sich
+darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. Und
+wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten
+Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst seiner
+kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
+
+Homais stellte sich ein.
+
+»Ich rechne auf Ihre Unterstützung!« sagte der Chirurg. »Ist alles
+bereit? Na, dann kanns losgehen!«
+
+Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, um
+einer solchen Operation assistieren zu können. »Als passiver
+Zuschauer«, sagte er, »greift einen so was doppelt an. Meine
+Nerven sind so herunter ...«
+
+»Quatsch!« unterbrach ihn Canivet. »Mir machen Sie vielmehr den
+Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. Übrigens kein
+Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh bis abends in Eurer
+Giftbude. Das muß sich ja schließlich auf die Nerven legen! Gucken
+Sie mich mal an! Tag für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf,
+wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht,
+Flanellhemden gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich
+nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und
+morgen so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als
+Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie
+Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem
+christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich
+mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es
+ist alles bloß Gewohnheit ...«
+
+Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
+Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung in
+diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit
+eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich
+geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über die
+Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein
+Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines
+Handwerk ausübe, der sei ein Heiligtumschänder.
+
+Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais
+gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war dasselbe, das bereits
+bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er
+sich jemanden, der das Bein festhalten könne. Lestiboudois ward
+geholt.
+
+Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel hoch und
+begab sich in das Billardzimmer, während der Apotheker in die
+Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ängstlich
+warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weißer als ihre
+Schürzen.
+
+Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus.
+Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und die Hände
+gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte,
+und starrte vor sich hin. »Welch ein Mißgeschick!« seufzte er.
+»Was für eine große Enttäuschung!« Er hatte doch alle denkbaren
+Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner
+Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! Wenn Hippolyt noch
+stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was sollte er antworten,
+wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe
+einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wußte doch selber keinen,
+so sehr er auch darüber nachsann. Die berühmtesten Chirurgen
+versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie
+werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache
+wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchâtel, bis Rouen und noch
+weiter! Vielleicht würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn
+veröffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in
+den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf
+Schadenersatz klagen.
+
+Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
+tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her
+wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.
+
+Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung
+dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
+hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines
+Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit
+doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!
+
+Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
+
+»Setz dich doch!« sagte sie. »Du machst mich noch ganz verrückt!«
+
+Er tat es.
+
+Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war!
+--, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer
+Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der
+Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich
+alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum
+Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer
+Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den
+Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
+alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich
+gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den
+geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum?
+
+Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein
+herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig.
+Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts
+mehr anzusehen.
+
+Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
+ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis
+dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht
+hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und
+sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte
+unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war!
+
+»Vielleicht war es ein Valgus?« rief Karl plötzlich laut aus. Das
+war das Ergebnis seines Nachsinnens.
+
+Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas
+versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte
+--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen,
+fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt,
+sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch
+himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines
+Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden
+Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die
+ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang
+wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß
+sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt
+einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke
+trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein
+Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
+seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
+daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von
+Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
+ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den
+Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des
+Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild
+entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre
+ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben
+herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden,
+ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den
+Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von
+Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die
+niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der
+vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem
+Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote
+Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu.
+
+In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich
+Karl seiner Frau:
+
+»Gib mir einen Kuß, Geliebte!«
+
+»Laß mich!« wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
+
+»Was hast du denn? Was ist dir?« fragte er betroffen. »Sei doch
+ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe!
+Komm!«
+
+»Weg!« rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem
+Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das
+Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging.
+
+Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach,
+was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
+Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von
+etwas Unheilvollem, Unfaßbarem.
+
+Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine
+Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen
+und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in
+der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
+Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
+seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam
+alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich
+langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich.
+
+»Kann ich das ändern?« rief er einmal ungeduldig aus.
+
+»Ja, wenn du wolltest!«
+
+Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem
+Haar und traumverlorenem Blick.
+
+»Wieso?« fragte er.
+
+Sie seufzte.
+
+»Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg
+von hier ...«
+
+»Ein toller Einfall!« lachte er. »Unmöglich!«
+
+Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm das
+unverständlich, und begann von etwas anderm zu sprechen.
+
+Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
+aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie
+müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch an
+ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.
+
+Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag
+im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
+verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
+verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor,
+seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so schwerfällig,
+seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie nach einem
+Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete
+sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwährend
+träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen
+Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen
+so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen
+Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel mit der Sorgfalt
+eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie eine Unmenge von
+Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne für ihre Wäsche.
+Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und Halsketten. Wenn sie
+ihn erwartete, füllte sie ihre großen blauen Glasvasen mit Rosen
+und schmückte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die
+einen Fürsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit
+Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Küche.
+
+Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
+Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, auf
+dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn herum
+aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die
+Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen.
+
+»Wozu hat man das alles?« fragte der Bursche, indem er mit der
+Hand über einen der Reifröcke strich.
+
+»Hast du sowas noch niegesehen?« Felicie lachte. »Deine Herrin,
+Frau Homais, hat das doch auch!«
+
+»So? Die Frau Homais!« Er sann nach. »Ist sie denn eine Dame wie
+die Frau Doktor?«
+
+Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie war
+drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr Theodor, der
+Diener des Notars, neuerdings den Hof.
+
+»Laß mich in Ruhe!« sagte sie und stellte den Stärketopf beiseite.
+»Scher dich lieber an _deine_ Arbeit! Stoß deine Mandeln!
+Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du dich damit
+befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du
+Knirps, du nichtsnütziger!«
+
+»Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch die
+Schuhe für die Frau Doktor!«
+
+Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
+her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit
+eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein
+her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die
+Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie
+sich.
+
+»Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!« sagte Felicie,
+die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
+anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht mehr
+tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem
+Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl
+wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
+
+So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein aus, das
+Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen müsse. Die Fläche,
+mit der es anlag, war mit Kork überzogen. Es hatte Kugelgelenke
+und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es
+vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den
+Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein
+anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel mußte der Arzt
+auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem
+seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den
+Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des
+Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen
+anderen Weg ein.
+
+Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. Das
+gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr
+über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, die Frauen
+interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig und forderte
+niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle Emmas wurden im
+Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr
+schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem
+Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte Lheureux ihn
+ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber überreichte er ihr eine
+Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so
+und soviel Centimes. Emma war in der gröbsten Verlegenheit. Die
+Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu
+bekommen, Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
+Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des
+Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich gegen Ende Oktober
+einzugehen pflegte.
+
+Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann verlor
+er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, und wenn
+er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er ihr alles wieder
+abnehmen, was er ihr geliefert habe.
+
+»Gut!« meinte Emma. »Holen Sie sichs!«
+
+»Ach was! Das hab ich nur so gesagt!« entgegnete er. »Indessen um
+den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir
+vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!«
+
+»Um Gottes willen!« rief sie aus.
+
+»Warte nur! Dich hab ich!« dachte Lheureux bei sich.
+
+Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
+lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin:
+
+»Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«
+
+Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte
+in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine kleine
+in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
+Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
+Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
+schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe
+hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den
+Schlüssel ein.
+
+Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.
+
+»Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen«, sagte er. »Wollen
+Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...«
+
+»Hier haben Sie Ihr Geld!« unterbrach sie ihn und zählte ihm
+vierzehn Goldstücke in die Hand.
+
+Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen,
+brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
+möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
+
+Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
+dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche
+ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig zu
+sparen, damit sie recht bald ...
+
+»Was ist da weiter dabei?« beruhigte sie sich. »Er wird nicht
+gleich dran denken!«
+
+Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
+Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit
+dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein
+seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster
+die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstraße
+gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren.
+Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke
+erst nach langem Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma
+drang in ihn, und so mußte er sich schließlich fügen. Er fand
+das aufdringlich und höchst rücksichtslos.
+
+Sie hatte wunderliche Einfälle.
+
+»Wenn es Mitternacht schlägt,« bat sie ihn einmal, »mußt du an
+mich denken!«
+
+Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose
+Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen:
+
+»Du liebst mich nicht mehr!«
+
+»Ich dich nicht mehr lieben?«
+
+»Über alles?«
+
+»Natürlich!«
+
+»Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?«
+
+»Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?« brach er
+lachend aus.
+
+Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe
+zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
+mildern suchte.
+
+»Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!« begann sie von
+neuem. »Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen kann!
+Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu
+sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich
+frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen?
+Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht
+wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere als ich, aber
+keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine
+Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So
+schön! So klug und stark!«
+
+Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß es
+ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht
+anders als alle seine früheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit
+fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige
+Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer
+dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein
+vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den nämlichen
+Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefühlsarten
+existieren können. Weil ihm die Lippen liederlicher oder
+käuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflüstert
+hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie
+dieser nur schwach.
+
+»Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,« sagte
+er sich, »sie sind nur ein Mäntelchen für Alltagsempfindungen.«
+
+Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den
+banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau
+zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine Innenwelt,
+seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene
+Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein
+Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten.
+
+Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich
+ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
+dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme
+Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar
+jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und verdarb sie
+gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische Anhänglichkeit zu
+ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig empfand sie
+Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank
+in diesem Rausche.
+
+Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
+äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre
+Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs,
+eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, »um die Spießer zu
+ärgern«, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gänzlich
+geschehen, als man sie eines schönen Tages in einem regelrechten
+Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte
+Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder
+einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich
+nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre
+mißfiel ihr. Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das
+Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die
+»ganze Wirtschaft« nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich
+Bemerkungen darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen
+Auftritt. Felicie war die nähere Veranlassung dazu.
+
+Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, als sie durch
+den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders
+jungen Mannes überrascht. Der Betreffende trug ein braunes
+Halstuch und verschwand bei der Annäherung der alten Dame. Emma
+lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die
+Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer bei seinen
+Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert
+darauf.
+
+»Sie sind wohl aus Hinterpommern?« fragte die junge Frau so
+impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
+konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
+
+»Verlassen Sie mein Haus!« schrie Emma und sprang auf.
+
+»Emma! Mutter!« rief Karl beschwichtigend.
+
+In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. Emma
+stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete.
+
+»So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!« rief sie.
+
+Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte:
+
+»So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres
+vielleicht noch!«
+
+Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
+Verzeihung gebeten würde.
+
+Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien,
+doch nachzugeben. Schließlich sagte sie:
+
+»Meinetwegen!«
+
+In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
+der Würde einer Fürstin.
+
+»Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!«
+
+Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
+den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
+vergraben.
+
+Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte,
+hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weißen
+Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, solle er
+daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere Gartenpforte
+eilen.
+
+Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am
+Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
+der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn
+hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
+überkam sie.
+
+Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das war
+er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den Hof.
+Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
+
+»Sei doch ein bißchen vorsichtiger!« mahnte er.
+
+»Ach, wenn du wüßtest!« Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu
+erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
+übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine
+solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht das
+mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
+
+»So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!«
+
+»Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!« erwiderte
+sie. »Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu
+scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette
+mich!«
+
+Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen,
+glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm.
+
+Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
+kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
+
+»Was soll ich tun? Was willst du?«
+
+»Flieh mit mir!« rief sie. »Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich
+um alles in der Welt!«
+
+Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse
+das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.
+
+»Aber ...«
+
+»Kein Aber, Rudolf!«
+
+»... und dein Kind?«
+
+Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
+
+»Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!«
+
+»Ein Teufelsweib!« dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie
+mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.
+
+Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das
+veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert.
+Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig,
+und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken
+einzulegen, bat.
+
+Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
+täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
+einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im
+Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne.
+Der Gegenwart entrückt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden
+Glückes. Davon schwärmte sie dem Geliebten immer und immer wieder
+vor. An seine Schulter gelehnt, flüsterte sie:
+
+»Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
+Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie
+ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, daß sich
+der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl haben, in einem
+Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weißt
+du, ich zähle die Tage ... Und du?«
+
+Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie besaß
+eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus Lebensfreude,
+Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt und das Symbol
+seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lüste,
+ihre Trübsal, ihre erweiterten Liebeskünste und ihre ewig jungen
+Träume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind
+und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblühte
+ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu
+geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie
+verschleierten ihre Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen
+Nasenflügel weitete und es leise um die Hügel der Mundwinkel
+zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum
+beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler
+habe den Knoten ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus
+wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig
+geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag
+aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser
+geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
+Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem
+Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem
+Manne entzückend und ganz unwiderstehlich.
+
+Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken.
+Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende
+Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein
+weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhängen.
+Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzüge seines Kindes
+zu hören. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es
+vorwärts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule
+heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die
+Schultasche am Arm. Dann mußte das Mädel in eine Pension kommen.
+Das würde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er
+sann nach. Wie wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut
+pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er
+hinreiten und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die
+Sparkasse, später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft
+werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit
+rechnete er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie
+sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch
+würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer
+Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden
+Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei
+Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken
+vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und
+Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft würde
+sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfüllen.
+Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde sich schon
+irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen finden und sie
+glücklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ...
+
+Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
+während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
+Träumereien nach.
+
+Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt,
+auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
+zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
+dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
+plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt hinab, mit
+ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und weißen
+Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie dann durch
+die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumensträuße an.
+Glocken läuteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten
+Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler Wasserstaub auf
+Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu Pyramiden
+aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die unter dem
+Sprühregen lächelten. Und eines Abends erreichten sie ein
+Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und
+zwischen den Hütten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen,
+in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher
+Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und
+träumten in Hängematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit
+wie ihre seidenen Gewänder, und so warm und sternbesät wie die
+süßen Nächte, die sie schauernd genossen ... Das war ein
+unermeßlicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte
+sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge
+der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
+fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung,
+stahlblau und sonnenbeglänzt ...
+
+Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
+laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße
+Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden der
+Apotheke öffnete.
+
+Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
+
+»Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel
+mit einem breiten Kragen.«
+
+»Sie wollen verreisen?« fragte der Händler.
+
+»Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf Sie
+verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!«
+
+Lheureux machte einen Kratzfuß.
+
+»Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ...
+einen handlichen ...«
+
+»Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie man
+sie jetzt meist hat!«
+
+»Und eine Handtasche für das Nachtzeug!«
+
+»Aha,« dachte der Händler, »sie hat sicher Krakeel gehabt!«
+
+»Da!« sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Gürtel
+nestelte. »Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!«
+
+Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wäre
+doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was
+solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er wenigstens die
+Kette nähme.
+
+Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief ihn
+Emma zurück.
+
+»Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den Mantel
+...,« sie tat so, als ob sie sichs überlegte »... den bringen Sie
+auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse
+des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum
+Abholen bereitliegen.«
+
+Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
+Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
+machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post
+bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit das
+Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. In Marseille
+wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise
+ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepäck sollte
+Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß irgendwer Verdacht
+schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde
+niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. »Sie denkt
+vielleicht nicht mehr daran«, sagte er sich.
+
+Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
+zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
+Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er
+eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen
+diesen Verzögerungen schließlich »unwiderruflich« auf Montag den
+4. September einigten.
+
+Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich
+ein.
+
+»Ist alles bereit?« fragte sie ihn.
+
+»Ja.«
+
+Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
+den Rand der Gartenmauer.
+
+»Du bist verstimmt?« fragte Emma.
+
+»Nein. Warum auch?«
+
+Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an.
+
+»Vielleicht weil es nun fortgeht?« fragte sie. »Weil du Dinge, die
+dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich
+verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt
+habe. Du bist mein alles! Und ebenso möchte ich dir alles sein,
+Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich
+lieben!«
+
+»Wie lieb du bist!« sagte er und zog sie an sein Herz.
+
+»Wirklich?« fragte sie in lachender Wollust. »Du liebst mich?
+Schwöre mirs!«
+
+»Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!«
+
+Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des flachen
+Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und
+schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre
+Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen Vorhang.
+Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume des weiten
+Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut
+auch unten im Bache über den Wellen in zahllosen funkelnden
+Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete
+die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle
+Schatten.
+
+Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den kühlen
+Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und
+verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage
+ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie
+der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
+Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
+verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen
+Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen raschelte
+auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs Gesträuch, ein Igel
+oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein reifer Pfirsich von
+selber zur Erde fiel.
+
+»Was für eine wunderbare Nacht!« sagte Rudolf.
+
+»Wir werden noch schönere erleben!« erwiderte Emma. Und wie zu
+sich selbst fuhr sie fort: »Ach, wie herrlich wird unsere Reise
+werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist
+es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte
+zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das Übermaß von Glück!
+Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!«
+
+»Noch ist es Zeit!« rief er aus. »Überleg dirs! Wird es dich auch
+niemals reuen?«
+
+»Niemals!« beteuerte sie leidenschaftlich.
+
+Sie schmiegte sich an ihn.
+
+»Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wüste,
+kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren würde!
+Je länger wir zusammen leben werden, um so inniger und
+vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis
+wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein und eins immerdar ...
+Sprich doch! Antworte mir!«
+
+Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen:
+
+»Ja ... ja ... ja!«
+
+Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein
+kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder:
+
+»Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...«
+
+Es schlug Mitternacht.
+
+»Mitternacht!« sagte sie. »Nun heißt es: morgen! Nur noch ein
+Tag!«
+
+Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
+Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
+fröhlich.
+
+»Hast du die Pässe?« fragte sie.
+
+»Ja.«
+
+»Hast du nichts vergessen?«
+
+»Nein.«
+
+»Weißt du das genau?«
+
+»Ganz genau!«
+
+»Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?«
+
+Er nickte.
+
+»Also morgen auf Wiedersehen!« sagte Emma mit einem letzten Kusse.
+
+Er ging, und sie sah ihm nach.
+
+Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand
+und rief durch die Weiden hindurch:
+
+»Auf morgen!«
+
+Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
+die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie
+ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie eine
+Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich gegen
+einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken.
+
+»Ich bin kein Mann!« rief er aus. »Hol mich der Teufel! Ein
+hübsches Weib wars doch!«
+
+Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn
+noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen diese
+Rührung.
+
+»Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!«
+
+Er gestikulierte heftig.
+
+»Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!«
+
+Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen.
+
+»Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!«
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
+Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
+Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
+wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide
+Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite
+Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, hatte sie
+ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
+
+Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke,
+der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel
+hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin gewesen waren und in
+der er seine »Weiberbriefe« aufbewahrte. Geruch von Moder und
+vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein
+Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf
+einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie einmal Nasenbluten
+bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von
+ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren
+abgestoßen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm
+theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jämmerlich. Wie er sich
+ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie
+zurückzurufen suchte, verschwammen Emmas Züge in seinem
+Gedächtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung
+und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre
+vernichtete.
+
+Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten
+Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
+sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er
+suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
+mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von Papieren
+und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, ein
+Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus.
+Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins
+Scharnier gezwängt und rissen nun beim Herausnehmen ...
+
+Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte
+seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, über
+den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht minder
+variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zärtlich
+geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die wollten
+Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
+bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
+einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
+Erinnerung herauf.
+
+Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
+Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
+in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie
+allesamt auf ein und dasselbe Niveau.
+
+Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine Art
+Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er sie,
+halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und stellte
+diesen in den Schrank zurück.
+
+»Lauter Blödsinn!«
+
+Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein
+Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt
+waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die Freuden des Daseins
+hatten noch gründlicher gewirtschaftet. Die Schüler kritzeln ihre
+Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen.
+
+»Nun aber los!« rief er sich zu.
+
+Er begann zu schreiben:
+
+»Liebe Emma!
+Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...«
+
+»Eigentlich sehr richtig!« dachte er bei sich. »Das ist nur in
+ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...«
+
+»... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? Hast
+Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich
+beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkühn
+und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, an die
+Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet waren
+wir!«
+
+Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflüchten.
+»Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein Vermögen verloren? Ach,
+nein, lieber nicht! Übrigens nützte das nichts. Die Geschichte
+ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, weiß Gott, verdammt
+schwer, so eine Frau wieder vernünftig zu machen!«
+
+Er sann nach, dann schrieb er weiter:
+
+»Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes
+Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So
+aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das
+Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, früher oder später,
+doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären ihrer müde geworden, und
+wer weiß, ob mir nicht der gräßliche Schmerz beschieden gewesen
+wäre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als
+Veranlasser der Deinigen? Die bloße Vorstellung, Dir dieses Leid
+verursachen zu können, martert mich. Liebste Emma, vergiß mich!
+Wir hätten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schön!
+Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir müssen das
+Schicksal anklagen ...«
+
+»Dieses Wort machte immer Eindruck«, sagte er zu sich.
+
+»Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so viele
+gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus Egoismus,
+ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen schwärmerischen
+Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers,
+bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite
+unsrer zukünftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich
+habe zunächst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm
+Höhenglücke behaglich gesonnt, mich in ein Märchenland geträumt
+und mich um keine Folgen gekümmert ...«
+
+»Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... Auch
+egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!«
+
+»... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns überall,
+wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du hättest
+unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und vielleicht
+Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. Beleidigungen, Du!
+Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. Du solltest mein
+Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil
+ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach,
+ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig!
+
+Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht ganz,
+der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie
+mich in ihre Gebete einschließt!«
+
+Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
+Schreibtisch auf und schloß das Fenster.
+
+»So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine
+Aussprache!«
+
+Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
+
+»Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
+weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen,
+Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn
+ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer
+verlorenen Liebe reden, kühl und vernünftig. Adieu!«
+
+Er setzte noch ein »A dieu!« darunter, in zwei Worten geschrieben.
+Das hielt er für sehr geschmackvoll.
+
+»Wie soll ich nun unterzeichnen?« fragte er sich. »Dein
+ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!«
+
+Und er schrieb:
+
+»Dein treuer Freund
+R.«
+
+Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
+
+»Armes Frauchen!« dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit.
+»Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich fehlen
+ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein
+Fehler.«
+
+Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen
+Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen Tropfen
+auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift färbte ihn
+blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem
+Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die
+Hand.
+
+»Paßt eigentlich nicht gerade!« dachte er. »Ach was! Tut nichts!«
+
+Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
+
+Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei
+Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen pflücken, legte
+den Brief unter die Weinblätter am Boden und befahl Gerhard,
+seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau Bovary zu bringen. Auf
+diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten zukommen lassen, je
+nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten oder Wild.
+
+»Wenn sie sich nach mir erkundigt,« instruierte er, »dann
+antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich
+in die Hände! Verstanden? So! Ab!«
+
+Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über die
+Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
+schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville.
+
+Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
+beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche zu
+falten.
+
+»Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,« vermeldete er, »und das
+schickt er hier!«
+
+Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer
+Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah sie
+den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert;
+er begriff nicht, daß ein solches Geschenk jemanden so sehr
+aufregen könne. Dann ging er.
+
+Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie eilte in
+das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin
+tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm die Weinblätter
+heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn und floh hinauf nach
+ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor
+Angst.
+
+Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie
+verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher,
+außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den
+unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
+knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
+Bodentüre stehen.
+
+Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn.
+Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends
+war sie ungestört.
+
+»Ja, hier gehts!« sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf und trat
+in die Bodenkammer.
+
+Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe Schwüle, die
+ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. Sie schleppte
+sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß den Holzladen auf.
+Grelles Licht flutete ihr entgegen.
+
+Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in die
+Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des
+Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser standen
+unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, aus einem der
+Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Geräusch herauf.
+Binet saß an seiner Drehbank.
+
+Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit
+zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je gründlicher
+sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah
+sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an
+sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen
+Hammerschlägen, die immer rascher und unregelmäßiger wurden.
+Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte den Wunsch in sich, daß
+die ganze Welt zusammenstürze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie,
+ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie?
+
+Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das
+Straßenpflaster.
+
+»Mut! Mut!« rief sie sich zu.
+
+Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Körpers
+förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich
+die Fläche des Marktplatzes und hebe sich an den Häusermauern
+empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu
+schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch
+weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume.
+Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den
+wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr
+festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen ... Ohne Unterlaß
+summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bösen
+Geistes ...
+
+In diesem Moment rief Karl:
+
+»Emma! Emma!«
+
+Da kam sie wieder zur Besinnung.
+
+»Wo steckst du denn? Komm doch!«
+
+Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie
+mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend
+fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie.
+
+»Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.«
+
+Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen.
+
+Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
+hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich
+die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat
+sie das und begann die Fäden des Gewebes zu zählen ... Plötzlich
+fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen?
+Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als daß sie imstande
+gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu
+können. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl.
+Sicherlich wußte er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da
+sagte er mit eigentümlicher Betonung:
+
+»Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?«
+
+»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie zitternd.
+
+»Wer mir das gesagt hat?« wiederholte er, ein wenig betroffen von
+dem harten Klang ihrer Frage. »Na, sein Kutscher, dem ich vorhin
+vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder
+er steht im Begriff zu verreisen ...«
+
+Emma schluchzte laut auf.
+
+»Wundert dich das?« fuhr er fort. »Er verdrückt sich doch immer
+mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht
+verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und Junggeselle ist
+... Übrigens ist unser Freund ein Lebenskünstler! Ein alter
+Schäker! Langlois hat mir erzählt ...«
+
+Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade
+hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das
+Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf den
+Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er nahm
+eine der Früchte und biß hinein.
+
+»Ah!« machte er. »Vorzüglich! Koste mal!«
+
+Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
+
+»So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!«
+
+Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.
+
+»Ich bekomm keine Luft!« rief sie und sprang auf. Aber schnell
+beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. »Es
+war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder
+hin und iß!«
+
+Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie
+dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich
+wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und
+legte sie dann auf seinen Teller.
+
+Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den
+Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings langhin zu
+Boden.
+
+Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen
+zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer
+Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl oder
+übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die
+draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
+
+Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des Arztes
+»was los sei«, stürzte herbei. Der Eßtisch war mit allem, was
+darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce,
+die Bestecke, Salz und Öl, alles lag auf dem Fußboden umher. Karl
+hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und
+Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit
+bebenden Händen die Kleider auf.
+
+»Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium holen!«
+sagte Homais.
+
+Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend
+die Augen wieder auf.
+
+»Natürlich!« meinte der Apotheker. »Damit kann man Tote erwecken!«
+
+»Sprich!« bat Karl. »Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl,
+der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr
+einen Kuß!«
+
+Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und wollte sie
+um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte:
+
+»Nicht doch! Niemanden!«
+
+Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett.
+
+Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
+geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos und blaß
+wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, die in zwei
+Ketten langsam auf das Kissen rannen.
+
+Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
+nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich ist.
+
+»Beruhigen Sie sich!« sagte Homais und zupfte den Arzt. »Ich
+glaube, der Paroxysmus ist vorüber.«
+
+»Ja,« erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. »Jetzt scheint
+sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in das alte
+Leiden!«
+
+Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur
+Antwort:
+
+»Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.«
+
+»Höchst merkwürdig!« meinte der Apotheker. »Es ist indessen
+möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt
+gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind.
+Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen
+wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie
+nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher
+gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch
+beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein
+und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens
+weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe
+von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch
+von verbranntem Horn, frischem Brot ...«
+
+»Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!« mahnte Bovary mit
+flüsternder Stimme.
+
+»Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,«
+fuhr der Apotheker fort, »sondern sogar bei Tieren. Zweifellos
+ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze,
+sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum
+wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung
+anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt
+in der Malpalu-Straße -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal
+Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die
+Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit
+angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte
+mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den
+Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist
+höchst merkwürdig, nicht wahr?«
+
+»Gewiß!« sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte.
+
+»Das beweist uns,« fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig
+lächelnd, »daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich
+sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer
+außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen,
+verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien
+zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit
+beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit
+schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter
+nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man
+bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken
+versuchen?«
+
+»Wieso? Womit?«
+
+»Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That
+is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen
+habe.«
+
+Emma erwachte und rief:
+
+»Der Brief? Der Brief?«
+
+Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
+das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung.
+
+In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er
+vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
+unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und
+erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach
+Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mußte
+nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor
+Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl
+war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten ängstigte ihn Emmas
+Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich für nichts, ja, sie
+schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als hätten
+Körper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt.
+
+Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder
+aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen mit
+eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich
+kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar
+Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit wohl,
+daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten
+versuchte.
+
+Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam,
+in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl angeschmiegt,
+lächelte sie in einem fort vor sich hin.
+
+So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
+stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
+über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab
+in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln große Feuer, in
+denen man landwirtschaftliche Überbleibsel verbrannte.
+
+»Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!« warnte Karl und
+geleitete sie behutsam zur Laube hin. »Setz dich hier ein wenig
+auf die Bank! Das wird dir gut tun!«
+
+»Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!« stieß sie mit ersterbender
+Stimme hervor.
+
+Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem da,
+und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald
+hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe,
+bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an
+dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen
+wähnte.
+
+Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien
+vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte
+er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm peinlich gewesen. Dann
+war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mädchen führte, schrecklich
+teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die
+Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte
+Lheureux in lästiger Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas
+Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als
+sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche
+und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer
+Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es
+nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die Sachen
+nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese
+Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht zurück. Herr
+Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher verklagen als sich
+selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mädchen, die
+Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber Felicie vergaß es. Er
+selbst hatte sich um andre Dinge zu kümmern und dachte nicht mehr
+daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen
+Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, daß
+ihm Bovary schließlich einen Wechsel ausstellte, der in sechs
+Monaten fällig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der
+kühne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen
+fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem
+Zinsfuß verschaffen könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen
+Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch
+den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres
+eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits
+anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld
+von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein
+ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im voraus genau, daß
+es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, daß der Arzt die
+Wechsel am Fälligkeitstage nicht einlösen könne und sie
+prolongieren müsse. Auf diese Weise sollte das erst armselige
+Sümmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine
+ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu
+ihm zurückkehren.
+
+Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmäßigen
+Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler Krankenhaus. Der Notar
+Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grümesnil zu.
+Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine
+neue Postverbindung zu eröffnen, die den alten Rumpelkasten des
+Goldnen Löwen unbedingt außer Konkurrenz stellen sollte, indem sie
+schneller führe, billiger wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte
+er den ganzen Handel von Yonville in seine Hände bringen.
+
+Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche
+Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf
+allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
+oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen
+Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch
+ausdenken, was er wollte: überall drohten die größten
+Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere
+unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er vernachlässige
+seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme.
+Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein
+Abbruch geschähe.
+
+Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam
+vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in ihrem
+Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu
+gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt
+verleidet; deshalb mußte seine Jalousie beständig heruntergelassen
+bleiben. Sie bestimmte, daß ihr Reitpferd verkauft werden solle.
+Alles, was ihr früher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie
+kümmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die
+kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte
+sie dem Mädchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit
+ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen
+hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen
+Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage
+wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen,
+die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der
+allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die
+Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die
+Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
+herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
+Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
+ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen die
+Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen über
+das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie das andere mit
+dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterläden.
+
+Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
+sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte
+sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick
+der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes.
+
+Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach
+dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stündlein sei
+gekommen. Während man im Gemach die nötigen Vorbereitungen zu
+dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in
+einen Altar wandelte und den Fußboden mit Blumen bestreute, da war
+es ihr, als überkäme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre
+Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie
+körperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues
+Leben begann ihr. Sie hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen
+Himmel, als verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden
+wie eine Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man
+besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße
+Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor
+überirdischer Lust, öffnete Emma die Lippen, um den Leib des
+Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie
+herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden
+Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
+Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurücksank,
+glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische Harfenklänge zu
+hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit
+grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen
+Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflügeln
+wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ...
+
+Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. Es
+war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab sich
+Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus
+der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in süßer
+Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher
+Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein
+köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus ihrem Herzen der
+eigene Wille wich und der hereindringenden göttlichen Gnade Tür
+und Tor weit öffnete. Es gab also außer dem Erdenglück eine höhere
+Glückseligkeit und über aller Liebe hienieden eine andre
+erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brücke in das
+Ewige! In neuen Illusionen erträumte sie sich über der Erde ein
+Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre
+Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich
+Rosenkränze und trug Amulette. Ihr größter Wunsch war, in ihrem
+Zimmer, zu Häupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit
+Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende küssen.
+
+Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich
+jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr leicht
+in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. Aber er war
+kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen Erscheinungen
+gegenüber. Deshalb wandte er sich an den Buchhändler des
+Erzbischofs und bat ihn, ihm »ein passendes Erbauungsbuch für eine
+gebildete Frauensperson« zu schicken. Mit der größten
+Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen
+Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
+Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften in
+ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,
+Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in
+rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden
+Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
+»Die Herzpostille«, »Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn von
+***, Ritter mehrerer Orden«, »Voltaires Ketzereien zum Gebrauch
+für die Jugend«, usw. usw.
+
+Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
+Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie sich auf
+diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach wirklicher Erbauung.
+Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte sie, die Anmaßungen
+der Polemik stießen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr
+unbekannte Menschen verfolgt wurden, mißfiel ihr. Die Romane, in
+denen profane Dinge durch religiöse Ideen aufgeputzt waren,
+entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie
+verschleierten die Realitäten des Lebens, für deren Brutalität sie
+viel lieber literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie
+weiter, und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann
+wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
+empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren
+imstande sind.
+
+Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens
+begraben; darin ruhte es unberührter und stiller denn eine
+ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser großen
+eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchströmender Duft
+von Zärtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma führen wollte.
+Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren
+Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten
+zugeflüstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie
+der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam
+ihr keine Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem
+leeren Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,
+dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
+ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen
+der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den Szenen
+aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière träumte, aufgegangen
+war, jenen Damen in ihren mit königlicher Anmut getragenen langen
+kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Füßen
+Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten.
+
+Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für die
+Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages
+heimkam, fand er in der Küche drei Gassenjungen, die Suppe aßen.
+Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie
+während der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben.
+Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte,
+regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über
+sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache
+ward voll gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber.
+
+Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,
+abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken und
+ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber die gute
+Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen müde, daß ihr
+der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, daß sie bis nach
+Ostern dablieb, um den Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu
+entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine
+Bratwurst auf dem Tische sehen wollte.
+
+Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
+Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab,
+hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit
+ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau Tüvache, sowie
+die treffliche Frau Homais, die sich regelmäßig zwischen drei und
+fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der über ihre
+Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen.
+Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er
+brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen,
+ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn
+Frau Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht
+stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem
+Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen heftigen
+Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese
+volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den
+Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er plötzlich ganz
+Neues, Außergewöhnliches, und er starrte wie geblendet hin.
+
+Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch seine
+schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die aus ihrem
+Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt
+wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem
+jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschönheit weit
+öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos
+gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die
+zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll,
+daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden
+konnte. Man wußte nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar.
+
+Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr
+Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und stotterte
+irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:
+
+»Du liebst ihn also?« und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fügte
+sie in traurigem Tone hinzu: »Geh! Lauf! Vergnüge dich!«
+
+In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig
+umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich
+darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
+äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie sich
+wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß Frau
+Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag mit ihren
+Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der
+Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schüttelte
+sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die
+andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie
+seltener, zur großen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin
+freundschaftlichst erklärte:
+
+»Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!«
+
+Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde.
+Am liebsten blieb er im Freien, im »Hain«, wie er die Laube
+scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl
+meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Männer eine
+Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie »auf die völlige Genesung
+der gnädigen Frau« tranken.
+
+Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß etwas tiefer,
+vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer
+kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von
+Sektflaschen.
+
+»Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,«
+dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, »dann
+zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen
+ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!«
+
+Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der ganzen
+Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ es
+niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
+
+»Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!«
+
+Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas
+dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner
+Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im
+Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais wunderte sich
+über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb etwas auf den Zahn.
+Der Priester erklärte, er halte die Musik für weniger
+sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die
+letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe unter dem leichten
+Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und für die wahre Moral.
+
+»Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer!« zitierte
+er. »Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragödien Voltaires an! Die
+meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt,
+die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit für das Volk
+sind.«
+
+»Ich habe einmal ein Stück gesehen,« sagte Binet, »es hieß: 'Der
+Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich
+ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt seinen Sohn, der eine
+Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt aber ...«
+
+»Gewiß«, unterbrach ihn Homais, »gibt es schlechte Literatur,
+genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller
+Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das
+dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, würdig der
+abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten
+ließen.«
+
+Der Pfarrer ergriff das Wort:
+
+»Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute
+Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen
+Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, vollgepfropft
+von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen
+Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese Lichtvergeudung, dieser
+Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als daß es
+leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schändliche Gedanken und
+unzüchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die
+Ansicht der kirchlichen Autoritäten.«
+
+Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen seinen
+Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. »Und wenn die Kirche
+das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem
+vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.«
+
+»Jawohl,« eiferte der Apotheker, »man exkommuniziert die
+Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den
+kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
+possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es häufig
+nichts weniger als dezent zuging ...«
+
+Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der
+Apotheker redete immer weiter:
+
+»Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja
+am besten -- von Unanständigkeiten und -- man kann nicht anders
+sagen -- groben Schweinereien ...« Bournisien machte eine
+unwillige Gebärde. »Aber Sie müssen mir doch zugeben, daß das kein
+Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde
+es nie zulassen, daß meine Athalie ...«
+
+»Das sind ja die Protestanten, nicht wir,« rief der Pfarrer
+ungeduldig, »die den Leuten die Bibel überlassen!«
+
+»Das kommt hier nicht in Frage«, erklärte Homais. »Ich wundre mich
+nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
+wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu verdammen
+sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in
+hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das ist doch so,
+nicht, Doktor?«
+
+»Zweifellos!« erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte er
+niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder
+er hatte hierüber überhaupt keine Meinung.
+
+Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
+es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
+
+»Ich habe Geistliche gekannt,« behauptete er, »die in Zivil ins
+Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu
+sehen.«
+
+»Ach was!« wehrte der Pfarrer ab.
+
+»Doch! Ich kenne welche!« Und nochmals sagte er, Silbe für Silbe
+einzeln betonend: »Ich -- ken -- ne -- wel -- che!«
+
+»Na ja,« meinte Bournisien nachgiebig, »die Betreffenden haben da
+aber etwas Unrechtes getan.«
+
+»Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz
+andre Dinge!«
+
+»Herr -- Apo -- the -- ker!« rief der Geistliche mit einem so
+zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und einlenkte:
+
+»Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste
+Fürsprecherin der Kirche ist.«
+
+»Sehr wahr! Sehr wahr!« gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er
+sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch
+ein paar Minuten.
+
+Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:
+
+»Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie
+habens ja mit angehört! Um darauf zurückzukommen: tun Sie das ja,
+führen Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns bloß deshalb wäre,
+um diesen schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich
+einen Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie
+sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
+Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll er
+ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte
+bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen Künstler
+können nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein,
+es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie
+in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete
+Mahlzeit! Auf Wiedersehn!«
+
+Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe
+schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte
+sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu schwach, es
+sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl
+nicht nach, zumal er sich einbildete, daß ihr diese Zerstreuung
+sehr dienlich wäre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor.
+Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz unvermutet dreihundert Franken
+geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht groß, und die
+Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fällig, so daß er
+daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur
+aus Rücksicht auf ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis
+sie seinen Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht
+Uhr fuhren sie mit der Post ab.
+
+Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, aber er
+hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden einsteigen sah,
+jammerte er.
+
+»Glückliche Reise!« sagte er. »Habt ihrs gut!« Und zu Emma
+gewandt, fügte er hinzu: »Sie sehen zum Anbeißen hübsch aus! Sie
+werden in Rouen Furore machen!«
+
+Die Post spannte in Rouen im »Roten Kreuz« am Beauvoisine-Platz
+aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit geräumigen
+Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine
+Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten Einspännern der
+Geschäftsreisenden ihre Haferkörner aufpickten. Es war eine der
+Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone,
+die in den Winternächten im Winde knarren; die Gäste, der Lärm
+und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen
+Tischplatten sind voller großer Kaffeeflecke, die trüben dicken
+Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten
+voller Rotweinspuren. Auf der Straßenseite gibt es ein Café und
+hinten nach dem Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen
+ländlichen Anstrich.
+
+Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wußte
+er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie
+war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klüger. Der
+Kassierer wies ihn in die Direktion. Schließlich rannte er noch
+einmal in den Gasthof zurück, dann wieder an die Kasse. Auf diese
+Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt.
+
+Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
+Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen.
+Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
+nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen noch
+geschlossen.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken
+der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die in
+auffälligen Lettern ausschrien:
+
+LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
+DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
+
+Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den Leuten
+über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten Gesichtern mit
+den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom
+Strome her und blähte ein wenig die Leinwandmarkisen der
+Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen
+eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich Gerüche von Talg, Leder und
+Öl aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der großen Fässer
+lärmigen Gewölben der Karren-Gasse mischten.
+
+Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
+noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang
+durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die
+Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit
+seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so daß er
+sie in einem fort fühlte.
+
+In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß sich
+der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
+hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten Range
+emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor Eitelkeit.
+Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die breiten vergoldeten
+Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen Zügen atmete sie den
+Staubgeruch der Gänge ein, und als sie in ihrer Loge saß, machte
+sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem.
+
+Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen aus ihren
+Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung
+zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres
+Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen die Geschäfte nicht,
+sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das
+waren Grauköpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; weiß in der
+Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene
+Silbermünzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit
+knallroten und grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie
+von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die
+goldenen Knäufe ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die
+Orchesterlampen angezündet, und der Kronleuchter ward von der
+Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
+Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
+die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getöse
+an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, fauchenden
+Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze Schläge mit
+dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hörnerklang. Der
+Vorhang hob sich.
+
+Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
+Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
+Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
+Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten
+Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
+ab. Der Chor singt von neuem.
+
+Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre
+zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als höre
+sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die nebelige Heide
+hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr
+das Verständnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten
+Handlung, während eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um
+alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verfließen. Sie gab
+sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fühlte, wie ihr die
+Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die
+Violinenbogen über ihre Nerven. Sie hätte hundert Augen haben
+mögen, um sich satt sehen zu können an den Dekorationen, Kostümen,
+Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bäumen, an den
+Samtbaretten, Rittermänteln und Degen, an allen diesen
+Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer
+ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem
+Reitknecht in grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie
+allein, und nun kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und
+Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
+von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch Emma
+hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in Liebesarmen!
+
+Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
+schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der
+grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche Gestalt
+war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem
+Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende
+Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man hatte Emma
+erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand von Biarritz
+singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn
+verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann
+einer andern zuliebe sitzen lassen.
+
+Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
+berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar
+fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln über
+den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit und die leichte
+Empfänglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besaß eine schöne
+Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz,
+mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich,
+und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem
+Toreador.
+
+Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er
+schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
+sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald klagte
+er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm aus der
+Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich weit vor, um
+ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in den Plüsch der
+Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmütigen
+Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf begleitet, nicht
+aufhörten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrüchigen im
+Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzücktheiten und
+Herzensängste, die sie unlängst dem Tode so nahe gebracht hatten.
+Die Stimme der Primadonna erschütterte sie wie eine laute
+Verkündung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst
+beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war
+sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte
+nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im
+Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ...
+
+Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte wiederholt
+werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren
+Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und Hoffnungen; und als
+sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, stieß Emma einen lauten
+Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte.
+
+»Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?«
+fragte Bovary.
+
+»Aber nein!« antwortete sie. »Das ist doch ihr Geliebter!«
+
+»Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und der
+andre, der dann kam, hat doch gesagt:
+
+'Nimm, Teure, meine Schwüre an
+Der reinsten, wärmsten Liebe!'
+
+Und sie sagt:
+
+'So sei es denn!'
+
+Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
+Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater,
+nicht wahr?«
+
+Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
+zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden hatte,
+bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er
+gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben.
+Die Musik störe, sie beeinträchtige den Text.
+
+»Was schadet das?« wandte Emma ein. »Nun sei aber still!«
+
+Er lehnte sich an ihren Arm. »Ich möchte gern im Bilde sein. Weißt
+du?«
+
+»Sei doch endlich still!« sagte sie unwillig. »Schweig!«
+
+Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im
+Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte
+ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den
+Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange zur Kirche.
+Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter
+leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich gewesen,
+ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ...
+Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch nicht besudelt
+durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem Ehebruch, auf ein
+festes edles Herz bauen und Tugend, Zärtlichkeit, Sinnenlust und
+Pflichttreue zusammen fühlen dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe
+solcher Glückseligkeit herabgesunken! »Nein, nein!« rief sie
+schmerzlich bei sich aus. »All das große Glück da unten ist doch
+nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder verzweifelten
+Phantasten!« Jetzt erkannte sie, daß die Leidenschaften in der
+Wirklichkeit armselig sind und nur in der Überschwenglichkeit der
+Kunst etwas Großes. Sie versuchte sich zur nüchternen Anschauung
+zu zwingen. Sie wollte in dieser Wiedergabe ihrer eigenen
+Schmerzen nichts mehr sehen als ein plastisches Phantasiegebilde,
+nichts mehr und nichts weniger als eine amüsante Augenweide. Und
+so lächelte sie in Gedanken überlegen-nachsichtig, als im
+Hintergrunde der Bühne hinter einer Samtportiere ein Mann in einem
+schwarzen Mantel erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei
+einer Körperbewegung vom Kopfe fiel.
+
+Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. Edgard
+rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
+schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen entgegen,
+Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im Maße der
+Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie Orgelgebraus. Die Frauen
+des Chors wiederholen die Worte, ein köstliches Echo.
+Gestikulierend stehen sie alle in einer Reihe. Zorn, Rachgier,
+Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen entströmen gleichzeitig
+ihren aufgerissenen Mündern. Der wütende Liebhaber schwingt seinen
+blanken Degen. Der Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden
+Brust auf und nieder, während er mächtigen Schritts in seinen
+sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet.
+
+»Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,« dachte Emma,
+»daß er sie an die Menge so verschwenden kann.« Ihre Anwandlung
+von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner Rolle. Sie
+fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter dieser
+Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen,
+sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes Leben, an dem sie hätte
+teilnehmen können, wenn es der Zufall gefügt hätte. Warum hatten
+sie sich nicht kennen gelernt und sich ineinander verliebt! Sie
+wäre mit ihm durch alle Länder Europas gereist, von Hauptstadt zu
+Hauptstadt, hätte mit ihm Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen
+aufgelesen, die man ihm streute, und seine Bühnenkostüme
+eigenhändig gestickt. Alle Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge,
+hinter vergoldetem Gitter aufmerksam den Sängen seiner Seele
+gelauscht, die einzig und allein ihr gewidmet wären. Von der
+Szene, beim Singen, hätte er zu ihr geschaut ...
+
+Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. Kein
+Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, in
+seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der Liebe, und
+ihm laut zurufen:
+
+»Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir
+gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!«
+
+Der Vorhang fiel.
+
+Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der Fächer machte
+die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge verlassen, aber
+die Gänge waren durch die vielen Menschen versperrt. Sie sank in
+ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen und Atemnot. Da Karl
+fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, eilte er nach dem Büfett,
+um ihr ein Glas Mandelmilch zu holen.
+
+Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das Glas in
+beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er tat, jemanden
+mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er dreiviertel des Inhalts
+einer Dame in ausgeschnittener Toilette über die Schulter. Als sie
+das kühle Naß, das ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie
+laut auf, als ob man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
+Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit.
+Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
+schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas von
+Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich bei
+Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr:
+
+»Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, diese
+Menschheit! Diese Menschheit!« Nach einigem Verschnaufen fügte er
+hinzu: »Und ahnst du, wer mir da oben begegnet ist? Leo!«
+
+»Leo?«
+
+»Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!«
+
+Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt auch
+schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer Ungezwungenheit
+reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau Bovary die
+ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren Willens. Diesen fremden
+Einfluß hatte sie lange nicht empfunden, seit jenem
+Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie voneinander Abschied
+genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und draußen war leiser
+Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch besann sie sich auf
+das, was die jetzige Situation und die Konvenienz erheischten.
+Mit aller Kraft schüttelte sie den alten Bann und die alten
+Erinnerungen von sich ab und begann ein paar hastige Redensarten
+zu stammeln:
+
+»Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?«
+
+»Ruhe!« ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte nämlich
+der dritte Akt begonnen.
+
+»So sind Sie also in Rouen?«
+
+»Ja, gnädige Frau!«
+
+»Und seit wann?«
+
+»Hinaus! Hinaus!«
+
+Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
+
+Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit vorbei. Der
+Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton und seinem
+Diener, das große Duett in D-Dur, alles das spielte sich für sie
+wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, als klänge das Orchester
+nur noch gedämpft, als sängen die Personen ihr weit entrückt. Sie
+dachte zurück an die Spielabende im Hause des Apothekers, an den
+Gang zu der Amme ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an
+die Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
+armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
+und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
+Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von
+neuem ihren Lebenspfad kreuzen?
+
+Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
+Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
+seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte.
+
+»Macht Ihnen denn das Spaß?« fragte er sie, indem er sich über sie
+beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts ihre Wange streifte.
+
+»Nein, nicht besonders!« entgegnete sie leichthin.
+
+Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und
+irgendwo eine Portion Eis zu essen.
+
+»Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!« sagte Bovary. »Sie hat
+aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!«
+
+Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das Spiel
+der Sängerin schien ihr übertrieben.
+
+»Sie schreit zu sehr!« meinte sie, zu Karl gewandt, der aufmerksam
+zuhörte.
+
+»Möglich! Jawohl! Ein wenig!« gab er zur Antwort. Eigentlich
+gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
+immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig.
+
+Leo stöhnte:
+
+»Ist das eine Hitze!«
+
+»Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!« sagte Emma.
+
+»Verträgst dus nicht mehr?« fragte Bovary.
+
+»Ich ersticke! Wir wollen gehen!«
+
+Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
+schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
+Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
+
+Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie versuchte
+mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie die
+Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne das langweilen.
+Darauf erzählte dieser, er müsse sich in Rouen zwei Jahre tüchtig
+auf die Hosen setzen, um sich in die hiesige Rechtspflege
+einzuarbeiten. In der Normandie mache man alles anders als in
+Paris. Dann erkundigte er sich nach der kleinen Berta, nach der
+Familie Homais, nach der Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in
+Karls Gegenwart nicht sagen, und so stockte die Unterhaltung.
+
+Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und
+trällernd:
+
+'O Engel reiner Liebe!'
+
+Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu
+sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im
+Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar
+nichts.
+
+Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
+unterbrach ihn:
+
+»Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich bedaure,
+daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es fing mir grade an
+zu gefallen!«
+
+»Demnächst gibts ja eine Wiederholung!« tröstete ihn Leo.
+
+Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause müßten.
+»Es sei denn,« meinte er, zu Emma gewandt, »du bliebst allein
+hier, mein Herzchen?«
+
+Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner Begehrlichkeit
+bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun lobte er das Finale
+des Sängers. Er sei da köstlich, großartig!
+
+Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
+
+»Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! Es
+wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern du dir auch
+nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!«
+
+Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
+stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff und
+zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
+Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren ließ.
+
+»Es ist mir wirklich nicht recht,« murmelte Bovary, »daß Sie für
+uns Geld ...«
+
+Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
+Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut.
+
+»Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!«
+
+Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben könne.
+Emma indessen sei durch nichts gehindert.
+
+»Es ist nur ...«, stotterte sie, verlegen lächelnd, »... ich weiß
+nicht recht ...«
+
+»Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber reden, wenn
+dus beschlafen hast!« Und zu Leo gewandt, der sie begleitete,
+sagte er: »Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend sind, hoffe ich,
+daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch ansagen!«
+
+Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
+demnächst in Yonville beruflich zu tun habe.
+
+Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
+verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf.
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle fleißig
+besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den Grisetten
+gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick aus. Übrigens war
+er der mäßigste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu
+lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes
+Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von
+wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten,
+aus Ängstlichkeit und weil ihm das wüste Leben zu grob war.
+
+Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden
+des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein Code-Napoléon aus den
+Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmählich verblaßte
+diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien überwucherten sie, ohne
+sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle
+Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der
+Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume.
+
+Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte
+seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt gälte es,
+sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen wollte. Seine
+ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im Verkehr mit
+leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz
+zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht
+schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt abgetreten
+hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berühmten
+Professors mit Orden und Equipage, hätte der arme Adjunkt
+sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen,
+vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fühlte er sich
+überlegen und eines leichten Sieges gewiß. Sicheres Auftreten
+hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als
+im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer
+reichen Frau ihr Tugendwächter. Sie trägt sie alle mit sich wie
+ein Panzerhemd unter ihrem Korsett.
+
+Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
+war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen
+gefolgt, bis er sie im »Roten Kreuz« verschwinden sah. Dann machte
+er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen
+Kriegsplan.
+
+Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof mit
+beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, vor
+nichts zurückzuscheuen.
+
+»Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!« vermeldete ihm ein
+Kellner.
+
+Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.
+
+Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn
+kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm
+mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.
+
+»O, das habe ich erraten«, sagte Leo.
+
+»Wieso?«
+
+Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn hierher
+geleitet.
+
+Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er
+nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
+Gasthöfen nach ihnen zu fragen.
+
+»Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?« fügte er hinzu.
+
+»Ja,« gab sie zur Antwort, »aber ich hätte es lieber nicht tun
+sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen gewöhnen,
+wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...«
+
+»Ja, das kann ich mir denken ...«
+
+»Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.«
+
+Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer
+philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
+Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
+Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.
+
+Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher
+Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
+der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit
+ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich
+zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter
+quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie
+sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so
+stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen
+waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie
+die nackte Wahrheit umschreiben könnten. Emma verheimlichte es,
+daß sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, daß
+er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht
+mehr an die Soupers nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich
+nicht ihrer Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem
+Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte
+nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr
+Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid
+aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des
+alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete
+umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem
+schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
+wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel.
+
+»Ach, verzeihen Sie!« sagte sie. »Es ist unrecht von mir, Sie mit
+meinen ewigen Klagen zu langweilen.«
+
+»Keineswegs!«
+
+»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort und schlug ihre schönen Augen,
+aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, »was ich mir alles
+erträumt habe!«
+
+»Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
+ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais entlang
+geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und
+die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort
+verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthändlers auf dem
+Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen,
+der eine Muse darstellt. Sie trägt eine Tunika, einen
+Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor.
+Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich
+stundenlang davor gestanden ...« Und mit zitternder Stimme fügte
+er hinzu: »Sie sah Ihnen ein wenig ähnlich.«
+
+Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre Lippen
+nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte.
+
+»Und wie oft«, fuhr er fort, »habe ich an Sie Briefe geschrieben
+und hinterher wieder zerrissen.«
+
+Sie antwortete nicht.
+
+»Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir
+wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an der
+nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken
+hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie
+Sie welche zu tragen pflegen ...«
+
+Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
+zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
+Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen
+Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen
+machte.
+
+Endlich sagte sie mit einem Seufzer:
+
+»Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben so wie ich
+führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem
+nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem Bewußtsein
+trösten, sich für etwas zu opfern.«
+
+Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er
+selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas
+aufzugehen, die er nicht befriedigen könne.
+
+»Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein«, behauptete sie.
+
+»Ach ja!« erwiderte er. »Aber für uns Männer gibt es keinen
+solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung ... es
+sei denn vielleicht die des Arztes ...«
+
+Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
+ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. Wie
+schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden.
+Sofort schwärmte Leo für die »Ruhe im Grabe«. Ja, er hätte sogar
+eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt,
+daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit der Seidenstickerei
+legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem,
+wie alles hätte sein können, also nach einem imaginären Zustand,
+änderten sie jetzt in der Erzählung ihre Vergangenheit. Ist doch
+die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefühle breitdrückt.
+
+Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie:
+
+»Warum denn?«
+
+»Warum?« Er zögerte. »Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!«
+
+Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete
+Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn
+der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber war, zerreißt.
+Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus
+ihren Augen wie weggeweht.
+
+Er wartete. Endlich sagte sie:
+
+»Ich hab es immer geahnt ...«
+
+Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
+einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in
+ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich der
+Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem Zimmer,
+ihres ganzen Hauses.
+
+»Und unsere armen Kakteen, was machen die?«
+
+»Sie sind letzten Winter alle erfroren!«
+
+»Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie mir
+gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im
+Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und Sie
+mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...«
+
+»Armer Freund!« sagte sie und reichte ihm ihre Hand.
+
+Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
+tief auf und sagte:
+
+»Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich
+war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen ...
+aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?«
+
+»Doch, fahren Sie nur fort!«
+
+»Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, gerade
+im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen
+Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete
+ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es
+mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen das von mir war.
+Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es
+doch nicht über mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen
+Laden traten, wartete ich draußen auf der Straße und sah Ihnen
+durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und
+das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei
+Frau Tüvache; man öffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener
+Pudel vor der mächtigen Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß
+gefallen war.«
+
+Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon
+her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen,
+erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Unendlich
+viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit
+leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:
+
+»Ja ... So war es ... So war es ... So war es!«
+
+Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den
+Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen
+nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein
+Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, dieses
+Rauschen ströme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre
+Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft,
+Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der zärtlichen Wonne
+des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete sich an den Wänden, und
+halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen
+Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. Durch das oben
+offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein
+Stück des schwarzen Himmels.
+
+Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
+Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder.
+
+»Was ich sagen wollte ...«, begann Leo von neuem.
+
+»Was war es?«
+
+Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
+anzuknüpfen, da fragte sie ihn:
+
+»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse
+anvertraut hat?«
+
+Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe
+sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn
+zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden
+worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt
+hätte.
+
+»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie.
+
+»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der
+Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels
+hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn
+anzufangen?«
+
+»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt ... und
+Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ...
+und Sie werden sie wieder lieben!«
+
+»Nicht so, wie ich Sie liebe!«
+
+»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!«
+
+Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der
+Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder
+lieben könnten, wie ehemals.
+
+Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht.
+Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und
+daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß
+sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu
+liebkosen versuchten.
+
+»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück.
+
+Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
+ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit
+ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein
+Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche
+Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig
+aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut
+seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie
+glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit
+ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr.
+
+»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns
+verplaudert!«
+
+Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
+
+»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein
+armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau
+Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten ...«
+
+Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein.
+
+»So?« fragte Leo.
+
+»Gewiß!«
+
+»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu
+sagen!«
+
+»Was denn?«
+
+»Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht
+heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten ... Hören Sie
+mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn
+nicht ...«
+
+»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!«
+
+»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid
+mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein
+einziges ...«
+
+»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders,
+sagte sie: »Aber nicht hier!«
+
+»Wo Sie wollen!«
+
+Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
+
+»Morgen um elf in der Kathedrale!«
+
+»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren
+Händen. Sie entzog sie ihm.
+
+Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
+ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf
+ihren Nacken.
+
+»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem
+eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals
+immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über
+ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen.
+Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
+
+Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb
+er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
+
+»Auf Wiedersehn morgen!«
+
+Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
+
+Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
+Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle
+beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig
+war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was
+sollte sie tun?
+
+»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen,
+wenn er kommt.«
+
+Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre,
+reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich
+hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes
+Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete
+seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum
+Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil
+sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte.
+
+»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des
+Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war.
+
+Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den
+Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
+Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum
+Notre-Dame-Platze.
+
+Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
+Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg
+auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen
+Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um
+die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte
+Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und
+Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren
+tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein
+Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen
+Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden
+kleine Veilchensträuße.
+
+Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau
+kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der
+Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen
+wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und
+rasch trat er in die Kirche.
+
+Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der
+'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf,
+den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als
+ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo
+in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das
+Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden:
+
+»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die
+Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?«
+
+»Nein!«
+
+Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
+und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging
+abermals bis zum Chor.
+
+Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den
+gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende
+Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte
+Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen
+des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen
+Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan
+hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die
+übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen
+Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine
+silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel
+gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder
+das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den
+hohen Gewölben widerhallten.
+
+Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so
+schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und
+stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten
+Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten,
+in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem
+unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und
+um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler
+neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe
+entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes
+Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die
+Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen
+erscheine.
+
+Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und
+seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit
+Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte
+die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während
+seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ...
+
+Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich
+erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
+Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging
+geradezu eine Tempelschändung.
+
+Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte
+auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen.
+
+Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
+
+»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht
+doch!«
+
+Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der
+Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
+
+Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand
+er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines
+Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
+Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte,
+langweilte er sich.
+
+Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
+Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung
+begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören,
+starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der
+weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe
+Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte.
+
+Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der
+Schweizer rasch auf sie zu:
+
+»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die
+Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?«
+
+»Aber nein!« rief der Adjunkt aus.
+
+»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich
+an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden
+Vorwand.
+
+Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück
+und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen
+Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
+
+»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten
+Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte
+ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist
+vor Freude gestorben ...«
+
+»Weiter!« drängte Leo.
+
+Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
+Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
+Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten
+zeigt, auf eine Grabplatte.
+
+»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr
+von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser
+der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli
+1465.«
+
+Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße
+auf den andern.
+
+»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
+Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und
+Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des
+Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie,
+gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift
+besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen
+will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der
+irdischen Vergänglichkeit!«
+
+Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
+sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
+machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der
+einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite.
+
+Der unermüdliche Cicerone fuhr fort:
+
+»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
+Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois,
+geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche
+Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt
+bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die
+Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und
+Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des
+Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem
+Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.«
+
+Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die
+beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er
+öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
+eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
+
+»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer,
+»das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von
+der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine
+Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier
+sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die
+Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern
+von Lagargouille!«
+
+Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und
+nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die
+Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle
+Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
+
+»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!«
+
+»Danke!« erwiderte Leo.
+
+»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt
+vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte ägyptische
+Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...«
+
+Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
+Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
+durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen,
+den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt
+hatte. Das wäre ihr Tod gewesen.
+
+»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma.
+
+Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
+schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie
+plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen
+eines Stockes hörten. Leo wandte sich um.
+
+»Meine Herrschaften!«
+
+»Was gibts?«
+
+Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
+ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
+gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale.
+
+»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche.
+
+Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
+
+»Hol uns eine Droschke!«
+
+Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten
+allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
+verlegen.
+
+»Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!« Es klang
+wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr
+unschicklich, wissen Sie das?«
+
+»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In _Paris_ macht mans so!«
+
+Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument.
+Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in
+die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
+
+»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der
+Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das
+'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der
+Hölle' an!«
+
+»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher.
+
+»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
+
+Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung.
+
+Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der
+Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte
+vor dem Denkmal Corneilles Halt.
+
+»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren.
+
+Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
+hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
+
+»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme.
+
+Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
+gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
+trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut
+zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee
+dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg
+hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu,
+über die Inseln hinaus.
+
+Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville,
+die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum
+drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
+
+»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend.
+Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt
+Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die
+Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum,
+wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen
+überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte
+die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer
+Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller
+Höhe.
+
+Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
+Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über
+die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden
+und am Hauptfriedhof vorüber.
+
+Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
+Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut
+in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen
+wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich
+hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine
+warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob
+er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe
+vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
+
+Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an
+den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz
+ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der
+immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen
+wie ein Grab.
+
+Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am
+heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine
+bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine
+Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße
+Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen.
+
+Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der
+Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus
+und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
+mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma
+gewartet, schließlich aber war er abgefahren.
+
+Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu Hause
+sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
+zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene
+feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe
+und zugleich der Preis für den Ehebruch ist.
+
+Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
+einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. Unterwegs
+trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte aller
+Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten
+Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern
+von Quincampoix ein.
+
+Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als sie
+erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah sie
+Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie wartete. Hivert
+hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das sich bis zum Fenster
+hinaufreckte, flüsterte ihr geheimnisvoll zu:
+
+»Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es
+handelt sich um etwas sehr Dringliches!«
+
+Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine
+dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des
+Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am
+selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
+besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man sah,
+daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde.
+
+Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, und
+sogar der »Leuchtturm von Rouen« lag am Boden zwischen zwei
+Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in der
+Küche -- inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll
+abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und
+zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
+über dem Feuer -- die ganze Familie Homais, groß und klein, alle
+in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den Händen. Der
+Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten Kopfes
+dastand, und schrie ihn eben an:
+
+»Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?«
+
+»Was ist denn los? Was gibts?« fragte die Eintretende.
+
+»Was los ist?« antwortete der Apotheker. »Ich mache hier
+Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft zu
+dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem andern
+Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus Faulheit hin
+und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an einem Nagel
+aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!«
+
+Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
+Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
+hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
+und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als einen
+gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres Heiligtum, aus
+dem, von seiner Hand hergestellt, alle die verschiedenen Sorten
+von Pillen, Pasten, Säften, Salben und Arzneien hervorgingen, die
+ihn in der ganzen Gegend berühmt machten. Niemand durfte das
+Kapernaum betreten. Das ging soweit, daß er es selbst ausfegte.
+Die Apotheke stand für jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er
+würdevoll amtierte. Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo
+sich Homais selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und
+Experimenten hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine
+unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine Johannisbeeren,
+wetterte er:
+
+»Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
+Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
+Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch
+genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
+auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel,
+daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
+nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn man
+sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...«
+
+»Aber so beruhige dich doch!« mahnte Frau Homais.
+
+Und Athalia zupfte ihn am Rock.
+
+»Papachen, Papachen!«
+
+»Laßt mich!« erwiderte der Apotheker. »Zum Donnerwetter, laßt
+mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen!
+Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die
+Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
+Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!«
+
+»Sie hatten mir doch ...«, begann Emma.
+
+»Einen Augenblick! -- Weißt du, mein Junge, was dir hätte
+passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten
+Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen Ton
+von dir!«
+
+»Ich ... weiß ... nicht«, stammelte der Lehrling.
+
+»Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da eine
+Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben Deckel, gefüllt
+mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von mir eigenhändig
+draufgeschrieben: 'Gift! Gift! Gift!' Und weißt du, was da drin
+ist? Ar -- se -- nik! Und so was rührst du an? Nimmst einen
+Kessel, der daneben steht!«
+
+»Daneben!« rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände über
+dem Kopfe zusammen. »Arsenik! Du hättest uns alle miteinander
+vergiften können!«
+
+Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits die
+schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
+
+»Oder du hättest einen Kranken vergiften können«, fuhr der
+Apotheker fort. »Wolltest du mich gar auf die Anklagebank bringen,
+vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem Schafott sehen?
+Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen Arbeiten kolossal in
+acht nehmen muß, trotz meiner großen Routine darin? Oft wird mir
+selber angst, wenn ich an meine Verantwortung denke. Denn die
+Regierung sieht uns tüchtig auf die Finger, und die albernen
+Gesetze, denen wir unterstehen, schweben unsereinem faktisch wie
+ein Damoklesschwert fortwährend über dem Haupte!«
+
+Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr
+wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort:
+
+»So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden sind?
+So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und Sorgfalt, die
+ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn ohne mich? Wie
+ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, erzogen, gekleidet? Wer
+ermöglicht es dir, daß du eines Tages mit Ehren in die
+Gesellschaft eintreten kannst? Aber um das zu erreichen, mußt du
+noch feste zugreifen, mußt, wie man sagt, Blut schwitzen!
+Fabricando sit faber, age, quod agis!«
+
+Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte
+Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt
+hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
+Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie das
+Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den Grund und
+Boden öffnet.
+
+Er predigte immer weiter:
+
+»Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein Haus
+genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend Und dem
+Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du wirst
+niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als zum
+Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! Du
+kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
+wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt
+dirs über die Maßen wohl gehn!«
+
+Emma wandte sich an Frau Homais:
+
+»Man hat mich hierher gerufen ...«
+
+»Ach, du lieber Gott!« unterbrach die gute Frau sie mit trauriger
+Miene. »Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... Es ist nämlich ein
+Unglück passiert ...«
+
+Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie:
+
+»Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
+wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!«
+
+Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel
+Justins Tasche ein Buch.
+
+Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, hob den
+Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen und
+offenem Mund.
+
+»Liebe und Ehe«, las er vor. »Aha! Großartig! Großartig! Wirklich
+nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein bißchen starker
+Tobak!«
+
+Frau Homais wollte nach dem Buche greifen.
+
+»Nein, das ist nichts für dich!« wehrte er sie ab.
+
+Die Kinder wollten die Bilder sehn.
+
+»Geht hinaus!« befahl er gebieterisch.
+
+Und sie gingen hinaus.
+
+Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab,
+das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
+außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren sollte.
+Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit
+verschränkten Armen vor ihn hin:
+
+»Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? Nimm
+dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! Hast
+du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch meinen Kindern
+in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde in ihre Sinne
+streuen, die Unschuld Athaliens trüben und Napoleon verderben? Er
+ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens beschwören, daß die
+beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du mir das schwören?«
+
+»Aber so sagen Sie mir doch endlich,« unterbrach ihn Emma, »was
+Sie mir mitzuteilen haben!«
+
+»Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!«
+
+In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
+einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener Rücksichtnahme
+hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die schreckliche
+Nachricht schonend mitzuteilen.
+
+Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens
+überlegt und ausgeklügelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht,
+Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine
+Sprachkunst triumphiert.
+
+Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da
+Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er
+sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte er
+sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über:
+
+»Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. Der
+Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche Tatsachen
+darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja die er
+vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch
+wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!«
+
+Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie erwartet
+hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
+
+»Meine liebe Emma!«
+
+Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber
+bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. Da
+fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht:
+
+»Ja ... ich weiß ... ich weiß ...«
+
+Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis ohne
+jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, daß
+ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod hatte
+ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines
+Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
+einem Liebesmahl teilgenommen hatte.
+
+Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus
+konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. Als
+er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl
+unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß.
+
+Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
+traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
+
+»Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!«
+
+Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas entgegnen
+müsse, fragte sie:
+
+»Wie alt war dein Vater eigentlich?«
+
+»Achtundfünfzig!«
+
+»So!«
+
+Das war alles.
+
+Eine Viertelstunde später fing er wieder an:
+
+»Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?«
+
+Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse.
+
+Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt sei,
+und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, um
+ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
+zusammenraffend, fragte er sie:
+
+»Hast du dich gestern gut amüsiert?«
+
+»Ja!«
+
+Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
+gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung ansah,
+um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen bis auf den
+letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, wie eine Null
+vor. Er war wirklich in jeder Beziehung »ein trauriger Kerl«. Wie
+konnte sie ihn nur loswerden? Welch endloser Abend! Etwas
+Betäubendes ergriff sie, wie Opium.
+
+In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. Es war
+Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm viel Mühe, es
+abzulegen.
+
+»Karl denkt schon gar nicht mehr daran«, dachte Emma, als sie den
+armen Teufel sah, dem das rote Haar in die schweißtriefende Stirn
+herabhing.
+
+Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein
+Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen Anwesenheit
+dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein leibhaftiger Vorwurf
+der heillosen Unfähigkeit des Arztes herum?
+
+»Ein hübscher Strauß!« sagte er, als er auf dem Kamin Leos
+Veilchen bemerkte.
+
+»Ja!« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe ihn einer armen Frau
+abgekauft.«
+
+Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine von
+Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie ihm aus
+der Hand und stellte sie in ein Wasserglas.
+
+Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
+weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
+Wirtschaft zu tun.
+
+Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den
+Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube
+hinten im Garten am Bachrande.
+
+Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große
+Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum
+Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den Toten
+nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst begehrenswert.
+Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit geworden, daß sie nun
+Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann eine dicke Träne über
+ihre Nase und blieb einen Augenblick daran hängen. Dabei nähte sie
+ununterbrochen weiter.
+
+Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit
+sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz
+trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
+kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen Tages ins
+Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit ihres Mannes und
+ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie hätte nichts hören und
+nichts sehn mögen, um nicht in ihren Liebesträumereien gestört zu
+werden, die gegen ihren Willen unter den äußeren Eindrücken zu
+verwehen drohten.
+
+Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um sich
+ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere und
+Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in den
+Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
+Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und sprach auch
+kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen umhatte, spielte mit
+ihrer Schaufel im Sande.
+
+Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen.
+
+Er bot in Anbetracht des »betrüblichen Ereignisses« seine Dienste
+an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu können, aber
+der Händler wich nicht so leicht.
+
+»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte er, »aber ich muß
+Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.« Und flüsternd
+fügte er hinzu: »Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen schon
+...«
+
+Karl wurde rot bis über die Ohren.
+
+»Gewiß ... freilich ... natürlich!«
+
+In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
+
+»Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?«
+
+Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
+Mutter:
+
+»Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine Kleinigkeit, die
+den Haushalt betrifft.«
+
+Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die Vorgeschichte des Wechsels erführe.
+
+Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in ziemlich
+eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
+gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
+seiner Gesundheit, die immer »so lala« sei. Er müßte sich wirklich
+höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, ihm fehle doch
+die Butter zum Brote.
+
+Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
+entsetzlich.
+
+»Und sind Sie völlig wiederhergestellt?« fuhr er fort. »Ich sag
+Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung
+gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch
+ordentlich einander in die Haare gefahren sind.«
+
+Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die
+Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
+
+»Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur Reise ...«
+
+Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf
+den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit
+einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? Emma
+verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er fort:
+
+»Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin gekommen,
+ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...«
+
+Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt hatte,
+zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache ganz nach
+seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu ängstigen,
+noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft sei.
+
+»Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders übernähme. Sie
+zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das wäre das Bequemste.
+Wir könnten dann unsere kleinen Geschäfte miteinander abmachen.«
+
+Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam er
+auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse
+unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege schicken,
+zu einem neuen schwarzen Kleide.
+
+»Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie brauchen noch noch
+ein andres für die Besuche. Gleich beim Eintreten habe ich das
+bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein Amerikaner!«
+
+Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
+er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen
+anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig und
+dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand »gehorsamst zur
+Verfügung«, wie Homais zu sagen pflegte. Dabei flüsterte er Emma
+immer wieder irgendwelche Ratschläge wegen der Generalvollmacht
+zu. Den Wechsel erwähnte er nicht mehr, und Emma dachte auch nicht
+daran. Karl hatte wohl kurz nach ihrer Genesung mit ihr darüber
+gesprochen, aber es war ihr seitdem so viel durch den Kopf
+gegangen, daß sie das vergessen hatte. Sie hütete sich überhaupt,
+Geldinteressen an den Tag zu legen. Frau Bovary wunderte sich
+darüber, aber sie schrieb das der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der
+Krankheit in ihr erstanden sei.
+
+Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
+Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse
+Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob
+nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte auf
+gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von Ordnung des
+Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung usw., und übertrieb
+immerfort die Schwierigkeiten der Erbschaftsregelung. Eines Tages
+zeigte sie ihm sogar den Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr
+das Recht übertrug, das Vermögen zu verwalten, Darlehen
+aufzunehmen, Wechsel auszustellen und zu akzeptieren, jederlei
+Zahlung zu leisten und zu empfangen usw.
+
+Lheureux war ihr Lehrmeister.
+
+Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe.
+
+»Notar Guillaumin.« Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte sie
+hinzu: »Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. Die
+Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch einen
+Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein ...
+keinen.«
+
+»Höchstens Leo«, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei schwierig,
+sich brieflich zu verständigen.
+
+Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es
+nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit
+nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn aus:
+
+»Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!«
+
+»Wie gut du bist!« sagte er und küßte sie auf die Stirn.
+
+Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
+und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre
+Flitterwochentage.
+
+Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
+verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter
+überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man ihnen alle
+Morgen in der Frühe brachte.
+
+Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer der
+Inseln.
+
+Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen die
+Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer stieg
+zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man breite
+ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der Sonne wie
+schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten.
+
+Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen
+hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen Ankertaue.
+Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, das Stimmengewirr,
+das Bellen der Hunde auf den Schiffen wurde ferner und ferner.
+Emma knüpfte ihre Hutbänder auf.
+
+Sie landeten an »ihrer Insel«. Sie setzten sich in eine Herberge,
+vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen gebackene Fische,
+Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich ins Gras, küßten
+einander im Schatten der hohen Pappeln und hätten am liebsten wie
+zwei Robinsons immer auf diesem Erdenwinkel leben mögen, der ihnen
+in ihrer Glückseligkeit als das schönste Fleckchen der ganzen Welt
+erschien. Sie sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht
+zum ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern
+der Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es
+war ihnen, als hätten sie das alles niemals so genossen, als wäre
+die Natur vorher gar nicht dagewesen oder als wäre sie erst schön,
+seitdem ihr Begehren gestillt war.
+
+Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
+von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank unter
+dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die vierkantigen
+Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen Gabeln,
+taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das Wasser leise
+um das herrenlose Steuer.
+
+Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom stillen
+Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und Emma begann
+sogar zu singen:
+
+»Weißt du, eines Abends
+Fuhren wir dahin ...«
+
+Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut,
+vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang Leos
+Ohr.
+
+Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
+offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
+Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
+Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer erscheinen. Die
+Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum Himmel empor. Von
+Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der Weiden, an denen der
+Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie plötzlich wieder auf, im
+Lichte des Mondes, wie eine Geistererscheinung.
+
+Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges gelagert hatte,
+hob ein Band aus roter Seide auf. Der Bootsmann sah es und meinte:
+
+»Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
+spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
+hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein
+Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem
+schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
+immer: 'Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem Leben, Adolf!'
+Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...«
+
+Emma fuhr zusammen.
+
+»Ist dir nicht wohl?« fragte Leo und legte ihr die Hand um den
+Nacken.
+
+»Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.«
+
+»Er mochte auch viel Glück bei den Frauen haben«, redete der
+Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar eine
+Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hände und begann
+von neuem zu rudern.
+
+Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig.
+Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
+schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
+Umschläge verwenden. Er wunderte sich über ihre Schlauheit in
+Liebesdingen.
+
+»Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht wahr?« fragte
+sie nach dem letzten Kusse.
+
+»Aber gewiß!«
+
+Als er dann allein durch die Straßen heimging, dachte er bei sich:
+
+»Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer
+Generalvollmacht?«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Leo begann vor seinen Kameraden den Überlegenen zu spielen. Er
+mied ihre Gesellschaft und vernachlässigte seine Akten. Er wartete
+nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in ihnen und
+schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in der
+Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heißes Begehren
+kühlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im Gegenteil, sein
+Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaßen, daß er an einem
+Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.
+
+Als er von der Höhe herab unten im Tale den Kirchturm mit seiner
+sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
+durchschauerte ihn ein sonderbares Gefühl von Eitelkeit und
+Rührung, wie es vielleicht ein Milliardär empfindet, der sein
+Heimatdorf wieder aufsucht.
+
+Er ging um Emmas Haus. In der Küche war Licht. Er wartete, ob
+nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar würde. Es erschien
+nichts.
+
+Als Mutter Franz ihn gewahrte, stieß sie Freudenschreie aus. Sie
+fand ihn »größer und schlanker geworden«, während Artemisia im
+Gegensatze dazu meinte, er sähe »stärker und brauner« aus.
+
+Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
+aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nämlich
+»satt bekommen«, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
+seine Tischzeit ein für allemal auf Punkt fünf Uhr verlegt, was
+ihn indessen nicht hinderte, darüber zu räsonieren, daß der »alte
+Klapperkasten egal zu spät« käme.
+
+Endlich faßte Leo Mut und klingelte an der Haustüre des Arztes.
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer Viertelstunde kam
+sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn wiederzusehen; aber
+weder am Abend noch andern Tags wich er von Emmas Seite. Erst
+nachts kam sie allein mit Leo zusammen, auf dem Wege hinter dem
+Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, wie einst mit dem andern.
+
+Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
+Regenschirm, bei Donner und Blitz.
+
+Die Trennung war ihnen unerträglich.
+
+»Lieber sterben!« sagte Emma.
+
+Sie entwand sich seinen Armen und weinte.
+
+»Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?«
+
+Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
+versprach ihm Emma, sie wolle demnächst Mittel und Wege finden,
+damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen könnten. Emma
+zweifelte nicht an der Möglichkeit. Sie war überhaupt voller
+Zuversicht. Lheureux hatte ihr für die nächste Zeit Geld in
+Aussicht gestellt.
+
+Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores für ihr Zimmer an.
+Lheureux rühmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen Teppich,
+den der Händler bereitwillig zu besorgen versprach, wobei er
+versicherte, er werde »die Welt nicht kosten«. Lheureux war ihr
+unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie nach ihm,
+und immer ließ er alles stehen und liegen und kam, ohne auch nur
+zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte Frau Rollet
+täglich zum Frühstück und auch außerdem noch häufig kam.
+
+Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma plötzlich einen ungemein
+regen Eifer im Musizieren.
+
+Eines Abends spielte sie dasselbe Stück viermal hintereinander,
+ohne über eine bestimmte schwierige Stelle glatt hinwegzukommen.
+Karl, der ihr zuhörte, bemerkte den Fehler nicht und rief:
+
+»Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!«
+
+»Nein, nein! Ich stümpere. Meine Finger sind zu steif geworden.«
+
+Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen.
+
+»Meinetwegen! Wenn es dir Spaß macht.«
+
+Karl gab zu, daß sie ein wenig aus der Übung sei. Sie griff
+daneben, blieb stecken, und plötzlich hörte sie auf zu spielen.
+
+»Ach, es geht nicht, ich müßte wieder Stunden nehmen, aber ...«
+Sie biß sich in die Lippen und fügte hinzu: »Zwanzig Franken für
+die Stunde, das ist zu teuer.«
+
+»Allerdings ... ja ...«, sagte Karl und lächelte einfältig, »aber
+es gibt doch auch unbekannte Künstler, die billiger und manchmal
+besser sind als die Berühmtheiten.«
+
+»Such mir einen!« sagte Emma.
+
+Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene an
+und sagte schließlich:
+
+»Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
+Barfeuchères, und da hat mir Frau Liégeard erzählt, daß ihre drei
+Töchter für zwölf Groschen die Stunde bei einer ganz
+vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.«
+
+Emma zuckte mit den Achseln und öffnete fortan nicht mehr das
+Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging,
+seufzte sie allemal:
+
+»Ach, mein armes Klavier!«
+
+Wenn Besuch da war, erzählte sie jedermann, daß sie die Musik
+aufgegeben und höheren Rücksichten geopfert habe. Dann beklagte
+man sie. Es sei schade. Sie hätte soviel Talent. Man machte ihrem
+Manne geradezu Vorwürfe, und der Apotheker sagte ihm eines Tages:
+
+»Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem die
+Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Außerdem sparen Sie,
+wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, später bei der
+musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mütter
+sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon
+Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber das
+wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernährung der Säuglinge
+durch die eigenen Mütter und wie die Schutzpockenimpfung! Davon
+bin ich überzeugt!«
+
+Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprächsweise auf diese
+Angelegenheit zurück. Emma erwiderte ärgerlich, daß es besser
+wäre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte sich Bovary.
+Das kam ihm wie die Preisgabe eines Stückes von sich selbst vor.
+Das brave Klavier hatte ihm so oft Vergnügen bereitet und ihn
+einst so stolz und eitel gemacht!
+
+»Wie wäre es denn,« schlug er vor, »wenn du hin und wieder eine
+Stunde nähmst? Das wird uns wohl nicht gleich ruinieren!«
+
+»Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmäßig erfolgt«, entgegnete
+sie.
+
+Und so kam es schließlich dahin, daß sie von ihrem Gatten die
+Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
+den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
+habe bedeutende Fortschritte gemacht.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich geräuschlos
+an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe wegen ihres zu
+frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief sie in ihrem Zimmer
+herum, stellte sich ans Fenster und sah auf den Marktplatz hinaus.
+Das Morgengrauen huschte um die Pfeiler der Hallen und um die
+Apotheke, deren Fensterläden noch geschlossen waren. Die großen
+Buchstaben des Ladenschildes ließen sich durch das fahle
+Dämmerlicht erkennen.
+
+Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
+Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und fachte
+der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. Ganz
+allein saß Emma dann in der Küche.
+
+Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst gemächlich
+die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, die in der
+Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster heraussah und ihm
+tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln erteilte, die jeden
+andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die Absätze von Emmas
+Stiefeletten klapperten laut auf dem Pflaster des Hofes.
+
+Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
+angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die
+Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.
+
+Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie allerorts
+Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor den Hoftoren
+standen und warteten. Leute, die sich Plätze vorbestellt hatten,
+ließen meist auf sich warten; ja es kam vor, daß sie noch in ihren
+Betten lagen. Dann rief, schrie und fluchte Hivert, stieg von
+seinem Sitz herunter und pochte mit den Fäusten laut gegen die
+Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind durch die schlecht
+schließenden Wagenfenster.
+
+Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt
+schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten sich
+rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser gefüllten
+Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin bis in den
+Horizont.
+
+Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, wann eine
+Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine Scheune, das
+Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal schloß sie die Augen eine
+Weile, um sich überraschen zu lassen. Aber sie verlor niemals das
+Gefühl für Zeit und Ort.
+
+Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte
+unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch deren
+Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken und
+Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.
+
+Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
+erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das Häusermeer in
+undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich flaches Land in
+eintönigen Linien, bis es weit in der Ferne im fahlen Grau des
+Himmels verschwamm. So aus der Vogelschau sah die ganze Landschaft
+leblos wie ein Gemälde aus. Die vor Anker liegenden Zillen
+drängten sich in einem Winkel zusammen. Der Strom wand sich im
+Bogen um grüne Hügel, und die länglichen Inseln in seinen Fluten
+glichen großen schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen
+Fabrikessen quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in
+der Luft auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich
+das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste
+hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards wuchsen
+aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, und die vom
+Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder schwächer, je nach der
+höheren oder tieferen Lage der Stadtteile. Bisweilen trieb ein
+frischer Windstoß das dunstige Gewölk nach der Sankt
+Katharinen-Höhe hin, an deren steilen Hängen sich die luftige Flut
+geräuschlos brach.
+
+Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
+diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut stürmte
+ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die hundertundzwanzigtausend
+Herzen, die da unten schlugen, den Brodem der Leidenschaften, die
+in ihnen lodern mochten, in einem einzigen Hauche entgegensandten.
+Vor der Gewalt dieses Anblicks wuchs ihre eigene Liebe, und das
+dumpfe Rauschen des Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre
+Stimmung. Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und
+vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
+zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie Einzug hielt.
+
+Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die frische
+Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
+schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
+rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger,
+die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, wo sie
+die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren Familienkutschen
+gemächlich aus.
+
+Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
+Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
+und stieg aus.
+
+In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die
+Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den
+Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit
+niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem
+herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um nicht
+beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre Gassen
+hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen am Ende
+der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt es dort die
+meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. Ein paarmal fuhren
+Karren mit Bühnendekorationen an Emma vorüber. Beschürzte Kellner
+streuten Sand auf das Trottoir, zwischen Kästen mit grünen
+Gewächsen. Es roch nach Absinth, Zigarren und Austern.
+
+Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie erkannte
+ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich unter seinem
+Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm nach dem
+Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, öffnete die Tür
+und trat ein ...
+
+Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne Ende!
+Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von ihrem
+Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber dann war
+das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu Auge, unter dem
+Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der Zärtlichkeit.
+
+Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten des
+Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge herab. Wenn
+sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von diesem Purpurrot
+abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme verschämt hob und ihr
+Gesicht in den Händen verbarg: was hätte Leo Schönres schauen
+können?
+
+Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
+Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
+einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
+alles, was blank im Gemache war, hell auf: die Messingbeschläge an
+der Tür, an den Gardinenhaltern und am Kamin.
+
+Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
+verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles so vor,
+wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die Haarnadeln noch auf
+dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am Donnerstag vorher liegen
+gelassen hatte.
+
+Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen eingelegten
+Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte alles zurecht
+und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den Teller, unter tausend
+süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über den Rand des dünnen
+Kelches auf die Finger perlte, lachte sie lustig auf. Sie waren
+beide in den gegenseitigen Genuß versunken und vergaßen völlig,
+daß sie in einer Mietwohnung hausten. Es war Ihnen, als wären sie
+Jungvermählte und hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder
+zu verlassen brauchten. Sie sagten »unser Zimmer, unser Teppich,
+unsre Stühle,« wie sie »unsre Pantoffeln« sagten, wobei sie die
+meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa Atlas
+mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten Füßen. Wenn
+sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir ihren Beinen
+und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen Zehen.
+
+Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen
+Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese
+entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen,
+dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte
+Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er hatte
+eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
+verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen?
+
+Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
+tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald
+schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
+Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die
+Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
+gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
+Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der »Badenden
+Odaliske«, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen Vrouwen
+der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, die
+spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als alles das:
+sie war sein »Engel«.
+
+Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich seine
+Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz und von
+da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr zu Füßen
+auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah zu ihr empor
+und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu ihm herab und
+flüsterte wie im Rausche:
+
+»O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist etwas
+Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern habe!«
+
+Sie nannte ihn »mein Junge«.
+
+»Mein Junge, liebst du mich?«
+
+Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie
+nicht.
+
+Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus Bronze,
+der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande trug. Er
+machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde schlug, kam
+ihnen alles ernsthaft vor.
+
+Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer wiederholten
+sie:
+
+»Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!«
+
+Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, küßte
+ihn rasch auf die Stirn, und mit einem »Adieu!« stürmte sie die
+Treppe hinunter.
+
+Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße und
+ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. Im Laden
+brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das Klingeln drüben im
+Theater, das dem Personal den Beginn der Vorstellung anzeigte.
+Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit bleichen Gesichtern und
+Frauen in abgetragenen Kleidern im hinteren Eingang des
+Theatergebäudes verschwanden.
+
+Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken
+und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen Brennscheren
+und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu schaffen
+machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, so wäre sie
+unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.
+
+Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an.
+
+Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins »Rote
+Kreuz«. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am Vormittag
+unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und nahm ihren
+Platz ein, unter den bereits ungeduldigen Mitfahrenden. Wo die
+steile Strecke begann, stiegen alle aus. Emma blieb allein im
+Wagen zurück.
+
+Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
+Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites
+Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster
+kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
+flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in Gedanken
+und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind verschlang.
+
+Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
+ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter
+Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
+abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit
+Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in roten
+Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, die an der
+Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. Wenn man ihn
+ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten seine bläulichen
+Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager.
+
+Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:
+
+»Wenns Sommer worden weit und breit,
+Wird heiß das Herze mancher Maid ...«
+
+Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich hinter
+Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.
+
+Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf dem
+nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er fragte
+ihn, wie es seiner Liebsten ginge.
+
+Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch das
+Wagenfenster herein. Er war draußen auf das kotbespritzte
+Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand fest. Sein
+erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er heulte durch
+die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das Schellengeläut
+der Pferde, das Rauschen der Bäume und das Rasseln des Wagens
+tönten in diese Jammerlaute hinein, so daß sie wie aus der Ferne
+zu kommen schienen. Emma war tieferschüttert. Empfindungen
+brausten ihr durch die Seele wie wilder Wirbelsturm durch eine
+Schlucht. Grenzenlose Melancholie ergriff sie.
+
+Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen Wagen
+beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf den
+Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
+Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus.
+
+Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die einen
+schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die Brust
+gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des Nachbars,
+und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je nach den
+Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der Schein der
+Laterne drang durch die schokoladenbraunen Kattunvorhänge und
+bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit blutroten Lichtstreifen.
+Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie fror unter ihren Kleidern.
+Ihre Füße wurden ihr kälter und kälter. Sie fühlte sich
+sterbensunglücklich.
+
+Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer
+Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, aber
+was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte jetzt machen, was
+es wollte.
+
+Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie fragte, ob
+ihr etwas fehle.
+
+»Nein!« antwortete sie.
+
+»Aber du bist so sonderbar heute abend?«
+
+»Ach nein, nicht im geringsten!«
+
+Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
+gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser als
+eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die Streichhölzer
+zurecht, legte ihr ein Buch hin und das Nachthemd und deckte das
+Bett auf.
+
+»Gut!« sagte sie. »Du kannst gehn.«
+
+Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und
+blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.
+
+Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch
+qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
+der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor
+Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre
+Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen befriedigt
+wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich unter
+leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. Seine
+anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie hegte und
+pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, sein Herz zu
+verlieren.
+
+Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:
+
+»Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! Wirst
+es machen wie alle andern!«
+
+»Welche andern?«
+
+»Wie alle Männer, meine ich.«
+
+Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu:
+
+»Ihr seid alle gemein!«
+
+Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch über die
+menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um seine
+Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem
+Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, daß sie vor ihm einen
+andern geliebt habe.
+
+»Nicht wie dich!« fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
+ihres Kindes, daß es »zu nichts gekommen« sei.
+
+Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
+Betreffende jetzt sei.
+
+»Er war Schiffskapitän, mein Lieber!«
+
+Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein
+gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewiß
+vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben sollte?
+
+In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der
+Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, Orden
+und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, das sah
+er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.
+
+Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins
+Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen
+blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in
+schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren.
+Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
+gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die
+Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns
+nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch zweifellos die
+Bitterkeit der Trennung.
+
+Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:
+
+»Ach, wenn wir dort leben könnten!«
+
+»Sind wir denn nicht glücklich?« erwiderte Leo zärtlich und strich
+mit der Hand liebkosend über ihr Haar.
+
+»Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!«
+
+Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie
+bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch
+Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt.
+Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er
+plötzlich:
+
+»Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?«
+
+»Ja!«
+
+»Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen und
+sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.«
+
+Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen:
+
+»Mein Name wird ihr entfallen sein.«
+
+»Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die
+Klavierstunden geben«, meinte Karl.
+
+»Das ist auch möglich!«
+
+Plötzlich sagte Emma:
+
+»Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
+eine bringen.«
+
+Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, wühlte
+in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl sie bat,
+sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe zu machen.
+
+»Ich werde sie schon finden!« beharrte sie.
+
+In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel
+anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß zu stehen
+pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück Papier. Er
+zog es hervor und las:
+
+»Quittung.
+
+Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für
+verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn.
+
+Dankend erhalten
+Friederike Lempereur,
+Musiklehrerin.«
+
+»Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?«
+
+»Wahrscheinlich«, erwiderte Emma, »ist es aus dem Karton mit den
+alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.«
+
+Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lügen.
+Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand
+sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen geradezu zu einem
+Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn sie erzählte, daß sie
+auf der rechten Seite der Straße gegangen sei, konnte man wetten,
+daß es auf der linken gewesen war.
+
+Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich leicht
+gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien begann. Karl
+hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche
+des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging
+hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der
+Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er im »Roten Kreuz«
+angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau
+Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, daß sie das »Rote
+Kreuz« sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche
+und erzählte ihr von seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine
+sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald
+eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale
+so wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen.
+
+Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte,
+so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und
+so hielt es Emma für besser, fortan im »Roten Kreuz« abzusteigen,
+damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der
+Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwöhnten.
+
+Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den
+Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne schwatzen; aber er
+war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage später in ihr Zimmer
+und erklärte, daß er Geld brauche.
+
+Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing zu
+jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
+
+In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel
+bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlängert
+und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine
+Anzahl unbezahlter Rechnungen für die Stores, den Teppich, für
+Möbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstücke, im
+Gesamtbetrag von ungefähr zweitausend Franken.
+
+Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort:
+
+»Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.«
+
+Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in
+Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht
+viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen Pachtgute gehört,
+das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wußte
+genau Bescheid über das Grundstück; er kannte sogar die Anzahl der
+Hektare und die Namen der Nachbarn.
+
+»An Ihrer Stelle«, sagte er, »versuchte ich, es loszuwerden. Sie
+bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!«
+
+Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber
+Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, was
+sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen.
+
+»Sie haben doch die Vollmacht«, antwortete er.
+
+Dieses Wort belebte sie.
+
+»Lassen Sie mir die Rechnung hier!« sagte sie.
+
+»O, das eilt ja nicht!« erwiderte Lheureux.
+
+In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und
+berichtete, es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen
+Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das
+Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste.
+
+»Der Preis ist mir gleichgültig!« rief Emma aus.
+
+Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln lassen.
+Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst
+nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das Geschäft
+mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurück, der
+Käufer habe viertausend Franken geboten.
+
+Emma war hocherfreut.
+
+»Offen gestanden,« fügte der Händler hinzu, »das ist anständig
+bezahlt!«
+
+Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma
+sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
+Lheureux:
+
+»Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes Sümmchen
+gleich wieder aus der Hand geben wollen!«
+
+Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
+Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
+
+»Wie? Wie meinen Sie?« stammelte sie.
+
+»O,« erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, »man kann ja was ganz
+Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie das in einem
+Haushalte so ist.«
+
+Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine
+langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte
+er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
+tausend Franken auf den Tisch.
+
+»Unterschreiben Sie!« sagte er, »und behalten Sie die ganze
+Summe!«
+
+Sie fuhr erschrocken zurück.
+
+»Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,« sagte Lheureux
+frech, »erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?«
+
+Er schrieb unter die Rechnung:
+
+»Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
+bescheinigt
+Lheureux.«
+
+»So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die
+weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist auch der
+letzte Wechsel nicht fällig.«
+
+Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
+Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor ihr
+ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. Lheureux sagte
+noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in Rouen, der die vier
+Wechsel diskontieren wolle. Die überschüssige Summe werde er der
+gnädigen Frau persönlich bringen.
+
+Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
+Freund Vinçard habe »wie üblich« zweihundert Franken für Provision
+und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig eine
+Empfangsbestätigung.
+
+»Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! Das
+Datum!«
+
+Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
+vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
+die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
+
+Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig auf einen
+Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf
+Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon aufklären.
+
+Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um
+ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
+Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend
+unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen
+müssen.
+
+»Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist tausend
+Franken nicht zuviel?«
+
+In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
+Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
+bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen
+davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
+schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer
+Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas
+herausrücke, gab er ihr zur Antwort:
+
+»Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!«
+
+Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
+besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze
+Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks heraus.
+Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, daß sie erst
+viel später bekannt wurde.
+
+Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
+die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu finden.
+
+»Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die
+Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in
+keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Großvaterstuhl!
+Die jungen Leute hatten keine nötig. So war es wenigstens bei
+meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir
+versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und
+Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn
+ich mich so verwöhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte
+Frau, die wahrlich ein bißchen der Pflege nötig hätte ... Da schau
+mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter,
+das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schönen Futterstoff für
+vier Groschen, ja schon für dreie bekommt, der seinen Zweck
+vollkommen erfüllt!«
+
+Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
+
+»Ich finde, es ist nun gut!«
+
+Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
+würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der
+Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr versprochen
+habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ...
+
+»Was?« unterbrach Emma ihre Rede.
+
+»Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!«
+
+Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglücksmensch
+mußte zugeben, daß ihm die Mutter das Ehrenwort abgenötigt hatte.
+Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und händigte
+ihrer Schwiegermutter mit der Gebärde einer Fürstin ein großes
+Schriftstück ein.
+
+»Ich danke dir!« sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
+den Ofen.
+
+Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte
+einen Nervenchok bekommen.
+
+»Ach du mein Gott!« rief Karl aus. »Siehst du, Mutter, es war doch
+nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!«
+
+Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles »bloß Tuerei!«
+
+Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
+und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, sie
+werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. Als Karl sie
+noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben überreden wollte,
+erwiderte sie:
+
+»Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja ganz in
+der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst ja sehen ...
+Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich wieder --
+sozusagen -- zusetzen!«
+
+Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm
+erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte
+erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue
+Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
+sie ausstellen sollte.
+
+»Sehr begreiflich!« meinte der Notar. »Ein Mann der Wissenschaft
+darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken lassen.«
+
+Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte
+Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit mit
+der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren Dingen
+beschäftigt.
+
+Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in Leos
+Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, weinte,
+sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte
+Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
+doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem
+Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in den
+Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, unersättlich,
+wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie mit Leo durch die
+Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste Angst, daß sie ins
+Gerede kommen könnte. So sagte sie wenigstens. Insgeheim
+erzitterte sie freilich mitunter bei dem Gedanken, Rudolf könne
+ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf immerdar von ihm geschieden
+war, so fühlte sie sich doch noch immer in seinem Banne.
+
+Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war außer
+sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre »Mama« nicht
+ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. Justin wurde auf
+der Poststraße entgegengesandt, und selbst Homais verließ seine
+Apotheke.
+
+Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. Er spannte
+seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein Pferd los und
+langte gegen zwei Uhr morgens im »Roten Kreuz« an. Emma war nicht
+da. Er dachte, vielleicht könne der Adjunkt sie gesehen haben,
+aber wo wohnte er? Glücklicherweise fiel ihm die Adresse des
+Notars ein, bei dem Leo in der Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
+
+Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über der Tür
+und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte ihm jemand
+die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den nächtlichen Ruhestörer
+zu schimpfen.
+
+Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen Türklopfer
+noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug mit der Faust
+gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging vorüber. Karl bekam
+Angst und ging davon.
+
+»Ich bin ein Narr!« sagte er zu sich. »Wahrscheinlich haben
+Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!«
+
+Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
+
+»Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank
+... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre
+gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?«
+
+Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café das
+Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von Fräulein
+Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des Maroquiniers Nummer 74.
+
+Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende auf. Er
+stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals.
+
+»Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?« rief er.
+
+»Ich war krank.«
+
+»Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?«
+
+Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete:
+
+»Bei Fräulein Lempereur.«
+
+»Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.«
+
+»Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon
+ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
+kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich
+weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem
+Gleichgewicht bringt!«
+
+Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in Zukunft
+mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man zu sagen
+pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den ausgiebigsten Gebrauch
+davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo zu sehen, fuhr sie unter
+irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser sie an solchen Tagen
+nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner Kanzlei auf.
+
+Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber allmählich
+verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren diese
+Störungen durchaus nicht angenehm.
+
+»Ach was, komm nur mit!« sagte sie.
+
+Und er verließ ihretwegen seine Arbeit.
+
+Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz kleiden
+und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er aussähe
+wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er mußte ihr
+seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. Er schämte
+sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, Vorhänge zu
+kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die seien sehr teuer,
+sagte sie lachend:
+
+»Ach, hängst du an deinen paar Groschen!«
+
+Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem letzten
+Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein Gedicht, um
+ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei lag ihm nicht,
+und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem alten Almanach ab.
+
+Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein andres
+Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen Dingen ihrer
+Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie sie. Mit einem
+Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo wurde der
+feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie verstand auf eine
+Art zu kosen und zu küssen, daß er die Empfindung hatte, als sauge
+sie ihm die Seele aus dem Leibe. Es steckte, im Kerne ihres Wesens
+verborgen, eine eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis
+in Emma, eine geheimnisvolle Erbschaft.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig bei
+dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, ihn nun
+auch einmal in Rouen zu besuchen.
+
+»Gern!« gab Homais zur Antwort. »Ich muß sowieso einmal
+ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen
+zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein paar
+Dummheiten loslassen!«
+
+»Aber Mann!« mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren
+Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus.
+
+»Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
+genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? Ja,
+ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die Wissenschaften,
+so sind sie eifersüchtig; und will man sich gelegentlich in
+harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann ists ihnen auch
+wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf
+mich! In allernächster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann
+wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!«
+
+Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen Ausdruck zu
+gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin,
+den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich wie seine Nachbarin,
+Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den
+Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner
+Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu
+imponieren.
+
+Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung in der
+Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, in einen alten
+Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine
+Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der andern. Er
+hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die
+Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß nehmen.
+
+Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
+verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen
+Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
+so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half
+kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das »Grand Café zur
+Normandie«, wo er, bedeckten Hauptes, stolz wie ein Fürst eintrat.
+Er hielt es nämlich für höchst provinzlerhaft, in einem
+öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen.
+
+Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte
+sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei sie
+ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der
+Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
+gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe.
+
+Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der große
+Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, der die Form
+eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen innen vergoldete
+Fächer sich unter der weißen Decke ausbreiteten. Neben ihnen, im
+hellen Sonnenlichte, hinter Glaswänden, sprudelte ein kleiner
+Springbrunnen über einem Marmorbecken. An seinem Rande hockten
+zwischen Brunnenkresse und Spargel drei schläfrige Hummern;
+daneben lagen Wachteln, zu einem Haufen aufgeschichtet.
+
+Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die
+Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so tat der
+Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett mit Rum
+aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien ȟber die
+Weiber«. Am meisten rege ihn eine »schicke« Frau auf, und nichts
+ginge über eine elegante Robe in einem vornehm eingerichteten
+Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da sei viel Fleisch
+»nicht ohne«.
+
+Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und
+schmatzte weiter.
+
+»Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in Rouen«,
+sagte er plötzlich. »Aber schließlich wohnt ja Ihr Liebchen nicht
+allzuweit.« Da Leo errötete, setzte er hinzu: »Na, gestehen Sie
+nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in Yonville ...«
+
+Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches.
+
+»... im Hause Bovary jemanden poussieren ...«
+
+»Aber wen denn?«
+
+»Na, das Dienstmädel!«
+
+Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als alle
+Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er liebe nur
+brünette Frauen.
+
+»Da haben Sie nicht unrecht«, meinte der Apotheker. »Die haben
+mehr Temperament!«
+
+Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die Symptome,
+an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. Er geriet
+sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die Deutschen seien
+schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die Italienerinnen
+leidenschaftlich.
+
+»Und die Negerinnen?« fragte der Adjunkt.
+
+»Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!«
+
+»Gehen wir?« fragte Leo ungeduldig.
+
+»Yes!«
+
+Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen und ihm
+seine Zufriedenheit aussprechen.
+
+Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen Gang
+vor. Er wollte nun endlich allein sein.
+
+»Ich begleite Sie natürlich!« sagte Homais.
+
+Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von seinen
+Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom verwahrlosten
+Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie in die Höhe
+gebracht habe.
+
+Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
+eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten
+Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in Wut. Leo
+versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu beruhigen. Es
+sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie kenne Homais doch.
+Wie habe sie nur glauben können, daß er lieber mit ihm statt mit
+ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar nichts hören und schickte
+sich an, fortzugehen. Er hielt sie zurück, sank vor ihr auf die
+Knie, umschlang sie mit beiden Armen und sah sie mit einem
+rührenden Blick voller Begehrlichkeit und Unterwürfigkeit an.
+
+Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie
+ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck
+in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ ihm
+ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
+Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen.
+
+»Du kommst doch wieder?« fragte Emma.
+
+»Gewiß!«
+
+»Aber wann?«
+
+»Sofort!«
+
+Es war der Apotheker.
+
+»Ein feiner Trick, nicht?« schmunzelte er, als er Leo erblickte.
+
+»Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch
+offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
+Bridoux, einen Bittern genehmigen!«
+
+Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
+lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei.
+
+»Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
+nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
+Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!« Und da
+der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: »Na, da
+begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
+lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.«
+
+Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des Apothekers
+Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung des
+reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, während Homais
+immer wieder in ihn drang:
+
+»Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
+Schritte von hier! Rue Malpalu!«
+
+Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit oder
+Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den Menschen
+mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen Willen
+zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie fanden ihn in
+dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei Burschen
+beaufsichtigte, die das große Rad einer
+Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen
+Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank man
+den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu empfehlen,
+aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er sagte:
+
+»Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
+'Leuchtturm von Rouen'! Dem Redakteur guten Tag sagen. Ich mache
+Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.«
+
+Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den
+Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade
+aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das
+Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung auf! Nun
+suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. Er sei
+eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, feminin, dazu
+knickerig und kleinmütig.
+
+Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter
+machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten
+hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht
+berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.
+
+Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die nichts
+mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm Emma
+schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
+Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
+eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
+erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten
+Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand
+sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. Diese
+Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. Emma kam
+immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher Erregung. Sie
+warf die Kleider ab und riß das Korsett herunter, dessen Schnuren
+ihr um die Hüften schlugen wie zischende Schlangen. Mit nackten
+Füßen lief sie an die Tür und überzeugte sich, daß sie verriegelt
+war. Mit einer hastigen Bewegung entledigte sie sich dann des
+Hemdes -- und bleich, stumm, ernst und von Schauern durchströmt,
+warf sie sich in seine Arme.
+
+Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren
+stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
+lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. Leo fühlte
+es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu trennen.
+
+Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
+Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und des Leids
+schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. Was ihn dereinst
+entzückt hatte, das flößte ihm jetzt Grauen ein.
+
+Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung
+seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
+Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
+auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
+Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt.
+
+Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von ausgesuchten
+Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements der Kleidung und den
+schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte aus ihrem Garten Rosen
+mit, die sie an der Brust trug und ihm ins Gesicht warf. Sie
+sorgte sich um seine Gesundheit und gab ihm gute Ratschläge, wie
+er leben solle. Abergläubisch schenkte sie ihm ein Amulett mit
+einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame Mutter erkundigte sie
+sich nach seinen Freunden und Bekannten.
+
+»Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!«
+
+Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen.
+Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der Nähe
+des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, der dies wohl
+übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab.
+
+»Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was tuts?
+Ich halte ihn nicht!«
+
+Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als gewöhnlich. Als sie
+allein den Boulevard hinschlenderte, bemerkte sie die Mauer ihres
+Klosters. Da setzte sie sich auf eine schattige Bank unter den
+Ulmen. Wie friedsam hatte sie damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht
+nach den jungfräulichen Vorstellungen von der Liebe, die sie sich
+damals aus Büchern erträumt hatte ...
+
+Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
+mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
+... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr vorüber
+... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie alles andre.
+
+»Aber ich liebe ihn doch!« flüsterte sie.
+
+Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen!
+Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam immer
+gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?
+
+Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und
+tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit einem
+Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und Sänger,
+warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil das eine
+Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen! Weil
+alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt immer nur das
+Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genuß den
+Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten Küsse
+hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare Begierde nach
+der Wollust der Götter!
+
+Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
+viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine Ewigkeit
+auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in einer
+Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem kleinen
+Raume ...
+
+Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten
+kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein Mann von
+schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in Rouen schicke ihn
+her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen er die eine
+Seitentasche seines langen grünen Rockes verschlossen hatte,
+steckte sie im Ärmelaufschlag fest und überreichte ihr höflich ein
+Papier. Es war ein Wechsel auf siebenhundert Franken, den sie
+ausgestellt hatte. Lheureux hatte ihn seinem Versprechen entgegen
+an Vinçard weitergegeben.
+
+Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, ließ
+er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und dabei
+hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke auf
+Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig:
+
+»Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?«
+
+»Sagen Sie ihm nur«, gab Emma zur Antwort, »... ich hätte kein
+Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
+acht Tagen!«
+
+Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf erhielt
+sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten Zustellungsurkunde
+starrten ihr mehrfach die Worte »Hareng, Gerichtsvollzieher in
+Büchy« entgegen. Darüber erschrak sie dermaßen, daß sie
+spornstreichs zu Lheureux lief.
+
+Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu.
+
+»Ihr Diener!« begrüßte er sie. »Ich stehe Ihnen sogleich zur
+Verfügung!«
+
+Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, bei
+der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war ein wenig
+verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die Stelle des
+Ladenmädchens und der Köchin.
+
+Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten
+Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der
+Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in
+dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
+Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem
+Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand stand
+ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch andre
+Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In der Tat lieh
+Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank lagen unter
+anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe des alten
+Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café Français hatte inzwischen
+sein Grundstück verkaufen müssen und in Quincampoix einen kleinen
+Kramladen eröffnet. Dort ging er seiner Schwindsucht langsam
+zugrunde, inmitten seiner Talglichte, die weniger gelb waren als
+sein Gesicht.
+
+Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte:
+
+»Na, was gibts Neues?«
+
+Emma hielt ihm die Vorladung hin.
+
+»Hier, lesen Sie!«
+
+»Ja, was geht denn mich das an?«
+
+Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
+ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu.
+
+»Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber das
+Messer an der Kehle!«
+
+»Und was wird jetzt geschehn?«
+
+»Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
+die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!«
+
+Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe
+ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein Mittel
+gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten.
+
+»Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das ist ein
+Bluthund!«
+
+Dann müsse eben Lheureux einspringen.
+
+»Hören Sie mal,« entgegnete er, »mir scheint, daß ich schon genug
+für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!« Er schlug seine Bücher auf:
+»Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. Juni
+hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig Franken
+... am 10. April ...«
+
+Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen.
+
+»Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt hat,
+einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von Ihren
+ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar nicht
+zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar niemand mehr
+hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun haben!«
+
+Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
+Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter »diesen
+Schweinehund, den Vinçard«. Übrigens verfüge er selber über keinen
+roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man zöge ihm das
+Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, könne nichts
+borgen.
+
+Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
+Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich:
+
+»Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...«
+
+Sie unterbrach ihn:
+
+»Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville bekomme
+...«
+
+»Wieso?«
+
+Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch nicht
+gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er:
+
+»Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!«
+
+»Ach, den müssen Sie machen!«
+
+Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. Hierauf
+schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er käme sehr
+schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er schneide sich
+in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er vier Wechsel aus,
+jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit Fälligkeitstagen, die
+je vier Wochen auseinanderlagen.
+
+»Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!« sagte er.
+»Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! Bei mir geht
+alles wie geschmiert!«
+
+Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.
+
+»Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!« meinte er.
+»Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei Groschen und
+angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich drum! Man sagt
+ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist ... Sie könnens sich
+ja denken!«
+
+Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber
+sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war
+bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei Meter
+Brokatstickerei zeigte, einen »Gelegenheitskauf«, wie er sagte.
+
+»Prachtvoll! Nicht?« sagte er. »Man nimmt es jetzt vielfach zu
+Sofabehängen. Das ist hochmodern!«
+
+Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den
+Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma in
+die Hände gedrückt.
+
+»Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...«
+
+»Ach, das eilt ja nicht!« unterbrach er sie und wandte sich einem
+andern Kunden zu.
+
+Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch
+seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke.
+Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach Erledigung aller
+Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von dem Grundstück
+in Barneville -- jährlich sechshundert Franken, die ihm pünktlich
+zugehen würden.
+
+Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten
+Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das häufiger.
+Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: »Ich bitte, es meinem
+Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in dieser Beziehung
+ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr ergebene ...« Hie und da
+liefen Beschwerden ein, die sie unterschlug.
+
+Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
+ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein
+Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. Auf
+ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, den
+Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte
+Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. Sie
+lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
+»Roten Kreuz«, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit dem
+Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, bezahlte sie
+zwei von den vier Wechseln. Die übrigen fünfzehnhundert Franken
+waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue Verpflichtungen ein und
+immer wieder welche.
+
+Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei
+herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
+bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte gar nicht
+mehr daran.
+
+Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten mit
+wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete Wäsche. Und
+die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von Frau Homais in
+zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl gelegentlich eine
+bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm Emma barsch, es sei
+nicht ihre Schuld.
+
+»Warum ist sie so reizbar?« fragte er sich und suchte die
+Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
+Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr körperliches
+Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wäre am
+liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie geküßt.
+
+»Lieber nicht!« sagte er sich. »Es könnte ihr lästig sein!«
+
+Und er ging nicht zu ihr.
+
+Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
+kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische
+Wochenschrift auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen.
+Es war noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große,
+traurige Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte
+Wasser in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er
+brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als Bäumchen
+in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er war schon
+längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte schon wer weiß
+wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das Kind, und es
+verlangte nach der Mutter.
+
+»Ruf Felicie!« sagte Karl. »Du weißt, mein Herzchen, Mama will
+nicht gestört werden!«
+
+Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt war es
+genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde das endlich
+wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, die Hände auf
+dem Rücken.
+
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören.
+Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
+bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der Räucherkerzchen
+an, die sie in Rouen im Laden eines Algeriers gekauft hatte. Um in
+der Nacht nicht immer ihren schnarchenden Mann neben sich zu
+haben, brachte sie es durch allerlei Grimassen so weit, daß er
+sich in den zweiten Stock zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen
+überspannte Bücher, die von Orgien und von Mord und Totschlag
+erzählten. Oft bekam sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf,
+und Karl kam eiligst herunter.
+
+»Ach, geh nur wieder!« sagte sie.
+
+Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs
+durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung ans
+Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den Wind um das
+schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, wünschte sie
+sich die Liebe eines Fürsten ...
+
+Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem Augenblick
+darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm sattküssen
+zu lassen.
+
+Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der
+Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu
+bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was beinahe
+jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu überzeugen, daß sie
+ebensogut in einem einfacheren Gasthofe zusammen kommen könnten.
+Sie wollte jedoch nichts davon hören.
+
+Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes Dutzend
+vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk ihres Vaters. Sie
+bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er gehorchte, obgleich ihm
+dieser Gang sehr peinlich war. Er fürchtete, sich bloßzustellen.
+Als er hinterher noch einmal darüber nachdachte, fand er, daß
+seine Geliebte überhaupt recht seltsam geworden sei und daß es
+vielleicht ratsam wäre, mit ihr zu brechen. Seine Mutter hatte
+übrigens einen langen anonymen Brief bekommen, in der ihr von
+irgendwem mitgeteilt worden war, ihr Sohn »ruiniere sich mit einer
+verheirateten Frau.« Der guten alten Dame stand sofort der
+konventionelle Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene,
+die Teufelin, die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie
+wandte sich brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem
+die Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
+dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die
+Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem er
+zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei seine
+weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das Verhältnis
+abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so doch in seinem,
+des Notars.
+
+Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
+Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
+indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was für
+Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von den
+Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich losließen, wenn
+sie sich am Kamine wärmten. Er sollte demnächst in die erste
+Adjunktenstelle rücken. Es ward also Zeit, ein gesetzter Mensch zu
+werden. Aus diesem Grunde gab er auch das Flötespielen auf. Die
+Tage der Schwärmereien und Phantastereien waren für ihn vorüber!
+Jeder Philister hat in seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und
+wenn der auch nur einen Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist
+jeder der ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender
+Pläne fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach
+einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat sich
+irgendwann einmal der Dichter geregt.
+
+Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung an
+seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik nur in
+gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die
+Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde
+Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht.
+
+Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz sie
+noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
+Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander
+überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der Ehe
+wieder.
+
+Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr die
+Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus Gewohnheit oder
+Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der Sinnengenuß ward
+ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch nach höheren
+Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt und betrogen.
+Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre Entzweiung zur
+Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich aus freien Stücken
+von ihm zu trennen.
+
+Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu überschütten.
+Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer Frau, ihrem Geliebten
+alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben stand vor ihrer
+Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, sondern ein
+Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten Erinnerungen, eine
+Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, das leibhaft gewordne
+Idol ihrer heißesten Gelüste. Allmählich ward ihr dieser imaginäre
+Liebling so vertraut, als ob er wirklich existiere, und sie
+empfand die seltsamsten Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte,
+obgleich sie eigentlich gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er
+war ihr ein Gott, in der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er
+wohnte irgendwo hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer
+Abenteuer, unter Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war
+ihr nahe. Er umarmte und küßte sie ...
+
+Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. Die
+Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr als die wildeste
+Ausschweifung.
+
+Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
+Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie zu
+lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar
+geschlafen.
+
+Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie nahm am
+Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten Strümpfen, eine
+Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster auf dem linken
+Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. Es bildete sich
+eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand sie unter der
+Vorhalle des Theaters, umringt von einem halben Dutzend Masken,
+Bekannten von Leo: Matrosen und Fischerinnen. Man wollte irgendwo
+soupieren. Die Restaurants in der Nähe waren alle überfüllt.
+Schließlich entdeckte man einen bescheidenen Gasthof, in dem sie
+im vierten Stock ein kleines Zimmer bekamen.
+
+Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
+einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der
+medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was für
+eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? An
+ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast alle der
+untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann sie sich zu
+ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und schlug die
+Augen nieder.
+
+Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn glühte,
+ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte ihr über
+die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des Tanzsaals; es
+war ihr, als stampften tausend Füße im Takte um sie herum. Dazu
+betäubte sie der Zigarrenrauch und der Duft des Punsches. Sie
+wurde ohnmächtig. Man trug sie ans Fenster.
+
+Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein
+breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
+graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
+Brücken. Die Laternenlichter verblichen.
+
+Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in
+Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll langer
+Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte in
+eigentümlichen Tönen ...
+
+Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo
+und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr
+eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, sich
+wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
+kristallklaren Äther.
+
+Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ sie den
+Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, durch die
+Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. Sie ging rasch.
+Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach vergaß sie die
+lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das
+Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im
+»Roten Kreuz« angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in
+demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen
+ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von
+Hivert geweckt.
+
+Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der Uhr
+steckte. Emma las:
+
+»Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...« Sie hielt inne.
+»Was für ein Urteil?« Sie besann sich.
+
+Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben worden,
+das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie
+weiter:
+
+»Im Namen des Königs! ...« Sie übersprang einige Zeilen.
+»... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend
+Franken ...« Und unten: »Vorstehende Ausfertigung wird ... zum
+Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...«
+
+Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
+
+»Die sind morgen abgelaufen!« sagte sie sich. »Unsinn! Lheureux
+will mir nur angst machen!«
+
+Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
+den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was sie
+etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der Schuldsumme. Durch
+ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das
+Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen,
+Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Höhe
+angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er
+brauchte es zu neuen Geschäften.
+
+Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.
+
+»Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist wohl ein
+Scherz!«
+
+»Bewahre!«
+
+»Wieso aber?«
+
+Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte:
+
+»Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich
+bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? Für
+nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die höchste Zeit, daß
+ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie doch einsehen!«
+
+Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme.
+
+»Ja, das tut mir leid!« erwiderte der Händler. »Das Gericht hat
+die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist nichts zu
+machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! Übrigens bin ich
+nicht der Kläger, sondern Vinçard.«
+
+»Könnten Sie denn nicht ...«
+
+»Ich kann gar nichts!«
+
+»Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...«
+
+Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei überrascht
+worden ...
+
+»Ist das denn meine Schuld?« fragte Lheureux mit einer höhnischen
+Geste. »Während ich mich hier abplagte, haben Sie herrlich und in
+Freuden gelebt!«
+
+»Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?«
+
+»Das könnte nichts schaden!«
+
+Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so weit,
+daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand berührte.
+
+»Lassen Sie mich zufrieden!« wehrte er ab. »Am Ende wollen Sie
+mich gar noch verführen!«
+
+»Sie sind ein gemeiner Mensch!« rief sie aus.
+
+»Na, na!« lachte er. »Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!«
+
+»Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie sind! Ich
+werde meinem Manne sagen ...«
+
+»Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...«
+
+Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung der Summe
+für das verkaufte Grundstück.
+
+»Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl halten
+wird, der arme gute Mann?«
+
+Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. Lheureux
+lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und her und
+sagte immer wieder:
+
+»Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...«
+
+Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
+Tone:
+
+»'s ist grade kein Vergnügen -- das weiß ich wohl! -- aber es ist
+noch niemand dran gestorben, und da es der einzige Weg ist, der
+Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...«
+
+»Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?« jammerte Emma
+und rang die Hände.
+
+»Na, wenn man Freunde hat wie Sie!«
+
+Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch
+Mark und Bein ging.
+
+»Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...«
+
+»Danke! Habe genug von den alten!«
+
+»Könnte ich nicht was verkaufen?«
+
+»Was denn?« fragte er achselzuckend. »Sie besitzen doch gar
+nichts!« Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in seinen
+Laden hinein: »Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch Nummer
+vierzehn!«
+
+Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen sollte. Sie
+machte einen letzten Versuch.
+
+»Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung
+aufzuhalten?«
+
+»Es ist schon zu spät!« antwortete Lheureux.
+
+»Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel
+der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?«
+
+»Das hätte alles keinen Zweck!«
+
+Er drängte sie sanft dem Ausgange zu.
+
+»Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage Zeit!«
+
+Sie schluchzte.
+
+»Donnerwetter! Gar noch Tränen!«
+
+»Sie bringen mich zur Verzweiflung!« jammerte sie.
+
+»Mir auch egal!«
+
+Er machte die Türe zu.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
+Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie sich
+einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen.
+
+Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen Schädel
+schrieben sie indessen nicht mit in das Sachenverzeichnis. Sie
+erklärten ihn als zur Berufsausübung nötig. Aber in der Küche
+zählten sie die Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in
+ihrem Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
+durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der
+Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward bis in
+die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der Anatomie
+-- den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der
+Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, eine
+weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
+wiederholte immer wieder:
+
+»Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!«
+
+Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:
+
+»Wunderhübsch! Sehr nett!«
+
+Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis,
+wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn
+tauchte, das er in der linken Hand hielt.
+
+Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die
+Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult bemerkte,
+in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er an, daß es
+geöffnet werde.
+
+»Ah! Briefe!« meinte er, geheimnisvoll lächelnd. »Sie erlauben
+wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst noch was
+drinnen steckt!«
+
+Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten Goldstücke
+herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie seine plumpe rote
+Hand mit den molluskenhaften Fettfingern diese Blätter anfaßte,
+bei deren Empfang ihr Herz einst höher geschlagen hatte.
+
+Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag
+gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
+Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände
+zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.
+
+Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
+beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in den
+Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
+Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
+Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
+sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte sie
+kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid mit sich
+selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als unterdrückte.
+
+Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich.
+Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige
+langweilte.
+
+»Ging da nicht oben einer?« fragte Karl.
+
+»Nein!« beschwichtigte sie ihn. »Da war wahrscheinlich ein
+Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.«
+
+Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie
+alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
+meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich
+nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
+beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich zurückzahlen.
+Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie ab.
+
+Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es öffnete
+niemand. Endlich kam er von der Straße her.
+
+»Was führt dich her?«
+
+»Störe ich dich?«
+
+»Nein ... aber ...«
+
+Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man »Damen« bei
+sich empfinge.
+
+»Ich muß dich sprechen!« sagte sie.
+
+Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen.
+
+»Nein! Nicht hier! Bei uns!«
+
+Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.
+
+Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz bleich.
+Dann sagte sie:
+
+»Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!«
+
+Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu:
+
+»Hör mal: ich brauche achttausend Franken!«
+
+»Du bist verrückt!«
+
+»Noch nicht!«
+
+Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und klagte
+ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer Schwiegermutter
+stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater könne ihr wirklich
+nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese unbedingt nötige Summe
+schleunigst verschaffen.
+
+»Wie soll ich das?«
+
+»Du willst bloß nicht!« sagte sie aufgeregt.
+
+Er stellte sich dumm:
+
+»Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird der
+Biedermann schon zufrieden sein!«
+
+»Vielleicht. Schaff sie mir nur!« sagte sie. Dreitausend Franken
+seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf
+seinen Namen aufnehmen.
+
+»Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will dich dafür
+auch recht liebhaben!«
+
+Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, als
+ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er:
+
+»Ich war bei drei Personen ... umsonst!«
+
+Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, ohne zu
+sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor Ungeduld
+mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte:
+
+»Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld
+auftriebe!«
+
+»Wo denn?«
+
+»In eurer Kanzlei!«
+
+Sie sah ihn starr an.
+
+Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen ihren
+sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so stark,
+daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft dieses
+Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe daran war, zu
+erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht ergriff ihn,
+und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug er sich vor
+die Stirn und rief aus:
+
+»Morel kommt ja heute nacht zurück!« Morel war ein Freund von ihm,
+der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. »Der schlägts mir
+nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen vormittag bringen.«
+
+Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
+freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie seine
+Lüge?
+
+Errötend fuhr er fort:
+
+»Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
+warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich
+fort! Entschuldige mich! Lebwohl!«
+
+Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma hatte
+alle Kraft verloren ...
+
+Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
+zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit.
+
+Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne
+strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete
+Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma den
+Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. Die
+Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals wie ein Strom
+aus einer dreibogigen Brücke.
+
+Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in das
+Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr wölbte und
+ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu ihrer grenzenlosen
+Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier strömten die
+Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie schwankte und
+war einer Ohnmacht nahe.
+
+»Vorsehen!« rief eine Stimme aus einem Torwege.
+
+Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
+der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause herauskam. Ein
+Herr in einem Zobelpelz kutschierte ...
+
+»Wer war das doch?« fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. Das
+Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.
+
+»Aber das war doch der Vicomte!«
+
+Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich so
+niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand eines
+Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie grübelte darüber
+nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen war. Vielleicht,
+vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war eine Verlassene, vor
+sich selber und vor andern! Eine Verlorene, vom Geratewohl gegen
+die Klippen des Lebens getrieben ... Und so empfand sie beinahe
+Freude, als sie, am »Roten Kreuz« angelangt, den trefflichen
+Homais traf, der das Aufladen einer großen Kiste voll
+Apothekerwaren in die Post überwachte. In der Hand hielt er, in
+ein Halstuch eingewickelt, sechs Stück Pumpernickel, die er seiner
+Frau mitbringen wollte.
+
+Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der
+Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und
+in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk
+sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten
+Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim
+gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen
+riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden,
+Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit
+nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nämlich abscheulich
+schlechte Zähne.
+
+»Bin entzückt, Sie zu sehen!« rief Homais, bot Emma die Hand und
+half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
+
+Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, nahm
+seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und einer
+napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer
+der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er:
+
+»Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor dieses
+schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren
+und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im
+Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in Barbarei!«
+
+Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er wie
+eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
+
+»Er hat eine skrofulöse Affektion«, dozierte der Apotheker.
+
+Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, als
+sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star,
+Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in
+salbungsvollem Tone:
+
+»Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du
+solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu
+betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.«
+
+Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig
+beschränkt.
+
+Schließlich zog Homais seine Börse.
+
+»Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus und
+vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut
+bekommen!«
+
+Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu
+bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine
+»antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats« könne ihn heilen. Er
+gab ihm seine Adresse:
+
+»Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!«
+
+»So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schönes
+kannst!« rief ihm Hivert zu.
+
+Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück,
+rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge heraus.
+Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und stieß ein
+dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.
+
+Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein
+Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor,
+es so wegzuwerfen.
+
+Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich Homais
+plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:
+
+»Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
+tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!«
+
+Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog,
+lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
+Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und verschlafen
+langte sie in Yonville an.
+
+»Mag nun kommen, was will!« dachte sie beim Aussteigen. »Zu guter
+Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes
+Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...«
+
+Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach.
+Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, das an einem
+der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf
+einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im selben Moment faßte
+ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus
+seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in
+der Volksmenge auf.
+
+»Gnädige Frau! Gnädige Frau!« rief Felicie, die ins Zimmer
+stürzte.
+
+Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der
+Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma überflog
+ihn. Es war die Versteigerungsankündigung.
+
+Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten
+längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
+nach einer Weile:
+
+»An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar
+Guillaumin.«
+
+»Meinst du?«
+
+Diese Frage bedeutete: »Durch dein Verhältnis mit dem Diener
+dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich dieser
+Junggeselle für mich?
+
+»Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!«
+
+Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte
+einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht sähe -- es
+standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie
+zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.
+
+Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war
+grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor
+in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und öffnete
+ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob
+sie ins Haus gehörte, und führte sie in das Eßzimmer.
+
+Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem
+ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wänden hingen
+in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollüstige
+Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schüsselwärmer,
+der Kristallgriff der Türklinke, der Parkettboden, die Möbel,
+alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit.
+
+»So ein Eßzimmer müßte ich haben!« dachte Emma.
+
+Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei
+verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
+andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum Gruße ab
+und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett etwas auf der
+rechten Seite seines kahlen Schädels, über den drei lange blonde
+Haarsträhnen liefen.
+
+Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
+Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser
+Unhöflichkeit.
+
+»Herr Notar,« sagte sie, »ich möchte Sie bitten ...«
+
+»Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!«
+
+Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
+
+Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer
+Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die
+Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
+besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma --
+die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
+von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen
+ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt
+hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf seinen
+Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem
+Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern nicht in
+den Ruf eines Halsabschneiders gerate.
+
+Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen
+Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden
+Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen
+Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer
+Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. Ein sonderbares,
+süßliches und zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen. Als er
+sah, daß Emma nasse Schuhe hatte, sagte er:
+
+»Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
+doch an die Kacheln ... höher!«
+
+Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
+Notar sagte galant:
+
+»Schöne Sachen verderben nie etwas!«
+
+Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber nur
+selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres häuslichen
+Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedürfnissen. Der
+Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen
+abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er
+berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heißen Ofen
+zu dampfen begann.
+
+Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die
+Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die
+Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände bekommen
+habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für eine Dame, ihr
+Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wären die Torfgruben
+von Grümesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen.
+Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die
+sie zweifellos dabei gewonnen hätte.
+
+»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?«
+
+»Das weiß ich selber nicht«, erwiderte sie.
+
+»Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
+sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns schon
+längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
+gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!«
+
+Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und
+behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
+sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
+Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
+spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die Ärmelöffnung
+von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fühlte
+seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
+
+Sie sprang auf und sagte:
+
+»Herr Guillaumin, ich warte ...«
+
+»Worauf?« sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden.
+
+»Auf das Geld!«
+
+»Aber ...« In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu sagen:
+»Na ja ...«
+
+Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und
+keuchte:
+
+»Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!«
+
+Er umschlang ihre Taille.
+
+Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von
+dem Manne los und rief:
+
+»Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich bin
+beklagenswert, aber nicht käuflich!«
+
+Damit eilte sie hinaus.
+
+Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
+schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
+Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel ihm
+ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was hätte
+verleiten können.
+
+»Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!« sagte Emma bei
+sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre
+Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung ihres
+Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick,
+und dieses Gefühl erfüllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem
+Leben war sie hochmütiger und selbstbewußter gewesen und noch nie
+so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie
+hätte alle Männer schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie
+niedertreten mögen. Während sie weitereilte, bleich, zitternd,
+verbittert, irrten ihre tränenreichen Augen den grauen Horizont
+hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Haß hinein.
+
+Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine
+versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte sein!
+Wohin hätte sie fliehen können?
+
+Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
+
+»Gnädige Frau?«
+
+»Es war umsonst!«
+
+Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
+die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen,
+den Felicie nannte, wandte Emma ein:
+
+»Unmöglich! Die tun es nicht!«
+
+»Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!«
+
+»Ich weiß es! Laß mich allein!«
+
+Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf
+lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen:
+
+»Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser.
+In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm
+Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!«
+
+Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos weinen, und
+wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde er ihr
+verzeihen!
+
+»Ja! Er wird mir verzeihen!« murmelte sie in verhaltener Wut. »Er!
+Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich die
+Seine geworden bin! Niemals! Niemals!«
+
+Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen,
+empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, jetzt
+sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch alles
+erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie hatte die
+Zentnerlast seiner Großmut zu tragen!
+
+Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen
+solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu
+war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefügig
+gewesen zu sein, -- da hörte sie den Hufschlag eines Pferdes in
+der Allee. Es war Karl. Er öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war
+weißer als Kalk.
+
+Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustür hinaus
+nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister stand vor der Kirchentür
+und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem
+Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie
+zu Frau Caron, die ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte,
+und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen
+zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte
+Wäsche, so aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen
+sehen konnten.
+
+Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei
+beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz
+fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle
+Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter den
+Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder schnurrten
+und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf
+etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken in sein
+Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, das der Intelligenz nur
+leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein,
+wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales
+Darüberhinaus, das man ersehnen könnte.
+
+»Ah, da ist sie!« sagte Frau Tüvache.
+
+Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu
+verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie,
+das Wort »Taler« zu hören, worauf Frau Caron flüsterte:
+
+»Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.«
+
+»Es scheint so«, meinte die andre.
+
+Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und
+die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
+ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der
+Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich.
+
+»Will sie bei ihm etwas bestellen?« fragte Frau Tüvache.
+
+»Er verkauft doch nie etwas!«
+
+Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die Augen
+weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
+eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich
+erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
+
+»Macht sie ihm gar einen Antrag?« flüsterte Frau Tüvache. Binet
+bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände.
+
+»Nein, das ist doch stark!« zischelte Frau Caron.
+
+In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet gefordert
+haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig
+mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich plötzlich vor ihr
+zurück, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus:
+
+»Frau Bovary, was muten Sie mir zu!«
+
+»Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!« eiferte
+Frau Tüvache.
+
+»Wo ist sie denn mit einem Male hin?« erwiderte die andre.
+
+Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße
+hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof
+abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in allerhand
+Vermutungen.
+
+Emma lief zur alten Frau Rollet.
+
+»Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!«
+
+Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett
+und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu
+und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
+antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad und
+begann zu spinnen.
+
+»Ach, hören Sie auf!« sagte Emma leise. Es war ihr, als höre sie
+noch Binets Drehbank.
+
+»Was mag sie nur haben?« fragte sich Frau Rollet. »Warum ist sie
+hergekommen?«
+
+Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause
+gejagt hatte?
+
+Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen
+Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
+Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
+brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, das
+im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über ihr an
+einem rissigen Deckenbalken hinkroch ...
+
+Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
+... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
+lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
+Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... Tausend
+andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt,
+und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten Erlebnissen.
+
+»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie.
+
+Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle
+des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemächlich
+wieder herein.
+
+»Bald drei Uhr!« sagte sie.
+
+»Schön! Ich danke!«
+
+Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld
+aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie hier
+war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet,
+sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
+
+»Machen Sie recht schnell!«
+
+»Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!«
+
+Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
+war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er
+gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
+zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch.
+Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, um ihrem Manne
+die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter
+schlimm!
+
+Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es schien der
+Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte,
+redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das
+Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein
+Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber plötzlich wieder
+um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch auf einem andern Wege
+nach Hause kommen. Schließlich war sie des Wartens müde. Bange
+Ahnungen quälten sie. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie
+seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert?
+
+Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich
+die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
+Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
+
+»Es war niemand da!«
+
+»Niemand?«
+
+»Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. Alles
+ist auf den Beinen!«
+
+Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
+umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkürlich
+lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden.
+
+Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
+Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein heller
+Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig,
+rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zögerte,
+ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein einziger voller
+Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu
+zwingen!
+
+So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu haben,
+daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so
+verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
+daran, daß sie sich prostituierte.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Auf dem Wege fragte sie sich:
+
+»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?«
+
+Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und
+Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor
+ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf,
+und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen
+Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender
+Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen
+hernieder ins Gras.
+
+Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
+über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
+Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige.
+Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells
+erschien niemand.
+
+Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene
+Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten
+staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
+mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer
+lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die Türklinke legte,
+verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie fürchtete, er möchte nicht
+zu Haus sein, ja, sie wünschte es beinah, und doch war es ihre
+einzige Hoffnung, der letzte Versuch zu ihrer Rettung. Einen
+Augenblick sammelte sie sich noch, dachte an ihre Not, faßte Mut
+und trat ein.
+
+Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims gestemmt, und
+rauchte eine Pfeife.
+
+»Mein Gott, Sie!« rief er aus und sprang rasch auf.
+
+»Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!«
+
+Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus.
+
+»Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.«
+
+»So,« wehrte sie voll Bitternis ab, »das müssen traurige Reize
+sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!«
+
+Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er
+entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er etwas
+Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich durch seine
+Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme und durch
+seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich stellte, als
+schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. Vielleicht glaubte sie ihm
+auch wirklich. Er deutete ein Geheimnis an, von dem die Ehre und
+das Leben eines dritten Menschen abgehangen hätte.
+
+»Das ist ja nun gleichgültig«, sagte sie und sah ihn traurig an.
+»Ich habe schwer gelitten!«
+
+Rudolf meinte philosophisch:
+
+»So ist das Leben!«
+
+»Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer Trennung?«
+fragte sie.
+
+»Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!«
+
+»Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals nicht
+voneinander gegangen wären?«
+
+»Ja! Vielleicht!«
+
+»Glaubst du das?« fragte sie, indem sie aufseufzend ihm näher
+trat. »Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr lieb
+gehabt!«
+
+Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen sie
+mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage der
+Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes kämpfte er
+gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an seine Brust
+und sagte:
+
+»Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben sollte!
+Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war ganz
+verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, du sollst
+alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal sehen mögen!«
+
+In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege
+gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke
+Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
+zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als eine
+verliebte Katze.
+
+»Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja auch und
+entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du mich
+verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast alles, was uns
+Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen wir von neuem beginnen?
+Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! ... So rede doch!«
+
+Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, wie
+eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen Blume.
+
+Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
+Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
+hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
+küßte sie leise und sanft auf die Augenlider.
+
+»Du hast geweint?« fragte er. »Warum?«
+
+Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen Ausbruch
+ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr Schweigen für
+eine letzte Scham und rief aus:
+
+»O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war ein
+Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde dich
+immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!«
+
+Er sank ihr zu Füßen.
+
+»So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir
+dreitausend Franken leihen.«
+
+»Ja ... aber ...«
+
+Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Ausdruck an.
+
+»Du mußt nämlich wissen,« fuhr sie schnell fort, »daß mein Mann
+sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der ist
+flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die Patienten
+bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs meines
+Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald wieder Geld
+haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. Deswegen sollen
+wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in einer Stunde! Ich baue
+auf deine Freundschaft, und deshalb bin zu dir gekommen!«
+
+»Aha!« dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. »Also darum ist sie
+gekommen!« Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
+»Verehrteste, soviel habe ich nicht!«
+
+Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
+sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen
+unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von
+allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine Bitte
+um Geld der hartherzigste und gefährlichste.
+
+Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:
+
+»Du hast sie nicht!« Und mehrere Male wiederholte sie: »Du hast
+sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen
+können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als die
+andern!«
+
+Sie verriet sich und ihre Frauenehre.
+
+Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in Verlegenheit.
+
+»Ach! Du tust mir sehr leid ...«, sagte Emma. »Ja, ungemein!«
+
+Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im
+Gewehrschrank blinkte.
+
+»Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
+Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
+Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!« Sie
+berührte einen, der auf dem Tische lag. »Und trägt keine solche
+Berlocken an der Uhrkette!« Ach, er ließ sich sichtlich nichts
+abgehen. Das bewies allein das Likörschränkchen im Zimmer. »Ja,
+dich selber, dich liebst du! Dich und ein gutes Leben! Du hast ein
+Schloß, Pachthöfe, Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst
+Reisen nach Paris! Und wenn du mir nur _das_ gegeben
+hättest!« Sie sprach immer lauter und nahm seine mit Brillanten
+geschmückten Manschettenknöpfe vom Kamin. »Diesen und andern
+entbehrlichen Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun
+nicht mehr! Ich will nichts davon haben! Behalt alles!« Sie
+schleuderte die beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen
+die Wand. Ein Goldkettchen zerbrach.
+
+»Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles verkauft. Mit
+meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf der Straße hätte
+ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, einen Blick, ein
+einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du bleibst gemütlich in
+deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir nicht schon genug Leid
+zugefügt hättest! Ohne dich -- das weißt du sehr wohl! -- hätte
+ich glücklich sein können! Wer zwang dich dazu? Wolltest du eine
+Wette gewinnen? Und dabei hast du mir eben noch gesagt, daß du
+mich liebtest! Ach, hättest du mich doch lieber davongejagt! Meine
+Hände sind noch warm von deinen Küssen, und hier auf dem Teppich,
+hier auf dieser Stelle hast du gekniet und mir ewige Liebe
+geschworen! Du hast mich immer belogen und betrogen! Mich zwei
+Jahre lang in dem süßen Wahn des herrlichsten Gefühls gelassen!
+Und dann der Plan unsrer Flucht! Erinnerst du dich daran? An
+deinen Brief, deinen Brief! Er hat mir das Herz zerrissen! Und
+heute, wo ich zu diesem Manne zurückkehre, zu ihm, der reich,
+glücklich und frei ist, und ihn um eine Hilfe bitte, die der erste
+beste gewähren würde, wo ich ihn unter Tränen bitte und ihm meine
+ganze Liebe wiederbringe, da stößt er mich zurück, -- weils ihn
+dreitausend Franken kosten könnte!«
+
+»Ich habe sie nicht«, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
+hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
+pflegen.
+
+Sie ging.
+
+Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder
+nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen welken
+Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor dem
+Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so hastig
+wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie völlig
+außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Wie
+sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das still daliegende
+Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, auf den Park, die Höfe
+und die Gärten.
+
+Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch etwas
+andres als das Pochen und Pulsen des Blutes in ihren Adern, das
+ihr aus dem Körper zu springen und wie laute Musik das ganze Land
+rings um sie zu durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen
+kam ihr weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
+erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
+Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und Gedanken
+sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein Feuerwerk.
+Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des Wucherers, ihr
+Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, immer wieder etwas
+andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr ward bange. Da raffte sie
+ihre letzten Kräfte zusammen. Es war nur noch wenig Verstand in
+ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr an die Ursache ihres
+schrecklichen Zustandes, das heißt an die Geldfrage. Sie litt
+einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, wie ihr durch die alten
+Erinnerungen die Seele dahinschwand, so wie zu Tode Verwundete ihr
+Leben mit dem Blute ihrer Wunde hinströmen fühlen.
+
+Die Nacht brach herein. Raben flogen.
+
+Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch die
+Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee zwischen
+den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs
+Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer näher; sie
+bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt
+erkannte sie die Lichter der Häuser, die von ferne durch den Nebel
+schimmerten.
+
+Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen
+Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu
+wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit einem
+beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie
+den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, eilte
+durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke
+stand.
+
+Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Geräusch
+der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging sie durch die
+Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin
+bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine Kerze über dem Herd.
+Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine Schüssel durch die andere
+Tür hinaus.
+
+»So! Man ist bei Tisch. Ich will warten«, sagte sie sich.
+
+Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Küchentüre.
+
+Er kam heraus.
+
+»Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...«
+
+Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das sich vom
+Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch schön vor
+und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte,
+ahnte er doch etwas Schreckliches.
+
+Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das
+Herz rührte:
+
+»Ich will ihn haben! Gib ihn mir!«
+
+Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf den
+Tellern im Eßzimmer.
+
+Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht
+schlafen ließen.
+
+»Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.«
+
+»Nein! Nicht!« Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: »Das
+ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber sagen. Leucht mir
+nur!« Sie trat in den Gang, von dem aus man in das Laboratorium
+gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel mit einem Schildchen:
+»Kapernaum.«
+
+»Justin!« rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
+wegblieb.
+
+»Gehn wir hinauf!« befahl Emma.
+
+Er folgte ihr.
+
+Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, griff
+nach dem dritten Wandbrett -- ihr Gedächtnis führte sie richtig
+--, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit der Hand
+hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers heraus, das sie sich
+schnell in den Mund schüttete.
+
+»Halten Sie ein!« schrie Justin, ihr in die Arme fallend.
+
+»Still! Man könnte kommen!«
+
+Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.
+
+»Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung
+ziehen!«
+
+Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen
+Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die
+Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
+seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was
+nützte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu Homais,
+zu Tüvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Löwen, überallhin. Und
+mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der Gedanke, daß sein
+guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames Vermögen verloren und die
+Zukunft Bertas zerstört sei. Und warum? Keine Erklärung! Er
+wartete bis sechs Uhr abends. Endlich hielt ers nicht mehr aus,
+und da er vermutete, sie sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf
+der Landstraße eine halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er
+wartete noch eine Weile und kehrte dann zurück.
+
+Sie war zu Haus.
+
+»Was ist das für eine Geschichte? Wie ist das gekommen? Erklär es
+mir!«
+
+Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, den
+sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
+gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:
+
+»Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine
+einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!«
+
+»Aber ...«
+
+»Ach, laß mich!«
+
+Sie legte sich lang auf ihr Bett.
+
+Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
+verschwommen ... und schloß die Augen wieder.
+
+Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein,
+sie fühlte noch keine! Sie hörte den Pendelschlag der Uhr, das
+Knistern des Feuers und Karls Atemzüge, der neben ihrem Bett
+stand.
+
+»Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!« dachte sie. »Ich werde
+einschlafen, und dann ist alles vorüber!«
+
+Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.
+
+Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.
+
+»Ich habe Durst! Großen Durst!« seufzte sie.
+
+»Was fehlt dir denn?« fragte Karl und reichte ihr ein Glas.
+
+»Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich ersticke!«
+
+Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich, daß sie kaum noch
+Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.
+
+»Nimms weg!« sagte sie nervös. »Wirfs weg!«
+
+Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag unbeweglich
+da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung erbrechen zu
+müssen. Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte von den Füßen zum
+Herzen hinaufsteigen.
+
+»Ach,« murmelte sie, »jetzt fängt es wohl an?«
+
+»Was sagst du?«
+
+Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her. Fortwährend
+öffnete sie den Mund, als läge etwas Schweres auf ihrer Zunge. Um
+acht Uhr fing das Erbrechen wieder an.
+
+Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen Niederschlag,
+der sich am Porzellan ansetzte.
+
+»Sonderbar! Sonderbar!« wiederholte er.
+
+Aber sie sagte mit fester Stimme:
+
+»Nein, du irrst dich!«
+
+Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die
+Magengegend und drückte da. Sie stieß einen schrillen Schrei aus.
+Er wich erschrocken zurück.
+
+Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schüttelfrost
+überfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das sich ihre
+Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmäßiger Pulsschlag war
+kaum noch fühlbar. Kalte Schweißtropfen rannen über ihr bläulich
+gewordnes Gesicht; etwas wie ein metallischer Ausschlag lag über
+ihren erstarrten Zügen. Die Zähne schlugen ihr klappernd
+aufeinander. Ihre erweiterten Augen blickten ausdruckslos umher.
+Alle Fragen, die man an sie richtete, beantwortete sie nur mit
+Kopfnicken. Zwei- oder dreimal lächelte sie freilich. Allmählich
+wurde das Stöhnen heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr.
+Dabei behauptete sie, daß es ihr besser gehe und daß sie sofort
+aufstehen würde.
+
+Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:
+
+»Mein Gott, ist das gräßlich!«
+
+Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.
+
+»Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte mir!«
+
+Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit, wie Emma keine je
+geschaut hatte.
+
+»Ja ... da ... da ... lies!« stammelte sie mit versagender Stimme.
+
+Er stürzte zum Schreibtisch, riß den Brief auf und las laut:
+
+»Man klage niemanden an ...« Er hielt inne, fuhr sich mit der Hand
+über die Augen und las stumm weiter ...
+
+»Vergiftet!«
+
+Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen:
+
+»Vergiftet! Vergiftet!«
+
+Dann rief er um Hilfe.
+
+Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. Frau Franz
+im Goldenen Löwen erfuhr es. Manche standen aus ihren Betten auf,
+um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze Nacht hindurch war der
+halbe Ort wach.
+
+Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
+im Zimmer umher, wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare
+ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches
+Schauspiel gesehen.
+
+Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
+Larivière zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
+brachte keinen vernünftigen Brief zustande. Schließlich mußte sich
+Hippolyt nach Neufchâtel aufmachen, und Justin ritt auf Bovarys
+Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul lahm und
+halbtot zurück.
+
+Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
+war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
+Augen.
+
+»Ruhe!« sagte der Apotheker. »Es handelt sich einzig und allein
+darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war es für ein
+Gift?«
+
+Karl zeigte den Brief. Es wäre Arsenik gewesen.
+
+»Gut!« versetzte Homais. »Wir müssen eine Analyse machen!«
+
+Er hatte nämlich gelernt, daß man bei allen Vergiftungen eine
+Analyse machen müsse. Bovary hatte in seiner Angst alle
+Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:
+
+»Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!«
+
+Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück, warf sich auf die Diele,
+lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte.
+
+»Weine nicht!« flüsterte sie. »Bald werde ich dich nicht mehr
+quälen!«
+
+»Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?«
+
+»Es mußte sein, mein Lieber!«
+
+»Warst du denn nicht glücklich? Bin ich schuld? Ich habe dir doch
+alles zuliebe getan, was ich konnte!«
+
+»Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!«
+
+Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar. Die süße
+Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fühlte sich bis in den
+tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert, daß er sie
+verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies denn je. Er
+fand keinen Ausweg; er wußte keinen Zusammenhang; er wagte keine
+Frage. Und die Dringlichkeit eines Entschlusses machte ihn
+vollends wirr.
+
+Sie dachte bei sich: »Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen
+Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzähligen,
+qualvollen Sehnsüchten!« Nun haßte sie keinen mehr. Ihre Gedanken
+verschwammen wie in Dämmerung, und von allen Geräuschen der Erde
+hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen Herzens, matt
+und verklungen wie der leise Nachhall einer Symphonie.
+
+»Bring mir die Kleine«, sagte sie und stützte sich leicht auf.
+
+»Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?« fragte Karl.
+
+»Nein, nein!«
+
+Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es hatte ein
+langes Nachthemd an, aus dem die nackten Füße hervorsahen. Es war
+ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt betrachtete es die große
+Unordnung im Zimmer. Geblendet vom Licht der Kerzen, die da und
+dort brannten, zwinkerte es mit den Augen. Offenbar dachte es, es
+sei Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so früh wie heute geweckt
+wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um Geschenke
+zu bekommen. Und so fragte es:
+
+»Wo ist es denn, Mama?« Und da niemand antwortete, redete es
+weiter: »Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!«
+
+Felicie hielt die Kleine übers Bett, die immer noch nach dem Kamin
+hinsah.
+
+»Hat Frau Rollet sie mir genommen?«
+
+Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick
+erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fühle sie den
+ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf der
+Zunge. Berta saß noch auf ihrem Bette.
+
+»Was für große Augen du hast, Mama! Wie blaß du bist! Wie du
+schwitzest!«
+
+Die Mutter sah sie an.
+
+»Ich fürchte mich!« sagte die Kleine und wollte fort.
+
+Emma wollte die Hand des Kindes küssen, aber es sträubte sich.
+
+»Genug! Bringt sie weg!« rief Karl, der im Alkoven schluchzte.
+
+Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
+weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
+etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung. Als Canivet
+endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.
+
+»Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gütig von Ihnen! Es
+geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...«
+
+Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er sich
+ausdrückte, »immer aufs Ganze« ging, verordnete er Emma ein
+ordentliches Brechmittel, um den Magen zunächst einmal völlig zu
+entleeren.
+
+Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preßten sich krampfhaft
+aufeinander. Sie zog die Gliedmaßen ein. Ihr Körper war bedeckt
+mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren Fingern hin
+wie ein dünnes Fädchen, das jeden Augenblick zu zerreißen droht.
+
+Dann begann sie, gräßlich zu schreien. Sie verfluchte und schmähte
+das Gift, flehte, es möge sich beeilen, und stieß mit ihren steif
+gewordnen Armen alles zurück, was Karl ihr zu trinken reichte. Er
+war der völligen Auflösung noch näher als sie. Sein Taschentuch an
+die Lippen gepreßt, stand er vor ihr, stöhnend, weinend, von
+ruckweisem Schluchzen erschüttert und am ganzen Leib durchrüttelt.
+Felicie lief im Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da
+und seufzte tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm
+zur Gewohnheit gewordnen selbstbewußten Haltung, unbehaglich zu
+fühlen.
+
+»Zum Teufel!« murmelte er. »Der Magen ist nun doch leer! Und wenn
+die Ursache beseitigt ist, so ...«
+
+»... muß die Wirkung aufhören!« ergänzte Homais. »Das ist klar!«
+
+»Rettet sie mir nur!« rief Bovary.
+
+Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein
+heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und wollte
+ihr gerade Theriak eingeben, da knallte draußen eine Peitsche.
+Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei bis an die
+Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die Ecke der Hallen.
+Es war Professor Larivière.
+
+Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung
+hervorrufen können. Bovary streckte ihm die Hände entgegen,
+Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein Käppchen ab,
+noch ehe der Arzt eingetreten war.
+
+Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an, das
+heißt, einer Generation philosophischer Praktiker, die heute
+ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und scharfsichtiger
+Jünger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte in der ganzen
+Klinik niemand zu atmen. Seine Schüler verehrten ihn so, daß sie
+ihn, später in ihrer eigenen Praxis, mit möglichster Genauigkeit
+kopierten. So kam es, daß man bei den Ärzten in der Umgegend von
+Rouen allerorts seinen langen Schafspelz und seinen weiten
+schwarzen Gehrock wiederfand. Die offenen Ärmelaufschläge daran
+reichten ein Stück über seine fleischigen Hände, sehr schöne
+Hände, die niemals in Handschuhen steckten, als wollten sie immer
+schnell bereit sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er
+war ein Verächter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
+freidenkend, den Armen ein väterlicher Freund, Pessimist, selbst
+aber edel in Wort und Tat. Man hätte ihn als einen Heiligen
+gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und Verstandes
+gefürchtet hätte wie den Teufel. Sein Blick war schärfer als sein
+Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle
+Heucheleien, Lügen und Ausflüchte hindurch. So ging er seines
+Weges in der schlichten Würde, die ihm das Bewußtsein seiner
+großen Tüchtigkeit, seines materiellen Vermögens und seiner
+vierzigjährigen arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit
+verlieh.
+
+Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon von weitem
+die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem Rücken
+ausgestreckt da. Während er Canivets Bericht scheinbar aufmerksam
+anhörte, strich er sich mit dem Zeigefinger um die Nasenflügel und
+sagte ein paarmal:
+
+»Gut! ... Gut!«
+
+Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
+ihn ängstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
+der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war, konnte eine
+Träne nicht zurückhalten, die ihm auf die Krawatte herablief.
+
+Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.
+
+»Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wär es, wenn man ihr
+ein Senfpflaster auflegte? Ich weiß nichts. Finden Sie doch etwas!
+Sie haben ja schon so viele gerettet!«
+
+Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte ihn
+verstört und flehend an. Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an die
+Brust gesunken.
+
+»Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!« Larivière
+wandte sich ab.
+
+»Sie gehn?«
+
+»Ich komme wieder.«
+
+Larivière ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine Anweisung
+zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge des
+Todeskampfes sein.
+
+Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts fiel
+ihm von jeher schwerer, als sich von berühmten Menschen zu
+trennen. So beschwor er denn Larivière, er möge ihm die hohe Ehre
+erweisen, zum Frühstück sein Gast zu sein.
+
+Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Löwen nach Tauben, zu
+Tüvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum Fleischer
+nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den Vorbereitungen
+zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre Jacke
+zurechtzupfend, sagte:
+
+»Sie müssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
+einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...«
+
+»Die Weingläser!« flüsterte Homais.
+
+»Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
+Wurst und ...«
+
+»Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!«
+
+Er hielt es für angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
+Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben:
+
+»Zuerst äußerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf unerträgliche
+gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, Schlafsucht ...«
+
+»Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?«
+
+»Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich weiß nicht einmal recht,
+wo sie das acidum arsenicum herbekommen hat.«
+
+Justin, der einen Stoß Teller hereinbrachte, begann am ganzen
+Körper zu zittern.
+
+»Was hast du?« fuhr ihn der Apotheker an.
+
+Bei dieser Frage ließ der Bursche alles, was er trug, fallen. Es
+gab ein großes Gekrache.
+
+»Tolpatsch!« schrie Homais. »Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
+Alberner Esel!«
+
+Dann aber beherrschte er sich plötzlich:
+
+»Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
+Professor, und deshalb primo ganz vorsichtig in ein
+Reagenzgläschen ...«
+
+»Dienlicher wäre es gewesen,« sagte der Chirurg, »wenn Sie ihr
+Ihre Finger in den Hals gesteckt hätten.«
+
+Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter
+vier Augen eine energische Belehrung wegen seines Brechmittels
+eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des Klumpfußes so
+hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt sich jetzt
+mäuschenstill. Er lächelte nur unausgesetzt, um seine Zustimmung
+zu markieren.
+
+Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrübliche
+Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung --
+unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berühmten
+Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze Gelehrsamkeit
+aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von Kanthariden,
+Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.
+
+»Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, daß mehrere
+Personen nach dem Genusse von zu stark geräucherter Wurst erkrankt
+und plötzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens ein
+hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten
+Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein
+Aufsatz des berühmten Cadet de Gassicourt!«
+
+Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte sich
+nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte ihn
+auch eigenhändig gemischt, gebrannt und gemahlen.
+
+»Saccharum gefällig, Herr Professor?« fragte er, indem er
+ihm den Zucker anbot.
+
+Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
+war, die Ansicht des Chirurgen über ihre »Konstitution« zu hören.
+
+Als Larivière im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau Homais
+noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres Mannes. Er schlief
+nämlich allabendlich nach Tisch ein. Davon bekäme er dickes Blut.
+
+Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
+nicht verstand, dann ging er zur Türe. Aber die Apotheke war
+voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm nur
+schwer, sie loszuwerden. Da war Tüvache, der seine Frau für
+schwindsüchtig hielt, weil sie öfters in die Asche spuckte; Binet,
+der bisweilen an Heißhunger litt; Frau Caron, die es am ganzen
+Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanfälle hatte; Lestiboudois,
+der rheumatisch war; Frau Franz, die über Magenbeschwerden klagte.
+Endlich brachten ihn die drei Pferde von dannen. Man fand aber
+allgemein, daß er sich nicht besonders liebenswürdig gezeigt habe.
+
+Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
+gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.
+
+Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit
+den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines
+»Pfaffen« war ihm ein Greuel. Er mußte bei einer Soutane immer an
+ein Leichentuch denken, und so verwünschte er jene schon deshalb,
+weil er dieses fürchtete.
+
+Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung
+seiner »Mission«, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, dem
+dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden war, in das
+Bovarysche Haus zurück. Wenn seine Frau nicht völlig dagegen
+gewesen wäre, hätte er sogar seine beiden Knaben mitgenommen,
+damit sie das große Ereignis, das der Tod eines Menschen ist,
+kennen lernten. Es sollte ihnen eine Lehre, ein Beispiel, ein
+ernster Eindruck sein, eine Erinnerung für ihr ganzes weiteres
+Leben.
+
+Sie fanden das Zimmer voll düstrer Feierlichkeit. Auf dem mit
+einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei
+brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine silberne
+Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte. Emmas Kinn war ihr auf
+die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen unnatürlich weit
+offen, und ihre armen Hände tasteten über den Bettüberzug hin, mit
+einer jener rührend-schrecklichen Gebärden, die Sterbenden eigen
+sind. Man hat die Empfindung, als bereiteten sie sich selber ihr
+Totenbett. Karl stand am Fußende des Lagers, ihrem Antlitz
+gegenüber, bleich wie eine Bildsäule, tränenlos, aber mit Augen,
+die rot waren wie glühende Kohlen. Der Priester kniete und
+murmelte leise Worte.
+
+Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
+violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fühlte sie einen
+seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
+die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von
+himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden.
+
+Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie
+den Kopf in die Höhe, wie ein Durstiger, und preßte auf das
+Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
+innigsten Liebeskuß, den sie jemals gegeben hatte. Dann sprach
+der Geistliche das Misereatur und Indulgentiam, tauchte seinen
+rechten Daumen in das Öl und nahm die letzte Ölung vor. Zuerst
+salbte er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so
+heiß gelüstet; dann die Nasenflügel, die so gern die lauen Lüfte
+und die Düfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
+Lügen sich aufgetan, oft hoffärtig gezuckt und in sündigem
+Girren geseufzt hatte; dann die Hände, die sich an vergnüglichen
+Berührungen ergötzt hatten; und endlich die Sohlen der Füße, die
+einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
+liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.
+
+Der Priester trocknete sich die Hände, warf das ölgetränkte Stück
+Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der Sterbenden. Er
+sagte ihr, daß ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu Christi eins
+seien. Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit vertrauen.
+
+Als er mit seiner Tröstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
+geweihte Kerze in die Hand zu drücken, das Symbol der himmlischen
+Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. Aber Emma war
+zu schwach, um die Finger zu schließen, und wenn Bournisien nicht
+rasch wieder zugegriffen hätte, wäre die Kerze zu Boden gefallen.
+
+Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
+Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen, als ob das Sakrament
+sie wieder gesund gemacht hätte.
+
+Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
+ja er gemahnte Bovary daran, daß der Herr zuweilen das Leben
+Sterbender wieder verlängere, wenn er es zum Heil ihrer Seele für
+notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurück, an dem sie schon
+einmal, dem Tode nahe, die letzte Ölung empfangen hatte.
+
+»Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!« dachte er.
+
+Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem Traum
+erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren Spiegel
+und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die Tränen aus
+den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf zurück, stieß einen
+Seufzer aus und sank in das Kissen.
+
+Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat weit
+aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht zu
+verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
+verlöschen. Man hätte glauben können, sie sei schon tot, wenn ihre
+Atmungsorgane nicht so fürchterlich heftig gearbeitet hätten. Es
+war, als schüttle sie ein wilder innerer Sturm, als ringe das
+Leben gewaltig mit dem Tode.
+
+Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
+ein wenig die Beine, während Canivet gleichgültig auf den Markt
+hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
+Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich die
+lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes kniete Karl
+und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff ihre Hände und
+drückte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses zuckte er zusammen, als
+stürze eine Ruine auf ihn.
+
+Je stärker das Röcheln wurde, um so mehr beschleunigte der
+Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
+Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als das dumpfe
+Murmeln der lateinischen Worte, das wie Totengeläut klang.
+
+Plötzlich klapperten draußen auf der Straße Holzschuhe. Ein Stock
+schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine rauhe
+Stimme, und sang:
+
+'Wenns Sommer worden weit und breit,
+Wird heiß das Herze mancher Maid ...'
+
+Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
+elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelöst, ihre
+Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.
+
+'Nanette ging hinaus ins Feld,
+Zu sammeln, was die Sense fällt.
+Als sie sich in der Stoppel bückt,
+Da ist passiert, was sich nicht schickt ...'
+
+»Der Blinde!« schrie sie.
+
+Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges,
+verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das scheußliche
+Gesicht des Unglücklichen sah, wie ein Schreckgespenst aus der
+ewigen Nacht des Jenseits ...
+
+'Der Wind, der war so stark ... O weh!
+Hob ihr die Röckchen in die Höh.'
+
+Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurück. Alle traten hinzu.
+Sie war nicht mehr.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie
+betäubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen Nichts zu
+begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl aber, als er
+sah, daß Emma unbeweglich dalag, warf sich über sie und schrie:
+
+»Lebwohl! Lebwohl!«
+
+Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer.
+
+»Fassen Sie sich!«
+
+»Ja!« rief er und machte sich von ihnen los. »Ich will vernünftig
+sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich muß sie sehen!
+Es ist meine Frau!«
+
+Er weinte.
+
+»Weinen Sie nur!« sagte der Apotheker. »Lassen Sie der Natur
+freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!«
+
+Da wurde Karl schwach wie ein Kind und ließ sich in die Große
+Stube im Erdgeschoß hinunterführen. Homais ging bald darnach in
+sein Haus zurück.
+
+Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich bis
+Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden
+Vorübergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne.
+
+»Großartig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu tun
+hätte! Bedaure! Komm ein andermal!«
+
+Er verschwand schnell in seinem Hause.
+
+Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank für
+Bovary zu brauen und ein Märchen zu ersinnen, um Frau Bovarys
+Vergiftung auf eine möglichst harmlose Weise zu erklären. Er
+wollte einen Artikel für den »Leuchtturm von Rouen« daraus machen.
+Außerdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. Alle
+wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals wiederholt hatte,
+Frau Bovary habe bei der Zubereitung von Vanillecreme aus Versehen
+Arsenik statt Zucker genommen, begab er sich abermals zu Bovary.
+
+Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl saß im
+Lehnstuhl am Fenster und starrte mit blödem Blick auf die Dielen.
+
+»Wir müssen die Stunde für die Feierlichkeit festsetzen!« sagte
+der Apotheker.
+
+»Wozu? Für was für eine Feierlichkeit?« Stammelnd und voll Grauen
+fügte er hinzu: »Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie
+dabehalten?«
+
+Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom
+Tisch und begoß die Geranien.
+
+»O, ich danke Ihnen!« sagte Karl. »Sie sind sehr gütig ...«
+
+Er wollte noch mehr sagen, aber die Fülle von Erinnerungen, die
+des Apothekers Tun in ihm wachrief, überwältigte ihn. Es waren
+Emmas Blumen!
+
+Homais gab sich Mühe, ihn zu zerstreuen, und begann über die
+Gärtnerei zu plaudern. Die Pflanzen hätten die Feuchtigkeit sehr
+nötig. Karl nickte zustimmend.
+
+»Jetzt werden auch bald schöne Tage kommen ...«
+
+Bovary seufzte.
+
+Der Apotheker wußte nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob
+behutsam eine Scheibengardine beiseite.
+
+»Sehn Sie, da drüben geht der Bürgermeister!«
+
+Karl wiederholte mechanisch:
+
+»Da drüben geht der Bürgermeister!«
+
+Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begräbnis
+zurückzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem
+Entschlusse hierüber.
+
+Karl schloß sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und
+nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er:
+
+»Ich bestimme, daß man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid
+begrabe, in weißen Schuhen, einen Kranz auf dem
+Haupte. Das Haar soll man ihr über die Schultern legen.
+Drei Särge: einen aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen
+von Blei. Man soll mich nicht trösten wollen! Ich werde
+stark sein. Und über den Sarg soll man ein großes Stück grünen
+Samt breiten. So will ich es! Tut es!«
+
+Man war über Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker ging
+sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen:
+
+»Das mit dem Samt scheint mir übertrieben. Allein die Kosten ...«
+
+»Was geht Sie das an!« schrie Karl. »Lassen Sie mich! Sie haben
+sie nicht geliebt! Gehn Sie!«
+
+Der Priester faßte Karl unter den Arm und führte ihn in den
+Garten. Er sprach von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Gott
+sei gut und weise. Man müsse sich ohne Murren seinem Ratschluß
+unterwerfen. Man müsse ihm sogar dafür danken.
+
+Aber Karl brach in Gotteslästerungen aus.
+
+»Ich verfluche ihn, euren Gott!«
+
+»Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!« seufzte der
+Priester.
+
+Bovary ließ ihn stehen. Mit großen Schritten ging er die
+Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den
+Zähnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verwünschungen waren.
+Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt.
+
+Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer Weile
+fror ihn. Er ging ins Haus zurück und setzte sich an den Herd in
+der Küche.
+
+Um sechs Uhr hörte er Wagengerassel draußen auf dem Markte. Es war
+die Post, die von Rouen zurückkehrte. Er preßte die Stirn gegen
+die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden nacheinander
+ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in das Wohnzimmer, er
+warf sich darauf und schlief ein.
+
+Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug
+dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um Totenwache zu
+halten. Er brachte drei Bücher und ein Notizbuch mit. Er pflegte
+sich Auszüge zu machen.
+
+Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen
+brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem Alkoven
+hervorgerückt hatte.
+
+Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
+Jeremiaden über die »unglückliche junge Frau«. Der Priester
+unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als für sie zu beten.
+
+»Immerhin«, versetzte Homais, »sind nur zwei Fälle möglich.
+Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrückt, selig
+verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie ist als
+Sünderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier der
+kirchliche Ausdruck? Dann ...«
+
+Bournisien unterbrach ihn und erklärte in mürrischem Tone, man
+müsse in jedem Falle beten.
+
+»Aber sagen Sie mir,« wandte der Apotheker ein, »da Gott stets
+weiß, was uns not tut, wozu dann erst das Gebet?«
+
+»Wozu das Gebet?« wiederholte der Priester. »Ja, sind Sie denn
+kein Christ?«
+
+»Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst die
+Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral geschenkt,
+die ...«
+
+»Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...«
+
+»Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
+Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...«
+
+Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die
+Vorhänge beiseite.
+
+Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. Ihr
+Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren Teil
+ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest in die
+Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in ihren Wimpern,
+und die Augen verschwammen bereits in blassem Schleim, der wie ein
+dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen ihr Netz darüber gesponnen.
+Das Bettuch senkte sich von ihren Brüsten bis zu den Knien und hob
+sich von da an nach ihren Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung,
+ein schweres Etwas, ein ungeheures Gewicht laste auf ihr.
+
+Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang das
+dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne strömte. Von
+Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien geräuschvoll, und Homais
+kritzelte Notizen auf das Papier.
+
+»Lieber Freund,« sagte er, »gehn Sie nun! Dieser Anblick zerreißt
+Ihnen das Herz!«
+
+Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden ihre
+Erörterung von neuem.
+
+»Lesen Sie Voltaire!« sagte der eine. »Lesen Sie Holbach! Die
+Enzyklopädisten!«
+
+»Lesen Sie die 'Briefe einiger portugiesischen Juden'«, sagte der
+andre, »lesen Sie die 'Grundlagen des Christentums' von Nicolas!«
+
+Sie regten sich auf, bekamen rote Köpfe und sprachen gleichzeitig
+ineinander hinein. Bournisien war entrüstet über die Vermessenheit
+des Apothekers, Homais erstaunt über die Beschränktheit des
+Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen zu
+sagen, da kam plötzlich Karl abermals herein. Eine
+unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mußte immer wieder die
+Treppe hinauf.
+
+Er setzte sich der Toten gegenüber, so daß er ihr voll ins Antlitz
+sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
+Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.
+
+Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
+Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er könne sie wieder
+aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft konzentriere. Einmal
+beugte er sich sogar über sie und rief ganz leise: »Emma, Emma!«
+
+Er atmete so heftig, daß die Flammen der Kerzen flackerten ...
+
+Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte sie
+und brach von neuem in Tränen aus. Ebenso wie der Apotheker
+versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim Begräbnisse
+Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, daß sie schwieg.
+Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die Stadt zu
+fahren und das Nötige zu besorgen.
+
+Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
+Homais. Felicie saß mit Frau Franz bei der Toten.
+
+Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drückte dem
+Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, die
+nach und nach einen großen Halbkreis um den Kamin bildeten. Alle
+hatten die Köpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, schaukelten sie
+mit den Beinen und stießen von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer
+aus. Alle langweilten sich maßlos, aber keinem fiel es ein, wieder
+zu gehen.
+
+Um neun Uhr kam Homais zurück, beladen mit einer Menge Kampfer,
+Benzoe und aromatischen Kräutern. Auch ein Gefäß voll Chlor
+brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, die
+Löwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma herum,
+damit beschäftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu legen. Sie
+zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis hinab an die
+Atlasschuhe reichte.
+
+Felicie wehklagte:
+
+»Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!«
+
+»Sehn Sie nur!« sagte die Witwe Franz seufzend, »wie reizend sie
+noch immer ausschaut! Man möchte drauf schwören, daß sie gleich
+wieder aufstünde!«
+
+Dann beugten sie sich über sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
+mußten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze Flüssigkeit
+aus dem Munde hervor, als erbräche sie sich.
+
+»Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!« schrie Frau Franz. Und zum
+Apotheker gewandt: »Helfen Sie uns doch! Oder fürchten Sie sich
+vielleicht?«
+
+»Ich mich fürchten?« erwiderte er achselzuckend. »Nein, so was!
+Ich habe in den Spitälern noch ganz andres gesehen und erlebt, als
+ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns unsern Punsch im
+Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen nicht. Ich habe
+sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe --, meinen
+Körper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst der
+Wissenschaft noch etwas nützt.«
+
+Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des
+Apothekers erwiderte er:
+
+»Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.«
+
+Darauf pries Homais ihn glücklich, weil er nicht darauf gefaßt zu
+sein brauche, eine teure Gefährtin zu verlieren, worauf sich ein
+Disput über das Zölibat entspann.
+
+»Es ist unnatürlich,« sagte der Apotheker, »daß sich ein Mann des
+Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...«
+
+»Aber, zum Kuckuck!« rief der Priester. »Kann denn ein
+verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?«
+
+Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
+zählte ihre guten Wirkungen auf. Er wußte Geschichten von Dieben,
+die auf einmal ehrliche Menschen geworden wären. Sogar Soldaten
+seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Sünden ledig gesprochen,
+fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein Diener ...«
+
+Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwüle Luft im Zimmer
+immer unerträglicher wurde, öffnete der Pfarrer das Fenster. Da
+ward der Apotheker wieder wach.
+
+»Wie wärs mit einer Prise?« fragte er ihn. »Hier! Das hält
+munter!«
+
+In der Ferne bellte irgendwo fortwährend ein Hund.
+
+»Hören Sie, wie der Hund heult?« fragte der Apotheker.
+
+»Man sagt, daß sie die Toten wittern«, sagte der Priester.
+Ȁhnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, wenn im
+Haus ein Mensch stirbt.«
+
+Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er war
+bereits wieder eingeschlafen.
+
+Bournisien, der widerstandsfähiger war, bewegte noch eine Zeitlang
+leise die Lippen. Dann senkte sich allmählich sein Kinn, sein
+dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu schnarchen.
+
+So saßen sie einander gegenüber, mit vorgestreckten Bäuchen, mit
+ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all ihrem
+Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwäche. Sie regten
+sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu schlummern
+schien.
+
+Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
+Abschied von ihr zu nehmen.
+
+Das Räucherwerk qualmte noch. Die bläuliche Wolke vermählte sich
+am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Draußen blinkten
+einige Sterne. Die Nacht war mild.
+
+Das Wachs der Kerzen träufelte in langen Tränen herab auf das
+Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. Der
+Lichtschimmer machte ihm die Augen müde.
+
+Über das Atlaskleid huschten Reflexe; es war weiß wie
+Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, als
+gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher über, als lebe sie nun
+in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem wirbelnden
+Kräuterdufte ...
+
+Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der Gartenbank
+unter dem blühenden Weißdornbusch ... dann in Rouen auf dem Gange
+durch die Straße ... und dann auf der Schwelle ihres Vaterhauses,
+im Gutshofe, in Bertaux ... Es war ihm, als höre er das Jodeln der
+lustigen Burschen, die unter den Apfelbäumen tanzten bei seiner
+Hochzeitsfeier. Wie hatte das Brautgemach nach ihrem Haar
+geduftet! Wie hatte ihr Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie
+sprühende Funken! Dasselbe Kleid! Damals und heute!
+
+Langsam zog sein ganzes einstiges Glück noch einmal an ihm
+vorüber. Er sah sie vor sich in ihren eigentümlichen Bewegungen,
+ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hörte den Klang ihrer Stimme. Immer
+wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhörlich,
+unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande.
+
+Eine gräßliche Neugier überkam ihn. Langsam und klopfenden Herzens
+hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da schrie er vor
+Schrecken laut auf, und die beiden andern Männer erwachten. Sie
+zogen ihn fort und führten ihn hinunter in die Große Stube.
+
+Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar
+der Toten haben.
+
+»Schneiden Sie ihr welches ab!« befahl der Apotheker.
+
+Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere heran.
+Er zitterte so stark, daß er die Haut an der Schläfe an mehreren
+Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und schnitt
+blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein paar kahle
+Stellen mitten in dem schönen schwarzen Haar der Toten.
+
+Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
+Bücher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, wenn
+sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. Der
+Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais schüttete
+ein wenig Chlor auf die Dielen.
+
+Felicie hatte für sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
+Branntwein, Käse und ein langes Weißbrot bereitgestellt. Gegen
+vier Uhr früh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. Er seufzte:
+
+»Wahrhaftig. Eine Stärkung wäre nicht übel!«
+
+Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber erst die
+Messe lesen. Als er wieder zurückkam, aßen und tranken beide,
+wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen warum, verführt
+von der sonderbaren Fröhlichkeit, die den Menschen nach
+überstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten Gläschen klopfte
+der Priester dem Apotheker auf die Schulter und sagte:
+
+»Wir werden uns am Ende noch verstehen!«
+
+In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg brachten.
+Zwei Stunden lang mußte sich Karl von den Hammerschlägen martern
+lassen, die von den Brettern zu ihm hallten. Dann legte man die
+Tote in den Sarg aus Eichenholz und diesen in die beiden andern.
+Aber da der letzte zu breit war, füllte man die Hohlräume mit Werg
+aus einer Matratze. Als der letzte Deckel zurechtgehobelt und
+vernagelt war, stellte man den Sarg vor die Tür. Das Haus ward
+weit geöffnet, und die Leute von Yonville begannen
+herbeizuströmen.
+
+Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er mitten
+auf dem Markte ohnmächtig.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig Stunden
+nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so
+geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich
+geschehen war.
+
+Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. Dann
+sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch noch
+leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut
+aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
+weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst.
+Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte
+Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand.
+
+Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
+schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung.
+Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre
+Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen
+Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.
+
+In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof munter,
+rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich auf einen
+Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich
+wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, daß die Funken
+stoben.
+
+Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die
+Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
+Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie tot.
+Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er riß in
+die Zügel. Da schwand die Erscheinung.
+
+In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
+Tassen Kaffee.
+
+Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender in der
+Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe,
+fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
+Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein
+schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines
+Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte er
+es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle
+Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre Wipfel. Eine
+Herde Schafe trottete friedlich vorüber.
+
+Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
+noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen vorwärts
+gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte
+Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in
+Bovarys Arme.
+
+»Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...«
+
+Der andre antwortete schluchzend:
+
+»Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!«
+
+Der Apotheker zog sie auseinander.
+
+»Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn
+schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man muß
+Philosoph sein!«
+
+Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male
+wiederholte er:
+
+»Ja, ja ... Mut! Mut!«
+
+»Na, wenns sein muß!« sagte Rouault. »Ich hab welchen!
+Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und
+wenns noch so weit wäre!«
+
+Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich
+in Bewegung.
+
+Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die
+drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
+Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
+Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor
+und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
+Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
+Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.
+
+Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
+jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen würde.
+Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg
+und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, daß sie
+dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende war, daß man
+sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde Wut und schwarze
+Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfände er überhaupt
+nichts mehr. Er fühlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber
+alsbald warf er sich vor, eine erbärmliche Kreatur zu sein.
+
+Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas wie
+ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem
+Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes
+aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mühsam
+nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Löwen. Heute hatte
+er sein Bein erster Garnitur angeschnallt.
+
+Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld
+einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem
+andern in der silbernen Schale.
+
+»Schnell weg! Ich leide!« rief Bovary und warf zornig ein
+Fünffrankenstück hinein.
+
+Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
+
+Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das
+nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in der ersten
+Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten
+rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu
+läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing an. Die Sargträger hoben
+die drei Stangen der Bahre in die Höhe. Man verließ die Kirche.
+
+Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
+blaß und taumelnd.
+
+Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
+vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug
+eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, der aus
+den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge anzuschließen.
+
+Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam
+vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die
+Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald
+leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte,
+verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz
+schimmerte immer zwischen den Bäumen.
+
+Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit
+zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende
+Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen unter der
+ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden
+Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein frischer Wind wehte
+herüber. Roggen und Raps grünten, und Tautropfen zitterten auf den
+Dornenhecken am Wege. Allerlei fröhliche Laute erfüllten die Luft:
+das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener
+Straße, das wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines
+Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der klare Himmel
+war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter spielten um
+die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl erkannte im
+Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten
+Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier
+vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem Rückwege zu »ihr«.
+
+Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte
+Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger
+verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie
+eine Schaluppe auf bewegter See.
+
+Endlich war man da.
+
+Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen,
+wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf.
+Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten
+aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und
+ununterbrochen.
+
+Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
+gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
+
+Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll
+wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois
+reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel
+schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
+ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und
+das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein
+Widerhall aus der Ewigkeit.
+
+Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war
+Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie dann
+Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde hinabwarf und
+»Lebe wohl!« rief. Er sandte ihr Küsse und beugte sich über das
+Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte.
+
+Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand
+er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß alles
+überstanden war.
+
+Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an,
+was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er
+berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß sich Tüvache
+nach der Messe »gedrückt« hatte und daß Theodor, der Diener des
+Notars, einen blauen Rock getragen hatte, »als ob nicht ein
+schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da es nun einmal so üblich
+ist, zum Teufel!« So hechelte er alles durch, was er beobachtet
+hatte.
+
+Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht
+verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen.
+
+»Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!«
+
+Der Apotheker antwortete:
+
+»Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus
+Verzweiflung Selbstmord begangen.«
+
+»Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie vorigen
+Sonnabend noch in meinem Laden war!«
+
+»Ich hatte nur keine Zeit,« sagte der Apotheker, »sonst hätte ich
+mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab
+nachgerufen hätte!«
+
+Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
+seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs
+öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, hatte sie
+Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man
+sah, wo die Tränen herabgerollt waren.
+
+Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
+Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
+
+»Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach
+Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals
+tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ...« Er
+stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. »Ach, nun ist
+es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen
+Sohn ... und heute meine Tochter!«
+
+Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
+zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch
+seine Enkelin wollte er nicht sehen.
+
+»Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse sie mir
+ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier,« er
+schlug auf sein Bein, »das werde ich dir nie vergessen. Hab keine
+Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!«
+
+Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, ganz
+wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf
+der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter
+umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie im Feuer unter
+den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete
+die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein
+Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen
+weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ...
+
+Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
+geworden war.
+
+Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und
+plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von
+vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
+Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen
+und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und
+Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
+zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
+
+Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie
+immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«.
+
+Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald
+geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte
+Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
+
+Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
+Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck
+einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und
+geheimnisvoll wie die Nacht.
+
+Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel
+vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich
+über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer
+Kartoffeln stahl.
+
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+
+Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus kommen.
+Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei verreist
+und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das Kind tat noch
+ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der Zeit, sprach sie
+nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des Kindes bereitete Bovary
+Schmerzen. Ganz unerträglich aber waren ihm die Trostreden des
+Apothekers.
+
+Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen
+Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm
+beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis zulassen
+wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, auch nur das
+geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer sich darüber. Das
+empörte ihn wiederum maßlos. Er war überhaupt ein ganz andrer
+geworden. So verließ sie das Haus.
+
+Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr »Schnittchen« zu machen.
+Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate Stundengeld, obgleich
+Emma doch niemals Unterricht bei ihr genommen hatte. Die
+quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt bekommen hatte, war
+nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt worden. Der Leihbibliothekar
+verlangte Abonnementsgebühren auf eine Zeit von drei Jahren und
+Frau Rollet Botenlohn für zwanzig Briefe. Als Karl Näheres wissen
+wollte, war sie wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten:
+
+»Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.«
+
+Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei nun
+zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue Gläubiger.
+
+Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man
+ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch
+entschuldigen.
+
+Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
+Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich in
+ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr Emmas
+Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal den
+Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, ihr
+nachzurufen: »Emma, bleib, bleib!«
+
+Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener
+des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas Kleidern noch
+übrig war.
+
+Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die
+Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu Yvetot, mit Fräulein
+Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz ergebenst mitzuteilen. In
+Karls Glückwunschbrief kam die Stelle vor:
+
+»Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!«
+
+Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs Haus irrte,
+kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich unter einem seiner
+Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück Papier. Er entfaltete es
+und las: »Liebe Emma! Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz
+nicht zertrümmern ...« Es war Rudolfs Brief, der zwischen die
+Kisten gefallen und dort liegen geblieben war, bis ihn der durchs
+Dachfenster wehende Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl
+stand ganz starr da, mit offnem Munde, just auf demselben Platz,
+wo dereinst Emma, bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den
+Tod gehen wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift
+ein kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche
+und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen
+Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn er
+ihnen später -- es war zwei- oder dreimal gewesen -- begegnet war.
+Aber der achtungsvolle Ton des Briefes täuschte ihn.
+
+»Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu sein!«
+sagte er sich.
+
+Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen bis
+auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
+suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen
+Schmerze.
+
+»Man mußte sie anbeten!« sagte er bei sich. »Es ist ganz
+natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!« Nunmehr erschien
+sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein beständiges heißes
+Verlangen nach ihr, das ihn trostlos machte und das keine Grenzen
+kannte, weil es nicht mehr zu stillen war.
+
+Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach
+ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
+Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
+-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus
+ihrem Grabe heraus.
+
+Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein Stück
+nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle Zimmer wurden
+kahl, nur »ihr Zimmer« blieb wie früher. Nach dem Essen pflegte
+Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den Kamin und
+rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich gegenüber. Eine
+Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. Berta, neben ihm,
+tuschte Bilderbogen aus.
+
+Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
+gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des Kleidchens
+aufgerissen, denn darum kümmerte sich die Aufwartefrau nicht.
+Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie das Köpfchen graziös
+neigte und ihr die blonden Locken über die rosigen Wangen fielen,
+dann sah sie so reizend aus, daß ihn unendliche Zärtlichkeit
+ergriff, eine Freude, die nach Wehmut schmeckte, wie ungepflegter
+Wein nach Pech. Er besserte ihr Spielzeug aus, machte ihr
+Hampelmänner aus Pappe und flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer
+Puppen. Wenn seine Augen dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen,
+auf ein Band, das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel,
+die noch in einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in
+Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit traurig
+wurde.
+
+Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
+wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des Apothekers
+ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater bei der
+jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse auf
+eine Fortsetzung des näheren Verkehrs keinen Wert legte.
+
+Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen können,
+war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und erzählte allen
+Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. Wenn Homais zur Stadt
+fuhr, versteckte er sich infolgedessen hinter den Vorhängen der
+Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er haßte ihn,
+und da er ihn zugunsten seines Rufes als Heilkünstler um jeden
+Preis aus dem Wege räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt.
+Die Art und Weise, wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso
+seinen Scharfsinn wie seine bis zur Verruchtheit gehende
+Eitelkeit. Sechs Monate hintereinander konnte man im »Leuchtturm
+von Rouen« Nachrichten wie die folgenden lesen:
+
+»Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
+Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt
+haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
+belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
+gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den abscheulichen
+Zeiten des Mittelalters, wo es den Landstreichern erlaubt war, auf
+den öffentlichen Plätzen die Lepra und die Skrofeln zur Schau zu
+stellen, die sie von einem der Kreuzzüge mitgebracht hatten?«
+
+Oder:
+
+»Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die
+Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von Bettlerscharen
+heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und das sind
+vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem Grunde duldet
+das eigentlich die Obrigkeit?«
+
+Daneben erfand Homais auch Anekdoten:
+
+»Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd durchgegangen
+...«
+
+Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche Auftauchen des
+Blinden verursachten Unfalls.
+
+Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der Unglückliche
+in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder frei. Er trieb es
+wie vorher. Ebenso Homais. Es begann ein Kampf. Der Apotheker
+blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu lebenslänglichem Aufenthalt in
+ein Krankenhaus gesteckt.
+
+Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund
+überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel
+bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte --,
+geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß gegen die
+Priester.
+
+Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von den
+»Ignorantinern« geleiteten, die natürlich zum Nachteil der
+letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung von
+hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die
+Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
+Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. Dabei
+wurde er ein gefährlicher Intrigant.
+
+Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch
+Schreiben, ein »Werk«. So verfaßte er eine »Allgemeine Statistik
+von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen Beobachtungen«.
+Die damit verbundenen Studien führten ihn ins volkswirtschaftliche
+Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen Fragen, in die Theorien
+über die Volkserziehung, in das Verkehrswesen und andres mehr. Nun
+begann er sich seiner kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er
+bekam genialische Anwandlungen.
+
+Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im Gegenteil, er
+verfolgte alle neuen Entdeckungen seines Faches. Beispielsweise
+interessierte ihn der große Aufschwung in der Schokoladenindustrie.
+Er war weit und breit der erste, der den Schoka (eine Mischung von
+Kakao und Kaffee) und die Eisenschokolade einführte. Er
+begeisterte sich für die hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers
+und trug selbst eine. Wenn er beim Schlafengehen das Hemd
+wechselte, staunte Frau Homais diese goldene Spirale an, die ihn
+umschlang, und entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann,
+der wie ein Magier glänzte.
+
+Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug er
+einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
+einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
+»künstliche Ruine«. Keinesfalls aber dürfe die Trauerweide fehlen,
+die er für das »traditionelle Symbol« der Trauer hielt.
+
+Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
+Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein Kunstmaler
+begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des Apothekers
+Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte Witze. Man
+besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich die
+Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein zweitesmal allein
+nach Rouen und entschloß sich zu einem Grabstein, über dem ein
+Genius mit gesenkter Fackel trauert.
+
+Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: STA VIATOR!
+Diese Worte schlug er immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in
+sie. Beständig flüsterte er vor sich hin: »Sta viator!«
+Endlich kam er auf: AMABILEM CONJUGEM CALCAS! Das wurde
+angenommen.
+
+Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
+Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere
+Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild seinem
+Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, es zu
+bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war immer
+derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber sobald er
+sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
+
+Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
+Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
+auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja fanatisch,
+wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist des
+Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der Predigt
+vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im Todeskampfe
+seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie jedermann wisse.
+
+Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden
+heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und so
+stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an seine
+Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. Aber im
+Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen Emma. Als
+Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, der Felicies
+Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. Darüber
+entzweiten sie sich.
+
+Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung.
+Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
+nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. Aber
+als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande sich von ihm
+zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, völliger Bruch.
+
+Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen war,
+und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch dies
+machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote Flecken
+auf den Wangen.
+
+Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die
+Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, gelang ihm.
+Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia stickte ihm ein
+neues Käppchen, Irma schnitt Pergamentpapierdeckel für die
+Einmachegläser, und Franklin bewies ihm bereits schlankweg den
+pythagoreischen Lehrsatz. Der Apotheker war der glücklichste Vater
+und der glücklichste Mensch.
+
+Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
+Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient hätte
+er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich während der
+Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. Zweitens hatte
+er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- verschiedene
+gemeinnützige Werke veröffentlicht, beispielsweise die Schrift
+»Der Apfelwein. Seine Herstellung und seine Wirkung«, sodann seine
+»Abhandlung über die Reblaus«, die er dem Ministerium unterbreitet
+hatte, ferner seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen
+von seiner ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles
+auf. »Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
+Gesellschaften.« In Wirklichkeit war es nur eine einzige.
+
+»Eigentlich müßte es schon genügen,« rief er und warf sich
+selbstbewusst in die Brust, »daß ich mich bei den Feuersbrünsten
+hervorgetan habe!«
+
+Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der Wahlen
+erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. Schließlich
+verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er reichte ein
+Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn
+alleruntertänigst bat, »ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
+Er nannte ihn »unsern guten König« und verglich ihn mit Heinrich
+dem Vierten.
+
+Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
+zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging so
+weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des Kreuzes der
+Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von Geranien
+umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste er dieses
+bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der Regierung und
+über den Undank der Menschen nach.
+
+Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus einer Art
+Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich haben wollte, hatte
+Karl das geheime Fach des Schreibtisches aus Polisanderholz, den
+Emma benutzt hatte, noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er
+sich endlich davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten
+heraus. Da lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel
+möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten Zeile.
+Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, allen
+Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend,
+halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit einem
+Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm buchstäblich ins Gesicht.
+Es lag neben einem ganzen Bündel von Liebesbriefen.
+
+Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. Er
+ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich sogar,
+seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er
+sich einschließe, um zu trinken. Neugierige aber, die hin und
+nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, sahen zu ihrer
+Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem langen Bart und in
+schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging und laut weinte.
+
+An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf den
+Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, wenn auf
+dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer aus dem Stübchen
+Binets.
+
+Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines Schmerzes
+nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit ihm teilte.
+Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von »ihr« sprechen
+zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem Ohre zu, da auch
+sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich seine Postverbindung
+zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und Hivert, der ob seiner
+Zuverlässigkeit in Kommissionen allenthalben großes Vertrauen
+genoß, verlangte Lohnerhöhung und drohte, »zur Konkurrenz«
+überzugehen.
+
+Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen war, um sein
+Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, begegnete er
+Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide blaß. Rudolf, der
+bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine Visitenkarte bezeigt
+hatte, murmelte zunächst einige Worte der Entschuldigung, dann
+aber faßte er Mut und hatte sogar die Dreistigkeit, -- es war ein
+heißer Augusttag -- Karl zu einem Glas Bier in der nächsten Kneipe
+einzuladen.
+
+Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, plauderte
+und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in tausend Träumen
+vor diesem Gesicht, das »sie« geliebt hatte. Es war ihm, als sähe
+er ein Stück von ihr wieder. Das war ihm selber sonderbar. Er
+hätte der andre sein mögen.
+
+Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
+Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
+stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So
+vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm gar
+nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter diesem
+zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen röteten
+sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, seine Lippen
+bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in so düsterem
+Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im Satz
+steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere
+Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht.
+
+»Ich bin Ihnen nicht böse!« sagte er.
+
+Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und
+wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
+Schmerzen:
+
+»Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!«
+
+Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je in seinem
+Leben sprach:
+
+»Das Schicksal ist schuld!«
+
+Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, für
+einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig,
+eigentlich sogar komisch und verächtlich.
+
+Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
+Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter zeichneten
+ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete süß, der Himmel
+war blau, Insekten summten um die blühenden Lilien. Karl atmete
+schwer; das Herz war ihm beklommen und tieftraurig vor unsagbarer
+Liebessehnsucht.
+
+Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
+gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
+
+Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
+zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine
+lange schwarze Haarlocke.
+
+»Papa, komm doch!« rief die Kleine.
+
+Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da
+fiel er zu Boden. Er war tot.
+
+Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des
+Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand aber
+nichts.
+
+Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und dreiviertel
+Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise der kleinen Berta
+Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die gute alte Frau starb
+aber noch im selben Jahre, und da der Vater Rouault gelähmt war,
+nahm sich eine Tante des Kindes an. Sie ist arm und schickt Berta,
+damit sie sich das tägliche Brot verdient, in eine
+Baumwollspinnerei.
+
+Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander in
+Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten können.
+Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine Kurpfuscherei
+hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde duldet ihn,
+und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
+
+Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
+
+ * * * * *
+
+Die Übertragung des Romans Madame Bovary besorgte Arthur Schurig.
+
+Insel-Verlag. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
+***** This file should be named 15711-8.txt or 15711-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/
+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+your equipment.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+
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+<?xml version="1.0" encoding="us-ascii"?>
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN">
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+<HEAD>
+<TITLE>Gustave Flaubert: Frau Bovary</TITLE>
+</HEAD>
+
+<BODY>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Frau Bovary
+
+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Arthur Schurig
+
+Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
+
+
+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+<CENTER>
+<H1>Frau Bovary</H1>
+<H3>von</H3>
+<H1>Gustave Flaubert</H1>
+<P>
+Die &Uuml;bertragung des Romans <TT>Madame
+Bovary</TT> aus dem Franz&ouml;sischen besorgte Arthur
+Schurig.
+</P><P>
+Insel-Verlag zu Leipzig
+</P>
+</CENTER>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H1>Erstes Buch</H1>
+</CENTER>
+<HR>
+<CENTER>
+<H2>Erstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P>
+Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein
+&bdquo;Neuer&ldquo;, in gew&ouml;hnlichem Anzuge. Der Pedell hinter
+den beiden, Schulstubenger&auml;t in den H&auml;nden. Alle
+Sch&uuml;ler erhoben sich von ihren Pl&auml;tzen, wobei man so tat,
+als sei man aus seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt
+war, fuhr mit auf.
+
+</P><P>
+
+Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
+sich zu dem die Aufsicht f&uuml;hrenden Lehrer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Roger!&ldquo; lispelte er. &bdquo;Diesen neuen
+Z&ouml;gling hier empfehle ich Ihnen besonders. Er kommt
+zun&auml;chst in die Quinta. Bei l&ouml;blichem Flei&szlig; und
+Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er seinem Alter
+nach geh&ouml;rt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der T&uuml;re stehen. Man
+konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein
+Bauernjunge, so ungef&auml;hr f&uuml;nfzehn Jahre alt und
+gr&ouml;&szlig;er als alle andern. Die Haare trug er mit
+Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst
+sah er gar nicht dumm aus, nur war er h&ouml;chst verlegen. So
+schm&auml;chtig er war, beengte ihn sein gr&uuml;ner Tuchrock mit
+schwarzen Kn&ouml;pfen doch sichtlich, und durch den Schlitz in den
+&Auml;rmelaufschl&auml;gen schimmerten rote Handgelenke hervor, die
+zweifellos die freie Luft gew&ouml;hnt waren. Er hatte gelbbraune,
+durch die Tr&auml;ger &uuml;berm&auml;&szlig;ig hochgezogene Hosen an
+und blaue Str&uuml;mpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst
+und mit N&auml;geln beschlagen.
+
+</P><P>
+
+Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling h&ouml;rte
+aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht einmal
+wagte, die Beine &uuml;bereinander zu schlagen noch den Ellenbogen
+aufzust&uuml;tzen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke l&auml;utete,
+mu&szlig;te ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den
+andern anschlo&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer
+die M&uuml;tzen wegzuschleudern, um die H&auml;nde frei zu bekommen.
+Es kam darauf an, seine M&uuml;tze gleich von der T&uuml;r aus unter
+die richtige Bank zu facken, wobei sie unter einer t&uuml;chtigen
+Staubwolke laut aufklatschte. Das war so Schuljungenart.
+
+</P><P>
+
+Sei es nun, da&szlig; ihm dieses Verfahren entgangen war oder
+da&szlig; er nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut:
+als das Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine M&uuml;tze noch
+immer vor sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von
+Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine
+B&auml;renm&uuml;tze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen
+runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollnes K&auml;ppi, mit
+einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme
+H&auml;&szlig;lichkeit tiefsinnig stimmt wie das Gesicht eines
+Bl&ouml;dsinnigen. Sie war eif&ouml;rmig, und Fischbeinst&auml;bchen
+verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde
+W&uuml;lste, dar&uuml;ber (voneinander durch ein rotes Band getrennt)
+Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den
+ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei
+kr&ouml;nte und von dem herab an einem ziemlich d&uuml;nnen Faden
+eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, was man
+am Glanze des Schirmes erkennen konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Steh auf!&ldquo; befahl der Lehrer.
+
+</P><P>
+
+Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die ganze
+Klasse fing an zu kichern. Er b&uuml;ckte sich, das
+M&uuml;tzenunget&uuml;m aufzuheben. Ein Nachbar stie&szlig; mit dem
+Ellenbogen daran, so da&szlig; es wiederum zu Boden fiel. Ein
+abermaliges Sich-darnach-b&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leg doch deinen Helm weg!&ldquo; sagte der Lehrer, ein
+Witzbold.
+
+</P><P>
+
+Das schallende Gel&auml;chter der Sch&uuml;ler brachte den armen
+Jungen g&auml;nzlich aus der Fassung, und nun wu&szlig;te er gleich
+gar nicht, ob er seinen &bdquo;Helm&ldquo; in der Hand behalten oder
+auf dem Boden liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und
+legte die M&uuml;tze &uuml;ber seine Knie.
+
+
+</P><P>
+
+
+&bdquo;Steh auf!&ldquo; wiederholte der Lehrer, &bdquo;und sag mir
+deinen Namen!&ldquo;
+
+
+</P><P>
+
+
+Der Neuling stotterte einen unverst&auml;ndlichen Namen her.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch mal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dasselbe Silbengestammel machte sich h&ouml;rbar, von dem
+Gel&auml;chter der Klasse &uuml;bert&ouml;nt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lauter!&ldquo; rief der Lehrer. &bdquo;Lauter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, ri&szlig; den Mund weit
+auf und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte,
+das Wort von sich: &bdquo;Kabovary!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+H&ouml;llenl&auml;rm erhob sich und wurde immer st&auml;rker;
+dazwischen gellten Rufe. Man br&uuml;llte, heulte, gr&ouml;lte wieder
+und wieder: &bdquo;Kabovary! Kabovary!&ldquo; Nach und nach verlor
+sich der Spektakel in vereinzeltes Brummen, kam m&uuml;hsam zur Ruhe,
+lebte aber in den Bankreihen heimlich weiter, um da und dort
+pl&ouml;tzlich als halbersticktes Gekicher wieder aufzukommen, wie
+eine Rakete, die im Verl&ouml;schen immer wieder noch ein paar Funken
+spr&uuml;ht.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung
+in der Klasse allm&auml;hlich wiedergewonnen, und es gelang dem
+Lehrer, den Namen &bdquo;Karl Bovary&ldquo; festzustellen, nachdem er
+sich ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im
+ganzen wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich
+auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte
+den Befehl ausf&uuml;hren, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt,
+als er bereits wieder stehen blieb.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was suchst du?&ldquo; fragte der Lehrer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine M&uuml;...&ldquo;, sagte er sch&uuml;chtern, indem er
+mit scheuen Blicken Umschau hielt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;nfhundert Verse die ganze Klasse!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wie das Quos ego b&auml;ndigte die Stimme, die diese Worte
+w&uuml;tend ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bitte mir Ruhe aus!&ldquo; fuhr der emp&ouml;rte
+Schulmeister fort, w&auml;hrend er sich mit seinem Taschentuche den
+Schwei&szlig; von der Stirne trocknete. &bdquo;Und du, du Rekrut du,
+du schreibst mir zwanzigmal den Satz auf: <TT>Ridiculus
+sum!</TT>&ldquo; Sein Zorn lie&szlig; nach. &bdquo;Na, und deine
+M&uuml;tze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand
+gestohlen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Alles ward wieder ruhig. Die K&ouml;pfe versanken in den Heften, und
+der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung,
+obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte
+kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal mit
+der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen
+aufzuschlagen.
+
+</P><P>
+
+Abends, im Arbeitssaal, holte er seine &Auml;rmelschoner aus seinem
+Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich
+sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
+gewissenhaft arbeitete; er schlug alle W&ouml;rter im
+W&ouml;rterbuche nach und gab sich viel M&uuml;he. Zweifellos
+verdankte er es dem gro&szlig;en Flei&szlig;e, den er an den Tag
+legte, da&szlig; man ihn nicht in der Quinta zur&uuml;ckbehielt; denn
+wenn er auch die Regeln ganz leidlich wu&szlig;te, so verstand er
+sich doch nicht gewandt auszudr&uuml;cken. Der Pfarrer seines
+Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bi&szlig;chen Latein beigebracht, und
+aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so sp&auml;t wie nur
+m&ouml;glich auf das Gymnasium geschickt worden.
+
+</P><P>
+
+Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er hatte
+sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen lassen,
+worauf er den Abschied nehmen mu&szlig;te. Er setzte nunmehr seine
+k&ouml;rperlichen Vorz&uuml;ge in bare M&uuml;nze um und ergatterte
+sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm
+in der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das
+M&auml;dchen hatte sich in den h&uuml;bschen Mann verliebt. Er war
+ein Schweren&ouml;ter und Prahlhans, der sporenklingend
+einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die H&auml;nde voller
+Ringe hatte und in seiner Kleidung auff&auml;llige Farben liebte.
+Neben seinem Haudegentum besa&szlig; er das gewandte Getue eines
+Ellenreiters. Sobald er verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre
+auf Kosten seiner Frau zu leben, a&szlig; und trank gut, schlief bis
+in den halben Tag hinein und rauchte aus langen Porzellanpfeifen.
+Nachts pflegte er sehr sp&auml;t heimzukommen, nachdem er sich in
+Kaffeeh&auml;usern herumgetrieben hatte. Als sein Schwiegervater
+starb und nur wenig hinterlie&szlig;, war Bovary emp&ouml;rt
+dar&uuml;ber. Er &uuml;bernahm die Fabrik, b&uuml;&szlig;te aber Geld
+dabei ein, und so zog er sich schlie&szlig;lich auf das Land
+zur&uuml;ck, wovon er sich goldne Berge ertr&auml;umte. Aber er
+verstand von der Landwirtschaft auch nicht mehr als von der
+Hutmacherei, ritt lieber spazieren, als da&szlig; er seine Pferde zur
+Arbeit einspannen lie&szlig;, trank seinen Apfelwein flaschenweise
+selber, anstatt ihn in F&auml;ssern zu verkaufen, lie&szlig; das
+fetteste Gefl&uuml;gel in den eignen Magen gelangen und schmierte
+sich mit dem Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege
+sah er zu guter Letzt ein, da&szlig; es am tunlichsten f&uuml;r ihn
+sei, sich in keinerlei Gesch&auml;fte mehr einzulassen.
+
+</P><P>
+
+F&uuml;r zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem
+Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundst&uuml;ck,
+halb Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zur&uuml;ck,
+f&uuml;nfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen,
+gallig und mi&szlig;g&uuml;nstig zu jedermann. Von den Menschen
+angeekelt, wie er sagte, wollte er in Frieden f&uuml;r sich hinleben.
+
+</P><P>
+
+Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
+tausend Dem&uuml;tigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem
+heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allm&auml;hlich (just wie
+sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) m&uuml;rrisch, z&auml;nkisch
+und nerv&ouml;s geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten,
+wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her
+war und abends m&uuml;de und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher
+Spelunke zu ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zun&auml;chst
+m&auml;chtig geregt, aber schlie&szlig;lich schwieg sie, w&uuml;rgte
+ihren Grimm in stummem Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis
+zu ihrem letzten St&uuml;ndlein. Sie war unabl&auml;ssig t&auml;tig
+und immer auf dem Posten. Sie war es, die zu den Anw&auml;lten und
+Beh&ouml;rden ging. Sie wu&szlig;te, wenn Wechsel f&auml;llig waren;
+sie erwirkte ihre Verl&auml;ngerung. Sie machte alle Hausarbeiten,
+n&auml;hte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und f&uuml;hrte die
+B&uuml;cher, w&auml;hrend der Herr und Gebieter sich um nichts
+k&uuml;mmerte, aus seinem Zustande griesgr&auml;mlicher
+Schl&auml;frigkeit nicht herauskam und sich h&ouml;chstens dazu
+ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am
+Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche.
+
+</P><P>
+
+Als ein Kind zur Welt kam, mu&szlig;te es einer Amme gegeben werden;
+und als es wieder zu Hause war, wurde das schw&auml;chliche
+Gesch&ouml;pf grenzenlos verw&ouml;hnt. Die Mutter n&auml;hrte es mit
+Zuckerzeug. Der Vater lie&szlig; es barfu&szlig; herumlaufen und
+meinte h&ouml;chst weise obendrein, der Kleine k&ouml;nne eigentlich
+ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den
+Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmtes m&auml;nnliches
+Erziehungsideal in den Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu
+modeln sich M&uuml;he gab. Er sollte rauh angefa&szlig;t werden wie
+ein junger Spartaner, damit er sich t&uuml;chtig abh&auml;rte. Er
+mu&szlig;te in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen ordentlichen
+Schluck Rum vertragen und auf den &bdquo;kirchlichen Klimbim&ldquo;
+schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur und
+widerstrebte allen diesen Bem&uuml;hungen. Die Mutter schleppte ihn
+immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren aus und
+erz&auml;hlte ihm M&auml;rchen; sie unterhielt sich mit ihm in
+endlosen Selbstgespr&auml;chen, die von schwerm&uuml;tiger
+Fr&ouml;hlichkeit und wortreicher Z&auml;rtlichkeit &uuml;berquollen.
+In ihrer Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle
+ihre eigenen unerf&uuml;llten und verlorenen Sehns&uuml;chte. Im
+Traume sah sie ihn erwachsen, hochangesehen, sch&ouml;n, klug, als
+Beamten beim Stra&szlig;en- und Br&uuml;ckenbau oder in einer
+Ratsstellung. Sie lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten
+Klavier, das sie besa&szlig;, das Singen von ein paar Liedchen bei.
+Ihr Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu
+alledem, es sei blo&szlig; schade um die M&uuml;he; sie h&auml;tten
+doch niemals die Mittel, den Jungen auf eine h&ouml;here Schule zu
+schicken oder ihm ein Amt oder ein Gesch&auml;ft zu kaufen. Zu was
+auch? Dem Kecken geh&ouml;re die Welt! Frau Bovary schwieg still, und
+der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den Feldarbeitern
+hinaus, scheuchte die Kr&auml;hen auf, schmauste Beeren an den
+Rainen, h&uuml;tete mit einer Gerte die Truth&auml;hne und
+durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem
+Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
+best&uuml;rmte er den Kirchendiener, die Glocken l&auml;uten zu
+d&uuml;rfen. Dann h&auml;ngte er sich mit seinem ganzen Gewicht an
+den Strang der gro&szlig;en Glocke und lie&szlig; sich mit
+emporziehen. So wuchs er auf wie eine Lilie auf dem Felde, bekam
+kr&auml;ftige Glieder und frische Farben.
+
+</P><P>
+
+Als er zw&ouml;lf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter
+durch, da&szlig; er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam
+Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so
+unregelm&auml;&szlig;ig, da&szlig; sie nicht viel Erfolg hatten. Sie
+fanden statt, wenn der Geistliche einmal gar nichts anders zu tun
+hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen
+zwischen den Taufen und Begr&auml;bnissen. Mitunter, wenn er keine
+Lust hatte auszugehen, lie&szlig; der Pfarrer seinen Sch&uuml;ler
+nach dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden sa&szlig;en dann oben im
+St&uuml;bchen. M&uuml;cken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber
+es war so warm drin, da&szlig; der Junge schl&auml;frig wurde, und es
+dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die
+H&auml;nde &uuml;ber dem Schmerbauche gefaltet. Es kam auch vor,
+da&szlig; der Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken
+in der Umgegend, dem er das Abendmahl gereicht hatte, den kleinen
+Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm
+eine viertelst&uuml;ndige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit,
+ihn im Schatten eines Baumes seine Lektion hersagen zu lassen.
+Entweder war es der Regen, der den Unterricht st&ouml;rte, oder
+irgendein Bekannter, der vor&uuml;berging. &Uuml;brigens war der
+Lehrer durchweg mit seinem Sch&uuml;ler zufrieden, ja er meinte
+sogar, der &bdquo;junge Mann&ldquo; habe ein gar treffliches
+Ged&auml;chtnis.
+
+</P><P>
+
+So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und ihr
+Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber
+sch&auml;mte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch
+ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.
+
+</P><P>
+
+Dar&uuml;ber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber
+wurde Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein
+Vater brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.
+
+</P><P>
+
+Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch deutlich
+an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer Junge, der in der
+Freizeit wie ein Kind spielte, in den Arbeitsstunden eifrig lernte,
+w&auml;hrend des Unterrichts aufmerksam dasa&szlig;, im Schlafsaal
+vorschriftsm&auml;&szlig;ig schlief und bei den Mahlzeiten ordentlich
+zulangte. Sein Verkehr au&szlig;erhalb der Schule war ein
+Eisengro&szlig;h&auml;ndler in der Handschuhmachergasse, der aller
+vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach
+Ladenschlu&szlig;. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die
+Schiffe und brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen
+wieder in das Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit
+roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei
+Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine
+Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von Barthelemys
+&bdquo;Reise des jungen Anacharsis&ldquo;, das im Arbeitssaal
+herumlag. Bei Ausfl&uuml;gen plauderte er mit dem Pedell, der
+ebenfalls vom Lande war.
+
+</P><P>
+
+Durch seinen Flei&szlig; gelang es ihm, sich immer in der Mitte der
+Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der
+Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn seine
+Eltern vom Gymnasium fort und lie&szlig;en ihn Medizin studieren. Sie
+waren der festen Zuversicht, da&szlig; er sich bis zum Staatsexamen
+schon durchw&uuml;rgen w&uuml;rde.
+
+</P><P>
+
+Die Mutter mietete ihm ein St&uuml;bchen, vier Stock hoch, nach der
+Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines F&auml;rbers, eines alten
+Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen &uuml;ber die Verpflegung
+ihres Sohnes, besorgte ein paar M&ouml;belst&uuml;cke, einen Tisch
+und zwei St&uuml;hle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus
+Kirschbaumholz kommen lie&szlig;. Des weiteren kaufte sie ein
+Kanonen&ouml;fchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer
+Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder heim,
+nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja
+h&uuml;bsch flei&szlig;ig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz
+allein auf sich selbst angewiesen sei.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der
+medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen
+und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen, von
+Kollegien &uuml;ber Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik,
+Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen
+&Uuml;bungen usw. Alle diese vielen Namen, &uuml;ber deren Herkunft
+er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie
+geheimnisvolle Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.
+
+</P><P>
+
+Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen war,
+er begriff nichts. Um so mehr b&uuml;ffelte er. Er schrieb
+flei&szlig;ig nach, vers&auml;umte kein Kolleg und fehlte in keiner
+&Uuml;bung. Er erf&uuml;llte sein t&auml;gliches Arbeitspensum wie
+ein Gaul im Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet,
+ohne zu wissen, was f&uuml;r ein Gesch&auml;ft er eigentlich
+verrichtet.
+
+</P><P>
+
+Zu seiner pekuni&auml;ren Unterst&uuml;tzung schickte ihm seine
+Mutter allw&ouml;chentlich durch den Botenmann ein St&uuml;ck
+Kalbsbraten. Das war sein Fr&uuml;hst&uuml;ck, wenn er aus dem
+Krankenhause auf einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen,
+dazu langte die Zeit nicht, denn er mu&szlig;te alsbald wieder in ein
+Kolleg oder zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von
+Stra&szlig;en hindurch. Abends nahm er an der kargen Hauptmahlzeit
+seiner Wirtsleute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und
+setzte sich an seine Lehrb&uuml;cher, oft in nassen Kleidern, die ihm
+dann am Leibe bei der Rotglut des kleinen Ofens zu dampfen begannen.
+
+</P><P>
+
+An sch&ouml;nen Sommerabenden, wenn die schw&uuml;len Gassen leer
+wurden und die Dienstm&auml;dchen vor den Haust&uuml;ren Ball
+spielten, &ouml;ffnete er sein Fenster und sah hinaus. Unten
+flo&szlig; der Flu&szlig; vor&uuml;ber, der aus diesem Viertel von
+Rouen ein h&auml;&szlig;liches Klein-Venedig machte. Seine gelben,
+violett und blau schimmernden Wasser krochen tr&auml;g zu den Wehren
+und Br&uuml;cken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die Arme
+in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang hervorragten,
+trockneten B&uuml;ndel von Baumwolle in der Luft. Gegen&uuml;ber,
+hinter den D&auml;chern, leuchtete der weite klare Himmel mit der
+sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mu&szlig;te es da drau&szlig;en
+im Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief
+Atem, um den k&ouml;stlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch
+gar nicht bis zu ihm drang.
+
+</P><P>
+
+Er magerte ab und sah sehr schm&auml;chtig aus. Sein Gesicht bekam
+einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward
+tr&auml;ge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten
+Vors&auml;tzen mehr und mehr untreu. Heute vers&auml;umte er die
+Klinik, morgen ein Kolleg, und allm&auml;hlich fand er Genu&szlig; am
+Faulenzen und ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer
+Winkelkneipe und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in
+einer schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen
+Spielsteinen auf einem Marmortische zu klappern, das d&uuml;nkte ihn
+der h&ouml;chste Grad von Freiheit zu sein, und das st&auml;rkte ihm
+sein Selbstbewu&szlig;tsein. Es war ihm das so etwas wie der Anfang
+eines weltm&auml;nnischen Lebens, dieses Kosten verbotener Freuden.
+Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu sinnlichem
+Vergn&uuml;gen auf die T&uuml;rklinke. Eine Menge Dinge, die bis
+dahin in ihm unterdr&uuml;ckt worden waren, gewannen nunmehr Leben
+und Gestalt. Er lernte Gassenhauer auswendig, die er gelegentlich zum
+besten gab. B&eacute;ranger, der Freiheitss&auml;nger, begeisterte
+ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter Letzt entdeckte
+er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er im medizinischen
+Staatsexamen gl&auml;nzend durch.
+
+</P><P>
+
+Man erwartete ihn am n&auml;mlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei
+einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fu&szlig; auf
+den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort lie&szlig; er
+seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie
+entschuldigte ihn, schob den Mi&szlig;erfolg der Ungerechtigkeit der
+Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem sie
+ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle f&uuml;nf
+Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die Geschichte
+verj&auml;hrt, und so f&uuml;gte er sich drein. &Uuml;brigens
+h&auml;tte er es niemals zugegeben, da&szlig; sein leiblicher Sohn
+ein Dummkopf sei.
+
+</P><P>
+
+Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
+hartn&auml;ckigst auf eine nochmalige Pr&uuml;fung vor. Alles, was er
+gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat
+bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine
+Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein gro&szlig;es Festmahl
+statt.
+
+</P><P>
+
+Wo sollte er seine &auml;rztliche Praxis nun aus&uuml;ben? In Tostes.
+Dort gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete
+schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das
+Zeitliche gesegnet, da lie&szlig; sich Karl Bovary auch bereits als
+sein Nachfolger daselbst nieder.
+
+</P><P>
+
+Aber nicht genug, da&szlig; die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn
+Medizin studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte:
+nun mu&szlig;te er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der
+Witwe des Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben
+f&uuml;nfundvierzig J&auml;hrlein zw&ouml;lfhundert Franken Rente ihr
+eigen nannte. Obgleich sie h&auml;&szlig;lich war, d&uuml;rr wie eine
+Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum
+Bl&uuml;ten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs an Bewerbern.
+Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mu&szlig;te Mutter Bovary erst alle
+diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr geschickt
+fertig brachte. Sie triumphierte sogar &uuml;ber einen
+Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
+unterst&uuml;tzt wurde.
+
+</P><P>
+
+Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich dadurch
+g&uuml;nstiger zu stellen. Er hoffte, pers&ouml;nlich wie
+pekuni&auml;r unabh&auml;ngiger zu werden. Aber Heloise nahm die
+Z&uuml;gel in ihre H&auml;nde. Sie drillte ihm ein, was er vor den
+Leuten zu sagen habe und was nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er
+durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten, die
+nicht bezahlten, mu&szlig;te er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie
+erbrach seine Briefe, &uuml;berwachte jeden Schritt, den er tat, und
+horchte an der T&uuml;re, wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde
+waren. Jeden Morgen mu&szlig;te sie ihre Schokolade haben, und die
+R&uuml;cksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende.
+Unaufh&ouml;rlich klagte sie &uuml;ber Migr&auml;ne, Brustschmerzen
+oder Verdauungsst&ouml;rungen. Wenn viel Leute durch den Hausflur
+liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl ausw&auml;rts, dann fand
+sie die Einsamkeit gr&auml;&szlig;lich; kehrte er heim, so war es
+zweifellos blo&szlig;, weil er gedacht habe, sie liege im Sterben.
+Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm ihre mageren
+langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang seinen Hals und zog
+ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging die Jeremiade los. Er
+vernachl&auml;ssige sie, er liebe eine andre! Man habe es ihr ja
+gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Ungl&uuml;ck. Schlie&szlig;lich
+bat sie ihn um einen L&ouml;ffel Arznei, damit sie gesund werde, und
+um ein bi&szlig;chen mehr Liebe.
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Zweites Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel
+eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haust&uuml;re zum Stehen
+kam. Anastasia, das Dienstm&auml;dchen, klappte ihr Bodenfenster auf
+und verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der
+Stra&szlig;e stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an
+ihn.
+
+</P><P>
+
+Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
+auf, einen und dann den andern. Der Bote lie&szlig; sein Pferd
+stehen, folgte dem M&auml;dchen und betrat ohne weiteres das
+Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen K&auml;ppi, an dem eine graue
+Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und
+&uuml;berreicht ihn dem Arzt mit h&ouml;flicher Geb&auml;rde. Der
+richtete sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand
+dicht daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich
+versch&auml;mt der Wand zu und zeigte den R&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschlo&szlig;,
+wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverz&uuml;glich nach dem
+Pachtgut Les Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln.
+Nun braucht man von Tostes &uuml;ber Longueville und Sankt Victor bis
+Bertaux zu Fu&szlig; sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster.
+Frau Bovary sprach die Bef&uuml;rchtung aus, es k&ouml;nne ihrem
+Manne etwas zusto&szlig;en. Infolgedessen ward beschlossen, da&szlig;
+der Stallknecht vorausreiten, Karl aber erst drei Stunden
+sp&auml;ter, nach Mondaufgang, folgen solle. Man w&uuml;rde ihm einen
+Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute zeige und ihm den
+Hof aufschl&ouml;sse.
+
+</P><P>
+
+Fr&uuml;h gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
+geh&uuml;llt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen
+&uuml;berlie&szlig; er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser
+von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten
+parierte, wurde der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des
+gebrochnen Beines und begann in seinem Ged&auml;chtnisse alles
+auszukramen, was er von Knochenbr&uuml;chen wu&szlig;te.
+
+</P><P>
+
+Der Regen h&ouml;rte auf. Es d&auml;mmerte. Auf den laublosen
+&Auml;sten der Apfelb&auml;ume hockten regungslose V&ouml;gel, das
+Gefieder ob des k&uuml;hlen Morgenwindes gestr&auml;ubt. So weit das
+Auge sah, dehnte sich flaches Land. Auf dieser endlosen grauen
+Fl&auml;che hoben sich hie und da in gro&szlig;en Zwischenr&auml;umen
+tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit des Himmels tr&uuml;ben
+Farben zusammenflossen; das waren Baumgruppen um G&uuml;ter und
+Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit ri&szlig; Karl seine Augen auf, bis
+ihn die M&uuml;digkeit von neuem &uuml;berw&auml;ltigte und der
+Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand,
+in dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so
+da&szlig; er ein Doppelleben f&uuml;hrte. Er war noch Student und
+gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im n&auml;mlichen Moment glaubte
+er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den
+Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von hei&szlig;en
+Umschl&auml;gen mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen
+Dufte des Morgentaus. Dazu h&ouml;rte er, wie die Messingringe an den
+Stangen der Bettvorh&auml;nge klirrten und wie seine Frau im Schlafe
+atmete&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen, der
+am Rande des Stra&szlig;engrabens im Grase sa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind Sie der Herr Doktor?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln in
+die H&auml;nde und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs
+h&ouml;rte Bovary aus den Reden seines F&uuml;hrers heraus, da&szlig;
+Herr Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der
+wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf
+dem Heimwege von einem Nachbar, wo man das Dreik&ouml;nigsfest
+gefeiert hatte, ein Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre
+tot. Er lebte ganz allein mit &bdquo;dem gn&auml;digen
+Fr&auml;ulein&ldquo;, das ihm den Haushalt f&uuml;hrte.
+
+</P><P>
+
+Die Radfurchen wurden tiefer. Man n&auml;herte sich dem Gute.
+Pl&ouml;tzlich verschwand der Junge in der L&uuml;cke einer
+Gartenhecke, um hinter der Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen,
+wo er ein gro&szlig;es Tor &ouml;ffnete. Das Pferd trat in nasses
+rutschiges Gras, und Karl mu&szlig;te sich ducken, um nicht vom
+Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren aus
+ihren H&uuml;tten, schlugen an und rasselten an den Ketten. Als der
+Arzt in den eigentlichen Gutshof einritt, scheute der Gaul und machte
+einen gro&szlig;en Satz zur Seite.
+
+</P><P>
+
+Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die
+offenstehenden T&uuml;ren konnte man in die St&auml;lle blicken, wo
+kr&auml;ftige Ackerg&auml;ule gem&auml;chlich aus blanken Raufen ihr
+Heu kauten. L&auml;ngs der Wirtschaftsgeb&auml;ude zog sich ein
+dampfender Misthaufen hin. Unter den H&uuml;hnern und Truth&auml;hnen
+machten sich f&uuml;nf bis sechs Pfauen mausig, der Stolz der
+G&uuml;ter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch
+und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei gro&szlig;e
+Leiterwagen und vier Pfl&uuml;ge, dazu die n&ouml;tigen
+Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus
+Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den
+Kornb&ouml;den heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu
+etwas anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe B&auml;ume
+bepflanzt. Vom T&uuml;mpel her erscholl das fr&ouml;hliche
+Geschnatter der G&auml;nse.
+
+</P><P>
+
+An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in einem
+mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und
+begr&uuml;&szlig;te den Arzt. Er wurde nach der K&uuml;che
+gef&uuml;hrt, wo ein t&uuml;chtiges Feuer brannte. Auf dem Herde
+kochte in kleinen T&ouml;pfen von verschiedener Form das
+Fr&uuml;hst&uuml;ck des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen
+na&szlig;gewordene Kleidungsst&uuml;cke zum Trocknen. Kohlenschaufel,
+Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger
+Gr&ouml;&szlig;e, funkelten wie von blankem Stahl, w&auml;hrend
+l&auml;ngs der W&auml;nde eine Unmenge K&uuml;chenger&auml;t hing,
+&uuml;ber dem die helle Herdflamme um die Wette mit den ersten
+Strahlen der durch die Fenster huschenden Morgensonne spielte und
+glitzerte.
+
+</P><P>
+
+Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. Er
+fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
+Nachtm&uuml;tze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein
+st&auml;mmiger kleiner Mann, ein F&uuml;nfziger, mit wei&szlig;em
+Haar, blauen Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf
+einem Stuhle stand eine gro&szlig;e Karaffe voll Branntwein, aus der
+er sich von Zeit zu Zeit ein Gl&auml;schen einschenkte, um
+&bdquo;Mumm in die Knochen zu kriegen&ldquo;. Angesichts des Arztes
+legte sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern &mdash;
+was er seit zw&ouml;lf Stunden getan hatte &mdash; fing er nunmehr an
+zu &auml;chzen und zu st&ouml;hnen.
+
+</P><P>
+
+Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl h&auml;tte
+sich einen leichteren Fall nicht zu w&uuml;nschen gewagt. Alsbald
+erinnerte er sich der All&uuml;ren, die seine Lehrmeister an den
+Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten
+ein reichliches Ma&szlig; der &uuml;blichen guten Worte, jenes
+Chirurgenbalsams, der an das &Ouml;l gemahnt, mit dem die
+Seziermesser eingefettet werden. Er lie&szlig; sich aus dem
+Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu bekommen.
+Von den gebrachten St&uuml;cken w&auml;hlte er eins aus, schnitt die
+Schienen daraus zurecht und gl&auml;ttete sie mit einer Glasscherbe.
+W&auml;hrenddem stellte die Magd Leinwandbinden her, und
+Fr&auml;ulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster
+anzufertigen. Als sie ihren N&auml;hkasten nicht gleich fand,
+polterte der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim N&auml;hen
+stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut
+aus.
+
+</P><P>
+
+Karl war erstaunt, was f&uuml;r blendendwei&szlig;e N&auml;gel sie
+hatte. Sie waren mandelf&ouml;rmig geschnitten und sorglich gepflegt,
+und so schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre H&auml;nde
+freilich waren nicht gerade sch&ouml;n, vielleicht nicht wei&szlig;
+genug und ein wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu
+schlank, nicht besonders weich und in ihren Linien ungrazi&ouml;s.
+Was jedoch sch&ouml;n an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren
+braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr
+offener Blick traf die Menschen mit der K&uuml;hnheit der Unschuld.
+
+</P><P>
+
+Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
+&bdquo;einen Bissen zu essen&ldquo;, ehe er wieder aufbr&auml;che.
+Karl ward in das E&szlig;zimmer gef&uuml;hrt, das zu ebener Erde lag.
+Auf einem kleinen Tische war f&uuml;r zwei Personen gedeckt; neben
+den Gedecken blinkten silberne Becher. Aus dem gro&szlig;en
+Eichenschranke, gegen&uuml;ber dem Fenster, str&ouml;mte Geruch von
+Iris und feuchtem Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und
+Glied mehrere S&auml;cke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer
+nebenan keinen Platz gefunden, zu der drei Steinstufen
+hinauff&uuml;hrten. In der Mitte der Wand, deren gr&uuml;ner Anstrich
+sich stellenweise abbl&auml;tterte, hing in einem vergoldeten Rahmen
+eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer Minerva. In
+schn&ouml;rkeliger Schrift stand darunter geschrieben. &bdquo;Meinem
+lieben Vater!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
+Frost, von den W&ouml;lfen, die nachts die Umgegend unsicher machen.
+Fr&auml;ulein Rouault schw&auml;rmte gar nicht besonders von dem
+Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der
+Gutswirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war,
+fr&ouml;stelte sie w&auml;hrend der ganzen Mahlzeit. Beim Essen
+fielen ihre vollen Lippen etwas auf. Wenn das Gespr&auml;ch stockte,
+pflegte sie mit den Oberz&auml;hnen auf die Unterlippe zu
+bei&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+Ihr Hals wuchs aus einem wei&szlig;en Umlegekragen heraus. Ihr
+schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in der
+Mitte gescheitelt; beide H&auml;lften lagen so glatt auf dem Kopfe,
+da&szlig; sie wie zwei Fl&uuml;gel aus je einem St&uuml;cke aussahen
+und kaum die Ohrl&auml;ppchen blicken lie&szlig;en. &Uuml;ber den
+Schl&auml;fen war das Haar gewellt, was der Landarzt noch nie in
+seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei
+Kn&ouml;pfen ihrer Taille lugte &mdash; wie bei einem Herrn &mdash;
+ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.
+
+</P><P>
+
+Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, trat
+er nochmals in das E&szlig;zimmer. Er fand Emma am Fenster stehend,
+die Stirn an die Scheiben gedr&uuml;ckt. Sie schaute in den Garten
+hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich
+umwendend, fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Suchen Sie etwas?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er fing an zu suchen, hinter den T&uuml;ren und unter den
+St&uuml;hlen. Der Stock war auf den Fu&szlig;boden gefallen, gerade
+zwischen die S&auml;cke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie
+sich &uuml;ber die S&auml;cke beugte, wollte Karl ihr galant
+zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der n&auml;mlichen Absicht wie sie
+ausstreckte, ber&uuml;hrte seine Brust den geb&uuml;ckten R&uuml;cken
+des jungen M&auml;dchens. Sie f&uuml;hlten es beide. Emma fuhr rasch
+in die H&ouml;he. Ganz rot geworden, sah sie ihn &uuml;ber die
+Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.
+
+</P><P>
+
+Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt dessen
+war er bereits am n&auml;chsten Tag zur Stelle, und von da ab kam er
+regelm&auml;&szlig;ig zweimal in der Woche, ungerechnet die
+gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
+&bdquo;zuf&auml;llig in der Gegend&ldquo; war. &Uuml;brigens ging
+alles vorz&uuml;glich; die Heilung verlief regelrecht, und als man
+nach sechs und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in
+Haus und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen
+Gegend den Ruf einer Kapazit&auml;t erworben. Der alte Herr meinte,
+besser h&auml;tten ihn die ersten &Auml;rzte von Yvetot oder selbst
+von Rouen auch nicht kurieren k&ouml;nnen.
+
+</P><P>
+
+Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern nach
+dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch dar&uuml;ber nachgesonnen
+h&auml;tte, so w&uuml;rde er den Beweggrund seines Eifers zweifellos
+in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in Aussicht
+stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber wirklich die
+Gr&uuml;nde, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu k&ouml;stlichen
+Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines t&auml;tigen Lebens
+machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und
+lie&szlig; den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz
+vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit
+Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und
+so ritt er kreuzvergn&uuml;gt in den Gutshof ein. Es war ihm ein
+Wonnegef&uuml;hl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Fl&uuml;gel
+des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der Mauer kr&auml;hen zu
+h&ouml;ren und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte
+die Scheune und die St&auml;lle; er liebte den Papa Rouault, der ihm
+so treuherzig die Hand sch&uuml;ttelte und ihn seinen Lebensretter
+nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des
+Gutsfr&auml;uleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der
+K&uuml;che so allerliebst schl&uuml;rften und klapperten. In diesen
+Schuhen sah Emma viel gr&ouml;&szlig;er aus denn sonst. Wenn Karl
+wieder ging, gab sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der
+Freitreppe. War sein Pferd noch nicht vorgef&uuml;hrt, dann wartete
+sie mit. Sie hatten schon Abschied voneinander genommen, und so
+sprachen sie nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges
+Haar im Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die
+Sch&uuml;rzenb&auml;nder begannen ihr um die H&uuml;ften zu flattern.
+Einmal war Tauwetter. An den Rinden der B&auml;ume rann Wasser in den
+Hof hinab, und auf den D&auml;chern der Geb&auml;ude schmolz aller
+Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle, da ging sie wieder ins
+Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn auf. Die Sonnenlichter
+stahlen sich durch die taubengraue Seide und tupften tanzende Reflexe
+auf die wei&szlig;e Haut ihres Gesichts. Das gab ein so warmes und
+wohliges Gef&uuml;hl, da&szlig; Emma l&auml;chelte. Einzelne
+Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut vernehmbar, einer,
+wieder einer, noch einer&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Im Anfang hatte Frau Bovary h&auml;ufig nach Herrn Rouault und seiner
+Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, f&uuml;r ihn in
+ihrer doppelten Buchf&uuml;hrung ein besondres Konto einzurichten.
+Als sie aber vernahm, da&szlig; er eine Tochter hatte, zog sie
+n&auml;here Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, da&szlig;
+Fr&auml;ulein Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen
+worden war, sozusagen also &bdquo;eine feine Erziehung
+genossen&ldquo; hatte, da&szlig; sie infolgedessen Kenntnisse im
+Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und Klavierspielen
+haben mu&szlig;te. Das ging ihr &uuml;ber die Hutschnur, wie man zu
+sagen pflegt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Also darum!&ldquo; sagte sie sich. &bdquo;Darum also lacht ihm
+das ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue
+Weste an, gleichg&uuml;ltig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh
+dieses Weib, dieses Weib!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Instinktiv ha&szlig;te sie Emma. Zuerst tat sie sich eine G&uuml;te
+in allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte
+sie es mit anz&uuml;glichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer
+h&auml;uslichen Szene &uuml;ber sich ergehen lie&szlig;.
+Schlie&szlig;lich aber ging sie im Sturm vor. Karl wu&szlig;te nicht,
+was er sagen sollte. Weshalb renne er denn ewig nach Bertaux, wo doch
+der Alte l&auml;ngst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch
+nicht berappt habe? Na freilich, weil es da &bdquo;eine Person&ldquo;
+g&auml;be, die fein zu schwatzen verst&uuml;nde, ein Weibsbild, das
+sticken k&ouml;nne und weiter nichts, ein Blaustrumpf! In die sei er
+verschossen! Ein Stadtd&auml;mchen, das sei ihm ein gefundenes
+Fressen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bl&ouml;dsinn!&ldquo; polterte sie weiter. &bdquo;Die Tochter
+des alten Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr
+Gro&szlig;vater hat noch die Schafe geh&uuml;tet, und ein Vetter von
+ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt gekommen, weil er bei einem
+Streite jemanden halbtot gedroschen hat! So was hat gar keinen
+Anla&szlig;, sich was Besonders einzubilden und Sonntags aufgedonnert
+in die Kirche zu schw&auml;nzeln, in seidnen Kleidern wie eine
+Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen
+Jahre die Rapsernte nicht so unversch&auml;mt gut ausgefallen
+w&auml;re, h&auml;tte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
+k&ouml;nnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
+ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tr&auml;nen und
+K&uuml;ssen und unter tausend Z&auml;rtlichkeiten auf ihr
+Me&szlig;buch schw&ouml;ren lassen, nicht mehr hinzugehen. Er
+gehorchte. Aber in seiner heimlichen Sehnsucht war er k&uuml;hner; da
+war er emp&ouml;rt &uuml;ber seine tats&auml;chliche eigne Feigheit.
+Und in naivem Machiavellismus sagte er sich, gerade ob dieses Verbots
+habe er ein Recht auf seine Liebe. Was war die ehemalige Witwe auch
+f&uuml;r ein Weib: sie war spindeld&uuml;rr und hatte
+h&auml;&szlig;liche Z&auml;hne; Sommer wie Winter trug sie denselben
+schwarzen Schal mit dem &uuml;ber den R&uuml;cken herabh&auml;ngenden
+langen Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern
+wie in einem Futteral, und was f&uuml;r plumpe Schuhe trug sie
+&uuml;ber ihren grauen Str&uuml;mpfen.
+
+</P><P>
+
+Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch
+schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele Essen
+bek&auml;me ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich ein
+Glas Wein vorsetze? Und es sei blo&szlig; Dickk&ouml;pfigkeit von
+ihm, keine Flanellw&auml;sche zu tragen.
+
+</P><P>
+
+Zu Beginn des Fr&uuml;hlings begab es sich, da&szlig; der
+Verm&ouml;gensverwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in
+Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern &uuml;bers Meer das
+Weite suchte. Nun besa&szlig; sie allerdings au&szlig;erdem einen
+Schiffsanteil in der H&ouml;he von sechstausend Franken und ein Haus
+in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen Besitzt&uuml;mern
+hatte man nie etwas Ordentliches zu sehen bekommen. Die Witwe hatte
+nichts mit in die Ehe gebracht als ein paar M&ouml;bel und etliche
+Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache auf den Grund, und da stellte
+sich denn heraus, da&szlig; besagtes Haus bis an die Feueresse mit
+Hypotheken belastet, da&szlig; kein Mensch wu&szlig;te, wieviel Geld
+wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen, und da&szlig; die
+Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich hatte die
+liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary
+einen Stuhl gegen die Wand, da&szlig; er in tausend St&uuml;cke ging,
+und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in das
+Ungl&uuml;ck gest&uuml;rzt und ihn mit einer alten Kracke
+eingespannt, die des Futters nicht einmal mehr wert sei.
+
+</P><P>
+
+Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu
+heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres Gatten
+und beschwor ihn, sie den Eltern gegen&uuml;ber in Schutz zu nehmen.
+Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das nahmen ihm die
+Alten &uuml;bel. Sie reisten ab.
+
+</P><P>
+
+Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
+darnach, als sie dabei war, W&auml;sche im Hofe aufzuh&auml;ngen,
+bekam sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.
+
+</P><P>
+
+Als Karl vom Friedhofe zur&uuml;ckkam, fand er im Erdgescho&szlig;
+keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das
+Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am
+Bette hing. Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken,
+bis es dunkel wurde, in schmerzliche Tr&auml;umereien versunken.
+Alles in allem hatte sie ihn doch geliebt&nbsp;...
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Drittes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar
+f&uuml;r den behandelten Beinbruch: f&uuml;nfundsiebzig Franken in
+blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Ungl&uuml;ck
+erfahren und tr&ouml;stete ihn, so gut er konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig;, wie einem da zumute ist!&ldquo; sagte er,
+indem er dem Witwer auf die Schulter klopfte. &bdquo;Habs ja selber
+mal durchgemacht, ganz so wie Sie! Als ich meine Selige begraben
+hatte, da lief ich hinaus ins Freie, um allein f&uuml;r mich zu sein.
+Ich warf mich im Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem
+lieben Gott zu hadern, und machte ihm die d&uuml;mmsten
+Vorw&uuml;rfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf
+h&auml;ngen, dem der Bauch von W&uuml;rmern wimmelte. Ich beneidete
+den Kadaver! Und wenn ich daran dachte, da&szlig; im selben
+Augenblicke andre M&auml;nner mit ihren netten kleinen Frauen
+zusammen waren und sie an sich dr&uuml;ckten, schlug ich mit meinem
+Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit
+mir. Ich a&szlig; nicht mehr. Der blo&szlig;e Gedanke, in ein
+Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und so
+nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Fr&uuml;hling dem Winter
+und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei, drei, und weg
+war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige Wort: hinunter!
+Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben nicht los. Da tief
+drinnen in der Brust bleibt immer was stecken. Aber Luft kriegt man
+wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser aller Schicksal, und
+deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Man darf
+nicht sterben wollen, weil andere gestorben sind. Auch Sie
+m&uuml;ssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles vor&uuml;ber!
+Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an Sie. Sie
+h&auml;tten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Fr&uuml;hling.
+Zerstreuen Sie sich ein bi&szlig;chen bei uns. Schie&szlig;en Sie ein
+paar Karnickel auf meinem Revier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
+alles wie einst, das hei&szlig;t wie vor f&uuml;nf Monaten. Die
+Birnb&auml;ume hatten schon Bl&uuml;ten, und der treffliche Vater
+Rouault war wieder mordsgesund und von fr&uuml;h bis abend auf den
+Beinen. Und im ganzen Gut war m&auml;chtiger Betrieb.
+
+</P><P>
+
+Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
+R&uuml;cksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so
+bequem wie nur m&ouml;glich zu machen, sprach im Fl&uuml;stertone mit
+ihm wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich au&szlig;er sich,
+wenn man des Gastes wegen nicht, wie befohlen, die
+leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel
+feine Eierspeisen oder ged&uuml;nstete Birnen. Er erz&auml;hlte
+Anekdoten und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl.
+Aber mir einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde
+nachdenklich. Der Kaffee ward gebracht, und da verga&szlig; er sie
+wieder.
+
+</P><P>
+
+Je mehr er sich an sein Witwertum gew&ouml;hnte, um so weniger
+gedachte er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue
+Bewu&szlig;tsein, unabh&auml;ngig zu sein, machte ihm die Einsamkeit
+bald ertr&auml;glicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten
+selber bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft
+dar&uuml;ber geben zu m&uuml;ssen, und wenn er m&uuml;de war, alle
+vier von sich strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er
+hegte und pflegte sich und lie&szlig; alle Tr&ouml;stungen &uuml;ber
+sich ergehen. &Uuml;brigens hatte der Tod seiner Frau keine
+ung&uuml;nstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man
+wochenlang in einem fort sagte: &bdquo;Der arme Doktor. Wie
+traurig!&ldquo; blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis
+vergr&ouml;&szlig;erte sich. Und dann konnte er nun nach Bertaux
+reiten, wann es ihm beliebte. Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in
+ihm auf, ein namenloses Gl&uuml;cksgef&uuml;hl. Wenn er sich im
+Spiegel betrachtete und sich den Bart strich, fand er sich gar nicht
+&uuml;bel.
+
+</P><P>
+
+Eines sch&ouml;nen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute
+angeritten. Alles war drau&szlig;en auf dem Felde. Er betrat die
+K&uuml;che. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zun&auml;chst
+nicht. Die Fensterl&auml;den waren geschlossen. Durch die Ritzen des
+Holzes stachen die Sonnenstrahlen mit langen d&uuml;nnen Nadeln auf
+die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der M&ouml;bel
+entzwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem K&uuml;chentische
+krabbelten Fliegen an den Gl&auml;sern hinauf, purzelten summend in
+die Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den
+Kamin eindrang, verwandelte die ru&szlig;ige Herdplatte in eine
+Samtfl&auml;che und f&auml;rbte den Aschehaufen blau. Emma sa&szlig;
+zwischen dem Fenster und dem Herd und n&auml;hte. Sie hatte kein
+Halstuch um, und auf ihren entbl&ouml;&szlig;ten Schultern
+gl&auml;nzten kleine Schwei&szlig;perlen.
+
+</P><P>
+
+Nach l&auml;ndlichem Brauch bot sie dem Ank&ouml;mmling einen Trunk
+an. Als er ihn ausschlug, n&ouml;tigte sie ihn, und schlie&szlig;lich
+bat sie ihn lachend, ein Gl&auml;schen Lik&ouml;r mit ihr zu trinken.
+Sie holte aus dem Schranke eine Flasche Cura&ccedil;ao, suchte zwei
+Gl&auml;ser heraus, f&uuml;llte das eine bis zum Rande und go&szlig;
+in das andre ein paar Tropfen. Sie stie&szlig; mit Karl an und
+f&uuml;hrte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel wie nichts drin war,
+mu&szlig;te sie sich beim Trinken zur&uuml;ckbiegen. Den Kopf nach
+hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals gestrafft, so stand
+sie da und lachte dar&uuml;ber, da&szlig; ihr nichts auf die Zunge
+lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen Z&auml;hnen
+herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals suchend
+vorstie&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit zu
+widmen. Ein wei&szlig;er baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
+gesenkter Stirn sa&szlig; sie da. Sie sagte nichts und Karl erst
+recht nichts. Der Luftzug, der sich zwischen T&uuml;r und Schwelle
+eindr&auml;ngte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl
+sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei h&ouml;rte er nichts als das
+H&auml;mmern seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das
+Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin
+und wieder hielt Emma die Handfl&auml;chen ihrer H&auml;nde auf den
+kalten Knauf der Herdstange und pre&szlig;te sie dann an ihre Wangen,
+um diese zu k&uuml;hlen.
+
+</P><P>
+
+Sie klagte &uuml;ber die Schwindelanf&auml;lle, von denen sie seit
+Fr&uuml;hjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
+Seeb&auml;der dienlich w&auml;ren. Dann plauderte sie von ihrem
+Aufenthalt im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten
+sie in ein Gespr&auml;ch. Sie f&uuml;hrte ihn in ihr Zimmer und
+zeigte ihm ihre Notenhefte von damals und die niedlichen B&uuml;cher,
+die sie als Schulpr&auml;mien bekommen hatte, und die
+Eichenlaubkr&auml;nze, die im untersten Schrankfache ihr Dasein
+fristeten. Dann erz&auml;hlte sie von ihrer Mutter, von deren Grabe,
+und zeigte ihm sogar im Garten das Beet, wo die Blumen w&uuml;chsen,
+die sie der Toten jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der
+G&auml;rtner, den sie hatten, verst&uuml;nde nichts. Mit dem seien
+sie schlecht dran. Ihr Wunsch w&auml;re es, wenigstens w&auml;hrend
+der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder,
+an den langen Sommertagen sei das Leben auf dem Lande noch
+langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte, klang ihre Stimme hell
+oder scharf; oder sie nahm pl&ouml;tzlich einen matten Ton an, und
+wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz anders,
+wie fl&uuml;sternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte
+gro&szlig;e unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider
+zur H&auml;lfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahmslos und
+traumverloren aus.
+
+</P><P>
+
+Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie geredet
+hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn ihrer Worte zu
+erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von der Existenz
+schaffen, die Emma gef&uuml;hrt, ehe er sie kennen gelernt hatte.
+Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu erschauen
+als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten Male
+erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte
+er sich, wie es wohl w&uuml;rde, wenn sie sich verheiratete, aber mit
+wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so
+sch&ouml;n!
+
+</P><P>
+
+Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen, und
+eine Art eint&ouml;nige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das
+Surren eines Kreisels: &bdquo;Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn
+du dich nun verheiratetest!&ldquo; In der Nacht konnte er keinen
+Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie zugeschn&uuml;rt. Er
+versp&uuml;rte Durst, stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das
+Fenster auf. Der Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind
+strich in das Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die
+R&ouml;tung nach Bertaux.
+
+</P><P>
+
+Endlich kam er auf den Gedanken, da&szlig; es den Hals nicht kosten
+k&ouml;nne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten
+Gelegenheit um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese
+Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte
+nicht &uuml;ber die Lippen. Vater Rouault h&auml;tte l&auml;ngst
+nichts dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt
+h&auml;tte. Im Grunde n&uuml;tzte sie ihm in Haus und Hof nicht viel.
+Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie war eben f&uuml;r die
+Landwirtschaft zu geweckt. &bdquo;Ein gottverdammtes Gewerbe!&ldquo;
+pflegte er zu schimpfen. &bdquo;Das hat auch noch keinen zum
+Million&auml;r gemacht!&ldquo; Ihm hatte es in der Tat keine
+Reicht&uuml;mer gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn
+wenn er auch auf den M&auml;rkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl
+bekannt war, so war er eigentlich doch f&uuml;r Ackerbau und
+Viehzucht durchaus nicht geschaffen. Er verstand nicht zu
+wirtschaften. Er nahm nicht gern die H&auml;nde aus den Hosentaschen,
+und seinem eigenen Leibe war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut
+Essen und Trinken, einen warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein
+gutes Glas Landwein, ein halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein
+T&auml;&szlig;chen Mokka mit Kognak geh&ouml;rten zu den Idealen
+seines Lebens. Er nahm seine Mahlzeiten in der K&uuml;che ein und
+zwar allein f&uuml;r sich, in der N&auml;he des Herdfeuers an einem
+kleinen Tische, der ihm &mdash; wie auf der B&uuml;hne &mdash; fix
+und fertig gedeckt hereingebracht werden mu&szlig;te.
+
+</P><P>
+
+Als er die Entdeckung machte, da&szlig; Karl einen roten Kopf bekam,
+wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, da&szlig; fr&uuml;her oder
+sp&auml;ter ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald
+&uuml;berlegte er sich die Geschichte. Besonders schneidig sah ja
+Karl Bovary nicht gerade aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen
+k&uuml;nftigen Schwiegersohn ein bi&szlig;chen anders gedacht, aber
+er war doch als anst&auml;ndiger Kerl bekannt, sparsam und
+t&uuml;chtig in seinem Berufe. Und zweifellos w&uuml;rde er wegen der
+Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge
+gro&szlig;er Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er
+sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu
+verkaufen. Die Kelter mu&szlig;te auch erneuert werden. Und so sagte
+er sich: &bdquo;Wenn er um Emma anh&auml;lt, soll er sie
+kriegen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag und
+Stunde auf Stunde, ohne da&szlig; Karls Wille zur Tat ward. Rouault
+gab ihm ein kleines St&uuml;ck Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs
+vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden. Das
+war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis zuallerletzt. Erst
+als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er los:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verehrter Herr Rouault, ich m&ouml;chte Ihnen gern etwas
+sagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden M&auml;nner blieben
+stehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!&ldquo;
+Rouault lachte gem&uuml;tlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vater Rouault! Vater Rouault!&ldquo; stammelte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinen Segen sollen Sie haben!&ldquo; fuhr der
+Gutsp&auml;chter fort. &bdquo;Meine Kleine denkt gewi&szlig; nicht
+anders als ich, aber gefragt werden mu&szlig; sie. Reiten Sie getrost
+nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins Gebet nehmen. Wenn sie Ja
+sagt, &mdash; wohlverstanden! &mdash; brauchen Sie jedoch nicht
+umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein
+bi&szlig;chen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut
+schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde einen
+Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da oben
+&uuml;ber die Hecke gucken, k&ouml;nnen Sie das ungesehen
+beobachten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Damit ging er.
+
+</P><P>
+
+Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die B&ouml;schung
+hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
+Eine halbe Stunde verstrich &mdash; und dann noch neunzehn Minuten
+... Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden
+blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde
+&uuml;ber und &uuml;ber rot, als sie ihn sah. Sie l&auml;chelte
+gezwungen ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte
+seinen k&uuml;nftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der
+gesch&auml;ftlichen Punkte wurde verschoben. &Uuml;brigens war noch
+viel Zeit dazu, da die Hochzeit anstandshalber vor Ablauf von Karls
+Trauerjahr nicht stattfinden konnte, das hie&szlig;, nicht vor dem
+n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr.
+
+</P><P>
+
+In dieser Erwartung verging der Winter. Fr&auml;ulein Rouault
+besch&auml;ftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
+Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, die
+sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte das
+Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
+&uuml;berlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
+Platten und Sch&uuml;sseln auf die Tafel kommen und was f&uuml;r
+Vorspeisen es geben solle.
+
+</P><P>
+
+Am liebsten h&auml;tte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
+zw&ouml;lf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden w&auml;re; aber
+f&uuml;r solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verst&auml;ndnis.
+Man einigte sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig
+G&auml;ste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch
+sitzen bleiben. Am n&auml;chsten Tage und an den folgenden sollte es
+so weitergehen.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Viertes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Die Hochzeitsg&auml;ste stellten sich p&uuml;nktlich ein, in
+Kutschen, Landauern, Einsp&auml;nnern, Gigs, Kremsern mit
+Ledervorh&auml;ngen, in allerlei Fuhrwerk moderner und
+vorsintflutlicher Art. Das junge Volk aus den n&auml;chsten
+Nachbard&ouml;rfern kam t&uuml;chtig durchger&uuml;ttelt im Trabe in
+einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe stehend, die
+H&auml;nde an den Seitenstangen, um nicht umzufallen. Etliche eilten
+zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville, Normanville und Cany.
+Die Verwandten beider Familien waren samt und sonders geladen.
+Freunde, mit denen man uneins gewesen, vers&ouml;hnte man, und es war
+an Bekannte geschrieben worden, von denen man wer wei&szlig; wie
+lange nichts geh&ouml;rt hatte.
+
+</P><P>
+
+Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
+Eine Weile sp&auml;ter erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging
+es bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die
+Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie und
+turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen
+st&auml;dtische Kleider, goldne Uhrketten, Umh&auml;nge mit langen
+Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die
+mit einer Nadel auf dem R&uuml;cken festgesteckt waren, damit sie
+hinten den Hals frei lie&szlig;en. Die Knaben, genau so angezogen wie
+ihre V&auml;ter, f&uuml;hlten sich in ihren R&ouml;cken sichtlich
+unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige
+Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis
+sechzehnj&auml;hrige M&auml;dchen, offenbar ihre Basen oder
+&auml;lteren Schwestern, in ihren wei&szlig;en Firmelkleidern, die
+man zur Feier des Tages um ein St&uuml;ck l&auml;nger gemacht hatte,
+alle mit roten versch&auml;mten Gesichtern und pomadisiertem Haar,
+voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht
+Knechte genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen,
+streiften die Herren die Rock&auml;rmel hoch und stellten ihre Pferde
+eigenh&auml;ndig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren
+sie in Fr&auml;cken, R&ouml;cken oder Jacketts erschienen. Manche in
+ehrw&uuml;rdigen Bratenr&ouml;cken, die nur bei ganz besonderen
+Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke geholt wurden; ihre langen
+Sch&ouml;&szlig;e flatterten im Winde, die Kragen daran sahen aus wie
+Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang von S&auml;cken. Es
+waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein gekommen, meist im
+Verein mit messingumr&auml;nderten M&uuml;tzen; fernerhin ganz kurze
+R&ouml;cke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden gro&szlig;en
+Kn&ouml;pfen hinten in der Taille und mit Sch&ouml;&szlig;en, die so
+ausschauten, als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem
+Ganzen herausgehackt. Ein paar (einige wenige) G&auml;ste &mdash; und
+das waren solche, die dann an der Festtafel gewi&szlig; am
+alleruntersten Ende zu sitzen kamen &mdash; trugen nur Sonntagsblusen
+mit breitem Umlegekragen und R&uuml;ckenfalten unter dem G&uuml;rtel.
+
+</P><P>
+
+Die steifen Hemden w&ouml;lbten sich &uuml;ber den Br&uuml;sten wie
+K&uuml;rasse. Durchweg hatte man sich unl&auml;ngst das Haar
+schneiden lassen (um so mehr standen die Ohren von den Sch&auml;deln
+ab!), und alle waren ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln
+aufgestanden waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug
+gehabt und hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer
+geschnitten oder hatten am Kinn L&ouml;cher in der Haut bekommen,
+gro&szlig; wie Talerst&uuml;cke. Unterwegs hatten sich diese Wunden
+in der frischen Morgenluft ger&ouml;tet, und so leuchteten auf den
+breiten blassen Bauerngesichtern gro&szlig;e rote Flecke.
+
+</P><P>
+
+Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. Man
+begab sich zu Fu&szlig; dahin und ebenso zur&uuml;ck, nachdem die
+Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war
+anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich durch
+die gr&uuml;nen Felder geschl&auml;ngelt. Aber bald lockerte er sich
+und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten
+plaudernd versp&auml;teten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer
+buntbeb&auml;nderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die
+Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt
+die Kinder, die sich damit vergn&uuml;gten, &Auml;hren aus den
+Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas
+Kleid, das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin.
+Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las
+sie behutsam mit ihren behandschuhten H&auml;nden die kleinen
+stacheligen Distelbl&auml;tter ab, die an ihrem Kleide h&auml;ngen
+geblieben waren. W&auml;hrenddem stand Karl mit leeren H&auml;nden da
+und wartete, bis sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen
+Zylinderhut und einen schwarzen Rock, dessen &Auml;rmel ihm bis an
+die Fingern&auml;gel reichten. Am Arm f&uuml;hrte er Frau Bovary
+senior. Der alte Herr Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze
+Sippschaft um sich herum verachtete, war einfach in einem
+uniform&auml;hnlichen einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite
+schritt eine junge blonde B&auml;uerin, die er mir derben Galanterien
+traktierte. Sie h&ouml;rte ihm respektvoll zu, wu&szlig;te aber in
+ihrer Verlegenheit gar nicht, was sie sagen sollte. Die &uuml;brigen
+G&auml;ste sprachen von ihren Gesch&auml;ften oder ulkten sich
+gegenseitig an, um sich in fidele Stimmung zu bringen. Wer
+aufhorchte, h&ouml;rte in einem fort das Tirilieren des Spielmannes,
+der auch im freien Felde weitergeigte. Sooft er bemerkte, da&szlig;
+die Gesellschaft weit hinter ihm zur&uuml;ckgeblieben war, machte er
+Halt und sch&ouml;pfte Atem. Umst&auml;ndlich rieb er seinen
+Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten sch&ouml;ner
+quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in Bewegung. Er
+hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht h&uuml;bsch im
+Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die V&ouml;gel schon von
+weitem.
+
+</P><P>
+
+Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens
+aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs
+Sch&uuml;sseln mit H&uuml;hnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem
+Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier
+Leberw&uuml;rsten in Sauerkraut, ein k&ouml;stlich knusprig
+gebratenes Spanferkel. An den vier Ecken des Tisches br&uuml;steten
+sich Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen
+wirbelte perlender Apfelweinsekt, w&auml;hrend auf der Tafel bereits
+alle Gl&auml;ser im voraus bis an den Rand vollgeschenkt waren.
+Gro&szlig;e Teller mit gelber Creme, die beim leisesten Sto&szlig;
+gegen den Tisch zitterte und bebte, vervollst&auml;ndigten die
+Augenweide. Auf der glatten Oberfl&auml;che dieses Desserts prangten
+in umschn&ouml;rkelten Monogrammen von Zuckergu&szlig; die
+Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Br&auml;utigam. F&uuml;r
+die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot kommen
+lassen. Da dies sein Deb&uuml;t in der Gegend war, hatte er sich ganz
+besondre M&uuml;he gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenh&auml;ndig
+ein Prunkst&uuml;ck seiner Kunst auf, das ein allgemeines
+&bdquo;Ah!&ldquo; hervorrief. Der Unterbau aus blauer Pappe stellte
+ein von Sternen aus Goldpapier &uuml;bers&auml;tes Tempelchen dar,
+mit einem S&auml;ulenumgang und Nischen, in denen Statuen aus
+Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich ein Festungsturm
+aus Pfefferkuchen, umbaut von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln,
+Rosinen und Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber
+kr&ouml;nte &uuml;ber einer gr&uuml;nen Landschaft aus Wiesen, Felsen
+und Teichen mit Nu&szlig;schalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk):
+ein niedlicher Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade
+wiegte. In den beiden kugelgeschm&uuml;ckten Schn&auml;beln der
+Schaukel steckten zwei lebendige Rosenknospen.
+
+</P><P>
+
+Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen
+erm&uuml;det war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte
+eine Partie des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und
+setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar G&auml;ste schliefen
+gegen das Ende des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim
+Kaffee war alles wieder munter. Man sang Lieder, vollf&uuml;hrte
+allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, scho&szlig;
+Purzelb&auml;ume, hob Schubkarren bis zur Schulterh&ouml;he,
+erz&auml;hlte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte mit den
+Damen.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Aufbruch war es kein leichtes St&uuml;ck Arbeit, den Pferden,
+die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte und
+Geschirre aufzulegen. Die &uuml;berm&uuml;tigen Tiere stiegen,
+bockten und schlugen aus, w&auml;hrend die Herren und Kutscher
+fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den
+mondbegl&auml;nzten Landstra&szlig;en in Karriere &uuml;ber Stock und
+Stein heimrasende Fuhrwerke.
+
+</P><P>
+
+Die nacht&uuml;ber in Bertaux bleibenden G&auml;ste zechten am
+K&uuml;chentische bis zum fr&uuml;hen Morgen weiter, w&auml;hrend die
+Kinder unter den B&auml;nken schliefen.
+
+</P><P>
+
+Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den
+herk&ouml;mmlichen Sp&auml;&szlig;en zu bewahren. Indessen machte
+sich ein Vetter &mdash; ein Seefischh&auml;ndler, der als
+Hochzeitsgeschenk selbstverst&auml;ndlich ein paar Seezungen
+gestiftet hatte &mdash; doch daran, einen Mund voll Wasser durch das
+Schl&uuml;sselloch des Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault
+erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er
+machte ihm klar, da&szlig; sich derartige Scherze mit der W&uuml;rde
+seines Schwiegersohnes nicht vertr&uuml;gen. Der Vetter lie&szlig;
+sich durch diese Einw&auml;nde nur widerwillig von seinem Vorhaben
+abbringen. Insgeheim hielt er den alten Rouault f&uuml;r aufgeblasen.
+Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bis f&uuml;nf andern
+Unzufriedenen, die w&auml;hrend des Mahles bei der Wahl der
+Fleischst&uuml;cke Mi&szlig;griffe getan hatten. Diese
+Ungl&uuml;cksmenschen r&auml;sonierten nun alle untereinander auf den
+Gastgeber und w&uuml;nschten ihm ungeniert alles &Uuml;ble.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag &uuml;ber aus ihrer
+Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der
+Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
+Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zur&uuml;ck.
+Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er
+lie&szlig; sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er
+Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden
+unbekannt war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an.
+
+</P><P>
+
+Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er w&auml;hrend des Festes
+gar keine gl&auml;nzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien,
+Sp&auml;&szlig;e, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und
+Anulkungen, die ihm der Sitte gem&auml;&szlig; bei Tische zuteil
+geworden waren, hatte er sich alles andre denn schlagfertig gezeigt.
+Um so m&auml;chtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war
+er offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor
+sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich
+v&ouml;llig und lie&szlig; sich nicht das geringste anmerken. Die
+gr&ouml;&szlig;ten Schandm&auml;uler waren sprachlos; sie standen da
+wie vor einem Wundertier. Karl freilich machte aus seinem Gl&uuml;ck
+kein Hehl. Er nannte Emma &bdquo;mein liebes Frauchen&ldquo;, duzte
+sie, lief ihr &uuml;berallhin nach und zog sie mehrfach abseits, um
+allein mit ihr im Hofe unter den B&auml;umen ein wenig zu plaudern,
+wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und
+Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdr&uuml;ckte
+mit seinem Kopfe ihr Halstuch.
+
+</P><P>
+
+Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuverm&auml;hlten auf. Karl
+konnte seiner Patienten wegen nicht l&auml;nger verweilen. Vater
+Rouault lie&szlig; das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und
+gab ihm pers&ouml;nlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied
+k&uuml;&szlig;te er seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und
+machte sich zu Fu&szlig; auf den R&uuml;ckweg.
+
+</P><P>
+
+Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
+Wagen nachzuschauen, der die sandige Stra&szlig;e dahinrollte. Dabei
+seufzte er tief auf. Er dachte zur&uuml;ck an seine eigne Hochzeit,
+an l&auml;ngstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft
+seiner Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des
+Tages, wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte.
+Auf dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er
+seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so um
+Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit
+der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern
+ihren Korb getragen. Die langen B&auml;nder ihres normannischen
+Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um
+die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er &uuml;ber seine
+Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges Gesicht,
+das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich hinl&auml;chelte.
+Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger eine Weile in
+seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange war das nun her!
+Wenn ihr Sohn am Leben geblieben w&auml;re, dann w&auml;re er jetzt
+drei&szlig;ig Jahre alt!
+
+</P><P>
+
+Er blickte sich nochmals um. Auf der Stra&szlig;e war nichts mehr zu
+sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem vielen
+Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die z&auml;rtlichen
+Erinnerungen mit schwerm&uuml;tigen Gedanken. Einen Augenblick lang
+versp&uuml;rte er das Verlangen, den Umweg &uuml;ber den Friedhof zu
+machen. Aber er f&uuml;rchtete sich davor, da&szlig; ihn dies nur
+noch tr&uuml;bseliger stimmte, und so ging er auf dem k&uuml;rzesten
+Wege nach Hause.
+
+</P><P>
+
+Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn
+st&uuml;rzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu
+ersp&auml;hen. Die alte Magd empfing sie unter
+Gl&uuml;ckw&uuml;nschen und bat um Entschuldigung, da&szlig; das
+Mittagessen noch nicht ganz fertig sei. Sie lud die gn&auml;dige Frau
+ein, einstweilen ihr neues Heim in Augenschein zu nehmen.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie der
+Stra&szlig;e, genauer gesagt: der Landstra&szlig;e. In der Hausflur,
+gleich an der Haust&uuml;re, hingen an einem Halter ein Kragenmantel,
+ein Z&uuml;gel, eine M&uuml;tze aus schwarzem Leder, und in einem
+Winkel auf dem Fu&szlig;boden lagen ein paar Gamaschen, voll von
+trocken gewordnem Stra&szlig;enschmutz. Rechter Hand lag die
+&bdquo;Gro&szlig;e Stube&ldquo;, das hei&szlig;t der Raum, in dem die
+Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich als Wohnzimmer diente.
+An den W&auml;nden bauschte sich allenthalben die schlecht
+aufgeklebte zeisiggr&uuml;ne Papiertapete, die an der Decke durch
+eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern
+&uuml;berschnitten sich wei&szlig;e Kattunvorh&auml;nge, die rote
+Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine
+Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten
+Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen.
+
+</P><P>
+
+Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines
+Gemach, etwa sechs Fu&szlig; in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei
+St&uuml;hle und ein Schreibtischsessel. Die sechs F&auml;cher eines
+B&uuml;chergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die
+B&auml;nde des &bdquo;Medizinischen Lexikons&ldquo; ausgef&uuml;llt,
+die unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen
+Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte
+Umschl&auml;ge bekommen hatten. Durch die d&uuml;nne Wand drang
+Buttergeruch aus der benachbarten K&uuml;che in das Sprechzimmer,
+w&auml;hrend man dort h&ouml;ren konnte, wenn die Patienten husteten
+und ihre langen Leidensgeschichten erz&auml;hlten.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Hofe zu, wo das Stallgeb&auml;ude stand, lag ein
+gro&szlig;es verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als
+Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit
+altem Eisen, leeren F&auml;ssern, abgetanenem Ackerger&auml;t und
+einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen
+kaum mehr ansehen konnte.
+
+</P><P>
+
+Der Garten, der mehr in die L&auml;nge denn in die Breite ging,
+dehnte sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
+begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. Mitten
+im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr darauf, auf
+einer Schieferplatte. Vier Felder mit d&uuml;rftigen Heckenrosen
+umg&uuml;rteten symmetrisch ein Mittelbeet mit n&uuml;tzlicherem
+Gew&auml;chs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand
+eine Tonfigur: ein M&ouml;nch, in sein Brevier vertieft.
+
+</P><P>
+
+Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war
+&uuml;berhaupt nicht m&ouml;bliert, aber im zweiten, der gemeinsamen
+Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorh&auml;ngen ein
+Himmelbett aus Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit
+Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster
+leuchtete in einer Kristallvase ein Strau&szlig; von
+Orangenbl&uuml;ten, umwunden von einem Seidenbande: ein
+Hochzeitsbukett, die Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie.
+Karl bemerkte es, nahm den Strau&szlig; aus der Vase und trug ihn auf
+den Oberboden. W&auml;hrenddem sa&szlig; sie in einem Lehnstuhl. Ihr
+eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das in einer Schachtel
+verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in das Zimmer und baute
+sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, was wohl mit
+ihrem Strau&szlig;e gesch&auml;he, wenn sie zuf&auml;llig auch bald
+st&uuml;rbe.
+
+</P><P>
+
+In den ersten Tagen besch&auml;ftigte sich Emma damit, sich allerlei
+&Auml;nderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken
+von den Leuchtern, lie&szlig; neu tapezieren, die Treppe streichen
+und B&auml;nke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
+
+</P><P>
+
+Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
+Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden k&ouml;nnte. Karl
+wu&szlig;te, da&szlig; sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade
+eine Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
+neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein
+Dogcart.
+
+</P><P>
+
+So war Karl der gl&uuml;cklichste und sorgenloseste Mensch auf der
+Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
+Landstra&szlig;e, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band
+im Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze
+h&auml;ngenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von
+denen er nie geglaubt h&auml;tte, da&szlig; sie einen erfreuen
+k&ouml;nnten, all das trug dazu bei, da&szlig; sein Gl&uuml;ck nicht
+aufh&ouml;rte. Fr&uuml;hmorgens im Bette, Seite an Seite mit ihr auf
+demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch den
+blonden Flaum ihrer von den Haubenb&auml;ndern halbverdeckten Wangen
+huschten. So aus der N&auml;he kamen ihm ihre Augen viel
+gr&ouml;&szlig;er vor, besonders beim Erwachen, wenn sich ihre Lider
+mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten
+sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau am lichten Tage; in
+ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, w&auml;hrend sie sich nach der
+schimmernden Oberfl&auml;che zu aufhellten. Sein eigenes Auge verlor
+sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz klein, bis an
+die Schultern, mit dem Seidentuche, das er sich um den Kopf
+geschlungen hatte, und dem Kragen seines offen stehenden Nachthemdes.
+
+</P><P>
+
+Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um
+ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das Fensterbrett
+gest&uuml;tzt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie leicht
+umflo&szlig;, zwischen zwei Geranienst&ouml;cken. Karl unten auf der
+Stra&szlig;e schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an.
+Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, w&auml;hrenddem
+sie mit ihrem Munde eine Bl&uuml;te oder ein Bl&auml;ttchen von den
+Geranien abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und
+schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel
+und blieb schlie&szlig;lich im Fallen in der ungepflegten M&auml;hne
+der alten Schimmelstute h&auml;ngen, die unbeweglich vor der
+Haust&uuml;re wartete. Karl sa&szlig; auf und warf seiner Frau eine
+Ku&szlig;hand zu. Sie antwortete winkend und schlo&szlig; das
+Fenster. Er ritt ab.
+
+</P><P>
+
+Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstra&szlig;e, in
+den Hohlwegen, &uuml;ber denen sich die B&auml;ume zu einem Laubdache
+schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die
+Knie streifte, die warme Sonne auf dem R&uuml;cken, die frische
+Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der
+Nacht, friedsamen Gem&uuml;ts und befriedigter Sinne, &mdash; da
+geno&szlig; er all sein Gl&uuml;ck abermals, just wie einer, der nach
+einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Tr&uuml;ffeln, die er
+bereits verdaut, noch auf der Zunge hat.
+
+</P><P>
+
+Was hatte er bisher an Gl&uuml;ck in seinem Leben erfahren? War er
+denn im Gymnasium gl&uuml;cklich gewesen, wo er sich in der Enge
+hoher Mauern so einsam gef&uuml;hlt hatte, unter seinen Kameraden,
+die reicher und st&auml;rker waren als er, &uuml;ber seine
+b&auml;uerische Aussprache lachten, sich &uuml;ber seinen Anzug
+lustig machten und zur Besuchszeit mit ihren M&uuml;ttern plauderten,
+die mit Kuchen in der Tasche kamen? Oder etwa sp&auml;ter als Student
+der Medizin, wo er niemals Geld genug im Beutel gehabt hatte, um
+irgendein kleines M&auml;del zum Tanz f&uuml;hren zu k&ouml;nnen, das
+seine Geliebte geworden w&auml;re? Oder gar w&auml;hrend der vierzehn
+Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren F&uuml;&szlig;e im
+Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besa&szlig;
+er f&uuml;r immerdar seine h&uuml;bsche Frau, in die er vernarrt war.
+Seine Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen
+Unterrocks, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht
+genug. Und so &uuml;berkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr.
+Spornstreichs ritt er heimw&auml;rts, rannte die Treppe hinauf, mit
+klopfendem Herzen ... Emma sa&szlig; in ihrem Zimmer bei der
+Toilette. Er schlich sich auf den Fu&szlig;spitzen von hinten an sie
+heran und k&uuml;&szlig;te ihr den Nacken. Sie stie&szlig; einen
+Schrei aus.
+
+</P><P>
+
+Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, ihr
+Halstuch zu bef&uuml;hlen. Manchmal k&uuml;&szlig;te er sie
+t&uuml;chtig auf die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner
+K&uuml;sse gleichsam aneinander, die ihren nackten Arm in seiner
+ganzen L&auml;nge von den Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter
+bedeckten. Sie wehrte ihn ab, l&auml;chelnd und gelangweilt, wie man
+ein kleines Kind zur&uuml;ckdr&auml;ngt, das sich an einen
+anklammert.
+
+</P><P>
+
+Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
+empfinden. Aber als das Gl&uuml;ck, das sie aus dieser Liebe
+erwartete, ausblieb, da mu&szlig;te sie sich doch get&auml;uscht
+haben. So dachte sie. Und sie gab sich M&uuml;he, zu ergr&uuml;beln,
+wo eigentlich in der Wirklichkeit all das Sch&ouml;ne sei, das in den
+Romanen mit den Worten Gl&uuml;ckseligkeit, Leidenschaft und Rausch
+so verlockend geschildert wird.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Sechstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Emma hatte &bdquo;Paul und Virginia&ldquo; gelesen und in ihren
+Tr&auml;umereien alles vor sich gesehen: die Bambush&uuml;tte, den
+Neger Domingo, den Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die
+z&auml;rtliche Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt,
+der f&uuml;r sie rote Fr&uuml;chte auf &uuml;berturmhohen B&auml;umen
+pfl&uuml;ckte und barfu&szlig; durch den Sand gelaufen kam, ihr ein
+Vogelnest zu bringen.
+
+</P><P>
+
+Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt, um
+sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im Viertel
+Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt bekamen,
+auf denen Szenen aus dem Leben des Fr&auml;uleins von
+Lavalli&egrave;re gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder,
+hier und da von Messerkritzeln besch&auml;digt, verherrlichten
+Fr&ouml;mmigkeit, Gef&uuml;hls&uuml;berschwang und h&ouml;fischen
+Prunk.
+
+</P><P>
+
+In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich nicht
+im geringsten. Sie f&uuml;hlte sich vielmehr in der Gesellschaft der
+g&uuml;tigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein
+Vergn&uuml;gen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom
+Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den Freistunden
+spielte sie nur h&ouml;chst selten, im Katechismus war sie alsbald
+sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die dem Herrn
+Pfarrer immer zu antworten wu&szlig;te. So lebte sie, ohne in die
+Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosph&auml;re der Schulstuben und
+unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkr&auml;nzen und
+Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen
+Traumzustand, der sich um die Weihrauchd&uuml;fte, die K&uuml;hle der
+Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe
+zuzuh&ouml;ren, betrachtete sie die frommen himmelblau
+umr&auml;nderten Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in
+das kranke Lamm Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und
+in den armen Christus selber, der, sein Kreuz schleppend,
+zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag
+lang ohne Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um
+irgendein Gel&uuml;bde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte.
+
+</P><P>
+
+Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine S&uuml;nden,
+nur damit sie l&auml;nger im Halbdunkel knien durfte, die H&auml;nde
+gefaltet, das Gesicht ans Gitter gepre&szlig;t, unter dem
+fl&uuml;sternden Priester. Die Gleichnisse vom Br&auml;utigam, vom
+Gemahl, vom himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in
+den Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele
+geheimnisvolle s&uuml;&szlig;e Schauer.
+
+</P><P>
+
+Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen
+Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen
+Geschichte oder aus den &bdquo;Stunden der Andacht&ldquo; des
+Abb&eacute; Frayssinous und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands
+&bdquo;Geist des Christentums&ldquo;. Wie andachtsvoll lauschte sie
+bei den ersten Malen den klangreichen Klagen romantischer Schwermut,
+die wie ein Echo aus Welt und Ewigkeit erschallten! W&auml;re Emmas
+Kindheit im Hinterst&uuml;bchen eines Kramladens in einem
+Gesch&auml;ftsviertel dahingeflossen, dann w&auml;re das junge
+M&auml;dchen vermutlich der Naturschw&auml;rmerei verfallen, die
+zumeist in literarischer Anregung ihre Quelle hat. So aber kannte sie
+das Land zu gut: das Bl&ouml;ken der Herden, die Milch- und
+Landwirtschaft. An friedsame Vorg&auml;nge gew&ouml;hnt, gewann sie
+eine Vorliebe f&uuml;r das dem Entgegengesetzte: das Abenteuerliche.
+So liebte sie das Meer einzig um der wilden St&uuml;rme willen und
+das Gr&uuml;n, nur wenn es zwischen Ruinen sein Dasein fristete. Es
+war ihr ein Bed&uuml;rfnis, aus den Dingen einen egoistischen
+Genu&szlig; zu sch&ouml;pfen, und sie warf alles als unn&uuml;tz
+beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente. Ihre
+Eigenart war eher sentimental als &auml;sthetisch; sie sp&uuml;rte
+lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach.
+
+</P><P>
+
+Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier Wochen
+auf acht Tage einstellte, um die W&auml;sche auszubessern. Da sie
+einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution zugrunde
+gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit beg&ouml;nnert. Sie
+a&szlig; mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern, und
+pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderst&uuml;ndchen zu machen,
+bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, da&szlig;
+sich die Pension&auml;rinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die
+Alte aufsuchten. Sie wu&szlig;te galante Chansons aus dem <TT>ancien
+r&eacute;gime</TT> auswendig und sang ihnen welche halbleise vor,
+ohne dabei ihre Flickarbeit zu vernachl&auml;ssigen. Sie
+erz&auml;hlte Geschichten, wu&szlig;te stets Neuigkeiten,
+&uuml;bernahm allerhand Besorgungen in der Stadt und lieh den
+gr&ouml;&szlig;eren M&auml;dchen Romane, von denen sie immer ein paar
+in den Taschen ihrer Sch&uuml;rze bei sich hatte. In den Ruhepausen
+ihrer T&auml;tigkeit verschlang das gute Fr&auml;ulein selber schnell
+ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften, Liebhabern,
+Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in einsamen Pavillonen
+ohnm&auml;chtig, und von Postillionen, die an allen Ecken und Enden
+gemordet wurden, von edlen Rossen, die man auf Seite f&uuml;r Seite
+zuschanden ritt, von d&uuml;steren W&auml;ldern, Herzensk&auml;mpfen,
+Schw&uuml;ren, Schluchzen, Tr&auml;nen und K&uuml;ssen, von
+Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den B&uuml;schen, von
+hohen Herren, die wie L&ouml;wen tapfer und sanft wie Bergschafe
+waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer k&ouml;stlich
+gekleidet und ganz unbeschreiblich tr&auml;nenselig. Ein halbes Jahr
+lang beschmutzte sich die f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Emma ihre Finger
+mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott
+in die H&auml;nde, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen
+Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Ritters&auml;len und
+Minnes&auml;ngern. Am liebsten h&auml;tte sie in einem alten
+Herrensitze gelebt, geh&uuml;llt in schlanke Gew&auml;nder wie jene
+Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gest&uuml;tzt und
+das Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage vertr&auml;umten
+und in die Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein
+Rittersmann mit wei&szlig;er Helmzier dahergest&uuml;rmt k&auml;me
+auf einem schwarzen Ro&szlig;. Damals trieb sie einen wahren Kult mit
+Maria Stuart; ihre Verehrung von ber&uuml;hmten oder
+ungl&uuml;cklichen Frauen ging bis zur Schw&auml;rmerei. Die Jungfrau
+von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die sch&ouml;ne Ferronni&egrave;re
+und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem
+grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse. Fast ganz im
+Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in ihrer
+Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende
+Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwigs des Elften, irgendeine
+Szene aus der Bartholom&auml;usnacht, der Helmbusch Heinrichs des
+Vierten, dazu unausl&ouml;schlich die Erinnerung an die gemalten
+Teller mit den Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten.
+
+</P><P>
+
+In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
+Rede von Englein mit goldenen Fl&uuml;geln, von Madonnen, Lagunen und
+Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr
+Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die
+Realit&auml;ten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber
+der Sentimentalit&auml;t. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten
+lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als Neujahrsgeschenke
+bekommen hatten. Da&szlig; man sie heimlich halten mu&szlig;te, war
+die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen. Emma nahm die
+sch&ouml;nen Atlaseinb&auml;nde nur behutsam in die Hand und
+lie&szlig; sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren,
+die ihre Beitr&auml;ge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten.
+Das Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin
+leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre Seite
+sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in einem
+M&auml;ntelchen, wie er hinter der Br&uuml;stung eines Altans ein
+wei&szlig; gekleidetes junges M&auml;dchen mit einer Tasche am
+G&uuml;rtel an sich dr&uuml;ckte; auf anderen waren Bildnisse von
+ungenannten blondlockigen englischen Ladys, die unter runden
+Strohh&uuml;ten mit gro&szlig;en hellen Augen hervorschauten. Andre
+sah man in flotten Wagen durch den Park fahren, wobei ein Windspiel
+vor den Pferden hersprang, die von zwei kleinen Grooms in
+wei&szlig;en Hosen kutschiert wurden. Andre tr&auml;umten auf dem
+Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und himmelten durch das halb
+offene, schwarz umh&auml;ngte Fenster den Mond an. Wieder andre,
+Unschuldskinder, krauten, eine Tr&auml;ne auf der Wange, durch das
+Gitter eines gotischen K&auml;figs ein Turtelt&auml;ubchen oder
+zerzupften, den Kopf versch&auml;mt geneigt, mit koketten Fingern,
+die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine
+Marguerite. Alles m&ouml;gliche andre zeigten die &uuml;brigen
+Stiche: Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen
+in den Armen; Giaurs, T&uuml;rkens&auml;bel, phrygische M&uuml;tzen,
+nicht zu vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen
+Palmen und Fichten, Tiger und L&ouml;wen friedlich beieinanderstehen,
+und Minaretts am Horizonte und r&ouml;mische Ruinen im Vordergrunde
+eine Gruppe lagernder Kamele &uuml;berragen, w&auml;hrend auf der
+einen Seite ein wohlgepflegtes St&uuml;ck Urwald steht, auf der
+andern ein See, eine Riesensonne mit stechenden Strahlen dar&uuml;ber
+und auf seiner stahlblauen, hie und da wei&szlig; aufsch&auml;umenden
+Flut, in die Ferne verstreut, gleitende Schw&auml;ne&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas H&auml;upten an der Wand
+hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem
+andern an ihr vor&uuml;berzogen, in des Schlafsaales Stille, in die
+kein Ger&auml;usch drang, h&ouml;chstens das ferne Rollen eines
+sp&auml;ten Fuhrwerks.
+
+</P><P>
+
+Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
+lie&szlig; sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen
+fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehm&uuml;tiger
+Betrachtungen &uuml;ber das Leben und bat ihn, man m&ouml;ge sie
+dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei
+krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin,
+da&szlig; sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen
+Regionen einer seltenen Gef&uuml;hlswelt, in die Alltagsherzen
+niemals gelangen. Sie verlor sich in Lamartinischen
+R&uuml;hrseligkeiten, h&ouml;rte Harfenkl&auml;nge &uuml;ber den
+Weihern und Schwanenges&auml;nge, die Klagen des fallenden Laubes,
+die Himmelfahrten jungfr&auml;ulicher Seelen und die Stimme des
+Ewigen, die in den Tiefen fl&uuml;stert.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs
+einzugestehen, und so blieb sie dabei zun&auml;chst aus Gewohnheit,
+dann aus Eitelkeit, und schlie&szlig;lich war sie &uuml;berrascht,
+da&szlig; sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und da&szlig;
+ihr Herz ebensowenig schwerm&uuml;tig war wie ihre jugendliche Stirne
+runzelig.
+
+</P><P>
+
+Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission gehofft
+hatten, bemerkten zu ihrem h&ouml;chsten Befremden, da&szlig;
+Fr&auml;ulein Rouault ihrem Einflu&szlig; zu entschl&uuml;pfen
+drohte. Man hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder,
+Predigten und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet,
+welch gro&szlig;e Verehrung die Heiligen und M&auml;rtyrer
+gen&ouml;ssen, und ihr zu vorz&uuml;gliche Ratschl&auml;ge gegeben,
+wie man den Leib kasteie und die Seele der ewigen Seligkeit
+zuf&uuml;hre; und so ging es mit ihr wie mit einem Pferd, das man zu
+straff an die Kandare genommen hat: sie blieb pl&ouml;tzlich stehen
+und machte nicht mehr mit.
+
+</P><P>
+
+Bei aller Schw&auml;rmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie
+hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte
+und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr
+Geist emp&ouml;rte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch
+mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem
+tiefsten Wesen v&ouml;llig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem
+Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand
+sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der
+Schwesternschaft recht fehlen lassen.
+
+</P><P>
+
+Wieder zu Hause, gefiel sich das junge M&auml;dchen zun&auml;chst
+darin, das Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des
+Landlebens &uuml;berdr&uuml;ssig, und nun sehnte sie sich nach dem
+Kloster zur&uuml;ck. Als Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie
+just &uuml;berzeugt, da&szlig; sie alle Illusionen verloren habe,
+da&szlig; es nichts mehr auf der Welt g&auml;be, was ihr Hirn oder
+Herz r&uuml;hren k&ouml;nne. Dann aber waren das mit jedem neuen
+Zustande verbundene wirre Gef&uuml;hl und die Unruhe, die sich ihrer
+diesem Manne gegen&uuml;ber bem&auml;chtigte, stark genug, um in ihr
+den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in
+ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein Riesenvogel mit
+rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit himmlischer Traumfernen
+geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, hatte sie keine Kraft zu
+glauben, da&szlig; die Friedsamkeit, in der sie hinlebte, das
+ertr&auml;umte Gl&uuml;ck sei.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Siebentes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die sch&ouml;nsten
+Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu sagen
+pflegt. Um ihre Wonnen zu sp&uuml;ren, h&auml;tten sie wohl in jene
+L&auml;nder mit klangvollen Namen reisen m&uuml;ssen, wo der Morgen
+nach der Hochzeit in s&uuml;&szlig;em Nichtstun verrinnt. Man
+f&auml;hrt gem&auml;chlich in einer Postkutsche mit blauseidnen
+Vorh&auml;ngen die Gebirgsstra&szlig;en hinauf und lauscht dem Lied
+des Postillions, das in den Bergen zusammen mit den Herdenglocken und
+dem dumpfen Rauschen des Gie&szlig;bachs sein Echo findet. Wenn die
+Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft der Limonen, und dann nachts
+steht man auf der Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit
+verschlungenen H&auml;nden, schaut zu den Gestirnen empor und baut
+Luftschl&ouml;sser. Es kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel
+Heimst&auml;tten des Gl&uuml;cks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur
+an sonnigen Orten gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr
+nicht beschieden, sich auf den Altan eines Schweizerh&auml;uschens zu
+lehnen oder ihre Tr&uuml;bsal in einem schottischen Landhause zu
+vergessen, an der Seite eines Gatten, der einen langen schwarzen
+Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und Manschettenhemden
+tr&uuml;ge?
+
+</P><P>
+
+Alle diese Gr&uuml;beleien h&auml;tte sie wohl irgendwem anvertrauen
+m&ouml;gen. H&auml;tte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich
+aller Augenblicke neu formte wie leichtes Gew&ouml;lk und das wie der
+Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die
+Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt h&auml;tte,
+wenn er eine Ahnung davon gehabt h&auml;tte, wenn sein Blick nur ein
+einzigesmal ihren Gedanken begegnet w&auml;re, dann h&auml;tte sich
+alles das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgel&ouml;st wie
+eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran r&uuml;hrt. So
+aber ward die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand,
+immer gr&ouml;&szlig;er, je intimer ihr eheliches Leben wurde.
+
+</P><P>
+
+Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der
+Stra&szlig;e: Allerweltsgedanken und Allt&auml;glichkeiten, die
+niemanden r&uuml;hrten, &uuml;ber die kein Mensch lachte, die nie
+einen Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte
+er, h&auml;tte er niemals den Drang versp&uuml;rt, ein Pariser
+Gastspiel im Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch
+fechten; er war auch kein Pistolensch&uuml;tze, und gelegentlich kam
+es zutage, da&szlig; er Emma einen Ausdruck des Reitsports nicht
+erkl&auml;ren konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Mu&szlig;
+ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf allen Gebieten bewandert
+sein und seine Frau in die gro&szlig;en Leidenschaften des Lebens, in
+seine erlesensten Gen&uuml;sse und in alle Geheimnisse einweihen? Der
+ihre aber lehrte sie nichts, verstand von nichts und erstrebte
+nichts. Er glaubte, sie sei gl&uuml;cklich, indes sie sich &uuml;ber
+seine satte Tr&auml;gheit emp&ouml;rte, seinen zufriedenen
+Stumpfsinn, ja selbst &uuml;ber die Wonnen, die sie ihm
+gew&auml;hrte.
+
+</P><P>
+
+Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen und
+zuzusehn, wie sie sich &uuml;ber das Blatt beugte oder wie sie die
+Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit den
+Fingern Brotk&uuml;gelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte.
+Wenn sie am Klavier sa&szlig;, war sein Entz&uuml;cken um so
+gr&ouml;&szlig;er, je geschwinder ihre H&auml;nde &uuml;ber die
+Tasten sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum
+und machte ein H&ouml;llenkonzert. Das alte Instrument dr&ouml;hnte
+und wackelte, und wenn das Fenster offen stand, h&ouml;rte man das
+Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im blo&szlig;en Kopfe
+und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, &uuml;ber die Stra&szlig;e
+humpelte, blieb stehen und lauschte.
+
+</P><P>
+
+Dabei war Emma eine vorz&uuml;gliche Hausfrau. Sie schickte die
+Liquidationen an die Patienten aus und zwar in h&ouml;flichster
+Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie Sonntags
+irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wu&szlig;te sie es
+immer einzurichten, da&szlig; etwas Besonderes auf den Tisch kam. Sie
+schichtete auf Weinbl&auml;ttern Pyramiden von Reineclauden auf und
+verstand, die eingezuckerten Fr&uuml;chte so aus ihren B&uuml;chsen
+zu st&uuml;rzen, da&szlig; sie noch in der Form serviert wurden.
+Demn&auml;chst sollten auch kleine Waschschalen f&uuml;r den
+Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie das
+&ouml;ffentliche Ansehen ihres Mannes. Schlie&szlig;lich fing er
+selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er solch
+eine Frau besa&szlig;. Mit Stolz zeigte er zwei kleine
+Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich breite Rahmen hatte
+fassen lassen und in der Gro&szlig;en Stube an langen gr&uuml;nen
+Schnuren an den W&auml;nden aufgeh&auml;ngt hatte. Wenn die Kirche zu
+Ende war, sah man Herrn Bovary in sch&ouml;ngestickten Hausschuhen
+vor der Haust&uuml;re stehen.
+
+</P><P>
+
+Er kam sp&auml;t heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann
+a&szlig; er noch zu Abend, und da das Dienstm&auml;dchen bereits
+Schlafen gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen
+Rock auszuziehen und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend
+z&auml;hlte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tags&uuml;ber
+begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und
+wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit
+sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest,
+schabte sich den K&auml;se sauber, schmauste einen Apfel und trank
+die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und
+zu schnarchen begann. Wenn er fr&uuml;hmorgens aufmachte, hing ihm
+das Haar wirr &uuml;ber die Stirn.
+
+</P><P>
+
+Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Kn&ouml;chelgegend zwei
+Falten hatten; in den Sch&auml;ften waren sie steif und geradlinig,
+als ob ein Holzbein drinnen st&auml;ke. Er pflegte zu sagen:
+&bdquo;Die sind hier auf dem Lande gut genug!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Seine Mutter best&auml;rkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
+sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mi&szlig;lichkeiten
+gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
+Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr &bdquo;f&uuml;r
+ihre Verh&auml;ltnisse ein bi&szlig;chen zu gro&szlig;artig.&ldquo;
+Mit Holz, Licht und dergleichen werde &bdquo;wie in einem
+herrschaftlichen Hause gew&uuml;stet.&ldquo; Und mit den Kohlen, die
+in der K&uuml;che verbraucht w&uuml;rden, k&ouml;nne man zwei Dutzend
+G&auml;nge kochen! Sie ordnete ihr den W&auml;scheschrank und hielt
+Vortr&auml;ge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen habe,
+wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren hin, aber
+die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem. Die von
+beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden &bdquo;Liebe
+Tochter&ldquo; und &bdquo;Liebe Mutter!&ldquo; standen in Widerspruch
+zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten
+mit vor Groll zitternder Stimme.
+
+</P><P>
+
+Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in den
+Hintergrund gedr&auml;ngt gef&uuml;hlt, jetzt aber kam ihr Karls
+Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie
+ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Gl&uuml;ck ihres
+Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener auf
+den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte ihn
+durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst f&uuml;r ihn gesorgt und
+abgem&uuml;ht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit
+leiste Emma viel weniger f&uuml;r ihn, und darum w&auml;re seine
+ausschlie&szlig;liche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt.
+
+</P><P>
+
+Karl wu&szlig;te nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
+Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art &uuml;ber alle
+Ma&szlig;en. Was die eine sagte, galt ihm f&uuml;r unfehlbar;
+gleichwohl fand er an der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary
+wieder abgereist war, machte er sch&uuml;chterne Versuche, die oder
+jene ihrer Bemerkungen w&ouml;rtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm
+dann mit wenigen Worten, da&szlig; er im Irrtum sei, und meinte, er
+solle sich lieber seinen Patienten widmen.
+
+</P><P>
+
+Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
+Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
+Mondenschein zusammen im Garten sa&szlig;en, sagte sie verliebte
+Verse her, soviel sie nur auswendig wu&szlig;te, oder sie sang eine
+schwerm&uuml;tige gef&uuml;hlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich
+selber nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar
+weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.
+
+</P><P>
+
+Das waren vergebliche Versuche, eine gro&szlig;e Leidenschaft zu
+entfachen. Im &uuml;brigen war Emma unf&auml;hig, etwas zu verstehen,
+was sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was
+nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein,
+Karls Liebe sei nicht mehr &uuml;berm&auml;&szlig;ig stark. In der
+Tat gewannen seine Z&auml;rtlichkeiten eine gewisse
+Regelm&auml;&szlig;igkeit. Er schlo&szlig; seine Frau zu ganz
+bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine Gewohnheit wie
+alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen mu&szlig;, weil er
+auf der Men&uuml;karte steht.
+
+</P><P>
+
+Ein Waldw&auml;rter, den der Herr Doktor von einer
+Lungenentz&uuml;ndung geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein
+junges italienisches Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre
+Spazierg&auml;nge. Mitunter ging sie n&auml;mlich aus, um einmal eine
+Weile f&uuml;r sich allein zu sein und nicht in einem fort blo&szlig;
+den Garten und die staubige Landstra&szlig;e vor Augen zu haben.
+
+</P><P>
+
+Sie wanderte meist bis zum Buchenw&auml;ldchen von Banneville, bis zu
+dem leeren Lusth&auml;uschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo
+die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen
+gew&ouml;hnlichen Gr&auml;sern hohes Schilf mit langen scharfen
+Bl&auml;ttern. Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob
+sich seit ihrem letzten Hiersein etwas ver&auml;ndert habe. Es war
+immer alles so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf
+seinem Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die
+Brennesseln, die in B&uuml;scheln die gro&szlig;en Kieselsteine
+umwucherten, und die Moosfl&auml;chen unter den drei Pavillonfenstern
+mit ihren immer geschlossenen morschen Holzl&auml;den und rostigen
+Eisenbeschl&auml;gen. Nun schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab,
+wie die Spr&uuml;nge ihres Windspiels, das sich in gro&szlig;en
+Kreislinien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankl&auml;ffte,
+Feldm&auml;usen nachstellte und die Mohnblumen am Raine des
+Kornfeldes anknabberte. Allm&auml;hlich gerieten ihre Gr&uuml;beleien
+in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase sa&szlig;
+und es mit der Stockspitze ihres Sonnenschirmes ein wenig
+aufw&uuml;hlte, sagte sie sich immer wieder: &bdquo;Mein Gott, warum
+habe ich eigentlich geheiratet?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht m&ouml;glich gewesen
+w&auml;re durch irgendwelche andre F&uuml;gung des Schicksals,
+da&szlig; sie einen andern Mann h&auml;tte finden k&ouml;nnen. Sie
+versuchte sich vorzustellen, was f&uuml;r ungeschehene Ereignisse
+dazu geh&ouml;rt h&auml;tten, wie dieses andre Leben geworden
+w&auml;re und wie der ungefundne Gatte ausgesehen h&auml;tte. In
+keinem Falle so wie Karl! Er h&auml;tte elegant, klug, vornehm,
+verf&uuml;hrerisch aussehen m&uuml;ssen; so wie zweifellos die
+M&auml;nner, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet
+hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im
+Get&uuml;mmel des Stra&szlig;enlebens, im Stimmengewirr der Theater,
+im Lichtmeere der B&auml;lle, da lebten sie sich aus und lie&szlig;en
+die Herzen und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie
+verk&uuml;mmerte wie in einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie
+eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen
+Herzens.
+
+</P><P>
+
+Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah
+sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen
+ausgeh&auml;ndigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem wei&szlig;en Kleid und
+ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie
+zu ihrem Platze zur&uuml;ckging, hatten ihr die anwesenden Herren
+galant zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und
+durch den Wagenschlag hatte man ihr &bdquo;Auf Wiedersehn!&ldquo;
+zugerufen. Und der Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte
+im Vor&uuml;bergehen den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zur&uuml;ck
+war das alles! Ach, wie so weit!
+
+</P><P>
+
+Sie rief Djali, nahm ihn auf den Scho&szlig; und streichelte seinen
+schmalen feinlinigen Kopf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Komm!&ldquo; fl&uuml;sterte sie. &bdquo;Gib Frauchen einen
+Ku&szlig;! Du, du hast keinen Kummer!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dabei betrachtete sie das ihr wie wehm&uuml;tig aussehende Gesicht
+des schlanken Tieres. Es g&auml;hnte behaglich. Aber sie bildete sich
+ein, das Tier habe auch einen Kummer. Die R&uuml;hrung &uuml;berkam
+sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu
+jemandem, den man in seiner Betr&uuml;bnis tr&ouml;sten will.
+
+</P><P>
+
+Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und m&auml;chtig
+&uuml;ber das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande
+hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu Boden,
+fliehende Schauer raschelten durch das Bl&auml;tterwerk der Buchen,
+w&auml;hrend sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort laut
+rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und erhob sich.
+
+</P><P>
+
+In der Allee, &uuml;ber dem teppichartigen Moos, das unter Emmas
+Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den gr&uuml;nen
+Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der rote
+Himmel flammte hinter den braunen St&auml;mmen, die in Reih und Glied
+kerzengerade dastanden und den Eindruck eines S&auml;ulenganges an
+einer goldnen Wand entlang erzeugten.
+
+</P><P>
+
+Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, auf
+die Landstra&szlig;e und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
+Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.
+
+</P><P>
+
+Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in ihrem
+Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu dem
+Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der Restauration
+Staatssekret&auml;r gewesen war, wollte von neuem eine politische
+Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in das
+Abgeordnetenhaus vor. Im Winter lie&szlig; er gro&szlig;e Mengen Holz
+verteilen, und im Bezirksausschu&szlig; trat er immer wieder mit dem
+h&ouml;chsten Eifer f&uuml;r neue Stra&szlig;enbauten im Bezirk ein.
+W&auml;hrend des letzten Hochsommers hatte er ein Geschw&uuml;r im
+Munde bekommen, von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen
+einzigen Einstich befreit hatte. Der Privatsekret&auml;r des Marquis
+war bald darauf nach Tostes gekommen, um das Honorar f&uuml;r die
+Operation zu bezahlen, und hatte abends nach seiner R&uuml;ckkehr
+erz&auml;hlt, da&szlig; er in dem kleinen Garten des Arztes herrliche
+Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschb&auml;ume in
+Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat sich von Bovary einige
+Ableger und hielt es daraufhin f&uuml;r seine Pflicht, sich
+pers&ouml;nlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand
+ihre Figur entz&uuml;ckend und die Art, wie sie ihn empfing, durchaus
+nicht b&auml;uerisch. Und so kam man im Schlosse zu der Ansicht, es
+sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, wenn man das junge
+Ehepaar einmal einl&uuml;de.
+
+</P><P>
+
+An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
+Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterr&uuml;cks war ein
+gro&szlig;er Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag
+eine Hutschachtel. Au&szlig;erdem hatte Karl noch einen Pappkarton
+zwischen den Beinen.
+
+</P><P>
+
+Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schlo&szlig;park die
+Laternen am Einfahrtswege anz&uuml;ndete, kamen sie an.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Achtes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Vor dem Schlo&szlig;, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
+vorspringenden Fl&uuml;geln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
+ungeheure Rasenfl&auml;che mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen
+denen etliche K&uuml;he weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen
+hindurch, beschattet von allerlei Geb&uuml;sch in verschiedenem
+Gr&uuml;n, Rhododendren, Flieder- und Schneeballstr&auml;uchern.
+Unter einer Br&uuml;cke flo&szlig; ein Bach. Weiter weg, verschwommen
+im Abendnebel, erkannte man ein paar H&auml;user mit
+Strohd&auml;chern. Die gro&szlig;e Wiese ward durch l&auml;ngliche
+kleine H&uuml;gel begrenzt, die bewaldet waren. Versteckt hinter
+diesem Geh&ouml;lz lagen in zwei gleichlaufenden Reihen die
+Wirtschaftsgeb&auml;ude und Wagenschuppen, die noch vom ehemaligen
+Schlo&szlig;bau herr&uuml;hrten.
+
+</P><P>
+
+Karls W&auml;glein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
+erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und
+geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
+Ger&auml;usch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
+Kirche. Dem Eingange gegen&uuml;ber stieg geradeaus eine breite
+Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem
+Garten hinaus, die zum Billardzimmer f&uuml;hrte; schon von weitem
+vernahm man das Karambolieren der elfenbeinernen B&auml;lle. Durch
+das Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah
+Emma Herren in w&uuml;rdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn
+vergraben in den Krawatten, alle mit Ordensb&auml;ndchen. Schweigsam
+l&auml;chelnd handhabten sie die Queues.
+
+</P><P>
+
+Auf dem d&uuml;steren Holzget&auml;fel der W&auml;nde hingen
+gro&szlig;e Bilder in schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen
+Inschriften. Eine lautete:
+
+</P>
+
+<DIV ALIGN="CENTER">
+<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1">
+<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville,<BR>
+Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye,<BR>
+gefallen in der Schlacht von Coutras<BR>
+am 20. Oktober 1587.</TD>
+</TR>
+</TABLE>
+</DIV>
+
+<P>
+
+Eine andre:
+
+</P>
+
+<DIV ALIGN="CENTER">
+<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1">
+<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers<BR>
+und Vaubyessard, Admiral von Frankreich,<BR>
+Ritter des Sankt-Michel-Ordens,<BR>
+verwundet bei Saint Vaast de la Hougue<BR>
+am 29. Mai 1692,<BR>
+gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693</TD>
+</TR>
+</TABLE>
+</DIV>
+
+<P>
+
+Die &uuml;brigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht
+der Lampen auf das gr&uuml;ne Tuch des Billards konzentrierte und das
+Zimmer im Dunkeln lie&szlig;. Nur ein schwacher Schein hellte die
+Gem&auml;ldefl&auml;chen auf, deren spr&uuml;ngiger Firnis mit diesem
+feinen Schimmer spielte. Und so traten aus allen den gro&szlig;en
+schwarzen goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher
+und heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort
+eine gepuderte Allongeper&uuml;cke &uuml;ber der Schulter eines roten
+Rockes und anderswo die Schnalle eines Kniebandes &uuml;ber einer
+strammen Wade.
+
+</P><P>
+
+Der Marquis &ouml;ffnete die T&uuml;r zum Salon. Eine der Damen
+&mdash; es war die Schlo&szlig;herrin selbst &mdash; erhob sich, ging
+Emma entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa,
+und begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine
+alte Bekannte vor sich h&auml;tte. Die Marquise war etwa Vierzigerin;
+sie hatte h&uuml;bsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas
+schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie &uuml;ber ihrem
+kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig in
+den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle,
+sa&szlig; eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den
+R&ouml;cken, waren im Gespr&auml;che mit den Damen. Alle sa&szlig;en
+sie um den Kamin herum.
+
+</P><P>
+
+Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der &Uuml;berzahl
+da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die Damen,
+der Marquis und die Marquise an der andern im E&szlig;zimmer. Als
+Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von D&uuml;ften und
+Ger&uuml;chen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und
+Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen lieb&auml;ugelten mit
+dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gl&auml;sern und Schalen
+tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe
+von Blumenstr&auml;u&szlig;en. Aus den Falten der Servietten, die in
+der Form von Bischofsm&uuml;tzen &uuml;ber den breitrandigen Tellern
+lagen, lugten ovale Br&ouml;tchen. Hummern, die auf den gro&szlig;en
+Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In
+durchbrochenen K&ouml;rbchen waren riesige Fr&uuml;chte
+aufget&uuml;rmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend
+aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Str&uuml;mpfen, Kniehosen
+und wei&szlig;er Krawatte, reichte mit Grandezza und gro&szlig;em
+Geschick die Sch&uuml;sseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben
+sah regungslos die bis zum Kinn verh&uuml;llte G&ouml;ttin herab, die
+auf dem m&auml;chtigen, bronzegeschm&uuml;ckten Porzellanofen
+thronte.
+
+</P><P>
+
+Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, sa&szlig;,
+&uuml;ber seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
+Serviette nach Kinderart um den Hals gekn&uuml;pft hatte. Die Sauce
+tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er trug
+noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war. Das war
+der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von
+Laverdi&egrave;re. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste
+in Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des
+Grafen Artois. Auch munkelte man, er w&auml;re der Geliebte der
+K&ouml;nigin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von
+Coigny und der Vorg&auml;nger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein
+w&uuml;stes Leben hinter sich, voller Zweik&auml;mpfe, toller Wetten
+und Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem
+der Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem
+Stuhle, der ihm ins Ohr br&uuml;llen mu&szlig;te, was es f&uuml;r
+Gerichte zu essen gab.
+
+</P><P>
+
+Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillk&uuml;rlich zu diesem alten
+Manne mit den h&auml;ngenden Lippen zur&uuml;ck, als ob er etwas ganz
+Besonderes und Gro&szlig;artiges sei: war er doch ein Favorit des
+K&ouml;nigshofes gewesen und hatte im Bette einer K&ouml;nigin
+geschlafen!
+
+</P><P>
+
+Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma &uuml;berlief es am ganzen
+K&ouml;rper, als sie das eisige Getr&auml;nk im Munde sp&uuml;rte.
+Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granat&auml;pfel und a&szlig;
+sie Ananas. Selbst der gesto&szlig;ene Zucker, den es dazu gab, kam
+ihr wei&szlig;er und feiner vor denn anderswo.
+
+</P><P>
+
+Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zur&uuml;ck, um sich
+zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
+Gr&uuml;ndlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Deb&uuml;t. Ihr
+Haar ordnete sie nach den Ratschl&auml;gen des Coiffeurs. Dann
+schl&uuml;pfte sie in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet
+bereitlag.
+
+</P><P>
+
+Karl f&uuml;hlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen
+st&ouml;ren!&ldquo; meinte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du willst tanzen?&ldquo; entgegnete ihm Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist nicht recht gescheit! Man w&uuml;rde dich blo&szlig;
+auslachen. Bleib du nur ruhig sitzen! &Uuml;brigens schickt sich das
+viel besser f&uuml;r einen Arzt&ldquo;, f&uuml;gte sie hinzu.
+
+</P><P>
+
+Karl schwieg. Er lief mit gro&szlig;en Schritten im Zimmer hin und
+her und wartete, bis Emma fertig w&auml;re. Er sah sie &uuml;ber
+ihren R&uuml;cken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen.
+Ihre schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar
+war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem
+bl&auml;ulichen Glanze, und &uuml;ber ihnen zitterte eine bewegliche
+Rose, mit k&uuml;nstlichen Tauperlen in den Bl&auml;ttern. Ihr
+mattgelbes Kleid ward durch drei Str&auml;u&szlig;chen von Moosrosen
+mit Gr&uuml;n darum belebt.
+
+</P><P>
+
+Karl k&uuml;&szlig;te sie von hinten auf die Schulter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; wehrte sie ab. &bdquo;Du
+zerkn&uuml;llst mir alles!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Violinen- und Waldhornkl&auml;nge drangen herauf. Emma stieg die
+Treppe hinunter, am liebsten w&auml;re sie gerannt.
+
+</P><P>
+
+Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedr&auml;ngt
+voller Menschen, und immer noch kamen G&auml;ste. Emma setzte sich
+unweit der T&uuml;r auf einen Diwan.
+
+</P><P>
+
+Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur Gruppen
+plaudernder Menschen und Diener in Livree, die gro&szlig;e Platten
+herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die bemalten
+F&auml;cher auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
+H&auml;lfte die lachenden Gesichter, und die goldnen St&ouml;psel der
+Riechfl&auml;schchen funkelten hin und her in den wei&szlig;en
+Handschuhen, an denen die Konturen der Fingern&auml;gel ihrer
+Tr&auml;gerinnen hervortraten, w&auml;hrend das eingepre&szlig;te
+Fleisch nur in den Handfl&auml;chen schimmerte. Die Spitzen, die
+Brillantbroschen, die Armb&auml;nder mit Anh&auml;ngseln wogten an
+den Miedern, glitzerten an den Br&uuml;sten und klapperten an den
+Handgelenken. Die Damen trugen im Haar, das durchweg glatt und im
+Nacken geknotet war, Vergi&szlig;meinnicht, Jasmin,
+Granatbl&uuml;ten, &Auml;hren und Kornblumen in Kr&auml;nzen,
+Str&auml;u&szlig;en oder Ranken. Bequem in ihren St&uuml;hlen lehnten
+die M&uuml;tter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen.
+
+</P><P>
+
+Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste T&auml;nzer sie an den
+Fingerspitzen fa&szlig;te und in die Reihe der anderen f&uuml;hrte.
+Beim ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre
+Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit
+einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei besonders
+z&auml;rtlichen Passagen des Violinsolos flog ein s&uuml;&szlig;es
+L&auml;cheln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente
+schwiegen, h&ouml;rte man im Tanzsaal das helle Klimpern der
+Goldst&uuml;cke auf den Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit
+einem Male wieder voll einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen
+Takte weiter; die R&ouml;cke der T&auml;nzerinnen bauschten sich und
+streiften einander, H&auml;nde suchten und mieden sich, und dieselben
+Blicke, die eben sch&uuml;chtern gesenkt waren, fanden ihr Ziel.
+
+</P><P>
+
+Unter den tanzenden oder plaudernd an den T&uuml;ren stehenden Herren
+stachen etliche, etwa zw&ouml;lf bis f&uuml;nfzehn, bei allem Alters-
+und sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von
+den andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus
+feinerem Stoff. Ihr nach den Schl&auml;fen zu gewelltes Haar verriet
+die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene
+wei&szlig;e Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan,
+schillernder Seide und feinpolierten M&ouml;beln erscheint und durch
+sorgf&auml;ltige und raffinierte Ern&auml;hrung erhalten wird. Ihre
+Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten
+Taschent&uuml;chern entstr&ouml;mte leises Parf&uuml;m. Den
+&auml;lteren unter diesen Herren haftete Jugendlichkeit an,
+w&auml;hrend den Gesichtern der j&uuml;ngeren eine gewisse Reife
+eigen war. In ihren gleichg&uuml;ltigen Blicken spiegelte sich die
+Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und hinter ihren glatten
+Manieren schlummerte das brutale eitle Herrentum, das sich im Umgange
+mit Rassepferden und leichten Damen entwickelt und kr&auml;ftigt.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in blauem
+Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschm&uuml;ckten Dame
+&uuml;ber Italien. Sie schw&auml;rmten von der Kuppel des Sankt
+Peter, von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
+Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem andern
+Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend Dinge
+nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
+vergangnen Woche in England Mi&szlig; Arabella und Romulus
+&bdquo;geschlagen&ldquo; und durch einen &bdquo;famosen
+Grabensprung&ldquo; vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer
+beklagte sich, seine &bdquo;Rennschinder&ldquo; seien &bdquo;nicht im
+Training&ldquo;, und ein dritter jammerte &uuml;ber einen Druckfehler
+in der &bdquo;Sportwelt&ldquo;, der den Namen eines seiner
+&bdquo;Vollbl&uuml;ter&ldquo; verballhornt habe.
+
+</P><P>
+
+Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten fahler.
+Man dr&auml;ngte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf einen
+Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu &ouml;ffnen, zerbrach aus
+Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben
+veranla&szlig;te Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von
+drau&szlig;en herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das
+elterliche Gut &uuml;berkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem
+Misthaufen, ihren Vater in Hemds&auml;rmeln unter den
+Apfelb&auml;umen und sich selber ganz wie einst, wie sie in der
+Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Sch&uuml;sseln abrahmte.
+Aber im Strahlenglanz der gegenw&auml;rtigen Stunde starb die eben
+noch so klare Erinnerung an ihr fr&uuml;heres Leben schnell wieder;
+es je gelebt zu haben, kam ihr fast unm&ouml;glich vor. Hier, hier
+lebte sie, und was &uuml;ber diesen Ballsaal hinaus existieren
+mochte, das lag f&uuml;r sie im tiefsten Dunkel&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Sie schl&uuml;rfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer
+vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb
+schlo&szlig; und den goldnen L&ouml;ffel lange zwischen den
+Z&auml;hnen behielt. Neben ihr lie&szlig; eine Dame ihren F&auml;cher
+zu Boden gleiten. Ein T&auml;nzer ging vor&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie w&auml;ren sehr g&uuml;tig, mein Herr,&ldquo; sagte die
+Dame, &bdquo;wenn Sie mir meinen F&auml;cher aufheben wollten. Er ist
+unter dieses Sofa gefallen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Herr b&uuml;ckte sich, und w&auml;hrend er mit dem Arm nach dem
+F&auml;cher langte, bemerkte Emma, da&szlig; ihm die Dame etwas
+wei&szlig;es, dreieckig Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er
+&uuml;berreichte ihr den aufgehobenen F&auml;cher ehrerbietig. Sie
+dankte mit einem leichten Neigen des Kopfes und barg schnell ihr
+Gesicht in den Blumen ihres Strau&szlig;es.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von S&uuml;d- und
+Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding &agrave; la
+Trafalgar und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert,
+begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer
+einen der Musselinvorh&auml;nge am Fenster ein wenig beiseiteschob,
+konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es
+sa&szlig;en immer weniger T&auml;nzer im Saale. Nur im Spielzimmer
+war noch Leben. Die Musikanten leckten sich die hei&szlig;en Finger
+ab. Karl stand gegen eine T&uuml;r gelehnt, dem Einschlafen nahe.
+
+</P><P>
+
+Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
+Aber alle Welt, sogar Fr&auml;ulein von Andervilliers und die
+Marquise tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht
+bleibenden G&auml;ste da, etwa ein Dutzend Personen.
+
+</P><P>
+
+Da geschah es, da&szlig; einer der T&auml;nzer, den man schlechtweg
+&bdquo;Vicomte&ldquo; nannte &mdash; die weitausgeschnittene Weste
+sa&szlig; ihm wie angegossen &mdash; Frau Bovary zum Tanz
+aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte bat abermals, indem er
+versicherte, er w&uuml;rde sie sicher f&uuml;hren und es w&uuml;rde
+vortrefflich gehen.
+
+</P><P>
+
+Sie begannen langsam, um allm&auml;hlich rascher zu tanzen.
+Schlie&szlig;lich wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie:
+die Lichter, die M&ouml;bel, die W&auml;nde, der Parkettboden, als ob
+sie in der Mitte eines Kreisels w&auml;ren. Einmal, als das Paar
+dicht an einer der T&uuml;ren vorbeitanzte, wickelte sich Emmas
+Schleppe um das Bein ihres T&auml;nzers. Sie f&uuml;hlten sich beide
+und blickten sich einander in die Augen. Ein Schwindel ergriff Emma.
+Sie wollte stehen bleiben. Aber es ging weiter: der Vicomte raste nur
+noch rascher mit ihr dahin, bis an das Ende der Galerie, wo Emma,
+v&ouml;llig au&szlig;er Atem, beinahe umsank und einen Augenblick
+lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. Dann brachte er sie, von
+neuem, aber ganz langsam tanzend, an ihren Platz zur&uuml;ck. Es
+schwindelte ihr; sie mu&szlig;te den R&uuml;cken anlehnen und ihr
+Gesicht mit der einen Hand bedecken.
+
+</P><P>
+
+Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, da&szlig; in der Mitte
+des Saales eine der Damen auf einem Taburett sa&szlig;, w&auml;hrend
+drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der
+Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
+
+</P><P>
+
+Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch
+einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres K&ouml;rpers, das
+Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der n&auml;mlichen Haltung,
+kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus
+gerichtet. Das waren Walzert&auml;nzer! Sie fanden kein Ende. Eher
+erm&uuml;deten die Zuschauer.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
+man sich &bdquo;Gute Nacht&ldquo; oder vielmehr &bdquo;Guten
+Morgen&ldquo;, und alles ging schlafen.
+
+</P><P>
+
+Karl schleppte sich am Treppengel&auml;nder hinauf. Er hatte sich
+&bdquo;die Beine in den Bauch gestanden.&ldquo; Ohne sich zu setzen,
+hatte er sich f&uuml;nf Stunden hintereinander bei den Spieltischen
+aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem
+Spiel zu verstehen. Und so stie&szlig; er einen m&auml;chtigen
+Seufzer der Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel
+entledigt hatte.
+
+</P><P>
+
+Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, &ouml;ffnete das Fenster
+und lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Spr&uuml;hregen
+fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider
+k&uuml;hlte. Walzerkl&auml;nge summten ihr noch in den Ohren. Emma
+hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten M&auml;rchenglanz,
+ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Der Morgen d&auml;mmerte. Sie schaute hin&uuml;ber nach den
+Fensterreihen des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu
+erraten, wo die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend
+beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu
+wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen.
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich begann sie zu fr&ouml;steln. Sie entkleidete sich
+und schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten.
+
+</P><P>
+
+Zum Fr&uuml;hst&uuml;ck erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte
+zehn Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte.
+
+</P><P>
+
+Beim Aufstehen sammelte Fr&auml;ulein von Andervilliers die
+angebrochenen Br&ouml;tchen in einen kleinen Korb, um sie den
+Schw&auml;nen auf dem Schlo&szlig;teiche zu bringen. Nach der
+F&uuml;tterung begab man sich in das Gew&auml;chshaus, mit seinen
+seltsamen Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von
+dieser f&uuml;hrte ein Ausgang in den Wirtschaftshof.
+
+</P><P>
+
+Um der jungen Arztfrau ein Vergn&uuml;gen zu bereiten, zeigte ihr der
+Marquis die St&auml;lle. &Uuml;ber den korbartigen Raufen waren
+Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben die
+Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen stehen,
+und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. Die Dielen
+in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst wie
+Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des Raumes auf
+drehbaren B&ouml;cken, w&auml;hrend die Kandaren, Trensen,
+Kinnketten, Steigb&uuml;gel, Z&uuml;gel und Peitschen wohlgeordnet zu
+Reihen an den W&auml;nden hingen.
+
+</P><P>
+
+Karl bat einen Stallburschen, sein Gef&auml;hrt zurechtzumachen.
+Sodann fuhr er vor. Das ganze Gep&auml;ck ward aufgepackt. Das
+Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und
+der Marquise. Und heim ging es nach Tostes.
+
+</P><P>
+
+Schweigsam sah Emma dem Drehen der R&auml;der zu. Karl sa&szlig; auf
+dem &auml;u&szlig;ersten Ende des Sitzes und kutschierte mit
+abstehenden Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in
+seiner Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Z&uuml;gel
+tanzten auf der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der
+hinten angeschnallt war, sa&szlig; nicht recht fest und polterte in
+einem fort im Takte an den Wagenkasten.
+
+</P><P>
+
+Auf der H&ouml;he von Thibourville wurden sie pl&ouml;tzlich von ein
+paar Reitern &uuml;berholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch.
+Emma glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
+vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich
+vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder
+bewegten.
+
+</P><P>
+
+Wenige Minuten sp&auml;ter mu&szlig;ten sie Halt machen, um die
+zerrissene Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das
+ganze Geschirr noch einmal &uuml;berblickte, gewahrte er zwischen den
+Beinen seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine
+Zigarrentasche auf; sie war mit gr&uuml;ner Seide gestickt und auf
+der Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschm&uuml;ckt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es sind sogar zwei Zigarren drin!&ldquo; sagte er. &bdquo;Die
+kommen heute abend nach dem Essen dran!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du rauchst demnach?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Manchmal! Gelegentlich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der
+Peitsche.
+
+</P><P>
+
+Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig. Frau
+Bovary war unwillig dar&uuml;ber. Anastasia gab eine dreiste Antwort.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Scheren Sie sich fort&ldquo; rief Emma. &bdquo;Sie machen sich
+&uuml;ber mich lustig. Sie sind entlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl
+sa&szlig; seiner Frau gegen&uuml;ber. Er rieb sich die H&auml;nde und
+meinte vergn&uuml;gt:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zu Hause ists doch am sch&ouml;nsten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Man h&ouml;rte, wie Anastasia drau&szlig;en weinte. Karl hatte das
+arme Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner
+Witwerzeit, hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet.
+Sie war seine erste Patientin gewesen, seine &auml;lteste Bekannte in
+der ganzen Gegend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du ihr im Ernst gek&uuml;ndigt?&ldquo; fragte er nach
+einer Weile.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Warum soll ich auch nicht?&ldquo; gab Emma zur
+Antwort.
+
+</P><P>
+
+Nach Tisch w&auml;rmten sich die beiden in der K&uuml;che,
+w&auml;hrend die Gro&szlig;e Stube wieder in Ordnung gebracht wurde.
+Karl brannte sich eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen
+Lippen und spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er
+sich zur&uuml;ck, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Rauchen wird dir nicht bekommen!&ldquo; bemerkte Emma
+ver&auml;chtlich.
+
+</P><P>
+
+Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
+gierig ein Glas frisches Wasser. W&auml;hrenddessen nahm Emma die
+Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.
+
+</P><P>
+
+Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste!
+
+</P><P>
+
+Emma ging in ihrem G&auml;rtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
+und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
+Obstspalier, vor dem t&ouml;nernen M&ouml;nch, und betrachtete sich
+alle diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie
+weit hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich
+zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft
+dr&auml;ngte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen
+tiefen Ri&szlig; gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der
+Sturm zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufw&uuml;hlt.
+Trotzdem kam eine gewisse Resignation &uuml;ber sie. Wie eine
+Reliquie verwahrte sie ihr sch&ouml;nes Ballkleid in ihrem Schranke,
+sogar die Atlasschuhe, deren Sohlen vom Parkettwachs eine
+br&auml;unliche Politur bekommen hatten. Emmas Herz ging es wie
+ihnen. Bei der Ber&uuml;hrung mit dem Reichtum war etwas daran haften
+geblieben f&uuml;r immerdar.
+
+</P><P>
+
+An den Ball zur&uuml;ckdenken, wurde f&uuml;r Emma eine besondre
+Besch&auml;ftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken
+auf: &bdquo;Ach, heute vor acht Tagen war es!&ldquo; &mdash;
+&bdquo;Heute vor vierzehn Tagen war es!&ldquo; &mdash; &bdquo;Heute
+vor drei Wochen war es!&ldquo; Allm&auml;hlich aber verschwammen in
+ihrem Ged&auml;chtnisse die einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse
+gesehen hatte. Die Melodien der T&auml;nze entfielen ihr. Sie
+verga&szlig;, wie die Gem&auml;cher und die Livreen ausgesehen
+hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre
+Sehnsucht blieb zur&uuml;ck.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Neuntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die gr&uuml;nseidene
+Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter W&auml;sche
+verborgen lag. Sie betrachtete sie, &ouml;ffnete sie und sog sogar
+den Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem
+mochte sie geh&ouml;rt haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein
+Geschenk seiner Geliebten. Gewi&szlig; hatte sie die Stickerei auf
+einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich,
+in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der
+tr&auml;umerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch
+von Liebe wehte aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine
+Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese
+kleinen Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen
+Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die Tasche
+mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als sie noch
+auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen und Stutzuhren
+aus den Zeiten der Pompadour lag?
+
+</P><P>
+
+Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von Tostes!
+Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name! Paris! Sie
+fl&uuml;sterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte ihr
+Vergn&uuml;gen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer
+gro&szlig;en Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch
+stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenb&uuml;chsen.
+
+</P><P>
+
+Nachts, wenn die Seefischh&auml;ndler unten auf der Stra&szlig;e
+vorbeifuhren mit ihren Karren und die &bdquo;Majorlaine&ldquo;
+sangen, ward sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der R&auml;der, bis
+die Wagen aus dem Dorfe hinaus waren und es wieder still wurde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Morgen sind sie in Paris!&ldquo; seufzte die Einsame. Und in
+ihren Gedanken folgte sie den Fahrzeugen &uuml;ber Berg und Tal,
+durch D&ouml;rfer und St&auml;dte, immer die gro&szlig;e Stra&szlig;e
+hin in der lichten Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein
+verschwommenes Ziel, wo ihre Tr&auml;ume versagten. Sie kaufte sich
+einen Plan von Paris und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen
+durch die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder
+Stra&szlig;enecke stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan
+eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schlie&szlig;lich m&uuml;de
+wurden, schlo&szlig; sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie
+die Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor
+dem Portal der Gro&szlig;en Oper donnernd vorfuhren.
+
+</P><P>
+
+Sie abonnierte auf den &bdquo;Bazar&ldquo; und die
+&bdquo;Modenwelt&ldquo; und studierte auf das gewissenhafteste alle
+Berichte &uuml;ber die Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie
+war unterrichtet, wenn ber&uuml;hmte S&auml;ngerinnen Gastspiele
+gaben oder neue Warenh&auml;user er&ouml;ffnet wurden; sie kannte die
+neuesten Moden, die Adressen der guten Schneider; sie wu&szlig;te, an
+welchen Tagen die vornehme Gesellschaft im Bois und in der Oper zu
+finden war. Aus den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen
+eingerichtet waren. Sie las Balzac und die George Sand, um wenigstens
+in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte
+diese B&uuml;cher sogar mit zu den Mahlzeiten und las darin,
+w&auml;hrend Karl a&szlig; und ihr erz&auml;hlte. Und was sie auch
+las, &uuml;berallhinein drangen ihre Reminiszenzen an den Vicomte.
+Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand Beziehungen.
+Aber allm&auml;hlich erweiterte sich der Ideenkreis, dessen
+Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen hatte,
+erblich schlie&szlig;lich, um auf andren Idealgesch&ouml;pfen wieder
+aufzuflammen.
+
+</P><P>
+
+Unerme&szlig;lich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels,
+so stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendf&auml;ltige Leben,
+das sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl f&uuml;r sie auf
+ganz bestimmte Einzelheiten beschr&auml;nkt, die sie im Geiste in
+deutlichen Bildern sah. Neben diesen &mdash; man k&ouml;nnte sagen
+&mdash; Symbolen des mond&auml;nen Lebens trat alles andre in Dunkel
+und D&auml;mmerung zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte sich
+auf gl&auml;nzendem Parkett ab, in Spiegels&auml;len, um ovale
+Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu
+Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter
+heuchlerischem L&auml;cheln. Das Milieu des h&ouml;chsten Adels
+bildete sie sich folgenderma&szlig;en ein: Vornehme bleiche
+Gesichter; man steht fr&uuml;h um vier Uhr auf; die Damen, allesamt
+ungl&uuml;ckliche Engel, tragen Unterr&ouml;cke aus irischen Spitzen;
+die M&auml;nner, verkannte Genies, kokettierend mit der Maske der
+Oberfl&auml;chlichkeit, reiten aus &Uuml;bermut ihre Vollbl&uuml;ter
+zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und wenn
+sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt
+reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma tr&auml;umte, war das
+bunte Leben und Treiben der K&uuml;nstler, Schriftsteller und
+Schauspielerinnen, das sich in den separierten Zimmern der
+Restaurants abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein
+soupiert und sich austollt. Diese Menschen sind die Verschwender des
+Lebens, K&ouml;nige in ihrer Art, voller Ideale und Phantastereien.
+Ihr Dasein verl&auml;uft hoch &uuml;ber dem Alltag, zwischen Himmel
+und Erde, in Sturm und Drang.
+
+</P><P>
+
+Alles andre in der Welt war f&uuml;r Emma verloren, wesenslos, so gut
+wie nicht vorhanden. Je n&auml;her ihr die Dinge &uuml;brigens
+standen, um so weniger ber&uuml;hrten sie ihr Innenleben. Alles, was
+sie unmittelbar umgab: die eint&ouml;nige Landschaft, die kleinlichen
+armseligen Spie&szlig;b&uuml;rger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam
+ihr wie ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte
+zuf&auml;llig, und sie war in ihn verbannt. Aber drau&szlig;en vor
+seinen Toren, da begann das weite, weite Reich der Seligkeiten und
+Leidenschaften. In der Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust
+und Luxus mit den Freuden des Herzens, erlesene Lebensf&uuml;hrung
+mit Gef&uuml;hlsfeinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, &auml;hnlich
+wie die Pflanzen der Tropen, nicht ihres eigenen Bodens und ihrer
+besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige K&uuml;sse,
+Tr&auml;nen, vergossen auf hingebungsvolle H&auml;nde, Fleischeslust
+und schmachtende Z&auml;rtlichkeit, alles das war ihr unzertrennlich
+von stolzen Schl&ouml;ssern voll m&uuml;&szlig;igen Lebens, von
+Boudoiren mit seidnen Vorh&auml;ngen und dicken Teppichen, von
+blumengef&uuml;llten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden
+Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft.
+
+</P><P>
+
+Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
+Stalljacke, die blo&szlig;en F&uuml;&szlig;e in Holzpantoffeln, kam,
+um die Stute zu f&uuml;ttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch
+die Hausflur. Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mu&szlig;te sie
+zufrieden sein. Wenn er fertig war, lie&szlig; er sich den ganzen Tag
+&uuml;ber nicht wieder blicken. Karl pflegte n&auml;mlich sein Pferd,
+wenn er es geritten hatte, selbst einzustellen. W&auml;hrend er
+Sattel und Z&auml;umung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu
+vor.
+
+</P><P>
+
+Nachdem Anastasia unter tausend Tr&auml;nen wirklich das Haus
+verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges M&auml;dchen in
+Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftm&uuml;tiges Wesen.
+Sie zog sie nett an, brachte ihr h&ouml;fliche Manieren bei, lehrte
+sie, ein Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in
+ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Pl&auml;tten und
+B&uuml;geln der W&auml;sche und lie&szlig; sich von ihr beim
+Ankleiden helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe
+aus. Felicie &mdash; so hie&szlig; das neue M&auml;dchen &mdash;
+gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im Hause. Die Hausfrau
+pflegte den B&uuml;fettschl&uuml;ssel stecken zu lassen. Felicie nahm
+sich alle Abende einige St&uuml;cke Zucker und verzehrte sie, wenn
+sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte.
+Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gew&ouml;hnlich oben in ihrem
+Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die Nachbarschaft klatschen.
+
+</P><P>
+
+Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschl&auml;ge
+und einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie
+h&auml;tte schreiben k&ouml;nnen. H&auml;ufig besah sie sich im
+Spiegel. Mitunter nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel
+sie in Tr&auml;umereien und lie&szlig; das Buch in den Scho&szlig;
+sinken. Am liebsten h&auml;tte sie eine gro&szlig;e Reise gemacht
+oder w&auml;re wieder in das Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben
+und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in der gleichen Minute.
+
+</P><P>
+
+Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstra&szlig;en hin.
+Er fr&uuml;hst&uuml;ckte in den Geh&ouml;ften, griff in feuchte
+Krankenbetten, lie&szlig; sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut
+spritzen, h&ouml;rte dem R&ouml;cheln Sterbender zu, pr&uuml;fte den
+Inhalt von Nachtt&ouml;pfen und zog so und so oft schmutzige Hemden
+hoch. Abends aber fand er immer ein gem&uuml;tliches Feuer im Kamin,
+einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Gro&szlig;vaterstuhl
+und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging von
+ihr aus; wer wei&szlig;, was das war, ein Odeur, ihre W&auml;sche
+oder ihre Haut?
+
+</P><P>
+
+Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entz&uuml;cken.
+Sie erfand neue Papiermanschetten f&uuml;r die Leuchter, oder sie
+besetzte ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein
+ganz gew&ouml;hnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm
+herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt
+hatte, obgleich es dem M&auml;dchen greulich mi&szlig;raten war.
+Einmal sah sie in Rouen, da&szlig; die Damen an ihren Uhrketten
+allerlei Anh&auml;ngsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein
+andermal war es ihr Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei
+gro&szlig;e Vasen aus blauem Porzellan stehen zu haben, oder sie
+wollte ein N&auml;hk&auml;stchen aus Elfenbein mit einem vergoldeten
+Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen begriff, so sehr
+&uuml;bten sie doch auch auf ihn eine verf&uuml;hrerische Wirkung
+aus. Sie erh&ouml;hten die Freuden seiner Sinnlichkeit und verliehen
+seinem Heim einen s&uuml;&szlig;en Reiz mehr. Es war, als ob
+Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel.
+
+</P><P>
+
+Er sah gesund und w&uuml;rdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand
+l&auml;ngst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht
+stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus
+und fl&ouml;&szlig;te jedermann durch seine Solidit&auml;t Vertrauen
+ein. Er war Spezialist f&uuml;r Hals- und Lungenleiden. In
+Wirklichkeit r&uuml;hrten seine Erfolge daher, da&szlig; er Angst
+hatte, die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe
+nur beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein
+Abf&uuml;hrmittel, ein Fu&szlig;bad oder einen Blutegel verordnete.
+In der Chirurgie war er allerdings ein St&uuml;mper. Er schnitt
+drauflos wie ein Fleischermeister, und Z&auml;hne zog er wie der
+Satan.
+
+</P><P>
+
+Um sich in seinem Handwerk &bdquo;auf dem laufenden zu halten&ldquo;,
+war er auf die &bdquo;Medizinische Wochenschrift&ldquo; abonniert,
+von der ihm einmal ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der
+Hauptmahlzeit nahm er sie gew&ouml;hnlich zur Hand, aber die warme
+Zimmerluft und die Verdauungsm&uuml;digkeit brachten ihn
+regelm&auml;&szlig;ig nach f&uuml;nf Minuten zum Einschlafen. Das
+Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine
+L&ouml;wenm&auml;hne vorn&uuml;ber nach dem Fu&szlig;e der Tischlampe
+zu. Emma sah sich dieses Bild ver&auml;chtlich an. Wenn ihr Mann nur
+wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen
+w&auml;re, die nachts &uuml;ber ihren B&uuml;chern hocken und mit
+sechzig Jahren, wenn sich das Zipperlein einstellt, den
+Verdienstorden in das Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen
+Rockes geh&auml;ngt bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre
+war, h&auml;tte Bedeutung haben m&uuml;ssen in der Fachliteratur, in
+den Zeitungen, in ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen
+Ehrgeiz. Ein Arzt aus Yvetot, mit dem er unl&auml;ngst gemeinsam
+konsultiert worden war, hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im
+Beisein der Verwandten blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte
+erz&auml;hlte, war Emma ma&szlig;los emp&ouml;rt &uuml;ber den
+Kollegen. Karl k&uuml;&szlig;te ihr ger&uuml;hrt die Stirn. Die
+Tr&auml;nen standen ihm in den Augen. Sie war au&szlig;er sich vor
+Scham ob der Dem&uuml;tigung ihres Mannes und h&auml;tte ihn am
+liebsten verpr&uuml;gelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den
+Gang hinaus, &ouml;ffnete das Fenster und sog die k&uuml;hle
+Nachtluft ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, was habe ich f&uuml;r einen erb&auml;rmlichen
+Mann!&ldquo; klagte sie leise vor sich hin und bi&szlig; sich auf die
+Lippen.
+
+</P><P>
+
+Er wurde ihr auch sonst immer widerw&auml;rtiger. Mit der Zeit nahm
+er allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
+zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen leckte
+er sich die Z&auml;hne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
+l&ouml;ffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
+beleibter, und seine an und f&uuml;r sich schon winzigen Augen
+drohten allm&auml;hlich g&auml;nzlich hinter seinen feisten Backen zu
+verschwinden.
+
+</P><P>
+
+Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes
+wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder beseitigte
+ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch l&auml;nger
+angezogen h&auml;tte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er
+w&auml;hnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus
+nerv&ouml;ser Reizbarkeit und egoistischem Sch&ouml;nheitsdrang.
+Mitunter erz&auml;hlte sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus
+einem Roman oder aus einem neuen St&uuml;cke, oder Vorkommnisse aus
+dem Leben der oberen Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung
+erhascht hatte. Schlie&szlig;lich war Karl wenigstens ein
+aufmerksamer und geneigter Zuh&ouml;rer, und sie konnte doch nicht
+immer nur ihr Windspiel, das Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer
+Kaminuhr zu ihren Vertrauten machen!
+
+</P><P>
+
+Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des
+gro&szlig;en Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
+verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und
+sp&auml;hte in die dunstigen Fernen nach einem wei&szlig;en Segel.
+Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige
+Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuf&uuml;hren solle, nach
+welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern w&uuml;rde,
+welcher Art dieses Schiff &uuml;berhaupt sein solle, ob ein schwaches
+Boot oder ein gro&szlig;er Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er
+fahre, mit tausend &Auml;ngsten oder mit Gl&uuml;ckseligkeiten
+beladen bis hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie
+erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute m&uuml;sse es sich
+ereignen. Bei jedem Ger&auml;usch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor
+und war dann betroffen, da&szlig; es immer noch nicht kam, das
+gro&szlig;e Erlebnis. Wenn die Sonne sank, war sie jedesmal
+tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den n&auml;chsten Tag.
+
+</P><P>
+
+Der Fr&uuml;hling zog wieder in das Land. Als die Tage w&auml;rmer
+wurden und die Birnb&auml;ume zu bl&uuml;hen begannen, litt Emma an
+Beklemmungen. Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli z&auml;hlte
+sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober
+seien. Vielleicht g&auml;be der Marquis von Andervilliers wieder
+einen Ball. Aber der ganze September verstrich, ohne da&szlig; ein
+Brief oder ein Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser
+Entt&auml;uschung war ihr Herz wieder leer, und das ewige Einerlei
+ihres Lebens hub von neuem an.
+
+</P><P>
+
+Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
+Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, sollten
+kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach auch das Leben
+andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die M&ouml;glichkeit eines
+au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer zieht
+h&auml;ufig die unglaublichsten Umw&auml;lzungen nach sich und
+ver&auml;ndert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb
+alles beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie
+ein langer stockfinsterer Gang, und die T&uuml;r ganz am Ende war
+fest verriegelt.
+
+</P><P>
+
+Sie vernachl&auml;ssigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer
+h&ouml;rte ihr denn zu? Es war ihr doch niemals verg&ouml;nnt, in
+einem Gesellschaftskleid mit kurzen &Auml;rmeln auf einem
+Konzertfl&uuml;gel vor einer gro&szlig;en Zuh&ouml;rerschaft
+vorzutragen, ihre flinken Finger &uuml;ber die Elfenbeintasten
+hinst&uuml;rmen zu lassen und das Murmeln der Verz&uuml;ckung um sich
+zu h&ouml;ren wie das Rauschen des Zephirs. Wozu also das
+m&uuml;hevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr Zeichenger&auml;t
+und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles? Wem zuliebe? Auch
+das N&auml;hen ward ihr widerlich, und selbst das Lesen lie&szlig;
+sie. &bdquo;Es ist immer wieder dasselbe!&ldquo; sagte sie sich.
+
+</P><P>
+
+Und so tr&auml;umte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins
+oder sah zu, wie drau&szlig;en der Regen herniederfiel.
+
+</P><P>
+
+Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur Vesper
+l&auml;utete, h&ouml;rte sie, vor sich hinbr&uuml;tend, den dumpfen
+Glockenschl&auml;gen zu. Eine Katze schlich &uuml;ber die
+D&auml;cher, gem&auml;chlich und langsam, und wo ein bi&szlig;chen
+Sonne war, machte sie einen Buckel. Auf der Landstra&szlig;e blies
+der Wind Staubwirbel auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem
+dem, in einem fort, in gleichen Zeitr&auml;umen, der monotone
+Glockenklang, der &uuml;ber den Feldern verhallte.
+
+</P><P>
+
+Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in Lackschuhen,
+die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her laufenden Kinder
+in blo&szlig;en K&ouml;pfen. Alles ging heimw&auml;rts. Nur f&uuml;nf
+bis sechs M&auml;nner, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des
+Gasthofes beim St&ouml;pselspiel, bis es dunkel wurde.
+
+</P><P>
+
+Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben mit
+Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch
+mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag
+&uuml;ber tr&uuml;b. Von nachmittags vier Uhr an mu&szlig;ten die
+Lampen brennen.
+
+</P><P>
+
+An sch&ouml;nen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
+hatte &uuml;ber die Gr&auml;ser ein silbernes Netz gewoben, dessen
+glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel sang.
+Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh umwickelt,
+und die Weinst&ouml;cke hingen an der Mauer wie vereiste Schlangen.
+Der lesende M&ouml;nch unter den Fichten an der Hecke hatte den
+rechten Fu&szlig; verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, und
+graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht.
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schlo&szlig;
+die T&uuml;r ab und sch&uuml;rte das Feuer im Kamine. In der
+W&auml;rme des Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete
+schwerer auf ihr. Gern w&auml;re sie hinuntergelaufen, um mit dem
+Dienstm&auml;dchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
+
+</P><P>
+
+Alle Morgen um die n&auml;mliche Stunde &ouml;ffnete dr&uuml;ben der
+Schulmeister, sein schwarzseidnes K&auml;ppchen auf dem Kopfe, die
+Fensterl&auml;den seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
+mit seinem S&auml;bel vor&uuml;ber. Morgens und abends wurden die
+Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tr&auml;nke nach dem
+Dorfteiche vorbeigef&uuml;hrt. Von Zeit zu Zeit schellte die
+T&uuml;rklingel irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging,
+h&ouml;rte man die Messingbecken, die als Aush&auml;ngeschilder vor
+dem Barbiergesch&auml;fte hingen, an ihre Stange klirren. Das
+Schaufenster schm&uuml;ckten ein altes auf Pappe ausgeklebtes
+Modenkupfer und eine weibliche Wachsb&uuml;ste mit einer gelben
+Per&uuml;cke. Der Friseur pflegte &uuml;ber seinen brotlosen Beruf
+und seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein h&ouml;chster
+Traum war ein Laden in einer gro&szlig;en Stadt, etwa in Rouen, am
+Kai, in der N&auml;he des Theaters. M&uuml;rrisch wanderte er den
+ganzen Tag &uuml;ber zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und
+her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster
+blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen Rock, die
+Zipfelm&uuml;tze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her
+patrouillieren.
+
+</P><P>
+
+Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des E&szlig;zimmers
+ein sonnengebr&auml;unter M&auml;nnerkopf mit einem schwarzen
+Schnurrbarte und einem tr&auml;gen L&auml;cheln um den Mund, in dem
+die Z&auml;hne leuchteten. Alsbald begann eine Walzermelodie aus
+einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut
+war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten Kopft&uuml;chern,
+Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen R&ouml;cken, Herren in
+Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnst&uuml;hlen
+und Tischen, wobei sie sich in Spiegelst&uuml;cken
+vervielf&auml;ltigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren.
+Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und sp&auml;hte dabei nach
+rechts und links nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen
+langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen die Prellsteine oder
+stie&szlig; mit dem Knie seinen Kasten in die H&ouml;he, dessen Gurt
+ihm die Schultern dr&uuml;ckte. In einem fort, bald schwerm&uuml;tig
+und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem
+roten Taftbezug, der unter einer schn&ouml;rkelhaft ausgestanzten
+Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es waren Melodien,
+die gerade Mode waren und die man &uuml;berall h&ouml;rte, in den
+Theatern, Salons und Tanzs&auml;len, Kl&auml;nge aus der fernen Welt,
+die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Kl&auml;nge im
+Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen.
+Wie die Bajadere &uuml;ber den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre
+Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu
+Traum und von Tr&uuml;bsal zu Tr&uuml;bsal. Wenn der Mann die milden
+Gaben in seiner M&uuml;tze gesammelt hatte, umh&uuml;llte er seinen
+Kasten mit einem blauwollnen &Uuml;berzug, nahm ihn auf den
+R&uuml;cken und verlie&szlig; das Dorf schweren Schrittes. Emma
+schaute ihm lange nach.
+
+</P><P>
+
+Am unertr&auml;glichsten waren ihr die Mahlzeiten im E&szlig;zimmer
+unten im Erdgescho&szlig;. Der Ofen rauchte, die T&uuml;re knarrte,
+die W&auml;nde waren feucht und der Fu&szlig;boden kalt. Die ganze
+Bitternis ihres Daseins schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und
+aus dem Dampf des ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der
+Brodem ihres ihr so widerw&auml;rtig gewordenen Lebens entgegen. Karl
+a&szlig; und a&szlig;, w&auml;hrend sie ein paar N&uuml;sse knackte
+oder, auf die Ellenbogen gest&uuml;tzt, sich damit vergn&uuml;gte,
+mit der Messerspitze allerlei Linien in das Wachstuch zu kritzeln.
+
+</P><P>
+
+In der Wirtschaft lie&szlig; sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre
+Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach Tostes
+kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in ihrem
+&Auml;u&szlig;eren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr
+tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne
+Str&uuml;mpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man
+m&uuml;sse sich einschr&auml;nken, da sie nicht reich seien,
+f&uuml;gte aber hinzu, sie sei h&ouml;chst zufrieden und &uuml;beraus
+gl&uuml;cklich, und in Tostes gefalle es ihr &uuml;ber alle
+Ma&szlig;en. Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte
+Frau Bovary. Im &uuml;brigen zeigte sie sich f&uuml;r die guten
+Lehren der Schwiegermutter nicht empf&auml;nglicher denn fr&uuml;her.
+Als diese gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei
+f&uuml;r die Gottesfurcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emmas
+Antwort von einem so zornigen Blick und einem so eiskalten
+L&auml;cheln begleitet, da&szlig; die gute Frau ihr nicht wieder zu
+nahe kam.
+
+</P><P>
+
+Emma wurde unzug&auml;nglich und launisch. Sie lie&szlig; sich
+besondre Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anr&uuml;hrte;
+an dem einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein
+Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und
+bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle
+Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie das
+Dienstm&auml;dchen angefahren hatte, machte sie ihr im n&auml;chsten
+Augenblicke Geschenke oder lie&szlig; sie in die Nachbarschaft
+ausgehen. Aus &auml;hnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen
+Leuten alles Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie
+eigentlich gar nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle
+Menschen, die auf dem Lande gro&szlig; geworden sind und lebenslang
+etwas von der H&auml;rte der v&auml;terlichen H&auml;nde in ihrem
+Herzen behalten.
+
+</P><P>
+
+Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an seine
+Heilung pers&ouml;nlich eine pr&auml;chtige Truthenne und blieb drei
+Tage im Hause seines Schwiegersohnes. W&auml;hrend Karl auf Praxis
+war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem
+Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten,
+K&auml;lbern, K&uuml;hen, H&uuml;hnern und von den
+Gemeinderatssitzungen. Wenn er wieder hinausgegangen war,
+schlo&szlig; sie ihre T&uuml;r mit einem Gef&uuml;hl der Befriedigung
+ab, das ihr selber sonderbar vorkam.
+
+</P><P>
+
+Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan immer
+weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkw&uuml;rdigsten
+Ansichten zu &auml;u&szlig;ern. Sie tadelte, was andre f&uuml;r gut
+hielten, und billigte Dinge, die f&uuml;r unnat&uuml;rlich oder
+unmoralisch erkl&auml;rt wurden. Karl machte mitunter verwunderte
+Augen dazu.
+
+</P><P>
+
+Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer
+wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch
+ebensoviel wert wie alle die Menschen, die gl&uuml;cklich waren! In
+Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs waren
+als sie und ein gew&ouml;hnlicheres Benehmen hatten. Sie
+verw&uuml;nschte die Ungerechtigkeit ihres Sch&ouml;pfers und
+dr&uuml;ckte ihr Haupt weinend an die W&auml;nde vor lauter Sehnsucht
+nach dem Tumult der Welt, ihren n&auml;chtlichen Maskeraden und
+frechen Freuden und allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und
+die es doch gab.
+
+</P><P>
+
+Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete ihr
+Baldriantropfen und Kampferb&auml;der. Das machte sie nur noch
+reizsamer.
+
+</P><P>
+
+An manchen Tagen redete sie ohne Unterla&szlig; wie eine
+Fieberkranke. Dieser Aufgeregtheit folgte ein pl&ouml;tzlicher
+Umschlag in einen Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie
+stumm da, ohne sich zu r&uuml;hren, und es wirkte bei ihr nur ein
+Belebungsmittel: das &Uuml;bergie&szlig;en mit K&ouml;lnischem
+Wasser.
+
+</P><P>
+
+Dieweil sie sich fortw&auml;hrend &uuml;ber Tostes beklagte, bildete
+sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen
+&ouml;rtlichen Einflu&szlig; verursacht, und so begann er ernstlich
+daran zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager werden
+wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor jegliche
+E&szlig;lust.
+
+</P><P>
+
+Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt, nach
+vierj&auml;hriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es
+mu&szlig;te sein! Er lie&szlig; Emma in Rouen von seinem ehemaligen
+Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nerv&ouml;ses Leiden;
+Luftver&auml;nderung w&auml;re vonn&ouml;ten.
+
+</P><P>
+
+Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in
+Erfahrung, da&szlig; im Bezirk von Neufch&acirc;tel in einem
+gr&ouml;&szlig;eren Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige
+Arzt, ein polnischer Ref&uuml;gi&eacute;, in der vergangenen Nacht
+das Weite gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und
+erkundigte sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die
+n&auml;chsten Kollegen entfernt s&auml;&szlig;en und wie hoch die
+Jahreseinnahme des Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel
+befriedigend aus, und infolgedessen entschlo&szlig; sich Bovary, zu
+Beginn des kommenden Fr&uuml;hjahres nach Abtei Yonville
+&uuml;berzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht gebessert
+habe.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem
+Schubfache. Da ri&szlig; sie sich in den Finger und zwar an einem der
+Dr&auml;hte ihres Hochzeitsstrau&szlig;es. Die Orangenknospen waren
+grau vor Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war
+ausgefranst. Sie warf den Strau&szlig; in das Feuer. Er flackerte auf
+wie trocknes Stroh. Eine Weile gl&uuml;hte er noch wie ein feuriger
+Busch &uuml;ber der Asche, dann sank er langsam in sich zusammen.
+Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten,
+die Dr&auml;hte kr&uuml;mmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die
+verkohlte Papiermanschette zerfiel, und die St&uuml;cke flatterten im
+Kamine hin und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den
+Rauchfang hinaufflogen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Bei dem Weggange von Tostes, im M&auml;rz, ging Frau Bovary einer
+guten Hoffnung entgegen.
+
+</P>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H1>Zweites Buch</H1>
+</CENTER>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H2>Erstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
+von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
+Marktflecken, acht Wegstunden &ouml;stlich von Rouen, zwischen der
+Stra&szlig;e von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im
+Tale der Rieule, eines Nebenfl&uuml;&szlig;chens der Andelle. Nahe
+seiner Einm&uuml;ndung treibt der Bach drei M&uuml;hlen. Er hat Forellen,
+nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
+Belustigung angeln.
+
+</P><P>
+
+Man verl&auml;&szlig;t die Heeresstra&szlig;e bei La Boissi&egrave;re und geht auf
+der Hochebene bis zur H&ouml;he von Leux, wo man das Tiefland
+offen vor sich liegen sieht. Der Flu&szlig; teilt es in zwei
+deutlich unterscheidbare H&auml;lften: zur Linken Weideland, rechts
+ist alles bebaut. Diese Pr&auml;rie, die sich bis zu den Triften
+der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen
+H&uuml;gelkette begrenzt, w&auml;hrend die Ebene gegen Osten allm&auml;hlich
+ansteigt und sich im Unerme&szlig;lichen verliert. So weit das Auge
+reicht, schweift es &uuml;ber meilenweite Kornfelder. Das
+Gew&auml;sser sondert wie mit einem langen wei&szlig;en Strich das Gr&uuml;n
+der Wiesen von dem Blond der &Auml;cker, und so liegt das ganze
+Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit
+einem gr&uuml;nen silbernges&auml;umten Samtkragen.
+
+</P><P>
+
+Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil
+und die steilen Abh&auml;nge von Sankt Johann mit ihren eigent&uuml;mlichen,
+senkrechten, ungleichm&auml;&szlig;igen roten Strichen. Das sind die
+Wege, die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen
+auf dem Grau der Berge r&uuml;hren von den vielen eisenhaltigen
+Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten
+hinab ins Land schicken.
+
+</P><P>
+
+Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
+Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefm&uuml;tterlich
+behandelten Gel&auml;ndes, das weder im Dialekt seiner Bewohner
+noch in seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist.
+Von hier kommen die allerschlechtesten K&auml;se des ganzen
+Bezirks von Neufch&acirc;tel. Allerdings ist die Bewirtschaftung
+dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel
+D&uuml;nger verlangt.
+
+</P><P>
+
+Bis zum Jahre 1835 f&uuml;hrte keine brauchbare Stra&szlig;e nach
+Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter
+&bdquo;Hauptvizinalweg&ldquo; angelegt, der die beiden gro&szlig;en
+Heeresstra&szlig;en von Abbeville und von Amiens untereinander
+verbindet und bisweilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die
+von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser &bdquo;neuen
+Verbindungen&ldquo; gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung.
+Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man
+hartn&auml;ckig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen
+Gewinn sie auch brachte; und die tr&auml;ge Bewohnerschaft baut sich
+auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an.
+Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt
+liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache
+hingeworfen hat.
+
+</P><P>
+
+Von der Br&uuml;cke, die &uuml;ber die Rieule f&uuml;hrt, geht der mit Pappeln
+bes&auml;umte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Geh&ouml;ften
+des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
+Hauptgeb&auml;uden sieht man allerhand ordnungslos angelegte
+Nebenh&auml;uschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien,
+dazwischen buschige B&auml;ume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und
+andres Ger&auml;t h&auml;ngen oder lehnen. Die Strohd&auml;cher sehen wie
+bis an die Augen ins Gesicht hereingezogene Pelzm&uuml;tzen
+aus; sie verdecken ein Drittel der niedrigen
+Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich d&uuml;rres
+Spalierobst an den wei&szlig;en, von schwarzem Geb&auml;lk durchquerten
+Kalkw&auml;nden der H&auml;user empor. Die Eing&auml;nge im Erdgescho&szlig; haben
+drehbare Halbt&uuml;ren, damit die H&uuml;hner nicht eindringen, die auf
+den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
+
+</P><P>
+
+Allm&auml;hlich werden die H&ouml;fe enger, die Geb&auml;ude r&uuml;cken n&auml;her
+aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der H&auml;user
+h&auml;ngt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein
+B&uuml;ndel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
+drei neue Karren stehen davor und versperren die Stra&szlig;e.
+Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein
+wei&szlig;es Landhaus, eine runde Rasenfl&auml;che davor mit einem
+Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund h&auml;lt. Die
+Freitreppe flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild
+mit Wappen gl&auml;nzt am Tore. Es ist das Haus des
+Notars, das sch&ouml;nste der ganzen Gegend.
+
+</P><P>
+
+Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Stra&szlig;e, beginnt
+der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
+herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenh&ouml;he umschlie&szlig;t,
+liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu
+ein Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschie&szlig;endes
+Gras gr&uuml;ne Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein
+Neubau aus der letzten Zeit der Regierung Karls des
+Zehnten. Das h&ouml;lzerne Dach beginnt bereits morsch zu
+werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke &uuml;ber dem Schiff zeigen
+sich stellenweise schwarze Flecken. &Uuml;ber dem Eingang befindet
+sich da, wo gew&ouml;hnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine
+Empore f&uuml;r die M&auml;nner, zu der eine Wendeltreppe hinauff&uuml;hrt,
+die laut dr&ouml;hnt, wenn man sie betritt.
+
+</P><P>
+
+Das Tageslicht flutet in schr&auml;gen Strahlen durch die
+farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von
+L&auml;ngswand zu L&auml;ngswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind
+Strohmatten befestigt, und Namensschilder verk&uuml;nden weithin
+sichtbar: &bdquo;Platz des Herrn Soundso.&ldquo; Wo sich das Schiff
+verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegen&uuml;ber ein Standbild
+der Madonna, die ein Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter
+silbernen Sternen bes&auml;t, tr&auml;gt. Ihre Wangen sind genau so
+knallrot angemalt wie die eines G&ouml;tzenbildes auf den
+Sandwichinseln. Im Chor &uuml;ber dem Hochaltar schimmert hinter vier
+hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro
+Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorst&uuml;hle aus
+Fichtenholz sind ohne Anstrich.
+
+</P><P>
+
+Fast die H&auml;lfte des Marktplatzes von Yonville nehmen &bdquo;die
+Hallen&ldquo; ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzs&auml;ulen.
+Das Rathaus, nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten
+in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des
+Platzes neben der Apotheke. Das Erdgescho&szlig; hat eine
+dorische S&auml;ulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und
+dar&uuml;ber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der
+einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage
+der Gerechtigkeit h&auml;lt.
+
+</P><P>
+
+Das Augenmerk des Fremden f&auml;llt immer zuerst auf die
+Apotheke des Herrn Homais, schr&auml;g gegen&uuml;ber vom &bdquo;Gasthof
+zum goldnen L&ouml;wen&ldquo;. Zumal am Abend, wenn die gro&szlig;e Lampe im
+Laden brennt und ihr helles, durch die bunten Fl&uuml;ssigkeiten in
+den dickbauchigen Flaschen, die das Schaufenster schm&uuml;cken
+sollen, rot und gr&uuml;n gef&auml;rbtes Licht weit hinaus &uuml;ber
+das Stra&szlig;enpflaster f&auml;llt, dann sieht man den Schattenri&szlig;
+des &uuml;ber sein Pult gebeugten Apothekers wie in bengalischer
+Beleuchtung. Au&szlig;en ist sein Haus von oben bis unten mit
+Reklameschildern bedeckt, die in allen m&ouml;glichen Schriftarten
+ausschreien: &bdquo;Mineralwasser von Vichy&ldquo;, &bdquo;Sauerbrunnen&ldquo;,
+&bdquo;Selterswasser&ldquo;, &bdquo;Kamillentee&ldquo;, &bdquo;Kr&auml;uterlik&ouml;r&ldquo;,
+&bdquo;Kraftmehl&ldquo;, &bdquo;Hustenpastillen&ldquo;, &bdquo;Zahnpulver&ldquo;, &bdquo;Mundwasser&ldquo;,
+&bdquo;Bandagen&ldquo;, &bdquo;Badesalz&ldquo;, &bdquo;Gesundheitsschokolade&ldquo; usw. usw.
+Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in
+m&auml;chtigen goldnen Buchstaben: &bdquo;Homais, Apotheker&ldquo;. Drinnen,
+hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest
+man &uuml;ber einer Glast&uuml;re das Wort &bdquo;Laboratorium&ldquo; und auf
+der T&uuml;r selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem
+Grunde den Namen &bdquo;Homais&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Weitere Sehensw&uuml;rdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die
+Hauptstra&szlig;e (die einzige) reicht einen B&uuml;chsenschu&szlig; weit und
+hat zu beiden Seiten ein paar Kraml&auml;den. An der Stra&szlig;enbiegung
+ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und
+dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
+
+</P><P>
+
+Zur Zeit der Cholera wurde ein St&uuml;ck der Kirchhofsmauer
+niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
+vergr&ouml;&szlig;ert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
+unbenutzt geblieben. Wie vordem dr&auml;ngen sich die Grabh&uuml;gel nach
+dem Eingangstor zu zusammen. Der Pf&ouml;rtner, der zugleich auch
+Totengr&auml;ber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen
+der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das
+unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber
+von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bi&szlig;chen Boden, und es
+brauchte blo&szlig; wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so w&uuml;&szlig;te
+er nicht, ob er sich &uuml;ber die vielen Toten freuen oder &uuml;ber ihre
+neuen Gr&auml;ber &auml;rgern solle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lestiboudois, Sie leben von den Toten!&ldquo; sagte eines
+Tages der Pfarrer zu ihm.
+
+</P><P>
+
+Diese gruselige Bemerkung stimmte den K&uuml;ster nachdenklich. Eine
+Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis
+auf den heutigen Tag zog er seine Erd&auml;pfel weiter. Ja, er
+versichert sogar mit Nachdruck, sie w&uuml;chsen ganz von selber.
+
+</P><P>
+
+Seit den Ereignissen, die hier erz&auml;hlt werden, hat sich in
+Yonville wirklich nichts ver&auml;ndert. Noch immer dreht sich auf
+der Kirchturmspitze die wei&szlig;-rot-blaue Fahne aus Blech, noch
+immer flattern vor dem Laden des Modewarenh&auml;ndlers zwei
+Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der
+Apotheke h&auml;&szlig;liche Pr&auml;parate in Glasb&uuml;chsen voll
+tr&uuml;bgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von
+Wind und Wetter ziemlich entgoldete L&ouml;we &uuml;ber dem Tore des
+Gasthofes den Vor&uuml;bergehenden seine Pudelm&auml;hne.
+
+</P><P>
+
+An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen
+sollte, war die L&ouml;wenwirtin, die Witwe Franz, derartig
+besch&auml;ftigt, da&szlig; ihr beim Hantieren mit ihren T&ouml;pfen der
+Schwei&szlig; von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war n&auml;mlich
+Markttag im St&auml;dtchen. Da mu&szlig;te Fleisch zurechtgehackt,
+Gefl&uuml;gel ausgenommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt
+werden. Daneben die regelm&auml;&szlig;igen Tischteilnehmer und heute
+obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstm&auml;dchen!
+Am Billard lachten G&auml;ste, und in der kleinen Gaststube riefen
+drei M&uuml;llerburschen nach Schnaps. Im Herde prasselte und
+schmorte es, und auf dem langen K&uuml;chentische paradierten neben
+einer rohen Hammelkeule St&ouml;&szlig;e von Tellern, die nach dem Takte
+des Wiegemessers tanzten, mit dem die K&ouml;chin Spinat
+zerkleinerte. Vom Hofe aus ert&ouml;nte das &auml;ngstliche Gegacker
+der H&uuml;hner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
+K&ouml;pfe abschneiden wollte.
+
+</P><P>
+
+Ein Herr in gr&uuml;nledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an
+seinem schwarzsamtnen K&auml;ppchen, w&auml;rmte sich am Kamin des
+Gastzimmers den R&uuml;cken. Im Gesicht hatte er ein paar
+Blatternarben. Sein ganzes Wesen strahlte f&ouml;rmlich von
+Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichm&uuml;tig dahin
+wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer
+herumh&uuml;pfte. Dieser Herr war der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Artemisia!&ldquo; rief die Wirtin. &bdquo;Leg noch ein bi&szlig;chen Reisig
+ins Feuer! F&uuml;lle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps
+hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur w&uuml;&szlig;te, was ich
+den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen
+soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft
+h&ouml;ren mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und
+der M&ouml;belwagen steht drau&szlig;en immer noch mitten auf der Stra&szlig;e,
+gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine
+Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen
+beiseiteschieben ... Was ich sagen wollte, Herr Apotheker,
+diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei
+der f&uuml;nfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man
+wird mir noch ein Loch ins Tuch sto&szlig;en!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie war auf einen Augenblick, den Kochl&ouml;ffel in der Hand, ins
+Gastzimmer gelaufen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das w&auml;r auch weiter kein Malheur!&ldquo; meinte Homais. &bdquo;Dann
+schaffen Sie gleich ein neues Billard an!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein neues Billard!&ldquo; jammerte die Witwe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr
+viel! Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr
+eigner Schaden! Und ein gro&szlig;er Schaden! Heutzutage verlangen
+passionierte Spieler gro&szlig;e B&auml;lle und schwere Queues. Mit
+solchen B&auml;llchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten &auml;ndern sich!
+Man mu&szlig; modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Caf&eacute;
+Fran&ccedil;ais&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Wirtin wurde rot vor &Auml;rger, aber der Apotheker fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie k&ouml;nnen sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist
+handlicher als Ihrs. Und wenn es hei&szlig;t, eine
+patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der
+vertriebenen Polen oder f&uuml;r die &Uuml;berschwemmten von Lyon&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was!&ldquo; unterbrach ihn die L&ouml;wenwirtin ver&auml;chtlich.
+&bdquo;Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen
+Sies nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne L&ouml;we
+bestehen wird, sitzen auch G&auml;ste drin! Wir verhungern nicht! Aber
+Ihr geliebtes Caf&eacute; Fran&ccedil;ais, das wird eines
+sch&ouml;nen Tages die Bude zumachen! Oder vielmehr der
+Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres Billard
+anschaffen? Wo meins so bequem ist zum W&auml;schefalten! Und wenn
+Jagdg&auml;ste da sind, k&ouml;nnen gleich sechse drauf &uuml;bernachten! Nee,
+nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
+Hivert!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sollen denn Ihre Tischg&auml;ste mit dem Essen warten, bis die
+Post gekommen ist?&ldquo; fragte Homais ungeduldig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag
+sechs, einen wie alle Tage! So ein Muster von P&uuml;nktlichkeit
+gibts auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit
+urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er
+lie&szlig;e sich eher totschlagen, als da&szlig; er wo anders &auml;&szlig;e.
+Was Schlechtes darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den
+Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er ist nicht wie Herr
+Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und
+alles i&szlig;t, was man ihm vorsetzt! &Uuml;brigens ein feiner
+junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm
+geh&ouml;rt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
+Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen K&uuml;rassier und
+jetzigen Steuereinnehmer!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es schlug sechs. Binet trat ein.
+
+</P><P>
+
+Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
+K&ouml;rper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Lederm&uuml;tze blickte
+ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedr&uuml;ckt von dem
+langj&auml;hrigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug
+eine Weste aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen
+und tadellos blankgewichste Schuhe, die vorn besonders
+ausgearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen
+litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte
+ihm das lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der
+Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in
+jeglichem Kartenspiel und ein guter J&auml;ger, hatte eine h&uuml;bsche
+Handschrift und besa&szlig; zu Hause eine Drehbank, auf der er zu
+seinem Vergn&uuml;gen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon
+eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eines K&uuml;nstlers und
+dem Geiz des Spie&szlig;ers h&uuml;tete.
+
+</P><P>
+
+Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mu&szlig;ten dort aber
+die drei M&uuml;llerburschen hinauskomplimentiert werden. W&auml;hrend
+man drin f&uuml;r ihn deckte, blieb er in der gro&szlig;en Gaststube stumm
+in der N&auml;he des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte
+die T&uuml;re ein und nahm seine M&uuml;tze ab. Das hatte alles so
+seine Ordnung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An &uuml;berm&auml;&szlig;iger H&ouml;flichkeit wird der mal nicht sterben!&ldquo;
+bemerkte der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein
+war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er redet nie viel,&ldquo; entgegnete diese. &bdquo;Vergangene Woche waren
+zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend
+Schnurren erz&auml;hlt haben. Ich w&auml;re beinahe umgekommen vor Lachen.
+Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
+verzogen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja,&ldquo; sagte der Apotheker, &bdquo;der Mensch hat keine Phantasie,
+keinen Witz, keinen geselligen Sinn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er soll aber wohlhabend sein,&ldquo; warf die Wirtin ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohlhabend?&ldquo; echote Homais. &bdquo;Der und wohlhabend!&ldquo; Und
+gelassen f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Gott ja, so f&uuml;r seine Verh&auml;ltnisse.
+Das ist schon m&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: &bdquo;Hm! Wenn ein Kaufmann,
+der ein gro&szlig;es Gesch&auml;ft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein
+Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, da&szlig; er zum
+Griesgram oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor
+gibt es Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin
+Gedanken im Kopfe. Wie oft ists mir nicht selber passiert, da&szlig;
+ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um
+ein Schildchen auszuf&uuml;llen oder so was, &mdash; und wei&szlig; der
+Kuckuck, schlie&szlig;lich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre
+stecken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Franz ging indessen an die Haust&uuml;r, um nachzusehen, ob
+die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da
+trat ein schwarz gekleideter Mann in die K&uuml;che. Das
+D&auml;mmerlicht beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umflo&szlig;
+seine herkulischen Linien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?&ldquo; fragte die Wirtin
+und nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren
+wei&szlig;en Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. &bdquo;Haben
+Ehrw&uuml;rden einen Wunsch? Ein Gl&auml;schen Wacholder oder einen
+Schoppen Wein?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines
+Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte
+stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn
+gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er
+sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria
+gel&auml;utet ward.
+
+</P><P>
+
+Als die Tritte des Geistlichen drau&szlig;en verklungen waren,
+machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben
+sehr ungeb&uuml;hrlich benommen. Eine angebotene Erfrischung
+abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche
+Heuchelei. Die Pfaffen s&ouml;ffen insgeheim alle miteinander. Am
+liebsten m&ouml;chten sie den Zehnten wieder einf&uuml;hren.
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, &uuml;brigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
+zugleich auf!&ldquo; meinte sie. &bdquo;Voriges Jahr hat er unsern Leuten
+beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Sch&uuml;tten auf
+einmal getragen. So stark ist er!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo; rief Homais aus. &bdquo;Schickt nur Eure
+M&auml;dels solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate
+was zu sagen h&auml;tte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier
+Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier
+Wochen einen ordentlichen Aderla&szlig; zur Hebung von Sicherheit und
+Sittlichkeit im Lande!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais erwiderte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert
+als die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz.
+Ich verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine
+h&ouml;here Macht, an einen Sch&ouml;pfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht
+in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre
+Pflichten als Staatsb&uuml;rger und Familienv&auml;ter erf&uuml;llen.
+Aber ich habe kein Bed&uuml;rfnis, in die Kirche zu gehen,
+silbernes Ger&auml;t zu k&uuml;ssen und eine Bande von Possenrei&szlig;ern
+aus meiner Tasche zu m&auml;sten, die sich besser hegen und pflegen
+als ich mich selber. Gott kann man viel sch&ouml;ner verehren im
+Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung
+angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der
+Philosophen und K&uuml;nstler. Ich bin f&uuml;r Rousseaus
+Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. F&uuml;r die
+unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den
+sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierst&ouml;ckchen in der
+Hand gem&uuml;tlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in
+einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
+dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an
+und f&uuml;r sich Bl&ouml;dsinn und obendrein wider alle Naturgesetze!
+Es beweist aber nebenbei, da&szlig; sich die Pfaffen in der
+schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen
+m&ouml;chten, mir Wollust selber herumsielen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schwieg und &uuml;berschaute seine Zuh&ouml;rerschaft. Er hatte sich
+ins Zeug gelegt, als spr&auml;che er vor versammeltem
+Gemeinderat. Die Wirtin war l&auml;ngst aus der Gaststube gelaufen.
+Sie lauschte drau&szlig;en und vernahm ein fernes rollendes
+Ger&auml;usch. Bald h&ouml;rte sie deutlich das Rasseln der R&auml;der und
+das Klappern eines lockeren Eisens auf dem Pflaster.
+Endlich hielt die Postkutsche vor der Haust&uuml;re.
+
+</P><P>
+
+Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenr&auml;dern, die
+bis an das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem
+Reisenden jegliche Aussicht und bespritzten ihn fortw&auml;hrend.
+Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem
+Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, da&szlig; sie vor Staub und
+Stra&szlig;enschmutz starrten. Der st&auml;rkste Platzregen h&auml;tte sie
+nicht rein gewaschen. Das Fahrzeug war mit drei Pferden
+bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles
+redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
+wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine
+Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wu&szlig;te gar nicht, wem er
+zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte n&auml;mlich allerlei
+Auftr&auml;ge f&uuml;r die Landleute in der Stadt zu &uuml;bernehmen. Er
+machte Eink&auml;ufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied
+altes Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne
+Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur
+Lockenwickel. Auf dem R&uuml;ckwege verteilte er dann die Pakete
+l&auml;ngs seiner Fahrstra&szlig;e. Wenn er am Geh&ouml;ft eines
+Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle und
+warf das Paket &uuml;ber den Zaun in das Grundst&uuml;ck, wobei er
+sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke
+ohne Z&uuml;gel laufen lie&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Heute kam er mit Versp&auml;tung. Unterwegs war Frau Bovarys
+Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff
+man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zur&uuml;ck; aller
+Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schlie&szlig;lich
+aber mu&szlig;te weitergefahren werden.
+
+</P><P>
+
+Emma weinte und war ganz au&szlig;er sich. Karl sei an diesem Ungl&uuml;ck
+schuld. Herr Lheureux, der Modewarenh&auml;ndler, der mit in der Post
+fuhr, versuchte sie zu tr&ouml;sten, indem er ein Schock Geschichten
+von Hunden erz&auml;hlte, die entlaufen waren und sich nach langen
+Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
+anderem wu&szlig;te er von einem Dackel zu berichten, der von
+Konstantinopel aus den Weg nach Paris zur&uuml;ckgefunden haben
+sollte. Ein andrer Hund war hinter einander drei&szlig;ig Meilen
+gelaufen und hatte dabei vier Fl&uuml;sse durchschwommen. Und sein
+eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zw&ouml;lf
+Jahre weg. Eines Abends, als der alte Lheureux durch die
+Stadt nach dem Gasthaus ging, sprang der Hund an ihm hoch.
+
+</P>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zweites Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
+eine Amme. Karl mu&szlig;te man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
+beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
+
+</P><P>
+
+Homais stellte sich vor. Er ersch&ouml;pfte sich der &bdquo;gn&auml;digen
+Frau&ldquo; und dem &bdquo;Herrn Doktor&ldquo; gegen&uuml;ber in Galanterien und
+H&ouml;flichkeiten. Er sei entz&uuml;ckt, sagte er, bereits Gelegenheit
+gehabt zu haben, ihnen gef&auml;llig sein zu d&uuml;rfen. Und in
+herzlichem Tone f&uuml;gte er hinzu, er l&uuml;de sich f&uuml;r heute bei
+ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary begab sich in die K&uuml;che und an den Herd. Mit den
+Fingerspitzen fa&szlig;te sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es
+bis zu den Kn&ouml;cheln herauf und w&auml;rmte ihre mit
+schwarzledernen Stiefeletten bekleideten F&uuml;&szlig;e an der Glut, in
+der die Hammelkeule am Spie&szlig; gedreht wurde. Das Feuer
+beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den
+Stoff ihres Kleides, auf ihre por&ouml;se wei&szlig;e Haut und in die
+Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schl&ouml;ssen. Der
+Luftzug strich durch die halboffene T&uuml;r und r&ouml;tete die Flammen.
+Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende
+desselben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm
+betrachtete.
+
+</P><P>
+
+Es war Leo D&uuml;puis, der Adjunkt des Notars Guillaumin,
+einer der Stammg&auml;ste im Goldnen L&ouml;wen. Er langweilte sich
+geh&ouml;rig in Yonville, und deshalb kam er zu Tisch &ouml;fters
+absichtlich zu sp&auml;t, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden
+den Abend im Wirtshause verplaudern zu k&ouml;nnen. Wenn er aber in
+der Kanzlei gerade gar nichts zu tun hatte, mu&szlig;te er aus
+Langeweile wohl oder &uuml;bel p&uuml;nktlich erscheinen und von der Suppe
+bis zum K&auml;se Binets Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte
+ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen G&auml;sten zusammen zu
+essen; er war mit Vergn&uuml;gen darauf eingegangen. Zur Feier des
+Tages war im Saal f&uuml;r vier Personen gedeckt worden.
+
+</P><P>
+
+Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
+K&auml;ppchen aufbehalten zu d&uuml;rfen. Er erk&auml;lte sich leicht.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary sa&szlig; ihm beim Essen zur Rechten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau sind zweifellos ein wenig m&uuml;de?&ldquo; begann er.
+&bdquo;In unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft
+durchger&uuml;ttelt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Freilich!&ldquo; gab Emma zur Antwort. &bdquo;Aber dieses Dr&uuml;ber und
+Drunter macht mir gerade Spa&szlig;. Ich liebe die Abwechselung.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gr&auml;&szlig;lich!&ldquo;
+seufzte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen
+m&uuml;&szlig;ten&nbsp;...&ldquo;, warf Karl ein.
+
+</P><P>
+
+Leo wandte sich an Emma:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Grade das denke ich mir k&ouml;stlich. Nat&uuml;rlich mu&szlig; man ein
+guter Reiter sein.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein praktizierender Arzt hats &uuml;brigens in hiesiger Gegend
+ziemlich bequem&ldquo;, meinte der Apotheker. &bdquo;Die Wege sind n&auml;mlich
+soweit imstand, da&szlig; man ein Kabriolett verwenden kann. Im
+allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
+wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
+abgesehen von den gew&ouml;hnlichen Diarrh&ouml;en, Rachenkatarrhen und
+Magenbeschwerden, hin und wieder w&auml;hrend der Erntezeit wohl
+F&auml;lle von Wechselfieber, aber im gro&szlig;en und ganzen selten
+schwere Krankheiten. Besonders zu erw&auml;hnen sind die
+zahlreichen skroful&ouml;sen Leiden, die zweifellos von den
+kl&auml;glichen hygienischen Verh&auml;ltnissen in den Bauernh&auml;usern
+herr&uuml;hren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden &ouml;fters mit
+altmodischen Ansichten zu k&auml;mpfen haben, und vielfach werden
+Dickk&ouml;pfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer
+Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen es
+in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit
+dem Pfarrer, statt da&szlig; sie von vornherein zum Arzt oder in die
+Apotheke gingen. Im &uuml;brigen ist das Klima wirklich nicht
+schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigj&auml;hrige in der Gemeinde.
+Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalk&auml;lte im Winter
+4&deg; Celsius, w&auml;hrend wir im Hochsommer auf
+25&deg;, h&ouml;chstens 30&deg; kommen. Das
+w&auml;re ein Maximum von 24&deg; Reaumur. Das ist
+nicht viel. Das kommt aber daher, da&szlig; wir einerseits vor den
+Nordwinden durch die W&auml;lder von Argueil, andrerseits vor den
+Westwinden durch die H&ouml;he von Sankt Johann gesch&uuml;tzt sind. Diese
+W&auml;rme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des
+Flusses und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den
+Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren
+(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur
+Stickstoff und Sauerstoff!), &mdash; diese W&auml;rme, die den Humus
+aussaugt und alle D&uuml;nste des Bodens aufnimmt, sich
+gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der
+Elektrizit&auml;t der Atmosph&auml;re verbindet, die k&ouml;nnte schlie&szlig;lich
+(wie in den Tropenl&auml;ndern) gesundheitssch&auml;dliche Miasmen
+erzeugen &mdash;, diese W&auml;rme, sag ich, wird gerade dort, wo sie
+herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen k&ouml;nnte, das hei&szlig;t
+im S&uuml;den, durch die S&uuml;dostwinde abgek&uuml;hlt, die ihre K&uuml;hle
+&uuml;ber der Seine erlangen und bei uns bisweilen pl&ouml;tzlich
+als sanftes Mail&uuml;fterl wehen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der
+Umgegend?&ldquo; fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespr&auml;ches
+mit dem jungen Manne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leider nur sehr wenige&ldquo;, entgegnete er. &bdquo;Einen h&uuml;bschen Ort
+gibt es auf der H&ouml;he, am Waldrande, der
+&sbquo;Futterplatz&lsquo; genannt. Dort sitze ich manchmal
+Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den
+Sonnenuntergang an.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,&ldquo;
+schw&auml;rmte Emma, &bdquo;zumal am Gestade des Meeres!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich bete das Meer an!&ldquo; stimmte Leo bei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie nicht auch die Empfindung,&ldquo; fuhr Frau Bovary fort,
+&bdquo;da&szlig; die Seele beim Anblicke dieser unerme&szlig;lichen Weite Fl&uuml;gel
+bekommt, die Fl&uuml;gel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten
+emporheben, in die Sph&auml;re der Ideen, der Ideale?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso&ldquo;, meinte Leo. &bdquo;Ich
+habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise
+gemacht hat. Der hat mir erz&auml;hlt: ohne sie selber zu sehen,
+k&ouml;nne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht
+vorstellen, den Zauber der Wasserf&auml;lle und den gro&szlig;artigen
+Eindruck der Gletscher. &Uuml;ber Gie&szlig;b&auml;chen h&auml;ngen riesige
+Fichten, und am Rande von tiefen Abgr&uuml;nden kleben Alpenh&uuml;tten;
+und wenn die Wolken einmal zerrei&szlig;en, erblickt man tausend Fu&szlig;
+unten in der Tiefe die langen T&auml;ler. Wer das schaut, mu&szlig; in
+Begeisterung geraten, in Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt
+begreife ich auch jenen ber&uuml;hmten Musiker, der nur angesichts
+von erhabenen Landschaften arbeiten konnte.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Treiben Sie Musik?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, aber ich liebe die Musik!&ldquo; antwortete er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!&ldquo; mischte sich
+Homais ein. &bdquo;Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit
+... Aber gewi&szlig;, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da
+haben Sie doch das <B>Engellied</B> wundervoll gesungen. Ich hab
+es von meinem Laboratorium aus geh&ouml;rt. Sie haben eine
+Stimme wie ein Operns&auml;nger!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo D&uuml;puis bewohnte n&auml;mlich im Hause des Apothekers im
+zweiten Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt
+hinausging. Bei dem Komplimente seines Hauswirtes
+wurde er &uuml;ber und &uuml;ber rot.
+
+</P><P>
+
+Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
+bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufz&auml;hlte. Er
+wu&szlig;te tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur &uuml;ber das
+Verm&ouml;gen des Notars k&ouml;nne er nichts Genaues sagen.
+Auch &uuml;ber die Familie T&uuml;vache munkele man so allerlei.
+
+</P><P>
+
+Emma fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist ja entz&uuml;ckend! Und welche Musik lieben Sie am
+meisten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die deutsche! Die ist das wahre Traumland&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kennen Sie die Italiener?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch nicht. Aber ich werde sie n&auml;chstes Jahr h&ouml;ren. Ich
+habe die Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches
+Studium zu vollenden.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl
+mitzuteilen,&ldquo; sagte wiederum der Apotheker, &bdquo;als ich ihm von
+dem armen Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen
+ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich
+eines der komfortabelsten H&auml;user von Yonville erfreuen. Eine
+ganz besondre Bequemlichkeit gerade f&uuml;r einen Arzt ist das
+Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu.
+Man kann dadurch unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung
+selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein
+gro&szlig;es E&szlig;zimmer, eine K&uuml;che mit Speisekammer, eine
+Waschk&uuml;che, einen Obstkeller usw. Ihr Vorg&auml;nger war ein flotter
+Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in
+seinem Garten, mit dem Blick auf unser Fl&uuml;&szlig;chen, da hat er sich
+ein Lusth&auml;uschen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden
+sein Bier drin zu s&uuml;ffeln. Wenn die gn&auml;dige Frau die Blumenzucht
+liebt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab&ldquo;, unterbrach ihn
+Karl. &bdquo;Obgleich ihr k&ouml;rperliche Bewegung verordnet ist, bleibt
+sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz wie ich!&ldquo; fiel Leo ein. &bdquo;Was w&auml;re wohl auch
+gem&uuml;tlicher, als abends beim Schein der Lampe mit einem
+Buche am Kamine zu sitzen, w&auml;hrend drau&szlig;en der Wind gegen die
+Fensterscheiben schl&auml;gt?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ist es!&ldquo; stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren gro&szlig;en
+schwarzen Augen voll an.
+
+</P><P>
+
+Er fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne
+da&szlig; man sich bewegt, wandert man mit dem Erz&auml;hler durch ferne
+Lande. Man w&auml;hnt sie vor Augen zu haben. Man tr&auml;umt sich in die
+fremden Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man
+verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter
+den Gestalten der Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor,
+als schl&uuml;ge das eigne Herz in ihnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie wahr! Wie wahr!&ldquo; rief Emma aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
+bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
+l&auml;ngst in sich selbst tr&auml;gt? Wie aus der Ferne schwebt sie
+nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es
+ist einem, als stehe man vor einer Offenbarung seines
+tiefsten Ichs&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hab ich schon erlebt!&ldquo; fl&uuml;sterte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und darum&ldquo;, fuhr er fort, &bdquo;liebe ich die Dichter &uuml;ber
+alles. Ich finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie r&uuml;hren
+so sch&ouml;n zu Tr&auml;nen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber sie erm&uuml;den auf die Dauer,&ldquo; wandte Emma ein, &bdquo;und daher
+ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie m&uuml;ssen spannend und
+aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
+Gef&uuml;hle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;,&ldquo; bemerkte der Adjunkt, &bdquo;die naturalistischen Romane
+haben dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit,
+meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so
+s&uuml;&szlig;, sich aus den H&auml;&szlig;lichkeiten des Daseins
+herauszuz&uuml;chten, wenigstens in Gedanken: zu edlen
+Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu gl&uuml;ckseligen
+Zust&auml;nden. F&uuml;r mich, der ich hier fern der gro&szlig;en Welt lebe,
+ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig
+Gelegenheit&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jedenfalls genau so wie in Tostes!&ldquo; bemerkte Emma. &bdquo;Drum
+war ich st&auml;ndig in einer Leihbibliothek abonniert.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker hatte diese letzten Worte geh&ouml;rt. &bdquo;Wenn gn&auml;dige
+Frau mir die Ehre erweisen wollen,&ldquo; sagte er, &bdquo;meine Bibliothek
+zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verf&uuml;gung. Sie enth&auml;lt die
+besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott,
+au&szlig;erdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den
+&bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo;, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent
+f&uuml;r Buchy, Forges, Neufch&acirc;tel, Yonville und Umgegend ich
+bin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Man sa&szlig; bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht
+ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren
+Holzschuhen saumselig &uuml;ber die Dielen schl&uuml;rfte, jeden Teller
+einzeln hereinbrachte, allerlei verga&szlig;, jeden Auftrag &uuml;berh&ouml;rte
+und immer wieder die T&uuml;re zum Billardzimmer offen lie&szlig;, die dann
+krachend von selber zuklappte.
+
+</P><P>
+
+Ohne es zu bemerken, hatte Leo, w&auml;hrend er so eifrig
+plauderte, einen Fu&szlig; auf eine der Querleisten des Stuhles
+gesetzt, auf dem Frau Bovary sa&szlig;. Sie trug einen gefalteten
+steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlips, und je nach
+den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, ber&uuml;hrte ihr Kinn
+den Batist oder entfernte sich grazi&ouml;s davon. So kamen Leo und
+Emma, w&auml;hrend sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins
+jener uferlosen Gespr&auml;che, die um tausend oberfl&auml;chliche Dinge
+kreisen und keinen andern Sinn haben, als die gegenseitige
+Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse,
+Romantitel, moderne T&auml;nze, die ihnen fremde gro&szlig;e Gesellschaft,
+Tostes, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich
+gefunden, alles das ber&uuml;hrten sie in ihrer Plauderei,
+bis die Mahlzeit zu Ende war.
+
+</P><P>
+
+Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der
+neuen Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf
+brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war l&auml;ngst am
+erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war
+wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn
+und Frau Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing H&auml;cksel,
+und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers,
+den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er
+voran.
+
+</P><P>
+
+Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die S&auml;ulen der Hallen auf dem
+Markte warfen lange Schatten &uuml;ber das Pflaster. Der Boden war
+hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des
+Arztes nur f&uuml;nfzig Schritte vom Goldnen L&ouml;wen entfernt lag,
+w&uuml;nschte man sich alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so
+schied man voneinander.
+
+</P><P>
+
+Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte
+sie die Empfindung, als lege sich ihr die K&uuml;hle der W&auml;nde wie
+feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
+Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
+fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah drau&szlig;en
+Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
+Nebelmeer dar&uuml;ber. Das Mondlicht sickerte durch die
+aufwallenden D&auml;mpfe.
+
+</P><P>
+
+Im Zimmer standen Kommodenk&auml;sten, Flaschen, Gardinenstangen,
+M&ouml;belst&uuml;cke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden
+Packer hatten alles so stehen und liegen lassen.
+
+</P><P>
+
+Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte.
+Das erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins
+Kloster gewesen, das zweitemal an dem ihrer Ankunft in
+Tostes, das drittemal im Schlo&szlig; Vaubyessard und das
+vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein neuer Abschnitt in
+ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, da&szlig; sich die gleichen
+Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen k&ouml;nnten; und da
+ihr bisheriges St&uuml;ck Leben h&auml;&szlig;lich gewesen war, so m&uuml;sse
+das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos sch&ouml;ner
+sein.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Drittes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
+Adjunkt &uuml;ber den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
+zu ihr herauf und gr&uuml;&szlig;te. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
+schlo&szlig; das Fenster.
+
+</P><P>
+
+Den ganzen Tag &uuml;ber konnte es Leo D&uuml;puis kaum erwarten,
+da&szlig; es sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen
+L&ouml;wen kam, fand er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der
+bereits am Tische sa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Das gestrige Mahl war f&uuml;r Leo ein bedeutungsvolles
+Ereignis. Bis dahin hatte er noch niemals zwei Stunden
+lang mit einer &bdquo;Dame&ldquo; geplaudert. Wie hatte er es nur
+fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter
+Form zu sagen? Das war ihm vordem unm&ouml;glich gewesen. Er war
+von Natur sch&uuml;chtern und wahrte eine gewisse Zur&uuml;ckhaltung, die
+sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die
+Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er h&ouml;rte still zu,
+wenn &auml;ltere Herren disputierten, und zeigte sich in
+politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem
+jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besa&szlig; er allerlei
+Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er besch&auml;ftigte
+sich in seinen Mu&szlig;estunden gern mit der Literatur, &mdash; wenn er
+nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker sch&auml;tzte ihn wegen
+seiner Kenntnisse, und Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er
+h&ouml;flich und gef&auml;llig war; &ouml;fters widmete er sich n&auml;mlich im
+Garten ihren Kindern, kleinem Volk, das immer schmutzig
+aussah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung
+einmal dem Dienstm&auml;dchen und dann noch besonders dem Lehrling
+oblag, einem jungen Burschen, namens Justin. Er war ein
+entfernter Verwandter des Apothekers, von diesem aus
+Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art &bdquo;Mann f&uuml;r
+alles&ldquo; geworden war.
+
+</P><P>
+
+Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau
+Bovary die besten Adressen f&uuml;r ihre Eink&auml;ufe, lie&szlig; seinen
+Apfelweinlieferanten eigens f&uuml;r sie herkommen, beteiligte sich
+an der Weinprobe und gab pers&ouml;nlich acht, da&szlig; das bestellte
+Fa&szlig; einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die
+beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr
+Lestiboudois, den Kirchendiener, als G&auml;rtner; neben seinen
+&Auml;mtern in Kirche und Gottesacker hielt dieser n&auml;mlich die
+G&auml;rten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn
+&bdquo;stundenweise&ldquo; oder &bdquo;aufs Jahr&ldquo;, ganz wie es gew&uuml;nscht
+wurde.
+
+</P><P>
+
+Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger
+einem Herzensbed&uuml;rfnis als schlauer Berechnung.
+Homais hatte n&auml;mlich fr&uuml;her einmal gegen das Gesetz vom
+19. Vent&ocirc;se des Jahres XI versto&szlig;en, wonach die
+&auml;rztliche Praxis jedem verboten ist,
+der sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms
+befindet. Eines Tages war er auf eine geheimnisvolle
+Anzeige hin nach Rouen vor den Staatsanwalt geladen worden.
+Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amtszimmer,
+stehend und in Amtsrobe, das Barett auf dem Kopfe,
+vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer
+Gerichtssitzung gewesen. Von drau&szlig;en, vom Gange her, waren dem
+Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt.
+Es war ihm, als h&ouml;rte er fern das Aufschnappen wuchtiger
+Schl&ouml;sser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag w&uuml;rde
+ihn r&uuml;hren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in
+Tr&auml;nen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in
+alle vier Winde verstreut. Hinterher mu&szlig;te er seine
+Lebensgeister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in
+Selters wieder auf die Beine bringen.
+
+</P><P>
+
+Allm&auml;hlich verbla&szlig;te die Erinnerung an diese Vermahnung, und
+Homais hielt von neuem in seinem Hinterst&uuml;bchen &auml;rztliche
+Sprechstunden ab. Da aber der B&uuml;rgermeister nicht sein Freund war
+und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
+ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
+durch kleine Gef&auml;lligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
+ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
+falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar
+w&uuml;rden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den &bdquo;Leuchtturm&ldquo;, und
+oft verlie&szlig; er nachmittags auf ein Viertelst&uuml;ndchen sein
+Gesch&auml;ft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen.
+
+</P><P>
+
+Karl war mi&szlig;gestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden
+lang sa&szlig; er vor sich hinbr&uuml;tend da, ohne ein Wort zu sprechen.
+Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schl&auml;fchen oder sah seiner
+Frau beim N&auml;hen zu. Um sich ein wenig Besch&auml;ftigung zu machen,
+verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar,
+die Bodent&uuml;re mit dem Rest von &Ouml;lfarbe anzupinseln, den die
+Anstreicher dagelassen hatten.
+
+</P><P>
+
+Am meisten dr&uuml;ckte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in
+Tostes eine betr&auml;chtliche Summe ausgegeben f&uuml;r neue
+Anschaffungen im Hause, f&uuml;r die Kleider seiner Frau und
+neuerdings f&uuml;r den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr als
+dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der
+&Uuml;bersiedelung von Tostes nach Yonville war vieles
+besch&auml;digt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
+t&ouml;nerne M&ouml;nch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und
+in tausend St&uuml;cke zerschellt war.
+
+</P><P>
+
+Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
+Frau. Je n&auml;her diese ihrer Erf&uuml;llung entgegengingen, um so
+liebevoller behandelte er Emma. Diese sich kn&uuml;pfenden neuen Bande
+von Fleisch und Blut machten das Gef&uuml;hl der ewigen
+Zusammengeh&ouml;rigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem tr&auml;gen
+Gange zusah, wenn er das allm&auml;hliche Vollerwerden ihrer
+miederlosen H&uuml;ften bemerkte, wenn sie m&uuml;de ihm gegen&uuml;ber auf
+dem Sofa sa&szlig;, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
+seinem Gl&uuml;cke nicht fassen. Er sprang auf, k&uuml;&szlig;te sie,
+streichelte ihr Gesicht, nannte sie &bdquo;Mammchen&ldquo;, wollte mit ihr
+im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen
+tausend z&auml;rtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn
+kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas
+K&ouml;stliches. Jetzt fehlte ihm nichts mehr auf der Welt. Nun
+hatte er alles erlebt, was Menschen erleben k&ouml;nnen, und er
+durfte zufrieden und vergn&uuml;gt sein.
+
+</P><P>
+
+In der ersten Zeit war Emma &uuml;ber sich selbst arg verwundert. Dann
+kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
+wollte wissen, wie es sein w&uuml;rde, wenn das Kind da war.
+Aber als sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen
+Vorh&auml;ngen und gestickte Kinderh&auml;ubchen zu kaufen, da &uuml;berkam
+sie eine pl&ouml;tzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die
+Baby-Ausstattung selber sorglich auszuw&auml;hlen, und
+&uuml;berlie&szlig; die Herstellung in Bausch und Bogen einer N&auml;herin. So
+lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen,
+die andre M&uuml;tter so z&auml;rtlich stimmen, und vielleicht war dies
+der Grund, da&szlig; ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente
+entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von
+dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken.
+
+</P><P>
+
+Sie w&uuml;nschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
+sollte er werden, und Georg m&uuml;&szlig;te er hei&szlig;en! Der Gedanke, einem
+m&auml;nnlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
+Entsch&auml;digung f&uuml;r alles das, was sich in ihrem eigenen
+Dasein nicht erf&uuml;llt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein
+freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen,
+er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die
+allerfernsten Gl&uuml;ckseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend
+Ketten. Tatenlos und doch genu&szlig;freudig, steht sie zwischen den
+Verf&uuml;hrungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
+den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band
+h&auml;lt, so gibt es f&uuml;r die Frau immer ein Verlangen, mit dem
+sie hinwegfliegen m&ouml;chte, und immer irgendwelche herk&ouml;mmliche
+Moral, die sie nicht losl&auml;&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, fr&uuml;h gegen sechs
+Uhr, als die Sonne aufging.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist ein M&auml;dchen!&ldquo; verk&uuml;ndete Karl.
+
+</P><P>
+
+Emma fiel im Bett zur&uuml;ck und ward ohnm&auml;chtig. Schon stellten
+sich auch Frau Homais und die L&ouml;wenwirtin ein, um die
+W&ouml;chnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar
+vorl&auml;ufige Gl&uuml;ckw&uuml;nsche durch die T&uuml;rspalte zu. Er wollte die
+neue Erdenb&uuml;rgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend der Genesung gr&uuml;belte Emma nach, welchen Namen das
+Kind bekommen sollte. Zun&auml;chst dachte sie an einen italienisch
+klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
+gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl
+&auml;u&szlig;erte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft
+werden, aber davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle
+Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Leo,&ldquo; berichtete der Apotheker, &bdquo;mit dem ich neulich
+dar&uuml;ber gesprochen habe, wundert sich dar&uuml;ber, da&szlig; Sie nicht
+den Namen Magdalena w&auml;hlen. Der sei jetzt sehr in Mode.&ldquo; Aber
+gegen die Patenschaft einer solchen S&uuml;nderin str&auml;ubte sich die
+alte Frau Bovary gewaltig. Homais f&uuml;r seine Person hegte eine
+Vorliebe f&uuml;r Namen, die an gro&szlig;e M&auml;nner, ber&uuml;hmte Taten und
+hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier
+eigenen Spr&ouml;&szlig;linge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
+Freiheit!), Irma (ein Zugest&auml;ndnis an die Romantik!) und
+Athalia (zu Ehren des Meisterst&uuml;cks des franz&ouml;sischen
+Dramas!). Seine philosophische &Uuml;berzeugung, sagte er, stehe
+seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm
+ersticke durchaus nicht den Gef&uuml;hlsmenschen. Er verst&uuml;nde
+sich darauf, das eine vom andern zu scheiden und sich vor
+fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
+
+</P><P>
+
+Zu guter Letzt fiel Emma ein, da&szlig; sie im Schlo&szlig; Vaubyessard
+geh&ouml;rt hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit
+&bdquo;Berta-Luise&ldquo; angeredet worden war. Von diesem Augenblick an
+stand die Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen
+verhindert war, wurde Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er
+stiftete als Patengeschenk allerlei Gegenst&auml;nde aus seinem
+Gesch&auml;ft, als wie: sechs Schachteln Brusttee, eine Dose
+Kraftmehl, drei B&uuml;chsen Marmelade und sechs P&auml;ckchen
+Malzbonbons.
+
+</P><P>
+
+Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
+erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Lik&ouml;r gab der Apotheker
+ein patriotisches Lied zum besten, worauf Leo D&uuml;puis eine
+Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des
+Kindes) eine Romanze aus der Napoleonischen Zeit sang. Der
+alte Herr Bovary bestand darauf, da&szlig; das Kind heruntergebracht
+wurde, und taufte die Kleine &bdquo;Berta&ldquo;, indem er ihr ein Glas
+Sekt von oben &uuml;ber den Kopf go&szlig;. Den Abb&eacute; Bournisien &auml;rgerte
+diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und als der alte
+Bovary ihm gar noch ein sp&ouml;ttisches Zitat vorhielt, wollte der
+Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inst&auml;ndig zu
+bleiben, und auch der Apotheker legte sich ins Mittel. So
+gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte
+er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse.
+
+</P><P>
+
+Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
+verbl&uuml;ffte die Yonviller durch das pr&auml;chtige
+Stabsarztsk&auml;ppi mit Silbertressen, das er vormittags
+trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Als
+gewohnheitsm&auml;&szlig;iger starker Schnapstrinker schickte er das
+Dienstm&auml;dchen h&auml;ufig in den Goldnen L&ouml;wen, um seine Feldflasche
+f&uuml;llen zu lassen, was selbstverst&auml;ndlich auf Rechnung
+seines Sohnes erfolgte. Um seine Halst&uuml;cher zu
+parf&uuml;mieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an K&ouml;lnischem
+Wasser, den seine Schwiegertochter besa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er
+war in der Welt herumgekommen. Er erz&auml;hlte von Berlin, Wien,
+Stra&szlig;burg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den
+Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er
+wieder ganz der alte Schweren&ouml;ter, und zuweilen, im Garten oder
+auf der Treppe, fa&szlig;te er Emma um die Taille und rief aus:
+&bdquo;Karl, nimm dich in acht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das
+Ehegl&uuml;ck ihres Sohnes. Sie f&uuml;rchtete, ihr Mann k&ouml;nne am
+Ende einen unsittlichen Einflu&szlig; auf die Gedankenwelt der jungen
+Frau aus&uuml;ben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war
+ihre Besorgnis noch schlimmer. Dem alten Herrn war alles
+zuzutrauen.
+
+</P><P>
+
+Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens
+Rollet in die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie
+pl&ouml;tzlich Sehnsucht, das kleine M&auml;dchen zu sehen.
+Unverz&uuml;glich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren
+H&auml;uschen ganz am Ende des Ortes, zwischen der
+Landstra&szlig;e und den Wiesen, in der Tiefe lag.
+
+</P><P>
+
+Es war Mittag. Die Fensterl&auml;den der H&auml;user waren alle
+geschlossen. Die sengende Sonne br&uuml;tete &uuml;ber den Schieferd&auml;chern,
+deren Giebellinien richtige Funken spr&uuml;hten. Ein schw&uuml;ler Wind
+wehte. Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat
+ihren F&uuml;&szlig;en weh. Sie ward sich unschl&uuml;ssig, ob sie umkehren
+oder irgendwo eintreten und sich ausruhen sollte.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblick trat Leo aus dem n&auml;chsten Hause
+heraus, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu,
+begr&uuml;&szlig;te sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der
+Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary erz&auml;hlte ihm, da&szlig; sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
+aber m&uuml;de zu werden beginne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn&nbsp;...&ldquo;, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie etwas vor?&ldquo; fragte Emma. Auf die Verneinung des
+Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend
+desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau T&uuml;vache,
+die B&uuml;rgermeistersgattin, erkl&auml;rte in Gegenwart ihres
+Dienstm&auml;dchens, Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
+
+</P><P>
+
+Um zu der Amme zu gelangen, mu&szlig;ten die beiden am Ende der
+Hauptstra&szlig;e links abgehen und einen kleinen Fu&szlig;weg
+einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen H&auml;usern und Geh&ouml;ften
+in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die
+den Pfad ums&auml;umten, bl&uuml;hten, und es bl&uuml;hten die Veroniken,
+die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeerstr&auml;ucher.
+Durch L&uuml;cken in den Hecken erblickte man hie und da auf den
+Misthaufen der kleinen Geh&ouml;fte ein Schwein oder eine angebundne
+Kuh, die ihre H&ouml;rner an den St&auml;mmen der B&auml;ume wetzte.
+
+</P><P>
+
+Seite an Seite wandelten sie gem&auml;chlich weiter. Emma st&uuml;tzte
+sich auf Leos Arm, und er verk&uuml;rzte seine Schritte nach den
+ihren. Vor ihnen her tanzte ein M&uuml;ckenschwarm und erf&uuml;llte die
+warme Luft mit ganz leisem Summen.
+
+</P><P>
+
+Emma erkannte das Haus an einem alten Nu&szlig;baum wieder, der
+es umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf
+dem Dache. Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von
+Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges
+G&auml;rtlein mit Salat, Lavendel und bl&uuml;henden Schoten, die an
+Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde
+aufgeschichtet. Ein tr&uuml;bes W&auml;sserchen rann sich verzettelnd
+durch das Gras; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein
+gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem
+Rasen umher, und &uuml;ber der Hecke flatterte ein gro&szlig;es St&uuml;ck
+Leinwand.
+
+</P><P>
+
+Beim Knarren der Gartent&uuml;re erschien die Tischlersfrau, ein
+Kind an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges,
+schw&auml;chlich aussehendes, skroful&ouml;ses J&uuml;ngelchen. Es
+war das Kind eines M&uuml;tzenmachers in Rouen, das die
+von ihrem Gesch&auml;ft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf
+das Land gegeben hatten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kommen Sie nur herein!&ldquo; sagte die Frau. &bdquo;Ihre Kleine schl&auml;ft
+drinnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der einzigen Stube im Erdgescho&szlig; stand an der hinteren Wand
+ein gro&szlig;es Bett ohne Vorh&auml;nge. Die Seite am Fenster, in dem
+eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein
+Backtrog ein. In der Ecke hinter der T&uuml;re standen unter der Gosse
+Stiefel mit blanken N&auml;geln, daneben eine Flasche &Ouml;l, aus
+deren Hals eine Feder herausragte. Auf dem verstaubten
+Kaminsims lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenst&uuml;mpfe
+und ein paar Fetzen Z&uuml;ndschwamm. Ein weiteres Schmuckst&uuml;ck
+dieses Gemachs war eine &bdquo;trompetende Fama&ldquo;, offenbar
+das Reklameplakat einer Parf&uuml;mfabrik, das mit sechs
+Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
+
+</P><P>
+
+Emmas T&ouml;chterchen schlief in einer Wiege aus
+Weidengeflecht. Sie nahm es mit der Decke, in die es
+gewickelt war, empor und begann es im Arme hin und her zu
+wiegen, wobei sie leise sang.
+
+</P><P>
+
+Leo ging im Zimmer auf und ab. Die sch&ouml;ne Frau in ihrem hellen
+Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
+vor. Sie ward pl&ouml;tzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
+sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das
+Kind wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die
+Mutter am Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die
+Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man s&auml;he nichts mehr davon.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mir kommt sie noch ganz anders!&ldquo; meinte die Frau. &bdquo;Ich habe
+weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu s&auml;ubern. Wenn
+Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus
+beauftragten, da&szlig; ich mir bei ihm ein bi&szlig;chen Seife holen kann,
+wenn ich welche brauche. Das w&auml;re auch f&uuml;r Sie das
+bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu st&ouml;ren.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinetwegen!&ldquo; sagte Emma. &bdquo;Auf Wiedersehn, Frau Rollet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Beim Hinausgehen sch&uuml;ttelte sie sich.
+
+</P><P>
+
+Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes,
+wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei,
+nachts so h&auml;ufig aufstehen zu m&uuml;ssen. &bdquo;Manchmal bin ich
+fr&uuml;h so zerschlagen, da&szlig; ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten
+Sie mir ein Pf&uuml;ndchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich
+ihn fr&uuml;h mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau &uuml;ber sich
+hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
+mit ihrem Begleiter ein St&uuml;ck auf dem Fu&szlig;wege gegangen, als
+sie das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie
+drehte sich um. Es war die Amme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was wollen Sie noch?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an,
+von ihrem Manne zu erz&auml;hlen. &bdquo;Bei seinem Handwerke und seinen
+sechs Franken Pension im Jahre&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Machen Sie rasch!&ldquo; unterbrach Emma ihren Wortschwall.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, liebste Frau Doktor,&ldquo; fuhr die Frau fort, indem sie
+zwischen jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, &bdquo;ich habe
+Angst, er wird b&ouml;se, wenn er sieht, da&szlig; ich allein f&uuml;r mich
+Kaffee trinke. Sie wissen, wie die M&auml;nner sind&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
+Sie langweilen mich.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja blo&szlig; f&uuml;r die
+schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
+Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, was wollen Sie denn noch?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn es also,&ldquo; fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks
+machte, &bdquo;wenn es also nicht zuviel verlangt ist&nbsp;...&ldquo; Sie
+machte abermals einen tiefen Knicks. &bdquo;Wenn Sie so gut sein
+wollen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ihre Augen bettelten gottsj&auml;mmerlich. Endlich bekam sie es
+heraus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein Bullchen Branntwein! Ich k&ouml;nnte damit auch die F&uuml;&szlig;e Ihrer
+Kleinen ein bi&szlig;chen einreiben. Sie sind so riesig zart&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm
+sie Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorw&auml;rts.
+Dann wurde sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher
+geradeaus gegangen war, glitt &uuml;ber die Schulter ihres
+Begleiters. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem
+Rocke, auf den sein kastanienbraunes wohlgepflegtes Haar
+schlicht herabwallte. Die N&auml;gel an seiner Hand fielen ihr auf;
+sie waren l&auml;nger, als man sie in Yonville sonst trug. Ihre
+Pflege war eine der Hauptbesch&auml;ftigungen des Adjunkten; er
+besa&szlig; dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
+aufbewahrte.
+
+</P><P>
+
+Am Ufer des Baches gingen sie nach dem St&auml;dtchen zur&uuml;ck.
+Jetzt in der hei&szlig;en Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig,
+da&szlig; man dr&uuml;ben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen
+konnte. Von den Gartenpforten f&uuml;hrten kleine Treppen in das
+Wasser. Es flo&szlig; lautlos und rasch dahin, K&uuml;hle
+verbreitend. Hohe, d&uuml;nne Gr&auml;ser neigten sich zur klaren Flut und
+lie&szlig;en sich von der Str&ouml;mung treiben; das sah aus wie
+ausgel&ouml;stes, langes, gr&uuml;nes Haar. Hin und wieder
+liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf
+den Bl&auml;ttern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im
+Zerflie&szlig;en schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die
+verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen St&auml;mme auf dem
+Wasser. Und h&uuml;ben die weiten Wiesen lagen so verlassen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Es war die Stunde, da man in den Gutsh&ouml;fen zu Mittag i&szlig;t.
+Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als
+den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte,
+die sie redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.
+
+</P><P>
+
+Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
+nach &Uuml;berschreitung eines Stegs hingingen, gl&uuml;hten wie die
+Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen
+Mauerblumen. Im Vor&uuml;bergehen stie&szlig; Frau Bovary mit dem Rande
+ihres Sonnenschirmes an die welken Bl&uuml;ten; gelber Staub
+rieselte herab. Ab und zu streifte eine &uuml;berh&auml;ngende
+Jel&auml;nger-jelieber- oder Klematis-Ranke die Seide ihres
+Schirmes und blieb einen Augenblick in den Spitzen h&auml;ngen.
+
+</P><P>
+
+Sie plauderten von einer Truppe spanischer T&auml;nzer, die demn&auml;chst
+im Rouener Theater gastieren sollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Werden Sie hinfahren?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich kann, ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen
+sprachen eine viel ernstere Sprache, und w&auml;hrend sie sich mit so
+banalen Redensarten abqu&auml;lten, f&uuml;hlten sie sich alle beide im
+Banne der n&auml;mlichen schw&uuml;len Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
+Unterton dominierte heimlich ohne Unterla&szlig; in ihrem
+oberfl&auml;chlichen Gespr&auml;ch. Betroffen von diesem ungewohnten
+s&uuml;&szlig;en Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
+Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
+K&uuml;nftiges Gl&uuml;ck ist wie ein tropisches Gestade: es
+sendet weit &uuml;ber den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen
+lauen Erdgeruch her&uuml;ber, balsamischen Duft, von dem man sich
+berauschen l&auml;&szlig;t, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen.
+
+</P><P>
+
+An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den
+Wagengeleisen und Hufspuren; man mu&szlig;te ein paar gro&szlig;e
+moosbewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten,
+begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu ersp&auml;hen,
+wohin sie den n&auml;chsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein
+wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vorn&uuml;ber.
+Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den T&uuml;mpel zu treten,
+lachte sie doch.
+
+</P><P>
+
+Vor ihrem Garten angelangt, stie&szlig; Frau Bovary die kleine Pforte
+auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
+seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt bl&auml;tterte in
+einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schlie&szlig;lich
+ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die H&ouml;he von
+Argueil ein St&uuml;ck hinauf, nach dem &bdquo;Futterplatz&ldquo; am Waldrande.
+Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das
+Himmelsblau, die H&auml;nde locker &uuml;ber den Augen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!&ldquo; seufzte er.
+
+</P><P>
+
+Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais
+als Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem
+gr&auml;&szlig;lichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem
+roten Backenbart, seiner ewigen wei&szlig;en Krawatte, dem mangelte
+auch der geringste Sinn f&uuml;r h&ouml;here Dinge. Es war nur in der
+ersten Zeit gewesen, da&szlig; er dem Adjunkten mit seinen formellen
+Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in
+Yonville? Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit
+die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern,
+Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie
+leiden sehen, und in der Wirtschaft lie&szlig; sie alles drunter und
+dr&uuml;ber gehn. Sie war eine Feindin des Korsetts, sah sehr
+gew&ouml;hnlich aus und war in ihrer Unterhaltung h&ouml;chst
+beschr&auml;nkt. Alles in allem war sie eine ebenso harmlose wie
+langweilige Dame. Obgleich sie drei&szlig;ig Jahre alt war und er
+zwanzig, obwohl er T&uuml;r an T&uuml;r mit ihr schlief und obgleich er
+t&auml;glich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in den Sinn
+gekommen, da&szlig; sie irgendjemandes Frau sein k&ouml;nne und mit
+ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die
+R&ouml;cke.
+
+</P><P>
+
+Und wen gab es au&szlig;erdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein
+paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
+B&uuml;rgermeister T&uuml;vache und seine beiden S&ouml;hne, gro&szlig;protzige,
+m&uuml;rrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre &Auml;cker selber pfl&uuml;gten,
+unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckm&auml;user, mit
+denen zu verkehren glatt unm&ouml;glich war.
+
+</P><P>
+
+Von dieser Masse allt&auml;glicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,
+einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als
+l&auml;gen tiefe Abgr&uuml;nde zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit
+hatte er Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht,
+aber er hatte die Empfindung, als sei der Arzt durchaus
+nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo
+immer zwischen der Furcht, f&uuml;r aufdringlich gehalten zu werden,
+und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut
+wie unm&ouml;glich schien.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Viertes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus
+ihrem Zimmer in die Gro&szlig;e Stube &uuml;ber, einem l&auml;nglichen
+niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gew&ouml;hnlich sa&szlig; sie am Fenster
+in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die drau&szlig;en
+vor&uuml;bergingen.
+
+</P><P>
+
+Leo kam t&auml;glich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
+L&ouml;wen und zur&uuml;ck. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem.
+Sie neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann
+glitt an der Scheibengardine vor&uuml;ber, immer tadellos gekleidet
+und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der D&auml;mmerung, wenn sie,
+auf dem Scho&szlig;e die begonnene Stickerei, vertr&auml;umt dasa&szlig;,
+&uuml;berlief sie ein Schauer beim pl&ouml;tzlichen Vor&uuml;bergleiten
+seines Schattens. Dann fuhr sie auf und befahl das Essen.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker kam mitunter w&auml;hrend der Tischzeit. Sein K&auml;ppchen
+in der Hand, trat er ger&auml;uschlos ein, um ja niemanden zu
+st&ouml;ren, jedesmal mit derselben Redensart: &bdquo;Guten Abend,
+die Herrschaften!&ldquo; Er setzte sich an den Tisch zwischen das
+Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf
+sich Bovary seinerseits erkundigte, ob diese auch
+zahlungsf&auml;hig seien. Sodann unterhielten sich die beiden &uuml;ber
+das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde
+wu&szlig;te Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
+sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
+darin berichteten merkw&uuml;rdigen Vorg&auml;nge des In- und
+Auslands. Wenn auch dieser Gespr&auml;chsstoff ersch&ouml;pft
+war, konnte er ein paar Bemerkungen &uuml;ber die Gerichte auf dem
+Tische nicht unterdr&uuml;cken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig
+und machte Frau Bovary artig auf das zarteste St&uuml;ck Fleisch
+aufmerksam, oder er wandte sich an das Dienstm&auml;dchen und gab
+ihr Ratschl&auml;ge &uuml;ber die Zubereitung eines Ragouts oder
+&uuml;ber die richtige Verwendung der Gew&uuml;rze. Er verstand mit
+erstaunlicher Fachkenntnis &uuml;ber aromatische Zutaten,
+Fleischertrakte, Saucen und S&auml;fte zu sprechen. Er hatte in seinem
+Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In
+der Herstellung von Konfit&uuml;ren, Weinessig und s&uuml;&szlig;en Lik&ouml;ren
+war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen
+auf dem Gebiete der K&uuml;chen&ouml;konomie, nicht minder das beste
+Verfahren, K&auml;se zu konservieren und verdorbne Weine wieder
+verwendbar zu machen.
+
+</P><P>
+
+Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
+Schlie&szlig;en des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen
+pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zuf&auml;llig im Zimmer
+war. Er kannte n&auml;mlich die Vorliebe seines Famulusses f&uuml;r
+das Haus des Arztes.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!&ldquo; meinte er.
+&bdquo;Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr
+Dienstm&auml;del verguckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&Uuml;brigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er
+horche auf alles, was in seinem Hause gesprochen w&uuml;rde.
+Beispielsweise sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon
+hinauszubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder
+hole, um sie ins Bett zu schaffen.
+
+</P><P>
+
+An diesen Sonntagsabenden erschienen &uuml;brigens nur wenige
+G&auml;ste. Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
+Hauptpers&ouml;nlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht
+und seiner politischen Ansichten &uuml;berworfen. Aber der Adjunkt
+stellte sich regelm&auml;&szlig;ig ein. Sobald er die Haust&uuml;rklingel
+h&ouml;rte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr das
+Umschlagetuch ab und die &Uuml;berschuhe, die sie bei Schnee trug.
+
+</P><P>
+
+Zun&auml;chst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
+Emma und der Apotheker Ecart&eacute;. Leo stand hinter ihr und half
+ihr. Die H&auml;nde auf die R&uuml;ckenlehne ihres Stuhles
+gest&uuml;tzt, betrachtete er sich die Zinken des Kammes, der
+ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen w&auml;hrend des
+Kartenspiels raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb des
+heraufgesteckten Haares, hatte ihre Haut einen br&auml;unlichen
+Farbenton, der sich nach dem R&uuml;cken zu aufhellte und im Schatten
+des Kragens verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden
+Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine Menge Falten und
+bedeckte ein St&uuml;ck des Bodens. Wenn Leo hin und wieder
+aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
+zog er den Fu&szlig; rasch zur&uuml;ck, als habe er einen Menschen
+getreten.
+
+</P><P>
+
+Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
+spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des
+Tisches und sah sich, die Ellbogen aufgest&uuml;tzt, die
+&bdquo;Illustrierte Zeitung&ldquo; an. Oft hatte sie auch ihren &bdquo;Bazar&ldquo;
+mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen
+die Holzschnitte und warteten mit dem Umbl&auml;ttern aufeinander.
+Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer
+Stimme vor, die bei verliebten Stellen fl&uuml;sternd wurde. Das
+Klappern der Dominosteine st&ouml;rte ihn. Der Apotheker war ein
+gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unversch&auml;mtes
+Gl&uuml;ck. Wenn die dreihundert Points erreicht waren, setzten
+sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange, da
+waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
+Erl&ouml;schen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma h&ouml;rte
+ihm zu, wobei sie halb unbewu&szlig;t in einem fort den Lampenschirm
+herumdrehte, auf dessen d&uuml;nnen Kattun Pierrots in einer
+Kutsche und Seilt&auml;nzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt
+waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine
+Geste auf die eingeschlafene Zuh&ouml;rerschaft, und nun sprachen sie
+lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei d&uuml;nkte beide um so
+s&uuml;&szlig;er, als niemand ihrer lauschte.
+
+</P><P>
+
+So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
+fortw&auml;hrender Austausch von Romanen und Gedichtb&uuml;chern. Karl,
+der keine Neigung zur Eifersucht besa&szlig;, hatte nichts dagegen.
+Zu seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Sch&auml;del,
+der &uuml;ber und &uuml;ber mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war,
+eine Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter
+nach Rouen, um dort Besorgungen f&uuml;r das Ehepaar zu machen.
+Als infolge eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit
+kamen, brachte er ein Exemplar, das er w&auml;hrend der Fahrt in
+der Post vor sich auf den Knien hielt. Das stachlige Ding
+zerstach ihm alle Finger.
+
+</P><P>
+
+Emma lie&szlig; vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett f&uuml;r ihre
+Blument&ouml;pfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins
+hatte. Beim Begie&szlig;en ihrer Blumen sahen sich die beiden.
+
+</P><P>
+
+Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem
+Zimmer eine Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide
+und Wolle Blumen und Bl&auml;tter gestickt waren. Er zeigte sie Frau
+Homais, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der
+K&ouml;chin; sogar seinem Chef erz&auml;hlte er davon. Alle Welt wollte
+nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau des Doktors
+dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Das war doch sonderbar.
+Und alsobald stand es unumst&ouml;&szlig;lich fest: sie war &bdquo;seine gute
+Freundin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo verst&auml;rkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
+unaufh&ouml;rlich und vor jedermann von Emmas Sch&ouml;nheit und
+Klugheit schw&auml;rmte. Binet wurde ihm deshalb einmal geh&ouml;rig
+grob:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was geht mich denn das an? Ich geh&ouml;re nicht zu der
+Clique!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Verliebte marterte sich mit Gr&uuml;beleien ab, wie er sich Emma
+erkl&auml;ren k&ouml;nne. Er schwankte fortw&auml;hrend zwischen der Furcht,
+sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham &uuml;ber seine
+Feigheit. Er vergo&szlig; Tr&auml;nen ob seiner Mutlosigkeit und seiner
+Sehnsucht. Oft genug entschlo&szlig; er sich zu k&uuml;hner Entscheidung.
+Er schrieb Briefe, die er wieder zerri&szlig;; nahm sich Tage der Tat
+vor, die er dann doch verstreichen lie&szlig;. Manchmal ging er mir dem
+festen Vorsatz zu ihr, alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart
+verlor er alsbald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn
+einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen
+Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit.
+Dann sagte er der &bdquo;gn&auml;digen Frau&ldquo; adieu und fuhr mit. War nicht
+ihr Mann auch ein St&uuml;ck von ihr?
+
+</P><P>
+
+Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es
+war ihr Glaube, da&szlig; die Liebe mit einem Male dasein m&uuml;sse, unter
+Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
+Menschen packt und ersch&uuml;ttert, ihnen den freien Willen
+entrei&szlig;t, wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in
+den Abgrund schwemmt. Sie wu&szlig;te nicht, da&szlig; der Regen auf den
+flachen D&auml;chern der H&auml;user Seen bildet, wenn die Traufen
+verstopft sind. Und so w&auml;re sie in ihrem Selbstbetrug verblieben,
+wenn sie nicht mit einem Male den Ri&szlig; in der Mauer bemerkt
+h&auml;tten.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite.
+
+</P><P>
+
+Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
+Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
+halbe Stunde talabw&auml;rts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon
+und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben
+sollten; und auch Justin war dabei, ein B&uuml;ndel Regenschirme auf
+der Schulter.
+
+</P><P>
+
+Die neue Sehensw&uuml;rdigkeit war eigentlich nichts weniger
+als sehenswert. Um einen gro&szlig;en &ouml;den Platz, auf dem
+zwischen Sand- und Steinhaufen bereits ein paar verrostete
+Maschinenr&auml;der lagen, zog sich im Viereck ein Geb&auml;ude mit einer
+Menge kleiner Fenster hin. Es war noch nicht ganz vollendet;
+durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel.
+An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz aus Stroh und
+&Auml;hren mit einem im Winde flatternden wei&szlig;-rot-blauen Wimpel.
+
+</P><P>
+
+Homais machte den F&uuml;hrer. Er erkl&auml;rte der Gesellschaft die
+k&uuml;nftige Bedeutung des Etablissements und sch&auml;tzte die
+St&auml;rke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr
+bedauerte, kein Meterma&szlig; bei sich zu haben.
+
+</P><P>
+
+Emma hatte sich bei ihm eingeh&auml;ngt. Sie st&uuml;tzte sich ein wenig
+auf seinen Arm und schaute tr&auml;umerisch in die Ferne nach der
+Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel
+k&auml;mpfte. Pl&ouml;tzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er
+hatte seine M&uuml;tze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht
+hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm
+einen bl&ouml;den Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein
+beh&auml;biger R&uuml;cken &auml;rgerte sie. Sie fand, die breite Fl&auml;che
+seines Mantels kennzeichne die ganze Plattheit von Karls
+Pers&ouml;nlichkeit.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend sie ihn so ver&auml;chtlich musterte, geno&szlig; sie eine gewisse
+perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die K&auml;lte machte ihn
+bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes,
+Sanftes brachte. Sein vorn offener Kragen lie&szlig; zwischen
+Krawatte und Hals ein St&uuml;ck Haut sehen; von seinem Ohr lugte
+ein Teilchen zwischen den Str&auml;hnen seines Haars hervor, und
+seine gro&szlig;en blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen
+Emma viel klarer und sch&ouml;ner vor als in den Gedichten die
+Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rabenkind!&ldquo; schrie pl&ouml;tzlich der Apotheker und scho&szlig; auf
+seinen Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um
+sch&ouml;ne wei&szlig;e Schuhe zu bekommen. Als er t&uuml;chtig
+ausgescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin
+versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen,
+aber ohne Messer ging das nicht. Karl bot ihm seins an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unerh&ouml;rt!&ldquo; dachte Emma bei sich. &bdquo;Er tr&auml;gt ein Messer in der
+Tasche wie ein Bauer!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
+Heimweg nach Yonville.
+
+</P><P>
+
+An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten
+hin&uuml;ber. Als ihr Mann fort war und sie sich allein wu&szlig;te,
+begann sie die beiden M&auml;nner von neuem zu vergleichen, und der
+andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der
+eigent&uuml;mlichen Linienver&auml;nderung, die das menschliche
+Ged&auml;chtnis vornimmt. Von ihrem Bette aus sah sie die lichte
+Glut im Kamin und daneben &mdash; ganz so wie vor ein paar Stunden &mdash;
+Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten
+Hand den Spazierstock, und f&uuml;hrte an der andern Athalia, die
+bed&auml;chtig an einem Eiszapfen saugte. Diese Szene hatte ihr
+gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht loskommen. Sie
+versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen ausgesehen
+hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen
+&uuml;berhaupt sei&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Die Lippen wie zum Kusse gerundet, fl&uuml;sterte sie immer wieder vor
+sich hin: &bdquo;Ach, s&uuml;&szlig;, s&uuml;&szlig;!&ldquo; Und dann fragte sie sich: &bdquo;Ob er
+eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit einem Male sprach alles daf&uuml;r. Das Herz schlug ihr vor
+Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fr&ouml;hliche
+Lichter. Emma legte sich auf den R&uuml;cken und breitete ihre Arme
+weit aus.
+
+</P><P>
+
+Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: &bdquo;Ach, warum hat
+es der Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem
+Grunde?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als
+wache sie auf; und als er sich etwas ger&auml;uschvoll
+auszog, klagte sie &uuml;ber Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte
+sie aber, wie der Abend verlaufen sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo ist heute zeitig gegangen&ldquo;, erz&auml;hlte Karl.
+
+</P><P>
+
+Sie mu&szlig;te l&auml;cheln, und mit dem Gef&uuml;hl einer ungeahnten
+Gl&uuml;ckseligkeit schlummerte sie ein.
+
+</P><P>
+
+Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn
+Lheureux, des Modewarenh&auml;ndlers. Der war, wie man zu sagen
+pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener
+Gascogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er
+einte in sich die lebhafte Redseligkeit des S&uuml;dl&auml;nders und
+die n&uuml;chterne Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein
+feistes, aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah
+aus, als sei es mit S&uuml;&szlig;holztinktur gef&auml;rbt, und sein
+wei&szlig;es Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren
+schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was er fr&uuml;her
+getrieben, wu&szlig;te man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer
+gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas aber
+stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
+ausf&uuml;hren. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war
+er kriechend h&ouml;flich; er lief in immer halb geb&uuml;ckter Haltung
+herum, als ob er jemanden gr&uuml;&szlig;en oder einladen wollte.
+
+</P><P>
+
+Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der T&uuml;re
+ab, stellte einen gr&uuml;nen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
+dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, da&szlig;
+er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings
+sei eine &bdquo;armselige Butike&ldquo; wie die seine nicht gerade
+verlockend f&uuml;r eine &bdquo;elegante Dame&ldquo;. Diese beiden Worte betonte
+er ganz besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache
+sich anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren,
+W&auml;sche, Str&uuml;mpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre
+regelm&auml;&szlig;ig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den
+ersten Firmen in Verbindung. Sie k&ouml;nne sich &uuml;berall nach ihm
+erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vor&uuml;bergehen, um der
+gn&auml;digen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen
+ganz besonders g&uuml;nstigen Gelegenheitskauf erworben h&auml;tte.
+Dabei packte er aus dem Kasten ein halbes Dutzend gestickter
+Halskragen.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary besah sie sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich brauche nichts&ldquo;, bemerkte sie.
+
+</P><P>
+
+Nunmehr kramte der H&auml;ndler behutsam drei algerische Seident&uuml;cher
+aus, mehrere Pakete englischer N&auml;hnadeln, ein paar
+strohgeflochtne Pantoffeln und schlie&szlig;lich vier Eierbecher aus
+Kokosnu&szlig;schale, filigranartige Schnitzarbeiten von
+Str&auml;flingen. Sich mit beiden H&auml;nden auf den Tisch st&uuml;tzend, mit
+langem Hals und offnem Mund, beobachtete er Emmas Augen, die
+unentschlossen in all diesen Gegenst&auml;nden herumsuchten. Von Zeit
+zu Zeit strich er mit dem Fingernagel &uuml;ber die lang
+hingebreiteten T&uuml;cher, als wolle er ein St&auml;ubchen entfernen;
+die Seide knisterte leise, und das gr&uuml;nliche D&auml;mmerlicht
+glitzerte auf den Goldf&auml;den des Gewebes in sternigen
+Funken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was kostet so ein Tuch?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein paar Groschen!&ldquo; antwortete er. &bdquo;Ein paar Groschen! Aber
+das eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen pa&szlig;t! Unsereiner ist ja
+kein Jude!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie dachte einen Augenblick nach, schlie&szlig;lich dankte sie dem
+H&auml;ndler, der gelassen erwiderte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen
+Damen vertragen, mit meiner nur nicht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma l&auml;chelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des
+Biedermannes fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte damit nur gesagt haben, da&szlig; Geld Nebensache ist.
+Wenn Sie mal welches brauchten, k&ouml;nnten Sie es von mir
+haben.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie machte eine erstaunte Miene.
+
+</P><P>
+
+Schnell fl&uuml;sterte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf k&ouml;nnen
+Sie sich verlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten
+Tellier, dem Wirt vom Caf&eacute; Fran&ccedil;ais, den Bovary gerade in
+Behandlung hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet,
+da&szlig; sein ganzes Haus wackelt. Ich f&uuml;rchte, ich f&uuml;rchte,
+er l&auml;&szlig;t sich eher zu einem &Uuml;berzieher aus Fichtenholz Ma&szlig;
+nehmen als zu einem aus Wintertuch. Na, solange er auf dem
+Damme war, da hat er sch&ouml;ne Zicken gemacht! Die Sorte, gn&auml;dige
+Frau, die wird nie vern&uuml;nftig! Und dann der Schnaps, das
+ist allemal der Ruin! Aber es ist immer betr&uuml;bend, wenn man
+sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu Ende geht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
+schwatzte er so von allen m&ouml;glichen Patienten des Arztes.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!&ldquo; erh&auml;rte er, indem
+er verdrie&szlig;lich durch die Fensterscheiben sah. &bdquo;Das bringt
+alle diese Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich f&uuml;hle
+mich gar nicht recht <TT>au fait</TT>. Werde
+wohl demn&auml;chst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde
+kommen m&uuml;ssen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen,
+Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verf&uuml;gung! Gehorsamster
+Diener!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und er schlo&szlig; die T&uuml;re sacht hinter sich.
+
+</P><P>
+
+Emma lie&szlig; sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
+Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es
+schmeckte ihr alles vorz&uuml;glich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie vern&uuml;nftig ich doch war!&ldquo; sagte sie bei sich und dachte an
+die Seident&uuml;cher.
+
+</P><P>
+
+Da h&ouml;rte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand
+schnell auf und nahm von der Kommode von einem Sto&szlig; Wischt&uuml;cher,
+die ges&auml;umt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der
+junge Mann eintrat, tat sie sehr besch&auml;ftigt.
+
+</P><P>
+
+Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
+schwieg immer wieder, und Leo war aus Sch&uuml;chternheit
+einsilbig. Er sa&szlig; nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und
+spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelb&uuml;chschen.
+
+</P><P>
+
+Emma n&auml;hte oder gl&auml;ttete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel
+den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts,
+weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie
+wer wei&szlig; was gesprochen h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Armer Junge!&ldquo; dachte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum bin ich bei ihr in Ungnade?&ldquo; fragte er sich.
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich fing er an zu reden. Er m&uuml;sse in den n&auml;chsten Tagen
+nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es
+erneuern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein&ldquo;, entgegnete sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum nicht?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weil&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma bi&szlig; sich auf die Lippen. Umst&auml;ndlich zog sie den grauen
+Zwirn hoch. Leo &auml;rgerte sich &uuml;ber ihre Emsigkeit. &bdquo;Warum
+zersticht sie sich die Finger?&ldquo; dachte er. Eine galante Bemerkung
+fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie
+auszusprechen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So wollen Sie es also aufgeben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was?&ldquo; fragte sie nerv&ouml;s. &bdquo;Die Musik? Ach, du mein Gott!
+Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen
+und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie blickte nach der Uhr. Karl h&auml;tte schon l&auml;ngst heim sein
+m&uuml;ssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte
+sie im Gespr&auml;che:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Mann ist so gut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
+Z&auml;rtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl
+stimmte er in ihr Lob ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dar&uuml;ber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch
+immer!&ldquo; erkl&auml;rte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja, er ist ein pr&auml;chtiger Mensch!&ldquo; wiederholte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo; best&auml;tigte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, &uuml;ber deren sehr
+nachl&auml;ssige Kleidung sich die beiden sonst h&auml;ufig am&uuml;sierten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So schlimm ist es gar nicht!&ldquo; behauptete Emma heute. &bdquo;Eine
+gute Hausfrau kann sich nicht blo&szlig; um ihre Toilette k&uuml;mmern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann versank sie in ihr fr&uuml;heres Stillschweigen.
+
+</P><P>
+
+So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
+Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie k&uuml;mmerte
+sich um ihr Haus, ging wieder regelm&auml;&szlig;ig in die Kirche und
+hielt ihr Dienstm&auml;dchen strenger.
+
+</P><P>
+
+Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zur&uuml;ckgeholt. Wenn Besuch
+kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte,
+was f&uuml;r stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder
+h&auml;tte sie &uuml;ber alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre
+Freude, ihr Gl&uuml;ck. Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall
+von schw&auml;rmerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund &mdash; die
+biederen Yonviller waren keine! &mdash; an die Sachette in Viktor
+H&uuml;gos &bdquo;Notre-Dame&ldquo; erinnert h&auml;tten.
+
+</P><P>
+
+Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gew&auml;rmt am Kamine
+stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und
+an seinen Hemden waren die Kn&ouml;pfe immer vollz&auml;hlig. Er hatte
+sogar das Vergn&uuml;gen, seine H&uuml;te und M&uuml;tzen wohlgeordnet im
+Schranke h&auml;ngen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht
+mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten.
+Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort
+einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah,
+f&uuml;gte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so
+sah: ihn am Kamin, die H&auml;nde &uuml;ber dem Bauche gefaltet, die
+F&uuml;&szlig;e behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom
+Mahle und die &Auml;uglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich das
+Kind, das auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die
+feinlinige schlanke Frau, wie sie sich &uuml;ber die Lehne seines
+Gro&szlig;vaterstuhls beugte und ihm einen Ku&szlig; auf die Stirn gab,
+&mdash; dann sagte er sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
+jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
+sie zu verg&ouml;ttern. Allm&auml;hlich verlor sie in seinen Augen ihre
+K&ouml;rperlichkeit, die nun einmal doch f&uuml;r ihn nicht da war. Vor
+seiner Phantasie schwebte sie immer h&ouml;her, umstrahlt von einer
+Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem
+Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
+Verlust mehr Schmerz bereitet, als der k&ouml;rperliche Besitz der
+Geliebten Genu&szlig; gew&auml;hrt.
+
+</P><P>
+
+Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
+schm&auml;chtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren
+gro&szlig;en Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange
+und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu
+schreiten, ohne den Erdboden zu ber&uuml;hren, und es war, als
+tr&uuml;ge sie auf der Stirne das geheimnisvolle Mal einer
+h&ouml;heren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und
+dabei so unnahbar, da&szlig; man ihre Gegenwart wie eine eiskalte
+Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der
+Rosen die K&auml;lte des Marmors, so da&szlig; man zusammenschauert.
+Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie ist eine Frau gro&szlig;en Stils,&ldquo; sagte der Apotheker
+einmal, &bdquo;sie m&uuml;&szlig;te einen Minister zum Manne haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Spie&szlig;b&uuml;rger r&uuml;hmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
+h&ouml;fliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
+
+</P><P>
+
+Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Ha&szlig;.
+Hinter ihrem kl&ouml;sterlichen Kleid st&uuml;rmte ein weltverlangendes
+Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
+Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
+um in der Vorstellung ungest&ouml;rt zu schwelgen. Diese Wollust der
+Tr&auml;ume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten
+nur gest&ouml;rt. Beim H&ouml;ren seiner Tritte zitterte sie. Sobald er
+aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie f&uuml;hlte nichts
+als namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
+
+</P><P>
+
+Leo ahnte nicht, da&szlig; Emma ans Fenster eilte, um ihm
+nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe
+beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen
+Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu
+haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr
+beneidenswert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen
+durfte. Ihre Gedanken lie&szlig;en sich immer wieder auf seinem Hause
+nieder, just wie die Tauben vom Goldnen L&ouml;wen, die hingeflogen
+kamen, um ihre roten Stelzen und wei&szlig;en Fl&uuml;gel in der Dachrinne
+zu netzen.
+
+</P><P>
+
+Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewu&szlig;t ward, um so mehr
+dr&auml;ngte sie sie zur&uuml;ck. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
+bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, da&szlig; Leo die Wahrheit bemerke;
+sie ertr&auml;umte sich Zuf&auml;lle und Katastrophen, die dies
+herbeif&uuml;hrten. Aber ihre Passivit&auml;t, die Angst vor der
+Entscheidung und auch ihr Schamgef&uuml;hl hielten sie zur&uuml;ck. Sie
+bildete sich ein, sie h&auml;tte sich ihn bereits allzusehr
+entfremdet, es w&auml;re nun zu sp&auml;t und alles sei verloren.
+Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: &bdquo;Ich bin eine
+anst&auml;ndige Frau geblieben!&ldquo; Sie stellte sich vor den Spiegel in
+der Pose der Resignation. Das tr&ouml;stete sie ein wenig ob des
+Opfers, das sie zu bringen w&auml;hnte.
+
+</P><P>
+
+Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre L&uuml;sternheit nach Reichtum
+und Luxus und ihre schwerm&uuml;tige Liebe ergaben alles in
+allem ein einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen
+zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel
+sich darin und trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens.
+Ein ungeschickt serviertes Gericht, eine offengelassene T&uuml;re
+brachte sie in Aufregung. Ein h&uuml;bsches Kleid, das sie nicht
+haben konnte, ein Vergn&uuml;gen, auf das sie verzichten mu&szlig;te,
+machte sie ungl&uuml;cklich. Weil sich ihre k&uuml;hnen Tr&auml;ume nicht
+erf&uuml;llten, ward ihr das Haus zu eng.
+
+</P><P>
+
+Da&szlig; Karl keine Dulderin in ihr sah, das emp&ouml;rte sie am
+allermeisten. Seine felsenfeste &Uuml;berzeugung, da&szlig; er seine
+Frau gl&uuml;cklich mache, d&uuml;nkte sie Beschr&auml;nktheit, Beleidigung,
+Undankbarkeit. F&uuml;r wen war sie denn so vern&uuml;nftig? War es
+nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Gl&uuml;ck trennte? War nicht
+er der Anla&szlig; all ihres Elends, das Schlo&szlig; an der T&uuml;r
+ihres qualvollen K&auml;figs?
+
+</P><P>
+
+So h&auml;ufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder
+Versuch, diese Verstimmungen zu bek&auml;mpfen, verschlimmerten sie
+nur. Denn die vergebliche M&uuml;he machte sie noch mutloser und
+entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine
+Gutm&uuml;tigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spie&szlig;erlichkeit ihrer
+Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und
+die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gel&uuml;sten. Sie bedauerte
+es, da&szlig; Karl sie nicht schlecht behandelte; dann h&auml;tte sie
+gerechten Anla&szlig; gehabt, sich an ihm zu r&auml;chen. Zuweilen freilich
+erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und
+immer mu&szlig;te sie l&auml;cheln, wenn sie in einem fort h&ouml;rte, da&szlig; sie
+gl&uuml;cklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch M&uuml;he gab, so
+zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
+
+</P><P>
+
+Manchmal hatte sie diese Kom&ouml;die satt. Sie f&uuml;hlte sich versucht,
+mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
+fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
+ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgr&uuml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er liebt mich ja gar nicht mehr!&ldquo; sagte sie sich. &bdquo;Was soll
+da aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
+Erleichterung bleibt mir noch?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
+unter endlosen Tr&auml;nen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum sagt es die gn&auml;dige Frau nicht dem Herrn Doktor?&ldquo;
+fragte das Dienstm&auml;dchen, als es einmal w&auml;hrend
+eines solchen Anfalles ins Zimmer kam.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was! Ich bin nerv&ouml;s!&ldquo; erkl&auml;rte Emma. &bdquo;Da&szlig; du ihm
+ja nichts davon erz&auml;hlst! Du w&uuml;rdest ihn nur beunruhigen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach Gott&ldquo;, meinte Felicie. &bdquo;Der Tochter des alten
+Fischers Gu&eacute;rin aus Pollet, einer Bekannten von mir in
+Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging es ganz genau so.
+War die tr&uuml;bsinnig! Schrecklich tr&uuml;bsinnig! Und leichenbla&szlig; sah
+sie immer aus. Ihr Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe,
+und die &Auml;rzte und sogar der Pfarrer wu&szlig;ten kein Mittel dagegen.
+Wenns ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein ans
+Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen,
+platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Sp&auml;ter,
+als sie einen Mann hatte, soll sichs gegeben haben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bei mir aber&ldquo;, erwiderte Emma, &bdquo;ist es erst nach der
+Hochzeit so gekommen.&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Sechstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Eines Abends sa&szlig; Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie
+noch Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten
+im Garten den Buchsbaum zugestutzt hatte. Pl&ouml;tzlich drang ihr
+das Ave-Maria-L&auml;uten ins Ohr.
+
+</P><P>
+
+Es war Anfang April. Die Primeln bl&uuml;hten, und ein lauer Wind
+h&uuml;pfte &uuml;ber die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich f&uuml;r
+die Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und
+weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schn&ouml;rkeligen Windungen
+in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch
+kahlen Pappeln und l&ouml;ste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett
+auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
+zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Br&uuml;llen verklangen.
+Nur die Abendglocke l&auml;utete immerfort und f&uuml;llte die Luft mit
+wehm&uuml;tigem Frieden.
+
+</P><P>
+
+Bei diesen gleichf&ouml;rmigen T&ouml;nen verloren sich die Gedanken der
+jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
+die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich &uuml;ber die
+blumenreichen Vasen und &uuml;ber das Tabernakel mit seinen
+S&auml;ulchen emporgereckt hatten. Wie einst h&auml;tte sie wieder knien
+m&ouml;gen in der langen Reihe der wei&szlig;en Schleier, die sich grell
+abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betst&uuml;hlen
+hingesunkenen Schwestern. Sonntags w&auml;hrend der Messe, wenn sie
+aufschaute und in das von bl&auml;ulichem Weihrauch umwobene holde
+Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und
+ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine
+Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Mit einem Male, ohne da&szlig; sie sich &uuml;ber den Vorgang klar ward,
+fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht
+hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und
+alles Irdische zu vergessen.
+
+</P><P>
+
+Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits
+wieder aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
+zur&uuml;ckzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das
+L&auml;uten der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade pa&szlig;te.
+&Uuml;brigens war das L&auml;uten ein Zeichen f&uuml;r die Kinder im
+Dorfe, da&szlig; es Zeit zur Katechismusstunde war.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
+Friedhofssteinen. Andre sa&szlig;en rittlings auf der Mauer,
+baumelten mit den Beinen und k&ouml;pften mit ihren Schuhspitzen die
+hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gr&auml;berreihe und der
+niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war
+das einzige bi&szlig;chen Gr&uuml;n, denn die Grabm&auml;ler standen ganz
+dicht aneinander, und &uuml;ber ihnen lag best&auml;ndig feiner Staub, der
+dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Str&uuml;mpfen
+dar&uuml;ber wie &uuml;ber einen eigens f&uuml;r sie hingebreiteten
+Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das
+letzte Ausklingen der Glocken. Das Summen verstummte, und
+der Strang der gro&szlig;en Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit
+dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte
+sich allm&auml;hlich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft,
+kurze Schreie aussto&szlig;end, und flogen zur&uuml;ck in ihre gelben
+Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe
+oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer h&auml;ngenden Glasglocke.
+Von weitem sah die Flamme wie ein &uuml;ber dem &Ouml;l schwimmender
+zittriger wei&szlig;er Fleck aus. Ein langer Sonnenstrahl
+durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die
+Nebenschiffe und Nischen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo ist der Pfarrer?&ldquo; fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
+damit belustigte, die bereits lockere Klinke der
+Friedhofspforte v&ouml;llig abzuw&uuml;rgen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der wird gleich kommen!&ldquo; war die Antwort.
+
+</P><P>
+
+Wirklich knarrte die T&uuml;r des Pfarrhauses, und der Abb&eacute;
+Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche
+hinein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rasselbande!&ldquo; murmelte der Priester. &bdquo;Einen wie alle Tage!&ldquo;
+Er hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fu&szlig;
+gesto&szlig;en war. &bdquo;Nichts wird respektiert!&ldquo; Da bemerkte er Frau
+Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verzeihung!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich hatte Sie nicht erkannt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen,
+indem er den schweren Sakristeischl&uuml;ssel auf zwei Fingern
+balancierte.
+
+</P><P>
+
+Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
+seiner Soutane alle Farbe. Sie gl&auml;nzte &uuml;brigens an den
+Ellenbogen bereits, und in den S&auml;umen war sie ausgefasert.
+Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Kn&ouml;pfe
+die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn
+seines Gesichts, wurden sie zahlreicher. Es war von
+Sommersprossen bes&auml;t, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart
+hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete ger&auml;uschvoll.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie geht es Ihnen?&ldquo; erkundigte er sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schlecht!&ldquo; antwortete Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja! Ganz wie mir&ldquo;, erwiderte der Priester. &bdquo;Die ersten
+warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es
+ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt
+Paulus sagt. Und wie denkt Herr Bovary dar&uuml;ber?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach der!&ldquo; Sie machte eine ver&auml;chtliche Geb&auml;rde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was?&ldquo; erwiderte der ehrw&uuml;rdige Mann ganz erstaunt.
+&bdquo;Verordnet er Ihnen denn nichts?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach,&ldquo; meinte sie, &bdquo;irdische Heilmittel, die nutzen mir
+nichts.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
+hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
+waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so da&szlig; sie
+reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte gern wissen&nbsp;...&ldquo;, fuhr Emma fort.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warte nur, Boudet, warte du nur!&ldquo; unterbrach sie der Priester
+in zornigem Tone. &bdquo;Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
+Schlingel, du!&ldquo; Zu Emma gewandt, f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Das ist
+der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute;
+sie lassen dem Jungen die gr&ouml;&szlig;ten Narrenpossen durch. Der Bengel
+k&ouml;nnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist
+gar nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma tat, als ob sie die Frage &uuml;berh&ouml;rt h&auml;tte. Der
+Geistliche fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Immer t&uuml;chtig besch&auml;ftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
+beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun&nbsp;...&ldquo;
+Er lachte beh&auml;big, &bdquo;... er als Arzt des Leibes und ich
+der Seele.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma schaute ihn flehentlich an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie! Ja!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Sie heilen alle Wunden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
+da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
+wassers&uuml;chtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
+Merkw&uuml;rdig! Alle K&uuml;he da ... Verzeihen Sie mal! &mdash; Longuemarre
+und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!&ldquo; Mit einem
+gro&szlig;en Satze war er drinnen in der Kirche.
+
+</P><P>
+
+Da flohen die Knaben hinter das Me&szlig;pult oder kletterten auf
+den Sitz des Vors&auml;ngers. Andre verkrochen sich in den
+Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links
+einen Hagel von Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am
+Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie,
+als ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese
+hineindr&uuml;cken wollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So!&ldquo; sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war,
+w&auml;hrend er sein gro&szlig;es Kattuntaschentuch entfaltete und sich
+den Schwei&szlig; von der Stirn wischte. &bdquo;Die Landleute sind recht zu
+bedauern&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Andre Leute auch&ldquo;, meinte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Die Arbeiter in den St&auml;dten zum Beispiel.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die meine ich nicht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienm&uuml;tter kennen
+lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
+hatten nicht einmal das t&auml;gliche Brot.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich meine solche,&ldquo; fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel
+zitterten, w&auml;hrend sie sprach, &bdquo;solche, Herr Pfarrer, die zwar
+ihr t&auml;glich Brot haben, aber kein&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kein Holz im Winter&nbsp;...&ldquo;, erg&auml;nzte der Priester.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, was liegt daran?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was daran liegt? Mich d&uuml;nkt, wer gut zu essen hat und eine
+warme Stube ... denn schlie&szlig;lich&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O du mein Gott!&ldquo; seufzte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist Ihnen nicht wohl?&ldquo; fragte er, indem er sich ihr besorgt
+n&auml;herte. &bdquo;Gewi&szlig; Magenbeschwerden? Sie m&uuml;ssen heimgehen, Frau
+Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kr&auml;ftigen.
+Oder vielleicht lieber eine Limonade?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie fa&szlig;ten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich,
+es sei Ihnen schwindlig.&ldquo; Er besann sich. &bdquo;Aber wollten Sie
+mich nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es
+denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich? Nichts ... oh, nichts!&ldquo; stammelte Emma.
+
+</P><P>
+
+Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel m&uuml;d auf den
+alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne
+etwas zu sagen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary&ldquo;, sagte er nach einer
+Weile. &bdquo;Die Pflicht ruft mich. Ich mu&szlig; zu meinen Taugenichtsen
+da. Die erste Kommunion r&uuml;ckt heran. Ich f&uuml;rchte, sie
+&uuml;berrumpelt uns. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle
+Mittwoch eine Stunde l&auml;nger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie
+nicht fr&uuml;h genug auf den Weg des Herrn leiten, wie es
+Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung,
+Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das
+Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den
+B&auml;nken verschwand. Er ging schwerf&auml;llig, den Kopf ein wenig
+eingezogen, die beiden H&auml;nde in segnender Haltung.
+
+</P><P>
+
+Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
+einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
+Weile h&ouml;rte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des
+Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bist du ein Christ?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ich bin ein Christ.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer ist ein Christ?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer getauft ist und&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am
+Gel&auml;nder festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
+Lehnstuhl.
+
+</P><P>
+
+Das Licht des hellen Abends drau&szlig;en flutete weich durch
+die Scheiben herein. Die M&ouml;bel schlummerten still auf ihren
+Pl&auml;tzen, halb versunken in den Schatten der D&auml;mmerung wie in
+einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und
+eint&ouml;nig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um
+sich herum empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem
+wilden Sturm in ihrem Innern&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Vom N&auml;htischfenster her tappte die kleine Berta in ihren
+gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie
+haschte nach den B&auml;ndern ihrer Sch&uuml;rze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.
+
+</P><P>
+
+Aber die Kleine kam noch n&auml;her und schmiegte sich an ihre Knie.
+Sie umfa&szlig;te sie mit ihren &Auml;rmchen und schaute mit ihren gro&szlig;en
+blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
+Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne
+Sch&uuml;rze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
+
+</P><P>
+
+Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann
+zu schreien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber so la&szlig; mich doch!&ldquo; sagte Emma barsch und stie&szlig; ihr Kind
+mit dem Ellenbogen zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
+ihr die Wange ritzte, so da&szlig; sie blutete. Frau Bovary st&uuml;rzte
+auf das Kind zu und hob es auf. Dann ri&szlig; sie heftig am
+Klingelzug und rief das Dienstm&auml;dchen herbei. Sie war nahe
+daran, sich Vorw&uuml;rfe zu machen, da erschien Karl. Es war um
+die Essenszeit. Er kam von seiner Praxis heim.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sieh, mein Lieber,&ldquo; sagte sie ruhigen Tones, &bdquo;die Kleine
+ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bi&szlig;chen geschunden.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
+allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
+verging ihr bi&szlig;chen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
+t&ouml;richt und schlapp vor, weil sie sich wegen einer
+Geringf&uuml;gigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die
+Kleine nicht mehr. Ihre Atemz&uuml;ge hoben und senkten die wollene
+Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tr&auml;nen hingen ihr in den
+halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse
+Augensterne schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster
+verzog die Haut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Merkw&uuml;rdig!&ldquo; dachte Emma bei sich. &bdquo;Wie h&auml;&szlig;lich das Kind
+ist!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Karl um elf Uhr nach Hause kam &mdash; er war nach Tisch zum
+Apotheker gegangen &mdash;, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich habe dir doch gesagt, da&szlig; es nichts ist!&ldquo;
+versicherte er ihr, indem er ihr einen Ku&szlig; auf die Stirn gab.
+&bdquo;&Auml;ngstige dich nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
+nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich
+Homais f&uuml;r verpflichtet gef&uuml;hlt, ihn &bdquo;aufzurappeln&ldquo;. Dann
+hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder
+ausgesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten.
+Frau Homais mu&szlig;te ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte
+sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die
+damalige K&ouml;chin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen!
+Infolgedessen waren die braven Homais &uuml;ber die Ma&szlig;en
+vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der
+Fu&szlig;boden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und
+vor dem Kamin ein paar Querst&auml;be angebracht. Die
+Apothekerskinder, so verwahrlost sie im &uuml;brigen waren, konnten
+keinen Schritt tun, ohne da&szlig; jemand dabei sein mu&szlig;te. Bei der
+geringsten Erk&auml;ltung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons
+voll, und als sie bereits &uuml;ber vier Jahre alt waren,
+mu&szlig;ten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die
+K&ouml;pfe tragen. Das war lediglich eine Schrulle der Mutter; der
+Apotheker war insgeheim sehr betr&uuml;bt dar&uuml;ber, weil er Angst
+hatte, dieses Zusammenpressen k&ouml;nne dem Gehirn sch&auml;dlich
+sein. Einmal entfuhr es ihm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
+eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
+Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte Sie noch etwas fragen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sollte er etwas gemerkt haben?&ldquo; fragte sich der Adjunkt. Er
+bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
+
+</P><P>
+
+Als die T&uuml;re hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle
+sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein
+h&uuml;bsches Lichtbild koste. Er hegte n&auml;mlich schon lange den
+sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu
+&uuml;berraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu
+lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so
+ungef&auml;hr zu stehen k&auml;me. Dem Adjunkt mache das wohl keine
+besondre M&uuml;he, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt
+f&uuml;hre.
+
+</P><P>
+
+Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
+Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da t&auml;uschte er
+sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
+Wertherstimmung. Die L&ouml;wenwirtin merkte es daran, da&szlig; er
+seine Portionen nicht mehr aufa&szlig;. Um hinter die Ursache zu
+kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte
+unwirsch, er sei kein Polizeib&uuml;ttel.
+
+</P><P>
+
+Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar
+vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zur&uuml;ck, packte sich mit
+den H&auml;nden hinten am Kopfe und lie&szlig; sich in unbestimmten Klagen
+&uuml;ber das menschliche Dasein aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sollten sich ein bi&szlig;chen mehr zerstreuen&ldquo;, meinte der
+Steuereinnehmer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Womit denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich kann doch nicht drechseln&ldquo;, erwiderte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja, freilich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Binet strich sich selbstzufrieden-ver&auml;chtlich das Kinn.
+
+</P><P>
+
+Leo war es m&uuml;de, erfolglos zu lieben. Das eint&ouml;nige
+Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn
+erf&uuml;llten, keine Hoffnungen, die ihn st&auml;rkten. Yonville und die
+Yonviller &ouml;deten ihn derma&szlig;en an, da&szlig; er gewisse Leute und
+bestimmte H&auml;user nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu
+geraten. Besonders unausstehlich wurde ihm nachgerade der
+biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf
+v&ouml;llig neue Verh&auml;ltnisse genau so sehr, wie er sich danach
+sehnte. Dieses bange Gef&uuml;hl wandelte sich nach und nach in
+Unruhe, und nun lockte ihn Paris, das ferne Paris mit der
+rauschenden Musik seiner Maskenfeste und dem Lachen seiner
+Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden.
+Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt ihn zur&uuml;ck?
+
+</P><P>
+
+In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
+machte heimliche Pl&auml;ne. Er tr&auml;umte sich sein Pariser Zimmer
+aus. Dort wollte er das Leben eines Boh&eacute;mien f&uuml;hren.
+Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu
+ein Samtbarett und Hausschuhe aus blauem Pl&uuml;sch. Und &uuml;ber
+dem Kamin sollten zwei gekreuzte Floretts h&auml;ngen, ein
+Totensch&auml;del dar&uuml;ber und die Gitarre darunter. Wundervoll!
+
+</P><P>
+
+Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
+bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
+allervern&uuml;nftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
+andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo
+zun&auml;chst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen
+Adjunktenposten in Rouen. Als ihm dies mi&szlig;lang, schrieb er
+schlie&szlig;lich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr
+ausf&uuml;hrlich auseinandersetzte, warum er ohne weiteres
+nach Paris &uuml;bersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden.
+
+</P><P>
+
+Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen
+lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville
+Koffer, Rucks&auml;cke und Pakete f&uuml;r ihn hin und her. Er
+vervollst&auml;ndigte seine Garderobe, lie&szlig; seine drei Lehnst&uuml;hle
+aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen
+Halst&uuml;chern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, als
+wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf
+Woche, bis ein zweiter m&uuml;tterlicher Brief seine Abreise
+beschleunigte. Er h&auml;tte doch die Absicht, ein Examen nach einem
+Semester zu machen.
+
+</P><P>
+
+Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte
+Frau Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine
+R&uuml;hrung, wie sich das f&uuml;r einen ernsten Mann schickt. Er
+lie&szlig; es sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seines
+Freundes eigenh&auml;ndig bis zur Gartenpforte des Notars
+zu tragen, wo des letzteren Kutsche wartete, die den
+Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
+
+</P><P>
+
+Im letzten Viertelst&uuml;ndchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch
+im Hause des Arztes.
+
+</P><P>
+
+Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem
+zu sch&ouml;pfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
+entgegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da bin ich noch einmal!&ldquo; sagte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich hab es erwartet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma bi&szlig; sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle scho&szlig; unter der
+Haut ihres Gesichts hin und f&auml;rbte es &uuml;ber und &uuml;ber
+rot, vom Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie
+blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holzt&auml;felung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er ist fort.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
+Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
+aneinander wie zwei klopfende Herzen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte Berta gern einen Abschiedsku&szlig; geben&ldquo;, sagte
+Leo.
+
+</P><P>
+
+Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie.
+Leo warf schnell einen hei&szlig;en Blick auf die W&auml;nde, die M&ouml;bel,
+den Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich
+nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das
+M&auml;dchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem
+Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
+
+</P><P>
+
+Leo k&uuml;&szlig;te die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gab das Kind der Mutter zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bring sie weg!&ldquo; befahl Emma.
+
+</P><P>
+
+Sie waren wiederum allein.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary wandte Leo den R&uuml;cken zu und pre&szlig;te ihr Gesicht
+gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisem&uuml;tze in der Hand
+und schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es wird wohl regnen&ldquo;, bemerkte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe einen Mantel&ldquo;, antwortete er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt
+&uuml;ber ihre vorgebeugte Stirn wie &uuml;ber glatten Marmor bis hinab
+in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen
+geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Also adieu!&ldquo; seufzte Leo.
+
+</P><P>
+
+Sie hob den Kopf mit einer j&auml;hen Bewegung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, adieu! Sie m&uuml;ssen gehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie
+z&ouml;gerte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sozusagen ein franz&ouml;sischer Abschied!&ldquo; meinte sie, indem sie
+ihm die Hand &uuml;berlie&szlig;. Dabei l&auml;chelte sie gezwungen.
+
+</P><P>
+
+Leo f&uuml;hlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als
+str&ouml;me ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand
+wieder &ouml;ffnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann
+ging er.
+
+</P><P>
+
+Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich
+hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr
+wei&szlig;es Haus mit seinen vier gr&uuml;nen Fensterl&auml;den sehen. Da
+vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihres
+Zimmers zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von
+selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen
+senkrechten Falten zur&uuml;ck, in denen er dann regungslos
+stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte von dannen.
+
+</P><P>
+
+Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der
+Stra&szlig;e halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und
+hielt das Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten
+miteinander. Man wartete auf ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie sich noch einmal umarmen!&ldquo; sagte Homais, Tr&auml;nen
+in den Augen. &bdquo;Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erk&auml;lten
+Sie sich unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie
+sich ordentlich in acht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Einsteigen, Herr D&uuml;puis!&ldquo; mahnte der Notar.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker beugte sich &uuml;ber das Spritzleder und stammelte
+mit tr&auml;nenerstickter Stimme nichts als die
+beiden wehm&uuml;tigen Worte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gl&uuml;ckliche Reise!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Guten Abend, Herr Apotheker!&ldquo; rief Guillaumin. &bdquo;Los!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimw&auml;rts.
+
+</P>
+<HR STYLE="width: 65%;" />
+<P>
+
+Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres
+Zimmers ge&ouml;ffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung
+nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt.
+Leichteres finsteres Gew&ouml;lk zog von daher im raschen Fluge
+heran, durchleuchtet von schr&auml;gen Sonnenstrahlen, die wie die
+goldnen Strahlenb&uuml;ndel einer aufgeh&auml;ngten Troph&auml;e
+hervorschossen. Der &uuml;brige wolkenlose Teil des
+Himmelszeltes war wei&szlig; wie Porzellan. Ruckweise Windst&ouml;&szlig;e
+beugten die H&auml;upter der Pappeln; pl&ouml;tzlich rauschte Regen herab
+und prasselte durch das gr&uuml;nschimmernde Laubwerk. Bald kam die
+Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten. Die Spatzen
+sch&uuml;ttelten ihre Fl&uuml;gel auf dem nassen Gezweig, und in den
+Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
+Akazienbl&uuml;ten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie weit mag er nun schon sein!&ldquo; dachte sie.
+
+</P><P>
+
+Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na,&ldquo; sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, &bdquo;unsern
+jungen Freund h&auml;tten wir gl&uuml;cklich verfrachtet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie man mir berichtet hat&ldquo;, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
+seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: &bdquo;Und was
+gibts bei Ihnen Neues?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein
+bi&szlig;chen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich
+aus dem H&auml;uschen. Und meine ganz besonders! Aber man
+soll ihnen daraus keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben
+zarter besaitet als unsre.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der arme Leo,&ldquo; bemerkte Karl, &bdquo;wie wirds ihm in Paris
+ergehen? Wird er sich dort einleben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary seufzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo; meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
+&bdquo;Feine Soupers! Maskenb&auml;lle! Sekt! Daran gew&ouml;hnt man sich
+schon, versichre ich Ihnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube nicht, da&szlig; er unsolid werden wird&ldquo;, warf Bovary
+ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gott bewahre!&ldquo; entgegnete Homais lebhaft. &bdquo;Aber mit den
+W&ouml;lfen wird er halt heulen m&uuml;ssen. Sonst wird er als
+Duckm&auml;user verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese
+Kerlchens im Studentenviertel f&uuml;r ein flottes Leben
+f&uuml;hren! Mit ihren kleinen M&auml;dchen! &Uuml;brigens sind die
+Studenten in Paris &uuml;berall gern gesehen. Wenn einer nur ein
+bi&szlig;chen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise
+offen. Und es gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine
+Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und das gibt
+ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das mag schon sein,&ldquo; sagte der Arzt, &bdquo;ich habe nur Angst,
+er ... wird ... dort&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig,&ldquo; unterbrach ihn der Apotheker, &bdquo;das ist die
+Kehrseite der Medaille! In Paris, da mu&szlig; man sich fortw&auml;hrend
+die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer
+&ouml;ffentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz,
+anst&auml;ndig angezogen, wom&ouml;glich ein Ordensb&auml;ndchen im
+Knopfloch. Man k&ouml;nnte ihn f&uuml;r einen Diplomaten halten. Er
+spricht Sie an. Sie kommen ins Plaudern. Er bietet Ihnen eine
+Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er
+nimmt Sie mit ins Caf&eacute;, ladet Sie in sein Landhaus ein,
+macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und Teufel bekannt &mdash; und
+das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in
+gef&auml;hrliche Abenteuer.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ist es!&ldquo; gab Karl zu. &bdquo;Aber ich dachte vor allem an die
+Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der
+Gro&szlig;stadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma zuckte zusammen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der kommt von der g&auml;nzlich ver&auml;nderten Lebensweise&ldquo;, fuhr
+der Apotheker fort, &bdquo;und der dadurch hervorgebrachten Umw&auml;lzung
+des ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das
+Pariser Wasser! An das Essen in den Restaurants! Diese
+starkgew&uuml;rzten Speisen verderben schlie&szlig;lich das Blut. Man
+mag sagen, was man will, mit einer guten Hausmannskost
+sind sie nicht zu vergleichen. Ich f&uuml;r meinen Teil, ich sch&auml;tze
+von jeher die b&uuml;rgerliche K&uuml;che. Die ist am ges&uuml;ndesten. Als
+ich <TT>stud. pharm.</TT> in Rouen war, da habe
+ich deshalb regelm&auml;&szlig;ig in einer Pension gegessen. Die Herren
+Professoren a&szlig;en auch da&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In dieser Weise fuhr er fort, sich &uuml;ber seine Ansichten im
+allgemeinen und seinen pers&ouml;nlichen Geschmack im besondern
+auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer
+bestellten Arznei holte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!&ldquo; schimpfte er.
+&bdquo;Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
+Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen mu&szlig;. Das ist ein
+Hundedasein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der T&uuml;r sagte er noch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;&Uuml;brigens, wissen Sie schon das Neueste?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist sehr wahrscheinlich, da&szlig; die Versammlung der
+Landwirte unsers Departements heuer in Yonville stattfindet.
+Man munkelt wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch
+schon eine Andeutung. Das w&auml;re f&uuml;r die hiesige Gegend von
+gro&szlig;er Bedeutung! Aber dar&uuml;ber reden wir noch einmal! Danke, ich
+sehe schon. Justin hat die Laterne mit&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Siebentes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Der n&auml;chste Tag war f&uuml;r Emma ein Tag der Betr&uuml;bnis. Alles
+um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort,
+verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit
+leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsames Schlo&szlig;. Sie
+verfiel in die Tr&auml;umerei, die den Menschen umspinnt, wenn er
+etwas auf immerdar verloren hat. Sie empfand die M&uuml;digkeit,
+die ihn der vollendeten Tatsache gegen&uuml;ber &uuml;bermannt, den
+Schmerz, der ihn &uuml;berkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne
+Bewegung pl&ouml;tzlich stockt, wenn Schwingungen j&auml;h aufh&ouml;ren, die
+lange in ihm vibriert haben.
+
+</P><P>
+
+Wie damals nach der R&uuml;ckkehr vom Schlosse Vaubyessard, als
+die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten,
+war sie voll d&uuml;sterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo
+stand vor ihrer Phantasie immer gr&ouml;&szlig;er, sch&ouml;ner,
+verf&uuml;hrerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so
+hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den W&auml;nden
+ihres Hauses schien sein Schatten noch zu haften. Immer
+wieder schaute sie auf den Teppich, &uuml;ber den er so oft gegangen,
+auf die leeren St&uuml;hle, wo er gesessen. Drau&szlig;en kroch das
+Fl&uuml;&szlig;lein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen,
+zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so
+oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine.
+Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die
+Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein
+gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, blo&szlig;en Kopfes, in
+einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der dr&uuml;ben von den
+Wiesen her wehte, hatte die Bl&auml;tter des Buches bewegt und
+die violetten Bl&uuml;ten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war
+er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die einzige
+Hoffnung, da&szlig; sich ihr das ertr&auml;umte Gl&uuml;ck noch erf&uuml;lle!
+Warum hatte sie dieses Gl&uuml;ck nicht mit beiden H&auml;nden
+festgehalten, in den Scho&szlig; genommen, es nicht in die Ferne
+gelassen? Sie verw&uuml;nschte sich, Leos Geliebte nicht geworden
+zu sein. Sie d&uuml;rstete nach seinen Lippen. Am liebsten w&auml;re sie
+ihm nachgelaufen, h&auml;tte sich in seine Arme geworfen und ihm
+gesagt: &bdquo;Hier bin ich! Nimm mich!&ldquo; Aber vor den Hindernissen,
+die sich der Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt
+h&auml;tten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz dar&uuml;ber
+sch&uuml;rte ihre Sehnsucht zu noch hei&szlig;erer Glut.
+
+</P><P>
+
+Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt
+ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein
+einsames Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen
+Steppe inmitten des Schnees angez&uuml;ndet haben. Zu diesem
+Feuer fl&uuml;chtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte es
+sorgf&auml;ltig wieder an, wenn es zu verl&ouml;schen drohte. Im
+Umkreise um sich herum suchte sie alles m&ouml;gliche herbei, um
+diese Flammen zu n&auml;hren. Die fernsten Erinnerungen und die
+frischesten Ereignisse, Erlebtes und Ertr&auml;umtes, die
+wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach
+Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre nutzlose
+Tugend, ihre get&auml;uschten Illusionen, die Armseligkeit ihres
+Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es
+zusammen und warf es in die Glut, um ihre Tr&uuml;bsal daran zu
+w&auml;rmen.
+
+</P><P>
+
+Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm
+die Nahrung fehlte, sei es, weil die &Uuml;berf&uuml;lle von Brennstoff
+es erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam
+allm&auml;hlich ihre Liebe. Das Ineinemfort t&ouml;tete den Schmerz,
+und am Himmel ihrer Gef&uuml;hle verbla&szlig;te der erst grellrote
+Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. W&auml;hrend
+ihres phantastischen Zustandes hatte sich ihr Widerwille
+gegen den Gatten in Schw&auml;rmerei f&uuml;r den Geliebten verwandelt,
+und die Glut ihres Hasses hatte ihre z&auml;rtliche Sehnsucht
+gew&auml;rmt. Aber nunmehr, da ihre st&uuml;rmische unbefriedigte
+Leidenschaft zu Asche gebrannt war, das keine Hilfe kam und
+keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In
+eisiger K&auml;lte stand sie einsam da und erstarrte.
+
+</P><P>
+
+Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur
+bildete sie sich ein, noch ungl&uuml;cklicher denn damals zu sein,
+weil sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wu&szlig;te,
+da&szlig; es nie anders werden k&ouml;nne.
+
+</P><P>
+
+Eine Frau, die so viel geopfert, sei &mdash; so sagte sie sich &mdash;
+wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu g&ouml;nnen.
+Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
+vier Wochen f&uuml;r vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer
+H&auml;nde. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues
+Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den sch&ouml;nsten Schal
+aus und trug ihn &uuml;ber ihrem Hauskleid. Sie schlo&szlig; die
+L&auml;den, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem
+Sofa liegen.
+
+</P><P>
+
+H&auml;ufig &auml;nderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
+Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Z&ouml;pfen, bald einen
+Scheitel.
+
+</P><P>
+
+Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
+kaufte sie sich ein W&ouml;rterbuch, eine Grammatik und eine Menge
+Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lekt&uuml;re,
+las Geschichtswerke und philosophische Schriften.
+
+</P><P>
+
+Nachts fuhr Karl mitunter in die H&ouml;he, im Glauben, man hole
+ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin gleich fertig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber es war nur das Knistern des Streichholzes
+gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angez&uuml;ndet hatte. Sie wollte
+lesen. Aber es ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen
+ein ganzer Sto&szlig; angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie
+anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.
+
+</P><P>
+
+Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
+Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
+Manne gegen&uuml;ber, sie k&ouml;nne ein Weinglas voll Schnaps mit
+einem Zuge leeren, und da Karl so t&ouml;richt war, es zu
+bezweifeln, tat sie es wirklich.
+
+</P><P>
+
+Bei allen ihren &bdquo;Extravaganzen&ldquo; (die Spie&szlig;b&uuml;rger von Yonville
+nannten das so!) sah Emma keineswegs
+unternehmungslustig aus. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel
+lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und
+verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war v&ouml;llig bla&szlig;, wei&szlig;
+wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Fl&uuml;geln zu
+F&auml;ltchen, und ihre Augen blickten wie ins Leere. Seitdem sie
+an den Schl&auml;fen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie
+sich gespr&auml;chsweise eine alte Frau.
+
+</P><P>
+
+Oft hatte sie Schwindelanf&auml;lle, und eines Tages spuckte sie
+sogar Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bem&uuml;hte und seine
+Besorgnis verriet, meinte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich! Es ist mir alles gleich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl zog sich in sein Sprechzimmer zur&uuml;ck. Er sank in seinen
+Schreibsessel, st&uuml;tzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
+weinte &mdash; unter dem phrenologischen Sch&auml;del.
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
+sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz
+Emmas wegen statt. Welche Ma&szlig;nahmen sollten getroffen werden?
+Was sollte geschehen? Wo sie jedwede &auml;rztliche Behandlung
+ablehnte!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig;t du, was deiner Frau fehlt?&ldquo; meinte Frau Bovary
+schlie&szlig;lich. &bdquo;Eine ordentliche Besch&auml;ftigung! K&ouml;rperliche
+Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr t&auml;gliches Brot selber
+verdienen m&uuml;&szlig;te, dann h&auml;tte sie keine Nerven und Launen. Die
+kommen blo&szlig; von den &uuml;berspannten Ideen, die sie sich aus
+purer Langweile in den Kopf setzt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Besch&auml;ftigung hat sie doch aber!&ldquo; erwiderte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Sie hat Besch&auml;ftigung? Was f&uuml;r welche denn? Romane
+schm&ouml;kert sie, schlechte B&uuml;cher, Schriften gegen die Religion,
+in denen die Geistlichen verh&ouml;hnt werden mit Redensarten
+aus dem Voltaire! Armer Junge, das f&uuml;hrt zu nichts
+Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt es mal ein
+schlechtes Ende!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das
+schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf
+sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen pers&ouml;nlich zum
+Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn
+der Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man
+da nicht das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?
+
+</P><P>
+
+Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
+steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie,
+abgesehen von den h&auml;uslichen Anordnungen und den h&ouml;flichen
+Formeln bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei
+Worte gewechselt.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
+von Yonville. Vom fr&uuml;hen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
+Marktplatz, gleichlaufend mit den H&auml;usern von der Kirche bis
+zum Goldnen L&ouml;wen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
+Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespie&szlig;ten Deichseln. Auf der
+andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen
+Baumwollenwaren, Decken und Str&uuml;mpfe feilgeboten wurden, daneben
+Pferdegeschirre und Haufen von bunten B&auml;ndern, deren Enden im
+Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und K&auml;sek&ouml;rben, aus
+denen klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand
+Eisenwaren auf dem Pflaster ausgebreitet. Neben Ackerger&auml;t
+gackerten H&uuml;hner in flachen K&ouml;rben und steckten ihre H&auml;lse
+durch die Luftl&ouml;cher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen,
+gerade nach den Stellen, wo das Gedr&auml;nge schon am dichtesten
+war. So geriet bisweilen das Schaufenster der Apotheke
+wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. Es
+standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu
+kaufen als vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr
+Homais war in den benachbarten Ortschaften ein ber&uuml;hmter Mann.
+Seine r&uuml;cksichtslose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten
+ihn f&uuml;r einen besseren Arzt als alle Doktoren im ganzen Lande.
+
+</P><P>
+
+Emma sa&szlig; an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in
+der Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich
+&uuml;ber das wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in
+einem Rock von gr&uuml;nem Samt, mit gelben Handschuhen;
+sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht
+mit gesenktem Kopf und recht tr&uuml;bseliger Miene folgte ihm. Beide
+gingen auf das Bovarysche Haus zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist der Herr Doktor zu sprechen?&ldquo; fragte der Herr den
+Apothekergehilfen, der an der Haust&uuml;re mit Felicie plauderte.
+Er hielt ihn f&uuml;r den Diener des Arztes. &bdquo;Melden Sie Herrn
+Rudolf Boulanger von der H&uuml;chette.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war keineswegs Eitelkeit, da&szlig; der Ank&ouml;mmling sein
+Gut zu seinem Namen f&uuml;gte. Er wollte nur genau angeben, wer er
+war. Die H&uuml;chette war n&auml;mlich ein Rittergut in der N&auml;he von
+Yonville, das er samt zwei Meiereien unl&auml;ngst gekauft hatte.
+Er bewirtschaftete es selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei
+anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte &bdquo;so mindestens
+seine f&uuml;nfzehntausend Franken&ldquo; im Jahr zu verzehren.
+
+</P><P>
+
+Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger
+&uuml;berwies ihm seinen Knecht, der einen Aderla&szlig; w&uuml;nsche, weil
+er am ganzen K&ouml;rper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das wird mich erleichtern&ldquo;, wiederholte der Bursche auf alle
+Einw&auml;nde. Bovary lie&szlig; sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
+Sch&uuml;ssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.
+
+</P><P>
+
+Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz bla&szlig; geworden
+war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nur keine Angst, mein Lieber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!&ldquo; erwiderte er.
+
+</P><P>
+
+Dabei hielt er mit prahlerischer Geb&auml;rde seinen dicken Arm hin.
+Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und
+spritzte bis zum Spiegel hin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Sch&uuml;ssel!&ldquo; rief Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Donnerwetter!&ldquo; meinte der Knecht. &bdquo;Das ist ja der reine
+Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein
+gutes Zeichen, nicht wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
+zur&uuml;ck, da&szlig; die Lehne krachte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hab ich mir gleich gedacht!&ldquo; bemerkte Bovary, indem er
+mit den Fingern die angestochne Ader zudr&uuml;ckte. &bdquo;Erst gehts
+ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten
+Kerlen wie dem da!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Sch&uuml;ssel in Justins H&auml;nden geriet ins Schwanken. Die
+Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma! Emma!&ldquo; rief der Arzt.
+
+</P><P>
+
+Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Essig!&ldquo; rief ihr Karl zu. &bdquo;Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
+einmal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;'s ist weiter nichts!&ldquo; meinte Boulanger gelassen, der
+Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und
+lehnte ihn mit dem R&uuml;cken gegen die Wand.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnm&auml;chtigen das
+Halstuch aufzukn&uuml;pfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich
+l&ouml;sen, und so ber&uuml;hrte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren
+Fingern den Hals des jungen Burschen. Dann go&szlig; sie Essig
+auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die
+Schl&auml;fen und blies dann ein wenig darauf.
+
+</P><P>
+
+Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht
+dauerte an. Seine Aug&auml;pfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
+wie blaue Blumen in Milch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er darf das da nicht sehen!&ldquo; ordnete Karl an.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary ergriff die Sch&uuml;ssel und setzte sie unter den Tisch.
+Bei diesem Sichb&uuml;cken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
+Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
+Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die
+Arme ausstreckte und sich dabei in den H&uuml;ften ein wenig hin
+und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
+Wasserflasche und l&ouml;ste ein paar St&uuml;ck Zucker in einem Glase.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das M&auml;dchen
+hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen
+wieder bei Bewu&szlig;tsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn
+herum und betrachtete sich ihn von oben bis unten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dummkopf!&ldquo; brummte er. &bdquo;Ein Dummkopf, wie er im Buche steht!
+Als obs wer wei&szlig; was w&auml;re! Ein bi&szlig;chen Aderla&szlig;!
+Weiter nichts! Und das will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn
+es gilt, von den h&ouml;chsten B&auml;umen die N&uuml;sse herunterzuholen,
+da klettert er wie ein Eichh&ouml;rnchen ... Na, tu deinen Mund auf
+und zeig dich mal in deiner Gloria! Das sind ja nette
+Eigenschaften f&uuml;r einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage
+dir: als Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum
+Beispiel vor Gericht als Sachverst&auml;ndiger. Da hei&szlig;t es
+kaltbl&uuml;tig sein, h&uuml;bsch ruhig &uuml;berlegen und ein ganzer Mann
+sein! Sonst gilt man als Schwachmatikus&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer hat dir denn &uuml;brigens gesagt, da&szlig; du hierher gehen
+sollst? In einem fort bel&auml;stigst du Herrn und Frau Doktor! Noch
+dazu an den Markttagen, wo du dr&uuml;ben so notwendig gebraucht
+wirst! Es warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen
+habe ich alles stehn und liegen lassen. Marsch! Hin&uuml;ber! Trab!
+Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
+fort war, plauderte man noch ein wenig &uuml;ber Ohnmachtanf&auml;lle.
+Frau Bovary sagte, sie h&auml;tte noch nie einen gehabt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!&ldquo; behauptete
+Boulanger. &bdquo;Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich
+sind. Da hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, da&szlig; ein
+Zeuge ohnm&auml;chtig wurde, als die Pistolen beim Laden
+knackten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was mich anbelangt,&ldquo; erkl&auml;rte der Apotheker, &bdquo;mich st&ouml;rt
+der Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der blo&szlig;e
+Gedanke, ich selber k&ouml;nne bluten, der macht mich schwindlig, wenn
+ich nicht schnell an was andres denke.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
+ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nun ists aber alle mit der Einbildung!&ldquo; sagte er ihm. &bdquo;Die
+hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft&ldquo;, f&uuml;gte er
+hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen
+Taler auf die Tischecke, gr&uuml;&szlig;te fl&uuml;chtig und verschwand.
+
+</P><P>
+
+Bald darauf erschien er dr&uuml;ben auf dem andern Ufer des
+Baches. Das war sein Weg nach der H&uuml;chette. Emma sah ihm
+von einem der Hinterfenster nach, wie er &uuml;ber die Wiesen ging,
+die Pappeln entlang, langsam wie einer, der &uuml;ber etwas
+nachdenkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Allerliebst!&ldquo; sagte er bei sich. &bdquo;Wirklich allerliebst, diese
+Doktorsfrau. Sch&ouml;ne Z&auml;hne, schwarze Augen, niedliche F&uuml;&szlig;e
+und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo
+mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf Boulanger war vierunddrei&szlig;ig Jahre alt von roher
+Gem&uuml;tsart und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit
+Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel
+ihm. Somit besch&auml;ftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube, er ist mordsbl&ouml;de. Sie hat ihn satt,
+zweifelsohne. Er hat dreckige Fingern&auml;gel und rasiert sich nur
+aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie
+daheim und stopft Str&uuml;mpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach
+der gro&szlig;en Stadt und m&ouml;chte am liebsten alle Abende auf den
+Ball. Arme kleine Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein
+Karpfen auf dem K&uuml;chentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und
+sie ist futsch! Sicherlich! Das w&auml;r was f&uuml;rs Herze!
+Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder los?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Einschr&auml;nkung des in der Ferne stehenden Genusses
+erinnerte ihn &mdash; zum Kontrast &mdash; an seine Geliebte, eine
+Schauspielerin in Rouen, die er aushielt. Er vergegenw&auml;rtigte
+sich ihren K&ouml;rper, dessen er sogar in der Vorstellung
+&uuml;berdr&uuml;ssig war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, diese Frau Bovary,&ldquo; dachte er bei sich, &bdquo;die ist viel
+h&uuml;bscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
+Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft f&uuml;r
+Krebse!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Fluren waren menschenleer. Rudolf h&ouml;rte nichts als
+das taktm&auml;&szlig;ige Rascheln der Halme, die er beim Gehen
+streifte, und das ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er
+schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie
+gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oh, ich werde sie haben!&ldquo; rief er aus und zerschlug mit
+einem Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im
+Wege lag.
+
+</P><P>
+
+Sodann &uuml;berlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
+fragte sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das
+zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das
+Dienstm&auml;del, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche
+Klatsch! Ach was! Unn&uuml;tze Zeitvergeudung!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile begann er von neuem:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und
+wie bla&szlig; sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schw&auml;rmerei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Auf der H&ouml;he von Argueil war sein Kriegsplan fertig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich brauche blo&szlig; noch g&uuml;nstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde
+ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
+Gefl&uuml;gel. N&ouml;tigenfalls lasse ich mich ein bi&szlig;chen
+schr&ouml;pfen. Wir m&uuml;ssen gute Freunde werden. Dann lade ich die
+beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, n&auml;chstens ist doch der
+Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie
+sehen! Dann hei&szlig;ts: Attacke! Und feste drauf! Das ist immer
+das Beste.&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Achtes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Endlich war sie da, die ber&uuml;hmte Jahresversammlung der
+Landwirte! Vom fr&uuml;hen Morgen an standen alle Einwohner von
+Yonville an ihren Haust&uuml;ren und sprachen von den Dingen, die
+da kommen sollten. Die Stirnseite des Rathauses war mit
+Efeugirlanden geschm&uuml;ckt. Dr&uuml;ben auf einer Wiese war ein
+gro&szlig;es Zelt f&uuml;r das Festmahl aufgeschlagen worden, und
+mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein B&ouml;ller, der die
+Ankunft des Landrats und die Preiskr&ouml;nung donnernd
+verk&uuml;nden sollte. Die B&uuml;rgergarde von B&uuml;chy &mdash; in Yonville gab
+es keine &mdash; war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
+Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps
+vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch h&ouml;heren Kragen
+als gew&ouml;hnlich. In die Litewka eingezw&auml;ngt, war sein
+Oberk&ouml;rper so steif und starr, da&szlig; es aussah, als sei
+alles Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich
+parademarschm&auml;&szlig;ig bewegten. Da der Oberst der B&uuml;rgergarde und
+der Hauptmann der Feuerwehr eifers&uuml;chtig aufeinander waren,
+wollte jeder den andern ausstechen, und so exerzierten beide
+ihre Mannschaft f&uuml;r sich. Abwechselnd sah man die roten
+Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und
+wieder abschwenken. Das ging immer wieder von neuem an und nahm
+schier kein Ende!
+
+</P><P>
+
+Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
+gesehen. Verschiedene B&uuml;rger hatten tags zuvor ihre H&auml;user
+abwaschen lassen. Wei&szlig;-rot-blaue Fahnen hingen aus den
+halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da
+sch&ouml;nes Wetter war, sahen die gest&auml;rkten H&auml;ubchen wei&szlig;er
+wie Schnee aus, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne
+wie eitel Gold, und die bunten T&uuml;cher leuchteten buntscheckig
+aus dem tristen Einerlei der schwarzen R&ouml;cke und blauen Blusen
+hervor. Die P&auml;chtersfrauen kamen aus den umliegenden
+D&ouml;rfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln
+heraus, mit denen sie ihre R&ouml;cke hochgesteckt hatten, damit
+sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die M&auml;nner
+andrerseits hatten zum Schutze ihrer H&uuml;te die Sackt&uuml;cher
+dar&uuml;ber gezogen, deren Zipfel sie mit den Z&auml;hnen festhielten.
+
+</P><P>
+
+Die Menge str&ouml;mte von beiden Enden des Orts auf der
+Landstra&szlig;e heran und ergo&szlig; sich in alle Gassen, Alleen und
+H&auml;user. &Uuml;berall klingelten die T&uuml;ren, um die B&uuml;rgerinnen
+herauszulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze
+wallten.
+
+</P><P>
+
+Zwei mit Lampions beh&auml;ngte hohe Taxusb&auml;ume, zu beiden
+Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade f&uuml;r die
+Ehreng&auml;ste, erregten ganz besonders die allgemeine
+Bewunderung. &Uuml;brigens hatte man an den vier S&auml;ulen am
+Rathause so etwas wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine
+Art Standarte aus gr&uuml;ner Leinwand. Auf der einen las man:
+HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der dritten: INDUSTRIE, der
+vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT.
+
+</P><P>
+
+Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
+warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau
+Franz, der L&ouml;wenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres
+Gasthofes stehend, r&auml;sonierte sie vor sich hin:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
+Glaubt diese Bagage wirklich, da&szlig; der Herr Landrat besonders
+erg&ouml;tzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
+wie ein Seilt&auml;nzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
+Gegend zugute kommen! War es wirklich der M&uuml;he wert, extra
+einen Koch aus Neufch&acirc;tel herkommen zu lassen? F&uuml;r wen
+&uuml;brigens? F&uuml;r Kuhjungen und Lumpenpack!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker ging vor&uuml;ber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
+Lackschuhen und &mdash; ausnahmsweise (statt des gewohnten
+K&auml;ppchens) &mdash; einem Hut von niedriger Form.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Diener!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich habs eilig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst
+den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im
+K&auml;se&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;In was f&uuml;r K&auml;se?&ldquo; unterbrach ihn die Wirtin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint&ldquo;, entgegnete
+Homais. &bdquo;Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, da&szlig; es im
+allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute
+freilich mu&szlig; ich in Anbetracht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah! Sie gehen auch hin?&ldquo; fragte sie in geringsch&auml;tzigem Tone.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig; gehe ich hin!&ldquo; sagte der Apotheker erstaunt. &bdquo;Ich
+geh&ouml;re ja zu den Preisrichtern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schlie&szlig;lich meinte
+sie l&auml;chelnd:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die
+Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Selbstverst&auml;ndlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch
+Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz,
+besch&auml;ftigt sich mit den Wechselwirkungen und den
+Molekularverh&auml;ltnissen aller K&ouml;rper, die in der Natur vorkommen.
+Folglich geh&ouml;rt auch die Landwirtschaft in das Gebiet meiner
+Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der D&uuml;ngemittel,
+die G&auml;rungen der S&auml;fte, die Analyse der Gase und die Wirkung der
+Miasmen .., ich bitte Sie, was ist das weiter als pure
+bare Chemie?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, m&uuml;sse man selber in der
+Erde gebuddelt oder G&auml;nse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
+Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
+die mu&szlig; man unbedingt studiert haben, die geologischen
+Gruppierungen, die atmosph&auml;rischen Vorkommnisse, die
+Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des
+Wassers, die Dichtigkeit der verschiedenen K&ouml;rper und ihre
+Kapillarit&auml;t! Und tausend andre Dinge! Dazu mu&szlig; man mit den
+Grunds&auml;tzen der Hygiene v&ouml;llig vertraut sein, um den Bau von
+Geb&auml;uden, die Unterhaltung der Haus- und Arbeitstiere und
+die Ern&auml;hrung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu
+k&ouml;nnen. Fernerhin, Frau Franz, mu&szlig; man die Botanik intus
+haben. Man mu&szlig; die Pflanzen unterscheiden k&ouml;nnen, verstehen Sie,
+die n&uuml;tzlichen von den sch&auml;dlichen, die nutzlosen und die
+nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen,
+welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen mu&szlig;. Kurz und gut,
+man mu&szlig; sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem
+man die Brosch&uuml;ren und die &ouml;ffentlichen Bekanntmachungen liest,
+und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu
+gehen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Wirtin lie&szlig; unterdessen den Eingang des Caf&eacute;
+Fran&ccedil;ais nicht aus den Augen. Der Apotheker redete
+weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wollte Gott, unsre Agrarier w&auml;ren zugleich Chemiker, oder sie
+h&ouml;rten wenigstens besser auf die Ratschl&auml;ge der Wissenschaft!
+Da habe ich k&uuml;rzlich selbst eine gro&szlig;e Abhandlung verfa&szlig;t, eine
+Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: &bdquo;Der Apfelwein.
+Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
+Betrachtungen hier&uuml;ber.&ldquo; Ich habe sie der &bdquo;Rouener
+Agronomischen Gesellschaft&ldquo; &uuml;bersandt, die mich daraufhin unter
+ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung f&uuml;r
+Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt
+erschiene&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker hielt ein. Er merkte, da&szlig; Frau Franz von etwas
+ganz andrem in Anspruch genommen war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig!&ldquo; unterbrach er sich selber. &bdquo;Eine unglaubliche
+Spelunke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin zuckte so heftig die Achseln, da&szlig; sich die
+Maschen ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit
+beiden H&auml;nden deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem
+w&uuml;ster Gesang her&uuml;berhallte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na! Lange wird die Herrlichkeit da dr&uuml;ben nicht mehr dauern!&ldquo;
+bemerkte sie. &bdquo;In acht Tagen ist der Rummel alle!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais trat erschrocken einen Schritt zur&uuml;ck. Die Wirtin kam
+die drei Stufen herunter und fl&uuml;sterte ihm ins Ohr:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
+ausgepf&auml;ndet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals
+abgeschnitten. Mit Wechseln!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eine f&uuml;rchterliche Katastrophe!&ldquo; rief der Apotheker aus,
+der f&uuml;r alle m&ouml;glichen Ereignisse immer das passende
+Begleitwort zur Hand hatte.
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erz&auml;hlen.
+Sie wu&szlig;te sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich
+sie Tellier, den Besitzer des Caf&eacute; Fran&ccedil;ais, nicht
+ausstehen konnte, mi&szlig;billigte sie doch das Vorgehen von
+Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Halsabschneider.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da! Sehen Sie!&ldquo; f&uuml;gte sie hinzu. &bdquo;Da geht er! Unter den
+Hallen! Jetzt begr&uuml;&szlig;t er Frau Bovary. Sie hat einen gr&uuml;nen Hut
+auf und geht am Arm von Herrn Boulanger.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Frau Bovary!&ldquo; echote Homais. &bdquo;Ich mu&szlig; ihr schnell guten
+Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der
+Trib&uuml;ne vor dem Rathause erw&uuml;nscht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ohne auf die L&ouml;wenwirtin zu h&ouml;ren, die ihm ihre lange Geschichte
+weitererz&auml;hlen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
+l&auml;chelnder Miene gr&uuml;&szlig;te er nach links und rechts, wobei
+ihn die langen Sch&ouml;&szlig;e seines schwarzen Rockes im Winde
+umflatterten, da&szlig; er wer wei&szlig; wieviel Raum einnahm.
+
+</P><P>
+
+Rudolf hatte ihn l&auml;ngst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
+
+</P><P>
+
+Da aber Emma au&szlig;er Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend
+und in brutalem Tone sagte er zu ihr:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was soll das hei&szlig;en?&ldquo; fragte er sie. Dabei blinzelte er
+sie im Weitergehen von der Seite an.
+
+</P><P>
+
+Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre
+Gedanken. Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die
+lichte Luft, unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen
+bla&szlig;farbene Bindeb&auml;nder wie Schilfbl&auml;tter aussahen. Ihre
+Augen blickten geradeaus unter ihren etwas nach oben
+gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie v&ouml;llig ge&ouml;ffnet waren,
+erschienen sie doch ein wenig zugedr&uuml;ckt durch den oberen Teil
+der Wangen, weil das Blut die feine Haut straffte. Durch die
+Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen gl&auml;nzte
+das Perlmutter ihrer spitzen Z&auml;hne. Den Kopf neigte sie zur
+einen Schulter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mokiert sie sich &uuml;ber mich?&ldquo; fragte sich Rudolf.
+
+</P><P>
+
+In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
+ein Zeichen sein sollen, da&szlig; Lheureux neben ihnen herlief. Von
+Zeit zu Zeit redete der H&auml;ndler die beiden an, um mit ihnen
+ins Gespr&auml;ch zu kommen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein herrlicher Tag heute! &mdash; Alle Welt ist auf den Beinen! &mdash;
+Wir haben Ostwind!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, w&auml;hrend Lheureux
+bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit
+einem ewigen &bdquo;Wie meinen?&ldquo; dazwischenfuhr, wobei er jedesmal
+den Hut l&uuml;ftete.
+
+</P><P>
+
+Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstra&szlig;e ab
+in einen Fu&szlig;weg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergn&uuml;gen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Den haben Sie aber fein abgesch&uuml;ttelt!&ldquo; lachte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum sollen wir uns von fremden Leuten bel&auml;stigen lassen?&ldquo;
+meinte Rudolf. &bdquo;Noch dazu heute, wo ich das Gl&uuml;ck habe, mit
+Ihnen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
+sch&ouml;nen Wetter und wie h&uuml;bsch es sei, so durch die Fluren
+spazieren zu gehen.
+
+</P><P>
+
+Ein paar G&auml;nsebl&uuml;mchen standen am Raine.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die niedlichen Dinger da!&ldquo; sagte er. &bdquo;Und so viele! Genug
+Orakel f&uuml;r die verliebten M&auml;dels des ganzen Landes!&ldquo;
+Ein paar Augenblicke sp&auml;ter setzte er hinzu: &bdquo;Soll ich welche
+pfl&uuml;cken? Was denken Sie dar&uuml;ber?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind Sie denn verliebt?&ldquo; fragte Emma und hustete ein wenig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer wei&szlig;?&ldquo; meinte Rudolf.
+
+</P><P>
+
+Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedr&auml;nge immer mehr
+zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am
+einen und einen S&auml;ugling im andern Arme, rempelten sie an.
+H&auml;ufig mu&szlig;ten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch
+riechender Dorfsch&ouml;nen in blauen Str&uuml;mpfen, derben Schuhen und
+silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
+
+</P><P>
+
+Die Preisverteilung fand statt. Die Z&uuml;chter traten, einer nach
+dem andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an
+Pf&auml;hlen gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten
+Raumes standen die Tiere, mit den Schnauzen nach au&szlig;en, die
+ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtungslinie.
+Schl&auml;frige Schweine w&uuml;hlten mit ihren R&uuml;sseln in der Erde.
+K&auml;lber br&uuml;llten, Schafe bl&ouml;kten. K&uuml;he lagen hingestreckt, die
+B&auml;uche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gem&auml;chlich wieder
+und zuckten mit ihren schwerf&auml;lligen Lidern, wenn die sie
+umschw&auml;rmenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme
+entbl&ouml;&szlig;t, hielten an Trensenz&uuml;geln steigende Zuchthengste, die
+mit gebl&auml;hten N&uuml;stern nach der Seite hin wieherten, wo die
+Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und lie&szlig;en die
+K&ouml;pfe und M&auml;hnen h&auml;ngen, w&auml;hrend ihre F&uuml;llen in ihrem
+Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. &Uuml;ber der wogenden
+Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da das
+Wei&szlig; einer M&auml;hne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein
+spitzes Horn hervorspringen, und &uuml;berall dazwischen die
+H&auml;upter wimmelnder Menschen. Au&szlig;erhalb der Umseilung, etwa
+hundert Schritte davon entfernt, stand &mdash; unbeweglich wie aus
+Bronze gegossen &mdash; ein gro&szlig;er schwarzer Stier mit verbundenen
+Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumptes Kind
+hielt ihn an einem Stricke.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
+besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich
+jedesmal hinterher in fl&uuml;sternder Weise. Einer von ihnen,
+offenbar der Einflu&szlig;reichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein
+Buch. Das war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr
+Derozerays, Besitzer des Rittergutes La Panville. Als
+er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte
+verbindlich-freundlich zu ihm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er
+jedoch au&szlig;er H&ouml;rweite des Vorsitzenden war, meinte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe
+lieber bei Ihnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er machte seine Witze &uuml;ber das Preisrichterkollegium,
+was ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als
+Mitglied des Festausschusses mit Grandezza zu zeigen,
+wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach
+blieb er auch vor dem oder jenem &bdquo;Prachtst&uuml;ck&ldquo; stehen. Frau
+Bovary bewunderte nichts mit. Das beobachtete er, und nun
+begann er sp&ouml;ttische Bemerkungen &uuml;ber die Toiletten der Damen
+von Yonville loszulassen. Dabei entschuldigte er sich, da&szlig; er
+selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein
+Nebeneinander von Allt&auml;glichkeit und Ausgesuchtheit. Der
+oberfl&auml;chliche Menschenkenner h&auml;lt derlei meist f&uuml;r das
+&auml;u&szlig;ere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in
+ihrem Gef&uuml;hlsleben, k&uuml;nstlerisch beanlagt und allem
+Herk&ouml;mmlichen abhold ist, und empfindet &Auml;rgernis oder
+Bewunderung davor. Rudolfs wei&szlig;es Batisthemd mit
+gef&auml;lteten Manschetten bauschte sich im Ausschnitt seiner
+grauen Flanellweste, wie es dem Winde gerade gefiel; seine
+breitgestreiften Hosen reichten nur bis an die Kn&ouml;chel und
+lie&szlig;en die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke
+Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat unbek&uuml;mmert in
+die Pferde&auml;pfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der
+Hut sa&szlig; ihm schief auf dem Kopfe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein Bauer wie ich&nbsp;...&ldquo;, meinte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bei dem ist Hopfen und Malz verloren&ldquo;, scherzte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig! &Uuml;brigens ist kein einziger von all diesen
+Biederm&auml;nnern imstande, den Schnitt eines Rockes zu
+beurteilen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
+des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Darum verfalle ich der Melancholie&nbsp;...&ldquo;, sagte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie?&ldquo; erwiderte Emma erstaunt. &bdquo;Ich halte Sie gerade f&uuml;r sehr
+lebenslustig.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die
+Maske des Sp&ouml;tters trage. Aber wie oft habe ich mich
+beim Anblick eines Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob
+einem nicht am wohlsten w&auml;re, wenn man schliefe, wo die Toten
+schlafen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich k&uuml;mmert sich
+niemand.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
+
+</P><P>
+
+Sie mu&szlig;ten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
+ein Mann zwischen sie dr&auml;ngte, der einen Turm von St&uuml;hlen
+schleppte. Er war derartig &uuml;berladen, da&szlig; man nichts von ihm
+sah als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war
+Lestiboudois, der Totengr&auml;ber, der ein Dutzend Kirchenst&uuml;hle
+herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo es etwas zu
+verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, aus dem
+Bundestage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich
+nicht verrechnet; er wu&szlig;te gar nicht, wen er zuerst befriedigen
+sollte. Die Bauern, denen es hei&szlig; war, rissen sich f&ouml;rmlich
+um diese St&uuml;hle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie
+lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen
+wachsbeklecksten Stuhlr&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als
+spr&auml;che er mit sich selbst.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja! Ich habe vieles entbehren m&uuml;ssen! Immer einsam! Ach,
+wenn mein Dasein einen Zweck gehabt h&auml;tte, wenn ich einer gro&szlig;en
+Leidenschaft begegnet w&auml;re, wenn ich ein Herz gefunden h&auml;tte ...
+Oh, alle meine Lebenskraft h&auml;tte ich daran gesetzt, ich w&auml;re
+&uuml;ber alle Hindernisse hinweggest&uuml;rmt, h&auml;tte alles
+&uuml;berwunden&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mich d&uuml;nkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert&ldquo;,
+wandte Emma ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So, finden Sie?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zum mindesten sind Sie frei&nbsp;...&ldquo; Sie z&ouml;gerte. &bdquo;... und
+reich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Spotten Sie doch nicht &uuml;ber mich!&ldquo; bat er.
+
+</P><P>
+
+Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein B&ouml;llerschu&szlig;.
+Alsbald w&auml;lzte und dr&auml;ngte sich alles der Ortschaft zu.
+Aber es war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch
+gar nicht da. Der Festausschu&szlig; war nun in der gr&ouml;&szlig;ten
+Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man
+noch warten?
+
+</P><P>
+
+Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige
+Mietkutsche auf, von zwei mageren G&auml;ulen gezogen, auf die ein
+Kutscher im Zylinderhut aus Leibeskr&auml;ften mit der Peitsche
+loshieb.
+
+</P><P>
+
+Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An die Gewehre!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und der Oberst der B&uuml;rgergarde br&uuml;llte das Echo dazu.
+
+</P><P>
+
+Hals &uuml;ber Kopf st&uuml;rzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche
+der B&uuml;rgergardisten verga&szlig;en in der Eile, sich den Kragen
+zuzukn&ouml;pfen. Aber der Landauer des Herrn Landrats schien
+die Verwirrung zum Gl&uuml;ck zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im
+langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle
+des Rathauses an, als sich Feuerwehr und B&uuml;rgergarde in
+Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Stillgestanden! Pr&auml;sentiert das Gewehr!&ldquo; kommandierte
+Binet.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Stillgestanden! Pr&auml;sentiert das Gewehr!&ldquo; der Oberst auf der
+andern Seite.
+
+</P><P>
+
+Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel
+eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
+
+</P><P>
+
+Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer
+silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine gro&szlig;e Glatze, ein
+Toupet auf dem Hinterhaupte, sah bla&szlig; im Gesicht aus und war
+offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
+kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
+halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
+seinen eingefallenen Mund zum L&auml;cheln verschob. Er erkannte den
+B&uuml;rgermeister an seiner Sch&auml;rpe und teilte ihm mit, da&szlig; der
+Landrat verhindert sei, pers&ouml;nlich zu kommen. Er selber sei
+Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche
+Redensarten.
+
+</P><P>
+
+T&uuml;vache, der B&uuml;rgermeister, begr&uuml;&szlig;te ihn ehrerbietig. Der Rat
+erkl&auml;rte, er f&uuml;hle sich besch&auml;mt. Die beiden standen sich dicht
+gegen&uuml;ber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der
+Festausschu&szlig;, der Gemeinderat, die Honoratioren, die
+B&uuml;rgergarde und das Publikum. Der Regierungsrat schwenkte
+seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein
+paar Begr&uuml;&szlig;ungsworte. W&auml;hrenddem klappte T&uuml;vache in einem
+fort wie ein Taschenmesser zusammen, l&auml;chelnd, stotternd, nach
+Worten suchend. Darauf beteuerte er die K&ouml;nigstreue der
+Yonviller und dankte f&uuml;r die ihnen widerfahrene gro&szlig;e Ehre.
+
+</P><P>
+
+Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen L&ouml;wen, nahm die
+Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog das Gef&auml;hrt
+humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von
+gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der B&ouml;ller
+krachte.
+
+</P><P>
+
+Die Herren vom Festausschu&szlig; begaben sich nun auf die vor dem
+Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
+Pl&uuml;schsessel, die von der Frau B&uuml;rgermeisterin zur Verf&uuml;gung
+gestellt worden waren.
+
+</P><P>
+
+Alle die M&auml;nner glichen einander. Alle hatten sie
+ausdruckslose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von
+der Sonne etwas gebr&auml;unt waren, buschige Backenb&auml;rte, die
+sich unter hohen steifen Halskragen verloren, und wei&szlig;e,
+sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem,
+ebensowenig an den Uhrketten das ovale Petschaft aus
+Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie
+die Falten des Beinkleides sorgsam zurechtgestrichen hatten.
+Das nicht dekatierte Hosentuch gl&auml;nzte mehr als das
+Leder ihrer derben Stiefel.
+
+</P><P>
+
+Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
+unter der Vorhalle zwischen den S&auml;ulen, w&auml;hrend die gro&szlig;e Menge
+dem Rathause gegen&uuml;ber stand oder teilweise auf St&uuml;hlen sa&szlig;.
+Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen St&uuml;hle
+rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus
+der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges
+Gedr&auml;nge, da&szlig; man nur mit M&uuml;he und Not zu der kleinen Treppe
+der Estrade dringen konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich finde,&ldquo; sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
+Estrade durchdr&auml;ngelte und gerade an ihm vor&uuml;berkam, &bdquo;man
+h&auml;tte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit
+irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer
+Nouveaut&eacute;. Das w&uuml;rde sehr h&uuml;bsch ausgesehen haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo; meinte Homais. &bdquo;Aber Sie wissen ja! Der
+B&uuml;rgermeister macht alles blo&szlig; nach seinem eignen Kopfe. Er
+hat nicht viel Geschmack, der gute T&uuml;vache, und k&uuml;nstlerischen
+Sinn nun gleich gar nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des
+Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer
+war, erkl&auml;rte Boulanger, das w&auml;re so recht der Ort, das
+Schauspiel bequem zu genie&szlig;en. Er nahm zwei St&uuml;hle von dem
+ovalen Tisch, der unter der B&uuml;ste von Majest&auml;t stand, und trug
+sie an eins der Fenster.
+
+</P><P>
+
+Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
+
+</P><P>
+
+Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte
+und tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem
+Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, da&szlig; er Lieuvain hie&szlig;, und
+nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er
+ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten
+hatte, begann er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herren!
+
+</P><P>
+
+Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
+eingehe, sei es mir zun&auml;chst gestattet, &mdash; und ich bin
+&uuml;berzeugt, Sie sind insgesamt damit einverstanden! &mdash; sei
+es mir gestattet, sage ich, der Beh&ouml;rden und der Regierung zu
+gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majest&auml;t, unsers
+allergn&auml;digsten und allverehrten Landesherrn, dem jedes
+Gebiet der &ouml;ffentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt,
+der mit sicherer und kluger Hand das Staatsschiff durch die
+unaufh&ouml;rlichen Gefahren eines st&uuml;rmischen Ozeans lenkt und
+dabei jedem sein Recht l&auml;&szlig;t, dem Frieden wie dem Kriege, der
+Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den K&uuml;nsten und
+Wissenschaften&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zur&uuml;ck&ldquo;, sagte
+Rudolf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblicke bekam die Stimme des
+Regierungsrates besonderen Schwung. Er deklamierte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Zeiten sind vor&uuml;ber, meine Herren, wo die Zwietracht der
+B&uuml;rger unsre &ouml;ffentlichen Pl&auml;tze mit Blut besudelte, wo der
+Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
+abends friedlich schlafen ging, bef&uuml;rchten mu&szlig;te, durch
+das St&uuml;rmen der Brandglocken j&auml;h wieder aufgeschreckt zu
+werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten r&uuml;ttelten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nur weil man mich von unten bemerken k&ouml;nnte&ldquo;, gab Rudolf zur
+Antwort. &bdquo;Dann m&uuml;&szlig;te ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
+Und bei meinem schlechten Rufe&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie verleumden sich&ldquo;, warf Emma ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schw&ouml;r ich Ihnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herren!&ldquo; fuhr der Redner fort. &bdquo;Wenn wir unsre Blicke
+von diesen d&uuml;stern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
+gegenw&auml;rtigen Zustand unsers sch&ouml;nen Vaterlandes richten:
+was sehen wir da? &Uuml;berall stehen Handel, Wissenschaften und
+K&uuml;nste in Bl&uuml;te, &uuml;berall erwachsen neue Verkehrswege und
+-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe des Staates, und
+schaffen neue Beziehungen, neues Leben. Unsre gro&szlig;en
+Industriezentren sind von neuem in vollster T&auml;tigkeit. Die
+Religion ist gekr&auml;ftigt und w&auml;rmt wieder aller Herzen. Unsre
+H&auml;fen strotzen, der Staatskredit ist fest. Frankreich atmet
+endlich wieder auf&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hei&szlig;t,&ldquo; sagte Rudolf, &bdquo;vom gesellschaftlichen
+Standpunkt hat man vielleicht recht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie meinen Sie das?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wissen Sie denn nicht,&ldquo; erl&auml;uterte er, &bdquo;da&szlig; es
+problematische Naturen gibt? Halb Tr&auml;umer, halb Tatenmenschen?
+Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten
+Gen&uuml;ssen. Nichts ist ihnen zu toll, zu phantastisch&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
+sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher
+Kontraste verboten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;ne Freuden!&ldquo; entgegnete er bitter. &bdquo;Das Gl&uuml;ck liegt
+wo ganz anders!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, so findet mans nirgends?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch! Eines Tages begegnet man dem Gl&uuml;ck!&ldquo; fl&uuml;sterte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und das wissen Sie alle gerade am besten,&ldquo; fuhr der
+Regierungsrat fort, &bdquo;Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter
+sind, friedliche Vork&auml;mpfer eines Kulturideals, M&auml;nner
+des Fortschrittes und der Ordnung! Sie wissen das, sage
+ich, da&szlig; politische St&uuml;rme weit furchtbarer sind denn St&uuml;rme in
+der Natur&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, eines Tages begegnet man ihm!&ldquo; wiederholte Rudolf,
+&bdquo;ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat!
+Dann &ouml;ffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe
+eine Stimme: &sbquo;Hier ist das Gl&uuml;ck!&lsquo; Und dem Menschen,
+den Sie da gefunden haben, dem m&uuml;ssen Sie aus innerm Drange
+heraus ihr Leben anvertrauen, ihm alles geben, alles
+opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles ist nur
+Ahnung, Gef&uuml;hl! Man hat sich ja l&auml;ngst im Traumland gesehen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er blickte Emma an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
+leibhaftig da! Er gl&auml;nzt und strahlt! Noch immer h&auml;lt man ihn
+f&uuml;r ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
+geblendet, als k&auml;me man pl&ouml;tzlich aus der Nacht in die
+Sonne&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf begleitete seine Worte mit Geb&auml;rden. Er pre&szlig;te die Rechte
+auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann lie&szlig; er
+sie auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg.
+
+</P><P>
+
+Der Rat sprach immer weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wen k&ouml;nnte das auch verwundern, meine Herren? H&ouml;chstens
+Leute, die so blind w&auml;ren, so verbohrt (ich scheue mich nicht,
+dieses Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile
+abgetaner Zeiten, da&szlig; sie die Gesinnung der Landwirte noch immer
+verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus
+als auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen des
+Gemeinwohls? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine
+Herren, ich meine nat&uuml;rlich nicht jene oberfl&auml;chliche
+Intelligenz, mit der sich m&uuml;&szlig;ige Geister br&uuml;sten, nein, ich
+meine die gr&uuml;ndliche und ma&szlig;volle Intelligenz, die sich nur mit
+ersprie&szlig;lichen Absichten bet&auml;tigt und damit dem Vorteile des
+Einzelnen wie der F&ouml;rderung der Allgemeinheit dient und eine
+St&uuml;tze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor
+den Gesetzen und dem Gef&uuml;hle der Pflichterf&uuml;llung&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Pflichterf&uuml;llung!&ldquo; wiederholte Rudolf. &bdquo;Immer und &uuml;berall
+die Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten
+Schafsk&ouml;pfen in Schlafr&ouml;cken und von Betschwestern mit
+W&auml;rmbullen und Gesangb&uuml;chern kr&auml;chzt uns ewig die alte
+Litanei vor: &sbquo;Die Pflicht, die Pflicht!&lsquo; Der Teufel soll
+sie holen! Unsre Pflicht ist es, alles Gro&szlig;e in der Welt
+mitzuf&uuml;hlen, das Sch&ouml;ne anzubeten und sich nicht immer gleich
+unter alle m&ouml;glichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken,
+sich nicht zu Sklaven herabw&uuml;rdigen zu lassen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Indessen ... indessen&nbsp;...&ldquo;, wandte Emma ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften k&auml;mpfen? Sind
+sie nicht vielmehr das Allersch&ouml;nste, was es auf Erden
+gibt, der Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der
+Dichtung, der Musik, aller K&uuml;nste, alles Lebens im wahren
+Sinne?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber man mu&szlig; sich doch ein wenig nach den Leuten richten und
+sich ihrer Moral f&uuml;gen&ldquo;, meinte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Das ist dann eben die doppelte Moral,&ldquo; eiferte er. &bdquo;Die
+eine: die kleinliche, herk&ouml;mmliche, die der Leute, die in einem
+fort ein andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im
+tr&uuml;ben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all
+der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die g&ouml;ttliche,
+die um uns ist und &uuml;ber uns wie die Landschaft, die uns
+umprangt, und der blaue Himmel, der &uuml;ber uns leuchtet&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
+er weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
+noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt f&uuml;r unser t&auml;glich Brot?
+Wer schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der
+Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit
+seiner schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden
+Furchen s&auml;t, verdanken wir das Getreide, das dann, von
+sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die St&auml;dte zu den
+B&auml;ckern kommt, die Brot daraus backen f&uuml;r arm und reich! Ist
+es nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden
+h&uuml;tet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir uns anziehen,
+wie uns n&auml;hren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren,
+wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von
+uns schon manchmal &uuml;ber die Bedeutung jenes bescheidenen
+Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernh&ouml;fe
+ist und uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen
+saftigen Braten f&uuml;r unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich k&auml;me
+nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse
+l&uuml;ckenlos aufz&auml;hlen m&uuml;&szlig;te, mit denen die wohlbebaute Erde
+wie eine gro&szlig;m&uuml;tige Mutter ihre Kinder &uuml;bersch&uuml;ttet. Ich nenne
+nur den Weinstock, den Baum, der uns den Apfelwein spendet, und
+den Raps. Dann haben wir den K&auml;se und den Flachs. Meine
+Herren, vergessen wir den Flachs nicht! Der Flachsbau hat in
+den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den
+ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders hinlenken m&ouml;chte&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dieser Appell war eigentlich unn&ouml;tig, denn die Menge lauschte
+offenen Mundes und lie&szlig; sich kein W&ouml;rtchen entgehen. Der
+B&uuml;rgermeister, der zur Seite des Redners sa&szlig;, horchte mit
+aufgerissenen Augen. Derozerays schlo&szlig; die seinen hin und
+wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz
+etwas weiter weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um
+Silbe f&uuml;r Silbe ordentlich zu verstehen. Die &uuml;brigen
+Preisrichter nickten bed&auml;chtig mit den gesenkten H&auml;uptern, um
+ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr st&uuml;tzte sich
+auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im
+Stillgestanden und mit vorschriftsm&auml;&szlig;iger S&auml;belhaltung.
+H&ouml;ren konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende
+seines Helms bis &uuml;ber die Nase reichte. Sein Leutnant,
+der j&uuml;ngste Sohn des B&uuml;rgermeisters, hatte einen noch
+gr&ouml;&szlig;eren auf. Dieses Unget&uuml;m wackelte ihm fortw&auml;hrend auf
+dem Kopfe hin und her. &Uuml;berdies sah der Zipfel eines
+seidnen Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er
+l&auml;chelte wie ein artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein
+schmales blasses Gesicht, &uuml;ber das Schwei&szlig;tropfen
+rannen, verriet zugleich helle Freude und m&uuml;de Abspannung.
+
+</P><P>
+
+Der Marktplatz war bis an die H&auml;user heran voller Menschen. In
+allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen
+T&uuml;rschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin,
+ganz versunken in das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um
+den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch
+bereits in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne
+abgerissene Worte drangen weiter, von denen das Ger&auml;usch hin-
+und herger&uuml;ckter St&uuml;hle auch noch einen Teil verschlang. Noch
+weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehntes
+Rindergebr&uuml;ll oder das Bl&ouml;ken der Schafe, die sich einander
+antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten n&auml;mlich ihre Tiere
+inzwischen bis auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von
+Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
+
+</P><P>
+
+Rudolf war dicht an Emma heranger&uuml;ckt und fl&uuml;sterte ihr hastig
+zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mu&szlig; einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum
+Rebellen machen? Gibt es ein einziges Gef&uuml;hl, das sie
+nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden
+von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen
+trotz alledem finden, so verb&uuml;ndet sich alles, damit sie
+einander nicht geh&ouml;ren k&ouml;nnen. Aber sie werden es dennoch
+versuchen, sie regen ihre Fl&uuml;gel, und sie rufen sich. Fr&uuml;her
+oder sp&auml;ter, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie
+doch vereint in ihrer Liebe, weil es das Schicksal so will
+und weil sie f&uuml;reinander geschaffen sind&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte die Arme verschr&auml;nkt und st&uuml;tzte sie auf seine Knie,
+und so schaute er Emma an, ganz aus der N&auml;he, mit starrem
+Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen
+Kreislinien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie
+roch sogar das leise Parf&uuml;m in seinem Haar. Woll&uuml;stige
+M&uuml;digkeit &uuml;berfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse
+Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte
+genau so geduftet wie dieses Haar, nach Vanille und Zitronen.
+Unwillk&uuml;rlich schlo&szlig; sie die Augenlider, um den Geruch st&auml;rker
+zu sp&uuml;ren. Aber als sie sich in ihren Stuhl zur&uuml;cklehnte,
+fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte,
+die langsam die H&ouml;he von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke
+nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr
+zur&uuml;ckgekommen, und auf dieser Stra&szlig;e da war er von ihr
+weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im
+Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel
+zogen vor&uuml;ber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals
+im Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des
+Vicomte. Und Leo w&auml;re nicht weit weg, sondern k&auml;me wieder ...
+Dabei sp&uuml;rte sie in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich.
+Die s&uuml;&szlig;e Empfindung seiner N&auml;he verm&auml;hlte sich mit den alten
+Gel&uuml;sten; und wie Staubk&ouml;rner, die der Wind aufjagt, umtanzten
+sie diese Gef&uuml;hle zusammen mit dem leisen Dufte und bet&auml;ubten
+ihr die Seele. Ein paarmal &ouml;ffnete sie weit die Nasenfl&uuml;gel, um
+&mdash; sto&szlig;weise &mdash; den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die
+um die S&auml;ulen geschlungen waren.
+
+</P><P>
+
+Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
+feuchtgewordnen H&auml;nde; dann f&auml;chelte sie ihren Wangen mit dem
+Taschentuche K&uuml;hlung zu, wobei sie mitten durch das H&auml;mmern
+des Blutes in ihren Schl&auml;fen das Gesumme der Menge und
+die immer noch Phrasen dreschende Stimme des
+Regierungsrates verworren vernahm.
+
+</P><P>
+
+Er predigte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
+nicht beirren, weder durch H&auml;ngenbleiben an veralteten
+&Uuml;berlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von k&uuml;hnen
+Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung
+des Bodens, auf eine gute D&uuml;ngung, auf die Veredelung der
+Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! M&ouml;ge diese
+Versammlung f&uuml;r Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
+der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand dr&uuml;ckt
+wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg f&uuml;r die Zukunft
+w&uuml;nscht! Und Ihr, Ihr w&uuml;rdigen Dienstboten, bescheidenes
+Hofgesinde, um deren m&uuml;hevolle Arbeit sich bisher noch keine
+Regierung gek&uuml;mmert hat, kommt her und empfangt den Lohn f&uuml;r
+Eure stille T&uuml;chtigkeit und seid &uuml;berzeugt, da&szlig; die F&uuml;rsorge
+des Staates fortan auch Euch gelten wird, da&szlig; er Euch
+ermutigt und besch&uuml;tzt, da&szlig; er Euch auf begr&uuml;ndete Beschwerden
+hin recht geben wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht,
+die B&uuml;rde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr
+Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
+schwungvoll wie die Lieuvains, daf&uuml;r war sie sachlicher,
+das hei&szlig;t: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
+Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war k&uuml;rzer
+gefa&szlig;t; die Rede besch&auml;ftigte sich mehr mit der Landwirtschaft
+und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
+beleuchtet. Beide h&auml;tten zu allen Zeiten die Zivilisation
+gef&ouml;rdert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary &uuml;ber Tr&auml;ume,
+Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anf&auml;nge der
+menschlichen Gesellschaft zur&uuml;ck und schilderte die barbarischen
+Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln gen&auml;hrt hatte.
+Sp&auml;ter h&auml;tte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
+bekleidet, h&auml;tte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies
+nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Besch&auml;ftigungen
+ungleich mehr M&uuml;hen denn Nutzen? &Uuml;ber dieses Problem stellte
+Derozerays allerhand Betrachtungen an.
+
+</P><P>
+
+Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allm&auml;hlich auf die
+Wahlverwandtschaft gekommen, und w&auml;hrend der Redner unten vom
+Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen
+Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
+eigenh&auml;ndig s&auml;en, setzte der junge Mann der jungen Frau
+auseinander, da&szlig; die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
+gegenseitigen Anziehung in einer fr&uuml;heren Existenz zu suchen sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nehmen Sie beispielsweise uns beide!&ldquo; sagte er. &bdquo;Warum
+haben wir uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall
+gef&uuml;gt? War es nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang,
+der uns gegenseitig einander zuf&uuml;hrte, wie zwei Str&ouml;me
+ineinander flie&szlig;en, jeder von weiter Ferne her?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Preis f&uuml;r gute Bewirtschaftung&nbsp;...&ldquo;, rief unten der Redner.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus
+kam&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Bizet aus Quincampoix!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wu&szlig;te ich damals, da&szlig; wir so bald gute Freunde werden
+sollten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Siebzig Franken&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
+Ihnen gekommen und hier geblieben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r Erfolge im D&uuml;ngen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so
+v&ouml;llig bezaubert&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... f&uuml;r einen Merino-Schafbock&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen
+vor&uuml;bergewandelt wie ein Schatten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Belot aus Notre-Dame&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
+erinnern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den
+Herren Leh&eacute;riss&eacute; und C&uuml;llembourg!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf dr&uuml;ckte Emmas Hand. Sie f&uuml;hlte sich ganz hei&szlig; an und
+zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen m&ouml;chte. Sei
+es nun, da&szlig; Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder da&szlig;
+sie Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit
+ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich danke Ihnen! Sie sto&szlig;en mich nicht zur&uuml;ck! Sie sind
+so gut! Sie f&uuml;hlen, da&szlig; ich Ihnen geh&ouml;re! Ich will Sie ja nur
+sehen, nur anschauen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ein Windsto&szlig;, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
+des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
+m&auml;chtigen Haubenschleifen der B&auml;uerinnen wie wei&szlig;e
+Schmetterlingsfl&uuml;gel auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r die Herstellung von &Ouml;lkuchen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
+Feldbew&auml;sserung ... langj&auml;hrigen Pacht ... treue Dienste&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas
+trockne Lippen bebten in hei&szlig;estem Begehren. Weich und ganz von
+selbst verschlangen sich ihre H&auml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerri&egrave;re
+f&uuml;r vierundf&uuml;nfzigj&auml;hrigen Dienst auf ein und demselben
+Gute eine silberne Medaille im Werte von f&uuml;nfundzwanzig Franken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile h&ouml;rt man: &bdquo;Wo ist Katharine Leroux?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie erschien nicht, aber man vernahm fl&uuml;sternde Stimmen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geh doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Brauchst keine Angst zu haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nee, ist die dumm!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier! Hier steckt sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So mag sie doch vorkommen!&ldquo; rief der B&uuml;rgermeister dazwischen.
+
+</P><P>
+
+Da begann eine kleine alte Frau mit &auml;ngstlicher Geb&auml;rde zur
+Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
+aus. Sie hatte die F&uuml;&szlig;e in derben Holzschuhen und um die
+H&uuml;ften eine gro&szlig;e blaue Sch&uuml;rze. Ihr mageres Gesicht, von
+einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein
+verschrumpfelter Apfel, und aus den &Auml;rmeln ihrer roten Jacke
+langten zwei d&uuml;rre H&auml;nde mit knochigen Gelenken heraus. Vom
+Staub der Scheunen, der Lauge der W&auml;sche und dem Fett der
+Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, da&szlig; sie wie
+schmutzig aussahen, und doch waren sie in reinem Wasser
+t&uuml;chtig gewaschen worden. Da&szlig; sie unz&auml;hlige Strapazen hinter
+sich hatten, das verrieten sie von selbst an ihrer dem&uuml;tigen
+Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu
+empfangen. Etwas wie kl&ouml;sterliche Strenge sprach aus den
+Z&uuml;gen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit.
+Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
+nichts Trauriges oder R&uuml;hrseliges. Im steten Umgang mit
+Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie
+sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen.
+Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen
+R&ouml;cken, das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des
+Rates, alles das ersch&uuml;ttertere bis ins Herz. Sie
+stand ganz erstarrt da, sie wu&szlig;te nicht, ob sie zur Estrade
+vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man
+sie nach vorn dr&auml;ngte und warum ihr die Preisrichter
+freundlich zul&auml;chelten. Sie stand vor diesen beh&auml;bigen B&uuml;rgern
+als ein verk&ouml;rpertes halbes S&auml;kulum der Knechtschaft.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Treten Sie n&auml;her, verehrungsw&uuml;rdige Katharine Nikasia
+Elisabeth Leroux!&ldquo; sagte der Regierungsrat, der die Liste der
+Preisgekr&ouml;nten aus den H&auml;nden des Vorsetzenden
+entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf
+die Greisin blickte, wiederholte er in v&auml;terlichem Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;N&auml;her, immer n&auml;her!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind Sie denn taub?&ldquo; rief T&uuml;vache heftig und sprang von seinem
+Sitze auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r vierundf&uuml;nfzigj&auml;hrige Dienstzeit eine silberne Medaille
+im Werte von f&uuml;nfundzwanzig Franken! Die ist f&uuml;r Sie!&ldquo; wurde
+ihr laut gesagt.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein L&auml;cheln
+des Gl&uuml;ckes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, h&ouml;rte
+man sie vor sich hinmurmeln:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit
+er mir dermaleinst eine Messe liest.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Selig die Geistesarmen!&ldquo; meinte der Apotheker, zum Notar
+gewandt.
+
+</P><P>
+
+Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
+nachdem nun die Preisverteilung vor&uuml;ber war, nahm jeder wieder
+seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
+schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte pr&uuml;gelten das
+Vieh, das mit gr&uuml;nen Kr&auml;nzen um die H&ouml;rner in seine St&auml;lle
+zur&uuml;cktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.
+
+</P><P>
+
+Die B&uuml;rgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
+den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour
+schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spie&szlig;te
+sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der T&uuml;re
+nahmen sie Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des
+Festmahles allein durch die Wiesen spazieren.
+
+</P><P>
+
+Der Schmaus dauerte lange. Es war l&auml;rmig, die Bedienung
+schlecht. Man sa&szlig; so eng aneinander, da&szlig; man f&uuml;r die Ellenbogen
+gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als
+B&auml;nke dienten, drohten unter der Last der G&auml;ste zusammenzubrechen.
+Man a&szlig; unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen.
+Allen perlte der Schwei&szlig; von der Stirne. Zwischen der Tafel und
+den H&auml;ngelampen schwebte wei&szlig;licher Dunst, wie der Nebel &uuml;ber
+dem Flusse an einem Herbstmorgen.
+
+</P><P>
+
+Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich
+v&ouml;llig in Tr&auml;umereien an Emma, so da&szlig; er nichts sah und
+h&ouml;rte. Hinter ihm, drau&szlig;en auf dem Rasen, schichteten die
+Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn
+anredete, gab er ihm keine Antwort. Man f&uuml;llte ihm das
+Glas, ohne da&szlig; er es wahrnahm. Trotz des allgemeinen
+immer st&auml;rker werdenden L&auml;rmes war es in ihm ganz still.
+Er sann &uuml;ber das nach, was Emma gesagt hatte, und &uuml;ber die
+Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie aus
+Zauberspiegeln aus allem entgegen, was gl&auml;nzte, sogar
+aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
+Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor
+ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe
+verliebter Tage.
+
+</P><P>
+
+Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
+Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des
+Apothekers. Der letztere beunruhigte sich sehr &uuml;ber die
+M&ouml;glichkeit, da&szlig; einmal eine Rakete versehentlich in das
+Publikum gehen k&ouml;nnte. Aller Augenblicke verlie&szlig; er seine
+Freunde, um Binet zur gr&ouml;&szlig;ten Vorsicht zu vermahnen. Die
+Feuerwerksk&ouml;rper waren vorher aus &uuml;bertriebener
+&Auml;ngstlichkeit im Hause des B&uuml;rgermeisters aufbewahrt
+worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver
+entz&uuml;ndete sich nun schwer, und das Hauptst&uuml;ck, eine
+Schlange, die sich in den Schwanz bei&szlig;t, versagte vollst&auml;ndig.
+Ab und zu zischte ein d&uuml;rftiges Feuerrad. Dann schrie die
+gaffende Menge vor Vergn&uuml;gen laut auf, und in dieses Geschrei
+mischte sich das Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von
+dreisten H&auml;nden angefa&szlig;t wurden.
+
+</P><P>
+
+Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
+verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
+Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach
+und nach verl&ouml;schten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne.
+Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch
+&uuml;ber das unbedeckte Haar.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates
+vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen
+auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse
+seines K&ouml;rpers zwischen den Wagenlichtern hin und her
+pendelte, je nach den Bewegungen des Wagens auf dem
+holperigen Pflaster.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen&ldquo;,
+bemerkte der Apotheker. &bdquo;Mein Vorschlag geht dahin, allw&ouml;chentlich
+am Rathause die Namen derer auszuh&auml;ngen, die sich in der Woche
+vorher sinnlos betrunken haben. Das erg&auml;be nebenbei eine
+Statistik, die man in gewissen F&auml;llen ... Aber entschuldigen
+Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
+anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
+seiner Drehbank.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht t&auml;ten Sie gut,&ldquo; mahnte ihn Homais, &bdquo;wenn Sie
+einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie
+selber gingen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie mich doch in Ruhe!&ldquo; murrte der Steuereinnehmer.
+&bdquo;Das h&auml;tte ja gar keinen Sinn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir k&ouml;nnen v&ouml;llig beruhigt sein&ldquo;, sagte er zu ihnen. &bdquo;Herr
+Binet hat mir soeben versichert, da&szlig; alle Vorsichtsma&szlig;regeln
+getroffen sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und
+die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja! Ich habs sehr n&ouml;tig!&ldquo; erwiderte Frau Homais, die
+schon immer t&uuml;chtig geg&auml;hnt hatte. &bdquo;Aber sch&ouml;n wars doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf wiederholte leise mit einem z&auml;rtlichen Blicke:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wundersch&ouml;n!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
+
+</P><P>
+
+Zwei Tage darauf stand im &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; ein langer
+Bericht &uuml;ber die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
+hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfa&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was k&uuml;nden diese Girlanden, diese Blumen und Kr&auml;nze? Wohin
+w&auml;lzt sich die Menge, gleichwie die Wogen des st&uuml;rmischen
+Weltmeeres unter den Strahlenb&uuml;scheln der tropischen Sonne,
+die unsere Fluren sengt?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sodann sprach er von der Lage der Landbev&ouml;lkerung. &bdquo;Gewi&szlig;, die
+Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
+Reformen sind unerl&auml;&szlig;lich. Man gehe an sie heran!&ldquo; Bei der
+Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte
+er &bdquo;das martialische Aussehen unsrer Miliz&ldquo;, die
+&bdquo;behenden Dorfsch&ouml;nen,&ldquo; die &bdquo;kahlk&ouml;pfigen Greise, diese
+Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren
+Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln h&ouml;her schlagen.&ldquo; Seinen
+eigenen Namen z&auml;hlte er unter den Preisrichtern als ersten
+auf und erw&auml;hnte in einer Anmerkung sogar, da&szlig; Herr Homais,
+der Apotheker von Yonville, unl&auml;ngst eine Denkschrift &uuml;ber den
+Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht
+habe. Bei der Preisverteilung angelangt, schilderte er die
+Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung.
+&bdquo;V&auml;ter fielen ihren S&ouml;hnen um den Hals, Br&uuml;der ihren
+Br&uuml;dern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
+Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
+K&auml;mmerlein, mag sie so mancher, Tr&auml;nen in den Augen, an die Wand
+geh&auml;ngt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein
+Festmahl in dem auf der Herrn Li&eacute;geard geh&ouml;renden Wiese
+errichteten gro&szlig;en Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von
+Anfang bis Ende herrschte die gr&ouml;&szlig;te Gem&uuml;tlichkeit. Mehrere
+Toaste wurden ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank
+auf Seine Majest&auml;t, Herr B&uuml;rgermeister T&uuml;vache auf den Herrn
+Landrat, sodann Herr Rittergutsbesitzer Derozerays auf
+das Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homais auf
+die Industrie und ihre Schwestern, die K&uuml;nste und Wissenschaften,
+so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend
+erleuchtete ein pr&auml;chtiges Feuerwerk pl&ouml;tzlich alle
+Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
+Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
+sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
+entr&uuml;ckt w&auml;hnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, da&szlig;
+auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest
+gest&ouml;rt hat. Zu bemerken w&auml;re nur noch das Fernbleiben der
+Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von
+Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr
+J&uuml;nger Loyolas!&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Neuntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines
+Sp&auml;tnachmittags, erschien er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das w&auml;re
+ein Fehler!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
+hatte er sich gesagt, nun sei es zu sp&auml;t zu einem Besuche.
+Sein Gedankengang war folgender:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
+dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben.
+Warten wir also noch eine Weile!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als er Emma in der Gro&szlig;en Stube entgegentrat, sah er, wie sie
+bla&szlig; wurde. Da wu&szlig;te er, da&szlig; er sich nicht verrechnet hatte.
+
+</P><P>
+
+Sie war allein. Es d&auml;mmerte. Die kleinen Mullgardinen an den
+Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke
+Metall des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel,
+glitzerte auf der Fl&auml;che des Spiegels &uuml;ber dem Kamin wider
+wie flammendes Feuer.
+
+</P><P>
+
+Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit M&uuml;he auf seine
+ersten H&ouml;flichkeitsworte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich war stark besch&auml;ftigt. Und dann bin ich auch krank
+gewesen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ernstlich?&ldquo; fragte sie erregt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na,&ldquo; erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
+niedrigen Sessel setzte, &bdquo;eigentlich wollte ich nicht
+wiederkommen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erraten Sie es nicht?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, da&szlig; sie
+rot wurde und die Augen senkte.
+
+</P><P>
+
+Er begann von neuem:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Boulanger!&ldquo; rief sie und r&uuml;ckte ein wenig von ihm ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah!&ldquo; sagte er in wehm&uuml;tigem Tone. &bdquo;Sehen Sie, wie recht ich
+hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name&nbsp;..., dieser
+Name, der mein ganzes Herz erf&uuml;llt&nbsp;..., er ist mir
+entschl&uuml;pft, und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau
+Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So hei&szlig;en Sie! Und doch ist
+das der Name &mdash; eines andern!&ldquo; Nach einer Weile wiederholte
+er: &bdquo;Eines andern!&ldquo; Er hielt sich die H&auml;nde vor sein
+Gesicht. &bdquo;Ach, ich denke fortw&auml;hrend an Sie ... Die Erinnerung
+bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ...
+Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, da&szlig;
+Sie nichts mehr von mir h&ouml;ren werden! Aber heute ... heute ...
+ach, ich wei&szlig; nicht, was mich mit aller Gewalt hierher zu
+Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner k&auml;mpfen!
+Und wo Engel l&auml;cheln, wer k&ouml;nnte da widerstehen? Man l&auml;&szlig;t sich
+hinrei&szlig;en von der, die so sch&ouml;n, so s&uuml;&szlig;, so anbetenswert
+ist!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war das erstemal, da&szlig; Emma solche Dinge h&ouml;rte, und
+als ob sie sich im Bade woll&uuml;stig dehnte, so f&uuml;hlte sie sich
+in ihrem Selbstbewu&szlig;tsein von der warmen Flut dieser Sprache
+umkost.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,&ldquo; fuhr er fort,
+&bdquo;wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
+wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts,
+Nacht f&uuml;r Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um
+Ihr Haus zu schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die
+B&auml;ume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen,
+und das Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die
+Scheiben hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es
+nicht geahnt, da&szlig; da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein
+Armer, ein Ungl&uuml;cklicher stand&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schluchzte auf und sah ihn an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind ein guter Mensch!&ldquo; fl&uuml;sterte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das?
+Sagen Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der K&uuml;che
+her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die T&uuml;re
+nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es w&auml;re barmherzig von Ihnen,&ldquo; sagte er, sich wieder
+erhebend, &bdquo;wenn Sie mir einen Wunsch erf&uuml;llten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen
+lernen. Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur
+T&uuml;re, da trat Karl ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Guten Tag, Doktor!&ldquo; begr&uuml;&szlig;te ihn Rudolf.
+
+</P><P>
+
+Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
+schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte.
+W&auml;hrenddessen wurde der andre wieder v&ouml;llig Herr der Situation.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die gn&auml;dige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erz&auml;hlt&nbsp;...&ldquo;,
+begann er.
+
+</P><P>
+
+Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat &auml;u&szlig;erst besorgt. Seine
+Frau habe bereits einmal an &auml;hnlichen Zust&auml;nden gelitten.
+
+</P><P>
+
+Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut w&auml;re.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich
+ein guter Rat! Den solltest du tats&auml;chlich befolgen, Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wandte ein, da&szlig; sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr
+eins an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht
+weiter in sie. Dann erz&auml;hlte er &mdash; um seinen Besuch zu motivieren
+-, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen
+habe, leide immer noch an Schwindelanf&auml;llen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen&ldquo;, sagte
+Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
+zusammen. Das ist bequemer f&uuml;r Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr g&uuml;tig! Ganz wie Sie w&uuml;nschen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger
+abgelehnt? Es war doch sehr liebensw&uuml;rdig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma tat, als ob sie schmollte; sie wu&szlig;te nicht gleich, was
+sie sagen sollte, und schlie&szlig;lich erkl&auml;rte sie, die Leute
+k&ouml;nnten es &bdquo;komisch&ldquo; finden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich pfeif auf die Leute!&ldquo; sagte Karl und machte eine
+ver&auml;chtliche Geb&auml;rde. &bdquo;Die Gesundheit ist tausendmal mehr
+wert! Das war nicht richtig von dir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann mu&szlig;t du dir eins bestellen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Reitkleid gab den Ausschlag.
+
+</P><P>
+
+Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau
+stehe ihm zur Verf&uuml;gung. Sie n&auml;hme sein g&uuml;tiges Anerbieten
+an.
+
+</P><P>
+
+Andern Tags um zw&ouml;lf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor
+dem Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel
+aus Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe
+Reitstiefel aus feinstem weichen Leder an. Er nahm an, da&szlig;
+Emma solche gewi&szlig; noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie
+&uuml;ber sein Aussehen entz&uuml;ckt, als sie ihn in seinem langen
+dunkelbraunen Samtrock und den wei&szlig;en Breeches an der T&uuml;re
+erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit.
+
+</P><P>
+
+Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mu&szlig;te sie sehen. Auch
+den Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf
+allerlei gute Ratschl&auml;ge.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es passiert so leicht ein Malheur!&ldquo; sagte er. &bdquo;Reiten Sie
+vorsichtig! Sind die Tiere fromm?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma vernahm &uuml;ber sich ein Ger&auml;usch. Es war Felicie, die mit
+der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
+einen Spa&szlig; zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein
+Ku&szlig;h&auml;ndchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Viel Vergn&uuml;gen!&ldquo; rief Homais. &bdquo;Ja recht vorsichtig! Recht
+vorsichtig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte gr&uuml;&szlig;end
+mit seiner Zeitung.
+
+</P><P>
+
+Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich f&uuml;hlte, fing es
+von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd
+an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig
+eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Z&uuml;geln nach dem
+Widerrist zu vorhaltend, so &uuml;berlie&szlig; sie sich der wiegenden
+Galoppade.
+
+</P><P>
+
+Es ging die Anh&ouml;he hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
+G&auml;ule pl&ouml;tzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte
+weiter.
+
+</P><P>
+
+Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag &uuml;ber den
+Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis
+und lie&szlig;en die H&uuml;gel nur in Umri&szlig;linien erkennen. Hin und
+wieder rissen die Nebel auseinander, flogen wie in Fetzen auf
+und zerstoben. Dann erblickte man durch die L&uuml;cken in der Ferne
+die D&auml;cher von Yonville im Sonnenscheine, die G&auml;rten am
+Bachufer, die Geh&ouml;fte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich
+M&uuml;he, ihr Haus herauszufinden, und noch nie war ihr der
+armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der
+H&ouml;he, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem
+ungeheuer gro&szlig;en, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen
+B&auml;ume, die hie und da aus ihm herausragten, sahen wie
+schwarze Riffe aus, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange
+Wellenz&uuml;ge, die der Wind kr&auml;uselt.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;ber dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch
+die laue Luft. Der Boden, r&ouml;tlich wie zerbl&auml;tterter Tabak,
+d&auml;mpfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten &uuml;ber den
+Weg, von den Hufen ber&uuml;hrt.
+
+</P><P>
+
+Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
+Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die St&auml;mme der
+B&auml;ume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vor&uuml;ber, da&szlig; die
+unaufh&ouml;rliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
+keuchten.
+
+</P><P>
+
+Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gott ist mit uns!&ldquo; sagte Rudolf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie denn an ihn?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Galopp! Galopp!&ldquo; rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
+Beide Tiere gehorchten.
+
+</P><P>
+
+Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen,
+verfingen sich in Emmas Steigb&uuml;gel. Rudolf, der zur Linken
+Emmas ritt, b&uuml;ckte sich jedesmal im Weiterreiten und
+befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben
+ihr hin, um &uuml;berh&auml;ngende Zweige von ihr abzuwehren; dann f&uuml;hlte
+sie, wie sein rechtes Knie ihr linkes Bein ber&uuml;hrte.
+
+</P><P>
+
+Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt r&uuml;hrte
+sich. Sie kamen &uuml;ber weite Felder, ganz voll bl&uuml;henden
+Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und
+gelben und goldbraunen Bl&auml;tterwerk der B&auml;ume Flecke von wilden
+Veilchen auf. Im Geb&uuml;sch regte sich &ouml;fters leiser
+Fl&uuml;gelschlag. Leise kr&auml;chzend flogen Raben um die Eichen.
+
+</P><P>
+
+Sie sa&szlig;en ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm
+voraus, den Weg weiter, &uuml;ber Moos in alten Wagenspuren. Ihr
+langes Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es
+mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er
+sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das
+lockende Wei&szlig; ihres Strumpfes, das er wie ein St&uuml;ck
+Nacktheit empfand.
+
+</P><P>
+
+Emma blieb stehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin m&uuml;de!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!&ldquo; bat er. &bdquo;Mut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue
+Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den H&uuml;ften
+herabwallte, &uuml;bergo&szlig; ihr Gesicht mit bl&auml;ulichem Licht. Es
+sah aus, wie in das Blau des Himmels getaucht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohin gehen wir denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
+bi&szlig; sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in
+der gef&auml;llte Baumst&auml;mme dalagen. Sie setzten sich beide auf
+einen.
+
+</P><P>
+
+Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
+durch &Uuml;berschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
+schwerm&uuml;tig. Sie h&ouml;rte ihm gesenkten Hauptes zu, w&auml;hrend sie
+mit der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte.
+Aber bei dem Satze:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen
+zusammengelaufen?&ldquo; unterbrach sie ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unm&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie stand auf und wollte gehen. Er umfa&szlig;te ihr Handgelenk, und so
+blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
+schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zur&uuml;ck zu unsern
+Pferden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf machte eine Bewegung zornigen &Auml;rgers. Sie wiederholte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen wir zu unsern Pferden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da l&auml;chelte er seltsam und n&auml;herte sich ihr mit vorgestreckten
+H&auml;nden, zusammengebissenen Z&auml;hnen und starrem Blicke. Sie wich
+zitternd zur&uuml;ck und stammelte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich f&uuml;rchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zur&uuml;ck!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn es sein mu&szlig;!&ldquo; gab er zur Antwort. Sein
+Gesichtsausdruck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig,
+z&auml;rtlich, sch&uuml;chtern aus.
+
+</P><P>
+
+Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den R&uuml;ckweg an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hatten Sie denn vorhin?&ldquo; fragte er. &bdquo;Was war es?
+Ich habe Sie nicht begriffen. Gewi&szlig; haben Sie mich mi&szlig;verstanden.
+Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und
+unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich mu&szlig; Ihre
+Augen sehen, Ihre Stimme h&ouml;ren, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie
+meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
+sanft zu entwinden, aber er lie&szlig; sie nicht los. So gingen sie
+nebeneinander hin. Da h&ouml;rten sie ihre Pferde, die Bl&auml;tter von
+den B&auml;umen rupften.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch nicht!&ldquo; bat Rudolf. &bdquo;Reiten wir noch nicht zur&uuml;ck!
+Bleiben Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er zog sie mit sich vom Wege ab in die N&auml;he eines kleinen
+Weihers, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen
+Schilf tr&auml;umten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Ger&auml;usch ihrer
+Schritte im Gras h&uuml;pften die Fr&ouml;sche davon und verschwanden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir!
+Ich bin toll, da&szlig; ich auf Sie h&ouml;re!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum? Emma! Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, Rudolf!&ldquo; fl&uuml;sterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
+anschmiegte.
+
+</P><P>
+
+Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines
+Rockes. Sie bog ihren wei&szlig;en Hals zur&uuml;ck, den ein Seufzer
+schwellte. Halb ohnm&auml;chtig und tr&auml;nen&uuml;berstr&ouml;mt, die H&auml;nde
+auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich
+ihm hin&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Die D&auml;mmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont
+und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im
+Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als h&auml;tten
+Kolibris im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren.
+Rings tiefes Schweigen. Die B&auml;ume atmeten s&uuml;&szlig;e
+Melancholie.
+
+</P><P>
+
+Emma f&uuml;hlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut
+durch den K&ouml;rper kreiste.
+
+</P><P>
+
+In der Ferne, hinter dem Walde, &uuml;ber der H&ouml;he ert&ouml;nte ein
+langgezogener seltsamer Schrei, unaufh&ouml;rlich. Dem lauschte sie
+schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
+ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines
+Taschenmessers einen zerrissenen Z&uuml;gel wieder her.
+
+</P><P>
+
+Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zur&uuml;ck. Sie sahen im
+weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte
+beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die B&uuml;sche wieder
+und einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich
+ver&auml;ndert, und doch kam es Emma vor, als sei etwas
+h&ouml;chst Bedeutsames geschehen, als seien die Berge von ihrem
+Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr
+her&uuml;ber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu k&uuml;ssen. Er fand
+Emma im Sattel entz&uuml;ckend aussehend, bei ihrem geraden Sitz,
+ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihres rechten
+Knies, ihren von der scharfen Luft ger&ouml;teten Wangen, &mdash;
+alles im Abendrot.
+
+</P><P>
+
+Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
+machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.
+
+</P><P>
+
+Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma s&auml;he vorz&uuml;glich
+aus. Als er sich aber darnach erkundigte, wie der
+Spazierritt gewesen sei, tat sie, als h&auml;tte sie die Frage
+&uuml;berh&ouml;rt. Sie st&uuml;tzte sich auf die Ellenbogen und starrte &uuml;ber
+ihren Teller weg in die flackernden Kerzen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig;t du, ich bin heute nachmittag beim Pferdeh&auml;ndler gewesen.
+Er hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen.
+Die Knie sind nur ein bi&szlig;chen durch. Ich bin &uuml;berzeugt, f&uuml;r
+hundert Taler&nbsp;...&ldquo; Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein
+paar Augenblicken fort: &bdquo;Ich habe gedacht, es sei dir
+erw&uuml;nscht, und da habe ich mir den Gaul zur&uuml;ckstellen lassen ...
+nein, gleich gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.
+
+</P><P>
+
+Eine Viertelstunde sp&auml;ter fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehst du heute abend aus?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja. Warum denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich wollt es blo&szlig; wissen, Bester!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
+schlo&szlig; sich ein.
+
+</P><P>
+
+Sie war zun&auml;chst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
+B&auml;ume, die Wege, die Gr&auml;ben, den Geliebten und f&uuml;hlte seine
+Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf
+rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte
+&uuml;ber ihr Aussehen. So gro&szlig;e schwarze Augen hatte sie noch nie
+gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umflo&szlig;
+ihre Gestalt. Sie kam sich wie verkl&auml;rt vor.
+
+</P><P>
+
+Immer wieder sagte sie sich: &bdquo;Ich habe einen Geliebten! Einen
+Geliebten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke entz&uuml;ckte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt
+erst Weib geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch f&uuml;r
+sie da, die fiebernde Gl&uuml;ckseligkeit, auf die sie bereits
+keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt
+eingetreten, in der alles Leidenschaft, Verz&uuml;ckung und Rausch
+war. Blaue Unerme&szlig;lichkeit breitete sich rings um sie her, vor
+ihrer Phantasie gl&auml;nzte das Hochland der Gef&uuml;hle, und fern,
+tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen H&ouml;hen, lag der Alltag.
+
+</P><P>
+
+Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
+empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Ged&auml;chtnisse mit den
+Stimmen der Klosterschwestern. Entz&uuml;ckende Kl&auml;nge! Jene
+Phantasiegesch&ouml;pfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
+M&auml;dchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
+amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das
+Gef&uuml;hl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
+triumphierte sie, und ihre so lange unterdr&uuml;ckte Sinnlichkeit
+wallte nun auf und sch&auml;umte lebensfreudig &uuml;ber. Sie geno&szlig;
+ihre Liebe ohne Gewissensk&auml;mpfe, ohne Nervosit&auml;t, ohne
+Wirrungen.
+
+</P><P>
+
+Der Tag darauf verging in neuem s&uuml;&szlig;en Gl&uuml;ck. Sie schworen sich
+ewige Treue. Emma erz&auml;hlte ihm von ihren Leiden und Tr&uuml;bsalen.
+Er unterbrach sie mit K&uuml;ssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen
+Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu
+nennen und ihr noch einmal zu sagen, da&szlig; er sie liebe. Es war
+wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherh&uuml;tte. Die
+W&auml;nde waren von Strohmatten und das Dach so niedrig, da&szlig; man
+drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie sa&szlig;en dicht beieinander
+auf einer Streu von trocknem Laub.
+
+</P><P>
+
+Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelm&auml;&szlig;ig alle
+Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn
+unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach
+f&uuml;hrte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von
+sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, wor&uuml;ber sie sich alle
+Tage beklagte.
+
+</P><P>
+
+Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang
+fortgegangen war, geriet sie pl&ouml;tzlich auf den Einfall,
+unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufst&auml;nden,
+konnte sie nach der H&uuml;chette gehen, eine Stunde dort verweilen
+und wieder zur&uuml;ckkommen. Dieser Plan lie&szlig; sie gar nicht recht
+zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke sp&auml;ter war sie schon
+mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig
+ihres Wegs.
+
+</P><P>
+
+Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut
+des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
+h&ouml;chsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;ber den Hof weg stand ein gro&szlig;es Geb&auml;ude. Das mu&szlig;te
+das Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr,
+als &ouml;ffnete sich ihr alles von selbst. Eine breite Treppe
+f&uuml;hrte auf einen Gang. Emma dr&uuml;ckte auf die Klinke einer T&uuml;r,
+und da erblickte sie im Hintergrunde dieses Zimmers einen
+Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie frohlockte laut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du? Du!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Wie hast du das fertig gebracht?
+Dein Kleid ist feucht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich liebe dich!&ldquo; war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um
+den Hals schlang.
+
+</P><P>
+
+Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male gegl&uuml;ckt war,
+kleidete sich Emma jedesmal, wenn Karl fr&uuml;hzeitig fort mu&szlig;te,
+rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere
+Gartenpforte, auf dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache
+f&uuml;hrte, aus dem Hause. Aber wenn die Planke, die als Steg
+&uuml;ber das Wasser diente, zuf&auml;llig weggenommen war, mu&szlig;te sie
+ein St&uuml;ck bis zum n&auml;chsten Steg an den Gartenmauern l&auml;ngs
+des Baches hingehen. Die bewachsene B&ouml;schung war steil und
+glitschig, und so mu&szlig;te sie sich mit der einen Hand an B&uuml;scheln
+der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann
+aber eilte sie querfeldein &uuml;ber die &Auml;cker, ungeachtet, da&szlig; ihre
+zierlichen Schuhe einsanken, da&szlig; sie oft stolperte oder stecken
+blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um Kopf und Hals
+gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor den weidenden
+Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit gl&uuml;henden Wangen,
+ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer S&auml;fte, ihres Gr&uuml;ns
+und der freien Luft durchtr&auml;nkt, kam sie an. Rudolf schlief dann
+meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
+leibhaftgewordene Fr&uuml;hlingsmorgen.
+
+</P><P>
+
+Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende
+goldene Morgenlicht traulich und d&auml;mmerig. Mit blinzelnden Augen
+fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gew&auml;ndern
+leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes.
+Rudolf zog sie lachend zu sich und dr&uuml;ckte sie an sein Herz.
+
+</P><P>
+
+Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle F&auml;cher auf,
+k&auml;mmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
+Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine gro&szlig;e Tabakspfeife in
+den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
+Zuckerst&uuml;cken, neben der Wasserflasche.
+
+</P><P>
+
+Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
+vergo&szlig; Tr&auml;nen. Am liebsten w&auml;re sie gar nicht wieder von ihm
+weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
+neuem in seine Arme.
+
+</P><P>
+
+Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah,
+machte er ein bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht
+recht w&auml;re.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hast du denn?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Hast du Schmerzen?
+Sprich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich erkl&auml;rte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche
+beg&ouml;nnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Allm&auml;hlich machten Rudolfs Bef&uuml;rchtungen auf Emma Eindruck.
+Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an
+nichts andres gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu
+einer Lebensbedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr,
+es k&ouml;nne ihr etwas davon verloren gehen oder man k&ouml;nne sie
+ihr gar st&ouml;ren. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt
+sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie sp&auml;hte nach allem, was
+sich im Gesichtskreise regte, sie suchte die H&auml;user des
+Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie
+beobachte. Sie lauschte auf jedes Ger&auml;usch, jeden Tritt,
+jedes R&auml;dergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
+zittriger als das Laub der Pappeln, die sich &uuml;ber ihrem
+Haupte wiegten.
+
+</P><P>
+
+Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem
+Male den Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte
+schr&auml;g &uuml;ber den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur H&auml;lfte
+in einem Graben stand und vom Geb&uuml;sch verdeckt wurde. Vor Schreck
+halb ohnm&auml;chtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann
+aus der Tonne wie ein Springteufel aus seinem Kasten. Er
+trug Wickelgamaschen bis an die Knie, und die M&uuml;tze hatte er
+tief ins Gesicht hereingezogen, so da&szlig; man nur eine rote Nase
+und bebende Lippen sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet,
+der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie h&auml;tten schon von weitem rufen sollen!&ldquo; schrie er ihr zu.
+&bdquo;Wenn man ein Gewehr sieht, mu&szlig; man sich bemerkbar machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
+zu bem&auml;nteln. Es bestand n&auml;mlich eine landr&auml;tliche
+Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne
+aus betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte
+sich also Binet einer &Uuml;bertretung schuldig. Deshalb schwebte
+er in steter Furcht, der Landgendarm k&ouml;nne ihn erwischen, und
+doch f&uuml;gte die Aufregung seinem Vergn&uuml;gen einen Reiz mehr zu.
+Wenn er so einsam in seiner Tonne sa&szlig;, war er stolz auf sein
+Jagdgl&uuml;ck und seine Schlauheit.
+
+</P><P>
+
+Als er erkannte, da&szlig; es Frau Bovary war, fiel ihm ein
+gro&szlig;er Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespr&auml;ch mit ihr.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl!&ldquo; stotterte sie. &bdquo;Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
+ist...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
+seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, da&szlig; man
+auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Adieu, Herr Binet!&ldquo; unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
+ihm ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Diener, Frau Bovary!&ldquo; sagte er trocken und kroch wieder in
+seine Tonne.
+
+</P><P>
+
+Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
+gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige
+Vermutungen. Auf eine d&uuml;mmere Ausrede h&auml;tte sie auch wirklich
+nicht verfallen k&ouml;nnen, denn in ganz Yonville wu&szlig;te man, da&szlig;
+das Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und
+sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg f&uuml;hrte
+einzig und allein nach der H&uuml;chette. Somit mu&szlig;te Binet erraten,
+wo Emma gewesen war. Sicherlich w&uuml;rde er nicht schweigen, sondern
+es ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle
+m&ouml;glichen L&uuml;gen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit
+seiner Jagdtasche vor Augen.
+
+</P><P>
+
+Als Karl nach dem Essen merkte, da&szlig; Emma bek&uuml;mmert war,
+schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu &bdquo;Apothekers&ldquo; zu
+gehen.
+
+</P><P>
+
+Die erste Person, die sie schon von drau&szlig;en in der Apotheke im
+roten Lichte erblickte, war &mdash; ausgerechnet &mdash; der
+Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte ein Lot Vitriol.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Justin,&ldquo; schrie der Apotheker, &bdquo;bring mir mal die Schwefels&auml;ure
+her!&ldquo; Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
+Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
+Augenblick herunter. W&auml;rmen Sie sich inzwischen am Ofen ...
+Entschuldigen Sie!&ldquo; Und zu Bovary sagte er: &bdquo;Guten Abend,
+Doktor!&ldquo; Der Apotheker pflegte n&auml;mlich diesen Titel mit einer
+gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der
+darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen w&uuml;rfe. &bdquo;Justin,
+nimm dich aber in acht und wirf mir die M&ouml;rser nicht um! So! Und
+nun holst du ein paar St&uuml;hle aus dem kleinen Zimmer! Aber
+nicht etwa die Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais wollte selber zu seinen Fauteuils st&uuml;rzen, aber
+Binet bat noch um ein Lot Zuckers&auml;ure.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zuckers&auml;ure?&ldquo; fragte der Apotheker eingebildet. &bdquo;Kenne ich
+nicht! Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxals&auml;ure?
+Also Oxals&auml;ure, nicht wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, da&szlig; er nach einem
+selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
+Reinigung von verrostetem Jagdger&auml;t.
+
+</P><P>
+
+Bei dem Wort &bdquo;Jagd&ldquo; schrak Emma zusammen.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker versetzte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!&ldquo; meinte
+Binet bissig.
+
+</P><P>
+
+Emma bekam keine Luft.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und dann m&ouml;cht ich noch&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Will er denn ewig hier bleiben!&ldquo; seufzte sie bei sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes
+Wachs und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren
+meines Lederzeugs.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als
+seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite,
+und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Pl&uuml;sch
+&uuml;berzogene Fensterbank. Der Junge l&uuml;mmelte sich auf einen
+niedrigen Sessel, w&auml;hrend sich seine &auml;ltere Schwester am Kasten
+mit den Malzbonbons zu schaffen machte, in n&auml;chster N&auml;he von
+&bdquo;Papachen&ldquo;, der mit dem Trichter hantierte, die Fl&auml;schchen
+verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alles zu einem
+Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man h&ouml;rte nichts,
+als von Zeit zu Zeit das Klappern der Gewichte auf der Wage
+und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem
+Lehrling erteilte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie gehts Ihrem T&ouml;chterchen?&ldquo; fragte pl&ouml;tzlich Frau
+Homais.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruhe!&ldquo; rief ihr Gatte, der den Betrag in das
+Gesch&auml;ftsbuch eintrug.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum haben Sies nicht mitgebracht?&ldquo; fragte sie weiter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sst! Sst!&ldquo; machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem
+Apotheker.
+
+</P><P>
+
+Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
+darauf geh&ouml;rt zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stie&szlig; Emma
+einen lauten Seufzer aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bi&szlig;chen asthmatisch?&ldquo; bemerkte Frau Homais.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein, es ist nur recht hei&szlig; hier!&ldquo; entgegnete Frau
+Bovary.
+
+</P><P>
+
+Alles das hatte zur Folge, da&szlig; die Liebenden tags darauf
+beschlossen, ihre Zusammenk&uuml;nfte anders einzurichten. Emma
+schlug vor, ihr Hausm&auml;dchen ins Vertrauen zu ziehen und
+durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es f&uuml;r
+besser, in Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig
+zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen.
+
+</P><P>
+
+Den ganzen Winter &uuml;ber kam er drei- oder viermal in der Woche bei
+Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schl&uuml;ssel zur
+Hinterpforte gegeben, w&auml;hrend Karl glaubte, er sei verloren
+gegangen. Zum Zeichen, da&szlig; er da war, warf Rudolf jedesmal
+eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin,
+aber oft mu&szlig;te sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit,
+am Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma
+verging beinahe vor Ungeduld und w&uuml;nschte ihren Mann wer wei&szlig;
+wohin. Schlie&szlig;lich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann
+nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch
+&uuml;ber alle Ma&szlig;en fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief
+ihr zu, sie solle auch schlafen gehn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Komm doch, Emma!&ldquo; rief er. &bdquo;Es ist schon sp&auml;t!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gleich! Gleich!&ldquo; erwiderte sie.
+
+</P><P>
+
+Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
+schlief ein. Sie schl&uuml;pfte hinaus, mit verhaltenem Atem,
+l&auml;chelnd, zitternd, halbnackt.
+
+</P><P>
+
+Rudolf h&uuml;llte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel,
+schlang die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den
+Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie
+dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Das war an
+Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen
+geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn.
+
+</P><P>
+
+Durch die kahlen Zweige der Jasminb&uuml;sche funkelten die Sterne.
+Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
+Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich
+im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben
+bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein
+schwarzes Unget&uuml;m auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu
+erdr&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+In der K&auml;lte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
+ihr Liebesgestammel um so inbr&uuml;nstiger. Ihre Augen, die sie
+gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen gr&ouml;&szlig;er, und
+in der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise gefl&uuml;sterten
+Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und
+zitterten in ihnen tausendfach wider.
+
+</P><P>
+
+Wenn die Nacht regnerisch war, fl&uuml;chteten sie in Karls
+Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem
+Pferdestall gelegen war. Emma z&uuml;ndete eine K&uuml;chenlampe an, die
+sie hinter den B&uuml;chern bereitgestellt hatte. Rudolf machte
+sichs bequem, als sei er zu Hause. Der Anblick der
+&bdquo;Bibliothek&ldquo;, des Schreibtisches, der ganzen Einrichtung
+erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, &uuml;ber Karl
+allerhand Witze zu machen, was Emma ungern h&ouml;rte. Sie h&auml;tte
+ihn viel lieber ernst sehen m&ouml;gen, ihretwegen theatralischer, wie
+er es einmal gewesen war, als sie in der Pappelallee das
+Ger&auml;usch von n&auml;herkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen
+w&auml;hnten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es kommt jemand!&ldquo; sagte sie einmal.
+
+</P><P>
+
+Er blies das Licht aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du eine Pistole bei dir?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Damit du ... dich ... verteidigen kannst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gegen deinen Mann? Der arme Junge!&ldquo; Dazu machte er eine
+Geb&auml;rde, die etwa sagen sollte: &bdquo;Der mag mir nur kommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dieser Mut entz&uuml;ckte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
+urw&uuml;chsige Roheit heraush&ouml;rte und dar&uuml;ber entsetzt war.
+
+</P><P>
+
+Rudolf dachte viel &uuml;ber diese kleine Szene nach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn das ihr Ernst war,&ldquo; sagte er sich, &bdquo;so war das
+recht l&auml;cherlich, sogar h&auml;&szlig;lich.&ldquo; Er hatte doch wahrlich
+keinen Anla&szlig;, ihren gutm&uuml;tigen Mann zu hassen. Sozusagen &bdquo;von
+Eifersucht verzehrt&ldquo;, das war er nicht. &Uuml;berdies hatte ihm
+Emma ihre k&ouml;rperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert,
+der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. &Uuml;berhaupt fing sie
+an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit
+ihr tauschen m&uuml;ssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze
+Handvoll Haare f&uuml;r einander abgeschnitten, und jetzt w&uuml;nschte
+sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen
+ewiger Zusammengeh&ouml;rigkeit. H&auml;ufig schw&auml;rmte sie ihm von den
+Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie
+erz&auml;hlte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen
+etwas wissen. Rudolfs Mutter war schon zwanzig Jahre tot.
+Trotzdem tr&ouml;stete ihn Emma mit allerlei Koseworten der
+Klein-Kindersprache, als ob es g&ouml;lte, ein Wickelkind zu
+beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen
+aufblickend, ausgerufen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube fest, da droben, unsre beiden M&uuml;tter segnen unsre
+Liebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber sie war so h&uuml;bsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
+noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unz&uuml;chtigkeiten war
+ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues,
+das seinen Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verf&uuml;hrerisch
+umschmeichelte. Selbst Emmas &Uuml;berschwenglichkeiten, so zuwider
+sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei n&auml;herer
+Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so
+sicher war, da&szlig; er geliebt wurde, lie&szlig; er sich gehen, und
+allm&auml;hlich &auml;nderte sich sein Benehmen.
+
+</P><P>
+
+Nicht mehr wie einst hatte er f&uuml;r sie jene s&uuml;&szlig;en Worte, die
+Emma zu Tr&auml;nen r&uuml;hrten, nicht mehr die st&uuml;rmischen
+Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr
+vor, als ob der Strom ihrer eignen gro&szlig;en Liebe, in der sie
+v&ouml;llig untergetaucht war, niedriger w&uuml;rde; sie sah gleichsam auf
+den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntnis schauderte sie,
+und darum verdoppelte sie ihre Z&auml;rtlichkeiten. Rudolf indessen
+verriet seine Gleichg&uuml;ltigkeit immer mehr.
+
+</P><P>
+
+Emma war sich selber nicht klar dar&uuml;ber, ob sie es bereuen
+m&uuml;sse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser
+f&uuml;r sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann
+sie ihre Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll
+dar&uuml;ber beeintr&auml;chtigte ihr den sinnlichen Genu&szlig;. Sie gab sich
+ihm nicht mehr hin, sie lie&szlig; sich jedesmal von neuem
+verf&uuml;hren. Aber er meisterte sie, und sie f&uuml;rchtete sich beinahe
+vor ihm.
+
+</P><P>
+
+Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach au&szlig;en ein harmloses
+Gepr&auml;ge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs
+Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre,
+als der Fr&uuml;hling ins Land kam, waren sie fast wie zwei
+Eheleute zueinander, die ihre Liebesopfer an der gem&uuml;tlichen
+Flamme des h&auml;uslichen Herdes bringen.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie allj&auml;hrlich eine
+Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe
+kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem
+er an den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
+und is si so gut wi di fr&uuml;eren. Mir komt sie n&auml;mlig ein
+bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, das n&auml;chste mal
+schik ich euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt &uuml;r liber
+ein par junge un schikt mir den Korb zer&uuml;k, bite un auch di
+vorgen, ich hab Ungl&uuml;k mit der r&ouml;mise gehabt der ihr Dach ist
+mir neulig nachts bei dem grosen Sturm in die B&auml;ume geflogen,
+die ernte ist diesmal nich besonders ber&uuml;mt. Kurz und gut
+ich weis nicht wan ich zu euch zu besuch kome, das ist jez
+so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine
+arme Emma.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hier war ein gro&szlig;er Absatz, als ob der gute Mann seine Feder
+hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu tr&auml;umen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den
+Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo
+ich war, einen neuen Sch&auml;fer zu mieten. Den alten hab ich n&auml;mlig
+nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig
+schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er &uuml;brigens auch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend
+gekomen is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich
+vernomen das Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich
+kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase
+Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da
+sagte er Nein aber im Stale h&auml;te er zwei G&auml;ule stehn sehn
+woraus ich schlise das der kurkenhandel bei euch gut geht.
+Das freut mich sehr meine liben Kinder der libe got m&ouml;g euch
+ales m&ouml;glige Gl&uuml;k schenken. Es tut mir s&ouml;r leid das
+ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich
+habe f&uuml;r si unter deiner Stube ein Flaumenb&auml;umgen geflanzt.
+Das sol nich anger&uuml;rt werden auser sp&auml;ter um die Flaumen f&uuml;r
+Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si
+komt krigt si imer welge. Adi&ouml; libe Kinder. Ig k&uuml;se dich libe
+Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
+Baken un verbleibe mit tausen Gr&uuml;sen euer euch
+</P><P>
+
+libender vater
+</P><P>
+
+Theodor Rouault.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ein paar Minuten hielt sie das St&uuml;ck grobes Papier noch
+nach dem Lesen in den H&auml;nden. Die Verst&ouml;&szlig;e gegen die
+Rechtschreibung jagten sich in den v&auml;terlichen Zeilen nur so,
+aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der
+wie eine Henne aus einer dicken Dornenhecke allenthalben
+hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schriftz&uuml;ge
+offenbar mit Herdasche getrocknet, denn aus dem Briefe rieselte
+eine Menge grauen Staubes auf das Kleid der Leserin. Sie
+glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er
+sich nach dem Aschekasten b&uuml;ckte. Ach, wie lange war es schon
+her, da&szlig; sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich
+wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende eines
+Steckens an der gro&szlig;en Flamme des Funken spr&uuml;henden
+Ginsterreisigs anbrennen lie&szlig;. Und dann dachte sie zur&uuml;ck an
+gewisse sonnendurchgl&uuml;hte Sommerabende, wo die F&uuml;llen so hell
+aufwieherten, wenn man in ihre N&auml;he kam, und dann
+weggaloppierten. Diese drolligen Galoppspr&uuml;nge! Im Vaterhause,
+unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren
+die Bienen, wenn sie in der Sonne ausschw&auml;rmten, gegen die
+Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Das war doch
+eigentlich eine gl&uuml;ckliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller
+Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei
+dem, was sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen
+den verschiedenen Abschnitten ihres Daseins, als
+junges M&auml;dchen, dann als Gattin, zuletzt als Geliebte.
+Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der
+auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein St&uuml;ck von seinen
+Habseligkeiten liegen l&auml;&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+Aber warum war sie denn so ungl&uuml;cklich? Was war Bedeutsames
+geschehen, da&szlig; sie mit einem Male aus allen Himmeln gest&uuml;rzt
+war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche
+sie den Anla&szlig; ihres Herzeleids.
+
+</P><P>
+
+Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des
+Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe
+hindurch sp&uuml;rte sie den weichen Teppich. Es war ein heller
+Fr&uuml;hlingstag, und die Luft war lau.
+
+</P><P>
+
+Da h&ouml;rte sie, wie ihr Kind drau&szlig;en laut aufjauchzte.
+
+</P><P>
+
+Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kinderm&auml;dchen
+wollte sie am Kleide wieder in die H&ouml;he ziehen. Lestiboudois
+war dabei, den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die N&auml;he
+des Kindes kam, streckte es ihm beide &Auml;rmchen entgegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bring sie mir mal herein!&ldquo; rief sie dem M&auml;dchen zu und ri&szlig;
+ihr T&ouml;chterchen hastig an sich, um es zu k&uuml;ssen. &bdquo;Wie ich
+dich liebe, mein armes Kind! Wie ich dich liebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als sie bemerkte, da&szlig; es am Ohre etwas schmutzig war,
+klingelte sie rasch und lie&szlig; sich warmes Wasser bringen. Sie
+wusch die Kleine, zog ihr frische W&auml;sche und reine Str&uuml;mpfe an.
+Dabei tat sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der
+Kleinen stehe, just als sei sie von einer Reise zur&uuml;ckgekehrt.
+Schlie&szlig;lich k&uuml;&szlig;te sie sie noch einmal und gab sie tr&auml;nenden
+Auges dem M&auml;dchen wieder. Felicie war ganz verdutzt &uuml;ber
+diesen Z&auml;rtlichkeitsanfall der Mutter.
+
+</P><P>
+
+Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eine vor&uuml;bergehende Laune!&ldquo; tr&ouml;stete er sich.
+
+</P><P>
+
+Dreimal hintereinander vers&auml;umte er das Stelldichein. Als
+er wieder erschien, behandelte sie ihn k&uuml;hl, fast geringsch&auml;tzig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schade um die Zeit, mein Liebchen!&ldquo; meinte er. Und er tat so,
+als merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das
+Taschentuch, das sie herauszog.
+
+</P><P>
+
+Jetzt kam wirklich die Reue &uuml;ber sie. Sie fragte sich, aus
+welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht
+besser gewesen w&auml;re, wenn sie ihm treu h&auml;tte bleiben k&ouml;nnen.
+Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren
+Gef&uuml;hlswandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht
+zuf&auml;llig eine solche heraufbeschworen h&auml;tte, w&auml;re alle ihre
+hingebungsvolle Anwandlung tatenlos geblieben.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Elftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
+Klumpf&uuml;&szlig;e zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er
+war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
+Yonville m&uuml;sse es strephopodische Operationen geben, damit
+es auf der H&ouml;he der Kultur bleibe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist denn dabei zu riskieren?&ldquo; fragte er Frau Bovary.
+Er z&auml;hlte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den
+Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des
+Kranken. Befreiung von einem Sch&ouml;nheitsfehler. Bedeutende
+Reklame f&uuml;r den Operateur. &bdquo;Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht
+beispielsweise den armen Hippolyt vom Goldnen L&ouml;wen kurieren?
+Bedenken Sie, da&szlig; er seine Heilung allen Reisenden erz&auml;hlen
+w&uuml;rde. Und dann&nbsp;...&ldquo; Der Apotheker begann zu fl&uuml;stern und
+blickte scheu um sich, &bdquo;... was sollte mich daran hindern,
+eine kleine Notiz dar&uuml;ber in die Zeitung zu bringen? Du mein
+Gott! So ein Artikel wird &uuml;berall gelesen ... man spricht davon
+... schlie&szlig;lich wei&szlig; es die ganze Welt. Aus Schneeflocken
+werden am Ende Lawinen! Und wer wei&szlig;? Wer wei&szlig;?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
+keinen Anla&szlig;, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu
+bezweifeln, und was f&uuml;r eine Befriedigung w&auml;re es f&uuml;r
+sie, die geistige Urheberin eines Entschlusses zu sein, der
+sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mu&szlig;te. Sie verlangte
+mehr als blo&szlig; die Liebe dieses Mannes.
+
+</P><P>
+
+Vom Apotheker und von seiner Frau best&uuml;rmt, lie&szlig; sich Karl
+&uuml;berreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des
+Doktors D&uuml;val, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf
+zwischen den H&auml;nden, in diese Lekt&uuml;re. W&auml;hrend er sich &uuml;ber
+Pferdefu&szlig;bildungen, Varus und Valgus, Strephocatopodie,
+Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. &uuml;ber die verschiedenartigen
+inneren und &auml;u&szlig;erlichen Verkr&uuml;ppelungen des menschlichen
+Fu&szlig;es), Strephypopodie und Strephanopodie (das sind
+Fu&szlig;leiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkr&uuml;ppelung um sich
+greifen) unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom
+Goldnen L&ouml;wen mit allen Mitteln der &Uuml;berredungskunst zur
+Operation zu bewegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du wirst h&ouml;chstens einen ganz leichten Schmerz sp&uuml;ren&ldquo;,
+sagte er zu ihm. &bdquo;Es ist nichts weiter als ein Einstich
+wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein
+H&uuml;hnerauge schneiden l&auml;&szlig;t.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hippolyts bl&ouml;de Augen blickten unschl&uuml;ssig um sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Im &uuml;brigen&ldquo;, fuhr der Apotheker fort, &bdquo;kann mirs
+nat&uuml;rlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs
+nur aus purer N&auml;chstenliebe. Mein lieber Freund, ich m&ouml;chte
+dich gar zu gern von deinem scheu&szlig;lichen Hinkfu&szlig; befreit sehen,
+von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den H&uuml;ften. Du kannst
+dagegen sagen, was du willst: es st&ouml;rt dich in der
+Aus&uuml;bung deines Berufs doch erheblich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach
+einer Operation werde bewegen k&ouml;nnen. Auch gab er ihm zu
+verstehen, da&szlig; er dann mehr Gl&uuml;ck bei den Weibern haben w&uuml;rde,
+wor&uuml;ber der Bursche albern grinste.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du h&auml;ttest doch
+auch nicht kneifen k&ouml;nnen, wenn man dich zu den Soldaten
+ausgehoben und in den Krieg geschickt h&auml;tte! Also Hippolyt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei
+ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
+Wohltaten der Wissenschaft derartig st&ouml;rrisch entziehen k&ouml;nne.
+
+</P><P>
+
+Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine
+Verschw&ouml;rung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die
+Angelegenheiten anderer k&uuml;mmerte, die L&ouml;wenwirtin, Artemisia,
+die Nachbarn und selbst der B&uuml;rgermeister, alle drangen sie in
+ihn, redeten ihm zu und machten ihn l&auml;cherlich. Und was
+vollends den Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen
+roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und
+Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser
+Generosit&auml;t. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen:
+&bdquo;Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Beraten vom Apotheker, lie&szlig; Karl nach drei fehlgeschlagenen
+Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers
+eine Art Geh&auml;use anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an
+Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart
+worden.
+
+</P><P>
+
+Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mu&szlig;te
+zun&auml;chst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfu&szlig;
+hier vorlag. Hippolyts Fu&szlig; setzte sich an sein Schienbein
+nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht.
+Es war also Pferdefu&szlig;, verbunden mit etwas Varus oder,
+anders ausgedr&uuml;ckt, ein Fall leichten Varus mit starker
+Neigung zu einem Pferdefu&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Trotz dieses Klumpfu&szlig;es, der in der Tat plump wie ein
+Pferdehuf war und runzelige Haut, ausged&ouml;rrte Sehnen und dicke
+Zehen mit schwarzen wie eisern aussehenden N&auml;geln hatte, war
+der Kr&uuml;ppel von fr&uuml;h bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah
+ihn unaufh&ouml;rlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte
+sogar den Anschein, als sei sein mi&szlig;ratenes Bein kr&auml;ftiger
+denn das gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf
+im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Ausdauer zu eigen
+gemacht.
+
+</P><P>
+
+An einem Pferdefu&szlig; mu&szlig; zun&auml;chst die Achillessehne
+durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher
+kann der Varus nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum,
+beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er gro&szlig;e Angst,
+einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse
+waren mangelhaft.
+
+</P><P>
+
+Ambrosius Par&eacute;, der f&uuml;nfzehn Jahrhunderte nach Celsus die
+erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, D&uuml;puytren,
+der es unternahm, einen Absze&szlig; am Gehirn zu &ouml;ffnen,
+Gensoul, der als erster eine Oberkiefer-Abtragung
+ausf&uuml;hrte, &mdash; allen diesen hat sicherlich nicht so das Herz
+geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewi&szlig; nicht so
+aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt unter sein Messer nahm.
+
+</P><P>
+
+Im St&uuml;bchen des Hausknechts sah es aus wie in
+einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie,
+gewichste F&auml;den, Binden, alles was in der Apotheke an
+Verbandszeug vorr&auml;tig gewesen war. Homais hatte das
+alles eigenh&auml;ndig vorbereitet, sowohl um die Leute zu
+verbl&uuml;ffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen.
+
+</P><P>
+
+Karl f&uuml;hrte den Einschnitt aus. Ein platzendes Ger&auml;usch.
+Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet.
+
+</P><P>
+
+Hippolyt war vor Erstaunen au&szlig;er aller Fassung. Er nahm
+Bovarys H&auml;nde und bedeckte sie mit K&uuml;ssen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erst mal Ruhe!&ldquo; gebot der Apotheker. &bdquo;Die Dankbarkeit f&uuml;r
+deinen Wohlt&auml;ter kannst du ja sp&auml;ter bezeigen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er ging hinunter, um das Ereignis den f&uuml;nf oder sechs
+Neugierigen mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich
+eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male
+laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten das
+Geh&auml;use an und begab sich sodann nach Haus, wo ihn Emma
+angstvoll an der T&uuml;re erwartete. Sie fiel ihm um den Hals.
+
+</P><P>
+
+Sie setzten sich zu Tisch. Er a&szlig; viel und verlangte zum Nachtisch
+sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst
+nur Sonntags, wenn ein Gast da war.
+
+</P><P>
+
+Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gespr&auml;chen und
+gemeinsamem Pl&auml;neschmieden. Sie plauderten vom kommenden Gl&uuml;cke,
+von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen
+&auml;rztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe
+seiner Frau immerdar w&auml;hren. Und sie, sie f&uuml;hlte sich begl&uuml;ckt
+und verj&uuml;ngt, ges&uuml;nder und besser in ihrer wiedererstandenen
+leisen Zuneigung f&uuml;r diesen armen Mann, der sie so sehr liebte.
+Fl&uuml;chtig scho&szlig; ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber
+ihre Augen ruhten alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte
+sie erstaunt, da&szlig; seine Z&auml;hne eigentlich gar nicht h&auml;&szlig;lich
+waren.
+
+</P><P>
+
+Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr
+des M&auml;dchens pl&ouml;tzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein
+frisch beschriebenes St&uuml;ck Papier. Es war der
+Reklame-Aufsatz, den er f&uuml;r den &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; verfa&szlig;t
+hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie ihn vor!&ldquo; bat Bovary.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker tat es:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europ&auml;er noch
+immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer
+Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser St&auml;dtchen Yonville
+der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel
+edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer
+angesehensten praktischen &Auml;rzte,&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+&bdquo;Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!&ldquo; unterbrach ihn
+Karl, vor Erregung tief atmend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber durchaus nicht! Wieso denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er las weiter:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;... hat den verkr&uuml;ppelten Fu&szlig;&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Er unterbrach sich selbst:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe hier absichtlich den <TT>terminus
+technicus</TT> vermieden, wissen Sie! In einer
+Tageszeitung mu&szlig; alles gemeinverst&auml;ndlich sein ... die
+gro&szlig;e Masse&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig!&ldquo; meinte Bovary. &bdquo;Bitte fahren Sie fort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wiederhole:
+
+</P><P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen &Auml;rzte,
+hat den verkr&uuml;ppelten Fu&szlig; eines gewissen Hippolyt Tautain
+operiert, des langj&auml;hrigen Hausknechts im Hotel zum
+Goldnen L&ouml;wen der verwitweten Frau Franz am Markt. Das
+aktuelle Ereignis und das allgemeine Interesse an der
+Operation hatten eine derartig gro&szlig;e Volksmenge angezogen,
+da&szlig; der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mu&szlig;te. Die
+Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Blutergu&szlig; trat
+so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen verrieten,
+da&szlig; ein hartn&auml;ckiges Leiden endlich der Macht der
+Wissenschaft wich. Der Kranke versp&uuml;rte dabei erstaunlicherweise
+&mdash; wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf &mdash;
+nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand l&auml;&szlig;t bis jetzt
+nichts zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Allem Daf&uuml;rhalten nach wird die
+vollst&auml;ndige Heilung rasch erfolgen, und wer wei&szlig;, ob der brave
+Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten
+Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch
+muntere Spr&uuml;nge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen
+Gelehrten, Ehre den unerm&uuml;dlichen Geistern, die ihre N&auml;chte der
+Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!
+<BR>
+Der Tag wird noch kommen, wo verk&uuml;ndet werden wird, da&szlig; die
+Blinden sehen, die Tauben h&ouml;ren und die Lahmen gehen! Was der
+kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserw&auml;hlten versprach,
+schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
+unsere verehrten Leser &uuml;ber den weiteren Verlauf dieser so
+ungemein merkw&uuml;rdigen Kur auf dem laufenden erhalten.&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Trotz alledem kam f&uuml;nf Tage darauf die L&ouml;wenwirtin ganz
+verst&ouml;rt gelaufen und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zu Hilfe! Er stirbt! Ich wei&szlig; nicht, was ich machen soll!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl rannte Hals &uuml;ber Kopf nach dem Goldnen L&ouml;wen, und der
+Apotheker, der den Arzt so &uuml;ber den Markt st&uuml;rmen sah, verlie&szlig;
+sofort im blo&szlig;en Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und
+mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem
+er auf der Treppe begegnete:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so da&szlig;
+das Geh&auml;use, in das sein Bein eingezw&auml;ngt war, gegen
+die Wand geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte.
+
+</P><P>
+
+Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fu&szlig;es nicht
+zu verschieben, entfernte man das Holzgeh&auml;use. Und nun bot
+sich ein gr&auml;&szlig;licher Anblick dar. Die Form des Fu&szlig;es war
+unter einer derartigen Schwellung verschwunden, da&szlig; es
+aussah, als platze demn&auml;chst die ganze Haut. Diese war
+blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die das famose
+Geh&auml;use verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an &uuml;ber
+Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angeh&ouml;rt. Nachdem man
+nunmehr einsah, da&szlig; er im Rechte gewesen war, g&ouml;nnte man ihm ein
+paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig
+zur&uuml;ckgegangen war, hielten es die beiden Heilk&uuml;nstler f&uuml;r
+angebracht, das Bein wieder einzuschienen und es noch fester
+einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen.
+
+</P><P>
+
+Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr
+auszuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war
+h&ouml;chst &uuml;ber das verwundert, was sich nunmehr
+herausstellte. Die schw&auml;rzlichblau gewordene Schwellung
+erstreckte sich &uuml;ber das ganze Bein, das ganz voller Blasen
+war; eine dunkle Fl&uuml;ssigkeit sonderte sich ab. Man wurde
+bedenklich.
+
+</P><P>
+
+Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz lie&szlig; ihn in
+die kleine Gaststube bringen neben der K&uuml;che, damit er
+wenigstens etwas Zerstreuung h&auml;tte. Aber der Steuereinnehmer,
+der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich &uuml;ber diese
+Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in das
+Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken,
+bla&szlig;, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte
+er seinen in Schwei&szlig; gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen
+hin und her, wenn ihn die Fliegen qu&auml;lten.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
+Umschl&auml;gen, tr&ouml;stete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst
+fehlte es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen,
+wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
+herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie geht dirs denn?&ldquo; fragten sie ihn und klopften ihm auf
+die Schulter. &bdquo;So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist
+aber selber schuld daran!&ldquo; Er h&auml;tte dies oder jenes machen
+sollen. Sie erz&auml;hlten ihm von Leuten, die durch ganz andere
+Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren
+Trost meinten sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du l&auml;&szlig;t dich wie
+ein F&uuml;rst verh&auml;tscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier!
+Und besonders gut riechst du auch nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
+selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
+Hippolyt sah ihn mit angsterf&uuml;llten Augen an. Schluchzend
+stammelte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach,
+helfen Sie mir! Ich bin so ungl&uuml;cklich, so ungl&uuml;cklich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann
+verlie&szlig; er ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;r nur gar nicht auf ihn, mein Junge!&ldquo; meinte die
+L&ouml;wenwirtin. &bdquo;Sie haben dich schon gerade genug geschunden!
+Das macht dich blo&szlig; immer noch schw&auml;cher! Da, trink!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie gab ihm hin und wieder Fleischbr&uuml;he, ein St&uuml;ck Hammelkeule,
+Speck und manchmal ein Gl&auml;schen Schnaps, den er kaum an seine
+Lippen zu bringen wagte.
+
+</P><P>
+
+Abb&eacute; Bournisien, der geh&ouml;rt hatte, da&szlig; es Hippolyt
+schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber
+erkl&auml;rte er, in gewisser Beziehung m&uuml;sse sich der Kranke freuen,
+denn es sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit g&auml;be, sich
+mit dem Himmel zu vers&ouml;hnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Siehst du,&ldquo; sagte der Priester in v&auml;terlichem Tone, &bdquo;du hast
+deine Pflichten recht vernachl&auml;ssigt! Man hat dich selten in der
+Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige
+Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, da&szlig; deine Besch&auml;ftigung
+und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, f&uuml;r dein
+Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, da&szlig; du
+dich darum k&uuml;mmerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe gro&szlig;e
+S&uuml;nder gekannt, die, kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du
+bist noch nicht so weit, das wei&szlig; ich wohl!) seine Gnade
+erfleht haben; sie sind ohne Verdammnis gestorben! Hoffen wir,
+da&szlig; auch du uns gleich ihnen ein gutes Beispiel gibst!
+Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgens ein
+Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue das!
+Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das
+versprechen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der arme Teufel gelobte es. Tag f&uuml;r Tag kam der Seelsorger
+wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen
+erz&auml;hlte er den beiden sogar Anekdoten, Sp&auml;&szlig;e und faule Witze,
+die Hippolyt allerdings nicht verstand. Aber bei jeder
+Gelegenheit kam er auf religi&ouml;se Dinge zu sprechen, wobei er
+jedesmal eine salbungsvolle Miene annahm.
+
+</P><P>
+
+Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht
+lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
+nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund w&uuml;rde,
+worauf der Priester entgegnete, das sei nicht &uuml;bel. Doppelt
+gen&auml;ht halte besser. Er riskiere ja dabei nichts.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker war emp&ouml;rt &uuml;ber &bdquo;diese Pfaffenschliche&ldquo;, wie er
+sich ausdr&uuml;ckte. Er behauptete, das verz&ouml;gre die Genesung
+des Hausknechts nur.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig;t ihn doch nur in Ruhe!&ldquo; sagte er zur L&ouml;wenwirtin. &bdquo;Mit
+euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber die gute Frau wollte davon nichts h&ouml;ren. Er und kein
+anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein
+aus Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu H&auml;upten einen
+Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf.
+
+</P><P>
+
+Allerdings n&uuml;tzten offenbar weder der kirchliche noch der
+chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
+Beine weiter in den K&ouml;rper hinauf. Man versuchte immer neue
+Salben und Pflaster, aber der Fu&szlig; wurde immer brandiger, und
+schlie&szlig;lich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken,
+als Mutter Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser
+hoffnungslosen Lage nicht den Doktor Canivet aus
+Neufch&acirc;tel kommen lassen solle, der doch weitber&uuml;hmt sei.
+
+</P><P>
+
+Canivet war Doktor der Medizin, f&uuml;nfzig Jahre alt, ebenso
+wohlhabend wie selbstbewu&szlig;t. Er kam und entbl&ouml;dete sich nicht,
+&uuml;ber den Kollegen geringsch&auml;tzig zu l&auml;cheln, als er das
+bis an das Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann
+erkl&auml;rte er, das Glied m&uuml;sse amputiert werden.
+
+</P><P>
+
+Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen &bdquo;die Esel, die
+das arme Luder so zugerichtet&ldquo; h&auml;tten. Er fa&szlig;te Homais am
+Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
+Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es
+mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Bet&auml;ubungen,
+Blaseneingriffen! Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich
+der Staat ins Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen blo&szlig;
+immer was zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten
+Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber,
+wir sind r&uuml;ckst&auml;ndig. Wir sind keine Gelehrten, keine
+Zauberk&uuml;nstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxis, wir
+heilen lumpige Krankheiten, aber es f&auml;llt uns nicht ein,
+Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpf&uuml;&szlig;e gerade
+zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso k&ouml;nnte man auch einem Buckligen
+seinen H&ouml;cker abhobeln wollen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais war bei diesem Ergu&szlig; gar nicht besonders wohl
+zumute, aber er verbarg sein Mi&szlig;behagen hinter einem
+verbindlichen L&auml;cheln. Er mu&szlig;te mit Canivet auf gutem Fu&szlig;e
+bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend &ouml;fters
+konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab.
+Aus diesem Grunde h&uuml;tete er sich, f&uuml;r Bovary einzutreten. Er
+vermuckste sich nicht, lie&szlig; Grunds&auml;tze Grunds&auml;tze sein und
+opferte seine W&uuml;rde den ihm wichtigeren Interessen seines
+Gesch&auml;fts.
+
+</P><P>
+
+Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet
+ausf&uuml;hrte, war f&uuml;r den ganzen Ort ein wichtiges
+Ereignis. Fr&uuml;hzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und
+die Hauptstra&szlig;e war voller Menschen, die allesamt etwas
+Tr&uuml;bseliges an sich hatten, als solle eine Hinrichtung
+stattfinden. Im Laden des Kr&auml;mers stritt man sich &uuml;ber
+Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau
+T&uuml;vache, die Gattin des B&uuml;rgermeisters, lag vom fr&uuml;hen
+Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der
+Operateur ank&auml;me.
+
+</P><P>
+
+Er kam in seinem W&auml;gelchen angefahren, das er selber
+kutschierte. Durch die Last seines K&ouml;rpers war die rechte
+Feder des Gef&auml;hrts derartig niedergedr&uuml;ckt, da&szlig; der
+Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster
+stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschl&ouml;sser
+pr&auml;chtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bis vor die
+kleine Freitreppe des Goldnen L&ouml;wen. Mit lauter Stimme befahl
+er, das Pferd auszuspannen. Er ging mit in den Stall und
+&uuml;berzeugte sich, da&szlig; der Gaul ordentlich Hafer gesch&uuml;ttet
+bekam. Es war seine Gewohnheit, da&szlig; er sich immer zuerst
+seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im
+Munde der Leute f&uuml;r einen &bdquo;Pferdejockel&ldquo;. Aber gerade weil er
+sich darin unabbringbar gleichblieb, sch&auml;tzte man ihn um so mehr.
+Und wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den
+letzten Z&uuml;gen gelegen h&auml;tte: Doktor Canivet w&auml;re zun&auml;chst
+seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
+
+</P><P>
+
+Homais stellte sich ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich rechne auf Ihre Unterst&uuml;tzung!&ldquo; sagte der Chirurg. &bdquo;Ist
+alles bereit? Na, dann kanns losgehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker gestand err&ouml;tend ein, da&szlig; er zu empfindlich sei,
+um einer solchen Operation assistieren zu k&ouml;nnen. &bdquo;Als
+passiver Zuschauer&ldquo;, sagte er, &bdquo;greift einen so was doppelt
+an. Meine Nerven sind so herunter&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Quatsch!&ldquo; unterbrach ihn Canivet. &bdquo;Mir machen Sie vielmehr den
+Eindruck, als solle Sie demn&auml;chst der Schlag r&uuml;hren.
+&Uuml;brigens kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von fr&uuml;h
+bis abends in Eurer Giftbude. Das mu&szlig; sich ja
+schlie&szlig;lich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag
+f&uuml;r Tag stehe ich vier Uhr morgens auf, wasche mich mit
+eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden
+gibts f&uuml;r mich nicht, das Zipperlein kriege ich nicht, und
+mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und morgen
+so, wie mirs gerade einf&auml;llt, aber immer als
+Lebensk&uuml;nstler! Und deshalb bin ich auch nicht so
+zimperlich wie Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn
+oder einem christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie
+haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier.
+Sehr richtig! Es ist alles blo&szlig; Gewohnheit&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ohne irgendwelche R&uuml;cksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
+Lager vor Angst schwitzte, f&uuml;hrten die beiden ihre Unterhaltung
+in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltbl&uuml;tigkeit
+eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen
+Vergleich geschmeichelt, lie&szlig; sich Canivet des l&auml;ngeren &uuml;ber
+die Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes
+sei ein Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern
+als gemeines Handwerk aus&uuml;be, der sei ein
+Heiligtumsch&auml;nder.
+
+</P><P>
+
+Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von
+Homais gelieferte Verbandszeug zu pr&uuml;fen. Es war
+dasselbe, das bereits bei der ersten Operation zur Stelle
+gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der das Bein
+festhalten k&ouml;nne. Lestiboudois ward geholt.
+
+</P><P>
+
+Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemds&auml;rmel
+hoch und begab sich in das Billardzimmer, w&auml;hrend der
+Apotheker in die K&uuml;che ging, wo die Wirtin sowie Artemisia
+neugierig und &auml;ngstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen
+waren wei&szlig;er als ihre Sch&uuml;rzen.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause
+heraus. Er sa&szlig; unten in der Gro&szlig;en Stube, zusammengeduckt und
+die H&auml;nde gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer
+brannte, und starrte vor sich hin. &bdquo;Welch ein Mi&szlig;geschick!&ldquo;
+seufzte er. &bdquo;Was f&uuml;r eine gro&szlig;e Entt&auml;uschung!&ldquo; Er hatte
+doch alle denkbaren Vorsichtsma&szlig;regeln getroffen, und doch war
+der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu &auml;ndern!
+Wenn Hippolyt noch st&uuml;rbe, dann w&auml;re er schuld daran! Und was
+sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten?
+Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er
+wu&szlig;te doch selber keinen, so sehr er auch dar&uuml;ber nachsann. Die
+ber&uuml;hmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber das wird
+kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur auslachen und in
+Verruf bringen. Die Sache wird bis Forges ruchbar werden,
+bis Neufch&acirc;tel, bis Rouen und noch weiter! Vielleicht
+w&uuml;rde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn ver&ouml;ffentlichen,
+dem dann eine Polemik folgte, die ihn zw&auml;nge, in den Zeitungen
+eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt k&ouml;nnte auf Schadenersatz
+klagen.
+
+</P><P>
+
+Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
+tausend Bef&uuml;rchtungen best&uuml;rmte Phantasie schwankte hin und her
+wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.
+
+</P><P>
+
+Emma sa&szlig; ihm gegen&uuml;ber und beobachtete ihn. An seine Dem&uuml;tigung
+dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
+hatte sie sich nur einbilden k&ouml;nnen, da&szlig; sich ein Mann seines
+Schlages zu einer Leistung aufschw&auml;nge, wo sich seine
+Unf&auml;higkeit doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!
+
+</P><P>
+
+Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Setz dich doch!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Du machst mich noch ganz
+verr&uuml;ckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er tat es.
+
+</P><P>
+
+Wie hatte sie es nur fertig gebracht &mdash; wo sie doch so klug
+war! &mdash;, da&szlig; sie sich abermals so get&auml;uscht hatte? Aber ja,
+ihr ganzer Lebenspfad war doch fortw&auml;hrend durch das
+traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet!
+Sie rief sich alles einzeln ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ck:
+ihren unbefriedigten Hang zum Lebensgenu&szlig;, die Einsamkeit
+ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihres
+Hausstandes, ihre Tr&auml;ume und Illusionen, die in den Sumpf
+hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
+alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie
+von sich gewiesen, an alles, was sie h&auml;tte haben k&ouml;nnen!
+Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn
+alles so? Warum?
+
+</P><P>
+
+Das St&auml;dtchen lag in tiefer Ruhe. Pl&ouml;tzlich erscholl ein
+herzzerrei&szlig;ender Schrei. Bovary ward bla&szlig; und beinahe ohnm&auml;chtig.
+Emma zuckte nerv&ouml;s mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr
+nichts mehr anzusehen.
+
+</P><P>
+
+Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
+ohne Feingef&uuml;hl! Da sa&szlig; er, stumpfsinnig und ohne Verst&auml;ndnis
+daf&uuml;r, da&szlig; er nicht nur seinen Namen l&auml;cherlich und ehrlos
+gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren
+Namen! Und sie, sie hatte sich solche M&uuml;he gegeben, ihn zu lieben!
+Hatte unter Tr&auml;nen bereut, da&szlig; sie ihm untreu geworden war!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht war es ein Valgus?&ldquo; rief Karl pl&ouml;tzlich laut
+aus. Das war das Ergebnis seines Nachsinnens.
+
+</P><P>
+
+Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken
+Emmas versetzte &mdash; er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne
+Platte &mdash;, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit
+sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam
+erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich
+seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick
+eines Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den
+verhallenden Schreien des Amputierten. Der heulte in
+langgedehnten T&ouml;nen, die ab und zu von grellem Gebr&uuml;ll
+unterbrochen wurden. Alles das klang wie das ferne
+Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma bi&szlig; sich
+auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer
+Blume, die sie zerpfl&uuml;ckt hatte, und ihre hei&szlig;en Blicke trafen
+ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein
+Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
+seine Existenz. Wie &uuml;ber ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
+da&szlig; sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von
+Anh&auml;nglichkeit &uuml;brig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
+ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude geno&szlig; sie den
+Siegesjubel &uuml;ber ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie
+des Geliebten und f&uuml;hlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein
+Bild entz&uuml;ckte und verf&uuml;hrte sie in Gedanken abermals. Sie
+gab ihm ihre ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus
+ihrem Leben herausgerissen, f&uuml;r immer entfremdet, unm&ouml;glich
+geworden, ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor
+ihren Augen den Todeskampf gek&auml;mpft hatte. Vom Trottoir her
+drang das Ger&auml;usch von Tritten herauf. Karl ging an das
+Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor
+Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte
+sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt
+Homais, die gro&szlig;e rote Reisetasche in der Hand. Beide
+steuerten auf die Apotheke zu.
+
+</P><P>
+
+In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbed&uuml;rfnis
+n&auml;herte sich Karl seiner Frau:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gib mir einen Ku&szlig;, Geliebte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hast du denn? Was ist dir?&ldquo; fragte er betroffen.
+&bdquo;Sei doch ruhig! &Auml;rgere dich nicht! Du wei&szlig;t ja, wie sehr ich
+dich liebe! Komm!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weg!&ldquo; rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie st&uuml;rzte aus dem
+Zimmer, wobei sie die T&uuml;r so heftig hinter sich zuschlug, da&szlig;
+das Barometer von der Wand fiel und in St&uuml;cke ging.
+
+</P><P>
+
+Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er dar&uuml;ber nach,
+was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
+Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgef&uuml;hl von
+etwas Unheilvollem, Unfa&szlig;barem.
+
+</P><P>
+
+Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er
+seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe
+sitzen und auf ihn warten. Sie k&uuml;&szlig;ten sich, und all ihr &Auml;rger
+schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zw&ouml;lftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
+Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
+seine Arbeitssch&uuml;rze ab und trabte nach der H&uuml;chette. Rudolf
+kam alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als da&szlig; sie
+sich langweile, da&szlig; ihr Mann gr&auml;&szlig;lich sei und ihr Dasein
+schrecklich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kann ich das &auml;ndern?&ldquo; rief er einmal ungeduldig aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, wenn du wolltest!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sa&szlig; auf dem Fu&szlig;boden zwischen seinen Knien, mit aufgel&ouml;stem
+Haar und traumverlorenem Blick.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo; fragte er.
+
+</P><P>
+
+Sie seufzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir m&uuml;ssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ...
+weit weg von hier&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein toller Einfall!&ldquo; lachte er. &bdquo;Unm&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kam immer wieder darauf zur&uuml;ck. Er tat so, als sei ihm
+das unverst&auml;ndlich, und begann von etwas anderm zu
+sprechen.
+
+</P><P>
+
+Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
+aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe.
+Sie m&uuml;sse dazu doch Anla&szlig; haben, Motive. Sie klammere sich doch
+an ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.
+
+</P><P>
+
+Wirklich wuchs ihre Z&auml;rtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu
+Tag im gleichen Ma&szlig;e, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
+verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
+verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unertr&auml;glich vor,
+seine H&auml;nde nie so vierschr&ouml;tig, sein Geist nie so
+schwerf&auml;llig, seine Manieren nie so gew&ouml;hnlich, als wenn sie
+nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war.
+Sie bildete sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin.
+Immerw&auml;hrend tr&auml;umte sie von seinem dunklen welligen Haar,
+seiner braunen Stirn, seiner kr&auml;ftigen und doch eleganten
+Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so
+leidenschaftlichen Menschen. Nur f&uuml;r ihn pflegte sie ihre N&auml;gel
+mit der Sorgfalt eines Ziseleurs, f&uuml;r ihn verschwendete sie
+eine Unmenge von Coldcream f&uuml;r ihre Haut und von Peau d'Espagne
+f&uuml;r ihre W&auml;sche. Sie &uuml;berlud sich mit Armb&auml;ndern, Ringen und
+Halsketten. Wenn sie ihn erwartete, f&uuml;llte sie ihre gro&szlig;en
+blauen Glasvasen mit Rosen und schm&uuml;ckte ihr Zimmer und sich
+selber wie eine Kurtisane, die einen F&uuml;rsten erwartet. Felicie
+wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte
+sie in ihrer K&uuml;che.
+
+</P><P>
+
+Justin leistete ihr h&auml;ufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
+Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange B&uuml;gelbrett gest&uuml;tzt,
+auf dem sie pl&auml;ttete, betrachtete er l&uuml;stern alle die um ihn
+herum aufgeschichtete Damenw&auml;sche, die Pikee-Unterr&ouml;cke, die
+Spitzent&uuml;cher, die Halskragen, die breith&uuml;ftigen Unterhosen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu hat man das alles?&ldquo; fragte der Bursche, indem er mit
+der Hand &uuml;ber einen der Reifr&ouml;cke strich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du sowas noch niegesehen?&ldquo; Felicie lachte. &bdquo;Deine
+Herrin, Frau Homais, hat das doch auch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So? Die Frau Homais!&ldquo; Er sann nach. &bdquo;Ist sie denn eine Dame
+wie die Frau Doktor?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschn&uuml;ffelte. Sie
+war drei Jahre &auml;lter als er, und &uuml;brigens machte ihr
+Theodor, der Diener des Notars, neuerdings den Hof.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich in Ruhe!&ldquo; sagte sie und stellte den St&auml;rketopf
+beiseite. &bdquo;Scher dich lieber an <B>deine</B> Arbeit! Sto&szlig; deine
+Mandeln! Immer mu&szlig;t du an irgendeiner Sch&uuml;rze h&auml;ngen! Eh du
+dich damit befa&szlig;t, la&szlig; dir mal erst die Stoppeln unter der Nase
+wachsen, du Knirps, du nichtsn&uuml;tziger!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, seien Sie doch nicht gleich b&ouml;s! Ich putze Ihnen auch
+die Schuhe f&uuml;r die Frau Doktor!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Alsobald machte er sich &uuml;ber ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
+her, die in der K&uuml;che standen. Sie waren &uuml;ber und &uuml;ber mit
+eingetrocknetem Stra&szlig;enschmutz bedeckt &mdash; vom letzten
+Stelldichein her &mdash;, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo
+gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin
+betrachtete sie sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!&ldquo; sagte Felicie,
+die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
+anwandte, weil die Herrin sie ihr &uuml;berlie&szlig;, sobald sie nicht
+mehr tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in
+ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber
+Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
+
+</P><P>
+
+So gab er auch dreihundert Franken f&uuml;r ein h&ouml;lzernes Bein
+aus, das Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen
+m&uuml;sse. Die Fl&auml;che, mit der es anlag, war mit Kork &uuml;berzogen.
+Es hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und
+Schuh verdeckten es vollkommen. Hippolyt wagte es indessen
+nicht in den Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm
+noch ein anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder &uuml;bel
+mu&szlig;te der Arzt auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der
+Hausknecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah
+man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den
+harten Anschlag des Stelzfu&szlig;es auf dem Pflaster vernahm,
+schlug er schnell einen anderen Weg ein.
+
+</P><P>
+
+Lheureux, der Modewarenh&auml;ndler, hatte das Holzbein besorgt.
+Das gab ihm Gelegenheit, Emma h&auml;ufig aufzusuchen. Er plauderte
+mit ihr &uuml;ber die neuesten Pariser Moden und &uuml;ber tausend Dinge,
+die Frauen interessieren. Dabei war er immer &auml;u&szlig;erst gef&auml;llig
+und forderte niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einf&auml;lle
+Emmas wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie
+Rudolf einen sehr sch&ouml;nen Reitstock schenken, den sie in Rouen in
+einem Schirmgesch&auml;ft gesehen hatte. Eine Woche sp&auml;ter legte
+Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber
+&uuml;berreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von
+zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centimes. Emma
+war in der gr&ouml;bsten Verlegenheit. Die Kasse war leer.
+Lestiboudois hatte noch Lohn f&uuml;r vierzehn Tage zu bekommen,
+Felicie f&uuml;r acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
+Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang
+des Honorars von Herrn Derozerays, das allj&auml;hrlich
+gegen Ende Oktober einzugehen pflegte.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertr&ouml;sten. Dann
+verlor er aber die Geduld. Man dr&auml;nge auch ihn, er brauche Geld,
+und wenn er nicht alsbald welches von ihr bek&auml;me, m&uuml;sse er
+ihr alles wieder abnehmen, was er ihr geliefert habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut!&ldquo; meinte Emma. &bdquo;Holen Sie sichs!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was! Das hab ich nur so gesagt!&ldquo; entgegnete er.
+&bdquo;Indessen um den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott,
+den werd ich mir vom Herrn Doktor zur&uuml;ckgeben lassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Um Gottes willen!&ldquo; rief sie aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warte nur! Dich hab ich!&ldquo; dachte Lheureux bei sich.
+
+</P><P>
+
+Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
+lispelte er in seinem gewohnten Fl&uuml;stertone vor sich hin:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary gr&uuml;belte gerade dar&uuml;ber nach, wie sie diese Geschichte
+in Ordnung bringen k&ouml;nne, da kam das M&auml;dchen und legte eine
+kleine in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
+Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
+Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
+schuldige Honorar. Karls Tritte wurden drau&szlig;en auf der Treppe
+h&ouml;rbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte
+den Schl&uuml;ssel ein.
+
+</P><P>
+
+Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte Ihnen einen Vergleich vorschlagen&ldquo;, sagte er.
+&bdquo;Wollen Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier haben Sie Ihr Geld!&ldquo; unterbrach sie ihn und z&auml;hlte ihm
+vierzehn Goldst&uuml;cke in die Hand.
+
+</P><P>
+
+Der Kaufmann war verbl&uuml;fft. Um seine Entt&auml;uschung zu verbergen,
+brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
+m&ouml;glichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
+
+</P><P>
+
+Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
+dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die
+Tasche ihrer Sch&uuml;rze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, t&uuml;chtig
+zu sparen, damit sie recht bald&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist da weiter dabei?&ldquo; beruhigte sie sich. &bdquo;Er wird
+nicht gleich dran denken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Au&szlig;er dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
+Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem
+Wahlspruch: <TT>Amor nel Cor!</TT> (Liebe im
+Herzen!), fernerhin ein seidenes Halstuch und eine
+Zigarrentasche, zu der sie als Muster die Tasche genommen
+hatte, die Karl damals auf der Landstra&szlig;e gefunden hatte,
+als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie
+sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem
+Str&auml;uben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so
+mu&szlig;te er sich schlie&szlig;lich f&uuml;gen. Er fand das aufdringlich
+und h&ouml;chst r&uuml;cksichtslos.
+
+</P><P>
+
+Sie hatte wunderliche Einf&auml;lle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn es Mitternacht schl&auml;gt,&ldquo; bat sie ihn einmal, &bdquo;mu&szlig;t
+du an mich denken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er
+endlose Vorw&uuml;rfe zu h&ouml;ren, die alle in die Worte ausklangen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du liebst mich nicht mehr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich dich nicht mehr lieben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;&Uuml;ber alles?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glaubst du, ich h&auml;tte meine Unschuld bei dir verloren?&ldquo; brach
+er lachend aus.
+
+</P><P>
+
+Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel M&uuml;he
+zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
+mildern suchte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, du wei&szlig;t gar nicht, wie ich dich liebe!&ldquo; begann sie von
+neuem. &bdquo;Ich liebe dich so sehr, da&szlig; ich nicht von dir lassen
+kann! Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht,
+dich zu sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter
+Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern
+Frauen? Sie l&auml;cheln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein;
+nicht wahr, es gef&auml;llt dir keine? Es gibt ja sch&ouml;nere
+als ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine
+Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so
+gut! So sch&ouml;n! So klug und stark!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft geh&ouml;rt, da&szlig;
+es ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin
+nicht anders als alle seine fr&uuml;heren Geliebten, und der
+Reiz der Neuheit fiel St&uuml;ck um St&uuml;ck von ihr ab wie ein Gewand,
+und das ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt
+zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er
+war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, da&szlig; unter den
+n&auml;mlichen Ausdrucksformen himmelweit voneinander
+verschiedene Gef&uuml;hlsarten existieren k&ouml;nnen. Weil ihm die
+Lippen liederlicher oder k&auml;uflicher Frauenzimmer schon die
+gleichen Phrasen zugefl&uuml;stert hatten, war sein Glaube an die
+Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man darf die &uuml;berschwenglichen Worte nicht gelten lassen,&ldquo;
+sagte er sich, &bdquo;sie sind nur ein M&auml;ntelchen f&uuml;r
+Alltagsempfindungen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber ist es nicht oft so, da&szlig; ein &uuml;bervolles Herz mit den
+banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand
+genau zu sagen, wie gro&szlig; sein W&uuml;nschen und Wollen, seine
+Innenwelt, seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine
+gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln,
+nach der kaum ein B&auml;r tanzt, w&auml;hrend wir die Sterne bewegen
+m&ouml;chten.
+
+</P><P>
+
+Aber mit der &Uuml;berlegenheit, die kritischen Naturen eigent&uuml;mlich
+ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
+dieser Liebschaft neue Gen&uuml;sse. Er nahm keine ihm unbequeme
+R&uuml;cksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie
+bar jedes Zwanges. Er machte sie zu allem f&uuml;gsam und
+verdarb sie gr&uuml;ndlich. Sie hegte eine geradezu h&uuml;ndische
+Anh&auml;nglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alles. Woll&uuml;stig
+empfand sie Gl&uuml;ckseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre
+Seele ertrank in diesem Rausche.
+
+</P><P>
+
+Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
+&auml;u&szlig;erlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden k&uuml;hner, ihre
+Rede freim&uuml;tiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung
+Rudolfs, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, &bdquo;um die
+Spie&szlig;er zu &auml;rgern&ldquo;, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war
+es g&auml;nzlich geschehen, als man sie eines sch&ouml;nen
+Tages in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener
+Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem
+heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne
+Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger als die
+Yonviller Philister. Und noch vieles andre mi&szlig;fiel ihr.
+Zun&auml;chst hatte Karl ihrem Rate entgegen das Roman-Lesen doch
+wieder zugelassen. Und dann war &uuml;berhaupt die &bdquo;ganze
+Wirtschaft&ldquo; nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich Bemerkungen
+dar&uuml;ber gestattete, kam es zu einem &auml;rgerlichen Auftritt.
+Felicie war die n&auml;here Veranlassung dazu.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary hatte das M&auml;dchen eines Abends,
+als sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht
+mehr besonders jungen Mannes &uuml;berrascht. Der Betreffende
+trug ein braunes Halstuch und verschwand bei der Ann&auml;herung
+der alten Dame. Emma lachte, als ihr der Vorfall berichtet
+ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erkl&auml;rte, wer
+bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig
+Wert darauf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind wohl aus Hinterpommern?&ldquo; fragte die junge Frau so
+impertinent, da&szlig; sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
+konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verlassen Sie mein Haus!&ldquo; schrie Emma und sprang auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma! Mutter!&ldquo; rief Karl beschwichtigend.
+
+</P><P>
+
+In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gest&uuml;rzt.
+Emma stampfte mit dem Fu&szlig;e auf, als er ihr zuredete.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!&ldquo; rief sie.
+
+</P><P>
+
+Er eilte zur Mutter. Sie war ganz au&szlig;er sich und stammelte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So eine Unversch&auml;mtheit! Eine leichtsinnige Trine.
+Schlimmeres vielleicht noch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
+Verzeihung gebeten w&uuml;rde.
+
+</P><P>
+
+Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den
+Knien, doch nachzugeben. Schlie&szlig;lich sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinetwegen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
+der W&uuml;rde einer F&uuml;rstin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
+den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
+vergraben.
+
+</P><P>
+
+F&uuml;r den Fall, da&szlig; sich irgend etwas Besonderes ereignen
+sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen
+wei&szlig;en Zettel zu stecken. Wenn er zuf&auml;llig in Yonville w&auml;re,
+solle er daraufhin sofort durch das G&auml;&szlig;chen an die hintere
+Gartenpforte eilen.
+
+</P><P>
+
+Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden sa&szlig; sie wartend am
+Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
+der Hallen. Beinahe h&auml;tte sie das Fenster aufgerissen und ihn
+hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
+&uuml;berkam sie.
+
+</P><P>
+
+Bald darauf vernahm sie unten auf dem B&uuml;rgersteige Tritte. Das
+war er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und &uuml;ber den
+Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sei doch ein bi&szlig;chen vorsichtiger!&ldquo; mahnte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, wenn du w&uuml;&szlig;test!&ldquo; Und sie begann ihm den ganzen Vorfall
+zu erz&auml;hlen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
+&uuml;bertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte
+eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, da&szlig; er nicht
+das mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!&ldquo; erwiderte
+sie. &bdquo;Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht
+nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr
+aus! Rette mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tr&auml;nen,
+gl&auml;nzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungest&uuml;m.
+
+</P><P>
+
+Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
+k&uuml;hle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was soll ich tun? Was willst du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Flieh mit mir!&ldquo; rief sie. &bdquo;Weit weg von hier! Ach, ich bitte
+dich um alles in der Welt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie pre&szlig;te sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem
+Kusse das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kein Aber, Rudolf!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... und dein Kind?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein Teufelsweib!&ldquo; dachte er bei sich, wie er ihr nachsah.
+Sie mu&szlig;te ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend der folgenden Tage war die alte Frau Bovary &uuml;ber das
+ver&auml;nderte Wesen ihrer Schwiegertochter h&ouml;chst verwundert.
+Wirklich, sie zeigte sich au&szlig;erordentlich f&uuml;gsam, ja ehrerbietig,
+und das ging so weit, da&szlig; Emma sie um ihr Rezept, Gurken
+einzulegen, bat.
+
+</P><P>
+
+Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
+t&auml;uschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
+einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten,
+was sie im Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr
+durchaus nicht im Sinne. Der Gegenwart entr&uuml;ckt, lebte sie im
+Vorgeschmacke des kommenden Gl&uuml;ckes. Davon schw&auml;rmte sie
+dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter
+gelehnt, fl&uuml;sterte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
+Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist
+es wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich sp&uuml;re,
+da&szlig; sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gef&uuml;hl
+haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken
+hinein! Wei&szlig;t du, ich z&auml;hle die Tage ... Und du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary hatte nie so sch&ouml;n ausgesehen wie jetzt. Sie
+besa&szlig; eine unbeschreibliche Art von Sch&ouml;nheit, die aus
+Lebensfreude, Schw&auml;rmerei und Siegesgef&uuml;hl zusammenstr&ouml;mt
+und das Symbol seelischer und k&ouml;rperlicher Harmonie ist. Ihre
+heimlichen L&uuml;ste, ihre Tr&uuml;bsal, ihre erweiterten
+Liebesk&uuml;nste und ihre ewig jungen Tr&auml;ume hatten sich stetig
+entwickelt, just wie D&uuml;nger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur
+Entfaltung bringen, und nun erst erbl&uuml;hte ihre volle Eigenart.
+Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu geschnitten,
+schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie verschleierten ihre
+Aug&auml;pfel, w&auml;hrend ihr Atem die feinlinigen Nasenfl&uuml;gel weitete
+und es leise um die H&uuml;gel der Mundwinkel zuckte, die im
+Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war
+versucht zu sagen: ein Verf&uuml;hrer und K&uuml;nstler habe den Knoten
+ihres Haares &uuml;ber dem Nacken geordnet. Er sah aus wie
+eine schwere Welle, und doch war er nur lose und l&auml;ssig
+geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag f&uuml;r Tag
+aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und grazi&ouml;ser
+geworden, &auml;hnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
+Bezauberndes str&ouml;mte aus jeder Falte ihrer Kleider und
+aus dem Rhythmus ihres Ganges. Wie in den
+Flitterwochen erschien sie ihrem Manne entz&uuml;ckend und ganz
+unwiderstehlich.
+
+</P><P>
+
+Wenn er nachts sp&auml;t nach Hause kam, wagte er sie nicht zu
+wecken. Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht
+warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im
+Halbdunkel wie ein wei&szlig;es Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen
+bauschigen Vorh&auml;ngen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen
+Atemz&uuml;ge seines Kindes zu h&ouml;ren. Es wuchs sichtlich
+heran, jeder Monat brachte es vorw&auml;rts. Im Geiste sah er
+es bereits abends aus der Schule heimkehren, froh und
+munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mu&szlig;te
+das M&auml;del in eine Pension kommen. Das w&uuml;rde viel Geld
+kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er sann nach. Wie
+w&auml;re es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut pachtete?
+Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, w&uuml;rde er hinreiten
+und das N&ouml;tige anordnen. Der Ertrag k&auml;me auf die Sparkasse,
+sp&auml;ter k&ouml;nnten ja irgendwelche Papiere daf&uuml;r gekauft werden.
+Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit rechnete
+er, denn sein T&ouml;chterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte
+etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und h&uuml;bsch
+w&uuml;rde sie sein, die dann F&uuml;nfzehnj&auml;hrige! Ein Ebenbild ihrer
+Mutter! Ganz wie sie m&uuml;&szlig;te sie im Sommer einen gro&szlig;en runden
+Strohhut tragen. Dann w&uuml;rden die beiden von weitem f&uuml;r zwei
+Schwestern gehalten. Er stellte sich sein T&ouml;chterchen in Gedanken
+vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater
+und Mutter, Pantoffeln f&uuml;r ihn stickend. Und in der Wirtschaft
+w&uuml;rde sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn
+erf&uuml;llen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es w&uuml;rde
+sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verh&auml;ltnissen
+finden und sie gl&uuml;cklich machen. Und so bliebe es dann
+immerdar&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
+w&auml;hrend ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
+Tr&auml;umereien nach.
+
+</P><P>
+
+Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entf&uuml;hrt,
+auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
+zur&uuml;ckzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
+dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
+pl&ouml;tzlich von Bergesh&ouml;h auf irgendwelche m&auml;chtige Stadt
+hinab, mit ihrem Dom, ihren Br&uuml;cken, Schiffen, Limonenhainen und
+wei&szlig;en Marmorkirchen mit spitzen T&uuml;rmen. Zu Fu&szlig; wanderten sie
+dann durch die Stra&szlig;en. Frauen in roten Miedern boten ihnen
+Blumenstr&auml;u&szlig;e an. Glocken l&auml;uteten, Maulesel schrien, und
+dazwischen girrten Gitarren und rauschten Font&auml;nen, deren k&uuml;hler
+Wasserstaub auf Haufen von Fr&uuml;chten herabspr&uuml;hte. Sie lagen zu
+Pyramiden aufgeschichtet da, zu F&uuml;&szlig;en bleicher Bilds&auml;ulen, die
+unter dem Spr&uuml;hregen l&auml;chelten. Und eines Abends
+erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde
+trockneten, am Strand und zwischen den H&uuml;tten. Dort wollte sie
+bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem
+Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht des
+Meeres. Sie fuhren in Gondeln und tr&auml;umten in H&auml;ngematten.
+Das Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen
+Gew&auml;nder, und so warm und sternbes&auml;t wie die s&uuml;&szlig;en N&auml;chte,
+die sie schauernd genossen ... Das war ein unerme&szlig;licher
+Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte sie ihn
+nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der
+andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
+fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser
+Bewegung, stahlblau und sonnenbegl&auml;nzt&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
+laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das wei&szlig;e
+D&auml;mmerlicht an den Scheiben stand und Justin dr&uuml;ben die L&auml;den
+der Apotheke &ouml;ffnete.
+
+</P><P>
+
+Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich brauche einen Mantel, einen gro&szlig;en gef&uuml;tterten Reisemantel
+mit einem breiten Kragen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie wollen verreisen?&ldquo; fragte der H&auml;ndler.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, aber ... das ist ja gleichg&uuml;ltig! Ich kann mich auf
+Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Lheureux machte einen Kratzfu&szlig;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren
+... einen handlichen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;n! Sch&ouml;n! Ich wei&szlig; schon: zweiundneunzig zu f&uuml;nfzig! Wie
+man sie jetzt meist hat!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und eine Handtasche f&uuml;r das Nachtzeug!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aha,&ldquo; dachte der H&auml;ndler, &bdquo;sie hat sicher Krakeel gehabt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da!&ldquo; sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem
+G&uuml;rtel nestelte. &bdquo;Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit
+bezahlt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber Lheureux str&auml;ubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie
+w&auml;re doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe?
+Was solle denn das? Doch sie bestand darauf, da&szlig; er
+wenigstens die Kette n&auml;hme.
+
+</P><P>
+
+Er hatte sie bereits eingesackt und war schon drau&szlig;en, da rief
+ihn Emma zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Behalten Sie das Bestellte vorl&auml;ufig bei sich! Und den
+Mantel&nbsp;...,&ldquo; sie tat so, als ob sie sichs &uuml;berlegte &bdquo;...
+den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie
+mir die Adresse des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel
+soll bei ihm zum Abholen bereitliegen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
+Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
+machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Pl&auml;tze in der Post
+bestellen, P&auml;sse besorgen und nach Paris schreiben, damit
+das Gep&auml;ck gleich direkt bis Marseille bef&ouml;rdert w&uuml;rde.
+In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann
+sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas
+Gep&auml;ck sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne da&szlig;
+irgendwer Verdacht sch&ouml;pfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war
+von ihrem Kinde niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon
+zu sprechen. &bdquo;Sie denkt vielleicht nicht mehr daran&ldquo;, sagte er
+sich.
+
+</P><P>
+
+Er erbat sich zun&auml;chst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
+zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
+Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mu&szlig;te er
+eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach
+allen diesen Verz&ouml;gerungen schlie&szlig;lich &bdquo;unwiderruflich&ldquo; auf
+Montag den 4. September einigten.
+
+</P><P>
+
+Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gew&ouml;hnlich
+ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist alles bereit?&ldquo; fragte sie ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
+den Rand der Gartenmauer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist verstimmt?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein. Warum auch?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dabei sah er sie mit einem sonderbaren z&auml;rtlichen Blick an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht weil es nun fortgeht?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Weil du
+Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes
+jetziges Leben? Ich verstehe das wohl, wenn ich selber auch
+nichts derlei auf der Welt habe. Du bist mein alles! Und
+ebenso m&ouml;chte ich dir alles sein, Familie und Vaterland. Ich
+will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie lieb du bist!&ldquo; sagte er und zog sie an sein Herz.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wirklich?&ldquo; fragte sie in lachender Wollust. &bdquo;Du liebst mich?
+Schw&ouml;re mirs!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an,
+Liebste!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Vollmond ging purpurrot auf, dr&uuml;ben &uuml;ber der Linie des
+flachen Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er
+hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch
+ihre Zweige, versteckt wie hinter einem l&ouml;chrigen, schwarzen
+Vorhang. Und bald erschien er gl&auml;nzend-wei&szlig; im klaren Raume
+des weiten Himmels. Er ward immer silberner, und nun
+rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache &uuml;ber den Wellen in
+zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener
+Diamanten. Ringsum leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur
+in den Wipfeln hingen dunkle Schatten.
+
+</P><P>
+
+Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Z&uuml;gen den
+k&uuml;hlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken
+und verloren in ihre Gedanken. Die Z&auml;rtlichkeit vergangener Tage
+ergriff von neuem ihre Herzen, unersch&ouml;pflich und schweigsam wie
+der dahinflie&szlig;ende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
+Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
+verschwommener und wehm&uuml;tiger waren als die der unbeweglichen
+Weiden, deren Umrisse aus den Gr&auml;sern wuchsen. Zuweilen
+raschelte auf seiner n&auml;chtlichen Jagd ein Tier durchs
+Gestr&auml;uch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man h&ouml;rte, wie ein
+reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was f&uuml;r eine wunderbare Nacht!&ldquo; sagte Rudolf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir werden noch sch&ouml;nere erleben!&ldquo; erwiderte Emma. Und wie zu
+sich selbst fuhr sie fort: &bdquo;Ach, wie herrlich wird unsere Reise
+werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl?
+Ist es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das
+Gewohnte zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist
+das &Uuml;berma&szlig; von Gl&uuml;ck! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih
+mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch ist es Zeit!&ldquo; rief er aus. &bdquo;&Uuml;berleg dirs! Wird
+es dich auch niemals reuen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Niemals!&ldquo; beteuerte sie leidenschaftlich.
+
+</P><P>
+
+Sie schmiegte sich an ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was k&ouml;nnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt
+keine W&uuml;ste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht
+durchqueren w&uuml;rde! Je l&auml;nger wir zusammen leben werden, um so
+inniger und vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge,
+kein Hindernis wird uns mehr qu&auml;len! Wir werden allein sein
+und eins immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenr&auml;umen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... ja ... ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie strich mit den H&auml;nden durch sein Haar und fl&uuml;sterte wie ein
+kleines Kind unter gro&szlig;en rollenden Tr&auml;nen immer wieder:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter
+Rudolf&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es schlug Mitternacht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mitternacht!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Nun hei&szlig;t es: morgen! Nur noch
+ein Tag!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
+Geb&auml;rde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
+fr&ouml;hlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du die P&auml;sse?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du nichts vergessen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig;t du das genau?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz genau!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er nickte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Also morgen auf Wiedersehen!&ldquo; sagte Emma mit einem letzten
+Kusse.
+
+</P><P>
+
+Er ging, und sie sah ihm nach.
+
+</P><P>
+
+Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den
+Bachrand und rief durch die Weiden hindurch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf morgen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war schon dr&uuml;ben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
+die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah,
+wie ihr wei&szlig;es Kleid allm&auml;hlich im Schatten verschwand wie
+eine Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, da&szlig; er sich
+gegen einen Baum lehnen mu&szlig;te, um nicht umzusinken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin kein Mann!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Hol mich der Teufel! Ein
+h&uuml;bsches Weib wars doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten
+ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber emp&ouml;rte er sich gegen
+diese R&uuml;hrung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gestikulierte heftig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und dann das l&auml;stige Kind ... die Scherereien ... die
+Kosten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er z&auml;hlte sich das alles auf, um sich stark zu machen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Tausendmal nein! Es w&auml;re eine Riesentorheit!&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Dreizehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
+Schreibtisch, &uuml;ber dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
+Jagdtroph&auml;e, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
+wu&szlig;te er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen
+beide H&auml;nde gest&uuml;tzt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in
+weite Ferne entr&uuml;ckt. Der blo&szlig;e Entschlu&szlig;, mit ihr zu brechen,
+hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
+
+</P><P>
+
+Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem
+Schranke, der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte
+Blechschachtel hervor, in der urspr&uuml;nglich einmal Kakes drin
+gewesen waren und in der er seine &bdquo;Weiberbriefe&ldquo; aufbewahrte.
+Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu
+oberst lag ein Taschentuch, verbla&szlig;te Blutflecken darauf. Es
+war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spazierg&auml;nge hatte sie
+einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein.
+Daneben lag ein Bild von ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle
+vier Ecken daran waren abgesto&szlig;en. Das Kleid, das sie auf
+diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder
+Blick j&auml;mmerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und
+sich das Urbild in die Phantasie zur&uuml;ckzurufen suchte,
+verschwammen Emmas Z&uuml;ge in seinem Ged&auml;chtnisse, gleichsam
+als ob sich die noch lebende Erinnerung und das gemalte
+Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre
+vernichtete.
+
+</P><P>
+
+Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten
+Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
+sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Gesch&auml;ftsbriefe. Er
+suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
+mu&szlig;te er den ganzen Kasten durchw&uuml;hlen. Aus dem Wust von
+Papieren und kleinen Gegenst&auml;nden zog er mechanisch welke Blumen,
+ein Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken
+heraus. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten
+sich ins Scharnier gezw&auml;ngt und rissen nun beim
+Herausnehmen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Mit allen diesen Andenken vertr&ouml;delte er eine Weile. Er stellte
+seine Betrachtungen &uuml;ber die verschiedenen Handschriften an,
+&uuml;ber den Stil in den einzelnen Briefb&uuml;ndeln, &uuml;ber die nicht
+minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten
+z&auml;rtlich geschrieben, andre lustig, witzig oder r&uuml;hrselig. Die
+wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
+bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
+einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
+Erinnerung herauf.
+
+</P><P>
+
+Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
+Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
+in den Schmutz. Etwas Gemeinsames &mdash; die Liebe &mdash; stellte
+sie allesamt auf ein und dasselbe Niveau.
+
+</P><P>
+
+Wahllos nahm er einen Sto&szlig; Briefe in die Finger, bildete eine
+Art F&auml;cher daraus und spielte damit. Schlie&szlig;lich aber warf er
+sie, halb gelangweilt, halb vertr&auml;umt, wieder in den Kasten und
+stellte diesen in den Schrank zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lauter Bl&ouml;dsinn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war
+wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos
+herumgetrampelt waren, da&szlig; kein gr&uuml;ner Halm mehr spro&szlig;. Die
+Freuden des Daseins hatten noch gr&uuml;ndlicher gewirtschaftet.
+Die Sch&uuml;ler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz
+war keiner zu lesen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nun aber los!&ldquo; rief er sich zu.
+
+</P><P>
+
+Er begann zu schreiben:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Liebe Emma!
+
+</P><P>
+
+Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr&uuml;mmern&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eigentlich sehr richtig!&ldquo; dachte er bei sich. &bdquo;Das ist nur
+in ihrem Interesse. Also durchaus anst&auml;ndig von mir&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... Hast Du Dir Deinen Entschlu&szlig; wirklich reiflich &uuml;berlegt?
+Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich
+Dich beinahe schon gef&uuml;hrt h&auml;tte? Wohl nicht! Du folgst mir
+tollk&uuml;hn und zuversichtlich, im festen Glauben an das Gl&uuml;ck,
+an die Zukunft! Ach, wie ungl&uuml;cklich sind wir! Und wie verblendet
+waren wir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf h&ouml;rte zu schreiben auf. Er suchte nach guten
+Ausfl&uuml;chten. &bdquo;Wenn ich ihr nun sagte, ich h&auml;tte mein
+Verm&ouml;gen verloren? Ach, nein, lieber nicht! &Uuml;brigens n&uuml;tzte
+das nichts. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem
+los. Es ist, wei&szlig; Gott, verdammt schwer, so eine Frau
+wieder vern&uuml;nftig zu machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sann nach, dann schrieb er weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein
+ganzes Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner
+gedenken. So aber h&auml;tte sich unsre Leidenschaft (das ist nun
+einmal das Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages,
+fr&uuml;her oder sp&auml;ter, doch verfl&uuml;chtet. Zweifellos! Wir w&auml;ren
+ihrer m&uuml;de geworden, und wer wei&szlig;, ob mir nicht der gr&auml;&szlig;liche
+Schmerz beschieden gewesen w&auml;re, Deine Reue zu erleben und selber
+welche zu empfinden als Veranlasser der Deinigen? Die blo&szlig;e
+Vorstellung, Dir dieses Leid verursachen zu k&ouml;nnen, martert
+mich. Liebste Emma, vergi&szlig; mich! Wir h&auml;tten uns nie kennen
+lernen sollen! Warum bist Du so sch&ouml;n! Bin ich der Schuldige? Bei
+Gott, nein, nein! Wir m&uuml;ssen das Schicksal anklagen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dieses Wort machte immer Eindruck&ldquo;, sagte er zu sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau w&auml;rst, wie es ihrer so
+viele gibt, ja dann h&auml;tte ich den Versuch wagen k&ouml;nnen, aus
+Egoismus, ohne Gefahr f&uuml;r Dich. Aber bei Deiner k&ouml;stlichen
+schw&auml;rmerischen Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich
+Deines vielen Kummers, bist Du nicht imstande, Du Beste
+aller Frauen, die Kehrseite unsrer zuk&uuml;nftigen Stellung in der
+Welt vorauszusehen. Auch ich habe zun&auml;chst gar nicht daran
+gedacht, habe mich in unserm H&ouml;hengl&uuml;cke behaglich gesonnt, mich
+in ein M&auml;rchenland getr&auml;umt und mich um keine Folgen
+gek&uuml;mmert&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht glaubt sie, ich z&ouml;ge mich aus Geiz zur&uuml;ck ...
+Auch egal! Desto besser! Wenns nur Schlu&szlig; wird!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man h&auml;tte uns
+&uuml;berall, wohin wir gekommen w&auml;ren, Schwierigkeiten bereitet. Du
+h&auml;ttest unversch&auml;mte Fragen, Verleumdungen, Schm&auml;hungen und
+vielleicht Beleidigungen &uuml;ber Dich ergehen lassen m&uuml;ssen.
+Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner K&ouml;nigin erheben.
+Du solltest mein Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der
+Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich
+gehe fort. Wohin? Ach, ich wei&szlig; es nicht, ich bin wahnsinnig!
+
+</P><P>
+
+Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergi&szlig; den Ungl&uuml;cklichen nicht
+ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen,
+damit sie mich in ihre Gebete einschlie&szlig;t!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
+Schreibtisch auf und schlo&szlig; das Fenster.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Ich denke, das gen&uuml;gt! Halt! Noch etwas! Auf keinen
+Fall eine Aussprache!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn Du diese betr&uuml;bten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
+weg, denn ich mu&szlig; eilends fliehen, um der Versuchung zu
+entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach
+werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht
+miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, k&uuml;hl und
+vern&uuml;nftig. Adieu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er setzte noch ein &bdquo;A dieu!&ldquo; darunter, in zwei Worten
+geschrieben. Das hielt er f&uuml;r sehr geschmackvoll.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie soll ich nun unterzeichnen?&ldquo; fragte er sich. &bdquo;Dein
+ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und er schrieb:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dein treuer Freund
+
+</P><P>
+
+R.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Armes Frauchen!&ldquo; dachte er in einem Anflug von R&uuml;hrseligkeit.
+&bdquo;Sie wird denken, ich sei gef&uuml;hllos wie Stein. Eigentlich
+fehlen ein paar Tr&auml;nenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das
+ist mein Fehler.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er go&szlig; etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte
+einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und lie&szlig; einen gro&szlig;en
+Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift
+f&auml;rbte ihn bla&szlig;blau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun
+nach einem Petschaft. Das mit dem Wahlspruch
+<TT>Amor nel Cor</TT> geriet ihm in die Hand.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Pa&szlig;t eigentlich nicht gerade!&ldquo; dachte er. &bdquo;Ach was! Tut
+nichts!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
+
+</P><P>
+
+Es war sp&auml;t geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen
+zwei Uhr auf. Alsbald lie&szlig; er ein K&ouml;rbchen Aprikosen
+pfl&uuml;cken, legte den Brief unter die Weinbl&auml;tter am Boden und
+befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverz&uuml;glich Frau
+Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma h&auml;ufig Nachrichten
+zukommen lassen, je nach der Jahreszeit, zusammen mit Fr&uuml;chten
+oder Wild.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn sie sich nach mir erkundigt,&ldquo; instruierte er, &bdquo;dann
+antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr pers&ouml;nlich
+in die H&auml;nde! Verstanden? So! Ab!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gerhard zog seine neue Bluse an, kn&uuml;pfte sein Taschentuch &uuml;ber
+die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
+schwerf&auml;lligen Schritten voller Gem&uuml;tsruhe gen Yonville.
+
+</P><P>
+
+Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
+besch&auml;ftigt, auf dem K&uuml;chentische zusammen mit Felicie W&auml;sche
+zu falten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eine sch&ouml;ne Empfehlung von meinem Herrn,&ldquo; vermeldete er, &bdquo;und
+das schickt er hier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma &uuml;berkam eine bange Ahnung, und w&auml;hrend sie in ihrer
+Sch&uuml;rzentasche nach einem Geldst&uuml;cke zum Trinkgeld suchte, sah
+sie den Mann mit verst&ouml;rtem Blick an. Der betrachtete sie
+verwundert; er begriff nicht, da&szlig; ein solches Geschenk
+jemanden so sehr aufregen k&ouml;nne. Dann ging er.
+
+</P><P>
+
+Felicie war noch da. Emma hielt es nicht l&auml;nger aus, sie
+eilte in das E&szlig;zimmer, indem sie sagte, sie wolle die
+Aprikosen dahin tragen. Dort sch&uuml;ttete sie den Korb aus, nahm
+die Weinbl&auml;tter heraus und fand den Brief. Sie &ouml;ffnete ihn
+und floh hinauf nach ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr.
+Sie war fassungslos vor Angst.
+
+</P><P>
+
+Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie
+verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe h&ouml;her,
+au&szlig;er Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverr&uuml;ckt, immer den
+unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
+knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
+Bodent&uuml;re stehen.
+
+</P><P>
+
+Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem
+Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht.
+Nirgends war sie ungest&ouml;rt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, hier gehts!&ldquo; sagte sie sich. Sie klinkte die T&uuml;r auf
+und trat in die Bodenkammer.
+
+</P><P>
+
+Unter den Schieferplatten des Daches br&uuml;tete dumpfe
+Schw&uuml;le, die ihr auf die Schl&auml;fen dr&uuml;ckte und den Atem benahm.
+Sie schleppte sich bis zu dem gro&szlig;en Bodenfenster und stie&szlig;
+den Holzladen auf. Grelles Licht flutete ihr entgegen.
+
+</P><P>
+
+Vor ihr, &uuml;ber den D&auml;chern, breitete sich das Land bis in
+die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine
+des Fu&szlig;steigs gl&auml;nzten. Die Wetterfahnen der H&auml;user
+standen unbeweglich. Aus dem Eckhause schr&auml;g gegen&uuml;ber,
+aus einem der Dachfenster drang ein schnarrendes,
+kreischendes Ger&auml;usch herauf. Binet sa&szlig; an seiner Drehbank.
+
+</P><P>
+
+Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit
+zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je
+gr&uuml;ndlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken.
+Im Geist sah sie den Geliebten, h&ouml;rte ihn reden, zog ihn
+leidenschaftlich an sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie
+mit wuchtigen Hammerschl&auml;gen, die immer rascher und
+unregelm&auml;&szlig;iger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie f&uuml;hlte
+den Wunsch in sich, da&szlig; die ganze Welt zusammenst&uuml;rze. Wozu
+weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die
+Vogelfreie?
+
+</P><P>
+
+Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab
+auf das Stra&szlig;enpflaster.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mut! Mut!&ldquo; rief sie sich zu.
+
+</P><P>
+
+Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres
+K&ouml;rpers f&ouml;rmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung,
+als bewege sich die Fl&auml;che des Marktplatzes und hebe
+sich an den H&auml;usermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie
+stand, begann zu schwanken wie das Deck eines Seeschiffes
+... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinaus. Schon hing
+sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und
+die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch
+sich nicht mehr festzuhalten, nur noch die H&auml;nde loszulassen
+... Ohne Unterla&szlig; summte unten die Drehbank wie die rufende
+Stimme eines b&ouml;sen Geistes&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+In diesem Moment rief Karl:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma! Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da kam sie wieder zur Besinnung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo steckst du denn? Komm doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, da&szlig; sie soeben dem Tode entronnen war, erf&uuml;llte sie
+mit Schrecken und Grauen. Sie schlo&szlig; die Augen. Zusammenfahrend
+f&uuml;hlte sie sich von jemandem am Arm gefa&szlig;t: es war Felicie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie mu&szlig;te hinunter, mu&szlig;te sich mit zu Tisch setzen.
+
+</P><P>
+
+Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
+hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie
+sich die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und
+wirklich tat sie das und begann die F&auml;den des Gewebes zu
+z&auml;hlen ... Pl&ouml;tzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie
+ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt,
+als da&szlig; sie imstande gewesen w&auml;re, einen Vorwand zu ersinnen,
+um bei Tisch aufstehen zu k&ouml;nnen. Sie war feig geworden. Sie
+hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wu&szlig;te er nun alles,
+sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigent&uuml;mlicher
+Betonung:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer hat dir das gesagt?&ldquo; fragte sie zitternd.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer mir das gesagt hat?&ldquo; wiederholte er, ein wenig betroffen
+von dem harten Klang ihrer Frage. &bdquo;Na, sein Kutscher, dem ich
+vorhin vor dem Cafe Fran&ccedil;ais begegnet bin. Boulanger ist
+verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma schluchzte laut auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wundert dich das?&ldquo; fuhr er fort. &bdquo;Er verdr&uuml;ckt sich doch
+immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm
+nicht verdenken. Wenn man das n&ouml;tige Geld dazu hat und
+Junggeselle ist&nbsp;... &Uuml;brigens ist unser Freund ein
+Lebensk&uuml;nstler! Ein alter Sch&auml;ker! Langlois hat mir
+erz&auml;hlt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstm&auml;dchen gerade
+hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das
+K&ouml;rbchen, das auf der Kredenz stand. Karl lie&szlig; es sich auf
+den Tisch bringen, ohne zu bemerken, da&szlig; seine Frau rot wurde. Er
+nahm eine der Fr&uuml;chte und bi&szlig; hinein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah!&ldquo; machte er. &bdquo;Vorz&uuml;glich! Koste mal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schob ihr das K&ouml;rbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bekomm keine Luft!&ldquo; rief sie und sprang auf. Aber schnell
+beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft.
+&bdquo;Es war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz
+dich nur wieder hin und i&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie f&uuml;rchtete, er k&ouml;nne sie ausfragen, um sie besorgt sein
+und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte
+sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand
+und legte sie dann auf seinen Teller.
+
+</P><P>
+
+Da fuhr drau&szlig;en ein blauer Dogcart im flotten Trabe &uuml;ber den
+Markt. Emma stie&szlig; einen Schrei aus und fiel r&uuml;cklings
+langhin zu Boden.
+
+</P><P>
+
+Rudolf hatte sich nach langer &Uuml;berlegung entschlossen, nach Rouen
+zu fahren. Da nun aber von der H&uuml;chette nach dorthin kein anderer
+Weg als der &uuml;ber Yonville f&uuml;hrte, mu&szlig;te er diesen Ort wohl
+oder &uuml;bel ber&uuml;hren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen,
+die drau&szlig;en die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, da&szlig; im Hause des
+Arztes &bdquo;was los sei&ldquo;, st&uuml;rzte herbei. Der E&szlig;tisch war
+mit allem, was darauf gestanden, umgest&uuml;rzt. Die Teller,
+das Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und &Ouml;l, alles
+lag auf dem Fu&szlig;boden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die
+erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in
+Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden H&auml;nden die Kleider auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde schnell Kr&auml;uteressig aus meinem Laboratorium
+holen!&ldquo; sagte Homais.
+
+</P><P>
+
+Als man Emma das Fl&auml;schchen ans Gesicht hielt, schlug
+sie seufzend die Augen wieder auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo; meinte der Apotheker. &bdquo;Damit kann man Tote
+erwecken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sprich!&ldquo; bat Karl. &bdquo;Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein
+Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib
+ihr einen Ku&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Kind streckte die &Auml;rmchen nach der Mutter aus und
+wollte sie um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg
+und stammelte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht doch! Niemanden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wurde abermals ohnm&auml;chtig. Man trug sie in ihr Bett.
+
+</P><P>
+
+Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
+geschlossen, die H&auml;nde schlaff herabh&auml;ngend, regungslos
+und bla&szlig; wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tr&auml;nen,
+die in zwei Ketten langsam auf das Kissen rannen.
+
+</P><P>
+
+Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
+nachdenklich, wie das bei ernsten Vorf&auml;llen so herk&ouml;mmlich
+ist.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Beruhigen Sie sich!&ldquo; sagte Homais und zupfte den Arzt. &bdquo;Ich
+glaube, der Paroxysmus ist vor&uuml;ber.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. &bdquo;Jetzt
+scheint sie ein wenig zu schlafen, die &Auml;rmste! Ein R&uuml;ckfall in
+das alte Leiden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab
+zur Antwort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz pl&ouml;tzlich! W&auml;hrend sie eine Aprikose a&szlig;.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;chst merkw&uuml;rdig!&ldquo; meinte der Apotheker. &bdquo;Es ist
+indessen m&ouml;glich, da&szlig; die Aprikosen die Ohnmacht verursacht
+haben. Es gibt gewisse Naturen, die f&uuml;r bestimmte Ger&uuml;che
+stark empf&auml;nglich sind. Es w&auml;re eine sehr interessante
+Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen,
+sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen
+Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher gewu&szlig;t, wie
+wertvoll das f&uuml;r sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim
+Gottesdienst ist uralt. Damit schl&auml;fert man den Verstand ein
+und versetzt And&auml;chtige in Ekstase, am leichtesten &uuml;brigens
+weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir M&auml;nner. Ich
+habe von F&auml;llen gelesen, wo Frauen ohnm&auml;chtig geworden sind beim
+Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geben Sie acht, da&szlig; sie nicht aufgeweckt wird!&ldquo; mahnte Bovary
+mit fl&uuml;sternder Stimme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,&ldquo;
+fuhr der Apotheker fort, &bdquo;sondern sogar bei Tieren. Zweifellos
+ist Ihnen nicht unbekannt, da&szlig; <TT>Nepeta
+cataria</TT>, vulg&auml;r Katzenminze, sonderbarerweise auf
+das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum wirkt. Einen
+weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung anf&uuml;hren.
+Bridoux, ein Studienfreund von mir &mdash; er wohnt jetzt in der
+Malpalu-Stra&szlig;e &mdash; besitzt einen Foxterrier, der jedesmal
+Kr&auml;mpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die
+Nase h&auml;lt. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit
+angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde.
+Sollte mans f&uuml;r m&ouml;glich halten, da&szlig; ein so harmloses
+Niesemittel in den Organismus eines Vierf&uuml;&szlig;lers
+derartig eingreifen kann? Das ist h&ouml;chst merkw&uuml;rdig, nicht
+wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo; sagte Karl, der gar nicht darauf geh&ouml;rt hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das beweist uns,&ldquo; fuhr der andre fort,
+gutm&uuml;tig-selbstgef&auml;llig l&auml;chelnd, &bdquo;da&szlig; im Nervensystem
+zahllose Unregelm&auml;&szlig;igkeiten m&ouml;glich sind. Ich mu&szlig; gestehen,
+da&szlig; mir Ihre Frau Gemahlin immer au&szlig;erordentlich reizsam
+vorgekommen ist. Darum m&ouml;chte ich Ihnen, verehrter Freund, auf
+keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die
+angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in
+Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier
+sind Medikamente unn&uuml;tz! Di&auml;t! Weiter nichts! Beruhigende,
+milde, kr&auml;ftigende Kost! Und dann, k&ouml;nnte man bei ihr nicht auch
+irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken versuchen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso? Womit?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage!
+<TT>That is the question!</TT> &mdash; wie ich
+neulich in der Zeitung gelesen habe.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma erwachte und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Brief? Der Brief?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die beiden M&auml;nner glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
+das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentz&uuml;ndung.
+
+</P><P>
+
+In den n&auml;chsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager.
+Er vernachl&auml;ssigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
+unerm&uuml;dlich ma&szlig; er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und
+erneute die Kaltwasser-Umschl&auml;ge. Er schickte Justin nach
+Neufch&acirc;tel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs.
+Justin mu&szlig;te nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert.
+Professor Larivi&egrave;re, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen
+hergeholt. Karl war der v&ouml;lligen Verzweiflung nahe. Am meisten
+&auml;ngstigte ihn Emmas Apathie. Sie sprach nicht, interessierte
+sich f&uuml;r nichts, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu
+empfinden. Es war, als h&auml;tten K&ouml;rper wie Geist bei ihr
+alle ihre Funktionen eingestellt.
+
+</P><P>
+
+Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gest&uuml;tzt, wieder
+aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Br&ouml;tchen
+mit eingemachten Fr&uuml;chten verzehrte, da weinte Karl. Allm&auml;hlich
+kehrten ihre Kr&auml;fte zur&uuml;ck. Sie durfte nachmittags ein paar
+Stunden aufstehen, und eines Tages f&uuml;hlte sie sich soweit
+wohl, da&szlig; sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den
+Garten versuchte.
+
+</P><P>
+
+Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz
+langsam, in Hausschuhen, ohne die F&uuml;&szlig;e zu heben. An Karl
+angeschmiegt, l&auml;chelte sie in einem fort vor sich hin.
+
+</P><P>
+
+So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
+stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
+&uuml;ber die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber
+es gab in der Ferne nichts zu sehen als auf den H&uuml;geln
+gro&szlig;e Feuer, in denen man landwirtschaftliche &Uuml;berbleibsel
+verbrannte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!&ldquo; warnte Karl
+und geleitete sie behutsam zur Laube hin. &bdquo;Setz dich hier ein
+wenig auf die Bank! Das wird dir gut tun!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!&ldquo; stie&szlig; sie mit
+ersterbender Stimme hervor.
+
+</P><P>
+
+Sie wurde ohnm&auml;chtig, und abends war die Krankheit von neuem
+da, und zwar in erh&ouml;htem Grade und mit allerlei Komplikationen.
+Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im
+Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein
+Auswurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der
+Lungenschwindsucht zu erkennen w&auml;hnte.
+
+</P><P>
+
+Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Vierzehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Zun&auml;chst wu&szlig;te er nicht, wie er dem Apotheker die vielen
+Arzneien verg&uuml;ten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als
+Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber das w&auml;re ihm
+peinlich gewesen. Dann war der Haushalt, jetzt wo ihn das
+M&auml;dchen f&uuml;hrte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen
+regneten nur so ins Haus. Die Lieferanten begannen
+ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte Lheureux in l&auml;stiger
+Weise. Er hatte den H&ouml;hepunkt von Emmas Krankheit dazu
+benutzt, ihre Rechnung h&ouml;her auszuschreiben, als sie
+wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche
+und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer
+Gegenst&auml;nde, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es
+n&uuml;tzte Bovary gar nichts, da&szlig; er erkl&auml;rte, er brauche die
+Sachen nicht; der H&auml;ndler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle
+diese Waren seien bei ihm bestellt und er n&auml;hme sie nicht
+zur&uuml;ck. Herr Bovary m&ouml;ge sichs &uuml;berlegen; er werde ihn eher
+verklagen als sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin
+dem M&auml;dchen, die Gegenst&auml;nde im Gesch&auml;ft abzugeben, aber
+Felicie verga&szlig; es. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu
+k&uuml;mmern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit
+unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald
+jammernd, brachte er es so weit, da&szlig; ihm Bovary schlie&szlig;lich
+einen Wechsel ausstellte, der in sechs Monaten f&auml;llig war.
+Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der k&uuml;hne Gedanke,
+tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er
+ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zinsfu&szlig; verschaffen
+k&ouml;nne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen Laden, brachte
+das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich
+Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres
+eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits
+anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine
+Gesamtschuld von zw&ouml;lfhundertundf&uuml;nfzig Franken. Lheureux machte
+hierbei ein ganz h&uuml;bsches Gesch&auml;ft; im &uuml;brigen wu&szlig;te er im
+voraus genau, da&szlig; es hierbei nicht bliebe. Er rechnete
+darauf, da&szlig; der Arzt die Wechsel am F&auml;lligkeitstage nicht
+einl&ouml;sen k&ouml;nne und sie prolongieren m&uuml;sse. Auf diese Weise
+sollte das erst armselige S&uuml;mmchen im Hause des Arztes
+wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und
+eines Tages dick und rund zu ihm zur&uuml;ckkehren.
+
+</P><P>
+
+Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die
+regelm&auml;&szlig;igen Apfelweinlieferungen f&uuml;r das Neufch&acirc;teler
+Krankenhaus. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der
+Torfgruben zu Gr&uuml;mesnil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane,
+zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu er&ouml;ffnen,
+die den alten Rumpelkasten des Goldnen L&ouml;wen unbedingt au&szlig;er
+Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller f&uuml;hre, billiger
+w&auml;re und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von
+Yonville in seine H&auml;nde bringen.
+
+</P><P>
+
+Karl gr&uuml;belte oftmals dar&uuml;ber nach, wie er die betr&auml;chtliche
+Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen k&ouml;nne. Er kam dabei auf
+allerhand M&ouml;glichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
+oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich
+keinen Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte
+sich sonst noch ausdenken, was er wollte: &uuml;berall drohten
+die gr&ouml;&szlig;ten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu
+gern weitere unerfreuliche &Uuml;berlegungen. Er redete sich ein, er
+vernachl&auml;ssige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und
+Trachten widme. Er wollte an nichts andres denken, selbst
+wenn ihr dadurch kein Abbruch gesch&auml;he.
+
+</P><P>
+
+Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam
+vorw&auml;rts. Als das Wetter w&auml;rmer wurde, schob man sie in
+ihrem Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem
+Marktplatze zu gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten
+war ihr jetzt verleidet; deshalb mu&szlig;te seine Jalousie
+best&auml;ndig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, da&szlig; ihr
+Reitpferd verkauft werden solle. Alles, was ihr fr&uuml;her lieb
+gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie k&uuml;mmerte sich um nichts
+mehr als um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie
+in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem M&auml;dchen, um sich
+die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der
+Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen
+Widerschein in das Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand
+eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden
+unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie
+eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der
+allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen L&ouml;wen. Dann redete die
+Wirtin laut, allerlei andre Stimmen l&auml;rmten dazwischen, und die
+Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
+herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
+Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
+ihre Bouillon. Um f&uuml;nf Uhr, wenn es zu d&auml;mmern begann, kamen
+die Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen
+&uuml;ber das Trottoir, und im Vor&uuml;bergehen schlug eins wie
+das andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der
+Fensterl&auml;den.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
+sich nach ihrem Befinden, erz&auml;hlte ihr Neuigkeiten und ermahnte
+sie zur Fr&ouml;mmigkeit in gef&auml;lligem Plaudertone. Schon der Anblick
+der Soutane hatte f&uuml;r Emma etwas Beruhigendes.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte
+sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes
+St&uuml;ndlein sei gekommen. W&auml;hrend man im Gemach die n&ouml;tigen
+Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen
+bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fu&szlig;boden mit
+Blumen bestreute, da war es ihr, als &uuml;berk&auml;me sie eine
+geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen
+und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie k&ouml;rperlos geworden, sie
+hegte keine Gedanken mehr, und ein neues Leben begann ihr. Sie
+hatte das Gef&uuml;hl, als schwebe ihre Seele gen Himmel, als
+verl&ouml;sche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine
+Opferflamme &uuml;ber verglimmendem R&auml;ucherwerk. Man besprengte ihr
+Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die wei&szlig;e Hostie aus
+dem heiligen Ciborium. Halb ohnm&auml;chtig vor &uuml;berirdischer Lust,
+&ouml;ffnete Emma die Lippen, um den Leib des Heilands zu
+empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorh&auml;nge um sie herum
+bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen
+auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
+Gloriolen her&uuml;ber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen
+zur&uuml;cksank, glaubte sie aus himmlischen H&ouml;hen seraphische
+Harfenkl&auml;nge zu h&ouml;ren und im Azur auf goldnem Throne, umringt
+von Heiligen mit gr&uuml;nen Palmen, Gott den Vater in aller seiner
+erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit
+Flammenfl&uuml;geln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Ged&auml;chtnisse.
+Es war der allersch&ouml;nste Traum, den sie je getr&auml;umt. Sie gab
+sich M&uuml;he, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr
+nicht aus der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal
+und in s&uuml;&szlig;er Verkl&auml;rung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich
+in christlicher Demut. Das Gef&uuml;hl der menschlichen Ohnmacht
+ward ihr ein k&ouml;stlicher Genu&szlig;. Sie sah f&ouml;rmlich, wie aus
+ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden
+g&ouml;ttlichen Gnade T&uuml;r und Tor weit &ouml;ffnete. Es gab also
+au&szlig;er dem Erdengl&uuml;ck eine h&ouml;here Gl&uuml;ckseligkeit und &uuml;ber
+aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und
+ohne Ende, eine Br&uuml;cke in das Ewige! In neuen Illusionen
+ertr&auml;umte sie sich &uuml;ber der Erde ein Reich der Reinheit, einen
+Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine
+Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkr&auml;nze und trug Amulette.
+Ihr gr&ouml;&szlig;ter Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu H&auml;upten ihres
+Bettes, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den
+wollte sie dann alle Abende k&uuml;ssen.
+
+</P><P>
+
+Der Pfarrer wunderte sich &uuml;ber Emmas Wandlung, verhehlte sich
+jedoch nicht, da&szlig; diese allzu inbr&uuml;nstige Fr&ouml;mmigkeit sehr
+leicht in &Uuml;berschwenglichkeit und Ketzerei ausarten k&ouml;nne.
+Aber er war kein Seelenkenner, zumal au&szlig;ergew&ouml;hnlichen
+Erscheinungen gegen&uuml;ber. Deshalb wandte er sich an den
+Buchh&auml;ndler des Erzbischofs und bat ihn, ihm &bdquo;ein
+passendes Erbauungsbuch f&uuml;r eine gebildete
+Frauensperson&ldquo; zu schicken. Mit der gr&ouml;&szlig;ten
+Gleichg&uuml;ltigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen
+Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
+Buchh&auml;ndler alle m&ouml;glichen gerade vorr&auml;tigen frommen Schriften
+in ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,
+Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und fr&ouml;mmelnde Romane in
+rosa Einb&auml;ndchen und s&uuml;&szlig;lichem Stil, verbrochen von dichtenden
+Schulmeistern oder blaustr&uuml;mpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
+&bdquo;Die Herzpostille&ldquo;, &bdquo;Der Weltmann zu F&uuml;&szlig;en Mari&auml;. Von Herrn
+von ***, Ritter mehrerer Orden&ldquo;, &bdquo;Voltaires Ketzereien zum
+Gebrauch f&uuml;r die Jugend&ldquo;, usw. usw.
+
+</P><P>
+
+Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
+Dingen ernstlich befassen zu k&ouml;nnen. &Uuml;berdies st&uuml;rzte sie
+sich auf diese B&uuml;cher mit allzu gro&szlig;em Bed&uuml;rfnis nach
+wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren emp&ouml;rte
+sie, die Anma&szlig;ungen der Polemik stie&szlig;en sie ab, und die
+Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden,
+mi&szlig;fiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religi&ouml;se
+Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der
+geringsten Weltkenntnis. Sie verschleierten die Realit&auml;ten
+des Lebens, f&uuml;r deren Brutalit&auml;t sie viel lieber
+literarische Beweise gefunden h&auml;tte. Trotzdem las sie weiter,
+und wenn ihr eins der B&uuml;cher aus den H&auml;nden glitt, dann
+w&auml;hnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
+empfinden, wie ihn nur die &uuml;bersinnlichsten Seelen zu versp&uuml;ren
+imstande sind.
+
+</P><P>
+
+Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres
+Herzens begraben; darin ruhte es unber&uuml;hrter und stiller
+denn eine &auml;gyptische K&ouml;nigsmumie in ihrer Kammer. Aus
+dieser gro&szlig;en eingesargten Liebe drang ein leiser, alles
+durchstr&ouml;mender Duft von Z&auml;rtlichkeit in das neue reine
+Dasein, das Emma f&uuml;hren wollte. Wenn sie in ihrem gotischen
+Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten
+Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugefl&uuml;stert hatte in den
+Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie der g&ouml;ttlichen
+Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine
+Tr&ouml;stung, und sie erhob sich mit m&uuml;den Gliedern und dem leeren
+Gef&uuml;hl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,
+dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
+ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den gro&szlig;en Damen
+der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie &uuml;ber den
+Szenen aus dem Leben des Fr&auml;uleins von Lavalli&egrave;re
+tr&auml;umte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit k&ouml;niglicher
+Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen
+Stunden zu F&uuml;&szlig;en Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen
+ausgeweint hatten.
+
+</P><P>
+
+Nun wurde sie &uuml;ber die Ma&szlig;en mildt&auml;tig. Sie n&auml;hte Kleider f&uuml;r
+die Armen, schickte W&ouml;chnerinnen Brennholz, und als Karl
+eines Tages heimkam, fand er in der K&uuml;che drei
+Gassenjungen, die Suppe a&szlig;en. Die kleine Berta wurde wieder
+ins Haus genommen; Karl hatte sie w&auml;hrend der Krankheit
+seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma
+das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte, regte sie sich
+nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation &uuml;ber sie gekommen,
+eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache ward voll
+gew&auml;hlter Ausdr&uuml;cke, selbst Allt&auml;glichkeiten gegen&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,
+abgesehen von ihrer Manie, f&uuml;r Waisenkinder Jacken zu stricken
+und ihre eigenen Wischt&uuml;cher unausgebessert zu lassen. Aber
+die gute Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause derma&szlig;en
+m&uuml;de, da&szlig; ihr der Frieden am Herde ihres Sohnes so
+wohltat, da&szlig; sie bis nach Ostern dablieb, um den
+B&auml;rbei&szlig;igkeiten des alten Bovary zu entgehen, der alle
+Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem
+Tische sehen wollte.
+
+</P><P>
+
+Au&szlig;er der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
+Rechtlichkeit und ihr w&uuml;rdiges Wesen einen gewissen Halt gab,
+hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten
+mit ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau D&uuml;breuil, Frau
+T&uuml;vache, sowie die treffliche Frau Homais, die sich
+regelm&auml;&szlig;ig zwischen drei und f&uuml;nf Uhr einstellte. Sie hatte dem
+Klatsch, der &uuml;ber ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war,
+niemals Glauben schenken wollen. Auch die Apothekerskinder
+kamen mitunter in Justins Begleitung. Er brachte sie in
+Emmas Zimmer und blieb in der N&auml;he der T&uuml;re stehen, ohne sich
+zu r&uuml;hren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau
+Bovary gar nicht und lie&szlig; sich in ihrem Toilettemachen nicht
+st&ouml;ren. Sie k&auml;mmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem
+Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigent&uuml;mlichen
+heftigen Bewegung zur&uuml;ckwarf. Als der arme Junge zum ersten
+Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln
+bis zu den Knien herabwallte, war es ihm zumute, als
+schaue er pl&ouml;tzlich ganz Neues, Au&szlig;ergew&ouml;hnliches, und er
+starrte wie geblendet hin.
+
+</P><P>
+
+Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entz&uuml;cken noch
+seine sch&uuml;chterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, da&szlig; die
+aus ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in
+neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd,
+in einem jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer
+Frauensch&ouml;nheit weit &ouml;ffnete. Im &uuml;brigen war sie jetzt in jeder
+Hinsicht grenzenlos gleichg&uuml;ltig. Mit dem stolzesten Gesichte
+sagte sie die z&auml;rtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so
+widerspruchsvoll, da&szlig; man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid
+an ihr unterscheiden konnte. Man wu&szlig;te nicht mehr, war sie
+verdorben oder unnahbar.
+
+</P><P>
+
+Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten &uuml;ber ihr
+Dienstm&auml;dchen. Es bat, ausgehen zu d&uuml;rfen, und
+stotterte irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du liebst ihn also?&ldquo; und, ohne Felicies Antwort abzuwarten,
+f&uuml;gte sie in traurigem Tone hinzu: &bdquo;Geh! Lauf! Vergn&uuml;ge dich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In den ersten Fr&uuml;hlingstagen lie&szlig; sie den Garten vollst&auml;ndig
+um&auml;ndern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich
+dar&uuml;ber, da&szlig; sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
+&auml;u&szlig;erte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, da&szlig; sie
+sich wieder erholt hatte. Zun&auml;chst brachte sie es zuwege, da&szlig;
+Frau Rollet, die Amme, die sichs angew&ouml;hnt hatte, Tag f&uuml;r Tag
+mit ihren S&auml;uglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen
+Appetit in der K&uuml;che zu erscheinen, von dannen gejagt wurde.
+Sodann sch&uuml;ttelte sie sich die Familie Homais vom Halse, nach
+und nach auch die andern regelm&auml;&szlig;igen Besucherinnen. Sogar in
+die Kirche ging sie seltener, zur gro&szlig;en Freude des
+Apothekers, der ihr daraufhin freundschaftlichst erkl&auml;rte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der
+Katechismusstunde. Am liebsten blieb er im Freien, im
+&bdquo;Hain&ldquo;, wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um
+dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so
+bekamen die beiden M&auml;nner eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den
+sie &bdquo;auf die v&ouml;llige Genesung der gn&auml;digen Frau&ldquo; tranken.
+
+</P><P>
+
+&Ouml;fters fand sich auch Binet ein, das hei&szlig;t: er sa&szlig;
+etwas tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary
+lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im
+Aufbrechen von Sektflaschen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zun&auml;chst mu&szlig; man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,&ldquo;
+dozierte er, indem er selbstbewu&szlig;t um sich blickte, &bdquo;dann
+zerschneidet man die Bindf&auml;den, und dann l&auml;&szlig;t man dem Pfropfen
+ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber bei dieser Vorf&uuml;hrung spritzte der Sekt &ouml;fters der
+ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterlie&szlig;
+es niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Seine Vortrefflichkeit springt einem buchst&auml;blich in die Augen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas
+dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit
+seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort
+im Theater den ber&uuml;hmten Tenor Lagardy anh&ouml;ren. Homais
+wunderte sich &uuml;ber diese Duldsamkeit und f&uuml;hlte ihm deshalb
+etwas auf den Zahn. Der Priester erkl&auml;rte, er halte die Musik
+f&uuml;r weniger sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais
+verteidigte die letztere. Er behauptete, das Theater k&auml;mpfe
+unter dem leichten Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen
+und f&uuml;r die wahre Moral.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<TT>Castigat ridendo mores,</TT> verehrter
+Herr Pfarrer!&ldquo; zitierte er. &bdquo;Sehen Sie sich daraufhin mal die
+Trag&ouml;dien Voltaires an! Die meisten von ihnen sind mit
+philosophischen Aphorismen durchsetzt, die eine wahre Schule
+der Moral und Lebensklugheit f&uuml;r das Volk sind.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe einmal ein St&uuml;ck gesehen,&ldquo; sagte Binet, &bdquo;es
+hie&szlig;: &sbquo;Der Pariser Taugenichts.&lsquo; Darin kommt ein
+alter General vor, wirklich ein hahneb&uuml;chner Kerl. Er verst&ouml;&szlig;t
+seinen Sohn, der eine Arbeiterin verf&uuml;hrt hat; zu guter Letzt
+aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;&ldquo;, unterbrach ihn Homais, &bdquo;gibt es schlechte
+Literatur, genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die
+wichtigste aller K&uuml;nste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu
+verurteilen, das d&uuml;nkt mich eine kolossale Dummheit, eine
+groteske Idee, w&uuml;rdig der abscheulichen Zeiten, die einen
+Galilei im Kerker schmachten lie&szlig;en.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Pfarrer ergriff das Wort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig; sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute
+Theaterschriftsteller. Aber diese modernen St&uuml;cke, in denen
+Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgem&auml;chern,
+vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese
+schamlosen B&uuml;hnenm&auml;tzchen, dieser Kost&uuml;mluxus, diese
+Lichtvergeudung, dieser Feminismus, alles das hat
+keine andre Wirkung, als da&szlig; es leichtfertige Ideen in die
+Welt setzt, sch&auml;ndliche Gedanken und unz&uuml;chtige Anwandlungen.
+Wenigstens ist das zu allen Zeiten die Ansicht der
+kirchlichen Autorit&auml;ten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er nahm einen salbungsvollen Ton an, w&auml;hrend er zwischen
+seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. &bdquo;Und wenn die
+Kirche das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie
+in ihrem vollen Rechte. Wir m&uuml;ssen uns ihrem Gebote f&uuml;gen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl,&ldquo; eiferte der Apotheker, &bdquo;man exkommuniziert die
+Schauspieler. In fr&uuml;heren Jahrhunderten nahmen sie an den
+kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
+possenhafte St&uuml;cke, die sogenannten Mysterien, in denen es
+h&auml;ufig nichts weniger als dezent zuging&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Geistliche begn&uuml;gte sich, einen Seufzer auszusto&szlig;en. Der
+Apotheker redete immer weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin &mdash; Sie
+wissens ja am besten &mdash; von Unanst&auml;ndigkeiten und &mdash; man kann
+nicht anders sagen &mdash; groben Schweinereien&nbsp;...&ldquo; Bournisien
+machte eine unwillige Geb&auml;rde. &bdquo;Aber Sie m&uuml;ssen mir doch
+zugeben, da&szlig; das kein Buch ist, das man jungen Leuten in
+die Hand geben kann. Ich werde es nie zulassen, da&szlig; meine
+Athalie&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das sind ja die Protestanten, nicht wir,&ldquo; rief der Pfarrer
+ungeduldig, &bdquo;die den Leuten die Bibel &uuml;berlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das kommt hier nicht in Frage&ldquo;, erkl&auml;rte Homais. &bdquo;Ich
+wundre mich nur, da&szlig; man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
+wissenschaftlichen Aufkl&auml;rung, eine geistige Erholung zu
+verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja
+sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit f&ouml;rdert! Das
+ist doch so, nicht, Doktor?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zweifellos!&ldquo; erwiderte der Arzt nachl&auml;ssig. Entweder wollte
+er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte,
+oder er hatte hier&uuml;ber &uuml;berhaupt keine Meinung.
+
+</P><P>
+
+Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
+es f&uuml;r angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe Geistliche gekannt,&ldquo; behauptete er, &bdquo;die in Zivil
+ins Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen
+strampeln zu sehen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was!&ldquo; wehrte der Pfarrer ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch! Ich kenne welche!&ldquo; Und nochmals sagte er, Silbe f&uuml;r
+Silbe einzeln betonend: &bdquo;Ich &mdash; ken &mdash; ne &mdash; wel &mdash; che!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na ja,&ldquo; meinte Bournisien nachgiebig, &bdquo;die Betreffenden haben
+da aber etwas Unrechtes getan.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch
+ganz andre Dinge!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr &mdash; Apo &mdash; the &mdash; ker!&ldquo; rief der Geistliche mit einem so
+zornigen Blicke, da&szlig; Homais eingesch&uuml;chtert wurde und
+einlenkte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte damit ja nur sagen, da&szlig; die Toleranz die beste
+F&uuml;rsprecherin der Kirche ist.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr wahr! Sehr wahr!&ldquo; gab der gutm&uuml;tige Pfarrer zu, indem er
+sich wieder in seinen Stuhl zur&uuml;cklehnte. Er blieb aber nur noch
+ein paar Minuten.
+
+</P><P>
+
+Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal
+gesteckt! Sie habens ja mit angeh&ouml;rt! Um darauf
+zur&uuml;ckzukommen: tun Sie das ja, f&uuml;hren Sie Ihre Frau in
+das Theater, und wenns blo&szlig; deshalb w&auml;re, um diesen
+schwarzen Raben damit zu &auml;rgern. Sapperlot! Wenn ich einen
+Vertreter h&auml;tte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich
+dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
+Engagement nach England f&uuml;r ein Riesenhonorar! &Uuml;brigens soll
+er ein toller Schweren&ouml;ter sein! Er schwimmt im Gold! Drei
+Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese gro&szlig;en
+K&uuml;nstler k&ouml;nnen nicht rechnen. Sie brauchen ein
+verschwenderisches Dasein, es regt ihre Phantasie an.
+Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu
+sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys
+Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs
+wollte sie nichts davon wissen und meinte, sie f&uuml;hle sich zu
+schwach, es sei zu beschwerlich und zu kostspielig.
+Ausnahmsweise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete,
+da&szlig; ihr diese Zerstreuung sehr dienlich w&auml;re. Irgendwelche
+Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm j&uuml;ngst ganz
+unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden
+Ausgaben waren nicht gro&szlig;, und die Wechselschuld bei Lheureux
+war noch lange nicht f&auml;llig, so da&szlig; er daran nicht zu denken
+brauchte. Er dachte, Emma str&auml;ube sich nur aus R&uuml;cksicht auf
+ihn. Deshalb best&uuml;rmte er sie immer mehr, bis sie seinen
+Bitten schlie&szlig;lich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren
+sie mit der Post ab.
+
+</P><P>
+
+Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zur&uuml;ck,
+aber er hielt sich f&uuml;r unabk&ouml;mmlich. Als er die beiden
+einsteigen sah, jammerte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gl&uuml;ckliche Reise!&ldquo; sagte er. &bdquo;Habt ihrs gut!&ldquo; Und zu Emma
+gewandt, f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Sie sehen zum Anbei&szlig;en h&uuml;bsch
+aus! Sie werden in Rouen Furore machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Post spannte in Rouen im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; am Beauvoisine-Platz
+aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit
+ger&auml;umigen St&auml;llen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe
+lief eine Schar H&uuml;hner herum, die unter den verschmutzten
+Einsp&auml;nnern der Gesch&auml;ftsreisenden ihre Haferk&ouml;rner
+aufpickten. Es war eine der Herbergen aus der guten alten
+Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Wintern&auml;chten im
+Winde knarren; die G&auml;ste, der L&auml;rm und die Esserei werden in
+ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller gro&szlig;er
+Kaffeeflecke, die tr&uuml;ben dicken Fensterscheiben voller
+Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren.
+Auf der Stra&szlig;enseite gibt es ein Caf&eacute; und hinten nach dem
+Freien zu einen Gem&uuml;segarten. Alles tr&auml;gt einen l&auml;ndlichen
+Anstrich.
+
+</P><P>
+
+Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse
+wu&szlig;te er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang
+und Galerie war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch
+nicht kl&uuml;ger. Der Kassierer wies ihn in die Direktion.
+Schlie&szlig;lich rannte er noch einmal in den Gasthof zur&uuml;ck, dann
+wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmals durch die
+halbe Stadt.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
+Karl war fortw&auml;hrend in Angst, den Beginn der Oper zu vers&auml;umen.
+Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
+nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die T&uuml;ren
+noch geschlossen.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nfzehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Eine Menge Menschen umlagerte die Eing&auml;nge. &Uuml;berall an den Ecken
+der in der N&auml;he gelegenen Stra&szlig;en prangten riesige Plakate, die
+in auff&auml;lligen Lettern ausschrien:
+
+</P>
+
+<CENTER>
+LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
+<BR>
+DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
+
+</CENTER>
+
+<P>
+
+Es war ein sch&ouml;ner, aber hei&szlig;er Tag. Der Schwei&szlig; rann den
+Leuten &uuml;ber die Stirn, und sie f&auml;chelten ihren erhitzten
+Gesichtern mit den Taschent&uuml;chern K&uuml;hlung zu. Hin und wieder
+wehte lauer Wind vom Strome her und bl&auml;hte ein wenig die
+Leinwandmarkisen der Restaurants. Weiter unten, an den Kais,
+wurde man durch einen eisigen Luftzug abgek&uuml;hlt, in den sich
+Ger&uuml;che von Talg, Leder und &Ouml;l aus den zahlreichen dunklen,
+vom Rollen der gro&szlig;en F&auml;sser l&auml;rmigen Gew&ouml;lben der
+Karren-Gasse mischten.
+
+</P><P>
+
+Aus Furcht, sich l&auml;cherlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
+noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen
+Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl
+die Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig
+mit seinen Fingern fest und dr&uuml;ckte sie gegen die Bauchwand, so
+da&szlig; er sie in einem fort f&uuml;hlte.
+
+</P><P>
+
+In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, da&szlig;
+sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
+hinaufschob, w&auml;hrend sie selbst die breite Treppe zum ersten
+Range emporschreiten durfte, l&auml;chelte sie unwillk&uuml;rlich vor
+Eitelkeit. Es gew&auml;hrte ihr ein kindliches Vergn&uuml;gen, die
+breiten vergoldeten T&uuml;ren mit der Hand aufzusto&szlig;en. In vollen
+Z&uuml;gen atmete sie den Staubgeruch der G&auml;nge ein, und als sie
+in ihrer Loge sa&szlig;, machte sie sichs mit einer Ungezwungenheit
+einer Principessa bequem.
+
+</P><P>
+
+Das Haus f&uuml;llte sich allm&auml;hlich. Die Operngl&auml;ser kamen
+aus ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus
+der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von
+der Unrast ihres Kr&auml;merlebens erholen, doch sie verga&szlig;en
+die Gesch&auml;fte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle,
+Fusel und Indigo. Das waren Grauk&ouml;pfe mit friedfertigen
+Alltagsgesichtern; wei&szlig; in der Farbe von Haar und Haut,
+glichen sie einander wie abgegriffene Silberm&uuml;nzen. Im Parkett
+paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und
+grasgr&uuml;nen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie
+sie sich mit gelbbehandschuhten H&auml;nden auf die goldenen Kn&auml;ufe
+ihrer St&ouml;cke st&uuml;tzten. Jetzt wurden die Orchesterlampen
+angez&uuml;ndet, und der Kronleuchter ward von der Decke
+herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
+Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
+die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres
+Get&ouml;se an von brummenden Kontrab&auml;ssen, kratzenden Violinen,
+fauchenden Klarinetten und winselnden Fl&ouml;ten. Endlich drei kurze
+Schl&auml;ge mit dem Taktstocke des Kapellmeisters.
+Paukenwirbel, H&ouml;rnerklang. Der Vorhang hob sich.
+
+</P><P>
+
+Auf der B&uuml;hne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
+Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
+M&auml;ntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
+Edelmann auf, der die Geister der H&ouml;lle mit gen Himmel gereckten
+Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
+ab. Der Chor singt von neuem.
+
+</P><P>
+
+Emma sah sich in die Atmosph&auml;re ihrer M&auml;dchenlekt&uuml;re
+zur&uuml;ckversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr,
+als h&ouml;re sie den Klang schottischer Dudels&auml;cke &uuml;ber die
+nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten
+erleichterte ihr das Verst&auml;ndnis der Oper. Aufmerksam
+folgte sie der intriganten Handlung, w&auml;hrend eine Flut von
+Gedanken in ihr aufwallte, um alsbald unter den Wogen der Musik
+wieder zu verflie&szlig;en. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien
+hin. Sie f&uuml;hlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in
+Schwingungen geriet, als strichen die Violinenbogen &uuml;ber ihre
+Nerven. Sie h&auml;tte hundert Augen haben m&ouml;gen, um sich satt sehen
+zu k&ouml;nnen an den Dekorationen, Kost&uuml;men, Gestalten, an den
+gemalten und doch zitternden B&auml;umen, an den Samtbaretten,
+Ritterm&auml;nteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen
+eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt
+lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in
+gr&uuml;nem Rocke eine B&ouml;rse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun
+kam ein Fl&ouml;tensolo, zart wie Quellengefl&uuml;ster und
+Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
+von ungl&uuml;cklicher Liebe und w&uuml;nschte sich Fl&uuml;gel. Ach, auch
+Emma h&auml;tte aus diesem Leben fliehen m&ouml;gen, weit weg in
+Liebesarmen!
+
+</P><P>
+
+Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
+schimmernden blassen Teint, der dem S&uuml;dl&auml;nder etwas von der
+grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine m&auml;nnliche
+Gestalt war in ein braunes Wams gezw&auml;ngt. Ein kleiner Dolch
+mit zierlichem Geh&auml;nge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange
+schmachtende Blicke und zeigte seine blendend wei&szlig;en Z&auml;hne. Man
+hatte Emma erz&auml;hlt, eine polnische F&uuml;rstin habe ihn am Strand
+von Biarritz singen h&ouml;ren, wo er Schiffszimmermann gewesen
+sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert.
+Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen.
+
+</P><P>
+
+Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
+ber&uuml;hmten K&uuml;nstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte
+es sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische
+Floskeln &uuml;ber den bezaubernden Eindruck seiner Pers&ouml;nlichkeit
+und die leichte Empf&auml;nglichkeit seines Herzens zu
+lancieren. Er besa&szlig; eine sch&ouml;ne Stimme, unfehlbare Sicherheit,
+mehr Temperament als Intelligenz, mehr Pathos als
+Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem
+Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador.
+
+</P><P>
+
+Sobald er nur auf der B&uuml;hne erschien, begeisterte er Emma. Er
+schlo&szlig; Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
+sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Ha&szlig; wild auf, bald
+klagte er in den zartesten Elegien, und die T&ouml;ne perlten ihm
+aus der Kehle, zwischen Tr&auml;nen und K&uuml;ssen. Emma beugte sich
+weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingern&auml;gel in
+den Pl&uuml;sch der Logenbr&uuml;stung eingruben. Ihr Herz ward voll von
+diesen wehm&uuml;tigen Melodien, die, von den Kontrab&auml;ssen dumpf
+begleitet, nicht aufh&ouml;rten, gleich wie die Notschreie von
+Schiffbr&uuml;chigen im Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle
+diese Verz&uuml;cktheiten und Herzens&auml;ngste, die sie unl&auml;ngst dem
+Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna
+ersch&uuml;tterte sie wie eine laute Verk&uuml;ndung ihrer heimlichsten
+Beichte. Das Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen
+Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in
+der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie
+Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, als sie sich Lebewohl
+sagten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Beifall durchst&uuml;rmte das Haus. Die ganze Stretta mu&szlig;te
+wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen
+auf ihren Gr&auml;bern, von Treue, Trennung, Verh&auml;ngnis und
+Hoffnungen; und als sie sich den letzten Scheidegru&szlig; zuriefen,
+stie&szlig; Emma einen lauten Schrei aus, der in der Orchestermusik
+des Finale verhallte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum l&auml;&szlig;t sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in
+Ruhe?&ldquo; fragte Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber nein!&ldquo; antwortete sie. &bdquo;Das ist doch ihr Geliebter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er schw&ouml;rt doch, er wolle sich an ihrer Familie r&auml;chen. Und
+der andre, der dann kam, hat doch gesagt:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Nimm, Teure, meine Schw&uuml;re an<BR>
+Der reinsten, w&auml;rmsten Liebe!&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+<P>
+Und sie sagt:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;So sei es denn!&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+<P>
+&Uuml;brigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
+H&auml;&szlig;liche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr
+Vater, nicht wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
+zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mi&szlig;verstanden
+hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen
+gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nichts
+begriffen zu haben. Die Musik st&ouml;re, sie beeintr&auml;chtige den
+Text.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was schadet das?&ldquo; wandte Emma ein. &bdquo;Nun sei aber
+still!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er lehnte sich an ihren Arm. &bdquo;Ich m&ouml;chte gern im Bilde sein.
+Wei&szlig;t du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sei doch endlich still!&ldquo; sagte sie unwillig. &bdquo;Schweig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gest&uuml;tzt, einen Myrtenkranz im
+Haar, bleicher als der wei&szlig;e Atlas ihres Kleides ...
+Emma gedachte ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich
+zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fu&szlig;weg auf dem Gange
+zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia,
+unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fr&ouml;hlich
+gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie
+zuschritt ... Ach, h&auml;tte sie, jung und frisch und sch&ouml;n, noch
+nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht entt&auml;uscht in ihrem
+Ehebruch, auf ein festes edles Herz bauen und Tugend,
+Z&auml;rtlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen f&uuml;hlen
+d&uuml;rfen! Niemals w&auml;re sie von der H&ouml;he solcher
+Gl&uuml;ckseligkeit herabgesunken! &bdquo;Nein, nein!&ldquo; rief sie
+schmerzlich bei sich aus. &bdquo;All das gro&szlig;e Gl&uuml;ck da unten
+ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehns&uuml;chtigen oder
+verzweifelten Phantasten!&ldquo; Jetzt erkannte sie, da&szlig; die
+Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der
+&Uuml;berschwenglichkeit der Kunst etwas Gro&szlig;es. Sie versuchte
+sich zur n&uuml;chternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser
+Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nichts mehr sehen als ein
+plastisches Phantasiegebilde, nichts mehr und nichts
+weniger als eine am&uuml;sante Augenweide. Und so l&auml;chelte sie in
+Gedanken &uuml;berlegen-nachsichtig, als im Hintergrunde der B&uuml;hne
+hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel
+erschien, dem sein breitkrempiger gro&szlig;er Hut bei einer
+K&ouml;rperbewegung vom Kopfe fiel.
+
+</P><P>
+
+Das Sextett begann. S&auml;nger und Orchester entfalten sich.
+Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
+schleudert ihm in wuchtigen T&ouml;nen seine Todesdrohungen
+entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im
+Ma&szlig;e der Nebenrolle, und Raimunds Ba&szlig; brummt wie
+Orgelgebraus. Die Frauen des Chors wiederholen die Worte,
+ein k&ouml;stliches Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer
+Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen
+entstr&ouml;men gleichzeitig ihren aufgerissenen M&uuml;ndern. Der
+w&uuml;tende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der
+Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und
+nieder, w&auml;hrend er m&auml;chtigen Schritts in seinen
+sporenklirrenden Stulpenstiefeln &uuml;ber die B&uuml;hne schreitet.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er mu&szlig; eine unersch&ouml;pfliche Liebe in sich tragen,&ldquo; dachte
+Emma, &bdquo;da&szlig; er sie an die Menge so verschwenden kann.&ldquo; Ihre
+Anwandlung von Geringsch&auml;tzigkeit schwand vor dem Zauber seiner
+Rolle. Sie f&uuml;hlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter
+dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben
+vorzustellen, sein bewegtes, ungew&ouml;hnliches, gl&auml;nzendes
+Leben, an dem sie h&auml;tte teilnehmen k&ouml;nnen, wenn es der Zufall
+gef&uuml;gt h&auml;tte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und
+sich ineinander verliebt! Sie w&auml;re mit ihm durch alle L&auml;nder
+Europas gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, h&auml;tte mit ihm
+M&uuml;hen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm
+streute, und seine B&uuml;hnenkost&uuml;me eigenh&auml;ndig gestickt. Alle
+Abende h&auml;tte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter
+aufmerksam den S&auml;ngen seiner Seele gelauscht, die einzig und
+allein ihr gewidmet w&auml;ren. Von der Szene, beim Singen, h&auml;tte er
+zu ihr geschaut&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Sie erschrak und ward verwirrt. Der S&auml;nger sah zu ihr hinauf.
+Kein Zweifel! Sie h&auml;tte zu ihm hinst&uuml;rzen m&ouml;gen, in seine Arme,
+in seine Umarmung fliehen, als sei er die Verk&ouml;rperung der
+Liebe, und ihm laut zurufen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nimm mich, entf&uuml;hre mich! Komm! Ich geh&ouml;re dir, nur dir! Dir
+gelten alle meine Tr&auml;ume, mein ganzes hei&szlig;es Herz!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Vorhang fiel.
+
+</P><P>
+
+Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das F&auml;cheln der
+F&auml;cher machte die Luft noch unertr&auml;glicher. Emma wollte die Loge
+verlassen, aber die G&auml;nge waren durch die vielen Menschen
+versperrt. Sie sank in ihren Sessel zur&uuml;ck. Sie bekam Herzklopfen
+und Atemnot. Da Karl f&uuml;rchtete, sie k&ouml;nne ohnm&auml;chtig werden,
+eilte er nach dem B&uuml;fett, um ihr ein Glas Mandelmilch zu
+holen.
+
+</P><P>
+
+Er hatte gro&szlig;e M&uuml;he, wieder nach der Loge zu gelangen. Das
+Glas in beiden H&auml;nden, rannte er bei jedem Schritte, den er
+tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schlie&szlig;lich go&szlig; er
+dreiviertel des Inhalts einer Dame in ausgeschnittener
+Toilette &uuml;ber die Schulter. Als sie das k&uuml;hle Na&szlig;, das
+ihr den R&uuml;cken hinabrann, sp&uuml;rte, schrie sie laut auf, als ob
+man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
+Seifenfabrikant, ereiferte sich &uuml;ber diese Ungeschicktheit.
+W&auml;hrend seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
+sch&ouml;nen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er w&uuml;tend etwas
+von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl gl&uuml;cklich
+bei Emma wieder an. G&auml;nzlich au&szlig;er Atem berichtete er ihr:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig; Gott, beinahe h&auml;tt ich mich nicht durchgew&uuml;rgt! Nein,
+diese Menschheit! Diese Menschheit!&ldquo; Nach einigem
+Verschnaufen f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Und ahnst du, wer mir da oben
+begegnet ist? Leo!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt
+auch schon in der Loge erschien. Mit weltm&auml;nnischer
+Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau
+Bovary die ihrige aus, wie im Banne eines st&auml;rkeren
+Willens. Diesen fremden Einflu&szlig; hatte sie lange nicht
+empfunden, seit jenem Fr&uuml;hlingsnachmittage nicht, an dem sie
+voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und
+drau&szlig;en war leiser Regen auf die Bl&auml;tter gefallen. Aber rasch
+besann sie sich auf das, was die jetzige Situation und die
+Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft sch&uuml;ttelte sie den alten
+Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar
+hastige Redensarten zu stammeln:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruhe!&ldquo; ert&ouml;nte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte
+n&auml;mlich der dritte Akt begonnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So sind Sie also in Rouen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, gn&auml;dige Frau!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und seit wann?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hinaus! Hinaus!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
+
+</P><P>
+
+Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit
+vorbei. Der Chor der Hochzeitsg&auml;ste, die Szene zwischen Ashton
+und seinem Diener, das gro&szlig;e Duett in D-Dur, alles das
+spielte sich f&uuml;r sie wie in gro&szlig;er Entfernung ab. Es war ihr,
+als kl&auml;nge das Orchester nur noch ged&auml;mpft, als s&auml;ngen
+die Personen ihr weit entr&uuml;ckt. Sie dachte zur&uuml;ck an die
+Spielabende im Hause des Apothekers, an den Gang zu der Amme
+ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an die
+Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
+armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
+und die sie l&auml;ngst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
+Welches Zusammentreffen von besonderen Umst&auml;nden lie&szlig; ihn von
+neuem ihren Lebenspfad kreuzen?
+
+</P><P>
+
+Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
+Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
+seiner Atemz&uuml;ge auf ihrem Haar sp&uuml;rte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Macht Ihnen denn das Spa&szlig;?&ldquo; fragte er sie, indem er sich
+&uuml;ber sie beugte, so da&szlig; die Spitze seines Schnurrbarts
+ihre Wange streifte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nicht besonders!&ldquo; entgegnete sie leichthin.
+
+</P><P>
+
+Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und
+irgendwo eine Portion Eis zu essen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!&ldquo; sagte Bovary. &bdquo;Sie hat
+aufgel&ouml;stes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das
+Spiel der S&auml;ngerin schien ihr &uuml;bertrieben.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie schreit zu sehr!&ldquo; meinte sie, zu Karl gewandt, der
+aufmerksam zuh&ouml;rte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;M&ouml;glich! Jawohl! Ein wenig!&ldquo; gab er zur Antwort. Eigentlich
+gefiel ihm die S&auml;ngerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
+immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschl&uuml;ssig.
+
+</P><P>
+
+Leo st&ouml;hnte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist das eine Hitze!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Tats&auml;chlich! Nicht zum Aushalten!&ldquo; sagte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vertr&auml;gst dus nicht mehr?&ldquo; fragte Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich ersticke! Wir wollen gehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
+schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
+Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
+
+</P><P>
+
+Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie
+versuchte mehrfach, dem Gespr&auml;ch eine andere Wendung zu geben,
+indem sie die Bemerkung machte, sie f&uuml;rchte, Herrn Leo k&ouml;nne
+das langweilen. Darauf erz&auml;hlte dieser, er m&uuml;sse sich in
+Rouen zwei Jahre t&uuml;chtig auf die Hosen setzen, um sich in die
+hiesige Rechtspflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man
+alles anders als in Paris. Dann erkundigte er sich
+nach der kleinen Berta, nach der Familie Homais, nach der
+L&ouml;wenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karls Gegenwart nicht
+sagen, und so stockte die Unterhaltung.
+
+</P><P>
+
+Aus der Oper kommende Leute gingen vor&uuml;ber, laut pfeifend und
+tr&auml;llernd:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;O Engel reiner Liebe!&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann &uuml;ber Musik zu
+sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi geh&ouml;rt. Im
+Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner gro&szlig;en Erfolge gar
+nichts.
+
+</P><P>
+
+Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
+unterbrach ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich
+bedaure, da&szlig; ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es
+fing mir grade an zu gefallen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Demn&auml;chst gibts ja eine Wiederholung!&ldquo; tr&ouml;stete ihn Leo.
+
+</P><P>
+
+Karl erwiderte, da&szlig; sie am n&auml;chsten Tage wieder nach Hause
+m&uuml;&szlig;ten. &bdquo;Es sei denn,&ldquo; meinte er, zu Emma gewandt, &bdquo;du
+bliebst allein hier, mein Herzchen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner
+Begehrlichkeit bot, &auml;nderte der junge Mann seine Taktik. Nun
+lobte er das Finale des S&auml;ngers. Er sei da k&ouml;stlich,
+gro&szlig;artig!
+
+</P><P>
+
+Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du kannst ja am Sonntag zur&uuml;ckfahren. Entschlie&szlig;e dich nur!
+Es w&auml;re unrecht von dir, wenn du es nicht t&auml;test, sofern
+du dir auch nur ein wenig Vergn&uuml;gen davon versprichst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
+stand fortw&auml;hrend in ihrer n&auml;chsten N&auml;he herum. Karl begriff
+und zog seine B&ouml;rse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
+Silberst&uuml;cke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren
+lie&szlig;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist mir wirklich nicht recht,&ldquo; murmelte Bovary, &bdquo;da&szlig;
+Sie f&uuml;r uns Geld&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
+Nebens&auml;chlichkeit und ergriff seinen Hut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl beteuerte nochmals, da&szlig; er unm&ouml;glich so lange bleiben
+k&ouml;nne. Emma indessen sei durch nichts gehindert.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nur&nbsp;...&ldquo;, stotterte sie, verlegen l&auml;chelnd, &bdquo;... ich
+wei&szlig; nicht recht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, &uuml;berleg dirs noch! Wir k&ouml;nnen ja noch mal dar&uuml;ber
+reden, wenn dus beschlafen hast!&ldquo; Und zu Leo gewandt, der sie
+begleitete, sagte er: &bdquo;Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend
+sind, hoffe ich, da&szlig; Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch
+ansagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
+demn&auml;chst in Yonville beruflich zu tun habe.
+
+</P><P>
+
+Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
+verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zw&ouml;lf.
+
+</P>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H1>Drittes Buch</H1>
+</CENTER>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H2>Erstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Leo hatte w&auml;hrend seiner Pariser Studienzeit die Balls&auml;le
+flei&szlig;ig besucht und daselbst recht h&uuml;bsche Erfolge bei den
+Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er s&auml;he sehr schick
+aus. &Uuml;brigens war er der m&auml;&szlig;igste Student. Er trug das
+Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am
+Ersten des Monats sein ganzes Geld und stand sich mit
+seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Ausschweifungen
+hatte er sich allezeit fern gehalten, aus &Auml;ngstlichkeit und
+weil ihm das w&uuml;ste Leben zu grob war.
+
+</P><P>
+
+Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter
+den Linden des Luxemburggartens sa&szlig;, glitt ihm sein
+Code-Napol&eacute;on aus den H&auml;nden. Dann kam ihm Emma in den Sinn.
+Aber allm&auml;hlich verbla&szlig;te diese Erinnerung, und allerlei
+Liebeleien &uuml;berwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu
+ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und
+ein vages Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne
+Frucht an einem Wunderbaume.
+
+</P><P>
+
+Als er sie jetzt nach dreij&auml;hriger Trennung wiedersah,
+erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt
+g&auml;lte es, sich fest zu entschlie&szlig;en, wenn er sie besitzen
+wollte. Seine ehemalige Sch&uuml;chternheit hatte er &uuml;brigens im
+Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die
+Provinz zur&uuml;ckgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer,
+die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Gro&szlig;stadt
+abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon
+eines ber&uuml;hmten Professors mit Orden und Equipage, h&auml;tte
+der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in
+Rouen, am Hafen, vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da
+f&uuml;hlte er sich &uuml;berlegen und eines leichten Sieges gewi&szlig;.
+Sicheres Auftreten h&auml;ngt von der Umgebung ab. Im ersten Stock
+spricht man anders als im vierten, und es ist beinahe,
+als seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendw&auml;chter.
+Sie tr&auml;gt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem
+Korsett.
+
+</P><P>
+
+Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
+war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Stra&szlig;en
+gefolgt, bis er sie im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; verschwinden sah. Dann
+machte er kehrt und gr&uuml;belte die ganze Nacht hindurch &uuml;ber einen
+Kriegsplan.
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag nachmittags gegen f&uuml;nf Uhr betrat er den Gasthof
+mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschlu&szlig;,
+vor nichts zur&uuml;ckzuscheuen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!&ldquo; vermeldete ihm ein
+Kellner.
+
+</P><P>
+
+Leo fa&szlig;te das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.
+
+</P><P>
+
+Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat
+ihn k&uuml;hl um Entschuldigung, da&szlig; sie gestern vergessen habe, ihm
+mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, das habe ich erraten&ldquo;, sagte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er behauptete, das gute Gl&uuml;ck, eine innere Stimme habe ihn
+hierher geleitet.
+
+</P><P>
+
+Sie l&auml;chelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er
+nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
+Gasth&ouml;fen nach ihnen zu fragen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?&ldquo; f&uuml;gte er hinzu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja,&ldquo; gab sie zur Antwort, &bdquo;aber ich h&auml;tte es lieber nicht
+tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergn&uuml;gungen
+gew&ouml;hnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, das kann ich mir denken&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, das k&ouml;nnen Sie nicht. Das kann nur eine Frau.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er meinte, die M&auml;nner h&auml;tten auch ihr Kreuz, und nach einer
+philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
+Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
+Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.
+
+</P><P>
+
+Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillk&uuml;rlicher
+Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
+der junge Mann, er h&auml;tte sich w&auml;hrend seiner ganzen Studienzeit
+ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gr&auml;&szlig;lich
+zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine
+Mutter qu&auml;le ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten
+sie sich die Gr&uuml;nde ihres Leids, und je eifriger sie
+sprachen, um so st&auml;rker packte sie die wachsende Vertraulichkeit.
+Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach
+Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben k&ouml;nnten.
+Emma verheimlichte es, da&szlig; sie inzwischen einen andern
+geliebt, und er gestand nicht, da&szlig; er sie vergessen hatte.
+Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Soupers
+nach den Maskenb&auml;llen, und sie erinnerte sich nicht ihrer
+Morgeng&auml;nge, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem
+Geliebten gegangen war. Der Stra&szlig;enl&auml;rm hallte nur schwach zu
+ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr Alleinsein
+noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid aus
+leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den R&uuml;cken des
+alten Lehnstuhls, in dem sie sa&szlig;. Hinter ihr die gelbe Tapete
+umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr blo&szlig;er Kopf mit dem
+schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
+wiederholte sich wie ein Gem&auml;lde im Spiegel.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, verzeihen Sie!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Es ist unrecht von mir,
+Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Keineswegs!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten,&ldquo; fuhr sie fort und schlug ihre sch&ouml;nen
+Augen, aus denen Tr&auml;nen rollten, zur Decke empor, &bdquo;was ich
+mir alles ertr&auml;umt habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
+ausgegangen, still f&uuml;r mich hin, und hab mich die Kais
+entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu
+zerstreuen und die tr&uuml;ben Gedanken loszubekommen, die mich in
+einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eines
+Kunsth&auml;ndlers auf dem Boulevard habe ich einmal einen
+italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie
+tr&auml;gt eine Tunika, einen Vergi&szlig;meinnichtkranz im offnen Haar und
+blickt zum Mond empor. Irgend etwas trieb mich immer wieder
+dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden&nbsp;...&ldquo; Und mit
+zitternder Stimme f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Sie sah Ihnen ein wenig
+&auml;hnlich.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary wandte sich ab, damit er das L&auml;cheln um ihre
+Lippen nicht bemerke, das sie nicht unterdr&uuml;cken konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und wie oft&ldquo;, fuhr er fort, &bdquo;habe ich an Sie Briefe
+geschrieben und hinterher wieder zerrissen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie antwortete nicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall m&uuml;sse Sie mir
+wieder in den Weg f&uuml;hren. Oft war es mir, als ob ich Sie an
+der n&auml;chsten Stra&szlig;enecke treffen sollte. Ich bin hinter
+Droschken hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier
+flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
+zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
+Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas
+die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den
+Zehen machte.
+
+</P><P>
+
+Endlich sagte sie mit einem Seufzer:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist es nicht das Allertraurigste, ein unn&uuml;tzes Leben
+so wie ich f&uuml;hren zu m&uuml;ssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens
+jemandem n&uuml;tzlich w&auml;ren, dann k&ouml;nnte man sich doch in dem
+Bewu&szlig;tsein tr&ouml;sten, sich f&uuml;r etwas zu opfern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern.
+Er selbst versp&uuml;re eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas
+aufzugehen, die er nicht befriedigen k&ouml;nne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte am liebsten Krankenschwester sein&ldquo;, behauptete sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja!&ldquo; erwiderte er. &bdquo;Aber f&uuml;r uns M&auml;nner gibt es
+keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich w&uuml;&szlig;te keine Besch&auml;ftigung
+... es sei denn vielleicht die des Arztes&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
+ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben w&auml;re.
+Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu
+leiden. Sofort schw&auml;rmte Leo f&uuml;r die &bdquo;Ruhe im Grabe&ldquo;. Ja, er
+h&auml;tte sogar eines Abends sein Testament niedergeschrieben
+und darin bestimmt, da&szlig; man ihm in den Sarg die sch&ouml;ne Decke mit
+der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen
+hatte. Nach dem, wie alles h&auml;tte sein k&ouml;nnen, also nach einem
+imagin&auml;ren Zustand, &auml;nderten sie jetzt in der Erz&auml;hlung ihre
+Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, das die
+Gef&uuml;hle breitdr&uuml;ckt.
+
+</P><P>
+
+Bei dem M&auml;rchen von der Reisedecke fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum?&ldquo; Er z&ouml;gerte. &bdquo;Weil ich Sie so z&auml;rtlich geliebt habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Froh, die gr&ouml;&szlig;te Schwierigkeit &uuml;berwunden zu haben, beobachtete
+Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der
+Himmel, wenn der Wind pl&ouml;tzlich eine Wolkenschicht, die dar&uuml;ber
+war, zerrei&szlig;t. Die vielen traurigen Gedanken, die es
+verdunkelt hatten, waren aus ihren Augen wie weggeweht.
+
+</P><P>
+
+Er wartete. Endlich sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich hab es immer geahnt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
+einander zu erz&auml;hlen, von allem Freud und Leid, das sie soeben
+in ein einziges Wort zusammengefa&szlig;t hatten. Er erinnerte sich
+der Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der M&ouml;bel in ihrem
+Zimmer, ihres ganzen Hauses.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und unsere armen Kakteen, was machen die?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind letzten Winter alle erfroren!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, wie oft hab ich an sie zur&uuml;ckgedacht. Das glauben Sie
+mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals
+im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und
+Sie mit blo&szlig;en Armen Ihre Blumen begossen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Armer Freund!&ldquo; sagte sie und reichte ihm ihre Hand.
+
+</P><P>
+
+Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
+tief auf und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Damals &uuml;bten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich
+aus. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich
+zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran
+erinnern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch, fahren Sie nur fort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufh&ouml;rt,
+gerade im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen
+blauen Blumen auf. Ohne da&szlig; Sie mich dazu aufgefordert hatten,
+begleitete ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder
+Minute trat es mir klarer ins Bewu&szlig;tsein, wie ungezogen
+das von mir war. &Auml;ngstlich und unsicher ging ich neben Ihnen
+her und brachte es doch nicht &uuml;ber mich, mich von Ihnen zu
+trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich drau&szlig;en auf
+der Stra&szlig;e und sah Ihnen durch das Schaufenster zu, wie Sie
+die Handschuhe abstreiften und das Geld auf den Ladentisch
+legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau T&uuml;vache; man &ouml;ffnete
+Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der m&auml;chtigen
+Haust&uuml;re, die hinter Ihnen ins Schlo&szlig; gefallen war.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary h&ouml;rte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das
+schon her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit
+heraufstiegen, erweckten in ihr das Gef&uuml;hl, eine alte Frau zu
+sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und
+zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... So war es ... So war es ... So war es!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den
+Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Pal&auml;ste. Sie sprachen
+nicht mehr, aber sie sahen einander an und sp&uuml;rten dabei ein
+Brausen in ihren K&ouml;pfen, und jeder hatte das Gef&uuml;hl,
+dieses Rauschen str&ouml;me aus den starren Augensternen des
+anderen. Ihre H&auml;nde hatten sich gefunden, und Vergangenheit und
+Zukunft, Erinnerung und Tr&auml;ume, alles ward eins mir der
+z&auml;rtlichen Wonne des Augenblicks. Die D&auml;mmerung dichtete
+sich an den W&auml;nden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur
+noch die grellen Farbenflecke von vier dah&auml;ngenden Buntdrucken.
+Durch das oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen
+Dachgiebeln ein St&uuml;ck des schwarzen Himmels.
+
+</P><P>
+
+Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
+Kommode anzuz&uuml;nden. Dann setzte sie sich wieder.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ich sagen wollte&nbsp;...&ldquo;, begann Leo von neuem.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was war es?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
+anzukn&uuml;pfen, da fragte sie ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie kommt es, da&szlig; mir noch niemand solche innere Erlebnisse
+anvertraut hat?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo erwiderte, ideale Naturen f&auml;nden selten Wahlverwandte. Er
+habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke
+bringe ihn zur Verzweiflung, da&szlig; sie miteinander f&uuml;r immerdar
+verbunden worden w&auml;ren, wenn ein guter Stern sie fr&uuml;her
+zusammengef&uuml;hrt h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe manchmal dasselbe gedacht&ldquo;, sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Welch ein sch&ouml;ner Traum!&ldquo; murmelte Leo. Und w&auml;hrend er mit
+der Hand &uuml;ber den blauen Saum der Schleife ihres wei&szlig;en
+G&uuml;rtels hinstrich, f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Aber was hindert
+uns denn, von vorn anzufangen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, mein Freund&ldquo;, erwiderte sie. &bdquo;Dazu bin ich zu alt ...
+und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben
+... und Sie werden sie wieder lieben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht so, wie ich Sie liebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind ein Kind! Seien Sie vern&uuml;nftig. Ich will es!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie setzte ihm auseinander, da&szlig; Liebe zwischen ihnen ein Ding
+der Unm&ouml;glichkeit sei und da&szlig; sie sich nur wie Schwester und
+Bruder lieben k&ouml;nnten, wie ehemals.
+
+</P><P>
+
+Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wu&szlig;te sie selbst
+nicht. Sie f&uuml;hlte nur, wie sie der Verf&uuml;hrung zu unterliegen
+drohte und da&szlig; sie dagegen ank&auml;mpfen m&uuml;sse. Sie sah Leo
+z&auml;rtlich an und stie&szlig; sanft seine zitternden H&auml;nde zur&uuml;ck, die
+sie sch&uuml;chtern zu liebkosen versuchten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Seien Sie mir nicht b&ouml;s!&ldquo; sagte er und wich zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
+ihr viel gef&auml;hrlicher war als die K&uuml;hnheit Rudolfs, wenn
+er mit ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals
+war ihr ein Mann so sch&ouml;n erschienen. In seinem Wesen lag eine
+k&ouml;stliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein
+wenig aufw&auml;rtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die
+zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach
+ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu
+widerstehen, sie mit ihren Lippen zu ber&uuml;hren. Da fiel ihr Blick
+auf die Wanduhr.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott, wie sp&auml;t es schon ist!&ldquo; rief sie aus. &bdquo;Wir
+haben uns verplaudert!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Theater habe ich ganz vergessen&ldquo;, fuhr Emma fort. &bdquo;Und
+mein armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr
+und Frau Lormeaux aus der Gro&szlig;enbr&uuml;ckenstra&szlig;e wollten mich
+begleiten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Schade! Denn morgen m&uuml;sse sie wieder zu Hause sein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So?&ldquo; fragte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich mu&szlig; Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas
+zu sagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie d&uuml;rfen noch
+nicht heimfahren! Nein! Das ist unm&ouml;glich! Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten
+... H&ouml;ren Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden?
+Ahnen Sie denn nicht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie
+Mitleid mit mir! Ich m&ouml;chte Sie noch einmal sehen ... einmal ...
+ein einziges&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es sei!&ldquo; Sie hielt inne. Dann aber, als bes&auml;nne sie sich
+anders, sagte sie: &bdquo;Aber nicht hier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo Sie wollen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Morgen um elf in der Kathedrale!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde dort sein&ldquo;, rief er aus und griff hastig nach
+ihren H&auml;nden. Sie entzog sie ihm.
+
+</P><P>
+
+Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
+ihm, da beugte er sich &uuml;ber sie und dr&uuml;ckte einen langen Ku&szlig;
+auf ihren Nacken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!&ldquo; rief sie und lachte mit
+einem eigent&uuml;mlichen tiefen Klange leise auf, w&auml;hrend er ihren
+Hals immer noch mehr mit K&uuml;ssen bedeckte. Dann beugte er den
+Kopf &uuml;ber ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre
+Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
+
+</P><P>
+
+Er trat drei Schritte zur&uuml;ck, der T&uuml;re zu. Auf der Schwelle
+blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf Wiedersehn morgen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
+
+</P><P>
+
+Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
+Verabredung zur&uuml;cknahm. Es sei alles aus, und es
+w&auml;re zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wieders&auml;hen. Aber
+als der Brief fertig war, fiel ihr ein, da&szlig; sie doch seine
+Adresse gar nicht wu&szlig;te. Was sollte sie tun?
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde ihm den Brief selbst geben,&ldquo; sagte sie sich,
+&bdquo;morgen, wenn er kommt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen stand Leo schon fr&uuml;h in der offnen Balkont&uuml;re,
+reinigte sich eigenh&auml;ndig seine Schuhe und sang leise vor sich
+hin. Er machte es sehr sorgf&auml;ltig. Dann zog er ein wei&szlig;es
+Beinkleid an, elegante Str&uuml;mpfe, einen gr&uuml;nen Rock, und
+sch&uuml;ttete seinen ganzen Vorrat von Parf&uuml;m in sein Taschentuch.
+Er ging zum Coiffeur, zerst&ouml;rte sich aber hinterher die Frisur
+ein wenig, weil sein Haar nicht unnat&uuml;rlich aussehen sollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist noch zu zeitig&ldquo;, sagte er, als er auf der
+Kuckucksuhr des Friseurs sah, da&szlig; es noch nicht neun
+Uhr war.
+
+</P><P>
+
+Er bl&auml;tterte in einem alten Modejournal, dann verlie&szlig; er den
+Laden, z&uuml;ndete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
+Stra&szlig;en, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam
+zum Notre-Dame-Platze.
+
+</P><P>
+
+Es war ein pr&auml;chtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
+Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das
+schr&auml;g auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchfl&auml;chen
+der grauen Quadersteine. Ein Schwarm V&ouml;gel flatterte im Blau
+des Himmels um die Kreuzblumen der T&uuml;rme. &Uuml;ber den
+l&auml;rmigen Platz wehte Blumenduft aus den Anlagen her, wo
+Jasmin, Nelken, Narzissen und Tuberosen bl&uuml;hten, von saftigen
+Grasfl&auml;chen umrahmt und von Beeren tragenden B&uuml;schen f&uuml;r die
+V&ouml;gel. In der Mitte pl&auml;tscherte ein Springbrunnen, und zwischen
+Pyramiden von Melonen sa&szlig;en H&ouml;kerinnen, barh&auml;uptig unter
+ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchenstr&auml;u&szlig;e.
+
+</P><P>
+
+Leo kaufte einen. Es war das erstemal, da&szlig; er Blumen f&uuml;r
+eine Frau kaufte; und das Herz schlug ihm h&ouml;her, wie er den
+Duft der Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er
+Emma darbringen wollte, ihm selber g&ouml;lte. Er f&uuml;rchtete,
+beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche.
+
+</P><P>
+
+Auf der Schwelle der linken T&uuml;re des Hauptportals unter der
+&sbquo;Tanzenden Salome&lsquo; stand der Schweizer, den Federhut auf
+dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust,
+w&uuml;rdevoller als ein Kardinal und goldstrotzend wie ein
+Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem
+s&uuml;&szlig;lich-g&uuml;tigen L&auml;cheln, das Geistliche anzunehmen pflegen,
+wenn sie mit Kindern reden:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Herr ist gewi&szlig; nicht von hier? Will der Herr die
+Sehensw&uuml;rdigkeiten der Kathedrale besichtigen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo machte zun&auml;chst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
+und kam zum Hauptportal zur&uuml;ck. Emma war noch nicht da. Er ging
+abermals bis zum Chor.
+
+</P><P>
+
+Teile des Ma&szlig;werks und der bunten Fenster spiegelten sich
+in den gef&uuml;llten Weihwasserbecken. Das durch die
+Glasmalerei einfallende Licht brach sich an den marmornen
+Kanten und breitete bunte Teppichst&uuml;cke &uuml;ber die Fliesen. Durch
+die drei ge&ouml;ffneten T&uuml;ren des Hauptportals flutete das
+Tageslicht in drei m&auml;chtigen Lichtstr&ouml;men in die Innenr&auml;ume.
+Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vor&uuml;ber und
+machte vor dem Heiligtum die &uuml;bliche Kniebeugung der eiligen
+Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab.
+Im Chor brannte eine silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen,
+aus den in Dunkel geh&uuml;llten Teilen der Kirche vernahm man
+zuweilen Schluchzen oder das Klirren einer zugeschlagenen
+Gittert&uuml;r, Ger&auml;usche, die in den hohen Gew&ouml;lben widerhallten.
+
+</P><P>
+
+Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das
+Leben so sch&ouml;n erschienen. Nun mu&szlig;te sie bald kommen, reizend,
+erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem
+volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen
+Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte,
+und all dem unbeschreiblich Verf&uuml;hrerischen einer unterliegenden
+Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures
+Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel gefl&uuml;sterte
+Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster
+leuchteten, ihr sch&ouml;nes Gesicht zu verkl&auml;ren, und aus den
+Weihrauchgef&auml;&szlig;en wirbelten die D&auml;mpfe, damit sie wie ein Engel
+in einer Wolke von Wohlger&uuml;chen erscheine.
+
+</P><P>
+
+Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen St&uuml;hle, und
+seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer
+mit K&ouml;rben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam,
+z&auml;hlte die Schuppen der Fische und die Knopfl&ouml;cher an den
+W&auml;msen, w&auml;hrend seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die
+Weite irrten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Der Schweizer &auml;rgerte sich im stillen &uuml;ber den Menschen, der
+sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
+Benehmen unerh&ouml;rt. Man bestahl ihn gewisserma&szlig;en und beging
+geradezu eine Tempelsch&auml;ndung.
+
+</P><P>
+
+Da raschelte Seide &uuml;ber die Fliesen. Der Rand eines Hutes
+tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr
+entgegen.
+
+</P><P>
+
+Sie war bla&szlig; und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie das!&ldquo; sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin.
+&bdquo;Nicht doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie ri&szlig; ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle
+der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
+
+</P><P>
+
+Leo war &uuml;ber diesen Anfall von Bigotterie zuerst emp&ouml;rt, dann
+fand er einen eigent&uuml;mlichen Reiz darin, sie w&auml;hrend eines
+Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
+Marquise, schlie&szlig;lich aber, als sie gar nicht aufh&ouml;ren
+wollte, langweilte er sich.
+
+</P><P>
+
+Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
+Hoffnung, da&szlig; der Himmel sie mit einer pl&ouml;tzlichen Eingebung
+begnaden w&uuml;rde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschw&ouml;ren,
+starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den
+Duft der wei&szlig;en Blumen in den gro&szlig;en Vasen, lauschte sie auf die
+tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch
+steigerte.
+
+</P><P>
+
+Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der
+Schweizer rasch auf sie zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau sind gewi&szlig; hier fremd? Wollen Sie sich die
+Sehensw&uuml;rdigkeiten der Kirche ansehen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber nein!&ldquo; rief der Adjunkt aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum nicht?&ldquo; erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte
+sich an die Madonna, an die Bilds&auml;ulen, die Grabm&auml;ler, an jeden
+Vorwand.
+
+</P><P>
+
+Programmgem&auml;&szlig; f&uuml;hrte sie der Schweizer nach dem Hauptportal
+zur&uuml;ck und zeigte ihnen mit seinem Stock einen gro&szlig;en Kreis
+von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hier&ldquo;, sagte er salbungsvoll, &bdquo;ist der Umfang der
+ber&uuml;hmten Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und
+hatte ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie
+gegossen, ist vor Freude gestorben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weiter!&ldquo; dr&auml;ngte Leo.
+
+</P><P>
+
+Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
+Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
+Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine
+Saaten zeigt, auf eine Grabplatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Br&eacute;z&eacute;, Edler
+Herr von Varenne und Brissac, Gro&szlig;seneschall von Poitou und
+Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlh&eacute;ry
+am 16. Juli 1465.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo bi&szlig; sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fu&szlig;e
+auf den andern.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
+Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Br&eacute;z&eacute;, Edler Herr von Breval
+und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr
+des K&ouml;nigs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der
+Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die
+Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab
+steigen will, zeigt ihn ebenfalls. Eine un&uuml;bertreffliche
+Darstellung der irdischen Verg&auml;nglichkeit!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
+sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
+machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschw&auml;tz auf
+der einen und die Gleichg&uuml;ltigkeit auf der andern Seite.
+
+</P><P>
+
+Der unerm&uuml;dliche Cicerone fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
+Diana von Poitiers, Gr&auml;fin von Br&eacute;z&eacute;, Herzogin von
+Valentinois, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier
+links die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die
+heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu
+sehen. Hier sind die Grabm&auml;ler derer von Amboise! Sie waren beide
+Kardin&auml;le und Erzbisch&ouml;fe von Rouen. Dieser hier war Minister
+K&ouml;nig Ludwigs des Zw&ouml;lften. Die Kathedrale hat ihm sehr
+viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen
+drei&szlig;igtausend Taler in Gold.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ohne stehen zu bleiben und fortw&auml;hrend redend, dr&auml;ngte er die
+beiden in eine Kapelle, die durch ein Gel&auml;nder abgesperrt war. Er
+&ouml;ffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
+eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dieser Stein zierte dereinst&ldquo;, sagte er mit einem tiefen
+Seufzer, &bdquo;das Grab von Richard L&ouml;wenherz, K&ouml;nig von England
+und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so
+zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit
+hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die T&uuml;r, durch die sich
+Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den
+ber&uuml;hmten Kirchenfenstern von Lagargouille!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da dr&uuml;ckte ihm Leo hastig ein gro&szlig;es Silberst&uuml;ck in die Hand
+und nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verbl&uuml;fft &uuml;ber die
+Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle
+Sehensw&uuml;rdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Danke!&ldquo; erwiderte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mi&szlig;t
+vierhundertvierzig Fu&szlig;, nur neun weniger als die gr&ouml;&szlig;te
+&auml;gyptische Pyramide, und ist vollst&auml;ndig aus Eisen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
+Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
+durch den grotesken k&auml;figartigen Schornstein zw&auml;ngen zu
+lassen, den ein &uuml;berspannter Eisengie&szlig;er keck auf die Kirche
+gesetzt hatte. Das w&auml;re ihr Tod gewesen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohin gehen wir nun?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
+schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang,
+als sie pl&ouml;tzlich hinter sich ein Schnaufen und das
+regelm&auml;&szlig;ige Aufklopfen eines Stockes h&ouml;rten. Leo wandte
+sich um.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herrschaften!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was gibts?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
+ungebundene B&uuml;cher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
+gedr&uuml;ckt, trug. Es war die Literatur &uuml;ber die Kathedrale.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Troddel!&ldquo; murmelte Leo und st&uuml;rzte aus der Kirche.
+
+</P><P>
+
+Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hol uns eine Droschke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Knabe rannte &uuml;ber den Platz, w&auml;hrend sie ein paar Minuten
+allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
+verlegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo ... wirklich ... ich wei&szlig; nicht ... ob ich darf!&ldquo; Es
+klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: &bdquo;Es
+ist sehr unschicklich, wissen Sie das?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo; erwiderte der Adjunkt. &bdquo;In <B>Paris</B> macht mans
+so!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumst&ouml;&szlig;liches
+Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo f&uuml;rchtete schon, sie
+k&ouml;nne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!&ldquo; rief ihnen
+der Schweizer nach. &bdquo;Und sehen Sie sich &sbquo;Die
+Auferstehung&lsquo;, das &sbquo;J&uuml;ngste Gericht&lsquo;, den
+&sbquo;K&ouml;nig David&lsquo; und &sbquo;Die Verdammten in der
+H&ouml;lle&lsquo; an!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohin wollen die Herrschaften?&ldquo; fragte der Kutscher.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fahren Sie irgendwohin!&ldquo; befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
+
+</P><P>
+
+Das schwerf&auml;llige Gef&auml;hrt setzte sich in Bewegung.
+
+</P><P>
+
+Der Kutscher fuhr durch die Gro&szlig;ebr&uuml;ckenstra&szlig;e, &uuml;ber den Platz
+der K&uuml;nste, den Kai Napoleon hinunter, &uuml;ber die Neue Br&uuml;cke und
+machte vor dem Denkmal Corneilles Halt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weiter fahren!&ldquo; rief eine Stimme aus dem Inneren.
+
+</P><P>
+
+Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
+hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, geradeaus!&ldquo; rief dieselbe Stimme.
+
+</P><P>
+
+Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
+gem&auml;chlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
+trocknete sich den Schwei&szlig; von der Stirn, nahm seinen Lederhut
+zwischen die Beine und lenkte sein Gef&auml;hrt durch eine Seitenallee
+dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den
+Schifferweg hin, am Strom entlang, &uuml;ber schlechtes Pflaster,
+nach Oyssel zu, &uuml;ber die Inseln hinaus.
+
+</P><P>
+
+Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares,
+Sotteville, die gro&szlig;e Chaussee hin, durch die Elbeuferstra&szlig;e und
+machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So fahren Sie doch weiter!&ldquo; rief die Stimme, diesmal
+w&uuml;tend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr
+durch Sankt Sever &uuml;ber das Bleicher-Ufer und M&uuml;hlstein-Ufer,
+wiederum &uuml;ber die Br&uuml;cke, &uuml;ber den Exerzierplatz, hinten um den
+Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von
+Schlingpflanzen &uuml;berwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren
+gingen. Dann f&uuml;hrte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf,
+nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan
+bis zur Deviller H&ouml;he.
+
+</P><P>
+
+Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
+Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Stra&szlig;en und Gassen, &uuml;ber
+die Pl&auml;tze und M&auml;rkte, an den Kirchen und &ouml;ffentlichen
+Geb&auml;uden und am Hauptfriedhof vor&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
+Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche
+Bewegungswut in seinen Fahrg&auml;sten steckte, so da&szlig; sie
+nirgends Halt machen wollten. Er versuchte es ein paarmal,
+aber jedesmal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem
+trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter,
+unbek&uuml;mmert, ob er hier und dort anrannte, ganz au&szlig;er Fassung
+und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
+
+</P><P>
+
+Am Hafen, zwischen den Karren und F&auml;ssern, in den Strassen und an
+den Ecken machten die B&uuml;rger gro&szlig;e Augen ob dieses in der
+Provinz ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen
+Vorh&auml;ngen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer
+verschlossen wie ein Grab.
+
+</P><P>
+
+Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne
+am hei&szlig;esten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte
+eine blo&szlig;e Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und
+streute eine Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde
+flatterten wie wei&szlig;e Schmetterlinge und auf ein Kleefeld
+niederfielen.
+
+</P><P>
+
+Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem G&auml;&szlig;chen
+der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg
+heraus und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zweites Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
+mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundf&uuml;nfzig Minuten auf Emma
+gewartet, schlie&szlig;lich aber war er abgefahren.
+
+</P><P>
+
+Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, da&szlig; sie wieder zu
+Hause sein mu&szlig;te. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
+zur&uuml;ckzukehren. Karl erwartete sie also, und so f&uuml;hlte sie jene
+feige Untert&auml;nigkeit im Herzen, die f&uuml;r viele Frauen die Strafe
+und zugleich der Preis f&uuml;r den Ehebruch ist.
+
+</P><P>
+
+Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
+einen der zweir&auml;drigen Wagen, die im Hofe bereitstanden.
+Unterwegs trieb sie den Kutscher zu gr&ouml;&szlig;ter Eile an, fragte
+aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zur&uuml;ckgelegten
+Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten H&auml;usern
+von Quincampoix ein.
+
+</P><P>
+
+Kaum sa&szlig; sie drin, so schlo&szlig; sie auch schon die Augen. Als
+sie erwachte, waren sie schon &uuml;ber den Berg, und von weitem sah
+sie Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie
+wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und das M&auml;dchen, das
+sich bis zum Fenster hinaufreckte, fl&uuml;sterte ihr
+geheimnisvoll zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es
+handelt sich um etwas sehr Dringliches!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Dorf war still wie immer. Vor den H&auml;usern lagen kleine
+dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des
+Fr&uuml;chteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am
+selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
+besonders gro&szlig;en Haufen dieser ausgekochten &Uuml;berreste. Man
+sah, da&szlig; hier mit f&uuml;r die Allgemeinheit gesorgt wurde.
+
+</P><P>
+
+Emma trat in die Apotheke. Der gro&szlig;e Lehnstuhl war umgeworfen,
+und sogar der &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; lag am Boden zwischen zwei
+M&ouml;rserkeulen. Sie stie&szlig; die T&uuml;r zur Flur auf und erblickte in
+der K&uuml;che &mdash; inmitten von gro&szlig;en braunen Einmachet&ouml;pfen voll
+abgebeerter Johannisbeeren und Sch&uuml;sseln mit geriebenem und
+zerst&uuml;ckeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
+&uuml;ber dem Feuer &mdash; die ganze Familie Homais, gro&szlig; und klein,
+alle in Sch&uuml;rzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den
+H&auml;nden. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten
+Kopfes dastand, und schrie ihn eben an:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer hat dir gehei&szlig;en, was aus dem Kapernaum zu holen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist denn los? Was gibts?&ldquo; fragte die
+Eintretende.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was los ist?&ldquo; antwortete der Apotheker. &bdquo;Ich mache hier
+Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft
+zu dick ist, droht er mir &uuml;berzukochen. Ich schicke nach einem
+andern Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus
+Faulheit hin und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an
+einem Nagel aufgeh&auml;ngten Schl&uuml;ssel zu meinem Kapernaum!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Kapernaum nannte er n&auml;mlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
+Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
+hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
+und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als
+einen gew&ouml;hnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres
+Heiligtum, aus dem, von seiner Hand hergestellt, alle die
+verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, S&auml;ften, Salben und
+Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend ber&uuml;hmt
+machten. Niemand durfte das Kapernaum betreten. Das ging
+soweit, da&szlig; er es selbst ausfegte. Die Apotheke stand f&uuml;r
+jedermann offen. Sie war die St&auml;tte, wo er w&uuml;rdevoll amtierte.
+Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo sich Homais
+selbst geh&ouml;rte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten
+hingab. Justins Leichtsinn d&uuml;nkte ihn deshalb eine
+unerh&ouml;rte Respektlosigkeit, und r&ouml;ter als seine
+Johannisbeeren, wetterte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
+Schl&uuml;ssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
+Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch
+genommen h&auml;tte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
+auch der geringste Umstand die gr&ouml;&szlig;te Wichtigkeit! Zum Teufel,
+daran mu&szlig; man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
+nicht zu K&uuml;chenzwecken verwenden! Das w&auml;re gradeso, als wenn
+man sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber so beruhige dich doch!&ldquo; mahnte Frau Homais.
+
+</P><P>
+
+Und Athalia zupfte ihn am Rock.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Papachen, Papachen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig;t mich!&ldquo; erwiderte der Apotheker. &bdquo;Zum Donnerwetter, la&szlig;t
+mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen er&ouml;ffnen!
+Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! La&szlig; die
+Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
+Gurken in den Arzneib&uuml;chsen ein! Zerrei&szlig; die Bandagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie hatten mir doch&nbsp;...&ldquo;, begann Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Einen Augenblick! &mdash; Wei&szlig;t du, mein Junge, was dir h&auml;tte
+passieren k&ouml;nnen? Hast du links in der Ecke auf dem dritten
+Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen
+Ton von dir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich ... wei&szlig; ... nicht&ldquo;, stammelte der Lehrling.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah, du wei&szlig;t nicht! Freilich! Aber ich wei&szlig; es! Du hast da
+eine B&uuml;chse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben
+Deckel, gef&uuml;llt mit wei&szlig;em Pulver, und auf dem Schild steht, von
+mir eigenh&auml;ndig draufgeschrieben: &sbquo;Gift! Gift! Gift!&lsquo;
+Und wei&szlig;t du, was da drin ist? Ar &mdash; se &mdash; nik! Und so was
+r&uuml;hrst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Daneben!&ldquo; rief Frau Homais erschrocken und schlug die H&auml;nde
+&uuml;ber dem Kopfe zusammen. &bdquo;Arsenik! Du h&auml;ttest uns alle
+miteinander vergiften k&ouml;nnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Kinder fingen an zu schreien, als sp&uuml;rten sie bereits
+die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oder du h&auml;ttest einen Kranken vergiften k&ouml;nnen&ldquo;, fuhr der
+Apotheker fort. &bdquo;Wolltest du mich gar auf die Anklagebank
+bringen, vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem
+Schafott sehen? Wei&szlig;t du denn nicht, da&szlig; ich mich bei meinen
+Arbeiten kolossal in acht nehmen mu&szlig;, trotz meiner gro&szlig;en
+Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine
+Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht uns t&uuml;chtig auf
+die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen,
+schweben unsereinem faktisch wie ein Damoklesschwert
+fortw&auml;hrend &uuml;ber dem Haupte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr
+wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen S&auml;tzen fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden
+sind? So dankst du mir die geradezu v&auml;terliche M&uuml;he und
+Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo w&auml;rst du denn
+ohne mich? Wie ginge dirs heute? Wer hat dich ern&auml;hrt,
+erzogen, gekleidet? Wer erm&ouml;glicht es dir, da&szlig; du eines
+Tages mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um
+das zu erreichen, mu&szlig;t du noch feste zugreifen, mu&szlig;t, wie man
+sagt, Blut schwitzen! <TT>Fabricando sit faber, age,
+quod agis!</TT>&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war derma&szlig;en aufgeregt, da&szlig; er Lateinisch sprach. Er h&auml;tte
+Chinesisch oder Gr&ouml;nl&auml;ndisch gesprochen, wenn er das gekonnt
+h&auml;tte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
+Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enth&uuml;llt, wie
+das Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den
+Grund und Boden &ouml;ffnet.
+
+</P><P>
+
+Er predigte immer weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, da&szlig; ich dich in mein
+Haus genommen habe. Ich h&auml;tte besser getan, dich in dem Elend
+Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du
+wirst niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als
+zum Rindviehh&uuml;ten. Zur Wissenschaft hast du kein bi&szlig;chen Talent!
+Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
+wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und l&auml;&szlig;t
+dirs &uuml;ber die Ma&szlig;en wohl gehn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma wandte sich an Frau Homais:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man hat mich hierher gerufen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, du lieber Gott!&ldquo; unterbrach die gute Frau sie mit
+trauriger Miene. &bdquo;Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ...
+Es ist n&auml;mlich ein Ungl&uuml;ck passiert&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker &uuml;berschrie sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
+wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er packte Justin beim Kragen und sch&uuml;ttelte ihn ab. Dabei entfiel
+Justins Tasche ein Buch.
+
+</P><P>
+
+Der Junge b&uuml;ckte sich, aber Homais war schneller als er,
+hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen
+und offenem Mund.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Liebe und Ehe&ldquo;, las er vor. &bdquo;Aha! Gro&szlig;artig! Gro&szlig;artig!
+Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein
+bi&szlig;chen starker Tobak!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Homais wollte nach dem Buche greifen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, das ist nichts f&uuml;r dich!&ldquo; wehrte er sie ab.
+
+</P><P>
+
+Die Kinder wollten die Bilder sehn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geht hinaus!&ldquo; befahl er gebieterisch.
+
+</P><P>
+
+Und sie gingen hinaus.
+
+</P><P>
+
+Eine Weile schritt er zun&auml;chst mit gro&szlig;en Schritten auf und ab,
+das Buch halb ge&ouml;ffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
+au&szlig;er Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag r&uuml;hren
+sollte. Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit
+verschr&auml;nkten Armen vor ihn hin:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Ungl&uuml;ckswurm?
+Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene!
+Hast du denn nicht bedacht, da&szlig; dieses sch&auml;ndliche Buch
+meinen Kindern in die H&auml;nde fallen konnte, den Samen der S&uuml;nde
+in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athaliens tr&uuml;ben und
+Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens
+beschw&ouml;ren, da&szlig; die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du
+mir das schw&ouml;ren?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber so sagen Sie mir doch endlich,&ldquo; unterbrach ihn Emma,
+&bdquo;was Sie mir mitzuteilen haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
+einem Schlaganfall verschieden. Aus &uuml;bertriebener
+R&uuml;cksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die
+schreckliche Nachricht schonend mitzuteilen.
+
+</P><P>
+
+Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens
+&uuml;berlegt und ausgekl&uuml;gelt &mdash; ein Meisterwerk voll Vorsicht,
+Zartgef&uuml;hl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte &uuml;ber seine
+Sprachkunst triumphiert.
+
+</P><P>
+
+Emma verzichtete auf Einzelheiten und verlie&szlig; die Apotheke, da
+Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, w&auml;hrend er
+sich mit seinem K&auml;ppchen Luft zuf&auml;chelte. Allm&auml;hlich beruhigte
+er sich jedoch und ging in einen v&auml;terlicheren Ton &uuml;ber:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will nicht sagen, da&szlig; ich dieses Buch g&auml;nzlich ablehne.
+Der Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche
+Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja
+die er vielleicht kennen mu&szlig;. Aber das hat ja Zeit! Warte doch
+wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Emma an ihrem Hause klingelte, &ouml;ffnete Karl, der sie
+erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine liebe Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er neigte sich z&auml;rtlich zu ihr hernieder, um sie zu k&uuml;ssen. Aber
+bei der Ber&uuml;hrung ihrer Lippen mu&szlig;te sie an den andern denken.
+Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand &uuml;ber das Gesicht:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... ich wei&szlig; ... ich wei&szlig;&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis
+ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur,
+da&szlig; ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod
+hatte ihn in Doudeville auf der Stra&szlig;e, an der Schwelle eines
+Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
+einem Liebesmahl teilgenommen hatte.
+
+</P><P>
+
+Emma reichte Karl den Brief zur&uuml;ck. Bei Tisch tat sie aus
+konventionellem Taktgef&uuml;hl so, als h&auml;tte sie keinen Appetit.
+Als er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, w&auml;hrend Karl
+unbeweglich und mit betr&uuml;bter Miene ihr gegen&uuml;ber dasa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
+traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollt, ich h&auml;tte ihn noch einmal gesehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, da&szlig; sie etwas
+entgegnen m&uuml;sse, fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie alt war dein Vater eigentlich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Achtundf&uuml;nfzig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das war alles.
+
+</P><P>
+
+Eine Viertelstunde sp&auml;ter fing er wieder an:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma machte eine Geb&auml;rde, da&szlig; sie es nicht wisse.
+
+</P><P>
+
+Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, da&szlig; sie sehr betr&uuml;bt
+sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen,
+um ihren r&uuml;hrenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
+zusammenraffend, fragte er sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du dich gestern gut am&uuml;siert?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
+gleichfalls. Je l&auml;nger sie ihn in dieser monotonen Stimmung
+ansah, um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen
+bis auf den letzten Rest. Karl kam ihr erb&auml;rmlich, jammervoll,
+wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung &bdquo;ein
+trauriger Kerl&ldquo;. Wie konnte sie ihn nur loswerden? Welch
+endloser Abend! Etwas Bet&auml;ubendes ergriff sie, wie Opium.
+
+</P><P>
+
+In der Hausflur ward ein schl&uuml;rfendes Ger&auml;usch vernehmbar.
+Es war Hippolyt, der Emmas Gep&auml;ck brachte. Es machte ihm
+viel M&uuml;he, es abzulegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Karl denkt schon gar nicht mehr daran&ldquo;, dachte Emma, als sie
+den armen Teufel sah, dem das rote Haar in die
+schwei&szlig;triefende Stirn herabhing.
+
+</P><P>
+
+Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein
+Gef&uuml;hl f&uuml;r die Dem&uuml;tigung, die f&uuml;r ihn in der blo&szlig;en
+Anwesenheit dieses Kr&uuml;ppels lag. Lief er nicht wie ein
+leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unf&auml;higkeit des Arztes
+herum?
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein h&uuml;bscher Strau&szlig;!&ldquo; sagte er, als er auf dem Kamin
+Leos Veilchen bemerkte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo; erwiderte sie gleichg&uuml;ltig. &bdquo;Ich habe ihn einer armen
+Frau abgekauft.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur K&uuml;hlung vor seine
+von Tr&auml;nen ger&ouml;teten Augen und sog ihren Duft ein. Sie ri&szlig; sie
+ihm aus der Hand und stellte sie in ein Wasserglas.
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
+weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
+Wirtschaft zu tun.
+
+</P><P>
+
+Am Tage nachher besch&auml;ftigten sich die beiden Frauen mit den
+Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem N&auml;hzeug in die Laube
+hinten im Garten am Bachrande.
+
+</P><P>
+
+Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich &uuml;ber seine gro&szlig;e
+Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum
+Bewu&szlig;tsein gekommen war. Auch Frau Bovary gr&uuml;belte &uuml;ber den
+Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst
+begehrenswert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit
+geworden, da&szlig; sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann
+eine dicke Tr&auml;ne &uuml;ber ihre Nase und blieb einen Augenblick daran
+h&auml;ngen. Dabei n&auml;hte sie ununterbrochen weiter.
+
+</P><P>
+
+Emma dachte, da&szlig; kaum achtundvierzig Stunden vor&uuml;ber waren, seit
+sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentr&uuml;ckt, ganz
+trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
+kleinsten und allerkleinsten Z&uuml;ge dieses entschwundenen
+Tages ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ckzurufen. Aber die Anwesenheit
+ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter st&ouml;rte sie. Sie
+h&auml;tte nichts h&ouml;ren und nichts sehn m&ouml;gen, um nicht in
+ihren Liebestr&auml;umereien gest&ouml;rt zu werden, die gegen ihren
+Willen unter den &auml;u&szlig;eren Eindr&uuml;cken zu verwehen drohten.
+
+</P><P>
+
+Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um
+sich ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere
+und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide H&auml;nde in
+den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
+&Uuml;berrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und
+sprach auch kein Wort. Berta, die ein wei&szlig;es Sch&uuml;rzchen
+umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenh&auml;ndler, kommen.
+
+</P><P>
+
+Er bot in Anbetracht des &bdquo;betr&uuml;blichen Ereignisses&ldquo; seine
+Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu
+k&ouml;nnen, aber der H&auml;ndler wich nicht so leicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bitte tausendmal um Verzeihung,&ldquo; sagte er, &bdquo;aber ich mu&szlig;
+Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.&ldquo; Und fl&uuml;sternd
+f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen
+schon&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl wurde rot bis &uuml;ber die Ohren.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig; ... freilich ... nat&uuml;rlich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;K&ouml;nntest du das nicht mal ... meine Liebe&nbsp;...?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
+Mutter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine
+Kleinigkeit, die den Haushalt betrifft.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er f&uuml;rchtete ihre Vorw&uuml;rfe und wollte nicht, da&szlig; sie die
+Vorgeschichte des Wechsels erf&uuml;hre.
+
+</P><P>
+
+Sobald sie allein waren, begl&uuml;ckw&uuml;nschte Lheureux Emma in
+ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
+gleichg&uuml;ltigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
+seiner Gesundheit, die immer &bdquo;so lala&ldquo; sei. Er m&uuml;&szlig;te sich
+wirklich h&ouml;llisch anstrengen und, was die Leute auch sagten,
+ihm fehle doch die Butter zum Brote.
+
+</P><P>
+
+Emma lie&szlig; ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
+entsetzlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und sind Sie v&ouml;llig wiederhergestellt?&ldquo; fuhr er fort. &bdquo;Ich
+sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer sch&ouml;nen Verfassung
+gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch
+ordentlich einander in die Haare gefahren sind.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr n&auml;mlich die
+Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur
+Reise&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die H&auml;nde auf
+den R&uuml;cken genommen und sah ihr, l&auml;chelnd und leise redend, mit
+einem unertr&auml;glichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas?
+Emma verlor sich in allerlei Bef&uuml;rchtungen. Inzwischen fuhr er
+fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wir haben uns schlie&szlig;lich geeinigt, und ich bin
+gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt
+hatte, zu erneuern. &Uuml;brigens k&ouml;nne der Herr Doktor die Sache
+ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu
+&auml;ngstigen, noch dazu jetzt, wo er gewi&szlig; mit Sorgen &uuml;berh&auml;uft
+sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das beste w&auml;re ja, wenn die Schuld jemand anders
+&uuml;bern&auml;hme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das
+w&auml;re das Bequemste. Wir k&ouml;nnten dann unsere kleinen
+Gesch&auml;fte miteinander abmachen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam
+er auf sein Gesch&auml;ft zu sprechen und erkl&auml;rte ihr, sie m&uuml;sse
+unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zw&ouml;lf Meter Barege
+schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das, was Sie da haben, ist gut f&uuml;rs Haus. Sie
+brauchen noch noch ein andres f&uuml;r die Besuche. Gleich beim
+Eintreten habe ich das bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein
+Amerikaner!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
+er nochmals, um Ma&szlig; zu nehmen, und dann unter allen m&ouml;glichen
+anderen Vorw&auml;nden wieder und wieder, wobei er sich so gef&auml;llig
+und dienstbeflissen wie nur m&ouml;glich stellte. Er stand
+&bdquo;gehorsamst zur Verf&uuml;gung&ldquo;, wie Homais zu sagen pflegte.
+Dabei fl&uuml;sterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschl&auml;ge
+wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erw&auml;hnte er nicht
+mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach
+ihrer Genesung mit ihr dar&uuml;ber gesprochen, aber es war ihr
+seitdem so viel durch den Kopf gegangen, da&szlig; sie das vergessen
+hatte. Sie h&uuml;tete sich &uuml;berhaupt, Geldinteressen an den Tag zu
+legen. Frau Bovary wunderte sich dar&uuml;ber, aber sie schrieb das
+der Fr&ouml;mmigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden
+sei.
+
+</P><P>
+
+Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
+Gatten durch ihren Gesch&auml;ftssinn in Erstaunen. Man m&uuml;sse
+Erkundigungen einholen, die Hypotheken pr&uuml;fen und feststellen, ob
+nicht vielleicht ein Nachla&szlig;konkurs n&ouml;tig sei. Sie gebrauchte
+auf gut Gl&uuml;ck allerhand juristische Ausdr&uuml;cke, sprach von
+Ordnung des Nachlasses, Nachla&szlig;verbindlichkeiten, Haftung
+usw., und &uuml;bertrieb immerfort die Schwierigkeiten der
+Erbschaftsregelung. Eines Tages zeigte sie ihm sogar den
+Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr das Recht &uuml;bertrug,
+das Verm&ouml;gen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel
+auszustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten
+und zu empfangen usw.
+
+</P><P>
+
+Lheureux war ihr Lehrmeister.
+
+</P><P>
+
+Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Notar Guillaumin.&ldquo; Und mit der gr&ouml;&szlig;ten Kaltbl&uuml;tigkeit f&uuml;gte
+sie hinzu: &bdquo;Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache.
+Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht m&uuml;&szlig;te man noch
+einen Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein
+... keinen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;chstens Leo&ldquo;, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei
+schwierig, sich brieflich zu verst&auml;ndigen.
+
+</P><P>
+
+Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es
+nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit
+nachstehen. Schlie&szlig;lich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn
+aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will aber! Ich bitte dich, la&szlig; michs machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie gut du bist!&ldquo; sagte er und k&uuml;&szlig;te sie auf die Stirn.
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
+und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Drittes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Es waren drei erlebnisvolle, k&ouml;stliche, wunderbare wahre
+Flitterwochentage.
+
+</P><P>
+
+Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
+verschlossenen T&uuml;ren und herabgelassenen Fensterl&auml;den, unter
+&uuml;berallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man
+ihnen alle Morgen in der Fr&uuml;he brachte.
+
+</P><P>
+
+Abends mieteten sie einen &uuml;berdeckten Kahn und a&szlig;en auf einer
+der Inseln.
+
+</P><P>
+
+Es war die Stunde, da man von den Werften her die H&auml;mmer gegen
+die Schiffsw&auml;nde schlagen h&ouml;rte. Der Dampf von siedendem Teer
+stieg zwischen den B&auml;umen empor, und auf dem Strome sah man
+breite &ouml;lige, ungleich gro&szlig;e Flecken, die im Purpurlichte der
+Sonne wie schwimmende Platten aus Florenzer Bronze gl&auml;nzten.
+
+</P><P>
+
+Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flu&szlig;k&auml;hnen
+hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen
+Ankertaue. Das Ger&auml;usch der Stadt, das Rasseln der Wagen,
+das Stimmengewirr, das Bellen der Hunde auf den Schiffen
+wurde ferner und ferner. Emma kn&uuml;pfte ihre Hutb&auml;nder auf.
+
+</P><P>
+
+Sie landeten an &bdquo;ihrer Insel&ldquo;. Sie setzten sich in eine
+Herberge, vor deren T&uuml;r schwarze Netze hingen, und a&szlig;en
+gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich
+ins Gras, k&uuml;&szlig;ten einander im Schatten der hohen Pappeln
+und h&auml;tten am liebsten wie zwei Robinsons immer auf diesem
+Erdenwinkel leben m&ouml;gen, der ihnen in ihrer Gl&uuml;ckseligkeit
+als das sch&ouml;nste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie
+sahn die B&auml;ume, den blauen Himmel und das Gras nicht zum
+ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Pl&auml;tschern der
+Wellen und dem Wind, der durch die Bl&auml;tter rauschte, aber es
+war ihnen, als h&auml;tten sie das alles niemals so
+genossen, als w&auml;re die Natur vorher gar nicht dagewesen oder
+als w&auml;re sie erst sch&ouml;n, seitdem ihr Begehren gestillt war.
+
+</P><P>
+
+Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
+von Inseln entlang. Die beiden sa&szlig;en im Dunkeln auf der Bank
+unter dem h&ouml;lzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die
+vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen
+Gabeln, taktm&auml;&szlig;ig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das
+Wasser leise um das herrenlose Steuer.
+
+</P><P>
+
+Einmal erschien der Mond. Da schw&auml;rmten sie nat&uuml;rlich vom
+stillen Nebelglanz &uuml;ber Busch und Tal und seinen Melodien. Und
+Emma begann sogar zu singen: </P>
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Wei&szlig;t du, eines Abends <BR>
+Fuhren wir dahin&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte &uuml;ber der Flut,
+vom Wind entf&uuml;hrt. Wie sanfter Fl&uuml;gelschlag streifte der Sang
+Leos Ohr.
+
+</P><P>
+
+Emma sa&szlig; an die R&uuml;ckwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
+offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
+Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
+F&auml;cher ausbreitete, lie&szlig; sie schlanker und gr&ouml;&szlig;er
+erscheinen. Die H&auml;nde gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum
+Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der
+Weiden, an denen der Kahn vor&uuml;berglitt, und dann tauchte sie
+pl&ouml;tzlich wieder auf, im Lichte des Mondes, wie eine
+Geistererscheinung.
+
+</P><P>
+
+Leo, der sich ihr zu F&uuml;&szlig;en am Boden des Fahrzeuges
+gelagert hatte, hob ein Band aus roter Seide auf. Der
+Bootsmann sah es und meinte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
+spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
+hatten Kuchen und Champagner mit und Waldh&ouml;rner. Das war ein
+Rummel! Da war einer dabei, ein gro&szlig;er h&uuml;bscher Mann mit einem
+schwarzen Schnurrb&auml;rtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
+immer: &sbquo;Du, erz&auml;hl uns mal einen Schwank aus deinem
+Leben, Adolf!&lsquo; Oder hie&szlig; er Rudolf? Ich wei&szlig; nicht mehr&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma fuhr zusammen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist dir nicht wohl?&ldquo; fragte Leo und legte ihr die Hand um den
+Nacken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bi&szlig;chen k&uuml;hl.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er mochte auch viel Gl&uuml;ck bei den Frauen haben&ldquo;, redete der
+Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar
+eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die H&auml;nde und
+begann von neuem zu rudern.
+
+</P><P>
+
+Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig.
+Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
+schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
+Umschl&auml;ge verwenden. Er wunderte sich &uuml;ber ihre Schlauheit in
+Liebesdingen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht
+wahr?&ldquo; fragte sie nach dem letzten Kusse.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber gewi&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als er dann allein durch die Stra&szlig;en heimging, dachte er bei
+sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer
+Generalvollmacht?&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Viertes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Leo begann vor seinen Kameraden den &Uuml;berlegenen zu spielen. Er
+mied ihre Gesellschaft und vernachl&auml;ssigte seine Akten. Er
+wartete nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in
+ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in
+der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein hei&szlig;es
+Begehren k&uuml;hlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im
+Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs derma&szlig;en,
+da&szlig; er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.
+
+</P><P>
+
+Als er von der H&ouml;he herab unten im Tale den Kirchturm mit
+seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
+durchschauerte ihn ein sonderbares Gef&uuml;hl von Eitelkeit und
+R&uuml;hrung, wie es vielleicht ein Milliard&auml;r empfindet, der sein
+Heimatdorf wieder aufsucht.
+
+</P><P>
+
+Er ging um Emmas Haus. In der K&uuml;che war Licht. Er wartete,
+ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar w&uuml;rde. Es
+erschien nichts.
+
+</P><P>
+
+Als Mutter Franz ihn gewahrte, stie&szlig; sie Freudenschreie
+aus. Sie fand ihn &bdquo;gr&ouml;&szlig;er und schlanker geworden&ldquo;, w&auml;hrend
+Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er s&auml;he &bdquo;st&auml;rker und
+brauner&ldquo; aus.
+
+</P><P>
+
+Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
+aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es n&auml;mlich
+&bdquo;satt bekommen&ldquo;, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
+seine Tischzeit ein f&uuml;r allemal auf Punkt f&uuml;nf Uhr verlegt,
+was ihn indessen nicht hinderte, dar&uuml;ber zu r&auml;sonieren, da&szlig;
+der &bdquo;alte Klapperkasten egal zu sp&auml;t&ldquo; k&auml;me.
+
+</P><P>
+
+Endlich fa&szlig;te Leo Mut und klingelte an der Haust&uuml;re des
+Arztes. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer
+Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn
+wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tags wich er von
+Emmas Seite. Erst nachts kam sie allein mit Leo zusammen,
+auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach,
+wie einst mit dem andern.
+
+</P><P>
+
+Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
+Regenschirm, bei Donner und Blitz.
+
+</P><P>
+
+Die Trennung war ihnen unertr&auml;glich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber sterben!&ldquo; sagte Emma.
+
+</P><P>
+
+Sie entwand sich seinen Armen und weinte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
+versprach ihm Emma, sie wolle demn&auml;chst Mittel und Wege finden,
+damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen k&ouml;nnten.
+Emma zweifelte nicht an der M&ouml;glichkeit. Sie war &uuml;berhaupt
+voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr f&uuml;r die n&auml;chste Zeit Geld
+in Aussicht gestellt.
+
+</P><P>
+
+Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores f&uuml;r ihr Zimmer an.
+Lheureux r&uuml;hmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen
+Teppich, den der H&auml;ndler bereitwillig zu besorgen versprach,
+wobei er versicherte, er werde &bdquo;die Welt nicht kosten&ldquo;. Lheureux
+war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie
+nach ihm, und immer lie&szlig; er alles stehen und liegen und kam,
+ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte
+Frau Rollet t&auml;glich zum Fr&uuml;hst&uuml;ck und auch au&szlig;erdem noch
+h&auml;ufig kam.
+
+</P><P>
+
+Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma pl&ouml;tzlich einen
+ungemein regen Eifer im Musizieren.
+
+</P><P>
+
+Eines Abends spielte sie dasselbe St&uuml;ck viermal
+hintereinander, ohne &uuml;ber eine bestimmte schwierige Stelle glatt
+hinwegzukommen. Karl, der ihr zuh&ouml;rte, bemerkte den Fehler nicht
+und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Ich st&uuml;mpere. Meine Finger sind zu steif
+geworden.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinetwegen! Wenn es dir Spa&szlig; macht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl gab zu, da&szlig; sie ein wenig aus der &Uuml;bung sei. Sie griff
+daneben, blieb stecken, und pl&ouml;tzlich h&ouml;rte sie auf zu spielen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, es geht nicht, ich m&uuml;&szlig;te wieder Stunden nehmen,
+aber&nbsp;...&ldquo; Sie bi&szlig; sich in die Lippen und f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Zwanzig
+Franken f&uuml;r die Stunde, das ist zu teuer.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Allerdings ... ja&nbsp;...&ldquo;, sagte Karl und l&auml;chelte einf&auml;ltig,
+&bdquo;aber es gibt doch auch unbekannte K&uuml;nstler, die billiger und
+manchmal besser sind als die Ber&uuml;hmtheiten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Such mir einen!&ldquo; sagte Emma.
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene
+an und sagte schlie&szlig;lich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
+Barfeuch&egrave;res, und da hat mir Frau Li&eacute;geard erz&auml;hlt, da&szlig;
+ihre drei T&ouml;chter f&uuml;r zw&ouml;lf Groschen die Stunde bei einer ganz
+vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma zuckte mit den Achseln und &ouml;ffnete fortan nicht mehr das
+Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging,
+seufzte sie allemal:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, mein armes Klavier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wenn Besuch da war, erz&auml;hlte sie jedermann, da&szlig; sie die Musik
+aufgegeben und h&ouml;heren R&uuml;cksichten geopfert habe. Dann beklagte
+man sie. Es sei schade. Sie h&auml;tte soviel Talent. Man machte
+ihrem Manne geradezu Vorw&uuml;rfe, und der Apotheker sagte ihm
+eines Tages:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem
+die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Au&szlig;erdem sparen
+Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, sp&auml;ter bei
+der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die M&uuml;tter
+sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon
+Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber
+das wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ern&auml;hrung der
+S&auml;uglinge durch die eigenen M&uuml;tter und wie die
+Schutzpockenimpfung! Davon bin ich &uuml;berzeugt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Infolgedessen kam Karl noch einmal gespr&auml;chsweise auf diese
+Angelegenheit zur&uuml;ck. Emma erwiderte &auml;rgerlich, da&szlig; es
+besser w&auml;re, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte
+sich Bovary. Das kam ihm wie die Preisgabe eines
+St&uuml;ckes von sich selbst vor. Das brave Klavier hatte ihm so
+oft Vergn&uuml;gen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie w&auml;re es denn,&ldquo; schlug er vor, &bdquo;wenn du hin und wieder
+eine Stunde n&auml;hmst? Das wird uns wohl nicht gleich
+ruinieren!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelm&auml;&szlig;ig erfolgt&ldquo;,
+entgegnete sie.
+
+</P><P>
+
+Und so kam es schlie&szlig;lich dahin, da&szlig; sie von ihrem Gatten die
+Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
+den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
+habe bedeutende Fortschritte gemacht.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich
+ger&auml;uschlos an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorw&uuml;rfe
+wegen ihres zu fr&uuml;hen Aufstehens gemacht h&auml;tte. Dann lief
+sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich ans Fenster und sah auf
+den Marktplatz hinaus. Das Morgengrauen huschte um die
+Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterl&auml;den noch
+geschlossen waren. Die gro&szlig;en Buchstaben des Ladenschildes
+lie&szlig;en sich durch das fahle D&auml;mmerlicht erkennen.
+
+</P><P>
+
+Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
+Goldnen L&ouml;wen. Artemisia &ouml;ffnete ihr g&auml;hnend die T&uuml;r und
+fachte der gn&auml;digen Frau wegen im Herde die gl&uuml;henden Kohlen an.
+Ganz allein sa&szlig; Emma dann in der K&uuml;che.
+
+</P><P>
+
+Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte h&ouml;chst
+gem&auml;chlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuh&ouml;rte,
+die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster
+heraussah und ihm tausend Auftr&auml;ge und Verhaltungsma&szlig;regeln
+erteilte, die jeden andern Kutscher verr&uuml;ckt gemacht h&auml;tten. Die
+Abs&auml;tze von Emmas Stiefeletten klapperten laut auf dem
+Pflaster des Hofes.
+
+</P><P>
+
+Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
+angezogen, die Tabakspfeife angez&uuml;ndet und die Peitsche in die
+Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.
+
+</P><P>
+
+Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie
+allerorts Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Stra&szlig;e vor
+den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Pl&auml;tze
+vorbestellt hatten, lie&szlig;en meist auf sich warten; ja es kam
+vor, da&szlig; sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und
+fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den
+F&auml;usten laut gegen die Fensterl&auml;den. Inzwischen pfiff der Wind
+durch die schlecht schlie&szlig;enden Wagenfenster.
+
+</P><P>
+
+Allm&auml;hlich f&uuml;llten sich die vier B&auml;nke. Der Wagen rollte jetzt
+schneller hin. Die Apfelb&auml;ume an den Stra&szlig;enr&auml;ndern folgten
+sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser
+gef&uuml;llten Gr&auml;ben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin
+bis in den Horizont.
+
+</P><P>
+
+Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wu&szlig;te genau,
+wann eine Wiese oder eine Wegs&auml;ule kam oder eine Ulme, eine
+Scheune, das H&auml;uschen eines Stra&szlig;enw&auml;rters. Manchmal
+schlo&szlig; sie die Augen eine Weile, um sich &uuml;berraschen zu lassen.
+Aber sie verlor niemals das Gef&uuml;hl f&uuml;r Zeit und Ort.
+
+</P><P>
+
+Endlich erschienen die ersten Backsteinh&auml;user. Der Boden dr&ouml;hnte
+unter den R&auml;dern, rechts und links lagen G&auml;rten, durch
+deren Gitter man Bilds&auml;ulen, Lauben, beschnittene Taxushecken
+und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.
+
+</P><P>
+
+Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
+erf&uuml;llten Tiefe. Jenseits der Br&uuml;cken verlief das
+H&auml;usermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich
+flaches Land in eint&ouml;nigen Linien, bis es weit in der
+Ferne im fahlen Grau des Himmels verschwamm. So aus der
+Vogelschau sah die ganze Landschaft leblos wie ein Gem&auml;lde
+aus. Die vor Anker liegenden Zillen dr&auml;ngten sich in einem
+Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um gr&uuml;ne H&uuml;gel,
+und die l&auml;nglichen Inseln in seinen Fluten glichen gro&szlig;en
+schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen Fabrikessen
+quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft
+aufl&ouml;sten. In das Dr&ouml;hnen der Dampfh&auml;mmer mischte sich
+das helle Glockengel&auml;ut der Kirchen, die aus dem Dunste
+hervorragten. Die bl&auml;tterlosen B&auml;ume auf den Boulevards
+wuchsen aus den H&auml;usermassen heraus wie violette Gew&auml;chse,
+und die vom Regen nassen D&auml;cher glitzerten st&auml;rker oder
+schw&auml;cher, je nach der h&ouml;heren oder tieferen Lage der
+Stadtteile. Bisweilen trieb ein frischer Windsto&szlig; das
+dunstige Gew&ouml;lk nach der Sankt Katharinen-H&ouml;he hin, an deren
+steilen H&auml;ngen sich die luftige Flut ger&auml;uschlos brach.
+
+</P><P>
+
+Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
+diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut
+st&uuml;rmte ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die
+hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem
+der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen
+Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt dieses Anblicks
+wuchs ihre eigene Liebe, und das dumpfe Rauschen des
+Stra&szlig;enl&auml;rms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung.
+Die Pl&auml;tze, die Stra&szlig;en, die Promenaden erweiterten und
+vergr&ouml;&szlig;erten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
+zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie
+Einzug hielt.
+
+</P><P>
+
+Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die
+frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
+schmutzigen Landstra&szlig;e knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
+rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die B&uuml;rger,
+die aus ihren Landh&auml;usern im Wilhelmswalde zur&uuml;ckkehrten,
+wo sie die Nacht &uuml;ber geblieben waren, wichen mit ihren
+Familienkutschen gem&auml;chlich aus.
+
+</P><P>
+
+Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
+&Uuml;berschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
+und stieg aus.
+
+</P><P>
+
+In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die
+Schaufenster der L&auml;den. Marktweiber mit K&ouml;rben schrien an den
+Stra&szlig;enecken ihre Waren aus. Emma dr&uuml;ckte sich mit
+niedergeschlagenen Augen an den H&auml;usermauern entlang. Unter ihrem
+herabgezogenen schwarzen Schleier l&auml;chelte sie vergn&uuml;gt. Um
+nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch d&uuml;stre
+Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen
+am Ende der Rue Nationale. Wegen der N&auml;he des Theaters gibt
+es dort die meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern.
+Ein paarmal fuhren Karren mit B&uuml;hnendekorationen an Emma
+vor&uuml;ber. Besch&uuml;rzte Kellner streuten Sand auf das Trottoir,
+zwischen K&auml;sten mit gr&uuml;nen Gew&auml;chsen. Es roch nach Absinth,
+Zigarren und Austern.
+
+</P><P>
+
+Emma bog in die verabredete Stra&szlig;e ein. Da stand Leo. Sie
+erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich
+unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm
+nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf,
+&ouml;ffnete die T&uuml;r und trat ein&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und K&uuml;sse ohne
+Ende! Sie erz&auml;hlten sich vom Leid der vergangenen Woche, von
+ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber
+dann war das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu
+Auge, unter dem L&auml;cheln der Wollust und unter dem Gefl&uuml;ster der
+Z&auml;rtlichkeit.
+
+</P><P>
+
+Das Bett war aus Mahagoni und sehr gro&szlig;. Zu beiden Seiten
+des Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorh&auml;nge
+herab. Wenn sich Emmas braunes Haar und ihre wei&szlig;e Haut von
+diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme
+versch&auml;mt hob und ihr Gesicht in den H&auml;nden verbarg: was
+h&auml;tte Leo Sch&ouml;nres schauen k&ouml;nnen?
+
+</P><P>
+
+Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
+Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
+einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
+alles, was blank im Gemache war, hell auf: die
+Messingbeschl&auml;ge an der T&uuml;r, an den Gardinenhaltern und am
+Kamin.
+
+</P><P>
+
+Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
+verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles
+so vor, wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die
+Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am
+Donnerstag vorher liegen gelassen hatte.
+
+</P><P>
+
+Das Fr&uuml;hst&uuml;ck pflegten sie am Kamin an einem kleinen
+eingelegten Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte
+alles zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den
+Teller, unter tausend s&uuml;&szlig;en Torheiten. Wenn der Sekt ihr &uuml;ber
+den Rand des d&uuml;nnen Kelches auf die Finger perlte, lachte
+sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genu&szlig;
+versunken und verga&szlig;en v&ouml;llig, da&szlig; sie in einer Mietwohnung
+hausten. Es war Ihnen, als w&auml;ren sie Jungverm&auml;hlte und
+h&auml;tten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder zu
+verlassen brauchten. Sie sagten &bdquo;unser Zimmer, unser Teppich,
+unsre St&uuml;hle,&ldquo; wie sie &bdquo;unsre Pantoffeln&ldquo; sagten, wobei sie
+die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa
+Atlas mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie &uuml;ber den nackten
+F&uuml;&szlig;en. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir
+ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den gro&szlig;en
+Zehen.
+
+</P><P>
+
+Zum ersten Male in seinem Leben geno&szlig; er den unbeschreiblichen
+Reiz einer mond&auml;nen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese
+entz&uuml;ckende Art zu plaudern, dieses versch&auml;mte Sichentbl&ouml;&szlig;en,
+dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verz&uuml;ckte
+Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er
+hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
+verheiratete Frau ... Was h&auml;tte er mehr haben wollen?
+
+</P><P>
+
+Durch den fortw&auml;hrenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
+tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald
+schweigsam, bald &uuml;berschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
+Emma in ihm tausend L&uuml;ste, Gef&uuml;hle und Reminiszenzen. Die
+Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
+gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
+Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der &bdquo;Badenden
+Odaliske&ldquo;, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen
+Vrouwen der Minnes&auml;nger, und ihr blasses Gesicht glich denen,
+die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als
+alles das: sie war sein &bdquo;Engel&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als erg&ouml;sse sich
+seine Seele &uuml;ber sie und flie&szlig;e wie eine Welle &uuml;ber ihr Antlitz
+und von da herab wie ein Strom auf ihre wei&szlig;e Brust. Er sank ihr
+zu F&uuml;&szlig;en auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah
+zu ihr empor und schaute sie l&auml;chelnd an. Und sie neigte sich zu
+ihm herab und fl&uuml;sterte wie im Rausche:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O r&uuml;hr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist
+etwas Liebes, S&uuml;&szlig;es in deinen Augen, das ich so gern
+habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie nannte ihn &bdquo;mein Junge&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Junge, liebst du mich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er best&uuml;rmte sie mit K&uuml;ssen. Eine andre Antwort begehrte sie
+nicht.
+
+</P><P>
+
+Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus
+Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande
+trug. Er machte ihnen viel Spa&szlig;. Nur wenn die Trennungsstunde
+schlug, kam ihnen alles ernsthaft vor.
+
+</P><P>
+
+Unbeweglich standen sie einander gegen&uuml;ber, und immer
+wiederholten sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf Wiedersehn! N&auml;chsten Donnerstag!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden H&auml;nde,
+k&uuml;&szlig;te ihn rasch auf die Stirn, und mit einem &bdquo;Adieu!&ldquo; st&uuml;rmte
+sie die Treppe hinunter.
+
+</P><P>
+
+Zun&auml;chst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstra&szlig;e
+und lie&szlig; sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon sp&auml;t.
+Im Laden brannten bereits die Gasflammen. Sie h&ouml;rte das
+Klingeln dr&uuml;ben im Theater, das dem Personal den Beginn der
+Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie M&auml;nner mit
+bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im
+hinteren Eingang des Theatergeb&auml;udes verschwanden.
+
+</P><P>
+
+Der sehr niedrige Raum war &uuml;berheizt. Mitten unter den Per&uuml;cken
+und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der hei&szlig;en
+Brennscheren und der fettigen H&auml;nde, die sich mit ihrem Haar zu
+schaffen machten, bet&auml;ubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel,
+so w&auml;re sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.
+
+</P><P>
+
+Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an.
+
+</P><P>
+
+Dann ging sie fort, die Stra&szlig;en wieder hinan, zur&uuml;ck ins
+&bdquo;Rote Kreuz&ldquo;. Sie suchte ihre &Uuml;berschuhe hervor, die sie am
+Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und
+nahm ihren Platz ein, unter den bereits ungeduldigen
+Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle aus.
+Emma blieb allein im Wagen zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
+Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites
+Lichtermeer, in dem die H&auml;user verschwanden. Auf dem Sitzpolster
+kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
+fl&uuml;sterte sie den Namen Leos vor sich hin, k&uuml;&szlig;te ihn in
+Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind
+verschlang.
+
+</P><P>
+
+Oben auf der H&ouml;he trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
+ablauerte. Er war in Lumpen geh&uuml;llt, und ein alter verwetterter
+Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
+abnahm, sah man in seinen Augenh&ouml;hlen zwei blutige Aug&auml;pfel mit
+L&ouml;chern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch sch&auml;lte sich in
+roten Fetzen ab, und eine gr&uuml;nliche Fl&uuml;ssigkeit lief heraus,
+die an der Nase gerann, deren schwarze Fl&uuml;gel nerv&ouml;s zuckten.
+Wenn man ihn ansprach, grinste er einen bl&ouml;d an. Dann rollten
+seine bl&auml;ulichen Aug&auml;pfel fortw&auml;hrend in ihrem wunden Lager.
+
+</P><P>
+
+Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Wenns Sommer worden weit und breit,<BR>
+Wird hei&szlig; das Herze mancher Maid&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Manchmal erschien der Ungl&uuml;ckliche ohne Hut ganz pl&ouml;tzlich
+hinter Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.
+
+</P><P>
+
+Hivert pflegte den Bettler zu verh&ouml;hnen. Er riet ihm, sich auf
+dem n&auml;chsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er
+fragte ihn, wie es seiner Liebsten ginge.
+
+</P><P>
+
+Einmal streckte der Bettler seinen Hut w&auml;hrend der Fahrt durch
+das Wagenfenster herein. Er war drau&szlig;en auf das
+kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand
+fest. Sein erst schwacher und kl&auml;glicher Gesang ward schrill. Er
+heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das
+Schellengel&auml;ut der Pferde, das Rauschen der B&auml;ume und das
+Rasseln des Wagens t&ouml;nten in diese Jammerlaute hinein, so
+da&szlig; sie wie aus der Ferne zu kommen schienen. Emma war
+tiefersch&uuml;ttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie
+wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie
+ergriff sie.
+
+</P><P>
+
+Inzwischen hatte Hivert bemerkt, da&szlig; eine fremde Last seinen
+Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf
+den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
+Stra&szlig;enkot und stie&szlig; ein Schmerzensgeheul aus.
+
+</P><P>
+
+Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die
+einen schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die
+Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des
+Nachbars, und jener hatte den Arm in dem H&auml;ngeriemen, der je
+nach den Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der
+Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen
+Kattunvorh&auml;nge und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit
+blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie
+fror unter ihren Kleidern. Ihre F&uuml;&szlig;e wurden ihr k&auml;lter und
+k&auml;lter. Sie f&uuml;hlte sich sterbensungl&uuml;cklich.
+
+</P><P>
+
+Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer
+Versp&auml;tung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig,
+aber was k&uuml;mmerte sie das? Das Dienstm&auml;dchen konnte
+jetzt machen, was es wollte.
+
+</P><P>
+
+Es geschah oft, da&szlig; Karl, dem Emmas Bl&auml;sse auffiel, sie
+fragte, ob ihr etwas fehle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein!&ldquo; antwortete sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber du bist so sonderbar heute abend?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein, nicht im geringsten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
+gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser
+als eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die
+Streichh&ouml;lzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und das
+Nachthemd und deckte das Bett auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Du kannst gehn.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er blieb n&auml;mlich immer noch eine Weile an der T&uuml;re stehen und
+blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.
+
+</P><P>
+
+Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gr&auml;&szlig;lich, und noch
+qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
+der sie nach ihrem Gl&uuml;cke lechzte. Sie verging fast vor
+L&uuml;sternheit, unter woll&uuml;stigen Erinnerungen, bis alle ihre
+Sehnsucht am siebenten Tage in Leos z&auml;rtlichen Armen
+befriedigt wurde. Seine eigne, hei&szlig;e Sinnlichkeit verbarg sich
+unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit.
+Seine anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entz&uuml;cken. Sie
+hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst,
+sein Herz zu verlieren.
+
+</P><P>
+
+Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten!
+Wirst es machen wie alle andern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Welche andern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie alle M&auml;nner, meine ich.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ihn sanft zur&uuml;cksto&szlig;end, f&uuml;gte sie hinzu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr seid alle gemein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eines Tages f&uuml;hrten sie ein philosophisches Gespr&auml;ch
+&uuml;ber die menschlichen Entt&auml;uschungen, als sie pl&ouml;tzlich, um
+seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu
+starkem Mitteilungsbed&uuml;rfnis, das Gest&auml;ndnis machte,
+da&szlig; sie vor ihm einen andern geliebt habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wie dich!&ldquo; f&uuml;gte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
+ihres Kindes, da&szlig; es &bdquo;zu nichts gekommen&ldquo; sei.
+
+</P><P>
+
+Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
+Betreffende jetzt sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er war Schiffskapit&auml;n, mein Lieber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich
+ein gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer
+und gewi&szlig; vielumworbener Mann zu ihren F&uuml;&szlig;en gelegen haben
+sollte?
+
+</P><P>
+
+In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewu&szlig;tsein der
+Inferiorit&auml;t. Am liebsten h&auml;tte er gleichfalls Epauletten,
+Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mu&szlig;ten ihr gefallen,
+das sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.
+
+</P><P>
+
+Dabei verschwieg ihm Emma noch einen gro&szlig;en Teil ihrer ins
+Gro&szlig;artige gehenden W&uuml;nsche; zum Beispiel, da&szlig; sie gern einen
+blauen Tilbury mit einem englischen Vollbl&uuml;ter und einem Groom in
+schicker Livree gehabt h&auml;tte, um in Rouen spazieren zu fahren.
+Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
+gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn
+die Nichterf&uuml;llung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des
+Wiedersehns nicht weiter tr&uuml;bte, so versch&auml;rfte sie doch
+zweifellos die Bitterkeit der Trennung.
+
+</P><P>
+
+Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, wenn wir dort leben k&ouml;nnten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind wir denn nicht gl&uuml;cklich?&ldquo; erwiderte Leo z&auml;rtlich und
+strich mit der Hand liebkosend &uuml;ber ihr Haar.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch! Du hast recht! Ich bin t&ouml;richt. K&uuml;sse mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebensw&uuml;rdiger denn je. Sie
+bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach
+Tisch Walzer vor. Er hielt sich f&uuml;r den gl&uuml;cklichsten Mann der
+Welt. Emma lebte in v&ouml;lliger Sorglosigkeit. Aber eines
+Abends sagte er pl&ouml;tzlich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wahr, du hast doch bei Fr&auml;ulein Lempereur Stunden?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Merkw&uuml;rdig! Ich habe sie heute bei Frau Li&eacute;geard getroffen
+und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie
+unbefangen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Name wird ihr entfallen sein.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in
+Rouen, die Klavierstunden geben&ldquo;, meinte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist auch m&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich sagte Emma:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
+eine bringen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie ging an ihren Schreibtisch, ri&szlig; alle Schubf&auml;cher auf,
+w&uuml;hlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, da&szlig; Karl
+sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel M&uuml;he
+zu machen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde sie schon finden!&ldquo; beharrte sie.
+
+</P><P>
+
+In der Tat f&uuml;hlte Karl am Freitag darauf, als er sich die
+Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gela&szlig;
+zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein St&uuml;ck
+Papier. Er zog es hervor und las:
+
+</P><P>
+
+<DIV ALIGN="CENTER">
+<TABLE WIDTH="50%" CELLPADDING="0" BORDER="0">
+<TR><TD ALIGN="CENTER">&bdquo;Quittung.
+</TD></TR>
+<TR><TD>
+Honorar f&uuml;r drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen f&uuml;r
+verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-&nbsp;Frkn.
+</TD></TR>
+<TR><TD ALIGN="RIGHT">
+Dankend erhalten <BR>
+Friederike Lempereur, <BR>
+Musiklehrerin.&ldquo;
+</TD>
+</TR>
+</TABLE>
+</DIV>
+
+<P>
+
+&bdquo;Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wahrscheinlich&ldquo;, erwiderte Emma, &bdquo;ist es aus dem Karton
+mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal
+steht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von
+L&uuml;gen. Sie h&uuml;llte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit
+niemand sie s&auml;he. Aber auch sonst wurde ihr das L&uuml;gen
+geradezu zu einem Bed&uuml;rfnis. Sie log zu ihrem Vergn&uuml;gen. Wenn
+sie erz&auml;hlte, da&szlig; sie auf der rechten Seite der Stra&szlig;e gegangen
+sei, konnte man wetten, da&szlig; es auf der linken gewesen war.
+
+</P><P>
+
+Eines Donnerstags war sie fr&uuml;h, wie gew&ouml;hnlich ziemlich
+leicht gekleidet, abgefahren, als es pl&ouml;tzlich zu schneien
+begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien
+in der Kutsche des B&uuml;rgermeisters. Sie fuhren zusammen nach
+Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken
+Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuh&auml;ndigen, sobald er
+im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe
+sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die
+Antwort, da&szlig; sie das &bdquo;Rote Kreuz&ldquo; sehr selten aufsuche.
+Abends traf er sie in der Postkutsche und erz&auml;hlte ihr von
+seinem Mi&szlig;erfolge, dem er &uuml;brigens keine sonderliche
+Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald eine
+Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so
+wunderbar predige, da&szlig; die Frauen in Scharen hingingen.
+
+</P><P>
+
+Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben
+hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret
+sein. Und so hielt es Emma f&uuml;r besser, fortan im &bdquo;Roten
+Kreuz&ldquo; abzusteigen, damit die guten Leute aus Yonville sie hin
+und wieder auf der Treppe des Gasthofes sahen und nichts
+argw&ouml;hnten.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos
+Arm den Boulogner Hof verlie&szlig;. Sie f&uuml;rchtete, er k&ouml;nne
+schwatzen; aber er war nicht so t&ouml;richt. Daf&uuml;r trat er drei Tage
+sp&auml;ter in ihr Zimmer und erkl&auml;rte, da&szlig; er Geld brauche.
+
+</P><P>
+
+Sie erwiderte ihm, sie k&ouml;nne ihm nichts geben. Lheureux fing
+zu jammern an und z&auml;hlte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
+
+</P><P>
+
+In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten
+Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin
+verl&auml;ngert und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus
+seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen f&uuml;r die
+Stores, den Teppich, f&uuml;r M&ouml;belstoff, mehrere Kleider und
+verschiedene Toilettenst&uuml;cke, im Gesamtbetrag von ungef&auml;hr
+zweitausend Franken.
+
+</P><P>
+
+Sie lie&szlig; den Kopf h&auml;ngen, und er fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus
+in Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es
+brachte nicht viel ein. Es hatte urspr&uuml;nglich zu einem kleinen
+Pachtgute geh&ouml;rt, das der alte Bovary vor Jahren verkauft
+hatte. Lheureux wu&szlig;te genau Bescheid &uuml;ber das Grundst&uuml;ck; er
+kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An Ihrer Stelle&ldquo;, sagte er, &bdquo;versuchte ich, es
+loszuwerden. Sie bek&auml;men dann sogar noch bar Geld heraus!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie entgegnete, es sei schwer, einen K&auml;ufer zu finden, aber
+Lheureux meinte, das lie&szlig;e sich schon machen. Da fragte sie,
+was sie tun m&uuml;sse, um das Haus zu verkaufen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben doch die Vollmacht&ldquo;, antwortete er.
+
+</P><P>
+
+Dieses Wort belebte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie mir die Rechnung hier!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, das eilt ja nicht!&ldquo; erwiderte Lheureux.
+
+</P><P>
+
+In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete,
+es sei ihm mit vieler M&uuml;he gelungen, einen gewissen Langlois
+ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das
+Grundst&uuml;ck geworfen habe und wissen m&ouml;chte, was es koste.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Preis ist mir gleichg&uuml;ltig!&ldquo; rief Emma aus.
+
+</P><P>
+
+Lheureux erkl&auml;rte, man m&uuml;sse den K&auml;ufer eine Weile zappeln
+lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie
+selbst nicht gut verreisen k&ouml;nne, bot er sich dazu an, um das
+Gesch&auml;ft mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung
+zur&uuml;ck, der K&auml;ufer habe viertausend Franken geboten.
+
+</P><P>
+
+Emma war hocherfreut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Offen gestanden,&ldquo; f&uuml;gte der H&auml;ndler hinzu, &bdquo;das ist
+anst&auml;ndig bezahlt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die erste H&auml;lfte der Summe z&auml;hlte er ihr sofort auf. Als Emma
+sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
+Lheureux:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf Ehre, es ist doch schade, da&szlig; Sie ein so sch&ouml;nes
+S&uuml;mmchen gleich wieder aus der Hand geben wollen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
+Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie? Wie meinen Sie?&ldquo; stammelte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O,&ldquo; erwiderte er mit gutm&uuml;tigem L&auml;cheln, &bdquo;man kann ja was
+ganz Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich wei&szlig; ja, wie
+das in einem Haushalte so ist.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie scharf an, w&auml;hrend er die beiden Tausendfrankenscheine
+langsam durch die Finger hin und her gleiten lie&szlig;. Endlich machte
+er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
+tausend Franken auf den Tisch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unterschreiben Sie!&ldquo; sagte er, &bdquo;und behalten Sie die ganze
+Summe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fuhr erschrocken zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wenn ich Ihnen den &Uuml;berschu&szlig; bar auszahle,&ldquo; sagte
+Lheureux frech, &bdquo;erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schrieb unter die Rechnung:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
+bescheinigt
+
+</P><P>
+
+Lheureux.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Sie k&ouml;nnen unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie
+die weiteren zweitausend Franken f&uuml;r Ihre alte Bude! Eher ist
+auch der letzte Wechsel nicht f&auml;llig.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
+Ohren klang es ihr, als w&uuml;rden S&auml;cke voll Goldst&uuml;cke vor
+ihr ausgesch&uuml;ttet, die nur so &uuml;ber die Diele kollerten.
+Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vin&ccedil;ard, Bankier in
+Rouen, der die vier Wechsel diskontieren wolle. Die
+&uuml;bersch&uuml;ssige Summe werde er der gn&auml;digen Frau pers&ouml;nlich
+bringen.
+
+</P><P>
+
+Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
+Freund Vin&ccedil;ard habe &bdquo;wie &uuml;blich&ldquo; zweihundert Franken f&uuml;r
+Provision und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachl&auml;ssig
+eine Empfangsbest&auml;tigung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie verstehen! Gesch&auml;ft ist Gesch&auml;ft! Und das Datum! Bitte!
+Das Datum!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Tausend nun erf&uuml;llbare W&uuml;nsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
+vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
+die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
+
+</P><P>
+
+Der F&auml;lligkeitstag des vierten Papieres fiel zuf&auml;llig
+auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber
+geduldig auf Emmas R&uuml;ckkehr. Die Sache w&uuml;rde sich schon
+aufkl&auml;ren.
+
+</P><P>
+
+Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um
+ihm h&auml;usliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
+Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und z&auml;hlte ihm tausend
+unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg h&auml;tte anschaffen
+m&uuml;ssen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wahr, du mu&szlig;t doch zugeben: f&uuml;r so viele Dinge ist
+tausend Franken nicht zuviel?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
+Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
+bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen
+davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
+schrieb Bovary seiner Mutter einen kl&auml;glichen Brief. Statt einer
+Antwort kam sie pers&ouml;nlich. Als Emma wissen wollte, ob sie
+etwas herausr&uuml;cke, gab er ihr zur Antwort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
+besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst k&auml;me die ganze
+Geschichte und auch die Ver&auml;u&szlig;erung des Grundst&uuml;cks
+heraus. Letztere hatte der H&auml;ndler so geschickt betrieben,
+da&szlig; sie erst viel sp&auml;ter bekannt wurde.
+
+</P><P>
+
+Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
+die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerh&ouml;rt zu
+finden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mu&szlig;ten die
+Lehnst&uuml;hle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in
+keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den
+Gro&szlig;vaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine n&ouml;tig. So war
+es wenigstens bei meiner Mutter, und das war eine ehrbare
+Frau! Das kann ich dir versichern! Es sind nun einmal nicht
+alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich w&uuml;rde
+mich zu Tode sch&auml;men, wenn ich mich so verw&ouml;hnen wollte wie du!
+Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bi&szlig;chen der
+Pflege n&ouml;tig h&auml;tte ... Da schau mal einer diesen Luxus an!
+Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, das Meter zu zwei Franken!
+Wo man ganz sch&ouml;nen Futterstoff f&uuml;r vier Groschen, ja schon f&uuml;r
+dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erf&uuml;llt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich finde, es ist nun gut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
+w&uuml;rden alle beide im Armenhause enden. &Uuml;brigens sei Karl der
+Hauptschuldige. Es sei ein wahres Gl&uuml;ck, da&szlig; er ihr
+versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was?&ldquo; unterbrach Emma ihre Rede.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma &ouml;ffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der
+Ungl&uuml;cksmensch mu&szlig;te zugeben, da&szlig; ihm die Mutter das
+Ehrenwort abgen&ouml;tigt hatte. Da ging Emma aus dem Zimmer, kam
+sehr bald wieder und h&auml;ndigte ihrer Schwiegermutter mit der
+Geb&auml;rde einer F&uuml;rstin ein gro&szlig;es Schriftst&uuml;ck ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich danke dir!&ldquo; sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
+den Ofen.
+
+</P><P>
+
+Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie
+hatte einen Nervenchok bekommen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach du mein Gott!&ldquo; rief Karl aus. &bdquo;Siehst du, Mutter, es
+war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles &bdquo;blo&szlig; Tuerei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
+und vertrat Emma so nachdr&uuml;cklich, da&szlig; die alte Frau erkl&auml;rte,
+sie werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags.
+Als Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben
+&uuml;berreden wollte, erwiderte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja
+ganz in der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst
+ja sehen ... La&szlig; dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich
+wieder &mdash; sozusagen &mdash; zusetzen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nicht weniger als armer S&uuml;nder stand er dann vor Emma, die ihm
+erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mu&szlig;te
+erst lange bitten, ehe sie sich herablie&szlig;, eine neue
+Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
+sie ausstellen sollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr begreiflich!&ldquo; meinte der Notar. &bdquo;Ein Mann der
+Wissenschaft darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken
+lassen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl f&uuml;hlte sich durch diese im v&auml;terlichen Tone vorgebrachte
+Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bem&auml;ntelte seine Schwachheit
+mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit h&ouml;heren
+Dingen besch&auml;ftigt.
+
+</P><P>
+
+Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in
+Leos Armen war sie &uuml;ber die Ma&szlig;en ausgelassen. Sie lachte,
+weinte, sang, tanzte, lie&szlig; sich Sorbett heraufbringen und rauchte
+Zigaretten. So &uuml;berschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
+doch k&ouml;stlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, da&szlig; es in ihrem
+Innern g&auml;rte und da&szlig; sie sich aus diesem Motiv kopf&uuml;ber in
+den Strudel des Lebens st&uuml;rzte. Sie war reizbar,
+uners&auml;ttlich, woll&uuml;stig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie
+mit Leo durch die Stra&szlig;en der Stadt spazieren, ohne die geringste
+Angst, da&szlig; sie ins Gerede kommen k&ouml;nnte. So sagte sie
+wenigstens. Insgeheim erzitterte sie freilich mitunter bei
+dem Gedanken, Rudolf k&ouml;nne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf
+immerdar von ihm geschieden war, so f&uuml;hlte sie sich doch noch
+immer in seinem Banne.
+
+</P><P>
+
+Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zur&uuml;ck. Karl war
+au&szlig;er sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre
+&bdquo;Mama&ldquo; nicht ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerrei&szlig;end.
+Justin wurde auf der Poststra&szlig;e entgegengesandt, und selbst
+Homais verlie&szlig; seine Apotheke.
+
+</P><P>
+
+Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus.
+Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein
+Pferd los und langte gegen zwei Uhr morgens im &bdquo;Roten
+Kreuz&ldquo; an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht k&ouml;nne der
+Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Gl&uuml;cklicherweise
+fiel ihm die Adresse des Notars ein, bei dem Leo in der
+Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
+
+</P><P>
+
+Es begann zu d&auml;mmern. Er erkannte das Wappenschild &uuml;ber
+der T&uuml;r und klopfte an. Ohne da&szlig; ihm ge&ouml;ffnet ward, erteilte
+ihm jemand die gew&uuml;nschte Auskunft, nicht ohne auf den
+n&auml;chtlichen Ruhest&ouml;rer zu schimpfen.
+
+</P><P>
+
+Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besa&szlig; weder einen
+T&uuml;rklopfer noch eine Klingel noch einen Pf&ouml;rtner. Karl schlug
+mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging
+vor&uuml;ber. Karl bekam Angst und ging davon.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin ein Narr!&ldquo; sagte er zu sich. &bdquo;Wahrscheinlich haben
+Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht ist sie bei Frau D&uuml;breuil. Die ist vielleicht krank
+... Ach nein, Frau D&uuml;breuil ist ja schon vor einem halben Jahre
+gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich fiel ihm etwas ein. Er lie&szlig; sich in einem Caf&eacute;
+das Adre&szlig;buch geben und suchte rasch nach dem Namen von
+Fr&auml;ulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des
+Maroquiniers Nummer 74.
+
+</P><P>
+
+Als er in diese Stra&szlig;e einbog, tauchte Emma am andern Ende
+auf. Er st&uuml;rzte auf sie los und fiel ihr um den Hals.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hat dich denn gestern hier zur&uuml;ckgehalten?&ldquo; rief er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich war krank.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fuhr mit der Hand &uuml;ber die Stirn und antwortete:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bei Fr&auml;ulein Lempereur.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die M&uuml;he kannst du dir nun ersparen. Sie ist &uuml;brigens schon
+ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
+kannst dir denken, da&szlig; ich mich nicht gar frei f&uuml;hle, wenn ich
+wei&szlig;, da&szlig; dich die geringste Versp&auml;tung derma&szlig;en aus dem
+Gleichgewicht bringt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in
+Zukunft mit aller Ruhe &uuml;ber den Strang hauen zu k&ouml;nnen, wie man
+zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den
+ausgiebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust versp&uuml;rte, Leo
+zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser
+sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner
+Kanzlei auf.
+
+</P><P>
+
+Die ersten Male war ihm das eine gro&szlig;e Freude, aber
+allm&auml;hlich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren
+diese St&ouml;rungen durchaus nicht angenehm.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was, komm nur mit!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+Und er verlie&szlig; ihretwegen seine Arbeit.
+
+</P><P>
+
+Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz
+kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er
+auss&auml;he wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er
+mu&szlig;te ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand.
+Er sch&auml;mte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm,
+Vorh&auml;nge zu kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die
+seien sehr teuer, sagte sie lachend:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, h&auml;ngst du an deinen paar Groschen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Jedesmal mu&szlig;te ihr Leo genau berichten, was er seit dem
+letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein
+Gedicht, um ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei
+lag ihm nicht, und er schrieb schlie&szlig;lich ein Sonett aus einem
+alten Almanach ab.
+
+</P><P>
+
+Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein
+andres Bed&uuml;rfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen
+Dingen ihrer Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie
+sie. Mit einem Worte: sie tauschten allm&auml;hlich ihre Rollen. Leo
+wurde der feminine Teil in diesem Liebesverh&auml;ltnisse. Sie
+verstand auf eine Art zu kosen und zu k&uuml;ssen, da&szlig; er die
+Empfindung hatte, als sauge sie ihm die Seele aus dem Leibe.
+Es steckte, im Kerne ihres Wesens verborgen, eine
+eigent&uuml;mliche, geradezu unk&ouml;rperliche Verderbnis in Emma,
+eine geheimnisvolle Erbschaft.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Sechstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, a&szlig; er h&auml;ufig
+bei dem Apotheker zu Mittag. Aus H&ouml;flichkeit lud er ihn ein,
+ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gern!&ldquo; gab Homais zur Antwort. &bdquo;Ich mu&szlig; sowieso einmal
+ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir
+wollen zusammen ins Theater gehen, ein bi&szlig;chen kneipen und ein
+paar Dummheiten loslassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber Mann!&ldquo; mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren
+Gefahren, denen er entgegenlief, &auml;ngstigten sie im voraus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
+genug ruiniert in den fortw&auml;hrenden Ausd&uuml;nstungen der Drogen?
+Ja, ja, so sind die Frauen! Vergr&auml;bt man sich in die
+Wissenschaften, so sind sie eifers&uuml;chtig; und will man sich
+gelegentlich in harmlosester Weise ein bi&szlig;chen erholen, dann
+ists ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut
+sein! Rechnen Sie auf mich! In allern&auml;chster Zeit tauch ich in
+Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste &ouml;ffnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Fr&uuml;her h&auml;tte sich Homais geh&uuml;tet, einen derartigen
+Ausdruck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich
+ungemein darin, den jovialen Gro&szlig;st&auml;dter zu spielen. &Auml;hnlich
+wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das
+neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten aus. Er
+begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser
+anzunehmen, um den Philistern zu imponieren.
+
+</P><P>
+
+Eines Donnerstags fr&uuml;h traf ihn Emma zu ihrer &Uuml;berraschung
+in der K&uuml;che des Goldnen L&ouml;wen im Reiseanzug, das hei&szlig;t,
+in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen
+hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fu&szlig;sack in der
+andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus
+Furcht, die Kundschaft k&ouml;nne an seiner Abwesenheit Ansto&szlig;
+nehmen.
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
+verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn w&auml;hrend der ganzen
+Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
+so st&uuml;rzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt
+half kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das
+&bdquo;Grand Caf&eacute; zur Normandie&ldquo;, wo er, bedeckten Hauptes, stolz
+wie ein F&uuml;rst eintrat. Er hielt es n&auml;mlich f&uuml;r h&ouml;chst
+provinzlerhaft, in einem &ouml;ffentlichen Lokal den Hut abzunehmen.
+
+</P><P>
+
+Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schlie&szlig;lich eilte
+sie in seine Kanzlei. Unter allen m&ouml;glichen Mutma&szlig;ungen, wobei
+sie ihm den Vorwurf der Gleichg&uuml;ltigkeit und sich selber den der
+Schw&auml;che machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
+gegen die Scheiben gepre&szlig;t, im Boulogner Hofe.
+
+</P><P>
+
+Um zwei Uhr sa&szlig;en Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der
+gro&szlig;e Saal des Restaurants leerte sich. Sie sa&szlig;en am Ofen,
+der die Form eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen
+innen vergoldete F&auml;cher sich unter der wei&szlig;en Decke
+ausbreiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter
+Glasw&auml;nden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen &uuml;ber einem
+Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und
+Spargel drei schl&auml;frige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem
+Haufen aufgeschichtet.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker tat sich sozusagen eine G&uuml;te. Wenngleich ihn die
+Pracht noch mehr entz&uuml;ckte als das vortreffliche Mahl, so
+tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett
+mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien
+&bdquo;&uuml;ber die Weiber&ldquo;. Am meisten rege ihn eine &bdquo;schicke&ldquo; Frau
+auf, und nichts ginge &uuml;ber eine elegante Robe in einem vornehm
+eingerichteten Raume. Was die k&ouml;rperlichen Reize anbelange, da
+sei viel Fleisch &bdquo;nicht ohne&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, a&szlig; und
+schmatzte weiter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie m&uuml;ssen sich &uuml;brigens ziemlich einsam f&uuml;hlen hier in
+Rouen&ldquo;, sagte er pl&ouml;tzlich. &bdquo;Aber schlie&szlig;lich wohnt ja Ihr
+Liebchen nicht allzuweit.&ldquo; Da Leo err&ouml;tete, setzte er hinzu:
+&bdquo;Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, da&szlig; Sie in
+Yonville&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der junge Mann stammelte etwas Unverst&auml;ndliches.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... im Hause Bovary jemanden poussieren&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wen denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, das Dienstm&auml;del!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war st&auml;rker als
+alle Vorsicht. Ohne sichs zu &uuml;berlegen, widersprach er. Er
+liebe nur br&uuml;nette Frauen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da haben Sie nicht unrecht&ldquo;, meinte der Apotheker. &bdquo;Die haben
+mehr Temperament!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais begann zu fl&uuml;stern und verriet seinem Freunde die
+Symptome, an denen man erkennen k&ouml;nne, ob eine Frau Feuer habe.
+Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die
+Deutschen seien schw&auml;rmerisch, die Franz&ouml;sinnen woll&uuml;stig, die
+Italienerinnen leidenschaftlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und die Negerinnen?&ldquo; fragte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist etwas f&uuml;r Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen wir?&ldquo; fragte Leo ungeduldig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<TT>Yes!</TT>&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen
+und ihm seine Zufriedenheit aussprechen.
+
+</P><P>
+
+Des weiteren sch&uuml;tzte der junge Mann einen gesch&auml;ftlichen
+Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich begleite Sie nat&uuml;rlich!&ldquo; sagte Homais.
+
+</P><P>
+
+Unterwegs erz&auml;hlte er unaufh&ouml;rlich von seiner Frau, von
+seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom
+verwahrlosten Zustand, in dem er sie &uuml;bernommen, und wie er sie
+in die H&ouml;he gebracht habe.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
+eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der gr&ouml;&szlig;ten
+Erregung. Bei der Erw&auml;hnung des Apothekers geriet sie in
+Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vern&uuml;nftige Gr&uuml;nde zu
+beruhigen. Es sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie
+kenne Homais doch. Wie habe sie nur glauben k&ouml;nnen, da&szlig; er
+lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar
+nichts h&ouml;ren und schickte sich an, fortzugehen. Er hielt sie
+zur&uuml;ck, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen
+und sah sie mit einem r&uuml;hrenden Blick voller Begehrlichkeit und
+Unterw&uuml;rfigkeit an.
+
+</P><P>
+
+Sie stand aufrecht vor ihm. Mit gro&szlig;en flammenden Augen sah sie
+ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck
+in Tr&auml;nen. Ihre ger&ouml;teten Lider schlossen sich, sie &uuml;berlie&szlig;
+ihm ihre H&auml;nde, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
+Hausdiener. Ein Herr w&uuml;nsche ihn dringend zu sprechen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du kommst doch wieder?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wann?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sofort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein feiner Trick, nicht?&ldquo; schmunzelte er, als er Leo
+erblickte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verk&uuml;rzen. Sie war Ihnen doch
+offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
+Bridoux, einen Bittern genehmigen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo beteuerte, er m&uuml;sse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
+lachte ihn aus und machte seine Witze &uuml;ber die Juristerei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
+nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
+Seinen Terrier m&uuml;ssen Sie mal sehen! Der ist zu spa&szlig;ig!&ldquo; Und da
+der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: &bdquo;Na, da
+begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
+lesen oder in irgendeinem alten Schm&ouml;ker bl&auml;ttern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo war wie bet&auml;ubt durch Emmas Unwillen, durch des
+Apothekers Geschw&auml;tz und vielleicht auch durch die Nachwirkung
+des reichlichen Fr&uuml;hst&uuml;cks. Unentschlossen stand er da,
+w&auml;hrend Homais immer wieder in ihn drang:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
+Schritte von hier! Rue Malpalu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit
+oder Narrheit oder aus jenem merkw&uuml;rdigen Drange, der den
+Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen
+Willen zuwiderlaufen, lie&szlig; sich Leo zu Bridoux f&uuml;hren. Sie
+fanden ihn in dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei
+Burschen beaufsichtigte, die das gro&szlig;e Rad einer
+Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen
+Begr&uuml;&szlig;ung gab Homais seinem Kollegen Ratschl&auml;ge. Dann trank
+man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu
+empfehlen, aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er
+sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
+&sbquo;Leuchtturm von Rouen&lsquo;! Dem Redakteur guten Tag sagen.
+Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den
+Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im h&ouml;chsten Grade
+aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt ha&szlig;te sie Leo. Das
+Stelldichein zu vers&auml;umen, das fa&szlig;te sie als Beschimpfung
+auf! Nun suchte sie nach noch andern Gr&uuml;nden, mit ihm zu brechen.
+Er sei eines h&ouml;heren Aufschwungs unf&auml;hig, schwach, banal,
+feminin, dazu knickerig und kleinm&uuml;tig.
+
+</P><P>
+
+Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, da&szlig; sie ihn schlechter
+machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten
+hinterl&auml;&szlig;t immer gewisse Spuren. Man darf ein G&ouml;tzenbild nicht
+ber&uuml;hren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.
+
+</P><P>
+
+Fortan unterhielten sie sich immer h&auml;ufiger von Dingen, die
+nichts mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm
+Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
+Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
+eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
+erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem n&auml;chsten
+Beieinandersein die alte Gl&uuml;ckseligkeit, aber hinterher gestand
+sie sich jedesmal, da&szlig; sie nichts davon gesp&uuml;rt hatte.
+Diese Entt&auml;uschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen.
+Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher
+Erregung. Sie warf die Kleider ab und ri&szlig; das Korsett
+herunter, dessen Schnuren ihr um die H&uuml;ften schlugen wie
+zischende Schlangen. Mit nackten F&uuml;&szlig;en lief sie an die T&uuml;r und
+&uuml;berzeugte sich, da&szlig; sie verriegelt war. Mit einer hastigen
+Bewegung entledigte sie sich dann des Hemdes &mdash; und bleich,
+stumm, ernst und von Schauern durchstr&ouml;mt, warf sie sich in seine
+Arme.
+
+</P><P>
+
+Aber auf ihrer von kaltem Schwei&szlig; beperlten Stirn, auf ihren
+st&ouml;hnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
+lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges.
+Leo f&uuml;hlte es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu
+trennen.
+
+</P><P>
+
+Ohne da&szlig; er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
+Erkenntnis, da&szlig; die Geliebte alle Pr&uuml;fungen der Lust und
+des Leids schon einmal an sich selber erfahren haben mu&szlig;te.
+Was ihn dereinst entz&uuml;ckt hatte, das fl&ouml;&szlig;te ihm jetzt
+Grauen ein.
+
+</P><P>
+
+Dazu kam, da&szlig; er gegen die t&auml;glich zunehmende Vergewaltigung
+seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
+Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
+auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
+Absinthtrinker, den das gr&uuml;ne Gift immer wieder verf&uuml;hrt.
+
+</P><P>
+
+Allerdings wandte sie alle Liebesk&uuml;nste an: von
+ausgesuchten Gen&uuml;ssen bei Tisch bis zu den Raffinements
+der Kleidung und den schmachtendsten Z&auml;rtlichkeiten. Sie brachte
+aus ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm
+ins Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab
+ihm gute Ratschl&auml;ge, wie er leben solle. Abergl&auml;ubisch schenkte
+sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame
+Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am liebsten h&auml;tte sie ihn &uuml;berwacht oder gar &uuml;berwachen lassen.
+Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der
+N&auml;he des Boulogner Hofes regelm&auml;&szlig;ig ein Tagedieb herum,
+der dies wohl &uuml;bernommen h&auml;tte. Aber ihr Stolz hielt sie
+davon ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was
+tuts? Ich halte ihn nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als
+gew&ouml;hnlich. Als sie allein den Boulevard hinschlenderte,
+bemerkte sie die Mauer ihres Klosters. Da setzte sie sich
+auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie
+damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfr&auml;ulichen
+Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damals aus
+B&uuml;chern ertr&auml;umt hatte&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
+mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
+... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr
+vor&uuml;ber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie
+alles andre.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich liebe ihn doch!&ldquo; fl&uuml;sterte sie.
+
+</P><P>
+
+Sie war dennoch nicht gl&uuml;cklich, und nie war sie das gewesen!
+Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam
+immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?
+
+</P><P>
+
+Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und sch&ouml;n und
+tapfer, begeisterungsf&auml;hig und liebeserfahren zugleich, mit
+einem Dichterherzen und einem Engelsk&ouml;rper, ein Schw&auml;rmer und
+S&auml;nger, warum war sie ihm nicht zuf&auml;llig begegnet? Ach, weil
+das eine Unm&ouml;glichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu
+suchen! Weil alles Lug und Trug ist! Jedes L&auml;cheln verbirgt
+immer nur das G&auml;hnen der Langweile, jede Freude einen Fluch,
+jeder Genu&szlig; den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die hei&szlig;esten
+K&uuml;sse hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare
+Begierde nach der Wollust der G&ouml;tter!
+
+</P><P>
+
+Eherne Kl&auml;nge dr&ouml;hnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
+viermal. Vier Uhr! Es d&uuml;nkte Emma, sie s&auml;&szlig;e schon eine
+Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in
+einer Minute zusammendr&auml;ngen, wie eine Menschenmenge in einem
+kleinen Raume&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Emma lebte nur noch f&uuml;r sich selbst. Die Geldangelegenheiten
+k&uuml;mmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein
+Mann von sch&auml;bigem Aussehen und erkl&auml;rte, Herr Vin&ccedil;ard in
+Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen
+er die eine Seitentasche seines langen gr&uuml;nen Rockes
+verschlossen hatte, steckte sie im &Auml;rmelaufschlag fest und
+&uuml;berreichte ihr h&ouml;flich ein Papier. Es war ein Wechsel auf
+siebenhundert Franken, den sie ausgestellt hatte. Lheureux
+hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vin&ccedil;ard
+weitergegeben.
+
+</P><P>
+
+Sie schickte Felicie zu dem H&auml;ndler. Er k&ouml;nne nicht abkommen,
+lie&szlig; er zur&uuml;cksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und
+dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke
+auf Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einf&auml;ltig:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was soll ich Herrn Vin&ccedil;ard ausrichten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sagen Sie ihm nur&ldquo;, gab Emma zur Antwort, &bdquo;... ich h&auml;tte kein
+Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
+acht Tagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf
+erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten
+Zustellungsurkunde starrten ihr mehrfach die Worte &bdquo;Hareng,
+Gerichtsvollzieher in B&uuml;chy&ldquo; entgegen. Dar&uuml;ber erschrak sie
+derma&szlig;en, da&szlig; sie spornstreichs zu Lheureux lief.
+
+</P><P>
+
+Er stand in seinem Laden und schn&uuml;rte gerade ein Paket zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Diener!&ldquo; begr&uuml;&szlig;te er sie. &bdquo;Ich stehe Ihnen sogleich zur
+Verf&uuml;gung!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Im &uuml;brigen lie&szlig; er sich in seiner Besch&auml;ftigung nicht st&ouml;ren,
+bei der ihm ein etwa dreizehnj&auml;hriges M&auml;dchen half. Es war
+ein wenig verwachsen und versah bei dem H&auml;ndler zugleich die
+Stelle des Ladenm&auml;dchens und der K&ouml;chin.
+
+</P><P>
+
+Als er fertig war, f&uuml;hrte er Frau Bovary hinauf in den ersten
+Stock. Er ging ihr in seinen schl&uuml;rfenden Holzschuhen auf der
+Treppe voran. Oben &ouml;ffnete er die T&uuml;r zu einem engen Gemach, in
+dem ein gro&szlig;er Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
+Rechnungsb&uuml;cher stand, die durch eine eiserne, mit einem
+Vorh&auml;ngeschlo&szlig; versehene Stange verwahrt waren. An der Wand
+stand ein Geldschrank von solcher Gr&ouml;&szlig;e, da&szlig; er sichtlich noch
+andre Dinge als blo&szlig; Geld und Banknoten enthalten mu&szlig;te. In
+der Tat lieh Lheureux Geld auf Pf&auml;nder aus. In diesem Schrank
+lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe
+des alten Tellier. Der ehemalige Besitzer des Caf&eacute;
+Fran&ccedil;ais hatte inzwischen sein Grundst&uuml;ck verkaufen
+m&uuml;ssen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen er&ouml;ffnet. Dort
+ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner
+Talglichte, die weniger gelb waren als sein Gesicht.
+
+</P><P>
+
+Lheureux setzte sich in seinen gro&szlig;en Rohrstuhl und fragte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, was gibts Neues?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma hielt ihm die Vorladung hin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier, lesen Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, was geht denn mich das an?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Antwort emp&ouml;rte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
+ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber notgedrungen hab ichs doch tun m&uuml;ssen! Mir sa&szlig; selber
+das Messer an der Kehle!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und was wird jetzt geschehn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
+die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma konnte sich nur mit M&uuml;he beherrschen. Sie h&auml;tte ihm beinahe
+ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein
+Mittel gebe, Herrn Vin&ccedil;ard zu vertr&ouml;sten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Den und vertr&ouml;sten! Da kennen Sie Vin&ccedil;ard schlecht! Das
+ist ein Bluthund!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann m&uuml;sse eben Lheureux einspringen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;ren Sie mal,&ldquo; entgegnete er, &bdquo;mir scheint, da&szlig; ich schon
+genug f&uuml;r Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!&ldquo; Er schlug seine
+B&uuml;cher auf: &bdquo;Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17.
+Juni hundertundf&uuml;nfzig Franken ... am 23. M&auml;rz sechsundvierzig
+Franken ... am 10. April&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hielt inne, als f&uuml;rchte er eine Dummheit zu sagen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt
+hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von
+Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den r&uuml;ckst&auml;ndigen Zinsen gar
+nicht zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar
+niemand mehr hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun
+haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
+Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter &bdquo;diesen
+Schweinehund, den Vin&ccedil;ard&ldquo;. &Uuml;brigens verf&uuml;ge er selber
+&uuml;ber keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man
+z&ouml;ge ihm das Fell &uuml;ber die Ohren. Ein armer H&auml;ndler, wie er,
+k&ouml;nne nichts borgen.
+
+</P><P>
+
+Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
+Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schlie&szlig;lich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie unterbrach ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich die letzte Rate f&uuml;r das Grundst&uuml;ck in Barneville
+bekomme&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er tat so, als sei er sehr &uuml;berrascht, da&szlig; Langlois noch
+nicht gezahlt habe. Mit honigs&uuml;&szlig;er Stimme sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, den m&uuml;ssen Sie machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schlo&szlig; die Augen, als ob er sich etwas &uuml;berlegte.
+Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erkl&auml;rte er, er
+k&auml;me sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er
+schneide sich in sein eignes Fleisch. Schlie&szlig;lich f&uuml;llte er
+vier Wechsel aus, jeden zu zweihundertundf&uuml;nfzig Franken, mit
+F&auml;lligkeitstagen, die je vier Wochen auseinanderlagen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vorausgesetzt nat&uuml;rlich, da&szlig; Vin&ccedil;ard darauf eingeht!&ldquo;
+sagte er. &bdquo;Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange!
+Bei mir geht alles wie geschmiert!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist aber nichts f&uuml;r Sie darunter, gn&auml;dige Frau!&ldquo;
+meinte er. &bdquo;Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei
+Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute rei&szlig;en sich
+drum! Man sagt ihnen nat&uuml;rlich nicht, was wirklich dran ist
+... Sie k&ouml;nnens sich ja denken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Durch derlei Gest&auml;ndnisse seiner Unreellit&auml;t andern gegen&uuml;ber
+sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war
+bereits an der T&uuml;r, als er sie zur&uuml;ckrief und ihr drei
+Meter Brokatstickerei zeigte, einen &bdquo;Gelegenheitskauf&ldquo;, wie
+er sagte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Prachtvoll! Nicht?&ldquo; sagte er. &bdquo;Man nimmt es jetzt vielfach
+zu Sofabeh&auml;ngen. Das ist hochmodern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den
+Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma
+in die H&auml;nde gedr&uuml;ckt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich mu&szlig; doch aber wenigstens wissen, was&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, das eilt ja nicht!&ldquo; unterbrach er sie und wandte sich
+einem andern Kunden zu.
+
+</P><P>
+
+Noch an dem n&auml;mlichen Abend best&uuml;rmte sie Karl, er solle doch
+seiner Mutter schreiben, da&szlig; sie den Rest der Erbschaft schicke.
+Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach
+Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm &mdash; abgesehen von
+dem Grundst&uuml;ck in Barneville &mdash; j&auml;hrlich sechshundert
+Franken, die ihm p&uuml;nktlich zugehen w&uuml;rden.
+
+</P><P>
+
+Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten
+Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das
+h&auml;ufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: &bdquo;Ich bitte,
+es meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in
+dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie g&uuml;tigst. Ihre sehr
+ergebene&nbsp;...&ldquo; Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie
+unterschlug.
+
+</P><P>
+
+Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
+ihre abgelegten H&uuml;te, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein
+Jude. Hier kam ihr gewinns&uuml;chtiges Bauernblut zum Vorschein.
+Auf ihren Ausfl&uuml;gen nach Rouen erstand sie allerhand Tr&ouml;del,
+den Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte
+Strau&szlig;enfedern, chinesisches Porzellan, altert&uuml;mliche Truhen.
+Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
+&bdquo;Roten Kreuz&ldquo;, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit
+dem Geld, das sie noch f&uuml;r das Barneviller Haus bekam,
+bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die &uuml;brigen
+f&uuml;nfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue
+Verpflichtungen ein und immer wieder welche.
+
+</P><P>
+
+Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei
+herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
+bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann lie&szlig; sie es und dachte
+gar nicht mehr daran.
+
+</P><P>
+
+Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten
+mit w&uuml;tenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete
+W&auml;sche. Und die kleine Berta lief zum gr&ouml;&szlig;ten Entsetzen von
+Frau Homais in zerrissenen Str&uuml;mpfen einher. Wenn sich Karl
+gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm
+Emma barsch, es sei nicht ihre Schuld.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum ist sie so reizbar?&ldquo; fragte er sich und suchte die
+Erkl&auml;rung daf&uuml;r in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
+Vorw&uuml;rfe, da&szlig; er nicht gen&uuml;gend R&uuml;cksicht auf ihr
+k&ouml;rperliches Leiden genommen habe. Er schalt sich einen
+Egoisten und w&auml;re am liebsten zu ihr gelaufen und h&auml;tte sie
+gek&uuml;&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber nicht!&ldquo; sagte er sich. &bdquo;Es k&ouml;nnte ihr l&auml;stig sein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und er ging nicht zu ihr.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
+kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift
+auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen. Es war
+noch g&auml;nzlich unwissend. Sehr bald machte es gro&szlig;e, traurige
+Augen und begann zu weinen. Da tr&ouml;stete er es. Er holte Wasser
+in der Gie&szlig;kanne und legte ein B&auml;chlein im Kies an, oder er
+brach Zweige von den Jasminstr&auml;uchern und pflanze sie als
+B&auml;umchen in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er
+war schon l&auml;ngst von Unkraut &uuml;berwuchert. Lestiboudois hatte
+schon wer wei&szlig; wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das
+Kind, und es verlangte nach der Mutter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruf Felicie!&ldquo; sagte Karl. &bdquo;Du wei&szlig;t, mein Herzchen, Mama will
+nicht gest&ouml;rt werden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Bl&auml;tter. Jetzt
+war es genau zwei Jahre her, da&szlig; Emma krank war! Wann w&uuml;rde
+das endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort,
+die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie st&ouml;ren.
+Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
+bekleidet. Von Zeit zu Zeit z&uuml;ndete sie eins der
+R&auml;ucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eines
+Algeriers gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren
+schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie es durch
+allerlei Grimassen so weit, da&szlig; er sich in den zweiten Stock
+zur&uuml;ckzog. Nun las sie bis zum Morgen &uuml;berspannte B&uuml;cher,
+die von Orgien und von Mord und Totschlag erz&auml;hlten. Oft bekam
+sie davon Angstanf&auml;lle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst
+herunter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, geh nur wieder!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs
+durchgl&uuml;ht, schwer atmend und in hei&szlig;er sinnlicher Erregung
+ans Fenster, sog die k&uuml;hle Nachtluft ein und lie&szlig; sich den
+Wind um das schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend,
+w&uuml;nschte sie sich die Liebe eines F&uuml;rsten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Leo trat ihr vor die Phantasie. Was h&auml;tte sie in diesem
+Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm
+sattk&uuml;ssen zu lassen.
+
+</P><P>
+
+Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der
+Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu
+bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was
+beinahe jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu
+&uuml;berzeugen, da&szlig; sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe
+zusammen kommen k&ouml;nnten. Sie wollte jedoch nichts davon
+h&ouml;ren.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes
+Dutzend vergoldete Teel&ouml;ffel mit, das Hochzeitsgeschenk
+ihres Vaters. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er
+gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er
+f&uuml;rchtete, sich blo&szlig;zustellen. Als er hinterher noch einmal
+dar&uuml;ber nachdachte, fand er, da&szlig; seine Geliebte &uuml;berhaupt recht
+seltsam geworden sei und da&szlig; es vielleicht ratsam w&auml;re, mit
+ihr zu brechen. Seine Mutter hatte &uuml;brigens einen langen
+anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt
+worden war, ihr Sohn &bdquo;ruiniere sich mit einer verheirateten
+Frau.&ldquo; Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle
+Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin,
+die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich
+brieflich an Leos Chef, den Justizrat D&uuml;bocage, dem die
+Geschichte l&auml;ngst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
+dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, &ouml;ffnete ihm die
+Augen, wie er sich ausdr&uuml;ckte, und zeigte ihm den Abgrund, dem
+er zusteuere. Wenn es zum &ouml;ffentlichen Skandal k&auml;me, sei
+seine weitere Karriere gef&auml;hrdet! Er bat ihn dringend, das
+Verh&auml;ltnis abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so
+doch in seinem, des Notars.
+
+</P><P>
+
+Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
+Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
+indem er sich klar ward, in welche Mi&szlig;helligkeiten und in was
+f&uuml;r Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von
+den Anz&uuml;glichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich
+loslie&szlig;en, wenn sie sich am Kamine w&auml;rmten. Er sollte
+demn&auml;chst in die erste Adjunktenstelle r&uuml;cken. Es ward also
+Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Aus diesem Grunde gab er
+auch das Fl&ouml;tespielen auf. Die Tage der Schw&auml;rmereien und
+Phantastereien waren f&uuml;r ihn vor&uuml;ber! Jeder Philister hat in
+seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen
+Tag, nur eine Stunde w&auml;hrt. Einmal ist jeder der
+ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelst&uuml;rmender Pl&auml;ne
+f&auml;hig. Den spie&szlig;erlichsten Mann gel&uuml;stet es einmal nach
+einer gro&szlig;en Kurtisane, und selbst im n&uuml;chternen Juristen hat
+sich irgendwann einmal der Dichter geregt.
+
+</P><P>
+
+Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung
+an seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik
+nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er f&uuml;r die
+&Uuml;berschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gef&uuml;hl mehr. Die wilde
+Sch&ouml;nheit dieser Herzensst&uuml;rme begriff er nicht.
+
+</P><P>
+
+Sie kannten einander zu gut, als da&szlig; der gegenseitige Besitz
+sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
+Entwicklungsf&auml;higkeit verloren. Sie waren beide einander
+&uuml;berdr&uuml;ssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalit&auml;ten der
+Ehe wieder.
+
+</P><P>
+
+Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So ver&auml;chtlich ihr
+die Verflachung ihres Gl&uuml;ckes auch vorkam: aus
+Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der
+Sinnengenu&szlig; ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch
+nach h&ouml;heren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt
+und betrogen. Sie w&uuml;nschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre
+Entzweiung zur Folge h&auml;tte, weil sie nicht den Mut hatte, sich
+aus freien St&uuml;cken von ihm zu trennen.
+
+</P><P>
+
+Sie h&ouml;rte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu
+&uuml;bersch&uuml;tten. Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer
+Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben
+stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo,
+sondern ein Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer z&auml;rtlichsten
+Erinnerungen, eine Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden,
+das leibhaft gewordne Idol ihrer hei&szlig;esten Gel&uuml;ste.
+Allm&auml;hlich ward ihr dieser imagin&auml;re Liebling so vertraut,
+als ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten
+Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich
+gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in
+der F&uuml;lle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo
+hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter
+Rosend&uuml;ften und Mondenschein. Sie f&uuml;hlte, er war ihr nahe. Er
+umarmte und k&uuml;&szlig;te sie&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Nach solchen Traumzust&auml;nden war sie kraftlos und gebrochen.
+Die Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr
+als die wildeste Ausschweifung.
+
+</P><P>
+
+Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
+Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unm&ouml;glich, sie
+zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten h&auml;tte sie immerdar
+geschlafen.
+
+</P><P>
+
+Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zur&uuml;ck. Sie
+nahm am Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten
+Str&uuml;mpfen, eine Rokokoper&uuml;cke auf dem Kopfe und einen Dreimaster
+auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht.
+Es bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand
+sie unter der Vorhalle des Theaters, umringt von einem
+halben Dutzend Masken, Bekannten von Leo: Matrosen und
+Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurants in
+der N&auml;he waren alle &uuml;berf&uuml;llt. Schlie&szlig;lich entdeckte man einen
+bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleines
+Zimmer bekamen.
+
+</P><P>
+
+Die m&auml;nnlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
+einigten sie sich &uuml;ber die Kosten. Es waren zwei Studenten der
+medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verk&auml;ufer. Was
+f&uuml;r eine Gesellschaft f&uuml;r eine Dame! Und die weiblichen Wesen?
+An ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, da&szlig; sie fast
+alle der untersten Volksschicht angeh&ouml;ren mu&szlig;ten. Nun begann
+sie sich zu &auml;ngstigen. Sie r&uuml;ckte mit ihrem Sessel beiseite und
+schlug die Augen nieder.
+
+</P><P>
+
+Die andern begannen zu tafeln. Emma a&szlig; nichts. Ihre Stirn
+gl&uuml;hte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte
+ihr &uuml;ber die Haut. In ihrem Hirn dr&ouml;hnte noch der L&auml;rm des
+Tanzsaals; es war ihr, als stampften tausend F&uuml;&szlig;e im
+Takte um sie herum. Dazu bet&auml;ubte sie der Zigarrenrauch und der
+Duft des Punsches. Sie wurde ohnm&auml;chtig. Man trug sie
+ans Fenster.
+
+</P><P>
+
+Der Morgen d&auml;mmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-H&ouml;he stand ein
+breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
+graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
+Br&uuml;cken. Die Laternenlichter verblichen.
+
+</P><P>
+
+Sie erholte sich allm&auml;hlich und dachte an ihre Berta, die fern in
+Yonville schlief, im Zimmer des M&auml;dchens. Ein Wagen voll
+langer Eisenstangen fuhr unten vor&uuml;ber; das Metall vibrierte
+in eigent&uuml;mlichen T&ouml;nen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Da stahl sie sich in pl&ouml;tzlichem Entschlusse fort. Sie lie&szlig; Leo
+und kam allein zur&uuml;ck in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr
+eigner K&ouml;rper war ihr unertr&auml;glich. Sie h&auml;tte fliegen m&ouml;gen,
+sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
+kristallklaren &Auml;ther.
+
+</P><P>
+
+Nachdem sie sich ihres Kost&uuml;ms entledigt hatte, verlie&szlig;
+sie den Gasthof und ging &uuml;ber den Boulevard, den Causer Platz,
+durch die Vorstadt, bis zu einer freien Stra&szlig;e mit G&auml;rten.
+Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach
+verga&szlig; sie die l&auml;rmende Menge, die Masken, die Tanzmusik,
+das Lampenlicht, das Souper, die Dirnen. Alles war weg
+wie der Nebel im Winde. Im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; angekommen, warf sie
+sich aufs Bett. Es war in demselben Zimmer des zweiten
+Stocks, wo ihr Leo damals seinen ersten Besuch gemacht
+hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von Hivert geweckt.
+
+</P><P>
+
+Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftst&uuml;ck, das hinter der
+Uhr steckte. Emma las:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung&nbsp;...&ldquo; Sie hielt
+inne. &bdquo;Was f&uuml;r ein Urteil?&ldquo; Sie besann sich.
+
+</P><P>
+
+Etliche Tage vorher war ein andres Schriftst&uuml;ck abgegeben
+worden, das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken
+las sie weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<B>Im Namen des K&ouml;nigs!</B>&nbsp;...&ldquo; Sie &uuml;bersprang einige
+Zeilen. &bdquo;... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ...
+achttausend Franken&nbsp;...&ldquo; Und unten: &bdquo;Vorstehende Ausfertigung
+wird ... zum Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die sind morgen abgelaufen!&ldquo; sagte sie sich. &bdquo;Unsinn! Lheureux
+will mir nur angst machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
+den Endzweck aller seiner Gef&auml;lligkeiten. Das einzige, was
+sie etwas beruhigte, war gerade die enorme H&ouml;he der
+Schuldsumme. Durch ihre fortw&auml;hrenden K&auml;ufe, ihr Nichtbarbezahlen,
+die Darlehen, das Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die
+Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu
+dieser H&ouml;he angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld
+ungeduldig. Er brauchte es zu neuen Gesch&auml;ften.
+
+</P><P>
+
+Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist
+wohl ein Scherz!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bewahre!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso aber?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er wandte sich ihr langsam zu, verschr&auml;nkte die Arme und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, da&szlig; ich
+bis zum J&uuml;ngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe?
+F&uuml;r nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die
+h&ouml;chste Zeit, da&szlig; ich mein Geld zur&uuml;ckkriege! Das werden Sie
+doch einsehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie bestritt die H&ouml;he der Schuldsumme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, das tut mir leid!&ldquo; erwiderte der H&auml;ndler. &bdquo;Das
+Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist
+nichts zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen!
+&Uuml;brigens bin ich nicht der Kl&auml;ger, sondern Vin&ccedil;ard.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;K&ouml;nnten Sie denn nicht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich kann gar nichts!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ... sagen Sie ... &uuml;berlegen wir uns einmal&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewu&szlig;t, sie sei
+&uuml;berrascht worden&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist das denn meine Schuld?&ldquo; fragte Lheureux mit einer
+h&ouml;hnischen Geste. &bdquo;W&auml;hrend ich mich hier abplagte, haben Sie
+herrlich und in Freuden gelebt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das k&ouml;nnte nichts schaden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so
+weit, da&szlig; sie den H&auml;ndler mit ihrer schmalen wei&szlig;en Hand
+ber&uuml;hrte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie mich zufrieden!&ldquo; wehrte er ab. &bdquo;Am Ende wollen Sie
+mich gar noch verf&uuml;hren!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind ein gemeiner Mensch!&ldquo; rief sie aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, na!&ldquo; lachte er. &bdquo;Werden Sie nur nicht gleich ungn&auml;dig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde allen Leuten erz&auml;hlen, was f&uuml;r ein Mensch Sie
+sind! Ich werde meinem Manne sagen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und ich werde Ihrem Manne was zeigen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbest&auml;tigung
+der Summe f&uuml;r das verkaufte Grundst&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie, da&szlig; er das nicht f&uuml;r einen kleinen Diebstahl
+halten wird, der arme gute Mann?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen.
+Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und
+her und sagte immer wieder:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
+Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;'s ist grade kein Vergn&uuml;gen &mdash; das wei&szlig; ich wohl! &mdash;
+aber es ist noch niemand dran gestorben, und da es der
+einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?&ldquo; jammerte
+Emma und rang die H&auml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wenn man Freunde hat wie Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie scharf und so t&uuml;ckisch an, da&szlig; ihr dieser Blick durch
+Mark und Bein ging.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Danke! Habe genug von den alten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;K&ouml;nnte ich nicht was verkaufen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo; fragte er achselzuckend. &bdquo;Sie besitzen doch gar
+nichts!&ldquo; Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in
+seinen Laden hinein: &bdquo;Anna, vergi&szlig; nicht die drei St&uuml;ck Tuch
+Nummer vierzehn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das M&auml;dchen trat ein. Emma begriff, was das hei&szlig;en
+sollte. Sie machte einen letzten Versuch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieviel Geld w&auml;re dazu n&ouml;tig, die Zwangsvollstreckung
+aufzuhalten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist schon zu sp&auml;t!&ldquo; antwortete Lheureux.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken br&auml;chte? Ein Viertel
+der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das h&auml;tte alles keinen Zweck!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er dr&auml;ngte sie sanft dem Ausgange zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich beschw&ouml;re Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage
+Zeit!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schluchzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Donnerwetter! Gar noch Tr&auml;nen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie bringen mich zur Verzweiflung!&ldquo; jammerte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mir auch egal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er machte die T&uuml;re zu.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Siebentes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
+Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie
+sich einstellten, um das Pf&auml;ndungsprotokoll aufzusetzen.
+
+</P><P>
+
+Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen
+Sch&auml;del schrieben sie indessen nicht mit in das
+Sachenverzeichnis. Sie erkl&auml;rten ihn als zur
+Berufsaus&uuml;bung n&ouml;tig. Aber in der K&uuml;che z&auml;hlten sie die
+Sch&uuml;sseln, T&ouml;pfe, St&uuml;hle und Leuchter, und in ihrem
+Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
+durchst&ouml;berten ihren Kleidervorrat, ihre W&auml;sche. Sogar der
+Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward
+bis in die heimlichsten Einzelheiten &mdash; wie ein Leichnam in der
+Anatomie &mdash; den Blicken der drei M&auml;nner preisgegeben. Der
+Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock,
+eine wei&szlig;e Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
+wiederholte immer wieder:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie erlauben, gn&auml;dige Frau! Sie erlauben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wunderh&uuml;bsch! Sehr nett!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis,
+wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfa&szlig; aus Horn
+tauchte, das er in der linken Hand hielt.
+
+</P><P>
+
+Als man in den Wohnr&auml;umen fertig war, ging es hinauf in die
+Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult
+bemerkte, in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er
+an, da&szlig; es ge&ouml;ffnet werde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah! Briefe!&ldquo; meinte er, geheimnisvoll l&auml;chelnd. &bdquo;Sie
+erlauben wohl! Ich mu&szlig; mich n&auml;mlich &uuml;berzeugen, ob nicht sonst
+noch was drinnen steckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er bl&auml;tterte die B&uuml;ndel fl&uuml;chtig durch, als sollten
+Goldst&uuml;cke herausfallen. Emma war emp&ouml;rt, als sie sah, wie
+seine plumpe rote Hand mit den molluskenhaften Fettfingern
+diese Bl&auml;tter anfa&szlig;te, bei deren Empfang ihr Herz einst h&ouml;her
+geschlagen hatte.
+
+</P><P>
+
+Endlich gingen sie. Felicie kam zur&uuml;ck. Sie hatte den Auftrag
+gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
+Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepf&auml;ndeten Gegenst&auml;nde
+zur&uuml;ckblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.
+
+</P><P>
+
+Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
+beobachtete ihn &auml;ngstlich. Es kam ihr vor, als st&uuml;nden in
+den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
+Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
+Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
+sich die Armseligkeit ihres Lebens versch&ouml;nt hatte, f&uuml;hlte
+sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid
+mit sich selber, das ihre W&uuml;nsche eher noch anfachte als
+unterdr&uuml;ckte.
+
+</P><P>
+
+Karl sa&szlig; friedlich am Kamin und f&uuml;hlte sich h&ouml;chst behaglich.
+Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem K&auml;fige
+langweilte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ging da nicht oben einer?&ldquo; fragte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein!&ldquo; beschwichtigte sie ihn. &bdquo;Da war wahrscheinlich ein
+Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie fr&uuml;h nach Rouen, wo sie
+alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
+meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie lie&szlig; sich
+nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
+beteuerte, sie brauche es und wolle es p&uuml;nktlich
+zur&uuml;ckzahlen. Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie
+ab.
+
+</P><P>
+
+Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner T&uuml;re. Es
+&ouml;ffnete niemand. Endlich kam er von der Stra&szlig;e her.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was f&uuml;hrt dich her?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;St&ouml;re ich dich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein ... aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gestand, sein Wirt s&auml;he es nicht gern, wenn man &bdquo;Damen&ldquo;
+bei sich empfinge.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich mu&szlig; dich sprechen!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+Da nahm er den Schl&uuml;ssel, aber sie hinderte ihn am Aufschlie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Nicht hier! Bei uns!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.
+
+</P><P>
+
+Emma trank zun&auml;chst ein gro&szlig;es Glas Wasser. Sie war ganz
+bleich. Dann sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fa&szlig;te seine H&auml;nde, dr&uuml;ckte sie fest und f&uuml;gte hinzu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;r mal: ich brauche achttausend Franken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist verr&uuml;ckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun erz&auml;hlte sie ihm rasch die Geschichte der Pf&auml;ndung und
+klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer
+Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fu&szlig;e, und ihr Vater
+k&ouml;nne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, m&uuml;sse ihr diese
+unbedingt n&ouml;tige Summe schleunigst verschaffen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie soll ich das?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du willst blo&szlig; nicht!&ldquo; sagte sie aufgeregt.
+
+</P><P>
+
+Er stellte sich dumm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es wird nicht so gef&auml;hrlich sein! Mit tausend Talern wird
+der Biedermann schon zufrieden sein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht. Schaff sie mir nur!&ldquo; sagte sie. Dreitausend Franken
+seien allemal aufzutreiben! Leo m&ouml;ge sie doch einstweilen auf
+seinen Namen aufnehmen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geh! Versuchs! Es mu&szlig; sein! Schnell! Schnell! Ich will
+dich daf&uuml;r auch recht liebhaben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er ging und kam nach einer Stunde zur&uuml;ck. Mit einem Gesicht,
+als ob er wer wei&szlig; was zu verk&uuml;nden h&auml;tte, sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich war bei drei Personen ... umsonst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Darauf sa&szlig;en sie einander gegen&uuml;ber am Kamin, regungslos,
+ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor
+Ungeduld mit den F&uuml;&szlig;en. Er h&ouml;rte, wie sie ganz leise sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich an deiner Stelle w&auml;re, ich w&uuml;&szlig;te, wo ich das Geld
+auftriebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;In eurer Kanzlei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah ihn starr an.
+
+</P><P>
+
+Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder D&auml;mon. Zwischen
+ihren sich ber&uuml;hrenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und S&uuml;nde so
+stark, da&szlig; der junge Mann unter der stummen Verf&uuml;hrungskraft
+dieses Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe
+daran war, zu erliegen. Er f&uuml;hlte seine Schwachheit. J&auml;he Furcht
+ergriff ihn, und um jeder weiteren Er&ouml;rterung zu entgehen, schlug
+er sich vor die Stirn und rief aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Morel kommt ja heute nacht zur&uuml;ck!&ldquo; Morel war ein Freund von
+ihm, der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. &bdquo;Der
+schl&auml;gts mir nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen
+vormittag bringen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
+freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie
+seine L&uuml;ge?
+
+</P><P>
+
+Err&ouml;tend fuhr er fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
+warte nicht l&auml;nger auf mich, Schatz! Jetzt mu&szlig; ich aber wirklich
+fort! Entschuldige mich! Lebwohl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er dr&uuml;ckte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma
+hatte alle Kraft verloren&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
+zur&uuml;ckzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit.
+
+</P><P>
+
+Das Wetter war pr&auml;chtig. Ein klarer kalter M&auml;rztag. Die Sonne
+strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonnt&auml;glich gekleidete
+B&uuml;rger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma
+den Notre-Dame-Platz &uuml;berschritt, war die Vesper gerade zu Ende.
+Die Menge str&ouml;mte aus den drei T&uuml;ren des Hauptportals
+wie ein Strom aus einer dreibogigen Br&uuml;cke.
+
+</P><P>
+
+Emma dachte zur&uuml;ck an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in
+das Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr
+w&ouml;lbte und ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu
+ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier
+str&ouml;mten die Tr&auml;nen &uuml;ber ihre Wangen. Sie war wie bet&auml;ubt, sie
+schwankte und war einer Ohnmacht nahe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vorsehen!&ldquo; rief eine Stimme aus einem Torwege.
+
+</P><P>
+
+Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
+der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause
+herauskam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer war das doch?&ldquo; fragte sie sich. Er kam ihr bekannt
+vor. Das Gef&auml;hrt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber das war doch der Vicomte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma wandte sich um, aber die Stra&szlig;e war leer. Sie f&uuml;hlte sich
+so niedergeschlagen, so traurig, da&szlig; sie sich an die Wand
+eines Hauses lehnen mu&szlig;te, um nicht umzusinken. Sie
+gr&uuml;belte dar&uuml;ber nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen
+war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war
+eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene,
+vom Geratewohl gegen die Klippen des Lebens getrieben ...
+Und so empfand sie beinahe Freude, als sie, am &bdquo;Roten Kreuz&ldquo;
+angelangt, den trefflichen Homais traf, der das Aufladen
+einer gro&szlig;en Kiste voll Apothekerwaren in die Post &uuml;berwachte.
+In der Hand hielt er, in ein Halstuch eingewickelt, sechs
+St&uuml;ck Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte.
+
+</P><P>
+
+Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in
+der Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans
+gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen
+werden. Man buk sie bereits zur Zeit der Kreuzz&uuml;ge. Die
+wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn
+sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische
+liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten
+sie sich einbilden, Sarazenenk&ouml;pfe zu vertilgen. Die
+Apothekersfrau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute;
+sie hatte n&auml;mlich abscheulich schlechte Z&auml;hne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bin entz&uuml;ckt, Sie zu sehen!&ldquo; rief Homais, bot Emma die Hand
+und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
+
+</P><P>
+
+Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gep&auml;cknetz,
+nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschr&auml;nkten Armen und
+einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs
+wie immer der Blinde am Stra&szlig;engraben auftauchte, bemerkte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist mir unverst&auml;ndlich, da&szlig; die Beh&ouml;rde nach wie vor
+dieses schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man
+einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht
+bei uns im Schneckengange vorw&auml;rts! Wir waten noch in
+Barbarei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, da&szlig; er
+wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er hat eine skroful&ouml;se Affektion&ldquo;, dozierte der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+Obgleich er den armen Schelm schon l&auml;ngst kannte, tat er doch,
+als s&auml;he er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von
+Hornhaut, Star, Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er
+ihm in salbungsvollem Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn?
+Du solltest vor allem Di&auml;t halten, statt dich in der Kneipe zu
+betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig
+beschr&auml;nkt.
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich zog Homais seine B&ouml;rse.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier hast du einen F&uuml;nfer, gib mir einen Dreier wieder raus
+und vergi&szlig; nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir
+gut bekommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines
+Rezepts zu bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne,
+lediglich eine &bdquo;antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats&ldquo;
+k&ouml;nne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du
+Sch&ouml;nes kannst!&ldquo; rief ihm Hivert zu.
+
+</P><P>
+
+Der Blinde lie&szlig; sich in die Knie nieder, warf den Kopf zur&uuml;ck,
+rollte mit seinen gr&uuml;nlichen Augen und streckte die Zunge
+heraus. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den H&auml;nden und
+stie&szlig; ein dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.
+
+</P><P>
+
+Emma ward &uuml;bel. Sie warf ihm &uuml;ber die Schulter ein
+F&uuml;nffrankenst&uuml;ck zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr
+edel vor, es so wegzuwerfen.
+
+</P><P>
+
+Der Wagen war schon ein ziemliches St&uuml;ck weiter, als sich
+Homais pl&ouml;tzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
+tragen! Und Wacholderd&auml;mpfe auf die kranken Teile!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vor&uuml;berzog,
+lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
+M&uuml;digkeit &uuml;berkam sie. Ganz ersch&ouml;pft, lebensm&uuml;de und
+verschlafen langte sie in Yonville an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mag nun kommen, was will!&ldquo; dachte sie beim Aussteigen.
+&bdquo;Zu guter Letzt, wer wei&szlig;? Kann nicht jeden Augenblick ein
+unerwartetes Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann
+sterben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen wurde sie durch ein Ger&auml;usch auf dem Markt wach.
+Es war ein Gedr&auml;nge um ein gro&szlig;es Plakat entstanden,
+das an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah,
+wie Justin auf einen Prellstein stieg und es abri&szlig;. Aber im
+selben Moment fa&szlig;te ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem
+Augenblick trat Homais aus seiner Apotheke, und auch Frau
+Franz tauchte laut redend mitten in der Volksmenge auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau! Gn&auml;dige Frau!&ldquo; rief Felicie, die ins Zimmer
+st&uuml;rzte.
+
+</P><P>
+
+Das arme Ding war au&szlig;er sich. Sie hielt einen gelben Zettel in
+der Hand, den sie von der Haust&uuml;re abgerissen hatte. Emma
+&uuml;berflog ihn. Es war die Versteigerungsank&uuml;ndigung.
+
+</P><P>
+
+Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten
+l&auml;ngst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
+nach einer Weile:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An der Stelle der gn&auml;digen Frau ging ich mal zum Notar
+Guillaumin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinst du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Frage bedeutete: &bdquo;Durch dein Verh&auml;ltnis mit dem Diener
+dieses Hauses wei&szlig;t du doch Bescheid. Interessiert sich
+dieser Junggeselle f&uuml;r mich?
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, gehn Sie nur, gn&auml;dige Frau! Es wird Ihnen n&uuml;tzen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und
+setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht
+s&auml;he &mdash; es standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte
+-, ging sie zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.
+
+</P><P>
+
+Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der
+Himmel war grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin
+erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam
+er und &ouml;ffnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen
+Vertraulichkeit, als ob sie ins Haus geh&ouml;rte, und
+f&uuml;hrte sie in das E&szlig;zimmer.
+
+</P><P>
+
+Emmas Blick fiel fl&uuml;chtig auf den breiten Porzellanofen, vor
+dem ein m&auml;chtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten
+W&auml;nden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche:
+woll&uuml;stige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen
+Sch&uuml;sselw&auml;rmer, der Kristallgriff der T&uuml;rklinke, der
+Parkettboden, die M&ouml;bel, alles blinkte in reinlicher,
+germanischer Sauberkeit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ein E&szlig;zimmer m&uuml;&szlig;te ich haben!&ldquo; dachte Emma.
+
+</P><P>
+
+Der Notar trat ein. Er dr&uuml;ckte seinen mit Palmenblattstickerei
+verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
+andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hausk&auml;ppchen zum
+Gru&szlig;e ab und setzte es rasch wieder auf. Es sa&szlig; ihm kokett
+etwas auf der rechten Seite seines kahlen Sch&auml;dels,
+&uuml;ber den drei lange blonde Haarstr&auml;hnen liefen.
+
+</P><P>
+
+Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
+Tisch, um zu fr&uuml;hst&uuml;cken. Er entschuldigte sich ob dieser
+Unh&ouml;flichkeit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Notar,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich m&ouml;chte Sie bitten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Um was denn, gn&auml;dige Frau? Ich bin ganz Ohr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
+
+</P><P>
+
+Guillaumin wu&szlig;te bereits alles, da er in geheimer
+Gesch&auml;ftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die
+Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
+besorgen Auftrag gab. Somit kannte er &mdash; und besser als Emma &mdash;
+die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
+von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen
+ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren.
+Jetzt hatte sie der H&auml;ndler allesamt protestieren lassen und auf
+seinen Freund Vin&ccedil;ard abgeschoben, der die Angelegenheit nun
+in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitb&uuml;rgern
+nicht in den Ruf eines Halsabschneiders gerate.
+
+</P><P>
+
+Sie unterbrach ihre Erz&auml;hlung h&auml;ufig durch Beschuldigungen gegen
+Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar
+nichtssagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett
+und trank seinen Tee, &mdash; wobei er das Kinn gegen seine
+himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschm&uuml;ckte Krawatte einzog.
+Ein sonderbares, s&uuml;&szlig;liches und zweideutiges L&auml;cheln
+spielte um seine Lippen. Als er sah, da&szlig; Emma nasse Schuhe
+hatte, sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kommen Sie doch n&auml;her an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
+doch an die Kacheln ... h&ouml;her!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie bef&uuml;rchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
+Notar sagte galant:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;ne Sachen verderben nie etwas!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie machte einen Versuch, ihn zu r&uuml;hren. Das brachte sie aber
+nur selbst in R&uuml;hrung. Sie erz&auml;hlte ihm von der Enge ihres
+h&auml;uslichen Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren
+Bed&uuml;rfnissen. Der Notar verstand das: eine elegante Frau! Und
+ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl
+nach ihr um. Er ber&uuml;hrte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle
+am hei&szlig;en Ofen zu dampfen begann.
+
+</P><P>
+
+Als sie ihn aber um tausend Taler anging, bi&szlig; er sich auf die
+Lippen und erkl&auml;rte, es tue ihm ungemein leid, da&szlig; er die
+Verwaltung ihres Verm&ouml;gens nicht rechtzeitig in die H&auml;nde
+bekommen habe. Es g&auml;be tausend M&ouml;glichkeiten, selbst f&uuml;r
+eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise
+w&auml;ren die Torfgruben von Gr&uuml;mesnil oder Bauland in Havre
+bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut,
+angesichts der enormen Summen, die sie zweifellos dabei
+gewonnen h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das wei&szlig; ich selber nicht&ldquo;, erwiderte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
+sollte Ihnen wirklich deshalb b&ouml;se sein! Wir h&auml;tten uns
+schon l&auml;ngst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
+gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe
+ich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er fa&szlig;te nach ihrer Hand, dr&uuml;ckte einen gierigen Ku&szlig; darauf und
+behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
+sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
+Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
+spiegelnden Brillengl&auml;ser; w&auml;hrend seine H&auml;nde in die
+&Auml;rmel&ouml;ffnung von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu
+betasten. Sie f&uuml;hlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
+
+</P><P>
+
+Sie sprang auf und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Guillaumin, ich warte&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Worauf?&ldquo; sagte der Notar, pl&ouml;tzlich ganz bleich geworden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf das Geld!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber&nbsp;...&ldquo; In seiner L&uuml;sternheit lie&szlig; er sich bewegen zu
+sagen: &bdquo;Na ja&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und
+keuchte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er umschlang ihre Taille.
+
+</P><P>
+
+Ein Blutstrom scho&szlig; Emma in die Wangen. Emp&ouml;rt machte sie sich von
+dem Manne los und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie n&uuml;tzen mein Ungl&uuml;ck aus! Das ist schamlos! Ich
+bin beklagenswert, aber nicht k&auml;uflich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Damit eilte sie hinaus.
+
+</P><P>
+
+Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
+sch&ouml;nen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
+Hand. Dieser Anblick tr&ouml;stete ihn schlie&szlig;lich. &Uuml;berdies fiel
+ihm ein, da&szlig; ihn ein derartiges Abenteuer zu wer wei&szlig; was
+h&auml;tte verleiten k&ouml;nnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!&ldquo; sagte Emma
+bei sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging.
+Ihre Entt&auml;uschung &uuml;ber den Mi&szlig;erfolg verst&auml;rkte die Emp&ouml;rung
+ihres Schamgef&uuml;hls. Es war ihr, als verfolge sie ein
+unseliges Geschick, und dieses Gef&uuml;hl erf&uuml;llte sie von
+neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochm&uuml;tiger und
+selbstbewu&szlig;ter gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung.
+Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie h&auml;tte alle M&auml;nner schlagen,
+ihnen ins Gesicht speien, sie niedertreten m&ouml;gen. W&auml;hrend sie
+weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre
+tr&auml;nenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen
+Wollust bohrte sie sich in Ha&szlig; hinein.
+
+</P><P>
+
+Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die
+Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mu&szlig;te
+sein! Wohin h&auml;tte sie fliehen k&ouml;nnen?
+
+</P><P>
+
+Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es war umsonst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
+die vielleicht ihr zu helfen geneigt w&auml;ren. Aber bei jedem Namen,
+den Felicie nannte, wandte Emma ein:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unm&ouml;glich! Die tun es nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Herr Doktor mu&szlig; jeden Augenblick nach Hause kommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig; es! La&szlig; mich allein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie hatte alles versucht. Nun mu&szlig;te sie den Dingen ihren Lauf
+lassen. Karl w&uuml;rde heimkommen. Sie mu&szlig;te ihm sagen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr
+unser. In diesem Haus geh&ouml;rt uns kein Stuhl mehr, kein
+Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet.
+Armer Mann!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann w&uuml;rde es eine gro&szlig;e Szene geben, sie w&uuml;rde ma&szlig;los
+weinen, und wenn sich die erste Best&uuml;rzung gelegt h&auml;tte, w&uuml;rde
+er ihr verzeihen!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Er wird mir verzeihen!&ldquo; murmelte sie in verhaltener Wut.
+&bdquo;Er! Er, dem ich nicht f&uuml;r eine Million verzeihen kann, da&szlig; ich
+die Seine geworden bin! Niemals! Niemals!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, Bovary k&ouml;nnte die &Uuml;berlegenheit &uuml;ber sie erringen,
+emp&ouml;rte sie. Ob sie ihm ein Gest&auml;ndnis machte oder nicht,
+jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mu&szlig;te doch
+alles erfahren. Und dann war die gr&auml;&szlig;liche Szene da, und sie
+hatte die Zentnerlast seiner Gro&szlig;mut zu tragen!
+
+</P><P>
+
+Wiederum &uuml;berlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux
+gehen solle? Aber das n&uuml;tzte ja nichts! Oder ihrem Vater
+schreiben? Dazu war es zu sp&auml;t! Beinahe bereute sie es, dem
+Notar nicht gef&uuml;gig gewesen zu sein, &mdash; da h&ouml;rte sie den
+Hufschlag eines Pferdes in der Allee. Es war Karl. Er
+&ouml;ffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war wei&szlig;er als Kalk.
+
+</P><P>
+
+Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der
+Haust&uuml;r hinaus nach dem Markt. Die Frau B&uuml;rgermeister
+stand vor der Kirchent&uuml;r und sprach mit dem Kirchendiener. Sie
+beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der
+Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die
+ihm gegen&uuml;ber in der Ecke des Marktes wohnte, und klatschte
+ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den
+Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgeh&auml;ngte W&auml;sche, so
+aufstellten, da&szlig; sie bequem in Binets Dachst&uuml;bchen sehen
+konnten.
+
+</P><P>
+
+Er war allein und sa&szlig; an seiner Drehbank, gerade dabei
+besch&auml;ftigt, eine v&ouml;llig zwecklose Spielerei aus Holz
+fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt spr&uuml;hte der helle
+Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenb&uuml;schel unter
+den Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden R&auml;der
+schnurrten und kreisten. Binet l&auml;chelte mit aufmerksamer Miene,
+den Kopf etwas vorgebeugt. Er war sichtlich v&ouml;llig versunken
+in sein Sch&ouml;pfergl&uuml;ck. Gerade das Handwerksm&auml;&szlig;ige,
+das der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet,
+befriedigt den Menschen ungemein, wenn es vollendet ist, denn
+es gibt dabei ja kein ideales Dar&uuml;berhinaus, das man
+ersehnen k&ouml;nnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah, da ist sie!&ldquo; sagte Frau T&uuml;vache.
+
+</P><P>
+
+Infolge des Ger&auml;usches der Drehbank vermochten sie nicht zu
+verstehen, was dr&uuml;ben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten
+sie, das Wort &bdquo;Taler&ldquo; zu h&ouml;ren, worauf Frau Caron
+fl&uuml;sterte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es scheint so&ldquo;, meinte die andre.
+
+</P><P>
+
+Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und
+die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
+ausgelegten Krimskram besichtigte, w&auml;hrend sich der
+Steuereinnehmer wohlgef&auml;llig den Bart strich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Will sie bei ihm etwas bestellen?&ldquo; fragte Frau T&uuml;vache.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er verkauft doch nie etwas!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann sah man, da&szlig; Binet ihr aufmerksam zuh&ouml;rte. Er ri&szlig; die
+Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
+eindringlich, flehend. Sie n&auml;herte sich ihm. Sie war sichtlich
+erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Macht sie ihm gar einen Antrag?&ldquo; fl&uuml;sterte Frau T&uuml;vache.
+Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfa&szlig;te seine H&auml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, das ist doch stark!&ldquo; zischelte Frau Caron.
+
+</P><P>
+
+In der Tat mu&szlig;te Emma etwas Sch&auml;ndliches von Binet
+gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden
+und Leipzig mitgek&auml;mpft hatte und dekoriert worden war, wich
+pl&ouml;tzlich vor ihr zur&uuml;ck, als ob ihn eine Natter stechen
+wollte, und rief aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Frau Bovary, was muten Sie mir zu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Solche Frauenzimmer sollte man &ouml;ffentlich auspeitschen!&ldquo; eiferte
+Frau T&uuml;vache.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo ist sie denn mit einem Male hin?&ldquo; erwiderte die andre.
+
+</P><P>
+
+Wenige Augenblicke sp&auml;ter sahen sie Emma die Hauptstra&szlig;e
+hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum
+Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen ersch&ouml;pften sich in
+allerhand Vermutungen.
+
+</P><P>
+
+Emma lief zur alten Frau Rollet.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das
+Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke
+zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
+antwortete, ging sie schlie&szlig;lich hinaus, holte ihr Spinnrad
+und begann zu spinnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, h&ouml;ren Sie auf!&ldquo; sagte Emma leise. Es war ihr, als
+h&ouml;re sie noch Binets Drehbank.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was mag sie nur haben?&ldquo; fragte sich Frau Rollet. &bdquo;Warum ist
+sie hergekommen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause
+gejagt hatte?
+
+</P><P>
+
+Emma lag auf dem R&uuml;cken, regungslos, mit stieren Augen, die
+keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
+Beharrlichkeit bem&uuml;hte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
+br&uuml;chigen Stellen der Mauer, auf das armselige bi&szlig;chen Holz,
+das im Kamine qualmte, auf eine gro&szlig;e Spinne, die gerade &uuml;ber
+ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
+... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
+lag das zur&uuml;ck! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
+Klematisranken hatten sie im Vor&uuml;bergehen gestreift ...
+Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder
+Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren j&uuml;ngsten
+Erlebnissen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieviel Uhr ist es?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten
+Stelle des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam
+gem&auml;chlich wieder herein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bald drei Uhr!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;n! Ich danke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Jetzt mu&szlig;te Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das
+Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Da&szlig; sie
+hier war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau
+Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Machen Sie recht schnell!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma verwunderte sich, da&szlig; ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
+war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er
+gewi&szlig; nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
+z&auml;hlte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen
+Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein M&auml;rchen zu ersinnen,
+um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlos hinzustellen.
+Das war nicht weiter schlimm!
+
+</P><P>
+
+Frau Rollet h&auml;tte l&auml;ngst wieder zur&uuml;ck sein m&uuml;ssen. Es
+schien der Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei
+sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus
+in das G&auml;rtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt
+sie ein St&uuml;ck den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber
+pl&ouml;tzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau k&ouml;nne auch
+auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schlie&szlig;lich war sie
+des Wartens m&uuml;de. Bange Ahnungen qu&auml;lten sie. Sie hatte
+kein Zeitgef&uuml;hl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit
+einem Jahrhundert?
+
+</P><P>
+
+Sie kauerte sich in einen Winkel, schlo&szlig; die Augen und hielt sich
+die Ohren zu. Die Zaunt&uuml;re knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
+Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es war niemand da!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Niemand?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er l&auml;&szlig;t Sie suchen.
+Alles ist auf den Beinen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
+umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht.
+Unwillk&uuml;rlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig
+geworden.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
+Schrei. Rudolf war ihr ins Ged&auml;chtnis gekommen, wie ein
+heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutm&uuml;tig,
+r&uuml;cksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er
+z&ouml;gerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mu&szlig;te ihn nicht ein
+einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen
+und ihn dazu zwingen!
+
+</P><P>
+
+So ging sie denn nach der H&uuml;chette, ohne das Bewu&szlig;tsein zu
+haben, da&szlig; sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch
+so ver&auml;chtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
+daran, da&szlig; sie sich prostituierte.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Achtes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Auf dem Wege fragte sie sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Je n&auml;her sie kam, um so bekannter erschienen ihr die B&uuml;sche und
+B&auml;ume, der Ginster am Hange und schlie&szlig;lich das Herrenhaus
+vor ihr. Die z&auml;rtliche Liebesstimmung von damals tauchte
+wieder auf, und ihr armes gequ&auml;ltes Herz schwoll im
+Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr
+&uuml;bers Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen,
+von den knospenden B&auml;umen hernieder ins Gras.
+
+</P><P>
+
+Wie einst schl&uuml;pfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
+&uuml;ber den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
+Herrenhof. Die B&auml;ume wiegten s&auml;uselnd ihre langen Zweige.
+S&auml;mtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres
+Gebells erschien niemand.
+
+</P><P>
+
+Sie stieg die breite, mit einem h&ouml;lzernen Gel&auml;nder versehene
+Treppe hinauf. Die f&uuml;hrte zu einem mit Steinfliesen belegten
+staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
+m&uuml;ndete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs
+Zimmer lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die
+T&uuml;rklinke legte, verlie&szlig;en sie pl&ouml;tzlich die Kr&auml;fte. Sie
+f&uuml;rchtete, er m&ouml;chte nicht zu Haus sein, ja, sie w&uuml;nschte
+es beinah, und doch war es ihre einzige Hoffnung, der letzte
+Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch,
+dachte an ihre Not, fa&szlig;te Mut und trat ein.
+
+</P><P>
+
+Er sa&szlig; vor dem Feuer, beide F&uuml;&szlig;e gegen den Kaminsims
+gestemmt, und rauchte eine Pfeife.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott, Sie!&ldquo; rief er aus und sprang rasch auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben sich nicht ver&auml;ndert! Sie sind noch immer reizend.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So,&ldquo; wehrte sie voll Bitternis ab, &bdquo;das m&uuml;ssen traurige
+Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschm&auml;ht haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erkl&auml;ren. Er
+entschuldigte sich in halbsch&uuml;rigen Ausdr&uuml;cken, da er
+etwas Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma lie&szlig; sich
+durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme
+und durch seine Gegenwart. Dies war so m&auml;chtig, da&szlig; sie sich
+stellte, als schenke sie seinen Ausfl&uuml;chten Glauben.
+Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein
+Geheimnis an, von dem die Ehre und das Leben eines
+dritten Menschen abgehangen h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist ja nun gleichg&uuml;ltig&ldquo;, sagte sie und sah ihn traurig
+an. &bdquo;Ich habe schwer gelitten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf meinte philosophisch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ist das Leben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer
+Trennung?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann w&auml;re es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals
+nicht voneinander gegangen w&auml;ren?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Vielleicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glaubst du das?&ldquo; fragte sie, indem sie aufseufzend ihm
+n&auml;her trat. &bdquo;Ach Rudolf! Wenn du w&uuml;&szlig;test! Ich habe dich sehr
+lieb gehabt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang sa&szlig;en
+sie mit verschlungenen H&auml;nden da wie damals, am Bundestage
+der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes
+k&auml;mpfte er gegen seine eigene R&uuml;hrung. Da schmiegte sich Emma an
+seine Brust und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie hast du nur glauben k&ouml;nnen, da&szlig; ich ohne dich leben
+sollte! Ein Gl&uuml;ck, das man besessen, vergi&szlig;t man nie! Ich war
+ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erz&auml;hlen,
+du sollst alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal
+sehen m&ouml;gen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Tat war er ihr seit drei Jahren &auml;ngstlich aus dem Wege
+gegangen, in jener nat&uuml;rlichen Feigheit, die f&uuml;r das starke
+Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
+zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als
+eine verliebte Katze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja
+auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verf&uuml;hrt, wie du
+mich verf&uuml;hrt hast. Du bist der geborene Verf&uuml;hrer! Hast
+alles, was uns Frauen verr&uuml;ckt macht. Aber sag! Wollen
+wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin gl&uuml;cklich!
+... So rede doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah entz&uuml;ckend aus. Eine Tr&auml;ne zitterte in ihrem Auge,
+wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen
+Blume.
+
+</P><P>
+
+Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
+Haar, &uuml;ber das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
+hinwegflog, funkelnd im D&auml;mmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
+k&uuml;&szlig;te sie leise und sanft auf die Augenlider.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du hast geweint?&ldquo; fragte er. &bdquo;Warum?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das f&uuml;r einen
+Ausbruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr
+Schweigen f&uuml;r eine letzte Scham und rief aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gef&auml;llt. Ich war
+ein Tor, ein Schw&auml;chling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde
+dich immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sank ihr zu F&uuml;&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So h&ouml;re! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mu&szlig;t mir
+dreitausend Franken leihen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Ausdruck an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du mu&szlig;t n&auml;mlich wissen,&ldquo; fuhr sie schnell fort, &bdquo;da&szlig; mein
+Mann sein ganzes Verm&ouml;gen einem Notar anvertraut hatte. Der
+ist fl&uuml;chtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die
+Patienten bezahlten nicht. &Uuml;brigens ist der Nachla&szlig;konkurs
+meines Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald
+wieder Geld haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken.
+Deswegen sollen wir gepf&auml;ndet werden. Und zwar gleich, in
+einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und deshalb bin
+zu dir gekommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aha!&ldquo; dachte Rudolf und ward pl&ouml;tzlich bla&szlig;. &bdquo;Also darum ist
+sie gekommen!&ldquo; Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
+&bdquo;Verehrteste, soviel habe ich nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er log nicht. Er w&uuml;rde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
+sie da gehabt h&auml;tte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen
+unangenehm gewesen w&auml;re, sich gro&szlig;m&uuml;tig zeigen zu m&uuml;ssen. Von
+allen Feinden, die &uuml;ber die Liebe herfallen k&ouml;nnen, ist eine
+Bitte um Geld der hartherzigste und gef&auml;hrlichste.
+
+</P><P>
+
+Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du hast sie nicht!&ldquo; Und mehrere Male wiederholte sie: &bdquo;Du hast
+sie nicht! ... Ich h&auml;tte mir diese letzte Schmach also ersparen
+k&ouml;nnen! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als
+die andern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie verriet sich und ihre Frauenehre.
+
+</P><P>
+
+Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in
+Verlegenheit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach! Du tust mir sehr leid&nbsp;...&ldquo;, sagte Emma. &bdquo;Ja, ungemein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ihre Augen blieben an einer damaszierten B&uuml;chse h&auml;ngen, die im
+Gewehrschrank blinkte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
+Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
+Schildpatteinlagen, keine Reitst&ouml;cke mit goldnen Griffen!&ldquo; Sie
+ber&uuml;hrte einen, der auf dem Tische lag. &bdquo;Und tr&auml;gt keine solche
+Berlocken an der Uhrkette!&ldquo; Ach, er lie&szlig; sich sichtlich
+nichts abgehen. Das bewies allein das
+Lik&ouml;rschr&auml;nkchen im Zimmer. &bdquo;Ja, dich selber, dich liebst du!
+Dich und ein gutes Leben! Du hast ein Schlo&szlig;, Pachth&ouml;fe,
+W&auml;lder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Paris!
+Und wenn du mir nur <B>das</B> gegeben h&auml;ttest!&ldquo; Sie sprach
+immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschm&uuml;ckten
+Manschettenkn&ouml;pfe vom Kamin. &bdquo;Diesen und andern entbehrlichen
+Tand! Geld l&auml;&szlig;t sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich
+will nichts davon haben! Behalt alles!&ldquo; Sie schleuderte die
+beiden Kn&ouml;pfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein
+Goldkettchen zerbrach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich, ach, ich h&auml;tte dir alles gegeben, h&auml;tte alles
+verkauft. Mit meinen H&auml;nden h&auml;tte ich f&uuml;r dich gearbeitet, auf
+der Stra&szlig;e h&auml;tte ich gebettelt, nur um von dir ein L&auml;cheln,
+einen Blick, ein einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du
+bleibst gem&uuml;tlich in deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir
+nicht schon genug Leid zugef&uuml;gt h&auml;ttest! Ohne dich &mdash; das
+wei&szlig;t du sehr wohl! &mdash; h&auml;tte ich gl&uuml;cklich sein k&ouml;nnen! Wer
+zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast
+du mir eben noch gesagt, da&szlig; du mich liebtest! Ach, h&auml;ttest du
+mich doch lieber davongejagt! Meine H&auml;nde sind noch warm von
+deinen K&uuml;ssen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle
+hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer
+belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem s&uuml;&szlig;en Wahn
+des herrlichsten Gef&uuml;hls gelassen! Und dann der Plan unsrer
+Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er
+hat mir das Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne
+zur&uuml;ckkehre, zu ihm, der reich, gl&uuml;cklich und frei ist, und ihn
+um eine Hilfe bitte, die der erste beste gew&auml;hren w&uuml;rde, wo ich
+ihn unter Tr&auml;nen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da
+st&ouml;&szlig;t er mich zur&uuml;ck, &mdash; weils ihn dreitausend Franken
+kosten k&ouml;nnte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe sie nicht&ldquo;, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
+hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
+pflegen.
+
+</P><P>
+
+Sie ging.
+
+</P><P>
+
+Die W&auml;nde schwankten, die Decke drohte sie zu erdr&uuml;cken. Wieder
+nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, &uuml;ber Haufen
+welken Laubs, das der Wind aufw&uuml;hlte. Endlich stand sie vor
+dem Gittertor. Sie zerbrach sich die N&auml;gel an seinem Schlo&szlig;, so
+hastig wollte sie es &ouml;ffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie
+v&ouml;llig au&szlig;er Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht
+halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das
+still daliegende Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen,
+auf den Park, die H&ouml;fe und die G&auml;rten.
+
+</P><P>
+
+Wie in einer Bet&auml;ubung stand sie da. Sie empfand kaum noch
+etwas andres als das Pochen und Pulsen des
+Blutes in ihren Adern, das ihr aus dem K&ouml;rper zu
+springen und wie laute Musik das ganze Land rings um sie zu
+durchrauschen schien. Der Boden unter ihren F&uuml;&szlig;en kam ihr
+weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
+erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
+Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und
+Gedanken sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein
+Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des
+Wucherers, ihr Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft,
+immer wieder etwas andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr
+ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kr&auml;fte zusammen. Es war
+nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr
+an die Ursache ihres schrecklichen Zustandes, das hei&szlig;t
+an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie f&uuml;hlte,
+wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so
+wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde
+hinstr&ouml;men f&uuml;hlen.
+
+</P><P>
+
+Die Nacht brach herein. Raben flogen.
+
+</P><P>
+
+Es schien ihr pl&ouml;tzlich, als sausten feurige Kugeln durch
+die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schlie&szlig;lich im Schnee
+zwischen den kahlen &Auml;sten der B&auml;ume zu zergehen. In jeder
+erschien Rudolfs Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie
+kamen immer n&auml;her; sie bedrohten sie. Da, pl&ouml;tzlich waren sie
+alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der H&auml;user,
+die von ferne durch den Nebel schimmerten.
+
+</P><P>
+
+Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewu&szlig;t, ihres tiefen
+Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen
+zu wollen ... Aber mit einem Male f&uuml;llte sich ihre Seele mit
+einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief
+sie den Abhang hinunter, &uuml;berschritt die Planke &uuml;ber dem Bach,
+eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der
+Apotheke stand.
+
+</P><P>
+
+Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das
+Ger&auml;usch der Klingel h&auml;tte sie verraten k&ouml;nnen. Deshalb ging
+sie durch die Haust&uuml;re; kaum atmend, tastete sie an der Wand
+der Hausflur hin bis zur K&uuml;chent&uuml;re. Drinnen brannte eine
+Kerze &uuml;ber dem Herd. Justin, in Hemds&auml;rmeln, trug gerade eine
+Sch&uuml;ssel durch die andere T&uuml;r hinaus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Man ist bei Tisch. Ich will warten&ldquo;, sagte sie sich.
+
+</P><P>
+
+Als er zur&uuml;ckkam, klopfte sie gegen die Scheibe der
+K&uuml;chent&uuml;re.
+
+</P><P>
+
+Er kam heraus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Den Schl&uuml;ssel! Den von oben, wo die&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie an und erschrak &uuml;ber ihr blasses Gesicht, das
+sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm &uuml;berirdisch
+sch&ouml;n vor und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen,
+was sie wollte, ahnte er doch etwas Schreckliches.
+
+</P><P>
+
+Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das
+Herz r&uuml;hrte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will ihn haben! Gib ihn mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Durch die d&uuml;nne Wand h&ouml;rte man das Klappern der Gabeln auf
+den Tellern im E&szlig;zimmer.
+
+</P><P>
+
+Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu t&ouml;ten, die sie nicht
+schlafen lie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&uuml;&szlig;te den Herrn Apotheker rufen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Nicht!&ldquo; Und in gleichg&uuml;ltigem Tone setzte sie hinzu:
+&bdquo;Das ist nicht n&ouml;tig. Ich werd es ihm nachher selber
+sagen. Leucht mir nur!&ldquo; Sie trat in den Gang, von dem aus man
+in das Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schl&uuml;ssel
+mit einem Schildchen: &bdquo;Kapernaum.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Justin!&ldquo; rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
+wegblieb.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehn wir hinauf!&ldquo; befahl Emma.
+
+</P><P>
+
+Er folgte ihr.
+
+</P><P>
+
+Der Schl&uuml;ssel drehte sich im Schlo&szlig;. Sie st&uuml;rzte nach links,
+griff nach dem dritten Wandbrett &mdash; ihr Ged&auml;chtnis f&uuml;hrte sie
+richtig &mdash;, hob den Deckel der blauen Glasb&uuml;chse, fa&szlig;te mit
+der Hand hinein und zog die Faust voll wei&szlig;en Pulvers
+heraus, das sie sich schnell in den Mund sch&uuml;ttete.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Halten Sie ein!&ldquo; schrie Justin, ihr in die Arme fallend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Still! Man k&ouml;nnte kommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sag nichts davon! Man k&ouml;nnte deinen Herrn zur Verantwortung
+ziehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann ging sie hinaus, pl&ouml;tzlich voller Frieden, im seligen
+Gef&uuml;hle, eine Pflicht erf&uuml;llt zu haben.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Neuntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die
+Nachricht von der Pf&auml;ndung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
+seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was
+n&uuml;tzte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu
+Homais, zu T&uuml;vache, zu Lheureux, nach dem Goldenen L&ouml;wen,
+&uuml;berallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma qu&auml;lte ihn der
+Gedanke, da&szlig; sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames
+Verm&ouml;gen verloren und die Zukunft Bertas zerst&ouml;rt sei. Und
+warum? Keine Erkl&auml;rung! Er wartete bis sechs Uhr abends.
+Endlich hielt ers nicht mehr aus, und da er vermutete, sie
+sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstra&szlig;e eine
+halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine
+Weile und kehrte dann zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Sie war zu Haus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist das f&uuml;r eine Geschichte? Wie ist das gekommen?
+Erkl&auml;r es mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sa&szlig; an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief,
+den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
+gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine
+einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, la&szlig; mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie legte sich lang auf ihr Bett.
+
+</P><P>
+
+Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
+verschwommen ... und schlo&szlig; die Augen wieder.
+
+</P><P>
+
+Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein,
+sie f&uuml;hlte noch keine! Sie h&ouml;rte den Pendelschlag der Uhr,
+das Knistern des Feuers und Karls Atemz&uuml;ge, der neben
+ihrem Bett stand.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!&ldquo; dachte sie. &bdquo;Ich
+werde einschlafen, und dann ist alles vor&uuml;ber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.
+
+</P><P>
+
+Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe Durst! Gro&szlig;en Durst!&ldquo; seufzte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was fehlt dir denn?&ldquo; fragte Karl und reichte ihr ein
+Glas.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich
+ersticke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ein Brechreiz &uuml;berkam sie jetzt so pl&ouml;tzlich, da&szlig; sie kaum noch
+Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nimms weg!&ldquo; sagte sie nerv&ouml;s. &bdquo;Wirfs weg!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag
+unbeweglich da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung
+erbrechen zu m&uuml;ssen. Inzwischen f&uuml;hlte sie eine eisige K&auml;lte
+von den F&uuml;&szlig;en zum Herzen hinaufsteigen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach,&ldquo; murmelte sie, &bdquo;jetzt f&auml;ngt es wohl an?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was sagst du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie warf den Kopf in unterdr&uuml;ckter Unruhe hin und her.
+Fortw&auml;hrend &ouml;ffnete sie den Mund, als l&auml;ge etwas
+Schweres auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing das Erbrechen
+wieder an.
+
+</P><P>
+
+Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen wei&szlig;en
+Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sonderbar! Sonderbar!&ldquo; wiederholte er.
+
+</P><P>
+
+Aber sie sagte mit fester Stimme:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, du irrst dich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die
+Magengegend und dr&uuml;ckte da. Sie stie&szlig; einen schrillen Schrei
+aus. Er wich erschrocken zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Sch&uuml;ttelfrost
+&uuml;berfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das
+sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelm&auml;&szlig;iger
+Pulsschlag war kaum noch f&uuml;hlbar. Kalte Schwei&szlig;tropfen rannen
+&uuml;ber ihr bl&auml;ulich gewordnes Gesicht; etwas wie ein
+metallischer Ausschlag lag &uuml;ber ihren erstarrten Z&uuml;gen. Die
+Z&auml;hne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen
+blickten ausdruckslos umher. Alle Fragen, die man an sie
+richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal
+l&auml;chelte sie freilich. Allm&auml;hlich wurde das St&ouml;hnen
+heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete
+sie, da&szlig; es ihr besser gehe und da&szlig; sie sofort aufstehen
+w&uuml;rde.
+
+</P><P>
+
+Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott, ist das gr&auml;&szlig;lich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte
+mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie an mit Augen voller Z&auml;rtlichkeit, wie Emma keine je
+geschaut hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... da ... da ... lies!&ldquo; stammelte sie mit versagender
+Stimme.
+
+</P><P>
+
+Er st&uuml;rzte zum Schreibtisch, ri&szlig; den Brief auf und las laut:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man klage niemanden an&nbsp;...&ldquo; Er hielt inne, fuhr sich mit der
+Hand &uuml;ber die Augen und las stumm weiter&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vergiftet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vergiftet! Vergiftet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann rief er um Hilfe.
+
+</P><P>
+
+Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte.
+Frau Franz im Goldenen L&ouml;wen erfuhr es. Manche standen aus
+ihren Betten auf, um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze
+Nacht hindurch war der halbe Ort wach.
+
+</P><P>
+
+Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
+im Zimmer umher, wobei er an die M&ouml;bel anrannte und sich Haare
+ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so f&uuml;rchterliches
+Schauspiel gesehen.
+
+</P><P>
+
+Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
+Larivi&egrave;re zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
+brachte keinen vern&uuml;nftigen Brief zustande. Schlie&szlig;lich mu&szlig;te
+sich Hippolyt nach Neufch&acirc;tel aufmachen, und Justin ritt auf
+Bovarys Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde lie&szlig; er den Gaul
+lahm und halbtot zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
+war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
+Augen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruhe!&ldquo; sagte der Apotheker. &bdquo;Es handelt sich einzig und
+allein darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war
+es f&uuml;r ein Gift?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl zeigte den Brief. Es w&auml;re Arsenik gewesen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut!&ldquo; versetzte Homais. &bdquo;Wir m&uuml;ssen eine Analyse machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte n&auml;mlich gelernt, da&szlig; man bei allen Vergiftungen eine
+Analyse machen m&uuml;sse. Bovary hatte in seiner Angst alle
+Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann kehrte er in ihr Zimmer zur&uuml;ck, warf sich auf die Diele,
+lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weine nicht!&ldquo; fl&uuml;sterte sie. &bdquo;Bald werde ich dich nicht mehr
+qu&auml;len!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es mu&szlig;te sein, mein Lieber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warst du denn nicht gl&uuml;cklich? Bin ich schuld? Ich habe dir
+doch alles zuliebe getan, was ich konnte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie strich ihm langsam mit der Hand &uuml;ber das Haar. Die s&uuml;&szlig;e
+Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er f&uuml;hlte sich bis in
+den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele ersch&uuml;ttert, da&szlig;
+er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies
+denn je. Er fand keinen Ausweg; er wu&szlig;te keinen Zusammenhang;
+er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eines
+Entschlusses machte ihn vollends wirr.
+
+</P><P>
+
+Sie dachte bei sich: &bdquo;Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen
+Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unz&auml;hligen,
+qualvollen Sehns&uuml;chten!&ldquo; Nun ha&szlig;te sie keinen mehr. Ihre
+Gedanken verschwammen wie in D&auml;mmerung, und von allen Ger&auml;uschen
+der Erde h&ouml;rte Emma nur noch die versagende Klage eines armen
+Herzens, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer
+Symphonie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bring mir die Kleine&ldquo;, sagte sie und st&uuml;tzte sich leicht auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?&ldquo; fragte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Dienstm&auml;dchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es
+hatte ein langes Nachthemd an, aus dem die nackten F&uuml;&szlig;e
+hervorsahen. Es war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt
+betrachtete es die gro&szlig;e Unordnung im Zimmer. Geblendet vom
+Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte es mit
+den Augen. Offenbar dachte es, es sei
+Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so fr&uuml;h wie heute
+geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um
+Geschenke zu bekommen. Und so fragte es:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo ist es denn, Mama?&ldquo; Und da niemand antwortete, redete
+es weiter: &bdquo;Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Felicie hielt die Kleine &uuml;bers Bett, die immer noch nach dem
+Kamin hinsah.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hat Frau Rollet sie mir genommen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei diesem Namen, der an ihre Ehebr&uuml;che und all ihr Mi&szlig;geschick
+erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als f&uuml;hle sie den
+ekelhaften Geschmack eines noch viel st&auml;rkeren Giftes auf
+der Zunge. Berta sa&szlig; noch auf ihrem Bette.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was f&uuml;r gro&szlig;e Augen du hast, Mama! Wie bla&szlig; du bist! Wie
+du schwitzest!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Mutter sah sie an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich f&uuml;rchte mich!&ldquo; sagte die Kleine und wollte fort.
+
+</P><P>
+
+Emma wollte die Hand des Kindes k&uuml;ssen, aber es
+str&auml;ubte sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Genug! Bringt sie weg!&ldquo; rief Karl, der im Alkoven schluchzte.
+
+</P><P>
+
+Dann lie&szlig;en die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
+weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
+etwas ruhigeren Atemzug sch&ouml;pfte er neue Hoffnung. Als
+Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist g&uuml;tig von Ihnen!
+Es geht ja besser! Da! Sehen Sie mal&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er
+sich ausdr&uuml;ckte, &bdquo;immer aufs Ganze&ldquo; ging, verordnete er
+Emma ein ordentliches Brechmittel, um den Magen zun&auml;chst
+einmal v&ouml;llig zu entleeren.
+
+</P><P>
+
+Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen pre&szlig;ten sich
+krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedma&szlig;en ein. Ihr K&ouml;rper
+war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren
+Fingern hin wie ein d&uuml;nnes F&auml;dchen, das jeden Augenblick
+zu zerrei&szlig;en droht.
+
+</P><P>
+
+Dann begann sie, gr&auml;&szlig;lich zu schreien. Sie verfluchte und
+schm&auml;hte das Gift, flehte, es m&ouml;ge sich beeilen, und
+stie&szlig; mit ihren steif gewordnen Armen alles zur&uuml;ck, was
+Karl ihr zu trinken reichte. Er war der v&ouml;lligen Aufl&ouml;sung noch
+n&auml;her als sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepre&szlig;t, stand
+er vor ihr, st&ouml;hnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen
+ersch&uuml;ttert und am ganzen Leib durchr&uuml;ttelt. Felicie lief im
+Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da und seufzte
+tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit
+gewordnen selbstbewu&szlig;ten Haltung, unbehaglich zu f&uuml;hlen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zum Teufel!&ldquo; murmelte er. &bdquo;Der Magen ist nun doch leer! Und
+wenn die Ursache beseitigt ist, so&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... mu&szlig; die Wirkung aufh&ouml;ren!&ldquo; erg&auml;nzte Homais. &bdquo;Das
+ist klar!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rettet sie mir nur!&ldquo; rief Bovary.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein
+heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und
+wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte drau&szlig;en eine
+Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei
+bis an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die
+Ecke der Hallen. Es war Professor Larivi&egrave;re.
+
+</P><P>
+
+Die Erscheinung eines Gottes h&auml;tte keine gr&ouml;&szlig;ere Erregung
+hervorrufen k&ouml;nnen. Bovary streckte ihm die H&auml;nde entgegen,
+Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein
+K&auml;ppchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war.
+
+</P><P>
+
+Larivi&egrave;re geh&ouml;rte der ber&uuml;hmten Chirurgenschule Bichats an,
+das hei&szlig;t, einer Generation philosophischer Praktiker, die
+heute ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und
+scharfsichtiger J&uuml;nger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte
+in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Sch&uuml;ler verehrten
+ihn so, da&szlig; sie ihn, sp&auml;ter in ihrer eigenen Praxis, mit
+m&ouml;glichster Genauigkeit kopierten. So kam es, da&szlig; man bei den
+&Auml;rzten in der Umgegend von Rouen allerorts seinen langen
+Schafspelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die
+offenen &Auml;rmelaufschl&auml;ge daran reichten ein St&uuml;ck &uuml;ber seine
+fleischigen H&auml;nde, sehr sch&ouml;ne H&auml;nde, die niemals in
+Handschuhen steckten, als wollten sie immer schnell bereit
+sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein
+Ver&auml;chter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
+freidenkend, den Armen ein v&auml;terlicher Freund, Pessimist, selbst
+aber edel in Wort und Tat. Man h&auml;tte ihn als einen Heiligen
+gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und
+Verstandes gef&uuml;rchtet h&auml;tte wie den Teufel. Sein Blick war
+sch&auml;rfer als sein Messer; er drang einem bis tief in die
+Seele, durch alle Heucheleien, L&uuml;gen und Ausfl&uuml;chte hindurch.
+So ging er seines Weges in der schlichten W&uuml;rde, die ihm
+das Bewu&szlig;tsein seiner gro&szlig;en T&uuml;chtigkeit, seines
+materiellen Verm&ouml;gens und seiner vierzigj&auml;hrigen
+arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh.
+
+</P><P>
+
+Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon
+von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem
+R&uuml;cken ausgestreckt da. W&auml;hrend er Canivets Bericht
+scheinbar aufmerksam anh&ouml;rte, strich er sich mit dem Zeigefinger
+um die Nasenfl&uuml;gel und sagte ein paarmal:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut! ... Gut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
+ihn &auml;ngstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
+der an den Anblick menschlichen Elends so gew&ouml;hnt war, konnte
+eine Tr&auml;ne nicht zur&uuml;ckhalten, die ihm auf die Krawatte
+herablief.
+
+</P><P>
+
+Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie w&auml;r es, wenn
+man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich wei&szlig; nichts. Finden Sie
+doch etwas! Sie haben ja schon so viele gerettet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl legte beide Arme auf Larivi&egrave;res Schultern und starrte
+ihn verst&ouml;rt und flehend an. Beinahe w&auml;re er ihm ohnm&auml;chtig an
+die Brust gesunken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!&ldquo;
+Larivi&egrave;re wandte sich ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie gehn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich komme wieder.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Larivi&egrave;re ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine
+Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge
+des Todeskampfes sein.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts
+fiel ihm von jeher schwerer, als sich von ber&uuml;hmten Menschen
+zu trennen. So beschwor er denn Larivi&egrave;re, er m&ouml;ge ihm die hohe
+Ehre erweisen, zum Fr&uuml;hst&uuml;ck sein Gast zu sein.
+
+</P><P>
+
+Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen L&ouml;wen nach Tauben, zu
+T&uuml;vache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum
+Fleischer nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den
+Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre
+Jacke zurechtzupfend, sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie m&uuml;ssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
+einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Weingl&auml;ser!&ldquo; fl&uuml;sterte Homais.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
+Wurst und&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sei doch still! &mdash; Zu Tisch, bitte, Herr Professor!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hielt es f&uuml;r angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
+Einzelheiten &uuml;ber die Katastrophe zum besten zu geben:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zuerst &auml;u&szlig;erte sich Trockenheit im Pharynx, darauf
+unertr&auml;gliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren,
+Schlafsucht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich wei&szlig; nicht einmal recht,
+wo sie das <TT>acidum arsenicum</TT> herbekommen hat.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Justin, der einen Sto&szlig; Teller hereinbrachte, begann am ganzen
+K&ouml;rper zu zittern.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hast du?&ldquo; fuhr ihn der Apotheker an.
+
+</P><P>
+
+Bei dieser Frage lie&szlig; der Bursche alles, was er trug,
+fallen. Es gab ein gro&szlig;es Gekrache.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Tolpatsch!&ldquo; schrie Homais. &bdquo;Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
+Alberner Esel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann aber beherrschte er sich pl&ouml;tzlich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
+Professor, und deshalb <TT>primo</TT> ganz
+vorsichtig in ein Reagenzgl&auml;schen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dienlicher w&auml;re es gewesen,&ldquo; sagte der Chirurg, &bdquo;wenn Sie
+ihr Ihre Finger in den Hals gesteckt h&auml;tten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter
+vier Augen eine energische Belehrung wegen seines
+Brechmittels eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des
+Klumpfu&szlig;es so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt
+sich jetzt m&auml;uschenstill. Er l&auml;chelte nur unausgesetzt, um
+seine Zustimmung zu markieren.
+
+</P><P>
+
+Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betr&uuml;bliche
+Gedanke an Bovary trug &mdash; in egoistischer Kontrastwirkung &mdash;
+unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des ber&uuml;hmten
+Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze
+Gelehrsamkeit aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von
+Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, da&szlig; mehrere
+Personen nach dem Genusse von zu stark ger&auml;ucherter Wurst
+erkrankt und pl&ouml;tzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens
+ein hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten
+Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein
+Aufsatz des ber&uuml;hmten Cadet de Gassicourt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte
+sich n&auml;mlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte
+ihn auch eigenh&auml;ndig gemischt, gebrannt und gemahlen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<TT>Saccharum</TT> gef&auml;llig, Herr
+Professor?&ldquo; fragte er, indem er ihm den Zucker anbot.
+
+</P><P>
+
+Dann lie&szlig; er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
+war, die Ansicht des Chirurgen &uuml;ber ihre &bdquo;Konstitution&ldquo; zu
+h&ouml;ren.
+
+</P><P>
+
+Als Larivi&egrave;re im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau
+Homais noch um einen &auml;rztlichen Rat in betreff ihres
+Mannes. Er schlief n&auml;mlich allabendlich nach Tisch ein. Davon
+bek&auml;me er dickes Blut.
+
+</P><P>
+
+Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
+nicht verstand, dann ging er zur T&uuml;re. Aber die Apotheke war
+voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm
+nur schwer, sie loszuwerden. Da war T&uuml;vache, der seine Frau
+f&uuml;r schwinds&uuml;chtig hielt, weil sie &ouml;fters in die Asche
+spuckte; Binet, der bisweilen an Hei&szlig;hunger litt; Frau Caron,
+die es am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanf&auml;lle
+hatte; Lestiboudois, der rheumatisch war; Frau Franz, die &uuml;ber
+Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von
+dannen. Man fand aber allgemein, da&szlig; er sich nicht besonders
+liebensw&uuml;rdig gezeigt habe.
+
+</P><P>
+
+Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
+gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.
+
+</P><P>
+
+Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit
+den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines
+&bdquo;Pfaffen&ldquo; war ihm ein Greuel. Er mu&szlig;te bei einer Soutane immer
+an ein Leichentuch denken, und so verw&uuml;nschte er jene schon
+deshalb, weil er dieses f&uuml;rchtete.
+
+</P><P>
+
+Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erf&uuml;llung
+seiner &bdquo;Mission&ldquo;, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet,
+dem dies von Larivi&egrave;re dringend ans Herz gelegt worden
+war, in das Bovarysche Haus zur&uuml;ck. Wenn seine Frau nicht
+v&ouml;llig dagegen gewesen w&auml;re, h&auml;tte er sogar seine beiden Knaben
+mitgenommen, damit sie das gro&szlig;e Ereignis, das der Tod
+eines Menschen ist, kennen lernten. Es sollte ihnen eine
+Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung
+f&uuml;r ihr ganzes weiteres Leben.
+
+</P><P>
+
+Sie fanden das Zimmer voll d&uuml;strer Feierlichkeit. Auf dem mit
+einem wei&szlig;en Tischtuch bedeckten N&auml;htische stand zwischen zwei
+brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine
+silberne Sch&uuml;ssel und f&uuml;nf oder sechs St&uuml;ck Watte. Emmas
+Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen
+unnat&uuml;rlich weit offen, und ihre armen H&auml;nde tasteten &uuml;ber den
+Bett&uuml;berzug hin, mit einer jener r&uuml;hrend-schrecklichen
+Geb&auml;rden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung,
+als bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am
+Fu&szlig;ende des Lagers, ihrem Antlitz gegen&uuml;ber, bleich wie
+eine Bilds&auml;ule, tr&auml;nenlos, aber mit Augen, die rot waren wie
+gl&uuml;hende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte.
+
+</P><P>
+
+Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
+violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar f&uuml;hlte sie einen
+seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
+die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von
+himmlischer Gl&uuml;ckseligkeit bet&auml;ubte ihre letzten Leiden.
+
+</P><P>
+
+Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie
+den Kopf in die H&ouml;he, wie ein Durstiger, und pre&szlig;te auf das
+Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
+innigsten Liebesku&szlig;, den sie jemals gegeben hatte. Dann
+sprach der Geistliche das
+<TT>Misereatur</TT> und <TT>Indulgentiam</TT>, tauchte seinen rechten
+Daumen in das &Ouml;l und nahm die letzte &Ouml;lung vor. Zuerst salbte
+er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so hei&szlig;
+gel&uuml;stet; dann die Nasenfl&uuml;gel, die so gern die lauen L&uuml;fte und
+die D&uuml;fte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
+L&uuml;gen sich aufgetan, oft hoff&auml;rtig gezuckt und in s&uuml;ndigem
+Girren geseufzt hatte; dann die H&auml;nde, die sich an vergn&uuml;glichen
+Ber&uuml;hrungen erg&ouml;tzt hatten; und endlich die Sohlen der F&uuml;&szlig;e,
+die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
+liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.
+
+</P><P>
+
+Der Priester trocknete sich die H&auml;nde, warf das &ouml;lgetr&auml;nkte
+St&uuml;ck Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der
+Sterbenden. Er sagte ihr, da&szlig; ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu
+Christi eins seien. Sie solle der g&ouml;ttlichen Barmherzigkeit
+vertrauen.
+
+</P><P>
+
+Als er mit seiner Tr&ouml;stung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
+geweihte Kerze in die Hand zu dr&uuml;cken, das Symbol der
+himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte.
+Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schlie&szlig;en, und wenn
+Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen h&auml;tte, w&auml;re die Kerze
+zu Boden gefallen.
+
+</P><P>
+
+Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
+Ausdruck heiterer Gl&uuml;ckseligkeit angenommen, als ob das
+Sakrament sie wieder gesund gemacht h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
+ja er gemahnte Bovary daran, da&szlig; der Herr zuweilen das Leben
+Sterbender wieder verl&auml;ngere, wenn er es zum Heil ihrer Seele
+f&uuml;r notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zur&uuml;ck, an dem sie
+schon einmal, dem Tode nahe, die letzte &Ouml;lung empfangen hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!&ldquo; dachte er.
+
+</P><P>
+
+Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem
+Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren
+Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die
+Tr&auml;nen aus den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf
+zur&uuml;ck, stie&szlig; einen Seufzer aus und sank in das Kissen.
+
+</P><P>
+
+Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat
+weit aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht
+zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
+verl&ouml;schen. Man h&auml;tte glauben k&ouml;nnen, sie sei schon tot, wenn
+ihre Atmungsorgane nicht so f&uuml;rchterlich heftig gearbeitet
+h&auml;tten. Es war, als sch&uuml;ttle sie ein wilder innerer Sturm,
+als ringe das Leben gewaltig mit dem Tode.
+
+</P><P>
+
+Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
+ein wenig die Beine, w&auml;hrend Canivet gleichg&uuml;ltig auf den Markt
+hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
+Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich
+die lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes
+kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff
+ihre H&auml;nde und dr&uuml;ckte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses
+zuckte er zusammen, als st&uuml;rze eine Ruine auf ihn.
+
+</P><P>
+
+Je st&auml;rker das R&ouml;cheln wurde, um so mehr beschleunigte der
+Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
+Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als
+das dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, das wie
+Totengel&auml;ut klang.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich klapperten drau&szlig;en auf der Stra&szlig;e Holzschuhe. Ein
+Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine
+rauhe Stimme, und sang:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Wenns Sommer worden weit und breit, <BR>
+Wird hei&szlig; das Herze mancher Maid&nbsp;...&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
+elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gel&ouml;st, ihre
+Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Nanette ging hinaus ins Feld,<BR>
+Zu sammeln, was die Sense f&auml;llt.<BR>
+Als sie sich in der Stoppel b&uuml;ckt,<BR>
+Da ist passiert, was sich nicht schickt&nbsp;...&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+&bdquo;Der Blinde!&ldquo; schrie sie.
+
+</P><P>
+
+Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges,
+verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das
+scheu&szlig;liche Gesicht des Ungl&uuml;cklichen sah, wie ein
+Schreckgespenst aus der ewigen Nacht des Jenseits&nbsp;...
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Der Wind, der war so stark ... O weh!<BR>
+Hob ihr die R&ouml;ckchen in die H&ouml;h.&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zur&uuml;ck. Alle traten
+hinzu. Sie war nicht mehr.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie
+bet&auml;ubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen
+Nichts zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl
+aber, als er sah, da&szlig; Emma unbeweglich dalag, warf sich &uuml;ber
+sie und schrie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lebwohl! Lebwohl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fassen Sie sich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo; rief er und machte sich von ihnen los. &bdquo;Ich will
+vern&uuml;nftig sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich
+mu&szlig; sie sehen! Es ist meine Frau!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er weinte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weinen Sie nur!&ldquo; sagte der Apotheker. &bdquo;Lassen Sie der Natur
+freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da wurde Karl schwach wie ein Kind und lie&szlig; sich in die Gro&szlig;e
+Stube im Erdgescho&szlig; hinunterf&uuml;hren. Homais ging bald darnach
+in sein Haus zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich
+bis Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden
+Vor&uuml;bergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gro&szlig;artig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu
+tun h&auml;tte! Bedaure! Komm ein andermal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er verschwand schnell in seinem Hause.
+
+</P><P>
+
+Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank f&uuml;r
+Bovary zu brauen und ein M&auml;rchen zu ersinnen, um Frau Bovarys
+Vergiftung auf eine m&ouml;glichst harmlose Weise zu erkl&auml;ren. Er
+wollte einen Artikel f&uuml;r den &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; daraus
+machen. Au&szlig;erdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn.
+Alle wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals
+wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von
+Vanillecreme aus Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab
+er sich abermals zu Bovary.
+
+</P><P>
+
+Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl sa&szlig; im
+Lehnstuhl am Fenster und starrte mit bl&ouml;dem Blick auf die Dielen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir m&uuml;ssen die Stunde f&uuml;r die Feierlichkeit festsetzen!&ldquo;
+sagte der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu? F&uuml;r was f&uuml;r eine Feierlichkeit?&ldquo; Stammelnd und voll
+Grauen f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie
+dabehalten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom
+Tisch und bego&szlig; die Geranien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, ich danke Ihnen!&ldquo; sagte Karl. &bdquo;Sie sind sehr g&uuml;tig&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er wollte noch mehr sagen, aber die F&uuml;lle von Erinnerungen, die
+des Apothekers Tun in ihm wachrief, &uuml;berw&auml;ltigte ihn.
+Es waren Emmas Blumen!
+
+</P><P>
+
+Homais gab sich M&uuml;he, ihn zu zerstreuen, und begann &uuml;ber die
+G&auml;rtnerei zu plaudern. Die Pflanzen h&auml;tten die Feuchtigkeit sehr
+n&ouml;tig. Karl nickte zustimmend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jetzt werden auch bald sch&ouml;ne Tage kommen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bovary seufzte.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker wu&szlig;te nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob
+behutsam eine Scheibengardine beiseite.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehn Sie, da dr&uuml;ben geht der B&uuml;rgermeister!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl wiederholte mechanisch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da dr&uuml;ben geht der B&uuml;rgermeister!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begr&auml;bnis
+zur&uuml;ckzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem
+Entschlusse hier&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Karl schlo&szlig; sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und
+nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Ich bestimme, da&szlig; man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid
+begrabe, in wei&szlig;en Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Das
+Haar soll man ihr &uuml;ber die Schultern legen. Drei S&auml;rge: einen
+aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich
+nicht tr&ouml;sten wollen! Ich werde stark sein. Und &uuml;ber den Sarg
+soll man ein gro&szlig;es St&uuml;ck gr&uuml;nen Samt breiten. So will ich
+es! Tut es!&ldquo;
+
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Man war &uuml;ber Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker
+ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das mit dem Samt scheint mir &uuml;bertrieben. Allein die
+Kosten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was geht Sie das an!&ldquo; schrie Karl. &bdquo;Lassen Sie mich! Sie
+haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Priester fa&szlig;te Karl unter den Arm und f&uuml;hrte ihn in den
+Garten. Er sprach von der Verg&auml;nglichkeit alles Irdischen.
+Gott sei gut und weise. Man m&uuml;sse sich ohne Murren seinem
+Ratschlu&szlig; unterwerfen. Man m&uuml;sse ihm sogar daf&uuml;r danken.
+
+</P><P>
+
+Aber Karl brach in Gottesl&auml;sterungen aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich verfluche ihn, euren Gott!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!&ldquo; seufzte der
+Priester.
+
+</P><P>
+
+Bovary lie&szlig; ihn stehen. Mit gro&szlig;en Schritten ging er die
+Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den
+Z&auml;hnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verw&uuml;nschungen waren.
+Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt.
+
+</P><P>
+
+Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer
+Weile fror ihn. Er ging ins Haus zur&uuml;ck und setzte sich an
+den Herd in der K&uuml;che.
+
+</P><P>
+
+Um sechs Uhr h&ouml;rte er Wagengerassel drau&szlig;en auf dem Markte.
+Es war die Post, die von Rouen zur&uuml;ckkehrte. Er pre&szlig;te die
+Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden
+nacheinander ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in
+das Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein.
+
+</P><P>
+
+Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug
+dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um
+Totenwache zu halten. Er brachte drei B&uuml;cher und ein Notizbuch
+mit. Er pflegte sich Ausz&uuml;ge zu machen.
+
+</P><P>
+
+Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen
+brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem
+Alkoven hervorger&uuml;ckt hatte.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
+Jeremiaden &uuml;ber die &bdquo;ungl&uuml;ckliche junge Frau&ldquo;. Der Priester
+unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als f&uuml;r sie zu
+beten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Immerhin&ldquo;, versetzte Homais, &bdquo;sind nur zwei F&auml;lle
+m&ouml;glich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdr&uuml;ckt,
+selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie
+ist als S&uuml;nderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier
+der kirchliche Ausdruck? Dann&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bournisien unterbrach ihn und erkl&auml;rte in m&uuml;rrischem Tone, man
+m&uuml;sse in jedem Falle beten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber sagen Sie mir,&ldquo; wandte der Apotheker ein, &bdquo;da Gott
+stets wei&szlig;, was uns not tut, wozu dann erst das
+Gebet?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu das Gebet?&ldquo; wiederholte der Priester. &bdquo;Ja, sind Sie
+denn kein Christ?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst
+die Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral
+geschenkt, die&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
+Man wei&szlig;, da&szlig; sie von den Jesuiten gef&auml;lscht ist&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl trat ein, n&auml;herte sich dem Totenbette und zog langsam die
+Vorh&auml;nge beiseite.
+
+</P><P>
+
+Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt.
+Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren
+Teil ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest
+in die Handballen gedr&uuml;ckt. Etwas wie wei&szlig;er Staub lag in
+ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereits in blassem
+Schleim, der wie ein d&uuml;nnes Gewebe war, als h&auml;tten Spinnen
+ihr Netz dar&uuml;ber gesponnen. Das Bettuch senkte sich von ihren
+Br&uuml;sten bis zu den Knien und hob sich von da an nach ihren
+Fu&szlig;spitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schweres Etwas,
+ein ungeheures Gewicht laste auf ihr.
+
+</P><P>
+
+Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang
+das dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne
+str&ouml;mte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien
+ger&auml;uschvoll, und Homais kritzelte Notizen auf das Papier.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber Freund,&ldquo; sagte er, &bdquo;gehn Sie nun! Dieser Anblick
+zerrei&szlig;t Ihnen das Herz!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden
+ihre Er&ouml;rterung von neuem.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie Voltaire!&ldquo; sagte der eine. &bdquo;Lesen Sie Holbach! Die
+Enzyklop&auml;disten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie die &sbquo;Briefe einiger portugiesischen Juden&lsquo;&ldquo;,
+sagte der andre, &bdquo;lesen Sie die &sbquo;Grundlagen des
+Christentums&lsquo; von Nicolas!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie regten sich auf, bekamen rote K&ouml;pfe und sprachen gleichzeitig
+ineinander hinein. Bournisien war entr&uuml;stet &uuml;ber die Vermessenheit
+des Apothekers, Homais erstaunt &uuml;ber die Beschr&auml;nktheit
+des Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen
+zu sagen, da kam pl&ouml;tzlich Karl abermals herein. Eine
+unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mu&szlig;te immer wieder die
+Treppe hinauf.
+
+</P><P>
+
+Er setzte sich der Toten gegen&uuml;ber, so da&szlig; er ihr voll ins
+Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
+Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.
+
+</P><P>
+
+Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
+Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er k&ouml;nne
+sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft
+konzentriere. Einmal beugte er sich sogar &uuml;ber sie und rief ganz
+leise: &bdquo;Emma, Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er atmete so heftig, da&szlig; die Flammen der Kerzen flackerten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte
+sie und brach von neuem in Tr&auml;nen aus. Ebenso wie der
+Apotheker versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim
+Begr&auml;bnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, da&szlig;
+sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die
+Stadt zu fahren und das N&ouml;tige zu besorgen.
+
+</P><P>
+
+Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
+Homais. Felicie sa&szlig; mit Frau Franz bei der Toten.
+
+</P><P>
+
+Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, dr&uuml;ckte
+dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte,
+die nach und nach einen gro&szlig;en Halbkreis um den Kamin
+bildeten. Alle hatten die K&ouml;pfe gesenkt. Die Knie aufeinander,
+schaukelten sie mit den Beinen und stie&szlig;en von Zeit zu Zeit einen
+tiefen Seufzer aus. Alle langweilten sich ma&szlig;los, aber
+keinem fiel es ein, wieder zu gehen.
+
+</P><P>
+
+Um neun Uhr kam Homais zur&uuml;ck, beladen mit einer Menge
+Kampfer, Benzoe und aromatischen Kr&auml;utern. Auch ein Gef&auml;&szlig; voll
+Chlor brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie,
+die L&ouml;wenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma
+herum, damit besch&auml;ftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu
+legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis
+hinab an die Atlasschuhe reichte.
+
+</P><P>
+
+Felicie wehklagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehn Sie nur!&ldquo; sagte die Witwe Franz seufzend, &bdquo;wie reizend
+sie noch immer ausschaut! Man m&ouml;chte drauf schw&ouml;ren, da&szlig; sie
+gleich wieder aufst&uuml;nde!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann beugten sie sich &uuml;ber sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
+mu&szlig;ten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze
+Fl&uuml;ssigkeit aus dem Munde hervor, als erbr&auml;che sie sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!&ldquo; schrie Frau Franz.
+Und zum Apotheker gewandt: &bdquo;Helfen Sie uns doch! Oder
+f&uuml;rchten Sie sich vielleicht?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich mich f&uuml;rchten?&ldquo; erwiderte er achselzuckend. &bdquo;Nein, so
+was! Ich habe in den Spit&auml;lern noch ganz andres gesehen und
+erlebt, als ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns
+unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen
+nicht. Ich habe sogar die Absicht &mdash; wie ich schon oft gesagt habe
+-, meinen K&ouml;rper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst
+der Wissenschaft noch etwas n&uuml;tzt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des
+Apothekers erwiderte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Darauf pries Homais ihn gl&uuml;cklich, weil er nicht darauf
+gefa&szlig;t zu sein brauche, eine teure Gef&auml;hrtin zu verlieren,
+worauf sich ein Disput &uuml;ber das Z&ouml;libat entspann.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist unnat&uuml;rlich,&ldquo; sagte der Apotheker, &bdquo;da&szlig; sich ein
+Mann des Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber, zum Kuckuck!&ldquo; rief der Priester. &bdquo;Kann denn ein
+verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
+z&auml;hlte ihre guten Wirkungen auf. Er wu&szlig;te Geschichten von
+Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden w&auml;ren. Sogar
+Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer S&uuml;nden ledig
+gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein
+Diener&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sein Partner war eingeschlafen. Als die schw&uuml;le Luft im Zimmer
+immer unertr&auml;glicher wurde, &ouml;ffnete der Pfarrer das Fenster.
+Da ward der Apotheker wieder wach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie w&auml;rs mit einer Prise?&ldquo; fragte er ihn. &bdquo;Hier! Das
+h&auml;lt munter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Ferne bellte irgendwo fortw&auml;hrend ein Hund.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;ren Sie, wie der Hund heult?&ldquo; fragte der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man sagt, da&szlig; sie die Toten wittern&ldquo;, sagte der Priester.
+&bdquo;&Auml;hnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock,
+wenn im Haus ein Mensch stirbt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er
+war bereits wieder eingeschlafen.
+
+</P><P>
+
+Bournisien, der widerstandsf&auml;higer war, bewegte noch eine
+Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allm&auml;hlich sein Kinn,
+sein dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu
+schnarchen.
+
+</P><P>
+
+So sa&szlig;en sie einander gegen&uuml;ber, mit vorgestreckten B&auml;uchen,
+mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all
+ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schw&auml;che. Sie
+regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu
+schlummern schien.
+
+</P><P>
+
+Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
+Abschied von ihr zu nehmen.
+
+</P><P>
+
+Das R&auml;ucherwerk qualmte noch. Die bl&auml;uliche Wolke verm&auml;hlte
+sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Drau&szlig;en
+blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild.
+
+</P><P>
+
+Das Wachs der Kerzen tr&auml;ufelte in langen Tr&auml;nen herab auf
+das Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten.
+Der Lichtschimmer machte ihm die Augen m&uuml;de.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;ber das Atlaskleid huschten Reflexe; es war wei&szlig; wie
+Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm,
+als gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher &uuml;ber, als
+lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem
+wirbelnden Kr&auml;uterdufte&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der
+Gartenbank unter dem bl&uuml;henden Wei&szlig;dornbusch ... dann in Rouen
+auf dem Gange durch die Stra&szlig;e ... und dann auf der Schwelle
+ihres Vaterhauses, im Gutshofe, in Bertaux ... Es war
+ihm, als h&ouml;re er das Jodeln der lustigen Burschen, die
+unter den Apfelb&auml;umen tanzten bei seiner Hochzeitsfeier. Wie
+hatte das Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr
+Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie spr&uuml;hende Funken!
+Dasselbe Kleid! Damals und heute!
+
+</P><P>
+
+Langsam zog sein ganzes einstiges Gl&uuml;ck noch einmal an ihm
+vor&uuml;ber. Er sah sie vor sich in ihren eigent&uuml;mlichen Bewegungen,
+ihrer Haltung, ihrem Gang. Er h&ouml;rte den Klang ihrer Stimme. Immer
+wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufh&ouml;rlich,
+unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande.
+
+</P><P>
+
+Eine gr&auml;&szlig;liche Neugier &uuml;berkam ihn. Langsam und klopfenden
+Herzens hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da
+schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern M&auml;nner
+erwachten. Sie zogen ihn fort und f&uuml;hrten ihn hinunter in die
+Gro&szlig;e Stube.
+
+</P><P>
+
+Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar
+der Toten haben.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schneiden Sie ihr welches ab!&ldquo; befahl der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere
+heran. Er zitterte so stark, da&szlig; er die Haut an der Schl&auml;fe an
+mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und
+schnitt blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein
+paar kahle Stellen mitten in dem sch&ouml;nen schwarzen Haar der
+Toten.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
+B&uuml;cher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal,
+wenn sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor.
+Der Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais
+sch&uuml;ttete ein wenig Chlor auf die Dielen.
+
+</P><P>
+
+Felicie hatte f&uuml;r sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
+Branntwein, K&auml;se und ein langes Wei&szlig;brot bereitgestellt.
+Gegen vier Uhr fr&uuml;h hielt es der Apotheker nicht mehr aus.
+Er seufzte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wahrhaftig. Eine St&auml;rkung w&auml;re nicht &uuml;bel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber
+erst die Messe lesen. Als er wieder zur&uuml;ckkam, a&szlig;en und
+tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen
+warum, verf&uuml;hrt von der sonderbaren Fr&ouml;hlichkeit, die den
+Menschen nach &uuml;berstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten
+Gl&auml;schen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und
+sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir werden uns am Ende noch verstehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg
+brachten. Zwei Stunden lang mu&szlig;te sich Karl von den
+Hammerschl&auml;gen martern lassen, die von den Brettern zu ihm
+hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg aus Eichenholz und
+diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war,
+f&uuml;llte man die Hohlr&auml;ume mit Werg aus einer Matratze. Als
+der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man
+den Sarg vor die T&uuml;r. Das Haus ward weit ge&ouml;ffnet, und die
+Leute von Yonville begannen herbeizustr&ouml;men.
+
+</P><P>
+
+Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er
+mitten auf dem Markte ohnm&auml;chtig.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Elftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddrei&szlig;ig
+Stunden nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte
+Homais so geschrieben, da&szlig; er gar nicht genau wissen konnte,
+was eigentlich geschehen war.
+
+</P><P>
+
+Der gute Mann war zun&auml;chst wie vom Schlag ger&uuml;hrt umgesunken.
+Dann sagte er sich, sie k&ouml;nne wohl tot sein, aber sie k&ouml;nne auch
+noch leben ... Schlie&szlig;lich hatte er seine Bluse angezogen, seinen
+Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
+weggeritten. Den ganzen Weg &uuml;ber verging er beinahe vor Angst.
+Einmal mu&szlig;te er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er h&ouml;rte
+Stimmen ringsum und glaubte, er verl&ouml;re den Verstand.
+
+</P><P>
+
+Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
+schliefen. Er erbebte vor Schreck &uuml;ber diese b&ouml;se Vorbedeutung.
+Schnell gelobte er der Madonna drei neue Me&szlig;gew&auml;nder f&uuml;r ihre
+Kirche und eine Wallfahrt in blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en vom heimatlichen
+Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.
+
+</P><P>
+
+In Maromme, wo er rastete, br&uuml;llte er die Leute im Gasthof
+munter, rannte mit der Schulter die Haust&uuml;r ein, st&uuml;rzte sich
+auf einen Hafersack, go&szlig; in die Krippe eine Flasche Apfelsekt,
+setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los,
+da&szlig; die Funken stoben.
+
+</P><P>
+
+Immer wieder sagte er sich, da&szlig; man sie sicher retten w&uuml;rde. Die
+&Auml;rzte h&auml;tten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
+Heilungen, die man ihm je erz&auml;hlt hatte. Dann aber sah er sie
+tot. Sie lag auf dem R&uuml;cken vor ihm, mitten auf der Stra&szlig;e. Er
+ri&szlig; in die Z&uuml;gel. Da schwand die Erscheinung.
+
+</P><P>
+
+In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
+Tassen Kaffee.
+
+</P><P>
+
+Es w&auml;re auch m&ouml;glich, sagte er sich, da&szlig; sich der Absender
+in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem
+Briefe, f&uuml;hlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
+Schlie&szlig;lich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur
+ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines
+Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot w&auml;re, dann m&uuml;&szlig;te
+er es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen
+aus wie alle Tage, der Himmel war blau, die B&auml;ume wiegten ihre
+Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vor&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
+noch im Sattel h&auml;ngend. Er hatte das Pferd mit Schl&auml;gen
+vorw&auml;rts gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte
+Blut. Als der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter
+heftigem Weinen in Bovarys Arme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der andre antwortete schluchzend:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig; nicht! Ich wei&szlig; nicht! Es ist so schrecklich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker zog sie auseinander.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die gr&auml;&szlig;lichen Einzelheiten sind unn&uuml;tz! Ich werde dem Herrn
+schon alles erz&auml;hlen. Da kommen Leute! W&uuml;rde! Fassung! Man
+mu&szlig; Philosoph sein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der arme Karl gab sich alle M&uuml;he, stark zu sein. Mehrere Male
+wiederholte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja ... Mut! Mut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wenns sein mu&szlig;!&ldquo; sagte Rouault. &bdquo;Ich hab welchen!
+Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben,
+und wenns noch so weit w&auml;re!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Glocke begann zu l&auml;uten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich
+in Bewegung.
+
+</P><P>
+
+Rouault und Bovary sa&szlig;en nebeneinander in den Chorst&uuml;hlen. Die
+drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
+Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
+Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die H&auml;nde empor
+und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
+Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
+Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.
+
+</P><P>
+
+Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
+jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen
+w&uuml;rde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit,
+weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte,
+da&szlig; sie dort unter dem Leichentuche lag, da&szlig; alles zu Ende
+war, da&szlig; man sie nun in die Erde scharrte, da fa&szlig;te ihn wilde
+Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als
+empf&auml;nde er &uuml;berhaupt nichts mehr. Er f&uuml;hlte sich in seinem
+Schmerze erleichtert, aber alsbald warf er sich vor, eine
+erb&auml;rmliche Kreatur zu sein.
+
+</P><P>
+
+Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeitr&auml;umen etwas
+wie ein Eisenstab auf. Dieses harte Ger&auml;usch drang aus dem
+Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines
+Seitenschiffes aufh&ouml;rte. Ein Mensch in einem groben braunen
+Rock kniete m&uuml;hsam nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom
+Goldnen L&ouml;wen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur
+angeschnallt.
+
+</P><P>
+
+Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld
+einzusammeln. Die gro&szlig;en Kupferst&uuml;cke klirrten eins nach dem
+andern in der silbernen Schale.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schnell weg! Ich leide!&ldquo; rief Bovary und warf zornig ein
+F&uuml;nffrankenst&uuml;ck hinein.
+
+</P><P>
+
+Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
+
+</P><P>
+
+Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ...
+Das nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, da&szlig; er mit Emma in
+der ersten Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen
+war. Sie hatten rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke
+begann wieder zu l&auml;uten. Ein allgemeines St&uuml;hler&uuml;cken fing
+an. Die Sargtr&auml;ger hoben die drei Stangen der Bahre in die H&ouml;he.
+Man verlie&szlig; die Kirche.
+
+</P><P>
+
+Justin stand an der T&uuml;r der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
+bla&szlig; und taumelnd.
+
+</P><P>
+
+Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
+vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er
+trug eine tapfre Miene zur Schau und gr&uuml;&szlig;te kopfnickend jeden,
+der aus den Gassen oder den H&auml;usern trat, um sich dem Zuge
+anzuschlie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+Die sechs Tr&auml;ger, drei auf jeder Seite, schritten langsam
+vorw&auml;rts. Sie keuchten. Die Priester, die S&auml;nger und die
+Chorknaben sangen das <TT>De profundis</TT>.
+Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der
+Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber
+das hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den B&auml;umen.
+
+</P><P>
+
+Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen M&auml;nteln mit
+zur&uuml;ckgeschlagenen Kapuzen, in den H&auml;nden dicke brennende
+Wachskerzen. Karl f&uuml;hlte, wie ihn seine Kr&auml;fte verlie&szlig;en
+unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten
+des faden Geruchs von Wachs und Me&szlig;gew&auml;ndern. Ein
+frischer Wind wehte her&uuml;ber. Roggen und Raps gr&uuml;nten, und
+Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei
+fr&ouml;hliche Laute erf&uuml;llten die Luft: das Quietschen eines
+kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener Stra&szlig;e, das
+wiederholte Kr&auml;hen eines Hahnes oder der Galopp eines
+F&uuml;llens, das sich unter den Apfelb&auml;umen austobte. Der
+klare Himmel war mit rosigen W&ouml;lkchen betupft. Bl&auml;uliche Lichter
+spielten um die Schwertlilien vor den H&auml;usern und H&uuml;tten. Karl
+erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich
+eines bestimmten Morgens, an dem er, einen Kranken zu
+besuchen, hier vor&uuml;bergekommen war, erst hin und dann auf dem
+R&uuml;ckwege zu &bdquo;ihr&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tr&auml;nen bestickte
+Leichentuch auf und lie&szlig; den Sarg sehen. Die erm&uuml;deten Tr&auml;ger
+verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortw&auml;hrend wie
+eine Schaluppe auf bewegter See.
+
+</P><P>
+
+Endlich war man da.
+
+</P><P>
+
+Die Tr&auml;ger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im
+Rasen, wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis
+herum auf. W&auml;hrend der Priester sprach, rieselte die rote, an den
+Seiten aufgeh&auml;ufte Erde &uuml;ber die Kanten hinweg in die Grube,
+lautlos und ununterbrochen.
+
+</P><P>
+
+Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
+gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
+
+</P><P>
+
+Endlich h&ouml;rte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen ger&auml;uschvoll
+wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois
+reichte. Und w&auml;hrend er mit der rechten Hand den Weihwedel
+schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
+ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg,
+und das Ger&auml;usch dr&ouml;hnte Karl in die Ohren, unheimlich wie
+ein Widerhall aus der Ewigkeit.
+
+</P><P>
+
+Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war
+Homais. W&uuml;rdevoll f&uuml;llte und leerte er sie und reichte sie
+dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen H&auml;nden Erde
+hinabwarf und &bdquo;Lebe wohl!&ldquo; rief. Er sandte ihr K&uuml;sse und beugte
+sich &uuml;ber das Grab, als ob er sich hinabst&uuml;rzen wollte.
+
+</P><P>
+
+Man f&uuml;hrte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar
+empfand er gleich den andern eine merkw&uuml;rdige Befriedigung, da&szlig;
+alles &uuml;berstanden war.
+
+</P><P>
+
+Auf dem Heimwege z&uuml;ndete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife
+an, was Homais insgeheim nicht besonders schicklich
+fand. Er berichtete, da&szlig; Binet nicht zugegen gewesen war, da&szlig;
+sich T&uuml;vache nach der Messe &bdquo;gedr&uuml;ckt&ldquo; hatte und da&szlig; Theodor,
+der Diener des Notars, einen blauen Rock getragen hatte,
+&bdquo;als ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen w&auml;re, da
+es nun einmal so &uuml;blich ist, zum Teufel!&ldquo; So hechelte er
+alles durch, was er beobachtet hatte.
+
+</P><P>
+
+Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der
+nicht verfehlt hatte, zum Begr&auml;bnis zu erscheinen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag f&uuml;r ihren Mann!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker antwortete:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen w&auml;re, h&auml;tte er aus
+Verzweiflung Selbstmord begangen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie war immer so liebensw&uuml;rdig! Wenn ich bedenke, da&szlig; sie
+vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich hatte nur keine Zeit,&ldquo; sagte der Apotheker, &bdquo;sonst h&auml;tte
+ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins
+Grab nachgerufen h&auml;tte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
+seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich
+unterwegs &ouml;fters die Augen mit dem &Auml;rmel gewischt hatte,
+hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht
+hinterlassen. Man sah, wo die Tr&auml;nen herabgerollt waren.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
+Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach
+Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest?
+Damals tr&ouml;stete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt
+aber&nbsp;...&ldquo; Er st&ouml;hnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust
+hob. &bdquo;Ach, nun ist es aus mit mir! Ich habe meine Frau
+sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine
+Tochter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
+zur&uuml;ckzureiten. In diesem Hause k&ouml;nne er nicht schlafen. Auch
+seine Enkelin wollte er nicht sehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Nein! Das w&uuml;rde mich zu traurig machen! Aber k&uuml;sse
+sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und
+das hier,&ldquo; er schlug auf sein Bein, &bdquo;das werde ich dir nie
+vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch
+noch jedes Jahr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber als er auf der H&ouml;he angelangt war, wandte er sich um,
+ganz wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem
+Abschied auf der Landstra&szlig;e bei Sankt Viktor noch einmal nach
+seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe gl&uuml;hten wie
+im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging.
+Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am
+Horizont ein Mauerviereck und B&auml;ume darinnen, die wie schwarze
+B&uuml;schel zwischen wei&szlig;en Steinen hervorleuchteten. Dort lag der
+Friedhof&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
+geworden war.
+
+</P><P>
+
+Karl und seine Mutter blieben bis in die sp&auml;te Nacht auf und
+plauderten, obwohl sie beide sehr m&uuml;de waren. Sie sprachen von
+vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
+Frau wollte nach Yonville &uuml;bersiedeln, ihm die Wirtschaft f&uuml;hren
+und f&uuml;r immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes-
+und Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
+zur&uuml;ckzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
+
+</P><P>
+
+Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das
+war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an
+&bdquo;sie&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Rudolf, der zu seinem Vergn&uuml;gen den Tag &uuml;ber durch den Wald
+geritten war, schlief ruhig in seinem Schlo&szlig;. Ebenso schlummerte
+Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
+
+</P><P>
+
+Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
+Seine vom Schluchzen wunde Brust st&ouml;hnte im Dunkel unter dem
+Druck einer unerme&szlig;lichen Sehnsucht, die s&uuml;&szlig; war wie der Mond
+und geheimnisvoll wie die Nacht.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich knarrte die Gittert&uuml;r. Lestiboudois hatte seine
+Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin,
+als er sich &uuml;ber die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen,
+wer ihm immer Kartoffeln stahl.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Letztes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Am Tage darauf lie&szlig; Karl die kleine Berta wieder ins Haus
+kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei
+verreist und werde ihr h&uuml;bsche Spielsachen mitbringen. Das
+Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der
+Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des
+Kindes bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unertr&auml;glich aber
+waren ihm die Trostreden des Apothekers.
+
+</P><P>
+
+Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux lie&szlig; seinen
+Strohmann Vin&ccedil;ard abermals vorgehen, und Karl &uuml;bernahm
+betr&auml;chtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis
+zulassen wollte, da&szlig; von den M&ouml;beln, die ihr geh&ouml;rt hatten,
+auch nur das geringste verkauft w&uuml;rde. Seine Mutter war au&szlig;er
+sich dar&uuml;ber. Das emp&ouml;rte ihn wiederum ma&szlig;los. Er war
+&uuml;berhaupt ein ganz andrer geworden. So verlie&szlig; sie das
+Haus.
+
+</P><P>
+
+Nun fingen alle m&ouml;glichen Leute an, ihr &bdquo;Schnittchen&ldquo; zu
+machen. Fr&auml;ulein Lempereur forderte f&uuml;r sechs Monate
+Stundengeld, obgleich Emma doch niemals Unterricht bei ihr
+genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt
+bekommen hatte, war nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt
+worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnementsgeb&uuml;hren auf
+eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn f&uuml;r zwanzig
+Briefe. Als Karl N&auml;heres wissen wollte, war sie
+wenigstens so r&uuml;cksichtsvoll, zu antworten:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich wei&szlig; von nichts! Es waren wohl Rechnungen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei
+nun zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue
+Gl&auml;ubiger.
+
+</P><P>
+
+Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man
+ihm die Briefe seiner Frau, und so mu&szlig;te er sich noch
+entschuldigen.
+
+</P><P>
+
+Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
+Karl hatte einige davon zur&uuml;ckbehalten. Manchmal schlo&szlig; er sich
+in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungef&auml;hr
+Emmas Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal
+den Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran,
+ihr nachzurufen: &bdquo;Emma, bleib, bleib!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber zu Pfingsten verlie&szlig; sie Yonville, zusammen mit dem Diener
+des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas
+Kleidern noch &uuml;brig war.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit gab sich die Witwe D&uuml;puis die Ehre, ihm die
+Verm&auml;hlung ihres Sohnes Leo D&uuml;puis, Notars zu
+Yvetot, mit Fr&auml;ulein Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz
+ergebenst mitzuteilen. In Karls Gl&uuml;ckwunschbrief kam die
+Stelle vor:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie h&auml;tte sich meine arme Frau dar&uuml;ber gefreut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs
+Haus irrte, kam er in die Dachkammer und sp&uuml;rte pl&ouml;tzlich
+unter einem seiner Pantoffel ein zusammengekn&uuml;lltes St&uuml;ck
+Papier. Er entfaltete es und las: &bdquo;Liebe Emma! Sei tapfer!
+Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr&uuml;mmern&nbsp;...&ldquo; Es war
+Rudolfs Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen
+geblieben war, bis ihn der durchs Dachfenster wehende
+Luftzug an die T&uuml;re getrieben hatte. Karl stand ganz starr da,
+mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma,
+bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den Tod gehen
+wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift ein
+kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche
+und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines pl&ouml;tzlichen
+Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn
+er ihnen sp&auml;ter &mdash; es war zwei- oder dreimal gewesen &mdash;
+begegnet war. Aber der achtungsvolle Ton des Briefes
+t&auml;uschte ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu
+sein!&ldquo; sagte er sich.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;brigens geh&ouml;rte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen
+bis auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
+suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem ma&szlig;losen
+Schmerze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man mu&szlig;te sie anbeten!&ldquo; sagte er bei sich. &bdquo;Es ist ganz
+nat&uuml;rlich, da&szlig; alle M&auml;nner sie begehrt haben!&ldquo; Nunmehr
+erschien sie ihm noch sch&ouml;ner, und es &uuml;berkam ihn ein
+best&auml;ndiges hei&szlig;es Verlangen nach ihr, das ihn
+trostlos machte und das keine Grenzen kannte, weil es
+nicht mehr zu stillen war.
+
+</P><P>
+
+Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach
+ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
+Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
+&mdash; unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus
+ihrem Grabe heraus.
+
+</P><P>
+
+Karl sah sich gen&ouml;tigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein
+St&uuml;ck nach dem andern, dann die M&ouml;bel des Salons. Alle
+Zimmer wurden kahl, nur &bdquo;ihr Zimmer&ldquo; blieb wie fr&uuml;her. Nach dem
+Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den
+Kamin und r&uuml;ckte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich
+gegen&uuml;ber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter.
+Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen aus.
+
+</P><P>
+
+Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
+gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schn&uuml;re, die N&auml;hte des
+Kleidchens aufgerissen, denn darum k&uuml;mmerte sich die
+Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie
+das K&ouml;pfchen grazi&ouml;s neigte und ihr die blonden Locken
+&uuml;ber die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend aus,
+da&szlig; ihn unendliche Z&auml;rtlichkeit ergriff, eine Freude, die nach
+Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr
+Spielzeug aus, machte ihr Hampelm&auml;nner aus Pappe und
+flickte sie aufgeplatzten B&auml;uche ihrer Puppen. Wenn seine Augen
+dabei auf Emmas Arbeitsk&auml;stchen fielen, auf ein Band,
+das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in
+einer Ritze des N&auml;htisches steckte, dann verfiel er in
+Tr&auml;umereien und sah so traurig aus, da&szlig; das Kind auch mit
+traurig wurde.
+
+</P><P>
+
+Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
+wo er Kr&auml;merlehrling geworden war, und die Kinder des
+Apothekers lie&szlig;en sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater
+bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen
+Verh&auml;ltnisse auf eine Fortsetzung des n&auml;heren Verkehrs
+keinen Wert legte.
+
+</P><P>
+
+Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen
+k&ouml;nnen, war auf die H&ouml;he am Wilhelmswalde zur&uuml;ckgekehrt und
+erz&auml;hlte allen Reisenden den Mi&szlig;erfolg des Apothekers.
+Wenn Homais zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen
+hinter den Vorh&auml;ngen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm
+zu vermeiden. Er ha&szlig;te ihn, und da er ihn zugunsten seines
+Rufes als Heilk&uuml;nstler um jeden Preis aus dem Wege
+r&auml;umen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise,
+wie er das bewerkstelligte, enth&uuml;llte ebenso seinen Scharfsinn
+wie seine bis zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sechs
+Monate hintereinander konnte man im &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo;
+Nachrichten wie die folgenden lesen:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
+Zweifel auf der H&ouml;he am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt
+haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
+bel&auml;stigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
+gewisserma&szlig;en einen Zoll. Leben wir denn noch in den
+abscheulichen Zeiten des Mittelalters, wo es den
+Landstreichern erlaubt war, auf den &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen die
+Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der
+Kreuzz&uuml;ge mitgebracht hatten?&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Oder:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die
+Zug&auml;nge unsrer Gro&szlig;st&auml;dte noch unausgesetzt von
+Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und
+das sind vielleicht nicht die ungef&auml;hrlichsten. Aus welchem
+Grunde duldet das eigentlich die Obrigkeit?&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Daneben erfand Homais auch Anekdoten:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Gestern ist auf der H&ouml;he am Wilhelmswalde ein Pferd
+durchgegangen&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Es folgte der Bericht eines durch das pl&ouml;tzliche
+Auftauchen des Blinden verursachten Unfalls.
+
+</P><P>
+
+Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, da&szlig; der
+Ungl&uuml;ckliche in Haft genommen wurde. Aber man lie&szlig; ihn wieder
+frei. Er trieb es wie vorher. Ebenso Homais. Es begann
+ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu
+lebensl&auml;nglichem Aufenthalt in ein Krankenhaus gesteckt.
+
+</P><P>
+
+Dieser Erfolg machte ihn immer k&uuml;hner. Fortan konnte kein Hund
+&uuml;berfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Pr&uuml;gel
+bekommen, ohne da&szlig; er den Vorfall sofort ver&ouml;ffentlicht h&auml;tte
+-, geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Ha&szlig;
+gegen die Priester.
+
+</P><P>
+
+Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von
+den &bdquo;Ignorantinern&ldquo; geleiteten, die nat&uuml;rlich zum Nachteil der
+letzteren ausfielen. Anl&auml;&szlig;lich einer staatlichen Bewilligung
+von hundert Franken f&uuml;r kirchliche Zwecke erinnerte er an die
+Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
+Mi&szlig;br&auml;uche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte.
+Dabei wurde er ein gef&auml;hrlicher Intrigant.
+
+</P><P>
+
+Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch
+Schreiben, ein &bdquo;Werk&ldquo;. So verfa&szlig;te er eine &bdquo;Allgemeine
+Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen
+Beobachtungen&ldquo;. Die damit verbundenen Studien f&uuml;hrten ihn ins
+volkswirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen
+Fragen, in die Theorien &uuml;ber die Volkserziehung, in das
+Verkehrswesen und andres mehr. Nun begann er sich seiner
+kleinb&uuml;rgerlichen Obskurit&auml;t zu sch&auml;men; er bekam
+genialische Anwandlungen.
+
+</P><P>
+
+Seinen Beruf vernachl&auml;ssigte er dabei keineswegs, im
+Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seines
+Faches. Beispielsweise interessierte ihn der gro&szlig;e
+Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der
+erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die
+Eisenschokolade einf&uuml;hrte. Er begeisterte sich f&uuml;r die
+hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers und trug selbst eine.
+Wenn er beim Schlafengehen das Hemd wechselte, staunte Frau
+Homais diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und
+entbrannte in verdoppelter Liebe f&uuml;r diesen Mann, der wie ein
+Magier gl&auml;nzte.
+
+</P><P>
+
+F&uuml;r Emmas Grabmal hatte er sehr sch&ouml;ne Ideen. Zuerst schlug
+er einen S&auml;ulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
+einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
+&bdquo;k&uuml;nstliche Ruine&ldquo;. Keinesfalls aber d&uuml;rfe die
+Trauerweide fehlen, die er f&uuml;r das &bdquo;traditionelle Symbol&ldquo;
+der Trauer hielt.
+
+</P><P>
+
+Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
+Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein
+Kunstmaler begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des
+Apothekers Bridoux. Er ri&szlig; die ganze Zeit &uuml;ber schlechte
+Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich
+die Zusendung von Kostenanschl&auml;gen. Er fuhr dann ein
+zweitesmal allein nach Rouen und entschlo&szlig; sich zu einem
+Grabstein, &uuml;ber dem ein Genius mit gesenkter Fackel trauert.
+
+</P><P>
+
+Als Inschrift fand Homais nichts sch&ouml;ner als:
+<TT>STA VIATOR!</TT> Diese Worte schlug er
+immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Best&auml;ndig
+fl&uuml;sterte er vor sich hin: &bdquo;<TT>Sta
+viator!</TT>&ldquo; Endlich kam er auf: <TT>AMABILEM
+CONJUGEM CALCAS!</TT> Das wurde angenommen.
+
+</P><P>
+
+Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
+Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre &auml;u&szlig;ere
+Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung f&uuml;hlte er, wie ihr Bild
+seinem Ged&auml;chtnis entwich, w&auml;hrend er sich so viel M&uuml;he gab,
+es zu bewahren. Dabei tr&auml;umte er jede Nacht von ihr. Es war
+immer derselbe Traum: er sah sie und n&auml;herte sich ihr, aber
+sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
+
+</P><P>
+
+Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
+Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
+auf. Bournisien war neuerdings &uuml;berhaupt unduldsam, ja
+fanatisch, wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist
+des Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der
+Predigt vom schrecklichen Ende Voltaires zu erz&auml;hlen, der im
+Todeskampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie
+jedermann wisse.
+
+</P><P>
+
+Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden
+heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und
+so stand die Pf&auml;ndung abermals bevor. Da wandte er sich an
+seine Mutter. Sie schickte ihm eine B&uuml;rgschaftserkl&auml;rung.
+Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen
+Emma. Als Entgelt f&uuml;r ihr Opfer erbat sie sich einen Schal,
+der Felicies Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr.
+Dar&uuml;ber entzweiten sie sich.
+
+</P><P>
+
+Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Vers&ouml;hnung.
+Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
+nehmen; sie k&ouml;nne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein.
+Aber als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande
+sich von ihm zu trennen. Diesmal erfolgte ein endg&uuml;ltiger,
+v&ouml;lliger Bruch.
+
+</P><P>
+
+Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen
+war, und er schlo&szlig; sich immer enger an sein Kind an. Aber auch
+dies machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote
+Flecken auf den Wangen.
+
+</P><P>
+
+Ihm gegen&uuml;ber machte sich in Gesundheit, Gl&uuml;ck und Frohsinn die
+Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte,
+gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia
+stickte ihm ein neues K&auml;ppchen, Irma schnitt
+Pergamentpapierdeckel f&uuml;r die Einmachegl&auml;ser, und Franklin
+bewies ihm bereits schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz.
+Der Apotheker war der gl&uuml;cklichste Vater und der gl&uuml;cklichste
+Mensch.
+
+</P><P>
+
+Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
+Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient
+h&auml;tte er es zur Gen&uuml;ge, meinte er. Erstens hatte er sich
+w&auml;hrend der Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet.
+Zweitens hatte er &mdash; und zwar auf seine eigenen Kosten &mdash;
+verschiedene gemeinn&uuml;tzige Werke ver&ouml;ffentlicht,
+beispielsweise die Schrift &bdquo;Der Apfelwein. Seine Herstellung
+und seine Wirkung&ldquo;, sodann seine &bdquo;Abhandlung &uuml;ber die
+Reblaus&ldquo;, die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner
+seine statistische Ver&ouml;ffentlichung, ganz abgesehen von seiner
+ehemaligen Pr&uuml;fungsarbeit. Er z&auml;hlte sich das alles
+auf. &bdquo;Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
+Gesellschaften.&ldquo; In Wirklichkeit war es nur eine einzige.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eigentlich m&uuml;&szlig;te es schon gen&uuml;gen,&ldquo; rief er und warf sich
+selbstbewu&szlig;t in die Brust, &bdquo;da&szlig; ich mich bei den
+Feuersbr&uuml;nsten hervorgetan habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er begann F&uuml;hlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der
+Wahlen erwies er dem Landrat heimlich gro&szlig;e Dienste.
+Schlie&szlig;lich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er
+reichte ein Immediatgesuch an Seine Majest&auml;t ein, worin er ihn
+alleruntert&auml;nigst bat, &bdquo;ihm Gerechtigkeit widerfahren zu
+lassen.&ldquo; Er nannte ihn &bdquo;unsern guten K&ouml;nig&ldquo; und verglich ihn
+mit Heinrich dem Vierten.
+
+</P><P>
+
+Jeden Morgen st&uuml;rzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
+zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging
+so weit, da&szlig; er in seinem Garten ein Beet in Form des
+Kreuzes der Ehrenlegion anlegen lie&szlig;, auf der einen Seite von
+Geranien ums&auml;umt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste
+er dieses bunte Beet und dachte &uuml;ber die Schwerf&auml;lligkeit der
+Regierung und &uuml;ber den Undank der Menschen nach.
+
+</P><P>
+
+Aus Achtung f&uuml;r seine verstorbene Frau, oder weil er aus
+einer Art Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich
+haben wollte, hatte Karl das geheime Fach des
+Schreibtisches aus Polisanderholz, den Emma benutzt hatte,
+noch nicht ge&ouml;ffnet. Eines Tages setzte er sich endlich
+davor, drehte den Schl&uuml;ssel um und zog den Kasten heraus. Da
+lagen s&auml;mtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel
+m&ouml;glich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten
+Zeile. Dann st&ouml;berte er noch in allen Winkeln, allen M&ouml;beln,
+allen Schiebf&auml;chern, hinter den Tapeten, schluchzend, st&ouml;hnend,
+halbverr&uuml;ckt. Er entdeckte eine Schachtel und stie&szlig; sie mit
+einem Fu&szlig;tritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm
+buchst&auml;blich ins Gesicht. Es lag neben einem ganzen B&uuml;ndel
+von Liebesbriefen.
+
+</P><P>
+
+Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung.
+Er ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich
+sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das
+Ger&uuml;cht, da&szlig; er sich einschlie&szlig;e, um zu trinken. Neugierige
+aber, die hin und nieder den Kopf &uuml;ber die Gartenhecke reckten,
+sahen zu ihrer &Uuml;berraschung, wie der Menschenscheue in seinem
+langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging
+und laut weinte.
+
+</P><P>
+
+An Sommerabenden nahm er sein T&ouml;chterchen mit sich hinaus auf
+den Friedhof. Erst sp&auml;t in der Nacht kamen die beiden zur&uuml;ck,
+wenn auf dem Marktpl&auml;tze kein Licht mehr schimmerte, au&szlig;er
+aus dem St&uuml;bchen Binets.
+
+</P><P>
+
+Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines
+Schmerzes nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit
+ihm teilte. Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von
+&bdquo;ihr&ldquo; sprechen zu k&ouml;nnen. Aber die Wirtin h&ouml;rte nur mit halbem
+Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte n&auml;mlich
+seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen er&ouml;ffnet, und
+Hivert, der ob seiner Zuverl&auml;ssigkeit in Kommissionen
+allenthalben gro&szlig;es Vertrauen geno&szlig;, verlangte Lohnerh&ouml;hung
+und drohte, &bdquo;zur Konkurrenz&ldquo; &uuml;berzugehen.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen
+war, um sein Pferd, sein letztes St&uuml;ck Besitz, zu verkaufen,
+begegnete er Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide
+bla&szlig;. Rudolf, der bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine
+Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zun&auml;chst einige Worte der
+Entschuldigung, dann aber fa&szlig;te er Mut und hatte sogar die
+Dreistigkeit, &mdash; es war ein hei&szlig;er Augusttag &mdash; Karl zu einem
+Glas Bier in der n&auml;chsten Kneipe einzuladen.
+
+</P><P>
+
+Er l&uuml;mmelte sich Karl gegen&uuml;ber auf der Tischplatte auf,
+plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in
+tausend Tr&auml;umen vor diesem Gesicht, das &bdquo;sie&ldquo; geliebt hatte.
+Es war ihm, als s&auml;he er ein St&uuml;ck von ihr wieder. Das
+war ihm selber sonderbar. Er h&auml;tte der andre sein m&ouml;gen.
+
+</P><P>
+
+Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
+Vieh, vom D&uuml;ngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
+stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So
+vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl h&ouml;rte ihm
+gar nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, da&szlig; hinter
+diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen
+r&ouml;teten sich mehr und mehr, seine Nasenfl&uuml;gel bl&auml;hten sich,
+seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in
+so d&uuml;sterem Groll auf Rudolf, da&szlig; dieser erschrak und mitten im
+Satz steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die fr&uuml;here
+Lebensm&uuml;digkeit auf Karls Gesicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin Ihnen nicht b&ouml;se!&ldquo; sagte er.
+
+</P><P>
+
+Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen H&auml;nden und
+wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
+Schmerzen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, ich bin Ihnen nicht mehr b&ouml;se!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er f&uuml;gte ein gro&szlig;es Wort hinzu, das einzige, das er je
+in seinem Leben sprach:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Schicksal ist schuld!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim,
+f&uuml;r einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutm&uuml;tig,
+eigentlich sogar komisch und ver&auml;chtlich.
+
+</P><P>
+
+Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
+Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinbl&auml;tter
+zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete
+s&uuml;&szlig;, der Himmel war blau, Insekten summten um die bl&uuml;henden
+Lilien. Karl atmete schwer; das Herz war ihm beklommen und
+tieftraurig vor unsagbarer Liebessehnsucht.
+
+</P><P>
+
+Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
+gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
+
+</P><P>
+
+Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
+zugefallen, sein Mund stand offen. In den H&auml;nden hielt er eine
+lange schwarze Haarlocke.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Papa, komm doch!&ldquo; rief die Kleine.
+
+</P><P>
+
+Sie glaubte, er wolle mit ihr spa&szlig;en, und stie&szlig; ihn sacht an. Da
+fiel er zu Boden. Er war tot.
+
+</P><P>
+
+Sechsunddrei&szlig;ig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des
+Apothekers Doktor Canivet herbei. Er &ouml;ffnete die Leiche, fand
+aber nichts.
+
+</P><P>
+
+Als aller Hausrat verkauft war, blieben zw&ouml;lf und
+dreiviertel Franken &uuml;brig, die gerade ausreichten, die Reise
+der kleinen Berta Bovary zu ihrer Gro&szlig;mutter zu bestreiten. Die
+gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater
+Rouault gel&auml;hmt war, nahm sich eine Tante des Kindes an.
+Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich das t&auml;gliche
+Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei.
+
+</P><P>
+
+Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei &Auml;rzte nacheinander
+in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten
+k&ouml;nnen. Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine
+Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Beh&ouml;rde
+duldet ihn, und die &ouml;ffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
+
+</P><P>
+
+K&uuml;rzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
+</P>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
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+The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Frau Bovary
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+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Arthur Schurig
+
+Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: TeX
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
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+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
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+Die "Ubertragung de{\s} Roman{\s} \begin{antiqua}Madame
+Bovary\end{antiqua} au{\s} dem Franz"osischen besorgte Arthur
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+Insel-Verlag zu Leipzig
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+
+\begin{center}
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+\end{center}
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+E{\s} war Arbeit{\s}stunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite
+ein "`Neuer"', in gew"ohnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den
+beiden, Schulstubenger"at in den H"anden. Alle Sch"uler erhoben
+sich von ihren Pl"atzen, wobei man so tat, al{\s} sei man au{\s}
+seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit
+auf.
+
+Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
+sich zu dem die Aufsicht f"uhrenden Lehrer.
+
+"`Herr Roger!"' lispelte er. "`Diesen neuen Z"ogling hier empfehle
+ich Ihnen besonder{\s}. Er kommt zun"achst in die Quinta. Bei
+l"oblichem Flei"s und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt,
+in die er seinem Alter nach geh"ort."'
+
+Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der T"ure stehen. Man
+konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein
+Bauernjunge, so ungef"ahr f"unfzehn Jahre alt und gr"o"ser al{\s}
+alle andern. Die Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn
+hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm
+au{\s}, nur war er h"ochst verlegen. So schm"achtig er war,
+beengte ihn sein gr"uner Tuchrock mit schwarzen Kn"opfen doch
+sichtlich, und durch den Schlitz in den "Armelaufschl"agen
+schimmerten rote Handgelenke hervor, die zweifello{\s} die freie
+Luft gew"ohnt waren. Er hatte gelbbraune, durch die Tr"ager
+"uberm"a"sig hochgezogene Hosen an und blaue Str"umpfe. Seine
+Stiefel waren derb, schlecht gewichst und mit N"ageln beschlagen.
+
+Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling h"orte
+aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er e{\s} nicht
+einmal wagte, die Beine "ubereinander zu schlagen noch den
+Ellenbogen aufzust"utzen. Um zwei Uhr, al{\s} die Schulglocke
+l"autete, mu"ste ihn der Lehrer erst besonder{\s} auffordern, ehe
+er sich den andern anschlo"s.
+
+E{\s} war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in da{\s}
+Unterricht{\s}zimmer die M"utzen wegzuschleudern, um die H"ande
+frei zu bekommen. E{\s} kam darauf an, seine M"utze gleich von der
+T"ur au{\s} unter die richtige Bank zu facken, wobei sie unter
+einer t"uchtigen Staubwolke laut aufklatschte. Da{\s} war so
+Schuljungenart.
+
+Sei e{\s} nun, da"s ihm diese{\s} Verfahren entgangen war oder
+da"s er nicht gewagt hatte, e{\s} ebenso zu machen, kurz und gut:
+al{\s} da{\s} Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine M"utze
+noch immer vor sich auf den Knien. Da{\s} war ein wahrer
+Wechselbalg von Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an
+eine B"arenm"utze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen
+runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollne{\s} K"appi, mit
+einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme
+H"a"slichkeit tiefsinnig stimmt wie da{\s} Gesicht eine{\s}
+Bl"odsinnigen. Sie war eif"ormig, und Fischbeinst"abchen verliehen
+ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde W"ulste,
+dar"uber (voneinander durch ein rote{\s} Band getrennt) Rauten
+au{\s} Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den ein
+vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei kr"onte
+und von dem herab an einem ziemlich d"unnen Faden eine kleine
+goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, wa{\s} man am
+Glanze de{\s} Schirme{\s} erkennen konnte.
+
+"`Steh auf!"' befahl der Lehrer.
+
+Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die
+ganze Klasse fing an zu kichern. Er b"uckte sich, da{\s}
+M"utzenunget"um aufzuheben. Ein Nachbar stie"s mit dem Ellenbogen
+daran, so da"s e{\s} wiederum zu Boden fiel. Ein abermalige{\s}
+Sich-darnach-b"ucken.
+
+"`Leg doch deinen Helm weg!"' sagte der Lehrer, ein Witzbold.
+
+Da{\s} schallende Gel"achter der Sch"uler brachte den armen Jungen
+g"anzlich au{\s} der Fassung, und nun wu"ste er gleich gar nicht,
+ob er seinen "`Helm"' in der Hand behalten oder auf dem Boden
+liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die
+M"utze "uber seine Knie.
+
+"`Steh auf!"' wiederholte der Lehrer, "`und sag mir deinen Namen!"'
+
+Der Neuling stotterte einen unverst"andlichen Namen her.
+
+"`Noch mal!"'
+
+Da{\s}selbe Silbengestammel machte sich h"orbar, von dem Gel"achter
+der Klasse "ubert"ont.
+
+"`Lauter!"' rief der Lehrer. "`Lauter!"'
+
+Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, ri"s den Mund weit
+auf und gab mit voller Lungenkraft, al{\s} ob er jemanden rufen
+wollte, da{\s} Wort von sich: "`Kabovary!"'
+
+H"ollenl"arm erhob sich und wurde immer st"arker; dazwischen
+gellten Rufe. Man br"ullte, heulte, gr"olte wieder und wieder:
+"`Kabovary! Kabovary!"' Nach und nach verlor sich der Spektakel in
+vereinzelte{\s} Brummen, kam m"uhsam zur Ruhe, lebte aber in den
+Bankreihen heimlich weiter, um da und dort pl"otzlich al{\s}
+halberstickte{\s} Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete,
+die im Verl"oschen immer wieder noch ein paar Funken spr"uht.
+
+W"ahrenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung
+in der Klasse allm"ahlich wiedergewonnen, und e{\s} gelang dem
+Lehrer, den Namen "`Karl Bovary"' fest\/zustellen, nachdem er sich
+ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen
+wiederholen lassen. Al{\s}dann befahl er dem armen Schelm, sich
+auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge
+wollte den Befehl au{\s}f"uhren, aber kaum hatte er sich in Gang
+gesetzt, al{\s} er bereit{\s} wieder stehen blieb.
+
+"`Wa{\s} suchst du?"' fragte der Lehrer.
+
+"`Meine M"u..."', sagte er sch"uchtern, indem er mit scheuen
+Blicken Umschau hielt.
+
+"`F"unfhundert Verse die ganze Klasse!"'
+
+Wie da{\s} \begin{antiqua}Quos ego\end{antiqua} b"andigte
+die Stimme, die diese Worte w"utend au{\s}rief, einen neuen
+Sturm im Entstehen.
+
+"`Ich bitte mir Ruhe au{\s}!"' fuhr der emp"orte Schulmeister
+fort, w"ahrend er sich mit seinem Taschentuche den Schwei"s von
+der Stirne trocknete. "`Und du, du Rekrut du, du schreibst mir
+zwanzigmal den Satz auf: \begin{antiqua}Ridiculus
+sum\end{antiqua}!"' Sein Zorn lie"s nach. "`Na, und deine M"utze
+wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen."'
+
+Alle{\s} ward wieder ruhig. Die K"opfe versanken in den Heften,
+und der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter
+Haltung, obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter
+abgeschwuppte kleine Papierkugeln in{\s} Gesicht flogen. Er wischte
+sich jede{\s}mal mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch
+die Augen aufzuschlagen.
+
+Abend{\s}, im Arbeit{\s}saal, holte er seine "Armelschoner au{\s}
+seinem Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte
+sich sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
+gewissenhaft arbeitete; er schlug alle W"orter im W"orterbuche
+nach und gab sich viel M"uhe. Zweifello{\s} verdankte er e{\s} dem
+gro"sen Flei"se, den er an den Tag legte, da"s man ihn nicht in
+der Quinta zur"uckbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz
+leidlich wu"ste, so verstand er sich doch nicht gewandt
+au{\s}zudr"ucken. Der Pfarrer seine{\s} Heimatdorfe{\s} hatte ihm
+kaum ein bi"schen Latein beigebracht, und au{\s} Sparsamkeit war
+er von seinen Eltern so sp"at wie nur m"oglich auf da{\s}
+Gymnasium geschickt worden.
+
+Sein Vater, Karl Diony{\s} Barthel Bovary, war Stab{\s}arzt a.D.;
+er hatte sich um 1812 bei den Au{\s}hebungen etwa{\s} zuschulden
+kommen lassen, worauf er den Abschied nehmen mu"ste. Er setzte
+nunmehr seine k"orperlichen Vorz"uge in bare M"unze um und
+ergatterte sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend
+Franken, die ihm in der Person der Tochter eine{\s} Hutfabrikanten
+in den Weg kam. Da{\s} M"adchen hatte sich in den h"ubschen Mann
+verliebt. Er war ein Schweren"oter und Prahlhan{\s}, der
+sporenklingend einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die
+H"ande voller Ringe hatte und in seiner Kleidung auff"allige
+Farben liebte. Neben seinem Haudegentum besa"s er da{\s} gewandte
+Getue eine{\s} Ellenreiter{\s}. Sobald er verheiratet war, begann
+er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau zu leben, a"s und trank
+gut, schlief bi{\s} in den halben Tag hinein und rauchte au{\s}
+langen Porzellanpfeifen. Nacht{\s} pflegte er sehr sp"at
+heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeeh"ausern herumgetrieben
+hatte. Al{\s} sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterlie"s,
+war Bovary emp"ort dar"uber. Er "ubernahm die Fabrik, b"u"ste aber
+Geld dabei ein, und so zog er sich schlie"slich auf da{\s} Land
+zur"uck, wovon er sich goldne Berge ertr"aumte. Aber er verstand
+von der Landwirtschaft auch nicht mehr al{\s} von der Hutmacherei,
+ritt lieber spazieren, al{\s} da"s er seine Pferde zur Arbeit
+einspannen lie"s, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber,
+anstatt ihn in F"assern zu verkaufen, lie"s da{\s} fetteste
+Gefl"ugel in den eignen Magen gelangen und schmierte sich mit dem
+Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu
+guter Letzt ein, da"s e{\s} am tunlichsten f"ur ihn sei, sich in
+keinerlei Gesch"afte mehr einzulassen.
+
+F"ur zweihundert Franken Jahre{\s}pacht mietete er nun in einem
+Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundst"uck,
+halb Bauernhof, halb Herrenhau{\s}. Dahin zog er sich zur"uck,
+f"unfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig
+und mi"sg"unstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er
+sagte, wollte er in Frieden f"ur sich hinleben.
+
+Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
+tausend Dem"utigungen starb ihre Liebe doch rettung{\s}lo{\s}.
+Ehedem heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allm"ahlich (just
+wie sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) m"urrisch, z"ankisch
+und nerv"o{\s} geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten,
+wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen
+her war und abend{\s} m"ude und nach Fusel stinkend au{\s}
+irgendwelcher Spelunke zu ihr nach Hau{\s} kam. Ihr Stolz hatte
+sich zun"achst m"achtig geregt, aber schlie"slich schwieg sie,
+w"urgte ihren Grimm in stummem Stoizi{\s}mu{\s} hinunter und
+beherrschte sich bi{\s} zu ihrem letzten St"undlein. Sie war
+unabl"assig t"atig und immer auf dem Posten. Sie war e{\s}, die zu
+den Anw"alten und Beh"orden ging. Sie wu"ste, wenn Wechsel f"allig
+waren; sie erwirkte ihre Verl"angerung. Sie machte alle
+Hau{\s}arbeiten, n"ahte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und
+f"uhrte die B"ucher, w"ahrend der Herr und Gebieter sich um
+nicht{\s} k"ummerte, au{\s} seinem Zustande grie{\s}gr"amlicher
+Schl"afrigkeit nicht herau{\s}kam und sich h"ochsten{\s} dazu
+ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am
+Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche.
+
+Al{\s} ein Kind zur Welt kam, mu"ste e{\s} einer Amme gegeben
+werden; und al{\s} e{\s} wieder zu Hause war, wurde da{\s}
+schw"achliche Gesch"opf grenzenlo{\s} verw"ohnt. Die Mutter
+n"ahrte e{\s} mit Zuckerzeug. Der Vater lie"s e{\s} barfu"s
+herumlaufen und meinte h"ochst weise obendrein, der Kleine k"onne
+eigentlich ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz
+zu den Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmte{\s}
+m"annliche{\s} Erziehung{\s}ideal in den Kopf gesetzt, nach
+welchem er seinen Sohn zu modeln sich M"uhe gab. Er sollte rauh
+angefa"st werden wie ein junger Spartaner, damit er sich t"uchtig
+abh"arte. Er mu"ste in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen
+ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den "`kirchlichen
+Klimbim"' schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur
+und widerstrebte allen diesen Bem"uhungen. Die Mutter schleppte
+ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren au{\s} und
+erz"ahlte ihm M"archen; sie unterhielt sich mit ihm in endlosen
+Selbstgespr"achen, die von schwerm"utiger Fr"ohlichkeit und
+wortreicher Z"artlichkeit "uberquollen. In ihrer Verlassenheit
+pflanzte sie in da{\s} Herz ihre{\s} Jungen alle ihre eigenen
+unerf"ullten und verlorenen Sehns"uchte. Im Traume sah sie ihn
+erwachsen, hochangesehen, sch"on, klug, al{\s} Beamten beim
+Stra"sen- und Br"uckenbau oder in einer Rat{\s}stellung. Sie
+lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier,
+da{\s} sie besa"s, da{\s} Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr
+Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu
+alledem, e{\s} sei blo"s schade um die M"uhe; sie h"atten doch
+niemal{\s} die Mittel, den Jungen auf eine h"ohere Schule zu
+schicken oder ihm ein Amt oder ein Gesch"aft zu kaufen. Zu wa{\s}
+auch? Dem Kecken geh"ore die Welt! Frau Bovary schwieg still, und
+der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den
+Feldarbeitern hinau{\s}, scheuchte die Kr"ahen auf, schmauste
+Beeren an den Rainen, h"utete mit einer Gerte die Truth"ahne und
+durchstreifte Wald und Flur. Wenn e{\s} regnete, spielte er unter
+dem Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
+best"urmte er den Kirchendiener, die Glocken l"auten zu d"urfen.
+Dann h"angte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der
+gro"sen Glocke und lie"s sich mit emporziehen. So wuch{\s} er auf
+wie eine Lilie auf dem Felde, bekam kr"aftige Glieder und frische
+Farben.
+
+Al{\s} er zw"olf Jahre alt geworden war, setzte e{\s} seine Mutter
+durch, da"s er endlich etwa{\s} Gescheite{\s} lerne. Er bekam
+Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so
+unregelm"a"sig, da"s sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden
+statt, wenn der Geistliche einmal gar nicht{\s} ander{\s} zu tun
+hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen
+zwischen den Taufen und Begr"abnissen. Mitunter, wenn er keine
+Lust hatte au{\s}zugehen, lie"s der Pfarrer seinen Sch"uler nach
+dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden sa"sen dann oben im
+St"ubchen. M"ucken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber
+e{\s} war so warm drin, da"s der Junge schl"afrig wurde, und e{\s}
+dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die H"ande
+"uber dem Schmerbauche gefaltet. E{\s} kam auch vor, da"s der
+Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken in der
+Umgegend, dem er da{\s} Abendmahl gereicht hatte, den kleinen
+Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm
+eine viertelst"undige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit,
+ihn im Schatten eine{\s} Baume{\s} seine Lektion hersagen zu
+lassen. Entweder war e{\s} der Regen, der den Unterricht st"orte,
+oder irgendein Bekannter, der vor"uberging. "Ubrigen{\s} war der
+Lehrer durchweg mit seinem Sch"uler zufrieden, ja er meinte sogar,
+der "`junge Mann"' habe ein gar treffliche{\s} Ged"achtni{\s}.
+
+So konnte e{\s} nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und
+ihr Mann gab widerstand{\s}lo{\s} nach, vielleicht weil er sich
+selber sch"amte, wahrscheinlicher aber au{\s} Ohnmacht. Man wollte
+nur noch ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.
+
+Dar"uber hinau{\s} verstrich abermal{\s} ein halbe{\s} Jahr, dann
+aber wurde Karl wirklich auf da{\s} Gymnasium nach Rouen
+geschickt. Sein Vater brachte ihn selber hin. Da{\s} war Ende
+Oktober.
+
+Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch
+deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer
+Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den
+Arbeit{\s}stunden eifrig lernte, w"ahrend de{\s} Unterricht{\s}
+aufmerksam dasa"s, im Schlafsaal vorschrift{\s}m"a"sig schlief und
+bei den Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr au"serhalb
+der Schule war ein Eisengro"sh"andler in der Handschuhmachergasse,
+der aller vier Wochen einmal mit ihm au{\s}ging, an Sonntagen nach
+Ladenschlu"s. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die
+Schiffe und brachte ihn abend{\s} um sieben Uhr vor dem Abendessen
+wieder in da{\s} Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl
+mit roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer
+mit drei Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in
+seine Geschicht{\s}hefte, oder er la{\s} in einem alten Exemplar
+von Barthelemy{\s} "`Reise de{\s} jungen Anacharsi{\s}"', da{\s}
+im Arbeit{\s}saal herumlag. Bei Au{\s}fl"ugen plauderte er mit dem
+Pedell, der ebenfall{\s} vom Lande war.
+
+Durch seinen Flei"s gelang e{\s} ihm, sich immer in der Mitte der
+Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Prei{\s} in
+der Naturkunde. Aber gegen Ende de{\s} dritten Schuljahre{\s}
+nahmen ihn seine Eltern vom Gymnasium fort und lie"sen ihn Medizin
+studieren. Sie waren der festen Zuversicht, da"s er sich bi{\s}
+zum Staat{\s}examen schon durchw"urgen w"urde.
+
+Die Mutter mietete ihm ein St"ubchen, vier Stock hoch, nach der
+Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eine{\s} F"arber{\s}, eine{\s}
+alten Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen "uber die
+Verpflegung ihre{\s} Sohne{\s}, besorgte ein paar M"obelst"ucke,
+einen Tisch und zwei St"uhle, wozu sie von zu Hause noch eine
+Bettstelle au{\s} Kirschbaumholz kommen lie"s. De{\s} weiteren
+kaufte sie ein Kanonen"ofchen und einen kleinen Vorrat von Holz,
+damit ihr armer Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach
+reiste sie wieder heim, nachdem sie ihn tausend- und
+abertausendmal ermahnt hatte, ja h"ubsch flei"sig und solid zu
+bleiben, sintemal er nun ganz allein auf sich selbst angewiesen sei.
+
+Vor dem Verzeichni{\s} der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette
+der medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten
+Augen und Ohren. Er la{\s} da von anatomischen und pathologischen
+Kursen, von Kollegien "uber Physiologie, Pharmazie, Chemie,
+Botanik, Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von
+praktischen "Ubungen usw. Alle diese vielen Namen, "uber deren
+Herkunft er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm
+wie geheimni{\s}volle Pforten in da{\s} Heiligtum der
+Wissenschaft.
+
+Er lernte gar nicht{\s}. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen
+war, er begriff nicht{\s}. Um so mehr b"uffelte er. Er schrieb
+flei"sig nach, vers"aumte kein Kolleg und fehlte in keiner "Ubung.
+Er erf"ullte sein t"agliche{\s} Arbeit{\s}pensum wie ein Gaul im
+Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu
+wissen, wa{\s} f"ur ein Gesch"aft er eigentlich verrichtet.
+
+Zu seiner pekuni"aren Unterst"utzung schickte ihm seine Mutter
+all\-w"ochentlich durch den Botenmann ein St"uck Kalb{\s}braten.
+Da{\s} war sein Fr"uh\-st"uck, wenn er au{\s} dem Krankenhause auf
+einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die
+Zeit nicht, denn er mu"ste al{\s}bald wieder in ein Kolleg oder
+zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von Stra"sen
+hindurch. Abend{\s} nahm er an der kargen Hauptmahlzeit seiner
+Wirt{\s}leute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und
+setzte sich an seine Lehrb"ucher, oft in nassen Kleidern, die ihm
+dann am Leibe bei der Rotglut de{\s} kleinen Ofen{\s} zu dampfen
+begannen.
+
+An sch"onen Sommerabenden, wenn die schw"ulen Gassen leer wurden
+und die Dienstm"adchen vor den Haust"uren Ball spielten, "offnete
+er sein Fenster und sah hinau{\s}. Unten flo"s der Flu"s vor"uber,
+der au{\s} diesem Viertel von Rouen ein h"a"sliche{\s}
+Klein-Venedig machte. Seine gelben, violett und blau schimmernden
+Wasser krochen tr"ag zu den Wehren und Br"ucken. Arbeiter kauerten
+am Ufer und wuschen sich die Arme in der Flut. An Stangen, die
+au{\s} Speichergiebeln lang hervorragten, trockneten B"undel von
+Baumwolle in der Luft. Gegen"uber, hinter den D"achern, leuchtete
+der weite klare Himmel mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich
+mu"ste e{\s} da drau"sen im Freien sein! Und dort im Buchenwald
+wie frisch! Karl holte tief Atem, um den k"ostlichen Duft der
+Felder einzusaugen, der doch gar nicht bi{\s} zu ihm drang.
+
+Er magerte ab und sah sehr schm"achtig au{\s}. Sein Gesicht bekam
+einen leidvollen Zug, der e{\s} beinahe interessant machte. Er
+ward tr"age, wa{\s} gar nicht zu verwundern war, und seinen guten
+Vors"atzen mehr und mehr untreu. Heute vers"aumte er die Klinik,
+morgen ein Kolleg, und allm"ahlich fand er Genu"s am Faulenzen und
+ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe
+und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer
+schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen
+auf einem Marmortische zu klappern, da{\s} d"unkte ihn der
+h"ochste Grad von Freiheit zu sein, und da{\s} st"arkte ihm sein
+Selbstbewu"stsein. E{\s} war ihm da{\s} so etwa{\s} wie der Anfang
+eine{\s} weltm"annischen Leben{\s}, diese{\s} Kosten verbotener
+Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu
+sinnlichem Vergn"ugen auf die T"urklinke. Eine Menge Dinge, die
+bi{\s} dahin in ihm unterdr"uckt worden waren, gewannen nunmehr
+Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer au{\s}wendig, die er
+gelegentlich zum besten gab. B\'eranger, der Freiheit{\s}s"anger,
+begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter
+Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er
+im medizinischen Staat{\s}examen gl"anzend durch.
+
+Man erwartete ihn am n"amlichen Abend zu Hau{\s}, wo sein Erfolg
+bei einem Schmau{\s} gefeiert werden sollte. Er machte sich zu
+Fu"s auf den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort
+lie"s er seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr
+alle{\s}. Sie entschuldigte ihn, schob den Mi"serfolg der
+Ungerechtigkeit der Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn
+ein wenig auf, indem sie ihm versprach, die Sache in{\s} Lot zu
+bringen. Erst volle f"unf Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die
+Wahrheit. Da war die Geschichte verj"ahrt, und so f"ugte er sich
+drein. "Ubrigen{\s} h"atte er e{\s} niemal{\s} zugegeben, da"s
+sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.
+
+Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
+hart\-n"ackigst auf eine nochmalige Pr"ufung vor. Alle{\s}, wa{\s}
+er gefragt werden konnte, lernte er einfach au{\s}wendig. In der
+Tat bestand er da{\s} Examen nunmehr mit einer ziemlich guten
+Note. Seine Mutter erlebte einen Freudentag. E{\s} fand ein
+gro"se{\s} Festmahl statt.
+
+Wo sollte er seine "arztliche Praxi{\s} nun au{\s}"uben? In
+Toste{\s}. Dort gab e{\s} nur einen und zwar sehr alten Arzt.
+Mutter Bovary wartete schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum
+hatte der alte Herr da{\s} Zeitliche gesegnet, da lie"s sich Karl
+Bovary auch bereit{\s} al{\s} sein Nachfolger daselbst nieder.
+
+Aber nicht genug, da"s die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin
+studieren lassen und ihm eine Praxi{\s} au{\s}findig gemacht
+hatte: nun mu"ste er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der
+Witwe de{\s} Gericht{\s}vollzieher{\s} von Dieppe, die neben
+f"unfundvierzig J"ahrlein zw"olfhundert Franken Rente ihr eigen
+nannte. Obgleich sie h"a"slich war, d"urr wie eine Hopfenstange
+und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum Bl"uten hatte,
+fehlte e{\s} der Witwe Dubuc keine{\s}weg{\s} an Bewerbern. Um zu
+ihrem Ziele zu gelangen, mu"ste Mutter Bovary erst alle diese
+Nebenbuhler au{\s} dem Felde schlagen, wa{\s} sie sehr geschickt
+fertig brachte. Sie triumphierte sogar "uber einen
+Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
+unterst"utzt wurde.
+
+Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich
+dadurch g"unstiger zu stellen. Er hoffte, pers"onlich wie
+pekuni"ar unabh"angiger zu werden. Aber Heloise nahm die Z"ugel in
+ihre H"ande. Sie drillte ihm ein, wa{\s} er vor den Leuten zu
+sagen habe und wa{\s} nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er
+durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten,
+die nicht bezahlten, mu"ste er auf ihren Befehl hin kujonieren.
+Sie erbrach seine Briefe, "uberwachte jeden Schritt, den er tat,
+und horchte an der T"ure, wenn weibliche Wesen in seiner
+Sprechstunde waren. Jeden Morgen mu"ste sie ihre Schokolade haben,
+und die R"ucksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende.
+Unaufh"orlich klagte sie "uber Migr"ane, Brustschmerzen oder
+Verdauung{\s}st"orungen. Wenn viel Leute durch den Hau{\s}flur
+liefen, ging e{\s} ihr auf die Nerven. War Karl au{\s}w"art{\s},
+dann fand sie die Einsamkeit gr"a"slich; kehrte er heim, so war
+e{\s} zweifello{\s} blo"s, weil er gedacht habe, sie liege im
+Sterben. Wenn er nacht{\s} in da{\s} Schlafzimmer kam, streckte
+sie ihm ihre mageren langen Arme au{\s} ihren Decken entgegen,
+umschlang seinen Hal{\s} und zog ihn auf den Rand ihre{\s}
+Bette{\s}. Und nun ging die Jeremiade lo{\s}. Er vernachl"assige
+sie, er liebe eine andre! Man habe e{\s} ihr ja gleich gesagt,
+diese Heirat sei ihr Ungl"uck. Schlie"slich bat sie ihn um einen
+L"offel Arznei, damit sie gesund werde, und um ein bi"schen mehr
+Liebe.
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Einmal nacht{\s} gegen elf Uhr wurde da{\s} Ehepaar durch da{\s}
+Getrappel eine{\s} Pferde{\s} geweckt, da{\s} gerade vor der
+Haust"ure zum Stehen kam. Anastasia, da{\s} Dienstm"adchen,
+klappte ihr Bodenfenster auf und verhandelte eine Weile mit einem
+Manne, der unten auf der Stra"se stand. Er wolle den Arzt holen.
+Er habe einen Brief an ihn.
+
+Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
+auf, einen und dann den andern. Der Bote lie"s sein Pferd stehen,
+folgte dem M"adchen und betrat ohne weitere{\s} da{\s}
+Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen K"appi, an dem eine graue
+Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war,
+und "uberreicht ihn dem Arzt mit h"oflicher Geb"arde. Der richtete
+sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht
+daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich
+versch"amt der Wand zu und zeigte den R"ucken.
+
+In dem Briefe, den ein niedliche{\s} blaue{\s} Siegel verschlo"s,
+wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverz"uglich nach dem
+Pachtgut Le{\s} Bertaux zu kommen, ein gebrochene{\s} Bein zu
+behandeln. Nun braucht man von Toste{\s} "uber Longueville und
+Sankt Victor bi{\s} Bertaux zu Fu"s sech{\s} gute Stunden. Die
+Nacht war stockfinster. Frau Bovary sprach die Bef"urchtung
+au{\s}, e{\s} k"onne ihrem Manne etwa{\s} zusto"sen. Infolgedessen
+ward beschlossen, da"s der Stallknecht vorau{\s}reiten, Karl aber
+erst drei Stunden sp"ater, nach Mondaufgang, folgen solle. Man
+w"urde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute
+zeige und ihm den Hof aufschl"osse.
+
+Fr"uh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
+geh"ullt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen
+"uberlie"s er sich dem Zotteltrab seine{\s} Gaule{\s}. Wenn dieser
+von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hinderni{\s} zum
+Halten parierte, wurde der Reiter jede{\s}mal wach, erinnerte sich
+de{\s} gebrochnen Beine{\s} und begann in seinem Ged"achtnisse
+alle{\s} au{\s}zukramen, wa{\s} er von Knochenbr"uchen wu"ste.
+
+Der Regen h"orte auf. E{\s} d"ammerte. Auf den laublosen "Asten
+der Apfelb"aume hockten regung{\s}lose V"ogel, da{\s} Gefieder ob
+de{\s} k"uhlen Morgenwinde{\s} gestr"aubt. So weit da{\s} Auge
+sah, dehnte sich flache{\s} Land. Auf dieser endlosen grauen
+Fl"ache hoben sich hie und da in gro"sen Zwischenr"aumen
+tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit de{\s} Himmel{\s}
+tr"uben Farben zusammenflossen; da{\s} waren Baumgruppen um G"uter
+und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit ri"s Karl seine Augen auf,
+bi{\s} ihn die M"udigkeit von neuem "uberw"altigte und der Schlaf
+von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand, in
+dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so
+da"s er ein Doppelleben f"uhrte. Er war noch Student und
+gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im n"amlichen Moment glaubte
+er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den
+Operation{\s}saal zu schreiten. Der Geruch von hei"sen Umschl"agen
+mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte de{\s}
+Morgentau{\s}. Dazu h"orte er, wie die Messingringe an den Stangen
+der Bettvorh"ange klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete~...
+
+Al{\s} er durch da{\s} Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen
+Jungen, der am Rande de{\s} Stra"sengraben{\s} im Grase sa"s.
+
+"`Sind Sie der Herr Doktor?"'
+
+Al{\s} Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine
+Holzpantoffeln in die H"ande und begann vor dem Pferde
+herzurennen. Unterweg{\s} h"orte Bovary au{\s} den Reden seine{\s}
+F"uhrer{\s} herau{\s}, da"s Herr Rouault, der Patient, der ihn
+erwartete, einer der wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich
+am vergangenen Abend auf dem Heimwege von einem Nachbar, wo man
+da{\s} Dreik"onig{\s}fest gefeiert hatte, ein Bein gebrochen.
+Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz allein mit
+"`dem gn"adigen Fr"aulein"', da{\s} ihm den Hau{\s}halt f"uhrte.
+
+Die Radfurchen wurden tiefer. Man n"aherte sich dem Gute.
+Pl"otzlich verschwand der Junge in der L"ucke einer Gartenhecke,
+um hinter der Mauer eine{\s} Vorhofe{\s} wieder aufzutauchen, wo
+er ein gro"se{\s} Tor "offnete. Da{\s} Pferd trat in nasse{\s}
+rutschige{\s} Gra{\s}, und Karl mu"ste sich ducken, um nicht vom
+Baumgezweig au{\s} dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren
+au{\s} ihren H"utten, schlugen an und rasselten an den Ketten.
+Al{\s} der Arzt in den eigentlichen Gut{\s}hof einritt, scheute
+der Gaul und machte einen gro"sen Satz zur Seite.
+
+Da{\s} Pachtgut Bertaux war ein ansehnliche{\s} Besitztum. Durch
+die offenstehenden T"uren konnte man in die St"alle blicken, wo
+kr"aftige Ackerg"aule gem"achlich au{\s} blanken Raufen ihr Heu
+kauten. L"ang{\s} der Wirtschaft{\s}geb"aude zog sich ein
+dampfender Misthaufen hin. Unter den H"uhnern und Truth"ahnen
+machten sich f"unf bi{\s} sech{\s} Pfauen mausig, der Stolz der
+G"uter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch und
+ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei gro"se
+Leiterwagen und vier Pfl"uge, dazu die n"otigen Pferdegeschirre,
+Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilach{\s} au{\s} Schafwolle
+hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornb"oden
+heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwa{\s}
+anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe B"aume bepflanzt.
+Vom T"umpel her erscholl da{\s} fr"ohliche Geschnatter der G"anse.
+
+An der Schwelle de{\s} Hause{\s} erschien ein junge{\s}
+Frauenzimmer in einem mit drei Volant{\s} besetzten blauen
+Merinokleide und begr"u"ste den Arzt. Er wurde nach der K"uche
+gef"uhrt, wo ein t"uchtige{\s} Feuer brannte. Auf dem Herde kochte
+in kleinen T"opfen von verschiedener Form da{\s} Fr"uhst"uck
+de{\s} Gesinde{\s}. Oben im Rauchfang hingen na"sgewordene
+Kleidung{\s}st"ucke zum Trocknen. Kohlenschaufel, Feuerzange und
+Blasebalg, alle miteinander von riesiger Gr"o"se, funkelten wie
+von blankem Stahl, w"ahrend l"ang{\s} der W"ande eine Unmenge
+K"uchenger"at hing, "uber dem die helle Herdflamme um die Wette
+mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden
+Morgensonne spielte und glitzerte.
+
+Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen.
+Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
+Nachtm"utze hatte er in die Stube geschleudert. E{\s} war ein
+st"ammiger kleiner Mann, ein F"unfziger, mit wei"sem Haar, blauen
+Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem
+Stuhle stand eine gro"se Karaffe voll Branntwein, au{\s} der er
+sich von Zeit zu Zeit ein Gl"a{\s}chen einschenkte, um "`Mumm in
+die Knochen zu kriegen"'. Angesicht{\s} de{\s} Arzte{\s} legte
+sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern -- wa{\s} er
+seit zw"olf Stunden getan hatte -- fing er nunmehr an zu "achzen
+und zu st"ohnen.
+
+Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl h"atte sich
+einen leichteren Fall nicht zu w"unschen gewagt. Al{\s}bald
+erinnerte er sich der Al"l"uren, die seine Lehrmeister an den
+Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem
+Patienten ein reichliche{\s} Ma"s der "ublichen guten Worte,
+jene{\s} Chirurgenbalsam{\s}, der an da{\s} "Ol gemahnt, mit dem
+die Seziermesser eingefettet werden. Er lie"s sich au{\s} dem
+Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu
+bekommen. Von den gebrachten St"ucken w"ahlte er ein{\s} au{\s},
+schnitt die Schienen darau{\s} zurecht und gl"attete sie mit einer
+Gla{\s}scherbe. W"ahrenddem stellte die Magd Leinwandbinden her,
+und Fr"aulein Emma, die Tochter de{\s} Hause{\s}, versuchte
+Polster anzufertigen. Al{\s} sie ihren N"ahkasten nicht gleich
+fand, polterte der Vater lo{\s}. Sie sagte kein Wort. Aber beim
+N"ahen stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog
+da{\s} Blut au{\s}.
+
+Karl war erstaunt, wa{\s} f"ur blendendwei"se N"agel sie hatte.
+Sie waren mandelf"ormig geschnitten und sorglich gepflegt, und so
+schimmerten sie wie da{\s} feinste Elfenbein. Ihre H"ande freilich
+waren nicht gerade sch"on, vielleicht nicht wei"s genug und ein
+wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank,
+nicht besonder{\s} weich und in ihren Linien ungrazi"o{\s}. Wa{\s}
+jedoch sch"on an ihr war, da{\s} waren ihre Augen. Sie waren
+braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz au{\s}, und
+ihr offener Blick traf die Menschen mit der K"uhnheit der
+Unschuld.
+
+Al{\s} der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
+"`einen Bissen zu essen"', ehe er wieder aufbr"ache. Karl ward in
+da{\s} E"szimmer gef"uhrt, da{\s} zu ebener Erde lag. Auf einem
+kleinen Tische war f"ur zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken
+blinkten silberne Becher. Au{\s} dem gro"sen Eichenschranke,
+gegen"uber dem Fenster, str"omte Geruch von Iri{\s} und feuchtem
+Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere
+S"acke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen
+Platz gefunden, zu der drei Steinstufen hinauff"uhrten. In der
+Mitte der Wand, deren gr"uner Anstrich sich stellenweise
+abbl"atterte, hing in einem vergoldeten Rahmen eine
+Bleistift\/zeichnung: der Kopf einer Minerva. In schn"orkeliger
+Schrift stand darunter geschrieben. "`Meinem lieben Vater!"'
+
+Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
+Frost, von den W"olfen, die nacht{\s} die Umgegend unsicher
+machen. Fr"aulein Rouault schw"armte gar nicht besonder{\s} von
+dem Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der
+Gut{\s}wirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da e{\s} im Zimmer
+kalt war, fr"ostelte sie w"ahrend der ganzen Mahlzeit. Beim Essen
+fielen ihre vollen Lippen etwa{\s} auf. Wenn da{\s} Gespr"ach
+stockte, pflegte sie mit den Oberz"ahnen auf die Unterlippe zu
+bei"sen.
+
+Ihr Hal{\s} wuch{\s} au{\s} einem wei"sen Umlegekragen herau{\s}.
+Ihr schwarze{\s}, hinten zu einem reichen Knoten vereinte{\s} Haar
+war in der Mitte gescheitelt; beide H"alften lagen so glatt auf
+dem Kopfe, da"s sie wie zwei Fl"ugel au{\s} je einem St"ucke
+au{\s}sahen und kaum die Ohrl"appchen blicken lie"sen. "Uber den
+Schl"afen war da{\s} Haar gewellt, wa{\s} der Landarzt noch nie in
+seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei
+Kn"opfen ihrer Taille lugte -- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon
+au{\s} Schildpatt hervor.
+
+Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte,
+trat er nochmal{\s} in da{\s} E"szimmer. Er fand Emma am Fenster
+stehend, die Stirn an die Scheiben gedr"uckt. Sie schaute in den
+Garten hinau{\s}, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte.
+Sich umwendend, fragte sie:
+
+"`Suchen Sie etwa{\s}?"'
+
+"`Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!"'
+
+Er fing an zu suchen, hinter den T"uren und unter den St"uhlen.
+Der Stock war auf den Fu"sboden gefallen, gerade zwischen die
+S"acke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Al{\s} sie sich "uber die
+S"acke beugte, wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen
+Arm in der n"amlichen Absicht wie sie au{\s}streckte, ber"uhrte
+seine Brust den geb"uckten R"ucken de{\s} jungen M"adchen{\s}. Sie
+f"uhlten e{\s} beide. Emma fuhr rasch in die H"ohe. Ganz rot
+geworden, sah sie ihn "uber die Schulter weg an, indem sie ihm
+seinen Reitstock reichte.
+
+Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt
+dessen war er bereit{\s} am n"achsten Tag zur Stelle, und von da
+ab kam er regelm"a"sig zweimal in der Woche, ungerechnet die
+gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
+"`zuf"allig in der Gegend"' war. "Ubrigen{\s} ging alle{\s}
+vorz"uglich; die Heilung verlief regelrecht, und al{\s} man nach
+sech{\s} und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in
+Hau{\s} und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen
+Gegend den Ruf einer Kapazit"at erworben. Der alte Herr meinte,
+besser h"atten ihn die ersten "Arzte von Yvetot oder selbst von
+Rouen auch nicht kurieren k"onnen.
+
+Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern
+nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch dar"uber
+nachgesonnen h"atte, so w"urde er den Beweggrund seine{\s}
+Eifer{\s} zweifello{\s} in die Wichtigkeit de{\s} Falle{\s} oder
+vielleicht in da{\s} in Au{\s}sicht stehende hohe Honorar gelegt
+haben. Waren die{\s} aber wirklich die Gr"unde, die ihm seine
+Besuche de{\s} Pachthofe{\s} zu k"ostlichen Abwechselungen in dem
+armseligen Einerlei seine{\s} t"atigen Leben{\s} machten? An
+solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und lie"s den
+Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz vor seinem
+Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit Gra{\s}
+zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und
+so ritt er kreuzvergn"ugt in den Gut{\s}hof ein. E{\s} war ihm ein
+Wonnegef"uhl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Fl"ugel
+de{\s} Hoftore{\s} anzureiten, den Hahn auf der Mauer kr"ahen zu
+h"oren und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte die
+Scheune und die St"alle; er liebte den Papa Rouault, der ihm so
+treuherzig die Hand sch"uttelte und ihn seinen Leben{\s}retter
+nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln de{\s}
+Gut{\s}fr"aulein{\s}, die auf den immer sauber gescheuerten
+Fliesen der K"uche so allerliebst schl"urften und klapperten. In
+diesen Schuhen sah Emma viel gr"o"ser au{\s} denn sonst. Wenn Karl
+wieder ging, gab sie ihm jede{\s}mal da{\s} Geleit bi{\s} zur
+ersten Stufe der Freitreppe. War sein Pferd noch nicht
+vorgef"uhrt, dann wartete sie mit. Sie hatten schon Abschied
+voneinander genommen, und so sprachen sie nicht mehr. Wenn e{\s}
+sehr windig war, kam ihr flaumige{\s} Haar im Nacken in wehenden
+Wirrwarr, oder die Sch"urzenb"ander begannen ihr um die H"uften zu
+flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der B"aume rann
+Wasser in den Hof hinab, und auf den D"achern der Geb"aude schmolz
+aller Schnee. Emma war bereit{\s} auf der Schwelle, da ging sie
+wieder in{\s} Hau{\s}, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn
+auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue Seide
+und tupften tanzende Reflexe auf die wei"se Haut ihre{\s}
+Gesicht{\s}. Da{\s} gab ein so warme{\s} und wohlige{\s} Gef"uhl,
+da"s Emma l"achelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf da{\s}
+Schirmdach, laut vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer~...
+
+Im Anfang hatte Frau Bovary h"aufig nach Herrn Rouault und seiner
+Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, f"ur ihn in
+ihrer doppelten Buchf"uhrung ein besondre{\s} Konto einzurichten.
+Al{\s} sie aber vernahm, da"s er eine Tochter hatte, zog sie
+n"ahere Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, da"s Fr"aulein
+Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war,
+sozusagen also "`eine feine Erziehung genossen"' hatte, da"s sie
+infolgedessen Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen,
+Sticken und Klavierspielen haben mu"ste. Da{\s} ging ihr "uber die
+Hutschnur, wie man zu sagen pflegt.
+
+"`Also darum!"' sagte sie sich. "`Darum also lacht ihm da{\s}
+ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue
+Weste an, gleichg"ultig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh
+diese{\s} Weib, diese{\s} Weib!"'
+
+Instinktiv ha"ste sie Emma. Zuerst tat sie sich eine G"ute in
+allerhand Anspielungen. Karl verstand da{\s} nicht. Darauf
+versuchte sie e{\s} mit anz"uglichen Bemerkungen, die er au{\s}
+Angst vor einer h"au{\s}lichen Szene "uber sich ergehen lie"s.
+Schlie"slich aber ging sie im Sturm vor. Karl wu"ste nicht, wa{\s}
+er sagen sollte. We{\s}halb renne er denn ewig nach Bertaux, wo
+doch der Alte l"angst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch
+nicht berappt habe? Na freilich, weil e{\s} da "`eine Person"'
+g"abe, die fein zu schwatzen verst"unde, ein Weib{\s}bild, da{\s}
+sticken k"onne und weiter nicht{\s}, ein Blaustrumpf! In die sei
+er verschossen! Ein Stadtd"amchen, da{\s} sei ihm ein
+gefundene{\s} Fressen.
+
+"`Bl"odsinn!"' polterte sie weiter. "`Die Tochter de{\s} alten
+Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Gro"svater hat noch
+die Schafe geh"utet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den
+Staat{\s}anwalt gekommen, weil er bei einem Streite jemanden
+halbtot gedroschen hat! So wa{\s} hat gar keinen Anla"s, sich
+wa{\s} Besonder{\s} einzubilden und Sonntag{\s} aufgedonnert in
+die Kirche zu schw"anzeln, in seidnen Kleidern wie eine
+Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen
+Jahre die Rap{\s}ernte nicht so unversch"amt gut au{\s}gefallen
+w"are, h"atte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
+k"onnen!"'
+
+Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
+ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tr"anen und K"ussen
+und unter tausend Z"artlichkeiten auf ihr Me"sbuch schw"oren
+lassen, nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner
+heimlichen Sehnsucht war er k"uhner; da war er emp"ort "uber seine
+tats"achliche eigne Feigheit. Und in naivem Machiavelli{\s}mu{\s}
+sagte er sich, gerade ob diese{\s} Verbot{\s} habe er ein Recht
+auf seine Liebe. Wa{\s} war die ehemalige Witwe auch f"ur ein
+Weib: sie war spindeld"urr und hatte h"a"sliche Z"ahne; Sommer wie
+Winter trug sie denselben schwarzen Schal mit dem "uber den
+R"ucken herabh"angenden langen Zipfel; ihre steife Figur stak in
+den immer zu kurzen Kleidern wie in einem Futteral, und wa{\s}
+f"ur plumpe Schuhe trug sie "uber ihren grauen Str"umpfen.
+
+Karl{\s} Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde e{\s}
+noch schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Da{\s}
+viele Essen bek"ame ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer
+gleich ein Gla{\s} Wein vorsetze? Und e{\s} sei blo"s
+Dickk"opfigkeit von ihm, keine Flanellw"asche zu tragen.
+
+Zu Beginn de{\s} Fr"uhling{\s} begab e{\s} sich, da"s der
+Verm"ogen{\s}verwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in
+Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern "uber{\s} Meer
+da{\s} Weite suchte. Nun besa"s sie allerding{\s} au"serdem einen
+Schiff{\s}anteil in der H"ohe von sechstausend Franken und ein
+Hau{\s} in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen
+Besitzt"umern hatte man nie etwa{\s} Ordentliche{\s} zu sehen
+bekommen. Die Witwe hatte nicht{\s} mit in die Ehe gebracht al{\s}
+ein paar M"obel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache
+auf den Grund, und da stellte sich denn herau{\s}, da"s
+besagte{\s} Hau{\s} bi{\s} an die Feueresse mit Hypotheken
+belastet, da"s kein Mensch wu"ste, wieviel Geld wirklich mit dem
+Notar zum Teufel gegangen, und da"s die Schiff{\s}hypothek keine
+tausend Taler wert war. Folglich hatte die liebe Frau Heloise
+geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary einen Stuhl gegen
+die Wand, da"s er in tausend St"ucke ging, und machte seiner Frau
+den Vorwurf, sie habe den Jungen in da{\s} Ungl"uck gest"urzt und
+ihn mit einer alten Kracke eingespannt, die de{\s} Futter{\s}
+nicht einmal mehr wert sei.
+
+Sie fuhren nach Toste{\s}. E{\s} kam zu einer Au{\s}einandersetzung
+und zu heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme
+ihre{\s} Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegen"uber in
+Schutz zu nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen.
+Aber da{\s} nahmen ihm die Alten "ubel. Sie reisten ab.
+
+Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
+darnach, al{\s} sie dabei war, W"asche im Hofe aufzuh"angen, bekam
+sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.
+
+Al{\s} Karl vom Friedhofe zur"uckkam, fand er im Erdgescho"s
+keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in da{\s}
+Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisen{\s},
+der am Bette hing. Er lehnte sich gegen da{\s} Schreibpult und
+blieb da hocken, bi{\s} e{\s} dunkel wurde, in schmerzliche
+Tr"aumereien versunken. Alle{\s} in allem hatte sie ihn doch
+geliebt~...
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Eine{\s} Vormittag{\s} erschien Vater Rouault und brachte da{\s}
+Honorar f"ur den behandelten Beinbruch: f"unfundsiebzig Franken in
+blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karl{\s} Ungl"uck
+erfahren und tr"ostete ihn, so gut er konnte.
+
+"`Ich wei"s, wie einem da zumute ist!"' sagte er, indem er dem
+Witwer auf die Schulter klopfte. "`Hab{\s} ja selber mal
+durchgemacht, ganz so wie Sie! Al{\s} ich meine Selige begraben
+hatte, da lief ich hinau{\s} in{\s} Freie, um allein f"ur mich zu
+sein. Ich warf mich im Walde hin und weinte mich au{\s}. Fing an,
+mit dem lieben Gott zu hadern, und machte ihm die d"ummsten
+Vorw"urfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf
+h"angen, dem der Bauch von W"urmern wimmelte. Ich beneidete den
+Kadaver! Und wenn ich daran dachte, da"s im selben Augenblicke
+andre M"anner mit ihren netten kleinen Frauen zusammen waren und
+sie an sich dr"uckten, schlug ich mit meinem Stocke wild um mich.
+E{\s} war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit mir. Ich a"s nicht
+mehr. Der blo"se Gedanke, in ein Kaffeehau{\s} zu gehn, ekelte
+mich an. Glauben Sie mir da{\s}! Na, und so nach und nach im Gang
+der Zeiten, wie so der Fr"uhling dem Winter und der Herbst dem
+Sommer folgte, da ging{\s} ein{\s}, zwei, drei, und weg war der
+Jammer! Weg! Hinunter! Da{\s} ist da{\s} richtige Wort: hinunter!
+Denn ganz kriegt man ja so wa{\s} im ganzen Leben nicht lo{\s}. Da
+tief drinnen in der Brust bleibt immer wa{\s} stecken. Aber Luft
+kriegt man wieder! Sehen Sie, da{\s} ist nun einmal unser aller
+Schicksal, und de{\s}halb darf man nicht gleich die Flinte in{\s}
+Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben
+sind. Auch Sie m"ussen sich aufrappeln, Herr Bovary! E{\s} geht
+alle{\s} vor"uber! Besuchen Sie un{\s}! Sie wissen ja, meine Emma
+denkt oft an Sie. Sie h"atten un{\s} vergessen, meint sie. E{\s}
+wird nun Fr"uhling. Zerstreuen Sie sich ein bi"schen bei un{\s}.
+Schie"sen Sie ein paar Karnickel auf meinem Revier!"'
+
+Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
+alle{\s} wie einst, da{\s} hei"st wie vor f"unf Monaten. Die
+Birnb"aume hatten schon Bl"uten, und der treffliche Vater Rouault
+war wieder mord{\s}gesund und von fr"uh bi{\s} abend auf den
+Beinen. Und im ganzen Gut war m"achtiger Betrieb.
+
+E{\s} war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
+R"ucksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sich{\s} so
+bequem wie nur m"oglich zu machen, sprach im Fl"ustertone mit ihm
+wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich au"ser sich, wenn
+man de{\s} Gaste{\s} wegen nicht, wie befohlen, die
+leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel
+feine Eierspeisen oder ged"unstete Birnen. Er erz"ahlte Anekdoten
+und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir
+einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich.
+Der Kaffee ward gebracht, und da verga"s er sie wieder.
+
+Je mehr er sich an sein Witwertum gew"ohnte, um so weniger
+gedachte er der Verstorbenen. Da{\s} angenehme, ihm neue
+Bewu"stsein, unabh"angig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald
+ertr"aglicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber
+bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft dar"uber
+geben zu m"ussen, und wenn er m"ude war, alle vier von sich
+strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er hegte und
+pflegte sich und lie"s alle Tr"ostungen "uber sich ergehen.
+"Ubrigen{\s} hatte der Tod seiner Frau keine ung"unstige Wirkung
+auf seinen Beruf al{\s} Arzt. Indem man wochenlang in einem fort
+sagte: "`Der arme Doktor. Wie traurig!"' blieb sein Name im Munde
+der Leute. Seine Praxi{\s} vergr"o"serte sich. Und dann konnte er
+nun nach Bertaux reiten, wann e{\s} ihm beliebte. Eine
+unbestimmbare Sehnsucht wuch{\s} in ihm auf, ein namenlose{\s}
+Gl"uck{\s}gef"uhl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich
+den Bart strich, fand er sich gar nicht "ubel.
+
+Eine{\s} sch"onen Tage{\s} kam er nachmittag{\s} gegen drei Uhr im
+Gute angeritten. Alle{\s} war drau"sen auf dem Felde. Er betrat
+die K"uche. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zun"achst
+nicht. Die Fensterl"aden waren geschlossen. Durch die Ritzen
+de{\s} Holze{\s} stachen die Sonnenstrahlen mit langen d"unnen
+Nadeln auf die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der
+M"obel ent\/zwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem
+K"uchentische krabbelten Fliegen an den Gl"asern hinauf, purzelten
+summend in die Apfelweinneigen und ertranken. Da{\s} Sonnenlicht,
+da{\s} durch den Kamin eindrang, verwandelte die ru"sige
+Herdplatte in eine Samtfl"ache und f"arbte den Aschehaufen blau.
+Emma sa"s zwischen dem Fenster und dem Herd und n"ahte. Sie hatte
+kein Hal{\s}tuch um, und auf ihren entbl"o"sten Schultern
+gl"anzten kleine Schwei"sperlen.
+
+Nach l"andlichem Brauch bot sie dem Ank"ommling einen Trunk an.
+Al{\s} er ihn au{\s}schlug, n"otigte sie ihn, und schlie"slich bat
+sie ihn lachend, ein Gl"a{\s}chen Lik"or mit ihr zu trinken. Sie
+holte au{\s} dem Schranke eine Flasche Cura\c{c}ao, suchte zwei
+Gl"aser herau{\s}, f"ullte da{\s} eine bi{\s} zum Rande und go"s
+in da{\s} andre ein paar Tropfen. Sie stie"s mit Karl an und
+f"uhrte dann ihr Gla{\s} zum Munde. Da soviel wie nicht{\s} drin
+war, mu"ste sie sich beim Trinken zur"uckbiegen. Den Kopf nach
+hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hal{\s} gestrafft, so
+stand sie da und lachte dar"uber, da"s ihr nicht{\s} auf die Zunge
+lief, obgleich diese mit der Spitze au{\s} den feinen Z"ahnen
+herau{\s}spazierte und bi{\s} an den Boden de{\s} Glase{\s}
+mehreremal{\s} suchend vorstie"s.
+
+Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit
+zu widmen. Ein wei"ser baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
+gesenkter Stirn sa"s sie da. Sie sagte nicht{\s} und Karl erst
+recht nicht{\s}. Der Luft\/zug, der sich zwischen T"ur und Schwelle
+eindr"angte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl
+sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei h"orte er nicht{\s} al{\s}
+da{\s} H"ammern seine{\s} Blute{\s} im eignen Hirne und au{\s} der
+Ferne da{\s} Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei
+gelegt hatte. Hin und wieder hielt Emma die Handfl"achen ihrer
+H"ande auf den kalten Knauf der Herdstange und pre"ste sie dann an
+ihre Wangen, um diese zu k"uhlen.
+
+Sie klagte "uber die Schwindelanf"alle, von denen sie seit
+Fr"uhjahr{\s}anfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
+Seeb"ader dienlich w"aren. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt
+im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in
+ein Gespr"ach. Sie f"uhrte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre
+Notenhefte von damal{\s} und die niedlichen B"ucher, die sie
+al{\s} Schulpr"amien bekommen hatte, und die Eichenlaubkr"anze,
+die im untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erz"ahlte
+sie von ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im
+Garten da{\s} Beet, wo die Blumen w"uchsen, die sie der Toten
+jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der G"artner, den sie
+hatten, verst"unde nicht{\s}. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr
+Wunsch w"are e{\s}, wenigsten{\s} w"ahrend der Wintermonate in der
+Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder, an den langen
+Sommertagen sei da{\s} Leben auf dem Lande noch langweiliger. Und
+je nachdem, wa{\s} sie sagte, klang ihre Stimme hell oder scharf;
+oder sie nahm pl"otzlich einen matten Ton an, und wenn sie wie mit
+sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz ander{\s}, wie
+fl"usternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte gro"se
+unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider zur
+H"alfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahm{\s}lo{\s} und
+traumverloren au{\s}.
+
+Abend{\s} auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alle{\s}, wa{\s}
+sie geredet hatte, bi{\s} in{\s} einzelne, und versuchte den
+vollen Sinn ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine
+Vorstellung von der Existenz schaffen, die Emma gef"uhrt, ehe er
+sie kennen gelernt hatte. Aber e{\s} gelang ihm nicht, sie in
+seinen Gedanken ander{\s} zu erschauen al{\s} so, wie sie
+au{\s}gesehen hatte, al{\s} er sie zum ersten Male erblickt, oder
+so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte er sich,
+wie e{\s} wohl w"urde, wenn sie sich verheiratete, aber mit wem?
+Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so sch"on!
+
+Und immer wieder sah er Emma{\s} Gesicht vor seinen geistigen
+Augen, und eine Art eint"onige Melodie summte ihm durch die Ohren
+wie da{\s} Surren eine{\s} Kreisel{\s}: "`Emma, wenn du dich
+verheiratetest! Wenn du dich nun verheiratetest!"' In der Nacht
+konnte er keinen Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie
+zugeschn"urt. Er versp"urte Durst, stand auf, trank ein Gla{\s}
+Wasser und machte da{\s} Fenster auf. Der Himmel stand voller
+Sterne. Der laue Nachtwind strich in da{\s} Zimmer. Fern bellten
+Hunde. Er wandte den Blick in die R"otung nach Bertaux.
+
+Endlich kam er auf den Gedanken, da"s e{\s} den Hal{\s} nicht
+kosten k"onne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten
+Gelegenheit um Emma{\s} Hand zu bitten. Aber sooft sich diese
+Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte
+nicht "uber die Lippen. Vater Rouault h"atte l"angst nicht{\s}
+dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt h"atte. Im
+Grunde n"utzte sie ihm in Hau{\s} und Hof nicht viel. Er machte
+ihr keinen Vorwurf darau{\s}: sie war eben f"ur die Landwirtschaft
+zu geweckt. "`Ein gottverdammte{\s} Gewerbe!"' pflegte er zu
+schimpfen. "`Da{\s} hat auch noch keinen zum Million"ar gemacht!"'
+Ihm hatte e{\s} in der Tat keine Reicht"umer gebracht; im
+Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch auf den
+M"arkten zu seinem Stolz al{\s} gerissener Kerl bekannt war, so
+war er eigentlich doch f"ur Ackerbau und Viehzucht durchau{\s}
+nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht
+gern die H"ande au{\s} den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe
+war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen
+warmen Ofen und au{\s}giebigen Schlaf. Ein gute{\s} Gla{\s}
+Landwein, ein halb durchgebratene{\s} Hammelkotelett und ein
+T"a"schen Mokka mit Kognak geh"orten zu den Idealen seine{\s}
+Leben{\s}. Er nahm seine Mahlzeiten in der K"uche ein und zwar
+allein f"ur sich, in der N"ahe de{\s} Herdfeuer{\s} an einem
+kleinen Tische, der ihm -- wie auf der B"uhne -- fix und fertig
+gedeckt hereingebracht werden mu"ste.
+
+Al{\s} er die Entdeckung machte, da"s Karl einen roten Kopf bekam,
+wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, da"s fr"uher oder
+sp"ater ein Heirat{\s}antrag zu erwarten war. Alsobald "uberlegte
+er sich die Geschichte. Besonder{\s} schneidig sah ja Karl Bovary
+nicht gerade au{\s}, und Rouault hatte sich ehedem seinen
+k"unftigen Schwiegersohn ein bi"schen ander{\s} gedacht, aber er
+war doch al{\s} anst"andiger Kerl bekannt, sparsam und t"uchtig in
+seinem Berufe. Und zweifello{\s} w"urde er wegen der Mitgift nicht
+lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge gro"ser
+Au{\s}gaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er sich
+gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu
+verkaufen. Die Kelter mu"ste auch erneuert werden. Und so sagte er
+sich: "`Wenn er um Emma anh"alt, soll er sie kriegen!"'
+
+Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag
+und Stunde auf Stunde, ohne da"s Karl{\s} Wille zur Tat ward.
+Rouault gab ihm ein kleine{\s} St"uck Weg{\s} da{\s} Geleite; am
+Ende de{\s} Hohlweg{\s} vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem
+Gaste zu verabschieden. Da{\s} war also der Moment! Karl nahm sich
+noch Zeit bi{\s} zuallerletzt. Erst al{\s} die Hecke hinter ihnen
+lag, stotterte er lo{\s}:
+
+"`Verehrter Herr Rouault, ich m"ochte Ihnen gern etwa{\s} sagen!"'
+
+Weiter brachte er nicht{\s} herau{\s}. Die beiden M"anner blieben
+stehen.
+
+"`Na, rau{\s} mit der Sprache! Ich kann mir{\s} schon denken!"'
+Rouault lachte gem"utlich.
+
+"`Vater Rouault! Vater Rouault!"' stammelte Karl.
+
+"`Meinen Segen sollen Sie haben!"' fuhr der Gut{\s}p"achter fort.
+"`Meine Kleine denkt gewi"s nicht ander{\s} al{\s} ich, aber
+gefragt werden mu"s sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde
+sie gleich mal in{\s} Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, --
+wohlverstanden! -- brauchen Sie jedoch nicht umzukehren. Wegen der
+Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein bi"schen beruhigen
+soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut schwitzen, will ich Ihnen
+ein Zeichen geben: ich werde einen Fensterladen gegen die Mauer
+klappen lassen. Wenn Sie da oben "uber die Hecke gucken, k"onnen
+Sie da{\s} ungesehen beobachten!"'
+
+Damit ging er.
+
+Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die B"oschung
+hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
+Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ...
+Da gab e{\s} mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der
+Laden blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.
+
+Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde
+"uber und "uber rot, al{\s} sie ihn sah. Sie l"achelte gezwungen
+ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen
+k"unftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der gesch"aftlichen
+Punkte wurde verschoben. "Ubrigen{\s} war noch viel Zeit dazu, da
+die Hochzeit anstand{\s}halber vor Ablauf von Karl{\s} Trauerjahr
+nicht stattfinden konnte, da{\s} hie"s, nicht vor dem n"achsten
+Fr"uhjahr.
+
+In dieser Erwartung verging der Winter. Fr"aulein Rouault
+besch"aftigte sich mit ihrer Au{\s}steuer. Ein Teil davon wurde in
+Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
+die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
+da{\s} Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeit{\s}feier.
+E{\s} wurde "uberlegt, in welchem Raume da{\s} Festmahl
+stattfinden, wieviel Platten und Sch"usseln auf die Tafel kommen
+und wa{\s} f"ur Vorspeisen e{\s} geben solle.
+
+Am liebsten h"atte e{\s} Emma gehabt, wenn die Trauung auf
+nacht{\s} zw"olf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden w"are;
+aber f"ur solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verst"andni{\s}.
+Man einigte sich also auf eine Hochzeit{\s}feier, zu der
+dreiundvierzig G"aste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte
+man bei Tisch sitzen bleiben. Am n"achsten Tage und an den
+folgenden sollte e{\s} so weitergehen.
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Die Hochzeit{\s}g"aste stellten sich p"unktlich ein, in Kutschen,
+Landauern, Einsp"annern, Gig{\s}, Kremsern mit Ledervorh"angen, in
+allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Da{\s} junge
+Volk au{\s} den n"achsten Nachbard"orfern kam t"uchtig
+durchger"uttelt im Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in
+einer Reihe stehend, die H"ande an den Seitenstangen, um nicht
+umzufallen. Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, au{\s}
+Goderville, Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien
+waren samt und sonder{\s} geladen. Freunde, mit denen man
+unein{\s} gewesen, vers"ohnte man, und e{\s} war an Bekannte
+geschrieben worden, von denen man wer wei"s wie lange nicht{\s}
+geh"ort hatte.
+
+Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
+Eine Weile sp"ater erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging
+e{\s} bi{\s} zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde.
+Die Insassen stiegen nach beiden Seiten au{\s}. Man rieb sich die
+Knie und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe,
+trugen st"adtische Kleider, goldne Uhrketten, Umh"ange mit langen
+Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder
+Schal{\s}, die mit einer Nadel auf dem R"ucken festgesteckt waren,
+damit sie hinten den Hal{\s} frei lie"sen. Die Knaben, genau so
+angezogen wie ihre V"ater, f"uhlten sich in ihren R"ocken
+sichtlich unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten
+Male richtige Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn-
+bi{\s} sechzehnj"ahrige M"adchen, offenbar ihre Basen oder
+"alteren Schwestern, in ihren wei"sen Firmelkleidern, die man zur
+Feier de{\s} Tage{\s} um ein St"uck l"anger gemacht hatte, alle
+mit roten versch"amten Gesichtern und pomadisiertem Haar, voller
+Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht Knechte
+genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen,
+streiften die Herren die Rock"armel hoch und stellten ihre Pferde
+eigenh"andig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren sie
+in Fr"acken, R"ocken oder Jackett{\s} erschienen. Manche in
+ehrw"urdigen Bratenr"ocken, die nur bei ganz besonderen
+Festlichkeiten feierlich au{\s} dem Schranke geholt wurden; ihre
+langen Sch"o"se flatterten im Winde, die Kragen daran sahen au{\s}
+wie Hal{\s}panzer, und die Taschen hatten den Umfang von S"acken.
+E{\s} waren auch Jacken au{\s} derbem Tuch zum Vorschein gekommen,
+meist im Verein mit messingumr"anderten M"utzen; fernerhin ganz
+kurze R"ocke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden gro"sen
+Kn"opfen hinten in der Taille und mit Sch"o"sen, die so
+au{\s}schauten, al{\s} habe sie der Zimmermann mit einem Beile
+au{\s} dem Ganzen herau{\s}gehackt. Ein paar (einige wenige)
+G"aste -- und da{\s} waren solche, die dann an der Festtafel
+gewi"s am alleruntersten Ende zu sitzen kamen -- trugen nur
+Sonntag{\s}blusen mit breitem Umlegekragen und R"uckenfalten unter
+dem G"urtel.
+
+Die steifen Hemden w"olbten sich "uber den Br"usten wie K"urasse.
+Durchweg hatte man sich unl"angst da{\s} Haar schneiden lassen (um
+so mehr standen die Ohren von den Sch"adeln ab!), und alle waren
+ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden
+waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und
+hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder
+hatten am Kinn L"ocher in der Haut bekommen, gro"s wie
+Talerst"ucke. Unterweg{\s} hatten sich diese Wunden in der
+frischen Morgenluft ger"otet, und so leuchteten auf den breiten
+blassen Bauerngesichtern gro"se rote Flecke.
+
+Da{\s} Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt.
+Man begab sich zu Fu"s dahin und ebenso zur"uck, nachdem die
+Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeit{\s}zug
+war anfang{\s} wohlgeordnet gewesen. Wie ein bunte{\s} Band hatte
+er sich durch die gr"unen Felder geschl"angelt. Aber bald lockerte
+er sich und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die
+letzten plaudernd versp"ateten. Ganz vorn schritt ein Spielmann
+mit einer buntbeb"anderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute,
+darauf die Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde
+und zuletzt die Kinder, die sich damit vergn"ugten, "Ahren au{\s}
+den Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn e{\s} niemand
+sah. Emma{\s} Kleid, da{\s} etwa{\s} zu lang war, schleppte ein
+wenig auf der Erde hin. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den
+Rock aufzuraffen. Dabei la{\s} sie behutsam mit ihren
+behandschuhten H"anden die kleinen stacheligen Distelbl"atter ab,
+die an ihrem Kleide h"angen geblieben waren. W"ahrenddem stand
+Karl mit leeren H"anden da und wartete, bi{\s} sie fertig war.
+Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und einen schwarzen
+Rock, dessen "Armel ihm bi{\s} an die Fingern"agel reichten. Am
+Arm f"uhrte er Frau Bovary senior. Der alte Herr Bovary, der im
+Grunde seine{\s} Herzen{\s} die ganze Sippschaft um sich herum
+verachtete, war einfach in einem uniform"ahnlichen einreihigen
+Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge blonde B"auerin,
+die er mir derben Galanterien traktierte. Sie h"orte ihm
+respektvoll zu, wu"ste aber in ihrer Verlegenheit gar nicht,
+wa{\s} sie sagen sollte. Die "ubrigen G"aste sprachen von ihren
+Gesch"aften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele
+Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, h"orte in einem fort da{\s}
+Tirilieren de{\s} Spielmanne{\s}, der auch im freien Felde
+weitergeigte. Sooft er bemerkte, da"s die Gesellschaft weit hinter
+ihm zur"uckgeblieben war, machte er Halt und sch"opfte Atem.
+Umst"andlich rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit
+die Saiten sch"oner quietschen sollten, und dann setzte er sich
+wieder in Bewegung. Er hob und senkte den Hal{\s} seine{\s}
+Instrument{\s}, um recht h"ubsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei
+verscheuchte die V"ogel schon von weitem.
+
+Die Festtafel war unter dem Schutzdache de{\s} Wagenschuppen{\s}
+aufgestellt. E{\s} prangten darauf vier Lendenbraten, sech{\s}
+Sch"usseln mit H"uhnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem
+Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier
+Leberw"ursten in Sauerkraut, ein k"ostlich knusprig gebratene{\s}
+Spanferkel. An den vier Ecken de{\s} Tische{\s} br"usteten sich
+Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen
+wirbelte perlender Apfelweinsekt, w"ahrend auf der Tafel
+bereit{\s} alle Gl"aser im vorau{\s} bi{\s} an den Rand
+vollgeschenkt waren. Gro"se Teller mit gelber Creme, die beim
+leisesten Sto"s gegen den Tisch zitterte und bebte,
+vervollst"andigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfl"ache
+diese{\s} Dessert{\s} prangten in umschn"orkelten Monogrammen von
+Zuckergu"s die Anfang{\s}buchstaben der Namen von Braut und
+Br"autigam. F"ur die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor
+au{\s} Yvetot kommen lassen. Da die{\s} sein Deb"ut in der Gegend
+war, hatte er sich ganz besondre M"uhe gegeben. Beim Nachtisch
+trug er eigenh"andig ein Prunkst"uck seiner Kunst auf, da{\s} ein
+allgemeine{\s} "`Ah!"' hervorrief. Der Unterbau au{\s} blauer
+Pappe stellte ein von Sternen au{\s} Goldpapier "ubers"ate{\s}
+Tempelchen dar, mit einem S"aulenumgang und Nischen, in denen
+Statuen au{\s} Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich
+ein Festung{\s}turm au{\s} Pfefferkuchen, umbaut von einer
+Brustwehr au{\s} Bonbon{\s}, Mandeln, Rosinen und
+Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber kr"onte "uber
+einer gr"unen Landschaft au{\s} Wiesen, Felsen und Teichen mit
+Nu"sschalenschiffchen darauf (alle{\s} Zuckerwerk): ein niedlicher
+Amor, der sich auf einer Schaukel au{\s} Schokolade wiegte. In den
+beiden kugelgeschm"uckten Schn"abeln der Schaukel steckten zwei
+lebendige Rosenknospen.
+
+Man schmauste bi{\s} zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen
+erm"udet war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte
+eine Partie de{\s} in jener Gegend beliebten Pfropfenspiel{\s} mit
+und setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar G"aste
+schliefen gegen da{\s} Ende de{\s} Mahle{\s} ein und schnarchten
+ganz laut. Aber beim Kaffee war alle{\s} wieder munter. Man sang
+Lieder, vollf"uhrte allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere
+Steine, scho"s Purzelb"aume, hob Schubkarren bi{\s} zur
+Schulterh"ohe, erz"ahlte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte
+mit den Damen.
+
+Vor dem Aufbruch war e{\s} kein leichte{\s} St"uck Arbeit, den
+Pferden, die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach,
+die Kumte und Geschirre aufzulegen. Die "uberm"utigen Tiere
+stiegen, bockten und schlugen au{\s}, w"ahrend die Herren und
+Kutscher fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab e{\s}
+auf den mondbegl"anzten Landstra"sen in Karriere "uber Stock und
+Stein heimrasende Fuhrwerke.
+
+Die nacht"uber in Bertaux bleibenden G"aste zechten am K"uchentische
+bi{\s} zum fr"uhen Morgen weiter, w"ahrend die Kinder unter den
+B"anken schliefen.
+
+Die junge Frau hatte ihren Vater besonder{\s} gebeten, sie vor den
+herk"ommlichen Sp"a"sen zu bewahren. Indessen machte sich ein
+Vetter -- ein See\-fisch\-h"and\-ler, der al{\s}
+Hoch\-zeit{\s}\-ge\-schenk selbstverst"andlich ein paar Seezungen
+gestiftet hatte -- doch daran, einen Mund voll Wasser durch da{\s}
+Schl"usselloch de{\s} Brautgemach{\s} zu spritzen. Vater Rouault
+erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er
+machte ihm klar, da"s sich derartige Scherze mit der W"urde
+seine{\s} Schwiegersohne{\s} nicht vertr"ugen. Der Vetter lie"s
+sich durch diese Einw"ande nur widerwillig von seinem Vorhaben
+abbringen. In{\s}geheim hielt er den alten Rouault f"ur
+aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bi{\s}
+f"unf andern Unzufriedenen, die w"ahrend de{\s} Mahle{\s} bei der
+Wahl der Fleischst"ucke Mi"sgriffe getan hatten. Diese
+Ungl"uck{\s}menschen r"asonierten nun alle untereinander auf den
+Gastgeber und w"unschten ihm ungeniert alle{\s} "Uble.
+
+Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag "uber au{\s} ihrer
+Verbissenheit nicht herau{\s}gekommen. Man hatte sie weder bei der
+Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
+Hochzeit{\s}feier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig
+zur"uck. Ihrem Manne aber fiel e{\s} nicht ein, mit zu verschwinden;
+er lie"s sich Zigarren holen und paffte bi{\s} zum Morgen, wozu er
+Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden
+unbekannt war, staunte man ihn erst recht al{\s} Wundertier an.
+
+Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er w"ahrend de{\s}
+Feste{\s} gar keine gl"anzende Rolle gespielt. Gegen alle die
+Neckereien, Sp"a"se, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und
+Anulkungen, die ihm der Sitte gem"a"s bei Tische zuteil geworden
+waren, hatte er sich alle{\s} andre denn schlagfertig gezeigt. Um
+so m"achtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er
+offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tag{\s} zuvor
+sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich
+v"ollig und lie"s sich nicht da{\s} geringste anmerken. Die
+gr"o"sten Schandm"auler waren sprachlo{\s}; sie standen da wie vor
+einem Wundertier. Karl freilich machte au{\s} seinem Gl"uck kein
+Hehl. Er nannte Emma "`mein liebe{\s} Frauchen"', duzte sie, lief
+ihr "uberallhin nach und zog sie mehrfach abseit{\s}, um allein
+mit ihr im Hofe unter den B"aumen ein wenig zu plaudern, wobei er
+den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und Hergehen
+kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdr"uckte mit seinem
+Kopfe ihr Hal{\s}tuch.
+
+Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuverm"ahlten auf. Karl
+konnte seiner Patienten wegen nicht l"anger verweilen. Vater
+Rouault lie"s da{\s} Ehepaar in seinem Wagen nach Hau{\s} fahren
+und gab ihm pers"onlich bi{\s} Vassonville da{\s} Geleite. Beim
+Abschied k"u"ste er seine Tochter noch einmal, dann stieg er
+au{\s} und machte sich zu Fu"s auf den R"uckweg.
+
+Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
+Wagen nachzuschauen, der die sandige Stra"se dahinrollte. Dabei
+seufzte er tief auf. Er dachte zur"uck an seine eigne Hochzeit, an
+l"angstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner
+Frau. Wie froh war er damal{\s} gewesen. Er erinnerte sich de{\s}
+Tage{\s}, wo er mit ihr da{\s} Hau{\s} de{\s} Schwiegervater{\s}
+verlassen hatte. Auf dem Ritt in da{\s} eigne Heim, durch den
+tiefen Schnee, da hatte er seine Frau hinten auf die Kruppe
+seine{\s} Pferde{\s} gesetzt. E{\s} war so um Weihnachten herum
+gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit der einen Hand
+hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern ihren Korb
+getragen. Die langen B"ander ihre{\s} normannischen Kopfputze{\s}
+hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um die Nase
+geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er "uber seine Schulter
+weg ganz dicht hinter sich ihr niedliche{\s} rosige{\s} Gesicht,
+da{\s} unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich
+hinl"achelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger
+eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange
+war da{\s} nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben w"are, dann
+w"are er jetzt drei"sig Jahre alt!
+
+Er blickte sich nochmal{\s} um. Auf der Stra"se war nicht{\s} mehr
+zu sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem
+vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die
+z"artlichen Erinnerungen mit schwerm"utigen Gedanken. Einen
+Augenblick lang versp"urte er da{\s} Verlangen, den Umweg "uber
+den Friedhof zu machen. Aber er f"urchtete sich davor, da"s ihn
+die{\s} nur noch tr"ubseliger stimmte, und so ging er auf dem
+k"urzesten Wege nach Hause.
+
+Karl und Emma erreichten Toste{\s} gegen sech{\s} Uhr. Die
+Nachbarn st"urzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu
+ersp"ahen. Die alte Magd empfing sie unter Gl"uckw"unschen und bat
+um Entschuldigung, da"s da{\s} Mittagessen noch nicht ganz fertig
+sei. Sie lud die gn"adige Frau ein, einstweilen ihr neue{\s} Heim
+in Augenschein zu nehmen.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Die Backsteinfassade de{\s} Hause{\s} stand gerade in der
+Fluchtlinie der Stra"se, genauer gesagt: der Landstra"se. In der
+Hau{\s}flur, gleich an der Hau{\s}t"ure, hingen an einem Halter
+ein Kragenmantel, ein Z"ugel, eine M"utze au{\s} schwarzem Leder,
+und in einem Winkel auf dem Fu"sboden lagen ein paar Gamaschen,
+voll von trocken gewordnem Stra"senschmutz. Rechter Hand lag die
+"`Gro"se Stube"', da{\s} hei"st der Raum, in dem die Mahlzeiten
+eingenommen wurden und der zugleich al{\s} Wohnzimmer diente. An
+den W"anden bauschte sich allenthalben die schlecht aufgeklebte
+zeisiggr"une Papiertapete, die an der Decke durch eine Girlande
+von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern
+"uberschnitten sich wei"se Kattunvorh"ange, die rote Borten
+hatten. Auf dem schmalen Sim{\s} de{\s} Kamin{\s} funkelte eine
+Stutzuhr mit dem Kopfe de{\s} Hippokrate{\s} zwischen zwei
+versilberten Leuchtern, die unter ovalen Gla{\s}glocken standen.
+
+Auf der andern Seite der Flur lag Karl{\s} Sprechzimmer, ein
+kleine{\s} Gemach, etwa sech{\s} Fu"s in der Breite. Drinnen ein
+Tisch, drei St"uhle und ein Schreibtischsessel. Die sech{\s}
+F"acher eine{\s} B"uchergestell{\s} au{\s} Tannenholz wurden in
+der Hauptsache durch die B"ande de{\s} "`Medizinischen
+Lexikon{\s}"' au{\s}gef"ullt, die unaufgeschnitten geblieben waren
+und durch den mehrfachen Besitzerwechsel, den sie bereit{\s}
+erlebt hatten, zerfledderte Umschl"age bekommen hatten. Durch die
+d"unne Wand drang Buttergeruch au{\s} der benachbarten K"uche in
+da{\s} Sprechzimmer, w"ahrend man dort h"oren konnte, wenn die
+Patienten husteten und ihre langen Leiden{\s}geschichten
+erz"ahlten.
+
+Nach dem Hofe zu, wo da{\s} Stallgeb"aude stand, lag ein
+gro"se{\s} verwahrloste{\s} Gemach, ehemal{\s} Backstube, da{\s}
+jetzt al{\s} Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und
+vollgepfropft war mit altem Eisen, leeren F"assern, abgetanenem
+Ackerger"at und einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren
+einstigen Zweck man ihnen kaum mehr ansehen konnte.
+
+Der Garten, der mehr in die L"ange denn in die Breite ging, dehnte
+sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
+begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde.
+Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr
+darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit d"urftigen
+Heckenrosen umg"urteten symmetrisch ein Mittelbeet mit
+n"utzlicherem Gew"ach{\s}. Ganz am Ende de{\s} Garten{\s}, in
+einer Fichtengruppe, stand eine Tonfigur: ein M"onch, in sein
+Brevier vertieft.
+
+Emma stieg die Treppe hinauf. Da{\s} erste Zimmer oben war
+"uberhaupt nicht m"obliert, aber im zweiten, der gemeinsamen
+Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorh"angen ein
+Himmelbett au{\s} Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit
+Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster
+leuchtete in einer Kristallvase ein Strau"s von Orangenbl"uten,
+umwunden von einem Seidenbande: ein Hochzeit{\s}bukett, die
+Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte e{\s},
+nahm den Strau"s au{\s} der Vase und trug ihn auf den Oberboden.
+W"ahrenddem sa"s sie in einem Lehnstuhl. Ihr eigene{\s}
+Brautbukett kam ihr in den Sinn, da{\s} in einer Schachtel
+verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in da{\s} Zimmer und
+baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, wa{\s}
+wohl mit ihrem Strau"se gesch"ahe, wenn sie zuf"allig auch bald
+st"urbe.
+
+In den ersten Tagen besch"aftigte sich Emma damit, sich allerlei
+"Anderungen in ihrem Hause au{\s}zudenken. Sie nahm die
+Gla{\s}glocken von den Leuchtern, lie"s neu tapezieren, die Treppe
+streichen und B"anke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
+
+Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
+Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden k"onnte. Karl
+wu"ste, da"s sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine
+Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
+neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz au{\s} wie
+ein Dogcart.
+
+So war Karl der gl"ucklichste und sorgenloseste Mensch auf der
+Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
+Landstra"se, die Gesten von Emma{\s} Hand, wenn sie sich da{\s}
+Band im Haar zurechtstrich, der Anblick ihre{\s} an einem
+Fensterkreuze h"angenden Strohhute{\s} und noch allerhand andre
+kleine Dinge, von denen er nie geglaubt h"atte, da"s sie einen
+erfreuen k"onnten, all da{\s} trug dazu bei, da"s sein Gl"uck
+nicht aufh"orte. Fr"uhmorgen{\s} im Bette, Seite an Seite mit ihr
+auf demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch
+den blonden Flaum ihrer von den Haubenb"andern halbverdeckten
+Wangen huschten. So au{\s} der N"ahe kamen ihm ihre Augen viel
+gr"o"ser vor, besonder{\s} beim Erwachen, wenn sich ihre Lider
+mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten
+sahen diese Augen schwarz au{\s} und dunkelblau am lichten Tage;
+in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, w"ahrend sie sich nach
+der schimmernden Oberfl"ache zu aufhellten. Sein eigene{\s} Auge
+verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz
+klein, bi{\s} an die Schultern, mit dem Seidentuche, da{\s} er
+sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seine{\s} offen
+stehenden Nachthemde{\s}.
+
+Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster au{\s} nach,
+um ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf da{\s}
+Fensterbrett gest"utzt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, da{\s}
+sie leicht umflo"s, zwischen zwei Geranienst"ocken. Karl unten auf
+der Stra"se schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an.
+Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, w"ahrenddem
+sie mit ihrem Munde eine Bl"ute oder ein Bl"attchen von den
+Geranien abzupfte und ihm zublie{\s}. Da{\s} Abgerupfte schwebte
+und schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein
+Vogel und blieb schlie"slich im Fallen in der ungepflegten M"ahne
+der alten Schimmelstute h"angen, die unbeweglich vor der
+Hau{\s}t"ure wartete. Karl sa"s auf und warf seiner Frau eine
+Ku"shand zu. Sie antwortete winkend und schlo"s da{\s} Fenster. Er
+ritt ab.
+
+Dann, auf der endlo{\s} sich hinwindenden staubigen Landstra"se,
+in den Hohlwegen, "uber denen sich die B"aume zu einem Laubdache
+schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm da{\s} Korn zu beiden Seiten
+die Knie streifte, die warme Sonne auf dem R"ucken, die frische
+Morgenluft in der Nase und da{\s} Herz noch voll von den Freuden
+der Nacht, friedsamen Gem"ut{\s} und befriedigter Sinne, -- da
+geno"s er all sein Gl"uck abermal{\s}, just wie einer, der nach
+einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Tr"uffeln, die er
+bereit{\s} verdaut, noch auf der Zunge hat.
+
+Wa{\s} hatte er bi{\s}her an Gl"uck in seinem Leben erfahren? War
+er denn im Gymnasium gl"ucklich gewesen, wo er sich in der Enge
+hoher Mauern so einsam gef"uhlt hatte, unter seinen Kameraden, die
+reicher und st"arker waren al{\s} er, "uber seine b"auerische
+Au{\s}sprache lachten, sich "uber seinen Anzug lustig machten und
+zur Besuch{\s}zeit mit ihren M"uttern plauderten, die mit Kuchen
+in der Tasche kamen? Oder etwa sp"ater al{\s} Student der Medizin,
+wo er niemal{\s} Geld genug im Beutel gehabt hatte, um irgendein
+kleine{\s} M"adel zum Tanz f"uhren zu k"onnen, da{\s} seine
+Geliebte geworden w"are? Oder gar w"ahrend der vierzehn Monate, da
+er mit der Witwe verheiratet war, deren F"u"se im Bett kalt wie
+Ei{\s}klumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besa"s er f"ur
+immerdar seine h"ubsche Frau, in die er vernarrt war. Seine Welt
+fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihre{\s} seidnen
+Unterrock{\s}, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie
+nicht genug. Und so "uberkam ihn unterweg{\s} die Sehnsucht nach
+ihr. Spornstreich{\s} ritt er heimw"art{\s}, rannte die Treppe
+hinauf, mit klopfendem Herzen ... Emma sa"s in ihrem Zimmer bei
+der Toilette. Er schlich sich auf den Fu"sspitzen von hinten an
+sie heran und k"u"ste ihr den Nacken. Sie stie"s einen Schrei
+au{\s}.
+
+Er konnte e{\s} nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe,
+ihr Hal{\s}tuch zu bef"uhlen. Manchmal k"u"ste er sie t"uchtig auf
+die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner K"usse gleichsam
+aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen L"ange von den
+Fingerspitzen bi{\s} hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn
+ab, l"achelnd und gelangweilt, wie man ein kleine{\s} Kind
+zur"uckdr"angt, da{\s} sich an einen anklammert.
+
+Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
+empfinden. Aber al{\s} da{\s} Gl"uck, da{\s} sie au{\s} dieser
+Liebe erwartete, au{\s}blieb, da mu"ste sie sich doch get"auscht
+haben. So dachte sie. Und sie gab sich M"uhe, zu ergr"ubeln, wo
+eigentlich in der Wirklichkeit all da{\s} Sch"one sei, da{\s} in
+den Romanen mit den Worten Gl"uckseligkeit, Leidenschaft und
+Rausch so verlockend geschildert wird.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Emma hatte "`Paul und Virginia"' gelesen und in ihren Tr"aumereien
+alle{\s} vor sich gesehen: die Bambu{\s}h"utte, den Neger Domingo,
+den Hund Fideli{\s}. In{\s}besondre hatte sie sich in die
+z"artliche Freundschaft irgendeine{\s} guten Kameraden
+hineingelebt, der f"ur sie rote Fr"uchte auf "uberturmhohen
+B"aumen pfl"uckte und barfu"s durch den Sand gelaufen kam, ihr ein
+Vogelnest zu bringen.
+
+Al{\s} sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur
+Stadt, um sie in da{\s} Kloster zu geben. Sie stiegen in einem
+Gasthofe im Viertel Saint-Gervai{\s} ab, wo sie beim Abendessen
+Teller vorgesetzt bekamen, auf denen Szenen au{\s} dem Leben
+de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere gemalt waren. Alle diese
+legendenhaften Bilder, hier und da von Messerkritzeln besch"adigt,
+verherrlichten Fr"ommigkeit, Gef"uhl{\s}"uberschwang und
+h"ofischen Prunk.
+
+In der ersten Zeit ihre{\s} Klosteraufenthalt{\s} langweilte sie
+sich nicht im geringsten. Sie f"uhlte sich vielmehr in der
+Gesellschaft der g"utigen Schwestern ganz behaglich, und e{\s} war
+ihr ein Vergn"ugen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin
+man vom Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den
+Freistunden spielte sie nur h"ochst selten, im Katechi{\s}mu{\s}
+war sie al{\s}bald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war
+sie e{\s}, die dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wu"ste. So
+lebte sie, ohne in die Welt hinau{\s}zukommen, in der lauen
+Atmosph"are der Schulstuben und unter den blassen Frauen mit ihren
+Rosenkr"anzen und Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den
+mystischen Traumzustand, der sich um die Weihrauchd"ufte, die
+K"uhle der Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der
+Messe zuzuh"oren, betrachtete sie die frommen himmelblau
+umr"anderten Vignetten ihre{\s} Gebetbuche{\s} und verliebte sich
+in da{\s} kranke Lamm Gotte{\s}, in da{\s} von Pfeilen durchbohrte
+Herz Jesu und in den armen Christu{\s} selber, der, sein Kreuz
+schleppend, zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie,
+einen ganzen Tag lang ohne Nahrung au{\s}zuhalten. Sie zerbrach
+sich den Kopf, um irgendein Gel"ubde zu ersinnen, da{\s} sie auf
+sich nehmen wollte.
+
+Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine S"unden, nur
+damit sie l"anger im Halbdunkel knien durfte, die H"ande gefaltet,
+da{\s} Gesicht an{\s} Gitter gepre"st, unter dem fl"usternden
+Priester. Die Gleichnisse vom Br"autigam, vom Gemahl, vom
+himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den
+Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele
+geheimni{\s}volle s"u"se Schauer.
+
+Abend{\s}, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeit{\s}saal au{\s} einem
+frommen Buche vorgelesen. An den Wochentagen la{\s} man au{\s} der
+Biblischen Geschichte oder au{\s} den "`Stunden der Andacht"'
+de{\s} Abb\'e Frayssinou{\s} und Sonntag{\s} zur Erbauung au{\s}
+Chateaubriand{\s} "`Geist de{\s} Christentum{\s}"'. Wie
+andacht{\s}voll lauschte sie bei den ersten Malen den klangreichen
+Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo au{\s} Welt und
+Ewigkeit erschallten! W"are Emma{\s} Kindheit im Hinterst"ubchen
+eine{\s} Kramladen{\s} in einem Gesch"aft{\s}viertel
+dahingeflossen, dann w"are da{\s} junge M"adchen vermutlich der
+Naturschw"armerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung
+ihre Quelle hat. So aber kannte sie da{\s} Land zu gut: da{\s}
+Bl"oken der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame
+Vorg"ange gew"ohnt, gewann sie eine Vorliebe f"ur da{\s} dem
+Entgegengesetzte: da{\s} Abenteuerliche. So liebte sie da{\s} Meer
+einzig um der wilden St"urme willen und da{\s} Gr"un, nur wenn
+e{\s} zwischen Ruinen sein Dasein fristete. E{\s} war ihr ein
+Bed"urfni{\s}, au{\s} den Dingen einen egoistischen Genu"s zu
+sch"opfen, und sie warf alle{\s} al{\s} unn"utz beiseite, wa{\s}
+nicht unmittelbar zum Labsal ihre{\s} Herzen{\s} diente. Ihre
+Eigenart war eher sentimental al{\s} "asthetisch; sie sp"urte
+lieber seelischen Erregungen al{\s} Landschaften nach.
+
+Im Kloster gab e{\s} nun eine alte Jungfer, die sich alle vier
+Wochen auf acht Tage einstellte, um die W"asche au{\s}zubessern.
+Da sie einer alten Adel{\s}familie entstammte, die in der
+Revolution zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit
+beg"onnert. Sie a"s mit im Refektorium, an der Tafel der frommen
+Schwestern, und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderst"undchen
+zu machen, bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah e{\s}
+auch, da"s sich die Pension"arinnen au{\s} der Arbeit{\s}stube
+stahlen und die Alte aufsuchten. Sie wu"ste galante Chanson{\s}
+au{\s} dem \begin{antiqua}ancien r\'egime\end{antiqua}
+au{\s}wendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei ihre
+Flickarbeit zu vernachl"assigen. Sie erz"ahlte Geschichten, wu"ste
+stet{\s} Neuigkeiten, "ubernahm allerhand Besorgungen in der Stadt
+und lieh den gr"o"seren M"adchen Romane, von denen sie immer ein
+paar in den Taschen ihrer Sch"urze bei sich hatte. In den
+Ruhepausen ihrer T"atigkeit verschlang da{\s} gute Fr"aulein
+selber schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte e{\s} von
+Liebschaften, Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen,
+die in einsamen Pavillonen ohnm"achtig, und von Postillionen, die
+an allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die
+man auf Seite f"ur Seite zuschanden ritt, von d"usteren W"aldern,
+Herzen{\s}k"ampfen, Schw"uren, Schluchzen, Tr"anen und K"ussen,
+von Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den B"uschen,
+von hohen Herren, die wie L"owen tapfer und sanft wie Bergschafe
+waren, dabei tugendsam bi{\s} in{\s} Wunderbare, immer k"ostlich
+gekleidet und ganz unbeschreiblich tr"anenselig. Ein halbe{\s}
+Jahr lang beschmutzte sich die f"unfzehnj"ahrige Emma ihre Finger
+mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter
+Scott in die H"ande, und nun berauschte sie sich an
+geschichtlichen Begebenheiten im Banne von Burgzinnen,
+Ritters"alen und Minnes"angern. Am liebsten h"atte sie in einem
+alten Herrensitze gelebt, geh"ullt in schlanke Gew"ander wie jene
+Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gest"utzt und
+da{\s} Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage
+vertr"aumten und in die Fernen der Landschaft hinau{\s}schauten,
+ob nicht ein Ritter{\s}mann mit wei"ser Helmzier dahergest"urmt
+k"ame auf einem schwarzen Ro"s. Damal{\s} trieb sie einen wahren
+Kult mit Maria Stuart; ihre Verehrung von ber"uhmten oder
+ungl"ucklichen Frauen ging bi{\s} zur Schw"armerei. Die Jungfrau
+von Orlean{\s}, Heloise, Agne{\s} Sorel, die sch"one Ferronni\`ere
+und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem
+grenzenlosen Dunkel ihrer Geschicht{\s}unkenntnisse. Fast ganz im
+Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in
+ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der
+sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwig{\s} de{\s}
+Elften, irgendeine Szene au{\s} der Bartholom"au{\s}nacht, der
+Helmbusch Heinrich{\s} de{\s} Vierten, dazu unau{\s}l"oschlich die
+Erinnerung an die gemalten Teller mit den Verherrlichungen
+Ludwig{\s} de{\s} Vierzehnten.
+
+In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
+Rede von Englein mit goldenen Fl"ugeln, von Madonnen, Lagunen und
+Gondolieren. Sie waren musikalisch nicht{\s} wert, aber so banal
+ihr Text und so reizlo{\s} ihre Melodien auch sein mochten: die
+Realit"aten de{\s} Leben{\s} hatten in ihnen den phantastischen
+Zauber der Sentimentalit"at. Etliche ihrer Kameradinnen
+schmuggelten lyrische Almanache in da{\s} Kloster ein, die sie
+al{\s} Neujahr{\s}geschenke bekommen hatten. Da"s man sie heimlich
+halten mu"ste, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal
+gelesen. Emma nahm die sch"onen Atla{\s}einb"ande nur behutsam in
+die Hand und lie"s sich von den Namen der unbekannten Autoren
+fa{\s}\/zinieren, die ihre Beitr"age zumeist al{\s} Grafen und
+Barone signiert hatten. Da{\s} Herz klopfte ihr, wenn sie da{\s}
+Seidenpapier von den Kupfern darin leise aufblie{\s}, bi{\s} e{\s}
+sich bauschte und langsam auf die andre Seite sank. Auf einem der
+Stiche sah man einen jungen Mann in einem M"antelchen, wie er
+hinter der Br"ustung eine{\s} Altan{\s} ein wei"s gekleidete{\s}
+junge{\s} M"adchen mit einer Tasche am G"urtel an sich dr"uckte;
+auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen
+englischen Lady{\s}, die unter runden Strohh"uten mit gro"sen
+hellen Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch
+den Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang,
+die von zwei kleinen Groom{\s} in wei"sen Hosen kutschiert wurden.
+Andre tr"aumten auf dem Sofa, ein offene{\s} Briefchen neben sich,
+und himmelten durch da{\s} halb offene, schwarz umh"angte Fenster
+den Mond an. Wieder andre, Unschuld{\s}kinder, krauten, eine
+Tr"ane auf der Wange, durch da{\s} Gitter eine{\s} gotischen
+K"afig{\s} ein Turtelt"aubchen oder zerzupften, den Kopf
+versch"amt geneigt, mit koketten Fingern, die wie
+Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine Marguerite.
+Alle{\s} m"ogliche andre zeigten die "ubrigen Stiche: Sultane mit
+langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in den Armen;
+Giaur{\s}, T"urkens"abel, phrygische M"utzen, nicht zu vergessen
+die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und Fichten,
+Tiger und L"owen friedlich beieinanderstehen, und Minarett{\s} am
+Horizonte und r"omische Ruinen im Vordergrunde eine Gruppe
+lagernder Kamele "uberragen, w"ahrend auf der einen Seite ein
+wohlgepflegte{\s} St"uck Urwald steht, auf der andern ein See,
+eine Riesensonne mit stechenden Strahlen dar"uber und auf seiner
+stahlblauen, hie und da wei"s aufsch"aumenden Flut, in die Ferne
+verstreut, gleitende Schw"ane~...
+
+Da{\s} matte Licht der Lampe, die zu Emma{\s} H"aupten an der Wand
+hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die ein{\s} nach
+dem andern an ihr vor"uberzogen, in de{\s} Schlafsaale{\s} Stille,
+in die kein Ger"ausch drang, h"ochsten{\s} da{\s} ferne Rollen
+eine{\s} sp"aten Fuhrwerk{\s}.
+
+Al{\s} ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
+lie"s sich eine Locke der Verstorbenen in einen Gla{\s}rahmen
+fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehm"utiger
+Betrachtungen "uber da{\s} Leben und bat ihn, man m"oge sie
+dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie
+sei krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung
+darin, da"s sie mit einem Male emporgehoben worden war in die
+hohen Regionen einer seltenen Gef"uhl{\s}welt, in die
+Alltag{\s}herzen niemal{\s} gelangen. Sie verlor sich in
+Lamartinischen R"uhrseligkeiten, h"orte Harfenkl"ange "uber den
+Weihern und Schwanenges"ange, die Klagen de{\s} fallenden
+Laube{\s}, die Himmelfahrten jungfr"aulicher Seelen und die Stimme
+de{\s} Ewigen, die in den Tiefen fl"ustert.
+
+Eine{\s} Tage{\s} jedoch ward ihr alle{\s} da{\s} langweilig, aber
+ohne sich{\s} einzugestehen, und so blieb sie dabei zun"achst
+au{\s} Gewohnheit, dann au{\s} Eitelkeit, und schlie"slich war sie
+"uberrascht, da"s sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und
+da"s ihr Herz ebensowenig schwerm"utig war wie ihre jugendliche
+Stirne runzelig.
+
+Die frommen Schwestern, die stark auf Emma{\s} heilige Mission
+gehofft hatten, bemerkten zu ihrem h"ochsten Befremden, da"s
+Fr"aulein Rouault ihrem Einflu"s zu entschl"upfen drohte. Man
+hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andacht{\s}lieder, Predigten
+und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch
+gro"se Verehrung die Heiligen und M"artyrer gen"ossen, und ihr zu
+vorz"ugliche Ratschl"age gegeben, wie man den Leib kasteie und die
+Seele der ewigen Seligkeit zuf"uhre; und so ging e{\s} mit ihr wie
+mit einem Pferd, da{\s} man zu straff an die Kandare genommen hat:
+sie blieb pl"otzlich stehen und machte nicht mehr mit.
+
+Bei aller Schw"armerei war sie doch eine Verstande{\s}natur; sie
+hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der
+Liedertexte und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung
+geliebt. Ihr Geist emp"orte sich gegen die Mysterien de{\s}
+Glauben{\s}, und noch mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die
+Klosterzucht auf, die ihrem tiefsten Wesen v"ollig zuwider war.
+Al{\s} ihr Vater sie au{\s} dem Kloster nahm, hatte man
+durchau{\s} nicht{\s} dagegen; die Oberin fand sogar, Emma habe
+e{\s} in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der Schwesternschaft
+recht fehlen lassen.
+
+Wieder zu Hause, gefiel sich da{\s} junge M"adchen zun"achst
+darin, da{\s} Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie de{\s}
+Landleben{\s} "uberdr"ussig, und nun sehnte sie sich nach dem
+Kloster zur"uck. Al{\s} Karl zum ersten Male da{\s} Gut betrat,
+war sie just "uberzeugt, da"s sie alle Illusionen verloren habe,
+da"s e{\s} nicht{\s} mehr auf der Welt g"abe, wa{\s} ihr Hirn oder
+Herz r"uhren k"onne. Dann aber waren da{\s} mit jedem neuen
+Zustande verbundene wirre Gef"uhl und die Unruhe, die sich ihrer
+diesem Manne gegen"uber bem"achtigte, stark genug, um in ihr den
+Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in
+ihr erstanden, die bi{\s}her nicht ander{\s} al{\s} wie ein
+Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit
+himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe,
+hatte sie keine Kraft zu glauben, da"s die Friedsamkeit, in der
+sie hinlebte, da{\s} ertr"aumte Gl"uck sei.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob da{\s} wirklich die
+sch"onsten Tage ihre{\s} Leben{\s} sein sollten: ihre
+Flitterwochen, wie man zu sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu sp"uren,
+h"atten sie wohl in jene L"ander mit klangvollen Namen reisen
+m"ussen, wo der Morgen nach der Hochzeit in s"u"sem Nicht{\s}tun
+verrinnt. Man f"ahrt gem"achlich in einer Postkutsche mit
+blauseidnen Vorh"angen die Gebirg{\s}stra"sen hinauf und lauscht
+dem Lied de{\s} Postillion{\s}, da{\s} in den Bergen zusammen mit
+den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen de{\s} Gie"sbach{\s}
+sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft
+der Limonen, und dann nacht{\s} steht man auf der Terrasse einer
+Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen H"anden,
+schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschl"osser. E{\s} kam
+ihr vor, al{\s} seien nur gewisse Erdenwinkel Heimst"atten de{\s}
+Gl"uck{\s}, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten
+gedeihen und nirgend{\s} ander{\s}. Warum war e{\s} ihr nicht
+beschieden, sich auf den Altan eine{\s} Schweizerh"au{\s}chen{\s}
+zu lehnen oder ihre Tr"ubsal in einem schottischen Landhause zu
+vergessen, an der Seite eine{\s} Gatten, der einen langen
+schwarzen Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und
+Manschettenhemden tr"uge?
+
+Alle diese Gr"ubeleien h"atte sie wohl irgendwem anvertrauen
+m"ogen. H"atte sie aber ihr namenlose{\s} Unbehagen, da{\s} sich
+aller Augenblicke neu formte wie leichte{\s} Gew"olk und da{\s}
+wie der Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, e{\s}
+fehlten ihr die Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl
+gewollt h"atte, wenn er eine Ahnung davon gehabt h"atte, wenn sein
+Blick nur ein einzige{\s}mal ihren Gedanken begegnet w"are, dann
+h"atte sich alle{\s} da{\s}, so meinte sie, sofort von ihrem
+Herzen lo{\s}gel"ost wie eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine
+Hand daran r"uhrt. So aber ward die innere Entfremdung, die sie
+gegen ihren Mann empfand, immer gr"o"ser, je intimer ihr
+eheliche{\s} Leben wurde.
+
+Karl{\s} Art zu sprechen war platt wie da{\s} Trottoir auf der
+Stra"se: Allerwelt{\s}gedanken und Allt"aglichkeiten, die
+niemanden r"uhrten, "uber die kein Mensch lachte, die nie einen
+Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er,
+h"atte er niemal{\s} den Drang versp"urt, ein Pariser Gastspiel im
+Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch fechten; er war
+auch kein Pistolensch"utze, und gelegentlich kam e{\s} zutage,
+da"s er Emma einen Au{\s}druck de{\s} Reitsport{\s} nicht
+erkl"aren konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Mu"s ein
+Mann nicht vielmehr alle{\s} kennen, auf allen Gebieten bewandert
+sein und seine Frau in die gro"sen Leidenschaften de{\s}
+Leben{\s}, in seine erlesensten Gen"usse und in alle Geheimnisse
+einweihen? Der ihre aber lehrte sie nicht{\s}, verstand von
+nicht{\s} und erstrebte nicht{\s}. Er glaubte, sie sei gl"ucklich,
+inde{\s} sie sich "uber seine satte Tr"agheit emp"orte, seinen
+zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst "uber die Wonnen, die sie ihm
+gew"ahrte.
+
+Manchmal zeichnete sie. E{\s} belustigte ihn ungemein,
+dabeizustehen und zuzusehn, wie sie sich "uber da{\s} Blatt beugte
+oder wie sie die Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete
+oder wie sie mit den Fingern Brotk"ugelchen drehte, die sie zum
+Verwischen brauchte. Wenn sie am Klavier sa"s, war sein Ent\/z"ucken
+um so gr"o"ser, je geschwinder ihre H"ande "uber die Tasten
+sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum und
+machte ein H"ollenkonzert. Da{\s} alte Instrument dr"ohnte und
+wackelte, und wenn da{\s} Fenster offen stand, h"orte man da{\s}
+Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im blo"sen Kopfe
+und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, "uber die Stra"se humpelte,
+blieb stehen und lauschte.
+
+Dabei war Emma eine vorz"ugliche Hau{\s}frau. Sie schickte die
+Liquidationen an die Patienten au{\s} und zwar in h"oflichster
+Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie
+Sonntag{\s} irgendwen au{\s} der Nachbarschaft zu Gaste hatten,
+wu"ste sie e{\s} immer einzurichten, da"s etwa{\s} Besondere{\s}
+auf den Tisch kam. Sie schichtete auf Weinbl"attern Pyramiden von
+Reineclauden auf und verstand, die eingezuckerten Fr"uchte so
+au{\s} ihren B"uchsen zu st"urzen, da"s sie noch in der Form
+serviert wurden. Demn"achst sollten auch kleine Waschschalen f"ur
+den Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie da{\s}
+"offentliche Ansehen ihre{\s} Manne{\s}. Schlie"slich fing er
+selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er
+solch eine Frau besa"s. Mit Stolz zeigte er zwei kleine
+Bleistift\/zeichnungen Emma{\s}, die er in ziemlich breite Rahmen
+hatte fassen lassen und in der Gro"sen Stube an langen gr"unen
+Schnuren an den W"anden aufgeh"angt hatte. Wenn die Kirche zu Ende
+war, sah man Herrn Bovary in sch"ongestickten Hau{\s}schuhen vor
+der Hau{\s}t"ure stehen.
+
+Er kam sp"at heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann a"s
+er noch zu Abend, und da da{\s} Dienstm"adchen bereit{\s} Schlafen
+gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock
+au{\s}zuziehen und sich{\s} zum Essen bequem zu machen. Kauend
+z"ahlte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tag{\s}"uber
+begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und
+wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit
+sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bi{\s} auf den letzten
+Rest, schabte sich den K"ase sauber, schmauste einen Apfel und
+trank die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich auf{\s}
+Ohr legte und zu schnarchen begann. Wenn er fr"uhmorgen{\s}
+aufmachte, hing ihm da{\s} Haar wirr "uber die Stirn.
+
+Er trug stet{\s} derbe hohe Stiefel, die in der Kn"ochelgegend
+zwei Falten hatten; in den Sch"aften waren sie steif und
+geradlinig, al{\s} ob ein Holzbein drinnen st"ake. Er pflegte zu
+sagen: "`Die sind hier auf dem Lande gut genug!"'
+
+Seine Mutter best"arkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
+sie zu Besuch, wenn e{\s} bei ihr zu Hause kleine Mi"slichkeiten
+gegeben hatte. Allerding{\s} hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
+Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr "`f"ur ihre
+Verh"altnisse ein bi"schen zu gro"sartig."' Mit Holz, Licht und
+dergleichen werde "`wie in einem herrschaftlichen Hause
+gew"ustet."' Und mit den Kohlen, die in der K"uche verbraucht
+w"urden, k"onne man zwei Dutzend G"ange kochen! Sie ordnete ihr
+den W"ascheschrank und hielt Vortr"age, wie man dem Fleischer auf
+die Finger zu sehen habe, wenn er da{\s} Fleisch brachte. Emma
+nahm diese guten Lehren hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie
+immer wieder von neuem. Die von beiden Seiten in einem fort
+gewechselten Anreden "`Liebe Tochter"' und "`Liebe Mutter!"'
+standen in Widerspruch zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide
+Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor Groll zitternder Stimme.
+
+Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in
+den Hintergrund gedr"angt gef"uhlt, jetzt aber kam ihr Karl{\s}
+Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe,
+wie ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf da{\s} Gl"uck
+ihre{\s} Sohne{\s} mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut
+Gekommener auf den neuen Besitzer{\s} eine{\s} ehemaligen
+Hause{\s} blickt. Sie mahnte ihn durch Erinnerungen daran, wie sie
+sich einst f"ur ihn gesorgt und abgem"uht und ihm Opfer gebracht
+hatte. Im Vergleiche damit leiste Emma viel weniger f"ur ihn, und
+darum w"are seine au{\s}schlie"sliche Anbetung durchau{\s} nicht
+gerechtfertigt.
+
+Karl wu"ste nicht, wa{\s} er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
+Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art "uber alle Ma"sen.
+Wa{\s} die eine sagte, galt ihm f"ur unfehlbar; gleichwohl fand er
+an der andern nicht{\s} au{\s}zusetzen. Wenn Frau Bovary wieder
+abgereist war, machte er sch"uchterne Versuche, die oder jene
+ihrer Bemerkungen w"ortlich zu wiederholen. Emma bewie{\s} ihm
+dann mit wenigen Worten, da"s er im Irrtum sei, und meinte, er
+solle sich lieber seinen Patienten widmen.
+
+Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
+Liebe{\s}stimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
+Mondenschein zusammen im Garten sa"sen, sagte sie verliebte Verse
+her, soviel sie nur au{\s}wendig wu"ste, oder sie sang eine
+schwerm"utige gef"uhlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich
+selber nicht aufgeregter al{\s} vorher vor, und auch Karl war
+offenbar weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.
+
+Da{\s} waren vergebliche Versuche, eine gro"se Leidenschaft zu
+entfachen. Im "ubrigen war Emma unf"ahig, etwa{\s} zu verstehen,
+wa{\s} sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwa{\s} zu
+glauben, wa{\s} nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich
+ohne weitere{\s} ein, Karl{\s} Liebe sei nicht mehr "uberm"a"sig
+stark. In der Tat gewannen seine Z"artlichkeiten eine gewisse
+Regelm"a"sigkeit. Er schlo"s seine Frau zu ganz bestimmten Stunden
+in seine Arme. E{\s} ward da{\s} eine Gewohnheit wie alle andern,
+gleichsam der Nachtisch, der kommen mu"s, weil er auf der
+Men"ukarte steht.
+
+Ein Waldw"arter, den der Herr Doktor von einer Lungenent\/z"undung
+geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junge{\s}
+italienische{\s} Windspiel. Sie nahm e{\s} mit auf ihre
+Spazierg"ange. Mitunter ging sie n"amlich au{\s}, um einmal eine
+Weile f"ur sich allein zu sein und nicht in einem fort blo"s den
+Garten und die staubige Landstra"se vor Augen zu haben.
+
+Sie wanderte meist bi{\s} zum Buchenw"aldchen von Banneville,
+bi{\s} zu dem leeren Lusth"au{\s}chen, da{\s} an der Ecke der
+Parkmauer steht, wo die Felder beginnen. Dort wuch{\s} in einem
+Graben zwischen gew"ohnlichen Gr"asern hohe{\s} Schilf mit langen
+scharfen Bl"attern. Jede{\s}mal, wenn sie dahin kam, sah sie
+zuerst nach, ob sich seit ihrem letzten Hiersein etwa{\s}
+ver"andert habe. E{\s} war immer alle{\s} so, wie sie e{\s}
+verlassen hatte. Alle{\s} stand noch auf seinem Platze: die
+Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln, die in
+B"uscheln die gro"sen Kieselsteine umwucherten, und die
+Moo{\s}fl"achen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer
+geschlossenen morschen Holzl"aden und rostigen Eisenbeschl"agen.
+Nun schweiften Emma{\s} Gedanken in{\s} Ziellose ab, wie die
+Spr"unge ihre{\s} Windspiel{\s}, da{\s} sich in gro"sen
+Krei{\s}linien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankl"affte,
+Feldm"ausen nachstellte und die Mohnblumen am Raine de{\s}
+Kornfelde{\s} anknabberte. Allm"ahlich gerieten ihre Gr"ubeleien
+in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase sa"s
+und e{\s} mit der Stockspitze ihre{\s} Sonnenschirme{\s} ein wenig
+aufw"uhlte, sagte sie sich immer wieder: "`Mein Gott, warum habe
+ich eigentlich geheiratet?"'
+
+Sie legte sich die Frage vor, ob e{\s} nicht m"oglich gewesen
+w"are durch irgendwelche andre F"ugung de{\s} Schicksal{\s}, da"s
+sie einen andern Mann h"atte finden k"onnen. Sie versuchte sich
+vorzustellen, wa{\s} f"ur ungeschehene Ereignisse dazu geh"ort
+h"atten, wie diese{\s} andre Leben geworden w"are und wie der
+ungefundne Gatte au{\s}gesehen h"atte. In keinem Falle so wie
+Karl! Er h"atte elegant, klug, vornehm, verf"uhrerisch au{\s}sehen
+m"ussen; so wie zweifello{\s} die M"anner, die ihre ehemaligen
+Klosterfreundinnen alle geheiratet hatten ... Wie e{\s} denen wohl
+jetzt erging? In der Stadt, im Get"ummel de{\s} Stra"senleben{\s},
+im Stimmengewirr der Theater, im Lichtmeere der B"alle, da lebten
+sie sich au{\s} und lie"sen die Herzen und Sinne nicht verdorren.
+Sie jedoch, sie verk"ummerte wie in einem Ei{\s}keller, und die
+Langeweile spann wie eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen
+Winkeln ihre{\s} sonnelosen Herzen{\s}.
+
+Die Tage der Prei{\s}verteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie
+sah sich auf da{\s} Podium steigen, wo sie ihre kleinen
+Au{\s}zeichnungen au{\s}geh"andigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem
+wei"sen Kleid und ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst
+au{\s}gesehen, und wenn sie zu ihrem Platze zur"uckging, hatten
+ihr die anwesenden Herren galant zugenickt. Der Klosterhof war
+voller Kutschen gewesen, und durch den Wagenschlag hatte man ihr
+"`Auf Wiedersehn!"' zugerufen. Und der Musiklehrer, den
+Violinkasten in der Hand, hatte im Vor"ubergehen den Hut vor ihr
+gezogen ... Wie weit zur"uck war da{\s} alle{\s}! Ach, wie so
+weit!
+
+Sie rief Djali, nahm ihn auf den Scho"s und streichelte seinen
+schmalen feinlinigen Kopf.
+
+"`Komm!"' fl"usterte sie. "`Gib Frauchen einen Ku"s! Du, du hast
+keinen Kummer!"'
+
+Dabei betrachtete sie da{\s} ihr wie wehm"utig au{\s}sehende
+Gesicht de{\s} schlanken Tiere{\s}. E{\s} g"ahnte behaglich. Aber
+sie bildete sich ein, da{\s} Tier habe auch einen Kummer. Die
+R"uhrung "uberkam sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu
+sprechen, genau so wie zu jemandem, den man in seiner
+Betr"ubni{\s} tr"osten will.
+
+Zuweilen blie{\s} ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und
+m"achtig "uber da{\s} ganze Hochland von Caux strich und weit in
+die Lande hinein salzige Frische trug. Da{\s} Schilf bog sich
+pfeifend zu Boden, fliehende Schauer raschelten durch da{\s}
+Bl"atterwerk der Buchen, w"ahrend sich die Wipfel rastlo{\s}
+wiegten und in einem fort laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester
+um die Schultern und erhob sich.
+
+In der Allee, "uber dem teppichartigen Moo{\s}, da{\s} unter
+Emma{\s} Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den
+gr"unen Reflexen de{\s} Laubdache{\s}. Da{\s} Tage{\s}gestirn war
+im Versinken; der rote Himmel flammte hinter den braunen St"ammen,
+die in Reih und Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck
+eine{\s} S"aulengange{\s} an einer goldnen Wand entlang erzeugten.
+
+Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich,
+auf die Landstra"se und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
+Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.
+
+Da, gegen Ende de{\s} September{\s}, geschah etwa{\s} ganz
+Besondere{\s} in ihrem Leben. Bovary{\s} bekamen eine Einladung
+nach Vaubyessard, zu dem Marqui{\s} von Andervillier{\s}. Der
+Marqui{\s}, der unter der Restauration Staatssekret"ar gewesen
+war, wollte von neuem eine politische Rolle spielen. Seit langem
+bereitete er seine Wahl in da{\s} Abgeordnetenhau{\s} vor. Im
+Winter lie"s er gro"se Mengen Holz verteilen, und im
+Bezirk{\s}au{\s}schu"s trat er immer wieder mit dem h"ochsten
+Eifer f"ur neue Stra"senbauten im Bezirk ein. W"ahrend de{\s}
+letzten Hochsommer{\s} hatte er ein Geschw"ur im Munde bekommen,
+von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich
+befreit hatte. Der Privatsekret"ar de{\s} Marqui{\s} war bald
+darauf nach Toste{\s} gekommen, um da{\s} Honorar f"ur die
+Operation zu bezahlen, und hatte abend{\s} nach seiner R"uckkehr
+erz"ahlt, da"s er in dem kleinen Garten de{\s} Arzte{\s} herrliche
+Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschb"aume in
+Vaubyessard schlecht. Der Marqui{\s} erbat sich von Bovary einige
+Ableger und hielt e{\s} daraufhin f"ur seine Pflicht, sich
+pers"onlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand
+ihre Figur ent\/z"uckend und die Art, wie sie ihn empfing,
+durchau{\s} nicht b"auerisch. Und so kam man im Schlosse zu der
+Ansicht, e{\s} sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht,
+wenn man da{\s} junge Ehepaar einmal einl"ude.
+
+An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
+Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterr"uck{\s} war ein
+gro"ser Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine
+Hutschachtel. Au"serdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen
+den Beinen.
+
+Bei Anbruch der Nacht, gerade al{\s} man im Schlo"spark die
+Laternen am Einfahrt{\s}wege anz"undete, kamen sie an.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Vor dem Schlo"s, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
+vorspringenden Fl"ugeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
+ungeheure Rasenfl"ache mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen
+denen etliche K"uhe weideten. Ein Kie{\s}weg lief in Windungen
+hindurch, beschattet von allerlei Geb"usch in verschiedenem Gr"un,
+Rhododendren, Flieder- und Schneeballstr"auchern. Unter einer
+Br"ucke flo"s ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel,
+erkannte man ein paar H"auser mit Strohd"achern. Die gro"se Wiese
+ward durch l"angliche kleine H"ugel begrenzt, die bewaldet waren.
+Versteckt hinter diesem Geh"olz lagen in zwei gleichlaufenden
+Reihen die Wirtschaft{\s}geb"aude und Wagenschuppen, die noch vom
+ehemaligen Schlo"sbau herr"uhrten.
+
+Karl{\s} W"aglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
+erschien. Der Marqui{\s} kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm
+und geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
+Ger"ausch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
+Kirche. Dem Eingange gegen"uber stieg geradeau{\s} eine breite
+Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem
+Garten hinau{\s}, die zum Billardzimmer f"uhrte; schon von weitem
+vernahm man da{\s} Karambolieren der elfenbeinernen B"alle. Durch
+da{\s} Billardzimmer kam man in den Empfang{\s}saal. Beim
+Hindurchgehen sah Emma Herren in w"urdevoller Haltung beim Spiel,
+da{\s} Kinn vergraben in den Krawatten, alle mit
+Orden{\s}b"andchen. Schweigsam l"achelnd handhabten sie die
+Queue{\s}.
+
+Auf dem d"usteren Holzget"afel der W"ande hingen gro"se Bilder in
+schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine
+lautete:
+
+\begin{center}
+\begin{tabular}{|c|}
+\hline
+Han{\s} Anton von Andervillier{\s} zu Yverbonville, \\
+Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fre{\s}naye, \\
+gefallen in der Schlacht von Coutra{\s} \\
+am 20. Oktober 1587. \\
+\hline
+\end{tabular}
+\end{center}
+
+Eine andre:
+
+\begin{center}
+\begin{tabular}{|c|}
+\hline
+Han{\s} Anton Heinrich Guy, Graf von Andervillier{\s} \\
+und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, \\
+Ritter de{\s} Sankt-Michel-Orden{\s}, \\
+verwundet bei Saint Vaast de la Hougue \\
+am 29. Mai 1692, \\
+gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 \\
+\hline
+\end{tabular}
+\end{center}
+
+Die "ubrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich da{\s}
+Licht der Lampen auf da{\s} gr"une Tuch de{\s} Billard{\s}
+konzentrierte und da{\s} Zimmer im Dunkeln lie"s. Nur ein
+schwacher Schein hellte die Gem"aldefl"achen auf, deren
+spr"ungiger Firni{\s} mit diesem feinen Schimmer spielte. Und so
+traten au{\s} allen den gro"sen schwarzen goldumflossenen
+Vierecken Partien der Malerei deutlicher und heller hervor, hier
+eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort eine gepuderte
+Allongeper"ucke "uber der Schulter eine{\s} roten Rocke{\s} und
+ander{\s}wo die Schnalle eine{\s} Kniebande{\s} "uber einer
+strammen Wade.
+
+Der Marqui{\s} "offnete die T"ur zum Salon. Eine der Damen --
+e{\s} war die Schlo"sherrin selbst -- erhob sich, ging Emma
+entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und
+begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz al{\s} ob sie
+eine alte Bekannte vor sich h"atte. Die Marquise war etwa
+Vierzigerin; sie hatte h"ubsche Schultern, eine Adlernase und eine
+etwa{\s} schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie
+"uber ihrem kastanienbraunen Haar ein einfache{\s} Spitzentuch,
+da{\s} ihr dreieckig in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem
+hochlehnigen Stuhle, sa"s eine junge Blondine. Ein paar Herren,
+kleine Blumen an den R"ocken, waren im Gespr"ache mit den Damen.
+Alle sa"sen sie um den Kamin herum.
+
+Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der "Uberzahl
+da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die
+Damen, der Marqui{\s} und die Marquise an der andern im E"szimmer.
+Al{\s} Emma eintrat, drang ihr ein warme{\s} Gemisch von D"uften
+und Ger"uchen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und
+Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen lieb"augelten mit
+dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gl"asern und Schalen
+tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine
+Reihe von Blumenstr"au"sen. Au{\s} den Falten der Servietten, die
+in der Form von Bischof{\s}m"utzen "uber den breitrandigen Tellern
+lagen, lugten ovale Br"otchen. Hummern, die auf den gro"sen
+Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In
+durchbrochenen K"orbchen waren riesige Fr"uchte aufget"urmt.
+Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend aufgetragen. Der
+Hau{\s}hofmeister, in seidnen Str"umpfen, Kniehosen und wei"ser
+Krawatte, reichte mit Grandezza und gro"sem Geschick die
+Sch"usseln. Auf all die{\s} gesellschaftliche Treiben sah
+regung{\s}lo{\s} die bi{\s} zum Kinn verh"ullte G"ottin herab, die
+auf dem m"achtigen, bronzegeschm"uckten Porzellanofen thronte.
+
+Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, sa"s, "uber
+seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
+Serviette nach Kinderart um den Hal{\s} gekn"upft hatte. Die Sauce
+tropfte ihm au{\s} dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er
+trug noch einen Zopf, um den ein schwarze{\s} Band geschlungen
+war. Da{\s} war der Schwiegervater de{\s} Marqui{\s}, der alte
+Herzog von Laverdi\`ere. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der
+Jagdfeste in Vaudreuil beim Marqui{\s} von Conflan{\s}) war er ein
+Busenfreund de{\s} Grafen Artoi{\s}. Auch munkelte man, er w"are
+der Geliebte der K"onigin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger
+de{\s} Herrn von Coigny und der Vorg"anger de{\s} Herzog{\s} von
+Lauzun. Er hatte ein w"uste{\s} Leben hinter sich, voller
+Zweik"ampfe, toller Wetten und Frauengeschichten. Ob seiner
+Verschwendung{\s}sucht war er ehedem der Schrecken seiner Familie.
+Jetzt stand ein Diener hinter seinem Stuhle, der ihm in{\s} Ohr
+br"ullen mu"ste, wa{\s} e{\s} f"ur Gerichte zu essen gab.
+
+Emma{\s} Blicke kehrten immer wieder unwillk"urlich zu diesem
+alten Manne mit den h"angenden Lippen zur"uck, al{\s} ob er
+etwa{\s} ganz Besondere{\s} und Gro"sartige{\s} sei: war er doch
+ein Favorit de{\s} K"onig{\s}hofe{\s} gewesen und hatte im Bette
+einer K"onigin geschlafen!
+
+E{\s} wurde frappierter Sekt gereicht. Emma "uberlief e{\s} am
+ganzen K"orper, al{\s} sie da{\s} eisige Getr"ank im Munde
+sp"urte. Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granat"apfel und a"s
+sie Anana{\s}. Selbst der gesto"sene Zucker, den e{\s} dazu gab,
+kam ihr wei"ser und feiner vor denn ander{\s}wo.
+
+Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zur"uck, um sich
+zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
+Gr"undlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Deb"ut. Ihr Haar
+ordnete sie nach den Ratschl"agen de{\s} Coiffeur{\s}. Dann
+schl"upfte sie in ihr Barege-Kleid, da{\s} auf dem Bett
+au{\s}gebreitet bereitlag.
+
+Karl f"uhlte sich in seiner Sonntag{\s}hose am Bauche beengt.
+
+"`Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen st"oren!"' meinte
+er.
+
+"`Du willst tanzen?"' entgegnete ihm Emma.
+
+"`Na ja!"'
+
+"`Du bist nicht recht gescheit! Man w"urde dich blo"s au{\s}lachen.
+Bleib du nur ruhig sitzen! "Ubrigen{\s} schickt sich da{\s} viel
+besser f"ur einen Arzt"', f"ugte sie hinzu.
+
+Karl schwieg. Er lief mit gro"sen Schritten im Zimmer hin und her
+und wartete, bi{\s} Emma fertig w"are. Er sah sie "uber ihren
+R"ucken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre
+schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar
+war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; e{\s} schimmerte in
+einem bl"aulichen Glanze, und "uber ihnen zitterte eine bewegliche
+Rose, mit k"unstlichen Tauperlen in den Bl"attern. Ihr
+mattgelbe{\s} Kleid ward durch drei Str"au"schen von Moo{\s}rosen
+mit Gr"un darum belebt.
+
+Karl k"u"ste sie von hinten auf die Schulter.
+
+"`La"s mich!"' wehrte sie ab. "`Du zerkn"ullst mir alle{\s}!"'
+
+Violinen- und Waldhornkl"ange drangen herauf. Emma stieg die
+Treppe hinunter, am liebsten w"are sie gerannt.
+
+Die Quadrille hatte bereit{\s} begonnen. Der Saal war gedr"angt
+voller Menschen, und immer noch kamen G"aste. Emma setzte sich
+unweit der T"ur auf einen Diwan.
+
+Al{\s} der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur
+Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die gro"se
+Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die
+bemalten F"acher auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
+H"alfte die lachenden Gesichter, und die goldnen St"opsel der
+Riechfl"aschchen funkelten hin und her in den wei"sen Handschuhen,
+an denen die Konturen der Fingern"agel ihrer Tr"agerinnen
+hervortraten, w"ahrend da{\s} eingepre"ste Fleisch nur in den
+Handfl"achen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die
+Armb"ander mit Anh"angseln wogten an den Miedern, glitzerten an
+den Br"usten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen
+im Haar, da{\s} durchweg glatt und im Nacken geknotet war,
+Vergi"smeinnicht, Ja{\s}min, Granatbl"uten, "Ahren und Kornblumen
+in Kr"anzen, Str"au"sen oder Ranken. Bequem in ihren St"uhlen
+lehnten die M"utter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten
+Turbanen.
+
+Da{\s} Herz klopfte Emma ein wenig, al{\s} der erste T"anzer sie
+an den Fingerspitzen fa"ste und in die Reihe der anderen f"uhrte.
+Beim ersten Geigenton tanzten sie lo{\s}. Bald jedoch legte sich
+ihre Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und
+mit einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei
+besonder{\s} z"artlichen Passagen de{\s} Violinsolo{\s} flog ein
+s"u"se{\s} L"acheln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente
+schwiegen, h"orte man im Tanzsaal da{\s} helle Klimpern der
+Goldst"ucke auf den Spieltischen nebenan, bi{\s} da{\s} Orchester
+mit einem Male wieder voll einsetzte. Dann ging{\s} im
+wiedergewonnenen Takte weiter; die R"ocke der T"anzerinnen
+bauschten sich und streiften einander, H"ande suchten und mieden
+sich, und dieselben Blicke, die eben sch"uchtern gesenkt waren,
+fanden ihr Ziel.
+
+Unter den tanzenden oder plaudernd an den T"uren stehenden Herren
+stachen etliche, etwa zw"olf bi{\s} f"unfzehn, bei allem
+Alter{\s}- und sonstigem Unterschied durch einen gewissen
+gemeinsamen Typ von den andern ab. Ihre Kleider waren von
+eleganterem Schnitte und au{\s} feinerem Stoff. Ihr nach den
+Schl"afen zu gewellte{\s} Haar verriet die beste Pflege. Sie
+hatten den Teint de{\s} Grandseigneur{\s}, jene wei"se Hautfarbe,
+die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, schillernder Seide und
+feinpolierten M"obeln erscheint und durch sorgf"altige und
+raffinierte Ern"ahrung erhalten wird. Ihre Bewegungen waren
+ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten Taschent"uchern
+entstr"omte leise{\s} Parf"um. Den "alteren unter diesen Herren
+haftete Jugendlichkeit an, w"ahrend den Gesichtern der j"ungeren
+eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichg"ultigen Blicken
+spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und
+hinter ihren glatten Manieren schlummerte da{\s} brutale eitle
+Herrentum, da{\s} sich im Umgange mit Rassepferden und leichten
+Damen entwickelt und kr"aftigt.
+
+Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in
+blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschm"uckten Dame
+"uber Italien. Sie schw"armten von der Kuppel de{\s} Sankt Peter,
+von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
+Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem
+andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend
+Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
+vergangnen Woche in England Mi"s Arabella und Romulu{\s}
+"`geschlagen"' und durch einen "`famosen Grabensprung"'
+vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich,
+seine "`Rennschinder"' seien "`nicht im Training"', und ein
+dritter jammerte "uber einen Druckfehler in der "`Sportwelt"', der
+den Namen eine{\s} seiner "`Vollbl"uter"' verballhornt habe.
+
+Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten
+fahler. Man dr"angte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf
+einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu "offnen, zerbrach
+au{\s} Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Da{\s} Klirren der
+Gla{\s}scherben veranla"ste Frau Bovary hinzublicken, und da
+gewahrte sie von drau"sen herein gaffende Bauerngesichter. Die
+Erinnerung an da{\s} elterliche Gut "uberkam sie. Im Geiste sah
+sie den Hof mit dem Misthaufen, ihren Vater in Hemd{\s}"armeln
+unter den Apfelb"aumen und sich selber ganz wie einst, wie sie in
+der Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Sch"usseln
+abrahmte. Aber im Strahlenglanz der gegenw"artigen Stunde starb
+die eben noch so klare Erinnerung an ihr fr"uhere{\s} Leben
+schnell wieder; e{\s} je gelebt zu haben, kam ihr fast unm"oglich
+vor. Hier, hier lebte sie, und wa{\s} "uber diesen Ballsaal
+hinau{\s} existieren mochte, da{\s} lag f"ur sie im tiefsten
+Dunkel~...
+
+Sie schl"urfte von dem Mara{\s}chino-Ei{\s}, da{\s} sie in einer
+vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen
+halb schlo"s und den goldnen L"offel lange zwischen den Z"ahnen
+behielt. Neben ihr lie"s eine Dame ihren F"acher zu Boden gleiten.
+Ein T"anzer ging vor"uber.
+
+"`Sie w"aren sehr g"utig, mein Herr,"' sagte die Dame, "`wenn Sie
+mir meinen F"acher aufheben wollten. Er ist unter diese{\s} Sofa
+gefallen."'
+
+Der Herr b"uckte sich, und w"ahrend er mit dem Arm nach dem
+F"acher langte, bemerkte Emma, da"s ihm die Dame etwa{\s}
+wei"se{\s}, dreieckig Zusammengefaltete{\s} in den Hut warf. Er
+"uberreichte ihr den aufgehobenen F"acher ehrerbietig. Sie dankte
+mit einem leichten Neigen de{\s} Kopfe{\s} und barg schnell ihr
+Gesicht in den Blumen ihre{\s} Strau"se{\s}.
+
+Nach dem Souper, bei dem e{\s} verschiedene Sorten von S"ud- und
+Rheinweinen gab, Kreb{\s}suppe, Mandelmilch, Pudding \`a la
+Trafalgar und allerlei kalte{\s} Fleisch, mit zitterndem Gelee
+garniert, begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und
+wegzufahren. Wer einen der Musselinvorh"ange am Fenster ein wenig
+beiseiteschob, konnte die Laternenlichter in die Nacht
+hinau{\s}ziehen sehen. E{\s} sa"sen immer weniger T"anzer im
+Saale. Nur im Spielzimmer war noch Leben. Die Musikanten leckten
+sich die hei"sen Finger ab. Karl stand gegen eine T"ur gelehnt,
+dem Einschlafen nahe.
+
+Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
+Aber alle Welt, sogar Fr"aulein von Andervillier{\s} und die
+Marquise tanzten. E{\s} waren nur noch die im Schlosse zur Nacht
+bleibenden G"aste da, etwa ein Dutzend Personen.
+
+Da geschah e{\s}, da"s einer der T"anzer, den man schlechtweg
+"`Vicomte"' nannte -- die weitau{\s}geschnittene Weste sa"s ihm
+wie angegossen -- Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte
+e{\s} nicht. Der Vicomte bat abermal{\s}, indem er versicherte, er
+w"urde sie sicher f"uhren und e{\s} w"urde vortrefflich gehen.
+
+Sie begannen langsam, um allm"ahlich rascher zu tanzen.
+Schlie"slich wirbelten sie dahin. Alle{\s} drehte sich rund um
+sie: die Lichter, die M"obel, die W"ande, der Parkettboden, al{\s}
+ob sie in der Mitte eine{\s} Kreisel{\s} w"aren. Einmal, al{\s}
+da{\s} Paar dicht an einer der T"uren vorbeitanzte, wickelte sich
+Emma{\s} Schleppe um da{\s} Bein ihre{\s} T"anzer{\s}. Sie
+f"uhlten sich beide und blickten sich einander in die Augen. Ein
+Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber e{\s} ging
+weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin, bi{\s}
+an da{\s} Ende der Galerie, wo Emma, v"ollig au"ser Atem, beinahe
+umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte.
+Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an
+ihren Platz zur"uck. E{\s} schwindelte ihr; sie mu"ste den R"ucken
+anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken.
+
+Al{\s} sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, da"s in der Mitte
+de{\s} Saale{\s} eine der Damen auf einem Taburett sa"s, w"ahrend
+drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war
+der Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
+
+Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. E{\s} tanzte einmal und
+noch einmal herum: sie regung{\s}lo{\s} in den Linien ihre{\s}
+K"orper{\s}, da{\s} Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der
+n"amlichen Haltung, kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den
+Blick geradeau{\s} gerichtet. Da{\s} waren Walzert"anzer! Sie
+fanden kein Ende. Eher erm"udeten die Zuschauer.
+
+Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
+man sich "`Gute Nacht"' oder vielmehr "`Guten Morgen"', und alle{\s}
+ging schlafen.
+
+Karl schleppte sich am Treppengel"ander hinauf. Er hatte sich
+"`die Beine in den Bauch gestanden."' Ohne sich zu setzen, hatte
+er sich f"unf Stunden hintereinander bei den Spieltischen
+aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwa{\s} von
+diesem Spiel zu verstehen. Und so stie"s er einen m"achtigen
+Seufzer der Erleichterung au{\s}, al{\s} er sich endlich seiner
+Stiefel entledigt hatte.
+
+Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, "offnete da{\s} Fenster
+und lehnte sich hinau{\s}. Die Nacht war schwarz. Feiner
+Spr"uhregen fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die
+Augenlider k"uhlte. Walzerkl"ange summten ihr noch in den Ohren.
+Emma hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten
+M"archenglanz, ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu
+besitzen~...
+
+Der Morgen d"ammerte. Sie schaute hin"uber nach den Fensterreihen
+de{\s} Mittelbaue{\s}, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo
+die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend
+beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwa{\s} von ihrem
+Leben zu wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin
+aufzugehen.
+
+Schlie"slich begann sie zu fr"osteln. Sie entkleidete sich und
+schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihre{\s} schlafenden
+Gatten.
+
+Zum Fr"uhst"uck erschienen eine Menge Menschen. E{\s} dauerte zehn
+Minuten. E{\s} gab keinen Kognak, wa{\s} dem Arzt wenig behagte.
+
+Beim Aufstehen sammelte Fr"aulein von Andervillier{\s} die
+angebrochenen Br"otchen in einen kleinen Korb, um sie den
+Schw"anen auf dem Schlo"steiche zu bringen. Nach der F"utterung
+begab man sich in da{\s} Gew"ach{\s}hau{\s}, mit seinen seltsamen
+Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser
+f"uhrte ein Au{\s}gang in den Wirtschaft{\s}hof.
+
+Um der jungen Arztfrau ein Vergn"ugen zu bereiten, zeigte ihr der
+Marqui{\s} die St"alle. "Uber den korbartigen Raufen waren
+Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben
+die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen
+stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere.
+Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst
+wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte de{\s}
+Raume{\s} auf drehbaren B"ocken, w"ahrend die Kandaren, Trensen,
+Kinnketten, Steigb"ugel, Z"ugel und Peitschen wohlgeordnet zu
+Reihen an den W"anden hingen.
+
+Karl bat einen Stallburschen, sein Gef"ahrt zurechtzumachen.
+Sodann fuhr er vor. Da{\s} ganze Gep"ack ward aufgepackt. Da{\s}
+Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marqui{\s}
+und der Marquise. Und heim ging e{\s} nach Toste{\s}.
+
+Schweigsam sah Emma dem Drehen der R"ader zu. Karl sa"s auf dem
+"au"sersten Ende de{\s} Sitze{\s} und kutschierte mit abstehenden
+Ellbogen. Da{\s} kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner
+Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Z"ugel tanzten auf
+der Kruppe de{\s} Gaule{\s}. Gischt flatterte. Der Koffer, der
+hinten angeschnallt war, sa"s nicht recht fest und polterte in
+einem fort im Takte an den Wagenkasten.
+
+Auf der H"ohe von Thibourville wurden sie pl"otzlich von ein paar
+Reitern "uberholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma
+glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
+vermochte nicht{\s} zu erkennen al{\s} die Konturen der Reiter,
+die sich vom Himmel abhoben und sich im Rhythmu{\s} de{\s}
+Trabe{\s} auf und nieder bewegten.
+
+Wenige Minuten sp"ater mu"sten sie Halt machen, um die zerrissene
+Hemmkette mit einem Strick fest\/zubinden. Al{\s} Karl da{\s} ganze
+Geschirr noch einmal "uberblickte, gewahrte er zwischen den Beinen
+seine{\s} Pferde{\s} einen Gegenstand liegen. Er hob eine
+Zigarrentasche auf; sie war mit gr"uner Seide gestickt und auf der
+Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschm"uckt.
+
+"`E{\s} sind sogar zwei Zigarren drin!"' sagte er. "`Die kommen
+heute abend nach dem Essen dran!"'
+
+"`Du rauchst demnach?"' fragte Emma.
+
+"`Manchmal! Gelegentlich!"'
+
+Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul ein{\s} mit
+der Peitsche.
+
+Al{\s} sie zu Hause ankamen, war da{\s} Mittagessen noch nicht
+fertig. Frau Bovary war unwillig dar"uber. Anastasia gab eine
+dreiste Antwort.
+
+"`Scheren Sie sich fort"' rief Emma. "`Sie machen sich "uber mich
+lustig. Sie sind entlassen!"'
+
+Zu Tisch gab e{\s} Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut.
+Karl sa"s seiner Frau gegen"uber. Er rieb sich die H"ande und
+meinte vergn"ugt:
+
+"`Zu Hause ist{\s} doch am sch"onsten!"'
+
+Man h"orte, wie Anastasia drau"sen weinte. Karl hatte da{\s} arme
+Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit,
+hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war
+seine erste Patientin gewesen, seine "alteste Bekannte in der
+ganzen Gegend.
+
+"`Hast du ihr im Ernst gek"undigt?"' fragte er nach einer Weile.
+
+"`Gewi"s! Warum soll ich auch nicht?"' gab Emma zur Antwort.
+
+Nach Tisch w"armten sich die beiden in der K"uche, w"ahrend die
+Gro"se Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich
+eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und
+spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich
+zur"uck, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg.
+
+"`Da{\s} Rauchen wird dir nicht bekommen!"' bemerkte Emma
+ver"achtlich.
+
+Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
+gierig ein Gla{\s} frische{\s} Wasser. W"ahrenddessen nahm Emma
+die Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel de{\s}
+Schranke{\s}.
+
+Der Tag war endlo{\s}: dieser Tag nach dem Feste!
+
+Emma ging in ihrem G"artchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
+und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
+Obstspalier, vor dem t"onernen M"onch, und betrachtete sich alle
+diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit
+hinter ihr der Ballabend schon lag! Und wa{\s} war e{\s}, da{\s}
+sich zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft
+dr"angte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen
+tiefen Ri"s gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm
+zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufw"uhlt. Trotzdem
+kam eine gewisse Resignation "uber sie. Wie eine Reliquie
+verwahrte sie ihr sch"one{\s} Ballkleid in ihrem Schranke, sogar
+die Atla{\s}schuhe, deren Sohlen vom Parkettwach{\s} eine
+br"aunliche Politur bekommen hatten. Emma{\s} Herz ging e{\s} wie
+ihnen. Bei der Ber"uhrung mit dem Reichtum war etwa{\s} daran
+haften geblieben f"ur immerdar.
+
+An den Ball zur"uckdenken, wurde f"ur Emma eine besondre
+Besch"aftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken
+auf: "`Ach, heute vor acht Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor
+vierzehn Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor drei Wochen war
+e{\s}!"' Allm"ahlich aber verschwammen in ihrem Ged"achtnisse die
+einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse gesehen hatte. Die
+Melodien der T"anze entfielen ihr. Sie verga"s, wie die Gem"acher
+und die Livreen au{\s}gesehen hatten. Immer mehr schwanden ihr die
+Einzelheiten, aber ihre Sehnsucht blieb zur"uck.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Oft, wenn Karl unterweg{\s} war, holte Emma die gr"unseidene
+Zigarrentasche au{\s} dem Schrank, wo sie unter gefalteter W"asche
+verborgen lag. Sie betrachtete sie, "offnete sie und sog sogar den
+Duft ihre{\s} Futter{\s} ein, da{\s} nach Lavendel und Tabak roch.
+Wem mochte sie geh"ort haben? Dem Vicomte? Vielleicht war e{\s}
+ein Geschenk seiner Geliebten. Gewi"s hatte sie die Stickerei auf
+einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz
+heimlich, in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der
+tr"aumerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch
+von Liebe wehte au{\s} den Stichen hervor. Mir jedem Faden war
+eine Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle
+diese kleinen Seidenkreuzchen waren da{\s} Denkmal einer langen
+stummen Leidenschaft. Und dann, eine{\s} Morgen{\s}, hatte der
+Vicomte die Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl
+geplaudert, al{\s} sie noch auf dem breiten Simse de{\s}
+Kamine{\s} zwischen Blumenvasen und Stutzuhren au{\s} den Zeiten
+der Pompadour lag?
+
+Jetzt war der Vicomte wohl in Pari{\s}. Weit weg von ihr und von
+Toste{\s}! Wie mochte diese{\s} Pari{\s} sein? Welch
+geheimni{\s}voller Name! Pari{\s}! Sie fl"usterte da{\s} Wort
+immer wieder vor sich hin. E{\s} machte ihr Vergn"ugen. E{\s}
+raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer gro"sen
+Kirchenglocke. E{\s} flammte ihr in die Augen, wo e{\s} auch
+stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenb"uchsen.
+
+Nacht{\s}, wenn die Seefischh"andler unten auf der Stra"se
+vorbeifuhren mit ihren Karren und die "`Majorlaine"' sangen, ward
+sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der R"ader, bi{\s} die Wagen
+au{\s} dem Dorfe hinau{\s} waren und e{\s} wieder still wurde.
+
+"`Morgen sind sie in Pari{\s}!"' seufzte die Einsame. Und in ihren
+Gedanken folgte sie den Fahrzeugen "uber Berg und Tal, durch
+D"orfer und St"adte, immer die gro"se Stra"se hin in der lichten
+Sternennacht. Aber weiter weg gab e{\s} ein verschwommene{\s}
+Ziel, wo ihre Tr"aume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von
+Pari{\s} und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch
+die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevard{\s} hin, blieb an jeder
+Stra"senecke stehen, an jedem Hause, da{\s} im Stadtplan
+eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schlie"slich m"ude wurden,
+schlo"s sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie die
+Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor
+dem Portal der Gro"sen Oper donnernd vorfuhren.
+
+Sie abonnierte auf den "`Bazar"' und die "`Modenwelt"' und
+studierte auf da{\s} gewissenhafteste alle Berichte "uber die
+Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet,
+wenn ber"uhmte S"angerinnen Gastspiele gaben oder neue
+Warenh"auser er"offnet wurden; sie kannte die neuesten Moden, die
+Adressen der guten Schneider; sie wu"ste, an welchen Tagen die
+vornehme Gesellschaft im Boi{\s} und in der Oper zu finden war.
+Au{\s} den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen
+eingerichtet waren. Sie la{\s} Balzac und die George Sand, um
+wenigsten{\s} in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen.
+Sie brachte diese B"ucher sogar mit zu den Mahlzeiten und la{\s}
+darin, w"ahrend Karl a"s und ihr erz"ahlte. Und wa{\s} sie auch
+la{\s}, "uberallhinein drangen ihre Reminis\/zenzen an den
+Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand
+Beziehungen. Aber allm"ahlich erweiterte sich der Ideenkrei{\s},
+dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen
+hatte, erblich schlie"slich, um auf andren Idealgesch"opfen wieder
+aufzuflammen.
+
+Unerme"slich wie da{\s} Weltmeer, in der Sonne eine{\s}
+Wunderhimmel{\s}, so stand Pari{\s} vor Emma{\s} Phantasie. Da{\s}
+tausendf"altige Leben, da{\s} sich in diesem Babylon abspielt, war
+gleichwohl f"ur sie auf ganz bestimmte Einzelheiten beschr"ankt,
+die sie im Geiste in deutlichen Bildern sah. Neben diesen -- man
+k"onnte sagen -- Symbolen de{\s} mond"anen Leben{\s} trat alle{\s}
+andre in Dunkel und D"ammerung zur"uck.
+
+Da{\s} Dasein der Hofmenschen, so wie sie sich{\s} vorstellte,
+spielte sich auf gl"anzendem Parkett ab, in Spiegels"alen, um
+ovale Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen.
+Dazu Schleppkleider, Staat{\s}geheimnisse und tausend Qualen
+hinter heuchlerischem L"acheln. Da{\s} Milieu de{\s} h"ochsten
+Adel{\s} bildete sie sich folgenderma"sen ein: Vornehme bleiche
+Gesichter; man steht fr"uh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt
+ungl"uckliche Engel, tragen Unterr"ocke au{\s} irischen Spitzen;
+die M"anner, verkannte Genie{\s}, kokettierend mit der Ma{\s}ke
+der Oberfl"achlichkeit, reiten au{\s} "Ubermut ihre Vollbl"uter
+zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und
+wenn sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter
+Letzt reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma tr"aumte, war
+da{\s} bunte Leben und Treiben der K"unstler, Schriftsteller und
+Schauspielerinnen, da{\s} sich in den separierten Zimmern der
+Restaurant{\s} abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein
+soupiert und sich au{\s}tollt. Diese Menschen sind die
+Verschwender de{\s} Leben{\s}, K"onige in ihrer Art, voller Ideale
+und Phantastereien. Ihr Dasein verl"auft hoch "uber dem Alltag,
+zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang.
+
+Alle{\s} andre in der Welt war f"ur Emma verloren,
+wesen{\s}lo{\s}, so gut wie nicht vorhanden. Je n"aher ihr die
+Dinge "ubrigen{\s} standen, um so weniger ber"uhrten sie ihr
+Innenleben. Alle{\s}, wa{\s} sie unmittelbar umgab: die eint"onige
+Landschaft, die kleinlichen armseligen Spie"sb"urger, ihr
+ganze{\s} Durchschnitt{\s}dasein kam ihr wie ein Winkel der
+eigentlichen Welt vor. Er existierte zuf"allig, und sie war in ihn
+verbannt. Aber drau"sen vor seinen Toren, da begann da{\s} weite,
+weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der Sehnsucht
+ihre{\s} Traumleben{\s} flossen Wollust und Luxu{\s} mit den
+Freuden de{\s} Herzen{\s}, erlesene Leben{\s}f"uhrung mit
+Gef"uhl{\s}feinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, "ahnlich wie
+die Pflanzen der Tropen, nicht ihre{\s} eigenen Boden{\s} und
+ihrer besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige K"usse,
+Tr"anen, vergossen auf hingebung{\s}volle H"ande, Fleische{\s}lust
+und schmachtende Z"artlichkeit, alle{\s} da{\s} war ihr
+unzertrennlich von stolzen Schl"ossern voll m"u"sigen Leben{\s},
+von Boudoiren mit seidnen Vorh"angen und dicken Teppichen, von
+blumengef"ullten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden
+Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft.
+
+Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
+Stalljacke, die blo"sen F"u"se in Holzpantoffeln, kam, um die
+Stute zu f"uttern und zu putzen, klapperte jede{\s}mal durch die
+Hau{\s}flur. Da{\s} war der Groom in Kniehosen. Mit dem mu"ste sie
+zufrieden sein. Wenn er fertig war, lie"s er sich den ganzen Tag
+"uber nicht wieder blicken. Karl pflegte n"amlich sein Pferd, wenn
+er e{\s} geritten hatte, selbst einzustellen. W"ahrend er Sattel
+und Z"aumung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor.
+
+Nachdem Anastasia unter tausend Tr"anen wirklich da{\s} Hau{\s}
+verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junge{\s} M"adchen
+in Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftm"utige{\s}
+Wesen. Sie zog sie nett an, brachte ihr h"ofliche Manieren bei,
+lehrte sie, ein Gla{\s} Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem
+Eintreten in ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Pl"atten
+und B"ugeln der W"asche und lie"s sich von ihr beim Ankleiden
+helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe au{\s}.
+Felicie -- so hie"s da{\s} neue M"adchen -- gehorchte ihr ohne
+Murren. E{\s} gefiel ihr im Hause. Die Hau{\s}frau pflegte den
+B"ufettschl"ussel stecken zu lassen. Felicie nahm sich alle Abende
+einige St"ucke Zucker und verzehrte sie, wenn sie allein war, im
+Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte. Nachmittag{\s}, wenn
+Frau Bovary wie gew"ohnlich oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie
+ein wenig in die Nachbarschaft klatschen.
+
+Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschl"age und
+einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie h"atte
+schreiben k"onnen. H"aufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter
+nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in
+Tr"aumereien und lie"s da{\s} Buch in den Scho"s sinken. Am
+liebsten h"atte sie eine gro"se Reise gemacht oder w"are wieder in
+da{\s} Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben und die Sehnsucht
+nach Pari{\s} beherrschten sie in der gleichen Minute.
+
+Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstra"sen hin.
+Er fr"uhst"uckte in den Geh"often, griff in feuchte Krankenbetten,
+lie"s sich beim Aderlassen da{\s} Gesicht voll Blut spritzen,
+h"orte dem R"ocheln Sterbender zu, pr"ufte den Inhalt von
+Nachtt"opfen und zog so und so oft schmutzige Hemden hoch.
+Abend{\s} aber fand er immer ein gem"utliche{\s} Feuer im Kamin,
+einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Gro"svaterstuhl
+und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging
+von ihr au{\s}; wer wei"s, wa{\s} da{\s} war, ein Odeur, ihre
+W"asche oder ihre Haut?
+
+Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Ent\/z"ucken. Sie
+erfand neue Papiermanschetten f"ur die Leuchter, oder sie besetzte
+ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz
+gew"ohnliche{\s} Gericht mit einem putzigen Namen, weil e{\s} ihm
+herrlich geschmeckt und er e{\s} bi{\s} auf den letzten Rest
+vertilgt hatte, obgleich e{\s} dem M"adchen greulich mi"sraten
+war. Einmal sah sie in Rouen, da"s die Damen an ihren Uhrketten
+allerlei Anh"angsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein
+andermal war e{\s} ihr Wunsch, auf dem Kamine ihre{\s} Zimmer{\s}
+zwei gro"se Vasen au{\s} blauem Porzellan stehen zu haben, oder
+sie wollte ein N"ahk"astchen au{\s} Elfenbein mit einem
+vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen
+begriff, so sehr "ubten sie doch auch auf ihn eine verf"uhrerische
+Wirkung au{\s}. Sie erh"ohten die Freuden seiner Sinnlichkeit und
+verliehen seinem Heim einen s"u"sen Reiz mehr. E{\s} war, al{\s}
+ob Goldstaub auf den Pfad seine{\s} Leben{\s} fiel.
+
+Er sah gesund und w"urdevoll au{\s}, und sein Ansehen al{\s} Arzt
+stand l"angst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht
+stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemal{\s} in ein
+Wirt{\s}hau{\s} und fl"o"ste jedermann durch seine Solidit"at
+Vertrauen ein. Er war Spezialist f"ur Hal{\s}- und Lungenleiden.
+In Wirklichkeit r"uhrten seine Erfolge daher, da"s er Angst hatte,
+die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur
+beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein
+Abf"uhrmittel, ein Fu"sbad oder einen Blutegel verordnete. In der
+Chirurgie war er allerding{\s} ein St"umper. Er schnitt
+drauflo{\s} wie ein Fleischermeister, und Z"ahne zog er wie der
+Satan.
+
+Um sich in seinem Handwerk "`auf dem laufenden zu halten"', war er
+auf die "`Medizinische Wochenschrift"' abonniert, von der ihm
+einmal ein Prospekt zugegangen war. Abend{\s} nach der
+Hauptmahlzeit nahm er sie gew"ohnlich zur Hand, aber die warme
+Zimmerluft und die Verdauung{\s}m"udigkeit brachten ihn
+regelm"a"sig nach f"unf Minuten zum Einschlafen. Da{\s} Haupt sank
+ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine L"owenm"ahne
+vorn"uber nach dem Fu"se der Tischlampe zu. Emma sah sich
+diese{\s} Bild ver"achtlich an. Wenn ihr Mann nur wenigsten{\s}
+eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen w"are, die
+nacht{\s} "uber ihren B"uchern hocken und mit sechzig Jahren, wenn
+sich da{\s} Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in da{\s}
+Knopfloch ihre{\s} schlecht sitzenden schwarzen Rocke{\s} geh"angt
+bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, h"atte
+Bedeutung haben m"ussen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in
+ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt
+au{\s} Yvetot, mit dem er unl"angst gemeinsam konsultiert worden
+war, hatte ihn in Gegenwart de{\s} Kranken und im Beisein der
+Verwandten blamiert. Al{\s} Karl ihr abend{\s} die Geschichte
+erz"ahlte, war Emma ma"slo{\s} emp"ort "uber den Kollegen. Karl
+k"u"ste ihr ger"uhrt die Stirn. Die Tr"anen standen ihm in den
+Augen. Sie war au"ser sich vor Scham ob der Dem"utigung ihre{\s}
+Manne{\s} und h"atte ihn am liebsten verpr"ugelt. Um sich zu
+beruhigen, eilte sie auf den Gang hinau{\s}, "offnete da{\s}
+Fenster und sog die k"uhle Nachtluft ein.
+
+"`Ach, wa{\s} habe ich f"ur einen erb"armlichen Mann!"' klagte sie
+leise vor sich hin und bi"s sich auf die Lippen.
+
+Er wurde ihr auch sonst immer widerw"artiger. Mit der Zeit nahm er
+allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
+zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen
+leckte er sich die Z"ahne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
+l"offelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
+beleibter, und seine an und f"ur sich schon winzigen Augen drohten
+allm"ahlich g"anzlich hinter seinen feisten Backen zu
+verschwinden.
+
+Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seine{\s}
+Trikotunterhemde{\s} wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte
+zurecht oder beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er
+sonst noch l"anger angezogen h"atte. Aber dergleichen tat sie
+nicht, wie er w"ahnte, ihm zuliebe. E{\s} geschah einzig und
+allein au{\s} nerv"oser Reizbarkeit und egoistischem
+Sch"onheit{\s}drang. Mitunter erz"ahlte sie ihm Dinge, die sie
+gelesen hatte, etwa au{\s} einem Roman oder au{\s} einem neuen
+St"ucke, oder Vorkommnisse au{\s} dem Leben der oberen
+Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte.
+Schlie"slich war Karl wenigsten{\s} ein aufmerksamer und geneigter
+Zuh"orer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel,
+da{\s} Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren
+Vertrauten machen!
+
+Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer de{\s}
+gro"sen Erlebnisse{\s}. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
+verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihre{\s} Dasein{\s} ab
+und sp"ahte in die dunstigen Fernen nach einem wei"sen Segel.
+Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der
+richtige Kur{\s} oder der Zufall da{\s} ersehnte Schiff zuf"uhren
+solle, nach welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern
+w"urde, welcher Art diese{\s} Schiff "uberhaupt sein solle, ob ein
+schwache{\s} Boot oder ein gro"ser Ozeandampfer, und mit welcher
+Fracht er fahre, mit tausend "Angsten oder mit Gl"uckseligkeiten
+beladen bi{\s} hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie
+erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute m"usse e{\s} sich
+ereignen. Bei jedem Ger"ausch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor
+und war dann betroffen, da"s e{\s} immer noch nicht kam, da{\s}
+gro"se Erlebni{\s}. Wenn die Sonne sank, war sie jede{\s}mal
+tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den n"achsten Tag.
+
+Der Fr"uhling zog wieder in da{\s} Land. Al{\s} die Tage w"armer
+wurden und die Birnb"aume zu bl"uhen begannen, litt Emma an
+Beklemmungen. Dann ward e{\s} Sommer. Bereit{\s} Anfang Juli
+z"ahlte sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen e{\s} noch
+bi{\s} zum Oktober seien. Vielleicht g"abe der Marqui{\s} von
+Andervillier{\s} wieder einen Ball. Aber der ganze September
+verstrich, ohne da"s ein Brief oder ein Besuch au{\s} Vaubyessard
+kam. Nach dieser Entt"auschung war ihr Herz wieder leer, und
+da{\s} ewige Einerlei ihre{\s} Leben{\s} hub von neuem an.
+
+Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
+Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern,
+sollten kommen und gehen und nie etwa{\s} Neue{\s} bringen! So
+flach auch da{\s} Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin
+die M"oglichkeit eine{\s} au"sergew"ohnlichen Geschehnisse{\s}.
+Ein Abenteuer zieht h"aufig die unglaublichsten Umw"alzungen nach
+sich und ver"andert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein
+blieb alle{\s} beim alten. Da{\s} war ihr Schicksal! Die Zukunft
+lag vor ihr wie ein langer stockfinsterer Gang, und die T"ur ganz
+am Ende war fest verriegelt.
+
+Sie vernachl"assigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer h"orte
+ihr denn zu? E{\s} war ihr doch niemal{\s} verg"onnt, in einem
+Gesellschaft{\s}kleid mit kurzen "Armeln auf einem Konzertfl"ugel
+vor einer gro"sen Zuh"orerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger
+"uber die Elfenbeintasten hinst"urmen zu lassen und da{\s} Murmeln
+der Verz"uckung um sich zu h"oren wie da{\s} Rauschen de{\s}
+Zephir{\s}. Wozu also da{\s} m"uhevolle Einstudieren? Ebenso
+packte sie ihr Zeichenger"at und den Stickrahmen in den Schrank.
+Wozu da{\s} alle{\s}? Wem zuliebe? Auch da{\s} N"ahen ward ihr
+widerlich, und selbst da{\s} Lesen lie"s sie. "`E{\s} ist immer
+wieder da{\s}selbe!"' sagte sie sich.
+
+Und so tr"aumte sie vor sich hin, starrte in die Glut de{\s}
+Kamin{\s} oder sah zu, wie drau"sen der Regen herniederfiel.
+
+Am traurigsten waren ihr die Sonntag{\s}nachmittage. Wenn e{\s}
+zur Vesper l"autete, h"orte sie, vor sich hinbr"utend, den dumpfen
+Glockenschl"agen zu. Eine Katze schlich "uber die D"acher,
+gem"achlich und langsam, und wo ein bi"schen Sonne war, machte sie
+einen Buckel. Auf der Landstra"se blie{\s} der Wind Staubwirbel
+auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem
+fort, in gleichen Zeitr"aumen, der monotone Glockenklang, der
+"uber den Feldern verhallte.
+
+Inzwischen kamen die Leute au{\s} der Kirche. Die Frauen in
+Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntag{\s}blusen, die hin und
+her laufenden Kinder in blo"sen K"opfen. Alle{\s} ging
+heimw"art{\s}. Nur f"unf bi{\s} sech{\s} M"anner, immer dieselben,
+blieben vor dem Hoftor de{\s} Gasthofe{\s} beim St"opselspiel,
+bi{\s} e{\s} dunkel wurde.
+
+E{\s} kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die
+Fensterscheiben mit Ei{\s}blumen bedeckt, und da{\s}
+Tage{\s}licht, da{\s} wie durch mattgeschliffene{\s} Gla{\s}
+hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag "uber tr"ub. Von
+nachmittag{\s} vier Uhr an mu"sten die Lampen brennen.
+
+An sch"onen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
+hatte "uber die Gr"aser ein silberne{\s} Netz gewoben, dessen
+glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel
+sang. Die Natur schien zu schlafen. Da{\s} Spalier war mit Stroh
+umwickelt, und die Weinst"ocke hingen an der Mauer wie vereiste
+Schlangen. Der lesende M"onch unter den Fichten an der Hecke hatte
+den rechten Fu"s verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen,
+und graue Flecke entstellten ihm nun da{\s} Gesicht.
+
+Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schlo"s
+die T"ur ab und sch"urte da{\s} Feuer im Kamine. In der W"arme
+de{\s} Zimmer{\s} ward sie matt, und die Langeweile lastete
+schwerer auf ihr. Gern w"are sie hinuntergelaufen, um mit dem
+Dienstm"adchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
+
+Alle Morgen um die n"amliche Stunde "offnete dr"uben der
+Schulmeister, sein schwarzseidne{\s} K"appchen auf dem Kopfe, die
+Fensterl"aden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
+mit seinem S"abel vor"uber. Morgen{\s} und abend{\s} wurden die
+Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tr"anke nach dem Dorfteiche
+vorbeigef"uhrt. Von Zeit zu Zeit schellte die T"urklingel
+irgendeine{\s} Laden{\s}; und wenn der Wind ging, h"orte man die
+Messingbecken, die al{\s} Au{\s}h"angeschilder vor dem
+Barbiergesch"afte hingen, an ihre Stange klirren. Da{\s}
+Schaufenster schm"uckten ein alte{\s} auf Pappe au{\s}geklebte{\s}
+Modenkupfer und eine weibliche Wach{\s}b"uste mit einer gelben
+Per"ucke. Der Friseur pflegte "uber seinen brotlosen Beruf und
+seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein h"ochster Traum war
+ein Laden in einer gro"sen Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der
+N"ahe de{\s} Theater{\s}. M"urrisch wanderte er den ganzen Tag
+"uber zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und her und
+lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster
+blickte, sah sie ihn jede{\s}mal in seinem braunen Rock, die
+Zipfelm"utze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her
+patrouillieren.
+
+Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern de{\s}
+E"szimmer{\s} ein sonnengebr"aunter M"annerkopf mit einem
+schwarzen Schnurrbarte und einem tr"agen L"acheln um den Mund, in
+dem die Z"ahne leuchteten. Al{\s}bald begann eine Walzermelodie
+au{\s} einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal
+aufgebaut war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten
+Kopft"uchern, Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen R"ocken,
+Herren in Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofa{\s} und
+Lehnst"uhlen und Tischen, wobei sie sich in Spiegelst"ucken
+vervielf"altigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren. Der
+Leierkastenmann drehte die Kurbel und sp"ahte dabei nach recht{\s}
+und link{\s} nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen
+langen Strahl tabakbraunen Speichel{\s} gegen die Prellsteine oder
+stie"s mit dem Knie seinen Kasten in die H"ohe, dessen Gurt ihm
+die Schultern dr"uckte. In einem fort, bald schwerm"utig und
+schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem
+roten Taftbezug, der unter einer schn"orkelhaft au{\s}gestanzten
+Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. E{\s} waren
+Melodien, die gerade Mode waren und die man "uberall h"orte, in
+den Theatern, Salon{\s} und Tanzs"alen, Kl"ange au{\s} der fernen
+Welt, die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese
+Kl"ange im Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder au{\s} ihrem
+Kopfe weichen. Wie die Bajadere "uber den Blumen ihre{\s}
+Teppich{\s}, tanzten ihre Gedanken im Rhythmu{\s} dieser Melodien
+und wiegten sich von Traum zu Traum und von Tr"ubsal zu Tr"ubsal.
+Wenn der Mann die milden Gaben in seiner M"utze gesammelt hatte,
+umh"ullte er seinen Kasten mit einem blauwollnen "Uberzug, nahm
+ihn auf den R"ucken und verlie"s da{\s} Dorf schweren
+Schritte{\s}. Emma schaute ihm lange nach.
+
+Am unertr"aglichsten waren ihr die Mahlzeiten im E"szimmer unten
+im Erdgescho"s. Der Ofen rauchte, die T"ure knarrte, die W"ande
+waren feucht und der Fu"sboden kalt. Die ganze Bitterni{\s}
+ihre{\s} Dasein{\s} schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und
+au{\s} dem Dampf de{\s} au{\s}gekochten Rindfleische{\s} wehte ihr
+gleichsam der Brodem ihre{\s} ihr so widerw"artig gewordenen
+Leben{\s} entgegen. Karl a"s und a"s, w"ahrend sie ein paar N"usse
+knackte oder, auf die Ellenbogen gest"utzt, sich damit vergn"ugte,
+mit der Messerspitze allerlei Linien in da{\s} Wach{\s}tuch zu
+kritzeln.
+
+In der Wirtschaft lie"s sie jetzt alle{\s} gehen, wie e{\s} ging.
+Ihre Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach
+Toste{\s} kam, war ob diese{\s} Wandel{\s} arg verdutzt. Emma, die
+erst in ihrem "Au"seren so akkurat und adrett gewesen war, lief
+nunmehr tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue
+baumwollne Str"umpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie
+meinte, man m"usse sich einschr"anken, da sie nicht reich seien,
+f"ugte aber hinzu, sie sei h"ochst zufrieden und "uberau{\s}
+gl"ucklich, und in Toste{\s} gefalle e{\s} ihr "uber alle Ma"sen.
+Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte Frau
+Bovary. Im "ubrigen zeigte sie sich f"ur die guten Lehren der
+Schwiegermutter nicht empf"anglicher denn fr"uher. Al{\s} diese
+gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei f"ur die
+Gotte{\s}furcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emma{\s}
+Antwort von einem so zornigen Blick und einem so ei{\s}kalten
+L"acheln begleitet, da"s die gute Frau ihr nicht wieder zu nahe
+kam.
+
+Emma wurde unzug"anglich und launisch. Sie lie"s sich besondre
+Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anr"uhrte; an dem
+einen Tage trank sie nicht{\s} al{\s} Milch und am andern ein
+Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht au{\s} dem Hause zu
+bekommen, und bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken.
+Sie sperrte alle Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug
+anziehen. Wenn sie da{\s} Dienstm"adchen angefahren hatte, machte
+sie ihr im n"achsten Augenblicke Geschenke oder lie"s sie in die
+Nachbarschaft au{\s}gehen. Au{\s} "ahnlicher Bizarrerie warf sie
+bi{\s}weilen armen Leuten alle{\s} Kleingeld hin, da{\s} sie bei
+sich hatte, obgleich sie eigentlich gar nicht weichherzig und
+mitleidig war, just wie alle Menschen, die auf dem Lande gro"s
+geworden sind und leben{\s}lang etwa{\s} von der H"arte der
+v"aterlichen H"ande in ihrem Herzen behalten.
+
+Gegen Ende de{\s} Februar{\s} brachte Vater Rouault in Erinnerung
+an seine Heilung pers"onlich eine pr"achtige Truthenne und blieb
+drei Tage im Hause seine{\s} Schwiegersohne{\s}. W"ahrend Karl auf
+Praxi{\s} war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte
+in ihrem Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von
+Ernteau{\s}sichten, K"albern, K"uhen, H"uhnern und von den
+Gemeinderat{\s}sitzungen. Wenn er wieder hinau{\s}gegangen war,
+schlo"s sie ihre T"ur mit einem Gef"uhl der Befriedigung ab,
+da{\s} ihr selber sonderbar vorkam.
+
+Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan
+immer weniger. Bi{\s}weilen gefiel sie sich darin, die
+merkw"urdigsten Ansichten zu "au"sern. Sie tadelte, wa{\s} andre
+f"ur gut hielten, und billigte Dinge, die f"ur unnat"urlich oder
+unmoralisch erkl"art wurden. Karl machte mitunter verwunderte
+Augen dazu.
+
+Sollte diese{\s} Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich
+immer wieder. Sollte sie niemal{\s} von hier fortkommen? Sie war
+doch ebensoviel wert wie alle die Menschen, die gl"ucklich waren!
+In Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im
+Wuch{\s} waren al{\s} sie und ein gew"ohnlichere{\s} Benehmen
+hatten. Sie verw"unschte die Ungerechtigkeit ihre{\s}
+Sch"opfer{\s} und dr"uckte ihr Haupt weinend an die W"ande vor
+lauter Sehnsucht nach dem Tumult der Welt, ihren n"achtlichen
+Ma{\s}keraden und frechen Freuden und allen den Tollheiten, die
+sie nicht kannte und die e{\s} doch gab.
+
+Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete
+ihr Baldriantropfen und Kampferb"ader. Da{\s} machte sie nur noch
+reizsamer.
+
+An manchen Tagen redete sie ohne Unterla"s wie eine Fieberkranke.
+Dieser Aufgeregtheit folgte ein pl"otzlicher Umschlag in einen
+Zustand von Empfindung{\s}losigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne
+sich zu r"uhren, und e{\s} wirkte bei ihr nur ein
+Belebung{\s}mittel: da{\s} "Ubergie"sen mit K"olnischem Wasser.
+
+Dieweil sie sich fortw"ahrend "uber Toste{\s} beklagte, bildete
+sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifello{\s} durch irgendwelchen
+"ortlichen Einflu"s verursacht, und so begann er ernstlich daran
+zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen.
+
+Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager
+werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor
+jegliche E"slust.
+
+E{\s} fiel Karl sehr schwer, Toste{\s} aufzugeben, wo er gerade
+jetzt, nach vierj"ahriger Praxi{\s}, ein gemachter Mann war.
+Indessen, e{\s} mu"ste sein! Er lie"s Emma in Rouen von seinem
+ehemaligen Lehrmeister untersuchen. E{\s} sei ein nerv"ose{\s}
+Leiden; Luftver"anderung w"are vonn"oten.
+
+Karl zog nun allerort{\s} Erkundigungen ein, und da brachte er in
+Erfahrung, da"s im Bezirk von Neufch\^atel in einem gr"o"seren
+Marktflecken namen{\s} Abtei Yonville der bi{\s}herige Arzt, ein
+polnischer Ref"ugi\'e, in der vergangenen Nacht da{\s} Weite
+gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte
+sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die n"achsten
+Kollegen entfernt s"a"sen und wie hoch die Jahre{\s}einnahme
+de{\s} Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend
+au{\s}, und infolgedessen entschlo"s sich Bovary, zu Beginn de{\s}
+kommenden Fr"uhjahre{\s} nach Abtei Yonville "uberzusiedeln,
+fall{\s} sich Emma{\s} Zustand noch nicht gebessert habe.
+
+Eine{\s} Tage{\s} kramte Emma de{\s} bevorstehenden Umzuge{\s}
+wegen in einem Schubfache. Da ri"s sie sich in den Finger und zwar
+an einem der Dr"ahte ihre{\s} Hochzeit{\s}strau"se{\s}. Die
+Orangenknospen waren grau vor Staub, und da{\s} Atla{\s}band mit
+der silbernen Franse war au{\s}gefranst. Sie warf den Strau"s in
+da{\s} Feuer. Er flackerte auf wie trockne{\s} Stroh. Eine Weile
+gl"uhte er noch wie ein feuriger Busch "uber der Asche, dann sank
+er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen
+Beeren au{\s} Pappmasse platzten, die Dr"ahte kr"ummten sich, die
+Silberfransen schmolzen. Die verkohlte Papiermanschette zerfiel,
+und die St"ucke flatterten im Kamine hin und her wie schwarze
+Schmetterlinge, bi{\s} sie in den Rauchfang hinaufflogen~...
+
+Bei dem Weggange von Toste{\s}, im M"arz, ging Frau Bovary einer
+guten Hoffnung entgegen.
+
+
+\newpage
+\thispagestyle{empty}
+\begin{center}
+\vspace{5cm}
+{\Huge \so{Zweite{\s} Bu{ch}}}
+\end{center}
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
+von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
+Marktflecken, acht Wegstunden "ostlich von Rouen, zwischen der
+Stra"se von Abbeville und der von Beauvai{\s}. Der Ort liegt im
+Tale der Rieule, eine{\s} Nebenfl"u"schen{\s} der Andelle. Nahe
+seiner Einm"undung treibt der Bach drei M"uhlen. Er hat Forellen,
+nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
+Belustigung angeln.
+
+Man verl"a"st die Heere{\s}stra"se bei La Boissi\`ere und geht auf
+der Hochebene bi{\s} zur H"ohe von Leux, wo man da{\s} Tiefland
+offen vor sich liegen sieht. Der Flu"s teilt e{\s} in zwei
+deutlich unterscheidbare H"alften: zur Linken Weideland, recht{\s}
+ist alle{\s} bebaut. Diese Pr"arie, die sich bi{\s} zu den Triften
+der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen
+H"ugelkette begrenzt, w"ahrend die Ebene gegen Osten allm"ahlich
+ansteigt und sich im Unerme"slichen verliert. So weit da{\s} Auge
+reicht, schweift e{\s} "uber meilenweite Kornfelder. Da{\s}
+Gew"asser sondert wie mit einem langen wei"sen Strich da{\s} Gr"un
+der Wiesen von dem Blond der "Acker, und so liegt da{\s} ganze
+Land unten au{\s}gebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit
+einem gr"unen silbernges"aumten Samtkragen.
+
+Fern am Horizont erkennt man geradeau{\s} den Eichwald von Argueil
+und die steilen Abh"ange von Sankt Johann mit ihren eigent"umlichen,
+senkrechten, ungleichm"a"sigen roten Strichen. Da{\s} sind die
+Wege, die sich da{\s} Regenwasser sucht; und die roten Streifen
+auf dem Grau der Berge r"uhren von den vielen eisenhaltigen
+Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten
+hinab in{\s} Land schicken.
+
+Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
+Ile-de-France, inmitten eine{\s} von der Natur stiefm"utterlich
+behandelten Ge\-l"ande{\s}, da{\s} weder im Dialekt seiner Bewohner
+noch in seinem Landschaft{\s}bilde besondre Eigenheiten aufweist.
+Von hier kommen die allerschlechtesten K"ase de{\s} ganzen
+Bezirk{\s} von Neufch\^atel. Allerding{\s} ist die Bewirtschaftung
+dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel
+D"unger verlangt.
+
+Bi{\s} zum Jahre 1835 f"uhrte keine brauchbare Stra"se nach
+Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter
+"`Hauptvizinalweg"' angelegt, der die beiden gro"sen
+Heere{\s}stra"sen von Abbeville und von Amien{\s} untereinander
+verbindet und bi{\s}weilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die
+von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser "`neuen
+Verbindungen"' gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung.
+Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man
+hartn"ackig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen
+Gewinn sie auch brachte; und die tr"age Bewohnerschaft baut sich
+auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an.
+Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt
+liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache
+hingeworfen hat.
+
+Von der Br"ucke, die "uber die Rieule f"uhrt, geht der mit Pappeln
+bes"aumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Geh"often
+de{\s} Orte{\s}. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
+Hauptgeb"auden sieht man allerhand ordnung{\s}lo{\s} angelegte
+Nebenh"au{\s}chen, Keltereien, Schuppen und Brennereien,
+dazwischen buschige B"aume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und
+andre{\s} Ger"at h"angen oder lehnen. Die Strohd"acher sehen wie
+bi{\s} an die Augen in{\s} Gesicht hereingezogene Pelzm"utzen
+au{\s}; sie verdecken ein Drittel der niedrigen
+Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich d"urre{\s}
+Spalierobst an den wei"sen, von schwarzem Geb"alk durchquerten
+Kalkw"anden der H"auser empor. Die Eing"ange im Erdgescho"s haben
+drehbare Halbt"uren, damit die H"uhner nicht eindringen, die auf
+den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
+
+Allm"ahlich werden die H"ofe enger, die Geb"aude r"ucken n"aher
+aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der H"auser
+h"angt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster herau{\s}, ein
+B"undel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
+drei neue Karren stehen davor und versperren die Stra"se.
+Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein
+wei"se{\s} Landhau{\s}, eine runde Rasenfl"ache davor mit einem
+Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund h"alt. Die
+Freitreppe flankieren zwei Vasen au{\s} Bronze. Ein Amt{\s}schild
+mit Wappen gl"anzt am Tore. E{\s} ist da{\s} Hau{\s} de{\s}
+Notar{\s}, da{\s} sch"onste der ganzen Gegend.
+
+Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Stra"se, beginnt
+der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
+herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenh"ohe umschlie"st,
+liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu
+ein Pflaster, auf da{\s} au{\s} den Ritzen hervorschie"sende{\s}
+Gra{\s} gr"une Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein
+Neubau au{\s} der letzten Zeit der Regierung Karl{\s} de{\s}
+Zehnten. Da{\s} h"olzerne Dach beginnt bereit{\s} morsch zu
+werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke "uber dem Schiff zeigen
+sich stellenweise schwarze Flecken. "Uber dem Eingang befindet
+sich da, wo gew"ohnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine
+Empore f"ur die M"anner, zu der eine Wendeltreppe hinauff"uhrt,
+die laut dr"ohnt, wenn man sie betritt.
+
+Da{\s} Tage{\s}licht flutet in schr"agen Strahlen durch die
+farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von
+L"ang{\s}wand zu L"ang{\s}wand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind
+Strohmatten befestigt, und Namen{\s}schilder verk"unden weithin
+sichtbar: "`Platz de{\s} Herrn Soundso."' Wo sich da{\s} Schiff
+verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegen"uber ein Standbild
+der Madonna, die ein Atla{\s}gewand und einen Schleier, mit lauter
+silbernen Sternen bes"at, tr"agt. Ihre Wangen sind genau so
+knallrot angemalt wie die eine{\s} G"otzenbilde{\s} auf den
+Sandwichinseln. Im Chor "uber dem Hochaltar schimmert hinter vier
+hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro
+Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorst"uhle au{\s}
+Fichtenholz sind ohne Anstrich.
+
+Fast die H"alfte de{\s} Marktplatze{\s} von Yonville nehmen "`die
+Hallen"' ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzs"aulen.
+Da{\s} Rathau{\s}, nach dem Entwurfe eine{\s} Pariser Architekten
+in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke de{\s}
+Platze{\s} neben der Apotheke. Da{\s} Erdgescho"s hat eine
+dorische S"aulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und
+dar"uber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der
+einen Klaue da{\s} Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage
+der Gerechtigkeit h"alt.
+
+Da{\s} Augenmerk de{\s} Fremden f"allt immer zuerst auf die
+Apotheke de{\s} Herrn Homai{\s}, schr"ag gegen"uber vom "`Gasthof
+zum goldnen L"owen"'. Zumal am Abend, wenn die gro"se Lampe im
+Laden brennt und ihr helle{\s}, durch die bunten Fl"ussigkeiten in
+den dickbauchigen Flaschen, die da{\s} Schaufenster schm"ucken
+sollen, rot und gr"un gef"arbte{\s} Licht weit hinau{\s} "uber
+da{\s} Stra"senpflaster f"allt, dann sieht man den Schattenri"s
+de{\s} "uber sein Pult gebeugten Apotheker{\s} wie in bengalischer
+Beleuchtung. Au"sen ist sein Hau{\s} von oben bi{\s} unten mit
+Reklameschildern bedeckt, die in allen m"oglichen Schriftarten
+au{\s}schreien: "`Mineralwasser von Vichy"', "`Sauerbrunnen"',
+"`Selter{\s}wasser"', "`Kamillentee"', "`Kr"auterlik"or"',
+"`Kraftmehl"', "`Hustenpastillen"', "`Zahnpulver"', "`Mundwasser"',
+"`Bandagen"', "`Badesalz"', "`Gesundheit{\s}schokolade"' usw. usw.
+Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in
+m"achtigen goldnen Buchstaben: "`Homai{\s}, Apotheker"'. Drinnen,
+hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest
+man "uber einer Gla{\s}t"ure da{\s} Wort "`Laboratorium"' und auf
+der T"ur selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem
+Grunde den Namen "`Homai{\s}"'.
+
+Weitere Sehen{\s}w"urdigkeiten gibt e{\s} in Yonville nicht. Die
+Hauptstra"se (die einzige) reicht einen B"uchsenschu"s weit und
+hat zu beiden Seiten ein paar Kraml"aden. An der Stra"senbiegung
+ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach link{\s} abwendet und
+dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
+
+Zur Zeit der Cholera wurde ein St"uck der Kirchhof{\s}mauer
+niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
+vergr"o"sert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
+unbenutzt geblieben. Wie vordem dr"angen sich die Grabh"ugel nach
+dem Eingang{\s}tor zu zusammen. Der Pf"ortner, der zugleich auch
+Totengr"aber und Kirchendiener ist und somit au{\s} den Leichen
+der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich da{\s}
+unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber
+von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bi"schen Boden, und e{\s}
+brauchte blo"s wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so w"u"ste
+er nicht, ob er sich "uber die vielen Toten freuen oder "uber ihre
+neuen Gr"aber "argern solle.
+
+"`Lestiboudoi{\s}, Sie leben von den Toten!"' sagte eine{\s}
+Tage{\s} der Pfarrer zu ihm.
+
+Diese gruselige Bemerkung stimmte den K"uster nachdenklich. Eine
+Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bi{\s}
+auf den heutigen Tag zog er seine Erd"apfel weiter. Ja, er
+versichert sogar mit Nachdruck, sie w"uchsen ganz von selber.
+
+Seit den Ereignissen, die hier erz"ahlt werden, hat sich in
+Yonville wirklich nicht{\s} ver"andert. Noch immer dreht sich auf
+der Kirchturmspitze die wei"s-rot-blaue Fahne au{\s} Blech, noch
+immer flattern vor dem Laden de{\s} Modewarenh"andler{\s} zwei
+Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der
+Apotheke h"a"sliche Pr"aparate in Gla{\s}b"uchsen voll
+tr"ubgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von
+Wind und Wetter ziemlich entgoldete L"owe "uber dem Tore de{\s}
+Gasthofe{\s} den Vor"ubergehenden seine Pudelm"ahne.
+
+An dem Abend, da da{\s} Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen
+sollte, war die L"owenwirtin, die Witwe Franz, derartig
+besch"aftigt, da"s ihr beim Hantieren mit ihren T"opfen der
+Schwei"s von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war n"amlich
+Markttag im St"adtchen. Da mu"ste Fleisch zurechtgehackt,
+Gefl"ugel au{\s}genommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt
+werden. Daneben die regelm"a"sigen Tischteilnehmer und heute
+obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstm"adchen!
+Am Billard lachten G"aste, und in der kleinen Gaststube riefen
+drei M"ullerburschen nach Schnap{\s}. Im Herde prasselte und
+schmorte e{\s}, und auf dem langen K"uchentische paradierten neben
+einer rohen Hammelkeule St"o"se von Tellern, die nach dem Takte
+de{\s} Wiegemesser{\s} tanzten, mit dem die K"ochin Spinat
+zerkleinerte. Vom Hofe au{\s} ert"onte da{\s} "angstliche Gegacker
+der H"uhner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
+K"opfe abschneiden wollte.
+
+Ein Herr in gr"unledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an
+seinem schwarz\-samt\-nen K"appchen, w"armte sich am Kamin de{\s}
+Gast\/zimmer{\s} den R"ucken. Im Gesicht hatte er ein paar
+Blatternarben. Sein ganze{\s} Wesen strahlte f"ormlich von
+Selbst\/zufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichm"utig dahin
+wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer
+herumh"upfte. Dieser Herr war der Apotheker.
+
+"`Artemisia!"' rief die Wirtin. "`Leg noch ein bi"schen Reisig
+in{\s} Feuer! F"ulle die Wasserflaschen! Schaff den Schnap{\s}
+hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur w"u"ste, wa{\s} ich
+den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen
+soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Spedition{\s}gesellschaft
+h"oren mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und
+der M"obelwagen steht drau"sen immer noch mitten auf der Stra"se,
+gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird e{\s} eine
+Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen
+beiseiteschieben ... Wa{\s} ich sagen wollte, Herr Apotheker,
+diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei
+der f"unfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man
+wird mir noch ein Loch in{\s} Tuch sto"sen!"'
+
+Sie war auf einen Augenblick, den Kochl"offel in der Hand, in{\s}
+Gast\/zimmer gelaufen.
+
+"`Da{\s} w"ar auch weiter kein Malheur!"' meinte Homai{\s}. "`Dann
+schaffen Sie gleich ein neue{\s} Billard an!"'
+
+"`Ein neue{\s} Billard!"' jammerte die Witwe.
+
+"`Nu freilich, Frau Franz! Da{\s} alte Ding da taugt nicht mehr
+viel! Ich hab{\s} Ihnen schon tausendmal gesagt. E{\s} ist Ihr
+eigner Schaden! Und ein gro"ser Schaden! Heutzutage verlangen
+passionierte Spieler gro"se B"alle und schwere Queue{\s}. Mit
+solchen B"allchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten "andern sich!
+Man mu"s modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Caf\'e
+Fran\c{c}ai{\s}~..."'
+
+Die Wirtin wurde rot vor "Arger, aber der Apotheker fuhr fort:
+
+"`Sie k"onnen sagen, wa{\s} Sie wollen! Sein Billard ist
+handlicher al{\s} Ihr{\s}. Und wenn e{\s} hei"st, eine
+patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der
+vertriebenen Polen oder f"ur die "Uberschwemmten von Lyon~..."'
+
+"`Ach wa{\s}!"' unterbrach ihn die L"owenwirtin ver"achtlich.
+"`Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen
+Sie{\s} nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne L"owe
+bestehen wird, sitzen auch G"aste drin! Wir verhungern nicht! Aber
+Ihr geliebte{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, da{\s} wird eine{\s}
+sch"onen Tage{\s} die Bude zumachen! Oder vielmehr der
+Gericht{\s}vollzieher! Ich soll mir ein andre{\s} Billard
+anschaffen? Wo mein{\s} so bequem ist zum W"aschefalten! Und wenn
+Jagdg"aste da sind, k"onnen gleich sechse drauf "ubernachten! Nee,
+nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
+Hivert!"'
+
+"`Sollen denn Ihre Tischg"aste mit dem Essen warten, bi{\s} die
+Post gekommen ist?"' fragte Homai{\s} ungeduldig.
+
+"`Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag
+sech{\s}, einen wie alle Tage! So ein Muster von P"unktlichkeit
+gibt{\s} auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit
+urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er
+lie"se sich eher totschlagen, al{\s} da"s er wo ander{\s} "a"se.
+Wa{\s} Schlechte{\s} darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den
+Apfelwein versteht er sich au{\s} dem ff. Er ist nicht wie Herr
+Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und
+alle{\s} i"st, wa{\s} man ihm vorsetzt! "Ubrigen{\s} ein feiner
+junger Mann! Ich hab noch nie ein laute{\s} Wort von ihm
+geh"ort."'
+
+"`Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
+Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen K"urassier und
+jetzigen Steuereinnehmer!"'
+
+E{\s} schlug sech{\s}. Binet trat ein.
+
+Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
+K"orper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Lederm"utze blickte
+ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedr"uckt von dem
+langj"ahrigen Tragen de{\s} schweren Helm{\s} au{\s}sah. Er trug
+eine Weste au{\s} schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen
+und tadello{\s} blankgewichste Schuhe, die vorn besonder{\s}
+au{\s}gearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen
+litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte
+ihm da{\s} lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der
+Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in
+jeglichem Kartenspiel und ein guter J"ager, hatte eine h"ubsche
+Handschrift und besa"s zu Hause eine Drehbank, auf der er zu
+seinem Vergn"ugen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon
+eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eine{\s} K"unstler{\s} und
+dem Geiz de{\s} Spie"ser{\s} h"utete.
+
+Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mu"sten dort aber
+die drei M"ullerburschen hinau{\s}komplimentiert werden. W"ahrend
+man drin f"ur ihn deckte, blieb er in der gro"sen Gaststube stumm
+in der N"ahe de{\s} Ofen{\s} stehen, dann ging er hinein, klinkte
+die T"ure ein und nahm seine M"utze ab. Da{\s} hatte alle{\s} so
+seine Ordnung.
+
+"`An "uberm"a"siger H"oflichkeit wird der mal nicht sterben!"'
+bemerkte der Apotheker, al{\s} er wieder mit der Wirtin allein
+war.
+
+"`Er redet nie viel,"' entgegnete diese. "`Vergangene Woche waren
+zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die un{\s} den ganzen Abend
+Schnurren erz"ahlt haben. Ich w"are beinahe umgekommen vor Lachen.
+Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
+verzogen."'
+
+"`Ja, ja,"' sagte der Apotheker, "`der Mensch hat keine Phantasie,
+keinen Witz, keinen geselligen Sinn!"'
+
+"`Er soll aber wohlhabend sein,"' warf die Wirtin ein.
+
+"`Wohlhabend?"' echote Homai{\s}. "`Der und wohlhabend!"' Und
+gelassen f"ugte er hinzu: "`Gott ja, so f"ur seine Verh"altnisse.
+Da{\s} ist schon m"oglich!"'
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: "`Hm! Wenn ein Kaufmann,
+der ein gro"se{\s} Gesch"aft hat, oder ein Recht{\s}anwalt, ein
+Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, da"s er zum
+Grie{\s}gram oder Sonderling wird, so verstehe ich da{\s}. Davor
+gibt e{\s} Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin
+Gedanken im Kopfe. Wie oft ist{\s} mir nicht selber passiert, da"s
+ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um
+ein Schildchen au{\s}zuf"ullen oder so wa{\s}, -- und wei"s der
+Kuckuck, schlie"slich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre
+stecken!"'
+
+Frau Franz ging indessen an die Hau{\s}t"ur, um nachzusehen, ob
+die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da
+trat ein schwarz gekleideter Mann in die K"uche. Da{\s}
+D"ammerlicht beleuchtete sein kupferrote{\s} Antlitz und umflo"s
+seine herkulischen Linien.
+
+"`Wa{\s} steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?"' fragte die Wirtin
+und nahm vom Kaminsim{\s} einen der Messingleuchter, die mit ihren
+wei"sen Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. "`Haben
+Ehrw"urden einen Wunsch? Ein Gl"a{\s}chen Wacholder oder einen
+Schoppen Wein?"'
+
+Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seine{\s}
+Regenschirme{\s}, den er tag{\s} zuvor im Kloster Ernemont hatte
+stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn
+gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er
+sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon da{\s} Ave-Maria
+gel"autet ward.
+
+Al{\s} die Tritte de{\s} Geistlichen drau"sen verklungen waren,
+machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben
+sehr ungeb"uhrlich benommen. Eine angebotene Erfrischung
+abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche
+Heuchelei. Die Pfaffen s"offen in{\s}geheim alle miteinander. Am
+liebsten m"ochten sie den Zehnten wieder einf"uhren.
+
+Die L"owenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
+
+"`Na, "ubrigen{\s} nimmt er{\s} mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
+zugleich auf!"' meinte sie. "`Vorige{\s} Jahr hat er unsern Leuten
+beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sech{\s} Sch"utten auf
+einmal getragen. So stark ist er!"'
+
+"`Nat"urlich!"' rief Homai{\s} au{\s}. "`Schickt nur Eure
+M"adel{\s} solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate
+wa{\s} zu sagen h"atte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier
+Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier
+Wochen einen ordentlichen Aderla"s zur Hebung von Sicherheit und
+Sittlichkeit im Lande!"'
+
+"`Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlo{\s}! Sie haben keine Religion!"'
+
+Homai{\s} erwiderte:
+
+"`Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert
+al{\s} die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz.
+Ich verehre Gott. Erst recht tue ich da{\s}. Ich glaube an eine
+h"ohere Macht, an einen Sch"opfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht
+in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre
+Pflichten al{\s} Staat{\s}b"urger und Familienv"ater erf"ullen.
+Aber ich habe kein Bed"urfni{\s}, in die Kirche zu gehen,
+silberne{\s} Ger"at zu k"ussen und eine Bande von Possenrei"sern
+au{\s} meiner Tasche zu m"asten, die sich besser hegen und pflegen
+al{\s} ich mich selber. Gott kann man viel sch"oner verehren im
+Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung
+angesicht{\s} der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der
+Philosophen und K"unstler. Ich bin f"ur Rousseau{\s}
+Glauben{\s}bekenntni{\s} de{\s} savoyischen Vikar{\s}. F"ur die
+unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den
+sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierst"ockchen in der
+Hand gem"utlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in
+einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
+dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Da{\s} ist schon an
+und f"ur sich Bl"odsinn und obendrein wider alle Naturgesetze!
+E{\s} beweist aber nebenbei, da"s sich die Pfaffen in der
+schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen
+m"ochten, mir Wollust selber herumsielen."'
+
+Er schwieg und "uberschaute seine Zuh"orerschaft. Er hatte sich
+in{\s} Zeug gelegt, al{\s} spr"ache er vor versammeltem
+Gemeinderat. Die Wirtin war l"angst au{\s} der Gaststube gelaufen.
+Sie lauschte drau"sen und vernahm ein ferne{\s} rollende{\s}
+Ger"ausch. Bald h"orte sie deutlich da{\s} Rasseln der R"ader und
+da{\s} Klappern eine{\s} lockeren Eisen{\s} auf dem Pflaster.
+Endlich hielt die Postkutsche vor der Hau{\s}t"ure.
+
+E{\s} war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenr"adern, die
+bi{\s} an da{\s} Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem
+Reisenden jegliche Au{\s}sicht und bespritzten ihn fortw"ahrend.
+Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem
+Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, da"s sie vor Staub und
+Stra"senschmutz starrten. Der st"arkste Platzregen h"atte sie
+nicht rein gewaschen. Da{\s} Fahrzeug war mit drei Pferden
+bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde.
+
+Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alle{\s}
+redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
+wollte irgendwelche Au{\s}kunft, ein dritter erwartete eine
+Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wu"ste gar nicht, wem er
+zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte n"amlich allerlei
+Auftr"age f"ur die Landleute in der Stadt zu "ubernehmen. Er
+machte Eink"aufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied
+alte{\s} Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne
+Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur
+Lockenwickel. Auf dem R"uckwege verteilte er dann die Pakete
+l"ang{\s} seiner Fahrstra"se. Wenn er am Geh"oft eine{\s}
+Auftraggeber{\s} vorbeifuhr, schrie er au{\s} voller Kehle und
+warf da{\s} Paket "uber den Zaun in da{\s} Grundst"uck, wobei er
+sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke
+ohne Z"ugel laufen lie"s.
+
+Heute kam er mit Versp"atung. Unterweg{\s} war Frau Bovary{\s}
+Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff
+man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zur"uck; aller
+Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schlie"slich
+aber mu"ste weitergefahren werden.
+
+Emma weinte und war ganz au"ser sich. Karl sei an diesem Ungl"uck
+schuld. Herr Lheureux, der Modewarenh"andler, der mit in der Post
+fuhr, versuchte sie zu tr"osten, indem er ein Schock Geschichten
+von Hunden erz"ahlte, die entlaufen waren und sich nach langen
+Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
+anderem wu"ste er von einem Dackel zu berichten, der von
+Konstantinopel au{\s} den Weg nach Pari{\s} zur"uckgefunden haben
+sollte. Ein andrer Hund war hinter einander drei"sig Meilen
+gelaufen und hatte dabei vier Fl"usse durchschwommen. Und sein
+eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zw"olf
+Jahre weg. Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} der alte Lheureux durch die
+Stadt nach dem Gasthau{\s} ging, sprang der Hund an ihm hoch.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Emma stieg zuerst au{\s}, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
+eine Amme. Karl mu"ste man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
+beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
+
+Homai{\s} stellte sich vor. Er ersch"opfte sich der "`gn"adigen
+Frau"' und dem "`Herrn Doktor"' gegen"uber in Galanterien und
+H"oflichkeiten. Er sei ent\/z"uckt, sagte er, bereit{\s} Gelegenheit
+gehabt zu haben, ihnen gef"allig sein zu d"urfen. Und in
+herzlichem Tone f"ugte er hinzu, er l"ude sich f"ur heute bei
+ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer.
+
+Frau Bovary begab sich in die K"uche und an den Herd. Mit den
+Fingerspitzen fa"ste sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog e{\s}
+bi{\s} zu den Kn"ocheln herauf und w"armte ihre mit
+schwarzledernen Stiefeletten bekleideten F"u"se an der Glut, in
+der die Hammelkeule am Spie"s gedreht wurde. Da{\s} Feuer
+beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den
+Stoff ihre{\s} Kleide{\s}, auf ihre por"ose wei"se Haut und in die
+Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schl"ossen. Der
+Luft\/zug strich durch die halboffene T"ur und r"otete die Flammen.
+Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende
+de{\s}selben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm
+betrachtete.
+
+E{\s} war Leo D"upui{\s}, der Adjunkt de{\s} Notar{\s} Guillaumin,
+einer der Stamm\-g"aste im Goldnen L"owen. Er langweilte sich
+geh"orig in Yonville, und de{\s}halb kam er zu Tisch "ofter{\s}
+absichtlich zu sp"at, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden
+den Abend im Wirt{\s}hause verplaudern zu k"onnen. Wenn er aber in
+der Kanzlei gerade gar nicht{\s} zu tun hatte, mu"ste er au{\s}
+Langeweile wohl oder "ubel p"unktlich erscheinen und von der Suppe
+bi{\s} zum K"ase Binet{\s} Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte
+ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen G"asten zusammen zu
+essen; er war mit Vergn"ugen darauf eingegangen. Zur Feier de{\s}
+Tage{\s} war im Saal f"ur vier Personen gedeckt worden.
+
+Man versammelte sich daselbst. Homai{\s} bat um Erlaubni{\s}, sein
+K"appchen aufbehalten zu d"urfen. Er erk"alte sich leicht.
+
+Frau Bovary sa"s ihm beim Essen zur Rechten.
+
+"`Gn"adige Frau sind zweifello{\s} ein wenig m"ude?"' begann er.
+"`In un{\s}rer alten Postkutsche wird man schauderhaft
+durchger"uttelt."'
+
+"`Freilich!"' gab Emma zur Antwort. "`Aber diese{\s} Dr"uber und
+Drunter macht mir gerade Spa"s. Ich liebe die Abwechselung."'
+
+"`Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gr"a"slich!"'
+seufzte der Adjunkt.
+
+"`Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen
+m"u"sten~..."', warf Karl ein.
+
+Leo wandte sich an Emma:
+
+"`Grade da{\s} denke ich mir k"ostlich. Nat"urlich mu"s man ein
+guter Reiter sein."'
+
+"`Ein praktizierender Arzt hat{\s} "ubrigen{\s} in hiesiger Gegend
+ziemlich bequem"', meinte der Apotheker. "`Die Wege sind n"amlich
+soweit imstand, da"s man ein Kabriolett verwenden kann. Im
+allgemeinen lohnt sich die Praxi{\s} auch. Die Bauern sind
+wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
+abgesehen von den gew"ohnlichen Diarrh"oen, Rachenkatarrhen und
+Magenbeschwerden, hin und wieder w"ahrend der Erntezeit wohl
+F"alle von Wechselfieber, aber im gro"sen und ganzen selten
+schwere Krankheiten. Besonder{\s} zu erw"ahnen sind die
+zahlreichen skroful"osen Leiden, die zweifello{\s} von den
+kl"aglichen hygienischen Verh"altnissen in den Bauernh"ausern
+herr"uhren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden "ofter{\s} mit
+altmodischen Ansichten zu k"ampfen haben, und vielfach werden
+Dickk"opfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer
+Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen e{\s}
+in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit
+dem Pfarrer, statt da"s sie von vornherein zum Arzt oder in die
+Apotheke gingen. Im "ubrigen ist da{\s} Klima wirklich nicht
+schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigj"ahrige in der Gemeinde.
+Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalk"alte im Winter
+4${}^{\circ}$ Celsiu{\s}, w"ahrend wir im Hochsommer auf
+25${}^{\circ}$, h"ochsten{\s} 30${}^{\circ}$ kommen. Da{\s}
+w"are ein Maximum von 24${}^{\circ}$ Reaumur. Da{\s} ist
+nicht viel. Da{\s} kommt aber daher, da"s wir einerseit{\s} vor den
+Nordwinden durch die W"alder von Argueil, andrerseit{\s} vor den
+Westwinden durch die H"ohe von Sankt Johann gesch"utzt sind. Diese
+W"arme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung de{\s}
+Flusse{\s} und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den
+Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren
+(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur
+Stickstoff und Sauerstoff!), -- diese W"arme, die den Humu{\s}
+au{\s}saugt und alle D"unste de{\s} Boden{\s} aufnimmt, sich
+gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der
+Elektrizit"at der Atmosph"are verbindet, die k"onnte schlie"slich
+(wie in den Tropenl"andern) gesundheit{\s}sch"adliche Mia{\s}men
+erzeugen --, diese W"arme, sag ich, wird gerade dort, wo sie
+herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen k"onnte, da{\s} hei"st
+im S"uden, durch die S"udostwinde abgek"uhlt, die ihre K"uhle
+"uber der Seine erlangen und bei un{\s} bi{\s}weilen pl"otzlich
+al{\s} sanfte{\s} Mail"ufterl wehen~..."'
+
+"`Gibt e{\s} denn wenigsten{\s} ein paar Spazierwege in der
+Umgegend?"' fragte Frau Bovary im Laufe ihre{\s} Gespr"ache{\s}
+mit dem jungen Manne.
+
+"`Leider nur sehr wenige"', entgegnete er. "`Einen h"ubschen Ort
+gibt e{\s} auf der H"ohe, am Waldrande, der
+{\glq}Futterplatz{\grq} genannt. Dort sitze ich manchmal
+Sonntag{\s} und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den
+Sonnenuntergang an."'
+
+"`E{\s} gibt nicht{\s} Wunderbarere{\s} al{\s} den Sonnenuntergang,"'
+schw"armte Emma, "`zumal am Gestade de{\s} Meere{\s}!"'
+
+"`Ach, ich bete da{\s} Meer an!"' stimmte Leo bei.
+
+"`Haben Sie nicht auch die Empfindung,"' fuhr Frau Bovary fort,
+"`da"s die Seele beim Anblicke dieser unerme"slichen Weite Fl"ugel
+bekommt, die Fl"ugel der Andacht, die in{\s} Reich der Ewigkeiten
+emporheben, in die Sph"are der Ideen, der Ideale?"'
+
+"`Im Hochgebirge ergeht e{\s} einem ebenso"', meinte Leo. "`Ich
+habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise
+gemacht hat. Der hat mir erz"ahlt: ohne sie selber zu sehen,
+k"onne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht
+vorstellen, den Zauber der Wasserf"alle und den gro"sartigen
+Eindruck der Gletscher. "Uber Gie"sb"achen h"angen riesige
+Fichten, und am Rande von tiefen Abgr"unden kleben Alpenh"utten;
+und wenn die Wolken einmal zerrei"sen, erblickt man tausend Fu"s
+unten in der Tiefe die langen T"aler. Wer da{\s} schaut, mu"s in
+Begeisterung geraten, in Andacht{\s}stimmung, in Ekstase! Jetzt
+begreife ich auch jenen ber"uhmten Musiker, der nur angesicht{\s}
+von erhabenen Landschaften arbeiten konnte."'
+
+"`Treiben Sie Musik?"' fragte Emma.
+
+"`Nein, aber ich liebe die Musik!"' antwortete er.
+
+"`Glauben Sie ihm da{\s} nicht, Frau Doktor!"' mischte sich
+Homai{\s} ein. "`Da{\s} sagt er nur au{\s} purer Bescheidenheit
+... Aber gewi"s, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da
+haben Sie doch da{\s} \so{Engellied} wundervoll gesungen. Ich hab
+e{\s} von meinem Laboratorium au{\s} geh"ort. Sie haben eine
+Stimme wie ein Operns"anger!"'
+
+Leo D"upui{\s} bewohnte n"amlich im Hause de{\s} Apotheker{\s} im
+zweiten Stock ein kleine{\s} Zimmer, da{\s} nach dem Markt
+hinau{\s}ging. Bei dem Komplimente seine{\s} Hau{\s}wirte{\s}
+wurde er "uber und "uber rot.
+
+Homai{\s} widmete sich bereit{\s} wieder dem Arzte, dem er die
+bemerken{\s}werten Einwohner von Yonville einzeln aufz"ahlte. Er
+wu"ste tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur "uber da{\s}
+Verm"ogen de{\s} Notar{\s} k"onne er nicht{\s} Genaue{\s} sagen.
+Auch "uber die Familie T"uvache munkele man so allerlei.
+
+Emma fuhr fort:
+
+"`Da{\s} ist ja ent\/z"uckend! Und welche Musik lieben Sie am
+meisten?"'
+
+"`Die deutsche! Die ist da{\s} wahre Traumland~..."'
+
+"`Kennen Sie die Italiener?"'
+
+"`Noch nicht. Aber ich werde sie n"achste{\s} Jahr h"oren. Ich
+habe die Absicht, nach Pari{\s} zu gehen, um mein juristische{\s}
+Studium zu vollenden."'
+
+"`Wie ich bereit{\s} die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl
+mit\/zuteilen,"' sagte wiederum der Apotheker, "`al{\s} ich ihm von
+dem armen Stryien{\s}ki berichtete, der auf und davon gegangen
+ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich
+eine{\s} der komfortabelsten H"auser von Yonville erfreuen. Eine
+ganz besondre Bequemlichkeit gerade f"ur einen Arzt ist da{\s}
+Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu.
+Man kann dadurch unbeobachtet ein und au{\s} gehen. Die Wohnung
+selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein
+gro"se{\s} E"szimmer, eine K"uche mit Speisekammer, eine
+Waschk"uche, einen Obstkeller usw. Ihr Vorg"anger war ein flotter
+Kerl, dem e{\s} auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in
+seinem Garten, mit dem Blick auf unser Fl"u"schen, da hat er sich
+ein Lusth"au{\s}chen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden
+sein Bier drin zu s"uffeln. Wenn die gn"adige Frau die Blumenzucht
+liebt~..."'
+
+"`Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab"', unterbrach ihn
+Karl. "`Obgleich ihr k"orperliche Bewegung verordnet ist, bleibt
+sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest."'
+
+"`Ganz wie ich!"' fiel Leo ein. "`Wa{\s} w"are wohl auch
+gem"utlicher, al{\s} abend{\s} beim Schein der Lampe mit einem
+Buche am Kamine zu sitzen, w"ahrend drau"sen der Wind gegen die
+Fensterscheiben schl"agt?"'
+
+"`So ist e{\s}!"' stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren gro"sen
+schwarzen Augen voll an.
+
+Er fuhr fort:
+
+"`Dann denkt man an nicht{\s}, und die Stunden verrinnen. Ohne
+da"s man sich bewegt, wandert man mit dem Erz"ahler durch ferne
+Lande. Man w"ahnt sie vor Augen zu haben. Man tr"aumt sich in die
+fremden Erlebnisse hinein, bi{\s} in alle Einzelheiten; man
+verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter
+den Gestalten der Dichtung, und e{\s} kommt einem zuletzt vor,
+al{\s} schl"uge da{\s} eigne Herz in ihnen."'
+
+"`Wie wahr! Wie wahr!"' rief Emma au{\s}.
+
+"`Haben Sie e{\s} nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
+bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
+l"angst in sich selbst tr"agt? Wie au{\s} der Ferne schwebt sie
+nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und e{\s}
+ist einem, al{\s} stehe man vor einer Offenbarung seine{\s}
+tiefsten Ich{\s}~..."'
+
+"`Da{\s} hab ich schon erlebt!"' fl"usterte sie.
+
+"`Und darum"', fuhr er fort, "`liebe ich die Dichter "uber
+alle{\s}. Ich finde, Verse sind zarter al{\s} Prosa. Sie r"uhren
+so sch"on zu Tr"anen!"'
+
+"`Aber sie erm"uden auf die Dauer,"' wandte Emma ein, "`und daher
+ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie m"ussen spannend und
+aufregend sein. Widerlich sind mir Alltag{\s}leute und lauwarme
+Gef"uhle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit."'
+
+"`Gewi"s,"' bemerkte der Adjunkt, "`die naturalistischen Romane
+haben dem Herzen nicht{\s} zu sagen und entfernen sich damit,
+meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. E{\s} ist so
+s"u"s, sich au{\s} den H"a"slichkeiten de{\s} Dasein{\s}
+herau{\s}zuz"uchten, wenigsten{\s} in Gedanken: zu edlen
+Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu gl"uckseligen
+Zust"anden. F"ur mich, der ich hier fern der gro"sen Welt lebe,
+ist da{\s} die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig
+Gelegenheit~..."'
+
+"`Jedenfall{\s} genau so wie in Toste{\s}!"' bemerkte Emma. "`Drum
+war ich st"andig in einer Leihbibliothek abonniert."'
+
+Der Apotheker hatte diese letzten Worte geh"ort. "`Wenn gn"adige
+Frau mir die Ehre erweisen wollen,"' sagte er, "`meine Bibliothek
+zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verf"ugung. Sie enth"alt die
+besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott,
+au"serdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den
+"`Leuchtturm von Rouen"', ein Tage{\s}blatt, dessen Korrespondent
+f"ur Buchy, Forge{\s}, Neufch\^atel, Yonville und Umgegend ich
+bin."'
+
+Man sa"s bereit{\s} zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht
+ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren
+Holzschuhen saumselig "uber die Dielen schl"urfte, jeden Teller
+einzeln hereinbrachte, allerlei verga"s, jeden Auftrag "uberh"orte
+und immer wieder die T"ure zum Billardzimmer offen lie"s, die dann
+krachend von selber zuklappte.
+
+Ohne e{\s} zu bemerken, hatte Leo, w"ahrend er so eifrig
+plauderte, einen Fu"s auf eine der Querleisten de{\s} Stuhle{\s}
+gesetzt, auf dem Frau Bovary sa"s. Sie trug einen gefalteten
+steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlip{\s}, und je nach
+den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, ber"uhrte ihr Kinn
+den Batist oder entfernte sich grazi"o{\s} davon. So kamen Leo und
+Emma, w"ahrend sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in ein{\s}
+jener uferlosen Gespr"ache, die um tausend oberfl"achliche Dinge
+kreisen und keinen andern Sinn haben, al{\s} die gegenseitige
+Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse,
+Romantitel, moderne T"anze, die ihnen fremde gro"se Gesellschaft,
+Toste{\s}, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich
+gefunden, alle{\s} da{\s} ber"uhrten sie in ihrer Plauderei,
+bi{\s} die Mahlzeit zu Ende war.
+
+Al{\s} der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der
+neuen Wohnung da{\s} Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf
+brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war l"angst am
+erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hau{\s}knecht war
+wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn
+und Frau Bovary nach Hau{\s}. In seinem roten Haar hing H"acksel,
+und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm de{\s} Pfarrer{\s},
+den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er
+voran.
+
+Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die S"aulen der Hallen auf dem
+Markte warfen lange Schatten "uber da{\s} Pflaster. Der Boden war
+hellgrau wie in einer Sommernacht. Da da{\s} Hau{\s} de{\s}
+Arzte{\s} nur f"unfzig Schritte vom Goldnen L"owen entfernt lag,
+w"unschte man sich al{\s}bald gegenseitig Gute Nacht, und so
+schied man voneinander.
+
+Al{\s} Emma die Hau{\s}flur ihre{\s} neuen Heim{\s} betrat, hatte
+sie die Empfindung, al{\s} lege sich ihr die K"uhle der W"ande wie
+feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
+Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
+fahle{\s} Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah drau"sen
+Baumwipfel und weiterhin in der Niederung da{\s} Wiesenland, ein
+Nebelmeer dar"uber. Da{\s} Mondlicht sickerte durch die
+aufwallenden D"ampfe.
+
+Im Zimmer standen Kommodenk"asten, Flaschen, Gardinenstangen,
+M"o\-bel\-st"ucke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden
+Packer hatten alle{\s} so stehen und liegen lassen.
+
+Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte.
+Da{\s} erstemal war e{\s} am Tage ihre{\s} Eintritt{\s} in{\s}
+Kloster gewesen, da{\s} zweitemal an dem ihrer Ankunft in
+Toste{\s}, da{\s} drittemal im Schlo"s Vaubyessard und da{\s}
+vierte hier in Yonville. Jede{\s}mal hatte ein neuer Abschnitt in
+ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, da"s sich die gleichen
+Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen k"onnten; und da
+ihr bi{\s}herige{\s} St"uck Leben h"a"slich gewesen war, so m"usse
+da{\s}, wa{\s} sie noch zu erleben hatte, zweifello{\s} sch"oner
+sein.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Am andern Morgen, al{\s} Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
+Adjunkt "uber den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
+zu ihr herauf und gr"u"ste. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
+schlo"s da{\s} Fenster.
+
+Den ganzen Tag "uber konnte e{\s} Leo D"upui{\s} kaum erwarten,
+da"s e{\s} sech{\s} schlug. Al{\s} er aber endlich in den Goldnen
+L"owen kam, fand er niemanden vor al{\s} den Steuereinnehmer, der
+bereit{\s} am Tische sa"s.
+
+Da{\s} gestrige Mahl war f"ur Leo ein bedeutung{\s}volle{\s}
+Ereigni{\s}. Bi{\s} dahin hatte er noch niemal{\s} zwei Stunden
+lang mit einer "`Dame"' geplaudert. Wie hatte er e{\s} nur
+fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter
+Form zu sagen? Da{\s} war ihm vordem unm"oglich gewesen. Er war
+von Natur sch"uchtern und wahrte eine gewisse Zur"uckhaltung, die
+sich au{\s} Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die
+Yonviller fanden sein Benehmen tadello{\s}. Er h"orte still zu,
+wenn "altere Herren di{\s}putierten, und zeigte sich in
+politischen Dingen keine{\s}weg{\s} radikal, wa{\s} an einem
+jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besa"s er allerlei
+Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er besch"aftigte
+sich in seinen Mu"sestunden gern mit der Literatur, -- wenn er
+nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker sch"atzte ihn wegen
+seiner Kenntnisse, und Frau Homai{\s} war ihm wohlgewogen, weil er
+h"oflich und gef"allig war; "ofter{\s} widmete er sich n"amlich im
+Garten ihren Kindern, kleinem Volk, da{\s} immer schmutzig
+au{\s}sah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung
+einmal dem Dienstm"adchen und dann noch besonder{\s} dem Lehrling
+oblag, einem jungen Burschen, namen{\s} Justin. Er war ein
+entfernter Verwandter de{\s} Apotheker{\s}, von diesem au{\s}
+Mitleid in seinem Hau{\s} aufgenommen, wo er eine Art "`Mann f"ur
+alle{\s}"' geworden war.
+
+Homai{\s} spielte die Rolle de{\s} guten Nachbar{\s}. Er gab Frau
+Bovary die besten Adressen f"ur ihre Eink"aufe, lie"s seinen
+Apfelweinlieferanten eigen{\s} f"ur sie herkommen, beteiligte sich
+an der Weinprobe und gab pers"onlich acht, da"s da{\s} bestellte
+Fa"s einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die
+beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr
+Lestiboudoi{\s}, den Kirchendiener, al{\s} G"artner; neben seinen
+"Amtern in Kirche und Gotte{\s}acker hielt dieser n"amlich die
+G"arten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn
+"`stundenweise"' oder "`auf{\s} Jahr"', ganz wie e{\s} gew"unscht
+wurde.
+
+Diese Hilf{\s}bereitschaft de{\s} Apotheker{\s} entsprang weniger
+einem Herzen{\s}bed"urfni{\s} al{\s} schlauer Berechnung.
+Homai{\s} hatte n"amlich fr"uher einmal gegen da{\s} Gesetz vom
+19. Vent\^ose de{\s} Jahre{\s} \begin{antiqua}XI\end{antiqua}~
+versto"sen, wonach die "arztliche Praxi{\s} jedem verboten ist,
+der sich nicht im Besitze eine{\s} staatlichen Diplom{\s}
+befindet. Eine{\s} Tage{\s} war er auf eine geheimni{\s}volle
+Anzeige hin nach Rouen vor den Staat{\s}anwalt geladen worden.
+Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amt{\s}zimmer,
+stehend und in Amt{\s}robe, da{\s} Barett auf dem Kopfe,
+vernommen. E{\s} war am Vormittag, unmittelbar vor einer
+Gericht{\s}sitzung gewesen. Von drau"sen, vom Gange her, waren dem
+Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute in{\s} Ohr gehallt.
+E{\s} war ihm, al{\s} h"orte er fern da{\s} Aufschnappen wuchtiger
+Schl"osser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag w"urde
+ihn r"uhren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in
+Tr"anen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in
+alle vier Winde verstreut. Hinterher mu"ste er seine
+Leben{\s}geister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in
+Selter{\s} wieder auf die Beine bringen.
+
+Allm"ahlich verbla"ste die Erinnerung an diese Vermahnung, und
+Homai{\s} hielt von neuem in seinem Hinterst"ubchen "arztliche
+Sprechstunden ab. Da aber der B"urgermeister nicht sein Freund war
+und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
+ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
+durch kleine Gef"alligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
+ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
+fall{\s} die Kurpfuschereien in der Apotheke abermal{\s} ruchbar
+w"urden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den "`Leuchtturm"', und
+oft verlie"s er nachmittag{\s} auf ein Viertelst"undchen sein
+Gesch"aft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen.
+
+Karl war mi"sgestimmt. E{\s} kamen keine Patienten. Ganze Stunden
+lang sa"s er vor sich hinbr"utend da, ohne ein Wort zu sprechen.
+Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schl"afchen oder sah seiner
+Frau beim N"ahen zu. Um sich ein wenig Besch"aftigung zu machen,
+verrichtete er allerhand grobe Hau{\s}arbeit. Er versuchte sogar,
+die Bodent"ure mit dem Rest von "Olfarbe anzupinseln, den die
+Anstreicher dagelassen hatten.
+
+Am meisten dr"uckte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in
+Toste{\s} eine betr"achtliche Summe au{\s}gegeben f"ur neue
+Anschaffungen im Hause, f"ur die Kleider seiner Frau und
+neuerding{\s} f"ur den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr al{\s}
+dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der
+"Ubersiedelung von Toste{\s} nach Yonville war viele{\s}
+besch"adigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
+t"onerne M"onch, der unterweg{\s} vom Wagen heruntergefallen und
+in tausend St"ucke zerschellt war.
+
+Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
+Frau. Je n"aher diese ihrer Erf"ullung entgegengingen, um so
+liebevoller behandelte er Emma. Diese sich kn"upfenden neuen Bande
+von Fleisch und Blut machten da{\s} Gef"uhl der ewigen
+Zusammengeh"origkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem tr"agen
+Gange zusah, wenn er da{\s} allm"ahliche Vollerwerden ihrer
+miederlosen H"uften bemerkte, wenn sie m"ude ihm gegen"uber auf
+dem Sofa sa"s, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
+seinem Gl"ucke nicht fassen. Er sprang auf, k"u"ste sie,
+streichelte ihr Gesicht, nannte sie "`Mammchen"', wollte mit ihr
+im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen
+tausend z"artliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn
+kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwa{\s}
+K"ostliche{\s}. Jetzt fehlte ihm nicht{\s} mehr auf der Welt. Nun
+hatte er alle{\s} erlebt, wa{\s} Menschen erleben k"onnen, und er
+durfte zufrieden und vergn"ugt sein.
+
+In der ersten Zeit war Emma "uber sich selbst arg verwundert. Dann
+kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
+wollte wissen, wie e{\s} sein w"urde, wenn da{\s} Kind da war.
+Aber al{\s} sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen
+Vorh"angen und gestickte Kinderh"aubchen zu kaufen, da "uberkam
+sie eine pl"otzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die
+Baby-Au{\s}stattung selber sorglich au{\s}zuw"ahlen, und
+"uberlie"s die Herstellung in Bausch und Bogen einer N"aherin. So
+lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen,
+die andre M"utter so z"artlich stimmen, und vielleicht war die{\s}
+der Grund, da"s ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente
+entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von
+dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken.
+
+Sie w"unschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
+sollte er werden, und Georg m"u"ste er hei"sen! Der Gedanke, einem
+m"annlichen Wesen da{\s} Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
+Entsch"adigung f"ur alle{\s} da{\s}, wa{\s} sich in ihrem eigenen
+Dasein nicht erf"ullt hatte. Ein Mann ist doch wenigsten{\s} sein
+freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen,
+er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die
+allerfernsten Gl"uckseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend
+Ketten. Tatenlo{\s} und doch genu"sfreudig, steht sie zwischen den
+Verf"uhrungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
+den flatternden Schleier ihre{\s} Hute{\s} ein feste{\s} Band
+h"alt, so gibt e{\s} f"ur die Frau immer ein Verlangen, mit dem
+sie hinwegfliegen m"ochte, und immer irgendwelche herk"ommliche
+Moral, die sie nicht lo{\s}l"a"st.
+
+An einem Sonntag kam da{\s} Kind zur Welt, fr"uh gegen sech{\s}
+Uhr, al{\s} die Sonne aufging.
+
+"`E{\s} ist ein M"adchen!"' verk"undete Karl.
+
+Emma fiel im Bett zur"uck und ward ohnm"achtig. Schon stellten
+sich auch Frau Homai{\s} und die L"owenwirtin ein, um die
+W"ochnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr di{\s}kret ein paar
+vorl"aufige Gl"uckw"unsche durch die T"urspalte zu. Er wollte die
+neue Erdenb"urgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
+
+W"ahrend der Genesung gr"ubelte Emma nach, welchen Namen da{\s}
+Kind bekommen sollte. Zun"achst dachte sie an einen italienisch
+klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
+gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl
+"au"serte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft
+werden, aber davon wollte Emma nicht{\s} wissen. Man nahm alle
+Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
+
+"`Herr Leo,"' berichtete der Apotheker, "`mit dem ich neulich
+dar"uber gesprochen habe, wundert sich dar"uber, da"s Sie nicht
+den Namen Magdalena w"ahlen. Der sei jetzt sehr in Mode."' Aber
+gegen die Patenschaft einer solchen S"underin str"aubte sich die
+alte Frau Bovary gewaltig. Homai{\s} f"ur seine Person hegte eine
+Vorliebe f"ur Namen, die an gro"se M"anner, ber"uhmte Taten und
+hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier
+eigenen Spr"o"slinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
+Freiheit!), Irma (ein Zugest"andni{\s} an die Romantik!) und
+Athalia (zu Ehren de{\s} Meisterst"uck{\s} de{\s} franz"osischen
+Drama{\s}!). Seine philosophische "Uberzeugung, sagte er, stehe
+seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm
+ersticke durchau{\s} nicht den Gef"uhl{\s}menschen. Er verst"unde
+sich darauf, da{\s} eine vom andern zu scheiden und sich vor
+fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
+
+Zu guter Letzt fiel Emma ein, da"s sie im Schlo"s Vaubyessard
+geh"ort hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit
+"`Berta-Luise"' angeredet worden war. Von diesem Augenblick an
+stand die Namen{\s}wahl fest. Da Vater Rouault zu kommen
+verhindert war, wurde Homai{\s} gebeten, Gevatter zu stehen. Er
+stiftete al{\s} Patengeschenk allerlei Gegenst"ande au{\s} seinem
+Gesch"aft, al{\s} wie: sech{\s} Schachteln Brusttee, eine Dose
+Kraftmehl, drei B"uchsen Marmelade und sech{\s} P"ackchen
+Malzbonbon{\s}.
+
+Am Taufabend gab e{\s} ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
+erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Lik"or gab der Apotheker
+ein patriotische{\s} Lied zum besten, worauf Leo D"upui{\s} eine
+Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin de{\s}
+Kinde{\s}) eine Romanze au{\s} der Napoleonischen Zeit sang. Der
+alte Herr Bovary bestand darauf, da"s da{\s} Kind heruntergebracht
+wurde, und taufte die Kleine "`Berta"', indem er ihr ein Gla{\s}
+Sekt von oben "uber den Kopf go"s. Den Abb\'e Bournisien "argerte
+diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und al{\s} der alte
+Bovary ihm gar noch ein sp"ottische{\s} Zitat vorhielt, wollte der
+Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inst"andig zu
+bleiben, und auch der Apotheker legte sich in{\s} Mittel. So
+gelang e{\s}, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte
+er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse.
+
+Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
+verbl"uffte die Yonviller durch da{\s} pr"achtige
+Stab{\s}arzt{\s}k"appi mit Silbertressen, da{\s} er vormittag{\s}
+trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Al{\s}
+gewohnheit{\s}m"a"siger starker Schnapstrinker schickte er da{\s}
+Dienstm"adchen h"aufig in den Goldnen L"owen, um seine Feldflasche
+f"ullen zu lassen, wa{\s} selbstverst"andlich auf Rechnung
+seine{\s} Sohne{\s} erfolgte. Um seine Hal{\s}t"ucher zu
+parf"umieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an K"olnischem
+Wasser, den seine Schwiegertochter besa"s.
+
+Ihr selbst war seine Anwesenheit keine{\s}weg{\s} unangenehm. Er
+war in der Welt herumgekommen. Er erz"ahlte von Berlin, Wien,
+Stra"sburg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den
+Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er
+wieder ganz der alte Schweren"oter, und zuweilen, im Garten oder
+auf der Treppe, fa"ste er Emma um die Taille und rief au{\s}:
+"`Karl, nimm dich in acht!"'
+
+Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um da{\s}
+Ehegl"uck ihre{\s} Sohne{\s}. Sie f"urchtete, ihr Mann k"onne am
+Ende einen unsittlichen Einflu"s auf die Gedankenwelt der jungen
+Frau au{\s}"uben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war
+ihre Besorgni{\s} noch schlimmer. Dem alten Herrn war alle{\s}
+zuzutrauen.
+
+Emma hatte da{\s} Kind zu der Frau eine{\s} Tischler{\s} namen{\s}
+Rollet in die Pflege gegeben. Eine{\s} Tage{\s} empfand sie
+pl"otzlich Sehnsucht, da{\s} kleine M"adchen zu sehen.
+Unverz"uglich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren
+H"au{\s}chen ganz am Ende de{\s} Orte{\s}, zwischen der
+Landstra"se und den Wiesen, in der Tiefe lag.
+
+E{\s} war Mittag. Die Fensterl"aden der H"auser waren alle
+geschlossen. Die sengende Sonne br"utete "uber den Schieferd"achern,
+deren Giebellinien richtige Funken spr"uhten. Ein schw"uler Wind
+wehte. Emma fiel da{\s} Gehen schwer. Da{\s} spitzige Pflaster tat
+ihren F"u"sen weh. Sie ward sich unschl"ussig, ob sie umkehren
+oder irgendwo eintreten und sich au{\s}ruhen sollte.
+
+In diesem Augenblick trat Leo au{\s} dem n"achsten Hause
+herau{\s}, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu,
+begr"u"ste sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der
+Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen.
+
+Frau Bovary erz"ahlte ihm, da"s sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
+aber m"ude zu werden beginne.
+
+"`Wenn~..."', fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
+
+"`Haben Sie etwa{\s} vor?"' fragte Emma. Auf die Verneinung de{\s}
+Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereit{\s} am Abend
+de{\s}selben Tage{\s} war die{\s} stadtbekannt, und Frau T"uvache,
+die B"urgermeister{\s}gattin, erkl"arte in Gegenwart ihre{\s}
+Dienstm"adchen{\s}, Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
+
+Um zu der Amme zu gelangen, mu"sten die beiden am Ende der
+Hauptstra"se link{\s} abgehen und einen kleinen Fu"sweg
+einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen H"ausern und Geh"often
+in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die
+den Pfad ums"aumten, bl"uhten, und e{\s} bl"uhten die Veroniken,
+die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeerstr"aucher.
+Durch L"ucken in den Hecken erblickte man hie und da auf den
+Misthaufen der kleinen Geh"ofte ein Schwein oder eine angebundne
+Kuh, die ihre H"orner an den St"ammen der B"aume wetzte.
+
+Seite an Seite wandelten sie gem"achlich weiter. Emma st"utzte
+sich auf Leo{\s} Arm, und er verk"urzte seine Schritte nach den
+ihren. Vor ihnen her tanzte ein M"uckenschwarm und erf"ullte die
+warme Luft mit ganz leisem Summen.
+
+Emma erkannte da{\s} Hau{\s} an einem alten Nu"sbaum wieder, der
+e{\s} umschattete. E{\s} war niedrig und hatte braune Ziegel auf
+dem Dache. Au{\s} der Luke de{\s} Oberboden{\s} hing ein Kranz von
+Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckige{\s}
+G"artlein mit Salat, Lavendel und bl"uhenden Schoten, die an
+Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde
+aufgeschichtet. Ein tr"ube{\s} W"asserchen rann sich verzettelnd
+durch da{\s} Gra{\s}; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein
+gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem
+Rasen umher, und "uber der Hecke flatterte ein gro"se{\s} St"uck
+Leinwand.
+
+Beim Knarren der Gartent"ure erschien die Tischler{\s}frau, ein
+Kind an der Brust, ein andre{\s} an der Hand, ein armselige{\s},
+schw"achlich au{\s}sehende{\s}, skroful"ose{\s} J"ungelchen. E{\s}
+war da{\s} Kind eine{\s} M"utzenmacher{\s} in Rouen, da{\s} die
+von ihrem Gesch"aft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf
+da{\s} Land gegeben hatten.
+
+"`Kommen Sie nur herein!"' sagte die Frau. "`Ihre Kleine schl"aft
+drinnen."'
+
+In der einzigen Stube im Erdgescho"s stand an der hinteren Wand
+ein gro"se{\s} Bett ohne Vorh"ange. Die Seite am Fenster, in dem
+eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein
+Backtrog ein. In der Ecke hinter der T"ure standen unter der Gosse
+Stiefel mit blanken N"ageln, daneben eine Flasche "Ol, au{\s}
+deren Hal{\s} eine Feder herau{\s}ragte. Auf dem verstaubten
+Kaminsim{\s} lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenst"umpfe
+und ein paar Fetzen Z"undschwamm. Ein weitere{\s} Schmuckst"uck
+diese{\s} Gemach{\s} war eine "`trompetende Fama"', offenbar
+da{\s} Reklameplakat einer Parf"umfabrik, da{\s} mit sech{\s}
+Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
+
+Emma{\s} T"ochterchen schlief in einer Wiege au{\s}
+Weidengeflecht. Sie nahm e{\s} mit der Decke, in die e{\s}
+gewickelt war, empor und begann e{\s} im Arme hin und her zu
+wiegen, wobei sie leise sang.
+
+Leo ging im Zimmer auf und ab. Die sch"one Frau in ihrem hellen
+Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
+vor. Sie ward pl"otzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
+sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte da{\s}
+Kind wieder in die Wiege. E{\s} hatte sich erbrochen, und die
+Mutter am Hal{\s}kragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die
+Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man s"ahe nicht{\s} mehr davon.
+
+"`Mir kommt sie noch ganz ander{\s}!"' meinte die Frau. "`Ich habe
+weiter nicht{\s} zu tun, al{\s} sie immer wieder zu s"aubern. Wenn
+Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmu{\s}
+beauftragten, da"s ich mir bei ihm ein bi"schen Seife holen kann,
+wenn ich welche brauche. Da{\s} w"are auch f"ur Sie da{\s}
+bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu st"oren."'
+
+"`Meinetwegen!"' sagte Emma. "`Auf Wiedersehn, Frau Rollet!"'
+
+Beim Hinau{\s}gehen sch"uttelte sie sich.
+
+Die Frau begleitete die beiden bi{\s} zum Ende de{\s} Hofe{\s},
+wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich e{\s} sei,
+nacht{\s} so h"aufig aufstehen zu m"ussen. "`Manchmal bin ich
+fr"uh so zerschlagen, da"s ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten
+Sie mir ein Pf"undchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich
+ihn fr"uh mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen."'
+
+Nachdem Frau Bovary die Danke{\s}beteuerungen der Frau "uber sich
+hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
+mit ihrem Begleiter ein St"uck auf dem Fu"swege gegangen, al{\s}
+sie da{\s} Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie
+drehte sich um. E{\s} war die Amme.
+
+"`Wa{\s} wollen Sie noch?"'
+
+Die Frau zog Emma bi{\s} hinter eine Ulme beiseite und fing an,
+von ihrem Manne zu erz"ahlen. "`Bei seinem Handwerke und seinen
+sech{\s} Franken Pension im Jahre~..."'
+
+"`Machen Sie rasch!"' unterbrach Emma ihren Wortschwall.
+
+"`Ach, liebste Frau Doktor,"' fuhr die Frau fort, indem sie
+zwischen jede{\s} ihrer Worte einen Seufzer schob, "`ich habe
+Angst, er wird b"ose, wenn er sieht, da"s ich allein f"ur mich
+Kaffee trinke. Sie wissen, wie die M"anner sind~..."'
+
+"`Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
+Sie langweilen mich."'
+
+"`Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, '{\s} ist ja blo"s f"ur die
+schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
+Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut~..."'
+
+"`Na, wa{\s} wollen Sie denn noch?"' fragte Emma.
+
+"`Wenn e{\s} also,"' fuhr die Frau fort, indem sie einen Knick{\s}
+machte, "`wenn e{\s} also nicht zuviel verlangt ist~..."' Sie
+machte abermal{\s} einen tiefen Knick{\s}. "`Wenn Sie so gut sein
+wollen~..."'
+
+Ihre Augen bettelten gott{\s}j"ammerlich. Endlich bekam sie e{\s}
+herau{\s}:
+
+"`Ein Bullchen Branntwein! Ich k"onnte damit auch die F"u"se Ihrer
+Kleinen ein bi"schen einreiben. Sie sind so riesig zart~..."'
+
+Nachdem sich Emma endlich von der Frau lo{\s}gemacht hatte, nahm
+sie Leo{\s} Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorw"art{\s}.
+Dann wurde sie langsamer, und Emma{\s} Blick, der bi{\s}her
+geradeau{\s} gegangen war, glitt "uber die Schulter ihre{\s}
+Begleiter{\s}. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem
+Rocke, auf den sein kastanienbraune{\s} wohlgepflegte{\s} Haar
+schlicht herabwallte. Die N"agel an seiner Hand fielen ihr auf;
+sie waren l"anger, al{\s} man sie in Yonville sonst trug. Ihre
+Pflege war eine der Hauptbesch"aftigungen de{\s} Adjunkten; er
+besa"s dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
+aufbewahrte.
+
+Am Ufer de{\s} Bache{\s} gingen sie nach dem St"adtchen zur"uck.
+Jetzt in der hei"sen Jahre{\s}zeit war der Wasserstand so niedrig,
+da"s man dr"uben die Gartenmauern bi{\s} auf ihre Grundlage sehen
+konnte. Von den Gartenpforten f"uhrten kleine Treppen in da{\s}
+Wasser. E{\s} flo"s lautlo{\s} und rasch dahin, K"uhle
+verbreitend. Hohe, d"unne Gr"aser neigten sich zur klaren Flut und
+lie"sen sich von der Str"omung treiben; da{\s} sah au{\s} wie
+au{\s}gel"oste{\s}, lange{\s}, gr"une{\s} Haar. Hin und wieder
+liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf
+den Bl"attern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im
+Zerflie"sen schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die
+verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen St"amme auf dem
+Wasser. Und h"uben die weiten Wiesen lagen so verlassen~...
+
+E{\s} war die Stunde, da man in den Gut{\s}h"ofen zu Mittag i"st.
+Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nicht{\s} al{\s}
+den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte,
+die sie redeten, und da{\s} leise Rascheln von Emma{\s} Kleid.
+
+Die oben mit Gla{\s}scherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
+nach "Uberschreitung eine{\s} Steg{\s} hingingen, gl"uhten wie die
+Scheiben eine{\s} Treibhause{\s}. Zwischen den Steinen sprossen
+Mauerblumen. Im Vor"ubergehen stie"s Frau Bovary mit dem Rande
+ihre{\s} Sonnenschirme{\s} an die welken Bl"uten; gelber Staub
+rieselte herab. Ab und zu streifte eine "uberh"angende
+Jel"anger-jelieber- oder Klemati{\s}-Ranke die Seide ihre{\s}
+Schirme{\s} und blieb einen Augenblick in den Spitzen h"angen.
+
+Sie plauderten von einer Truppe spanischer T"anzer, die demn"achst
+im Rouener Theater gastieren sollte.
+
+"`Werden Sie hinfahren?"' fragte Emma.
+
+"`Wenn ich kann, ja!"'
+
+Hatten sie sich wirklich nicht{\s} andre{\s} zu sagen? Ihre Augen
+sprachen eine viel ernstere Sprache, und w"ahrend sie sich mit so
+banalen Reden{\s}arten abqu"alten, f"uhlten sie sich alle beide im
+Banne der n"amlichen schw"ulen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
+Unterton dominierte heimlich ohne Unterla"s in ihrem
+oberfl"achlichen Gespr"ach. Betroffen von diesem ungewohnten
+s"u"sen Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
+Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
+K"unftige{\s} Gl"uck ist wie ein tropische{\s} Gestade: e{\s}
+sendet weit "uber den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen
+lauen Erdgeruch her"uber, balsamischen Duft, von dem man sich
+berauschen l"a"st, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen.
+
+An einer Stelle de{\s} Wege{\s} stand Regenwasser in den
+Wagengeleisen und Hufspuren; man mu"ste ein paar gro"se
+moo{\s}bewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten,
+begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu ersp"ahen,
+wohin sie den n"achsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein
+wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vorn"uber.
+Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den T"umpel zu treten,
+lachte sie doch.
+
+Vor ihrem Garten angelangt, stie"s Frau Bovary die kleine Pforte
+auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
+seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt bl"atterte in
+einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schlie"slich
+ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die H"ohe von
+Argueil ein St"uck hinauf, nach dem "`Futterplatz"' am Waldrande.
+Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in da{\s}
+Himmel{\s}blau, die H"ande locker "uber den Augen.
+
+"`Ach, ist da{\s} langweilig! Ist da{\s} langweilig!"' seufzte er.
+
+Er fand da{\s} Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homai{\s}
+al{\s} Freund und Guillaumin al{\s} Chef. Dem letzteren, diesem
+gr"a"slichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem
+roten Backenbart, seiner ewigen wei"sen Krawatte, dem mangelte
+auch der geringste Sinn f"ur h"ohere Dinge. E{\s} war nur in der
+ersten Zeit gewesen, da"s er dem Adjunkten mit seinen formellen
+Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab e{\s} weiter in
+Yonville? Die Frau de{\s} Apotheker{\s}. Die war weit und breit
+die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern,
+Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie
+leiden sehen, und in der Wirtschaft lie"s sie alle{\s} drunter und
+dr"uber gehn. Sie war eine Feindin de{\s} Korsett{\s}, sah sehr
+gew"ohnlich au{\s} und war in ihrer Unterhaltung h"ochst
+beschr"ankt. Alle{\s} in allem war sie eine ebenso harmlose wie
+langweilige Dame. Obgleich sie drei"sig Jahre alt war und er
+zwanzig, obwohl er T"ur an T"ur mit ihr schlief und obgleich er
+t"aglich mit ihr sprach, war e{\s} ihm doch noch nie in den Sinn
+gekommen, da"s sie irgendjemande{\s} Frau sein k"onne und mit
+ihren Geschlecht{\s}genossinnen mehr gemeinsam habe al{\s} die
+R"ocke.
+
+Und wen gab e{\s} au"serdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein
+paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
+B"urgermeister T"uvache und seine beiden S"ohne, gro"sprotzige,
+m"urrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre "Acker selber pfl"ugten,
+unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckm"auser, mit
+denen zu verkehren glatt unm"oglich war.
+
+Von dieser Masse allt"aglicher Leute hob sich Emma{\s} Gestalt ab,
+einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigsten{\s} war e{\s}, al{\s}
+l"agen tiefe Abgr"unde zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit
+hatte er Bovary{\s} hin und wieder zusammen mit Homai{\s} besucht,
+aber er hatte die Empfindung, al{\s} sei der Arzt durchau{\s}
+nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo
+immer zwischen der Furcht, f"ur aufdringlich gehalten zu werden,
+und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut
+wie unm"oglich schien.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Sobald e{\s} herbstlich zu werden begann, siedelte Emma au{\s}
+ihrem Zimmer in die Gro"se Stube "uber, einem l"anglichen
+niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gew"ohnlich sa"s sie am Fenster
+in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die drau"sen
+vor"ubergingen.
+
+Leo kam t"aglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
+L"owen und zur"uck. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem.
+Sie neigte sich jede{\s}mal vor und lauschte, und der junge Mann
+glitt an der Scheibengardine vor"uber, immer tadello{\s} gekleidet
+und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der D"ammerung, wenn sie,
+auf dem Scho"se die begonnene Stickerei, vertr"aumt dasa"s,
+"uberlief sie ein Schauer beim pl"otzlichen Vor"ubergleiten
+seine{\s} Schatten{\s}. Dann fuhr sie auf und befahl da{\s} Essen.
+
+Der Apotheker kam mitunter w"ahrend der Tischzeit. Sein K"appchen
+in der Hand, trat er ger"auschlo{\s} ein, um ja niemanden zu
+st"oren, jede{\s}mal mit derselben Reden{\s}art: "`Guten Abend,
+die Herrschaften!"' Er setzte sich an den Tisch zwischen da{\s}
+Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf
+sich Bovary seinerseit{\s} erkundigte, ob diese auch
+zahlung{\s}f"ahig seien. Sodann unterhielten sich die beiden "uber
+da{\s}, wa{\s} in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde
+wu"ste Homai{\s} sie bereit{\s} au{\s}wendig. Er rekapitulierte
+sie von Anfang bi{\s} zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
+darin berichteten merkw"urdigen Vorg"ange de{\s} In- und
+Au{\s}land{\s}. Wenn auch dieser Gespr"ach{\s}stoff ersch"opft
+war, konnte er ein paar Bemerkungen "uber die Gerichte auf dem
+Tische nicht unterdr"ucken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig
+und machte Frau Bovary artig auf da{\s} zarteste St"uck Fleisch
+aufmerksam, oder er wandte sich an da{\s} Dienstm"adchen und gab
+ihr Ratschl"age "uber die Zubereitung eine{\s} Ragout{\s} oder
+"uber die richtige Verwendung der Gew"urze. Er verstand mit
+erstaunlicher Fachkenntni{\s} "uber aromatische Zutaten,
+Fleischertrakte, Saucen und S"afte zu sprechen. Er hatte in seinem
+Kopfe mehr Rezepte al{\s} Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In
+der Herstellung von Konfit"uren, Weinessig und s"u"sen Lik"oren
+war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen
+auf dem Gebiete der K"uchen"okonomie, nicht minder da{\s} beste
+Verfahren, K"ase zu konservieren und verdorbne Weine wieder
+verwendbar zu machen.
+
+Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
+Schlie"sen de{\s} Laden{\s} zu holen. Homai{\s} pflegte ihm einen
+pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zuf"allig im Zimmer
+war. Er kannte n"amlich die Vorliebe seine{\s} Famulusse{\s} f"ur
+da{\s} Hau{\s} de{\s} Arzte{\s}.
+
+"`Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!"' meinte er.
+"`Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr
+Dienstm"adel verguckt!"'
+
+"Ubrigen{\s} machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er
+horche auf alle{\s}, wa{\s} in seinem Hause gesprochen w"urde.
+Beispiel{\s}weise sei er an den Sonntagen nicht au{\s} dem Salon
+hinau{\s}zubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder
+hole, um sie in{\s} Bett zu schaffen.
+
+An diesen Sonntag{\s}abenden erschienen "ubrigen{\s} nur wenige
+G"aste. Homai{\s} hatte sich nach und nach mit verschiedenen
+Hauptpers"onlichkeiten de{\s} Orte{\s} wegen seiner Klatschsucht
+und seiner politischen Ansichten "uberworfen. Aber der Adjunkt
+stellte sich regelm"a"sig ein. Sobald er die Hau{\s}t"urklingel
+h"orte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr da{\s}
+Umschlagetuch ab und die "Uberschuhe, die sie bei Schnee trug.
+
+Zun"achst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
+Emma und der Apotheker Ecart\'e. Leo stand hinter ihr und half
+ihr. Die H"ande auf die R"uckenlehne ihre{\s} Stuhle{\s}
+gest"utzt, betrachtete er sich die Zinken de{\s} Kamme{\s}, der
+ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen w"ahrend de{\s}
+Kartenspiel{\s} raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb de{\s}
+heraufgesteckten Haare{\s}, hatte ihre Haut einen br"aunlichen
+Farbenton, der sich nach dem R"ucken zu aufhellte und im Schatten
+de{\s} Kragen{\s} verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden
+Seiten de{\s} Stuhlsitze{\s} auf; er schlug eine Menge Falten und
+bedeckte ein St"uck de{\s} Boden{\s}. Wenn Leo hin und wieder
+au{\s} Versehen mit der Sohle seine{\s} Schuhe{\s} darauf geriet,
+zog er den Fu"s rasch zur"uck, al{\s} habe er einen Menschen
+getreten.
+
+Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homai{\s} und Karl Domino zu
+spielen. Emma setzte sich dann an da{\s} andre Ende de{\s}
+Tische{\s} und sah sich, die Ellbogen aufgest"utzt, die
+"`Illustrierte Zeitung"' an. Oft hatte sie auch ihren "`Bazar"'
+mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen
+die Holzschnitte und warteten mit dem Umbl"attern aufeinander.
+Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer
+Stimme vor, die bei verliebten Stellen fl"usternd wurde. Da{\s}
+Klappern der Dominosteine st"orte ihn. Der Apotheker war ein
+gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unversch"amte{\s}
+Gl"uck. Wenn die dreihundert Point{\s} erreicht waren, setzten
+sich die Spieler an den Kamin, und e{\s} dauerte nicht lange, da
+waren sie alle beide eingenickt. Da{\s} Feuer im Kamin war im
+Erl"oschen, die Teekanne leer. Leo la{\s} weiter, und Emma h"orte
+ihm zu, wobei sie halb unbewu"st in einem fort den Lampenschirm
+herumdrehte, auf dessen d"unnen Kattun Pierrot{\s} in einer
+Kutsche und Seilt"anzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt
+waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wie{\s} durch eine
+Geste auf die eingeschlafene Zuh"orerschaft, und nun sprachen sie
+lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei d"unkte beide um so
+s"u"ser, al{\s} niemand ihrer lauschte.
+
+So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
+fortw"ahrender Au{\s}tausch von Romanen und Gedichtb"uchern. Karl,
+der keine Neigung zur Eifersucht besa"s, hatte nicht{\s} dagegen.
+Zu seinem Geburt{\s}tage bekam er einen phrenologischen Sch"adel,
+der "uber und "uber mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war,
+eine Aufmerksamkeit Leo{\s}. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter
+nach Rouen, um dort Besorgungen f"ur da{\s} Ehepaar zu machen.
+Al{\s} infolge eine{\s} Moderoman{\s} die Kakteen in Beliebtheit
+kamen, brachte er ein Exemplar, da{\s} er w"ahrend der Fahrt in
+der Post vor sich auf den Knien hielt. Da{\s} stachlige Ding
+zerstach ihm alle Finger.
+
+Emma lie"s vor ihrem Fenster ein kleine{\s} Blumenbrett f"ur ihre
+Blu\-men\-t"opfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt ein{\s}
+hatte. Beim Begie"sen ihrer Blumen sahen sich die beiden.
+
+Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} Leo nach Hau{\s} kam, fand er in seinem
+Zimmer eine Reisedecke au{\s} mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide
+und Wolle Blumen und Bl"atter gestickt waren. Er zeigte sie Frau
+Homai{\s}, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der
+K"ochin; sogar seinem Chef erz"ahlte er davon. Alle Welt wollte
+nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau de{\s} Doktor{\s}
+dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Da{\s} war doch sonderbar.
+Und alsobald stand e{\s} unumst"o"slich fest: sie war "`seine gute
+Freundin."'
+
+Leo verst"arkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
+unaufh"orlich und vor jedermann von Emma{\s} Sch"onheit und
+Klugheit schw"armte. Binet wurde ihm de{\s}halb einmal geh"orig
+grob:
+
+"`Wa{\s} geht mich denn da{\s} an? Ich geh"ore nicht zu der
+Clique!"'
+
+Der Verliebte marterte sich mit Gr"ubeleien ab, wie er sich Emma
+erkl"aren k"onne. Er schwankte fortw"ahrend zwischen der Furcht,
+sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham "uber seine
+Feigheit. Er vergo"s Tr"anen ob seiner Mutlosigkeit und seiner
+Sehnsucht. Oft genug entschlo"s er sich zu k"uhner Entscheidung.
+Er schrieb Briefe, die er wieder zerri"s; nahm sich Tage der Tat
+vor, die er dann doch verstreichen lie"s. Manchmal ging er mir dem
+festen Vorsatz zu ihr, alle{\s} zu wagen; aber in ihrer Gegenwart
+verlor er al{\s}bald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn
+einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen
+Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit.
+Dann sagte er der "`gn"adigen Frau"' adieu und fuhr mit. War nicht
+ihr Mann auch ein St"uck von ihr?
+
+Emma ihrerseit{\s} fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. E{\s}
+war ihr Glaube, da"s die Liebe mit einem Male dasein m"usse, unter
+Donner und Blitz, wie ein Sturm au{\s} blauem Himmel, der die
+Menschen packt und ersch"uttert, ihnen den freien Willen
+entrei"st, wie einem Baum da{\s} Laub, und da{\s} ganze Herz in
+den Abgrund schwemmt. Sie wu"ste nicht, da"s der Regen auf den
+flachen D"achern der H"auser Seen bildet, wenn die Traufen
+verstopft sind. Und so w"are sie in ihrem Selbstbetrug verblieben,
+wenn sie nicht mit einem Male den Ri"s in der Mauer bemerkt
+h"atten.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+E{\s} war an einem Sonntag nachmittag im Februar. E{\s} schneite.
+
+Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
+Au{\s}flug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
+halbe Stunde talabw"art{\s} von Yonville, zu besichtigen. Napoleon
+und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben
+sollten; und auch Justin war dabei, ein B"undel Regenschirme auf
+der Schulter.
+
+Die neue Sehen{\s}w"urdigkeit war eigentlich nicht{\s} weniger
+al{\s} sehen{\s}wert. Um einen gro"sen "oden Platz, auf dem
+zwischen Sand- und Steinhaufen bereit{\s} ein paar verrostete
+Maschinenr"ader lagen, zog sich im Viereck ein Geb"aude mit einer
+Menge kleiner Fenster hin. E{\s} war noch nicht ganz vollendet;
+durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel.
+An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz au{\s} Stroh und
+"Ahren mit einem im Winde flatternden wei"s-rot-blauen Wimpel.
+
+Homai{\s} machte den F"uhrer. Er erkl"arte der Gesellschaft die
+k"unftige Bedeutung de{\s} Etablissement{\s} und sch"atzte die
+St"arke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr
+bedauerte, kein Meterma"s bei sich zu haben.
+
+Emma hatte sich bei ihm eingeh"angt. Sie st"utzte sich ein wenig
+auf seinen Arm und schaute tr"aumerisch in die Ferne nach der
+Sonnenscheibe, deren matte{\s} rote{\s} Licht mit dem Nebel
+k"ampfte. Pl"otzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er
+hatte seine M"utze bi{\s} auf die Augenbrauen in{\s} Gesicht
+hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, wa{\s} ihm
+einen bl"oden Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein
+beh"abiger R"ucken "argerte sie. Sie fand, die breite Fl"ache
+seine{\s} Mantel{\s} kennzeichne die ganze Plattheit von Karl{\s}
+Pers"onlichkeit.
+
+W"ahrend sie ihn so ver"achtlich musterte, geno"s sie eine gewisse
+perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die K"alte machte ihn
+bleich, wa{\s} in sein Gesicht etwa{\s} Schmachtende{\s},
+Sanfte{\s} brachte. Sein vorn offener Kragen lie"s zwischen
+Krawatte und Hal{\s} ein St"uck Haut sehen; von seinem Ohr lugte
+ein Teilchen zwischen den Str"ahnen seine{\s} Haar{\s} hervor, und
+seine gro"sen blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen
+Emma viel klarer und sch"oner vor al{\s} in den Gedichten die
+Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt.
+
+"`Rabenkind!"' schrie pl"otzlich der Apotheker und scho"s auf
+seinen Jungen lo{\s}, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um
+sch"one wei"se Schuhe zu bekommen. Al{\s} er t"uchtig
+au{\s}gescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin
+versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen,
+aber ohne Messer ging da{\s} nicht. Karl bot ihm sein{\s} an.
+
+"`Unerh"ort!"' dachte Emma bei sich. "`Er tr"agt ein Messer in der
+Tasche wie ein Bauer!"'
+
+Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
+Heimweg nach Yonville.
+
+An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbar{\s}leuten
+hin"uber. Al{\s} ihr Mann fort war und sie sich allein wu"ste,
+begann sie die beiden M"anner von neuem zu vergleichen, und der
+andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der
+eigent"umlichen Linienver"anderung, die da{\s} menschliche
+Ged"achtni{\s} vornimmt. Von ihrem Bette au{\s} sah sie die lichte
+Glut im Kamin und daneben -- ganz so wie vor ein paar Stunden --
+Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten
+Hand den Spazierstock, und f"uhrte an der andern Athalia, die
+bed"achtig an einem Ei{\s}zapfen saugte. Diese Szene hatte ihr
+gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht lo{\s}kommen. Sie
+versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen au{\s}gesehen
+hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen
+"uberhaupt sei~...
+
+Die Lippen wie zum Kusse gerundet, fl"usterte sie immer wieder vor
+sich hin: "`Ach, s"u"s, s"u"s!"' Und dann fragte sie sich: "`Ob er
+eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!"'
+
+Mit einem Male sprach alle{\s} daf"ur. Da{\s} Herz schlug ihr vor
+Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fr"ohliche
+Lichter. Emma legte sich auf den R"ucken und breitete ihre Arme
+weit au{\s}.
+
+Dann aber hob sie ihr alte{\s} Klagelied an: "`Ach, warum hat
+e{\s} der Himmel so gewollt? Warum nicht ander{\s}? Au{\s} welchem
+Grunde?"'
+
+Al{\s} Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, al{\s}
+wache sie auf; und al{\s} er sich etwa{\s} ger"auschvoll
+au{\s}zog, klagte sie "uber Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte
+sie aber, wie der Abend verlaufen sei.
+
+"`Leo ist heute zeitig gegangen"', erz"ahlte Karl.
+
+Sie mu"ste l"acheln, und mit dem Gef"uhl einer ungeahnten
+Gl"uckseligkeit schlummerte sie ein.
+
+Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch de{\s} Herrn
+Lheureux, de{\s} Modewarenh"andler{\s}. Der war, wie man zu sagen
+pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener
+Ga{\s}cogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er
+einte in sich die lebhafte Redseligkeit de{\s} S"udl"ander{\s} und
+die n"uchterne Verschlagenheit seiner neuen Land{\s}leute. Sein
+feiste{\s}, aufgeschwemmte{\s} und bartlose{\s} Gesicht sah
+au{\s}, al{\s} sei e{\s} mit S"u"sholztinktur gef"arbt, und sein
+wei"se{\s} Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren
+schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Wa{\s} er fr"uher
+getrieben, wu"ste man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer
+gewesen, andre sagten, Geldwech{\s}ler in Routot. Etwa{\s} aber
+stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
+au{\s}f"uhren. Selbst Binet kam die{\s} unheimlich vor. Dabei war
+er kriechend h"oflich; er lief in immer halb geb"uckter Haltung
+herum, al{\s} ob er jemanden gr"u"sen oder einladen wollte.
+
+Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der T"ure
+ab, stellte einen gr"unen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
+dann unter tausend Flo{\s}keln bei Frau Bovary zu beklagen, da"s
+er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerding{\s}
+sei eine "`armselige Butike"' wie die seine nicht gerade
+verlockend f"ur eine "`elegante Dame"'. Diese beiden Worte betonte
+er ganz besonder{\s}. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache
+sich anheischig, ihr alle{\s} nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren,
+W"asche, Str"umpfe, Modewaren, wa{\s} sie brauche. Er fahre
+regelm"a"sig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den
+ersten Firmen in Verbindung. Sie k"onne sich "uberall nach ihm
+erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vor"ubergehen, um der
+gn"adigen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen
+ganz besonder{\s} g"unstigen Gelegenheit{\s}kauf erworben h"atte.
+Dabei packte er au{\s} dem Kasten ein halbe{\s} Dutzend gestickter
+Hal{\s}kragen.
+
+Frau Bovary besah sie sich.
+
+"`Ich brauche nicht{\s}"', bemerkte sie.
+
+Nunmehr kramte der H"andler behutsam drei algerische Seident"ucher
+au{\s}, mehrere Pakete englischer N"ahnadeln, ein paar
+strohgeflochtne Pantoffeln und schlie"slich vier Eierbecher au{\s}
+Koko{\s}nu"sschale, filigranartige Schnitzarbeiten von
+Str"aflingen. Sich mit beiden H"anden auf den Tisch st"utzend, mit
+langem Hal{\s} und offnem Mund, beobachtete er Emma{\s} Augen, die
+unentschlossen in all diesen Gegenst"anden herumsuchten. Von Zeit
+zu Zeit strich er mit dem Fingernagel "uber die lang
+hingebreiteten T"ucher, al{\s} wolle er ein St"aubchen entfernen;
+die Seide knisterte leise, und da{\s} gr"unliche D"ammerlicht
+glitzerte auf den Goldf"aden de{\s} Gewebe{\s} in sternigen
+Funken.
+
+"`Wa{\s} kostet so ein Tuch?"' fragte Emma.
+
+"`Ein paar Groschen!"' antwortete er. "`Ein paar Groschen! Aber
+da{\s} eilt ja nicht. Ganz wann{\s} Ihnen pa"st! Unsereiner ist ja
+kein Jude!"'
+
+Sie dachte einen Augenblick nach, schlie"slich dankte sie dem
+H"andler, der gelassen erwiderte:
+
+"`Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bi{\s}her mit allen
+Damen vertragen, mit meiner nur nicht."'
+
+Emma l"achelte. Er sah e{\s} und fuhr mit der Ma{\s}ke de{\s}
+Biedermanne{\s} fort:
+
+"`Ich wollte damit nur gesagt haben, da"s Geld Nebensache ist.
+Wenn Sie mal welche{\s} brauchten, k"onnten Sie e{\s} von mir
+haben."'
+
+Sie machte eine erstaunte Miene.
+
+Schnell fl"usterte er:
+
+"`Oh! Ich verschaffte e{\s} Ihnen auf der Stelle! Darauf k"onnen
+Sie sich verlassen!"'
+
+Davon abspringend, erkundigte er sich flug{\s} nach dem alten
+Tellier, dem Wirt vom Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, den Bovary gerade in
+Behandlung hatte.
+
+"`Wa{\s} fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet,
+da"s sein ganze{\s} Hau{\s} wackelt. Ich f"urchte, ich f"urchte,
+er l"a"st sich eher zu einem "Uberzieher au{\s} Fichtenholz Ma"s
+nehmen al{\s} zu einem au{\s} Wintertuch. Na, solange er auf dem
+Damme war, da hat er sch"one Zicken gemacht! Die Sorte, gn"adige
+Frau, die wird nie vern"unftig! Und dann der Schnap{\s}, da{\s}
+ist allemal der Ruin! Aber e{\s} ist immer betr"ubend, wenn man
+sieht, wie e{\s} mit einem alten Bekannten zu Ende geht."'
+
+W"ahrend er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
+schwatzte er so von allen m"oglichen Patienten de{\s} Arzte{\s}.
+
+"`Da{\s} liegt am Wetter, ganz zweifello{\s}!"' erh"arte er, indem
+er verdrie"slich durch die Fensterscheiben sah. "`Da{\s} bringt
+alle diese Krankheiten. E{\s} geht mir ja selber so: ich f"uhle
+mich gar nicht recht \begin{antiqua}au fait\end{antiqua}. Werde
+wohl demn"achst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde
+kommen m"ussen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen,
+Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verf"ugung! Gehorsamster
+Diener!"'
+
+Und er schlo"s die T"ure sacht hinter sich.
+
+Emma lie"s sich da{\s} Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
+Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und e{\s}
+schmeckte ihr alle{\s} vorz"uglich.
+
+"`Wie vern"unftig ich doch war!"' sagte sie bei sich und dachte an
+die Seident"ucher.
+
+Da h"orte sie Tritte auf der Treppe. E{\s} war Leo. Sie stand
+schnell auf und nahm von der Kommode von einem Sto"s Wischt"ucher,
+die ges"aumt werden sollten, da{\s} oberste zur Hand. Al{\s} der
+junge Mann eintrat, tat sie sehr besch"aftigt.
+
+Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
+schwieg immer wieder, und Leo war au{\s} Sch"uchternheit
+einsilbig. Er sa"s nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und
+spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelb"uchschen.
+
+Emma n"ahte oder gl"attete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel
+den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nicht{\s},
+weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, al{\s} ob sie
+wer wei"s wa{\s} gesprochen h"atte.
+
+"`Armer Junge!"' dachte sie.
+
+"`Warum bin ich bei ihr in Ungnade?"' fragte er sich.
+
+Schlie"slich fing er an zu reden. Er m"usse in den n"achsten Tagen
+nach Rouen fahren. In einer Beruf{\s}angelegenheit.
+
+"`Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich e{\s}
+erneuern?"'
+
+"`Nein"', entgegnete sie.
+
+"`Warum nicht?"'
+
+"`Weil~..."'
+
+Emma bi"s sich auf die Lippen. Umst"andlich zog sie den grauen
+Zwirn hoch. Leo "argerte sich "uber ihre Emsigkeit. "`Warum
+zersticht sie sich die Finger?"' dachte er. Eine galante Bemerkung
+fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie
+au{\s}zusprechen.
+
+"`So wollen Sie e{\s} also aufgeben?"'
+
+"`Wa{\s}?"' fragte sie nerv"o{\s}. "`Die Musik? Ach, du mein Gott!
+Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen
+und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!"'
+
+Sie blickte nach der Uhr. Karl h"atte schon l"angst heim sein
+m"ussen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte
+sie im Gespr"ache:
+
+"`Mein Mann ist so gut!"'
+
+Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
+Z"artlichkeit befremdete ihn auf da{\s} unangenehmste. Gleichwohl
+stimmte er in ihr Lob ein.
+
+"`Dar"uber sind wir un{\s} alle einig; der Apotheker sagt{\s} auch
+immer!"' erkl"arte er.
+
+"`Ja, ja, er ist ein pr"achtiger Mensch!"' wiederholte sie.
+
+"`Gewi"s!"' best"atigte der Adjunkt.
+
+Er begann dann von Frau Homai{\s} zu sprechen, "uber deren sehr
+nachl"assige Kleidung sich die beiden sonst h"aufig am"usierten.
+
+"`So schlimm ist e{\s} gar nicht!"' behauptete Emma heute. "`Eine
+gute Hau{\s}frau kann sich nicht blo"s um ihre Toilette k"ummern."'
+
+Dann versank sie in ihr fr"uhere{\s} Stillschweigen.
+
+So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
+Benehmen, ihr ganze{\s} Wesen waren wie verwandelt. Sie k"ummerte
+sich um ihr Hau{\s}, ging wieder regelm"a"sig in die Kirche und
+hielt ihr Dienstm"adchen strenger.
+
+Die kleine Berta wurde au{\s} der Ziehe zur"uckgeholt. Wenn Besuch
+kam, brachte Felicie da{\s} Kind herein, und Frau Bovary zeigte,
+wa{\s} f"ur stramme Beinchen e{\s} hatte. Sie beteuerte, Kinder
+h"atte sie "uber alle{\s} gern; da{\s} ihre sei ihr Trost, ihre
+Freude, ihr Gl"uck. Dabei liebkoste sie e{\s} unter einem Schwall
+von schw"armerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die
+biederen Yonviller waren keine! -- an die Sachette in Viktor
+H"ugo{\s} "`Notre-Dame"' erinnert h"atten.
+
+Wenn Karl heimkam, fand er seine Hau{\s}schuhe gew"armt am Kamine
+stehen, seine Westen hatten kein zerrissene{\s} Futter mehr, und
+an seinen Hemden waren die Kn"opfe immer vollz"ahlig. Er hatte
+sogar da{\s} Vergn"ugen, seine H"ute und M"utzen wohlgeordnet im
+Schranke h"angen zu sehen. Emma lehnte e{\s} mit einem Male nicht
+mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten.
+Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort
+einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah,
+f"ugte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so
+sah: ihn am Kamin, die H"ande "uber dem Bauche gefaltet, die
+F"u"se behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom
+Mahle und die "Auglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich da{\s}
+Kind, da{\s} auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die
+feinlinige schlanke Frau, wie sie sich "uber die Lehne seine{\s}
+Gro"svaterstuhl{\s} beugte und ihm einen Ku"s auf die Stirn gab,
+-- dann sagte er sich:
+
+"`Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!"'
+
+Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
+jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
+sie zu verg"ottern. Allm"ahlich verlor sie in seinen Augen ihre
+K"orperlichkeit, die nun einmal doch f"ur ihn nicht da war. Vor
+seiner Phantasie schwebte sie immer h"oher, umstrahlt von einer
+Gloriole. Seine reine Liebe hatte nicht{\s} mehr mit seinem
+Alltag{\s}leben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
+Verlust mehr Schmerz bereitet, al{\s} der k"orperliche Besitz der
+Geliebten Genu"s gew"ahrt.
+
+Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
+schm"achtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren
+gro"sen Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange
+und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durch{\s} Leben zu
+schreiten, ohne den Erdboden zu ber"uhren, und e{\s} war, al{\s}
+tr"uge sie auf der Stirne da{\s} geheimni{\s}volle Mal einer
+h"oheren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und
+dabei so unnahbar, da"s man ihre Gegenwart wie eine ei{\s}kalte
+Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der
+Rosen die K"alte de{\s} Marmor{\s}, so da"s man zusammenschauert.
+E{\s} lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann.
+
+"`Sie ist eine Frau gro"sen Stil{\s},"' sagte der Apotheker
+einmal, "`sie m"u"ste einen Minister zum Manne haben!"'
+
+Die Spie"sb"urger r"uhmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
+h"ofliche{\s} Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
+
+Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Ha"s.
+Hinter ihrem kl"osterlichen Kleid st"urmte ein weltverlangende{\s}
+Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
+Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
+um in der Vorstellung ungest"ort zu schwelgen. Diese Wollust der
+Tr"aume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick de{\s} Geliebten
+nur gest"ort. Beim H"oren seiner Tritte zitterte sie. Sobald er
+aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie f"uhlte nicht{\s}
+al{\s} namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
+
+Leo ahnte nicht, da"s Emma an{\s} Fenster eilte, um ihm
+nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe
+beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen
+Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu
+haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr
+beneiden{\s}wert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen
+durfte. Ihre Gedanken lie"sen sich immer wieder auf seinem Hause
+nieder, just wie die Tauben vom Goldnen L"owen, die hingeflogen
+kamen, um ihre roten Stelzen und wei"sen Fl"ugel in der Dachrinne
+zu netzen.
+
+Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewu"st ward, um so mehr
+dr"angte sie sie zur"uck. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
+bleiben. Wohl war e{\s} ihr Sehnen, da"s Leo die Wahrheit bemerke;
+sie ertr"aumte sich Zuf"alle und Katastrophen, die die{\s}
+herbeif"uhrten. Aber ihre Passivit"at, die Angst vor der
+Entscheidung und auch ihr Schamgef"uhl hielten sie zur"uck. Sie
+bildete sich ein, sie h"atte sich ihn bereit{\s} allzusehr
+entfremdet, e{\s} w"are nun zu sp"at und alle{\s} sei verloren.
+Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: "`Ich bin eine
+anst"andige Frau geblieben!"' Sie stellte sich vor den Spiegel in
+der Pose der Resignation. Da{\s} tr"ostete sie ein wenig ob de{\s}
+Opfer{\s}, da{\s} sie zu bringen w"ahnte.
+
+Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre L"usternheit nach Reichtum
+und Luxu{\s} und ihre schwerm"utige Liebe ergaben alle{\s} in
+allem ein einzige{\s} Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen
+zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in diese{\s} Leid, gefiel
+sich darin und trug e{\s} in alle Einzelheiten ihre{\s} Leben{\s}.
+Ein ungeschickt servierte{\s} Gericht, eine offengelassene T"ure
+brachte sie in Aufregung. Ein h"ubsche{\s} Kleid, da{\s} sie nicht
+haben konnte, ein Vergn"ugen, auf da{\s} sie verzichten mu"ste,
+machte sie ungl"ucklich. Weil sich ihre k"uhnen Tr"aume nicht
+erf"ullten, ward ihr da{\s} Hau{\s} zu eng.
+
+Da"s Karl keine Dulderin in ihr sah, da{\s} emp"orte sie am
+allermeisten. Seine felsenfeste "Uber\-zeu\-gung, da"s er seine
+Frau gl"ucklich mache, d"unkte sie Beschr"anktheit, Beleidigung,
+Undankbarkeit. F"ur wen war sie denn so vern"unftig? War e{\s}
+nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Gl"uck trennte? War nicht
+er der Anla"s all ihre{\s} Elend{\s}, da{\s} Schlo"s an der T"ur
+ihre{\s} qualvollen K"afig{\s}?
+
+So h"aufte sie auf ihn alle Bitternisse ihre{\s} Herzen{\s}. Jeder
+Versuch, diese Verstimmungen zu bek"ampfen, verschlimmerten sie
+nur. Denn die vergebliche M"uhe machte sie noch mutloser und
+entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine
+Gutm"utigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spie"serlichkeit ihrer
+Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und
+die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gel"usten. Sie bedauerte
+e{\s}, da"s Karl sie nicht schlecht behandelte; dann h"atte sie
+gerechten Anla"s gehabt, sich an ihm zu r"achen. Zuweilen freilich
+erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und
+immer mu"ste sie l"acheln, wenn sie in einem fort h"orte, da"s sie
+gl"ucklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch M"uhe gab, so
+zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
+
+Manchmal hatte sie diese Kom"odie satt. Sie f"uhlte sich versucht,
+mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
+fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
+ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgr"unde.
+
+"`Er liebt mich ja gar nicht mehr!"' sagte sie sich. "`Wa{\s} soll
+da au{\s} mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
+Erleichterung bleibt mir noch?"'
+
+Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
+unter endlosen Tr"anen.
+
+"`Warum sagt e{\s} die gn"adige Frau nicht dem Herrn Doktor?"'
+fragte da{\s} Dienstm"adchen, al{\s} e{\s} einmal w"ahrend
+eine{\s} solchen Anfalle{\s} in{\s} Zimmer kam.
+
+"`Ach wa{\s}! Ich bin nerv"o{\s}!"' erkl"arte Emma. "`Da"s du ihm
+ja nicht{\s} davon erz"ahlst! Du w"urdest ihn nur beunruhigen."'
+
+"`Ach Gott"', meinte Felicie. "`Der Tochter de{\s} alten
+Fischer{\s} Gu\'erin au{\s} Pollet, einer Bekannten von mir in
+Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging e{\s} ganz genau so.
+War die tr"ubsinnig! Schrecklich tr"ubsinnig! Und leichenbla"s sah
+sie immer au{\s}. Ihr Leiden war so wa{\s} wie ein Nebel im Kopfe,
+und die "Arzte und sogar der Pfarrer wu"sten kein Mittel dagegen.
+Wenn{\s} ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein an{\s}
+Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen,
+platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Sp"ater,
+al{\s} sie einen Mann hatte, soll sich{\s} gegeben haben~..."'
+
+"`Bei mir aber"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} erst nach der
+Hochzeit so gekommen."'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Eine{\s} Abend{\s} sa"s Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie
+noch Lestiboudoi{\s}, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten
+im Garten den Buch{\s}baum zugestutzt hatte. Pl"otzlich drang ihr
+da{\s} Ave-Maria-L"auten in{\s} Ohr.
+
+E{\s} war Anfang April. Die Primeln bl"uhten, und ein lauer Wind
+h"upfte "uber die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich f"ur
+die Festtage de{\s} Sommer{\s}. Durch die Latten der Laube und
+weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schn"orkeligen Windungen
+in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch
+kahlen Pappeln und l"oste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett
+auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
+zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Br"ullen verklangen.
+Nur die Abendglocke l"autete immerfort und f"ullte die Luft mit
+wehm"utigem Frieden.
+
+Bei diesen gleichf"ormigen T"onen verloren sich die Gedanken der
+jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
+die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich "uber die
+blumenreichen Vasen und "uber da{\s} Tabernakel mit seinen
+S"aulchen emporgereckt hatten. Wie einst h"atte sie wieder knien
+m"ogen in der langen Reihe der wei"sen Schleier, die sich grell
+abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betst"uhlen
+hingesunkenen Schwestern. Sonntag{\s} w"ahrend der Messe, wenn sie
+aufschaute und in da{\s} von bl"aulichem Weihrauch umwobene holde
+Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und
+ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine
+Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht~...
+
+Mit einem Male, ohne da"s sie sich "uber den Vorgang klar ward,
+fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht
+hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und
+alle{\s} Irdische zu vergessen.
+
+Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudoi{\s}, der bereit{\s}
+wieder au{\s} der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
+zur"uckzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und da{\s}
+L"auten der Glocke besorgte er, wie e{\s} ihm gerade pa"ste.
+"Ubrigen{\s} war da{\s} L"auten ein Zeichen f"ur die Kinder im
+Dorfe, da"s e{\s} Zeit zur Katechi{\s}mu{\s}stunde war.
+
+Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
+Friedhof{\s}steinen. Andre sa"sen rittling{\s} auf der Mauer,
+baumelten mit den Beinen und k"opften mit ihren Schuhspitzen die
+hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gr"aberreihe und der
+niedrigen Umfassung{\s}mauer aufgeschossen waren. Da{\s} war
+da{\s} einzige bi"schen Gr"un, denn die Grabm"aler standen ganz
+dicht aneinander, und "uber ihnen lag best"andig feiner Staub, der
+dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Str"umpfen
+dar"uber wie "uber einen eigen{\s} f"ur sie hingebreiteten
+Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in da{\s}
+letzte Au{\s}klingen der Glocken. Da{\s} Summen verstummte, und
+der Strang der gro"sen Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit
+dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte
+sich allm"ahlich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft,
+kurze Schreie au{\s}sto"send, und flogen zur"uck in ihre gelben
+Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe
+oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer h"angenden Gla{\s}glocke.
+Von weitem sah die Flamme wie ein "uber dem "Ol schwimmender
+zittriger wei"ser Fleck au{\s}. Ein langer Sonnenstrahl
+durchquerte da{\s} Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die
+Nebenschiffe und Nischen.
+
+"`Wo ist der Pfarrer?"' fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
+damit belustigte, die bereit{\s} lockere Klinke der
+Friedhof{\s}pforte v"ollig abzuw"urgen.
+
+"`Der wird gleich kommen!"' war die Antwort.
+
+Wirklich knarrte die T"ur de{\s} Pfarrhause{\s}, und der Abb\'e
+Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche
+hinein.
+
+"`Rasselbande!"' murmelte der Priester. "`Einen wie alle Tage!"'
+Er hob einen zerflederten Katechi{\s}mu{\s} auf, an den sein Fu"s
+gesto"sen war. "`Nicht{\s} wird respektiert!"' Da bemerkte er Frau
+Bovary.
+
+"`Verzeihung!"' sagte er. "`Ich hatte Sie nicht erkannt."'
+
+Er steckte den Katechi{\s}mu{\s} in die Tasche und blieb stehen,
+indem er den schweren Sakristeischl"ussel auf zwei Fingern
+balancierte.
+
+Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll in{\s} Gesicht und nahm
+seiner Soutane alle Farbe. Sie gl"anzte "ubrigen{\s} an den
+Ellenbogen bereit{\s}, und in den S"aumen war sie au{\s}gefasert.
+Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Kn"opfe
+die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn
+seine{\s} Gesicht{\s}, wurden sie zahlreicher. E{\s} war von
+Sommersprossen bes"at, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart
+hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete ger"auschvoll.
+
+"`Wie geht e{\s} Ihnen?"' erkundigte er sich.
+
+"`Schlecht!"' antwortete Emma.
+
+"`Ja, ja! Ganz wie mir"', erwiderte der Priester. "`Die ersten
+warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber e{\s}
+ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt
+Paulu{\s} sagt. Und wie denkt Herr Bovary dar"uber?"'
+
+"`Ach der!"' Sie machte eine ver"achtliche Geb"arde.
+
+"`Wa{\s}?"' erwiderte der ehrw"urdige Mann ganz erstaunt.
+"`Verordnet er Ihnen denn nicht{\s}?"'
+
+"`Ach,"' meinte sie, "`irdische Heilmittel, die nutzen mir
+nicht{\s}."'
+
+Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
+hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
+waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so da"s sie
+reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
+
+"`Ich m"ochte gern wissen~..."', fuhr Emma fort.
+
+"`Warte nur, Boudet, warte du nur!"' unterbrach sie der Priester
+in zornigem Tone. "`Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
+Schlingel, du!"' Zu Emma gewandt, f"ugte er hinzu: "`Da{\s} ist
+der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute;
+sie lassen dem Jungen die gr"o"sten Narrenpossen durch. Der Bengel
+k"onnte sehr wohl wa{\s} lernen, wenn er nur wollte, denn er ist
+gar nicht dumm ... Na, und wie geht{\s} dem Herrn Gemahl?"'
+
+Emma tat, al{\s} ob sie die Frage "uberh"ort h"atte. Der
+Geistliche fuhr fort:
+
+"`Immer t"uchtig besch"aftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
+beiden haben im Kirchspiel zweifello{\s} am meisten zu tun~..."'
+Er lachte beh"abig, "`... er al{\s} Arzt de{\s} Leibe{\s} und ich
+der Seele."'
+
+Emma schaute ihn flehentlich an.
+
+"`Sie! Ja!"' sagte sie. "`Sie heilen alle Wunden!"'
+
+"`Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
+da bin ich nach Ba{\s}-Diauville gerufen worden, zu einer
+wassers"uchtigen Kuh. Die Leute glaubten, da{\s} Tier sei verhext.
+Merkw"urdig! Alle K"uhe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre
+und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!"' Mit einem
+gro"sen Satze war er drinnen in der Kirche.
+
+Da flohen die Knaben hinter da{\s} Me"spult oder kletterten auf
+den Sitz de{\s} Vors"anger{\s}. Andre verkrochen sich in den
+Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend recht{\s} und link{\s}
+einen Hagel von Backpfeifen au{\s}; einen der Jungen packte er am
+Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie,
+al{\s} ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese
+hineindr"ucken wollte.
+
+"`So!"' sagte er zu Frau Bovary, al{\s} er wieder bei ihr war,
+w"ahrend er sein gro"se{\s} Kattuntaschentuch entfaltete und sich
+den Schwei"s von der Stirn wischte. "`Die Landleute sind recht zu
+bedauern~..."'
+
+"`Andre Leute auch"', meinte sie.
+
+"`Gewi"s! Die Arbeiter in den St"adten zum Beispiel."'
+
+"`Die meine ich nicht."'
+
+"`Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienm"utter kennen
+lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
+hatten nicht einmal da{\s} t"agliche Brot."'
+
+"`Ich meine solche,"' fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel
+zitterten, w"ahrend sie sprach, "`solche, Herr Pfarrer, die zwar
+ihr t"aglich Brot haben, aber kein~..."'
+
+"`Kein Holz im Winter~..."', erg"anzte der Priester.
+
+"`Ach, wa{\s} liegt daran?"'
+
+"`Wa{\s} daran liegt? Mich d"unkt, wer gut zu essen hat und eine
+warme Stube ... denn schlie"slich~..."'
+
+"`O du mein Gott!"' seufzte Emma.
+
+"`Ist Ihnen nicht wohl?"' fragte er, indem er sich ihr besorgt
+n"aherte. "`Gewi"s Magenbeschwerden? Sie m"ussen heimgehen, Frau
+Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Da{\s} wird Sie kr"aftigen.
+Oder vielleicht lieber eine Limonade?"'
+
+"`Wozu?"'
+
+Sie sah au{\s}, al{\s} erwache sie au{\s} einem Traume.
+
+"`Sie fa"sten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich,
+e{\s} sei Ihnen schwindlig."' Er besann sich. "`Aber wollten Sie
+mich nicht etwa{\s} fragen? Mir ist e{\s} so. Wa{\s} war e{\s}
+denn?"'
+
+"`Ich? Nicht{\s} ... oh, nicht{\s}!"' stammelte Emma.
+
+Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel m"ud auf den
+alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne
+etwa{\s} zu sagen.
+
+"`Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary"', sagte er nach einer
+Weile. "`Die Pflicht ruft mich. Ich mu"s zu meinen Taugenichtsen
+da. Die erste Kommunion r"uckt heran. Ich f"urchte, sie
+"uberrumpelt un{\s}. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle
+Mittwoch eine Stunde l"anger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie
+nicht fr"uh genug auf den Weg de{\s} Herrn leiten, wie e{\s}
+Gotte{\s} Sohn un{\s} ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung,
+Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!"'
+
+Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle da{\s}
+Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bi{\s} er zwischen den
+B"anken verschwand. Er ging schwerf"allig, den Kopf ein wenig
+eingezogen, die beiden H"ande in segnender Haltung.
+
+Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
+einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
+Weile h"orte sie hinter sich noch die rauhe Stimme de{\s}
+Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben~...
+
+"`Bist du ein Christ?"'
+
+"`Ja, ich bin ein Christ."'
+
+"`Wer ist ein Christ?"'
+
+"`Wer getauft ist und~..."'
+
+Zu Hau{\s} stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am
+Gel"ander festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
+Lehnstuhl.
+
+Da{\s} Licht de{\s} hellen Abend{\s} drau"sen flutete weich durch
+die Scheiben herein. Die M"obel schlummerten still auf ihren
+Pl"atzen, halb versunken in den Schatten der D"ammerung wie in
+einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und
+eint"onig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um
+sich herum empfand Emma al{\s} einen wunderlichen Kontrast zu dem
+wilden Sturm in ihrem Innern~...
+
+Vom N"ahtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren
+gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie
+haschte nach den B"andern ihrer Sch"urze.
+
+"`La"s mich!"' sagte Emma und wehrte da{\s} Kind mit der Hand ab.
+
+Aber die Kleine kam noch n"aher und schmiegte sich an ihre Knie.
+Sie umfa"ste sie mit ihren "Armchen und schaute mit ihren gro"sen
+blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
+Speichel au{\s} dem Munde de{\s} Kinde{\s} auf Emma{\s} seidne
+Sch"urze.
+
+"`La"s mich!"' wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
+
+Ihr Gesicht{\s}au{\s}druck erschreckte da{\s} Kind. E{\s} begann
+zu schreien.
+
+"`Aber so la"s mich doch!"' sagte Emma barsch und stie"s ihr Kind
+mit dem Ellenbogen zur"uck.
+
+Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
+ihr die Wange ritzte, so da"s sie blutete. Frau Bovary st"urzte
+auf da{\s} Kind zu und hob e{\s} auf. Dann ri"s sie heftig am
+Klingelzug und rief da{\s} Dienstm"adchen herbei. Sie war nahe
+daran, sich Vorw"urfe zu machen, da erschien Karl. E{\s} war um
+die Essen{\s}zeit. Er kam von seiner Praxi{\s} heim.
+
+"`Sieh, mein Lieber,"' sagte sie ruhigen Tone{\s}, "`die Kleine
+ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bi"schen geschunden."'
+
+Karl beruhigte sie; e{\s} sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
+
+Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
+allein pflegen. Al{\s} sie dann aber sah, wie e{\s} ruhig schlief,
+verging ihr bi"schen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
+t"oricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer
+Geringf"ugigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die
+Kleine nicht mehr. Ihre Atemz"uge hoben und senkten die wollene
+Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tr"anen hingen ihr in den
+halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse
+Augensterne schimmerten. Da{\s} auf die Backe geklebte Pflaster
+verzog die Haut.
+
+"`Merkw"urdig!"' dachte Emma bei sich. "`Wie h"a"slich da{\s} Kind
+ist!"'
+
+Al{\s} Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
+Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
+
+"`Aber ich habe dir doch gesagt, da"s e{\s} nicht{\s} ist!"'
+versicherte er ihr, indem er ihr einen Ku"s auf die Stirn gab.
+"`"Angstige dich nicht, arme{\s} Lieb, du wirst mir sonst krank!"'
+
+Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
+nicht besonder{\s} aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich
+Homai{\s} f"ur verpflichtet gef"uhlt, ihn "`aufzurappeln"'. Dann
+hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder
+au{\s}gesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten.
+Frau Homai{\s} mu"ste ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte
+sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die
+damalige K"ochin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen!
+Infolgedessen waren die braven Homai{\s} "uber die Ma"sen
+vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der
+Fu"sboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und
+vor dem Kamin ein paar Querst"abe angebracht. Die
+Apotheker{\s}kinder, so verwahrlost sie im "ubrigen waren, konnten
+keinen Schritt tun, ohne da"s jemand dabei sein mu"ste. Bei der
+geringsten Erk"altung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbon{\s}
+voll, und al{\s} sie bereit{\s} "uber vier Jahre alt waren,
+mu"sten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die
+K"opfe tragen. Da{\s} war lediglich eine Schrulle der Mutter; der
+Apotheker war in{\s}geheim sehr betr"ubt dar"uber, weil er Angst
+hatte, diese{\s} Zusammenpressen k"onne dem Gehirn sch"adlich
+sein. Einmal entfuhr e{\s} ihm:
+
+"`Willst du denn Hottentotten au{\s} deinen Kindern machen?"'
+
+Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
+eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, al{\s} Leo vor ihm die
+Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
+
+"`Ich wollte Sie noch etwa{\s} fragen!"'
+
+"`Sollte er etwa{\s} gemerkt haben?"' fragte sich der Adjunkt. Er
+bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
+
+Al{\s} die T"ure hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle
+sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, wa{\s} ein
+h"ubsche{\s} Lichtbild koste. Er hegte n"amlich schon lange den
+sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu
+"uberraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu
+lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so
+ungef"ahr zu stehen k"ame. Dem Adjunkt mache da{\s} wohl keine
+besondre M"uhe, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt
+f"uhre.
+
+Zu welchem Zwecke eigentlich? Homai{\s} vermutete
+Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da t"auschte er
+sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
+Wertherstimmung. Die L"owenwirtin merkte e{\s} daran, da"s er
+seine Portionen nicht mehr aufa"s. Um hinter die Ursache zu
+kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte
+unwirsch, er sei kein Polizeib"uttel.
+
+Allerding{\s} kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar
+vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zur"uck, packte sich mit
+den H"anden hinten am Kopfe und lie"s sich in unbestimmten Klagen
+"uber da{\s} menschliche Dasein au{\s}.
+
+"`Sie sollten sich ein bi"schen mehr zerstreuen"', meinte der
+Steuereinnehmer.
+
+"`Womit denn?"'
+
+"`Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an."'
+
+"`Aber ich kann doch nicht drechseln"', erwiderte der Adjunkt.
+
+"`Ach ja, freilich!"'
+
+Binet strich sich selbst\/zufrieden-ver"achtlich da{\s} Kinn.
+
+Leo war e{\s} m"ude, erfolglo{\s} zu lieben. Da{\s} eint"onige
+Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn
+erf"ullten, keine Hoffnungen, die ihn st"arkten. Yonville und die
+Yonviller "odeten ihn derma"sen an, da"s er gewisse Leute und
+bestimmte H"auser nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu
+geraten. Besonder{\s} unau{\s}stehlich wurde ihm nachgerade der
+biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Au{\s}sicht auf
+v"ollig neue Verh"altnisse genau so sehr, wie er sich danach
+sehnte. Diese{\s} bange Gef"uhl wandelte sich nach und nach in
+Unruhe, und nun lockte ihn Pari{\s}, da{\s} ferne Pari{\s} mit der
+rauschenden Musik seiner Ma{\s}kenfeste und dem Lachen seiner
+Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden.
+Warum ging er nicht endlich dahin? Wa{\s} hielt ihn zur"uck?
+
+In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
+machte heimliche Pl"ane. Er tr"aumte sich sein Pariser Zimmer
+au{\s}. Dort wollte er da{\s} Leben eine{\s} Boh\'emien f"uhren.
+Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu
+ein Samtbarett und Hau{\s}schuhe au{\s} blauem Pl"usch. Und "uber
+dem Kamin sollten zwei gekreuzte Florett{\s} h"angen, ein
+Totensch"adel dar"uber und die Gitarre darunter. Wundervoll!
+
+Da{\s} Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
+bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
+allervern"unftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
+andern Kanzlei weiter au{\s}zubilden. So entschied sich Leo
+zun"achst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen
+Adjunktenposten in Rouen. Al{\s} ihm die{\s} mi"slang, schrieb er
+schlie"slich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr
+au{\s}f"uhrlich au{\s}einandersetzte, warum er ohne weitere{\s}
+nach Pari{\s} "ubersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden.
+
+Trotz alledem beeilte er sich keine{\s}weg{\s}. Volle vier Wochen
+lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville
+Koffer, Rucks"acke und Pakete f"ur ihn hin und her. Er
+vervollst"andigte seine Garderobe, lie"s seine drei Lehnst"uhle
+aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen
+Hal{\s}t"uchern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, al{\s}
+wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf
+Woche, bi{\s} ein zweiter m"utterlicher Brief seine Abreise
+beschleunigte. Er h"atte doch die Absicht, ein Examen nach einem
+Semester zu machen.
+
+Al{\s} der Augenblick de{\s} Abschied{\s} gekommen war, da weinte
+Frau Homai{\s}, Justin heulte, und Homai{\s} verbarg seine
+R"uhrung, wie sich da{\s} f"ur einen ernsten Mann schickt. Er
+lie"s e{\s} sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seine{\s}
+Freunde{\s} eigenh"andig bi{\s} zur Gartenpforte de{\s} Notar{\s}
+zu tragen, wo de{\s} letzteren Kutsche wartete, die den
+Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
+
+Im letzten Viertelst"undchen machte Leo seinen Abschied{\s}besuch
+im Hause de{\s} Arzte{\s}.
+
+Al{\s} er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem
+zu sch"opfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
+entgegen.
+
+"`Da bin ich noch einmal!"' sagte Leo.
+
+"`Ich hab e{\s} erwartet!"'
+
+Emma bi"s sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle scho"s unter der
+Haut ihre{\s} Gesicht{\s} hin und f"arbte e{\s} "uber und "uber
+rot, vom Hal{\s}kragen an bi{\s} hinauf zu den Haarwurzeln. Sie
+blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holzt"afelung.
+
+"`Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?"'
+
+"`Er ist fort."'
+
+Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
+Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
+aneinander wie zwei klopfende Herzen.
+
+"`Ich m"ochte Berta gern einen Abschied{\s}ku"s geben"', sagte
+Leo.
+
+Emma ging hinau{\s}, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie.
+Leo warf schnell einen hei"sen Blick auf die W"ande, die M"obel,
+den Kamin, al{\s} wollte er alle{\s} umfassen, alle{\s} mit sich
+nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Da{\s}
+M"adchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem
+Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
+
+Leo k"u"ste die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
+
+"`Lebwohl, arme{\s} Kind! Lebwohl, liebe{\s} Bertchen! Lebwohl!"'
+
+Er gab da{\s} Kind der Mutter zur"uck.
+
+"`Bring sie weg!"' befahl Emma.
+
+Sie waren wiederum allein.
+
+Frau Bovary wandte Leo den R"ucken zu und pre"ste ihr Gesicht
+gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisem"utze in der Hand
+und schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
+
+"`E{\s} wird wohl regnen"', bemerkte Emma.
+
+"`Ich habe einen Mantel"', antwortete er.
+
+"`So!"'
+
+Sie wandte sich wieder um, da{\s} Kinn gesenkt. Da{\s} Licht glitt
+"uber ihre vorgebeugte Stirn wie "uber glatten Marmor bi{\s} hinab
+in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, wa{\s} in ihren Augen
+geschrieben stand, noch wa{\s} die Gedanken dahinter sannen.
+
+"`Also adieu!"' seufzte Leo.
+
+Sie hob den Kopf mit einer j"ahen Bewegung.
+
+"`Ja, adieu! Sie m"ussen gehen!"'
+
+Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie
+z"ogerte.
+
+"`Sozusagen ein franz"osischer Abschied!"' meinte sie, indem sie
+ihm die Hand "uberlie"s. Dabei l"achelte sie gezwungen.
+
+Leo f"uhlte ihre Finger in den seinen. E{\s} kam ihm vor, al{\s}
+str"ome ihr ganze{\s} Ich in seine Haut. Al{\s} er seine Hand
+wieder "offnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann
+ging er.
+
+Al{\s} er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich
+hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letzte{\s} Mal ihr
+wei"se{\s} Hau{\s} mit seinen vier gr"unen Fensterl"aden sehen. Da
+vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihre{\s}
+Zimmer{\s} zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von
+selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen
+senkrechten Falten zur"uck, in denen er dann regung{\s}lo{\s}
+stehen blieb wie eine Mauer von Gip{\s}. Leo eilte von dannen.
+
+Von weitem sah er schon den Wagen seine{\s} Chef{\s} auf der
+Stra"se halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und
+hielt da{\s} Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten
+miteinander. Man wartete auf ihn.
+
+"`Lassen Sie sich noch einmal umarmen!"' sagte Homai{\s}, Tr"anen
+in den Augen. "`Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erk"alten
+Sie sich unterweg{\s} nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie
+sich ordentlich in acht!"'
+
+"`Einsteigen, Herr D"upui{\s}!"' mahnte der Notar.
+
+Der Apotheker beugte sich "uber da{\s} Spritzleder und stammelte
+mit tr"a\-nen\-er\-stick\-ter Stimme nicht{\s} al{\s} die
+beiden wehm"utigen Worte:
+
+"`Gl"uckliche Reise!"'
+
+"`Guten Abend, Herr Apotheker!"' rief Guillaumin. "`Lo{\s}!"'
+
+Die beiden fuhren weg, und Homai{\s} wandte sich heimw"art{\s}.
+
+\begin{center}
+\makebox[15em]{\hrulefill}\bigskip
+\end{center}
+
+Frau Bovary hatte da{\s} nach dem Garten gehende Fenster ihre{\s}
+Zimmer{\s} ge"offnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung
+nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt.
+Leichtere{\s} finstere{\s} Gew"olk zog von daher im raschen Fluge
+heran, durchleuchtet von schr"agen Sonnenstrahlen, die wie die
+goldnen Strahlenb"undel einer aufgeh"angten Troph"ae
+hervorschossen. Der "ubrige wolkenlose Teil de{\s}
+Himmel{\s}zelte{\s} war wei"s wie Porzellan. Ruckweise Windst"o"se
+beugten die H"aupter der Pappeln; pl"otzlich rauschte Regen herab
+und prasselte durch da{\s} gr"unschimmernde Laubwerk. Bald kam die
+Sonne wieder herau{\s}. Die Hennen gackerten. Die Spatzen
+sch"uttelten ihre Fl"ugel auf dem nassen Gezweig, und in den
+Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
+Akazienbl"uten.
+
+"`Wie weit mag er nun schon sein!"' dachte sie.
+
+Halb sieben, beim Essen, erschien Homai{\s} gewohnterweise.
+
+"`Na,"' sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, "`unsern
+jungen Freund h"atten wir gl"ucklich verfrachtet!"'
+
+"`Wie man mir berichtet hat"', gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
+seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: "`Und wa{\s}
+gibt{\s} bei Ihnen Neue{\s}?"'
+
+"`Nicht{\s} weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein
+bi"schen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich
+au{\s} dem H"au{\s}chen. Und meine ganz besonder{\s}! Aber man
+soll ihnen darau{\s} keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben
+zarter besaitet al{\s} unsre."'
+
+"`Der arme Leo,"' bemerkte Karl, "`wie wird{\s} ihm in Pari{\s}
+ergehen? Wird er sich dort einleben?"'
+
+Frau Bovary seufzte.
+
+"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
+"`Feine Souper{\s}! Ma{\s}kenb"alle! Sekt! Daran gew"ohnt man sich
+schon, versichre ich Ihnen."'
+
+"`Ich glaube nicht, da"s er unsolid werden wird"', warf Bovary
+ein.
+
+"`Gott bewahre!"' entgegnete Homai{\s} lebhaft. "`Aber mit den
+W"olfen wird er halt heulen m"ussen. Sonst wird er al{\s}
+Duckm"auser verschrien. Sie haben keine Ahnung, wa{\s} diese
+Kerlchen{\s} im Studentenviertel f"ur ein flotte{\s} Leben
+f"uhren! Mit ihren kleinen M"adchen! "Ubrigen{\s} sind die
+Studenten in Pari{\s} "uberall gern gesehen. Wenn einer nur ein
+bi"schen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise
+offen. Und e{\s} gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine
+Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und da{\s} gibt
+ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten."'
+
+"`Da{\s} mag schon sein,"' sagte der Arzt, "`ich habe nur Angst,
+er ... wird ... dort~..."'
+
+"`Sehr richtig,"' unterbrach ihn der Apotheker, "`da{\s} ist die
+Kehrseite der Medaille! In Pari{\s}, da mu"s man sich fortw"ahrend
+die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer
+"offentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz,
+anst"andig angezogen, wom"oglich ein Orden{\s}b"andchen im
+Knopfloch. Man k"onnte ihn f"ur einen Diplomaten halten. Er
+spricht Sie an. Sie kommen in{\s} Plaudern. Er bietet Ihnen eine
+Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er
+nimmt Sie mit in{\s} Caf\'e, ladet Sie in sein Landhau{\s} ein,
+macht Sie bei einem Gla{\s} Wein mit Tod und Teufel bekannt -- und
+da{\s} Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in
+gef"ahrliche Abenteuer."'
+
+"`So ist e{\s}!"' gab Karl zu. "`Aber ich dachte vor allem an die
+Krankheiten, die dem Studenten au{\s} der Provinz in der
+Gro"sstadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhu{\s}."'
+
+Emma zuckte zusammen.
+
+"`Der kommt von der g"anzlich ver"anderten Leben{\s}weise"', fuhr
+der Apotheker fort, "`und der dadurch hervorgebrachten Umw"alzung
+de{\s} ganzen Organi{\s}mu{\s}. Und dann denken Sie an da{\s}
+Pariser Wasser! An da{\s} Essen in den Restaurant{\s}! Diese
+starkgew"urzten Speisen verderben schlie"slich da{\s} Blut. Man
+mag sagen, wa{\s} man will, mit einer guten Hau{\s}mann{\s}kost
+sind sie nicht zu vergleichen. Ich f"ur meinen Teil, ich sch"atze
+von jeher die b"urgerliche K"uche. Die ist am ges"undesten. Al{\s}
+ich \begin{antiqua}stud. pharm.\end{antiqua} in Rouen war, da habe
+ich de{\s}halb regelm"a"sig in einer Pension gegessen. Die Herren
+Professoren a"sen auch da~..."'
+
+In dieser Weise fuhr er fort, sich "uber seine Ansichten im
+allgemeinen und seinen pers"onlichen Geschmack im besondern
+au{\s}zulassen, bi{\s} Justin kam und ihn zur Bereitung einer
+bestellten Arznei holte.
+
+"`Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!"' schimpfte er.
+"`Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
+Arbeitstier bin ich, da{\s} Blut schwitzen mu"s. Da{\s} ist ein
+Hundedasein!"'
+
+In der T"ur sagte er noch:
+
+"`"Ubrigen{\s}, wissen Sie schon da{\s} Neueste?"'
+
+"`Wa{\s} denn?"'
+
+Homai{\s} zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
+
+"`E{\s} ist sehr wahrscheinlich, da"s die Versammlung der
+Landwirte unser{\s} Departement{\s} heuer in Yonville stattfindet.
+Man munkelt wenigsten{\s}. In der heutigen Zeitung steht auch
+schon eine Andeutung. Da{\s} w"are f"ur die hiesige Gegend von
+gro"ser Bedeutung! Aber dar"uber reden wir noch einmal! Danke, ich
+sehe schon. Justin hat die Laterne mit~..."'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Der n"achste Tag war f"ur Emma ein Tag der Betr"ubni{\s}. Alle{\s}
+um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort,
+verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit
+leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsame{\s} Schlo"s. Sie
+verfiel in die Tr"aumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er
+etwa{\s} auf immerdar verloren hat. Sie empfand die M"udigkeit,
+die ihn der vollendeten Tatsache gegen"uber "ubermannt, den
+Schmerz, der ihn "uberkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne
+Bewegung pl"otzlich stockt, wenn Schwingungen j"ah aufh"oren, die
+lange in ihm vibriert haben.
+
+Wie damal{\s} nach der R"uckkehr vom Schlosse Vaubyessard, al{\s}
+die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht au{\s} dem Sinne wollten,
+war sie voll d"usterer Schwermut, in dumpfer Leben{\s}unlust. Leo
+stand vor ihrer Phantasie immer gr"o"ser, sch"oner,
+verf"uhrerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so
+hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den W"anden
+ihre{\s} Hause{\s} schien sein Schatten noch zu haften. Immer
+wieder schaute sie auf den Teppich, "uber den er so oft gegangen,
+auf die leeren St"uhle, wo er gesessen. Drau"sen kroch da{\s}
+Fl"u"slein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen,
+zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so
+oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine.
+Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die
+Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein
+gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, blo"sen Kopfe{\s}, in
+einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der dr"uben von den
+Wiesen her wehte, hatte die Bl"atter de{\s} Buche{\s} bewegt und
+die violetten Bl"uten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war
+er fort, die einzige Freude ihre{\s} Dasein{\s}, die einzige
+Hoffnung, da"s sich ihr da{\s} ertr"aumte Gl"uck noch erf"ulle!
+Warum hatte sie diese{\s} Gl"uck nicht mit beiden H"anden
+festgehalten, in den Scho"s genommen, e{\s} nicht in die Ferne
+gelassen? Sie verw"unschte sich, Leo{\s} Geliebte nicht geworden
+zu sein. Sie d"urstete nach seinen Lippen. Am liebsten w"are sie
+ihm nachgelaufen, h"atte sich in seine Arme geworfen und ihm
+gesagt: "`Hier bin ich! Nimm mich!"' Aber vor den Hindernissen,
+die sich der Verwirklichung diese{\s} Drange{\s} entgegengestellt
+h"atten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz dar"uber
+sch"urte ihre Sehnsucht zu noch hei"serer Glut.
+
+Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisation{\s}punkt
+ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender al{\s} ein
+einsame{\s} Lagerfeuer, da{\s} Wanderer in einer sibirischen
+Steppe inmitten de{\s} Schnee{\s} angez"undet haben. Zu diesem
+Feuer fl"uchtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte e{\s}
+sorgf"altig wieder an, wenn e{\s} zu verl"oschen drohte. Im
+Umkreise um sich herum suchte sie alle{\s} m"ogliche herbei, um
+diese Flammen zu n"ahren. Die fernsten Erinnerungen und die
+frischesten Ereignisse, Erlebte{\s} und Ertr"aumte{\s}, die
+wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach
+Sonne, geknickt wie trockne{\s} Gezweig im Wind, ihre nutzlose
+Tugend, ihre get"auschten Illusionen, die Armseligkeit ihre{\s}
+Hau{\s}wesen{\s}, alle{\s} da{\s} sammelte sie, raffte e{\s}
+zusammen und warf e{\s} in die Glut, um ihre Tr"ubsal daran zu
+w"armen.
+
+Mit der Zeit verglomm da{\s} Feuer aber doch, sei e{\s}, weil ihm
+die Nahrung fehlte, sei e{\s}, weil die "Uberf"ulle von Brennstoff
+e{\s} erstickte. In der Abwesenheit de{\s} Geliebten verkam
+allm"ahlich ihre Liebe. Da{\s} Ineinemfort t"otete den Schmerz,
+und am Himmel ihrer Gef"uhle verbla"ste der erst grellrote
+Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. W"ahrend
+ihre{\s} phantastischen Zustande{\s} hatte sich ihr Widerwille
+gegen den Gatten in Schw"armerei f"ur den Geliebten verwandelt,
+und die Glut ihre{\s} Hasse{\s} hatte ihre z"artliche Sehnsucht
+gew"armt. Aber nunmehr, da ihre st"urmische unbefriedigte
+Leidenschaft zu Asche gebrannt war, da{\s} keine Hilfe kam und
+keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In
+eisiger K"alte stand sie einsam da und erstarrte.
+
+Die schrecklichen Tage von Toste{\s} wiederholten sich nun. Nur
+bildete sie sich ein, noch ungl"ucklicher denn damal{\s} zu sein,
+weil sie jetzt ein wirkliche{\s} Herzeleid trug und genau wu"ste,
+da"s e{\s} nie ander{\s} werden k"onne.
+
+Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich --
+wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu g"onnen.
+Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
+vier Wochen f"ur vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer
+H"ande. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaue{\s}
+Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den sch"onsten Schal
+au{\s} und trug ihn "uber ihrem Hau{\s}kleid. Sie schlo"s die
+L"aden, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem
+Sofa liegen.
+
+H"aufig "anderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
+Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Z"opfen, bald einen
+Scheitel.
+
+Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
+kaufte sie sich ein W"orterbuch, eine Grammatik und eine Menge
+Schreibpapier. Dann versuchte sie e{\s} mit ernsthafter Lekt"ure,
+la{\s} Geschicht{\s}werke und philosophische Schriften.
+
+Nacht{\s} fuhr Karl mitunter in die H"ohe, im Glauben, man hole
+ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:
+
+"`Ich bin gleich fertig!"'
+
+Aber e{\s} war nur da{\s} Knistern de{\s} Streichholze{\s}
+gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angez"undet hatte. Sie wollte
+lesen. Aber e{\s} ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen
+ein ganzer Sto"s angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie
+anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.
+
+Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
+Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
+Manne gegen\-"uber, sie k"onne ein Weingla{\s} voll Schnap{\s} mit
+einem Zuge leeren, und da Karl so t"oricht war, e{\s} zu
+bezweifeln, tat sie e{\s} wirklich.
+
+Bei allen ihren "`Extravaganzen"' (die Spie"sb"urger von Yonville
+nannten da{\s} so!) sah Emma keine{\s}weg{\s}
+unternehmung{\s}lustig au{\s}. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel
+lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und
+verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war v"ollig bla"s, wei"s
+wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Fl"ugeln zu
+F"altchen, und ihre Augen blickten wie in{\s} Leere. Seitdem sie
+an den Schl"afen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie
+sich gespr"ach{\s}weise eine alte Frau.
+
+Oft hatte sie Schwindelanf"alle, und eine{\s} Tage{\s} spuckte sie
+sogar Blut. Aber al{\s} sich Karl eifrig um sie bem"uhte und seine
+Besorgni{\s} verriet, meinte sie:
+
+"`La"s mich! E{\s} ist mir alle{\s} gleich!"'
+
+Karl zog sich in sein Sprechzimmer zur"uck. Er sank in seinen
+Schreibsessel, st"utzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
+weinte -- unter dem phrenologischen Sch"adel.
+
+Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
+sie zu kommen. E{\s} fand zwischen beiden eine lange Konferenz
+Emma{\s} wegen statt. Welche Ma"snahmen sollten getroffen werden?
+Wa{\s} sollte geschehen? Wo sie jedwede "arztliche Behandlung
+ablehnte!
+
+"`Wei"st du, wa{\s} deiner Frau fehlt?"' meinte Frau Bovary
+schlie"slich. "`Eine ordentliche Besch"aftigung! K"orperliche
+Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr t"agliche{\s} Brot selber
+verdienen m"u"ste, dann h"atte sie keine Nerven und Launen. Die
+kommen blo"s von den "uberspannten Ideen, die sie sich au{\s}
+purer Langweile in den Kopf setzt."'
+
+"`Besch"aftigung hat sie doch aber!"' erwiderte Karl.
+
+"`So! Sie hat Besch"aftigung? Wa{\s} f"ur welche denn? Romane
+schm"okert sie, schlechte B"ucher, Schriften gegen die Religion,
+in denen die Geistlichen verh"ohnt werden mit Reden{\s}arten
+au{\s} dem Voltaire! Armer Junge, da{\s} f"uhrt zu nicht{\s}
+Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt e{\s} mal ein
+schlechte{\s} Ende!"'
+
+Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Da{\s}
+schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf
+sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen pers"onlich zum
+Leihbibliothekar gehen und Emma{\s} Abonnement abbestellen. Wenn
+der Mann trotzdem sein Vergiftung{\s}werk fortsetzte, sollte man
+da nicht da{\s} Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?
+
+Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
+steif. In den drei Wochen ihre{\s} Beisammensein{\s} hatten sie,
+abgesehen von den h"au{\s}lichen Anordnungen und den h"oflichen
+Formeln bei Tisch und abend{\s} vor dem Zubettgehen, keine drei
+Worte gewechselt.
+
+Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
+von Yonville. Vom fr"uhen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
+Marktplatz, gleichlaufend mit den H"ausern von der Kirche bi{\s}
+zum Goldnen L"owen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
+Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespie"sten Deichseln. Auf der
+andern Seite de{\s} Platze{\s} standen Zeltbuden, in denen
+Baumwollenwaren, Decken und Str"umpfe feilgeboten wurden, daneben
+Pferdegeschirre und Haufen von bunten B"andern, deren Enden im
+Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und K"asek"orben, au{\s}
+denen klebrige{\s} Stroh herau{\s}ragte, lagen allerhand
+Eisenwaren auf dem Pflaster au{\s}gebreitet. Neben Ackerger"at
+gackerten H"uhner in flachen K"orben und steckten ihre H"alse
+durch die Luftl"ocher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen,
+gerade nach den Stellen, wo da{\s} Gedr"ange schon am dichtesten
+war. So geriet bi{\s}weilen da{\s} Schaufenster der Apotheke
+wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. E{\s}
+standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu
+kaufen al{\s} vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr
+Homai{\s} war in den benachbarten Ortschaften ein ber"uhmter Mann.
+Seine r"ucksicht{\s}lose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten
+ihn f"ur einen besseren Arzt al{\s} alle Doktoren im ganzen Lande.
+
+Emma sa"s an ihrem Fenster, wie so oft. Da{\s} Fenster ersetzt in
+der Kleinstadt da{\s} Theater und den Korso. Sie belustigte sich
+"uber da{\s} wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in
+einem Rock von gr"unem Samt, mit gelben Handschuhen;
+sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauer{\s}knecht
+mit gesenktem Kopf und recht tr"ubseliger Miene folgte ihm. Beide
+gingen auf da{\s} Bovarysche Hau{\s} zu.
+
+"`Ist der Herr Doktor zu sprechen?"' fragte der Herr den
+Apothekergehilfen, der an der Hau{\s}t"ure mit Felicie plauderte.
+Er hielt ihn f"ur den Diener de{\s} Arzte{\s}. "`Melden Sie Herrn
+Rudolf Boulanger von der H"uchette."'
+
+E{\s} war keine{\s}weg{\s} Eitelkeit, da"s der Ank"ommling sein
+Gut zu seinem Namen f"ugte. Er wollte nur genau angeben, wer er
+war. Die H"uchette war n"amlich ein Rittergut in der N"ahe von
+Yonville, da{\s} er samt zwei Meiereien unl"angst gekauft hatte.
+Er bewirtschaftete e{\s} selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei
+anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte "`so mindesten{\s}
+seine f"unfzehntausend Franken"' im Jahr zu verzehren.
+
+Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger
+"uberwie{\s} ihm seinen Knecht, der einen Aderla"s w"unsche, weil
+er am ganzen K"orper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.
+
+"`Da{\s} wird mich erleichtern"', wiederholte der Bursche auf alle
+Einw"ande. Bovary lie"s sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
+Sch"ussel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.
+
+Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz bla"s geworden
+war.
+
+"`Nur keine Angst, mein Lieber!"'
+
+"`Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur lo{\s}!"' erwiderte er.
+
+Dabei hielt er mit prahlerischer Geb"arde seinen dicken Arm hin.
+Unter dem Stich der Lanzette sprang da{\s} Blut hervor und
+spritzte bi{\s} zum Spiegel hin.
+
+"`Die Sch"ussel!"' rief Karl.
+
+"`Donnerwetter!"' meinte der Knecht. "`Da{\s} ist ja der reine
+Springbrunnen! Und wie rot da{\s} Blut ist! Da{\s} ist ein
+gute{\s} Zeichen, nicht wahr?"'
+
+Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
+zur"uck, da"s die Lehne krachte.
+
+"`Da{\s} hab ich mir gleich gedacht!"' bemerkte Bovary, indem er
+mit den Fingern die angestochne Ader zudr"uckte. "`Erst geht{\s}
+ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten
+Kerlen wie dem da!"'
+
+Die Sch"ussel in Justin{\s} H"anden geriet in{\s} Schwanken. Die
+Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.
+
+"`Emma! Emma!"' rief der Arzt.
+
+Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.
+
+"`Essig!"' rief ihr Karl zu. "`Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
+einmal!"'
+
+In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.
+
+"`'{\s} ist weiter nicht{\s}!"' meinte Boulanger gelassen, der
+Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und
+lehnte ihn mit dem R"ucken gegen die Wand.
+
+Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnm"achtigen da{\s}
+Hal{\s}tuch aufzukn"upfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich
+l"osen, und so ber"uhrte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren
+Fingern den Hal{\s} de{\s} jungen Burschen. Dann go"s sie Essig
+auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die
+Schl"afen und blie{\s} dann ein wenig darauf.
+
+Der Knecht war bereit{\s} wieder munter, aber Justin{\s} Ohnmacht
+dauerte an. Seine Aug"apfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
+wie blaue Blumen in Milch.
+
+"`Er darf da{\s} da nicht sehen!"' ordnete Karl an.
+
+Frau Bovary ergriff die Sch"ussel und setzte sie unter den Tisch.
+Bei diesem Sichb"ucken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
+Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
+Diele, und je nach der Bewegung Emma{\s}, die sich neigte, die
+Arme au{\s}streckte und sich dabei in den H"uften ein wenig hin
+und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
+Wasserflasche und l"oste ein paar St"uck Zucker in einem Glase.
+
+In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Da{\s} M"adchen
+hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Al{\s} er seinen Gehilfen
+wieder bei Bewu"stsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn
+herum und betrachtete sich ihn von oben bi{\s} unten.
+
+"`Dummkopf!"' brummte er. "`Ein Dummkopf, wie er im Buche steht!
+Al{\s} ob{\s} wer wei"s wa{\s} w"are! Ein bi"schen Aderla"s!
+Weiter nicht{\s}! Und da{\s} will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn
+e{\s} gilt, von den h"ochsten B"aumen die N"usse herunterzuholen,
+da klettert er wie ein Eichh"ornchen ... Na, tu deinen Mund auf
+und zeig dich mal in deiner Gloria! Da{\s} sind ja nette
+Eigenschaften f"ur einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage
+dir: al{\s} Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum
+Beispiel vor Gericht al{\s} Sachverst"andiger. Da hei"st e{\s}
+kaltbl"utig sein, h"ubsch ruhig "uberlegen und ein ganzer Mann
+sein! Sonst gilt man al{\s} Schwachmatiku{\s}~..."'
+
+Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:
+
+"`Wer hat dir denn "ubrigen{\s} gesagt, da"s du hierher gehen
+sollst? In einem fort bel"astigst du Herrn und Frau Doktor! Noch
+dazu an den Markttagen, wo du dr"uben so notwendig gebraucht
+wirst! E{\s} warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen
+habe ich alle{\s} stehn und liegen lassen. Marsch! Hin"uber! Trab!
+Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!"'
+
+Al{\s} Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
+fort war, plauderte man noch ein wenig "uber Ohnmachtanf"alle.
+Frau Bovary sagte, sie h"atte noch nie einen gehabt.
+
+"`Ja, bei Damen kommt so wa{\s} sehr selten vor!"' behauptete
+Boulanger. "`E{\s} gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich
+sind. Da hab ich gelegentlich eine{\s} Duell{\s} erlebt, da"s ein
+Zeuge ohnm"achtig wurde, al{\s} die Pistolen beim Laden
+knackten."'
+
+"`Wa{\s} mich anbelangt,"' erkl"arte der Apotheker, "`mich st"ort
+der Anblick fremden Blute{\s} ganz und gar nicht. Aber der blo"se
+Gedanke, ich selber k"onne bluten, der macht mich schwindlig, wenn
+ich nicht schnell an wa{\s} andre{\s} denke."'
+
+Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
+ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.
+
+"`Nun ist{\s} aber alle mit der Einbildung!"' sagte er ihm. "`Die
+hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft"', f"ugte er
+hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen
+Taler auf die Tischecke, gr"u"ste fl"uchtig und verschwand.
+
+Bald darauf erschien er dr"uben auf dem andern Ufer de{\s}
+Bache{\s}. Da{\s} war sein Weg nach der H"uchette. Emma sah ihm
+von einem der Hinterfenster nach, wie er "uber die Wiesen ging,
+die Pappeln entlang, langsam wie einer, der "uber etwa{\s}
+nachdenkt.
+
+"`Allerliebst!"' sagte er bei sich. "`Wirklich allerliebst, diese
+Doktor{\s}frau. Sch"one Z"ahne, schwarze Augen, niedliche F"u"se
+und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo
+mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?"'
+
+Rudolf Boulanger war vierunddrei"sig Jahre alt von roher
+Gem"ut{\s}art und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit
+Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel
+ihm. Somit besch"aftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.
+
+"`Ich glaube, er ist mord{\s}bl"ode. Sie hat ihn satt,
+zweifelsohne. Er hat dreckige Fingern"agel und rasiert sich nur
+aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie
+daheim und stopft Str"umpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach
+der gro"sen Stadt und m"ochte am liebsten alle Abende auf den
+Ball. Arme kleine Frau! So wa{\s} schnappt nach Liebe wie ein
+Karpfen auf dem K"uchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und
+sie ist futsch! Sicherlich! Da{\s} w"ar wa{\s} f"ur{\s} Herze!
+Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder lo{\s}?"'
+
+Diese Einschr"ankung de{\s} in der Ferne stehenden Genusse{\s}
+erinnerte ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine
+Schauspielerin in Rouen, die er au{\s}hielt. Er vergegenw"artigte
+sich ihren K"orper, dessen er sogar in der Vorstellung
+"uberdr"ussig war.
+
+"`Ja, diese Frau Bovary,"' dachte er bei sich, "`die ist viel
+h"ubscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
+Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft f"ur
+Krebse!"'
+
+Die Fluren waren menschenleer. Rudolf h"orte nicht{\s} al{\s}
+da{\s} taktm"a"sige Rascheln der Halme, die er beim Gehen
+streifte, und da{\s} ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er
+schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie
+gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie.
+
+"`Oh, ich werde sie haben!"' rief er au{\s} und zerschlug mit
+einem Schlage seine{\s} Spazierstocke{\s} eine Erdscholle, die im
+Wege lag.
+
+Sodann "uberlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
+fragte sich:
+
+"`Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich da{\s}
+zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann da{\s}
+Dienstm"adel, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche
+Klatsch! Ach wa{\s}! Unn"utze Zeitvergeudung!"'
+
+Nach einer Weile begann er von neuem:
+
+"`Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in da{\s} Herz dringen! Und
+wie bla"s sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schw"armerei!"'
+
+Auf der H"ohe von Argueil war sein Krieg{\s}plan fertig.
+
+"`Ich brauche blo"s noch g"unstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde
+ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
+Gefl"ugel. N"otigenfall{\s} lasse ich mich ein bi"schen
+schr"opfen. Wir m"ussen gute Freunde werden. Dann lade ich die
+beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, n"achsten{\s} ist doch der
+Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie
+sehen! Dann hei"st{\s}: Attacke! Und feste drauf! Da{\s} ist immer
+da{\s} Beste."'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Endlich war sie da, die ber"uhmte Jahre{\s}versammlung der
+Landwirte! Vom fr"uhen Morgen an standen alle Einwohner von
+Yonville an ihren Hau{\s}t"uren und sprachen von den Dingen, die
+da kommen sollten. Die Stirnseite de{\s} Rathause{\s} war mit
+Efeugirlanden geschm"uckt. Dr"uben auf einer Wiese war ein
+gro"se{\s} Zelt f"ur da{\s} Festmahl aufgeschlagen worden, und
+mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein B"oller, der die
+Ankunft de{\s} Landrat{\s} und die Prei{\s}kr"onung donnernd
+verk"unden sollte. Die B"urgergarde von B"uchy -- in Yonville gab
+e{\s} keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
+Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korp{\s}
+vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch h"oheren Kragen
+al{\s} gew"ohnlich. In die Litewka eingezw"angt, war sein
+Oberk"orper so steif und starr, da"s e{\s} au{\s}sah, al{\s} sei
+alle{\s} Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich
+parademarschm"a"sig bewegten. Da der Oberst der B"urgergarde und
+der Hauptmann der Feuerwehr eifers"uchtig aufeinander waren,
+wollte jeder den andern au{\s}stechen, und so exerzierten beide
+ihre Mannschaft f"ur sich. Abwechselnd sah man die roten
+Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und
+wieder abschwenken. Da{\s} ging immer wieder von neuem an und nahm
+schier kein Ende!
+
+Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
+gesehen. Verschiedene B"urger hatten tag{\s} zuvor ihre H"auser
+abwaschen lassen. Wei"s-rot-blaue Fahnen hingen au{\s} den
+halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da
+sch"one{\s} Wetter war, sahen die gest"arkten H"aubchen wei"ser
+wie Schnee au{\s}, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne
+wie eitel Gold, und die bunten T"ucher leuchteten buntscheckig
+au{\s} dem tristen Einerlei der schwarzen R"ocke und blauen Blusen
+hervor. Die P"achter{\s}frauen kamen au{\s} den umliegenden
+D"orfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln
+herau{\s}, mit denen sie ihre R"ocke hochgesteckt hatten, damit
+sie unterweg{\s} nicht schmutzig werden sollten. Die M"anner
+andrerseit{\s} hatten zum Schutze ihrer H"ute die Sackt"ucher
+dar"uber gezogen, deren Zipfel sie mit den Z"ahnen festhielten.
+
+Die Menge str"omte von beiden Enden de{\s} Ort{\s} auf der
+Landstra"se heran und ergo"s sich in alle Gassen, Alleen und
+H"auser. "Uberall klingelten die T"uren, um die B"urgerinnen
+herau{\s}zulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze
+wallten.
+
+Zwei mit Lampion{\s} beh"angte hohe Taxu{\s}b"aume, zu beiden
+Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade f"ur die
+Ehreng"aste, erregten ganz besonder{\s} die allgemeine
+Bewunderung. "Ubrigen{\s} hatte man an den vier S"aulen am
+Rathause so etwa{\s} wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine
+Art Standarte au{\s} gr"uner Leinwand. Auf der einen la{\s} man:
+\begin{antiqua}HANDEL,\end{antiqua} auf der zweiten: \begin{antiqua}ACKERBAU,\end{antiqua} der dritten: \begin{antiqua}INDUSTRIE,\end{antiqua} der
+vierten: \begin{antiqua}KUNST UND WISSENSCHAFT.\end{antiqua}
+
+Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
+warf auch ihren Schatten und zwar auf da{\s} Antlitz der Frau
+Franz, der L"owenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihre{\s}
+Gasthofe{\s} stehend, r"asonierte sie vor sich hin:
+
+"`So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
+Glaubt diese Bagage wirklich, da"s der Herr Landrat besonder{\s}
+erg"otzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
+wie ein Seilt"anzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
+Gegend zugute kommen! War e{\s} wirklich der M"uhe wert, extra
+einen Koch au{\s} Neufch\^atel herkommen zu lassen? F"ur wen
+"ubrigen{\s}? F"ur Kuhjungen und Lumpenpack!"'
+
+Der Apotheker ging vor"uber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
+Lackschuhen und -- au{\s}nahm{\s}weise (statt de{\s} gewohnten
+K"appchen{\s}) -- einem Hut von niedriger Form.
+
+"`Ihr Diener!"' sagte er. "`Ich hab{\s} eilig!"'
+
+Al{\s} die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
+
+"`E{\s} kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst
+den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im
+K"ase~..."'
+
+"`In wa{\s} f"ur K"ase?"' unterbrach ihn die Wirtin.
+
+"`Nein, nein. Da{\s} ist nur bildlich gemeint"', entgegnete
+Homai{\s}. "`Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, da"s e{\s} im
+allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute
+freilich mu"s ich in Anbetracht~..."'
+
+"`Ah! Sie gehen auch hin?"' fragte sie in geringsch"atzigem Tone.
+
+"`Gewi"s gehe ich hin!"' sagte der Apotheker erstaunt. "`Ich
+geh"ore ja zu den Prei{\s}richtern!"'
+
+Die L"owenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schlie"slich meinte
+sie l"achelnd:
+
+"`Da{\s} ist wa{\s} ander{\s}! Aber wa{\s} geht Sie eigentlich die
+Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn wa{\s} davon?"'
+
+"`Selbstverst"andlich verstehe ich etwa{\s} davon! Ich bin doch
+Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz,
+besch"aftigt sich mit den Wechselwirkungen und den
+Molekularverh"altnissen aller K"orper, die in der Natur vorkommen.
+Folglich geh"ort auch die Landwirtschaft in da{\s} Gebiet meiner
+Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der D"ungemittel,
+die G"arungen der S"afte, die Analyse der Gase und die Wirkung der
+Mia{\s}men --, ich bitte Sie, wa{\s} ist da{\s} weiter al{\s} pure
+bare Chemie?"'
+
+Die L"owenwirtin erwiderte nicht{\s}, und Homai{\s} fuhr fort:
+
+"`Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, m"usse man selber in der
+Erde gebuddelt oder G"anse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
+Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
+die mu"s man unbedingt studiert haben, die geologischen
+Gruppierungen, die atmo{\s}ph"arischen Vorkommnisse, die
+Beschaffenheit de{\s} Erdboden{\s}, de{\s} Gestein{\s}, de{\s}
+Wasser{\s}, die Dichtigkeit der verschiedenen K"orper und ihre
+Kapillarit"at! Und tausend andre Dinge! Dazu mu"s man mit den
+Grunds"atzen der Hygiene v"ollig vertraut sein, um den Bau von
+Geb"auden, die Unterhaltung der Hau{\s}- und Arbeit{\s}tiere und
+die Ern"ahrung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu
+k"onnen. Fernerhin, Frau Franz, mu"s man die Botanik intu{\s}
+haben. Man mu"s die Pflanzen unterscheiden k"onnen, verstehen Sie,
+die n"utzlichen von den sch"adlichen, die nutzlosen und die
+nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen,
+welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen mu"s. Kurz und gut,
+man mu"s sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem
+man die Brosch"uren und die "offentlichen Bekanntmachungen liest,
+und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu
+gehen~..."'
+
+Die Wirtin lie"s unterdessen den Eingang de{\s} Caf\'e
+Fran\c{c}ai{\s} nicht au{\s} den Augen. Der Apotheker redete
+weiter:
+
+"`Wollte Gott, unsre Agrarier w"aren zugleich Chemiker, oder sie
+h"orten wenigsten{\s} besser auf die Ratschl"age der Wissenschaft!
+Da habe ich k"urzlich selbst eine gro"se Abhandlung verfa"st, eine
+Denkschrift von mehr al{\s} 72 Seiten, betitelt: "`Der Apfelwein.
+Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
+Betrachtungen hier"uber."' Ich habe sie der "`Rouener
+Agronomischen Gesellschaft"' "ubersandt, die mich daraufhin unter
+ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung f"ur
+Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt
+erschiene~..."'
+
+Der Apotheker hielt ein. Er merkte, da"s Frau Franz von etwa{\s}
+ganz andrem in Anspruch genommen war.
+
+"`Sehr richtig!"' unterbrach er sich selber. "`Eine unglaubliche
+Spelunke!"'
+
+Die L"owenwirtin zuckte so heftig die Achseln, da"s sich die
+Maschen ihrer Trikottaille weit au{\s}\-ein\-an\-der\-zogen. Mit
+beiden H"anden deutete sie auf da{\s} Konkurrenzlokal, au{\s} dem
+w"uster Gesang her"uberhallte.
+
+"`Na! Lange wird die Herrlichkeit da dr"uben nicht mehr dauern!"'
+bemerkte sie. "`In acht Tagen ist der Rummel alle!"'
+
+Homai{\s} trat erschrocken einen Schritt zur"uck. Die Wirtin kam
+die drei Stufen herunter und fl"usterte ihm in{\s} Ohr:
+
+"`Wa{\s}? Da{\s} wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
+au{\s}gepf"andet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hal{\s}
+abgeschnitten. Mit Wechseln!"'
+
+"`Eine f"urchterliche Katastrophe!"' rief der Apotheker au{\s},
+der f"ur alle m"oglichen Ereignisse immer da{\s} passende
+Begleitwort zur Hand hatte.
+
+Die L"owenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erz"ahlen.
+Sie wu"ste sie von Theodor, dem Diener de{\s} Notar{\s}. Obgleich
+sie Tellier, den Besitzer de{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, nicht
+au{\s}stehen konnte, mi"sbilligte sie doch da{\s} Vorgehen von
+Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Hal{\s}abschneider.
+
+"`Da! Sehen Sie!"' f"ugte sie hinzu. "`Da geht er! Unter den
+Hallen! Jetzt begr"u"st er Frau Bovary. Sie hat einen gr"unen Hut
+auf und geht am Arm von Herrn Boulanger."'
+
+"`Frau Bovary!"' echote Homai{\s}. "`Ich mu"s ihr schnell guten
+Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der
+Trib"une vor dem Rathause erw"unscht."'
+
+Ohne auf die L"owenwirtin zu h"oren, die ihm ihre lange Geschichte
+weitererz"ahlen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
+l"achelnder Miene gr"u"ste er nach link{\s} und recht{\s}, wobei
+ihn die langen Sch"o"se seine{\s} schwarzen Rocke{\s} im Winde
+umflatterten, da"s er wer wei"s wieviel Raum einnahm.
+
+Rudolf hatte ihn l"angst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
+
+Da aber Emma au"ser Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend
+und in brutalem Tone sagte er zu ihr:
+
+"`Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!"'
+
+Sie versetzte ihm ein{\s} mit dem Ellbogen.
+
+"`Wa{\s} soll da{\s} hei"sen?"' fragte er sie. Dabei blinzelte er
+sie im Weitergehen von der Seite an.
+
+Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nicht{\s} darin verriet ihre
+Gedanken. Die Linie ihre{\s} Profil{\s} schnitt sich scharf in die
+lichte Luft, unter der Rundung ihre{\s} Kapotthute{\s}, dessen
+bla"sfarbene Bindeb"ander wie Schilfbl"atter au{\s}sahen. Ihre
+Augen blickten geradeau{\s} unter ihren etwa{\s} nach oben
+gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie v"ollig ge"offnet waren,
+erschienen sie doch ein wenig zugedr"uckt durch den oberen Teil
+der Wangen, weil da{\s} Blut die feine Haut straffte. Durch die
+Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen gl"anzte
+da{\s} Perlmutter ihrer spitzen Z"ahne. Den Kopf neigte sie zur
+einen Schulter.
+
+"`Mokiert sie sich "uber mich?"' fragte sich Rudolf.
+
+In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
+ein Zeichen sein sollen, da"s Lheureux neben ihnen herlief. Von
+Zeit zu Zeit redete der H"andler die beiden an, um mit ihnen
+in{\s} Gespr"ach zu kommen.
+
+"`Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! --
+Wir haben Ostwind!"'
+
+Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, w"ahrend Lheureux
+bei der geringsten Bewegung, die ein{\s} der beiden machte, mit
+einem ewigen "`Wie meinen?"' dazwischenfuhr, wobei er jede{\s}mal
+den Hut l"uftete.
+
+Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstra"se ab
+in einen Fu"sweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
+
+"`Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergn"ugen!"'
+
+"`Den haben Sie aber fein abgesch"uttelt!"' lachte Emma.
+
+"`Warum sollen wir un{\s} von fremden Leuten bel"astigen lassen?"'
+meinte Rudolf. "`Noch dazu heute, wo ich da{\s} Gl"uck habe, mit
+Ihnen~..."'
+
+Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
+sch"onen Wetter und wie h"ubsch e{\s} sei, so durch die Fluren
+spazieren zu gehen.
+
+Ein paar G"ansebl"umchen standen am Raine.
+
+"`Die niedlichen Dinger da!"' sagte er. "`Und so viele! Genug
+Orakel f"ur die verliebten M"adel{\s} de{\s} ganzen Lande{\s}!"'
+Ein paar Augenblicke sp"ater setzte er hinzu: "`Soll ich welche
+pfl"ucken? Wa{\s} denken Sie dar"uber?"'
+
+"`Sind Sie denn verliebt?"' fragte Emma und hustete ein wenig.
+
+"`Wer wei"s?"' meinte Rudolf.
+
+Sie kamen auf die Festwiese, auf der da{\s} Gedr"ange immer mehr
+zunahm. Bauer{\s}frauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am
+einen und einen S"augling im andern Arme, rempelten sie an.
+H"aufig mu"sten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch
+riechender Dorfsch"onen in blauen Str"umpfen, derben Schuhen und
+silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
+
+Die Prei{\s}verteilung fand statt. Die Z"uchter traten, einer nach
+dem andern, in eine Art Arena, die durch ein lange{\s} Seil an
+Pf"ahlen gebildet wurde. Innerhalb de{\s} so abgegrenzten
+Raume{\s} standen die Tiere, mit den Schnauzen nach au"sen, die
+ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtung{\s}linie.
+Schl"afrige Schweine w"uhlten mit ihren R"usseln in der Erde.
+K"alber br"ullten, Schafe bl"okten. K"uhe lagen hingestreckt, die
+B"auche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gem"achlich wieder
+und zuckten mit ihren schwerf"alligen Lidern, wenn die sie
+umschw"armenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme
+entbl"o"st, hielten an Trensenz"ugeln steigende Zuchthengste, die
+mit gebl"ahten N"ustern nach der Seite hin wieherten, wo die
+Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und lie"sen die
+K"opfe und M"ahnen h"angen, w"ahrend ihre F"ullen in ihrem
+Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. "Uber der wogenden
+Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da da{\s}
+Wei"s einer M"ahne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein
+spitze{\s} Horn hervorspringen, und "uberall dazwischen die
+H"aupter wimmelnder Menschen. Au"serhalb der Umseilung, etwa
+hundert Schritte davon entfernt, stand -- unbeweglich wie au{\s}
+Bronze gegossen -- ein gro"ser schwarzer Stier mit verbundenen
+Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumpte{\s} Kind
+hielt ihn an einem Stricke.
+
+Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
+besichtigten jede{\s} Tier einzeln und eingehend und berieten sich
+jede{\s}mal hinterher in fl"usternder Weise. Einer von ihnen,
+offenbar der Einflu"sreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein
+Buch. Da{\s} war der Vorsitzende der Prei{\s}richter, Herr
+Derozeray{\s}, Besitzer de{\s} Rittergute{\s} La Panville. Al{\s}
+er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte
+verbindlich-freundlich zu ihm:
+
+"`Herr Boulanger, Sie lassen un{\s} ja im Stich?"'
+
+Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Al{\s} er
+jedoch au"ser H"orweite de{\s} Vorsitzenden war, meinte er:
+
+"`Der Fuch{\s} soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe
+lieber bei Ihnen!"'
+
+Er machte seine Witze "uber da{\s} Prei{\s}richterkollegium,
+wa{\s} ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Au{\s}wei{\s} al{\s}
+Mitglied de{\s} Festau{\s}schusse{\s} mit Grandezza zu zeigen,
+wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach
+blieb er auch vor dem oder jenem "`Prachtst"uck"' stehen. Frau
+Bovary bewunderte nicht{\s} mit. Da{\s} beobachtete er, und nun
+begann er sp"ottische Bemerkungen "uber die Toiletten der Damen
+von Yonville lo{\s}zulassen. Dabei entschuldigte er sich, da"s er
+selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein
+Nebeneinander von Allt"aglichkeit und Au{\s}gesuchtheit. Der
+oberfl"achliche Menschenkenner h"alt derlei meist f"ur da{\s}
+"au"sere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in
+ihrem Gef"uhl{\s}leben, k"unstlerisch beanlagt und allem
+Herk"ommlichen abhold ist, und empfindet "Argerni{\s} oder
+Bewunderung davor. Rudolf{\s} wei"se{\s} Batisthemd mit
+gef"alteten Manschetten bauschte sich im Au{\s}schnitt seiner
+grauen Flanellweste, wie e{\s} dem Winde gerade gefiel; seine
+breitgestreiften Hosen reichten nur bi{\s} an die Kn"ochel und
+lie"sen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke
+Lackspitzen da{\s} Gra{\s} Reflexe warf. Er trat unbek"ummert in
+die Pferde"apfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der
+Hut sa"s ihm schief auf dem Kopfe.
+
+"`Ein Bauer wie ich~..."', meinte er.
+
+"`Bei dem ist Hopfen und Malz verloren"', scherzte Emma.
+
+"`Sehr richtig! "Ubrigen{\s} ist kein einziger von all diesen
+Biederm"annern imstande, den Schnitt eine{\s} Rocke{\s} zu
+beurteilen."'
+
+Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
+de{\s} einzelnen erstickt und da{\s} Leben keinen Schwung hat.
+
+"`Darum verfalle ich der Melancholie~..."', sagte er.
+
+"`Sie?"' erwiderte Emma erstaunt. "`Ich halte Sie gerade f"ur sehr
+leben{\s}lustig."'
+
+"`Ach, da{\s} sieht nur so au{\s}! Weil ich vor den Leuten die
+Ma{\s}ke de{\s} Sp"otter{\s} trage. Aber wie oft habe ich mich
+beim Anblick eine{\s} Friedhofe{\s} im Mondenscheine gefragt, ob
+einem nicht am wohlsten w"are, wenn man schliefe, wo die Toten
+schlafen~..."'
+
+"`Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!"'
+
+"`Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich k"ummert sich
+niemand."'
+
+Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
+
+Sie mu"sten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
+ein Mann zwischen sie dr"angte, der einen Turm von St"uhlen
+schleppte. Er war derartig "uberladen, da"s man nicht{\s} von ihm
+sah al{\s} seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. E{\s} war
+Lestiboudoi{\s}, der Totengr"aber, der ein Dutzend Kirchenst"uhle
+herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo e{\s} etwa{\s} zu
+verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, au{\s} dem
+Bunde{\s}tage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich
+nicht verrechnet; er wu"ste gar nicht, wen er zuerst befriedigen
+sollte. Die Bauern, denen e{\s} hei"s war, rissen sich f"ormlich
+um diese St"uhle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie
+lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen
+wach{\s}beklecksten Stuhlr"ucken.
+
+Frau Bovary nahm Rudolf{\s} Arm von neuem. Er fuhr fort, al{\s}
+spr"ache er mit sich selbst.
+
+"`Ja, ja! Ich habe viele{\s} entbehren m"ussen! Immer einsam! Ach,
+wenn mein Dasein einen Zweck gehabt h"atte, wenn ich einer gro"sen
+Leidenschaft begegnet w"are, wenn ich ein Herz gefunden h"atte ...
+Oh, alle meine Leben{\s}kraft h"atte ich daran gesetzt, ich w"are
+"uber alle Hindernisse hinweggest"urmt, h"atte alle{\s}
+"uberwunden~..."'
+
+"`Mich d"unkt, Sie seien gar nicht besonder{\s} beklagen{\s}wert"',
+wandte Emma ein.
+
+"`So, finden Sie?"'
+
+"`Zum mindesten sind Sie frei~..."' Sie z"ogerte. "`... und
+reich!"'
+
+"`Spotten Sie doch nicht "uber mich!"' bat er.
+
+Sie beteuerte, e{\s} sei ihr Ernst. Da donnerte ein B"ollerschu"s.
+Al{\s}bald w"alzte und dr"angte sich alle{\s} der Ortschaft zu.
+Aber e{\s} war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch
+gar nicht da. Der Festau{\s}schu"s war nun in der gr"o"sten
+Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man
+noch warten?
+
+Endlich tauchte an der Ecke de{\s} Markte{\s} eine riesige
+Mietkutsche auf, von zwei mageren G"aulen gezogen, auf die ein
+Kutscher im Zylinderhut au{\s} Leibe{\s}kr"aften mit der Peitsche
+lo{\s}hieb.
+
+Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
+
+"`An die Gewehre!"'
+
+Und der Oberst der B"urgergarde br"ullte da{\s} Echo dazu.
+
+Hal{\s} "uber Kopf st"urzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche
+der B"urgergardisten verga"sen in der Eile, sich den Kragen
+zuzukn"opfen. Aber der Landauer de{\s} Herrn Landrat{\s} schien
+die Verwirrung zum Gl"uck zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im
+langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle
+de{\s} Rathause{\s} an, al{\s} sich Feuerwehr und B"urgergarde in
+Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten.
+
+"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' kommandierte
+Binet.
+
+"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' der Oberst auf der
+andern Seite.
+
+Die Trageringe rasselten in den Reihen, al{\s} ob ein Kupferkessel
+eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
+
+Nun sah man einen Herrn au{\s} der Karosse steigen, in einer
+silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine gro"se Glatze, ein
+Toupet auf dem Hinterhaupte, sah bla"s im Gesicht au{\s} und war
+offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
+kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
+halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
+seinen eingefallenen Mund zum L"acheln verschob. Er erkannte den
+B"urgermeister an seiner Sch"arpe und teilte ihm mit, da"s der
+Landrat verhindert sei, pers"onlich zu kommen. Er selber sei
+Regierung{\s}rat. E{\s} folgten noch ein paar verbindliche
+Reden{\s}arten.
+
+T"uvache, der B"urgermeister, begr"u"ste ihn ehrerbietig. Der Rat
+erkl"arte, er f"uhle sich besch"amt. Die beiden standen sich dicht
+gegen"uber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der
+Festau{\s}schu"s, der Gemeinderat, die Honoratioren, die
+B"urgergarde und da{\s} Publikum. Der Regierung{\s}rat schwenkte
+seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein
+paar Begr"u"sung{\s}worte. W"ahrenddem klappte T"uvache in einem
+fort wie ein Taschenmesser zusammen, l"achelnd, stotternd, nach
+Worten suchend. Darauf beteuerte er die K"onig{\s}treue der
+Yonviller und dankte f"ur die ihnen widerfahrene gro"se Ehre.
+
+Hippolyt, der Hau{\s}knecht au{\s} dem Goldnen L"owen, nahm die
+Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog da{\s} Gef"ahrt
+humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von
+gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der B"oller
+krachte.
+
+Die Herren vom Festau{\s}schu"s begaben sich nun auf die vor dem
+Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
+Pl"uschsessel, die von der Frau B"urgermeisterin zur Verf"ugung
+gestellt worden waren.
+
+Alle die M"anner glichen einander. Alle hatten sie
+au{\s}druck{\s}lose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von
+der Sonne etwa{\s} gebr"aunt waren, buschige Backenb"arte, die
+sich unter hohen steifen Hal{\s}kragen verloren, und wei"se,
+sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem,
+ebensowenig an den Uhrketten da{\s} ovale Petschaft au{\s}
+Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie
+die Falten de{\s} Beinkleide{\s} sorgsam zurechtgestrichen hatten.
+Da{\s} nicht dekatierte Hosentuch gl"anzte mehr al{\s} da{\s}
+Leder ihrer derben Stiefel.
+
+Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
+unter der Vorhalle zwischen den S"aulen, w"ahrend die gro"se Menge
+dem Rathause gegen"uber stand oder teilweise auf St"uhlen sa"s.
+Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen St"uhle
+rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr au{\s}
+der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartige{\s}
+Gedr"ange, da"s man nur mit M"uhe und Not zu der kleinen Treppe
+der Estrade dringen konnte.
+
+"`Ich finde,"' sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
+Estrade durchdr"angelte und gerade an ihm vor"uberkam, "`man
+h"atte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit
+irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer
+Nouveaut\'e. Da{\s} w"urde sehr h"ubsch au{\s}gesehen haben!"'
+
+"`Gewi"s!"' meinte Homai{\s}. "`Aber Sie wissen ja! Der
+B"urgermeister macht alle{\s} blo"s nach seinem eignen Kopfe. Er
+hat nicht viel Geschmack, der gute T"uvache, und k"unstlerischen
+Sinn nun gleich gar nicht!"'
+
+Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock de{\s}
+Rathause{\s} gestiegen, in den Sitzung{\s}saal. Da dieser leer
+war, erkl"arte Boulanger, da{\s} w"are so recht der Ort, da{\s}
+Schauspiel bequem zu genie"sen. Er nahm zwei St"uhle von dem
+ovalen Tisch, der unter der B"uste von Majest"at stand, und trug
+sie an ein{\s} der Fenster.
+
+Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
+
+Unten auf der Estrade ging e{\s} lebhaft her. Alle{\s} plauderte
+und tuschelte. Da erhob sich der Regierung{\s}rat von seinem
+Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, da"s er Lieuvain hie"s, und
+nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er
+ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten
+hatte, begann er:
+
+"`Meine Herren!
+
+Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
+eingehe, sei e{\s} mir zun"achst gestattet, -- und ich bin
+"uberzeugt, Sie sind in{\s}gesamt damit einverstanden! -- sei
+e{\s} mir gestattet, sage ich, der Beh"orden und der Regierung zu
+gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majest"at, unser{\s}
+allergn"adigsten und allverehrten Lande{\s}herrn, dem jede{\s}
+Gebiet der "offentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt,
+der mit sicherer und kluger Hand da{\s} Staat{\s}schiff durch die
+unaufh"orlichen Gefahren eine{\s} st"urmischen Ozean{\s} lenkt und
+dabei jedem sein Recht l"a"st, dem Frieden wie dem Kriege, der
+Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den K"unsten und
+Wissenschaften~..."'
+
+"`Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zur"uck"', sagte
+Rudolf.
+
+"`Warum?"' fragte Emma.
+
+In diesem Augenblicke bekam die Stimme de{\s}
+Regierung{\s}rate{\s} besonderen Schwung. Er deklamierte:
+
+"`Die Zeiten sind vor"uber, meine Herren, wo die Zwietracht der
+B"urger unsre "offentlichen Pl"atze mit Blut besudelte, wo der
+Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
+abend{\s} friedlich schlafen ging, bef"urchten mu"ste, durch
+da{\s} St"urmen der Brandglocken j"ah wieder aufgeschreckt zu
+werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten r"uttelten~..."'
+
+"`Nur weil man mich von unten bemerken k"onnte"', gab Rudolf zur
+Antwort. "`Dann m"u"ste ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
+Und bei meinem schlechten Rufe~..."'
+
+"`Sie verleumden sich"', warf Emma ein.
+
+"`I wo! Der ist unter aller Kritik! Da{\s} schw"or ich Ihnen."'
+
+"`Meine Herren!"' fuhr der Redner fort. "`Wenn wir unsre Blicke
+von diesen d"ustern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
+gegenw"artigen Zustand unser{\s} sch"onen Vaterlande{\s} richten:
+wa{\s} sehen wir da? "Uberall stehen Handel, Wissenschaften und
+K"unste in Bl"ute, "uberall erwachsen neue Verkehr{\s}wege und
+-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe de{\s} Staate{\s}, und
+schaffen neue Beziehungen, neue{\s} Leben. Unsre gro"sen
+Industriezentren sind von neuem in vollster T"atigkeit. Die
+Religion ist gekr"aftigt und w"armt wieder aller Herzen. Unsre
+H"afen strotzen, der Staat{\s}kredit ist fest. Frankreich atmet
+endlich wieder auf~..."'
+
+"`Da{\s} hei"st,"' sagte Rudolf, "`vom gesellschaftlichen
+Standpunkt hat man vielleicht recht."'
+
+"`Wie meinen Sie da{\s}?"' fragte sie.
+
+"`Wissen Sie denn nicht,"' erl"auterte er, "`da"s e{\s}
+problematische Naturen gibt? Halb Tr"aumer, halb Tatenmenschen?
+Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten
+Gen"ussen. Nicht{\s} ist ihnen zu toll, zu phantastisch~..."'
+
+Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
+sie:
+
+"`Un{\s} armen Frauen dagegen, un{\s} sind die Freuden solcher
+Kontraste verboten!"'
+
+"`Sch"one Freuden!"' entgegnete er bitter. "`Da{\s} Gl"uck liegt
+wo ganz ander{\s}!"'
+
+"`Ach, so findet man{\s} nirgend{\s}?"'
+
+"`Doch! Eine{\s} Tage{\s} begegnet man dem Gl"uck!"' fl"usterte er.
+
+"`Und da{\s} wissen Sie alle gerade am besten,"' fuhr der
+Regierung{\s}rat fort, "`Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter
+sind, friedliche Vork"ampfer eine{\s} Kulturideal{\s}, M"anner
+de{\s} Fortschritte{\s} und der Ordnung! Sie wissen da{\s}, sage
+ich, da"s politische St"urme weit furchtbarer sind denn St"urme in
+der Natur~..."'
+
+"`Ja, eine{\s} Tage{\s} begegnet man ihm!"' wiederholte Rudolf,
+"`ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat!
+Dann "offnet sich der Himmel, und e{\s} ist einem, al{\s} riefe
+eine Stimme: {\glq}Hier ist da{\s} Gl"uck!{\grq} Und dem Menschen,
+den Sie da gefunden haben, dem m"ussen Sie au{\s} innerm Drange
+herau{\s} ihr Leben anvertrauen, ihm alle{\s} geben, alle{\s}
+opfern! E{\s} werden keine Worte gewechselt. Alle{\s} ist nur
+Ahnung, Gef"uhl! Man hat sich ja l"angst im Traumland gesehen~..."'
+
+Er blickte Emma an.
+
+"`Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
+leibhaftig da! Er gl"anzt und strahlt! Noch immer h"alt man ihn
+f"ur ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
+geblendet, al{\s} k"ame man pl"otzlich au{\s} der Nacht in die
+Sonne~..."'
+
+Rudolf begleitete seine Worte mit Geb"arden. Er pre"ste die Rechte
+auf sein Gesicht wie jemand, dem e{\s} schwindelt. Dann lie"s er
+sie auf Emma{\s} Hand sinken. Sie zog sie weg.
+
+Der Rat sprach immer weiter:
+
+"`Wen k"onnte da{\s} auch verwundern, meine Herren? H"ochsten{\s}
+Leute, die so blind w"aren, so verbohrt (ich scheue mich nicht,
+diese{\s} Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile
+abgetaner Zeiten, da"s sie die Gesinnung der Landwirte noch immer
+verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patrioti{\s}mu{\s}
+al{\s} auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen de{\s}
+Gemeinwohl{\s}? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine
+Herren, ich meine nat"urlich nicht jene oberfl"achliche
+Intelligenz, mit der sich m"u"sige Geister br"usten, nein, ich
+meine die gr"undliche und ma"svolle Intelligenz, die sich nur mit
+ersprie"slichen Absichten bet"atigt und damit dem Vorteile de{\s}
+Einzelnen wie der F"orderung der Allgemeinheit dient und eine
+St"utze de{\s} Staate{\s} ist, durchdrungen von der Achtung vor
+den Gesetzen und dem Gef"uhle der Pflichterf"ullung~..."'
+
+"`Pflichterf"ullung!"' wiederholte Rudolf. "`Immer und "uberall
+die Pflicht! Wie mich diese{\s} Wort anwidert! Ein Chor von alten
+Schaf{\s}\-k"opfen in Schlaf\-r"ocken und von Betschwestern mit
+W"armbullen und Gesangb"uchern kr"achzt un{\s} ewig die alte
+Litanei vor: {\glq}Die Pflicht, die Pflicht!{\grq} Der Teufel soll
+sie holen! Unsre Pflicht ist e{\s}, alle{\s} Gro"se in der Welt
+mit\/zuf"uhlen, da{\s} Sch"one anzubeten und sich nicht immer gleich
+unter alle m"oglichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken,
+sich nicht zu Sklaven herabw"urdigen zu lassen~..."'
+
+"`Indessen ... indessen~..."', wandte Emma ein.
+
+"`Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften k"ampfen? Sind
+sie nicht vielmehr da{\s} Allersch"onste, wa{\s} e{\s} auf Erden
+gibt, der Quell de{\s} Heldensinn{\s}, der Begeisterung, der
+Dichtung, der Musik, aller K"unste, alle{\s} Leben{\s} im wahren
+Sinne?"'
+
+"`Aber man mu"s sich doch ein wenig nach den Leuten richten und
+sich ihrer Moral f"ugen"', meinte Emma.
+
+"`So! Da{\s} ist dann eben die doppelte Moral,"' eiferte er. "`Die
+eine: die kleinliche, herk"ommliche, die der Leute, die in einem
+fort ein andre{\s} Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im
+tr"uben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Da{\s} ist die all
+der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die g"ottliche,
+die um un{\s} ist und "uber un{\s} wie die Landschaft, die un{\s}
+umprangt, und der blaue Himmel, der "uber un{\s} leuchtet~..."'
+
+Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
+er weiter:
+
+"`Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
+noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt f"ur unser t"aglich Brot?
+Wer schafft un{\s} die Unterhaltung{\s}mittel? Tut e{\s} nicht der
+Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit
+seiner schwieligen Hand da{\s} Saatkorn in die fruchtbringenden
+Furchen s"at, verdanken wir da{\s} Getreide, da{\s} dann, von
+sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die St"adte zu den
+B"ackern kommt, die Brot darau{\s} backen f"ur arm und reich! Ist
+e{\s} nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden
+h"utet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir un{\s} anziehen,
+wie un{\s} n"ahren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren,
+wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von
+un{\s} schon manchmal "uber die Bedeutung jene{\s} bescheidenen
+Tierchen{\s} nachgedacht, da{\s} die Zierde unserer Bauernh"ofe
+ist und un{\s} gleichzeitig ein weiche{\s} Kopfkissen, einen
+saftigen Braten f"ur unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich k"ame
+nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse
+l"uckenlo{\s} aufz"ahlen m"u"ste, mit denen die wohlbebaute Erde
+wie eine gro"sm"utige Mutter ihre Kinder "ubersch"uttet. Ich nenne
+nur den Weinstock, den Baum, der un{\s} den Apfelwein spendet, und
+den Rap{\s}. Dann haben wir den K"ase und den Flach{\s}. Meine
+Herren, vergessen wir den Flach{\s} nicht! Der Flach{\s}bau hat in
+den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den
+ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonder{\s} hinlenken m"ochte~..."'
+
+Dieser Appell war eigentlich unn"otig, denn die Menge lauschte
+offenen Munde{\s} und lie"s sich kein W"ortchen entgehen. Der
+B"urgermeister, der zur Seite de{\s} Redner{\s} sa"s, horchte mit
+aufgerissenen Augen. Derozeray{\s} schlo"s die seinen hin und
+wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz
+etwa{\s} weiter weg hatte, hielt sich eine Hand an{\s} Ohr, um
+Silbe f"ur Silbe ordentlich zu verstehen. Die "ubrigen
+Prei{\s}richter nickten bed"achtig mit den gesenkten H"auptern, um
+ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr st"utzte sich
+auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im
+Stillgestanden und mit vorschrift{\s}m"a"siger S"abelhaltung.
+H"oren konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende
+seine{\s} Helm{\s} bi{\s} "uber die Nase reichte. Sein Leutnant,
+der j"ungste Sohn de{\s} B"urgermeister{\s}, hatte einen noch
+gr"o"seren auf. Diese{\s} Unget"um wackelte ihm fortw"ahrend auf
+dem Kopfe hin und her. "Uberdie{\s} sah der Zipfel eine{\s}
+seidnen Tuche{\s} hervor, da{\s} er untergestopft hatte. Er
+l"achelte wie ein artige{\s} Kind unter dem Helme hervor, und sein
+schmale{\s} blasse{\s} Gesicht, "uber da{\s} Schwei"stropfen
+rannen, verriet zugleich helle Freude und m"ude Abspannung.
+
+Der Marktplatz war bi{\s} an die H"auser heran voller Menschen. In
+allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen
+T"urschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin,
+ganz versunken in da{\s} Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um
+den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch
+bereit{\s} in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne
+abgerissene Worte drangen weiter, von denen da{\s} Ger"ausch hin-
+und herger"uckter St"uhle auch noch einen Teil verschlang. Noch
+weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehnte{\s}
+Rindergebr"ull oder da{\s} Bl"oken der Schafe, die sich einander
+antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten n"amlich ihre Tiere
+inzwischen bi{\s} auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von
+Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
+
+Rudolf war dicht an Emma heranger"uckt und fl"usterte ihr hastig
+zu:
+
+"`Mu"s einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum
+Rebellen machen? Gibt e{\s} ein einzige{\s} Gef"uhl, da{\s} sie
+nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden
+von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen
+trotz alledem finden, so verb"undet sich alle{\s}, damit sie
+einander nicht geh"oren k"onnen. Aber sie werden e{\s} dennoch
+versuchen, sie regen ihre Fl"ugel, und sie rufen sich. Fr"uher
+oder sp"ater, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie
+doch vereint in ihrer Liebe, weil e{\s} da{\s} Schicksal so will
+und weil sie f"ureinander geschaffen sind~..."'
+
+Er hatte die Arme verschr"ankt und st"utzte sie auf seine Knie,
+und so schaute er Emma an, ganz au{\s} der N"ahe, mit starrem
+Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen
+Krei{\s}linien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie
+roch sogar da{\s} leise Parf"um in seinem Haar. Woll"ustige
+M"udigkeit "uberfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse
+Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte
+genau so geduftet wie diese{\s} Haar, nach Vanille und Zitronen.
+Unwillk"urlich schlo"s sie die Augenlider, um den Geruch st"arker
+zu sp"uren. Aber al{\s} sie sich in ihren Stuhl zur"ucklehnte,
+fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte,
+die langsam die H"ohe von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke
+nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr
+zur"uckgekommen, und auf dieser Stra"se da war er von ihr
+weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im
+Rahmen seine{\s} Fenster{\s}. Dann verschwamm alle{\s}, und Nebel
+zogen vor"uber. E{\s} kam ihr vor, al{\s} wirble sie wie damal{\s}
+im Walzer, in der Lichtflut de{\s} Ballsaale{\s}, im Arme de{\s}
+Vicomte. Und Leo w"are nicht weit weg, sondern k"ame wieder ...
+Dabei sp"urte sie in einem fort Rudolf{\s} Haar dicht neben sich.
+Die s"u"se Empfindung seiner N"ahe verm"ahlte sich mit den alten
+Gel"usten; und wie Staubk"orner, die der Wind aufjagt, umtanzten
+sie diese Gef"uhle zusammen mit dem leisen Dufte und bet"aubten
+ihr die Seele. Ein paarmal "offnete sie weit die Nasenfl"ugel, um
+-- sto"sweise -- den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die
+um die S"aulen geschlungen waren.
+
+Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
+feuchtgewordnen H"ande; dann f"achelte sie ihren Wangen mit dem
+Taschentuche K"uhlung zu, wobei sie mitten durch da{\s} H"ammern
+de{\s} Blute{\s} in ihren Schl"afen da{\s} Gesumme der Menge und
+die immer noch Phrasen dreschende Stimme de{\s}
+Regierung{\s}rate{\s} verworren vernahm.
+
+Er predigte:
+
+"`Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
+nicht beirren, weder durch H"angenbleiben an veralteten
+"Uberlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von k"uhnen
+Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung
+de{\s} Boden{\s}, auf eine gute D"ungung, auf die Veredelung der
+Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! M"oge diese
+Versammlung f"ur Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
+der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand dr"uckt
+wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg f"ur die Zukunft
+w"unscht! Und Ihr, Ihr w"urdigen Dienstboten, bescheidene{\s}
+Hofgesinde, um deren m"uhevolle Arbeit sich bi{\s}her noch keine
+Regierung gek"ummert hat, kommt her und empfangt den Lohn f"ur
+Eure stille T"uchtigkeit und seid "uberzeugt, da"s die F"ursorge
+de{\s} Staate{\s} fortan auch Euch gelten wird, da"s er Euch
+ermutigt und besch"utzt, da"s er Euch auf begr"undete Beschwerden
+hin recht geben wird und Euch, soweit e{\s} in seiner Macht steht,
+die B"urde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!"'
+
+Darnach setzte sich der Regierung{\s}rat. Jetzt erhob sich Herr
+Derozeray{\s} und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
+schwungvoll wie die Lieuvain{\s}, daf"ur war sie sachlicher,
+da{\s} hei"st: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
+Betrachtungen Raum. Da{\s} Lob auf die Regierung war k"urzer
+gefa"st; die Rede besch"aftigte sich mehr mit der Landwirtschaft
+und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
+beleuchtet. Beide h"atten zu allen Zeiten die Zivilisation
+gef"ordert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary "uber Tr"aume,
+Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anf"ange der
+menschlichen Gesellschaft zur"uck und schilderte die barbarischen
+Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln gen"ahrt hatte.
+Sp"ater h"atte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
+bekleidet, h"atte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War die{\s}
+nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Besch"aftigungen
+ungleich mehr M"uhen denn Nutzen? "Uber diese{\s} Problem stellte
+Derozeray{\s} allerhand Betrachtungen an.
+
+Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allm"ahlich auf die
+Wahlverwandtschaft gekommen, und w"ahrend der Redner unten vom
+Pfluge de{\s} Cincinnatu{\s} sprach, von Diocletian und seinen
+Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
+eigenh"andig s"aen, setzte der junge Mann der jungen Frau
+au{\s}einander, da"s die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
+gegenseitigen Anziehung in einer fr"uheren Existenz zu suchen sei.
+
+"`Nehmen Sie beispiel{\s}weise un{\s} beide!"' sagte er. "`Warum
+haben wir un{\s} kennen gelernt? Hat die{\s} allein der Zufall
+gef"ugt? War e{\s} nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang,
+der un{\s} gegenseitig einander zuf"uhrte, wie zwei Str"ome
+ineinander flie"sen, jeder von weiter Ferne her?"'
+
+Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie ent\/zog sie ihm nicht.
+
+"`Prei{\s} f"ur gute Bewirtschaftung~..."', rief unten der Redner.
+
+"`Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Hau{\s}
+kam~..."'
+
+"`Herrn Bizet au{\s} Quincampoix!"'
+
+"`Wu"ste ich damal{\s}, da"s wir so bald gute Freunde werden
+sollten?"'
+
+"`Siebzig Franken~..."'
+
+"`Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
+Ihnen gekommen und hier geblieben~..."'
+
+"`F"ur Erfolge im D"ungen."'
+
+"`... heute und morgen, alle Tage, mein ganze{\s} Leben~..."'
+
+"`Herrn Caron au{\s} Argueil eine goldene Medaille!"'
+
+"`... denn noch keine{\s} Menschen Gesellschaft hat mich so
+v"ollig bezaubert~..."'
+
+"`Herrn Bain au{\s} Givry-Saint-Martin~..."'
+
+"`... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen~..."'
+
+"`... f"ur einen Merino-Schafbock~..."'
+
+"`Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen
+vor"ubergewandelt wie ein Schatten!"'
+
+"`Herrn Belot au{\s} Notre-Dame~..."'
+
+"`Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
+erinnern?"'
+
+"`F"ur Schweinezucht ein Prei{\s} geteilt, je achtzig Franken, den
+Herren Leh\'eriss\'e und C"ullembourg!"'
+
+Rudolf dr"uckte Emma{\s} Hand. Sie f"uhlte sich ganz hei"s an und
+zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen m"ochte. Sei
+e{\s} nun, da"s Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder da"s
+sie Rudolf{\s} Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit
+ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er au{\s}:
+
+"`Ach, ich danke Ihnen! Sie sto"sen mich nicht zur"uck! Sie sind
+so gut! Sie f"uhlen, da"s ich Ihnen geh"ore! Ich will Sie ja nur
+sehen, nur anschauen!"'
+
+Ein Windsto"s, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
+de{\s} Tische{\s} im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
+m"achtigen Haubenschleifen der B"auerinnen wie wei"se
+Schmetterling{\s}fl"ugel auf.
+
+"`F"ur die Herstellung von "Olkuchen~..."'
+
+Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
+
+"`F"ur Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
+Feldbew"asserung ... langj"ahrigen Pacht ... treue Dienste~..."'
+
+Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emma{\s}
+trockne Lippen bebten in hei"sestem Begehren. Weich und ganz von
+selbst verschlangen sich ihre H"ande.
+
+"`Katharine Nikasia Elisabeth Leroux au{\s} Sassetot-la-Guerri\`ere
+f"ur vier\-und\-f"unfzig\-j"ahrigen Dienst auf ein und demselben
+Gute eine silberne Medaille im Werte von f"unfundzwanzig Franken!"'
+
+Nach einer Weile h"ort man: "`Wo ist Katharine Leroux?"'
+
+Sie erschien nicht, aber man vernahm fl"usternde Stimmen.
+
+"`Geh doch!"'
+
+"`Ach nein!"'
+
+"`Brauchst keine Angst zu haben!"'
+
+"`Nee, ist die dumm!"'
+
+"`Hier! Hier steckt sie!"'
+
+"`So mag sie doch vorkommen!"' rief der B"urgermeister dazwischen.
+
+Da begann eine kleine alte Frau mit "angstlicher Geb"arde zur
+Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
+au{\s}. Sie hatte die F"u"se in derben Holzschuhen und um die
+H"uften eine gro"se blaue Sch"urze. Ihr magere{\s} Gesicht, von
+einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger al{\s} ein
+verschrumpfelter Apfel, und au{\s} den "Armeln ihrer roten Jacke
+langten zwei d"urre H"ande mit knochigen Gelenken herau{\s}. Vom
+Staub der Scheunen, der Lauge der W"asche und dem Fett der
+Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, da"s sie wie
+schmutzig au{\s}sahen, und doch waren sie in reinem Wasser
+t"uchtig gewaschen worden. Da"s sie unz"ahlige Strapazen hinter
+sich hatten, da{\s} verrieten sie von selbst an ihrer dem"utigen
+Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu
+empfangen. Etwa{\s} wie kl"osterliche Strenge sprach au{\s} den
+Z"ugen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit.
+E{\s} lebte nicht{\s} Weiche{\s} in ihrem bleichen Gesicht,
+nicht{\s} Traurige{\s} oder R"uhrselige{\s}. Im steten Umgang mit
+Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie
+sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen.
+Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen
+R"ocken, da{\s} Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust de{\s}
+Rate{\s}, alle{\s} da{\s} ersch"uttertere bi{\s} in{\s} Herz. Sie
+stand ganz erstarrt da, sie wu"ste nicht, ob sie zur Estrade
+vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man
+sie nach vorn dr"angte und warum ihr die Prei{\s}richter
+freundlich zul"achelten. Sie stand vor diesen beh"abigen B"urgern
+al{\s} ein verk"orperte{\s} halbe{\s} S"akulum der Knechtschaft.
+
+"`Treten Sie n"aher, verehrung{\s}w"urdige Katharine Nikasia
+Elisabeth Leroux!"' sagte der Regierung{\s}rat, der die Liste der
+Prei{\s}gekr"onten au{\s} den H"anden de{\s} Vorsetzenden
+entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf
+die Greisin blickte, wiederholte er in v"aterlichem Tone:
+
+"`N"aher, immer n"aher!"'
+
+"`Sind Sie denn taub?"' rief T"uvache heftig und sprang von seinem
+Sitze auf.
+
+"`F"ur vierundf"unfzigj"ahrige Dienst\/zeit eine silberne Medaille
+im Werte von f"unfundzwanzig Franken! Die ist f"ur Sie!"' wurde
+ihr laut gesagt.
+
+Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein L"acheln
+de{\s} Gl"ucke{\s} sonnte ihr Gesicht. Al{\s} sie wegging, h"orte
+man sie vor sich hinmurmeln:
+
+"`Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei un{\s} zu Hause geben, damit
+er mir dermaleinst eine Messe liest."'
+
+"`Selig die Geiste{\s}armen!"' meinte der Apotheker, zum Notar
+gewandt.
+
+Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
+nachdem nun die Prei{\s}verteilung vor"uber war, nahm jeder wieder
+seinen Rang ein, und alle{\s} lief im alten Gleise. Die Herren
+schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte pr"ugelten da{\s}
+Vieh, da{\s} mit gr"unen Kr"anzen um die H"orner in seine St"alle
+zur"ucktrottete. Ahnung{\s}lose Triumphatoren.
+
+Die B"urgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
+den ersten Stock de{\s} Rathause{\s}. Der Bataillon{\s}tambour
+schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spie"ste
+sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
+
+Frau Bovary ging an Rudolf{\s} Arm nach Hau{\s}. An der T"ure
+nahmen sie Abschied. Sodann ging er bi{\s} zur Stunde de{\s}
+Festmahle{\s} allein durch die Wiesen spazieren.
+
+Der Schmau{\s} dauerte lange. E{\s} war l"armig, die Bedienung
+schlecht. Man sa"s so eng aneinander, da"s man f"ur die Ellenbogen
+gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die al{\s}
+B"anke dienten, drohten unter der Last der G"aste zusammenzubrechen.
+Man a"s unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen.
+Allen perlte der Schwei"s von der Stirne. Zwischen der Tafel und
+den H"angelampen schwebte wei"slicher Dunst, wie der Nebel "uber
+dem Flusse an einem Herbstmorgen.
+
+Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich
+v"ollig in Tr"aumereien an Emma, so da"s er nicht{\s} sah und
+h"orte. Hinter ihm, drau"sen auf dem Rasen, schichteten die
+Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn
+anredete, gab er ihm keine Antwort. Man f"ullte ihm da{\s}
+Gla{\s}, ohne da"s er e{\s} wahrnahm. Trotz de{\s} allgemeinen
+immer st"arker werdenden L"arme{\s} war e{\s} in ihm ganz still.
+Er sann "uber da{\s} nach, wa{\s} Emma gesagt hatte, und "uber die
+Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie au{\s}
+Zauberspiegeln au{\s} allem entgegen, wa{\s} gl"anzte, sogar
+au{\s} dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
+Falten, die ihn an die ihre{\s} Kleide{\s} erinnerten. Und vor
+ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlo{\s} lange Reihe
+verliebter Tage.
+
+Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
+Gesellschaft ihre{\s} Manne{\s}, der Frau Homai{\s} und de{\s}
+Apotheker{\s}. Der letztere beunruhigte sich sehr "uber die
+M"oglichkeit, da"s einmal eine Rakete versehentlich in da{\s}
+Publikum gehen k"onnte. Aller Augenblicke verlie"s er seine
+Freunde, um Binet zur gr"o"sten Vorsicht zu vermahnen. Die
+Feuerwerk{\s}k"orper waren vorher au{\s} "ubertriebener
+"Angstlichkeit im Hause de{\s} B"urgermeister{\s} aufbewahrt
+worden, in dessen Keller. Da{\s} feucht gewordene Pulver
+ent\/z"undete sich nun schwer, und da{\s} Hauptst"uck, eine
+Schlange, die sich in den Schwanz bei"st, versagte vollst"andig.
+Ab und zu zischte ein d"urftige{\s} Feuerrad. Dann schrie die
+gaffende Menge vor Vergn"ugen laut auf, und in diese{\s} Geschrei
+mischte sich da{\s} Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von
+dreisten H"anden angefa"st wurden.
+
+Emma schmiegte sich schweigsam an Karl{\s} Arm. Den Kopf gehoben,
+verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
+Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampion{\s}. Nach
+und nach verl"oschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne.
+Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch
+"uber da{\s} unbedeckte Haar.
+
+In diesem Augenblicke fuhr der Landauer de{\s} Regierung{\s}rate{\s}
+vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen
+auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse
+seine{\s} K"orper{\s} zwischen den Wagenlichtern hin und her
+pendelte, je nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} auf dem
+holperigen Pflaster.
+
+"`Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen"',
+bemerkte der Apotheker. "`Mein Vorschlag geht dahin, allw"ochentlich
+am Rathause die Namen derer au{\s}zuh"angen, die sich in der Woche
+vorher sinnlo{\s} betrunken haben. Da{\s} erg"abe nebenbei eine
+Statistik, die man in gewissen F"allen ... Aber entschuldigen
+Sie!"'
+
+Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
+anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
+seiner Drehbank.
+
+"`Vielleicht t"aten Sie gut,"' mahnte ihn Homai{\s}, "`wenn Sie
+einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie
+selber gingen~..."'
+
+"`Lassen Sie mich doch in Ruhe!"' murrte der Steuereinnehmer.
+"`Da{\s} h"atte ja gar keinen Sinn!"'
+
+Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
+
+"`Wir k"onnen v"ollig beruhigt sein"', sagte er zu ihnen. "`Herr
+Binet hat mir soeben versichert, da"s alle Vorsicht{\s}ma"sregeln
+getroffen sind. E{\s} ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und
+die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!"'
+
+"`Ach ja! Ich hab{\s} sehr n"otig!"' erwiderte Frau Homai{\s}, die
+schon immer t"uchtig geg"ahnt hatte. "`Aber sch"on war{\s} doch!"'
+
+Rudolf wiederholte leise mit einem z"artlichen Blicke:
+
+"`Wundersch"on!"'
+
+Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
+
+Zwei Tage darauf stand im "`Leuchtturm von Rouen"' ein langer
+Bericht "uber die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
+hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfa"st.
+
+"`Wa{\s} k"unden diese Girlanden, diese Blumen und Kr"anze? Wohin
+w"alzt sich die Menge, gleichwie die Wogen de{\s} st"urmischen
+Weltmeere{\s} unter den Strahlenb"uscheln der tropischen Sonne,
+die unsere Fluren sengt?"'
+
+Sodann sprach er von der Lage der Landbev"olkerung. "`Gewi"s, die
+Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
+Reformen sind unerl"a"slich. Man gehe an sie heran!"' Bei der
+Schilderung der Ankunft de{\s} Regierung{\s}vertreter{\s} feierte
+er "`da{\s} martialische Au{\s}sehen unsrer Miliz"', die
+"`behenden Dorfsch"onen,"' die "`kahlk"opfigen Greise, diese
+Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren
+Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln h"oher schlagen."' Seinen
+eigenen Namen z"ahlte er unter den Prei{\s}richtern al{\s} ersten
+auf und erw"ahnte in einer Anmerkung sogar, da"s Herr Homai{\s},
+der Apotheker von Yonville, unl"angst eine Denkschrift "uber den
+Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht
+habe. Bei der Prei{\s}verteilung angelangt, schilderte er die
+Freude der Au{\s}gezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung.
+"`V"ater fielen ihren S"ohnen um den Hal{\s}, Br"uder ihren
+Br"udern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
+Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stille{\s}
+K"ammerlein, mag sie so mancher, Tr"anen in den Augen, an die Wand
+geh"angt haben ... Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} vereinigte ein
+Festmahl in dem auf der Herrn Li\'egeard geh"orenden Wiese
+errichteten gro"sen Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von
+Anfang bi{\s} Ende herrschte die gr"o"ste Gem"utlichkeit. Mehrere
+Toaste wurden au{\s}gebracht. Herr Regierung{\s}rat Lieuvain trank
+auf Seine Majest"at, Herr B"urgermeister T"uvache auf den Herrn
+Landrat, sodann Herr Rittergut{\s}besitzer Derozeray{\s} auf
+da{\s} Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homai{\s} auf
+die Industrie und ihre Schwestern, die K"unste und Wissenschaften,
+so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend
+erleuchtete ein pr"achtige{\s} Feuerwerk pl"otzlich alle
+Gesichter. Man kann wohl sagen, e{\s} war ein wahre{\s}
+Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
+sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
+entr"uckt w"ahnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, da"s
+auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall da{\s} Volk{\s}fest
+gest"ort hat. Zu bemerken w"are nur noch da{\s} Fernbleiben der
+Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von
+Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet e{\s}, wie ihr wollt, ihr
+J"unger Loyola{\s}!"'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Sech{\s} Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eine{\s}
+Sp"atnachmittag{\s}, erschien er.
+
+"`Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Da{\s} w"are
+ein Fehler!"'
+
+Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
+hatte er sich gesagt, nun sei e{\s} zu sp"at zu einem Besuche.
+Sein Gedankengang war folgender:
+
+"`Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
+dem Hangen und Bangen de{\s} Warten{\s} nur um so mehr lieben.
+Warten wir also noch eine Weile!"'
+
+Al{\s} er Emma in der Gro"sen Stube entgegentrat, sah er, wie sie
+bla"s wurde. Da wu"ste er, da"s er sich nicht verrechnet hatte.
+
+Sie war allein. E{\s} d"ammerte. Die kleinen Mullgardinen an den
+Scheiben der Fenster vermehrten da{\s} Halbdunkel. Da{\s} blanke
+Metall de{\s} Barometer{\s}, auf da{\s} ein Sonnenstrahl fiel,
+glitzerte auf der Fl"ache de{\s} Spiegel{\s} "uber dem Kamin wider
+wie flammende{\s} Feuer.
+
+Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit M"uhe auf seine
+ersten H"oflichkeit{\s}worte.
+
+"`Ich war stark besch"aftigt. Und dann bin ich auch krank
+gewesen."'
+
+"`Ernstlich?"' fragte sie erregt.
+
+"`Na,"' erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
+niedrigen Sessel setzte, "`eigentlich wollte ich nicht
+wiederkommen."'
+
+"`Warum?"'
+
+"`Erraten Sie e{\s} nicht?"'
+
+Wiederum sah er sie an, die{\s}mal so leidenschaftlich, da"s sie
+rot wurde und die Augen senkte.
+
+Er begann von neuem:
+
+"`Emma!"'
+
+"`Herr Boulanger!"' rief sie und r"uckte ein wenig von ihm ab.
+
+"`Ah!"' sagte er in wehm"utigem Tone. "`Sehen Sie, wie recht ich
+hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name~..., dieser
+Name, der mein ganze{\s} Herz erf"ullt~..., er ist mir
+entschl"upft, und Sie verbieten mir, ihn au{\s}zusprechen! Frau
+Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So hei"sen Sie! Und doch ist
+da{\s} der Name -- eine{\s} andern!"' Nach einer Weile wiederholte
+er: "`Eine{\s} andern!"' Er hielt sich die H"ande vor sein
+Gesicht. "`Ach, ich denke fortw"ahrend an Sie ... Die Erinnerung
+bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ...
+Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, da"s
+Sie nicht{\s} mehr von mir h"oren werden! Aber heute ... heute ...
+ach, ich wei"s nicht, wa{\s} mich mit aller Gewalt hierher zu
+Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner k"ampfen!
+Und wo Engel l"acheln, wer k"onnte da widerstehen? Man l"a"st sich
+hinrei"sen von der, die so sch"on, so s"u"s, so anbeten{\s}wert
+ist!"'
+
+E{\s} war da{\s} erstemal, da"s Emma solche Dinge h"orte, und
+al{\s} ob sie sich im Bade woll"ustig dehnte, so f"uhlte sie sich
+in ihrem Selbstbewu"stsein von der warmen Flut dieser Sprache
+umkost.
+
+"`Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,"' fuhr er fort,
+"`wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
+wenigsten{\s} da{\s} gesehen, wa{\s} Sie umgibt. Ach, nacht{\s},
+Nacht f"ur Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um
+Ihr Hau{\s} zu schauen, Ihr Dach im Scheine de{\s} Monde{\s}, die
+B"aume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen,
+und da{\s} Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die
+Scheiben hinau{\s}leuchtete in da{\s} Dunkel! Ach, Sie haben e{\s}
+nicht geahnt, da"s da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein
+Armer, ein Ungl"ucklicher stand~..."'
+
+Sie schluchzte auf und sah ihn an.
+
+"`Sie sind ein guter Mensch!"' fl"usterte sie.
+
+"`Nein! Ich liebe Sie! Weiter nicht{\s}! Glauben Sie mir da{\s}?
+Sagen Sie mir{\s}! Ein Wort! Ein einzige{\s} Wort!"'
+
+Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der K"uche
+her drang da{\s} Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die T"ure
+nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran.
+
+"`E{\s} w"are barmherzig von Ihnen,"' sagte er, sich wieder
+erhebend, "`wenn Sie mir einen Wunsch erf"ullten."'
+
+Er bat darum, ihm da{\s} Hau{\s} zu zeigen. Er wolle e{\s} kennen
+lernen. Frau Bovary hatte nicht{\s} dagegen. Sie gingen beide zur
+T"ure, da trat Karl ein.
+
+"`Guten Tag, Doktor!"' begr"u"ste ihn Rudolf.
+
+Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
+schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte.
+W"ahrenddessen wurde der andre wieder v"ollig Herr der Situation.
+
+"`Die gn"adige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erz"ahlt~..."',
+begann er.
+
+Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat "au"serst besorgt. Seine
+Frau habe bereit{\s} einmal an "ahnlichen Zust"anden gelitten.
+
+Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut w"are.
+
+"`Gewi"s! Ganz au{\s}gezeichnet! Vortrefflich! Da{\s} ist wirklich
+ein guter Rat! Den solltest du tats"achlich befolgen, Emma!"'
+
+Sie wandte ein, da"s sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr
+ein{\s} an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht
+weiter in sie. Dann erz"ahlte er -- um seinen Besuch zu motivieren
+--, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen
+habe, leide immer noch an Schwindelanf"allen.
+
+"`Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen"', sagte
+Bovary.
+
+"`Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
+zusammen. Da{\s} ist bequemer f"ur Sie!"'
+
+"`Sehr g"utig! Ganz wie Sie w"unschen!"'
+
+Al{\s} da{\s} Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
+
+"`Warum hast du eigentlich da{\s} Angebot de{\s} Herrn Boulanger
+abgelehnt? E{\s} war doch sehr lieben{\s}w"urdig!"'
+
+Emma tat, al{\s} ob sie schmollte; sie wu"ste nicht gleich, wa{\s}
+sie sagen sollte, und schlie"slich erkl"arte sie, die Leute
+k"onnten e{\s} "`komisch"' finden.
+
+"`Ich pfeif auf die Leute!"' sagte Karl und machte eine
+ver"achtliche Ge\-b"arde. "`Die Gesundheit ist tausendmal mehr
+wert! Da{\s} war nicht richtig von dir!"'
+
+"`Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!"'
+
+"`Dann mu"st du dir ein{\s} bestellen!"'
+
+Da{\s} Reitkleid gab den Au{\s}schlag.
+
+Al{\s} e{\s} fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau
+stehe ihm zur Verf"ugung. Sie n"ahme sein g"utige{\s} Anerbieten
+an.
+
+Andern Tag{\s} um zw"olf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor
+dem Hause de{\s} Arzte{\s}. Da{\s} eine trug einen Damensattel
+au{\s} Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe
+Reitstiefel au{\s} feinstem weichen Leder an. Er nahm an, da"s
+Emma solche gewi"s noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie
+"uber sein Au{\s}sehen ent\/z"uckt, al{\s} sie ihn in seinem langen
+dunkelbraunen Samtrock und den wei"sen Breeche{\s} an der T"ure
+erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit.
+
+Justin stahl sich au{\s} der Apotheke. Er mu"ste sie sehen. Auch
+den Apotheker litt e{\s} nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf
+allerlei gute Ratschl"age.
+
+"`E{\s} passiert so leicht ein Malheur!"' sagte er. "`Reiten Sie
+vorsichtig! Sind die Tiere fromm?"'
+
+Emma vernahm "uber sich ein Ger"ausch. E{\s} war Felicie, die mit
+der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
+einen Spa"s zu bereiten. Da{\s} Kind warf der Mutter ein
+Ku"sh"andchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
+
+"`Viel Vergn"ugen!"' rief Homai{\s}. "`Ja recht vorsichtig! Recht
+vorsichtig!"'
+
+Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte gr"u"send
+mit seiner Zeitung.
+
+Sobald Emma{\s} Pferd weichen Boden unter sich f"uhlte, fing e{\s}
+von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd
+an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Da{\s} Kinn ein wenig
+eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Z"ugeln nach dem
+Widerrist zu vorhaltend, so "uberlie"s sie sich der wiegenden
+Galoppade.
+
+E{\s} ging die Anh"ohe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
+G"aule pl"otzlich. Emma{\s} langer blauer Schleier flatterte
+weiter.
+
+E{\s} war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag "uber den
+Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesicht{\s}krei{\s}
+und lie"sen die H"ugel nur in Umri"slinien erkennen. Hin und
+wieder rissen die Nebel au{\s}einander, flogen wie in Fetzen auf
+und zerstoben. Dann erblickte man durch die L"ucken in der Ferne
+die D"acher von Yonville im Sonnenscheine, die G"arten am
+Bachufer, die Geh"ofte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich
+M"uhe, ihr Hau{\s} herau{\s}zufinden, und noch nie war ihr der
+armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der
+H"ohe, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem
+ungeheuer gro"sen, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen
+B"aume, die hie und da au{\s} ihm herau{\s}ragten, sahen wie
+schwarze Riffe au{\s}, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange
+Wellenz"uge, die der Wind kr"auselt.
+
+"Uber dem Rasen unter den Tannen sickerte braune{\s} Licht durch
+die laue Luft. Der Boden, r"otlich wie zerbl"atterter Tabak,
+d"ampfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten "uber den
+Weg, von den Hufen ber"uhrt.
+
+Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
+Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die St"amme der
+B"aume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vor"uber, da"s die
+unaufh"orliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
+keuchten.
+
+Gerade, al{\s} sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
+
+"`Gott ist mit un{\s}!"' sagte Rudolf.
+
+"`Glauben Sie denn an ihn?"' fragte sie.
+
+"`Galopp! Galopp!"' rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
+Beide Tiere gehorchten.
+
+Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten de{\s} Pfade{\s} standen,
+verfingen sich in Emma{\s} Steigb"ugel. Rudolf, der zur Linken
+Emma{\s} ritt, b"uckte sich jede{\s}mal im Weiterreiten und
+befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben
+ihr hin, um "uberh"angende Zweige von ihr abzuwehren; dann f"uhlte
+sie, wie sein rechte{\s} Knie ihr linke{\s} Bein ber"uhrte.
+
+Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt r"uhrte
+sich. Sie kamen "uber weite Felder, ganz voll bl"uhenden
+Heidekraut{\s}, und hie und da leuchteten unter dem grauen und
+gelben und goldbraunen Bl"atterwerk der B"aume Flecke von wilden
+Veilchen auf. Im Geb"usch regte sich "ofter{\s} leiser
+Fl"ugelschlag. Leise kr"achzend flogen Raben um die Eichen.
+
+Sie sa"sen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm
+vorau{\s}, den Weg weiter, "uber Moo{\s} in alten Wagenspuren. Ihr
+lange{\s} Reitkleid erschwerte ihr da{\s} Gehen, obwohl sie e{\s}
+mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er
+sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln da{\s}
+lockende Wei"s ihre{\s} Strumpfe{\s}, da{\s} er wie ein St"uck
+Nacktheit empfand.
+
+Emma blieb stehen.
+
+"`Ich bin m"ude!"' sagte sie.
+
+"`Gehen wir weiter! Versuchen Sie e{\s}!"' bat er. "`Mut!"'
+
+Hundert Schritte weiter blieb sie abermal{\s} stehen. Der blaue
+Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bi{\s} zu den H"uften
+herabwallte, "ubergo"s ihr Gesicht mit bl"aulichem Licht. E{\s}
+sah au{\s}, wie in da{\s} Blau de{\s} Himmel{\s} getaucht.
+
+"`Wohin gehen wir denn?"'
+
+Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
+bi"s sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in
+der gef"allte Baumst"amme dalagen. Sie setzten sich beide auf
+einen.
+
+Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
+durch "Uberschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
+schwerm"utig. Sie h"orte ihm gesenkten Haupte{\s} zu, w"ahrend sie
+mit der Spitze ihre{\s} Stiefel{\s} den Waldboden aufscharrte.
+Aber bei dem Satze:
+
+"`Sind unsre beiden Leben{\s}pfade nunmehr nicht in einen
+zusammengelaufen?"' unterbrach sie ihn:
+
+"`Nein! Da{\s} wissen Sie doch! E{\s} ist unm"oglich!"'
+
+Sie stand auf und wollte gehen. Er umfa"ste ihr Handgelenk, und so
+blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
+schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
+
+"`Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zur"uck zu unsern
+Pferden!"'
+
+Rudolf machte eine Bewegung zornigen "Arger{\s}. Sie wiederholte:
+
+"`Gehen wir zu unsern Pferden!"'
+
+Da l"achelte er seltsam und n"aherte sich ihr mit vorgestreckten
+H"anden, zusammengebissenen Z"ahnen und starrem Blicke. Sie wich
+zitternd zur"uck und stammelte:
+
+"`Ich f"urchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zur"uck!"'
+
+"`Wenn e{\s} sein mu"s!"' gab er zur Antwort. Sein
+Gesicht{\s}au{\s}druck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig,
+z"artlich, sch"uchtern au{\s}.
+
+Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den R"uckweg an.
+
+"`Wa{\s} hatten Sie denn vorhin?"' fragte er. "`Wa{\s} war e{\s}?
+Ich habe Sie nicht begriffen. Gewi"s haben Sie mich mi"sverstanden.
+Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und
+unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich mu"s Ihre
+Augen sehen, Ihre Stimme h"oren, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie
+meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!"'
+
+Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
+sanft zu entwinden, aber er lie"s sie nicht lo{\s}. So gingen sie
+nebeneinander hin. Da h"orten sie ihre Pferde, die Bl"atter von
+den B"aumen rupften.
+
+"`Noch nicht!"' bat Rudolf. "`Reiten wir noch nicht zur"uck!
+Bleiben Sie!"'
+
+Er zog sie mit sich vom Wege ab in die N"ahe eine{\s} kleinen
+Weiher{\s}, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen
+Schilf tr"aumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Ger"ausch ihrer
+Schritte im Gra{\s} h"upften die Fr"osche davon und verschwanden.
+
+"`E{\s} ist nicht recht von mir ... e{\s} ist nicht recht von mir!
+Ich bin toll, da"s ich auf Sie h"ore!"'
+
+"`Warum? Emma! Emma!"'
+
+"`Ach, Rudolf!"' fl"usterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
+anschmiegte.
+
+Da{\s} Tuch ihre{\s} Jackett{\s} lag dicht am Samt seine{\s}
+Rocke{\s}. Sie bog ihren wei"sen Hal{\s} zur"uck, den ein Seufzer
+schwellte. Halb ohnm"achtig und tr"anen"uberstr"omt, die H"ande
+auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich
+ihm hin~...
+
+Die D"ammerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont
+und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im
+Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, al{\s} h"atten
+Kolibri{\s} im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren.
+Ring{\s} tiefe{\s} Schweigen. Die B"aume atmeten s"u"se
+Melancholie.
+
+Emma f"uhlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr da{\s} Blut
+durch den K"orper kreiste.
+
+In der Ferne, hinter dem Walde, "uber der H"ohe ert"onte ein
+langgezogener seltsamer Schrei, unaufh"orlich. Dem lauschte sie
+schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
+ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik~...
+
+Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seine{\s}
+Taschenmesser{\s} einen zerrissenen Z"ugel wieder her.
+
+Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zur"uck. Sie sahen im
+weichen Boden die Spuren ihre{\s} Hinritte{\s}, die Huftritte
+beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die B"usche wieder
+und einzelne Steine am Rain. Nicht{\s} um sie herum hatte sich
+ver"andert, und doch kam e{\s} Emma vor, al{\s} sei etwa{\s}
+h"ochst Bedeutsame{\s} geschehen, al{\s} seien die Berge von ihrem
+Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr
+her"uber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu k"ussen. Er fand
+Emma im Sattel ent\/z"uckend au{\s}sehend, bei ihrem geraden Sitz,
+ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihre{\s} rechten
+Knie{\s}, ihren von der scharfen Luft ger"oteten Wangen, --
+alle{\s} im Abendrot.
+
+Al{\s} sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
+machte e{\s} sogar kehrt. Au{\s} allen Fenstern sah man ihr zu.
+
+Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma s"ahe vorz"uglich
+au{\s}. Al{\s} er sich aber darnach erkundigte, wie der
+Spazierritt gewesen sei, tat sie, al{\s} h"atte sie die Frage
+"uberh"ort. Sie st"utzte sich auf die Ellenbogen und starrte "uber
+ihren Teller weg in die flackernden Kerzen.
+
+"`Emma!"'
+
+"`Wa{\s} denn?"'
+
+"`Wei"st du, ich bin heute nachmittag beim Pferdeh"andler gewesen.
+Er hat eine recht gut au{\s}sehende alte Mutterstute zu verkaufen.
+Die Knie sind nur ein bi"schen durch. Ich bin "uberzeugt, f"ur
+hundert Taler~..."' Da sie nicht{\s} dazu sagte, fuhr er nach ein
+paar Augenblicken fort: "`Ich habe gedacht, e{\s} sei dir
+erw"unscht, und da habe ich mir den Gaul zur"uckstellen lassen ...
+nein, gleich gekauft ... Ist{\s} dir recht? Sag mal!"'
+
+Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.
+
+Eine Viertelstunde sp"ater fragte sie:
+
+"`Gehst du heute abend au{\s}?"'
+
+"`Ja. Warum denn?"'
+
+"`Ach, ich wollt e{\s} blo"s wissen, Bester!"'
+
+Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
+schlo"s sich ein.
+
+Sie war zun"achst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
+B"aume, die Wege, die Gr"aben, den Geliebten und f"uhlte seine
+Umarmung. Da{\s} Laub wisperte um sie herum, und da{\s} Schilf
+rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte
+"uber ihr Au{\s}sehen. So gro"se schwarze Augen hatte sie noch nie
+gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwa{\s} Unsagbare{\s} umflo"s
+ihre Gestalt. Sie kam sich wie verkl"art vor.
+
+Immer wieder sagte sie sich: "`Ich habe einen Geliebten! Einen
+Geliebten!"'
+
+Der Gedanke ent\/z"uckte sie. E{\s} war ihr, al{\s} sei sie jetzt
+erst Weib geworden. Endlich waren die Liebe{\s}freuden auch f"ur
+sie da, die fiebernde Gl"uckseligkeit, auf die sie bereit{\s}
+keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt
+eingetreten, in der alle{\s} Leidenschaft, Verz"uckung und Rausch
+war. Blaue Unerme"slichkeit breitete sich ring{\s} um sie her, vor
+ihrer Phantasie gl"anzte da{\s} Hochland der Gef"uhle, und fern,
+tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen H"ohen, lag der Alltag.
+
+Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
+empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Ged"achtnisse mit den
+Stimmen der Klosterschwestern. Ent\/z"uckende Kl"ange! Jene
+Phantasiegesch"opfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
+M"adchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
+amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu da{\s}
+Gef"uhl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
+triumphierte sie, und ihre so lange unterdr"uckte Sinnlichkeit
+wallte nun auf und sch"aumte leben{\s}freudig "uber. Sie geno"s
+ihre Liebe ohne Gewissen{\s}k"ampfe, ohne Nervosit"at, ohne
+Wirrungen.
+
+Der Tag darauf verging in neuem s"u"sen Gl"uck. Sie schworen sich
+ewige Treue. Emma erz"ahlte ihm von ihren Leiden und Tr"ubsalen.
+Er unterbrach sie mit K"ussen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen
+Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu
+nennen und ihr noch einmal zu sagen, da"s er sie liebe. E{\s} war
+wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherh"utte. Die
+W"ande waren von Strohmatten und da{\s} Dach so niedrig, da"s man
+drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie sa"sen dicht beieinander
+auf einer Streu von trocknem Laub.
+
+Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelm"a"sig alle
+Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn
+unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach
+f"uhrte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von
+sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, wor"uber sie sich alle
+Tage beklagte.
+
+Eine{\s} Morgen{\s}, da Karl bereit{\s} vor Sonnenaufgang
+fortgegangen war, geriet sie pl"otzlich auf den Einfall,
+unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufst"anden,
+konnte sie nach der H"uchette gehen, eine Stunde dort verweilen
+und wieder zur"uckkommen. Dieser Plan lie"s sie gar nicht recht
+zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke sp"ater war sie schon
+mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig
+ihre{\s} Weg{\s}.
+
+Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie da{\s} Gut
+de{\s} Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
+h"ochsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.
+
+"Uber den Hof weg stand ein gro"se{\s} Geb"aude. Da{\s} mu"ste
+da{\s} Herrenhau{\s} sein. Dort trat sie ein. E{\s} war ihr,
+al{\s} "offnete sich ihr alle{\s} von selbst. Eine breite Treppe
+f"uhrte auf einen Gang. Emma dr"uckte auf die Klinke einer T"ur,
+und da erblickte sie im Hintergrunde diese{\s} Zimmer{\s} einen
+Mann im Bett. E{\s} war Rudolf. Sie frohlockte laut.
+
+"`Du? Du!"' rief er au{\s}. "`Wie hast du da{\s} fertig gebracht?
+Dein Kleid ist feucht~..."'
+
+"`Ich liebe dich!"' war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um
+den Hal{\s} schlang.
+
+Nachdem ihr diese{\s} Wagni{\s} beim ersten Male gegl"uckt war,
+kleidete sich Emma jede{\s}mal, wenn Karl fr"uhzeitig fort mu"ste,
+rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere
+Gartenpforte, auf dem Treppchen, da{\s} hinunter nach dem Bache
+f"uhrte, au{\s} dem Hause. Aber wenn die Planke, die al{\s} Steg
+"uber da{\s} Wasser diente, zuf"allig weggenommen war, mu"ste sie
+ein St"uck bi{\s} zum n"achsten Steg an den Gartenmauern l"ang{\s}
+de{\s} Bache{\s} hingehen. Die bewachsene B"oschung war steil und
+glitschig, und so mu"ste sie sich mit der einen Hand an B"uscheln
+der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann
+aber eilte sie querfeldein "uber die "Acker, ungeachtet, da"s ihre
+zierlichen Schuhe einsanken, da"s sie oft stolperte oder stecken
+blieb. Da{\s} Chiffontuch, da{\s} sie sich um Kopf und Hal{\s}
+gewunden hatte, flatterte im Winde. Au{\s} Angst vor den weidenden
+Ochsen begann sie zu laufen. Atemlo{\s}, mit gl"uhenden Wangen,
+ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer S"afte, ihre{\s} Gr"un{\s}
+und der freien Luft durchtr"ankt, kam sie an. Rudolf schlief dann
+meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
+leibhaftgewordene Fr"uhling{\s}morgen.
+
+Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten da{\s} eindringende
+goldene Morgenlicht traulich und d"ammerig. Mit blinzelnden Augen
+fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gew"andern
+leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwa{\s} Feenhafte{\s}.
+Rudolf zog sie lachend zu sich und dr"uckte sie an sein Herz.
+
+Darnach sah sie sich im Zimmer alle{\s} an, zog alle F"acher auf,
+k"ammte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
+Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine gro"se Tabak{\s}pfeife in
+den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
+Zuckerst"ucken, neben der Wasserflasche.
+
+Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
+vergo"s Tr"anen. Am liebsten w"are sie gar nicht wieder von ihm
+weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
+neuem in seine Arme.
+
+Da eine{\s} Tage{\s}, al{\s} er sie unerwartet eintreten sah,
+machte er ein bedenkliche{\s} Gesicht, al{\s} ob e{\s} ihm nicht
+recht w"are.
+
+"`Wa{\s} hast du denn?"' fragte sie. "`Hast du Schmerzen?
+Sprich!"'
+
+Schlie"slich erkl"arte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche
+beg"onnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Allm"ahlich machten Rudolf{\s} Bef"urchtungen auf Emma Eindruck.
+Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an
+nicht{\s} andre{\s} gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu
+einer Leben{\s}bedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr,
+e{\s} k"onne ihr etwa{\s} davon verloren gehen oder man k"onne sie
+ihr gar st"oren. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt
+sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie sp"ahte nach allem, wa{\s}
+sich im Gesicht{\s}kreise regte, sie suchte die H"auser de{\s}
+Orte{\s} bi{\s} hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie
+beobachte. Sie lauschte auf jede{\s} Ger"ausch, jeden Tritt,
+jede{\s} R"adergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
+zittriger al{\s} da{\s} Laub der Pappeln, die sich "uber ihrem
+Haupte wiegten.
+
+Eine{\s} Morgen{\s}, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem
+Male den Lauf eine{\s} Gewehr{\s} auf sich gerichtet. E{\s} ragte
+schr"ag "uber den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur H"alfte
+in einem Graben stand und vom Geb"usch verdeckt wurde. Vor Schreck
+halb ohnm"achtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann
+au{\s} der Tonne wie ein Springteufel au{\s} seinem Kasten. Er
+trug Wickelgamaschen bi{\s} an die Knie, und die M"utze hatte er
+tief in{\s} Gesicht hereingezogen, so da"s man nur eine rote Nase
+und bebende Lippen sah. E{\s} war der Feuerwehrhauptmann Binet,
+der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schie"sen.
+
+"`Sie h"atten schon von weitem rufen sollen!"' schrie er ihr zu.
+"`Wenn man ein Gewehr sieht, mu"s man sich bemerkbar machen!"'
+
+Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
+zu bem"anteln. E{\s} bestand n"amlich eine landr"atliche
+Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne
+au{\s} betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte
+sich also Binet einer "Ubertretung schuldig. De{\s}halb schwebte
+er in steter Furcht, der Landgendarm k"onne ihn erwischen, und
+doch f"ugte die Aufregung seinem Vergn"ugen einen Reiz mehr zu.
+Wenn er so einsam in seiner Tonne sa"s, war er stolz auf sein
+Jagdgl"uck und seine Schlauheit.
+
+Al{\s} er erkannte, da"s e{\s} Frau Bovary war, fiel ihm ein
+gro"ser Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespr"ach mit ihr.
+
+"`E{\s} ist kalt heute! Ordentlich kalt!"'
+
+Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:
+
+"`Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?"'
+
+"`Jawohl!"' stotterte sie. "`Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
+ist..."'
+
+"`So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
+seit Morgengrauen hier. Aber da{\s} Wetter ist so ruppig, da"s man
+auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt~..."'
+
+"`Adieu, Herr Binet!"' unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
+ihm ab.
+
+"`Ihr Diener, Frau Bovary!"' sagte er trocken und kroch wieder in
+seine Tonne.
+
+Emma bereute e{\s}, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
+gelassen zu haben. Zweifello{\s} hegte er allerlei ihr nachteilige
+Vermutungen. Auf eine d"ummere Au{\s}rede h"atte sie auch wirklich
+nicht verfallen k"onnen, denn in ganz Yonville wu"ste man, da"s
+da{\s} Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und
+sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg f"uhrte
+einzig und allein nach der H"uchette. Somit mu"ste Binet erraten,
+wo Emma gewesen war. Sicherlich w"urde er nicht schweigen, sondern
+e{\s} au{\s}klatschen! Bi{\s} zum Abend marterte sie sich ab, alle
+m"oglichen L"ugen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit
+seiner Jagdtasche vor Augen.
+
+Al{\s} Karl nach dem Essen merkte, da"s Emma bek"ummert war,
+schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu "`Apotheker{\s}"' zu
+gehen.
+
+Die erste Person, die sie schon von drau"sen in der Apotheke im
+roten Lichte erblickte, war -- au{\s}gerechnet -- der
+Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:
+
+"`Ich m"ochte ein Lot Vitriol."'
+
+"`Justin,"' schrie der Apotheker, "`bring mir mal die Schwefels"aure
+her!"' Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
+Zimmer von Frau Homai{\s} hinaufgehen wollte.
+
+"`Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
+Augenblick herunter. W"armen Sie sich inzwischen am Ofen ...
+Entschuldigen Sie!"' Und zu Bovary sagte er: "`Guten Abend,
+Doktor!"' Der Apotheker pflegte n"amlich diesen Titel mit einer
+gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, al{\s} ob der Glanz, der
+darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen w"urfe. "`Justin,
+nimm dich aber in acht und wirf mir die M"orser nicht um! So! Und
+nun holst du ein paar St"uhle au{\s} dem kleinen Zimmer! Aber
+nicht etwa die Fauteuil{\s} au{\s} dem Salon! Verstanden?"'
+
+Homai{\s} wollte selber zu seinen Fauteuil{\s} st"urzen, aber
+Binet bat noch um ein Lot Zuckers"aure.
+
+"`Zuckers"aure?"' fragte der Apotheker eingebildet. "`Kenne ich
+nicht! Gibt e{\s} nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxals"aure?
+Also Oxals"aure, nicht wahr?"'
+
+Der Steuereinnehmer setzte ihm au{\s}einander, da"s er nach einem
+selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
+Reinigung von verrostetem Jagdger"at.
+
+Bei dem Wort "`Jagd"' schrak Emma zusammen.
+
+Der Apotheker versetzte:
+
+"`Gewi"s! Bei solch schlechtem Wetter braucht man da{\s}!"'
+
+"`E{\s} gibt aber doch Leute, die e{\s} nicht anficht!"' meinte
+Binet bissig.
+
+Emma bekam keine Luft.
+
+"`Und dann m"ocht ich noch~..."'
+
+"`Will er denn ewig hier bleiben!"' seufzte sie bei sich.
+
+"`... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbe{\s}
+Wach{\s} und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren
+meine{\s} Lederzeug{\s}."'
+
+Der Apotheker wollte gerade da{\s} Wach{\s} abschneiden, al{\s}
+seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite,
+und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Pl"usch
+"uberzogene Fensterbank. Der Junge l"ummelte sich auf einen
+niedrigen Sessel, w"ahrend sich seine "altere Schwester am Kasten
+mit den Malzbonbon{\s} zu schaffen machte, in n"achster N"ahe von
+"`Papachen"', der mit dem Trichter hantierte, die Fl"aschchen
+verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alle{\s} zu einem
+Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man h"orte nicht{\s},
+al{\s} von Zeit zu Zeit da{\s} Klappern der Gewichte auf der Wage
+und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem
+Lehrling erteilte.
+
+"`Wie geht{\s} Ihrem T"ochterchen?"' fragte pl"otzlich Frau
+Homai{\s}.
+
+"`Ruhe!"' rief ihr Gatte, der den Betrag in da{\s}
+Gesch"aft{\s}buch eintrug.
+
+"`Warum haben Sie{\s} nicht mitgebracht?"' fragte sie weiter.
+
+"`Sst! Sst!"' machte Emma und wie{\s} mit dem Daumen nach dem
+Apotheker.
+
+Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
+darauf geh"ort zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stie"s Emma
+einen lauten Seufzer au{\s}.
+
+"`Bi"schen asthmatisch?"' bemerkte Frau Homai{\s}.
+
+"`Ach nein, e{\s} ist nur recht hei"s hier!"' entgegnete Frau
+Bovary.
+
+Alle{\s} da{\s} hatte zur Folge, da"s die Liebenden tag{\s} darauf
+beschlossen, ihre Zusammenk"unfte ander{\s} einzurichten. Emma
+schlug vor, ihr Hau{\s}m"adchen in{\s} Vertrauen zu ziehen und
+durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt e{\s} f"ur
+besser, in Yonville irgendein stille{\s} Winkelchen au{\s}findig
+zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen.
+
+Den ganzen Winter "uber kam er drei- oder viermal in der Woche bei
+Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schl"ussel zur
+Hinterpforte gegeben, w"ahrend Karl glaubte, er sei verloren
+gegangen. Zum Zeichen, da"s er da war, warf Rudolf jede{\s}mal
+eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin,
+aber oft mu"ste sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit,
+am Kamine zu sitzen und in{\s} Endlose hinein zu plaudern. Emma
+verging beinahe vor Ungeduld und w"unschte ihren Mann wer wei"s
+wohin. Schlie"slich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann
+nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, al{\s} sei da{\s} Buch
+"uber alle Ma"sen fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief
+ihr zu, sie solle auch schlafen gehn.
+
+"`Komm doch, Emma!"' rief er. "`E{\s} ist schon sp"at!"'
+
+"`Gleich! Gleich!"' erwiderte sie.
+
+Da{\s} Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
+schlief ein. Sie schl"upfte hinau{\s}, mit verhaltenem Atem,
+l"achelnd, zitternd, halbnackt.
+
+Rudolf h"ullte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel,
+schlang die Arme um sie und zog sie wortlo{\s} hinter in den
+Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie
+dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Da{\s} war an
+Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen
+geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn.
+
+Durch die kahlen Zweige der Ja{\s}minb"usche funkelten die Sterne.
+Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
+Ufer da{\s} vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte e{\s} sich
+im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben
+bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein
+schwarze{\s} Unget"um auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu
+erdr"ucken.
+
+In der K"alte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
+ihr Liebe{\s}gestammel um so inbr"unstiger. Ihre Augen, die sie
+gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen gr"o"ser, und
+in der Stille ring{\s}um bekamen ihre ganz leise gefl"usterten
+Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und
+zitterten in ihnen tausendfach wider.
+
+Wenn die Nacht regnerisch war, fl"uchteten sie in Karl{\s}
+Sprechzimmer, da{\s} zwischen dem Wagenschuppen und dem
+Pferdestall gelegen war. Emma z"undete eine K"uchenlampe an, die
+sie hinter den B"uchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte
+sich{\s} bequem, al{\s} sei er zu Hause. Der Anblick der
+"`Bibliothek"', de{\s} Schreibtische{\s}, der ganzen Einrichtung
+erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, "uber Karl
+allerhand Witze zu machen, wa{\s} Emma ungern h"orte. Sie h"atte
+ihn viel lieber ernst sehen m"ogen, ihretwegen theatralischer, wie
+er e{\s} einmal gewesen war, al{\s} sie in der Pappelallee da{\s}
+Ger"ausch von n"aherkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen
+w"ahnten.
+
+"`E{\s} kommt jemand!"' sagte sie einmal.
+
+Er blie{\s} da{\s} Licht au{\s}.
+
+"`Hast du eine Pistole bei dir?"'
+
+"`Wozu?"'
+
+"`Damit du ... dich ... verteidigen kannst!"'
+
+"`Gegen deinen Mann? Der arme Junge!"' Dazu machte er eine
+Geb"arde, die etwa sagen sollte: "`Der mag mir nur kommen!"'
+
+Dieser Mut ent\/z"uckte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
+urw"uchsige Roheit herau{\s}h"orte und dar"uber entsetzt war.
+
+Rudolf dachte viel "uber diese kleine Szene nach.
+
+"`Wenn da{\s} ihr Ernst war,"' sagte er sich, "`so war da{\s}
+recht l"acherlich, sogar h"a"slich."' Er hatte doch wahrlich
+keinen Anla"s, ihren gutm"utigen Mann zu hassen. Sozusagen "`von
+Eifersucht verzehrt"', da{\s} war er nicht. "Uberdie{\s} hatte ihm
+Emma ihre k"orperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert,
+der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. "Uberhaupt fing sie
+an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit
+ihr tauschen m"ussen, und sie hatten sich alle beide eine ganze
+Handvoll Haare f"ur einander abgeschnitten, und jetzt w"unschte
+sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen
+ewiger Zusammengeh"origkeit. H"aufig schw"armte sie ihm von den
+Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie
+erz"ahlte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen
+etwa{\s} wissen. Rudolf{\s} Mutter war schon zwanzig Jahre tot.
+Trotzdem tr"ostete ihn Emma mit allerlei Koseworten der
+Klein-Kindersprache, al{\s} ob e{\s} g"olte, ein Wickelkind zu
+beruhigen. Mehr al{\s} einmal hatte sie, zu den Sternen
+aufblickend, au{\s}gerufen:
+
+"`Ich glaube fest, da droben, unsre beiden M"utter segnen unsre
+Liebe!"'
+
+Aber sie war so h"ubsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
+noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unz"uchtigkeiten war
+ihm, der da{\s} Verdorbenste kannte, etwa{\s} ganz Neue{\s},
+da{\s} seinen Manne{\s}stolz und seine Sinnlichkeit verf"uhrerisch
+umschmeichelte. Selbst Emma{\s} "Uberschwenglichkeiten, so zuwider
+sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei n"aherer
+Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so
+sicher war, da"s er geliebt wurde, lie"s er sich gehen, und
+allm"ahlich "anderte sich sein Benehmen.
+
+Nicht mehr wie einst hatte er f"ur sie jene s"u"sen Worte, die
+Emma zu Tr"anen r"uhrten, nicht mehr die st"urmischen
+Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam e{\s} ihr
+vor, al{\s} ob der Strom ihrer eignen gro"sen Liebe, in der sie
+v"ollig untergetaucht war, niedriger w"urde; sie sah gleichsam auf
+den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntni{\s} schauderte sie,
+und darum verdoppelte sie ihre Z"artlichkeiten. Rudolf indessen
+verriet seine Gleichg"ultigkeit immer mehr.
+
+Emma war sich selber nicht klar dar"uber, ob sie e{\s} bereuen
+m"usse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob e{\s} nicht besser
+f"ur sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann
+sie ihre Schwachheit al{\s} Schmach zu empfinden, und der Groll
+dar"uber beeintr"achtigte ihr den sinnlichen Genu"s. Sie gab sich
+ihm nicht mehr hin, sie lie"s sich jede{\s}mal von neuem
+verf"uhren. Aber er meisterte sie, und sie f"urchtete sich beinahe
+vor ihm.
+
+Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach au"sen ein harmlose{\s}
+Gepr"age wie nie zuvor. Da{\s} war so recht nach Rudolf{\s}
+Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre,
+al{\s} der Fr"uhling in{\s} Land kam, waren sie fast wie zwei
+Eheleute zueinander, die ihre Liebe{\s}opfer an der gem"utlichen
+Flamme de{\s} h"au{\s}lichen Herde{\s} bringen.
+
+Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie allj"ahrlich eine
+Truthenne zur Erinnerung an da{\s} geheilte Bein. Mit der Gabe
+kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem
+er an den Korb gebunden war, und la{\s} die folgenden Zeilen:
+
+"`Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
+und i{\s} si so gut wi di fr"ueren. Mir komt sie n"amlig ein
+bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, da{\s} n"achste mal
+schik ich euch zur abwek{\s}lung mal einen Han oder wolt "ur liber
+ein par junge un schikt mir den Korb zer"uk, bite un auch di
+vorgen, ich hab Ungl"uk mit der r"omise gehabt der ihr Dach ist
+mir neulig nacht{\s} bei dem grosen Sturm in die B"aume geflogen,
+die ernte ist die{\s}mal nich besonder{\s} ber"umt. Kurz und gut
+ich wei{\s} nicht wan ich zu euch zu besuch kome, da{\s} ist jez
+so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine
+arme Emma."'
+
+Hier war ein gro"ser Absatz, al{\s} ob der gute Mann seine Feder
+hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu tr"aumen.
+
+"`Wa{\s} mich anbelangt so geht{\s} mir leidlig bi{\s} auf den
+Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo
+ich war, einen neuen Sch"afer zu mieten. Den alten hab ich n"amlig
+nau{\s}geschmisen wegen seiner Grosen klape. E{\s} i{\s} wirklig
+schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er "ubrigen{\s} auch.
+
+"`Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend
+gekomen i{\s} und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich
+vernomen da{\s} Karl imer feste ze tun hat. Da{\s} wundert mich
+kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase
+Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da
+sagte er Nein aber im Stale h"ate er zwei G"aule stehn sehn
+worau{\s} ich schlise da{\s} der kurkenhandel bei euch gut geht.
+Da{\s} freut mich sehr meine liben Kinder der libe got m"og euch
+ale{\s} m"oglige Gl"uk schenken. E{\s} tut mir s"or leid da{\s}
+ich mein libe{\s} Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich
+habe f"ur si unter deiner Stube ein Flaumenb"aumgen geflanzt.
+Da{\s} sol nich anger"urt werden auser sp"ater um die Flaumen f"ur
+Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si
+komt krigt si imer welge. Adi"o libe Kinder. Ig k"use dich libe
+Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
+Baken un verbleibe mit tausen Gr"usen euer euch \nopagebreak
+
+\hfill libender vater \hspace{7em}\nopagebreak
+
+\hfill Theodor Rouault."' \hspace{5em}
+
+Ein paar Minuten hielt sie da{\s} St"uck grobe{\s} Papier noch
+nach dem Lesen in den H"anden. Die Verst"o"se gegen die
+Rechtschreibung jagten sich in den v"aterlichen Zeilen nur so,
+aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der
+wie eine Henne au{\s} einer dicken Dornenhecke allenthalben
+hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schrift\/z"uge
+offenbar mit Herdasche getrocknet, denn au{\s} dem Briefe rieselte
+eine Menge grauen Staube{\s} auf da{\s} Kleid der Leserin. Sie
+glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er
+sich nach dem Aschekasten b"uckte. Ach, wie lange war e{\s} schon
+her, da"s sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich
+wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie da{\s} Ende eine{\s}
+Stecken{\s} an der gro"sen Flamme de{\s} Funken spr"uhenden
+Ginsterreisig{\s} anbrennen lie"s. Und dann dachte sie zur"uck an
+gewisse sonnendurchgl"uhte Sommerabende, wo die F"ullen so hell
+aufwieherten, wenn man in ihre N"ahe kam, und dann
+weggaloppierten. Diese drolligen Galoppspr"unge! Im Vaterhause,
+unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren
+die Bienen, wenn sie in der Sonne au{\s}schw"armten, gegen die
+Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Da{\s} war doch
+eigentlich eine gl"uckliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller
+Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei
+dem, wa{\s} sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen
+den verschiedenen Abschnitten ihre{\s} Dasein{\s}, al{\s}
+junge{\s} M"adchen, dann al{\s} Gattin, zuletzt al{\s} Geliebte.
+Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der
+auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein St"uck von seinen
+Habseligkeiten liegen l"a"st.
+
+Aber warum war sie denn so ungl"ucklich? Wa{\s} war Bedeutsame{\s}
+geschehen, da"s sie mit einem Male au{\s} allen Himmeln gest"urzt
+war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam al{\s} suche
+sie den Anla"s ihre{\s} Herzeleid{\s}.
+
+Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan de{\s}
+Wandbrette{\s}. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hau{\s}schuhe
+hindurch sp"urte sie den weichen Teppich. E{\s} war ein heller
+Fr"uhling{\s}tag, und die Luft war lau.
+
+Da h"orte sie, wie ihr Kind drau"sen laut aufjauchzte.
+
+Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Da{\s} Kinderm"adchen
+wollte sie am Kleide wieder in die H"ohe ziehen. Lestiboudoi{\s}
+war dabei, den Rasen zu scheren. Jede{\s}mal, wenn er in die N"ahe
+de{\s} Kinde{\s} kam, streckte e{\s} ihm beide "Armchen entgegen.
+
+"`Bring sie mir mal herein!"' rief sie dem M"adchen zu und ri"s
+ihr T"ochterchen hastig an sich, um e{\s} zu k"ussen. "`Wie ich
+dich liebe, mein arme{\s} Kind! Wie ich dich liebe!"'
+
+Al{\s} sie bemerkte, da"s e{\s} am Ohre etwa{\s} schmutzig war,
+klingelte sie rasch und lie"s sich warme{\s} Wasser bringen. Sie
+wusch die Kleine, zog ihr frische W"asche und reine Str"umpfe an.
+Dabei tat sie tausend Fragen, wie e{\s} mit der Gesundheit der
+Kleinen stehe, just al{\s} sei sie von einer Reise zur"uckgekehrt.
+Schlie"slich k"u"ste sie sie noch einmal und gab sie tr"anenden
+Auge{\s} dem M"adchen wieder. Felicie war ganz verdutzt "uber
+diesen Z"artlichkeit{\s}anfall der Mutter.
+
+Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.
+
+"`Eine vor"ubergehende Laune!"' tr"ostete er sich.
+
+Dreimal hintereinander vers"aumte er da{\s} Stelldichein. Al{\s}
+er wieder erschien, behandelte sie ihn k"uhl, fast geringsch"atzig.
+
+"`Schade um die Zeit, mein Liebchen!"' meinte er. Und er tat so,
+al{\s} merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch da{\s}
+Taschentuch, da{\s} sie herau{\s}zog.
+
+Jetzt kam wirklich die Reue "uber sie. Sie fragte sich, au{\s}
+welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob e{\s} nicht
+besser gewesen w"are, wenn sie ihm treu h"atte bleiben k"onnen.
+Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren
+Gef"uhl{\s}wandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht
+zuf"allig eine solche heraufbeschworen h"atte, w"are alle ihre
+hingebung{\s}volle Anwandlung tatenlo{\s} geblieben.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Homai{\s} hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
+Klumpf"u"se zu heilen, gelesen, und al{\s} Fortschrittler, der er
+war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
+Yonville m"usse e{\s} strephopodische Operationen geben, damit
+e{\s} auf der H"ohe der Kultur bleibe.
+
+"`Wa{\s} ist denn dabei zu ri{\s}kieren?"' fragte er Frau Bovary.
+Er z"ahlte ihr die Vorteile eine{\s} solchen Versuche{\s} an den
+Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung de{\s}
+Kranken. Befreiung von einem Sch"onheit{\s}fehler. Bedeutende
+Reklame f"ur den Operateur. "`Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht
+beispiel{\s}weise den armen Hippolyt vom Goldnen L"owen kurieren?
+Bedenken Sie, da"s er seine Heilung allen Reisenden erz"ahlen
+w"urde. Und dann~..."' Der Apotheker begann zu fl"ustern und
+blickte scheu um sich, "`... wa{\s} sollte mich daran hindern,
+eine kleine Notiz dar"uber in die Zeitung zu bringen? Du mein
+Gott! So ein Artikel wird "uberall gelesen ... man spricht davon
+... schlie"slich wei"s e{\s} die ganze Welt. Au{\s} Schneeflocken
+werden am Ende Lawinen! Und wer wei"s? Wer wei"s?"'
+
+Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
+keinen Anla"s, Karl{\s} chirurgische Geschicklichkeit zu
+bezweifeln, und wa{\s} f"ur eine Befriedigung w"are e{\s} f"ur
+sie, die geistige Urheberin eine{\s} Entschlusse{\s} zu sein, der
+sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mu"ste. Sie verlangte
+mehr al{\s} blo"s die Liebe diese{\s} Manne{\s}.
+
+Vom Apotheker und von seiner Frau best"urmt, lie"s sich Karl
+"uberreden. Er bestellte sich in Rouen da{\s} Werk de{\s}
+Doktor{\s} D"uval, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf
+zwischen den H"anden, in diese Lekt"ure. W"ahrend er sich "uber
+Pferdefu"sbildungen, Varu{\s} und Valgu{\s}, Strephocatopodie,
+Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. "uber die verschiedenartigen
+inneren und "au"serlichen Verkr"uppelungen de{\s} menschlichen
+Fu"se{\s}), Strephypopodie und Strephanopodie (da{\s} sind
+Fu"sleiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkr"uppelung um sich
+greifen) unterrichtete, suchte Homai{\s} den Hau{\s}knecht vom
+Goldnen L"owen mit allen Mitteln der "Uberredung{\s}kunst zur
+Operation zu bewegen.
+
+"`Du wirst h"ochsten{\s} einen ganz leichten Schmerz sp"uren"',
+sagte er zu ihm. "`E{\s} ist nicht{\s} weiter al{\s} ein Einstich
+wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, al{\s} wenn du dir ein
+H"uhnerauge schneiden l"a"st."'
+
+Hippolyt{\s} bl"ode Augen blickten unschl"ussig um sich.
+
+"`Im "ubrigen"', fuhr der Apotheker fort, "`kann mir{\s}
+nat"urlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist e{\s}. Ich rate dir{\s}
+nur au{\s} purer N"achstenliebe. Mein lieber Freund, ich m"ochte
+dich gar zu gern von deinem scheu"slichen Hinkfu"s befreit sehen,
+von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den H"uften. Du kannst
+dagegen sagen, wa{\s} du willst: e{\s} st"ort dich in der
+Au{\s}"ubung deine{\s} Beruf{\s} doch erheblich!"'
+
+Nun schilderte ihm Homai{\s}, wie frei und flott er sich nach
+einer Operation werde bewegen k"onnen. Auch gab er ihm zu
+verstehen, da"s er dann mehr Gl"uck bei den Weibern haben w"urde,
+wor"uber der Bursche albern grinste.
+
+"`Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du h"attest doch
+auch nicht kneifen k"onnen, wenn man dich zu den Soldaten
+au{\s}gehoben und in den Krieg geschickt h"atte! Also Hippolyt!"'
+
+Homai{\s} wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei
+ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
+Wohltaten der Wissenschaft derartig st"orrisch ent\/ziehen k"onne.
+
+Endlich gab der arme Schlucker nach. Da{\s} war ja die reine
+Verschw"orung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemal{\s} um die
+Angelegenheiten anderer k"ummerte, die L"owenwirtin, Artemisia,
+die Nachbarn und selbst der B"urgermeister, alle drangen sie in
+ihn, redeten ihm zu und machten ihn l"acherlich. Und wa{\s}
+vollend{\s} den Au{\s}schlag gab: die Operation sollte ihm keinen
+roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und
+Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser
+Generosit"at. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen:
+"`Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!"'
+
+Beraten vom Apotheker, lie"s Karl nach drei fehlgeschlagenen
+Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe de{\s} Schlosser{\s}
+eine Art Geh"ause anfertigen. E{\s} wog beinahe acht Pfund, und an
+Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart
+worden.
+
+Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mu"ste
+zu\-n"achst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfu"s
+hier vorlag. Hippolyt{\s} Fu"s setzte sich an sein Schienbein
+nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht.
+E{\s} war also Pferdefu"s, verbunden mit etwa{\s} Varu{\s} oder,
+ander{\s} au{\s}gedr"uckt, ein Fall leichten Varu{\s} mit starker
+Neigung zu einem Pferdefu"s.
+
+Trotz diese{\s} Klumpfu"se{\s}, der in der Tat plump wie ein
+Pferdehuf war und runzelige Haut, au{\s}ged"orrte Sehnen und dicke
+Zehen mit schwarzen wie eisern au{\s}sehenden N"ageln hatte, war
+der Kr"uppel von fr"uh bi{\s} abend munter wie ein Wiesel. Man sah
+ihn unaufh"orlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. E{\s} hatte
+sogar den Anschein, al{\s} sei sein mi"sratene{\s} Bein kr"aftiger
+denn da{\s} gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf
+im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Au{\s}dauer zu eigen
+gemacht.
+
+An einem Pferdefu"s mu"s zun"achst die Achille{\s}sehne
+durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmu{\s}kel. Eher
+kann der Varu{\s} nicht beseitigt werden. Karl wagte e{\s} kaum,
+beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er gro"se Angst,
+einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse
+waren mangelhaft.
+
+Ambrosiu{\s} Par\'e, der f"unfzehn Jahrhunderte nach Celsu{\s} die
+erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, D"upuytren,
+der e{\s} unternahm, einen Abs\/ze"s am Gehirn zu "offnen,
+Gensoul, der al{\s} erster eine Oberkiefer-Abtragung
+au{\s}f"uhrte, -- allen diesen hat sicherlich nicht so da{\s} Herz
+geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewi"s nicht so
+aufgeregt wie Bovary, al{\s} er Hippolyt unter sein Messer nahm.
+
+Im St"ubchen de{\s} Hau{\s}knecht{\s} sah e{\s} au{\s} wie in
+einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie,
+gewichste F"aden, Binden, alle{\s} wa{\s} in der Apotheke an
+Verband{\s}zeug vorr"atig gewesen war. Homai{\s} hatte da{\s}
+alle{\s} eigenh"andig vorbereitet, sowohl um die Leute zu
+verbl"uffen al{\s} auch um sich selbst etwa{\s} vorzumachen.
+
+Karl f"uhrte den Einschnitt au{\s}. Ein platzende{\s} Ger"ausch.
+Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet.
+
+Hippolyt war vor Erstaunen au"ser aller Fassung. Er nahm
+Bovary{\s} H"ande und bedeckte sie mit K"ussen.
+
+"`Erst mal Ruhe!"' gebot der Apotheker. "`Die Dankbarkeit f"ur
+deinen Wohlt"ater kannst du ja sp"ater bezeigen!"'
+
+Er ging hinunter, um da{\s} Ereigni{\s} den f"unf oder sech{\s}
+Neugierigen mit\/zuteilen, die im Hofe herumstanden und sich
+eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male
+laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten da{\s}
+Geh"ause an und begab sich sodann nach Hau{\s}, wo ihn Emma
+angstvoll an der T"ure erwartete. Sie fiel ihm um den Hal{\s}.
+
+Sie setzten sich zu Tisch. Er a"s viel und verlangte zum Nachtisch
+sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxu{\s} erlaubte er sich sonst
+nur Sonntag{\s}, wenn ein Gast da war.
+
+Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gespr"achen und
+gemeinsamem Pl"aneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Gl"ucke,
+von der Hebung ihre{\s} Hau{\s}stande{\s}. Er sah seinen
+"arztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe
+seiner Frau immerdar w"ahren. Und sie, sie f"uhlte sich begl"uckt
+und verj"ungt, ges"under und besser in ihrer wiedererstandenen
+leisen Zuneigung f"ur diesen armen Mann, der sie so sehr liebte.
+Fl"uchtig scho"s ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber
+ihre Augen ruhten al{\s}bald wieder auf Karl, und dabei bemerkte
+sie erstaunt, da"s seine Z"ahne eigentlich gar nicht h"a"slich
+waren.
+
+Sie waren bereit{\s} zu Bett, al{\s} Homai{\s} trotz der Abwehr
+de{\s} M"adchen{\s} pl"otzlich in{\s} Zimmer trat, in der Hand ein
+frisch beschriebene{\s} St"uck Papier. E{\s} war der
+Reklame-Aufsatz, den er f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' verfa"st
+hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben.
+
+"`Lesen Sie ihn vor!"' bat Bovary.
+
+Der Apotheker tat e{\s}:
+
+\begin{quotation}\noindent
+"`Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europ"aer noch
+immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt e{\s} in unserer
+Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser St"adtchen Yonville
+der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel
+edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer
+angesehensten praktischen "Arzte,~..."'
+\end{quotation}
+
+"`Ach, da{\s} ist zu viel! Da{\s} ist zu viel!"' unterbrach ihn
+Karl, vor Erregung tief atmend.
+
+"`Aber durchau{\s} nicht! Wieso denn?"'
+
+Er la{\s} weiter:
+
+\begin{quotation}\noindent
+"`... hat den verkr"uppelten Fu"s~..."'
+\end{quotation}
+
+Er unterbrach sich selbst:
+
+"`Ich habe hier absichtlich den \begin{antiqua}terminus
+technicus\end{antiqua} vermieden, wissen Sie! In einer
+Tage{\s}zeitung mu"s alle{\s} gemeinverst"andlich sein ... die
+gro"se Masse~..."'
+
+"`Sehr richtig!"' meinte Bovary. "`Bitte fahren Sie fort!"'
+
+"`Ich wiederhole:
+
+\begin{quotation}\noindent
+Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen "Arzte,
+hat den verkr"uppelten Fu"s eine{\s} gewissen Hippolyt Tautain
+operiert, de{\s} langj"ahrigen Hau{\s}knecht{\s} im Hotel zum
+Goldnen L"owen der verwitweten Frau Franz am Markt. Da{\s}
+aktuelle Ereigni{\s} und da{\s} allgemeine Interesse an der
+Operation hatten eine derartig gro"se Volk{\s}menge angezogen,
+da"s der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mu"ste. Die
+Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Blutergu"s trat
+so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blut{\s}tropfen verrieten,
+da"s ein hartn"ackige{\s} Leiden endlich der Macht der
+Wissenschaft wich. Der Kranke versp"urte dabei erstaunlicherweise
+-- wie der Berichterstatter al{\s} Augenzeuge versichern darf --
+nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand l"a"st bi{\s} jetzt
+nicht{\s} zu w"unschen "ubrig. Allem Daf"urhalten nach wird die
+vollst"andige Heilung rasch erfolgen, und wer wei"s, ob der brave
+Hippolyt nicht bei der kommenden Kirme{\s} mit den flotten
+Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch
+muntere Spr"unge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen
+Gelehrten, Ehre den unerm"udlichen Geistern, die ihre N"achte der
+Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!
+
+Der Tag wird noch kommen, wo verk"undet werden wird, da"s die
+Blinden sehen, die Tauben h"oren und die Lahmen gehen! Wa{\s} der
+kirchliche Aberglaube ehedem nur den Au{\s}erw"ahlten versprach,
+schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
+unsere verehrten Leser "uber den weiteren Verlauf dieser so
+ungemein merkw"urdigen Kur auf dem laufenden erhalten."'
+\end{quotation}
+
+Trotz alledem kam f"unf Tage darauf die L"owenwirtin ganz
+verst"ort gelaufen und rief:
+
+"`Zu Hilfe! Er stirbt! Ich wei"s nicht, wa{\s} ich machen soll!"'
+
+Karl rannte Hal{\s} "uber Kopf nach dem Goldnen L"owen, und der
+Apotheker, der den Arzt so "uber den Markt st"urmen sah, verlie"s
+sofort im blo"sen Kopfe seinen Laden. Atemlo{\s}, aufgeregt und
+mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem
+er auf der Treppe begegnete:
+
+"`Na, wa{\s} macht denn unser interessanter Strephopode?"'
+
+Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so da"s
+da{\s} Ge\-h"ause, in da{\s} sein Bein eingezw"angt war, gegen
+die Wand geschlagen ward und ent\/zwei zu gehen drohte.
+
+Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage de{\s} Fu"se{\s} nicht
+zu verschieben, entfernte man da{\s} Holzgeh"ause. Und nun bot
+sich ein gr"a"slicher Anblick dar. Die Form de{\s} Fu"se{\s} war
+unter einer derartigen Schwellung verschwunden, da"s e{\s}
+au{\s}sah, al{\s} platze demn"achst die ganze Haut. Diese war
+blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die da{\s} famose
+Geh"ause verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an "uber
+Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angeh"ort. Nachdem man
+nunmehr einsah, da"s er im Rechte gewesen war, g"onnte man ihm ein
+paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig
+zur"uckgegangen war, hielten e{\s} die beiden Heilk"unstler f"ur
+angebracht, da{\s} Bein wieder einzuschienen und e{\s} noch fester
+einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen.
+
+Aber nach drei Tagen vermochte e{\s} Hippolyt nicht mehr
+au{\s}zuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermal{\s} ab und war
+h"ochst "uber da{\s} verwundert, wa{\s} sich nunmehr
+herau{\s}stellte. Die schw"arzlichblau gewordene Schwellung
+erstreckte sich "uber da{\s} ganze Bein, da{\s} ganz voller Blasen
+war; eine dunkle Fl"ussigkeit sonderte sich ab. Man wurde
+bedenklich.
+
+Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz lie"s ihn in
+die kleine Gaststube bringen neben der K"uche, damit er
+wenigsten{\s} etwa{\s} Zerstreuung h"atte. Aber der Steuereinnehmer,
+der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich "uber diese
+Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in da{\s}
+Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken,
+bla"s, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte
+er seinen in Schwei"s gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen
+hin und her, wenn ihn die Fliegen qu"alten.
+
+Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
+Umschl"agen, tr"ostete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst
+fehlte e{\s} ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen,
+wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
+herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.
+
+"`Wie geht dir{\s} denn?"' fragten sie ihn und klopften ihm auf
+die Schulter. "`So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist
+aber selber schuld daran!"' Er h"atte die{\s} oder jene{\s} machen
+sollen. Sie erz"ahlten ihm von Leuten, die durch ganz andere
+Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren
+Trost meinten sie:
+
+"`Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du l"a"st dich wie
+ein F"urst verh"atscheln! Da{\s} ist Unsinn, alter Schlaumeier!
+Und besonder{\s} gut riechst du auch nicht!"'
+
+Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
+selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
+Hippolyt sah ihn mit angsterf"ullten Augen an. Schluchzend
+stammelte er:
+
+"`Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach,
+helfen Sie mir! Ich bin so ungl"ucklich, so ungl"ucklich!"'
+
+Bovary schrieb ihm alle Tage vor, wa{\s} er essen solle. Dann
+verlie"s er ihn.
+
+"`H"or nur gar nicht auf ihn, mein Junge!"' meinte die
+L"owenwirtin. "`Sie haben dich schon gerade genug geschunden!
+Da{\s} macht dich blo"s immer noch schw"acher! Da, trink!"'
+
+Sie gab ihm hin und wieder Fleischbr"uhe, ein St"uck Hammelkeule,
+Speck und manchmal ein Gl"aschen Schnap{\s}, den er kaum an seine
+Lippen zu bringen wagte.
+
+Abb\'e Bournisien, der geh"ort hatte, da"s e{\s} Hippolyt
+schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber
+erkl"arte er, in gewisser Beziehung m"usse sich der Kranke freuen,
+denn e{\s} sei de{\s} Herrn Wille, der ihm Gelegenheit g"abe, sich
+mit dem Himmel zu vers"ohnen.
+
+"`Siehst du,"' sagte der Priester in v"aterlichem Tone, "`du hast
+deine Pflichten recht vernachl"assigt! Man hat dich selten in der
+Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du da{\s} heilige
+Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, da"s deine Besch"aftigung
+und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, f"ur dein
+Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist e{\s} an der Zeit, da"s du
+dich darum k"ummerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe gro"se
+S"under gekannt, die, kurz ehe sie vor Gotte{\s} Thron traten, (du
+bist noch nicht so weit, da{\s} wei"s ich wohl!) seine Gnade
+erfleht haben; sie sind ohne Verdammni{\s} gestorben! Hoffen wir,
+da"s auch du un{\s} gleich ihnen ein gute{\s} Beispiel gibst!
+Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgen{\s} ein
+Ave-Maria und abend{\s} ein Paternoster zu beten! Ja, tue da{\s}!
+Mir zuliebe! Wa{\s} kostet dich da{\s}? Willst du mir da{\s}
+versprechen?"'
+
+Der arme Teufel gelobte e{\s}. Tag f"ur Tag kam der Seelsorger
+wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bi{\s}weilen
+erz"ahlte er den beiden sogar Anekdoten, Sp"a"se und faule Witze,
+die Hippolyt allerding{\s} nicht verstand. Aber bei jeder
+Gelegenheit kam er auf religi"ose Dinge zu sprechen, wobei er
+jede{\s}mal eine salbung{\s}volle Miene annahm.
+
+Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. E{\s} dauerte nicht
+lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
+nach Bon-Secour{\s} zu unternehmen, wenn er wieder gesund w"urde,
+worauf der Priester entgegnete, da{\s} sei nicht "ubel. Doppelt
+gen"aht halte besser. Er ri{\s}kiere ja dabei nicht{\s}.
+
+Der Apotheker war emp"ort "uber "`diese Pfaffenschliche"', wie er
+sich au{\s}dr"uckte. Er behauptete, da{\s} verz"ogre die Genesung
+de{\s} Hau{\s}knecht{\s} nur.
+
+"`La"st ihn doch nur in Ruhe!"' sagte er zur L"owenwirtin. "`Mit
+euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!"'
+
+Aber die gute Frau wollte davon nicht{\s} h"oren. Er und kein
+anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein
+au{\s} Widerspruch{\s}geist hing sie dem Kranken zu H"aupten einen
+Weihwasserkessel und einen Buch{\s}baumzweig auf.
+
+Allerding{\s} n"utzten offenbar weder der kirchliche noch der
+chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
+Beine weiter in den K"orper hinauf. Man versuchte immer neue
+Salben und Pflaster, aber der Fu"s wurde immer brandiger, und
+schlie"slich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken,
+al{\s} Mutter Franz ihn fragte, ob man angesicht{\s} dieser
+hoffnung{\s}losen Lage nicht den Doktor Canivet au{\s}
+Neufch\^atel kommen lassen solle, der doch weitber"uhmt sei.
+
+Canivet war Doktor der Medizin, f"unfzig Jahre alt, ebenso
+wohlhabend wie selbstbewu"st. Er kam und entbl"odete sich nicht,
+"uber den Kollegen geringsch"atzig zu l"acheln, al{\s} er da{\s}
+bi{\s} an da{\s} Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann
+erkl"arte er, da{\s} Glied m"usse amputiert werden.
+
+Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen "`die Esel, die
+da{\s} arme Luder so zugerichtet"' h"atten. Er fa"ste Homai{\s} am
+Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:
+
+"`Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
+Herren Gelehrten der Weltstadt nun au{\s}! Genau so steht e{\s}
+mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Bet"aubungen,
+Blaseneingriffen! Da{\s} ist alle{\s} Kapitalunfug gegen den sich
+der Staat in{\s} Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen blo"s
+immer wa{\s} zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten
+Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber,
+wir sind r"uckst"andig. Wir sind keine Gelehrten, keine
+Zauberk"unstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxi{\s}, wir
+heilen lumpige Krankheiten, aber e{\s} f"allt un{\s} nicht ein,
+Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpf"u"se gerade
+zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso k"onnte man auch einem Buckligen
+seinen H"ocker abhobeln wollen!"'
+
+Homai{\s} war bei diesem Ergu"s gar nicht besonder{\s} wohl
+zumute, aber er verbarg sein Mi"sbehagen hinter einem
+verbindlichen L"acheln. Er mu"ste mit Canivet auf gutem Fu"se
+bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend "ofter{\s}
+konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab.
+Au{\s} diesem Grunde h"utete er sich, f"ur Bovary einzutreten. Er
+vermuckste sich nicht, lie"s Grunds"atze Grunds"atze sein und
+opferte seine W"urde den ihm wichtigeren Interessen seine{\s}
+Gesch"aft{\s}.
+
+Die Amputation de{\s} Beine{\s}, die der Doktor Canivet
+au{\s}f"uhrte, war f"ur den ganzen Ort ein wichtige{\s}
+Ereigni{\s}. Fr"uhzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und
+die Hauptstra"se war voller Menschen, die allesamt etwa{\s}
+Tr"ubselige{\s} an sich hatten, al{\s} solle eine Hinrichtung
+stattfinden. Im Laden de{\s} Kr"amer{\s} stritt man sich "uber
+Hippolyt{\s} Krankheit. An{\s} Kaufen dachte niemand. Und Frau
+T"uvache, die Gattin de{\s} B"urgermeister{\s}, lag vom fr"uhen
+Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der
+Operateur ank"ame.
+
+Er kam in seinem W"agelchen angefahren, da{\s} er selber
+kutschierte. Durch die Last seine{\s} K"orper{\s} war die rechte
+Feder de{\s} Gef"ahrt{\s} derartig niedergedr"uckt, da"s der
+Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster
+stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschl"osser
+pr"achtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bi{\s} vor die
+kleine Freitreppe de{\s} Goldnen L"owen. Mit lauter Stimme befahl
+er, da{\s} Pferd au{\s}zuspannen. Er ging mit in den Stall und
+"uberzeugte sich, da"s der Gaul ordentlich Hafer gesch"uttet
+bekam. E{\s} war seine Gewohnheit, da"s er sich immer zuerst
+seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt de{\s}halb im
+Munde der Leute f"ur einen "`Pferdejockel"'. Aber gerade weil er
+sich darin unabbringbar gleichblieb, sch"atzte man ihn um so mehr.
+Und wenn der letzte Mensch auf Gotte{\s} ganzem Erdboden in den
+letzten Z"ugen gelegen h"atte: Doktor Canivet w"are zun"achst
+seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
+
+Homai{\s} stellte sich ein.
+
+"`Ich rechne auf Ihre Unterst"utzung!"' sagte der Chirurg. "`Ist
+alle{\s} bereit? Na, dann kann{\s} lo{\s}gehen!"'
+
+Der Apotheker gestand err"otend ein, da"s er zu empfindlich sei,
+um einer solchen Operation assistieren zu k"onnen. "`Al{\s}
+passiver Zuschauer"', sagte er, "`greift einen so wa{\s} doppelt
+an. Meine Nerven sind so herunter~..."'
+
+"`Quatsch!"' unterbrach ihn Canivet. "`Mir machen Sie vielmehr den
+Eindruck, al{\s} solle Sie demn"achst der Schlag r"uhren.
+"Ubrigen{\s} kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von fr"uh
+bi{\s} abend{\s} in Eurer Giftbude. Da{\s} mu"s sich ja
+schlie"slich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag
+f"ur Tag stehe ich vier Uhr morgen{\s} auf, wasche mich mit
+ei{\s}kaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden
+gibt{\s} f"ur mich nicht, da{\s} Zipperlein kriege ich nicht, und
+mein Magen ist mord{\s}gesund. Dabei lebe ich heute so und morgen
+so, wie mir{\s} gerade einf"allt, aber immer al{\s}
+Leben{\s}k"unstler! Und de{\s}halb bin ich auch nicht so
+zimperlich wie Sie. E{\s} ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn
+oder einem christlichen Individuum da{\s} Bein abschneide. Sie
+haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheit{\s}tier.
+Sehr richtig! E{\s} ist alle{\s} blo"s Gewohnheit~..."'
+
+Ohne irgendwelche R"ucksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
+Lager vor Angst schwitzte, f"uhrten die beiden ihre Unterhaltung
+in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltbl"utigkeit
+eine{\s} Chirurgen mit der eine{\s} Feldherrn. Durch diesen
+Vergleich geschmeichelt, lie"s sich Canivet de{\s} l"angeren "uber
+die Erfordernisse seiner Kunst au{\s}. Der Beruf de{\s} Arzte{\s}
+sei ein Priesteramt, und wer e{\s} nicht al{\s} da{\s}, sondern
+al{\s} gemeine{\s} Handwerk au{\s}"ube, der sei ein
+Heiligtumsch"ander.
+
+Endlich erinnerte er sich de{\s} Patienten und begann da{\s} von
+Homai{\s} gelieferte Verband{\s}zeug zu pr"ufen. E{\s} war
+dasselbe, da{\s} bereit{\s} bei der ersten Operation zur Stelle
+gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der da{\s} Bein
+festhalten k"onne. Lestiboudoi{\s} ward geholt.
+
+Der Doktor zog den Rock au{\s}, streifte sich die Hemd{\s}"armel
+hoch und begab sich in da{\s} Billardzimmer, w"ahrend der
+Apotheker in die K"uche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia
+neugierig und "angstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen
+waren wei"ser al{\s} ihre Sch"urzen.
+
+W"ahrenddessen wagte sich Bovary nicht au{\s} seinem Hause
+herau{\s}. Er sa"s unten in der Gro"sen Stube, zusammengeduckt und
+die H"ande gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer
+brannte, und starrte vor sich hin. "`Welch ein Mi"sgeschick!"'
+seufzte er. "`Wa{\s} f"ur eine gro"se Entt"auschung!"' Er hatte
+doch alle denkbaren Vorsicht{\s}ma"sregeln getroffen, und doch war
+der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu "andern!
+Wenn Hippolyt noch st"urbe, dann w"are er schuld daran! Und wa{\s}
+sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten?
+Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er
+wu"ste doch selber keinen, so sehr er auch dar"uber nachsann. Die
+ber"uhmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber da{\s} wird
+kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur au{\s}lachen und in
+Verruf bringen. Die Sache wird bi{\s} Forge{\s} ruchbar werden,
+bi{\s} Neufch\^atel, bi{\s} Rouen und noch weiter! Vielleicht
+w"urde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn ver"offentlichen,
+dem dann eine Polemik folgte, die ihn zw"ange, in den Zeitungen
+eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt k"onnte auf Schadenersatz
+klagen.
+
+Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
+tausend Bef"urchtungen best"urmte Phantasie schwankte hin und her
+wie eine leere Tonne auf den Wogen de{\s} Meere{\s}.
+
+Emma sa"s ihm gegen"uber und beobachtete ihn. An seine Dem"utigung
+dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
+hatte sie sich nur einbilden k"onnen, da"s sich ein Mann seine{\s}
+Schlage{\s} zu einer Leistung aufschw"ange, wo sich seine
+Unf"ahigkeit doch schon mehr al{\s} ein dutzendmal erwiesen hatte!
+
+Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
+
+"`Setz dich doch!"' sagte sie. "`Du machst mich noch ganz
+verr"uckt!"'
+
+Er tat e{\s}.
+
+Wie hatte sie e{\s} nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug
+war! --, da"s sie sich abermal{\s} so get"auscht hatte? Aber ja,
+ihr ganzer Leben{\s}pfad war doch fortw"ahrend durch da{\s}
+traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet!
+Sie rief sich alle{\s} einzeln in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uck:
+ihren unbefriedigten Hang zum Leben{\s}genu"s, die Einsamkeit
+ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihre{\s}
+Hau{\s}stande{\s}, ihre Tr"aume und Illusionen, die in den Sumpf
+hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
+alle{\s} da{\s}, wa{\s} sie sich ersehnt, an alle{\s}, wa{\s} sie
+von sich gewiesen, an alle{\s}, wa{\s} sie h"atte haben k"onnen!
+Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn
+alle{\s} so? Warum?
+
+Da{\s} St"adtchen lag in tiefer Ruhe. Pl"otzlich erscholl ein
+herzzerrei"sender Schrei. Bovary ward bla"s und beinahe ohnm"achtig.
+Emma zuckte nerv"o{\s} mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr
+nicht{\s} mehr anzusehen.
+
+Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
+ohne Feingef"uhl! Da sa"s er, stumpfsinnig und ohne Verst"andni{\s}
+daf"ur, da"s er nicht nur seinen Namen l"acherlich und ehrlo{\s}
+gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren
+Namen! Und sie, sie hatte sich solche M"uhe gegeben, ihn zu lieben!
+Hatte unter Tr"anen bereut, da"s sie ihm untreu geworden war!
+
+"`Vielleicht war e{\s} ein Valgu{\s}?"' rief Karl pl"otzlich laut
+au{\s}. Da{\s} war da{\s} Ergebni{\s} seine{\s} Nachsinnen{\s}.
+
+Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Au{\s}ruf den Gedanken
+Emma{\s} versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne
+Platte --, hob sie erschrocken ihr Haupt. Wa{\s} wollte er damit
+sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam
+erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich
+seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick
+eine{\s} Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den
+verhallenden Schreien de{\s} Amputierten. Der heulte in
+langgedehnten T"onen, die ab und zu von grellem Gebr"ull
+unterbrochen wurden. Alle{\s} da{\s} klang wie da{\s} ferne
+Gejammer eine{\s} Tiere{\s}, da{\s} man schlachtet. Emma bi"s sich
+auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer
+Blume, die sie zerpfl"uckt hatte, und ihre hei"sen Blicke trafen
+ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alle{\s} an ihm; sein
+Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
+seine Existenz. Wie "uber ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
+da"s sie ihm so lange treu geblieben, und wa{\s} noch von
+Anh"anglichkeit "ubrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
+ihre{\s} Ingrimm{\s} auf. Mit wilder Schadenfreude geno"s sie den
+Siege{\s}jubel "uber ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie
+de{\s} Geliebten und f"uhlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein
+Bild ent\/z"uckte und verf"uhrte sie in Gedanken abermal{\s}. Sie
+gab ihm ihre ganze Seele. E{\s} war ihr, al{\s} sei Karl au{\s}
+ihrem Leben herau{\s}gerissen, f"ur immer entfremdet, unm"oglich
+geworden, au{\s}getilgt. Al{\s} sei er gestorben, nachdem er vor
+ihren Augen den Tode{\s}kampf gek"ampft hatte. Vom Trottoir her
+drang da{\s} Ger"ausch von Tritten herauf. Karl ging an da{\s}
+Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor
+Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte
+sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt
+Homai{\s}, die gro"se rote Reisetasche in der Hand. Beide
+steuerten auf die Apotheke zu.
+
+In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebe{\s}bed"urfni{\s}
+n"aherte sich Karl seiner Frau:
+
+"`Gib mir einen Ku"s, Geliebte!"'
+
+"`La"s mich!"' wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
+
+"`Wa{\s} hast du denn? Wa{\s} ist dir?"' fragte er betroffen.
+"`Sei doch ruhig! "Argere dich nicht! Du wei"st ja, wie sehr ich
+dich liebe! Komm!"'
+
+"`Weg!"' rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie st"urzte au{\s} dem
+Zimmer, wobei sie die T"ur so heftig hinter sich zuschlug, da"s
+da{\s} Barometer von der Wand fiel und in St"ucke ging.
+
+Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er dar"uber nach,
+wa{\s} sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
+Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgef"uhl von
+etwa{\s} Unheilvollem, Unfa"sbarem.
+
+Al{\s} Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er
+seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe
+sitzen und auf ihn warten. Sie k"u"sten sich, und all ihr "Arger
+schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zw"olfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
+Sie winkte sich Justin durch da{\s} Fenster her. Der legte schnell
+seine Arbeit{\s}sch"urze ab und trabte nach der H"uchette. Rudolf
+kam al{\s}bald. Sie hatte ihm nicht{\s} zu sagen, al{\s} da"s sie
+sich langweile, da"s ihr Mann gr"a"slich sei und ihr Dasein
+schrecklich.
+
+"`Kann ich da{\s} "andern?"' rief er einmal ungeduldig au{\s}.
+
+"`Ja, wenn du wolltest!"'
+
+Sie sa"s auf dem Fu"sboden zwischen seinen Knien, mit aufgel"ostem
+Haar und traumverlorenem Blick.
+
+"`Wieso?"' fragte er.
+
+Sie seufzte.
+
+"`Wir m"ussen irgendwo ander{\s} ein neue{\s} Leben beginnen ...
+weit weg von hier~..."'
+
+"`Ein toller Einfall!"' lachte er. "`Unm"oglich!"'
+
+Sie kam immer wieder darauf zur"uck. Er tat so, al{\s} sei ihm
+da{\s} unverst"andlich, und begann von etwa{\s} anderm zu
+sprechen.
+
+Wa{\s} Rudolf in der Tat nicht begriff, da{\s} war ihr ganze{\s}
+aufgeregte{\s} Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe.
+Sie m"usse dazu doch Anla"s haben, Motive. Sie klammere sich doch
+an ihn, al{\s} ob sie bei ihm Hilfe suche.
+
+Wirklich wuch{\s} ihre Z"artlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu
+Tag im gleichen Ma"se, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
+verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
+verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unertr"aglich vor,
+seine H"ande nie so vierschr"otig, sein Geist nie so
+schwerf"allig, seine Manieren nie so gew"ohnlich, al{\s} wenn sie
+nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war.
+Sie bildete sich ein, sie sei Rudolf{\s} Frau, seine treue Gattin.
+Immerw"ahrend tr"aumte sie von seinem dunklen welligen Haar,
+seiner braunen Stirn, seiner kr"aftigen und doch eleganten
+Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so
+leidenschaftlichen Menschen. Nur f"ur ihn pflegte sie ihre N"agel
+mit der Sorgfalt eine{\s} Ziseleur{\s}, f"ur ihn verschwendete sie
+eine Unmenge von Coldcream f"ur ihre Haut und von Peau d'E{\s}pagne
+f"ur ihre W"asche. Sie "uberlud sich mit Armb"andern, Ringen und
+Hal{\s}ketten. Wenn sie ihn erwartete, f"ullte sie ihre gro"sen
+blauen Gla{\s}vasen mit Rosen und schm"uckte ihr Zimmer und sich
+selber wie eine Kurtisane, die einen F"ursten erwartet. Felicie
+wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte
+sie in ihrer K"uche.
+
+Justin leistete ihr h"aufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
+Arbeit zu. Die Ellenbogen auf da{\s} lange B"ugelbrett gest"utzt,
+auf dem sie pl"attete, betrachtete er l"ustern alle die um ihn
+herum aufgeschichtete Damenw"asche, die Pikee-Unterr"ocke, die
+Spitzent"ucher, die Hal{\s}kragen, die breith"uftigen Unterhosen.
+
+"`Wozu hat man da{\s} alle{\s}?"' fragte der Bursche, indem er mit
+der Hand "uber einen der Reifr"ocke strich.
+
+"`Hast du sowa{\s} noch niegesehen?"' Felicie lachte. "`Deine
+Herrin, Frau Homai{\s}, hat da{\s} doch auch!"'
+
+"`So? Die Frau Homai{\s}!"' Er sann nach. "`Ist sie denn eine Dame
+wie die Frau Doktor?"'
+
+Felicie liebte e{\s} gar nicht, wenn er sie so umschn"uffelte. Sie
+war drei Jahre "alter al{\s} er, und "ubrigen{\s} machte ihr
+Theodor, der Diener de{\s} Notar{\s}, neuerding{\s} den Hof.
+
+"`La"s mich in Ruhe!"' sagte sie und stellte den St"arketopf
+beiseite. "`Scher dich lieber an \so{deine} Arbeit! Sto"s deine
+Mandeln! Immer mu"st du an irgendeiner Sch"urze h"angen! Eh du
+dich damit befa"st, la"s dir mal erst die Stoppeln unter der Nase
+wachsen, du Knirp{\s}, du nicht{\s}n"utziger!"'
+
+"`Ach, seien Sie doch nicht gleich b"o{\s}! Ich putze Ihnen auch
+die Schuhe f"ur die Frau Doktor!"'
+
+Alsobald machte er sich "uber ein Paar von Frau Bovary{\s} Schuhen
+her, die in der K"uche standen. Sie waren "uber und "uber mit
+eingetrocknetem Stra"senschmutz bedeckt -- vom letzten
+Stelldichein her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo
+gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin
+betrachtete sie sich.
+
+"`Hab nur keine Angst! Die gehen nicht ent\/zwei!"' sagte Felicie,
+die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
+anwandte, weil die Herrin sie ihr "uberlie"s, sobald sie nicht
+mehr tadello{\s} au{\s}sahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in
+ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber
+Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
+
+So gab er auch dreihundert Franken f"ur ein h"olzerne{\s} Bein
+au{\s}, da{\s} Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen
+m"usse. Die Fl"ache, mit der e{\s} anlag, war mit Kork "uberzogen.
+E{\s} hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und
+Schuh verdeckten e{\s} vollkommen. Hippolyt wagte e{\s} indessen
+nicht in den Alltag{\s}gebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm
+noch ein andere{\s}, einfachere{\s} zu besorgen. Wohl oder "ubel
+mu"ste der Arzt auch diese Au{\s}gabe tragen. Nun konnte der
+Hau{\s}knecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah
+man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den
+harten Anschlag de{\s} Stelzfu"se{\s} auf dem Pflaster vernahm,
+schlug er schnell einen anderen Weg ein.
+
+Lheureux, der Modewarenh"andler, hatte da{\s} Holzbein besorgt.
+Da{\s} gab ihm Gelegenheit, Emma h"aufig aufzusuchen. Er plauderte
+mit ihr "uber die neuesten Pariser Moden und "uber tausend Dinge,
+die Frauen interessieren. Dabei war er immer "au"serst gef"allig
+und forderte niemal{\s} bare Bezahlung. Alle Launen und Einf"alle
+Emma{\s} wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie
+Rudolf einen sehr sch"onen Reitstock schenken, den sie in Rouen in
+einem Schirmgesch"aft gesehen hatte. Eine Woche sp"ater legte
+Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber
+"uberreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von
+zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centime{\s}. Emma
+war in der gr"obsten Verlegenheit. Die Kasse war leer.
+Lestiboudoi{\s} hatte noch Lohn f"ur vierzehn Tage zu bekommen,
+Felicie f"ur acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
+Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang
+de{\s} Honorar{\s} von Herrn Derozeray{\s}, da{\s} allj"ahrlich
+gegen Ende Oktober einzugehen pflegte.
+
+Ein paar Tage gelang e{\s} ihr, Lheureux zu vertr"osten. Dann
+verlor er aber die Geduld. Man dr"ange auch ihn, er brauche Geld,
+und wenn er nicht al{\s}bald welche{\s} von ihr bek"ame, m"usse er
+ihr alle{\s} wieder abnehmen, wa{\s} er ihr geliefert habe.
+
+"`Gut!"' meinte Emma. "`Holen Sie sich{\s}!"'
+
+"`Ach wa{\s}! Da{\s} hab ich nur so gesagt!"' entgegnete er.
+"`Indessen um den Reitstock tut{\s} mir wirklich leid! Bei Gott,
+den werd ich mir vom Herrn Doktor zur"uckgeben lassen!"'
+
+"`Um Gotte{\s} willen!"' rief sie au{\s}.
+
+"`Warte nur! Dich hab ich!"' dachte Lheureux bei sich.
+
+Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
+lispelte er in seinem gewohnten Fl"ustertone vor sich hin:
+
+"`Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!"'
+
+Frau Bovary gr"ubelte gerade dar"uber nach, wie sie diese Geschichte
+in Ordnung bringen k"onne, da kam da{\s} M"adchen und legte eine
+kleine in blaue{\s} Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
+Empfehlung von Herrn Derozeray{\s}. Emma sprang auf und brach die
+Rolle auf. E{\s} waren dreihundert Franken in Napoleon{\s}, da{\s}
+schuldige Honorar. Karl{\s} Tritte wurden drau"sen auf der Treppe
+h"orbar. Sie legte da{\s} Gold rasch in die Schublade und steckte
+den Schl"ussel ein.
+
+Drei Tage darauf erschien Lheureux abermal{\s}.
+
+"`Ich m"ochte Ihnen einen Vergleich vorschlagen"', sagte er.
+"`Wollen Sie mir nicht statt de{\s} baren Gelde{\s} lieber~..."'
+
+"`Hier haben Sie Ihr Geld!"' unterbrach sie ihn und z"ahlte ihm
+vierzehn Goldst"ucke in die Hand.
+
+Der Kaufmann war verbl"ufft. Um seine Entt"auschung zu verbergen,
+brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
+m"oglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
+
+Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
+dem Kleingeld, da{\s} sie wieder herau{\s}bekommen und in die
+Tasche ihrer Sch"urze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, t"uchtig
+zu sparen, damit sie recht bald~...
+
+"`Wa{\s} ist da weiter dabei?"' beruhigte sie sich. "`Er wird
+nicht gleich dran denken!"'
+
+Au"ser dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
+Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem
+Wahlspruch: \begin{antiqua}Amor nel Cor!\end{antiqua} (Liebe im
+Herzen!), fernerhin ein seidene{\s} Hal{\s}tuch und eine
+Zigarrentasche, zu der sie al{\s} Muster die Tasche genommen
+hatte, die Karl damal{\s} auf der Landstra"se gefunden hatte,
+al{\s} sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie
+sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem
+Str"auben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so
+mu"ste er sich schlie"slich f"ugen. Er fand da{\s} aufdringlich
+und h"ochst r"ucksicht{\s}lo{\s}.
+
+Sie hatte wunderliche Einf"alle.
+
+"`Wenn e{\s} Mitternacht schl"agt,"' bat sie ihn einmal, "`mu"st
+du an mich denken!"'
+
+Al{\s} er hinterher gestand, er habe e{\s} vergessen, bekam er
+endlose Vorw"urfe zu h"oren, die alle in die Worte au{\s}klangen:
+
+"`Du liebst mich nicht mehr!"'
+
+"`Ich dich nicht mehr lieben?"'
+
+"`"Uber alle{\s}?"'
+
+"`Nat"urlich!"'
+
+"`Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?"'
+
+"`Glaubst du, ich h"atte meine Unschuld bei dir verloren?"' brach
+er lachend au{\s}.
+
+Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel M"uhe
+zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
+mildern suchte.
+
+"`Ach, du wei"st gar nicht, wie ich dich liebe!"' begann sie von
+neuem. "`Ich liebe dich so sehr, da"s ich nicht von dir lassen
+kann! Verstehst du da{\s}? Manchmal habe ich solche Sehnsucht,
+dich zu sehen, und dann springt mir beinahe da{\s} Herz vor lauter
+Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern
+Frauen? Sie l"acheln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein;
+nicht wahr, e{\s} gef"allt dir keine? E{\s} gibt ja sch"onere
+al{\s} ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine
+Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so
+gut! So sch"on! So klug und stark!"'
+
+Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft geh"ort, da"s
+e{\s} ihm ganz und gar nicht{\s} Neue{\s} mehr war. Emma war darin
+nicht ander{\s} al{\s} alle seine fr"uheren Geliebten, und der
+Reiz der Neuheit fiel St"uck um St"uck von ihr ab wie ein Gewand,
+und da{\s} ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt
+zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er
+war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, da"s unter den
+n"amlichen Au{\s}druck{\s}formen himmelweit voneinander
+verschiedene Gef"uhl{\s}arten existieren k"onnen. Weil ihm die
+Lippen liederlicher oder k"auflicher Frauenzimmer schon die
+gleichen Phrasen zugefl"ustert hatten, war sein Glaube an die
+Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach.
+
+"`Man darf die "uberschwenglichen Worte nicht gelten lassen,"'
+sagte er sich, "`sie sind nur ein M"antelchen f"ur
+Alltag{\s}empfindungen."'
+
+Aber ist e{\s} nicht oft so, da"s ein "ubervolle{\s} Herz mit den
+banalsten Worten nach Au{\s}druck sucht? Und vermag denn jemand
+genau zu sagen, wie gro"s sein W"unschen und Wollen, seine
+Innenwelt, seine Schmerzen sind? De{\s} Menschen Wort ist wie eine
+gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie herau{\s}trommeln,
+nach der kaum ein B"ar tanzt, w"ahrend wir die Sterne bewegen
+m"ochten.
+
+Aber mit der "Uberlegenheit, die kritischen Naturen eigent"umlich
+ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
+dieser Liebschaft neue Gen"usse. Er nahm keine ihm unbequeme
+R"ucksicht auf Emma{\s} Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie
+bar jede{\s} Zwange{\s}. Er machte sie zu allem f"ugsam und
+verdarb sie gr"undlich. Sie hegte eine geradezu h"undische
+Anh"anglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alle{\s}. Woll"ustig
+empfand sie Gl"uckseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre
+Seele ertrank in diesem Rausche.
+
+Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
+"au"serlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden k"uhner, ihre
+Rede freim"utiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung
+Rudolf{\s}, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, "`um die
+Spie"ser zu "argern"', wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war
+e{\s} g"anzlich geschehen, al{\s} man sie eine{\s} sch"onen
+Tage{\s} in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener
+Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem
+heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne
+Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger al{\s} die
+Yonviller Philister. Und noch viele{\s} andre mi"sfiel ihr.
+Zun"achst hatte Karl ihrem Rate entgegen da{\s} Roman-Lesen doch
+wieder zugelassen. Und dann war "uberhaupt die "`ganze
+Wirtschaft"' nicht nach ihrem Sinne. Al{\s} sie sich Bemerkungen
+dar"uber gestattete, kam e{\s} zu einem "argerlichen Auftritt.
+Felicie war die n"ahere Veranlassung dazu.
+
+Die alte Frau Bovary hatte da{\s} M"adchen eine{\s} Abend{\s},
+al{\s} sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eine{\s} nicht
+mehr besonder{\s} jungen Manne{\s} "uberrascht. Der Betreffende
+trug ein braune{\s} Hal{\s}tuch und verschwand bei der Ann"aherung
+der alten Dame. Emma lachte, al{\s} ihr der Vorfall berichtet
+ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erkl"arte, wer
+bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig
+Wert darauf.
+
+"`Sie sind wohl au{\s} Hinterpommern?"' fragte die junge Frau so
+impertinent, da"s sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
+konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
+
+"`Verlassen Sie mein Hau{\s}!"' schrie Emma und sprang auf.
+
+"`Emma! Mutter!"' rief Karl beschwichtigend.
+
+In ihrer Erregung waren beide Frauen au{\s} dem Zimmer gest"urzt.
+Emma stampfte mit dem Fu"se auf, al{\s} er ihr zuredete.
+
+"`So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!"' rief sie.
+
+Er eilte zur Mutter. Sie war ganz au"ser sich und stammelte:
+
+"`So eine Unversch"amtheit! Eine leichtsinnige Trine.
+Schlimmere{\s} vielleicht noch!"'
+
+Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
+Verzeihung gebeten w"urde.
+
+Karl ging abermal{\s} zu seiner Frau und beschwor sie auf den
+Knien, doch nachzugeben. Schlie"slich sagte sie:
+
+"`Meinetwegen!"'
+
+In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
+der W"urde einer F"urstin.
+
+"`Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!"'
+
+Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
+den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in da{\s} Kissen
+vergraben.
+
+F"ur den Fall, da"s sich irgend etwa{\s} Besondere{\s} ereignen
+sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen
+wei"sen Zettel zu stecken. Wenn er zuf"allig in Yonville w"are,
+solle er daraufhin sofort durch da{\s} G"a"schen an die hintere
+Gartenpforte eilen.
+
+Diese{\s} Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden sa"s sie wartend am
+Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
+der Hallen. Beinahe h"atte sie da{\s} Fenster aufgerissen und ihn
+hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
+"uberkam sie.
+
+Bald darauf vernahm sie unten auf dem B"urgersteige Tritte. Da{\s}
+war er. Zweifello{\s}! Sie eilte die Treppe hinunter und "uber den
+Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
+
+"`Sei doch ein bi"schen vorsichtiger!"' mahnte er.
+
+"`Ach, wenn du w"u"stest!"' Und sie begann ihm den ganzen Vorfall
+zu erz"ahlen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
+"ubertrieb sie manche{\s}, dichtete etliche{\s} hinzu und machte
+eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, da"s er nicht
+da{\s} mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
+
+"`So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!"'
+
+"`Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!"' erwiderte
+sie. "`Eine Liebe wie die unsrige braucht da{\s} Tage{\s}licht
+nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte e{\s} nicht mehr
+au{\s}! Rette mich!"'
+
+Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tr"anen,
+gl"anzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungest"um.
+
+Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
+k"uhle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
+
+"`Wa{\s} soll ich tun? Wa{\s} willst du?"'
+
+"`Flieh mit mir!"' rief sie. "`Weit weg von hier! Ach, ich bitte
+dich um alle{\s} in der Welt!"'
+
+Sie pre"ste sich an seinen Mund, al{\s} wolle sie ihm mit einem
+Kusse da{\s} Ja einhauchen und wieder herau{\s}saugen.
+
+"`Aber~..."'
+
+"`Kein Aber, Rudolf!"'
+
+"`... und dein Kind?"'
+
+Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
+
+"`Da{\s} nehmen wir mit! Da{\s} ist ihm schon recht!"'
+
+"`Ein Teufel{\s}weib!"' dachte er bei sich, wie er ihr nachsah.
+Sie mu"ste in{\s} Hau{\s}. Man hatte nach ihr gerufen.
+
+W"ahrend der folgenden Tage war die alte Frau Bovary "uber da{\s}
+ver"anderte Wesen ihrer Schwiegertochter h"ochst verwundert.
+Wirklich, sie zeigte sich au"serordentlich f"ugsam, ja ehrerbietig,
+und da{\s} ging so weit, da"s Emma sie um ihr Rezept, Gurken
+einzulegen, bat.
+
+Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
+t"auschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
+einmal die volle Bitterni{\s} alle{\s} dessen durchzukosten,
+wa{\s} sie im Stiche lassen wollte? Nein, da{\s} lag ihr
+durchau{\s} nicht im Sinne. Der Gegenwart entr"uckt, lebte sie im
+Vorgeschmacke de{\s} kommenden Gl"ucke{\s}. Davon schw"armte sie
+dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter
+gelehnt, fl"usterte sie:
+
+"`Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
+Kannst du dir au{\s}denken, wie da{\s} dann sein wird? Mir ist
+e{\s} wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich sp"ure,
+da"s sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich da{\s} Gef"uhl
+haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken
+hinein! Wei"st du, ich z"ahle die Tage ... Und du?"'
+
+Frau Bovary hatte nie so sch"on au{\s}gesehen wie jetzt. Sie
+besa"s eine unbeschreibliche Art von Sch"onheit, die au{\s}
+Leben{\s}freude, Schw"armerei und Siege{\s}gef"uhl zusammenstr"omt
+und da{\s} Symbol seelischer und k"orperlicher Harmonie ist. Ihre
+heimlichen L"uste, ihre Tr"ubsal, ihre erweiterten
+Liebe{\s}k"unste und ihre ewig jungen Tr"aume hatten sich stetig
+entwickelt, just wie D"unger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur
+Entfaltung bringen, und nun erst erbl"uhte ihre volle Eigenart.
+Ihre Lider waren wie ganz besonder{\s} dazu geschnitten,
+schmachtende Liebe{\s}blicke zu werfen; sie verschleierten ihre
+Aug"apfel, w"ahrend ihr Atem die feinlinigen Nasenfl"ugel weitete
+und e{\s} leise um die H"ugel der Mundwinkel zuckte, die im
+Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war
+versucht zu sagen: ein Verf"uhrer und K"unstler habe den Knoten
+ihre{\s} Haare{\s} "uber dem Nacken geordnet. Er sah au{\s} wie
+eine schwere Welle, und doch war er nur lose und l"assig
+geschlungen, weil er im Spiel de{\s} Ehebruch{\s} Tag f"ur Tag
+aufgenestelt ward. Emma{\s} Stimme war weicher und grazi"oser
+geworden, "ahnlich wie ihre Gestalt. Etwa{\s} unsagbar Zarte{\s},
+Bezaubernde{\s} str"omte au{\s} jeder Falte ihrer Kleider und
+au{\s} dem Rhythmu{\s} ihre{\s} Gange{\s}. Wie in den
+Flitterwochen erschien sie ihrem Manne ent\/z"uckend und ganz
+unwiderstehlich.
+
+Wenn er nacht{\s} sp"at nach Hause kam, wagte er sie nicht zu
+wecken. Da{\s} in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht
+warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im
+Halbdunkel wie ein wei"se{\s} Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen
+bauschigen Vorh"angen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen
+Atemz"uge seine{\s} Kinde{\s} zu h"oren. E{\s} wuch{\s} sichtlich
+heran, jeder Monat brachte e{\s} vorw"art{\s}. Im Geiste sah er
+e{\s} bereit{\s} abend{\s} au{\s} der Schule heimkehren, froh und
+munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mu"ste
+da{\s} M"adel in eine Pension kommen. Da{\s} w"urde viel Geld
+kosten. Wie sollte da{\s} geschafft werden? Er sann nach. Wie
+w"are e{\s}, wenn man in der Umgegend ein kleine{\s} Gut pachtete?
+Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, w"urde er hinreiten
+und da{\s} N"otige anordnen. Der Ertrag k"ame auf die Sparkasse,
+sp"ater k"onnten ja irgendwelche Papiere daf"ur gekauft werden.
+Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxi{\s}. Damit rechnete
+er, denn sein T"ochterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte
+etwa{\s} Ordentliche{\s} lernen, auch Klavier spielen. Und h"ubsch
+w"urde sie sein, die dann F"unfzehnj"ahrige! Ein Ebenbild ihrer
+Mutter! Ganz wie sie m"u"ste sie im Sommer einen gro"sen runden
+Strohhut tragen. Dann w"urden die beiden von weitem f"ur zwei
+Schwestern gehalten. Er stellte sich sein T"ochterchen in Gedanken
+vor: abend{\s}, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater
+und Mutter, Pantoffeln f"ur ihn stickend. Und in der Wirtschaft
+w"urde sie helfen und da{\s} ganze Hau{\s} mit Lachen und Frohsinn
+erf"ullen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. E{\s} w"urde
+sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verh"altnissen
+finden und sie gl"ucklich machen. Und so bliebe e{\s} dann
+immerdar~...
+
+Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
+w"ahrend ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
+Tr"aumereien nach.
+
+Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entf"uhrt,
+auf der Reise nach einem andern Lande, au{\s} dem sie nie wieder
+zur"uckzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
+dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
+pl"otzlich von Berge{\s}h"oh auf irgendwelche m"achtige Stadt
+hinab, mit ihrem Dom, ihren Br"ucken, Schiffen, Limonenhainen und
+wei"sen Marmorkirchen mit spitzen T"urmen. Zu Fu"s wanderten sie
+dann durch die Stra"sen. Frauen in roten Miedern boten ihnen
+Blumenstr"au"se an. Glocken l"auteten, Maulesel schrien, und
+dazwischen girrten Gitarren und rauschten Font"anen, deren k"uhler
+Wasserstaub auf Haufen von Fr"uchten herabspr"uhte. Sie lagen zu
+Pyramiden aufgeschichtet da, zu F"u"sen bleicher Bilds"aulen, die
+unter dem Spr"uhregen l"achelten. Und eine{\s} Abend{\s}
+erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde
+trockneten, am Strand und zwischen den H"utten. Dort wollte sie
+bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem
+Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht de{\s}
+Meere{\s}. Sie fuhren in Gondeln und tr"aumten in H"angematten.
+Da{\s} Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen
+Gew"ander, und so warm und sternbes"at wie die s"u"sen N"achte,
+die sie schauernd genossen ... Da{\s} war ein unerme"slicher
+Zukunft{\s}traum; aber bi{\s} in die Einzelheiten dachte sie ihn
+nicht au{\s}. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der
+andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
+fluteten fernhin bi{\s} in den Horizont, endlo{\s}, in leiser
+Bewegung, stahlblau und sonnenbegl"anzt~...
+
+Da{\s} Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
+laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, al{\s} da{\s} wei"se
+D"ammerlicht an den Scheiben stand und Justin dr"uben die L"aden
+der Apotheke "offnete.
+
+Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
+
+"`Ich brauche einen Mantel, einen gro"sen gef"utterten Reisemantel
+mit einem breiten Kragen."'
+
+"`Sie wollen verreisen?"' fragte der H"andler.
+
+"`Nein, aber ... da{\s} ist ja gleichg"ultig! Ich kann mich auf
+Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!"'
+
+Lheureux machte einen Kratzfu"s.
+
+"`Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren
+... einen handlichen~..."'
+
+"`Sch"on! Sch"on! Ich wei"s schon: zweiundneunzig zu f"unfzig! Wie
+man sie jetzt meist hat!"'
+
+"`Und eine Handtasche f"ur da{\s} Nachtzeug!"'
+
+"`Aha,"' dachte der H"andler, "`sie hat sicher Krakeel gehabt!"'
+
+"`Da!"' sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr au{\s} dem
+G"urtel nestelte. "`Nehmen Sie da{\s}! Machen Sie sich damit
+bezahlt!"'
+
+Aber Lheureux str"aubte sich dagegen. Da{\s} ginge nicht. Sie
+w"are doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe?
+Wa{\s} solle denn da{\s}? Doch sie bestand darauf, da"s er
+wenigsten{\s} die Kette n"ahme.
+
+Er hatte sie bereit{\s} eingesackt und war schon drau"sen, da rief
+ihn Emma zur"uck.
+
+"`Behalten Sie da{\s} Bestellte vorl"aufig bei sich! Und den
+Mantel~...,"' sie tat so, al{\s} ob sie sich{\s} "uberlegte "`...
+den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie
+mir die Adresse de{\s} Schneider{\s} und sagen Sie ihm, der Mantel
+soll bei ihm zum Abholen bereitliegen."'
+
+Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
+Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
+machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Pl"atze in der Post
+bestellen, P"asse besorgen und nach Pari{\s} schreiben, damit
+da{\s} Gep"ack gleich direkt bi{\s} Marseille bef"ordert w"urde.
+In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann
+sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emma{\s}
+Gep"ack sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne da"s
+irgendwer Verdacht sch"opfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war
+von ihrem Kinde niemal{\s} die Rede. Rudolf vermied e{\s}, davon
+zu sprechen. "`Sie denkt vielleicht nicht mehr daran"', sagte er
+sich.
+
+Er erbat sich zun"achst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
+zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmal{\s} zwei
+Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mu"ste er
+eine Reise machen. So verging der August, bi{\s} sie sich nach
+allen diesen Verz"ogerungen schlie"slich "`unwiderruflich"' auf
+Montag den 4. September einigten.
+
+Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gew"ohnlich
+ein.
+
+"`Ist alle{\s} bereit?"' fragte sie ihn.
+
+"`Ja."'
+
+Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
+den Rand der Gartenmauer.
+
+"`Du bist verstimmt?"' fragte Emma.
+
+"`Nein. Warum auch?"'
+
+Dabei sah er sie mit einem sonderbaren z"artlichen Blick an.
+
+"`Vielleicht weil e{\s} nun fortgeht?"' fragte sie. "`Weil du
+Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganze{\s}
+jetzige{\s} Leben? Ich verstehe da{\s} wohl, wenn ich selber auch
+nicht{\s} derlei auf der Welt habe. Du bist mein alle{\s}! Und
+ebenso m"ochte ich dir alle{\s} sein, Familie und Vaterland. Ich
+will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!"'
+
+"`Wie lieb du bist!"' sagte er und zog sie an sein Herz.
+
+"`Wirklich?"' fragte sie in lachender Wollust. "`Du liebst mich?
+Schw"ore mir{\s}!"'
+
+"`Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an,
+Liebste!"'
+
+Der Vollmond ging purpurrot auf, dr"uben "uber der Linie de{\s}
+flachen Horizont{\s}, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er
+hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch
+ihre Zweige, versteckt wie hinter einem l"ochrigen, schwarzen
+Vorhang. Und bald erschien er gl"anzend-wei"s im klaren Raume
+de{\s} weiten Himmel{\s}. Er ward immer silberner, und nun
+rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache "uber den Wellen in
+zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener
+Diamanten. Ring{\s}um leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur
+in den Wipfeln hingen dunkle Schatten.
+
+Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Z"ugen den
+k"uhlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken
+und verloren in ihre Gedanken. Die Z"artlichkeit vergangener Tage
+ergriff von neuem ihre Herzen, unersch"opflich und schweigsam wie
+der dahinflie"sende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
+Erinnerung an da{\s} Einst war von Schatten durchwirkt, die
+verschwommener und wehm"utiger waren al{\s} die der unbeweglichen
+Weiden, deren Umrisse au{\s} den Gr"asern wuchsen. Zuweilen
+raschelte auf seiner n"achtlichen Jagd ein Tier durch{\s}
+Gestr"auch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man h"orte, wie ein
+reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel.
+
+"`Wa{\s} f"ur eine wunderbare Nacht!"' sagte Rudolf.
+
+"`Wir werden noch sch"onere erleben!"' erwiderte Emma. Und wie zu
+sich selbst fuhr sie fort: "`Ach, wie herrlich wird unsere Reise
+werden ... Aber warum ist mir da{\s} Herz so schwer? Warum wohl?
+Ist e{\s} die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, da{\s}
+Gewohnte zu verlassen ... oder wa{\s} ist{\s}? Ach, e{\s} ist
+da{\s} "Uberma"s von Gl"uck! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih
+mir!"'
+
+"`Noch ist e{\s} Zeit!"' rief er au{\s}. "`"Uberleg dir{\s}! Wird
+e{\s} dich auch niemal{\s} reuen?"'
+
+"`Niemal{\s}!"' beteuerte sie leidenschaftlich.
+
+Sie schmiegte sich an ihn.
+
+"`Wa{\s} k"onnte mir denn Schlimme{\s} bevorstehen! E{\s} gibt
+keine W"uste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht
+durchqueren w"urde! Je l"anger wir zusammen leben werden, um so
+inniger und vollkommener werden wir un{\s} lieben! Keine Sorge,
+kein Hinderni{\s} wird un{\s} mehr qu"alen! Wir werden allein sein
+und ein{\s} immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!"'
+
+Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenr"aumen:
+
+"`Ja ... ja ... ja!"'
+
+Sie strich mit den H"anden durch sein Haar und fl"usterte wie ein
+kleine{\s} Kind unter gro"sen rollenden Tr"anen immer wieder:
+
+"`Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter
+Rudolf~..."'
+
+E{\s} schlug Mitternacht.
+
+"`Mitternacht!"' sagte sie. "`Nun hei"st e{\s}: morgen! Nur noch
+ein Tag!"'
+
+Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und al{\s} ob diese
+Geb"arde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
+fr"ohlich.
+
+"`Hast du die P"asse?"' fragte sie.
+
+"`Ja."'
+
+"`Hast du nicht{\s} vergessen?"'
+
+"`Nein."'
+
+"`Wei"st du da{\s} genau?"'
+
+"`Ganz genau!"'
+
+"`Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittag{\s}?"'
+
+Er nickte.
+
+"`Also morgen auf Wiedersehen!"' sagte Emma mit einem letzten
+Kusse.
+
+Er ging, und sie sah ihm nach.
+
+Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bi{\s} an den
+Bachrand und rief durch die Weiden hindurch:
+
+"`Auf morgen!"'
+
+Er war schon dr"uben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
+die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Al{\s} er sah,
+wie ihr wei"se{\s} Kleid allm"ahlich im Schatten verschwand wie
+eine Vision, da bekam er so heftige{\s} Herzklopfen, da"s er sich
+gegen einen Baum lehnen mu"ste, um nicht umzusinken.
+
+"`Ich bin kein Mann!"' rief er au{\s}. "`Hol mich der Teufel! Ein
+h"ubsche{\s} Weib war{\s} doch!"'
+
+Emma{\s} Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten
+ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber emp"orte er sich gegen
+diese R"uhrung.
+
+"`Nein, nein! Ich kann Hau{\s} und Hof nicht verlassen!"'
+
+Er gestikulierte heftig.
+
+"`Und dann da{\s} l"astige Kind ... die Scherereien ... die
+Kosten!"'
+
+Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s} auf, um sich stark zu machen.
+
+"`Nein, nein! Tausendmal nein! E{\s} w"are eine Riesentorheit!"'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dreizehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
+Schreibtisch, "uber dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
+Jagdtroph"ae, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
+wu"ste er nicht, wa{\s} er schreiben sollte. Den Kopf zwischen
+beide H"ande gest"utzt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in
+weite Ferne entr"uckt. Der blo"se Entschlu"s, mit ihr zu brechen,
+hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
+
+Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er au{\s} dem
+Schranke, der am Kopfende seine{\s} Bette{\s} stand, eine alte
+Blechschachtel hervor, in der urspr"unglich einmal Kake{\s} drin
+gewesen waren und in der er seine "`Weiberbriefe"' aufbewahrte.
+Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu
+oberst lag ein Taschentuch, verbla"ste Blutflecken darauf. E{\s}
+war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spazierg"ange hatte sie
+einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel e{\s} ihm wieder ein.
+Daneben lag ein Bild von ihr, da{\s} sie ihm geschenkt hatte. Alle
+vier Ecken daran waren abgesto"sen. Da{\s} Kleid, da{\s} sie auf
+diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder
+Blick j"ammerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und
+sich da{\s} Urbild in die Phantasie zur"uckzurufen suchte,
+verschwammen Emma{\s} Z"uge in seinem Ged"achtnisse, gleichsam
+al{\s} ob sich die noch lebende Erinnerung und da{\s} gemalte
+Bildchen gegenseitig befehdeten und ein{\s} da{\s} andre
+vernichtete.
+
+Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die au{\s} der letzten
+Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
+sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Gesch"aft{\s}briefe. Er
+suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
+mu"ste er den ganzen Kasten durchw"uhlen. Au{\s} dem Wust von
+Papieren und kleinen Gegenst"anden zog er mechanisch welke Blumen,
+ein Strumpfband, eine schwarze Ma{\s}ke, Haarnadeln und Locken
+herau{\s}. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten
+sich in{\s} Scharnier gezw"angt und rissen nun beim
+Herau{\s}nehmen~...
+
+Mit allen diesen Andenken vertr"odelte er eine Weile. Er stellte
+seine Betrachtungen "uber die verschiedenen Handschriften an,
+"uber den Stil in den einzelnen Briefb"undeln, "uber die nicht
+minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten
+z"artlich geschrieben, andre lustig, witzig oder r"uhrselig. Die
+wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
+bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
+einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
+Erinnerung herauf.
+
+Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
+Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
+in den Schmutz. Etwa{\s} Gemeinsame{\s} -- die Liebe -- stellte
+sie allesamt auf ein und da{\s}selbe Niveau.
+
+Wahllo{\s} nahm er einen Sto"s Briefe in die Finger, bildete eine
+Art F"acher darau{\s} und spielte damit. Schlie"slich aber warf er
+sie, halb gelangweilt, halb vertr"aumt, wieder in den Kasten und
+stellte diesen in den Schrank zur"uck.
+
+"`Lauter Bl"odsinn!"'
+
+Da{\s} war der Extrakt seiner Leben{\s}wei{\s}heit. Sein Herz war
+wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmung{\s}lo{\s}
+herumgetrampelt waren, da"s kein gr"uner Halm mehr spro"s. Die
+Freuden de{\s} Dasein{\s} hatten noch gr"undlicher gewirtschaftet.
+Die Sch"uler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolf{\s} Herz
+war keiner zu lesen.
+
+"`Nun aber lo{\s}!"' rief er sich zu.
+
+Er begann zu schreiben:
+
+"`Liebe Emma!
+
+Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."'
+
+"`Eigentlich sehr richtig!"' dachte er bei sich. "`Da{\s} ist nur
+in ihrem Interesse. Also durchau{\s} anst"andig von mir~..."'
+
+"`... Hast Du Dir Deinen Entschlu"s wirklich reiflich "uberlegt?
+Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, arme{\s} Lieb, in den ich
+Dich beinahe schon gef"uhrt h"atte? Wohl nicht! Du folgst mir
+tollk"uhn und zuversichtlich, im festen Glauben an da{\s} Gl"uck,
+an die Zukunft! Ach, wie ungl"ucklich sind wir! Und wie verblendet
+waren wir!"'
+
+Rudolf h"orte zu schreiben auf. Er suchte nach guten
+Au{\s}fl"uchten. "`Wenn ich ihr nun sagte, ich h"atte mein
+Verm"ogen verloren? Ach, nein, lieber nicht! "Ubrigen{\s} n"utzte
+da{\s} nicht{\s}. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem
+lo{\s}. E{\s} ist, wei"s Gott, verdammt schwer, so eine Frau
+wieder vern"unftig zu machen!"'
+
+Er sann nach, dann schrieb er weiter:
+
+"`Ich werde Dich niemal{\s} vergessen. Glaube mir da{\s}! Mein
+ganze{\s} Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner
+gedenken. So aber h"atte sich unsre Leidenschaft (da{\s} ist nun
+einmal da{\s} Schicksal alle{\s} Menschlichen!) eine{\s} Tage{\s},
+fr"uher oder sp"ater, doch verfl"uchtet. Zweifello{\s}! Wir w"aren
+ihrer m"ude geworden, und wer wei"s, ob mir nicht der gr"a"sliche
+Schmerz beschieden gewesen w"are, Deine Reue zu erleben und selber
+welche zu empfinden al{\s} Veranlasser der Deinigen? Die blo"se
+Vorstellung, Dir diese{\s} Leid verursachen zu k"onnen, martert
+mich. Liebste Emma, vergi"s mich! Wir h"atten un{\s} nie kennen
+lernen sollen! Warum bist Du so sch"on! Bin ich der Schuldige? Bei
+Gott, nein, nein! Wir m"ussen da{\s} Schicksal anklagen~..."'
+
+"`Diese{\s} Wort machte immer Eindruck"', sagte er zu sich.
+
+"`Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau w"arst, wie e{\s} ihrer so
+viele gibt, ja dann h"atte ich den Versuch wagen k"onnen, au{\s}
+Egoi{\s}mu{\s}, ohne Gefahr f"ur Dich. Aber bei Deiner k"ostlichen
+schw"armerischen Art, dem Quell Deine{\s} Reize{\s} und zugleich
+Deine{\s} vielen Kummer{\s}, bist Du nicht imstande, Du Beste
+aller Frauen, die Kehrseite unsrer zuk"unftigen Stellung in der
+Welt vorau{\s}zusehen. Auch ich habe zun"achst gar nicht daran
+gedacht, habe mich in unserm H"ohengl"ucke behaglich gesonnt, mich
+in ein M"archenland getr"aumt und mich um keine Folgen
+gek"ummert~..."'
+
+"`Vielleicht glaubt sie, ich z"oge mich au{\s} Geiz zur"uck ...
+Auch egal! Desto besser! Wenn{\s} nur Schlu"s wird!"'
+
+"`... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man h"atte un{\s}
+"uberall, wohin wir gekommen w"aren, Schwierigkeiten bereitet. Du
+h"attest unversch"amte Fragen, Verleumdungen, Schm"ahungen und
+vielleicht Beleidigungen "uber Dich ergehen lassen m"ussen.
+Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner K"onigin erheben.
+Du solltest mein Heiligste{\s} sein. Nun bestrafe ich mich mit der
+Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimme{\s} angetan habe. Ich
+gehe fort. Wohin? Ach, ich wei"s e{\s} nicht, ich bin wahnsinnig!
+
+Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergi"s den Ungl"ucklichen nicht
+ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen,
+damit sie mich in ihre Gebete einschlie"st!"'
+
+Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
+Schreibtisch auf und schlo"s da{\s} Fenster.
+
+"`So! Ich denke, da{\s} gen"ugt! Halt! Noch etwa{\s}! Auf keinen
+Fall eine Au{\s}sprache!"'
+
+Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
+
+"`Wenn Du diese betr"ubten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
+weg, denn ich mu"s eilend{\s} fliehen, um der Versuchung zu
+entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach
+werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht
+miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, k"uhl und
+vern"unftig. Adieu!"'
+
+Er setzte noch ein "`A dieu!"' darunter, in zwei Worten
+geschrieben. Da{\s} hielt er f"ur sehr geschmackvoll.
+
+"`Wie soll ich nun unterzeichnen?"' fragte er sich. "`Dein
+ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!"'
+
+Und er schrieb:
+
+\hfill "`Dein treuer Freund
+
+\hfill R."' \hspace{3em}
+
+Er la{\s} den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
+
+"`Arme{\s} Frauchen!"' dachte er in einem Anflug von R"uhrseligkeit.
+"`Sie wird denken, ich sei gef"uhllo{\s} wie Stein. Eigentlich
+fehlen ein paar Tr"anenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Da{\s}
+ist mein Fehler."'
+
+Er go"s etwa{\s} Wasser au{\s} der Flasche in ein Gla{\s}, tauchte
+einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und lie"s einen gro"sen
+Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift
+f"arbte ihn bla"sblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun
+nach einem Petschaft. Da{\s} mit dem Wahlspruch
+\begin{antiqua}Amor nel Cor\end{antiqua} geriet ihm in die Hand.
+
+"`Pa"st eigentlich nicht gerade!"' dachte er. "`Ach wa{\s}! Tut
+nicht{\s}!"'
+
+Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
+
+E{\s} war sp"at geworden. Am andern Tage stand er mittag{\s} gegen
+zwei Uhr auf. Al{\s}bald lie"s er ein K"orbchen Aprikosen
+pfl"ucken, legte den Brief unter die Weinbl"atter am Boden und
+befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverz"uglich Frau
+Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma h"aufig Nachrichten
+zukommen lassen, je nach der Jahre{\s}zeit, zusammen mit Fr"uchten
+oder Wild.
+
+"`Wenn sie sich nach mir erkundigt,"' instruierte er, "`dann
+antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr pers"onlich
+in die H"ande! Verstanden? So! Ab!"'
+
+Gerhard zog seine neue Bluse an, kn"upfte sein Taschentuch "uber
+die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
+schwerf"alligen Schritten voller Gem"ut{\s}ruhe gen Yonville.
+
+Al{\s} der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
+besch"aftigt, auf dem K"uchentische zusammen mit Felicie W"asche
+zu falten.
+
+"`Eine sch"one Empfehlung von meinem Herrn,"' vermeldete er, "`und
+da{\s} schickt er hier!"'
+
+Emma "uberkam eine bange Ahnung, und w"ahrend sie in ihrer
+Sch"urzentasche nach einem Geldst"ucke zum Trinkgeld suchte, sah
+sie den Mann mit verst"ortem Blick an. Der betrachtete sie
+verwundert; er begriff nicht, da"s ein solche{\s} Geschenk
+jemanden so sehr aufregen k"onne. Dann ging er.
+
+Felicie war noch da. Emma hielt e{\s} nicht l"anger au{\s}, sie
+eilte in da{\s} E"szimmer, indem sie sagte, sie wolle die
+Aprikosen dahin tragen. Dort sch"uttete sie den Korb au{\s}, nahm
+die Weinbl"atter herau{\s} und fand den Brief. Sie "offnete ihn
+und floh hinauf nach ihrem Zimmer, al{\s} brenne e{\s} hinter ihr.
+Sie war fassung{\s}lo{\s} vor Angst.
+
+Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwa{\s} zu ihr. Sie
+verstand e{\s} nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe h"oher,
+au"ser Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverr"uckt, immer den
+unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
+knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
+Bodent"ure stehen.
+
+Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht au{\s} dem
+Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte e{\s} nicht.
+Nirgend{\s} war sie ungest"ort.
+
+"`Ja, hier geht{\s}!"' sagte sie sich. Sie klinkte die T"ur auf
+und trat in die Bodenkammer.
+
+Unter den Schieferplatten de{\s} Dache{\s} br"utete dumpfe
+Schw"ule, die ihr auf die Schl"afen dr"uckte und den Atem benahm.
+Sie schleppte sich bi{\s} zu dem gro"sen Bodenfenster und stie"s
+den Holzladen auf. Grelle{\s} Licht flutete ihr entgegen.
+
+Vor ihr, "uber den D"achern, breitete sich da{\s} Land bi{\s} in
+die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine
+de{\s} Fu"ssteig{\s} gl"anzten. Die Wetterfahnen der H"auser
+standen unbeweglich. Au{\s} dem Eckhause schr"ag gegen"uber,
+au{\s} einem der Dachfenster drang ein schnarrende{\s},
+kreischende{\s} Ger"ausch herauf. Binet sa"s an seiner Drehbank.
+
+Emma lehnte sich an da{\s} Fensterkreuz und la{\s} den Brief mit
+zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je
+gr"undlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken.
+Im Geist sah sie den Geliebten, h"orte ihn reden, zog ihn
+leidenschaftlich an sich. Da{\s} Herz schlug ihr in der Brust wie
+mit wuchtigen Hammerschl"agen, die immer rascher und
+unregelm"a"siger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie f"uhlte
+den Wunsch in sich, da"s die ganze Welt zusammenst"urze. Wozu
+weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die
+Vogelfreie?
+
+Sie bog sich weit au{\s} dem Fenster herau{\s} und starrte hinab
+auf da{\s} Stra"senpflaster.
+
+"`Mut! Mut!"' rief sie sich zu.
+
+Da{\s} leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihre{\s}
+K"orper{\s} f"ormlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung,
+al{\s} bewege sich die Fl"ache de{\s} Marktplatze{\s} und hebe
+sich an den H"ausermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie
+stand, begann zu schwanken wie da{\s} Deck eine{\s} Seeschiffe{\s}
+... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinau{\s}. Schon hing
+sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und
+die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch
+sich nicht mehr fest\/zuhalten, nur noch die H"ande lo{\s}zulassen
+... Ohne Unterla"s summte unten die Drehbank wie die rufende
+Stimme eine{\s} b"osen Geiste{\s}~...
+
+In diesem Moment rief Karl:
+
+"`Emma! Emma!"'
+
+Da kam sie wieder zur Besinnung.
+
+"`Wo steckst du denn? Komm doch!"'
+
+Der Gedanke, da"s sie soeben dem Tode entronnen war, erf"ullte sie
+mit Schrecken und Grauen. Sie schlo"s die Augen. Zusammenfahrend
+f"uhlte sie sich von jemandem am Arm gefa"st: e{\s} war Felicie.
+
+"`Gn"adige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet."'
+
+Sie mu"ste hinunter, mu"ste sich mit zu Tisch setzen.
+
+Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
+hinunter. Sie faltete ihre Serviette au{\s}einander, al{\s} ob sie
+sich die au{\s}gebesserten Stellen genau ansehen wollte, und
+wirklich tat sie da{\s} und begann die F"aden de{\s} Gewebe{\s} zu
+z"ahlen ... Pl"otzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie
+ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt,
+al{\s} da"s sie imstande gewesen w"are, einen Vorwand zu ersinnen,
+um bei Tisch aufstehen zu k"onnen. Sie war feig geworden. Sie
+hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wu"ste er nun alle{\s},
+sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigent"umlicher
+Betonung:
+
+"`Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?"'
+
+"`Wer hat dir da{\s} gesagt?"' fragte sie zitternd.
+
+"`Wer mir da{\s} gesagt hat?"' wiederholte er, ein wenig betroffen
+von dem harten Klang ihrer Frage. "`Na, sein Kutscher, dem ich
+vorhin vor dem Cafe Fran\c{c}ai{\s} begegnet bin. Boulanger ist
+verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen~..."'
+
+Emma schluchzte laut auf.
+
+"`Wundert dich da{\s}?"' fuhr er fort. "`Er verdr"uckt sich doch
+immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kann{\s} ihm
+nicht verdenken. Wenn man da{\s} n"otige Geld dazu hat und
+Junggeselle ist~... "Ubrigen{\s} ist unser Freund ein
+Leben{\s}k"unstler! Ein alter Sch"aker! Langloi{\s} hat mir
+erz"ahlt~..."'
+
+Er verstummte, au{\s} Anstand, weil da{\s} Dienstm"adchen gerade
+hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in da{\s}
+K"orbchen, da{\s} auf der Kredenz stand. Karl lie"s e{\s} sich auf
+den Tisch bringen, ohne zu bemerken, da"s seine Frau rot wurde. Er
+nahm eine der Fr"uchte und bi"s hinein.
+
+"`Ah!"' machte er. "`Vorz"uglich! Koste mal!"'
+
+Er schob ihr da{\s} K"orbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
+
+"`So riech doch wenigsten{\s}! Da{\s} ist ein Duft!"'
+
+Er hielt ihr eine Aprikose link{\s} und recht{\s} an die Nase.
+
+"`Ich bekomm keine Luft!"' rief sie und sprang auf. Aber schnell
+beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft.
+"`E{\s} war nicht{\s}! Gar nicht{\s}! Wieder meine Nerven! Setz
+dich nur wieder hin und i"s!"'
+
+Sie f"urchtete, er k"onne sie au{\s}fragen, um sie besorgt sein
+und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte
+sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand
+und legte sie dann auf seinen Teller.
+
+Da fuhr drau"sen ein blauer Dogcart im flotten Trabe "uber den
+Markt. Emma stie"s einen Schrei au{\s} und fiel r"uckling{\s}
+langhin zu Boden.
+
+Rudolf hatte sich nach langer "Uberlegung entschlossen, nach Rouen
+zu fahren. Da nun aber von der H"uchette nach dorthin kein anderer
+Weg al{\s} der "uber Yonville f"uhrte, mu"ste er diesen Ort wohl
+oder "ubel ber"uhren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen,
+die drau"sen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
+
+Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, da"s im Hause de{\s}
+Arzte{\s} "`wa{\s} lo{\s} sei"', st"urzte herbei. Der E"stisch war
+mit allem, wa{\s} darauf gestanden, umgest"urzt. Die Teller,
+da{\s} Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und "Ol, alle{\s}
+lag auf dem Fu"sboden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die
+erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in
+Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden H"anden die Kleider auf.
+
+"`Ich werde schnell Kr"auteressig au{\s} meinem Laboratorium
+holen!"' sagte Homai{\s}.
+
+Al{\s} man Emma da{\s} Fl"aschchen an{\s} Gesicht hielt, schlug
+sie seufzend die Augen wieder auf.
+
+"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker. "`Damit kann man Tote
+erwecken!"'
+
+"`Sprich!"' bat Karl. "`Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein
+Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib
+ihr einen Ku"s!"'
+
+Da{\s} Kind streckte die "Armchen nach der Mutter au{\s} und
+wollte sie um den Hal{\s} fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg
+und stammelte:
+
+"`Nicht doch! Niemanden!"'
+
+Sie wurde abermal{\s} ohnm"achtig. Man trug sie in ihr Bett.
+
+Lang au{\s}gestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
+geschlossen, die H"ande schlaff herabh"angend, regung{\s}lo{\s}
+und bla"s wie ein Wach{\s}bild. Ihren Augen entquollen Tr"anen,
+die in zwei Ketten langsam auf da{\s} Kissen rannen.
+
+Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
+nachdenklich, wie da{\s} bei ernsten Vorf"allen so herk"ommlich
+ist.
+
+"`Beruhigen Sie sich!"' sagte Homai{\s} und zupfte den Arzt. "`Ich
+glaube, der Paroxy{\s}mu{\s} ist vor"uber."'
+
+"`Ja,"' erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. "`Jetzt
+scheint sie ein wenig zu schlafen, die "Armste! Ein R"uckfall in
+da{\s} alte Leiden!"'
+
+Nun erkundigte sich Homai{\s}, wie da{\s} gekommen sei. Karl gab
+zur Antwort:
+
+"`Ganz pl"otzlich! W"ahrend sie eine Aprikose a"s."'
+
+"`H"ochst merkw"urdig!"' meinte der Apotheker. "`E{\s} ist
+indessen m"oglich, da"s die Aprikosen die Ohnmacht verursacht
+haben. E{\s} gibt gewisse Naturen, die f"ur bestimmte Ger"uche
+stark empf"anglich sind. E{\s} w"are eine sehr interessante
+Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen,
+sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen
+Gesicht{\s}punkten. Die Pfaffen haben von jeher gewu"st, wie
+wertvoll da{\s} f"ur sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim
+Gotte{\s}dienst ist uralt. Damit schl"afert man den Verstand ein
+und versetzt And"achtige in Ekstase, am leichtesten "ubrigen{\s}
+weibliche Wesen. Die sind feinnerviger al{\s} wir M"anner. Ich
+habe von F"allen gelesen, wo Frauen ohnm"achtig geworden sind beim
+Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot~..."'
+
+"`Geben Sie acht, da"s sie nicht aufgeweckt wird!"' mahnte Bovary
+mit fl"usternder Stimme.
+
+"`Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,"'
+fuhr der Apotheker fort, "`sondern sogar bei Tieren. Zweifello{\s}
+ist Ihnen nicht unbekannt, da"s \begin{antiqua}Nepeta
+cataria\end{antiqua}, vulg"ar Katzenminze, sonderbarerweise auf
+da{\s} gesamte Katzengeschlecht al{\s} Aphrodisiakum wirkt. Einen
+weiteren Beleg kann ich au{\s} meiner eigenen Erfahrung anf"uhren.
+Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt in der
+Malpalu-Stra"se -- besitzt einen Foxterrier, der jede{\s}mal
+Kr"ampfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabak{\s}dose vor die
+Nase h"alt. Ich habe diese{\s} Experiment selber ein paarmal mit
+angesehen, im Landhause meine{\s} Freunde{\s} am Wilhelm{\s}walde.
+Sollte man{\s} f"ur m"oglich halten, da"s ein so harmlose{\s}
+Niesemittel in den Organi{\s}mu{\s} eine{\s} Vierf"u"sler{\s}
+derartig eingreifen kann? Da{\s} ist h"ochst merkw"urdig, nicht
+wahr?"'
+
+"`Gewi"s!"' sagte Karl, der gar nicht darauf geh"ort hatte.
+
+"`Da{\s} beweist un{\s},"' fuhr der andre fort,
+gutm"utig-selbstgef"allig l"achelnd, "`da"s im Nervensystem
+zahllose Unregelm"a"sigkeiten m"oglich sind. Ich mu"s gestehen,
+da"s mir Ihre Frau Gemahlin immer au"serordentlich reizsam
+vorgekommen ist. Darum m"ochte ich Ihnen, verehrter Freund, auf
+keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die
+angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in
+Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier
+sind Medikamente unn"utz! Di"at! Weiter nicht{\s}! Beruhigende,
+milde, kr"aftigende Kost! Und dann, k"onnte man bei ihr nicht auch
+irgendwie auf die Einbildung{\s}kraft einzuwirken versuchen?"'
+
+"`Wieso? Womit?"'
+
+"`Ja, da{\s} ist eben die Frage! Da{\s} ist wirklich die Frage!
+\begin{antiqua}That is the question\end{antiqua}! -- wie ich
+neulich in der Zeitung gelesen habe."'
+
+Emma erwachte und rief:
+
+"`Der Brief? Der Brief?"'
+
+Die beiden M"anner glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
+da{\s} mitternacht{\s} ein. Emma hatte Gehirnent\/z"undung.
+
+In den n"achsten sech{\s} Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager.
+Er vernachl"assigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
+unerm"udlich ma"s er ihren Pul{\s}, legte ihr Senfpflaster auf und
+erneute die Kaltwasser-Umschl"age. Er schickte Justin nach
+Neufch\^atel, um Ei{\s} zu holen. E{\s} schmolz unterweg{\s}.
+Justin mu"ste nochmal{\s} hin. Doktor Canivet wurde konsultiert.
+Professor Larivi\`ere, sein ehemaliger Lehrer, ward au{\s} Rouen
+hergeholt. Karl war der v"olligen Verzweiflung nahe. Am meisten
+"angstigte ihn Emma{\s} Apathie. Sie sprach nicht, interessierte
+sich f"ur nicht{\s}, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu
+empfinden. E{\s} war, al{\s} h"atten K"orper wie Geist bei ihr
+alle ihre Funktionen eingestellt.
+
+Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gest"utzt, wieder
+aufrecht in ihrem Bette sitzen. Al{\s} sie da{\s} erste Br"otchen
+mit eingemachten Fr"uchten verzehrte, da weinte Karl. Allm"ahlich
+kehrten ihre Kr"afte zur"uck. Sie durfte nachmittag{\s} ein paar
+Stunden aufstehen, und eine{\s} Tage{\s} f"uhlte sie sich soweit
+wohl, da"s sie an Karl{\s} Arm einen kleinen Spaziergang durch den
+Garten versuchte.
+
+Auf den sandigen Wegen lag gefallene{\s} Laub. Sie ging ganz
+langsam, in Hau{\s}schuhen, ohne die F"u"se zu heben. An Karl
+angeschmiegt, l"achelte sie in einem fort vor sich hin.
+
+So schritten sie bi{\s} hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
+stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
+"uber die Augen. Lange schaute sie hinau{\s} in die Weite. Aber
+e{\s} gab in der Ferne nicht{\s} zu sehen al{\s} auf den H"ugeln
+gro"se Feuer, in denen man landwirtschaftliche "Uberbleibsel
+verbrannte.
+
+"`Da{\s} Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!"' warnte Karl
+und geleitete sie behutsam zur Laube hin. "`Setz dich hier ein
+wenig auf die Bank! Da{\s} wird dir gut tun!"'
+
+"`Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!"' stie"s sie mit
+ersterbender Stimme hervor.
+
+Sie wurde ohnm"achtig, und abend{\s} war die Krankheit von neuem
+da, und zwar in erh"ohtem Grade und mit allerlei Komplikationen.
+Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im
+Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein
+Au{\s}wurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der
+Lungenschwindsucht zu erkennen w"ahnte.
+
+Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Zun"achst wu"ste er nicht, wie er dem Apotheker die vielen
+Arzneien ver\-g"uten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Al{\s}
+Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber da{\s} w"are ihm
+peinlich gewesen. Dann war der Hau{\s}halt, jetzt wo ihn da{\s}
+M"adchen f"uhrte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen
+regneten nur so in{\s} Hau{\s}. Die Lieferanten begannen
+ungeduldig zu werden. In{\s}besondre mahnte Lheureux in l"astiger
+Weise. Er hatte den H"ohepunkt von Emma{\s} Krankheit dazu
+benutzt, ihre Rechnung h"oher au{\s}zuschreiben, al{\s} sie
+wirklich war. Flug{\s} brachte er auch den Mantel, die Handtasche
+und zwei Koffer statt de{\s} einen und noch eine Menge andrer
+Gegenst"ande, die bestellt worden seien, wie er behauptete. E{\s}
+n"utzte Bovary gar nicht{\s}, da"s er erkl"arte, er brauche die
+Sachen nicht; der H"andler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle
+diese Waren seien bei ihm bestellt und er n"ahme sie nicht
+zur"uck. Herr Bovary m"oge sich{\s} "uberlegen; er werde ihn eher
+verklagen al{\s} sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin
+dem M"adchen, die Gegenst"ande im Gesch"aft abzugeben, aber
+Felicie verga"s e{\s}. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu
+k"ummern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit
+unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald
+jammernd, brachte er e{\s} so weit, da"s ihm Bovary schlie"slich
+einen Wechsel au{\s}stellte, der in sech{\s} Monaten f"allig war.
+Al{\s} er da{\s} Papier unterschrieb, kam ihm der k"uhne Gedanke,
+tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er
+ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zin{\s}fu"s verschaffen
+k"onne. Der Handel{\s}mann eilte sofort in seinen Laden, brachte
+da{\s} Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich
+Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahre{\s}
+eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereit{\s}
+anerkannten hundertundachtzig Franken ergab da{\s} eine
+Gesamtschuld von zw"olfhundertundf"unfzig Franken. Lheureux machte
+hierbei ein ganz h"ubsche{\s} Gesch"aft; im "ubrigen wu"ste er im
+vorau{\s} genau, da"s e{\s} hierbei nicht bliebe. Er rechnete
+darauf, da"s der Arzt die Wechsel am F"alligkeit{\s}tage nicht
+einl"osen k"onne und sie prolongieren m"usse. Auf diese Weise
+sollte da{\s} erst armselige S"ummchen im Hause de{\s} Arzte{\s}
+wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und
+eine{\s} Tage{\s} dick und rund zu ihm zur"uckkehren.
+
+Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die
+regelm"a"sigen Apfelweinlieferungen f"ur da{\s} Neufch\^ateler
+Krankenhau{\s}. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der
+Torfgruben zu Gr"ume{\s}nil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane,
+zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu er"offnen,
+die den alten Rumpelkasten de{\s} Goldnen L"owen unbedingt au"ser
+Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller f"uhre, billiger
+w"are und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von
+Yonville in seine H"ande bringen.
+
+Karl gr"ubelte oftmal{\s} dar"uber nach, wie er die betr"achtliche
+Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen k"onne. Er kam dabei auf
+allerhand M"oglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
+oder irgend etwa{\s} verkaufen? Aber erstere{\s} hatte vermutlich
+keinen Erfolg, und zu verkaufen gab e{\s} nicht{\s}. Er mochte
+sich sonst noch au{\s}denken, wa{\s} er wollte: "uberall drohten
+die gr"o"sten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu
+gern weitere unerfreuliche "Uberlegungen. Er redete sich ein, er
+vernachl"assige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und
+Trachten widme. Er wollte an nicht{\s} andre{\s} denken, selbst
+wenn ihr dadurch kein Abbruch gesch"ahe.
+
+Der Winter war streng. Emma{\s} Genesung schritt nur langsam
+vorw"art{\s}. Al{\s} da{\s} Wetter w"armer wurde, schob man sie in
+ihrem Lehnstuhl an da{\s} Fenster, und zwar an da{\s} nach dem
+Marktplatze zu gelegene. Da{\s} andre mit dem Blick in den Garten
+war ihr jetzt verleidet; de{\s}halb mu"ste seine Jalousie
+best"andig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, da"s ihr
+Reitpferd verkauft werden solle. Alle{\s}, wa{\s} ihr fr"uher lieb
+gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie k"ummerte sich um nicht{\s}
+mehr al{\s} um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie
+in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem M"adchen, um sich
+die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der
+Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen
+Widerschein in da{\s} Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand
+eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden
+unau{\s}bleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie
+eigentlich gar nicht{\s} angingen, am meisten vor der
+allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen L"owen. Dann redete die
+Wirtin laut, allerlei andre Stimmen l"armten dazwischen, und die
+Laterne Hippolyt{\s}, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
+herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
+Mittag{\s}zeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
+ihre Bouillon. Um f"unf Uhr, wenn e{\s} zu d"ammern begann, kamen
+die Kinder au{\s} der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen
+"uber da{\s} Trottoir, und im Vor"ubergehen schlug ein{\s} wie
+da{\s} andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der
+Fensterl"aden.
+
+Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
+sich nach ihrem Befinden, erz"ahlte ihr Neuigkeiten und ermahnte
+sie zur Fr"ommigkeit in gef"alligem Plaudertone. Schon der Anblick
+der Soutane hatte f"ur Emma etwa{\s} Beruhigende{\s}.
+
+Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte
+sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letzte{\s}
+St"undlein sei gekommen. W"ahrend man im Gemach die n"otigen
+Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen
+bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fu"sboden mit
+Blumen bestreute, da war e{\s} ihr, al{\s} "uberk"ame sie eine
+geheimni{\s}volle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen
+und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie k"orperlo{\s} geworden, sie
+hegte keine Gedanken mehr, und ein neue{\s} Leben begann ihr. Sie
+hatte da{\s} Gef"uhl, al{\s} schwebe ihre Seele gen Himmel, al{\s}
+verl"osche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine
+Opferflamme "uber verglimmendem R"aucherwerk. Man besprengte ihr
+Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die wei"se Hostie au{\s}
+dem heiligen Ciborium. Halb ohnm"achtig vor "uberirdischer Lust,
+"offnete Emma die Lippen, um den Leib de{\s} Heiland{\s} zu
+empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorh"ange um sie herum
+bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen
+auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
+Gloriolen her"uber. Al{\s} sie mit dem Kopfe in da{\s} Kissen
+zur"ucksank, glaubte sie au{\s} himmlischen H"ohen seraphische
+Harfenkl"ange zu h"oren und im Azur auf goldnem Throne, umringt
+von Heiligen mit gr"unen Palmen, Gott den Vater in aller seiner
+erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit
+Flammenfl"ugeln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen~...
+
+Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Ged"achtnisse.
+E{\s} war der allersch"onste Traum, den sie je getr"aumt. Sie gab
+sich M"uhe, da{\s} Bild immer wieder zu empfinden. E{\s} wich ihr
+nicht au{\s} der Phantasie, aber e{\s} erschien ihr nur manchmal
+und in s"u"ser Verkl"arung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich
+in christlicher Demut. Da{\s} Gef"uhl der menschlichen Ohnmacht
+ward ihr ein k"ostlicher Genu"s. Sie sah f"ormlich, wie au{\s}
+ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden
+g"ottlichen Gnade T"ur und Tor weit "offnete. E{\s} gab also
+au"ser dem Erdengl"uck eine h"ohere Gl"uckseligkeit und "uber
+aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und
+ohne Ende, eine Br"ucke in da{\s} Ewige! In neuen Illusionen
+ertr"aumte sie sich "uber der Erde ein Reich der Reinheit, einen
+Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine
+Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkr"anze und trug Amulette.
+Ihr gr"o"ster Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu H"aupten ihre{\s}
+Bette{\s}, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den
+wollte sie dann alle Abende k"ussen.
+
+Der Pfarrer wunderte sich "uber Emma{\s} Wandlung, verhehlte sich
+jedoch nicht, da"s diese allzu inbr"unstige Fr"ommigkeit sehr
+leicht in "Uberschwenglichkeit und Ketzerei au{\s}arten k"onne.
+Aber er war kein Seelenkenner, zumal au"sergew"ohnlichen
+Erscheinungen gegen"uber. De{\s}halb wandte er sich an den
+Buchh"andler de{\s} Erzbischof{\s} und bat ihn, ihm "`ein
+passende{\s} Erbauung{\s}buch f"ur eine gebildete
+Frauen{\s}person"' zu schicken. Mit der gr"o"sten
+Gleichg"ultigkeit, al{\s} handle e{\s} sich darum, irgendwelchen
+Krim{\s}kram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
+Buchh"andler alle m"oglichen gerade vorr"atigen frommen Schriften
+in ein Paket: Katechi{\s}men in Form von Frage und Antwort,
+Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und fr"ommelnde Romane in
+rosa Einb"andchen und s"u"slichem Stil, verbrochen von dichtenden
+Schulmeistern oder blaustr"umpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
+"`Die Herzpostille"', "`Der Weltmann zu F"u"sen Mari"a. Von Herrn
+von ***, Ritter mehrerer Orden"', "`Voltaire{\s} Ketzereien zum
+Gebrauch f"ur die Jugend"', usw. usw.
+
+Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
+Dingen ernstlich befassen zu k"onnen. "Uberdie{\s} st"urzte sie
+sich auf diese B"ucher mit allzu gro"sem Bed"urfni{\s} nach
+wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren emp"orte
+sie, die Anma"sungen der Polemik stie"sen sie ab, und die
+Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden,
+mi"sfiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religi"ose
+Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der
+geringsten Weltkenntni{\s}. Sie verschleierten die Realit"aten
+de{\s} Leben{\s}, f"ur deren Brutalit"at sie viel lieber
+literarische Beweise gefunden h"atte. Trotzdem la{\s} sie weiter,
+und wenn ihr ein{\s} der B"ucher au{\s} den H"anden glitt, dann
+w"ahnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
+empfinden, wie ihn nur die "ubersinnlichsten Seelen zu versp"uren
+imstande sind.
+
+Da{\s} Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihre{\s}
+Herzen{\s} begraben; darin ruhte e{\s} unber"uhrter und stiller
+denn eine "agyptische K"onig{\s}mumie in ihrer Kammer. Au{\s}
+dieser gro"sen eingesargten Liebe drang ein leiser, alle{\s}
+durchstr"omender Duft von Z"artlichkeit in da{\s} neue reine
+Dasein, da{\s} Emma f"uhren wollte. Wenn sie in ihrem gotischen
+Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten
+Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugefl"ustert hatte in den
+Ekstasen de{\s} Ehebruch{\s}. Damit wollte sie der g"ottlichen
+Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine
+Tr"ostung, und sie erhob sich mit m"uden Gliedern und dem leeren
+Gef"uhl, namenlo{\s} betrogen worden zu sein. Diese{\s} Suchen,
+dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
+ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den gro"sen Damen
+der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damal{\s}, al{\s} sie "uber den
+Szenen au{\s} dem Leben de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere
+tr"aumte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit k"oniglicher
+Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen
+Stunden zu F"u"sen Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen
+au{\s}geweint hatten.
+
+Nun wurde sie "uber die Ma"sen mildt"atig. Sie n"ahte Kleider f"ur
+die Armen, schickte W"ochnerinnen Brennholz, und al{\s} Karl
+eine{\s} Tage{\s} heimkam, fand er in der K"uche drei
+Gassenjungen, die Suppe a"sen. Die kleine Berta wurde wieder
+in{\s} Hau{\s} genommen; Karl hatte sie w"ahrend der Krankheit
+seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma
+da{\s} Lesen beibringen. Wenn da{\s} Kind weinte, regte sie sich
+nicht mehr auf. E{\s} war eine Art Resignation "uber sie gekommen,
+eine duldsame Nachsicht gegen alle{\s}. Ihre Sprache ward voll
+gew"ahlter Au{\s}dr"ucke, selbst Allt"aglichkeiten gegen"uber.
+
+Die alte Frau Bovary hatte nicht{\s} mehr an Emma au{\s}zusetzen,
+abgesehen von ihrer Manie, f"ur Waisenkinder Jacken zu stricken
+und ihre eigenen Wischt"ucher unau{\s}gebessert zu lassen. Aber
+die gute Frau war der Zwiste in ihre{\s} Manne{\s} Hause derma"sen
+m"ude, da"s ihr der Frieden am Herde ihre{\s} Sohne{\s} so
+wohltat, da"s sie bi{\s} nach Ostern dablieb, um den
+B"arbei"sigkeiten de{\s} alten Bovary zu entgehen, der alle
+Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem
+Tische sehen wollte.
+
+Au"ser der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
+Rechtlichkeit und ihr w"urdige{\s} Wesen einen gewissen Halt gab,
+hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. E{\s} verkehrten
+mit ihr: Frau Langloi{\s}, Frau Caron, Frau D"ubreuil, Frau
+T"uvache, sowie die treffliche Frau Homai{\s}, die sich
+regelm"a"sig zwischen drei und f"unf Uhr einstellte. Sie hatte dem
+Klatsch, der "uber ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war,
+niemal{\s} Glauben schenken wollen. Auch die Apotheker{\s}kinder
+kamen mitunter in Justin{\s} Begleitung. Er brachte sie in
+Emma{\s} Zimmer und blieb in der N"ahe der T"ure stehen, ohne sich
+zu r"uhren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau
+Bovary gar nicht und lie"s sich in ihrem Toilettemachen nicht
+st"oren. Sie k"ammte sich da{\s} Haar, wobei sie den Kopf nach dem
+Durchziehen de{\s} Kamme{\s} jede{\s}mal mit einer eigent"umlichen
+heftigen Bewegung zur"uckwarf. Al{\s} der arme Junge zum ersten
+Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln
+bi{\s} zu den Knien herabwallte, war e{\s} ihm zumute, al{\s}
+schaue er pl"otzlich ganz Neue{\s}, Au"sergew"ohnliche{\s}, und er
+starrte wie geblendet hin.
+
+Sicherlich bemerke Emma weder sein stumme{\s} Ent\/z"ucken noch
+seine sch"uchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, da"s die
+au{\s} ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in
+neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd,
+in einem jungen Herzen, da{\s} sich der Offenbarung ihrer
+Frauensch"onheit weit "offnete. Im "ubrigen war sie jetzt in jeder
+Hinsicht grenzenlo{\s} gleichg"ultig. Mit dem stolzesten Gesichte
+sagte sie die z"artlichsten Worte. Ihr ganze{\s} Benehmen war so
+widerspruch{\s}voll, da"s man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid
+an ihr unterscheiden konnte. Man wu"ste nicht mehr, war sie
+verdorben oder unnahbar.
+
+Zum Beispiel war sie eine{\s} Abend{\s} sehr ungehalten "uber ihr
+Dienst\-m"ad\-chen. E{\s} bat, au{\s}gehen zu d"urfen, und
+stotterte irgendeinen Vorwand her. Un\-vermittelt fragte Emma:
+
+"`Du liebst ihn also?"' und, ohne Felicie{\s} Antwort abzuwarten,
+f"ugte sie in traurigem Tone hinzu: "`Geh! Lauf! Vergn"uge dich!"'
+
+In den ersten Fr"uhling{\s}tagen lie"s sie den Garten vollst"andig
+um"andern. Karl war anfang{\s} dagegen, dann jedoch freute er sich
+dar"uber, da"s sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
+"au"serte. Nach und nach bewie{\s} sie auch anderweitig, da"s sie
+sich wieder erholt hatte. Zun"achst brachte sie e{\s} zuwege, da"s
+Frau Rollet, die Amme, die sich{\s} angew"ohnt hatte, Tag f"ur Tag
+mit ihren S"auglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen
+Appetit in der K"uche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde.
+Sodann sch"uttelte sie sich die Familie Homai{\s} vom Halse, nach
+und nach auch die andern regelm"a"sigen Besucherinnen. Sogar in
+die Kirche ging sie seltener, zur gro"sen Freude de{\s}
+Apotheker{\s}, der ihr daraufhin freundschaftlichst erkl"arte:
+
+"`Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!"'
+
+Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der
+Katechi{\s}mu{\s}stunde. Am liebsten blieb er im Freien, im
+"`Hain"', wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um
+dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so
+bekamen die beiden M"anner eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den
+sie "`auf die v"ollige Genesung der gn"adigen Frau"' tranken.
+
+"Ofter{\s} fand sich auch Binet ein, da{\s} hei"st: er sa"s
+etwa{\s} tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary
+lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im
+Aufbrechen von Sektflaschen.
+
+"`Zun"achst mu"s man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,"'
+dozierte er, indem er selbstbewu"st um sich blickte, "`dann
+zerschneidet man die Bindf"aden, und dann l"a"st man dem Pfropfen
+ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!"'
+
+Aber bei dieser Vorf"uhrung spritzte der Sekt "ofter{\s} der
+ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterlie"s
+e{\s} niemal{\s}, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
+
+"`Seine Vortrefflichkeit springt einem buchst"ablich in die Augen!"'
+
+Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwa{\s}
+dagegen, al{\s} der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit
+seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort
+im Theater den ber"uhmten Tenor Lagardy anh"oren. Homai{\s}
+wunderte sich "uber diese Duldsamkeit und f"uhlte ihm de{\s}halb
+etwa{\s} auf den Zahn. Der Priester erkl"arte, er halte die Musik
+f"ur weniger sittenverderbend al{\s} die Literatur. Aber Homai{\s}
+verteidigte die letztere. Er behauptete, da{\s} Theater k"ampfe
+unter dem leichten Gewande de{\s} Spiel{\s} gegen veraltete Ideen
+und f"ur die wahre Moral.
+
+"`\begin{antiqua}Castigat ridendo mores\end{antiqua}, verehrter
+Herr Pfarrer!"' zitierte er. "`Sehen Sie sich daraufhin mal die
+Trag"odien Voltaire{\s} an! Die meisten von ihnen sind mit
+philosophischen Aphori{\s}men durchsetzt, die eine wahre Schule
+der Moral und Leben{\s}klugheit f"ur da{\s} Volk sind."'
+
+"`Ich habe einmal ein St"uck gesehen,"' sagte Binet, "`e{\s}
+hie"s: {\glq}Der Pariser Taugenicht{\s}.{\grq} Darin kommt ein
+alter General vor, wirklich ein hahneb"uchner Kerl. Er verst"o"st
+seinen Sohn, der eine Arbeiterin verf"uhrt hat; zu guter Letzt
+aber~..."'
+
+"`Gewi"s"', unterbrach ihn Homai{\s}, "`gibt e{\s} schlechte
+Literatur, genau so wie e{\s} schlechte Arzneien gibt. Aber die
+wichtigste aller K"unste de{\s}halb gleich in Bausch und Bogen zu
+verurteilen, da{\s} d"unkt mich eine kolossale Dummheit, eine
+grote{\s}ke Idee, w"urdig der abscheulichen Zeiten, die einen
+Galilei im Kerker schmachten lie"sen."'
+
+Der Pfarrer ergriff da{\s} Wort:
+
+"`Ich wei"s sehr wohl: e{\s} gibt gute Dramen und gute
+Theaterschriftsteller. Aber diese modernen St"ucke, in denen
+Personen zweierlei Geschlecht{\s} in Prunkgem"achern,
+vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese
+schamlosen B"uhnenm"atzchen, dieser Kost"umluxu{\s}, diese
+Lichtvergeudung, dieser Femini{\s}mu{\s}, alle{\s} da{\s} hat
+keine andre Wirkung, al{\s} da"s e{\s} leichtfertige Ideen in die
+Welt setzt, sch"andliche Gedanken und unz"uchtige Anwandlungen.
+Wenigsten{\s} ist da{\s} zu allen Zeiten die Ansicht der
+kirchlichen Autorit"aten."'
+
+Er nahm einen salbung{\s}vollen Ton an, w"ahrend er zwischen
+seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. "`Und wenn die
+Kirche da{\s} Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie
+in ihrem vollen Rechte. Wir m"ussen un{\s} ihrem Gebote f"ugen."'
+
+"`Jawohl,"' eiferte der Apotheker, "`man exkommuniziert die
+Schauspieler. In fr"uheren Jahrhunderten nahmen sie an den
+kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
+possenhafte St"ucke, die sogenannten Mysterien, in denen e{\s}
+h"aufig nicht{\s} weniger al{\s} dezent zuging~..."'
+
+Der Geistliche begn"ugte sich, einen Seufzer au{\s}zusto"sen. Der
+Apotheker redete immer weiter:
+
+"`Und wie steht{\s} mit der Bibel? E{\s} wimmelt darin -- Sie
+wissen{\s} ja am besten -- von Unanst"andigkeiten und -- man kann
+nicht ander{\s} sagen -- groben Schweinereien~..."' Bournisien
+machte eine unwillige Geb"arde. "`Aber Sie m"ussen mir doch
+zugeben, da"s da{\s} kein Buch ist, da{\s} man jungen Leuten in
+die Hand geben kann. Ich werde e{\s} nie zulassen, da"s meine
+Athalie~..."'
+
+"`Da{\s} sind ja die Protestanten, nicht wir,"' rief der Pfarrer
+ungeduldig, "`die den Leuten die Bibel "uberlassen!"'
+
+"`Da{\s} kommt hier nicht in Frage"', erkl"arte Homai{\s}. "`Ich
+wundre mich nur, da"s man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
+wissenschaftlichen Aufkl"arung, eine geistige Erholung zu
+verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja
+sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit f"ordert! Da{\s}
+ist doch so, nicht, Doktor?"'
+
+"`Zweifello{\s}!"' erwiderte der Arzt nachl"assig. Entweder wollte
+er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte,
+oder er hatte hier"uber "uberhaupt keine Meinung.
+
+Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
+e{\s} f"ur angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
+
+"`Ich habe Geistliche gekannt,"' behauptete er, "`die in Zivil
+in{\s} Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen
+strampeln zu sehen."'
+
+"`Ach wa{\s}!"' wehrte der Pfarrer ab.
+
+"`Doch! Ich kenne welche!"' Und nochmal{\s} sagte er, Silbe f"ur
+Silbe einzeln betonend: "`Ich -- ken -- ne -- wel -- che!"'
+
+"`Na ja,"' meinte Bournisien nachgiebig, "`die Betreffenden haben
+da aber etwa{\s} Unrechte{\s} getan."'
+
+"`Wa{\s} Unrechte{\s}? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch
+ganz andre Dinge!"'
+
+"`Herr -- Apo -- the -- ker!"' rief der Geistliche mit einem so
+zornigen Blicke, da"s Homai{\s} eingesch"uchtert wurde und
+einlenkte:
+
+"`Ich wollte damit ja nur sagen, da"s die Toleranz die beste
+F"ursprecherin der Kirche ist."'
+
+"`Sehr wahr! Sehr wahr!"' gab der gutm"utige Pfarrer zu, indem er
+sich wieder in seinen Stuhl zur"ucklehnte. Er blieb aber nur noch
+ein paar Minuten.
+
+Al{\s} er fort war, sagte Homai{\s} zu Bovary:
+
+"`Da{\s} war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ich{\s} mal
+gesteckt! Sie haben{\s} ja mit angeh"ort! Um darauf
+zur"uckzukommen: tun Sie da{\s} ja, f"uhren Sie Ihre Frau in
+da{\s} Theater, und wenn{\s} blo"s de{\s}halb w"are, um diesen
+schwarzen Raben damit zu "argern. Sapperlot! Wenn ich einen
+Vertreter h"atte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich
+dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
+Engagement nach England f"ur ein Riesenhonorar! "Ubrigen{\s} soll
+er ein toller Schweren"oter sein! Er schwimmt im Gold! Drei
+Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese gro"sen
+K"unstler k"onnen nicht rechnen. Sie brauchen ein
+verschwenderische{\s} Dasein, e{\s} regt ihre Phantasie an.
+Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu
+sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!"'
+
+Der Gedanke, da{\s} Theater zu besuchen, schlug in Bovary{\s}
+Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfang{\s}
+wollte sie nicht{\s} davon wissen und meinte, sie f"uhle sich zu
+schwach, e{\s} sei zu beschwerlich und zu kostspielig.
+Au{\s}nahm{\s}weise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete,
+da"s ihr diese Zerstreuung sehr dienlich w"are. Irgendwelche
+Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm j"ungst ganz
+unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden
+Au{\s}gaben waren nicht gro"s, und die Wechselschuld bei Lheureux
+war noch lange nicht f"allig, so da"s er daran nicht zu denken
+brauchte. Er dachte, Emma str"aube sich nur au{\s} R"ucksicht auf
+ihn. De{\s}halb best"urmte er sie immer mehr, bi{\s} sie seinen
+Bitten schlie"slich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren
+sie mit der Post ab.
+
+Den Apotheker hielt nicht{\s} Dringliche{\s} in Yonville zur"uck,
+aber er hielt sich f"ur unabk"ommlich. Al{\s} er die beiden
+einsteigen sah, jammerte er.
+
+"`Gl"uckliche Reise!"' sagte er. "`Habt ihr{\s} gut!"' Und zu Emma
+gewandt, f"ugte er hinzu: "`Sie sehen zum Anbei"sen h"ubsch
+au{\s}! Sie werden in Rouen Furore machen!"'
+
+Die Post spannte in Rouen im "`Roten Kreuz"' am Beauvoisine-Platz
+au{\s}. Da{\s} war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit
+ger"aumigen St"allen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe
+lief eine Schar H"uhner herum, die unter den verschmutzten
+Einsp"annern der Gesch"aft{\s}reisenden ihre Haferk"orner
+aufpickten. E{\s} war eine der Herbergen au{\s} der guten alten
+Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Wintern"achten im
+Winde knarren; die G"aste, der L"arm und die Esserei werden in
+ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller gro"ser
+Kaffeeflecke, die tr"uben dicken Fensterscheiben voller
+Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren.
+Auf der Stra"senseite gibt e{\s} ein Caf\'e und hinten nach dem
+Freien zu einen Gem"usegarten. Alle{\s} tr"agt einen l"andlichen
+Anstrich.
+
+Karl machte sofort einen Besorgung{\s}gang. An der Theaterkasse
+wu"ste er nicht, wa{\s} Parkett, Pros\/zenium{\s}loge, erster Rang
+und Galerie war; er bat um Au{\s}kunft, wurde dadurch aber auch
+nicht kl"uger. Der Kassierer wie{\s} ihn in die Direktion.
+Schlie"slich rannte er noch einmal in den Gasthof zur"uck, dann
+wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmal{\s} durch die
+halbe Stadt.
+
+Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
+Karl war fortw"ahrend in Angst, den Beginn der Oper zu vers"aumen.
+Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
+nehmen. Al{\s} sie aber vor dem Theater ankamen, waren die T"uren
+noch geschlossen.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Eine Menge Menschen umlagerte die Eing"ange. "Uberall an den Ecken
+der in der N"ahe gelegenen Stra"sen prangten riesige Plakate, die
+in auff"alligen Lettern au{\s}schrien:
+
+\begin{center}
+\begin{antiqua}
+LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... \\
+DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
+\end{antiqua}
+\end{center}
+
+E{\s} war ein sch"oner, aber hei"ser Tag. Der Schwei"s rann den
+Leuten "uber die Stirn, und sie f"achelten ihren erhitzten
+Gesichtern mit den Taschent"uchern K"uhlung zu. Hin und wieder
+wehte lauer Wind vom Strome her und bl"ahte ein wenig die
+Leinwandmarkisen der Restaurant{\s}. Weiter unten, an den Kai{\s},
+wurde man durch einen eisigen Luft\/zug abgek"uhlt, in den sich
+Ger"uche von Talg, Leder und "Ol au{\s} den zahlreichen dunklen,
+vom Rollen der gro"sen F"asser l"armigen Gew"olben der
+Karren-Gasse mischten.
+
+Au{\s} Furcht, sich l"acherlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
+noch nicht in da{\s} Theater hineinzugehen und erst einen
+Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl
+die Eintritt{\s}karten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig
+mit seinen Fingern fest und dr"uckte sie gegen die Bauchwand, so
+da"s er sie in einem fort f"uhlte.
+
+In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Al{\s} sie wahrnahm, da"s
+sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
+hinaufschob, w"ahrend sie selbst die breite Treppe zum ersten
+Range emporschreiten durfte, l"achelte sie unwillk"urlich vor
+Eitelkeit. E{\s} gew"ahrte ihr ein kindliche{\s} Vergn"ugen, die
+breiten vergoldeten T"uren mit der Hand aufzusto"sen. In vollen
+Z"ugen atmete sie den Staubgeruch der G"ange ein, und al{\s} sie
+in ihrer Loge sa"s, machte sie sich{\s} mit einer Ungezwungenheit
+einer Principessa bequem.
+
+Da{\s} Hau{\s} f"ullte sich allm"ahlich. Die Operngl"aser kamen
+au{\s} ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich au{\s}
+der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von
+der Unrast ihre{\s} Kr"amerleben{\s} erholen, doch sie verga"sen
+die Gesch"afte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle,
+Fusel und Indigo. Da{\s} waren Grauk"opfe mit friedfertigen
+Alltag{\s}gesichtern; wei"s in der Farbe von Haar und Haut,
+glichen sie einander wie abgegriffene Silberm"unzen. Im Parkett
+paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und
+gra{\s}gr"unen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie
+sie sich mit gelbbehandschuhten H"anden auf die goldenen Kn"aufe
+ihrer St"ocke st"utzten. Jetzt wurden die Orchesterlampen
+angez"undet, und der Kronleuchter ward von der Decke
+herabgelassen. Sein in den Gla{\s}pri{\s}men widerglitzernde{\s}
+Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
+die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirre{\s}
+Get"ose an von brummenden Kontrab"assen, kratzenden Violinen,
+fauchenden Klarinetten und winselnden Fl"oten. Endlich drei kurze
+Schl"age mit dem Taktstocke de{\s} Kapellmeister{\s}.
+Paukenwirbel, H"ornerklang. Der Vorhang hob sich.
+
+Auf der B"uhne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
+Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
+M"antel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
+Edelmann auf, der die Geister der H"olle mit gen Himmel gereckten
+Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
+ab. Der Chor singt von neuem.
+
+Emma sah sich in die Atmosph"are ihrer M"adchenlekt"ure
+zur"uckversetzt, in die Welt Walter Scott{\s}. E{\s} war ihr,
+al{\s} h"ore sie den Klang schottischer Dudels"acke "uber die
+nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman de{\s} Briten
+erleichterte ihr da{\s} Verst"andni{\s} der Oper. Aufmerksam
+folgte sie der intriganten Handlung, w"ahrend eine Flut von
+Gedanken in ihr aufwallte, um al{\s}bald unter den Wogen der Musik
+wieder zu verflie"sen. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien
+hin. Sie f"uhlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in
+Schwingungen geriet, al{\s} strichen die Violinenbogen "uber ihre
+Nerven. Sie h"atte hundert Augen haben m"ogen, um sich satt sehen
+zu k"onnen an den Dekorationen, Kost"umen, Gestalten, an den
+gemalten und doch zitternden B"aumen, an den Samtbaretten,
+Ritterm"anteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen
+eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt
+lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in
+gr"unem Rocke eine B"orse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun
+kam ein Fl"otensolo, zart wie Quellengefl"uster und
+Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
+von ungl"ucklicher Liebe und w"unschte sich Fl"ugel. Ach, auch
+Emma h"atte au{\s} diesem Leben fliehen m"ogen, weit weg in
+Liebe{\s}armen!
+
+Da erschien auf der Szene Lagardy al{\s} Edgard. Er hatte jenen
+schimmernden blassen Teint, der dem S"udl"ander etwa{\s} von der
+grandiosen Wirkung de{\s} Marmor{\s} verleiht. Seine m"annliche
+Gestalt war in ein braune{\s} Wam{\s} gezw"angt. Ein kleiner Dolch
+mit zierlichem Geh"ange schlug ihm die linke Lende. Er warf lange
+schmachtende Blicke und zeigte seine blendend wei"sen Z"ahne. Man
+hatte Emma erz"ahlt, eine polnische F"urstin habe ihn am Strand
+von Biarritz singen h"oren, wo er Schiff{\s}zimmermann gewesen
+sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert.
+Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen.
+
+Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
+be\-r"uhm\-ten K"unstler al{\s} Reklame. Der schlaue Mime brachte
+e{\s} sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische
+Flo{\s}keln "uber den bezaubernden Eindruck seiner Pers"onlichkeit
+und die leichte Empf"anglichkeit seine{\s} Herzen{\s} zu
+lancieren. Er besa"s eine sch"one Stimme, unfehlbare Sicherheit,
+mehr Temperament al{\s} Intelligenz, mehr Patho{\s} al{\s}
+Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem
+Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador.
+
+Sobald er nur auf der B"uhne erschien, begeisterte er Emma. Er
+schlo"s Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
+sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Ha"s wild auf, bald
+klagte er in den zartesten Elegien, und die T"one perlten ihm
+au{\s} der Kehle, zwischen Tr"anen und K"ussen. Emma beugte sich
+weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingern"agel in
+den Pl"usch der Logenbr"ustung eingruben. Ihr Herz ward voll von
+diesen wehm"utigen Melodien, die, von den Kontrab"assen dumpf
+begleitet, nicht aufh"orten, gleich wie die Notschreie von
+Schiffbr"uchigen im Sturmgebrau{\s}. Die junge Frau kannte alle
+diese Verz"ucktheiten und Herzen{\s}"angste, die sie unl"angst
+dem Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna
+ersch"utterte sie wie eine laute Verk"undung ihrer heimlichsten
+Beichte. Da{\s} Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen
+Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in
+der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie
+Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, al{\s} sie sich Lebewohl
+sagten~...
+
+Beifall durchst"urmte da{\s} Hau{\s}. Die ganze Stretta mu"ste
+wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen
+auf ihren Gr"abern, von Treue, Trennung, Verh"angni{\s} und
+Hoffnungen; und al{\s} sie sich den letzten Scheidegru"s zuriefen,
+stie"s Emma einen lauten Schrei au{\s}, der in der Orchestermusik
+de{\s} Finale verhallte.
+
+"`Warum l"a"st sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in
+Ruhe?"' fragte Bovary.
+
+"`Aber nein!"' antwortete sie. "`Da{\s} ist doch ihr Geliebter!"'
+
+"`Er schw"ort doch, er wolle sich an ihrer Familie r"achen. Und
+der andre, der dann kam, hat doch gesagt:
+\begin{verse}
+{\glq}Nimm, Teure, meine Schw"ure an \\
+Der reinsten, w"armsten Liebe!{\grq}
+\end{verse}
+Und sie sagt:
+\begin{verse}
+{\glq}So sei e{\s} denn!{\grq}
+\end{verse}
+"Ubrigen{\s} der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
+H"a"sliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, da{\s} war doch ihr
+Vater, nicht wahr?"'
+
+Trotz Emma{\s} Berichtigungen blieb Karl, der da{\s} Rezitativ im
+zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mi"sverstanden
+hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebe{\s}zeichen
+gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nicht{\s}
+begriffen zu haben. Die Musik st"ore, sie beeintr"achtige den
+Text.
+
+"`Wa{\s} schadet da{\s}?"' wandte Emma ein. "`Nun sei aber
+still!"'
+
+Er lehnte sich an ihren Arm. "`Ich m"ochte gern im Bilde sein.
+Wei"st du?"'
+
+"`Sei doch endlich still!"' sagte sie unwillig. "`Schweig!"'
+
+Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gest"utzt, einen Myrtenkranz im
+Haar, bleicher al{\s} der wei"se Atla{\s} ihre{\s} Kleide{\s} ...
+Emma gedachte ihre{\s} eigenen Hochzeit{\s}tage{\s}, sie sah sich
+zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fu"sweg auf dem Gange
+zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia,
+unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fr"ohlich
+gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie
+zuschritt ... Ach, h"atte sie, jung und frisch und sch"on, noch
+nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht entt"auscht in ihrem
+Ehebruch, auf ein feste{\s} edle{\s} Herz bauen und Tugend,
+Z"artlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen f"uhlen
+d"urfen! Niemal{\s} w"are sie von der H"ohe solcher
+Gl"uckseligkeit herabgesunken! "`Nein, nein!"' rief sie
+schmerzlich bei sich au{\s}. "`All da{\s} gro"se Gl"uck da unten
+ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehns"uchtigen oder
+verzweifelten Phantasten!"' Jetzt erkannte sie, da"s die
+Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der
+"Uberschwenglichkeit der Kunst etwa{\s} Gro"se{\s}. Sie versuchte
+sich zur n"uchternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser
+Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nicht{\s} mehr sehen al{\s} ein
+plastische{\s} Phantasiegebilde, nicht{\s} mehr und nicht{\s}
+weniger al{\s} eine am"usante Augenweide. Und so l"achelte sie in
+Gedanken "uberlegen-nachsichtig, al{\s} im Hintergrunde der B"uhne
+hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel
+erschien, dem sein breitkrempiger gro"ser Hut bei einer
+K"orperbewegung vom Kopfe fiel.
+
+Da{\s} Sextett begann. S"anger und Orchester entfalten sich.
+Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
+schleudert ihm in wuchtigen T"onen seine Tode{\s}drohungen
+entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im
+Ma"se der Nebenrolle, und Raimund{\s} Ba"s brummt wie
+Orgelgebrau{\s}. Die Frauen de{\s} Chor{\s} wiederholen die Worte,
+ein k"ostliche{\s} Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer
+Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen
+entstr"omen gleichzeitig ihren aufgerissenen M"undern. Der
+w"utende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der
+Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und
+nieder, w"ahrend er m"achtigen Schritt{\s} in seinen
+sporenklirrenden Stulpenstiefeln "uber die B"uhne schreitet.
+
+"`Er mu"s eine unersch"opfliche Liebe in sich tragen,"' dachte
+Emma, "`da"s er sie an die Menge so verschwenden kann."' Ihre
+Anwandlung von Gering\-sch"atzigkeit schwand vor dem Zauber seiner
+Rolle. Sie f"uhlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter
+dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben
+vorzustellen, sein bewegte{\s}, ungew"ohnliche{\s}, gl"anzende{\s}
+Leben, an dem sie h"atte teilnehmen k"onnen, wenn e{\s} der Zufall
+gef"ugt h"atte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und
+sich ineinander verliebt! Sie w"are mit ihm durch alle L"ander
+Europa{\s} gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, h"atte mit ihm
+M"uhen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm
+streute, und seine B"uhnenkost"ume eigenh"andig gestickt. Alle
+Abende h"atte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter
+aufmerksam den S"angen seiner Seele gelauscht, die einzig und
+allein ihr gewidmet w"aren. Von der Szene, beim Singen, h"atte er
+zu ihr geschaut~...
+
+Sie erschrak und ward verwirrt. Der S"anger sah zu ihr hinauf.
+Kein Zweifel! Sie h"atte zu ihm hinst"urzen m"ogen, in seine Arme,
+in seine Umarmung fliehen, al{\s} sei er die Verk"orperung der
+Liebe, und ihm laut zurufen:
+
+"`Nimm mich, entf"uhre mich! Komm! Ich geh"ore dir, nur dir! Dir
+gelten alle meine Tr"aume, mein ganze{\s} hei"se{\s} Herz!"'
+
+Der Vorhang fiel.
+
+Ga{\s}geruch erschwerte da{\s} Atmen, und da{\s} F"acheln der
+F"acher machte die Luft noch unertr"aglicher. Emma wollte die Loge
+verlassen, aber die G"ange waren durch die vielen Menschen
+versperrt. Sie sank in ihren Sessel zur"uck. Sie bekam Herzklopfen
+und Atemnot. Da Karl f"urchtete, sie k"onne ohnm"achtig werden,
+eilte er nach dem B"ufett, um ihr ein Gla{\s} Mandelmilch zu
+holen.
+
+Er hatte gro"se M"uhe, wieder nach der Loge zu gelangen. Da{\s}
+Gla{\s} in beiden H"anden, rannte er bei jedem Schritte, den er
+tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schlie"slich go"s er
+dreiviertel de{\s} Inhalt{\s} einer Dame in au{\s}geschnittener
+Toilette "uber die Schulter. Al{\s} sie da{\s} k"uhle Na"s, da{\s}
+ihr den R"ucken hinabrann, sp"urte, schrie sie laut auf, al{\s} ob
+man ihr an{\s} Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
+Seifenfabrikant, ereiferte sich "uber diese Ungeschicktheit.
+W"ahrend seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
+sch"onen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er w"utend etwa{\s}
+von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl gl"ucklich
+bei Emma wieder an. G"anzlich au"ser Atem berichtete er ihr:
+
+"`Wei"s Gott, beinahe h"att ich mich nicht durchgew"urgt! Nein,
+diese Mensch\-heit! Diese Mensch\-heit!"' Nach einigem
+Verschnaufen f"ugte er hinzu: "`Und ahnst du, wer mir da oben
+begegnet ist? Leo!"'
+
+"`Leo?"'
+
+"`Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!"'
+
+Er hatte diese Worte kaum au{\s}gesprochen, al{\s} der Adjunkt
+auch schon in der Loge erschien. Mit weltm"annischer
+Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau
+Bovary die ihrige au{\s}, wie im Banne eine{\s} st"arkeren
+Willen{\s}. Diesen fremden Einflu"s hatte sie lange nicht
+empfunden, seit jenem Fr"uhling{\s}nachmittage nicht, an dem sie
+voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und
+drau"sen war leiser Regen auf die Bl"atter gefallen. Aber rasch
+besann sie sich auf da{\s}, wa{\s} die jetzige Situation und die
+Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft sch"uttelte sie den alten
+Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar
+hastige Reden{\s}arten zu stammeln:
+
+"`Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?"'
+
+"`Ruhe!"' ert"onte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte
+n"amlich der dritte Akt begonnen.
+
+"`So sind Sie also in Rouen?"'
+
+"`Ja, gn"adige Frau!"'
+
+"`Und seit wann?"'
+
+"`Hinau{\s}! Hinau{\s}!"'
+
+Alle{\s} drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
+
+Von diesem Augenblick war e{\s} mit Emma{\s} Aufmerksamkeit
+vorbei. Der Chor der Hochzeit{\s}g"aste, die Szene zwischen Ashton
+und seinem Diener, da{\s} gro"se Duett in D-Dur, alle{\s} da{\s}
+spielte sich f"ur sie wie in gro"ser Entfernung ab. E{\s} war ihr,
+al{\s} kl"ange da{\s} Orchester nur noch ged"ampft, al{\s} s"angen
+die Personen ihr weit entr"uckt. Sie dachte zur"uck an die
+Spielabende im Hause de{\s} Apotheker{\s}, an den Gang zu der Amme
+ihre{\s} Kinde{\s}, an da{\s} Vorlesen in der Laube, an die
+Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
+armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
+und die sie l"angst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
+Welche{\s} Zusammentreffen von besonderen Umst"anden lie"s ihn von
+neuem ihren Leben{\s}pfad kreuzen?
+
+Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
+Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
+seiner Atemz"uge auf ihrem Haar sp"urte.
+
+"`Macht Ihnen denn da{\s} Spa"s?"' fragte er sie, indem er sich
+"uber sie beugte, so da"s die Spitze seine{\s} Schnurrbart{\s}
+ihre Wange streifte.
+
+"`Nein, nicht besonder{\s}!"' entgegnete sie leichthin.
+
+Daraufhin machte er den Vorschlag, da{\s} Theater zu verlassen und
+irgendwo eine Portion Ei{\s} zu essen.
+
+"`Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!"' sagte Bovary. "`Sie hat
+aufgel"oste{\s} Haar! E{\s} scheint also tragisch zu werden!"'
+
+Aber die Wahnsinn{\s}s\/zene interessierte Emma gar nicht. Da{\s}
+Spiel der S"angerin schien ihr "ubertrieben.
+
+"`Sie schreit zu sehr!"' meinte sie, zu Karl gewandt, der
+aufmerksam zu\-h"orte.
+
+"`M"oglich! Jawohl! Ein wenig!"' gab er zur Antwort. Eigentlich
+gefiel ihm die S"angerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
+immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschl"ussig.
+
+Leo st"ohnte:
+
+"`Ist da{\s} eine Hitze!"'
+
+"`Tats"achlich! Nicht zum Au{\s}halten!"' sagte Emma.
+
+"`Vertr"agst du{\s} nicht mehr?"' fragte Bovary.
+
+"`Ich ersticke! Wir wollen gehen!"'
+
+Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
+schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
+Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
+
+Anfang{\s} unterhielten sie sich von Emma{\s} Krankheit. Sie
+versuchte mehrfach, dem Gespr"ach eine andere Wendung zu geben,
+indem sie die Bemerkung machte, sie f"urchte, Herrn Leo k"onne
+da{\s} langweilen. Darauf erz"ahlte dieser, er m"usse sich in
+Rouen zwei Jahre t"uchtig auf die Hosen setzen, um sich in die
+hiesige Recht{\s}pflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man
+alle{\s} ander{\s} al{\s} in Pari{\s}. Dann erkundigte er sich
+nach der kleinen Berta, nach der Familie Homai{\s}, nach der
+L"owenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karl{\s} Gegenwart nicht
+sagen, und so stockte die Unterhaltung.
+
+Au{\s} der Oper kommende Leute gingen vor"uber, laut pfeifend und
+tr"al\-lernd:
+\begin{verse}
+{\glq}O Engel reiner Liebe!{\grq}
+\end{verse}
+
+Leo kehrte den Kunstkenner herau{\s} und begann "uber Musik zu
+sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi geh"ort. Im
+Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner gro"sen Erfolge gar
+nicht{\s}.
+
+Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
+unterbrach ihn:
+
+"`Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich
+bedaure, da"s ich nicht bi{\s} zu Ende drin geblieben bin. E{\s}
+fing mir grade an zu gefallen!"'
+
+"`Demn"achst gibt{\s} ja eine Wiederholung!"' tr"ostete ihn Leo.
+
+Karl erwiderte, da"s sie am n"achsten Tage wieder nach Hause
+m"u"sten. "`E{\s} sei denn,"' meinte er, zu Emma gewandt, "`du
+bliebst allein hier, mein Herzchen?"'
+
+Bei dieser unerwarteten Au{\s}sicht, die sich seiner
+Begehrlichkeit bot, "anderte der junge Mann seine Taktik. Nun
+lobte er da{\s} Finale de{\s} S"anger{\s}. Er sei da k"ostlich,
+gro"sartig!
+
+Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
+
+"`Du kannst ja am Sonntag zur"uckfahren. Entschlie"se dich nur!
+E{\s} w"are unrecht von dir, wenn du e{\s} nicht t"atest, sofern
+du dir auch nur ein wenig Vergn"ugen davon versprichst!"'
+
+Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
+stand fortw"ahrend in ihrer n"achsten N"ahe herum. Karl begriff
+und zog seine B"orse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
+Silberst"ucke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren
+lie"s.
+
+"`E{\s} ist mir wirklich nicht recht,"' murmelte Bovary, "`da"s
+Sie f"ur un{\s} Geld~..."'
+
+Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
+Nebens"achlichkeit und ergriff seinen Hut.
+
+"`E{\s} bleibt dabei! Morgen um sech{\s} Uhr!"'
+
+Karl beteuerte nochmal{\s}, da"s er unm"oglich so lange bleiben
+k"onne. Emma indessen sei durch nicht{\s} gehindert.
+
+"`E{\s} ist nur~..."', stotterte sie, verlegen l"achelnd, "`... ich
+wei"s nicht recht~..."'
+
+"`Na, "uberleg dir{\s} noch! Wir k"onnen ja noch mal dar"uber
+reden, wenn du{\s} beschlafen hast!"' Und zu Leo gewandt, der sie
+begleitete, sagte er: "`Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend
+sind, hoffe ich, da"s Sie sich ab und zu bei un{\s} zu Tisch
+ansagen!"'
+
+Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
+dem\-n"achst in Yonville beruflich zu tun habe.
+
+Al{\s} man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
+verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zw"olf.
+
+
+\newpage
+\thispagestyle{empty}
+\begin{center}
+\vspace{5cm}
+{\Huge \so{Dritte{\s} Bu{ch}}}
+\end{center}
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+
+\end{center}
+
+Leo hatte w"ahrend seiner Pariser Studienzeit die Balls"ale
+flei"sig besucht und daselbst recht h"ubsche Erfolge bei den
+Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er s"ahe sehr schick
+au{\s}. "Ubrigen{\s} war er der m"a"sigste Student. Er trug da{\s}
+Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am
+Ersten de{\s} Monat{\s} sein ganze{\s} Geld und stand sich mit
+seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Au{\s}schweifungen
+hatte er sich allezeit fern gehalten, au{\s} "Angstlichkeit und
+weil ihm da{\s} w"uste Leben zu grob war.
+
+Oft, wenn er de{\s} Abend{\s} in seinem Zimmer la{\s} oder unter
+den Linden de{\s} Luxemburggarten{\s} sa"s, glitt ihm sein
+Code-Napol\'eon au{\s} den H"anden. Dann kam ihm Emma in den Sinn.
+Aber allm"ahlich verbla"ste diese Erinnerung, und allerlei
+Liebeleien "uberwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu
+ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und
+ein vage{\s} Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne
+Frucht an einem Wunderbaume.
+
+Al{\s} er sie jetzt nach dreij"ahriger Trennung wiedersah,
+erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt
+g"alte e{\s}, sich fest zu entschlie"sen, wenn er sie besitzen
+wollte. Seine ehemalige Sch"uchternheit hatte er "ubrigen{\s} im
+Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die
+Provinz zur"uckgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer,
+die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Gro"sstadt
+abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon
+eine{\s} ber"uhmten Professor{\s} mit Orden und Equipage, h"atte
+der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in
+Rouen, am Hafen, vor der Frau diese{\s} kleinen Landarzte{\s}, da
+f"uhlte er sich "uberlegen und eine{\s} leichten Siege{\s} gewi"s.
+Sichere{\s} Auftreten h"angt von der Umgebung ab. Im ersten Stock
+spricht man ander{\s} al{\s} im vierten, und e{\s} ist beinahe,
+al{\s} seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendw"achter.
+Sie tr"agt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem
+Korsett.
+
+Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
+war er au{\s} einiger Entfernung den beiden durch die Stra"sen
+gefolgt, bi{\s} er sie im "`Roten Kreuz"' verschwinden sah. Dann
+machte er kehrt und gr"ubelte die ganze Nacht hindurch "uber einen
+Krieg{\s}plan.
+
+Am andern Tag nachmittag{\s} gegen f"unf Uhr betrat er den Gasthof
+mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschlu"s,
+vor nicht{\s} zur"uckzuscheuen.
+
+"`Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!"' vermeldete ihm ein
+Kellner.
+
+Leo fa"ste da{\s} al{\s} gute{\s} Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.
+
+Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, al{\s} er eintrat. Sie bat
+ihn k"uhl um Entschuldigung, da"s sie gestern vergessen habe, ihm
+mit\/zuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.
+
+"`O, da{\s} habe ich erraten"', sagte Leo.
+
+"`Wieso?"'
+
+Er behauptete, da{\s} gute Gl"uck, eine innere Stimme habe ihn
+hierher geleitet.
+
+Sie l"achelte; und um seine Albernheit wieder gut\/zumachen, log
+er nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
+Gasth"ofen nach ihnen zu fragen.
+
+"`Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?"' f"ugte er hinzu.
+
+"`Ja,"' gab sie zur Antwort, "`aber ich h"atte e{\s} lieber nicht
+tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergn"ugungen
+gew"ohnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat~..."'
+
+"`Ja, da{\s} kann ich mir denken~..."'
+
+"`Nein, da{\s} k"onnen Sie nicht. Da{\s} kann nur eine Frau."'
+
+Er meinte, die M"anner h"atten auch ihr Kreuz, und nach einer
+philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
+Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
+Einsamkeit, in die da{\s} Menschenherz verbannt sei.
+
+Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillk"urlicher
+Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
+der junge Mann, er h"atte sich w"ahrend seiner ganzen Studienzeit
+ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gr"a"slich
+zuwider. Andere Beruf{\s}arten lockten ihn stark, aber seine
+Mutter qu"ale ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten
+sie sich die Gr"unde ihre{\s} Leid{\s}, und je eifriger sie
+sprachen, um so st"arker packte sie die wachsende Vertraulichkeit.
+Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach
+Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben k"onnten.
+Emma verheimlichte e{\s}, da"s sie inzwischen einen andern
+geliebt, und er gestand nicht, da"s er sie vergessen hatte.
+Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Souper{\s}
+nach den Ma{\s}kenb"allen, und sie erinnerte sich nicht ihrer
+Morgeng"ange, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem
+Geliebten gegangen war. Der Stra"senl"arm hallte nur schwach zu
+ihnen herauf, und die Enge de{\s} Zimmer{\s} schien ihr Alleinsein
+noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid au{\s}
+leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den R"ucken de{\s}
+alten Lehnstuhl{\s}, in dem sie sa"s. Hinter ihr die gelbe Tapete
+umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr blo"ser Kopf mit dem
+schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
+wiederholte sich wie ein Gem"alde im Spiegel.
+
+"`Ach, verzeihen Sie!"' sagte sie. "`E{\s} ist unrecht von mir,
+Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen."'
+
+"`Keine{\s}weg{\s}!"'
+
+"`Wenn Sie w"u"sten,"' fuhr sie fort und schlug ihre sch"onen
+Augen, au{\s} denen Tr"anen rollten, zur Decke empor, "`wa{\s} ich
+mir alle{\s} ertr"aumt habe!"'
+
+"`Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
+au{\s}gegangen, still f"ur mich hin, und hab mich die Kai{\s}
+entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu
+zerstreuen und die tr"uben Gedanken lo{\s}zubekommen, die mich in
+einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eine{\s}
+Kunsth"andler{\s} auf dem Boulevard habe ich einmal einen
+italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie
+tr"agt eine Tunika, einen Vergi"smeinnichtkranz im offnen Haar und
+blickt zum Mond empor. Irgend etwa{\s} trieb mich immer wieder
+dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden~..."' Und mit
+zitternder Stimme f"ugte er hinzu: "`Sie sah Ihnen ein wenig
+"ahnlich."'
+
+Frau Bovary wandte sich ab, damit er da{\s} L"acheln um ihre
+Lippen nicht bemerke, da{\s} sie nicht unterdr"ucken konnte.
+
+"`Und wie oft"', fuhr er fort, "`habe ich an Sie Briefe
+geschrieben und hinterher wieder zerrissen."'
+
+Sie antwortete nicht.
+
+"`Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall m"usse Sie mir
+wieder in den Weg f"uhren. Oft war e{\s} mir, al{\s} ob ich Sie an
+der n"achsten Stra"senecke treffen sollte. Ich bin hinter
+Droschken hergelaufen, au{\s} denen ein Schal oder ein Schleier
+flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen~..."'
+
+Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
+zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
+Haupte{\s} die Rosetten ihrer Hau{\s}schuhe, auf deren Atla{\s}
+die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den
+Zehen machte.
+
+Endlich sagte sie mit einem Seufzer:
+
+"`Ist e{\s} nicht da{\s} Allertraurigste, ein unn"utze{\s} Leben
+so wie ich f"uhren zu m"ussen? Wenn unsere Schmerzen wenigsten{\s}
+jemandem n"utzlich w"aren, dann k"onnte man sich doch in dem
+Bewu"stsein tr"osten, sich f"ur etwa{\s} zu opfern."'
+
+Er prie{\s} die Tugend, die Pflicht und da{\s} stumme Sichaufopfern.
+Er selbst versp"ure eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwa{\s}
+aufzugehen, die er nicht befriedigen k"onne.
+
+"`Ich m"ochte am liebsten Krankenschwester sein"', behauptete sie.
+
+"`Ach ja!"' erwiderte er. "`Aber f"ur un{\s} M"anner gibt e{\s}
+keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich w"u"ste keine Besch"aftigung
+... e{\s} sei denn vielleicht die de{\s} Arzte{\s}~..."'
+
+Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
+ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben w"are.
+Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu
+leiden. Sofort schw"armte Leo f"ur die "`Ruhe im Grabe"'. Ja, er
+h"atte sogar eine{\s} Abend{\s} sein Testament niedergeschrieben
+und darin bestimmt, da"s man ihm in den Sarg die sch"one Decke mit
+der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen
+hatte. Nach dem, wie alle{\s} h"atte sein k"onnen, also nach einem
+imagin"aren Zustand, "anderten sie jetzt in der Erz"ahlung ihre
+Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, da{\s} die
+Gef"uhle breitdr"uckt.
+
+Bei dem M"archen von der Reisedecke fragte sie:
+
+"`Warum denn?"'
+
+"`Warum?"' Er z"ogerte. "`Weil ich Sie so z"artlich geliebt habe!"'
+
+Froh, die gr"o"ste Schwierigkeit "uberwunden zu haben, beobachtete
+Leo Emma{\s} Gesicht von der Seite. E{\s} leuchtete wie der
+Himmel, wenn der Wind pl"otzlich eine Wolkenschicht, die dar"uber
+war, zerrei"st. Die vielen traurigen Gedanken, die e{\s}
+verdunkelt hatten, waren au{\s} ihren Augen wie weggeweht.
+
+Er wartete. Endlich sagte sie:
+
+"`Ich hab e{\s} immer geahnt~..."'
+
+Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
+einander zu erz"ahlen, von allem Freud und Leid, da{\s} sie soeben
+in ein einzige{\s} Wort zusammengefa"st hatten. Er erinnerte sich
+der Wiege au{\s} Tannenholz, ihrer Kleider, der M"obel in ihrem
+Zimmer, ihre{\s} ganzen Hause{\s}.
+
+"`Und unsere armen Kakteen, wa{\s} machen die?"'
+
+"`Sie sind letzten Winter alle erfroren!"'
+
+"`Ach, wie oft hab ich an sie zur"uckgedacht. Da{\s} glauben Sie
+mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damal{\s}
+im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und
+Sie mit blo"sen Armen Ihre Blumen begossen~..."'
+
+"`Armer Freund!"' sagte sie und reichte ihm ihre Hand.
+
+Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
+tief auf und sagte:
+
+"`Damal{\s} "ubten Sie einen geheimni{\s}vollen Zauber auf mich
+au{\s}. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich
+zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran
+erinnern?"'
+
+"`Doch, fahren Sie nur fort!"'
+
+"`Sie standen unten in der Hau{\s}flur, wo die Treppe aufh"ort,
+gerade im Begriff au{\s}zugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen
+blauen Blumen auf. Ohne da"s Sie mich dazu aufgefordert hatten,
+begleitete ich Sie. Ich konnte nicht ander{\s}. Aber mir jeder
+Minute trat e{\s} mir klarer in{\s} Bewu"stsein, wie ungezogen
+da{\s} von mir war. "Angstlich und unsicher ging ich neben Ihnen
+her und brachte e{\s} doch nicht "uber mich, mich von Ihnen zu
+trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich drau"sen auf
+der Stra"se und sah Ihnen durch da{\s} Schaufenster zu, wie Sie
+die Handschuhe abstreiften und da{\s} Geld auf den Ladentisch
+legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau T"uvache; man "offnete
+Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der m"achtigen
+Hau{\s}t"ure, die hinter Ihnen in{\s} Schlo"s gefallen war."'
+
+Frau Bovary h"orte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war da{\s}
+schon her! Alle diese Dinge, die au{\s} der Vergessenheit
+heraufstiegen, erweckten in ihr da{\s} Gef"uhl, eine alte Frau zu
+sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und
+zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:
+
+"`Ja ... So war e{\s} ... So war e{\s} ... So war e{\s}!"'
+
+Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug e{\s} acht, von den
+Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Pal"aste. Sie sprachen
+nicht mehr, aber sie sahen einander an und sp"urten dabei ein
+Brausen in ihren K"opfen, und jeder hatte da{\s} Gef"uhl,
+diese{\s} Rauschen str"ome au{\s} den starren Augensternen de{\s}
+anderen. Ihre H"ande hatten sich gefunden, und Vergangenheit und
+Zukunft, Erinnerung und Tr"aume, alle{\s} ward ein{\s} mir der
+z"artlichen Wonne de{\s} Augenblick{\s}. Die D"ammerung dichtete
+sich an den W"anden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur
+noch die grellen Farbenflecke von vier dah"angenden Buntdrucken.
+Durch da{\s} oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen
+Dachgiebeln ein St"uck de{\s} schwarzen Himmel{\s}.
+
+Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
+Kommode anzuz"unden. Dann setzte sie sich wieder.
+
+"`Wa{\s} ich sagen wollte~..."', begann Leo von neuem.
+
+"`Wa{\s} war e{\s}?"'
+
+Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
+anzukn"upfen, da fragte sie ihn:
+
+"`Wie kommt e{\s}, da"s mir noch niemand solche innere Erlebnisse
+anvertraut hat?"'
+
+Leo erwiderte, ideale Naturen f"anden selten Wahlverwandte. Er
+habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke
+bringe ihn zur Verzweiflung, da"s sie miteinander f"ur immerdar
+verbunden worden w"aren, wenn ein guter Stern sie fr"uher
+zusammengef"uhrt h"atte.
+
+"`Ich habe manchmal da{\s}selbe gedacht"', sagte sie.
+
+"`Welch ein sch"oner Traum!"' murmelte Leo. Und w"ahrend er mit
+der Hand "uber den blauen Saum der Schleife ihre{\s} wei"sen
+G"urtel{\s} hinstrich, f"ugte er hinzu: "`Aber wa{\s} hindert
+un{\s} denn, von vorn anzufangen?"'
+
+"`Nein, mein Freund"', erwiderte sie. "`Dazu bin ich zu alt ...
+und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben
+... und Sie werden sie wieder lieben!"'
+
+"`Nicht so, wie ich Sie liebe!"'
+
+"`Sie sind ein Kind! Seien Sie vern"unftig. Ich will e{\s}!"'
+
+Sie setzte ihm au{\s}einander, da"s Liebe zwischen ihnen ein Ding
+der Un\-m"oglich\-keit sei und da"s sie sich nur wie Schwester und
+Bruder lieben k"onnten, wie ehemal{\s}.
+
+Ob sie da{\s} wirklich im Ernst sagte, da{\s} wu"ste sie selbst
+nicht. Sie f"uhlte nur, wie sie der Verf"uhrung zu unterliegen
+drohte und da"s sie dagegen ank"ampfen m"usse. Sie sah Leo
+z"artlich an und stie"s sanft seine zitternden H"ande zur"uck, die
+sie sch"uchtern zu liebkosen versuchten.
+
+"`Seien Sie mir nicht b"o{\s}!"' sagte er und wich zur"uck.
+
+Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
+ihr viel gef"ahrlicher war al{\s} die K"uhnheit Rudolf{\s}, wenn
+er mit au{\s}gebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemal{\s}
+war ihr ein Mann so sch"on erschienen. In seinem Wesen lag eine
+k"ostliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein
+wenig aufw"art{\s}gebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die
+zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, au{\s} Verlangen nach
+ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu
+widerstehen, sie mit ihren Lippen zu ber"uhren. Da fiel ihr Blick
+auf die Wanduhr.
+
+"`Mein Gott, wie sp"at e{\s} schon ist!"' rief sie au{\s}. "`Wir
+haben un{\s} verplaudert!"'
+
+Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
+
+"`Da{\s} Theater habe ich ganz vergessen"', fuhr Emma fort. "`Und
+mein armer Mann hat mich doch de{\s}halb nur hiergelassen. Herr
+und Frau Lormeaux au{\s} der Gro"senbr"uckenstra"se wollten mich
+begleiten~..."'
+
+Schade! Denn morgen m"usse sie wieder zu Hause sein.
+
+"`So?"' fragte Leo.
+
+"`Gewi"s!"'
+
+"`Aber ich mu"s Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwa{\s}
+zu sagen!"'
+
+"`Wa{\s} denn?"'
+
+"`Etwa{\s} ... Wichtige{\s}, Ernste{\s}! Ach, Sie d"urfen noch
+nicht heimfahren! Nein! Da{\s} ist unm"oglich! Wenn Sie w"u"sten
+... H"oren Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden?
+Ahnen Sie denn nicht~..."'
+
+"`Sie haben e{\s} doch ziemlich deutlich gesagt!"'
+
+"`Ach, scherzen Sie nicht! Da{\s} ertrag ich nicht! Haben Sie
+Mitleid mit mir! Ich m"ochte Sie noch einmal sehen ... einmal ...
+ein einzige{\s}~..."'
+
+"`E{\s} sei!"' Sie hielt inne. Dann aber, al{\s} bes"anne sie sich
+ander{\s}, sagte sie: "`Aber nicht hier!"'
+
+"`Wo Sie wollen!"'
+
+Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
+
+"`Morgen um elf in der Kathedrale!"'
+
+"`Ich werde dort sein"', rief er au{\s} und griff hastig nach
+ihren H"anden. Sie ent\/zog sie ihm.
+
+Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
+ihm, da beugte er sich "uber sie und dr"uckte einen langen Ku"s
+auf ihren Nacken.
+
+"`Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!"' rief sie und lachte mit
+einem eigent"umlichen tiefen Klange leise auf, w"ahrend er ihren
+Hal{\s} immer noch mehr mit K"ussen bedeckte. Dann beugte er den
+Kopf "uber ihre Schulter, al{\s} wolle er in den Augen ihre
+Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
+
+Er trat drei Schritte zur"uck, der T"ure zu. Auf der Schwelle
+blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
+
+"`Auf Wiedersehn morgen!"'
+
+Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
+
+Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
+Verabredung zur"ucknahm. E{\s} sei alle{\s} au{\s}, und e{\s}
+w"are zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wieders"ahen. Aber
+al{\s} der Brief fertig war, fiel ihr ein, da"s sie doch seine
+Adresse gar nicht wu"ste. Wa{\s} sollte sie tun?
+
+"`Ich werde ihm den Brief selbst geben,"' sagte sie sich,
+"`morgen, wenn er kommt."'
+
+Am andern Morgen stand Leo schon fr"uh in der offnen Balkont"ure,
+reinigte sich eigenh"andig seine Schuhe und sang leise vor sich
+hin. Er machte e{\s} sehr sorgf"altig. Dann zog er ein wei"se{\s}
+Beinkleid an, elegante Str"umpfe, einen gr"unen Rock, und
+sch"uttete seinen ganzen Vorrat von Parf"um in sein Taschentuch.
+Er ging zum Coiffeur, zerst"orte sich aber hinterher die Frisur
+ein wenig, weil sein Haar nicht unnat"urlich au{\s}sehen sollte.
+
+"`E{\s} ist noch zu zeitig"', sagte er, al{\s} er auf der
+Kuckuck{\s}uhr de{\s} Friseur{\s} sah, da"s e{\s} noch nicht neun
+Uhr war.
+
+Er bl"atterte in einem alten Modejournal, dann verlie"s er den
+Laden, z"undete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
+Stra"sen, und al{\s} er dachte, e{\s} sei Zeit, ging er langsam
+zum Notre-Dame-Platze.
+
+E{\s} war ein pr"achtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
+Juweliere glitzerten die Silberwaren, und da{\s} Licht, da{\s}
+schr"ag auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchfl"achen
+der grauen Quadersteine. Ein Schwarm V"ogel flatterte im Blau
+de{\s} Himmel{\s} um die Kreuzblumen der T"urme. "Uber den
+l"armigen Platz wehte Blumenduft au{\s} den Anlagen her, wo
+Ja{\s}min, Nelken, Narzissen und Tuberosen bl"uhten, von saftigen
+Gra{\s}fl"achen umrahmt und von Beeren tragenden B"uschen f"ur die
+V"ogel. In der Mitte pl"atscherte ein Springbrunnen, und zwischen
+Pyramiden von Melonen sa"sen H"okerinnen, barh"auptig unter
+ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchenstr"au"se.
+
+Leo kaufte einen. E{\s} war da{\s} erstemal, da"s er Blumen f"ur
+eine Frau kaufte; und da{\s} Herz schlug ihm h"oher, wie er den
+Duft der Veilchen einatmete, al{\s} ob diese Huldigung, die er
+Emma darbringen wollte, ihm selber g"olte. Er f"urchtete,
+beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche.
+
+Auf der Schwelle der linken T"ure de{\s} Hauptportal{\s} unter der
+{\glq}Tanzenden Salome{\grq} stand der Schweizer, den Federhut auf
+dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust,
+w"urdevoller al{\s} ein Kardinal und goldstrotzend wie ein
+Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem
+s"u"slich-g"utigen L"acheln, da{\s} Geistliche anzunehmen pflegen,
+wenn sie mit Kindern reden:
+
+"`Der Herr ist gewi"s nicht von hier? Will der Herr die
+Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kathedrale besichtigen?"'
+
+"`Nein!"'
+
+Leo machte zun"achst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
+und kam zum Hauptportal zur"uck. Emma war noch nicht da. Er ging
+abermal{\s} bi{\s} zum Chor.
+
+Teile de{\s} Ma"swerk{\s} und der bunten Fenster spiegelten sich
+in den gef"ullten Weihwasserbecken. Da{\s} durch die
+Gla{\s}malerei einfallende Licht brach sich an den marmornen
+Kanten und breitete bunte Teppichst"ucke "uber die Fliesen. Durch
+die drei ge"offneten T"uren de{\s} Hauptportal{\s} flutete da{\s}
+Tage{\s}licht in drei m"achtigen Lichtstr"omen in die Innenr"aume.
+Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vor"uber und
+machte vor dem Heiligtum die "ubliche Kniebeugung der eiligen
+Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab.
+Im Chor brannte eine silberne Lampe. Au{\s} den Seitenkapellen,
+au{\s} den in Dunkel geh"ullten Teilen der Kirche vernahm man
+zuweilen Schluchzen oder da{\s} Klirren einer zugeschlagenen
+Gittert"ur, Ger"ausche, die in den hohen Gew"olben widerhallten.
+
+Leo ging gemessenen Schritte{\s} hin. Niemal{\s} war ihm da{\s}
+Leben so sch"on erschienen. Nun mu"ste sie bald kommen, reizend,
+erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem
+volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen
+Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte,
+und all dem unbeschreiblich Verf"uhrerischen einer unterliegenden
+Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheure{\s}
+Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel gefl"usterte
+Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster
+leuchteten, ihr sch"one{\s} Gesicht zu verkl"aren, und au{\s} den
+Weihrauchgef"a"sen wirbelten die D"ampfe, damit sie wie ein Engel
+in einer Wolke von Wohlger"uchen erscheine.
+
+Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen St"uhle, und
+seine Blicke fielen auf ein blaue{\s} Fenster, auf da{\s} Fischer
+mit K"orben gemalt waren. Er betrachtete da{\s} Bild aufmerksam,
+z"ahlte die Schuppen der Fische und die Knopfl"ocher an den
+W"amsen, w"ahrend seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die
+Weite irrten~...
+
+Der Schweizer "argerte sich im stillen "uber den Menschen, der
+sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
+Benehmen unerh"ort. Man bestahl ihn gewisserma"sen und beging
+geradezu eine Tempelsch"andung.
+
+Da raschelte Seide "uber die Fliesen. Der Rand eine{\s} Hute{\s}
+tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war e{\s}. Leo eilte ihr
+entgegen.
+
+Sie war bla"s und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
+
+"`Lesen Sie da{\s}!"' sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin.
+"`Nicht doch!"'
+
+Sie ri"s ihre Hand au{\s} der seinen und eilte nach der Kapelle
+der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
+
+Leo war "uber diesen Anfall von Bigotterie zuerst emp"ort, dann
+fand er einen eigent"umlichen Reiz darin, sie w"ahrend eine{\s}
+Stelldichein{\s} in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
+Marquise, schlie"slich aber, al{\s} sie gar nicht aufh"oren
+wollte, langweilte er sich.
+
+Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
+Hoffnung, da"s der Himmel sie mit einer pl"otzlichen Eingebung
+begnaden w"urde. Um diese Hilfe de{\s} Himmel{\s} herabzuschw"oren,
+starrte sie auf den Glanz de{\s} Tabernakel{\s}, atmete sie den
+Duft der wei"sen Blumen in den gro"sen Vasen, lauschte sie auf die
+tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch
+steigerte.
+
+Sie erhob sich und wandte sich dem Au{\s}gang zu. Da trat der
+Schweizer rasch auf sie zu:
+
+"`Gn"adige Frau sind gewi"s hier fremd? Wollen Sie sich die
+Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kirche ansehen?"'
+
+"`Aber nein!"' rief der Adjunkt au{\s}.
+
+"`Warum nicht?"' erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte
+sich an die Madonna, an die Bilds"aulen, die Grabm"aler, an jeden
+Vorwand.
+
+Programmgem"a"s f"uhrte sie der Schweizer nach dem Hauptportal
+zur"uck und zeigte ihnen mit seinem Stock einen gro"sen Krei{\s}
+von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
+
+"`Da{\s} hier"', sagte er salbung{\s}voll, "`ist der Umfang der
+ber"uhmten Glocke de{\s} Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und
+hatte ihre{\s}gleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie
+gegossen, ist vor Freude gestorben~..."'
+
+"`Weiter!"' dr"angte Leo.
+
+Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
+Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
+Arm und wie{\s} mit dem Stolze eine{\s} Landmanne{\s}, der seine
+Saaten zeigt, auf eine Grabplatte.
+
+"`Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Br\'ez\'e, Edler
+Herr von Varenne und Brissac, Gro"sseneschall von Poitou und
+Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlh\'ery
+am 16. Juli 1465."'
+
+Leo bi"s sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fu"se
+auf den andern.
+
+"`Und hier recht{\s}, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
+Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Br\'ez\'e, Edler Herr von Breval
+und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr
+de{\s} K"onig{\s}, Orden{\s}ritter und ebenfall{\s} Verweser der
+Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die
+Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben in{\s} Grab
+steigen will, zeigt ihn ebenfall{\s}. Eine un"ubertreffliche
+Darstellung der irdischen Verg"anglichkeit!"'
+
+Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
+sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
+machen. So sehr entmutigte ihn da{\s} langweilige Geschw"atz auf
+der einen und die Gleichg"ultigkeit auf der andern Seite.
+
+Der unerm"udliche Cicerone fuhr fort:
+
+"`Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
+Diana von Poitier{\s}, Gr"afin von Br\'ez\'e, Herzogin von
+Valentinoi{\s}, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier
+link{\s} die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die
+heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu
+sehen. Hier sind die Grabm"aler derer von Amboise! Sie waren beide
+Kardin"ale und Erzbisch"ofe von Rouen. Dieser hier war Minister
+K"onig Ludwig{\s} de{\s} Zw"olften. Die Kathedrale hat ihm sehr
+viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen
+drei"sigtausend Taler in Gold."'
+
+Ohne stehen zu bleiben und fortw"ahrend redend, dr"angte er die
+beiden in eine Kapelle, die durch ein Gel"ander abgesperrt war. Er
+"offnete e{\s} und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
+eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
+
+"`Dieser Stein zierte dereinst"', sagte er mit einem tiefen
+Seufzer, "`da{\s} Grab von Richard L"owenherz, K"onig von England
+und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so
+zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn au{\s} Bo{\s}heit
+hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die T"ur, durch die sich
+Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den
+ber"uhmten Kirchenfenstern von Lagargouille!"'
+
+Da dr"uckte ihm Leo hastig ein gro"se{\s} Silberst"uck in die Hand
+und nahm Emma{\s} Arm. Der Schweizer war ganz verbl"ufft "uber die
+Freigebigkeit de{\s} Fremden, der noch lange nicht alle
+Sehen{\s}w"urdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
+
+"`Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!"'
+
+"`Danke!"' erwiderte Leo.
+
+"`Er ist wirklich sehen{\s}wert, meine Herrschaften! Er mi{\ss}t
+vierhundertvierzig Fu"s, nur neun weniger al{\s} die gr"o"ste
+"agyptische Pyramide, und ist vollst"andig au{\s} Eisen~..."'
+
+Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
+Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
+durch den grote{\s}ken k"afigartigen Schornstein zw"angen zu
+lassen, den ein "uberspannter Eisengie"ser keck auf die Kirche
+gesetzt hatte. Da{\s} w"are ihr Tod gewesen.
+
+"`Wohin gehen wir nun?"' fragte Emma.
+
+Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
+schon ihren Finger in da{\s} Weihwasserbecken am Au{\s}gang,
+al{\s} sie pl"otzlich hinter sich ein Schnaufen und da{\s}
+regelm"a"sige Aufklopfen eine{\s} Stocke{\s} h"orten. Leo wandte
+sich um.
+
+"`Meine Herrschaften!"'
+
+"`Wa{\s} gibt{\s}?"'
+
+E{\s} war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
+ungebundene B"ucher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
+gedr"uckt, trug. E{\s} war die Literatur "uber die Kathedrale.
+
+"`Troddel!"' murmelte Leo und st"urzte au{\s} der Kirche.
+
+Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
+
+"`Hol un{\s} eine Droschke!"'
+
+Der Knabe rannte "uber den Platz, w"ahrend sie ein paar Minuten
+allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
+verlegen.
+
+"`Leo ... wirklich ... ich wei"s nicht ... ob ich darf!"' E{\s}
+klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: "`E{\s}
+ist sehr unschicklich, wissen Sie da{\s}?"'
+
+"`Wieso?"' erwiderte der Adjunkt. "`In \so{Pari{\s}} macht man{\s}
+so!"'
+
+Diese{\s} eine Wort bestimmte sie wie ein unumst"o"sliche{\s}
+Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo f"urchtete schon, sie
+k"onne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
+
+"`Fahren Sie wenigsten{\s} noch an{\s} Nordportal!"' rief ihnen
+der Schweizer nach. "`Und sehen Sie sich {\glq}Die
+Auferstehung{\grq}, da{\s} {\glq}J"ungste Gericht{\grq}, den
+{\glq}K"onig David{\grq} und {\glq}Die Verdammten in der
+H"olle{\grq} an!"'
+
+"`Wohin wollen die Herrschaften?"' fragte der Kutscher.
+
+"`Fahren Sie irgendwohin!"' befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
+
+Da{\s} schwerf"allige Gef"ahrt setzte sich in Bewegung.
+
+Der Kutscher fuhr durch die Gro"sebr"uckenstra"se, "uber den Platz
+der K"unste, den Kai Napoleon hinunter, "uber die Neue Br"ucke und
+machte vor dem Denkmal Corneille{\s} Halt.
+
+"`Weiter fahren!"' rief eine Stimme au{\s} dem Inneren.
+
+Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
+hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
+
+"`Nein, geradeau{\s}!"' rief dieselbe Stimme.
+
+Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
+gem"achlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
+trocknete sich den Schwei"s von der Stirn, nahm seinen Lederhut
+zwischen die Beine und lenkte sein Gef"ahrt durch eine Seitenallee
+dem Seine-Ufer zu, bi{\s} an die Wiesen. Dann fuhr er den
+Schifferweg hin, am Strom entlang, "uber schlechte{\s} Pflaster,
+nach Oyssel zu, "uber die Inseln hinau{\s}.
+
+Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremare{\s},
+Sotteville, die gro"se Chaussee hin, durch die Elbeuferstra"se und
+machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
+
+"`So fahren Sie doch weiter!"' rief die Stimme, die{\s}mal
+w"utend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr
+durch Sankt Sever "uber da{\s} Bleicher-Ufer und M"uhlstein-Ufer,
+wiederum "uber die Br"ucke, "uber den Exerzierplatz, hinten um den
+Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von
+Schlingpflanzen "uberwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren
+gingen. Dann f"uhrte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf,
+nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan
+bi{\s} zur Deviller H"ohe.
+
+Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
+Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Stra"sen und Gassen, "uber
+die Pl"atze und M"arkte, an den Kirchen und "offentlichen
+Geb"auden und am Hauptfriedhof vor"uber.
+
+Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
+Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche
+Bewegung{\s}wut in seinen Fahrg"asten steckte, so da"s sie
+nirgend{\s} Halt machen wollten. Er versuchte e{\s} ein paarmal,
+aber jede{\s}mal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem
+trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter,
+unbek"ummert, ob er hier und dort anrannte, ganz au"ser Fassung
+und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
+
+Am Hafen, zwischen den Karren und F"assern, in den Strassen und an
+den Ecken machten die B"urger gro"se Augen ob diese{\s} in der
+Provinz ungewohnten Anblick{\s}: ein Wagen mir herabgelassenen
+Vorh"angen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer
+verschlossen wie ein Grab.
+
+Einmal nur, im Freien, um die Mittag{\s}stunde, al{\s} die Sonne
+am hei"sesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte
+eine blo"se Hand unter den gelben Fenstervorhang herau{\s} und
+streute eine Menge Papierschnitzel hinau{\s}, die im Winde
+flatterten wie wei"se Schmetterlinge und auf ein Kleefeld
+niederfielen.
+
+Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} hielt die Droschke in einem G"a"schen
+der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg
+herau{\s} und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
+mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundf"unfzig Minuten auf Emma
+gewartet, schlie"slich aber war er abgefahren.
+
+E{\s} war zwar nicht unbedingt erforderlich, da"s sie wieder zu
+Hause sein mu"ste. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
+zur"uckzukehren. Karl erwartete sie also, und so f"uhlte sie jene
+feige Untert"anigkeit im Herzen, die f"ur viele Frauen die Strafe
+und zugleich der Prei{\s} f"ur den Ehebruch ist.
+
+Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
+einen der zweir"adrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden.
+Unterweg{\s} trieb sie den Kutscher zu gr"o"ster Eile an, fragte
+aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zur"uckgelegten
+Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten H"ausern
+von Quincampoix ein.
+
+Kaum sa"s sie drin, so schlo"s sie auch schon die Augen. Al{\s}
+sie erwachte, waren sie schon "uber den Berg, und von weitem sah
+sie Felicie, die vor dem Hause de{\s} Schmiede{\s} auf sie
+wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und da{\s} M"adchen, da{\s}
+sich bi{\s} zum Fenster hinaufreckte, fl"usterte ihr
+geheimni{\s}voll zu:
+
+"`Gn"adige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! E{\s}
+handelt sich um etwa{\s} sehr Dringliche{\s}!"'
+
+Da{\s} Dorf war still wie immer. Vor den H"ausern lagen kleine
+dampfende, rosafarbige Haufen. E{\s} war die Zeit de{\s}
+Fr"uchteeinmachen{\s}, und jedermann in Yonville bereitete sich am
+selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
+besonder{\s} gro"sen Haufen dieser au{\s}gekochten "Uberreste. Man
+sah, da"s hier mit f"ur die Allgemeinheit gesorgt wurde.
+
+Emma trat in die Apotheke. Der gro"se Lehnstuhl war umgeworfen,
+und sogar der "`Leuchtturm von Rouen"' lag am Boden zwischen zwei
+M"orserkeulen. Sie stie"s die T"ur zur Flur auf und erblickte in
+der K"uche -- inmitten von gro"sen braunen Einmachet"opfen voll
+abgebeerter Johanni{\s}beeren und Sch"usseln mit geriebenem und
+zerst"uckeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
+"uber dem Feuer -- die ganze Familie Homai{\s}, gro"s und klein,
+alle in Sch"urzen, die bi{\s} zum Kinn gingen, Gabeln in den
+H"anden. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten
+Kopfe{\s} dastand, und schrie ihn eben an:
+
+"`Wer hat dir gehei"sen, wa{\s} au{\s} dem Kapernaum zu holen?"'
+
+"`Wa{\s} ist denn lo{\s}? Wa{\s} gibt{\s}?"' fragte die
+Eintretende.
+
+"`Wa{\s} lo{\s} ist?"' antwortete der Apotheker. "`Ich mache hier
+Johanni{\s}beeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft
+zu dick ist, droht er mir "uberzukochen. Ich schicke nach einem
+andern Kessel. Da geht dieser Mensch au{\s} Bequemlichkeit, au{\s}
+Faulheit hin und nimmt au{\s} meinem Laboratorium den dort an
+einem Nagel aufgeh"angten Schl"ussel zu meinem Kapernaum!"'
+
+Kapernaum nannte er n"amlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
+Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
+hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
+und packte. Diese{\s} kleine Gemach betrachtete er nicht al{\s}
+einen gew"ohnlichen Vorrat{\s}raum, sondern al{\s} ein wahre{\s}
+Heiligtum, au{\s} dem, von seiner Hand hergestellt, alle die
+verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, S"aften, Salben und
+Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend ber"uhmt
+machten. Niemand durfte da{\s} Kapernaum betreten. Da{\s} ging
+soweit, da"s er e{\s} selbst au{\s}fegte. Die Apotheke stand f"ur
+jedermann offen. Sie war die St"atte, wo er w"urdevoll amtierte.
+Aber da{\s} Kapernaum war der Zuflucht{\s}ort, wo sich Homai{\s}
+selbst geh"orte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten
+hingab. Justin{\s} Leichtsinn d"unkte ihn de{\s}halb eine
+unerh"orte Respektlosigkeit, und r"oter al{\s} seine
+Johanni{\s}beeren, wetterte er:
+
+"`Nat"urlich! Au{\s}gerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
+Schl"ussel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
+Reservekessel, den ich selber vielleicht niemal{\s} in Gebrauch
+genommen h"atte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
+auch der geringste Umstand die gr"o"ste Wichtigkeit! Zum Teufel,
+daran mu"s man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
+nicht zu K"uchenzwecken verwenden! Da{\s} w"are gradeso, al{\s} wenn
+man sich mit einer Sense rasieren wollte oder al{\s} wenn~..."'
+
+"`Aber so beruhige dich doch!"' mahnte Frau Homai{\s}.
+
+Und Athalia zupfte ihn am Rock.
+
+"`Papachen, Papachen!"'
+
+"`La"st mich!"' erwiderte der Apotheker. "`Zum Donnerwetter, la"st
+mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen er"offnen!
+Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alle{\s}! La"s die
+Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
+Gurken in den Arzneib"uchsen ein! Zerrei"s die Bandagen!"'
+
+"`Sie hatten mir doch~..."', begann Emma.
+
+"`Einen Augenblick! -- Wei"st du, mein Junge, wa{\s} dir h"atte
+passieren k"onnen? Hast du link{\s} in der Ecke auf dem dritten
+Wandbrett nicht{\s} stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen
+Ton von dir!"'
+
+"`Ich ... wei"s ... nicht"', stammelte der Lehrling.
+
+"`Ah, du wei"st nicht! Freilich! Aber ich wei"s e{\s}! Du hast da
+eine B"uchse gesehn, au{\s} blauem Gla{\s}, mit einem gelben
+Deckel, gef"ullt mit wei"sem Pulver, und auf dem Schild steht, von
+mir eigenh"andig draufgeschrieben: {\glq}Gift! Gift! Gift!{\grq}
+Und wei"st du, wa{\s} da drin ist? Ar -- se -- nik! Und so wa{\s}
+r"uhrst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!"'
+
+"`Daneben!"' rief Frau Homai{\s} erschrocken und schlug die H"ande
+"uber dem Kopfe zusammen. "`Arsenik! Du h"attest un{\s} alle
+miteinander vergiften k"onnen!"'
+
+Die Kinder fingen an zu schreien, al{\s} sp"urten sie bereit{\s}
+die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
+
+"`Oder du h"attest einen Kranken vergiften k"onnen"', fuhr der
+Apotheker fort. "`Wolltest du mich gar auf die Anklagebank
+bringen, vor da{\s} Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem
+Schafott sehen? Wei"st du denn nicht, da"s ich mich bei meinen
+Arbeiten kolossal in acht nehmen mu"s, trotz meiner gro"sen
+Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine
+Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht un{\s} t"uchtig auf
+die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen,
+schweben unsereinem faktisch wie ein Damokle{\s}schwert
+fortw"ahrend "uber dem Haupte!"'
+
+Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, wa{\s} man von ihr
+wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen S"atzen fort:
+
+"`So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden
+sind? So dankst du mir die geradezu v"aterliche M"uhe und
+Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo w"arst du denn
+ohne mich? Wie ginge dir{\s} heute? Wer hat dich ern"ahrt,
+erzogen, gekleidet? Wer erm"oglicht e{\s} dir, da"s du eine{\s}
+Tage{\s} mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um
+da{\s} zu erreichen, mu"st du noch feste zugreifen, mu"st, wie man
+sagt, Blut schwitzen! \begin{antiqua}Fabricando sit faber, age,
+quod agis\end{antiqua}!"'
+
+Er war derma"sen aufgeregt, da"s er Lateinisch sprach. Er h"atte
+Chinesisch oder Gr"onl"andisch gesprochen, wenn er da{\s} gekonnt
+h"atte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
+Mensch sein geheimste{\s} Ich ohne Selbstkritik enth"ullt, wie
+da{\s} Meer, da{\s} sich im Sturm an seinem Gestade bi{\s} auf den
+Grund und Boden "offnet.
+
+Er predigte immer weiter:
+
+"`Ich fange an, e{\s} furchtbar zu bereuen, da"s ich dich in mein
+Hau{\s} genommen habe. Ich h"atte besser getan, dich in dem Elend
+Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du
+wirst niemal{\s} zu etwa{\s} Besserem zu gebrauchen sein al{\s}
+zum Rindviehh"uten. Zur Wissenschaft hast du kein bi"schen Talent!
+Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
+wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und l"a"st
+dir{\s} "uber die Ma"sen wohl gehn!"'
+
+Emma wandte sich an Frau Homai{\s}:
+
+"`Man hat mich hierher gerufen~..."'
+
+"`Ach, du lieber Gott!"' unterbrach die gute Frau sie mit
+trauriger Miene. "`Wie soll ich{\s} Ihnen nur beibringen? ...
+E{\s} ist n"amlich ein Ungl"uck passiert~..."'
+
+Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker "uberschrie sie:
+
+"`Hier! Leer ihn wieder au{\s}! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
+wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!"'
+
+Er packte Justin beim Kragen und sch"uttelte ihn ab. Dabei entfiel
+Justin{\s} Tasche ein Buch.
+
+Der Junge b"uckte sich, aber Homai{\s} war schneller al{\s} er,
+hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen
+und offenem Mund.
+
+"`Liebe und Ehe"', la{\s} er vor. "`Aha! Gro"sartig! Gro"sartig!
+Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Da{\s} ist denn doch ein
+bi"schen starker Tobak!"'
+
+Frau Homai{\s} wollte nach dem Buche greifen.
+
+"`Nein, da{\s} ist nicht{\s} f"ur dich!"' wehrte er sie ab.
+
+Die Kinder wollten die Bilder sehn.
+
+"`Geht hinau{\s}!"' befahl er gebieterisch.
+
+Und sie gingen hinau{\s}.
+
+Eine Weile schritt er zun"achst mit gro"sen Schritten auf und ab,
+da{\s} Buch halb ge"offnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
+au"ser Atem, mit rotem Kopfe, al{\s} ob ihn der Schlag r"uhren
+sollte. Dann ging er auf den Lehrling lo{\s} und stellte sich mit
+verschr"ankten Armen vor ihn hin:
+
+"`Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Ungl"uck{\s}wurm?
+Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene!
+Hast du denn nicht bedacht, da"s diese{\s} sch"andliche Buch
+meinen Kindern in die H"ande fallen konnte, den Samen der S"unde
+in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athalien{\s} tr"uben und
+Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigsten{\s}
+beschw"oren, da"s die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du
+mir da{\s} schw"oren?"'
+
+"`Aber so sagen Sie mir doch endlich,"' unterbrach ihn Emma,
+"`wa{\s} Sie mir mit\/zuteilen haben!"'
+
+"`Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!"'
+
+In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
+einem Schlaganfall verschieden. Au{\s} "ubertriebener
+R"ucksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die
+schreckliche Nachricht schonend mit\/zuteilen.
+
+Homai{\s} hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauesten{\s}
+"uberlegt und au{\s}gekl"ugelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht,
+Zartgef"uhl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte "uber seine
+Sprachkunst triumphiert.
+
+Emma verzichtete auf Einzelheiten und verlie"s die Apotheke, da
+Homai{\s} seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, w"ahrend er
+sich mit seinem K"appchen Luft zuf"achelte. Allm"ahlich beruhigte
+er sich jedoch und ging in einen v"aterlicheren Ton "uber:
+
+"`Ich will nicht sagen, da"s ich diese{\s} Buch g"anzlich ablehne.
+Der Verfasser ist Arzt, und e{\s} stehen wissenschaftliche
+Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja
+die er vielleicht kennen mu"s. Aber da{\s} hat ja Zeit! Warte doch
+wenigsten{\s}, bi{\s} du ein wirklicher Mann bist!"'
+
+Al{\s} Emma an ihrem Hause klingelte, "offnete Karl, der sie
+erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
+
+"`Meine liebe Emma!"'
+
+Er neigte sich z"artlich zu ihr hernieder, um sie zu k"ussen. Aber
+bei der Ber"uhrung ihrer Lippen mu"ste sie an den andern denken.
+Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand "uber da{\s} Gesicht:
+
+"`Ja ... ich wei"s ... ich wei"s~..."'
+
+Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter da{\s} Ereigni{\s}
+ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur,
+da"s ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod
+hatte ihn in Doudeville auf der Stra"se, an der Schwelle eine{\s}
+Restaurant{\s}, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
+einem Liebe{\s}mahl teilgenommen hatte.
+
+Emma reichte Karl den Brief zur"uck. Bei Tisch tat sie au{\s}
+konventionellem Taktgef"uhl so, al{\s} h"atte sie keinen Appetit.
+Al{\s} er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, w"ahrend Karl
+unbeweglich und mit betr"ubter Miene ihr gegen"uber dasa"s.
+
+Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
+traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
+
+"`Ich wollt, ich h"atte ihn noch einmal gesehen!"'
+
+Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, da"s sie etwa{\s}
+entgegnen m"usse, fragte sie:
+
+"`Wie alt war dein Vater eigentlich?"'
+
+"`Achtundf"unfzig!"'
+
+"`So!"'
+
+Da{\s} war alle{\s}.
+
+Eine Viertelstunde sp"ater fing er wieder an:
+
+"`Meine arme Mutter! Wa{\s} soll nun au{\s} ihr werden?"'
+
+Emma machte eine Geb"arde, da"s sie e{\s} nicht wisse.
+
+Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, da"s sie sehr betr"ubt
+sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfall{\s} zum Schweigen,
+um ihren r"uhrenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
+zusammenraffend, fragte er sie:
+
+"`Hast du dich gestern gut am"usiert?"'
+
+"`Ja!"'
+
+Al{\s} der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
+gleichfall{\s}. Je l"anger sie ihn in dieser monotonen Stimmung
+ansah, um so mehr schwand da{\s} Mitleid au{\s} ihrem Herzen
+bi{\s} auf den letzten Rest. Karl kam ihr erb"armlich, jammervoll,
+wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung "`ein
+trauriger Kerl"'. Wie konnte sie ihn nur lo{\s}werden? Welch
+endloser Abend! Etwa{\s} Bet"aubende{\s} ergriff sie, wie Opium.
+
+In der Hau{\s}flur ward ein schl"urfende{\s} Ger"ausch vernehmbar.
+E{\s} war Hippolyt, der Emma{\s} Gep"ack brachte. E{\s} machte ihm
+viel M"uhe, e{\s} abzulegen.
+
+"`Karl denkt schon gar nicht mehr daran"', dachte Emma, al{\s} sie
+den armen Teufel sah, dem da{\s} rote Haar in die
+schwei"striefende Stirn herabhing.
+
+Bovary zog einen Groschen au{\s} der Westentasche. Er hatte kein
+Gef"uhl f"ur die Dem"utigung, die f"ur ihn in der blo"sen
+Anwesenheit diese{\s} Kr"uppel{\s} lag. Lief er nicht wie ein
+leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unf"ahigkeit de{\s} Arzte{\s}
+herum?
+
+"`Ein h"ubscher Strau"s!"' sagte er, al{\s} er auf dem Kamin
+Leo{\s} Veilchen bemerkte.
+
+"`Ja!"' erwiderte sie gleichg"ultig. "`Ich habe ihn einer armen
+Frau abgekauft."'
+
+Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur K"uhlung vor seine
+von Tr"anen ger"oteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie ri"s sie
+ihm au{\s} der Hand und stellte sie in ein Wassergla{\s}.
+
+Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
+weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
+Wirtschaft zu tun.
+
+Am Tage nachher besch"aftigten sich die beiden Frauen mit den
+Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem N"ahzeug in die Laube
+hinten im Garten am Bachrande.
+
+Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich "uber seine gro"se
+Liebe zu diesem Mann, die ihm bi{\s} dahin gar nicht weiter zum
+Bewu"stsein gekommen war. Auch Frau Bovary gr"ubelte "uber den
+Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst
+begehren{\s}wert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit
+geworden, da"s sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann
+eine dicke Tr"ane "uber ihre Nase und blieb einen Augenblick daran
+h"angen. Dabei n"ahte sie ununterbrochen weiter.
+
+Emma dachte, da"s kaum achtundvierzig Stunden vor"uber waren, seit
+sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentr"uckt, ganz
+trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
+kleinsten und allerkleinsten Z"uge diese{\s} entschwundenen
+Tage{\s} in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uckzurufen. Aber die Anwesenheit
+ihre{\s} Manne{\s} und ihrer Schwiegermutter st"orte sie. Sie
+h"atte nicht{\s} h"oren und nicht{\s} sehn m"ogen, um nicht in
+ihren Liebestr"aumereien gest"ort zu werden, die gegen ihren
+Willen unter den "au"seren Eindr"ucken zu verwehen drohten.
+
+Sie trennte da{\s} Futter eine{\s} Kleide{\s} ab, da{\s} sie um
+sich au{\s}gebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere
+und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide H"ande in
+den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
+"Uberrock, der ihm al{\s} Hau{\s}anzug diente, bei ihnen und
+sprach auch kein Wort. Berta, die ein wei"se{\s} Sch"urzchen
+umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande.
+
+Pl"otzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenh"andler, kommen.
+
+Er bot in Anbetracht de{\s} "`betr"ublichen Ereignisse{\s}"' seine
+Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu
+k"onnen, aber der H"andler wich nicht so leicht.
+
+"`Ich bitte tausendmal um Verzeihung,"' sagte er, "`aber ich mu"s
+Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten."' Und fl"usternd
+f"ugte er hinzu: "`E{\s} ist wegen dieser Sache ... Sie wissen
+schon~..."'
+
+Karl wurde rot bi{\s} "uber die Ohren.
+
+"`Gewi"s ... freilich ... nat"urlich!"'
+
+In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
+
+"`K"onntest du da{\s} nicht mal ... meine Liebe~...?"'
+
+Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
+Mutter:
+
+"`E{\s} ist nicht{\s} weiter! Wahrscheinlich irgend eine
+Kleinigkeit, die den Hau{\s}halt betrifft."'
+
+Er f"urchtete ihre Vorw"urfe und wollte nicht, da"s sie die
+Vorgeschichte de{\s} Wechsel{\s} erf"uhre.
+
+Sobald sie allein waren, begl"uckw"unschte Lheureux Emma in
+ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
+gleichg"ultigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
+seiner Gesundheit, die immer "`so lala"' sei. Er m"u"ste sich
+wirklich h"ollisch anstrengen und, wa{\s} die Leute auch sagten,
+ihm fehle doch die Butter zum Brote.
+
+Emma lie"s ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
+entsetzlich.
+
+"`Und sind Sie v"ollig wiederhergestellt?"' fuhr er fort. "`Ich
+sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer sch"onen Verfassung
+gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir un{\s} auch
+ordentlich einander in die Haare gefahren sind."'
+
+Sie fragte, wa{\s} da{\s} gewesen sei. Karl hatte ihr n"amlich die
+Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
+
+"`Aber Sie wissen doch! E{\s} handelte sich um Ihre Sachen zur
+Reise~..."'
+
+Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die H"ande auf
+den R"ucken genommen und sah ihr, l"achelnd und leise redend, mit
+einem unertr"aglichen Blick in{\s} Gesicht. Vermutete er etwa{\s}?
+Emma verlor sich in allerlei Bef"urchtungen. Inzwischen fuhr er
+fort:
+
+"`Aber wir haben un{\s} schlie"slich geeinigt, und ich bin
+gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen~..."'
+
+E{\s} handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary au{\s}gestellt
+hatte, zu erneuern. "Ubrigen{\s} k"onne der Herr Doktor die Sache
+ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu
+"angstigen, noch dazu jetzt, wo er gewi"s mit Sorgen "uberh"auft
+sei.
+
+"`Da{\s} beste w"are ja, wenn die Schuld jemand ander{\s}
+"ubern"ahme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Da{\s}
+w"are da{\s} Bequemste. Wir k"onnten dann unsere kleinen
+Gesch"afte miteinander abmachen."'
+
+Sie begriff nicht recht, aber er sagte nicht{\s} weiter. Dann kam
+er auf sein Gesch"aft zu sprechen und erkl"arte ihr, sie m"usse
+unbedingt etwa{\s} nehmen. Er wolle ihr zw"olf Meter Barege
+schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide.
+
+"`Da{\s}, wa{\s} Sie da haben, ist gut f"ur{\s} Hau{\s}. Sie
+brauchen noch noch ein andre{\s} f"ur die Besuche. Gleich beim
+Eintreten habe ich da{\s} bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein
+Amerikaner!"'
+
+Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
+er nochmal{\s}, um Ma"s zu nehmen, und dann unter allen m"oglichen
+anderen Vorw"anden wieder und wieder, wobei er sich so gef"allig
+und dienstbeflissen wie nur m"oglich stellte. Er stand
+"`gehorsamst zur Verf"ugung"', wie Homai{\s} zu sagen pflegte.
+Dabei fl"usterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschl"age
+wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erw"ahnte er nicht
+mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach
+ihrer Genesung mit ihr dar"uber gesprochen, aber e{\s} war ihr
+seitdem so viel durch den Kopf gegangen, da"s sie da{\s} vergessen
+hatte. Sie h"utete sich "uberhaupt, Geldinteressen an den Tag zu
+legen. Frau Bovary wunderte sich dar"uber, aber sie schrieb da{\s}
+der Fr"ommigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden
+sei.
+
+Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
+Gatten durch ihren Gesch"aft{\s}sinn in Erstaunen. Man m"usse
+Erkundigungen einholen, die Hypotheken pr"ufen und feststellen, ob
+nicht vielleicht ein Nachla"skonkur{\s} n"otig sei. Sie gebrauchte
+auf gut Gl"uck allerhand juristische Au{\s}dr"ucke, sprach von
+Ordnung de{\s} Nachlasse{\s}, Nachla"sverbindlichkeiten, Haftung
+usw., und "ubertrieb immerfort die Schwierigkeiten der
+Erbschaft{\s}regelung. Eine{\s} Tage{\s} zeigte sie ihm sogar den
+Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr da{\s} Recht "ubertrug,
+da{\s} Verm"ogen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel
+au{\s}zustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten
+und zu empfangen usw.
+
+Lheureux war ihr Lehrmeister.
+
+Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde au{\s}gestellt habe.
+
+"`Notar Guillaumin."' Und mit der gr"o"sten Kaltbl"utigkeit f"ugte
+sie hinzu: "`Ich habe nur nicht da{\s} rechte Vertrauen zur Sache.
+Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht m"u"ste man noch
+einen Recht{\s}anwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein
+... keinen."'
+
+"`H"ochsten{\s} Leo"', meinte Karl nachdenklich. Aber e{\s} sei
+schwierig, sich brieflich zu verst"andigen.
+
+Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot e{\s}
+nochmal{\s} an. Kein{\s} wollte dem andern an Zuvorkommenheit
+nachstehen. Schlie"slich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn
+au{\s}:
+
+"`Ich will aber! Ich bitte dich, la"s mich{\s} machen!"'
+
+"`Wie gut du bist!"' sagte er und k"u"ste sie auf die Stirn.
+
+Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
+und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+E{\s} waren drei erlebni{\s}volle, k"ostliche, wunderbare wahre
+Flitterwochentage.
+
+Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
+verschlossenen T"uren und herabgelassenen Fensterl"aden, unter
+"uberallhin gestreuten Blumen und bei Fruchtei{\s}, da{\s} man
+ihnen alle Morgen in der Fr"uhe brachte.
+
+Abend{\s} mieteten sie einen "uberdeckten Kahn und a"sen auf einer
+der Inseln.
+
+E{\s} war die Stunde, da man von den Werften her die H"ammer gegen
+die Schiff{\s}w"ande schlagen h"orte. Der Dampf von siedendem Teer
+stieg zwischen den B"aumen empor, und auf dem Strome sah man
+breite "olige, ungleich gro"se Flecken, die im Purpurlichte der
+Sonne wie schwimmende Platten au{\s} Florenzer Bronze gl"anzten.
+
+Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flu"sk"ahnen
+hindurch, und bi{\s}weilen streifte ihre Barke die langen
+Ankertaue. Da{\s} Ger"ausch der Stadt, da{\s} Rasseln der Wagen,
+da{\s} Stimmengewirr, da{\s} Bellen der Hunde auf den Schiffen
+wurde ferner und ferner. Emma kn"upfte ihre Hutb"ander auf.
+
+Sie landeten an "`ihrer Insel"'. Sie setzten sich in eine
+Herberge, vor deren T"ur schwarze Netze hingen, und a"sen
+gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich
+in{\s} Gra{\s}, k"u"sten einander im Schatten der hohen Pappeln
+und h"atten am liebsten wie zwei Robinson{\s} immer auf diesem
+Erdenwinkel leben m"ogen, der ihnen in ihrer Gl"uckseligkeit
+al{\s} da{\s} sch"onste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie
+sahn die B"aume, den blauen Himmel und da{\s} Gra{\s} nicht zum
+ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Pl"atschern der
+Wellen und dem Wind, der durch die Bl"atter rauschte, aber e{\s}
+war ihnen, al{\s} h"atten sie da{\s} alle{\s} niemal{\s} so
+genossen, al{\s} w"are die Natur vorher gar nicht dagewesen oder
+al{\s} w"are sie erst sch"on, seitdem ihr Begehren gestillt war.
+
+Wenn e{\s} dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
+von Inseln entlang. Die beiden sa"sen im Dunkeln auf der Bank
+unter dem h"olzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die
+vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen
+Gabeln, taktm"a"sig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte da{\s}
+Wasser leise um da{\s} herrenlose Steuer.
+
+Einmal erschien der Mond. Da schw"armten sie nat"urlich vom
+stillen Nebelglanz "uber Busch und Tal und seinen Melodien. Und
+Emma begann sogar zu singen:
+\begin{verse}
+"`Wei"st du, eine{\s} Abend{\s} \\
+Fuhren wir dahin~..."'
+\end{verse}
+
+Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte "uber der Flut,
+vom Wind entf"uhrt. Wie sanfter Fl"ugelschlag streifte der Sang
+Leo{\s} Ohr.
+
+Emma sa"s an die R"uckwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
+offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
+Gesicht. Ihr schwarze{\s} Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
+F"acher au{\s}breitete, lie"s sie schlanker und gr"o"ser
+erscheinen. Die H"ande gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum
+Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der
+Weiden, an denen der Kahn vor"uberglitt, und dann tauchte sie
+pl"otzlich wieder auf, im Lichte de{\s} Monde{\s}, wie eine
+Geistererscheinung.
+
+Leo, der sich ihr zu F"u"sen am Boden de{\s} Fahrzeuge{\s}
+gelagert hatte, hob ein Band au{\s} roter Seide auf. Der
+Boot{\s}mann sah e{\s} und meinte:
+
+"`Da{\s} ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
+spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
+hatten Kuchen und Champagner mit und Waldh"orner. Da{\s} war ein
+Rummel! Da war einer dabei, ein gro"ser h"ubscher Mann mit einem
+schwarzen Schnurrb"artchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
+immer: {\glq}Du, erz"ahl un{\s} mal einen Schwank au{\s} deinem
+Leben, Adolf!{\grq} Oder hie"s er Rudolf? Ich wei"s nicht mehr~..."'
+
+Emma fuhr zusammen.
+
+"`Ist dir nicht wohl?"' fragte Leo und legte ihr die Hand um den
+Nacken.
+
+"`Ach nein, e{\s} ist nicht{\s}! E{\s} ist ein bi"schen k"uhl."'
+
+"`Er mochte auch viel Gl"uck bei den Frauen haben"', redete der
+Boot{\s}mann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar
+eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die H"ande und
+begann von neuem zu rudern.
+
+Endlich kam die Trennung{\s}stunde. Der Abschied war sehr traurig.
+Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
+schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
+Umschl"age verwenden. Er wunderte sich "uber ihre Schlauheit in
+Liebe{\s}dingen.
+
+"`Und da{\s} andre ist doch auch alle{\s} in Ordnung, nicht
+wahr?"' fragte sie nach dem letzten Kusse.
+
+"`Aber gewi"s!"'
+
+Al{\s} er dann allein durch die Stra"sen heimging, dachte er bei
+sich:
+
+"`Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesen{\s} mit ihrer
+Generalvollmacht?"'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Leo begann vor seinen Kameraden den "Uberlegenen zu spielen. Er
+mied ihre Gesellschaft und vernachl"assigte seine Akten. Er
+wartete nur immer auf Emma{\s} Briefe, la{\s} wieder und wieder in
+ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in
+der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein hei"se{\s}
+Begehren k"uhlte sich durch da{\s} Getrenntsein nicht ab, im
+Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuch{\s} derma"sen,
+da"s er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.
+
+Al{\s} er von der H"ohe herab unten im Tale den Kirchturm mit
+seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
+durchschauerte ihn ein sonderbare{\s} Gef"uhl von Eitelkeit und
+R"uhrung, wie e{\s} vielleicht ein Milliard"ar empfindet, der sein
+Heimatdorf wieder aufsucht.
+
+Er ging um Emma{\s} Hau{\s}. In der K"uche war Licht. Er wartete,
+ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar w"urde. E{\s}
+erschien nicht{\s}.
+
+Al{\s} Mutter Franz ihn gewahrte, stie"s sie Freudenschreie
+au{\s}. Sie fand ihn "`gr"o"ser und schlanker geworden"', w"ahrend
+Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er s"ahe "`st"arker und
+brauner"' au{\s}.
+
+Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
+aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte e{\s} n"amlich
+"`satt bekommen"', immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
+seine Tischzeit ein f"ur allemal auf Punkt f"unf Uhr verlegt,
+wa{\s} ihn indessen nicht hinderte, dar"uber zu r"asonieren, da"s
+der "`alte Klapperkasten egal zu sp"at"' k"ame.
+
+Endlich fa"ste Leo Mut und klingelte an der Hau{\s}t"ure de{\s}
+Arzte{\s}. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer
+Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn
+wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tag{\s} wich er von
+Emma{\s} Seite. Erst nacht{\s} kam sie allein mit Leo zusammen,
+auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach,
+wie einst mit dem andern.
+
+Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
+Regenschirm, bei Donner und Blitz.
+
+Die Trennung war ihnen unertr"aglich.
+
+"`Lieber sterben!"' sagte Emma.
+
+Sie entwand sich seinen Armen und weinte.
+
+"`Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?"'
+
+Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
+versprach ihm Emma, sie wolle demn"achst Mittel und Wege finden,
+damit sie sich wenigsten{\s} einmal jede Woche sehen k"onnten.
+Emma zweifelte nicht an der M"oglichkeit. Sie war "uberhaupt
+voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr f"ur die n"achste Zeit Geld
+in Au{\s}sicht gestellt.
+
+Sie schaffte ein Paar cremefarbige Store{\s} f"ur ihr Zimmer an.
+Lheureux r"uhmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen
+Teppich, den der H"andler bereitwillig zu besorgen versprach,
+wobei er versicherte, er werde "`die Welt nicht kosten"'. Lheureux
+war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie
+nach ihm, und immer lie"s er alle{\s} stehen und liegen und kam,
+ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte
+Frau Rollet t"aglich zum Fr"uhst"uck und auch au"serdem noch
+h"aufig kam.
+
+Gegen Anfang de{\s} Winter{\s} entwickelte Emma pl"otzlich einen
+ungemein regen Eifer im Musizieren.
+
+Eine{\s} Abend{\s} spielte sie da{\s}selbe St"uck viermal
+hintereinander, ohne "uber eine bestimmte schwierige Stelle glatt
+hinwegzukommen. Karl, der ihr zuh"orte, bemerkte den Fehler nicht
+und rief:
+
+"`Bravo! Au{\s}gezeichnet! Fehlerlo{\s}! Spiele nur weiter!"'
+
+"`Nein, nein! Ich st"umpere. Meine Finger sind zu steif
+geworden."'
+
+Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwa{\s} vorzuspielen.
+
+"`Meinetwegen! Wenn e{\s} dir Spa"s macht."'
+
+Karl gab zu, da"s sie ein wenig au{\s} der "Ubung sei. Sie griff
+daneben, blieb stecken, und pl"otzlich h"orte sie auf zu spielen.
+
+"`Ach, e{\s} geht nicht, ich m"u"ste wieder Stunden nehmen,
+aber~..."' Sie bi"s sich in die Lippen und f"ugte hinzu: "`Zwanzig
+Franken f"ur die Stunde, da{\s} ist zu teuer."'
+
+"`Allerding{\s} ... ja~..."', sagte Karl und l"achelte einf"altig,
+"`aber e{\s} gibt doch auch unbekannte K"unstler, die billiger und
+manchmal besser sind al{\s} die Ber"uhmtheiten."'
+
+"`Such mir einen!"' sagte Emma.
+
+Am andern Tag, al{\s} er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene
+an und sagte schlie"slich:
+
+"`Wa{\s} du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
+Barfeuch\`ere{\s}, und da hat mir Frau Li\'egeard erz"ahlt, da"s
+ihre drei T"ochter f"ur zw"olf Groschen die Stunde bei einer ganz
+vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben."'
+
+Emma zuckte mit den Achseln und "offnete fortan nicht mehr da{\s}
+Klavier. Aber wenn sie in Karl{\s} Gegenwart daran vorbeiging,
+seufzte sie allemal:
+
+"`Ach, mein arme{\s} Klavier!"'
+
+Wenn Besuch da war, erz"ahlte sie jedermann, da"s sie die Musik
+aufgegeben und h"oheren R"ucksichten geopfert habe. Dann beklagte
+man sie. E{\s} sei schade. Sie h"atte soviel Talent. Man machte
+ihrem Manne geradezu Vorw"urfe, und der Apotheker sagte ihm
+eine{\s} Tage{\s}:
+
+"`E{\s} ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem
+die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Au"serdem sparen
+Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, sp"ater bei
+der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die M"utter
+sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Da{\s} hat schon
+Rousseau gesagt, so neu un{\s} diese Forderung auch anmutet. Aber
+da{\s} wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ern"ahrung der
+S"auglinge durch die eigenen M"utter und wie die
+Schutzpockenimpfung! Davon bin ich "uberzeugt!"'
+
+Infolgedessen kam Karl noch einmal gespr"ach{\s}weise auf diese
+Angelegenheit zur"uck. Emma erwiderte "argerlich, da"s e{\s}
+besser w"are, da{\s} Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte
+sich Bovary. Da{\s} kam ihm wie die Prei{\s}gabe eine{\s}
+St"ucke{\s} von sich selbst vor. Da{\s} brave Klavier hatte ihm so
+oft Vergn"ugen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht!
+
+"`Wie w"are e{\s} denn,"' schlug er vor, "`wenn du hin und wieder
+eine Stunde n"ahmst? Da{\s} wird un{\s} wohl nicht gleich
+ruinieren!"'
+
+"`Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelm"a"sig erfolgt"',
+entgegnete sie.
+
+Und so kam e{\s} schlie"slich dahin, da"s sie von ihrem Gatten die
+Erlaubni{\s} erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
+den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
+habe bedeutende Fortschritte gemacht.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich
+ger"auschlo{\s} an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorw"urfe
+wegen ihre{\s} zu fr"uhen Aufstehen{\s} gemacht h"atte. Dann lief
+sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich an{\s} Fenster und sah auf
+den Marktplatz hinau{\s}. Da{\s} Morgengrauen huschte um die
+Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterl"aden noch
+geschlossen waren. Die gro"sen Buchstaben de{\s} Ladenschilde{\s}
+lie"sen sich durch da{\s} fahle D"ammerlicht erkennen.
+
+Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
+Goldnen L"owen. Artemisia "offnete ihr g"ahnend die T"ur und
+fachte der gn"adigen Frau wegen im Herde die gl"uhenden Kohlen an.
+Ganz allein sa"s Emma dann in der K"uche.
+
+Von Zeit zu Zeit ging sie hinau{\s}. Hivert spannte h"ochst
+gem"achlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuh"orte,
+die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster
+herau{\s}sah und ihm tausend Auftr"age und Verhaltung{\s}ma"sregeln
+erteilte, die jeden andern Kutscher verr"uckt gemacht h"atten. Die
+Abs"atze von Emma{\s} Stiefeletten klapperten laut auf dem
+Pflaster de{\s} Hofe{\s}.
+
+Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
+angezogen, die Tabak{\s}pfeife angez"undet und die Peitsche in die
+Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.
+
+Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfang{\s} machte sie
+allerort{\s} Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Stra"se vor
+den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Pl"atze
+vorbestellt hatten, lie"sen meist auf sich warten; ja e{\s} kam
+vor, da"s sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und
+fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den
+F"austen laut gegen die Fensterl"aden. Inzwischen pfiff der Wind
+durch die schlecht schlie"senden Wagenfenster.
+
+Allm"ahlich f"ullten sich die vier B"anke. Der Wagen rollte jetzt
+schneller hin. Die Apfelb"aume an den Stra"senr"andern folgten
+sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser
+gef"ullten Gr"aben dehnte sich die Chaussee noch endlo{\s} hin
+bi{\s} in den Horizont.
+
+Emma kannte jede Einzelheit de{\s} Wege{\s}. Sie wu"ste genau,
+wann eine Wiese oder eine Wegs"aule kam oder eine Ulme, eine
+Scheune, da{\s} H"auschen eine{\s} Stra"senw"arter{\s}. Manchmal
+schlo"s sie die Augen eine Weile, um sich "uberraschen zu lassen.
+Aber sie verlor niemal{\s} da{\s} Gef"uhl f"ur Zeit und Ort.
+
+Endlich erschienen die ersten Backsteinh"auser. Der Boden dr"ohnte
+unter den R"adern, recht{\s} und link{\s} lagen G"arten, durch
+deren Gitter man Bilds"aulen, Lauben, beschnittene Taxu{\s}hecken
+und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.
+
+Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
+erf"ullten Tiefe. Jenseit{\s} der Br"ucken verlief da{\s}
+H"ausermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich
+flache{\s} Land in eint"onigen Linien, bi{\s} e{\s} weit in der
+Ferne im fahlen Grau de{\s} Himmel{\s} verschwamm. So au{\s} der
+Vogelschau sah die ganze Landschaft leblo{\s} wie ein Gem"alde
+au{\s}. Die vor Anker liegenden Zillen dr"angten sich in einem
+Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um gr"une H"ugel,
+und die l"anglichen Inseln in seinen Fluten glichen gro"sen
+schwarzen, tot daliegenden Fischen. Au{\s} den hohen Fabrikessen
+quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft
+aufl"osten. In da{\s} Dr"ohnen der Dampfh"ammer mischte sich
+da{\s} helle Glockengel"aut der Kirchen, die au{\s} dem Dunste
+hervorragten. Die bl"atterlosen B"aume auf den Boulevard{\s}
+wuchsen au{\s} den H"ausermassen herau{\s} wie violette Gew"achse,
+und die vom Regen nassen D"acher glitzerten st"arker oder
+schw"acher, je nach der h"oheren oder tieferen Lage der
+Stadtteile. Bi{\s}weilen trieb ein frischer Windsto"s da{\s}
+dunstige Gew"olk nach der Sankt Katharinen-H"ohe hin, an deren
+steilen H"angen sich die luftige Flut ger"auschlo{\s} brach.
+
+Emma empfand jede{\s}mal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
+diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Da{\s} Blut
+st"urmte ihr heftiger durch die Adern, al{\s} ob ihr die
+hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem
+der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen
+Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt diese{\s} Anblick{\s}
+wuch{\s} ihre eigene Liebe, und da{\s} dumpfe Rauschen de{\s}
+Stra"senl"arm{\s}, da{\s} zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung.
+Die Pl"atze, die Stra"sen, die Promenaden erweiterten und
+vergr"o"serten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
+zur Ko{\s}mopoli{\s}, zu einem zweiten Babylon, in da{\s} sie
+Einzug hielt.
+
+Sie lehnte sich au{\s} dem Wagenfenster hinau{\s} und sog die
+frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
+schmutzigen Landstra"se knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
+rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die B"urger,
+die au{\s} ihren Landh"ausern im Wilhelm{\s}walde zur"uckkehrten,
+wo sie die Nacht "uber geblieben waren, wichen mit ihren
+Familienkutschen gem"achlich au{\s}.
+
+Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
+"Uberschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
+und stieg au{\s}.
+
+In der Stadt wurde e{\s} lebendig. Die Lehrjungen putzten die
+Schaufenster der L"aden. Marktweiber mit K"orben schrien an den
+Stra"senecken ihre Waren au{\s}. Emma dr"uckte sich mit
+niedergeschlagenen Augen an den H"ausermauern entlang. Unter ihrem
+herabgezogenen schwarzen Schleier l"achelte sie vergn"ugt. Um
+nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch d"ustre
+Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen
+am Ende der Rue Nationale. Wegen der N"ahe de{\s} Theater{\s} gibt
+e{\s} dort die meisten Kneipen. E{\s} wimmelt von Frauenzimmern.
+Ein paarmal fuhren Karren mit B"uhnendekorationen an Emma
+vor"uber. Besch"urzte Kellner streuten Sand auf da{\s} Trottoir,
+zwischen K"asten mit gr"unen Gew"achsen. E{\s} roch nach Absinth,
+Zigarren und Austern.
+
+Emma bog in die verabredete Stra"se ein. Da stand Leo. Sie
+erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, da{\s} sich
+unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm
+nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf,
+"offnete die T"ur und trat ein~...
+
+Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebe{\s}worte und K"usse ohne
+Ende! Sie erz"ahlten sich vom Leid der vergangenen Woche, von
+ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber
+dann war da{\s} alle{\s} vergessen. Sie sahen sich von Auge zu
+Auge, unter dem L"acheln der Wollust und unter dem Gefl"uster der
+Z"artlichkeit.
+
+Da{\s} Bett war au{\s} Mahagoni und sehr gro"s. Zu beiden Seiten
+de{\s} Kopfkissen{\s} hingen rotseidne weitbauschige Vorh"ange
+herab. Wenn sich Emma{\s} braune{\s} Haar und ihre wei"se Haut von
+diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme
+versch"amt hob und ihr Gesicht in den H"anden verbarg: wa{\s}
+h"atte Leo Sch"onre{\s} schauen k"onnen?
+
+Da{\s} warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
+Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
+einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
+alle{\s}, wa{\s} blank im Gemache war, hell auf: die
+Messingbeschl"age an der T"ur, an den Gardinenhaltern und am
+Kamin.
+
+Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
+verblichen war. Jede{\s}mal, wenn sie kamen, fanden sie alle{\s}
+so vor, wie sie e{\s} verlassen. Mitunter lagen sogar die
+Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am
+Donnerstag vorher liegen gelassen hatte.
+
+Da{\s} Fr"uhst"uck pflegten sie am Kamin an einem kleinen
+eingelegten Tisch au{\s} Polisanderholz einzunehmen. Emma machte
+alle{\s} zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den
+Teller, unter tausend s"u"sen Torheiten. Wenn der Sekt ihr "uber
+den Rand de{\s} d"unnen Kelche{\s} auf die Finger perlte, lachte
+sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genu"s
+versunken und verga"sen v"ollig, da"s sie in einer Mietwohnung
+hausten. E{\s} war Ihnen, al{\s} w"aren sie Jungverm"ahlte und
+h"atten ein gemeinsame{\s} Heim, da{\s} sie nie wieder zu
+verlassen brauchten. Sie sagten "`unser Zimmer, unser Teppich,
+unsre St"uhle,"' wie sie "`unsre Pantoffeln"' sagten, wobei sie
+die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln au{\s} rosa
+Atla{\s} mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie "uber den nackten
+F"u"sen. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir
+ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den gro"sen
+Zehen.
+
+Zum ersten Male in seinem Leben geno"s er den unbeschreiblichen
+Reiz einer mond"anen Liebschaft. Alle{\s} war ihm neu: diese
+ent\/z"uckende Art zu plaudern, diese{\s} versch"amte Sichentbl"o"sen,
+diese{\s} schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verz"uckte
+Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihre{\s} Unterrocke{\s}. Er
+hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
+verheiratete Frau ... Wa{\s} h"atte er mehr haben wollen?
+
+Durch den fortw"ahrenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
+tiefsinnig, bald au{\s}gelassen machten, bald redselig, bald
+schweigsam, bald "uberschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
+Emma in ihm tausend L"uste, Gef"uhle und Reminis\/zenzen. Die
+Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
+gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
+Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der "`Badenden
+Odali{\s}ke"', ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen
+Vrouwen der Minnes"anger, und ihr blasse{\s} Gesicht glich denen,
+die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr al{\s}
+alle{\s} da{\s}: sie war sein "`Engel"'.
+
+Oft, wenn er sie anblickte, war e{\s} ihm, al{\s} erg"osse sich
+seine Seele "uber sie und flie"se wie eine Welle "uber ihr Antlitz
+und von da herab wie ein Strom auf ihre wei"se Brust. Er sank ihr
+zu F"u"sen auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah
+zu ihr empor und schaute sie l"achelnd an. Und sie neigte sich zu
+ihm herab und fl"usterte wie im Rausche:
+
+"`O r"uhr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! E{\s} ist
+etwa{\s} Liebe{\s}, S"u"se{\s} in deinen Augen, da{\s} ich so gern
+habe!"'
+
+Sie nannte ihn "`mein Junge"'.
+
+"`Mein Junge, liebst du mich?"'
+
+Er best"urmte sie mit K"ussen. Eine andre Antwort begehrte sie
+nicht.
+
+Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor au{\s}
+Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande
+trug. Er machte ihnen viel Spa"s. Nur wenn die Trennung{\s}stunde
+schlug, kam ihnen alle{\s} ernsthaft vor.
+
+Unbeweglich standen sie einander gegen"uber, und immer
+wiederholten sie:
+
+"`Auf Wiedersehn! N"achsten Donnerstag!"'
+
+Pl"otzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden H"ande,
+k"u"ste ihn rasch auf die Stirn, und mit einem "`Adieu!"' st"urmte
+sie die Treppe hinunter.
+
+Zun"achst ging sie jede{\s}mal zum Friseur in der Theaterstra"se
+und lie"s sich ihr Haar in Ordnung bringen. E{\s} war schon sp"at.
+Im Laden brannten bereit{\s} die Ga{\s}flammen. Sie h"orte da{\s}
+Klingeln dr"uben im Theater, da{\s} dem Personal den Beginn der
+Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie M"anner mit
+bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im
+hinteren Eingang de{\s} Theatergeb"aude{\s} verschwanden.
+
+Der sehr niedrige Raum war "uberheizt. Mitten unter den Per"ucken
+und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der hei"sen
+Brennscheren und der fettigen H"ande, die sich mit ihrem Haar zu
+schaffen machten, bet"aubte sie beinahe. E{\s} fehlte nicht viel,
+so w"are sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.
+
+Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Ma{\s}kenball an.
+
+Dann ging sie fort, die Stra"sen wieder hinan, zur"uck in{\s}
+"`Rote Kreuz"'. Sie suchte ihre "Uberschuhe hervor, die sie am
+Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und
+nahm ihren Platz ein, unter den bereit{\s} ungeduldigen
+Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle au{\s}.
+Emma blieb allein im Wagen zur"uck.
+
+Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
+Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weite{\s}
+Lichtermeer, in dem die H"auser verschwanden. Auf dem Sitzpolster
+kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
+fl"usterte sie den Namen Leo{\s} vor sich hin, k"u"ste ihn in
+Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind
+verschlang.
+
+Oben auf der H"ohe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
+ablauerte. Er war in Lumpen geh"ullt, und ein alter verwetterter
+Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
+abnahm, sah man in seinen Augenh"ohlen zwei blutige Aug"apfel mit
+L"ochern an Stelle der Pupillen. Da{\s} Fleisch sch"alte sich in
+roten Fetzen ab, und eine gr"unliche Fl"ussigkeit lief herau{\s},
+die an der Nase gerann, deren schwarze Fl"ugel nerv"o{\s} zuckten.
+Wenn man ihn ansprach, grinste er einen bl"od an. Dann rollten
+seine bl"aulichen Aug"apfel fortw"ahrend in ihrem wunden Lager.
+
+Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:
+\begin{verse}
+"`Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\
+Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~..."'
+\end{verse}
+
+Manchmal erschien der Ungl"uckliche ohne Hut ganz pl"otzlich
+hinter Emma{\s} Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.
+
+Hivert pflegte den Bettler zu verh"ohnen. Er riet ihm, sich auf
+dem n"achsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er
+fragte ihn, wie e{\s} seiner Liebsten ginge.
+
+Einmal streckte der Bettler seinen Hut w"ahrend der Fahrt durch
+da{\s} Wagenfenster herein. Er war drau"sen auf da{\s}
+kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand
+fest. Sein erst schwacher und kl"aglicher Gesang ward schrill. Er
+heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Da{\s}
+Schellengel"aut der Pferde, da{\s} Rauschen der B"aume und da{\s}
+Rasseln de{\s} Wagen{\s} t"onten in diese Jammerlaute hinein, so
+da"s sie wie au{\s} der Ferne zu kommen schienen. Emma war
+tiefersch"uttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie
+wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie
+ergriff sie.
+
+Inzwischen hatte Hivert bemerkt, da"s eine fremde Last seinen
+Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf
+den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
+Stra"senkot und stie"s ein Schmerzen{\s}geheul au{\s}.
+
+Die Insassen de{\s} Wagen{\s} waren nach und nach eingenickt. Die
+einen schliefen mit offenem Munde; andern war da{\s} Kinn auf die
+Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter de{\s}
+Nachbar{\s}, und jener hatte den Arm in dem H"angeriemen, der je
+nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} hin und her schaukelte. Der
+Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen
+Kattunvorh"ange und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit
+blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie
+fror unter ihren Kleidern. Ihre F"u"se wurden ihr k"alter und
+k"alter. Sie f"uhlte sich sterben{\s}ungl"ucklich.
+
+Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstag{\s} hatte die Post immer
+Versp"atung. Endlich kam sie. Da{\s} Essen war noch nicht fertig,
+aber wa{\s} k"ummerte sie da{\s}? Da{\s} Dienstm"adchen konnte
+jetzt machen, wa{\s} e{\s} wollte.
+
+E{\s} geschah oft, da"s Karl, dem Emma{\s} Bl"asse auffiel, sie
+fragte, ob ihr etwa{\s} fehle.
+
+"`Nein!"' antwortete sie.
+
+"`Aber du bist so sonderbar heute abend?"'
+
+"`Ach nein, nicht im geringsten!"'
+
+Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
+gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser
+al{\s} eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die
+Streichh"olzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und da{\s}
+Nachthemd und deckte da{\s} Bett auf.
+
+"`Gut!"' sagte sie. "`Du kannst gehn."'
+
+Er blieb n"amlich immer noch eine Weile an der T"ure stehen und
+blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.
+
+Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gr"a"slich, und noch
+qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
+der sie nach ihrem Gl"ucke lechzte. Sie verging fast vor
+L"usternheit, unter woll"ustigen Erinnerungen, bi{\s} alle ihre
+Sehnsucht am siebenten Tage in Leo{\s} z"artlichen Armen
+befriedigt wurde. Seine eigne, hei"se Sinnlichkeit verbarg sich
+unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit.
+Seine anbetung{\s}volle stille Liebe war Emma{\s} Ent\/z"ucken. Sie
+hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst,
+sein Herz zu verlieren.
+
+Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:
+
+"`Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten!
+Wirst e{\s} machen wie alle andern!"'
+
+"`Welche andern?"'
+
+"`Wie alle M"anner, meine ich."'
+
+Ihn sanft zur"ucksto"send, f"ugte sie hinzu:
+
+"`Ihr seid alle gemein!"'
+
+Eine{\s} Tage{\s} f"uhrten sie ein philosophische{\s} Gespr"ach
+"uber die menschlichen Entt"auschungen, al{\s} sie pl"otzlich, um
+seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch au{\s} allzu
+starkem Mitteilung{\s}bed"urfni{\s}, da{\s} Gest"andni{\s} machte,
+da"s sie vor ihm einen andern geliebt habe.
+
+"`Nicht wie dich!"' f"ugte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
+ihre{\s} Kinde{\s}, da"s e{\s} "`zu nicht{\s} gekommen"' sei.
+
+Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
+Betreffende jetzt sei.
+
+"`Er war Schiff{\s}kapit"an, mein Lieber!"'
+
+Log sie da{\s}, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich
+ein gewisse{\s} Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer
+und gewi"s vielumworbener Mann zu ihren F"u"sen gelegen haben
+sollte?
+
+In der Tat empfand der Adjunkt etwa{\s} wie da{\s} Bewu"stsein der
+Inferiorit"at. Am liebsten h"atte er gleichfall{\s} Epauletten,
+Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mu"sten ihr gefallen,
+da{\s} sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxu{\s}.
+
+Dabei verschwieg ihm Emma noch einen gro"sen Teil ihrer in{\s}
+Gro"sartige gehenden W"unsche; zum Beispiel, da"s sie gern einen
+blauen Tilbury mit einem englischen Vollbl"uter und einem Groom in
+schicker Livree gehabt h"atte, um in Rouen spazieren zu fahren.
+Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
+gebeten hatte, ihn al{\s} Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn
+die Nichterf"ullung dieser Laune ihr auch die Seligkeit de{\s}
+Wiedersehn{\s} nicht weiter tr"ubte, so versch"arfte sie doch
+zweifello{\s} die Bitterkeit der Trennung.
+
+Oft, wenn sie zusammen von Pari{\s} plauderten, sagte sie leise:
+
+"`Ach, wenn wir dort leben k"onnten!"'
+
+"`Sind wir denn nicht gl"ucklich?"' erwiderte Leo z"artlich und
+strich mit der Hand liebkosend "uber ihr Haar.
+
+"`Doch! Du hast recht! Ich bin t"oricht. K"usse mich!"'
+
+Gegen ihren Gatten war sie jetzt lieben{\s}w"urdiger denn je. Sie
+bereitete ihm seine Liebling{\s}gerichte und spielte ihm nach
+Tisch Walzer vor. Er hielt sich f"ur den gl"ucklichsten Mann der
+Welt. Emma lebte in v"olliger Sorglosigkeit. Aber eine{\s}
+Abend{\s} sagte er pl"otzlich:
+
+"`Nicht wahr, du hast doch bei Fr"aulein Lempereur Stunden?"'
+
+"`Ja!"'
+
+"`Merkw"urdig! Ich habe sie heute bei Frau Li\'egeard getroffen
+und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht."'
+
+Da{\s} traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie
+unbefangen:
+
+"`Mein Name wird ihr entfallen sein."'
+
+"`Oder e{\s} gibt mehrere Lehrerinnen diese{\s} Namen{\s} in
+Rouen, die Klavierstunden geben"', meinte Karl.
+
+"`Da{\s} ist auch m"oglich!"'
+
+Pl"otzlich sagte Emma:
+
+"`Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
+eine bringen."'
+
+Sie ging an ihren Schreibtisch, ri"s alle Schubf"acher auf,
+w"uhlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, da"s Karl
+sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel M"uhe
+zu machen.
+
+"`Ich werde sie schon finden!"' beharrte sie.
+
+In der Tat f"uhlte Karl am Freitag darauf, al{\s} er sich die
+Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gela"s
+zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein St"uck
+Papier. Er zog e{\s} hervor und la{\s}:
+
+\begin{center}
+"`\so{Quittung.}
+\end{center}
+Honorar f"ur drei Monate Klavierstunden, nebst Au{\s}lagen f"ur
+verschiedene beschaffte Musikalien: 65,--~Frkn.
+
+\hfill Dankend erhalten \hspace{4em}
+
+\hfill Friederike Lempereur,
+
+\hfill Musiklehrerin."'
+\bigskip
+
+"`Zum Kuckuck! Wie kommt denn da{\s} in meinen Stiefel?"'
+
+"`Wahrscheinlich"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} au{\s} dem Karton
+mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal
+steht."'
+
+Von nun an war ihre ganze Existenz nicht{\s} al{\s} ein Netz von
+L"ugen. Sie h"ullte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit
+niemand sie s"ahe. Aber auch sonst wurde ihr da{\s} L"ugen
+geradezu zu einem Bed"urfni{\s}. Sie log zu ihrem Vergn"ugen. Wenn
+sie erz"ahlte, da"s sie auf der rechten Seite der Stra"se gegangen
+sei, konnte man wetten, da"s e{\s} auf der linken gewesen war.
+
+Eine{\s} Donnerstag{\s} war sie fr"uh, wie gew"ohnlich ziemlich
+leicht gekleidet, abgefahren, al{\s} e{\s} pl"otzlich zu schneien
+begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien
+in der Kutsche de{\s} B"urgermeister{\s}. Sie fuhren zusammen nach
+Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken
+Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuh"andigen, sobald er
+im "`Roten Kreuz"' angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe
+sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die
+Antwort, da"s sie da{\s} "`Rote Kreuz"' sehr selten aufsuche.
+Abend{\s} traf er sie in der Postkutsche und erz"ahlte ihr von
+seinem Mi"serfolge, dem er "ubrigen{\s} keine sonderliche
+Bedeutung beizumessen schien, denn er begann al{\s}bald eine
+Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so
+wunderbar predige, da"s die Frauen in Scharen hingingen.
+
+Wenn sich auch Bournisien ohne weitere{\s} zufrieden gegeben
+hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so di{\s}kret
+sein. Und so hielt e{\s} Emma f"ur besser, fortan im "`Roten
+Kreuz"' abzusteigen, damit die guten Leute au{\s} Yonville sie hin
+und wieder auf der Treppe de{\s} Gasthofe{\s} sahen und nicht{\s}
+argw"ohnten.
+
+Eine{\s} Tage{\s} traf sie Lheureux, gerade al{\s} sie an Leo{\s}
+Arm den Boulogner Hof verlie"s. Sie f"urchtete, er k"onne
+schwatzen; aber er war nicht so t"oricht. Daf"ur trat er drei Tage
+sp"ater in ihr Zimmer und erkl"arte, da"s er Geld brauche.
+
+Sie erwiderte ihm, sie k"onne ihm nicht{\s} geben. Lheureux fing
+zu jammern an und z"ahlte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
+
+In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl au{\s}gestellten
+Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin
+verl"angert und dann abermal{\s} prolongiert. Jetzt zog er au{\s}
+seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen f"ur die
+Store{\s}, den Teppich, f"ur M"obelstoff, mehrere Kleider und
+verschiedene Toilettenst"ucke, im Gesamtbetrag von ungef"ahr
+zweitausend Franken.
+
+Sie lie"s den Kopf h"angen, und er fuhr fort:
+
+"`Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien."'
+
+Und nun machte er sie auf ein halbverfallene{\s} alte{\s} Hau{\s}
+in Barneville aufmerksam, da{\s} sie mit geerbt hatten. E{\s}
+brachte nicht viel ein. E{\s} hatte urspr"unglich zu einem kleinen
+Pachtgute geh"ort, da{\s} der alte Bovary vor Jahren verkauft
+hatte. Lheureux wu"ste genau Bescheid "uber da{\s} Grundst"uck; er
+kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn.
+
+"`An Ihrer Stelle"', sagte er, "`versuchte ich, e{\s}
+lo{\s}zuwerden. Sie bek"amen dann sogar noch bar Geld herau{\s}!"'
+
+Sie entgegnete, e{\s} sei schwer, einen K"aufer zu finden, aber
+Lheureux meinte, da{\s} lie"se sich schon machen. Da fragte sie,
+wa{\s} sie tun m"usse, um da{\s} Hau{\s} zu verkaufen.
+
+"`Sie haben doch die Vollmacht"', antwortete er.
+
+Diese{\s} Wort belebte sie.
+
+"`Lassen Sie mir die Rechnung hier!"' sagte sie.
+
+"`O, da{\s} eilt ja nicht!"' erwiderte Lheureux.
+
+In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete,
+e{\s} sei ihm mit vieler M"uhe gelungen, einen gewissen Langloi{\s}
+au{\s}findig zu machen, der schon lange ein Auge auf da{\s}
+Grundst"uck geworfen habe und wissen m"ochte, wa{\s} e{\s} koste.
+
+"`Der Prei{\s} ist mir gleichg"ultig!"' rief Emma au{\s}.
+
+Lheureux erkl"arte, man m"usse den K"aufer eine Weile zappeln
+lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie
+selbst nicht gut verreisen k"onne, bot er sich dazu an, um da{\s}
+Gesch"aft mit Langloi{\s} zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung
+zur"uck, der K"aufer habe viertausend Franken geboten.
+
+Emma war hocherfreut.
+
+"`Offen gestanden,"' f"ugte der H"andler hinzu, "`da{\s} ist
+anst"andig bezahlt!"'
+
+Die erste H"alfte der Summe z"ahlte er ihr sofort auf. Al{\s} Emma
+sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
+Lheureux:
+
+"`Auf Ehre, e{\s} ist doch schade, da"s Sie ein so sch"one{\s}
+S"ummchen gleich wieder au{\s} der Hand geben wollen!"'
+
+Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
+Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
+
+"`Wie? Wie meinen Sie?"' stammelte sie.
+
+"`O,"' erwiderte er mit gutm"utigem L"acheln, "`man kann ja wa{\s}
+ganz Beliebige{\s} auf die Rechnung setzen. Ich wei"s ja, wie
+da{\s} in einem Hau{\s}halte so ist."'
+
+Er sah sie scharf an, w"ahrend er die beiden Tausendfrankenscheine
+langsam durch die Finger hin und her gleiten lie"s. Endlich machte
+er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
+tausend Franken auf den Tisch.
+
+"`Unterschreiben Sie!"' sagte er, "`und behalten Sie die ganze
+Summe!"'
+
+Sie fuhr erschrocken zur"uck.
+
+"`Na, wenn ich Ihnen den "Uberschu"s bar au{\s}zahle,"' sagte
+Lheureux frech, "`erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?"'
+
+Er schrieb unter die Rechnung:
+
+"`Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
+bescheinigt
+
+\hfill Lheureux."'
+
+"`So! Sie k"onnen unbesorgt sein. In sech{\s} Monaten erhalten Sie
+die weiteren zweitausend Franken f"ur Ihre alte Bude! Eher ist
+auch der letzte Wechsel nicht f"allig."'
+
+Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
+Ohren klang e{\s} ihr, al{\s} w"urden S"acke voll Goldst"ucke vor
+ihr au{\s}gesch"uttet, die nur so "uber die Diele kollerten.
+Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vin\c{c}ard, Bankier in
+Rouen, der die vier Wechsel di{\s}kontieren wolle. Die
+"ubersch"ussige Summe werde er der gn"adigen Frau pers"onlich
+bringen.
+
+Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
+Freund Vin\c{c}ard habe "`wie "ublich"' zweihundert Franken f"ur
+Provision und Di{\s}kont abgezogen. Dann forderte er nachl"assig
+eine Empfang{\s}best"atigung.
+
+"`Sie verstehen! Gesch"aft ist Gesch"aft! Und da{\s} Datum! Bitte!
+Da{\s} Datum!"'
+
+Tausend nun erf"ullbare W"unsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
+vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
+die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
+
+Der F"alligkeit{\s}tag de{\s} vierten Papiere{\s} fiel zuf"allig
+auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber
+geduldig auf Emma{\s} R"uckkehr. Die Sache w"urde sich schon
+aufkl"aren.
+
+Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nicht{\s} gesagt zu haben, um
+ihm h"au{\s}liche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
+Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und z"ahlte ihm tausend
+unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg h"atte anschaffen
+m"ussen.
+
+"`Nicht wahr, du mu"st doch zugeben: f"ur so viele Dinge ist
+tausend Franken nicht zuviel?"'
+
+In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
+Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
+bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel au{\s}stelle, einen
+davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
+schrieb Bovary seiner Mutter einen kl"aglichen Brief. Statt einer
+Antwort kam sie pers"onlich. Al{\s} Emma wissen wollte, ob sie
+etwa{\s} herau{\s}r"ucke, gab er ihr zur Antwort:
+
+"`Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!"'
+
+Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
+besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst k"ame die ganze
+Geschichte und auch die Ver"au"serung de{\s} Grundst"uck{\s}
+herau{\s}. Letztere hatte der H"andler so geschickt betrieben,
+da"s sie erst viel sp"ater bekannt wurde.
+
+Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
+die alte Frau Bovary nicht umhin, die Au{\s}gaben unerh"ort zu
+finden.
+
+"`Ging{\s} denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mu"sten die
+Lehnst"uhle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab e{\s} in
+keinem Hause mehr al{\s} einen einigen Lehnstuhl, den
+Gro"svaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine n"otig. So war
+e{\s} wenigsten{\s} bei meiner Mutter, und da{\s} war eine ehrbare
+Frau! Da{\s} kann ich dir versichern! E{\s} sind nun einmal nicht
+alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich w"urde
+mich zu Tode sch"amen, wenn ich mich so verw"ohnen wollte wie du!
+Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bi"schen der
+Pflege n"otig h"atte ... Da schau mal einer diesen Luxu{\s} an!
+Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, da{\s} Meter zu zwei Franken!
+Wo man ganz sch"onen Futterstoff f"ur vier Groschen, ja schon f"ur
+dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erf"ullt!"'
+
+Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
+
+"`Ich finde, e{\s} ist nun gut!"'
+
+Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
+w"urden alle beide im Armenhause enden. "Ubrigen{\s} sei Karl der
+Hauptschuldige. E{\s} sei ein wahre{\s} Gl"uck, da"s er ihr
+versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten~...
+
+"`Wa{\s}?"' unterbrach Emma ihre Rede.
+
+"`Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!"'
+
+Emma "offnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der
+Ungl"uck{\s}mensch mu"ste zugeben, da"s ihm die Mutter da{\s}
+Ehrenwort abgen"otigt hatte. Da ging Emma au{\s} dem Zimmer, kam
+sehr bald wieder und h"andigte ihrer Schwiegermutter mit der
+Geb"arde einer F"urstin ein gro"se{\s} Schriftst"uck ein.
+
+"`Ich danke dir!"' sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
+den Ofen.
+
+Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache au{\s}. Sie
+hatte einen Nervenchok bekommen.
+
+"`Ach du mein Gott!"' rief Karl au{\s}. "`Siehst du, Mutter, e{\s}
+war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!"'
+
+Sie zuckte mit den Achseln. Da{\s} sei alle{\s} "`blo"s Tuerei!"'
+
+Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
+und vertrat Emma so nachdr"ucklich, da"s die alte Frau erkl"arte,
+sie werde abreisen. In der Tat tat sie da{\s} andern Tag{\s}.
+Al{\s} Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben
+"uberreden wollte, erwiderte sie:
+
+"`Nein, nein! Du liebst sie mehr al{\s} mich, und da{\s} ist ja
+ganz in der Ordnung! Wenn e{\s} auch dein Nachteil ist. Du wirst
+ja sehen ... La"s dir{\s} wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich
+wieder -- sozusagen -- zusetzen!"'
+
+Nicht weniger al{\s} armer S"under stand er dann vor Emma, die ihm
+erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mu"ste
+erst lange bitten, ehe sie sich herablie"s, eine neue
+Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
+sie au{\s}stellen sollte.
+
+"`Sehr begreiflich!"' meinte der Notar. "`Ein Mann der
+Wissenschaft darf sich durch die Alltag{\s}dinge nicht ablenken
+lassen."'
+
+Karl f"uhlte sich durch diese im v"aterlichen Tone vorgebrachte
+Wei{\s}heit wieder aufgerichtet. Sie bem"antelte seine Schwachheit
+mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit h"oheren
+Dingen besch"aftigt.
+
+Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in
+Leo{\s} Armen war sie "uber die Ma"sen au{\s}gelassen. Sie lachte,
+weinte, sang, tanzte, lie"s sich Sorbett heraufbringen und rauchte
+Zigaretten. So "uberschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
+doch k"ostlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, da"s e{\s} in ihrem
+Innern g"arte und da"s sie sich au{\s} diesem Motiv kopf"uber in
+den Strudel de{\s} Leben{\s} st"urzte. Sie war reizbar,
+uners"attlich, woll"ustig geworden. Erhobenen Haupte{\s} ging sie
+mit Leo durch die Stra"sen der Stadt spazieren, ohne die geringste
+Angst, da"s sie in{\s} Gerede kommen k"onnte. So sagte sie
+wenigsten{\s}. In{\s}geheim erzitterte sie freilich mitunter bei
+dem Gedanken, Rudolf k"onne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf
+immerdar von ihm geschieden war, so f"uhlte sie sich doch noch
+immer in seinem Banne.
+
+Eine{\s} Abend{\s} kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Karl war
+au"ser sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre
+"`Mama"' nicht in{\s} Bett gehen wollte, schluchzte herzzerrei"send.
+Justin wurde auf der Poststra"se entgegengesandt, und selbst
+Homai{\s} verlie"s seine Apotheke.
+
+Al{\s} e{\s} elf Uhr schlug, hielt e{\s} Karl nicht mehr au{\s}.
+Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein
+Pferd lo{\s} und langte gegen zwei Uhr morgen{\s} im "`Roten
+Kreuz"' an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht k"onne der
+Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Gl"ucklicherweise
+fiel ihm die Adresse de{\s} Notar{\s} ein, bei dem Leo in der
+Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
+
+E{\s} begann zu d"ammern. Er erkannte da{\s} Wappenschild "uber
+der T"ur und klopfte an. Ohne da"s ihm ge"offnet ward, erteilte
+ihm jemand die gew"unschte Au{\s}kunft, nicht ohne auf den
+n"achtlichen Ruhest"orer zu schimpfen.
+
+Da{\s} Hau{\s}, in dem der Adjunkt wohnte, besa"s weder einen
+T"urklopfer noch eine Klingel noch einen Pf"ortner. Karl schlug
+mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging
+vor"uber. Karl bekam Angst und ging davon.
+
+"`Ich bin ein Narr!"' sagte er zu sich. "`Wahrscheinlich haben
+Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!"'
+
+Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
+
+"`Vielleicht ist sie bei Frau D"ubreuil. Die ist vielleicht krank
+... Ach nein, Frau D"ubreuil ist ja schon vor einem halben Jahre
+gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?"'
+
+Pl"otzlich fiel ihm etwa{\s} ein. Er lie"s sich in einem Caf\'e
+da{\s} Adre"sbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von
+Fr"aulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle de{\s}
+Maroquinier{\s} Nummer 74.
+
+Al{\s} er in diese Stra"se einbog, tauchte Emma am andern Ende
+auf. Er st"urzte auf sie lo{\s} und fiel ihr um den Hal{\s}.
+
+"`Wa{\s} hat dich denn gestern hier zur"uckgehalten?"' rief er.
+
+"`Ich war krank."'
+
+"`Wa{\s} fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?"'
+
+Sie fuhr mit der Hand "uber die Stirn und antwortete:
+
+"`Bei Fr"aulein Lempereur."'
+
+"`Da{\s} dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr."'
+
+"`Die M"uhe kannst du dir nun ersparen. Sie ist "ubrigen{\s} schon
+au{\s}gegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
+kannst dir denken, da"s ich mich nicht gar frei f"uhle, wenn ich
+wei"s, da"s dich die geringste Versp"atung derma"sen au{\s} dem
+Gleichgewicht bringt!"'
+
+Da{\s} war eine Art Erlaubni{\s}, die sie sich selbst gab, in
+Zukunft mit aller Ruhe "uber den Strang hauen zu k"onnen, wie man
+zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den
+au{\s}giebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust versp"urte, Leo
+zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser
+sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner
+Kanzlei auf.
+
+Die ersten Male war ihm da{\s} eine gro"se Freude, aber
+allm"ahlich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren
+diese St"orungen durchau{\s} nicht angenehm.
+
+"`Ach wa{\s}, komm nur mit!"' sagte sie.
+
+Und er verlie"s ihretwegen seine Arbeit.
+
+Sie sprach den Wunsch au{\s}, er solle sich immer in Schwarz
+kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er
+au{\s}s"ahe wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er
+mu"ste ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand.
+Er sch"amte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm,
+Vorh"ange zu kaufen, wie sie welche hatte. Al{\s} er meinte, die
+seien sehr teuer, sagte sie lachend:
+
+"`Ach, h"angst du an deinen paar Groschen!"'
+
+Jede{\s}mal mu"ste ihr Leo genau berichten, wa{\s} er seit dem
+letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein
+Gedicht, um ein Liebe{\s}gedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei
+lag ihm nicht, und er schrieb schlie"slich ein Sonett au{\s} einem
+alten Almanach ab.
+
+Er tat da{\s} keine{\s}weg{\s} au{\s} Eitelkeit. Er kannte kein
+andre{\s} Bed"urfni{\s}, al{\s} ihr zu gefallen. Er war in allen
+Dingen ihrer Ansicht und hatte stet{\s} denselben Geschmack wie
+sie. Mit einem Worte: sie tauschten allm"ahlich ihre Rollen. Leo
+wurde der feminine Teil in diesem Liebe{\s}verh"altnisse. Sie
+verstand auf eine Art zu kosen und zu k"ussen, da"s er die
+Empfindung hatte, al{\s} sauge sie ihm die Seele au{\s} dem Leibe.
+E{\s} steckte, im Kerne ihre{\s} Wesen{\s} verborgen, eine
+eigent"umliche, geradezu unk"orperliche Verderbni{\s} in Emma,
+eine geheimni{\s}volle Erbschaft.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, a"s er h"aufig
+bei dem Apotheker zu Mittag. Au{\s} H"oflichkeit lud er ihn ein,
+ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen.
+
+"`Gern!"' gab Homai{\s} zur Antwort. "`Ich mu"s sowieso einmal
+au{\s}spannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir
+wollen zusammen in{\s} Theater gehen, ein bi"schen kneipen und ein
+paar Dummheiten lo{\s}lassen!"'
+
+"`Aber Mann!"' mahnte Frau Homai{\s} besorgt. Die undefinierbaren
+Gefahren, denen er entgegenlief, "angstigten sie im vorau{\s}.
+
+"`Wa{\s} ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
+genug ruiniert in den fortw"ahrenden Au{\s}d"unstungen der Drogen?
+Ja, ja, so sind die Frauen! Vergr"abt man sich in die
+Wissenschaften, so sind sie eifers"uchtig; und will man sich
+gelegentlich in harmlosester Weise ein bi"schen erholen, dann
+ist{\s} ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wir{\s} gut
+sein! Rechnen Sie auf mich! In allern"achster Zeit tauch ich in
+Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste "offnen!"'
+
+Fr"uher h"atte sich Homai{\s} geh"utet, einen derartigen
+Au{\s}druck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich
+ungemein darin, den jovialen Gro"s\-st"adter zu spielen. "Ahnlich
+wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf da{\s}
+neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten au{\s}. Er
+begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser
+anzunehmen, um den Philistern zu imponieren.
+
+Eine{\s} Donnerstag{\s} fr"uh traf ihn Emma zu ihrer "Uberraschung
+in der K"uche de{\s} Goldnen L"owen im Reiseanzug, da{\s} hei"st,
+in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen
+hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fu"ssack in der
+andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, au{\s}
+Furcht, die Kundschaft k"onne an seiner Abwesenheit Ansto"s
+nehmen.
+
+Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
+verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn w"ahrend der ganzen
+Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
+so st"urzte er au{\s} dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt
+half kein Widerstreben: Homai{\s} schleppte ihn mit in da{\s}
+"`Grand Caf\'e zur Normandie"', wo er, bedeckten Haupte{\s}, stolz
+wie ein F"urst eintrat. Er hielt e{\s} n"amlich f"ur h"ochst
+provinzlerhaft, in einem "offentlichen Lokal den Hut abzunehmen.
+
+Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schlie"slich eilte
+sie in seine Kanzlei. Unter allen m"oglichen Mutma"sungen, wobei
+sie ihm den Vorwurf der Gleichg"ultigkeit und sich selber den der
+Schw"ache machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
+gegen die Scheiben gepre"st, im Boulogner Hofe.
+
+Um zwei Uhr sa"sen Leo und Homai{\s} immer noch bei Tisch. Der
+gro"se Saal de{\s} Restaurant{\s} leerte sich. Sie sa"sen am Ofen,
+der die Form eine{\s} hochragenden Palmenstamme{\s} hatte, dessen
+innen vergoldete F"acher sich unter der wei"sen Decke
+au{\s}breiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter
+Gla{\s}w"anden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen "uber einem
+Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und
+Spargel drei schl"afrige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem
+Haufen aufgeschichtet.
+
+Der Apotheker tat sich sozusagen eine G"ute. Wenngleich ihn die
+Pracht noch mehr ent\/z"uckte al{\s} da{\s} vortreffliche Mahl, so
+tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und al{\s} da{\s} Omelett
+mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien
+"`"uber die Weiber"'. Am meisten rege ihn eine "`schicke"' Frau
+auf, und nicht{\s} ginge "uber eine elegante Robe in einem vornehm
+eingerichteten Raume. Wa{\s} die k"orperlichen Reize anbelange, da
+sei viel Fleisch "`nicht ohne"'.
+
+Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, a"s und
+schmatzte weiter.
+
+"`Sie m"ussen sich "ubrigen{\s} ziemlich einsam f"uhlen hier in
+Rouen"', sagte er pl"otzlich. "`Aber schlie"slich wohnt ja Ihr
+Liebchen nicht allzuweit."' Da Leo err"otete, setzte er hinzu:
+"`Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, da"s Sie in
+Yonville~..."'
+
+Der junge Mann stammelte etwa{\s} Unverst"andliche{\s}.
+
+"`... im Hause Bovary jemanden poussieren~..."'
+
+"`Aber wen denn?"'
+
+"`Na, da{\s} Dienstm"adel!"'
+
+E{\s} war sein Ernst. Aber Leo{\s} Eitelkeit war st"arker al{\s}
+alle Vorsicht. Ohne sich{\s} zu "uberlegen, widersprach er. Er
+liebe nur br"unette Frauen.
+
+"`Da haben Sie nicht unrecht"', meinte der Apotheker. "`Die haben
+mehr Temperament!"'
+
+Homai{\s} begann zu fl"ustern und verriet seinem Freunde die
+Symptome, an denen man erkennen k"onne, ob eine Frau Feuer habe.
+Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die
+Deutschen seien schw"armerisch, die Franz"osinnen woll"ustig, die
+Italienerinnen leidenschaftlich.
+
+"`Und die Negerinnen?"' fragte der Adjunkt.
+
+"`Da{\s} ist etwa{\s} f"ur Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!"'
+
+"`Gehen wir?"' fragte Leo ungeduldig.
+
+"`\begin{antiqua}Yes!\end{antiqua}"'
+
+Aber zuvor wollte er den Besitzer de{\s} Restaurant{\s} sprechen
+und ihm seine Zufriedenheit au{\s}sprechen.
+
+De{\s} weiteren sch"utzte der junge Mann einen gesch"aftlichen
+Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein.
+
+"`Ich begleite Sie nat"urlich!"' sagte Homai{\s}.
+
+Unterweg{\s} erz"ahlte er unaufh"orlich von seiner Frau, von
+seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom
+verwahrlosten Zustand, in dem er sie "ubernommen, und wie er sie
+in die H"ohe gebracht habe.
+
+Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
+eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der gr"o"sten
+Erregung. Bei der Erw"ahnung de{\s} Apotheker{\s} geriet sie in
+Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vern"unftige Gr"unde zu
+beruhigen. E{\s} sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie
+kenne Homai{\s} doch. Wie habe sie nur glauben k"onnen, da"s er
+lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar
+nicht{\s} h"oren und schickte sich an, fort\/zugehen. Er hielt sie
+zur"uck, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen
+und sah sie mit einem r"uhrenden Blick voller Begehrlichkeit und
+Unterw"urfigkeit an.
+
+Sie stand aufrecht vor ihm. Mit gro"sen flammenden Augen sah sie
+ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Au{\s}druck
+in Tr"anen. Ihre ger"oteten Lider schlossen sich, sie "uberlie"s
+ihm ihre H"ande, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
+Hau{\s}diener. Ein Herr w"unsche ihn dringend zu sprechen.
+
+"`Du kommst doch wieder?"' fragte Emma.
+
+"`Gewi"s!"'
+
+"`Aber wann?"'
+
+"`Sofort!"'
+
+E{\s} war der Apotheker.
+
+"`Ein feiner Trick, nicht?"' schmunzelte er, al{\s} er Leo
+erblickte.
+
+"`Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verk"urzen. Sie war Ihnen doch
+offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
+Bridoux, einen Bittern genehmigen!"'
+
+Leo beteuerte, er m"usse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
+lachte ihn au{\s} und machte seine Witze "uber die Juristerei.
+
+"`Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
+nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
+Seinen Terrier m"ussen Sie mal sehen! Der ist zu spa"sig!"' Und da
+der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: "`Na, da
+begleite ich Sie wenigsten{\s}! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
+lesen oder in irgendeinem alten Schm"oker bl"attern."'
+
+Leo war wie bet"aubt durch Emma{\s} Unwillen, durch de{\s}
+Apotheker{\s} Geschw"atz und vielleicht auch durch die Nachwirkung
+de{\s} reichlichen Fr"uh\-st"uck{\s}. Unentschlossen stand er da,
+w"ahrend Homai{\s} immer wieder in ihn drang:
+
+"`Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
+Schritte von hier! Rue Malpalu!"'
+
+Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Au{\s} Feigheit
+oder Narrheit oder au{\s} jenem merkw"urdigen Drange, der den
+Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen
+Willen zuwiderlaufen, lie"s sich Leo zu Bridoux f"uhren. Sie
+fanden ihn in dem kleinen Hofe seine{\s} Hause{\s}, wo er drei
+Burschen beaufsichtigte, die da{\s} gro"se Rad einer
+Selterwasserzubereitung{\s}maschine drehten. Nach einer herzlichen
+Begr"u"sung gab Homai{\s} seinem Kollegen Ratschl"age. Dann trank
+man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu
+empfehlen, aber Homai{\s} hielt ihn immer wieder fest, indem er
+sagte:
+
+"`Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
+{\glq}Leuchtturm von Rouen{\grq}! Dem Redakteur guten Tag sagen.
+Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin."'
+
+Trotzdem machte sich Leo endlich lo{\s} und eilte wiederum in den
+Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im h"ochsten Grade
+aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt ha"ste sie Leo. Da{\s}
+Stelldichein zu vers"aumen, da{\s} fa"ste sie al{\s} Beschimpfung
+auf! Nun suchte sie nach noch andern Gr"unden, mit ihm zu brechen.
+Er sei eine{\s} h"oheren Aufschwung{\s} unf"ahig, schwach, banal,
+feminin, dazu knickerig und kleinm"utig.
+
+Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, da"s sie ihn schlechter
+machte, al{\s} er war. Aber da{\s} Herabzerren eine{\s} Geliebten
+hinterl"a"st immer gewisse Spuren. Man darf ein G"otzenbild nicht
+ber"uhren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.
+
+Fortan unterhielten sie sich immer h"aufiger von Dingen, die
+nicht{\s} mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm
+Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
+Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
+eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
+erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem n"achsten
+Beieinandersein die alte Gl"uckseligkeit, aber hinterher gestand
+sie sich jede{\s}mal, da"s sie nicht{\s} davon gesp"urt hatte.
+Diese Entt"auschung wandelte sich trotzdem in neue{\s} Hoffen.
+Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher
+Erregung. Sie warf die Kleider ab und ri"s da{\s} Korsett
+herunter, dessen Schnuren ihr um die H"uften schlugen wie
+zischende Schlangen. Mit nackten F"u"sen lief sie an die T"ur und
+"uberzeugte sich, da"s sie verriegelt war. Mit einer hastigen
+Bewegung entledigte sie sich dann de{\s} Hemde{\s} -- und bleich,
+stumm, ernst und von Schauern durchstr"omt, warf sie sich in seine
+Arme.
+
+Aber auf ihrer von kaltem Schwei"s beperlten Stirn, auf ihren
+st"ohnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
+lebte etwa{\s} Unheimliche{\s}, Feindselige{\s}, Todtraurige{\s}.
+Leo f"uhlte e{\s}. E{\s} hatte sich eingeschlichen, um sie zu
+trennen.
+
+Ohne da"s er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
+Erkenntni{\s}, da"s die Geliebte alle Pr"ufungen der Lust und
+de{\s} Leid{\s} schon einmal an sich selber erfahren haben mu"ste.
+Wa{\s} ihn dereinst ent\/z"uckt hatte, da{\s} fl"o"ste ihm jetzt
+Grauen ein.
+
+Dazu kam, da"s er gegen die t"aglich zunehmende Vergewaltigung
+seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
+Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
+auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
+Absinthtrinker, den da{\s} gr"une Gift immer wieder verf"uhrt.
+
+Allerding{\s} wandte sie alle Liebe{\s}k"unste an: von
+au{\s}gesuchten Gen"ussen bei Tisch bi{\s} zu den Raffinement{\s}
+der Kleidung und den schmachtendsten Z"artlichkeiten. Sie brachte
+au{\s} ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm
+in{\s} Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab
+ihm gute Ratschl"age, wie er leben solle. Abergl"aubisch schenkte
+sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame
+Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten.
+
+"`La"s sie! Geh nicht au{\s}! Denk nur an mich und bleib mir treu!"'
+
+Am liebsten h"atte sie ihn "uberwacht oder gar "uberwachen lassen.
+Mitunter kam ihr letztere{\s} in den Sinn. E{\s} trieb sich in der
+N"ahe de{\s} Boulogner Hofe{\s} regelm"a"sig ein Tagedieb herum,
+der die{\s} wohl "ubernommen h"atte. Aber ihr Stolz hielt sie
+davon ab.
+
+"`Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nicht{\s} wert! Wa{\s}
+tut{\s}? Ich halte ihn nicht!"'
+
+Eine{\s} Tage{\s} ging sie zeitiger von ihm weg al{\s}
+gew"ohnlich. Al{\s} sie allein den Boulevard hinschlenderte,
+bemerkte sie die Mauer ihre{\s} Kloster{\s}. Da setzte sie sich
+auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie
+damal{\s} gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfr"aulichen
+Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damal{\s} au{\s}
+B"uchern ertr"aumt hatte~...
+
+Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
+mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
+... an den Tenor Lagardy ... Alle{\s} da{\s} zog wieder an ihr
+vor"uber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie
+alle{\s} andre.
+
+"`Aber ich liebe ihn doch!"' fl"usterte sie.
+
+Sie war dennoch nicht gl"ucklich, und nie war sie da{\s} gewesen!
+Warum reichte ihr da{\s} Leben nie etwa{\s} Ganze{\s}? Warum kam
+immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?
+
+Wenn e{\s} irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und sch"on und
+tapfer, begeisterung{\s}f"ahig und liebe{\s}erfahren zugleich, mit
+einem Dichterherzen und einem Engel{\s}k"orper, ein Schw"armer und
+S"anger, warum war sie ihm nicht zuf"allig begegnet? Ach, weil
+da{\s} eine Unm"oglichkeit ist! Weil e{\s} vergeblich ist, ihn zu
+suchen! Weil alle{\s} Lug und Trug ist! Jede{\s} L"acheln verbirgt
+immer nur da{\s} G"ahnen der Langweile, jede Freude einen Fluch,
+jeder Genu"s den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die hei"sesten
+K"usse hinterlassen dem Menschen nicht{\s} al{\s} die unstillbare
+Begierde nach der Wollust der G"otter!
+
+Eherne Kl"ange dr"ohnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
+viermal. Vier Uhr! E{\s} d"unkte Emma, sie s"a"se schon eine
+Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in
+einer Minute zusammendr"angen, wie eine Menschenmenge in einem
+kleinen Raume~...
+
+Emma lebte nur noch f"ur sich selbst. Die Geldangelegenheiten
+k"ummerten sie nicht mehr. Aber eine{\s} Tage{\s} erschien ein
+Mann von sch"abigem Au{\s}sehen und erkl"arte, Herr Vin\c{c}ard in
+Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln herau{\s}, mit denen
+er die eine Seitentasche seine{\s} langen gr"unen Rocke{\s}
+verschlossen hatte, steckte sie im "Armelaufschlag fest und
+"uberreichte ihr h"oflich ein Papier. E{\s} war ein Wechsel auf
+siebenhundert Franken, den sie au{\s}gestellt hatte. Lheureux
+hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vin\c{c}ard
+weitergegeben.
+
+Sie schickte Felicie zu dem H"andler. Er k"onne nicht abkommen,
+lie"s er zur"ucksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und
+dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke
+auf Hau{\s} und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einf"altig:
+
+"`Wa{\s} soll ich Herrn Vin\c{c}ard au{\s}richten?"'
+
+"`Sagen Sie ihm nur"', gab Emma zur Antwort, "`... ich h"atte kein
+Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
+acht Tagen!"'
+
+Der Mann ging, ohne etwa{\s} zu erwidern. Aber am Tage darauf
+erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten
+Zustellung{\s}urkunde starrten ihr mehrfach die Worte "`Hareng,
+Gericht{\s}vollzieher in B"uchy"' entgegen. Dar"uber erschrak sie
+derma"sen, da"s sie spornstreich{\s} zu Lheureux lief.
+
+Er stand in seinem Laden und schn"urte gerade ein Paket zu.
+
+"`Ihr Diener!"' begr"u"ste er sie. "`Ich stehe Ihnen sogleich zur
+Verf"ugung!"'
+
+Im "ubrigen lie"s er sich in seiner Besch"aftigung nicht st"oren,
+bei der ihm ein etwa dreizehnj"ahrige{\s} M"adchen half. E{\s} war
+ein wenig verwachsen und versah bei dem H"andler zugleich die
+Stelle de{\s} Ladenm"adchen{\s} und der K"ochin.
+
+Al{\s} er fertig war, f"uhrte er Frau Bovary hinauf in den ersten
+Stock. Er ging ihr in seinen schl"urfenden Holzschuhen auf der
+Treppe voran. Oben "offnete er die T"ur zu einem engen Gemach, in
+dem ein gro"ser Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
+Rechnung{\s}b"ucher stand, die durch eine eiserne, mit einem
+Vorh"angeschlo"s versehene Stange verwahrt waren. An der Wand
+stand ein Geldschrank von solcher Gr"o"se, da"s er sichtlich noch
+andre Dinge al{\s} blo"s Geld und Banknoten enthalten mu"ste. In
+der Tat lieh Lheureux Geld auf Pf"ander au{\s}. In diesem Schrank
+lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe
+de{\s} alten Tellier. Der ehemalige Besitzer de{\s} Caf\'e
+Fran\c{c}ai{\s} hatte inzwischen sein Grundst"uck verkaufen
+m"ussen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen er"offnet. Dort
+ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner
+Talglichte, die weniger gelb waren al{\s} sein Gesicht.
+
+Lheureux setzte sich in seinen gro"sen Rohrstuhl und fragte:
+
+"`Na, wa{\s} gibt{\s} Neue{\s}?"'
+
+Emma hielt ihm die Vorladung hin.
+
+"`Hier, lesen Sie!"'
+
+"`Ja, wa{\s} geht denn mich da{\s} an?"'
+
+Diese Antwort emp"orte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
+ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab da{\s} zu.
+
+"`Aber notgedrungen hab ich{\s} doch tun m"ussen! Mir sa"s selber
+da{\s} Messer an der Kehle!"'
+
+"`Und wa{\s} wird jetzt geschehn?"'
+
+"`Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
+die Zwang{\s}\-voll\-stre"ckung! Schwapp! Ab!"'
+
+Emma konnte sich nur mit M"uhe beherrschen. Sie h"atte ihm beinahe
+in{\s} Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob e{\s} denn kein
+Mittel gebe, Herrn Vin\c{c}ard zu vertr"osten.
+
+"`Den und vertr"osten! Da kennen Sie Vin\c{c}ard schlecht! Da{\s}
+ist ein Bluthund!"'
+
+Dann m"usse eben Lheureux einspringen.
+
+"`H"oren Sie mal,"' entgegnete er, "`mir scheint, da"s ich schon
+genug f"ur Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!"' Er schlug seine
+B"ucher auf: "`Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17.
+Juni hundertundf"unfzig Franken ... am 23. M"arz sech{\s}undvierzig
+Franken ... am 10. April~..."'
+
+Er hielt inne, al{\s} f"urchte er eine Dummheit zu sagen.
+
+"`Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann au{\s}gestellt
+hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von
+Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den r"uckst"andigen Zinsen gar
+nicht zu reden! Da{\s} ist ja endlo{\s}! Da findet sich ja gar
+niemand mehr hinein! Ich will nicht{\s} mehr mit der Sache zu tun
+haben!"'
+
+Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
+Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter "`diesen
+Schweinehund, den Vin\c{c}ard"'. "Ubrigen{\s} verf"uge er selber
+"uber keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man
+z"oge ihm da{\s} Fell "uber die Ohren. Ein armer H"andler, wie er,
+k"onne nicht{\s} borgen.
+
+Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
+Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schlie"slich:
+
+"`Na, vielleicht ... wenn dieser Tage wa{\s} einkommt~..."'
+
+Sie unterbrach ihn:
+
+"`Wenn ich die letzte Rate f"ur da{\s} Grundst"uck in Barneville
+bekomme~..."'
+
+"`Wieso?"'
+
+Er tat so, al{\s} sei er sehr "uberrascht, da"s Langloi{\s} noch
+nicht gezahlt habe. Mit honigs"u"ser Stimme sagte er:
+
+"`Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!"'
+
+"`Ach, den m"ussen Sie machen!"'
+
+Er schlo"s die Augen, al{\s} ob er sich etwa{\s} "uberlegte.
+Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erkl"arte er, er
+k"ame sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er
+schneide sich in sein eigne{\s} Fleisch. Schlie"slich f"ullte er
+vier Wechsel au{\s}, jeden zu zweihundertundf"unfzig Franken, mit
+F"alligkeit{\s}tagen, die je vier Wochen au{\s}einanderlagen.
+
+"`Vorau{\s}gesetzt nat"urlich, da"s Vin\c{c}ard darauf eingeht!"'
+sagte er. "`Mir soll{\s} ja recht sein! Ich fackle nicht lange!
+Bei mir geht alle{\s} wie geschmiert!"'
+
+Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.
+
+"`E{\s} ist aber nicht{\s} f"ur Sie darunter, gn"adige Frau!"'
+meinte er. "`Wenn ich bedenke: dieser Stoff, da{\s} Meter zu drei
+Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute rei"sen sich
+drum! Man sagt ihnen nat"urlich nicht, wa{\s} wirklich dran ist
+... Sie k"onnen{\s} sich ja denken!"'
+
+Durch derlei Gest"andnisse seiner Unreellit"at andern gegen"uber
+sollte er sich bei ihr al{\s} desto ehrlicher hinstellen. Emma war
+bereit{\s} an der T"ur, al{\s} er sie zur"uckrief und ihr drei
+Meter Brokatstickerei zeigte, einen "`Gelegenheit{\s}kauf"', wie
+er sagte.
+
+"`Prachtvoll! Nicht?"' sagte er. "`Man nimmt e{\s} jetzt vielfach
+zu Sofabeh"angen. Da{\s} ist hochmodern!"'
+
+Mit der Geschicklichkeit eine{\s} Taschenspieler{\s} hatte er den
+Spitzenstoff bereit{\s} in blaue{\s} Papier eingeschlagen und Emma
+in die H"ande gedr"uckt.
+
+"`Ich mu"s doch aber wenigsten{\s} wissen, wa{\s}~..."'
+
+"`Ach, da{\s} eilt ja nicht!"' unterbrach er sie und wandte sich
+einem andern Kunden zu.
+
+Noch an dem n"amlichen Abend best"urmte sie Karl, er solle doch
+seiner Mutter schreiben, da"s sie den Rest der Erbschaft schicke.
+E{\s} kam die Antwort, e{\s} sei nicht{\s} mehr da. Nach
+Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von
+dem Grundst"uck in Barneville -- j"ahrlich sech{\s}hundert
+Franken, die ihm p"unktlich zugehen w"urden.
+
+Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karl{\s} Patienten
+Rechnungen; und da die{\s} von Erfolg war, machte sie da{\s}
+h"aufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: "`Ich bitte,
+e{\s} meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in
+dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie g"utigst. Ihre sehr
+ergebene~..."' Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie
+unterschlug.
+
+Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
+ihre abgelegten H"ute, alte{\s} Eisen. Dabei handelte sie wie ein
+Jude. Hier kam ihr gewinns"uchtige{\s} Bauernblut zum Vorschein.
+Auf ihren Au{\s}fl"ugen nach Rouen erstand sie allerhand Tr"odel,
+den Lheureux an Zahlung{\s} Statt annehmen sollte. Sie kaufte
+Strau"senfedern, chinesische{\s} Porzellan, altert"umliche Truhen.
+Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
+"`Roten Kreuz"', von aller Welt. Darin war sie skrupello{\s}. Mit
+dem Geld, da{\s} sie noch f"ur da{\s} Barneviller Hau{\s} bekam,
+bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die "ubrigen
+f"unfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue
+Verpflichtungen ein und immer wieder welche.
+
+Manchmal versuchte sie allerding{\s} zu rechnen, aber wa{\s} dabei
+herau{\s}kam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
+bi{\s} ihr wirr im Kopfe wurde. Dann lie"s sie e{\s} und dachte
+gar nicht mehr daran.
+
+Um ihr Hau{\s} war e{\s} traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten
+mit w"utenden Gesichtern herau{\s}kommen. Am Ofen trocknete
+W"asche. Und die kleine Berta lief zum gr"o"sten Entsetzen von
+Frau Homai{\s} in zerrissenen Str"umpfen einher. Wenn sich Karl
+gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm
+Emma barsch, e{\s} sei nicht ihre Schuld.
+
+"`Warum ist sie so reizbar?"' fragte er sich und suchte die
+Erkl"arung daf"ur in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
+Vorw"urfe, da"s er nicht gen"ugend R"ucksicht auf ihr
+k"orperliche{\s} Leiden genommen habe. Er schalt sich einen
+Egoisten und w"are am liebsten zu ihr gelaufen und h"atte sie
+gek"u"st.
+
+"`Lieber nicht!"' sagte er sich. "`E{\s} k"onnte ihr l"astig sein!"'
+
+Und er ging nicht zu ihr.
+
+Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
+kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift
+auf und versuchte dem Kind da{\s} Lesen beizubringen. E{\s} war
+noch g"anzlich unwissend. Sehr bald machte e{\s} gro"se, traurige
+Augen und begann zu weinen. Da tr"ostete er e{\s}. Er holte Wasser
+in der Gie"skanne und legte ein B"achlein im Kie{\s} an, oder er
+brach Zweige von den Ja{\s}minstr"auchern und pflanze sie al{\s}
+B"aumchen in die Beete. Dem Garten schadete da{\s} nur wenig, er
+war schon l"angst von Unkraut "uberwuchert. Lestiboudoi{\s} hatte
+schon wer wei"s wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror da{\s}
+Kind, und e{\s} verlangte nach der Mutter.
+
+"`Ruf Felicie!"' sagte Karl. "`Du wei"st, mein Herzchen, Mama will
+nicht gest"ort werden!"'
+
+E{\s} wurde wieder Herbst, und schon fielen die Bl"atter. Jetzt
+war e{\s} genau zwei Jahre her, da"s Emma krank war! Wann w"urde
+da{\s} endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort,
+die H"ande auf dem R"ucken.
+
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie st"oren.
+Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
+bekleidet. Von Zeit zu Zeit z"undete sie ein{\s} der
+R"aucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eine{\s}
+Algerier{\s} gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren
+schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie e{\s} durch
+allerlei Grimassen so weit, da"s er sich in den zweiten Stock
+zur"uckzog. Nun la{\s} sie bi{\s} zum Morgen "uberspannte B"ucher,
+die von Orgien und von Mord und Totschlag erz"ahlten. Oft bekam
+sie davon Angstanf"alle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst
+herunter.
+
+"`Ach, geh nur wieder!"' sagte sie.
+
+Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer de{\s} Ehebruch{\s}
+durch\-gl"uht, schwer atmend und in hei"ser sinnlicher Erregung
+an{\s} Fenster, sog die k"uhle Nachtluft ein und lie"s sich den
+Wind um da{\s} schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend,
+w"unschte sie sich die Liebe eine{\s} F"ursten~...
+
+Leo trat ihr vor die Phantasie. Wa{\s} h"atte sie in diesem
+Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm
+sattk"ussen zu lassen.
+
+Die Tage de{\s} Stelldichein{\s} waren ihre Sonntage, Tage der
+Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alle{\s} allein zu
+bezahlen, steuerte sie auf da{\s} freigebigste dazu bei, wa{\s}
+beinahe jede{\s}mal der Fall war. Er versuchte, sie zu
+"uberzeugen, da"s sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe
+zusammen kommen k"onnten. Sie wollte jedoch nicht{\s} davon
+h"oren.
+
+Eine{\s} Tage{\s} brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbe{\s}
+Dutzend vergoldete Teel"offel mit, da{\s} Hochzeit{\s}geschenk
+ihre{\s} Vater{\s}. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er
+gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er
+f"urchtete, sich blo"szustellen. Al{\s} er hinterher noch einmal
+dar"uber nachdachte, fand er, da"s seine Geliebte "uberhaupt recht
+seltsam geworden sei und da"s e{\s} vielleicht ratsam w"are, mit
+ihr zu brechen. Seine Mutter hatte "ubrigen{\s} einen langen
+anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt
+worden war, ihr Sohn "`ruiniere sich mit einer verheirateten
+Frau."' Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle
+Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin,
+die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich
+brieflich an Leo{\s} Chef, den Justizrat D"ubocage, dem die
+Geschichte l"angst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
+dreiviertel Stunden lang ordentlich in{\s} Gebet, "offnete ihm die
+Augen, wie er sich au{\s}dr"uckte, und zeigte ihm den Abgrund, dem
+er zusteuere. Wenn e{\s} zum "offentlichen Skandal k"ame, sei
+seine weitere Karriere gef"ahrdet! Er bat ihn dringend, da{\s}
+Verh"altni{\s} abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so
+doch in seinem, de{\s} Notar{\s}.
+
+Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
+Er hielt e{\s} nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
+indem er sich klar ward, in welche Mi"shelligkeiten und in wa{\s}
+f"ur Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von
+den Anz"uglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich
+lo{\s}lie"sen, wenn sie sich am Kamine w"armten. Er sollte
+demn"achst in die erste Adjunktenstelle r"ucken. E{\s} ward also
+Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Au{\s} diesem Grunde gab er
+auch da{\s} Fl"otespielen auf. Die Tage der Schw"armereien und
+Phantastereien waren f"ur ihn vor"uber! Jeder Philister hat in
+seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen
+Tag, nur eine Stunde w"ahrt. Einmal ist jeder der
+ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelst"urmender Pl"ane
+f"ahig. Den spie"serlichsten Mann gel"ustet e{\s} einmal nach
+einer gro"sen Kurtisane, und selbst im n"uchternen Juristen hat
+sich irgendwann einmal der Dichter geregt.
+
+E{\s} verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung
+an seiner Brust schluchzte. Und wie e{\s} Leute gibt, die Musik
+nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er f"ur die
+"Uberschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gef"uhl mehr. Die wilde
+Sch"onheit dieser Herzen{\s}st"urme begriff er nicht.
+
+Sie kannten einander zu gut, al{\s} da"s der gegenseitige Besitz
+sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
+Entwicklung{\s}f"ahigkeit verloren. Sie waren beide einander
+"uberdr"ussig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalit"aten der
+Ehe wieder.
+
+Wie sollte sie sich aber Leo{\s} entledigen? So ver"achtlich ihr
+die Verflachung ihre{\s} Gl"ucke{\s} auch vorkam: au{\s}
+Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der
+Sinnengenu"s ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch
+nach h"oheren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt
+und betrogen. Sie w"unschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre
+Ent\/zweiung zur Folge h"atte, weil sie nicht den Mut hatte, sich
+au{\s} freien St"ucken von ihm zu trennen.
+
+Sie h"orte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu
+"ubersch"utten. Ihrer Meinung nach war e{\s} die Pflicht einer
+Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben
+stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo,
+sondern ein Traumgebilde, die Au{\s}geburt ihrer z"artlichsten
+Erinnerungen, eine Reminis\/zenz an die herrlichsten Romanhelden,
+da{\s} leibhaft gewordne Idol ihrer hei"sesten Gel"uste.
+Allm"ahlich ward ihr dieser imagin"are Liebling so vertraut,
+al{\s} ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten
+Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich
+gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in
+der F"ulle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo
+hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter
+Rosend"uften und Mondenschein. Sie f"uhlte, er war ihr nahe. Er
+umarmte und k"u"ste sie~...
+
+Nach solchen Traumzust"anden war sie kraftlo{\s} und gebrochen.
+Die Raserei diese{\s} Liebe{\s}wahne{\s} erschlaffte sie mehr
+al{\s} die wildeste Au{\s}schweifung.
+
+Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
+Zustellungen und Vorladungen kamen. E{\s} war ihr unm"oglich, sie
+zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten h"atte sie immerdar
+geschlafen.
+
+Am Fastnacht{\s}abend kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Sie
+nahm am Ma{\s}kenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten
+Str"umpfen, eine Rokokoper"ucke auf dem Kopfe und einen Dreimaster
+auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht.
+E{\s} bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand
+sie unter der Vorhalle de{\s} Theater{\s}, umringt von einem
+halben Dutzend Ma{\s}ken, Bekannten von Leo: Matrosen und
+Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurant{\s} in
+der N"ahe waren alle "uberf"ullt. Schlie"slich entdeckte man einen
+bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleine{\s}
+Zimmer bekamen.
+
+Die m"annlichen Ma{\s}ken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
+einigten sie sich "uber die Kosten. E{\s} waren zwei Studenten der
+medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verk"aufer. Wa{\s}
+f"ur eine Gesellschaft f"ur eine Dame! Und die weiblichen Wesen?
+An ihrer Au{\s}druck{\s}weise merkte Emma gar bald, da"s sie fast
+alle der untersten Volk{\s}schicht angeh"oren mu"sten. Nun begann
+sie sich zu "angstigen. Sie r"uckte mit ihrem Sessel beiseite und
+schlug die Augen nieder.
+
+Die andern begannen zu tafeln. Emma a"s nicht{\s}. Ihre Stirn
+gl"uhte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte
+ihr "uber die Haut. In ihrem Hirn dr"ohnte noch der L"arm de{\s}
+Tanzsaal{\s}; e{\s} war ihr, al{\s} stampften tausend F"u"se im
+Takte um sie herum. Dazu bet"aubte sie der Zigarrenrauch und der
+Duft de{\s} Punsche{\s}. Sie wurde ohnm"achtig. Man trug sie
+an{\s} Fenster.
+
+Der Morgen d"ammerte. Hinter der Sankt-Katharinen-H"ohe stand ein
+breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
+graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
+Br"ucken. Die Laternenlichter verblichen.
+
+Sie erholte sich allm"ahlich und dachte an ihre Berta, die fern in
+Yonville schlief, im Zimmer de{\s} M"adchen{\s}. Ein Wagen voll
+langer Eisenstangen fuhr unten vor"uber; da{\s} Metall vibrierte
+in eigent"umlichen T"onen~...
+
+Da stahl sie sich in pl"otzlichem Entschlusse fort. Sie lie"s Leo
+und kam allein zur"uck in den Boulogner Hof. Alle{\s}, selbst ihr
+eigner K"orper war ihr unertr"aglich. Sie h"atte fliegen m"ogen,
+sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
+kristallklaren "Ather.
+
+Nachdem sie sich ihre{\s} Kost"um{\s} entledigt hatte, verlie"s
+sie den Gasthof und ging "uber den Boulevard, den Causer Platz,
+durch die Vorstadt, bi{\s} zu einer freien Stra"se mit G"arten.
+Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach
+verga"s sie die l"armende Menge, die Ma{\s}ken, die Tanzmusik,
+da{\s} Lampenlicht, da{\s} Souper, die Dirnen. Alle{\s} war weg
+wie der Nebel im Winde. Im "`Roten Kreuz"' angekommen, warf sie
+sich auf{\s} Bett. E{\s} war in demselben Zimmer de{\s} zweiten
+Stock{\s}, wo ihr Leo damal{\s} seinen ersten Besuch gemacht
+hatte. Um vier Uhr nachmittag{\s} ward sie von Hivert geweckt.
+
+Zu Hau{\s} zeigte ihr Felicie ein Schriftst"uck, da{\s} hinter der
+Uhr steckte. Emma la{\s}:
+
+"`Beglaubigte Abschrift. Urteil{\s}au{\s}fertigung~..."' Sie hielt
+inne. "`Wa{\s} f"ur ein Urteil?"' Sie besann sich.
+
+Etliche Tage vorher war ein andre{\s} Schriftst"uck abgegeben
+worden, da{\s} sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken
+la{\s} sie weiter:
+
+"`\so{Im Namen de{\s} K"onig{\s}!}~..."' Sie "ubersprang einige
+Zeilen. "`... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ...
+achttausend Franken~..."' Und unten: "`Vorstehende Au{\s}fertigung
+wird ... zum Zwecke der Zwang{\s}vollstreckung erteilt~..."'
+
+Wa{\s} sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
+
+"`Die sind morgen abgelaufen!"' sagte sie sich. "`Unsinn! Lheureux
+will mir nur angst machen!"'
+
+Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
+den Endzweck aller seiner Gef"alligkeiten. Da{\s} einzige, wa{\s}
+sie etwa{\s} beruhigte, war gerade die enorme H"ohe der
+Schuldsumme. Durch ihre fortw"ahrenden K"aufe, ihr Nichtbarbezahlen,
+die Darlehen, da{\s} Au{\s}stellen von Wechseln, die Zinsen, die
+Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bi{\s} zu
+dieser H"ohe angelaufen. Lheureux wartete auf diese{\s} Geld
+ungeduldig. Er brauchte e{\s} zu neuen Gesch"aften.
+
+Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.
+
+"`Wissen Sie, wa{\s} mir da zugefertigt worden ist? Da{\s} ist
+wohl ein Scherz!"'
+
+"`Bewahre!"'
+
+"`Wieso aber?"'
+
+Er wandte sich ihr langsam zu, verschr"ankte die Arme und sagte:
+
+"`Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, da"s ich
+bi{\s} zum J"ungsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe?
+F"ur nicht{\s} und wieder nicht{\s}? E{\s} ist vielmehr die
+h"ochste Zeit, da"s ich mein Geld zur"uckkriege! Da{\s} werden Sie
+doch einsehen!"'
+
+Sie bestritt die H"ohe der Schuldsumme.
+
+"`Ja, da{\s} tut mir leid!"' erwiderte der H"andler. "`Da{\s}
+Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist
+nicht{\s} zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen!
+"Ubrigen{\s} bin ich nicht der Kl"ager, sondern Vin\c{c}ard."'
+
+"`K"onnten Sie denn nicht~..."'
+
+"`Ich kann gar nicht{\s}!"'
+
+"`Aber ... sagen Sie ... "uberlegen wir un{\s} einmal~..."'
+
+Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewu"st, sie sei
+"uberrascht worden~...
+
+"`Ist da{\s} denn meine Schuld?"' fragte Lheureux mit einer
+h"ohnischen Geste. "`W"ahrend ich mich hier abplagte, haben Sie
+herrlich und in Freuden gelebt!"'
+
+"`Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?"'
+
+"`Da{\s} k"onnte nicht{\s} schaden!"'
+
+Sie wurde feig und legte sich auf{\s} Bitten. Dabei ging sie so
+weit, da"s sie den H"andler mit ihrer schmalen wei"sen Hand
+ber"uhrte.
+
+"`Lassen Sie mich zufrieden!"' wehrte er ab. "`Am Ende wollen Sie
+mich gar noch verf"uhren!"'
+
+"`Sie sind ein gemeiner Mensch!"' rief sie au{\s}.
+
+"`Na, na!"' lachte er. "`Werden Sie nur nicht gleich ungn"adig!"'
+
+"`Ich werde allen Leuten erz"ahlen, wa{\s} f"ur ein Mensch Sie
+sind! Ich werde meinem Manne sagen~..."'
+
+"`Und ich werde Ihrem Manne wa{\s} zeigen~..."'
+
+Er entnahm seinem Geldschranke Emma{\s} Empfang{\s}best"atigung
+der Summe f"ur da{\s} verkaufte Grundst"uck.
+
+"`Glauben Sie, da"s er da{\s} nicht f"ur einen kleinen Diebstahl
+halten wird, der arme gute Mann?"'
+
+Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen.
+Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und
+her und sagte immer wieder:
+
+"`Jawohl, da{\s} zeig ich ihm ... da{\s} zeig ich ihm~..."'
+
+Pl"otzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
+Tone:
+
+"`'{\s} ist grade kein Vergn"ugen -- da{\s} wei"s ich wohl! --
+aber e{\s} ist noch niemand dran gestorben, und da e{\s} der
+einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen~..."'
+
+"`Aber wo soll ich denn da{\s} viele Geld hernehmen?"' jammerte
+Emma und rang die H"ande.
+
+"`Na, wenn man Freunde hat wie Sie!"'
+
+Er sah sie scharf und so t"uckisch an, da"s ihr dieser Blick durch
+Mark und Bein ging.
+
+"`Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben~..."'
+
+"`Danke! Habe genug von den alten!"'
+
+"`K"onnte ich nicht wa{\s} verkaufen?"'
+
+"`Wa{\s} denn?"' fragte er achselzuckend. "`Sie besitzen doch gar
+nicht{\s}!"' Dann rief er durch da{\s} kleine Schiebfensterchen in
+seinen Laden hinein: "`Anna, vergi"s nicht die drei St"uck Tuch
+Nummer vierzehn!"'
+
+Da{\s} M"adchen trat ein. Emma begriff, wa{\s} da{\s} hei"sen
+sollte. Sie machte einen letzten Versuch.
+
+"`Wieviel Geld w"are dazu n"otig, die Zwang{\s}vollstreckung
+aufzuhalten?"'
+
+"`E{\s} ist schon zu sp"at!"' antwortete Lheureux.
+
+"`Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken br"achte? Ein Viertel
+der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?"'
+
+"`Da{\s} h"atte alle{\s} keinen Zweck!"'
+
+Er dr"angte sie sanft dem Au{\s}gange zu.
+
+"`Ich beschw"ore Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage
+Zeit!"'
+
+Sie schluchzte.
+
+"`Donnerwetter! Gar noch Tr"anen!"'
+
+"`Sie bringen mich zur Verzweiflung!"' jammerte sie.
+
+"`Mir auch egal!"'
+
+Er machte die T"ure zu.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
+Gericht{\s}vollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, al{\s} sie
+sich einstellten, um da{\s} Pf"andung{\s}protokoll aufzusetzen.
+
+Sie begannen in Bovary{\s} Sprechzimmer. Den phrenologischen
+Sch"adel schrieben sie indessen nicht mit in da{\s}
+Sachenverzeichni{\s}. Sie erkl"arten ihn al{\s} zur
+Beruf{\s}au{\s}"ubung n"otig. Aber in der K"uche z"ahlten sie die
+Sch"usseln, T"opfe, St"uhle und Leuchter, und in ihrem
+Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
+durchst"oberten ihren Kleidervorrat, ihre W"asche. Sogar der
+Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emma{\s} Existenz ward
+bi{\s} in die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der
+Anatomie -- den Blicken der drei M"anner prei{\s}gegeben. Der
+Gericht{\s}vollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock,
+eine wei"se Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
+wiederholte immer wieder:
+
+"`Sie erlauben, gn"adige Frau! Sie erlauben!"'
+
+Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:
+
+"`Wunderh"ubsch! Sehr nett!"'
+
+Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichni{\s},
+wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfa"s au{\s} Horn
+tauchte, da{\s} er in der linken Hand hielt.
+
+Al{\s} man in den Wohnr"aumen fertig war, ging e{\s} hinauf in die
+Bodenkammern. Al{\s} der Gericht{\s}vollzieher ein Schreibpult
+bemerkte, in dem Rudolf{\s} Briefe aufbewahrt waren, ordnete er
+an, da"s e{\s} ge"offnet werde.
+
+"`Ah! Briefe!"' meinte er, geheimni{\s}voll l"achelnd. "`Sie
+erlauben wohl! Ich mu"s mich n"amlich "uberzeugen, ob nicht sonst
+noch wa{\s} drinnen steckt!"'
+
+Er bl"atterte die B"undel fl"uchtig durch, al{\s} sollten
+Goldst"ucke herau{\s}fallen. Emma war emp"ort, al{\s} sie sah, wie
+seine plumpe rote Hand mit den mollu{\s}kenhaften Fettfingern
+diese Bl"atter anfa"ste, bei deren Empfang ihr Herz einst h"oher
+geschlagen hatte.
+
+Endlich gingen sie. Felicie kam zur"uck. Sie hatte den Auftrag
+gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
+Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepf"andeten Gegenst"ande
+zur"uckblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.
+
+Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
+beobachtete ihn "angstlich. E{\s} kam ihr vor, al{\s} st"unden in
+den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
+Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
+Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
+sich die Armseligkeit ihre{\s} Leben{\s} versch"ont hatte, f"uhlte
+sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenlose{\s} Mitleid
+mit sich selber, da{\s} ihre W"unsche eher noch anfachte al{\s}
+unterdr"uckte.
+
+Karl sa"s friedlich am Kamin und f"uhlte sich h"ochst behaglich.
+Einmal rumorte der Gericht{\s}diener, der sich in seinem K"afige
+langweilte.
+
+"`Ging da nicht oben einer?"' fragte Karl.
+
+"`Nein!"' beschwichtigte sie ihn. "`Da war wahrscheinlich ein
+Dachfenster offen, und der Wind hat e{\s} zugeschlagen."'
+
+Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie fr"uh nach Rouen, wo sie
+alle Bankier{\s} aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
+meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie lie"s sich
+nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
+beteuerte, sie brauche e{\s} und wolle e{\s} p"unktlich
+zur"uckzahlen. Einige lachten ihr in{\s} Gesicht. Alle wiesen sie
+ab.
+
+Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner T"ure. E{\s}
+"offnete niemand. Endlich kam er von der Stra"se her.
+
+"`Wa{\s} f"uhrt dich her?"'
+
+"`St"ore ich dich?"'
+
+"`Nein ... aber~..."'
+
+Er gestand, sein Wirt s"ahe e{\s} nicht gern, wenn man "`Damen"'
+bei sich empfinge.
+
+"`Ich mu"s dich sprechen!"' sagte sie.
+
+Da nahm er den Schl"ussel, aber sie hinderte ihn am Aufschlie"sen.
+
+"`Nein! Nicht hier! Bei un{\s}!"'
+
+Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.
+
+Emma trank zun"achst ein gro"se{\s} Gla{\s} Wasser. Sie war ganz
+bleich. Dann sagte sie:
+
+"`Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!"'
+
+Sie fa"ste seine H"ande, dr"uckte sie fest und f"ugte hinzu:
+
+"`H"or mal: ich brauche achttausend Franken!"'
+
+"`Du bist verr"uckt!"'
+
+"`Noch nicht!"'
+
+Nun erz"ahlte sie ihm rasch die Geschichte der Pf"andung und
+klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nicht{\s}; mit ihrer
+Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fu"se, und ihr Vater
+k"onne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, m"usse ihr diese
+unbedingt n"otige Summe schleunigst verschaffen.
+
+"`Wie soll ich da{\s}?"'
+
+"`Du willst blo"s nicht!"' sagte sie aufgeregt.
+
+Er stellte sich dumm:
+
+"`E{\s} wird nicht so gef"ahrlich sein! Mit tausend Talern wird
+der Biedermann schon zufrieden sein!"'
+
+"`Vielleicht. Schaff sie mir nur!"' sagte sie. Dreitausend Franken
+seien allemal aufzutreiben! Leo m"oge sie doch einstweilen auf
+seinen Namen aufnehmen.
+
+"`Geh! Versuch{\s}! E{\s} mu"s sein! Schnell! Schnell! Ich will
+dich daf"ur auch recht liebhaben!"'
+
+Er ging und kam nach einer Stunde zur"uck. Mit einem Gesicht,
+al{\s} ob er wer wei"s wa{\s} zu verk"unden h"atte, sagte er:
+
+"`Ich war bei drei Personen ... umsonst!"'
+
+Darauf sa"sen sie einander gegen"uber am Kamin, regung{\s}lo{\s},
+ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor
+Ungeduld mit den F"u"sen. Er h"orte, wie sie ganz leise sagte:
+
+"`Wenn ich an deiner Stelle w"are, ich w"u"ste, wo ich da{\s} Geld
+auftriebe!"'
+
+"`Wo denn?"'
+
+"`In eurer Kanzlei!"'
+
+Sie sah ihn starr an.
+
+Au{\s} ihren fiebernden Augen sprach ein wilder D"amon. Zwischen
+ihren sich ber"uhrenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und S"unde so
+stark, da"s der junge Mann unter der stummen Verf"uhrung{\s}kraft
+diese{\s} Weibe{\s}, da{\s} ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe
+daran war, zu erliegen. Er f"uhlte seine Schwachheit. J"ahe Furcht
+ergriff ihn, und um jeder weiteren Er"orterung zu entgehen, schlug
+er sich vor die Stirn und rief au{\s}:
+
+"`Morel kommt ja heute nacht zur"uck!"' Morel war ein Freund von
+ihm, der Sohn eine{\s} sehr wohlhabenden Kaufmann{\s}. "`Der
+schl"agt{\s} mir nicht ab! Ich werde dir da{\s} Geld morgen
+vormittag bringen."'
+
+Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
+freudigen Eindruck, al{\s} er erwartet hatte. Durchschaute sie
+seine L"uge?
+
+Err"otend fuhr er fort:
+
+"`Wenn ich morgen bi{\s} drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
+warte nicht l"anger auf mich, Schatz! Jetzt mu"s ich aber wirklich
+fort! Entschuldige mich! Lebwohl!"'
+
+Er dr"uckte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma
+hatte alle Kraft verloren~...
+
+Al{\s} e{\s} vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
+zur"uckzufahren. Nicht{\s} mehr trieb sie al{\s} die Gewohnheit.
+
+Da{\s} Wetter war pr"achtig. Ein klarer kalter M"arztag. Die Sonne
+strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonnt"aglich gekleidete
+B"urger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Al{\s} Emma
+den Notre-Dame-Platz "uberschritt, war die Vesper gerade zu Ende.
+Die Menge str"omte au{\s} den drei T"uren de{\s} Hauptportal{\s}
+wie ein Strom au{\s} einer dreibogigen Br"ucke.
+
+Emma dachte zur"uck an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in
+da{\s} Mittelschiff eingetreten war, da{\s} sich so hoch vor ihr
+w"olbte und ihr damal{\s} doch klein erschien im Vergleich zu
+ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier
+str"omten die Tr"anen "uber ihre Wangen. Sie war wie bet"aubt, sie
+schwankte und war einer Ohnmacht nahe.
+
+"`Vorsehen!"' rief eine Stimme au{\s} einem Torwege.
+
+Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
+der, in der Gabel eine{\s} Dogcart{\s}, au{\s} dem Hause
+herau{\s}kam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte~...
+
+"`Wer war da{\s} doch?"' fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor.
+Da{\s} Gef"ahrt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.
+
+"`Aber da{\s} war doch der Vicomte!"'
+
+Emma wandte sich um, aber die Stra"se war leer. Sie f"uhlte sich
+so niedergeschlagen, so traurig, da"s sie sich an die Wand
+eine{\s} Hause{\s} lehnen mu"ste, um nicht umzusinken. Sie
+gr"ubelte dar"uber nach, ob e{\s} wirklich der Vicomte gewesen
+war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Wa{\s} lag daran? Sie war
+eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene,
+vom Geratewohl gegen die Klippen de{\s} Leben{\s} getrieben ...
+Und so empfand sie beinahe Freude, al{\s} sie, am "`Roten Kreuz"'
+angelangt, den trefflichen Homai{\s} traf, der da{\s} Aufladen
+einer gro"sen Kiste voll Apothekerwaren in die Post "uberwachte.
+In der Hand hielt er, in ein Hal{\s}tuch eingewickelt, sech{\s}
+St"uck Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte.
+
+Frau Homai{\s} liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in
+der Normandie seit uralten Zeiten in Form eine{\s} Turban{\s}
+gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen
+werden. Man buk sie bereit{\s} zur Zeit der Kreuzz"uge. Die
+wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn
+sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische
+liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten
+sie sich einbilden, Sarazenenk"opfe zu vertilgen. Die
+Apotheker{\s}frau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute;
+sie hatte n"amlich abscheulich schlechte Z"ahne.
+
+"`Bin ent\/z"uckt, Sie zu sehen!"' rief Homai{\s}, bot Emma die Hand
+und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
+
+Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in da{\s} Gep"acknetz,
+nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschr"ankten Armen und
+einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Al{\s} unterweg{\s}
+wie immer der Blinde am Stra"sengraben auftauchte, bemerkte er:
+
+"`E{\s} ist mir unverst"andlich, da"s die Beh"orde nach wie vor
+diese{\s} schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man
+einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht
+bei un{\s} im Schneckengange vorw"art{\s}! Wir waten noch in
+Barbarei!"'
+
+Der Blinde steckte seinen Hut so durch{\s} Wagenfenster, da"s er
+wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
+
+"`Er hat eine skroful"ose Affektion"', dozierte der Apotheker.
+
+Obgleich er den armen Schelm schon l"angst kannte, tat er doch,
+al{\s} s"ahe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwa{\s} von
+Hornhaut, Star, Sklerotika, Facie{\s} vor sich hin. Dann riet er
+ihm in salbung{\s}vollem Tone:
+
+"`Hast du diese{\s} schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn?
+Du solltest vor allem Di"at halten, statt dich in der Kneipe zu
+betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache."'
+
+Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifello{\s} geistig
+beschr"ankt.
+
+Schlie"slich zog Homai{\s} seine B"orse.
+
+"`Hier hast du einen F"unfer, gib mir einen Dreier wieder rau{\s}
+und vergi"s nicht, wa{\s} ich dir verordnet habe! E{\s} wird dir
+gut bekommen!"'
+
+Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seine{\s}
+Rezept{\s} zu bezweifeln. Da versicherte Homai{\s} dem Manne,
+lediglich eine "`antiphlogistische Salbe eignen Fabrikat{\s}"'
+k"onne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse:
+
+"`Apotheker Homai{\s}, am Markt, allgemein bekannt!"'
+
+"`So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, wa{\s} du
+Sch"one{\s} kannst!"' rief ihm Hivert zu.
+
+Der Blinde lie"s sich in die Knie nieder, warf den Kopf zur"uck,
+rollte mit seinen gr"unlichen Augen und streckte die Zunge
+herau{\s}. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den H"anden und
+stie"s ein dumpfe{\s} Geheul au{\s} wie ein halbverhungerter Hund.
+
+Emma ward "ubel. Sie warf ihm "uber die Schulter ein
+F"unf\/frankenst"uck zu. E{\s} war ihr ganze{\s} Geld. E{\s} kam
+ihr edel vor, e{\s} so wegzuwerfen.
+
+Der Wagen war schon ein ziemliche{\s} St"uck weiter, al{\s} sich
+Homai{\s} pl"otzlich au{\s} dem Fenster lehnte und hinau{\s}rief:
+
+"`Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
+tragen! Und Wacholderd"ampfe auf die kranken Teile!"'
+
+Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vor"uberzog,
+lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
+M"udigkeit "uberkam sie. Ganz ersch"opft, leben{\s}m"ude und
+verschlafen langte sie in Yonville an.
+
+"`Mag nun kommen, wa{\s} will!"' dachte sie beim Au{\s}steigen.
+"`Zu guter Letzt, wer wei"s? Kann nicht jeden Augenblick ein
+unerwartete{\s} Ereigni{\s} eintreten? Sogar Lheureux kann
+sterben~..."'
+
+Am andern Morgen wurde sie durch ein Ger"ausch auf dem Markt wach.
+E{\s} war ein Gedr"ange um ein gro"se{\s} Plakat entstanden,
+da{\s} an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah,
+wie Justin auf einen Prellstein stieg und e{\s} abri"s. Aber im
+selben Moment fa"ste ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem
+Augenblick trat Homai{\s} au{\s} seiner Apotheke, und auch Frau
+Franz tauchte laut redend mitten in der Volk{\s}menge auf.
+
+"`Gn"adige Frau! Gn"adige Frau!"' rief Felicie, die in{\s} Zimmer
+st"urzte.
+
+Da{\s} arme Ding war au"ser sich. Sie hielt einen gelben Zettel in
+der Hand, den sie von der Hau{\s}t"ure abgerissen hatte. Emma
+"uberflog ihn. E{\s} war die Versteigerung{\s}ank"undigung.
+
+Dann sahen sich beide wortlo{\s} an. Herrin und Dienerin hatten
+l"angst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
+nach einer Weile:
+
+"`An der Stelle der gn"adigen Frau ging ich mal zum Notar
+Guillaumin."'
+
+"`Meinst du?"'
+
+Diese Frage bedeutete: "`Durch dein Verh"altni{\s} mit dem Diener
+diese{\s} Hause{\s} wei"st du doch Bescheid. Interessiert sich
+dieser Junggeselle f"ur mich?
+
+"`Ja, gehn Sie nur, gn"adige Frau! E{\s} wird Ihnen n"utzen!"'
+
+Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarze{\s} Kleid an und
+setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht
+s"ahe -- e{\s} standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte
+--, ging sie zur Gartenpforte hinau{\s} und den Weg am Bache hin.
+
+Atemlo{\s} erreichte sie da{\s} Gittertor de{\s} Notar{\s}. Der
+Himmel war grau. E{\s} schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin
+erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam
+er und "offnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen
+Vertraulichkeit, al{\s} ob sie in{\s} Hau{\s} geh"orte, und
+f"uhrte sie in da{\s} E"szimmer.
+
+Emma{\s} Blick fiel fl"uchtig auf den breiten Porzellanofen, vor
+dem ein m"achtiger Kaktu{\s} stand. An den braun tapezierten
+W"anden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche:
+woll"ustige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen
+Sch"usselw"armer, der Kristallgriff der T"urklinke, der
+Parkettboden, die M"obel, alle{\s} blinkte in reinlicher,
+germanischer Sauberkeit.
+
+"`So ein E"szimmer m"u"ste ich haben!"' dachte Emma.
+
+Der Notar trat ein. Er dr"uckte seinen mit Palmenblattstickerei
+verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
+andern Hand nahm er sein braunsamtne{\s} Hau{\s}k"appchen zum
+Gru"se ab und setzte e{\s} rasch wieder auf. E{\s} sa"s ihm kokett
+etwa{\s} auf der rechten Seite seine{\s} kahlen Sch"adel{\s},
+"uber den drei lange blonde Haarstr"ahnen liefen.
+
+Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
+Tisch, um zu fr"uhst"ucken. Er entschuldigte sich ob dieser
+Unh"oflichkeit.
+
+"`Herr Notar,"' sagte sie, "`ich m"ochte Sie bitten~..."'
+
+"`Um wa{\s} denn, gn"adige Frau? Ich bin ganz Ohr!"'
+
+Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
+
+Guillaumin wu"ste bereit{\s} alle{\s}, da er in geheimer
+Gesch"aft{\s}verbindung mit Lheureux stand, der ihm die
+Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
+besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser al{\s} Emma --
+die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
+von den verschiedensten Leuten di{\s}kontiert, auf lange Fristen
+au{\s}gestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren.
+Jetzt hatte sie der H"andler allesamt protestieren lassen und auf
+seinen Freund Vin\c{c}ard abgeschoben, der die Angelegenheit nun
+in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitb"urgern
+nicht in den Ruf eine{\s} Hal{\s}abschneider{\s} gerate.
+
+Sie unterbrach ihre Erz"ahlung h"aufig durch Beschuldigungen gegen
+Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar
+nicht{\s}sagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett
+und trank seinen Tee, -- wobei er da{\s} Kinn gegen seine
+himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschm"uckte Krawatte einzog.
+Ein sonderbare{\s}, s"u"sliche{\s} und zweideutige{\s} L"acheln
+spielte um seine Lippen. Al{\s} er sah, da"s Emma nasse Schuhe
+hatte, sagte er:
+
+"`Kommen Sie doch n"aher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
+doch an die Kacheln ... h"oher!"'
+
+Sie bef"urchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
+Notar sagte galant:
+
+"`Sch"one Sachen verderben nie etwa{\s}!"'
+
+Sie machte einen Versuch, ihn zu r"uhren. Da{\s} brachte sie aber
+nur selbst in R"uhrung. Sie erz"ahlte ihm von der Enge ihre{\s}
+h"au{\s}lichen Leben{\s}, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren
+Bed"urfnissen. Der Notar verstand da{\s}: eine elegante Frau! Und
+ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl
+nach ihr um. Er ber"uhrte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle
+am hei"sen Ofen zu dampfen begann.
+
+Al{\s} sie ihn aber um tausend Taler anging, bi"s er sich auf die
+Lippen und erkl"arte, e{\s} tue ihm ungemein leid, da"s er die
+Verwaltung ihre{\s} Verm"ogen{\s} nicht rechtzeitig in die H"ande
+bekommen habe. E{\s} g"abe tausend M"oglichkeiten, selbst f"ur
+eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispiel{\s}weise
+w"aren die Torfgruben von Gr"ume{\s}nil oder Bauland in Havre
+bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut,
+angesicht{\s} der enormen Summen, die sie zweifello{\s} dabei
+gewonnen h"atte.
+
+"`We{\s}halb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?"'
+
+"`Da{\s} wei"s ich selber nicht"', erwiderte sie.
+
+"`Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
+sollte Ihnen wirklich de{\s}halb b"ose sein! Wir h"atten un{\s}
+schon l"angst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
+gehorsamster Diener! Da{\s} werden Sie mir doch glauben, hoffe
+ich!"'
+
+Er fa"ste nach ihrer Hand, dr"uckte einen gierigen Ku"s darauf und
+behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
+sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
+Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
+spiegelnden Brillengl"aser; w"ahrend seine H"ande in die
+"Armel"offnung von Emma{\s} Kleid fuhren, um ihren Arm zu
+betasten. Sie f"uhlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
+
+Sie sprang auf und sagte:
+
+"`Herr Guillaumin, ich warte~..."'
+
+"`Worauf?"' sagte der Notar, pl"otzlich ganz bleich geworden.
+
+"`Auf da{\s} Geld!"'
+
+"`Aber~..."' In seiner L"usternheit lie"s er sich bewegen zu
+sagen: "`Na ja~..."'
+
+Trotz seine{\s} Schlafrocke{\s} fiel er vor Emma auf die Knie und
+keuchte:
+
+"`Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!"'
+
+Er umschlang ihre Taille.
+
+Ein Blutstrom scho"s Emma in die Wangen. Emp"ort machte sie sich von
+dem Manne lo{\s} und rief:
+
+"`Sie n"utzen mein Ungl"uck au{\s}! Da{\s} ist schamlo{\s}! Ich
+bin beklagen{\s}wert, aber nicht k"auflich!"'
+
+Damit eilte sie hinau{\s}.
+
+Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
+sch"onen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
+Hand. Dieser Anblick tr"ostete ihn schlie"slich. "Uberdie{\s} fiel
+ihm ein, da"s ihn ein derartige{\s} Abenteuer zu wer wei"s wa{\s}
+h"atte verleiten k"onnen.
+
+"`Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!"' sagte Emma
+bei sich, al{\s} sie hastigen Schritt{\s} an den Pappeln hinging.
+Ihre Entt"auschung "uber den Mi"serfolg verst"arkte die Emp"orung
+ihre{\s} Schamgef"uhl{\s}. E{\s} war ihr, al{\s} verfolge sie ein
+unselige{\s} Geschick, und diese{\s} Gef"uhl erf"ullte sie von
+neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochm"utiger und
+selbstbewu"ster gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung.
+Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie h"atte alle M"anner schlagen,
+ihnen in{\s} Gesicht speien, sie niedertreten m"ogen. W"ahrend sie
+weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre
+tr"anenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen
+Wollust bohrte sie sich in Ha"s hinein.
+
+Al{\s} sie ihr Hau{\s} von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die
+Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber e{\s} mu"ste
+sein! Wohin h"atte sie fliehen k"onnen?
+
+Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
+
+"`Gn"adige Frau?"'
+
+"`E{\s} war umsonst!"'
+
+Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
+die vielleicht ihr zu helfen geneigt w"aren. Aber bei jedem Namen,
+den Felicie nannte, wandte Emma ein:
+
+"`Unm"oglich! Die tun e{\s} nicht!"'
+
+"`Der Herr Doktor mu"s jeden Augenblick nach Hause kommen!"'
+
+"`Ich wei"s e{\s}! La"s mich allein!"'
+
+Sie hatte alle{\s} versucht. Nun mu"ste sie den Dingen ihren Lauf
+lassen. Karl w"urde heimkommen. Sie mu"ste ihm sagen:
+
+"`Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr
+unser. In diesem Hau{\s} geh"ort un{\s} kein Stuhl mehr, kein
+Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet.
+Armer Mann!"'
+
+Dann w"urde e{\s} eine gro"se Szene geben, sie w"urde ma"slo{\s}
+weinen, und wenn sich die erste Best"urzung gelegt h"atte, w"urde
+er ihr verzeihen!
+
+"`Ja! Er wird mir verzeihen!"' murmelte sie in verhaltener Wut.
+"`Er! Er, dem ich nicht f"ur eine Million verzeihen kann, da"s ich
+die Seine geworden bin! Niemal{\s}! Niemal{\s}!"'
+
+Der Gedanke, Bovary k"onnte die "Uberlegenheit "uber sie erringen,
+emp"orte sie. Ob sie ihm ein Gest"andni{\s} machte oder nicht,
+jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mu"ste doch
+alle{\s} erfahren. Und dann war die gr"a"sliche Szene da, und sie
+hatte die Zentnerlast seiner Gro"smut zu tragen!
+
+Wiederum "uberlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux
+gehen solle? Aber da{\s} n"utzte ja nicht{\s}! Oder ihrem Vater
+schreiben? Dazu war e{\s} zu sp"at! Beinahe bereute sie e{\s}, dem
+Notar nicht gef"ugig gewesen zu sein, -- da h"orte sie den
+Hufschlag eine{\s} Pferde{\s} in der Allee. E{\s} war Karl. Er
+"offnete da{\s} Hoftor. Sie sah ihn: er war wei"ser al{\s} Kalk.
+
+Da lief sie eilend{\s} die Treppe hinunter und au{\s} der
+Hau{\s}t"ur hinau{\s} nach dem Markt. Die Frau B"urgermeister
+stand vor der Kirchent"ur und sprach mit dem Kirchendiener. Sie
+beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der
+Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die
+ihm gegen"uber in der Ecke de{\s} Markte{\s} wohnte, und klatschte
+ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den
+Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgeh"angte W"asche, so
+aufstellten, da"s sie bequem in Binet{\s} Dachst"ubchen sehen
+konnten.
+
+Er war allein und sa"s an seiner Drehbank, gerade dabei
+besch"aftigt, eine v"ollig zwecklose Spielerei au{\s} Holz
+fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt spr"uhte der helle
+Holzstaub au{\s} seiner Maschine hervor, wie Funkenb"uschel unter
+den Eisen eine{\s} galoppierenden Pferde{\s}. Die beiden R"ader
+schnurrten und kreisten. Binet l"achelte mit aufmerksamer Miene,
+den Kopf etwa{\s} vorgebeugt. Er war sichtlich v"ollig versunken
+in sein Sch"opfergl"uck. Gerade da{\s} Handwerk{\s}m"a"sige,
+da{\s} der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet,
+befriedigt den Menschen ungemein, wenn e{\s} vollendet ist, denn
+e{\s} gibt dabei ja kein ideale{\s} Dar"uberhinau{\s}, da{\s} man
+ersehnen k"onnte.
+
+"`Ah, da ist sie!"' sagte Frau T"uvache.
+
+Infolge de{\s} Ger"ausche{\s} der Drehbank vermochten sie nicht zu
+verstehen, wa{\s} dr"uben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten
+sie, da{\s} Wort "`Taler"' zu h"oren, worauf Frau Caron
+fl"usterte:
+
+"`Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern."'
+
+"`E{\s} scheint so"', meinte die andre.
+
+Sie beobachteten, wie Emma in Binet{\s} Stube hin und her ging und
+die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
+au{\s}gelegten Krim{\s}kram besichtigte, w"ahrend sich der
+Steuereinnehmer wohlgef"allig den Bart strich.
+
+"`Will sie bei ihm etwa{\s} bestellen?"' fragte Frau T"uvache.
+
+"`Er verkauft doch nie etwa{\s}!"'
+
+Dann sah man, da"s Binet ihr aufmerksam zuh"orte. Er ri"s die
+Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
+eindringlich, flehend. Sie n"aherte sich ihm. Sie war sichtlich
+erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
+
+"`Macht sie ihm gar einen Antrag?"' fl"usterte Frau T"uvache.
+Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfa"ste seine H"ande.
+
+"`Nein, da{\s} ist doch stark!"' zischelte Frau Caron.
+
+In der Tat mu"ste Emma etwa{\s} Sch"andliche{\s} von Binet
+gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dre{\s}den
+und Leipzig mitgek"ampft hatte und dekoriert worden war, wich
+pl"otzlich vor ihr zur"uck, al{\s} ob ihn eine Natter stechen
+wollte, und rief au{\s}:
+
+"`Frau Bovary, wa{\s} muten Sie mir zu!"'
+
+"`Solche Frauenzimmer sollte man "offentlich au{\s}peitschen!"' eiferte
+Frau T"uvache.
+
+"`Wo ist sie denn mit einem Male hin?"' erwiderte die andre.
+
+Wenige Augenblicke sp"ater sahen sie Emma die Hauptstra"se
+hinau{\s}gehen und dann link{\s} verschwinden, wo der Weg zum
+Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen ersch"opften sich in
+allerhand Vermutungen.
+
+Emma lief zur alten Frau Rollet.
+
+"`Machen Sie mir da{\s} Korsett auf! Ich ersticke!"'
+
+Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf da{\s}
+Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke
+zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
+antwortete, ging sie schlie"slich hinau{\s}, holte ihr Spinnrad
+und begann zu spinnen.
+
+"`Ach, h"oren Sie auf!"' sagte Emma leise. E{\s} war ihr, al{\s}
+h"ore sie noch Binet{\s} Drehbank.
+
+"`Wa{\s} mag sie nur haben?"' fragte sich Frau Rollet. "`Warum ist
+sie hergekommen?"'
+
+Wa{\s} ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary au{\s} ihrem Hause
+gejagt hatte?
+
+Emma lag auf dem R"ucken, regung{\s}lo{\s}, mit stieren Augen, die
+keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
+Beharrlichkeit bem"uhte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
+br"uchigen Stellen der Mauer, auf da{\s} armselige bi"schen Holz,
+da{\s} im Kamine qualmte, auf eine gro"se Spinne, die gerade "uber
+ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch~...
+
+Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
+... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
+lag da{\s} zur"uck! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
+Klemati{\s}ranken hatten sie im Vor"ubergehen gestreift ...
+Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder
+Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren j"ungsten
+Erlebnissen.
+
+"`Wieviel Uhr ist e{\s}?"' fragte sie.
+
+Mutter Rollet ging vor da{\s} Hau{\s}, schaute nach der lichten
+Stelle de{\s} Himmel{\s}, die den Stand der Sonne verriet, und kam
+gem"achlich wieder herein.
+
+"`Bald drei Uhr!"' sagte sie.
+
+"`Sch"on! Ich danke!"'
+
+Jetzt mu"ste Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte da{\s}
+Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Da"s sie
+hier war, konnte er doch nicht wissen. De{\s}halb bat sie Frau
+Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
+
+"`Machen Sie recht schnell!"'
+
+"`Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!"'
+
+Emma verwunderte sich, da"s ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
+war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Da{\s} brach er
+gewi"s nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
+z"ahlte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen
+Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein M"archen zu ersinnen,
+um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlo{\s} hinzustellen.
+Da{\s} war nicht weiter schlimm!
+
+Frau Rollet h"atte l"angst wieder zur"uck sein m"ussen. E{\s}
+schien der Wartenden wenigsten{\s} so. Aber da sie keine Uhr bei
+sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinau{\s}
+in da{\s} G"artchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt
+sie ein St"uck den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber
+pl"otzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau k"onne auch
+auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schlie"slich war sie
+de{\s} Warten{\s} m"ude. Bange Ahnungen qu"alten sie. Sie hatte
+kein Zeitgef"uhl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit
+einem Jahrhundert?
+
+Sie kauerte sich in einen Winkel, schlo"s die Augen und hielt sich
+die Ohren zu. Die Zaunt"ure knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
+Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
+
+"`E{\s} war niemand da!"'
+
+"`Niemand?"'
+
+"`Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er l"a"st Sie suchen.
+Alle{\s} ist auf den Beinen!"'
+
+Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
+umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken in{\s} Gesicht.
+Unwillk"urlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig
+geworden.
+
+Pl"otzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
+Schrei. Rudolf war ihr in{\s} Ged"achtni{\s} gekommen, wie ein
+heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutm"utig,
+r"ucksicht{\s}voll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er
+z"ogerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mu"ste ihn nicht ein
+einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen
+und ihn dazu zwingen!
+
+So ging sie denn nach der H"uchette, ohne da{\s} Bewu"stsein zu
+haben, da"s sie damit doch da{\s} tun wollte, wa{\s} ihr eben noch
+so ver"achtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
+daran, da"s sie sich prostituierte.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Auf dem Wege fragte sie sich:
+
+"`Wa{\s} werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?"'
+
+Je n"aher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die B"usche und
+B"aume, der Ginster am Hange und schlie"slich da{\s} Herrenhau{\s}
+vor ihr. Die z"artliche Liebe{\s}stimmung von damal{\s} tauchte
+wieder auf, und ihr arme{\s} gequ"alte{\s} Herz schwoll im
+Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr
+"uber{\s} Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen,
+von den knospenden B"aumen hernieder in{\s} Gra{\s}.
+
+Wie einst schl"upfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
+"uber den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
+Herrenhof. Die B"aume wiegten s"auselnd ihre langen Zweige.
+S"amtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihre{\s}
+Gebell{\s} erschien niemand.
+
+Sie stieg die breite, mit einem h"olzernen Gel"ander versehene
+Treppe hinauf. Die f"uhrte zu einem mit Steinfliesen belegten
+staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
+m"undete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolf{\s}
+Zimmer lag link{\s} ganz am Ende. Al{\s} sie die Finger um die
+T"urklinke legte, verlie"sen sie pl"otzlich die Kr"afte. Sie
+f"urchtete, er m"ochte nicht zu Hau{\s} sein, ja, sie w"unschte
+e{\s} beinah, und doch war e{\s} ihre einzige Hoffnung, der letzte
+Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch,
+dachte an ihre Not, fa"ste Mut und trat ein.
+
+Er sa"s vor dem Feuer, beide F"u"se gegen den Kaminsim{\s}
+gestemmt, und rauchte eine Pfeife.
+
+"`Mein Gott, Sie!"' rief er au{\s} und sprang rasch auf.
+
+"`Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!"'
+
+Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nicht{\s} herau{\s}.
+
+"`Sie haben sich nicht ver"andert! Sie sind noch immer reizend."'
+
+"`So,"' wehrte sie voll Bitterni{\s} ab, "`da{\s} m"ussen traurige
+Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschm"aht haben!"'
+
+Und nun begann er sein damalige{\s} Benehmen zu erkl"aren. Er
+entschuldigte sich in halbsch"urigen Au{\s}dr"ucken, da er
+etwa{\s} Ordentliche{\s} nicht vorzubringen hatte. Emma lie"s sich
+durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme
+und durch seine Gegenwart. Die{\s} war so m"achtig, da"s sie sich
+stellte, al{\s} schenke sie seinen Au{\s}fl"uchten Glauben.
+Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein
+Geheimni{\s} an, von dem die Ehre und da{\s} Leben eine{\s}
+dritten Menschen abgehangen h"atte.
+
+"`Da{\s} ist ja nun gleichg"ultig"', sagte sie und sah ihn traurig
+an. "`Ich habe schwer gelitten!"'
+
+Rudolf meinte philosophisch:
+
+"`So ist da{\s} Leben!"'
+
+"`Hat e{\s} wenigsten{\s} Ihnen Gute{\s} gebracht, nach unserer
+Trennung?"' fragte sie.
+
+"`Ach, nicht{\s} Gute{\s} und nicht{\s} Schlechte{\s}!"'
+
+"`Dann w"are e{\s} vielleicht besser gewesen, wenn wir damal{\s}
+nicht voneinander gegangen w"aren?"'
+
+"`Ja! Vielleicht!"'
+
+"`Glaubst du da{\s}?"' fragte sie, indem sie aufseufzend ihm
+n"aher trat. "`Ach Rudolf! Wenn du w"u"stest! Ich habe dich sehr
+lieb gehabt!"'
+
+Jetzt war sie e{\s}, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang sa"sen
+sie mit verschlungenen H"anden da wie damal{\s}, am Bunde{\s}tage
+der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seine{\s} Stolze{\s}
+k"ampfte er gegen seine eigene R"uhrung. Da schmiegte sich Emma an
+seine Brust und sagte:
+
+"`Wie hast du nur glauben k"onnen, da"s ich ohne dich leben
+sollte! Ein Gl"uck, da{\s} man besessen, vergi"st man nie! Ich war
+ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alle{\s} erz"ahlen,
+du sollst alle{\s} erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal
+sehen m"ogen!"'
+
+In der Tat war er ihr seit drei Jahren "angstlich au{\s} dem Wege
+gegangen, in jener nat"urlichen Feigheit, die f"ur da{\s} starke
+Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
+zierlichen Sendungen ihre{\s} Kopfe{\s}, schmeichlerischer al{\s}
+eine verliebte Katze.
+
+"`Du liebst andre! Gesteh e{\s} nur! Ach, ich begreife da{\s} ja
+auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verf"uhrt, wie du
+mich verf"uhrt hast. Du bist der geborene Verf"uhrer! Hast
+alle{\s}, wa{\s} un{\s} Frauen verr"uckt macht. Aber sag! Wollen
+wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin gl"ucklich!
+... So rede doch!"'
+
+Sie sah ent\/z"uckend au{\s}. Eine Tr"ane zitterte in ihrem Auge,
+wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen
+Blume.
+
+Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
+Haar, "uber da{\s} der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
+hinwegflog, funkelnd im D"ammerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
+k"u"ste sie leise und sanft auf die Augenlider.
+
+"`Du hast geweint?"' fragte er. "`Warum?"'
+
+Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt da{\s} f"ur einen
+Au{\s}bruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr
+Schweigen f"ur eine letzte Scham und rief au{\s}:
+
+"`O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gef"allt. Ich war
+ein Tor, ein Schw"achling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde
+dich immer lieben! Aber wa{\s} hast du? Sag e{\s} mir doch!"'
+
+Er sank ihr zu F"u"sen.
+
+"`So h"ore! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mu"st mir
+dreitausend Franken leihen."'
+
+"`Ja ... aber~..."'
+
+Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Au{\s}druck an.
+
+"`Du mu"st n"amlich wissen,"' fuhr sie schnell fort, "`da"s mein
+Mann sein ganze{\s} Verm"ogen einem Notar anvertraut hatte. Der
+ist fl"uchtig geworden. Wir haben un{\s} Geld geliehen. Die
+Patienten bezahlten nicht. "Ubrigen{\s} ist der Nachla"skonkur{\s}
+meine{\s} Schwiegervater{\s} noch nicht zu Ende. Wir werden bald
+wieder Geld haben. Aber heute fehlen un{\s} dreitausend Franken.
+De{\s}wegen sollen wir gepf"andet werden. Und zwar gleich, in
+einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und de{\s}halb bin
+zu dir gekommen!"'
+
+"`Aha!"' dachte Rudolf und ward pl"otzlich bla"s. "`Also darum ist
+sie gekommen!"' Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
+"`Verehrteste, soviel habe ich nicht!"'
+
+Er log nicht. Er w"urde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
+sie da gehabt h"atte, obgleich e{\s} ihm wie den meisten Menschen
+unangenehm gewesen w"are, sich gro"sm"utig zeigen zu m"ussen. Von
+allen Feinden, die "uber die Liebe herfallen k"onnen, ist eine
+Bitte um Geld der hartherzigste und gef"ahrlichste.
+
+Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:
+
+"`Du hast sie nicht!"' Und mehrere Male wiederholte sie: "`Du hast
+sie nicht! ... Ich h"atte mir diese letzte Schmach also ersparen
+k"onnen! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert al{\s}
+die andern!"'
+
+Sie verriet sich und ihre Frauenehre.
+
+Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in
+Verlegenheit.
+
+"`Ach! Du tust mir sehr leid~..."', sagte Emma. "`Ja, ungemein!"'
+
+Ihre Augen blieben an einer damas\/zierten B"uchse h"angen, die im
+Gewehrschrank blinkte.
+
+"`Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
+Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
+Schildpatteinlagen, keine Reitst"ocke mit goldnen Griffen!"' Sie
+ber"uhrte einen, der auf dem Tische lag. "`Und tr"agt keine solche
+Berlocken an der Uhrkette!"' Ach, er lie"s sich sichtlich
+nicht{\s} abgehen. Da{\s} bewie{\s} allein da{\s}
+Lik"orschr"ankchen im Zimmer. "`Ja, dich selber, dich liebst du!
+Dich und ein gute{\s} Leben! Du hast ein Schlo"s, Pachth"ofe,
+W"alder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Pari{\s}!
+Und wenn du mir nur \so{da{\s}} gegeben h"attest!"' Sie sprach
+immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschm"uckten
+Manschettenkn"opfe vom Kamin. "`Diesen und andern entbehrlichen
+Tand! Geld l"a"st sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich
+will nicht{\s} davon haben! Behalt alle{\s}!"' Sie schleuderte die
+beiden Kn"opfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein
+Goldkettchen zerbrach.
+
+"`Ich, ach, ich h"atte dir alle{\s} gegeben, h"atte alle{\s}
+verkauft. Mit meinen H"anden h"atte ich f"ur dich gearbeitet, auf
+der Stra"se h"atte ich gebettelt, nur um von dir ein L"acheln,
+einen Blick, ein einzige{\s} Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du
+bleibst gem"utlich in deinem Lehnstuhl sitzen, al{\s} ob du mir
+nicht schon genug Leid zugef"ugt h"attest! Ohne dich -- da{\s}
+wei"st du sehr wohl! -- h"atte ich gl"ucklich sein k"onnen! Wer
+zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast
+du mir eben noch gesagt, da"s du mich liebtest! Ach, h"attest du
+mich doch lieber davongejagt! Meine H"ande sind noch warm von
+deinen K"ussen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle
+hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer
+belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem s"u"sen Wahn
+de{\s} herrlichsten Gef"uhl{\s} gelassen! Und dann der Plan unsrer
+Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er
+hat mir da{\s} Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne
+zur"uckkehre, zu ihm, der reich, gl"ucklich und frei ist, und ihn
+um eine Hilfe bitte, die der erste beste gew"ahren w"urde, wo ich
+ihn unter Tr"anen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da
+st"o"st er mich zur"uck, -- weil{\s} ihn dreitausend Franken
+kosten k"onnte!"'
+
+"`Ich habe sie nicht"', wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
+hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
+pflegen.
+
+Sie ging.
+
+Die W"ande schwankten, die Decke drohte sie zu erdr"ucken. Wieder
+nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, "uber Haufen
+welken Laub{\s}, da{\s} der Wind aufw"uhlte. Endlich stand sie vor
+dem Gittertor. Sie zerbrach sich die N"agel an seinem Schlo"s, so
+hastig wollte sie e{\s} "offnen. Hundert Schritte weiter blieb sie
+v"ollig au"ser Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht
+halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf da{\s}
+still daliegende Herrenhau{\s} mit seinen langen Fensterreihen,
+auf den Park, die H"ofe und die G"arten.
+
+Wie in einer Bet"aubung stand sie da. Sie empfand kaum noch
+etwa{\s} andre{\s} al{\s} da{\s} Pochen und Pulsen de{\s}
+Blute{\s} in ihren Adern, da{\s} ihr au{\s} dem K"orper zu
+springen und wie laute Musik da{\s} ganze Land ring{\s} um sie zu
+durchrauschen schien. Der Boden unter ihren F"u"sen kam ihr
+weicher vor al{\s} Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
+erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
+Alle{\s}, wa{\s} ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und
+Gedanken sprangen auf einmal herau{\s}, mit tausend Funken wie ein
+Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann da{\s} Kontor de{\s}
+Wucherer{\s}, ihr Zimmer zu Hau{\s}, dann irgendeine Landschaft,
+immer wieder etwa{\s} andre{\s}. Da{\s} war heller Wahnsinn! Ihr
+ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kr"afte zusammen. E{\s} war
+nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr
+an die Ursache ihre{\s} schrecklichen Zustande{\s}, da{\s} hei"st
+an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie f"uhlte,
+wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so
+wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde
+hinstr"omen f"uhlen.
+
+Die Nacht brach herein. Raben flogen.
+
+E{\s} schien ihr pl"otzlich, al{\s} sausten feurige Kugeln durch
+die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schlie"slich im Schnee
+zwischen den kahlen "Asten der B"aume zu zergehen. In jeder
+erschien Rudolf{\s} Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie
+kamen immer n"aher; sie bedrohten sie. Da, pl"otzlich waren sie
+alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der H"auser,
+die von ferne durch den Nebel schimmerten.
+
+Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewu"st, ihre{\s} tiefen
+Elend{\s}. Ihr klopfende{\s} Herz schien ihr die Brust zersprengen
+zu wollen ... Aber mit einem Male f"ullte sich ihre Seele mit
+einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief
+sie den Abhang hinunter, "uberschritt die Planke "uber dem Bach,
+eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bi{\s} sie vor der
+Apotheke stand.
+
+E{\s} war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber da{\s}
+Ger"ausch der Klingel h"atte sie verraten k"onnen. De{\s}halb ging
+sie durch die Hau{\s}t"ure; kaum atmend, tastete sie an der Wand
+der Hau{\s}flur hin bi{\s} zur K"uchent"ure. Drinnen brannte eine
+Kerze "uber dem Herd. Justin, in Hemd{\s}"armeln, trug gerade eine
+Sch"ussel durch die andere T"ur hinau{\s}.
+
+"`So! Man ist bei Tisch. Ich will warten"', sagte sie sich.
+
+Al{\s} er zur"uckkam, klopfte sie gegen die Scheibe der
+K"uchent"ure.
+
+Er kam herau{\s}.
+
+"`Den Schl"ussel! Den von oben, wo die~..."'
+
+Er sah sie an und erschrak "uber ihr blasse{\s} Gesicht, da{\s}
+sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm "uberirdisch
+sch"on vor und hoheit{\s}voll wie eine Fee. Ohne zu begreifen,
+wa{\s} sie wollte, ahnte er doch etwa{\s} Schreckliche{\s}.
+
+Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm da{\s}
+Herz r"uhrte:
+
+"`Ich will ihn haben! Gib ihn mir!"'
+
+Durch die d"unne Wand h"orte man da{\s} Klappern der Gabeln auf
+den Tellern im E"szimmer.
+
+Sie gebrauche etwa{\s}, um die Ratten zu t"oten, die sie nicht
+schlafen lie"sen.
+
+"`Ich m"u"ste den Herrn Apotheker rufen."'
+
+"`Nein! Nicht!"' Und in gleichg"ultigem Tone setzte sie hinzu:
+"`Da{\s} ist nicht n"otig. Ich werd e{\s} ihm nachher selber
+sagen. Leucht mir nur!"' Sie trat in den Gang, von dem au{\s} man
+in da{\s} Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schl"ussel
+mit einem Schildchen: "`Kapernaum."'
+
+"`Justin!"' rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
+wegblieb.
+
+"`Gehn wir hinauf!"' befahl Emma.
+
+Er folgte ihr.
+
+Der Schl"ussel drehte sich im Schlo"s. Sie st"urzte nach link{\s},
+griff nach dem dritten Wandbrett -- ihr Ged"achtni{\s} f"uhrte sie
+richtig --, hob den Deckel der blauen Gla{\s}b"uchse, fa"ste mit
+der Hand hinein und zog die Faust voll wei"sen Pulver{\s}
+herau{\s}, da{\s} sie sich schnell in den Mund sch"uttete.
+
+"`Halten Sie ein!"' schrie Justin, ihr in die Arme fallend.
+
+"`Still! Man k"onnte kommen!"'
+
+Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.
+
+"`Sag nicht{\s} davon! Man k"onnte deinen Herrn zur Verantwortung
+ziehen!"'
+
+Dann ging sie hinau{\s}, pl"otzlich voller Frieden, im seligen
+Gef"uhle, eine Pflicht erf"ullt zu haben.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Emma hatte eben da{\s} Hau{\s} verlassen, al{\s} Karl heimkam. Die
+Nachricht von der Pf"andung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
+seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Wa{\s}
+n"utzte da{\s}? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu
+Homai{\s}, zu T"uvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen L"owen,
+"uberallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma qu"alte ihn der
+Gedanke, da"s sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsame{\s}
+Verm"ogen verloren und die Zukunft Berta{\s} zerst"ort sei. Und
+warum? Keine Erkl"arung! Er wartete bi{\s} sech{\s} Uhr abend{\s}.
+Endlich hielt er{\s} nicht mehr au{\s}, und da er vermutete, sie
+sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstra"se eine
+halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine
+Weile und kehrte dann zur"uck.
+
+Sie war zu Hau{\s}.
+
+"`Wa{\s} ist da{\s} f"ur eine Geschichte? Wie ist da{\s} gekommen?
+Erkl"ar e{\s} mir!"'
+
+Sie sa"s an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief,
+den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
+gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:
+
+"`Du wirst ihn morgen lesen! Bi{\s} dahin bitte ich dich, keine
+einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!"'
+
+"`Aber~..."'
+
+"`Ach, la"s mich!"'
+
+Sie legte sich lang auf ihr Bett.
+
+Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
+verschwommen ... und schlo"s die Augen wieder.
+
+Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen fest\/zustellen. Nein,
+sie f"uhlte noch keine! Sie h"orte den Pendelschlag der Uhr,
+da{\s} Knistern de{\s} Feuer{\s} und Karl{\s} Atemz"uge, der neben
+ihrem Bett stand.
+
+"`Ach, der Tod ist gar nicht{\s} Schlimme{\s}!"' dachte sie. "`Ich
+werde einschlafen, und dann ist alle{\s} vor"uber!"'
+
+Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.
+
+Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.
+
+"`Ich habe Durst! Gro"sen Durst!"' seufzte sie.
+
+"`Wa{\s} fehlt dir denn?"' fragte Karl und reichte ihr ein
+Gla{\s}.
+
+"`E{\s} ist nicht{\s}! ... Mach da{\s} Fenster auf! ... Ich
+ersticke!"'
+
+Ein Brechreiz "uberkam sie jetzt so pl"otzlich, da"s sie kaum noch
+Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.
+
+"`Nimm{\s} weg!"' sagte sie nerv"o{\s}. "`Wirf{\s} weg!"'
+
+Er fragte sie au{\s}, aber sie antwortete nicht. Sie lag
+unbeweglich da, au{\s} Furcht, sich bei der geringsten Bewegung
+erbrechen zu m"ussen. Inzwischen f"uhlte sie eine eisige K"alte
+von den F"u"sen zum Herzen hinaufsteigen.
+
+"`Ach,"' murmelte sie, "`jetzt f"angt e{\s} wohl an?"'
+
+"`Wa{\s} sagst du?"'
+
+Sie warf den Kopf in unterdr"uckter Unruhe hin und her.
+Fortw"ahrend "offnete sie den Mund, al{\s} l"age etwa{\s}
+Schwere{\s} auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing da{\s} Erbrechen
+wieder an.
+
+Karl bemerkte auf dem Boden de{\s} Napfe{\s} einen wei"sen
+Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte.
+
+"`Sonderbar! Sonderbar!"' wiederholte er.
+
+Aber sie sagte mit fester Stimme:
+
+"`Nein, du irrst dich!"'
+
+Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bi{\s} in die
+Magengegend und dr"uckte da. Sie stie"s einen schrillen Schrei
+au{\s}. Er wich erschrocken zur"uck.
+
+Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Sch"uttelfrost
+"uberfiel sie. Sie wurde bleicher al{\s} da{\s} Bettuch, in da{\s}
+sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelm"a"siger
+Pul{\s}schlag war kaum noch f"uhlbar. Kalte Schwei"stropfen rannen
+"uber ihr bl"aulich gewordne{\s} Gesicht; etwa{\s} wie ein
+metallischer Au{\s}schlag lag "uber ihren erstarrten Z"ugen. Die
+Z"ahne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen
+blickten au{\s}druck{\s}lo{\s} umher. Alle Fragen, die man an sie
+richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal
+l"achelte sie freilich. Allm"ahlich wurde da{\s} St"ohnen
+heftiger. Ein dumpfe{\s} Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete
+sie, da"s e{\s} ihr besser gehe und da"s sie sofort aufstehen
+w"urde.
+
+Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:
+
+"`Mein Gott, ist da{\s} gr"a"slich!"'
+
+Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.
+
+"`Sprich! Wa{\s} hast du gegessen? Um Gotte{\s} willen, antworte
+mir!"'
+
+Er sah sie an mit Augen voller Z"artlichkeit, wie Emma keine je
+geschaut hatte.
+
+"`Ja ... da ... da ... lie{\s}!"' stammelte sie mit versagender
+Stimme.
+
+Er st"urzte zum Schreibtisch, ri"s den Brief auf und la{\s} laut:
+
+"`Man klage niemanden an~..."' Er hielt inne, fuhr sich mit der
+Hand "uber die Augen und la{\s} stumm weiter~...
+
+"`Vergiftet!"'
+
+Er konnte immer nur da{\s} eine Wort herau{\s}bringen:
+
+"`Vergiftet! Vergiftet!"'
+
+Dann rief er um Hilfe.
+
+Felicie lief zu Homai{\s}, der e{\s} aller Welt au{\s}posaunte.
+Frau Franz im Goldenen L"owen erfuhr e{\s}. Manche standen au{\s}
+ihren Betten auf, um e{\s} ihren Nachbarn mit\/zuteilen. Die ganze
+Nacht hindurch war der halbe Ort wach.
+
+Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
+im Zimmer umher, wobei er an die M"obel anrannte und sich Haare
+au{\s}raufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so f"urchterliche{\s}
+Schauspiel gesehen.
+
+Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
+Larivi\`ere zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
+brachte keinen vern"unftigen Brief zustande. Schlie"slich mu"ste
+sich Hippolyt nach Neufch\^atel aufmachen, und Justin ritt auf
+Bovary{\s} Pferd nach Rouen. Am Wilhelm{\s}walde lie"s er den Gaul
+lahm und halbtot zur"uck.
+
+Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
+war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
+Augen.
+
+"`Ruhe!"' sagte der Apotheker. "`E{\s} handelt sich einzig und
+allein darum, ein wirksame{\s} Gegenmittel anzuwenden. Wa{\s} war
+e{\s} f"ur ein Gift?"'
+
+Karl zeigte den Brief. E{\s} w"are Arsenik gewesen.
+
+"`Gut!"' versetzte Homai{\s}. "`Wir m"ussen eine Analyse machen!"'
+
+Er hatte n"amlich gelernt, da"s man bei allen Vergiftungen eine
+Analyse machen m"usse. Bovary hatte in seiner Angst alle
+Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:
+
+"`Ja! Machen Sie eine. Tun Sie e{\s}! Retten Sie sie!"'
+
+Dann kehrte er in ihr Zimmer zur"uck, warf sich auf die Diele,
+lehnte den Kopf gegen den Rand ihre{\s} Bette{\s} und schluchzte.
+
+"`Weine nicht!"' fl"usterte sie. "`Bald werde ich dich nicht mehr
+qu"alen!"'
+
+"`Warum hast du da{\s} getan? Wa{\s} trieb dich dazu?"'
+
+"`E{\s} mu"ste sein, mein Lieber!"'
+
+"`Warst du denn nicht gl"ucklich? Bin ich schuld? Ich habe dir
+doch alle{\s} zuliebe getan, wa{\s} ich konnte!"'
+
+"`Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!"'
+
+Sie strich ihm langsam mit der Hand "uber da{\s} Haar. Die s"u"se
+Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er f"uhlte sich bi{\s} in
+den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele ersch"uttert, da"s
+er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewie{\s}
+denn je. Er fand keinen Au{\s}weg; er wu"ste keinen Zusammenhang;
+er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eine{\s}
+Entschlusse{\s} machte ihn vollend{\s} wirr.
+
+Sie dachte bei sich: "`Nun ist e{\s} zu Ende mit dem vielfachen
+Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unz"ahligen,
+qualvollen Sehns"uchten!"' Nun ha"ste sie keinen mehr. Ihre
+Gedanken verschwammen wie in D"ammerung, und von allen Ger"auschen
+der Erde h"orte Emma nur noch die versagende Klage eine{\s} armen
+Herzen{\s}, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer
+Symphonie.
+
+"`Bring mir die Kleine"', sagte sie und st"utzte sich leicht auf.
+
+"`E{\s} ist nicht schlimmer, nicht wahr?"' fragte Karl.
+
+"`Nein, nein!"'
+
+Da{\s} Dienstm"adchen trug da{\s} Kind auf dem Arm herein. E{\s}
+hatte ein lange{\s} Nachthemd an, au{\s} dem die nackten F"u"se
+hervorsahen. E{\s} war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt
+betrachtete e{\s} die gro"se Unordnung im Zimmer. Geblendet vom
+Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte e{\s} mit
+den Augen. Offenbar dachte e{\s}, e{\s} sei
+Neujahr{\s}tag{\s}morgen, an dem e{\s} auch so fr"uh wie heute
+geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter an{\s} Bett kam, um
+Geschenke zu bekommen. Und so fragte e{\s}:
+
+"`Wo ist e{\s} denn, Mama?"' Und da niemand antwortete, redete
+e{\s} weiter: "`Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!"'
+
+Felicie hielt die Kleine "uber{\s} Bett, die immer noch nach dem
+Kamin hinsah.
+
+"`Hat Frau Rollet sie mir genommen?"'
+
+Bei diesem Namen, der an ihre Ehebr"uche und all ihr Mi"sgeschick
+erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, al{\s} f"uhle sie den
+ekelhaften Geschmack eine{\s} noch viel st"arkeren Gifte{\s} auf
+der Zunge. Berta sa"s noch auf ihrem Bette.
+
+"`Wa{\s} f"ur gro"se Augen du hast, Mama! Wie bla"s du bist! Wie
+du schwitzest!"'
+
+Die Mutter sah sie an.
+
+"`Ich f"urchte mich!"' sagte die Kleine und wollte fort.
+
+Emma wollte die Hand de{\s} Kinde{\s} k"ussen, aber e{\s}
+str"aubte sich.
+
+"`Genug! Bringt sie weg!"' rief Karl, der im Alkoven schluchzte.
+
+Dann lie"sen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
+weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
+etwa{\s} ruhigeren Atemzug sch"opfte er neue Hoffnung. Al{\s}
+Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.
+
+"`Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! E{\s} ist g"utig von Ihnen!
+E{\s} geht ja besser! Da! Sehen Sie mal~..."'
+
+Der Kollege war keine{\s}weg{\s} dieser Meinung, und da er, wie er
+sich au{\s}dr"uckte, "`immer auf{\s} Ganze"' ging, verordnete er
+Emma ein ordentliche{\s} Brechmittel, um den Magen zun"achst
+einmal v"ollig zu entleeren.
+
+Sie brach al{\s}bald Blut au{\s}. Ihre Lippen pre"sten sich
+krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedma"sen ein. Ihr K"orper
+war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Pul{\s} glitt unter ihren
+Fingern hin wie ein d"unne{\s} F"adchen, da{\s} jeden Augenblick
+zu zerrei"sen droht.
+
+Dann begann sie, gr"a"slich zu schreien. Sie verfluchte und
+schm"ahte da{\s} Gift, flehte, e{\s} m"oge sich beeilen, und
+stie"s mit ihren steif gewordnen Armen alle{\s} zur"uck, wa{\s}
+Karl ihr zu trinken reichte. Er war der v"olligen Aufl"osung noch
+n"aher al{\s} sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepre"st, stand
+er vor ihr, st"ohnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen
+ersch"uttert und am ganzen Leib durchr"uttelt. Felicie lief im
+Zimmer hin und her, Homai{\s} stand unbeweglich da und seufzte
+tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit
+gewordnen selbstbewu"sten Haltung, unbehaglich zu f"uhlen.
+
+"`Zum Teufel!"' murmelte er. "`Der Magen ist nun doch leer! Und
+wenn die Ursache beseitigt ist, so~..."'
+
+"`... mu"s die Wirkung aufh"oren!"' erg"anzte Homai{\s}. "`Da{\s}
+ist klar!"'
+
+"`Rettet sie mir nur!"' rief Bovary.
+
+Der Apotheker ri{\s}kierte die Hypothese, e{\s} sei vielleicht ein
+heilsamer Paroxi{\s}mu{\s}. Aber Canivet achtete nicht darauf und
+wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte drau"sen eine
+Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei
+bi{\s} an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die
+Ecke der Hallen. E{\s} war Professor Larivi\`ere.
+
+Die Erscheinung eine{\s} Gotte{\s} h"atte keine gr"o"sere Erregung
+hervorrufen k"onnen. Bovary streckte ihm die H"ande entgegen,
+Canivet stand bewegung{\s}lo{\s} da, und Homai{\s} nahm sein
+K"appchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war.
+
+Larivi\`ere geh"orte der ber"uhmten Chirurgenschule Bichat{\s} an,
+da{\s} hei"st, einer Generation philosophischer Praktiker, die
+heute au{\s}gestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und
+scharfsichtiger J"unger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte
+in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Sch"uler verehrten
+ihn so, da"s sie ihn, sp"ater in ihrer eigenen Praxi{\s}, mit
+m"oglichster Genauigkeit kopierten. So kam e{\s}, da"s man bei den
+"Arzten in der Umgegend von Rouen allerort{\s} seinen langen
+Schaf{\s}pelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die
+offenen "Armelaufschl"age daran reichten ein St"uck "uber seine
+fleischigen H"ande, sehr sch"one H"ande, die niemal{\s} in
+Handschuhen steckten, al{\s} wollten sie immer schnell bereit
+sein, wo e{\s} Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein
+Ver"achter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
+freidenkend, den Armen ein v"aterlicher Freund, Pessimist, selbst
+aber edel in Wort und Tat. Man h"atte ihn al{\s} einen Heiligen
+gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seine{\s} Witze{\s} und
+Verstande{\s} gef"urchtet h"atte wie den Teufel. Sein Blick war
+sch"arfer al{\s} sein Messer; er drang einem bi{\s} tief in die
+Seele, durch alle Heucheleien, L"ugen und Au{\s}fl"uchte hindurch.
+So ging er seine{\s} Wege{\s} in der schlichten W"urde, die ihm
+da{\s} Bewu"stsein seiner gro"sen T"uchtigkeit, seine{\s}
+materiellen Verm"ogen{\s} und seiner vierzigj"ahrigen
+arbeit{\s}reichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh.
+
+Al{\s} er da{\s} leichenhafte Antlitz Emma{\s} sah, zog er schon
+von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem
+R"ucken au{\s}gestreckt da. W"ahrend er Canivet{\s} Bericht
+scheinbar aufmerksam anh"orte, strich er sich mit dem Zeigefinger
+um die Nasenfl"ugel und sagte ein paarmal:
+
+"`Gut! ... Gut!"'
+
+Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
+ihn "angstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
+der an den Anblick menschlichen Elend{\s} so gew"ohnt war, konnte
+eine Tr"ane nicht zur"uckhalten, die ihm auf die Krawatte
+herablief.
+
+Er wollte Canivet in da{\s} Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.
+
+"`E{\s} steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie w"ar e{\s}, wenn
+man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich wei"s nicht{\s}. Finden Sie
+doch etwa{\s}! Sie haben ja schon so viele gerettet!"'
+
+Karl legte beide Arme auf Larivi\`ere{\s} Schultern und starrte
+ihn verst"ort und flehend an. Beinahe w"are er ihm ohnm"achtig an
+die Brust gesunken.
+
+"`Mut! Mein armer Junge! E{\s} ist nicht{\s} mehr zu machen!"'
+Larivi\`ere wandte sich ab.
+
+"`Sie gehn?"'
+
+"`Ich komme wieder."'
+
+Larivi\`ere ging hinau{\s}, angeblich um dem Postillion eine
+Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge
+de{\s} Tode{\s}kampfe{\s} sein.
+
+Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nicht{\s}
+fiel ihm von jeher schwerer, al{\s} sich von ber"uhmten Menschen
+zu trennen. So beschwor er denn Larivi\`ere, er m"oge ihm die hohe
+Ehre erweisen, zum Fr"uhst"uck sein Gast zu sein.
+
+Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen L"owen nach Tauben, zu
+T"uvache nach Sahne, zu Lestiboudoi{\s} nach Eiern und zum
+Fleischer nach Kotelett{\s}. Der Apotheker war selbst bei den
+Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homai{\s}, sich ihre
+Jacke zurechtzupfend, sagte:
+
+"`Sie m"ussen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
+einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet~..."'
+
+"`Die Weingl"aser!"' fl"usterte Homai{\s}.
+
+"`Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
+Wurst und~..."'
+
+"`Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!"'
+
+Er hielt e{\s} f"ur angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
+Einzelheiten "uber die Katastrophe zum besten zu geben:
+
+"`Zuerst "au"serte sich Trockenheit im Pharynx, darauf
+unertr"agliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren,
+Schlafsucht~..."'
+
+"`Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?"'
+
+"`Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich wei"s nicht einmal recht,
+wo sie da{\s} \begin{antiqua}acidum arsenicum\end{antiqua}
+herbekommen hat."'
+
+Justin, der einen Sto"s Teller hereinbrachte, begann am ganzen
+K"orper zu zittern.
+
+"`Wa{\s} hast du?"' fuhr ihn der Apotheker an.
+
+Bei dieser Frage lie"s der Bursche alle{\s}, wa{\s} er trug,
+fallen. E{\s} gab ein gro"se{\s} Gekrache.
+
+"`Tolpatsch!"' schrie Homai{\s}. "`Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
+Alberner Esel!"'
+
+Dann aber beherrschte er sich pl"otzlich:
+
+"`Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
+Professor, und de{\s}halb \begin{antiqua}primo\end{antiqua} ganz
+vorsichtig in ein Reagenzgl"aschen~..."'
+
+"`Dienlicher w"are e{\s} gewesen,"' sagte der Chirurg, "`wenn Sie
+ihr Ihre Finger in den Hal{\s} gesteckt h"atten."'
+
+Kollege Canivet sagte gar nicht{\s} dazu, dieweil er soeben unter
+vier Augen eine energische Belehrung wegen seine{\s}
+Brechmittel{\s} eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit de{\s}
+Klumpfu"se{\s} so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt
+sich jetzt m"auschenstill. Er l"achelte nur unau{\s}gesetzt, um
+seine Zustimmung zu markieren.
+
+Homai{\s} strahlte vor Hau{\s}herrenstolz. Selbst der betr"ubliche
+Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung --
+unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit de{\s} ber"uhmten
+Arzte{\s} stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze
+Gelehrsamkeit au{\s}. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von
+Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.
+
+"`Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, da"s mehrere
+Personen nach dem Genusse von zu stark ger"aucherter Wurst
+erkrankt und pl"otzlich gestorben sind. So berichtet wenigsten{\s}
+ein hochinteressanter Aufsatz eine{\s} unserer hervorragendsten
+Pharmazeuten, eine{\s} Klassiker{\s} meiner Wissenschaft, ... ein
+Aufsatz de{\s} ber"uhmten Cadet de Gassicourt!"'
+
+Frau Homai{\s} erschien mit der Kaffeemaschine. Homai{\s} pflegte
+sich n"amlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte
+ihn auch eigenh"andig gemischt, gebrannt und gemahlen.
+
+"`\begin{antiqua}Saccharum\end{antiqua} gef"allig, Herr
+Professor?"' fragte er, indem er ihm den Zucker anbot.
+
+Dann lie"s er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
+war, die Ansicht de{\s} Chirurgen "uber ihre "`Konstitution"' zu
+h"oren.
+
+Al{\s} Larivi\`ere im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau
+Homai{\s} noch um einen "arztlichen Rat in betreff ihre{\s}
+Manne{\s}. Er schlief n"amlich allabendlich nach Tisch ein. Davon
+bek"ame er dicke{\s} Blut.
+
+Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
+nicht verstand, dann ging er zur T"ure. Aber die Apotheke war
+voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und e{\s} gelang ihm
+nur schwer, sie lo{\s}zuwerden. Da war T"uvache, der seine Frau
+f"ur schwinds"uchtig hielt, weil sie "ofter{\s} in die Asche
+spuckte; Binet, der bi{\s}weilen an Hei"shunger litt; Frau Caron,
+die e{\s} am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanf"alle
+hatte; Lestiboudoi{\s}, der rheumatisch war; Frau Franz, die "uber
+Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von
+dannen. Man fand aber allgemein, da"s er sich nicht besonder{\s}
+lieben{\s}w"urdig gezeigt habe.
+
+Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
+gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.
+
+Seiner Weltanschauung treu, verglich Homai{\s} die Geistlichen mit
+den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eine{\s}
+"`Pfaffen"' war ihm ein Greuel. Er mu"ste bei einer Soutane immer
+an ein Leichentuch denken, und so verw"unschte er jene schon
+de{\s}halb, weil er diese{\s} f"urchtete.
+
+Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erf"ullung
+seiner "`Mission"', wie er e{\s} nannte, und kehrte mit Canivet,
+dem die{\s} von Larivi\`ere dringend an{\s} Herz gelegt worden
+war, in da{\s} Bovarysche Hau{\s} zur"uck. Wenn seine Frau nicht
+v"ollig dagegen gewesen w"are, h"atte er sogar seine beiden Knaben
+mitgenommen, damit sie da{\s} gro"se Ereigni{\s}, da{\s} der Tod
+eine{\s} Menschen ist, kennen lernten. E{\s} sollte ihnen eine
+Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung
+f"ur ihr ganze{\s} weitere{\s} Leben.
+
+Sie fanden da{\s} Zimmer voll d"ustrer Feierlichkeit. Auf dem mit
+einem wei"sen Tischtuch bedeckten N"ahtische stand zwischen zwei
+brennenden Wach{\s}kerzen ein hohe{\s} Kruzifix; daneben eine
+silberne Sch"ussel und f"unf oder sech{\s} St"uck Watte. Emma{\s}
+Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen
+unnat"urlich weit offen, und ihre armen H"ande tasteten "uber den
+Bett"uberzug hin, mit einer jener r"uhrend-schrecklichen
+Geb"arden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung,
+al{\s} bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am
+Fu"sende de{\s} Lager{\s}, ihrem Antlitz gegen"uber, bleich wie
+eine Bilds"aule, tr"anenlo{\s}, aber mit Augen, die rot waren wie
+gl"uhende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte.
+
+Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
+violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar f"uhlte sie einen
+seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
+die sie schon einmal erlebt hatte. Etwa{\s} wie eine Vision von
+himmlischer Gl"uckseligkeit bet"aubte ihre letzten Leiden.
+
+Der Priester erhob sich und ergriff da{\s} Kruzifix. Da reckte sie
+den Kopf in die H"ohe, wie ein Durstiger, und pre"ste auf da{\s}
+Symbol de{\s} Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
+innigsten Liebe{\s}ku"s, den sie jemal{\s} gegeben hatte. Dann
+sprach der Geistliche da{\s}
+\begin{antiqua}Misereatur\end{antiqua} und
+\begin{antiqua}Indulgentiam\end{antiqua}, tauchte seinen rechten
+Daumen in da{\s} "Ol und nahm die letzte "Olung vor. Zuerst salbte
+er die Augen, die e{\s} nach allem Herrlichen auf Erden so hei"s
+gel"ustet; dann die Nasenfl"ugel, die so gern die lauen L"ufte und
+die D"ufte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
+L"ugen sich aufgetan, oft hoff"artig gezuckt und in s"undigem
+Girren geseufzt hatte; dann die H"ande, die sich an vergn"uglichen
+Ber"uhrungen erg"otzt hatten; und endlich die Sohlen der F"u"se,
+die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
+liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.
+
+Der Priester trocknete sich die H"ande, warf da{\s} "olgetr"ankte
+St"uck Watte in{\s} Feuer und setzte sich wieder zu der
+Sterbenden. Er sagte ihr, da"s ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu
+Christi ein{\s} seien. Sie solle der g"ottlichen Barmherzigkeit
+vertrauen.
+
+Al{\s} er mit seiner Tr"ostung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
+geweihte Kerze in die Hand zu dr"ucken, da{\s} Symbol der
+himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte.
+Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schlie"sen, und wenn
+Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen h"atte, w"are die Kerze
+zu Boden gefallen.
+
+Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
+Au{\s}druck heiterer Gl"uckseligkeit angenommen, al{\s} ob da{\s}
+Sakrament sie wieder gesund gemacht h"atte.
+
+Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
+ja er gemahnte Bovary daran, da"s der Herr zuweilen da{\s} Leben
+Sterbender wieder verl"angere, wenn er e{\s} zum Heil ihrer Seele
+f"ur notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zur"uck, an dem sie
+schon einmal, dem Tode nahe, die letzte "Olung empfangen hatte.
+
+"`Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!"' dachte er.
+
+Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der au{\s} einem
+Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren
+Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bi{\s} ihr die
+Tr"anen au{\s} den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf
+zur"uck, stie"s einen Seufzer au{\s} und sank in da{\s} Kissen.
+
+Ihre Brust begann al{\s}bald heftig zu keuchen. Die Zunge trat
+weit au{\s} dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht
+zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
+verl"oschen. Man h"atte glauben k"onnen, sie sei schon tot, wenn
+ihre Atmung{\s}organe nicht so f"urchterlich heftig gearbeitet
+h"atten. E{\s} war, al{\s} sch"uttle sie ein wilder innerer Sturm,
+al{\s} ringe da{\s} Leben gewaltig mit dem Tode.
+
+Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
+ein wenig die Beine, w"ahrend Canivet gleichg"ultig auf den Markt
+hinau{\s}starrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
+Stirn gegen den Rand de{\s} Bette{\s} geneigt, weit hinter sich
+die lange schwarze Soutane. An der andern Seite de{\s} Bette{\s}
+kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma au{\s}. Er ergriff
+ihre H"ande und dr"uckte sie! Bei jedem Schlag ihre{\s} Pulse{\s}
+zuckte er zusammen, al{\s} st"urze eine Ruine auf ihn.
+
+Je st"arker da{\s} R"ocheln wurde, um so mehr beschleunigte der
+Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
+Schluchzen Bovary{\s}, und zuweilen vernahm man nicht{\s} al{\s}
+da{\s} dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, da{\s} wie
+Totengel"aut klang.
+
+Pl"otzlich klapperten drau"sen auf der Stra"se Holzschuhe. Ein
+Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine
+rauhe Stimme, und sang:
+
+\begin{verse}
+{\glq}Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\
+Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~...{\grq}
+\end{verse}
+
+Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
+elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gel"ost, ihre
+Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.
+
+\begin{verse}
+{\glq}Nanette ging hinau{\s} in{\s} Feld, \\
+Zu sammeln, wa{\s} die Sense f"allt. \\
+Al{\s} sie sich in der Stoppel b"uckt, \\
+Da ist passiert, wa{\s} sich nicht schickt~...{\grq}
+\end{verse}
+
+"`Der Blinde!"' schrie sie.
+
+Sie brach in Lachen au{\s}, in ein furchtbare{\s}, wahnsinnige{\s},
+verzweifelte{\s} Lachen, weil sie in ihrer Phantasie da{\s}
+scheu"sliche Gesicht de{\s} Ungl"ucklichen sah, wie ein
+Schreckgespenst au{\s} der ewigen Nacht de{\s} Jenseit{\s}~...
+
+\begin{verse}
+{\glq}Der Wind, der war so stark ... O weh! \\
+Hob ihr die R"ockchen in die H"oh.{\grq}
+\end{verse}
+
+Ein letzter Krampf warf sie in da{\s} Bett zur"uck. Alle traten
+hinzu. Sie war nicht mehr.
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Nach dem Tode eine{\s} Menschen sind die Umstehenden immer wie
+bet"aubt. So schwer ist e{\s}, den Hereinbruch de{\s} ewigen
+Nicht{\s} zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl
+aber, al{\s} er sah, da"s Emma unbeweglich dalag, warf sich "uber
+sie und schrie:
+
+"`Lebwohl! Lebwohl!"'
+
+Homai{\s} und Canivet zogen ihn au{\s} dem Zimmer.
+
+"`Fassen Sie sich!"'
+
+"`Ja!"' rief er und machte sich von ihnen lo{\s}. "`Ich will
+vern"unftig sein! Ich tue ja nicht{\s}. Aber lassen Sie mich! Ich
+mu"s sie sehen! E{\s} ist meine Frau!"'
+
+Er weinte.
+
+"`Weinen Sie nur!"' sagte der Apotheker. "`Lassen Sie der Natur
+freien Lauf! Da{\s} wird Sie erleichtern!"'
+
+Da wurde Karl schwach wie ein Kind und lie"s sich in die Gro"se
+Stube im Erdgescho"s hinunterf"uhren. Homai{\s} ging bald darnach
+in sein Hau{\s} zur"uck.
+
+Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich
+bi{\s} Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden
+Vor"ubergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne.
+
+"`Gro"sartig! Al{\s} wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu
+tun h"atte! Bedaure! Komm ein andermal!"'
+
+Er verschwand schnell in seinem Hause.
+
+Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank f"ur
+Bovary zu brauen und ein M"archen zu ersinnen, um Frau Bovary{\s}
+Vergiftung auf eine m"oglichst harmlose Weise zu erkl"aren. Er
+wollte einen Artikel f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' darau{\s}
+machen. Au"serdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn.
+Alle wollten Genauere{\s} wissen. Nachdem er mehreremal{\s}
+wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von
+Vanillecreme au{\s} Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab
+er sich abermal{\s} zu Bovary.
+
+Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl sa"s im
+Lehnstuhl am Fenster und starrte mit bl"odem Blick auf die Dielen.
+
+"`Wir m"ussen die Stunde f"ur die Feierlichkeit festsetzen!"'
+sagte der Apotheker.
+
+"`Wozu? F"ur wa{\s} f"ur eine Feierlichkeit?"' Stammelnd und voll
+Grauen f"ugte er hinzu: "`Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie
+dabehalten?"'
+
+Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homai{\s} die Wasserflasche vom
+Tisch und bego"s die Geranien.
+
+"`O, ich danke Ihnen!"' sagte Karl. "`Sie sind sehr g"utig~..."'
+
+Er wollte noch mehr sagen, aber die F"ulle von Erinnerungen, die
+de{\s} Apotheker{\s} Tun in ihm wachrief, "uberw"altigte ihn.
+E{\s} waren Emma{\s} Blumen!
+
+Homai{\s} gab sich M"uhe, ihn zu zerstreuen, und begann "uber die
+G"artnerei zu plaudern. Die Pflanzen h"atten die Feuchtigkeit sehr
+n"otig. Karl nickte zustimmend.
+
+"`Jetzt werden auch bald sch"one Tage kommen~..."'
+
+Bovary seufzte.
+
+Der Apotheker wu"ste nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob
+behutsam eine Scheibengardine beiseite.
+
+"`Sehn Sie, da dr"uben geht der B"urgermeister!"'
+
+Karl wiederholte mechanisch:
+
+"`Da dr"uben geht der B"urgermeister!"'
+
+Homai{\s} wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begr"abni{\s}
+zur"uckzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem
+Entschlusse hier"uber.
+
+Karl schlo"s sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und
+nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er:
+
+\begin{quotation}
+"`Ich bestimme, da"s man meine Frau in ihrem Hochzeit{\s}kleid
+begrabe, in wei"sen Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Da{\s}
+Haar soll man ihr "uber die Schultern legen. Drei S"arge: einen
+au{\s} Eiche, einen au{\s} Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich
+nicht tr"osten wollen! Ich werde stark sein. Und "uber den Sarg
+soll man ein gro"se{\s} St"uck gr"unen Samt breiten. So will ich
+e{\s}! Tut e{\s}!"'
+\end{quotation}
+
+Man war "uber Bovary{\s} Romantik arg erstaunt, und der Apotheker
+ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen:
+
+"`Da{\s} mit dem Samt scheint mir "ubertrieben. Allein die
+Kosten~..."'
+
+"`Wa{\s} geht Sie da{\s} an!"' schrie Karl. "`Lassen Sie mich! Sie
+haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!"'
+
+Der Priester fa"ste Karl unter den Arm und f"uhrte ihn in den
+Garten. Er sprach von der Verg"anglichkeit alle{\s} Irdischen.
+Gott sei gut und weise. Man m"usse sich ohne Murren seinem
+Ratschlu"s unterwerfen. Man m"usse ihm sogar daf"ur danken.
+
+Aber Karl brach in Gotte{\s}l"asterungen au{\s}.
+
+"`Ich verfluche ihn, euren Gott!"'
+
+"`Der Geist de{\s} Aufruhr{\s} steckt noch in Ihnen!"' seufzte der
+Priester.
+
+Bovary lie"s ihn stehen. Mit gro"sen Schritten ging er die
+Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den
+Z"ahnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verw"unschungen waren.
+Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt.
+
+E{\s} begann zu regnen. Karl{\s} Weste stand offen. Nach einer
+Weile fror ihn. Er ging in{\s} Hau{\s} zur"uck und setzte sich an
+den Herd in der K"uche.
+
+Um sech{\s} Uhr h"orte er Wagengerassel drau"sen auf dem Markte.
+E{\s} war die Post, die von Rouen zur"uckkehrte. Er pre"ste die
+Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden
+nacheinander au{\s}stiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in
+da{\s} Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein.
+
+Herr Homai{\s} war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug
+dem armen Karl auch nicht{\s} nach und kam abend{\s}, um
+Totenwache zu halten. Er brachte drei B"ucher und ein Notizbuch
+mit. Er pflegte sich Au{\s}z"uge zu machen.
+
+Bournisien fand sich gleichfall{\s} ein. Zwei hohe Wach{\s}kerzen
+brannten am Kopfende de{\s} Bette{\s}, da{\s} man au{\s} dem
+Alkoven hervorger"uckt hatte.
+
+Der Apotheker, dem da{\s} Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
+Jeremiaden "uber die "`ungl"uckliche junge Frau"'. Der Priester
+unterbrach ihn. E{\s} sei nicht{\s} am Platze, al{\s} f"ur sie zu
+beten.
+
+"`Immerhin"', versetzte Homai{\s}, "`sind nur zwei F"alle
+m"oglich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche au{\s}dr"uckt,
+selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie
+ist al{\s} S"underin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier
+der kirchliche Au{\s}druck? Dann~..."'
+
+Bournisien unterbrach ihn und erkl"arte in m"urrischem Tone, man
+m"usse in jedem Falle beten.
+
+"`Aber sagen Sie mir,"' wandte der Apotheker ein, "`da Gott
+stet{\s} wei"s, wa{\s} un{\s} not tut, wozu dann erst da{\s}
+Gebet?"'
+
+"`Wozu da{\s} Gebet?"' wiederholte der Priester. "`Ja, sind Sie
+denn kein Christ?"'
+
+"`Verzeihung! Ich bewundre da{\s} Christentum. E{\s} hat zuerst
+die Sklaverei abgeschafft, e{\s} hat der Welt eine neue Moral
+geschenkt, die~..."'
+
+"`Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift~..."'
+
+"`Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
+Man wei"s, da"s sie von den Jesuiten gef"alscht ist~..."'
+
+Karl trat ein, n"aherte sich dem Totenbette und zog langsam die
+Vorh"ange beiseite.
+
+Emma{\s} Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt.
+Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarze{\s} Loch im unteren
+Teil ihre{\s} Gesichte{\s} au{\s}. Beide Daumen hatten sich fest
+in die Handballen gedr"uckt. Etwa{\s} wie wei"ser Staub lag in
+ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereit{\s} in blassem
+Schleim, der wie ein d"unne{\s} Gewebe war, al{\s} h"atten Spinnen
+ihr Netz dar"uber gesponnen. Da{\s} Bettuch senkte sich von ihren
+Br"usten bi{\s} zu den Knien und hob sich von da an nach ihren
+Fu"sspitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schwere{\s} Etwa{\s},
+ein ungeheure{\s} Gewicht laste auf ihr.
+
+Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang
+da{\s} dumpfe Murmeln de{\s} Bache{\s}, der in die dunkle Ferne
+str"omte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien
+ger"auschvoll, und Homai{\s} kritzelte Notizen auf da{\s} Papier.
+
+"`Lieber Freund,"' sagte er, "`gehn Sie nun! Dieser Anblick
+zerrei"st Ihnen da{\s} Herz!"'
+
+Sobald Karl da{\s} Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden
+ihre Er"orterung von neuem.
+
+"`Lesen Sie Voltaire!"' sagte der eine. "`Lesen Sie Holbach! Die
+Enzyklop"adisten!"'
+
+"`Lesen Sie die {\glq}Briefe einiger portugiesischen Juden{\grq}"',
+sagte der andre, "`lesen Sie die {\glq}Grundlagen de{\s}
+Christentum{\s}{\grq} von Nicola{\s}!"'
+
+Sie regten sich auf, bekamen rote K"opfe und sprachen gleichzeitig
+ineinander hinein. Bournisien war entr"ustet "uber die Vermessenheit
+de{\s} Apotheker{\s}, Homai{\s} erstaunt "uber die Beschr"anktheit
+de{\s} Priester{\s}. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen
+zu sagen, da kam pl"otzlich Karl abermal{\s} herein. Eine
+unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mu"ste immer wieder die
+Treppe hinauf.
+
+Er setzte sich der Toten gegen"uber, so da"s er ihr voll in{\s}
+Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
+Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.
+
+Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
+Wundern de{\s} Magneti{\s}mu{\s}. Er bildete sich ein, er k"onne
+sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willen{\s}kraft
+konzentriere. Einmal beugte er sich sogar "uber sie und rief ganz
+leise: "`Emma, Emma!"'
+
+Er atmete so heftig, da"s die Flammen der Kerzen flackerten~...
+
+Bei Tage{\s}anbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte
+sie und brach von neuem in Tr"anen au{\s}. Ebenso wie der
+Apotheker versuchte sie, ihm wegen de{\s} Aufwande{\s} beim
+Begr"abnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, da"s
+sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die
+Stadt zu fahren und da{\s} N"otige zu besorgen.
+
+Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
+Homai{\s}. Felicie sa"s mit Frau Franz bei der Toten.
+
+Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jede{\s}mal, dr"uckte
+dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte,
+die nach und nach einen gro"sen Halbkrei{\s} um den Kamin
+bildeten. Alle hatten die K"opfe gesenkt. Die Knie aufeinander,
+schaukelten sie mit den Beinen und stie"sen von Zeit zu Zeit einen
+tiefen Seufzer au{\s}. Alle langweilten sich ma"slo{\s}, aber
+keinem fiel e{\s} ein, wieder zu gehen.
+
+Um neun Uhr kam Homai{\s} zur"uck, beladen mit einer Menge
+Kampfer, Benzoe und aromatischen Kr"autern. Auch ein Gef"a"s voll
+Chlor brachte er mit, um die Luft zu de{\s}infizieren. Felicie,
+die L"owenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma
+herum, damit besch"aftigt, die letzte Hand an{\s} Totenkleid zu
+legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bi{\s}
+hinab an die Atla{\s}schuhe reichte.
+
+Felicie wehklagte:
+
+"`Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!"'
+
+"`Sehn Sie nur!"' sagte die Witwe Franz seufzend, "`wie reizend
+sie noch immer au{\s}schaut! Man m"ochte drauf schw"oren, da"s sie
+gleich wieder aufst"unde!"'
+
+Dann beugten sie sich "uber sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
+mu"sten sie den Kopf etwa{\s} hochheben. Da quoll schwarze
+Fl"ussigkeit au{\s} dem Munde hervor, al{\s} erbr"ache sie sich.
+
+"`Mein Gott! Da{\s} Kleid! Geben Sie acht!"' schrie Frau Franz.
+Und zum Apotheker gewandt: "`Helfen Sie un{\s} doch! Oder
+f"urchten Sie sich vielleicht?"'
+
+"`Ich mich f"urchten?"' erwiderte er achselzuckend. "`Nein, so
+wa{\s}! Ich habe in den Spit"alern noch ganz andre{\s} gesehen und
+erlebt, al{\s} ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten un{\s}
+unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen
+nicht. Ich habe sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe
+--, meinen K"orper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst
+der Wissenschaft noch etwa{\s} n"utzt."'
+
+Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid de{\s}
+Apotheker{\s} erwiderte er:
+
+"`Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch."'
+
+Darauf prie{\s} Homai{\s} ihn gl"ucklich, weil er nicht darauf
+gefa"st zu sein brauche, eine teure Gef"ahrtin zu verlieren,
+worauf sich ein Di{\s}put "uber da{\s} Z"olibat entspann.
+
+"`E{\s} ist unnat"urlich,"' sagte der Apotheker, "`da"s sich ein
+Mann de{\s} Weibe{\s} enthalten soll. Manche Verbrechen~..."'
+
+"`Aber, zum Kuckuck!"' rief der Priester. "`Kann denn ein
+verheirateter Mensch da{\s} Beichtgeheimni{\s} wahren?"'
+
+Nun griff Homai{\s} die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
+z"ahlte ihre guten Wirkungen auf. Er wu"ste Geschichten von
+Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden w"aren. Sogar
+Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer S"unden ledig
+gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein
+Diener~..."'
+
+Sein Partner war eingeschlafen. Al{\s} die schw"ule Luft im Zimmer
+immer unertr"aglicher wurde, "offnete der Pfarrer da{\s} Fenster.
+Da ward der Apotheker wieder wach.
+
+"`Wie w"ar{\s} mit einer Prise?"' fragte er ihn. "`Hier! Da{\s}
+h"alt munter!"'
+
+In der Ferne bellte irgendwo fortw"ahrend ein Hund.
+
+"`H"oren Sie, wie der Hund heult?"' fragte der Apotheker.
+
+"`Man sagt, da"s sie die Toten wittern"', sagte der Priester.
+"`"Ahnlich ist e{\s} bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock,
+wenn im Hau{\s} ein Mensch stirbt."'
+
+Homai{\s} erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er
+war bereit{\s} wieder eingeschlafen.
+
+Bournisien, der widerstand{\s}f"ahiger war, bewegte noch eine
+Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allm"ahlich sein Kinn,
+sein dicke{\s} schwarze{\s} Buch entfiel ihm, und er begann zu
+schnarchen.
+
+So sa"sen sie einander gegen"uber, mit vorgestreckten B"auchen,
+mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all
+ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schw"ache. Sie
+regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu
+schlummern schien.
+
+Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
+Abschied von ihr zu nehmen.
+
+Da{\s} R"aucherwerk qualmte noch. Die bl"auliche Wolke verm"ahlte
+sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Drau"sen
+blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild.
+
+Da{\s} Wach{\s} der Kerzen tr"aufelte in langen Tr"anen herab auf
+da{\s} Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten.
+Der Lichtschimmer machte ihm die Augen m"ude.
+
+"Uber da{\s} Atla{\s}kleid huschten Reflexe; e{\s} war wei"s wie
+Mondenschein. Emma verschwand darunter, und e{\s} schien ihm,
+al{\s} gehe die Tote in alle die Dinge ring{\s}umher "uber, al{\s}
+lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem
+wirbelnden Kr"auterdufte~...
+
+Und mit einem Male sah er sie wieder in Toste{\s} auf der
+Gartenbank unter dem bl"uhenden Wei"sdornbusch ... dann in Rouen
+auf dem Gange durch die Stra"se ... und dann auf der Schwelle
+ihre{\s} Vaterhause{\s}, im Gut{\s}hofe, in Bertaux ... E{\s} war
+ihm, al{\s} h"ore er da{\s} Jodeln der lustigen Burschen, die
+unter den Apfelb"aumen tanzten bei seiner Hochzeit{\s}feier. Wie
+hatte da{\s} Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr
+Atla{\s}kleid in seinen Armen geknistert, wie spr"uhende Funken!
+Da{\s}selbe Kleid! Damal{\s} und heute!
+
+Langsam zog sein ganze{\s} einstige{\s} Gl"uck noch einmal an ihm
+vor"uber. Er sah sie vor sich in ihren eigent"umlichen Bewegungen,
+ihrer Haltung, ihrem Gang. Er h"orte den Klang ihrer Stimme. Immer
+wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufh"orlich,
+unversiegbar wie die Flut de{\s} Meere{\s} am Strande.
+
+Eine gr"a"sliche Neugier "uberkam ihn. Langsam und klopfenden
+Herzen{\s} hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da
+schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern M"anner
+erwachten. Sie zogen ihn fort und f"uhrten ihn hinunter in die
+Gro"se Stube.
+
+Bald darauf kam Felicie und richtete au{\s}, Bovary wolle vom Haar
+der Toten haben.
+
+"`Schneiden Sie ihr welche{\s} ab!"' befahl der Apotheker.
+
+Da sie sich{\s} nicht getraute, trat er selbst mit der Schere
+heran. Er zitterte so stark, da"s er die Haut an der Schl"afe an
+mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und
+schnitt blindling{\s} zwei- oder dreimal zu. E{\s} entstanden ein
+paar kahle Stellen mitten in dem sch"onen schwarzen Haar der
+Toten.
+
+Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
+B"ucher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jede{\s}mal,
+wenn sie wieder erwachten, warfen sie e{\s} sich gegenseitig vor.
+Der Pfarrer besprengte da{\s} Zimmer mit Weihwasser, und Homai{\s}
+sch"uttete ein wenig Chlor auf die Dielen.
+
+Felicie hatte f"ur sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
+Branntwein, K"ase und ein lange{\s} Wei"sbrot bereitgestellt.
+Gegen vier Uhr fr"uh hielt e{\s} der Apotheker nicht mehr au{\s}.
+Er seufzte:
+
+"`Wahrhaftig. Eine St"arkung w"are nicht "ubel!"'
+
+Der Priester hatte durchau{\s} nicht{\s} dagegen. Er ging aber
+erst die Messe lesen. Al{\s} er wieder zur"uckkam, a"sen und
+tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen
+warum, verf"uhrt von der sonderbaren Fr"ohlichkeit, die den
+Menschen nach "uberstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten
+Gl"aschen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und
+sagte:
+
+"`Wir werden un{\s} am Ende noch verstehen!"'
+
+In der Hau{\s}flur begegneten sie den Leuten, die den Sarg
+brachten. Zwei Stunden lang mu"ste sich Karl von den
+Hammerschl"agen martern lassen, die von den Brettern zu ihm
+hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg au{\s} Eichenholz und
+diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war,
+f"ullte man die Hohlr"aume mit Werg au{\s} einer Matratze. Al{\s}
+der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man
+den Sarg vor die T"ur. Da{\s} Hau{\s} ward weit ge"offnet, und die
+Leute von Yonville begannen herbeizustr"omen.
+
+Der alte Rouault kam an. Al{\s} er da{\s} Sargtuch sah, wurde er
+mitten auf dem Markte ohnm"achtig.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Rouault hatte den Brief de{\s} Apotheker{\s} sech{\s}unddrei"sig
+Stunden nach dem Ereigni{\s} erhalten. Um ihn zu schonen, hatte
+Homai{\s} so geschrieben, da"s er gar nicht genau wissen konnte,
+wa{\s} eigentlich geschehen war.
+
+Der gute Mann war zun"achst wie vom Schlag ger"uhrt umgesunken.
+Dann sagte er sich, sie k"onne wohl tot sein, aber sie k"onne auch
+noch leben ... Schlie"slich hatte er seine Bluse angezogen, seinen
+Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
+weggeritten. Den ganzen Weg "uber verging er beinahe vor Angst.
+Einmal mu"ste er sogar absitzen. Er sah nicht{\s} mehr, er h"orte
+Stimmen ring{\s}um und glaubte, er verl"ore den Verstand.
+
+Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
+schliefen. Er erbebte vor Schreck "uber diese b"ose Vorbedeutung.
+Schnell gelobte er der Madonna drei neue Me"sgew"ander f"ur ihre
+Kirche und eine Wallfahrt in blo"sen F"u"sen vom heimatlichen
+Kirchhof bi{\s} zur Kapelle von Vassonville.
+
+In Maromme, wo er rastete, br"ullte er die Leute im Gasthof
+munter, rannte mit der Schulter die Hau{\s}t"ur ein, st"urzte sich
+auf einen Hafersack, go"s in die Krippe eine Flasche Apfelsekt,
+setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem lo{\s},
+da"s die Funken stoben.
+
+Immer wieder sagte er sich, da"s man sie sicher retten w"urde. Die
+"Arzte h"atten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
+Heilungen, die man ihm je erz"ahlt hatte. Dann aber sah er sie
+tot. Sie lag auf dem R"ucken vor ihm, mitten auf der Stra"se. Er
+ri"s in die Z"ugel. Da schwand die Erscheinung.
+
+In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
+Tassen Kaffee.
+
+E{\s} w"are auch m"oglich, sagte er sich, da"s sich der Absender
+in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem
+Briefe, f"uhlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
+Schlie"slich kam er auf die Vermutung, e{\s} sei vielleicht nur
+ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eine{\s}
+Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot w"are, dann m"u"ste
+er e{\s} doch an irgend etwa{\s} merken! Aber die Fluren sahen
+au{\s} wie alle Tage, der Himmel war blau, die B"aume wiegten ihre
+Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vor"uber.
+
+Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
+noch im Sattel h"angend. Er hatte da{\s} Pferd mit Schl"agen
+vorw"art{\s} gehetzt; au{\s} den Flanken de{\s} Tiere{\s} tropfte
+Blut. Al{\s} der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter
+heftigem Weinen in Bovary{\s} Arme.
+
+"`Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch~..."'
+
+Der andre antwortete schluchzend:
+
+"`Ich wei"s nicht! Ich wei"s nicht! E{\s} ist so schrecklich!"'
+
+Der Apotheker zog sie au{\s}einander.
+
+"`Die gr"a"slichen Einzelheiten sind unn"utz! Ich werde dem Herrn
+schon alle{\s} erz"ahlen. Da kommen Leute! W"urde! Fassung! Man
+mu"s Philosoph sein!"'
+
+Der arme Karl gab sich alle M"uhe, stark zu sein. Mehrere Male
+wiederholte er:
+
+"`Ja, ja ... Mut! Mut!"'
+
+"`Na, wenn{\s} sein mu"s!"' sagte Rouault. "`Ich hab welchen!
+Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma da{\s} Geleite geben,
+und wenn{\s} noch so weit w"are!"'
+
+Die Glocke begann zu l"auten. Alle{\s} war bereit. Der Zug setzte sich
+in Bewegung.
+
+Rouault und Bovary sa"sen nebeneinander in den Chorst"uhlen. Die
+drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
+Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
+Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die H"ande empor
+und breitete die Arme au{\s}. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
+Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
+Anwandlung, aufzustehn und sie au{\s}zublasen.
+
+Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
+jenseitige{\s} Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen
+w"urde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit,
+weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte,
+da"s sie dort unter dem Leichentuche lag, da"s alle{\s} zu Ende
+war, da"s man sie nun in die Erde scharrte, da fa"ste ihn wilde
+Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, al{\s}
+empf"ande er "uberhaupt nicht{\s} mehr. Er f"uhlte sich in seinem
+Schmerze erleichtert, aber al{\s}bald warf er sich vor, eine
+erb"armliche Kreatur zu sein.
+
+Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeitr"aumen etwa{\s}
+wie ein Eisenstab auf. Diese{\s} harte Ger"ausch drang au{\s} dem
+Hintergrund, bi{\s} e{\s} mit einem Male im Winkel eine{\s}
+Seitenschiffe{\s} aufh"orte. Ein Mensch in einem groben braunen
+Rock kniete m"uhsam nieder. E{\s} war Hippolyt, der Knecht vom
+Goldnen L"owen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur
+angeschnallt.
+
+Ein Chorknabe machte die Runde durch{\s} Kirchenschiff, um Geld
+einzusammeln. Die gro"sen Kupferst"ucke klirrten ein{\s} nach dem
+andern in der silbernen Schale.
+
+"`Schnell weg! Ich leide!"' rief Bovary und warf zornig ein
+F"unf\/frankenst"uck hinein.
+
+Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
+
+Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ...
+Da{\s} nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, da"s er mit Emma in
+der ersten Zeit ihre{\s} Hiersein{\s} einmal zur Messe dagewesen
+war. Sie hatten recht{\s} an der Mauer gesessen ... Die Glocke
+begann wieder zu l"auten. Ein allgemeine{\s} St"uhler"ucken fing
+an. Die Sargtr"ager hoben die drei Stangen der Bahre in die H"ohe.
+Man verlie"s die Kirche.
+
+Justin stand an der T"ur der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
+bla"s und taumelnd.
+
+Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
+vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Haupte{\s}. Er
+trug eine tapfre Miene zur Schau und gr"u"ste kopfnickend jeden,
+der au{\s} den Gassen oder den H"ausern trat, um sich dem Zuge
+anzuschlie"sen.
+
+Die sech{\s} Tr"ager, drei auf jeder Seite, schritten langsam
+vorw"art{\s}. Sie keuchten. Die Priester, die S"anger und die
+Chorknaben sangen da{\s} \begin{antiqua}De profundis\end{antiqua}.
+Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der
+Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber
+da{\s} hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den B"aumen.
+
+Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen M"anteln mit
+zur"uckgeschlagenen Kapuzen, in den H"anden dicke brennende
+Wach{\s}kerzen. Karl f"uhlte, wie ihn seine Kr"afte verlie"sen
+unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten
+de{\s} faden Geruch{\s} von Wach{\s} und Me"sgew"andern. Ein
+frischer Wind wehte her"uber. Roggen und Rap{\s} gr"unten, und
+Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei
+fr"ohliche Laute erf"ullten die Luft: da{\s} Quietschen eine{\s}
+kleinen Wagen{\s} in der Ferne auf zerfahrener Stra"se, da{\s}
+wiederholte Kr"ahen eine{\s} Hahne{\s} oder der Galopp eine{\s}
+F"ullen{\s}, da{\s} sich unter den Apfelb"aumen au{\s}tobte. Der
+klare Himmel war mit rosigen W"olkchen betupft. Bl"auliche Lichter
+spielten um die Schwertlilien vor den H"ausern und H"utten. Karl
+erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich
+eine{\s} bestimmten Morgen{\s}, an dem er, einen Kranken zu
+besuchen, hier vor"ubergekommen war, erst hin und dann auf dem
+R"uckwege zu "`ihr"'.
+
+Manchmal flatterte da{\s} schwarze mit silbernen Tr"anen bestickte
+Leichentuch auf und lie"s den Sarg sehen. Die erm"udeten Tr"ager
+verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortw"ahrend wie
+eine Schaluppe auf bewegter See.
+
+Endlich war man da.
+
+Die Tr"ager gingen bi{\s} ganz hinter, bi{\s} zu einer Stelle im
+Rasen, wo da{\s} Grab gegraben war. Man stellte sich im Krei{\s}
+herum auf. W"ahrend der Priester sprach, rieselte die rote, an den
+Seiten aufgeh"aufte Erde "uber die Kanten hinweg in die Grube,
+lautlo{\s} und ununterbrochen.
+
+Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
+gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
+
+Endlich h"orte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen ger"auschvoll
+wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudoi{\s}
+reichte. Und w"ahrend er mit der rechten Hand den Weihwedel
+schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
+in{\s} Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg,
+und da{\s} Ger"ausch dr"ohnte Karl in die Ohren, unheimlich wie
+ein Widerhall au{\s} der Ewigkeit.
+
+Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. E{\s} war
+Homai{\s}. W"urdevoll f"ullte und leerte er sie und reichte sie
+dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen H"anden Erde
+hinabwarf und "`Lebe wohl!"' rief. Er sandte ihr K"usse und beugte
+sich "uber da{\s} Grab, al{\s} ob er sich hinabst"urzen wollte.
+
+Man f"uhrte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar
+empfand er gleich den andern eine merkw"urdige Befriedigung, da"s
+alle{\s} "uberstanden war.
+
+Auf dem Heimwege z"undete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife
+an, wa{\s} Homai{\s} in{\s}geheim nicht besonder{\s} schicklich
+fand. Er berichtete, da"s Binet nicht zugegen gewesen war, da"s
+sich T"uvache nach der Messe "`gedr"uckt"' hatte und da"s Theodor,
+der Diener de{\s} Notar{\s}, einen blauen Rock getragen hatte,
+"`al{\s} ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen w"are, da
+e{\s} nun einmal so "ublich ist, zum Teufel!"' So hechelte er
+alle{\s} durch, wa{\s} er beobachtet hatte.
+
+Alle andern beklagten Emma{\s} Tod, besonder{\s} Lheureux, der
+nicht verfehlt hatte, zum Begr"abni{\s} zu erscheinen.
+
+"`Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag f"ur ihren Mann!"'
+
+Der Apotheker antwortete:
+
+"`Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen w"are, h"atte er au{\s}
+Verzweiflung Selbstmord begangen."'
+
+"`Sie war immer so lieben{\s}w"urdig! Wenn ich bedenke, da"s sie
+vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!"'
+
+"`Ich hatte nur keine Zeit,"' sagte der Apotheker, "`sonst h"atte
+ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr in{\s}
+Grab nachgerufen h"atte!"'
+
+Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
+seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich
+unterweg{\s} "ofter{\s} die Augen mit dem "Armel gewischt hatte,
+hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht
+hinterlassen. Man sah, wo die Tr"anen herabgerollt waren.
+
+Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
+Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
+
+"`Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damal{\s} nach
+Toste{\s} kam, al{\s} du deine erste Frau verloren hattest?
+Damal{\s} tr"ostete ich dich, damal{\s} fand ich Worte! Jetzt
+aber~..."' Er st"ohnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust
+hob. "`Ach, nun ist e{\s} au{\s} mit mir! Ich habe meine Frau
+sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine
+Tochter!"'
+
+Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
+zur"uckzureiten. In diesem Hause k"onne er nicht schlafen. Auch
+seine Enkelin wollte er nicht sehen.
+
+"`Nein! Nein! Da{\s} w"urde mich zu traurig machen! Aber k"usse
+sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und
+da{\s} hier,"' er schlug auf sein Bein, "`da{\s} werde ich dir nie
+vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch
+noch jede{\s} Jahr!"'
+
+Aber al{\s} er auf der H"ohe angelangt war, wandte er sich um,
+ganz wie damal{\s} nach der Hochzeit, al{\s} er sich nach dem
+Abschied auf der Landstra"se bei Sankt Viktor noch einmal nach
+seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe gl"uhten wie
+im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging.
+Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am
+Horizont ein Mauerviereck und B"aume darinnen, die wie schwarze
+B"uschel zwischen wei"sen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der
+Friedhof~...
+
+Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
+geworden war.
+
+Karl und seine Mutter blieben bi{\s} in die sp"ate Nacht auf und
+plauderten, obwohl sie beide sehr m"ude waren. Sie sprachen von
+vergangenen Tagen und von dem, wa{\s} nun werden sollte. Die alte
+Frau wollte nach Yonville "ubersiedeln, ihm die Wirtschaft f"uhren
+und f"ur immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Troste{\s}-
+und Liebe{\s}worte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
+zur"uckzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
+
+E{\s} schlug Mitternacht. Da{\s} Dorf lag in tiefer Stille. Da{\s}
+war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an
+"`sie"'.
+
+Rudolf, der zu seinem Vergn"ugen den Tag "uber durch den Wald
+geritten war, schlief ruhig in seinem Schlo"s. Ebenso schlummerte
+Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
+
+Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
+Seine vom Schluchzen wunde Brust st"ohnte im Dunkel unter dem
+Druck einer unerme"slichen Sehnsucht, die s"u"s war wie der Mond
+und geheimni{\s}voll wie die Nacht.
+
+Pl"otzlich knarrte die Gittert"ur. Lestiboudoi{\s} hatte seine
+Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin,
+al{\s} er sich "uber die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen,
+wer ihm immer Kartoffeln stahl.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Le{tz}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Am Tage darauf lie"s Karl die kleine Berta wieder in{\s} Hau{\s}
+kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei
+verreist und werde ihr h"ubsche Spielsachen mitbringen. Da{\s}
+Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der
+Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit de{\s}
+Kinde{\s} bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unertr"aglich aber
+waren ihm die Trostreden de{\s} Apotheker{\s}.
+
+Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux lie"s seinen
+Strohmann Vin\c{c}ard abermal{\s} vorgehen, und Karl "ubernahm
+betr"achtliche Verpflichtungen, weil er e{\s} um keinen Prei{\s}
+zulassen wollte, da"s von den M"obeln, die ihr geh"ort hatten,
+auch nur da{\s} geringste verkauft w"urde. Seine Mutter war au"ser
+sich dar"uber. Da{\s} emp"orte ihn wiederum ma"slo{\s}. Er war
+"uberhaupt ein ganz andrer geworden. So verlie"s sie da{\s}
+Hau{\s}.
+
+Nun fingen alle m"oglichen Leute an, ihr "`Schnittchen"' zu
+machen. Fr"aulein Lempereur forderte f"ur sech{\s} Monate
+Stundengeld, obgleich Emma doch niemal{\s} Unterricht bei ihr
+genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt
+bekommen hatte, war nur auf Emma{\s} Bitte hin au{\s}gestellt
+worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnement{\s}geb"uhren auf
+eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn f"ur zwanzig
+Briefe. Al{\s} Karl N"ahere{\s} wissen wollte, war sie
+wenigsten{\s} so r"ucksicht{\s}voll, zu antworten:
+
+"`Ach, ich wei"s von nicht{\s}! E{\s} waren wohl Rechnungen."'
+
+Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, e{\s} sei
+nun zu Ende, aber e{\s} meldeten sich immer wieder neue
+Gl"aubiger.
+
+Er schickte an seine Patienten Liquidationen au{\s}. Da zeigte man
+ihm die Briefe seiner Frau, und so mu"ste er sich noch
+entschuldigen.
+
+Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
+Karl hatte einige davon zur"uckbehalten. Manchmal schlo"s er sich
+in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungef"ahr
+Emma{\s} Figur. Wenn sie au{\s} dem Zimmer ging, hatte er manchmal
+den Eindruck, e{\s} sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran,
+ihr nachzurufen: "`Emma, bleib, bleib!"'
+
+Aber zu Pfingsten verlie"s sie Yonville, zusammen mit dem Diener
+de{\s} Notar{\s}, wobei sie alle{\s} mitnahm, wa{\s} von Emma{\s}
+Kleidern noch "ubrig war.
+
+Um diese Zeit gab sich die Witwe D"upui{\s} die Ehre, ihm die
+Verm"ahlung ihre{\s} Sohne{\s} Leo D"upui{\s}, Notar{\s} zu
+Yvetot, mit Fr"aulein Leocadia Leboeuf au{\s} Bondeville ganz
+ergebenst mit\/zuteilen. In Karl{\s} Gl"uckwunschbrief kam die
+Stelle vor:
+
+"`Wie h"atte sich meine arme Frau dar"uber gefreut!"'
+
+Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl ohne bestimmte Absicht durch{\s}
+Hau{\s} irrte, kam er in die Dachkammer und sp"urte pl"otzlich
+unter einem seiner Pantoffel ein zusammengekn"ullte{\s} St"uck
+Papier. Er entfaltete e{\s} und la{\s}: "`Liebe Emma! Sei tapfer!
+Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."' E{\s} war
+Rudolf{\s} Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen
+geblieben war, bi{\s} ihn der durch{\s} Dachfenster wehende
+Luft\/zug an die T"ure getrieben hatte. Karl stand ganz starr da,
+mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma,
+bleicher noch al{\s} er, au{\s} Verzweiflung in den Tod gehen
+wollte. Am Ende der zweiten Seite stand al{\s} Unterschrift ein
+kleine{\s} R. Wer war da{\s}? Er erinnerte sich der vielen Besuche
+und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulanger{\s}, seine{\s} pl"otzlichen
+Au{\s}bleiben{\s} und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn
+er ihnen sp"ater -- e{\s} war zwei- oder dreimal gewesen --
+begegnet war. Aber der achtung{\s}volle Ton de{\s} Briefe{\s}
+t"auschte ihn.
+
+"`Da{\s} scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu
+sein!"' sagte er sich.
+
+"Ubrigen{\s} geh"orte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen
+bi{\s} auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
+suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem ma"slosen
+Schmerze.
+
+"`Man mu"ste sie anbeten!"' sagte er bei sich. "`E{\s} ist ganz
+nat"urlich, da"s alle M"anner sie begehrt haben!"' Nunmehr
+erschien sie ihm noch sch"oner, und e{\s} "uberkam ihn ein
+best"andige{\s} hei"se{\s} Verlangen nach ihr, da{\s} ihn
+trostlo{\s} machte und da{\s} keine Grenzen kannte, weil e{\s}
+nicht mehr zu stillen war.
+
+Um ihr zu gefallen, al{\s} lebte sie noch, richtete er sich nach
+ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
+Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
+-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch au{\s}
+ihrem Grabe herau{\s}.
+
+Karl sah sich gen"otigt, da{\s} Silberzeug zu verkaufen, ein
+St"uck nach dem andern, dann die M"obel de{\s} Salon{\s}. Alle
+Zimmer wurden kahl, nur "`ihr Zimmer"' blieb wie fr"uher. Nach dem
+Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den
+Kamin und r"uckte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich
+gegen"uber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter.
+Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen au{\s}.
+
+E{\s} tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
+gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schn"ure, die N"ahte de{\s}
+Kleidchen{\s} aufgerissen, denn darum k"ummerte sich die
+Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie
+da{\s} K"opfchen grazi"o{\s} neigte und ihr die blonden Locken
+"uber die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend au{\s},
+da"s ihn unendliche Z"artlichkeit ergriff, eine Freude, die nach
+Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr
+Spielzeug au{\s}, machte ihr Hampelm"anner au{\s} Pappe und
+flickte sie aufgeplatzten B"auche ihrer Puppen. Wenn seine Augen
+dabei auf Emma{\s} Arbeit{\s}k"astchen fielen, auf ein Band,
+da{\s} liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in
+einer Ritze de{\s} N"ahtische{\s} steckte, dann verfiel er in
+Tr"aumereien und sah so traurig au{\s}, da"s da{\s} Kind auch mit
+traurig wurde.
+
+Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
+wo er Kr"amerlehrling geworden war, und die Kinder de{\s}
+Apotheker{\s} lie"sen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater
+bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen
+Verh"altnisse auf eine Fortsetzung de{\s} n"aheren Verkehr{\s}
+keinen Wert legte.
+
+Der Blinde, den Homai{\s} mit seiner Salbe nicht hatte heilen
+k"onnen, war auf die H"ohe am Wilhelm{\s}walde zur"uckgekehrt und
+erz"ahlte allen Reisenden den Mi"serfolg de{\s} Apotheker{\s}.
+Wenn Homai{\s} zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen
+hinter den Vorh"angen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm
+zu vermeiden. Er ha"ste ihn, und da er ihn zugunsten seine{\s}
+Rufe{\s} al{\s} Heilk"unstler um jeden Prei{\s} au{\s} dem Wege
+r"aumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise,
+wie er da{\s} bewerkstelligte, enth"ullte ebenso seinen Scharfsinn
+wie seine bi{\s} zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sech{\s}
+Monate hintereinander konnte man im "`Leuchtturm von Rouen"'
+Nachrichten wie die folgenden lesen:
+
+\begin{quotation}
+"`Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
+Zweifel auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde einen Vagabunden bemerkt
+haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
+bel"astigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
+gewisserma"sen einen Zoll. Leben wir denn noch in den
+abscheulichen Zeiten de{\s} Mittelalter{\s}, wo e{\s} den
+Landstreichern erlaubt war, auf den "offentlichen Pl"atzen die
+Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der
+Kreuzz"uge mitgebracht hatten?"'
+\end{quotation}
+
+Oder:
+
+\begin{quotation}
+"`Ungeachtet der Gesetze gegen da{\s} Landstreichertum werden die
+Zug"ange unsrer Gro"sst"adte noch unau{\s}gesetzt von
+Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und
+da{\s} sind vielleicht nicht die ungef"ahrlichsten. Au{\s} welchem
+Grunde duldet da{\s} eigentlich die Obrigkeit?"'
+\end{quotation}
+
+Daneben erfand Homai{\s} auch Anekdoten:
+
+\begin{quotation}
+"`Gestern ist auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde ein Pferd
+durchgegangen~..."'
+\end{quotation}
+
+E{\s} folgte der Bericht eine{\s} durch da{\s} pl"otzliche
+Auftauchen de{\s} Blinden verursachten Unfall{\s}.
+
+Alle{\s} da{\s} hatte eine so treffliche Wirkung, da"s der
+Ungl"uckliche in Haft genommen wurde. Aber man lie"s ihn wieder
+frei. Er trieb e{\s} wie vorher. Ebenso Homai{\s}. E{\s} begann
+ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu
+leben{\s}l"anglichem Aufenthalt in ein Krankenhau{\s} gesteckt.
+
+Dieser Erfolg machte ihn immer k"uhner. Fortan konnte kein Hund
+"uberfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Pr"ugel
+bekommen, ohne da"s er den Vorfall sofort ver"offentlicht h"atte
+--, geleitet vom Fortschritt{\s}fanati{\s}mu{\s} und vom Ha"s
+gegen die Priester.
+
+Er stellte Vergleiche an zwischen den Volk{\s}schulen und den von
+den "`Ignorantinern"' geleiteten, die nat"urlich zum Nachteil der
+letzteren au{\s}fielen. Anl"a"slich einer staatlichen Bewilligung
+von hundert Franken f"ur kirchliche Zwecke erinnerte er an die
+Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
+Mi"sbr"auche. Er la{\s} den Pfaffen die Leviten, wie er meinte.
+Dabei wurde er ein gef"ahrlicher Intrigant.
+
+Bald war ihm der Journali{\s}mu{\s} zu eng; er wollte ein Buch
+Schreiben, ein "`Werk"'. So verfa"ste er eine "`Allgemeine
+Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen
+Beobachtungen"'. Die damit verbundenen Studien f"uhrten ihn in{\s}
+volk{\s}wirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen
+Fragen, in die Theorien "uber die Volk{\s}erziehung, in da{\s}
+Verkehr{\s}wesen und andre{\s} mehr. Nun begann er sich seiner
+kleinb"urgerlichen Ob{\s}kurit"at zu sch"amen; er bekam
+genialische Anwandlungen.
+
+Seinen Beruf vernachl"assigte er dabei keine{\s}weg{\s}, im
+Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seine{\s}
+Fache{\s}. Beispiel{\s}weise interessierte ihn der gro"se
+Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der
+erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die
+Eisenschokolade einf"uhrte. Er begeisterte sich f"ur die
+hydro-elektrischen Ketten Pulvermacher{\s} und trug selbst eine.
+Wenn er beim Schlafengehen da{\s} Hemd wechselte, staunte Frau
+Homai{\s} diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und
+entbrannte in verdoppelter Liebe f"ur diesen Mann, der wie ein
+Magier gl"anzte.
+
+F"ur Emma{\s} Grabmal hatte er sehr sch"one Ideen. Zuerst schlug
+er einen S"aulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
+einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
+"`k"unstliche Ruine"'. Keine{\s}fall{\s} aber d"urfe die
+Trauerweide fehlen, die er f"ur da{\s} "`traditionelle Symbol"'
+der Trauer hielt.
+
+Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
+Grabsteinfabrikanten etwa{\s} Passende{\s} zu suchen. Ein
+Kunstmaler begleitete sie, namen{\s} Vaufrylard, ein Freund de{\s}
+Apotheker{\s} Bridoux. Er ri"s die ganze Zeit "uber schlechte
+Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich
+die Zusendung von Kostenanschl"agen. Er fuhr dann ein
+zweite{\s}mal allein nach Rouen und entschlo"s sich zu einem
+Grabstein, "uber dem ein Geniu{\s} mit gesenkter Fackel trauert.
+
+Al{\s} Inschrift fand Homai{\s} nicht{\s} sch"oner al{\s}:
+\begin{antiqua}STA VIATOR!\end{antiqua} Diese Worte schlug er
+immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Best"andig
+fl"usterte er vor sich hin: "`\begin{antiqua}Sta
+viator!\end{antiqua}"' Endlich kam er auf: \begin{antiqua}AMABILEM
+CONJUGEM CALCAS!\end{antiqua} Da{\s} wurde angenommen.
+
+Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
+Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre "au"sere
+Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung f"uhlte er, wie ihr Bild
+seinem Ged"achtni{\s} entwich, w"ahrend er sich so viel M"uhe gab,
+e{\s} zu bewahren. Dabei tr"aumte er jede Nacht von ihr. E{\s} war
+immer derselbe Traum: er sah sie und n"aherte sich ihr, aber
+sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
+
+Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
+Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
+auf. Bournisien war neuerding{\s} "uberhaupt unduldsam, ja
+fanatisch, wie Homai{\s} behauptete. Er wetterte gegen den Geist
+de{\s} Jahrhundert{\s}, und aller vierzehn Tage pflegte er in der
+Predigt vom schrecklichen Ende Voltaire{\s} zu erz"ahlen, der im
+Tode{\s}kampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie
+jedermann wisse.
+
+Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht au{\s} den alten Schulden
+herau{\s}. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und
+so stand die Pf"andung abermal{\s} bevor. Da wandte er sich an
+seine Mutter. Sie schickte ihm eine B"urgschaft{\s}erkl"arung.
+Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen
+Emma. Al{\s} Entgelt f"ur ihr Opfer erbat sie sich einen Schal,
+der Felicie{\s} Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr.
+Dar"uber ent\/zweiten sie sich.
+
+Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Vers"ohnung.
+Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
+nehmen; sie k"onne ihr im Hau{\s}halt helfen. Karl willigte ein.
+Aber al{\s} da{\s} Kind abreisen sollte, war er nicht imstande
+sich von ihm zu trennen. Die{\s}mal erfolgte ein endg"ultiger,
+v"olliger Bruch.
+
+Nun hatte er alle{\s} verloren, wa{\s} ihm lieb und wert gewesen
+war, und er schlo"s sich immer enger an sein Kind an. Aber auch
+die{\s} machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote
+Flecken auf den Wangen.
+
+Ihm gegen"uber machte sich in Gesundheit, Gl"uck und Frohsinn die
+Familie de{\s} Apotheker{\s} breit. Wa{\s} Homai{\s} auch wollte,
+gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia
+stickte ihm ein neue{\s} K"appchen, Irma schnitt
+Pergamentpapierdeckel f"ur die Einmachegl"aser, und Franklin
+bewie{\s} ihm bereit{\s} schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz.
+Der Apotheker war der gl"ucklichste Vater und der gl"ucklichste
+Mensch.
+
+Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
+Homai{\s} sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient
+h"atte er e{\s} zur Gen"uge, meinte er. Ersten{\s} hatte er sich
+w"ahrend der Cholera durch grenzenlosen Opfermut au{\s}gezeichnet.
+Zweiten{\s} hatte er -- und zwar auf seine eigenen Kosten --
+verschiedene gemeinn"utzige Werke ver"offentlicht,
+beispiel{\s}weise die Schrift "`Der Apfelwein. Seine Herstellung
+und seine Wirkung"', sodann seine "`Abhandlung "uber die
+Reblau{\s}"', die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner
+seine statistische Ver"offentlichung, ganz abgesehen von seiner
+ehemaligen Pr"ufung{\s}arbeit. Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s}
+auf. "`Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
+Gesellschaften."' In Wirklichkeit war e{\s} nur eine einzige.
+
+"`Eigentlich m"u"ste e{\s} schon gen"ugen,"' rief er und warf sich
+selbstbewu"st in die Brust, "`da"s ich mich bei den
+Feuer{\s}br"unsten hervorgetan habe!"'
+
+Er begann F"uhlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der
+Wahlen erwie{\s} er dem Landrat heimlich gro"se Dienste.
+Schlie"slich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er
+reichte ein Immediatgesuch an Seine Majest"at ein, worin er ihn
+alleruntert"anigst bat, "`ihm Gerechtigkeit widerfahren zu
+lassen."' Er nannte ihn "`unsern guten K"onig"' und verglich ihn
+mit Heinrich dem Vierten.
+
+Jeden Morgen st"urzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
+zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Orden{\s}koller ging
+so weit, da"s er in seinem Garten ein Beet in Form de{\s}
+Kreuze{\s} der Ehrenlegion anlegen lie"s, auf der einen Seite von
+Geranien ums"aumt, die da{\s} rote Band vorstellten. Oft umkreiste
+er diese{\s} bunte Beet und dachte "uber die Schwerf"alligkeit der
+Regierung und "uber den Undank der Menschen nach.
+
+Au{\s} Achtung f"ur seine verstorbene Frau, oder weil er au{\s}
+einer Art Sinnlichkeit noch etwa{\s} Unerforschte{\s} vor sich
+haben wollte, hatte Karl da{\s} geheime Fach de{\s}
+Schreibtische{\s} au{\s} Polisanderholz, den Emma benutzt hatte,
+noch nicht ge"offnet. Eine{\s} Tage{\s} setzte er sich endlich
+davor, drehte den Schl"ussel um und zog den Kasten herau{\s}. Da
+lagen s"amtliche Briefe Leo{\s}. Die{\s}mal war kein Zweifel
+m"oglich. Er verschlang sie von der ersten bi{\s} zur letzten
+Zeile. Dann st"oberte er noch in allen Winkeln, allen M"obeln,
+allen Schiebf"achern, hinter den Tapeten, schluchzend, st"ohnend,
+halbverr"uckt. Er entdeckte eine Schachtel und stie"s sie mit
+einem Fu"stritt auf. Rudolf{\s} Bildni{\s} sprang ihm
+buchst"ablich in{\s} Gesicht. E{\s} lag neben einem ganzen B"undel
+von Liebe{\s}briefen.
+
+Bovary{\s} Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung.
+Er ging nicht mehr au{\s}, empfing niemanden und weigerte sich
+sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand da{\s}
+Ger"ucht, da"s er sich einschlie"se, um zu trinken. Neugierige
+aber, die hin und nieder den Kopf "uber die Gartenhecke reckten,
+sahen zu ihrer "Uberraschung, wie der Menschenscheue in seinem
+langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging
+und laut weinte.
+
+An Sommerabenden nahm er sein T"ochterchen mit sich hinau{\s} auf
+den Friedhof. Erst sp"at in der Nacht kamen die beiden zur"uck,
+wenn auf dem Marktpl"atze kein Licht mehr schimmerte, au"ser
+au{\s} dem St"ubchen Binet{\s}.
+
+Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seine{\s}
+Schmerze{\s} nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit
+ihm teilte. Au{\s} diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von
+"`ihr"' sprechen zu k"onnen. Aber die Wirtin h"orte nur mit halbem
+Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte n"amlich
+seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen er"offnet, und
+Hivert, der ob seiner Zuverl"assigkeit in Kommissionen
+allenthalben gro"se{\s} Vertrauen geno"s, verlangte Lohnerh"ohung
+und drohte, "`zur Konkurrenz"' "uberzugehen.
+
+Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl nach Argueil zum Markt gegangen
+war, um sein Pferd, sein letzte{\s} St"uck Besitz, zu verkaufen,
+begegnete er Rudolf. Al{\s} sie einander sahn, wurden sie beide
+bla"s. Rudolf, der bei Emma{\s} Tode sein Beileid nur durch seine
+Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zun"achst einige Worte der
+Entschuldigung, dann aber fa"ste er Mut und hatte sogar die
+Dreistigkeit, -- e{\s} war ein hei"ser Augusttag -- Karl zu einem
+Gla{\s} Bier in der n"achsten Kneipe einzuladen.
+
+Er l"ummelte sich Karl gegen"uber auf der Tischplatte auf,
+plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in
+tausend Tr"aumen vor diesem Gesicht, da{\s} "`sie"' geliebt hatte.
+E{\s} war ihm, al{\s} s"ahe er ein St"uck von ihr wieder. Da{\s}
+war ihm selber sonderbar. Er h"atte der andre sein m"ogen.
+
+Rudolf sprach unau{\s}gesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
+Vieh, vom D"ungen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
+stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Reden{\s}arten. So
+vermied er jedwede Anspielung auf da{\s} Einst. Karl h"orte ihm
+gar nicht zu. Rudolf nahm da{\s} wahr; er ahnte, da"s hinter
+diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karl{\s} Wangen
+r"oteten sich mehr und mehr, seine Nasenfl"ugel bl"ahten sich,
+seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karl{\s} Augen in
+so d"usterem Groll auf Rudolf, da"s dieser erschrak und mitten im
+Satz steckenblieb. Aber al{\s}bald erschien wieder die fr"uhere
+Leben{\s}m"udigkeit auf Karl{\s} Gesicht.
+
+"`Ich bin Ihnen nicht b"ose!"' sagte er.
+
+Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen H"anden und
+wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
+Schmerzen:
+
+"`Nein, ich bin Ihnen nicht mehr b"ose!"'
+
+Er f"ugte ein gro"se{\s} Wort hinzu, da{\s} einzige, da{\s} er je
+in seinem Leben sprach:
+
+"`Da{\s} Schicksal ist schuld!"'
+
+Rudolf, der diese{\s} Schicksal gelenkt hatte, fand in{\s}geheim,
+f"ur einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutm"utig,
+eigentlich sogar komisch und ver"achtlich.
+
+Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
+Abendsonne leuchtete durch da{\s} Gitter, die Weinbl"atter
+zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Ja{\s}min duftete
+s"u"s, der Himmel war blau, Insekten summten um die bl"uhenden
+Lilien. Karl atmete schwer; da{\s} Herz war ihm beklommen und
+tieftraurig vor unsagbarer Liebe{\s}sehnsucht.
+
+Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
+gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
+
+Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
+zugefallen, sein Mund stand offen. In den H"anden hielt er eine
+lange schwarze Haarlocke.
+
+"`Papa, komm doch!"' rief die Kleine.
+
+Sie glaubte, er wolle mit ihr spa"sen, und stie"s ihn sacht an. Da
+fiel er zu Boden. Er war tot.
+
+Sech{\s}unddrei"sig Stunden darnach eilte auf Veranlassung de{\s}
+Apotheker{\s} Doktor Canivet herbei. Er "offnete die Leiche, fand
+aber nicht{\s}.
+
+Al{\s} aller Hau{\s}rat verkauft war, blieben zw"olf und
+dreiviertel Franken "ubrig, die gerade au{\s}reichten, die Reise
+der kleinen Berta Bovary zu ihrer Gro"smutter zu bestreiten. Die
+gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater
+Rouault gel"ahmt war, nahm sich eine Tante de{\s} Kinde{\s} an.
+Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich da{\s} t"agliche
+Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei.
+
+Seit Bovary{\s} Tode haben sich bereit{\s} drei "Arzte nacheinander
+in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten
+k"onnen. Homai{\s} hat sie alle au{\s} dem Feld geschlagen. Seine
+Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Beh"orde
+duldet ihn, und die "offentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
+
+K"urzlich hat er da{\s} Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
+
+
+
+\chapter{PROJECT GUTENBERG ``SMALL PRINT''}
+\small \pagenumbering{gobble}
+\begin{verbatim}
+
+
+*** This file should be named 15711-t.txt or 15711-t.zip ***
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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