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diff --git a/15711-8.txt b/15711-8.txt new file mode 100644 index 0000000..dd22c1f --- /dev/null +++ b/15711-8.txt @@ -0,0 +1,16369 @@ +The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Frau Bovary + +Author: Gustave Flaubert + +Translator: Arthur Schurig + +Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + + + + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + + + + +Frau Bovary + +von + +Gustave Flaubert + + + + +Erstes Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein +»Neuer«, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den beiden, +Schulstubengerät in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von +ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien +aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf. + +Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er +sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer. + +»Herr Roger!« lispelte er. »Diesen neuen Zögling hier empfehle ich +Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta. Bei löblichem +Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er +seinem Alter nach gehört.« + +Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man konnte +ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge, +so ungefähr fünfzehn Jahre alt und größer als alle andern. Die +Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein +Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er +höchst verlegen. So schmächtig er war, beengte ihn sein grüner +Tuchrock mit schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den +Schlitz in den Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke +hervor, die zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte +gelbbraune, durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an und +blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und +mit Nägeln beschlagen. + +Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte +aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht +einmal wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den +Ellenbogen aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete, +mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den +andern anschloß. + +Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer +die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. Es kam +darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter die richtige +Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen Staubwolke laut +aufklatschte. Das war so Schuljungenart. + +Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder daß er +nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das +Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch immer vor +sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von +Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Bärenmütze, +andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an +ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit einem Worte: an allerlei +armselige Dinge, deren stumme Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie +das Gesicht eines Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und +Fischbeinstäbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah +man drei runde Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band +getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art +Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter +Schnurenstickerei krönte und von dem herab an einem ziemlich +dünnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung +war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte. + +»Steh auf!« befahl der Lehrer. + +Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die +ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das Mützenungetüm +aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem Ellenbogen daran, so daß es +wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bücken. + +»Leg doch deinen Helm weg!« sagte der Lehrer, ein Witzbold. + +Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen Jungen +gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich gar nicht, ob er +seinen »Helm« in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen +lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mütze +über seine Knie. + +»Steh auf!« wiederholte der Lehrer, »und sag mir deinen Namen!« + +Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her. + +»Noch mal!« + +Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem Gelächter der +Klasse übertönt. + +»Lauter!« rief der Lehrer. »Lauter!« + +Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit auf +und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte, +das Wort von sich: »Kabovary!« + +Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; dazwischen gellten +Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder und wieder: »Kabovary! +Kabovary!« Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes +Brummen, kam mühsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen +heimlich weiter, um da und dort plötzlich als halbersticktes +Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlöschen +immer wieder noch ein paar Funken sprüht. + +Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in +der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer, +den Namen »Karl Bovary« festzustellen, nachdem er sich ihn hatte +diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen +wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf +die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte +den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als +er bereits wieder stehen blieb. + +»Was suchst du?« fragte der Lehrer. + +»Meine Mü...«, sagte er schüchtern, indem er mit scheuen Blicken +Umschau hielt. + +»Fünfhundert Verse die ganze Klasse!« + +Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte wütend +ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen. + +»Ich bitte mir Ruhe aus!« fuhr der empörte Schulmeister fort, +während er sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirne +trocknete. »Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den +Satz auf: Ridiculus sum!« Sein Zorn ließ nach. »Na, und deine +Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen.« + +Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und +der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung, +obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte +kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal +mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen +aufzuschlagen. + +Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem +Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich +sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er +gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im Wörterbuche nach +und gab sich viel Mühe. Zweifellos verdankte er es dem großen +Fleiße, den er an den Tag legte, daß man ihn nicht in der Quinta +zurückbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte, +so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer +seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht, +und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur +möglich auf das Gymnasium geschickt worden. + +Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er +hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen +lassen, worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr +seine körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte sich im +Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in +der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das +Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war ein +Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte, +Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller Ringe hatte und in +seiner Kleidung auffällige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum +besaß er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er +verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau +zu leben, aß und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein +und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr +spät heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehäusern herumgetrieben +hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterließ, war +Bovary empört darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld +dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land zurück, +wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er verstand von der +Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt +lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur Arbeit einspannen +ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in +Fässern zu verkaufen, ließ das fetteste Geflügel in den eignen +Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine +seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, daß +es am tunlichsten für ihn sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr +einzulassen. + +Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe +im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, halb +Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück, +fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig +und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er +sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben. + +Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter +tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem +heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie sich +abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch und nervös +geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer +wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und +abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu +ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst mächtig geregt, +aber schließlich schwieg sie, würgte ihren Grimm in stummem +Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten +Stündlein. Sie war unablässig tätig und immer auf dem Posten. Sie +war es, die zu den Anwälten und Behörden ging. Sie wußte, wenn +Wechsel fällig waren; sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte +alle Hausarbeiten, nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und +führte die Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts +kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher Schläfrigkeit nicht +herauskam und sich höchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige +Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab +und zu in die Asche. + +Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; und +als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche Geschöpf +grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit Zuckerzeug. Der +Vater ließ es barfuß herumlaufen und meinte höchst weise +obendrein, der Kleine könne eigentlich ganz nackt gehen wie die +Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter +hatte er sich ein bestimmtes männliches Erziehungsideal in den +Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mühe gab. +Er sollte rauh angefaßt werden wie ein junger Spartaner, damit er +sich tüchtig abhärte. Er mußte in einem ungeheizten Zimmer +schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den +»kirchlichen Klimbim« schimpfen. Aber der Kleine war von +friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die +Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm +Pappfiguren aus und erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit +ihm in endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger +Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. In ihrer +Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre +eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im Traume sah sie +ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als Beamten beim +Straßen- und Brückenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn +Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besaß, +das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten +Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei bloß schade +um die Mühe; sie hätten doch niemals die Mittel, den Jungen auf +eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft +zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary +schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief +mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste +Beeren an den Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und +durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem +Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen +bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu dürfen. Dann +hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der großen +Glocke und ließ sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine +Lilie auf dem Felde, bekam kräftige Glieder und frische Farben. + +Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch, +daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim +Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmäßig, daß +sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der +Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der +Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den +Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte +auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler nach dem Ave-Maria zu +sich holen. Die beiden saßen dann oben im Stübchen. Mücken und +Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, daß +der Junge schläfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da +schnarchte der biedere Pfarrer, die Hände über dem Schmerbauche +gefaltet. Es kam auch vor, daß der Seelensorger auf dem Heimwege +von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl +gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann +rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstündige Strafpredigt und +benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine +Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den +Unterricht störte, oder irgendein Bekannter, der vorüberging. +Übrigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja +er meinte sogar, der »junge Mann« habe ein gar treffliches +Gedächtnis. + +So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und +ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber +schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch +ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden. + +Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde +Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater +brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober. + +Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch +deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer +Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den +Arbeitsstunden eifrig lernte, während des Unterrichts aufmerksam +dasaß, im Schlafsaal vorschriftsmäßig schlief und bei den +Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule +war ein Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller +vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschluß. +Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und +brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das +Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an +seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten +zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine +Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von +Barthelemys »Reise des jungen Anacharsis«, das im Arbeitssaal +herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls +vom Lande war. + +Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der +Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der +Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn +seine Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren. +Sie waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen +schon durchwürgen würde. + +Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der +Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten +Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung +ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch und zwei +Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus +Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein +Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer +Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder +heim, nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja +hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein +auf sich selbst angewiesen sei. + +Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der +medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen +und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen, +von Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik, +Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen +Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft er sich +nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle +Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft. + +Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen +war, er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb fleißig +nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er +erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom, +der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was +für ein Geschäft er eigentlich verrichtet. + +Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine Mutter +allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück Kalbsbraten. Das war +sein Frühstück, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach +Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn +er mußte alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder +Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straßen hindurch. Abends nahm +er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher +ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbücher, +oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des +kleinen Ofens zu dampfen begannen. + +An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer wurden und +die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball spielten, öffnete er sein +Fenster und sah hinaus. Unten floß der Fluß vorüber, der aus +diesem Viertel von Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine +gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den +Wehren und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die +Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang +hervorragten, trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft. +Gegenüber, hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel +mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen im +Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief +Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar +nicht bis zu ihm drang. + +Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam +einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward +träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorsätzen +mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die Klinik, morgen ein +Kolleg, und allmählich fand er Genuß am Faulenzen und ging gar +nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein +passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen +Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem +Marmortische zu klappern, das dünkte ihn der höchste Grad von +Freiheit zu sein, und das stärkte ihm sein Selbstbewußtsein. Es +war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmännischen Lebens, +dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine +Hand mit geradezu sinnlichem Vergnügen auf die Türklinke. Eine +Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrückt worden waren, +gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer +auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Béranger, der +Freiheitssänger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle +brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen +Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glänzend +durch. + +Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei +einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf +den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er seine +Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie +entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der +Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem +sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf +Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die +Geschichte verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens hätte er +es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei. + +Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich +hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er +gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat +bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine +Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl +statt. + +Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. Dort +gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete +schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das +Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als sein +Nachfolger daselbst nieder. + +Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin +studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun +mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des +Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fünfundvierzig Jährlein +zwölfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie häßlich +war, dürr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie +ein Kirschbaum Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs +an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary +erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr +geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen +Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit +unterstützt wurde. + +Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich +dadurch günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie pekuniär +unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zügel in ihre Hände. +Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was +nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem +Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mußte +er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe, +überwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Türe, +wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen +mußte sie ihre Schokolade haben, und die Rücksichten, die sie +erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhörlich klagte sie über +Migräne, Brustschmerzen oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute +durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl +auswärts, dann fand sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim, +so war es zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im +Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm +ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang +seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging +die Jeremiade los. Er vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man +habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück. +Schließlich bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund +werde, und um ein bißchen mehr Liebe. + + + + +Zweites Kapitel + + +Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel +eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen kam. +Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf und +verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Straße +stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn. + +Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel +auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd stehen, +folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er +entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue Troddel hing, +einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und überreicht +ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der richtete sich im Bett auf, +um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den +Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschämt der Wand zu und +zeigte den Rücken. + +In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, wurde +Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem Pachtgut Les +Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht +man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis Bertaux zu +Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary +sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem Manne etwas zustoßen. +Infolgedessen ward beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten, +Karl aber erst drei Stunden später, nach Mondaufgang, folgen +solle. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den +Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlösse. + +Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel +gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen überließ +er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor +irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde +der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und +begann in seinem Gedächtnisse alles auszukramen, was er von +Knochenbrüchen wußte. + +Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen Ästen der +Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das Gefieder ob des kühlen +Morgenwindes gesträubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches +Land. Auf dieser endlosen grauen Fläche hoben sich hie und da in +großen Zwischenräumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte +mit des Himmels trüben Farben zusammenflossen; das waren +Baumgruppen um Güter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß +Karl seine Augen auf, bis ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte +und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen +traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten +Erinnerungen paarten, so daß er ein Doppelleben führte. Er war +noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen +Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch +den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen Umschlägen +mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des +Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den Stangen der +Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete ... + +Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen, +der am Rande des Straßengrabens im Grase saß. + +»Sind Sie der Herr Doktor?« + +Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln +in die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs +hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß Herr +Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten +Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege +von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest gefeiert hatte, ein +Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz +allein mit »dem gnädigen Fräulein«, das ihm den Haushalt führte. + +Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. Plötzlich +verschwand der Junge in der Lücke einer Gartenhecke, um hinter der +Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein großes Tor +öffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mußte +sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu +werden. Hofhunde fuhren aus ihren Hütten, schlugen an und +rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof +einritt, scheute der Gaul und machte einen großen Satz zur Seite. + +Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die +offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo kräftige +Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Längs der +Wirtschaftsgebäude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter +den Hühnern und Truthähnen machten sich fünf bis sechs Pfauen +mausig, der Stolz der Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang, +die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen +zwei große Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen +Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus +Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornböden +heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas +anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume bepflanzt. +Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter der Gänse. + +An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in +einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrüßte +den Arzt. Er wurde nach der Küche geführt, wo ein tüchtiges Feuer +brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Töpfen von verschiedener +Form das Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen +naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel, +Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Größe, +funkelten wie von blankem Stahl, während längs der Wände eine +Unmenge Küchengerät hing, über dem die helle Herdflamme um die +Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden +Morgensonne spielte und glitzerte. + +Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. +Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine +Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein +stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem Haar, blauen +Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem +Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der er sich +von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um »Mumm in die Knochen +zu kriegen«. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung. +Statt zu fluchen und zu wettern -- was er seit zwölf Stunden getan +hatte -- fing er nunmehr an zu ächzen und zu stöhnen. + +Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte sich +einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald erinnerte +er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern +zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten ein +reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams, +der an das Öl gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefettet +werden. Er ließ sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen, +um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stücken wählte +er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glättete sie +mit einer Glasscherbe. Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden +her, und Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster +anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, polterte +der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen stach sie sich +in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus. + +Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie hatte. Sie +waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so +schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände freilich +waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß genug und ein +wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank, +nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. Was jedoch +schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im +Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick +traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld. + +Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich +»einen Bissen zu essen«, ehe er wieder aufbräche. Karl ward in das +Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen +Tische war für zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten +silberne Becher. Aus dem großen Eichenschranke, gegenüber dem +Fenster, strömte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer +Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Säcke mit +Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz +gefunden, zu der drei Steinstufen hinaufführten. In der Mitte der +Wand, deren grüner Anstrich sich stellenweise abblätterte, hing in +einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer +Minerva. In schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben. +»Meinem lieben Vater!« + +Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken +Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen. +Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem Leben auf +dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft +fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, fröstelte sie +während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen +etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, pflegte sie mit den +Oberzähnen auf die Unterlippe zu beißen. + +Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr +schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in +der Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe, +daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen und kaum die +Ohrläppchen blicken ließen. Über den Schläfen war das Haar +gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte. +Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Taille lugte +-- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon aus Schildpatt hervor. + +Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, +trat er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend, +die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten +hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich +umwendend, fragte sie: + +»Suchen Sie etwas?« + +»Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!« + +Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den Stühlen. Der +Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade zwischen die Säcke und +die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich über die Säcke beugte, +wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der +nämlichen Absicht wie sie ausstreckte, berührte seine Brust den +gebückten Rücken des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma +fuhr rasch in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die +Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte. + +Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt +dessen war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab +kam er regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die +gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er +»zufällig in der Gegend« war. Übrigens ging alles vorzüglich; die +Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer +halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof +herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf +einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, besser hätten ihn +die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht +kurieren können. + +Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern +nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber +nachgesonnen hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers +zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in +Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber +wirklich die Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu +köstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines +tätigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt +im Galopp ab und ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem +kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich +die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen +Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof +ein. Es war ihm ein Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den +nachgebenden Flügel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der +Mauer krähen zu hören und sich von der Dorfjugend umringt zu +sehen. Er liebte die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa +Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen +Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des +Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der +Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen Schuhen +sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab +sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe. +War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete sie mit. Sie +hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie +nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im +Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schürzenbänder begannen ihr +um die Hüften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der +Bäume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dächern der +Gebäude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle, +da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte +ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue +Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weiße Haut ihres +Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefühl, daß Emma +lächelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut +vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer ... + +Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner +Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in ihrer +doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. Als sie +aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie nähere +Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß Fräulein Rouault im +Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, sozusagen +also »eine feine Erziehung genossen« hatte, daß sie infolgedessen +Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und +Klavierspielen haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie +man zu sagen pflegt. + +»Also darum!« sagte sie sich. »Darum also lacht ihm das ganze +Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue Weste +an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh dieses +Weib, dieses Weib!« + +Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte in +allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte +sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer +häuslichen Szene über sich ergehen ließ. Schließlich aber ging sie +im Sturm vor. Karl wußte nicht, was er sagen sollte. Weshalb renne +er denn ewig nach Bertaux, wo doch der Alte längst geheilt sei, +wenn die Rasselbande auch noch nicht berappt habe? Na freilich, +weil es da »eine Person« gäbe, die fein zu schwatzen verstünde, +ein Weibsbild, das sticken könne und weiter nichts, ein +Blaustrumpf! In die sei er verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei +ihm ein gefundenes Fressen. + +»Blödsinn!« polterte sie weiter. »Die Tochter des alten Rouault, +die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Großvater hat noch die Schafe +gehütet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt +gekommen, weil er bei einem Streite jemanden halbtot gedroschen +hat! So was hat gar keinen Anlaß, sich was Besonders einzubilden +und Sonntags aufgedonnert in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen +Kleidern wie eine Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! +Wenn im vergangenen Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut +ausgefallen wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen +können!« + +Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux +ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und Küssen +und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr Meßbuch schwören lassen, +nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner heimlichen +Sehnsucht war er kühner; da war er empört über seine tatsächliche +eigne Feigheit. Und in naivem Machiavellismus sagte er sich, +gerade ob dieses Verbots habe er ein Recht auf seine Liebe. Was +war die ehemalige Witwe auch für ein Weib: sie war spindeldürr und +hatte häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben +schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden langen +Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern wie +in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie über ihren +grauen Strümpfen. + +Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch +schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele +Essen bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich +ein Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von ihm, +keine Flanellwäsche zu tragen. + +Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der Vermögensverwalter +der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in Ingouville, samt allen +ihm anvertrauten Geldern übers Meer das Weite suchte. Nun besaß +sie allerdings außerdem einen Schiffsanteil in der Höhe von +sechstausend Franken und ein Haus in Dieppe. Aber von allen diesen +vielgepriesenen Besitztümern hatte man nie etwas Ordentliches zu +sehen bekommen. Die Witwe hatte nichts mit in die Ehe gebracht als +ein paar Möbel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache +auf den Grund, und da stellte sich denn heraus, daß besagtes Haus +bis an die Feueresse mit Hypotheken belastet, daß kein Mensch +wußte, wieviel Geld wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen, +und daß die Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich +hatte die liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der +alte Bovary einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke +ging, und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in +das Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke eingespannt, +die des Futters nicht einmal mehr wert sei. + +Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu +heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres +Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegenüber in Schutz zu +nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das +nahmen ihm die Alten übel. Sie reisten ab. + +Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage +darnach, als sie dabei war, Wäsche im Hofe aufzuhängen, bekam sie +einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot. + +Als Karl vom Friedhofe zurückkam, fand er im Erdgeschoß keinen +Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das Schlafzimmer +trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am Bette hing. +Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, bis es +dunkel wurde, in schmerzliche Träumereien versunken. Alles in +allem hatte sie ihn doch geliebt ... + + + + +Drittes Kapitel + + +Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar +für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in blanken +Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück erfahren und +tröstete ihn, so gut er konnte. + +»Ich weiß, wie einem da zumute ist!« sagte er, indem er dem Witwer +auf die Schulter klopfte. »Habs ja selber mal durchgemacht, ganz +so wie Sie! Als ich meine Selige begraben hatte, da lief ich +hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. Ich warf mich im +Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem lieben Gott zu +hadern, und machte ihm die dümmsten Vorwürfe. An einem Aste sah +ich einen verreckten Maulwurf hängen, dem der Bauch von Würmern +wimmelte. Ich beneidete den Kadaver! Und wenn ich daran dachte, +daß im selben Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen +Frauen zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit +meinem Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz +richtig mit mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein +Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und +so nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem +Winter und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei, +drei, und weg war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige +Wort: hinunter! Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben +nicht los. Da tief drinnen in der Brust bleibt immer was stecken. +Aber Luft kriegt man wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser +aller Schicksal, und deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins +Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben +sind. Auch Sie müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles +vorüber! Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an +Sie. Sie hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling. +Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein paar +Karnickel auf meinem Revier!« + +Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da +alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die Birnbäume +hatten schon Blüten, und der treffliche Vater Rouault war wieder +mordsgesund und von früh bis abend auf den Beinen. Und im ganzen +Gut war mächtiger Betrieb. + +Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten +Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so bequem +wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit ihm wie mit +einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, wenn man des +Gastes wegen nicht, wie befohlen, die leichtverdaulichsten +Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel feine Eierspeisen +oder gedünstete Birnen. Er erzählte Anekdoten und Abenteuer. Zu +seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir einem Male +erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. Der Kaffee +ward gebracht, und da vergaß er sie wieder. + +Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger gedachte +er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue Bewußtsein, +unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald erträglicher. +Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber bestimmen, +konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft darüber geben zu +müssen, und wenn er müde war, alle vier von sich strecken und sich +in seinem Bette breit machen. Er hegte und pflegte sich und ließ +alle Tröstungen über sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner +Frau keine ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man +wochenlang in einem fort sagte: »Der arme Doktor. Wie traurig!« +blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis vergrößerte sich. +Und dann konnte er nun nach Bertaux reiten, wann es ihm beliebte. +Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in ihm auf, ein namenloses +Glücksgefühl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich den +Bart strich, fand er sich gar nicht übel. + +Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute +angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die Küche. +Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst nicht. Die +Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes +stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf die +Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel entzwei und +wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische krabbelten +Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in die +Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den +Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine +Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß zwischen dem +Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein Halstuch um, und +auf ihren entblößten Schultern glänzten kleine Schweißperlen. + +Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk an. Als +er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich bat sie ihn +lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. Sie holte aus dem +Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei Gläser heraus, füllte +das eine bis zum Rande und goß in das andre ein paar Tropfen. Sie +stieß mit Karl an und führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel +wie nichts drin war, mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den +Kopf nach hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals +gestrafft, so stand sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf +die Zunge lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen +Zähnen herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals +suchend vorstieß. + +Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit +zu widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit +gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst recht +nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle +eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl sah +diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das Hämmern +seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das Gackern einer +Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin und wieder +hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den kalten Knauf der +Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, um diese zu kühlen. + +Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit +Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl +Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt +im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in +ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre +Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, die sie als +Schulprämien bekommen hatte, und die Eichenlaubkränze, die im +untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erzählte sie von +ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im Garten das +Beet, wo die Blumen wüchsen, die sie der Toten jeden ersten +Freitag im Monat hintrug. Der Gärtner, den sie hatten, verstünde +nichts. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es, +wenigstens während der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann +aber meinte sie wieder, an den langen Sommertagen sei das Leben +auf dem Lande noch langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte, +klang ihre Stimme hell oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen +matten Ton an, und wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward +sie wieder ganz anders, wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma +lustig und hatte große unschuldige Augen, dann wieder schlossen +sich ihre Lider zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah +teilnahmslos und traumverloren aus. + +Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie +geredet hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn +ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von +der Existenz schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt +hatte. Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu +erschauen als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten +Male erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. +Dann fragte er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich +verheiratete, aber mit wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so +reich und sie ... so schön! + +Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen, +und eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das +Surren eines Kreisels: »Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn du +dich nun verheiratetest!« In der Nacht konnte er keinen Schlaf +finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er verspürte Durst, +stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das Fenster auf. Der +Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind strich in das +Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die Rötung nach +Bertaux. + +Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten +könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit +um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese Gelegenheit bot, +wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte nicht über die +Lippen. Vater Rouault hätte längst nichts dagegen gehabt, wenn ihm +jemand seine Tochter geholt hätte. Im Grunde nützte sie ihm in +Haus und Hof nicht viel. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie +war eben für die Landwirtschaft zu geweckt. »Ein gottverdammtes +Gewerbe!« pflegte er zu schimpfen. »Das hat auch noch keinen zum +Millionär gemacht!« Ihm hatte es in der Tat keine Reichtümer +gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch +auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl bekannt war, +so war er eigentlich doch für Ackerbau und Viehzucht durchaus +nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht +gern die Hände aus den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe war +er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen +warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein gutes Glas Landwein, ein +halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein Täßchen Mokka mit +Kognak gehörten zu den Idealen seines Lebens. Er nahm seine +Mahlzeiten in der Küche ein und zwar allein für sich, in der Nähe +des Herdfeuers an einem kleinen Tische, der ihm -- wie auf der +Bühne -- fix und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte. + +Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam, +wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder später +ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald überlegte er sich die +Geschichte. Besonders schneidig sah ja Karl Bovary nicht gerade +aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen künftigen Schwiegersohn +ein bißchen anders gedacht, aber er war doch als anständiger Kerl +bekannt, sparsam und tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos +würde er wegen der Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault +hatte gerade eine Menge großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu +bezahlen, sah er sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem +Grund und Boden zu verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert +werden. Und so sagte er sich: »Wenn er um Emma anhält, soll er sie +kriegen!« + +Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag +und Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault +gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs +vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden. +Das war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis +zuallerletzt. Erst als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er +los: + +»Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas sagen!« + +Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben stehen. + +»Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!« Rouault +lachte gemütlich. + +»Vater Rouault! Vater Rouault!« stammelte Karl. + +»Meinen Segen sollen Sie haben!« fuhr der Gutspächter fort. »Meine +Kleine denkt gewiß nicht anders als ich, aber gefragt werden muß +sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins +Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- wohlverstanden! -- brauchen Sie +jedoch nicht umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie +sich erst ein bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu +lange Blut schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde +einen Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da +oben über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen beobachten!« + +Damit ging er. + +Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung +hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand. +Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ... +Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden +blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile. + +Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde über +und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte gezwungen ein wenig, +um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen künftigen +Schwiegersohn. Die Besprechung der geschäftlichen Punkte wurde +verschoben. Übrigens war noch viel Zeit dazu, da die Hochzeit +anstandshalber vor Ablauf von Karls Trauerjahr nicht stattfinden +konnte, das hieß, nicht vor dem nächsten Frühjahr. + +In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault +beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in +Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, +die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte +das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde +überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel +Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen +es geben solle. + +Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts +zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für +solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte +sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste +Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen +bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so +weitergehen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in Kutschen, +Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit Ledervorhängen, in +allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Das junge +Volk aus den nächsten Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im +Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe +stehend, die Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen. +Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville, +Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien waren samt +und sonders geladen. Freunde, mit denen man uneins gewesen, +versöhnte man, und es war an Bekannte geschrieben worden, von +denen man wer weiß wie lange nichts gehört hatte. + +Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall. +Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging es +bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die +Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie +und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen +städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen Enden, +die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die mit +einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie hinten +den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie ihre +Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich unbehaglich; viele +hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige Stiefel an. +Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis sechzehnjährige +Mädchen, offenbar ihre Basen oder älteren Schwestern, in ihren +weißen Firmelkleidern, die man zur Feier des Tages um ein Stück +länger gemacht hatte, alle mit roten verschämten Gesichtern und +pomadisiertem Haar, voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu +beschmutzen. Da nicht Knechte genug da waren, um all die Wagen +gleichzeitig abzuspannen, streiften die Herren die Rockärmel hoch +und stellten ihre Pferde eigenhändig ein. Je nach ihrem +gesellschaftlichen Range waren sie in Fräcken, Röcken oder +Jacketts erschienen. Manche in ehrwürdigen Bratenröcken, die nur +bei ganz besonderen Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke +geholt wurden; ihre langen Schöße flatterten im Winde, die Kragen +daran sahen aus wie Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang +von Säcken. Es waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein +gekommen, meist im Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin +ganz kurze Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen +Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so ausschauten, +als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem Ganzen +herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste -- und das waren +solche, die dann an der Festtafel gewiß am alleruntersten Ende zu +sitzen kamen -- trugen nur Sonntagsblusen mit breitem Umlegekragen +und Rückenfalten unter dem Gürtel. + +Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie Kürasse. +Durchweg hatte man sich unlängst das Haar schneiden lassen (um so +mehr standen die Ohren von den Schädeln ab!), und alle waren +ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden +waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und +hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder +hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, groß wie Talerstücke. +Unterwegs hatten sich diese Wunden in der frischen Morgenluft +gerötet, und so leuchteten auf den breiten blassen +Bauerngesichtern große rote Flecke. + +Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. +Man begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die +Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war +anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich +durch die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich +und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten +plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer +buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die +Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt +die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den Kornfeldern +zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas Kleid, +das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. Von +Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las +sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen +stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen geblieben +waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da und wartete, bis +sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und +einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an die Fingernägel +reichten. Am Arm führte er Frau Bovary senior. Der alte Herr +Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze Sippschaft um sich +herum verachtete, war einfach in einem uniformähnlichen +einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge +blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien traktierte. Sie +hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in ihrer Verlegenheit gar +nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen Gäste sprachen von ihren +Geschäften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele +Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, hörte in einem fort das +Tirilieren des Spielmannes, der auch im freien Felde weitergeigte. +Sooft er bemerkte, daß die Gesellschaft weit hinter ihm +zurückgeblieben war, machte er Halt und schöpfte Atem. Umständlich +rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten +schöner quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in +Bewegung. Er hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht +hübsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel +schon von weitem. + +Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens +aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs Schüsseln +mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem Kalbfleisch, drei +Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier Leberwürsten in +Sauerkraut, ein köstlich knusprig gebratenes Spanferkel. An den +vier Ecken des Tisches brüsteten sich Karaffen mit Branntwein, und +in einer langen Reihe von Flaschen wirbelte perlender +Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits alle Gläser im voraus +bis an den Rand vollgeschenkt waren. Große Teller mit gelber +Creme, die beim leisesten Stoß gegen den Tisch zitterte und bebte, +vervollständigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfläche +dieses Desserts prangten in umschnörkelten Monogrammen von +Zuckerguß die Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam. +Für die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot +kommen lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich +ganz besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig ein +Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines »Ah!« hervorrief. +Der Unterbau aus blauer Pappe stellte ein von Sternen aus +Goldpapier übersätes Tempelchen dar, mit einem Säulenumgang und +Nischen, in denen Statuen aus Marzipan standen. Im zweiten +Stockwerk rundete sich ein Festungsturm aus Pfefferkuchen, umbaut +von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und +Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber krönte über einer +grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen und Teichen mit +Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): ein niedlicher +Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade wiegte. In den +beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der Schaukel steckten zwei +lebendige Rosenknospen. + +Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen ermüdet +war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte eine Partie +des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und setzte sich +dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen gegen das Ende +des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim Kaffee war +alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte allerlei +Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß Purzelbäume, hob +Schubkarren bis zur Schulterhöhe, erzählte gepfefferte Geschichten +und scharwenzelte mit den Damen. + +Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden, +die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte +und Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, bockten +und schlugen aus, während die Herren und Kutscher fluchten und +lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den mondbeglänzten +Landstraßen in Karriere über Stock und Stein heimrasende +Fuhrwerke. + +Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am Küchentische +bis zum frühen Morgen weiter, während die Kinder unter den Bänken +schliefen. + +Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den +herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter +-- ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk +selbstverständlich ein paar Seezungen gestiftet hatte -- doch +daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlüsselloch des +Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault erwischte ihn gerade noch +rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er machte ihm klar, daß sich +derartige Scherze mit der Würde seines Schwiegersohnes nicht +vertrügen. Der Vetter ließ sich durch diese Einwände nur +widerwillig von seinem Vorhaben abbringen. Insgeheim hielt er den +alten Rouault für aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke +mir vier bis fünf andern Unzufriedenen, die während des Mahles bei +der Wahl der Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese +Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den +Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble. + +Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer +Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der +Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur +Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück. +Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er ließ +sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er Grog von +Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden unbekannt +war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an. + +Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes +gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien, +Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und Anulkungen, die +ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil geworden waren, hatte er +sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. Um so mächtiger war +seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er offensichtlich wie +neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor sozusagen die +Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich völlig und ließ +sich nicht das geringste anmerken. Die größten Schandmäuler waren +sprachlos; sie standen da wie vor einem Wundertier. Karl freilich +machte aus seinem Glück kein Hehl. Er nannte Emma »mein liebes +Frauchen«, duzte sie, lief ihr überallhin nach und zog sie +mehrfach abseits, um allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein +wenig zu plaudern, wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille +legte. Beim Hin- und Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz +nahe und zerdrückte mit seinem Kopfe ihr Halstuch. + +Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl +konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater +Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und gab +ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied küßte er +seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und machte sich zu +Fuß auf den Rückweg. + +Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem +Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei +seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, an +längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner +Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des Tages, +wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. Auf +dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er +seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so +um Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. +Mit der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der +andern ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen +Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm +um die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine +Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges +Gesicht, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich +hinlächelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger +eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange +war das nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre +er jetzt dreißig Jahre alt! + +Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu +sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem +vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die +zärtlichen Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen +Augenblick lang verspürte er das Verlangen, den Umweg über den +Friedhof zu machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur +noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten Wege +nach Hause. + +Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn +stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu erspähen. Die +alte Magd empfing sie unter Glückwünschen und bat um +Entschuldigung, daß das Mittagessen noch nicht ganz fertig sei. +Sie lud die gnädige Frau ein, einstweilen ihr neues Heim in +Augenschein zu nehmen. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie +der Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur, +gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel, +ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem Winkel auf +dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von trocken gewordnem +Straßenschmutz. Rechter Hand lag die »Große Stube«, das heißt der +Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich +als Wohnzimmer diente. An den Wänden bauschte sich allenthalben +die schlecht aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der +Decke durch eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward. +An den Fenstern überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote +Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine +Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten +Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen. + +Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines +Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei +Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines +Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die +Bände des »Medizinischen Lexikons« ausgefüllt, die +unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen +Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte +Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang Buttergeruch +aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, während man dort +hören konnte, wenn die Patienten husteten und ihre langen +Leidensgeschichten erzählten. + +Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein großes +verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als Holzraum, +Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit altem +Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und einer Menge +andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen kaum +mehr ansehen konnte. + +Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, dehnte +sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten +begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. +Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr +darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen +Heckenrosen umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem +Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand +eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft. + +Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war überhaupt +nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen Schlafstube, +stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein Himmelbett aus +Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit Muscheln besetzte +kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster leuchtete in +einer Kristallvase ein Strauß von Orangenblüten, umwunden von +einem Seidenbande: ein Hochzeitsbukett, die Brautblumen der +andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte es, nahm den Strauß +aus der Vase und trug ihn auf den Oberboden. Währenddem saß sie in +einem Lehnstuhl. Ihr eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das +in einer Schachtel verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in +das Zimmer und baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie +sich, was wohl mit ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch +bald stürbe. + +In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei +Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken +von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen und +Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum. + +Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem +Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl +wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine +Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von +neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein +Dogcart. + +So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der +Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der +Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band im +Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze +hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von +denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen könnten, all +das trug dazu bei, daß sein Glück nicht aufhörte. Frühmorgens im +Bette, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er zu, +wie die Sonnenlichter durch den blonden Flaum ihrer von den +Haubenbändern halbverdeckten Wangen huschten. So aus der Nähe +kamen ihm ihre Augen viel größer vor, besonders beim Erwachen, +wenn sich ihre Lider mehrere Male hintereinander hoben und wieder +senkten. Im Schatten sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau +am lichten Tage; in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während +sie sich nach der schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein +eigenes Auge verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin +gespiegelt, ganz klein, bis an die Schultern, mit dem Seidentuche, +das er sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seines +offen stehenden Nachthemdes. + +Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um +ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das +Fensterbrett gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie +leicht umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der +Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. Emma +sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem sie mit +ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den Geranien +abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und schaukelte +sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel und blieb +schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne der alten +Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der Haustüre wartete. +Karl saß auf und warf seiner Frau eine Kußhand zu. Sie antwortete +winkend und schloß das Fenster. Er ritt ab. + +Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in +den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache +schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die +Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische +Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der +Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, -- da genoß er +all sein Glück abermals, just wie einer, der nach einem +Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er bereits +verdaut, noch auf der Zunge hat. + +Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er denn +im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge hoher +Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, die +reicher und stärker waren als er, über seine bäuerische Aussprache +lachten, sich über seinen Anzug lustig machten und zur Besuchszeit +mit ihren Müttern plauderten, die mit Kuchen in der Tasche kamen? +Oder etwa später als Student der Medizin, wo er niemals Geld genug +im Beutel gehabt hatte, um irgendein kleines Mädel zum Tanz führen +zu können, das seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der +vierzehn Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße +im Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß +er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. Seine +Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen Unterrocks, +und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht genug. Und +so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. Spornstreichs +ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen +... Emma saß in ihrem Zimmer bei der Toilette. Er schlich sich auf +den Fußspitzen von hinten an sie heran und küßte ihr den Nacken. +Sie stieß einen Schrei aus. + +Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, +ihr Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie tüchtig auf die +Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner Küsse gleichsam +aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen Länge von den +Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn +ab, lächelnd und gelangweilt, wie man ein kleines Kind +zurückdrängt, das sich an einen anklammert. + +Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu +empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe erwartete, +ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht haben. So dachte sie. +Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, wo eigentlich in der +Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den Romanen mit den Worten +Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert +wird. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Emma hatte »Paul und Virginia« gelesen und in ihren Träumereien +alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den Neger Domingo, den +Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die zärtliche +Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, der für sie +rote Früchte auf überturmhohen Bäumen pflückte und barfuß durch +den Sand gelaufen kam, ihr ein Vogelnest zu bringen. + +Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt, +um sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im +Viertel Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt +bekamen, auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von +Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, hier +und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten Frömmigkeit, +Gefühlsüberschwang und höfischen Prunk. + +In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich +nicht im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft +der gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein +Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom +Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den +Freistunden spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie +alsbald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die +dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in +die Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben +und unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und +Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen +Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der +Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe +zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau umränderten +Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm +Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen +Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, zusammenbricht. Um +sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag lang ohne +Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um irgendein +Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte. + +Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, nur +damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände gefaltet, +das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem flüsternden Priester. +Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen +Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer +wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße +Schauer. + +Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen +Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen +Geschichte oder aus den »Stunden der Andacht« des Abbé Frayssinous +und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands »Geist des +Christentums«. Wie andachtsvoll lauschte sie bei den ersten Malen +den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo +aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas Kindheit im +Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel +dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der +Naturschwärmerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung +ihre Quelle hat. So aber kannte sie das Land zu gut: das Blöken +der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge +gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte: +das Abenteuerliche. So liebte sie das Meer einzig um der wilden +Stürme willen und das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein +Dasein fristete. Es war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen +egoistischen Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz +beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente. +Ihre Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte +lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach. + +Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier +Wochen auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da +sie einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution +zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert. +Sie aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern, +und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen, +bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß +sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die +Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem ancien +régime auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei +ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie erzählte Geschichten, +wußte stets Neuigkeiten, übernahm allerhand Besorgungen in der +Stadt und lieh den größeren Mädchen Romane, von denen sie immer +ein paar in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den +Ruhepausen ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber +schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften, +Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in +einsamen Pavillonen ohnmächtig, und von Postillionen, die an +allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die man +auf Seite für Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern, +Herzenskämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von +Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Büschen, von +hohen Herren, die wie Löwen tapfer und sanft wie Bergschafe +waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer köstlich +gekleidet und ganz unbeschreiblich tränenselig. Ein halbes Jahr +lang beschmutzte sich die fünfzehnjährige Emma ihre Finger mit +dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott +in die Hände, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen +Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Rittersälen und +Minnesängern. Am liebsten hätte sie in einem alten Herrensitze +gelebt, gehüllt in schlanke Gewänder wie jene Edeldamen, die, +den Ellenbogen auf den Fensterstein gestützt und das Kinn in der +Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage verträumten und in die +Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein Rittersmann +mit weißer Helmzier dahergestürmt käme auf einem schwarzen Roß. +Damals trieb sie einen wahren Kult mit Maria Stuart; ihre +Verehrung von berühmten oder unglücklichen Frauen ging bis zur +Schwärmerei. Die Jungfrau von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die +schöne Ferronnière und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende +Meteore in dem grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse. +Fast ganz im Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander +schwebten ferner in ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit +seiner Eiche, der sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame +Taten Ludwigs des Elften, irgendeine Szene aus der +Bartholomäusnacht, der Helmbusch Heinrichs des Vierten, dazu +unauslöschlich die Erinnerung an die gemalten Teller mit den +Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten. + +In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die +Rede von Englein mit goldenen Flügeln, von Madonnen, Lagunen und +Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr +Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die +Realitäten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber +der Sentimentalität. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten +lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als +Neujahrsgeschenke bekommen hatten. Daß man sie heimlich halten +mußte, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen. +Emma nahm die schönen Atlaseinbände nur behutsam in die Hand und +ließ sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, die +ihre Beiträge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. Das +Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin +leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre +Seite sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in +einem Mäntelchen, wie er hinter der Brüstung eines Altans ein weiß +gekleidetes junges Mädchen mit einer Tasche am Gürtel an sich +drückte; auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen +englischen Ladys, die unter runden Strohhüten mit großen hellen +Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch den +Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, die +von zwei kleinen Grooms in weißen Hosen kutschiert wurden. Andre +träumten auf dem Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und +himmelten durch das halb offene, schwarz umhängte Fenster den Mond +an. Wieder andre, Unschuldskinder, krauten, eine Träne auf der +Wange, durch das Gitter eines gotischen Käfigs ein Turteltäubchen +oder zerzupften, den Kopf verschämt geneigt, mit koketten Fingern, +die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine +Marguerite. Alles mögliche andre zeigten die übrigen Stiche: +Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in +den Armen; Giaurs, Türkensäbel, phrygische Mützen, nicht zu +vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und +Fichten, Tiger und Löwen friedlich beieinanderstehen, und +Minaretts am Horizonte und römische Ruinen im Vordergrunde eine +Gruppe lagernder Kamele überragen, während auf der einen Seite ein +wohlgepflegtes Stück Urwald steht, auf der andern ein See, eine +Riesensonne mit stechenden Strahlen darüber und auf seiner +stahlblauen, hie und da weiß aufschäumenden Flut, in die Ferne +verstreut, gleitende Schwäne ... + +Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Häupten an der Wand hing, +blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem +andern an ihr vorüberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die +kein Geräusch drang, höchstens das ferne Rollen eines späten +Fuhrwerks. + +Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie +ließ sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen fassen, +schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmütiger +Betrachtungen über das Leben und bat ihn, man möge sie dereinst in +demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei krank, +und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, daß +sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen +einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen niemals gelangen. +Sie verlor sich in Lamartinischen Rührseligkeiten, hörte +Harfenklänge über den Weihern und Schwanengesänge, die Klagen des +fallenden Laubes, die Himmelfahrten jungfräulicher Seelen und die +Stimme des Ewigen, die in den Tiefen flüstert. + +Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs +einzugestehen, und so blieb sie dabei zunächst aus Gewohnheit, +dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, daß sie +den inneren Frieden wiedergefunden hatte und daß ihr Herz +ebensowenig schwermütig war wie ihre jugendliche Stirne runzelig. + +Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission +gehofft hatten, bemerkten zu ihrem höchsten Befremden, daß +Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen drohte. Man hatte +ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, Predigten und Fasten +angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch große +Verehrung die Heiligen und Märtyrer genössen, und ihr zu +vorzügliche Ratschläge gegeben, wie man den Leib kasteie und die +Seele der ewigen Seligkeit zuführe; und so ging es mit ihr wie mit +einem Pferd, das man zu straff an die Kandare genommen hat: sie +blieb plötzlich stehen und machte nicht mehr mit. + +Bei aller Schwärmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie hatte +die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte und +die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr Geist +empörte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch mehr +lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem +tiefsten Wesen völlig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem +Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand +sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der +Schwesternschaft recht fehlen lassen. + +Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mädchen zunächst darin, das +Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des Landlebens +überdrüssig, und nun sehnte sie sich nach dem Kloster zurück. Als +Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie just überzeugt, daß +sie alle Illusionen verloren habe, daß es nichts mehr auf der Welt +gäbe, was ihr Hirn oder Herz rühren könne. Dann aber waren das mit +jedem neuen Zustande verbundene wirre Gefühl und die Unruhe, die +sich ihrer diesem Manne gegenüber bemächtigte, stark genug, um in +ihr den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare +Leidenschaft in ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein +Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit +himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, +hatte sie keine Kraft zu glauben, daß die Friedsamkeit, in der sie +hinlebte, das erträumte Glück sei. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten +Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu +sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene +Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen nach der +Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man fährt gemächlich in +einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhängen die Gebirgsstraßen +hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen +zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des +Gießbachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am +Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der +Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen +Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlösser. Es +kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimstätten des +Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten +gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden, +sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre +Trübsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite +eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe, +einen eleganten Hut und Manschettenhemden trüge? + +Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen mögen. +Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller +Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der Wind +wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die +Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, wenn +er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein +einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich alles +das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie eine +reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So aber ward +die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer +größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde. + +Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Straße: +Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die niemanden rührten, +über die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten. +Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, hätte er niemals den +Drang verspürt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er +konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein +Pistolenschütze, und gelegentlich kam es zutage, daß er Emma einen +Ausdruck des Reitsports nicht erklären konnte, der ihr in einem +Romane begegnet war. Muß ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf +allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die großen +Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Genüsse und in +alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts, +verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei +glücklich, indes sie sich über seine satte Trägheit empörte, +seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie +ihm gewährte. + +Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen +und zuzusehn, wie sie sich über das Blatt beugte oder wie sie die +Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit +den Fingern Brotkügelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte. +Wenn sie am Klavier saß, war sein Entzücken um so größer, je +geschwinder ihre Hände über die Tasten sprangen. Dann trommelte +sie ordentlich auf dem Klavier herum und machte ein Höllenkonzert. +Das alte Instrument dröhnte und wackelte, und wenn das Fenster +offen stand, hörte man das Spiel im ganzen Dorfe. Der +Gemeindediener, der im bloßen Kopfe und in Pantoffeln, Akten +unterm Arme, über die Straße humpelte, blieb stehen und lauschte. + +Dabei war Emma eine vorzügliche Hausfrau. Sie schickte die +Liquidationen an die Patienten aus und zwar in höflichster +Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie +Sonntags irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wußte +sie es immer einzurichten, daß etwas Besonderes auf den Tisch kam. +Sie schichtete auf Weinblättern Pyramiden von Reineclauden auf und +verstand, die eingezuckerten Früchte so aus ihren Büchsen zu +stürzen, daß sie noch in der Form serviert wurden. Demnächst +sollten auch kleine Waschschalen für den Nachtisch angeschafft +werden. Mit alledem vermehrte sie das öffentliche Ansehen ihres +Mannes. Schließlich fing er selbst an, mehr und mehr Respekt vor +sich zu bekommen, weil er solch eine Frau besaß. Mit Stolz zeigte +er zwei kleine Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich +breite Rahmen hatte fassen lassen und in der Großen Stube an +langen grünen Schnuren an den Wänden aufgehängt hatte. Wenn die +Kirche zu Ende war, sah man Herrn Bovary in schöngestickten +Hausschuhen vor der Haustüre stehen. + +Er kam spät heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann aß er +noch zu Abend, und da das Dienstmädchen bereits Schlafen gegangen +war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock auszuziehen +und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend zählte er +gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsüber begegnet war, +nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und wiederholte die +Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit sich selbst, +verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, schabte sich +den Käse sauber, schmauste einen Apfel und trank die Weinkaraffe +leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und zu +schnarchen begann. Wenn er frühmorgens aufmachte, hing ihm das +Haar wirr über die Stirn. + +Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knöchelgegend zwei +Falten hatten; in den Schäften waren sie steif und geradlinig, als +ob ein Holzbein drinnen stäke. Er pflegte zu sagen: »Die sind hier +auf dem Lande gut genug!« + +Seine Mutter bestärkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam +sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mißlichkeiten +gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre +Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr »für ihre +Verhältnisse ein bißchen zu großartig.« Mit Holz, Licht und +dergleichen werde »wie in einem herrschaftlichen Hause gewüstet.« +Und mit den Kohlen, die in der Küche verbraucht würden, könne man +zwei Dutzend Gänge kochen! Sie ordnete ihr den Wäscheschrank und +hielt Vorträge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen +habe, wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren +hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem. +Die von beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden »Liebe +Tochter« und »Liebe Mutter!« standen in Widerspruch zu den Mienen +der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor +Groll zitternder Stimme. + +Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in +den Hintergrund gedrängt gefühlt, jetzt aber kam ihr Karls Liebe +zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie ein +Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glück ihres +Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener +auf den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte +ihn durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst für ihn gesorgt +und abgemüht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit +leiste Emma viel weniger für ihn, und darum wäre seine +ausschließliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt. + +Karl wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine +Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art über alle Maßen. +Was die eine sagte, galt ihm für unfehlbar; gleichwohl fand er an +der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary wieder abgereist +war, machte er schüchterne Versuche, die oder jene ihrer +Bemerkungen wörtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm dann mit +wenigen Worten, daß er im Irrtum sei, und meinte, er solle sich +lieber seinen Patienten widmen. + +Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen, +Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei +Mondenschein zusammen im Garten saßen, sagte sie verliebte Verse +her, soviel sie nur auswendig wußte, oder sie sang eine +schwermütige gefühlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich selber +nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar weder +verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst. + +Das waren vergebliche Versuche, eine große Leidenschaft zu +entfachen. Im übrigen war Emma unfähig, etwas zu verstehen, was +sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was +nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein, +Karls Liebe sei nicht mehr übermäßig stark. In der Tat gewannen +seine Zärtlichkeiten eine gewisse Regelmäßigkeit. Er schloß seine +Frau zu ganz bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine +Gewohnheit wie alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen +muß, weil er auf der Menükarte steht. + +Ein Waldwärter, den der Herr Doktor von einer Lungenentzündung +geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junges italienisches +Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre Spaziergänge. Mitunter ging +sie nämlich aus, um einmal eine Weile für sich allein zu sein und +nicht in einem fort bloß den Garten und die staubige Landstraße +vor Augen zu haben. + +Sie wanderte meist bis zum Buchenwäldchen von Banneville, bis zu +dem leeren Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo +die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen +gewöhnlichen Gräsern hohes Schilf mit langen scharfen Blättern. +Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob sich seit +ihrem letzten Hiersein etwas verändert habe. Es war immer alles +so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf seinem +Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln, +die in Büscheln die großen Kieselsteine umwucherten, und die +Moosflächen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer +geschlossenen morschen Holzläden und rostigen Eisenbeschlägen. Nun +schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, wie die Sprünge ihres +Windspiels, das sich in großen Kreislinien tummelte, gelbe +Schmetterlinge ankläffte, Feldmäusen nachstellte und die +Mohnblumen am Raine des Kornfeldes anknabberte. Allmählich +gerieten ihre Grübeleien in eine bestimmte Richtung. Wenn die +junge Frau so im Grase saß und es mit der Stockspitze ihres +Sonnenschirmes ein wenig aufwühlte, sagte sie sich immer wieder: +»Mein Gott, warum habe ich eigentlich geheiratet?« + +Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht möglich gewesen wäre +durch irgendwelche andre Fügung des Schicksals, daß sie einen +andern Mann hätte finden können. Sie versuchte sich vorzustellen, +was für ungeschehene Ereignisse dazu gehört hätten, wie dieses +andre Leben geworden wäre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen +hätte. In keinem Falle so wie Karl! Er hätte elegant, klug, +vornehm, verführerisch aussehen müssen; so wie zweifellos die +Männer, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet +hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im +Getümmel des Straßenlebens, im Stimmengewirr der Theater, im +Lichtmeere der Bälle, da lebten sie sich aus und ließen die Herzen +und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie verkümmerte wie in +einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie eine schweigsame +Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen Herzens. + +Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah +sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen +ausgehändigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weißen Kleid und ihren +Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie zu +ihrem Platze zurückging, hatten ihr die anwesenden Herren galant +zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und durch +den Wagenschlag hatte man ihr »Auf Wiedersehn!« zugerufen. Und der +Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte im Vorübergehen +den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurück war das alles! Ach, +wie so weit! + +Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß und streichelte seinen +schmalen feinlinigen Kopf. + +»Komm!« flüsterte sie. »Gib Frauchen einen Kuß! Du, du hast keinen +Kummer!« + +Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmütig aussehende Gesicht des +schlanken Tieres. Es gähnte behaglich. Aber sie bildete sich ein, +das Tier habe auch einen Kummer. Die Rührung überkam sie, und sie +begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu jemandem, +den man in seiner Betrübnis trösten will. + +Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mächtig +über das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande +hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu +Boden, fliehende Schauer raschelten durch das Blätterwerk der +Buchen, während sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort +laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und +erhob sich. + +In der Allee, über dem teppichartigen Moos, das unter Emmas +Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grünen +Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der +rote Himmel flammte hinter den braunen Stämmen, die in Reih und +Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Säulenganges +an einer goldnen Wand entlang erzeugten. + +Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, +auf die Landstraße und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen +Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort. + +Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in +ihrem Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu +dem Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der +Restauration Staatssekretär gewesen war, wollte von neuem eine +politische Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in +das Abgeordnetenhaus vor. Im Winter ließ er große Mengen Holz +verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit dem +höchsten Eifer für neue Straßenbauten im Bezirk ein. Während des +letzten Hochsommers hatte er ein Geschwür im Munde bekommen, von +dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich +befreit hatte. Der Privatsekretär des Marquis war bald darauf nach +Tostes gekommen, um das Honorar für die Operation zu bezahlen, und +hatte abends nach seiner Rückkehr erzählt, daß er in dem kleinen +Garten des Arztes herrliche Kirschen gesehen habe. Nun gediehen +gerade die Kirschbäume in Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat +sich von Bovary einige Ableger und hielt es daraufhin für seine +Pflicht, sich persönlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah +er Emma, fand ihre Figur entzückend und die Art, wie sie ihn +empfing, durchaus nicht bäuerisch. Und so kam man im Schlosse zu +der Ansicht, es sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, +wenn man das junge Ehepaar einmal einlüde. + +An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren +Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrücks war ein großer +Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine +Hutschachtel. Außerdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen +den Beinen. + +Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schloßpark die Laternen +am Einfahrtswege anzündete, kamen sie an. + + + + +Achtes Kapitel + + +Vor dem Schloß, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei +vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine +ungeheure Rasenfläche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen denen +etliche Kühe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen hindurch, +beschattet von allerlei Gebüsch in verschiedenem Grün, +Rhododendren, Flieder- und Schneeballsträuchern. Unter einer +Brücke floß ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel, +erkannte man ein paar Häuser mit Strohdächern. Die große Wiese +ward durch längliche kleine Hügel begrenzt, die bewaldet waren. +Versteckt hinter diesem Gehölz lagen in zwei gleichlaufenden +Reihen die Wirtschaftsgebäude und Wagenschuppen, die noch vom +ehemaligen Schloßbau herrührten. + +Karls Wäglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft +erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und +geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle. +Geräusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer +Kirche. Dem Eingange gegenüber stieg geradeaus eine breite Treppe +auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem Garten +hinaus, die zum Billardzimmer führte; schon von weitem vernahm man +das Karambolieren der elfenbeinernen Bälle. Durch das +Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah +Emma Herren in würdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn vergraben +in den Krawatten, alle mit Ordensbändchen. Schweigsam lächelnd +handhabten sie die Queues. + +Auf dem düsteren Holzgetäfel der Wände hingen große Bilder in +schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine +lautete: + ++------------------------------------------------------+ +| Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville, | +| Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye, | +| gefallen in der Schlacht von Coutras | +| am 20. Oktober 1587. | ++------------------------------------------------------+ + +Eine andre: + ++------------------------------------------------------+ +| Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers | +| und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, | +| Ritter des Sankt-Michel-Ordens, | +| verwundet bei Saint Vaast de la Hougue | +| am 29. Mai 1692, | +| gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 | ++------------------------------------------------------+ + +Die übrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht +der Lampen auf das grüne Tuch des Billards konzentrierte und das +Zimmer im Dunkeln ließ. Nur ein schwacher Schein hellte die +Gemäldeflächen auf, deren sprüngiger Firnis mit diesem feinen +Schimmer spielte. Und so traten aus allen den großen schwarzen +goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher und +heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort +eine gepuderte Allongeperücke über der Schulter eines roten Rockes +und anderswo die Schnalle eines Kniebandes über einer strammen +Wade. + +Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen -- es war +die Schloßherrin selbst -- erhob sich, ging Emma entgegen und bot +ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und begann +freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine alte +Bekannte vor sich hätte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; sie +hatte hübsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas schleppende +Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie über ihrem +kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig +in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle, +saß eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den +Röcken, waren im Gespräche mit den Damen. Alle saßen sie um den +Kamin herum. + +Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl +da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die +Damen, der Marquis und die Marquise an der andern im Eßzimmer. Als +Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Düften und Gerüchen +entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und Delikatessen. Die +Flammen der Kandelaberkerzen liebäugelten mit dem Silberzeug, und +in den geschliffenen Gläsern und Schalen tanzte der bunte +Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe von +Blumensträußen. Aus den Falten der Servietten, die in der Form von +Bischofsmützen über den breitrandigen Tellern lagen, lugten ovale +Brötchen. Hummern, die auf den großen Platten nicht Platz genug +hatten, leuchteten in ihrem Rot. In durchbrochenen Körbchen waren +riesige Früchte aufgetürmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden +dampfend aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strümpfen, +Kniehosen und weißer Krawatte, reichte mit Grandezza und großem +Geschick die Schüsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben sah +regungslos die bis zum Kinn verhüllte Göttin herab, die auf dem +mächtigen, bronzegeschmückten Porzellanofen thronte. + +Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, saß, über +seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die +Serviette nach Kinderart um den Hals geknüpft hatte. Die Sauce +tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er +trug noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war. +Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von +Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste in +Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des +Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der Königin +Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von Coigny und +der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wüstes Leben +hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten und +Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem der +Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem +Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für Gerichte zu +essen gab. + +Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten +Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz +Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des +Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin geschlafen! + +Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen +Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. Zum erstenmal +in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß sie Ananas. Selbst der +gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam ihr weißer und feiner vor +denn anderswo. + +Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich +zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste +Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr Haar +ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann schlüpfte sie +in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet bereitlag. + +Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt. + +»Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen stören!« meinte er. + +»Du willst tanzen?« entgegnete ihm Emma. + +»Na ja!« + +»Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß auslachen. +Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das viel besser +für einen Arzt«, fügte sie hinzu. + +Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her +und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über ihren Rücken +weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre schwarzen +Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar war nach +den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem +bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche Rose, +mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr mattgelbes Kleid +ward durch drei Sträußchen von Moosrosen mit Grün darum belebt. + +Karl küßte sie von hinten auf die Schulter. + +»Laß mich!« wehrte sie ab. »Du zerknüllst mir alles!« + +Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die Treppe +hinunter, am liebsten wäre sie gerannt. + +Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt voller +Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich unweit der +Tür auf einen Diwan. + +Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur +Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große +Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die +bemalten Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur +Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der +Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen Handschuhen, +an denen die Konturen der Fingernägel ihrer Trägerinnen +hervortraten, während das eingepreßte Fleisch nur in den +Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die +Armbänder mit Anhängseln wogten an den Miedern, glitzerten an den +Brüsten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen im +Haar, das durchweg glatt und im Nacken geknotet war, +Vergißmeinnicht, Jasmin, Granatblüten, Ähren und Kornblumen in +Kränzen, Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten die +Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen. + +Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den +Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. Beim +ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre +Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit +einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei +besonders zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes +Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente schwiegen, +hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der Goldstücke auf den +Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit einem Male wieder voll +einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen Takte weiter; die Röcke +der Tänzerinnen bauschten sich und streiften einander, Hände +suchten und mieden sich, und dieselben Blicke, die eben schüchtern +gesenkt waren, fanden ihr Ziel. + +Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren +stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- und +sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von den +andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus +feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet +die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene +weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, +schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch +sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre +Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten +Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den älteren unter diesen +Herren haftete Jugendlichkeit an, während den Gesichtern der +jüngeren eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichgültigen +Blicken spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten +Sinne, und hinter ihren glatten Manieren schlummerte das brutale +eitle Herrentum, das sich im Umgange mit Rassepferden und leichten +Damen entwickelt und kräftigt. + +Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in +blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame +über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt Peter, von +Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den +Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem +andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend +Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der +vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus »geschlagen« +und durch einen »famosen Grabensprung« vierzigtausend Franken +gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, seine »Rennschinder« +seien »nicht im Training«, und ein dritter jammerte über einen +Druckfehler in der »Sportwelt«, der den Namen eines seiner +»Vollblüter« verballhornt habe. + +Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten +fahler. Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf +einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus +Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben +veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von +draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das +elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem +Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den Apfelbäumen und +sich selber ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den +Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz +der gegenwärtigen Stunde starb die eben noch so klare Erinnerung +an ihr früheres Leben schnell wieder; es je gelebt zu haben, kam +ihr fast unmöglich vor. Hier, hier lebte sie, und was über diesen +Ballsaal hinaus existieren mochte, das lag für sie im tiefsten +Dunkel ... + +Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten +Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb schloß +und den goldnen Löffel lange zwischen den Zähnen behielt. Neben +ihr ließ eine Dame ihren Fächer zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging +vorüber. + +»Sie wären sehr gütig, mein Herr,« sagte die Dame, »wenn Sie mir +meinen Fächer aufheben wollten. Er ist unter dieses Sofa +gefallen.« + +Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem Fächer +langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas weißes, dreieckig +Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er überreichte ihr den +aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie dankte mit einem leichten +Neigen des Kopfes und barg schnell ihr Gesicht in den Blumen ihres +Straußes. + +Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und +Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la Trafalgar +und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert, +begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer +einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob, +konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es +saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer war noch +Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger ab. Karl +stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe. + +Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht. +Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die Marquise +tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht bleibenden +Gäste da, etwa ein Dutzend Personen. + +Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg »Vicomte« +nannte -- die weitausgeschnittene Weste saß ihm wie angegossen -- +Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte +bat abermals, indem er versicherte, er würde sie sicher führen und +es würde vortrefflich gehen. + +Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. Schließlich +wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: die Lichter, +die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob sie in der Mitte +eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar dicht an einer der +Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas Schleppe um das Bein ihres +Tänzers. Sie fühlten sich beide und blickten sich einander in die +Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber +es ging weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin, +bis an das Ende der Galerie, wo Emma, völlig außer Atem, beinahe +umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. +Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an +ihren Platz zurück. Es schwindelte ihr; sie mußte den Rücken +anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken. + +Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte des +Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während drei der +Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der +Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein. + +Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch +einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das Kinn +ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung, +kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus +gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher +ermüdeten die Zuschauer. + +Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte +man sich »Gute Nacht« oder vielmehr »Guten Morgen«, und alles ging +schlafen. + +Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich »die +Beine in den Bauch gestanden.« Ohne sich zu setzen, hatte er sich +fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen aufgehalten und +den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem Spiel zu +verstehen. Und so stieß er einen mächtigen Seufzer der +Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel entledigt +hatte. + +Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster und +lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen fiel. +Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider kühlte. +Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma hielt sich +gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, ehe er ganz +wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ... + +Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den Fensterreihen +des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo die +einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend beobachtet +hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu wissen, +eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen. + +Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich und +schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten. + +Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte zehn +Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte. + +Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die +angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den Schwänen +auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der Fütterung begab man sich +in das Gewächshaus, mit seinen seltsamen Kakteen und +Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser führte ein +Ausgang in den Wirtschaftshof. + +Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der +Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren +Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben +die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen +stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. +Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst +wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des +Raumes auf drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen, +Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu Reihen +an den Wänden hingen. + +Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. Sodann +fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das Ehepaar Bovary +bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und der Marquise. +Und heim ging es nach Tostes. + +Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf dem +äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit abstehenden +Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner +Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel tanzten auf +der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der hinten +angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in einem fort +im Takte an den Wagenkasten. + +Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein paar +Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma +glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie +vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich +vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder +bewegten. + +Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die zerrissene +Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das ganze +Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den Beinen +seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine Zigarrentasche +auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf der Mitte der +Oberseite mit einem Wappen geschmückt. + +»Es sind sogar zwei Zigarren drin!« sagte er. »Die kommen heute +abend nach dem Essen dran!« + +»Du rauchst demnach?« fragte Emma. + +»Manchmal! Gelegentlich!« + +Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der +Peitsche. + +Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig. +Frau Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste +Antwort. + +»Scheren Sie sich fort« rief Emma. »Sie machen sich über mich +lustig. Sie sind entlassen!« + +Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl +saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und meinte +vergnügt: + +»Zu Hause ists doch am schönsten!« + +Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das arme Ding +gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit, +hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war +seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in der +ganzen Gegend. + +»Hast du ihr im Ernst gekündigt?« fragte er nach einer Weile. + +»Gewiß! Warum soll ich auch nicht?« gab Emma zur Antwort. + +Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, während die Große +Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich eine der +Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und spuckte dabei +aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich zurück, damit ihm +der Rauch nicht in die Nase stieg. + +»Das Rauchen wird dir nicht bekommen!« bemerkte Emma verächtlich. + +Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank +gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die +Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes. + +Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste! + +Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf +und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem +Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich alle +diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit +hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich +zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft drängte? +Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen tiefen Riß +gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm zuweilen in +einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. Trotzdem kam eine +gewisse Resignation über sie. Wie eine Reliquie verwahrte sie ihr +schönes Ballkleid in ihrem Schranke, sogar die Atlasschuhe, deren +Sohlen vom Parkettwachs eine bräunliche Politur bekommen hatten. +Emmas Herz ging es wie ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum +war etwas daran haften geblieben für immerdar. + +An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre +Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken auf: +»Ach, heute vor acht Tagen war es!« -- »Heute vor vierzehn Tagen +war es!« -- »Heute vor drei Wochen war es!« Allmählich aber +verschwammen in ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die +sie im Schlosse gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen +ihr. Sie vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen +hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre +Sehnsucht blieb zurück. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene +Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche +verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar den +Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem +mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein +Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf einem +kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, in +vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der träumerischen +Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch von Liebe wehte +aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine Hoffnung oder +eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese kleinen +Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen +Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die +Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als +sie noch auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen +und Stutzuhren aus den Zeiten der Pompadour lag? + +Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von +Tostes! Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name! +Paris! Sie flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte +ihr Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer +großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch +stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen. + +Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße vorbeifuhren +mit ihren Karren und die »Majorlaine« sangen, ward sie wach. Sie +lauschte dem Rasseln der Räder, bis die Wagen aus dem Dorfe hinaus +waren und es wieder still wurde. + +»Morgen sind sie in Paris!« seufzte die Einsame. Und in ihren +Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, durch Dörfer +und Städte, immer die große Straße hin in der lichten +Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein verschwommenes Ziel, wo +ihre Träume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von Paris und +machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch die Weltstadt. +Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder Straßenecke +stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan eingezeichnet war. Wenn +ihr die Augen schließlich müde wurden, schloß sie die Lider, und +dann sah sie im Dunkeln, wie die Flammen der Laternen im Winde +flackerten und wie die Kutschen vor dem Portal der Großen Oper +donnernd vorfuhren. + +Sie abonnierte auf den »Bazar« und die »Modenwelt« und studierte +auf das gewissenhafteste alle Berichte über die Premieren, Rennen +und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, wenn berühmte +Sängerinnen Gastspiele gaben oder neue Warenhäuser eröffnet +wurden; sie kannte die neuesten Moden, die Adressen der guten +Schneider; sie wußte, an welchen Tagen die vornehme Gesellschaft +im Bois und in der Oper zu finden war. Aus den Moderomanen lernte +sie, wie die Pariser Wohnungen eingerichtet waren. Sie las Balzac +und die George Sand, um wenigstens in der Phantasie ihre +Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte diese Bücher sogar mit +zu den Mahlzeiten und las darin, während Karl aß und ihr erzählte. +Und was sie auch las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an +den Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie +allerhand Beziehungen. Aber allmählich erweiterte sich der +Ideenkreis, dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den +er getragen hatte, erblich schließlich, um auf andren +Idealgeschöpfen wieder aufzuflammen. + +Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, so +stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, das +sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf ganz +bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in deutlichen +Bildern sah. Neben diesen -- man könnte sagen -- Symbolen des +mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel und Dämmerung zurück. + +Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte +sich auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale Tische, +auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu +Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter +heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels bildete sie +sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche Gesichter; man steht +früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt unglückliche Engel, +tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; die Männer, verkannte +Genies, kokettierend mit der Maske der Oberflächlichkeit, reiten +aus Übermut ihre Vollblüter zuschanden, die Sommersaison +verbringen sie in Baden-Baden, und wenn sie vierzig Jahre alt +geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt reiche Erbinnen. Die +dritte Welt, von der Emma träumte, war das bunte Leben und Treiben +der Künstler, Schriftsteller und Schauspielerinnen, das sich in +den separierten Zimmern der Restaurants abspielt, wo man nach +Mitternacht bei Kerzenschein soupiert und sich austollt. Diese +Menschen sind die Verschwender des Lebens, Könige in ihrer Art, +voller Ideale und Phantastereien. Ihr Dasein verläuft hoch über +dem Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang. + +Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut +wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens standen, um +so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was sie +unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen +armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam ihr wie +ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte zufällig, und +sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor seinen Toren, da begann +das weite, weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der +Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust und Luxus mit den +Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung mit Gefühlsfeinheiten +ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich wie die Pflanzen der Tropen, +nicht ihres eigenen Bodens und ihrer besondren Sonne? Seufzer bei +Mondenschein, innige Küsse, Tränen, vergossen auf hingebungsvolle +Hände, Fleischeslust und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war +ihr unzertrennlich von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von +Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von +blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden Brillanten +und goldstrotzender Dienerschaft. + +Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen +Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, um die Stute +zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch die Hausflur. +Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie zufrieden sein. +Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag über nicht wieder +blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, wenn er es geritten +hatte, selbst einzustellen. Während er Sattel und Zäumung aufhing, +warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor. + +Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus verlassen +hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in Dienst, +eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. Sie zog +sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte sie, ein +Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in ein +Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und Bügeln der +Wäsche und ließ sich von ihr beim Ankleiden helfen. Mit einem +Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe aus. Felicie -- so hieß +das neue Mädchen -- gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im +Hause. Die Hausfrau pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen. +Felicie nahm sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte +sie, wenn sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet +gesprochen hatte. Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich +oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die +Nachbarschaft klatschen. + +Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge und +einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie hätte +schreiben können. Häufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter nahm +sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in Träumereien +und ließ das Buch in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie eine +große Reise gemacht oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der +Wunsch zu sterben und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in +der gleichen Minute. + +Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. Er +frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte Krankenbetten, ließ +sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut spritzen, hörte dem +Röcheln Sterbender zu, prüfte den Inhalt von Nachttöpfen und zog +so und so oft schmutzige Hemden hoch. Abends aber fand er immer +ein gemütliches Feuer im Kamin, einen nett gedeckten Tisch, den +zurechtgesetzten Großvaterstuhl und eine allerliebst angezogene +Frau. Ein Duft von Frische ging von ihr aus; wer weiß, was das +war, ein Odeur, ihre Wäsche oder ihre Haut? + +Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. Sie +erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie besetzte +ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz +gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm +herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt +hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. Einmal sah +sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten allerlei Anhängsel +trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein andermal war es ihr +Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei große Vasen aus blauem +Porzellan stehen zu haben, oder sie wollte ein Nähkästchen aus +Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese +eleganten Neigungen begriff, so sehr übten sie doch auch auf ihn +eine verführerische Wirkung aus. Sie erhöhten die Freuden seiner +Sinnlichkeit und verliehen seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es +war, als ob Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel. + +Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand +längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht stolz +war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus und +flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen ein. Er war +Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In Wirklichkeit rührten +seine Erfolge daher, daß er Angst hatte, die Leute zu Tode zu +kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur beruhigende Arzneien +verschrieb und ihnen hin und wieder ein Abführmittel, ein Fußbad +oder einen Blutegel verordnete. In der Chirurgie war er allerdings +ein Stümper. Er schnitt drauflos wie ein Fleischermeister, und +Zähne zog er wie der Satan. + +Um sich in seinem Handwerk »auf dem laufenden zu halten«, war er +auf die »Medizinische Wochenschrift« abonniert, von der ihm einmal +ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der Hauptmahlzeit nahm er +sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme Zimmerluft und die +Verdauungsmüdigkeit brachten ihn regelmäßig nach fünf Minuten zum +Einschlafen. Das Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar +fiel wie eine Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe zu. +Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur +wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen +wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit sechzig Jahren, +wenn sich das Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in das +Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen Rockes gehängt +bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, hätte +Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in +ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt +aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam konsultiert worden war, +hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im Beisein der Verwandten +blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte erzählte, war Emma +maßlos empört über den Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn. +Die Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor Scham +ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am liebsten +verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den Gang hinaus, +öffnete das Fenster und sog die kühle Nachtluft ein. + +»Ach, was habe ich für einen erbärmlichen Mann!« klagte sie leise +vor sich hin und biß sich auf die Lippen. + +Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm er +allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch +zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen +leckte er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe +löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer +beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen drohten +allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu verschwinden. + +Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes +wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder +beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch +länger angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er +wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus nervöser +Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. Mitunter erzählte +sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus einem Roman oder +aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus dem Leben der oberen +Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte. +Schließlich war Karl wenigstens ein aufmerksamer und geneigter +Zuhörer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, das +Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren +Vertrauten machen! + +Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des +großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit +verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und +spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. Dabei +hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige +Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach +welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde, +welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches +Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er +fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten beladen bis +hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte, +rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich ereignen. Bei +jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann +betroffen, daß es immer noch nicht kam, das große Erlebnis. Wenn +die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von +neuem auf den nächsten Tag. + +Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer wurden +und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an Beklemmungen. +Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte sie sich an den +Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober seien. +Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder einen Ball. +Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein Brief oder ein +Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser Enttäuschung war ihr Herz +wieder leer, und das ewige Einerlei ihres Lebens hub von neuem an. + +Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die +Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, +sollten kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach +auch das Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die +Möglichkeit eines außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer +zieht häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und +verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb alles +beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie ein +langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war fest +verriegelt. + +Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer hörte ihr +denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in einem +Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem Konzertflügel vor +einer großen Zuhörerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger über +die Elfenbeintasten hinstürmen zu lassen und das Murmeln der +Verzückung um sich zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu +also das mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr +Zeichengerät und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles? +Wem zuliebe? Auch das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das +Lesen ließ sie. »Es ist immer wieder dasselbe!« sagte sie sich. + +Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins +oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel. + +Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur +Vesper läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen +Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die Dächer, gemächlich +und langsam, und wo ein bißchen Sonne war, machte sie einen +Buckel. Auf der Landstraße blies der Wind Staubwirbel auf. In der +Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem fort, in +gleichen Zeiträumen, der monotone Glockenklang, der über den +Feldern verhallte. + +Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in +Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her +laufenden Kinder in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf +bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des +Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde. + +Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben +mit Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch +mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag +über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die Lampen brennen. + +An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost +hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen +glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel +sang. Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh +umwickelt, und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste +Schlangen. Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte +den rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, +und graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht. + +Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß +die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der Wärme des +Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete schwerer auf +ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem Dienstmädchen zu +plaudern, aber dazu war sie zu stolz. + +Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der +Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die +Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm +mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die +Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem Dorfteiche +vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die Türklingel +irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, hörte man die +Messingbecken, die als Aushängeschilder vor dem Barbiergeschäfte +hingen, an ihre Stange klirren. Das Schaufenster schmückten ein +altes auf Pappe ausgeklebtes Modenkupfer und eine weibliche +Wachsbüste mit einer gelben Perücke. Der Friseur pflegte über +seinen brotlosen Beruf und seine jammervolle Zukunft zu +lamentieren; sein höchster Traum war ein Laden in einer großen +Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch +wanderte er den ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der +Kirche hin und her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary +durch ihr Fenster blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen +Rock, die Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin +und her patrouillieren. + +Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers ein +sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen Schnurrbarte und +einem trägen Lächeln um den Mund, in dem die Zähne leuchteten. +Alsbald begann eine Walzermelodie aus einem Leierkasten, auf +dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut war mit daumenhohen +Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, Tiroler in +Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in Kniehosen; alle +tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen und Tischen, wobei +sie sich in Spiegelstücken vervielfältigten, die mit Goldpapier +aneinandergereiht waren. Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und +spähte dabei nach rechts und links nach allen Fenstern. Hin und +wieder spie er einen langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen +die Prellsteine oder stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe, +dessen Gurt ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald +schwermütig und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die +Musik hinter dem roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft +ausgestanzten Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es +waren Melodien, die gerade Mode waren und die man überall hörte, +in den Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt, +die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im +Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen. +Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre +Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu +Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden Gaben +in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen Kasten mit +einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den Rücken und verließ das +Dorf schweren Schrittes. Emma schaute ihm lange nach. + +Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer unten im +Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, die Wände waren +feucht und der Fußboden kalt. Die ganze Bitternis ihres Daseins +schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und aus dem Dampf des +ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der Brodem ihres +ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl aß und aß, +während sie ein paar Nüsse knackte oder, auf die Ellenbogen +gestützt, sich damit vergnügte, mit der Messerspitze allerlei +Linien in das Wachstuch zu kritzeln. + +In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre +Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach +Tostes kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in +ihrem Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr +tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne +Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man +müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, fügte aber +hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus glücklich, und in +Tostes gefalle es ihr über alle Maßen. Mit solch wunderlichen +Reden beschwichtigte sie die alte Frau Bovary. Im übrigen zeigte +sie sich für die guten Lehren der Schwiegermutter nicht +empfänglicher denn früher. Als diese gelegentlich die Bemerkung +machte, die Herrschaft sei für die Gottesfurcht der Dienstboten +verantwortlich, ward Emmas Antwort von einem so zornigen Blick und +einem so eiskalten Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht +wieder zu nahe kam. + +Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich besondre +Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; an dem +einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein Dutzend +Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und bald +war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle +Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie +das Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten +Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft ausgehen. +Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen Leuten alles +Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie eigentlich gar +nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle Menschen, die +auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang etwas von der +Härte der väterlichen Hände in ihrem Herzen behalten. + +Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an +seine Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei +Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis war, +leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem +Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten, +Kälbern, Kühen, Hühnern und von den Gemeinderatssitzungen. Wenn er +wieder hinausgegangen war, schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl +der Befriedigung ab, das ihr selber sonderbar vorkam. + +Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan +immer weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten +Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut hielten, und +billigte Dinge, die für unnatürlich oder unmoralisch erklärt +wurden. Karl machte mitunter verwunderte Augen dazu. + +Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer +wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch +ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In +Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs +waren als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie +verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und drückte ihr +Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht nach dem Tumult +der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und frechen Freuden und +allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und die es doch gab. + +Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete +ihr Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch +reizsamer. + +An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine Fieberkranke. +Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher Umschlag in einen +Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne sich +zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein Belebungsmittel: das +Übergießen mit Kölnischem Wasser. + +Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete sich +Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen örtlichen +Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich daran zu denken, +sich in einer andren Gegend niederzulassen. + +Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager +werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor +jegliche Eßlust. + +Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt, +nach vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es +mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen +Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden; +Luftveränderung wäre vonnöten. + +Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in +Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem größeren +Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige Arzt, ein +polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht das Weite gesucht +hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte sich, +wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die nächsten Kollegen +entfernt säßen und wie hoch die Jahreseinnahme des Verschwundenen +gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend aus, und infolgedessen +entschloß sich Bovary, zu Beginn des kommenden Frühjahres nach +Abtei Yonville überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht +gebessert habe. + +Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem +Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der +Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren grau vor +Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war ausgefranst. +Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf wie trocknes +Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger Busch über der +Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah +Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, die Drähte +krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die verkohlte +Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im Kamine hin +und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den Rauchfang +hinaufflogen ... + +Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer guten +Hoffnung entgegen. + + + + +Zweites Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei, +von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein +Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der +Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im Tale +der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe seiner +Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, nach +denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer +Belustigung angeln. + +Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf der +Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland offen vor +sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei deutlich +unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts ist alles +bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften der Landschaft +Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen Hügelkette begrenzt, +während die Ebene gegen Osten allmählich ansteigt und sich im +Unermeßlichen verliert. So weit das Auge reicht, schweift es über +meilenweite Kornfelder. Das Gewässer sondert wie mit einem langen +weißen Strich das Grün der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so +liegt das ganze Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber +Mantel mit einem grünen silberngesäumten Samtkragen. + +Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil +und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen, +senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die Wege, +die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen auf dem +Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen Quellen drinnen +im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten hinab ins Land +schicken. + +Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der +Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich +behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner noch in +seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. Von hier +kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen Bezirks von +Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung dieser Gegend +kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel Dünger +verlangt. + +Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach Yonville. +Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter »Hauptvizinalweg« +angelegt, der die beiden großen Heeresstraßen von Abbeville und +von Amiens untereinander verbindet und bisweilen von den +Fuhrleuten benutzt wird, die von Rouen nach Flandern fahren. Aber +trotz dieser »neuen Verbindungen« gelangte Yonville zu keiner +rechten Entwicklung. Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu +legen, blieb man hartnäckig immer noch bei der +Weidebewirtschaftung, so kargen Gewinn sie auch brachte; und die +träge Bewohnerschaft baut sich auch noch heute lieber nach dem +Berge statt nach der Ebene zu an. Schon von weitem sieht man den +Ort am Ufer lang hingestreckt liegen, wie einen Kuhhirten, der +sich faulenzend am Bache hingeworfen hat. + +Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln +besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften +des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den +Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte +Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, dazwischen +buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und andres Gerät +hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie bis an die Augen ins +Gesicht hereingezogene Pelzmützen aus; sie verdecken ein Drittel +der niedrigen Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres +Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten +Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben +drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf den +Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken. + +Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher +aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser +hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein +Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder +drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. Weiterhin +leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein weißes +Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem Amor in der +Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die Freitreppe +flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild mit Wappen glänzt +am Tore. Es ist das Haus des Notars, das schönste der ganzen +Gegend. + +Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt +der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie +herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, liegt +Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu ein +Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes Gras grüne +Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein Neubau aus der +letzten Zeit der Regierung Karls des Zehnten. Das hölzerne Dach +beginnt bereits morsch zu werden. Auf dem blauen Anstrich der +Decke über dem Schiff zeigen sich stellenweise schwarze Flecken. +Über dem Eingang befindet sich da, wo gewöhnlich sonst in der +Kirche die Orgel ist, eine Empore für die Männer, zu der eine +Wendeltreppe hinaufführt, die laut dröhnt, wenn man sie betritt. + +Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die farblosen +Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von Längswand zu +Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind Strohmatten +befestigt, und Namensschilder verkünden weithin sichtbar: »Platz +des Herrn Soundso.« Wo sich das Schiff verengert, steht der +Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild der Madonna, die ein +Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter silbernen Sternen +besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so knallrot angemalt wie die +eines Götzenbildes auf den Sandwichinseln. Im Chor über dem +Hochaltar schimmert hinter vier hohen Leuchtern die Kopie einer +Heiligen Familie von Pietro Perugino, eine Stiftung der Regierung. +Die Chorstühle aus Fichtenholz sind ohne Anstrich. + +Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen »die Hallen« +ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. Das Rathaus, +nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten in antikem Stil +erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des Platzes neben der +Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine dorische Säulenhalle, der erste +Stock eine offene Galerie, und darüber im Giebelfelde haust ein +gallischer Hahn, der mit der einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt +und in der andern die Wage der Gerechtigkeit hält. + +Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die Apotheke des +Herrn Homais, schräg gegenüber vom »Gasthof zum goldnen Löwen«. +Zumal am Abend, wenn die große Lampe im Laden brennt und ihr +helles, durch die bunten Flüssigkeiten in den dickbauchigen +Flaschen, die das Schaufenster schmücken sollen, rot und grün +gefärbtes Licht weit hinaus über das Straßenpflaster fällt, dann +sieht man den Schattenriß des über sein Pult gebeugten Apothekers +wie in bengalischer Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis +unten mit Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen +Schriftarten ausschreien: »Mineralwasser von Vichy«, +»Sauerbrunnen«, »Selterswasser«, »Kamillentee«, »Kräuterlikör«, +»Kraftmehl«, »Hustenpastillen«, »Zahnpulver«, »Mundwasser«, +»Bandagen«, »Badesalz«, »Gesundheitsschokolade« usw. usw. Auf der +Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in mächtigen +goldnen Buchstaben: »Homais, Apotheker«. Drinnen, hinter den +hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest man über +einer Glastüre das Wort »Laboratorium« und auf der Tür selbst noch +einmal in goldnen Lettern auf schwarzem Grunde den Namen »Homais«. + +Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die +Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und hat +zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung ist der +Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und dem Hange +folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof. + +Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer +niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land +vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch +unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach +dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch +Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen der +Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das unbenutzte +Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber von Jahr zu +Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es brauchte bloß +wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte er nicht, ob er +sich über die vielen Toten freuen oder über ihre neuen Gräber +ärgern solle. + +»Lestiboudois, Sie leben von den Toten!« sagte eines Tages der +Pfarrer zu ihm. + +Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine +Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis +auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er +versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber. + +Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in +Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf der +Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch immer +flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei Kattunwimpel im +Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der Apotheke häßliche +Präparate in Glasbüchsen voll trübgewordnem Alkohol, und ganz wie +einst zeigt der alte, von Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe +über dem Tore des Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne. + +An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen sollte, +war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig beschäftigt, daß +ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der Schweiß von der Stirne +perlte. Am folgenden Tag war nämlich Markttag im Städtchen. Da +mußte Fleisch zurechtgehackt, Geflügel ausgenommen, Bouillon +gekocht und Kaffee gebrannt werden. Daneben die regelmäßigen +Tischteilnehmer und heute obendrein der neue Doktor nebst Frau +Gemahlin und Dienstmädchen! Am Billard lachten Gäste, und in der +kleinen Gaststube riefen drei Müllerburschen nach Schnaps. Im +Herde prasselte und schmorte es, und auf dem langen Küchentische +paradierten neben einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die +nach dem Takte des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat +zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker der +Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die +Köpfe abschneiden wollte. + +Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an seinem +schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des Gastzimmers den +Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar Blatternarben. Sein ganzes +Wesen strahlte förmlich von Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte +er genau so gleichmütig dahin wie der Stieglitz, der oben an der +Decke in seinem Weidenbauer herumhüpfte. Dieser Herr war der +Apotheker. + +»Artemisia!« rief die Wirtin. »Leg noch ein bißchen Reisig ins +Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps hinein! Und +mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich den Herrschaften, +die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen soll? Heiliger +Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft hören mit ihrem +Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und der Möbelwagen +steht draußen immer noch mitten auf der Straße, gerade vor der +Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine Karambolage geben. +Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen beiseiteschieben ... Was +ich sagen wollte, Herr Apotheker, diese Leute spielen schon den +ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei der fünfzehnten Partie und +beim achten Schoppen Apfelwein! Man wird mir noch ein Loch ins +Tuch stoßen!« + +Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins +Gastzimmer gelaufen. + +»Das wär auch weiter kein Malheur!« meinte Homais. »Dann schaffen +Sie gleich ein neues Billard an!« + +»Ein neues Billard!« jammerte die Witwe. + +»Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr viel! +Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr eigner Schaden! +Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen passionierte Spieler +große Bälle und schwere Queues. Mit solchen Bällchen spielt man +nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! Man muß modern sein! Sehen Sie +sich mal bei Tellier im Café Français ...« + +Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort: + +»Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist handlicher als +Ihrs. Und wenn es heißt, eine patriotische Poule zu entrieren, +sagen wir: zum Besten der vertriebenen Polen oder für die +Überschwemmten von Lyon ...« + +»Ach was!« unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. »Vor dem +Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen Sies nur +gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe bestehen wird, +sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber Ihr geliebtes +Café Français, das wird eines schönen Tages die Bude zumachen! +Oder vielmehr der Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres +Billard anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und +wenn Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten! +Nee, nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der +Hivert!« + +»Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die Post +gekommen ist?« fragte Homais ungeduldig. + +»Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag sechs, +einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit gibts auf der +ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit urdenklichen Zeiten seinen +Stammplatz in der kleinen Stube. Er ließe sich eher totschlagen, +als daß er wo anders äße. Was Schlechtes darf man dem nicht +vorsetzen. Und auf den Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er +ist nicht wie Herr Leo, der heute um sieben und morgen um halb +acht erscheint und alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein +feiner junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm +gehört.« + +»Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine +Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und +jetzigen Steuereinnehmer!« + +Es schlug sechs. Binet trat ein. + +Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren +Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte +ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem +langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug eine Weste +aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen und tadellos +blankgewichste Schuhe, die vorn besonders ausgearbeitet waren, +weil er dauernd an geschwollenen Zehen litt. Sein blonder +Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte ihm das lange +bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der Adlernase wie eine +Hecke den Garten. Er war ein Meister in jeglichem Kartenspiel und +ein guter Jäger, hatte eine hübsche Handschrift und besaß zu Hause +eine Drehbank, auf der er zu seinem Vergnügen Serviettenringe +drechselte. Er hatte ihrer schon eine Unmenge, die er mit der +Eifersucht eines Künstlers und dem Geiz des Spießers hütete. + +Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber die +drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während man drin +für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm in der Nähe +des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte die Türe ein und +nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so seine Ordnung. + +»An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!« bemerkte +der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein war. + +»Er redet nie viel,« entgegnete diese. »Vergangene Woche waren +zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend +Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen. +Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene +verzogen.« + +»Ja, ja,« sagte der Apotheker, »der Mensch hat keine Phantasie, +keinen Witz, keinen geselligen Sinn!« + +»Er soll aber wohlhabend sein,« warf die Wirtin ein. + +»Wohlhabend?« echote Homais. »Der und wohlhabend!« Und gelassen +fügte er hinzu: »Gott ja, so für seine Verhältnisse. Das ist schon +möglich!« + +Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: »Hm! Wenn ein Kaufmann, der +ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein Arzt, ein +Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum Griesgram +oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor gibt es Beispiele +und Exempel. Solche Leute haben immerhin Gedanken im Kopfe. Wie +oft ists mir nicht selber passiert, daß ich meinen Federhalter auf +meinem Schreibtische gesucht habe, um ein Schildchen auszufüllen +oder so was, -- und weiß der Kuckuck, schließlich hatte ich ihn +hinterm rechten Ohre stecken!« + +Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob die +Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da trat +ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das Dämmerlicht +beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß seine herkulischen +Linien. + +»Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?« fragte die Wirtin und +nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren weißen +Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. »Haben Ehrwürden +einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen Schoppen Wein?« + +Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines +Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte stehen +lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn gelegentlich +holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er sich, um +nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria geläutet ward. + +Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, machte +der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben sehr +ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung abzuschlagen, +sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche Heuchelei. Die +Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am liebsten möchten sie +den Zehnten wieder einführen. + +Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater. + +»Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber +zugleich auf!« meinte sie. »Voriges Jahr hat er unsern Leuten beim +Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf einmal +getragen. So stark ist er!« + +»Natürlich!« rief Homais aus. »Schickt nur Eure Mädels solchen +Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate was zu sagen hätte, +dann kriegte jeder Pfaffe aller vier Wochen einen Blutegel +angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier Wochen einen +ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und Sittlichkeit im +Lande!« + +»Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!« + +Homais erwiderte: + +»Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert als +die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. Ich +verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine höhere +Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht in Frage. +Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre Pflichten als +Staatsbürger und Familienväter erfüllen. Aber ich habe kein +Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, silbernes Gerät zu küssen und +eine Bande von Possenreißern aus meiner Tasche zu mästen, die sich +besser hegen und pflegen als ich mich selber. Gott kann man viel +schöner verehren im Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach +antiker Anschauung angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott +ist der Gott der Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus +Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die unsterblichen +Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den sogenannten +lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der Hand gemütlich +durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in einem +Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am +dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an und +für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! Es +beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der schmachvollen +Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen möchten, mir +Wollust selber herumsielen.« + +Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich ins +Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem Gemeinderat. Die +Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. Sie lauschte draußen +und vernahm ein fernes rollendes Geräusch. Bald hörte sie deutlich +das Rasseln der Räder und das Klappern eines lockeren Eisens auf +dem Pflaster. Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre. + +Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die bis an +das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem Reisenden jegliche +Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. Die winzigen Scheiben in +den Wagenfenstern klirrten in ihrem Rahmen. Wenn man sie +heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und Straßenschmutz starrten. +Der stärkste Platzregen hätte sie nicht rein gewaschen. Das +Fahrzeug war mit drei Pferden bespannt: zwei Stangen- und einem +Vorderpferde. + +Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles +redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer +wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine +Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er +zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei Aufträge +für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er machte Einkäufe, +brachte dem Schuster Leder und dem Schmied altes Eisen mit; er +besorgte der Posthalterin eine Tonne Heringe, holte von der +Modistin Hauben und vom Friseur Lockenwickel. Auf dem Rückwege +verteilte er dann die Pakete längs seiner Fahrstraße. Wenn er am +Gehöft eines Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle +und warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er sich +von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke ohne +Zügel laufen ließ. + +Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys Windspiel +querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff man nach +ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller +Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich +aber mußte weitergefahren werden. + +Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück +schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post +fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten +von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen +Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter +anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von +Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben sollte. +Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen gelaufen und +hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein eigner Vater +hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf Jahre weg. Eines +Abends, als der alte Lheureux durch die Stadt nach dem Gasthaus +ging, sprang der Hund an ihm hoch. + + + + +Zweites Kapitel + + +Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und +eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke +beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen. + +Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der »gnädigen Frau« +und dem »Herrn Doktor« gegenüber in Galanterien und Höflichkeiten. +Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben, +ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in herzlichem Tone fügte er +hinzu, er lüde sich für heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei +Strohwitwer. + +Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den +Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu +den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit schwarzledernen +Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in der die Hammelkeule +am Spieß gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt +und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre +poröse weiße Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von +Zeit zu Zeit schlössen. Der Luftzug strich durch die halboffene +Tür und rötete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am +Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem +Haar, der sie stumm betrachtete. + +Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der +Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich gehörig in +Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters absichtlich zu spät, +in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause +verplaudern zu können. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar +nichts zu tun hatte, mußte er aus Langeweile wohl oder übel +pünktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Käse Binets +Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht, +heute mit den neuen Gästen zusammen zu essen; er war mit Vergnügen +darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal für vier +Personen gedeckt worden. + +Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein +Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht. + +Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten. + +»Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?« begann er. »In +unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerüttelt.« + +»Freilich!« gab Emma zur Antwort. »Aber dieses Drüber und Drunter +macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.« + +»Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!« seufzte +der Adjunkt. + +»Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen müßten ...«, +warf Karl ein. + +Leo wandte sich an Emma: + +»Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein guter +Reiter sein.« + +»Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend +ziemlich bequem«, meinte der Apotheker. »Die Wege sind nämlich +soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im +allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind +wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir, +abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und +Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl Fälle +von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten schwere +Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die zahlreichen +skrofulösen Leiden, die zweifellos von den kläglichen hygienischen +Verhältnissen in den Bauernhäusern herrühren. Ja, ja, Herr Bovary, +Sie werden öfters mit altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und +vielfach werden Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle +Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute +hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit +Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt daß sie von +vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im übrigen ist +das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche +Neunzigjährige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die +Maximalkälte im Winter 4° Celsius, während wir im Hochsommer auf +25°, höchstens 30° kommen. Das wäre ein Maximum von 24° Reaumur. +Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor +den Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den +Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese +Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses +und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten +hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also +Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff +und Sauerstoff!), -- diese Wärme, die den Humus aussaugt und alle +Dünste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke +zusammenballt und sich mit der Elektrizität der Atmosphäre +verbindet, die könnte schließlich (wie in den Tropenländern) +gesundheitsschädliche Miasmen erzeugen --, diese Wärme, sag ich, +wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen +könnte, das heißt im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die +ihre Kühle über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich +als sanftes Mailüfterl wehen ...« + +»Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?« +fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches mit dem jungen Manne. + +»Leider nur sehr wenige«, entgegnete er. »Einen hübschen Ort gibt +es auf der Höhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort +sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh +mir den Sonnenuntergang an.« + +»Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,« schwärmte +Emma, »zumal am Gestade des Meeres!« + +»Ach, ich bete das Meer an!« stimmte Leo bei. + +»Haben Sie nicht auch die Empfindung,« fuhr Frau Bovary fort, »daß +die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt, +die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben, +in die Sphäre der Ideen, der Ideale?« + +»Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso«, meinte Leo. »Ich habe +einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht +hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, könne man sich +den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber +der Wasserfälle und den großartigen Eindruck der Gletscher. Über +Gießbächen hängen riesige Fichten, und am Rande von tiefen +Abgründen kleben Alpenhütten; und wenn die Wolken einmal +zerreißen, erblickt man tausend Fuß unten in der Tiefe die langen +Täler. Wer das schaut, muß in Begeisterung geraten, in +Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen +berühmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften +arbeiten konnte.« + +»Treiben Sie Musik?« fragte Emma. + +»Nein, aber ich liebe die Musik!« antwortete er. + +»Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!« mischte sich Homais ein. +»Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewiß, mein +Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das +Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem +Laboratorium aus gehört. Sie haben eine Stimme wie ein +Opernsänger!« + +Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im zweiten +Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem +Komplimente seines Hauswirtes wurde er über und über rot. + +Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die +bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er wußte +tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das Vermögen des +Notars könne er nichts Genaues sagen. Auch über die Familie +Tüvache munkele man so allerlei. + +Emma fuhr fort: + +»Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?« + +»Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...« + +»Kennen Sie die Italiener?« + +»Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich habe die +Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu +vollenden.« + +»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,« +sagte wiederum der Apotheker, »als ich ihm von dem armen +Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den +Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der +komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre +Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das Vorhandensein einer +Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch +unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle +denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein großes Eßzimmer, eine +Küche mit Speisekammer, eine Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr +Vorgänger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht +ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen, +da hat er sich ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an +Sommerabenden sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die +Blumenzucht liebt ...« + +»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl. +»Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie +lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.« + +»Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als +abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen, +während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?« + +»So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen +schwarzen Augen voll an. + +Er fuhr fort: + +»Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man +sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man +wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden +Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich +in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der +Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigne +Herz in ihnen.« + +»Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus. + +»Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer +bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar +längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit +einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem, +als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...« + +»Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie. + +»Und darum«, fuhr er fort, »liebe ich die Dichter über alles. Ich +finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren so schön zu +Tränen!« + +»Aber sie ermüden auf die Dauer,« wandte Emma ein, »und daher +ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und +aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme +Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.« + +»Gewiß,« bemerkte der Adjunkt, »die naturalistischen Romane haben +dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner +Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so süß, sich +aus den Häßlichkeiten des Daseins herauszuzüchten, wenigstens in +Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu +glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen +Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville +wenig Gelegenheit ...« + +»Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich +ständig in einer Leihbibliothek abonniert.« + +Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau +mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu +benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten +Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein +paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von +Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges, +Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.« + +Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne +Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen +saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln +hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer +wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend +von selber zuklappte. + +Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte, +einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem +Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen +und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie +mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder +entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich +Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen +Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen +andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu +bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze, +die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte, +und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in +ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war. + +Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen +Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die +kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen +Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben. +Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau +Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem +Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch +hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran. + +Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem +Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war +hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur +fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich +alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander. + +Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die +Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte +Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die +Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel +fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen +Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein +Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden +Dämpfe. + +Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen, +Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer +hatten alles so stehen und liegen lassen. + +Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das +erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das +zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß +Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein +neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß +sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen +könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so +müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein. + + + + +Drittes Kapitel + + +Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den +Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute +zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und +schloß das Fenster. + +Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es +sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand +er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische +saß. + +Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis +dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame« +geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche +Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem +unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine +gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei +zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er +hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich +in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen +Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er +aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen +Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten +spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und +Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war; +öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem +Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und +dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch +besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens +Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von +diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art +»Mann für alles« geworden war. + +Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary +die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen +Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an +der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen +geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und +billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den +Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und +Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von +Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs +Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde. + +Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem +Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich +früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI +verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der +sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines +Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor +den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte +ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf +dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer +Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem +Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es +war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser. +Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren. +Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die +Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier +Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem +Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine +bringen. + +Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und +Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche +Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war +und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in +ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary +durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit +ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen, +falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden. +Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ +er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein +wenig mit ihm zu schwatzen. + +Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang +saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er +machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau +beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen, +verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die +Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die +Anstreicher dagelassen hatten. + +Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes +eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im +Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug. +Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren +daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war +vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der +tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in +tausend Stücke zerschellt war. + +Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner +Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so +liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande +von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen +Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen +Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer +miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem +Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in +seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte +ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer +herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend +zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der +Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte +ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was +Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt +sein. + +In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann +kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie +wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als +sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen +und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine +plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung +selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in +Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden +dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich +stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe +von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei +allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch +Emma mehr daran zu denken. + +Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark +sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem +männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine +Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein +nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier +Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf +gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten +Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten. +Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den +Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie +den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt +es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen +möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht +losläßt. + +An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als +die Sonne aufging. + +»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl. + +Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich +auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu +umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige +Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue +Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten. + +Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind +bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch +klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr +gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte +den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber +davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch +und bat jeden Besucher um einen Vorschlag. + +»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber +gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen +Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die +Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau +Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für +Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke +erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen +Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die +Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia +(zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine +philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der +Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den +Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu +scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren. + +Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört +hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise« +angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die +Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde +Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk +allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs +Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade +und sechs Päckchen Malzbonbons. + +Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer +erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein +patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole +vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze +aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand +darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine +»Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß. +Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen +Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches +Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen +baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich +ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen. +Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten +Kaffeetasse. + +Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und +verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit +Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf +dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker +Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen +Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was +selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine +Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an +Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß. + +Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in +der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg, +von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten, +die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte +Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte +er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!« + +Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück +ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen +unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben, +und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch +schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen. + +Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in +die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht, +das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den +Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes, +zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag. + +Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen. +Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren +Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte. +Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen +weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo +eintreten und sich ausruhen sollte. + +In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine +Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und +stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem +Lheureuxschen Modewarenladen. + +Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte, +aber müde zu werden beginne. + +»Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen. + +»Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des +Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend +desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die +Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens, +Frau Bovary habe sich kompromittiert.) + +Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der +Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen, +der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der +Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den +Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden +Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken +in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der +kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre +Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte. + +Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich +auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor +ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit +ganz leisem Summen. + +Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es +umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache. +Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine +Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat, +Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An +der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen +rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch +verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote +baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke +flatterte ein großes Stück Leinwand. + +Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind +an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich +aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines +Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in +Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten. + +»Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft +drinnen.« + +In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein +großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der +Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In +der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit +blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder +herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein +Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen +Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine +»trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik, +das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war. + +Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie +nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann +es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang. + +Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen +Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam +vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte, +sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind +wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am +Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke +abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon. + +»Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe +weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie +doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß +ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche +brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann +nicht immer zu stören.« + +»Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!« + +Beim Hinausgehen schüttelte sie sich. + +Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie +in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so +häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen, +daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen +gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch +trinke, reiche ich damit vier Wochen.« + +Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich +hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie +mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie +das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte +sich um. Es war die Amme. + +»Was wollen Sie noch?« + +Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von +ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs +Franken Pension im Jahre ...« + +»Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall. + +»Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen +jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird +böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie +wissen, wie die Männer sind ...« + +»Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken! +Sie langweilen mich.« + +»Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die +schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten +Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...« + +»Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma. + +»Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte, +»wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals +einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...« + +Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus: + +»Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer +Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...« + +Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie +Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde +sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war, +glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen +Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes +wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand +fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst +trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten; +er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische +aufbewahrte. + +Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in +der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man +drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von +den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß +lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser +neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung +treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und +wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen +und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen +Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die +Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen +Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so +verlassen ... + +Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die +junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang +ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie +redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid. + +Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie +nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die +Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen +Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres +Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab. +Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder +Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick +in den Spitzen hängen. + +Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst +im Rouener Theater gastieren sollte. + +»Werden Sie hinfahren?« fragte Emma. + +»Wenn ich kann, ja!« + +Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen +sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so +banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im +Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer +Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem +oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen +Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre +Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen. +Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit +über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch +herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne +den Horizont nach dem Woher zu fragen. + +An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen +und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die +Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma +eine Weile stehen, um zu erspähen, wohin sie den nächsten Schritt +zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen +hoch und beugte sich vornüber. Aber bei aller Hilflosigkeit und +Angst, in den Tümpel zu treten, lachte sie doch. + +Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte +auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in +seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in +einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich +ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von +Argueil ein Stück hinauf, nach dem »Futterplatz« am Waldrande. +Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das +Himmelsblau, die Hände locker über den Augen. + +»Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!« seufzte er. + +Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als +Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem gräßlichen +Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten +Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte auch der +geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit +gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen +Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville? +Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin, +sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter, +Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in +der Wirtschaft ließ sie alles drunter und drüber gehn. Sie war +eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewöhnlich aus und war in +ihrer Unterhaltung höchst beschränkt. Alles in allem war sie eine +ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre +alt war und er zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und +obgleich er täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in +den Sinn gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit +ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Röcke. + +Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar +Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den +Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige, +mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten, +unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit +denen zu verkehren glatt unmöglich war. + +Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab, +einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lägen +tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er +Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte +die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn +bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht, +für aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem +vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmöglich schien. + + + + +Viertes Kapitel + + +Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem +Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen niedrigen Raume +im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle +und betrachtete die Leute, die draußen vorübergingen. + +Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen +Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie +neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an +der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet und ohne den +Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, auf dem +Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, überlief sie ein +Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten seines Schattens. Dann +fuhr sie auf und befahl das Essen. + +Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen in +der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu stören, +jedesmal mit derselben Redensart: »Guten Abend, die Herrschaften!« +Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den +Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits +erkundigte, ob diese auch zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten +sich die beiden über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um +diese Stunde wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte +sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle +darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und Auslands. Wenn +auch dieser Gesprächsstoff erschöpft war, konnte er ein paar +Bemerkungen über die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrücken. +Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary +artig auf das zarteste Stück Fleisch aufmerksam, oder er wandte +sich an das Dienstmädchen und gab ihr Ratschläge über die +Zubereitung eines Ragouts oder über die richtige Verwendung der +Gewürze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über +aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu +sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen +in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig +und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle +neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder +das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine +wieder verwendbar zu machen. + +Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum +Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen +Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer war. Er +kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für das Haus des +Arztes. + +»Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!« meinte er. »Der +Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmädel +verguckt!« + +Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche +auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. Beispielsweise +sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn +er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu +schaffen. + +An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige Gäste. +Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen +Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und +seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt stellte +sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel hörte, eilte er +Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die +Überschuhe, die sie bei Schnee trug. + +Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten +Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half ihr. +Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles gestützt, betrachtete +er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei +jeder ihrer Bewegungen während des Kartenspiels raschelte ihr +Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte +ihre Haut einen bräunlichen Farbenton, der sich nach dem Rücken zu +aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock +bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine +Menge Falten und bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und +wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet, +zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen getreten. + +Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu +spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und +sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die »Illustrierte Zeitung« an. +Oft hatte sie auch ihren »Bazar« mitgebracht. Leo nahm neben ihr +Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit +dem Umblättern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte +vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten +Stellen flüsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine störte ihn. +Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch +unverschämtes Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren, +setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange, +da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im +Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte ihm +zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm +herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer Kutsche +und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit +einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die +eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie lispelnd +miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so süßer, als +niemand ihrer lauschte. + +So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein +fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, der +keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. Zu +seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, der +über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine +Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach +Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. Als infolge +eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein +Exemplar, das er während der Fahrt in der Post vor sich auf den +Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger. + +Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre +Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim +Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden. + +Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine +Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle +Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem +Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Köchin; sogar seinem +Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber +warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare +Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es +unumstößlich fest: sie war »seine gute Freundin.« + +Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er +unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und Klugheit +schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig grob: + +»Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der Clique!« + +Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma +erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, sich +ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine Feigheit. Er +vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft +genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. Er schrieb Briefe, +die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch +verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr, +alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut, +und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart +zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen, +war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der »gnädigen Frau« adieu +und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stück von ihr? + +Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war +ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter +Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die +Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen entreißt, +wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund +schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den flachen Dächern +der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so +wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit +einem Male den Riß in der Mauer bemerkt hätten. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite. + +Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen +Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine +halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon und +Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben sollten; +und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf der +Schulter. + +Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger als +sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem zwischen Sand- und +Steinhaufen bereits ein paar verrostete Maschinenräder lagen, zog +sich im Viereck ein Gebäude mit einer Menge kleiner Fenster hin. +Es war noch nicht ganz vollendet; durch den ungedeckten Dachstuhl +erblickte man den grauen Himmel. An einem Giebelhaken hing ein +Hebefestkranz aus Stroh und Ähren mit einem im Winde flatternden +weiß-rot-blauen Wimpel. + +Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die +künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die Stärke der +Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr bedauerte, kein +Metermaß bei sich zu haben. + +Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig auf +seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der +Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel kämpfte. +Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er hatte seine +Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht hereingezogen. Seine +dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm einen blöden Zug +verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein behäbiger Rücken ärgerte +sie. Sie fand, die breite Fläche seines Mantels kennzeichne die +ganze Plattheit von Karls Persönlichkeit. + +Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse +perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn +bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, Sanftes brachte. +Sein vorn offener Kragen ließ zwischen Krawatte und Hals ein Stück +Haut sehen; von seinem Ohr lugte ein Teilchen zwischen den +Strähnen seines Haars hervor, und seine großen blauen Augen, die +zu den Wolken aufschauten, kamen Emma viel klarer und schöner vor +als in den Gedichten die Bergseen, in denen sich der Himmel +spiegelt. + +»Rabenkind!« schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf seinen +Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um schöne +weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig ausgescholten wurde, +begann er laut zu heulen. Justin versuchte, ihm die Stiefelchen +mit einem Strohwisch zu reinigen, aber ohne Messer ging das nicht. +Karl bot ihm seins an. + +»Unerhört!« dachte Emma bei sich. »Er trägt ein Messer in der +Tasche wie ein Bauer!« + +Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den +Heimweg nach Yonville. + +An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten hinüber. +Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, begann sie die +beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der andere stand in +geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der eigentümlichen +Linienveränderung, die das menschliche Gedächtnis vornimmt. Von +ihrem Bette aus sah sie die lichte Glut im Kamin und daneben -- +ganz so wie vor ein paar Stunden -- Leo, den Freund. Er stand da, +in gerader Haltung, in der rechten Hand den Spazierstock, und +führte an der andern Athalia, die bedächtig an einem Eiszapfen +saugte. Diese Szene hatte ihr gefallen, und sie konnte von diesem +Bilde nicht loskommen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er an +andern Tagen ausgesehen hatte, welche Worte er gesagt, in welchem +Tone. Wie sein Wesen überhaupt sei ... + +Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor +sich hin: »Ach, süß, süß!« Und dann fragte sie sich: »Ob er eine +liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!« + +Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor Freude. +Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche Lichter. Emma +legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme weit aus. + +Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: »Ach, warum hat es der +Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem Grunde?« + +Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als wache +sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll auszog, klagte sie +über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte sie aber, wie der Abend +verlaufen sei. + +»Leo ist heute zeitig gegangen«, erzählte Karl. + +Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten +Glückseligkeit schlummerte sie ein. + +Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn +Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen pflegt, +mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener Gascogner, war er +doch ein vollkommener Normanne geworden; er einte in sich die +lebhafte Redseligkeit des Südländers und die nüchterne +Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein feistes, +aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah aus, als sei es mit +Süßholztinktur gefärbt, und sein weißes Haar brachte den scharfen +Glanz seiner munteren schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was +er früher getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei +Hausierer gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas +aber stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen +ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war er +kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung herum, +als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte. + +Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe +ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich +dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß er +ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings sei +eine »armselige Butike« wie die seine nicht gerade verlockend für +eine »elegante Dame«. Diese beiden Worte betonte er ganz +besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache sich +anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, Wäsche, +Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre regelmäßig viermal +im Monat nach der Stadt und stehe mit den ersten Firmen in +Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm erkundigen. Heute +komme er nur ganz im Vorübergehen, um der gnädigen Frau ein paar +feine Sachen zu zeigen, die er durch einen ganz besonders +günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. Dabei packte er aus dem +Kasten ein halbes Dutzend gestickter Halskragen. + +Frau Bovary besah sie sich. + +»Ich brauche nichts«, bemerkte sie. + +Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher +aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar strohgeflochtne +Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus Kokosnußschale, +filigranartige Schnitzarbeiten von Sträflingen. Sich mit beiden +Händen auf den Tisch stützend, mit langem Hals und offnem Mund, +beobachtete er Emmas Augen, die unentschlossen in all diesen +Gegenständen herumsuchten. Von Zeit zu Zeit strich er mit dem +Fingernagel über die lang hingebreiteten Tücher, als wolle er ein +Stäubchen entfernen; die Seide knisterte leise, und das grünliche +Dämmerlicht glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen +Funken. + +»Was kostet so ein Tuch?« fragte Emma. + +»Ein paar Groschen!« antwortete er. »Ein paar Groschen! Aber das +eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja kein +Jude!« + +Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem +Händler, der gelassen erwiderte: + +»Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen Damen +vertragen, mit meiner nur nicht.« + +Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des Biedermannes +fort: + +»Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. Wenn +Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir haben.« + +Sie machte eine erstaunte Miene. + +Schnell flüsterte er: + +»Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können Sie +sich verlassen!« + +Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten +Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in +Behandlung hatte. + +»Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, daß +sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, er läßt sich +eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß nehmen als zu einem +aus Wintertuch. Na, solange er auf dem Damme war, da hat er schöne +Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige Frau, die wird nie vernünftig! +Und dann der Schnaps, das ist allemal der Ruin! Aber es ist immer +betrübend, wenn man sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu +Ende geht.« + +Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte, +schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes. + +»Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!« erhärte er, indem er +verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. »Das bringt alle diese +Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle mich gar nicht +recht au fait. Werde wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn +Gemahl in die Sprechstunde kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen +wegen. Na, auf Wiedersehen, Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer +Verfügung! Gehorsamster Diener!« + +Und er schloß die Türe sacht hinter sich. + +Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem +Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es +schmeckte ihr alles vorzüglich. + +»Wie vernünftig ich doch war!« sagte sie bei sich und dachte an +die Seidentücher. + +Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand schnell +auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, die +gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der junge Mann +eintrat, tat sie sehr beschäftigt. + +Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary +schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit einsilbig. Er +saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und spielte mit ihrem +elfenbeinernen Nadelbüchschen. + +Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel den +umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, weil +ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie wer weiß +was gesprochen hätte. + +»Armer Junge!« dachte sie. + +»Warum bin ich bei ihr in Ungnade?« fragte er sich. + +Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen +nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit. + +»Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es erneuern?« + +»Nein«, entgegnete sie. + +»Warum nicht?« + +»Weil ...« + +Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen Zwirn +hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. »Warum zersticht sie +sich die Finger?« dachte er. Eine galante Bemerkung fuhr ihm durch +den Sinn, aber er wagte nicht, sie auszusprechen. + +»So wollen Sie es also aufgeben?« + +»Was?« fragte sie nervös. »Die Musik? Ach, du mein Gott! Ich habe +soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen und +tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!« + +Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein +müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte sie +im Gespräche: + +»Mein Mann ist so gut!« + +Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese +Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl +stimmte er in ihr Lob ein. + +»Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch immer!« +erklärte er. + +»Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!« wiederholte sie. + +»Gewiß!« bestätigte der Adjunkt. + +Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr +nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten. + +»So schlimm ist es gar nicht!« behauptete Emma heute. »Eine gute +Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.« + +Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen. + +So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr +Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte sich +um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und hielt ihr +Dienstmädchen strenger. + +Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch +kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, was +für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder hätte sie +über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre Freude, ihr Glück. +Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall von schwärmerischen +Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die biederen Yonviller waren +keine! -- an die Sachette in Viktor Hügos »Notre-Dame« erinnert +hätten. + +Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine +stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und an +seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte sogar +das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im Schranke +hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht mehr ab, ihn +zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. Sie war mit +jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort einverstanden; selbst +wenn sie den Zweck nicht recht einsah, fügte sie sich ohne Murren. +Wenn Leo die beiden nach Tisch so sah: ihn am Kamin, die Hände +über dem Bauche gefaltet, die Füße behaglich gegen die Glut +gestemmt, die Backen noch rot vom Mahle und die Äuglein in eitel +Wonne schwimmend, vor sich das Kind, das auf dem Teppich +herumrutschte, und daneben die feinlinige schlanke Frau, wie sie +sich über die Lehne seines Großvaterstuhls beugte und ihm einen +Kuß auf die Stirn gab, -- dann sagte er sich: + +»Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!« + +Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand +jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er +sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre +Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor +seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer +Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem +Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen +Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der +Geliebten Genuß gewährt. + +Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde +schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren großen +Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange und ihrer +jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu schreiten, ohne +den Erdboden zu berühren, und es war, als trüge sie auf der Stirne +das geheimnisvolle Mal einer höheren Bestimmung. Sie war so +traurig und so still, so sanft und dabei so unnahbar, daß man ihre +Gegenwart wie eine eiskalte Wonne empfand. Geradeso mischt sich in +den Kirchen in den Duft der Rosen die Kälte des Marmors, so daß +man zusammenschauert. Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem +niemand entrann. + +»Sie ist eine Frau großen Stils,« sagte der Apotheker einmal, »sie +müßte einen Minister zum Manne haben!« + +Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr +höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn. + +Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß. +Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes +Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der +Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, +um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der +Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur +gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er aber +eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts als +namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut. + +Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm nachzusehen, +wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe beobachtete +sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen Augen. Sie erfand +einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu haben, sein Zimmer +einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr beneidenswert, weil +sie mit ihm unter einem Dache schlafen durfte. Ihre Gedanken +ließen sich immer wieder auf seinem Hause nieder, just wie die +Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen kamen, um ihre roten +Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne zu netzen. + +Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr +drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein +bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; sie +erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies herbeiführten. +Aber ihre Passivität, die Angst vor der Entscheidung und auch ihr +Schamgefühl hielten sie zurück. Sie bildete sich ein, sie hätte +sich ihn bereits allzusehr entfremdet, es wäre nun zu spät und +alles sei verloren. Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: +»Ich bin eine anständige Frau geblieben!« Sie stellte sich vor den +Spiegel in der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob +des Opfers, das sie zu bringen wähnte. + +Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum +und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in allem ein +einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen zuzuwenden, +verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel sich darin und +trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. Ein ungeschickt +serviertes Gericht, eine offengelassene Türe brachte sie in +Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht haben konnte, ein +Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, machte sie unglücklich. +Weil sich ihre kühnen Träume nicht erfüllten, ward ihr das Haus zu +eng. + +Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am +allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine Frau +glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung, +Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es nicht +gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht er der +Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür ihres qualvollen +Käfigs? + +So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder +Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie +nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und +entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine Gutmütigkeit +reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer Wohnung +verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und die +ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte es, +daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie gerechten +Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich erschrak +sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und immer +mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie glücklich +sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so zu tun und +die Leute in ihrem Glauben zu lassen. + +Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht, +mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit +fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten +ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe. + +»Er liebt mich ja gar nicht mehr!« sagte sie sich. »Was soll da +aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche +Erleichterung bleibt mir noch?« + +Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin, +unter endlosen Tränen. + +»Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?« fragte +das Dienstmädchen, als es einmal während eines solchen Anfalles +ins Zimmer kam. + +»Ach was! Ich bin nervös!« erklärte Emma. »Daß du ihm ja nichts +davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.« + +»Ach Gott«, meinte Felicie. »Der Tochter des alten Fischers Guérin +aus Pollet, einer Bekannten von mir in Dieppe, wo ich vorher +gedient habe, der ging es ganz genau so. War die trübsinnig! +Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah sie immer aus. Ihr +Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, und die Ärzte und sogar +der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. Wenns ganz schlimm kam, +dann lief sie immer ganz allein ans Meer. Der Zollaufseher hat sie +auf seiner Patrouille oft gesehen, platt auf dem Bauche liegen und +auf den Steinen weinen. Später, als sie einen Mann hatte, soll +sichs gegeben haben ...« + +»Bei mir aber«, erwiderte Emma, »ist es erst nach der Hochzeit so +gekommen.« + + + + +Sechstes Kapitel + + +Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch +Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten +den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr das +Ave-Maria-Läuten ins Ohr. + +Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind +hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für die +Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin +leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen in den +flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen +Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf, +duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne +zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen. +Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit +wehmütigem Frieden. + +Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der +jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an +die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die +blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen Säulchen +emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien mögen in der +langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell abhoben von den +schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen hingesunkenen +Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie aufschaute und in +das von bläulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna +blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt +gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der +Sturmwind wegweht ... + +Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, fand +sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie +ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles +Irdische zu vergessen. + +Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder +aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit +zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Läuten +der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. Übrigens war das +Läuten ein Zeichen für die Kinder im Dorfe, daß es Zeit zur +Katechismusstunde war. + +Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den +Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, baumelten +mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die hohen +Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der +niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige +bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz dicht aneinander, +und über ihnen lag beständig feiner Staub, der dem reinigenden +Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen darüber wie über +einen eigens für sie hingebreiteten Teppich, und ihre +aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der +Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der großen Glocke, +der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin +und her geschleift war, beruhigte sich allmählich. Schwalben +schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoßend, +und flogen zurück in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im +Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht +unter einer hängenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie +ein über dem Öl schwimmender zittriger weißer Fleck aus. Ein +langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem +Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen. + +»Wo ist der Pfarrer?« fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich +damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte +völlig abzuwürgen. + +»Der wird gleich kommen!« war die Antwort. + +Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé Bournisien +erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein. + +»Rasselbande!« murmelte der Priester. »Einen wie alle Tage!« Er +hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß gestoßen +war. »Nichts wird respektiert!« Da bemerkte er Frau Bovary. + +»Verzeihung!« sagte er. »Ich hatte Sie nicht erkannt.« + +Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem +er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern balancierte. + +Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm +seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den Ellenbogen +bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. Fett- und +Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe die Brust +entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts, +wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen besät, die sich +in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom +Essen und atmete geräuschvoll. + +»Wie geht es Ihnen?« erkundigte er sich. + +»Schlecht!« antwortete Emma. + +»Ja, ja! Ganz wie mir«, erwiderte der Priester. »Die ersten warmen +Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun +einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und +wie denkt Herr Bovary darüber?« + +»Ach der!« Sie machte eine verächtliche Gebärde. + +»Was?« erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. »Verordnet er +Ihnen denn nichts?« + +»Ach,« meinte sie, »irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.« + +Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch +hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet +waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie +reihenweise wie die Kegel umpurzelten. + +»Ich möchte gern wissen ...«, fuhr Emma fort. + +»Warte nur, Boudet, warte du nur!« unterbrach sie der Priester in +zornigem Tone. »Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du +Schlingel, du!« Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: »Das ist der +Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie +lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel +könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar +nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?« + +Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der Geistliche fuhr +fort: + +»Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir +beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...« Er +lachte behäbig, »... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.« + +Emma schaute ihn flehentlich an. + +»Sie! Ja!« sagte sie. »Sie heilen alle Wunden!« + +»Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag, +da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer +wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext. +Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und +Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!« Mit einem großen +Satze war er drinnen in der Kirche. + +Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf den +Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl. +Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von +Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn +in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit +aller Gewalt in die Steinfliese hineindrücken wollte. + +»So!« sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, während +er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schweiß +von der Stirn wischte. »Die Landleute sind recht zu bedauern ...« + +»Andre Leute auch«, meinte sie. + +»Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.« + +»Die meine ich nicht.« + +»Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen +lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie +hatten nicht einmal das tägliche Brot.« + +»Ich meine solche,« fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten, +während sie sprach, »solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr täglich +Brot haben, aber kein ...« + +»Kein Holz im Winter ...«, ergänzte der Priester. + +»Ach, was liegt daran?« + +»Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine warme +Stube ... denn schließlich ...« + +»O du mein Gott!« seufzte Emma. + +»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte er, indem er sich ihr besorgt +näherte. »Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau +Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. Oder +vielleicht lieber eine Limonade?« + +»Wozu?« + +Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume. + +»Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es +sei Ihnen schwindlig.« Er besann sich. »Aber wollten Sie mich +nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?« + +»Ich? Nichts ... oh, nichts!« stammelte Emma. + +Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den alten +Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas +zu sagen. + +»Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary«, sagte er nach einer Weile. +»Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen da. Die +erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie überrumpelt uns. +Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde +länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht früh genug auf +den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat +... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, +Ihrem Herrn Gemahl!« + +Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie +gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bänken +verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig eingezogen, +die beiden Hände in segnender Haltung. + +Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf +einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine +Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen +und die hellen Antworten der Knaben ... + +»Bist du ein Christ?« + +»Ja, ich bin ein Christ.« + +»Wer ist ein Christ?« + +»Wer getauft ist und ...« + +Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Geländer +festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren +Lehnstuhl. + +Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch die +Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren Plätzen, +halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in einen +schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintönig +tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum +empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm +in ihrem Innern ... + +Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten +Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte +nach den Bändern ihrer Schürze. + +»Laß mich!« sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab. + +Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie. +Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen +blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen +Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schürze. + +»Laß mich!« wiederholte die junge Mutter sehr unwillig. + +Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien. + +»Aber so laß mich doch!« sagte Emma barsch und stieß ihr Kind mit +dem Ellenbogen zurück. + +Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der +ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte auf +das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am Klingelzug und +rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwürfe +zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von +seiner Praxis heim. + +»Sieh, mein Lieber,« sagte sie ruhigen Tones, »die Kleine ist beim +Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.« + +Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster. + +Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind +allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief, +verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht +töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfügigkeit +gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr. +Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum +merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den halbgeschlossenen +Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne +schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut. + +»Merkwürdig!« dachte Emma bei sich. »Wie häßlich das Kind ist!« + +Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum +Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen. + +»Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!« versicherte er +ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. »Ängstige dich +nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!« + +Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar +nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais für +verpflichtet gefühlt, ihn »aufzurappeln«. Dann hatte man von den +tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind, +und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mußte ein +Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein +Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Köchin einmal die +Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais +über die Maßen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht +geschliffen und der Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren +eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht. +Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten +keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der +geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll, +und als sie bereits über vier Jahre alt waren, mußten sie ohne +Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Köpfe tragen. Das war +lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim +sehr betrübt darüber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen +könne dem Gehirn schädlich sein. Einmal entfuhr es ihm: + +»Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?« + +Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in +eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die +Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu: + +»Ich wollte Sie noch etwas fragen!« + +»Sollte er etwas gemerkt haben?« fragte sich der Adjunkt. Er bekam +Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen. + +Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich +doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hübsches Lichtbild +koste. Er hegte nämlich schon lange den sentimentalen Plan, seine +Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu überraschen. Er gedachte +sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher +wissen, wieviel die Geschichte so ungefähr zu stehen käme. Dem +Adjunkt mache das wohl keine besondre Mühe, da er doch beinahe +aller acht Tage nach der Stadt führe. + +Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete +Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er +sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in +Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er seine +Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu kommen, +fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er +sei kein Polizeibüttel. + +Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor. +Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit den +Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen über +das menschliche Dasein aus. + +»Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen«, meinte der +Steuereinnehmer. + +»Womit denn?« + +»Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.« + +»Aber ich kann doch nicht drechseln«, erwiderte der Adjunkt. + +»Ach ja, freilich!« + +Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn. + +Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige Leben begann +ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfüllten, +keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die Yonviller +ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und bestimmte Häuser +nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders +unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker. +Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf völlig neue Verhältnisse +genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefühl +wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris, +das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und +dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein +Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt +ihn zurück? + +In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er +machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer aus. +Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. Gitarre wollte er +spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu ein Samtbarett und +Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über dem Kamin sollten zwei +gekreuzte Floretts hängen, ein Totenschädel darüber und die +Gitarre darunter. Wundervoll! + +Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu +bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der +allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer +andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo zunächst +zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen Adjunktenposten in +Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er schließlich seiner Mutter +einen langen Brief, in dem er ihr ausführlich auseinandersetzte, +warum er ohne weiteres nach Paris übersiedeln wollte. Sie war +damit einverstanden. + +Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen lang +gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville Koffer, +Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er vervollständigte +seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle aufpolstern, schaffte +sich einen Vorrat von seidnen Halstüchern an, kurz und gut, er +traf Vorbereitungen, als wolle er eine Reise um die Welt antreten. +So verstrich Woche auf Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief +seine Abreise beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen +nach einem Semester zu machen. + +Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte Frau +Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine Rührung, wie sich +das für einen ernsten Mann schickt. Er ließ es sich jedoch nicht +nehmen, den Mantel seines Freundes eigenhändig bis zur +Gartenpforte des Notars zu tragen, wo des letzteren Kutsche +wartete, die den Scheidenden nach Rouen fahren sollte. + +Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch im +Hause des Arztes. + +Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem zu +schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft +entgegen. + +»Da bin ich noch einmal!« sagte Leo. + +»Ich hab es erwartet!« + +Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der +Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über rot, vom +Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie blieb stehen und +lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung. + +»Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?« + +»Er ist fort.« + +Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre +Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich +aneinander wie zwei klopfende Herzen. + +»Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben«, sagte Leo. + +Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. Leo +warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, den +Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich nehmen. Aber +da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das Mädchen brachte die +kleine Berta, die einen Hampelmann an einem Faden in der Hand +hielt, verkehrt, den Kopf nach unten. + +Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn. + +»Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!« + +Er gab das Kind der Mutter zurück. + +»Bring sie weg!« befahl Emma. + +Sie waren wiederum allein. + +Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht gegen +eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand und +schlug damit leise gegen seinen Schenkel. + +»Es wird wohl regnen«, bemerkte Emma. + +»Ich habe einen Mantel«, antwortete er. + +»So!« + +Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt über +ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab in die +Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen +geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen. + +»Also adieu!« seufzte Leo. + +Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung. + +»Ja, adieu! Sie müssen gehen!« + +Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie zögerte. + +»Sozusagen ein französischer Abschied!« meinte sie, indem sie ihm +die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen. + +Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als ströme +ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand wieder öffnete, +begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann ging er. + +Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich hinter +einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr weißes Haus +mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da vermeinte er, ihren +Schatten hinter der Gardine ihres Zimmers zu erblicken. Aber der +Vorhang hatte sich wohl von selbst gebauscht und fiel nun wieder +langsam in seine langen senkrechten Falten zurück, in denen er +dann regungslos stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte +von dannen. + +Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der Straße +halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und hielt das +Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten miteinander. Man +wartete auf ihn. + +»Lassen Sie sich noch einmal umarmen!« sagte Homais, Tränen in den +Augen. »Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten Sie sich +unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie sich +ordentlich in acht!« + +»Einsteigen, Herr Düpuis!« mahnte der Notar. + +Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte mit +tränenerstickter Stimme nichts als die beiden wehmütigen Worte: + +»Glückliche Reise!« + +»Guten Abend, Herr Apotheker!« rief Guillaumin. »Los!« + +Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts. + + * * * * * + +Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres +Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung nach +Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. Leichteres +finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge heran, +durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die goldnen +Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe hervorschossen. Der +übrige wolkenlose Teil des Himmelszeltes war weiß wie Porzellan. +Ruckweise Windstöße beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich +rauschte Regen herab und prasselte durch das grünschimmernde +Laubwerk. Bald kam die Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten. +Die Spatzen schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in +den Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote +Akazienblüten. + +»Wie weit mag er nun schon sein!« dachte sie. + +Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise. + +»Na,« sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, »unsern jungen +Freund hätten wir glücklich verfrachtet!« + +»Wie man mir berichtet hat«, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf +seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: »Und was gibts bei +Ihnen Neues?« + +»Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein bißchen +aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich aus dem +Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man soll ihnen daraus +keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben zarter besaitet als +unsre.« + +»Der arme Leo,« bemerkte Karl, »wie wirds ihm in Paris ergehen? +Wird er sich dort einleben?« + +Frau Bovary seufzte. + +»Natürlich!« meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge. +»Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich schon, +versichre ich Ihnen.« + +»Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird«, warf Bovary +ein. + +»Gott bewahre!« entgegnete Homais lebhaft. »Aber mit den Wölfen +wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als Duckmäuser +verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese Kerlchens im +Studentenviertel für ein flottes Leben führen! Mit ihren kleinen +Mädchen! Übrigens sind die Studenten in Paris überall gern +gesehen. Wenn einer nur ein bißchen gesellige Talente hat, stehen +ihm die allerbesten Kreise offen. Und es gibt sogar in der +Vorstadt Saint-Germain feine Damen, die sich Studenten zu Liebsten +nehmen, und das gibt ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich +zu verheiraten.« + +»Das mag schon sein,« sagte der Arzt, »ich habe nur Angst, +er ... wird ... dort ...« + +»Sehr richtig,« unterbrach ihn der Apotheker, »das ist die +Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend die +Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer öffentlichen +Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, anständig angezogen, +womöglich ein Ordensbändchen im Knopfloch. Man könnte ihn für +einen Diplomaten halten. Er spricht Sie an. Sie kommen ins +Plaudern. Er bietet Ihnen eine Prise an oder hebt Ihnen den Hut +auf. So wird man intimer. Er nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in +sein Landhaus ein, macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und +Teufel bekannt -- und das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder +verstrickt Sie in gefährliche Abenteuer.« + +»So ist es!« gab Karl zu. »Aber ich dachte vor allem an die +Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der Großstadt +drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.« + +Emma zuckte zusammen. + +»Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise«, fuhr der +Apotheker fort, »und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung des +ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das Pariser Wasser! An +das Essen in den Restaurants! Diese starkgewürzten Speisen +verderben schließlich das Blut. Man mag sagen, was man will, mit +einer guten Hausmannskost sind sie nicht zu vergleichen. Ich für +meinen Teil, ich schätze von jeher die bürgerliche Küche. Die ist +am gesündesten. Als ich stud. pharm. in Rouen war, da habe +ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren +Professoren aßen auch da ...« + +In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im +allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern +auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer bestellten +Arznei holte. + +»Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!« schimpfte er. +»Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein +Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein +Hundedasein!« + +In der Tür sagte er noch: + +»Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?« + +»Was denn?« + +Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene. + +»Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der Landwirte +unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. Man munkelt +wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch schon eine +Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von großer Bedeutung! +Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich sehe schon. Justin +hat die Laterne mit ...« + + + + +Siebentes Kapitel + + +Der nächste Tag war für Emma ein Tag der Betrübnis. Alles um sie +herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, verschwommen, +zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit leisen Klagen +wie der Winterwind um ein einsames Schloß. Sie verfiel in die +Träumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er etwas auf immerdar +verloren hat. Sie empfand die Müdigkeit, die ihn der vollendeten +Tatsache gegenüber übermannt, den Schmerz, der ihn überkommt, wenn +eine ihm zur Gewohnheit gewordne Bewegung plötzlich stockt, wenn +Schwingungen jäh aufhören, die lange in ihm vibriert haben. + +Wie damals nach der Rückkehr vom Schlosse Vaubyessard, als die +wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, war sie +voll düsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo stand vor +ihrer Phantasie immer größer, schöner, verführerischer. Wie ein +Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so hatte er sie doch nicht +verlassen. Er war da, und an den Wänden ihres Hauses schien sein +Schatten noch zu haften. Immer wieder schaute sie auf den Teppich, +über den er so oft gegangen, auf die leeren Stühle, wo er +gesessen. Draußen kroch das Flüßlein noch immer vorbei mit seinen +niedlichen Wellen, zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem +Gestade waren sie so oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um +die moosigen Steine. Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie +traulich waren die Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im +schattigen Garten allein gesessen hatten! Er hatte laut +vorgelesen, bloßen Kopfes, in einem Korbstuhl sitzend. Der frische +Wind, der drüben von den Wiesen her wehte, hatte die Blätter des +Buches bewegt und die violetten Blüten der Glycinen an der Laube +... Ach, nun war er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die +einzige Hoffnung, daß sich ihr das erträumte Glück noch erfülle! +Warum hatte sie dieses Glück nicht mit beiden Händen festgehalten, +in den Schoß genommen, es nicht in die Ferne gelassen? Sie +verwünschte sich, Leos Geliebte nicht geworden zu sein. Sie +dürstete nach seinen Lippen. Am liebsten wäre sie ihm +nachgelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm gesagt: +»Hier bin ich! Nimm mich!« Aber vor den Hindernissen, die sich der +Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt hätten, verzagte +Emma von vornherein, und der Schmerz darüber schürte ihre +Sehnsucht zu noch heißerer Glut. + +Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt ihrer +Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein einsames +Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen Steppe inmitten des +Schnees angezündet haben. Zu diesem Feuer flüchtete sie, kauerte +sich daneben nieder und fachte es sorgfältig wieder an, wenn es zu +verlöschen drohte. Im Umkreise um sich herum suchte sie alles +mögliche herbei, um diese Flammen zu nähren. Die fernsten +Erinnerungen und die frischesten Ereignisse, Erlebtes und +Erträumtes, die wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre +Sehnsucht nach Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre +nutzlose Tugend, ihre getäuschten Illusionen, die Armseligkeit +ihres Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es zusammen und +warf es in die Glut, um ihre Trübsal daran zu wärmen. + +Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm die +Nahrung fehlte, sei es, weil die Überfülle von Brennstoff es +erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam allmählich +ihre Liebe. Das Ineinemfort tötete den Schmerz, und am Himmel +ihrer Gefühle verblaßte der erst grellrote Feuerschein und wich +nach und nach schwarzem Dunkel. Während ihres phantastischen +Zustandes hatte sich ihr Widerwille gegen den Gatten in +Schwärmerei für den Geliebten verwandelt, und die Glut ihres +Hasses hatte ihre zärtliche Sehnsucht gewärmt. Aber nunmehr, da +ihre stürmische unbefriedigte Leidenschaft zu Asche gebrannt war, +das keine Hilfe kam und keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht +um sie herum. In eisiger Kälte stand sie einsam da und erstarrte. + +Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur +bildete sie sich ein, noch unglücklicher denn damals zu sein, weil +sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wußte, daß es +nie anders werden könne. + +Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich -- +wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gönnen. +Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in +vier Wochen für vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer Hände. +Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues +Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schönsten Schal +aus und trug ihn über ihrem Hauskleid. Sie schloß die Läden, nahm +ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem Sofa liegen. + +Häufig änderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe +Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zöpfen, bald einen +Scheitel. + +Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so +kaufte sie sich ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Menge +Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektüre, las +Geschichtswerke und philosophische Schriften. + +Nachts fuhr Karl mitunter in die Höhe, im Glauben, man hole ihn zu +einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er: + +»Ich bin gleich fertig!« + +Aber es war nur das Knistern des Streichholzes gewesen, mit dem +sich Emma die Lampe angezündet hatte. Sie wollte lesen. Aber es +ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen ein ganzer Stoß +angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie anzufangen, dann +liegen zu lassen und eine andre zu beginnen. + +Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem +Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem +Manne gegenüber, sie könne ein Weinglas voll Schnaps mit einem +Zuge leeren, und da Karl so töricht war, es zu bezweifeln, tat sie +es wirklich. + +Bei allen ihren »Extravaganzen« (die Spießbürger von Yonville +nannten das so!) sah Emma keineswegs unternehmungslustig aus. Im +Gegenteil. Um ihre Mundwinkel lagerten sich jene gewissen starren +Falten, die alte Jungfern und verbissene Streber zu haben pflegen. +Sie war völlig blaß, weiß wie Leinwand; die Haut ihrer Nase +bildete nach den Flügeln zu Fältchen, und ihre Augen blickten wie +ins Leere. Seitdem sie an den Schläfen ein paar graue Haare +entdeckt hatte, nannte sie sich gesprächsweise eine alte Frau. + +Oft hatte sie Schwindelanfälle, und eines Tages spuckte sie sogar +Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemühte und seine Besorgnis +verriet, meinte sie: + +»Laß mich! Es ist mir alles gleich!« + +Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurück. Er sank in seinen +Schreibsessel, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und +weinte -- unter dem phrenologischen Schädel. + +Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat +sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz Emmas +wegen statt. Welche Maßnahmen sollten getroffen werden? Was +sollte geschehen? Wo sie jedwede ärztliche Behandlung ablehnte! + +»Weißt du, was deiner Frau fehlt?« meinte Frau Bovary schließlich. +»Eine ordentliche Beschäftigung! Körperliche Arbeit! Wenn sie wie +so manch andre ihr tägliches Brot selber verdienen müßte, dann +hätte sie keine Nerven und Launen. Die kommen bloß von den +überspannten Ideen, die sie sich aus purer Langweile in den Kopf +setzt.« + +»Beschäftigung hat sie doch aber!« erwiderte Karl. + +»So! Sie hat Beschäftigung? Was für welche denn? Romane schmökert +sie, schlechte Bücher, Schriften gegen die Religion, in denen die +Geistlichen verhöhnt werden mit Redensarten aus dem Voltaire! +Armer Junge, das führt zu nichts Gutem, und wer kein guter Christ +ist, mit dem nimmt es mal ein schlechtes Ende!« + +Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das schien +nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf sich. Auf +ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persönlich zum +Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn der +Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man da nicht +das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden? + +Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war +steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie, +abgesehen von den häuslichen Anordnungen und den höflichen Formeln +bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei Worte +gewechselt. + +Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage +von Yonville. Vom frühen Morgen ab war an diesem Tage auf dem +Marktplatz, gleichlaufend mit den Häusern von der Kirche bis zum +Goldnen Löwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren, +Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespießten Deichseln. Auf der +andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen +Baumwollenwaren, Decken und Strümpfe feilgeboten wurden, daneben +Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bändern, deren Enden im +Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Käsekörben, aus denen +klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand Eisenwaren auf dem +Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergerät gackerten Hühner in +flachen Körben und steckten ihre Hälse durch die Luftlöcher. Die +Menge schob sich, ohne zu weichen, gerade nach den Stellen, wo das +Gedränge schon am dichtesten war. So geriet bisweilen das +Schaufenster der Apotheke wirklich in Gefahr. An den Markttagen +ward diese nie leer. Es standen immer eine Menge Leute darin, +weniger um Arzneien zu kaufen als vielmehr um den Apotheker zu +konsultieren. Herr Homais war in den benachbarten Ortschaften ein +berühmter Mann. Seine rücksichtslose Sicherheit fing die Bauern. +Sie hielten ihn für einen besseren Arzt als alle Doktoren im +ganzen Lande. + +Emma saß an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in der +Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich über das +wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in einem Rock von +grünem Samt, mit gelben Handschuhen; sonderbarerweise trug er dazu +derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht mit gesenktem Kopf und recht +trübseliger Miene folgte ihm. Beide gingen auf das Bovarysche Haus +zu. + +»Ist der Herr Doktor zu sprechen?« fragte der Herr den +Apothekergehilfen, der an der Haustüre mit Felicie plauderte. Er +hielt ihn für den Diener des Arztes. »Melden Sie Herrn Rudolf +Boulanger von der Hüchette.« + +Es war keineswegs Eitelkeit, daß der Ankömmling sein Gut zu seinem +Namen fügte. Er wollte nur genau angeben, wer er war. Die Hüchette +war nämlich ein Rittergut in der Nähe von Yonville, das er samt +zwei Meiereien unlängst gekauft hatte. Er bewirtschaftete es +selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei anzustrengen. Er war +Junggeselle und hatte »so mindestens seine fünfzehntausend +Franken« im Jahr zu verzehren. + +Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger überwies +ihm seinen Knecht, der einen Aderlaß wünsche, weil er am ganzen +Körper ein Kribbeln wie von Ameisen habe. + +»Das wird mich erleichtern«, wiederholte der Bursche auf alle +Einwände. Bovary ließ sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine +Schüssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein. + +Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz blaß geworden +war. + +»Nur keine Angst, mein Lieber!« + +»Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!« erwiderte er. + +Dabei hielt er mit prahlerischer Gebärde seinen dicken Arm hin. +Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und spritzte +bis zum Spiegel hin. + +»Die Schüssel!« rief Karl. + +»Donnerwetter!« meinte der Knecht. »Das ist ja der reine +Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein gutes +Zeichen, nicht wahr?« + +Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel +zurück, daß die Lehne krachte. + +»Das hab ich mir gleich gedacht!« bemerkte Bovary, indem er mit +den Fingern die angestochne Ader zudrückte. »Erst gehts ganz gut, +dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten Kerlen wie +dem da!« + +Die Schüssel in Justins Händen geriet ins Schwanken. Die Knie +schlotterten ihm; er wurde leichenfahl. + +»Emma! Emma!« rief der Arzt. + +Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter. + +»Essig!« rief ihr Karl zu. »Ach du mein Gott! Gleich zweie auf +einmal!« + +In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen. + +»'s ist weiter nichts!« meinte Boulanger gelassen, der Justin +aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und lehnte +ihn mit dem Rücken gegen die Wand. + +Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmächtigen das Halstuch +aufzuknüpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich lösen, und so +berührte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren Fingern den +Hals des jungen Burschen. Dann goß sie Essig auf ihr +Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die Schläfen +und blies dann ein wenig darauf. + +Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht +dauerte an. Seine Augäpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert +wie blaue Blumen in Milch. + +»Er darf das da nicht sehen!« ordnete Karl an. + +Frau Bovary ergriff die Schüssel und setzte sie unter den Tisch. +Bei diesem Sichbücken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber +Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der +Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die Arme +ausstreckte und sich dabei in den Hüften ein wenig hin und her +drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine +Wasserflasche und löste ein paar Stück Zucker in einem Glase. + +In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mädchen hatte +ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen wieder bei +Bewußtsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn herum und +betrachtete sich ihn von oben bis unten. + +»Dummkopf!« brummte er. »Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! Als +obs wer weiß was wäre! Ein bißchen Aderlaß! Weiter nichts! Und das +will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn es gilt, von den höchsten +Bäumen die Nüsse herunterzuholen, da klettert er wie ein +Eichhörnchen ... Na, tu deinen Mund auf und zeig dich mal in +deiner Gloria! Das sind ja nette Eigenschaften für einen, der mal +Apotheker werden will! Ich sage dir: als Apotheker kommt man in +die schwierigsten Lagen. So zum Beispiel vor Gericht als +Sachverständiger. Da heißt es kaltblütig sein, hübsch ruhig +überlegen und ein ganzer Mann sein! Sonst gilt man als +Schwachmatikus ...« + +Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort: + +»Wer hat dir denn übrigens gesagt, daß du hierher gehen sollst? In +einem fort belästigst du Herrn und Frau Doktor! Noch dazu an den +Markttagen, wo du drüben so notwendig gebraucht wirst! Es warten +zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen habe ich alles stehn +und liegen lassen. Marsch! Hinüber! Trab! Gib auf die Arzneien +acht! Ich komme gleich nach!« + +Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und +fort war, plauderte man noch ein wenig über Ohnmachtanfälle. Frau +Bovary sagte, sie hätte noch nie einen gehabt. + +»Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!« behauptete +Boulanger. »Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich sind. Da +hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, daß ein Zeuge ohnmächtig +wurde, als die Pistolen beim Laden knackten.« + +»Was mich anbelangt,« erklärte der Apotheker, »mich stört der +Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloße Gedanke, +ich selber könne bluten, der macht mich schwindlig, wenn ich nicht +schnell an was andres denke.« + +Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er +ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen. + +»Nun ists aber alle mit der Einbildung!« sagte er ihm. »Die hat +mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft«, fügte er hinzu. Bei +dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen Taler auf +die Tischecke, grüßte flüchtig und verschwand. + +Bald darauf erschien er drüben auf dem andern Ufer des Baches. Das +war sein Weg nach der Hüchette. Emma sah ihm von einem der +Hinterfenster nach, wie er über die Wiesen ging, die Pappeln +entlang, langsam wie einer, der über etwas nachdenkt. + +»Allerliebst!« sagte er bei sich. »Wirklich allerliebst, diese +Doktorsfrau. Schöne Zähne, schwarze Augen, niedliche Füße und +schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo mag +sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?« + +Rudolf Boulanger war vierunddreißig Jahre alt von roher Gemütsart +und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit Weibern abgegeben +und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel ihm. Somit +beschäftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann. + +»Ich glaube, er ist mordsblöde. Sie hat ihn satt, zweifelsohne. Er +hat dreckige Fingernägel und rasiert sich nur aller drei Tage. +Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie daheim und +stopft Strümpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach der großen +Stadt und möchte am liebsten alle Abende auf den Ball. Arme kleine +Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein Karpfen auf dem +Küchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und sie ist futsch! +Sicherlich! Das wär was fürs Herze! Scharmant! Aber wie kriegt man +sie hinterher wieder los?« + +Diese Einschränkung des in der Ferne stehenden Genusses erinnerte +ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine Schauspielerin in +Rouen, die er aushielt. Er vergegenwärtigte sich ihren Körper, +dessen er sogar in der Vorstellung überdrüssig war. + +»Ja, diese Frau Bovary,« dachte er bei sich, »die ist viel +hübscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett. +Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft für +Krebse!« + +Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hörte nichts als das +taktmäßige Rascheln der Halme, die er beim Gehen streifte, und das +ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er schaute Emma vor sich, in +ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie gesehen hatte. Und in der +Phantasie entkleidete er sie. + +»Oh, ich werde sie haben!« rief er aus und zerschlug mit einem +Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im Wege lag. + +Sodann überlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er +fragte sich: + +»Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das zustande? +Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das Dienstmädel, +die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche Klatsch! Ach was! +Unnütze Zeitvergeudung!« + +Nach einer Weile begann er von neuem: + +»Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und wie +blaß sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwärmerei!« + +Auf der Höhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig. + +»Ich brauche bloß noch günstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde ein +paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und +Geflügel. Nötigenfalls lasse ich mich ein bißchen schröpfen. Wir +müssen gute Freunde werden. Dann lade ich die beiden zu mir ein +... Teufel noch mal, nächstens ist doch der Landwirtschaftliche +Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie sehen! Dann heißts: +Attacke! Und feste drauf! Das ist immer das Beste.« + + + + +Achtes Kapitel + + +Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der Landwirte! +Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von Yonville an ihren +Haustüren und sprachen von den Dingen, die da kommen sollten. Die +Stirnseite des Rathauses war mit Efeugirlanden geschmückt. Drüben +auf einer Wiese war ein großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen +worden, und mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller, +der die Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd +verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy -- in Yonville gab es +keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen +Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps +vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen +als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein Oberkörper +so steif und starr, daß es aussah, als sei alles Leben in ihm in +seine beiden Beine gerutscht, die sich parademarschmäßig bewegten. +Da der Oberst der Bürgergarde und der Hauptmann der Feuerwehr +eifersüchtig aufeinander waren, wollte jeder den andern +ausstechen, und so exerzierten beide ihre Mannschaft für sich. +Abwechselnd sah man die roten Epauletten und die schwarzen +Schutzleder vorbeimarschieren und wieder abschwenken. Das ging +immer wieder von neuem an und nahm schier kein Ende! + +Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit +gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser +abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den halboffnen +Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da schönes Wetter +war, sahen die gestärkten Häubchen weißer wie Schnee aus, die +Orden und Medaillen blitzten in der Sonne wie eitel Gold, und die +bunten Tücher leuchteten buntscheckig aus dem tristen Einerlei der +schwarzen Röcke und blauen Blusen hervor. Die Pächtersfrauen kamen +aus den umliegenden Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die +langen Nadeln heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt +hatten, damit sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die +Männer andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher +darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten. + +Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der Landstraße +heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und Häuser. Überall +klingelten die Türen, um die Bürgerinnen herauszulassen, die in +Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze wallten. + +Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden Seiten der +vor dem Rathause errichteten Estrade für die Ehrengäste, erregten +ganz besonders die allgemeine Bewunderung. Übrigens hatte man an +den vier Säulen am Rathause so etwas wie vier Stangen +aufgepflanzt; jede trug eine Art Standarte aus grüner Leinwand. +Auf der einen las man: HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der +dritten: INDUSTRIE, der vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT. + +Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann, +warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau Franz, +der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres Gasthofes +stehend, räsonierte sie vor sich hin: + +»So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun! +Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders +ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll, +wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen +Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra einen +Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen übrigens? Für +Kuhjungen und Lumpenpack!« + +Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen, +Lackschuhen und -- ausnahmsweise (statt des gewohnten Käppchens) +-- einem Hut von niedriger Form. + +»Ihr Diener!« sagte er. »Ich habs eilig!« + +Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er: + +»Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst den +ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im Käse +...« + +»In was für Käse?« unterbrach ihn die Wirtin. + +»Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint«, entgegnete Homais. +»Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im allgemeinen +meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute freilich muß ich +in Anbetracht ...« + +»Ah! Sie gehen auch hin?« fragte sie in geringschätzigem Tone. + +»Gewiß gehe ich hin!« sagte der Apotheker erstaunt. »Ich gehöre ja +zu den Preisrichtern!« + +Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte +sie lächelnd: + +»Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die +Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?« + +»Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch +Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, beschäftigt +sich mit den Wechselwirkungen und den Molekularverhältnissen aller +Körper, die in der Natur vorkommen. Folglich gehört auch die +Landwirtschaft in das Gebiet meiner Wissenschaft. In der Tat, die +Zusammensetzung der Düngemittel, die Gärungen der Säfte, die +Analyse der Gase und die Wirkung der Miasmen .., ich bitte Sie, +was ist das weiter als pure bare Chemie?« + +Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort: + +»Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der +Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die +Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat, +die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen +Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die +Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des Wassers, die +Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre Kapillarität! Und +tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den Grundsätzen der Hygiene +völlig vertraut sein, um den Bau von Gebäuden, die Unterhaltung +der Haus- und Arbeitstiere und die Ernährung der Dienstboten +leiten und kontrollieren zu können. Fernerhin, Frau Franz, muß man +die Botanik intus haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden +können, verstehen Sie, die nützlichen von den schädlichen, die +nutzlosen und die nahrhaften, welche Arten man vertilgen und +welche man pflegen, welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen +muß. Kurz und gut, man muß sich in der Wissenschaft auf dem +Laufenden halten, indem man die Broschüren und die öffentlichen +Bekanntmachungen liest, und immer auf dem Damme sein, um mit dem +Fortschritte zu gehen ...« + +Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café Français nicht +aus den Augen. Der Apotheker redete weiter: + +»Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie +hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! Da +habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine +Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: »Der Apfelwein. +Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen +Betrachtungen hierüber.« Ich habe sie der »Rouener Agronomischen +Gesellschaft« übersandt, die mich daraufhin unter ihre +Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für Pomologie) +aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt erschiene ...« + +Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas ganz +andrem in Anspruch genommen war. + +»Sehr richtig!« unterbrach er sich selber. »Eine unglaubliche +Spelunke!« + +Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die Maschen +ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit beiden Händen +deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem wüster Gesang +herüberhallte. + +»Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!« +bemerkte sie. »In acht Tagen ist der Rummel alle!« + +Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam die +drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr: + +»Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er +ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals +abgeschnitten. Mit Wechseln!« + +»Eine fürchterliche Katastrophe!« rief der Apotheker aus, der für +alle möglichen Ereignisse immer das passende Begleitwort zur Hand +hatte. + +Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen. +Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich sie +Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht ausstehen konnte, +mißbilligte sie doch das Vorgehen von Lheureux. Sie nannte ihn +einen Gauner, einen Halsabschneider. + +»Da! Sehen Sie!« fügte sie hinzu. »Da geht er! Unter den Hallen! +Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut auf und +geht am Arm von Herrn Boulanger.« + +»Frau Bovary!« echote Homais. »Ich muß ihr schnell guten Tag +sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der Tribüne +vor dem Rathause erwünscht.« + +Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte +weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit +lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei ihn die +langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde umflatterten, daß +er wer weiß wieviel Raum einnahm. + +Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte. + +Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend und +in brutalem Tone sagte er zu ihr: + +»Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!« + +Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen. + +»Was soll das heißen?« fragte er sie. Dabei blinzelte er sie im +Weitergehen von der Seite an. + +Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre Gedanken. +Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die lichte Luft, +unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen blaßfarbene +Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre Augen blickten +geradeaus unter ihren etwas nach oben gebogenen langen Wimpern. +Obgleich sie völlig geöffnet waren, erschienen sie doch ein wenig +zugedrückt durch den oberen Teil der Wangen, weil das Blut die +feine Haut straffte. Durch die Nasenwand schimmerte Rosenrot, und +zwischen den Lippen glänzte das Perlmutter ihrer spitzen Zähne. +Den Kopf neigte sie zur einen Schulter. + +»Mokiert sie sich über mich?« fragte sich Rudolf. + +In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur +ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von +Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen ins +Gespräch zu kommen. + +»Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- Wir +haben Ostwind!« + +Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux +bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit einem +ewigen »Wie meinen?« dazwischenfuhr, wobei er jedesmal den Hut +lüftete. + +Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab +in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut: + +»Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!« + +»Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!« lachte Emma. + +»Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?« +meinte Rudolf. »Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit +Ihnen ...« + +Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom +schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren +spazieren zu gehen. + +Ein paar Gänseblümchen standen am Raine. + +»Die niedlichen Dinger da!« sagte er. »Und so viele! Genug Orakel +für die verliebten Mädels des ganzen Landes!« Ein paar Augenblicke +später setzte er hinzu: »Soll ich welche pflücken? Was denken Sie +darüber?« + +»Sind Sie denn verliebt?« fragte Emma und hustete ein wenig. + +»Wer weiß?« meinte Rudolf. + +Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr +zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am einen +und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. Häufig mußten +sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch riechender +Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und silbernen +Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand. + +Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach dem +andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an Pfählen +gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten Raumes standen die +Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die ungleich hohen Kruppen in +einer unordentlichen Richtungslinie. Schläfrige Schweine wühlten +mit ihren Rüsseln in der Erde. Kälber brüllten, Schafe blökten. +Kühe lagen hingestreckt, die Bäuche im Grase, die Beine +eingezogen, kauten gemächlich wieder und zuckten mit ihren +schwerfälligen Lidern, wenn die sie umschwärmenden Bremsen +stachen. Pferdeknechte, die Arme entblößt, hielten an +Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern +nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Diese +verhielten sich friedlich und ließen die Köpfe und Mähnen hängen, +während ihre Füllen in ihrem Schatten ruhten und ab und zu an +ihnen saugten. Über der wogenden Masse aller dieser Leiber sah man +von weitem hie und da das Weiß einer Mähne wie eine Springflut im +Winde aufwehen oder ein spitzes Horn hervorspringen, und überall +dazwischen die Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der +Umseilung, etwa hundert Schritte davon entfernt, stand -- +unbeweglich wie aus Bronze gegossen -- ein großer schwarzer Stier +mit verbundenen Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein +zerlumptes Kind hielt ihn an einem Stricke. + +Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin, +besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich +jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, offenbar +der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein Buch. Das +war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr Derozerays, Besitzer +des Rittergutes La Panville. Als er Rudolf bemerkte, ging er +lebhaft auf ihn zu und sagte verbindlich-freundlich zu ihm: + +»Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?« + +Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er jedoch +außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er: + +»Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe lieber +bei Ihnen!« + +Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, was ihn aber +nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als Mitglied des +Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, wenn er irgendwo +durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach blieb er auch vor +dem oder jenem »Prachtstück« stehen. Frau Bovary bewunderte nichts +mit. Das beobachtete er, und nun begann er spöttische Bemerkungen +über die Toiletten der Damen von Yonville loszulassen. Dabei +entschuldigte er sich, daß er selber auch nicht elegant gehe. +Seine Kleidung war ein Nebeneinander von Alltäglichkeit und +Ausgesuchtheit. Der oberflächliche Menschenkenner hält derlei +meist für das äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die +bizarr in ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem +Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder Bewunderung +davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit gefälteten Manschetten +bauschte sich im Ausschnitt seiner grauen Flanellweste, wie es dem +Winde gerade gefiel; seine breitgestreiften Hosen reichten nur bis +an die Knöchel und ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf +deren spiegelblanke Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat +unbekümmert in die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der +Rocktasche, und der Hut saß ihm schief auf dem Kopfe. + +»Ein Bauer wie ich ...«, meinte er. + +»Bei dem ist Hopfen und Malz verloren«, scherzte Emma. + +»Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen +Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu beurteilen.« + +Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart +des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat. + +»Darum verfalle ich der Melancholie ...«, sagte er. + +»Sie?« erwiderte Emma erstaunt. »Ich halte Sie gerade für sehr +lebenslustig.« + +»Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die Maske des +Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich beim Anblick eines +Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob einem nicht am wohlsten +wäre, wenn man schliefe, wo die Toten schlafen ...« + +»Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!« + +»Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich +niemand.« + +Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich. + +Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich +ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen +schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm sah +als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war Lestiboudois, +der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle herbeischaffte. +Findig, wie er immer war, wo es etwas zu verdienen gab, war er auf +den Einfall gekommen, aus dem Bundestage seinen Vorteil zu +schlagen. Und damit hatte er sich nicht verrechnet; er wußte gar +nicht, wen er zuerst befriedigen sollte. Die Bauern, denen es heiß +war, rissen sich förmlich um diese Stühle, deren Strohsitze nach +Weihrauch dufteten. Sie lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung +gegen die hohen wachsbeklecksten Stuhlrücken. + +Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als spräche +er mit sich selbst. + +»Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, wenn +mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen +Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ... +Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre über +alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles überwunden ...« + +»Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert«, wandte +Emma ein. + +»So, finden Sie?« + +»Zum mindesten sind Sie frei ...« Sie zögerte. »... und reich!« + +»Spotten Sie doch nicht über mich!« bat er. + +Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß. +Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. Aber es +war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch gar nicht da. +Der Festausschuß war nun in der größten Verlegenheit. Sollte der +feierliche Akt beginnen, oder sollte man noch warten? + +Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige Mietkutsche +auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein Kutscher im +Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche loshieb. + +Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast: + +»An die Gewehre!« + +Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu. + +Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche der +Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen zuzuknöpfen. +Aber der Landauer des Herrn Landrats schien die Verwirrung zum +Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im langsamsten Zotteltrabe +gerade in dem Moment vor der Vorhalle des Rathauses an, als sich +Feuerwehr und Bürgergarde in Reih und Glied unter Trommelschlag +davor aufgestellt hatten. + +»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« kommandierte Binet. + +»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« der Oberst auf der +andern Seite. + +Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel +eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so. + +Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer +silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein +Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war +offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen, +kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen, +halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und +seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den +Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der +Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei +Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche Redensarten. + +Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat +erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht +gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der Festausschuß, +der Gemeinderat, die Honoratioren, die Bürgergarde und das +Publikum. Der Regierungsrat schwenkte seinen kleinen schwarzen +Dreimaster gegen die Brust und sagte ein paar Begrüßungsworte. +Währenddem klappte Tüvache in einem fort wie ein Taschenmesser +zusammen, lächelnd, stotternd, nach Worten suchend. Darauf +beteuerte er die Königstreue der Yonviller und dankte für die +ihnen widerfahrene große Ehre. + +Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die Pferde +der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt humpelnd nach dem +Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von gaffenden Landleuten +stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller krachte. + +Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem +Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten +Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung +gestellt worden waren. + +Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose +blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas +gebräunt waren, buschige Backenbärte, die sich unter hohen steifen +Halskragen verloren, und weiße, sorglich gebundene Krawatten. Die +Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale +Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die +Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam +zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte +mehr als das Leder ihrer derben Stiefel. + +Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf, +unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge +dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. Der +Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle +rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus der +Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges +Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe der +Estrade dringen konnte. + +»Ich finde,« sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der +Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, »man hätte +zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit irgendeinem +schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer Nouveauté. +Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!« + +»Gewiß!« meinte Homais. »Aber Sie wissen ja! Der Bürgermeister +macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er hat nicht viel +Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen Sinn nun gleich +gar nicht!« + +Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des +Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer war, +erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das Schauspiel +bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem ovalen Tisch, der +unter der Büste von Majestät stand, und trug sie an eins der +Fenster. + +Die beiden setzten sich nebeneinander hin. + +Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte und +tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem Sitze. Man +hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und nun lief sein +Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er ein paar Zettel +geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten hatte, begann er: + +»Meine Herren! + +Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung +eingehe, sei es mir zunächst gestattet, -- und ich bin überzeugt, +Sie sind insgesamt damit einverstanden! -- sei es mir gestattet, +sage ich, der Behörden und der Regierung zu gedenken, vor allem, +meine Herren, Seiner Majestät, unsers allergnädigsten und +allverehrten Landesherrn, dem jedes Gebiet der öffentlichen und +privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, der mit sicherer und kluger +Hand das Staatsschiff durch die unaufhörlichen Gefahren eines +stürmischen Ozeans lenkt und dabei jedem sein Recht läßt, dem +Frieden wie dem Kriege, der Industrie, dem Handel, der +Landwirtschaft, den Künsten und Wissenschaften ...« + +»Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück«, sagte Rudolf. + +»Warum?« fragte Emma. + +In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates +besonderen Schwung. Er deklamierte: + +»Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der +Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der +Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er +abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch das +Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu werden, wo +Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...« + +»Nur weil man mich von unten bemerken könnte«, gab Rudolf zur +Antwort. »Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen. +Und bei meinem schlechten Rufe ...« + +»Sie verleumden sich«, warf Emma ein. + +»I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.« + +»Meine Herren!« fuhr der Redner fort. »Wenn wir unsre Blicke von +diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den +gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: was +sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und Künste in +Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam +wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue +Beziehungen, neues Leben. Unsre großen Industriezentren sind von +neuem in vollster Tätigkeit. Die Religion ist gekräftigt und wärmt +wieder aller Herzen. Unsre Häfen strotzen, der Staatskredit ist +fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...« + +»Das heißt,« sagte Rudolf, »vom gesellschaftlichen Standpunkt hat +man vielleicht recht.« + +»Wie meinen Sie das?« fragte sie. + +»Wissen Sie denn nicht,« erläuterte er, »daß es problematische +Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie +den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genüssen. Nichts ist +ihnen zu toll, zu phantastisch ...« + +Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte +sie: + +»Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher Kontraste +verboten!« + +»Schöne Freuden!« entgegnete er bitter. »Das Glück liegt wo ganz +anders!« + +»Ach, so findet mans nirgends?« + +»Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!« flüsterte er. + +»Und das wissen Sie alle gerade am besten,« fuhr der Regierungsrat +fort, »Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter sind, friedliche +Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer des Fortschrittes und der +Ordnung! Sie wissen das, sage ich, daß politische Stürme weit +furchtbarer sind denn Stürme in der Natur ...« + +»Ja, eines Tages begegnet man ihm!« wiederholte Rudolf, »ganz +unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! Dann +öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe eine Stimme: +'Hier ist das Glück!' Und dem Menschen, den Sie da gefunden haben, +dem müssen Sie aus innerm Drange heraus ihr Leben anvertrauen, ihm +alles geben, alles opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles +ist nur Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland +gesehen ...« + +Er blickte Emma an. + +»Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat, +leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn für +ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist +geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die Sonne ...« + +Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte +auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er sie +auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg. + +Der Rat sprach immer weiter: + +»Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens Leute, +die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, dieses +Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile abgetaner +Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer verkennen. +Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus als auf dem Lande? Wo +mehr Opferfreudigkeit in Dingen des Gemeinwohls? Mit einem Worte: +wo mehr Intelligenz? Meine Herren, ich meine natürlich nicht jene +oberflächliche Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten, +nein, ich meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich +nur mit ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile +des Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine +Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor den +Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...« + +»Pflichterfüllung!« wiederholte Rudolf. »Immer und überall die +Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten +Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit Wärmbullen +und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte Litanei vor: 'Die +Pflicht, die Pflicht!' Der Teufel soll sie holen! Unsre Pflicht +ist es, alles Große in der Welt mitzufühlen, das Schöne anzubeten +und sich nicht immer gleich unter alle möglichen +gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, sich nicht zu Sklaven +herabwürdigen zu lassen ...« + +»Indessen ... indessen ...«, wandte Emma ein. + +»Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind +sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden gibt, der +Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der Dichtung, der Musik, +aller Künste, alles Lebens im wahren Sinne?« + +»Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten +und sich ihrer Moral fügen«, meinte Emma. + +»So! Das ist dann eben die doppelte Moral,« eiferte er. »Die eine: +die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem fort ein +andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im trüben fischt +und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all der versammelten +Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, die um uns ist und +über uns wie die Landschaft, die uns umprangt, und der blaue +Himmel, der über uns leuchtet ...« + +Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach +er weiter: + +»Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier +noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? Wer +schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der Landmann? Er +und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit seiner +schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden Furchen sät, +verdanken wir das Getreide, das dann, von sinnreichen Maschinen zu +Mehl gemahlen, in die Städte zu den Bäckern kommt, die Brot daraus +backen für arm und reich! Ist es nicht der Landmann, der auf den +Weiden die Schafherden hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten +wir uns anziehen, wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber, +meine Herren, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht +jeder von uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen +Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe ist und +uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen saftigen Braten für +unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme nicht zu Ende, wenn +ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse lückenlos aufzählen +müßte, mit denen die wohlbebaute Erde wie eine großmütige Mutter +ihre Kinder überschüttet. Ich nenne nur den Weinstock, den Baum, +der uns den Apfelwein spendet, und den Raps. Dann haben wir den +Käse und den Flachs. Meine Herren, vergessen wir den Flachs nicht! +Der Flachsbau hat in den letzten Jahren einen bedeutenden +Aufschwung genommen, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit ganz +besonders hinlenken möchte ...« + +Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte +offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der +Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit +aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und wieder +voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz etwas weiter +weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um Silbe für Silbe +ordentlich zu verstehen. Die übrigen Preisrichter nickten +bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um ihre Zustimmung zu +erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich auf ihre Gewehre, +und Binet stand immer noch stramm da im Stillgestanden und mit +vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. Hören konnte er vielleicht, aber +sehen nicht, weil ihm die Blende seines Helms bis über die Nase +reichte. Sein Leutnant, der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte +einen noch größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend +auf dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines seidnen +Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er lächelte wie ein +artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein schmales blasses +Gesicht, über das Schweißtropfen rannen, verriet zugleich helle +Freude und müde Abspannung. + +Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In +allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen Türschwellen. +Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, ganz versunken in +das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um den Redner herum +Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch bereits in einiger +Entfernung im Winde. Nur einzelne abgerissene Worte drangen +weiter, von denen das Geräusch hin- und hergerückter Stühle auch +noch einen Teil verschlang. Noch weiter weg vernahm man dicht +hinter sich langgedehntes Rindergebrüll oder das Blöken der +Schafe, die sich einander antworteten. Die Kuhjungen und Hirten +hatten nämlich ihre Tiere inzwischen bis auf den Markt getrieben, +wo sie sich nun von Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten. + +Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig zu: + +»Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum Rebellen +machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie nicht verdammt? Die +edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden von ihr verfolgt +und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen trotz alledem +finden, so verbündet sich alles, damit sie einander nicht gehören +können. Aber sie werden es dennoch versuchen, sie regen ihre +Flügel, und sie rufen sich. Früher oder später, in sieben Monaten +oder in sieben Jahren, sind sie doch vereint in ihrer Liebe, weil +es das Schicksal so will und weil sie füreinander geschaffen sind +...« + +Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, und +so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem Blicke. Sie +konnte in seinen Augen die kleinen goldnen Kreislinien sehen, um +die schwarzen Pupillen herum, und sie roch sogar das leise Parfüm +in seinem Haar. Wollüstige Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte, +mit dem sie im Schlosse Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den +Sinn. Sein Bart hatte genau so geduftet wie dieses Haar, nach +Vanille und Zitronen. Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um +den Geruch stärker zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl +zurücklehnte, fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern +am Horizonte, die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine +lange Staubwolke nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war +Leo so oft zu ihr zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er +von ihr weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu +sehen, im Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel +zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals im +Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des Vicomte. Und +Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... Dabei spürte sie +in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. Die süße Empfindung +seiner Nähe vermählte sich mit den alten Gelüsten; und wie +Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten sie diese Gefühle +zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten ihr die Seele. Ein +paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um -- stoßweise -- den +frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die um die Säulen +geschlungen waren. + +Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die +feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem +Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern des +Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und die immer noch +Phrasen dreschende Stimme des Regierungsrates verworren vernahm. + +Er predigte: + +»Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich +nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten +Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen +Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die +Verbesserung des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung +der Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese +Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem +der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt +wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft +wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes +Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine +Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für Eure +stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge des +Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch ermutigt und +beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden hin recht geben +wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, die Bürde Eurer +opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!« + +Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr +Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so +schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, das +heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden +Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer gefaßt; +die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft und der +Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden +beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation +gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume, +Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der +menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen +Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte. +Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch +bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies nun +ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen ungleich +mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte Derozerays +allerhand Betrachtungen an. + +Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die +Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom +Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen +Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr +eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau +auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen +gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei. + +»Nehmen Sie beispielsweise uns beide!« sagte er. »Warum haben wir +uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall gefügt? War es +nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, der uns gegenseitig +einander zuführte, wie zwei Ströme ineinander fließen, jeder von +weiter Ferne her?« + +Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht. + +»Preis für gute Bewirtschaftung ...«, rief unten der Redner. + +»Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus +kam ...« + +»Herrn Bizet aus Quincampoix!« + +»Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden sollten?« + +»Siebzig Franken ...« + +»Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu +Ihnen gekommen und hier geblieben ...« + +»Für Erfolge im Düngen.« + +»... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...« + +»Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!« + +»... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so völlig +bezaubert ...« + +»Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...« + +»... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...« + +»... für einen Merino-Schafbock ...« + +»Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen vorübergewandelt +wie ein Schatten!« + +»Herrn Belot aus Notre-Dame ...« + +»Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner +erinnern?« + +»Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den +Herren Lehérissé und Cüllembourg!« + +Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und +zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei es +nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß sie +Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit ihren +Fingern eine Bewegung. Da rief er aus: + +»Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind so +gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur sehen, +nur anschauen!« + +Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke +des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die +mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße +Schmetterlingsflügel auf. + +»Für die Herstellung von Ölkuchen ...« + +Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen. + +»Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ... +Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...« + +Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas trockne +Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von selbst +verschlangen sich ihre Hände. + +»Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière für +vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben Gute eine +silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!« + +Nach einer Weile hört man: »Wo ist Katharine Leroux?« + +Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen. + +»Geh doch!« + +»Ach nein!« + +»Brauchst keine Angst zu haben!« + +»Nee, ist die dumm!« + +»Hier! Hier steckt sie!« + +»So mag sie doch vorkommen!« rief der Bürgermeister dazwischen. + +Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur +Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen +aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die Hüften +eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von einer +schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter +Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke langten zwei dürre +Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der +Lauge der Wäsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig, +hart und rissig, daß sie wie schmutzig aussahen, und doch waren +sie in reinem Wasser tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige +Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an +ihrer demütigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig +Dienste zu empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus +den Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von +Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht, +nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit Tieren war +ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum +ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen, +der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Röcken, das +Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das +erschüttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wußte +nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie +begriff nicht, warum man sie nach vorn drängte und warum ihr die +Preisrichter freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen +behäbigen Bürgern als ein verkörpertes halbes Säkulum der +Knechtschaft. + +»Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia Elisabeth +Leroux!« sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrönten +aus den Händen des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er +abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte +er in väterlichem Tone: + +»Näher, immer näher!« + +»Sind Sie denn taub?« rief Tüvache heftig und sprang von seinem +Sitze auf. + +»Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille im +Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!« wurde ihr laut +gesagt. + +Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln +des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte man sie vor +sich hinmurmeln: + +»Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er +mir dermaleinst eine Messe liest.« + +»Selig die Geistesarmen!« meinte der Apotheker, zum Notar gewandt. + +Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und +nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder +seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren +schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das Vieh, +das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe +zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren. + +Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in +den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte +einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte sich die +spendierten Butterbrote auf die Bajonette. + +Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe nahmen sie +Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein +durch die Wiesen spazieren. + +Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung schlecht. +Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen gar keine +Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bänke dienten, +drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. Man aß +unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen +perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und den +Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über dem +Flusse an einem Herbstmorgen. + +Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich völlig +in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und hörte. Hinter +ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die +gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab +er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das Glas, ohne daß er es +wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer stärker werdenden Lärmes war +es in ihm ganz still. Er sann über das nach, was Emma gesagt +hatte, und über die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte +ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar +aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte +Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in +der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter +Tage. + +Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der +Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der +letztere beunruhigte sich sehr über die Möglichkeit, daß einmal +eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen könnte. Aller +Augenblicke verließ er seine Freunde, um Binet zur größten +Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskörper waren vorher aus +übertriebener Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt +worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzündete +sich nun schwer, und das Hauptstück, eine Schlange, die sich in +den Schwanz beißt, versagte vollständig. Ab und zu zischte ein +dürftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergnügen +laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der +Weiber, die im Dunkeln von dreisten Händen angefaßt wurden. + +Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben, +verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen +Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und +nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein +paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch über das +unbedeckte Haar. + +In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom +Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf +seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines +Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach +den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster. + +»Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen«, +bemerkte der Apotheker. »Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich +am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche +vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine +Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen Sie!« + +Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade +anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach +seiner Drehbank. + +»Vielleicht täten Sie gut,« mahnte ihn Homais, »wenn Sie einen von +Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen +...« + +»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« murrte der Steuereinnehmer. »Das +hätte ja gar keinen Sinn!« + +Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden. + +»Wir können völlig beruhigt sein«, sagte er zu ihnen. »Herr Binet +hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen +sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen +stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!« + +»Ach ja! Ich habs sehr nötig!« erwiderte Frau Homais, die schon +immer tüchtig gegähnt hatte. »Aber schön wars doch!« + +Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke: + +»Wunderschön!« + +Dann verabschiedete man sich und ging voneinander. + +Zwei Tage darauf stand im »Leuchtturm von Rouen« ein langer +Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker +hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt. + +»Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin wälzt +sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen Weltmeeres +unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren +sengt?« + +Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. »Gewiß, die +Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend +Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!« Bei der +Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er »das +martialische Aussehen unsrer Miliz«, die »behenden Dorfschönen,« +die »kahlköpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der +unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der +Trommeln höher schlagen.« Seinen eigenen Namen zählte er unter den +Preisrichtern als ersten auf und erwähnte in einer Anmerkung +sogar, daß Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlängst eine +Denkschrift über den Apfelwein an die Rouener Agronomische +Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt, +schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer +Begeisterung. »Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren +Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll +Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles +Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand +gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl +in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese errichteten großen +Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende +herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere Toaste wurden +ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestät, +Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr +Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft, +Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die +Künste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den +Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk +plötzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres +Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte +sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht +entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß +auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestört +hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit. +Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und +Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jünger Loyolas!« + + + + +Neuntes Kapitel + + +Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines +Spätnachmittags, erschien er. + +»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein +Fehler!« + +Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd +hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein +Gedankengang war folgender: + +»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach +dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten +wir also noch eine Weile!« + +Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß +wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte. + +Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den +Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall +des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der +Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer. + +Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine +ersten Höflichkeitsworte. + +»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.« + +»Ernstlich?« fragte sie erregt. + +»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen +niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht +wiederkommen.« + +»Warum?« + +»Erraten Sie es nicht?« + +Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot +wurde und die Augen senkte. + +Er begann von neuem: + +»Emma!« + +»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab. + +»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich +hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser +Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir entschlüpft, +und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt +nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name -- eines +andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt +sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an +Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen +Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg +... so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber +heute ... heute ... ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt +hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner +kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt +sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert +ist!« + +Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie +sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem +Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost. + +»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort, +»wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch +wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für +Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu +schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem +Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das +Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben +hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß +da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein +Unglücklicher stand ...« + +Sie schluchzte auf und sah ihn an. + +»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie. + +»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen +Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!« + +Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche +her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht +geschlossen. Er erinnerte sich daran. + +»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend, +»wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.« + +Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen. +Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da +trat Karl ein. + +»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf. + +Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel +schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen +wurde der andre wieder völlig Herr der Situation. + +»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...«, +begann er. + +Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau +habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten. + +Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre. + +»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein +guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!« + +Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins +an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in +sie. Dann erzählte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein +Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide +immer noch an Schwindelanfällen. + +»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary. + +»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder +zusammen. Das ist bequemer für Sie!« + +»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!« + +Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl: + +»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger +abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!« + +Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie +sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es +»komisch« finden. + +»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche +Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht +richtig von dir!« + +»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!« + +»Dann mußt du dir eins bestellen!« + +Das Reitkleid gab den Ausschlag. + +Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe +ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an. + +Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem +Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder +und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus +feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch +nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen +entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und +den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn +gewartet und war bereit. + +Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den +Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei +gute Ratschläge. + +»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie +vorsichtig! Sind die Tiere fromm?« + +Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der +Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta +einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen +zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte. + +»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht +vorsichtig!« + +Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit +seiner Zeitung. + +Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von +selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an. +Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig +eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem +Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden +Galoppade. + +Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die +Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter. + +Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In +langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die +Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel +auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann +erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von +Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und +Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus +herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie +da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten, +glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen, +verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm +herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der +hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt. + +Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die +laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die +Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den +Hufen berührt. + +Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur +Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der +Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die +unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde +keuchten. + +Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor. + +»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf. + +»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie. + +»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge. +Beide Tiere gehorchten. + +Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen +sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt, +bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein +paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende +Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie +ihr linkes Bein berührte. + +Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte +sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden +Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben +und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen +auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise +krächzend flogen Raben um die Eichen. + +Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus, +den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes +Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen +Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem +schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres +Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand. + +Emma blieb stehen. + +»Ich bin müde!« sagte sie. + +»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!« + +Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue +Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften +herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus, +wie in das Blau des Himmels getaucht. + +»Wohin gehen wir denn?« + +Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und +biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der +gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen. + +Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht +durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst, +schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit +der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem +Satze: + +»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen +zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn: + +»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!« + +Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so +blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht +schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig: + +»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern +Pferden!« + +Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte: + +»Gehen wir zu unsern Pferden!« + +Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten +Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich +zitternd zurück und stammelte: + +»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!« + +»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck +wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern +aus. + +Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an. + +»Was hatten Sie denn vorhin?« fragte er. »Was war es? Ich habe Sie +nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. Sie thronen +in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar! +Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre Augen sehen, Ihre +Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin, +meine Schwester, mein Schutzengel!« + +Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm +sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie +nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von den +Bäumen rupften. + +»Noch nicht!« bat Rudolf. »Reiten wir noch nicht zurück! Bleiben +Sie!« + +Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen Weihers, +dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf +träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer Schritte im +Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden. + +»Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! Ich +bin toll, daß ich auf Sie höre!« + +»Warum? Emma! Emma!« + +»Ach, Rudolf!« flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn +anschmiegte. + +Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog +ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer schwellte. Halb +ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände auf ihr Gesicht +pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin ... + +Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und +flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub +und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten Kolibris im +Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes +Schweigen. Die Bäume atmeten süße Melancholie. + +Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch +den Körper kreiste. + +In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein +langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie +schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen +ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ... + +Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines +Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her. + +Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im +weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider +Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder und +einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verändert, +und doch kam es Emma vor, als sei etwas höchst Bedeutsames +geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von +Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herüber, um ihre rechte +Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand Emma im Sattel entzückend +aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der +schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft +geröteten Wangen, -- alles im Abendrot. + +Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal +machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu. + +Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich aus. +Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen +sei, tat sie, als hätte sie die Frage überhört. Sie stützte sich +auf die Ellenbogen und starrte über ihren Teller weg in die +flackernden Kerzen. + +»Emma!« + +»Was denn?« + +»Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. Er +hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die +Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für hundert +Taler ...« Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar +Augenblicken fort: »Ich habe gedacht, es sei dir erwünscht, und da +habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... nein, gleich +gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!« + +Sie nickte bejahend mit dem Kopfe. + +Eine Viertelstunde später fragte sie: + +»Gehst du heute abend aus?« + +»Ja. Warum denn?« + +»Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!« + +Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und +schloß sich ein. + +Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die +Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine +Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte. +Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte über ihr +Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und +wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam +sich wie verklärt vor. + +Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen +Geliebten!« + +Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib +geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die +fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr +gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles +Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit +breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das +Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg +von diesen Höhen, lag der Alltag. + +Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar +empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den +Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene +Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer +Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der +amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefühl +befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt +triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit +wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß ihre +Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne Wirrungen. + +Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich +ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. Er +unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen +an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und +ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war wiederum im +Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die Wände waren +von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man drin nicht +aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander auf einer +Streu von trocknem Laub. + +Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle Abende. +Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen +lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach führte, verbarg. +Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine +Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle Tage beklagte. + +Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war, +geriet sie plötzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu +wollen. Ehe die Yonviller aufständen, konnte sie nach der Hüchette +gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurückkommen. Dieser +Plan ließ sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar +Augenblicke später war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich +umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs. + +Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut +des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem +höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab. + +Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte das +Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als öffnete sich +ihr alles von selbst. Eine breite Treppe führte auf einen Gang. +Emma drückte auf die Klinke einer Tür, und da erblickte sie im +Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie +frohlockte laut. + +»Du? Du!« rief er aus. »Wie hast du das fertig gebracht? Dein Kleid +ist feucht ...« + +»Ich liebe dich!« war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den +Hals schlang. + +Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, kleidete +sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, rasch an und +schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf +dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache führte, aus dem Hause. +Aber wenn die Planke, die als Steg über das Wasser diente, +zufällig weggenommen war, mußte sie ein Stück bis zum nächsten +Steg an den Gartenmauern längs des Baches hingehen. Die bewachsene +Böschung war steil und glitschig, und so mußte sie sich mit der +einen Hand an Büscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten, +um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein über die +Äcker, ungeachtet, daß ihre zierlichen Schuhe einsanken, daß sie +oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um +Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor +den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden +Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns +und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann +meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der +leibhaftgewordene Frühlingsmorgen. + +Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende +goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen +fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern +leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf +zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz. + +Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf, +kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem +Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in den +Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und +Zuckerstücken, neben der Wasserflasche. + +Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma +vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm +weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von +neuem in seine Arme. + +Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein +bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wäre. + +»Was hast du denn?« fragte sie. »Hast du Schmerzen? Sprich!« + +Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begönnen +unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Allmählich machten Rudolfs Befürchtungen auf Emma Eindruck. Zuerst +hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an nichts andres +gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu einer Lebensbedingung +geworden war, erwachte die Furcht in ihr, es könne ihr etwas davon +verloren gehen oder man könne sie ihr gar stören. Wenn sie von dem +Geliebten wieder heimging, hielt sie mit rastlosen Blicken +Umschau; sie spähte nach allem, was sich im Gesichtskreise regte, +sie suchte die Häuser des Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob +jemand sie beobachte. Sie lauschte auf jedes Geräusch, jeden +Tritt, jedes Rädergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und +zittriger als das Laub der Pappeln, die sich über ihrem Haupte +wiegten. + +Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem Male den +Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte schräg über den +oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hälfte in einem Graben +stand und vom Gebüsch verdeckt wurde. Vor Schreck halb ohnmächtig +ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann aus der Tonne wie +ein Springteufel aus seinem Kasten. Er trug Wickelgamaschen bis +an die Knie, und die Mütze hatte er tief ins Gesicht +hereingezogen, so daß man nur eine rote Nase und bebende Lippen +sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, der auf dem Anstand lag, +um Wildenten zu schießen. + +»Sie hätten schon von weitem rufen sollen!« schrie er ihr zu. +»Wenn man ein Gewehr sieht, muß man sich bemerkbar machen!« + +Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst +zu bemänteln. Es bestand nämlich eine landrätliche Verordnung, +nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne aus betreiben +durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte sich also Binet +einer Übertretung schuldig. Deshalb schwebte er in steter Furcht, +der Landgendarm könne ihn erwischen, und doch fügte die Aufregung +seinem Vergnügen einen Reiz mehr zu. Wenn er so einsam in seiner +Tonne saß, war er stolz auf sein Jagdglück und seine Schlauheit. + +Als er erkannte, daß es Frau Bovary war, fiel ihm ein großer Stein +vom Herzen. Er begann sofort ein Gespräch mit ihr. + +»Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!« + +Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort: + +»Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?« + +»Jawohl!« stotterte sie. »Ich war bei den Leuten, wo mein Kind +ist...« + +»So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon +seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, daß man +auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...« + +»Adieu, Herr Binet!« unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von +ihm ab. + +»Ihr Diener, Frau Bovary!« sagte er trocken und kroch wieder in +seine Tonne. + +Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen +gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige +Vermutungen. Auf eine dümmere Ausrede hätte sie auch wirklich +nicht verfallen können, denn in ganz Yonville wußte man, daß das +Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und sonst +wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg führte einzig und +allein nach der Hüchette. Somit mußte Binet erraten, wo Emma +gewesen war. Sicherlich würde er nicht schweigen, sondern es +ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle möglichen +Lügen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit seiner +Jagdtasche vor Augen. + +Als Karl nach dem Essen merkte, daß Emma bekümmert war, schlug er +ihr vor, zur Zerstreuung mit zu »Apothekers« zu gehen. + +Die erste Person, die sie schon von draußen in der Apotheke im +roten Lichte erblickte, war -- ausgerechnet -- der +Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade: + +»Ich möchte ein Lot Vitriol.« + +»Justin,« schrie der Apotheker, »bring mir mal die Schwefelsäure +her!« Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum +Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte. + +»Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden +Augenblick herunter. Wärmen Sie sich inzwischen am Ofen ... +Entschuldigen Sie!« Und zu Bovary sagte er: »Guten Abend, Doktor!« +Der Apotheker pflegte nämlich diesen Titel mit einer gewissen +Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der darauf +ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen würfe. »Justin, nimm dich +aber in acht und wirf mir die Mörser nicht um! So! Und nun holst +du ein paar Stühle aus dem kleinen Zimmer! Aber nicht etwa die +Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?« + +Homais wollte selber zu seinen Fauteuils stürzen, aber Binet bat +noch um ein Lot Zuckersäure. + +»Zuckersäure?« fragte der Apotheker eingebildet. »Kenne ich nicht! +Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsäure? Also +Oxalsäure, nicht wahr?« + +Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, daß er nach einem +selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur +Reinigung von verrostetem Jagdgerät. + +Bei dem Wort »Jagd« schrak Emma zusammen. + +Der Apotheker versetzte: + +»Gewiß! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!« + +»Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!« meinte Binet +bissig. + +Emma bekam keine Luft. + +»Und dann möcht ich noch ...« + +»Will er denn ewig hier bleiben!« seufzte sie bei sich. + +»... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes Wachs +und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren meines +Lederzeugs.« + +Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als seine Frau +erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, und Athalia +hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plüsch überzogene +Fensterbank. Der Junge lümmelte sich auf einen niedrigen Sessel, +während sich seine ältere Schwester am Kasten mit den Malzbonbons +zu schaffen machte, in nächster Nähe von »Papachen«, der mit dem +Trichter hantierte, die Fläschchen verkorkte, Etiketten darauf +klebte und dann alles zu einem Paket verpackte. Um ihn herrschte +Schweigen. Man hörte nichts, als von Zeit zu Zeit das Klappern der +Gewichte auf der Wage und ein paar leise anordnende Worte, die der +Apotheker dem Lehrling erteilte. + +»Wie gehts Ihrem Töchterchen?« fragte plötzlich Frau Homais. + +»Ruhe!« rief ihr Gatte, der den Betrag in das Geschäftsbuch +eintrug. + +»Warum haben Sies nicht mitgebracht?« fragte sie weiter. + +»Sst! Sst!« machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem +Apotheker. + +Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht +darauf gehört zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stieß Emma +einen lauten Seufzer aus. + +»Bißchen asthmatisch?« bemerkte Frau Homais. + +»Ach nein, es ist nur recht heiß hier!« entgegnete Frau Bovary. + +Alles das hatte zur Folge, daß die Liebenden tags darauf +beschlossen, ihre Zusammenkünfte anders einzurichten. Emma schlug +vor, ihr Hausmädchen ins Vertrauen zu ziehen und durch ein +Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es für besser, in +Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig zu machen. Er +versprach, sich darnach umzusehen. + +Den ganzen Winter über kam er drei- oder viermal in der Woche bei +Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlüssel zur +Hinterpforte gegeben, während Karl glaubte, er sei verloren +gegangen. Zum Zeichen, daß er da war, warf Rudolf jedesmal eine +Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, aber +oft mußte sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, am +Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma verging +beinahe vor Ungeduld und wünschte ihren Mann wer weiß wohin. +Schließlich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann nahm sie +ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch über alle Maßen +fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief ihr zu, sie solle +auch schlafen gehn. + +»Komm doch, Emma!« rief er. »Es ist schon spät!« + +»Gleich! Gleich!« erwiderte sie. + +Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und +schlief ein. Sie schlüpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, lächelnd, +zitternd, halbnackt. + +Rudolf hüllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, schlang +die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den Garten, in die +Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie dereinst so oft mit +Leo gesessen hatte. Das war an Sommerabenden gewesen. Wie verliebt +hatten seine Augen geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr +an ihn. + +Durch die kahlen Zweige der Jasminbüsche funkelten die Sterne. +Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am +Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich im +Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben bekam, +sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein schwarzes Ungetüm +auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu erdrücken. + +In der Kälte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und +ihr Liebesgestammel um so inbrünstiger. Ihre Augen, die sie +gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen größer, und in +der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflüsterten Worte +einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und zitterten +in ihnen tausendfach wider. + +Wenn die Nacht regnerisch war, flüchteten sie in Karls +Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem Pferdestall +gelegen war. Emma zündete eine Küchenlampe an, die sie hinter den +Büchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte sichs bequem, als sei +er zu Hause. Der Anblick der »Bibliothek«, des Schreibtisches, der +ganzen Einrichtung erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht +umhin, über Karl allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hörte. +Sie hätte ihn viel lieber ernst sehen mögen, ihretwegen +theatralischer, wie er es einmal gewesen war, als sie in der +Pappelallee das Geräusch von näherkommenden Tritten hinter sich zu +vernehmen wähnten. + +»Es kommt jemand!« sagte sie einmal. + +Er blies das Licht aus. + +»Hast du eine Pistole bei dir?« + +»Wozu?« + +»Damit du ... dich ... verteidigen kannst!« + +»Gegen deinen Mann? Der arme Junge!« Dazu machte er eine Gebärde, +die etwa sagen sollte: »Der mag mir nur kommen!« + +Dieser Mut entzückte sie, wenngleich sie die Unzartheit und +urwüchsige Roheit heraushörte und darüber entsetzt war. + +Rudolf dachte viel über diese kleine Szene nach. + +»Wenn das ihr Ernst war,« sagte er sich, »so war das recht +lächerlich, sogar häßlich.« Er hatte doch wahrlich keinen Anlaß, +ihren gutmütigen Mann zu hassen. Sozusagen »von Eifersucht +verzehrt«, das war er nicht. Überdies hatte ihm Emma ihre +körperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, der ihm +ziemlich abgeschmackt erschienen war. Überhaupt fing sie an, recht +sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit ihr tauschen +müssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze Handvoll Haare +für einander abgeschnitten, und jetzt wünschte sie sich sogar +einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen ewiger +Zusammengehörigkeit. Häufig schwärmte sie ihm von den Abendglocken +vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie erzählte von ihrer +seligen Mutter und wollte von der seinigen etwas wissen. Rudolfs +Mutter war schon zwanzig Jahre tot. Trotzdem tröstete ihn Emma mit +allerlei Koseworten der Klein-Kindersprache, als ob es gölte, ein +Wickelkind zu beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen +aufblickend, ausgerufen: + +»Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mütter segnen unsre +Liebe!« + +Aber sie war so hübsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er +noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzüchtigkeiten war +ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, das seinen +Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verführerisch umschmeichelte. +Selbst Emmas Überschwenglichkeiten, so zuwider sie einem +Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei näherer Betrachtung +reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so sicher war, daß +er geliebt wurde, ließ er sich gehen, und allmählich änderte sich +sein Benehmen. + +Nicht mehr wie einst hatte er für sie jene süßen Worte, die Emma +zu Tränen rührten, nicht mehr die stürmischen Liebkosungen, die +sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr vor, als ob der Strom +ihrer eignen großen Liebe, in der sie völlig untergetaucht war, +niedriger würde; sie sah gleichsam auf den schlammigen Grund. Vor +dieser Erkenntnis schauderte sie, und darum verdoppelte sie ihre +Zärtlichkeiten. Rudolf indessen verriet seine Gleichgültigkeit +immer mehr. + +Emma war sich selber nicht klar darüber, ob sie es bereuen müsse, +sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser für sie sei, +wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann sie ihre +Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll darüber +beeinträchtigte ihr den sinnlichen Genuß. Sie gab sich ihm nicht +mehr hin, sie ließ sich jedesmal von neuem verführen. Aber er +meisterte sie, und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. + +Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach außen ein harmloses +Gepräge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs Wunsch. So +war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, als der +Frühling ins Land kam, waren sie fast wie zwei Eheleute +zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemütlichen Flamme des +häuslichen Herdes bringen. + +Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljährlich eine +Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe kam, +wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem er an +den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen: + +»Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol +und is si so gut wi di früeren. Mir komt sie nämlig ein bissel +zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nächste mal schik ich +euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt ür liber ein par junge +un schikt mir den Korb zerük, bite un auch di vorgen, ich hab +Unglük mit der römise gehabt der ihr Dach ist mir neulig nachts +bei dem grosen Sturm in die Bäume geflogen, die ernte ist diesmal +nich besonders berümt. Kurz und gut ich weis nicht wan ich zu euch +zu besuch kome, das ist jez so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe +weg seit ich allein bin meine arme Emma.« + +Hier war ein großer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder +hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu träumen. + +»Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den Schnuppen den +ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo ich war, +einen neuen Schäfer zu mieten. Den alten hab ich nämlig +nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig schrecklig +mit diesen Gesindel, mausen tat er übrigens auch. + +»Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend gekomen +is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich vernomen das +Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich kar nich und den Zan +hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase Kafee dabehalten. Ich +fragt in ob er dich auch gesehen hat, da sagte er Nein aber im +Stale häte er zwei Gäule stehn sehn woraus ich schlise das der +kurkenhandel bei euch gut geht. Das freut mich sehr meine liben +Kinder der libe got mög euch ales möglige Glük schenken. Es tut +mir sör leid das ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer +nich kene. Ich habe für si unter deiner Stube ein Flaumenbäumgen +geflanzt. Das sol nich angerürt werden auser später um die Flaumen +für Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen +si komt krigt si imer welge. Adiö libe Kinder. Ig küse dich libe +Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide +Baken un verbleibe mit tausen Grüsen euer euch + +libender vater +Theodor Rouault.« + +Ein paar Minuten hielt sie das Stück grobes Papier noch nach dem +Lesen in den Händen. Die Verstöße gegen die Rechtschreibung jagten +sich in den väterlichen Zeilen nur so, aber Emma ging einzig und +allein dem lieben Geist darin nach, der wie eine Henne aus einer +dicken Dornenhecke allenthalben hervorgackerte. Rouault hatte die +noch nassen Schriftzüge offenbar mit Herdasche getrocknet, denn +aus dem Briefe rieselte eine Menge grauen Staubes auf das Kleid +der Leserin. Sie glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich +zu sehen, wie er sich nach dem Aschekasten bückte. Ach, wie lange +war es schon her, daß sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah +sie sich wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende +eines Steckens an der großen Flamme des Funken sprühenden +Ginsterreisigs anbrennen ließ. Und dann dachte sie zurück an +gewisse sonnendurchglühte Sommerabende, wo die Füllen so hell +aufwieherten, wenn man in ihre Nähe kam, und dann weggaloppierten. +Diese drolligen Galoppsprünge! Im Vaterhause, unter ihrem Fenster, +da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren die Bienen, wenn sie +in der Sonne ausschwärmten, gegen die Scheiben geflogen wie +fliegende Goldkugeln. Das war doch eigentlich eine glückliche Zeit +gewesen! Voller Freiheit! Voller Erwartung und voller Illusionen! +Nun waren sie alle zerronnen! Bei dem, was sie erlebt, hatte sie +ihre Seele verbraucht, in allen den verschiedenen Abschnitten +ihres Daseins, als junges Mädchen, dann als Gattin, zuletzt als +Geliebte. Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie +jemand, der auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stück von +seinen Habseligkeiten liegen läßt. + +Aber warum war sie denn so unglücklich? Was war Bedeutsames +geschehen, daß sie mit einem Male aus allen Himmeln gestürzt war? +Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche sie den +Anlaß ihres Herzeleids. + +Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des +Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe hindurch +spürte sie den weichen Teppich. Es war ein heller Frühlingstag, +und die Luft war lau. + +Da hörte sie, wie ihr Kind draußen laut aufjauchzte. + +Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermädchen wollte +sie am Kleide wieder in die Höhe ziehen. Lestiboudois war dabei, +den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nähe des Kindes +kam, streckte es ihm beide Ärmchen entgegen. + +»Bring sie mir mal herein!« rief sie dem Mädchen zu und riß ihr +Töchterchen hastig an sich, um es zu küssen. »Wie ich dich liebe, +mein armes Kind! Wie ich dich liebe!« + +Als sie bemerkte, daß es am Ohre etwas schmutzig war, klingelte +sie rasch und ließ sich warmes Wasser bringen. Sie wusch die +Kleine, zog ihr frische Wäsche und reine Strümpfe an. Dabei tat +sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der Kleinen stehe, +just als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. Schließlich küßte +sie sie noch einmal und gab sie tränenden Auges dem Mädchen +wieder. Felicie war ganz verdutzt über diesen Zärtlichkeitsanfall +der Mutter. + +Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst. + +»Eine vorübergehende Laune!« tröstete er sich. + +Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als +er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig. + +»Schade um die Zeit, mein Liebchen!« meinte er. Und er tat so, als +merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das Taschentuch, +das sie herauszog. + +Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus welchem +Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht besser +gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. Aber Karl +bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren Gefühlswandel zu +offenbaren. Wenn der Apotheker nicht zufällig eine solche +heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre hingebungsvolle Anwandlung +tatenlos geblieben. + + + + +Elftes Kapitel + + +Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode, +Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war, +verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in +Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit es auf +der Höhe der Kultur bleibe. + +»Was ist denn dabei zu riskieren?« fragte er Frau Bovary. Er +zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern +auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken. +Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende Reklame für den +Operateur. »Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den +armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? Bedenken Sie, daß er +seine Heilung allen Reisenden erzählen würde. Und dann ...« Der +Apotheker begann zu flüstern und blickte scheu um sich, »... was +sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darüber in die +Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird überall +gelesen ... man spricht davon ... schließlich weiß es die ganze +Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer +weiß?« + +Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar +keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln, +und was für eine Befriedigung wäre es für sie, die geistige +Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine +Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte mehr als bloß die Liebe +dieses Mannes. + +Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl +überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Düval, +und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den +Händen, in diese Lektüre. Während er sich über Pferdefußbildungen, +Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie, +Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen inneren und +äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen Fußes), +Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fußleiden, die +oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich greifen) +unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Löwen mit +allen Mitteln der Überredungskunst zur Operation zu bewegen. + +»Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren«, sagte er +zu ihm. »Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim +Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hühnerauge +schneiden läßt.« + +Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich. + +»Im übrigen«, fuhr der Apotheker fort, »kann mirs natürlich ganz +egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs nur aus purer +Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte dich gar zu gern von +deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, von diesem ewigen Hin- +und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst dagegen sagen, was du +willst: es stört dich in der Ausübung deines Berufs doch +erheblich!« + +Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach einer +Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu verstehen, daß +er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, worüber der +Bursche albern grinste. + +»Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch +auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten +ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!« + +Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei ihm +noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den +Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne. + +Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine +Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die +Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, die +Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in ihn, +redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was vollends den +Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen roten Heller +kosten. Bovary versprach sogar, Material und Medikamente umsonst +zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser Generosität. Karl +pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: »Meine Frau ist doch +wirklich ein Engel!« + +Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen +Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers eine +Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an Holz, +Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart worden. + +Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte +zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß +hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein nahezu +geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. Es war +also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, anders +ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker Neigung zu einem +Pferdefuß. + +Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein Pferdehuf +war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke Zehen mit +schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war der Krüppel von +früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah ihn unaufhörlich im +Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte sogar den Anschein, als +sei sein mißratenes Bein kräftiger denn das gesunde. Offenbar +hatte sich Hippolyt, von Jugend auf im schweren Dienst, sehr viel +Geduld und Ausdauer zu eigen gemacht. + +An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne durchschnitten +werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher kann der Varus +nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, beide Schnitte auf +einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, einen wichtigen Teil +zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse waren mangelhaft. + +Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die erste +unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, der es +unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, Gensoul, der als +erster eine Oberkiefer-Abtragung ausführte, -- allen diesen hat +sicherlich nicht so das Herz geklopft und die Hand gezittert, und +sie waren gewiß nicht so aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt +unter sein Messer nahm. + +Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in einem Lazarett. Auf +dem Tische lagen Haufen von Scharpie, gewichste Fäden, Binden, +alles was in der Apotheke an Verbandszeug vorrätig gewesen war. +Homais hatte das alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die +Leute zu verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen. + +Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. Die Sehne +war zerschnitten, die Operation beendet. + +Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm Bovarys +Hände und bedeckte sie mit Küssen. + +»Erst mal Ruhe!« gebot der Apotheker. »Die Dankbarkeit für deinen +Wohltäter kannst du ja später bezeigen!« + +Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs Neugierigen +mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich eingebildet hatten, +Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male laufen wie jeder +andere. Karl schnallte seinem Patienten das Gehäuse an und begab +sich sodann nach Haus, wo ihn Emma angstvoll an der Türe +erwartete. Sie fiel ihm um den Hals. + +Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch +sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst nur +Sonntags, wenn ein Gast da war. + +Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und +gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke, +von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen ärztlichen Ruf +wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe seiner Frau +immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt und verjüngt, +gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen leisen Zuneigung +für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. Flüchtig schoß ihr +der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber ihre Augen ruhten +alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte sie erstaunt, daß +seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich waren. + +Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr des +Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein frisch +beschriebenes Stück Papier. Es war der Reklame-Aufsatz, den er für +den »Leuchtturm von Rouen« verfaßt hatte. Er brachte ihn, um ihn +dem Arzte zum Lesen zu geben. + +»Lesen Sie ihn vor!« bat Bovary. + +Der Apotheker tat es: + +»Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer +noch immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer +Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen +Yonville der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich +ein Beispiel edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, +einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, ...« + +»Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!« unterbrach ihn Karl, vor +Erregung tief atmend. + +»Aber durchaus nicht! Wieso denn?« + +Er las weiter: + +»... hat den verkrüppelten Fuß ...« + +Er unterbrach sich selbst: + +»Ich habe hier absichtlich den terminus technicus vermieden, +wissen Sie! In einer Tageszeitung muß alles gemeinverständlich +sein ... die große Masse ...« + +»Sehr richtig!« meinte Bovary. »Bitte fahren Sie fort!« + +»Ich wiederhole: + +Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, +hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain +operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum Goldnen Löwen +der verwitweten Frau Franz am Markt. Das aktuelle Ereignis und das +allgemeine Interesse an der Operation hatten eine derartig große +Volksmenge angezogen, daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt +werden mußte. Die Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. +Bluterguß trat so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen +verrieten, daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der +Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise +-- wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf -- +nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt +nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die +vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave +Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten Urlaubern +um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch muntere +Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen Gelehrten, Ehre +den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der Menschheit zum +Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen! + +Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die +Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der +kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach, +schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden +unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so +ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.« + +Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz verstört +gelaufen und rief: + +»Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!« + +Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der +Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ +sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und mit +rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem er +auf der Treppe begegnete: + +»Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?« + +Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß das +Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen die Wand +geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte. + +Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht zu +verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot sich ein +gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war unter einer +derartigen Schwellung verschwunden, daß es aussah, als platze +demnächst die ganze Haut. Diese war blutunterlaufen und von +Druckflecken bedeckt, die das famose Gehäuse verursacht hatte. +Hippolyt hatte von Anfang an über Schmerzen geklagt, aber man +hatte ihn nicht angehört. Nachdem man nunmehr einsah, daß er im +Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein paar Stunden Befreiung. +Aber sowie die Schwellung ein wenig zurückgegangen war, hielten es +die beiden Heilkünstler für angebracht, das Bein wieder +einzuschienen und es noch fester einzupressen, um dadurch die +Wiederherstellung zu beschleunigen. + +Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr auszuhalten. +Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war höchst über das +verwundert, was sich nunmehr herausstellte. Die schwärzlichblau +gewordene Schwellung erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz +voller Blasen war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man +wurde bedenklich. + +Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in die +kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er wenigstens +etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, der dort seinen +Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese Nachbarschaft. +Nunmehr schaffte man den Kranken in das Billardzimmer. Dort lag +er wimmernd unter seinen schweren Decken, blaß, unrasiert, mit +eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte er seinen in Schweiß +gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen hin und her, wenn ihn +die Fliegen quälten. + +Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den +Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst fehlte +es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, wenn die +Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen +herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten. + +»Wie geht dirs denn?« fragten sie ihn und klopften ihm auf die +Schulter. »So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist aber +selber schuld daran!« Er hätte dies oder jenes machen sollen. Sie +erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere Heilmittel +wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren Trost meinten +sie: + +»Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie ein +Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! Und +besonders gut riechst du auch nicht!« + +Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast +selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke. +Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend +stammelte er: + +»Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, helfen +Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!« + +Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann verließ +er ihn. + +»Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!« meinte die Löwenwirtin. +»Sie haben dich schon gerade genug geschunden! Das macht dich bloß +immer noch schwächer! Da, trink!« + +Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule, +Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine +Lippen zu bringen wagte. + +Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt schlechter +ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber erklärte +er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, denn es +sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich mit dem Himmel +zu versöhnen. + +»Siehst du,« sagte der Priester in väterlichem Tone, »du hast +deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der +Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige Abendmahl +nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung und der +Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein Seelenheil zu +sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du dich darum kümmerst. +Verzweifle indessen nicht! Ich habe große Sünder gekannt, die, +kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du bist noch nicht so weit, +das weiß ich wohl!) seine Gnade erfleht haben; sie sind ohne +Verdammnis gestorben! Hoffen wir, daß auch du uns gleich ihnen ein +gutes Beispiel gibst! Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, +morgens ein Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue +das! Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das +versprechen?« + +Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger wieder. +Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen erzählte er den +beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, die Hippolyt +allerdings nicht verstand. Aber bei jeder Gelegenheit kam er auf +religiöse Dinge zu sprechen, wobei er jedesmal eine salbungsvolle +Miene annahm. + +Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht +lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt +nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde, +worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt genäht +halte besser. Er riskiere ja dabei nichts. + +Der Apotheker war empört über »diese Pfaffenschliche«, wie er sich +ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung des +Hausknechts nur. + +»Laßt ihn doch nur in Ruhe!« sagte er zur Löwenwirtin. »Mit euren +Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!« + +Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein anderer +sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein aus +Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen +Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf. + +Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der +chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom +Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue Salben +und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und schließlich +antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, als Mutter +Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser hoffnungslosen Lage +nicht den Doktor Canivet aus Neufchâtel kommen lassen solle, der +doch weitberühmt sei. + +Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso +wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht, +über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das bis an das +Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann erklärte er, das +Glied müsse amputiert werden. + +Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen »die Esel, die das +arme Luder so zugerichtet« hätten. Er faßte Homais am Rockknopf +und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke: + +»Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die +Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es mit +ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, Blaseneingriffen! +Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen +sollte! Diese Scharlatane wollen bloß immer was zu tun haben. Sie +erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken +sie nicht. Wir andern aber, wir sind rückständig. Wir sind keine +Gelehrten, keine Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben +unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns +nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! +Klumpfüße gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch +einem Buckligen seinen Höcker abhobeln wollen!« + +Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl zumute, aber +er verbarg sein Mißbehagen hinter einem verbindlichen Lächeln. Er +mußte mit Canivet auf gutem Fuße bleiben, dieweil dieser in der +Yonviller Gegend öfters konsultiert wurde und ihm dabei durch +Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde hütete er sich, für +Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze +Grundsätze sein und opferte seine Würde den ihm wichtigeren +Interessen seines Geschäfts. + +Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausführte, war +für den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frühzeitig waren die +Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstraße war voller +Menschen, die allesamt etwas Trübseliges an sich hatten, als solle +eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich +über Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau +Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen Morgen in +ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur +ankäme. + +Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber kutschierte. +Durch die Last seines Körpers war die rechte Feder des Gefährts +derartig niedergedrückt, daß der Wagenkasten schief stand. Neben +dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne +Reisetasche, deren Messingschlösser prächtig funkelten. In starkem +Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen +Löwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er +ging mit in den Stall und überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich +Hafer geschüttet bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer +zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im +Munde der Leute für einen »Pferdejockel«. Aber gerade weil er sich +darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. Und +wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten +Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst seiner +kavalleristischen Pflicht nachgekommen. + +Homais stellte sich ein. + +»Ich rechne auf Ihre Unterstützung!« sagte der Chirurg. »Ist alles +bereit? Na, dann kanns losgehen!« + +Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, um +einer solchen Operation assistieren zu können. »Als passiver +Zuschauer«, sagte er, »greift einen so was doppelt an. Meine +Nerven sind so herunter ...« + +»Quatsch!« unterbrach ihn Canivet. »Mir machen Sie vielmehr den +Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. Übrigens kein +Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh bis abends in Eurer +Giftbude. Das muß sich ja schließlich auf die Nerven legen! Gucken +Sie mich mal an! Tag für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf, +wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, +Flanellhemden gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich +nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und +morgen so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als +Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie +Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem +christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich +mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es +ist alles bloß Gewohnheit ...« + +Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem +Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung in +diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit +eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich +geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über die +Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein +Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines +Handwerk ausübe, der sei ein Heiligtumschänder. + +Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais +gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war dasselbe, das bereits +bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er +sich jemanden, der das Bein festhalten könne. Lestiboudois ward +geholt. + +Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel hoch und +begab sich in das Billardzimmer, während der Apotheker in die +Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ängstlich +warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weißer als ihre +Schürzen. + +Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus. +Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und die Hände +gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte, +und starrte vor sich hin. »Welch ein Mißgeschick!« seufzte er. +»Was für eine große Enttäuschung!« Er hatte doch alle denkbaren +Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner +Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! Wenn Hippolyt noch +stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was sollte er antworten, +wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe +einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wußte doch selber keinen, +so sehr er auch darüber nachsann. Die berühmtesten Chirurgen +versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie +werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache +wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchâtel, bis Rouen und noch +weiter! Vielleicht würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn +veröffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in +den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf +Schadenersatz klagen. + +Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von +tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her +wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres. + +Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung +dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie +hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines +Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit +doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte! + +Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten. + +»Setz dich doch!« sagte sie. »Du machst mich noch ganz verrückt!« + +Er tat es. + +Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war! +--, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer +Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der +Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich +alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum +Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer +Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den +Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an +alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich +gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den +geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum? + +Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein +herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig. +Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts +mehr anzusehen. + +Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und +ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis +dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht +hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und +sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte +unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war! + +»Vielleicht war es ein Valgus?« rief Karl plötzlich laut aus. Das +war das Ergebnis seines Nachsinnens. + +Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas +versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte +--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen, +fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt, +sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch +himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines +Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden +Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die +ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang +wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß +sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt +einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke +trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein +Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja +seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue, +daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von +Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen +ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den +Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des +Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild +entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre +ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben +herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden, +ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den +Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von +Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die +niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der +vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem +Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote +Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu. + +In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich +Karl seiner Frau: + +»Gib mir einen Kuß, Geliebte!« + +»Laß mich!« wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn. + +»Was hast du denn? Was ist dir?« fragte er betroffen. »Sei doch +ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe! +Komm!« + +»Weg!« rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem +Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das +Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging. + +Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach, +was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer +Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von +etwas Unheilvollem, Unfaßbarem. + +Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine +Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen +und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in +der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage. +Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell +seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam +alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich +langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich. + +»Kann ich das ändern?« rief er einmal ungeduldig aus. + +»Ja, wenn du wolltest!« + +Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem +Haar und traumverlorenem Blick. + +»Wieso?« fragte er. + +Sie seufzte. + +»Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg +von hier ...« + +»Ein toller Einfall!« lachte er. »Unmöglich!« + +Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm das +unverständlich, und begann von etwas anderm zu sprechen. + +Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes +aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie +müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch an +ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche. + +Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag +im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann +verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr +verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor, +seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so schwerfällig, +seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie nach einem +Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete +sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwährend +träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen +Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen +so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen +Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel mit der Sorgfalt +eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie eine Unmenge von +Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne für ihre Wäsche. +Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und Halsketten. Wenn sie +ihn erwartete, füllte sie ihre großen blauen Glasvasen mit Rosen +und schmückte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die +einen Fürsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit +Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Küche. + +Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer +Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, auf +dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn herum +aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die +Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen. + +»Wozu hat man das alles?« fragte der Bursche, indem er mit der +Hand über einen der Reifröcke strich. + +»Hast du sowas noch niegesehen?« Felicie lachte. »Deine Herrin, +Frau Homais, hat das doch auch!« + +»So? Die Frau Homais!« Er sann nach. »Ist sie denn eine Dame wie +die Frau Doktor?« + +Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie war +drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr Theodor, der +Diener des Notars, neuerdings den Hof. + +»Laß mich in Ruhe!« sagte sie und stellte den Stärketopf beiseite. +»Scher dich lieber an _deine_ Arbeit! Stoß deine Mandeln! +Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du dich damit +befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du +Knirps, du nichtsnütziger!« + +»Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch die +Schuhe für die Frau Doktor!« + +Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen +her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit +eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein +her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die +Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie +sich. + +»Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!« sagte Felicie, +die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt +anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht mehr +tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem +Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl +wagte nicht den geringsten Einwand dagegen. + +So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein aus, das +Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen müsse. Die Fläche, +mit der es anlag, war mit Kork überzogen. Es hatte Kugelgelenke +und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es +vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den +Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein +anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel mußte der Arzt +auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem +seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den +Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des +Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen +anderen Weg ein. + +Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. Das +gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr +über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, die Frauen +interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig und forderte +niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle Emmas wurden im +Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr +schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem +Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte Lheureux ihn +ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber überreichte er ihr eine +Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so +und soviel Centimes. Emma war in der gröbsten Verlegenheit. Die +Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu +bekommen, Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer +Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des +Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich gegen Ende Oktober +einzugehen pflegte. + +Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann verlor +er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, und wenn +er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er ihr alles wieder +abnehmen, was er ihr geliefert habe. + +»Gut!« meinte Emma. »Holen Sie sichs!« + +»Ach was! Das hab ich nur so gesagt!« entgegnete er. »Indessen um +den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir +vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!« + +»Um Gottes willen!« rief sie aus. + +»Warte nur! Dich hab ich!« dachte Lheureux bei sich. + +Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte, +lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin: + +»Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!« + +Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte +in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine kleine +in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine +Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die +Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das +schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe +hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den +Schlüssel ein. + +Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals. + +»Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen«, sagte er. »Wollen +Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...« + +»Hier haben Sie Ihr Geld!« unterbrach sie ihn und zählte ihm +vierzehn Goldstücke in die Hand. + +Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen, +brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle +möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte. + +Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit +dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche +ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig zu +sparen, damit sie recht bald ... + +»Was ist da weiter dabei?« beruhigte sie sich. »Er wird nicht +gleich dran denken!« + +Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte +Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit +dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein +seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster +die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstraße +gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. +Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke +erst nach langem Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma +drang in ihn, und so mußte er sich schließlich fügen. Er fand +das aufdringlich und höchst rücksichtslos. + +Sie hatte wunderliche Einfälle. + +»Wenn es Mitternacht schlägt,« bat sie ihn einmal, »mußt du an +mich denken!« + +Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose +Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen: + +»Du liebst mich nicht mehr!« + +»Ich dich nicht mehr lieben?« + +»Über alles?« + +»Natürlich!« + +»Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?« + +»Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?« brach er +lachend aus. + +Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe +zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu +mildern suchte. + +»Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!« begann sie von +neuem. »Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen kann! +Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu +sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich +frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen? +Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht +wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere als ich, aber +keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine +Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So +schön! So klug und stark!« + +Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß es +ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht +anders als alle seine früheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit +fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige +Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer +dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein +vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den nämlichen +Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefühlsarten +existieren können. Weil ihm die Lippen liederlicher oder +käuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflüstert +hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie +dieser nur schwach. + +»Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,« sagte +er sich, »sie sind nur ein Mäntelchen für Alltagsempfindungen.« + +Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den +banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau +zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine Innenwelt, +seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene +Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein +Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten. + +Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich +ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch +dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme +Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar +jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und verdarb sie +gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische Anhänglichkeit zu +ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig empfand sie +Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank +in diesem Rausche. + +Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem +äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre +Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs, +eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, »um die Spießer zu +ärgern«, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gänzlich +geschehen, als man sie eines schönen Tages in einem regelrechten +Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte +Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder +einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich +nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre +mißfiel ihr. Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das +Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die +»ganze Wirtschaft« nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich +Bemerkungen darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen +Auftritt. Felicie war die nähere Veranlassung dazu. + +Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, als sie durch +den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders +jungen Mannes überrascht. Der Betreffende trug ein braunes +Halstuch und verschwand bei der Annäherung der alten Dame. Emma +lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die +Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer bei seinen +Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert +darauf. + +»Sie sind wohl aus Hinterpommern?« fragte die junge Frau so +impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen +konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle. + +»Verlassen Sie mein Haus!« schrie Emma und sprang auf. + +»Emma! Mutter!« rief Karl beschwichtigend. + +In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. Emma +stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete. + +»So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!« rief sie. + +Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte: + +»So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres +vielleicht noch!« + +Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um +Verzeihung gebeten würde. + +Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien, +doch nachzugeben. Schließlich sagte sie: + +»Meinetwegen!« + +In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit +der Würde einer Fürstin. + +»Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!« + +Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf +den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen +vergraben. + +Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte, +hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weißen +Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, solle er +daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere Gartenpforte +eilen. + +Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am +Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke +der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn +hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung +überkam sie. + +Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das war +er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den Hof. +Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme. + +»Sei doch ein bißchen vorsichtiger!« mahnte er. + +»Ach, wenn du wüßtest!« Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu +erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei +übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine +solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht das +mindeste von der ganzen Geschichte begriff. + +»So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!« + +»Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!« erwiderte +sie. »Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu +scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette +mich!« + +Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen, +glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm. + +Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der +kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er: + +»Was soll ich tun? Was willst du?« + +»Flieh mit mir!« rief sie. »Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich +um alles in der Welt!« + +Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse +das Ja einhauchen und wieder heraussaugen. + +»Aber ...« + +»Kein Aber, Rudolf!« + +»... und dein Kind?« + +Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie: + +»Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!« + +»Ein Teufelsweib!« dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie +mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen. + +Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das +veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert. +Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig, +und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken +einzulegen, bat. + +Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu +täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch +einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im +Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne. +Der Gegenwart entrückt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden +Glückes. Davon schwärmte sie dem Geliebten immer und immer wieder +vor. An seine Schulter gelehnt, flüsterte sie: + +»Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen? +Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie +ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, daß sich +der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl haben, in einem +Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weißt +du, ich zähle die Tage ... Und du?« + +Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie besaß +eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus Lebensfreude, +Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt und das Symbol +seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lüste, +ihre Trübsal, ihre erweiterten Liebeskünste und ihre ewig jungen +Träume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind +und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblühte +ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu +geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie +verschleierten ihre Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen +Nasenflügel weitete und es leise um die Hügel der Mundwinkel +zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum +beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler +habe den Knoten ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus +wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig +geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag +aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser +geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes, +Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem +Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem +Manne entzückend und ganz unwiderstehlich. + +Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken. +Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende +Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein +weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhängen. +Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzüge seines Kindes +zu hören. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es +vorwärts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule +heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die +Schultasche am Arm. Dann mußte das Mädel in eine Pension kommen. +Das würde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er +sann nach. Wie wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut +pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er +hinreiten und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die +Sparkasse, später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft +werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit +rechnete er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie +sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch +würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer +Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden +Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei +Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken +vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und +Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft würde +sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfüllen. +Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde sich schon +irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen finden und sie +glücklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ... + +Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und +während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen +Träumereien nach. + +Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt, +auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder +zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren +dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie +plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt hinab, mit +ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und weißen +Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie dann durch +die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumensträuße an. +Glocken läuteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten +Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler Wasserstaub auf +Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu Pyramiden +aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die unter dem +Sprühregen lächelten. Und eines Abends erreichten sie ein +Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und +zwischen den Hütten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen, +in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher +Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und +träumten in Hängematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit +wie ihre seidenen Gewänder, und so warm und sternbesät wie die +süßen Nächte, die sie schauernd genossen ... Das war ein +unermeßlicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte +sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge +der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen +fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung, +stahlblau und sonnenbeglänzt ... + +Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte +laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße +Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden der +Apotheke öffnete. + +Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt: + +»Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel +mit einem breiten Kragen.« + +»Sie wollen verreisen?« fragte der Händler. + +»Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf Sie +verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!« + +Lheureux machte einen Kratzfuß. + +»Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ... +einen handlichen ...« + +»Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie man +sie jetzt meist hat!« + +»Und eine Handtasche für das Nachtzeug!« + +»Aha,« dachte der Händler, »sie hat sicher Krakeel gehabt!« + +»Da!« sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Gürtel +nestelte. »Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!« + +Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wäre +doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was +solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er wenigstens die +Kette nähme. + +Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief ihn +Emma zurück. + +»Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den Mantel +...,« sie tat so, als ob sie sichs überlegte »... den bringen Sie +auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse +des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum +Abholen bereitliegen.« + +Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte +Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu +machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post +bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit das +Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. In Marseille +wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise +ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepäck sollte +Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß irgendwer Verdacht +schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde +niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. »Sie denkt +vielleicht nicht mehr daran«, sagte er sich. + +Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten +zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei +Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er +eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen +diesen Verzögerungen schließlich »unwiderruflich« auf Montag den +4. September einigten. + +Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich +ein. + +»Ist alles bereit?« fragte sie ihn. + +»Ja.« + +Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf +den Rand der Gartenmauer. + +»Du bist verstimmt?« fragte Emma. + +»Nein. Warum auch?« + +Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an. + +»Vielleicht weil es nun fortgeht?« fragte sie. »Weil du Dinge, die +dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich +verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt +habe. Du bist mein alles! Und ebenso möchte ich dir alles sein, +Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich +lieben!« + +»Wie lieb du bist!« sagte er und zog sie an sein Herz. + +»Wirklich?« fragte sie in lachender Wollust. »Du liebst mich? +Schwöre mirs!« + +»Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!« + +Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des flachen +Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und +schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre +Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen Vorhang. +Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume des weiten +Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut +auch unten im Bache über den Wellen in zahllosen funkelnden +Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete +die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle +Schatten. + +Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den kühlen +Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und +verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage +ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie +der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die +Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die +verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen +Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen raschelte +auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs Gesträuch, ein Igel +oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein reifer Pfirsich von +selber zur Erde fiel. + +»Was für eine wunderbare Nacht!« sagte Rudolf. + +»Wir werden noch schönere erleben!« erwiderte Emma. Und wie zu +sich selbst fuhr sie fort: »Ach, wie herrlich wird unsere Reise +werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist +es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte +zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das Übermaß von Glück! +Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!« + +»Noch ist es Zeit!« rief er aus. »Überleg dirs! Wird es dich auch +niemals reuen?« + +»Niemals!« beteuerte sie leidenschaftlich. + +Sie schmiegte sich an ihn. + +»Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wüste, +kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren würde! +Je länger wir zusammen leben werden, um so inniger und +vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis +wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein und eins immerdar ... +Sprich doch! Antworte mir!« + +Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen: + +»Ja ... ja ... ja!« + +Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein +kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder: + +»Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...« + +Es schlug Mitternacht. + +»Mitternacht!« sagte sie. »Nun heißt es: morgen! Nur noch ein +Tag!« + +Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese +Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male +fröhlich. + +»Hast du die Pässe?« fragte sie. + +»Ja.« + +»Hast du nichts vergessen?« + +»Nein.« + +»Weißt du das genau?« + +»Ganz genau!« + +»Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?« + +Er nickte. + +»Also morgen auf Wiedersehen!« sagte Emma mit einem letzten Kusse. + +Er ging, und sie sah ihm nach. + +Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand +und rief durch die Weiden hindurch: + +»Auf morgen!« + +Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch +die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie +ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie eine +Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich gegen +einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken. + +»Ich bin kein Mann!« rief er aus. »Hol mich der Teufel! Ein +hübsches Weib wars doch!« + +Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn +noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen diese +Rührung. + +»Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!« + +Er gestikulierte heftig. + +»Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!« + +Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen. + +»Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!« + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den +Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine +Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte, +wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide +Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite +Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, hatte sie +ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet. + +Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke, +der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel +hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin gewesen waren und in +der er seine »Weiberbriefe« aufbewahrte. Geruch von Moder und +vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein +Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf +einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie einmal Nasenbluten +bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von +ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren +abgestoßen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm +theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jämmerlich. Wie er sich +ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie +zurückzurufen suchte, verschwammen Emmas Züge in seinem +Gedächtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung +und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre +vernichtete. + +Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten +Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz, +sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er +suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen, +mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von Papieren +und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, ein +Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus. +Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins +Scharnier gezwängt und rissen nun beim Herausnehmen ... + +Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte +seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, über +den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht minder +variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zärtlich +geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die wollten +Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem +bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang +einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste +Erinnerung herauf. + +Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn. +Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig +in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie +allesamt auf ein und dasselbe Niveau. + +Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine Art +Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er sie, +halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und stellte +diesen in den Schrank zurück. + +»Lauter Blödsinn!« + +Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein +Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt +waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die Freuden des Daseins +hatten noch gründlicher gewirtschaftet. Die Schüler kritzeln ihre +Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen. + +»Nun aber los!« rief er sich zu. + +Er begann zu schreiben: + +»Liebe Emma! +Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...« + +»Eigentlich sehr richtig!« dachte er bei sich. »Das ist nur in +ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...« + +»... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? Hast +Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich +beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkühn +und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, an die +Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet waren +wir!« + +Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflüchten. +»Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein Vermögen verloren? Ach, +nein, lieber nicht! Übrigens nützte das nichts. Die Geschichte +ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, weiß Gott, verdammt +schwer, so eine Frau wieder vernünftig zu machen!« + +Er sann nach, dann schrieb er weiter: + +»Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes +Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So +aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das +Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, früher oder später, +doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären ihrer müde geworden, und +wer weiß, ob mir nicht der gräßliche Schmerz beschieden gewesen +wäre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als +Veranlasser der Deinigen? Die bloße Vorstellung, Dir dieses Leid +verursachen zu können, martert mich. Liebste Emma, vergiß mich! +Wir hätten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schön! +Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir müssen das +Schicksal anklagen ...« + +»Dieses Wort machte immer Eindruck«, sagte er zu sich. + +»Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so viele +gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus Egoismus, +ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen schwärmerischen +Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers, +bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite +unsrer zukünftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich +habe zunächst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm +Höhenglücke behaglich gesonnt, mich in ein Märchenland geträumt +und mich um keine Folgen gekümmert ...« + +»Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... Auch +egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!« + +»... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns überall, +wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du hättest +unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und vielleicht +Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. Beleidigungen, Du! +Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. Du solltest mein +Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil +ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach, +ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig! + +Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht ganz, +der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie +mich in ihre Gebete einschließt!« + +Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom +Schreibtisch auf und schloß das Fenster. + +»So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine +Aussprache!« + +Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter: + +»Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit +weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen, +Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn +ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer +verlorenen Liebe reden, kühl und vernünftig. Adieu!« + +Er setzte noch ein »A dieu!« darunter, in zwei Worten geschrieben. +Das hielt er für sehr geschmackvoll. + +»Wie soll ich nun unterzeichnen?« fragte er sich. »Dein +ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!« + +Und er schrieb: + +»Dein treuer Freund +R.« + +Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm. + +»Armes Frauchen!« dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit. +»Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich fehlen +ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein +Fehler.« + +Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen +Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen Tropfen +auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift färbte ihn +blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem +Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die +Hand. + +»Paßt eigentlich nicht gerade!« dachte er. »Ach was! Tut nichts!« + +Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen. + +Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei +Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen pflücken, legte +den Brief unter die Weinblätter am Boden und befahl Gerhard, +seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau Bovary zu bringen. Auf +diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten zukommen lassen, je +nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten oder Wild. + +»Wenn sie sich nach mir erkundigt,« instruierte er, »dann +antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich +in die Hände! Verstanden? So! Ab!« + +Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über die +Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit +schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville. + +Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit +beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche zu +falten. + +»Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,« vermeldete er, »und das +schickt er hier!« + +Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer +Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah sie +den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert; +er begriff nicht, daß ein solches Geschenk jemanden so sehr +aufregen könne. Dann ging er. + +Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie eilte in +das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin +tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm die Weinblätter +heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn und floh hinauf nach +ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor +Angst. + +Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie +verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher, +außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den +unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern +knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen +Bodentüre stehen. + +Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn. +Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends +war sie ungestört. + +»Ja, hier gehts!« sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf und trat +in die Bodenkammer. + +Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe Schwüle, die +ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. Sie schleppte +sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß den Holzladen auf. +Grelles Licht flutete ihr entgegen. + +Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in die +Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des +Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser standen +unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, aus einem der +Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Geräusch herauf. +Binet saß an seiner Drehbank. + +Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit +zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je gründlicher +sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah +sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an +sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen +Hammerschlägen, die immer rascher und unregelmäßiger wurden. +Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte den Wunsch in sich, daß +die ganze Welt zusammenstürze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie, +ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie? + +Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das +Straßenpflaster. + +»Mut! Mut!« rief sie sich zu. + +Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Körpers +förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich +die Fläche des Marktplatzes und hebe sich an den Häusermauern +empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu +schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch +weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume. +Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den +wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr +festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen ... Ohne Unterlaß +summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bösen +Geistes ... + +In diesem Moment rief Karl: + +»Emma! Emma!« + +Da kam sie wieder zur Besinnung. + +»Wo steckst du denn? Komm doch!« + +Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie +mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend +fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie. + +»Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.« + +Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen. + +Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen +hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich +die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat +sie das und begann die Fäden des Gewebes zu zählen ... Plötzlich +fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen? +Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als daß sie imstande +gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu +können. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl. +Sicherlich wußte er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da +sagte er mit eigentümlicher Betonung: + +»Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?« + +»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie zitternd. + +»Wer mir das gesagt hat?« wiederholte er, ein wenig betroffen von +dem harten Klang ihrer Frage. »Na, sein Kutscher, dem ich vorhin +vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder +er steht im Begriff zu verreisen ...« + +Emma schluchzte laut auf. + +»Wundert dich das?« fuhr er fort. »Er verdrückt sich doch immer +mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht +verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und Junggeselle ist +... Übrigens ist unser Freund ein Lebenskünstler! Ein alter +Schäker! Langlois hat mir erzählt ...« + +Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade +hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das +Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf den +Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er nahm +eine der Früchte und biß hinein. + +»Ah!« machte er. »Vorzüglich! Koste mal!« + +Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab. + +»So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!« + +Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase. + +»Ich bekomm keine Luft!« rief sie und sprang auf. Aber schnell +beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. »Es +war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder +hin und iß!« + +Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie +dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich +wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und +legte sie dann auf seinen Teller. + +Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den +Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings langhin zu +Boden. + +Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen +zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer +Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl oder +übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die +draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt. + +Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des Arztes +»was los sei«, stürzte herbei. Der Eßtisch war mit allem, was +darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce, +die Bestecke, Salz und Öl, alles lag auf dem Fußboden umher. Karl +hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und +Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit +bebenden Händen die Kleider auf. + +»Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium holen!« +sagte Homais. + +Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend +die Augen wieder auf. + +»Natürlich!« meinte der Apotheker. »Damit kann man Tote erwecken!« + +»Sprich!« bat Karl. »Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl, +der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr +einen Kuß!« + +Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und wollte sie +um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte: + +»Nicht doch! Niemanden!« + +Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett. + +Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider +geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos und blaß +wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, die in zwei +Ketten langsam auf das Kissen rannen. + +Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und +nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich ist. + +»Beruhigen Sie sich!« sagte Homais und zupfte den Arzt. »Ich +glaube, der Paroxysmus ist vorüber.« + +»Ja,« erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. »Jetzt scheint +sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in das alte +Leiden!« + +Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur +Antwort: + +»Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.« + +»Höchst merkwürdig!« meinte der Apotheker. »Es ist indessen +möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt +gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind. +Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen +wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie +nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher +gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch +beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein +und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens +weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe +von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch +von verbranntem Horn, frischem Brot ...« + +»Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!« mahnte Bovary mit +flüsternder Stimme. + +»Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,« +fuhr der Apotheker fort, »sondern sogar bei Tieren. Zweifellos +ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze, +sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum +wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung +anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt +in der Malpalu-Straße -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal +Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die +Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit +angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte +mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den +Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist +höchst merkwürdig, nicht wahr?« + +»Gewiß!« sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte. + +»Das beweist uns,« fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig +lächelnd, »daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich +sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer +außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen, +verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien +zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit +beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit +schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter +nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man +bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken +versuchen?« + +»Wieso? Womit?« + +»Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That +is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen +habe.« + +Emma erwachte und rief: + +»Der Brief? Der Brief?« + +Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat +das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung. + +In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er +vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr, +unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und +erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach +Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mußte +nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor +Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl +war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten ängstigte ihn Emmas +Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich für nichts, ja, sie +schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als hätten +Körper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt. + +Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder +aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen mit +eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich +kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar +Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit wohl, +daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten +versuchte. + +Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam, +in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl angeschmiegt, +lächelte sie in einem fort vor sich hin. + +So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie +stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand +über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab +in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln große Feuer, in +denen man landwirtschaftliche Überbleibsel verbrannte. + +»Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!« warnte Karl und +geleitete sie behutsam zur Laube hin. »Setz dich hier ein wenig +auf die Bank! Das wird dir gut tun!« + +»Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!« stieß sie mit ersterbender +Stimme hervor. + +Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem da, +und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald +hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe, +bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an +dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen +wähnte. + +Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien +vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte +er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm peinlich gewesen. Dann +war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mädchen führte, schrecklich +teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die +Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte +Lheureux in lästiger Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas +Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als +sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche +und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer +Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es +nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die Sachen +nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese +Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht zurück. Herr +Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher verklagen als sich +selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mädchen, die +Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber Felicie vergaß es. Er +selbst hatte sich um andre Dinge zu kümmern und dachte nicht mehr +daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen +Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, daß +ihm Bovary schließlich einen Wechsel ausstellte, der in sechs +Monaten fällig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der +kühne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen +fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem +Zinsfuß verschaffen könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen +Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch +den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres +eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits +anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld +von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein +ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im voraus genau, daß +es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, daß der Arzt die +Wechsel am Fälligkeitstage nicht einlösen könne und sie +prolongieren müsse. Auf diese Weise sollte das erst armselige +Sümmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine +ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu +ihm zurückkehren. + +Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmäßigen +Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler Krankenhaus. Der Notar +Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grümesnil zu. +Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine +neue Postverbindung zu eröffnen, die den alten Rumpelkasten des +Goldnen Löwen unbedingt außer Konkurrenz stellen sollte, indem sie +schneller führe, billiger wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte +er den ganzen Handel von Yonville in seine Hände bringen. + +Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche +Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf +allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden +oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen +Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch +ausdenken, was er wollte: überall drohten die größten +Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere +unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er vernachlässige +seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme. +Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein +Abbruch geschähe. + +Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam +vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in ihrem +Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu +gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt +verleidet; deshalb mußte seine Jalousie beständig heruntergelassen +bleiben. Sie bestimmte, daß ihr Reitpferd verkauft werden solle. +Alles, was ihr früher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie +kümmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die +kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte +sie dem Mädchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit +ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen +hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen +Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage +wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, +die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der +allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die +Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die +Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck +herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die +Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank +ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen die +Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen über +das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie das andere mit +dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterläden. + +Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte +sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte +sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick +der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes. + +Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach +dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stündlein sei +gekommen. Während man im Gemach die nötigen Vorbereitungen zu +dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in +einen Altar wandelte und den Fußboden mit Blumen bestreute, da war +es ihr, als überkäme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre +Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie +körperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues +Leben begann ihr. Sie hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen +Himmel, als verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden +wie eine Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man +besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße +Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor +überirdischer Lust, öffnete Emma die Lippen, um den Leib des +Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie +herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden +Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie +Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurücksank, +glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische Harfenklänge zu +hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit +grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen +Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflügeln +wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ... + +Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. Es +war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab sich +Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus +der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in süßer +Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher +Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein +köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus ihrem Herzen der +eigene Wille wich und der hereindringenden göttlichen Gnade Tür +und Tor weit öffnete. Es gab also außer dem Erdenglück eine höhere +Glückseligkeit und über aller Liebe hienieden eine andre +erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brücke in das +Ewige! In neuen Illusionen erträumte sie sich über der Erde ein +Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre +Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich +Rosenkränze und trug Amulette. Ihr größter Wunsch war, in ihrem +Zimmer, zu Häupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit +Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende küssen. + +Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich +jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr leicht +in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. Aber er war +kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen Erscheinungen +gegenüber. Deshalb wandte er sich an den Buchhändler des +Erzbischofs und bat ihn, ihm »ein passendes Erbauungsbuch für eine +gebildete Frauensperson« zu schicken. Mit der größten +Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen +Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der +Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften in +ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort, +Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in +rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden +Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie: +»Die Herzpostille«, »Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn von +***, Ritter mehrerer Orden«, »Voltaires Ketzereien zum Gebrauch +für die Jugend«, usw. usw. + +Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen +Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie sich auf +diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach wirklicher Erbauung. +Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte sie, die Anmaßungen +der Polemik stießen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr +unbekannte Menschen verfolgt wurden, mißfiel ihr. Die Romane, in +denen profane Dinge durch religiöse Ideen aufgeputzt waren, +entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie +verschleierten die Realitäten des Lebens, für deren Brutalität sie +viel lieber literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie +weiter, und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann +wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu +empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren +imstande sind. + +Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens +begraben; darin ruhte es unberührter und stiller denn eine +ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser großen +eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchströmender Duft +von Zärtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma führen wollte. +Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren +Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten +zugeflüstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie +der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam +ihr keine Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem +leeren Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen, +dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut +ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen +der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den Szenen +aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière träumte, aufgegangen +war, jenen Damen in ihren mit königlicher Anmut getragenen langen +kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Füßen +Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten. + +Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für die +Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages +heimkam, fand er in der Küche drei Gassenjungen, die Suppe aßen. +Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie +während der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. +Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte, +regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über +sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache +ward voll gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber. + +Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen, +abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken und +ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber die gute +Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen müde, daß ihr +der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, daß sie bis nach +Ostern dablieb, um den Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu +entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine +Bratwurst auf dem Tische sehen wollte. + +Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre +Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab, +hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit +ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau Tüvache, sowie +die treffliche Frau Homais, die sich regelmäßig zwischen drei und +fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der über ihre +Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen. +Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er +brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen, +ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn +Frau Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht +stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem +Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen heftigen +Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese +volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den +Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er plötzlich ganz +Neues, Außergewöhnliches, und er starrte wie geblendet hin. + +Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch seine +schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die aus ihrem +Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt +wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem +jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschönheit weit +öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos +gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die +zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll, +daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden +konnte. Man wußte nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar. + +Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr +Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und stotterte +irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma: + +»Du liebst ihn also?« und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fügte +sie in traurigem Tone hinzu: »Geh! Lauf! Vergnüge dich!« + +In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig +umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich +darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch +äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie sich +wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß Frau +Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag mit ihren +Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der +Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schüttelte +sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die +andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie +seltener, zur großen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin +freundschaftlichst erklärte: + +»Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!« + +Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde. +Am liebsten blieb er im Freien, im »Hain«, wie er die Laube +scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl +meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Männer eine +Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie »auf die völlige Genesung +der gnädigen Frau« tranken. + +Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß etwas tiefer, +vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer +kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von +Sektflaschen. + +»Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,« +dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, »dann +zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen +ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!« + +Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der ganzen +Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ es +niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen: + +»Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!« + +Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas +dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner +Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im +Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais wunderte sich +über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb etwas auf den Zahn. +Der Priester erklärte, er halte die Musik für weniger +sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die +letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe unter dem leichten +Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und für die wahre Moral. + +»Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer!« zitierte +er. »Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragödien Voltaires an! Die +meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt, +die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit für das Volk +sind.« + +»Ich habe einmal ein Stück gesehen,« sagte Binet, »es hieß: 'Der +Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich +ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt seinen Sohn, der eine +Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt aber ...« + +»Gewiß«, unterbrach ihn Homais, »gibt es schlechte Literatur, +genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller +Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das +dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, würdig der +abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten +ließen.« + +Der Pfarrer ergriff das Wort: + +»Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute +Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen +Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, vollgepfropft +von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen +Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese Lichtvergeudung, dieser +Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als daß es +leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schändliche Gedanken und +unzüchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die +Ansicht der kirchlichen Autoritäten.« + +Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen seinen +Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. »Und wenn die Kirche +das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem +vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.« + +»Jawohl,« eiferte der Apotheker, »man exkommuniziert die +Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den +kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche +possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es häufig +nichts weniger als dezent zuging ...« + +Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der +Apotheker redete immer weiter: + +»Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja +am besten -- von Unanständigkeiten und -- man kann nicht anders +sagen -- groben Schweinereien ...« Bournisien machte eine +unwillige Gebärde. »Aber Sie müssen mir doch zugeben, daß das kein +Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde +es nie zulassen, daß meine Athalie ...« + +»Das sind ja die Protestanten, nicht wir,« rief der Pfarrer +ungeduldig, »die den Leuten die Bibel überlassen!« + +»Das kommt hier nicht in Frage«, erklärte Homais. »Ich wundre mich +nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der +wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu verdammen +sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in +hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das ist doch so, +nicht, Doktor?« + +»Zweifellos!« erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte er +niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder +er hatte hierüber überhaupt keine Meinung. + +Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt +es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten. + +»Ich habe Geistliche gekannt,« behauptete er, »die in Zivil ins +Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu +sehen.« + +»Ach was!« wehrte der Pfarrer ab. + +»Doch! Ich kenne welche!« Und nochmals sagte er, Silbe für Silbe +einzeln betonend: »Ich -- ken -- ne -- wel -- che!« + +»Na ja,« meinte Bournisien nachgiebig, »die Betreffenden haben da +aber etwas Unrechtes getan.« + +»Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz +andre Dinge!« + +»Herr -- Apo -- the -- ker!« rief der Geistliche mit einem so +zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und einlenkte: + +»Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste +Fürsprecherin der Kirche ist.« + +»Sehr wahr! Sehr wahr!« gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er +sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch +ein paar Minuten. + +Als er fort war, sagte Homais zu Bovary: + +»Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie +habens ja mit angehört! Um darauf zurückzukommen: tun Sie das ja, +führen Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns bloß deshalb wäre, +um diesen schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich +einen Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie +sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein +Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll er +ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte +bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen Künstler +können nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein, +es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie +in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete +Mahlzeit! Auf Wiedersehn!« + +Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe +schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte +sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu schwach, es +sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl +nicht nach, zumal er sich einbildete, daß ihr diese Zerstreuung +sehr dienlich wäre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor. +Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz unvermutet dreihundert Franken +geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht groß, und die +Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fällig, so daß er +daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur +aus Rücksicht auf ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis +sie seinen Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht +Uhr fuhren sie mit der Post ab. + +Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, aber er +hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden einsteigen sah, +jammerte er. + +»Glückliche Reise!« sagte er. »Habt ihrs gut!« Und zu Emma +gewandt, fügte er hinzu: »Sie sehen zum Anbeißen hübsch aus! Sie +werden in Rouen Furore machen!« + +Die Post spannte in Rouen im »Roten Kreuz« am Beauvoisine-Platz +aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit geräumigen +Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine +Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten Einspännern der +Geschäftsreisenden ihre Haferkörner aufpickten. Es war eine der +Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, +die in den Winternächten im Winde knarren; die Gäste, der Lärm +und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen +Tischplatten sind voller großer Kaffeeflecke, die trüben dicken +Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten +voller Rotweinspuren. Auf der Straßenseite gibt es ein Café und +hinten nach dem Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen +ländlichen Anstrich. + +Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wußte +er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie +war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klüger. Der +Kassierer wies ihn in die Direktion. Schließlich rannte er noch +einmal in den Gasthof zurück, dann wieder an die Kasse. Auf diese +Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt. + +Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen. +Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen. +Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu +nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen noch +geschlossen. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken +der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die in +auffälligen Lettern ausschrien: + +LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... +DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ... + +Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den Leuten +über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten Gesichtern mit +den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom +Strome her und blähte ein wenig die Leinwandmarkisen der +Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen +eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich Gerüche von Talg, Leder und +Öl aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der großen Fässer +lärmigen Gewölben der Karren-Gasse mischten. + +Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor, +noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang +durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die +Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit +seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so daß er +sie in einem fort fühlte. + +In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß sich +der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien +hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten Range +emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor Eitelkeit. +Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die breiten vergoldeten +Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen Zügen atmete sie den +Staubgeruch der Gänge ein, und als sie in ihrer Loge saß, machte +sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem. + +Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen aus ihren +Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung +zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres +Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen die Geschäfte nicht, +sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das +waren Grauköpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; weiß in der +Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene +Silbermünzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit +knallroten und grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie +von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die +goldenen Knäufe ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die +Orchesterlampen angezündet, und der Kronleuchter ward von der +Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes +Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen +die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getöse +an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, fauchenden +Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze Schläge mit +dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hörnerklang. Der +Vorhang hob sich. + +Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im +Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern, +Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein +Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten +Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen +ab. Der Chor singt von neuem. + +Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre +zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als höre +sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die nebelige Heide +hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr +das Verständnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten +Handlung, während eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um +alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verfließen. Sie gab +sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fühlte, wie ihr die +Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die +Violinenbogen über ihre Nerven. Sie hätte hundert Augen haben +mögen, um sich satt sehen zu können an den Dekorationen, Kostümen, +Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bäumen, an den +Samtbaretten, Rittermänteln und Degen, an allen diesen +Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer +ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem +Reitknecht in grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie +allein, und nun kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und +Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang +von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch Emma +hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in Liebesarmen! + +Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen +schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der +grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche Gestalt +war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem +Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende +Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man hatte Emma +erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand von Biarritz +singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn +verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann +einer andern zuliebe sitzen lassen. + +Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem +berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar +fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln über +den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit und die leichte +Empfänglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besaß eine schöne +Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz, +mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, +und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem +Toreador. + +Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er +schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder, +sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald klagte +er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm aus der +Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich weit vor, um +ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in den Plüsch der +Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmütigen +Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf begleitet, nicht +aufhörten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrüchigen im +Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzücktheiten und +Herzensängste, die sie unlängst dem Tode so nahe gebracht hatten. +Die Stimme der Primadonna erschütterte sie wie eine laute +Verkündung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst +beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war +sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte +nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im +Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ... + +Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte wiederholt +werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren +Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und Hoffnungen; und als +sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, stieß Emma einen lauten +Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte. + +»Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?« +fragte Bovary. + +»Aber nein!« antwortete sie. »Das ist doch ihr Geliebter!« + +»Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und der +andre, der dann kam, hat doch gesagt: + +'Nimm, Teure, meine Schwüre an +Der reinsten, wärmsten Liebe!' + +Und sie sagt: + +'So sei es denn!' + +Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine +Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater, +nicht wahr?« + +Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im +zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden hatte, +bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er +gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben. +Die Musik störe, sie beeinträchtige den Text. + +»Was schadet das?« wandte Emma ein. »Nun sei aber still!« + +Er lehnte sich an ihren Arm. »Ich möchte gern im Bilde sein. Weißt +du?« + +»Sei doch endlich still!« sagte sie unwillig. »Schweig!« + +Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im +Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte +ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den +Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange zur Kirche. +Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter +leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich gewesen, +ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ... +Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch nicht besudelt +durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem Ehebruch, auf ein +festes edles Herz bauen und Tugend, Zärtlichkeit, Sinnenlust und +Pflichttreue zusammen fühlen dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe +solcher Glückseligkeit herabgesunken! »Nein, nein!« rief sie +schmerzlich bei sich aus. »All das große Glück da unten ist doch +nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder verzweifelten +Phantasten!« Jetzt erkannte sie, daß die Leidenschaften in der +Wirklichkeit armselig sind und nur in der Überschwenglichkeit der +Kunst etwas Großes. Sie versuchte sich zur nüchternen Anschauung +zu zwingen. Sie wollte in dieser Wiedergabe ihrer eigenen +Schmerzen nichts mehr sehen als ein plastisches Phantasiegebilde, +nichts mehr und nichts weniger als eine amüsante Augenweide. Und +so lächelte sie in Gedanken überlegen-nachsichtig, als im +Hintergrunde der Bühne hinter einer Samtportiere ein Mann in einem +schwarzen Mantel erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei +einer Körperbewegung vom Kopfe fiel. + +Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. Edgard +rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton +schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen entgegen, +Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im Maße der +Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie Orgelgebraus. Die Frauen +des Chors wiederholen die Worte, ein köstliches Echo. +Gestikulierend stehen sie alle in einer Reihe. Zorn, Rachgier, +Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen entströmen gleichzeitig +ihren aufgerissenen Mündern. Der wütende Liebhaber schwingt seinen +blanken Degen. Der Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden +Brust auf und nieder, während er mächtigen Schritts in seinen +sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet. + +»Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,« dachte Emma, +»daß er sie an die Menge so verschwenden kann.« Ihre Anwandlung +von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner Rolle. Sie +fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter dieser +Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen, +sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes Leben, an dem sie hätte +teilnehmen können, wenn es der Zufall gefügt hätte. Warum hatten +sie sich nicht kennen gelernt und sich ineinander verliebt! Sie +wäre mit ihm durch alle Länder Europas gereist, von Hauptstadt zu +Hauptstadt, hätte mit ihm Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen +aufgelesen, die man ihm streute, und seine Bühnenkostüme +eigenhändig gestickt. Alle Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge, +hinter vergoldetem Gitter aufmerksam den Sängen seiner Seele +gelauscht, die einzig und allein ihr gewidmet wären. Von der +Szene, beim Singen, hätte er zu ihr geschaut ... + +Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. Kein +Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, in +seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der Liebe, und +ihm laut zurufen: + +»Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir +gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!« + +Der Vorhang fiel. + +Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der Fächer machte +die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge verlassen, aber +die Gänge waren durch die vielen Menschen versperrt. Sie sank in +ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen und Atemnot. Da Karl +fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, eilte er nach dem Büfett, +um ihr ein Glas Mandelmilch zu holen. + +Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das Glas in +beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er tat, jemanden +mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er dreiviertel des Inhalts +einer Dame in ausgeschnittener Toilette über die Schulter. Als sie +das kühle Naß, das ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie +laut auf, als ob man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener +Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit. +Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem +schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas von +Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich bei +Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr: + +»Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, diese +Menschheit! Diese Menschheit!« Nach einigem Verschnaufen fügte er +hinzu: »Und ahnst du, wer mir da oben begegnet ist? Leo!« + +»Leo?« + +»Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!« + +Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt auch +schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer Ungezwungenheit +reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau Bovary die +ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren Willens. Diesen fremden +Einfluß hatte sie lange nicht empfunden, seit jenem +Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie voneinander Abschied +genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und draußen war leiser +Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch besann sie sich auf +das, was die jetzige Situation und die Konvenienz erheischten. +Mit aller Kraft schüttelte sie den alten Bann und die alten +Erinnerungen von sich ab und begann ein paar hastige Redensarten +zu stammeln: + +»Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?« + +»Ruhe!« ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte nämlich +der dritte Akt begonnen. + +»So sind Sie also in Rouen?« + +»Ja, gnädige Frau!« + +»Und seit wann?« + +»Hinaus! Hinaus!« + +Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten. + +Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit vorbei. Der +Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton und seinem +Diener, das große Duett in D-Dur, alles das spielte sich für sie +wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, als klänge das Orchester +nur noch gedämpft, als sängen die Personen ihr weit entrückt. Sie +dachte zurück an die Spielabende im Hause des Apothekers, an den +Gang zu der Amme ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an +die Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser +armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war +und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da? +Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von +neuem ihren Lebenspfad kreuzen? + +Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von +Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch +seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte. + +»Macht Ihnen denn das Spaß?« fragte er sie, indem er sich über sie +beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts ihre Wange streifte. + +»Nein, nicht besonders!« entgegnete sie leichthin. + +Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und +irgendwo eine Portion Eis zu essen. + +»Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!« sagte Bovary. »Sie hat +aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!« + +Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das Spiel +der Sängerin schien ihr übertrieben. + +»Sie schreit zu sehr!« meinte sie, zu Karl gewandt, der aufmerksam +zuhörte. + +»Möglich! Jawohl! Ein wenig!« gab er zur Antwort. Eigentlich +gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er +immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig. + +Leo stöhnte: + +»Ist das eine Hitze!« + +»Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!« sagte Emma. + +»Verträgst dus nicht mehr?« fragte Bovary. + +»Ich ersticke! Wir wollen gehen!« + +Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann +schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem +Kaffeehause im Freien Platz nahmen. + +Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie versuchte +mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie die +Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne das langweilen. +Darauf erzählte dieser, er müsse sich in Rouen zwei Jahre tüchtig +auf die Hosen setzen, um sich in die hiesige Rechtspflege +einzuarbeiten. In der Normandie mache man alles anders als in +Paris. Dann erkundigte er sich nach der kleinen Berta, nach der +Familie Homais, nach der Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in +Karls Gegenwart nicht sagen, und so stockte die Unterhaltung. + +Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und +trällernd: + +'O Engel reiner Liebe!' + +Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu +sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im +Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar +nichts. + +Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte, +unterbrach ihn: + +»Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich bedaure, +daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es fing mir grade an +zu gefallen!« + +»Demnächst gibts ja eine Wiederholung!« tröstete ihn Leo. + +Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause müßten. +»Es sei denn,« meinte er, zu Emma gewandt, »du bliebst allein +hier, mein Herzchen?« + +Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner Begehrlichkeit +bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun lobte er das Finale +des Sängers. Er sei da köstlich, großartig! + +Von neuem redete Karl seiner Frau zu: + +»Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! Es +wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern du dir auch +nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!« + +Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner +stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff und +zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei +Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren ließ. + +»Es ist mir wirklich nicht recht,« murmelte Bovary, »daß Sie für +uns Geld ...« + +Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der +Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut. + +»Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!« + +Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben könne. +Emma indessen sei durch nichts gehindert. + +»Es ist nur ...«, stotterte sie, verlegen lächelnd, »... ich weiß +nicht recht ...« + +»Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber reden, wenn +dus beschlafen hast!« Und zu Leo gewandt, der sie begleitete, +sagte er: »Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend sind, hoffe ich, +daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch ansagen!« + +Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin +demnächst in Yonville beruflich zu tun habe. + +Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander +verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf. + + + + +Drittes Buch + + + + +Erstes Kapitel + + +Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle fleißig +besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den Grisetten +gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick aus. Übrigens war +er der mäßigste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu +lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes +Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von +wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten, +aus Ängstlichkeit und weil ihm das wüste Leben zu grob war. + +Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden +des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein Code-Napoléon aus den +Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmählich verblaßte +diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien überwucherten sie, ohne +sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle +Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der +Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume. + +Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte +seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt gälte es, +sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen wollte. Seine +ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im Verkehr mit +leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz +zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht +schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt abgetreten +hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berühmten +Professors mit Orden und Equipage, hätte der arme Adjunkt +sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen, +vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fühlte er sich +überlegen und eines leichten Sieges gewiß. Sicheres Auftreten +hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als +im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer +reichen Frau ihr Tugendwächter. Sie trägt sie alle mit sich wie +ein Panzerhemd unter ihrem Korsett. + +Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte, +war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen +gefolgt, bis er sie im »Roten Kreuz« verschwinden sah. Dann machte +er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen +Kriegsplan. + +Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof mit +beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, vor +nichts zurückzuscheuen. + +»Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!« vermeldete ihm ein +Kellner. + +Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf. + +Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn +kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm +mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien. + +»O, das habe ich erraten«, sagte Leo. + +»Wieso?« + +Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn hierher +geleitet. + +Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er +nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen +Gasthöfen nach ihnen zu fragen. + +»Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?« fügte er hinzu. + +»Ja,« gab sie zur Antwort, »aber ich hätte es lieber nicht tun +sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen gewöhnen, +wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...« + +»Ja, das kann ich mir denken ...« + +»Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.« + +Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer +philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung. +Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige +Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei. + +Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher +Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete +der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit +ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich +zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter +quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie +sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so +stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen +waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie +die nackte Wahrheit umschreiben könnten. Emma verheimlichte es, +daß sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, daß +er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht +mehr an die Soupers nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich +nicht ihrer Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem +Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte +nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr +Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid +aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des +alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete +umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem +schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte, +wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel. + +»Ach, verzeihen Sie!« sagte sie. »Es ist unrecht von mir, Sie mit +meinen ewigen Klagen zu langweilen.« + +»Keineswegs!« + +»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort und schlug ihre schönen Augen, +aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, »was ich mir alles +erträumt habe!« + +»Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich +ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais entlang +geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und +die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort +verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthändlers auf dem +Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen, +der eine Muse darstellt. Sie trägt eine Tunika, einen +Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor. +Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich +stundenlang davor gestanden ...« Und mit zitternder Stimme fügte +er hinzu: »Sie sah Ihnen ein wenig ähnlich.« + +Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre Lippen +nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte. + +»Und wie oft«, fuhr er fort, »habe ich an Sie Briefe geschrieben +und hinterher wieder zerrissen.« + +Sie antwortete nicht. + +»Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir +wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an der +nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken +hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie +Sie welche zu tragen pflegen ...« + +Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden +zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten +Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen +Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen +machte. + +Endlich sagte sie mit einem Seufzer: + +»Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben so wie ich +führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem +nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem Bewußtsein +trösten, sich für etwas zu opfern.« + +Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er +selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas +aufzugehen, die er nicht befriedigen könne. + +»Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein«, behauptete sie. + +»Ach ja!« erwiderte er. »Aber für uns Männer gibt es keinen +solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung ... es +sei denn vielleicht die des Arztes ...« + +Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von +ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. Wie +schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden. +Sofort schwärmte Leo für die »Ruhe im Grabe«. Ja, er hätte sogar +eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt, +daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit der Seidenstickerei +legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem, +wie alles hätte sein können, also nach einem imaginären Zustand, +änderten sie jetzt in der Erzählung ihre Vergangenheit. Ist doch +die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefühle breitdrückt. + +Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie: + +»Warum denn?« + +»Warum?« Er zögerte. »Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!« + +Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete +Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn +der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber war, zerreißt. +Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus +ihren Augen wie weggeweht. + +Er wartete. Endlich sagte sie: + +»Ich hab es immer geahnt ...« + +Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage +einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in +ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich der +Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem Zimmer, +ihres ganzen Hauses. + +»Und unsere armen Kakteen, was machen die?« + +»Sie sind letzten Winter alle erfroren!« + +»Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie mir +gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im +Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und Sie +mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...« + +»Armer Freund!« sagte sie und reichte ihm ihre Hand. + +Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er +tief auf und sagte: + +»Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich +war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen ... +aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?« + +»Doch, fahren Sie nur fort!« + +»Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, gerade +im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen +Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete +ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es +mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen das von mir war. +Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es +doch nicht über mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen +Laden traten, wartete ich draußen auf der Straße und sah Ihnen +durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und +das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei +Frau Tüvache; man öffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener +Pudel vor der mächtigen Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß +gefallen war.« + +Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon +her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen, +erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Unendlich +viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit +leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern: + +»Ja ... So war es ... So war es ... So war es!« + +Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den +Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen +nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein +Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, dieses +Rauschen ströme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre +Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft, +Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der zärtlichen Wonne +des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete sich an den Wänden, und +halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen +Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. Durch das oben +offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein +Stück des schwarzen Himmels. + +Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der +Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder. + +»Was ich sagen wollte ...«, begann Leo von neuem. + +»Was war es?« + +Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder +anzuknüpfen, da fragte sie ihn: + +»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse +anvertraut hat?« + +Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe +sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn +zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden +worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt +hätte. + +»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie. + +»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der +Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels +hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn +anzufangen?« + +»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt ... und +Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ... +und Sie werden sie wieder lieben!« + +»Nicht so, wie ich Sie liebe!« + +»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!« + +Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der +Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder +lieben könnten, wie ehemals. + +Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht. +Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und +daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß +sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu +liebkosen versuchten. + +»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück. + +Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die +ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit +ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein +Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche +Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig +aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut +seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie +glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit +ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr. + +»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns +verplaudert!« + +Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut. + +»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein +armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau +Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten ...« + +Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein. + +»So?« fragte Leo. + +»Gewiß!« + +»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu +sagen!« + +»Was denn?« + +»Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht +heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten ... Hören Sie +mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn +nicht ...« + +»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!« + +»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid +mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein +einziges ...« + +»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders, +sagte sie: »Aber nicht hier!« + +»Wo Sie wollen!« + +Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz: + +»Morgen um elf in der Kathedrale!« + +»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren +Händen. Sie entzog sie ihm. + +Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor +ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf +ihren Nacken. + +»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem +eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals +immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über +ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen. +Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick. + +Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb +er stehen und stammelte mit zitternder Stimme: + +»Auf Wiedersehn morgen!« + +Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer. + +Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die +Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle +beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig +war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was +sollte sie tun? + +»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen, +wenn er kommt.« + +Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre, +reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich +hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes +Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete +seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum +Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil +sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte. + +»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des +Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war. + +Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den +Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei +Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum +Notre-Dame-Platze. + +Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der +Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg +auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen +Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um +die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte +Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und +Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren +tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein +Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen +Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden +kleine Veilchensträuße. + +Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau +kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der +Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen +wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und +rasch trat er in die Kirche. + +Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der +'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf, +den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als +ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo +in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das +Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden: + +»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die +Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?« + +»Nein!« + +Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe +und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging +abermals bis zum Chor. + +Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den +gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende +Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte +Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen +des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen +Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan +hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die +übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen +Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine +silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel +gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder +das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den +hohen Gewölben widerhallten. + +Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so +schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und +stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten +Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten, +in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem +unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und +um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler +neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe +entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes +Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die +Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen +erscheine. + +Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und +seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit +Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte +die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während +seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ... + +Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich +erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein +Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging +geradezu eine Tempelschändung. + +Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte +auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen. + +Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. + +»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht +doch!« + +Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der +Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete. + +Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand +er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines +Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische +Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte, +langweilte er sich. + +Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der +Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung +begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören, +starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der +weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe +Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte. + +Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der +Schweizer rasch auf sie zu: + +»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die +Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?« + +»Aber nein!« rief der Adjunkt aus. + +»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich +an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden +Vorwand. + +Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück +und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen +Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift. + +»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten +Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte +ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist +vor Freude gestorben ...« + +»Weiter!« drängte Leo. + +Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der +Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem +Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten +zeigt, auf eine Grabplatte. + +»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr +von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser +der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli +1465.« + +Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße +auf den andern. + +»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden +Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und +Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des +Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie, +gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift +besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen +will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der +irdischen Vergänglichkeit!« + +Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah +sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu +machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der +einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite. + +Der unermüdliche Cicerone fuhr fort: + +»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin +Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois, +geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche +Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt +bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die +Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und +Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des +Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem +Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.« + +Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die +beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er +öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal +eine schlechte Statue gewesen sein konnte. + +»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer, +»das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von +der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine +Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier +sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die +Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern +von Lagargouille!« + +Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und +nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die +Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle +Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach: + +»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!« + +»Danke!« erwiderte Leo. + +»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt +vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte ägyptische +Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...« + +Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die +Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch +durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen, +den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt +hatte. Das wäre ihr Tod gewesen. + +»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma. + +Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte +schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie +plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen +eines Stockes hörten. Leo wandte sich um. + +»Meine Herrschaften!« + +»Was gibts?« + +Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke +ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch +gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale. + +»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche. + +Ein Junge spielte auf dem Vorplatz. + +»Hol uns eine Droschke!« + +Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten +allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig +verlegen. + +»Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!« Es klang +wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr +unschicklich, wissen Sie das?« + +»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In _Paris_ macht mans so!« + +Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument. +Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in +die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke. + +»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der +Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das +'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der +Hölle' an!« + +»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher. + +»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen. + +Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung. + +Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der +Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte +vor dem Denkmal Corneilles Halt. + +»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren. + +Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz +hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab. + +»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme. + +Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in +gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher +trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut +zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee +dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg +hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu, +über die Inseln hinaus. + +Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville, +die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum +drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten. + +»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend. +Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt +Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die +Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum, +wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen +überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte +die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer +Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller +Höhe. + +Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und +Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über +die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden +und am Hauptfriedhof vorüber. + +Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom +Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut +in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen +wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich +hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine +warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob +er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe +vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit. + +Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an +den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz +ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der +immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen +wie ein Grab. + +Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am +heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine +bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine +Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße +Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen. + +Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der +Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus +und ging, ohne sich umzusehen, weiter. + + + + +Zweites Kapitel + + +Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht +mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma +gewartet, schließlich aber war er abgefahren. + +Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu Hause +sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend +zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene +feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe +und zugleich der Preis für den Ehebruch ist. + +Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm +einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. Unterwegs +trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte aller +Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten +Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern +von Quincampoix ein. + +Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als sie +erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah sie +Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie wartete. Hivert +hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das sich bis zum Fenster +hinaufreckte, flüsterte ihr geheimnisvoll zu: + +»Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es +handelt sich um etwas sehr Dringliches!« + +Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine +dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des +Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am +selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen +besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man sah, +daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde. + +Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, und +sogar der »Leuchtturm von Rouen« lag am Boden zwischen zwei +Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in der +Küche -- inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll +abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und +zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln +über dem Feuer -- die ganze Familie Homais, groß und klein, alle +in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den Händen. Der +Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten Kopfes +dastand, und schrie ihn eben an: + +»Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?« + +»Was ist denn los? Was gibts?« fragte die Eintretende. + +»Was los ist?« antwortete der Apotheker. »Ich mache hier +Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft zu +dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem andern +Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus Faulheit hin +und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an einem Nagel +aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!« + +Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei +Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft +hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte +und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als einen +gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres Heiligtum, aus +dem, von seiner Hand hergestellt, alle die verschiedenen Sorten +von Pillen, Pasten, Säften, Salben und Arzneien hervorgingen, die +ihn in der ganzen Gegend berühmt machten. Niemand durfte das +Kapernaum betreten. Das ging soweit, daß er es selbst ausfegte. +Die Apotheke stand für jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er +würdevoll amtierte. Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo +sich Homais selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und +Experimenten hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine +unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine Johannisbeeren, +wetterte er: + +»Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den +Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen +Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch +genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat +auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel, +daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate +nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn man +sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...« + +»Aber so beruhige dich doch!« mahnte Frau Homais. + +Und Athalia zupfte ihn am Rock. + +»Papachen, Papachen!« + +»Laßt mich!« erwiderte der Apotheker. »Zum Donnerwetter, laßt +mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen! +Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die +Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure +Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!« + +»Sie hatten mir doch ...«, begann Emma. + +»Einen Augenblick! -- Weißt du, mein Junge, was dir hätte +passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten +Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen Ton +von dir!« + +»Ich ... weiß ... nicht«, stammelte der Lehrling. + +»Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da eine +Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben Deckel, gefüllt +mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von mir eigenhändig +draufgeschrieben: 'Gift! Gift! Gift!' Und weißt du, was da drin +ist? Ar -- se -- nik! Und so was rührst du an? Nimmst einen +Kessel, der daneben steht!« + +»Daneben!« rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände über +dem Kopfe zusammen. »Arsenik! Du hättest uns alle miteinander +vergiften können!« + +Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits die +schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden. + +»Oder du hättest einen Kranken vergiften können«, fuhr der +Apotheker fort. »Wolltest du mich gar auf die Anklagebank bringen, +vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem Schafott sehen? +Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen Arbeiten kolossal in +acht nehmen muß, trotz meiner großen Routine darin? Oft wird mir +selber angst, wenn ich an meine Verantwortung denke. Denn die +Regierung sieht uns tüchtig auf die Finger, und die albernen +Gesetze, denen wir unterstehen, schweben unsereinem faktisch wie +ein Damoklesschwert fortwährend über dem Haupte!« + +Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr +wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort: + +»So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden sind? +So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und Sorgfalt, die +ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn ohne mich? Wie +ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, erzogen, gekleidet? Wer +ermöglicht es dir, daß du eines Tages mit Ehren in die +Gesellschaft eintreten kannst? Aber um das zu erreichen, mußt du +noch feste zugreifen, mußt, wie man sagt, Blut schwitzen! +Fabricando sit faber, age, quod agis!« + +Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte +Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt +hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der +Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie das +Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den Grund und +Boden öffnet. + +Er predigte immer weiter: + +»Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein Haus +genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend Und dem +Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du wirst +niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als zum +Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! Du +kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir +wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt +dirs über die Maßen wohl gehn!« + +Emma wandte sich an Frau Homais: + +»Man hat mich hierher gerufen ...« + +»Ach, du lieber Gott!« unterbrach die gute Frau sie mit trauriger +Miene. »Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... Es ist nämlich ein +Unglück passiert ...« + +Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie: + +»Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn +wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!« + +Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel +Justins Tasche ein Buch. + +Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, hob den +Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen und +offenem Mund. + +»Liebe und Ehe«, las er vor. »Aha! Großartig! Großartig! Wirklich +nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein bißchen starker +Tobak!« + +Frau Homais wollte nach dem Buche greifen. + +»Nein, das ist nichts für dich!« wehrte er sie ab. + +Die Kinder wollten die Bilder sehn. + +»Geht hinaus!« befahl er gebieterisch. + +Und sie gingen hinaus. + +Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab, +das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz +außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren sollte. +Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit +verschränkten Armen vor ihn hin: + +»Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? Nimm +dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! Hast +du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch meinen Kindern +in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde in ihre Sinne +streuen, die Unschuld Athaliens trüben und Napoleon verderben? Er +ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens beschwören, daß die +beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du mir das schwören?« + +»Aber so sagen Sie mir doch endlich,« unterbrach ihn Emma, »was +Sie mir mitzuteilen haben!« + +»Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!« + +In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an +einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener Rücksichtnahme +hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die schreckliche +Nachricht schonend mitzuteilen. + +Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens +überlegt und ausgeklügelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht, +Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine +Sprachkunst triumphiert. + +Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da +Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er +sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte er +sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über: + +»Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. Der +Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche Tatsachen +darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja die er +vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch +wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!« + +Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie erwartet +hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen. + +»Meine liebe Emma!« + +Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber +bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. Da +fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht: + +»Ja ... ich weiß ... ich weiß ...« + +Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis ohne +jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, daß +ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod hatte +ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines +Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an +einem Liebesmahl teilgenommen hatte. + +Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus +konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. Als +er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl +unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß. + +Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem +traurigen Blick an. Einmal seufzte er: + +»Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!« + +Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas entgegnen +müsse, fragte sie: + +»Wie alt war dein Vater eigentlich?« + +»Achtundfünfzig!« + +»So!« + +Das war alles. + +Eine Viertelstunde später fing er wieder an: + +»Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?« + +Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse. + +Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt sei, +und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, um +ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich +zusammenraffend, fragte er sie: + +»Hast du dich gestern gut amüsiert?« + +»Ja!« + +Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma +gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung ansah, +um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen bis auf den +letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, wie eine Null +vor. Er war wirklich in jeder Beziehung »ein trauriger Kerl«. Wie +konnte sie ihn nur loswerden? Welch endloser Abend! Etwas +Betäubendes ergriff sie, wie Opium. + +In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. Es war +Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm viel Mühe, es +abzulegen. + +»Karl denkt schon gar nicht mehr daran«, dachte Emma, als sie den +armen Teufel sah, dem das rote Haar in die schweißtriefende Stirn +herabhing. + +Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein +Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen Anwesenheit +dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein leibhaftiger Vorwurf +der heillosen Unfähigkeit des Arztes herum? + +»Ein hübscher Strauß!« sagte er, als er auf dem Kamin Leos +Veilchen bemerkte. + +»Ja!« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe ihn einer armen Frau +abgekauft.« + +Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine von +Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie ihm aus +der Hand und stellte sie in ein Wasserglas. + +Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn +weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der +Wirtschaft zu tun. + +Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den +Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube +hinten im Garten am Bachrande. + +Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große +Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum +Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den Toten +nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst begehrenswert. +Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit geworden, daß sie nun +Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann eine dicke Träne über +ihre Nase und blieb einen Augenblick daran hängen. Dabei nähte sie +ununterbrochen weiter. + +Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit +sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz +trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die +kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen Tages ins +Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit ihres Mannes und +ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie hätte nichts hören und +nichts sehn mögen, um nicht in ihren Liebesträumereien gestört zu +werden, die gegen ihren Willen unter den äußeren Eindrücken zu +verwehen drohten. + +Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um sich +ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere und +Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in den +Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen +Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und sprach auch +kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen umhatte, spielte mit +ihrer Schaufel im Sande. + +Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen. + +Er bot in Anbetracht des »betrüblichen Ereignisses« seine Dienste +an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu können, aber +der Händler wich nicht so leicht. + +»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte er, »aber ich muß +Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.« Und flüsternd +fügte er hinzu: »Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen schon +...« + +Karl wurde rot bis über die Ohren. + +»Gewiß ... freilich ... natürlich!« + +In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau: + +»Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?« + +Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner +Mutter: + +»Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine Kleinigkeit, die +den Haushalt betrifft.« + +Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die Vorgeschichte des Wechsels erführe. + +Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in ziemlich +eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von +gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von +seiner Gesundheit, die immer »so lala« sei. Er müßte sich wirklich +höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, ihm fehle doch +die Butter zum Brote. + +Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich +entsetzlich. + +»Und sind Sie völlig wiederhergestellt?« fuhr er fort. »Ich sag +Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung +gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch +ordentlich einander in die Haare gefahren sind.« + +Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die +Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen. + +»Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur Reise ...« + +Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf +den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit +einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? Emma +verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er fort: + +»Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin gekommen, +ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...« + +Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt hatte, +zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache ganz nach +seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu ängstigen, +noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft sei. + +»Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders übernähme. Sie +zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das wäre das Bequemste. +Wir könnten dann unsere kleinen Geschäfte miteinander abmachen.« + +Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam er +auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse +unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege schicken, +zu einem neuen schwarzen Kleide. + +»Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie brauchen noch noch +ein andres für die Besuche. Gleich beim Eintreten habe ich das +bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein Amerikaner!« + +Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam +er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen +anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig und +dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand »gehorsamst zur +Verfügung«, wie Homais zu sagen pflegte. Dabei flüsterte er Emma +immer wieder irgendwelche Ratschläge wegen der Generalvollmacht +zu. Den Wechsel erwähnte er nicht mehr, und Emma dachte auch nicht +daran. Karl hatte wohl kurz nach ihrer Genesung mit ihr darüber +gesprochen, aber es war ihr seitdem so viel durch den Kopf +gegangen, daß sie das vergessen hatte. Sie hütete sich überhaupt, +Geldinteressen an den Tag zu legen. Frau Bovary wunderte sich +darüber, aber sie schrieb das der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der +Krankheit in ihr erstanden sei. + +Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren +Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse +Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob +nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte auf +gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von Ordnung des +Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung usw., und übertrieb +immerfort die Schwierigkeiten der Erbschaftsregelung. Eines Tages +zeigte sie ihm sogar den Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr +das Recht übertrug, das Vermögen zu verwalten, Darlehen +aufzunehmen, Wechsel auszustellen und zu akzeptieren, jederlei +Zahlung zu leisten und zu empfangen usw. + +Lheureux war ihr Lehrmeister. + +Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe. + +»Notar Guillaumin.« Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte sie +hinzu: »Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. Die +Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch einen +Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein ... +keinen.« + +»Höchstens Leo«, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei schwierig, +sich brieflich zu verständigen. + +Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es +nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit +nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn aus: + +»Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!« + +»Wie gut du bist!« sagte er und küßte sie auf die Stirn. + +Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren +und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort. + + + + +Drittes Kapitel + + +Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre +Flitterwochentage. + +Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei +verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter +überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man ihnen alle +Morgen in der Frühe brachte. + +Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer der +Inseln. + +Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen die +Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer stieg +zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man breite +ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der Sonne wie +schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten. + +Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen +hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen Ankertaue. +Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, das Stimmengewirr, +das Bellen der Hunde auf den Schiffen wurde ferner und ferner. +Emma knüpfte ihre Hutbänder auf. + +Sie landeten an »ihrer Insel«. Sie setzten sich in eine Herberge, +vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen gebackene Fische, +Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich ins Gras, küßten +einander im Schatten der hohen Pappeln und hätten am liebsten wie +zwei Robinsons immer auf diesem Erdenwinkel leben mögen, der ihnen +in ihrer Glückseligkeit als das schönste Fleckchen der ganzen Welt +erschien. Sie sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht +zum ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern +der Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es +war ihnen, als hätten sie das alles niemals so genossen, als wäre +die Natur vorher gar nicht dagewesen oder als wäre sie erst schön, +seitdem ihr Begehren gestillt war. + +Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade +von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank unter +dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die vierkantigen +Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen Gabeln, +taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das Wasser leise +um das herrenlose Steuer. + +Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom stillen +Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und Emma begann +sogar zu singen: + +»Weißt du, eines Abends +Fuhren wir dahin ...« + +Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut, +vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang Leos +Ohr. + +Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine +offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr +Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein +Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer erscheinen. Die +Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum Himmel empor. Von +Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der Weiden, an denen der +Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie plötzlich wieder auf, im +Lichte des Mondes, wie eine Geistererscheinung. + +Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges gelagert hatte, +hob ein Band aus roter Seide auf. Der Bootsmann sah es und meinte: + +»Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft +spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie +hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein +Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem +schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn +immer: 'Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem Leben, Adolf!' +Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...« + +Emma fuhr zusammen. + +»Ist dir nicht wohl?« fragte Leo und legte ihr die Hand um den +Nacken. + +»Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.« + +»Er mochte auch viel Glück bei den Frauen haben«, redete der +Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar eine +Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hände und begann +von neuem zu rudern. + +Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig. +Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet +schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte +Umschläge verwenden. Er wunderte sich über ihre Schlauheit in +Liebesdingen. + +»Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht wahr?« fragte +sie nach dem letzten Kusse. + +»Aber gewiß!« + +Als er dann allein durch die Straßen heimging, dachte er bei sich: + +»Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer +Generalvollmacht?« + + + + +Viertes Kapitel + + +Leo begann vor seinen Kameraden den Überlegenen zu spielen. Er +mied ihre Gesellschaft und vernachlässigte seine Akten. Er wartete +nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in ihnen und +schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in der +Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heißes Begehren +kühlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im Gegenteil, sein +Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaßen, daß er an einem +Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann. + +Als er von der Höhe herab unten im Tale den Kirchturm mit seiner +sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte, +durchschauerte ihn ein sonderbares Gefühl von Eitelkeit und +Rührung, wie es vielleicht ein Milliardär empfindet, der sein +Heimatdorf wieder aufsucht. + +Er ging um Emmas Haus. In der Küche war Licht. Er wartete, ob +nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar würde. Es erschien +nichts. + +Als Mutter Franz ihn gewahrte, stieß sie Freudenschreie aus. Sie +fand ihn »größer und schlanker geworden«, während Artemisia im +Gegensatze dazu meinte, er sähe »stärker und brauner« aus. + +Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein, +aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nämlich +»satt bekommen«, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte +seine Tischzeit ein für allemal auf Punkt fünf Uhr verlegt, was +ihn indessen nicht hinderte, darüber zu räsonieren, daß der »alte +Klapperkasten egal zu spät« käme. + +Endlich faßte Leo Mut und klingelte an der Haustüre des Arztes. +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer Viertelstunde kam +sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn wiederzusehen; aber +weder am Abend noch andern Tags wich er von Emmas Seite. Erst +nachts kam sie allein mit Leo zusammen, auf dem Wege hinter dem +Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, wie einst mit dem andern. + +Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem +Regenschirm, bei Donner und Blitz. + +Die Trennung war ihnen unerträglich. + +»Lieber sterben!« sagte Emma. + +Sie entwand sich seinen Armen und weinte. + +»Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?« + +Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da +versprach ihm Emma, sie wolle demnächst Mittel und Wege finden, +damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen könnten. Emma +zweifelte nicht an der Möglichkeit. Sie war überhaupt voller +Zuversicht. Lheureux hatte ihr für die nächste Zeit Geld in +Aussicht gestellt. + +Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores für ihr Zimmer an. +Lheureux rühmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen Teppich, +den der Händler bereitwillig zu besorgen versprach, wobei er +versicherte, er werde »die Welt nicht kosten«. Lheureux war ihr +unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie nach ihm, +und immer ließ er alles stehen und liegen und kam, ohne auch nur +zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte Frau Rollet +täglich zum Frühstück und auch außerdem noch häufig kam. + +Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma plötzlich einen ungemein +regen Eifer im Musizieren. + +Eines Abends spielte sie dasselbe Stück viermal hintereinander, +ohne über eine bestimmte schwierige Stelle glatt hinwegzukommen. +Karl, der ihr zuhörte, bemerkte den Fehler nicht und rief: + +»Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!« + +»Nein, nein! Ich stümpere. Meine Finger sind zu steif geworden.« + +Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen. + +»Meinetwegen! Wenn es dir Spaß macht.« + +Karl gab zu, daß sie ein wenig aus der Übung sei. Sie griff +daneben, blieb stecken, und plötzlich hörte sie auf zu spielen. + +»Ach, es geht nicht, ich müßte wieder Stunden nehmen, aber ...« +Sie biß sich in die Lippen und fügte hinzu: »Zwanzig Franken für +die Stunde, das ist zu teuer.« + +»Allerdings ... ja ...«, sagte Karl und lächelte einfältig, »aber +es gibt doch auch unbekannte Künstler, die billiger und manchmal +besser sind als die Berühmtheiten.« + +»Such mir einen!« sagte Emma. + +Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene an +und sagte schließlich: + +»Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in +Barfeuchères, und da hat mir Frau Liégeard erzählt, daß ihre drei +Töchter für zwölf Groschen die Stunde bei einer ganz +vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.« + +Emma zuckte mit den Achseln und öffnete fortan nicht mehr das +Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging, +seufzte sie allemal: + +»Ach, mein armes Klavier!« + +Wenn Besuch da war, erzählte sie jedermann, daß sie die Musik +aufgegeben und höheren Rücksichten geopfert habe. Dann beklagte +man sie. Es sei schade. Sie hätte soviel Talent. Man machte ihrem +Manne geradezu Vorwürfe, und der Apotheker sagte ihm eines Tages: + +»Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem die +Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Außerdem sparen Sie, +wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, später bei der +musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mütter +sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon +Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber das +wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernährung der Säuglinge +durch die eigenen Mütter und wie die Schutzpockenimpfung! Davon +bin ich überzeugt!« + +Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprächsweise auf diese +Angelegenheit zurück. Emma erwiderte ärgerlich, daß es besser +wäre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte sich Bovary. +Das kam ihm wie die Preisgabe eines Stückes von sich selbst vor. +Das brave Klavier hatte ihm so oft Vergnügen bereitet und ihn +einst so stolz und eitel gemacht! + +»Wie wäre es denn,« schlug er vor, »wenn du hin und wieder eine +Stunde nähmst? Das wird uns wohl nicht gleich ruinieren!« + +»Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmäßig erfolgt«, entgegnete +sie. + +Und so kam es schließlich dahin, daß sie von ihrem Gatten die +Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um +den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie +habe bedeutende Fortschritte gemacht. + + + + +Fünftes Kapitel + + +An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich geräuschlos +an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe wegen ihres zu +frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief sie in ihrem Zimmer +herum, stellte sich ans Fenster und sah auf den Marktplatz hinaus. +Das Morgengrauen huschte um die Pfeiler der Hallen und um die +Apotheke, deren Fensterläden noch geschlossen waren. Die großen +Buchstaben des Ladenschildes ließen sich durch das fahle +Dämmerlicht erkennen. + +Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem +Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und fachte +der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. Ganz +allein saß Emma dann in der Küche. + +Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst gemächlich +die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, die in der +Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster heraussah und ihm +tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln erteilte, die jeden +andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die Absätze von Emmas +Stiefeletten klapperten laut auf dem Pflaster des Hofes. + +Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel +angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die +Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock. + +Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie allerorts +Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor den Hoftoren +standen und warteten. Leute, die sich Plätze vorbestellt hatten, +ließen meist auf sich warten; ja es kam vor, daß sie noch in ihren +Betten lagen. Dann rief, schrie und fluchte Hivert, stieg von +seinem Sitz herunter und pochte mit den Fäusten laut gegen die +Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind durch die schlecht +schließenden Wagenfenster. + +Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt +schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten sich +rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser gefüllten +Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin bis in den +Horizont. + +Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, wann eine +Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine Scheune, das +Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal schloß sie die Augen eine +Weile, um sich überraschen zu lassen. Aber sie verlor niemals das +Gefühl für Zeit und Ort. + +Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte +unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch deren +Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken und +Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf. + +Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst +erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das Häusermeer in +undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich flaches Land in +eintönigen Linien, bis es weit in der Ferne im fahlen Grau des +Himmels verschwamm. So aus der Vogelschau sah die ganze Landschaft +leblos wie ein Gemälde aus. Die vor Anker liegenden Zillen +drängten sich in einem Winkel zusammen. Der Strom wand sich im +Bogen um grüne Hügel, und die länglichen Inseln in seinen Fluten +glichen großen schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen +Fabrikessen quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in +der Luft auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich +das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste +hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards wuchsen +aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, und die vom +Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder schwächer, je nach der +höheren oder tieferen Lage der Stadtteile. Bisweilen trieb ein +frischer Windstoß das dunstige Gewölk nach der Sankt +Katharinen-Höhe hin, an deren steilen Hängen sich die luftige Flut +geräuschlos brach. + +Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt, +diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut stürmte +ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die hundertundzwanzigtausend +Herzen, die da unten schlugen, den Brodem der Leidenschaften, die +in ihnen lodern mochten, in einem einzigen Hauche entgegensandten. +Vor der Gewalt dieses Anblicks wuchs ihre eigene Liebe, und das +dumpfe Rauschen des Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre +Stimmung. Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und +vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr +zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie Einzug hielt. + +Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die frische +Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der +schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert +rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger, +die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, wo sie +die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren Familienkutschen +gemächlich aus. + +Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer +Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht +und stieg aus. + +In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die +Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den +Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit +niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem +herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um nicht +beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre Gassen +hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen am Ende +der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt es dort die +meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. Ein paarmal fuhren +Karren mit Bühnendekorationen an Emma vorüber. Beschürzte Kellner +streuten Sand auf das Trottoir, zwischen Kästen mit grünen +Gewächsen. Es roch nach Absinth, Zigarren und Austern. + +Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie erkannte +ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich unter seinem +Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm nach dem +Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, öffnete die Tür +und trat ein ... + +Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne Ende! +Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von ihrem +Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber dann war +das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu Auge, unter dem +Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der Zärtlichkeit. + +Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten des +Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge herab. Wenn +sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von diesem Purpurrot +abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme verschämt hob und ihr +Gesicht in den Händen verbarg: was hätte Leo Schönres schauen +können? + +Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten +Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu +einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte +alles, was blank im Gemache war, hell auf: die Messingbeschläge an +der Tür, an den Gardinenhaltern und am Kamin. + +Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig +verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles so vor, +wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die Haarnadeln noch auf +dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am Donnerstag vorher liegen +gelassen hatte. + +Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen eingelegten +Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte alles zurecht +und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den Teller, unter tausend +süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über den Rand des dünnen +Kelches auf die Finger perlte, lachte sie lustig auf. Sie waren +beide in den gegenseitigen Genuß versunken und vergaßen völlig, +daß sie in einer Mietwohnung hausten. Es war Ihnen, als wären sie +Jungvermählte und hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder +zu verlassen brauchten. Sie sagten »unser Zimmer, unser Teppich, +unsre Stühle,« wie sie »unsre Pantoffeln« sagten, wobei sie die +meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa Atlas +mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten Füßen. Wenn +sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir ihren Beinen +und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen Zehen. + +Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen +Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese +entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen, +dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte +Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er hatte +eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine +verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen? + +Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald +tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald +schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte +Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die +Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je +gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der +Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der »Badenden +Odaliske«, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen Vrouwen +der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, die +spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als alles das: +sie war sein »Engel«. + +Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich seine +Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz und von +da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr zu Füßen +auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah zu ihr empor +und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu ihm herab und +flüsterte wie im Rausche: + +»O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist etwas +Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern habe!« + +Sie nannte ihn »mein Junge«. + +»Mein Junge, liebst du mich?« + +Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie +nicht. + +Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus Bronze, +der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande trug. Er +machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde schlug, kam +ihnen alles ernsthaft vor. + +Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer wiederholten +sie: + +»Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!« + +Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, küßte +ihn rasch auf die Stirn, und mit einem »Adieu!« stürmte sie die +Treppe hinunter. + +Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße und +ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. Im Laden +brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das Klingeln drüben im +Theater, das dem Personal den Beginn der Vorstellung anzeigte. +Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit bleichen Gesichtern und +Frauen in abgetragenen Kleidern im hinteren Eingang des +Theatergebäudes verschwanden. + +Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken +und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen Brennscheren +und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu schaffen +machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, so wäre sie +unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen. + +Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an. + +Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins »Rote +Kreuz«. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am Vormittag +unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und nahm ihren +Platz ein, unter den bereits ungeduldigen Mitfahrenden. Wo die +steile Strecke begann, stiegen alle aus. Emma blieb allein im +Wagen zurück. + +Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der +Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites +Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster +kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend +flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in Gedanken +und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind verschlang. + +Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen +ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter +Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn +abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit +Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in roten +Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, die an der +Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. Wenn man ihn +ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten seine bläulichen +Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager. + +Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam: + +»Wenns Sommer worden weit und breit, +Wird heiß das Herze mancher Maid ...« + +Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich hinter +Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg. + +Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf dem +nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er fragte +ihn, wie es seiner Liebsten ginge. + +Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch das +Wagenfenster herein. Er war draußen auf das kotbespritzte +Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand fest. Sein +erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er heulte durch +die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das Schellengeläut +der Pferde, das Rauschen der Bäume und das Rasseln des Wagens +tönten in diese Jammerlaute hinein, so daß sie wie aus der Ferne +zu kommen schienen. Emma war tieferschüttert. Empfindungen +brausten ihr durch die Seele wie wilder Wirbelsturm durch eine +Schlucht. Grenzenlose Melancholie ergriff sie. + +Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen Wagen +beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf den +Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den +Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus. + +Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die einen +schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die Brust +gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des Nachbars, +und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je nach den +Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der Schein der +Laterne drang durch die schokoladenbraunen Kattunvorhänge und +bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit blutroten Lichtstreifen. +Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie fror unter ihren Kleidern. +Ihre Füße wurden ihr kälter und kälter. Sie fühlte sich +sterbensunglücklich. + +Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer +Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, aber +was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte jetzt machen, was +es wollte. + +Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie fragte, ob +ihr etwas fehle. + +»Nein!« antwortete sie. + +»Aber du bist so sonderbar heute abend?« + +»Ach nein, nicht im geringsten!« + +Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war +gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser als +eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die Streichhölzer +zurecht, legte ihr ein Buch hin und das Nachthemd und deckte das +Bett auf. + +»Gut!« sagte sie. »Du kannst gehn.« + +Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und +blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an. + +Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch +qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit +der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor +Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre +Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen befriedigt +wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich unter +leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. Seine +anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie hegte und +pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, sein Herz zu +verlieren. + +Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme: + +»Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! Wirst +es machen wie alle andern!« + +»Welche andern?« + +»Wie alle Männer, meine ich.« + +Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu: + +»Ihr seid alle gemein!« + +Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch über die +menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um seine +Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem +Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, daß sie vor ihm einen +andern geliebt habe. + +»Nicht wie dich!« fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte +ihres Kindes, daß es »zu nichts gekommen« sei. + +Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der +Betreffende jetzt sei. + +»Er war Schiffskapitän, mein Lieber!« + +Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein +gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewiß +vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben sollte? + +In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der +Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, Orden +und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, das sah +er deutlich an ihrem Hang zum Luxus. + +Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins +Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen +blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in +schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren. +Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich +gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die +Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns +nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch zweifellos die +Bitterkeit der Trennung. + +Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise: + +»Ach, wenn wir dort leben könnten!« + +»Sind wir denn nicht glücklich?« erwiderte Leo zärtlich und strich +mit der Hand liebkosend über ihr Haar. + +»Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!« + +Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie +bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch +Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt. +Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er +plötzlich: + +»Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?« + +»Ja!« + +»Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen und +sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.« + +Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen: + +»Mein Name wird ihr entfallen sein.« + +»Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die +Klavierstunden geben«, meinte Karl. + +»Das ist auch möglich!« + +Plötzlich sagte Emma: + +»Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich +eine bringen.« + +Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, wühlte +in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl sie bat, +sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe zu machen. + +»Ich werde sie schon finden!« beharrte sie. + +In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel +anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß zu stehen +pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück Papier. Er +zog es hervor und las: + +»Quittung. + +Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für +verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn. + +Dankend erhalten +Friederike Lempereur, +Musiklehrerin.« + +»Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?« + +»Wahrscheinlich«, erwiderte Emma, »ist es aus dem Karton mit den +alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.« + +Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lügen. +Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand +sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen geradezu zu einem +Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn sie erzählte, daß sie +auf der rechten Seite der Straße gegangen sei, konnte man wetten, +daß es auf der linken gewesen war. + +Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich leicht +gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien begann. Karl +hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche +des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging +hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der +Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er im »Roten Kreuz« +angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau +Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, daß sie das »Rote +Kreuz« sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche +und erzählte ihr von seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine +sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald +eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale +so wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen. + +Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte, +so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und +so hielt es Emma für besser, fortan im »Roten Kreuz« abzusteigen, +damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der +Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwöhnten. + +Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den +Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne schwatzen; aber er +war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage später in ihr Zimmer +und erklärte, daß er Geld brauche. + +Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing zu +jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen. + +In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel +bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlängert +und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine +Anzahl unbezahlter Rechnungen für die Stores, den Teppich, für +Möbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstücke, im +Gesamtbetrag von ungefähr zweitausend Franken. + +Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort: + +»Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.« + +Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in +Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht +viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen Pachtgute gehört, +das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wußte +genau Bescheid über das Grundstück; er kannte sogar die Anzahl der +Hektare und die Namen der Nachbarn. + +»An Ihrer Stelle«, sagte er, »versuchte ich, es loszuwerden. Sie +bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!« + +Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber +Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, was +sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen. + +»Sie haben doch die Vollmacht«, antwortete er. + +Dieses Wort belebte sie. + +»Lassen Sie mir die Rechnung hier!« sagte sie. + +»O, das eilt ja nicht!« erwiderte Lheureux. + +In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und +berichtete, es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen +Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das +Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste. + +»Der Preis ist mir gleichgültig!« rief Emma aus. + +Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln lassen. +Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst +nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das Geschäft +mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurück, der +Käufer habe viertausend Franken geboten. + +Emma war hocherfreut. + +»Offen gestanden,« fügte der Händler hinzu, »das ist anständig +bezahlt!« + +Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma +sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte +Lheureux: + +»Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes Sümmchen +gleich wieder aus der Hand geben wollen!« + +Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der +Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten. + +»Wie? Wie meinen Sie?« stammelte sie. + +»O,« erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, »man kann ja was ganz +Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie das in einem +Haushalte so ist.« + +Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine +langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte +er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je +tausend Franken auf den Tisch. + +»Unterschreiben Sie!« sagte er, »und behalten Sie die ganze +Summe!« + +Sie fuhr erschrocken zurück. + +»Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,« sagte Lheureux +frech, »erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?« + +Er schrieb unter die Rechnung: + +»Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben, +bescheinigt +Lheureux.« + +»So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die +weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist auch der +letzte Wechsel nicht fällig.« + +Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den +Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor ihr +ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. Lheureux sagte +noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in Rouen, der die vier +Wechsel diskontieren wolle. Die überschüssige Summe werde er der +gnädigen Frau persönlich bringen. + +Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert. +Freund Vinçard habe »wie üblich« zweihundert Franken für Provision +und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig eine +Empfangsbestätigung. + +»Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! Das +Datum!« + +Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so +vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann +die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte. + +Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig auf einen +Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf +Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon aufklären. + +Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um +ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die +Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend +unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen +müssen. + +»Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist tausend +Franken nicht zuviel?« + +In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen +Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu +bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen +davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin +schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer +Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas +herausrücke, gab er ihr zur Antwort: + +»Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!« + +Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine +besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze +Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks heraus. +Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, daß sie erst +viel später bekannt wurde. + +Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte +die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu finden. + +»Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die +Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in +keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Großvaterstuhl! +Die jungen Leute hatten keine nötig. So war es wenigstens bei +meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir +versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und +Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn +ich mich so verwöhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte +Frau, die wahrlich ein bißchen der Pflege nötig hätte ... Da schau +mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, +das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schönen Futterstoff für +vier Groschen, ja schon für dreie bekommt, der seinen Zweck +vollkommen erfüllt!« + +Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe: + +»Ich finde, es ist nun gut!« + +Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie +würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der +Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr versprochen +habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ... + +»Was?« unterbrach Emma ihre Rede. + +»Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!« + +Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglücksmensch +mußte zugeben, daß ihm die Mutter das Ehrenwort abgenötigt hatte. +Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und händigte +ihrer Schwiegermutter mit der Gebärde einer Fürstin ein großes +Schriftstück ein. + +»Ich danke dir!« sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in +den Ofen. + +Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte +einen Nervenchok bekommen. + +»Ach du mein Gott!« rief Karl aus. »Siehst du, Mutter, es war doch +nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!« + +Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles »bloß Tuerei!« + +Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf +und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, sie +werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. Als Karl sie +noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben überreden wollte, +erwiderte sie: + +»Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja ganz in +der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst ja sehen ... +Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich wieder -- +sozusagen -- zusetzen!« + +Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm +erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte +erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue +Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der +sie ausstellen sollte. + +»Sehr begreiflich!« meinte der Notar. »Ein Mann der Wissenschaft +darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken lassen.« + +Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte +Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit mit +der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren Dingen +beschäftigt. + +Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in Leos +Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, weinte, +sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte +Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie +doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem +Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in den +Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, unersättlich, +wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie mit Leo durch die +Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste Angst, daß sie ins +Gerede kommen könnte. So sagte sie wenigstens. Insgeheim +erzitterte sie freilich mitunter bei dem Gedanken, Rudolf könne +ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf immerdar von ihm geschieden +war, so fühlte sie sich doch noch immer in seinem Banne. + +Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war außer +sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre »Mama« nicht +ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. Justin wurde auf +der Poststraße entgegengesandt, und selbst Homais verließ seine +Apotheke. + +Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. Er spannte +seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein Pferd los und +langte gegen zwei Uhr morgens im »Roten Kreuz« an. Emma war nicht +da. Er dachte, vielleicht könne der Adjunkt sie gesehen haben, +aber wo wohnte er? Glücklicherweise fiel ihm die Adresse des +Notars ein, bei dem Leo in der Kanzlei arbeitete. Er eilte hin. + +Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über der Tür +und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte ihm jemand +die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den nächtlichen Ruhestörer +zu schimpfen. + +Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen Türklopfer +noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug mit der Faust +gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging vorüber. Karl bekam +Angst und ging davon. + +»Ich bin ein Narr!« sagte er zu sich. »Wahrscheinlich haben +Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!« + +Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen. + +»Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank +... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre +gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?« + +Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café das +Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von Fräulein +Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des Maroquiniers Nummer 74. + +Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende auf. Er +stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals. + +»Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?« rief er. + +»Ich war krank.« + +»Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?« + +Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete: + +»Bei Fräulein Lempereur.« + +»Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.« + +»Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon +ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du +kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich +weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem +Gleichgewicht bringt!« + +Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in Zukunft +mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man zu sagen +pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den ausgiebigsten Gebrauch +davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo zu sehen, fuhr sie unter +irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser sie an solchen Tagen +nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner Kanzlei auf. + +Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber allmählich +verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren diese +Störungen durchaus nicht angenehm. + +»Ach was, komm nur mit!« sagte sie. + +Und er verließ ihretwegen seine Arbeit. + +Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz kleiden +und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er aussähe +wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er mußte ihr +seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. Er schämte +sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, Vorhänge zu +kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die seien sehr teuer, +sagte sie lachend: + +»Ach, hängst du an deinen paar Groschen!« + +Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem letzten +Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein Gedicht, um +ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei lag ihm nicht, +und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem alten Almanach ab. + +Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein andres +Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen Dingen ihrer +Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie sie. Mit einem +Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo wurde der +feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie verstand auf eine +Art zu kosen und zu küssen, daß er die Empfindung hatte, als sauge +sie ihm die Seele aus dem Leibe. Es steckte, im Kerne ihres Wesens +verborgen, eine eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis +in Emma, eine geheimnisvolle Erbschaft. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig bei +dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, ihn nun +auch einmal in Rouen zu besuchen. + +»Gern!« gab Homais zur Antwort. »Ich muß sowieso einmal +ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen +zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein paar +Dummheiten loslassen!« + +»Aber Mann!« mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren +Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus. + +»Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon +genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? Ja, +ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die Wissenschaften, +so sind sie eifersüchtig; und will man sich gelegentlich in +harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann ists ihnen auch +wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf +mich! In allernächster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann +wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!« + +Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen Ausdruck zu +gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin, +den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich wie seine Nachbarin, +Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den +Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner +Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu +imponieren. + +Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung in der +Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, in einen alten +Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine +Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der andern. Er +hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die +Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß nehmen. + +Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend +verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen +Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen, +so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half +kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das »Grand Café zur +Normandie«, wo er, bedeckten Hauptes, stolz wie ein Fürst eintrat. +Er hielt es nämlich für höchst provinzlerhaft, in einem +öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen. + +Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte +sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei sie +ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der +Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn +gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe. + +Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der große +Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, der die Form +eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen innen vergoldete +Fächer sich unter der weißen Decke ausbreiteten. Neben ihnen, im +hellen Sonnenlichte, hinter Glaswänden, sprudelte ein kleiner +Springbrunnen über einem Marmorbecken. An seinem Rande hockten +zwischen Brunnenkresse und Spargel drei schläfrige Hummern; +daneben lagen Wachteln, zu einem Haufen aufgeschichtet. + +Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die +Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so tat der +Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett mit Rum +aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien »über die +Weiber«. Am meisten rege ihn eine »schicke« Frau auf, und nichts +ginge über eine elegante Robe in einem vornehm eingerichteten +Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da sei viel Fleisch +»nicht ohne«. + +Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und +schmatzte weiter. + +»Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in Rouen«, +sagte er plötzlich. »Aber schließlich wohnt ja Ihr Liebchen nicht +allzuweit.« Da Leo errötete, setzte er hinzu: »Na, gestehen Sie +nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in Yonville ...« + +Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches. + +»... im Hause Bovary jemanden poussieren ...« + +»Aber wen denn?« + +»Na, das Dienstmädel!« + +Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als alle +Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er liebe nur +brünette Frauen. + +»Da haben Sie nicht unrecht«, meinte der Apotheker. »Die haben +mehr Temperament!« + +Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die Symptome, +an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. Er geriet +sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die Deutschen seien +schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die Italienerinnen +leidenschaftlich. + +»Und die Negerinnen?« fragte der Adjunkt. + +»Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!« + +»Gehen wir?« fragte Leo ungeduldig. + +»Yes!« + +Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen und ihm +seine Zufriedenheit aussprechen. + +Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen Gang +vor. Er wollte nun endlich allein sein. + +»Ich begleite Sie natürlich!« sagte Homais. + +Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von seinen +Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom verwahrlosten +Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie in die Höhe +gebracht habe. + +Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm, +eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten +Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in Wut. Leo +versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu beruhigen. Es +sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie kenne Homais doch. +Wie habe sie nur glauben können, daß er lieber mit ihm statt mit +ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar nichts hören und schickte +sich an, fortzugehen. Er hielt sie zurück, sank vor ihr auf die +Knie, umschlang sie mit beiden Armen und sah sie mit einem +rührenden Blick voller Begehrlichkeit und Unterwürfigkeit an. + +Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie +ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck +in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ ihm +ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der +Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen. + +»Du kommst doch wieder?« fragte Emma. + +»Gewiß!« + +»Aber wann?« + +»Sofort!« + +Es war der Apotheker. + +»Ein feiner Trick, nicht?« schmunzelte er, als er Leo erblickte. + +»Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch +offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund +Bridoux, einen Bittern genehmigen!« + +Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker +lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei. + +»Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum +nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux! +Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!« Und da +der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: »Na, da +begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung +lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.« + +Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des Apothekers +Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung des +reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, während Homais +immer wieder in ihn drang: + +»Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert +Schritte von hier! Rue Malpalu!« + +Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit oder +Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den Menschen +mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen Willen +zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie fanden ihn in +dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei Burschen +beaufsichtigte, die das große Rad einer +Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen +Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank man +den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu empfehlen, +aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er sagte: + +»Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den +'Leuchtturm von Rouen'! Dem Redakteur guten Tag sagen. Ich mache +Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.« + +Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den +Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade +aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das +Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung auf! Nun +suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. Er sei +eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, feminin, dazu +knickerig und kleinmütig. + +Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter +machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten +hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht +berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben. + +Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die nichts +mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm Emma +schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den +Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die +eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu +erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten +Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand +sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. Diese +Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. Emma kam +immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher Erregung. Sie +warf die Kleider ab und riß das Korsett herunter, dessen Schnuren +ihr um die Hüften schlugen wie zischende Schlangen. Mit nackten +Füßen lief sie an die Tür und überzeugte sich, daß sie verriegelt +war. Mit einer hastigen Bewegung entledigte sie sich dann des +Hemdes -- und bleich, stumm, ernst und von Schauern durchströmt, +warf sie sich in seine Arme. + +Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren +stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung +lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. Leo fühlte +es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu trennen. + +Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der +Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und des Leids +schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. Was ihn dereinst +entzückt hatte, das flößte ihm jetzt Grauen ein. + +Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung +seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen +Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann +auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein +Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt. + +Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von ausgesuchten +Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements der Kleidung und den +schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte aus ihrem Garten Rosen +mit, die sie an der Brust trug und ihm ins Gesicht warf. Sie +sorgte sich um seine Gesundheit und gab ihm gute Ratschläge, wie +er leben solle. Abergläubisch schenkte sie ihm ein Amulett mit +einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame Mutter erkundigte sie +sich nach seinen Freunden und Bekannten. + +»Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!« + +Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen. +Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der Nähe +des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, der dies wohl +übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab. + +»Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was tuts? +Ich halte ihn nicht!« + +Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als gewöhnlich. Als sie +allein den Boulevard hinschlenderte, bemerkte sie die Mauer ihres +Klosters. Da setzte sie sich auf eine schattige Bank unter den +Ulmen. Wie friedsam hatte sie damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht +nach den jungfräulichen Vorstellungen von der Liebe, die sie sich +damals aus Büchern erträumt hatte ... + +Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte, +mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald +... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr vorüber +... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie alles andre. + +»Aber ich liebe ihn doch!« flüsterte sie. + +Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen! +Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam immer +gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog? + +Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und +tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit einem +Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und Sänger, +warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil das eine +Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen! Weil +alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt immer nur das +Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genuß den +Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten Küsse +hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare Begierde nach +der Wollust der Götter! + +Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug +viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine Ewigkeit +auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in einer +Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem kleinen +Raume ... + +Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten +kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein Mann von +schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in Rouen schicke ihn +her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen er die eine +Seitentasche seines langen grünen Rockes verschlossen hatte, +steckte sie im Ärmelaufschlag fest und überreichte ihr höflich ein +Papier. Es war ein Wechsel auf siebenhundert Franken, den sie +ausgestellt hatte. Lheureux hatte ihn seinem Versprechen entgegen +an Vinçard weitergegeben. + +Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, ließ +er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und dabei +hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke auf +Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig: + +»Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?« + +»Sagen Sie ihm nur«, gab Emma zur Antwort, »... ich hätte kein +Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in +acht Tagen!« + +Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf erhielt +sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten Zustellungsurkunde +starrten ihr mehrfach die Worte »Hareng, Gerichtsvollzieher in +Büchy« entgegen. Darüber erschrak sie dermaßen, daß sie +spornstreichs zu Lheureux lief. + +Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu. + +»Ihr Diener!« begrüßte er sie. »Ich stehe Ihnen sogleich zur +Verfügung!« + +Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, bei +der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war ein wenig +verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die Stelle des +Ladenmädchens und der Köchin. + +Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten +Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der +Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in +dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller +Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem +Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand stand +ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch andre +Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In der Tat lieh +Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank lagen unter +anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe des alten +Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café Français hatte inzwischen +sein Grundstück verkaufen müssen und in Quincampoix einen kleinen +Kramladen eröffnet. Dort ging er seiner Schwindsucht langsam +zugrunde, inmitten seiner Talglichte, die weniger gelb waren als +sein Gesicht. + +Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte: + +»Na, was gibts Neues?« + +Emma hielt ihm die Vorladung hin. + +»Hier, lesen Sie!« + +»Ja, was geht denn mich das an?« + +Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, +ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu. + +»Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber das +Messer an der Kehle!« + +»Und was wird jetzt geschehn?« + +»Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann +die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!« + +Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe +ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein Mittel +gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten. + +»Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das ist ein +Bluthund!« + +Dann müsse eben Lheureux einspringen. + +»Hören Sie mal,« entgegnete er, »mir scheint, daß ich schon genug +für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!« Er schlug seine Bücher auf: +»Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. Juni +hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig Franken +... am 10. April ...« + +Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen. + +»Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt hat, +einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von Ihren +ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar nicht +zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar niemand mehr +hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun haben!« + +Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten +Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter »diesen +Schweinehund, den Vinçard«. Übrigens verfüge er selber über keinen +roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man zöge ihm das +Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, könne nichts +borgen. + +Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr +Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich: + +»Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...« + +Sie unterbrach ihn: + +»Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville bekomme +...« + +»Wieso?« + +Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch nicht +gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er: + +»Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!« + +»Ach, den müssen Sie machen!« + +Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. Hierauf +schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er käme sehr +schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er schneide sich +in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er vier Wechsel aus, +jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit Fälligkeitstagen, die +je vier Wochen auseinanderlagen. + +»Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!« sagte er. +»Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! Bei mir geht +alles wie geschmiert!« + +Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten. + +»Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!« meinte er. +»Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei Groschen und +angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich drum! Man sagt +ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist ... Sie könnens sich +ja denken!« + +Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber +sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war +bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei Meter +Brokatstickerei zeigte, einen »Gelegenheitskauf«, wie er sagte. + +»Prachtvoll! Nicht?« sagte er. »Man nimmt es jetzt vielfach zu +Sofabehängen. Das ist hochmodern!« + +Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den +Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma in +die Hände gedrückt. + +»Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...« + +»Ach, das eilt ja nicht!« unterbrach er sie und wandte sich einem +andern Kunden zu. + +Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch +seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke. +Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach Erledigung aller +Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von dem Grundstück +in Barneville -- jährlich sechshundert Franken, die ihm pünktlich +zugehen würden. + +Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten +Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das häufiger. +Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: »Ich bitte, es meinem +Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in dieser Beziehung +ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr ergebene ...« Hie und da +liefen Beschwerden ein, die sie unterschlug. + +Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe, +ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein +Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. Auf +ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, den +Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte +Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. Sie +lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom +»Roten Kreuz«, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit dem +Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, bezahlte sie +zwei von den vier Wechseln. Die übrigen fünfzehnhundert Franken +waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue Verpflichtungen ein und +immer wieder welche. + +Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei +herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete, +bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte gar nicht +mehr daran. + +Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten mit +wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete Wäsche. Und +die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von Frau Homais in +zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl gelegentlich eine +bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm Emma barsch, es sei +nicht ihre Schuld. + +»Warum ist sie so reizbar?« fragte er sich und suchte die +Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich +Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr körperliches +Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wäre am +liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie geküßt. + +»Lieber nicht!« sagte er sich. »Es könnte ihr lästig sein!« + +Und er ging nicht zu ihr. + +Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die +kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische +Wochenschrift auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen. +Es war noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große, +traurige Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte +Wasser in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er +brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als Bäumchen +in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er war schon +längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte schon wer weiß +wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das Kind, und es +verlangte nach der Mutter. + +»Ruf Felicie!« sagte Karl. »Du weißt, mein Herzchen, Mama will +nicht gestört werden!« + +Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt war es +genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde das endlich +wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, die Hände auf +dem Rücken. + +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören. +Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum +bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der Räucherkerzchen +an, die sie in Rouen im Laden eines Algeriers gekauft hatte. Um in +der Nacht nicht immer ihren schnarchenden Mann neben sich zu +haben, brachte sie es durch allerlei Grimassen so weit, daß er +sich in den zweiten Stock zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen +überspannte Bücher, die von Orgien und von Mord und Totschlag +erzählten. Oft bekam sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf, +und Karl kam eiligst herunter. + +»Ach, geh nur wieder!« sagte sie. + +Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs +durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung ans +Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den Wind um das +schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, wünschte sie +sich die Liebe eines Fürsten ... + +Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem Augenblick +darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm sattküssen +zu lassen. + +Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der +Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu +bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was beinahe +jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu überzeugen, daß sie +ebensogut in einem einfacheren Gasthofe zusammen kommen könnten. +Sie wollte jedoch nichts davon hören. + +Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes Dutzend +vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk ihres Vaters. Sie +bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er gehorchte, obgleich ihm +dieser Gang sehr peinlich war. Er fürchtete, sich bloßzustellen. +Als er hinterher noch einmal darüber nachdachte, fand er, daß +seine Geliebte überhaupt recht seltsam geworden sei und daß es +vielleicht ratsam wäre, mit ihr zu brechen. Seine Mutter hatte +übrigens einen langen anonymen Brief bekommen, in der ihr von +irgendwem mitgeteilt worden war, ihr Sohn »ruiniere sich mit einer +verheirateten Frau.« Der guten alten Dame stand sofort der +konventionelle Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, +die Teufelin, die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie +wandte sich brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem +die Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo +dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die +Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem er +zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei seine +weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das Verhältnis +abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so doch in seinem, +des Notars. + +Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen. +Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch, +indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was für +Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von den +Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich losließen, wenn +sie sich am Kamine wärmten. Er sollte demnächst in die erste +Adjunktenstelle rücken. Es ward also Zeit, ein gesetzter Mensch zu +werden. Aus diesem Grunde gab er auch das Flötespielen auf. Die +Tage der Schwärmereien und Phantastereien waren für ihn vorüber! +Jeder Philister hat in seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und +wenn der auch nur einen Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist +jeder der ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender +Pläne fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach +einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat sich +irgendwann einmal der Dichter geregt. + +Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung an +seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik nur in +gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die +Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde +Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht. + +Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz sie +noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die +Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander +überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der Ehe +wieder. + +Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr die +Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus Gewohnheit oder +Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der Sinnengenuß ward +ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch nach höheren +Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt und betrogen. +Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre Entzweiung zur +Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich aus freien Stücken +von ihm zu trennen. + +Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu überschütten. +Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer Frau, ihrem Geliebten +alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben stand vor ihrer +Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, sondern ein +Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten Erinnerungen, eine +Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, das leibhaft gewordne +Idol ihrer heißesten Gelüste. Allmählich ward ihr dieser imaginäre +Liebling so vertraut, als ob er wirklich existiere, und sie +empfand die seltsamsten Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, +obgleich sie eigentlich gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er +war ihr ein Gott, in der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er +wohnte irgendwo hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer +Abenteuer, unter Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war +ihr nahe. Er umarmte und küßte sie ... + +Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. Die +Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr als die wildeste +Ausschweifung. + +Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche +Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie zu +lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar +geschlafen. + +Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie nahm am +Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten Strümpfen, eine +Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster auf dem linken +Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. Es bildete sich +eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand sie unter der +Vorhalle des Theaters, umringt von einem halben Dutzend Masken, +Bekannten von Leo: Matrosen und Fischerinnen. Man wollte irgendwo +soupieren. Die Restaurants in der Nähe waren alle überfüllt. +Schließlich entdeckte man einen bescheidenen Gasthof, in dem sie +im vierten Stock ein kleines Zimmer bekamen. + +Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich +einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der +medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was für +eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? An +ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast alle der +untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann sie sich zu +ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und schlug die +Augen nieder. + +Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn glühte, +ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte ihr über +die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des Tanzsaals; es +war ihr, als stampften tausend Füße im Takte um sie herum. Dazu +betäubte sie der Zigarrenrauch und der Duft des Punsches. Sie +wurde ohnmächtig. Man trug sie ans Fenster. + +Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein +breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der +graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den +Brücken. Die Laternenlichter verblichen. + +Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in +Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll langer +Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte in +eigentümlichen Tönen ... + +Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo +und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr +eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, sich +wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im +kristallklaren Äther. + +Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ sie den +Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, durch die +Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. Sie ging rasch. +Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach vergaß sie die +lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das +Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im +»Roten Kreuz« angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in +demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen +ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von +Hivert geweckt. + +Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der Uhr +steckte. Emma las: + +»Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...« Sie hielt inne. +»Was für ein Urteil?« Sie besann sich. + +Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben worden, +das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie +weiter: + +»Im Namen des Königs! ...« Sie übersprang einige Zeilen. +»... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend +Franken ...« Und unten: »Vorstehende Ausfertigung wird ... zum +Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...« + +Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden! + +»Die sind morgen abgelaufen!« sagte sie sich. »Unsinn! Lheureux +will mir nur angst machen!« + +Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften, +den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was sie +etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der Schuldsumme. Durch +ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das +Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen, +Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Höhe +angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er +brauchte es zu neuen Geschäften. + +Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor. + +»Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist wohl ein +Scherz!« + +»Bewahre!« + +»Wieso aber?« + +Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte: + +»Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich +bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? Für +nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die höchste Zeit, daß +ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie doch einsehen!« + +Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme. + +»Ja, das tut mir leid!« erwiderte der Händler. »Das Gericht hat +die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist nichts zu +machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! Übrigens bin ich +nicht der Kläger, sondern Vinçard.« + +»Könnten Sie denn nicht ...« + +»Ich kann gar nichts!« + +»Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...« + +Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei überrascht +worden ... + +»Ist das denn meine Schuld?« fragte Lheureux mit einer höhnischen +Geste. »Während ich mich hier abplagte, haben Sie herrlich und in +Freuden gelebt!« + +»Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?« + +»Das könnte nichts schaden!« + +Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so weit, +daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand berührte. + +»Lassen Sie mich zufrieden!« wehrte er ab. »Am Ende wollen Sie +mich gar noch verführen!« + +»Sie sind ein gemeiner Mensch!« rief sie aus. + +»Na, na!« lachte er. »Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!« + +»Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie sind! Ich +werde meinem Manne sagen ...« + +»Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...« + +Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung der Summe +für das verkaufte Grundstück. + +»Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl halten +wird, der arme gute Mann?« + +Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. Lheureux +lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und her und +sagte immer wieder: + +»Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...« + +Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem +Tone: + +»'s ist grade kein Vergnügen -- das weiß ich wohl! -- aber es ist +noch niemand dran gestorben, und da es der einzige Weg ist, der +Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...« + +»Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?« jammerte Emma +und rang die Hände. + +»Na, wenn man Freunde hat wie Sie!« + +Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch +Mark und Bein ging. + +»Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...« + +»Danke! Habe genug von den alten!« + +»Könnte ich nicht was verkaufen?« + +»Was denn?« fragte er achselzuckend. »Sie besitzen doch gar +nichts!« Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in seinen +Laden hinein: »Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch Nummer +vierzehn!« + +Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen sollte. Sie +machte einen letzten Versuch. + +»Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung +aufzuhalten?« + +»Es ist schon zu spät!« antwortete Lheureux. + +»Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel +der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?« + +»Das hätte alles keinen Zweck!« + +Er drängte sie sanft dem Ausgange zu. + +»Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage Zeit!« + +Sie schluchzte. + +»Donnerwetter! Gar noch Tränen!« + +»Sie bringen mich zur Verzweiflung!« jammerte sie. + +»Mir auch egal!« + +Er machte die Türe zu. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den +Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie sich +einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen. + +Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen Schädel +schrieben sie indessen nicht mit in das Sachenverzeichnis. Sie +erklärten ihn als zur Berufsausübung nötig. Aber in der Küche +zählten sie die Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in +ihrem Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie +durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der +Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward bis in +die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der Anatomie +-- den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der +Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, eine +weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug, +wiederholte immer wieder: + +»Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!« + +Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie: + +»Wunderhübsch! Sehr nett!« + +Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis, +wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn +tauchte, das er in der linken Hand hielt. + +Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die +Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult bemerkte, +in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er an, daß es +geöffnet werde. + +»Ah! Briefe!« meinte er, geheimnisvoll lächelnd. »Sie erlauben +wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst noch was +drinnen steckt!« + +Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten Goldstücke +herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie seine plumpe rote +Hand mit den molluskenhaften Fettfingern diese Blätter anfaßte, +bei deren Empfang ihr Herz einst höher geschlagen hatte. + +Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag +gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den +Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände +zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein. + +Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma +beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in den +Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre +Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten +Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie +sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte sie +kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid mit sich +selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als unterdrückte. + +Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich. +Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige +langweilte. + +»Ging da nicht oben einer?« fragte Karl. + +»Nein!« beschwichtigte sie ihn. »Da war wahrscheinlich ein +Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.« + +Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie +alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die +meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich +nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie +beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich zurückzahlen. +Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie ab. + +Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es öffnete +niemand. Endlich kam er von der Straße her. + +»Was führt dich her?« + +»Störe ich dich?« + +»Nein ... aber ...« + +Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man »Damen« bei +sich empfinge. + +»Ich muß dich sprechen!« sagte sie. + +Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen. + +»Nein! Nicht hier! Bei uns!« + +Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer. + +Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz bleich. +Dann sagte sie: + +»Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!« + +Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu: + +»Hör mal: ich brauche achttausend Franken!« + +»Du bist verrückt!« + +»Noch nicht!« + +Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und klagte +ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer Schwiegermutter +stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater könne ihr wirklich +nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese unbedingt nötige Summe +schleunigst verschaffen. + +»Wie soll ich das?« + +»Du willst bloß nicht!« sagte sie aufgeregt. + +Er stellte sich dumm: + +»Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird der +Biedermann schon zufrieden sein!« + +»Vielleicht. Schaff sie mir nur!« sagte sie. Dreitausend Franken +seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf +seinen Namen aufnehmen. + +»Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will dich dafür +auch recht liebhaben!« + +Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, als +ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er: + +»Ich war bei drei Personen ... umsonst!« + +Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, ohne zu +sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor Ungeduld +mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte: + +»Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld +auftriebe!« + +»Wo denn?« + +»In eurer Kanzlei!« + +Sie sah ihn starr an. + +Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen ihren +sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so stark, +daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft dieses +Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe daran war, zu +erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht ergriff ihn, +und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug er sich vor +die Stirn und rief aus: + +»Morel kommt ja heute nacht zurück!« Morel war ein Freund von ihm, +der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. »Der schlägts mir +nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen vormittag bringen.« + +Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger +freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie seine +Lüge? + +Errötend fuhr er fort: + +»Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann +warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich +fort! Entschuldige mich! Lebwohl!« + +Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma hatte +alle Kraft verloren ... + +Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville +zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit. + +Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne +strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete +Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma den +Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. Die +Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals wie ein Strom +aus einer dreibogigen Brücke. + +Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in das +Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr wölbte und +ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu ihrer grenzenlosen +Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier strömten die +Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie schwankte und +war einer Ohnmacht nahe. + +»Vorsehen!« rief eine Stimme aus einem Torwege. + +Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen, +der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause herauskam. Ein +Herr in einem Zobelpelz kutschierte ... + +»Wer war das doch?« fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. Das +Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden. + +»Aber das war doch der Vicomte!« + +Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich so +niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand eines +Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie grübelte darüber +nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen war. Vielleicht, +vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war eine Verlassene, vor +sich selber und vor andern! Eine Verlorene, vom Geratewohl gegen +die Klippen des Lebens getrieben ... Und so empfand sie beinahe +Freude, als sie, am »Roten Kreuz« angelangt, den trefflichen +Homais traf, der das Aufladen einer großen Kiste voll +Apothekerwaren in die Post überwachte. In der Hand hielt er, in +ein Halstuch eingewickelt, sechs Stück Pumpernickel, die er seiner +Frau mitbringen wollte. + +Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der +Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und +in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk +sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten +Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim +gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen +riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden, +Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit +nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nämlich abscheulich +schlechte Zähne. + +»Bin entzückt, Sie zu sehen!« rief Homais, bot Emma die Hand und +half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche. + +Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, nahm +seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und einer +napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer +der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er: + +»Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor dieses +schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren +und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im +Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in Barbarei!« + +Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er wie +eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte. + +»Er hat eine skrofulöse Affektion«, dozierte der Apotheker. + +Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, als +sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star, +Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in +salbungsvollem Tone: + +»Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du +solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu +betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.« + +Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig +beschränkt. + +Schließlich zog Homais seine Börse. + +»Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus und +vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut +bekommen!« + +Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu +bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine +»antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats« könne ihn heilen. Er +gab ihm seine Adresse: + +»Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!« + +»So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schönes +kannst!« rief ihm Hivert zu. + +Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück, +rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge heraus. +Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und stieß ein +dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund. + +Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein +Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor, +es so wegzuwerfen. + +Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich Homais +plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief: + +»Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe +tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!« + +Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog, +lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche +Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und verschlafen +langte sie in Yonville an. + +»Mag nun kommen, was will!« dachte sie beim Aussteigen. »Zu guter +Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes +Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...« + +Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach. +Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, das an einem +der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf +einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im selben Moment faßte +ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus +seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in +der Volksmenge auf. + +»Gnädige Frau! Gnädige Frau!« rief Felicie, die ins Zimmer +stürzte. + +Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der +Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma überflog +ihn. Es war die Versteigerungsankündigung. + +Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten +längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie +nach einer Weile: + +»An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar +Guillaumin.« + +»Meinst du?« + +Diese Frage bedeutete: »Durch dein Verhältnis mit dem Diener +dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich dieser +Junggeselle für mich? + +»Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!« + +Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte +einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht sähe -- es +standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie +zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin. + +Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war +grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor +in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und öffnete +ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob +sie ins Haus gehörte, und führte sie in das Eßzimmer. + +Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem +ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wänden hingen +in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollüstige +Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schüsselwärmer, +der Kristallgriff der Türklinke, der Parkettboden, die Möbel, +alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit. + +»So ein Eßzimmer müßte ich haben!« dachte Emma. + +Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei +verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der +andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum Gruße ab +und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett etwas auf der +rechten Seite seines kahlen Schädels, über den drei lange blonde +Haarsträhnen liefen. + +Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den +Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser +Unhöflichkeit. + +»Herr Notar,« sagte sie, »ich möchte Sie bitten ...« + +»Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!« + +Sie begann ihm ihre Lage zu schildern. + +Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer +Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die +Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu +besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma -- +die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen, +von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen +ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt +hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf seinen +Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem +Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern nicht in +den Ruf eines Halsabschneiders gerate. + +Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen +Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden +Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen +Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer +Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. Ein sonderbares, +süßliches und zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen. Als er +sah, daß Emma nasse Schuhe hatte, sagte er: + +»Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe +doch an die Kacheln ... höher!« + +Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der +Notar sagte galant: + +»Schöne Sachen verderben nie etwas!« + +Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber nur +selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres häuslichen +Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedürfnissen. Der +Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen +abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er +berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heißen Ofen +zu dampfen begann. + +Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die +Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die +Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände bekommen +habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für eine Dame, ihr +Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wären die Torfgruben +von Grümesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen. +Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die +sie zweifellos dabei gewonnen hätte. + +»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?« + +»Das weiß ich selber nicht«, erwiderte sie. + +»Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich +sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns schon +längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr +gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!« + +Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und +behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und +sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie +Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die +spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die Ärmelöffnung +von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fühlte +seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange. + +Sie sprang auf und sagte: + +»Herr Guillaumin, ich warte ...« + +»Worauf?« sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden. + +»Auf das Geld!« + +»Aber ...« In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu sagen: +»Na ja ...« + +Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und +keuchte: + +»Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!« + +Er umschlang ihre Taille. + +Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von +dem Manne los und rief: + +»Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich bin +beklagenswert, aber nicht käuflich!« + +Damit eilte sie hinaus. + +Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine +schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter +Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel ihm +ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was hätte +verleiten können. + +»Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!« sagte Emma bei +sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre +Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung ihres +Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick, +und dieses Gefühl erfüllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem +Leben war sie hochmütiger und selbstbewußter gewesen und noch nie +so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie +hätte alle Männer schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie +niedertreten mögen. Während sie weitereilte, bleich, zitternd, +verbittert, irrten ihre tränenreichen Augen den grauen Horizont +hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Haß hinein. + +Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine +versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte sein! +Wohin hätte sie fliehen können? + +Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte. + +»Gnädige Frau?« + +»Es war umsonst!« + +Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch, +die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen, +den Felicie nannte, wandte Emma ein: + +»Unmöglich! Die tun es nicht!« + +»Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!« + +»Ich weiß es! Laß mich allein!« + +Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf +lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen: + +»Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser. +In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm +Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!« + +Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos weinen, und +wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde er ihr +verzeihen! + +»Ja! Er wird mir verzeihen!« murmelte sie in verhaltener Wut. »Er! +Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich die +Seine geworden bin! Niemals! Niemals!« + +Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen, +empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, jetzt +sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch alles +erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie hatte die +Zentnerlast seiner Großmut zu tragen! + +Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen +solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu +war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefügig +gewesen zu sein, -- da hörte sie den Hufschlag eines Pferdes in +der Allee. Es war Karl. Er öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war +weißer als Kalk. + +Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustür hinaus +nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister stand vor der Kirchentür +und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem +Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie +zu Frau Caron, die ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte, +und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen +zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte +Wäsche, so aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen +sehen konnten. + +Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei +beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz +fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle +Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter den +Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder schnurrten +und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf +etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken in sein +Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, das der Intelligenz nur +leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein, +wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales +Darüberhinaus, das man ersehnen könnte. + +»Ah, da ist sie!« sagte Frau Tüvache. + +Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu +verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie, +das Wort »Taler« zu hören, worauf Frau Caron flüsterte: + +»Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.« + +»Es scheint so«, meinte die andre. + +Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und +die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau +ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der +Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich. + +»Will sie bei ihm etwas bestellen?« fragte Frau Tüvache. + +»Er verkauft doch nie etwas!« + +Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die Augen +weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter, +eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich +erregt. Jetzt schwiegen sie beide. + +»Macht sie ihm gar einen Antrag?« flüsterte Frau Tüvache. Binet +bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände. + +»Nein, das ist doch stark!« zischelte Frau Caron. + +In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet gefordert +haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig +mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich plötzlich vor ihr +zurück, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus: + +»Frau Bovary, was muten Sie mir zu!« + +»Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!« eiferte +Frau Tüvache. + +»Wo ist sie denn mit einem Male hin?« erwiderte die andre. + +Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße +hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof +abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in allerhand +Vermutungen. + +Emma lief zur alten Frau Rollet. + +»Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!« + +Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett +und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu +und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen +antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad und +begann zu spinnen. + +»Ach, hören Sie auf!« sagte Emma leise. Es war ihr, als höre sie +noch Binets Drehbank. + +»Was mag sie nur haben?« fragte sich Frau Rollet. »Warum ist sie +hergekommen?« + +Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause +gejagt hatte? + +Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen +Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer +Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die +brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, das +im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über ihr an +einem rissigen Deckenbalken hinkroch ... + +Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf +... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit +lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die +Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... Tausend +andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt, +und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten Erlebnissen. + +»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie. + +Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle +des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemächlich +wieder herein. + +»Bald drei Uhr!« sagte sie. + +»Schön! Ich danke!« + +Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld +aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie hier +war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet, +sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen. + +»Machen Sie recht schnell!« + +»Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!« + +Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen +war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er +gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und +zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch. +Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, um ihrem Manne +die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter +schlimm! + +Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es schien der +Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte, +redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das +Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein +Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber plötzlich wieder +um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch auf einem andern Wege +nach Hause kommen. Schließlich war sie des Wartens müde. Bange +Ahnungen quälten sie. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie +seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert? + +Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich +die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine +Frage tat, vermeldete Frau Rollet: + +»Es war niemand da!« + +»Niemand?« + +»Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. Alles +ist auf den Beinen!« + +Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer +umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkürlich +lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden. + +Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten +Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein heller +Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig, +rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zögerte, +ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein einziger voller +Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu +zwingen! + +So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu haben, +daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so +verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie +daran, daß sie sich prostituierte. + + + + +Achtes Kapitel + + +Auf dem Wege fragte sie sich: + +»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?« + +Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und +Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor +ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf, +und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen +Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender +Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen +hernieder ins Gras. + +Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging +über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen +Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige. +Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells +erschien niemand. + +Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene +Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten +staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer +mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer +lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die Türklinke legte, +verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie fürchtete, er möchte nicht +zu Haus sein, ja, sie wünschte es beinah, und doch war es ihre +einzige Hoffnung, der letzte Versuch zu ihrer Rettung. Einen +Augenblick sammelte sie sich noch, dachte an ihre Not, faßte Mut +und trat ein. + +Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims gestemmt, und +rauchte eine Pfeife. + +»Mein Gott, Sie!« rief er aus und sprang rasch auf. + +»Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!« + +Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus. + +»Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.« + +»So,« wehrte sie voll Bitternis ab, »das müssen traurige Reize +sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!« + +Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er +entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er etwas +Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich durch seine +Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme und durch +seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich stellte, als +schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. Vielleicht glaubte sie ihm +auch wirklich. Er deutete ein Geheimnis an, von dem die Ehre und +das Leben eines dritten Menschen abgehangen hätte. + +»Das ist ja nun gleichgültig«, sagte sie und sah ihn traurig an. +»Ich habe schwer gelitten!« + +Rudolf meinte philosophisch: + +»So ist das Leben!« + +»Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer Trennung?« +fragte sie. + +»Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!« + +»Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals nicht +voneinander gegangen wären?« + +»Ja! Vielleicht!« + +»Glaubst du das?« fragte sie, indem sie aufseufzend ihm näher +trat. »Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr lieb +gehabt!« + +Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen sie +mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage der +Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes kämpfte er +gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an seine Brust +und sagte: + +»Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben sollte! +Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war ganz +verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, du sollst +alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal sehen mögen!« + +In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege +gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke +Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter +zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als eine +verliebte Katze. + +»Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja auch und +entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du mich +verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast alles, was uns +Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen wir von neuem beginnen? +Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! ... So rede doch!« + +Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, wie +eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen Blume. + +Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr +Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil +hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er +küßte sie leise und sanft auf die Augenlider. + +»Du hast geweint?« fragte er. »Warum?« + +Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen Ausbruch +ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr Schweigen für +eine letzte Scham und rief aus: + +»O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war ein +Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde dich +immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!« + +Er sank ihr zu Füßen. + +»So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir +dreitausend Franken leihen.« + +»Ja ... aber ...« + +Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten +Ausdruck an. + +»Du mußt nämlich wissen,« fuhr sie schnell fort, »daß mein Mann +sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der ist +flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die Patienten +bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs meines +Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald wieder Geld +haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. Deswegen sollen +wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in einer Stunde! Ich baue +auf deine Freundschaft, und deshalb bin zu dir gekommen!« + +»Aha!« dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. »Also darum ist sie +gekommen!« Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen: +»Verehrteste, soviel habe ich nicht!« + +Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er +sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen +unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von +allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine Bitte +um Geld der hartherzigste und gefährlichste. + +Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie: + +»Du hast sie nicht!« Und mehrere Male wiederholte sie: »Du hast +sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen +können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als die +andern!« + +Sie verriet sich und ihre Frauenehre. + +Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in Verlegenheit. + +»Ach! Du tust mir sehr leid ...«, sagte Emma. »Ja, ungemein!« + +Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im +Gewehrschrank blinkte. + +»Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit +Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit +Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!« Sie +berührte einen, der auf dem Tische lag. »Und trägt keine solche +Berlocken an der Uhrkette!« Ach, er ließ sich sichtlich nichts +abgehen. Das bewies allein das Likörschränkchen im Zimmer. »Ja, +dich selber, dich liebst du! Dich und ein gutes Leben! Du hast ein +Schloß, Pachthöfe, Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst +Reisen nach Paris! Und wenn du mir nur _das_ gegeben +hättest!« Sie sprach immer lauter und nahm seine mit Brillanten +geschmückten Manschettenknöpfe vom Kamin. »Diesen und andern +entbehrlichen Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun +nicht mehr! Ich will nichts davon haben! Behalt alles!« Sie +schleuderte die beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen +die Wand. Ein Goldkettchen zerbrach. + +»Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles verkauft. Mit +meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf der Straße hätte +ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, einen Blick, ein +einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du bleibst gemütlich in +deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir nicht schon genug Leid +zugefügt hättest! Ohne dich -- das weißt du sehr wohl! -- hätte +ich glücklich sein können! Wer zwang dich dazu? Wolltest du eine +Wette gewinnen? Und dabei hast du mir eben noch gesagt, daß du +mich liebtest! Ach, hättest du mich doch lieber davongejagt! Meine +Hände sind noch warm von deinen Küssen, und hier auf dem Teppich, +hier auf dieser Stelle hast du gekniet und mir ewige Liebe +geschworen! Du hast mich immer belogen und betrogen! Mich zwei +Jahre lang in dem süßen Wahn des herrlichsten Gefühls gelassen! +Und dann der Plan unsrer Flucht! Erinnerst du dich daran? An +deinen Brief, deinen Brief! Er hat mir das Herz zerrissen! Und +heute, wo ich zu diesem Manne zurückkehre, zu ihm, der reich, +glücklich und frei ist, und ihn um eine Hilfe bitte, die der erste +beste gewähren würde, wo ich ihn unter Tränen bitte und ihm meine +ganze Liebe wiederbringe, da stößt er mich zurück, -- weils ihn +dreitausend Franken kosten könnte!« + +»Ich habe sie nicht«, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit, +hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen +pflegen. + +Sie ging. + +Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder +nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen welken +Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor dem +Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so hastig +wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie völlig +außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Wie +sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das still daliegende +Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, auf den Park, die Höfe +und die Gärten. + +Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch etwas +andres als das Pochen und Pulsen des Blutes in ihren Adern, das +ihr aus dem Körper zu springen und wie laute Musik das ganze Land +rings um sie zu durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen +kam ihr weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege +erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten. +Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und Gedanken +sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein Feuerwerk. +Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des Wucherers, ihr +Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, immer wieder etwas +andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr ward bange. Da raffte sie +ihre letzten Kräfte zusammen. Es war nur noch wenig Verstand in +ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr an die Ursache ihres +schrecklichen Zustandes, das heißt an die Geldfrage. Sie litt +einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, wie ihr durch die alten +Erinnerungen die Seele dahinschwand, so wie zu Tode Verwundete ihr +Leben mit dem Blute ihrer Wunde hinströmen fühlen. + +Die Nacht brach herein. Raben flogen. + +Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch die +Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee zwischen +den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs +Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer näher; sie +bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt +erkannte sie die Lichter der Häuser, die von ferne durch den Nebel +schimmerten. + +Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen +Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu +wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit einem +beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie +den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, eilte +durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke +stand. + +Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Geräusch +der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging sie durch die +Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin +bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine Kerze über dem Herd. +Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine Schüssel durch die andere +Tür hinaus. + +»So! Man ist bei Tisch. Ich will warten«, sagte sie sich. + +Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Küchentüre. + +Er kam heraus. + +»Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...« + +Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das sich vom +Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch schön vor +und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte, +ahnte er doch etwas Schreckliches. + +Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das +Herz rührte: + +»Ich will ihn haben! Gib ihn mir!« + +Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf den +Tellern im Eßzimmer. + +Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht +schlafen ließen. + +»Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.« + +»Nein! Nicht!« Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: »Das +ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber sagen. Leucht mir +nur!« Sie trat in den Gang, von dem aus man in das Laboratorium +gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel mit einem Schildchen: +»Kapernaum.« + +»Justin!« rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange +wegblieb. + +»Gehn wir hinauf!« befahl Emma. + +Er folgte ihr. + +Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, griff +nach dem dritten Wandbrett -- ihr Gedächtnis führte sie richtig +--, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit der Hand +hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers heraus, das sie sich +schnell in den Mund schüttete. + +»Halten Sie ein!« schrie Justin, ihr in die Arme fallend. + +»Still! Man könnte kommen!« + +Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen. + +»Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung +ziehen!« + +Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen +Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die +Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu +seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was +nützte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu Homais, +zu Tüvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Löwen, überallhin. Und +mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der Gedanke, daß sein +guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames Vermögen verloren und die +Zukunft Bertas zerstört sei. Und warum? Keine Erklärung! Er +wartete bis sechs Uhr abends. Endlich hielt ers nicht mehr aus, +und da er vermutete, sie sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf +der Landstraße eine halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er +wartete noch eine Weile und kehrte dann zurück. + +Sie war zu Haus. + +»Was ist das für eine Geschichte? Wie ist das gekommen? Erklär es +mir!« + +Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, den +sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter +gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone: + +»Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine +einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!« + +»Aber ...« + +»Ach, laß mich!« + +Sie legte sich lang auf ihr Bett. + +Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ... +verschwommen ... und schloß die Augen wieder. + +Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein, +sie fühlte noch keine! Sie hörte den Pendelschlag der Uhr, das +Knistern des Feuers und Karls Atemzüge, der neben ihrem Bett +stand. + +»Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!« dachte sie. »Ich werde +einschlafen, und dann ist alles vorüber!« + +Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu. + +Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da. + +»Ich habe Durst! Großen Durst!« seufzte sie. + +»Was fehlt dir denn?« fragte Karl und reichte ihr ein Glas. + +»Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich ersticke!« + +Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich, daß sie kaum noch +Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen. + +»Nimms weg!« sagte sie nervös. »Wirfs weg!« + +Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag unbeweglich +da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung erbrechen zu +müssen. Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte von den Füßen zum +Herzen hinaufsteigen. + +»Ach,« murmelte sie, »jetzt fängt es wohl an?« + +»Was sagst du?« + +Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her. Fortwährend +öffnete sie den Mund, als läge etwas Schweres auf ihrer Zunge. Um +acht Uhr fing das Erbrechen wieder an. + +Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen Niederschlag, +der sich am Porzellan ansetzte. + +»Sonderbar! Sonderbar!« wiederholte er. + +Aber sie sagte mit fester Stimme: + +»Nein, du irrst dich!« + +Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die +Magengegend und drückte da. Sie stieß einen schrillen Schrei aus. +Er wich erschrocken zurück. + +Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schüttelfrost +überfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das sich ihre +Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmäßiger Pulsschlag war +kaum noch fühlbar. Kalte Schweißtropfen rannen über ihr bläulich +gewordnes Gesicht; etwas wie ein metallischer Ausschlag lag über +ihren erstarrten Zügen. Die Zähne schlugen ihr klappernd +aufeinander. Ihre erweiterten Augen blickten ausdruckslos umher. +Alle Fragen, die man an sie richtete, beantwortete sie nur mit +Kopfnicken. Zwei- oder dreimal lächelte sie freilich. Allmählich +wurde das Stöhnen heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr. +Dabei behauptete sie, daß es ihr besser gehe und daß sie sofort +aufstehen würde. + +Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie: + +»Mein Gott, ist das gräßlich!« + +Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie. + +»Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte mir!« + +Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit, wie Emma keine je +geschaut hatte. + +»Ja ... da ... da ... lies!« stammelte sie mit versagender Stimme. + +Er stürzte zum Schreibtisch, riß den Brief auf und las laut: + +»Man klage niemanden an ...« Er hielt inne, fuhr sich mit der Hand +über die Augen und las stumm weiter ... + +»Vergiftet!« + +Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen: + +»Vergiftet! Vergiftet!« + +Dann rief er um Hilfe. + +Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. Frau Franz +im Goldenen Löwen erfuhr es. Manche standen aus ihren Betten auf, +um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze Nacht hindurch war der +halbe Ort wach. + +Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl +im Zimmer umher, wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare +ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches +Schauspiel gesehen. + +Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor +Larivière zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er +brachte keinen vernünftigen Brief zustande. Schließlich mußte sich +Hippolyt nach Neufchâtel aufmachen, und Justin ritt auf Bovarys +Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul lahm und +halbtot zurück. + +Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er +war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den +Augen. + +»Ruhe!« sagte der Apotheker. »Es handelt sich einzig und allein +darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war es für ein +Gift?« + +Karl zeigte den Brief. Es wäre Arsenik gewesen. + +»Gut!« versetzte Homais. »Wir müssen eine Analyse machen!« + +Er hatte nämlich gelernt, daß man bei allen Vergiftungen eine +Analyse machen müsse. Bovary hatte in seiner Angst alle +Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm: + +»Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!« + +Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück, warf sich auf die Diele, +lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte. + +»Weine nicht!« flüsterte sie. »Bald werde ich dich nicht mehr +quälen!« + +»Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?« + +»Es mußte sein, mein Lieber!« + +»Warst du denn nicht glücklich? Bin ich schuld? Ich habe dir doch +alles zuliebe getan, was ich konnte!« + +»Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!« + +Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar. Die süße +Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fühlte sich bis in den +tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert, daß er sie +verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies denn je. Er +fand keinen Ausweg; er wußte keinen Zusammenhang; er wagte keine +Frage. Und die Dringlichkeit eines Entschlusses machte ihn +vollends wirr. + +Sie dachte bei sich: »Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen +Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzähligen, +qualvollen Sehnsüchten!« Nun haßte sie keinen mehr. Ihre Gedanken +verschwammen wie in Dämmerung, und von allen Geräuschen der Erde +hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen Herzens, matt +und verklungen wie der leise Nachhall einer Symphonie. + +»Bring mir die Kleine«, sagte sie und stützte sich leicht auf. + +»Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?« fragte Karl. + +»Nein, nein!« + +Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es hatte ein +langes Nachthemd an, aus dem die nackten Füße hervorsahen. Es war +ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt betrachtete es die große +Unordnung im Zimmer. Geblendet vom Licht der Kerzen, die da und +dort brannten, zwinkerte es mit den Augen. Offenbar dachte es, es +sei Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so früh wie heute geweckt +wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um Geschenke +zu bekommen. Und so fragte es: + +»Wo ist es denn, Mama?« Und da niemand antwortete, redete es +weiter: »Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!« + +Felicie hielt die Kleine übers Bett, die immer noch nach dem Kamin +hinsah. + +»Hat Frau Rollet sie mir genommen?« + +Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick +erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fühle sie den +ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf der +Zunge. Berta saß noch auf ihrem Bette. + +»Was für große Augen du hast, Mama! Wie blaß du bist! Wie du +schwitzest!« + +Die Mutter sah sie an. + +»Ich fürchte mich!« sagte die Kleine und wollte fort. + +Emma wollte die Hand des Kindes küssen, aber es sträubte sich. + +»Genug! Bringt sie weg!« rief Karl, der im Alkoven schluchzte. + +Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien +weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem +etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung. Als Canivet +endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme. + +»Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gütig von Ihnen! Es +geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...« + +Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er sich +ausdrückte, »immer aufs Ganze« ging, verordnete er Emma ein +ordentliches Brechmittel, um den Magen zunächst einmal völlig zu +entleeren. + +Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preßten sich krampfhaft +aufeinander. Sie zog die Gliedmaßen ein. Ihr Körper war bedeckt +mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren Fingern hin +wie ein dünnes Fädchen, das jeden Augenblick zu zerreißen droht. + +Dann begann sie, gräßlich zu schreien. Sie verfluchte und schmähte +das Gift, flehte, es möge sich beeilen, und stieß mit ihren steif +gewordnen Armen alles zurück, was Karl ihr zu trinken reichte. Er +war der völligen Auflösung noch näher als sie. Sein Taschentuch an +die Lippen gepreßt, stand er vor ihr, stöhnend, weinend, von +ruckweisem Schluchzen erschüttert und am ganzen Leib durchrüttelt. +Felicie lief im Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da +und seufzte tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm +zur Gewohnheit gewordnen selbstbewußten Haltung, unbehaglich zu +fühlen. + +»Zum Teufel!« murmelte er. »Der Magen ist nun doch leer! Und wenn +die Ursache beseitigt ist, so ...« + +»... muß die Wirkung aufhören!« ergänzte Homais. »Das ist klar!« + +»Rettet sie mir nur!« rief Bovary. + +Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein +heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und wollte +ihr gerade Theriak eingeben, da knallte draußen eine Peitsche. +Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei bis an die +Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die Ecke der Hallen. +Es war Professor Larivière. + +Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung +hervorrufen können. Bovary streckte ihm die Hände entgegen, +Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein Käppchen ab, +noch ehe der Arzt eingetreten war. + +Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an, das +heißt, einer Generation philosophischer Praktiker, die heute +ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und scharfsichtiger +Jünger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte in der ganzen +Klinik niemand zu atmen. Seine Schüler verehrten ihn so, daß sie +ihn, später in ihrer eigenen Praxis, mit möglichster Genauigkeit +kopierten. So kam es, daß man bei den Ärzten in der Umgegend von +Rouen allerorts seinen langen Schafspelz und seinen weiten +schwarzen Gehrock wiederfand. Die offenen Ärmelaufschläge daran +reichten ein Stück über seine fleischigen Hände, sehr schöne +Hände, die niemals in Handschuhen steckten, als wollten sie immer +schnell bereit sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er +war ein Verächter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich, +freidenkend, den Armen ein väterlicher Freund, Pessimist, selbst +aber edel in Wort und Tat. Man hätte ihn als einen Heiligen +gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und Verstandes +gefürchtet hätte wie den Teufel. Sein Blick war schärfer als sein +Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle +Heucheleien, Lügen und Ausflüchte hindurch. So ging er seines +Weges in der schlichten Würde, die ihm das Bewußtsein seiner +großen Tüchtigkeit, seines materiellen Vermögens und seiner +vierzigjährigen arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit +verlieh. + +Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon von weitem +die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem Rücken +ausgestreckt da. Während er Canivets Bericht scheinbar aufmerksam +anhörte, strich er sich mit dem Zeigefinger um die Nasenflügel und +sagte ein paarmal: + +»Gut! ... Gut!« + +Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete +ihn ängstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte, +der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war, konnte eine +Träne nicht zurückhalten, die ihm auf die Krawatte herablief. + +Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen. + +»Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wär es, wenn man ihr +ein Senfpflaster auflegte? Ich weiß nichts. Finden Sie doch etwas! +Sie haben ja schon so viele gerettet!« + +Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte ihn +verstört und flehend an. Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an die +Brust gesunken. + +»Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!« Larivière +wandte sich ab. + +»Sie gehn?« + +»Ich komme wieder.« + +Larivière ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine Anweisung +zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge des +Todeskampfes sein. + +Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts fiel +ihm von jeher schwerer, als sich von berühmten Menschen zu +trennen. So beschwor er denn Larivière, er möge ihm die hohe Ehre +erweisen, zum Frühstück sein Gast zu sein. + +Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Löwen nach Tauben, zu +Tüvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum Fleischer +nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den Vorbereitungen +zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre Jacke +zurechtzupfend, sagte: + +»Sie müssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so +einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...« + +»Die Weingläser!« flüsterte Homais. + +»Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit +Wurst und ...« + +»Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!« + +Er hielt es für angebracht, nach den ersten Bissen ein paar +Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben: + +»Zuerst äußerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf unerträgliche +gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, Schlafsucht ...« + +»Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?« + +»Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich weiß nicht einmal recht, +wo sie das acidum arsenicum herbekommen hat.« + +Justin, der einen Stoß Teller hereinbrachte, begann am ganzen +Körper zu zittern. + +»Was hast du?« fuhr ihn der Apotheker an. + +Bei dieser Frage ließ der Bursche alles, was er trug, fallen. Es +gab ein großes Gekrache. + +»Tolpatsch!« schrie Homais. »Ungeschickter Kerl! Tranlampe! +Alberner Esel!« + +Dann aber beherrschte er sich plötzlich: + +»Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr +Professor, und deshalb primo ganz vorsichtig in ein +Reagenzgläschen ...« + +»Dienlicher wäre es gewesen,« sagte der Chirurg, »wenn Sie ihr +Ihre Finger in den Hals gesteckt hätten.« + +Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter +vier Augen eine energische Belehrung wegen seines Brechmittels +eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des Klumpfußes so +hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt sich jetzt +mäuschenstill. Er lächelte nur unausgesetzt, um seine Zustimmung +zu markieren. + +Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrübliche +Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung -- +unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berühmten +Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze Gelehrsamkeit +aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von Kanthariden, +Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw. + +»Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, daß mehrere +Personen nach dem Genusse von zu stark geräucherter Wurst erkrankt +und plötzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens ein +hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten +Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein +Aufsatz des berühmten Cadet de Gassicourt!« + +Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte sich +nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte ihn +auch eigenhändig gemischt, gebrannt und gemahlen. + +»Saccharum gefällig, Herr Professor?« fragte er, indem er +ihm den Zucker anbot. + +Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig +war, die Ansicht des Chirurgen über ihre »Konstitution« zu hören. + +Als Larivière im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau Homais +noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres Mannes. Er schlief +nämlich allabendlich nach Tisch ein. Davon bekäme er dickes Blut. + +Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie +nicht verstand, dann ging er zur Türe. Aber die Apotheke war +voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm nur +schwer, sie loszuwerden. Da war Tüvache, der seine Frau für +schwindsüchtig hielt, weil sie öfters in die Asche spuckte; Binet, +der bisweilen an Heißhunger litt; Frau Caron, die es am ganzen +Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanfälle hatte; Lestiboudois, +der rheumatisch war; Frau Franz, die über Magenbeschwerden klagte. +Endlich brachten ihn die drei Pferde von dannen. Man fand aber +allgemein, daß er sich nicht besonders liebenswürdig gezeigt habe. + +Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien +gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging. + +Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit +den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines +»Pfaffen« war ihm ein Greuel. Er mußte bei einer Soutane immer an +ein Leichentuch denken, und so verwünschte er jene schon deshalb, +weil er dieses fürchtete. + +Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung +seiner »Mission«, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, dem +dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden war, in das +Bovarysche Haus zurück. Wenn seine Frau nicht völlig dagegen +gewesen wäre, hätte er sogar seine beiden Knaben mitgenommen, +damit sie das große Ereignis, das der Tod eines Menschen ist, +kennen lernten. Es sollte ihnen eine Lehre, ein Beispiel, ein +ernster Eindruck sein, eine Erinnerung für ihr ganzes weiteres +Leben. + +Sie fanden das Zimmer voll düstrer Feierlichkeit. Auf dem mit +einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei +brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine silberne +Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte. Emmas Kinn war ihr auf +die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen unnatürlich weit +offen, und ihre armen Hände tasteten über den Bettüberzug hin, mit +einer jener rührend-schrecklichen Gebärden, die Sterbenden eigen +sind. Man hat die Empfindung, als bereiteten sie sich selber ihr +Totenbett. Karl stand am Fußende des Lagers, ihrem Antlitz +gegenüber, bleich wie eine Bildsäule, tränenlos, aber mit Augen, +die rot waren wie glühende Kohlen. Der Priester kniete und +murmelte leise Worte. + +Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der +violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fühlte sie einen +seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust, +die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von +himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden. + +Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie +den Kopf in die Höhe, wie ein Durstiger, und preßte auf das +Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den +innigsten Liebeskuß, den sie jemals gegeben hatte. Dann sprach +der Geistliche das Misereatur und Indulgentiam, tauchte seinen +rechten Daumen in das Öl und nahm die letzte Ölung vor. Zuerst +salbte er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so +heiß gelüstet; dann die Nasenflügel, die so gern die lauen Lüfte +und die Düfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu +Lügen sich aufgetan, oft hoffärtig gezuckt und in sündigem +Girren geseufzt hatte; dann die Hände, die sich an vergnüglichen +Berührungen ergötzt hatten; und endlich die Sohlen der Füße, die +einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden +liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten. + +Der Priester trocknete sich die Hände, warf das ölgetränkte Stück +Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der Sterbenden. Er +sagte ihr, daß ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu Christi eins +seien. Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit vertrauen. + +Als er mit seiner Tröstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine +geweihte Kerze in die Hand zu drücken, das Symbol der himmlischen +Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. Aber Emma war +zu schwach, um die Finger zu schließen, und wenn Bournisien nicht +rasch wieder zugegriffen hätte, wäre die Kerze zu Boden gefallen. + +Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den +Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen, als ob das Sakrament +sie wieder gesund gemacht hätte. + +Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen, +ja er gemahnte Bovary daran, daß der Herr zuweilen das Leben +Sterbender wieder verlängere, wenn er es zum Heil ihrer Seele für +notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurück, an dem sie schon +einmal, dem Tode nahe, die letzte Ölung empfangen hatte. + +»Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!« dachte er. + +Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem Traum +erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren Spiegel +und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die Tränen aus +den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf zurück, stieß einen +Seufzer aus und sank in das Kissen. + +Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat weit +aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht zu +verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen +verlöschen. Man hätte glauben können, sie sei schon tot, wenn ihre +Atmungsorgane nicht so fürchterlich heftig gearbeitet hätten. Es +war, als schüttle sie ein wilder innerer Sturm, als ringe das +Leben gewaltig mit dem Tode. + +Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte +ein wenig die Beine, während Canivet gleichgültig auf den Markt +hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die +Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich die +lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes kniete Karl +und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff ihre Hände und +drückte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses zuckte er zusammen, als +stürze eine Ruine auf ihn. + +Je stärker das Röcheln wurde, um so mehr beschleunigte der +Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten +Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als das dumpfe +Murmeln der lateinischen Worte, das wie Totengeläut klang. + +Plötzlich klapperten draußen auf der Straße Holzschuhe. Ein Stock +schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine rauhe +Stimme, und sang: + +'Wenns Sommer worden weit und breit, +Wird heiß das Herze mancher Maid ...' + +Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein +elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelöst, ihre +Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf. + +'Nanette ging hinaus ins Feld, +Zu sammeln, was die Sense fällt. +Als sie sich in der Stoppel bückt, +Da ist passiert, was sich nicht schickt ...' + +»Der Blinde!« schrie sie. + +Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges, +verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das scheußliche +Gesicht des Unglücklichen sah, wie ein Schreckgespenst aus der +ewigen Nacht des Jenseits ... + +'Der Wind, der war so stark ... O weh! +Hob ihr die Röckchen in die Höh.' + +Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurück. Alle traten hinzu. +Sie war nicht mehr. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie +betäubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen Nichts zu +begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl aber, als er +sah, daß Emma unbeweglich dalag, warf sich über sie und schrie: + +»Lebwohl! Lebwohl!« + +Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer. + +»Fassen Sie sich!« + +»Ja!« rief er und machte sich von ihnen los. »Ich will vernünftig +sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich muß sie sehen! +Es ist meine Frau!« + +Er weinte. + +»Weinen Sie nur!« sagte der Apotheker. »Lassen Sie der Natur +freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!« + +Da wurde Karl schwach wie ein Kind und ließ sich in die Große +Stube im Erdgeschoß hinunterführen. Homais ging bald darnach in +sein Haus zurück. + +Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich bis +Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden +Vorübergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne. + +»Großartig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu tun +hätte! Bedaure! Komm ein andermal!« + +Er verschwand schnell in seinem Hause. + +Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank für +Bovary zu brauen und ein Märchen zu ersinnen, um Frau Bovarys +Vergiftung auf eine möglichst harmlose Weise zu erklären. Er +wollte einen Artikel für den »Leuchtturm von Rouen« daraus machen. +Außerdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. Alle +wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals wiederholt hatte, +Frau Bovary habe bei der Zubereitung von Vanillecreme aus Versehen +Arsenik statt Zucker genommen, begab er sich abermals zu Bovary. + +Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl saß im +Lehnstuhl am Fenster und starrte mit blödem Blick auf die Dielen. + +»Wir müssen die Stunde für die Feierlichkeit festsetzen!« sagte +der Apotheker. + +»Wozu? Für was für eine Feierlichkeit?« Stammelnd und voll Grauen +fügte er hinzu: »Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie +dabehalten?« + +Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom +Tisch und begoß die Geranien. + +»O, ich danke Ihnen!« sagte Karl. »Sie sind sehr gütig ...« + +Er wollte noch mehr sagen, aber die Fülle von Erinnerungen, die +des Apothekers Tun in ihm wachrief, überwältigte ihn. Es waren +Emmas Blumen! + +Homais gab sich Mühe, ihn zu zerstreuen, und begann über die +Gärtnerei zu plaudern. Die Pflanzen hätten die Feuchtigkeit sehr +nötig. Karl nickte zustimmend. + +»Jetzt werden auch bald schöne Tage kommen ...« + +Bovary seufzte. + +Der Apotheker wußte nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob +behutsam eine Scheibengardine beiseite. + +»Sehn Sie, da drüben geht der Bürgermeister!« + +Karl wiederholte mechanisch: + +»Da drüben geht der Bürgermeister!« + +Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begräbnis +zurückzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem +Entschlusse hierüber. + +Karl schloß sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und +nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er: + +»Ich bestimme, daß man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid +begrabe, in weißen Schuhen, einen Kranz auf dem +Haupte. Das Haar soll man ihr über die Schultern legen. +Drei Särge: einen aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen +von Blei. Man soll mich nicht trösten wollen! Ich werde +stark sein. Und über den Sarg soll man ein großes Stück grünen +Samt breiten. So will ich es! Tut es!« + +Man war über Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker ging +sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen: + +»Das mit dem Samt scheint mir übertrieben. Allein die Kosten ...« + +»Was geht Sie das an!« schrie Karl. »Lassen Sie mich! Sie haben +sie nicht geliebt! Gehn Sie!« + +Der Priester faßte Karl unter den Arm und führte ihn in den +Garten. Er sprach von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Gott +sei gut und weise. Man müsse sich ohne Murren seinem Ratschluß +unterwerfen. Man müsse ihm sogar dafür danken. + +Aber Karl brach in Gotteslästerungen aus. + +»Ich verfluche ihn, euren Gott!« + +»Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!« seufzte der +Priester. + +Bovary ließ ihn stehen. Mit großen Schritten ging er die +Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den +Zähnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verwünschungen waren. +Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt. + +Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer Weile +fror ihn. Er ging ins Haus zurück und setzte sich an den Herd in +der Küche. + +Um sechs Uhr hörte er Wagengerassel draußen auf dem Markte. Es war +die Post, die von Rouen zurückkehrte. Er preßte die Stirn gegen +die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden nacheinander +ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in das Wohnzimmer, er +warf sich darauf und schlief ein. + +Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug +dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um Totenwache zu +halten. Er brachte drei Bücher und ein Notizbuch mit. Er pflegte +sich Auszüge zu machen. + +Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen +brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem Alkoven +hervorgerückt hatte. + +Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte +Jeremiaden über die »unglückliche junge Frau«. Der Priester +unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als für sie zu beten. + +»Immerhin«, versetzte Homais, »sind nur zwei Fälle möglich. +Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrückt, selig +verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie ist als +Sünderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier der +kirchliche Ausdruck? Dann ...« + +Bournisien unterbrach ihn und erklärte in mürrischem Tone, man +müsse in jedem Falle beten. + +»Aber sagen Sie mir,« wandte der Apotheker ein, »da Gott stets +weiß, was uns not tut, wozu dann erst das Gebet?« + +»Wozu das Gebet?« wiederholte der Priester. »Ja, sind Sie denn +kein Christ?« + +»Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst die +Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral geschenkt, +die ...« + +»Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...« + +»Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach! +Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...« + +Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die +Vorhänge beiseite. + +Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. Ihr +Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren Teil +ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest in die +Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in ihren Wimpern, +und die Augen verschwammen bereits in blassem Schleim, der wie ein +dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen ihr Netz darüber gesponnen. +Das Bettuch senkte sich von ihren Brüsten bis zu den Knien und hob +sich von da an nach ihren Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung, +ein schweres Etwas, ein ungeheures Gewicht laste auf ihr. + +Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang das +dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne strömte. Von +Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien geräuschvoll, und Homais +kritzelte Notizen auf das Papier. + +»Lieber Freund,« sagte er, »gehn Sie nun! Dieser Anblick zerreißt +Ihnen das Herz!« + +Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden ihre +Erörterung von neuem. + +»Lesen Sie Voltaire!« sagte der eine. »Lesen Sie Holbach! Die +Enzyklopädisten!« + +»Lesen Sie die 'Briefe einiger portugiesischen Juden'«, sagte der +andre, »lesen Sie die 'Grundlagen des Christentums' von Nicolas!« + +Sie regten sich auf, bekamen rote Köpfe und sprachen gleichzeitig +ineinander hinein. Bournisien war entrüstet über die Vermessenheit +des Apothekers, Homais erstaunt über die Beschränktheit des +Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen zu +sagen, da kam plötzlich Karl abermals herein. Eine +unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mußte immer wieder die +Treppe hinauf. + +Er setzte sich der Toten gegenüber, so daß er ihr voll ins Antlitz +sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer +Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte. + +Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den +Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er könne sie wieder +aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft konzentriere. Einmal +beugte er sich sogar über sie und rief ganz leise: »Emma, Emma!« + +Er atmete so heftig, daß die Flammen der Kerzen flackerten ... + +Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte sie +und brach von neuem in Tränen aus. Ebenso wie der Apotheker +versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim Begräbnisse +Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, daß sie schwieg. +Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die Stadt zu +fahren und das Nötige zu besorgen. + +Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau +Homais. Felicie saß mit Frau Franz bei der Toten. + +Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drückte dem +Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, die +nach und nach einen großen Halbkreis um den Kamin bildeten. Alle +hatten die Köpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, schaukelten sie +mit den Beinen und stießen von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer +aus. Alle langweilten sich maßlos, aber keinem fiel es ein, wieder +zu gehen. + +Um neun Uhr kam Homais zurück, beladen mit einer Menge Kampfer, +Benzoe und aromatischen Kräutern. Auch ein Gefäß voll Chlor +brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, die +Löwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma herum, +damit beschäftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu legen. Sie +zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis hinab an die +Atlasschuhe reichte. + +Felicie wehklagte: + +»Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!« + +»Sehn Sie nur!« sagte die Witwe Franz seufzend, »wie reizend sie +noch immer ausschaut! Man möchte drauf schwören, daß sie gleich +wieder aufstünde!« + +Dann beugten sie sich über sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei +mußten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze Flüssigkeit +aus dem Munde hervor, als erbräche sie sich. + +»Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!« schrie Frau Franz. Und zum +Apotheker gewandt: »Helfen Sie uns doch! Oder fürchten Sie sich +vielleicht?« + +»Ich mich fürchten?« erwiderte er achselzuckend. »Nein, so was! +Ich habe in den Spitälern noch ganz andres gesehen und erlebt, als +ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns unsern Punsch im +Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen nicht. Ich habe +sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe --, meinen +Körper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst der +Wissenschaft noch etwas nützt.« + +Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des +Apothekers erwiderte er: + +»Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.« + +Darauf pries Homais ihn glücklich, weil er nicht darauf gefaßt zu +sein brauche, eine teure Gefährtin zu verlieren, worauf sich ein +Disput über das Zölibat entspann. + +»Es ist unnatürlich,« sagte der Apotheker, »daß sich ein Mann des +Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...« + +»Aber, zum Kuckuck!« rief der Priester. »Kann denn ein +verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?« + +Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er +zählte ihre guten Wirkungen auf. Er wußte Geschichten von Dieben, +die auf einmal ehrliche Menschen geworden wären. Sogar Soldaten +seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Sünden ledig gesprochen, +fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein Diener ...« + +Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwüle Luft im Zimmer +immer unerträglicher wurde, öffnete der Pfarrer das Fenster. Da +ward der Apotheker wieder wach. + +»Wie wärs mit einer Prise?« fragte er ihn. »Hier! Das hält +munter!« + +In der Ferne bellte irgendwo fortwährend ein Hund. + +»Hören Sie, wie der Hund heult?« fragte der Apotheker. + +»Man sagt, daß sie die Toten wittern«, sagte der Priester. +»Ähnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, wenn im +Haus ein Mensch stirbt.« + +Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er war +bereits wieder eingeschlafen. + +Bournisien, der widerstandsfähiger war, bewegte noch eine Zeitlang +leise die Lippen. Dann senkte sich allmählich sein Kinn, sein +dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu schnarchen. + +So saßen sie einander gegenüber, mit vorgestreckten Bäuchen, mit +ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all ihrem +Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwäche. Sie regten +sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu schlummern +schien. + +Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um +Abschied von ihr zu nehmen. + +Das Räucherwerk qualmte noch. Die bläuliche Wolke vermählte sich +am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Draußen blinkten +einige Sterne. Die Nacht war mild. + +Das Wachs der Kerzen träufelte in langen Tränen herab auf das +Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. Der +Lichtschimmer machte ihm die Augen müde. + +Über das Atlaskleid huschten Reflexe; es war weiß wie +Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, als +gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher über, als lebe sie nun +in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem wirbelnden +Kräuterdufte ... + +Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der Gartenbank +unter dem blühenden Weißdornbusch ... dann in Rouen auf dem Gange +durch die Straße ... und dann auf der Schwelle ihres Vaterhauses, +im Gutshofe, in Bertaux ... Es war ihm, als höre er das Jodeln der +lustigen Burschen, die unter den Apfelbäumen tanzten bei seiner +Hochzeitsfeier. Wie hatte das Brautgemach nach ihrem Haar +geduftet! Wie hatte ihr Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie +sprühende Funken! Dasselbe Kleid! Damals und heute! + +Langsam zog sein ganzes einstiges Glück noch einmal an ihm +vorüber. Er sah sie vor sich in ihren eigentümlichen Bewegungen, +ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hörte den Klang ihrer Stimme. Immer +wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhörlich, +unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande. + +Eine gräßliche Neugier überkam ihn. Langsam und klopfenden Herzens +hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da schrie er vor +Schrecken laut auf, und die beiden andern Männer erwachten. Sie +zogen ihn fort und führten ihn hinunter in die Große Stube. + +Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar +der Toten haben. + +»Schneiden Sie ihr welches ab!« befahl der Apotheker. + +Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere heran. +Er zitterte so stark, daß er die Haut an der Schläfe an mehreren +Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und schnitt +blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein paar kahle +Stellen mitten in dem schönen schwarzen Haar der Toten. + +Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre +Bücher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, wenn +sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. Der +Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais schüttete +ein wenig Chlor auf die Dielen. + +Felicie hatte für sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche +Branntwein, Käse und ein langes Weißbrot bereitgestellt. Gegen +vier Uhr früh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. Er seufzte: + +»Wahrhaftig. Eine Stärkung wäre nicht übel!« + +Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber erst die +Messe lesen. Als er wieder zurückkam, aßen und tranken beide, +wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen warum, verführt +von der sonderbaren Fröhlichkeit, die den Menschen nach +überstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten Gläschen klopfte +der Priester dem Apotheker auf die Schulter und sagte: + +»Wir werden uns am Ende noch verstehen!« + +In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg brachten. +Zwei Stunden lang mußte sich Karl von den Hammerschlägen martern +lassen, die von den Brettern zu ihm hallten. Dann legte man die +Tote in den Sarg aus Eichenholz und diesen in die beiden andern. +Aber da der letzte zu breit war, füllte man die Hohlräume mit Werg +aus einer Matratze. Als der letzte Deckel zurechtgehobelt und +vernagelt war, stellte man den Sarg vor die Tür. Das Haus ward +weit geöffnet, und die Leute von Yonville begannen +herbeizuströmen. + +Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er mitten +auf dem Markte ohnmächtig. + + + + +Elftes Kapitel + + +Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig Stunden +nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so +geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich +geschehen war. + +Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. Dann +sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch noch +leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut +aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp +weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst. +Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte +Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand. + +Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum +schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung. +Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre +Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen +Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville. + +In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof munter, +rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich auf einen +Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich +wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, daß die Funken +stoben. + +Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die +Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren +Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie tot. +Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er riß in +die Zügel. Da schwand die Erscheinung. + +In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei +Tassen Kaffee. + +Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender in der +Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe, +fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen. +Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein +schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines +Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte er +es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle +Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre Wipfel. Eine +Herde Schafe trottete friedlich vorüber. + +Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur +noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen vorwärts +gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte +Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in +Bovarys Arme. + +»Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...« + +Der andre antwortete schluchzend: + +»Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!« + +Der Apotheker zog sie auseinander. + +»Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn +schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man muß +Philosoph sein!« + +Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male +wiederholte er: + +»Ja, ja ... Mut! Mut!« + +»Na, wenns sein muß!« sagte Rouault. »Ich hab welchen! +Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und +wenns noch so weit wäre!« + +Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich +in Bewegung. + +Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die +drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her. +Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer +Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor +und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem +Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine +Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen. + +Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein +jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen würde. +Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg +und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, daß sie +dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende war, daß man +sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde Wut und schwarze +Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfände er überhaupt +nichts mehr. Er fühlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber +alsbald warf er sich vor, eine erbärmliche Kreatur zu sein. + +Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas wie +ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem +Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes +aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mühsam +nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Löwen. Heute hatte +er sein Bein erster Garnitur angeschnallt. + +Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld +einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem +andern in der silbernen Schale. + +»Schnell weg! Ich leide!« rief Bovary und warf zornig ein +Fünffrankenstück hinein. + +Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. + +Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das +nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in der ersten +Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten +rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu +läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing an. Die Sargträger hoben +die drei Stangen der Bahre in die Höhe. Man verließ die Kirche. + +Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst, +blaß und taumelnd. + +Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug +vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug +eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, der aus +den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge anzuschließen. + +Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam +vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die +Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald +leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte, +verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz +schimmerte immer zwischen den Bäumen. + +Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit +zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende +Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen unter der +ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden +Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein frischer Wind wehte +herüber. Roggen und Raps grünten, und Tautropfen zitterten auf den +Dornenhecken am Wege. Allerlei fröhliche Laute erfüllten die Luft: +das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener +Straße, das wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines +Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der klare Himmel +war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter spielten um +die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl erkannte im +Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten +Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier +vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem Rückwege zu »ihr«. + +Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte +Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger +verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie +eine Schaluppe auf bewegter See. + +Endlich war man da. + +Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen, +wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf. +Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten +aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und +ununterbrochen. + +Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf +gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer. + +Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll +wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois +reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel +schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde +ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und +das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein +Widerhall aus der Ewigkeit. + +Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war +Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie dann +Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde hinabwarf und +»Lebe wohl!« rief. Er sandte ihr Küsse und beugte sich über das +Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte. + +Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand +er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß alles +überstanden war. + +Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an, +was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er +berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß sich Tüvache +nach der Messe »gedrückt« hatte und daß Theodor, der Diener des +Notars, einen blauen Rock getragen hatte, »als ob nicht ein +schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da es nun einmal so üblich +ist, zum Teufel!« So hechelte er alles durch, was er beobachtet +hatte. + +Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht +verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen. + +»Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!« + +Der Apotheker antwortete: + +»Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus +Verzweiflung Selbstmord begangen.« + +»Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie vorigen +Sonnabend noch in meinem Laden war!« + +»Ich hatte nur keine Zeit,« sagte der Apotheker, »sonst hätte ich +mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab +nachgerufen hätte!« + +Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog +seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs +öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, hatte sie +Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man +sah, wo die Tränen herabgerollt waren. + +Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen. +Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer: + +»Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach +Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals +tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ...« Er +stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. »Ach, nun ist +es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen +Sohn ... und heute meine Tochter!« + +Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux +zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch +seine Enkelin wollte er nicht sehen. + +»Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse sie mir +ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier,« er +schlug auf sein Bein, »das werde ich dir nie vergessen. Hab keine +Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!« + +Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, ganz +wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf +der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter +umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie im Feuer unter +den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete +die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein +Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen +weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ... + +Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm +geworden war. + +Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und +plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von +vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte +Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen +und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und +Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung +zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte. + +Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie +immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«. + +Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald +geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte +Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde. + +Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte. +Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck +einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und +geheimnisvoll wie die Nacht. + +Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel +vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich +über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer +Kartoffeln stahl. + + + + +Letztes Kapitel + + +Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus kommen. +Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei verreist +und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das Kind tat noch +ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der Zeit, sprach sie +nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des Kindes bereitete Bovary +Schmerzen. Ganz unerträglich aber waren ihm die Trostreden des +Apothekers. + +Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen +Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm +beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis zulassen +wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, auch nur das +geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer sich darüber. Das +empörte ihn wiederum maßlos. Er war überhaupt ein ganz andrer +geworden. So verließ sie das Haus. + +Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr »Schnittchen« zu machen. +Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate Stundengeld, obgleich +Emma doch niemals Unterricht bei ihr genommen hatte. Die +quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt bekommen hatte, war +nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt worden. Der Leihbibliothekar +verlangte Abonnementsgebühren auf eine Zeit von drei Jahren und +Frau Rollet Botenlohn für zwanzig Briefe. Als Karl Näheres wissen +wollte, war sie wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten: + +»Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.« + +Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei nun +zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue Gläubiger. + +Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man +ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch +entschuldigen. + +Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn +Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich in +ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr Emmas +Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal den +Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, ihr +nachzurufen: »Emma, bleib, bleib!« + +Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener +des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas Kleidern noch +übrig war. + +Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die +Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu Yvetot, mit Fräulein +Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz ergebenst mitzuteilen. In +Karls Glückwunschbrief kam die Stelle vor: + +»Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!« + +Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs Haus irrte, +kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich unter einem seiner +Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück Papier. Er entfaltete es +und las: »Liebe Emma! Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz +nicht zertrümmern ...« Es war Rudolfs Brief, der zwischen die +Kisten gefallen und dort liegen geblieben war, bis ihn der durchs +Dachfenster wehende Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl +stand ganz starr da, mit offnem Munde, just auf demselben Platz, +wo dereinst Emma, bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den +Tod gehen wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift +ein kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche +und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen +Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn er +ihnen später -- es war zwei- oder dreimal gewesen -- begegnet war. +Aber der achtungsvolle Ton des Briefes täuschte ihn. + +»Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu sein!« +sagte er sich. + +Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen bis +auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu +suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen +Schmerze. + +»Man mußte sie anbeten!« sagte er bei sich. »Es ist ganz +natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!« Nunmehr erschien +sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein beständiges heißes +Verlangen nach ihr, das ihn trostlos machte und das keine Grenzen +kannte, weil es nicht mehr zu stillen war. + +Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach +ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich +Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und +-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus +ihrem Grabe heraus. + +Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein Stück +nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle Zimmer wurden +kahl, nur »ihr Zimmer« blieb wie früher. Nach dem Essen pflegte +Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den Kamin und +rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich gegenüber. Eine +Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. Berta, neben ihm, +tuschte Bilderbogen aus. + +Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht +gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des Kleidchens +aufgerissen, denn darum kümmerte sich die Aufwartefrau nicht. +Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie das Köpfchen graziös +neigte und ihr die blonden Locken über die rosigen Wangen fielen, +dann sah sie so reizend aus, daß ihn unendliche Zärtlichkeit +ergriff, eine Freude, die nach Wehmut schmeckte, wie ungepflegter +Wein nach Pech. Er besserte ihr Spielzeug aus, machte ihr +Hampelmänner aus Pappe und flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer +Puppen. Wenn seine Augen dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen, +auf ein Band, das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, +die noch in einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in +Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit traurig +wurde. + +Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen, +wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des Apothekers +ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater bei der +jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse auf +eine Fortsetzung des näheren Verkehrs keinen Wert legte. + +Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen können, +war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und erzählte allen +Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. Wenn Homais zur Stadt +fuhr, versteckte er sich infolgedessen hinter den Vorhängen der +Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er haßte ihn, +und da er ihn zugunsten seines Rufes als Heilkünstler um jeden +Preis aus dem Wege räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. +Die Art und Weise, wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso +seinen Scharfsinn wie seine bis zur Verruchtheit gehende +Eitelkeit. Sechs Monate hintereinander konnte man im »Leuchtturm +von Rouen« Nachrichten wie die folgenden lesen: + +»Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne +Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt +haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er +belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen +gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den abscheulichen +Zeiten des Mittelalters, wo es den Landstreichern erlaubt war, auf +den öffentlichen Plätzen die Lepra und die Skrofeln zur Schau zu +stellen, die sie von einem der Kreuzzüge mitgebracht hatten?« + +Oder: + +»Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die +Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von Bettlerscharen +heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und das sind +vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem Grunde duldet +das eigentlich die Obrigkeit?« + +Daneben erfand Homais auch Anekdoten: + +»Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd durchgegangen +...« + +Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche Auftauchen des +Blinden verursachten Unfalls. + +Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der Unglückliche +in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder frei. Er trieb es +wie vorher. Ebenso Homais. Es begann ein Kampf. Der Apotheker +blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu lebenslänglichem Aufenthalt in +ein Krankenhaus gesteckt. + +Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund +überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel +bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte --, +geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß gegen die +Priester. + +Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von den +»Ignorantinern« geleiteten, die natürlich zum Nachteil der +letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung von +hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die +Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche +Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. Dabei +wurde er ein gefährlicher Intrigant. + +Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch +Schreiben, ein »Werk«. So verfaßte er eine »Allgemeine Statistik +von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen Beobachtungen«. +Die damit verbundenen Studien führten ihn ins volkswirtschaftliche +Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen Fragen, in die Theorien +über die Volkserziehung, in das Verkehrswesen und andres mehr. Nun +begann er sich seiner kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er +bekam genialische Anwandlungen. + +Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im Gegenteil, er +verfolgte alle neuen Entdeckungen seines Faches. Beispielsweise +interessierte ihn der große Aufschwung in der Schokoladenindustrie. +Er war weit und breit der erste, der den Schoka (eine Mischung von +Kakao und Kaffee) und die Eisenschokolade einführte. Er +begeisterte sich für die hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers +und trug selbst eine. Wenn er beim Schlafengehen das Hemd +wechselte, staunte Frau Homais diese goldene Spirale an, die ihn +umschlang, und entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann, +der wie ein Magier glänzte. + +Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug er +einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide, +einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine +»künstliche Ruine«. Keinesfalls aber dürfe die Trauerweide fehlen, +die er für das »traditionelle Symbol« der Trauer hielt. + +Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem +Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein Kunstmaler +begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des Apothekers +Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte Witze. Man +besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich die +Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein zweitesmal allein +nach Rouen und entschloß sich zu einem Grabstein, über dem ein +Genius mit gesenkter Fackel trauert. + +Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: STA VIATOR! +Diese Worte schlug er immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in +sie. Beständig flüsterte er vor sich hin: »Sta viator!« +Endlich kam er auf: AMABILEM CONJUGEM CALCAS! Das wurde +angenommen. + +Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an +Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere +Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild seinem +Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, es zu +bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war immer +derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber sobald er +sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder. + +Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der +Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn +auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja fanatisch, +wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist des +Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der Predigt +vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im Todeskampfe +seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie jedermann wisse. + +Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden +heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und so +stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an seine +Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. Aber im +Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen Emma. Als +Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, der Felicies +Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. Darüber +entzweiten sie sich. + +Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung. +Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich +nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. Aber +als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande sich von ihm +zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, völliger Bruch. + +Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen war, +und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch dies +machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote Flecken +auf den Wangen. + +Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die +Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, gelang ihm. +Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia stickte ihm ein +neues Käppchen, Irma schnitt Pergamentpapierdeckel für die +Einmachegläser, und Franklin bewies ihm bereits schlankweg den +pythagoreischen Lehrsatz. Der Apotheker war der glücklichste Vater +und der glücklichste Mensch. + +Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen. +Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient hätte +er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich während der +Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. Zweitens hatte +er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- verschiedene +gemeinnützige Werke veröffentlicht, beispielsweise die Schrift +»Der Apfelwein. Seine Herstellung und seine Wirkung«, sodann seine +»Abhandlung über die Reblaus«, die er dem Ministerium unterbreitet +hatte, ferner seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen +von seiner ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles +auf. »Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher +Gesellschaften.« In Wirklichkeit war es nur eine einzige. + +»Eigentlich müßte es schon genügen,« rief er und warf sich +selbstbewusst in die Brust, »daß ich mich bei den Feuersbrünsten +hervorgetan habe!« + +Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der Wahlen +erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. Schließlich +verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er reichte ein +Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn +alleruntertänigst bat, »ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.« +Er nannte ihn »unsern guten König« und verglich ihn mit Heinrich +dem Vierten. + +Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung +zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging so +weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des Kreuzes der +Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von Geranien +umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste er dieses +bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der Regierung und +über den Undank der Menschen nach. + +Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus einer Art +Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich haben wollte, hatte +Karl das geheime Fach des Schreibtisches aus Polisanderholz, den +Emma benutzt hatte, noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er +sich endlich davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten +heraus. Da lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel +möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten Zeile. +Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, allen +Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend, +halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit einem +Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm buchstäblich ins Gesicht. +Es lag neben einem ganzen Bündel von Liebesbriefen. + +Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. Er +ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich sogar, +seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er +sich einschließe, um zu trinken. Neugierige aber, die hin und +nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, sahen zu ihrer +Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem langen Bart und in +schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging und laut weinte. + +An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf den +Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, wenn auf +dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer aus dem Stübchen +Binets. + +Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines Schmerzes +nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit ihm teilte. +Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von »ihr« sprechen +zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem Ohre zu, da auch +sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich seine Postverbindung +zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und Hivert, der ob seiner +Zuverlässigkeit in Kommissionen allenthalben großes Vertrauen +genoß, verlangte Lohnerhöhung und drohte, »zur Konkurrenz« +überzugehen. + +Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen war, um sein +Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, begegnete er +Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide blaß. Rudolf, der +bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine Visitenkarte bezeigt +hatte, murmelte zunächst einige Worte der Entschuldigung, dann +aber faßte er Mut und hatte sogar die Dreistigkeit, -- es war ein +heißer Augusttag -- Karl zu einem Glas Bier in der nächsten Kneipe +einzuladen. + +Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, plauderte +und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in tausend Träumen +vor diesem Gesicht, das »sie« geliebt hatte. Es war ihm, als sähe +er ein Stück von ihr wieder. Das war ihm selber sonderbar. Er +hätte der andre sein mögen. + +Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom +Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede +stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So +vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm gar +nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter diesem +zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen röteten +sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, seine Lippen +bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in so düsterem +Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im Satz +steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere +Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht. + +»Ich bin Ihnen nicht böse!« sagte er. + +Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und +wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser +Schmerzen: + +»Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!« + +Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je in seinem +Leben sprach: + +»Das Schicksal ist schuld!« + +Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, für +einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig, +eigentlich sogar komisch und verächtlich. + +Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die +Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter zeichneten +ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete süß, der Himmel +war blau, Insekten summten um die blühenden Lilien. Karl atmete +schwer; das Herz war ihm beklommen und tieftraurig vor unsagbarer +Liebessehnsucht. + +Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht +gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen. + +Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm +zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine +lange schwarze Haarlocke. + +»Papa, komm doch!« rief die Kleine. + +Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da +fiel er zu Boden. Er war tot. + +Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des +Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand aber +nichts. + +Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und dreiviertel +Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise der kleinen Berta +Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die gute alte Frau starb +aber noch im selben Jahre, und da der Vater Rouault gelähmt war, +nahm sich eine Tante des Kindes an. Sie ist arm und schickt Berta, +damit sie sich das tägliche Brot verdient, in eine +Baumwollspinnerei. + +Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander in +Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten können. +Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine Kurpfuscherei +hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde duldet ihn, +und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr. + +Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. + + * * * * * + +Die Übertragung des Romans Madame Bovary besorgte Arthur Schurig. + +Insel-Verlag. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + +***** This file should be named 15711-8.txt or 15711-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/ + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. 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There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +*** END: FULL LICENSE *** + |
