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+<HTML>
+<HEAD>
+<TITLE>Gustave Flaubert: Frau Bovary</TITLE>
+</HEAD>
+
+<BODY>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Frau Bovary
+
+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Arthur Schurig
+
+Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
+
+
+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
+
+
+
+
+
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+</pre>
+
+<CENTER>
+<H1>Frau Bovary</H1>
+<H3>von</H3>
+<H1>Gustave Flaubert</H1>
+<P>
+Die &Uuml;bertragung des Romans <TT>Madame
+Bovary</TT> aus dem Franz&ouml;sischen besorgte Arthur
+Schurig.
+</P><P>
+Insel-Verlag zu Leipzig
+</P>
+</CENTER>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H1>Erstes Buch</H1>
+</CENTER>
+<HR>
+<CENTER>
+<H2>Erstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P>
+Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein
+&bdquo;Neuer&ldquo;, in gew&ouml;hnlichem Anzuge. Der Pedell hinter
+den beiden, Schulstubenger&auml;t in den H&auml;nden. Alle
+Sch&uuml;ler erhoben sich von ihren Pl&auml;tzen, wobei man so tat,
+als sei man aus seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt
+war, fuhr mit auf.
+
+</P><P>
+
+Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
+sich zu dem die Aufsicht f&uuml;hrenden Lehrer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Roger!&ldquo; lispelte er. &bdquo;Diesen neuen
+Z&ouml;gling hier empfehle ich Ihnen besonders. Er kommt
+zun&auml;chst in die Quinta. Bei l&ouml;blichem Flei&szlig; und
+Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er seinem Alter
+nach geh&ouml;rt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der T&uuml;re stehen. Man
+konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein
+Bauernjunge, so ungef&auml;hr f&uuml;nfzehn Jahre alt und
+gr&ouml;&szlig;er als alle andern. Die Haare trug er mit
+Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst
+sah er gar nicht dumm aus, nur war er h&ouml;chst verlegen. So
+schm&auml;chtig er war, beengte ihn sein gr&uuml;ner Tuchrock mit
+schwarzen Kn&ouml;pfen doch sichtlich, und durch den Schlitz in den
+&Auml;rmelaufschl&auml;gen schimmerten rote Handgelenke hervor, die
+zweifellos die freie Luft gew&ouml;hnt waren. Er hatte gelbbraune,
+durch die Tr&auml;ger &uuml;berm&auml;&szlig;ig hochgezogene Hosen an
+und blaue Str&uuml;mpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst
+und mit N&auml;geln beschlagen.
+
+</P><P>
+
+Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling h&ouml;rte
+aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht einmal
+wagte, die Beine &uuml;bereinander zu schlagen noch den Ellenbogen
+aufzust&uuml;tzen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke l&auml;utete,
+mu&szlig;te ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den
+andern anschlo&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer
+die M&uuml;tzen wegzuschleudern, um die H&auml;nde frei zu bekommen.
+Es kam darauf an, seine M&uuml;tze gleich von der T&uuml;r aus unter
+die richtige Bank zu facken, wobei sie unter einer t&uuml;chtigen
+Staubwolke laut aufklatschte. Das war so Schuljungenart.
+
+</P><P>
+
+Sei es nun, da&szlig; ihm dieses Verfahren entgangen war oder
+da&szlig; er nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut:
+als das Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine M&uuml;tze noch
+immer vor sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von
+Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine
+B&auml;renm&uuml;tze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen
+runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollnes K&auml;ppi, mit
+einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme
+H&auml;&szlig;lichkeit tiefsinnig stimmt wie das Gesicht eines
+Bl&ouml;dsinnigen. Sie war eif&ouml;rmig, und Fischbeinst&auml;bchen
+verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde
+W&uuml;lste, dar&uuml;ber (voneinander durch ein rotes Band getrennt)
+Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den
+ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei
+kr&ouml;nte und von dem herab an einem ziemlich d&uuml;nnen Faden
+eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, was man
+am Glanze des Schirmes erkennen konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Steh auf!&ldquo; befahl der Lehrer.
+
+</P><P>
+
+Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die ganze
+Klasse fing an zu kichern. Er b&uuml;ckte sich, das
+M&uuml;tzenunget&uuml;m aufzuheben. Ein Nachbar stie&szlig; mit dem
+Ellenbogen daran, so da&szlig; es wiederum zu Boden fiel. Ein
+abermaliges Sich-darnach-b&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leg doch deinen Helm weg!&ldquo; sagte der Lehrer, ein
+Witzbold.
+
+</P><P>
+
+Das schallende Gel&auml;chter der Sch&uuml;ler brachte den armen
+Jungen g&auml;nzlich aus der Fassung, und nun wu&szlig;te er gleich
+gar nicht, ob er seinen &bdquo;Helm&ldquo; in der Hand behalten oder
+auf dem Boden liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und
+legte die M&uuml;tze &uuml;ber seine Knie.
+
+
+</P><P>
+
+
+&bdquo;Steh auf!&ldquo; wiederholte der Lehrer, &bdquo;und sag mir
+deinen Namen!&ldquo;
+
+
+</P><P>
+
+
+Der Neuling stotterte einen unverst&auml;ndlichen Namen her.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch mal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dasselbe Silbengestammel machte sich h&ouml;rbar, von dem
+Gel&auml;chter der Klasse &uuml;bert&ouml;nt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lauter!&ldquo; rief der Lehrer. &bdquo;Lauter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, ri&szlig; den Mund weit
+auf und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte,
+das Wort von sich: &bdquo;Kabovary!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+H&ouml;llenl&auml;rm erhob sich und wurde immer st&auml;rker;
+dazwischen gellten Rufe. Man br&uuml;llte, heulte, gr&ouml;lte wieder
+und wieder: &bdquo;Kabovary! Kabovary!&ldquo; Nach und nach verlor
+sich der Spektakel in vereinzeltes Brummen, kam m&uuml;hsam zur Ruhe,
+lebte aber in den Bankreihen heimlich weiter, um da und dort
+pl&ouml;tzlich als halbersticktes Gekicher wieder aufzukommen, wie
+eine Rakete, die im Verl&ouml;schen immer wieder noch ein paar Funken
+spr&uuml;ht.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung
+in der Klasse allm&auml;hlich wiedergewonnen, und es gelang dem
+Lehrer, den Namen &bdquo;Karl Bovary&ldquo; festzustellen, nachdem er
+sich ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im
+ganzen wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich
+auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte
+den Befehl ausf&uuml;hren, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt,
+als er bereits wieder stehen blieb.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was suchst du?&ldquo; fragte der Lehrer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine M&uuml;...&ldquo;, sagte er sch&uuml;chtern, indem er
+mit scheuen Blicken Umschau hielt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;nfhundert Verse die ganze Klasse!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wie das Quos ego b&auml;ndigte die Stimme, die diese Worte
+w&uuml;tend ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bitte mir Ruhe aus!&ldquo; fuhr der emp&ouml;rte
+Schulmeister fort, w&auml;hrend er sich mit seinem Taschentuche den
+Schwei&szlig; von der Stirne trocknete. &bdquo;Und du, du Rekrut du,
+du schreibst mir zwanzigmal den Satz auf: <TT>Ridiculus
+sum!</TT>&ldquo; Sein Zorn lie&szlig; nach. &bdquo;Na, und deine
+M&uuml;tze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand
+gestohlen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Alles ward wieder ruhig. Die K&ouml;pfe versanken in den Heften, und
+der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung,
+obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte
+kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal mit
+der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen
+aufzuschlagen.
+
+</P><P>
+
+Abends, im Arbeitssaal, holte er seine &Auml;rmelschoner aus seinem
+Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich
+sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
+gewissenhaft arbeitete; er schlug alle W&ouml;rter im
+W&ouml;rterbuche nach und gab sich viel M&uuml;he. Zweifellos
+verdankte er es dem gro&szlig;en Flei&szlig;e, den er an den Tag
+legte, da&szlig; man ihn nicht in der Quinta zur&uuml;ckbehielt; denn
+wenn er auch die Regeln ganz leidlich wu&szlig;te, so verstand er
+sich doch nicht gewandt auszudr&uuml;cken. Der Pfarrer seines
+Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bi&szlig;chen Latein beigebracht, und
+aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so sp&auml;t wie nur
+m&ouml;glich auf das Gymnasium geschickt worden.
+
+</P><P>
+
+Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er hatte
+sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen lassen,
+worauf er den Abschied nehmen mu&szlig;te. Er setzte nunmehr seine
+k&ouml;rperlichen Vorz&uuml;ge in bare M&uuml;nze um und ergatterte
+sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm
+in der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das
+M&auml;dchen hatte sich in den h&uuml;bschen Mann verliebt. Er war
+ein Schweren&ouml;ter und Prahlhans, der sporenklingend
+einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die H&auml;nde voller
+Ringe hatte und in seiner Kleidung auff&auml;llige Farben liebte.
+Neben seinem Haudegentum besa&szlig; er das gewandte Getue eines
+Ellenreiters. Sobald er verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre
+auf Kosten seiner Frau zu leben, a&szlig; und trank gut, schlief bis
+in den halben Tag hinein und rauchte aus langen Porzellanpfeifen.
+Nachts pflegte er sehr sp&auml;t heimzukommen, nachdem er sich in
+Kaffeeh&auml;usern herumgetrieben hatte. Als sein Schwiegervater
+starb und nur wenig hinterlie&szlig;, war Bovary emp&ouml;rt
+dar&uuml;ber. Er &uuml;bernahm die Fabrik, b&uuml;&szlig;te aber Geld
+dabei ein, und so zog er sich schlie&szlig;lich auf das Land
+zur&uuml;ck, wovon er sich goldne Berge ertr&auml;umte. Aber er
+verstand von der Landwirtschaft auch nicht mehr als von der
+Hutmacherei, ritt lieber spazieren, als da&szlig; er seine Pferde zur
+Arbeit einspannen lie&szlig;, trank seinen Apfelwein flaschenweise
+selber, anstatt ihn in F&auml;ssern zu verkaufen, lie&szlig; das
+fetteste Gefl&uuml;gel in den eignen Magen gelangen und schmierte
+sich mit dem Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege
+sah er zu guter Letzt ein, da&szlig; es am tunlichsten f&uuml;r ihn
+sei, sich in keinerlei Gesch&auml;fte mehr einzulassen.
+
+</P><P>
+
+F&uuml;r zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem
+Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundst&uuml;ck,
+halb Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zur&uuml;ck,
+f&uuml;nfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen,
+gallig und mi&szlig;g&uuml;nstig zu jedermann. Von den Menschen
+angeekelt, wie er sagte, wollte er in Frieden f&uuml;r sich hinleben.
+
+</P><P>
+
+Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
+tausend Dem&uuml;tigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem
+heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allm&auml;hlich (just wie
+sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) m&uuml;rrisch, z&auml;nkisch
+und nerv&ouml;s geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten,
+wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her
+war und abends m&uuml;de und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher
+Spelunke zu ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zun&auml;chst
+m&auml;chtig geregt, aber schlie&szlig;lich schwieg sie, w&uuml;rgte
+ihren Grimm in stummem Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis
+zu ihrem letzten St&uuml;ndlein. Sie war unabl&auml;ssig t&auml;tig
+und immer auf dem Posten. Sie war es, die zu den Anw&auml;lten und
+Beh&ouml;rden ging. Sie wu&szlig;te, wenn Wechsel f&auml;llig waren;
+sie erwirkte ihre Verl&auml;ngerung. Sie machte alle Hausarbeiten,
+n&auml;hte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und f&uuml;hrte die
+B&uuml;cher, w&auml;hrend der Herr und Gebieter sich um nichts
+k&uuml;mmerte, aus seinem Zustande griesgr&auml;mlicher
+Schl&auml;frigkeit nicht herauskam und sich h&ouml;chstens dazu
+ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am
+Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche.
+
+</P><P>
+
+Als ein Kind zur Welt kam, mu&szlig;te es einer Amme gegeben werden;
+und als es wieder zu Hause war, wurde das schw&auml;chliche
+Gesch&ouml;pf grenzenlos verw&ouml;hnt. Die Mutter n&auml;hrte es mit
+Zuckerzeug. Der Vater lie&szlig; es barfu&szlig; herumlaufen und
+meinte h&ouml;chst weise obendrein, der Kleine k&ouml;nne eigentlich
+ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den
+Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmtes m&auml;nnliches
+Erziehungsideal in den Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu
+modeln sich M&uuml;he gab. Er sollte rauh angefa&szlig;t werden wie
+ein junger Spartaner, damit er sich t&uuml;chtig abh&auml;rte. Er
+mu&szlig;te in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen ordentlichen
+Schluck Rum vertragen und auf den &bdquo;kirchlichen Klimbim&ldquo;
+schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur und
+widerstrebte allen diesen Bem&uuml;hungen. Die Mutter schleppte ihn
+immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren aus und
+erz&auml;hlte ihm M&auml;rchen; sie unterhielt sich mit ihm in
+endlosen Selbstgespr&auml;chen, die von schwerm&uuml;tiger
+Fr&ouml;hlichkeit und wortreicher Z&auml;rtlichkeit &uuml;berquollen.
+In ihrer Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle
+ihre eigenen unerf&uuml;llten und verlorenen Sehns&uuml;chte. Im
+Traume sah sie ihn erwachsen, hochangesehen, sch&ouml;n, klug, als
+Beamten beim Stra&szlig;en- und Br&uuml;ckenbau oder in einer
+Ratsstellung. Sie lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten
+Klavier, das sie besa&szlig;, das Singen von ein paar Liedchen bei.
+Ihr Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu
+alledem, es sei blo&szlig; schade um die M&uuml;he; sie h&auml;tten
+doch niemals die Mittel, den Jungen auf eine h&ouml;here Schule zu
+schicken oder ihm ein Amt oder ein Gesch&auml;ft zu kaufen. Zu was
+auch? Dem Kecken geh&ouml;re die Welt! Frau Bovary schwieg still, und
+der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den Feldarbeitern
+hinaus, scheuchte die Kr&auml;hen auf, schmauste Beeren an den
+Rainen, h&uuml;tete mit einer Gerte die Truth&auml;hne und
+durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem
+Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
+best&uuml;rmte er den Kirchendiener, die Glocken l&auml;uten zu
+d&uuml;rfen. Dann h&auml;ngte er sich mit seinem ganzen Gewicht an
+den Strang der gro&szlig;en Glocke und lie&szlig; sich mit
+emporziehen. So wuchs er auf wie eine Lilie auf dem Felde, bekam
+kr&auml;ftige Glieder und frische Farben.
+
+</P><P>
+
+Als er zw&ouml;lf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter
+durch, da&szlig; er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam
+Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so
+unregelm&auml;&szlig;ig, da&szlig; sie nicht viel Erfolg hatten. Sie
+fanden statt, wenn der Geistliche einmal gar nichts anders zu tun
+hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen
+zwischen den Taufen und Begr&auml;bnissen. Mitunter, wenn er keine
+Lust hatte auszugehen, lie&szlig; der Pfarrer seinen Sch&uuml;ler
+nach dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden sa&szlig;en dann oben im
+St&uuml;bchen. M&uuml;cken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber
+es war so warm drin, da&szlig; der Junge schl&auml;frig wurde, und es
+dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die
+H&auml;nde &uuml;ber dem Schmerbauche gefaltet. Es kam auch vor,
+da&szlig; der Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken
+in der Umgegend, dem er das Abendmahl gereicht hatte, den kleinen
+Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm
+eine viertelst&uuml;ndige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit,
+ihn im Schatten eines Baumes seine Lektion hersagen zu lassen.
+Entweder war es der Regen, der den Unterricht st&ouml;rte, oder
+irgendein Bekannter, der vor&uuml;berging. &Uuml;brigens war der
+Lehrer durchweg mit seinem Sch&uuml;ler zufrieden, ja er meinte
+sogar, der &bdquo;junge Mann&ldquo; habe ein gar treffliches
+Ged&auml;chtnis.
+
+</P><P>
+
+So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und ihr
+Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber
+sch&auml;mte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch
+ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.
+
+</P><P>
+
+Dar&uuml;ber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber
+wurde Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein
+Vater brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.
+
+</P><P>
+
+Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch deutlich
+an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer Junge, der in der
+Freizeit wie ein Kind spielte, in den Arbeitsstunden eifrig lernte,
+w&auml;hrend des Unterrichts aufmerksam dasa&szlig;, im Schlafsaal
+vorschriftsm&auml;&szlig;ig schlief und bei den Mahlzeiten ordentlich
+zulangte. Sein Verkehr au&szlig;erhalb der Schule war ein
+Eisengro&szlig;h&auml;ndler in der Handschuhmachergasse, der aller
+vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach
+Ladenschlu&szlig;. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die
+Schiffe und brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen
+wieder in das Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit
+roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei
+Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine
+Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von Barthelemys
+&bdquo;Reise des jungen Anacharsis&ldquo;, das im Arbeitssaal
+herumlag. Bei Ausfl&uuml;gen plauderte er mit dem Pedell, der
+ebenfalls vom Lande war.
+
+</P><P>
+
+Durch seinen Flei&szlig; gelang es ihm, sich immer in der Mitte der
+Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der
+Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn seine
+Eltern vom Gymnasium fort und lie&szlig;en ihn Medizin studieren. Sie
+waren der festen Zuversicht, da&szlig; er sich bis zum Staatsexamen
+schon durchw&uuml;rgen w&uuml;rde.
+
+</P><P>
+
+Die Mutter mietete ihm ein St&uuml;bchen, vier Stock hoch, nach der
+Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines F&auml;rbers, eines alten
+Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen &uuml;ber die Verpflegung
+ihres Sohnes, besorgte ein paar M&ouml;belst&uuml;cke, einen Tisch
+und zwei St&uuml;hle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus
+Kirschbaumholz kommen lie&szlig;. Des weiteren kaufte sie ein
+Kanonen&ouml;fchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer
+Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder heim,
+nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja
+h&uuml;bsch flei&szlig;ig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz
+allein auf sich selbst angewiesen sei.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der
+medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen
+und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen, von
+Kollegien &uuml;ber Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik,
+Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen
+&Uuml;bungen usw. Alle diese vielen Namen, &uuml;ber deren Herkunft
+er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie
+geheimnisvolle Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.
+
+</P><P>
+
+Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen war,
+er begriff nichts. Um so mehr b&uuml;ffelte er. Er schrieb
+flei&szlig;ig nach, vers&auml;umte kein Kolleg und fehlte in keiner
+&Uuml;bung. Er erf&uuml;llte sein t&auml;gliches Arbeitspensum wie
+ein Gaul im Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet,
+ohne zu wissen, was f&uuml;r ein Gesch&auml;ft er eigentlich
+verrichtet.
+
+</P><P>
+
+Zu seiner pekuni&auml;ren Unterst&uuml;tzung schickte ihm seine
+Mutter allw&ouml;chentlich durch den Botenmann ein St&uuml;ck
+Kalbsbraten. Das war sein Fr&uuml;hst&uuml;ck, wenn er aus dem
+Krankenhause auf einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen,
+dazu langte die Zeit nicht, denn er mu&szlig;te alsbald wieder in ein
+Kolleg oder zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von
+Stra&szlig;en hindurch. Abends nahm er an der kargen Hauptmahlzeit
+seiner Wirtsleute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und
+setzte sich an seine Lehrb&uuml;cher, oft in nassen Kleidern, die ihm
+dann am Leibe bei der Rotglut des kleinen Ofens zu dampfen begannen.
+
+</P><P>
+
+An sch&ouml;nen Sommerabenden, wenn die schw&uuml;len Gassen leer
+wurden und die Dienstm&auml;dchen vor den Haust&uuml;ren Ball
+spielten, &ouml;ffnete er sein Fenster und sah hinaus. Unten
+flo&szlig; der Flu&szlig; vor&uuml;ber, der aus diesem Viertel von
+Rouen ein h&auml;&szlig;liches Klein-Venedig machte. Seine gelben,
+violett und blau schimmernden Wasser krochen tr&auml;g zu den Wehren
+und Br&uuml;cken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die Arme
+in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang hervorragten,
+trockneten B&uuml;ndel von Baumwolle in der Luft. Gegen&uuml;ber,
+hinter den D&auml;chern, leuchtete der weite klare Himmel mit der
+sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mu&szlig;te es da drau&szlig;en
+im Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief
+Atem, um den k&ouml;stlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch
+gar nicht bis zu ihm drang.
+
+</P><P>
+
+Er magerte ab und sah sehr schm&auml;chtig aus. Sein Gesicht bekam
+einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward
+tr&auml;ge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten
+Vors&auml;tzen mehr und mehr untreu. Heute vers&auml;umte er die
+Klinik, morgen ein Kolleg, und allm&auml;hlich fand er Genu&szlig; am
+Faulenzen und ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer
+Winkelkneipe und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in
+einer schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen
+Spielsteinen auf einem Marmortische zu klappern, das d&uuml;nkte ihn
+der h&ouml;chste Grad von Freiheit zu sein, und das st&auml;rkte ihm
+sein Selbstbewu&szlig;tsein. Es war ihm das so etwas wie der Anfang
+eines weltm&auml;nnischen Lebens, dieses Kosten verbotener Freuden.
+Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu sinnlichem
+Vergn&uuml;gen auf die T&uuml;rklinke. Eine Menge Dinge, die bis
+dahin in ihm unterdr&uuml;ckt worden waren, gewannen nunmehr Leben
+und Gestalt. Er lernte Gassenhauer auswendig, die er gelegentlich zum
+besten gab. B&eacute;ranger, der Freiheitss&auml;nger, begeisterte
+ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter Letzt entdeckte
+er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er im medizinischen
+Staatsexamen gl&auml;nzend durch.
+
+</P><P>
+
+Man erwartete ihn am n&auml;mlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei
+einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fu&szlig; auf
+den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort lie&szlig; er
+seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie
+entschuldigte ihn, schob den Mi&szlig;erfolg der Ungerechtigkeit der
+Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem sie
+ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle f&uuml;nf
+Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die Geschichte
+verj&auml;hrt, und so f&uuml;gte er sich drein. &Uuml;brigens
+h&auml;tte er es niemals zugegeben, da&szlig; sein leiblicher Sohn
+ein Dummkopf sei.
+
+</P><P>
+
+Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
+hartn&auml;ckigst auf eine nochmalige Pr&uuml;fung vor. Alles, was er
+gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat
+bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine
+Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein gro&szlig;es Festmahl
+statt.
+
+</P><P>
+
+Wo sollte er seine &auml;rztliche Praxis nun aus&uuml;ben? In Tostes.
+Dort gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete
+schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das
+Zeitliche gesegnet, da lie&szlig; sich Karl Bovary auch bereits als
+sein Nachfolger daselbst nieder.
+
+</P><P>
+
+Aber nicht genug, da&szlig; die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn
+Medizin studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte:
+nun mu&szlig;te er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der
+Witwe des Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben
+f&uuml;nfundvierzig J&auml;hrlein zw&ouml;lfhundert Franken Rente ihr
+eigen nannte. Obgleich sie h&auml;&szlig;lich war, d&uuml;rr wie eine
+Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum
+Bl&uuml;ten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs an Bewerbern.
+Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mu&szlig;te Mutter Bovary erst alle
+diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr geschickt
+fertig brachte. Sie triumphierte sogar &uuml;ber einen
+Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
+unterst&uuml;tzt wurde.
+
+</P><P>
+
+Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich dadurch
+g&uuml;nstiger zu stellen. Er hoffte, pers&ouml;nlich wie
+pekuni&auml;r unabh&auml;ngiger zu werden. Aber Heloise nahm die
+Z&uuml;gel in ihre H&auml;nde. Sie drillte ihm ein, was er vor den
+Leuten zu sagen habe und was nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er
+durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten, die
+nicht bezahlten, mu&szlig;te er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie
+erbrach seine Briefe, &uuml;berwachte jeden Schritt, den er tat, und
+horchte an der T&uuml;re, wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde
+waren. Jeden Morgen mu&szlig;te sie ihre Schokolade haben, und die
+R&uuml;cksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende.
+Unaufh&ouml;rlich klagte sie &uuml;ber Migr&auml;ne, Brustschmerzen
+oder Verdauungsst&ouml;rungen. Wenn viel Leute durch den Hausflur
+liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl ausw&auml;rts, dann fand
+sie die Einsamkeit gr&auml;&szlig;lich; kehrte er heim, so war es
+zweifellos blo&szlig;, weil er gedacht habe, sie liege im Sterben.
+Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm ihre mageren
+langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang seinen Hals und zog
+ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging die Jeremiade los. Er
+vernachl&auml;ssige sie, er liebe eine andre! Man habe es ihr ja
+gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Ungl&uuml;ck. Schlie&szlig;lich
+bat sie ihn um einen L&ouml;ffel Arznei, damit sie gesund werde, und
+um ein bi&szlig;chen mehr Liebe.
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Zweites Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel
+eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haust&uuml;re zum Stehen
+kam. Anastasia, das Dienstm&auml;dchen, klappte ihr Bodenfenster auf
+und verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der
+Stra&szlig;e stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an
+ihn.
+
+</P><P>
+
+Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
+auf, einen und dann den andern. Der Bote lie&szlig; sein Pferd
+stehen, folgte dem M&auml;dchen und betrat ohne weiteres das
+Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen K&auml;ppi, an dem eine graue
+Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und
+&uuml;berreicht ihn dem Arzt mit h&ouml;flicher Geb&auml;rde. Der
+richtete sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand
+dicht daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich
+versch&auml;mt der Wand zu und zeigte den R&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschlo&szlig;,
+wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverz&uuml;glich nach dem
+Pachtgut Les Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln.
+Nun braucht man von Tostes &uuml;ber Longueville und Sankt Victor bis
+Bertaux zu Fu&szlig; sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster.
+Frau Bovary sprach die Bef&uuml;rchtung aus, es k&ouml;nne ihrem
+Manne etwas zusto&szlig;en. Infolgedessen ward beschlossen, da&szlig;
+der Stallknecht vorausreiten, Karl aber erst drei Stunden
+sp&auml;ter, nach Mondaufgang, folgen solle. Man w&uuml;rde ihm einen
+Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute zeige und ihm den
+Hof aufschl&ouml;sse.
+
+</P><P>
+
+Fr&uuml;h gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
+geh&uuml;llt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen
+&uuml;berlie&szlig; er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser
+von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten
+parierte, wurde der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des
+gebrochnen Beines und begann in seinem Ged&auml;chtnisse alles
+auszukramen, was er von Knochenbr&uuml;chen wu&szlig;te.
+
+</P><P>
+
+Der Regen h&ouml;rte auf. Es d&auml;mmerte. Auf den laublosen
+&Auml;sten der Apfelb&auml;ume hockten regungslose V&ouml;gel, das
+Gefieder ob des k&uuml;hlen Morgenwindes gestr&auml;ubt. So weit das
+Auge sah, dehnte sich flaches Land. Auf dieser endlosen grauen
+Fl&auml;che hoben sich hie und da in gro&szlig;en Zwischenr&auml;umen
+tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit des Himmels tr&uuml;ben
+Farben zusammenflossen; das waren Baumgruppen um G&uuml;ter und
+Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit ri&szlig; Karl seine Augen auf, bis
+ihn die M&uuml;digkeit von neuem &uuml;berw&auml;ltigte und der
+Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand,
+in dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so
+da&szlig; er ein Doppelleben f&uuml;hrte. Er war noch Student und
+gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im n&auml;mlichen Moment glaubte
+er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den
+Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von hei&szlig;en
+Umschl&auml;gen mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen
+Dufte des Morgentaus. Dazu h&ouml;rte er, wie die Messingringe an den
+Stangen der Bettvorh&auml;nge klirrten und wie seine Frau im Schlafe
+atmete&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen, der
+am Rande des Stra&szlig;engrabens im Grase sa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind Sie der Herr Doktor?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln in
+die H&auml;nde und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs
+h&ouml;rte Bovary aus den Reden seines F&uuml;hrers heraus, da&szlig;
+Herr Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der
+wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf
+dem Heimwege von einem Nachbar, wo man das Dreik&ouml;nigsfest
+gefeiert hatte, ein Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre
+tot. Er lebte ganz allein mit &bdquo;dem gn&auml;digen
+Fr&auml;ulein&ldquo;, das ihm den Haushalt f&uuml;hrte.
+
+</P><P>
+
+Die Radfurchen wurden tiefer. Man n&auml;herte sich dem Gute.
+Pl&ouml;tzlich verschwand der Junge in der L&uuml;cke einer
+Gartenhecke, um hinter der Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen,
+wo er ein gro&szlig;es Tor &ouml;ffnete. Das Pferd trat in nasses
+rutschiges Gras, und Karl mu&szlig;te sich ducken, um nicht vom
+Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren aus
+ihren H&uuml;tten, schlugen an und rasselten an den Ketten. Als der
+Arzt in den eigentlichen Gutshof einritt, scheute der Gaul und machte
+einen gro&szlig;en Satz zur Seite.
+
+</P><P>
+
+Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die
+offenstehenden T&uuml;ren konnte man in die St&auml;lle blicken, wo
+kr&auml;ftige Ackerg&auml;ule gem&auml;chlich aus blanken Raufen ihr
+Heu kauten. L&auml;ngs der Wirtschaftsgeb&auml;ude zog sich ein
+dampfender Misthaufen hin. Unter den H&uuml;hnern und Truth&auml;hnen
+machten sich f&uuml;nf bis sechs Pfauen mausig, der Stolz der
+G&uuml;ter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch
+und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei gro&szlig;e
+Leiterwagen und vier Pfl&uuml;ge, dazu die n&ouml;tigen
+Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus
+Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den
+Kornb&ouml;den heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu
+etwas anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe B&auml;ume
+bepflanzt. Vom T&uuml;mpel her erscholl das fr&ouml;hliche
+Geschnatter der G&auml;nse.
+
+</P><P>
+
+An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in einem
+mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und
+begr&uuml;&szlig;te den Arzt. Er wurde nach der K&uuml;che
+gef&uuml;hrt, wo ein t&uuml;chtiges Feuer brannte. Auf dem Herde
+kochte in kleinen T&ouml;pfen von verschiedener Form das
+Fr&uuml;hst&uuml;ck des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen
+na&szlig;gewordene Kleidungsst&uuml;cke zum Trocknen. Kohlenschaufel,
+Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger
+Gr&ouml;&szlig;e, funkelten wie von blankem Stahl, w&auml;hrend
+l&auml;ngs der W&auml;nde eine Unmenge K&uuml;chenger&auml;t hing,
+&uuml;ber dem die helle Herdflamme um die Wette mit den ersten
+Strahlen der durch die Fenster huschenden Morgensonne spielte und
+glitzerte.
+
+</P><P>
+
+Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. Er
+fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
+Nachtm&uuml;tze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein
+st&auml;mmiger kleiner Mann, ein F&uuml;nfziger, mit wei&szlig;em
+Haar, blauen Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf
+einem Stuhle stand eine gro&szlig;e Karaffe voll Branntwein, aus der
+er sich von Zeit zu Zeit ein Gl&auml;schen einschenkte, um
+&bdquo;Mumm in die Knochen zu kriegen&ldquo;. Angesichts des Arztes
+legte sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern &mdash;
+was er seit zw&ouml;lf Stunden getan hatte &mdash; fing er nunmehr an
+zu &auml;chzen und zu st&ouml;hnen.
+
+</P><P>
+
+Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl h&auml;tte
+sich einen leichteren Fall nicht zu w&uuml;nschen gewagt. Alsbald
+erinnerte er sich der All&uuml;ren, die seine Lehrmeister an den
+Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten
+ein reichliches Ma&szlig; der &uuml;blichen guten Worte, jenes
+Chirurgenbalsams, der an das &Ouml;l gemahnt, mit dem die
+Seziermesser eingefettet werden. Er lie&szlig; sich aus dem
+Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu bekommen.
+Von den gebrachten St&uuml;cken w&auml;hlte er eins aus, schnitt die
+Schienen daraus zurecht und gl&auml;ttete sie mit einer Glasscherbe.
+W&auml;hrenddem stellte die Magd Leinwandbinden her, und
+Fr&auml;ulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster
+anzufertigen. Als sie ihren N&auml;hkasten nicht gleich fand,
+polterte der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim N&auml;hen
+stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut
+aus.
+
+</P><P>
+
+Karl war erstaunt, was f&uuml;r blendendwei&szlig;e N&auml;gel sie
+hatte. Sie waren mandelf&ouml;rmig geschnitten und sorglich gepflegt,
+und so schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre H&auml;nde
+freilich waren nicht gerade sch&ouml;n, vielleicht nicht wei&szlig;
+genug und ein wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu
+schlank, nicht besonders weich und in ihren Linien ungrazi&ouml;s.
+Was jedoch sch&ouml;n an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren
+braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr
+offener Blick traf die Menschen mit der K&uuml;hnheit der Unschuld.
+
+</P><P>
+
+Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
+&bdquo;einen Bissen zu essen&ldquo;, ehe er wieder aufbr&auml;che.
+Karl ward in das E&szlig;zimmer gef&uuml;hrt, das zu ebener Erde lag.
+Auf einem kleinen Tische war f&uuml;r zwei Personen gedeckt; neben
+den Gedecken blinkten silberne Becher. Aus dem gro&szlig;en
+Eichenschranke, gegen&uuml;ber dem Fenster, str&ouml;mte Geruch von
+Iris und feuchtem Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und
+Glied mehrere S&auml;cke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer
+nebenan keinen Platz gefunden, zu der drei Steinstufen
+hinauff&uuml;hrten. In der Mitte der Wand, deren gr&uuml;ner Anstrich
+sich stellenweise abbl&auml;tterte, hing in einem vergoldeten Rahmen
+eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer Minerva. In
+schn&ouml;rkeliger Schrift stand darunter geschrieben. &bdquo;Meinem
+lieben Vater!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
+Frost, von den W&ouml;lfen, die nachts die Umgegend unsicher machen.
+Fr&auml;ulein Rouault schw&auml;rmte gar nicht besonders von dem
+Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der
+Gutswirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war,
+fr&ouml;stelte sie w&auml;hrend der ganzen Mahlzeit. Beim Essen
+fielen ihre vollen Lippen etwas auf. Wenn das Gespr&auml;ch stockte,
+pflegte sie mit den Oberz&auml;hnen auf die Unterlippe zu
+bei&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+Ihr Hals wuchs aus einem wei&szlig;en Umlegekragen heraus. Ihr
+schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in der
+Mitte gescheitelt; beide H&auml;lften lagen so glatt auf dem Kopfe,
+da&szlig; sie wie zwei Fl&uuml;gel aus je einem St&uuml;cke aussahen
+und kaum die Ohrl&auml;ppchen blicken lie&szlig;en. &Uuml;ber den
+Schl&auml;fen war das Haar gewellt, was der Landarzt noch nie in
+seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei
+Kn&ouml;pfen ihrer Taille lugte &mdash; wie bei einem Herrn &mdash;
+ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.
+
+</P><P>
+
+Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, trat
+er nochmals in das E&szlig;zimmer. Er fand Emma am Fenster stehend,
+die Stirn an die Scheiben gedr&uuml;ckt. Sie schaute in den Garten
+hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich
+umwendend, fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Suchen Sie etwas?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er fing an zu suchen, hinter den T&uuml;ren und unter den
+St&uuml;hlen. Der Stock war auf den Fu&szlig;boden gefallen, gerade
+zwischen die S&auml;cke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie
+sich &uuml;ber die S&auml;cke beugte, wollte Karl ihr galant
+zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der n&auml;mlichen Absicht wie sie
+ausstreckte, ber&uuml;hrte seine Brust den geb&uuml;ckten R&uuml;cken
+des jungen M&auml;dchens. Sie f&uuml;hlten es beide. Emma fuhr rasch
+in die H&ouml;he. Ganz rot geworden, sah sie ihn &uuml;ber die
+Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.
+
+</P><P>
+
+Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt dessen
+war er bereits am n&auml;chsten Tag zur Stelle, und von da ab kam er
+regelm&auml;&szlig;ig zweimal in der Woche, ungerechnet die
+gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
+&bdquo;zuf&auml;llig in der Gegend&ldquo; war. &Uuml;brigens ging
+alles vorz&uuml;glich; die Heilung verlief regelrecht, und als man
+nach sechs und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in
+Haus und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen
+Gegend den Ruf einer Kapazit&auml;t erworben. Der alte Herr meinte,
+besser h&auml;tten ihn die ersten &Auml;rzte von Yvetot oder selbst
+von Rouen auch nicht kurieren k&ouml;nnen.
+
+</P><P>
+
+Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern nach
+dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch dar&uuml;ber nachgesonnen
+h&auml;tte, so w&uuml;rde er den Beweggrund seines Eifers zweifellos
+in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in Aussicht
+stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber wirklich die
+Gr&uuml;nde, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu k&ouml;stlichen
+Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines t&auml;tigen Lebens
+machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und
+lie&szlig; den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz
+vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit
+Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und
+so ritt er kreuzvergn&uuml;gt in den Gutshof ein. Es war ihm ein
+Wonnegef&uuml;hl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Fl&uuml;gel
+des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der Mauer kr&auml;hen zu
+h&ouml;ren und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte
+die Scheune und die St&auml;lle; er liebte den Papa Rouault, der ihm
+so treuherzig die Hand sch&uuml;ttelte und ihn seinen Lebensretter
+nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des
+Gutsfr&auml;uleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der
+K&uuml;che so allerliebst schl&uuml;rften und klapperten. In diesen
+Schuhen sah Emma viel gr&ouml;&szlig;er aus denn sonst. Wenn Karl
+wieder ging, gab sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der
+Freitreppe. War sein Pferd noch nicht vorgef&uuml;hrt, dann wartete
+sie mit. Sie hatten schon Abschied voneinander genommen, und so
+sprachen sie nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges
+Haar im Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die
+Sch&uuml;rzenb&auml;nder begannen ihr um die H&uuml;ften zu flattern.
+Einmal war Tauwetter. An den Rinden der B&auml;ume rann Wasser in den
+Hof hinab, und auf den D&auml;chern der Geb&auml;ude schmolz aller
+Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle, da ging sie wieder ins
+Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn auf. Die Sonnenlichter
+stahlen sich durch die taubengraue Seide und tupften tanzende Reflexe
+auf die wei&szlig;e Haut ihres Gesichts. Das gab ein so warmes und
+wohliges Gef&uuml;hl, da&szlig; Emma l&auml;chelte. Einzelne
+Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut vernehmbar, einer,
+wieder einer, noch einer&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Im Anfang hatte Frau Bovary h&auml;ufig nach Herrn Rouault und seiner
+Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, f&uuml;r ihn in
+ihrer doppelten Buchf&uuml;hrung ein besondres Konto einzurichten.
+Als sie aber vernahm, da&szlig; er eine Tochter hatte, zog sie
+n&auml;here Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, da&szlig;
+Fr&auml;ulein Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen
+worden war, sozusagen also &bdquo;eine feine Erziehung
+genossen&ldquo; hatte, da&szlig; sie infolgedessen Kenntnisse im
+Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und Klavierspielen
+haben mu&szlig;te. Das ging ihr &uuml;ber die Hutschnur, wie man zu
+sagen pflegt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Also darum!&ldquo; sagte sie sich. &bdquo;Darum also lacht ihm
+das ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue
+Weste an, gleichg&uuml;ltig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh
+dieses Weib, dieses Weib!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Instinktiv ha&szlig;te sie Emma. Zuerst tat sie sich eine G&uuml;te
+in allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte
+sie es mit anz&uuml;glichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer
+h&auml;uslichen Szene &uuml;ber sich ergehen lie&szlig;.
+Schlie&szlig;lich aber ging sie im Sturm vor. Karl wu&szlig;te nicht,
+was er sagen sollte. Weshalb renne er denn ewig nach Bertaux, wo doch
+der Alte l&auml;ngst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch
+nicht berappt habe? Na freilich, weil es da &bdquo;eine Person&ldquo;
+g&auml;be, die fein zu schwatzen verst&uuml;nde, ein Weibsbild, das
+sticken k&ouml;nne und weiter nichts, ein Blaustrumpf! In die sei er
+verschossen! Ein Stadtd&auml;mchen, das sei ihm ein gefundenes
+Fressen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bl&ouml;dsinn!&ldquo; polterte sie weiter. &bdquo;Die Tochter
+des alten Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr
+Gro&szlig;vater hat noch die Schafe geh&uuml;tet, und ein Vetter von
+ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt gekommen, weil er bei einem
+Streite jemanden halbtot gedroschen hat! So was hat gar keinen
+Anla&szlig;, sich was Besonders einzubilden und Sonntags aufgedonnert
+in die Kirche zu schw&auml;nzeln, in seidnen Kleidern wie eine
+Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen
+Jahre die Rapsernte nicht so unversch&auml;mt gut ausgefallen
+w&auml;re, h&auml;tte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
+k&ouml;nnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
+ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tr&auml;nen und
+K&uuml;ssen und unter tausend Z&auml;rtlichkeiten auf ihr
+Me&szlig;buch schw&ouml;ren lassen, nicht mehr hinzugehen. Er
+gehorchte. Aber in seiner heimlichen Sehnsucht war er k&uuml;hner; da
+war er emp&ouml;rt &uuml;ber seine tats&auml;chliche eigne Feigheit.
+Und in naivem Machiavellismus sagte er sich, gerade ob dieses Verbots
+habe er ein Recht auf seine Liebe. Was war die ehemalige Witwe auch
+f&uuml;r ein Weib: sie war spindeld&uuml;rr und hatte
+h&auml;&szlig;liche Z&auml;hne; Sommer wie Winter trug sie denselben
+schwarzen Schal mit dem &uuml;ber den R&uuml;cken herabh&auml;ngenden
+langen Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern
+wie in einem Futteral, und was f&uuml;r plumpe Schuhe trug sie
+&uuml;ber ihren grauen Str&uuml;mpfen.
+
+</P><P>
+
+Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch
+schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele Essen
+bek&auml;me ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich ein
+Glas Wein vorsetze? Und es sei blo&szlig; Dickk&ouml;pfigkeit von
+ihm, keine Flanellw&auml;sche zu tragen.
+
+</P><P>
+
+Zu Beginn des Fr&uuml;hlings begab es sich, da&szlig; der
+Verm&ouml;gensverwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in
+Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern &uuml;bers Meer das
+Weite suchte. Nun besa&szlig; sie allerdings au&szlig;erdem einen
+Schiffsanteil in der H&ouml;he von sechstausend Franken und ein Haus
+in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen Besitzt&uuml;mern
+hatte man nie etwas Ordentliches zu sehen bekommen. Die Witwe hatte
+nichts mit in die Ehe gebracht als ein paar M&ouml;bel und etliche
+Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache auf den Grund, und da stellte
+sich denn heraus, da&szlig; besagtes Haus bis an die Feueresse mit
+Hypotheken belastet, da&szlig; kein Mensch wu&szlig;te, wieviel Geld
+wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen, und da&szlig; die
+Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich hatte die
+liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary
+einen Stuhl gegen die Wand, da&szlig; er in tausend St&uuml;cke ging,
+und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in das
+Ungl&uuml;ck gest&uuml;rzt und ihn mit einer alten Kracke
+eingespannt, die des Futters nicht einmal mehr wert sei.
+
+</P><P>
+
+Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu
+heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres Gatten
+und beschwor ihn, sie den Eltern gegen&uuml;ber in Schutz zu nehmen.
+Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das nahmen ihm die
+Alten &uuml;bel. Sie reisten ab.
+
+</P><P>
+
+Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
+darnach, als sie dabei war, W&auml;sche im Hofe aufzuh&auml;ngen,
+bekam sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.
+
+</P><P>
+
+Als Karl vom Friedhofe zur&uuml;ckkam, fand er im Erdgescho&szlig;
+keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das
+Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am
+Bette hing. Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken,
+bis es dunkel wurde, in schmerzliche Tr&auml;umereien versunken.
+Alles in allem hatte sie ihn doch geliebt&nbsp;...
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Drittes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar
+f&uuml;r den behandelten Beinbruch: f&uuml;nfundsiebzig Franken in
+blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Ungl&uuml;ck
+erfahren und tr&ouml;stete ihn, so gut er konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig;, wie einem da zumute ist!&ldquo; sagte er,
+indem er dem Witwer auf die Schulter klopfte. &bdquo;Habs ja selber
+mal durchgemacht, ganz so wie Sie! Als ich meine Selige begraben
+hatte, da lief ich hinaus ins Freie, um allein f&uuml;r mich zu sein.
+Ich warf mich im Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem
+lieben Gott zu hadern, und machte ihm die d&uuml;mmsten
+Vorw&uuml;rfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf
+h&auml;ngen, dem der Bauch von W&uuml;rmern wimmelte. Ich beneidete
+den Kadaver! Und wenn ich daran dachte, da&szlig; im selben
+Augenblicke andre M&auml;nner mit ihren netten kleinen Frauen
+zusammen waren und sie an sich dr&uuml;ckten, schlug ich mit meinem
+Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit
+mir. Ich a&szlig; nicht mehr. Der blo&szlig;e Gedanke, in ein
+Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und so
+nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Fr&uuml;hling dem Winter
+und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei, drei, und weg
+war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige Wort: hinunter!
+Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben nicht los. Da tief
+drinnen in der Brust bleibt immer was stecken. Aber Luft kriegt man
+wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser aller Schicksal, und
+deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Man darf
+nicht sterben wollen, weil andere gestorben sind. Auch Sie
+m&uuml;ssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles vor&uuml;ber!
+Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an Sie. Sie
+h&auml;tten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Fr&uuml;hling.
+Zerstreuen Sie sich ein bi&szlig;chen bei uns. Schie&szlig;en Sie ein
+paar Karnickel auf meinem Revier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
+alles wie einst, das hei&szlig;t wie vor f&uuml;nf Monaten. Die
+Birnb&auml;ume hatten schon Bl&uuml;ten, und der treffliche Vater
+Rouault war wieder mordsgesund und von fr&uuml;h bis abend auf den
+Beinen. Und im ganzen Gut war m&auml;chtiger Betrieb.
+
+</P><P>
+
+Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
+R&uuml;cksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so
+bequem wie nur m&ouml;glich zu machen, sprach im Fl&uuml;stertone mit
+ihm wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich au&szlig;er sich,
+wenn man des Gastes wegen nicht, wie befohlen, die
+leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel
+feine Eierspeisen oder ged&uuml;nstete Birnen. Er erz&auml;hlte
+Anekdoten und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl.
+Aber mir einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde
+nachdenklich. Der Kaffee ward gebracht, und da verga&szlig; er sie
+wieder.
+
+</P><P>
+
+Je mehr er sich an sein Witwertum gew&ouml;hnte, um so weniger
+gedachte er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue
+Bewu&szlig;tsein, unabh&auml;ngig zu sein, machte ihm die Einsamkeit
+bald ertr&auml;glicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten
+selber bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft
+dar&uuml;ber geben zu m&uuml;ssen, und wenn er m&uuml;de war, alle
+vier von sich strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er
+hegte und pflegte sich und lie&szlig; alle Tr&ouml;stungen &uuml;ber
+sich ergehen. &Uuml;brigens hatte der Tod seiner Frau keine
+ung&uuml;nstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man
+wochenlang in einem fort sagte: &bdquo;Der arme Doktor. Wie
+traurig!&ldquo; blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis
+vergr&ouml;&szlig;erte sich. Und dann konnte er nun nach Bertaux
+reiten, wann es ihm beliebte. Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in
+ihm auf, ein namenloses Gl&uuml;cksgef&uuml;hl. Wenn er sich im
+Spiegel betrachtete und sich den Bart strich, fand er sich gar nicht
+&uuml;bel.
+
+</P><P>
+
+Eines sch&ouml;nen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute
+angeritten. Alles war drau&szlig;en auf dem Felde. Er betrat die
+K&uuml;che. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zun&auml;chst
+nicht. Die Fensterl&auml;den waren geschlossen. Durch die Ritzen des
+Holzes stachen die Sonnenstrahlen mit langen d&uuml;nnen Nadeln auf
+die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der M&ouml;bel
+entzwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem K&uuml;chentische
+krabbelten Fliegen an den Gl&auml;sern hinauf, purzelten summend in
+die Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den
+Kamin eindrang, verwandelte die ru&szlig;ige Herdplatte in eine
+Samtfl&auml;che und f&auml;rbte den Aschehaufen blau. Emma sa&szlig;
+zwischen dem Fenster und dem Herd und n&auml;hte. Sie hatte kein
+Halstuch um, und auf ihren entbl&ouml;&szlig;ten Schultern
+gl&auml;nzten kleine Schwei&szlig;perlen.
+
+</P><P>
+
+Nach l&auml;ndlichem Brauch bot sie dem Ank&ouml;mmling einen Trunk
+an. Als er ihn ausschlug, n&ouml;tigte sie ihn, und schlie&szlig;lich
+bat sie ihn lachend, ein Gl&auml;schen Lik&ouml;r mit ihr zu trinken.
+Sie holte aus dem Schranke eine Flasche Cura&ccedil;ao, suchte zwei
+Gl&auml;ser heraus, f&uuml;llte das eine bis zum Rande und go&szlig;
+in das andre ein paar Tropfen. Sie stie&szlig; mit Karl an und
+f&uuml;hrte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel wie nichts drin war,
+mu&szlig;te sie sich beim Trinken zur&uuml;ckbiegen. Den Kopf nach
+hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals gestrafft, so stand
+sie da und lachte dar&uuml;ber, da&szlig; ihr nichts auf die Zunge
+lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen Z&auml;hnen
+herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals suchend
+vorstie&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit zu
+widmen. Ein wei&szlig;er baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
+gesenkter Stirn sa&szlig; sie da. Sie sagte nichts und Karl erst
+recht nichts. Der Luftzug, der sich zwischen T&uuml;r und Schwelle
+eindr&auml;ngte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl
+sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei h&ouml;rte er nichts als das
+H&auml;mmern seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das
+Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin
+und wieder hielt Emma die Handfl&auml;chen ihrer H&auml;nde auf den
+kalten Knauf der Herdstange und pre&szlig;te sie dann an ihre Wangen,
+um diese zu k&uuml;hlen.
+
+</P><P>
+
+Sie klagte &uuml;ber die Schwindelanf&auml;lle, von denen sie seit
+Fr&uuml;hjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
+Seeb&auml;der dienlich w&auml;ren. Dann plauderte sie von ihrem
+Aufenthalt im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten
+sie in ein Gespr&auml;ch. Sie f&uuml;hrte ihn in ihr Zimmer und
+zeigte ihm ihre Notenhefte von damals und die niedlichen B&uuml;cher,
+die sie als Schulpr&auml;mien bekommen hatte, und die
+Eichenlaubkr&auml;nze, die im untersten Schrankfache ihr Dasein
+fristeten. Dann erz&auml;hlte sie von ihrer Mutter, von deren Grabe,
+und zeigte ihm sogar im Garten das Beet, wo die Blumen w&uuml;chsen,
+die sie der Toten jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der
+G&auml;rtner, den sie hatten, verst&uuml;nde nichts. Mit dem seien
+sie schlecht dran. Ihr Wunsch w&auml;re es, wenigstens w&auml;hrend
+der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder,
+an den langen Sommertagen sei das Leben auf dem Lande noch
+langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte, klang ihre Stimme hell
+oder scharf; oder sie nahm pl&ouml;tzlich einen matten Ton an, und
+wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz anders,
+wie fl&uuml;sternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte
+gro&szlig;e unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider
+zur H&auml;lfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahmslos und
+traumverloren aus.
+
+</P><P>
+
+Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie geredet
+hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn ihrer Worte zu
+erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von der Existenz
+schaffen, die Emma gef&uuml;hrt, ehe er sie kennen gelernt hatte.
+Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu erschauen
+als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten Male
+erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte
+er sich, wie es wohl w&uuml;rde, wenn sie sich verheiratete, aber mit
+wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so
+sch&ouml;n!
+
+</P><P>
+
+Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen, und
+eine Art eint&ouml;nige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das
+Surren eines Kreisels: &bdquo;Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn
+du dich nun verheiratetest!&ldquo; In der Nacht konnte er keinen
+Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie zugeschn&uuml;rt. Er
+versp&uuml;rte Durst, stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das
+Fenster auf. Der Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind
+strich in das Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die
+R&ouml;tung nach Bertaux.
+
+</P><P>
+
+Endlich kam er auf den Gedanken, da&szlig; es den Hals nicht kosten
+k&ouml;nne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten
+Gelegenheit um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese
+Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte
+nicht &uuml;ber die Lippen. Vater Rouault h&auml;tte l&auml;ngst
+nichts dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt
+h&auml;tte. Im Grunde n&uuml;tzte sie ihm in Haus und Hof nicht viel.
+Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie war eben f&uuml;r die
+Landwirtschaft zu geweckt. &bdquo;Ein gottverdammtes Gewerbe!&ldquo;
+pflegte er zu schimpfen. &bdquo;Das hat auch noch keinen zum
+Million&auml;r gemacht!&ldquo; Ihm hatte es in der Tat keine
+Reicht&uuml;mer gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn
+wenn er auch auf den M&auml;rkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl
+bekannt war, so war er eigentlich doch f&uuml;r Ackerbau und
+Viehzucht durchaus nicht geschaffen. Er verstand nicht zu
+wirtschaften. Er nahm nicht gern die H&auml;nde aus den Hosentaschen,
+und seinem eigenen Leibe war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut
+Essen und Trinken, einen warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein
+gutes Glas Landwein, ein halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein
+T&auml;&szlig;chen Mokka mit Kognak geh&ouml;rten zu den Idealen
+seines Lebens. Er nahm seine Mahlzeiten in der K&uuml;che ein und
+zwar allein f&uuml;r sich, in der N&auml;he des Herdfeuers an einem
+kleinen Tische, der ihm &mdash; wie auf der B&uuml;hne &mdash; fix
+und fertig gedeckt hereingebracht werden mu&szlig;te.
+
+</P><P>
+
+Als er die Entdeckung machte, da&szlig; Karl einen roten Kopf bekam,
+wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, da&szlig; fr&uuml;her oder
+sp&auml;ter ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald
+&uuml;berlegte er sich die Geschichte. Besonders schneidig sah ja
+Karl Bovary nicht gerade aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen
+k&uuml;nftigen Schwiegersohn ein bi&szlig;chen anders gedacht, aber
+er war doch als anst&auml;ndiger Kerl bekannt, sparsam und
+t&uuml;chtig in seinem Berufe. Und zweifellos w&uuml;rde er wegen der
+Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge
+gro&szlig;er Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er
+sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu
+verkaufen. Die Kelter mu&szlig;te auch erneuert werden. Und so sagte
+er sich: &bdquo;Wenn er um Emma anh&auml;lt, soll er sie
+kriegen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag und
+Stunde auf Stunde, ohne da&szlig; Karls Wille zur Tat ward. Rouault
+gab ihm ein kleines St&uuml;ck Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs
+vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden. Das
+war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis zuallerletzt. Erst
+als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er los:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verehrter Herr Rouault, ich m&ouml;chte Ihnen gern etwas
+sagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden M&auml;nner blieben
+stehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!&ldquo;
+Rouault lachte gem&uuml;tlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vater Rouault! Vater Rouault!&ldquo; stammelte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinen Segen sollen Sie haben!&ldquo; fuhr der
+Gutsp&auml;chter fort. &bdquo;Meine Kleine denkt gewi&szlig; nicht
+anders als ich, aber gefragt werden mu&szlig; sie. Reiten Sie getrost
+nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins Gebet nehmen. Wenn sie Ja
+sagt, &mdash; wohlverstanden! &mdash; brauchen Sie jedoch nicht
+umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein
+bi&szlig;chen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut
+schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde einen
+Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da oben
+&uuml;ber die Hecke gucken, k&ouml;nnen Sie das ungesehen
+beobachten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Damit ging er.
+
+</P><P>
+
+Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die B&ouml;schung
+hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
+Eine halbe Stunde verstrich &mdash; und dann noch neunzehn Minuten
+... Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden
+blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde
+&uuml;ber und &uuml;ber rot, als sie ihn sah. Sie l&auml;chelte
+gezwungen ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte
+seinen k&uuml;nftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der
+gesch&auml;ftlichen Punkte wurde verschoben. &Uuml;brigens war noch
+viel Zeit dazu, da die Hochzeit anstandshalber vor Ablauf von Karls
+Trauerjahr nicht stattfinden konnte, das hie&szlig;, nicht vor dem
+n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr.
+
+</P><P>
+
+In dieser Erwartung verging der Winter. Fr&auml;ulein Rouault
+besch&auml;ftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
+Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, die
+sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte das
+Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
+&uuml;berlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
+Platten und Sch&uuml;sseln auf die Tafel kommen und was f&uuml;r
+Vorspeisen es geben solle.
+
+</P><P>
+
+Am liebsten h&auml;tte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
+zw&ouml;lf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden w&auml;re; aber
+f&uuml;r solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verst&auml;ndnis.
+Man einigte sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig
+G&auml;ste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch
+sitzen bleiben. Am n&auml;chsten Tage und an den folgenden sollte es
+so weitergehen.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Viertes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Die Hochzeitsg&auml;ste stellten sich p&uuml;nktlich ein, in
+Kutschen, Landauern, Einsp&auml;nnern, Gigs, Kremsern mit
+Ledervorh&auml;ngen, in allerlei Fuhrwerk moderner und
+vorsintflutlicher Art. Das junge Volk aus den n&auml;chsten
+Nachbard&ouml;rfern kam t&uuml;chtig durchger&uuml;ttelt im Trabe in
+einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe stehend, die
+H&auml;nde an den Seitenstangen, um nicht umzufallen. Etliche eilten
+zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville, Normanville und Cany.
+Die Verwandten beider Familien waren samt und sonders geladen.
+Freunde, mit denen man uneins gewesen, vers&ouml;hnte man, und es war
+an Bekannte geschrieben worden, von denen man wer wei&szlig; wie
+lange nichts geh&ouml;rt hatte.
+
+</P><P>
+
+Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
+Eine Weile sp&auml;ter erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging
+es bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die
+Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie und
+turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen
+st&auml;dtische Kleider, goldne Uhrketten, Umh&auml;nge mit langen
+Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die
+mit einer Nadel auf dem R&uuml;cken festgesteckt waren, damit sie
+hinten den Hals frei lie&szlig;en. Die Knaben, genau so angezogen wie
+ihre V&auml;ter, f&uuml;hlten sich in ihren R&ouml;cken sichtlich
+unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige
+Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis
+sechzehnj&auml;hrige M&auml;dchen, offenbar ihre Basen oder
+&auml;lteren Schwestern, in ihren wei&szlig;en Firmelkleidern, die
+man zur Feier des Tages um ein St&uuml;ck l&auml;nger gemacht hatte,
+alle mit roten versch&auml;mten Gesichtern und pomadisiertem Haar,
+voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht
+Knechte genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen,
+streiften die Herren die Rock&auml;rmel hoch und stellten ihre Pferde
+eigenh&auml;ndig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren
+sie in Fr&auml;cken, R&ouml;cken oder Jacketts erschienen. Manche in
+ehrw&uuml;rdigen Bratenr&ouml;cken, die nur bei ganz besonderen
+Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke geholt wurden; ihre langen
+Sch&ouml;&szlig;e flatterten im Winde, die Kragen daran sahen aus wie
+Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang von S&auml;cken. Es
+waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein gekommen, meist im
+Verein mit messingumr&auml;nderten M&uuml;tzen; fernerhin ganz kurze
+R&ouml;cke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden gro&szlig;en
+Kn&ouml;pfen hinten in der Taille und mit Sch&ouml;&szlig;en, die so
+ausschauten, als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem
+Ganzen herausgehackt. Ein paar (einige wenige) G&auml;ste &mdash; und
+das waren solche, die dann an der Festtafel gewi&szlig; am
+alleruntersten Ende zu sitzen kamen &mdash; trugen nur Sonntagsblusen
+mit breitem Umlegekragen und R&uuml;ckenfalten unter dem G&uuml;rtel.
+
+</P><P>
+
+Die steifen Hemden w&ouml;lbten sich &uuml;ber den Br&uuml;sten wie
+K&uuml;rasse. Durchweg hatte man sich unl&auml;ngst das Haar
+schneiden lassen (um so mehr standen die Ohren von den Sch&auml;deln
+ab!), und alle waren ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln
+aufgestanden waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug
+gehabt und hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer
+geschnitten oder hatten am Kinn L&ouml;cher in der Haut bekommen,
+gro&szlig; wie Talerst&uuml;cke. Unterwegs hatten sich diese Wunden
+in der frischen Morgenluft ger&ouml;tet, und so leuchteten auf den
+breiten blassen Bauerngesichtern gro&szlig;e rote Flecke.
+
+</P><P>
+
+Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. Man
+begab sich zu Fu&szlig; dahin und ebenso zur&uuml;ck, nachdem die
+Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war
+anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich durch
+die gr&uuml;nen Felder geschl&auml;ngelt. Aber bald lockerte er sich
+und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten
+plaudernd versp&auml;teten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer
+buntbeb&auml;nderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die
+Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt
+die Kinder, die sich damit vergn&uuml;gten, &Auml;hren aus den
+Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas
+Kleid, das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin.
+Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las
+sie behutsam mit ihren behandschuhten H&auml;nden die kleinen
+stacheligen Distelbl&auml;tter ab, die an ihrem Kleide h&auml;ngen
+geblieben waren. W&auml;hrenddem stand Karl mit leeren H&auml;nden da
+und wartete, bis sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen
+Zylinderhut und einen schwarzen Rock, dessen &Auml;rmel ihm bis an
+die Fingern&auml;gel reichten. Am Arm f&uuml;hrte er Frau Bovary
+senior. Der alte Herr Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze
+Sippschaft um sich herum verachtete, war einfach in einem
+uniform&auml;hnlichen einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite
+schritt eine junge blonde B&auml;uerin, die er mir derben Galanterien
+traktierte. Sie h&ouml;rte ihm respektvoll zu, wu&szlig;te aber in
+ihrer Verlegenheit gar nicht, was sie sagen sollte. Die &uuml;brigen
+G&auml;ste sprachen von ihren Gesch&auml;ften oder ulkten sich
+gegenseitig an, um sich in fidele Stimmung zu bringen. Wer
+aufhorchte, h&ouml;rte in einem fort das Tirilieren des Spielmannes,
+der auch im freien Felde weitergeigte. Sooft er bemerkte, da&szlig;
+die Gesellschaft weit hinter ihm zur&uuml;ckgeblieben war, machte er
+Halt und sch&ouml;pfte Atem. Umst&auml;ndlich rieb er seinen
+Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten sch&ouml;ner
+quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in Bewegung. Er
+hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht h&uuml;bsch im
+Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die V&ouml;gel schon von
+weitem.
+
+</P><P>
+
+Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens
+aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs
+Sch&uuml;sseln mit H&uuml;hnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem
+Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier
+Leberw&uuml;rsten in Sauerkraut, ein k&ouml;stlich knusprig
+gebratenes Spanferkel. An den vier Ecken des Tisches br&uuml;steten
+sich Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen
+wirbelte perlender Apfelweinsekt, w&auml;hrend auf der Tafel bereits
+alle Gl&auml;ser im voraus bis an den Rand vollgeschenkt waren.
+Gro&szlig;e Teller mit gelber Creme, die beim leisesten Sto&szlig;
+gegen den Tisch zitterte und bebte, vervollst&auml;ndigten die
+Augenweide. Auf der glatten Oberfl&auml;che dieses Desserts prangten
+in umschn&ouml;rkelten Monogrammen von Zuckergu&szlig; die
+Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Br&auml;utigam. F&uuml;r
+die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot kommen
+lassen. Da dies sein Deb&uuml;t in der Gegend war, hatte er sich ganz
+besondre M&uuml;he gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenh&auml;ndig
+ein Prunkst&uuml;ck seiner Kunst auf, das ein allgemeines
+&bdquo;Ah!&ldquo; hervorrief. Der Unterbau aus blauer Pappe stellte
+ein von Sternen aus Goldpapier &uuml;bers&auml;tes Tempelchen dar,
+mit einem S&auml;ulenumgang und Nischen, in denen Statuen aus
+Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich ein Festungsturm
+aus Pfefferkuchen, umbaut von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln,
+Rosinen und Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber
+kr&ouml;nte &uuml;ber einer gr&uuml;nen Landschaft aus Wiesen, Felsen
+und Teichen mit Nu&szlig;schalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk):
+ein niedlicher Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade
+wiegte. In den beiden kugelgeschm&uuml;ckten Schn&auml;beln der
+Schaukel steckten zwei lebendige Rosenknospen.
+
+</P><P>
+
+Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen
+erm&uuml;det war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte
+eine Partie des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und
+setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar G&auml;ste schliefen
+gegen das Ende des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim
+Kaffee war alles wieder munter. Man sang Lieder, vollf&uuml;hrte
+allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, scho&szlig;
+Purzelb&auml;ume, hob Schubkarren bis zur Schulterh&ouml;he,
+erz&auml;hlte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte mit den
+Damen.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Aufbruch war es kein leichtes St&uuml;ck Arbeit, den Pferden,
+die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte und
+Geschirre aufzulegen. Die &uuml;berm&uuml;tigen Tiere stiegen,
+bockten und schlugen aus, w&auml;hrend die Herren und Kutscher
+fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den
+mondbegl&auml;nzten Landstra&szlig;en in Karriere &uuml;ber Stock und
+Stein heimrasende Fuhrwerke.
+
+</P><P>
+
+Die nacht&uuml;ber in Bertaux bleibenden G&auml;ste zechten am
+K&uuml;chentische bis zum fr&uuml;hen Morgen weiter, w&auml;hrend die
+Kinder unter den B&auml;nken schliefen.
+
+</P><P>
+
+Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den
+herk&ouml;mmlichen Sp&auml;&szlig;en zu bewahren. Indessen machte
+sich ein Vetter &mdash; ein Seefischh&auml;ndler, der als
+Hochzeitsgeschenk selbstverst&auml;ndlich ein paar Seezungen
+gestiftet hatte &mdash; doch daran, einen Mund voll Wasser durch das
+Schl&uuml;sselloch des Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault
+erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er
+machte ihm klar, da&szlig; sich derartige Scherze mit der W&uuml;rde
+seines Schwiegersohnes nicht vertr&uuml;gen. Der Vetter lie&szlig;
+sich durch diese Einw&auml;nde nur widerwillig von seinem Vorhaben
+abbringen. Insgeheim hielt er den alten Rouault f&uuml;r aufgeblasen.
+Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bis f&uuml;nf andern
+Unzufriedenen, die w&auml;hrend des Mahles bei der Wahl der
+Fleischst&uuml;cke Mi&szlig;griffe getan hatten. Diese
+Ungl&uuml;cksmenschen r&auml;sonierten nun alle untereinander auf den
+Gastgeber und w&uuml;nschten ihm ungeniert alles &Uuml;ble.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag &uuml;ber aus ihrer
+Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der
+Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
+Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zur&uuml;ck.
+Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er
+lie&szlig; sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er
+Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden
+unbekannt war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an.
+
+</P><P>
+
+Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er w&auml;hrend des Festes
+gar keine gl&auml;nzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien,
+Sp&auml;&szlig;e, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und
+Anulkungen, die ihm der Sitte gem&auml;&szlig; bei Tische zuteil
+geworden waren, hatte er sich alles andre denn schlagfertig gezeigt.
+Um so m&auml;chtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war
+er offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor
+sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich
+v&ouml;llig und lie&szlig; sich nicht das geringste anmerken. Die
+gr&ouml;&szlig;ten Schandm&auml;uler waren sprachlos; sie standen da
+wie vor einem Wundertier. Karl freilich machte aus seinem Gl&uuml;ck
+kein Hehl. Er nannte Emma &bdquo;mein liebes Frauchen&ldquo;, duzte
+sie, lief ihr &uuml;berallhin nach und zog sie mehrfach abseits, um
+allein mit ihr im Hofe unter den B&auml;umen ein wenig zu plaudern,
+wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und
+Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdr&uuml;ckte
+mit seinem Kopfe ihr Halstuch.
+
+</P><P>
+
+Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuverm&auml;hlten auf. Karl
+konnte seiner Patienten wegen nicht l&auml;nger verweilen. Vater
+Rouault lie&szlig; das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und
+gab ihm pers&ouml;nlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied
+k&uuml;&szlig;te er seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und
+machte sich zu Fu&szlig; auf den R&uuml;ckweg.
+
+</P><P>
+
+Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
+Wagen nachzuschauen, der die sandige Stra&szlig;e dahinrollte. Dabei
+seufzte er tief auf. Er dachte zur&uuml;ck an seine eigne Hochzeit,
+an l&auml;ngstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft
+seiner Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des
+Tages, wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte.
+Auf dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er
+seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so um
+Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit
+der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern
+ihren Korb getragen. Die langen B&auml;nder ihres normannischen
+Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um
+die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er &uuml;ber seine
+Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges Gesicht,
+das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich hinl&auml;chelte.
+Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger eine Weile in
+seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange war das nun her!
+Wenn ihr Sohn am Leben geblieben w&auml;re, dann w&auml;re er jetzt
+drei&szlig;ig Jahre alt!
+
+</P><P>
+
+Er blickte sich nochmals um. Auf der Stra&szlig;e war nichts mehr zu
+sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem vielen
+Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die z&auml;rtlichen
+Erinnerungen mit schwerm&uuml;tigen Gedanken. Einen Augenblick lang
+versp&uuml;rte er das Verlangen, den Umweg &uuml;ber den Friedhof zu
+machen. Aber er f&uuml;rchtete sich davor, da&szlig; ihn dies nur
+noch tr&uuml;bseliger stimmte, und so ging er auf dem k&uuml;rzesten
+Wege nach Hause.
+
+</P><P>
+
+Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn
+st&uuml;rzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu
+ersp&auml;hen. Die alte Magd empfing sie unter
+Gl&uuml;ckw&uuml;nschen und bat um Entschuldigung, da&szlig; das
+Mittagessen noch nicht ganz fertig sei. Sie lud die gn&auml;dige Frau
+ein, einstweilen ihr neues Heim in Augenschein zu nehmen.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie der
+Stra&szlig;e, genauer gesagt: der Landstra&szlig;e. In der Hausflur,
+gleich an der Haust&uuml;re, hingen an einem Halter ein Kragenmantel,
+ein Z&uuml;gel, eine M&uuml;tze aus schwarzem Leder, und in einem
+Winkel auf dem Fu&szlig;boden lagen ein paar Gamaschen, voll von
+trocken gewordnem Stra&szlig;enschmutz. Rechter Hand lag die
+&bdquo;Gro&szlig;e Stube&ldquo;, das hei&szlig;t der Raum, in dem die
+Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich als Wohnzimmer diente.
+An den W&auml;nden bauschte sich allenthalben die schlecht
+aufgeklebte zeisiggr&uuml;ne Papiertapete, die an der Decke durch
+eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern
+&uuml;berschnitten sich wei&szlig;e Kattunvorh&auml;nge, die rote
+Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine
+Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten
+Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen.
+
+</P><P>
+
+Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines
+Gemach, etwa sechs Fu&szlig; in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei
+St&uuml;hle und ein Schreibtischsessel. Die sechs F&auml;cher eines
+B&uuml;chergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die
+B&auml;nde des &bdquo;Medizinischen Lexikons&ldquo; ausgef&uuml;llt,
+die unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen
+Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte
+Umschl&auml;ge bekommen hatten. Durch die d&uuml;nne Wand drang
+Buttergeruch aus der benachbarten K&uuml;che in das Sprechzimmer,
+w&auml;hrend man dort h&ouml;ren konnte, wenn die Patienten husteten
+und ihre langen Leidensgeschichten erz&auml;hlten.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Hofe zu, wo das Stallgeb&auml;ude stand, lag ein
+gro&szlig;es verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als
+Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit
+altem Eisen, leeren F&auml;ssern, abgetanenem Ackerger&auml;t und
+einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen
+kaum mehr ansehen konnte.
+
+</P><P>
+
+Der Garten, der mehr in die L&auml;nge denn in die Breite ging,
+dehnte sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
+begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. Mitten
+im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr darauf, auf
+einer Schieferplatte. Vier Felder mit d&uuml;rftigen Heckenrosen
+umg&uuml;rteten symmetrisch ein Mittelbeet mit n&uuml;tzlicherem
+Gew&auml;chs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand
+eine Tonfigur: ein M&ouml;nch, in sein Brevier vertieft.
+
+</P><P>
+
+Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war
+&uuml;berhaupt nicht m&ouml;bliert, aber im zweiten, der gemeinsamen
+Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorh&auml;ngen ein
+Himmelbett aus Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit
+Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster
+leuchtete in einer Kristallvase ein Strau&szlig; von
+Orangenbl&uuml;ten, umwunden von einem Seidenbande: ein
+Hochzeitsbukett, die Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie.
+Karl bemerkte es, nahm den Strau&szlig; aus der Vase und trug ihn auf
+den Oberboden. W&auml;hrenddem sa&szlig; sie in einem Lehnstuhl. Ihr
+eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das in einer Schachtel
+verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in das Zimmer und baute
+sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, was wohl mit
+ihrem Strau&szlig;e gesch&auml;he, wenn sie zuf&auml;llig auch bald
+st&uuml;rbe.
+
+</P><P>
+
+In den ersten Tagen besch&auml;ftigte sich Emma damit, sich allerlei
+&Auml;nderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken
+von den Leuchtern, lie&szlig; neu tapezieren, die Treppe streichen
+und B&auml;nke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
+
+</P><P>
+
+Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
+Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden k&ouml;nnte. Karl
+wu&szlig;te, da&szlig; sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade
+eine Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
+neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein
+Dogcart.
+
+</P><P>
+
+So war Karl der gl&uuml;cklichste und sorgenloseste Mensch auf der
+Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
+Landstra&szlig;e, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band
+im Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze
+h&auml;ngenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von
+denen er nie geglaubt h&auml;tte, da&szlig; sie einen erfreuen
+k&ouml;nnten, all das trug dazu bei, da&szlig; sein Gl&uuml;ck nicht
+aufh&ouml;rte. Fr&uuml;hmorgens im Bette, Seite an Seite mit ihr auf
+demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch den
+blonden Flaum ihrer von den Haubenb&auml;ndern halbverdeckten Wangen
+huschten. So aus der N&auml;he kamen ihm ihre Augen viel
+gr&ouml;&szlig;er vor, besonders beim Erwachen, wenn sich ihre Lider
+mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten
+sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau am lichten Tage; in
+ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, w&auml;hrend sie sich nach der
+schimmernden Oberfl&auml;che zu aufhellten. Sein eigenes Auge verlor
+sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz klein, bis an
+die Schultern, mit dem Seidentuche, das er sich um den Kopf
+geschlungen hatte, und dem Kragen seines offen stehenden Nachthemdes.
+
+</P><P>
+
+Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um
+ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das Fensterbrett
+gest&uuml;tzt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie leicht
+umflo&szlig;, zwischen zwei Geranienst&ouml;cken. Karl unten auf der
+Stra&szlig;e schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an.
+Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, w&auml;hrenddem
+sie mit ihrem Munde eine Bl&uuml;te oder ein Bl&auml;ttchen von den
+Geranien abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und
+schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel
+und blieb schlie&szlig;lich im Fallen in der ungepflegten M&auml;hne
+der alten Schimmelstute h&auml;ngen, die unbeweglich vor der
+Haust&uuml;re wartete. Karl sa&szlig; auf und warf seiner Frau eine
+Ku&szlig;hand zu. Sie antwortete winkend und schlo&szlig; das
+Fenster. Er ritt ab.
+
+</P><P>
+
+Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstra&szlig;e, in
+den Hohlwegen, &uuml;ber denen sich die B&auml;ume zu einem Laubdache
+schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die
+Knie streifte, die warme Sonne auf dem R&uuml;cken, die frische
+Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der
+Nacht, friedsamen Gem&uuml;ts und befriedigter Sinne, &mdash; da
+geno&szlig; er all sein Gl&uuml;ck abermals, just wie einer, der nach
+einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Tr&uuml;ffeln, die er
+bereits verdaut, noch auf der Zunge hat.
+
+</P><P>
+
+Was hatte er bisher an Gl&uuml;ck in seinem Leben erfahren? War er
+denn im Gymnasium gl&uuml;cklich gewesen, wo er sich in der Enge
+hoher Mauern so einsam gef&uuml;hlt hatte, unter seinen Kameraden,
+die reicher und st&auml;rker waren als er, &uuml;ber seine
+b&auml;uerische Aussprache lachten, sich &uuml;ber seinen Anzug
+lustig machten und zur Besuchszeit mit ihren M&uuml;ttern plauderten,
+die mit Kuchen in der Tasche kamen? Oder etwa sp&auml;ter als Student
+der Medizin, wo er niemals Geld genug im Beutel gehabt hatte, um
+irgendein kleines M&auml;del zum Tanz f&uuml;hren zu k&ouml;nnen, das
+seine Geliebte geworden w&auml;re? Oder gar w&auml;hrend der vierzehn
+Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren F&uuml;&szlig;e im
+Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besa&szlig;
+er f&uuml;r immerdar seine h&uuml;bsche Frau, in die er vernarrt war.
+Seine Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen
+Unterrocks, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht
+genug. Und so &uuml;berkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr.
+Spornstreichs ritt er heimw&auml;rts, rannte die Treppe hinauf, mit
+klopfendem Herzen ... Emma sa&szlig; in ihrem Zimmer bei der
+Toilette. Er schlich sich auf den Fu&szlig;spitzen von hinten an sie
+heran und k&uuml;&szlig;te ihr den Nacken. Sie stie&szlig; einen
+Schrei aus.
+
+</P><P>
+
+Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, ihr
+Halstuch zu bef&uuml;hlen. Manchmal k&uuml;&szlig;te er sie
+t&uuml;chtig auf die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner
+K&uuml;sse gleichsam aneinander, die ihren nackten Arm in seiner
+ganzen L&auml;nge von den Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter
+bedeckten. Sie wehrte ihn ab, l&auml;chelnd und gelangweilt, wie man
+ein kleines Kind zur&uuml;ckdr&auml;ngt, das sich an einen
+anklammert.
+
+</P><P>
+
+Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
+empfinden. Aber als das Gl&uuml;ck, das sie aus dieser Liebe
+erwartete, ausblieb, da mu&szlig;te sie sich doch get&auml;uscht
+haben. So dachte sie. Und sie gab sich M&uuml;he, zu ergr&uuml;beln,
+wo eigentlich in der Wirklichkeit all das Sch&ouml;ne sei, das in den
+Romanen mit den Worten Gl&uuml;ckseligkeit, Leidenschaft und Rausch
+so verlockend geschildert wird.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Sechstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Emma hatte &bdquo;Paul und Virginia&ldquo; gelesen und in ihren
+Tr&auml;umereien alles vor sich gesehen: die Bambush&uuml;tte, den
+Neger Domingo, den Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die
+z&auml;rtliche Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt,
+der f&uuml;r sie rote Fr&uuml;chte auf &uuml;berturmhohen B&auml;umen
+pfl&uuml;ckte und barfu&szlig; durch den Sand gelaufen kam, ihr ein
+Vogelnest zu bringen.
+
+</P><P>
+
+Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt, um
+sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im Viertel
+Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt bekamen,
+auf denen Szenen aus dem Leben des Fr&auml;uleins von
+Lavalli&egrave;re gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder,
+hier und da von Messerkritzeln besch&auml;digt, verherrlichten
+Fr&ouml;mmigkeit, Gef&uuml;hls&uuml;berschwang und h&ouml;fischen
+Prunk.
+
+</P><P>
+
+In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich nicht
+im geringsten. Sie f&uuml;hlte sich vielmehr in der Gesellschaft der
+g&uuml;tigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein
+Vergn&uuml;gen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom
+Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den Freistunden
+spielte sie nur h&ouml;chst selten, im Katechismus war sie alsbald
+sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die dem Herrn
+Pfarrer immer zu antworten wu&szlig;te. So lebte sie, ohne in die
+Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosph&auml;re der Schulstuben und
+unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkr&auml;nzen und
+Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen
+Traumzustand, der sich um die Weihrauchd&uuml;fte, die K&uuml;hle der
+Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe
+zuzuh&ouml;ren, betrachtete sie die frommen himmelblau
+umr&auml;nderten Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in
+das kranke Lamm Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und
+in den armen Christus selber, der, sein Kreuz schleppend,
+zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag
+lang ohne Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um
+irgendein Gel&uuml;bde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte.
+
+</P><P>
+
+Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine S&uuml;nden,
+nur damit sie l&auml;nger im Halbdunkel knien durfte, die H&auml;nde
+gefaltet, das Gesicht ans Gitter gepre&szlig;t, unter dem
+fl&uuml;sternden Priester. Die Gleichnisse vom Br&auml;utigam, vom
+Gemahl, vom himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in
+den Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele
+geheimnisvolle s&uuml;&szlig;e Schauer.
+
+</P><P>
+
+Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen
+Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen
+Geschichte oder aus den &bdquo;Stunden der Andacht&ldquo; des
+Abb&eacute; Frayssinous und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands
+&bdquo;Geist des Christentums&ldquo;. Wie andachtsvoll lauschte sie
+bei den ersten Malen den klangreichen Klagen romantischer Schwermut,
+die wie ein Echo aus Welt und Ewigkeit erschallten! W&auml;re Emmas
+Kindheit im Hinterst&uuml;bchen eines Kramladens in einem
+Gesch&auml;ftsviertel dahingeflossen, dann w&auml;re das junge
+M&auml;dchen vermutlich der Naturschw&auml;rmerei verfallen, die
+zumeist in literarischer Anregung ihre Quelle hat. So aber kannte sie
+das Land zu gut: das Bl&ouml;ken der Herden, die Milch- und
+Landwirtschaft. An friedsame Vorg&auml;nge gew&ouml;hnt, gewann sie
+eine Vorliebe f&uuml;r das dem Entgegengesetzte: das Abenteuerliche.
+So liebte sie das Meer einzig um der wilden St&uuml;rme willen und
+das Gr&uuml;n, nur wenn es zwischen Ruinen sein Dasein fristete. Es
+war ihr ein Bed&uuml;rfnis, aus den Dingen einen egoistischen
+Genu&szlig; zu sch&ouml;pfen, und sie warf alles als unn&uuml;tz
+beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente. Ihre
+Eigenart war eher sentimental als &auml;sthetisch; sie sp&uuml;rte
+lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach.
+
+</P><P>
+
+Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier Wochen
+auf acht Tage einstellte, um die W&auml;sche auszubessern. Da sie
+einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution zugrunde
+gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit beg&ouml;nnert. Sie
+a&szlig; mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern, und
+pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderst&uuml;ndchen zu machen,
+bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, da&szlig;
+sich die Pension&auml;rinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die
+Alte aufsuchten. Sie wu&szlig;te galante Chansons aus dem <TT>ancien
+r&eacute;gime</TT> auswendig und sang ihnen welche halbleise vor,
+ohne dabei ihre Flickarbeit zu vernachl&auml;ssigen. Sie
+erz&auml;hlte Geschichten, wu&szlig;te stets Neuigkeiten,
+&uuml;bernahm allerhand Besorgungen in der Stadt und lieh den
+gr&ouml;&szlig;eren M&auml;dchen Romane, von denen sie immer ein paar
+in den Taschen ihrer Sch&uuml;rze bei sich hatte. In den Ruhepausen
+ihrer T&auml;tigkeit verschlang das gute Fr&auml;ulein selber schnell
+ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften, Liebhabern,
+Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in einsamen Pavillonen
+ohnm&auml;chtig, und von Postillionen, die an allen Ecken und Enden
+gemordet wurden, von edlen Rossen, die man auf Seite f&uuml;r Seite
+zuschanden ritt, von d&uuml;steren W&auml;ldern, Herzensk&auml;mpfen,
+Schw&uuml;ren, Schluchzen, Tr&auml;nen und K&uuml;ssen, von
+Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den B&uuml;schen, von
+hohen Herren, die wie L&ouml;wen tapfer und sanft wie Bergschafe
+waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer k&ouml;stlich
+gekleidet und ganz unbeschreiblich tr&auml;nenselig. Ein halbes Jahr
+lang beschmutzte sich die f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Emma ihre Finger
+mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott
+in die H&auml;nde, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen
+Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Ritters&auml;len und
+Minnes&auml;ngern. Am liebsten h&auml;tte sie in einem alten
+Herrensitze gelebt, geh&uuml;llt in schlanke Gew&auml;nder wie jene
+Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gest&uuml;tzt und
+das Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage vertr&auml;umten
+und in die Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein
+Rittersmann mit wei&szlig;er Helmzier dahergest&uuml;rmt k&auml;me
+auf einem schwarzen Ro&szlig;. Damals trieb sie einen wahren Kult mit
+Maria Stuart; ihre Verehrung von ber&uuml;hmten oder
+ungl&uuml;cklichen Frauen ging bis zur Schw&auml;rmerei. Die Jungfrau
+von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die sch&ouml;ne Ferronni&egrave;re
+und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem
+grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse. Fast ganz im
+Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in ihrer
+Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende
+Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwigs des Elften, irgendeine
+Szene aus der Bartholom&auml;usnacht, der Helmbusch Heinrichs des
+Vierten, dazu unausl&ouml;schlich die Erinnerung an die gemalten
+Teller mit den Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten.
+
+</P><P>
+
+In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
+Rede von Englein mit goldenen Fl&uuml;geln, von Madonnen, Lagunen und
+Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr
+Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die
+Realit&auml;ten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber
+der Sentimentalit&auml;t. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten
+lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als Neujahrsgeschenke
+bekommen hatten. Da&szlig; man sie heimlich halten mu&szlig;te, war
+die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen. Emma nahm die
+sch&ouml;nen Atlaseinb&auml;nde nur behutsam in die Hand und
+lie&szlig; sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren,
+die ihre Beitr&auml;ge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten.
+Das Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin
+leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre Seite
+sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in einem
+M&auml;ntelchen, wie er hinter der Br&uuml;stung eines Altans ein
+wei&szlig; gekleidetes junges M&auml;dchen mit einer Tasche am
+G&uuml;rtel an sich dr&uuml;ckte; auf anderen waren Bildnisse von
+ungenannten blondlockigen englischen Ladys, die unter runden
+Strohh&uuml;ten mit gro&szlig;en hellen Augen hervorschauten. Andre
+sah man in flotten Wagen durch den Park fahren, wobei ein Windspiel
+vor den Pferden hersprang, die von zwei kleinen Grooms in
+wei&szlig;en Hosen kutschiert wurden. Andre tr&auml;umten auf dem
+Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und himmelten durch das halb
+offene, schwarz umh&auml;ngte Fenster den Mond an. Wieder andre,
+Unschuldskinder, krauten, eine Tr&auml;ne auf der Wange, durch das
+Gitter eines gotischen K&auml;figs ein Turtelt&auml;ubchen oder
+zerzupften, den Kopf versch&auml;mt geneigt, mit koketten Fingern,
+die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine
+Marguerite. Alles m&ouml;gliche andre zeigten die &uuml;brigen
+Stiche: Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen
+in den Armen; Giaurs, T&uuml;rkens&auml;bel, phrygische M&uuml;tzen,
+nicht zu vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen
+Palmen und Fichten, Tiger und L&ouml;wen friedlich beieinanderstehen,
+und Minaretts am Horizonte und r&ouml;mische Ruinen im Vordergrunde
+eine Gruppe lagernder Kamele &uuml;berragen, w&auml;hrend auf der
+einen Seite ein wohlgepflegtes St&uuml;ck Urwald steht, auf der
+andern ein See, eine Riesensonne mit stechenden Strahlen dar&uuml;ber
+und auf seiner stahlblauen, hie und da wei&szlig; aufsch&auml;umenden
+Flut, in die Ferne verstreut, gleitende Schw&auml;ne&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas H&auml;upten an der Wand
+hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem
+andern an ihr vor&uuml;berzogen, in des Schlafsaales Stille, in die
+kein Ger&auml;usch drang, h&ouml;chstens das ferne Rollen eines
+sp&auml;ten Fuhrwerks.
+
+</P><P>
+
+Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
+lie&szlig; sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen
+fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehm&uuml;tiger
+Betrachtungen &uuml;ber das Leben und bat ihn, man m&ouml;ge sie
+dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei
+krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin,
+da&szlig; sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen
+Regionen einer seltenen Gef&uuml;hlswelt, in die Alltagsherzen
+niemals gelangen. Sie verlor sich in Lamartinischen
+R&uuml;hrseligkeiten, h&ouml;rte Harfenkl&auml;nge &uuml;ber den
+Weihern und Schwanenges&auml;nge, die Klagen des fallenden Laubes,
+die Himmelfahrten jungfr&auml;ulicher Seelen und die Stimme des
+Ewigen, die in den Tiefen fl&uuml;stert.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs
+einzugestehen, und so blieb sie dabei zun&auml;chst aus Gewohnheit,
+dann aus Eitelkeit, und schlie&szlig;lich war sie &uuml;berrascht,
+da&szlig; sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und da&szlig;
+ihr Herz ebensowenig schwerm&uuml;tig war wie ihre jugendliche Stirne
+runzelig.
+
+</P><P>
+
+Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission gehofft
+hatten, bemerkten zu ihrem h&ouml;chsten Befremden, da&szlig;
+Fr&auml;ulein Rouault ihrem Einflu&szlig; zu entschl&uuml;pfen
+drohte. Man hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder,
+Predigten und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet,
+welch gro&szlig;e Verehrung die Heiligen und M&auml;rtyrer
+gen&ouml;ssen, und ihr zu vorz&uuml;gliche Ratschl&auml;ge gegeben,
+wie man den Leib kasteie und die Seele der ewigen Seligkeit
+zuf&uuml;hre; und so ging es mit ihr wie mit einem Pferd, das man zu
+straff an die Kandare genommen hat: sie blieb pl&ouml;tzlich stehen
+und machte nicht mehr mit.
+
+</P><P>
+
+Bei aller Schw&auml;rmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie
+hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte
+und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr
+Geist emp&ouml;rte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch
+mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem
+tiefsten Wesen v&ouml;llig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem
+Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand
+sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der
+Schwesternschaft recht fehlen lassen.
+
+</P><P>
+
+Wieder zu Hause, gefiel sich das junge M&auml;dchen zun&auml;chst
+darin, das Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des
+Landlebens &uuml;berdr&uuml;ssig, und nun sehnte sie sich nach dem
+Kloster zur&uuml;ck. Als Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie
+just &uuml;berzeugt, da&szlig; sie alle Illusionen verloren habe,
+da&szlig; es nichts mehr auf der Welt g&auml;be, was ihr Hirn oder
+Herz r&uuml;hren k&ouml;nne. Dann aber waren das mit jedem neuen
+Zustande verbundene wirre Gef&uuml;hl und die Unruhe, die sich ihrer
+diesem Manne gegen&uuml;ber bem&auml;chtigte, stark genug, um in ihr
+den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in
+ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein Riesenvogel mit
+rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit himmlischer Traumfernen
+geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, hatte sie keine Kraft zu
+glauben, da&szlig; die Friedsamkeit, in der sie hinlebte, das
+ertr&auml;umte Gl&uuml;ck sei.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Siebentes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die sch&ouml;nsten
+Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu sagen
+pflegt. Um ihre Wonnen zu sp&uuml;ren, h&auml;tten sie wohl in jene
+L&auml;nder mit klangvollen Namen reisen m&uuml;ssen, wo der Morgen
+nach der Hochzeit in s&uuml;&szlig;em Nichtstun verrinnt. Man
+f&auml;hrt gem&auml;chlich in einer Postkutsche mit blauseidnen
+Vorh&auml;ngen die Gebirgsstra&szlig;en hinauf und lauscht dem Lied
+des Postillions, das in den Bergen zusammen mit den Herdenglocken und
+dem dumpfen Rauschen des Gie&szlig;bachs sein Echo findet. Wenn die
+Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft der Limonen, und dann nachts
+steht man auf der Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit
+verschlungenen H&auml;nden, schaut zu den Gestirnen empor und baut
+Luftschl&ouml;sser. Es kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel
+Heimst&auml;tten des Gl&uuml;cks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur
+an sonnigen Orten gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr
+nicht beschieden, sich auf den Altan eines Schweizerh&auml;uschens zu
+lehnen oder ihre Tr&uuml;bsal in einem schottischen Landhause zu
+vergessen, an der Seite eines Gatten, der einen langen schwarzen
+Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und Manschettenhemden
+tr&uuml;ge?
+
+</P><P>
+
+Alle diese Gr&uuml;beleien h&auml;tte sie wohl irgendwem anvertrauen
+m&ouml;gen. H&auml;tte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich
+aller Augenblicke neu formte wie leichtes Gew&ouml;lk und das wie der
+Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die
+Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt h&auml;tte,
+wenn er eine Ahnung davon gehabt h&auml;tte, wenn sein Blick nur ein
+einzigesmal ihren Gedanken begegnet w&auml;re, dann h&auml;tte sich
+alles das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgel&ouml;st wie
+eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran r&uuml;hrt. So
+aber ward die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand,
+immer gr&ouml;&szlig;er, je intimer ihr eheliches Leben wurde.
+
+</P><P>
+
+Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der
+Stra&szlig;e: Allerweltsgedanken und Allt&auml;glichkeiten, die
+niemanden r&uuml;hrten, &uuml;ber die kein Mensch lachte, die nie
+einen Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte
+er, h&auml;tte er niemals den Drang versp&uuml;rt, ein Pariser
+Gastspiel im Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch
+fechten; er war auch kein Pistolensch&uuml;tze, und gelegentlich kam
+es zutage, da&szlig; er Emma einen Ausdruck des Reitsports nicht
+erkl&auml;ren konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Mu&szlig;
+ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf allen Gebieten bewandert
+sein und seine Frau in die gro&szlig;en Leidenschaften des Lebens, in
+seine erlesensten Gen&uuml;sse und in alle Geheimnisse einweihen? Der
+ihre aber lehrte sie nichts, verstand von nichts und erstrebte
+nichts. Er glaubte, sie sei gl&uuml;cklich, indes sie sich &uuml;ber
+seine satte Tr&auml;gheit emp&ouml;rte, seinen zufriedenen
+Stumpfsinn, ja selbst &uuml;ber die Wonnen, die sie ihm
+gew&auml;hrte.
+
+</P><P>
+
+Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen und
+zuzusehn, wie sie sich &uuml;ber das Blatt beugte oder wie sie die
+Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit den
+Fingern Brotk&uuml;gelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte.
+Wenn sie am Klavier sa&szlig;, war sein Entz&uuml;cken um so
+gr&ouml;&szlig;er, je geschwinder ihre H&auml;nde &uuml;ber die
+Tasten sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum
+und machte ein H&ouml;llenkonzert. Das alte Instrument dr&ouml;hnte
+und wackelte, und wenn das Fenster offen stand, h&ouml;rte man das
+Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im blo&szlig;en Kopfe
+und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, &uuml;ber die Stra&szlig;e
+humpelte, blieb stehen und lauschte.
+
+</P><P>
+
+Dabei war Emma eine vorz&uuml;gliche Hausfrau. Sie schickte die
+Liquidationen an die Patienten aus und zwar in h&ouml;flichster
+Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie Sonntags
+irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wu&szlig;te sie es
+immer einzurichten, da&szlig; etwas Besonderes auf den Tisch kam. Sie
+schichtete auf Weinbl&auml;ttern Pyramiden von Reineclauden auf und
+verstand, die eingezuckerten Fr&uuml;chte so aus ihren B&uuml;chsen
+zu st&uuml;rzen, da&szlig; sie noch in der Form serviert wurden.
+Demn&auml;chst sollten auch kleine Waschschalen f&uuml;r den
+Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie das
+&ouml;ffentliche Ansehen ihres Mannes. Schlie&szlig;lich fing er
+selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er solch
+eine Frau besa&szlig;. Mit Stolz zeigte er zwei kleine
+Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich breite Rahmen hatte
+fassen lassen und in der Gro&szlig;en Stube an langen gr&uuml;nen
+Schnuren an den W&auml;nden aufgeh&auml;ngt hatte. Wenn die Kirche zu
+Ende war, sah man Herrn Bovary in sch&ouml;ngestickten Hausschuhen
+vor der Haust&uuml;re stehen.
+
+</P><P>
+
+Er kam sp&auml;t heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann
+a&szlig; er noch zu Abend, und da das Dienstm&auml;dchen bereits
+Schlafen gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen
+Rock auszuziehen und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend
+z&auml;hlte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tags&uuml;ber
+begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und
+wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit
+sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest,
+schabte sich den K&auml;se sauber, schmauste einen Apfel und trank
+die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und
+zu schnarchen begann. Wenn er fr&uuml;hmorgens aufmachte, hing ihm
+das Haar wirr &uuml;ber die Stirn.
+
+</P><P>
+
+Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Kn&ouml;chelgegend zwei
+Falten hatten; in den Sch&auml;ften waren sie steif und geradlinig,
+als ob ein Holzbein drinnen st&auml;ke. Er pflegte zu sagen:
+&bdquo;Die sind hier auf dem Lande gut genug!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Seine Mutter best&auml;rkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
+sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mi&szlig;lichkeiten
+gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
+Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr &bdquo;f&uuml;r
+ihre Verh&auml;ltnisse ein bi&szlig;chen zu gro&szlig;artig.&ldquo;
+Mit Holz, Licht und dergleichen werde &bdquo;wie in einem
+herrschaftlichen Hause gew&uuml;stet.&ldquo; Und mit den Kohlen, die
+in der K&uuml;che verbraucht w&uuml;rden, k&ouml;nne man zwei Dutzend
+G&auml;nge kochen! Sie ordnete ihr den W&auml;scheschrank und hielt
+Vortr&auml;ge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen habe,
+wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren hin, aber
+die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem. Die von
+beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden &bdquo;Liebe
+Tochter&ldquo; und &bdquo;Liebe Mutter!&ldquo; standen in Widerspruch
+zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten
+mit vor Groll zitternder Stimme.
+
+</P><P>
+
+Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in den
+Hintergrund gedr&auml;ngt gef&uuml;hlt, jetzt aber kam ihr Karls
+Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie
+ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Gl&uuml;ck ihres
+Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener auf
+den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte ihn
+durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst f&uuml;r ihn gesorgt und
+abgem&uuml;ht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit
+leiste Emma viel weniger f&uuml;r ihn, und darum w&auml;re seine
+ausschlie&szlig;liche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt.
+
+</P><P>
+
+Karl wu&szlig;te nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
+Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art &uuml;ber alle
+Ma&szlig;en. Was die eine sagte, galt ihm f&uuml;r unfehlbar;
+gleichwohl fand er an der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary
+wieder abgereist war, machte er sch&uuml;chterne Versuche, die oder
+jene ihrer Bemerkungen w&ouml;rtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm
+dann mit wenigen Worten, da&szlig; er im Irrtum sei, und meinte, er
+solle sich lieber seinen Patienten widmen.
+
+</P><P>
+
+Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
+Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
+Mondenschein zusammen im Garten sa&szlig;en, sagte sie verliebte
+Verse her, soviel sie nur auswendig wu&szlig;te, oder sie sang eine
+schwerm&uuml;tige gef&uuml;hlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich
+selber nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar
+weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.
+
+</P><P>
+
+Das waren vergebliche Versuche, eine gro&szlig;e Leidenschaft zu
+entfachen. Im &uuml;brigen war Emma unf&auml;hig, etwas zu verstehen,
+was sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was
+nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein,
+Karls Liebe sei nicht mehr &uuml;berm&auml;&szlig;ig stark. In der
+Tat gewannen seine Z&auml;rtlichkeiten eine gewisse
+Regelm&auml;&szlig;igkeit. Er schlo&szlig; seine Frau zu ganz
+bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine Gewohnheit wie
+alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen mu&szlig;, weil er
+auf der Men&uuml;karte steht.
+
+</P><P>
+
+Ein Waldw&auml;rter, den der Herr Doktor von einer
+Lungenentz&uuml;ndung geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein
+junges italienisches Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre
+Spazierg&auml;nge. Mitunter ging sie n&auml;mlich aus, um einmal eine
+Weile f&uuml;r sich allein zu sein und nicht in einem fort blo&szlig;
+den Garten und die staubige Landstra&szlig;e vor Augen zu haben.
+
+</P><P>
+
+Sie wanderte meist bis zum Buchenw&auml;ldchen von Banneville, bis zu
+dem leeren Lusth&auml;uschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo
+die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen
+gew&ouml;hnlichen Gr&auml;sern hohes Schilf mit langen scharfen
+Bl&auml;ttern. Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob
+sich seit ihrem letzten Hiersein etwas ver&auml;ndert habe. Es war
+immer alles so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf
+seinem Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die
+Brennesseln, die in B&uuml;scheln die gro&szlig;en Kieselsteine
+umwucherten, und die Moosfl&auml;chen unter den drei Pavillonfenstern
+mit ihren immer geschlossenen morschen Holzl&auml;den und rostigen
+Eisenbeschl&auml;gen. Nun schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab,
+wie die Spr&uuml;nge ihres Windspiels, das sich in gro&szlig;en
+Kreislinien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankl&auml;ffte,
+Feldm&auml;usen nachstellte und die Mohnblumen am Raine des
+Kornfeldes anknabberte. Allm&auml;hlich gerieten ihre Gr&uuml;beleien
+in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase sa&szlig;
+und es mit der Stockspitze ihres Sonnenschirmes ein wenig
+aufw&uuml;hlte, sagte sie sich immer wieder: &bdquo;Mein Gott, warum
+habe ich eigentlich geheiratet?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht m&ouml;glich gewesen
+w&auml;re durch irgendwelche andre F&uuml;gung des Schicksals,
+da&szlig; sie einen andern Mann h&auml;tte finden k&ouml;nnen. Sie
+versuchte sich vorzustellen, was f&uuml;r ungeschehene Ereignisse
+dazu geh&ouml;rt h&auml;tten, wie dieses andre Leben geworden
+w&auml;re und wie der ungefundne Gatte ausgesehen h&auml;tte. In
+keinem Falle so wie Karl! Er h&auml;tte elegant, klug, vornehm,
+verf&uuml;hrerisch aussehen m&uuml;ssen; so wie zweifellos die
+M&auml;nner, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet
+hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im
+Get&uuml;mmel des Stra&szlig;enlebens, im Stimmengewirr der Theater,
+im Lichtmeere der B&auml;lle, da lebten sie sich aus und lie&szlig;en
+die Herzen und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie
+verk&uuml;mmerte wie in einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie
+eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen
+Herzens.
+
+</P><P>
+
+Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah
+sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen
+ausgeh&auml;ndigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem wei&szlig;en Kleid und
+ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie
+zu ihrem Platze zur&uuml;ckging, hatten ihr die anwesenden Herren
+galant zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und
+durch den Wagenschlag hatte man ihr &bdquo;Auf Wiedersehn!&ldquo;
+zugerufen. Und der Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte
+im Vor&uuml;bergehen den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zur&uuml;ck
+war das alles! Ach, wie so weit!
+
+</P><P>
+
+Sie rief Djali, nahm ihn auf den Scho&szlig; und streichelte seinen
+schmalen feinlinigen Kopf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Komm!&ldquo; fl&uuml;sterte sie. &bdquo;Gib Frauchen einen
+Ku&szlig;! Du, du hast keinen Kummer!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dabei betrachtete sie das ihr wie wehm&uuml;tig aussehende Gesicht
+des schlanken Tieres. Es g&auml;hnte behaglich. Aber sie bildete sich
+ein, das Tier habe auch einen Kummer. Die R&uuml;hrung &uuml;berkam
+sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu
+jemandem, den man in seiner Betr&uuml;bnis tr&ouml;sten will.
+
+</P><P>
+
+Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und m&auml;chtig
+&uuml;ber das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande
+hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu Boden,
+fliehende Schauer raschelten durch das Bl&auml;tterwerk der Buchen,
+w&auml;hrend sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort laut
+rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und erhob sich.
+
+</P><P>
+
+In der Allee, &uuml;ber dem teppichartigen Moos, das unter Emmas
+Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den gr&uuml;nen
+Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der rote
+Himmel flammte hinter den braunen St&auml;mmen, die in Reih und Glied
+kerzengerade dastanden und den Eindruck eines S&auml;ulenganges an
+einer goldnen Wand entlang erzeugten.
+
+</P><P>
+
+Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, auf
+die Landstra&szlig;e und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
+Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.
+
+</P><P>
+
+Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in ihrem
+Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu dem
+Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der Restauration
+Staatssekret&auml;r gewesen war, wollte von neuem eine politische
+Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in das
+Abgeordnetenhaus vor. Im Winter lie&szlig; er gro&szlig;e Mengen Holz
+verteilen, und im Bezirksausschu&szlig; trat er immer wieder mit dem
+h&ouml;chsten Eifer f&uuml;r neue Stra&szlig;enbauten im Bezirk ein.
+W&auml;hrend des letzten Hochsommers hatte er ein Geschw&uuml;r im
+Munde bekommen, von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen
+einzigen Einstich befreit hatte. Der Privatsekret&auml;r des Marquis
+war bald darauf nach Tostes gekommen, um das Honorar f&uuml;r die
+Operation zu bezahlen, und hatte abends nach seiner R&uuml;ckkehr
+erz&auml;hlt, da&szlig; er in dem kleinen Garten des Arztes herrliche
+Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschb&auml;ume in
+Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat sich von Bovary einige
+Ableger und hielt es daraufhin f&uuml;r seine Pflicht, sich
+pers&ouml;nlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand
+ihre Figur entz&uuml;ckend und die Art, wie sie ihn empfing, durchaus
+nicht b&auml;uerisch. Und so kam man im Schlosse zu der Ansicht, es
+sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, wenn man das junge
+Ehepaar einmal einl&uuml;de.
+
+</P><P>
+
+An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
+Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterr&uuml;cks war ein
+gro&szlig;er Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag
+eine Hutschachtel. Au&szlig;erdem hatte Karl noch einen Pappkarton
+zwischen den Beinen.
+
+</P><P>
+
+Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schlo&szlig;park die
+Laternen am Einfahrtswege anz&uuml;ndete, kamen sie an.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Achtes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Vor dem Schlo&szlig;, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
+vorspringenden Fl&uuml;geln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
+ungeheure Rasenfl&auml;che mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen
+denen etliche K&uuml;he weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen
+hindurch, beschattet von allerlei Geb&uuml;sch in verschiedenem
+Gr&uuml;n, Rhododendren, Flieder- und Schneeballstr&auml;uchern.
+Unter einer Br&uuml;cke flo&szlig; ein Bach. Weiter weg, verschwommen
+im Abendnebel, erkannte man ein paar H&auml;user mit
+Strohd&auml;chern. Die gro&szlig;e Wiese ward durch l&auml;ngliche
+kleine H&uuml;gel begrenzt, die bewaldet waren. Versteckt hinter
+diesem Geh&ouml;lz lagen in zwei gleichlaufenden Reihen die
+Wirtschaftsgeb&auml;ude und Wagenschuppen, die noch vom ehemaligen
+Schlo&szlig;bau herr&uuml;hrten.
+
+</P><P>
+
+Karls W&auml;glein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
+erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und
+geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
+Ger&auml;usch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
+Kirche. Dem Eingange gegen&uuml;ber stieg geradeaus eine breite
+Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem
+Garten hinaus, die zum Billardzimmer f&uuml;hrte; schon von weitem
+vernahm man das Karambolieren der elfenbeinernen B&auml;lle. Durch
+das Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah
+Emma Herren in w&uuml;rdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn
+vergraben in den Krawatten, alle mit Ordensb&auml;ndchen. Schweigsam
+l&auml;chelnd handhabten sie die Queues.
+
+</P><P>
+
+Auf dem d&uuml;steren Holzget&auml;fel der W&auml;nde hingen
+gro&szlig;e Bilder in schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen
+Inschriften. Eine lautete:
+
+</P>
+
+<DIV ALIGN="CENTER">
+<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1">
+<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville,<BR>
+Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye,<BR>
+gefallen in der Schlacht von Coutras<BR>
+am 20. Oktober 1587.</TD>
+</TR>
+</TABLE>
+</DIV>
+
+<P>
+
+Eine andre:
+
+</P>
+
+<DIV ALIGN="CENTER">
+<TABLE CELLPADDING=3 BORDER="1">
+<TR><TD ALIGN="CENTER">Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers<BR>
+und Vaubyessard, Admiral von Frankreich,<BR>
+Ritter des Sankt-Michel-Ordens,<BR>
+verwundet bei Saint Vaast de la Hougue<BR>
+am 29. Mai 1692,<BR>
+gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693</TD>
+</TR>
+</TABLE>
+</DIV>
+
+<P>
+
+Die &uuml;brigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht
+der Lampen auf das gr&uuml;ne Tuch des Billards konzentrierte und das
+Zimmer im Dunkeln lie&szlig;. Nur ein schwacher Schein hellte die
+Gem&auml;ldefl&auml;chen auf, deren spr&uuml;ngiger Firnis mit diesem
+feinen Schimmer spielte. Und so traten aus allen den gro&szlig;en
+schwarzen goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher
+und heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort
+eine gepuderte Allongeper&uuml;cke &uuml;ber der Schulter eines roten
+Rockes und anderswo die Schnalle eines Kniebandes &uuml;ber einer
+strammen Wade.
+
+</P><P>
+
+Der Marquis &ouml;ffnete die T&uuml;r zum Salon. Eine der Damen
+&mdash; es war die Schlo&szlig;herrin selbst &mdash; erhob sich, ging
+Emma entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa,
+und begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine
+alte Bekannte vor sich h&auml;tte. Die Marquise war etwa Vierzigerin;
+sie hatte h&uuml;bsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas
+schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie &uuml;ber ihrem
+kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig in
+den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle,
+sa&szlig; eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den
+R&ouml;cken, waren im Gespr&auml;che mit den Damen. Alle sa&szlig;en
+sie um den Kamin herum.
+
+</P><P>
+
+Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der &Uuml;berzahl
+da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die Damen,
+der Marquis und die Marquise an der andern im E&szlig;zimmer. Als
+Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von D&uuml;ften und
+Ger&uuml;chen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und
+Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen lieb&auml;ugelten mit
+dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gl&auml;sern und Schalen
+tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe
+von Blumenstr&auml;u&szlig;en. Aus den Falten der Servietten, die in
+der Form von Bischofsm&uuml;tzen &uuml;ber den breitrandigen Tellern
+lagen, lugten ovale Br&ouml;tchen. Hummern, die auf den gro&szlig;en
+Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In
+durchbrochenen K&ouml;rbchen waren riesige Fr&uuml;chte
+aufget&uuml;rmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend
+aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Str&uuml;mpfen, Kniehosen
+und wei&szlig;er Krawatte, reichte mit Grandezza und gro&szlig;em
+Geschick die Sch&uuml;sseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben
+sah regungslos die bis zum Kinn verh&uuml;llte G&ouml;ttin herab, die
+auf dem m&auml;chtigen, bronzegeschm&uuml;ckten Porzellanofen
+thronte.
+
+</P><P>
+
+Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, sa&szlig;,
+&uuml;ber seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
+Serviette nach Kinderart um den Hals gekn&uuml;pft hatte. Die Sauce
+tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er trug
+noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war. Das war
+der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von
+Laverdi&egrave;re. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste
+in Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des
+Grafen Artois. Auch munkelte man, er w&auml;re der Geliebte der
+K&ouml;nigin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von
+Coigny und der Vorg&auml;nger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein
+w&uuml;stes Leben hinter sich, voller Zweik&auml;mpfe, toller Wetten
+und Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem
+der Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem
+Stuhle, der ihm ins Ohr br&uuml;llen mu&szlig;te, was es f&uuml;r
+Gerichte zu essen gab.
+
+</P><P>
+
+Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillk&uuml;rlich zu diesem alten
+Manne mit den h&auml;ngenden Lippen zur&uuml;ck, als ob er etwas ganz
+Besonderes und Gro&szlig;artiges sei: war er doch ein Favorit des
+K&ouml;nigshofes gewesen und hatte im Bette einer K&ouml;nigin
+geschlafen!
+
+</P><P>
+
+Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma &uuml;berlief es am ganzen
+K&ouml;rper, als sie das eisige Getr&auml;nk im Munde sp&uuml;rte.
+Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granat&auml;pfel und a&szlig;
+sie Ananas. Selbst der gesto&szlig;ene Zucker, den es dazu gab, kam
+ihr wei&szlig;er und feiner vor denn anderswo.
+
+</P><P>
+
+Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zur&uuml;ck, um sich
+zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
+Gr&uuml;ndlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Deb&uuml;t. Ihr
+Haar ordnete sie nach den Ratschl&auml;gen des Coiffeurs. Dann
+schl&uuml;pfte sie in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet
+bereitlag.
+
+</P><P>
+
+Karl f&uuml;hlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen
+st&ouml;ren!&ldquo; meinte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du willst tanzen?&ldquo; entgegnete ihm Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist nicht recht gescheit! Man w&uuml;rde dich blo&szlig;
+auslachen. Bleib du nur ruhig sitzen! &Uuml;brigens schickt sich das
+viel besser f&uuml;r einen Arzt&ldquo;, f&uuml;gte sie hinzu.
+
+</P><P>
+
+Karl schwieg. Er lief mit gro&szlig;en Schritten im Zimmer hin und
+her und wartete, bis Emma fertig w&auml;re. Er sah sie &uuml;ber
+ihren R&uuml;cken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen.
+Ihre schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar
+war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem
+bl&auml;ulichen Glanze, und &uuml;ber ihnen zitterte eine bewegliche
+Rose, mit k&uuml;nstlichen Tauperlen in den Bl&auml;ttern. Ihr
+mattgelbes Kleid ward durch drei Str&auml;u&szlig;chen von Moosrosen
+mit Gr&uuml;n darum belebt.
+
+</P><P>
+
+Karl k&uuml;&szlig;te sie von hinten auf die Schulter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; wehrte sie ab. &bdquo;Du
+zerkn&uuml;llst mir alles!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Violinen- und Waldhornkl&auml;nge drangen herauf. Emma stieg die
+Treppe hinunter, am liebsten w&auml;re sie gerannt.
+
+</P><P>
+
+Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedr&auml;ngt
+voller Menschen, und immer noch kamen G&auml;ste. Emma setzte sich
+unweit der T&uuml;r auf einen Diwan.
+
+</P><P>
+
+Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur Gruppen
+plaudernder Menschen und Diener in Livree, die gro&szlig;e Platten
+herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die bemalten
+F&auml;cher auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
+H&auml;lfte die lachenden Gesichter, und die goldnen St&ouml;psel der
+Riechfl&auml;schchen funkelten hin und her in den wei&szlig;en
+Handschuhen, an denen die Konturen der Fingern&auml;gel ihrer
+Tr&auml;gerinnen hervortraten, w&auml;hrend das eingepre&szlig;te
+Fleisch nur in den Handfl&auml;chen schimmerte. Die Spitzen, die
+Brillantbroschen, die Armb&auml;nder mit Anh&auml;ngseln wogten an
+den Miedern, glitzerten an den Br&uuml;sten und klapperten an den
+Handgelenken. Die Damen trugen im Haar, das durchweg glatt und im
+Nacken geknotet war, Vergi&szlig;meinnicht, Jasmin,
+Granatbl&uuml;ten, &Auml;hren und Kornblumen in Kr&auml;nzen,
+Str&auml;u&szlig;en oder Ranken. Bequem in ihren St&uuml;hlen lehnten
+die M&uuml;tter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen.
+
+</P><P>
+
+Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste T&auml;nzer sie an den
+Fingerspitzen fa&szlig;te und in die Reihe der anderen f&uuml;hrte.
+Beim ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre
+Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit
+einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei besonders
+z&auml;rtlichen Passagen des Violinsolos flog ein s&uuml;&szlig;es
+L&auml;cheln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente
+schwiegen, h&ouml;rte man im Tanzsaal das helle Klimpern der
+Goldst&uuml;cke auf den Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit
+einem Male wieder voll einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen
+Takte weiter; die R&ouml;cke der T&auml;nzerinnen bauschten sich und
+streiften einander, H&auml;nde suchten und mieden sich, und dieselben
+Blicke, die eben sch&uuml;chtern gesenkt waren, fanden ihr Ziel.
+
+</P><P>
+
+Unter den tanzenden oder plaudernd an den T&uuml;ren stehenden Herren
+stachen etliche, etwa zw&ouml;lf bis f&uuml;nfzehn, bei allem Alters-
+und sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von
+den andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus
+feinerem Stoff. Ihr nach den Schl&auml;fen zu gewelltes Haar verriet
+die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene
+wei&szlig;e Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan,
+schillernder Seide und feinpolierten M&ouml;beln erscheint und durch
+sorgf&auml;ltige und raffinierte Ern&auml;hrung erhalten wird. Ihre
+Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten
+Taschent&uuml;chern entstr&ouml;mte leises Parf&uuml;m. Den
+&auml;lteren unter diesen Herren haftete Jugendlichkeit an,
+w&auml;hrend den Gesichtern der j&uuml;ngeren eine gewisse Reife
+eigen war. In ihren gleichg&uuml;ltigen Blicken spiegelte sich die
+Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und hinter ihren glatten
+Manieren schlummerte das brutale eitle Herrentum, das sich im Umgange
+mit Rassepferden und leichten Damen entwickelt und kr&auml;ftigt.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in blauem
+Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschm&uuml;ckten Dame
+&uuml;ber Italien. Sie schw&auml;rmten von der Kuppel des Sankt
+Peter, von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
+Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem andern
+Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend Dinge
+nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
+vergangnen Woche in England Mi&szlig; Arabella und Romulus
+&bdquo;geschlagen&ldquo; und durch einen &bdquo;famosen
+Grabensprung&ldquo; vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer
+beklagte sich, seine &bdquo;Rennschinder&ldquo; seien &bdquo;nicht im
+Training&ldquo;, und ein dritter jammerte &uuml;ber einen Druckfehler
+in der &bdquo;Sportwelt&ldquo;, der den Namen eines seiner
+&bdquo;Vollbl&uuml;ter&ldquo; verballhornt habe.
+
+</P><P>
+
+Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten fahler.
+Man dr&auml;ngte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf einen
+Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu &ouml;ffnen, zerbrach aus
+Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben
+veranla&szlig;te Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von
+drau&szlig;en herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das
+elterliche Gut &uuml;berkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem
+Misthaufen, ihren Vater in Hemds&auml;rmeln unter den
+Apfelb&auml;umen und sich selber ganz wie einst, wie sie in der
+Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Sch&uuml;sseln abrahmte.
+Aber im Strahlenglanz der gegenw&auml;rtigen Stunde starb die eben
+noch so klare Erinnerung an ihr fr&uuml;heres Leben schnell wieder;
+es je gelebt zu haben, kam ihr fast unm&ouml;glich vor. Hier, hier
+lebte sie, und was &uuml;ber diesen Ballsaal hinaus existieren
+mochte, das lag f&uuml;r sie im tiefsten Dunkel&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Sie schl&uuml;rfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer
+vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb
+schlo&szlig; und den goldnen L&ouml;ffel lange zwischen den
+Z&auml;hnen behielt. Neben ihr lie&szlig; eine Dame ihren F&auml;cher
+zu Boden gleiten. Ein T&auml;nzer ging vor&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie w&auml;ren sehr g&uuml;tig, mein Herr,&ldquo; sagte die
+Dame, &bdquo;wenn Sie mir meinen F&auml;cher aufheben wollten. Er ist
+unter dieses Sofa gefallen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Herr b&uuml;ckte sich, und w&auml;hrend er mit dem Arm nach dem
+F&auml;cher langte, bemerkte Emma, da&szlig; ihm die Dame etwas
+wei&szlig;es, dreieckig Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er
+&uuml;berreichte ihr den aufgehobenen F&auml;cher ehrerbietig. Sie
+dankte mit einem leichten Neigen des Kopfes und barg schnell ihr
+Gesicht in den Blumen ihres Strau&szlig;es.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von S&uuml;d- und
+Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding &agrave; la
+Trafalgar und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert,
+begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer
+einen der Musselinvorh&auml;nge am Fenster ein wenig beiseiteschob,
+konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es
+sa&szlig;en immer weniger T&auml;nzer im Saale. Nur im Spielzimmer
+war noch Leben. Die Musikanten leckten sich die hei&szlig;en Finger
+ab. Karl stand gegen eine T&uuml;r gelehnt, dem Einschlafen nahe.
+
+</P><P>
+
+Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
+Aber alle Welt, sogar Fr&auml;ulein von Andervilliers und die
+Marquise tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht
+bleibenden G&auml;ste da, etwa ein Dutzend Personen.
+
+</P><P>
+
+Da geschah es, da&szlig; einer der T&auml;nzer, den man schlechtweg
+&bdquo;Vicomte&ldquo; nannte &mdash; die weitausgeschnittene Weste
+sa&szlig; ihm wie angegossen &mdash; Frau Bovary zum Tanz
+aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte bat abermals, indem er
+versicherte, er w&uuml;rde sie sicher f&uuml;hren und es w&uuml;rde
+vortrefflich gehen.
+
+</P><P>
+
+Sie begannen langsam, um allm&auml;hlich rascher zu tanzen.
+Schlie&szlig;lich wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie:
+die Lichter, die M&ouml;bel, die W&auml;nde, der Parkettboden, als ob
+sie in der Mitte eines Kreisels w&auml;ren. Einmal, als das Paar
+dicht an einer der T&uuml;ren vorbeitanzte, wickelte sich Emmas
+Schleppe um das Bein ihres T&auml;nzers. Sie f&uuml;hlten sich beide
+und blickten sich einander in die Augen. Ein Schwindel ergriff Emma.
+Sie wollte stehen bleiben. Aber es ging weiter: der Vicomte raste nur
+noch rascher mit ihr dahin, bis an das Ende der Galerie, wo Emma,
+v&ouml;llig au&szlig;er Atem, beinahe umsank und einen Augenblick
+lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. Dann brachte er sie, von
+neuem, aber ganz langsam tanzend, an ihren Platz zur&uuml;ck. Es
+schwindelte ihr; sie mu&szlig;te den R&uuml;cken anlehnen und ihr
+Gesicht mit der einen Hand bedecken.
+
+</P><P>
+
+Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, da&szlig; in der Mitte
+des Saales eine der Damen auf einem Taburett sa&szlig;, w&auml;hrend
+drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der
+Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
+
+</P><P>
+
+Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch
+einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres K&ouml;rpers, das
+Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der n&auml;mlichen Haltung,
+kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus
+gerichtet. Das waren Walzert&auml;nzer! Sie fanden kein Ende. Eher
+erm&uuml;deten die Zuschauer.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
+man sich &bdquo;Gute Nacht&ldquo; oder vielmehr &bdquo;Guten
+Morgen&ldquo;, und alles ging schlafen.
+
+</P><P>
+
+Karl schleppte sich am Treppengel&auml;nder hinauf. Er hatte sich
+&bdquo;die Beine in den Bauch gestanden.&ldquo; Ohne sich zu setzen,
+hatte er sich f&uuml;nf Stunden hintereinander bei den Spieltischen
+aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem
+Spiel zu verstehen. Und so stie&szlig; er einen m&auml;chtigen
+Seufzer der Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel
+entledigt hatte.
+
+</P><P>
+
+Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, &ouml;ffnete das Fenster
+und lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Spr&uuml;hregen
+fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider
+k&uuml;hlte. Walzerkl&auml;nge summten ihr noch in den Ohren. Emma
+hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten M&auml;rchenglanz,
+ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Der Morgen d&auml;mmerte. Sie schaute hin&uuml;ber nach den
+Fensterreihen des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu
+erraten, wo die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend
+beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu
+wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen.
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich begann sie zu fr&ouml;steln. Sie entkleidete sich
+und schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten.
+
+</P><P>
+
+Zum Fr&uuml;hst&uuml;ck erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte
+zehn Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte.
+
+</P><P>
+
+Beim Aufstehen sammelte Fr&auml;ulein von Andervilliers die
+angebrochenen Br&ouml;tchen in einen kleinen Korb, um sie den
+Schw&auml;nen auf dem Schlo&szlig;teiche zu bringen. Nach der
+F&uuml;tterung begab man sich in das Gew&auml;chshaus, mit seinen
+seltsamen Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von
+dieser f&uuml;hrte ein Ausgang in den Wirtschaftshof.
+
+</P><P>
+
+Um der jungen Arztfrau ein Vergn&uuml;gen zu bereiten, zeigte ihr der
+Marquis die St&auml;lle. &Uuml;ber den korbartigen Raufen waren
+Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben die
+Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen stehen,
+und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. Die Dielen
+in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst wie
+Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des Raumes auf
+drehbaren B&ouml;cken, w&auml;hrend die Kandaren, Trensen,
+Kinnketten, Steigb&uuml;gel, Z&uuml;gel und Peitschen wohlgeordnet zu
+Reihen an den W&auml;nden hingen.
+
+</P><P>
+
+Karl bat einen Stallburschen, sein Gef&auml;hrt zurechtzumachen.
+Sodann fuhr er vor. Das ganze Gep&auml;ck ward aufgepackt. Das
+Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und
+der Marquise. Und heim ging es nach Tostes.
+
+</P><P>
+
+Schweigsam sah Emma dem Drehen der R&auml;der zu. Karl sa&szlig; auf
+dem &auml;u&szlig;ersten Ende des Sitzes und kutschierte mit
+abstehenden Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in
+seiner Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Z&uuml;gel
+tanzten auf der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der
+hinten angeschnallt war, sa&szlig; nicht recht fest und polterte in
+einem fort im Takte an den Wagenkasten.
+
+</P><P>
+
+Auf der H&ouml;he von Thibourville wurden sie pl&ouml;tzlich von ein
+paar Reitern &uuml;berholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch.
+Emma glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
+vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich
+vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder
+bewegten.
+
+</P><P>
+
+Wenige Minuten sp&auml;ter mu&szlig;ten sie Halt machen, um die
+zerrissene Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das
+ganze Geschirr noch einmal &uuml;berblickte, gewahrte er zwischen den
+Beinen seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine
+Zigarrentasche auf; sie war mit gr&uuml;ner Seide gestickt und auf
+der Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschm&uuml;ckt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es sind sogar zwei Zigarren drin!&ldquo; sagte er. &bdquo;Die
+kommen heute abend nach dem Essen dran!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du rauchst demnach?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Manchmal! Gelegentlich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der
+Peitsche.
+
+</P><P>
+
+Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig. Frau
+Bovary war unwillig dar&uuml;ber. Anastasia gab eine dreiste Antwort.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Scheren Sie sich fort&ldquo; rief Emma. &bdquo;Sie machen sich
+&uuml;ber mich lustig. Sie sind entlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl
+sa&szlig; seiner Frau gegen&uuml;ber. Er rieb sich die H&auml;nde und
+meinte vergn&uuml;gt:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zu Hause ists doch am sch&ouml;nsten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Man h&ouml;rte, wie Anastasia drau&szlig;en weinte. Karl hatte das
+arme Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner
+Witwerzeit, hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet.
+Sie war seine erste Patientin gewesen, seine &auml;lteste Bekannte in
+der ganzen Gegend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du ihr im Ernst gek&uuml;ndigt?&ldquo; fragte er nach
+einer Weile.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Warum soll ich auch nicht?&ldquo; gab Emma zur
+Antwort.
+
+</P><P>
+
+Nach Tisch w&auml;rmten sich die beiden in der K&uuml;che,
+w&auml;hrend die Gro&szlig;e Stube wieder in Ordnung gebracht wurde.
+Karl brannte sich eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen
+Lippen und spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er
+sich zur&uuml;ck, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Rauchen wird dir nicht bekommen!&ldquo; bemerkte Emma
+ver&auml;chtlich.
+
+</P><P>
+
+Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
+gierig ein Glas frisches Wasser. W&auml;hrenddessen nahm Emma die
+Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.
+
+</P><P>
+
+Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste!
+
+</P><P>
+
+Emma ging in ihrem G&auml;rtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
+und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
+Obstspalier, vor dem t&ouml;nernen M&ouml;nch, und betrachtete sich
+alle diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie
+weit hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich
+zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft
+dr&auml;ngte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen
+tiefen Ri&szlig; gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der
+Sturm zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufw&uuml;hlt.
+Trotzdem kam eine gewisse Resignation &uuml;ber sie. Wie eine
+Reliquie verwahrte sie ihr sch&ouml;nes Ballkleid in ihrem Schranke,
+sogar die Atlasschuhe, deren Sohlen vom Parkettwachs eine
+br&auml;unliche Politur bekommen hatten. Emmas Herz ging es wie
+ihnen. Bei der Ber&uuml;hrung mit dem Reichtum war etwas daran haften
+geblieben f&uuml;r immerdar.
+
+</P><P>
+
+An den Ball zur&uuml;ckdenken, wurde f&uuml;r Emma eine besondre
+Besch&auml;ftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken
+auf: &bdquo;Ach, heute vor acht Tagen war es!&ldquo; &mdash;
+&bdquo;Heute vor vierzehn Tagen war es!&ldquo; &mdash; &bdquo;Heute
+vor drei Wochen war es!&ldquo; Allm&auml;hlich aber verschwammen in
+ihrem Ged&auml;chtnisse die einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse
+gesehen hatte. Die Melodien der T&auml;nze entfielen ihr. Sie
+verga&szlig;, wie die Gem&auml;cher und die Livreen ausgesehen
+hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre
+Sehnsucht blieb zur&uuml;ck.
+
+</P>
+<P></P>
+
+<CENTER>
+<H2>Neuntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+
+<P></P><P>
+
+Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die gr&uuml;nseidene
+Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter W&auml;sche
+verborgen lag. Sie betrachtete sie, &ouml;ffnete sie und sog sogar
+den Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem
+mochte sie geh&ouml;rt haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein
+Geschenk seiner Geliebten. Gewi&szlig; hatte sie die Stickerei auf
+einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich,
+in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der
+tr&auml;umerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch
+von Liebe wehte aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine
+Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese
+kleinen Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen
+Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die Tasche
+mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als sie noch
+auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen und Stutzuhren
+aus den Zeiten der Pompadour lag?
+
+</P><P>
+
+Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von Tostes!
+Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name! Paris! Sie
+fl&uuml;sterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte ihr
+Vergn&uuml;gen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer
+gro&szlig;en Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch
+stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenb&uuml;chsen.
+
+</P><P>
+
+Nachts, wenn die Seefischh&auml;ndler unten auf der Stra&szlig;e
+vorbeifuhren mit ihren Karren und die &bdquo;Majorlaine&ldquo;
+sangen, ward sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der R&auml;der, bis
+die Wagen aus dem Dorfe hinaus waren und es wieder still wurde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Morgen sind sie in Paris!&ldquo; seufzte die Einsame. Und in
+ihren Gedanken folgte sie den Fahrzeugen &uuml;ber Berg und Tal,
+durch D&ouml;rfer und St&auml;dte, immer die gro&szlig;e Stra&szlig;e
+hin in der lichten Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein
+verschwommenes Ziel, wo ihre Tr&auml;ume versagten. Sie kaufte sich
+einen Plan von Paris und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen
+durch die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder
+Stra&szlig;enecke stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan
+eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schlie&szlig;lich m&uuml;de
+wurden, schlo&szlig; sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie
+die Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor
+dem Portal der Gro&szlig;en Oper donnernd vorfuhren.
+
+</P><P>
+
+Sie abonnierte auf den &bdquo;Bazar&ldquo; und die
+&bdquo;Modenwelt&ldquo; und studierte auf das gewissenhafteste alle
+Berichte &uuml;ber die Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie
+war unterrichtet, wenn ber&uuml;hmte S&auml;ngerinnen Gastspiele
+gaben oder neue Warenh&auml;user er&ouml;ffnet wurden; sie kannte die
+neuesten Moden, die Adressen der guten Schneider; sie wu&szlig;te, an
+welchen Tagen die vornehme Gesellschaft im Bois und in der Oper zu
+finden war. Aus den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen
+eingerichtet waren. Sie las Balzac und die George Sand, um wenigstens
+in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte
+diese B&uuml;cher sogar mit zu den Mahlzeiten und las darin,
+w&auml;hrend Karl a&szlig; und ihr erz&auml;hlte. Und was sie auch
+las, &uuml;berallhinein drangen ihre Reminiszenzen an den Vicomte.
+Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand Beziehungen.
+Aber allm&auml;hlich erweiterte sich der Ideenkreis, dessen
+Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen hatte,
+erblich schlie&szlig;lich, um auf andren Idealgesch&ouml;pfen wieder
+aufzuflammen.
+
+</P><P>
+
+Unerme&szlig;lich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels,
+so stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendf&auml;ltige Leben,
+das sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl f&uuml;r sie auf
+ganz bestimmte Einzelheiten beschr&auml;nkt, die sie im Geiste in
+deutlichen Bildern sah. Neben diesen &mdash; man k&ouml;nnte sagen
+&mdash; Symbolen des mond&auml;nen Lebens trat alles andre in Dunkel
+und D&auml;mmerung zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte sich
+auf gl&auml;nzendem Parkett ab, in Spiegels&auml;len, um ovale
+Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu
+Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter
+heuchlerischem L&auml;cheln. Das Milieu des h&ouml;chsten Adels
+bildete sie sich folgenderma&szlig;en ein: Vornehme bleiche
+Gesichter; man steht fr&uuml;h um vier Uhr auf; die Damen, allesamt
+ungl&uuml;ckliche Engel, tragen Unterr&ouml;cke aus irischen Spitzen;
+die M&auml;nner, verkannte Genies, kokettierend mit der Maske der
+Oberfl&auml;chlichkeit, reiten aus &Uuml;bermut ihre Vollbl&uuml;ter
+zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und wenn
+sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt
+reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma tr&auml;umte, war das
+bunte Leben und Treiben der K&uuml;nstler, Schriftsteller und
+Schauspielerinnen, das sich in den separierten Zimmern der
+Restaurants abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein
+soupiert und sich austollt. Diese Menschen sind die Verschwender des
+Lebens, K&ouml;nige in ihrer Art, voller Ideale und Phantastereien.
+Ihr Dasein verl&auml;uft hoch &uuml;ber dem Alltag, zwischen Himmel
+und Erde, in Sturm und Drang.
+
+</P><P>
+
+Alles andre in der Welt war f&uuml;r Emma verloren, wesenslos, so gut
+wie nicht vorhanden. Je n&auml;her ihr die Dinge &uuml;brigens
+standen, um so weniger ber&uuml;hrten sie ihr Innenleben. Alles, was
+sie unmittelbar umgab: die eint&ouml;nige Landschaft, die kleinlichen
+armseligen Spie&szlig;b&uuml;rger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam
+ihr wie ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte
+zuf&auml;llig, und sie war in ihn verbannt. Aber drau&szlig;en vor
+seinen Toren, da begann das weite, weite Reich der Seligkeiten und
+Leidenschaften. In der Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust
+und Luxus mit den Freuden des Herzens, erlesene Lebensf&uuml;hrung
+mit Gef&uuml;hlsfeinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, &auml;hnlich
+wie die Pflanzen der Tropen, nicht ihres eigenen Bodens und ihrer
+besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige K&uuml;sse,
+Tr&auml;nen, vergossen auf hingebungsvolle H&auml;nde, Fleischeslust
+und schmachtende Z&auml;rtlichkeit, alles das war ihr unzertrennlich
+von stolzen Schl&ouml;ssern voll m&uuml;&szlig;igen Lebens, von
+Boudoiren mit seidnen Vorh&auml;ngen und dicken Teppichen, von
+blumengef&uuml;llten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden
+Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft.
+
+</P><P>
+
+Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
+Stalljacke, die blo&szlig;en F&uuml;&szlig;e in Holzpantoffeln, kam,
+um die Stute zu f&uuml;ttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch
+die Hausflur. Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mu&szlig;te sie
+zufrieden sein. Wenn er fertig war, lie&szlig; er sich den ganzen Tag
+&uuml;ber nicht wieder blicken. Karl pflegte n&auml;mlich sein Pferd,
+wenn er es geritten hatte, selbst einzustellen. W&auml;hrend er
+Sattel und Z&auml;umung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu
+vor.
+
+</P><P>
+
+Nachdem Anastasia unter tausend Tr&auml;nen wirklich das Haus
+verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges M&auml;dchen in
+Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftm&uuml;tiges Wesen.
+Sie zog sie nett an, brachte ihr h&ouml;fliche Manieren bei, lehrte
+sie, ein Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in
+ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Pl&auml;tten und
+B&uuml;geln der W&auml;sche und lie&szlig; sich von ihr beim
+Ankleiden helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe
+aus. Felicie &mdash; so hie&szlig; das neue M&auml;dchen &mdash;
+gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im Hause. Die Hausfrau
+pflegte den B&uuml;fettschl&uuml;ssel stecken zu lassen. Felicie nahm
+sich alle Abende einige St&uuml;cke Zucker und verzehrte sie, wenn
+sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte.
+Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gew&ouml;hnlich oben in ihrem
+Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die Nachbarschaft klatschen.
+
+</P><P>
+
+Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschl&auml;ge
+und einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie
+h&auml;tte schreiben k&ouml;nnen. H&auml;ufig besah sie sich im
+Spiegel. Mitunter nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel
+sie in Tr&auml;umereien und lie&szlig; das Buch in den Scho&szlig;
+sinken. Am liebsten h&auml;tte sie eine gro&szlig;e Reise gemacht
+oder w&auml;re wieder in das Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben
+und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in der gleichen Minute.
+
+</P><P>
+
+Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstra&szlig;en hin.
+Er fr&uuml;hst&uuml;ckte in den Geh&ouml;ften, griff in feuchte
+Krankenbetten, lie&szlig; sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut
+spritzen, h&ouml;rte dem R&ouml;cheln Sterbender zu, pr&uuml;fte den
+Inhalt von Nachtt&ouml;pfen und zog so und so oft schmutzige Hemden
+hoch. Abends aber fand er immer ein gem&uuml;tliches Feuer im Kamin,
+einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Gro&szlig;vaterstuhl
+und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging von
+ihr aus; wer wei&szlig;, was das war, ein Odeur, ihre W&auml;sche
+oder ihre Haut?
+
+</P><P>
+
+Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entz&uuml;cken.
+Sie erfand neue Papiermanschetten f&uuml;r die Leuchter, oder sie
+besetzte ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein
+ganz gew&ouml;hnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm
+herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt
+hatte, obgleich es dem M&auml;dchen greulich mi&szlig;raten war.
+Einmal sah sie in Rouen, da&szlig; die Damen an ihren Uhrketten
+allerlei Anh&auml;ngsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein
+andermal war es ihr Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei
+gro&szlig;e Vasen aus blauem Porzellan stehen zu haben, oder sie
+wollte ein N&auml;hk&auml;stchen aus Elfenbein mit einem vergoldeten
+Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen begriff, so sehr
+&uuml;bten sie doch auch auf ihn eine verf&uuml;hrerische Wirkung
+aus. Sie erh&ouml;hten die Freuden seiner Sinnlichkeit und verliehen
+seinem Heim einen s&uuml;&szlig;en Reiz mehr. Es war, als ob
+Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel.
+
+</P><P>
+
+Er sah gesund und w&uuml;rdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand
+l&auml;ngst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht
+stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus
+und fl&ouml;&szlig;te jedermann durch seine Solidit&auml;t Vertrauen
+ein. Er war Spezialist f&uuml;r Hals- und Lungenleiden. In
+Wirklichkeit r&uuml;hrten seine Erfolge daher, da&szlig; er Angst
+hatte, die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe
+nur beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein
+Abf&uuml;hrmittel, ein Fu&szlig;bad oder einen Blutegel verordnete.
+In der Chirurgie war er allerdings ein St&uuml;mper. Er schnitt
+drauflos wie ein Fleischermeister, und Z&auml;hne zog er wie der
+Satan.
+
+</P><P>
+
+Um sich in seinem Handwerk &bdquo;auf dem laufenden zu halten&ldquo;,
+war er auf die &bdquo;Medizinische Wochenschrift&ldquo; abonniert,
+von der ihm einmal ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der
+Hauptmahlzeit nahm er sie gew&ouml;hnlich zur Hand, aber die warme
+Zimmerluft und die Verdauungsm&uuml;digkeit brachten ihn
+regelm&auml;&szlig;ig nach f&uuml;nf Minuten zum Einschlafen. Das
+Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine
+L&ouml;wenm&auml;hne vorn&uuml;ber nach dem Fu&szlig;e der Tischlampe
+zu. Emma sah sich dieses Bild ver&auml;chtlich an. Wenn ihr Mann nur
+wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen
+w&auml;re, die nachts &uuml;ber ihren B&uuml;chern hocken und mit
+sechzig Jahren, wenn sich das Zipperlein einstellt, den
+Verdienstorden in das Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen
+Rockes geh&auml;ngt bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre
+war, h&auml;tte Bedeutung haben m&uuml;ssen in der Fachliteratur, in
+den Zeitungen, in ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen
+Ehrgeiz. Ein Arzt aus Yvetot, mit dem er unl&auml;ngst gemeinsam
+konsultiert worden war, hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im
+Beisein der Verwandten blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte
+erz&auml;hlte, war Emma ma&szlig;los emp&ouml;rt &uuml;ber den
+Kollegen. Karl k&uuml;&szlig;te ihr ger&uuml;hrt die Stirn. Die
+Tr&auml;nen standen ihm in den Augen. Sie war au&szlig;er sich vor
+Scham ob der Dem&uuml;tigung ihres Mannes und h&auml;tte ihn am
+liebsten verpr&uuml;gelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den
+Gang hinaus, &ouml;ffnete das Fenster und sog die k&uuml;hle
+Nachtluft ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, was habe ich f&uuml;r einen erb&auml;rmlichen
+Mann!&ldquo; klagte sie leise vor sich hin und bi&szlig; sich auf die
+Lippen.
+
+</P><P>
+
+Er wurde ihr auch sonst immer widerw&auml;rtiger. Mit der Zeit nahm
+er allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
+zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen leckte
+er sich die Z&auml;hne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
+l&ouml;ffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
+beleibter, und seine an und f&uuml;r sich schon winzigen Augen
+drohten allm&auml;hlich g&auml;nzlich hinter seinen feisten Backen zu
+verschwinden.
+
+</P><P>
+
+Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes
+wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder beseitigte
+ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch l&auml;nger
+angezogen h&auml;tte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er
+w&auml;hnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus
+nerv&ouml;ser Reizbarkeit und egoistischem Sch&ouml;nheitsdrang.
+Mitunter erz&auml;hlte sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus
+einem Roman oder aus einem neuen St&uuml;cke, oder Vorkommnisse aus
+dem Leben der oberen Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung
+erhascht hatte. Schlie&szlig;lich war Karl wenigstens ein
+aufmerksamer und geneigter Zuh&ouml;rer, und sie konnte doch nicht
+immer nur ihr Windspiel, das Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer
+Kaminuhr zu ihren Vertrauten machen!
+
+</P><P>
+
+Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des
+gro&szlig;en Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
+verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und
+sp&auml;hte in die dunstigen Fernen nach einem wei&szlig;en Segel.
+Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige
+Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuf&uuml;hren solle, nach
+welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern w&uuml;rde,
+welcher Art dieses Schiff &uuml;berhaupt sein solle, ob ein schwaches
+Boot oder ein gro&szlig;er Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er
+fahre, mit tausend &Auml;ngsten oder mit Gl&uuml;ckseligkeiten
+beladen bis hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie
+erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute m&uuml;sse es sich
+ereignen. Bei jedem Ger&auml;usch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor
+und war dann betroffen, da&szlig; es immer noch nicht kam, das
+gro&szlig;e Erlebnis. Wenn die Sonne sank, war sie jedesmal
+tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den n&auml;chsten Tag.
+
+</P><P>
+
+Der Fr&uuml;hling zog wieder in das Land. Als die Tage w&auml;rmer
+wurden und die Birnb&auml;ume zu bl&uuml;hen begannen, litt Emma an
+Beklemmungen. Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli z&auml;hlte
+sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober
+seien. Vielleicht g&auml;be der Marquis von Andervilliers wieder
+einen Ball. Aber der ganze September verstrich, ohne da&szlig; ein
+Brief oder ein Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser
+Entt&auml;uschung war ihr Herz wieder leer, und das ewige Einerlei
+ihres Lebens hub von neuem an.
+
+</P><P>
+
+Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
+Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, sollten
+kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach auch das Leben
+andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die M&ouml;glichkeit eines
+au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer zieht
+h&auml;ufig die unglaublichsten Umw&auml;lzungen nach sich und
+ver&auml;ndert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb
+alles beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie
+ein langer stockfinsterer Gang, und die T&uuml;r ganz am Ende war
+fest verriegelt.
+
+</P><P>
+
+Sie vernachl&auml;ssigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer
+h&ouml;rte ihr denn zu? Es war ihr doch niemals verg&ouml;nnt, in
+einem Gesellschaftskleid mit kurzen &Auml;rmeln auf einem
+Konzertfl&uuml;gel vor einer gro&szlig;en Zuh&ouml;rerschaft
+vorzutragen, ihre flinken Finger &uuml;ber die Elfenbeintasten
+hinst&uuml;rmen zu lassen und das Murmeln der Verz&uuml;ckung um sich
+zu h&ouml;ren wie das Rauschen des Zephirs. Wozu also das
+m&uuml;hevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr Zeichenger&auml;t
+und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles? Wem zuliebe? Auch
+das N&auml;hen ward ihr widerlich, und selbst das Lesen lie&szlig;
+sie. &bdquo;Es ist immer wieder dasselbe!&ldquo; sagte sie sich.
+
+</P><P>
+
+Und so tr&auml;umte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins
+oder sah zu, wie drau&szlig;en der Regen herniederfiel.
+
+</P><P>
+
+Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur Vesper
+l&auml;utete, h&ouml;rte sie, vor sich hinbr&uuml;tend, den dumpfen
+Glockenschl&auml;gen zu. Eine Katze schlich &uuml;ber die
+D&auml;cher, gem&auml;chlich und langsam, und wo ein bi&szlig;chen
+Sonne war, machte sie einen Buckel. Auf der Landstra&szlig;e blies
+der Wind Staubwirbel auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem
+dem, in einem fort, in gleichen Zeitr&auml;umen, der monotone
+Glockenklang, der &uuml;ber den Feldern verhallte.
+
+</P><P>
+
+Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in Lackschuhen,
+die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her laufenden Kinder
+in blo&szlig;en K&ouml;pfen. Alles ging heimw&auml;rts. Nur f&uuml;nf
+bis sechs M&auml;nner, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des
+Gasthofes beim St&ouml;pselspiel, bis es dunkel wurde.
+
+</P><P>
+
+Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben mit
+Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch
+mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag
+&uuml;ber tr&uuml;b. Von nachmittags vier Uhr an mu&szlig;ten die
+Lampen brennen.
+
+</P><P>
+
+An sch&ouml;nen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
+hatte &uuml;ber die Gr&auml;ser ein silbernes Netz gewoben, dessen
+glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel sang.
+Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh umwickelt,
+und die Weinst&ouml;cke hingen an der Mauer wie vereiste Schlangen.
+Der lesende M&ouml;nch unter den Fichten an der Hecke hatte den
+rechten Fu&szlig; verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, und
+graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht.
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schlo&szlig;
+die T&uuml;r ab und sch&uuml;rte das Feuer im Kamine. In der
+W&auml;rme des Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete
+schwerer auf ihr. Gern w&auml;re sie hinuntergelaufen, um mit dem
+Dienstm&auml;dchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
+
+</P><P>
+
+Alle Morgen um die n&auml;mliche Stunde &ouml;ffnete dr&uuml;ben der
+Schulmeister, sein schwarzseidnes K&auml;ppchen auf dem Kopfe, die
+Fensterl&auml;den seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
+mit seinem S&auml;bel vor&uuml;ber. Morgens und abends wurden die
+Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tr&auml;nke nach dem
+Dorfteiche vorbeigef&uuml;hrt. Von Zeit zu Zeit schellte die
+T&uuml;rklingel irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging,
+h&ouml;rte man die Messingbecken, die als Aush&auml;ngeschilder vor
+dem Barbiergesch&auml;fte hingen, an ihre Stange klirren. Das
+Schaufenster schm&uuml;ckten ein altes auf Pappe ausgeklebtes
+Modenkupfer und eine weibliche Wachsb&uuml;ste mit einer gelben
+Per&uuml;cke. Der Friseur pflegte &uuml;ber seinen brotlosen Beruf
+und seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein h&ouml;chster
+Traum war ein Laden in einer gro&szlig;en Stadt, etwa in Rouen, am
+Kai, in der N&auml;he des Theaters. M&uuml;rrisch wanderte er den
+ganzen Tag &uuml;ber zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und
+her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster
+blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen Rock, die
+Zipfelm&uuml;tze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her
+patrouillieren.
+
+</P><P>
+
+Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des E&szlig;zimmers
+ein sonnengebr&auml;unter M&auml;nnerkopf mit einem schwarzen
+Schnurrbarte und einem tr&auml;gen L&auml;cheln um den Mund, in dem
+die Z&auml;hne leuchteten. Alsbald begann eine Walzermelodie aus
+einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut
+war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten Kopft&uuml;chern,
+Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen R&ouml;cken, Herren in
+Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnst&uuml;hlen
+und Tischen, wobei sie sich in Spiegelst&uuml;cken
+vervielf&auml;ltigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren.
+Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und sp&auml;hte dabei nach
+rechts und links nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen
+langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen die Prellsteine oder
+stie&szlig; mit dem Knie seinen Kasten in die H&ouml;he, dessen Gurt
+ihm die Schultern dr&uuml;ckte. In einem fort, bald schwerm&uuml;tig
+und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem
+roten Taftbezug, der unter einer schn&ouml;rkelhaft ausgestanzten
+Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es waren Melodien,
+die gerade Mode waren und die man &uuml;berall h&ouml;rte, in den
+Theatern, Salons und Tanzs&auml;len, Kl&auml;nge aus der fernen Welt,
+die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Kl&auml;nge im
+Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen.
+Wie die Bajadere &uuml;ber den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre
+Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu
+Traum und von Tr&uuml;bsal zu Tr&uuml;bsal. Wenn der Mann die milden
+Gaben in seiner M&uuml;tze gesammelt hatte, umh&uuml;llte er seinen
+Kasten mit einem blauwollnen &Uuml;berzug, nahm ihn auf den
+R&uuml;cken und verlie&szlig; das Dorf schweren Schrittes. Emma
+schaute ihm lange nach.
+
+</P><P>
+
+Am unertr&auml;glichsten waren ihr die Mahlzeiten im E&szlig;zimmer
+unten im Erdgescho&szlig;. Der Ofen rauchte, die T&uuml;re knarrte,
+die W&auml;nde waren feucht und der Fu&szlig;boden kalt. Die ganze
+Bitternis ihres Daseins schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und
+aus dem Dampf des ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der
+Brodem ihres ihr so widerw&auml;rtig gewordenen Lebens entgegen. Karl
+a&szlig; und a&szlig;, w&auml;hrend sie ein paar N&uuml;sse knackte
+oder, auf die Ellenbogen gest&uuml;tzt, sich damit vergn&uuml;gte,
+mit der Messerspitze allerlei Linien in das Wachstuch zu kritzeln.
+
+</P><P>
+
+In der Wirtschaft lie&szlig; sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre
+Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach Tostes
+kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in ihrem
+&Auml;u&szlig;eren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr
+tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne
+Str&uuml;mpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man
+m&uuml;sse sich einschr&auml;nken, da sie nicht reich seien,
+f&uuml;gte aber hinzu, sie sei h&ouml;chst zufrieden und &uuml;beraus
+gl&uuml;cklich, und in Tostes gefalle es ihr &uuml;ber alle
+Ma&szlig;en. Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte
+Frau Bovary. Im &uuml;brigen zeigte sie sich f&uuml;r die guten
+Lehren der Schwiegermutter nicht empf&auml;nglicher denn fr&uuml;her.
+Als diese gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei
+f&uuml;r die Gottesfurcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emmas
+Antwort von einem so zornigen Blick und einem so eiskalten
+L&auml;cheln begleitet, da&szlig; die gute Frau ihr nicht wieder zu
+nahe kam.
+
+</P><P>
+
+Emma wurde unzug&auml;nglich und launisch. Sie lie&szlig; sich
+besondre Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anr&uuml;hrte;
+an dem einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein
+Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und
+bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle
+Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie das
+Dienstm&auml;dchen angefahren hatte, machte sie ihr im n&auml;chsten
+Augenblicke Geschenke oder lie&szlig; sie in die Nachbarschaft
+ausgehen. Aus &auml;hnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen
+Leuten alles Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie
+eigentlich gar nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle
+Menschen, die auf dem Lande gro&szlig; geworden sind und lebenslang
+etwas von der H&auml;rte der v&auml;terlichen H&auml;nde in ihrem
+Herzen behalten.
+
+</P><P>
+
+Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an seine
+Heilung pers&ouml;nlich eine pr&auml;chtige Truthenne und blieb drei
+Tage im Hause seines Schwiegersohnes. W&auml;hrend Karl auf Praxis
+war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem
+Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten,
+K&auml;lbern, K&uuml;hen, H&uuml;hnern und von den
+Gemeinderatssitzungen. Wenn er wieder hinausgegangen war,
+schlo&szlig; sie ihre T&uuml;r mit einem Gef&uuml;hl der Befriedigung
+ab, das ihr selber sonderbar vorkam.
+
+</P><P>
+
+Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan immer
+weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkw&uuml;rdigsten
+Ansichten zu &auml;u&szlig;ern. Sie tadelte, was andre f&uuml;r gut
+hielten, und billigte Dinge, die f&uuml;r unnat&uuml;rlich oder
+unmoralisch erkl&auml;rt wurden. Karl machte mitunter verwunderte
+Augen dazu.
+
+</P><P>
+
+Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer
+wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch
+ebensoviel wert wie alle die Menschen, die gl&uuml;cklich waren! In
+Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs waren
+als sie und ein gew&ouml;hnlicheres Benehmen hatten. Sie
+verw&uuml;nschte die Ungerechtigkeit ihres Sch&ouml;pfers und
+dr&uuml;ckte ihr Haupt weinend an die W&auml;nde vor lauter Sehnsucht
+nach dem Tumult der Welt, ihren n&auml;chtlichen Maskeraden und
+frechen Freuden und allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und
+die es doch gab.
+
+</P><P>
+
+Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete ihr
+Baldriantropfen und Kampferb&auml;der. Das machte sie nur noch
+reizsamer.
+
+</P><P>
+
+An manchen Tagen redete sie ohne Unterla&szlig; wie eine
+Fieberkranke. Dieser Aufgeregtheit folgte ein pl&ouml;tzlicher
+Umschlag in einen Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie
+stumm da, ohne sich zu r&uuml;hren, und es wirkte bei ihr nur ein
+Belebungsmittel: das &Uuml;bergie&szlig;en mit K&ouml;lnischem
+Wasser.
+
+</P><P>
+
+Dieweil sie sich fortw&auml;hrend &uuml;ber Tostes beklagte, bildete
+sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen
+&ouml;rtlichen Einflu&szlig; verursacht, und so begann er ernstlich
+daran zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager werden
+wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor jegliche
+E&szlig;lust.
+
+</P><P>
+
+Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt, nach
+vierj&auml;hriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es
+mu&szlig;te sein! Er lie&szlig; Emma in Rouen von seinem ehemaligen
+Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nerv&ouml;ses Leiden;
+Luftver&auml;nderung w&auml;re vonn&ouml;ten.
+
+</P><P>
+
+Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in
+Erfahrung, da&szlig; im Bezirk von Neufch&acirc;tel in einem
+gr&ouml;&szlig;eren Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige
+Arzt, ein polnischer Ref&uuml;gi&eacute;, in der vergangenen Nacht
+das Weite gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und
+erkundigte sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die
+n&auml;chsten Kollegen entfernt s&auml;&szlig;en und wie hoch die
+Jahreseinnahme des Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel
+befriedigend aus, und infolgedessen entschlo&szlig; sich Bovary, zu
+Beginn des kommenden Fr&uuml;hjahres nach Abtei Yonville
+&uuml;berzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht gebessert
+habe.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem
+Schubfache. Da ri&szlig; sie sich in den Finger und zwar an einem der
+Dr&auml;hte ihres Hochzeitsstrau&szlig;es. Die Orangenknospen waren
+grau vor Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war
+ausgefranst. Sie warf den Strau&szlig; in das Feuer. Er flackerte auf
+wie trocknes Stroh. Eine Weile gl&uuml;hte er noch wie ein feuriger
+Busch &uuml;ber der Asche, dann sank er langsam in sich zusammen.
+Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten,
+die Dr&auml;hte kr&uuml;mmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die
+verkohlte Papiermanschette zerfiel, und die St&uuml;cke flatterten im
+Kamine hin und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den
+Rauchfang hinaufflogen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Bei dem Weggange von Tostes, im M&auml;rz, ging Frau Bovary einer
+guten Hoffnung entgegen.
+
+</P>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H1>Zweites Buch</H1>
+</CENTER>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H2>Erstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
+von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
+Marktflecken, acht Wegstunden &ouml;stlich von Rouen, zwischen der
+Stra&szlig;e von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im
+Tale der Rieule, eines Nebenfl&uuml;&szlig;chens der Andelle. Nahe
+seiner Einm&uuml;ndung treibt der Bach drei M&uuml;hlen. Er hat Forellen,
+nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
+Belustigung angeln.
+
+</P><P>
+
+Man verl&auml;&szlig;t die Heeresstra&szlig;e bei La Boissi&egrave;re und geht auf
+der Hochebene bis zur H&ouml;he von Leux, wo man das Tiefland
+offen vor sich liegen sieht. Der Flu&szlig; teilt es in zwei
+deutlich unterscheidbare H&auml;lften: zur Linken Weideland, rechts
+ist alles bebaut. Diese Pr&auml;rie, die sich bis zu den Triften
+der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen
+H&uuml;gelkette begrenzt, w&auml;hrend die Ebene gegen Osten allm&auml;hlich
+ansteigt und sich im Unerme&szlig;lichen verliert. So weit das Auge
+reicht, schweift es &uuml;ber meilenweite Kornfelder. Das
+Gew&auml;sser sondert wie mit einem langen wei&szlig;en Strich das Gr&uuml;n
+der Wiesen von dem Blond der &Auml;cker, und so liegt das ganze
+Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit
+einem gr&uuml;nen silbernges&auml;umten Samtkragen.
+
+</P><P>
+
+Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil
+und die steilen Abh&auml;nge von Sankt Johann mit ihren eigent&uuml;mlichen,
+senkrechten, ungleichm&auml;&szlig;igen roten Strichen. Das sind die
+Wege, die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen
+auf dem Grau der Berge r&uuml;hren von den vielen eisenhaltigen
+Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten
+hinab ins Land schicken.
+
+</P><P>
+
+Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
+Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefm&uuml;tterlich
+behandelten Gel&auml;ndes, das weder im Dialekt seiner Bewohner
+noch in seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist.
+Von hier kommen die allerschlechtesten K&auml;se des ganzen
+Bezirks von Neufch&acirc;tel. Allerdings ist die Bewirtschaftung
+dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel
+D&uuml;nger verlangt.
+
+</P><P>
+
+Bis zum Jahre 1835 f&uuml;hrte keine brauchbare Stra&szlig;e nach
+Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter
+&bdquo;Hauptvizinalweg&ldquo; angelegt, der die beiden gro&szlig;en
+Heeresstra&szlig;en von Abbeville und von Amiens untereinander
+verbindet und bisweilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die
+von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser &bdquo;neuen
+Verbindungen&ldquo; gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung.
+Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man
+hartn&auml;ckig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen
+Gewinn sie auch brachte; und die tr&auml;ge Bewohnerschaft baut sich
+auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an.
+Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt
+liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache
+hingeworfen hat.
+
+</P><P>
+
+Von der Br&uuml;cke, die &uuml;ber die Rieule f&uuml;hrt, geht der mit Pappeln
+bes&auml;umte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Geh&ouml;ften
+des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
+Hauptgeb&auml;uden sieht man allerhand ordnungslos angelegte
+Nebenh&auml;uschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien,
+dazwischen buschige B&auml;ume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und
+andres Ger&auml;t h&auml;ngen oder lehnen. Die Strohd&auml;cher sehen wie
+bis an die Augen ins Gesicht hereingezogene Pelzm&uuml;tzen
+aus; sie verdecken ein Drittel der niedrigen
+Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich d&uuml;rres
+Spalierobst an den wei&szlig;en, von schwarzem Geb&auml;lk durchquerten
+Kalkw&auml;nden der H&auml;user empor. Die Eing&auml;nge im Erdgescho&szlig; haben
+drehbare Halbt&uuml;ren, damit die H&uuml;hner nicht eindringen, die auf
+den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
+
+</P><P>
+
+Allm&auml;hlich werden die H&ouml;fe enger, die Geb&auml;ude r&uuml;cken n&auml;her
+aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der H&auml;user
+h&auml;ngt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein
+B&uuml;ndel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
+drei neue Karren stehen davor und versperren die Stra&szlig;e.
+Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein
+wei&szlig;es Landhaus, eine runde Rasenfl&auml;che davor mit einem
+Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund h&auml;lt. Die
+Freitreppe flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild
+mit Wappen gl&auml;nzt am Tore. Es ist das Haus des
+Notars, das sch&ouml;nste der ganzen Gegend.
+
+</P><P>
+
+Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Stra&szlig;e, beginnt
+der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
+herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenh&ouml;he umschlie&szlig;t,
+liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu
+ein Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschie&szlig;endes
+Gras gr&uuml;ne Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein
+Neubau aus der letzten Zeit der Regierung Karls des
+Zehnten. Das h&ouml;lzerne Dach beginnt bereits morsch zu
+werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke &uuml;ber dem Schiff zeigen
+sich stellenweise schwarze Flecken. &Uuml;ber dem Eingang befindet
+sich da, wo gew&ouml;hnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine
+Empore f&uuml;r die M&auml;nner, zu der eine Wendeltreppe hinauff&uuml;hrt,
+die laut dr&ouml;hnt, wenn man sie betritt.
+
+</P><P>
+
+Das Tageslicht flutet in schr&auml;gen Strahlen durch die
+farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von
+L&auml;ngswand zu L&auml;ngswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind
+Strohmatten befestigt, und Namensschilder verk&uuml;nden weithin
+sichtbar: &bdquo;Platz des Herrn Soundso.&ldquo; Wo sich das Schiff
+verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegen&uuml;ber ein Standbild
+der Madonna, die ein Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter
+silbernen Sternen bes&auml;t, tr&auml;gt. Ihre Wangen sind genau so
+knallrot angemalt wie die eines G&ouml;tzenbildes auf den
+Sandwichinseln. Im Chor &uuml;ber dem Hochaltar schimmert hinter vier
+hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro
+Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorst&uuml;hle aus
+Fichtenholz sind ohne Anstrich.
+
+</P><P>
+
+Fast die H&auml;lfte des Marktplatzes von Yonville nehmen &bdquo;die
+Hallen&ldquo; ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzs&auml;ulen.
+Das Rathaus, nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten
+in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des
+Platzes neben der Apotheke. Das Erdgescho&szlig; hat eine
+dorische S&auml;ulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und
+dar&uuml;ber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der
+einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage
+der Gerechtigkeit h&auml;lt.
+
+</P><P>
+
+Das Augenmerk des Fremden f&auml;llt immer zuerst auf die
+Apotheke des Herrn Homais, schr&auml;g gegen&uuml;ber vom &bdquo;Gasthof
+zum goldnen L&ouml;wen&ldquo;. Zumal am Abend, wenn die gro&szlig;e Lampe im
+Laden brennt und ihr helles, durch die bunten Fl&uuml;ssigkeiten in
+den dickbauchigen Flaschen, die das Schaufenster schm&uuml;cken
+sollen, rot und gr&uuml;n gef&auml;rbtes Licht weit hinaus &uuml;ber
+das Stra&szlig;enpflaster f&auml;llt, dann sieht man den Schattenri&szlig;
+des &uuml;ber sein Pult gebeugten Apothekers wie in bengalischer
+Beleuchtung. Au&szlig;en ist sein Haus von oben bis unten mit
+Reklameschildern bedeckt, die in allen m&ouml;glichen Schriftarten
+ausschreien: &bdquo;Mineralwasser von Vichy&ldquo;, &bdquo;Sauerbrunnen&ldquo;,
+&bdquo;Selterswasser&ldquo;, &bdquo;Kamillentee&ldquo;, &bdquo;Kr&auml;uterlik&ouml;r&ldquo;,
+&bdquo;Kraftmehl&ldquo;, &bdquo;Hustenpastillen&ldquo;, &bdquo;Zahnpulver&ldquo;, &bdquo;Mundwasser&ldquo;,
+&bdquo;Bandagen&ldquo;, &bdquo;Badesalz&ldquo;, &bdquo;Gesundheitsschokolade&ldquo; usw. usw.
+Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in
+m&auml;chtigen goldnen Buchstaben: &bdquo;Homais, Apotheker&ldquo;. Drinnen,
+hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest
+man &uuml;ber einer Glast&uuml;re das Wort &bdquo;Laboratorium&ldquo; und auf
+der T&uuml;r selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem
+Grunde den Namen &bdquo;Homais&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Weitere Sehensw&uuml;rdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die
+Hauptstra&szlig;e (die einzige) reicht einen B&uuml;chsenschu&szlig; weit und
+hat zu beiden Seiten ein paar Kraml&auml;den. An der Stra&szlig;enbiegung
+ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und
+dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
+
+</P><P>
+
+Zur Zeit der Cholera wurde ein St&uuml;ck der Kirchhofsmauer
+niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
+vergr&ouml;&szlig;ert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
+unbenutzt geblieben. Wie vordem dr&auml;ngen sich die Grabh&uuml;gel nach
+dem Eingangstor zu zusammen. Der Pf&ouml;rtner, der zugleich auch
+Totengr&auml;ber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen
+der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das
+unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber
+von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bi&szlig;chen Boden, und es
+brauchte blo&szlig; wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so w&uuml;&szlig;te
+er nicht, ob er sich &uuml;ber die vielen Toten freuen oder &uuml;ber ihre
+neuen Gr&auml;ber &auml;rgern solle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lestiboudois, Sie leben von den Toten!&ldquo; sagte eines
+Tages der Pfarrer zu ihm.
+
+</P><P>
+
+Diese gruselige Bemerkung stimmte den K&uuml;ster nachdenklich. Eine
+Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis
+auf den heutigen Tag zog er seine Erd&auml;pfel weiter. Ja, er
+versichert sogar mit Nachdruck, sie w&uuml;chsen ganz von selber.
+
+</P><P>
+
+Seit den Ereignissen, die hier erz&auml;hlt werden, hat sich in
+Yonville wirklich nichts ver&auml;ndert. Noch immer dreht sich auf
+der Kirchturmspitze die wei&szlig;-rot-blaue Fahne aus Blech, noch
+immer flattern vor dem Laden des Modewarenh&auml;ndlers zwei
+Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der
+Apotheke h&auml;&szlig;liche Pr&auml;parate in Glasb&uuml;chsen voll
+tr&uuml;bgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von
+Wind und Wetter ziemlich entgoldete L&ouml;we &uuml;ber dem Tore des
+Gasthofes den Vor&uuml;bergehenden seine Pudelm&auml;hne.
+
+</P><P>
+
+An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen
+sollte, war die L&ouml;wenwirtin, die Witwe Franz, derartig
+besch&auml;ftigt, da&szlig; ihr beim Hantieren mit ihren T&ouml;pfen der
+Schwei&szlig; von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war n&auml;mlich
+Markttag im St&auml;dtchen. Da mu&szlig;te Fleisch zurechtgehackt,
+Gefl&uuml;gel ausgenommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt
+werden. Daneben die regelm&auml;&szlig;igen Tischteilnehmer und heute
+obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstm&auml;dchen!
+Am Billard lachten G&auml;ste, und in der kleinen Gaststube riefen
+drei M&uuml;llerburschen nach Schnaps. Im Herde prasselte und
+schmorte es, und auf dem langen K&uuml;chentische paradierten neben
+einer rohen Hammelkeule St&ouml;&szlig;e von Tellern, die nach dem Takte
+des Wiegemessers tanzten, mit dem die K&ouml;chin Spinat
+zerkleinerte. Vom Hofe aus ert&ouml;nte das &auml;ngstliche Gegacker
+der H&uuml;hner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
+K&ouml;pfe abschneiden wollte.
+
+</P><P>
+
+Ein Herr in gr&uuml;nledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an
+seinem schwarzsamtnen K&auml;ppchen, w&auml;rmte sich am Kamin des
+Gastzimmers den R&uuml;cken. Im Gesicht hatte er ein paar
+Blatternarben. Sein ganzes Wesen strahlte f&ouml;rmlich von
+Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichm&uuml;tig dahin
+wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer
+herumh&uuml;pfte. Dieser Herr war der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Artemisia!&ldquo; rief die Wirtin. &bdquo;Leg noch ein bi&szlig;chen Reisig
+ins Feuer! F&uuml;lle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps
+hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur w&uuml;&szlig;te, was ich
+den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen
+soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft
+h&ouml;ren mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und
+der M&ouml;belwagen steht drau&szlig;en immer noch mitten auf der Stra&szlig;e,
+gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine
+Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen
+beiseiteschieben ... Was ich sagen wollte, Herr Apotheker,
+diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei
+der f&uuml;nfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man
+wird mir noch ein Loch ins Tuch sto&szlig;en!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie war auf einen Augenblick, den Kochl&ouml;ffel in der Hand, ins
+Gastzimmer gelaufen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das w&auml;r auch weiter kein Malheur!&ldquo; meinte Homais. &bdquo;Dann
+schaffen Sie gleich ein neues Billard an!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein neues Billard!&ldquo; jammerte die Witwe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr
+viel! Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr
+eigner Schaden! Und ein gro&szlig;er Schaden! Heutzutage verlangen
+passionierte Spieler gro&szlig;e B&auml;lle und schwere Queues. Mit
+solchen B&auml;llchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten &auml;ndern sich!
+Man mu&szlig; modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Caf&eacute;
+Fran&ccedil;ais&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Wirtin wurde rot vor &Auml;rger, aber der Apotheker fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie k&ouml;nnen sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist
+handlicher als Ihrs. Und wenn es hei&szlig;t, eine
+patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der
+vertriebenen Polen oder f&uuml;r die &Uuml;berschwemmten von Lyon&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was!&ldquo; unterbrach ihn die L&ouml;wenwirtin ver&auml;chtlich.
+&bdquo;Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen
+Sies nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne L&ouml;we
+bestehen wird, sitzen auch G&auml;ste drin! Wir verhungern nicht! Aber
+Ihr geliebtes Caf&eacute; Fran&ccedil;ais, das wird eines
+sch&ouml;nen Tages die Bude zumachen! Oder vielmehr der
+Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres Billard
+anschaffen? Wo meins so bequem ist zum W&auml;schefalten! Und wenn
+Jagdg&auml;ste da sind, k&ouml;nnen gleich sechse drauf &uuml;bernachten! Nee,
+nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
+Hivert!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sollen denn Ihre Tischg&auml;ste mit dem Essen warten, bis die
+Post gekommen ist?&ldquo; fragte Homais ungeduldig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag
+sechs, einen wie alle Tage! So ein Muster von P&uuml;nktlichkeit
+gibts auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit
+urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er
+lie&szlig;e sich eher totschlagen, als da&szlig; er wo anders &auml;&szlig;e.
+Was Schlechtes darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den
+Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er ist nicht wie Herr
+Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und
+alles i&szlig;t, was man ihm vorsetzt! &Uuml;brigens ein feiner
+junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm
+geh&ouml;rt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
+Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen K&uuml;rassier und
+jetzigen Steuereinnehmer!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es schlug sechs. Binet trat ein.
+
+</P><P>
+
+Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
+K&ouml;rper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Lederm&uuml;tze blickte
+ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedr&uuml;ckt von dem
+langj&auml;hrigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug
+eine Weste aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen
+und tadellos blankgewichste Schuhe, die vorn besonders
+ausgearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen
+litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte
+ihm das lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der
+Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in
+jeglichem Kartenspiel und ein guter J&auml;ger, hatte eine h&uuml;bsche
+Handschrift und besa&szlig; zu Hause eine Drehbank, auf der er zu
+seinem Vergn&uuml;gen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon
+eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eines K&uuml;nstlers und
+dem Geiz des Spie&szlig;ers h&uuml;tete.
+
+</P><P>
+
+Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mu&szlig;ten dort aber
+die drei M&uuml;llerburschen hinauskomplimentiert werden. W&auml;hrend
+man drin f&uuml;r ihn deckte, blieb er in der gro&szlig;en Gaststube stumm
+in der N&auml;he des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte
+die T&uuml;re ein und nahm seine M&uuml;tze ab. Das hatte alles so
+seine Ordnung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An &uuml;berm&auml;&szlig;iger H&ouml;flichkeit wird der mal nicht sterben!&ldquo;
+bemerkte der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein
+war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er redet nie viel,&ldquo; entgegnete diese. &bdquo;Vergangene Woche waren
+zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend
+Schnurren erz&auml;hlt haben. Ich w&auml;re beinahe umgekommen vor Lachen.
+Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
+verzogen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja,&ldquo; sagte der Apotheker, &bdquo;der Mensch hat keine Phantasie,
+keinen Witz, keinen geselligen Sinn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er soll aber wohlhabend sein,&ldquo; warf die Wirtin ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohlhabend?&ldquo; echote Homais. &bdquo;Der und wohlhabend!&ldquo; Und
+gelassen f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Gott ja, so f&uuml;r seine Verh&auml;ltnisse.
+Das ist schon m&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: &bdquo;Hm! Wenn ein Kaufmann,
+der ein gro&szlig;es Gesch&auml;ft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein
+Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, da&szlig; er zum
+Griesgram oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor
+gibt es Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin
+Gedanken im Kopfe. Wie oft ists mir nicht selber passiert, da&szlig;
+ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um
+ein Schildchen auszuf&uuml;llen oder so was, &mdash; und wei&szlig; der
+Kuckuck, schlie&szlig;lich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre
+stecken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Franz ging indessen an die Haust&uuml;r, um nachzusehen, ob
+die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da
+trat ein schwarz gekleideter Mann in die K&uuml;che. Das
+D&auml;mmerlicht beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umflo&szlig;
+seine herkulischen Linien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?&ldquo; fragte die Wirtin
+und nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren
+wei&szlig;en Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. &bdquo;Haben
+Ehrw&uuml;rden einen Wunsch? Ein Gl&auml;schen Wacholder oder einen
+Schoppen Wein?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines
+Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte
+stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn
+gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er
+sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria
+gel&auml;utet ward.
+
+</P><P>
+
+Als die Tritte des Geistlichen drau&szlig;en verklungen waren,
+machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben
+sehr ungeb&uuml;hrlich benommen. Eine angebotene Erfrischung
+abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche
+Heuchelei. Die Pfaffen s&ouml;ffen insgeheim alle miteinander. Am
+liebsten m&ouml;chten sie den Zehnten wieder einf&uuml;hren.
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, &uuml;brigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
+zugleich auf!&ldquo; meinte sie. &bdquo;Voriges Jahr hat er unsern Leuten
+beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Sch&uuml;tten auf
+einmal getragen. So stark ist er!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo; rief Homais aus. &bdquo;Schickt nur Eure
+M&auml;dels solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate
+was zu sagen h&auml;tte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier
+Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier
+Wochen einen ordentlichen Aderla&szlig; zur Hebung von Sicherheit und
+Sittlichkeit im Lande!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais erwiderte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert
+als die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz.
+Ich verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine
+h&ouml;here Macht, an einen Sch&ouml;pfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht
+in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre
+Pflichten als Staatsb&uuml;rger und Familienv&auml;ter erf&uuml;llen.
+Aber ich habe kein Bed&uuml;rfnis, in die Kirche zu gehen,
+silbernes Ger&auml;t zu k&uuml;ssen und eine Bande von Possenrei&szlig;ern
+aus meiner Tasche zu m&auml;sten, die sich besser hegen und pflegen
+als ich mich selber. Gott kann man viel sch&ouml;ner verehren im
+Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung
+angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der
+Philosophen und K&uuml;nstler. Ich bin f&uuml;r Rousseaus
+Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. F&uuml;r die
+unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den
+sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierst&ouml;ckchen in der
+Hand gem&uuml;tlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in
+einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
+dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an
+und f&uuml;r sich Bl&ouml;dsinn und obendrein wider alle Naturgesetze!
+Es beweist aber nebenbei, da&szlig; sich die Pfaffen in der
+schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen
+m&ouml;chten, mir Wollust selber herumsielen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schwieg und &uuml;berschaute seine Zuh&ouml;rerschaft. Er hatte sich
+ins Zeug gelegt, als spr&auml;che er vor versammeltem
+Gemeinderat. Die Wirtin war l&auml;ngst aus der Gaststube gelaufen.
+Sie lauschte drau&szlig;en und vernahm ein fernes rollendes
+Ger&auml;usch. Bald h&ouml;rte sie deutlich das Rasseln der R&auml;der und
+das Klappern eines lockeren Eisens auf dem Pflaster.
+Endlich hielt die Postkutsche vor der Haust&uuml;re.
+
+</P><P>
+
+Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenr&auml;dern, die
+bis an das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem
+Reisenden jegliche Aussicht und bespritzten ihn fortw&auml;hrend.
+Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem
+Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, da&szlig; sie vor Staub und
+Stra&szlig;enschmutz starrten. Der st&auml;rkste Platzregen h&auml;tte sie
+nicht rein gewaschen. Das Fahrzeug war mit drei Pferden
+bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles
+redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
+wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine
+Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wu&szlig;te gar nicht, wem er
+zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte n&auml;mlich allerlei
+Auftr&auml;ge f&uuml;r die Landleute in der Stadt zu &uuml;bernehmen. Er
+machte Eink&auml;ufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied
+altes Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne
+Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur
+Lockenwickel. Auf dem R&uuml;ckwege verteilte er dann die Pakete
+l&auml;ngs seiner Fahrstra&szlig;e. Wenn er am Geh&ouml;ft eines
+Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle und
+warf das Paket &uuml;ber den Zaun in das Grundst&uuml;ck, wobei er
+sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke
+ohne Z&uuml;gel laufen lie&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Heute kam er mit Versp&auml;tung. Unterwegs war Frau Bovarys
+Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff
+man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zur&uuml;ck; aller
+Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schlie&szlig;lich
+aber mu&szlig;te weitergefahren werden.
+
+</P><P>
+
+Emma weinte und war ganz au&szlig;er sich. Karl sei an diesem Ungl&uuml;ck
+schuld. Herr Lheureux, der Modewarenh&auml;ndler, der mit in der Post
+fuhr, versuchte sie zu tr&ouml;sten, indem er ein Schock Geschichten
+von Hunden erz&auml;hlte, die entlaufen waren und sich nach langen
+Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
+anderem wu&szlig;te er von einem Dackel zu berichten, der von
+Konstantinopel aus den Weg nach Paris zur&uuml;ckgefunden haben
+sollte. Ein andrer Hund war hinter einander drei&szlig;ig Meilen
+gelaufen und hatte dabei vier Fl&uuml;sse durchschwommen. Und sein
+eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zw&ouml;lf
+Jahre weg. Eines Abends, als der alte Lheureux durch die
+Stadt nach dem Gasthaus ging, sprang der Hund an ihm hoch.
+
+</P>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zweites Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
+eine Amme. Karl mu&szlig;te man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
+beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
+
+</P><P>
+
+Homais stellte sich vor. Er ersch&ouml;pfte sich der &bdquo;gn&auml;digen
+Frau&ldquo; und dem &bdquo;Herrn Doktor&ldquo; gegen&uuml;ber in Galanterien und
+H&ouml;flichkeiten. Er sei entz&uuml;ckt, sagte er, bereits Gelegenheit
+gehabt zu haben, ihnen gef&auml;llig sein zu d&uuml;rfen. Und in
+herzlichem Tone f&uuml;gte er hinzu, er l&uuml;de sich f&uuml;r heute bei
+ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary begab sich in die K&uuml;che und an den Herd. Mit den
+Fingerspitzen fa&szlig;te sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es
+bis zu den Kn&ouml;cheln herauf und w&auml;rmte ihre mit
+schwarzledernen Stiefeletten bekleideten F&uuml;&szlig;e an der Glut, in
+der die Hammelkeule am Spie&szlig; gedreht wurde. Das Feuer
+beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den
+Stoff ihres Kleides, auf ihre por&ouml;se wei&szlig;e Haut und in die
+Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schl&ouml;ssen. Der
+Luftzug strich durch die halboffene T&uuml;r und r&ouml;tete die Flammen.
+Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende
+desselben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm
+betrachtete.
+
+</P><P>
+
+Es war Leo D&uuml;puis, der Adjunkt des Notars Guillaumin,
+einer der Stammg&auml;ste im Goldnen L&ouml;wen. Er langweilte sich
+geh&ouml;rig in Yonville, und deshalb kam er zu Tisch &ouml;fters
+absichtlich zu sp&auml;t, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden
+den Abend im Wirtshause verplaudern zu k&ouml;nnen. Wenn er aber in
+der Kanzlei gerade gar nichts zu tun hatte, mu&szlig;te er aus
+Langeweile wohl oder &uuml;bel p&uuml;nktlich erscheinen und von der Suppe
+bis zum K&auml;se Binets Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte
+ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen G&auml;sten zusammen zu
+essen; er war mit Vergn&uuml;gen darauf eingegangen. Zur Feier des
+Tages war im Saal f&uuml;r vier Personen gedeckt worden.
+
+</P><P>
+
+Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
+K&auml;ppchen aufbehalten zu d&uuml;rfen. Er erk&auml;lte sich leicht.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary sa&szlig; ihm beim Essen zur Rechten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau sind zweifellos ein wenig m&uuml;de?&ldquo; begann er.
+&bdquo;In unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft
+durchger&uuml;ttelt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Freilich!&ldquo; gab Emma zur Antwort. &bdquo;Aber dieses Dr&uuml;ber und
+Drunter macht mir gerade Spa&szlig;. Ich liebe die Abwechselung.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gr&auml;&szlig;lich!&ldquo;
+seufzte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen
+m&uuml;&szlig;ten&nbsp;...&ldquo;, warf Karl ein.
+
+</P><P>
+
+Leo wandte sich an Emma:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Grade das denke ich mir k&ouml;stlich. Nat&uuml;rlich mu&szlig; man ein
+guter Reiter sein.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein praktizierender Arzt hats &uuml;brigens in hiesiger Gegend
+ziemlich bequem&ldquo;, meinte der Apotheker. &bdquo;Die Wege sind n&auml;mlich
+soweit imstand, da&szlig; man ein Kabriolett verwenden kann. Im
+allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
+wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
+abgesehen von den gew&ouml;hnlichen Diarrh&ouml;en, Rachenkatarrhen und
+Magenbeschwerden, hin und wieder w&auml;hrend der Erntezeit wohl
+F&auml;lle von Wechselfieber, aber im gro&szlig;en und ganzen selten
+schwere Krankheiten. Besonders zu erw&auml;hnen sind die
+zahlreichen skroful&ouml;sen Leiden, die zweifellos von den
+kl&auml;glichen hygienischen Verh&auml;ltnissen in den Bauernh&auml;usern
+herr&uuml;hren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden &ouml;fters mit
+altmodischen Ansichten zu k&auml;mpfen haben, und vielfach werden
+Dickk&ouml;pfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer
+Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen es
+in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit
+dem Pfarrer, statt da&szlig; sie von vornherein zum Arzt oder in die
+Apotheke gingen. Im &uuml;brigen ist das Klima wirklich nicht
+schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigj&auml;hrige in der Gemeinde.
+Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalk&auml;lte im Winter
+4&deg; Celsius, w&auml;hrend wir im Hochsommer auf
+25&deg;, h&ouml;chstens 30&deg; kommen. Das
+w&auml;re ein Maximum von 24&deg; Reaumur. Das ist
+nicht viel. Das kommt aber daher, da&szlig; wir einerseits vor den
+Nordwinden durch die W&auml;lder von Argueil, andrerseits vor den
+Westwinden durch die H&ouml;he von Sankt Johann gesch&uuml;tzt sind. Diese
+W&auml;rme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des
+Flusses und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den
+Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren
+(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur
+Stickstoff und Sauerstoff!), &mdash; diese W&auml;rme, die den Humus
+aussaugt und alle D&uuml;nste des Bodens aufnimmt, sich
+gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der
+Elektrizit&auml;t der Atmosph&auml;re verbindet, die k&ouml;nnte schlie&szlig;lich
+(wie in den Tropenl&auml;ndern) gesundheitssch&auml;dliche Miasmen
+erzeugen &mdash;, diese W&auml;rme, sag ich, wird gerade dort, wo sie
+herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen k&ouml;nnte, das hei&szlig;t
+im S&uuml;den, durch die S&uuml;dostwinde abgek&uuml;hlt, die ihre K&uuml;hle
+&uuml;ber der Seine erlangen und bei uns bisweilen pl&ouml;tzlich
+als sanftes Mail&uuml;fterl wehen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der
+Umgegend?&ldquo; fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespr&auml;ches
+mit dem jungen Manne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leider nur sehr wenige&ldquo;, entgegnete er. &bdquo;Einen h&uuml;bschen Ort
+gibt es auf der H&ouml;he, am Waldrande, der
+&sbquo;Futterplatz&lsquo; genannt. Dort sitze ich manchmal
+Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den
+Sonnenuntergang an.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,&ldquo;
+schw&auml;rmte Emma, &bdquo;zumal am Gestade des Meeres!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich bete das Meer an!&ldquo; stimmte Leo bei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie nicht auch die Empfindung,&ldquo; fuhr Frau Bovary fort,
+&bdquo;da&szlig; die Seele beim Anblicke dieser unerme&szlig;lichen Weite Fl&uuml;gel
+bekommt, die Fl&uuml;gel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten
+emporheben, in die Sph&auml;re der Ideen, der Ideale?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso&ldquo;, meinte Leo. &bdquo;Ich
+habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise
+gemacht hat. Der hat mir erz&auml;hlt: ohne sie selber zu sehen,
+k&ouml;nne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht
+vorstellen, den Zauber der Wasserf&auml;lle und den gro&szlig;artigen
+Eindruck der Gletscher. &Uuml;ber Gie&szlig;b&auml;chen h&auml;ngen riesige
+Fichten, und am Rande von tiefen Abgr&uuml;nden kleben Alpenh&uuml;tten;
+und wenn die Wolken einmal zerrei&szlig;en, erblickt man tausend Fu&szlig;
+unten in der Tiefe die langen T&auml;ler. Wer das schaut, mu&szlig; in
+Begeisterung geraten, in Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt
+begreife ich auch jenen ber&uuml;hmten Musiker, der nur angesichts
+von erhabenen Landschaften arbeiten konnte.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Treiben Sie Musik?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, aber ich liebe die Musik!&ldquo; antwortete er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!&ldquo; mischte sich
+Homais ein. &bdquo;Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit
+... Aber gewi&szlig;, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da
+haben Sie doch das <B>Engellied</B> wundervoll gesungen. Ich hab
+es von meinem Laboratorium aus geh&ouml;rt. Sie haben eine
+Stimme wie ein Operns&auml;nger!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo D&uuml;puis bewohnte n&auml;mlich im Hause des Apothekers im
+zweiten Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt
+hinausging. Bei dem Komplimente seines Hauswirtes
+wurde er &uuml;ber und &uuml;ber rot.
+
+</P><P>
+
+Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
+bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufz&auml;hlte. Er
+wu&szlig;te tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur &uuml;ber das
+Verm&ouml;gen des Notars k&ouml;nne er nichts Genaues sagen.
+Auch &uuml;ber die Familie T&uuml;vache munkele man so allerlei.
+
+</P><P>
+
+Emma fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist ja entz&uuml;ckend! Und welche Musik lieben Sie am
+meisten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die deutsche! Die ist das wahre Traumland&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kennen Sie die Italiener?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch nicht. Aber ich werde sie n&auml;chstes Jahr h&ouml;ren. Ich
+habe die Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches
+Studium zu vollenden.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl
+mitzuteilen,&ldquo; sagte wiederum der Apotheker, &bdquo;als ich ihm von
+dem armen Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen
+ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich
+eines der komfortabelsten H&auml;user von Yonville erfreuen. Eine
+ganz besondre Bequemlichkeit gerade f&uuml;r einen Arzt ist das
+Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu.
+Man kann dadurch unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung
+selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein
+gro&szlig;es E&szlig;zimmer, eine K&uuml;che mit Speisekammer, eine
+Waschk&uuml;che, einen Obstkeller usw. Ihr Vorg&auml;nger war ein flotter
+Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in
+seinem Garten, mit dem Blick auf unser Fl&uuml;&szlig;chen, da hat er sich
+ein Lusth&auml;uschen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden
+sein Bier drin zu s&uuml;ffeln. Wenn die gn&auml;dige Frau die Blumenzucht
+liebt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab&ldquo;, unterbrach ihn
+Karl. &bdquo;Obgleich ihr k&ouml;rperliche Bewegung verordnet ist, bleibt
+sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz wie ich!&ldquo; fiel Leo ein. &bdquo;Was w&auml;re wohl auch
+gem&uuml;tlicher, als abends beim Schein der Lampe mit einem
+Buche am Kamine zu sitzen, w&auml;hrend drau&szlig;en der Wind gegen die
+Fensterscheiben schl&auml;gt?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ist es!&ldquo; stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren gro&szlig;en
+schwarzen Augen voll an.
+
+</P><P>
+
+Er fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne
+da&szlig; man sich bewegt, wandert man mit dem Erz&auml;hler durch ferne
+Lande. Man w&auml;hnt sie vor Augen zu haben. Man tr&auml;umt sich in die
+fremden Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man
+verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter
+den Gestalten der Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor,
+als schl&uuml;ge das eigne Herz in ihnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie wahr! Wie wahr!&ldquo; rief Emma aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
+bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
+l&auml;ngst in sich selbst tr&auml;gt? Wie aus der Ferne schwebt sie
+nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es
+ist einem, als stehe man vor einer Offenbarung seines
+tiefsten Ichs&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hab ich schon erlebt!&ldquo; fl&uuml;sterte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und darum&ldquo;, fuhr er fort, &bdquo;liebe ich die Dichter &uuml;ber
+alles. Ich finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie r&uuml;hren
+so sch&ouml;n zu Tr&auml;nen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber sie erm&uuml;den auf die Dauer,&ldquo; wandte Emma ein, &bdquo;und daher
+ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie m&uuml;ssen spannend und
+aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
+Gef&uuml;hle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;,&ldquo; bemerkte der Adjunkt, &bdquo;die naturalistischen Romane
+haben dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit,
+meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so
+s&uuml;&szlig;, sich aus den H&auml;&szlig;lichkeiten des Daseins
+herauszuz&uuml;chten, wenigstens in Gedanken: zu edlen
+Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu gl&uuml;ckseligen
+Zust&auml;nden. F&uuml;r mich, der ich hier fern der gro&szlig;en Welt lebe,
+ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig
+Gelegenheit&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jedenfalls genau so wie in Tostes!&ldquo; bemerkte Emma. &bdquo;Drum
+war ich st&auml;ndig in einer Leihbibliothek abonniert.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker hatte diese letzten Worte geh&ouml;rt. &bdquo;Wenn gn&auml;dige
+Frau mir die Ehre erweisen wollen,&ldquo; sagte er, &bdquo;meine Bibliothek
+zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verf&uuml;gung. Sie enth&auml;lt die
+besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott,
+au&szlig;erdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den
+&bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo;, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent
+f&uuml;r Buchy, Forges, Neufch&acirc;tel, Yonville und Umgegend ich
+bin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Man sa&szlig; bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht
+ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren
+Holzschuhen saumselig &uuml;ber die Dielen schl&uuml;rfte, jeden Teller
+einzeln hereinbrachte, allerlei verga&szlig;, jeden Auftrag &uuml;berh&ouml;rte
+und immer wieder die T&uuml;re zum Billardzimmer offen lie&szlig;, die dann
+krachend von selber zuklappte.
+
+</P><P>
+
+Ohne es zu bemerken, hatte Leo, w&auml;hrend er so eifrig
+plauderte, einen Fu&szlig; auf eine der Querleisten des Stuhles
+gesetzt, auf dem Frau Bovary sa&szlig;. Sie trug einen gefalteten
+steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlips, und je nach
+den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, ber&uuml;hrte ihr Kinn
+den Batist oder entfernte sich grazi&ouml;s davon. So kamen Leo und
+Emma, w&auml;hrend sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins
+jener uferlosen Gespr&auml;che, die um tausend oberfl&auml;chliche Dinge
+kreisen und keinen andern Sinn haben, als die gegenseitige
+Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse,
+Romantitel, moderne T&auml;nze, die ihnen fremde gro&szlig;e Gesellschaft,
+Tostes, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich
+gefunden, alles das ber&uuml;hrten sie in ihrer Plauderei,
+bis die Mahlzeit zu Ende war.
+
+</P><P>
+
+Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der
+neuen Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf
+brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war l&auml;ngst am
+erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war
+wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn
+und Frau Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing H&auml;cksel,
+und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers,
+den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er
+voran.
+
+</P><P>
+
+Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die S&auml;ulen der Hallen auf dem
+Markte warfen lange Schatten &uuml;ber das Pflaster. Der Boden war
+hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des
+Arztes nur f&uuml;nfzig Schritte vom Goldnen L&ouml;wen entfernt lag,
+w&uuml;nschte man sich alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so
+schied man voneinander.
+
+</P><P>
+
+Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte
+sie die Empfindung, als lege sich ihr die K&uuml;hle der W&auml;nde wie
+feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
+Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
+fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah drau&szlig;en
+Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
+Nebelmeer dar&uuml;ber. Das Mondlicht sickerte durch die
+aufwallenden D&auml;mpfe.
+
+</P><P>
+
+Im Zimmer standen Kommodenk&auml;sten, Flaschen, Gardinenstangen,
+M&ouml;belst&uuml;cke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden
+Packer hatten alles so stehen und liegen lassen.
+
+</P><P>
+
+Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte.
+Das erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins
+Kloster gewesen, das zweitemal an dem ihrer Ankunft in
+Tostes, das drittemal im Schlo&szlig; Vaubyessard und das
+vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein neuer Abschnitt in
+ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, da&szlig; sich die gleichen
+Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen k&ouml;nnten; und da
+ihr bisheriges St&uuml;ck Leben h&auml;&szlig;lich gewesen war, so m&uuml;sse
+das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos sch&ouml;ner
+sein.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Drittes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
+Adjunkt &uuml;ber den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
+zu ihr herauf und gr&uuml;&szlig;te. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
+schlo&szlig; das Fenster.
+
+</P><P>
+
+Den ganzen Tag &uuml;ber konnte es Leo D&uuml;puis kaum erwarten,
+da&szlig; es sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen
+L&ouml;wen kam, fand er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der
+bereits am Tische sa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Das gestrige Mahl war f&uuml;r Leo ein bedeutungsvolles
+Ereignis. Bis dahin hatte er noch niemals zwei Stunden
+lang mit einer &bdquo;Dame&ldquo; geplaudert. Wie hatte er es nur
+fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter
+Form zu sagen? Das war ihm vordem unm&ouml;glich gewesen. Er war
+von Natur sch&uuml;chtern und wahrte eine gewisse Zur&uuml;ckhaltung, die
+sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die
+Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er h&ouml;rte still zu,
+wenn &auml;ltere Herren disputierten, und zeigte sich in
+politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem
+jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besa&szlig; er allerlei
+Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er besch&auml;ftigte
+sich in seinen Mu&szlig;estunden gern mit der Literatur, &mdash; wenn er
+nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker sch&auml;tzte ihn wegen
+seiner Kenntnisse, und Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er
+h&ouml;flich und gef&auml;llig war; &ouml;fters widmete er sich n&auml;mlich im
+Garten ihren Kindern, kleinem Volk, das immer schmutzig
+aussah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung
+einmal dem Dienstm&auml;dchen und dann noch besonders dem Lehrling
+oblag, einem jungen Burschen, namens Justin. Er war ein
+entfernter Verwandter des Apothekers, von diesem aus
+Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art &bdquo;Mann f&uuml;r
+alles&ldquo; geworden war.
+
+</P><P>
+
+Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau
+Bovary die besten Adressen f&uuml;r ihre Eink&auml;ufe, lie&szlig; seinen
+Apfelweinlieferanten eigens f&uuml;r sie herkommen, beteiligte sich
+an der Weinprobe und gab pers&ouml;nlich acht, da&szlig; das bestellte
+Fa&szlig; einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die
+beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr
+Lestiboudois, den Kirchendiener, als G&auml;rtner; neben seinen
+&Auml;mtern in Kirche und Gottesacker hielt dieser n&auml;mlich die
+G&auml;rten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn
+&bdquo;stundenweise&ldquo; oder &bdquo;aufs Jahr&ldquo;, ganz wie es gew&uuml;nscht
+wurde.
+
+</P><P>
+
+Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger
+einem Herzensbed&uuml;rfnis als schlauer Berechnung.
+Homais hatte n&auml;mlich fr&uuml;her einmal gegen das Gesetz vom
+19. Vent&ocirc;se des Jahres XI versto&szlig;en, wonach die
+&auml;rztliche Praxis jedem verboten ist,
+der sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms
+befindet. Eines Tages war er auf eine geheimnisvolle
+Anzeige hin nach Rouen vor den Staatsanwalt geladen worden.
+Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amtszimmer,
+stehend und in Amtsrobe, das Barett auf dem Kopfe,
+vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer
+Gerichtssitzung gewesen. Von drau&szlig;en, vom Gange her, waren dem
+Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt.
+Es war ihm, als h&ouml;rte er fern das Aufschnappen wuchtiger
+Schl&ouml;sser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag w&uuml;rde
+ihn r&uuml;hren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in
+Tr&auml;nen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in
+alle vier Winde verstreut. Hinterher mu&szlig;te er seine
+Lebensgeister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in
+Selters wieder auf die Beine bringen.
+
+</P><P>
+
+Allm&auml;hlich verbla&szlig;te die Erinnerung an diese Vermahnung, und
+Homais hielt von neuem in seinem Hinterst&uuml;bchen &auml;rztliche
+Sprechstunden ab. Da aber der B&uuml;rgermeister nicht sein Freund war
+und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
+ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
+durch kleine Gef&auml;lligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
+ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
+falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar
+w&uuml;rden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den &bdquo;Leuchtturm&ldquo;, und
+oft verlie&szlig; er nachmittags auf ein Viertelst&uuml;ndchen sein
+Gesch&auml;ft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen.
+
+</P><P>
+
+Karl war mi&szlig;gestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden
+lang sa&szlig; er vor sich hinbr&uuml;tend da, ohne ein Wort zu sprechen.
+Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schl&auml;fchen oder sah seiner
+Frau beim N&auml;hen zu. Um sich ein wenig Besch&auml;ftigung zu machen,
+verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar,
+die Bodent&uuml;re mit dem Rest von &Ouml;lfarbe anzupinseln, den die
+Anstreicher dagelassen hatten.
+
+</P><P>
+
+Am meisten dr&uuml;ckte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in
+Tostes eine betr&auml;chtliche Summe ausgegeben f&uuml;r neue
+Anschaffungen im Hause, f&uuml;r die Kleider seiner Frau und
+neuerdings f&uuml;r den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr als
+dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der
+&Uuml;bersiedelung von Tostes nach Yonville war vieles
+besch&auml;digt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
+t&ouml;nerne M&ouml;nch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und
+in tausend St&uuml;cke zerschellt war.
+
+</P><P>
+
+Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
+Frau. Je n&auml;her diese ihrer Erf&uuml;llung entgegengingen, um so
+liebevoller behandelte er Emma. Diese sich kn&uuml;pfenden neuen Bande
+von Fleisch und Blut machten das Gef&uuml;hl der ewigen
+Zusammengeh&ouml;rigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem tr&auml;gen
+Gange zusah, wenn er das allm&auml;hliche Vollerwerden ihrer
+miederlosen H&uuml;ften bemerkte, wenn sie m&uuml;de ihm gegen&uuml;ber auf
+dem Sofa sa&szlig;, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
+seinem Gl&uuml;cke nicht fassen. Er sprang auf, k&uuml;&szlig;te sie,
+streichelte ihr Gesicht, nannte sie &bdquo;Mammchen&ldquo;, wollte mit ihr
+im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen
+tausend z&auml;rtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn
+kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas
+K&ouml;stliches. Jetzt fehlte ihm nichts mehr auf der Welt. Nun
+hatte er alles erlebt, was Menschen erleben k&ouml;nnen, und er
+durfte zufrieden und vergn&uuml;gt sein.
+
+</P><P>
+
+In der ersten Zeit war Emma &uuml;ber sich selbst arg verwundert. Dann
+kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
+wollte wissen, wie es sein w&uuml;rde, wenn das Kind da war.
+Aber als sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen
+Vorh&auml;ngen und gestickte Kinderh&auml;ubchen zu kaufen, da &uuml;berkam
+sie eine pl&ouml;tzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die
+Baby-Ausstattung selber sorglich auszuw&auml;hlen, und
+&uuml;berlie&szlig; die Herstellung in Bausch und Bogen einer N&auml;herin. So
+lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen,
+die andre M&uuml;tter so z&auml;rtlich stimmen, und vielleicht war dies
+der Grund, da&szlig; ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente
+entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von
+dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken.
+
+</P><P>
+
+Sie w&uuml;nschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
+sollte er werden, und Georg m&uuml;&szlig;te er hei&szlig;en! Der Gedanke, einem
+m&auml;nnlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
+Entsch&auml;digung f&uuml;r alles das, was sich in ihrem eigenen
+Dasein nicht erf&uuml;llt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein
+freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen,
+er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die
+allerfernsten Gl&uuml;ckseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend
+Ketten. Tatenlos und doch genu&szlig;freudig, steht sie zwischen den
+Verf&uuml;hrungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
+den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band
+h&auml;lt, so gibt es f&uuml;r die Frau immer ein Verlangen, mit dem
+sie hinwegfliegen m&ouml;chte, und immer irgendwelche herk&ouml;mmliche
+Moral, die sie nicht losl&auml;&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, fr&uuml;h gegen sechs
+Uhr, als die Sonne aufging.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist ein M&auml;dchen!&ldquo; verk&uuml;ndete Karl.
+
+</P><P>
+
+Emma fiel im Bett zur&uuml;ck und ward ohnm&auml;chtig. Schon stellten
+sich auch Frau Homais und die L&ouml;wenwirtin ein, um die
+W&ouml;chnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar
+vorl&auml;ufige Gl&uuml;ckw&uuml;nsche durch die T&uuml;rspalte zu. Er wollte die
+neue Erdenb&uuml;rgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend der Genesung gr&uuml;belte Emma nach, welchen Namen das
+Kind bekommen sollte. Zun&auml;chst dachte sie an einen italienisch
+klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
+gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl
+&auml;u&szlig;erte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft
+werden, aber davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle
+Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Leo,&ldquo; berichtete der Apotheker, &bdquo;mit dem ich neulich
+dar&uuml;ber gesprochen habe, wundert sich dar&uuml;ber, da&szlig; Sie nicht
+den Namen Magdalena w&auml;hlen. Der sei jetzt sehr in Mode.&ldquo; Aber
+gegen die Patenschaft einer solchen S&uuml;nderin str&auml;ubte sich die
+alte Frau Bovary gewaltig. Homais f&uuml;r seine Person hegte eine
+Vorliebe f&uuml;r Namen, die an gro&szlig;e M&auml;nner, ber&uuml;hmte Taten und
+hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier
+eigenen Spr&ouml;&szlig;linge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
+Freiheit!), Irma (ein Zugest&auml;ndnis an die Romantik!) und
+Athalia (zu Ehren des Meisterst&uuml;cks des franz&ouml;sischen
+Dramas!). Seine philosophische &Uuml;berzeugung, sagte er, stehe
+seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm
+ersticke durchaus nicht den Gef&uuml;hlsmenschen. Er verst&uuml;nde
+sich darauf, das eine vom andern zu scheiden und sich vor
+fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
+
+</P><P>
+
+Zu guter Letzt fiel Emma ein, da&szlig; sie im Schlo&szlig; Vaubyessard
+geh&ouml;rt hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit
+&bdquo;Berta-Luise&ldquo; angeredet worden war. Von diesem Augenblick an
+stand die Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen
+verhindert war, wurde Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er
+stiftete als Patengeschenk allerlei Gegenst&auml;nde aus seinem
+Gesch&auml;ft, als wie: sechs Schachteln Brusttee, eine Dose
+Kraftmehl, drei B&uuml;chsen Marmelade und sechs P&auml;ckchen
+Malzbonbons.
+
+</P><P>
+
+Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
+erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Lik&ouml;r gab der Apotheker
+ein patriotisches Lied zum besten, worauf Leo D&uuml;puis eine
+Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des
+Kindes) eine Romanze aus der Napoleonischen Zeit sang. Der
+alte Herr Bovary bestand darauf, da&szlig; das Kind heruntergebracht
+wurde, und taufte die Kleine &bdquo;Berta&ldquo;, indem er ihr ein Glas
+Sekt von oben &uuml;ber den Kopf go&szlig;. Den Abb&eacute; Bournisien &auml;rgerte
+diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und als der alte
+Bovary ihm gar noch ein sp&ouml;ttisches Zitat vorhielt, wollte der
+Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inst&auml;ndig zu
+bleiben, und auch der Apotheker legte sich ins Mittel. So
+gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte
+er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse.
+
+</P><P>
+
+Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
+verbl&uuml;ffte die Yonviller durch das pr&auml;chtige
+Stabsarztsk&auml;ppi mit Silbertressen, das er vormittags
+trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Als
+gewohnheitsm&auml;&szlig;iger starker Schnapstrinker schickte er das
+Dienstm&auml;dchen h&auml;ufig in den Goldnen L&ouml;wen, um seine Feldflasche
+f&uuml;llen zu lassen, was selbstverst&auml;ndlich auf Rechnung
+seines Sohnes erfolgte. Um seine Halst&uuml;cher zu
+parf&uuml;mieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an K&ouml;lnischem
+Wasser, den seine Schwiegertochter besa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er
+war in der Welt herumgekommen. Er erz&auml;hlte von Berlin, Wien,
+Stra&szlig;burg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den
+Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er
+wieder ganz der alte Schweren&ouml;ter, und zuweilen, im Garten oder
+auf der Treppe, fa&szlig;te er Emma um die Taille und rief aus:
+&bdquo;Karl, nimm dich in acht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das
+Ehegl&uuml;ck ihres Sohnes. Sie f&uuml;rchtete, ihr Mann k&ouml;nne am
+Ende einen unsittlichen Einflu&szlig; auf die Gedankenwelt der jungen
+Frau aus&uuml;ben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war
+ihre Besorgnis noch schlimmer. Dem alten Herrn war alles
+zuzutrauen.
+
+</P><P>
+
+Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens
+Rollet in die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie
+pl&ouml;tzlich Sehnsucht, das kleine M&auml;dchen zu sehen.
+Unverz&uuml;glich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren
+H&auml;uschen ganz am Ende des Ortes, zwischen der
+Landstra&szlig;e und den Wiesen, in der Tiefe lag.
+
+</P><P>
+
+Es war Mittag. Die Fensterl&auml;den der H&auml;user waren alle
+geschlossen. Die sengende Sonne br&uuml;tete &uuml;ber den Schieferd&auml;chern,
+deren Giebellinien richtige Funken spr&uuml;hten. Ein schw&uuml;ler Wind
+wehte. Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat
+ihren F&uuml;&szlig;en weh. Sie ward sich unschl&uuml;ssig, ob sie umkehren
+oder irgendwo eintreten und sich ausruhen sollte.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblick trat Leo aus dem n&auml;chsten Hause
+heraus, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu,
+begr&uuml;&szlig;te sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der
+Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary erz&auml;hlte ihm, da&szlig; sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
+aber m&uuml;de zu werden beginne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn&nbsp;...&ldquo;, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie etwas vor?&ldquo; fragte Emma. Auf die Verneinung des
+Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend
+desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau T&uuml;vache,
+die B&uuml;rgermeistersgattin, erkl&auml;rte in Gegenwart ihres
+Dienstm&auml;dchens, Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
+
+</P><P>
+
+Um zu der Amme zu gelangen, mu&szlig;ten die beiden am Ende der
+Hauptstra&szlig;e links abgehen und einen kleinen Fu&szlig;weg
+einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen H&auml;usern und Geh&ouml;ften
+in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die
+den Pfad ums&auml;umten, bl&uuml;hten, und es bl&uuml;hten die Veroniken,
+die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeerstr&auml;ucher.
+Durch L&uuml;cken in den Hecken erblickte man hie und da auf den
+Misthaufen der kleinen Geh&ouml;fte ein Schwein oder eine angebundne
+Kuh, die ihre H&ouml;rner an den St&auml;mmen der B&auml;ume wetzte.
+
+</P><P>
+
+Seite an Seite wandelten sie gem&auml;chlich weiter. Emma st&uuml;tzte
+sich auf Leos Arm, und er verk&uuml;rzte seine Schritte nach den
+ihren. Vor ihnen her tanzte ein M&uuml;ckenschwarm und erf&uuml;llte die
+warme Luft mit ganz leisem Summen.
+
+</P><P>
+
+Emma erkannte das Haus an einem alten Nu&szlig;baum wieder, der
+es umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf
+dem Dache. Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von
+Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges
+G&auml;rtlein mit Salat, Lavendel und bl&uuml;henden Schoten, die an
+Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde
+aufgeschichtet. Ein tr&uuml;bes W&auml;sserchen rann sich verzettelnd
+durch das Gras; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein
+gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem
+Rasen umher, und &uuml;ber der Hecke flatterte ein gro&szlig;es St&uuml;ck
+Leinwand.
+
+</P><P>
+
+Beim Knarren der Gartent&uuml;re erschien die Tischlersfrau, ein
+Kind an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges,
+schw&auml;chlich aussehendes, skroful&ouml;ses J&uuml;ngelchen. Es
+war das Kind eines M&uuml;tzenmachers in Rouen, das die
+von ihrem Gesch&auml;ft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf
+das Land gegeben hatten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kommen Sie nur herein!&ldquo; sagte die Frau. &bdquo;Ihre Kleine schl&auml;ft
+drinnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der einzigen Stube im Erdgescho&szlig; stand an der hinteren Wand
+ein gro&szlig;es Bett ohne Vorh&auml;nge. Die Seite am Fenster, in dem
+eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein
+Backtrog ein. In der Ecke hinter der T&uuml;re standen unter der Gosse
+Stiefel mit blanken N&auml;geln, daneben eine Flasche &Ouml;l, aus
+deren Hals eine Feder herausragte. Auf dem verstaubten
+Kaminsims lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenst&uuml;mpfe
+und ein paar Fetzen Z&uuml;ndschwamm. Ein weiteres Schmuckst&uuml;ck
+dieses Gemachs war eine &bdquo;trompetende Fama&ldquo;, offenbar
+das Reklameplakat einer Parf&uuml;mfabrik, das mit sechs
+Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
+
+</P><P>
+
+Emmas T&ouml;chterchen schlief in einer Wiege aus
+Weidengeflecht. Sie nahm es mit der Decke, in die es
+gewickelt war, empor und begann es im Arme hin und her zu
+wiegen, wobei sie leise sang.
+
+</P><P>
+
+Leo ging im Zimmer auf und ab. Die sch&ouml;ne Frau in ihrem hellen
+Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
+vor. Sie ward pl&ouml;tzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
+sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das
+Kind wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die
+Mutter am Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die
+Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man s&auml;he nichts mehr davon.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mir kommt sie noch ganz anders!&ldquo; meinte die Frau. &bdquo;Ich habe
+weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu s&auml;ubern. Wenn
+Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus
+beauftragten, da&szlig; ich mir bei ihm ein bi&szlig;chen Seife holen kann,
+wenn ich welche brauche. Das w&auml;re auch f&uuml;r Sie das
+bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu st&ouml;ren.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinetwegen!&ldquo; sagte Emma. &bdquo;Auf Wiedersehn, Frau Rollet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Beim Hinausgehen sch&uuml;ttelte sie sich.
+
+</P><P>
+
+Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes,
+wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei,
+nachts so h&auml;ufig aufstehen zu m&uuml;ssen. &bdquo;Manchmal bin ich
+fr&uuml;h so zerschlagen, da&szlig; ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten
+Sie mir ein Pf&uuml;ndchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich
+ihn fr&uuml;h mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau &uuml;ber sich
+hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
+mit ihrem Begleiter ein St&uuml;ck auf dem Fu&szlig;wege gegangen, als
+sie das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie
+drehte sich um. Es war die Amme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was wollen Sie noch?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an,
+von ihrem Manne zu erz&auml;hlen. &bdquo;Bei seinem Handwerke und seinen
+sechs Franken Pension im Jahre&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Machen Sie rasch!&ldquo; unterbrach Emma ihren Wortschwall.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, liebste Frau Doktor,&ldquo; fuhr die Frau fort, indem sie
+zwischen jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, &bdquo;ich habe
+Angst, er wird b&ouml;se, wenn er sieht, da&szlig; ich allein f&uuml;r mich
+Kaffee trinke. Sie wissen, wie die M&auml;nner sind&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
+Sie langweilen mich.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja blo&szlig; f&uuml;r die
+schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
+Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, was wollen Sie denn noch?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn es also,&ldquo; fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks
+machte, &bdquo;wenn es also nicht zuviel verlangt ist&nbsp;...&ldquo; Sie
+machte abermals einen tiefen Knicks. &bdquo;Wenn Sie so gut sein
+wollen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ihre Augen bettelten gottsj&auml;mmerlich. Endlich bekam sie es
+heraus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein Bullchen Branntwein! Ich k&ouml;nnte damit auch die F&uuml;&szlig;e Ihrer
+Kleinen ein bi&szlig;chen einreiben. Sie sind so riesig zart&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm
+sie Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorw&auml;rts.
+Dann wurde sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher
+geradeaus gegangen war, glitt &uuml;ber die Schulter ihres
+Begleiters. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem
+Rocke, auf den sein kastanienbraunes wohlgepflegtes Haar
+schlicht herabwallte. Die N&auml;gel an seiner Hand fielen ihr auf;
+sie waren l&auml;nger, als man sie in Yonville sonst trug. Ihre
+Pflege war eine der Hauptbesch&auml;ftigungen des Adjunkten; er
+besa&szlig; dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
+aufbewahrte.
+
+</P><P>
+
+Am Ufer des Baches gingen sie nach dem St&auml;dtchen zur&uuml;ck.
+Jetzt in der hei&szlig;en Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig,
+da&szlig; man dr&uuml;ben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen
+konnte. Von den Gartenpforten f&uuml;hrten kleine Treppen in das
+Wasser. Es flo&szlig; lautlos und rasch dahin, K&uuml;hle
+verbreitend. Hohe, d&uuml;nne Gr&auml;ser neigten sich zur klaren Flut und
+lie&szlig;en sich von der Str&ouml;mung treiben; das sah aus wie
+ausgel&ouml;stes, langes, gr&uuml;nes Haar. Hin und wieder
+liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf
+den Bl&auml;ttern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im
+Zerflie&szlig;en schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die
+verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen St&auml;mme auf dem
+Wasser. Und h&uuml;ben die weiten Wiesen lagen so verlassen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Es war die Stunde, da man in den Gutsh&ouml;fen zu Mittag i&szlig;t.
+Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als
+den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte,
+die sie redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.
+
+</P><P>
+
+Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
+nach &Uuml;berschreitung eines Stegs hingingen, gl&uuml;hten wie die
+Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen
+Mauerblumen. Im Vor&uuml;bergehen stie&szlig; Frau Bovary mit dem Rande
+ihres Sonnenschirmes an die welken Bl&uuml;ten; gelber Staub
+rieselte herab. Ab und zu streifte eine &uuml;berh&auml;ngende
+Jel&auml;nger-jelieber- oder Klematis-Ranke die Seide ihres
+Schirmes und blieb einen Augenblick in den Spitzen h&auml;ngen.
+
+</P><P>
+
+Sie plauderten von einer Truppe spanischer T&auml;nzer, die demn&auml;chst
+im Rouener Theater gastieren sollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Werden Sie hinfahren?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich kann, ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen
+sprachen eine viel ernstere Sprache, und w&auml;hrend sie sich mit so
+banalen Redensarten abqu&auml;lten, f&uuml;hlten sie sich alle beide im
+Banne der n&auml;mlichen schw&uuml;len Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
+Unterton dominierte heimlich ohne Unterla&szlig; in ihrem
+oberfl&auml;chlichen Gespr&auml;ch. Betroffen von diesem ungewohnten
+s&uuml;&szlig;en Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
+Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
+K&uuml;nftiges Gl&uuml;ck ist wie ein tropisches Gestade: es
+sendet weit &uuml;ber den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen
+lauen Erdgeruch her&uuml;ber, balsamischen Duft, von dem man sich
+berauschen l&auml;&szlig;t, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen.
+
+</P><P>
+
+An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den
+Wagengeleisen und Hufspuren; man mu&szlig;te ein paar gro&szlig;e
+moosbewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten,
+begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu ersp&auml;hen,
+wohin sie den n&auml;chsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein
+wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vorn&uuml;ber.
+Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den T&uuml;mpel zu treten,
+lachte sie doch.
+
+</P><P>
+
+Vor ihrem Garten angelangt, stie&szlig; Frau Bovary die kleine Pforte
+auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
+seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt bl&auml;tterte in
+einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schlie&szlig;lich
+ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die H&ouml;he von
+Argueil ein St&uuml;ck hinauf, nach dem &bdquo;Futterplatz&ldquo; am Waldrande.
+Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das
+Himmelsblau, die H&auml;nde locker &uuml;ber den Augen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!&ldquo; seufzte er.
+
+</P><P>
+
+Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais
+als Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem
+gr&auml;&szlig;lichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem
+roten Backenbart, seiner ewigen wei&szlig;en Krawatte, dem mangelte
+auch der geringste Sinn f&uuml;r h&ouml;here Dinge. Es war nur in der
+ersten Zeit gewesen, da&szlig; er dem Adjunkten mit seinen formellen
+Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in
+Yonville? Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit
+die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern,
+Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie
+leiden sehen, und in der Wirtschaft lie&szlig; sie alles drunter und
+dr&uuml;ber gehn. Sie war eine Feindin des Korsetts, sah sehr
+gew&ouml;hnlich aus und war in ihrer Unterhaltung h&ouml;chst
+beschr&auml;nkt. Alles in allem war sie eine ebenso harmlose wie
+langweilige Dame. Obgleich sie drei&szlig;ig Jahre alt war und er
+zwanzig, obwohl er T&uuml;r an T&uuml;r mit ihr schlief und obgleich er
+t&auml;glich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in den Sinn
+gekommen, da&szlig; sie irgendjemandes Frau sein k&ouml;nne und mit
+ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die
+R&ouml;cke.
+
+</P><P>
+
+Und wen gab es au&szlig;erdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein
+paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
+B&uuml;rgermeister T&uuml;vache und seine beiden S&ouml;hne, gro&szlig;protzige,
+m&uuml;rrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre &Auml;cker selber pfl&uuml;gten,
+unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckm&auml;user, mit
+denen zu verkehren glatt unm&ouml;glich war.
+
+</P><P>
+
+Von dieser Masse allt&auml;glicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,
+einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als
+l&auml;gen tiefe Abgr&uuml;nde zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit
+hatte er Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht,
+aber er hatte die Empfindung, als sei der Arzt durchaus
+nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo
+immer zwischen der Furcht, f&uuml;r aufdringlich gehalten zu werden,
+und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut
+wie unm&ouml;glich schien.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Viertes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus
+ihrem Zimmer in die Gro&szlig;e Stube &uuml;ber, einem l&auml;nglichen
+niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gew&ouml;hnlich sa&szlig; sie am Fenster
+in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die drau&szlig;en
+vor&uuml;bergingen.
+
+</P><P>
+
+Leo kam t&auml;glich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
+L&ouml;wen und zur&uuml;ck. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem.
+Sie neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann
+glitt an der Scheibengardine vor&uuml;ber, immer tadellos gekleidet
+und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der D&auml;mmerung, wenn sie,
+auf dem Scho&szlig;e die begonnene Stickerei, vertr&auml;umt dasa&szlig;,
+&uuml;berlief sie ein Schauer beim pl&ouml;tzlichen Vor&uuml;bergleiten
+seines Schattens. Dann fuhr sie auf und befahl das Essen.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker kam mitunter w&auml;hrend der Tischzeit. Sein K&auml;ppchen
+in der Hand, trat er ger&auml;uschlos ein, um ja niemanden zu
+st&ouml;ren, jedesmal mit derselben Redensart: &bdquo;Guten Abend,
+die Herrschaften!&ldquo; Er setzte sich an den Tisch zwischen das
+Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf
+sich Bovary seinerseits erkundigte, ob diese auch
+zahlungsf&auml;hig seien. Sodann unterhielten sich die beiden &uuml;ber
+das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde
+wu&szlig;te Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
+sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
+darin berichteten merkw&uuml;rdigen Vorg&auml;nge des In- und
+Auslands. Wenn auch dieser Gespr&auml;chsstoff ersch&ouml;pft
+war, konnte er ein paar Bemerkungen &uuml;ber die Gerichte auf dem
+Tische nicht unterdr&uuml;cken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig
+und machte Frau Bovary artig auf das zarteste St&uuml;ck Fleisch
+aufmerksam, oder er wandte sich an das Dienstm&auml;dchen und gab
+ihr Ratschl&auml;ge &uuml;ber die Zubereitung eines Ragouts oder
+&uuml;ber die richtige Verwendung der Gew&uuml;rze. Er verstand mit
+erstaunlicher Fachkenntnis &uuml;ber aromatische Zutaten,
+Fleischertrakte, Saucen und S&auml;fte zu sprechen. Er hatte in seinem
+Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In
+der Herstellung von Konfit&uuml;ren, Weinessig und s&uuml;&szlig;en Lik&ouml;ren
+war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen
+auf dem Gebiete der K&uuml;chen&ouml;konomie, nicht minder das beste
+Verfahren, K&auml;se zu konservieren und verdorbne Weine wieder
+verwendbar zu machen.
+
+</P><P>
+
+Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
+Schlie&szlig;en des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen
+pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zuf&auml;llig im Zimmer
+war. Er kannte n&auml;mlich die Vorliebe seines Famulusses f&uuml;r
+das Haus des Arztes.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!&ldquo; meinte er.
+&bdquo;Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr
+Dienstm&auml;del verguckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&Uuml;brigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er
+horche auf alles, was in seinem Hause gesprochen w&uuml;rde.
+Beispielsweise sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon
+hinauszubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder
+hole, um sie ins Bett zu schaffen.
+
+</P><P>
+
+An diesen Sonntagsabenden erschienen &uuml;brigens nur wenige
+G&auml;ste. Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
+Hauptpers&ouml;nlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht
+und seiner politischen Ansichten &uuml;berworfen. Aber der Adjunkt
+stellte sich regelm&auml;&szlig;ig ein. Sobald er die Haust&uuml;rklingel
+h&ouml;rte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr das
+Umschlagetuch ab und die &Uuml;berschuhe, die sie bei Schnee trug.
+
+</P><P>
+
+Zun&auml;chst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
+Emma und der Apotheker Ecart&eacute;. Leo stand hinter ihr und half
+ihr. Die H&auml;nde auf die R&uuml;ckenlehne ihres Stuhles
+gest&uuml;tzt, betrachtete er sich die Zinken des Kammes, der
+ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen w&auml;hrend des
+Kartenspiels raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb des
+heraufgesteckten Haares, hatte ihre Haut einen br&auml;unlichen
+Farbenton, der sich nach dem R&uuml;cken zu aufhellte und im Schatten
+des Kragens verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden
+Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine Menge Falten und
+bedeckte ein St&uuml;ck des Bodens. Wenn Leo hin und wieder
+aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
+zog er den Fu&szlig; rasch zur&uuml;ck, als habe er einen Menschen
+getreten.
+
+</P><P>
+
+Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
+spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des
+Tisches und sah sich, die Ellbogen aufgest&uuml;tzt, die
+&bdquo;Illustrierte Zeitung&ldquo; an. Oft hatte sie auch ihren &bdquo;Bazar&ldquo;
+mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen
+die Holzschnitte und warteten mit dem Umbl&auml;ttern aufeinander.
+Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer
+Stimme vor, die bei verliebten Stellen fl&uuml;sternd wurde. Das
+Klappern der Dominosteine st&ouml;rte ihn. Der Apotheker war ein
+gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unversch&auml;mtes
+Gl&uuml;ck. Wenn die dreihundert Points erreicht waren, setzten
+sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange, da
+waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
+Erl&ouml;schen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma h&ouml;rte
+ihm zu, wobei sie halb unbewu&szlig;t in einem fort den Lampenschirm
+herumdrehte, auf dessen d&uuml;nnen Kattun Pierrots in einer
+Kutsche und Seilt&auml;nzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt
+waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine
+Geste auf die eingeschlafene Zuh&ouml;rerschaft, und nun sprachen sie
+lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei d&uuml;nkte beide um so
+s&uuml;&szlig;er, als niemand ihrer lauschte.
+
+</P><P>
+
+So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
+fortw&auml;hrender Austausch von Romanen und Gedichtb&uuml;chern. Karl,
+der keine Neigung zur Eifersucht besa&szlig;, hatte nichts dagegen.
+Zu seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Sch&auml;del,
+der &uuml;ber und &uuml;ber mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war,
+eine Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter
+nach Rouen, um dort Besorgungen f&uuml;r das Ehepaar zu machen.
+Als infolge eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit
+kamen, brachte er ein Exemplar, das er w&auml;hrend der Fahrt in
+der Post vor sich auf den Knien hielt. Das stachlige Ding
+zerstach ihm alle Finger.
+
+</P><P>
+
+Emma lie&szlig; vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett f&uuml;r ihre
+Blument&ouml;pfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins
+hatte. Beim Begie&szlig;en ihrer Blumen sahen sich die beiden.
+
+</P><P>
+
+Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem
+Zimmer eine Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide
+und Wolle Blumen und Bl&auml;tter gestickt waren. Er zeigte sie Frau
+Homais, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der
+K&ouml;chin; sogar seinem Chef erz&auml;hlte er davon. Alle Welt wollte
+nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau des Doktors
+dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Das war doch sonderbar.
+Und alsobald stand es unumst&ouml;&szlig;lich fest: sie war &bdquo;seine gute
+Freundin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo verst&auml;rkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
+unaufh&ouml;rlich und vor jedermann von Emmas Sch&ouml;nheit und
+Klugheit schw&auml;rmte. Binet wurde ihm deshalb einmal geh&ouml;rig
+grob:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was geht mich denn das an? Ich geh&ouml;re nicht zu der
+Clique!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Verliebte marterte sich mit Gr&uuml;beleien ab, wie er sich Emma
+erkl&auml;ren k&ouml;nne. Er schwankte fortw&auml;hrend zwischen der Furcht,
+sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham &uuml;ber seine
+Feigheit. Er vergo&szlig; Tr&auml;nen ob seiner Mutlosigkeit und seiner
+Sehnsucht. Oft genug entschlo&szlig; er sich zu k&uuml;hner Entscheidung.
+Er schrieb Briefe, die er wieder zerri&szlig;; nahm sich Tage der Tat
+vor, die er dann doch verstreichen lie&szlig;. Manchmal ging er mir dem
+festen Vorsatz zu ihr, alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart
+verlor er alsbald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn
+einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen
+Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit.
+Dann sagte er der &bdquo;gn&auml;digen Frau&ldquo; adieu und fuhr mit. War nicht
+ihr Mann auch ein St&uuml;ck von ihr?
+
+</P><P>
+
+Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es
+war ihr Glaube, da&szlig; die Liebe mit einem Male dasein m&uuml;sse, unter
+Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
+Menschen packt und ersch&uuml;ttert, ihnen den freien Willen
+entrei&szlig;t, wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in
+den Abgrund schwemmt. Sie wu&szlig;te nicht, da&szlig; der Regen auf den
+flachen D&auml;chern der H&auml;user Seen bildet, wenn die Traufen
+verstopft sind. Und so w&auml;re sie in ihrem Selbstbetrug verblieben,
+wenn sie nicht mit einem Male den Ri&szlig; in der Mauer bemerkt
+h&auml;tten.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite.
+
+</P><P>
+
+Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
+Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
+halbe Stunde talabw&auml;rts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon
+und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben
+sollten; und auch Justin war dabei, ein B&uuml;ndel Regenschirme auf
+der Schulter.
+
+</P><P>
+
+Die neue Sehensw&uuml;rdigkeit war eigentlich nichts weniger
+als sehenswert. Um einen gro&szlig;en &ouml;den Platz, auf dem
+zwischen Sand- und Steinhaufen bereits ein paar verrostete
+Maschinenr&auml;der lagen, zog sich im Viereck ein Geb&auml;ude mit einer
+Menge kleiner Fenster hin. Es war noch nicht ganz vollendet;
+durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel.
+An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz aus Stroh und
+&Auml;hren mit einem im Winde flatternden wei&szlig;-rot-blauen Wimpel.
+
+</P><P>
+
+Homais machte den F&uuml;hrer. Er erkl&auml;rte der Gesellschaft die
+k&uuml;nftige Bedeutung des Etablissements und sch&auml;tzte die
+St&auml;rke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr
+bedauerte, kein Meterma&szlig; bei sich zu haben.
+
+</P><P>
+
+Emma hatte sich bei ihm eingeh&auml;ngt. Sie st&uuml;tzte sich ein wenig
+auf seinen Arm und schaute tr&auml;umerisch in die Ferne nach der
+Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel
+k&auml;mpfte. Pl&ouml;tzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er
+hatte seine M&uuml;tze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht
+hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm
+einen bl&ouml;den Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein
+beh&auml;biger R&uuml;cken &auml;rgerte sie. Sie fand, die breite Fl&auml;che
+seines Mantels kennzeichne die ganze Plattheit von Karls
+Pers&ouml;nlichkeit.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend sie ihn so ver&auml;chtlich musterte, geno&szlig; sie eine gewisse
+perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die K&auml;lte machte ihn
+bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes,
+Sanftes brachte. Sein vorn offener Kragen lie&szlig; zwischen
+Krawatte und Hals ein St&uuml;ck Haut sehen; von seinem Ohr lugte
+ein Teilchen zwischen den Str&auml;hnen seines Haars hervor, und
+seine gro&szlig;en blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen
+Emma viel klarer und sch&ouml;ner vor als in den Gedichten die
+Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rabenkind!&ldquo; schrie pl&ouml;tzlich der Apotheker und scho&szlig; auf
+seinen Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um
+sch&ouml;ne wei&szlig;e Schuhe zu bekommen. Als er t&uuml;chtig
+ausgescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin
+versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen,
+aber ohne Messer ging das nicht. Karl bot ihm seins an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unerh&ouml;rt!&ldquo; dachte Emma bei sich. &bdquo;Er tr&auml;gt ein Messer in der
+Tasche wie ein Bauer!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
+Heimweg nach Yonville.
+
+</P><P>
+
+An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten
+hin&uuml;ber. Als ihr Mann fort war und sie sich allein wu&szlig;te,
+begann sie die beiden M&auml;nner von neuem zu vergleichen, und der
+andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der
+eigent&uuml;mlichen Linienver&auml;nderung, die das menschliche
+Ged&auml;chtnis vornimmt. Von ihrem Bette aus sah sie die lichte
+Glut im Kamin und daneben &mdash; ganz so wie vor ein paar Stunden &mdash;
+Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten
+Hand den Spazierstock, und f&uuml;hrte an der andern Athalia, die
+bed&auml;chtig an einem Eiszapfen saugte. Diese Szene hatte ihr
+gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht loskommen. Sie
+versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen ausgesehen
+hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen
+&uuml;berhaupt sei&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Die Lippen wie zum Kusse gerundet, fl&uuml;sterte sie immer wieder vor
+sich hin: &bdquo;Ach, s&uuml;&szlig;, s&uuml;&szlig;!&ldquo; Und dann fragte sie sich: &bdquo;Ob er
+eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit einem Male sprach alles daf&uuml;r. Das Herz schlug ihr vor
+Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fr&ouml;hliche
+Lichter. Emma legte sich auf den R&uuml;cken und breitete ihre Arme
+weit aus.
+
+</P><P>
+
+Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: &bdquo;Ach, warum hat
+es der Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem
+Grunde?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als
+wache sie auf; und als er sich etwas ger&auml;uschvoll
+auszog, klagte sie &uuml;ber Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte
+sie aber, wie der Abend verlaufen sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo ist heute zeitig gegangen&ldquo;, erz&auml;hlte Karl.
+
+</P><P>
+
+Sie mu&szlig;te l&auml;cheln, und mit dem Gef&uuml;hl einer ungeahnten
+Gl&uuml;ckseligkeit schlummerte sie ein.
+
+</P><P>
+
+Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn
+Lheureux, des Modewarenh&auml;ndlers. Der war, wie man zu sagen
+pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener
+Gascogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er
+einte in sich die lebhafte Redseligkeit des S&uuml;dl&auml;nders und
+die n&uuml;chterne Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein
+feistes, aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah
+aus, als sei es mit S&uuml;&szlig;holztinktur gef&auml;rbt, und sein
+wei&szlig;es Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren
+schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was er fr&uuml;her
+getrieben, wu&szlig;te man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer
+gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas aber
+stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
+ausf&uuml;hren. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war
+er kriechend h&ouml;flich; er lief in immer halb geb&uuml;ckter Haltung
+herum, als ob er jemanden gr&uuml;&szlig;en oder einladen wollte.
+
+</P><P>
+
+Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der T&uuml;re
+ab, stellte einen gr&uuml;nen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
+dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, da&szlig;
+er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings
+sei eine &bdquo;armselige Butike&ldquo; wie die seine nicht gerade
+verlockend f&uuml;r eine &bdquo;elegante Dame&ldquo;. Diese beiden Worte betonte
+er ganz besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache
+sich anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren,
+W&auml;sche, Str&uuml;mpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre
+regelm&auml;&szlig;ig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den
+ersten Firmen in Verbindung. Sie k&ouml;nne sich &uuml;berall nach ihm
+erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vor&uuml;bergehen, um der
+gn&auml;digen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen
+ganz besonders g&uuml;nstigen Gelegenheitskauf erworben h&auml;tte.
+Dabei packte er aus dem Kasten ein halbes Dutzend gestickter
+Halskragen.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary besah sie sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich brauche nichts&ldquo;, bemerkte sie.
+
+</P><P>
+
+Nunmehr kramte der H&auml;ndler behutsam drei algerische Seident&uuml;cher
+aus, mehrere Pakete englischer N&auml;hnadeln, ein paar
+strohgeflochtne Pantoffeln und schlie&szlig;lich vier Eierbecher aus
+Kokosnu&szlig;schale, filigranartige Schnitzarbeiten von
+Str&auml;flingen. Sich mit beiden H&auml;nden auf den Tisch st&uuml;tzend, mit
+langem Hals und offnem Mund, beobachtete er Emmas Augen, die
+unentschlossen in all diesen Gegenst&auml;nden herumsuchten. Von Zeit
+zu Zeit strich er mit dem Fingernagel &uuml;ber die lang
+hingebreiteten T&uuml;cher, als wolle er ein St&auml;ubchen entfernen;
+die Seide knisterte leise, und das gr&uuml;nliche D&auml;mmerlicht
+glitzerte auf den Goldf&auml;den des Gewebes in sternigen
+Funken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was kostet so ein Tuch?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein paar Groschen!&ldquo; antwortete er. &bdquo;Ein paar Groschen! Aber
+das eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen pa&szlig;t! Unsereiner ist ja
+kein Jude!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie dachte einen Augenblick nach, schlie&szlig;lich dankte sie dem
+H&auml;ndler, der gelassen erwiderte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen
+Damen vertragen, mit meiner nur nicht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma l&auml;chelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des
+Biedermannes fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte damit nur gesagt haben, da&szlig; Geld Nebensache ist.
+Wenn Sie mal welches brauchten, k&ouml;nnten Sie es von mir
+haben.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie machte eine erstaunte Miene.
+
+</P><P>
+
+Schnell fl&uuml;sterte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf k&ouml;nnen
+Sie sich verlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten
+Tellier, dem Wirt vom Caf&eacute; Fran&ccedil;ais, den Bovary gerade in
+Behandlung hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet,
+da&szlig; sein ganzes Haus wackelt. Ich f&uuml;rchte, ich f&uuml;rchte,
+er l&auml;&szlig;t sich eher zu einem &Uuml;berzieher aus Fichtenholz Ma&szlig;
+nehmen als zu einem aus Wintertuch. Na, solange er auf dem
+Damme war, da hat er sch&ouml;ne Zicken gemacht! Die Sorte, gn&auml;dige
+Frau, die wird nie vern&uuml;nftig! Und dann der Schnaps, das
+ist allemal der Ruin! Aber es ist immer betr&uuml;bend, wenn man
+sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu Ende geht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
+schwatzte er so von allen m&ouml;glichen Patienten des Arztes.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!&ldquo; erh&auml;rte er, indem
+er verdrie&szlig;lich durch die Fensterscheiben sah. &bdquo;Das bringt
+alle diese Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich f&uuml;hle
+mich gar nicht recht <TT>au fait</TT>. Werde
+wohl demn&auml;chst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde
+kommen m&uuml;ssen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen,
+Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verf&uuml;gung! Gehorsamster
+Diener!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und er schlo&szlig; die T&uuml;re sacht hinter sich.
+
+</P><P>
+
+Emma lie&szlig; sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
+Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es
+schmeckte ihr alles vorz&uuml;glich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie vern&uuml;nftig ich doch war!&ldquo; sagte sie bei sich und dachte an
+die Seident&uuml;cher.
+
+</P><P>
+
+Da h&ouml;rte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand
+schnell auf und nahm von der Kommode von einem Sto&szlig; Wischt&uuml;cher,
+die ges&auml;umt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der
+junge Mann eintrat, tat sie sehr besch&auml;ftigt.
+
+</P><P>
+
+Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
+schwieg immer wieder, und Leo war aus Sch&uuml;chternheit
+einsilbig. Er sa&szlig; nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und
+spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelb&uuml;chschen.
+
+</P><P>
+
+Emma n&auml;hte oder gl&auml;ttete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel
+den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts,
+weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie
+wer wei&szlig; was gesprochen h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Armer Junge!&ldquo; dachte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum bin ich bei ihr in Ungnade?&ldquo; fragte er sich.
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich fing er an zu reden. Er m&uuml;sse in den n&auml;chsten Tagen
+nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es
+erneuern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein&ldquo;, entgegnete sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum nicht?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weil&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma bi&szlig; sich auf die Lippen. Umst&auml;ndlich zog sie den grauen
+Zwirn hoch. Leo &auml;rgerte sich &uuml;ber ihre Emsigkeit. &bdquo;Warum
+zersticht sie sich die Finger?&ldquo; dachte er. Eine galante Bemerkung
+fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie
+auszusprechen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So wollen Sie es also aufgeben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was?&ldquo; fragte sie nerv&ouml;s. &bdquo;Die Musik? Ach, du mein Gott!
+Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen
+und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie blickte nach der Uhr. Karl h&auml;tte schon l&auml;ngst heim sein
+m&uuml;ssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte
+sie im Gespr&auml;che:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Mann ist so gut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
+Z&auml;rtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl
+stimmte er in ihr Lob ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dar&uuml;ber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch
+immer!&ldquo; erkl&auml;rte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja, er ist ein pr&auml;chtiger Mensch!&ldquo; wiederholte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo; best&auml;tigte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, &uuml;ber deren sehr
+nachl&auml;ssige Kleidung sich die beiden sonst h&auml;ufig am&uuml;sierten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So schlimm ist es gar nicht!&ldquo; behauptete Emma heute. &bdquo;Eine
+gute Hausfrau kann sich nicht blo&szlig; um ihre Toilette k&uuml;mmern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann versank sie in ihr fr&uuml;heres Stillschweigen.
+
+</P><P>
+
+So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
+Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie k&uuml;mmerte
+sich um ihr Haus, ging wieder regelm&auml;&szlig;ig in die Kirche und
+hielt ihr Dienstm&auml;dchen strenger.
+
+</P><P>
+
+Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zur&uuml;ckgeholt. Wenn Besuch
+kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte,
+was f&uuml;r stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder
+h&auml;tte sie &uuml;ber alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre
+Freude, ihr Gl&uuml;ck. Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall
+von schw&auml;rmerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund &mdash; die
+biederen Yonviller waren keine! &mdash; an die Sachette in Viktor
+H&uuml;gos &bdquo;Notre-Dame&ldquo; erinnert h&auml;tten.
+
+</P><P>
+
+Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gew&auml;rmt am Kamine
+stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und
+an seinen Hemden waren die Kn&ouml;pfe immer vollz&auml;hlig. Er hatte
+sogar das Vergn&uuml;gen, seine H&uuml;te und M&uuml;tzen wohlgeordnet im
+Schranke h&auml;ngen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht
+mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten.
+Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort
+einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah,
+f&uuml;gte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so
+sah: ihn am Kamin, die H&auml;nde &uuml;ber dem Bauche gefaltet, die
+F&uuml;&szlig;e behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom
+Mahle und die &Auml;uglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich das
+Kind, das auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die
+feinlinige schlanke Frau, wie sie sich &uuml;ber die Lehne seines
+Gro&szlig;vaterstuhls beugte und ihm einen Ku&szlig; auf die Stirn gab,
+&mdash; dann sagte er sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
+jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
+sie zu verg&ouml;ttern. Allm&auml;hlich verlor sie in seinen Augen ihre
+K&ouml;rperlichkeit, die nun einmal doch f&uuml;r ihn nicht da war. Vor
+seiner Phantasie schwebte sie immer h&ouml;her, umstrahlt von einer
+Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem
+Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
+Verlust mehr Schmerz bereitet, als der k&ouml;rperliche Besitz der
+Geliebten Genu&szlig; gew&auml;hrt.
+
+</P><P>
+
+Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
+schm&auml;chtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren
+gro&szlig;en Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange
+und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu
+schreiten, ohne den Erdboden zu ber&uuml;hren, und es war, als
+tr&uuml;ge sie auf der Stirne das geheimnisvolle Mal einer
+h&ouml;heren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und
+dabei so unnahbar, da&szlig; man ihre Gegenwart wie eine eiskalte
+Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der
+Rosen die K&auml;lte des Marmors, so da&szlig; man zusammenschauert.
+Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie ist eine Frau gro&szlig;en Stils,&ldquo; sagte der Apotheker
+einmal, &bdquo;sie m&uuml;&szlig;te einen Minister zum Manne haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Spie&szlig;b&uuml;rger r&uuml;hmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
+h&ouml;fliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
+
+</P><P>
+
+Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Ha&szlig;.
+Hinter ihrem kl&ouml;sterlichen Kleid st&uuml;rmte ein weltverlangendes
+Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
+Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
+um in der Vorstellung ungest&ouml;rt zu schwelgen. Diese Wollust der
+Tr&auml;ume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten
+nur gest&ouml;rt. Beim H&ouml;ren seiner Tritte zitterte sie. Sobald er
+aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie f&uuml;hlte nichts
+als namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
+
+</P><P>
+
+Leo ahnte nicht, da&szlig; Emma ans Fenster eilte, um ihm
+nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe
+beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen
+Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu
+haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr
+beneidenswert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen
+durfte. Ihre Gedanken lie&szlig;en sich immer wieder auf seinem Hause
+nieder, just wie die Tauben vom Goldnen L&ouml;wen, die hingeflogen
+kamen, um ihre roten Stelzen und wei&szlig;en Fl&uuml;gel in der Dachrinne
+zu netzen.
+
+</P><P>
+
+Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewu&szlig;t ward, um so mehr
+dr&auml;ngte sie sie zur&uuml;ck. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
+bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, da&szlig; Leo die Wahrheit bemerke;
+sie ertr&auml;umte sich Zuf&auml;lle und Katastrophen, die dies
+herbeif&uuml;hrten. Aber ihre Passivit&auml;t, die Angst vor der
+Entscheidung und auch ihr Schamgef&uuml;hl hielten sie zur&uuml;ck. Sie
+bildete sich ein, sie h&auml;tte sich ihn bereits allzusehr
+entfremdet, es w&auml;re nun zu sp&auml;t und alles sei verloren.
+Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: &bdquo;Ich bin eine
+anst&auml;ndige Frau geblieben!&ldquo; Sie stellte sich vor den Spiegel in
+der Pose der Resignation. Das tr&ouml;stete sie ein wenig ob des
+Opfers, das sie zu bringen w&auml;hnte.
+
+</P><P>
+
+Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre L&uuml;sternheit nach Reichtum
+und Luxus und ihre schwerm&uuml;tige Liebe ergaben alles in
+allem ein einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen
+zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel
+sich darin und trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens.
+Ein ungeschickt serviertes Gericht, eine offengelassene T&uuml;re
+brachte sie in Aufregung. Ein h&uuml;bsches Kleid, das sie nicht
+haben konnte, ein Vergn&uuml;gen, auf das sie verzichten mu&szlig;te,
+machte sie ungl&uuml;cklich. Weil sich ihre k&uuml;hnen Tr&auml;ume nicht
+erf&uuml;llten, ward ihr das Haus zu eng.
+
+</P><P>
+
+Da&szlig; Karl keine Dulderin in ihr sah, das emp&ouml;rte sie am
+allermeisten. Seine felsenfeste &Uuml;berzeugung, da&szlig; er seine
+Frau gl&uuml;cklich mache, d&uuml;nkte sie Beschr&auml;nktheit, Beleidigung,
+Undankbarkeit. F&uuml;r wen war sie denn so vern&uuml;nftig? War es
+nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Gl&uuml;ck trennte? War nicht
+er der Anla&szlig; all ihres Elends, das Schlo&szlig; an der T&uuml;r
+ihres qualvollen K&auml;figs?
+
+</P><P>
+
+So h&auml;ufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder
+Versuch, diese Verstimmungen zu bek&auml;mpfen, verschlimmerten sie
+nur. Denn die vergebliche M&uuml;he machte sie noch mutloser und
+entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine
+Gutm&uuml;tigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spie&szlig;erlichkeit ihrer
+Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und
+die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gel&uuml;sten. Sie bedauerte
+es, da&szlig; Karl sie nicht schlecht behandelte; dann h&auml;tte sie
+gerechten Anla&szlig; gehabt, sich an ihm zu r&auml;chen. Zuweilen freilich
+erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und
+immer mu&szlig;te sie l&auml;cheln, wenn sie in einem fort h&ouml;rte, da&szlig; sie
+gl&uuml;cklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch M&uuml;he gab, so
+zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
+
+</P><P>
+
+Manchmal hatte sie diese Kom&ouml;die satt. Sie f&uuml;hlte sich versucht,
+mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
+fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
+ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgr&uuml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er liebt mich ja gar nicht mehr!&ldquo; sagte sie sich. &bdquo;Was soll
+da aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
+Erleichterung bleibt mir noch?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
+unter endlosen Tr&auml;nen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum sagt es die gn&auml;dige Frau nicht dem Herrn Doktor?&ldquo;
+fragte das Dienstm&auml;dchen, als es einmal w&auml;hrend
+eines solchen Anfalles ins Zimmer kam.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was! Ich bin nerv&ouml;s!&ldquo; erkl&auml;rte Emma. &bdquo;Da&szlig; du ihm
+ja nichts davon erz&auml;hlst! Du w&uuml;rdest ihn nur beunruhigen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach Gott&ldquo;, meinte Felicie. &bdquo;Der Tochter des alten
+Fischers Gu&eacute;rin aus Pollet, einer Bekannten von mir in
+Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging es ganz genau so.
+War die tr&uuml;bsinnig! Schrecklich tr&uuml;bsinnig! Und leichenbla&szlig; sah
+sie immer aus. Ihr Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe,
+und die &Auml;rzte und sogar der Pfarrer wu&szlig;ten kein Mittel dagegen.
+Wenns ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein ans
+Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen,
+platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Sp&auml;ter,
+als sie einen Mann hatte, soll sichs gegeben haben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bei mir aber&ldquo;, erwiderte Emma, &bdquo;ist es erst nach der
+Hochzeit so gekommen.&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Sechstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Eines Abends sa&szlig; Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie
+noch Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten
+im Garten den Buchsbaum zugestutzt hatte. Pl&ouml;tzlich drang ihr
+das Ave-Maria-L&auml;uten ins Ohr.
+
+</P><P>
+
+Es war Anfang April. Die Primeln bl&uuml;hten, und ein lauer Wind
+h&uuml;pfte &uuml;ber die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich f&uuml;r
+die Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und
+weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schn&ouml;rkeligen Windungen
+in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch
+kahlen Pappeln und l&ouml;ste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett
+auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
+zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Br&uuml;llen verklangen.
+Nur die Abendglocke l&auml;utete immerfort und f&uuml;llte die Luft mit
+wehm&uuml;tigem Frieden.
+
+</P><P>
+
+Bei diesen gleichf&ouml;rmigen T&ouml;nen verloren sich die Gedanken der
+jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
+die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich &uuml;ber die
+blumenreichen Vasen und &uuml;ber das Tabernakel mit seinen
+S&auml;ulchen emporgereckt hatten. Wie einst h&auml;tte sie wieder knien
+m&ouml;gen in der langen Reihe der wei&szlig;en Schleier, die sich grell
+abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betst&uuml;hlen
+hingesunkenen Schwestern. Sonntags w&auml;hrend der Messe, wenn sie
+aufschaute und in das von bl&auml;ulichem Weihrauch umwobene holde
+Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und
+ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine
+Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Mit einem Male, ohne da&szlig; sie sich &uuml;ber den Vorgang klar ward,
+fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht
+hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und
+alles Irdische zu vergessen.
+
+</P><P>
+
+Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits
+wieder aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
+zur&uuml;ckzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das
+L&auml;uten der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade pa&szlig;te.
+&Uuml;brigens war das L&auml;uten ein Zeichen f&uuml;r die Kinder im
+Dorfe, da&szlig; es Zeit zur Katechismusstunde war.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
+Friedhofssteinen. Andre sa&szlig;en rittlings auf der Mauer,
+baumelten mit den Beinen und k&ouml;pften mit ihren Schuhspitzen die
+hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gr&auml;berreihe und der
+niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war
+das einzige bi&szlig;chen Gr&uuml;n, denn die Grabm&auml;ler standen ganz
+dicht aneinander, und &uuml;ber ihnen lag best&auml;ndig feiner Staub, der
+dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Str&uuml;mpfen
+dar&uuml;ber wie &uuml;ber einen eigens f&uuml;r sie hingebreiteten
+Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das
+letzte Ausklingen der Glocken. Das Summen verstummte, und
+der Strang der gro&szlig;en Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit
+dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte
+sich allm&auml;hlich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft,
+kurze Schreie aussto&szlig;end, und flogen zur&uuml;ck in ihre gelben
+Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe
+oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer h&auml;ngenden Glasglocke.
+Von weitem sah die Flamme wie ein &uuml;ber dem &Ouml;l schwimmender
+zittriger wei&szlig;er Fleck aus. Ein langer Sonnenstrahl
+durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die
+Nebenschiffe und Nischen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo ist der Pfarrer?&ldquo; fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
+damit belustigte, die bereits lockere Klinke der
+Friedhofspforte v&ouml;llig abzuw&uuml;rgen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der wird gleich kommen!&ldquo; war die Antwort.
+
+</P><P>
+
+Wirklich knarrte die T&uuml;r des Pfarrhauses, und der Abb&eacute;
+Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche
+hinein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rasselbande!&ldquo; murmelte der Priester. &bdquo;Einen wie alle Tage!&ldquo;
+Er hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fu&szlig;
+gesto&szlig;en war. &bdquo;Nichts wird respektiert!&ldquo; Da bemerkte er Frau
+Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verzeihung!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich hatte Sie nicht erkannt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen,
+indem er den schweren Sakristeischl&uuml;ssel auf zwei Fingern
+balancierte.
+
+</P><P>
+
+Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
+seiner Soutane alle Farbe. Sie gl&auml;nzte &uuml;brigens an den
+Ellenbogen bereits, und in den S&auml;umen war sie ausgefasert.
+Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Kn&ouml;pfe
+die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn
+seines Gesichts, wurden sie zahlreicher. Es war von
+Sommersprossen bes&auml;t, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart
+hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete ger&auml;uschvoll.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie geht es Ihnen?&ldquo; erkundigte er sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schlecht!&ldquo; antwortete Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja! Ganz wie mir&ldquo;, erwiderte der Priester. &bdquo;Die ersten
+warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es
+ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt
+Paulus sagt. Und wie denkt Herr Bovary dar&uuml;ber?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach der!&ldquo; Sie machte eine ver&auml;chtliche Geb&auml;rde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was?&ldquo; erwiderte der ehrw&uuml;rdige Mann ganz erstaunt.
+&bdquo;Verordnet er Ihnen denn nichts?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach,&ldquo; meinte sie, &bdquo;irdische Heilmittel, die nutzen mir
+nichts.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
+hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
+waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so da&szlig; sie
+reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte gern wissen&nbsp;...&ldquo;, fuhr Emma fort.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warte nur, Boudet, warte du nur!&ldquo; unterbrach sie der Priester
+in zornigem Tone. &bdquo;Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
+Schlingel, du!&ldquo; Zu Emma gewandt, f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Das ist
+der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute;
+sie lassen dem Jungen die gr&ouml;&szlig;ten Narrenpossen durch. Der Bengel
+k&ouml;nnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist
+gar nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma tat, als ob sie die Frage &uuml;berh&ouml;rt h&auml;tte. Der
+Geistliche fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Immer t&uuml;chtig besch&auml;ftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
+beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun&nbsp;...&ldquo;
+Er lachte beh&auml;big, &bdquo;... er als Arzt des Leibes und ich
+der Seele.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma schaute ihn flehentlich an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie! Ja!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Sie heilen alle Wunden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
+da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
+wassers&uuml;chtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
+Merkw&uuml;rdig! Alle K&uuml;he da ... Verzeihen Sie mal! &mdash; Longuemarre
+und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!&ldquo; Mit einem
+gro&szlig;en Satze war er drinnen in der Kirche.
+
+</P><P>
+
+Da flohen die Knaben hinter das Me&szlig;pult oder kletterten auf
+den Sitz des Vors&auml;ngers. Andre verkrochen sich in den
+Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links
+einen Hagel von Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am
+Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie,
+als ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese
+hineindr&uuml;cken wollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So!&ldquo; sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war,
+w&auml;hrend er sein gro&szlig;es Kattuntaschentuch entfaltete und sich
+den Schwei&szlig; von der Stirn wischte. &bdquo;Die Landleute sind recht zu
+bedauern&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Andre Leute auch&ldquo;, meinte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Die Arbeiter in den St&auml;dten zum Beispiel.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die meine ich nicht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienm&uuml;tter kennen
+lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
+hatten nicht einmal das t&auml;gliche Brot.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich meine solche,&ldquo; fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel
+zitterten, w&auml;hrend sie sprach, &bdquo;solche, Herr Pfarrer, die zwar
+ihr t&auml;glich Brot haben, aber kein&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kein Holz im Winter&nbsp;...&ldquo;, erg&auml;nzte der Priester.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, was liegt daran?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was daran liegt? Mich d&uuml;nkt, wer gut zu essen hat und eine
+warme Stube ... denn schlie&szlig;lich&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O du mein Gott!&ldquo; seufzte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist Ihnen nicht wohl?&ldquo; fragte er, indem er sich ihr besorgt
+n&auml;herte. &bdquo;Gewi&szlig; Magenbeschwerden? Sie m&uuml;ssen heimgehen, Frau
+Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kr&auml;ftigen.
+Oder vielleicht lieber eine Limonade?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie fa&szlig;ten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich,
+es sei Ihnen schwindlig.&ldquo; Er besann sich. &bdquo;Aber wollten Sie
+mich nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es
+denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich? Nichts ... oh, nichts!&ldquo; stammelte Emma.
+
+</P><P>
+
+Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel m&uuml;d auf den
+alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne
+etwas zu sagen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary&ldquo;, sagte er nach einer
+Weile. &bdquo;Die Pflicht ruft mich. Ich mu&szlig; zu meinen Taugenichtsen
+da. Die erste Kommunion r&uuml;ckt heran. Ich f&uuml;rchte, sie
+&uuml;berrumpelt uns. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle
+Mittwoch eine Stunde l&auml;nger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie
+nicht fr&uuml;h genug auf den Weg des Herrn leiten, wie es
+Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung,
+Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das
+Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den
+B&auml;nken verschwand. Er ging schwerf&auml;llig, den Kopf ein wenig
+eingezogen, die beiden H&auml;nde in segnender Haltung.
+
+</P><P>
+
+Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
+einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
+Weile h&ouml;rte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des
+Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bist du ein Christ?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ich bin ein Christ.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer ist ein Christ?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer getauft ist und&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am
+Gel&auml;nder festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
+Lehnstuhl.
+
+</P><P>
+
+Das Licht des hellen Abends drau&szlig;en flutete weich durch
+die Scheiben herein. Die M&ouml;bel schlummerten still auf ihren
+Pl&auml;tzen, halb versunken in den Schatten der D&auml;mmerung wie in
+einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und
+eint&ouml;nig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um
+sich herum empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem
+wilden Sturm in ihrem Innern&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Vom N&auml;htischfenster her tappte die kleine Berta in ihren
+gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie
+haschte nach den B&auml;ndern ihrer Sch&uuml;rze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.
+
+</P><P>
+
+Aber die Kleine kam noch n&auml;her und schmiegte sich an ihre Knie.
+Sie umfa&szlig;te sie mit ihren &Auml;rmchen und schaute mit ihren gro&szlig;en
+blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
+Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne
+Sch&uuml;rze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
+
+</P><P>
+
+Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann
+zu schreien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber so la&szlig; mich doch!&ldquo; sagte Emma barsch und stie&szlig; ihr Kind
+mit dem Ellenbogen zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
+ihr die Wange ritzte, so da&szlig; sie blutete. Frau Bovary st&uuml;rzte
+auf das Kind zu und hob es auf. Dann ri&szlig; sie heftig am
+Klingelzug und rief das Dienstm&auml;dchen herbei. Sie war nahe
+daran, sich Vorw&uuml;rfe zu machen, da erschien Karl. Es war um
+die Essenszeit. Er kam von seiner Praxis heim.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sieh, mein Lieber,&ldquo; sagte sie ruhigen Tones, &bdquo;die Kleine
+ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bi&szlig;chen geschunden.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
+allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
+verging ihr bi&szlig;chen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
+t&ouml;richt und schlapp vor, weil sie sich wegen einer
+Geringf&uuml;gigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die
+Kleine nicht mehr. Ihre Atemz&uuml;ge hoben und senkten die wollene
+Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tr&auml;nen hingen ihr in den
+halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse
+Augensterne schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster
+verzog die Haut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Merkw&uuml;rdig!&ldquo; dachte Emma bei sich. &bdquo;Wie h&auml;&szlig;lich das Kind
+ist!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Karl um elf Uhr nach Hause kam &mdash; er war nach Tisch zum
+Apotheker gegangen &mdash;, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich habe dir doch gesagt, da&szlig; es nichts ist!&ldquo;
+versicherte er ihr, indem er ihr einen Ku&szlig; auf die Stirn gab.
+&bdquo;&Auml;ngstige dich nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
+nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich
+Homais f&uuml;r verpflichtet gef&uuml;hlt, ihn &bdquo;aufzurappeln&ldquo;. Dann
+hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder
+ausgesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten.
+Frau Homais mu&szlig;te ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte
+sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die
+damalige K&ouml;chin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen!
+Infolgedessen waren die braven Homais &uuml;ber die Ma&szlig;en
+vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der
+Fu&szlig;boden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und
+vor dem Kamin ein paar Querst&auml;be angebracht. Die
+Apothekerskinder, so verwahrlost sie im &uuml;brigen waren, konnten
+keinen Schritt tun, ohne da&szlig; jemand dabei sein mu&szlig;te. Bei der
+geringsten Erk&auml;ltung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons
+voll, und als sie bereits &uuml;ber vier Jahre alt waren,
+mu&szlig;ten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die
+K&ouml;pfe tragen. Das war lediglich eine Schrulle der Mutter; der
+Apotheker war insgeheim sehr betr&uuml;bt dar&uuml;ber, weil er Angst
+hatte, dieses Zusammenpressen k&ouml;nne dem Gehirn sch&auml;dlich
+sein. Einmal entfuhr es ihm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
+eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
+Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte Sie noch etwas fragen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sollte er etwas gemerkt haben?&ldquo; fragte sich der Adjunkt. Er
+bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
+
+</P><P>
+
+Als die T&uuml;re hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle
+sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein
+h&uuml;bsches Lichtbild koste. Er hegte n&auml;mlich schon lange den
+sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu
+&uuml;berraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu
+lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so
+ungef&auml;hr zu stehen k&auml;me. Dem Adjunkt mache das wohl keine
+besondre M&uuml;he, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt
+f&uuml;hre.
+
+</P><P>
+
+Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
+Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da t&auml;uschte er
+sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
+Wertherstimmung. Die L&ouml;wenwirtin merkte es daran, da&szlig; er
+seine Portionen nicht mehr aufa&szlig;. Um hinter die Ursache zu
+kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte
+unwirsch, er sei kein Polizeib&uuml;ttel.
+
+</P><P>
+
+Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar
+vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zur&uuml;ck, packte sich mit
+den H&auml;nden hinten am Kopfe und lie&szlig; sich in unbestimmten Klagen
+&uuml;ber das menschliche Dasein aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sollten sich ein bi&szlig;chen mehr zerstreuen&ldquo;, meinte der
+Steuereinnehmer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Womit denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich kann doch nicht drechseln&ldquo;, erwiderte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja, freilich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Binet strich sich selbstzufrieden-ver&auml;chtlich das Kinn.
+
+</P><P>
+
+Leo war es m&uuml;de, erfolglos zu lieben. Das eint&ouml;nige
+Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn
+erf&uuml;llten, keine Hoffnungen, die ihn st&auml;rkten. Yonville und die
+Yonviller &ouml;deten ihn derma&szlig;en an, da&szlig; er gewisse Leute und
+bestimmte H&auml;user nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu
+geraten. Besonders unausstehlich wurde ihm nachgerade der
+biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf
+v&ouml;llig neue Verh&auml;ltnisse genau so sehr, wie er sich danach
+sehnte. Dieses bange Gef&uuml;hl wandelte sich nach und nach in
+Unruhe, und nun lockte ihn Paris, das ferne Paris mit der
+rauschenden Musik seiner Maskenfeste und dem Lachen seiner
+Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden.
+Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt ihn zur&uuml;ck?
+
+</P><P>
+
+In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
+machte heimliche Pl&auml;ne. Er tr&auml;umte sich sein Pariser Zimmer
+aus. Dort wollte er das Leben eines Boh&eacute;mien f&uuml;hren.
+Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu
+ein Samtbarett und Hausschuhe aus blauem Pl&uuml;sch. Und &uuml;ber
+dem Kamin sollten zwei gekreuzte Floretts h&auml;ngen, ein
+Totensch&auml;del dar&uuml;ber und die Gitarre darunter. Wundervoll!
+
+</P><P>
+
+Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
+bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
+allervern&uuml;nftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
+andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo
+zun&auml;chst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen
+Adjunktenposten in Rouen. Als ihm dies mi&szlig;lang, schrieb er
+schlie&szlig;lich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr
+ausf&uuml;hrlich auseinandersetzte, warum er ohne weiteres
+nach Paris &uuml;bersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden.
+
+</P><P>
+
+Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen
+lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville
+Koffer, Rucks&auml;cke und Pakete f&uuml;r ihn hin und her. Er
+vervollst&auml;ndigte seine Garderobe, lie&szlig; seine drei Lehnst&uuml;hle
+aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen
+Halst&uuml;chern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, als
+wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf
+Woche, bis ein zweiter m&uuml;tterlicher Brief seine Abreise
+beschleunigte. Er h&auml;tte doch die Absicht, ein Examen nach einem
+Semester zu machen.
+
+</P><P>
+
+Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte
+Frau Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine
+R&uuml;hrung, wie sich das f&uuml;r einen ernsten Mann schickt. Er
+lie&szlig; es sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seines
+Freundes eigenh&auml;ndig bis zur Gartenpforte des Notars
+zu tragen, wo des letzteren Kutsche wartete, die den
+Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
+
+</P><P>
+
+Im letzten Viertelst&uuml;ndchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch
+im Hause des Arztes.
+
+</P><P>
+
+Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem
+zu sch&ouml;pfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
+entgegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da bin ich noch einmal!&ldquo; sagte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich hab es erwartet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma bi&szlig; sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle scho&szlig; unter der
+Haut ihres Gesichts hin und f&auml;rbte es &uuml;ber und &uuml;ber
+rot, vom Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie
+blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holzt&auml;felung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er ist fort.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
+Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
+aneinander wie zwei klopfende Herzen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte Berta gern einen Abschiedsku&szlig; geben&ldquo;, sagte
+Leo.
+
+</P><P>
+
+Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie.
+Leo warf schnell einen hei&szlig;en Blick auf die W&auml;nde, die M&ouml;bel,
+den Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich
+nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das
+M&auml;dchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem
+Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
+
+</P><P>
+
+Leo k&uuml;&szlig;te die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gab das Kind der Mutter zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bring sie weg!&ldquo; befahl Emma.
+
+</P><P>
+
+Sie waren wiederum allein.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary wandte Leo den R&uuml;cken zu und pre&szlig;te ihr Gesicht
+gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisem&uuml;tze in der Hand
+und schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es wird wohl regnen&ldquo;, bemerkte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe einen Mantel&ldquo;, antwortete er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt
+&uuml;ber ihre vorgebeugte Stirn wie &uuml;ber glatten Marmor bis hinab
+in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen
+geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Also adieu!&ldquo; seufzte Leo.
+
+</P><P>
+
+Sie hob den Kopf mit einer j&auml;hen Bewegung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, adieu! Sie m&uuml;ssen gehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie
+z&ouml;gerte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sozusagen ein franz&ouml;sischer Abschied!&ldquo; meinte sie, indem sie
+ihm die Hand &uuml;berlie&szlig;. Dabei l&auml;chelte sie gezwungen.
+
+</P><P>
+
+Leo f&uuml;hlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als
+str&ouml;me ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand
+wieder &ouml;ffnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann
+ging er.
+
+</P><P>
+
+Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich
+hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr
+wei&szlig;es Haus mit seinen vier gr&uuml;nen Fensterl&auml;den sehen. Da
+vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihres
+Zimmers zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von
+selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen
+senkrechten Falten zur&uuml;ck, in denen er dann regungslos
+stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte von dannen.
+
+</P><P>
+
+Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der
+Stra&szlig;e halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und
+hielt das Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten
+miteinander. Man wartete auf ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie sich noch einmal umarmen!&ldquo; sagte Homais, Tr&auml;nen
+in den Augen. &bdquo;Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erk&auml;lten
+Sie sich unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie
+sich ordentlich in acht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Einsteigen, Herr D&uuml;puis!&ldquo; mahnte der Notar.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker beugte sich &uuml;ber das Spritzleder und stammelte
+mit tr&auml;nenerstickter Stimme nichts als die
+beiden wehm&uuml;tigen Worte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gl&uuml;ckliche Reise!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Guten Abend, Herr Apotheker!&ldquo; rief Guillaumin. &bdquo;Los!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimw&auml;rts.
+
+</P>
+<HR STYLE="width: 65%;" />
+<P>
+
+Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres
+Zimmers ge&ouml;ffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung
+nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt.
+Leichteres finsteres Gew&ouml;lk zog von daher im raschen Fluge
+heran, durchleuchtet von schr&auml;gen Sonnenstrahlen, die wie die
+goldnen Strahlenb&uuml;ndel einer aufgeh&auml;ngten Troph&auml;e
+hervorschossen. Der &uuml;brige wolkenlose Teil des
+Himmelszeltes war wei&szlig; wie Porzellan. Ruckweise Windst&ouml;&szlig;e
+beugten die H&auml;upter der Pappeln; pl&ouml;tzlich rauschte Regen herab
+und prasselte durch das gr&uuml;nschimmernde Laubwerk. Bald kam die
+Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten. Die Spatzen
+sch&uuml;ttelten ihre Fl&uuml;gel auf dem nassen Gezweig, und in den
+Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
+Akazienbl&uuml;ten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie weit mag er nun schon sein!&ldquo; dachte sie.
+
+</P><P>
+
+Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na,&ldquo; sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, &bdquo;unsern
+jungen Freund h&auml;tten wir gl&uuml;cklich verfrachtet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie man mir berichtet hat&ldquo;, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
+seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: &bdquo;Und was
+gibts bei Ihnen Neues?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein
+bi&szlig;chen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich
+aus dem H&auml;uschen. Und meine ganz besonders! Aber man
+soll ihnen daraus keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben
+zarter besaitet als unsre.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der arme Leo,&ldquo; bemerkte Karl, &bdquo;wie wirds ihm in Paris
+ergehen? Wird er sich dort einleben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary seufzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo; meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
+&bdquo;Feine Soupers! Maskenb&auml;lle! Sekt! Daran gew&ouml;hnt man sich
+schon, versichre ich Ihnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube nicht, da&szlig; er unsolid werden wird&ldquo;, warf Bovary
+ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gott bewahre!&ldquo; entgegnete Homais lebhaft. &bdquo;Aber mit den
+W&ouml;lfen wird er halt heulen m&uuml;ssen. Sonst wird er als
+Duckm&auml;user verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese
+Kerlchens im Studentenviertel f&uuml;r ein flottes Leben
+f&uuml;hren! Mit ihren kleinen M&auml;dchen! &Uuml;brigens sind die
+Studenten in Paris &uuml;berall gern gesehen. Wenn einer nur ein
+bi&szlig;chen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise
+offen. Und es gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine
+Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und das gibt
+ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das mag schon sein,&ldquo; sagte der Arzt, &bdquo;ich habe nur Angst,
+er ... wird ... dort&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig,&ldquo; unterbrach ihn der Apotheker, &bdquo;das ist die
+Kehrseite der Medaille! In Paris, da mu&szlig; man sich fortw&auml;hrend
+die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer
+&ouml;ffentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz,
+anst&auml;ndig angezogen, wom&ouml;glich ein Ordensb&auml;ndchen im
+Knopfloch. Man k&ouml;nnte ihn f&uuml;r einen Diplomaten halten. Er
+spricht Sie an. Sie kommen ins Plaudern. Er bietet Ihnen eine
+Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er
+nimmt Sie mit ins Caf&eacute;, ladet Sie in sein Landhaus ein,
+macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und Teufel bekannt &mdash; und
+das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in
+gef&auml;hrliche Abenteuer.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ist es!&ldquo; gab Karl zu. &bdquo;Aber ich dachte vor allem an die
+Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der
+Gro&szlig;stadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma zuckte zusammen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der kommt von der g&auml;nzlich ver&auml;nderten Lebensweise&ldquo;, fuhr
+der Apotheker fort, &bdquo;und der dadurch hervorgebrachten Umw&auml;lzung
+des ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das
+Pariser Wasser! An das Essen in den Restaurants! Diese
+starkgew&uuml;rzten Speisen verderben schlie&szlig;lich das Blut. Man
+mag sagen, was man will, mit einer guten Hausmannskost
+sind sie nicht zu vergleichen. Ich f&uuml;r meinen Teil, ich sch&auml;tze
+von jeher die b&uuml;rgerliche K&uuml;che. Die ist am ges&uuml;ndesten. Als
+ich <TT>stud. pharm.</TT> in Rouen war, da habe
+ich deshalb regelm&auml;&szlig;ig in einer Pension gegessen. Die Herren
+Professoren a&szlig;en auch da&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In dieser Weise fuhr er fort, sich &uuml;ber seine Ansichten im
+allgemeinen und seinen pers&ouml;nlichen Geschmack im besondern
+auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer
+bestellten Arznei holte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!&ldquo; schimpfte er.
+&bdquo;Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
+Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen mu&szlig;. Das ist ein
+Hundedasein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der T&uuml;r sagte er noch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;&Uuml;brigens, wissen Sie schon das Neueste?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist sehr wahrscheinlich, da&szlig; die Versammlung der
+Landwirte unsers Departements heuer in Yonville stattfindet.
+Man munkelt wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch
+schon eine Andeutung. Das w&auml;re f&uuml;r die hiesige Gegend von
+gro&szlig;er Bedeutung! Aber dar&uuml;ber reden wir noch einmal! Danke, ich
+sehe schon. Justin hat die Laterne mit&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Siebentes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Der n&auml;chste Tag war f&uuml;r Emma ein Tag der Betr&uuml;bnis. Alles
+um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort,
+verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit
+leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsames Schlo&szlig;. Sie
+verfiel in die Tr&auml;umerei, die den Menschen umspinnt, wenn er
+etwas auf immerdar verloren hat. Sie empfand die M&uuml;digkeit,
+die ihn der vollendeten Tatsache gegen&uuml;ber &uuml;bermannt, den
+Schmerz, der ihn &uuml;berkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne
+Bewegung pl&ouml;tzlich stockt, wenn Schwingungen j&auml;h aufh&ouml;ren, die
+lange in ihm vibriert haben.
+
+</P><P>
+
+Wie damals nach der R&uuml;ckkehr vom Schlosse Vaubyessard, als
+die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten,
+war sie voll d&uuml;sterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo
+stand vor ihrer Phantasie immer gr&ouml;&szlig;er, sch&ouml;ner,
+verf&uuml;hrerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so
+hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den W&auml;nden
+ihres Hauses schien sein Schatten noch zu haften. Immer
+wieder schaute sie auf den Teppich, &uuml;ber den er so oft gegangen,
+auf die leeren St&uuml;hle, wo er gesessen. Drau&szlig;en kroch das
+Fl&uuml;&szlig;lein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen,
+zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so
+oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine.
+Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die
+Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein
+gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, blo&szlig;en Kopfes, in
+einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der dr&uuml;ben von den
+Wiesen her wehte, hatte die Bl&auml;tter des Buches bewegt und
+die violetten Bl&uuml;ten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war
+er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die einzige
+Hoffnung, da&szlig; sich ihr das ertr&auml;umte Gl&uuml;ck noch erf&uuml;lle!
+Warum hatte sie dieses Gl&uuml;ck nicht mit beiden H&auml;nden
+festgehalten, in den Scho&szlig; genommen, es nicht in die Ferne
+gelassen? Sie verw&uuml;nschte sich, Leos Geliebte nicht geworden
+zu sein. Sie d&uuml;rstete nach seinen Lippen. Am liebsten w&auml;re sie
+ihm nachgelaufen, h&auml;tte sich in seine Arme geworfen und ihm
+gesagt: &bdquo;Hier bin ich! Nimm mich!&ldquo; Aber vor den Hindernissen,
+die sich der Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt
+h&auml;tten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz dar&uuml;ber
+sch&uuml;rte ihre Sehnsucht zu noch hei&szlig;erer Glut.
+
+</P><P>
+
+Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt
+ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein
+einsames Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen
+Steppe inmitten des Schnees angez&uuml;ndet haben. Zu diesem
+Feuer fl&uuml;chtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte es
+sorgf&auml;ltig wieder an, wenn es zu verl&ouml;schen drohte. Im
+Umkreise um sich herum suchte sie alles m&ouml;gliche herbei, um
+diese Flammen zu n&auml;hren. Die fernsten Erinnerungen und die
+frischesten Ereignisse, Erlebtes und Ertr&auml;umtes, die
+wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach
+Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre nutzlose
+Tugend, ihre get&auml;uschten Illusionen, die Armseligkeit ihres
+Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es
+zusammen und warf es in die Glut, um ihre Tr&uuml;bsal daran zu
+w&auml;rmen.
+
+</P><P>
+
+Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm
+die Nahrung fehlte, sei es, weil die &Uuml;berf&uuml;lle von Brennstoff
+es erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam
+allm&auml;hlich ihre Liebe. Das Ineinemfort t&ouml;tete den Schmerz,
+und am Himmel ihrer Gef&uuml;hle verbla&szlig;te der erst grellrote
+Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. W&auml;hrend
+ihres phantastischen Zustandes hatte sich ihr Widerwille
+gegen den Gatten in Schw&auml;rmerei f&uuml;r den Geliebten verwandelt,
+und die Glut ihres Hasses hatte ihre z&auml;rtliche Sehnsucht
+gew&auml;rmt. Aber nunmehr, da ihre st&uuml;rmische unbefriedigte
+Leidenschaft zu Asche gebrannt war, das keine Hilfe kam und
+keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In
+eisiger K&auml;lte stand sie einsam da und erstarrte.
+
+</P><P>
+
+Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur
+bildete sie sich ein, noch ungl&uuml;cklicher denn damals zu sein,
+weil sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wu&szlig;te,
+da&szlig; es nie anders werden k&ouml;nne.
+
+</P><P>
+
+Eine Frau, die so viel geopfert, sei &mdash; so sagte sie sich &mdash;
+wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu g&ouml;nnen.
+Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
+vier Wochen f&uuml;r vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer
+H&auml;nde. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues
+Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den sch&ouml;nsten Schal
+aus und trug ihn &uuml;ber ihrem Hauskleid. Sie schlo&szlig; die
+L&auml;den, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem
+Sofa liegen.
+
+</P><P>
+
+H&auml;ufig &auml;nderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
+Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Z&ouml;pfen, bald einen
+Scheitel.
+
+</P><P>
+
+Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
+kaufte sie sich ein W&ouml;rterbuch, eine Grammatik und eine Menge
+Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lekt&uuml;re,
+las Geschichtswerke und philosophische Schriften.
+
+</P><P>
+
+Nachts fuhr Karl mitunter in die H&ouml;he, im Glauben, man hole
+ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin gleich fertig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber es war nur das Knistern des Streichholzes
+gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angez&uuml;ndet hatte. Sie wollte
+lesen. Aber es ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen
+ein ganzer Sto&szlig; angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie
+anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.
+
+</P><P>
+
+Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
+Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
+Manne gegen&uuml;ber, sie k&ouml;nne ein Weinglas voll Schnaps mit
+einem Zuge leeren, und da Karl so t&ouml;richt war, es zu
+bezweifeln, tat sie es wirklich.
+
+</P><P>
+
+Bei allen ihren &bdquo;Extravaganzen&ldquo; (die Spie&szlig;b&uuml;rger von Yonville
+nannten das so!) sah Emma keineswegs
+unternehmungslustig aus. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel
+lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und
+verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war v&ouml;llig bla&szlig;, wei&szlig;
+wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Fl&uuml;geln zu
+F&auml;ltchen, und ihre Augen blickten wie ins Leere. Seitdem sie
+an den Schl&auml;fen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie
+sich gespr&auml;chsweise eine alte Frau.
+
+</P><P>
+
+Oft hatte sie Schwindelanf&auml;lle, und eines Tages spuckte sie
+sogar Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bem&uuml;hte und seine
+Besorgnis verriet, meinte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich! Es ist mir alles gleich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl zog sich in sein Sprechzimmer zur&uuml;ck. Er sank in seinen
+Schreibsessel, st&uuml;tzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
+weinte &mdash; unter dem phrenologischen Sch&auml;del.
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
+sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz
+Emmas wegen statt. Welche Ma&szlig;nahmen sollten getroffen werden?
+Was sollte geschehen? Wo sie jedwede &auml;rztliche Behandlung
+ablehnte!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig;t du, was deiner Frau fehlt?&ldquo; meinte Frau Bovary
+schlie&szlig;lich. &bdquo;Eine ordentliche Besch&auml;ftigung! K&ouml;rperliche
+Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr t&auml;gliches Brot selber
+verdienen m&uuml;&szlig;te, dann h&auml;tte sie keine Nerven und Launen. Die
+kommen blo&szlig; von den &uuml;berspannten Ideen, die sie sich aus
+purer Langweile in den Kopf setzt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Besch&auml;ftigung hat sie doch aber!&ldquo; erwiderte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Sie hat Besch&auml;ftigung? Was f&uuml;r welche denn? Romane
+schm&ouml;kert sie, schlechte B&uuml;cher, Schriften gegen die Religion,
+in denen die Geistlichen verh&ouml;hnt werden mit Redensarten
+aus dem Voltaire! Armer Junge, das f&uuml;hrt zu nichts
+Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt es mal ein
+schlechtes Ende!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das
+schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf
+sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen pers&ouml;nlich zum
+Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn
+der Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man
+da nicht das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?
+
+</P><P>
+
+Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
+steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie,
+abgesehen von den h&auml;uslichen Anordnungen und den h&ouml;flichen
+Formeln bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei
+Worte gewechselt.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
+von Yonville. Vom fr&uuml;hen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
+Marktplatz, gleichlaufend mit den H&auml;usern von der Kirche bis
+zum Goldnen L&ouml;wen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
+Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespie&szlig;ten Deichseln. Auf der
+andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen
+Baumwollenwaren, Decken und Str&uuml;mpfe feilgeboten wurden, daneben
+Pferdegeschirre und Haufen von bunten B&auml;ndern, deren Enden im
+Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und K&auml;sek&ouml;rben, aus
+denen klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand
+Eisenwaren auf dem Pflaster ausgebreitet. Neben Ackerger&auml;t
+gackerten H&uuml;hner in flachen K&ouml;rben und steckten ihre H&auml;lse
+durch die Luftl&ouml;cher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen,
+gerade nach den Stellen, wo das Gedr&auml;nge schon am dichtesten
+war. So geriet bisweilen das Schaufenster der Apotheke
+wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. Es
+standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu
+kaufen als vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr
+Homais war in den benachbarten Ortschaften ein ber&uuml;hmter Mann.
+Seine r&uuml;cksichtslose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten
+ihn f&uuml;r einen besseren Arzt als alle Doktoren im ganzen Lande.
+
+</P><P>
+
+Emma sa&szlig; an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in
+der Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich
+&uuml;ber das wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in
+einem Rock von gr&uuml;nem Samt, mit gelben Handschuhen;
+sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht
+mit gesenktem Kopf und recht tr&uuml;bseliger Miene folgte ihm. Beide
+gingen auf das Bovarysche Haus zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist der Herr Doktor zu sprechen?&ldquo; fragte der Herr den
+Apothekergehilfen, der an der Haust&uuml;re mit Felicie plauderte.
+Er hielt ihn f&uuml;r den Diener des Arztes. &bdquo;Melden Sie Herrn
+Rudolf Boulanger von der H&uuml;chette.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war keineswegs Eitelkeit, da&szlig; der Ank&ouml;mmling sein
+Gut zu seinem Namen f&uuml;gte. Er wollte nur genau angeben, wer er
+war. Die H&uuml;chette war n&auml;mlich ein Rittergut in der N&auml;he von
+Yonville, das er samt zwei Meiereien unl&auml;ngst gekauft hatte.
+Er bewirtschaftete es selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei
+anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte &bdquo;so mindestens
+seine f&uuml;nfzehntausend Franken&ldquo; im Jahr zu verzehren.
+
+</P><P>
+
+Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger
+&uuml;berwies ihm seinen Knecht, der einen Aderla&szlig; w&uuml;nsche, weil
+er am ganzen K&ouml;rper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das wird mich erleichtern&ldquo;, wiederholte der Bursche auf alle
+Einw&auml;nde. Bovary lie&szlig; sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
+Sch&uuml;ssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.
+
+</P><P>
+
+Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz bla&szlig; geworden
+war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nur keine Angst, mein Lieber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!&ldquo; erwiderte er.
+
+</P><P>
+
+Dabei hielt er mit prahlerischer Geb&auml;rde seinen dicken Arm hin.
+Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und
+spritzte bis zum Spiegel hin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Sch&uuml;ssel!&ldquo; rief Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Donnerwetter!&ldquo; meinte der Knecht. &bdquo;Das ist ja der reine
+Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein
+gutes Zeichen, nicht wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
+zur&uuml;ck, da&szlig; die Lehne krachte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hab ich mir gleich gedacht!&ldquo; bemerkte Bovary, indem er
+mit den Fingern die angestochne Ader zudr&uuml;ckte. &bdquo;Erst gehts
+ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten
+Kerlen wie dem da!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Sch&uuml;ssel in Justins H&auml;nden geriet ins Schwanken. Die
+Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma! Emma!&ldquo; rief der Arzt.
+
+</P><P>
+
+Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Essig!&ldquo; rief ihr Karl zu. &bdquo;Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
+einmal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;'s ist weiter nichts!&ldquo; meinte Boulanger gelassen, der
+Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und
+lehnte ihn mit dem R&uuml;cken gegen die Wand.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnm&auml;chtigen das
+Halstuch aufzukn&uuml;pfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich
+l&ouml;sen, und so ber&uuml;hrte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren
+Fingern den Hals des jungen Burschen. Dann go&szlig; sie Essig
+auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die
+Schl&auml;fen und blies dann ein wenig darauf.
+
+</P><P>
+
+Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht
+dauerte an. Seine Aug&auml;pfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
+wie blaue Blumen in Milch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er darf das da nicht sehen!&ldquo; ordnete Karl an.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary ergriff die Sch&uuml;ssel und setzte sie unter den Tisch.
+Bei diesem Sichb&uuml;cken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
+Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
+Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die
+Arme ausstreckte und sich dabei in den H&uuml;ften ein wenig hin
+und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
+Wasserflasche und l&ouml;ste ein paar St&uuml;ck Zucker in einem Glase.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das M&auml;dchen
+hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen
+wieder bei Bewu&szlig;tsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn
+herum und betrachtete sich ihn von oben bis unten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dummkopf!&ldquo; brummte er. &bdquo;Ein Dummkopf, wie er im Buche steht!
+Als obs wer wei&szlig; was w&auml;re! Ein bi&szlig;chen Aderla&szlig;!
+Weiter nichts! Und das will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn
+es gilt, von den h&ouml;chsten B&auml;umen die N&uuml;sse herunterzuholen,
+da klettert er wie ein Eichh&ouml;rnchen ... Na, tu deinen Mund auf
+und zeig dich mal in deiner Gloria! Das sind ja nette
+Eigenschaften f&uuml;r einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage
+dir: als Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum
+Beispiel vor Gericht als Sachverst&auml;ndiger. Da hei&szlig;t es
+kaltbl&uuml;tig sein, h&uuml;bsch ruhig &uuml;berlegen und ein ganzer Mann
+sein! Sonst gilt man als Schwachmatikus&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer hat dir denn &uuml;brigens gesagt, da&szlig; du hierher gehen
+sollst? In einem fort bel&auml;stigst du Herrn und Frau Doktor! Noch
+dazu an den Markttagen, wo du dr&uuml;ben so notwendig gebraucht
+wirst! Es warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen
+habe ich alles stehn und liegen lassen. Marsch! Hin&uuml;ber! Trab!
+Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
+fort war, plauderte man noch ein wenig &uuml;ber Ohnmachtanf&auml;lle.
+Frau Bovary sagte, sie h&auml;tte noch nie einen gehabt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!&ldquo; behauptete
+Boulanger. &bdquo;Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich
+sind. Da hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, da&szlig; ein
+Zeuge ohnm&auml;chtig wurde, als die Pistolen beim Laden
+knackten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was mich anbelangt,&ldquo; erkl&auml;rte der Apotheker, &bdquo;mich st&ouml;rt
+der Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der blo&szlig;e
+Gedanke, ich selber k&ouml;nne bluten, der macht mich schwindlig, wenn
+ich nicht schnell an was andres denke.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
+ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nun ists aber alle mit der Einbildung!&ldquo; sagte er ihm. &bdquo;Die
+hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft&ldquo;, f&uuml;gte er
+hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen
+Taler auf die Tischecke, gr&uuml;&szlig;te fl&uuml;chtig und verschwand.
+
+</P><P>
+
+Bald darauf erschien er dr&uuml;ben auf dem andern Ufer des
+Baches. Das war sein Weg nach der H&uuml;chette. Emma sah ihm
+von einem der Hinterfenster nach, wie er &uuml;ber die Wiesen ging,
+die Pappeln entlang, langsam wie einer, der &uuml;ber etwas
+nachdenkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Allerliebst!&ldquo; sagte er bei sich. &bdquo;Wirklich allerliebst, diese
+Doktorsfrau. Sch&ouml;ne Z&auml;hne, schwarze Augen, niedliche F&uuml;&szlig;e
+und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo
+mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf Boulanger war vierunddrei&szlig;ig Jahre alt von roher
+Gem&uuml;tsart und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit
+Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel
+ihm. Somit besch&auml;ftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube, er ist mordsbl&ouml;de. Sie hat ihn satt,
+zweifelsohne. Er hat dreckige Fingern&auml;gel und rasiert sich nur
+aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie
+daheim und stopft Str&uuml;mpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach
+der gro&szlig;en Stadt und m&ouml;chte am liebsten alle Abende auf den
+Ball. Arme kleine Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein
+Karpfen auf dem K&uuml;chentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und
+sie ist futsch! Sicherlich! Das w&auml;r was f&uuml;rs Herze!
+Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder los?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Einschr&auml;nkung des in der Ferne stehenden Genusses
+erinnerte ihn &mdash; zum Kontrast &mdash; an seine Geliebte, eine
+Schauspielerin in Rouen, die er aushielt. Er vergegenw&auml;rtigte
+sich ihren K&ouml;rper, dessen er sogar in der Vorstellung
+&uuml;berdr&uuml;ssig war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, diese Frau Bovary,&ldquo; dachte er bei sich, &bdquo;die ist viel
+h&uuml;bscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
+Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft f&uuml;r
+Krebse!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Fluren waren menschenleer. Rudolf h&ouml;rte nichts als
+das taktm&auml;&szlig;ige Rascheln der Halme, die er beim Gehen
+streifte, und das ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er
+schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie
+gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oh, ich werde sie haben!&ldquo; rief er aus und zerschlug mit
+einem Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im
+Wege lag.
+
+</P><P>
+
+Sodann &uuml;berlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
+fragte sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das
+zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das
+Dienstm&auml;del, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche
+Klatsch! Ach was! Unn&uuml;tze Zeitvergeudung!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile begann er von neuem:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und
+wie bla&szlig; sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schw&auml;rmerei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Auf der H&ouml;he von Argueil war sein Kriegsplan fertig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich brauche blo&szlig; noch g&uuml;nstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde
+ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
+Gefl&uuml;gel. N&ouml;tigenfalls lasse ich mich ein bi&szlig;chen
+schr&ouml;pfen. Wir m&uuml;ssen gute Freunde werden. Dann lade ich die
+beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, n&auml;chstens ist doch der
+Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie
+sehen! Dann hei&szlig;ts: Attacke! Und feste drauf! Das ist immer
+das Beste.&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Achtes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Endlich war sie da, die ber&uuml;hmte Jahresversammlung der
+Landwirte! Vom fr&uuml;hen Morgen an standen alle Einwohner von
+Yonville an ihren Haust&uuml;ren und sprachen von den Dingen, die
+da kommen sollten. Die Stirnseite des Rathauses war mit
+Efeugirlanden geschm&uuml;ckt. Dr&uuml;ben auf einer Wiese war ein
+gro&szlig;es Zelt f&uuml;r das Festmahl aufgeschlagen worden, und
+mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein B&ouml;ller, der die
+Ankunft des Landrats und die Preiskr&ouml;nung donnernd
+verk&uuml;nden sollte. Die B&uuml;rgergarde von B&uuml;chy &mdash; in Yonville gab
+es keine &mdash; war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
+Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps
+vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch h&ouml;heren Kragen
+als gew&ouml;hnlich. In die Litewka eingezw&auml;ngt, war sein
+Oberk&ouml;rper so steif und starr, da&szlig; es aussah, als sei
+alles Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich
+parademarschm&auml;&szlig;ig bewegten. Da der Oberst der B&uuml;rgergarde und
+der Hauptmann der Feuerwehr eifers&uuml;chtig aufeinander waren,
+wollte jeder den andern ausstechen, und so exerzierten beide
+ihre Mannschaft f&uuml;r sich. Abwechselnd sah man die roten
+Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und
+wieder abschwenken. Das ging immer wieder von neuem an und nahm
+schier kein Ende!
+
+</P><P>
+
+Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
+gesehen. Verschiedene B&uuml;rger hatten tags zuvor ihre H&auml;user
+abwaschen lassen. Wei&szlig;-rot-blaue Fahnen hingen aus den
+halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da
+sch&ouml;nes Wetter war, sahen die gest&auml;rkten H&auml;ubchen wei&szlig;er
+wie Schnee aus, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne
+wie eitel Gold, und die bunten T&uuml;cher leuchteten buntscheckig
+aus dem tristen Einerlei der schwarzen R&ouml;cke und blauen Blusen
+hervor. Die P&auml;chtersfrauen kamen aus den umliegenden
+D&ouml;rfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln
+heraus, mit denen sie ihre R&ouml;cke hochgesteckt hatten, damit
+sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die M&auml;nner
+andrerseits hatten zum Schutze ihrer H&uuml;te die Sackt&uuml;cher
+dar&uuml;ber gezogen, deren Zipfel sie mit den Z&auml;hnen festhielten.
+
+</P><P>
+
+Die Menge str&ouml;mte von beiden Enden des Orts auf der
+Landstra&szlig;e heran und ergo&szlig; sich in alle Gassen, Alleen und
+H&auml;user. &Uuml;berall klingelten die T&uuml;ren, um die B&uuml;rgerinnen
+herauszulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze
+wallten.
+
+</P><P>
+
+Zwei mit Lampions beh&auml;ngte hohe Taxusb&auml;ume, zu beiden
+Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade f&uuml;r die
+Ehreng&auml;ste, erregten ganz besonders die allgemeine
+Bewunderung. &Uuml;brigens hatte man an den vier S&auml;ulen am
+Rathause so etwas wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine
+Art Standarte aus gr&uuml;ner Leinwand. Auf der einen las man:
+HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der dritten: INDUSTRIE, der
+vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT.
+
+</P><P>
+
+Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
+warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau
+Franz, der L&ouml;wenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres
+Gasthofes stehend, r&auml;sonierte sie vor sich hin:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
+Glaubt diese Bagage wirklich, da&szlig; der Herr Landrat besonders
+erg&ouml;tzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
+wie ein Seilt&auml;nzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
+Gegend zugute kommen! War es wirklich der M&uuml;he wert, extra
+einen Koch aus Neufch&acirc;tel herkommen zu lassen? F&uuml;r wen
+&uuml;brigens? F&uuml;r Kuhjungen und Lumpenpack!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker ging vor&uuml;ber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
+Lackschuhen und &mdash; ausnahmsweise (statt des gewohnten
+K&auml;ppchens) &mdash; einem Hut von niedriger Form.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Diener!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich habs eilig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst
+den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im
+K&auml;se&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;In was f&uuml;r K&auml;se?&ldquo; unterbrach ihn die Wirtin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint&ldquo;, entgegnete
+Homais. &bdquo;Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, da&szlig; es im
+allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute
+freilich mu&szlig; ich in Anbetracht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah! Sie gehen auch hin?&ldquo; fragte sie in geringsch&auml;tzigem Tone.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig; gehe ich hin!&ldquo; sagte der Apotheker erstaunt. &bdquo;Ich
+geh&ouml;re ja zu den Preisrichtern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schlie&szlig;lich meinte
+sie l&auml;chelnd:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die
+Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Selbstverst&auml;ndlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch
+Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz,
+besch&auml;ftigt sich mit den Wechselwirkungen und den
+Molekularverh&auml;ltnissen aller K&ouml;rper, die in der Natur vorkommen.
+Folglich geh&ouml;rt auch die Landwirtschaft in das Gebiet meiner
+Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der D&uuml;ngemittel,
+die G&auml;rungen der S&auml;fte, die Analyse der Gase und die Wirkung der
+Miasmen .., ich bitte Sie, was ist das weiter als pure
+bare Chemie?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, m&uuml;sse man selber in der
+Erde gebuddelt oder G&auml;nse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
+Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
+die mu&szlig; man unbedingt studiert haben, die geologischen
+Gruppierungen, die atmosph&auml;rischen Vorkommnisse, die
+Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des
+Wassers, die Dichtigkeit der verschiedenen K&ouml;rper und ihre
+Kapillarit&auml;t! Und tausend andre Dinge! Dazu mu&szlig; man mit den
+Grunds&auml;tzen der Hygiene v&ouml;llig vertraut sein, um den Bau von
+Geb&auml;uden, die Unterhaltung der Haus- und Arbeitstiere und
+die Ern&auml;hrung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu
+k&ouml;nnen. Fernerhin, Frau Franz, mu&szlig; man die Botanik intus
+haben. Man mu&szlig; die Pflanzen unterscheiden k&ouml;nnen, verstehen Sie,
+die n&uuml;tzlichen von den sch&auml;dlichen, die nutzlosen und die
+nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen,
+welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen mu&szlig;. Kurz und gut,
+man mu&szlig; sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem
+man die Brosch&uuml;ren und die &ouml;ffentlichen Bekanntmachungen liest,
+und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu
+gehen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Wirtin lie&szlig; unterdessen den Eingang des Caf&eacute;
+Fran&ccedil;ais nicht aus den Augen. Der Apotheker redete
+weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wollte Gott, unsre Agrarier w&auml;ren zugleich Chemiker, oder sie
+h&ouml;rten wenigstens besser auf die Ratschl&auml;ge der Wissenschaft!
+Da habe ich k&uuml;rzlich selbst eine gro&szlig;e Abhandlung verfa&szlig;t, eine
+Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: &bdquo;Der Apfelwein.
+Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
+Betrachtungen hier&uuml;ber.&ldquo; Ich habe sie der &bdquo;Rouener
+Agronomischen Gesellschaft&ldquo; &uuml;bersandt, die mich daraufhin unter
+ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung f&uuml;r
+Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt
+erschiene&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker hielt ein. Er merkte, da&szlig; Frau Franz von etwas
+ganz andrem in Anspruch genommen war.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig!&ldquo; unterbrach er sich selber. &bdquo;Eine unglaubliche
+Spelunke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin zuckte so heftig die Achseln, da&szlig; sich die
+Maschen ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit
+beiden H&auml;nden deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem
+w&uuml;ster Gesang her&uuml;berhallte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na! Lange wird die Herrlichkeit da dr&uuml;ben nicht mehr dauern!&ldquo;
+bemerkte sie. &bdquo;In acht Tagen ist der Rummel alle!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais trat erschrocken einen Schritt zur&uuml;ck. Die Wirtin kam
+die drei Stufen herunter und fl&uuml;sterte ihm ins Ohr:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
+ausgepf&auml;ndet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals
+abgeschnitten. Mit Wechseln!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eine f&uuml;rchterliche Katastrophe!&ldquo; rief der Apotheker aus,
+der f&uuml;r alle m&ouml;glichen Ereignisse immer das passende
+Begleitwort zur Hand hatte.
+
+</P><P>
+
+Die L&ouml;wenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erz&auml;hlen.
+Sie wu&szlig;te sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich
+sie Tellier, den Besitzer des Caf&eacute; Fran&ccedil;ais, nicht
+ausstehen konnte, mi&szlig;billigte sie doch das Vorgehen von
+Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Halsabschneider.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da! Sehen Sie!&ldquo; f&uuml;gte sie hinzu. &bdquo;Da geht er! Unter den
+Hallen! Jetzt begr&uuml;&szlig;t er Frau Bovary. Sie hat einen gr&uuml;nen Hut
+auf und geht am Arm von Herrn Boulanger.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Frau Bovary!&ldquo; echote Homais. &bdquo;Ich mu&szlig; ihr schnell guten
+Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der
+Trib&uuml;ne vor dem Rathause erw&uuml;nscht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ohne auf die L&ouml;wenwirtin zu h&ouml;ren, die ihm ihre lange Geschichte
+weitererz&auml;hlen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
+l&auml;chelnder Miene gr&uuml;&szlig;te er nach links und rechts, wobei
+ihn die langen Sch&ouml;&szlig;e seines schwarzen Rockes im Winde
+umflatterten, da&szlig; er wer wei&szlig; wieviel Raum einnahm.
+
+</P><P>
+
+Rudolf hatte ihn l&auml;ngst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
+
+</P><P>
+
+Da aber Emma au&szlig;er Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend
+und in brutalem Tone sagte er zu ihr:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was soll das hei&szlig;en?&ldquo; fragte er sie. Dabei blinzelte er
+sie im Weitergehen von der Seite an.
+
+</P><P>
+
+Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre
+Gedanken. Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die
+lichte Luft, unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen
+bla&szlig;farbene Bindeb&auml;nder wie Schilfbl&auml;tter aussahen. Ihre
+Augen blickten geradeaus unter ihren etwas nach oben
+gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie v&ouml;llig ge&ouml;ffnet waren,
+erschienen sie doch ein wenig zugedr&uuml;ckt durch den oberen Teil
+der Wangen, weil das Blut die feine Haut straffte. Durch die
+Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen gl&auml;nzte
+das Perlmutter ihrer spitzen Z&auml;hne. Den Kopf neigte sie zur
+einen Schulter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mokiert sie sich &uuml;ber mich?&ldquo; fragte sich Rudolf.
+
+</P><P>
+
+In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
+ein Zeichen sein sollen, da&szlig; Lheureux neben ihnen herlief. Von
+Zeit zu Zeit redete der H&auml;ndler die beiden an, um mit ihnen
+ins Gespr&auml;ch zu kommen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein herrlicher Tag heute! &mdash; Alle Welt ist auf den Beinen! &mdash;
+Wir haben Ostwind!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, w&auml;hrend Lheureux
+bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit
+einem ewigen &bdquo;Wie meinen?&ldquo; dazwischenfuhr, wobei er jedesmal
+den Hut l&uuml;ftete.
+
+</P><P>
+
+Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstra&szlig;e ab
+in einen Fu&szlig;weg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergn&uuml;gen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Den haben Sie aber fein abgesch&uuml;ttelt!&ldquo; lachte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum sollen wir uns von fremden Leuten bel&auml;stigen lassen?&ldquo;
+meinte Rudolf. &bdquo;Noch dazu heute, wo ich das Gl&uuml;ck habe, mit
+Ihnen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
+sch&ouml;nen Wetter und wie h&uuml;bsch es sei, so durch die Fluren
+spazieren zu gehen.
+
+</P><P>
+
+Ein paar G&auml;nsebl&uuml;mchen standen am Raine.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die niedlichen Dinger da!&ldquo; sagte er. &bdquo;Und so viele! Genug
+Orakel f&uuml;r die verliebten M&auml;dels des ganzen Landes!&ldquo;
+Ein paar Augenblicke sp&auml;ter setzte er hinzu: &bdquo;Soll ich welche
+pfl&uuml;cken? Was denken Sie dar&uuml;ber?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind Sie denn verliebt?&ldquo; fragte Emma und hustete ein wenig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer wei&szlig;?&ldquo; meinte Rudolf.
+
+</P><P>
+
+Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedr&auml;nge immer mehr
+zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am
+einen und einen S&auml;ugling im andern Arme, rempelten sie an.
+H&auml;ufig mu&szlig;ten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch
+riechender Dorfsch&ouml;nen in blauen Str&uuml;mpfen, derben Schuhen und
+silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
+
+</P><P>
+
+Die Preisverteilung fand statt. Die Z&uuml;chter traten, einer nach
+dem andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an
+Pf&auml;hlen gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten
+Raumes standen die Tiere, mit den Schnauzen nach au&szlig;en, die
+ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtungslinie.
+Schl&auml;frige Schweine w&uuml;hlten mit ihren R&uuml;sseln in der Erde.
+K&auml;lber br&uuml;llten, Schafe bl&ouml;kten. K&uuml;he lagen hingestreckt, die
+B&auml;uche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gem&auml;chlich wieder
+und zuckten mit ihren schwerf&auml;lligen Lidern, wenn die sie
+umschw&auml;rmenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme
+entbl&ouml;&szlig;t, hielten an Trensenz&uuml;geln steigende Zuchthengste, die
+mit gebl&auml;hten N&uuml;stern nach der Seite hin wieherten, wo die
+Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und lie&szlig;en die
+K&ouml;pfe und M&auml;hnen h&auml;ngen, w&auml;hrend ihre F&uuml;llen in ihrem
+Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. &Uuml;ber der wogenden
+Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da das
+Wei&szlig; einer M&auml;hne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein
+spitzes Horn hervorspringen, und &uuml;berall dazwischen die
+H&auml;upter wimmelnder Menschen. Au&szlig;erhalb der Umseilung, etwa
+hundert Schritte davon entfernt, stand &mdash; unbeweglich wie aus
+Bronze gegossen &mdash; ein gro&szlig;er schwarzer Stier mit verbundenen
+Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumptes Kind
+hielt ihn an einem Stricke.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
+besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich
+jedesmal hinterher in fl&uuml;sternder Weise. Einer von ihnen,
+offenbar der Einflu&szlig;reichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein
+Buch. Das war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr
+Derozerays, Besitzer des Rittergutes La Panville. Als
+er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte
+verbindlich-freundlich zu ihm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er
+jedoch au&szlig;er H&ouml;rweite des Vorsitzenden war, meinte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe
+lieber bei Ihnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er machte seine Witze &uuml;ber das Preisrichterkollegium,
+was ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als
+Mitglied des Festausschusses mit Grandezza zu zeigen,
+wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach
+blieb er auch vor dem oder jenem &bdquo;Prachtst&uuml;ck&ldquo; stehen. Frau
+Bovary bewunderte nichts mit. Das beobachtete er, und nun
+begann er sp&ouml;ttische Bemerkungen &uuml;ber die Toiletten der Damen
+von Yonville loszulassen. Dabei entschuldigte er sich, da&szlig; er
+selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein
+Nebeneinander von Allt&auml;glichkeit und Ausgesuchtheit. Der
+oberfl&auml;chliche Menschenkenner h&auml;lt derlei meist f&uuml;r das
+&auml;u&szlig;ere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in
+ihrem Gef&uuml;hlsleben, k&uuml;nstlerisch beanlagt und allem
+Herk&ouml;mmlichen abhold ist, und empfindet &Auml;rgernis oder
+Bewunderung davor. Rudolfs wei&szlig;es Batisthemd mit
+gef&auml;lteten Manschetten bauschte sich im Ausschnitt seiner
+grauen Flanellweste, wie es dem Winde gerade gefiel; seine
+breitgestreiften Hosen reichten nur bis an die Kn&ouml;chel und
+lie&szlig;en die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke
+Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat unbek&uuml;mmert in
+die Pferde&auml;pfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der
+Hut sa&szlig; ihm schief auf dem Kopfe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein Bauer wie ich&nbsp;...&ldquo;, meinte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bei dem ist Hopfen und Malz verloren&ldquo;, scherzte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig! &Uuml;brigens ist kein einziger von all diesen
+Biederm&auml;nnern imstande, den Schnitt eines Rockes zu
+beurteilen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
+des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Darum verfalle ich der Melancholie&nbsp;...&ldquo;, sagte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie?&ldquo; erwiderte Emma erstaunt. &bdquo;Ich halte Sie gerade f&uuml;r sehr
+lebenslustig.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die
+Maske des Sp&ouml;tters trage. Aber wie oft habe ich mich
+beim Anblick eines Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob
+einem nicht am wohlsten w&auml;re, wenn man schliefe, wo die Toten
+schlafen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich k&uuml;mmert sich
+niemand.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
+
+</P><P>
+
+Sie mu&szlig;ten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
+ein Mann zwischen sie dr&auml;ngte, der einen Turm von St&uuml;hlen
+schleppte. Er war derartig &uuml;berladen, da&szlig; man nichts von ihm
+sah als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war
+Lestiboudois, der Totengr&auml;ber, der ein Dutzend Kirchenst&uuml;hle
+herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo es etwas zu
+verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, aus dem
+Bundestage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich
+nicht verrechnet; er wu&szlig;te gar nicht, wen er zuerst befriedigen
+sollte. Die Bauern, denen es hei&szlig; war, rissen sich f&ouml;rmlich
+um diese St&uuml;hle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie
+lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen
+wachsbeklecksten Stuhlr&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als
+spr&auml;che er mit sich selbst.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja! Ich habe vieles entbehren m&uuml;ssen! Immer einsam! Ach,
+wenn mein Dasein einen Zweck gehabt h&auml;tte, wenn ich einer gro&szlig;en
+Leidenschaft begegnet w&auml;re, wenn ich ein Herz gefunden h&auml;tte ...
+Oh, alle meine Lebenskraft h&auml;tte ich daran gesetzt, ich w&auml;re
+&uuml;ber alle Hindernisse hinweggest&uuml;rmt, h&auml;tte alles
+&uuml;berwunden&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mich d&uuml;nkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert&ldquo;,
+wandte Emma ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So, finden Sie?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zum mindesten sind Sie frei&nbsp;...&ldquo; Sie z&ouml;gerte. &bdquo;... und
+reich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Spotten Sie doch nicht &uuml;ber mich!&ldquo; bat er.
+
+</P><P>
+
+Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein B&ouml;llerschu&szlig;.
+Alsbald w&auml;lzte und dr&auml;ngte sich alles der Ortschaft zu.
+Aber es war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch
+gar nicht da. Der Festausschu&szlig; war nun in der gr&ouml;&szlig;ten
+Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man
+noch warten?
+
+</P><P>
+
+Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige
+Mietkutsche auf, von zwei mageren G&auml;ulen gezogen, auf die ein
+Kutscher im Zylinderhut aus Leibeskr&auml;ften mit der Peitsche
+loshieb.
+
+</P><P>
+
+Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An die Gewehre!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und der Oberst der B&uuml;rgergarde br&uuml;llte das Echo dazu.
+
+</P><P>
+
+Hals &uuml;ber Kopf st&uuml;rzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche
+der B&uuml;rgergardisten verga&szlig;en in der Eile, sich den Kragen
+zuzukn&ouml;pfen. Aber der Landauer des Herrn Landrats schien
+die Verwirrung zum Gl&uuml;ck zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im
+langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle
+des Rathauses an, als sich Feuerwehr und B&uuml;rgergarde in
+Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Stillgestanden! Pr&auml;sentiert das Gewehr!&ldquo; kommandierte
+Binet.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Stillgestanden! Pr&auml;sentiert das Gewehr!&ldquo; der Oberst auf der
+andern Seite.
+
+</P><P>
+
+Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel
+eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
+
+</P><P>
+
+Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer
+silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine gro&szlig;e Glatze, ein
+Toupet auf dem Hinterhaupte, sah bla&szlig; im Gesicht aus und war
+offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
+kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
+halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
+seinen eingefallenen Mund zum L&auml;cheln verschob. Er erkannte den
+B&uuml;rgermeister an seiner Sch&auml;rpe und teilte ihm mit, da&szlig; der
+Landrat verhindert sei, pers&ouml;nlich zu kommen. Er selber sei
+Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche
+Redensarten.
+
+</P><P>
+
+T&uuml;vache, der B&uuml;rgermeister, begr&uuml;&szlig;te ihn ehrerbietig. Der Rat
+erkl&auml;rte, er f&uuml;hle sich besch&auml;mt. Die beiden standen sich dicht
+gegen&uuml;ber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der
+Festausschu&szlig;, der Gemeinderat, die Honoratioren, die
+B&uuml;rgergarde und das Publikum. Der Regierungsrat schwenkte
+seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein
+paar Begr&uuml;&szlig;ungsworte. W&auml;hrenddem klappte T&uuml;vache in einem
+fort wie ein Taschenmesser zusammen, l&auml;chelnd, stotternd, nach
+Worten suchend. Darauf beteuerte er die K&ouml;nigstreue der
+Yonviller und dankte f&uuml;r die ihnen widerfahrene gro&szlig;e Ehre.
+
+</P><P>
+
+Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen L&ouml;wen, nahm die
+Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog das Gef&auml;hrt
+humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von
+gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der B&ouml;ller
+krachte.
+
+</P><P>
+
+Die Herren vom Festausschu&szlig; begaben sich nun auf die vor dem
+Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
+Pl&uuml;schsessel, die von der Frau B&uuml;rgermeisterin zur Verf&uuml;gung
+gestellt worden waren.
+
+</P><P>
+
+Alle die M&auml;nner glichen einander. Alle hatten sie
+ausdruckslose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von
+der Sonne etwas gebr&auml;unt waren, buschige Backenb&auml;rte, die
+sich unter hohen steifen Halskragen verloren, und wei&szlig;e,
+sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem,
+ebensowenig an den Uhrketten das ovale Petschaft aus
+Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie
+die Falten des Beinkleides sorgsam zurechtgestrichen hatten.
+Das nicht dekatierte Hosentuch gl&auml;nzte mehr als das
+Leder ihrer derben Stiefel.
+
+</P><P>
+
+Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
+unter der Vorhalle zwischen den S&auml;ulen, w&auml;hrend die gro&szlig;e Menge
+dem Rathause gegen&uuml;ber stand oder teilweise auf St&uuml;hlen sa&szlig;.
+Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen St&uuml;hle
+rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus
+der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges
+Gedr&auml;nge, da&szlig; man nur mit M&uuml;he und Not zu der kleinen Treppe
+der Estrade dringen konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich finde,&ldquo; sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
+Estrade durchdr&auml;ngelte und gerade an ihm vor&uuml;berkam, &bdquo;man
+h&auml;tte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit
+irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer
+Nouveaut&eacute;. Das w&uuml;rde sehr h&uuml;bsch ausgesehen haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo; meinte Homais. &bdquo;Aber Sie wissen ja! Der
+B&uuml;rgermeister macht alles blo&szlig; nach seinem eignen Kopfe. Er
+hat nicht viel Geschmack, der gute T&uuml;vache, und k&uuml;nstlerischen
+Sinn nun gleich gar nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des
+Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer
+war, erkl&auml;rte Boulanger, das w&auml;re so recht der Ort, das
+Schauspiel bequem zu genie&szlig;en. Er nahm zwei St&uuml;hle von dem
+ovalen Tisch, der unter der B&uuml;ste von Majest&auml;t stand, und trug
+sie an eins der Fenster.
+
+</P><P>
+
+Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
+
+</P><P>
+
+Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte
+und tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem
+Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, da&szlig; er Lieuvain hie&szlig;, und
+nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er
+ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten
+hatte, begann er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herren!
+
+</P><P>
+
+Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
+eingehe, sei es mir zun&auml;chst gestattet, &mdash; und ich bin
+&uuml;berzeugt, Sie sind insgesamt damit einverstanden! &mdash; sei
+es mir gestattet, sage ich, der Beh&ouml;rden und der Regierung zu
+gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majest&auml;t, unsers
+allergn&auml;digsten und allverehrten Landesherrn, dem jedes
+Gebiet der &ouml;ffentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt,
+der mit sicherer und kluger Hand das Staatsschiff durch die
+unaufh&ouml;rlichen Gefahren eines st&uuml;rmischen Ozeans lenkt und
+dabei jedem sein Recht l&auml;&szlig;t, dem Frieden wie dem Kriege, der
+Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den K&uuml;nsten und
+Wissenschaften&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zur&uuml;ck&ldquo;, sagte
+Rudolf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblicke bekam die Stimme des
+Regierungsrates besonderen Schwung. Er deklamierte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Zeiten sind vor&uuml;ber, meine Herren, wo die Zwietracht der
+B&uuml;rger unsre &ouml;ffentlichen Pl&auml;tze mit Blut besudelte, wo der
+Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
+abends friedlich schlafen ging, bef&uuml;rchten mu&szlig;te, durch
+das St&uuml;rmen der Brandglocken j&auml;h wieder aufgeschreckt zu
+werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten r&uuml;ttelten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nur weil man mich von unten bemerken k&ouml;nnte&ldquo;, gab Rudolf zur
+Antwort. &bdquo;Dann m&uuml;&szlig;te ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
+Und bei meinem schlechten Rufe&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie verleumden sich&ldquo;, warf Emma ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schw&ouml;r ich Ihnen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herren!&ldquo; fuhr der Redner fort. &bdquo;Wenn wir unsre Blicke
+von diesen d&uuml;stern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
+gegenw&auml;rtigen Zustand unsers sch&ouml;nen Vaterlandes richten:
+was sehen wir da? &Uuml;berall stehen Handel, Wissenschaften und
+K&uuml;nste in Bl&uuml;te, &uuml;berall erwachsen neue Verkehrswege und
+-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe des Staates, und
+schaffen neue Beziehungen, neues Leben. Unsre gro&szlig;en
+Industriezentren sind von neuem in vollster T&auml;tigkeit. Die
+Religion ist gekr&auml;ftigt und w&auml;rmt wieder aller Herzen. Unsre
+H&auml;fen strotzen, der Staatskredit ist fest. Frankreich atmet
+endlich wieder auf&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hei&szlig;t,&ldquo; sagte Rudolf, &bdquo;vom gesellschaftlichen
+Standpunkt hat man vielleicht recht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie meinen Sie das?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wissen Sie denn nicht,&ldquo; erl&auml;uterte er, &bdquo;da&szlig; es
+problematische Naturen gibt? Halb Tr&auml;umer, halb Tatenmenschen?
+Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten
+Gen&uuml;ssen. Nichts ist ihnen zu toll, zu phantastisch&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
+sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher
+Kontraste verboten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;ne Freuden!&ldquo; entgegnete er bitter. &bdquo;Das Gl&uuml;ck liegt
+wo ganz anders!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, so findet mans nirgends?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch! Eines Tages begegnet man dem Gl&uuml;ck!&ldquo; fl&uuml;sterte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und das wissen Sie alle gerade am besten,&ldquo; fuhr der
+Regierungsrat fort, &bdquo;Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter
+sind, friedliche Vork&auml;mpfer eines Kulturideals, M&auml;nner
+des Fortschrittes und der Ordnung! Sie wissen das, sage
+ich, da&szlig; politische St&uuml;rme weit furchtbarer sind denn St&uuml;rme in
+der Natur&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, eines Tages begegnet man ihm!&ldquo; wiederholte Rudolf,
+&bdquo;ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat!
+Dann &ouml;ffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe
+eine Stimme: &sbquo;Hier ist das Gl&uuml;ck!&lsquo; Und dem Menschen,
+den Sie da gefunden haben, dem m&uuml;ssen Sie aus innerm Drange
+heraus ihr Leben anvertrauen, ihm alles geben, alles
+opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles ist nur
+Ahnung, Gef&uuml;hl! Man hat sich ja l&auml;ngst im Traumland gesehen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er blickte Emma an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
+leibhaftig da! Er gl&auml;nzt und strahlt! Noch immer h&auml;lt man ihn
+f&uuml;r ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
+geblendet, als k&auml;me man pl&ouml;tzlich aus der Nacht in die
+Sonne&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf begleitete seine Worte mit Geb&auml;rden. Er pre&szlig;te die Rechte
+auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann lie&szlig; er
+sie auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg.
+
+</P><P>
+
+Der Rat sprach immer weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wen k&ouml;nnte das auch verwundern, meine Herren? H&ouml;chstens
+Leute, die so blind w&auml;ren, so verbohrt (ich scheue mich nicht,
+dieses Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile
+abgetaner Zeiten, da&szlig; sie die Gesinnung der Landwirte noch immer
+verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus
+als auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen des
+Gemeinwohls? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine
+Herren, ich meine nat&uuml;rlich nicht jene oberfl&auml;chliche
+Intelligenz, mit der sich m&uuml;&szlig;ige Geister br&uuml;sten, nein, ich
+meine die gr&uuml;ndliche und ma&szlig;volle Intelligenz, die sich nur mit
+ersprie&szlig;lichen Absichten bet&auml;tigt und damit dem Vorteile des
+Einzelnen wie der F&ouml;rderung der Allgemeinheit dient und eine
+St&uuml;tze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor
+den Gesetzen und dem Gef&uuml;hle der Pflichterf&uuml;llung&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Pflichterf&uuml;llung!&ldquo; wiederholte Rudolf. &bdquo;Immer und &uuml;berall
+die Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten
+Schafsk&ouml;pfen in Schlafr&ouml;cken und von Betschwestern mit
+W&auml;rmbullen und Gesangb&uuml;chern kr&auml;chzt uns ewig die alte
+Litanei vor: &sbquo;Die Pflicht, die Pflicht!&lsquo; Der Teufel soll
+sie holen! Unsre Pflicht ist es, alles Gro&szlig;e in der Welt
+mitzuf&uuml;hlen, das Sch&ouml;ne anzubeten und sich nicht immer gleich
+unter alle m&ouml;glichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken,
+sich nicht zu Sklaven herabw&uuml;rdigen zu lassen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Indessen ... indessen&nbsp;...&ldquo;, wandte Emma ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften k&auml;mpfen? Sind
+sie nicht vielmehr das Allersch&ouml;nste, was es auf Erden
+gibt, der Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der
+Dichtung, der Musik, aller K&uuml;nste, alles Lebens im wahren
+Sinne?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber man mu&szlig; sich doch ein wenig nach den Leuten richten und
+sich ihrer Moral f&uuml;gen&ldquo;, meinte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Das ist dann eben die doppelte Moral,&ldquo; eiferte er. &bdquo;Die
+eine: die kleinliche, herk&ouml;mmliche, die der Leute, die in einem
+fort ein andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im
+tr&uuml;ben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all
+der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die g&ouml;ttliche,
+die um uns ist und &uuml;ber uns wie die Landschaft, die uns
+umprangt, und der blaue Himmel, der &uuml;ber uns leuchtet&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
+er weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
+noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt f&uuml;r unser t&auml;glich Brot?
+Wer schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der
+Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit
+seiner schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden
+Furchen s&auml;t, verdanken wir das Getreide, das dann, von
+sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die St&auml;dte zu den
+B&auml;ckern kommt, die Brot daraus backen f&uuml;r arm und reich! Ist
+es nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden
+h&uuml;tet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir uns anziehen,
+wie uns n&auml;hren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren,
+wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von
+uns schon manchmal &uuml;ber die Bedeutung jenes bescheidenen
+Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernh&ouml;fe
+ist und uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen
+saftigen Braten f&uuml;r unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich k&auml;me
+nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse
+l&uuml;ckenlos aufz&auml;hlen m&uuml;&szlig;te, mit denen die wohlbebaute Erde
+wie eine gro&szlig;m&uuml;tige Mutter ihre Kinder &uuml;bersch&uuml;ttet. Ich nenne
+nur den Weinstock, den Baum, der uns den Apfelwein spendet, und
+den Raps. Dann haben wir den K&auml;se und den Flachs. Meine
+Herren, vergessen wir den Flachs nicht! Der Flachsbau hat in
+den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den
+ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders hinlenken m&ouml;chte&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dieser Appell war eigentlich unn&ouml;tig, denn die Menge lauschte
+offenen Mundes und lie&szlig; sich kein W&ouml;rtchen entgehen. Der
+B&uuml;rgermeister, der zur Seite des Redners sa&szlig;, horchte mit
+aufgerissenen Augen. Derozerays schlo&szlig; die seinen hin und
+wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz
+etwas weiter weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um
+Silbe f&uuml;r Silbe ordentlich zu verstehen. Die &uuml;brigen
+Preisrichter nickten bed&auml;chtig mit den gesenkten H&auml;uptern, um
+ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr st&uuml;tzte sich
+auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im
+Stillgestanden und mit vorschriftsm&auml;&szlig;iger S&auml;belhaltung.
+H&ouml;ren konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende
+seines Helms bis &uuml;ber die Nase reichte. Sein Leutnant,
+der j&uuml;ngste Sohn des B&uuml;rgermeisters, hatte einen noch
+gr&ouml;&szlig;eren auf. Dieses Unget&uuml;m wackelte ihm fortw&auml;hrend auf
+dem Kopfe hin und her. &Uuml;berdies sah der Zipfel eines
+seidnen Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er
+l&auml;chelte wie ein artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein
+schmales blasses Gesicht, &uuml;ber das Schwei&szlig;tropfen
+rannen, verriet zugleich helle Freude und m&uuml;de Abspannung.
+
+</P><P>
+
+Der Marktplatz war bis an die H&auml;user heran voller Menschen. In
+allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen
+T&uuml;rschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin,
+ganz versunken in das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um
+den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch
+bereits in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne
+abgerissene Worte drangen weiter, von denen das Ger&auml;usch hin-
+und herger&uuml;ckter St&uuml;hle auch noch einen Teil verschlang. Noch
+weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehntes
+Rindergebr&uuml;ll oder das Bl&ouml;ken der Schafe, die sich einander
+antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten n&auml;mlich ihre Tiere
+inzwischen bis auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von
+Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
+
+</P><P>
+
+Rudolf war dicht an Emma heranger&uuml;ckt und fl&uuml;sterte ihr hastig
+zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mu&szlig; einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum
+Rebellen machen? Gibt es ein einziges Gef&uuml;hl, das sie
+nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden
+von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen
+trotz alledem finden, so verb&uuml;ndet sich alles, damit sie
+einander nicht geh&ouml;ren k&ouml;nnen. Aber sie werden es dennoch
+versuchen, sie regen ihre Fl&uuml;gel, und sie rufen sich. Fr&uuml;her
+oder sp&auml;ter, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie
+doch vereint in ihrer Liebe, weil es das Schicksal so will
+und weil sie f&uuml;reinander geschaffen sind&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte die Arme verschr&auml;nkt und st&uuml;tzte sie auf seine Knie,
+und so schaute er Emma an, ganz aus der N&auml;he, mit starrem
+Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen
+Kreislinien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie
+roch sogar das leise Parf&uuml;m in seinem Haar. Woll&uuml;stige
+M&uuml;digkeit &uuml;berfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse
+Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte
+genau so geduftet wie dieses Haar, nach Vanille und Zitronen.
+Unwillk&uuml;rlich schlo&szlig; sie die Augenlider, um den Geruch st&auml;rker
+zu sp&uuml;ren. Aber als sie sich in ihren Stuhl zur&uuml;cklehnte,
+fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte,
+die langsam die H&ouml;he von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke
+nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr
+zur&uuml;ckgekommen, und auf dieser Stra&szlig;e da war er von ihr
+weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im
+Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel
+zogen vor&uuml;ber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals
+im Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des
+Vicomte. Und Leo w&auml;re nicht weit weg, sondern k&auml;me wieder ...
+Dabei sp&uuml;rte sie in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich.
+Die s&uuml;&szlig;e Empfindung seiner N&auml;he verm&auml;hlte sich mit den alten
+Gel&uuml;sten; und wie Staubk&ouml;rner, die der Wind aufjagt, umtanzten
+sie diese Gef&uuml;hle zusammen mit dem leisen Dufte und bet&auml;ubten
+ihr die Seele. Ein paarmal &ouml;ffnete sie weit die Nasenfl&uuml;gel, um
+&mdash; sto&szlig;weise &mdash; den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die
+um die S&auml;ulen geschlungen waren.
+
+</P><P>
+
+Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
+feuchtgewordnen H&auml;nde; dann f&auml;chelte sie ihren Wangen mit dem
+Taschentuche K&uuml;hlung zu, wobei sie mitten durch das H&auml;mmern
+des Blutes in ihren Schl&auml;fen das Gesumme der Menge und
+die immer noch Phrasen dreschende Stimme des
+Regierungsrates verworren vernahm.
+
+</P><P>
+
+Er predigte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
+nicht beirren, weder durch H&auml;ngenbleiben an veralteten
+&Uuml;berlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von k&uuml;hnen
+Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung
+des Bodens, auf eine gute D&uuml;ngung, auf die Veredelung der
+Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! M&ouml;ge diese
+Versammlung f&uuml;r Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
+der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand dr&uuml;ckt
+wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg f&uuml;r die Zukunft
+w&uuml;nscht! Und Ihr, Ihr w&uuml;rdigen Dienstboten, bescheidenes
+Hofgesinde, um deren m&uuml;hevolle Arbeit sich bisher noch keine
+Regierung gek&uuml;mmert hat, kommt her und empfangt den Lohn f&uuml;r
+Eure stille T&uuml;chtigkeit und seid &uuml;berzeugt, da&szlig; die F&uuml;rsorge
+des Staates fortan auch Euch gelten wird, da&szlig; er Euch
+ermutigt und besch&uuml;tzt, da&szlig; er Euch auf begr&uuml;ndete Beschwerden
+hin recht geben wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht,
+die B&uuml;rde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr
+Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
+schwungvoll wie die Lieuvains, daf&uuml;r war sie sachlicher,
+das hei&szlig;t: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
+Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war k&uuml;rzer
+gefa&szlig;t; die Rede besch&auml;ftigte sich mehr mit der Landwirtschaft
+und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
+beleuchtet. Beide h&auml;tten zu allen Zeiten die Zivilisation
+gef&ouml;rdert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary &uuml;ber Tr&auml;ume,
+Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anf&auml;nge der
+menschlichen Gesellschaft zur&uuml;ck und schilderte die barbarischen
+Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln gen&auml;hrt hatte.
+Sp&auml;ter h&auml;tte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
+bekleidet, h&auml;tte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies
+nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Besch&auml;ftigungen
+ungleich mehr M&uuml;hen denn Nutzen? &Uuml;ber dieses Problem stellte
+Derozerays allerhand Betrachtungen an.
+
+</P><P>
+
+Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allm&auml;hlich auf die
+Wahlverwandtschaft gekommen, und w&auml;hrend der Redner unten vom
+Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen
+Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
+eigenh&auml;ndig s&auml;en, setzte der junge Mann der jungen Frau
+auseinander, da&szlig; die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
+gegenseitigen Anziehung in einer fr&uuml;heren Existenz zu suchen sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nehmen Sie beispielsweise uns beide!&ldquo; sagte er. &bdquo;Warum
+haben wir uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall
+gef&uuml;gt? War es nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang,
+der uns gegenseitig einander zuf&uuml;hrte, wie zwei Str&ouml;me
+ineinander flie&szlig;en, jeder von weiter Ferne her?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Preis f&uuml;r gute Bewirtschaftung&nbsp;...&ldquo;, rief unten der Redner.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus
+kam&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Bizet aus Quincampoix!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wu&szlig;te ich damals, da&szlig; wir so bald gute Freunde werden
+sollten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Siebzig Franken&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
+Ihnen gekommen und hier geblieben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r Erfolge im D&uuml;ngen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so
+v&ouml;llig bezaubert&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... f&uuml;r einen Merino-Schafbock&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen
+vor&uuml;bergewandelt wie ein Schatten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herrn Belot aus Notre-Dame&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
+erinnern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den
+Herren Leh&eacute;riss&eacute; und C&uuml;llembourg!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf dr&uuml;ckte Emmas Hand. Sie f&uuml;hlte sich ganz hei&szlig; an und
+zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen m&ouml;chte. Sei
+es nun, da&szlig; Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder da&szlig;
+sie Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit
+ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich danke Ihnen! Sie sto&szlig;en mich nicht zur&uuml;ck! Sie sind
+so gut! Sie f&uuml;hlen, da&szlig; ich Ihnen geh&ouml;re! Ich will Sie ja nur
+sehen, nur anschauen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ein Windsto&szlig;, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
+des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
+m&auml;chtigen Haubenschleifen der B&auml;uerinnen wie wei&szlig;e
+Schmetterlingsfl&uuml;gel auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r die Herstellung von &Ouml;lkuchen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
+Feldbew&auml;sserung ... langj&auml;hrigen Pacht ... treue Dienste&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas
+trockne Lippen bebten in hei&szlig;estem Begehren. Weich und ganz von
+selbst verschlangen sich ihre H&auml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerri&egrave;re
+f&uuml;r vierundf&uuml;nfzigj&auml;hrigen Dienst auf ein und demselben
+Gute eine silberne Medaille im Werte von f&uuml;nfundzwanzig Franken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach einer Weile h&ouml;rt man: &bdquo;Wo ist Katharine Leroux?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie erschien nicht, aber man vernahm fl&uuml;sternde Stimmen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geh doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Brauchst keine Angst zu haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nee, ist die dumm!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier! Hier steckt sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So mag sie doch vorkommen!&ldquo; rief der B&uuml;rgermeister dazwischen.
+
+</P><P>
+
+Da begann eine kleine alte Frau mit &auml;ngstlicher Geb&auml;rde zur
+Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
+aus. Sie hatte die F&uuml;&szlig;e in derben Holzschuhen und um die
+H&uuml;ften eine gro&szlig;e blaue Sch&uuml;rze. Ihr mageres Gesicht, von
+einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein
+verschrumpfelter Apfel, und aus den &Auml;rmeln ihrer roten Jacke
+langten zwei d&uuml;rre H&auml;nde mit knochigen Gelenken heraus. Vom
+Staub der Scheunen, der Lauge der W&auml;sche und dem Fett der
+Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, da&szlig; sie wie
+schmutzig aussahen, und doch waren sie in reinem Wasser
+t&uuml;chtig gewaschen worden. Da&szlig; sie unz&auml;hlige Strapazen hinter
+sich hatten, das verrieten sie von selbst an ihrer dem&uuml;tigen
+Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu
+empfangen. Etwas wie kl&ouml;sterliche Strenge sprach aus den
+Z&uuml;gen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit.
+Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
+nichts Trauriges oder R&uuml;hrseliges. Im steten Umgang mit
+Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie
+sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen.
+Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen
+R&ouml;cken, das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des
+Rates, alles das ersch&uuml;ttertere bis ins Herz. Sie
+stand ganz erstarrt da, sie wu&szlig;te nicht, ob sie zur Estrade
+vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man
+sie nach vorn dr&auml;ngte und warum ihr die Preisrichter
+freundlich zul&auml;chelten. Sie stand vor diesen beh&auml;bigen B&uuml;rgern
+als ein verk&ouml;rpertes halbes S&auml;kulum der Knechtschaft.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Treten Sie n&auml;her, verehrungsw&uuml;rdige Katharine Nikasia
+Elisabeth Leroux!&ldquo; sagte der Regierungsrat, der die Liste der
+Preisgekr&ouml;nten aus den H&auml;nden des Vorsetzenden
+entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf
+die Greisin blickte, wiederholte er in v&auml;terlichem Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;N&auml;her, immer n&auml;her!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind Sie denn taub?&ldquo; rief T&uuml;vache heftig und sprang von seinem
+Sitze auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;F&uuml;r vierundf&uuml;nfzigj&auml;hrige Dienstzeit eine silberne Medaille
+im Werte von f&uuml;nfundzwanzig Franken! Die ist f&uuml;r Sie!&ldquo; wurde
+ihr laut gesagt.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein L&auml;cheln
+des Gl&uuml;ckes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, h&ouml;rte
+man sie vor sich hinmurmeln:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit
+er mir dermaleinst eine Messe liest.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Selig die Geistesarmen!&ldquo; meinte der Apotheker, zum Notar
+gewandt.
+
+</P><P>
+
+Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
+nachdem nun die Preisverteilung vor&uuml;ber war, nahm jeder wieder
+seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
+schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte pr&uuml;gelten das
+Vieh, das mit gr&uuml;nen Kr&auml;nzen um die H&ouml;rner in seine St&auml;lle
+zur&uuml;cktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.
+
+</P><P>
+
+Die B&uuml;rgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
+den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour
+schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spie&szlig;te
+sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der T&uuml;re
+nahmen sie Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des
+Festmahles allein durch die Wiesen spazieren.
+
+</P><P>
+
+Der Schmaus dauerte lange. Es war l&auml;rmig, die Bedienung
+schlecht. Man sa&szlig; so eng aneinander, da&szlig; man f&uuml;r die Ellenbogen
+gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als
+B&auml;nke dienten, drohten unter der Last der G&auml;ste zusammenzubrechen.
+Man a&szlig; unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen.
+Allen perlte der Schwei&szlig; von der Stirne. Zwischen der Tafel und
+den H&auml;ngelampen schwebte wei&szlig;licher Dunst, wie der Nebel &uuml;ber
+dem Flusse an einem Herbstmorgen.
+
+</P><P>
+
+Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich
+v&ouml;llig in Tr&auml;umereien an Emma, so da&szlig; er nichts sah und
+h&ouml;rte. Hinter ihm, drau&szlig;en auf dem Rasen, schichteten die
+Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn
+anredete, gab er ihm keine Antwort. Man f&uuml;llte ihm das
+Glas, ohne da&szlig; er es wahrnahm. Trotz des allgemeinen
+immer st&auml;rker werdenden L&auml;rmes war es in ihm ganz still.
+Er sann &uuml;ber das nach, was Emma gesagt hatte, und &uuml;ber die
+Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie aus
+Zauberspiegeln aus allem entgegen, was gl&auml;nzte, sogar
+aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
+Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor
+ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe
+verliebter Tage.
+
+</P><P>
+
+Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
+Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des
+Apothekers. Der letztere beunruhigte sich sehr &uuml;ber die
+M&ouml;glichkeit, da&szlig; einmal eine Rakete versehentlich in das
+Publikum gehen k&ouml;nnte. Aller Augenblicke verlie&szlig; er seine
+Freunde, um Binet zur gr&ouml;&szlig;ten Vorsicht zu vermahnen. Die
+Feuerwerksk&ouml;rper waren vorher aus &uuml;bertriebener
+&Auml;ngstlichkeit im Hause des B&uuml;rgermeisters aufbewahrt
+worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver
+entz&uuml;ndete sich nun schwer, und das Hauptst&uuml;ck, eine
+Schlange, die sich in den Schwanz bei&szlig;t, versagte vollst&auml;ndig.
+Ab und zu zischte ein d&uuml;rftiges Feuerrad. Dann schrie die
+gaffende Menge vor Vergn&uuml;gen laut auf, und in dieses Geschrei
+mischte sich das Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von
+dreisten H&auml;nden angefa&szlig;t wurden.
+
+</P><P>
+
+Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
+verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
+Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach
+und nach verl&ouml;schten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne.
+Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch
+&uuml;ber das unbedeckte Haar.
+
+</P><P>
+
+In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates
+vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen
+auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse
+seines K&ouml;rpers zwischen den Wagenlichtern hin und her
+pendelte, je nach den Bewegungen des Wagens auf dem
+holperigen Pflaster.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen&ldquo;,
+bemerkte der Apotheker. &bdquo;Mein Vorschlag geht dahin, allw&ouml;chentlich
+am Rathause die Namen derer auszuh&auml;ngen, die sich in der Woche
+vorher sinnlos betrunken haben. Das erg&auml;be nebenbei eine
+Statistik, die man in gewissen F&auml;llen ... Aber entschuldigen
+Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
+anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
+seiner Drehbank.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht t&auml;ten Sie gut,&ldquo; mahnte ihn Homais, &bdquo;wenn Sie
+einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie
+selber gingen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie mich doch in Ruhe!&ldquo; murrte der Steuereinnehmer.
+&bdquo;Das h&auml;tte ja gar keinen Sinn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir k&ouml;nnen v&ouml;llig beruhigt sein&ldquo;, sagte er zu ihnen. &bdquo;Herr
+Binet hat mir soeben versichert, da&szlig; alle Vorsichtsma&szlig;regeln
+getroffen sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und
+die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja! Ich habs sehr n&ouml;tig!&ldquo; erwiderte Frau Homais, die
+schon immer t&uuml;chtig geg&auml;hnt hatte. &bdquo;Aber sch&ouml;n wars doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf wiederholte leise mit einem z&auml;rtlichen Blicke:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wundersch&ouml;n!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
+
+</P><P>
+
+Zwei Tage darauf stand im &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; ein langer
+Bericht &uuml;ber die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
+hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfa&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was k&uuml;nden diese Girlanden, diese Blumen und Kr&auml;nze? Wohin
+w&auml;lzt sich die Menge, gleichwie die Wogen des st&uuml;rmischen
+Weltmeeres unter den Strahlenb&uuml;scheln der tropischen Sonne,
+die unsere Fluren sengt?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sodann sprach er von der Lage der Landbev&ouml;lkerung. &bdquo;Gewi&szlig;, die
+Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
+Reformen sind unerl&auml;&szlig;lich. Man gehe an sie heran!&ldquo; Bei der
+Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte
+er &bdquo;das martialische Aussehen unsrer Miliz&ldquo;, die
+&bdquo;behenden Dorfsch&ouml;nen,&ldquo; die &bdquo;kahlk&ouml;pfigen Greise, diese
+Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren
+Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln h&ouml;her schlagen.&ldquo; Seinen
+eigenen Namen z&auml;hlte er unter den Preisrichtern als ersten
+auf und erw&auml;hnte in einer Anmerkung sogar, da&szlig; Herr Homais,
+der Apotheker von Yonville, unl&auml;ngst eine Denkschrift &uuml;ber den
+Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht
+habe. Bei der Preisverteilung angelangt, schilderte er die
+Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung.
+&bdquo;V&auml;ter fielen ihren S&ouml;hnen um den Hals, Br&uuml;der ihren
+Br&uuml;dern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
+Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
+K&auml;mmerlein, mag sie so mancher, Tr&auml;nen in den Augen, an die Wand
+geh&auml;ngt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein
+Festmahl in dem auf der Herrn Li&eacute;geard geh&ouml;renden Wiese
+errichteten gro&szlig;en Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von
+Anfang bis Ende herrschte die gr&ouml;&szlig;te Gem&uuml;tlichkeit. Mehrere
+Toaste wurden ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank
+auf Seine Majest&auml;t, Herr B&uuml;rgermeister T&uuml;vache auf den Herrn
+Landrat, sodann Herr Rittergutsbesitzer Derozerays auf
+das Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homais auf
+die Industrie und ihre Schwestern, die K&uuml;nste und Wissenschaften,
+so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend
+erleuchtete ein pr&auml;chtiges Feuerwerk pl&ouml;tzlich alle
+Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
+Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
+sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
+entr&uuml;ckt w&auml;hnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, da&szlig;
+auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest
+gest&ouml;rt hat. Zu bemerken w&auml;re nur noch das Fernbleiben der
+Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von
+Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr
+J&uuml;nger Loyolas!&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Neuntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines
+Sp&auml;tnachmittags, erschien er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das w&auml;re
+ein Fehler!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
+hatte er sich gesagt, nun sei es zu sp&auml;t zu einem Besuche.
+Sein Gedankengang war folgender:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
+dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben.
+Warten wir also noch eine Weile!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als er Emma in der Gro&szlig;en Stube entgegentrat, sah er, wie sie
+bla&szlig; wurde. Da wu&szlig;te er, da&szlig; er sich nicht verrechnet hatte.
+
+</P><P>
+
+Sie war allein. Es d&auml;mmerte. Die kleinen Mullgardinen an den
+Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke
+Metall des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel,
+glitzerte auf der Fl&auml;che des Spiegels &uuml;ber dem Kamin wider
+wie flammendes Feuer.
+
+</P><P>
+
+Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit M&uuml;he auf seine
+ersten H&ouml;flichkeitsworte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich war stark besch&auml;ftigt. Und dann bin ich auch krank
+gewesen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ernstlich?&ldquo; fragte sie erregt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na,&ldquo; erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
+niedrigen Sessel setzte, &bdquo;eigentlich wollte ich nicht
+wiederkommen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erraten Sie es nicht?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, da&szlig; sie
+rot wurde und die Augen senkte.
+
+</P><P>
+
+Er begann von neuem:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Boulanger!&ldquo; rief sie und r&uuml;ckte ein wenig von ihm ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah!&ldquo; sagte er in wehm&uuml;tigem Tone. &bdquo;Sehen Sie, wie recht ich
+hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name&nbsp;..., dieser
+Name, der mein ganzes Herz erf&uuml;llt&nbsp;..., er ist mir
+entschl&uuml;pft, und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau
+Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So hei&szlig;en Sie! Und doch ist
+das der Name &mdash; eines andern!&ldquo; Nach einer Weile wiederholte
+er: &bdquo;Eines andern!&ldquo; Er hielt sich die H&auml;nde vor sein
+Gesicht. &bdquo;Ach, ich denke fortw&auml;hrend an Sie ... Die Erinnerung
+bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ...
+Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, da&szlig;
+Sie nichts mehr von mir h&ouml;ren werden! Aber heute ... heute ...
+ach, ich wei&szlig; nicht, was mich mit aller Gewalt hierher zu
+Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner k&auml;mpfen!
+Und wo Engel l&auml;cheln, wer k&ouml;nnte da widerstehen? Man l&auml;&szlig;t sich
+hinrei&szlig;en von der, die so sch&ouml;n, so s&uuml;&szlig;, so anbetenswert
+ist!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war das erstemal, da&szlig; Emma solche Dinge h&ouml;rte, und
+als ob sie sich im Bade woll&uuml;stig dehnte, so f&uuml;hlte sie sich
+in ihrem Selbstbewu&szlig;tsein von der warmen Flut dieser Sprache
+umkost.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,&ldquo; fuhr er fort,
+&bdquo;wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
+wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts,
+Nacht f&uuml;r Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um
+Ihr Haus zu schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die
+B&auml;ume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen,
+und das Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die
+Scheiben hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es
+nicht geahnt, da&szlig; da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein
+Armer, ein Ungl&uuml;cklicher stand&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schluchzte auf und sah ihn an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind ein guter Mensch!&ldquo; fl&uuml;sterte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das?
+Sagen Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der K&uuml;che
+her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die T&uuml;re
+nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es w&auml;re barmherzig von Ihnen,&ldquo; sagte er, sich wieder
+erhebend, &bdquo;wenn Sie mir einen Wunsch erf&uuml;llten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen
+lernen. Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur
+T&uuml;re, da trat Karl ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Guten Tag, Doktor!&ldquo; begr&uuml;&szlig;te ihn Rudolf.
+
+</P><P>
+
+Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
+schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte.
+W&auml;hrenddessen wurde der andre wieder v&ouml;llig Herr der Situation.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die gn&auml;dige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erz&auml;hlt&nbsp;...&ldquo;,
+begann er.
+
+</P><P>
+
+Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat &auml;u&szlig;erst besorgt. Seine
+Frau habe bereits einmal an &auml;hnlichen Zust&auml;nden gelitten.
+
+</P><P>
+
+Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut w&auml;re.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich
+ein guter Rat! Den solltest du tats&auml;chlich befolgen, Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wandte ein, da&szlig; sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr
+eins an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht
+weiter in sie. Dann erz&auml;hlte er &mdash; um seinen Besuch zu motivieren
+-, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen
+habe, leide immer noch an Schwindelanf&auml;llen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen&ldquo;, sagte
+Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
+zusammen. Das ist bequemer f&uuml;r Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr g&uuml;tig! Ganz wie Sie w&uuml;nschen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger
+abgelehnt? Es war doch sehr liebensw&uuml;rdig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma tat, als ob sie schmollte; sie wu&szlig;te nicht gleich, was
+sie sagen sollte, und schlie&szlig;lich erkl&auml;rte sie, die Leute
+k&ouml;nnten es &bdquo;komisch&ldquo; finden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich pfeif auf die Leute!&ldquo; sagte Karl und machte eine
+ver&auml;chtliche Geb&auml;rde. &bdquo;Die Gesundheit ist tausendmal mehr
+wert! Das war nicht richtig von dir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann mu&szlig;t du dir eins bestellen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Reitkleid gab den Ausschlag.
+
+</P><P>
+
+Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau
+stehe ihm zur Verf&uuml;gung. Sie n&auml;hme sein g&uuml;tiges Anerbieten
+an.
+
+</P><P>
+
+Andern Tags um zw&ouml;lf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor
+dem Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel
+aus Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe
+Reitstiefel aus feinstem weichen Leder an. Er nahm an, da&szlig;
+Emma solche gewi&szlig; noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie
+&uuml;ber sein Aussehen entz&uuml;ckt, als sie ihn in seinem langen
+dunkelbraunen Samtrock und den wei&szlig;en Breeches an der T&uuml;re
+erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit.
+
+</P><P>
+
+Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mu&szlig;te sie sehen. Auch
+den Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf
+allerlei gute Ratschl&auml;ge.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es passiert so leicht ein Malheur!&ldquo; sagte er. &bdquo;Reiten Sie
+vorsichtig! Sind die Tiere fromm?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma vernahm &uuml;ber sich ein Ger&auml;usch. Es war Felicie, die mit
+der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
+einen Spa&szlig; zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein
+Ku&szlig;h&auml;ndchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Viel Vergn&uuml;gen!&ldquo; rief Homais. &bdquo;Ja recht vorsichtig! Recht
+vorsichtig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte gr&uuml;&szlig;end
+mit seiner Zeitung.
+
+</P><P>
+
+Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich f&uuml;hlte, fing es
+von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd
+an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig
+eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Z&uuml;geln nach dem
+Widerrist zu vorhaltend, so &uuml;berlie&szlig; sie sich der wiegenden
+Galoppade.
+
+</P><P>
+
+Es ging die Anh&ouml;he hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
+G&auml;ule pl&ouml;tzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte
+weiter.
+
+</P><P>
+
+Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag &uuml;ber den
+Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis
+und lie&szlig;en die H&uuml;gel nur in Umri&szlig;linien erkennen. Hin und
+wieder rissen die Nebel auseinander, flogen wie in Fetzen auf
+und zerstoben. Dann erblickte man durch die L&uuml;cken in der Ferne
+die D&auml;cher von Yonville im Sonnenscheine, die G&auml;rten am
+Bachufer, die Geh&ouml;fte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich
+M&uuml;he, ihr Haus herauszufinden, und noch nie war ihr der
+armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der
+H&ouml;he, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem
+ungeheuer gro&szlig;en, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen
+B&auml;ume, die hie und da aus ihm herausragten, sahen wie
+schwarze Riffe aus, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange
+Wellenz&uuml;ge, die der Wind kr&auml;uselt.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;ber dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch
+die laue Luft. Der Boden, r&ouml;tlich wie zerbl&auml;tterter Tabak,
+d&auml;mpfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten &uuml;ber den
+Weg, von den Hufen ber&uuml;hrt.
+
+</P><P>
+
+Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
+Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die St&auml;mme der
+B&auml;ume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vor&uuml;ber, da&szlig; die
+unaufh&ouml;rliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
+keuchten.
+
+</P><P>
+
+Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gott ist mit uns!&ldquo; sagte Rudolf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie denn an ihn?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Galopp! Galopp!&ldquo; rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
+Beide Tiere gehorchten.
+
+</P><P>
+
+Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen,
+verfingen sich in Emmas Steigb&uuml;gel. Rudolf, der zur Linken
+Emmas ritt, b&uuml;ckte sich jedesmal im Weiterreiten und
+befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben
+ihr hin, um &uuml;berh&auml;ngende Zweige von ihr abzuwehren; dann f&uuml;hlte
+sie, wie sein rechtes Knie ihr linkes Bein ber&uuml;hrte.
+
+</P><P>
+
+Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt r&uuml;hrte
+sich. Sie kamen &uuml;ber weite Felder, ganz voll bl&uuml;henden
+Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und
+gelben und goldbraunen Bl&auml;tterwerk der B&auml;ume Flecke von wilden
+Veilchen auf. Im Geb&uuml;sch regte sich &ouml;fters leiser
+Fl&uuml;gelschlag. Leise kr&auml;chzend flogen Raben um die Eichen.
+
+</P><P>
+
+Sie sa&szlig;en ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm
+voraus, den Weg weiter, &uuml;ber Moos in alten Wagenspuren. Ihr
+langes Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es
+mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er
+sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das
+lockende Wei&szlig; ihres Strumpfes, das er wie ein St&uuml;ck
+Nacktheit empfand.
+
+</P><P>
+
+Emma blieb stehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin m&uuml;de!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!&ldquo; bat er. &bdquo;Mut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue
+Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den H&uuml;ften
+herabwallte, &uuml;bergo&szlig; ihr Gesicht mit bl&auml;ulichem Licht. Es
+sah aus, wie in das Blau des Himmels getaucht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohin gehen wir denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
+bi&szlig; sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in
+der gef&auml;llte Baumst&auml;mme dalagen. Sie setzten sich beide auf
+einen.
+
+</P><P>
+
+Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
+durch &Uuml;berschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
+schwerm&uuml;tig. Sie h&ouml;rte ihm gesenkten Hauptes zu, w&auml;hrend sie
+mit der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte.
+Aber bei dem Satze:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen
+zusammengelaufen?&ldquo; unterbrach sie ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unm&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie stand auf und wollte gehen. Er umfa&szlig;te ihr Handgelenk, und so
+blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
+schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zur&uuml;ck zu unsern
+Pferden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf machte eine Bewegung zornigen &Auml;rgers. Sie wiederholte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen wir zu unsern Pferden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da l&auml;chelte er seltsam und n&auml;herte sich ihr mit vorgestreckten
+H&auml;nden, zusammengebissenen Z&auml;hnen und starrem Blicke. Sie wich
+zitternd zur&uuml;ck und stammelte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich f&uuml;rchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zur&uuml;ck!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn es sein mu&szlig;!&ldquo; gab er zur Antwort. Sein
+Gesichtsausdruck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig,
+z&auml;rtlich, sch&uuml;chtern aus.
+
+</P><P>
+
+Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den R&uuml;ckweg an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hatten Sie denn vorhin?&ldquo; fragte er. &bdquo;Was war es?
+Ich habe Sie nicht begriffen. Gewi&szlig; haben Sie mich mi&szlig;verstanden.
+Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und
+unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich mu&szlig; Ihre
+Augen sehen, Ihre Stimme h&ouml;ren, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie
+meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
+sanft zu entwinden, aber er lie&szlig; sie nicht los. So gingen sie
+nebeneinander hin. Da h&ouml;rten sie ihre Pferde, die Bl&auml;tter von
+den B&auml;umen rupften.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch nicht!&ldquo; bat Rudolf. &bdquo;Reiten wir noch nicht zur&uuml;ck!
+Bleiben Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er zog sie mit sich vom Wege ab in die N&auml;he eines kleinen
+Weihers, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen
+Schilf tr&auml;umten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Ger&auml;usch ihrer
+Schritte im Gras h&uuml;pften die Fr&ouml;sche davon und verschwanden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir!
+Ich bin toll, da&szlig; ich auf Sie h&ouml;re!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum? Emma! Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, Rudolf!&ldquo; fl&uuml;sterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
+anschmiegte.
+
+</P><P>
+
+Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines
+Rockes. Sie bog ihren wei&szlig;en Hals zur&uuml;ck, den ein Seufzer
+schwellte. Halb ohnm&auml;chtig und tr&auml;nen&uuml;berstr&ouml;mt, die H&auml;nde
+auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich
+ihm hin&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Die D&auml;mmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont
+und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im
+Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als h&auml;tten
+Kolibris im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren.
+Rings tiefes Schweigen. Die B&auml;ume atmeten s&uuml;&szlig;e
+Melancholie.
+
+</P><P>
+
+Emma f&uuml;hlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut
+durch den K&ouml;rper kreiste.
+
+</P><P>
+
+In der Ferne, hinter dem Walde, &uuml;ber der H&ouml;he ert&ouml;nte ein
+langgezogener seltsamer Schrei, unaufh&ouml;rlich. Dem lauschte sie
+schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
+ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines
+Taschenmessers einen zerrissenen Z&uuml;gel wieder her.
+
+</P><P>
+
+Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zur&uuml;ck. Sie sahen im
+weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte
+beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die B&uuml;sche wieder
+und einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich
+ver&auml;ndert, und doch kam es Emma vor, als sei etwas
+h&ouml;chst Bedeutsames geschehen, als seien die Berge von ihrem
+Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr
+her&uuml;ber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu k&uuml;ssen. Er fand
+Emma im Sattel entz&uuml;ckend aussehend, bei ihrem geraden Sitz,
+ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihres rechten
+Knies, ihren von der scharfen Luft ger&ouml;teten Wangen, &mdash;
+alles im Abendrot.
+
+</P><P>
+
+Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
+machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.
+
+</P><P>
+
+Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma s&auml;he vorz&uuml;glich
+aus. Als er sich aber darnach erkundigte, wie der
+Spazierritt gewesen sei, tat sie, als h&auml;tte sie die Frage
+&uuml;berh&ouml;rt. Sie st&uuml;tzte sich auf die Ellenbogen und starrte &uuml;ber
+ihren Teller weg in die flackernden Kerzen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig;t du, ich bin heute nachmittag beim Pferdeh&auml;ndler gewesen.
+Er hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen.
+Die Knie sind nur ein bi&szlig;chen durch. Ich bin &uuml;berzeugt, f&uuml;r
+hundert Taler&nbsp;...&ldquo; Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein
+paar Augenblicken fort: &bdquo;Ich habe gedacht, es sei dir
+erw&uuml;nscht, und da habe ich mir den Gaul zur&uuml;ckstellen lassen ...
+nein, gleich gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.
+
+</P><P>
+
+Eine Viertelstunde sp&auml;ter fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehst du heute abend aus?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja. Warum denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich wollt es blo&szlig; wissen, Bester!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
+schlo&szlig; sich ein.
+
+</P><P>
+
+Sie war zun&auml;chst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
+B&auml;ume, die Wege, die Gr&auml;ben, den Geliebten und f&uuml;hlte seine
+Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf
+rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte
+&uuml;ber ihr Aussehen. So gro&szlig;e schwarze Augen hatte sie noch nie
+gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umflo&szlig;
+ihre Gestalt. Sie kam sich wie verkl&auml;rt vor.
+
+</P><P>
+
+Immer wieder sagte sie sich: &bdquo;Ich habe einen Geliebten! Einen
+Geliebten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke entz&uuml;ckte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt
+erst Weib geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch f&uuml;r
+sie da, die fiebernde Gl&uuml;ckseligkeit, auf die sie bereits
+keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt
+eingetreten, in der alles Leidenschaft, Verz&uuml;ckung und Rausch
+war. Blaue Unerme&szlig;lichkeit breitete sich rings um sie her, vor
+ihrer Phantasie gl&auml;nzte das Hochland der Gef&uuml;hle, und fern,
+tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen H&ouml;hen, lag der Alltag.
+
+</P><P>
+
+Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
+empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Ged&auml;chtnisse mit den
+Stimmen der Klosterschwestern. Entz&uuml;ckende Kl&auml;nge! Jene
+Phantasiegesch&ouml;pfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
+M&auml;dchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
+amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das
+Gef&uuml;hl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
+triumphierte sie, und ihre so lange unterdr&uuml;ckte Sinnlichkeit
+wallte nun auf und sch&auml;umte lebensfreudig &uuml;ber. Sie geno&szlig;
+ihre Liebe ohne Gewissensk&auml;mpfe, ohne Nervosit&auml;t, ohne
+Wirrungen.
+
+</P><P>
+
+Der Tag darauf verging in neuem s&uuml;&szlig;en Gl&uuml;ck. Sie schworen sich
+ewige Treue. Emma erz&auml;hlte ihm von ihren Leiden und Tr&uuml;bsalen.
+Er unterbrach sie mit K&uuml;ssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen
+Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu
+nennen und ihr noch einmal zu sagen, da&szlig; er sie liebe. Es war
+wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherh&uuml;tte. Die
+W&auml;nde waren von Strohmatten und das Dach so niedrig, da&szlig; man
+drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie sa&szlig;en dicht beieinander
+auf einer Streu von trocknem Laub.
+
+</P><P>
+
+Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelm&auml;&szlig;ig alle
+Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn
+unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach
+f&uuml;hrte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von
+sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, wor&uuml;ber sie sich alle
+Tage beklagte.
+
+</P><P>
+
+Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang
+fortgegangen war, geriet sie pl&ouml;tzlich auf den Einfall,
+unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufst&auml;nden,
+konnte sie nach der H&uuml;chette gehen, eine Stunde dort verweilen
+und wieder zur&uuml;ckkommen. Dieser Plan lie&szlig; sie gar nicht recht
+zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke sp&auml;ter war sie schon
+mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig
+ihres Wegs.
+
+</P><P>
+
+Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut
+des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
+h&ouml;chsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;ber den Hof weg stand ein gro&szlig;es Geb&auml;ude. Das mu&szlig;te
+das Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr,
+als &ouml;ffnete sich ihr alles von selbst. Eine breite Treppe
+f&uuml;hrte auf einen Gang. Emma dr&uuml;ckte auf die Klinke einer T&uuml;r,
+und da erblickte sie im Hintergrunde dieses Zimmers einen
+Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie frohlockte laut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du? Du!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Wie hast du das fertig gebracht?
+Dein Kleid ist feucht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich liebe dich!&ldquo; war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um
+den Hals schlang.
+
+</P><P>
+
+Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male gegl&uuml;ckt war,
+kleidete sich Emma jedesmal, wenn Karl fr&uuml;hzeitig fort mu&szlig;te,
+rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere
+Gartenpforte, auf dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache
+f&uuml;hrte, aus dem Hause. Aber wenn die Planke, die als Steg
+&uuml;ber das Wasser diente, zuf&auml;llig weggenommen war, mu&szlig;te sie
+ein St&uuml;ck bis zum n&auml;chsten Steg an den Gartenmauern l&auml;ngs
+des Baches hingehen. Die bewachsene B&ouml;schung war steil und
+glitschig, und so mu&szlig;te sie sich mit der einen Hand an B&uuml;scheln
+der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann
+aber eilte sie querfeldein &uuml;ber die &Auml;cker, ungeachtet, da&szlig; ihre
+zierlichen Schuhe einsanken, da&szlig; sie oft stolperte oder stecken
+blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um Kopf und Hals
+gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor den weidenden
+Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit gl&uuml;henden Wangen,
+ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer S&auml;fte, ihres Gr&uuml;ns
+und der freien Luft durchtr&auml;nkt, kam sie an. Rudolf schlief dann
+meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
+leibhaftgewordene Fr&uuml;hlingsmorgen.
+
+</P><P>
+
+Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende
+goldene Morgenlicht traulich und d&auml;mmerig. Mit blinzelnden Augen
+fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gew&auml;ndern
+leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes.
+Rudolf zog sie lachend zu sich und dr&uuml;ckte sie an sein Herz.
+
+</P><P>
+
+Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle F&auml;cher auf,
+k&auml;mmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
+Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine gro&szlig;e Tabakspfeife in
+den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
+Zuckerst&uuml;cken, neben der Wasserflasche.
+
+</P><P>
+
+Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
+vergo&szlig; Tr&auml;nen. Am liebsten w&auml;re sie gar nicht wieder von ihm
+weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
+neuem in seine Arme.
+
+</P><P>
+
+Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah,
+machte er ein bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht
+recht w&auml;re.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hast du denn?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Hast du Schmerzen?
+Sprich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich erkl&auml;rte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche
+beg&ouml;nnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Allm&auml;hlich machten Rudolfs Bef&uuml;rchtungen auf Emma Eindruck.
+Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an
+nichts andres gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu
+einer Lebensbedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr,
+es k&ouml;nne ihr etwas davon verloren gehen oder man k&ouml;nne sie
+ihr gar st&ouml;ren. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt
+sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie sp&auml;hte nach allem, was
+sich im Gesichtskreise regte, sie suchte die H&auml;user des
+Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie
+beobachte. Sie lauschte auf jedes Ger&auml;usch, jeden Tritt,
+jedes R&auml;dergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
+zittriger als das Laub der Pappeln, die sich &uuml;ber ihrem
+Haupte wiegten.
+
+</P><P>
+
+Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem
+Male den Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte
+schr&auml;g &uuml;ber den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur H&auml;lfte
+in einem Graben stand und vom Geb&uuml;sch verdeckt wurde. Vor Schreck
+halb ohnm&auml;chtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann
+aus der Tonne wie ein Springteufel aus seinem Kasten. Er
+trug Wickelgamaschen bis an die Knie, und die M&uuml;tze hatte er
+tief ins Gesicht hereingezogen, so da&szlig; man nur eine rote Nase
+und bebende Lippen sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet,
+der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie h&auml;tten schon von weitem rufen sollen!&ldquo; schrie er ihr zu.
+&bdquo;Wenn man ein Gewehr sieht, mu&szlig; man sich bemerkbar machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
+zu bem&auml;nteln. Es bestand n&auml;mlich eine landr&auml;tliche
+Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne
+aus betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte
+sich also Binet einer &Uuml;bertretung schuldig. Deshalb schwebte
+er in steter Furcht, der Landgendarm k&ouml;nne ihn erwischen, und
+doch f&uuml;gte die Aufregung seinem Vergn&uuml;gen einen Reiz mehr zu.
+Wenn er so einsam in seiner Tonne sa&szlig;, war er stolz auf sein
+Jagdgl&uuml;ck und seine Schlauheit.
+
+</P><P>
+
+Als er erkannte, da&szlig; es Frau Bovary war, fiel ihm ein
+gro&szlig;er Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespr&auml;ch mit ihr.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl!&ldquo; stotterte sie. &bdquo;Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
+ist...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
+seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, da&szlig; man
+auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Adieu, Herr Binet!&ldquo; unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
+ihm ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Diener, Frau Bovary!&ldquo; sagte er trocken und kroch wieder in
+seine Tonne.
+
+</P><P>
+
+Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
+gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige
+Vermutungen. Auf eine d&uuml;mmere Ausrede h&auml;tte sie auch wirklich
+nicht verfallen k&ouml;nnen, denn in ganz Yonville wu&szlig;te man, da&szlig;
+das Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und
+sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg f&uuml;hrte
+einzig und allein nach der H&uuml;chette. Somit mu&szlig;te Binet erraten,
+wo Emma gewesen war. Sicherlich w&uuml;rde er nicht schweigen, sondern
+es ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle
+m&ouml;glichen L&uuml;gen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit
+seiner Jagdtasche vor Augen.
+
+</P><P>
+
+Als Karl nach dem Essen merkte, da&szlig; Emma bek&uuml;mmert war,
+schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu &bdquo;Apothekers&ldquo; zu
+gehen.
+
+</P><P>
+
+Die erste Person, die sie schon von drau&szlig;en in der Apotheke im
+roten Lichte erblickte, war &mdash; ausgerechnet &mdash; der
+Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte ein Lot Vitriol.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Justin,&ldquo; schrie der Apotheker, &bdquo;bring mir mal die Schwefels&auml;ure
+her!&ldquo; Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
+Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
+Augenblick herunter. W&auml;rmen Sie sich inzwischen am Ofen ...
+Entschuldigen Sie!&ldquo; Und zu Bovary sagte er: &bdquo;Guten Abend,
+Doktor!&ldquo; Der Apotheker pflegte n&auml;mlich diesen Titel mit einer
+gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der
+darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen w&uuml;rfe. &bdquo;Justin,
+nimm dich aber in acht und wirf mir die M&ouml;rser nicht um! So! Und
+nun holst du ein paar St&uuml;hle aus dem kleinen Zimmer! Aber
+nicht etwa die Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais wollte selber zu seinen Fauteuils st&uuml;rzen, aber
+Binet bat noch um ein Lot Zuckers&auml;ure.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zuckers&auml;ure?&ldquo; fragte der Apotheker eingebildet. &bdquo;Kenne ich
+nicht! Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxals&auml;ure?
+Also Oxals&auml;ure, nicht wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, da&szlig; er nach einem
+selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
+Reinigung von verrostetem Jagdger&auml;t.
+
+</P><P>
+
+Bei dem Wort &bdquo;Jagd&ldquo; schrak Emma zusammen.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker versetzte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!&ldquo; meinte
+Binet bissig.
+
+</P><P>
+
+Emma bekam keine Luft.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und dann m&ouml;cht ich noch&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Will er denn ewig hier bleiben!&ldquo; seufzte sie bei sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes
+Wachs und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren
+meines Lederzeugs.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als
+seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite,
+und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Pl&uuml;sch
+&uuml;berzogene Fensterbank. Der Junge l&uuml;mmelte sich auf einen
+niedrigen Sessel, w&auml;hrend sich seine &auml;ltere Schwester am Kasten
+mit den Malzbonbons zu schaffen machte, in n&auml;chster N&auml;he von
+&bdquo;Papachen&ldquo;, der mit dem Trichter hantierte, die Fl&auml;schchen
+verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alles zu einem
+Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man h&ouml;rte nichts,
+als von Zeit zu Zeit das Klappern der Gewichte auf der Wage
+und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem
+Lehrling erteilte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie gehts Ihrem T&ouml;chterchen?&ldquo; fragte pl&ouml;tzlich Frau
+Homais.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruhe!&ldquo; rief ihr Gatte, der den Betrag in das
+Gesch&auml;ftsbuch eintrug.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum haben Sies nicht mitgebracht?&ldquo; fragte sie weiter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sst! Sst!&ldquo; machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem
+Apotheker.
+
+</P><P>
+
+Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
+darauf geh&ouml;rt zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stie&szlig; Emma
+einen lauten Seufzer aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bi&szlig;chen asthmatisch?&ldquo; bemerkte Frau Homais.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein, es ist nur recht hei&szlig; hier!&ldquo; entgegnete Frau
+Bovary.
+
+</P><P>
+
+Alles das hatte zur Folge, da&szlig; die Liebenden tags darauf
+beschlossen, ihre Zusammenk&uuml;nfte anders einzurichten. Emma
+schlug vor, ihr Hausm&auml;dchen ins Vertrauen zu ziehen und
+durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es f&uuml;r
+besser, in Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig
+zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen.
+
+</P><P>
+
+Den ganzen Winter &uuml;ber kam er drei- oder viermal in der Woche bei
+Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schl&uuml;ssel zur
+Hinterpforte gegeben, w&auml;hrend Karl glaubte, er sei verloren
+gegangen. Zum Zeichen, da&szlig; er da war, warf Rudolf jedesmal
+eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin,
+aber oft mu&szlig;te sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit,
+am Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma
+verging beinahe vor Ungeduld und w&uuml;nschte ihren Mann wer wei&szlig;
+wohin. Schlie&szlig;lich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann
+nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch
+&uuml;ber alle Ma&szlig;en fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief
+ihr zu, sie solle auch schlafen gehn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Komm doch, Emma!&ldquo; rief er. &bdquo;Es ist schon sp&auml;t!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gleich! Gleich!&ldquo; erwiderte sie.
+
+</P><P>
+
+Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
+schlief ein. Sie schl&uuml;pfte hinaus, mit verhaltenem Atem,
+l&auml;chelnd, zitternd, halbnackt.
+
+</P><P>
+
+Rudolf h&uuml;llte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel,
+schlang die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den
+Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie
+dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Das war an
+Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen
+geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn.
+
+</P><P>
+
+Durch die kahlen Zweige der Jasminb&uuml;sche funkelten die Sterne.
+Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
+Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich
+im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben
+bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein
+schwarzes Unget&uuml;m auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu
+erdr&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+In der K&auml;lte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
+ihr Liebesgestammel um so inbr&uuml;nstiger. Ihre Augen, die sie
+gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen gr&ouml;&szlig;er, und
+in der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise gefl&uuml;sterten
+Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und
+zitterten in ihnen tausendfach wider.
+
+</P><P>
+
+Wenn die Nacht regnerisch war, fl&uuml;chteten sie in Karls
+Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem
+Pferdestall gelegen war. Emma z&uuml;ndete eine K&uuml;chenlampe an, die
+sie hinter den B&uuml;chern bereitgestellt hatte. Rudolf machte
+sichs bequem, als sei er zu Hause. Der Anblick der
+&bdquo;Bibliothek&ldquo;, des Schreibtisches, der ganzen Einrichtung
+erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, &uuml;ber Karl
+allerhand Witze zu machen, was Emma ungern h&ouml;rte. Sie h&auml;tte
+ihn viel lieber ernst sehen m&ouml;gen, ihretwegen theatralischer, wie
+er es einmal gewesen war, als sie in der Pappelallee das
+Ger&auml;usch von n&auml;herkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen
+w&auml;hnten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es kommt jemand!&ldquo; sagte sie einmal.
+
+</P><P>
+
+Er blies das Licht aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du eine Pistole bei dir?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Damit du ... dich ... verteidigen kannst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gegen deinen Mann? Der arme Junge!&ldquo; Dazu machte er eine
+Geb&auml;rde, die etwa sagen sollte: &bdquo;Der mag mir nur kommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dieser Mut entz&uuml;ckte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
+urw&uuml;chsige Roheit heraush&ouml;rte und dar&uuml;ber entsetzt war.
+
+</P><P>
+
+Rudolf dachte viel &uuml;ber diese kleine Szene nach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn das ihr Ernst war,&ldquo; sagte er sich, &bdquo;so war das
+recht l&auml;cherlich, sogar h&auml;&szlig;lich.&ldquo; Er hatte doch wahrlich
+keinen Anla&szlig;, ihren gutm&uuml;tigen Mann zu hassen. Sozusagen &bdquo;von
+Eifersucht verzehrt&ldquo;, das war er nicht. &Uuml;berdies hatte ihm
+Emma ihre k&ouml;rperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert,
+der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. &Uuml;berhaupt fing sie
+an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit
+ihr tauschen m&uuml;ssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze
+Handvoll Haare f&uuml;r einander abgeschnitten, und jetzt w&uuml;nschte
+sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen
+ewiger Zusammengeh&ouml;rigkeit. H&auml;ufig schw&auml;rmte sie ihm von den
+Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie
+erz&auml;hlte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen
+etwas wissen. Rudolfs Mutter war schon zwanzig Jahre tot.
+Trotzdem tr&ouml;stete ihn Emma mit allerlei Koseworten der
+Klein-Kindersprache, als ob es g&ouml;lte, ein Wickelkind zu
+beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen
+aufblickend, ausgerufen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich glaube fest, da droben, unsre beiden M&uuml;tter segnen unsre
+Liebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber sie war so h&uuml;bsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
+noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unz&uuml;chtigkeiten war
+ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues,
+das seinen Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verf&uuml;hrerisch
+umschmeichelte. Selbst Emmas &Uuml;berschwenglichkeiten, so zuwider
+sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei n&auml;herer
+Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so
+sicher war, da&szlig; er geliebt wurde, lie&szlig; er sich gehen, und
+allm&auml;hlich &auml;nderte sich sein Benehmen.
+
+</P><P>
+
+Nicht mehr wie einst hatte er f&uuml;r sie jene s&uuml;&szlig;en Worte, die
+Emma zu Tr&auml;nen r&uuml;hrten, nicht mehr die st&uuml;rmischen
+Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr
+vor, als ob der Strom ihrer eignen gro&szlig;en Liebe, in der sie
+v&ouml;llig untergetaucht war, niedriger w&uuml;rde; sie sah gleichsam auf
+den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntnis schauderte sie,
+und darum verdoppelte sie ihre Z&auml;rtlichkeiten. Rudolf indessen
+verriet seine Gleichg&uuml;ltigkeit immer mehr.
+
+</P><P>
+
+Emma war sich selber nicht klar dar&uuml;ber, ob sie es bereuen
+m&uuml;sse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser
+f&uuml;r sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann
+sie ihre Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll
+dar&uuml;ber beeintr&auml;chtigte ihr den sinnlichen Genu&szlig;. Sie gab sich
+ihm nicht mehr hin, sie lie&szlig; sich jedesmal von neuem
+verf&uuml;hren. Aber er meisterte sie, und sie f&uuml;rchtete sich beinahe
+vor ihm.
+
+</P><P>
+
+Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach au&szlig;en ein harmloses
+Gepr&auml;ge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs
+Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre,
+als der Fr&uuml;hling ins Land kam, waren sie fast wie zwei
+Eheleute zueinander, die ihre Liebesopfer an der gem&uuml;tlichen
+Flamme des h&auml;uslichen Herdes bringen.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie allj&auml;hrlich eine
+Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe
+kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem
+er an den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
+und is si so gut wi di fr&uuml;eren. Mir komt sie n&auml;mlig ein
+bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, das n&auml;chste mal
+schik ich euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt &uuml;r liber
+ein par junge un schikt mir den Korb zer&uuml;k, bite un auch di
+vorgen, ich hab Ungl&uuml;k mit der r&ouml;mise gehabt der ihr Dach ist
+mir neulig nachts bei dem grosen Sturm in die B&auml;ume geflogen,
+die ernte ist diesmal nich besonders ber&uuml;mt. Kurz und gut
+ich weis nicht wan ich zu euch zu besuch kome, das ist jez
+so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine
+arme Emma.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hier war ein gro&szlig;er Absatz, als ob der gute Mann seine Feder
+hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu tr&auml;umen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den
+Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo
+ich war, einen neuen Sch&auml;fer zu mieten. Den alten hab ich n&auml;mlig
+nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig
+schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er &uuml;brigens auch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend
+gekomen is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich
+vernomen das Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich
+kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase
+Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da
+sagte er Nein aber im Stale h&auml;te er zwei G&auml;ule stehn sehn
+woraus ich schlise das der kurkenhandel bei euch gut geht.
+Das freut mich sehr meine liben Kinder der libe got m&ouml;g euch
+ales m&ouml;glige Gl&uuml;k schenken. Es tut mir s&ouml;r leid das
+ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich
+habe f&uuml;r si unter deiner Stube ein Flaumenb&auml;umgen geflanzt.
+Das sol nich anger&uuml;rt werden auser sp&auml;ter um die Flaumen f&uuml;r
+Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si
+komt krigt si imer welge. Adi&ouml; libe Kinder. Ig k&uuml;se dich libe
+Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
+Baken un verbleibe mit tausen Gr&uuml;sen euer euch
+</P><P>
+
+libender vater
+</P><P>
+
+Theodor Rouault.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ein paar Minuten hielt sie das St&uuml;ck grobes Papier noch
+nach dem Lesen in den H&auml;nden. Die Verst&ouml;&szlig;e gegen die
+Rechtschreibung jagten sich in den v&auml;terlichen Zeilen nur so,
+aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der
+wie eine Henne aus einer dicken Dornenhecke allenthalben
+hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schriftz&uuml;ge
+offenbar mit Herdasche getrocknet, denn aus dem Briefe rieselte
+eine Menge grauen Staubes auf das Kleid der Leserin. Sie
+glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er
+sich nach dem Aschekasten b&uuml;ckte. Ach, wie lange war es schon
+her, da&szlig; sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich
+wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende eines
+Steckens an der gro&szlig;en Flamme des Funken spr&uuml;henden
+Ginsterreisigs anbrennen lie&szlig;. Und dann dachte sie zur&uuml;ck an
+gewisse sonnendurchgl&uuml;hte Sommerabende, wo die F&uuml;llen so hell
+aufwieherten, wenn man in ihre N&auml;he kam, und dann
+weggaloppierten. Diese drolligen Galoppspr&uuml;nge! Im Vaterhause,
+unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren
+die Bienen, wenn sie in der Sonne ausschw&auml;rmten, gegen die
+Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Das war doch
+eigentlich eine gl&uuml;ckliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller
+Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei
+dem, was sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen
+den verschiedenen Abschnitten ihres Daseins, als
+junges M&auml;dchen, dann als Gattin, zuletzt als Geliebte.
+Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der
+auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein St&uuml;ck von seinen
+Habseligkeiten liegen l&auml;&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+Aber warum war sie denn so ungl&uuml;cklich? Was war Bedeutsames
+geschehen, da&szlig; sie mit einem Male aus allen Himmeln gest&uuml;rzt
+war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche
+sie den Anla&szlig; ihres Herzeleids.
+
+</P><P>
+
+Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des
+Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe
+hindurch sp&uuml;rte sie den weichen Teppich. Es war ein heller
+Fr&uuml;hlingstag, und die Luft war lau.
+
+</P><P>
+
+Da h&ouml;rte sie, wie ihr Kind drau&szlig;en laut aufjauchzte.
+
+</P><P>
+
+Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kinderm&auml;dchen
+wollte sie am Kleide wieder in die H&ouml;he ziehen. Lestiboudois
+war dabei, den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die N&auml;he
+des Kindes kam, streckte es ihm beide &Auml;rmchen entgegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bring sie mir mal herein!&ldquo; rief sie dem M&auml;dchen zu und ri&szlig;
+ihr T&ouml;chterchen hastig an sich, um es zu k&uuml;ssen. &bdquo;Wie ich
+dich liebe, mein armes Kind! Wie ich dich liebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als sie bemerkte, da&szlig; es am Ohre etwas schmutzig war,
+klingelte sie rasch und lie&szlig; sich warmes Wasser bringen. Sie
+wusch die Kleine, zog ihr frische W&auml;sche und reine Str&uuml;mpfe an.
+Dabei tat sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der
+Kleinen stehe, just als sei sie von einer Reise zur&uuml;ckgekehrt.
+Schlie&szlig;lich k&uuml;&szlig;te sie sie noch einmal und gab sie tr&auml;nenden
+Auges dem M&auml;dchen wieder. Felicie war ganz verdutzt &uuml;ber
+diesen Z&auml;rtlichkeitsanfall der Mutter.
+
+</P><P>
+
+Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eine vor&uuml;bergehende Laune!&ldquo; tr&ouml;stete er sich.
+
+</P><P>
+
+Dreimal hintereinander vers&auml;umte er das Stelldichein. Als
+er wieder erschien, behandelte sie ihn k&uuml;hl, fast geringsch&auml;tzig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schade um die Zeit, mein Liebchen!&ldquo; meinte er. Und er tat so,
+als merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das
+Taschentuch, das sie herauszog.
+
+</P><P>
+
+Jetzt kam wirklich die Reue &uuml;ber sie. Sie fragte sich, aus
+welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht
+besser gewesen w&auml;re, wenn sie ihm treu h&auml;tte bleiben k&ouml;nnen.
+Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren
+Gef&uuml;hlswandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht
+zuf&auml;llig eine solche heraufbeschworen h&auml;tte, w&auml;re alle ihre
+hingebungsvolle Anwandlung tatenlos geblieben.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Elftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
+Klumpf&uuml;&szlig;e zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er
+war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
+Yonville m&uuml;sse es strephopodische Operationen geben, damit
+es auf der H&ouml;he der Kultur bleibe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist denn dabei zu riskieren?&ldquo; fragte er Frau Bovary.
+Er z&auml;hlte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den
+Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des
+Kranken. Befreiung von einem Sch&ouml;nheitsfehler. Bedeutende
+Reklame f&uuml;r den Operateur. &bdquo;Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht
+beispielsweise den armen Hippolyt vom Goldnen L&ouml;wen kurieren?
+Bedenken Sie, da&szlig; er seine Heilung allen Reisenden erz&auml;hlen
+w&uuml;rde. Und dann&nbsp;...&ldquo; Der Apotheker begann zu fl&uuml;stern und
+blickte scheu um sich, &bdquo;... was sollte mich daran hindern,
+eine kleine Notiz dar&uuml;ber in die Zeitung zu bringen? Du mein
+Gott! So ein Artikel wird &uuml;berall gelesen ... man spricht davon
+... schlie&szlig;lich wei&szlig; es die ganze Welt. Aus Schneeflocken
+werden am Ende Lawinen! Und wer wei&szlig;? Wer wei&szlig;?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
+keinen Anla&szlig;, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu
+bezweifeln, und was f&uuml;r eine Befriedigung w&auml;re es f&uuml;r
+sie, die geistige Urheberin eines Entschlusses zu sein, der
+sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mu&szlig;te. Sie verlangte
+mehr als blo&szlig; die Liebe dieses Mannes.
+
+</P><P>
+
+Vom Apotheker und von seiner Frau best&uuml;rmt, lie&szlig; sich Karl
+&uuml;berreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des
+Doktors D&uuml;val, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf
+zwischen den H&auml;nden, in diese Lekt&uuml;re. W&auml;hrend er sich &uuml;ber
+Pferdefu&szlig;bildungen, Varus und Valgus, Strephocatopodie,
+Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. &uuml;ber die verschiedenartigen
+inneren und &auml;u&szlig;erlichen Verkr&uuml;ppelungen des menschlichen
+Fu&szlig;es), Strephypopodie und Strephanopodie (das sind
+Fu&szlig;leiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkr&uuml;ppelung um sich
+greifen) unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom
+Goldnen L&ouml;wen mit allen Mitteln der &Uuml;berredungskunst zur
+Operation zu bewegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du wirst h&ouml;chstens einen ganz leichten Schmerz sp&uuml;ren&ldquo;,
+sagte er zu ihm. &bdquo;Es ist nichts weiter als ein Einstich
+wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein
+H&uuml;hnerauge schneiden l&auml;&szlig;t.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hippolyts bl&ouml;de Augen blickten unschl&uuml;ssig um sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Im &uuml;brigen&ldquo;, fuhr der Apotheker fort, &bdquo;kann mirs
+nat&uuml;rlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs
+nur aus purer N&auml;chstenliebe. Mein lieber Freund, ich m&ouml;chte
+dich gar zu gern von deinem scheu&szlig;lichen Hinkfu&szlig; befreit sehen,
+von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den H&uuml;ften. Du kannst
+dagegen sagen, was du willst: es st&ouml;rt dich in der
+Aus&uuml;bung deines Berufs doch erheblich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach
+einer Operation werde bewegen k&ouml;nnen. Auch gab er ihm zu
+verstehen, da&szlig; er dann mehr Gl&uuml;ck bei den Weibern haben w&uuml;rde,
+wor&uuml;ber der Bursche albern grinste.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du h&auml;ttest doch
+auch nicht kneifen k&ouml;nnen, wenn man dich zu den Soldaten
+ausgehoben und in den Krieg geschickt h&auml;tte! Also Hippolyt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei
+ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
+Wohltaten der Wissenschaft derartig st&ouml;rrisch entziehen k&ouml;nne.
+
+</P><P>
+
+Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine
+Verschw&ouml;rung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die
+Angelegenheiten anderer k&uuml;mmerte, die L&ouml;wenwirtin, Artemisia,
+die Nachbarn und selbst der B&uuml;rgermeister, alle drangen sie in
+ihn, redeten ihm zu und machten ihn l&auml;cherlich. Und was
+vollends den Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen
+roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und
+Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser
+Generosit&auml;t. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen:
+&bdquo;Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Beraten vom Apotheker, lie&szlig; Karl nach drei fehlgeschlagenen
+Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers
+eine Art Geh&auml;use anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an
+Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart
+worden.
+
+</P><P>
+
+Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mu&szlig;te
+zun&auml;chst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfu&szlig;
+hier vorlag. Hippolyts Fu&szlig; setzte sich an sein Schienbein
+nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht.
+Es war also Pferdefu&szlig;, verbunden mit etwas Varus oder,
+anders ausgedr&uuml;ckt, ein Fall leichten Varus mit starker
+Neigung zu einem Pferdefu&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Trotz dieses Klumpfu&szlig;es, der in der Tat plump wie ein
+Pferdehuf war und runzelige Haut, ausged&ouml;rrte Sehnen und dicke
+Zehen mit schwarzen wie eisern aussehenden N&auml;geln hatte, war
+der Kr&uuml;ppel von fr&uuml;h bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah
+ihn unaufh&ouml;rlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte
+sogar den Anschein, als sei sein mi&szlig;ratenes Bein kr&auml;ftiger
+denn das gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf
+im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Ausdauer zu eigen
+gemacht.
+
+</P><P>
+
+An einem Pferdefu&szlig; mu&szlig; zun&auml;chst die Achillessehne
+durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher
+kann der Varus nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum,
+beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er gro&szlig;e Angst,
+einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse
+waren mangelhaft.
+
+</P><P>
+
+Ambrosius Par&eacute;, der f&uuml;nfzehn Jahrhunderte nach Celsus die
+erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, D&uuml;puytren,
+der es unternahm, einen Absze&szlig; am Gehirn zu &ouml;ffnen,
+Gensoul, der als erster eine Oberkiefer-Abtragung
+ausf&uuml;hrte, &mdash; allen diesen hat sicherlich nicht so das Herz
+geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewi&szlig; nicht so
+aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt unter sein Messer nahm.
+
+</P><P>
+
+Im St&uuml;bchen des Hausknechts sah es aus wie in
+einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie,
+gewichste F&auml;den, Binden, alles was in der Apotheke an
+Verbandszeug vorr&auml;tig gewesen war. Homais hatte das
+alles eigenh&auml;ndig vorbereitet, sowohl um die Leute zu
+verbl&uuml;ffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen.
+
+</P><P>
+
+Karl f&uuml;hrte den Einschnitt aus. Ein platzendes Ger&auml;usch.
+Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet.
+
+</P><P>
+
+Hippolyt war vor Erstaunen au&szlig;er aller Fassung. Er nahm
+Bovarys H&auml;nde und bedeckte sie mit K&uuml;ssen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erst mal Ruhe!&ldquo; gebot der Apotheker. &bdquo;Die Dankbarkeit f&uuml;r
+deinen Wohlt&auml;ter kannst du ja sp&auml;ter bezeigen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er ging hinunter, um das Ereignis den f&uuml;nf oder sechs
+Neugierigen mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich
+eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male
+laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten das
+Geh&auml;use an und begab sich sodann nach Haus, wo ihn Emma
+angstvoll an der T&uuml;re erwartete. Sie fiel ihm um den Hals.
+
+</P><P>
+
+Sie setzten sich zu Tisch. Er a&szlig; viel und verlangte zum Nachtisch
+sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst
+nur Sonntags, wenn ein Gast da war.
+
+</P><P>
+
+Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gespr&auml;chen und
+gemeinsamem Pl&auml;neschmieden. Sie plauderten vom kommenden Gl&uuml;cke,
+von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen
+&auml;rztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe
+seiner Frau immerdar w&auml;hren. Und sie, sie f&uuml;hlte sich begl&uuml;ckt
+und verj&uuml;ngt, ges&uuml;nder und besser in ihrer wiedererstandenen
+leisen Zuneigung f&uuml;r diesen armen Mann, der sie so sehr liebte.
+Fl&uuml;chtig scho&szlig; ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber
+ihre Augen ruhten alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte
+sie erstaunt, da&szlig; seine Z&auml;hne eigentlich gar nicht h&auml;&szlig;lich
+waren.
+
+</P><P>
+
+Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr
+des M&auml;dchens pl&ouml;tzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein
+frisch beschriebenes St&uuml;ck Papier. Es war der
+Reklame-Aufsatz, den er f&uuml;r den &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; verfa&szlig;t
+hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie ihn vor!&ldquo; bat Bovary.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker tat es:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europ&auml;er noch
+immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer
+Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser St&auml;dtchen Yonville
+der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel
+edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer
+angesehensten praktischen &Auml;rzte,&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+&bdquo;Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!&ldquo; unterbrach ihn
+Karl, vor Erregung tief atmend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber durchaus nicht! Wieso denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er las weiter:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;... hat den verkr&uuml;ppelten Fu&szlig;&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Er unterbrach sich selbst:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe hier absichtlich den <TT>terminus
+technicus</TT> vermieden, wissen Sie! In einer
+Tageszeitung mu&szlig; alles gemeinverst&auml;ndlich sein ... die
+gro&szlig;e Masse&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr richtig!&ldquo; meinte Bovary. &bdquo;Bitte fahren Sie fort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wiederhole:
+
+</P><P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen &Auml;rzte,
+hat den verkr&uuml;ppelten Fu&szlig; eines gewissen Hippolyt Tautain
+operiert, des langj&auml;hrigen Hausknechts im Hotel zum
+Goldnen L&ouml;wen der verwitweten Frau Franz am Markt. Das
+aktuelle Ereignis und das allgemeine Interesse an der
+Operation hatten eine derartig gro&szlig;e Volksmenge angezogen,
+da&szlig; der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mu&szlig;te. Die
+Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Blutergu&szlig; trat
+so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen verrieten,
+da&szlig; ein hartn&auml;ckiges Leiden endlich der Macht der
+Wissenschaft wich. Der Kranke versp&uuml;rte dabei erstaunlicherweise
+&mdash; wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf &mdash;
+nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand l&auml;&szlig;t bis jetzt
+nichts zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Allem Daf&uuml;rhalten nach wird die
+vollst&auml;ndige Heilung rasch erfolgen, und wer wei&szlig;, ob der brave
+Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten
+Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch
+muntere Spr&uuml;nge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen
+Gelehrten, Ehre den unerm&uuml;dlichen Geistern, die ihre N&auml;chte der
+Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!
+<BR>
+Der Tag wird noch kommen, wo verk&uuml;ndet werden wird, da&szlig; die
+Blinden sehen, die Tauben h&ouml;ren und die Lahmen gehen! Was der
+kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserw&auml;hlten versprach,
+schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
+unsere verehrten Leser &uuml;ber den weiteren Verlauf dieser so
+ungemein merkw&uuml;rdigen Kur auf dem laufenden erhalten.&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Trotz alledem kam f&uuml;nf Tage darauf die L&ouml;wenwirtin ganz
+verst&ouml;rt gelaufen und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zu Hilfe! Er stirbt! Ich wei&szlig; nicht, was ich machen soll!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl rannte Hals &uuml;ber Kopf nach dem Goldnen L&ouml;wen, und der
+Apotheker, der den Arzt so &uuml;ber den Markt st&uuml;rmen sah, verlie&szlig;
+sofort im blo&szlig;en Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und
+mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem
+er auf der Treppe begegnete:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so da&szlig;
+das Geh&auml;use, in das sein Bein eingezw&auml;ngt war, gegen
+die Wand geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte.
+
+</P><P>
+
+Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fu&szlig;es nicht
+zu verschieben, entfernte man das Holzgeh&auml;use. Und nun bot
+sich ein gr&auml;&szlig;licher Anblick dar. Die Form des Fu&szlig;es war
+unter einer derartigen Schwellung verschwunden, da&szlig; es
+aussah, als platze demn&auml;chst die ganze Haut. Diese war
+blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die das famose
+Geh&auml;use verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an &uuml;ber
+Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angeh&ouml;rt. Nachdem man
+nunmehr einsah, da&szlig; er im Rechte gewesen war, g&ouml;nnte man ihm ein
+paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig
+zur&uuml;ckgegangen war, hielten es die beiden Heilk&uuml;nstler f&uuml;r
+angebracht, das Bein wieder einzuschienen und es noch fester
+einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen.
+
+</P><P>
+
+Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr
+auszuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war
+h&ouml;chst &uuml;ber das verwundert, was sich nunmehr
+herausstellte. Die schw&auml;rzlichblau gewordene Schwellung
+erstreckte sich &uuml;ber das ganze Bein, das ganz voller Blasen
+war; eine dunkle Fl&uuml;ssigkeit sonderte sich ab. Man wurde
+bedenklich.
+
+</P><P>
+
+Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz lie&szlig; ihn in
+die kleine Gaststube bringen neben der K&uuml;che, damit er
+wenigstens etwas Zerstreuung h&auml;tte. Aber der Steuereinnehmer,
+der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich &uuml;ber diese
+Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in das
+Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken,
+bla&szlig;, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte
+er seinen in Schwei&szlig; gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen
+hin und her, wenn ihn die Fliegen qu&auml;lten.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
+Umschl&auml;gen, tr&ouml;stete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst
+fehlte es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen,
+wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
+herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie geht dirs denn?&ldquo; fragten sie ihn und klopften ihm auf
+die Schulter. &bdquo;So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist
+aber selber schuld daran!&ldquo; Er h&auml;tte dies oder jenes machen
+sollen. Sie erz&auml;hlten ihm von Leuten, die durch ganz andere
+Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren
+Trost meinten sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du l&auml;&szlig;t dich wie
+ein F&uuml;rst verh&auml;tscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier!
+Und besonders gut riechst du auch nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
+selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
+Hippolyt sah ihn mit angsterf&uuml;llten Augen an. Schluchzend
+stammelte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach,
+helfen Sie mir! Ich bin so ungl&uuml;cklich, so ungl&uuml;cklich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann
+verlie&szlig; er ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;r nur gar nicht auf ihn, mein Junge!&ldquo; meinte die
+L&ouml;wenwirtin. &bdquo;Sie haben dich schon gerade genug geschunden!
+Das macht dich blo&szlig; immer noch schw&auml;cher! Da, trink!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie gab ihm hin und wieder Fleischbr&uuml;he, ein St&uuml;ck Hammelkeule,
+Speck und manchmal ein Gl&auml;schen Schnaps, den er kaum an seine
+Lippen zu bringen wagte.
+
+</P><P>
+
+Abb&eacute; Bournisien, der geh&ouml;rt hatte, da&szlig; es Hippolyt
+schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber
+erkl&auml;rte er, in gewisser Beziehung m&uuml;sse sich der Kranke freuen,
+denn es sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit g&auml;be, sich
+mit dem Himmel zu vers&ouml;hnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Siehst du,&ldquo; sagte der Priester in v&auml;terlichem Tone, &bdquo;du hast
+deine Pflichten recht vernachl&auml;ssigt! Man hat dich selten in der
+Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige
+Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, da&szlig; deine Besch&auml;ftigung
+und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, f&uuml;r dein
+Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, da&szlig; du
+dich darum k&uuml;mmerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe gro&szlig;e
+S&uuml;nder gekannt, die, kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du
+bist noch nicht so weit, das wei&szlig; ich wohl!) seine Gnade
+erfleht haben; sie sind ohne Verdammnis gestorben! Hoffen wir,
+da&szlig; auch du uns gleich ihnen ein gutes Beispiel gibst!
+Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgens ein
+Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue das!
+Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das
+versprechen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der arme Teufel gelobte es. Tag f&uuml;r Tag kam der Seelsorger
+wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen
+erz&auml;hlte er den beiden sogar Anekdoten, Sp&auml;&szlig;e und faule Witze,
+die Hippolyt allerdings nicht verstand. Aber bei jeder
+Gelegenheit kam er auf religi&ouml;se Dinge zu sprechen, wobei er
+jedesmal eine salbungsvolle Miene annahm.
+
+</P><P>
+
+Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht
+lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
+nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund w&uuml;rde,
+worauf der Priester entgegnete, das sei nicht &uuml;bel. Doppelt
+gen&auml;ht halte besser. Er riskiere ja dabei nichts.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker war emp&ouml;rt &uuml;ber &bdquo;diese Pfaffenschliche&ldquo;, wie er
+sich ausdr&uuml;ckte. Er behauptete, das verz&ouml;gre die Genesung
+des Hausknechts nur.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig;t ihn doch nur in Ruhe!&ldquo; sagte er zur L&ouml;wenwirtin. &bdquo;Mit
+euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber die gute Frau wollte davon nichts h&ouml;ren. Er und kein
+anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein
+aus Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu H&auml;upten einen
+Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf.
+
+</P><P>
+
+Allerdings n&uuml;tzten offenbar weder der kirchliche noch der
+chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
+Beine weiter in den K&ouml;rper hinauf. Man versuchte immer neue
+Salben und Pflaster, aber der Fu&szlig; wurde immer brandiger, und
+schlie&szlig;lich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken,
+als Mutter Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser
+hoffnungslosen Lage nicht den Doktor Canivet aus
+Neufch&acirc;tel kommen lassen solle, der doch weitber&uuml;hmt sei.
+
+</P><P>
+
+Canivet war Doktor der Medizin, f&uuml;nfzig Jahre alt, ebenso
+wohlhabend wie selbstbewu&szlig;t. Er kam und entbl&ouml;dete sich nicht,
+&uuml;ber den Kollegen geringsch&auml;tzig zu l&auml;cheln, als er das
+bis an das Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann
+erkl&auml;rte er, das Glied m&uuml;sse amputiert werden.
+
+</P><P>
+
+Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen &bdquo;die Esel, die
+das arme Luder so zugerichtet&ldquo; h&auml;tten. Er fa&szlig;te Homais am
+Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
+Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es
+mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Bet&auml;ubungen,
+Blaseneingriffen! Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich
+der Staat ins Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen blo&szlig;
+immer was zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten
+Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber,
+wir sind r&uuml;ckst&auml;ndig. Wir sind keine Gelehrten, keine
+Zauberk&uuml;nstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxis, wir
+heilen lumpige Krankheiten, aber es f&auml;llt uns nicht ein,
+Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpf&uuml;&szlig;e gerade
+zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso k&ouml;nnte man auch einem Buckligen
+seinen H&ouml;cker abhobeln wollen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais war bei diesem Ergu&szlig; gar nicht besonders wohl
+zumute, aber er verbarg sein Mi&szlig;behagen hinter einem
+verbindlichen L&auml;cheln. Er mu&szlig;te mit Canivet auf gutem Fu&szlig;e
+bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend &ouml;fters
+konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab.
+Aus diesem Grunde h&uuml;tete er sich, f&uuml;r Bovary einzutreten. Er
+vermuckste sich nicht, lie&szlig; Grunds&auml;tze Grunds&auml;tze sein und
+opferte seine W&uuml;rde den ihm wichtigeren Interessen seines
+Gesch&auml;fts.
+
+</P><P>
+
+Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet
+ausf&uuml;hrte, war f&uuml;r den ganzen Ort ein wichtiges
+Ereignis. Fr&uuml;hzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und
+die Hauptstra&szlig;e war voller Menschen, die allesamt etwas
+Tr&uuml;bseliges an sich hatten, als solle eine Hinrichtung
+stattfinden. Im Laden des Kr&auml;mers stritt man sich &uuml;ber
+Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau
+T&uuml;vache, die Gattin des B&uuml;rgermeisters, lag vom fr&uuml;hen
+Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der
+Operateur ank&auml;me.
+
+</P><P>
+
+Er kam in seinem W&auml;gelchen angefahren, das er selber
+kutschierte. Durch die Last seines K&ouml;rpers war die rechte
+Feder des Gef&auml;hrts derartig niedergedr&uuml;ckt, da&szlig; der
+Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster
+stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschl&ouml;sser
+pr&auml;chtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bis vor die
+kleine Freitreppe des Goldnen L&ouml;wen. Mit lauter Stimme befahl
+er, das Pferd auszuspannen. Er ging mit in den Stall und
+&uuml;berzeugte sich, da&szlig; der Gaul ordentlich Hafer gesch&uuml;ttet
+bekam. Es war seine Gewohnheit, da&szlig; er sich immer zuerst
+seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im
+Munde der Leute f&uuml;r einen &bdquo;Pferdejockel&ldquo;. Aber gerade weil er
+sich darin unabbringbar gleichblieb, sch&auml;tzte man ihn um so mehr.
+Und wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den
+letzten Z&uuml;gen gelegen h&auml;tte: Doktor Canivet w&auml;re zun&auml;chst
+seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
+
+</P><P>
+
+Homais stellte sich ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich rechne auf Ihre Unterst&uuml;tzung!&ldquo; sagte der Chirurg. &bdquo;Ist
+alles bereit? Na, dann kanns losgehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker gestand err&ouml;tend ein, da&szlig; er zu empfindlich sei,
+um einer solchen Operation assistieren zu k&ouml;nnen. &bdquo;Als
+passiver Zuschauer&ldquo;, sagte er, &bdquo;greift einen so was doppelt
+an. Meine Nerven sind so herunter&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Quatsch!&ldquo; unterbrach ihn Canivet. &bdquo;Mir machen Sie vielmehr den
+Eindruck, als solle Sie demn&auml;chst der Schlag r&uuml;hren.
+&Uuml;brigens kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von fr&uuml;h
+bis abends in Eurer Giftbude. Das mu&szlig; sich ja
+schlie&szlig;lich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag
+f&uuml;r Tag stehe ich vier Uhr morgens auf, wasche mich mit
+eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden
+gibts f&uuml;r mich nicht, das Zipperlein kriege ich nicht, und
+mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und morgen
+so, wie mirs gerade einf&auml;llt, aber immer als
+Lebensk&uuml;nstler! Und deshalb bin ich auch nicht so
+zimperlich wie Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn
+oder einem christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie
+haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier.
+Sehr richtig! Es ist alles blo&szlig; Gewohnheit&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ohne irgendwelche R&uuml;cksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
+Lager vor Angst schwitzte, f&uuml;hrten die beiden ihre Unterhaltung
+in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltbl&uuml;tigkeit
+eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen
+Vergleich geschmeichelt, lie&szlig; sich Canivet des l&auml;ngeren &uuml;ber
+die Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes
+sei ein Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern
+als gemeines Handwerk aus&uuml;be, der sei ein
+Heiligtumsch&auml;nder.
+
+</P><P>
+
+Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von
+Homais gelieferte Verbandszeug zu pr&uuml;fen. Es war
+dasselbe, das bereits bei der ersten Operation zur Stelle
+gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der das Bein
+festhalten k&ouml;nne. Lestiboudois ward geholt.
+
+</P><P>
+
+Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemds&auml;rmel
+hoch und begab sich in das Billardzimmer, w&auml;hrend der
+Apotheker in die K&uuml;che ging, wo die Wirtin sowie Artemisia
+neugierig und &auml;ngstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen
+waren wei&szlig;er als ihre Sch&uuml;rzen.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause
+heraus. Er sa&szlig; unten in der Gro&szlig;en Stube, zusammengeduckt und
+die H&auml;nde gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer
+brannte, und starrte vor sich hin. &bdquo;Welch ein Mi&szlig;geschick!&ldquo;
+seufzte er. &bdquo;Was f&uuml;r eine gro&szlig;e Entt&auml;uschung!&ldquo; Er hatte
+doch alle denkbaren Vorsichtsma&szlig;regeln getroffen, und doch war
+der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu &auml;ndern!
+Wenn Hippolyt noch st&uuml;rbe, dann w&auml;re er schuld daran! Und was
+sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten?
+Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er
+wu&szlig;te doch selber keinen, so sehr er auch dar&uuml;ber nachsann. Die
+ber&uuml;hmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber das wird
+kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur auslachen und in
+Verruf bringen. Die Sache wird bis Forges ruchbar werden,
+bis Neufch&acirc;tel, bis Rouen und noch weiter! Vielleicht
+w&uuml;rde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn ver&ouml;ffentlichen,
+dem dann eine Polemik folgte, die ihn zw&auml;nge, in den Zeitungen
+eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt k&ouml;nnte auf Schadenersatz
+klagen.
+
+</P><P>
+
+Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
+tausend Bef&uuml;rchtungen best&uuml;rmte Phantasie schwankte hin und her
+wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.
+
+</P><P>
+
+Emma sa&szlig; ihm gegen&uuml;ber und beobachtete ihn. An seine Dem&uuml;tigung
+dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
+hatte sie sich nur einbilden k&ouml;nnen, da&szlig; sich ein Mann seines
+Schlages zu einer Leistung aufschw&auml;nge, wo sich seine
+Unf&auml;higkeit doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!
+
+</P><P>
+
+Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Setz dich doch!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Du machst mich noch ganz
+verr&uuml;ckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er tat es.
+
+</P><P>
+
+Wie hatte sie es nur fertig gebracht &mdash; wo sie doch so klug
+war! &mdash;, da&szlig; sie sich abermals so get&auml;uscht hatte? Aber ja,
+ihr ganzer Lebenspfad war doch fortw&auml;hrend durch das
+traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet!
+Sie rief sich alles einzeln ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ck:
+ihren unbefriedigten Hang zum Lebensgenu&szlig;, die Einsamkeit
+ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihres
+Hausstandes, ihre Tr&auml;ume und Illusionen, die in den Sumpf
+hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
+alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie
+von sich gewiesen, an alles, was sie h&auml;tte haben k&ouml;nnen!
+Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn
+alles so? Warum?
+
+</P><P>
+
+Das St&auml;dtchen lag in tiefer Ruhe. Pl&ouml;tzlich erscholl ein
+herzzerrei&szlig;ender Schrei. Bovary ward bla&szlig; und beinahe ohnm&auml;chtig.
+Emma zuckte nerv&ouml;s mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr
+nichts mehr anzusehen.
+
+</P><P>
+
+Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
+ohne Feingef&uuml;hl! Da sa&szlig; er, stumpfsinnig und ohne Verst&auml;ndnis
+daf&uuml;r, da&szlig; er nicht nur seinen Namen l&auml;cherlich und ehrlos
+gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren
+Namen! Und sie, sie hatte sich solche M&uuml;he gegeben, ihn zu lieben!
+Hatte unter Tr&auml;nen bereut, da&szlig; sie ihm untreu geworden war!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht war es ein Valgus?&ldquo; rief Karl pl&ouml;tzlich laut
+aus. Das war das Ergebnis seines Nachsinnens.
+
+</P><P>
+
+Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken
+Emmas versetzte &mdash; er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne
+Platte &mdash;, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit
+sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam
+erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich
+seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick
+eines Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den
+verhallenden Schreien des Amputierten. Der heulte in
+langgedehnten T&ouml;nen, die ab und zu von grellem Gebr&uuml;ll
+unterbrochen wurden. Alles das klang wie das ferne
+Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma bi&szlig; sich
+auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer
+Blume, die sie zerpfl&uuml;ckt hatte, und ihre hei&szlig;en Blicke trafen
+ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein
+Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
+seine Existenz. Wie &uuml;ber ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
+da&szlig; sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von
+Anh&auml;nglichkeit &uuml;brig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
+ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude geno&szlig; sie den
+Siegesjubel &uuml;ber ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie
+des Geliebten und f&uuml;hlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein
+Bild entz&uuml;ckte und verf&uuml;hrte sie in Gedanken abermals. Sie
+gab ihm ihre ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus
+ihrem Leben herausgerissen, f&uuml;r immer entfremdet, unm&ouml;glich
+geworden, ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor
+ihren Augen den Todeskampf gek&auml;mpft hatte. Vom Trottoir her
+drang das Ger&auml;usch von Tritten herauf. Karl ging an das
+Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor
+Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte
+sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt
+Homais, die gro&szlig;e rote Reisetasche in der Hand. Beide
+steuerten auf die Apotheke zu.
+
+</P><P>
+
+In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbed&uuml;rfnis
+n&auml;herte sich Karl seiner Frau:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gib mir einen Ku&szlig;, Geliebte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich!&ldquo; wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hast du denn? Was ist dir?&ldquo; fragte er betroffen.
+&bdquo;Sei doch ruhig! &Auml;rgere dich nicht! Du wei&szlig;t ja, wie sehr ich
+dich liebe! Komm!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weg!&ldquo; rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie st&uuml;rzte aus dem
+Zimmer, wobei sie die T&uuml;r so heftig hinter sich zuschlug, da&szlig;
+das Barometer von der Wand fiel und in St&uuml;cke ging.
+
+</P><P>
+
+Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er dar&uuml;ber nach,
+was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
+Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgef&uuml;hl von
+etwas Unheilvollem, Unfa&szlig;barem.
+
+</P><P>
+
+Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er
+seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe
+sitzen und auf ihn warten. Sie k&uuml;&szlig;ten sich, und all ihr &Auml;rger
+schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zw&ouml;lftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
+Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
+seine Arbeitssch&uuml;rze ab und trabte nach der H&uuml;chette. Rudolf
+kam alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als da&szlig; sie
+sich langweile, da&szlig; ihr Mann gr&auml;&szlig;lich sei und ihr Dasein
+schrecklich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kann ich das &auml;ndern?&ldquo; rief er einmal ungeduldig aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, wenn du wolltest!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sa&szlig; auf dem Fu&szlig;boden zwischen seinen Knien, mit aufgel&ouml;stem
+Haar und traumverlorenem Blick.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo; fragte er.
+
+</P><P>
+
+Sie seufzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir m&uuml;ssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ...
+weit weg von hier&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein toller Einfall!&ldquo; lachte er. &bdquo;Unm&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kam immer wieder darauf zur&uuml;ck. Er tat so, als sei ihm
+das unverst&auml;ndlich, und begann von etwas anderm zu
+sprechen.
+
+</P><P>
+
+Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
+aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe.
+Sie m&uuml;sse dazu doch Anla&szlig; haben, Motive. Sie klammere sich doch
+an ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.
+
+</P><P>
+
+Wirklich wuchs ihre Z&auml;rtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu
+Tag im gleichen Ma&szlig;e, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
+verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
+verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unertr&auml;glich vor,
+seine H&auml;nde nie so vierschr&ouml;tig, sein Geist nie so
+schwerf&auml;llig, seine Manieren nie so gew&ouml;hnlich, als wenn sie
+nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war.
+Sie bildete sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin.
+Immerw&auml;hrend tr&auml;umte sie von seinem dunklen welligen Haar,
+seiner braunen Stirn, seiner kr&auml;ftigen und doch eleganten
+Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so
+leidenschaftlichen Menschen. Nur f&uuml;r ihn pflegte sie ihre N&auml;gel
+mit der Sorgfalt eines Ziseleurs, f&uuml;r ihn verschwendete sie
+eine Unmenge von Coldcream f&uuml;r ihre Haut und von Peau d'Espagne
+f&uuml;r ihre W&auml;sche. Sie &uuml;berlud sich mit Armb&auml;ndern, Ringen und
+Halsketten. Wenn sie ihn erwartete, f&uuml;llte sie ihre gro&szlig;en
+blauen Glasvasen mit Rosen und schm&uuml;ckte ihr Zimmer und sich
+selber wie eine Kurtisane, die einen F&uuml;rsten erwartet. Felicie
+wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte
+sie in ihrer K&uuml;che.
+
+</P><P>
+
+Justin leistete ihr h&auml;ufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
+Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange B&uuml;gelbrett gest&uuml;tzt,
+auf dem sie pl&auml;ttete, betrachtete er l&uuml;stern alle die um ihn
+herum aufgeschichtete Damenw&auml;sche, die Pikee-Unterr&ouml;cke, die
+Spitzent&uuml;cher, die Halskragen, die breith&uuml;ftigen Unterhosen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu hat man das alles?&ldquo; fragte der Bursche, indem er mit
+der Hand &uuml;ber einen der Reifr&ouml;cke strich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du sowas noch niegesehen?&ldquo; Felicie lachte. &bdquo;Deine
+Herrin, Frau Homais, hat das doch auch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So? Die Frau Homais!&ldquo; Er sann nach. &bdquo;Ist sie denn eine Dame
+wie die Frau Doktor?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschn&uuml;ffelte. Sie
+war drei Jahre &auml;lter als er, und &uuml;brigens machte ihr
+Theodor, der Diener des Notars, neuerdings den Hof.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; mich in Ruhe!&ldquo; sagte sie und stellte den St&auml;rketopf
+beiseite. &bdquo;Scher dich lieber an <B>deine</B> Arbeit! Sto&szlig; deine
+Mandeln! Immer mu&szlig;t du an irgendeiner Sch&uuml;rze h&auml;ngen! Eh du
+dich damit befa&szlig;t, la&szlig; dir mal erst die Stoppeln unter der Nase
+wachsen, du Knirps, du nichtsn&uuml;tziger!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, seien Sie doch nicht gleich b&ouml;s! Ich putze Ihnen auch
+die Schuhe f&uuml;r die Frau Doktor!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Alsobald machte er sich &uuml;ber ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
+her, die in der K&uuml;che standen. Sie waren &uuml;ber und &uuml;ber mit
+eingetrocknetem Stra&szlig;enschmutz bedeckt &mdash; vom letzten
+Stelldichein her &mdash;, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo
+gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin
+betrachtete sie sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!&ldquo; sagte Felicie,
+die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
+anwandte, weil die Herrin sie ihr &uuml;berlie&szlig;, sobald sie nicht
+mehr tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in
+ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber
+Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
+
+</P><P>
+
+So gab er auch dreihundert Franken f&uuml;r ein h&ouml;lzernes Bein
+aus, das Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen
+m&uuml;sse. Die Fl&auml;che, mit der es anlag, war mit Kork &uuml;berzogen.
+Es hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und
+Schuh verdeckten es vollkommen. Hippolyt wagte es indessen
+nicht in den Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm
+noch ein anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder &uuml;bel
+mu&szlig;te der Arzt auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der
+Hausknecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah
+man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den
+harten Anschlag des Stelzfu&szlig;es auf dem Pflaster vernahm,
+schlug er schnell einen anderen Weg ein.
+
+</P><P>
+
+Lheureux, der Modewarenh&auml;ndler, hatte das Holzbein besorgt.
+Das gab ihm Gelegenheit, Emma h&auml;ufig aufzusuchen. Er plauderte
+mit ihr &uuml;ber die neuesten Pariser Moden und &uuml;ber tausend Dinge,
+die Frauen interessieren. Dabei war er immer &auml;u&szlig;erst gef&auml;llig
+und forderte niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einf&auml;lle
+Emmas wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie
+Rudolf einen sehr sch&ouml;nen Reitstock schenken, den sie in Rouen in
+einem Schirmgesch&auml;ft gesehen hatte. Eine Woche sp&auml;ter legte
+Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber
+&uuml;berreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von
+zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centimes. Emma
+war in der gr&ouml;bsten Verlegenheit. Die Kasse war leer.
+Lestiboudois hatte noch Lohn f&uuml;r vierzehn Tage zu bekommen,
+Felicie f&uuml;r acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
+Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang
+des Honorars von Herrn Derozerays, das allj&auml;hrlich
+gegen Ende Oktober einzugehen pflegte.
+
+</P><P>
+
+Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertr&ouml;sten. Dann
+verlor er aber die Geduld. Man dr&auml;nge auch ihn, er brauche Geld,
+und wenn er nicht alsbald welches von ihr bek&auml;me, m&uuml;sse er
+ihr alles wieder abnehmen, was er ihr geliefert habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut!&ldquo; meinte Emma. &bdquo;Holen Sie sichs!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was! Das hab ich nur so gesagt!&ldquo; entgegnete er.
+&bdquo;Indessen um den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott,
+den werd ich mir vom Herrn Doktor zur&uuml;ckgeben lassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Um Gottes willen!&ldquo; rief sie aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warte nur! Dich hab ich!&ldquo; dachte Lheureux bei sich.
+
+</P><P>
+
+Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
+lispelte er in seinem gewohnten Fl&uuml;stertone vor sich hin:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary gr&uuml;belte gerade dar&uuml;ber nach, wie sie diese Geschichte
+in Ordnung bringen k&ouml;nne, da kam das M&auml;dchen und legte eine
+kleine in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
+Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
+Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
+schuldige Honorar. Karls Tritte wurden drau&szlig;en auf der Treppe
+h&ouml;rbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte
+den Schl&uuml;ssel ein.
+
+</P><P>
+
+Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte Ihnen einen Vergleich vorschlagen&ldquo;, sagte er.
+&bdquo;Wollen Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier haben Sie Ihr Geld!&ldquo; unterbrach sie ihn und z&auml;hlte ihm
+vierzehn Goldst&uuml;cke in die Hand.
+
+</P><P>
+
+Der Kaufmann war verbl&uuml;fft. Um seine Entt&auml;uschung zu verbergen,
+brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
+m&ouml;glichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
+
+</P><P>
+
+Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
+dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die
+Tasche ihrer Sch&uuml;rze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, t&uuml;chtig
+zu sparen, damit sie recht bald&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist da weiter dabei?&ldquo; beruhigte sie sich. &bdquo;Er wird
+nicht gleich dran denken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Au&szlig;er dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
+Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem
+Wahlspruch: <TT>Amor nel Cor!</TT> (Liebe im
+Herzen!), fernerhin ein seidenes Halstuch und eine
+Zigarrentasche, zu der sie als Muster die Tasche genommen
+hatte, die Karl damals auf der Landstra&szlig;e gefunden hatte,
+als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie
+sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem
+Str&auml;uben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so
+mu&szlig;te er sich schlie&szlig;lich f&uuml;gen. Er fand das aufdringlich
+und h&ouml;chst r&uuml;cksichtslos.
+
+</P><P>
+
+Sie hatte wunderliche Einf&auml;lle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn es Mitternacht schl&auml;gt,&ldquo; bat sie ihn einmal, &bdquo;mu&szlig;t
+du an mich denken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er
+endlose Vorw&uuml;rfe zu h&ouml;ren, die alle in die Worte ausklangen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du liebst mich nicht mehr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich dich nicht mehr lieben?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;&Uuml;ber alles?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glaubst du, ich h&auml;tte meine Unschuld bei dir verloren?&ldquo; brach
+er lachend aus.
+
+</P><P>
+
+Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel M&uuml;he
+zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
+mildern suchte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, du wei&szlig;t gar nicht, wie ich dich liebe!&ldquo; begann sie von
+neuem. &bdquo;Ich liebe dich so sehr, da&szlig; ich nicht von dir lassen
+kann! Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht,
+dich zu sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter
+Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern
+Frauen? Sie l&auml;cheln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein;
+nicht wahr, es gef&auml;llt dir keine? Es gibt ja sch&ouml;nere
+als ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine
+Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so
+gut! So sch&ouml;n! So klug und stark!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft geh&ouml;rt, da&szlig;
+es ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin
+nicht anders als alle seine fr&uuml;heren Geliebten, und der
+Reiz der Neuheit fiel St&uuml;ck um St&uuml;ck von ihr ab wie ein Gewand,
+und das ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt
+zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er
+war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, da&szlig; unter den
+n&auml;mlichen Ausdrucksformen himmelweit voneinander
+verschiedene Gef&uuml;hlsarten existieren k&ouml;nnen. Weil ihm die
+Lippen liederlicher oder k&auml;uflicher Frauenzimmer schon die
+gleichen Phrasen zugefl&uuml;stert hatten, war sein Glaube an die
+Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man darf die &uuml;berschwenglichen Worte nicht gelten lassen,&ldquo;
+sagte er sich, &bdquo;sie sind nur ein M&auml;ntelchen f&uuml;r
+Alltagsempfindungen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber ist es nicht oft so, da&szlig; ein &uuml;bervolles Herz mit den
+banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand
+genau zu sagen, wie gro&szlig; sein W&uuml;nschen und Wollen, seine
+Innenwelt, seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine
+gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln,
+nach der kaum ein B&auml;r tanzt, w&auml;hrend wir die Sterne bewegen
+m&ouml;chten.
+
+</P><P>
+
+Aber mit der &Uuml;berlegenheit, die kritischen Naturen eigent&uuml;mlich
+ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
+dieser Liebschaft neue Gen&uuml;sse. Er nahm keine ihm unbequeme
+R&uuml;cksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie
+bar jedes Zwanges. Er machte sie zu allem f&uuml;gsam und
+verdarb sie gr&uuml;ndlich. Sie hegte eine geradezu h&uuml;ndische
+Anh&auml;nglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alles. Woll&uuml;stig
+empfand sie Gl&uuml;ckseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre
+Seele ertrank in diesem Rausche.
+
+</P><P>
+
+Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
+&auml;u&szlig;erlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden k&uuml;hner, ihre
+Rede freim&uuml;tiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung
+Rudolfs, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, &bdquo;um die
+Spie&szlig;er zu &auml;rgern&ldquo;, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war
+es g&auml;nzlich geschehen, als man sie eines sch&ouml;nen
+Tages in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener
+Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem
+heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne
+Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger als die
+Yonviller Philister. Und noch vieles andre mi&szlig;fiel ihr.
+Zun&auml;chst hatte Karl ihrem Rate entgegen das Roman-Lesen doch
+wieder zugelassen. Und dann war &uuml;berhaupt die &bdquo;ganze
+Wirtschaft&ldquo; nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich Bemerkungen
+dar&uuml;ber gestattete, kam es zu einem &auml;rgerlichen Auftritt.
+Felicie war die n&auml;here Veranlassung dazu.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary hatte das M&auml;dchen eines Abends,
+als sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht
+mehr besonders jungen Mannes &uuml;berrascht. Der Betreffende
+trug ein braunes Halstuch und verschwand bei der Ann&auml;herung
+der alten Dame. Emma lachte, als ihr der Vorfall berichtet
+ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erkl&auml;rte, wer
+bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig
+Wert darauf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind wohl aus Hinterpommern?&ldquo; fragte die junge Frau so
+impertinent, da&szlig; sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
+konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verlassen Sie mein Haus!&ldquo; schrie Emma und sprang auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma! Mutter!&ldquo; rief Karl beschwichtigend.
+
+</P><P>
+
+In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gest&uuml;rzt.
+Emma stampfte mit dem Fu&szlig;e auf, als er ihr zuredete.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!&ldquo; rief sie.
+
+</P><P>
+
+Er eilte zur Mutter. Sie war ganz au&szlig;er sich und stammelte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So eine Unversch&auml;mtheit! Eine leichtsinnige Trine.
+Schlimmeres vielleicht noch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
+Verzeihung gebeten w&uuml;rde.
+
+</P><P>
+
+Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den
+Knien, doch nachzugeben. Schlie&szlig;lich sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinetwegen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
+der W&uuml;rde einer F&uuml;rstin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
+den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
+vergraben.
+
+</P><P>
+
+F&uuml;r den Fall, da&szlig; sich irgend etwas Besonderes ereignen
+sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen
+wei&szlig;en Zettel zu stecken. Wenn er zuf&auml;llig in Yonville w&auml;re,
+solle er daraufhin sofort durch das G&auml;&szlig;chen an die hintere
+Gartenpforte eilen.
+
+</P><P>
+
+Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden sa&szlig; sie wartend am
+Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
+der Hallen. Beinahe h&auml;tte sie das Fenster aufgerissen und ihn
+hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
+&uuml;berkam sie.
+
+</P><P>
+
+Bald darauf vernahm sie unten auf dem B&uuml;rgersteige Tritte. Das
+war er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und &uuml;ber den
+Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sei doch ein bi&szlig;chen vorsichtiger!&ldquo; mahnte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, wenn du w&uuml;&szlig;test!&ldquo; Und sie begann ihm den ganzen Vorfall
+zu erz&auml;hlen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
+&uuml;bertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte
+eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, da&szlig; er nicht
+das mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!&ldquo; erwiderte
+sie. &bdquo;Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht
+nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr
+aus! Rette mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tr&auml;nen,
+gl&auml;nzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungest&uuml;m.
+
+</P><P>
+
+Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
+k&uuml;hle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was soll ich tun? Was willst du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Flieh mit mir!&ldquo; rief sie. &bdquo;Weit weg von hier! Ach, ich bitte
+dich um alles in der Welt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie pre&szlig;te sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem
+Kusse das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kein Aber, Rudolf!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... und dein Kind?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein Teufelsweib!&ldquo; dachte er bei sich, wie er ihr nachsah.
+Sie mu&szlig;te ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.
+
+</P><P>
+
+W&auml;hrend der folgenden Tage war die alte Frau Bovary &uuml;ber das
+ver&auml;nderte Wesen ihrer Schwiegertochter h&ouml;chst verwundert.
+Wirklich, sie zeigte sich au&szlig;erordentlich f&uuml;gsam, ja ehrerbietig,
+und das ging so weit, da&szlig; Emma sie um ihr Rezept, Gurken
+einzulegen, bat.
+
+</P><P>
+
+Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
+t&auml;uschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
+einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten,
+was sie im Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr
+durchaus nicht im Sinne. Der Gegenwart entr&uuml;ckt, lebte sie im
+Vorgeschmacke des kommenden Gl&uuml;ckes. Davon schw&auml;rmte sie
+dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter
+gelehnt, fl&uuml;sterte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
+Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist
+es wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich sp&uuml;re,
+da&szlig; sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gef&uuml;hl
+haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken
+hinein! Wei&szlig;t du, ich z&auml;hle die Tage ... Und du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary hatte nie so sch&ouml;n ausgesehen wie jetzt. Sie
+besa&szlig; eine unbeschreibliche Art von Sch&ouml;nheit, die aus
+Lebensfreude, Schw&auml;rmerei und Siegesgef&uuml;hl zusammenstr&ouml;mt
+und das Symbol seelischer und k&ouml;rperlicher Harmonie ist. Ihre
+heimlichen L&uuml;ste, ihre Tr&uuml;bsal, ihre erweiterten
+Liebesk&uuml;nste und ihre ewig jungen Tr&auml;ume hatten sich stetig
+entwickelt, just wie D&uuml;nger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur
+Entfaltung bringen, und nun erst erbl&uuml;hte ihre volle Eigenart.
+Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu geschnitten,
+schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie verschleierten ihre
+Aug&auml;pfel, w&auml;hrend ihr Atem die feinlinigen Nasenfl&uuml;gel weitete
+und es leise um die H&uuml;gel der Mundwinkel zuckte, die im
+Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war
+versucht zu sagen: ein Verf&uuml;hrer und K&uuml;nstler habe den Knoten
+ihres Haares &uuml;ber dem Nacken geordnet. Er sah aus wie
+eine schwere Welle, und doch war er nur lose und l&auml;ssig
+geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag f&uuml;r Tag
+aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und grazi&ouml;ser
+geworden, &auml;hnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
+Bezauberndes str&ouml;mte aus jeder Falte ihrer Kleider und
+aus dem Rhythmus ihres Ganges. Wie in den
+Flitterwochen erschien sie ihrem Manne entz&uuml;ckend und ganz
+unwiderstehlich.
+
+</P><P>
+
+Wenn er nachts sp&auml;t nach Hause kam, wagte er sie nicht zu
+wecken. Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht
+warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im
+Halbdunkel wie ein wei&szlig;es Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen
+bauschigen Vorh&auml;ngen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen
+Atemz&uuml;ge seines Kindes zu h&ouml;ren. Es wuchs sichtlich
+heran, jeder Monat brachte es vorw&auml;rts. Im Geiste sah er
+es bereits abends aus der Schule heimkehren, froh und
+munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mu&szlig;te
+das M&auml;del in eine Pension kommen. Das w&uuml;rde viel Geld
+kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er sann nach. Wie
+w&auml;re es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut pachtete?
+Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, w&uuml;rde er hinreiten
+und das N&ouml;tige anordnen. Der Ertrag k&auml;me auf die Sparkasse,
+sp&auml;ter k&ouml;nnten ja irgendwelche Papiere daf&uuml;r gekauft werden.
+Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit rechnete
+er, denn sein T&ouml;chterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte
+etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und h&uuml;bsch
+w&uuml;rde sie sein, die dann F&uuml;nfzehnj&auml;hrige! Ein Ebenbild ihrer
+Mutter! Ganz wie sie m&uuml;&szlig;te sie im Sommer einen gro&szlig;en runden
+Strohhut tragen. Dann w&uuml;rden die beiden von weitem f&uuml;r zwei
+Schwestern gehalten. Er stellte sich sein T&ouml;chterchen in Gedanken
+vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater
+und Mutter, Pantoffeln f&uuml;r ihn stickend. Und in der Wirtschaft
+w&uuml;rde sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn
+erf&uuml;llen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es w&uuml;rde
+sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verh&auml;ltnissen
+finden und sie gl&uuml;cklich machen. Und so bliebe es dann
+immerdar&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
+w&auml;hrend ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
+Tr&auml;umereien nach.
+
+</P><P>
+
+Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entf&uuml;hrt,
+auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
+zur&uuml;ckzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
+dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
+pl&ouml;tzlich von Bergesh&ouml;h auf irgendwelche m&auml;chtige Stadt
+hinab, mit ihrem Dom, ihren Br&uuml;cken, Schiffen, Limonenhainen und
+wei&szlig;en Marmorkirchen mit spitzen T&uuml;rmen. Zu Fu&szlig; wanderten sie
+dann durch die Stra&szlig;en. Frauen in roten Miedern boten ihnen
+Blumenstr&auml;u&szlig;e an. Glocken l&auml;uteten, Maulesel schrien, und
+dazwischen girrten Gitarren und rauschten Font&auml;nen, deren k&uuml;hler
+Wasserstaub auf Haufen von Fr&uuml;chten herabspr&uuml;hte. Sie lagen zu
+Pyramiden aufgeschichtet da, zu F&uuml;&szlig;en bleicher Bilds&auml;ulen, die
+unter dem Spr&uuml;hregen l&auml;chelten. Und eines Abends
+erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde
+trockneten, am Strand und zwischen den H&uuml;tten. Dort wollte sie
+bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem
+Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht des
+Meeres. Sie fuhren in Gondeln und tr&auml;umten in H&auml;ngematten.
+Das Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen
+Gew&auml;nder, und so warm und sternbes&auml;t wie die s&uuml;&szlig;en N&auml;chte,
+die sie schauernd genossen ... Das war ein unerme&szlig;licher
+Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte sie ihn
+nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der
+andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
+fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser
+Bewegung, stahlblau und sonnenbegl&auml;nzt&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
+laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das wei&szlig;e
+D&auml;mmerlicht an den Scheiben stand und Justin dr&uuml;ben die L&auml;den
+der Apotheke &ouml;ffnete.
+
+</P><P>
+
+Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich brauche einen Mantel, einen gro&szlig;en gef&uuml;tterten Reisemantel
+mit einem breiten Kragen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie wollen verreisen?&ldquo; fragte der H&auml;ndler.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, aber ... das ist ja gleichg&uuml;ltig! Ich kann mich auf
+Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Lheureux machte einen Kratzfu&szlig;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren
+... einen handlichen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;n! Sch&ouml;n! Ich wei&szlig; schon: zweiundneunzig zu f&uuml;nfzig! Wie
+man sie jetzt meist hat!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und eine Handtasche f&uuml;r das Nachtzeug!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aha,&ldquo; dachte der H&auml;ndler, &bdquo;sie hat sicher Krakeel gehabt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da!&ldquo; sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem
+G&uuml;rtel nestelte. &bdquo;Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit
+bezahlt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber Lheureux str&auml;ubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie
+w&auml;re doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe?
+Was solle denn das? Doch sie bestand darauf, da&szlig; er
+wenigstens die Kette n&auml;hme.
+
+</P><P>
+
+Er hatte sie bereits eingesackt und war schon drau&szlig;en, da rief
+ihn Emma zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Behalten Sie das Bestellte vorl&auml;ufig bei sich! Und den
+Mantel&nbsp;...,&ldquo; sie tat so, als ob sie sichs &uuml;berlegte &bdquo;...
+den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie
+mir die Adresse des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel
+soll bei ihm zum Abholen bereitliegen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
+Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
+machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Pl&auml;tze in der Post
+bestellen, P&auml;sse besorgen und nach Paris schreiben, damit
+das Gep&auml;ck gleich direkt bis Marseille bef&ouml;rdert w&uuml;rde.
+In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann
+sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas
+Gep&auml;ck sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne da&szlig;
+irgendwer Verdacht sch&ouml;pfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war
+von ihrem Kinde niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon
+zu sprechen. &bdquo;Sie denkt vielleicht nicht mehr daran&ldquo;, sagte er
+sich.
+
+</P><P>
+
+Er erbat sich zun&auml;chst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
+zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
+Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mu&szlig;te er
+eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach
+allen diesen Verz&ouml;gerungen schlie&szlig;lich &bdquo;unwiderruflich&ldquo; auf
+Montag den 4. September einigten.
+
+</P><P>
+
+Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gew&ouml;hnlich
+ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist alles bereit?&ldquo; fragte sie ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
+den Rand der Gartenmauer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist verstimmt?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein. Warum auch?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dabei sah er sie mit einem sonderbaren z&auml;rtlichen Blick an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht weil es nun fortgeht?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Weil du
+Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes
+jetziges Leben? Ich verstehe das wohl, wenn ich selber auch
+nichts derlei auf der Welt habe. Du bist mein alles! Und
+ebenso m&ouml;chte ich dir alles sein, Familie und Vaterland. Ich
+will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie lieb du bist!&ldquo; sagte er und zog sie an sein Herz.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wirklich?&ldquo; fragte sie in lachender Wollust. &bdquo;Du liebst mich?
+Schw&ouml;re mirs!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an,
+Liebste!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Vollmond ging purpurrot auf, dr&uuml;ben &uuml;ber der Linie des
+flachen Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er
+hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch
+ihre Zweige, versteckt wie hinter einem l&ouml;chrigen, schwarzen
+Vorhang. Und bald erschien er gl&auml;nzend-wei&szlig; im klaren Raume
+des weiten Himmels. Er ward immer silberner, und nun
+rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache &uuml;ber den Wellen in
+zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener
+Diamanten. Ringsum leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur
+in den Wipfeln hingen dunkle Schatten.
+
+</P><P>
+
+Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Z&uuml;gen den
+k&uuml;hlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken
+und verloren in ihre Gedanken. Die Z&auml;rtlichkeit vergangener Tage
+ergriff von neuem ihre Herzen, unersch&ouml;pflich und schweigsam wie
+der dahinflie&szlig;ende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
+Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
+verschwommener und wehm&uuml;tiger waren als die der unbeweglichen
+Weiden, deren Umrisse aus den Gr&auml;sern wuchsen. Zuweilen
+raschelte auf seiner n&auml;chtlichen Jagd ein Tier durchs
+Gestr&auml;uch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man h&ouml;rte, wie ein
+reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was f&uuml;r eine wunderbare Nacht!&ldquo; sagte Rudolf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir werden noch sch&ouml;nere erleben!&ldquo; erwiderte Emma. Und wie zu
+sich selbst fuhr sie fort: &bdquo;Ach, wie herrlich wird unsere Reise
+werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl?
+Ist es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das
+Gewohnte zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist
+das &Uuml;berma&szlig; von Gl&uuml;ck! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih
+mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch ist es Zeit!&ldquo; rief er aus. &bdquo;&Uuml;berleg dirs! Wird
+es dich auch niemals reuen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Niemals!&ldquo; beteuerte sie leidenschaftlich.
+
+</P><P>
+
+Sie schmiegte sich an ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was k&ouml;nnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt
+keine W&uuml;ste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht
+durchqueren w&uuml;rde! Je l&auml;nger wir zusammen leben werden, um so
+inniger und vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge,
+kein Hindernis wird uns mehr qu&auml;len! Wir werden allein sein
+und eins immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenr&auml;umen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... ja ... ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie strich mit den H&auml;nden durch sein Haar und fl&uuml;sterte wie ein
+kleines Kind unter gro&szlig;en rollenden Tr&auml;nen immer wieder:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter
+Rudolf&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es schlug Mitternacht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mitternacht!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Nun hei&szlig;t es: morgen! Nur noch
+ein Tag!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
+Geb&auml;rde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
+fr&ouml;hlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du die P&auml;sse?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du nichts vergessen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig;t du das genau?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz genau!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er nickte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Also morgen auf Wiedersehen!&ldquo; sagte Emma mit einem letzten
+Kusse.
+
+</P><P>
+
+Er ging, und sie sah ihm nach.
+
+</P><P>
+
+Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den
+Bachrand und rief durch die Weiden hindurch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf morgen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war schon dr&uuml;ben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
+die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah,
+wie ihr wei&szlig;es Kleid allm&auml;hlich im Schatten verschwand wie
+eine Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, da&szlig; er sich
+gegen einen Baum lehnen mu&szlig;te, um nicht umzusinken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin kein Mann!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Hol mich der Teufel! Ein
+h&uuml;bsches Weib wars doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten
+ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber emp&ouml;rte er sich gegen
+diese R&uuml;hrung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gestikulierte heftig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und dann das l&auml;stige Kind ... die Scherereien ... die
+Kosten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er z&auml;hlte sich das alles auf, um sich stark zu machen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Tausendmal nein! Es w&auml;re eine Riesentorheit!&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Dreizehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
+Schreibtisch, &uuml;ber dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
+Jagdtroph&auml;e, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
+wu&szlig;te er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen
+beide H&auml;nde gest&uuml;tzt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in
+weite Ferne entr&uuml;ckt. Der blo&szlig;e Entschlu&szlig;, mit ihr zu brechen,
+hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
+
+</P><P>
+
+Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem
+Schranke, der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte
+Blechschachtel hervor, in der urspr&uuml;nglich einmal Kakes drin
+gewesen waren und in der er seine &bdquo;Weiberbriefe&ldquo; aufbewahrte.
+Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu
+oberst lag ein Taschentuch, verbla&szlig;te Blutflecken darauf. Es
+war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spazierg&auml;nge hatte sie
+einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein.
+Daneben lag ein Bild von ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle
+vier Ecken daran waren abgesto&szlig;en. Das Kleid, das sie auf
+diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder
+Blick j&auml;mmerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und
+sich das Urbild in die Phantasie zur&uuml;ckzurufen suchte,
+verschwammen Emmas Z&uuml;ge in seinem Ged&auml;chtnisse, gleichsam
+als ob sich die noch lebende Erinnerung und das gemalte
+Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre
+vernichtete.
+
+</P><P>
+
+Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten
+Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
+sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Gesch&auml;ftsbriefe. Er
+suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
+mu&szlig;te er den ganzen Kasten durchw&uuml;hlen. Aus dem Wust von
+Papieren und kleinen Gegenst&auml;nden zog er mechanisch welke Blumen,
+ein Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken
+heraus. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten
+sich ins Scharnier gezw&auml;ngt und rissen nun beim
+Herausnehmen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Mit allen diesen Andenken vertr&ouml;delte er eine Weile. Er stellte
+seine Betrachtungen &uuml;ber die verschiedenen Handschriften an,
+&uuml;ber den Stil in den einzelnen Briefb&uuml;ndeln, &uuml;ber die nicht
+minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten
+z&auml;rtlich geschrieben, andre lustig, witzig oder r&uuml;hrselig. Die
+wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
+bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
+einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
+Erinnerung herauf.
+
+</P><P>
+
+Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
+Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
+in den Schmutz. Etwas Gemeinsames &mdash; die Liebe &mdash; stellte
+sie allesamt auf ein und dasselbe Niveau.
+
+</P><P>
+
+Wahllos nahm er einen Sto&szlig; Briefe in die Finger, bildete eine
+Art F&auml;cher daraus und spielte damit. Schlie&szlig;lich aber warf er
+sie, halb gelangweilt, halb vertr&auml;umt, wieder in den Kasten und
+stellte diesen in den Schrank zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lauter Bl&ouml;dsinn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war
+wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos
+herumgetrampelt waren, da&szlig; kein gr&uuml;ner Halm mehr spro&szlig;. Die
+Freuden des Daseins hatten noch gr&uuml;ndlicher gewirtschaftet.
+Die Sch&uuml;ler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz
+war keiner zu lesen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nun aber los!&ldquo; rief er sich zu.
+
+</P><P>
+
+Er begann zu schreiben:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Liebe Emma!
+
+</P><P>
+
+Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr&uuml;mmern&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eigentlich sehr richtig!&ldquo; dachte er bei sich. &bdquo;Das ist nur
+in ihrem Interesse. Also durchaus anst&auml;ndig von mir&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... Hast Du Dir Deinen Entschlu&szlig; wirklich reiflich &uuml;berlegt?
+Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich
+Dich beinahe schon gef&uuml;hrt h&auml;tte? Wohl nicht! Du folgst mir
+tollk&uuml;hn und zuversichtlich, im festen Glauben an das Gl&uuml;ck,
+an die Zukunft! Ach, wie ungl&uuml;cklich sind wir! Und wie verblendet
+waren wir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf h&ouml;rte zu schreiben auf. Er suchte nach guten
+Ausfl&uuml;chten. &bdquo;Wenn ich ihr nun sagte, ich h&auml;tte mein
+Verm&ouml;gen verloren? Ach, nein, lieber nicht! &Uuml;brigens n&uuml;tzte
+das nichts. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem
+los. Es ist, wei&szlig; Gott, verdammt schwer, so eine Frau
+wieder vern&uuml;nftig zu machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sann nach, dann schrieb er weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein
+ganzes Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner
+gedenken. So aber h&auml;tte sich unsre Leidenschaft (das ist nun
+einmal das Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages,
+fr&uuml;her oder sp&auml;ter, doch verfl&uuml;chtet. Zweifellos! Wir w&auml;ren
+ihrer m&uuml;de geworden, und wer wei&szlig;, ob mir nicht der gr&auml;&szlig;liche
+Schmerz beschieden gewesen w&auml;re, Deine Reue zu erleben und selber
+welche zu empfinden als Veranlasser der Deinigen? Die blo&szlig;e
+Vorstellung, Dir dieses Leid verursachen zu k&ouml;nnen, martert
+mich. Liebste Emma, vergi&szlig; mich! Wir h&auml;tten uns nie kennen
+lernen sollen! Warum bist Du so sch&ouml;n! Bin ich der Schuldige? Bei
+Gott, nein, nein! Wir m&uuml;ssen das Schicksal anklagen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dieses Wort machte immer Eindruck&ldquo;, sagte er zu sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau w&auml;rst, wie es ihrer so
+viele gibt, ja dann h&auml;tte ich den Versuch wagen k&ouml;nnen, aus
+Egoismus, ohne Gefahr f&uuml;r Dich. Aber bei Deiner k&ouml;stlichen
+schw&auml;rmerischen Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich
+Deines vielen Kummers, bist Du nicht imstande, Du Beste
+aller Frauen, die Kehrseite unsrer zuk&uuml;nftigen Stellung in der
+Welt vorauszusehen. Auch ich habe zun&auml;chst gar nicht daran
+gedacht, habe mich in unserm H&ouml;hengl&uuml;cke behaglich gesonnt, mich
+in ein M&auml;rchenland getr&auml;umt und mich um keine Folgen
+gek&uuml;mmert&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht glaubt sie, ich z&ouml;ge mich aus Geiz zur&uuml;ck ...
+Auch egal! Desto besser! Wenns nur Schlu&szlig; wird!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man h&auml;tte uns
+&uuml;berall, wohin wir gekommen w&auml;ren, Schwierigkeiten bereitet. Du
+h&auml;ttest unversch&auml;mte Fragen, Verleumdungen, Schm&auml;hungen und
+vielleicht Beleidigungen &uuml;ber Dich ergehen lassen m&uuml;ssen.
+Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner K&ouml;nigin erheben.
+Du solltest mein Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der
+Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich
+gehe fort. Wohin? Ach, ich wei&szlig; es nicht, ich bin wahnsinnig!
+
+</P><P>
+
+Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergi&szlig; den Ungl&uuml;cklichen nicht
+ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen,
+damit sie mich in ihre Gebete einschlie&szlig;t!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
+Schreibtisch auf und schlo&szlig; das Fenster.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Ich denke, das gen&uuml;gt! Halt! Noch etwas! Auf keinen
+Fall eine Aussprache!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn Du diese betr&uuml;bten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
+weg, denn ich mu&szlig; eilends fliehen, um der Versuchung zu
+entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach
+werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht
+miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, k&uuml;hl und
+vern&uuml;nftig. Adieu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er setzte noch ein &bdquo;A dieu!&ldquo; darunter, in zwei Worten
+geschrieben. Das hielt er f&uuml;r sehr geschmackvoll.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie soll ich nun unterzeichnen?&ldquo; fragte er sich. &bdquo;Dein
+ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und er schrieb:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dein treuer Freund
+
+</P><P>
+
+R.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Armes Frauchen!&ldquo; dachte er in einem Anflug von R&uuml;hrseligkeit.
+&bdquo;Sie wird denken, ich sei gef&uuml;hllos wie Stein. Eigentlich
+fehlen ein paar Tr&auml;nenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das
+ist mein Fehler.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er go&szlig; etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte
+einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und lie&szlig; einen gro&szlig;en
+Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift
+f&auml;rbte ihn bla&szlig;blau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun
+nach einem Petschaft. Das mit dem Wahlspruch
+<TT>Amor nel Cor</TT> geriet ihm in die Hand.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Pa&szlig;t eigentlich nicht gerade!&ldquo; dachte er. &bdquo;Ach was! Tut
+nichts!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
+
+</P><P>
+
+Es war sp&auml;t geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen
+zwei Uhr auf. Alsbald lie&szlig; er ein K&ouml;rbchen Aprikosen
+pfl&uuml;cken, legte den Brief unter die Weinbl&auml;tter am Boden und
+befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverz&uuml;glich Frau
+Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma h&auml;ufig Nachrichten
+zukommen lassen, je nach der Jahreszeit, zusammen mit Fr&uuml;chten
+oder Wild.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn sie sich nach mir erkundigt,&ldquo; instruierte er, &bdquo;dann
+antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr pers&ouml;nlich
+in die H&auml;nde! Verstanden? So! Ab!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gerhard zog seine neue Bluse an, kn&uuml;pfte sein Taschentuch &uuml;ber
+die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
+schwerf&auml;lligen Schritten voller Gem&uuml;tsruhe gen Yonville.
+
+</P><P>
+
+Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
+besch&auml;ftigt, auf dem K&uuml;chentische zusammen mit Felicie W&auml;sche
+zu falten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eine sch&ouml;ne Empfehlung von meinem Herrn,&ldquo; vermeldete er, &bdquo;und
+das schickt er hier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma &uuml;berkam eine bange Ahnung, und w&auml;hrend sie in ihrer
+Sch&uuml;rzentasche nach einem Geldst&uuml;cke zum Trinkgeld suchte, sah
+sie den Mann mit verst&ouml;rtem Blick an. Der betrachtete sie
+verwundert; er begriff nicht, da&szlig; ein solches Geschenk
+jemanden so sehr aufregen k&ouml;nne. Dann ging er.
+
+</P><P>
+
+Felicie war noch da. Emma hielt es nicht l&auml;nger aus, sie
+eilte in das E&szlig;zimmer, indem sie sagte, sie wolle die
+Aprikosen dahin tragen. Dort sch&uuml;ttete sie den Korb aus, nahm
+die Weinbl&auml;tter heraus und fand den Brief. Sie &ouml;ffnete ihn
+und floh hinauf nach ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr.
+Sie war fassungslos vor Angst.
+
+</P><P>
+
+Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie
+verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe h&ouml;her,
+au&szlig;er Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverr&uuml;ckt, immer den
+unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
+knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
+Bodent&uuml;re stehen.
+
+</P><P>
+
+Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem
+Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht.
+Nirgends war sie ungest&ouml;rt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, hier gehts!&ldquo; sagte sie sich. Sie klinkte die T&uuml;r auf
+und trat in die Bodenkammer.
+
+</P><P>
+
+Unter den Schieferplatten des Daches br&uuml;tete dumpfe
+Schw&uuml;le, die ihr auf die Schl&auml;fen dr&uuml;ckte und den Atem benahm.
+Sie schleppte sich bis zu dem gro&szlig;en Bodenfenster und stie&szlig;
+den Holzladen auf. Grelles Licht flutete ihr entgegen.
+
+</P><P>
+
+Vor ihr, &uuml;ber den D&auml;chern, breitete sich das Land bis in
+die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine
+des Fu&szlig;steigs gl&auml;nzten. Die Wetterfahnen der H&auml;user
+standen unbeweglich. Aus dem Eckhause schr&auml;g gegen&uuml;ber,
+aus einem der Dachfenster drang ein schnarrendes,
+kreischendes Ger&auml;usch herauf. Binet sa&szlig; an seiner Drehbank.
+
+</P><P>
+
+Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit
+zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je
+gr&uuml;ndlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken.
+Im Geist sah sie den Geliebten, h&ouml;rte ihn reden, zog ihn
+leidenschaftlich an sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie
+mit wuchtigen Hammerschl&auml;gen, die immer rascher und
+unregelm&auml;&szlig;iger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie f&uuml;hlte
+den Wunsch in sich, da&szlig; die ganze Welt zusammenst&uuml;rze. Wozu
+weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die
+Vogelfreie?
+
+</P><P>
+
+Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab
+auf das Stra&szlig;enpflaster.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mut! Mut!&ldquo; rief sie sich zu.
+
+</P><P>
+
+Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres
+K&ouml;rpers f&ouml;rmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung,
+als bewege sich die Fl&auml;che des Marktplatzes und hebe
+sich an den H&auml;usermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie
+stand, begann zu schwanken wie das Deck eines Seeschiffes
+... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinaus. Schon hing
+sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und
+die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch
+sich nicht mehr festzuhalten, nur noch die H&auml;nde loszulassen
+... Ohne Unterla&szlig; summte unten die Drehbank wie die rufende
+Stimme eines b&ouml;sen Geistes&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+In diesem Moment rief Karl:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Emma! Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da kam sie wieder zur Besinnung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo steckst du denn? Komm doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, da&szlig; sie soeben dem Tode entronnen war, erf&uuml;llte sie
+mit Schrecken und Grauen. Sie schlo&szlig; die Augen. Zusammenfahrend
+f&uuml;hlte sie sich von jemandem am Arm gefa&szlig;t: es war Felicie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie mu&szlig;te hinunter, mu&szlig;te sich mit zu Tisch setzen.
+
+</P><P>
+
+Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
+hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie
+sich die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und
+wirklich tat sie das und begann die F&auml;den des Gewebes zu
+z&auml;hlen ... Pl&ouml;tzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie
+ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt,
+als da&szlig; sie imstande gewesen w&auml;re, einen Vorwand zu ersinnen,
+um bei Tisch aufstehen zu k&ouml;nnen. Sie war feig geworden. Sie
+hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wu&szlig;te er nun alles,
+sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigent&uuml;mlicher
+Betonung:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer hat dir das gesagt?&ldquo; fragte sie zitternd.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer mir das gesagt hat?&ldquo; wiederholte er, ein wenig betroffen
+von dem harten Klang ihrer Frage. &bdquo;Na, sein Kutscher, dem ich
+vorhin vor dem Cafe Fran&ccedil;ais begegnet bin. Boulanger ist
+verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma schluchzte laut auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wundert dich das?&ldquo; fuhr er fort. &bdquo;Er verdr&uuml;ckt sich doch
+immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm
+nicht verdenken. Wenn man das n&ouml;tige Geld dazu hat und
+Junggeselle ist&nbsp;... &Uuml;brigens ist unser Freund ein
+Lebensk&uuml;nstler! Ein alter Sch&auml;ker! Langlois hat mir
+erz&auml;hlt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstm&auml;dchen gerade
+hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das
+K&ouml;rbchen, das auf der Kredenz stand. Karl lie&szlig; es sich auf
+den Tisch bringen, ohne zu bemerken, da&szlig; seine Frau rot wurde. Er
+nahm eine der Fr&uuml;chte und bi&szlig; hinein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah!&ldquo; machte er. &bdquo;Vorz&uuml;glich! Koste mal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schob ihr das K&ouml;rbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bekomm keine Luft!&ldquo; rief sie und sprang auf. Aber schnell
+beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft.
+&bdquo;Es war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz
+dich nur wieder hin und i&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie f&uuml;rchtete, er k&ouml;nne sie ausfragen, um sie besorgt sein
+und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte
+sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand
+und legte sie dann auf seinen Teller.
+
+</P><P>
+
+Da fuhr drau&szlig;en ein blauer Dogcart im flotten Trabe &uuml;ber den
+Markt. Emma stie&szlig; einen Schrei aus und fiel r&uuml;cklings
+langhin zu Boden.
+
+</P><P>
+
+Rudolf hatte sich nach langer &Uuml;berlegung entschlossen, nach Rouen
+zu fahren. Da nun aber von der H&uuml;chette nach dorthin kein anderer
+Weg als der &uuml;ber Yonville f&uuml;hrte, mu&szlig;te er diesen Ort wohl
+oder &uuml;bel ber&uuml;hren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen,
+die drau&szlig;en die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, da&szlig; im Hause des
+Arztes &bdquo;was los sei&ldquo;, st&uuml;rzte herbei. Der E&szlig;tisch war
+mit allem, was darauf gestanden, umgest&uuml;rzt. Die Teller,
+das Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und &Ouml;l, alles
+lag auf dem Fu&szlig;boden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die
+erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in
+Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden H&auml;nden die Kleider auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde schnell Kr&auml;uteressig aus meinem Laboratorium
+holen!&ldquo; sagte Homais.
+
+</P><P>
+
+Als man Emma das Fl&auml;schchen ans Gesicht hielt, schlug
+sie seufzend die Augen wieder auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo; meinte der Apotheker. &bdquo;Damit kann man Tote
+erwecken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sprich!&ldquo; bat Karl. &bdquo;Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein
+Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib
+ihr einen Ku&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Kind streckte die &Auml;rmchen nach der Mutter aus und
+wollte sie um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg
+und stammelte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht doch! Niemanden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wurde abermals ohnm&auml;chtig. Man trug sie in ihr Bett.
+
+</P><P>
+
+Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
+geschlossen, die H&auml;nde schlaff herabh&auml;ngend, regungslos
+und bla&szlig; wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tr&auml;nen,
+die in zwei Ketten langsam auf das Kissen rannen.
+
+</P><P>
+
+Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
+nachdenklich, wie das bei ernsten Vorf&auml;llen so herk&ouml;mmlich
+ist.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Beruhigen Sie sich!&ldquo; sagte Homais und zupfte den Arzt. &bdquo;Ich
+glaube, der Paroxysmus ist vor&uuml;ber.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. &bdquo;Jetzt
+scheint sie ein wenig zu schlafen, die &Auml;rmste! Ein R&uuml;ckfall in
+das alte Leiden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab
+zur Antwort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz pl&ouml;tzlich! W&auml;hrend sie eine Aprikose a&szlig;.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;chst merkw&uuml;rdig!&ldquo; meinte der Apotheker. &bdquo;Es ist
+indessen m&ouml;glich, da&szlig; die Aprikosen die Ohnmacht verursacht
+haben. Es gibt gewisse Naturen, die f&uuml;r bestimmte Ger&uuml;che
+stark empf&auml;nglich sind. Es w&auml;re eine sehr interessante
+Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen,
+sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen
+Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher gewu&szlig;t, wie
+wertvoll das f&uuml;r sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim
+Gottesdienst ist uralt. Damit schl&auml;fert man den Verstand ein
+und versetzt And&auml;chtige in Ekstase, am leichtesten &uuml;brigens
+weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir M&auml;nner. Ich
+habe von F&auml;llen gelesen, wo Frauen ohnm&auml;chtig geworden sind beim
+Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geben Sie acht, da&szlig; sie nicht aufgeweckt wird!&ldquo; mahnte Bovary
+mit fl&uuml;sternder Stimme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,&ldquo;
+fuhr der Apotheker fort, &bdquo;sondern sogar bei Tieren. Zweifellos
+ist Ihnen nicht unbekannt, da&szlig; <TT>Nepeta
+cataria</TT>, vulg&auml;r Katzenminze, sonderbarerweise auf
+das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum wirkt. Einen
+weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung anf&uuml;hren.
+Bridoux, ein Studienfreund von mir &mdash; er wohnt jetzt in der
+Malpalu-Stra&szlig;e &mdash; besitzt einen Foxterrier, der jedesmal
+Kr&auml;mpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die
+Nase h&auml;lt. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit
+angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde.
+Sollte mans f&uuml;r m&ouml;glich halten, da&szlig; ein so harmloses
+Niesemittel in den Organismus eines Vierf&uuml;&szlig;lers
+derartig eingreifen kann? Das ist h&ouml;chst merkw&uuml;rdig, nicht
+wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo; sagte Karl, der gar nicht darauf geh&ouml;rt hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das beweist uns,&ldquo; fuhr der andre fort,
+gutm&uuml;tig-selbstgef&auml;llig l&auml;chelnd, &bdquo;da&szlig; im Nervensystem
+zahllose Unregelm&auml;&szlig;igkeiten m&ouml;glich sind. Ich mu&szlig; gestehen,
+da&szlig; mir Ihre Frau Gemahlin immer au&szlig;erordentlich reizsam
+vorgekommen ist. Darum m&ouml;chte ich Ihnen, verehrter Freund, auf
+keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die
+angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in
+Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier
+sind Medikamente unn&uuml;tz! Di&auml;t! Weiter nichts! Beruhigende,
+milde, kr&auml;ftigende Kost! Und dann, k&ouml;nnte man bei ihr nicht auch
+irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken versuchen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso? Womit?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage!
+<TT>That is the question!</TT> &mdash; wie ich
+neulich in der Zeitung gelesen habe.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma erwachte und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Brief? Der Brief?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die beiden M&auml;nner glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
+das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentz&uuml;ndung.
+
+</P><P>
+
+In den n&auml;chsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager.
+Er vernachl&auml;ssigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
+unerm&uuml;dlich ma&szlig; er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und
+erneute die Kaltwasser-Umschl&auml;ge. Er schickte Justin nach
+Neufch&acirc;tel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs.
+Justin mu&szlig;te nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert.
+Professor Larivi&egrave;re, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen
+hergeholt. Karl war der v&ouml;lligen Verzweiflung nahe. Am meisten
+&auml;ngstigte ihn Emmas Apathie. Sie sprach nicht, interessierte
+sich f&uuml;r nichts, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu
+empfinden. Es war, als h&auml;tten K&ouml;rper wie Geist bei ihr
+alle ihre Funktionen eingestellt.
+
+</P><P>
+
+Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gest&uuml;tzt, wieder
+aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Br&ouml;tchen
+mit eingemachten Fr&uuml;chten verzehrte, da weinte Karl. Allm&auml;hlich
+kehrten ihre Kr&auml;fte zur&uuml;ck. Sie durfte nachmittags ein paar
+Stunden aufstehen, und eines Tages f&uuml;hlte sie sich soweit
+wohl, da&szlig; sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den
+Garten versuchte.
+
+</P><P>
+
+Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz
+langsam, in Hausschuhen, ohne die F&uuml;&szlig;e zu heben. An Karl
+angeschmiegt, l&auml;chelte sie in einem fort vor sich hin.
+
+</P><P>
+
+So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
+stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
+&uuml;ber die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber
+es gab in der Ferne nichts zu sehen als auf den H&uuml;geln
+gro&szlig;e Feuer, in denen man landwirtschaftliche &Uuml;berbleibsel
+verbrannte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!&ldquo; warnte Karl
+und geleitete sie behutsam zur Laube hin. &bdquo;Setz dich hier ein
+wenig auf die Bank! Das wird dir gut tun!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!&ldquo; stie&szlig; sie mit
+ersterbender Stimme hervor.
+
+</P><P>
+
+Sie wurde ohnm&auml;chtig, und abends war die Krankheit von neuem
+da, und zwar in erh&ouml;htem Grade und mit allerlei Komplikationen.
+Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im
+Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein
+Auswurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der
+Lungenschwindsucht zu erkennen w&auml;hnte.
+
+</P><P>
+
+Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Vierzehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Zun&auml;chst wu&szlig;te er nicht, wie er dem Apotheker die vielen
+Arzneien verg&uuml;ten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als
+Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber das w&auml;re ihm
+peinlich gewesen. Dann war der Haushalt, jetzt wo ihn das
+M&auml;dchen f&uuml;hrte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen
+regneten nur so ins Haus. Die Lieferanten begannen
+ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte Lheureux in l&auml;stiger
+Weise. Er hatte den H&ouml;hepunkt von Emmas Krankheit dazu
+benutzt, ihre Rechnung h&ouml;her auszuschreiben, als sie
+wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche
+und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer
+Gegenst&auml;nde, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es
+n&uuml;tzte Bovary gar nichts, da&szlig; er erkl&auml;rte, er brauche die
+Sachen nicht; der H&auml;ndler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle
+diese Waren seien bei ihm bestellt und er n&auml;hme sie nicht
+zur&uuml;ck. Herr Bovary m&ouml;ge sichs &uuml;berlegen; er werde ihn eher
+verklagen als sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin
+dem M&auml;dchen, die Gegenst&auml;nde im Gesch&auml;ft abzugeben, aber
+Felicie verga&szlig; es. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu
+k&uuml;mmern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit
+unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald
+jammernd, brachte er es so weit, da&szlig; ihm Bovary schlie&szlig;lich
+einen Wechsel ausstellte, der in sechs Monaten f&auml;llig war.
+Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der k&uuml;hne Gedanke,
+tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er
+ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zinsfu&szlig; verschaffen
+k&ouml;nne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen Laden, brachte
+das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich
+Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres
+eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits
+anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine
+Gesamtschuld von zw&ouml;lfhundertundf&uuml;nfzig Franken. Lheureux machte
+hierbei ein ganz h&uuml;bsches Gesch&auml;ft; im &uuml;brigen wu&szlig;te er im
+voraus genau, da&szlig; es hierbei nicht bliebe. Er rechnete
+darauf, da&szlig; der Arzt die Wechsel am F&auml;lligkeitstage nicht
+einl&ouml;sen k&ouml;nne und sie prolongieren m&uuml;sse. Auf diese Weise
+sollte das erst armselige S&uuml;mmchen im Hause des Arztes
+wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und
+eines Tages dick und rund zu ihm zur&uuml;ckkehren.
+
+</P><P>
+
+Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die
+regelm&auml;&szlig;igen Apfelweinlieferungen f&uuml;r das Neufch&acirc;teler
+Krankenhaus. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der
+Torfgruben zu Gr&uuml;mesnil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane,
+zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu er&ouml;ffnen,
+die den alten Rumpelkasten des Goldnen L&ouml;wen unbedingt au&szlig;er
+Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller f&uuml;hre, billiger
+w&auml;re und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von
+Yonville in seine H&auml;nde bringen.
+
+</P><P>
+
+Karl gr&uuml;belte oftmals dar&uuml;ber nach, wie er die betr&auml;chtliche
+Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen k&ouml;nne. Er kam dabei auf
+allerhand M&ouml;glichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
+oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich
+keinen Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte
+sich sonst noch ausdenken, was er wollte: &uuml;berall drohten
+die gr&ouml;&szlig;ten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu
+gern weitere unerfreuliche &Uuml;berlegungen. Er redete sich ein, er
+vernachl&auml;ssige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und
+Trachten widme. Er wollte an nichts andres denken, selbst
+wenn ihr dadurch kein Abbruch gesch&auml;he.
+
+</P><P>
+
+Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam
+vorw&auml;rts. Als das Wetter w&auml;rmer wurde, schob man sie in
+ihrem Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem
+Marktplatze zu gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten
+war ihr jetzt verleidet; deshalb mu&szlig;te seine Jalousie
+best&auml;ndig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, da&szlig; ihr
+Reitpferd verkauft werden solle. Alles, was ihr fr&uuml;her lieb
+gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie k&uuml;mmerte sich um nichts
+mehr als um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie
+in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem M&auml;dchen, um sich
+die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der
+Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen
+Widerschein in das Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand
+eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden
+unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie
+eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der
+allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen L&ouml;wen. Dann redete die
+Wirtin laut, allerlei andre Stimmen l&auml;rmten dazwischen, und die
+Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
+herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
+Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
+ihre Bouillon. Um f&uuml;nf Uhr, wenn es zu d&auml;mmern begann, kamen
+die Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen
+&uuml;ber das Trottoir, und im Vor&uuml;bergehen schlug eins wie
+das andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der
+Fensterl&auml;den.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
+sich nach ihrem Befinden, erz&auml;hlte ihr Neuigkeiten und ermahnte
+sie zur Fr&ouml;mmigkeit in gef&auml;lligem Plaudertone. Schon der Anblick
+der Soutane hatte f&uuml;r Emma etwas Beruhigendes.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte
+sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes
+St&uuml;ndlein sei gekommen. W&auml;hrend man im Gemach die n&ouml;tigen
+Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen
+bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fu&szlig;boden mit
+Blumen bestreute, da war es ihr, als &uuml;berk&auml;me sie eine
+geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen
+und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie k&ouml;rperlos geworden, sie
+hegte keine Gedanken mehr, und ein neues Leben begann ihr. Sie
+hatte das Gef&uuml;hl, als schwebe ihre Seele gen Himmel, als
+verl&ouml;sche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine
+Opferflamme &uuml;ber verglimmendem R&auml;ucherwerk. Man besprengte ihr
+Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die wei&szlig;e Hostie aus
+dem heiligen Ciborium. Halb ohnm&auml;chtig vor &uuml;berirdischer Lust,
+&ouml;ffnete Emma die Lippen, um den Leib des Heilands zu
+empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorh&auml;nge um sie herum
+bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen
+auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
+Gloriolen her&uuml;ber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen
+zur&uuml;cksank, glaubte sie aus himmlischen H&ouml;hen seraphische
+Harfenkl&auml;nge zu h&ouml;ren und im Azur auf goldnem Throne, umringt
+von Heiligen mit gr&uuml;nen Palmen, Gott den Vater in aller seiner
+erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit
+Flammenfl&uuml;geln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Ged&auml;chtnisse.
+Es war der allersch&ouml;nste Traum, den sie je getr&auml;umt. Sie gab
+sich M&uuml;he, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr
+nicht aus der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal
+und in s&uuml;&szlig;er Verkl&auml;rung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich
+in christlicher Demut. Das Gef&uuml;hl der menschlichen Ohnmacht
+ward ihr ein k&ouml;stlicher Genu&szlig;. Sie sah f&ouml;rmlich, wie aus
+ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden
+g&ouml;ttlichen Gnade T&uuml;r und Tor weit &ouml;ffnete. Es gab also
+au&szlig;er dem Erdengl&uuml;ck eine h&ouml;here Gl&uuml;ckseligkeit und &uuml;ber
+aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und
+ohne Ende, eine Br&uuml;cke in das Ewige! In neuen Illusionen
+ertr&auml;umte sie sich &uuml;ber der Erde ein Reich der Reinheit, einen
+Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine
+Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkr&auml;nze und trug Amulette.
+Ihr gr&ouml;&szlig;ter Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu H&auml;upten ihres
+Bettes, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den
+wollte sie dann alle Abende k&uuml;ssen.
+
+</P><P>
+
+Der Pfarrer wunderte sich &uuml;ber Emmas Wandlung, verhehlte sich
+jedoch nicht, da&szlig; diese allzu inbr&uuml;nstige Fr&ouml;mmigkeit sehr
+leicht in &Uuml;berschwenglichkeit und Ketzerei ausarten k&ouml;nne.
+Aber er war kein Seelenkenner, zumal au&szlig;ergew&ouml;hnlichen
+Erscheinungen gegen&uuml;ber. Deshalb wandte er sich an den
+Buchh&auml;ndler des Erzbischofs und bat ihn, ihm &bdquo;ein
+passendes Erbauungsbuch f&uuml;r eine gebildete
+Frauensperson&ldquo; zu schicken. Mit der gr&ouml;&szlig;ten
+Gleichg&uuml;ltigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen
+Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
+Buchh&auml;ndler alle m&ouml;glichen gerade vorr&auml;tigen frommen Schriften
+in ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,
+Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und fr&ouml;mmelnde Romane in
+rosa Einb&auml;ndchen und s&uuml;&szlig;lichem Stil, verbrochen von dichtenden
+Schulmeistern oder blaustr&uuml;mpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
+&bdquo;Die Herzpostille&ldquo;, &bdquo;Der Weltmann zu F&uuml;&szlig;en Mari&auml;. Von Herrn
+von ***, Ritter mehrerer Orden&ldquo;, &bdquo;Voltaires Ketzereien zum
+Gebrauch f&uuml;r die Jugend&ldquo;, usw. usw.
+
+</P><P>
+
+Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
+Dingen ernstlich befassen zu k&ouml;nnen. &Uuml;berdies st&uuml;rzte sie
+sich auf diese B&uuml;cher mit allzu gro&szlig;em Bed&uuml;rfnis nach
+wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren emp&ouml;rte
+sie, die Anma&szlig;ungen der Polemik stie&szlig;en sie ab, und die
+Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden,
+mi&szlig;fiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religi&ouml;se
+Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der
+geringsten Weltkenntnis. Sie verschleierten die Realit&auml;ten
+des Lebens, f&uuml;r deren Brutalit&auml;t sie viel lieber
+literarische Beweise gefunden h&auml;tte. Trotzdem las sie weiter,
+und wenn ihr eins der B&uuml;cher aus den H&auml;nden glitt, dann
+w&auml;hnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
+empfinden, wie ihn nur die &uuml;bersinnlichsten Seelen zu versp&uuml;ren
+imstande sind.
+
+</P><P>
+
+Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres
+Herzens begraben; darin ruhte es unber&uuml;hrter und stiller
+denn eine &auml;gyptische K&ouml;nigsmumie in ihrer Kammer. Aus
+dieser gro&szlig;en eingesargten Liebe drang ein leiser, alles
+durchstr&ouml;mender Duft von Z&auml;rtlichkeit in das neue reine
+Dasein, das Emma f&uuml;hren wollte. Wenn sie in ihrem gotischen
+Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten
+Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugefl&uuml;stert hatte in den
+Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie der g&ouml;ttlichen
+Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine
+Tr&ouml;stung, und sie erhob sich mit m&uuml;den Gliedern und dem leeren
+Gef&uuml;hl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,
+dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
+ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den gro&szlig;en Damen
+der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie &uuml;ber den
+Szenen aus dem Leben des Fr&auml;uleins von Lavalli&egrave;re
+tr&auml;umte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit k&ouml;niglicher
+Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen
+Stunden zu F&uuml;&szlig;en Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen
+ausgeweint hatten.
+
+</P><P>
+
+Nun wurde sie &uuml;ber die Ma&szlig;en mildt&auml;tig. Sie n&auml;hte Kleider f&uuml;r
+die Armen, schickte W&ouml;chnerinnen Brennholz, und als Karl
+eines Tages heimkam, fand er in der K&uuml;che drei
+Gassenjungen, die Suppe a&szlig;en. Die kleine Berta wurde wieder
+ins Haus genommen; Karl hatte sie w&auml;hrend der Krankheit
+seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma
+das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte, regte sie sich
+nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation &uuml;ber sie gekommen,
+eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache ward voll
+gew&auml;hlter Ausdr&uuml;cke, selbst Allt&auml;glichkeiten gegen&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,
+abgesehen von ihrer Manie, f&uuml;r Waisenkinder Jacken zu stricken
+und ihre eigenen Wischt&uuml;cher unausgebessert zu lassen. Aber
+die gute Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause derma&szlig;en
+m&uuml;de, da&szlig; ihr der Frieden am Herde ihres Sohnes so
+wohltat, da&szlig; sie bis nach Ostern dablieb, um den
+B&auml;rbei&szlig;igkeiten des alten Bovary zu entgehen, der alle
+Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem
+Tische sehen wollte.
+
+</P><P>
+
+Au&szlig;er der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
+Rechtlichkeit und ihr w&uuml;rdiges Wesen einen gewissen Halt gab,
+hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten
+mit ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau D&uuml;breuil, Frau
+T&uuml;vache, sowie die treffliche Frau Homais, die sich
+regelm&auml;&szlig;ig zwischen drei und f&uuml;nf Uhr einstellte. Sie hatte dem
+Klatsch, der &uuml;ber ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war,
+niemals Glauben schenken wollen. Auch die Apothekerskinder
+kamen mitunter in Justins Begleitung. Er brachte sie in
+Emmas Zimmer und blieb in der N&auml;he der T&uuml;re stehen, ohne sich
+zu r&uuml;hren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau
+Bovary gar nicht und lie&szlig; sich in ihrem Toilettemachen nicht
+st&ouml;ren. Sie k&auml;mmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem
+Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigent&uuml;mlichen
+heftigen Bewegung zur&uuml;ckwarf. Als der arme Junge zum ersten
+Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln
+bis zu den Knien herabwallte, war es ihm zumute, als
+schaue er pl&ouml;tzlich ganz Neues, Au&szlig;ergew&ouml;hnliches, und er
+starrte wie geblendet hin.
+
+</P><P>
+
+Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entz&uuml;cken noch
+seine sch&uuml;chterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, da&szlig; die
+aus ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in
+neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd,
+in einem jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer
+Frauensch&ouml;nheit weit &ouml;ffnete. Im &uuml;brigen war sie jetzt in jeder
+Hinsicht grenzenlos gleichg&uuml;ltig. Mit dem stolzesten Gesichte
+sagte sie die z&auml;rtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so
+widerspruchsvoll, da&szlig; man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid
+an ihr unterscheiden konnte. Man wu&szlig;te nicht mehr, war sie
+verdorben oder unnahbar.
+
+</P><P>
+
+Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten &uuml;ber ihr
+Dienstm&auml;dchen. Es bat, ausgehen zu d&uuml;rfen, und
+stotterte irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du liebst ihn also?&ldquo; und, ohne Felicies Antwort abzuwarten,
+f&uuml;gte sie in traurigem Tone hinzu: &bdquo;Geh! Lauf! Vergn&uuml;ge dich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In den ersten Fr&uuml;hlingstagen lie&szlig; sie den Garten vollst&auml;ndig
+um&auml;ndern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich
+dar&uuml;ber, da&szlig; sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
+&auml;u&szlig;erte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, da&szlig; sie
+sich wieder erholt hatte. Zun&auml;chst brachte sie es zuwege, da&szlig;
+Frau Rollet, die Amme, die sichs angew&ouml;hnt hatte, Tag f&uuml;r Tag
+mit ihren S&auml;uglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen
+Appetit in der K&uuml;che zu erscheinen, von dannen gejagt wurde.
+Sodann sch&uuml;ttelte sie sich die Familie Homais vom Halse, nach
+und nach auch die andern regelm&auml;&szlig;igen Besucherinnen. Sogar in
+die Kirche ging sie seltener, zur gro&szlig;en Freude des
+Apothekers, der ihr daraufhin freundschaftlichst erkl&auml;rte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der
+Katechismusstunde. Am liebsten blieb er im Freien, im
+&bdquo;Hain&ldquo;, wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um
+dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so
+bekamen die beiden M&auml;nner eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den
+sie &bdquo;auf die v&ouml;llige Genesung der gn&auml;digen Frau&ldquo; tranken.
+
+</P><P>
+
+&Ouml;fters fand sich auch Binet ein, das hei&szlig;t: er sa&szlig;
+etwas tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary
+lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im
+Aufbrechen von Sektflaschen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zun&auml;chst mu&szlig; man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,&ldquo;
+dozierte er, indem er selbstbewu&szlig;t um sich blickte, &bdquo;dann
+zerschneidet man die Bindf&auml;den, und dann l&auml;&szlig;t man dem Pfropfen
+ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber bei dieser Vorf&uuml;hrung spritzte der Sekt &ouml;fters der
+ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterlie&szlig;
+es niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Seine Vortrefflichkeit springt einem buchst&auml;blich in die Augen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas
+dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit
+seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort
+im Theater den ber&uuml;hmten Tenor Lagardy anh&ouml;ren. Homais
+wunderte sich &uuml;ber diese Duldsamkeit und f&uuml;hlte ihm deshalb
+etwas auf den Zahn. Der Priester erkl&auml;rte, er halte die Musik
+f&uuml;r weniger sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais
+verteidigte die letztere. Er behauptete, das Theater k&auml;mpfe
+unter dem leichten Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen
+und f&uuml;r die wahre Moral.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<TT>Castigat ridendo mores,</TT> verehrter
+Herr Pfarrer!&ldquo; zitierte er. &bdquo;Sehen Sie sich daraufhin mal die
+Trag&ouml;dien Voltaires an! Die meisten von ihnen sind mit
+philosophischen Aphorismen durchsetzt, die eine wahre Schule
+der Moral und Lebensklugheit f&uuml;r das Volk sind.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe einmal ein St&uuml;ck gesehen,&ldquo; sagte Binet, &bdquo;es
+hie&szlig;: &sbquo;Der Pariser Taugenichts.&lsquo; Darin kommt ein
+alter General vor, wirklich ein hahneb&uuml;chner Kerl. Er verst&ouml;&szlig;t
+seinen Sohn, der eine Arbeiterin verf&uuml;hrt hat; zu guter Letzt
+aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;&ldquo;, unterbrach ihn Homais, &bdquo;gibt es schlechte
+Literatur, genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die
+wichtigste aller K&uuml;nste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu
+verurteilen, das d&uuml;nkt mich eine kolossale Dummheit, eine
+groteske Idee, w&uuml;rdig der abscheulichen Zeiten, die einen
+Galilei im Kerker schmachten lie&szlig;en.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Pfarrer ergriff das Wort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig; sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute
+Theaterschriftsteller. Aber diese modernen St&uuml;cke, in denen
+Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgem&auml;chern,
+vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese
+schamlosen B&uuml;hnenm&auml;tzchen, dieser Kost&uuml;mluxus, diese
+Lichtvergeudung, dieser Feminismus, alles das hat
+keine andre Wirkung, als da&szlig; es leichtfertige Ideen in die
+Welt setzt, sch&auml;ndliche Gedanken und unz&uuml;chtige Anwandlungen.
+Wenigstens ist das zu allen Zeiten die Ansicht der
+kirchlichen Autorit&auml;ten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er nahm einen salbungsvollen Ton an, w&auml;hrend er zwischen
+seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. &bdquo;Und wenn die
+Kirche das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie
+in ihrem vollen Rechte. Wir m&uuml;ssen uns ihrem Gebote f&uuml;gen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl,&ldquo; eiferte der Apotheker, &bdquo;man exkommuniziert die
+Schauspieler. In fr&uuml;heren Jahrhunderten nahmen sie an den
+kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
+possenhafte St&uuml;cke, die sogenannten Mysterien, in denen es
+h&auml;ufig nichts weniger als dezent zuging&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Geistliche begn&uuml;gte sich, einen Seufzer auszusto&szlig;en. Der
+Apotheker redete immer weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin &mdash; Sie
+wissens ja am besten &mdash; von Unanst&auml;ndigkeiten und &mdash; man kann
+nicht anders sagen &mdash; groben Schweinereien&nbsp;...&ldquo; Bournisien
+machte eine unwillige Geb&auml;rde. &bdquo;Aber Sie m&uuml;ssen mir doch
+zugeben, da&szlig; das kein Buch ist, das man jungen Leuten in
+die Hand geben kann. Ich werde es nie zulassen, da&szlig; meine
+Athalie&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das sind ja die Protestanten, nicht wir,&ldquo; rief der Pfarrer
+ungeduldig, &bdquo;die den Leuten die Bibel &uuml;berlassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das kommt hier nicht in Frage&ldquo;, erkl&auml;rte Homais. &bdquo;Ich
+wundre mich nur, da&szlig; man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
+wissenschaftlichen Aufkl&auml;rung, eine geistige Erholung zu
+verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja
+sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit f&ouml;rdert! Das
+ist doch so, nicht, Doktor?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zweifellos!&ldquo; erwiderte der Arzt nachl&auml;ssig. Entweder wollte
+er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte,
+oder er hatte hier&uuml;ber &uuml;berhaupt keine Meinung.
+
+</P><P>
+
+Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
+es f&uuml;r angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe Geistliche gekannt,&ldquo; behauptete er, &bdquo;die in Zivil
+ins Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen
+strampeln zu sehen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was!&ldquo; wehrte der Pfarrer ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch! Ich kenne welche!&ldquo; Und nochmals sagte er, Silbe f&uuml;r
+Silbe einzeln betonend: &bdquo;Ich &mdash; ken &mdash; ne &mdash; wel &mdash; che!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na ja,&ldquo; meinte Bournisien nachgiebig, &bdquo;die Betreffenden haben
+da aber etwas Unrechtes getan.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch
+ganz andre Dinge!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr &mdash; Apo &mdash; the &mdash; ker!&ldquo; rief der Geistliche mit einem so
+zornigen Blicke, da&szlig; Homais eingesch&uuml;chtert wurde und
+einlenkte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte damit ja nur sagen, da&szlig; die Toleranz die beste
+F&uuml;rsprecherin der Kirche ist.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr wahr! Sehr wahr!&ldquo; gab der gutm&uuml;tige Pfarrer zu, indem er
+sich wieder in seinen Stuhl zur&uuml;cklehnte. Er blieb aber nur noch
+ein paar Minuten.
+
+</P><P>
+
+Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal
+gesteckt! Sie habens ja mit angeh&ouml;rt! Um darauf
+zur&uuml;ckzukommen: tun Sie das ja, f&uuml;hren Sie Ihre Frau in
+das Theater, und wenns blo&szlig; deshalb w&auml;re, um diesen
+schwarzen Raben damit zu &auml;rgern. Sapperlot! Wenn ich einen
+Vertreter h&auml;tte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich
+dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
+Engagement nach England f&uuml;r ein Riesenhonorar! &Uuml;brigens soll
+er ein toller Schweren&ouml;ter sein! Er schwimmt im Gold! Drei
+Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese gro&szlig;en
+K&uuml;nstler k&ouml;nnen nicht rechnen. Sie brauchen ein
+verschwenderisches Dasein, es regt ihre Phantasie an.
+Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu
+sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys
+Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs
+wollte sie nichts davon wissen und meinte, sie f&uuml;hle sich zu
+schwach, es sei zu beschwerlich und zu kostspielig.
+Ausnahmsweise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete,
+da&szlig; ihr diese Zerstreuung sehr dienlich w&auml;re. Irgendwelche
+Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm j&uuml;ngst ganz
+unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden
+Ausgaben waren nicht gro&szlig;, und die Wechselschuld bei Lheureux
+war noch lange nicht f&auml;llig, so da&szlig; er daran nicht zu denken
+brauchte. Er dachte, Emma str&auml;ube sich nur aus R&uuml;cksicht auf
+ihn. Deshalb best&uuml;rmte er sie immer mehr, bis sie seinen
+Bitten schlie&szlig;lich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren
+sie mit der Post ab.
+
+</P><P>
+
+Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zur&uuml;ck,
+aber er hielt sich f&uuml;r unabk&ouml;mmlich. Als er die beiden
+einsteigen sah, jammerte er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gl&uuml;ckliche Reise!&ldquo; sagte er. &bdquo;Habt ihrs gut!&ldquo; Und zu Emma
+gewandt, f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Sie sehen zum Anbei&szlig;en h&uuml;bsch
+aus! Sie werden in Rouen Furore machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Post spannte in Rouen im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; am Beauvoisine-Platz
+aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit
+ger&auml;umigen St&auml;llen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe
+lief eine Schar H&uuml;hner herum, die unter den verschmutzten
+Einsp&auml;nnern der Gesch&auml;ftsreisenden ihre Haferk&ouml;rner
+aufpickten. Es war eine der Herbergen aus der guten alten
+Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Wintern&auml;chten im
+Winde knarren; die G&auml;ste, der L&auml;rm und die Esserei werden in
+ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller gro&szlig;er
+Kaffeeflecke, die tr&uuml;ben dicken Fensterscheiben voller
+Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren.
+Auf der Stra&szlig;enseite gibt es ein Caf&eacute; und hinten nach dem
+Freien zu einen Gem&uuml;segarten. Alles tr&auml;gt einen l&auml;ndlichen
+Anstrich.
+
+</P><P>
+
+Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse
+wu&szlig;te er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang
+und Galerie war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch
+nicht kl&uuml;ger. Der Kassierer wies ihn in die Direktion.
+Schlie&szlig;lich rannte er noch einmal in den Gasthof zur&uuml;ck, dann
+wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmals durch die
+halbe Stadt.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
+Karl war fortw&auml;hrend in Angst, den Beginn der Oper zu vers&auml;umen.
+Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
+nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die T&uuml;ren
+noch geschlossen.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nfzehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Eine Menge Menschen umlagerte die Eing&auml;nge. &Uuml;berall an den Ecken
+der in der N&auml;he gelegenen Stra&szlig;en prangten riesige Plakate, die
+in auff&auml;lligen Lettern ausschrien:
+
+</P>
+
+<CENTER>
+LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
+<BR>
+DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
+
+</CENTER>
+
+<P>
+
+Es war ein sch&ouml;ner, aber hei&szlig;er Tag. Der Schwei&szlig; rann den
+Leuten &uuml;ber die Stirn, und sie f&auml;chelten ihren erhitzten
+Gesichtern mit den Taschent&uuml;chern K&uuml;hlung zu. Hin und wieder
+wehte lauer Wind vom Strome her und bl&auml;hte ein wenig die
+Leinwandmarkisen der Restaurants. Weiter unten, an den Kais,
+wurde man durch einen eisigen Luftzug abgek&uuml;hlt, in den sich
+Ger&uuml;che von Talg, Leder und &Ouml;l aus den zahlreichen dunklen,
+vom Rollen der gro&szlig;en F&auml;sser l&auml;rmigen Gew&ouml;lben der
+Karren-Gasse mischten.
+
+</P><P>
+
+Aus Furcht, sich l&auml;cherlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
+noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen
+Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl
+die Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig
+mit seinen Fingern fest und dr&uuml;ckte sie gegen die Bauchwand, so
+da&szlig; er sie in einem fort f&uuml;hlte.
+
+</P><P>
+
+In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, da&szlig;
+sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
+hinaufschob, w&auml;hrend sie selbst die breite Treppe zum ersten
+Range emporschreiten durfte, l&auml;chelte sie unwillk&uuml;rlich vor
+Eitelkeit. Es gew&auml;hrte ihr ein kindliches Vergn&uuml;gen, die
+breiten vergoldeten T&uuml;ren mit der Hand aufzusto&szlig;en. In vollen
+Z&uuml;gen atmete sie den Staubgeruch der G&auml;nge ein, und als sie
+in ihrer Loge sa&szlig;, machte sie sichs mit einer Ungezwungenheit
+einer Principessa bequem.
+
+</P><P>
+
+Das Haus f&uuml;llte sich allm&auml;hlich. Die Operngl&auml;ser kamen
+aus ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus
+der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von
+der Unrast ihres Kr&auml;merlebens erholen, doch sie verga&szlig;en
+die Gesch&auml;fte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle,
+Fusel und Indigo. Das waren Grauk&ouml;pfe mit friedfertigen
+Alltagsgesichtern; wei&szlig; in der Farbe von Haar und Haut,
+glichen sie einander wie abgegriffene Silberm&uuml;nzen. Im Parkett
+paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und
+grasgr&uuml;nen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie
+sie sich mit gelbbehandschuhten H&auml;nden auf die goldenen Kn&auml;ufe
+ihrer St&ouml;cke st&uuml;tzten. Jetzt wurden die Orchesterlampen
+angez&uuml;ndet, und der Kronleuchter ward von der Decke
+herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
+Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
+die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres
+Get&ouml;se an von brummenden Kontrab&auml;ssen, kratzenden Violinen,
+fauchenden Klarinetten und winselnden Fl&ouml;ten. Endlich drei kurze
+Schl&auml;ge mit dem Taktstocke des Kapellmeisters.
+Paukenwirbel, H&ouml;rnerklang. Der Vorhang hob sich.
+
+</P><P>
+
+Auf der B&uuml;hne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
+Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
+M&auml;ntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
+Edelmann auf, der die Geister der H&ouml;lle mit gen Himmel gereckten
+Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
+ab. Der Chor singt von neuem.
+
+</P><P>
+
+Emma sah sich in die Atmosph&auml;re ihrer M&auml;dchenlekt&uuml;re
+zur&uuml;ckversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr,
+als h&ouml;re sie den Klang schottischer Dudels&auml;cke &uuml;ber die
+nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten
+erleichterte ihr das Verst&auml;ndnis der Oper. Aufmerksam
+folgte sie der intriganten Handlung, w&auml;hrend eine Flut von
+Gedanken in ihr aufwallte, um alsbald unter den Wogen der Musik
+wieder zu verflie&szlig;en. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien
+hin. Sie f&uuml;hlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in
+Schwingungen geriet, als strichen die Violinenbogen &uuml;ber ihre
+Nerven. Sie h&auml;tte hundert Augen haben m&ouml;gen, um sich satt sehen
+zu k&ouml;nnen an den Dekorationen, Kost&uuml;men, Gestalten, an den
+gemalten und doch zitternden B&auml;umen, an den Samtbaretten,
+Ritterm&auml;nteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen
+eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt
+lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in
+gr&uuml;nem Rocke eine B&ouml;rse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun
+kam ein Fl&ouml;tensolo, zart wie Quellengefl&uuml;ster und
+Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
+von ungl&uuml;cklicher Liebe und w&uuml;nschte sich Fl&uuml;gel. Ach, auch
+Emma h&auml;tte aus diesem Leben fliehen m&ouml;gen, weit weg in
+Liebesarmen!
+
+</P><P>
+
+Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
+schimmernden blassen Teint, der dem S&uuml;dl&auml;nder etwas von der
+grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine m&auml;nnliche
+Gestalt war in ein braunes Wams gezw&auml;ngt. Ein kleiner Dolch
+mit zierlichem Geh&auml;nge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange
+schmachtende Blicke und zeigte seine blendend wei&szlig;en Z&auml;hne. Man
+hatte Emma erz&auml;hlt, eine polnische F&uuml;rstin habe ihn am Strand
+von Biarritz singen h&ouml;ren, wo er Schiffszimmermann gewesen
+sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert.
+Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen.
+
+</P><P>
+
+Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
+ber&uuml;hmten K&uuml;nstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte
+es sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische
+Floskeln &uuml;ber den bezaubernden Eindruck seiner Pers&ouml;nlichkeit
+und die leichte Empf&auml;nglichkeit seines Herzens zu
+lancieren. Er besa&szlig; eine sch&ouml;ne Stimme, unfehlbare Sicherheit,
+mehr Temperament als Intelligenz, mehr Pathos als
+Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem
+Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador.
+
+</P><P>
+
+Sobald er nur auf der B&uuml;hne erschien, begeisterte er Emma. Er
+schlo&szlig; Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
+sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Ha&szlig; wild auf, bald
+klagte er in den zartesten Elegien, und die T&ouml;ne perlten ihm
+aus der Kehle, zwischen Tr&auml;nen und K&uuml;ssen. Emma beugte sich
+weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingern&auml;gel in
+den Pl&uuml;sch der Logenbr&uuml;stung eingruben. Ihr Herz ward voll von
+diesen wehm&uuml;tigen Melodien, die, von den Kontrab&auml;ssen dumpf
+begleitet, nicht aufh&ouml;rten, gleich wie die Notschreie von
+Schiffbr&uuml;chigen im Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle
+diese Verz&uuml;cktheiten und Herzens&auml;ngste, die sie unl&auml;ngst dem
+Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna
+ersch&uuml;tterte sie wie eine laute Verk&uuml;ndung ihrer heimlichsten
+Beichte. Das Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen
+Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in
+der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie
+Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, als sie sich Lebewohl
+sagten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Beifall durchst&uuml;rmte das Haus. Die ganze Stretta mu&szlig;te
+wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen
+auf ihren Gr&auml;bern, von Treue, Trennung, Verh&auml;ngnis und
+Hoffnungen; und als sie sich den letzten Scheidegru&szlig; zuriefen,
+stie&szlig; Emma einen lauten Schrei aus, der in der Orchestermusik
+des Finale verhallte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum l&auml;&szlig;t sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in
+Ruhe?&ldquo; fragte Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber nein!&ldquo; antwortete sie. &bdquo;Das ist doch ihr Geliebter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er schw&ouml;rt doch, er wolle sich an ihrer Familie r&auml;chen. Und
+der andre, der dann kam, hat doch gesagt:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Nimm, Teure, meine Schw&uuml;re an<BR>
+Der reinsten, w&auml;rmsten Liebe!&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+<P>
+Und sie sagt:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;So sei es denn!&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+<P>
+&Uuml;brigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
+H&auml;&szlig;liche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr
+Vater, nicht wahr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
+zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mi&szlig;verstanden
+hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen
+gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nichts
+begriffen zu haben. Die Musik st&ouml;re, sie beeintr&auml;chtige den
+Text.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was schadet das?&ldquo; wandte Emma ein. &bdquo;Nun sei aber
+still!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er lehnte sich an ihren Arm. &bdquo;Ich m&ouml;chte gern im Bilde sein.
+Wei&szlig;t du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sei doch endlich still!&ldquo; sagte sie unwillig. &bdquo;Schweig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gest&uuml;tzt, einen Myrtenkranz im
+Haar, bleicher als der wei&szlig;e Atlas ihres Kleides ...
+Emma gedachte ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich
+zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fu&szlig;weg auf dem Gange
+zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia,
+unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fr&ouml;hlich
+gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie
+zuschritt ... Ach, h&auml;tte sie, jung und frisch und sch&ouml;n, noch
+nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht entt&auml;uscht in ihrem
+Ehebruch, auf ein festes edles Herz bauen und Tugend,
+Z&auml;rtlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen f&uuml;hlen
+d&uuml;rfen! Niemals w&auml;re sie von der H&ouml;he solcher
+Gl&uuml;ckseligkeit herabgesunken! &bdquo;Nein, nein!&ldquo; rief sie
+schmerzlich bei sich aus. &bdquo;All das gro&szlig;e Gl&uuml;ck da unten
+ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehns&uuml;chtigen oder
+verzweifelten Phantasten!&ldquo; Jetzt erkannte sie, da&szlig; die
+Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der
+&Uuml;berschwenglichkeit der Kunst etwas Gro&szlig;es. Sie versuchte
+sich zur n&uuml;chternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser
+Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nichts mehr sehen als ein
+plastisches Phantasiegebilde, nichts mehr und nichts
+weniger als eine am&uuml;sante Augenweide. Und so l&auml;chelte sie in
+Gedanken &uuml;berlegen-nachsichtig, als im Hintergrunde der B&uuml;hne
+hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel
+erschien, dem sein breitkrempiger gro&szlig;er Hut bei einer
+K&ouml;rperbewegung vom Kopfe fiel.
+
+</P><P>
+
+Das Sextett begann. S&auml;nger und Orchester entfalten sich.
+Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
+schleudert ihm in wuchtigen T&ouml;nen seine Todesdrohungen
+entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im
+Ma&szlig;e der Nebenrolle, und Raimunds Ba&szlig; brummt wie
+Orgelgebraus. Die Frauen des Chors wiederholen die Worte,
+ein k&ouml;stliches Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer
+Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen
+entstr&ouml;men gleichzeitig ihren aufgerissenen M&uuml;ndern. Der
+w&uuml;tende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der
+Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und
+nieder, w&auml;hrend er m&auml;chtigen Schritts in seinen
+sporenklirrenden Stulpenstiefeln &uuml;ber die B&uuml;hne schreitet.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er mu&szlig; eine unersch&ouml;pfliche Liebe in sich tragen,&ldquo; dachte
+Emma, &bdquo;da&szlig; er sie an die Menge so verschwenden kann.&ldquo; Ihre
+Anwandlung von Geringsch&auml;tzigkeit schwand vor dem Zauber seiner
+Rolle. Sie f&uuml;hlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter
+dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben
+vorzustellen, sein bewegtes, ungew&ouml;hnliches, gl&auml;nzendes
+Leben, an dem sie h&auml;tte teilnehmen k&ouml;nnen, wenn es der Zufall
+gef&uuml;gt h&auml;tte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und
+sich ineinander verliebt! Sie w&auml;re mit ihm durch alle L&auml;nder
+Europas gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, h&auml;tte mit ihm
+M&uuml;hen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm
+streute, und seine B&uuml;hnenkost&uuml;me eigenh&auml;ndig gestickt. Alle
+Abende h&auml;tte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter
+aufmerksam den S&auml;ngen seiner Seele gelauscht, die einzig und
+allein ihr gewidmet w&auml;ren. Von der Szene, beim Singen, h&auml;tte er
+zu ihr geschaut&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Sie erschrak und ward verwirrt. Der S&auml;nger sah zu ihr hinauf.
+Kein Zweifel! Sie h&auml;tte zu ihm hinst&uuml;rzen m&ouml;gen, in seine Arme,
+in seine Umarmung fliehen, als sei er die Verk&ouml;rperung der
+Liebe, und ihm laut zurufen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nimm mich, entf&uuml;hre mich! Komm! Ich geh&ouml;re dir, nur dir! Dir
+gelten alle meine Tr&auml;ume, mein ganzes hei&szlig;es Herz!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Vorhang fiel.
+
+</P><P>
+
+Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das F&auml;cheln der
+F&auml;cher machte die Luft noch unertr&auml;glicher. Emma wollte die Loge
+verlassen, aber die G&auml;nge waren durch die vielen Menschen
+versperrt. Sie sank in ihren Sessel zur&uuml;ck. Sie bekam Herzklopfen
+und Atemnot. Da Karl f&uuml;rchtete, sie k&ouml;nne ohnm&auml;chtig werden,
+eilte er nach dem B&uuml;fett, um ihr ein Glas Mandelmilch zu
+holen.
+
+</P><P>
+
+Er hatte gro&szlig;e M&uuml;he, wieder nach der Loge zu gelangen. Das
+Glas in beiden H&auml;nden, rannte er bei jedem Schritte, den er
+tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schlie&szlig;lich go&szlig; er
+dreiviertel des Inhalts einer Dame in ausgeschnittener
+Toilette &uuml;ber die Schulter. Als sie das k&uuml;hle Na&szlig;, das
+ihr den R&uuml;cken hinabrann, sp&uuml;rte, schrie sie laut auf, als ob
+man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
+Seifenfabrikant, ereiferte sich &uuml;ber diese Ungeschicktheit.
+W&auml;hrend seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
+sch&ouml;nen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er w&uuml;tend etwas
+von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl gl&uuml;cklich
+bei Emma wieder an. G&auml;nzlich au&szlig;er Atem berichtete er ihr:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wei&szlig; Gott, beinahe h&auml;tt ich mich nicht durchgew&uuml;rgt! Nein,
+diese Menschheit! Diese Menschheit!&ldquo; Nach einigem
+Verschnaufen f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Und ahnst du, wer mir da oben
+begegnet ist? Leo!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt
+auch schon in der Loge erschien. Mit weltm&auml;nnischer
+Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau
+Bovary die ihrige aus, wie im Banne eines st&auml;rkeren
+Willens. Diesen fremden Einflu&szlig; hatte sie lange nicht
+empfunden, seit jenem Fr&uuml;hlingsnachmittage nicht, an dem sie
+voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und
+drau&szlig;en war leiser Regen auf die Bl&auml;tter gefallen. Aber rasch
+besann sie sich auf das, was die jetzige Situation und die
+Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft sch&uuml;ttelte sie den alten
+Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar
+hastige Redensarten zu stammeln:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruhe!&ldquo; ert&ouml;nte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte
+n&auml;mlich der dritte Akt begonnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So sind Sie also in Rouen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, gn&auml;dige Frau!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und seit wann?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hinaus! Hinaus!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
+
+</P><P>
+
+Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit
+vorbei. Der Chor der Hochzeitsg&auml;ste, die Szene zwischen Ashton
+und seinem Diener, das gro&szlig;e Duett in D-Dur, alles das
+spielte sich f&uuml;r sie wie in gro&szlig;er Entfernung ab. Es war ihr,
+als kl&auml;nge das Orchester nur noch ged&auml;mpft, als s&auml;ngen
+die Personen ihr weit entr&uuml;ckt. Sie dachte zur&uuml;ck an die
+Spielabende im Hause des Apothekers, an den Gang zu der Amme
+ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an die
+Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
+armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
+und die sie l&auml;ngst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
+Welches Zusammentreffen von besonderen Umst&auml;nden lie&szlig; ihn von
+neuem ihren Lebenspfad kreuzen?
+
+</P><P>
+
+Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
+Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
+seiner Atemz&uuml;ge auf ihrem Haar sp&uuml;rte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Macht Ihnen denn das Spa&szlig;?&ldquo; fragte er sie, indem er sich
+&uuml;ber sie beugte, so da&szlig; die Spitze seines Schnurrbarts
+ihre Wange streifte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nicht besonders!&ldquo; entgegnete sie leichthin.
+
+</P><P>
+
+Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und
+irgendwo eine Portion Eis zu essen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!&ldquo; sagte Bovary. &bdquo;Sie hat
+aufgel&ouml;stes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das
+Spiel der S&auml;ngerin schien ihr &uuml;bertrieben.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie schreit zu sehr!&ldquo; meinte sie, zu Karl gewandt, der
+aufmerksam zuh&ouml;rte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;M&ouml;glich! Jawohl! Ein wenig!&ldquo; gab er zur Antwort. Eigentlich
+gefiel ihm die S&auml;ngerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
+immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschl&uuml;ssig.
+
+</P><P>
+
+Leo st&ouml;hnte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist das eine Hitze!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Tats&auml;chlich! Nicht zum Aushalten!&ldquo; sagte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vertr&auml;gst dus nicht mehr?&ldquo; fragte Bovary.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich ersticke! Wir wollen gehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
+schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
+Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
+
+</P><P>
+
+Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie
+versuchte mehrfach, dem Gespr&auml;ch eine andere Wendung zu geben,
+indem sie die Bemerkung machte, sie f&uuml;rchte, Herrn Leo k&ouml;nne
+das langweilen. Darauf erz&auml;hlte dieser, er m&uuml;sse sich in
+Rouen zwei Jahre t&uuml;chtig auf die Hosen setzen, um sich in die
+hiesige Rechtspflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man
+alles anders als in Paris. Dann erkundigte er sich
+nach der kleinen Berta, nach der Familie Homais, nach der
+L&ouml;wenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karls Gegenwart nicht
+sagen, und so stockte die Unterhaltung.
+
+</P><P>
+
+Aus der Oper kommende Leute gingen vor&uuml;ber, laut pfeifend und
+tr&auml;llernd:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;O Engel reiner Liebe!&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann &uuml;ber Musik zu
+sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi geh&ouml;rt. Im
+Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner gro&szlig;en Erfolge gar
+nichts.
+
+</P><P>
+
+Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
+unterbrach ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich
+bedaure, da&szlig; ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es
+fing mir grade an zu gefallen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Demn&auml;chst gibts ja eine Wiederholung!&ldquo; tr&ouml;stete ihn Leo.
+
+</P><P>
+
+Karl erwiderte, da&szlig; sie am n&auml;chsten Tage wieder nach Hause
+m&uuml;&szlig;ten. &bdquo;Es sei denn,&ldquo; meinte er, zu Emma gewandt, &bdquo;du
+bliebst allein hier, mein Herzchen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner
+Begehrlichkeit bot, &auml;nderte der junge Mann seine Taktik. Nun
+lobte er das Finale des S&auml;ngers. Er sei da k&ouml;stlich,
+gro&szlig;artig!
+
+</P><P>
+
+Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du kannst ja am Sonntag zur&uuml;ckfahren. Entschlie&szlig;e dich nur!
+Es w&auml;re unrecht von dir, wenn du es nicht t&auml;test, sofern
+du dir auch nur ein wenig Vergn&uuml;gen davon versprichst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
+stand fortw&auml;hrend in ihrer n&auml;chsten N&auml;he herum. Karl begriff
+und zog seine B&ouml;rse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
+Silberst&uuml;cke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren
+lie&szlig;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist mir wirklich nicht recht,&ldquo; murmelte Bovary, &bdquo;da&szlig;
+Sie f&uuml;r uns Geld&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
+Nebens&auml;chlichkeit und ergriff seinen Hut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl beteuerte nochmals, da&szlig; er unm&ouml;glich so lange bleiben
+k&ouml;nne. Emma indessen sei durch nichts gehindert.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nur&nbsp;...&ldquo;, stotterte sie, verlegen l&auml;chelnd, &bdquo;... ich
+wei&szlig; nicht recht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, &uuml;berleg dirs noch! Wir k&ouml;nnen ja noch mal dar&uuml;ber
+reden, wenn dus beschlafen hast!&ldquo; Und zu Leo gewandt, der sie
+begleitete, sagte er: &bdquo;Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend
+sind, hoffe ich, da&szlig; Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch
+ansagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
+demn&auml;chst in Yonville beruflich zu tun habe.
+
+</P><P>
+
+Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
+verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zw&ouml;lf.
+
+</P>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H1>Drittes Buch</H1>
+</CENTER>
+<P></P>
+<HR>
+<P></P>
+<CENTER>
+<H2>Erstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Leo hatte w&auml;hrend seiner Pariser Studienzeit die Balls&auml;le
+flei&szlig;ig besucht und daselbst recht h&uuml;bsche Erfolge bei den
+Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er s&auml;he sehr schick
+aus. &Uuml;brigens war er der m&auml;&szlig;igste Student. Er trug das
+Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am
+Ersten des Monats sein ganzes Geld und stand sich mit
+seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Ausschweifungen
+hatte er sich allezeit fern gehalten, aus &Auml;ngstlichkeit und
+weil ihm das w&uuml;ste Leben zu grob war.
+
+</P><P>
+
+Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter
+den Linden des Luxemburggartens sa&szlig;, glitt ihm sein
+Code-Napol&eacute;on aus den H&auml;nden. Dann kam ihm Emma in den Sinn.
+Aber allm&auml;hlich verbla&szlig;te diese Erinnerung, und allerlei
+Liebeleien &uuml;berwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu
+ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und
+ein vages Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne
+Frucht an einem Wunderbaume.
+
+</P><P>
+
+Als er sie jetzt nach dreij&auml;hriger Trennung wiedersah,
+erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt
+g&auml;lte es, sich fest zu entschlie&szlig;en, wenn er sie besitzen
+wollte. Seine ehemalige Sch&uuml;chternheit hatte er &uuml;brigens im
+Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die
+Provinz zur&uuml;ckgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer,
+die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Gro&szlig;stadt
+abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon
+eines ber&uuml;hmten Professors mit Orden und Equipage, h&auml;tte
+der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in
+Rouen, am Hafen, vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da
+f&uuml;hlte er sich &uuml;berlegen und eines leichten Sieges gewi&szlig;.
+Sicheres Auftreten h&auml;ngt von der Umgebung ab. Im ersten Stock
+spricht man anders als im vierten, und es ist beinahe,
+als seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendw&auml;chter.
+Sie tr&auml;gt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem
+Korsett.
+
+</P><P>
+
+Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
+war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Stra&szlig;en
+gefolgt, bis er sie im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; verschwinden sah. Dann
+machte er kehrt und gr&uuml;belte die ganze Nacht hindurch &uuml;ber einen
+Kriegsplan.
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag nachmittags gegen f&uuml;nf Uhr betrat er den Gasthof
+mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschlu&szlig;,
+vor nichts zur&uuml;ckzuscheuen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!&ldquo; vermeldete ihm ein
+Kellner.
+
+</P><P>
+
+Leo fa&szlig;te das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.
+
+</P><P>
+
+Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat
+ihn k&uuml;hl um Entschuldigung, da&szlig; sie gestern vergessen habe, ihm
+mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, das habe ich erraten&ldquo;, sagte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er behauptete, das gute Gl&uuml;ck, eine innere Stimme habe ihn
+hierher geleitet.
+
+</P><P>
+
+Sie l&auml;chelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er
+nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
+Gasth&ouml;fen nach ihnen zu fragen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?&ldquo; f&uuml;gte er hinzu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja,&ldquo; gab sie zur Antwort, &bdquo;aber ich h&auml;tte es lieber nicht
+tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergn&uuml;gungen
+gew&ouml;hnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, das kann ich mir denken&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, das k&ouml;nnen Sie nicht. Das kann nur eine Frau.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er meinte, die M&auml;nner h&auml;tten auch ihr Kreuz, und nach einer
+philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
+Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
+Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.
+
+</P><P>
+
+Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillk&uuml;rlicher
+Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
+der junge Mann, er h&auml;tte sich w&auml;hrend seiner ganzen Studienzeit
+ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gr&auml;&szlig;lich
+zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine
+Mutter qu&auml;le ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten
+sie sich die Gr&uuml;nde ihres Leids, und je eifriger sie
+sprachen, um so st&auml;rker packte sie die wachsende Vertraulichkeit.
+Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach
+Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben k&ouml;nnten.
+Emma verheimlichte es, da&szlig; sie inzwischen einen andern
+geliebt, und er gestand nicht, da&szlig; er sie vergessen hatte.
+Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Soupers
+nach den Maskenb&auml;llen, und sie erinnerte sich nicht ihrer
+Morgeng&auml;nge, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem
+Geliebten gegangen war. Der Stra&szlig;enl&auml;rm hallte nur schwach zu
+ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr Alleinsein
+noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid aus
+leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den R&uuml;cken des
+alten Lehnstuhls, in dem sie sa&szlig;. Hinter ihr die gelbe Tapete
+umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr blo&szlig;er Kopf mit dem
+schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
+wiederholte sich wie ein Gem&auml;lde im Spiegel.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, verzeihen Sie!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Es ist unrecht von mir,
+Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Keineswegs!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten,&ldquo; fuhr sie fort und schlug ihre sch&ouml;nen
+Augen, aus denen Tr&auml;nen rollten, zur Decke empor, &bdquo;was ich
+mir alles ertr&auml;umt habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
+ausgegangen, still f&uuml;r mich hin, und hab mich die Kais
+entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu
+zerstreuen und die tr&uuml;ben Gedanken loszubekommen, die mich in
+einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eines
+Kunsth&auml;ndlers auf dem Boulevard habe ich einmal einen
+italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie
+tr&auml;gt eine Tunika, einen Vergi&szlig;meinnichtkranz im offnen Haar und
+blickt zum Mond empor. Irgend etwas trieb mich immer wieder
+dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden&nbsp;...&ldquo; Und mit
+zitternder Stimme f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Sie sah Ihnen ein wenig
+&auml;hnlich.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary wandte sich ab, damit er das L&auml;cheln um ihre
+Lippen nicht bemerke, das sie nicht unterdr&uuml;cken konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und wie oft&ldquo;, fuhr er fort, &bdquo;habe ich an Sie Briefe
+geschrieben und hinterher wieder zerrissen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie antwortete nicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall m&uuml;sse Sie mir
+wieder in den Weg f&uuml;hren. Oft war es mir, als ob ich Sie an
+der n&auml;chsten Stra&szlig;enecke treffen sollte. Ich bin hinter
+Droschken hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier
+flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
+zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
+Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas
+die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den
+Zehen machte.
+
+</P><P>
+
+Endlich sagte sie mit einem Seufzer:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist es nicht das Allertraurigste, ein unn&uuml;tzes Leben
+so wie ich f&uuml;hren zu m&uuml;ssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens
+jemandem n&uuml;tzlich w&auml;ren, dann k&ouml;nnte man sich doch in dem
+Bewu&szlig;tsein tr&ouml;sten, sich f&uuml;r etwas zu opfern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern.
+Er selbst versp&uuml;re eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas
+aufzugehen, die er nicht befriedigen k&ouml;nne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&ouml;chte am liebsten Krankenschwester sein&ldquo;, behauptete sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach ja!&ldquo; erwiderte er. &bdquo;Aber f&uuml;r uns M&auml;nner gibt es
+keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich w&uuml;&szlig;te keine Besch&auml;ftigung
+... es sei denn vielleicht die des Arztes&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
+ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben w&auml;re.
+Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu
+leiden. Sofort schw&auml;rmte Leo f&uuml;r die &bdquo;Ruhe im Grabe&ldquo;. Ja, er
+h&auml;tte sogar eines Abends sein Testament niedergeschrieben
+und darin bestimmt, da&szlig; man ihm in den Sarg die sch&ouml;ne Decke mit
+der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen
+hatte. Nach dem, wie alles h&auml;tte sein k&ouml;nnen, also nach einem
+imagin&auml;ren Zustand, &auml;nderten sie jetzt in der Erz&auml;hlung ihre
+Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, das die
+Gef&uuml;hle breitdr&uuml;ckt.
+
+</P><P>
+
+Bei dem M&auml;rchen von der Reisedecke fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum?&ldquo; Er z&ouml;gerte. &bdquo;Weil ich Sie so z&auml;rtlich geliebt habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Froh, die gr&ouml;&szlig;te Schwierigkeit &uuml;berwunden zu haben, beobachtete
+Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der
+Himmel, wenn der Wind pl&ouml;tzlich eine Wolkenschicht, die dar&uuml;ber
+war, zerrei&szlig;t. Die vielen traurigen Gedanken, die es
+verdunkelt hatten, waren aus ihren Augen wie weggeweht.
+
+</P><P>
+
+Er wartete. Endlich sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich hab es immer geahnt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
+einander zu erz&auml;hlen, von allem Freud und Leid, das sie soeben
+in ein einziges Wort zusammengefa&szlig;t hatten. Er erinnerte sich
+der Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der M&ouml;bel in ihrem
+Zimmer, ihres ganzen Hauses.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und unsere armen Kakteen, was machen die?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind letzten Winter alle erfroren!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, wie oft hab ich an sie zur&uuml;ckgedacht. Das glauben Sie
+mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals
+im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und
+Sie mit blo&szlig;en Armen Ihre Blumen begossen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Armer Freund!&ldquo; sagte sie und reichte ihm ihre Hand.
+
+</P><P>
+
+Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
+tief auf und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Damals &uuml;bten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich
+aus. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich
+zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran
+erinnern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch, fahren Sie nur fort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufh&ouml;rt,
+gerade im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen
+blauen Blumen auf. Ohne da&szlig; Sie mich dazu aufgefordert hatten,
+begleitete ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder
+Minute trat es mir klarer ins Bewu&szlig;tsein, wie ungezogen
+das von mir war. &Auml;ngstlich und unsicher ging ich neben Ihnen
+her und brachte es doch nicht &uuml;ber mich, mich von Ihnen zu
+trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich drau&szlig;en auf
+der Stra&szlig;e und sah Ihnen durch das Schaufenster zu, wie Sie
+die Handschuhe abstreiften und das Geld auf den Ladentisch
+legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau T&uuml;vache; man &ouml;ffnete
+Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der m&auml;chtigen
+Haust&uuml;re, die hinter Ihnen ins Schlo&szlig; gefallen war.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary h&ouml;rte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das
+schon her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit
+heraufstiegen, erweckten in ihr das Gef&uuml;hl, eine alte Frau zu
+sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und
+zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... So war es ... So war es ... So war es!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den
+Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Pal&auml;ste. Sie sprachen
+nicht mehr, aber sie sahen einander an und sp&uuml;rten dabei ein
+Brausen in ihren K&ouml;pfen, und jeder hatte das Gef&uuml;hl,
+dieses Rauschen str&ouml;me aus den starren Augensternen des
+anderen. Ihre H&auml;nde hatten sich gefunden, und Vergangenheit und
+Zukunft, Erinnerung und Tr&auml;ume, alles ward eins mir der
+z&auml;rtlichen Wonne des Augenblicks. Die D&auml;mmerung dichtete
+sich an den W&auml;nden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur
+noch die grellen Farbenflecke von vier dah&auml;ngenden Buntdrucken.
+Durch das oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen
+Dachgiebeln ein St&uuml;ck des schwarzen Himmels.
+
+</P><P>
+
+Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
+Kommode anzuz&uuml;nden. Dann setzte sie sich wieder.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ich sagen wollte&nbsp;...&ldquo;, begann Leo von neuem.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was war es?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
+anzukn&uuml;pfen, da fragte sie ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie kommt es, da&szlig; mir noch niemand solche innere Erlebnisse
+anvertraut hat?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo erwiderte, ideale Naturen f&auml;nden selten Wahlverwandte. Er
+habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke
+bringe ihn zur Verzweiflung, da&szlig; sie miteinander f&uuml;r immerdar
+verbunden worden w&auml;ren, wenn ein guter Stern sie fr&uuml;her
+zusammengef&uuml;hrt h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe manchmal dasselbe gedacht&ldquo;, sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Welch ein sch&ouml;ner Traum!&ldquo; murmelte Leo. Und w&auml;hrend er mit
+der Hand &uuml;ber den blauen Saum der Schleife ihres wei&szlig;en
+G&uuml;rtels hinstrich, f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Aber was hindert
+uns denn, von vorn anzufangen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, mein Freund&ldquo;, erwiderte sie. &bdquo;Dazu bin ich zu alt ...
+und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben
+... und Sie werden sie wieder lieben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht so, wie ich Sie liebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind ein Kind! Seien Sie vern&uuml;nftig. Ich will es!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie setzte ihm auseinander, da&szlig; Liebe zwischen ihnen ein Ding
+der Unm&ouml;glichkeit sei und da&szlig; sie sich nur wie Schwester und
+Bruder lieben k&ouml;nnten, wie ehemals.
+
+</P><P>
+
+Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wu&szlig;te sie selbst
+nicht. Sie f&uuml;hlte nur, wie sie der Verf&uuml;hrung zu unterliegen
+drohte und da&szlig; sie dagegen ank&auml;mpfen m&uuml;sse. Sie sah Leo
+z&auml;rtlich an und stie&szlig; sanft seine zitternden H&auml;nde zur&uuml;ck, die
+sie sch&uuml;chtern zu liebkosen versuchten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Seien Sie mir nicht b&ouml;s!&ldquo; sagte er und wich zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
+ihr viel gef&auml;hrlicher war als die K&uuml;hnheit Rudolfs, wenn
+er mit ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals
+war ihr ein Mann so sch&ouml;n erschienen. In seinem Wesen lag eine
+k&ouml;stliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein
+wenig aufw&auml;rtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die
+zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach
+ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu
+widerstehen, sie mit ihren Lippen zu ber&uuml;hren. Da fiel ihr Blick
+auf die Wanduhr.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott, wie sp&auml;t es schon ist!&ldquo; rief sie aus. &bdquo;Wir
+haben uns verplaudert!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Theater habe ich ganz vergessen&ldquo;, fuhr Emma fort. &bdquo;Und
+mein armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr
+und Frau Lormeaux aus der Gro&szlig;enbr&uuml;ckenstra&szlig;e wollten mich
+begleiten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Schade! Denn morgen m&uuml;sse sie wieder zu Hause sein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So?&ldquo; fragte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich mu&szlig; Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas
+zu sagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie d&uuml;rfen noch
+nicht heimfahren! Nein! Das ist unm&ouml;glich! Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten
+... H&ouml;ren Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden?
+Ahnen Sie denn nicht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie
+Mitleid mit mir! Ich m&ouml;chte Sie noch einmal sehen ... einmal ...
+ein einziges&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es sei!&ldquo; Sie hielt inne. Dann aber, als bes&auml;nne sie sich
+anders, sagte sie: &bdquo;Aber nicht hier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo Sie wollen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Morgen um elf in der Kathedrale!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde dort sein&ldquo;, rief er aus und griff hastig nach
+ihren H&auml;nden. Sie entzog sie ihm.
+
+</P><P>
+
+Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
+ihm, da beugte er sich &uuml;ber sie und dr&uuml;ckte einen langen Ku&szlig;
+auf ihren Nacken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!&ldquo; rief sie und lachte mit
+einem eigent&uuml;mlichen tiefen Klange leise auf, w&auml;hrend er ihren
+Hals immer noch mehr mit K&uuml;ssen bedeckte. Dann beugte er den
+Kopf &uuml;ber ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre
+Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
+
+</P><P>
+
+Er trat drei Schritte zur&uuml;ck, der T&uuml;re zu. Auf der Schwelle
+blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf Wiedersehn morgen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
+
+</P><P>
+
+Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
+Verabredung zur&uuml;cknahm. Es sei alles aus, und es
+w&auml;re zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wieders&auml;hen. Aber
+als der Brief fertig war, fiel ihr ein, da&szlig; sie doch seine
+Adresse gar nicht wu&szlig;te. Was sollte sie tun?
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde ihm den Brief selbst geben,&ldquo; sagte sie sich,
+&bdquo;morgen, wenn er kommt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen stand Leo schon fr&uuml;h in der offnen Balkont&uuml;re,
+reinigte sich eigenh&auml;ndig seine Schuhe und sang leise vor sich
+hin. Er machte es sehr sorgf&auml;ltig. Dann zog er ein wei&szlig;es
+Beinkleid an, elegante Str&uuml;mpfe, einen gr&uuml;nen Rock, und
+sch&uuml;ttete seinen ganzen Vorrat von Parf&uuml;m in sein Taschentuch.
+Er ging zum Coiffeur, zerst&ouml;rte sich aber hinterher die Frisur
+ein wenig, weil sein Haar nicht unnat&uuml;rlich aussehen sollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist noch zu zeitig&ldquo;, sagte er, als er auf der
+Kuckucksuhr des Friseurs sah, da&szlig; es noch nicht neun
+Uhr war.
+
+</P><P>
+
+Er bl&auml;tterte in einem alten Modejournal, dann verlie&szlig; er den
+Laden, z&uuml;ndete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
+Stra&szlig;en, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam
+zum Notre-Dame-Platze.
+
+</P><P>
+
+Es war ein pr&auml;chtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
+Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das
+schr&auml;g auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchfl&auml;chen
+der grauen Quadersteine. Ein Schwarm V&ouml;gel flatterte im Blau
+des Himmels um die Kreuzblumen der T&uuml;rme. &Uuml;ber den
+l&auml;rmigen Platz wehte Blumenduft aus den Anlagen her, wo
+Jasmin, Nelken, Narzissen und Tuberosen bl&uuml;hten, von saftigen
+Grasfl&auml;chen umrahmt und von Beeren tragenden B&uuml;schen f&uuml;r die
+V&ouml;gel. In der Mitte pl&auml;tscherte ein Springbrunnen, und zwischen
+Pyramiden von Melonen sa&szlig;en H&ouml;kerinnen, barh&auml;uptig unter
+ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchenstr&auml;u&szlig;e.
+
+</P><P>
+
+Leo kaufte einen. Es war das erstemal, da&szlig; er Blumen f&uuml;r
+eine Frau kaufte; und das Herz schlug ihm h&ouml;her, wie er den
+Duft der Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er
+Emma darbringen wollte, ihm selber g&ouml;lte. Er f&uuml;rchtete,
+beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche.
+
+</P><P>
+
+Auf der Schwelle der linken T&uuml;re des Hauptportals unter der
+&sbquo;Tanzenden Salome&lsquo; stand der Schweizer, den Federhut auf
+dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust,
+w&uuml;rdevoller als ein Kardinal und goldstrotzend wie ein
+Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem
+s&uuml;&szlig;lich-g&uuml;tigen L&auml;cheln, das Geistliche anzunehmen pflegen,
+wenn sie mit Kindern reden:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Herr ist gewi&szlig; nicht von hier? Will der Herr die
+Sehensw&uuml;rdigkeiten der Kathedrale besichtigen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo machte zun&auml;chst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
+und kam zum Hauptportal zur&uuml;ck. Emma war noch nicht da. Er ging
+abermals bis zum Chor.
+
+</P><P>
+
+Teile des Ma&szlig;werks und der bunten Fenster spiegelten sich
+in den gef&uuml;llten Weihwasserbecken. Das durch die
+Glasmalerei einfallende Licht brach sich an den marmornen
+Kanten und breitete bunte Teppichst&uuml;cke &uuml;ber die Fliesen. Durch
+die drei ge&ouml;ffneten T&uuml;ren des Hauptportals flutete das
+Tageslicht in drei m&auml;chtigen Lichtstr&ouml;men in die Innenr&auml;ume.
+Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vor&uuml;ber und
+machte vor dem Heiligtum die &uuml;bliche Kniebeugung der eiligen
+Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab.
+Im Chor brannte eine silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen,
+aus den in Dunkel geh&uuml;llten Teilen der Kirche vernahm man
+zuweilen Schluchzen oder das Klirren einer zugeschlagenen
+Gittert&uuml;r, Ger&auml;usche, die in den hohen Gew&ouml;lben widerhallten.
+
+</P><P>
+
+Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das
+Leben so sch&ouml;n erschienen. Nun mu&szlig;te sie bald kommen, reizend,
+erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem
+volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen
+Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte,
+und all dem unbeschreiblich Verf&uuml;hrerischen einer unterliegenden
+Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures
+Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel gefl&uuml;sterte
+Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster
+leuchteten, ihr sch&ouml;nes Gesicht zu verkl&auml;ren, und aus den
+Weihrauchgef&auml;&szlig;en wirbelten die D&auml;mpfe, damit sie wie ein Engel
+in einer Wolke von Wohlger&uuml;chen erscheine.
+
+</P><P>
+
+Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen St&uuml;hle, und
+seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer
+mit K&ouml;rben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam,
+z&auml;hlte die Schuppen der Fische und die Knopfl&ouml;cher an den
+W&auml;msen, w&auml;hrend seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die
+Weite irrten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Der Schweizer &auml;rgerte sich im stillen &uuml;ber den Menschen, der
+sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
+Benehmen unerh&ouml;rt. Man bestahl ihn gewisserma&szlig;en und beging
+geradezu eine Tempelsch&auml;ndung.
+
+</P><P>
+
+Da raschelte Seide &uuml;ber die Fliesen. Der Rand eines Hutes
+tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr
+entgegen.
+
+</P><P>
+
+Sie war bla&szlig; und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie das!&ldquo; sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin.
+&bdquo;Nicht doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie ri&szlig; ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle
+der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
+
+</P><P>
+
+Leo war &uuml;ber diesen Anfall von Bigotterie zuerst emp&ouml;rt, dann
+fand er einen eigent&uuml;mlichen Reiz darin, sie w&auml;hrend eines
+Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
+Marquise, schlie&szlig;lich aber, als sie gar nicht aufh&ouml;ren
+wollte, langweilte er sich.
+
+</P><P>
+
+Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
+Hoffnung, da&szlig; der Himmel sie mit einer pl&ouml;tzlichen Eingebung
+begnaden w&uuml;rde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschw&ouml;ren,
+starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den
+Duft der wei&szlig;en Blumen in den gro&szlig;en Vasen, lauschte sie auf die
+tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch
+steigerte.
+
+</P><P>
+
+Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der
+Schweizer rasch auf sie zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau sind gewi&szlig; hier fremd? Wollen Sie sich die
+Sehensw&uuml;rdigkeiten der Kirche ansehen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber nein!&ldquo; rief der Adjunkt aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum nicht?&ldquo; erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte
+sich an die Madonna, an die Bilds&auml;ulen, die Grabm&auml;ler, an jeden
+Vorwand.
+
+</P><P>
+
+Programmgem&auml;&szlig; f&uuml;hrte sie der Schweizer nach dem Hauptportal
+zur&uuml;ck und zeigte ihnen mit seinem Stock einen gro&szlig;en Kreis
+von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das hier&ldquo;, sagte er salbungsvoll, &bdquo;ist der Umfang der
+ber&uuml;hmten Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und
+hatte ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie
+gegossen, ist vor Freude gestorben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weiter!&ldquo; dr&auml;ngte Leo.
+
+</P><P>
+
+Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
+Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
+Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine
+Saaten zeigt, auf eine Grabplatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Br&eacute;z&eacute;, Edler
+Herr von Varenne und Brissac, Gro&szlig;seneschall von Poitou und
+Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlh&eacute;ry
+am 16. Juli 1465.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo bi&szlig; sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fu&szlig;e
+auf den andern.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
+Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Br&eacute;z&eacute;, Edler Herr von Breval
+und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr
+des K&ouml;nigs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der
+Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die
+Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab
+steigen will, zeigt ihn ebenfalls. Eine un&uuml;bertreffliche
+Darstellung der irdischen Verg&auml;nglichkeit!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
+sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
+machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschw&auml;tz auf
+der einen und die Gleichg&uuml;ltigkeit auf der andern Seite.
+
+</P><P>
+
+Der unerm&uuml;dliche Cicerone fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
+Diana von Poitiers, Gr&auml;fin von Br&eacute;z&eacute;, Herzogin von
+Valentinois, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier
+links die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die
+heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu
+sehen. Hier sind die Grabm&auml;ler derer von Amboise! Sie waren beide
+Kardin&auml;le und Erzbisch&ouml;fe von Rouen. Dieser hier war Minister
+K&ouml;nig Ludwigs des Zw&ouml;lften. Die Kathedrale hat ihm sehr
+viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen
+drei&szlig;igtausend Taler in Gold.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ohne stehen zu bleiben und fortw&auml;hrend redend, dr&auml;ngte er die
+beiden in eine Kapelle, die durch ein Gel&auml;nder abgesperrt war. Er
+&ouml;ffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
+eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dieser Stein zierte dereinst&ldquo;, sagte er mit einem tiefen
+Seufzer, &bdquo;das Grab von Richard L&ouml;wenherz, K&ouml;nig von England
+und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so
+zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit
+hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die T&uuml;r, durch die sich
+Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den
+ber&uuml;hmten Kirchenfenstern von Lagargouille!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da dr&uuml;ckte ihm Leo hastig ein gro&szlig;es Silberst&uuml;ck in die Hand
+und nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verbl&uuml;fft &uuml;ber die
+Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle
+Sehensw&uuml;rdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Danke!&ldquo; erwiderte Leo.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mi&szlig;t
+vierhundertvierzig Fu&szlig;, nur neun weniger als die gr&ouml;&szlig;te
+&auml;gyptische Pyramide, und ist vollst&auml;ndig aus Eisen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
+Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
+durch den grotesken k&auml;figartigen Schornstein zw&auml;ngen zu
+lassen, den ein &uuml;berspannter Eisengie&szlig;er keck auf die Kirche
+gesetzt hatte. Das w&auml;re ihr Tod gewesen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohin gehen wir nun?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
+schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang,
+als sie pl&ouml;tzlich hinter sich ein Schnaufen und das
+regelm&auml;&szlig;ige Aufklopfen eines Stockes h&ouml;rten. Leo wandte
+sich um.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Herrschaften!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was gibts?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
+ungebundene B&uuml;cher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
+gedr&uuml;ckt, trug. Es war die Literatur &uuml;ber die Kathedrale.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Troddel!&ldquo; murmelte Leo und st&uuml;rzte aus der Kirche.
+
+</P><P>
+
+Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hol uns eine Droschke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Knabe rannte &uuml;ber den Platz, w&auml;hrend sie ein paar Minuten
+allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
+verlegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo ... wirklich ... ich wei&szlig; nicht ... ob ich darf!&ldquo; Es
+klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: &bdquo;Es
+ist sehr unschicklich, wissen Sie das?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo; erwiderte der Adjunkt. &bdquo;In <B>Paris</B> macht mans
+so!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumst&ouml;&szlig;liches
+Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo f&uuml;rchtete schon, sie
+k&ouml;nne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!&ldquo; rief ihnen
+der Schweizer nach. &bdquo;Und sehen Sie sich &sbquo;Die
+Auferstehung&lsquo;, das &sbquo;J&uuml;ngste Gericht&lsquo;, den
+&sbquo;K&ouml;nig David&lsquo; und &sbquo;Die Verdammten in der
+H&ouml;lle&lsquo; an!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wohin wollen die Herrschaften?&ldquo; fragte der Kutscher.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fahren Sie irgendwohin!&ldquo; befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
+
+</P><P>
+
+Das schwerf&auml;llige Gef&auml;hrt setzte sich in Bewegung.
+
+</P><P>
+
+Der Kutscher fuhr durch die Gro&szlig;ebr&uuml;ckenstra&szlig;e, &uuml;ber den Platz
+der K&uuml;nste, den Kai Napoleon hinunter, &uuml;ber die Neue Br&uuml;cke und
+machte vor dem Denkmal Corneilles Halt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weiter fahren!&ldquo; rief eine Stimme aus dem Inneren.
+
+</P><P>
+
+Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
+hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, geradeaus!&ldquo; rief dieselbe Stimme.
+
+</P><P>
+
+Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
+gem&auml;chlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
+trocknete sich den Schwei&szlig; von der Stirn, nahm seinen Lederhut
+zwischen die Beine und lenkte sein Gef&auml;hrt durch eine Seitenallee
+dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den
+Schifferweg hin, am Strom entlang, &uuml;ber schlechtes Pflaster,
+nach Oyssel zu, &uuml;ber die Inseln hinaus.
+
+</P><P>
+
+Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares,
+Sotteville, die gro&szlig;e Chaussee hin, durch die Elbeuferstra&szlig;e und
+machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So fahren Sie doch weiter!&ldquo; rief die Stimme, diesmal
+w&uuml;tend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr
+durch Sankt Sever &uuml;ber das Bleicher-Ufer und M&uuml;hlstein-Ufer,
+wiederum &uuml;ber die Br&uuml;cke, &uuml;ber den Exerzierplatz, hinten um den
+Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von
+Schlingpflanzen &uuml;berwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren
+gingen. Dann f&uuml;hrte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf,
+nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan
+bis zur Deviller H&ouml;he.
+
+</P><P>
+
+Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
+Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Stra&szlig;en und Gassen, &uuml;ber
+die Pl&auml;tze und M&auml;rkte, an den Kirchen und &ouml;ffentlichen
+Geb&auml;uden und am Hauptfriedhof vor&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
+Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche
+Bewegungswut in seinen Fahrg&auml;sten steckte, so da&szlig; sie
+nirgends Halt machen wollten. Er versuchte es ein paarmal,
+aber jedesmal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem
+trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter,
+unbek&uuml;mmert, ob er hier und dort anrannte, ganz au&szlig;er Fassung
+und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
+
+</P><P>
+
+Am Hafen, zwischen den Karren und F&auml;ssern, in den Strassen und an
+den Ecken machten die B&uuml;rger gro&szlig;e Augen ob dieses in der
+Provinz ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen
+Vorh&auml;ngen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer
+verschlossen wie ein Grab.
+
+</P><P>
+
+Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne
+am hei&szlig;esten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte
+eine blo&szlig;e Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und
+streute eine Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde
+flatterten wie wei&szlig;e Schmetterlinge und auf ein Kleefeld
+niederfielen.
+
+</P><P>
+
+Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem G&auml;&szlig;chen
+der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg
+heraus und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zweites Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
+mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundf&uuml;nfzig Minuten auf Emma
+gewartet, schlie&szlig;lich aber war er abgefahren.
+
+</P><P>
+
+Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, da&szlig; sie wieder zu
+Hause sein mu&szlig;te. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
+zur&uuml;ckzukehren. Karl erwartete sie also, und so f&uuml;hlte sie jene
+feige Untert&auml;nigkeit im Herzen, die f&uuml;r viele Frauen die Strafe
+und zugleich der Preis f&uuml;r den Ehebruch ist.
+
+</P><P>
+
+Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
+einen der zweir&auml;drigen Wagen, die im Hofe bereitstanden.
+Unterwegs trieb sie den Kutscher zu gr&ouml;&szlig;ter Eile an, fragte
+aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zur&uuml;ckgelegten
+Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten H&auml;usern
+von Quincampoix ein.
+
+</P><P>
+
+Kaum sa&szlig; sie drin, so schlo&szlig; sie auch schon die Augen. Als
+sie erwachte, waren sie schon &uuml;ber den Berg, und von weitem sah
+sie Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie
+wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und das M&auml;dchen, das
+sich bis zum Fenster hinaufreckte, fl&uuml;sterte ihr
+geheimnisvoll zu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es
+handelt sich um etwas sehr Dringliches!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Dorf war still wie immer. Vor den H&auml;usern lagen kleine
+dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des
+Fr&uuml;chteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am
+selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
+besonders gro&szlig;en Haufen dieser ausgekochten &Uuml;berreste. Man
+sah, da&szlig; hier mit f&uuml;r die Allgemeinheit gesorgt wurde.
+
+</P><P>
+
+Emma trat in die Apotheke. Der gro&szlig;e Lehnstuhl war umgeworfen,
+und sogar der &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; lag am Boden zwischen zwei
+M&ouml;rserkeulen. Sie stie&szlig; die T&uuml;r zur Flur auf und erblickte in
+der K&uuml;che &mdash; inmitten von gro&szlig;en braunen Einmachet&ouml;pfen voll
+abgebeerter Johannisbeeren und Sch&uuml;sseln mit geriebenem und
+zerst&uuml;ckeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
+&uuml;ber dem Feuer &mdash; die ganze Familie Homais, gro&szlig; und klein,
+alle in Sch&uuml;rzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den
+H&auml;nden. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten
+Kopfes dastand, und schrie ihn eben an:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer hat dir gehei&szlig;en, was aus dem Kapernaum zu holen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist denn los? Was gibts?&ldquo; fragte die
+Eintretende.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was los ist?&ldquo; antwortete der Apotheker. &bdquo;Ich mache hier
+Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft
+zu dick ist, droht er mir &uuml;berzukochen. Ich schicke nach einem
+andern Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus
+Faulheit hin und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an
+einem Nagel aufgeh&auml;ngten Schl&uuml;ssel zu meinem Kapernaum!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Kapernaum nannte er n&auml;mlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
+Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
+hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
+und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als
+einen gew&ouml;hnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres
+Heiligtum, aus dem, von seiner Hand hergestellt, alle die
+verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, S&auml;ften, Salben und
+Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend ber&uuml;hmt
+machten. Niemand durfte das Kapernaum betreten. Das ging
+soweit, da&szlig; er es selbst ausfegte. Die Apotheke stand f&uuml;r
+jedermann offen. Sie war die St&auml;tte, wo er w&uuml;rdevoll amtierte.
+Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo sich Homais
+selbst geh&ouml;rte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten
+hingab. Justins Leichtsinn d&uuml;nkte ihn deshalb eine
+unerh&ouml;rte Respektlosigkeit, und r&ouml;ter als seine
+Johannisbeeren, wetterte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nat&uuml;rlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
+Schl&uuml;ssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
+Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch
+genommen h&auml;tte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
+auch der geringste Umstand die gr&ouml;&szlig;te Wichtigkeit! Zum Teufel,
+daran mu&szlig; man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
+nicht zu K&uuml;chenzwecken verwenden! Das w&auml;re gradeso, als wenn
+man sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber so beruhige dich doch!&ldquo; mahnte Frau Homais.
+
+</P><P>
+
+Und Athalia zupfte ihn am Rock.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Papachen, Papachen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig;t mich!&ldquo; erwiderte der Apotheker. &bdquo;Zum Donnerwetter, la&szlig;t
+mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen er&ouml;ffnen!
+Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! La&szlig; die
+Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
+Gurken in den Arzneib&uuml;chsen ein! Zerrei&szlig; die Bandagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie hatten mir doch&nbsp;...&ldquo;, begann Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Einen Augenblick! &mdash; Wei&szlig;t du, mein Junge, was dir h&auml;tte
+passieren k&ouml;nnen? Hast du links in der Ecke auf dem dritten
+Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen
+Ton von dir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich ... wei&szlig; ... nicht&ldquo;, stammelte der Lehrling.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah, du wei&szlig;t nicht! Freilich! Aber ich wei&szlig; es! Du hast da
+eine B&uuml;chse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben
+Deckel, gef&uuml;llt mit wei&szlig;em Pulver, und auf dem Schild steht, von
+mir eigenh&auml;ndig draufgeschrieben: &sbquo;Gift! Gift! Gift!&lsquo;
+Und wei&szlig;t du, was da drin ist? Ar &mdash; se &mdash; nik! Und so was
+r&uuml;hrst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Daneben!&ldquo; rief Frau Homais erschrocken und schlug die H&auml;nde
+&uuml;ber dem Kopfe zusammen. &bdquo;Arsenik! Du h&auml;ttest uns alle
+miteinander vergiften k&ouml;nnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Kinder fingen an zu schreien, als sp&uuml;rten sie bereits
+die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oder du h&auml;ttest einen Kranken vergiften k&ouml;nnen&ldquo;, fuhr der
+Apotheker fort. &bdquo;Wolltest du mich gar auf die Anklagebank
+bringen, vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem
+Schafott sehen? Wei&szlig;t du denn nicht, da&szlig; ich mich bei meinen
+Arbeiten kolossal in acht nehmen mu&szlig;, trotz meiner gro&szlig;en
+Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine
+Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht uns t&uuml;chtig auf
+die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen,
+schweben unsereinem faktisch wie ein Damoklesschwert
+fortw&auml;hrend &uuml;ber dem Haupte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr
+wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen S&auml;tzen fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden
+sind? So dankst du mir die geradezu v&auml;terliche M&uuml;he und
+Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo w&auml;rst du denn
+ohne mich? Wie ginge dirs heute? Wer hat dich ern&auml;hrt,
+erzogen, gekleidet? Wer erm&ouml;glicht es dir, da&szlig; du eines
+Tages mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um
+das zu erreichen, mu&szlig;t du noch feste zugreifen, mu&szlig;t, wie man
+sagt, Blut schwitzen! <TT>Fabricando sit faber, age,
+quod agis!</TT>&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war derma&szlig;en aufgeregt, da&szlig; er Lateinisch sprach. Er h&auml;tte
+Chinesisch oder Gr&ouml;nl&auml;ndisch gesprochen, wenn er das gekonnt
+h&auml;tte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
+Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enth&uuml;llt, wie
+das Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den
+Grund und Boden &ouml;ffnet.
+
+</P><P>
+
+Er predigte immer weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, da&szlig; ich dich in mein
+Haus genommen habe. Ich h&auml;tte besser getan, dich in dem Elend
+Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du
+wirst niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als
+zum Rindviehh&uuml;ten. Zur Wissenschaft hast du kein bi&szlig;chen Talent!
+Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
+wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und l&auml;&szlig;t
+dirs &uuml;ber die Ma&szlig;en wohl gehn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma wandte sich an Frau Homais:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man hat mich hierher gerufen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, du lieber Gott!&ldquo; unterbrach die gute Frau sie mit
+trauriger Miene. &bdquo;Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ...
+Es ist n&auml;mlich ein Ungl&uuml;ck passiert&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker &uuml;berschrie sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
+wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er packte Justin beim Kragen und sch&uuml;ttelte ihn ab. Dabei entfiel
+Justins Tasche ein Buch.
+
+</P><P>
+
+Der Junge b&uuml;ckte sich, aber Homais war schneller als er,
+hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen
+und offenem Mund.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Liebe und Ehe&ldquo;, las er vor. &bdquo;Aha! Gro&szlig;artig! Gro&szlig;artig!
+Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein
+bi&szlig;chen starker Tobak!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Homais wollte nach dem Buche greifen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, das ist nichts f&uuml;r dich!&ldquo; wehrte er sie ab.
+
+</P><P>
+
+Die Kinder wollten die Bilder sehn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geht hinaus!&ldquo; befahl er gebieterisch.
+
+</P><P>
+
+Und sie gingen hinaus.
+
+</P><P>
+
+Eine Weile schritt er zun&auml;chst mit gro&szlig;en Schritten auf und ab,
+das Buch halb ge&ouml;ffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
+au&szlig;er Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag r&uuml;hren
+sollte. Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit
+verschr&auml;nkten Armen vor ihn hin:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Ungl&uuml;ckswurm?
+Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene!
+Hast du denn nicht bedacht, da&szlig; dieses sch&auml;ndliche Buch
+meinen Kindern in die H&auml;nde fallen konnte, den Samen der S&uuml;nde
+in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athaliens tr&uuml;ben und
+Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens
+beschw&ouml;ren, da&szlig; die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du
+mir das schw&ouml;ren?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber so sagen Sie mir doch endlich,&ldquo; unterbrach ihn Emma,
+&bdquo;was Sie mir mitzuteilen haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
+einem Schlaganfall verschieden. Aus &uuml;bertriebener
+R&uuml;cksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die
+schreckliche Nachricht schonend mitzuteilen.
+
+</P><P>
+
+Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens
+&uuml;berlegt und ausgekl&uuml;gelt &mdash; ein Meisterwerk voll Vorsicht,
+Zartgef&uuml;hl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte &uuml;ber seine
+Sprachkunst triumphiert.
+
+</P><P>
+
+Emma verzichtete auf Einzelheiten und verlie&szlig; die Apotheke, da
+Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, w&auml;hrend er
+sich mit seinem K&auml;ppchen Luft zuf&auml;chelte. Allm&auml;hlich beruhigte
+er sich jedoch und ging in einen v&auml;terlicheren Ton &uuml;ber:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will nicht sagen, da&szlig; ich dieses Buch g&auml;nzlich ablehne.
+Der Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche
+Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja
+die er vielleicht kennen mu&szlig;. Aber das hat ja Zeit! Warte doch
+wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als Emma an ihrem Hause klingelte, &ouml;ffnete Karl, der sie
+erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine liebe Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er neigte sich z&auml;rtlich zu ihr hernieder, um sie zu k&uuml;ssen. Aber
+bei der Ber&uuml;hrung ihrer Lippen mu&szlig;te sie an den andern denken.
+Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand &uuml;ber das Gesicht:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... ich wei&szlig; ... ich wei&szlig;&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis
+ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur,
+da&szlig; ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod
+hatte ihn in Doudeville auf der Stra&szlig;e, an der Schwelle eines
+Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
+einem Liebesmahl teilgenommen hatte.
+
+</P><P>
+
+Emma reichte Karl den Brief zur&uuml;ck. Bei Tisch tat sie aus
+konventionellem Taktgef&uuml;hl so, als h&auml;tte sie keinen Appetit.
+Als er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, w&auml;hrend Karl
+unbeweglich und mit betr&uuml;bter Miene ihr gegen&uuml;ber dasa&szlig;.
+
+</P><P>
+
+Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
+traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollt, ich h&auml;tte ihn noch einmal gesehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, da&szlig; sie etwas
+entgegnen m&uuml;sse, fragte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie alt war dein Vater eigentlich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Achtundf&uuml;nfzig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das war alles.
+
+</P><P>
+
+Eine Viertelstunde sp&auml;ter fing er wieder an:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma machte eine Geb&auml;rde, da&szlig; sie es nicht wisse.
+
+</P><P>
+
+Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, da&szlig; sie sehr betr&uuml;bt
+sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen,
+um ihren r&uuml;hrenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
+zusammenraffend, fragte er sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du dich gestern gut am&uuml;siert?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
+gleichfalls. Je l&auml;nger sie ihn in dieser monotonen Stimmung
+ansah, um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen
+bis auf den letzten Rest. Karl kam ihr erb&auml;rmlich, jammervoll,
+wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung &bdquo;ein
+trauriger Kerl&ldquo;. Wie konnte sie ihn nur loswerden? Welch
+endloser Abend! Etwas Bet&auml;ubendes ergriff sie, wie Opium.
+
+</P><P>
+
+In der Hausflur ward ein schl&uuml;rfendes Ger&auml;usch vernehmbar.
+Es war Hippolyt, der Emmas Gep&auml;ck brachte. Es machte ihm
+viel M&uuml;he, es abzulegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Karl denkt schon gar nicht mehr daran&ldquo;, dachte Emma, als sie
+den armen Teufel sah, dem das rote Haar in die
+schwei&szlig;triefende Stirn herabhing.
+
+</P><P>
+
+Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein
+Gef&uuml;hl f&uuml;r die Dem&uuml;tigung, die f&uuml;r ihn in der blo&szlig;en
+Anwesenheit dieses Kr&uuml;ppels lag. Lief er nicht wie ein
+leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unf&auml;higkeit des Arztes
+herum?
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein h&uuml;bscher Strau&szlig;!&ldquo; sagte er, als er auf dem Kamin
+Leos Veilchen bemerkte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo; erwiderte sie gleichg&uuml;ltig. &bdquo;Ich habe ihn einer armen
+Frau abgekauft.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur K&uuml;hlung vor seine
+von Tr&auml;nen ger&ouml;teten Augen und sog ihren Duft ein. Sie ri&szlig; sie
+ihm aus der Hand und stellte sie in ein Wasserglas.
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
+weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
+Wirtschaft zu tun.
+
+</P><P>
+
+Am Tage nachher besch&auml;ftigten sich die beiden Frauen mit den
+Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem N&auml;hzeug in die Laube
+hinten im Garten am Bachrande.
+
+</P><P>
+
+Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich &uuml;ber seine gro&szlig;e
+Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum
+Bewu&szlig;tsein gekommen war. Auch Frau Bovary gr&uuml;belte &uuml;ber den
+Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst
+begehrenswert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit
+geworden, da&szlig; sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann
+eine dicke Tr&auml;ne &uuml;ber ihre Nase und blieb einen Augenblick daran
+h&auml;ngen. Dabei n&auml;hte sie ununterbrochen weiter.
+
+</P><P>
+
+Emma dachte, da&szlig; kaum achtundvierzig Stunden vor&uuml;ber waren, seit
+sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentr&uuml;ckt, ganz
+trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
+kleinsten und allerkleinsten Z&uuml;ge dieses entschwundenen
+Tages ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ckzurufen. Aber die Anwesenheit
+ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter st&ouml;rte sie. Sie
+h&auml;tte nichts h&ouml;ren und nichts sehn m&ouml;gen, um nicht in
+ihren Liebestr&auml;umereien gest&ouml;rt zu werden, die gegen ihren
+Willen unter den &auml;u&szlig;eren Eindr&uuml;cken zu verwehen drohten.
+
+</P><P>
+
+Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um
+sich ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere
+und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide H&auml;nde in
+den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
+&Uuml;berrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und
+sprach auch kein Wort. Berta, die ein wei&szlig;es Sch&uuml;rzchen
+umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenh&auml;ndler, kommen.
+
+</P><P>
+
+Er bot in Anbetracht des &bdquo;betr&uuml;blichen Ereignisses&ldquo; seine
+Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu
+k&ouml;nnen, aber der H&auml;ndler wich nicht so leicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bitte tausendmal um Verzeihung,&ldquo; sagte er, &bdquo;aber ich mu&szlig;
+Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.&ldquo; Und fl&uuml;sternd
+f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen
+schon&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl wurde rot bis &uuml;ber die Ohren.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig; ... freilich ... nat&uuml;rlich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;K&ouml;nntest du das nicht mal ... meine Liebe&nbsp;...?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
+Mutter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine
+Kleinigkeit, die den Haushalt betrifft.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er f&uuml;rchtete ihre Vorw&uuml;rfe und wollte nicht, da&szlig; sie die
+Vorgeschichte des Wechsels erf&uuml;hre.
+
+</P><P>
+
+Sobald sie allein waren, begl&uuml;ckw&uuml;nschte Lheureux Emma in
+ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
+gleichg&uuml;ltigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
+seiner Gesundheit, die immer &bdquo;so lala&ldquo; sei. Er m&uuml;&szlig;te sich
+wirklich h&ouml;llisch anstrengen und, was die Leute auch sagten,
+ihm fehle doch die Butter zum Brote.
+
+</P><P>
+
+Emma lie&szlig; ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
+entsetzlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und sind Sie v&ouml;llig wiederhergestellt?&ldquo; fuhr er fort. &bdquo;Ich
+sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer sch&ouml;nen Verfassung
+gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch
+ordentlich einander in die Haare gefahren sind.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr n&auml;mlich die
+Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur
+Reise&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die H&auml;nde auf
+den R&uuml;cken genommen und sah ihr, l&auml;chelnd und leise redend, mit
+einem unertr&auml;glichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas?
+Emma verlor sich in allerlei Bef&uuml;rchtungen. Inzwischen fuhr er
+fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wir haben uns schlie&szlig;lich geeinigt, und ich bin
+gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt
+hatte, zu erneuern. &Uuml;brigens k&ouml;nne der Herr Doktor die Sache
+ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu
+&auml;ngstigen, noch dazu jetzt, wo er gewi&szlig; mit Sorgen &uuml;berh&auml;uft
+sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das beste w&auml;re ja, wenn die Schuld jemand anders
+&uuml;bern&auml;hme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das
+w&auml;re das Bequemste. Wir k&ouml;nnten dann unsere kleinen
+Gesch&auml;fte miteinander abmachen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam
+er auf sein Gesch&auml;ft zu sprechen und erkl&auml;rte ihr, sie m&uuml;sse
+unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zw&ouml;lf Meter Barege
+schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das, was Sie da haben, ist gut f&uuml;rs Haus. Sie
+brauchen noch noch ein andres f&uuml;r die Besuche. Gleich beim
+Eintreten habe ich das bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein
+Amerikaner!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
+er nochmals, um Ma&szlig; zu nehmen, und dann unter allen m&ouml;glichen
+anderen Vorw&auml;nden wieder und wieder, wobei er sich so gef&auml;llig
+und dienstbeflissen wie nur m&ouml;glich stellte. Er stand
+&bdquo;gehorsamst zur Verf&uuml;gung&ldquo;, wie Homais zu sagen pflegte.
+Dabei fl&uuml;sterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschl&auml;ge
+wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erw&auml;hnte er nicht
+mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach
+ihrer Genesung mit ihr dar&uuml;ber gesprochen, aber es war ihr
+seitdem so viel durch den Kopf gegangen, da&szlig; sie das vergessen
+hatte. Sie h&uuml;tete sich &uuml;berhaupt, Geldinteressen an den Tag zu
+legen. Frau Bovary wunderte sich dar&uuml;ber, aber sie schrieb das
+der Fr&ouml;mmigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden
+sei.
+
+</P><P>
+
+Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
+Gatten durch ihren Gesch&auml;ftssinn in Erstaunen. Man m&uuml;sse
+Erkundigungen einholen, die Hypotheken pr&uuml;fen und feststellen, ob
+nicht vielleicht ein Nachla&szlig;konkurs n&ouml;tig sei. Sie gebrauchte
+auf gut Gl&uuml;ck allerhand juristische Ausdr&uuml;cke, sprach von
+Ordnung des Nachlasses, Nachla&szlig;verbindlichkeiten, Haftung
+usw., und &uuml;bertrieb immerfort die Schwierigkeiten der
+Erbschaftsregelung. Eines Tages zeigte sie ihm sogar den
+Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr das Recht &uuml;bertrug,
+das Verm&ouml;gen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel
+auszustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten
+und zu empfangen usw.
+
+</P><P>
+
+Lheureux war ihr Lehrmeister.
+
+</P><P>
+
+Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Notar Guillaumin.&ldquo; Und mit der gr&ouml;&szlig;ten Kaltbl&uuml;tigkeit f&uuml;gte
+sie hinzu: &bdquo;Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache.
+Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht m&uuml;&szlig;te man noch
+einen Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein
+... keinen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;chstens Leo&ldquo;, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei
+schwierig, sich brieflich zu verst&auml;ndigen.
+
+</P><P>
+
+Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es
+nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit
+nachstehen. Schlie&szlig;lich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn
+aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will aber! Ich bitte dich, la&szlig; michs machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie gut du bist!&ldquo; sagte er und k&uuml;&szlig;te sie auf die Stirn.
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
+und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Drittes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Es waren drei erlebnisvolle, k&ouml;stliche, wunderbare wahre
+Flitterwochentage.
+
+</P><P>
+
+Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
+verschlossenen T&uuml;ren und herabgelassenen Fensterl&auml;den, unter
+&uuml;berallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man
+ihnen alle Morgen in der Fr&uuml;he brachte.
+
+</P><P>
+
+Abends mieteten sie einen &uuml;berdeckten Kahn und a&szlig;en auf einer
+der Inseln.
+
+</P><P>
+
+Es war die Stunde, da man von den Werften her die H&auml;mmer gegen
+die Schiffsw&auml;nde schlagen h&ouml;rte. Der Dampf von siedendem Teer
+stieg zwischen den B&auml;umen empor, und auf dem Strome sah man
+breite &ouml;lige, ungleich gro&szlig;e Flecken, die im Purpurlichte der
+Sonne wie schwimmende Platten aus Florenzer Bronze gl&auml;nzten.
+
+</P><P>
+
+Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flu&szlig;k&auml;hnen
+hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen
+Ankertaue. Das Ger&auml;usch der Stadt, das Rasseln der Wagen,
+das Stimmengewirr, das Bellen der Hunde auf den Schiffen
+wurde ferner und ferner. Emma kn&uuml;pfte ihre Hutb&auml;nder auf.
+
+</P><P>
+
+Sie landeten an &bdquo;ihrer Insel&ldquo;. Sie setzten sich in eine
+Herberge, vor deren T&uuml;r schwarze Netze hingen, und a&szlig;en
+gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich
+ins Gras, k&uuml;&szlig;ten einander im Schatten der hohen Pappeln
+und h&auml;tten am liebsten wie zwei Robinsons immer auf diesem
+Erdenwinkel leben m&ouml;gen, der ihnen in ihrer Gl&uuml;ckseligkeit
+als das sch&ouml;nste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie
+sahn die B&auml;ume, den blauen Himmel und das Gras nicht zum
+ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Pl&auml;tschern der
+Wellen und dem Wind, der durch die Bl&auml;tter rauschte, aber es
+war ihnen, als h&auml;tten sie das alles niemals so
+genossen, als w&auml;re die Natur vorher gar nicht dagewesen oder
+als w&auml;re sie erst sch&ouml;n, seitdem ihr Begehren gestillt war.
+
+</P><P>
+
+Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
+von Inseln entlang. Die beiden sa&szlig;en im Dunkeln auf der Bank
+unter dem h&ouml;lzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die
+vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen
+Gabeln, taktm&auml;&szlig;ig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das
+Wasser leise um das herrenlose Steuer.
+
+</P><P>
+
+Einmal erschien der Mond. Da schw&auml;rmten sie nat&uuml;rlich vom
+stillen Nebelglanz &uuml;ber Busch und Tal und seinen Melodien. Und
+Emma begann sogar zu singen: </P>
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Wei&szlig;t du, eines Abends <BR>
+Fuhren wir dahin&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte &uuml;ber der Flut,
+vom Wind entf&uuml;hrt. Wie sanfter Fl&uuml;gelschlag streifte der Sang
+Leos Ohr.
+
+</P><P>
+
+Emma sa&szlig; an die R&uuml;ckwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
+offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
+Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
+F&auml;cher ausbreitete, lie&szlig; sie schlanker und gr&ouml;&szlig;er
+erscheinen. Die H&auml;nde gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum
+Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der
+Weiden, an denen der Kahn vor&uuml;berglitt, und dann tauchte sie
+pl&ouml;tzlich wieder auf, im Lichte des Mondes, wie eine
+Geistererscheinung.
+
+</P><P>
+
+Leo, der sich ihr zu F&uuml;&szlig;en am Boden des Fahrzeuges
+gelagert hatte, hob ein Band aus roter Seide auf. Der
+Bootsmann sah es und meinte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
+spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
+hatten Kuchen und Champagner mit und Waldh&ouml;rner. Das war ein
+Rummel! Da war einer dabei, ein gro&szlig;er h&uuml;bscher Mann mit einem
+schwarzen Schnurrb&auml;rtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
+immer: &sbquo;Du, erz&auml;hl uns mal einen Schwank aus deinem
+Leben, Adolf!&lsquo; Oder hie&szlig; er Rudolf? Ich wei&szlig; nicht mehr&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma fuhr zusammen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist dir nicht wohl?&ldquo; fragte Leo und legte ihr die Hand um den
+Nacken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bi&szlig;chen k&uuml;hl.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er mochte auch viel Gl&uuml;ck bei den Frauen haben&ldquo;, redete der
+Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar
+eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die H&auml;nde und
+begann von neuem zu rudern.
+
+</P><P>
+
+Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig.
+Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
+schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
+Umschl&auml;ge verwenden. Er wunderte sich &uuml;ber ihre Schlauheit in
+Liebesdingen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht
+wahr?&ldquo; fragte sie nach dem letzten Kusse.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber gewi&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Als er dann allein durch die Stra&szlig;en heimging, dachte er bei
+sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer
+Generalvollmacht?&ldquo;
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Viertes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Leo begann vor seinen Kameraden den &Uuml;berlegenen zu spielen. Er
+mied ihre Gesellschaft und vernachl&auml;ssigte seine Akten. Er
+wartete nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in
+ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in
+der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein hei&szlig;es
+Begehren k&uuml;hlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im
+Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs derma&szlig;en,
+da&szlig; er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.
+
+</P><P>
+
+Als er von der H&ouml;he herab unten im Tale den Kirchturm mit
+seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
+durchschauerte ihn ein sonderbares Gef&uuml;hl von Eitelkeit und
+R&uuml;hrung, wie es vielleicht ein Milliard&auml;r empfindet, der sein
+Heimatdorf wieder aufsucht.
+
+</P><P>
+
+Er ging um Emmas Haus. In der K&uuml;che war Licht. Er wartete,
+ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar w&uuml;rde. Es
+erschien nichts.
+
+</P><P>
+
+Als Mutter Franz ihn gewahrte, stie&szlig; sie Freudenschreie
+aus. Sie fand ihn &bdquo;gr&ouml;&szlig;er und schlanker geworden&ldquo;, w&auml;hrend
+Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er s&auml;he &bdquo;st&auml;rker und
+brauner&ldquo; aus.
+
+</P><P>
+
+Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
+aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es n&auml;mlich
+&bdquo;satt bekommen&ldquo;, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
+seine Tischzeit ein f&uuml;r allemal auf Punkt f&uuml;nf Uhr verlegt,
+was ihn indessen nicht hinderte, dar&uuml;ber zu r&auml;sonieren, da&szlig;
+der &bdquo;alte Klapperkasten egal zu sp&auml;t&ldquo; k&auml;me.
+
+</P><P>
+
+Endlich fa&szlig;te Leo Mut und klingelte an der Haust&uuml;re des
+Arztes. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer
+Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn
+wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tags wich er von
+Emmas Seite. Erst nachts kam sie allein mit Leo zusammen,
+auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach,
+wie einst mit dem andern.
+
+</P><P>
+
+Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
+Regenschirm, bei Donner und Blitz.
+
+</P><P>
+
+Die Trennung war ihnen unertr&auml;glich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber sterben!&ldquo; sagte Emma.
+
+</P><P>
+
+Sie entwand sich seinen Armen und weinte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
+versprach ihm Emma, sie wolle demn&auml;chst Mittel und Wege finden,
+damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen k&ouml;nnten.
+Emma zweifelte nicht an der M&ouml;glichkeit. Sie war &uuml;berhaupt
+voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr f&uuml;r die n&auml;chste Zeit Geld
+in Aussicht gestellt.
+
+</P><P>
+
+Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores f&uuml;r ihr Zimmer an.
+Lheureux r&uuml;hmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen
+Teppich, den der H&auml;ndler bereitwillig zu besorgen versprach,
+wobei er versicherte, er werde &bdquo;die Welt nicht kosten&ldquo;. Lheureux
+war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie
+nach ihm, und immer lie&szlig; er alles stehen und liegen und kam,
+ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte
+Frau Rollet t&auml;glich zum Fr&uuml;hst&uuml;ck und auch au&szlig;erdem noch
+h&auml;ufig kam.
+
+</P><P>
+
+Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma pl&ouml;tzlich einen
+ungemein regen Eifer im Musizieren.
+
+</P><P>
+
+Eines Abends spielte sie dasselbe St&uuml;ck viermal
+hintereinander, ohne &uuml;ber eine bestimmte schwierige Stelle glatt
+hinwegzukommen. Karl, der ihr zuh&ouml;rte, bemerkte den Fehler nicht
+und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Ich st&uuml;mpere. Meine Finger sind zu steif
+geworden.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinetwegen! Wenn es dir Spa&szlig; macht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl gab zu, da&szlig; sie ein wenig aus der &Uuml;bung sei. Sie griff
+daneben, blieb stecken, und pl&ouml;tzlich h&ouml;rte sie auf zu spielen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, es geht nicht, ich m&uuml;&szlig;te wieder Stunden nehmen,
+aber&nbsp;...&ldquo; Sie bi&szlig; sich in die Lippen und f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Zwanzig
+Franken f&uuml;r die Stunde, das ist zu teuer.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Allerdings ... ja&nbsp;...&ldquo;, sagte Karl und l&auml;chelte einf&auml;ltig,
+&bdquo;aber es gibt doch auch unbekannte K&uuml;nstler, die billiger und
+manchmal besser sind als die Ber&uuml;hmtheiten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Such mir einen!&ldquo; sagte Emma.
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene
+an und sagte schlie&szlig;lich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
+Barfeuch&egrave;res, und da hat mir Frau Li&eacute;geard erz&auml;hlt, da&szlig;
+ihre drei T&ouml;chter f&uuml;r zw&ouml;lf Groschen die Stunde bei einer ganz
+vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma zuckte mit den Achseln und &ouml;ffnete fortan nicht mehr das
+Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging,
+seufzte sie allemal:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, mein armes Klavier!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wenn Besuch da war, erz&auml;hlte sie jedermann, da&szlig; sie die Musik
+aufgegeben und h&ouml;heren R&uuml;cksichten geopfert habe. Dann beklagte
+man sie. Es sei schade. Sie h&auml;tte soviel Talent. Man machte
+ihrem Manne geradezu Vorw&uuml;rfe, und der Apotheker sagte ihm
+eines Tages:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem
+die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Au&szlig;erdem sparen
+Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, sp&auml;ter bei
+der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die M&uuml;tter
+sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon
+Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber
+das wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ern&auml;hrung der
+S&auml;uglinge durch die eigenen M&uuml;tter und wie die
+Schutzpockenimpfung! Davon bin ich &uuml;berzeugt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Infolgedessen kam Karl noch einmal gespr&auml;chsweise auf diese
+Angelegenheit zur&uuml;ck. Emma erwiderte &auml;rgerlich, da&szlig; es
+besser w&auml;re, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte
+sich Bovary. Das kam ihm wie die Preisgabe eines
+St&uuml;ckes von sich selbst vor. Das brave Klavier hatte ihm so
+oft Vergn&uuml;gen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie w&auml;re es denn,&ldquo; schlug er vor, &bdquo;wenn du hin und wieder
+eine Stunde n&auml;hmst? Das wird uns wohl nicht gleich
+ruinieren!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelm&auml;&szlig;ig erfolgt&ldquo;,
+entgegnete sie.
+
+</P><P>
+
+Und so kam es schlie&szlig;lich dahin, da&szlig; sie von ihrem Gatten die
+Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
+den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
+habe bedeutende Fortschritte gemacht.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>F&uuml;nftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich
+ger&auml;uschlos an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorw&uuml;rfe
+wegen ihres zu fr&uuml;hen Aufstehens gemacht h&auml;tte. Dann lief
+sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich ans Fenster und sah auf
+den Marktplatz hinaus. Das Morgengrauen huschte um die
+Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterl&auml;den noch
+geschlossen waren. Die gro&szlig;en Buchstaben des Ladenschildes
+lie&szlig;en sich durch das fahle D&auml;mmerlicht erkennen.
+
+</P><P>
+
+Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
+Goldnen L&ouml;wen. Artemisia &ouml;ffnete ihr g&auml;hnend die T&uuml;r und
+fachte der gn&auml;digen Frau wegen im Herde die gl&uuml;henden Kohlen an.
+Ganz allein sa&szlig; Emma dann in der K&uuml;che.
+
+</P><P>
+
+Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte h&ouml;chst
+gem&auml;chlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuh&ouml;rte,
+die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster
+heraussah und ihm tausend Auftr&auml;ge und Verhaltungsma&szlig;regeln
+erteilte, die jeden andern Kutscher verr&uuml;ckt gemacht h&auml;tten. Die
+Abs&auml;tze von Emmas Stiefeletten klapperten laut auf dem
+Pflaster des Hofes.
+
+</P><P>
+
+Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
+angezogen, die Tabakspfeife angez&uuml;ndet und die Peitsche in die
+Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.
+
+</P><P>
+
+Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie
+allerorts Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Stra&szlig;e vor
+den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Pl&auml;tze
+vorbestellt hatten, lie&szlig;en meist auf sich warten; ja es kam
+vor, da&szlig; sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und
+fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den
+F&auml;usten laut gegen die Fensterl&auml;den. Inzwischen pfiff der Wind
+durch die schlecht schlie&szlig;enden Wagenfenster.
+
+</P><P>
+
+Allm&auml;hlich f&uuml;llten sich die vier B&auml;nke. Der Wagen rollte jetzt
+schneller hin. Die Apfelb&auml;ume an den Stra&szlig;enr&auml;ndern folgten
+sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser
+gef&uuml;llten Gr&auml;ben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin
+bis in den Horizont.
+
+</P><P>
+
+Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wu&szlig;te genau,
+wann eine Wiese oder eine Wegs&auml;ule kam oder eine Ulme, eine
+Scheune, das H&auml;uschen eines Stra&szlig;enw&auml;rters. Manchmal
+schlo&szlig; sie die Augen eine Weile, um sich &uuml;berraschen zu lassen.
+Aber sie verlor niemals das Gef&uuml;hl f&uuml;r Zeit und Ort.
+
+</P><P>
+
+Endlich erschienen die ersten Backsteinh&auml;user. Der Boden dr&ouml;hnte
+unter den R&auml;dern, rechts und links lagen G&auml;rten, durch
+deren Gitter man Bilds&auml;ulen, Lauben, beschnittene Taxushecken
+und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.
+
+</P><P>
+
+Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
+erf&uuml;llten Tiefe. Jenseits der Br&uuml;cken verlief das
+H&auml;usermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich
+flaches Land in eint&ouml;nigen Linien, bis es weit in der
+Ferne im fahlen Grau des Himmels verschwamm. So aus der
+Vogelschau sah die ganze Landschaft leblos wie ein Gem&auml;lde
+aus. Die vor Anker liegenden Zillen dr&auml;ngten sich in einem
+Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um gr&uuml;ne H&uuml;gel,
+und die l&auml;nglichen Inseln in seinen Fluten glichen gro&szlig;en
+schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen Fabrikessen
+quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft
+aufl&ouml;sten. In das Dr&ouml;hnen der Dampfh&auml;mmer mischte sich
+das helle Glockengel&auml;ut der Kirchen, die aus dem Dunste
+hervorragten. Die bl&auml;tterlosen B&auml;ume auf den Boulevards
+wuchsen aus den H&auml;usermassen heraus wie violette Gew&auml;chse,
+und die vom Regen nassen D&auml;cher glitzerten st&auml;rker oder
+schw&auml;cher, je nach der h&ouml;heren oder tieferen Lage der
+Stadtteile. Bisweilen trieb ein frischer Windsto&szlig; das
+dunstige Gew&ouml;lk nach der Sankt Katharinen-H&ouml;he hin, an deren
+steilen H&auml;ngen sich die luftige Flut ger&auml;uschlos brach.
+
+</P><P>
+
+Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
+diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut
+st&uuml;rmte ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die
+hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem
+der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen
+Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt dieses Anblicks
+wuchs ihre eigene Liebe, und das dumpfe Rauschen des
+Stra&szlig;enl&auml;rms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung.
+Die Pl&auml;tze, die Stra&szlig;en, die Promenaden erweiterten und
+vergr&ouml;&szlig;erten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
+zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie
+Einzug hielt.
+
+</P><P>
+
+Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die
+frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
+schmutzigen Landstra&szlig;e knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
+rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die B&uuml;rger,
+die aus ihren Landh&auml;usern im Wilhelmswalde zur&uuml;ckkehrten,
+wo sie die Nacht &uuml;ber geblieben waren, wichen mit ihren
+Familienkutschen gem&auml;chlich aus.
+
+</P><P>
+
+Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
+&Uuml;berschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
+und stieg aus.
+
+</P><P>
+
+In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die
+Schaufenster der L&auml;den. Marktweiber mit K&ouml;rben schrien an den
+Stra&szlig;enecken ihre Waren aus. Emma dr&uuml;ckte sich mit
+niedergeschlagenen Augen an den H&auml;usermauern entlang. Unter ihrem
+herabgezogenen schwarzen Schleier l&auml;chelte sie vergn&uuml;gt. Um
+nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch d&uuml;stre
+Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen
+am Ende der Rue Nationale. Wegen der N&auml;he des Theaters gibt
+es dort die meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern.
+Ein paarmal fuhren Karren mit B&uuml;hnendekorationen an Emma
+vor&uuml;ber. Besch&uuml;rzte Kellner streuten Sand auf das Trottoir,
+zwischen K&auml;sten mit gr&uuml;nen Gew&auml;chsen. Es roch nach Absinth,
+Zigarren und Austern.
+
+</P><P>
+
+Emma bog in die verabredete Stra&szlig;e ein. Da stand Leo. Sie
+erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich
+unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm
+nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf,
+&ouml;ffnete die T&uuml;r und trat ein&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und K&uuml;sse ohne
+Ende! Sie erz&auml;hlten sich vom Leid der vergangenen Woche, von
+ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber
+dann war das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu
+Auge, unter dem L&auml;cheln der Wollust und unter dem Gefl&uuml;ster der
+Z&auml;rtlichkeit.
+
+</P><P>
+
+Das Bett war aus Mahagoni und sehr gro&szlig;. Zu beiden Seiten
+des Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorh&auml;nge
+herab. Wenn sich Emmas braunes Haar und ihre wei&szlig;e Haut von
+diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme
+versch&auml;mt hob und ihr Gesicht in den H&auml;nden verbarg: was
+h&auml;tte Leo Sch&ouml;nres schauen k&ouml;nnen?
+
+</P><P>
+
+Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
+Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
+einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
+alles, was blank im Gemache war, hell auf: die
+Messingbeschl&auml;ge an der T&uuml;r, an den Gardinenhaltern und am
+Kamin.
+
+</P><P>
+
+Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
+verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles
+so vor, wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die
+Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am
+Donnerstag vorher liegen gelassen hatte.
+
+</P><P>
+
+Das Fr&uuml;hst&uuml;ck pflegten sie am Kamin an einem kleinen
+eingelegten Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte
+alles zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den
+Teller, unter tausend s&uuml;&szlig;en Torheiten. Wenn der Sekt ihr &uuml;ber
+den Rand des d&uuml;nnen Kelches auf die Finger perlte, lachte
+sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genu&szlig;
+versunken und verga&szlig;en v&ouml;llig, da&szlig; sie in einer Mietwohnung
+hausten. Es war Ihnen, als w&auml;ren sie Jungverm&auml;hlte und
+h&auml;tten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder zu
+verlassen brauchten. Sie sagten &bdquo;unser Zimmer, unser Teppich,
+unsre St&uuml;hle,&ldquo; wie sie &bdquo;unsre Pantoffeln&ldquo; sagten, wobei sie
+die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa
+Atlas mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie &uuml;ber den nackten
+F&uuml;&szlig;en. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir
+ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den gro&szlig;en
+Zehen.
+
+</P><P>
+
+Zum ersten Male in seinem Leben geno&szlig; er den unbeschreiblichen
+Reiz einer mond&auml;nen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese
+entz&uuml;ckende Art zu plaudern, dieses versch&auml;mte Sichentbl&ouml;&szlig;en,
+dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verz&uuml;ckte
+Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er
+hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
+verheiratete Frau ... Was h&auml;tte er mehr haben wollen?
+
+</P><P>
+
+Durch den fortw&auml;hrenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
+tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald
+schweigsam, bald &uuml;berschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
+Emma in ihm tausend L&uuml;ste, Gef&uuml;hle und Reminiszenzen. Die
+Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
+gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
+Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der &bdquo;Badenden
+Odaliske&ldquo;, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen
+Vrouwen der Minnes&auml;nger, und ihr blasses Gesicht glich denen,
+die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als
+alles das: sie war sein &bdquo;Engel&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als erg&ouml;sse sich
+seine Seele &uuml;ber sie und flie&szlig;e wie eine Welle &uuml;ber ihr Antlitz
+und von da herab wie ein Strom auf ihre wei&szlig;e Brust. Er sank ihr
+zu F&uuml;&szlig;en auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah
+zu ihr empor und schaute sie l&auml;chelnd an. Und sie neigte sich zu
+ihm herab und fl&uuml;sterte wie im Rausche:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O r&uuml;hr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist
+etwas Liebes, S&uuml;&szlig;es in deinen Augen, das ich so gern
+habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie nannte ihn &bdquo;mein Junge&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Junge, liebst du mich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er best&uuml;rmte sie mit K&uuml;ssen. Eine andre Antwort begehrte sie
+nicht.
+
+</P><P>
+
+Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus
+Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande
+trug. Er machte ihnen viel Spa&szlig;. Nur wenn die Trennungsstunde
+schlug, kam ihnen alles ernsthaft vor.
+
+</P><P>
+
+Unbeweglich standen sie einander gegen&uuml;ber, und immer
+wiederholten sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf Wiedersehn! N&auml;chsten Donnerstag!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden H&auml;nde,
+k&uuml;&szlig;te ihn rasch auf die Stirn, und mit einem &bdquo;Adieu!&ldquo; st&uuml;rmte
+sie die Treppe hinunter.
+
+</P><P>
+
+Zun&auml;chst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstra&szlig;e
+und lie&szlig; sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon sp&auml;t.
+Im Laden brannten bereits die Gasflammen. Sie h&ouml;rte das
+Klingeln dr&uuml;ben im Theater, das dem Personal den Beginn der
+Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie M&auml;nner mit
+bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im
+hinteren Eingang des Theatergeb&auml;udes verschwanden.
+
+</P><P>
+
+Der sehr niedrige Raum war &uuml;berheizt. Mitten unter den Per&uuml;cken
+und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der hei&szlig;en
+Brennscheren und der fettigen H&auml;nde, die sich mit ihrem Haar zu
+schaffen machten, bet&auml;ubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel,
+so w&auml;re sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.
+
+</P><P>
+
+Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an.
+
+</P><P>
+
+Dann ging sie fort, die Stra&szlig;en wieder hinan, zur&uuml;ck ins
+&bdquo;Rote Kreuz&ldquo;. Sie suchte ihre &Uuml;berschuhe hervor, die sie am
+Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und
+nahm ihren Platz ein, unter den bereits ungeduldigen
+Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle aus.
+Emma blieb allein im Wagen zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
+Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites
+Lichtermeer, in dem die H&auml;user verschwanden. Auf dem Sitzpolster
+kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
+fl&uuml;sterte sie den Namen Leos vor sich hin, k&uuml;&szlig;te ihn in
+Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind
+verschlang.
+
+</P><P>
+
+Oben auf der H&ouml;he trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
+ablauerte. Er war in Lumpen geh&uuml;llt, und ein alter verwetterter
+Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
+abnahm, sah man in seinen Augenh&ouml;hlen zwei blutige Aug&auml;pfel mit
+L&ouml;chern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch sch&auml;lte sich in
+roten Fetzen ab, und eine gr&uuml;nliche Fl&uuml;ssigkeit lief heraus,
+die an der Nase gerann, deren schwarze Fl&uuml;gel nerv&ouml;s zuckten.
+Wenn man ihn ansprach, grinste er einen bl&ouml;d an. Dann rollten
+seine bl&auml;ulichen Aug&auml;pfel fortw&auml;hrend in ihrem wunden Lager.
+
+</P><P>
+
+Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:
+</P>
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Wenns Sommer worden weit und breit,<BR>
+Wird hei&szlig; das Herze mancher Maid&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Manchmal erschien der Ungl&uuml;ckliche ohne Hut ganz pl&ouml;tzlich
+hinter Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.
+
+</P><P>
+
+Hivert pflegte den Bettler zu verh&ouml;hnen. Er riet ihm, sich auf
+dem n&auml;chsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er
+fragte ihn, wie es seiner Liebsten ginge.
+
+</P><P>
+
+Einmal streckte der Bettler seinen Hut w&auml;hrend der Fahrt durch
+das Wagenfenster herein. Er war drau&szlig;en auf das
+kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand
+fest. Sein erst schwacher und kl&auml;glicher Gesang ward schrill. Er
+heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das
+Schellengel&auml;ut der Pferde, das Rauschen der B&auml;ume und das
+Rasseln des Wagens t&ouml;nten in diese Jammerlaute hinein, so
+da&szlig; sie wie aus der Ferne zu kommen schienen. Emma war
+tiefersch&uuml;ttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie
+wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie
+ergriff sie.
+
+</P><P>
+
+Inzwischen hatte Hivert bemerkt, da&szlig; eine fremde Last seinen
+Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf
+den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
+Stra&szlig;enkot und stie&szlig; ein Schmerzensgeheul aus.
+
+</P><P>
+
+Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die
+einen schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die
+Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des
+Nachbars, und jener hatte den Arm in dem H&auml;ngeriemen, der je
+nach den Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der
+Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen
+Kattunvorh&auml;nge und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit
+blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie
+fror unter ihren Kleidern. Ihre F&uuml;&szlig;e wurden ihr k&auml;lter und
+k&auml;lter. Sie f&uuml;hlte sich sterbensungl&uuml;cklich.
+
+</P><P>
+
+Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer
+Versp&auml;tung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig,
+aber was k&uuml;mmerte sie das? Das Dienstm&auml;dchen konnte
+jetzt machen, was es wollte.
+
+</P><P>
+
+Es geschah oft, da&szlig; Karl, dem Emmas Bl&auml;sse auffiel, sie
+fragte, ob ihr etwas fehle.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein!&ldquo; antwortete sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber du bist so sonderbar heute abend?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach nein, nicht im geringsten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
+gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser
+als eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die
+Streichh&ouml;lzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und das
+Nachthemd und deckte das Bett auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Du kannst gehn.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er blieb n&auml;mlich immer noch eine Weile an der T&uuml;re stehen und
+blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.
+
+</P><P>
+
+Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gr&auml;&szlig;lich, und noch
+qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
+der sie nach ihrem Gl&uuml;cke lechzte. Sie verging fast vor
+L&uuml;sternheit, unter woll&uuml;stigen Erinnerungen, bis alle ihre
+Sehnsucht am siebenten Tage in Leos z&auml;rtlichen Armen
+befriedigt wurde. Seine eigne, hei&szlig;e Sinnlichkeit verbarg sich
+unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit.
+Seine anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entz&uuml;cken. Sie
+hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst,
+sein Herz zu verlieren.
+
+</P><P>
+
+Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten!
+Wirst es machen wie alle andern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Welche andern?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie alle M&auml;nner, meine ich.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ihn sanft zur&uuml;cksto&szlig;end, f&uuml;gte sie hinzu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr seid alle gemein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eines Tages f&uuml;hrten sie ein philosophisches Gespr&auml;ch
+&uuml;ber die menschlichen Entt&auml;uschungen, als sie pl&ouml;tzlich, um
+seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu
+starkem Mitteilungsbed&uuml;rfnis, das Gest&auml;ndnis machte,
+da&szlig; sie vor ihm einen andern geliebt habe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wie dich!&ldquo; f&uuml;gte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
+ihres Kindes, da&szlig; es &bdquo;zu nichts gekommen&ldquo; sei.
+
+</P><P>
+
+Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
+Betreffende jetzt sei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er war Schiffskapit&auml;n, mein Lieber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich
+ein gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer
+und gewi&szlig; vielumworbener Mann zu ihren F&uuml;&szlig;en gelegen haben
+sollte?
+
+</P><P>
+
+In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewu&szlig;tsein der
+Inferiorit&auml;t. Am liebsten h&auml;tte er gleichfalls Epauletten,
+Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mu&szlig;ten ihr gefallen,
+das sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.
+
+</P><P>
+
+Dabei verschwieg ihm Emma noch einen gro&szlig;en Teil ihrer ins
+Gro&szlig;artige gehenden W&uuml;nsche; zum Beispiel, da&szlig; sie gern einen
+blauen Tilbury mit einem englischen Vollbl&uuml;ter und einem Groom in
+schicker Livree gehabt h&auml;tte, um in Rouen spazieren zu fahren.
+Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
+gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn
+die Nichterf&uuml;llung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des
+Wiedersehns nicht weiter tr&uuml;bte, so versch&auml;rfte sie doch
+zweifellos die Bitterkeit der Trennung.
+
+</P><P>
+
+Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, wenn wir dort leben k&ouml;nnten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sind wir denn nicht gl&uuml;cklich?&ldquo; erwiderte Leo z&auml;rtlich und
+strich mit der Hand liebkosend &uuml;ber ihr Haar.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Doch! Du hast recht! Ich bin t&ouml;richt. K&uuml;sse mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebensw&uuml;rdiger denn je. Sie
+bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach
+Tisch Walzer vor. Er hielt sich f&uuml;r den gl&uuml;cklichsten Mann der
+Welt. Emma lebte in v&ouml;lliger Sorglosigkeit. Aber eines
+Abends sagte er pl&ouml;tzlich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wahr, du hast doch bei Fr&auml;ulein Lempereur Stunden?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Merkw&uuml;rdig! Ich habe sie heute bei Frau Li&eacute;geard getroffen
+und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie
+unbefangen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Name wird ihr entfallen sein.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in
+Rouen, die Klavierstunden geben&ldquo;, meinte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist auch m&ouml;glich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich sagte Emma:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
+eine bringen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie ging an ihren Schreibtisch, ri&szlig; alle Schubf&auml;cher auf,
+w&uuml;hlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, da&szlig; Karl
+sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel M&uuml;he
+zu machen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde sie schon finden!&ldquo; beharrte sie.
+
+</P><P>
+
+In der Tat f&uuml;hlte Karl am Freitag darauf, als er sich die
+Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gela&szlig;
+zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein St&uuml;ck
+Papier. Er zog es hervor und las:
+
+</P><P>
+
+<DIV ALIGN="CENTER">
+<TABLE WIDTH="50%" CELLPADDING="0" BORDER="0">
+<TR><TD ALIGN="CENTER">&bdquo;Quittung.
+</TD></TR>
+<TR><TD>
+Honorar f&uuml;r drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen f&uuml;r
+verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-&nbsp;Frkn.
+</TD></TR>
+<TR><TD ALIGN="RIGHT">
+Dankend erhalten <BR>
+Friederike Lempereur, <BR>
+Musiklehrerin.&ldquo;
+</TD>
+</TR>
+</TABLE>
+</DIV>
+
+<P>
+
+&bdquo;Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wahrscheinlich&ldquo;, erwiderte Emma, &bdquo;ist es aus dem Karton
+mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal
+steht.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von
+L&uuml;gen. Sie h&uuml;llte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit
+niemand sie s&auml;he. Aber auch sonst wurde ihr das L&uuml;gen
+geradezu zu einem Bed&uuml;rfnis. Sie log zu ihrem Vergn&uuml;gen. Wenn
+sie erz&auml;hlte, da&szlig; sie auf der rechten Seite der Stra&szlig;e gegangen
+sei, konnte man wetten, da&szlig; es auf der linken gewesen war.
+
+</P><P>
+
+Eines Donnerstags war sie fr&uuml;h, wie gew&ouml;hnlich ziemlich
+leicht gekleidet, abgefahren, als es pl&ouml;tzlich zu schneien
+begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien
+in der Kutsche des B&uuml;rgermeisters. Sie fuhren zusammen nach
+Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken
+Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuh&auml;ndigen, sobald er
+im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe
+sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die
+Antwort, da&szlig; sie das &bdquo;Rote Kreuz&ldquo; sehr selten aufsuche.
+Abends traf er sie in der Postkutsche und erz&auml;hlte ihr von
+seinem Mi&szlig;erfolge, dem er &uuml;brigens keine sonderliche
+Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald eine
+Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so
+wunderbar predige, da&szlig; die Frauen in Scharen hingingen.
+
+</P><P>
+
+Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben
+hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret
+sein. Und so hielt es Emma f&uuml;r besser, fortan im &bdquo;Roten
+Kreuz&ldquo; abzusteigen, damit die guten Leute aus Yonville sie hin
+und wieder auf der Treppe des Gasthofes sahen und nichts
+argw&ouml;hnten.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos
+Arm den Boulogner Hof verlie&szlig;. Sie f&uuml;rchtete, er k&ouml;nne
+schwatzen; aber er war nicht so t&ouml;richt. Daf&uuml;r trat er drei Tage
+sp&auml;ter in ihr Zimmer und erkl&auml;rte, da&szlig; er Geld brauche.
+
+</P><P>
+
+Sie erwiderte ihm, sie k&ouml;nne ihm nichts geben. Lheureux fing
+zu jammern an und z&auml;hlte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
+
+</P><P>
+
+In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten
+Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin
+verl&auml;ngert und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus
+seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen f&uuml;r die
+Stores, den Teppich, f&uuml;r M&ouml;belstoff, mehrere Kleider und
+verschiedene Toilettenst&uuml;cke, im Gesamtbetrag von ungef&auml;hr
+zweitausend Franken.
+
+</P><P>
+
+Sie lie&szlig; den Kopf h&auml;ngen, und er fuhr fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus
+in Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es
+brachte nicht viel ein. Es hatte urspr&uuml;nglich zu einem kleinen
+Pachtgute geh&ouml;rt, das der alte Bovary vor Jahren verkauft
+hatte. Lheureux wu&szlig;te genau Bescheid &uuml;ber das Grundst&uuml;ck; er
+kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An Ihrer Stelle&ldquo;, sagte er, &bdquo;versuchte ich, es
+loszuwerden. Sie bek&auml;men dann sogar noch bar Geld heraus!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie entgegnete, es sei schwer, einen K&auml;ufer zu finden, aber
+Lheureux meinte, das lie&szlig;e sich schon machen. Da fragte sie,
+was sie tun m&uuml;sse, um das Haus zu verkaufen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben doch die Vollmacht&ldquo;, antwortete er.
+
+</P><P>
+
+Dieses Wort belebte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie mir die Rechnung hier!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, das eilt ja nicht!&ldquo; erwiderte Lheureux.
+
+</P><P>
+
+In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete,
+es sei ihm mit vieler M&uuml;he gelungen, einen gewissen Langlois
+ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das
+Grundst&uuml;ck geworfen habe und wissen m&ouml;chte, was es koste.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Preis ist mir gleichg&uuml;ltig!&ldquo; rief Emma aus.
+
+</P><P>
+
+Lheureux erkl&auml;rte, man m&uuml;sse den K&auml;ufer eine Weile zappeln
+lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie
+selbst nicht gut verreisen k&ouml;nne, bot er sich dazu an, um das
+Gesch&auml;ft mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung
+zur&uuml;ck, der K&auml;ufer habe viertausend Franken geboten.
+
+</P><P>
+
+Emma war hocherfreut.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Offen gestanden,&ldquo; f&uuml;gte der H&auml;ndler hinzu, &bdquo;das ist
+anst&auml;ndig bezahlt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die erste H&auml;lfte der Summe z&auml;hlte er ihr sofort auf. Als Emma
+sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
+Lheureux:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf Ehre, es ist doch schade, da&szlig; Sie ein so sch&ouml;nes
+S&uuml;mmchen gleich wieder aus der Hand geben wollen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
+Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie? Wie meinen Sie?&ldquo; stammelte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O,&ldquo; erwiderte er mit gutm&uuml;tigem L&auml;cheln, &bdquo;man kann ja was
+ganz Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich wei&szlig; ja, wie
+das in einem Haushalte so ist.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie scharf an, w&auml;hrend er die beiden Tausendfrankenscheine
+langsam durch die Finger hin und her gleiten lie&szlig;. Endlich machte
+er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
+tausend Franken auf den Tisch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unterschreiben Sie!&ldquo; sagte er, &bdquo;und behalten Sie die ganze
+Summe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fuhr erschrocken zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wenn ich Ihnen den &Uuml;berschu&szlig; bar auszahle,&ldquo; sagte
+Lheureux frech, &bdquo;erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schrieb unter die Rechnung:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
+bescheinigt
+
+</P><P>
+
+Lheureux.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Sie k&ouml;nnen unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie
+die weiteren zweitausend Franken f&uuml;r Ihre alte Bude! Eher ist
+auch der letzte Wechsel nicht f&auml;llig.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
+Ohren klang es ihr, als w&uuml;rden S&auml;cke voll Goldst&uuml;cke vor
+ihr ausgesch&uuml;ttet, die nur so &uuml;ber die Diele kollerten.
+Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vin&ccedil;ard, Bankier in
+Rouen, der die vier Wechsel diskontieren wolle. Die
+&uuml;bersch&uuml;ssige Summe werde er der gn&auml;digen Frau pers&ouml;nlich
+bringen.
+
+</P><P>
+
+Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
+Freund Vin&ccedil;ard habe &bdquo;wie &uuml;blich&ldquo; zweihundert Franken f&uuml;r
+Provision und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachl&auml;ssig
+eine Empfangsbest&auml;tigung.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie verstehen! Gesch&auml;ft ist Gesch&auml;ft! Und das Datum! Bitte!
+Das Datum!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Tausend nun erf&uuml;llbare W&uuml;nsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
+vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
+die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
+
+</P><P>
+
+Der F&auml;lligkeitstag des vierten Papieres fiel zuf&auml;llig
+auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber
+geduldig auf Emmas R&uuml;ckkehr. Die Sache w&uuml;rde sich schon
+aufkl&auml;ren.
+
+</P><P>
+
+Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um
+ihm h&auml;usliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
+Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und z&auml;hlte ihm tausend
+unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg h&auml;tte anschaffen
+m&uuml;ssen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nicht wahr, du mu&szlig;t doch zugeben: f&uuml;r so viele Dinge ist
+tausend Franken nicht zuviel?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
+Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
+bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen
+davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
+schrieb Bovary seiner Mutter einen kl&auml;glichen Brief. Statt einer
+Antwort kam sie pers&ouml;nlich. Als Emma wissen wollte, ob sie
+etwas herausr&uuml;cke, gab er ihr zur Antwort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
+besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst k&auml;me die ganze
+Geschichte und auch die Ver&auml;u&szlig;erung des Grundst&uuml;cks
+heraus. Letztere hatte der H&auml;ndler so geschickt betrieben,
+da&szlig; sie erst viel sp&auml;ter bekannt wurde.
+
+</P><P>
+
+Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
+die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerh&ouml;rt zu
+finden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mu&szlig;ten die
+Lehnst&uuml;hle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in
+keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den
+Gro&szlig;vaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine n&ouml;tig. So war
+es wenigstens bei meiner Mutter, und das war eine ehrbare
+Frau! Das kann ich dir versichern! Es sind nun einmal nicht
+alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich w&uuml;rde
+mich zu Tode sch&auml;men, wenn ich mich so verw&ouml;hnen wollte wie du!
+Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bi&szlig;chen der
+Pflege n&ouml;tig h&auml;tte ... Da schau mal einer diesen Luxus an!
+Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, das Meter zu zwei Franken!
+Wo man ganz sch&ouml;nen Futterstoff f&uuml;r vier Groschen, ja schon f&uuml;r
+dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erf&uuml;llt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich finde, es ist nun gut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
+w&uuml;rden alle beide im Armenhause enden. &Uuml;brigens sei Karl der
+Hauptschuldige. Es sei ein wahres Gl&uuml;ck, da&szlig; er ihr
+versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was?&ldquo; unterbrach Emma ihre Rede.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma &ouml;ffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der
+Ungl&uuml;cksmensch mu&szlig;te zugeben, da&szlig; ihm die Mutter das
+Ehrenwort abgen&ouml;tigt hatte. Da ging Emma aus dem Zimmer, kam
+sehr bald wieder und h&auml;ndigte ihrer Schwiegermutter mit der
+Geb&auml;rde einer F&uuml;rstin ein gro&szlig;es Schriftst&uuml;ck ein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich danke dir!&ldquo; sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
+den Ofen.
+
+</P><P>
+
+Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie
+hatte einen Nervenchok bekommen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach du mein Gott!&ldquo; rief Karl aus. &bdquo;Siehst du, Mutter, es
+war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles &bdquo;blo&szlig; Tuerei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
+und vertrat Emma so nachdr&uuml;cklich, da&szlig; die alte Frau erkl&auml;rte,
+sie werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags.
+Als Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben
+&uuml;berreden wollte, erwiderte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja
+ganz in der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst
+ja sehen ... La&szlig; dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich
+wieder &mdash; sozusagen &mdash; zusetzen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nicht weniger als armer S&uuml;nder stand er dann vor Emma, die ihm
+erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mu&szlig;te
+erst lange bitten, ehe sie sich herablie&szlig;, eine neue
+Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
+sie ausstellen sollte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehr begreiflich!&ldquo; meinte der Notar. &bdquo;Ein Mann der
+Wissenschaft darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken
+lassen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl f&uuml;hlte sich durch diese im v&auml;terlichen Tone vorgebrachte
+Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bem&auml;ntelte seine Schwachheit
+mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit h&ouml;heren
+Dingen besch&auml;ftigt.
+
+</P><P>
+
+Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in
+Leos Armen war sie &uuml;ber die Ma&szlig;en ausgelassen. Sie lachte,
+weinte, sang, tanzte, lie&szlig; sich Sorbett heraufbringen und rauchte
+Zigaretten. So &uuml;berschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
+doch k&ouml;stlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, da&szlig; es in ihrem
+Innern g&auml;rte und da&szlig; sie sich aus diesem Motiv kopf&uuml;ber in
+den Strudel des Lebens st&uuml;rzte. Sie war reizbar,
+uners&auml;ttlich, woll&uuml;stig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie
+mit Leo durch die Stra&szlig;en der Stadt spazieren, ohne die geringste
+Angst, da&szlig; sie ins Gerede kommen k&ouml;nnte. So sagte sie
+wenigstens. Insgeheim erzitterte sie freilich mitunter bei
+dem Gedanken, Rudolf k&ouml;nne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf
+immerdar von ihm geschieden war, so f&uuml;hlte sie sich doch noch
+immer in seinem Banne.
+
+</P><P>
+
+Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zur&uuml;ck. Karl war
+au&szlig;er sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre
+&bdquo;Mama&ldquo; nicht ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerrei&szlig;end.
+Justin wurde auf der Poststra&szlig;e entgegengesandt, und selbst
+Homais verlie&szlig; seine Apotheke.
+
+</P><P>
+
+Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus.
+Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein
+Pferd los und langte gegen zwei Uhr morgens im &bdquo;Roten
+Kreuz&ldquo; an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht k&ouml;nne der
+Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Gl&uuml;cklicherweise
+fiel ihm die Adresse des Notars ein, bei dem Leo in der
+Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
+
+</P><P>
+
+Es begann zu d&auml;mmern. Er erkannte das Wappenschild &uuml;ber
+der T&uuml;r und klopfte an. Ohne da&szlig; ihm ge&ouml;ffnet ward, erteilte
+ihm jemand die gew&uuml;nschte Auskunft, nicht ohne auf den
+n&auml;chtlichen Ruhest&ouml;rer zu schimpfen.
+
+</P><P>
+
+Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besa&szlig; weder einen
+T&uuml;rklopfer noch eine Klingel noch einen Pf&ouml;rtner. Karl schlug
+mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging
+vor&uuml;ber. Karl bekam Angst und ging davon.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin ein Narr!&ldquo; sagte er zu sich. &bdquo;Wahrscheinlich haben
+Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht ist sie bei Frau D&uuml;breuil. Die ist vielleicht krank
+... Ach nein, Frau D&uuml;breuil ist ja schon vor einem halben Jahre
+gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich fiel ihm etwas ein. Er lie&szlig; sich in einem Caf&eacute;
+das Adre&szlig;buch geben und suchte rasch nach dem Namen von
+Fr&auml;ulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des
+Maroquiniers Nummer 74.
+
+</P><P>
+
+Als er in diese Stra&szlig;e einbog, tauchte Emma am andern Ende
+auf. Er st&uuml;rzte auf sie los und fiel ihr um den Hals.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hat dich denn gestern hier zur&uuml;ckgehalten?&ldquo; rief er.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich war krank.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fuhr mit der Hand &uuml;ber die Stirn und antwortete:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bei Fr&auml;ulein Lempereur.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die M&uuml;he kannst du dir nun ersparen. Sie ist &uuml;brigens schon
+ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
+kannst dir denken, da&szlig; ich mich nicht gar frei f&uuml;hle, wenn ich
+wei&szlig;, da&szlig; dich die geringste Versp&auml;tung derma&szlig;en aus dem
+Gleichgewicht bringt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in
+Zukunft mit aller Ruhe &uuml;ber den Strang hauen zu k&ouml;nnen, wie man
+zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den
+ausgiebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust versp&uuml;rte, Leo
+zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser
+sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner
+Kanzlei auf.
+
+</P><P>
+
+Die ersten Male war ihm das eine gro&szlig;e Freude, aber
+allm&auml;hlich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren
+diese St&ouml;rungen durchaus nicht angenehm.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach was, komm nur mit!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+Und er verlie&szlig; ihretwegen seine Arbeit.
+
+</P><P>
+
+Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz
+kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er
+auss&auml;he wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er
+mu&szlig;te ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand.
+Er sch&auml;mte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm,
+Vorh&auml;nge zu kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die
+seien sehr teuer, sagte sie lachend:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, h&auml;ngst du an deinen paar Groschen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Jedesmal mu&szlig;te ihr Leo genau berichten, was er seit dem
+letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein
+Gedicht, um ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei
+lag ihm nicht, und er schrieb schlie&szlig;lich ein Sonett aus einem
+alten Almanach ab.
+
+</P><P>
+
+Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein
+andres Bed&uuml;rfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen
+Dingen ihrer Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie
+sie. Mit einem Worte: sie tauschten allm&auml;hlich ihre Rollen. Leo
+wurde der feminine Teil in diesem Liebesverh&auml;ltnisse. Sie
+verstand auf eine Art zu kosen und zu k&uuml;ssen, da&szlig; er die
+Empfindung hatte, als sauge sie ihm die Seele aus dem Leibe.
+Es steckte, im Kerne ihres Wesens verborgen, eine
+eigent&uuml;mliche, geradezu unk&ouml;rperliche Verderbnis in Emma,
+eine geheimnisvolle Erbschaft.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Sechstes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, a&szlig; er h&auml;ufig
+bei dem Apotheker zu Mittag. Aus H&ouml;flichkeit lud er ihn ein,
+ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gern!&ldquo; gab Homais zur Antwort. &bdquo;Ich mu&szlig; sowieso einmal
+ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir
+wollen zusammen ins Theater gehen, ein bi&szlig;chen kneipen und ein
+paar Dummheiten loslassen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber Mann!&ldquo; mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren
+Gefahren, denen er entgegenlief, &auml;ngstigten sie im voraus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
+genug ruiniert in den fortw&auml;hrenden Ausd&uuml;nstungen der Drogen?
+Ja, ja, so sind die Frauen! Vergr&auml;bt man sich in die
+Wissenschaften, so sind sie eifers&uuml;chtig; und will man sich
+gelegentlich in harmlosester Weise ein bi&szlig;chen erholen, dann
+ists ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut
+sein! Rechnen Sie auf mich! In allern&auml;chster Zeit tauch ich in
+Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste &ouml;ffnen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Fr&uuml;her h&auml;tte sich Homais geh&uuml;tet, einen derartigen
+Ausdruck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich
+ungemein darin, den jovialen Gro&szlig;st&auml;dter zu spielen. &Auml;hnlich
+wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das
+neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten aus. Er
+begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser
+anzunehmen, um den Philistern zu imponieren.
+
+</P><P>
+
+Eines Donnerstags fr&uuml;h traf ihn Emma zu ihrer &Uuml;berraschung
+in der K&uuml;che des Goldnen L&ouml;wen im Reiseanzug, das hei&szlig;t,
+in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen
+hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fu&szlig;sack in der
+andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus
+Furcht, die Kundschaft k&ouml;nne an seiner Abwesenheit Ansto&szlig;
+nehmen.
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
+verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn w&auml;hrend der ganzen
+Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
+so st&uuml;rzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt
+half kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das
+&bdquo;Grand Caf&eacute; zur Normandie&ldquo;, wo er, bedeckten Hauptes, stolz
+wie ein F&uuml;rst eintrat. Er hielt es n&auml;mlich f&uuml;r h&ouml;chst
+provinzlerhaft, in einem &ouml;ffentlichen Lokal den Hut abzunehmen.
+
+</P><P>
+
+Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schlie&szlig;lich eilte
+sie in seine Kanzlei. Unter allen m&ouml;glichen Mutma&szlig;ungen, wobei
+sie ihm den Vorwurf der Gleichg&uuml;ltigkeit und sich selber den der
+Schw&auml;che machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
+gegen die Scheiben gepre&szlig;t, im Boulogner Hofe.
+
+</P><P>
+
+Um zwei Uhr sa&szlig;en Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der
+gro&szlig;e Saal des Restaurants leerte sich. Sie sa&szlig;en am Ofen,
+der die Form eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen
+innen vergoldete F&auml;cher sich unter der wei&szlig;en Decke
+ausbreiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter
+Glasw&auml;nden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen &uuml;ber einem
+Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und
+Spargel drei schl&auml;frige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem
+Haufen aufgeschichtet.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker tat sich sozusagen eine G&uuml;te. Wenngleich ihn die
+Pracht noch mehr entz&uuml;ckte als das vortreffliche Mahl, so
+tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett
+mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien
+&bdquo;&uuml;ber die Weiber&ldquo;. Am meisten rege ihn eine &bdquo;schicke&ldquo; Frau
+auf, und nichts ginge &uuml;ber eine elegante Robe in einem vornehm
+eingerichteten Raume. Was die k&ouml;rperlichen Reize anbelange, da
+sei viel Fleisch &bdquo;nicht ohne&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, a&szlig; und
+schmatzte weiter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie m&uuml;ssen sich &uuml;brigens ziemlich einsam f&uuml;hlen hier in
+Rouen&ldquo;, sagte er pl&ouml;tzlich. &bdquo;Aber schlie&szlig;lich wohnt ja Ihr
+Liebchen nicht allzuweit.&ldquo; Da Leo err&ouml;tete, setzte er hinzu:
+&bdquo;Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, da&szlig; Sie in
+Yonville&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der junge Mann stammelte etwas Unverst&auml;ndliches.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... im Hause Bovary jemanden poussieren&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wen denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, das Dienstm&auml;del!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war st&auml;rker als
+alle Vorsicht. Ohne sichs zu &uuml;berlegen, widersprach er. Er
+liebe nur br&uuml;nette Frauen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da haben Sie nicht unrecht&ldquo;, meinte der Apotheker. &bdquo;Die haben
+mehr Temperament!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais begann zu fl&uuml;stern und verriet seinem Freunde die
+Symptome, an denen man erkennen k&ouml;nne, ob eine Frau Feuer habe.
+Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die
+Deutschen seien schw&auml;rmerisch, die Franz&ouml;sinnen woll&uuml;stig, die
+Italienerinnen leidenschaftlich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und die Negerinnen?&ldquo; fragte der Adjunkt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist etwas f&uuml;r Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen wir?&ldquo; fragte Leo ungeduldig.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<TT>Yes!</TT>&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen
+und ihm seine Zufriedenheit aussprechen.
+
+</P><P>
+
+Des weiteren sch&uuml;tzte der junge Mann einen gesch&auml;ftlichen
+Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich begleite Sie nat&uuml;rlich!&ldquo; sagte Homais.
+
+</P><P>
+
+Unterwegs erz&auml;hlte er unaufh&ouml;rlich von seiner Frau, von
+seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom
+verwahrlosten Zustand, in dem er sie &uuml;bernommen, und wie er sie
+in die H&ouml;he gebracht habe.
+
+</P><P>
+
+Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
+eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der gr&ouml;&szlig;ten
+Erregung. Bei der Erw&auml;hnung des Apothekers geriet sie in
+Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vern&uuml;nftige Gr&uuml;nde zu
+beruhigen. Es sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie
+kenne Homais doch. Wie habe sie nur glauben k&ouml;nnen, da&szlig; er
+lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar
+nichts h&ouml;ren und schickte sich an, fortzugehen. Er hielt sie
+zur&uuml;ck, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen
+und sah sie mit einem r&uuml;hrenden Blick voller Begehrlichkeit und
+Unterw&uuml;rfigkeit an.
+
+</P><P>
+
+Sie stand aufrecht vor ihm. Mit gro&szlig;en flammenden Augen sah sie
+ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck
+in Tr&auml;nen. Ihre ger&ouml;teten Lider schlossen sich, sie &uuml;berlie&szlig;
+ihm ihre H&auml;nde, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
+Hausdiener. Ein Herr w&uuml;nsche ihn dringend zu sprechen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du kommst doch wieder?&ldquo; fragte Emma.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gewi&szlig;!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wann?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sofort!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es war der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein feiner Trick, nicht?&ldquo; schmunzelte er, als er Leo
+erblickte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verk&uuml;rzen. Sie war Ihnen doch
+offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
+Bridoux, einen Bittern genehmigen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo beteuerte, er m&uuml;sse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
+lachte ihn aus und machte seine Witze &uuml;ber die Juristerei.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
+nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
+Seinen Terrier m&uuml;ssen Sie mal sehen! Der ist zu spa&szlig;ig!&ldquo; Und da
+der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: &bdquo;Na, da
+begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
+lesen oder in irgendeinem alten Schm&ouml;ker bl&auml;ttern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Leo war wie bet&auml;ubt durch Emmas Unwillen, durch des
+Apothekers Geschw&auml;tz und vielleicht auch durch die Nachwirkung
+des reichlichen Fr&uuml;hst&uuml;cks. Unentschlossen stand er da,
+w&auml;hrend Homais immer wieder in ihn drang:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
+Schritte von hier! Rue Malpalu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit
+oder Narrheit oder aus jenem merkw&uuml;rdigen Drange, der den
+Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen
+Willen zuwiderlaufen, lie&szlig; sich Leo zu Bridoux f&uuml;hren. Sie
+fanden ihn in dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei
+Burschen beaufsichtigte, die das gro&szlig;e Rad einer
+Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen
+Begr&uuml;&szlig;ung gab Homais seinem Kollegen Ratschl&auml;ge. Dann trank
+man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu
+empfehlen, aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er
+sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
+&sbquo;Leuchtturm von Rouen&lsquo;! Dem Redakteur guten Tag sagen.
+Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den
+Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im h&ouml;chsten Grade
+aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt ha&szlig;te sie Leo. Das
+Stelldichein zu vers&auml;umen, das fa&szlig;te sie als Beschimpfung
+auf! Nun suchte sie nach noch andern Gr&uuml;nden, mit ihm zu brechen.
+Er sei eines h&ouml;heren Aufschwungs unf&auml;hig, schwach, banal,
+feminin, dazu knickerig und kleinm&uuml;tig.
+
+</P><P>
+
+Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, da&szlig; sie ihn schlechter
+machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten
+hinterl&auml;&szlig;t immer gewisse Spuren. Man darf ein G&ouml;tzenbild nicht
+ber&uuml;hren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.
+
+</P><P>
+
+Fortan unterhielten sie sich immer h&auml;ufiger von Dingen, die
+nichts mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm
+Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
+Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
+eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
+erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem n&auml;chsten
+Beieinandersein die alte Gl&uuml;ckseligkeit, aber hinterher gestand
+sie sich jedesmal, da&szlig; sie nichts davon gesp&uuml;rt hatte.
+Diese Entt&auml;uschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen.
+Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher
+Erregung. Sie warf die Kleider ab und ri&szlig; das Korsett
+herunter, dessen Schnuren ihr um die H&uuml;ften schlugen wie
+zischende Schlangen. Mit nackten F&uuml;&szlig;en lief sie an die T&uuml;r und
+&uuml;berzeugte sich, da&szlig; sie verriegelt war. Mit einer hastigen
+Bewegung entledigte sie sich dann des Hemdes &mdash; und bleich,
+stumm, ernst und von Schauern durchstr&ouml;mt, warf sie sich in seine
+Arme.
+
+</P><P>
+
+Aber auf ihrer von kaltem Schwei&szlig; beperlten Stirn, auf ihren
+st&ouml;hnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
+lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges.
+Leo f&uuml;hlte es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu
+trennen.
+
+</P><P>
+
+Ohne da&szlig; er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
+Erkenntnis, da&szlig; die Geliebte alle Pr&uuml;fungen der Lust und
+des Leids schon einmal an sich selber erfahren haben mu&szlig;te.
+Was ihn dereinst entz&uuml;ckt hatte, das fl&ouml;&szlig;te ihm jetzt
+Grauen ein.
+
+</P><P>
+
+Dazu kam, da&szlig; er gegen die t&auml;glich zunehmende Vergewaltigung
+seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
+Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
+auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
+Absinthtrinker, den das gr&uuml;ne Gift immer wieder verf&uuml;hrt.
+
+</P><P>
+
+Allerdings wandte sie alle Liebesk&uuml;nste an: von
+ausgesuchten Gen&uuml;ssen bei Tisch bis zu den Raffinements
+der Kleidung und den schmachtendsten Z&auml;rtlichkeiten. Sie brachte
+aus ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm
+ins Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab
+ihm gute Ratschl&auml;ge, wie er leben solle. Abergl&auml;ubisch schenkte
+sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame
+Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;La&szlig; sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am liebsten h&auml;tte sie ihn &uuml;berwacht oder gar &uuml;berwachen lassen.
+Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der
+N&auml;he des Boulogner Hofes regelm&auml;&szlig;ig ein Tagedieb herum,
+der dies wohl &uuml;bernommen h&auml;tte. Aber ihr Stolz hielt sie
+davon ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was
+tuts? Ich halte ihn nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als
+gew&ouml;hnlich. Als sie allein den Boulevard hinschlenderte,
+bemerkte sie die Mauer ihres Klosters. Da setzte sie sich
+auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie
+damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfr&auml;ulichen
+Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damals aus
+B&uuml;chern ertr&auml;umt hatte&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
+mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
+... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr
+vor&uuml;ber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie
+alles andre.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ich liebe ihn doch!&ldquo; fl&uuml;sterte sie.
+
+</P><P>
+
+Sie war dennoch nicht gl&uuml;cklich, und nie war sie das gewesen!
+Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam
+immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?
+
+</P><P>
+
+Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und sch&ouml;n und
+tapfer, begeisterungsf&auml;hig und liebeserfahren zugleich, mit
+einem Dichterherzen und einem Engelsk&ouml;rper, ein Schw&auml;rmer und
+S&auml;nger, warum war sie ihm nicht zuf&auml;llig begegnet? Ach, weil
+das eine Unm&ouml;glichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu
+suchen! Weil alles Lug und Trug ist! Jedes L&auml;cheln verbirgt
+immer nur das G&auml;hnen der Langweile, jede Freude einen Fluch,
+jeder Genu&szlig; den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die hei&szlig;esten
+K&uuml;sse hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare
+Begierde nach der Wollust der G&ouml;tter!
+
+</P><P>
+
+Eherne Kl&auml;nge dr&ouml;hnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
+viermal. Vier Uhr! Es d&uuml;nkte Emma, sie s&auml;&szlig;e schon eine
+Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in
+einer Minute zusammendr&auml;ngen, wie eine Menschenmenge in einem
+kleinen Raume&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Emma lebte nur noch f&uuml;r sich selbst. Die Geldangelegenheiten
+k&uuml;mmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein
+Mann von sch&auml;bigem Aussehen und erkl&auml;rte, Herr Vin&ccedil;ard in
+Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen
+er die eine Seitentasche seines langen gr&uuml;nen Rockes
+verschlossen hatte, steckte sie im &Auml;rmelaufschlag fest und
+&uuml;berreichte ihr h&ouml;flich ein Papier. Es war ein Wechsel auf
+siebenhundert Franken, den sie ausgestellt hatte. Lheureux
+hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vin&ccedil;ard
+weitergegeben.
+
+</P><P>
+
+Sie schickte Felicie zu dem H&auml;ndler. Er k&ouml;nne nicht abkommen,
+lie&szlig; er zur&uuml;cksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und
+dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke
+auf Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einf&auml;ltig:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was soll ich Herrn Vin&ccedil;ard ausrichten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sagen Sie ihm nur&ldquo;, gab Emma zur Antwort, &bdquo;... ich h&auml;tte kein
+Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
+acht Tagen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf
+erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten
+Zustellungsurkunde starrten ihr mehrfach die Worte &bdquo;Hareng,
+Gerichtsvollzieher in B&uuml;chy&ldquo; entgegen. Dar&uuml;ber erschrak sie
+derma&szlig;en, da&szlig; sie spornstreichs zu Lheureux lief.
+
+</P><P>
+
+Er stand in seinem Laden und schn&uuml;rte gerade ein Paket zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ihr Diener!&ldquo; begr&uuml;&szlig;te er sie. &bdquo;Ich stehe Ihnen sogleich zur
+Verf&uuml;gung!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Im &uuml;brigen lie&szlig; er sich in seiner Besch&auml;ftigung nicht st&ouml;ren,
+bei der ihm ein etwa dreizehnj&auml;hriges M&auml;dchen half. Es war
+ein wenig verwachsen und versah bei dem H&auml;ndler zugleich die
+Stelle des Ladenm&auml;dchens und der K&ouml;chin.
+
+</P><P>
+
+Als er fertig war, f&uuml;hrte er Frau Bovary hinauf in den ersten
+Stock. Er ging ihr in seinen schl&uuml;rfenden Holzschuhen auf der
+Treppe voran. Oben &ouml;ffnete er die T&uuml;r zu einem engen Gemach, in
+dem ein gro&szlig;er Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
+Rechnungsb&uuml;cher stand, die durch eine eiserne, mit einem
+Vorh&auml;ngeschlo&szlig; versehene Stange verwahrt waren. An der Wand
+stand ein Geldschrank von solcher Gr&ouml;&szlig;e, da&szlig; er sichtlich noch
+andre Dinge als blo&szlig; Geld und Banknoten enthalten mu&szlig;te. In
+der Tat lieh Lheureux Geld auf Pf&auml;nder aus. In diesem Schrank
+lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe
+des alten Tellier. Der ehemalige Besitzer des Caf&eacute;
+Fran&ccedil;ais hatte inzwischen sein Grundst&uuml;ck verkaufen
+m&uuml;ssen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen er&ouml;ffnet. Dort
+ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner
+Talglichte, die weniger gelb waren als sein Gesicht.
+
+</P><P>
+
+Lheureux setzte sich in seinen gro&szlig;en Rohrstuhl und fragte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, was gibts Neues?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma hielt ihm die Vorladung hin.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier, lesen Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, was geht denn mich das an?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Antwort emp&ouml;rte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
+ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber notgedrungen hab ichs doch tun m&uuml;ssen! Mir sa&szlig; selber
+das Messer an der Kehle!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und was wird jetzt geschehn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
+die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma konnte sich nur mit M&uuml;he beherrschen. Sie h&auml;tte ihm beinahe
+ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein
+Mittel gebe, Herrn Vin&ccedil;ard zu vertr&ouml;sten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Den und vertr&ouml;sten! Da kennen Sie Vin&ccedil;ard schlecht! Das
+ist ein Bluthund!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann m&uuml;sse eben Lheureux einspringen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;ren Sie mal,&ldquo; entgegnete er, &bdquo;mir scheint, da&szlig; ich schon
+genug f&uuml;r Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!&ldquo; Er schlug seine
+B&uuml;cher auf: &bdquo;Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17.
+Juni hundertundf&uuml;nfzig Franken ... am 23. M&auml;rz sechsundvierzig
+Franken ... am 10. April&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hielt inne, als f&uuml;rchte er eine Dummheit zu sagen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt
+hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von
+Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den r&uuml;ckst&auml;ndigen Zinsen gar
+nicht zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar
+niemand mehr hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun
+haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
+Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter &bdquo;diesen
+Schweinehund, den Vin&ccedil;ard&ldquo;. &Uuml;brigens verf&uuml;ge er selber
+&uuml;ber keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man
+z&ouml;ge ihm das Fell &uuml;ber die Ohren. Ein armer H&auml;ndler, wie er,
+k&ouml;nne nichts borgen.
+
+</P><P>
+
+Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
+Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schlie&szlig;lich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie unterbrach ihn:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich die letzte Rate f&uuml;r das Grundst&uuml;ck in Barneville
+bekomme&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er tat so, als sei er sehr &uuml;berrascht, da&szlig; Langlois noch
+nicht gezahlt habe. Mit honigs&uuml;&szlig;er Stimme sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, den m&uuml;ssen Sie machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er schlo&szlig; die Augen, als ob er sich etwas &uuml;berlegte.
+Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erkl&auml;rte er, er
+k&auml;me sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er
+schneide sich in sein eignes Fleisch. Schlie&szlig;lich f&uuml;llte er
+vier Wechsel aus, jeden zu zweihundertundf&uuml;nfzig Franken, mit
+F&auml;lligkeitstagen, die je vier Wochen auseinanderlagen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vorausgesetzt nat&uuml;rlich, da&szlig; Vin&ccedil;ard darauf eingeht!&ldquo;
+sagte er. &bdquo;Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange!
+Bei mir geht alles wie geschmiert!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist aber nichts f&uuml;r Sie darunter, gn&auml;dige Frau!&ldquo;
+meinte er. &bdquo;Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei
+Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute rei&szlig;en sich
+drum! Man sagt ihnen nat&uuml;rlich nicht, was wirklich dran ist
+... Sie k&ouml;nnens sich ja denken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Durch derlei Gest&auml;ndnisse seiner Unreellit&auml;t andern gegen&uuml;ber
+sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war
+bereits an der T&uuml;r, als er sie zur&uuml;ckrief und ihr drei
+Meter Brokatstickerei zeigte, einen &bdquo;Gelegenheitskauf&ldquo;, wie
+er sagte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Prachtvoll! Nicht?&ldquo; sagte er. &bdquo;Man nimmt es jetzt vielfach
+zu Sofabeh&auml;ngen. Das ist hochmodern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den
+Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma
+in die H&auml;nde gedr&uuml;ckt.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich mu&szlig; doch aber wenigstens wissen, was&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, das eilt ja nicht!&ldquo; unterbrach er sie und wandte sich
+einem andern Kunden zu.
+
+</P><P>
+
+Noch an dem n&auml;mlichen Abend best&uuml;rmte sie Karl, er solle doch
+seiner Mutter schreiben, da&szlig; sie den Rest der Erbschaft schicke.
+Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach
+Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm &mdash; abgesehen von
+dem Grundst&uuml;ck in Barneville &mdash; j&auml;hrlich sechshundert
+Franken, die ihm p&uuml;nktlich zugehen w&uuml;rden.
+
+</P><P>
+
+Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten
+Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das
+h&auml;ufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: &bdquo;Ich bitte,
+es meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in
+dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie g&uuml;tigst. Ihre sehr
+ergebene&nbsp;...&ldquo; Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie
+unterschlug.
+
+</P><P>
+
+Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
+ihre abgelegten H&uuml;te, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein
+Jude. Hier kam ihr gewinns&uuml;chtiges Bauernblut zum Vorschein.
+Auf ihren Ausfl&uuml;gen nach Rouen erstand sie allerhand Tr&ouml;del,
+den Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte
+Strau&szlig;enfedern, chinesisches Porzellan, altert&uuml;mliche Truhen.
+Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
+&bdquo;Roten Kreuz&ldquo;, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit
+dem Geld, das sie noch f&uuml;r das Barneviller Haus bekam,
+bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die &uuml;brigen
+f&uuml;nfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue
+Verpflichtungen ein und immer wieder welche.
+
+</P><P>
+
+Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei
+herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
+bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann lie&szlig; sie es und dachte
+gar nicht mehr daran.
+
+</P><P>
+
+Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten
+mit w&uuml;tenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete
+W&auml;sche. Und die kleine Berta lief zum gr&ouml;&szlig;ten Entsetzen von
+Frau Homais in zerrissenen Str&uuml;mpfen einher. Wenn sich Karl
+gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm
+Emma barsch, es sei nicht ihre Schuld.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum ist sie so reizbar?&ldquo; fragte er sich und suchte die
+Erkl&auml;rung daf&uuml;r in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
+Vorw&uuml;rfe, da&szlig; er nicht gen&uuml;gend R&uuml;cksicht auf ihr
+k&ouml;rperliches Leiden genommen habe. Er schalt sich einen
+Egoisten und w&auml;re am liebsten zu ihr gelaufen und h&auml;tte sie
+gek&uuml;&szlig;t.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber nicht!&ldquo; sagte er sich. &bdquo;Es k&ouml;nnte ihr l&auml;stig sein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und er ging nicht zu ihr.
+
+</P><P>
+
+Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
+kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift
+auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen. Es war
+noch g&auml;nzlich unwissend. Sehr bald machte es gro&szlig;e, traurige
+Augen und begann zu weinen. Da tr&ouml;stete er es. Er holte Wasser
+in der Gie&szlig;kanne und legte ein B&auml;chlein im Kies an, oder er
+brach Zweige von den Jasminstr&auml;uchern und pflanze sie als
+B&auml;umchen in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er
+war schon l&auml;ngst von Unkraut &uuml;berwuchert. Lestiboudois hatte
+schon wer wei&szlig; wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das
+Kind, und es verlangte nach der Mutter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruf Felicie!&ldquo; sagte Karl. &bdquo;Du wei&szlig;t, mein Herzchen, Mama will
+nicht gest&ouml;rt werden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Bl&auml;tter. Jetzt
+war es genau zwei Jahre her, da&szlig; Emma krank war! Wann w&uuml;rde
+das endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort,
+die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken.
+
+</P><P>
+
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie st&ouml;ren.
+Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
+bekleidet. Von Zeit zu Zeit z&uuml;ndete sie eins der
+R&auml;ucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eines
+Algeriers gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren
+schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie es durch
+allerlei Grimassen so weit, da&szlig; er sich in den zweiten Stock
+zur&uuml;ckzog. Nun las sie bis zum Morgen &uuml;berspannte B&uuml;cher,
+die von Orgien und von Mord und Totschlag erz&auml;hlten. Oft bekam
+sie davon Angstanf&auml;lle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst
+herunter.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, geh nur wieder!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs
+durchgl&uuml;ht, schwer atmend und in hei&szlig;er sinnlicher Erregung
+ans Fenster, sog die k&uuml;hle Nachtluft ein und lie&szlig; sich den
+Wind um das schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend,
+w&uuml;nschte sie sich die Liebe eines F&uuml;rsten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Leo trat ihr vor die Phantasie. Was h&auml;tte sie in diesem
+Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm
+sattk&uuml;ssen zu lassen.
+
+</P><P>
+
+Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der
+Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu
+bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was
+beinahe jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu
+&uuml;berzeugen, da&szlig; sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe
+zusammen kommen k&ouml;nnten. Sie wollte jedoch nichts davon
+h&ouml;ren.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes
+Dutzend vergoldete Teel&ouml;ffel mit, das Hochzeitsgeschenk
+ihres Vaters. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er
+gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er
+f&uuml;rchtete, sich blo&szlig;zustellen. Als er hinterher noch einmal
+dar&uuml;ber nachdachte, fand er, da&szlig; seine Geliebte &uuml;berhaupt recht
+seltsam geworden sei und da&szlig; es vielleicht ratsam w&auml;re, mit
+ihr zu brechen. Seine Mutter hatte &uuml;brigens einen langen
+anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt
+worden war, ihr Sohn &bdquo;ruiniere sich mit einer verheirateten
+Frau.&ldquo; Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle
+Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin,
+die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich
+brieflich an Leos Chef, den Justizrat D&uuml;bocage, dem die
+Geschichte l&auml;ngst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
+dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, &ouml;ffnete ihm die
+Augen, wie er sich ausdr&uuml;ckte, und zeigte ihm den Abgrund, dem
+er zusteuere. Wenn es zum &ouml;ffentlichen Skandal k&auml;me, sei
+seine weitere Karriere gef&auml;hrdet! Er bat ihn dringend, das
+Verh&auml;ltnis abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so
+doch in seinem, des Notars.
+
+</P><P>
+
+Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
+Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
+indem er sich klar ward, in welche Mi&szlig;helligkeiten und in was
+f&uuml;r Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von
+den Anz&uuml;glichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich
+loslie&szlig;en, wenn sie sich am Kamine w&auml;rmten. Er sollte
+demn&auml;chst in die erste Adjunktenstelle r&uuml;cken. Es ward also
+Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Aus diesem Grunde gab er
+auch das Fl&ouml;tespielen auf. Die Tage der Schw&auml;rmereien und
+Phantastereien waren f&uuml;r ihn vor&uuml;ber! Jeder Philister hat in
+seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen
+Tag, nur eine Stunde w&auml;hrt. Einmal ist jeder der
+ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelst&uuml;rmender Pl&auml;ne
+f&auml;hig. Den spie&szlig;erlichsten Mann gel&uuml;stet es einmal nach
+einer gro&szlig;en Kurtisane, und selbst im n&uuml;chternen Juristen hat
+sich irgendwann einmal der Dichter geregt.
+
+</P><P>
+
+Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung
+an seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik
+nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er f&uuml;r die
+&Uuml;berschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gef&uuml;hl mehr. Die wilde
+Sch&ouml;nheit dieser Herzensst&uuml;rme begriff er nicht.
+
+</P><P>
+
+Sie kannten einander zu gut, als da&szlig; der gegenseitige Besitz
+sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
+Entwicklungsf&auml;higkeit verloren. Sie waren beide einander
+&uuml;berdr&uuml;ssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalit&auml;ten der
+Ehe wieder.
+
+</P><P>
+
+Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So ver&auml;chtlich ihr
+die Verflachung ihres Gl&uuml;ckes auch vorkam: aus
+Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der
+Sinnengenu&szlig; ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch
+nach h&ouml;heren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt
+und betrogen. Sie w&uuml;nschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre
+Entzweiung zur Folge h&auml;tte, weil sie nicht den Mut hatte, sich
+aus freien St&uuml;cken von ihm zu trennen.
+
+</P><P>
+
+Sie h&ouml;rte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu
+&uuml;bersch&uuml;tten. Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer
+Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben
+stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo,
+sondern ein Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer z&auml;rtlichsten
+Erinnerungen, eine Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden,
+das leibhaft gewordne Idol ihrer hei&szlig;esten Gel&uuml;ste.
+Allm&auml;hlich ward ihr dieser imagin&auml;re Liebling so vertraut,
+als ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten
+Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich
+gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in
+der F&uuml;lle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo
+hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter
+Rosend&uuml;ften und Mondenschein. Sie f&uuml;hlte, er war ihr nahe. Er
+umarmte und k&uuml;&szlig;te sie&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Nach solchen Traumzust&auml;nden war sie kraftlos und gebrochen.
+Die Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr
+als die wildeste Ausschweifung.
+
+</P><P>
+
+Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
+Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unm&ouml;glich, sie
+zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten h&auml;tte sie immerdar
+geschlafen.
+
+</P><P>
+
+Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zur&uuml;ck. Sie
+nahm am Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten
+Str&uuml;mpfen, eine Rokokoper&uuml;cke auf dem Kopfe und einen Dreimaster
+auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht.
+Es bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand
+sie unter der Vorhalle des Theaters, umringt von einem
+halben Dutzend Masken, Bekannten von Leo: Matrosen und
+Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurants in
+der N&auml;he waren alle &uuml;berf&uuml;llt. Schlie&szlig;lich entdeckte man einen
+bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleines
+Zimmer bekamen.
+
+</P><P>
+
+Die m&auml;nnlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
+einigten sie sich &uuml;ber die Kosten. Es waren zwei Studenten der
+medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verk&auml;ufer. Was
+f&uuml;r eine Gesellschaft f&uuml;r eine Dame! Und die weiblichen Wesen?
+An ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, da&szlig; sie fast
+alle der untersten Volksschicht angeh&ouml;ren mu&szlig;ten. Nun begann
+sie sich zu &auml;ngstigen. Sie r&uuml;ckte mit ihrem Sessel beiseite und
+schlug die Augen nieder.
+
+</P><P>
+
+Die andern begannen zu tafeln. Emma a&szlig; nichts. Ihre Stirn
+gl&uuml;hte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte
+ihr &uuml;ber die Haut. In ihrem Hirn dr&ouml;hnte noch der L&auml;rm des
+Tanzsaals; es war ihr, als stampften tausend F&uuml;&szlig;e im
+Takte um sie herum. Dazu bet&auml;ubte sie der Zigarrenrauch und der
+Duft des Punsches. Sie wurde ohnm&auml;chtig. Man trug sie
+ans Fenster.
+
+</P><P>
+
+Der Morgen d&auml;mmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-H&ouml;he stand ein
+breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
+graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
+Br&uuml;cken. Die Laternenlichter verblichen.
+
+</P><P>
+
+Sie erholte sich allm&auml;hlich und dachte an ihre Berta, die fern in
+Yonville schlief, im Zimmer des M&auml;dchens. Ein Wagen voll
+langer Eisenstangen fuhr unten vor&uuml;ber; das Metall vibrierte
+in eigent&uuml;mlichen T&ouml;nen&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Da stahl sie sich in pl&ouml;tzlichem Entschlusse fort. Sie lie&szlig; Leo
+und kam allein zur&uuml;ck in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr
+eigner K&ouml;rper war ihr unertr&auml;glich. Sie h&auml;tte fliegen m&ouml;gen,
+sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
+kristallklaren &Auml;ther.
+
+</P><P>
+
+Nachdem sie sich ihres Kost&uuml;ms entledigt hatte, verlie&szlig;
+sie den Gasthof und ging &uuml;ber den Boulevard, den Causer Platz,
+durch die Vorstadt, bis zu einer freien Stra&szlig;e mit G&auml;rten.
+Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach
+verga&szlig; sie die l&auml;rmende Menge, die Masken, die Tanzmusik,
+das Lampenlicht, das Souper, die Dirnen. Alles war weg
+wie der Nebel im Winde. Im &bdquo;Roten Kreuz&ldquo; angekommen, warf sie
+sich aufs Bett. Es war in demselben Zimmer des zweiten
+Stocks, wo ihr Leo damals seinen ersten Besuch gemacht
+hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von Hivert geweckt.
+
+</P><P>
+
+Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftst&uuml;ck, das hinter der
+Uhr steckte. Emma las:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung&nbsp;...&ldquo; Sie hielt
+inne. &bdquo;Was f&uuml;r ein Urteil?&ldquo; Sie besann sich.
+
+</P><P>
+
+Etliche Tage vorher war ein andres Schriftst&uuml;ck abgegeben
+worden, das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken
+las sie weiter:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<B>Im Namen des K&ouml;nigs!</B>&nbsp;...&ldquo; Sie &uuml;bersprang einige
+Zeilen. &bdquo;... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ...
+achttausend Franken&nbsp;...&ldquo; Und unten: &bdquo;Vorstehende Ausfertigung
+wird ... zum Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die sind morgen abgelaufen!&ldquo; sagte sie sich. &bdquo;Unsinn! Lheureux
+will mir nur angst machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
+den Endzweck aller seiner Gef&auml;lligkeiten. Das einzige, was
+sie etwas beruhigte, war gerade die enorme H&ouml;he der
+Schuldsumme. Durch ihre fortw&auml;hrenden K&auml;ufe, ihr Nichtbarbezahlen,
+die Darlehen, das Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die
+Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu
+dieser H&ouml;he angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld
+ungeduldig. Er brauchte es zu neuen Gesch&auml;ften.
+
+</P><P>
+
+Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist
+wohl ein Scherz!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bewahre!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieso aber?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er wandte sich ihr langsam zu, verschr&auml;nkte die Arme und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, da&szlig; ich
+bis zum J&uuml;ngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe?
+F&uuml;r nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die
+h&ouml;chste Zeit, da&szlig; ich mein Geld zur&uuml;ckkriege! Das werden Sie
+doch einsehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie bestritt die H&ouml;he der Schuldsumme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, das tut mir leid!&ldquo; erwiderte der H&auml;ndler. &bdquo;Das
+Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist
+nichts zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen!
+&Uuml;brigens bin ich nicht der Kl&auml;ger, sondern Vin&ccedil;ard.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;K&ouml;nnten Sie denn nicht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich kann gar nichts!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber ... sagen Sie ... &uuml;berlegen wir uns einmal&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewu&szlig;t, sie sei
+&uuml;berrascht worden&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ist das denn meine Schuld?&ldquo; fragte Lheureux mit einer
+h&ouml;hnischen Geste. &bdquo;W&auml;hrend ich mich hier abplagte, haben Sie
+herrlich und in Freuden gelebt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das k&ouml;nnte nichts schaden!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so
+weit, da&szlig; sie den H&auml;ndler mit ihrer schmalen wei&szlig;en Hand
+ber&uuml;hrte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lassen Sie mich zufrieden!&ldquo; wehrte er ab. &bdquo;Am Ende wollen Sie
+mich gar noch verf&uuml;hren!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie sind ein gemeiner Mensch!&ldquo; rief sie aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, na!&ldquo; lachte er. &bdquo;Werden Sie nur nicht gleich ungn&auml;dig!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich werde allen Leuten erz&auml;hlen, was f&uuml;r ein Mensch Sie
+sind! Ich werde meinem Manne sagen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und ich werde Ihrem Manne was zeigen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbest&auml;tigung
+der Summe f&uuml;r das verkaufte Grundst&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glauben Sie, da&szlig; er das nicht f&uuml;r einen kleinen Diebstahl
+halten wird, der arme gute Mann?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen.
+Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und
+her und sagte immer wieder:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
+Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;'s ist grade kein Vergn&uuml;gen &mdash; das wei&szlig; ich wohl! &mdash;
+aber es ist noch niemand dran gestorben, und da es der
+einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?&ldquo; jammerte
+Emma und rang die H&auml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wenn man Freunde hat wie Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie scharf und so t&uuml;ckisch an, da&szlig; ihr dieser Blick durch
+Mark und Bein ging.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Danke! Habe genug von den alten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;K&ouml;nnte ich nicht was verkaufen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was denn?&ldquo; fragte er achselzuckend. &bdquo;Sie besitzen doch gar
+nichts!&ldquo; Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in
+seinen Laden hinein: &bdquo;Anna, vergi&szlig; nicht die drei St&uuml;ck Tuch
+Nummer vierzehn!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das M&auml;dchen trat ein. Emma begriff, was das hei&szlig;en
+sollte. Sie machte einen letzten Versuch.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieviel Geld w&auml;re dazu n&ouml;tig, die Zwangsvollstreckung
+aufzuhalten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist schon zu sp&auml;t!&ldquo; antwortete Lheureux.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken br&auml;chte? Ein Viertel
+der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das h&auml;tte alles keinen Zweck!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er dr&auml;ngte sie sanft dem Ausgange zu.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich beschw&ouml;re Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage
+Zeit!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie schluchzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Donnerwetter! Gar noch Tr&auml;nen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie bringen mich zur Verzweiflung!&ldquo; jammerte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mir auch egal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er machte die T&uuml;re zu.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Siebentes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
+Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie
+sich einstellten, um das Pf&auml;ndungsprotokoll aufzusetzen.
+
+</P><P>
+
+Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen
+Sch&auml;del schrieben sie indessen nicht mit in das
+Sachenverzeichnis. Sie erkl&auml;rten ihn als zur
+Berufsaus&uuml;bung n&ouml;tig. Aber in der K&uuml;che z&auml;hlten sie die
+Sch&uuml;sseln, T&ouml;pfe, St&uuml;hle und Leuchter, und in ihrem
+Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
+durchst&ouml;berten ihren Kleidervorrat, ihre W&auml;sche. Sogar der
+Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward
+bis in die heimlichsten Einzelheiten &mdash; wie ein Leichnam in der
+Anatomie &mdash; den Blicken der drei M&auml;nner preisgegeben. Der
+Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock,
+eine wei&szlig;e Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
+wiederholte immer wieder:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie erlauben, gn&auml;dige Frau! Sie erlauben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wunderh&uuml;bsch! Sehr nett!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis,
+wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfa&szlig; aus Horn
+tauchte, das er in der linken Hand hielt.
+
+</P><P>
+
+Als man in den Wohnr&auml;umen fertig war, ging es hinauf in die
+Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult
+bemerkte, in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er
+an, da&szlig; es ge&ouml;ffnet werde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah! Briefe!&ldquo; meinte er, geheimnisvoll l&auml;chelnd. &bdquo;Sie
+erlauben wohl! Ich mu&szlig; mich n&auml;mlich &uuml;berzeugen, ob nicht sonst
+noch was drinnen steckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er bl&auml;tterte die B&uuml;ndel fl&uuml;chtig durch, als sollten
+Goldst&uuml;cke herausfallen. Emma war emp&ouml;rt, als sie sah, wie
+seine plumpe rote Hand mit den molluskenhaften Fettfingern
+diese Bl&auml;tter anfa&szlig;te, bei deren Empfang ihr Herz einst h&ouml;her
+geschlagen hatte.
+
+</P><P>
+
+Endlich gingen sie. Felicie kam zur&uuml;ck. Sie hatte den Auftrag
+gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
+Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepf&auml;ndeten Gegenst&auml;nde
+zur&uuml;ckblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.
+
+</P><P>
+
+Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
+beobachtete ihn &auml;ngstlich. Es kam ihr vor, als st&uuml;nden in
+den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
+Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
+Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
+sich die Armseligkeit ihres Lebens versch&ouml;nt hatte, f&uuml;hlte
+sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid
+mit sich selber, das ihre W&uuml;nsche eher noch anfachte als
+unterdr&uuml;ckte.
+
+</P><P>
+
+Karl sa&szlig; friedlich am Kamin und f&uuml;hlte sich h&ouml;chst behaglich.
+Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem K&auml;fige
+langweilte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ging da nicht oben einer?&ldquo; fragte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein!&ldquo; beschwichtigte sie ihn. &bdquo;Da war wahrscheinlich ein
+Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie fr&uuml;h nach Rouen, wo sie
+alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
+meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie lie&szlig; sich
+nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
+beteuerte, sie brauche es und wolle es p&uuml;nktlich
+zur&uuml;ckzahlen. Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie
+ab.
+
+</P><P>
+
+Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner T&uuml;re. Es
+&ouml;ffnete niemand. Endlich kam er von der Stra&szlig;e her.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was f&uuml;hrt dich her?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;St&ouml;re ich dich?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein ... aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er gestand, sein Wirt s&auml;he es nicht gern, wenn man &bdquo;Damen&ldquo;
+bei sich empfinge.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich mu&szlig; dich sprechen!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+Da nahm er den Schl&uuml;ssel, aber sie hinderte ihn am Aufschlie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Nicht hier! Bei uns!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.
+
+</P><P>
+
+Emma trank zun&auml;chst ein gro&szlig;es Glas Wasser. Sie war ganz
+bleich. Dann sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie fa&szlig;te seine H&auml;nde, dr&uuml;ckte sie fest und f&uuml;gte hinzu:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;r mal: ich brauche achttausend Franken!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du bist verr&uuml;ckt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Noch nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun erz&auml;hlte sie ihm rasch die Geschichte der Pf&auml;ndung und
+klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer
+Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fu&szlig;e, und ihr Vater
+k&ouml;nne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, m&uuml;sse ihr diese
+unbedingt n&ouml;tige Summe schleunigst verschaffen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie soll ich das?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du willst blo&szlig; nicht!&ldquo; sagte sie aufgeregt.
+
+</P><P>
+
+Er stellte sich dumm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es wird nicht so gef&auml;hrlich sein! Mit tausend Talern wird
+der Biedermann schon zufrieden sein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht. Schaff sie mir nur!&ldquo; sagte sie. Dreitausend Franken
+seien allemal aufzutreiben! Leo m&ouml;ge sie doch einstweilen auf
+seinen Namen aufnehmen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geh! Versuchs! Es mu&szlig; sein! Schnell! Schnell! Ich will
+dich daf&uuml;r auch recht liebhaben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er ging und kam nach einer Stunde zur&uuml;ck. Mit einem Gesicht,
+als ob er wer wei&szlig; was zu verk&uuml;nden h&auml;tte, sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich war bei drei Personen ... umsonst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Darauf sa&szlig;en sie einander gegen&uuml;ber am Kamin, regungslos,
+ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor
+Ungeduld mit den F&uuml;&szlig;en. Er h&ouml;rte, wie sie ganz leise sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich an deiner Stelle w&auml;re, ich w&uuml;&szlig;te, wo ich das Geld
+auftriebe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo denn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;In eurer Kanzlei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah ihn starr an.
+
+</P><P>
+
+Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder D&auml;mon. Zwischen
+ihren sich ber&uuml;hrenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und S&uuml;nde so
+stark, da&szlig; der junge Mann unter der stummen Verf&uuml;hrungskraft
+dieses Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe
+daran war, zu erliegen. Er f&uuml;hlte seine Schwachheit. J&auml;he Furcht
+ergriff ihn, und um jeder weiteren Er&ouml;rterung zu entgehen, schlug
+er sich vor die Stirn und rief aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Morel kommt ja heute nacht zur&uuml;ck!&ldquo; Morel war ein Freund von
+ihm, der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. &bdquo;Der
+schl&auml;gts mir nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen
+vormittag bringen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
+freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie
+seine L&uuml;ge?
+
+</P><P>
+
+Err&ouml;tend fuhr er fort:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
+warte nicht l&auml;nger auf mich, Schatz! Jetzt mu&szlig; ich aber wirklich
+fort! Entschuldige mich! Lebwohl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er dr&uuml;ckte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma
+hatte alle Kraft verloren&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
+zur&uuml;ckzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit.
+
+</P><P>
+
+Das Wetter war pr&auml;chtig. Ein klarer kalter M&auml;rztag. Die Sonne
+strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonnt&auml;glich gekleidete
+B&uuml;rger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma
+den Notre-Dame-Platz &uuml;berschritt, war die Vesper gerade zu Ende.
+Die Menge str&ouml;mte aus den drei T&uuml;ren des Hauptportals
+wie ein Strom aus einer dreibogigen Br&uuml;cke.
+
+</P><P>
+
+Emma dachte zur&uuml;ck an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in
+das Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr
+w&ouml;lbte und ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu
+ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier
+str&ouml;mten die Tr&auml;nen &uuml;ber ihre Wangen. Sie war wie bet&auml;ubt, sie
+schwankte und war einer Ohnmacht nahe.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vorsehen!&ldquo; rief eine Stimme aus einem Torwege.
+
+</P><P>
+
+Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
+der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause
+herauskam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer war das doch?&ldquo; fragte sie sich. Er kam ihr bekannt
+vor. Das Gef&auml;hrt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber das war doch der Vicomte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma wandte sich um, aber die Stra&szlig;e war leer. Sie f&uuml;hlte sich
+so niedergeschlagen, so traurig, da&szlig; sie sich an die Wand
+eines Hauses lehnen mu&szlig;te, um nicht umzusinken. Sie
+gr&uuml;belte dar&uuml;ber nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen
+war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war
+eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene,
+vom Geratewohl gegen die Klippen des Lebens getrieben ...
+Und so empfand sie beinahe Freude, als sie, am &bdquo;Roten Kreuz&ldquo;
+angelangt, den trefflichen Homais traf, der das Aufladen
+einer gro&szlig;en Kiste voll Apothekerwaren in die Post &uuml;berwachte.
+In der Hand hielt er, in ein Halstuch eingewickelt, sechs
+St&uuml;ck Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte.
+
+</P><P>
+
+Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in
+der Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans
+gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen
+werden. Man buk sie bereits zur Zeit der Kreuzz&uuml;ge. Die
+wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn
+sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische
+liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten
+sie sich einbilden, Sarazenenk&ouml;pfe zu vertilgen. Die
+Apothekersfrau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute;
+sie hatte n&auml;mlich abscheulich schlechte Z&auml;hne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bin entz&uuml;ckt, Sie zu sehen!&ldquo; rief Homais, bot Emma die Hand
+und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
+
+</P><P>
+
+Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gep&auml;cknetz,
+nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschr&auml;nkten Armen und
+einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs
+wie immer der Blinde am Stra&szlig;engraben auftauchte, bemerkte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist mir unverst&auml;ndlich, da&szlig; die Beh&ouml;rde nach wie vor
+dieses schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man
+einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht
+bei uns im Schneckengange vorw&auml;rts! Wir waten noch in
+Barbarei!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, da&szlig; er
+wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er hat eine skroful&ouml;se Affektion&ldquo;, dozierte der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+Obgleich er den armen Schelm schon l&auml;ngst kannte, tat er doch,
+als s&auml;he er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von
+Hornhaut, Star, Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er
+ihm in salbungsvollem Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn?
+Du solltest vor allem Di&auml;t halten, statt dich in der Kneipe zu
+betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig
+beschr&auml;nkt.
+
+</P><P>
+
+Schlie&szlig;lich zog Homais seine B&ouml;rse.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hier hast du einen F&uuml;nfer, gib mir einen Dreier wieder raus
+und vergi&szlig; nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir
+gut bekommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines
+Rezepts zu bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne,
+lediglich eine &bdquo;antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats&ldquo;
+k&ouml;nne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du
+Sch&ouml;nes kannst!&ldquo; rief ihm Hivert zu.
+
+</P><P>
+
+Der Blinde lie&szlig; sich in die Knie nieder, warf den Kopf zur&uuml;ck,
+rollte mit seinen gr&uuml;nlichen Augen und streckte die Zunge
+heraus. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den H&auml;nden und
+stie&szlig; ein dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.
+
+</P><P>
+
+Emma ward &uuml;bel. Sie warf ihm &uuml;ber die Schulter ein
+F&uuml;nffrankenst&uuml;ck zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr
+edel vor, es so wegzuwerfen.
+
+</P><P>
+
+Der Wagen war schon ein ziemliches St&uuml;ck weiter, als sich
+Homais pl&ouml;tzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
+tragen! Und Wacholderd&auml;mpfe auf die kranken Teile!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vor&uuml;berzog,
+lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
+M&uuml;digkeit &uuml;berkam sie. Ganz ersch&ouml;pft, lebensm&uuml;de und
+verschlafen langte sie in Yonville an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mag nun kommen, was will!&ldquo; dachte sie beim Aussteigen.
+&bdquo;Zu guter Letzt, wer wei&szlig;? Kann nicht jeden Augenblick ein
+unerwartetes Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann
+sterben&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Am andern Morgen wurde sie durch ein Ger&auml;usch auf dem Markt wach.
+Es war ein Gedr&auml;nge um ein gro&szlig;es Plakat entstanden,
+das an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah,
+wie Justin auf einen Prellstein stieg und es abri&szlig;. Aber im
+selben Moment fa&szlig;te ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem
+Augenblick trat Homais aus seiner Apotheke, und auch Frau
+Franz tauchte laut redend mitten in der Volksmenge auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau! Gn&auml;dige Frau!&ldquo; rief Felicie, die ins Zimmer
+st&uuml;rzte.
+
+</P><P>
+
+Das arme Ding war au&szlig;er sich. Sie hielt einen gelben Zettel in
+der Hand, den sie von der Haust&uuml;re abgerissen hatte. Emma
+&uuml;berflog ihn. Es war die Versteigerungsank&uuml;ndigung.
+
+</P><P>
+
+Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten
+l&auml;ngst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
+nach einer Weile:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;An der Stelle der gn&auml;digen Frau ging ich mal zum Notar
+Guillaumin.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meinst du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Diese Frage bedeutete: &bdquo;Durch dein Verh&auml;ltnis mit dem Diener
+dieses Hauses wei&szlig;t du doch Bescheid. Interessiert sich
+dieser Junggeselle f&uuml;r mich?
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, gehn Sie nur, gn&auml;dige Frau! Es wird Ihnen n&uuml;tzen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und
+setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht
+s&auml;he &mdash; es standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte
+-, ging sie zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.
+
+</P><P>
+
+Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der
+Himmel war grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin
+erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam
+er und &ouml;ffnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen
+Vertraulichkeit, als ob sie ins Haus geh&ouml;rte, und
+f&uuml;hrte sie in das E&szlig;zimmer.
+
+</P><P>
+
+Emmas Blick fiel fl&uuml;chtig auf den breiten Porzellanofen, vor
+dem ein m&auml;chtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten
+W&auml;nden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche:
+woll&uuml;stige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen
+Sch&uuml;sselw&auml;rmer, der Kristallgriff der T&uuml;rklinke, der
+Parkettboden, die M&ouml;bel, alles blinkte in reinlicher,
+germanischer Sauberkeit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ein E&szlig;zimmer m&uuml;&szlig;te ich haben!&ldquo; dachte Emma.
+
+</P><P>
+
+Der Notar trat ein. Er dr&uuml;ckte seinen mit Palmenblattstickerei
+verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
+andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hausk&auml;ppchen zum
+Gru&szlig;e ab und setzte es rasch wieder auf. Es sa&szlig; ihm kokett
+etwas auf der rechten Seite seines kahlen Sch&auml;dels,
+&uuml;ber den drei lange blonde Haarstr&auml;hnen liefen.
+
+</P><P>
+
+Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
+Tisch, um zu fr&uuml;hst&uuml;cken. Er entschuldigte sich ob dieser
+Unh&ouml;flichkeit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Notar,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich m&ouml;chte Sie bitten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Um was denn, gn&auml;dige Frau? Ich bin ganz Ohr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
+
+</P><P>
+
+Guillaumin wu&szlig;te bereits alles, da er in geheimer
+Gesch&auml;ftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die
+Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
+besorgen Auftrag gab. Somit kannte er &mdash; und besser als Emma &mdash;
+die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
+von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen
+ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren.
+Jetzt hatte sie der H&auml;ndler allesamt protestieren lassen und auf
+seinen Freund Vin&ccedil;ard abgeschoben, der die Angelegenheit nun
+in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitb&uuml;rgern
+nicht in den Ruf eines Halsabschneiders gerate.
+
+</P><P>
+
+Sie unterbrach ihre Erz&auml;hlung h&auml;ufig durch Beschuldigungen gegen
+Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar
+nichtssagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett
+und trank seinen Tee, &mdash; wobei er das Kinn gegen seine
+himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschm&uuml;ckte Krawatte einzog.
+Ein sonderbares, s&uuml;&szlig;liches und zweideutiges L&auml;cheln
+spielte um seine Lippen. Als er sah, da&szlig; Emma nasse Schuhe
+hatte, sagte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Kommen Sie doch n&auml;her an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
+doch an die Kacheln ... h&ouml;her!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie bef&uuml;rchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
+Notar sagte galant:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;ne Sachen verderben nie etwas!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie machte einen Versuch, ihn zu r&uuml;hren. Das brachte sie aber
+nur selbst in R&uuml;hrung. Sie erz&auml;hlte ihm von der Enge ihres
+h&auml;uslichen Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren
+Bed&uuml;rfnissen. Der Notar verstand das: eine elegante Frau! Und
+ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl
+nach ihr um. Er ber&uuml;hrte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle
+am hei&szlig;en Ofen zu dampfen begann.
+
+</P><P>
+
+Als sie ihn aber um tausend Taler anging, bi&szlig; er sich auf die
+Lippen und erkl&auml;rte, es tue ihm ungemein leid, da&szlig; er die
+Verwaltung ihres Verm&ouml;gens nicht rechtzeitig in die H&auml;nde
+bekommen habe. Es g&auml;be tausend M&ouml;glichkeiten, selbst f&uuml;r
+eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise
+w&auml;ren die Torfgruben von Gr&uuml;mesnil oder Bauland in Havre
+bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut,
+angesichts der enormen Summen, die sie zweifellos dabei
+gewonnen h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das wei&szlig; ich selber nicht&ldquo;, erwiderte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
+sollte Ihnen wirklich deshalb b&ouml;se sein! Wir h&auml;tten uns
+schon l&auml;ngst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
+gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe
+ich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er fa&szlig;te nach ihrer Hand, dr&uuml;ckte einen gierigen Ku&szlig; darauf und
+behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
+sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
+Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
+spiegelnden Brillengl&auml;ser; w&auml;hrend seine H&auml;nde in die
+&Auml;rmel&ouml;ffnung von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu
+betasten. Sie f&uuml;hlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
+
+</P><P>
+
+Sie sprang auf und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Herr Guillaumin, ich warte&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Worauf?&ldquo; sagte der Notar, pl&ouml;tzlich ganz bleich geworden.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Auf das Geld!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber&nbsp;...&ldquo; In seiner L&uuml;sternheit lie&szlig; er sich bewegen zu
+sagen: &bdquo;Na ja&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und
+keuchte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er umschlang ihre Taille.
+
+</P><P>
+
+Ein Blutstrom scho&szlig; Emma in die Wangen. Emp&ouml;rt machte sie sich von
+dem Manne los und rief:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie n&uuml;tzen mein Ungl&uuml;ck aus! Das ist schamlos! Ich
+bin beklagenswert, aber nicht k&auml;uflich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Damit eilte sie hinaus.
+
+</P><P>
+
+Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
+sch&ouml;nen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
+Hand. Dieser Anblick tr&ouml;stete ihn schlie&szlig;lich. &Uuml;berdies fiel
+ihm ein, da&szlig; ihn ein derartiges Abenteuer zu wer wei&szlig; was
+h&auml;tte verleiten k&ouml;nnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!&ldquo; sagte Emma
+bei sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging.
+Ihre Entt&auml;uschung &uuml;ber den Mi&szlig;erfolg verst&auml;rkte die Emp&ouml;rung
+ihres Schamgef&uuml;hls. Es war ihr, als verfolge sie ein
+unseliges Geschick, und dieses Gef&uuml;hl erf&uuml;llte sie von
+neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochm&uuml;tiger und
+selbstbewu&szlig;ter gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung.
+Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie h&auml;tte alle M&auml;nner schlagen,
+ihnen ins Gesicht speien, sie niedertreten m&ouml;gen. W&auml;hrend sie
+weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre
+tr&auml;nenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen
+Wollust bohrte sie sich in Ha&szlig; hinein.
+
+</P><P>
+
+Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die
+Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mu&szlig;te
+sein! Wohin h&auml;tte sie fliehen k&ouml;nnen?
+
+</P><P>
+
+Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gn&auml;dige Frau?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es war umsonst!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
+die vielleicht ihr zu helfen geneigt w&auml;ren. Aber bei jedem Namen,
+den Felicie nannte, wandte Emma ein:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Unm&ouml;glich! Die tun es nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Herr Doktor mu&szlig; jeden Augenblick nach Hause kommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig; es! La&szlig; mich allein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie hatte alles versucht. Nun mu&szlig;te sie den Dingen ihren Lauf
+lassen. Karl w&uuml;rde heimkommen. Sie mu&szlig;te ihm sagen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr
+unser. In diesem Haus geh&ouml;rt uns kein Stuhl mehr, kein
+Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet.
+Armer Mann!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann w&uuml;rde es eine gro&szlig;e Szene geben, sie w&uuml;rde ma&szlig;los
+weinen, und wenn sich die erste Best&uuml;rzung gelegt h&auml;tte, w&uuml;rde
+er ihr verzeihen!
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Er wird mir verzeihen!&ldquo; murmelte sie in verhaltener Wut.
+&bdquo;Er! Er, dem ich nicht f&uuml;r eine Million verzeihen kann, da&szlig; ich
+die Seine geworden bin! Niemals! Niemals!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Gedanke, Bovary k&ouml;nnte die &Uuml;berlegenheit &uuml;ber sie erringen,
+emp&ouml;rte sie. Ob sie ihm ein Gest&auml;ndnis machte oder nicht,
+jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mu&szlig;te doch
+alles erfahren. Und dann war die gr&auml;&szlig;liche Szene da, und sie
+hatte die Zentnerlast seiner Gro&szlig;mut zu tragen!
+
+</P><P>
+
+Wiederum &uuml;berlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux
+gehen solle? Aber das n&uuml;tzte ja nichts! Oder ihrem Vater
+schreiben? Dazu war es zu sp&auml;t! Beinahe bereute sie es, dem
+Notar nicht gef&uuml;gig gewesen zu sein, &mdash; da h&ouml;rte sie den
+Hufschlag eines Pferdes in der Allee. Es war Karl. Er
+&ouml;ffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war wei&szlig;er als Kalk.
+
+</P><P>
+
+Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der
+Haust&uuml;r hinaus nach dem Markt. Die Frau B&uuml;rgermeister
+stand vor der Kirchent&uuml;r und sprach mit dem Kirchendiener. Sie
+beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der
+Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die
+ihm gegen&uuml;ber in der Ecke des Marktes wohnte, und klatschte
+ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den
+Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgeh&auml;ngte W&auml;sche, so
+aufstellten, da&szlig; sie bequem in Binets Dachst&uuml;bchen sehen
+konnten.
+
+</P><P>
+
+Er war allein und sa&szlig; an seiner Drehbank, gerade dabei
+besch&auml;ftigt, eine v&ouml;llig zwecklose Spielerei aus Holz
+fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt spr&uuml;hte der helle
+Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenb&uuml;schel unter
+den Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden R&auml;der
+schnurrten und kreisten. Binet l&auml;chelte mit aufmerksamer Miene,
+den Kopf etwas vorgebeugt. Er war sichtlich v&ouml;llig versunken
+in sein Sch&ouml;pfergl&uuml;ck. Gerade das Handwerksm&auml;&szlig;ige,
+das der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet,
+befriedigt den Menschen ungemein, wenn es vollendet ist, denn
+es gibt dabei ja kein ideales Dar&uuml;berhinaus, das man
+ersehnen k&ouml;nnte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ah, da ist sie!&ldquo; sagte Frau T&uuml;vache.
+
+</P><P>
+
+Infolge des Ger&auml;usches der Drehbank vermochten sie nicht zu
+verstehen, was dr&uuml;ben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten
+sie, das Wort &bdquo;Taler&ldquo; zu h&ouml;ren, worauf Frau Caron
+fl&uuml;sterte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es scheint so&ldquo;, meinte die andre.
+
+</P><P>
+
+Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und
+die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
+ausgelegten Krimskram besichtigte, w&auml;hrend sich der
+Steuereinnehmer wohlgef&auml;llig den Bart strich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Will sie bei ihm etwas bestellen?&ldquo; fragte Frau T&uuml;vache.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Er verkauft doch nie etwas!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann sah man, da&szlig; Binet ihr aufmerksam zuh&ouml;rte. Er ri&szlig; die
+Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
+eindringlich, flehend. Sie n&auml;herte sich ihm. Sie war sichtlich
+erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Macht sie ihm gar einen Antrag?&ldquo; fl&uuml;sterte Frau T&uuml;vache.
+Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfa&szlig;te seine H&auml;nde.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, das ist doch stark!&ldquo; zischelte Frau Caron.
+
+</P><P>
+
+In der Tat mu&szlig;te Emma etwas Sch&auml;ndliches von Binet
+gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden
+und Leipzig mitgek&auml;mpft hatte und dekoriert worden war, wich
+pl&ouml;tzlich vor ihr zur&uuml;ck, als ob ihn eine Natter stechen
+wollte, und rief aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Frau Bovary, was muten Sie mir zu!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Solche Frauenzimmer sollte man &ouml;ffentlich auspeitschen!&ldquo; eiferte
+Frau T&uuml;vache.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo ist sie denn mit einem Male hin?&ldquo; erwiderte die andre.
+
+</P><P>
+
+Wenige Augenblicke sp&auml;ter sahen sie Emma die Hauptstra&szlig;e
+hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum
+Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen ersch&ouml;pften sich in
+allerhand Vermutungen.
+
+</P><P>
+
+Emma lief zur alten Frau Rollet.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das
+Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke
+zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
+antwortete, ging sie schlie&szlig;lich hinaus, holte ihr Spinnrad
+und begann zu spinnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, h&ouml;ren Sie auf!&ldquo; sagte Emma leise. Es war ihr, als
+h&ouml;re sie noch Binets Drehbank.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was mag sie nur haben?&ldquo; fragte sich Frau Rollet. &bdquo;Warum ist
+sie hergekommen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause
+gejagt hatte?
+
+</P><P>
+
+Emma lag auf dem R&uuml;cken, regungslos, mit stieren Augen, die
+keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
+Beharrlichkeit bem&uuml;hte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
+br&uuml;chigen Stellen der Mauer, auf das armselige bi&szlig;chen Holz,
+das im Kamine qualmte, auf eine gro&szlig;e Spinne, die gerade &uuml;ber
+ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
+... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
+lag das zur&uuml;ck! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
+Klematisranken hatten sie im Vor&uuml;bergehen gestreift ...
+Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder
+Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren j&uuml;ngsten
+Erlebnissen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wieviel Uhr ist es?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten
+Stelle des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam
+gem&auml;chlich wieder herein.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bald drei Uhr!&ldquo; sagte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sch&ouml;n! Ich danke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Jetzt mu&szlig;te Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das
+Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Da&szlig; sie
+hier war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau
+Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Machen Sie recht schnell!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma verwunderte sich, da&szlig; ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
+war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er
+gewi&szlig; nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
+z&auml;hlte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen
+Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein M&auml;rchen zu ersinnen,
+um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlos hinzustellen.
+Das war nicht weiter schlimm!
+
+</P><P>
+
+Frau Rollet h&auml;tte l&auml;ngst wieder zur&uuml;ck sein m&uuml;ssen. Es
+schien der Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei
+sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus
+in das G&auml;rtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt
+sie ein St&uuml;ck den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber
+pl&ouml;tzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau k&ouml;nne auch
+auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schlie&szlig;lich war sie
+des Wartens m&uuml;de. Bange Ahnungen qu&auml;lten sie. Sie hatte
+kein Zeitgef&uuml;hl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit
+einem Jahrhundert?
+
+</P><P>
+
+Sie kauerte sich in einen Winkel, schlo&szlig; die Augen und hielt sich
+die Ohren zu. Die Zaunt&uuml;re knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
+Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es war niemand da!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Niemand?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er l&auml;&szlig;t Sie suchen.
+Alles ist auf den Beinen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
+umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht.
+Unwillk&uuml;rlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig
+geworden.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
+Schrei. Rudolf war ihr ins Ged&auml;chtnis gekommen, wie ein
+heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutm&uuml;tig,
+r&uuml;cksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er
+z&ouml;gerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mu&szlig;te ihn nicht ein
+einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen
+und ihn dazu zwingen!
+
+</P><P>
+
+So ging sie denn nach der H&uuml;chette, ohne das Bewu&szlig;tsein zu
+haben, da&szlig; sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch
+so ver&auml;chtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
+daran, da&szlig; sie sich prostituierte.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Achtes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Auf dem Wege fragte sie sich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Je n&auml;her sie kam, um so bekannter erschienen ihr die B&uuml;sche und
+B&auml;ume, der Ginster am Hange und schlie&szlig;lich das Herrenhaus
+vor ihr. Die z&auml;rtliche Liebesstimmung von damals tauchte
+wieder auf, und ihr armes gequ&auml;ltes Herz schwoll im
+Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr
+&uuml;bers Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen,
+von den knospenden B&auml;umen hernieder ins Gras.
+
+</P><P>
+
+Wie einst schl&uuml;pfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
+&uuml;ber den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
+Herrenhof. Die B&auml;ume wiegten s&auml;uselnd ihre langen Zweige.
+S&auml;mtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres
+Gebells erschien niemand.
+
+</P><P>
+
+Sie stieg die breite, mit einem h&ouml;lzernen Gel&auml;nder versehene
+Treppe hinauf. Die f&uuml;hrte zu einem mit Steinfliesen belegten
+staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
+m&uuml;ndete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs
+Zimmer lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die
+T&uuml;rklinke legte, verlie&szlig;en sie pl&ouml;tzlich die Kr&auml;fte. Sie
+f&uuml;rchtete, er m&ouml;chte nicht zu Haus sein, ja, sie w&uuml;nschte
+es beinah, und doch war es ihre einzige Hoffnung, der letzte
+Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch,
+dachte an ihre Not, fa&szlig;te Mut und trat ein.
+
+</P><P>
+
+Er sa&szlig; vor dem Feuer, beide F&uuml;&szlig;e gegen den Kaminsims
+gestemmt, und rauchte eine Pfeife.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott, Sie!&ldquo; rief er aus und sprang rasch auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie haben sich nicht ver&auml;ndert! Sie sind noch immer reizend.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So,&ldquo; wehrte sie voll Bitternis ab, &bdquo;das m&uuml;ssen traurige
+Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschm&auml;ht haben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erkl&auml;ren. Er
+entschuldigte sich in halbsch&uuml;rigen Ausdr&uuml;cken, da er
+etwas Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma lie&szlig; sich
+durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme
+und durch seine Gegenwart. Dies war so m&auml;chtig, da&szlig; sie sich
+stellte, als schenke sie seinen Ausfl&uuml;chten Glauben.
+Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein
+Geheimnis an, von dem die Ehre und das Leben eines
+dritten Menschen abgehangen h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das ist ja nun gleichg&uuml;ltig&ldquo;, sagte sie und sah ihn traurig
+an. &bdquo;Ich habe schwer gelitten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf meinte philosophisch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So ist das Leben!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer
+Trennung?&ldquo; fragte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dann w&auml;re es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals
+nicht voneinander gegangen w&auml;ren?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Vielleicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Glaubst du das?&ldquo; fragte sie, indem sie aufseufzend ihm
+n&auml;her trat. &bdquo;Ach Rudolf! Wenn du w&uuml;&szlig;test! Ich habe dich sehr
+lieb gehabt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang sa&szlig;en
+sie mit verschlungenen H&auml;nden da wie damals, am Bundestage
+der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes
+k&auml;mpfte er gegen seine eigene R&uuml;hrung. Da schmiegte sich Emma an
+seine Brust und sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie hast du nur glauben k&ouml;nnen, da&szlig; ich ohne dich leben
+sollte! Ein Gl&uuml;ck, das man besessen, vergi&szlig;t man nie! Ich war
+ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erz&auml;hlen,
+du sollst alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal
+sehen m&ouml;gen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Tat war er ihr seit drei Jahren &auml;ngstlich aus dem Wege
+gegangen, in jener nat&uuml;rlichen Feigheit, die f&uuml;r das starke
+Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
+zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als
+eine verliebte Katze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja
+auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verf&uuml;hrt, wie du
+mich verf&uuml;hrt hast. Du bist der geborene Verf&uuml;hrer! Hast
+alles, was uns Frauen verr&uuml;ckt macht. Aber sag! Wollen
+wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin gl&uuml;cklich!
+... So rede doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sah entz&uuml;ckend aus. Eine Tr&auml;ne zitterte in ihrem Auge,
+wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen
+Blume.
+
+</P><P>
+
+Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
+Haar, &uuml;ber das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
+hinwegflog, funkelnd im D&auml;mmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
+k&uuml;&szlig;te sie leise und sanft auf die Augenlider.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du hast geweint?&ldquo; fragte er. &bdquo;Warum?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das f&uuml;r einen
+Ausbruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr
+Schweigen f&uuml;r eine letzte Scham und rief aus:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gef&auml;llt. Ich war
+ein Tor, ein Schw&auml;chling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde
+dich immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sank ihr zu F&uuml;&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So h&ouml;re! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mu&szlig;t mir
+dreitausend Franken leihen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Ausdruck an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du mu&szlig;t n&auml;mlich wissen,&ldquo; fuhr sie schnell fort, &bdquo;da&szlig; mein
+Mann sein ganzes Verm&ouml;gen einem Notar anvertraut hatte. Der
+ist fl&uuml;chtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die
+Patienten bezahlten nicht. &Uuml;brigens ist der Nachla&szlig;konkurs
+meines Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald
+wieder Geld haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken.
+Deswegen sollen wir gepf&auml;ndet werden. Und zwar gleich, in
+einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und deshalb bin
+zu dir gekommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aha!&ldquo; dachte Rudolf und ward pl&ouml;tzlich bla&szlig;. &bdquo;Also darum ist
+sie gekommen!&ldquo; Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
+&bdquo;Verehrteste, soviel habe ich nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er log nicht. Er w&uuml;rde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
+sie da gehabt h&auml;tte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen
+unangenehm gewesen w&auml;re, sich gro&szlig;m&uuml;tig zeigen zu m&uuml;ssen. Von
+allen Feinden, die &uuml;ber die Liebe herfallen k&ouml;nnen, ist eine
+Bitte um Geld der hartherzigste und gef&auml;hrlichste.
+
+</P><P>
+
+Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du hast sie nicht!&ldquo; Und mehrere Male wiederholte sie: &bdquo;Du hast
+sie nicht! ... Ich h&auml;tte mir diese letzte Schmach also ersparen
+k&ouml;nnen! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als
+die andern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie verriet sich und ihre Frauenehre.
+
+</P><P>
+
+Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in
+Verlegenheit.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach! Du tust mir sehr leid&nbsp;...&ldquo;, sagte Emma. &bdquo;Ja, ungemein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ihre Augen blieben an einer damaszierten B&uuml;chse h&auml;ngen, die im
+Gewehrschrank blinkte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
+Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
+Schildpatteinlagen, keine Reitst&ouml;cke mit goldnen Griffen!&ldquo; Sie
+ber&uuml;hrte einen, der auf dem Tische lag. &bdquo;Und tr&auml;gt keine solche
+Berlocken an der Uhrkette!&ldquo; Ach, er lie&szlig; sich sichtlich
+nichts abgehen. Das bewies allein das
+Lik&ouml;rschr&auml;nkchen im Zimmer. &bdquo;Ja, dich selber, dich liebst du!
+Dich und ein gutes Leben! Du hast ein Schlo&szlig;, Pachth&ouml;fe,
+W&auml;lder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Paris!
+Und wenn du mir nur <B>das</B> gegeben h&auml;ttest!&ldquo; Sie sprach
+immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschm&uuml;ckten
+Manschettenkn&ouml;pfe vom Kamin. &bdquo;Diesen und andern entbehrlichen
+Tand! Geld l&auml;&szlig;t sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich
+will nichts davon haben! Behalt alles!&ldquo; Sie schleuderte die
+beiden Kn&ouml;pfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein
+Goldkettchen zerbrach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich, ach, ich h&auml;tte dir alles gegeben, h&auml;tte alles
+verkauft. Mit meinen H&auml;nden h&auml;tte ich f&uuml;r dich gearbeitet, auf
+der Stra&szlig;e h&auml;tte ich gebettelt, nur um von dir ein L&auml;cheln,
+einen Blick, ein einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du
+bleibst gem&uuml;tlich in deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir
+nicht schon genug Leid zugef&uuml;gt h&auml;ttest! Ohne dich &mdash; das
+wei&szlig;t du sehr wohl! &mdash; h&auml;tte ich gl&uuml;cklich sein k&ouml;nnen! Wer
+zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast
+du mir eben noch gesagt, da&szlig; du mich liebtest! Ach, h&auml;ttest du
+mich doch lieber davongejagt! Meine H&auml;nde sind noch warm von
+deinen K&uuml;ssen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle
+hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer
+belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem s&uuml;&szlig;en Wahn
+des herrlichsten Gef&uuml;hls gelassen! Und dann der Plan unsrer
+Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er
+hat mir das Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne
+zur&uuml;ckkehre, zu ihm, der reich, gl&uuml;cklich und frei ist, und ihn
+um eine Hilfe bitte, die der erste beste gew&auml;hren w&uuml;rde, wo ich
+ihn unter Tr&auml;nen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da
+st&ouml;&szlig;t er mich zur&uuml;ck, &mdash; weils ihn dreitausend Franken
+kosten k&ouml;nnte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe sie nicht&ldquo;, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
+hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
+pflegen.
+
+</P><P>
+
+Sie ging.
+
+</P><P>
+
+Die W&auml;nde schwankten, die Decke drohte sie zu erdr&uuml;cken. Wieder
+nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, &uuml;ber Haufen
+welken Laubs, das der Wind aufw&uuml;hlte. Endlich stand sie vor
+dem Gittertor. Sie zerbrach sich die N&auml;gel an seinem Schlo&szlig;, so
+hastig wollte sie es &ouml;ffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie
+v&ouml;llig au&szlig;er Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht
+halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das
+still daliegende Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen,
+auf den Park, die H&ouml;fe und die G&auml;rten.
+
+</P><P>
+
+Wie in einer Bet&auml;ubung stand sie da. Sie empfand kaum noch
+etwas andres als das Pochen und Pulsen des
+Blutes in ihren Adern, das ihr aus dem K&ouml;rper zu
+springen und wie laute Musik das ganze Land rings um sie zu
+durchrauschen schien. Der Boden unter ihren F&uuml;&szlig;en kam ihr
+weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
+erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
+Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und
+Gedanken sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein
+Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des
+Wucherers, ihr Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft,
+immer wieder etwas andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr
+ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kr&auml;fte zusammen. Es war
+nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr
+an die Ursache ihres schrecklichen Zustandes, das hei&szlig;t
+an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie f&uuml;hlte,
+wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so
+wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde
+hinstr&ouml;men f&uuml;hlen.
+
+</P><P>
+
+Die Nacht brach herein. Raben flogen.
+
+</P><P>
+
+Es schien ihr pl&ouml;tzlich, als sausten feurige Kugeln durch
+die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schlie&szlig;lich im Schnee
+zwischen den kahlen &Auml;sten der B&auml;ume zu zergehen. In jeder
+erschien Rudolfs Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie
+kamen immer n&auml;her; sie bedrohten sie. Da, pl&ouml;tzlich waren sie
+alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der H&auml;user,
+die von ferne durch den Nebel schimmerten.
+
+</P><P>
+
+Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewu&szlig;t, ihres tiefen
+Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen
+zu wollen ... Aber mit einem Male f&uuml;llte sich ihre Seele mit
+einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief
+sie den Abhang hinunter, &uuml;berschritt die Planke &uuml;ber dem Bach,
+eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der
+Apotheke stand.
+
+</P><P>
+
+Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das
+Ger&auml;usch der Klingel h&auml;tte sie verraten k&ouml;nnen. Deshalb ging
+sie durch die Haust&uuml;re; kaum atmend, tastete sie an der Wand
+der Hausflur hin bis zur K&uuml;chent&uuml;re. Drinnen brannte eine
+Kerze &uuml;ber dem Herd. Justin, in Hemds&auml;rmeln, trug gerade eine
+Sch&uuml;ssel durch die andere T&uuml;r hinaus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;So! Man ist bei Tisch. Ich will warten&ldquo;, sagte sie sich.
+
+</P><P>
+
+Als er zur&uuml;ckkam, klopfte sie gegen die Scheibe der
+K&uuml;chent&uuml;re.
+
+</P><P>
+
+Er kam heraus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Den Schl&uuml;ssel! Den von oben, wo die&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie an und erschrak &uuml;ber ihr blasses Gesicht, das
+sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm &uuml;berirdisch
+sch&ouml;n vor und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen,
+was sie wollte, ahnte er doch etwas Schreckliches.
+
+</P><P>
+
+Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das
+Herz r&uuml;hrte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich will ihn haben! Gib ihn mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Durch die d&uuml;nne Wand h&ouml;rte man das Klappern der Gabeln auf
+den Tellern im E&szlig;zimmer.
+
+</P><P>
+
+Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu t&ouml;ten, die sie nicht
+schlafen lie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich m&uuml;&szlig;te den Herrn Apotheker rufen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Nicht!&ldquo; Und in gleichg&uuml;ltigem Tone setzte sie hinzu:
+&bdquo;Das ist nicht n&ouml;tig. Ich werd es ihm nachher selber
+sagen. Leucht mir nur!&ldquo; Sie trat in den Gang, von dem aus man
+in das Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schl&uuml;ssel
+mit einem Schildchen: &bdquo;Kapernaum.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Justin!&ldquo; rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
+wegblieb.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehn wir hinauf!&ldquo; befahl Emma.
+
+</P><P>
+
+Er folgte ihr.
+
+</P><P>
+
+Der Schl&uuml;ssel drehte sich im Schlo&szlig;. Sie st&uuml;rzte nach links,
+griff nach dem dritten Wandbrett &mdash; ihr Ged&auml;chtnis f&uuml;hrte sie
+richtig &mdash;, hob den Deckel der blauen Glasb&uuml;chse, fa&szlig;te mit
+der Hand hinein und zog die Faust voll wei&szlig;en Pulvers
+heraus, das sie sich schnell in den Mund sch&uuml;ttete.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Halten Sie ein!&ldquo; schrie Justin, ihr in die Arme fallend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Still! Man k&ouml;nnte kommen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sag nichts davon! Man k&ouml;nnte deinen Herrn zur Verantwortung
+ziehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann ging sie hinaus, pl&ouml;tzlich voller Frieden, im seligen
+Gef&uuml;hle, eine Pflicht erf&uuml;llt zu haben.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Neuntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die
+Nachricht von der Pf&auml;ndung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
+seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was
+n&uuml;tzte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu
+Homais, zu T&uuml;vache, zu Lheureux, nach dem Goldenen L&ouml;wen,
+&uuml;berallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma qu&auml;lte ihn der
+Gedanke, da&szlig; sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames
+Verm&ouml;gen verloren und die Zukunft Bertas zerst&ouml;rt sei. Und
+warum? Keine Erkl&auml;rung! Er wartete bis sechs Uhr abends.
+Endlich hielt ers nicht mehr aus, und da er vermutete, sie
+sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstra&szlig;e eine
+halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine
+Weile und kehrte dann zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Sie war zu Haus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was ist das f&uuml;r eine Geschichte? Wie ist das gekommen?
+Erkl&auml;r es mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie sa&szlig; an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief,
+den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
+gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine
+einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, la&szlig; mich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie legte sich lang auf ihr Bett.
+
+</P><P>
+
+Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
+verschwommen ... und schlo&szlig; die Augen wieder.
+
+</P><P>
+
+Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein,
+sie f&uuml;hlte noch keine! Sie h&ouml;rte den Pendelschlag der Uhr,
+das Knistern des Feuers und Karls Atemz&uuml;ge, der neben
+ihrem Bett stand.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!&ldquo; dachte sie. &bdquo;Ich
+werde einschlafen, und dann ist alles vor&uuml;ber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.
+
+</P><P>
+
+Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe Durst! Gro&szlig;en Durst!&ldquo; seufzte sie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was fehlt dir denn?&ldquo; fragte Karl und reichte ihr ein
+Glas.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich
+ersticke!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Ein Brechreiz &uuml;berkam sie jetzt so pl&ouml;tzlich, da&szlig; sie kaum noch
+Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nimms weg!&ldquo; sagte sie nerv&ouml;s. &bdquo;Wirfs weg!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag
+unbeweglich da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung
+erbrechen zu m&uuml;ssen. Inzwischen f&uuml;hlte sie eine eisige K&auml;lte
+von den F&uuml;&szlig;en zum Herzen hinaufsteigen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach,&ldquo; murmelte sie, &bdquo;jetzt f&auml;ngt es wohl an?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was sagst du?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie warf den Kopf in unterdr&uuml;ckter Unruhe hin und her.
+Fortw&auml;hrend &ouml;ffnete sie den Mund, als l&auml;ge etwas
+Schweres auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing das Erbrechen
+wieder an.
+
+</P><P>
+
+Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen wei&szlig;en
+Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sonderbar! Sonderbar!&ldquo; wiederholte er.
+
+</P><P>
+
+Aber sie sagte mit fester Stimme:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, du irrst dich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die
+Magengegend und dr&uuml;ckte da. Sie stie&szlig; einen schrillen Schrei
+aus. Er wich erschrocken zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Sch&uuml;ttelfrost
+&uuml;berfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das
+sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelm&auml;&szlig;iger
+Pulsschlag war kaum noch f&uuml;hlbar. Kalte Schwei&szlig;tropfen rannen
+&uuml;ber ihr bl&auml;ulich gewordnes Gesicht; etwas wie ein
+metallischer Ausschlag lag &uuml;ber ihren erstarrten Z&uuml;gen. Die
+Z&auml;hne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen
+blickten ausdruckslos umher. Alle Fragen, die man an sie
+richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal
+l&auml;chelte sie freilich. Allm&auml;hlich wurde das St&ouml;hnen
+heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete
+sie, da&szlig; es ihr besser gehe und da&szlig; sie sofort aufstehen
+w&uuml;rde.
+
+</P><P>
+
+Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott, ist das gr&auml;&szlig;lich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte
+mir!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er sah sie an mit Augen voller Z&auml;rtlichkeit, wie Emma keine je
+geschaut hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... da ... da ... lies!&ldquo; stammelte sie mit versagender
+Stimme.
+
+</P><P>
+
+Er st&uuml;rzte zum Schreibtisch, ri&szlig; den Brief auf und las laut:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man klage niemanden an&nbsp;...&ldquo; Er hielt inne, fuhr sich mit der
+Hand &uuml;ber die Augen und las stumm weiter&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vergiftet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vergiftet! Vergiftet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann rief er um Hilfe.
+
+</P><P>
+
+Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte.
+Frau Franz im Goldenen L&ouml;wen erfuhr es. Manche standen aus
+ihren Betten auf, um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze
+Nacht hindurch war der halbe Ort wach.
+
+</P><P>
+
+Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
+im Zimmer umher, wobei er an die M&ouml;bel anrannte und sich Haare
+ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so f&uuml;rchterliches
+Schauspiel gesehen.
+
+</P><P>
+
+Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
+Larivi&egrave;re zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
+brachte keinen vern&uuml;nftigen Brief zustande. Schlie&szlig;lich mu&szlig;te
+sich Hippolyt nach Neufch&acirc;tel aufmachen, und Justin ritt auf
+Bovarys Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde lie&szlig; er den Gaul
+lahm und halbtot zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
+war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
+Augen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ruhe!&ldquo; sagte der Apotheker. &bdquo;Es handelt sich einzig und
+allein darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war
+es f&uuml;r ein Gift?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl zeigte den Brief. Es w&auml;re Arsenik gewesen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut!&ldquo; versetzte Homais. &bdquo;Wir m&uuml;ssen eine Analyse machen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hatte n&auml;mlich gelernt, da&szlig; man bei allen Vergiftungen eine
+Analyse machen m&uuml;sse. Bovary hatte in seiner Angst alle
+Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann kehrte er in ihr Zimmer zur&uuml;ck, warf sich auf die Diele,
+lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weine nicht!&ldquo; fl&uuml;sterte sie. &bdquo;Bald werde ich dich nicht mehr
+qu&auml;len!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es mu&szlig;te sein, mein Lieber!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Warst du denn nicht gl&uuml;cklich? Bin ich schuld? Ich habe dir
+doch alles zuliebe getan, was ich konnte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie strich ihm langsam mit der Hand &uuml;ber das Haar. Die s&uuml;&szlig;e
+Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er f&uuml;hlte sich bis in
+den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele ersch&uuml;ttert, da&szlig;
+er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies
+denn je. Er fand keinen Ausweg; er wu&szlig;te keinen Zusammenhang;
+er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eines
+Entschlusses machte ihn vollends wirr.
+
+</P><P>
+
+Sie dachte bei sich: &bdquo;Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen
+Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unz&auml;hligen,
+qualvollen Sehns&uuml;chten!&ldquo; Nun ha&szlig;te sie keinen mehr. Ihre
+Gedanken verschwammen wie in D&auml;mmerung, und von allen Ger&auml;uschen
+der Erde h&ouml;rte Emma nur noch die versagende Klage eines armen
+Herzens, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer
+Symphonie.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Bring mir die Kleine&ldquo;, sagte sie und st&uuml;tzte sich leicht auf.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?&ldquo; fragte Karl.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Das Dienstm&auml;dchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es
+hatte ein langes Nachthemd an, aus dem die nackten F&uuml;&szlig;e
+hervorsahen. Es war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt
+betrachtete es die gro&szlig;e Unordnung im Zimmer. Geblendet vom
+Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte es mit
+den Augen. Offenbar dachte es, es sei
+Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so fr&uuml;h wie heute
+geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um
+Geschenke zu bekommen. Und so fragte es:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wo ist es denn, Mama?&ldquo; Und da niemand antwortete, redete
+es weiter: &bdquo;Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Felicie hielt die Kleine &uuml;bers Bett, die immer noch nach dem
+Kamin hinsah.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Hat Frau Rollet sie mir genommen?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei diesem Namen, der an ihre Ehebr&uuml;che und all ihr Mi&szlig;geschick
+erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als f&uuml;hle sie den
+ekelhaften Geschmack eines noch viel st&auml;rkeren Giftes auf
+der Zunge. Berta sa&szlig; noch auf ihrem Bette.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was f&uuml;r gro&szlig;e Augen du hast, Mama! Wie bla&szlig; du bist! Wie
+du schwitzest!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Mutter sah sie an.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich f&uuml;rchte mich!&ldquo; sagte die Kleine und wollte fort.
+
+</P><P>
+
+Emma wollte die Hand des Kindes k&uuml;ssen, aber es
+str&auml;ubte sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Genug! Bringt sie weg!&ldquo; rief Karl, der im Alkoven schluchzte.
+
+</P><P>
+
+Dann lie&szlig;en die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
+weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
+etwas ruhigeren Atemzug sch&ouml;pfte er neue Hoffnung. Als
+Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist g&uuml;tig von Ihnen!
+Es geht ja besser! Da! Sehen Sie mal&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er
+sich ausdr&uuml;ckte, &bdquo;immer aufs Ganze&ldquo; ging, verordnete er
+Emma ein ordentliches Brechmittel, um den Magen zun&auml;chst
+einmal v&ouml;llig zu entleeren.
+
+</P><P>
+
+Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen pre&szlig;ten sich
+krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedma&szlig;en ein. Ihr K&ouml;rper
+war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren
+Fingern hin wie ein d&uuml;nnes F&auml;dchen, das jeden Augenblick
+zu zerrei&szlig;en droht.
+
+</P><P>
+
+Dann begann sie, gr&auml;&szlig;lich zu schreien. Sie verfluchte und
+schm&auml;hte das Gift, flehte, es m&ouml;ge sich beeilen, und
+stie&szlig; mit ihren steif gewordnen Armen alles zur&uuml;ck, was
+Karl ihr zu trinken reichte. Er war der v&ouml;lligen Aufl&ouml;sung noch
+n&auml;her als sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepre&szlig;t, stand
+er vor ihr, st&ouml;hnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen
+ersch&uuml;ttert und am ganzen Leib durchr&uuml;ttelt. Felicie lief im
+Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da und seufzte
+tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit
+gewordnen selbstbewu&szlig;ten Haltung, unbehaglich zu f&uuml;hlen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zum Teufel!&ldquo; murmelte er. &bdquo;Der Magen ist nun doch leer! Und
+wenn die Ursache beseitigt ist, so&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;... mu&szlig; die Wirkung aufh&ouml;ren!&ldquo; erg&auml;nzte Homais. &bdquo;Das
+ist klar!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Rettet sie mir nur!&ldquo; rief Bovary.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein
+heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und
+wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte drau&szlig;en eine
+Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei
+bis an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die
+Ecke der Hallen. Es war Professor Larivi&egrave;re.
+
+</P><P>
+
+Die Erscheinung eines Gottes h&auml;tte keine gr&ouml;&szlig;ere Erregung
+hervorrufen k&ouml;nnen. Bovary streckte ihm die H&auml;nde entgegen,
+Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein
+K&auml;ppchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war.
+
+</P><P>
+
+Larivi&egrave;re geh&ouml;rte der ber&uuml;hmten Chirurgenschule Bichats an,
+das hei&szlig;t, einer Generation philosophischer Praktiker, die
+heute ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und
+scharfsichtiger J&uuml;nger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte
+in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Sch&uuml;ler verehrten
+ihn so, da&szlig; sie ihn, sp&auml;ter in ihrer eigenen Praxis, mit
+m&ouml;glichster Genauigkeit kopierten. So kam es, da&szlig; man bei den
+&Auml;rzten in der Umgegend von Rouen allerorts seinen langen
+Schafspelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die
+offenen &Auml;rmelaufschl&auml;ge daran reichten ein St&uuml;ck &uuml;ber seine
+fleischigen H&auml;nde, sehr sch&ouml;ne H&auml;nde, die niemals in
+Handschuhen steckten, als wollten sie immer schnell bereit
+sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein
+Ver&auml;chter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
+freidenkend, den Armen ein v&auml;terlicher Freund, Pessimist, selbst
+aber edel in Wort und Tat. Man h&auml;tte ihn als einen Heiligen
+gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und
+Verstandes gef&uuml;rchtet h&auml;tte wie den Teufel. Sein Blick war
+sch&auml;rfer als sein Messer; er drang einem bis tief in die
+Seele, durch alle Heucheleien, L&uuml;gen und Ausfl&uuml;chte hindurch.
+So ging er seines Weges in der schlichten W&uuml;rde, die ihm
+das Bewu&szlig;tsein seiner gro&szlig;en T&uuml;chtigkeit, seines
+materiellen Verm&ouml;gens und seiner vierzigj&auml;hrigen
+arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh.
+
+</P><P>
+
+Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon
+von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem
+R&uuml;cken ausgestreckt da. W&auml;hrend er Canivets Bericht
+scheinbar aufmerksam anh&ouml;rte, strich er sich mit dem Zeigefinger
+um die Nasenfl&uuml;gel und sagte ein paarmal:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gut! ... Gut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
+ihn &auml;ngstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
+der an den Anblick menschlichen Elends so gew&ouml;hnt war, konnte
+eine Tr&auml;ne nicht zur&uuml;ckhalten, die ihm auf die Krawatte
+herablief.
+
+</P><P>
+
+Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie w&auml;r es, wenn
+man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich wei&szlig; nichts. Finden Sie
+doch etwas! Sie haben ja schon so viele gerettet!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl legte beide Arme auf Larivi&egrave;res Schultern und starrte
+ihn verst&ouml;rt und flehend an. Beinahe w&auml;re er ihm ohnm&auml;chtig an
+die Brust gesunken.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!&ldquo;
+Larivi&egrave;re wandte sich ab.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie gehn?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich komme wieder.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Larivi&egrave;re ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine
+Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge
+des Todeskampfes sein.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts
+fiel ihm von jeher schwerer, als sich von ber&uuml;hmten Menschen
+zu trennen. So beschwor er denn Larivi&egrave;re, er m&ouml;ge ihm die hohe
+Ehre erweisen, zum Fr&uuml;hst&uuml;ck sein Gast zu sein.
+
+</P><P>
+
+Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen L&ouml;wen nach Tauben, zu
+T&uuml;vache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum
+Fleischer nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den
+Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre
+Jacke zurechtzupfend, sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie m&uuml;ssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
+einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Weingl&auml;ser!&ldquo; fl&uuml;sterte Homais.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
+Wurst und&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sei doch still! &mdash; Zu Tisch, bitte, Herr Professor!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er hielt es f&uuml;r angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
+Einzelheiten &uuml;ber die Katastrophe zum besten zu geben:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Zuerst &auml;u&szlig;erte sich Trockenheit im Pharynx, darauf
+unertr&auml;gliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren,
+Schlafsucht&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich wei&szlig; nicht einmal recht,
+wo sie das <TT>acidum arsenicum</TT> herbekommen hat.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Justin, der einen Sto&szlig; Teller hereinbrachte, begann am ganzen
+K&ouml;rper zu zittern.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was hast du?&ldquo; fuhr ihn der Apotheker an.
+
+</P><P>
+
+Bei dieser Frage lie&szlig; der Bursche alles, was er trug,
+fallen. Es gab ein gro&szlig;es Gekrache.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Tolpatsch!&ldquo; schrie Homais. &bdquo;Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
+Alberner Esel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann aber beherrschte er sich pl&ouml;tzlich:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
+Professor, und deshalb <TT>primo</TT> ganz
+vorsichtig in ein Reagenzgl&auml;schen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Dienlicher w&auml;re es gewesen,&ldquo; sagte der Chirurg, &bdquo;wenn Sie
+ihr Ihre Finger in den Hals gesteckt h&auml;tten.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter
+vier Augen eine energische Belehrung wegen seines
+Brechmittels eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des
+Klumpfu&szlig;es so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt
+sich jetzt m&auml;uschenstill. Er l&auml;chelte nur unausgesetzt, um
+seine Zustimmung zu markieren.
+
+</P><P>
+
+Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betr&uuml;bliche
+Gedanke an Bovary trug &mdash; in egoistischer Kontrastwirkung &mdash;
+unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des ber&uuml;hmten
+Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze
+Gelehrsamkeit aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von
+Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, da&szlig; mehrere
+Personen nach dem Genusse von zu stark ger&auml;ucherter Wurst
+erkrankt und pl&ouml;tzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens
+ein hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten
+Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein
+Aufsatz des ber&uuml;hmten Cadet de Gassicourt!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte
+sich n&auml;mlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte
+ihn auch eigenh&auml;ndig gemischt, gebrannt und gemahlen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;<TT>Saccharum</TT> gef&auml;llig, Herr
+Professor?&ldquo; fragte er, indem er ihm den Zucker anbot.
+
+</P><P>
+
+Dann lie&szlig; er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
+war, die Ansicht des Chirurgen &uuml;ber ihre &bdquo;Konstitution&ldquo; zu
+h&ouml;ren.
+
+</P><P>
+
+Als Larivi&egrave;re im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau
+Homais noch um einen &auml;rztlichen Rat in betreff ihres
+Mannes. Er schlief n&auml;mlich allabendlich nach Tisch ein. Davon
+bek&auml;me er dickes Blut.
+
+</P><P>
+
+Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
+nicht verstand, dann ging er zur T&uuml;re. Aber die Apotheke war
+voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm
+nur schwer, sie loszuwerden. Da war T&uuml;vache, der seine Frau
+f&uuml;r schwinds&uuml;chtig hielt, weil sie &ouml;fters in die Asche
+spuckte; Binet, der bisweilen an Hei&szlig;hunger litt; Frau Caron,
+die es am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanf&auml;lle
+hatte; Lestiboudois, der rheumatisch war; Frau Franz, die &uuml;ber
+Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von
+dannen. Man fand aber allgemein, da&szlig; er sich nicht besonders
+liebensw&uuml;rdig gezeigt habe.
+
+</P><P>
+
+Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
+gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.
+
+</P><P>
+
+Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit
+den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines
+&bdquo;Pfaffen&ldquo; war ihm ein Greuel. Er mu&szlig;te bei einer Soutane immer
+an ein Leichentuch denken, und so verw&uuml;nschte er jene schon
+deshalb, weil er dieses f&uuml;rchtete.
+
+</P><P>
+
+Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erf&uuml;llung
+seiner &bdquo;Mission&ldquo;, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet,
+dem dies von Larivi&egrave;re dringend ans Herz gelegt worden
+war, in das Bovarysche Haus zur&uuml;ck. Wenn seine Frau nicht
+v&ouml;llig dagegen gewesen w&auml;re, h&auml;tte er sogar seine beiden Knaben
+mitgenommen, damit sie das gro&szlig;e Ereignis, das der Tod
+eines Menschen ist, kennen lernten. Es sollte ihnen eine
+Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung
+f&uuml;r ihr ganzes weiteres Leben.
+
+</P><P>
+
+Sie fanden das Zimmer voll d&uuml;strer Feierlichkeit. Auf dem mit
+einem wei&szlig;en Tischtuch bedeckten N&auml;htische stand zwischen zwei
+brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine
+silberne Sch&uuml;ssel und f&uuml;nf oder sechs St&uuml;ck Watte. Emmas
+Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen
+unnat&uuml;rlich weit offen, und ihre armen H&auml;nde tasteten &uuml;ber den
+Bett&uuml;berzug hin, mit einer jener r&uuml;hrend-schrecklichen
+Geb&auml;rden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung,
+als bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am
+Fu&szlig;ende des Lagers, ihrem Antlitz gegen&uuml;ber, bleich wie
+eine Bilds&auml;ule, tr&auml;nenlos, aber mit Augen, die rot waren wie
+gl&uuml;hende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte.
+
+</P><P>
+
+Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
+violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar f&uuml;hlte sie einen
+seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
+die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von
+himmlischer Gl&uuml;ckseligkeit bet&auml;ubte ihre letzten Leiden.
+
+</P><P>
+
+Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie
+den Kopf in die H&ouml;he, wie ein Durstiger, und pre&szlig;te auf das
+Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
+innigsten Liebesku&szlig;, den sie jemals gegeben hatte. Dann
+sprach der Geistliche das
+<TT>Misereatur</TT> und <TT>Indulgentiam</TT>, tauchte seinen rechten
+Daumen in das &Ouml;l und nahm die letzte &Ouml;lung vor. Zuerst salbte
+er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so hei&szlig;
+gel&uuml;stet; dann die Nasenfl&uuml;gel, die so gern die lauen L&uuml;fte und
+die D&uuml;fte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
+L&uuml;gen sich aufgetan, oft hoff&auml;rtig gezuckt und in s&uuml;ndigem
+Girren geseufzt hatte; dann die H&auml;nde, die sich an vergn&uuml;glichen
+Ber&uuml;hrungen erg&ouml;tzt hatten; und endlich die Sohlen der F&uuml;&szlig;e,
+die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
+liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.
+
+</P><P>
+
+Der Priester trocknete sich die H&auml;nde, warf das &ouml;lgetr&auml;nkte
+St&uuml;ck Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der
+Sterbenden. Er sagte ihr, da&szlig; ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu
+Christi eins seien. Sie solle der g&ouml;ttlichen Barmherzigkeit
+vertrauen.
+
+</P><P>
+
+Als er mit seiner Tr&ouml;stung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
+geweihte Kerze in die Hand zu dr&uuml;cken, das Symbol der
+himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte.
+Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schlie&szlig;en, und wenn
+Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen h&auml;tte, w&auml;re die Kerze
+zu Boden gefallen.
+
+</P><P>
+
+Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
+Ausdruck heiterer Gl&uuml;ckseligkeit angenommen, als ob das
+Sakrament sie wieder gesund gemacht h&auml;tte.
+
+</P><P>
+
+Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
+ja er gemahnte Bovary daran, da&szlig; der Herr zuweilen das Leben
+Sterbender wieder verl&auml;ngere, wenn er es zum Heil ihrer Seele
+f&uuml;r notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zur&uuml;ck, an dem sie
+schon einmal, dem Tode nahe, die letzte &Ouml;lung empfangen hatte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!&ldquo; dachte er.
+
+</P><P>
+
+Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem
+Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren
+Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die
+Tr&auml;nen aus den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf
+zur&uuml;ck, stie&szlig; einen Seufzer aus und sank in das Kissen.
+
+</P><P>
+
+Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat
+weit aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht
+zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
+verl&ouml;schen. Man h&auml;tte glauben k&ouml;nnen, sie sei schon tot, wenn
+ihre Atmungsorgane nicht so f&uuml;rchterlich heftig gearbeitet
+h&auml;tten. Es war, als sch&uuml;ttle sie ein wilder innerer Sturm,
+als ringe das Leben gewaltig mit dem Tode.
+
+</P><P>
+
+Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
+ein wenig die Beine, w&auml;hrend Canivet gleichg&uuml;ltig auf den Markt
+hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
+Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich
+die lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes
+kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff
+ihre H&auml;nde und dr&uuml;ckte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses
+zuckte er zusammen, als st&uuml;rze eine Ruine auf ihn.
+
+</P><P>
+
+Je st&auml;rker das R&ouml;cheln wurde, um so mehr beschleunigte der
+Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
+Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als
+das dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, das wie
+Totengel&auml;ut klang.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich klapperten drau&szlig;en auf der Stra&szlig;e Holzschuhe. Ein
+Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine
+rauhe Stimme, und sang:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Wenns Sommer worden weit und breit, <BR>
+Wird hei&szlig; das Herze mancher Maid&nbsp;...&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
+elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gel&ouml;st, ihre
+Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Nanette ging hinaus ins Feld,<BR>
+Zu sammeln, was die Sense f&auml;llt.<BR>
+Als sie sich in der Stoppel b&uuml;ckt,<BR>
+Da ist passiert, was sich nicht schickt&nbsp;...&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+&bdquo;Der Blinde!&ldquo; schrie sie.
+
+</P><P>
+
+Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges,
+verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das
+scheu&szlig;liche Gesicht des Ungl&uuml;cklichen sah, wie ein
+Schreckgespenst aus der ewigen Nacht des Jenseits&nbsp;...
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&sbquo;Der Wind, der war so stark ... O weh!<BR>
+Hob ihr die R&ouml;ckchen in die H&ouml;h.&lsquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zur&uuml;ck. Alle traten
+hinzu. Sie war nicht mehr.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Zehntes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie
+bet&auml;ubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen
+Nichts zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl
+aber, als er sah, da&szlig; Emma unbeweglich dalag, warf sich &uuml;ber
+sie und schrie:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lebwohl! Lebwohl!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Fassen Sie sich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja!&ldquo; rief er und machte sich von ihnen los. &bdquo;Ich will
+vern&uuml;nftig sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich
+mu&szlig; sie sehen! Es ist meine Frau!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er weinte.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Weinen Sie nur!&ldquo; sagte der Apotheker. &bdquo;Lassen Sie der Natur
+freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Da wurde Karl schwach wie ein Kind und lie&szlig; sich in die Gro&szlig;e
+Stube im Erdgescho&szlig; hinunterf&uuml;hren. Homais ging bald darnach
+in sein Haus zur&uuml;ck.
+
+</P><P>
+
+Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich
+bis Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden
+Vor&uuml;bergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gro&szlig;artig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu
+tun h&auml;tte! Bedaure! Komm ein andermal!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er verschwand schnell in seinem Hause.
+
+</P><P>
+
+Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank f&uuml;r
+Bovary zu brauen und ein M&auml;rchen zu ersinnen, um Frau Bovarys
+Vergiftung auf eine m&ouml;glichst harmlose Weise zu erkl&auml;ren. Er
+wollte einen Artikel f&uuml;r den &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo; daraus
+machen. Au&szlig;erdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn.
+Alle wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals
+wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von
+Vanillecreme aus Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab
+er sich abermals zu Bovary.
+
+</P><P>
+
+Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl sa&szlig; im
+Lehnstuhl am Fenster und starrte mit bl&ouml;dem Blick auf die Dielen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir m&uuml;ssen die Stunde f&uuml;r die Feierlichkeit festsetzen!&ldquo;
+sagte der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu? F&uuml;r was f&uuml;r eine Feierlichkeit?&ldquo; Stammelnd und voll
+Grauen f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie
+dabehalten?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom
+Tisch und bego&szlig; die Geranien.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;O, ich danke Ihnen!&ldquo; sagte Karl. &bdquo;Sie sind sehr g&uuml;tig&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er wollte noch mehr sagen, aber die F&uuml;lle von Erinnerungen, die
+des Apothekers Tun in ihm wachrief, &uuml;berw&auml;ltigte ihn.
+Es waren Emmas Blumen!
+
+</P><P>
+
+Homais gab sich M&uuml;he, ihn zu zerstreuen, und begann &uuml;ber die
+G&auml;rtnerei zu plaudern. Die Pflanzen h&auml;tten die Feuchtigkeit sehr
+n&ouml;tig. Karl nickte zustimmend.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Jetzt werden auch bald sch&ouml;ne Tage kommen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bovary seufzte.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker wu&szlig;te nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob
+behutsam eine Scheibengardine beiseite.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehn Sie, da dr&uuml;ben geht der B&uuml;rgermeister!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl wiederholte mechanisch:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Da dr&uuml;ben geht der B&uuml;rgermeister!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begr&auml;bnis
+zur&uuml;ckzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem
+Entschlusse hier&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Karl schlo&szlig; sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und
+nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Ich bestimme, da&szlig; man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid
+begrabe, in wei&szlig;en Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Das
+Haar soll man ihr &uuml;ber die Schultern legen. Drei S&auml;rge: einen
+aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich
+nicht tr&ouml;sten wollen! Ich werde stark sein. Und &uuml;ber den Sarg
+soll man ein gro&szlig;es St&uuml;ck gr&uuml;nen Samt breiten. So will ich
+es! Tut es!&ldquo;
+
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Man war &uuml;ber Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker
+ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das mit dem Samt scheint mir &uuml;bertrieben. Allein die
+Kosten&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Was geht Sie das an!&ldquo; schrie Karl. &bdquo;Lassen Sie mich! Sie
+haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Priester fa&szlig;te Karl unter den Arm und f&uuml;hrte ihn in den
+Garten. Er sprach von der Verg&auml;nglichkeit alles Irdischen.
+Gott sei gut und weise. Man m&uuml;sse sich ohne Murren seinem
+Ratschlu&szlig; unterwerfen. Man m&uuml;sse ihm sogar daf&uuml;r danken.
+
+</P><P>
+
+Aber Karl brach in Gottesl&auml;sterungen aus.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich verfluche ihn, euren Gott!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!&ldquo; seufzte der
+Priester.
+
+</P><P>
+
+Bovary lie&szlig; ihn stehen. Mit gro&szlig;en Schritten ging er die
+Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den
+Z&auml;hnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verw&uuml;nschungen waren.
+Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt.
+
+</P><P>
+
+Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer
+Weile fror ihn. Er ging ins Haus zur&uuml;ck und setzte sich an
+den Herd in der K&uuml;che.
+
+</P><P>
+
+Um sechs Uhr h&ouml;rte er Wagengerassel drau&szlig;en auf dem Markte.
+Es war die Post, die von Rouen zur&uuml;ckkehrte. Er pre&szlig;te die
+Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden
+nacheinander ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in
+das Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein.
+
+</P><P>
+
+Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug
+dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um
+Totenwache zu halten. Er brachte drei B&uuml;cher und ein Notizbuch
+mit. Er pflegte sich Ausz&uuml;ge zu machen.
+
+</P><P>
+
+Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen
+brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem
+Alkoven hervorger&uuml;ckt hatte.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
+Jeremiaden &uuml;ber die &bdquo;ungl&uuml;ckliche junge Frau&ldquo;. Der Priester
+unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als f&uuml;r sie zu
+beten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Immerhin&ldquo;, versetzte Homais, &bdquo;sind nur zwei F&auml;lle
+m&ouml;glich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdr&uuml;ckt,
+selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie
+ist als S&uuml;nderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier
+der kirchliche Ausdruck? Dann&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bournisien unterbrach ihn und erkl&auml;rte in m&uuml;rrischem Tone, man
+m&uuml;sse in jedem Falle beten.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber sagen Sie mir,&ldquo; wandte der Apotheker ein, &bdquo;da Gott
+stets wei&szlig;, was uns not tut, wozu dann erst das
+Gebet?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wozu das Gebet?&ldquo; wiederholte der Priester. &bdquo;Ja, sind Sie
+denn kein Christ?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst
+die Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral
+geschenkt, die&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
+Man wei&szlig;, da&szlig; sie von den Jesuiten gef&auml;lscht ist&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Karl trat ein, n&auml;herte sich dem Totenbette und zog langsam die
+Vorh&auml;nge beiseite.
+
+</P><P>
+
+Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt.
+Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren
+Teil ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest
+in die Handballen gedr&uuml;ckt. Etwas wie wei&szlig;er Staub lag in
+ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereits in blassem
+Schleim, der wie ein d&uuml;nnes Gewebe war, als h&auml;tten Spinnen
+ihr Netz dar&uuml;ber gesponnen. Das Bettuch senkte sich von ihren
+Br&uuml;sten bis zu den Knien und hob sich von da an nach ihren
+Fu&szlig;spitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schweres Etwas,
+ein ungeheures Gewicht laste auf ihr.
+
+</P><P>
+
+Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang
+das dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne
+str&ouml;mte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien
+ger&auml;uschvoll, und Homais kritzelte Notizen auf das Papier.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lieber Freund,&ldquo; sagte er, &bdquo;gehn Sie nun! Dieser Anblick
+zerrei&szlig;t Ihnen das Herz!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden
+ihre Er&ouml;rterung von neuem.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie Voltaire!&ldquo; sagte der eine. &bdquo;Lesen Sie Holbach! Die
+Enzyklop&auml;disten!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Lesen Sie die &sbquo;Briefe einiger portugiesischen Juden&lsquo;&ldquo;,
+sagte der andre, &bdquo;lesen Sie die &sbquo;Grundlagen des
+Christentums&lsquo; von Nicolas!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sie regten sich auf, bekamen rote K&ouml;pfe und sprachen gleichzeitig
+ineinander hinein. Bournisien war entr&uuml;stet &uuml;ber die Vermessenheit
+des Apothekers, Homais erstaunt &uuml;ber die Beschr&auml;nktheit
+des Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen
+zu sagen, da kam pl&ouml;tzlich Karl abermals herein. Eine
+unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mu&szlig;te immer wieder die
+Treppe hinauf.
+
+</P><P>
+
+Er setzte sich der Toten gegen&uuml;ber, so da&szlig; er ihr voll ins
+Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
+Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.
+
+</P><P>
+
+Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
+Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er k&ouml;nne
+sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft
+konzentriere. Einmal beugte er sich sogar &uuml;ber sie und rief ganz
+leise: &bdquo;Emma, Emma!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er atmete so heftig, da&szlig; die Flammen der Kerzen flackerten&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte
+sie und brach von neuem in Tr&auml;nen aus. Ebenso wie der
+Apotheker versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim
+Begr&auml;bnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, da&szlig;
+sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die
+Stadt zu fahren und das N&ouml;tige zu besorgen.
+
+</P><P>
+
+Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
+Homais. Felicie sa&szlig; mit Frau Franz bei der Toten.
+
+</P><P>
+
+Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, dr&uuml;ckte
+dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte,
+die nach und nach einen gro&szlig;en Halbkreis um den Kamin
+bildeten. Alle hatten die K&ouml;pfe gesenkt. Die Knie aufeinander,
+schaukelten sie mit den Beinen und stie&szlig;en von Zeit zu Zeit einen
+tiefen Seufzer aus. Alle langweilten sich ma&szlig;los, aber
+keinem fiel es ein, wieder zu gehen.
+
+</P><P>
+
+Um neun Uhr kam Homais zur&uuml;ck, beladen mit einer Menge
+Kampfer, Benzoe und aromatischen Kr&auml;utern. Auch ein Gef&auml;&szlig; voll
+Chlor brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie,
+die L&ouml;wenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma
+herum, damit besch&auml;ftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu
+legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis
+hinab an die Atlasschuhe reichte.
+
+</P><P>
+
+Felicie wehklagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sehn Sie nur!&ldquo; sagte die Witwe Franz seufzend, &bdquo;wie reizend
+sie noch immer ausschaut! Man m&ouml;chte drauf schw&ouml;ren, da&szlig; sie
+gleich wieder aufst&uuml;nde!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Dann beugten sie sich &uuml;ber sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
+mu&szlig;ten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze
+Fl&uuml;ssigkeit aus dem Munde hervor, als erbr&auml;che sie sich.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!&ldquo; schrie Frau Franz.
+Und zum Apotheker gewandt: &bdquo;Helfen Sie uns doch! Oder
+f&uuml;rchten Sie sich vielleicht?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich mich f&uuml;rchten?&ldquo; erwiderte er achselzuckend. &bdquo;Nein, so
+was! Ich habe in den Spit&auml;lern noch ganz andres gesehen und
+erlebt, als ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns
+unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen
+nicht. Ich habe sogar die Absicht &mdash; wie ich schon oft gesagt habe
+-, meinen K&ouml;rper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst
+der Wissenschaft noch etwas n&uuml;tzt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des
+Apothekers erwiderte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Darauf pries Homais ihn gl&uuml;cklich, weil er nicht darauf
+gefa&szlig;t zu sein brauche, eine teure Gef&auml;hrtin zu verlieren,
+worauf sich ein Disput &uuml;ber das Z&ouml;libat entspann.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Es ist unnat&uuml;rlich,&ldquo; sagte der Apotheker, &bdquo;da&szlig; sich ein
+Mann des Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Aber, zum Kuckuck!&ldquo; rief der Priester. &bdquo;Kann denn ein
+verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
+z&auml;hlte ihre guten Wirkungen auf. Er wu&szlig;te Geschichten von
+Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden w&auml;ren. Sogar
+Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer S&uuml;nden ledig
+gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein
+Diener&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Sein Partner war eingeschlafen. Als die schw&uuml;le Luft im Zimmer
+immer unertr&auml;glicher wurde, &ouml;ffnete der Pfarrer das Fenster.
+Da ward der Apotheker wieder wach.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie w&auml;rs mit einer Prise?&ldquo; fragte er ihn. &bdquo;Hier! Das
+h&auml;lt munter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Ferne bellte irgendwo fortw&auml;hrend ein Hund.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;H&ouml;ren Sie, wie der Hund heult?&ldquo; fragte der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man sagt, da&szlig; sie die Toten wittern&ldquo;, sagte der Priester.
+&bdquo;&Auml;hnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock,
+wenn im Haus ein Mensch stirbt.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er
+war bereits wieder eingeschlafen.
+
+</P><P>
+
+Bournisien, der widerstandsf&auml;higer war, bewegte noch eine
+Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allm&auml;hlich sein Kinn,
+sein dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu
+schnarchen.
+
+</P><P>
+
+So sa&szlig;en sie einander gegen&uuml;ber, mit vorgestreckten B&auml;uchen,
+mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all
+ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schw&auml;che. Sie
+regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu
+schlummern schien.
+
+</P><P>
+
+Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
+Abschied von ihr zu nehmen.
+
+</P><P>
+
+Das R&auml;ucherwerk qualmte noch. Die bl&auml;uliche Wolke verm&auml;hlte
+sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Drau&szlig;en
+blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild.
+
+</P><P>
+
+Das Wachs der Kerzen tr&auml;ufelte in langen Tr&auml;nen herab auf
+das Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten.
+Der Lichtschimmer machte ihm die Augen m&uuml;de.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;ber das Atlaskleid huschten Reflexe; es war wei&szlig; wie
+Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm,
+als gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher &uuml;ber, als
+lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem
+wirbelnden Kr&auml;uterdufte&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der
+Gartenbank unter dem bl&uuml;henden Wei&szlig;dornbusch ... dann in Rouen
+auf dem Gange durch die Stra&szlig;e ... und dann auf der Schwelle
+ihres Vaterhauses, im Gutshofe, in Bertaux ... Es war
+ihm, als h&ouml;re er das Jodeln der lustigen Burschen, die
+unter den Apfelb&auml;umen tanzten bei seiner Hochzeitsfeier. Wie
+hatte das Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr
+Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie spr&uuml;hende Funken!
+Dasselbe Kleid! Damals und heute!
+
+</P><P>
+
+Langsam zog sein ganzes einstiges Gl&uuml;ck noch einmal an ihm
+vor&uuml;ber. Er sah sie vor sich in ihren eigent&uuml;mlichen Bewegungen,
+ihrer Haltung, ihrem Gang. Er h&ouml;rte den Klang ihrer Stimme. Immer
+wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufh&ouml;rlich,
+unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande.
+
+</P><P>
+
+Eine gr&auml;&szlig;liche Neugier &uuml;berkam ihn. Langsam und klopfenden
+Herzens hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da
+schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern M&auml;nner
+erwachten. Sie zogen ihn fort und f&uuml;hrten ihn hinunter in die
+Gro&szlig;e Stube.
+
+</P><P>
+
+Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar
+der Toten haben.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schneiden Sie ihr welches ab!&ldquo; befahl der Apotheker.
+
+</P><P>
+
+Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere
+heran. Er zitterte so stark, da&szlig; er die Haut an der Schl&auml;fe an
+mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und
+schnitt blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein
+paar kahle Stellen mitten in dem sch&ouml;nen schwarzen Haar der
+Toten.
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
+B&uuml;cher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal,
+wenn sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor.
+Der Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais
+sch&uuml;ttete ein wenig Chlor auf die Dielen.
+
+</P><P>
+
+Felicie hatte f&uuml;r sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
+Branntwein, K&auml;se und ein langes Wei&szlig;brot bereitgestellt.
+Gegen vier Uhr fr&uuml;h hielt es der Apotheker nicht mehr aus.
+Er seufzte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wahrhaftig. Eine St&auml;rkung w&auml;re nicht &uuml;bel!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber
+erst die Messe lesen. Als er wieder zur&uuml;ckkam, a&szlig;en und
+tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen
+warum, verf&uuml;hrt von der sonderbaren Fr&ouml;hlichkeit, die den
+Menschen nach &uuml;berstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten
+Gl&auml;schen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und
+sagte:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wir werden uns am Ende noch verstehen!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg
+brachten. Zwei Stunden lang mu&szlig;te sich Karl von den
+Hammerschl&auml;gen martern lassen, die von den Brettern zu ihm
+hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg aus Eichenholz und
+diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war,
+f&uuml;llte man die Hohlr&auml;ume mit Werg aus einer Matratze. Als
+der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man
+den Sarg vor die T&uuml;r. Das Haus ward weit ge&ouml;ffnet, und die
+Leute von Yonville begannen herbeizustr&ouml;men.
+
+</P><P>
+
+Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er
+mitten auf dem Markte ohnm&auml;chtig.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Elftes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddrei&szlig;ig
+Stunden nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte
+Homais so geschrieben, da&szlig; er gar nicht genau wissen konnte,
+was eigentlich geschehen war.
+
+</P><P>
+
+Der gute Mann war zun&auml;chst wie vom Schlag ger&uuml;hrt umgesunken.
+Dann sagte er sich, sie k&ouml;nne wohl tot sein, aber sie k&ouml;nne auch
+noch leben ... Schlie&szlig;lich hatte er seine Bluse angezogen, seinen
+Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
+weggeritten. Den ganzen Weg &uuml;ber verging er beinahe vor Angst.
+Einmal mu&szlig;te er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er h&ouml;rte
+Stimmen ringsum und glaubte, er verl&ouml;re den Verstand.
+
+</P><P>
+
+Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
+schliefen. Er erbebte vor Schreck &uuml;ber diese b&ouml;se Vorbedeutung.
+Schnell gelobte er der Madonna drei neue Me&szlig;gew&auml;nder f&uuml;r ihre
+Kirche und eine Wallfahrt in blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en vom heimatlichen
+Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.
+
+</P><P>
+
+In Maromme, wo er rastete, br&uuml;llte er die Leute im Gasthof
+munter, rannte mit der Schulter die Haust&uuml;r ein, st&uuml;rzte sich
+auf einen Hafersack, go&szlig; in die Krippe eine Flasche Apfelsekt,
+setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los,
+da&szlig; die Funken stoben.
+
+</P><P>
+
+Immer wieder sagte er sich, da&szlig; man sie sicher retten w&uuml;rde. Die
+&Auml;rzte h&auml;tten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
+Heilungen, die man ihm je erz&auml;hlt hatte. Dann aber sah er sie
+tot. Sie lag auf dem R&uuml;cken vor ihm, mitten auf der Stra&szlig;e. Er
+ri&szlig; in die Z&uuml;gel. Da schwand die Erscheinung.
+
+</P><P>
+
+In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
+Tassen Kaffee.
+
+</P><P>
+
+Es w&auml;re auch m&ouml;glich, sagte er sich, da&szlig; sich der Absender
+in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem
+Briefe, f&uuml;hlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
+Schlie&szlig;lich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur
+ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines
+Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot w&auml;re, dann m&uuml;&szlig;te
+er es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen
+aus wie alle Tage, der Himmel war blau, die B&auml;ume wiegten ihre
+Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vor&uuml;ber.
+
+</P><P>
+
+Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
+noch im Sattel h&auml;ngend. Er hatte das Pferd mit Schl&auml;gen
+vorw&auml;rts gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte
+Blut. Als der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter
+heftigem Weinen in Bovarys Arme.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch&nbsp;...&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der andre antwortete schluchzend:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich wei&szlig; nicht! Ich wei&szlig; nicht! Es ist so schrecklich!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker zog sie auseinander.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die gr&auml;&szlig;lichen Einzelheiten sind unn&uuml;tz! Ich werde dem Herrn
+schon alles erz&auml;hlen. Da kommen Leute! W&uuml;rde! Fassung! Man
+mu&szlig; Philosoph sein!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der arme Karl gab sich alle M&uuml;he, stark zu sein. Mehrere Male
+wiederholte er:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ja, ja ... Mut! Mut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Na, wenns sein mu&szlig;!&ldquo; sagte Rouault. &bdquo;Ich hab welchen!
+Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben,
+und wenns noch so weit w&auml;re!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Die Glocke begann zu l&auml;uten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich
+in Bewegung.
+
+</P><P>
+
+Rouault und Bovary sa&szlig;en nebeneinander in den Chorst&uuml;hlen. Die
+drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
+Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
+Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die H&auml;nde empor
+und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
+Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
+Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.
+
+</P><P>
+
+Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
+jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen
+w&uuml;rde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit,
+weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte,
+da&szlig; sie dort unter dem Leichentuche lag, da&szlig; alles zu Ende
+war, da&szlig; man sie nun in die Erde scharrte, da fa&szlig;te ihn wilde
+Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als
+empf&auml;nde er &uuml;berhaupt nichts mehr. Er f&uuml;hlte sich in seinem
+Schmerze erleichtert, aber alsbald warf er sich vor, eine
+erb&auml;rmliche Kreatur zu sein.
+
+</P><P>
+
+Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeitr&auml;umen etwas
+wie ein Eisenstab auf. Dieses harte Ger&auml;usch drang aus dem
+Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines
+Seitenschiffes aufh&ouml;rte. Ein Mensch in einem groben braunen
+Rock kniete m&uuml;hsam nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom
+Goldnen L&ouml;wen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur
+angeschnallt.
+
+</P><P>
+
+Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld
+einzusammeln. Die gro&szlig;en Kupferst&uuml;cke klirrten eins nach dem
+andern in der silbernen Schale.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Schnell weg! Ich leide!&ldquo; rief Bovary und warf zornig ein
+F&uuml;nffrankenst&uuml;ck hinein.
+
+</P><P>
+
+Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
+
+</P><P>
+
+Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ...
+Das nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, da&szlig; er mit Emma in
+der ersten Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen
+war. Sie hatten rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke
+begann wieder zu l&auml;uten. Ein allgemeines St&uuml;hler&uuml;cken fing
+an. Die Sargtr&auml;ger hoben die drei Stangen der Bahre in die H&ouml;he.
+Man verlie&szlig; die Kirche.
+
+</P><P>
+
+Justin stand an der T&uuml;r der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
+bla&szlig; und taumelnd.
+
+</P><P>
+
+Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
+vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er
+trug eine tapfre Miene zur Schau und gr&uuml;&szlig;te kopfnickend jeden,
+der aus den Gassen oder den H&auml;usern trat, um sich dem Zuge
+anzuschlie&szlig;en.
+
+</P><P>
+
+Die sechs Tr&auml;ger, drei auf jeder Seite, schritten langsam
+vorw&auml;rts. Sie keuchten. Die Priester, die S&auml;nger und die
+Chorknaben sangen das <TT>De profundis</TT>.
+Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der
+Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber
+das hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den B&auml;umen.
+
+</P><P>
+
+Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen M&auml;nteln mit
+zur&uuml;ckgeschlagenen Kapuzen, in den H&auml;nden dicke brennende
+Wachskerzen. Karl f&uuml;hlte, wie ihn seine Kr&auml;fte verlie&szlig;en
+unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten
+des faden Geruchs von Wachs und Me&szlig;gew&auml;ndern. Ein
+frischer Wind wehte her&uuml;ber. Roggen und Raps gr&uuml;nten, und
+Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei
+fr&ouml;hliche Laute erf&uuml;llten die Luft: das Quietschen eines
+kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener Stra&szlig;e, das
+wiederholte Kr&auml;hen eines Hahnes oder der Galopp eines
+F&uuml;llens, das sich unter den Apfelb&auml;umen austobte. Der
+klare Himmel war mit rosigen W&ouml;lkchen betupft. Bl&auml;uliche Lichter
+spielten um die Schwertlilien vor den H&auml;usern und H&uuml;tten. Karl
+erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich
+eines bestimmten Morgens, an dem er, einen Kranken zu
+besuchen, hier vor&uuml;bergekommen war, erst hin und dann auf dem
+R&uuml;ckwege zu &bdquo;ihr&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tr&auml;nen bestickte
+Leichentuch auf und lie&szlig; den Sarg sehen. Die erm&uuml;deten Tr&auml;ger
+verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortw&auml;hrend wie
+eine Schaluppe auf bewegter See.
+
+</P><P>
+
+Endlich war man da.
+
+</P><P>
+
+Die Tr&auml;ger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im
+Rasen, wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis
+herum auf. W&auml;hrend der Priester sprach, rieselte die rote, an den
+Seiten aufgeh&auml;ufte Erde &uuml;ber die Kanten hinweg in die Grube,
+lautlos und ununterbrochen.
+
+</P><P>
+
+Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
+gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
+
+</P><P>
+
+Endlich h&ouml;rte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen ger&auml;uschvoll
+wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois
+reichte. Und w&auml;hrend er mit der rechten Hand den Weihwedel
+schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
+ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg,
+und das Ger&auml;usch dr&ouml;hnte Karl in die Ohren, unheimlich wie
+ein Widerhall aus der Ewigkeit.
+
+</P><P>
+
+Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war
+Homais. W&uuml;rdevoll f&uuml;llte und leerte er sie und reichte sie
+dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen H&auml;nden Erde
+hinabwarf und &bdquo;Lebe wohl!&ldquo; rief. Er sandte ihr K&uuml;sse und beugte
+sich &uuml;ber das Grab, als ob er sich hinabst&uuml;rzen wollte.
+
+</P><P>
+
+Man f&uuml;hrte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar
+empfand er gleich den andern eine merkw&uuml;rdige Befriedigung, da&szlig;
+alles &uuml;berstanden war.
+
+</P><P>
+
+Auf dem Heimwege z&uuml;ndete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife
+an, was Homais insgeheim nicht besonders schicklich
+fand. Er berichtete, da&szlig; Binet nicht zugegen gewesen war, da&szlig;
+sich T&uuml;vache nach der Messe &bdquo;gedr&uuml;ckt&ldquo; hatte und da&szlig; Theodor,
+der Diener des Notars, einen blauen Rock getragen hatte,
+&bdquo;als ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen w&auml;re, da
+es nun einmal so &uuml;blich ist, zum Teufel!&ldquo; So hechelte er
+alles durch, was er beobachtet hatte.
+
+</P><P>
+
+Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der
+nicht verfehlt hatte, zum Begr&auml;bnis zu erscheinen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag f&uuml;r ihren Mann!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Der Apotheker antwortete:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen w&auml;re, h&auml;tte er aus
+Verzweiflung Selbstmord begangen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Sie war immer so liebensw&uuml;rdig! Wenn ich bedenke, da&szlig; sie
+vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich hatte nur keine Zeit,&ldquo; sagte der Apotheker, &bdquo;sonst h&auml;tte
+ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins
+Grab nachgerufen h&auml;tte!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
+seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich
+unterwegs &ouml;fters die Augen mit dem &Auml;rmel gewischt hatte,
+hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht
+hinterlassen. Man sah, wo die Tr&auml;nen herabgerollt waren.
+
+</P><P>
+
+Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
+Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach
+Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest?
+Damals tr&ouml;stete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt
+aber&nbsp;...&ldquo; Er st&ouml;hnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust
+hob. &bdquo;Ach, nun ist es aus mit mir! Ich habe meine Frau
+sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine
+Tochter!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
+zur&uuml;ckzureiten. In diesem Hause k&ouml;nne er nicht schlafen. Auch
+seine Enkelin wollte er nicht sehen.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein! Nein! Das w&uuml;rde mich zu traurig machen! Aber k&uuml;sse
+sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und
+das hier,&ldquo; er schlug auf sein Bein, &bdquo;das werde ich dir nie
+vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch
+noch jedes Jahr!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber als er auf der H&ouml;he angelangt war, wandte er sich um,
+ganz wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem
+Abschied auf der Landstra&szlig;e bei Sankt Viktor noch einmal nach
+seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe gl&uuml;hten wie
+im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging.
+Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am
+Horizont ein Mauerviereck und B&auml;ume darinnen, die wie schwarze
+B&uuml;schel zwischen wei&szlig;en Steinen hervorleuchteten. Dort lag der
+Friedhof&nbsp;...
+
+</P><P>
+
+Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
+geworden war.
+
+</P><P>
+
+Karl und seine Mutter blieben bis in die sp&auml;te Nacht auf und
+plauderten, obwohl sie beide sehr m&uuml;de waren. Sie sprachen von
+vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
+Frau wollte nach Yonville &uuml;bersiedeln, ihm die Wirtschaft f&uuml;hren
+und f&uuml;r immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes-
+und Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
+zur&uuml;ckzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
+
+</P><P>
+
+Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das
+war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an
+&bdquo;sie&ldquo;.
+
+</P><P>
+
+Rudolf, der zu seinem Vergn&uuml;gen den Tag &uuml;ber durch den Wald
+geritten war, schlief ruhig in seinem Schlo&szlig;. Ebenso schlummerte
+Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
+
+</P><P>
+
+Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
+Seine vom Schluchzen wunde Brust st&ouml;hnte im Dunkel unter dem
+Druck einer unerme&szlig;lichen Sehnsucht, die s&uuml;&szlig; war wie der Mond
+und geheimnisvoll wie die Nacht.
+
+</P><P>
+
+Pl&ouml;tzlich knarrte die Gittert&uuml;r. Lestiboudois hatte seine
+Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin,
+als er sich &uuml;ber die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen,
+wer ihm immer Kartoffeln stahl.
+
+</P><P></P>
+<CENTER>
+<H2>Letztes Kapitel</H2>
+</CENTER>
+<P></P><P>
+
+Am Tage darauf lie&szlig; Karl die kleine Berta wieder ins Haus
+kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei
+verreist und werde ihr h&uuml;bsche Spielsachen mitbringen. Das
+Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der
+Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des
+Kindes bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unertr&auml;glich aber
+waren ihm die Trostreden des Apothekers.
+
+</P><P>
+
+Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux lie&szlig; seinen
+Strohmann Vin&ccedil;ard abermals vorgehen, und Karl &uuml;bernahm
+betr&auml;chtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis
+zulassen wollte, da&szlig; von den M&ouml;beln, die ihr geh&ouml;rt hatten,
+auch nur das geringste verkauft w&uuml;rde. Seine Mutter war au&szlig;er
+sich dar&uuml;ber. Das emp&ouml;rte ihn wiederum ma&szlig;los. Er war
+&uuml;berhaupt ein ganz andrer geworden. So verlie&szlig; sie das
+Haus.
+
+</P><P>
+
+Nun fingen alle m&ouml;glichen Leute an, ihr &bdquo;Schnittchen&ldquo; zu
+machen. Fr&auml;ulein Lempereur forderte f&uuml;r sechs Monate
+Stundengeld, obgleich Emma doch niemals Unterricht bei ihr
+genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt
+bekommen hatte, war nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt
+worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnementsgeb&uuml;hren auf
+eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn f&uuml;r zwanzig
+Briefe. Als Karl N&auml;heres wissen wollte, war sie
+wenigstens so r&uuml;cksichtsvoll, zu antworten:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ach, ich wei&szlig; von nichts! Es waren wohl Rechnungen.&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei
+nun zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue
+Gl&auml;ubiger.
+
+</P><P>
+
+Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man
+ihm die Briefe seiner Frau, und so mu&szlig;te er sich noch
+entschuldigen.
+
+</P><P>
+
+Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
+Karl hatte einige davon zur&uuml;ckbehalten. Manchmal schlo&szlig; er sich
+in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungef&auml;hr
+Emmas Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal
+den Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran,
+ihr nachzurufen: &bdquo;Emma, bleib, bleib!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Aber zu Pfingsten verlie&szlig; sie Yonville, zusammen mit dem Diener
+des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas
+Kleidern noch &uuml;brig war.
+
+</P><P>
+
+Um diese Zeit gab sich die Witwe D&uuml;puis die Ehre, ihm die
+Verm&auml;hlung ihres Sohnes Leo D&uuml;puis, Notars zu
+Yvetot, mit Fr&auml;ulein Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz
+ergebenst mitzuteilen. In Karls Gl&uuml;ckwunschbrief kam die
+Stelle vor:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Wie h&auml;tte sich meine arme Frau dar&uuml;ber gefreut!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs
+Haus irrte, kam er in die Dachkammer und sp&uuml;rte pl&ouml;tzlich
+unter einem seiner Pantoffel ein zusammengekn&uuml;lltes St&uuml;ck
+Papier. Er entfaltete es und las: &bdquo;Liebe Emma! Sei tapfer!
+Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr&uuml;mmern&nbsp;...&ldquo; Es war
+Rudolfs Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen
+geblieben war, bis ihn der durchs Dachfenster wehende
+Luftzug an die T&uuml;re getrieben hatte. Karl stand ganz starr da,
+mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma,
+bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den Tod gehen
+wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift ein
+kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche
+und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines pl&ouml;tzlichen
+Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn
+er ihnen sp&auml;ter &mdash; es war zwei- oder dreimal gewesen &mdash;
+begegnet war. Aber der achtungsvolle Ton des Briefes
+t&auml;uschte ihn.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu
+sein!&ldquo; sagte er sich.
+
+</P><P>
+
+&Uuml;brigens geh&ouml;rte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen
+bis auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
+suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem ma&szlig;losen
+Schmerze.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Man mu&szlig;te sie anbeten!&ldquo; sagte er bei sich. &bdquo;Es ist ganz
+nat&uuml;rlich, da&szlig; alle M&auml;nner sie begehrt haben!&ldquo; Nunmehr
+erschien sie ihm noch sch&ouml;ner, und es &uuml;berkam ihn ein
+best&auml;ndiges hei&szlig;es Verlangen nach ihr, das ihn
+trostlos machte und das keine Grenzen kannte, weil es
+nicht mehr zu stillen war.
+
+</P><P>
+
+Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach
+ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
+Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
+&mdash; unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus
+ihrem Grabe heraus.
+
+</P><P>
+
+Karl sah sich gen&ouml;tigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein
+St&uuml;ck nach dem andern, dann die M&ouml;bel des Salons. Alle
+Zimmer wurden kahl, nur &bdquo;ihr Zimmer&ldquo; blieb wie fr&uuml;her. Nach dem
+Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den
+Kamin und r&uuml;ckte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich
+gegen&uuml;ber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter.
+Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen aus.
+
+</P><P>
+
+Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
+gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schn&uuml;re, die N&auml;hte des
+Kleidchens aufgerissen, denn darum k&uuml;mmerte sich die
+Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie
+das K&ouml;pfchen grazi&ouml;s neigte und ihr die blonden Locken
+&uuml;ber die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend aus,
+da&szlig; ihn unendliche Z&auml;rtlichkeit ergriff, eine Freude, die nach
+Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr
+Spielzeug aus, machte ihr Hampelm&auml;nner aus Pappe und
+flickte sie aufgeplatzten B&auml;uche ihrer Puppen. Wenn seine Augen
+dabei auf Emmas Arbeitsk&auml;stchen fielen, auf ein Band,
+das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in
+einer Ritze des N&auml;htisches steckte, dann verfiel er in
+Tr&auml;umereien und sah so traurig aus, da&szlig; das Kind auch mit
+traurig wurde.
+
+</P><P>
+
+Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
+wo er Kr&auml;merlehrling geworden war, und die Kinder des
+Apothekers lie&szlig;en sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater
+bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen
+Verh&auml;ltnisse auf eine Fortsetzung des n&auml;heren Verkehrs
+keinen Wert legte.
+
+</P><P>
+
+Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen
+k&ouml;nnen, war auf die H&ouml;he am Wilhelmswalde zur&uuml;ckgekehrt und
+erz&auml;hlte allen Reisenden den Mi&szlig;erfolg des Apothekers.
+Wenn Homais zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen
+hinter den Vorh&auml;ngen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm
+zu vermeiden. Er ha&szlig;te ihn, und da er ihn zugunsten seines
+Rufes als Heilk&uuml;nstler um jeden Preis aus dem Wege
+r&auml;umen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise,
+wie er das bewerkstelligte, enth&uuml;llte ebenso seinen Scharfsinn
+wie seine bis zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sechs
+Monate hintereinander konnte man im &bdquo;Leuchtturm von Rouen&ldquo;
+Nachrichten wie die folgenden lesen:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
+Zweifel auf der H&ouml;he am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt
+haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
+bel&auml;stigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
+gewisserma&szlig;en einen Zoll. Leben wir denn noch in den
+abscheulichen Zeiten des Mittelalters, wo es den
+Landstreichern erlaubt war, auf den &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen die
+Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der
+Kreuzz&uuml;ge mitgebracht hatten?&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Oder:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die
+Zug&auml;nge unsrer Gro&szlig;st&auml;dte noch unausgesetzt von
+Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und
+das sind vielleicht nicht die ungef&auml;hrlichsten. Aus welchem
+Grunde duldet das eigentlich die Obrigkeit?&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Daneben erfand Homais auch Anekdoten:
+
+</P>
+
+<BLOCKQUOTE>
+&bdquo;Gestern ist auf der H&ouml;he am Wilhelmswalde ein Pferd
+durchgegangen&nbsp;...&ldquo;
+</BLOCKQUOTE>
+
+<P>
+
+Es folgte der Bericht eines durch das pl&ouml;tzliche
+Auftauchen des Blinden verursachten Unfalls.
+
+</P><P>
+
+Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, da&szlig; der
+Ungl&uuml;ckliche in Haft genommen wurde. Aber man lie&szlig; ihn wieder
+frei. Er trieb es wie vorher. Ebenso Homais. Es begann
+ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu
+lebensl&auml;nglichem Aufenthalt in ein Krankenhaus gesteckt.
+
+</P><P>
+
+Dieser Erfolg machte ihn immer k&uuml;hner. Fortan konnte kein Hund
+&uuml;berfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Pr&uuml;gel
+bekommen, ohne da&szlig; er den Vorfall sofort ver&ouml;ffentlicht h&auml;tte
+-, geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Ha&szlig;
+gegen die Priester.
+
+</P><P>
+
+Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von
+den &bdquo;Ignorantinern&ldquo; geleiteten, die nat&uuml;rlich zum Nachteil der
+letzteren ausfielen. Anl&auml;&szlig;lich einer staatlichen Bewilligung
+von hundert Franken f&uuml;r kirchliche Zwecke erinnerte er an die
+Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
+Mi&szlig;br&auml;uche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte.
+Dabei wurde er ein gef&auml;hrlicher Intrigant.
+
+</P><P>
+
+Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch
+Schreiben, ein &bdquo;Werk&ldquo;. So verfa&szlig;te er eine &bdquo;Allgemeine
+Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen
+Beobachtungen&ldquo;. Die damit verbundenen Studien f&uuml;hrten ihn ins
+volkswirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen
+Fragen, in die Theorien &uuml;ber die Volkserziehung, in das
+Verkehrswesen und andres mehr. Nun begann er sich seiner
+kleinb&uuml;rgerlichen Obskurit&auml;t zu sch&auml;men; er bekam
+genialische Anwandlungen.
+
+</P><P>
+
+Seinen Beruf vernachl&auml;ssigte er dabei keineswegs, im
+Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seines
+Faches. Beispielsweise interessierte ihn der gro&szlig;e
+Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der
+erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die
+Eisenschokolade einf&uuml;hrte. Er begeisterte sich f&uuml;r die
+hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers und trug selbst eine.
+Wenn er beim Schlafengehen das Hemd wechselte, staunte Frau
+Homais diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und
+entbrannte in verdoppelter Liebe f&uuml;r diesen Mann, der wie ein
+Magier gl&auml;nzte.
+
+</P><P>
+
+F&uuml;r Emmas Grabmal hatte er sehr sch&ouml;ne Ideen. Zuerst schlug
+er einen S&auml;ulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
+einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
+&bdquo;k&uuml;nstliche Ruine&ldquo;. Keinesfalls aber d&uuml;rfe die
+Trauerweide fehlen, die er f&uuml;r das &bdquo;traditionelle Symbol&ldquo;
+der Trauer hielt.
+
+</P><P>
+
+Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
+Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein
+Kunstmaler begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des
+Apothekers Bridoux. Er ri&szlig; die ganze Zeit &uuml;ber schlechte
+Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich
+die Zusendung von Kostenanschl&auml;gen. Er fuhr dann ein
+zweitesmal allein nach Rouen und entschlo&szlig; sich zu einem
+Grabstein, &uuml;ber dem ein Genius mit gesenkter Fackel trauert.
+
+</P><P>
+
+Als Inschrift fand Homais nichts sch&ouml;ner als:
+<TT>STA VIATOR!</TT> Diese Worte schlug er
+immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Best&auml;ndig
+fl&uuml;sterte er vor sich hin: &bdquo;<TT>Sta
+viator!</TT>&ldquo; Endlich kam er auf: <TT>AMABILEM
+CONJUGEM CALCAS!</TT> Das wurde angenommen.
+
+</P><P>
+
+Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
+Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre &auml;u&szlig;ere
+Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung f&uuml;hlte er, wie ihr Bild
+seinem Ged&auml;chtnis entwich, w&auml;hrend er sich so viel M&uuml;he gab,
+es zu bewahren. Dabei tr&auml;umte er jede Nacht von ihr. Es war
+immer derselbe Traum: er sah sie und n&auml;herte sich ihr, aber
+sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
+
+</P><P>
+
+Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
+Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
+auf. Bournisien war neuerdings &uuml;berhaupt unduldsam, ja
+fanatisch, wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist
+des Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der
+Predigt vom schrecklichen Ende Voltaires zu erz&auml;hlen, der im
+Todeskampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie
+jedermann wisse.
+
+</P><P>
+
+Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden
+heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und
+so stand die Pf&auml;ndung abermals bevor. Da wandte er sich an
+seine Mutter. Sie schickte ihm eine B&uuml;rgschaftserkl&auml;rung.
+Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen
+Emma. Als Entgelt f&uuml;r ihr Opfer erbat sie sich einen Schal,
+der Felicies Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr.
+Dar&uuml;ber entzweiten sie sich.
+
+</P><P>
+
+Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Vers&ouml;hnung.
+Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
+nehmen; sie k&ouml;nne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein.
+Aber als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande
+sich von ihm zu trennen. Diesmal erfolgte ein endg&uuml;ltiger,
+v&ouml;lliger Bruch.
+
+</P><P>
+
+Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen
+war, und er schlo&szlig; sich immer enger an sein Kind an. Aber auch
+dies machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote
+Flecken auf den Wangen.
+
+</P><P>
+
+Ihm gegen&uuml;ber machte sich in Gesundheit, Gl&uuml;ck und Frohsinn die
+Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte,
+gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia
+stickte ihm ein neues K&auml;ppchen, Irma schnitt
+Pergamentpapierdeckel f&uuml;r die Einmachegl&auml;ser, und Franklin
+bewies ihm bereits schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz.
+Der Apotheker war der gl&uuml;cklichste Vater und der gl&uuml;cklichste
+Mensch.
+
+</P><P>
+
+Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
+Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient
+h&auml;tte er es zur Gen&uuml;ge, meinte er. Erstens hatte er sich
+w&auml;hrend der Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet.
+Zweitens hatte er &mdash; und zwar auf seine eigenen Kosten &mdash;
+verschiedene gemeinn&uuml;tzige Werke ver&ouml;ffentlicht,
+beispielsweise die Schrift &bdquo;Der Apfelwein. Seine Herstellung
+und seine Wirkung&ldquo;, sodann seine &bdquo;Abhandlung &uuml;ber die
+Reblaus&ldquo;, die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner
+seine statistische Ver&ouml;ffentlichung, ganz abgesehen von seiner
+ehemaligen Pr&uuml;fungsarbeit. Er z&auml;hlte sich das alles
+auf. &bdquo;Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
+Gesellschaften.&ldquo; In Wirklichkeit war es nur eine einzige.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Eigentlich m&uuml;&szlig;te es schon gen&uuml;gen,&ldquo; rief er und warf sich
+selbstbewu&szlig;t in die Brust, &bdquo;da&szlig; ich mich bei den
+Feuersbr&uuml;nsten hervorgetan habe!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er begann F&uuml;hlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der
+Wahlen erwies er dem Landrat heimlich gro&szlig;e Dienste.
+Schlie&szlig;lich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er
+reichte ein Immediatgesuch an Seine Majest&auml;t ein, worin er ihn
+alleruntert&auml;nigst bat, &bdquo;ihm Gerechtigkeit widerfahren zu
+lassen.&ldquo; Er nannte ihn &bdquo;unsern guten K&ouml;nig&ldquo; und verglich ihn
+mit Heinrich dem Vierten.
+
+</P><P>
+
+Jeden Morgen st&uuml;rzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
+zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging
+so weit, da&szlig; er in seinem Garten ein Beet in Form des
+Kreuzes der Ehrenlegion anlegen lie&szlig;, auf der einen Seite von
+Geranien ums&auml;umt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste
+er dieses bunte Beet und dachte &uuml;ber die Schwerf&auml;lligkeit der
+Regierung und &uuml;ber den Undank der Menschen nach.
+
+</P><P>
+
+Aus Achtung f&uuml;r seine verstorbene Frau, oder weil er aus
+einer Art Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich
+haben wollte, hatte Karl das geheime Fach des
+Schreibtisches aus Polisanderholz, den Emma benutzt hatte,
+noch nicht ge&ouml;ffnet. Eines Tages setzte er sich endlich
+davor, drehte den Schl&uuml;ssel um und zog den Kasten heraus. Da
+lagen s&auml;mtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel
+m&ouml;glich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten
+Zeile. Dann st&ouml;berte er noch in allen Winkeln, allen M&ouml;beln,
+allen Schiebf&auml;chern, hinter den Tapeten, schluchzend, st&ouml;hnend,
+halbverr&uuml;ckt. Er entdeckte eine Schachtel und stie&szlig; sie mit
+einem Fu&szlig;tritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm
+buchst&auml;blich ins Gesicht. Es lag neben einem ganzen B&uuml;ndel
+von Liebesbriefen.
+
+</P><P>
+
+Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung.
+Er ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich
+sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das
+Ger&uuml;cht, da&szlig; er sich einschlie&szlig;e, um zu trinken. Neugierige
+aber, die hin und nieder den Kopf &uuml;ber die Gartenhecke reckten,
+sahen zu ihrer &Uuml;berraschung, wie der Menschenscheue in seinem
+langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging
+und laut weinte.
+
+</P><P>
+
+An Sommerabenden nahm er sein T&ouml;chterchen mit sich hinaus auf
+den Friedhof. Erst sp&auml;t in der Nacht kamen die beiden zur&uuml;ck,
+wenn auf dem Marktpl&auml;tze kein Licht mehr schimmerte, au&szlig;er
+aus dem St&uuml;bchen Binets.
+
+</P><P>
+
+Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines
+Schmerzes nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit
+ihm teilte. Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von
+&bdquo;ihr&ldquo; sprechen zu k&ouml;nnen. Aber die Wirtin h&ouml;rte nur mit halbem
+Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte n&auml;mlich
+seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen er&ouml;ffnet, und
+Hivert, der ob seiner Zuverl&auml;ssigkeit in Kommissionen
+allenthalben gro&szlig;es Vertrauen geno&szlig;, verlangte Lohnerh&ouml;hung
+und drohte, &bdquo;zur Konkurrenz&ldquo; &uuml;berzugehen.
+
+</P><P>
+
+Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen
+war, um sein Pferd, sein letztes St&uuml;ck Besitz, zu verkaufen,
+begegnete er Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide
+bla&szlig;. Rudolf, der bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine
+Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zun&auml;chst einige Worte der
+Entschuldigung, dann aber fa&szlig;te er Mut und hatte sogar die
+Dreistigkeit, &mdash; es war ein hei&szlig;er Augusttag &mdash; Karl zu einem
+Glas Bier in der n&auml;chsten Kneipe einzuladen.
+
+</P><P>
+
+Er l&uuml;mmelte sich Karl gegen&uuml;ber auf der Tischplatte auf,
+plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in
+tausend Tr&auml;umen vor diesem Gesicht, das &bdquo;sie&ldquo; geliebt hatte.
+Es war ihm, als s&auml;he er ein St&uuml;ck von ihr wieder. Das
+war ihm selber sonderbar. Er h&auml;tte der andre sein m&ouml;gen.
+
+</P><P>
+
+Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
+Vieh, vom D&uuml;ngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
+stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So
+vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl h&ouml;rte ihm
+gar nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, da&szlig; hinter
+diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen
+r&ouml;teten sich mehr und mehr, seine Nasenfl&uuml;gel bl&auml;hten sich,
+seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in
+so d&uuml;sterem Groll auf Rudolf, da&szlig; dieser erschrak und mitten im
+Satz steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die fr&uuml;here
+Lebensm&uuml;digkeit auf Karls Gesicht.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Ich bin Ihnen nicht b&ouml;se!&ldquo; sagte er.
+
+</P><P>
+
+Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen H&auml;nden und
+wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
+Schmerzen:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Nein, ich bin Ihnen nicht mehr b&ouml;se!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Er f&uuml;gte ein gro&szlig;es Wort hinzu, das einzige, das er je
+in seinem Leben sprach:
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Das Schicksal ist schuld!&ldquo;
+
+</P><P>
+
+Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim,
+f&uuml;r einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutm&uuml;tig,
+eigentlich sogar komisch und ver&auml;chtlich.
+
+</P><P>
+
+Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
+Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinbl&auml;tter
+zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete
+s&uuml;&szlig;, der Himmel war blau, Insekten summten um die bl&uuml;henden
+Lilien. Karl atmete schwer; das Herz war ihm beklommen und
+tieftraurig vor unsagbarer Liebessehnsucht.
+
+</P><P>
+
+Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
+gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
+
+</P><P>
+
+Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
+zugefallen, sein Mund stand offen. In den H&auml;nden hielt er eine
+lange schwarze Haarlocke.
+
+</P><P>
+
+&bdquo;Papa, komm doch!&ldquo; rief die Kleine.
+
+</P><P>
+
+Sie glaubte, er wolle mit ihr spa&szlig;en, und stie&szlig; ihn sacht an. Da
+fiel er zu Boden. Er war tot.
+
+</P><P>
+
+Sechsunddrei&szlig;ig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des
+Apothekers Doktor Canivet herbei. Er &ouml;ffnete die Leiche, fand
+aber nichts.
+
+</P><P>
+
+Als aller Hausrat verkauft war, blieben zw&ouml;lf und
+dreiviertel Franken &uuml;brig, die gerade ausreichten, die Reise
+der kleinen Berta Bovary zu ihrer Gro&szlig;mutter zu bestreiten. Die
+gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater
+Rouault gel&auml;hmt war, nahm sich eine Tante des Kindes an.
+Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich das t&auml;gliche
+Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei.
+
+</P><P>
+
+Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei &Auml;rzte nacheinander
+in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten
+k&ouml;nnen. Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine
+Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Beh&ouml;rde
+duldet ihn, und die &ouml;ffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
+
+</P><P>
+
+K&uuml;rzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
+</P>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
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+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+
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