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+The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Frau Bovary
+
+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Arthur Schurig
+
+Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
+
+
+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
+
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+Frau Bovary
+
+von
+
+Gustave Flaubert
+
+
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+Erstes Buch
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein
+»Neuer«, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den beiden,
+Schulstubengerät in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von
+ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien
+aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf.
+
+Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
+sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer.
+
+»Herr Roger!« lispelte er. »Diesen neuen Zögling hier empfehle ich
+Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta. Bei löblichem
+Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er
+seinem Alter nach gehört.«
+
+Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man konnte
+ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge,
+so ungefähr fünfzehn Jahre alt und größer als alle andern. Die
+Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein
+Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er
+höchst verlegen. So schmächtig er war, beengte ihn sein grüner
+Tuchrock mit schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den
+Schlitz in den Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke
+hervor, die zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte
+gelbbraune, durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an und
+blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und
+mit Nägeln beschlagen.
+
+Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte
+aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht
+einmal wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den
+Ellenbogen aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete,
+mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den
+andern anschloß.
+
+Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer
+die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. Es kam
+darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter die richtige
+Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen Staubwolke laut
+aufklatschte. Das war so Schuljungenart.
+
+Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder daß er
+nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das
+Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch immer vor
+sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von
+Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Bärenmütze,
+andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an
+ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit einem Worte: an allerlei
+armselige Dinge, deren stumme Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie
+das Gesicht eines Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und
+Fischbeinstäbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah
+man drei runde Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band
+getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art
+Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter
+Schnurenstickerei krönte und von dem herab an einem ziemlich
+dünnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung
+war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte.
+
+»Steh auf!« befahl der Lehrer.
+
+Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die
+ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das Mützenungetüm
+aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem Ellenbogen daran, so daß es
+wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bücken.
+
+»Leg doch deinen Helm weg!« sagte der Lehrer, ein Witzbold.
+
+Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen Jungen
+gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich gar nicht, ob er
+seinen »Helm« in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen
+lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mütze
+über seine Knie.
+
+»Steh auf!« wiederholte der Lehrer, »und sag mir deinen Namen!«
+
+Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her.
+
+»Noch mal!«
+
+Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem Gelächter der
+Klasse übertönt.
+
+»Lauter!« rief der Lehrer. »Lauter!«
+
+Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit auf
+und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte,
+das Wort von sich: »Kabovary!«
+
+Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; dazwischen gellten
+Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder und wieder: »Kabovary!
+Kabovary!« Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes
+Brummen, kam mühsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen
+heimlich weiter, um da und dort plötzlich als halbersticktes
+Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlöschen
+immer wieder noch ein paar Funken sprüht.
+
+Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in
+der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer,
+den Namen »Karl Bovary« festzustellen, nachdem er sich ihn hatte
+diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen
+wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf
+die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte
+den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als
+er bereits wieder stehen blieb.
+
+»Was suchst du?« fragte der Lehrer.
+
+»Meine Mü...«, sagte er schüchtern, indem er mit scheuen Blicken
+Umschau hielt.
+
+»Fünfhundert Verse die ganze Klasse!«
+
+Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte wütend
+ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.
+
+»Ich bitte mir Ruhe aus!« fuhr der empörte Schulmeister fort,
+während er sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirne
+trocknete. »Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den
+Satz auf: Ridiculus sum!« Sein Zorn ließ nach. »Na, und deine
+Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen.«
+
+Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und
+der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung,
+obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte
+kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal
+mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen
+aufzuschlagen.
+
+Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem
+Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich
+sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
+gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im Wörterbuche nach
+und gab sich viel Mühe. Zweifellos verdankte er es dem großen
+Fleiße, den er an den Tag legte, daß man ihn nicht in der Quinta
+zurückbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte,
+so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer
+seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht,
+und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur
+möglich auf das Gymnasium geschickt worden.
+
+Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er
+hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen
+lassen, worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr
+seine körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte sich im
+Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in
+der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das
+Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war ein
+Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte,
+Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller Ringe hatte und in
+seiner Kleidung auffällige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum
+besaß er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er
+verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau
+zu leben, aß und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein
+und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr
+spät heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehäusern herumgetrieben
+hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterließ, war
+Bovary empört darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld
+dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land zurück,
+wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er verstand von der
+Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt
+lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur Arbeit einspannen
+ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in
+Fässern zu verkaufen, ließ das fetteste Geflügel in den eignen
+Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine
+seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, daß
+es am tunlichsten für ihn sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr
+einzulassen.
+
+Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe
+im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, halb
+Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück,
+fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig
+und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er
+sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben.
+
+Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
+tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem
+heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie sich
+abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch und nervös
+geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer
+wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und
+abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu
+ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst mächtig geregt,
+aber schließlich schwieg sie, würgte ihren Grimm in stummem
+Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten
+Stündlein. Sie war unablässig tätig und immer auf dem Posten. Sie
+war es, die zu den Anwälten und Behörden ging. Sie wußte, wenn
+Wechsel fällig waren; sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte
+alle Hausarbeiten, nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und
+führte die Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts
+kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher Schläfrigkeit nicht
+herauskam und sich höchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige
+Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab
+und zu in die Asche.
+
+Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; und
+als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche Geschöpf
+grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit Zuckerzeug. Der
+Vater ließ es barfuß herumlaufen und meinte höchst weise
+obendrein, der Kleine könne eigentlich ganz nackt gehen wie die
+Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter
+hatte er sich ein bestimmtes männliches Erziehungsideal in den
+Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mühe gab.
+Er sollte rauh angefaßt werden wie ein junger Spartaner, damit er
+sich tüchtig abhärte. Er mußte in einem ungeheizten Zimmer
+schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den
+»kirchlichen Klimbim« schimpfen. Aber der Kleine war von
+friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die
+Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm
+Pappfiguren aus und erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit
+ihm in endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger
+Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. In ihrer
+Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre
+eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im Traume sah sie
+ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als Beamten beim
+Straßen- und Brückenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn
+Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besaß,
+das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten
+Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei bloß schade
+um die Mühe; sie hätten doch niemals die Mittel, den Jungen auf
+eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft
+zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary
+schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief
+mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste
+Beeren an den Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und
+durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem
+Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
+bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu dürfen. Dann
+hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der großen
+Glocke und ließ sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine
+Lilie auf dem Felde, bekam kräftige Glieder und frische Farben.
+
+Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch,
+daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim
+Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmäßig, daß
+sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der
+Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der
+Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den
+Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte
+auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler nach dem Ave-Maria zu
+sich holen. Die beiden saßen dann oben im Stübchen. Mücken und
+Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, daß
+der Junge schläfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da
+schnarchte der biedere Pfarrer, die Hände über dem Schmerbauche
+gefaltet. Es kam auch vor, daß der Seelensorger auf dem Heimwege
+von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl
+gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann
+rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstündige Strafpredigt und
+benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine
+Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den
+Unterricht störte, oder irgendein Bekannter, der vorüberging.
+Übrigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja
+er meinte sogar, der »junge Mann« habe ein gar treffliches
+Gedächtnis.
+
+So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und
+ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber
+schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch
+ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.
+
+Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde
+Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater
+brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.
+
+Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch
+deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer
+Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den
+Arbeitsstunden eifrig lernte, während des Unterrichts aufmerksam
+dasaß, im Schlafsaal vorschriftsmäßig schlief und bei den
+Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule
+war ein Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller
+vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschluß.
+Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und
+brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das
+Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an
+seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten
+zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine
+Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von
+Barthelemys »Reise des jungen Anacharsis«, das im Arbeitssaal
+herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls
+vom Lande war.
+
+Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der
+Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der
+Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn
+seine Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren.
+Sie waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen
+schon durchwürgen würde.
+
+Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der
+Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten
+Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung
+ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch und zwei
+Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus
+Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein
+Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer
+Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder
+heim, nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja
+hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein
+auf sich selbst angewiesen sei.
+
+Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der
+medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen
+und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen,
+von Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik,
+Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen
+Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft er sich
+nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle
+Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.
+
+Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen
+war, er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb fleißig
+nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er
+erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom,
+der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was
+für ein Geschäft er eigentlich verrichtet.
+
+Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine Mutter
+allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück Kalbsbraten. Das war
+sein Frühstück, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach
+Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn
+er mußte alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder
+Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straßen hindurch. Abends nahm
+er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher
+ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbücher,
+oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des
+kleinen Ofens zu dampfen begannen.
+
+An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer wurden und
+die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball spielten, öffnete er sein
+Fenster und sah hinaus. Unten floß der Fluß vorüber, der aus
+diesem Viertel von Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine
+gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den
+Wehren und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die
+Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang
+hervorragten, trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft.
+Gegenüber, hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel
+mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen im
+Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief
+Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar
+nicht bis zu ihm drang.
+
+Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam
+einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward
+träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorsätzen
+mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die Klinik, morgen ein
+Kolleg, und allmählich fand er Genuß am Faulenzen und ging gar
+nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein
+passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen
+Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem
+Marmortische zu klappern, das dünkte ihn der höchste Grad von
+Freiheit zu sein, und das stärkte ihm sein Selbstbewußtsein. Es
+war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmännischen Lebens,
+dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine
+Hand mit geradezu sinnlichem Vergnügen auf die Türklinke. Eine
+Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrückt worden waren,
+gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer
+auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Béranger, der
+Freiheitssänger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle
+brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen
+Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glänzend
+durch.
+
+Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei
+einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf
+den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er seine
+Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie
+entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der
+Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem
+sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf
+Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die
+Geschichte verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens hätte er
+es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.
+
+Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
+hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er
+gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat
+bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine
+Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl
+statt.
+
+Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. Dort
+gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete
+schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das
+Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als sein
+Nachfolger daselbst nieder.
+
+Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin
+studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun
+mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des
+Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fünfundvierzig Jährlein
+zwölfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie häßlich
+war, dürr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie
+ein Kirschbaum Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs
+an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary
+erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr
+geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen
+Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
+unterstützt wurde.
+
+Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich
+dadurch günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie pekuniär
+unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zügel in ihre Hände.
+Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was
+nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem
+Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mußte
+er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe,
+überwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Türe,
+wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen
+mußte sie ihre Schokolade haben, und die Rücksichten, die sie
+erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhörlich klagte sie über
+Migräne, Brustschmerzen oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute
+durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl
+auswärts, dann fand sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim,
+so war es zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im
+Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm
+ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang
+seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging
+die Jeremiade los. Er vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man
+habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück.
+Schließlich bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund
+werde, und um ein bißchen mehr Liebe.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel
+eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen kam.
+Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf und
+verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Straße
+stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn.
+
+Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
+auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd stehen,
+folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er
+entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue Troddel hing,
+einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und überreicht
+ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der richtete sich im Bett auf,
+um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den
+Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschämt der Wand zu und
+zeigte den Rücken.
+
+In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, wurde
+Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem Pachtgut Les
+Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht
+man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis Bertaux zu
+Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary
+sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem Manne etwas zustoßen.
+Infolgedessen ward beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten,
+Karl aber erst drei Stunden später, nach Mondaufgang, folgen
+solle. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den
+Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlösse.
+
+Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
+gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen überließ
+er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor
+irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde
+der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und
+begann in seinem Gedächtnisse alles auszukramen, was er von
+Knochenbrüchen wußte.
+
+Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen Ästen der
+Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das Gefieder ob des kühlen
+Morgenwindes gesträubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches
+Land. Auf dieser endlosen grauen Fläche hoben sich hie und da in
+großen Zwischenräumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte
+mit des Himmels trüben Farben zusammenflossen; das waren
+Baumgruppen um Güter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß
+Karl seine Augen auf, bis ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte
+und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen
+traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten
+Erinnerungen paarten, so daß er ein Doppelleben führte. Er war
+noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen
+Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch
+den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen Umschlägen
+mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des
+Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den Stangen der
+Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete ...
+
+Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen,
+der am Rande des Straßengrabens im Grase saß.
+
+»Sind Sie der Herr Doktor?«
+
+Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln
+in die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs
+hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß Herr
+Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten
+Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege
+von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest gefeiert hatte, ein
+Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz
+allein mit »dem gnädigen Fräulein«, das ihm den Haushalt führte.
+
+Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. Plötzlich
+verschwand der Junge in der Lücke einer Gartenhecke, um hinter der
+Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein großes Tor
+öffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mußte
+sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu
+werden. Hofhunde fuhren aus ihren Hütten, schlugen an und
+rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof
+einritt, scheute der Gaul und machte einen großen Satz zur Seite.
+
+Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die
+offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo kräftige
+Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Längs der
+Wirtschaftsgebäude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter
+den Hühnern und Truthähnen machten sich fünf bis sechs Pfauen
+mausig, der Stolz der Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang,
+die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen
+zwei große Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen
+Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus
+Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornböden
+heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas
+anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume bepflanzt.
+Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter der Gänse.
+
+An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in
+einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrüßte
+den Arzt. Er wurde nach der Küche geführt, wo ein tüchtiges Feuer
+brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Töpfen von verschiedener
+Form das Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen
+naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel,
+Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Größe,
+funkelten wie von blankem Stahl, während längs der Wände eine
+Unmenge Küchengerät hing, über dem die helle Herdflamme um die
+Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden
+Morgensonne spielte und glitzerte.
+
+Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen.
+Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
+Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein
+stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem Haar, blauen
+Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem
+Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der er sich
+von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um »Mumm in die Knochen
+zu kriegen«. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung.
+Statt zu fluchen und zu wettern -- was er seit zwölf Stunden getan
+hatte -- fing er nunmehr an zu ächzen und zu stöhnen.
+
+Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte sich
+einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald erinnerte
+er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern
+zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten ein
+reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams,
+der an das Öl gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefettet
+werden. Er ließ sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen,
+um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stücken wählte
+er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glättete sie
+mit einer Glasscherbe. Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden
+her, und Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster
+anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, polterte
+der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen stach sie sich
+in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus.
+
+Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie hatte. Sie
+waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so
+schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände freilich
+waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß genug und ein
+wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank,
+nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. Was jedoch
+schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im
+Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick
+traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld.
+
+Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
+»einen Bissen zu essen«, ehe er wieder aufbräche. Karl ward in das
+Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen
+Tische war für zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten
+silberne Becher. Aus dem großen Eichenschranke, gegenüber dem
+Fenster, strömte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer
+Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Säcke mit
+Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz
+gefunden, zu der drei Steinstufen hinaufführten. In der Mitte der
+Wand, deren grüner Anstrich sich stellenweise abblätterte, hing in
+einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer
+Minerva. In schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben.
+»Meinem lieben Vater!«
+
+Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
+Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen.
+Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem Leben auf
+dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft
+fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, fröstelte sie
+während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen
+etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, pflegte sie mit den
+Oberzähnen auf die Unterlippe zu beißen.
+
+Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr
+schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in
+der Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe,
+daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen und kaum die
+Ohrläppchen blicken ließen. Über den Schläfen war das Haar
+gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
+Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Taille lugte
+-- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.
+
+Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte,
+trat er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend,
+die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten
+hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich
+umwendend, fragte sie:
+
+»Suchen Sie etwas?«
+
+»Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!«
+
+Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den Stühlen. Der
+Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade zwischen die Säcke und
+die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich über die Säcke beugte,
+wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der
+nämlichen Absicht wie sie ausstreckte, berührte seine Brust den
+gebückten Rücken des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma
+fuhr rasch in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die
+Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.
+
+Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt
+dessen war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab
+kam er regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die
+gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
+»zufällig in der Gegend« war. Übrigens ging alles vorzüglich; die
+Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer
+halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof
+herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf
+einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, besser hätten ihn
+die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht
+kurieren können.
+
+Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern
+nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber
+nachgesonnen hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers
+zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in
+Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber
+wirklich die Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu
+köstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines
+tätigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt
+im Galopp ab und ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem
+kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich
+die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen
+Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof
+ein. Es war ihm ein Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den
+nachgebenden Flügel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der
+Mauer krähen zu hören und sich von der Dorfjugend umringt zu
+sehen. Er liebte die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa
+Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen
+Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des
+Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der
+Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen Schuhen
+sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab
+sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe.
+War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete sie mit. Sie
+hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie
+nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im
+Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schürzenbänder begannen ihr
+um die Hüften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der
+Bäume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dächern der
+Gebäude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle,
+da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte
+ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue
+Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weiße Haut ihres
+Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefühl, daß Emma
+lächelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut
+vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer ...
+
+Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner
+Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in ihrer
+doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. Als sie
+aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie nähere
+Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß Fräulein Rouault im
+Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, sozusagen
+also »eine feine Erziehung genossen« hatte, daß sie infolgedessen
+Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und
+Klavierspielen haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie
+man zu sagen pflegt.
+
+»Also darum!« sagte sie sich. »Darum also lacht ihm das ganze
+Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue Weste
+an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh dieses
+Weib, dieses Weib!«
+
+Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte in
+allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte
+sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer
+häuslichen Szene über sich ergehen ließ. Schließlich aber ging sie
+im Sturm vor. Karl wußte nicht, was er sagen sollte. Weshalb renne
+er denn ewig nach Bertaux, wo doch der Alte längst geheilt sei,
+wenn die Rasselbande auch noch nicht berappt habe? Na freilich,
+weil es da »eine Person« gäbe, die fein zu schwatzen verstünde,
+ein Weibsbild, das sticken könne und weiter nichts, ein
+Blaustrumpf! In die sei er verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei
+ihm ein gefundenes Fressen.
+
+»Blödsinn!« polterte sie weiter. »Die Tochter des alten Rouault,
+die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Großvater hat noch die Schafe
+gehütet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt
+gekommen, weil er bei einem Streite jemanden halbtot gedroschen
+hat! So was hat gar keinen Anlaß, sich was Besonders einzubilden
+und Sonntags aufgedonnert in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen
+Kleidern wie eine Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder!
+Wenn im vergangenen Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut
+ausgefallen wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
+können!«
+
+Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
+ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und Küssen
+und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr Meßbuch schwören lassen,
+nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner heimlichen
+Sehnsucht war er kühner; da war er empört über seine tatsächliche
+eigne Feigheit. Und in naivem Machiavellismus sagte er sich,
+gerade ob dieses Verbots habe er ein Recht auf seine Liebe. Was
+war die ehemalige Witwe auch für ein Weib: sie war spindeldürr und
+hatte häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben
+schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden langen
+Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern wie
+in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie über ihren
+grauen Strümpfen.
+
+Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch
+schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele
+Essen bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich
+ein Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von ihm,
+keine Flanellwäsche zu tragen.
+
+Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der Vermögensverwalter
+der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in Ingouville, samt allen
+ihm anvertrauten Geldern übers Meer das Weite suchte. Nun besaß
+sie allerdings außerdem einen Schiffsanteil in der Höhe von
+sechstausend Franken und ein Haus in Dieppe. Aber von allen diesen
+vielgepriesenen Besitztümern hatte man nie etwas Ordentliches zu
+sehen bekommen. Die Witwe hatte nichts mit in die Ehe gebracht als
+ein paar Möbel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache
+auf den Grund, und da stellte sich denn heraus, daß besagtes Haus
+bis an die Feueresse mit Hypotheken belastet, daß kein Mensch
+wußte, wieviel Geld wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen,
+und daß die Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich
+hatte die liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der
+alte Bovary einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke
+ging, und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in
+das Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke eingespannt,
+die des Futters nicht einmal mehr wert sei.
+
+Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu
+heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres
+Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegenüber in Schutz zu
+nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das
+nahmen ihm die Alten übel. Sie reisten ab.
+
+Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
+darnach, als sie dabei war, Wäsche im Hofe aufzuhängen, bekam sie
+einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.
+
+Als Karl vom Friedhofe zurückkam, fand er im Erdgeschoß keinen
+Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das Schlafzimmer
+trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am Bette hing.
+Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, bis es
+dunkel wurde, in schmerzliche Träumereien versunken. Alles in
+allem hatte sie ihn doch geliebt ...
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar
+für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in blanken
+Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück erfahren und
+tröstete ihn, so gut er konnte.
+
+»Ich weiß, wie einem da zumute ist!« sagte er, indem er dem Witwer
+auf die Schulter klopfte. »Habs ja selber mal durchgemacht, ganz
+so wie Sie! Als ich meine Selige begraben hatte, da lief ich
+hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. Ich warf mich im
+Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem lieben Gott zu
+hadern, und machte ihm die dümmsten Vorwürfe. An einem Aste sah
+ich einen verreckten Maulwurf hängen, dem der Bauch von Würmern
+wimmelte. Ich beneidete den Kadaver! Und wenn ich daran dachte,
+daß im selben Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen
+Frauen zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit
+meinem Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz
+richtig mit mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein
+Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und
+so nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem
+Winter und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei,
+drei, und weg war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige
+Wort: hinunter! Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben
+nicht los. Da tief drinnen in der Brust bleibt immer was stecken.
+Aber Luft kriegt man wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser
+aller Schicksal, und deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins
+Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben
+sind. Auch Sie müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles
+vorüber! Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an
+Sie. Sie hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling.
+Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein paar
+Karnickel auf meinem Revier!«
+
+Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
+alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die Birnbäume
+hatten schon Blüten, und der treffliche Vater Rouault war wieder
+mordsgesund und von früh bis abend auf den Beinen. Und im ganzen
+Gut war mächtiger Betrieb.
+
+Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
+Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so bequem
+wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit ihm wie mit
+einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, wenn man des
+Gastes wegen nicht, wie befohlen, die leichtverdaulichsten
+Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel feine Eierspeisen
+oder gedünstete Birnen. Er erzählte Anekdoten und Abenteuer. Zu
+seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir einem Male
+erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. Der Kaffee
+ward gebracht, und da vergaß er sie wieder.
+
+Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger gedachte
+er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue Bewußtsein,
+unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald erträglicher.
+Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber bestimmen,
+konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft darüber geben zu
+müssen, und wenn er müde war, alle vier von sich strecken und sich
+in seinem Bette breit machen. Er hegte und pflegte sich und ließ
+alle Tröstungen über sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner
+Frau keine ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man
+wochenlang in einem fort sagte: »Der arme Doktor. Wie traurig!«
+blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis vergrößerte sich.
+Und dann konnte er nun nach Bertaux reiten, wann es ihm beliebte.
+Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in ihm auf, ein namenloses
+Glücksgefühl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich den
+Bart strich, fand er sich gar nicht übel.
+
+Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute
+angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die Küche.
+Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst nicht. Die
+Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes
+stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf die
+Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel entzwei und
+wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische krabbelten
+Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in die
+Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den
+Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine
+Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß zwischen dem
+Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein Halstuch um, und
+auf ihren entblößten Schultern glänzten kleine Schweißperlen.
+
+Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk an. Als
+er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich bat sie ihn
+lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. Sie holte aus dem
+Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei Gläser heraus, füllte
+das eine bis zum Rande und goß in das andre ein paar Tropfen. Sie
+stieß mit Karl an und führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel
+wie nichts drin war, mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den
+Kopf nach hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals
+gestrafft, so stand sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf
+die Zunge lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen
+Zähnen herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals
+suchend vorstieß.
+
+Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit
+zu widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
+gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst recht
+nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle
+eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl sah
+diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das Hämmern
+seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das Gackern einer
+Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin und wieder
+hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den kalten Knauf der
+Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, um diese zu kühlen.
+
+Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit
+Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
+Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt
+im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in
+ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre
+Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, die sie als
+Schulprämien bekommen hatte, und die Eichenlaubkränze, die im
+untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erzählte sie von
+ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im Garten das
+Beet, wo die Blumen wüchsen, die sie der Toten jeden ersten
+Freitag im Monat hintrug. Der Gärtner, den sie hatten, verstünde
+nichts. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es,
+wenigstens während der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann
+aber meinte sie wieder, an den langen Sommertagen sei das Leben
+auf dem Lande noch langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte,
+klang ihre Stimme hell oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen
+matten Ton an, und wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward
+sie wieder ganz anders, wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma
+lustig und hatte große unschuldige Augen, dann wieder schlossen
+sich ihre Lider zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah
+teilnahmslos und traumverloren aus.
+
+Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie
+geredet hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn
+ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von
+der Existenz schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt
+hatte. Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu
+erschauen als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten
+Male erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte.
+Dann fragte er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich
+verheiratete, aber mit wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so
+reich und sie ... so schön!
+
+Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen,
+und eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das
+Surren eines Kreisels: »Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn du
+dich nun verheiratetest!« In der Nacht konnte er keinen Schlaf
+finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er verspürte Durst,
+stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das Fenster auf. Der
+Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind strich in das
+Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die Rötung nach
+Bertaux.
+
+Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten
+könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit
+um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese Gelegenheit bot,
+wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte nicht über die
+Lippen. Vater Rouault hätte längst nichts dagegen gehabt, wenn ihm
+jemand seine Tochter geholt hätte. Im Grunde nützte sie ihm in
+Haus und Hof nicht viel. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie
+war eben für die Landwirtschaft zu geweckt. »Ein gottverdammtes
+Gewerbe!« pflegte er zu schimpfen. »Das hat auch noch keinen zum
+Millionär gemacht!« Ihm hatte es in der Tat keine Reichtümer
+gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch
+auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl bekannt war,
+so war er eigentlich doch für Ackerbau und Viehzucht durchaus
+nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht
+gern die Hände aus den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe war
+er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen
+warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein gutes Glas Landwein, ein
+halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein Täßchen Mokka mit
+Kognak gehörten zu den Idealen seines Lebens. Er nahm seine
+Mahlzeiten in der Küche ein und zwar allein für sich, in der Nähe
+des Herdfeuers an einem kleinen Tische, der ihm -- wie auf der
+Bühne -- fix und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte.
+
+Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam,
+wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder später
+ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald überlegte er sich die
+Geschichte. Besonders schneidig sah ja Karl Bovary nicht gerade
+aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen künftigen Schwiegersohn
+ein bißchen anders gedacht, aber er war doch als anständiger Kerl
+bekannt, sparsam und tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos
+würde er wegen der Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault
+hatte gerade eine Menge großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu
+bezahlen, sah er sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem
+Grund und Boden zu verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert
+werden. Und so sagte er sich: »Wenn er um Emma anhält, soll er sie
+kriegen!«
+
+Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag
+und Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault
+gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs
+vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden.
+Das war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis
+zuallerletzt. Erst als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er
+los:
+
+»Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas sagen!«
+
+Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben stehen.
+
+»Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!« Rouault
+lachte gemütlich.
+
+»Vater Rouault! Vater Rouault!« stammelte Karl.
+
+»Meinen Segen sollen Sie haben!« fuhr der Gutspächter fort. »Meine
+Kleine denkt gewiß nicht anders als ich, aber gefragt werden muß
+sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins
+Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- wohlverstanden! -- brauchen Sie
+jedoch nicht umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie
+sich erst ein bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu
+lange Blut schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde
+einen Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da
+oben über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen beobachten!«
+
+Damit ging er.
+
+Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung
+hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
+Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ...
+Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden
+blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.
+
+Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde über
+und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte gezwungen ein wenig,
+um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen künftigen
+Schwiegersohn. Die Besprechung der geschäftlichen Punkte wurde
+verschoben. Übrigens war noch viel Zeit dazu, da die Hochzeit
+anstandshalber vor Ablauf von Karls Trauerjahr nicht stattfinden
+konnte, das hieß, nicht vor dem nächsten Frühjahr.
+
+In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault
+beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
+Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
+die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
+das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
+überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
+Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen
+es geben solle.
+
+Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
+zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für
+solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte
+sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste
+Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen
+bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so
+weitergehen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Die Hochzeitsgäste stellten sich pünktlich ein, in Kutschen,
+Landauern, Einspännern, Gigs, Kremsern mit Ledervorhängen, in
+allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Das junge
+Volk aus den nächsten Nachbardörfern kam tüchtig durchgerüttelt im
+Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in einer Reihe
+stehend, die Hände an den Seitenstangen, um nicht umzufallen.
+Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, aus Goderville,
+Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien waren samt
+und sonders geladen. Freunde, mit denen man uneins gewesen,
+versöhnte man, und es war an Bekannte geschrieben worden, von
+denen man wer weiß wie lange nichts gehört hatte.
+
+Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
+Eine Weile später erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging es
+bis zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. Die
+Insassen stiegen nach beiden Seiten aus. Man rieb sich die Knie
+und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, trugen
+städtische Kleider, goldne Uhrketten, Umhänge mit langen Enden,
+die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder Schals, die mit
+einer Nadel auf dem Rücken festgesteckt waren, damit sie hinten
+den Hals frei ließen. Die Knaben, genau so angezogen wie ihre
+Väter, fühlten sich in ihren Röcken sichtlich unbehaglich; viele
+hatten an diesem Tage gar zum ersten Male richtige Stiefel an.
+Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- bis sechzehnjährige
+Mädchen, offenbar ihre Basen oder älteren Schwestern, in ihren
+weißen Firmelkleidern, die man zur Feier des Tages um ein Stück
+länger gemacht hatte, alle mit roten verschämten Gesichtern und
+pomadisiertem Haar, voller Angst, sich die Handschuhe nicht zu
+beschmutzen. Da nicht Knechte genug da waren, um all die Wagen
+gleichzeitig abzuspannen, streiften die Herren die Rockärmel hoch
+und stellten ihre Pferde eigenhändig ein. Je nach ihrem
+gesellschaftlichen Range waren sie in Fräcken, Röcken oder
+Jacketts erschienen. Manche in ehrwürdigen Bratenröcken, die nur
+bei ganz besonderen Festlichkeiten feierlich aus dem Schranke
+geholt wurden; ihre langen Schöße flatterten im Winde, die Kragen
+daran sahen aus wie Halspanzer, und die Taschen hatten den Umfang
+von Säcken. Es waren auch Jacken aus derbem Tuch zum Vorschein
+gekommen, meist im Verein mit messingumränderten Mützen; fernerhin
+ganz kurze Röcke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden großen
+Knöpfen hinten in der Taille und mit Schößen, die so ausschauten,
+als habe sie der Zimmermann mit einem Beile aus dem Ganzen
+herausgehackt. Ein paar (einige wenige) Gäste -- und das waren
+solche, die dann an der Festtafel gewiß am alleruntersten Ende zu
+sitzen kamen -- trugen nur Sonntagsblusen mit breitem Umlegekragen
+und Rückenfalten unter dem Gürtel.
+
+Die steifen Hemden wölbten sich über den Brüsten wie Kürasse.
+Durchweg hatte man sich unlängst das Haar schneiden lassen (um so
+mehr standen die Ohren von den Schädeln ab!), und alle waren
+ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden
+waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und
+hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder
+hatten am Kinn Löcher in der Haut bekommen, groß wie Talerstücke.
+Unterwegs hatten sich diese Wunden in der frischen Morgenluft
+gerötet, und so leuchteten auf den breiten blassen
+Bauerngesichtern große rote Flecke.
+
+Das Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt.
+Man begab sich zu Fuß dahin und ebenso zurück, nachdem die
+Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeitszug war
+anfangs wohlgeordnet gewesen. Wie ein buntes Band hatte er sich
+durch die grünen Felder geschlängelt. Aber bald lockerte er sich
+und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die letzten
+plaudernd verspäteten. Ganz vorn schritt ein Spielmann mit einer
+buntbebänderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, darauf die
+Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde und zuletzt
+die Kinder, die sich damit vergnügten, Ähren aus den Kornfeldern
+zu rupfen oder sich zu jagen, wenn es niemand sah. Emmas Kleid,
+das etwas zu lang war, schleppte ein wenig auf der Erde hin. Von
+Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den Rock aufzuraffen. Dabei las
+sie behutsam mit ihren behandschuhten Händen die kleinen
+stacheligen Distelblätter ab, die an ihrem Kleide hängen geblieben
+waren. Währenddem stand Karl mit leeren Händen da und wartete, bis
+sie fertig war. Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und
+einen schwarzen Rock, dessen Ärmel ihm bis an die Fingernägel
+reichten. Am Arm führte er Frau Bovary senior. Der alte Herr
+Bovary, der im Grunde seines Herzens die ganze Sippschaft um sich
+herum verachtete, war einfach in einem uniformähnlichen
+einreihigen Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge
+blonde Bäuerin, die er mir derben Galanterien traktierte. Sie
+hörte ihm respektvoll zu, wußte aber in ihrer Verlegenheit gar
+nicht, was sie sagen sollte. Die übrigen Gäste sprachen von ihren
+Geschäften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele
+Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, hörte in einem fort das
+Tirilieren des Spielmannes, der auch im freien Felde weitergeigte.
+Sooft er bemerkte, daß die Gesellschaft weit hinter ihm
+zurückgeblieben war, machte er Halt und schöpfte Atem. Umständlich
+rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten
+schöner quietschen sollten, und dann setzte er sich wieder in
+Bewegung. Er hob und senkte den Hals seines Instruments, um recht
+hübsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei verscheuchte die Vögel
+schon von weitem.
+
+Die Festtafel war unter dem Schutzdache des Wagenschuppens
+aufgestellt. Es prangten darauf vier Lendenbraten, sechs Schüsseln
+mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem Kalbfleisch, drei
+Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier Leberwürsten in
+Sauerkraut, ein köstlich knusprig gebratenes Spanferkel. An den
+vier Ecken des Tisches brüsteten sich Karaffen mit Branntwein, und
+in einer langen Reihe von Flaschen wirbelte perlender
+Apfelweinsekt, während auf der Tafel bereits alle Gläser im voraus
+bis an den Rand vollgeschenkt waren. Große Teller mit gelber
+Creme, die beim leisesten Stoß gegen den Tisch zitterte und bebte,
+vervollständigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfläche
+dieses Desserts prangten in umschnörkelten Monogrammen von
+Zuckerguß die Anfangsbuchstaben der Namen von Braut und Bräutigam.
+Für die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor aus Yvetot
+kommen lassen. Da dies sein Debüt in der Gegend war, hatte er sich
+ganz besondre Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig ein
+Prunkstück seiner Kunst auf, das ein allgemeines »Ah!« hervorrief.
+Der Unterbau aus blauer Pappe stellte ein von Sternen aus
+Goldpapier übersätes Tempelchen dar, mit einem Säulenumgang und
+Nischen, in denen Statuen aus Marzipan standen. Im zweiten
+Stockwerk rundete sich ein Festungsturm aus Pfefferkuchen, umbaut
+von einer Brustwehr aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und
+Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber krönte über einer
+grünen Landschaft aus Wiesen, Felsen und Teichen mit
+Nußschalenschiffchen darauf (alles Zuckerwerk): ein niedlicher
+Amor, der sich auf einer Schaukel aus Schokolade wiegte. In den
+beiden kugelgeschmückten Schnäbeln der Schaukel steckten zwei
+lebendige Rosenknospen.
+
+Man schmauste bis zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen ermüdet
+war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte eine Partie
+des in jener Gegend beliebten Pfropfenspiels mit und setzte sich
+dann wieder an den Tisch. Ein paar Gäste schliefen gegen das Ende
+des Mahles ein und schnarchten ganz laut. Aber beim Kaffee war
+alles wieder munter. Man sang Lieder, vollführte allerlei
+Kraftleistungen, stemmte schwere Steine, schoß Purzelbäume, hob
+Schubkarren bis zur Schulterhöhe, erzählte gepfefferte Geschichten
+und scharwenzelte mit den Damen.
+
+Vor dem Aufbruch war es kein leichtes Stück Arbeit, den Pferden,
+die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, die Kumte
+und Geschirre aufzulegen. Die übermütigen Tiere stiegen, bockten
+und schlugen aus, während die Herren und Kutscher fluchten und
+lachten. Die ganze Nacht hindurch gab es auf den mondbeglänzten
+Landstraßen in Karriere über Stock und Stein heimrasende
+Fuhrwerke.
+
+Die nachtüber in Bertaux bleibenden Gäste zechten am Küchentische
+bis zum frühen Morgen weiter, während die Kinder unter den Bänken
+schliefen.
+
+Die junge Frau hatte ihren Vater besonders gebeten, sie vor den
+herkömmlichen Späßen zu bewahren. Indessen machte sich ein Vetter
+-- ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk
+selbstverständlich ein paar Seezungen gestiftet hatte -- doch
+daran, einen Mund voll Wasser durch das Schlüsselloch des
+Brautgemachs zu spritzen. Vater Rouault erwischte ihn gerade noch
+rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er machte ihm klar, daß sich
+derartige Scherze mit der Würde seines Schwiegersohnes nicht
+vertrügen. Der Vetter ließ sich durch diese Einwände nur
+widerwillig von seinem Vorhaben abbringen. Insgeheim hielt er den
+alten Rouault für aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke
+mir vier bis fünf andern Unzufriedenen, die während des Mahles bei
+der Wahl der Fleischstücke Mißgriffe getan hatten. Diese
+Unglücksmenschen räsonierten nun alle untereinander auf den
+Gastgeber und wünschten ihm ungeniert alles Üble.
+
+Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag über aus ihrer
+Verbissenheit nicht herausgekommen. Man hatte sie weder bei der
+Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
+Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig zurück.
+Ihrem Manne aber fiel es nicht ein, mit zu verschwinden; er ließ
+sich Zigarren holen und paffte bis zum Morgen, wozu er Grog von
+Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden unbekannt
+war, staunte man ihn erst recht als Wundertier an.
+
+Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er während des Festes
+gar keine glänzende Rolle gespielt. Gegen alle die Neckereien,
+Späße, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und Anulkungen, die
+ihm der Sitte gemäß bei Tische zuteil geworden waren, hatte er
+sich alles andre denn schlagfertig gezeigt. Um so mächtiger war
+seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er offensichtlich wie
+neugeboren. Er und nicht Emma war tags zuvor sozusagen die
+Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich völlig und ließ
+sich nicht das geringste anmerken. Die größten Schandmäuler waren
+sprachlos; sie standen da wie vor einem Wundertier. Karl freilich
+machte aus seinem Glück kein Hehl. Er nannte Emma »mein liebes
+Frauchen«, duzte sie, lief ihr überallhin nach und zog sie
+mehrfach abseits, um allein mit ihr im Hofe unter den Bäumen ein
+wenig zu plaudern, wobei er den Arm vertraulich um ihre Taille
+legte. Beim Hin- und Hergehen kam er ihr mit seinem Gesicht ganz
+nahe und zerdrückte mit seinem Kopfe ihr Halstuch.
+
+Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten auf. Karl
+konnte seiner Patienten wegen nicht länger verweilen. Vater
+Rouault ließ das Ehepaar in seinem Wagen nach Haus fahren und gab
+ihm persönlich bis Vassonville das Geleite. Beim Abschied küßte er
+seine Tochter noch einmal, dann stieg er aus und machte sich zu
+Fuß auf den Rückweg.
+
+Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
+Wagen nachzuschauen, der die sandige Straße dahinrollte. Dabei
+seufzte er tief auf. Er dachte zurück an seine eigne Hochzeit, an
+längstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner
+Frau. Wie froh war er damals gewesen. Er erinnerte sich des Tages,
+wo er mit ihr das Haus des Schwiegervaters verlassen hatte. Auf
+dem Ritt in das eigne Heim, durch den tiefen Schnee, da hatte er
+seine Frau hinten auf die Kruppe seines Pferdes gesetzt. Es war so
+um Weihnachten herum gewesen, und die ganze Gegend war verschneit.
+Mit der einen Hand hatte sie sich an ihm festgehalten, in der
+andern ihren Korb getragen. Die langen Bänder ihres normannischen
+Kopfputzes hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm
+um die Nase geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er über seine
+Schulter weg ganz dicht hinter sich ihr niedliches rosiges
+Gesicht, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich
+hinlächelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger
+eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange
+war das nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben wäre, dann wäre
+er jetzt dreißig Jahre alt!
+
+Er blickte sich nochmals um. Auf der Straße war nichts mehr zu
+sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem
+vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die
+zärtlichen Erinnerungen mit schwermütigen Gedanken. Einen
+Augenblick lang verspürte er das Verlangen, den Umweg über den
+Friedhof zu machen. Aber er fürchtete sich davor, daß ihn dies nur
+noch trübseliger stimmte, und so ging er auf dem kürzesten Wege
+nach Hause.
+
+Karl und Emma erreichten Tostes gegen sechs Uhr. Die Nachbarn
+stürzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu erspähen. Die
+alte Magd empfing sie unter Glückwünschen und bat um
+Entschuldigung, daß das Mittagessen noch nicht ganz fertig sei.
+Sie lud die gnädige Frau ein, einstweilen ihr neues Heim in
+Augenschein zu nehmen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Die Backsteinfassade des Hauses stand gerade in der Fluchtlinie
+der Straße, genauer gesagt: der Landstraße. In der Hausflur,
+gleich an der Haustüre, hingen an einem Halter ein Kragenmantel,
+ein Zügel, eine Mütze aus schwarzem Leder, und in einem Winkel auf
+dem Fußboden lagen ein paar Gamaschen, voll von trocken gewordnem
+Straßenschmutz. Rechter Hand lag die »Große Stube«, das heißt der
+Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden und der zugleich
+als Wohnzimmer diente. An den Wänden bauschte sich allenthalben
+die schlecht aufgeklebte zeisiggrüne Papiertapete, die an der
+Decke durch eine Girlande von blassen Blumen abgeschlossen ward.
+An den Fenstern überschnitten sich weiße Kattunvorhänge, die rote
+Borten hatten. Auf dem schmalen Sims des Kamins funkelte eine
+Stutzuhr mit dem Kopfe des Hippokrates zwischen zwei versilberten
+Leuchtern, die unter ovalen Glasglocken standen.
+
+Auf der andern Seite der Flur lag Karls Sprechzimmer, ein kleines
+Gemach, etwa sechs Fuß in der Breite. Drinnen ein Tisch, drei
+Stühle und ein Schreibtischsessel. Die sechs Fächer eines
+Büchergestells aus Tannenholz wurden in der Hauptsache durch die
+Bände des »Medizinischen Lexikons« ausgefüllt, die
+unaufgeschnitten geblieben waren und durch den mehrfachen
+Besitzerwechsel, den sie bereits erlebt hatten, zerfledderte
+Umschläge bekommen hatten. Durch die dünne Wand drang Buttergeruch
+aus der benachbarten Küche in das Sprechzimmer, während man dort
+hören konnte, wenn die Patienten husteten und ihre langen
+Leidensgeschichten erzählten.
+
+Nach dem Hofe zu, wo das Stallgebäude stand, lag ein großes
+verwahrlostes Gemach, ehemals Backstube, das jetzt als Holzraum,
+Keller und Rumpelkammer diente und vollgepfropft war mit altem
+Eisen, leeren Fässern, abgetanenem Ackergerät und einer Menge
+andrer verstaubter Dinge, deren einstigen Zweck man ihnen kaum
+mehr ansehen konnte.
+
+Der Garten, der mehr in die Länge denn in die Breite ging, dehnte
+sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
+begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde.
+Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr
+darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit dürftigen
+Heckenrosen umgürteten symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem
+Gewächs. Ganz am Ende des Gartens, in einer Fichtengruppe, stand
+eine Tonfigur: ein Mönch, in sein Brevier vertieft.
+
+Emma stieg die Treppe hinauf. Das erste Zimmer oben war überhaupt
+nicht möbliert, aber im zweiten, der gemeinsamen Schlafstube,
+stand in einer Nische mir roten Vorhängen ein Himmelbett aus
+Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit Muscheln besetzte
+kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster leuchtete in
+einer Kristallvase ein Strauß von Orangenblüten, umwunden von
+einem Seidenbande: ein Hochzeitsbukett, die Brautblumen der
+andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte es, nahm den Strauß
+aus der Vase und trug ihn auf den Oberboden. Währenddem saß sie in
+einem Lehnstuhl. Ihr eigenes Brautbukett kam ihr in den Sinn, das
+in einer Schachtel verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in
+das Zimmer und baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie
+sich, was wohl mit ihrem Strauße geschähe, wenn sie zufällig auch
+bald stürbe.
+
+In den ersten Tagen beschäftigte sich Emma damit, sich allerlei
+Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken
+von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe streichen und
+Bänke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
+
+Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
+Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden könnte. Karl
+wußte, daß sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine
+Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
+neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz aus wie ein
+Dogcart.
+
+So war Karl der glücklichste und sorgenloseste Mensch auf der
+Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
+Landstraße, die Gesten von Emmas Hand, wenn sie sich das Band im
+Haar zurechtstrich, der Anblick ihres an einem Fensterkreuze
+hängenden Strohhutes und noch allerhand andre kleine Dinge, von
+denen er nie geglaubt hätte, daß sie einen erfreuen könnten, all
+das trug dazu bei, daß sein Glück nicht aufhörte. Frühmorgens im
+Bette, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er zu,
+wie die Sonnenlichter durch den blonden Flaum ihrer von den
+Haubenbändern halbverdeckten Wangen huschten. So aus der Nähe
+kamen ihm ihre Augen viel größer vor, besonders beim Erwachen,
+wenn sich ihre Lider mehrere Male hintereinander hoben und wieder
+senkten. Im Schatten sahen diese Augen schwarz aus und dunkelblau
+am lichten Tage; in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, während
+sie sich nach der schimmernden Oberfläche zu aufhellten. Sein
+eigenes Auge verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin
+gespiegelt, ganz klein, bis an die Schultern, mit dem Seidentuche,
+das er sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seines
+offen stehenden Nachthemdes.
+
+Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster aus nach, um
+ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf das
+Fensterbrett gestützt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, das sie
+leicht umfloß, zwischen zwei Geranienstöcken. Karl unten auf der
+Straße schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. Emma
+sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, währenddem sie mit
+ihrem Munde eine Blüte oder ein Blättchen von den Geranien
+abzupfte und ihm zublies. Das Abgerupfte schwebte und schaukelte
+sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein Vogel und blieb
+schließlich im Fallen in der ungepflegten Mähne der alten
+Schimmelstute hängen, die unbeweglich vor der Haustüre wartete.
+Karl saß auf und warf seiner Frau eine Kußhand zu. Sie antwortete
+winkend und schloß das Fenster. Er ritt ab.
+
+Dann, auf der endlos sich hinwindenden staubigen Landstraße, in
+den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdache
+schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm das Korn zu beiden Seiten die
+Knie streifte, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische
+Morgenluft in der Nase und das Herz noch voll von den Freuden der
+Nacht, friedsamen Gemüts und befriedigter Sinne, -- da genoß er
+all sein Glück abermals, just wie einer, der nach einem
+Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Trüffeln, die er bereits
+verdaut, noch auf der Zunge hat.
+
+Was hatte er bisher an Glück in seinem Leben erfahren? War er denn
+im Gymnasium glücklich gewesen, wo er sich in der Enge hoher
+Mauern so einsam gefühlt hatte, unter seinen Kameraden, die
+reicher und stärker waren als er, über seine bäuerische Aussprache
+lachten, sich über seinen Anzug lustig machten und zur Besuchszeit
+mit ihren Müttern plauderten, die mit Kuchen in der Tasche kamen?
+Oder etwa später als Student der Medizin, wo er niemals Geld genug
+im Beutel gehabt hatte, um irgendein kleines Mädel zum Tanz führen
+zu können, das seine Geliebte geworden wäre? Oder gar während der
+vierzehn Monate, da er mit der Witwe verheiratet war, deren Füße
+im Bett kalt wie Eisklumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besaß
+er für immerdar seine hübsche Frau, in die er vernarrt war. Seine
+Welt fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihres seidnen Unterrocks,
+und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie nicht genug. Und
+so überkam ihn unterwegs die Sehnsucht nach ihr. Spornstreichs
+ritt er heimwärts, rannte die Treppe hinauf, mit klopfendem Herzen
+... Emma saß in ihrem Zimmer bei der Toilette. Er schlich sich auf
+den Fußspitzen von hinten an sie heran und küßte ihr den Nacken.
+Sie stieß einen Schrei aus.
+
+Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe,
+ihr Halstuch zu befühlen. Manchmal küßte er sie tüchtig auf die
+Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner Küsse gleichsam
+aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen Länge von den
+Fingerspitzen bis hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn
+ab, lächelnd und gelangweilt, wie man ein kleines Kind
+zurückdrängt, das sich an einen anklammert.
+
+Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
+empfinden. Aber als das Glück, das sie aus dieser Liebe erwartete,
+ausblieb, da mußte sie sich doch getäuscht haben. So dachte sie.
+Und sie gab sich Mühe, zu ergrübeln, wo eigentlich in der
+Wirklichkeit all das Schöne sei, das in den Romanen mit den Worten
+Glückseligkeit, Leidenschaft und Rausch so verlockend geschildert
+wird.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Emma hatte »Paul und Virginia« gelesen und in ihren Träumereien
+alles vor sich gesehen: die Bambushütte, den Neger Domingo, den
+Hund Fidelis. Insbesondre hatte sie sich in die zärtliche
+Freundschaft irgendeines guten Kameraden hineingelebt, der für sie
+rote Früchte auf überturmhohen Bäumen pflückte und barfuß durch
+den Sand gelaufen kam, ihr ein Vogelnest zu bringen.
+
+Als sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur Stadt,
+um sie in das Kloster zu geben. Sie stiegen in einem Gasthofe im
+Viertel Saint-Gervais ab, wo sie beim Abendessen Teller vorgesetzt
+bekamen, auf denen Szenen aus dem Leben des Fräuleins von
+Lavallière gemalt waren. Alle diese legendenhaften Bilder, hier
+und da von Messerkritzeln beschädigt, verherrlichten Frömmigkeit,
+Gefühlsüberschwang und höfischen Prunk.
+
+In der ersten Zeit ihres Klosteraufenthalts langweilte sie sich
+nicht im geringsten. Sie fühlte sich vielmehr in der Gesellschaft
+der gütigen Schwestern ganz behaglich, und es war ihr ein
+Vergnügen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin man vom
+Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den
+Freistunden spielte sie nur höchst selten, im Katechismus war sie
+alsbald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war sie es, die
+dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wußte. So lebte sie, ohne in
+die Welt hinauszukommen, in der lauen Atmosphäre der Schulstuben
+und unter den blassen Frauen mit ihren Rosenkränzen und
+Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den mystischen
+Traumzustand, der sich um die Weihrauchdüfte, die Kühle der
+Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der Messe
+zuzuhören, betrachtete sie die frommen himmelblau umränderten
+Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm
+Gottes, in das von Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen
+Christus selber, der, sein Kreuz schleppend, zusammenbricht. Um
+sich zu kasteien, versuchte sie, einen ganzen Tag lang ohne
+Nahrung auszuhalten. Sie zerbrach sich den Kopf, um irgendein
+Gelübde zu ersinnen, das sie auf sich nehmen wollte.
+
+Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine Sünden, nur
+damit sie länger im Halbdunkel knien durfte, die Hände gefaltet,
+das Gesicht ans Gitter gepreßt, unter dem flüsternden Priester.
+Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen
+Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer
+wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße
+Schauer.
+
+Abends, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeitssaal aus einem frommen
+Buche vorgelesen. An den Wochentagen las man aus der Biblischen
+Geschichte oder aus den »Stunden der Andacht« des Abbé Frayssinous
+und Sonntags zur Erbauung aus Chateaubriands »Geist des
+Christentums«. Wie andachtsvoll lauschte sie bei den ersten Malen
+den klangreichen Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo
+aus Welt und Ewigkeit erschallten! Wäre Emmas Kindheit im
+Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel
+dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der
+Naturschwärmerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung
+ihre Quelle hat. So aber kannte sie das Land zu gut: das Blöken
+der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame Vorgänge
+gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das dem Entgegengesetzte:
+das Abenteuerliche. So liebte sie das Meer einzig um der wilden
+Stürme willen und das Grün, nur wenn es zwischen Ruinen sein
+Dasein fristete. Es war ihr ein Bedürfnis, aus den Dingen einen
+egoistischen Genuß zu schöpfen, und sie warf alles als unnütz
+beiseite, was nicht unmittelbar zum Labsal ihres Herzens diente.
+Ihre Eigenart war eher sentimental als ästhetisch; sie spürte
+lieber seelischen Erregungen als Landschaften nach.
+
+Im Kloster gab es nun eine alte Jungfer, die sich alle vier
+Wochen auf acht Tage einstellte, um die Wäsche auszubessern. Da
+sie einer alten Adelsfamilie entstammte, die in der Revolution
+zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit begönnert.
+Sie aß mit im Refektorium, an der Tafel der frommen Schwestern,
+und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderstündchen zu machen,
+bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß
+sich die Pensionärinnen aus der Arbeitsstube stahlen und die
+Alte aufsuchten. Sie wußte galante Chansons aus dem ancien
+régime auswendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei
+ihre Flickarbeit zu vernachlässigen. Sie erzählte Geschichten,
+wußte stets Neuigkeiten, übernahm allerhand Besorgungen in der
+Stadt und lieh den größeren Mädchen Romane, von denen sie immer
+ein paar in den Taschen ihrer Schürze bei sich hatte. In den
+Ruhepausen ihrer Tätigkeit verschlang das gute Fräulein selber
+schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte es von Liebschaften,
+Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, die in
+einsamen Pavillonen ohnmächtig, und von Postillionen, die an
+allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die man
+auf Seite für Seite zuschanden ritt, von düsteren Wäldern,
+Herzenskämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, von
+Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den Büschen, von
+hohen Herren, die wie Löwen tapfer und sanft wie Bergschafe
+waren, dabei tugendsam bis ins Wunderbare, immer köstlich
+gekleidet und ganz unbeschreiblich tränenselig. Ein halbes Jahr
+lang beschmutzte sich die fünfzehnjährige Emma ihre Finger mit
+dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter Scott
+in die Hände, und nun berauschte sie sich an geschichtlichen
+Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, Rittersälen und
+Minnesängern. Am liebsten hätte sie in einem alten Herrensitze
+gelebt, gehüllt in schlanke Gewänder wie jene Edeldamen, die,
+den Ellenbogen auf den Fensterstein gestützt und das Kinn in der
+Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage verträumten und in die
+Fernen der Landschaft hinausschauten, ob nicht ein Rittersmann
+mit weißer Helmzier dahergestürmt käme auf einem schwarzen Roß.
+Damals trieb sie einen wahren Kult mit Maria Stuart; ihre
+Verehrung von berühmten oder unglücklichen Frauen ging bis zur
+Schwärmerei. Die Jungfrau von Orleans, Heloise, Agnes Sorel, die
+schöne Ferronnière und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende
+Meteore in dem grenzenlosen Dunkel ihrer Geschichtsunkenntnisse.
+Fast ganz im Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander
+schwebten ferner in ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit
+seiner Eiche, der sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame
+Taten Ludwigs des Elften, irgendeine Szene aus der
+Bartholomäusnacht, der Helmbusch Heinrichs des Vierten, dazu
+unauslöschlich die Erinnerung an die gemalten Teller mit den
+Verherrlichungen Ludwigs des Vierzehnten.
+
+In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
+Rede von Englein mit goldenen Flügeln, von Madonnen, Lagunen und
+Gondolieren. Sie waren musikalisch nichts wert, aber so banal ihr
+Text und so reizlos ihre Melodien auch sein mochten: die
+Realitäten des Lebens hatten in ihnen den phantastischen Zauber
+der Sentimentalität. Etliche ihrer Kameradinnen schmuggelten
+lyrische Almanache in das Kloster ein, die sie als
+Neujahrsgeschenke bekommen hatten. Daß man sie heimlich halten
+mußte, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal gelesen.
+Emma nahm die schönen Atlaseinbände nur behutsam in die Hand und
+ließ sich von den Namen der unbekannten Autoren faszinieren, die
+ihre Beiträge zumeist als Grafen und Barone signiert hatten. Das
+Herz klopfte ihr, wenn sie das Seidenpapier von den Kupfern darin
+leise aufblies, bis es sich bauschte und langsam auf die andre
+Seite sank. Auf einem der Stiche sah man einen jungen Mann in
+einem Mäntelchen, wie er hinter der Brüstung eines Altans ein weiß
+gekleidetes junges Mädchen mit einer Tasche am Gürtel an sich
+drückte; auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen
+englischen Ladys, die unter runden Strohhüten mit großen hellen
+Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch den
+Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, die
+von zwei kleinen Grooms in weißen Hosen kutschiert wurden. Andre
+träumten auf dem Sofa, ein offenes Briefchen neben sich, und
+himmelten durch das halb offene, schwarz umhängte Fenster den Mond
+an. Wieder andre, Unschuldskinder, krauten, eine Träne auf der
+Wange, durch das Gitter eines gotischen Käfigs ein Turteltäubchen
+oder zerzupften, den Kopf verschämt geneigt, mit koketten Fingern,
+die wie Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine
+Marguerite. Alles mögliche andre zeigten die übrigen Stiche:
+Sultane mit langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in
+den Armen; Giaurs, Türkensäbel, phrygische Mützen, nicht zu
+vergessen die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und
+Fichten, Tiger und Löwen friedlich beieinanderstehen, und
+Minaretts am Horizonte und römische Ruinen im Vordergrunde eine
+Gruppe lagernder Kamele überragen, während auf der einen Seite ein
+wohlgepflegtes Stück Urwald steht, auf der andern ein See, eine
+Riesensonne mit stechenden Strahlen darüber und auf seiner
+stahlblauen, hie und da weiß aufschäumenden Flut, in die Ferne
+verstreut, gleitende Schwäne ...
+
+Das matte Licht der Lampe, die zu Emmas Häupten an der Wand hing,
+blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die eins nach dem
+andern an ihr vorüberzogen, in des Schlafsaales Stille, in die
+kein Geräusch drang, höchstens das ferne Rollen eines späten
+Fuhrwerks.
+
+Als ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
+ließ sich eine Locke der Verstorbenen in einen Glasrahmen fassen,
+schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehmütiger
+Betrachtungen über das Leben und bat ihn, man möge sie dereinst in
+demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie sei krank,
+und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, daß
+sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen
+einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen niemals gelangen.
+Sie verlor sich in Lamartinischen Rührseligkeiten, hörte
+Harfenklänge über den Weihern und Schwanengesänge, die Klagen des
+fallenden Laubes, die Himmelfahrten jungfräulicher Seelen und die
+Stimme des Ewigen, die in den Tiefen flüstert.
+
+Eines Tages jedoch ward ihr alles das langweilig, aber ohne sichs
+einzugestehen, und so blieb sie dabei zunächst aus Gewohnheit,
+dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, daß sie
+den inneren Frieden wiedergefunden hatte und daß ihr Herz
+ebensowenig schwermütig war wie ihre jugendliche Stirne runzelig.
+
+Die frommen Schwestern, die stark auf Emmas heilige Mission
+gehofft hatten, bemerkten zu ihrem höchsten Befremden, daß
+Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen drohte. Man hatte
+ihr allzu reichliche Gebete, Andachtslieder, Predigten und Fasten
+angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch große
+Verehrung die Heiligen und Märtyrer genössen, und ihr zu
+vorzügliche Ratschläge gegeben, wie man den Leib kasteie und die
+Seele der ewigen Seligkeit zuführe; und so ging es mit ihr wie mit
+einem Pferd, das man zu straff an die Kandare genommen hat: sie
+blieb plötzlich stehen und machte nicht mehr mit.
+
+Bei aller Schwärmerei war sie doch eine Verstandesnatur; sie hatte
+die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Liedertexte und
+die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung geliebt. Ihr Geist
+empörte sich gegen die Mysterien des Glaubens, und noch mehr
+lehnte sie sich nunmehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrem
+tiefsten Wesen völlig zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem
+Kloster nahm, hatte man durchaus nichts dagegen; die Oberin fand
+sogar, Emma habe es in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der
+Schwesternschaft recht fehlen lassen.
+
+Wieder zu Hause, gefiel sich das junge Mädchen zunächst darin, das
+Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie des Landlebens
+überdrüssig, und nun sehnte sie sich nach dem Kloster zurück. Als
+Karl zum ersten Male das Gut betrat, war sie just überzeugt, daß
+sie alle Illusionen verloren habe, daß es nichts mehr auf der Welt
+gäbe, was ihr Hirn oder Herz rühren könne. Dann aber waren das mit
+jedem neuen Zustande verbundene wirre Gefühl und die Unruhe, die
+sich ihrer diesem Manne gegenüber bemächtigte, stark genug, um in
+ihr den Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare
+Leidenschaft in ihr erstanden, die bisher nicht anders als wie ein
+Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit
+himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe,
+hatte sie keine Kraft zu glauben, daß die Friedsamkeit, in der sie
+hinlebte, das erträumte Glück sei.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten
+Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu
+sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene
+Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen nach der
+Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man fährt gemächlich in
+einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhängen die Gebirgsstraßen
+hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen
+zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des
+Gießbachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am
+Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der
+Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen
+Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlösser. Es
+kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimstätten des
+Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten
+gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden,
+sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre
+Trübsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite
+eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe,
+einen eleganten Hut und Manschettenhemden trüge?
+
+Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen mögen.
+Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller
+Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der Wind
+wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die
+Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, wenn
+er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein
+einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich alles
+das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie eine
+reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So aber ward
+die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer
+größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde.
+
+Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Straße:
+Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die niemanden rührten,
+über die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten.
+Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, hätte er niemals den
+Drang verspürt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er
+konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein
+Pistolenschütze, und gelegentlich kam es zutage, daß er Emma einen
+Ausdruck des Reitsports nicht erklären konnte, der ihr in einem
+Romane begegnet war. Muß ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf
+allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die großen
+Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Genüsse und in
+alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts,
+verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei
+glücklich, indes sie sich über seine satte Trägheit empörte,
+seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie
+ihm gewährte.
+
+Manchmal zeichnete sie. Es belustigte ihn ungemein, dabeizustehen
+und zuzusehn, wie sie sich über das Blatt beugte oder wie sie die
+Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete oder wie sie mit
+den Fingern Brotkügelchen drehte, die sie zum Verwischen brauchte.
+Wenn sie am Klavier saß, war sein Entzücken um so größer, je
+geschwinder ihre Hände über die Tasten sprangen. Dann trommelte
+sie ordentlich auf dem Klavier herum und machte ein Höllenkonzert.
+Das alte Instrument dröhnte und wackelte, und wenn das Fenster
+offen stand, hörte man das Spiel im ganzen Dorfe. Der
+Gemeindediener, der im bloßen Kopfe und in Pantoffeln, Akten
+unterm Arme, über die Straße humpelte, blieb stehen und lauschte.
+
+Dabei war Emma eine vorzügliche Hausfrau. Sie schickte die
+Liquidationen an die Patienten aus und zwar in höflichster
+Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie
+Sonntags irgendwen aus der Nachbarschaft zu Gaste hatten, wußte
+sie es immer einzurichten, daß etwas Besonderes auf den Tisch kam.
+Sie schichtete auf Weinblättern Pyramiden von Reineclauden auf und
+verstand, die eingezuckerten Früchte so aus ihren Büchsen zu
+stürzen, daß sie noch in der Form serviert wurden. Demnächst
+sollten auch kleine Waschschalen für den Nachtisch angeschafft
+werden. Mit alledem vermehrte sie das öffentliche Ansehen ihres
+Mannes. Schließlich fing er selbst an, mehr und mehr Respekt vor
+sich zu bekommen, weil er solch eine Frau besaß. Mit Stolz zeigte
+er zwei kleine Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in ziemlich
+breite Rahmen hatte fassen lassen und in der Großen Stube an
+langen grünen Schnuren an den Wänden aufgehängt hatte. Wenn die
+Kirche zu Ende war, sah man Herrn Bovary in schöngestickten
+Hausschuhen vor der Haustüre stehen.
+
+Er kam spät heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann aß er
+noch zu Abend, und da das Dienstmädchen bereits Schlafen gegangen
+war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock auszuziehen
+und sichs zum Essen bequem zu machen. Kauend zählte er
+gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tagsüber begegnet war,
+nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und wiederholte die
+Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit sich selbst,
+verzehrte er sein Gulasch bis auf den letzten Rest, schabte sich
+den Käse sauber, schmauste einen Apfel und trank die Weinkaraffe
+leer, worauf er zu Bett ging, sich aufs Ohr legte und zu
+schnarchen begann. Wenn er frühmorgens aufmachte, hing ihm das
+Haar wirr über die Stirn.
+
+Er trug stets derbe hohe Stiefel, die in der Knöchelgegend zwei
+Falten hatten; in den Schäften waren sie steif und geradlinig, als
+ob ein Holzbein drinnen stäke. Er pflegte zu sagen: »Die sind hier
+auf dem Lande gut genug!«
+
+Seine Mutter bestärkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
+sie zu Besuch, wenn es bei ihr zu Hause kleine Mißlichkeiten
+gegeben hatte. Allerdings hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
+Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr »für ihre
+Verhältnisse ein bißchen zu großartig.« Mit Holz, Licht und
+dergleichen werde »wie in einem herrschaftlichen Hause gewüstet.«
+Und mit den Kohlen, die in der Küche verbraucht würden, könne man
+zwei Dutzend Gänge kochen! Sie ordnete ihr den Wäscheschrank und
+hielt Vorträge, wie man dem Fleischer auf die Finger zu sehen
+habe, wenn er das Fleisch brachte. Emma nahm diese guten Lehren
+hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie immer wieder von neuem.
+Die von beiden Seiten in einem fort gewechselten Anreden »Liebe
+Tochter« und »Liebe Mutter!« standen in Widerspruch zu den Mienen
+der Sprecherinnen. Beide Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor
+Groll zitternder Stimme.
+
+Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in
+den Hintergrund gedrängt gefühlt, jetzt aber kam ihr Karls Liebe
+zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, wie ein
+Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf das Glück ihres
+Sohnes mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut Gekommener
+auf den neuen Besitzers eines ehemaligen Hauses blickt. Sie mahnte
+ihn durch Erinnerungen daran, wie sie sich einst für ihn gesorgt
+und abgemüht und ihm Opfer gebracht hatte. Im Vergleiche damit
+leiste Emma viel weniger für ihn, und darum wäre seine
+ausschließliche Anbetung durchaus nicht gerechtfertigt.
+
+Karl wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
+Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art über alle Maßen.
+Was die eine sagte, galt ihm für unfehlbar; gleichwohl fand er an
+der andern nichts auszusetzen. Wenn Frau Bovary wieder abgereist
+war, machte er schüchterne Versuche, die oder jene ihrer
+Bemerkungen wörtlich zu wiederholen. Emma bewies ihm dann mit
+wenigen Worten, daß er im Irrtum sei, und meinte, er solle sich
+lieber seinen Patienten widmen.
+
+Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
+Liebesstimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
+Mondenschein zusammen im Garten saßen, sagte sie verliebte Verse
+her, soviel sie nur auswendig wußte, oder sie sang eine
+schwermütige gefühlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich selber
+nicht aufgeregter als vorher vor, und auch Karl war offenbar weder
+verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.
+
+Das waren vergebliche Versuche, eine große Leidenschaft zu
+entfachen. Im übrigen war Emma unfähig, etwas zu verstehen, was
+sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwas zu glauben, was
+nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich ohne weiteres ein,
+Karls Liebe sei nicht mehr übermäßig stark. In der Tat gewannen
+seine Zärtlichkeiten eine gewisse Regelmäßigkeit. Er schloß seine
+Frau zu ganz bestimmten Stunden in seine Arme. Es ward das eine
+Gewohnheit wie alle andern, gleichsam der Nachtisch, der kommen
+muß, weil er auf der Menükarte steht.
+
+Ein Waldwärter, den der Herr Doktor von einer Lungenentzündung
+geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junges italienisches
+Windspiel. Sie nahm es mit auf ihre Spaziergänge. Mitunter ging
+sie nämlich aus, um einmal eine Weile für sich allein zu sein und
+nicht in einem fort bloß den Garten und die staubige Landstraße
+vor Augen zu haben.
+
+Sie wanderte meist bis zum Buchenwäldchen von Banneville, bis zu
+dem leeren Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo
+die Felder beginnen. Dort wuchs in einem Graben zwischen
+gewöhnlichen Gräsern hohes Schilf mit langen scharfen Blättern.
+Jedesmal, wenn sie dahin kam, sah sie zuerst nach, ob sich seit
+ihrem letzten Hiersein etwas verändert habe. Es war immer alles
+so, wie sie es verlassen hatte. Alles stand noch auf seinem
+Platze: die Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln,
+die in Büscheln die großen Kieselsteine umwucherten, und die
+Moosflächen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer
+geschlossenen morschen Holzläden und rostigen Eisenbeschlägen. Nun
+schweiften Emmas Gedanken ins Ziellose ab, wie die Sprünge ihres
+Windspiels, das sich in großen Kreislinien tummelte, gelbe
+Schmetterlinge ankläffte, Feldmäusen nachstellte und die
+Mohnblumen am Raine des Kornfeldes anknabberte. Allmählich
+gerieten ihre Grübeleien in eine bestimmte Richtung. Wenn die
+junge Frau so im Grase saß und es mit der Stockspitze ihres
+Sonnenschirmes ein wenig aufwühlte, sagte sie sich immer wieder:
+»Mein Gott, warum habe ich eigentlich geheiratet?«
+
+Sie legte sich die Frage vor, ob es nicht möglich gewesen wäre
+durch irgendwelche andre Fügung des Schicksals, daß sie einen
+andern Mann hätte finden können. Sie versuchte sich vorzustellen,
+was für ungeschehene Ereignisse dazu gehört hätten, wie dieses
+andre Leben geworden wäre und wie der ungefundne Gatte ausgesehen
+hätte. In keinem Falle so wie Karl! Er hätte elegant, klug,
+vornehm, verführerisch aussehen müssen; so wie zweifellos die
+Männer, die ihre ehemaligen Klosterfreundinnen alle geheiratet
+hatten ... Wie es denen wohl jetzt erging? In der Stadt, im
+Getümmel des Straßenlebens, im Stimmengewirr der Theater, im
+Lichtmeere der Bälle, da lebten sie sich aus und ließen die Herzen
+und Sinne nicht verdorren. Sie jedoch, sie verkümmerte wie in
+einem Eiskeller, und die Langeweile spann wie eine schweigsame
+Spinne ihre Weben in allen Winkeln ihres sonnelosen Herzens.
+
+Die Tage der Preisverteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie sah
+sich auf das Podium steigen, wo sie ihre kleinen Auszeichnungen
+ausgehändigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem weißen Kleid und ihren
+Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst ausgesehen, und wenn sie zu
+ihrem Platze zurückging, hatten ihr die anwesenden Herren galant
+zugenickt. Der Klosterhof war voller Kutschen gewesen, und durch
+den Wagenschlag hatte man ihr »Auf Wiedersehn!« zugerufen. Und der
+Musiklehrer, den Violinkasten in der Hand, hatte im Vorübergehen
+den Hut vor ihr gezogen ... Wie weit zurück war das alles! Ach,
+wie so weit!
+
+Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß und streichelte seinen
+schmalen feinlinigen Kopf.
+
+»Komm!« flüsterte sie. »Gib Frauchen einen Kuß! Du, du hast keinen
+Kummer!«
+
+Dabei betrachtete sie das ihr wie wehmütig aussehende Gesicht des
+schlanken Tieres. Es gähnte behaglich. Aber sie bildete sich ein,
+das Tier habe auch einen Kummer. Die Rührung überkam sie, und sie
+begann laut mit dem Hunde zu sprechen, genau so wie zu jemandem,
+den man in seiner Betrübnis trösten will.
+
+Zuweilen blies ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und mächtig
+über das ganze Hochland von Caux strich und weit in die Lande
+hinein salzige Frische trug. Das Schilf bog sich pfeifend zu
+Boden, fliehende Schauer raschelten durch das Blätterwerk der
+Buchen, während sich die Wipfel rastlos wiegten und in einem fort
+laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester um die Schultern und
+erhob sich.
+
+In der Allee, über dem teppichartigen Moos, das unter Emmas
+Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den grünen
+Reflexen des Laubdaches. Das Tagesgestirn war im Versinken; der
+rote Himmel flammte hinter den braunen Stämmen, die in Reih und
+Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck eines Säulenganges
+an einer goldnen Wand entlang erzeugten.
+
+Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich,
+auf die Landstraße und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
+Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.
+
+Da, gegen Ende des Septembers, geschah etwas ganz Besonderes in
+ihrem Leben. Bovarys bekamen eine Einladung nach Vaubyessard, zu
+dem Marquis von Andervilliers. Der Marquis, der unter der
+Restauration Staatssekretär gewesen war, wollte von neuem eine
+politische Rolle spielen. Seit langem bereitete er seine Wahl in
+das Abgeordnetenhaus vor. Im Winter ließ er große Mengen Holz
+verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit dem
+höchsten Eifer für neue Straßenbauten im Bezirk ein. Während des
+letzten Hochsommers hatte er ein Geschwür im Munde bekommen, von
+dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich
+befreit hatte. Der Privatsekretär des Marquis war bald darauf nach
+Tostes gekommen, um das Honorar für die Operation zu bezahlen, und
+hatte abends nach seiner Rückkehr erzählt, daß er in dem kleinen
+Garten des Arztes herrliche Kirschen gesehen habe. Nun gediehen
+gerade die Kirschbäume in Vaubyessard schlecht. Der Marquis erbat
+sich von Bovary einige Ableger und hielt es daraufhin für seine
+Pflicht, sich persönlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah
+er Emma, fand ihre Figur entzückend und die Art, wie sie ihn
+empfing, durchaus nicht bäuerisch. Und so kam man im Schlosse zu
+der Ansicht, es sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht,
+wenn man das junge Ehepaar einmal einlüde.
+
+An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
+Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterrücks war ein großer
+Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine
+Hutschachtel. Außerdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen
+den Beinen.
+
+Bei Anbruch der Nacht, gerade als man im Schloßpark die Laternen
+am Einfahrtswege anzündete, kamen sie an.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Vor dem Schloß, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
+vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
+ungeheure Rasenfläche mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen denen
+etliche Kühe weideten. Ein Kiesweg lief in Windungen hindurch,
+beschattet von allerlei Gebüsch in verschiedenem Grün,
+Rhododendren, Flieder- und Schneeballsträuchern. Unter einer
+Brücke floß ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel,
+erkannte man ein paar Häuser mit Strohdächern. Die große Wiese
+ward durch längliche kleine Hügel begrenzt, die bewaldet waren.
+Versteckt hinter diesem Gehölz lagen in zwei gleichlaufenden
+Reihen die Wirtschaftsgebäude und Wagenschuppen, die noch vom
+ehemaligen Schloßbau herrührten.
+
+Karls Wäglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
+erschien. Der Marquis kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm und
+geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
+Geräusch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
+Kirche. Dem Eingange gegenüber stieg geradeaus eine breite Treppe
+auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem Garten
+hinaus, die zum Billardzimmer führte; schon von weitem vernahm man
+das Karambolieren der elfenbeinernen Bälle. Durch das
+Billardzimmer kam man in den Empfangssaal. Beim Hindurchgehen sah
+Emma Herren in würdevoller Haltung beim Spiel, das Kinn vergraben
+in den Krawatten, alle mit Ordensbändchen. Schweigsam lächelnd
+handhabten sie die Queues.
+
+Auf dem düsteren Holzgetäfel der Wände hingen große Bilder in
+schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine
+lautete:
+
++------------------------------------------------------+
+| Hans Anton von Andervilliers zu Yverbonville, |
+| Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fresnaye, |
+| gefallen in der Schlacht von Coutras |
+| am 20. Oktober 1587. |
++------------------------------------------------------+
+
+Eine andre:
+
++------------------------------------------------------+
+| Hans Anton Heinrich Guy, Graf von Andervilliers |
+| und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, |
+| Ritter des Sankt-Michel-Ordens, |
+| verwundet bei Saint Vaast de la Hougue |
+| am 29. Mai 1692, |
+| gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 |
++------------------------------------------------------+
+
+Die übrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich das Licht
+der Lampen auf das grüne Tuch des Billards konzentrierte und das
+Zimmer im Dunkeln ließ. Nur ein schwacher Schein hellte die
+Gemäldeflächen auf, deren sprüngiger Firnis mit diesem feinen
+Schimmer spielte. Und so traten aus allen den großen schwarzen
+goldumflossenen Vierecken Partien der Malerei deutlicher und
+heller hervor, hier eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort
+eine gepuderte Allongeperücke über der Schulter eines roten Rockes
+und anderswo die Schnalle eines Kniebandes über einer strammen
+Wade.
+
+Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen -- es war
+die Schloßherrin selbst -- erhob sich, ging Emma entgegen und bot
+ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und begann
+freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz als ob sie eine alte
+Bekannte vor sich hätte. Die Marquise war etwa Vierzigerin; sie
+hatte hübsche Schultern, eine Adlernase und eine etwas schleppende
+Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie über ihrem
+kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das ihr dreieckig
+in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem hochlehnigen Stuhle,
+saß eine junge Blondine. Ein paar Herren, kleine Blumen an den
+Röcken, waren im Gespräche mit den Damen. Alle saßen sie um den
+Kamin herum.
+
+Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl
+da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die
+Damen, der Marquis und die Marquise an der andern im Eßzimmer. Als
+Emma eintrat, drang ihr ein warmes Gemisch von Düften und Gerüchen
+entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und Delikatessen. Die
+Flammen der Kandelaberkerzen liebäugelten mit dem Silberzeug, und
+in den geschliffenen Gläsern und Schalen tanzte der bunte
+Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine Reihe von
+Blumensträußen. Aus den Falten der Servietten, die in der Form von
+Bischofsmützen über den breitrandigen Tellern lagen, lugten ovale
+Brötchen. Hummern, die auf den großen Platten nicht Platz genug
+hatten, leuchteten in ihrem Rot. In durchbrochenen Körbchen waren
+riesige Früchte aufgetürmt. Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden
+dampfend aufgetragen. Der Haushofmeister, in seidnen Strümpfen,
+Kniehosen und weißer Krawatte, reichte mit Grandezza und großem
+Geschick die Schüsseln. Auf all dies gesellschaftliche Treiben sah
+regungslos die bis zum Kinn verhüllte Göttin herab, die auf dem
+mächtigen, bronzegeschmückten Porzellanofen thronte.
+
+Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, saß, über
+seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
+Serviette nach Kinderart um den Hals geknüpft hatte. Die Sauce
+tropfte ihm aus dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er
+trug noch einen Zopf, um den ein schwarzes Band geschlungen war.
+Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von
+Laverdière. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der Jagdfeste in
+Vaudreuil beim Marquis von Conflans) war er ein Busenfreund des
+Grafen Artois. Auch munkelte man, er wäre der Geliebte der Königin
+Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger des Herrn von Coigny und
+der Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wüstes Leben
+hinter sich, voller Zweikämpfe, toller Wetten und
+Frauengeschichten. Ob seiner Verschwendungssucht war er ehedem der
+Schrecken seiner Familie. Jetzt stand ein Diener hinter seinem
+Stuhle, der ihm ins Ohr brüllen mußte, was es für Gerichte zu
+essen gab.
+
+Emmas Blicke kehrten immer wieder unwillkürlich zu diesem alten
+Manne mit den hängenden Lippen zurück, als ob er etwas ganz
+Besonderes und Großartiges sei: war er doch ein Favorit des
+Königshofes gewesen und hatte im Bette einer Königin geschlafen!
+
+Es wurde frappierter Sekt gereicht. Emma überlief es am ganzen
+Körper, als sie das eisige Getränk im Munde spürte. Zum erstenmal
+in ihrem Leben sah sie Granatäpfel und aß sie Ananas. Selbst der
+gestoßene Zucker, den es dazu gab, kam ihr weißer und feiner vor
+denn anderswo.
+
+Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zurück, um sich
+zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
+Gründlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Debüt. Ihr Haar
+ordnete sie nach den Ratschlägen des Coiffeurs. Dann schlüpfte sie
+in ihr Barege-Kleid, das auf dem Bett ausgebreitet bereitlag.
+
+Karl fühlte sich in seiner Sonntagshose am Bauche beengt.
+
+»Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen stören!« meinte er.
+
+»Du willst tanzen?« entgegnete ihm Emma.
+
+»Na ja!«
+
+»Du bist nicht recht gescheit! Man würde dich bloß auslachen.
+Bleib du nur ruhig sitzen! Übrigens schickt sich das viel besser
+für einen Arzt«, fügte sie hinzu.
+
+Karl schwieg. Er lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her
+und wartete, bis Emma fertig wäre. Er sah sie über ihren Rücken
+weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre schwarzen
+Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar war nach
+den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; es schimmerte in einem
+bläulichen Glanze, und über ihnen zitterte eine bewegliche Rose,
+mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Ihr mattgelbes Kleid
+ward durch drei Sträußchen von Moosrosen mit Grün darum belebt.
+
+Karl küßte sie von hinten auf die Schulter.
+
+»Laß mich!« wehrte sie ab. »Du zerknüllst mir alles!«
+
+Violinen- und Waldhornklänge drangen herauf. Emma stieg die Treppe
+hinunter, am liebsten wäre sie gerannt.
+
+Die Quadrille hatte bereits begonnen. Der Saal war gedrängt voller
+Menschen, und immer noch kamen Gäste. Emma setzte sich unweit der
+Tür auf einen Diwan.
+
+Als der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur
+Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die große
+Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die
+bemalten Fächer auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
+Hälfte die lachenden Gesichter, und die goldnen Stöpsel der
+Riechfläschchen funkelten hin und her in den weißen Handschuhen,
+an denen die Konturen der Fingernägel ihrer Trägerinnen
+hervortraten, während das eingepreßte Fleisch nur in den
+Handflächen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die
+Armbänder mit Anhängseln wogten an den Miedern, glitzerten an den
+Brüsten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen im
+Haar, das durchweg glatt und im Nacken geknotet war,
+Vergißmeinnicht, Jasmin, Granatblüten, Ähren und Kornblumen in
+Kränzen, Sträußen oder Ranken. Bequem in ihren Stühlen lehnten die
+Mütter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten Turbanen.
+
+Das Herz klopfte Emma ein wenig, als der erste Tänzer sie an den
+Fingerspitzen faßte und in die Reihe der anderen führte. Beim
+ersten Geigenton tanzten sie los. Bald jedoch legte sich ihre
+Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und mit
+einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei
+besonders zärtlichen Passagen des Violinsolos flog ein süßes
+Lächeln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente schwiegen,
+hörte man im Tanzsaal das helle Klimpern der Goldstücke auf den
+Spieltischen nebenan, bis das Orchester mit einem Male wieder voll
+einsetzte. Dann gings im wiedergewonnenen Takte weiter; die Röcke
+der Tänzerinnen bauschten sich und streiften einander, Hände
+suchten und mieden sich, und dieselben Blicke, die eben schüchtern
+gesenkt waren, fanden ihr Ziel.
+
+Unter den tanzenden oder plaudernd an den Türen stehenden Herren
+stachen etliche, etwa zwölf bis fünfzehn, bei allem Alters- und
+sonstigem Unterschied durch einen gewissen gemeinsamen Typ von den
+andern ab. Ihre Kleider waren von eleganterem Schnitte und aus
+feinerem Stoff. Ihr nach den Schläfen zu gewelltes Haar verriet
+die beste Pflege. Sie hatten den Teint des Grandseigneurs, jene
+weiße Hautfarbe, die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan,
+schillernder Seide und feinpolierten Möbeln erscheint und durch
+sorgfältige und raffinierte Ernährung erhalten wird. Ihre
+Bewegungen waren ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten
+Taschentüchern entströmte leises Parfüm. Den älteren unter diesen
+Herren haftete Jugendlichkeit an, während den Gesichtern der
+jüngeren eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichgültigen
+Blicken spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten
+Sinne, und hinter ihren glatten Manieren schlummerte das brutale
+eitle Herrentum, das sich im Umgange mit Rassepferden und leichten
+Damen entwickelt und kräftigt.
+
+Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in
+blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschmückten Dame
+über Italien. Sie schwärmten von der Kuppel des Sankt Peter, von
+Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
+Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem
+andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend
+Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
+vergangnen Woche in England Miß Arabella und Romulus »geschlagen«
+und durch einen »famosen Grabensprung« vierzigtausend Franken
+gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, seine »Rennschinder«
+seien »nicht im Training«, und ein dritter jammerte über einen
+Druckfehler in der »Sportwelt«, der den Namen eines seiner
+»Vollblüter« verballhornt habe.
+
+Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten
+fahler. Man drängte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf
+einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu öffnen, zerbrach aus
+Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Das Klirren der Glasscherben
+veranlaßte Frau Bovary hinzublicken, und da gewahrte sie von
+draußen herein gaffende Bauerngesichter. Die Erinnerung an das
+elterliche Gut überkam sie. Im Geiste sah sie den Hof mit dem
+Misthaufen, ihren Vater in Hemdsärmeln unter den Apfelbäumen und
+sich selber ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den
+Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz
+der gegenwärtigen Stunde starb die eben noch so klare Erinnerung
+an ihr früheres Leben schnell wieder; es je gelebt zu haben, kam
+ihr fast unmöglich vor. Hier, hier lebte sie, und was über diesen
+Ballsaal hinaus existieren mochte, das lag für sie im tiefsten
+Dunkel ...
+
+Sie schlürfte von dem Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten
+Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen halb schloß
+und den goldnen Löffel lange zwischen den Zähnen behielt. Neben
+ihr ließ eine Dame ihren Fächer zu Boden gleiten. Ein Tänzer ging
+vorüber.
+
+»Sie wären sehr gütig, mein Herr,« sagte die Dame, »wenn Sie mir
+meinen Fächer aufheben wollten. Er ist unter dieses Sofa
+gefallen.«
+
+Der Herr bückte sich, und während er mit dem Arm nach dem Fächer
+langte, bemerkte Emma, daß ihm die Dame etwas weißes, dreieckig
+Zusammengefaltetes in den Hut warf. Er überreichte ihr den
+aufgehobenen Fächer ehrerbietig. Sie dankte mit einem leichten
+Neigen des Kopfes und barg schnell ihr Gesicht in den Blumen ihres
+Straußes.
+
+Nach dem Souper, bei dem es verschiedene Sorten von Süd- und
+Rheinweinen gab, Krebssuppe, Mandelmilch, Pudding à la Trafalgar
+und allerlei kaltes Fleisch, mit zitterndem Gelee garniert,
+begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und wegzufahren. Wer
+einen der Musselinvorhänge am Fenster ein wenig beiseiteschob,
+konnte die Laternenlichter in die Nacht hinausziehen sehen. Es
+saßen immer weniger Tänzer im Saale. Nur im Spielzimmer war noch
+Leben. Die Musikanten leckten sich die heißen Finger ab. Karl
+stand gegen eine Tür gelehnt, dem Einschlafen nahe.
+
+Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
+Aber alle Welt, sogar Fräulein von Andervilliers und die Marquise
+tanzten. Es waren nur noch die im Schlosse zur Nacht bleibenden
+Gäste da, etwa ein Dutzend Personen.
+
+Da geschah es, daß einer der Tänzer, den man schlechtweg »Vicomte«
+nannte -- die weitausgeschnittene Weste saß ihm wie angegossen --
+Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte es nicht. Der Vicomte
+bat abermals, indem er versicherte, er würde sie sicher führen und
+es würde vortrefflich gehen.
+
+Sie begannen langsam, um allmählich rascher zu tanzen. Schließlich
+wirbelten sie dahin. Alles drehte sich rund um sie: die Lichter,
+die Möbel, die Wände, der Parkettboden, als ob sie in der Mitte
+eines Kreisels wären. Einmal, als das Paar dicht an einer der
+Türen vorbeitanzte, wickelte sich Emmas Schleppe um das Bein ihres
+Tänzers. Sie fühlten sich beide und blickten sich einander in die
+Augen. Ein Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber
+es ging weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin,
+bis an das Ende der Galerie, wo Emma, völlig außer Atem, beinahe
+umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte.
+Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an
+ihren Platz zurück. Es schwindelte ihr; sie mußte den Rücken
+anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken.
+
+Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, daß in der Mitte des
+Saales eine der Damen auf einem Taburett saß, während drei der
+Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war der
+Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
+
+Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. Es tanzte einmal und noch
+einmal herum: sie regungslos in den Linien ihres Körpers, das Kinn
+ein wenig gesenkt; er in immer der nämlichen Haltung,
+kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den Blick geradeaus
+gerichtet. Das waren Walzertänzer! Sie fanden kein Ende. Eher
+ermüdeten die Zuschauer.
+
+Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
+man sich »Gute Nacht« oder vielmehr »Guten Morgen«, und alles ging
+schlafen.
+
+Karl schleppte sich am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich »die
+Beine in den Bauch gestanden.« Ohne sich zu setzen, hatte er sich
+fünf Stunden hintereinander bei den Spieltischen aufgehalten und
+den Whistspielern zugesehen, ohne etwas von diesem Spiel zu
+verstehen. Und so stieß er einen mächtigen Seufzer der
+Erleichterung aus, als er sich endlich seiner Stiefel entledigt
+hatte.
+
+Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster und
+lehnte sich hinaus. Die Nacht war schwarz. Feiner Sprühregen fiel.
+Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider kühlte.
+Walzerklänge summten ihr noch in den Ohren. Emma hielt sich
+gewaltsam wach, um den eben erlebten Märchenglanz, ehe er ganz
+wieder verronnen, noch ein wenig zu besitzen ...
+
+Der Morgen dämmerte. Sie schaute hinüber nach den Fensterreihen
+des Mittelbaues, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo die
+einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend beobachtet
+hatte. Sie sehnte sich darnach, etwas von ihrem Leben zu wissen,
+eine Rolle darin zu spielen, selber darin aufzugehen.
+
+Schließlich begann sie zu frösteln. Sie entkleidete sich und
+schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihres schlafenden Gatten.
+
+Zum Frühstück erschienen eine Menge Menschen. Es dauerte zehn
+Minuten. Es gab keinen Kognak, was dem Arzt wenig behagte.
+
+Beim Aufstehen sammelte Fräulein von Andervilliers die
+angebrochenen Brötchen in einen kleinen Korb, um sie den Schwänen
+auf dem Schloßteiche zu bringen. Nach der Fütterung begab man sich
+in das Gewächshaus, mit seinen seltsamen Kakteen und
+Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser führte ein
+Ausgang in den Wirtschaftshof.
+
+Um der jungen Arztfrau ein Vergnügen zu bereiten, zeigte ihr der
+Marquis die Ställe. Über den korbartigen Raufen waren
+Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben
+die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen
+stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere.
+Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst
+wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte des
+Raumes auf drehbaren Böcken, während die Kandaren, Trensen,
+Kinnketten, Steigbügel, Zügel und Peitschen wohlgeordnet zu Reihen
+an den Wänden hingen.
+
+Karl bat einen Stallburschen, sein Gefährt zurechtzumachen. Sodann
+fuhr er vor. Das ganze Gepäck ward aufgepackt. Das Ehepaar Bovary
+bedankte und verabschiedete sich bei dem Marquis und der Marquise.
+Und heim ging es nach Tostes.
+
+Schweigsam sah Emma dem Drehen der Räder zu. Karl saß auf dem
+äußersten Ende des Sitzes und kutschierte mit abstehenden
+Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner
+Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel tanzten auf
+der Kruppe des Gaules. Gischt flatterte. Der Koffer, der hinten
+angeschnallt war, saß nicht recht fest und polterte in einem fort
+im Takte an den Wagenkasten.
+
+Auf der Höhe von Thibourville wurden sie plötzlich von ein paar
+Reitern überholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma
+glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
+vermochte nichts zu erkennen als die Konturen der Reiter, die sich
+vom Himmel abhoben und sich im Rhythmus des Trabes auf und nieder
+bewegten.
+
+Wenige Minuten später mußten sie Halt machen, um die zerrissene
+Hemmkette mit einem Strick festzubinden. Als Karl das ganze
+Geschirr noch einmal überblickte, gewahrte er zwischen den Beinen
+seines Pferdes einen Gegenstand liegen. Er hob eine Zigarrentasche
+auf; sie war mit grüner Seide gestickt und auf der Mitte der
+Oberseite mit einem Wappen geschmückt.
+
+»Es sind sogar zwei Zigarren drin!« sagte er. »Die kommen heute
+abend nach dem Essen dran!«
+
+»Du rauchst demnach?« fragte Emma.
+
+»Manchmal! Gelegentlich!«
+
+Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul eins mit der
+Peitsche.
+
+Als sie zu Hause ankamen, war das Mittagessen noch nicht fertig.
+Frau Bovary war unwillig darüber. Anastasia gab eine dreiste
+Antwort.
+
+»Scheren Sie sich fort« rief Emma. »Sie machen sich über mich
+lustig. Sie sind entlassen!«
+
+Zu Tisch gab es Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. Karl
+saß seiner Frau gegenüber. Er rieb sich die Hände und meinte
+vergnügt:
+
+»Zu Hause ists doch am schönsten!«
+
+Man hörte, wie Anastasia draußen weinte. Karl hatte das arme Ding
+gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit,
+hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war
+seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte in der
+ganzen Gegend.
+
+»Hast du ihr im Ernst gekündigt?« fragte er nach einer Weile.
+
+»Gewiß! Warum soll ich auch nicht?« gab Emma zur Antwort.
+
+Nach Tisch wärmten sich die beiden in der Küche, während die Große
+Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich eine der
+Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und spuckte dabei
+aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich zurück, damit ihm
+der Rauch nicht in die Nase stieg.
+
+»Das Rauchen wird dir nicht bekommen!« bemerkte Emma verächtlich.
+
+Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
+gierig ein Glas frisches Wasser. Währenddessen nahm Emma die
+Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.
+
+Der Tag war endlos: dieser Tag nach dem Feste!
+
+Emma ging in ihrem Gärtchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
+und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
+Obstspalier, vor dem tönernen Mönch, und betrachtete sich alle
+diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit
+hinter ihr der Ballabend schon lag! Und was war es, das sich
+zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft drängte?
+Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen tiefen Riß
+gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm zuweilen in
+einer einzigen Nacht in den Bergen aufwühlt. Trotzdem kam eine
+gewisse Resignation über sie. Wie eine Reliquie verwahrte sie ihr
+schönes Ballkleid in ihrem Schranke, sogar die Atlasschuhe, deren
+Sohlen vom Parkettwachs eine bräunliche Politur bekommen hatten.
+Emmas Herz ging es wie ihnen. Bei der Berührung mit dem Reichtum
+war etwas daran haften geblieben für immerdar.
+
+An den Ball zurückdenken, wurde für Emma eine besondre
+Beschäftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken auf:
+»Ach, heute vor acht Tagen war es!« -- »Heute vor vierzehn Tagen
+war es!« -- »Heute vor drei Wochen war es!« Allmählich aber
+verschwammen in ihrem Gedächtnisse die einzelnen Gesichter, die
+sie im Schlosse gesehen hatte. Die Melodien der Tänze entfielen
+ihr. Sie vergaß, wie die Gemächer und die Livreen ausgesehen
+hatten. Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre
+Sehnsucht blieb zurück.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Oft, wenn Karl unterwegs war, holte Emma die grünseidene
+Zigarrentasche aus dem Schrank, wo sie unter gefalteter Wäsche
+verborgen lag. Sie betrachtete sie, öffnete sie und sog sogar den
+Duft ihres Futters ein, das nach Lavendel und Tabak roch. Wem
+mochte sie gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein
+Geschenk seiner Geliebten. Gewiß hatte sie die Stickerei auf einem
+kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz heimlich, in
+vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der träumerischen
+Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch von Liebe wehte
+aus den Stichen hervor. Mir jedem Faden war eine Hoffnung oder
+eine Erinnerung eingestickt worden, und alle diese kleinen
+Seidenkreuzchen waren das Denkmal einer langen stummen
+Leidenschaft. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die
+Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl geplaudert, als
+sie noch auf dem breiten Simse des Kamines zwischen Blumenvasen
+und Stutzuhren aus den Zeiten der Pompadour lag?
+
+Jetzt war der Vicomte wohl in Paris. Weit weg von ihr und von
+Tostes! Wie mochte dieses Paris sein? Welch geheimnisvoller Name!
+Paris! Sie flüsterte das Wort immer wieder vor sich hin. Es machte
+ihr Vergnügen. Es raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer
+großen Kirchenglocke. Es flammte ihr in die Augen, wo es auch
+stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenbüchsen.
+
+Nachts, wenn die Seefischhändler unten auf der Straße vorbeifuhren
+mit ihren Karren und die »Majorlaine« sangen, ward sie wach. Sie
+lauschte dem Rasseln der Räder, bis die Wagen aus dem Dorfe hinaus
+waren und es wieder still wurde.
+
+»Morgen sind sie in Paris!« seufzte die Einsame. Und in ihren
+Gedanken folgte sie den Fahrzeugen über Berg und Tal, durch Dörfer
+und Städte, immer die große Straße hin in der lichten
+Sternennacht. Aber weiter weg gab es ein verschwommenes Ziel, wo
+ihre Träume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von Paris und
+machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch die Weltstadt.
+Sie lief auf den Boulevards hin, blieb an jeder Straßenecke
+stehen, an jedem Hause, das im Stadtplan eingezeichnet war. Wenn
+ihr die Augen schließlich müde wurden, schloß sie die Lider, und
+dann sah sie im Dunkeln, wie die Flammen der Laternen im Winde
+flackerten und wie die Kutschen vor dem Portal der Großen Oper
+donnernd vorfuhren.
+
+Sie abonnierte auf den »Bazar« und die »Modenwelt« und studierte
+auf das gewissenhafteste alle Berichte über die Premieren, Rennen
+und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, wenn berühmte
+Sängerinnen Gastspiele gaben oder neue Warenhäuser eröffnet
+wurden; sie kannte die neuesten Moden, die Adressen der guten
+Schneider; sie wußte, an welchen Tagen die vornehme Gesellschaft
+im Bois und in der Oper zu finden war. Aus den Moderomanen lernte
+sie, wie die Pariser Wohnungen eingerichtet waren. Sie las Balzac
+und die George Sand, um wenigstens in der Phantasie ihre
+Begehrlichkeit zu befriedigen. Sie brachte diese Bücher sogar mit
+zu den Mahlzeiten und las darin, während Karl aß und ihr erzählte.
+Und was sie auch las, überallhinein drangen ihre Reminiszenzen an
+den Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie
+allerhand Beziehungen. Aber allmählich erweiterte sich der
+Ideenkreis, dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den
+er getragen hatte, erblich schließlich, um auf andren
+Idealgeschöpfen wieder aufzuflammen.
+
+Unermeßlich wie das Weltmeer, in der Sonne eines Wunderhimmels, so
+stand Paris vor Emmas Phantasie. Das tausendfältige Leben, das
+sich in diesem Babylon abspielt, war gleichwohl für sie auf ganz
+bestimmte Einzelheiten beschränkt, die sie im Geiste in deutlichen
+Bildern sah. Neben diesen -- man könnte sagen -- Symbolen des
+mondänen Lebens trat alles andre in Dunkel und Dämmerung zurück.
+
+Das Dasein der Hofmenschen, so wie sie sichs vorstellte, spielte
+sich auf glänzendem Parkett ab, in Spiegelsälen, um ovale Tische,
+auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. Dazu
+Schleppkleider, Staatsgeheimnisse und tausend Qualen hinter
+heuchlerischem Lächeln. Das Milieu des höchsten Adels bildete sie
+sich folgendermaßen ein: Vornehme bleiche Gesichter; man steht
+früh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt unglückliche Engel,
+tragen Unterröcke aus irischen Spitzen; die Männer, verkannte
+Genies, kokettierend mit der Maske der Oberflächlichkeit, reiten
+aus Übermut ihre Vollblüter zuschanden, die Sommersaison
+verbringen sie in Baden-Baden, und wenn sie vierzig Jahre alt
+geworden sind, heiraten sie zu guter Letzt reiche Erbinnen. Die
+dritte Welt, von der Emma träumte, war das bunte Leben und Treiben
+der Künstler, Schriftsteller und Schauspielerinnen, das sich in
+den separierten Zimmern der Restaurants abspielt, wo man nach
+Mitternacht bei Kerzenschein soupiert und sich austollt. Diese
+Menschen sind die Verschwender des Lebens, Könige in ihrer Art,
+voller Ideale und Phantastereien. Ihr Dasein verläuft hoch über
+dem Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang.
+
+Alles andre in der Welt war für Emma verloren, wesenslos, so gut
+wie nicht vorhanden. Je näher ihr die Dinge übrigens standen, um
+so weniger berührten sie ihr Innenleben. Alles, was sie
+unmittelbar umgab: die eintönige Landschaft, die kleinlichen
+armseligen Spießbürger, ihr ganzes Durchschnittsdasein kam ihr wie
+ein Winkel der eigentlichen Welt vor. Er existierte zufällig, und
+sie war in ihn verbannt. Aber draußen vor seinen Toren, da begann
+das weite, weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der
+Sehnsucht ihres Traumlebens flossen Wollust und Luxus mit den
+Freuden des Herzens, erlesene Lebensführung mit Gefühlsfeinheiten
+ineinander. Bedarf die Liebe, ähnlich wie die Pflanzen der Tropen,
+nicht ihres eigenen Bodens und ihrer besondren Sonne? Seufzer bei
+Mondenschein, innige Küsse, Tränen, vergossen auf hingebungsvolle
+Hände, Fleischeslust und schmachtende Zärtlichkeit, alles das war
+ihr unzertrennlich von stolzen Schlössern voll müßigen Lebens, von
+Boudoiren mit seidnen Vorhängen und dicken Teppichen, von
+blumengefüllten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden Brillanten
+und goldstrotzender Dienerschaft.
+
+Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
+Stalljacke, die bloßen Füße in Holzpantoffeln, kam, um die Stute
+zu füttern und zu putzen, klapperte jedesmal durch die Hausflur.
+Das war der Groom in Kniehosen. Mit dem mußte sie zufrieden sein.
+Wenn er fertig war, ließ er sich den ganzen Tag über nicht wieder
+blicken. Karl pflegte nämlich sein Pferd, wenn er es geritten
+hatte, selbst einzustellen. Während er Sattel und Zäumung aufhing,
+warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor.
+
+Nachdem Anastasia unter tausend Tränen wirklich das Haus verlassen
+hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junges Mädchen in Dienst,
+eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftmütiges Wesen. Sie zog
+sie nett an, brachte ihr höfliche Manieren bei, lehrte sie, ein
+Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten in ein
+Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Plätten und Bügeln der
+Wäsche und ließ sich von ihr beim Ankleiden helfen. Mit einem
+Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe aus. Felicie -- so hieß
+das neue Mädchen -- gehorchte ihr ohne Murren. Es gefiel ihr im
+Hause. Die Hausfrau pflegte den Büfettschlüssel stecken zu lassen.
+Felicie nahm sich alle Abende einige Stücke Zucker und verzehrte
+sie, wenn sie allein war, im Bett, nachdem sie ihr Gebet
+gesprochen hatte. Nachmittags, wenn Frau Bovary wie gewöhnlich
+oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie ein wenig in die
+Nachbarschaft klatschen.
+
+Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschläge und
+einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie hätte
+schreiben können. Häufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter nahm
+sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in Träumereien
+und ließ das Buch in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie eine
+große Reise gemacht oder wäre wieder in das Kloster gegangen. Der
+Wunsch zu sterben und die Sehnsucht nach Paris beherrschten sie in
+der gleichen Minute.
+
+Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstraßen hin. Er
+frühstückte in den Gehöften, griff in feuchte Krankenbetten, ließ
+sich beim Aderlassen das Gesicht voll Blut spritzen, hörte dem
+Röcheln Sterbender zu, prüfte den Inhalt von Nachttöpfen und zog
+so und so oft schmutzige Hemden hoch. Abends aber fand er immer
+ein gemütliches Feuer im Kamin, einen nett gedeckten Tisch, den
+zurechtgesetzten Großvaterstuhl und eine allerliebst angezogene
+Frau. Ein Duft von Frische ging von ihr aus; wer weiß, was das
+war, ein Odeur, ihre Wäsche oder ihre Haut?
+
+Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Entzücken. Sie
+erfand neue Papiermanschetten für die Leuchter, oder sie besetzte
+ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz
+gewöhnliches Gericht mit einem putzigen Namen, weil es ihm
+herrlich geschmeckt und er es bis auf den letzten Rest vertilgt
+hatte, obgleich es dem Mädchen greulich mißraten war. Einmal sah
+sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten allerlei Anhängsel
+trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein andermal war es ihr
+Wunsch, auf dem Kamine ihres Zimmers zwei große Vasen aus blauem
+Porzellan stehen zu haben, oder sie wollte ein Nähkästchen aus
+Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese
+eleganten Neigungen begriff, so sehr übten sie doch auch auf ihn
+eine verführerische Wirkung aus. Sie erhöhten die Freuden seiner
+Sinnlichkeit und verliehen seinem Heim einen süßen Reiz mehr. Es
+war, als ob Goldstaub auf den Pfad seines Lebens fiel.
+
+Er sah gesund und würdevoll aus, und sein Ansehen als Arzt stand
+längst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht stolz
+war. Er streichelte die Kinder, ging niemals in ein Wirtshaus und
+flößte jedermann durch seine Solidität Vertrauen ein. Er war
+Spezialist für Hals- und Lungenleiden. In Wirklichkeit rührten
+seine Erfolge daher, daß er Angst hatte, die Leute zu Tode zu
+kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur beruhigende Arzneien
+verschrieb und ihnen hin und wieder ein Abführmittel, ein Fußbad
+oder einen Blutegel verordnete. In der Chirurgie war er allerdings
+ein Stümper. Er schnitt drauflos wie ein Fleischermeister, und
+Zähne zog er wie der Satan.
+
+Um sich in seinem Handwerk »auf dem laufenden zu halten«, war er
+auf die »Medizinische Wochenschrift« abonniert, von der ihm einmal
+ein Prospekt zugegangen war. Abends nach der Hauptmahlzeit nahm er
+sie gewöhnlich zur Hand, aber die warme Zimmerluft und die
+Verdauungsmüdigkeit brachten ihn regelmäßig nach fünf Minuten zum
+Einschlafen. Das Haupt sank ihm dann auf den Tisch, und sein Haar
+fiel wie eine Löwenmähne vornüber nach dem Fuße der Tischlampe zu.
+Emma sah sich dieses Bild verächtlich an. Wenn ihr Mann nur
+wenigstens eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen
+wäre, die nachts über ihren Büchern hocken und mit sechzig Jahren,
+wenn sich das Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in das
+Knopfloch ihres schlecht sitzenden schwarzen Rockes gehängt
+bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, hätte
+Bedeutung haben müssen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in
+ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt
+aus Yvetot, mit dem er unlängst gemeinsam konsultiert worden war,
+hatte ihn in Gegenwart des Kranken und im Beisein der Verwandten
+blamiert. Als Karl ihr abends die Geschichte erzählte, war Emma
+maßlos empört über den Kollegen. Karl küßte ihr gerührt die Stirn.
+Die Tränen standen ihm in den Augen. Sie war außer sich vor Scham
+ob der Demütigung ihres Mannes und hätte ihn am liebsten
+verprügelt. Um sich zu beruhigen, eilte sie auf den Gang hinaus,
+öffnete das Fenster und sog die kühle Nachtluft ein.
+
+»Ach, was habe ich für einen erbärmlichen Mann!« klagte sie leise
+vor sich hin und biß sich auf die Lippen.
+
+Er wurde ihr auch sonst immer widerwärtiger. Mit der Zeit nahm er
+allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
+zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen
+leckte er sich die Zähne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
+löffelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
+beleibter, und seine an und für sich schon winzigen Augen drohten
+allmählich gänzlich hinter seinen feisten Backen zu verschwinden.
+
+Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seines Trikotunterhemdes
+wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte zurecht oder
+beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er sonst noch
+länger angezogen hätte. Aber dergleichen tat sie nicht, wie er
+wähnte, ihm zuliebe. Es geschah einzig und allein aus nervöser
+Reizbarkeit und egoistischem Schönheitsdrang. Mitunter erzählte
+sie ihm Dinge, die sie gelesen hatte, etwa aus einem Roman oder
+aus einem neuen Stücke, oder Vorkommnisse aus dem Leben der oberen
+Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte.
+Schließlich war Karl wenigstens ein aufmerksamer und geneigter
+Zuhörer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, das
+Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren
+Vertrauten machen!
+
+Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer des
+großen Erlebnisses. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
+verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihres Daseins ab und
+spähte in die dunstigen Fernen nach einem weißen Segel. Dabei
+hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der richtige
+Kurs oder der Zufall das ersehnte Schiff zuführen solle, nach
+welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern würde,
+welcher Art dieses Schiff überhaupt sein solle, ob ein schwaches
+Boot oder ein großer Ozeandampfer, und mit welcher Fracht er
+fahre, mit tausend Ängsten oder mit Glückseligkeiten beladen bis
+hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie erwachte,
+rechnete sie bestimmt darauf, heute müsse es sich ereignen. Bei
+jedem Geräusch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor und war dann
+betroffen, daß es immer noch nicht kam, das große Erlebnis. Wenn
+die Sonne sank, war sie jedesmal tieftraurig, aber sie hoffte von
+neuem auf den nächsten Tag.
+
+Der Frühling zog wieder in das Land. Als die Tage wärmer wurden
+und die Birnbäume zu blühen begannen, litt Emma an Beklemmungen.
+Dann ward es Sommer. Bereits Anfang Juli zählte sie sich an den
+Fingern ab, wieviel Wochen es noch bis zum Oktober seien.
+Vielleicht gäbe der Marquis von Andervilliers wieder einen Ball.
+Aber der ganze September verstrich, ohne daß ein Brief oder ein
+Besuch aus Vaubyessard kam. Nach dieser Enttäuschung war ihr Herz
+wieder leer, und das ewige Einerlei ihres Lebens hub von neuem an.
+
+Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
+Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern,
+sollten kommen und gehen und nie etwas Neues bringen! So flach
+auch das Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin die
+Möglichkeit eines außergewöhnlichen Geschehnisses. Ein Abenteuer
+zieht häufig die unglaublichsten Umwälzungen nach sich und
+verändert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein blieb alles
+beim alten. Das war ihr Schicksal! Die Zukunft lag vor ihr wie ein
+langer stockfinsterer Gang, und die Tür ganz am Ende war fest
+verriegelt.
+
+Sie vernachlässigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer hörte ihr
+denn zu? Es war ihr doch niemals vergönnt, in einem
+Gesellschaftskleid mit kurzen Ärmeln auf einem Konzertflügel vor
+einer großen Zuhörerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger über
+die Elfenbeintasten hinstürmen zu lassen und das Murmeln der
+Verzückung um sich zu hören wie das Rauschen des Zephirs. Wozu
+also das mühevolle Einstudieren? Ebenso packte sie ihr
+Zeichengerät und den Stickrahmen in den Schrank. Wozu das alles?
+Wem zuliebe? Auch das Nähen ward ihr widerlich, und selbst das
+Lesen ließ sie. »Es ist immer wieder dasselbe!« sagte sie sich.
+
+Und so träumte sie vor sich hin, starrte in die Glut des Kamins
+oder sah zu, wie draußen der Regen herniederfiel.
+
+Am traurigsten waren ihr die Sonntagsnachmittage. Wenn es zur
+Vesper läutete, hörte sie, vor sich hinbrütend, den dumpfen
+Glockenschlägen zu. Eine Katze schlich über die Dächer, gemächlich
+und langsam, und wo ein bißchen Sonne war, machte sie einen
+Buckel. Auf der Landstraße blies der Wind Staubwirbel auf. In der
+Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem fort, in
+gleichen Zeiträumen, der monotone Glockenklang, der über den
+Feldern verhallte.
+
+Inzwischen kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in
+Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntagsblusen, die hin und her
+laufenden Kinder in bloßen Köpfen. Alles ging heimwärts. Nur fünf
+bis sechs Männer, immer dieselben, blieben vor dem Hoftor des
+Gasthofes beim Stöpselspiel, bis es dunkel wurde.
+
+Es kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben
+mit Eisblumen bedeckt, und das Tageslicht, das wie durch
+mattgeschliffenes Glas hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag
+über trüb. Von nachmittags vier Uhr an mußten die Lampen brennen.
+
+An schönen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
+hatte über die Gräser ein silbernes Netz gewoben, dessen
+glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel
+sang. Die Natur schien zu schlafen. Das Spalier war mit Stroh
+umwickelt, und die Weinstöcke hingen an der Mauer wie vereiste
+Schlangen. Der lesende Mönch unter den Fichten an der Hecke hatte
+den rechten Fuß verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen,
+und graue Flecke entstellten ihm nun das Gesicht.
+
+Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schloß
+die Tür ab und schürte das Feuer im Kamine. In der Wärme des
+Zimmers ward sie matt, und die Langeweile lastete schwerer auf
+ihr. Gern wäre sie hinuntergelaufen, um mit dem Dienstmädchen zu
+plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
+
+Alle Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der
+Schulmeister, sein schwarzseidnes Käppchen auf dem Kopfe, die
+Fensterläden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
+mit seinem Säbel vorüber. Morgens und abends wurden die
+Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tränke nach dem Dorfteiche
+vorbeigeführt. Von Zeit zu Zeit schellte die Türklingel
+irgendeines Ladens; und wenn der Wind ging, hörte man die
+Messingbecken, die als Aushängeschilder vor dem Barbiergeschäfte
+hingen, an ihre Stange klirren. Das Schaufenster schmückten ein
+altes auf Pappe ausgeklebtes Modenkupfer und eine weibliche
+Wachsbüste mit einer gelben Perücke. Der Friseur pflegte über
+seinen brotlosen Beruf und seine jammervolle Zukunft zu
+lamentieren; sein höchster Traum war ein Laden in einer großen
+Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der Nähe des Theaters. Mürrisch
+wanderte er den ganzen Tag über zwischen dem Gemeindeamt und der
+Kirche hin und her und lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary
+durch ihr Fenster blickte, sah sie ihn jedesmal in seinem braunen
+Rock, die Zipfelmütze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin
+und her patrouillieren.
+
+Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers ein
+sonnengebräunter Männerkopf mit einem schwarzen Schnurrbarte und
+einem trägen Lächeln um den Mund, in dem die Zähne leuchteten.
+Alsbald begann eine Walzermelodie aus einem Leierkasten, auf
+dessen Deckel ein kleiner Ballsaal aufgebaut war mit daumenhohen
+Figuren darin: Frauen in roten Kopftüchern, Tiroler in
+Lodenjacken, Affen in schwarzen Röcken, Herren in Kniehosen; alle
+tanzten sie zwischen den Sofas und Lehnstühlen und Tischen, wobei
+sie sich in Spiegelstücken vervielfältigten, die mit Goldpapier
+aneinandergereiht waren. Der Leierkastenmann drehte die Kurbel und
+spähte dabei nach rechts und links nach allen Fenstern. Hin und
+wieder spie er einen langen Strahl tabakbraunen Speichels gegen
+die Prellsteine oder stieß mit dem Knie seinen Kasten in die Höhe,
+dessen Gurt ihm die Schultern drückte. In einem fort, bald
+schwermütig und schleppend, bald flott und lustig, dudelte die
+Musik hinter dem roten Taftbezug, der unter einer schnörkelhaft
+ausgestanzten Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. Es
+waren Melodien, die gerade Mode waren und die man überall hörte,
+in den Theatern, Salons und Tanzsälen, Klänge aus der fernen Welt,
+die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese Klänge im
+Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder aus ihrem Kopfe weichen.
+Wie die Bajadere über den Blumen ihres Teppichs, tanzten ihre
+Gedanken im Rhythmus dieser Melodien und wiegten sich von Traum zu
+Traum und von Trübsal zu Trübsal. Wenn der Mann die milden Gaben
+in seiner Mütze gesammelt hatte, umhüllte er seinen Kasten mit
+einem blauwollnen Überzug, nahm ihn auf den Rücken und verließ das
+Dorf schweren Schrittes. Emma schaute ihm lange nach.
+
+Am unerträglichsten waren ihr die Mahlzeiten im Eßzimmer unten im
+Erdgeschoß. Der Ofen rauchte, die Türe knarrte, die Wände waren
+feucht und der Fußboden kalt. Die ganze Bitternis ihres Daseins
+schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und aus dem Dampf des
+ausgekochten Rindfleisches wehte ihr gleichsam der Brodem ihres
+ihr so widerwärtig gewordenen Lebens entgegen. Karl aß und aß,
+während sie ein paar Nüsse knackte oder, auf die Ellenbogen
+gestützt, sich damit vergnügte, mit der Messerspitze allerlei
+Linien in das Wachstuch zu kritzeln.
+
+In der Wirtschaft ließ sie jetzt alles gehen, wie es ging. Ihre
+Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach
+Tostes kam, war ob dieses Wandels arg verdutzt. Emma, die erst in
+ihrem Äußeren so akkurat und adrett gewesen war, lief nunmehr
+tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue baumwollne
+Strümpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie meinte, man
+müsse sich einschränken, da sie nicht reich seien, fügte aber
+hinzu, sie sei höchst zufrieden und überaus glücklich, und in
+Tostes gefalle es ihr über alle Maßen. Mit solch wunderlichen
+Reden beschwichtigte sie die alte Frau Bovary. Im übrigen zeigte
+sie sich für die guten Lehren der Schwiegermutter nicht
+empfänglicher denn früher. Als diese gelegentlich die Bemerkung
+machte, die Herrschaft sei für die Gottesfurcht der Dienstboten
+verantwortlich, ward Emmas Antwort von einem so zornigen Blick und
+einem so eiskalten Lächeln begleitet, daß die gute Frau ihr nicht
+wieder zu nahe kam.
+
+Emma wurde unzugänglich und launisch. Sie ließ sich besondre
+Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anrührte; an dem
+einen Tage trank sie nichts als Milch und am andern ein Dutzend
+Tassen Tee. Oft war sie nicht aus dem Hause zu bekommen, und bald
+war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. Sie sperrte alle
+Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug anziehen. Wenn sie
+das Dienstmädchen angefahren hatte, machte sie ihr im nächsten
+Augenblicke Geschenke oder ließ sie in die Nachbarschaft ausgehen.
+Aus ähnlicher Bizarrerie warf sie bisweilen armen Leuten alles
+Kleingeld hin, das sie bei sich hatte, obgleich sie eigentlich gar
+nicht weichherzig und mitleidig war, just wie alle Menschen, die
+auf dem Lande groß geworden sind und lebenslang etwas von der
+Härte der väterlichen Hände in ihrem Herzen behalten.
+
+Gegen Ende des Februars brachte Vater Rouault in Erinnerung an
+seine Heilung persönlich eine prächtige Truthenne und blieb drei
+Tage im Hause seines Schwiegersohnes. Während Karl auf Praxis war,
+leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte in ihrem
+Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von Ernteaussichten,
+Kälbern, Kühen, Hühnern und von den Gemeinderatssitzungen. Wenn er
+wieder hinausgegangen war, schloß sie ihre Tür mit einem Gefühl
+der Befriedigung ab, das ihr selber sonderbar vorkam.
+
+Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan
+immer weniger. Bisweilen gefiel sie sich darin, die merkwürdigsten
+Ansichten zu äußern. Sie tadelte, was andre für gut hielten, und
+billigte Dinge, die für unnatürlich oder unmoralisch erklärt
+wurden. Karl machte mitunter verwunderte Augen dazu.
+
+Sollte dieses Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich immer
+wieder. Sollte sie niemals von hier fortkommen? Sie war doch
+ebensoviel wert wie alle die Menschen, die glücklich waren! In
+Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im Wuchs
+waren als sie und ein gewöhnlicheres Benehmen hatten. Sie
+verwünschte die Ungerechtigkeit ihres Schöpfers und drückte ihr
+Haupt weinend an die Wände vor lauter Sehnsucht nach dem Tumult
+der Welt, ihren nächtlichen Maskeraden und frechen Freuden und
+allen den Tollheiten, die sie nicht kannte und die es doch gab.
+
+Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete
+ihr Baldriantropfen und Kampferbäder. Das machte sie nur noch
+reizsamer.
+
+An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß wie eine Fieberkranke.
+Dieser Aufgeregtheit folgte ein plötzlicher Umschlag in einen
+Zustand von Empfindungslosigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne sich
+zu rühren, und es wirkte bei ihr nur ein Belebungsmittel: das
+Übergießen mit Kölnischem Wasser.
+
+Dieweil sie sich fortwährend über Tostes beklagte, bildete sich
+Karl ein, ihr Leiden sei zweifellos durch irgendwelchen örtlichen
+Einfluß verursacht, und so begann er ernstlich daran zu denken,
+sich in einer andren Gegend niederzulassen.
+
+Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager
+werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor
+jegliche Eßlust.
+
+Es fiel Karl sehr schwer, Tostes aufzugeben, wo er gerade jetzt,
+nach vierjähriger Praxis, ein gemachter Mann war. Indessen, es
+mußte sein! Er ließ Emma in Rouen von seinem ehemaligen
+Lehrmeister untersuchen. Es sei ein nervöses Leiden;
+Luftveränderung wäre vonnöten.
+
+Karl zog nun allerorts Erkundigungen ein, und da brachte er in
+Erfahrung, daß im Bezirk von Neufchâtel in einem größeren
+Marktflecken namens Abtei Yonville der bisherige Arzt, ein
+polnischer Refügié, in der vergangenen Nacht das Weite gesucht
+hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte sich,
+wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die nächsten Kollegen
+entfernt säßen und wie hoch die Jahreseinnahme des Verschwundenen
+gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend aus, und infolgedessen
+entschloß sich Bovary, zu Beginn des kommenden Frühjahres nach
+Abtei Yonville überzusiedeln, falls sich Emmas Zustand noch nicht
+gebessert habe.
+
+Eines Tages kramte Emma des bevorstehenden Umzuges wegen in einem
+Schubfache. Da riß sie sich in den Finger und zwar an einem der
+Drähte ihres Hochzeitsstraußes. Die Orangenknospen waren grau vor
+Staub, und das Atlasband mit der silbernen Franse war ausgefranst.
+Sie warf den Strauß in das Feuer. Er flackerte auf wie trocknes
+Stroh. Eine Weile glühte er noch wie ein feuriger Busch über der
+Asche, dann sank er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah
+Emma zu. Die kleinen Beeren aus Pappmasse platzten, die Drähte
+krümmten sich, die Silberfransen schmolzen. Die verkohlte
+Papiermanschette zerfiel, und die Stücke flatterten im Kamine hin
+und her wie schwarze Schmetterlinge, bis sie in den Rauchfang
+hinaufflogen ...
+
+Bei dem Weggange von Tostes, im März, ging Frau Bovary einer guten
+Hoffnung entgegen.
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
+von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
+Marktflecken, acht Wegstunden östlich von Rouen, zwischen der
+Straße von Abbeville und der von Beauvais. Der Ort liegt im Tale
+der Rieule, eines Nebenflüßchens der Andelle. Nahe seiner
+Einmündung treibt der Bach drei Mühlen. Er hat Forellen, nach
+denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
+Belustigung angeln.
+
+Man verläßt die Heeresstraße bei La Boissière und geht auf der
+Hochebene bis zur Höhe von Leux, wo man das Tiefland offen vor
+sich liegen sieht. Der Fluß teilt es in zwei deutlich
+unterscheidbare Hälften: zur Linken Weideland, rechts ist alles
+bebaut. Diese Prärie, die sich bis zu den Triften der Landschaft
+Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen Hügelkette begrenzt,
+während die Ebene gegen Osten allmählich ansteigt und sich im
+Unermeßlichen verliert. So weit das Auge reicht, schweift es über
+meilenweite Kornfelder. Das Gewässer sondert wie mit einem langen
+weißen Strich das Grün der Wiesen von dem Blond der Äcker, und so
+liegt das ganze Land unten ausgebreitet da wie ein riesiger gelber
+Mantel mit einem grünen silberngesäumten Samtkragen.
+
+Fern am Horizont erkennt man geradeaus den Eichwald von Argueil
+und die steilen Abhänge von Sankt Johann mit ihren eigentümlichen,
+senkrechten, ungleichmäßigen roten Strichen. Das sind die Wege,
+die sich das Regenwasser sucht; und die roten Streifen auf dem
+Grau der Berge rühren von den vielen eisenhaltigen Quellen drinnen
+im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten hinab ins Land
+schicken.
+
+Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
+Ile-de-France, inmitten eines von der Natur stiefmütterlich
+behandelten Geländes, das weder im Dialekt seiner Bewohner noch in
+seinem Landschaftsbilde besondre Eigenheiten aufweist. Von hier
+kommen die allerschlechtesten Käse des ganzen Bezirks von
+Neufchâtel. Allerdings ist die Bewirtschaftung dieser Gegend
+kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel Dünger
+verlangt.
+
+Bis zum Jahre 1835 führte keine brauchbare Straße nach Yonville.
+Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter »Hauptvizinalweg«
+angelegt, der die beiden großen Heeresstraßen von Abbeville und
+von Amiens untereinander verbindet und bisweilen von den
+Fuhrleuten benutzt wird, die von Rouen nach Flandern fahren. Aber
+trotz dieser »neuen Verbindungen« gelangte Yonville zu keiner
+rechten Entwicklung. Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu
+legen, blieb man hartnäckig immer noch bei der
+Weidebewirtschaftung, so kargen Gewinn sie auch brachte; und die
+träge Bewohnerschaft baut sich auch noch heute lieber nach dem
+Berge statt nach der Ebene zu an. Schon von weitem sieht man den
+Ort am Ufer lang hingestreckt liegen, wie einen Kuhhirten, der
+sich faulenzend am Bache hingeworfen hat.
+
+Von der Brücke, die über die Rieule führt, geht der mit Pappeln
+besäumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Gehöften
+des Ortes. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
+Hauptgebäuden sieht man allerhand ordnungslos angelegte
+Nebenhäuschen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, dazwischen
+buschige Bäume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und andres Gerät
+hängen oder lehnen. Die Strohdächer sehen wie bis an die Augen ins
+Gesicht hereingezogene Pelzmützen aus; sie verdecken ein Drittel
+der niedrigen Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich dürres
+Spalierobst an den weißen, von schwarzem Gebälk durchquerten
+Kalkwänden der Häuser empor. Die Eingänge im Erdgeschoß haben
+drehbare Halbtüren, damit die Hühner nicht eindringen, die auf den
+Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
+
+Allmählich werden die Höfe enger, die Gebäude rücken näher
+aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der Häuser
+hängt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster heraus, ein
+Bündel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
+drei neue Karren stehen davor und versperren die Straße. Weiterhin
+leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein weißes
+Landhaus, eine runde Rasenfläche davor mit einem Amor in der
+Mitte, der sich den Finger vor den Mund hält. Die Freitreppe
+flankieren zwei Vasen aus Bronze. Ein Amtsschild mit Wappen glänzt
+am Tore. Es ist das Haus des Notars, das schönste der ganzen
+Gegend.
+
+Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Straße, beginnt
+der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
+herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenhöhe umschließt, liegt
+Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu ein
+Pflaster, auf das aus den Ritzen hervorschießendes Gras grüne
+Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein Neubau aus der
+letzten Zeit der Regierung Karls des Zehnten. Das hölzerne Dach
+beginnt bereits morsch zu werden. Auf dem blauen Anstrich der
+Decke über dem Schiff zeigen sich stellenweise schwarze Flecken.
+Über dem Eingang befindet sich da, wo gewöhnlich sonst in der
+Kirche die Orgel ist, eine Empore für die Männer, zu der eine
+Wendeltreppe hinaufführt, die laut dröhnt, wenn man sie betritt.
+
+Das Tageslicht flutet in schrägen Strahlen durch die farblosen
+Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von Längswand zu
+Längswand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind Strohmatten
+befestigt, und Namensschilder verkünden weithin sichtbar: »Platz
+des Herrn Soundso.« Wo sich das Schiff verengert, steht der
+Beichtstuhl und ihm gegenüber ein Standbild der Madonna, die ein
+Atlasgewand und einen Schleier, mit lauter silbernen Sternen
+besät, trägt. Ihre Wangen sind genau so knallrot angemalt wie die
+eines Götzenbildes auf den Sandwichinseln. Im Chor über dem
+Hochaltar schimmert hinter vier hohen Leuchtern die Kopie einer
+Heiligen Familie von Pietro Perugino, eine Stiftung der Regierung.
+Die Chorstühle aus Fichtenholz sind ohne Anstrich.
+
+Fast die Hälfte des Marktplatzes von Yonville nehmen »die Hallen«
+ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzsäulen. Das Rathaus,
+nach dem Entwurfe eines Pariser Architekten in antikem Stil
+erbaut, steht in der jenseitigen Ecke des Platzes neben der
+Apotheke. Das Erdgeschoß hat eine dorische Säulenhalle, der erste
+Stock eine offene Galerie, und darüber im Giebelfelde haust ein
+gallischer Hahn, der mit der einen Klaue das Gesetzbuch umkrallt
+und in der andern die Wage der Gerechtigkeit hält.
+
+Das Augenmerk des Fremden fällt immer zuerst auf die Apotheke des
+Herrn Homais, schräg gegenüber vom »Gasthof zum goldnen Löwen«.
+Zumal am Abend, wenn die große Lampe im Laden brennt und ihr
+helles, durch die bunten Flüssigkeiten in den dickbauchigen
+Flaschen, die das Schaufenster schmücken sollen, rot und grün
+gefärbtes Licht weit hinaus über das Straßenpflaster fällt, dann
+sieht man den Schattenriß des über sein Pult gebeugten Apothekers
+wie in bengalischer Beleuchtung. Außen ist sein Haus von oben bis
+unten mit Reklameschildern bedeckt, die in allen möglichen
+Schriftarten ausschreien: »Mineralwasser von Vichy«,
+»Sauerbrunnen«, »Selterswasser«, »Kamillentee«, »Kräuterlikör«,
+»Kraftmehl«, »Hustenpastillen«, »Zahnpulver«, »Mundwasser«,
+»Bandagen«, »Badesalz«, »Gesundheitsschokolade« usw. usw. Auf der
+Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in mächtigen
+goldnen Buchstaben: »Homais, Apotheker«. Drinnen, hinter den
+hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest man über
+einer Glastüre das Wort »Laboratorium« und auf der Tür selbst noch
+einmal in goldnen Lettern auf schwarzem Grunde den Namen »Homais«.
+
+Weitere Sehenswürdigkeiten gibt es in Yonville nicht. Die
+Hauptstraße (die einzige) reicht einen Büchsenschuß weit und hat
+zu beiden Seiten ein paar Kramläden. An der Straßenbiegung ist der
+Ort zu Ende. Wenn man vorher nach links abwendet und dem Hange
+folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
+
+Zur Zeit der Cholera wurde ein Stück der Kirchhofsmauer
+niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
+vergrößert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
+unbenutzt geblieben. Wie vordem drängen sich die Grabhügel nach
+dem Eingangstor zu zusammen. Der Pförtner, der zugleich auch
+Totengräber und Kirchendiener ist und somit aus den Leichen der
+Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich das unbenutzte
+Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber von Jahr zu
+Jahr vermindert sich sein bißchen Boden, und es brauchte bloß
+wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so wüßte er nicht, ob er
+sich über die vielen Toten freuen oder über ihre neuen Gräber
+ärgern solle.
+
+»Lestiboudois, Sie leben von den Toten!« sagte eines Tages der
+Pfarrer zu ihm.
+
+Diese gruselige Bemerkung stimmte den Küster nachdenklich. Eine
+Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bis
+auf den heutigen Tag zog er seine Erdäpfel weiter. Ja, er
+versichert sogar mit Nachdruck, sie wüchsen ganz von selber.
+
+Seit den Ereignissen, die hier erzählt werden, hat sich in
+Yonville wirklich nichts verändert. Noch immer dreht sich auf der
+Kirchturmspitze die weiß-rot-blaue Fahne aus Blech, noch immer
+flattern vor dem Laden des Modewarenhändlers zwei Kattunwimpel im
+Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der Apotheke häßliche
+Präparate in Glasbüchsen voll trübgewordnem Alkohol, und ganz wie
+einst zeigt der alte, von Wind und Wetter ziemlich entgoldete Löwe
+über dem Tore des Gasthofes den Vorübergehenden seine Pudelmähne.
+
+An dem Abend, da das Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen sollte,
+war die Löwenwirtin, die Witwe Franz, derartig beschäftigt, daß
+ihr beim Hantieren mit ihren Töpfen der Schweiß von der Stirne
+perlte. Am folgenden Tag war nämlich Markttag im Städtchen. Da
+mußte Fleisch zurechtgehackt, Geflügel ausgenommen, Bouillon
+gekocht und Kaffee gebrannt werden. Daneben die regelmäßigen
+Tischteilnehmer und heute obendrein der neue Doktor nebst Frau
+Gemahlin und Dienstmädchen! Am Billard lachten Gäste, und in der
+kleinen Gaststube riefen drei Müllerburschen nach Schnaps. Im
+Herde prasselte und schmorte es, und auf dem langen Küchentische
+paradierten neben einer rohen Hammelkeule Stöße von Tellern, die
+nach dem Takte des Wiegemessers tanzten, mit dem die Köchin Spinat
+zerkleinerte. Vom Hofe aus ertönte das ängstliche Gegacker der
+Hühner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
+Köpfe abschneiden wollte.
+
+Ein Herr in grünledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an seinem
+schwarzsamtnen Käppchen, wärmte sich am Kamin des Gastzimmers den
+Rücken. Im Gesicht hatte er ein paar Blatternarben. Sein ganzes
+Wesen strahlte förmlich von Selbstzufriedenheit. Offenbar lebte
+er genau so gleichmütig dahin wie der Stieglitz, der oben an der
+Decke in seinem Weidenbauer herumhüpfte. Dieser Herr war der
+Apotheker.
+
+»Artemisia!« rief die Wirtin. »Leg noch ein bißchen Reisig ins
+Feuer! Fülle die Wasserflaschen! Schaff den Schnaps hinein! Und
+mach schnell! Ach, wenn ich nur wüßte, was ich den Herrschaften,
+die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen soll? Heiliger
+Bimbam! Die Leute von der Speditionsgesellschaft hören mit ihrem
+Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und der Möbelwagen
+steht draußen immer noch mitten auf der Straße, gerade vor der
+Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird es eine Karambolage geben.
+Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen beiseiteschieben ... Was
+ich sagen wollte, Herr Apotheker, diese Leute spielen schon den
+ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei der fünfzehnten Partie und
+beim achten Schoppen Apfelwein! Man wird mir noch ein Loch ins
+Tuch stoßen!«
+
+Sie war auf einen Augenblick, den Kochlöffel in der Hand, ins
+Gastzimmer gelaufen.
+
+»Das wär auch weiter kein Malheur!« meinte Homais. »Dann schaffen
+Sie gleich ein neues Billard an!«
+
+»Ein neues Billard!« jammerte die Witwe.
+
+»Nu freilich, Frau Franz! Das alte Ding da taugt nicht mehr viel!
+Ich habs Ihnen schon tausendmal gesagt. Es ist Ihr eigner Schaden!
+Und ein großer Schaden! Heutzutage verlangen passionierte Spieler
+große Bälle und schwere Queues. Mit solchen Bällchen spielt man
+nicht mehr. Die Zeiten ändern sich! Man muß modern sein! Sehen Sie
+sich mal bei Tellier im Café Français ...«
+
+Die Wirtin wurde rot vor Ärger, aber der Apotheker fuhr fort:
+
+»Sie können sagen, was Sie wollen! Sein Billard ist handlicher als
+Ihrs. Und wenn es heißt, eine patriotische Poule zu entrieren,
+sagen wir: zum Besten der vertriebenen Polen oder für die
+Überschwemmten von Lyon ...«
+
+»Ach was!« unterbrach ihn die Löwenwirtin verächtlich. »Vor dem
+Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen Sies nur
+gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne Löwe bestehen wird,
+sitzen auch Gäste drin! Wir verhungern nicht! Aber Ihr geliebtes
+Café Français, das wird eines schönen Tages die Bude zumachen!
+Oder vielmehr der Gerichtsvollzieher! Ich soll mir ein andres
+Billard anschaffen? Wo meins so bequem ist zum Wäschefalten! Und
+wenn Jagdgäste da sind, können gleich sechse drauf übernachten!
+Nee, nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
+Hivert!«
+
+»Sollen denn Ihre Tischgäste mit dem Essen warten, bis die Post
+gekommen ist?« fragte Homais ungeduldig.
+
+»Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag sechs,
+einen wie alle Tage! So ein Muster von Pünktlichkeit gibts auf der
+ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit urdenklichen Zeiten seinen
+Stammplatz in der kleinen Stube. Er ließe sich eher totschlagen,
+als daß er wo anders äße. Was Schlechtes darf man dem nicht
+vorsetzen. Und auf den Apfelwein versteht er sich aus dem ff. Er
+ist nicht wie Herr Leo, der heute um sieben und morgen um halb
+acht erscheint und alles ißt, was man ihm vorsetzt! Übrigens ein
+feiner junger Mann! Ich hab noch nie ein lautes Wort von ihm
+gehört.«
+
+»Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
+Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen Kürassier und
+jetzigen Steuereinnehmer!«
+
+Es schlug sechs. Binet trat ein.
+
+Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
+Körper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Ledermütze blickte
+ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedrückt von dem
+langjährigen Tragen des schweren Helms aussah. Er trug eine Weste
+aus schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen und tadellos
+blankgewichste Schuhe, die vorn besonders ausgearbeitet waren,
+weil er dauernd an geschwollenen Zehen litt. Sein blonder
+Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte ihm das lange
+bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der Adlernase wie eine
+Hecke den Garten. Er war ein Meister in jeglichem Kartenspiel und
+ein guter Jäger, hatte eine hübsche Handschrift und besaß zu Hause
+eine Drehbank, auf der er zu seinem Vergnügen Serviettenringe
+drechselte. Er hatte ihrer schon eine Unmenge, die er mit der
+Eifersucht eines Künstlers und dem Geiz des Spießers hütete.
+
+Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mußten dort aber die
+drei Müllerburschen hinauskomplimentiert werden. Während man drin
+für ihn deckte, blieb er in der großen Gaststube stumm in der Nähe
+des Ofens stehen, dann ging er hinein, klinkte die Türe ein und
+nahm seine Mütze ab. Das hatte alles so seine Ordnung.
+
+»An übermäßiger Höflichkeit wird der mal nicht sterben!« bemerkte
+der Apotheker, als er wieder mit der Wirtin allein war.
+
+»Er redet nie viel,« entgegnete diese. »Vergangene Woche waren
+zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die uns den ganzen Abend
+Schnurren erzählt haben. Ich wäre beinahe umgekommen vor Lachen.
+Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
+verzogen.«
+
+»Ja, ja,« sagte der Apotheker, »der Mensch hat keine Phantasie,
+keinen Witz, keinen geselligen Sinn!«
+
+»Er soll aber wohlhabend sein,« warf die Wirtin ein.
+
+»Wohlhabend?« echote Homais. »Der und wohlhabend!« Und gelassen
+fügte er hinzu: »Gott ja, so für seine Verhältnisse. Das ist schon
+möglich!«
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: »Hm! Wenn ein Kaufmann, der
+ein großes Geschäft hat, oder ein Rechtsanwalt, ein Arzt, ein
+Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, daß er zum Griesgram
+oder Sonderling wird, so verstehe ich das. Davor gibt es Beispiele
+und Exempel. Solche Leute haben immerhin Gedanken im Kopfe. Wie
+oft ists mir nicht selber passiert, daß ich meinen Federhalter auf
+meinem Schreibtische gesucht habe, um ein Schildchen auszufüllen
+oder so was, -- und weiß der Kuckuck, schließlich hatte ich ihn
+hinterm rechten Ohre stecken!«
+
+Frau Franz ging indessen an die Haustür, um nachzusehen, ob die
+Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da trat
+ein schwarz gekleideter Mann in die Küche. Das Dämmerlicht
+beleuchtete sein kupferrotes Antlitz und umfloß seine herkulischen
+Linien.
+
+»Was steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?« fragte die Wirtin und
+nahm vom Kaminsims einen der Messingleuchter, die mit ihren weißen
+Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. »Haben Ehrwürden
+einen Wunsch? Ein Gläschen Wacholder oder einen Schoppen Wein?«
+
+Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seines
+Regenschirmes, den er tags zuvor im Kloster Ernemont hatte stehen
+lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn gelegentlich
+holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er sich, um
+nach der Kirche zu gehen, wo schon das Ave-Maria geläutet ward.
+
+Als die Tritte des Geistlichen draußen verklungen waren, machte
+der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben sehr
+ungebührlich benommen. Eine angebotene Erfrischung abzuschlagen,
+sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche Heuchelei. Die
+Pfaffen söffen insgeheim alle miteinander. Am liebsten möchten sie
+den Zehnten wieder einführen.
+
+Die Löwenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
+
+»Na, übrigens nimmt ers mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
+zugleich auf!« meinte sie. »Voriges Jahr hat er unsern Leuten beim
+Strohaufladen geholfen. Er hat immer sechs Schütten auf einmal
+getragen. So stark ist er!«
+
+»Natürlich!« rief Homais aus. »Schickt nur Eure Mädels solchen
+Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate was zu sagen hätte,
+dann kriegte jeder Pfaffe aller vier Wochen einen Blutegel
+angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier Wochen einen
+ordentlichen Aderlaß zur Hebung von Sicherheit und Sittlichkeit im
+Lande!«
+
+»Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlos! Sie haben keine Religion!«
+
+Homais erwiderte:
+
+»Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert als
+die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. Ich
+verehre Gott. Erst recht tue ich das. Ich glaube an eine höhere
+Macht, an einen Schöpfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht in Frage.
+Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre Pflichten als
+Staatsbürger und Familienväter erfüllen. Aber ich habe kein
+Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, silbernes Gerät zu küssen und
+eine Bande von Possenreißern aus meiner Tasche zu mästen, die sich
+besser hegen und pflegen als ich mich selber. Gott kann man viel
+schöner verehren im Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach
+antiker Anschauung angesichts der Gestirne am Himmel. Mein Gott
+ist der Gott der Philosophen und Künstler. Ich bin für Rousseaus
+Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Für die unsterblichen
+Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den sogenannten
+lieben Gott, der mit einem Spazierstöckchen in der Hand gemütlich
+durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in einem
+Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
+dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Das ist schon an und
+für sich Blödsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! Es
+beweist aber nebenbei, daß sich die Pfaffen in der schmachvollen
+Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen möchten, mir
+Wollust selber herumsielen.«
+
+Er schwieg und überschaute seine Zuhörerschaft. Er hatte sich ins
+Zeug gelegt, als spräche er vor versammeltem Gemeinderat. Die
+Wirtin war längst aus der Gaststube gelaufen. Sie lauschte draußen
+und vernahm ein fernes rollendes Geräusch. Bald hörte sie deutlich
+das Rasseln der Räder und das Klappern eines lockeren Eisens auf
+dem Pflaster. Endlich hielt die Postkutsche vor der Haustüre.
+
+Es war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenrädern, die bis an
+das Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem Reisenden jegliche
+Aussicht und bespritzten ihn fortwährend. Die winzigen Scheiben in
+den Wagenfenstern klirrten in ihrem Rahmen. Wenn man sie
+heraufzog, sah man, daß sie vor Staub und Straßenschmutz starrten.
+Der stärkste Platzregen hätte sie nicht rein gewaschen. Das
+Fahrzeug war mit drei Pferden bespannt: zwei Stangen- und einem
+Vorderpferde.
+
+Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alles
+redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
+wollte irgendwelche Auskunft, ein dritter erwartete eine
+Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wußte gar nicht, wem er
+zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte nämlich allerlei Aufträge
+für die Landleute in der Stadt zu übernehmen. Er machte Einkäufe,
+brachte dem Schuster Leder und dem Schmied altes Eisen mit; er
+besorgte der Posthalterin eine Tonne Heringe, holte von der
+Modistin Hauben und vom Friseur Lockenwickel. Auf dem Rückwege
+verteilte er dann die Pakete längs seiner Fahrstraße. Wenn er am
+Gehöft eines Auftraggebers vorbeifuhr, schrie er aus voller Kehle
+und warf das Paket über den Zaun in das Grundstück, wobei er sich
+von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke ohne
+Zügel laufen ließ.
+
+Heute kam er mit Verspätung. Unterwegs war Frau Bovarys Windspiel
+querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff man nach
+ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zurück; aller
+Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schließlich
+aber mußte weitergefahren werden.
+
+Emma weinte und war ganz außer sich. Karl sei an diesem Unglück
+schuld. Herr Lheureux, der Modewarenhändler, der mit in der Post
+fuhr, versuchte sie zu trösten, indem er ein Schock Geschichten
+von Hunden erzählte, die entlaufen waren und sich nach langen
+Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
+anderem wußte er von einem Dackel zu berichten, der von
+Konstantinopel aus den Weg nach Paris zurückgefunden haben sollte.
+Ein andrer Hund war hinter einander dreißig Meilen gelaufen und
+hatte dabei vier Flüsse durchschwommen. Und sein eigner Vater
+hatte einen Pudel besessen; der war volle zwölf Jahre weg. Eines
+Abends, als der alte Lheureux durch die Stadt nach dem Gasthaus
+ging, sprang der Hund an ihm hoch.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
+eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
+beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
+
+Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der »gnädigen Frau«
+und dem »Herrn Doktor« gegenüber in Galanterien und Höflichkeiten.
+Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben,
+ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in herzlichem Tone fügte er
+hinzu, er lüde sich für heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei
+Strohwitwer.
+
+Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den
+Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu
+den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit schwarzledernen
+Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in der die Hammelkeule
+am Spieß gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt
+und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre
+poröse weiße Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von
+Zeit zu Zeit schlössen. Der Luftzug strich durch die halboffene
+Tür und rötete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am
+Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem
+Haar, der sie stumm betrachtete.
+
+Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der
+Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich gehörig in
+Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters absichtlich zu spät,
+in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause
+verplaudern zu können. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar
+nichts zu tun hatte, mußte er aus Langeweile wohl oder übel
+pünktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Käse Binets
+Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht,
+heute mit den neuen Gästen zusammen zu essen; er war mit Vergnügen
+darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal für vier
+Personen gedeckt worden.
+
+Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
+Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht.
+
+Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten.
+
+»Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?« begann er. »In
+unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerüttelt.«
+
+»Freilich!« gab Emma zur Antwort. »Aber dieses Drüber und Drunter
+macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.«
+
+»Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!« seufzte
+der Adjunkt.
+
+»Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen müßten ...«,
+warf Karl ein.
+
+Leo wandte sich an Emma:
+
+»Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein guter
+Reiter sein.«
+
+»Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend
+ziemlich bequem«, meinte der Apotheker. »Die Wege sind nämlich
+soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im
+allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
+wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
+abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und
+Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl Fälle
+von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten schwere
+Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die zahlreichen
+skrofulösen Leiden, die zweifellos von den kläglichen hygienischen
+Verhältnissen in den Bauernhäusern herrühren. Ja, ja, Herr Bovary,
+Sie werden öfters mit altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und
+vielfach werden Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle
+Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute
+hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit
+Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt daß sie von
+vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im übrigen ist
+das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche
+Neunzigjährige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die
+Maximalkälte im Winter 4° Celsius, während wir im Hochsommer auf
+25°, höchstens 30° kommen. Das wäre ein Maximum von 24° Reaumur.
+Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor
+den Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den
+Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese
+Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses
+und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten
+hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also
+Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff
+und Sauerstoff!), -- diese Wärme, die den Humus aussaugt und alle
+Dünste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke
+zusammenballt und sich mit der Elektrizität der Atmosphäre
+verbindet, die könnte schließlich (wie in den Tropenländern)
+gesundheitsschädliche Miasmen erzeugen --, diese Wärme, sag ich,
+wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen
+könnte, das heißt im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die
+ihre Kühle über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich
+als sanftes Mailüfterl wehen ...«
+
+»Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?«
+fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches mit dem jungen Manne.
+
+»Leider nur sehr wenige«, entgegnete er. »Einen hübschen Ort gibt
+es auf der Höhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort
+sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh
+mir den Sonnenuntergang an.«
+
+»Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,« schwärmte
+Emma, »zumal am Gestade des Meeres!«
+
+»Ach, ich bete das Meer an!« stimmte Leo bei.
+
+»Haben Sie nicht auch die Empfindung,« fuhr Frau Bovary fort, »daß
+die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt,
+die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben,
+in die Sphäre der Ideen, der Ideale?«
+
+»Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso«, meinte Leo. »Ich habe
+einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht
+hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, könne man sich
+den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber
+der Wasserfälle und den großartigen Eindruck der Gletscher. Über
+Gießbächen hängen riesige Fichten, und am Rande von tiefen
+Abgründen kleben Alpenhütten; und wenn die Wolken einmal
+zerreißen, erblickt man tausend Fuß unten in der Tiefe die langen
+Täler. Wer das schaut, muß in Begeisterung geraten, in
+Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen
+berühmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften
+arbeiten konnte.«
+
+»Treiben Sie Musik?« fragte Emma.
+
+»Nein, aber ich liebe die Musik!« antwortete er.
+
+»Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!« mischte sich Homais ein.
+»Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewiß, mein
+Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das
+Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem
+Laboratorium aus gehört. Sie haben eine Stimme wie ein
+Opernsänger!«
+
+Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im zweiten
+Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem
+Komplimente seines Hauswirtes wurde er über und über rot.
+
+Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
+bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er wußte
+tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das Vermögen des
+Notars könne er nichts Genaues sagen. Auch über die Familie
+Tüvache munkele man so allerlei.
+
+Emma fuhr fort:
+
+»Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?«
+
+»Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...«
+
+»Kennen Sie die Italiener?«
+
+»Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich habe die
+Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu
+vollenden.«
+
+»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,«
+sagte wiederum der Apotheker, »als ich ihm von dem armen
+Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den
+Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der
+komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre
+Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das Vorhandensein einer
+Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch
+unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle
+denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein großes Eßzimmer, eine
+Küche mit Speisekammer, eine Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr
+Vorgänger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht
+ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen,
+da hat er sich ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an
+Sommerabenden sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die
+Blumenzucht liebt ...«
+
+»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl.
+»Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie
+lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.«
+
+»Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als
+abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen,
+während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?«
+
+»So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen
+schwarzen Augen voll an.
+
+Er fuhr fort:
+
+»Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man
+sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man
+wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden
+Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich
+in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der
+Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigne
+Herz in ihnen.«
+
+»Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus.
+
+»Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
+bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
+längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit
+einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem,
+als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...«
+
+»Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie.
+
+»Und darum«, fuhr er fort, »liebe ich die Dichter über alles. Ich
+finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren so schön zu
+Tränen!«
+
+»Aber sie ermüden auf die Dauer,« wandte Emma ein, »und daher
+ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und
+aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
+Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.«
+
+»Gewiß,« bemerkte der Adjunkt, »die naturalistischen Romane haben
+dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner
+Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so süß, sich
+aus den Häßlichkeiten des Daseins herauszuzüchten, wenigstens in
+Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu
+glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen
+Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville
+wenig Gelegenheit ...«
+
+»Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich
+ständig in einer Leihbibliothek abonniert.«
+
+Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau
+mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu
+benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten
+Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein
+paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von
+Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges,
+Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.«
+
+Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne
+Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen
+saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln
+hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer
+wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend
+von selber zuklappte.
+
+Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte,
+einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem
+Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen
+und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie
+mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder
+entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich
+Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen
+Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen
+andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu
+bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze,
+die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte,
+und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in
+ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war.
+
+Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen
+Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die
+kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen
+Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben.
+Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau
+Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem
+Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch
+hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran.
+
+Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem
+Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war
+hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur
+fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich
+alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander.
+
+Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die
+Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte
+Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
+Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
+fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen
+Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
+Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden
+Dämpfe.
+
+Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen,
+Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer
+hatten alles so stehen und liegen lassen.
+
+Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das
+erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das
+zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß
+Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein
+neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß
+sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen
+könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so
+müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
+Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
+zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
+schloß das Fenster.
+
+Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es
+sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand
+er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische
+saß.
+
+Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis
+dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame«
+geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche
+Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem
+unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine
+gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei
+zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er
+hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich
+in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen
+Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er
+aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen
+Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten
+spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und
+Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war;
+öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem
+Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und
+dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch
+besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens
+Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von
+diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art
+»Mann für alles« geworden war.
+
+Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary
+die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen
+Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an
+der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen
+geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und
+billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den
+Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und
+Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von
+Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs
+Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde.
+
+Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem
+Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich
+früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI
+verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der
+sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines
+Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor
+den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte
+ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf
+dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer
+Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem
+Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es
+war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser.
+Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren.
+Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die
+Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier
+Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem
+Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine
+bringen.
+
+Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und
+Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche
+Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war
+und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
+ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
+durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
+ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
+falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden.
+Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ
+er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein
+wenig mit ihm zu schwatzen.
+
+Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang
+saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er
+machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau
+beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen,
+verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die
+Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die
+Anstreicher dagelassen hatten.
+
+Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes
+eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im
+Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug.
+Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren
+daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war
+vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
+tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in
+tausend Stücke zerschellt war.
+
+Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
+Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so
+liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande
+von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen
+Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen
+Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer
+miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem
+Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
+seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte
+ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer
+herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend
+zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der
+Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte
+ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was
+Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt
+sein.
+
+In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann
+kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
+wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als
+sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen
+und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine
+plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung
+selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in
+Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden
+dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich
+stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe
+von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei
+allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch
+Emma mehr daran zu denken.
+
+Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
+sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem
+männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
+Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein
+nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier
+Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf
+gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten
+Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten.
+Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den
+Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
+den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt
+es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen
+möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht
+losläßt.
+
+An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als
+die Sonne aufging.
+
+»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl.
+
+Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich
+auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu
+umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige
+Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue
+Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
+
+Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind
+bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch
+klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
+gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte
+den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber
+davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch
+und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
+
+»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber
+gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen
+Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die
+Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau
+Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für
+Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke
+erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen
+Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
+Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia
+(zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine
+philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der
+Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den
+Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu
+scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
+
+Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört
+hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise«
+angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die
+Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde
+Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk
+allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs
+Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade
+und sechs Päckchen Malzbonbons.
+
+Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
+erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein
+patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole
+vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze
+aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand
+darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine
+»Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß.
+Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen
+Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches
+Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen
+baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich
+ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen.
+Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten
+Kaffeetasse.
+
+Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
+verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit
+Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf
+dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker
+Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen
+Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was
+selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine
+Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an
+Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß.
+
+Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in
+der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg,
+von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten,
+die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte
+Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte
+er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!«
+
+Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück
+ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen
+unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben,
+und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch
+schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen.
+
+Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in
+die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht,
+das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den
+Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes,
+zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag.
+
+Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen.
+Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren
+Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte.
+Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen
+weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo
+eintreten und sich ausruhen sollte.
+
+In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine
+Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und
+stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem
+Lheureuxschen Modewarenladen.
+
+Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
+aber müde zu werden beginne.
+
+»Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
+
+»Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des
+Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend
+desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die
+Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens,
+Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
+
+Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der
+Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen,
+der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der
+Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den
+Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden
+Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken
+in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der
+kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre
+Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte.
+
+Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich
+auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor
+ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit
+ganz leisem Summen.
+
+Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es
+umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache.
+Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine
+Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat,
+Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An
+der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen
+rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch
+verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote
+baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke
+flatterte ein großes Stück Leinwand.
+
+Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind
+an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich
+aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines
+Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in
+Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten.
+
+»Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft
+drinnen.«
+
+In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein
+großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der
+Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In
+der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit
+blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder
+herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein
+Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen
+Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine
+»trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik,
+das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
+
+Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie
+nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann
+es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang.
+
+Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen
+Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
+vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
+sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind
+wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am
+Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke
+abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon.
+
+»Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe
+weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie
+doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß
+ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche
+brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann
+nicht immer zu stören.«
+
+»Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!«
+
+Beim Hinausgehen schüttelte sie sich.
+
+Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie
+in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so
+häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen,
+daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen
+gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch
+trinke, reiche ich damit vier Wochen.«
+
+Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich
+hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
+mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie
+das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte
+sich um. Es war die Amme.
+
+»Was wollen Sie noch?«
+
+Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von
+ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs
+Franken Pension im Jahre ...«
+
+»Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall.
+
+»Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen
+jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird
+böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie
+wissen, wie die Männer sind ...«
+
+»Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
+Sie langweilen mich.«
+
+»Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die
+schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
+Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...«
+
+»Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma.
+
+»Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte,
+»wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals
+einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...«
+
+Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus:
+
+»Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer
+Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...«
+
+Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie
+Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde
+sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war,
+glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen
+Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes
+wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand
+fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst
+trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten;
+er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
+aufbewahrte.
+
+Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in
+der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man
+drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von
+den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß
+lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser
+neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung
+treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und
+wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen
+und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen
+Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die
+Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen
+Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so
+verlassen ...
+
+Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die
+junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang
+ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie
+redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.
+
+Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
+nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die
+Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen
+Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres
+Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab.
+Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder
+Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick
+in den Spitzen hängen.
+
+Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst
+im Rouener Theater gastieren sollte.
+
+»Werden Sie hinfahren?« fragte Emma.
+
+»Wenn ich kann, ja!«
+
+Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen
+sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so
+banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im
+Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
+Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem
+oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen
+Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
+Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
+Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit
+über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch
+herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne
+den Horizont nach dem Woher zu fragen.
+
+An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen
+und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die
+Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma
+eine Weile stehen, um zu erspähen, wohin sie den nächsten Schritt
+zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen
+hoch und beugte sich vornüber. Aber bei aller Hilflosigkeit und
+Angst, in den Tümpel zu treten, lachte sie doch.
+
+Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte
+auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
+seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in
+einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich
+ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von
+Argueil ein Stück hinauf, nach dem »Futterplatz« am Waldrande.
+Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das
+Himmelsblau, die Hände locker über den Augen.
+
+»Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!« seufzte er.
+
+Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als
+Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem gräßlichen
+Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten
+Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte auch der
+geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit
+gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen
+Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville?
+Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin,
+sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter,
+Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in
+der Wirtschaft ließ sie alles drunter und drüber gehn. Sie war
+eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewöhnlich aus und war in
+ihrer Unterhaltung höchst beschränkt. Alles in allem war sie eine
+ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre
+alt war und er zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und
+obgleich er täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in
+den Sinn gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit
+ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Röcke.
+
+Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar
+Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
+Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige,
+mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten,
+unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit
+denen zu verkehren glatt unmöglich war.
+
+Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,
+einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lägen
+tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er
+Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte
+die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn
+bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht,
+für aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem
+vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmöglich schien.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem
+Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen niedrigen Raume
+im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle
+und betrachtete die Leute, die draußen vorübergingen.
+
+Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
+Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie
+neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an
+der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet und ohne den
+Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, auf dem
+Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, überlief sie ein
+Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten seines Schattens. Dann
+fuhr sie auf und befahl das Essen.
+
+Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen in
+der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu stören,
+jedesmal mit derselben Redensart: »Guten Abend, die Herrschaften!«
+Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den
+Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits
+erkundigte, ob diese auch zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten
+sich die beiden über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um
+diese Stunde wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
+sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
+darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und Auslands. Wenn
+auch dieser Gesprächsstoff erschöpft war, konnte er ein paar
+Bemerkungen über die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrücken.
+Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary
+artig auf das zarteste Stück Fleisch aufmerksam, oder er wandte
+sich an das Dienstmädchen und gab ihr Ratschläge über die
+Zubereitung eines Ragouts oder über die richtige Verwendung der
+Gewürze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über
+aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu
+sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen
+in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig
+und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle
+neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder
+das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine
+wieder verwendbar zu machen.
+
+Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
+Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen
+Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer war. Er
+kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für das Haus des
+Arztes.
+
+»Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!« meinte er. »Der
+Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmädel
+verguckt!«
+
+Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche
+auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. Beispielsweise
+sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn
+er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu
+schaffen.
+
+An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige Gäste.
+Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
+Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und
+seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt stellte
+sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel hörte, eilte er
+Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die
+Überschuhe, die sie bei Schnee trug.
+
+Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
+Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half ihr.
+Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles gestützt, betrachtete
+er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei
+jeder ihrer Bewegungen während des Kartenspiels raschelte ihr
+Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte
+ihre Haut einen bräunlichen Farbenton, der sich nach dem Rücken zu
+aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock
+bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine
+Menge Falten und bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und
+wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
+zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen getreten.
+
+Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
+spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und
+sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die »Illustrierte Zeitung« an.
+Oft hatte sie auch ihren »Bazar« mitgebracht. Leo nahm neben ihr
+Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit
+dem Umblättern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte
+vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten
+Stellen flüsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine störte ihn.
+Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch
+unverschämtes Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren,
+setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange,
+da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
+Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte ihm
+zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm
+herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer Kutsche
+und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit
+einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die
+eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie lispelnd
+miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so süßer, als
+niemand ihrer lauschte.
+
+So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
+fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, der
+keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. Zu
+seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, der
+über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine
+Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach
+Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. Als infolge
+eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein
+Exemplar, das er während der Fahrt in der Post vor sich auf den
+Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger.
+
+Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre
+Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim
+Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden.
+
+Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine
+Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle
+Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem
+Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Köchin; sogar seinem
+Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber
+warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare
+Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es
+unumstößlich fest: sie war »seine gute Freundin.«
+
+Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
+unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und Klugheit
+schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig grob:
+
+»Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der Clique!«
+
+Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma
+erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, sich
+ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine Feigheit. Er
+vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft
+genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. Er schrieb Briefe,
+die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch
+verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr,
+alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut,
+und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart
+zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen,
+war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der »gnädigen Frau« adieu
+und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stück von ihr?
+
+Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war
+ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter
+Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
+Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen entreißt,
+wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund
+schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den flachen Dächern
+der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so
+wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit
+einem Male den Riß in der Mauer bemerkt hätten.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Es war an einem Sonntag nachmittag im Februar. Es schneite.
+
+Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
+Ausflug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
+halbe Stunde talabwärts von Yonville, zu besichtigen. Napoleon und
+Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben sollten;
+und auch Justin war dabei, ein Bündel Regenschirme auf der
+Schulter.
+
+Die neue Sehenswürdigkeit war eigentlich nichts weniger als
+sehenswert. Um einen großen öden Platz, auf dem zwischen Sand- und
+Steinhaufen bereits ein paar verrostete Maschinenräder lagen, zog
+sich im Viereck ein Gebäude mit einer Menge kleiner Fenster hin.
+Es war noch nicht ganz vollendet; durch den ungedeckten Dachstuhl
+erblickte man den grauen Himmel. An einem Giebelhaken hing ein
+Hebefestkranz aus Stroh und Ähren mit einem im Winde flatternden
+weiß-rot-blauen Wimpel.
+
+Homais machte den Führer. Er erklärte der Gesellschaft die
+künftige Bedeutung des Etablissements und schätzte die Stärke der
+Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr bedauerte, kein
+Metermaß bei sich zu haben.
+
+Emma hatte sich bei ihm eingehängt. Sie stützte sich ein wenig auf
+seinen Arm und schaute träumerisch in die Ferne nach der
+Sonnenscheibe, deren mattes rotes Licht mit dem Nebel kämpfte.
+Plötzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er hatte seine
+Mütze bis auf die Augenbrauen ins Gesicht hereingezogen. Seine
+dicken Lippen zitterten vor Frost, was ihm einen blöden Zug
+verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein behäbiger Rücken ärgerte
+sie. Sie fand, die breite Fläche seines Mantels kennzeichne die
+ganze Plattheit von Karls Persönlichkeit.
+
+Während sie ihn so verächtlich musterte, genoß sie eine gewisse
+perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die Kälte machte ihn
+bleich, was in sein Gesicht etwas Schmachtendes, Sanftes brachte.
+Sein vorn offener Kragen ließ zwischen Krawatte und Hals ein Stück
+Haut sehen; von seinem Ohr lugte ein Teilchen zwischen den
+Strähnen seines Haars hervor, und seine großen blauen Augen, die
+zu den Wolken aufschauten, kamen Emma viel klarer und schöner vor
+als in den Gedichten die Bergseen, in denen sich der Himmel
+spiegelt.
+
+»Rabenkind!« schrie plötzlich der Apotheker und schoß auf seinen
+Jungen los, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um schöne
+weiße Schuhe zu bekommen. Als er tüchtig ausgescholten wurde,
+begann er laut zu heulen. Justin versuchte, ihm die Stiefelchen
+mit einem Strohwisch zu reinigen, aber ohne Messer ging das nicht.
+Karl bot ihm seins an.
+
+»Unerhört!« dachte Emma bei sich. »Er trägt ein Messer in der
+Tasche wie ein Bauer!«
+
+Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
+Heimweg nach Yonville.
+
+An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbarsleuten hinüber.
+Als ihr Mann fort war und sie sich allein wußte, begann sie die
+beiden Männer von neuem zu vergleichen, und der andere stand in
+geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der eigentümlichen
+Linienveränderung, die das menschliche Gedächtnis vornimmt. Von
+ihrem Bette aus sah sie die lichte Glut im Kamin und daneben --
+ganz so wie vor ein paar Stunden -- Leo, den Freund. Er stand da,
+in gerader Haltung, in der rechten Hand den Spazierstock, und
+führte an der andern Athalia, die bedächtig an einem Eiszapfen
+saugte. Diese Szene hatte ihr gefallen, und sie konnte von diesem
+Bilde nicht loskommen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er an
+andern Tagen ausgesehen hatte, welche Worte er gesagt, in welchem
+Tone. Wie sein Wesen überhaupt sei ...
+
+Die Lippen wie zum Kusse gerundet, flüsterte sie immer wieder vor
+sich hin: »Ach, süß, süß!« Und dann fragte sie sich: »Ob er eine
+liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!«
+
+Mit einem Male sprach alles dafür. Das Herz schlug ihr vor Freude.
+Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fröhliche Lichter. Emma
+legte sich auf den Rücken und breitete ihre Arme weit aus.
+
+Dann aber hob sie ihr altes Klagelied an: »Ach, warum hat es der
+Himmel so gewollt? Warum nicht anders? Aus welchem Grunde?«
+
+Als Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, als wache
+sie auf; und als er sich etwas geräuschvoll auszog, klagte sie
+über Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte sie aber, wie der Abend
+verlaufen sei.
+
+»Leo ist heute zeitig gegangen«, erzählte Karl.
+
+Sie mußte lächeln, und mit dem Gefühl einer ungeahnten
+Glückseligkeit schlummerte sie ein.
+
+Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch des Herrn
+Lheureux, des Modewarenhändlers. Der war, wie man zu sagen pflegt,
+mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener Gascogner, war er
+doch ein vollkommener Normanne geworden; er einte in sich die
+lebhafte Redseligkeit des Südländers und die nüchterne
+Verschlagenheit seiner neuen Landsleute. Sein feistes,
+aufgeschwemmtes und bartloses Gesicht sah aus, als sei es mit
+Süßholztinktur gefärbt, und sein weißes Haar brachte den scharfen
+Glanz seiner munteren schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Was
+er früher getrieben, wußte man nicht. Manche munkelten, er sei
+Hausierer gewesen, andre sagten, Geldwechsler in Routot. Etwas
+aber stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
+ausführen. Selbst Binet kam dies unheimlich vor. Dabei war er
+kriechend höflich; er lief in immer halb gebückter Haltung herum,
+als ob er jemanden grüßen oder einladen wollte.
+
+Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der Türe
+ab, stellte einen grünen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
+dann unter tausend Floskeln bei Frau Bovary zu beklagen, daß er
+ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerdings sei
+eine »armselige Butike« wie die seine nicht gerade verlockend für
+eine »elegante Dame«. Diese beiden Worte betonte er ganz
+besonders. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache sich
+anheischig, ihr alles nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, Wäsche,
+Strümpfe, Modewaren, was sie brauche. Er fahre regelmäßig viermal
+im Monat nach der Stadt und stehe mit den ersten Firmen in
+Verbindung. Sie könne sich überall nach ihm erkundigen. Heute
+komme er nur ganz im Vorübergehen, um der gnädigen Frau ein paar
+feine Sachen zu zeigen, die er durch einen ganz besonders
+günstigen Gelegenheitskauf erworben hätte. Dabei packte er aus dem
+Kasten ein halbes Dutzend gestickter Halskragen.
+
+Frau Bovary besah sie sich.
+
+»Ich brauche nichts«, bemerkte sie.
+
+Nunmehr kramte der Händler behutsam drei algerische Seidentücher
+aus, mehrere Pakete englischer Nähnadeln, ein paar strohgeflochtne
+Pantoffeln und schließlich vier Eierbecher aus Kokosnußschale,
+filigranartige Schnitzarbeiten von Sträflingen. Sich mit beiden
+Händen auf den Tisch stützend, mit langem Hals und offnem Mund,
+beobachtete er Emmas Augen, die unentschlossen in all diesen
+Gegenständen herumsuchten. Von Zeit zu Zeit strich er mit dem
+Fingernagel über die lang hingebreiteten Tücher, als wolle er ein
+Stäubchen entfernen; die Seide knisterte leise, und das grünliche
+Dämmerlicht glitzerte auf den Goldfäden des Gewebes in sternigen
+Funken.
+
+»Was kostet so ein Tuch?« fragte Emma.
+
+»Ein paar Groschen!« antwortete er. »Ein paar Groschen! Aber das
+eilt ja nicht. Ganz wanns Ihnen paßt! Unsereiner ist ja kein
+Jude!«
+
+Sie dachte einen Augenblick nach, schließlich dankte sie dem
+Händler, der gelassen erwiderte:
+
+»Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bisher mit allen Damen
+vertragen, mit meiner nur nicht.«
+
+Emma lächelte. Er sah es und fuhr mit der Maske des Biedermannes
+fort:
+
+»Ich wollte damit nur gesagt haben, daß Geld Nebensache ist. Wenn
+Sie mal welches brauchten, könnten Sie es von mir haben.«
+
+Sie machte eine erstaunte Miene.
+
+Schnell flüsterte er:
+
+»Oh! Ich verschaffte es Ihnen auf der Stelle! Darauf können Sie
+sich verlassen!«
+
+Davon abspringend, erkundigte er sich flugs nach dem alten
+Tellier, dem Wirt vom Café Français, den Bovary gerade in
+Behandlung hatte.
+
+»Was fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, daß
+sein ganzes Haus wackelt. Ich fürchte, ich fürchte, er läßt sich
+eher zu einem Überzieher aus Fichtenholz Maß nehmen als zu einem
+aus Wintertuch. Na, solange er auf dem Damme war, da hat er schöne
+Zicken gemacht! Die Sorte, gnädige Frau, die wird nie vernünftig!
+Und dann der Schnaps, das ist allemal der Ruin! Aber es ist immer
+betrübend, wenn man sieht, wie es mit einem alten Bekannten zu
+Ende geht.«
+
+Während er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
+schwatzte er so von allen möglichen Patienten des Arztes.
+
+»Das liegt am Wetter, ganz zweifellos!« erhärte er, indem er
+verdrießlich durch die Fensterscheiben sah. »Das bringt alle diese
+Krankheiten. Es geht mir ja selber so: ich fühle mich gar nicht
+recht au fait. Werde wohl demnächst auch mal zu Ihrem Herrn
+Gemahl in die Sprechstunde kommen müssen. Meiner Kreuzschmerzen
+wegen. Na, auf Wiedersehen, Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer
+Verfügung! Gehorsamster Diener!«
+
+Und er schloß die Türe sacht hinter sich.
+
+Emma ließ sich das Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
+Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und es
+schmeckte ihr alles vorzüglich.
+
+»Wie vernünftig ich doch war!« sagte sie bei sich und dachte an
+die Seidentücher.
+
+Da hörte sie Tritte auf der Treppe. Es war Leo. Sie stand schnell
+auf und nahm von der Kommode von einem Stoß Wischtücher, die
+gesäumt werden sollten, das oberste zur Hand. Als der junge Mann
+eintrat, tat sie sehr beschäftigt.
+
+Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
+schwieg immer wieder, und Leo war aus Schüchternheit einsilbig. Er
+saß nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und spielte mit ihrem
+elfenbeinernen Nadelbüchschen.
+
+Emma nähte oder glättete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel den
+umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nichts, weil
+ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, als ob sie wer weiß
+was gesprochen hätte.
+
+»Armer Junge!« dachte sie.
+
+»Warum bin ich bei ihr in Ungnade?« fragte er sich.
+
+Schließlich fing er an zu reden. Er müsse in den nächsten Tagen
+nach Rouen fahren. In einer Berufsangelegenheit.
+
+»Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich es erneuern?«
+
+»Nein«, entgegnete sie.
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil ...«
+
+Emma biß sich auf die Lippen. Umständlich zog sie den grauen Zwirn
+hoch. Leo ärgerte sich über ihre Emsigkeit. »Warum zersticht sie
+sich die Finger?« dachte er. Eine galante Bemerkung fuhr ihm durch
+den Sinn, aber er wagte nicht, sie auszusprechen.
+
+»So wollen Sie es also aufgeben?«
+
+»Was?« fragte sie nervös. »Die Musik? Ach, du mein Gott! Ich habe
+soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen und
+tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!«
+
+Sie blickte nach der Uhr. Karl hätte schon längst heim sein
+müssen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte sie
+im Gespräche:
+
+»Mein Mann ist so gut!«
+
+Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
+Zärtlichkeit befremdete ihn auf das unangenehmste. Gleichwohl
+stimmte er in ihr Lob ein.
+
+»Darüber sind wir uns alle einig; der Apotheker sagts auch immer!«
+erklärte er.
+
+»Ja, ja, er ist ein prächtiger Mensch!« wiederholte sie.
+
+»Gewiß!« bestätigte der Adjunkt.
+
+Er begann dann von Frau Homais zu sprechen, über deren sehr
+nachlässige Kleidung sich die beiden sonst häufig amüsierten.
+
+»So schlimm ist es gar nicht!« behauptete Emma heute. »Eine gute
+Hausfrau kann sich nicht bloß um ihre Toilette kümmern.«
+
+Dann versank sie in ihr früheres Stillschweigen.
+
+So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
+Benehmen, ihr ganzes Wesen waren wie verwandelt. Sie kümmerte sich
+um ihr Haus, ging wieder regelmäßig in die Kirche und hielt ihr
+Dienstmädchen strenger.
+
+Die kleine Berta wurde aus der Ziehe zurückgeholt. Wenn Besuch
+kam, brachte Felicie das Kind herein, und Frau Bovary zeigte, was
+für stramme Beinchen es hatte. Sie beteuerte, Kinder hätte sie
+über alles gern; das ihre sei ihr Trost, ihre Freude, ihr Glück.
+Dabei liebkoste sie es unter einem Schwall von schwärmerischen
+Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die biederen Yonviller waren
+keine! -- an die Sachette in Viktor Hügos »Notre-Dame« erinnert
+hätten.
+
+Wenn Karl heimkam, fand er seine Hausschuhe gewärmt am Kamine
+stehen, seine Westen hatten kein zerrissenes Futter mehr, und an
+seinen Hemden waren die Knöpfe immer vollzählig. Er hatte sogar
+das Vergnügen, seine Hüte und Mützen wohlgeordnet im Schranke
+hängen zu sehen. Emma lehnte es mit einem Male nicht mehr ab, ihn
+zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. Sie war mit
+jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort einverstanden; selbst
+wenn sie den Zweck nicht recht einsah, fügte sie sich ohne Murren.
+Wenn Leo die beiden nach Tisch so sah: ihn am Kamin, die Hände
+über dem Bauche gefaltet, die Füße behaglich gegen die Glut
+gestemmt, die Backen noch rot vom Mahle und die Äuglein in eitel
+Wonne schwimmend, vor sich das Kind, das auf dem Teppich
+herumrutschte, und daneben die feinlinige schlanke Frau, wie sie
+sich über die Lehne seines Großvaterstuhls beugte und ihm einen
+Kuß auf die Stirn gab, -- dann sagte er sich:
+
+»Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!«
+
+Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
+jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
+sie zu vergöttern. Allmählich verlor sie in seinen Augen ihre
+Körperlichkeit, die nun einmal doch für ihn nicht da war. Vor
+seiner Phantasie schwebte sie immer höher, umstrahlt von einer
+Gloriole. Seine reine Liebe hatte nichts mehr mit seinem
+Alltagsleben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
+Verlust mehr Schmerz bereitet, als der körperliche Besitz der
+Geliebten Genuß gewährt.
+
+Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
+schmächtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren großen
+Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange und ihrer
+jetzigen Schweigsamkeit schien sie durchs Leben zu schreiten, ohne
+den Erdboden zu berühren, und es war, als trüge sie auf der Stirne
+das geheimnisvolle Mal einer höheren Bestimmung. Sie war so
+traurig und so still, so sanft und dabei so unnahbar, daß man ihre
+Gegenwart wie eine eiskalte Wonne empfand. Geradeso mischt sich in
+den Kirchen in den Duft der Rosen die Kälte des Marmors, so daß
+man zusammenschauert. Es lag ein seltsamer Zauber darin, dem
+niemand entrann.
+
+»Sie ist eine Frau großen Stils,« sagte der Apotheker einmal, »sie
+müßte einen Minister zum Manne haben!«
+
+Die Spießbürger rühmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
+höfliches Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
+
+Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Haß.
+Hinter ihrem klösterlichen Kleid stürmte ein weltverlangendes
+Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
+Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
+um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der
+Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur
+gestört. Beim Hören seiner Tritte zitterte sie. Sobald er aber
+eintrat, verflog diese Erregung, und sie fühlte nichts als
+namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
+
+Leo ahnte nicht, daß Emma ans Fenster eilte, um ihm nachzusehen,
+wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe beobachtete
+sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen Augen. Sie erfand
+einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu haben, sein Zimmer
+einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr beneidenswert, weil
+sie mit ihm unter einem Dache schlafen durfte. Ihre Gedanken
+ließen sich immer wieder auf seinem Hause nieder, just wie die
+Tauben vom Goldnen Löwen, die hingeflogen kamen, um ihre roten
+Stelzen und weißen Flügel in der Dachrinne zu netzen.
+
+Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewußt ward, um so mehr
+drängte sie sie zurück. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
+bleiben. Wohl war es ihr Sehnen, daß Leo die Wahrheit bemerke; sie
+erträumte sich Zufälle und Katastrophen, die dies herbeiführten.
+Aber ihre Passivität, die Angst vor der Entscheidung und auch ihr
+Schamgefühl hielten sie zurück. Sie bildete sich ein, sie hätte
+sich ihn bereits allzusehr entfremdet, es wäre nun zu spät und
+alles sei verloren. Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude:
+»Ich bin eine anständige Frau geblieben!« Sie stellte sich vor den
+Spiegel in der Pose der Resignation. Das tröstete sie ein wenig ob
+des Opfers, das sie zu bringen wähnte.
+
+Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre Lüsternheit nach Reichtum
+und Luxus und ihre schwermütige Liebe ergaben alles in allem ein
+einziges Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen zuzuwenden,
+verlor sie sich immer mehr in dieses Leid, gefiel sich darin und
+trug es in alle Einzelheiten ihres Lebens. Ein ungeschickt
+serviertes Gericht, eine offengelassene Türe brachte sie in
+Aufregung. Ein hübsches Kleid, das sie nicht haben konnte, ein
+Vergnügen, auf das sie verzichten mußte, machte sie unglücklich.
+Weil sich ihre kühnen Träume nicht erfüllten, ward ihr das Haus zu
+eng.
+
+Daß Karl keine Dulderin in ihr sah, das empörte sie am
+allermeisten. Seine felsenfeste Überzeugung, daß er seine Frau
+glücklich mache, dünkte sie Beschränktheit, Beleidigung,
+Undankbarkeit. Für wen war sie denn so vernünftig? War es nicht
+gerade Karl, der sie von jedwedem Glück trennte? War nicht er der
+Anlaß all ihres Elends, das Schloß an der Tür ihres qualvollen
+Käfigs?
+
+So häufte sie auf ihn alle Bitternisse ihres Herzens. Jeder
+Versuch, diese Verstimmungen zu bekämpfen, verschlimmerten sie
+nur. Denn die vergebliche Mühe machte sie noch mutloser und
+entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine Gutmütigkeit
+reizte sie zur Rebellion. Die Spießerlichkeit ihrer Wohnung
+verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und die
+ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gelüsten. Sie bedauerte es,
+daß Karl sie nicht schlecht behandelte; dann hätte sie gerechten
+Anlaß gehabt, sich an ihm zu rächen. Zuweilen freilich erschrak
+sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und immer
+mußte sie lächeln, wenn sie in einem fort hörte, daß sie glücklich
+sei, oder wenn sie sich gar selber noch Mühe gab, so zu tun und
+die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
+
+Manchmal hatte sie diese Komödie satt. Sie fühlte sich versucht,
+mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
+fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
+ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgründe.
+
+»Er liebt mich ja gar nicht mehr!« sagte sie sich. »Was soll da
+aus mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
+Erleichterung bleibt mir noch?«
+
+Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
+unter endlosen Tränen.
+
+»Warum sagt es die gnädige Frau nicht dem Herrn Doktor?« fragte
+das Dienstmädchen, als es einmal während eines solchen Anfalles
+ins Zimmer kam.
+
+»Ach was! Ich bin nervös!« erklärte Emma. »Daß du ihm ja nichts
+davon erzählst! Du würdest ihn nur beunruhigen.«
+
+»Ach Gott«, meinte Felicie. »Der Tochter des alten Fischers Guérin
+aus Pollet, einer Bekannten von mir in Dieppe, wo ich vorher
+gedient habe, der ging es ganz genau so. War die trübsinnig!
+Schrecklich trübsinnig! Und leichenblaß sah sie immer aus. Ihr
+Leiden war so was wie ein Nebel im Kopfe, und die Ärzte und sogar
+der Pfarrer wußten kein Mittel dagegen. Wenns ganz schlimm kam,
+dann lief sie immer ganz allein ans Meer. Der Zollaufseher hat sie
+auf seiner Patrouille oft gesehen, platt auf dem Bauche liegen und
+auf den Steinen weinen. Später, als sie einen Mann hatte, soll
+sichs gegeben haben ...«
+
+»Bei mir aber«, erwiderte Emma, »ist es erst nach der Hochzeit so
+gekommen.«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch
+Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten
+den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr das
+Ave-Maria-Läuten ins Ohr.
+
+Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind
+hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für die
+Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin
+leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen in den
+flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen
+Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf,
+duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
+zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen.
+Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit
+wehmütigem Frieden.
+
+Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der
+jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
+die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die
+blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen Säulchen
+emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien mögen in der
+langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell abhoben von den
+schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen hingesunkenen
+Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie aufschaute und in
+das von bläulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna
+blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt
+gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der
+Sturmwind wegweht ...
+
+Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, fand
+sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie
+ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles
+Irdische zu vergessen.
+
+Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder
+aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
+zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Läuten
+der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. Übrigens war das
+Läuten ein Zeichen für die Kinder im Dorfe, daß es Zeit zur
+Katechismusstunde war.
+
+Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
+Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, baumelten
+mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die hohen
+Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der
+niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige
+bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz dicht aneinander,
+und über ihnen lag beständig feiner Staub, der dem reinigenden
+Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen darüber wie über
+einen eigens für sie hingebreiteten Teppich, und ihre
+aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der
+Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der großen Glocke,
+der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin
+und her geschleift war, beruhigte sich allmählich. Schwalben
+schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoßend,
+und flogen zurück in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im
+Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht
+unter einer hängenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie
+ein über dem Öl schwimmender zittriger weißer Fleck aus. Ein
+langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem
+Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen.
+
+»Wo ist der Pfarrer?« fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
+damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte
+völlig abzuwürgen.
+
+»Der wird gleich kommen!« war die Antwort.
+
+Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé Bournisien
+erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein.
+
+»Rasselbande!« murmelte der Priester. »Einen wie alle Tage!« Er
+hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß gestoßen
+war. »Nichts wird respektiert!« Da bemerkte er Frau Bovary.
+
+»Verzeihung!« sagte er. »Ich hatte Sie nicht erkannt.«
+
+Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem
+er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern balancierte.
+
+Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
+seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den Ellenbogen
+bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. Fett- und
+Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe die Brust
+entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts,
+wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen besät, die sich
+in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom
+Essen und atmete geräuschvoll.
+
+»Wie geht es Ihnen?« erkundigte er sich.
+
+»Schlecht!« antwortete Emma.
+
+»Ja, ja! Ganz wie mir«, erwiderte der Priester. »Die ersten warmen
+Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun
+einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und
+wie denkt Herr Bovary darüber?«
+
+»Ach der!« Sie machte eine verächtliche Gebärde.
+
+»Was?« erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. »Verordnet er
+Ihnen denn nichts?«
+
+»Ach,« meinte sie, »irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.«
+
+Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
+hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
+waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie
+reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
+
+»Ich möchte gern wissen ...«, fuhr Emma fort.
+
+»Warte nur, Boudet, warte du nur!« unterbrach sie der Priester in
+zornigem Tone. »Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
+Schlingel, du!« Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: »Das ist der
+Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie
+lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel
+könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar
+nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?«
+
+Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der Geistliche fuhr
+fort:
+
+»Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
+beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...« Er
+lachte behäbig, »... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.«
+
+Emma schaute ihn flehentlich an.
+
+»Sie! Ja!« sagte sie. »Sie heilen alle Wunden!«
+
+»Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
+da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
+wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
+Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und
+Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!« Mit einem großen
+Satze war er drinnen in der Kirche.
+
+Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf den
+Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl.
+Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von
+Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn
+in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit
+aller Gewalt in die Steinfliese hineindrücken wollte.
+
+»So!« sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, während
+er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schweiß
+von der Stirn wischte. »Die Landleute sind recht zu bedauern ...«
+
+»Andre Leute auch«, meinte sie.
+
+»Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.«
+
+»Die meine ich nicht.«
+
+»Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen
+lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
+hatten nicht einmal das tägliche Brot.«
+
+»Ich meine solche,« fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten,
+während sie sprach, »solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr täglich
+Brot haben, aber kein ...«
+
+»Kein Holz im Winter ...«, ergänzte der Priester.
+
+»Ach, was liegt daran?«
+
+»Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine warme
+Stube ... denn schließlich ...«
+
+»O du mein Gott!« seufzte Emma.
+
+»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte er, indem er sich ihr besorgt
+näherte. »Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau
+Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. Oder
+vielleicht lieber eine Limonade?«
+
+»Wozu?«
+
+Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.
+
+»Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es
+sei Ihnen schwindlig.« Er besann sich. »Aber wollten Sie mich
+nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?«
+
+»Ich? Nichts ... oh, nichts!« stammelte Emma.
+
+Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den alten
+Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas
+zu sagen.
+
+»Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary«, sagte er nach einer Weile.
+»Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen da. Die
+erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie überrumpelt uns.
+Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde
+länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht früh genug auf
+den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat
+... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte,
+Ihrem Herrn Gemahl!«
+
+Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie
+gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bänken
+verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig eingezogen,
+die beiden Hände in segnender Haltung.
+
+Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
+einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
+Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen
+und die hellen Antworten der Knaben ...
+
+»Bist du ein Christ?«
+
+»Ja, ich bin ein Christ.«
+
+»Wer ist ein Christ?«
+
+»Wer getauft ist und ...«
+
+Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Geländer
+festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
+Lehnstuhl.
+
+Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch die
+Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren Plätzen,
+halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in einen
+schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintönig
+tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum
+empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm
+in ihrem Innern ...
+
+Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten
+Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte
+nach den Bändern ihrer Schürze.
+
+»Laß mich!« sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.
+
+Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie.
+Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen
+blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
+Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schürze.
+
+»Laß mich!« wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
+
+Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien.
+
+»Aber so laß mich doch!« sagte Emma barsch und stieß ihr Kind mit
+dem Ellenbogen zurück.
+
+Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
+ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte auf
+das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am Klingelzug und
+rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwürfe
+zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von
+seiner Praxis heim.
+
+»Sieh, mein Lieber,« sagte sie ruhigen Tones, »die Kleine ist beim
+Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.«
+
+Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
+
+Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
+allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
+verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
+töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfügigkeit
+gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr.
+Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum
+merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den halbgeschlossenen
+Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne
+schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut.
+
+»Merkwürdig!« dachte Emma bei sich. »Wie häßlich das Kind ist!«
+
+Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
+Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
+
+»Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!« versicherte er
+ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. »Ängstige dich
+nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!«
+
+Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
+nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais für
+verpflichtet gefühlt, ihn »aufzurappeln«. Dann hatte man von den
+tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind,
+und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mußte ein
+Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein
+Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Köchin einmal die
+Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais
+über die Maßen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht
+geschliffen und der Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren
+eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht.
+Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten
+keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der
+geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll,
+und als sie bereits über vier Jahre alt waren, mußten sie ohne
+Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Köpfe tragen. Das war
+lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim
+sehr betrübt darüber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen
+könne dem Gehirn schädlich sein. Einmal entfuhr es ihm:
+
+»Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?«
+
+Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
+eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
+Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
+
+»Ich wollte Sie noch etwas fragen!«
+
+»Sollte er etwas gemerkt haben?« fragte sich der Adjunkt. Er bekam
+Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
+
+Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich
+doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hübsches Lichtbild
+koste. Er hegte nämlich schon lange den sentimentalen Plan, seine
+Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu überraschen. Er gedachte
+sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher
+wissen, wieviel die Geschichte so ungefähr zu stehen käme. Dem
+Adjunkt mache das wohl keine besondre Mühe, da er doch beinahe
+aller acht Tage nach der Stadt führe.
+
+Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
+Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er
+sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
+Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er seine
+Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu kommen,
+fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er
+sei kein Polizeibüttel.
+
+Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor.
+Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit den
+Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen über
+das menschliche Dasein aus.
+
+»Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen«, meinte der
+Steuereinnehmer.
+
+»Womit denn?«
+
+»Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.«
+
+»Aber ich kann doch nicht drechseln«, erwiderte der Adjunkt.
+
+»Ach ja, freilich!«
+
+Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn.
+
+Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige Leben begann
+ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfüllten,
+keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die Yonviller
+ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und bestimmte Häuser
+nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders
+unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker.
+Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf völlig neue Verhältnisse
+genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefühl
+wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris,
+das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und
+dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein
+Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt
+ihn zurück?
+
+In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
+machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer aus.
+Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. Gitarre wollte er
+spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu ein Samtbarett und
+Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über dem Kamin sollten zwei
+gekreuzte Floretts hängen, ein Totenschädel darüber und die
+Gitarre darunter. Wundervoll!
+
+Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
+bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
+allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
+andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo zunächst
+zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen Adjunktenposten in
+Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er schließlich seiner Mutter
+einen langen Brief, in dem er ihr ausführlich auseinandersetzte,
+warum er ohne weiteres nach Paris übersiedeln wollte. Sie war
+damit einverstanden.
+
+Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen lang
+gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville Koffer,
+Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er vervollständigte
+seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle aufpolstern, schaffte
+sich einen Vorrat von seidnen Halstüchern an, kurz und gut, er
+traf Vorbereitungen, als wolle er eine Reise um die Welt antreten.
+So verstrich Woche auf Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief
+seine Abreise beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen
+nach einem Semester zu machen.
+
+Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte Frau
+Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine Rührung, wie sich
+das für einen ernsten Mann schickt. Er ließ es sich jedoch nicht
+nehmen, den Mantel seines Freundes eigenhändig bis zur
+Gartenpforte des Notars zu tragen, wo des letzteren Kutsche
+wartete, die den Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
+
+Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch im
+Hause des Arztes.
+
+Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem zu
+schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
+entgegen.
+
+»Da bin ich noch einmal!« sagte Leo.
+
+»Ich hab es erwartet!«
+
+Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der
+Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über rot, vom
+Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie blieb stehen und
+lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung.
+
+»Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?«
+
+»Er ist fort.«
+
+Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
+Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
+aneinander wie zwei klopfende Herzen.
+
+»Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben«, sagte Leo.
+
+Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. Leo
+warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, den
+Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich nehmen. Aber
+da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das Mädchen brachte die
+kleine Berta, die einen Hampelmann an einem Faden in der Hand
+hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
+
+Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
+
+»Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!«
+
+Er gab das Kind der Mutter zurück.
+
+»Bring sie weg!« befahl Emma.
+
+Sie waren wiederum allein.
+
+Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht gegen
+eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand und
+schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
+
+»Es wird wohl regnen«, bemerkte Emma.
+
+»Ich habe einen Mantel«, antwortete er.
+
+»So!«
+
+Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt über
+ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab in die
+Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen
+geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen.
+
+»Also adieu!« seufzte Leo.
+
+Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung.
+
+»Ja, adieu! Sie müssen gehen!«
+
+Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie zögerte.
+
+»Sozusagen ein französischer Abschied!« meinte sie, indem sie ihm
+die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen.
+
+Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als ströme
+ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand wieder öffnete,
+begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann ging er.
+
+Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich hinter
+einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr weißes Haus
+mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da vermeinte er, ihren
+Schatten hinter der Gardine ihres Zimmers zu erblicken. Aber der
+Vorhang hatte sich wohl von selbst gebauscht und fiel nun wieder
+langsam in seine langen senkrechten Falten zurück, in denen er
+dann regungslos stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte
+von dannen.
+
+Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der Straße
+halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und hielt das
+Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten miteinander. Man
+wartete auf ihn.
+
+»Lassen Sie sich noch einmal umarmen!« sagte Homais, Tränen in den
+Augen. »Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten Sie sich
+unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie sich
+ordentlich in acht!«
+
+»Einsteigen, Herr Düpuis!« mahnte der Notar.
+
+Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte mit
+tränenerstickter Stimme nichts als die beiden wehmütigen Worte:
+
+»Glückliche Reise!«
+
+»Guten Abend, Herr Apotheker!« rief Guillaumin. »Los!«
+
+Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts.
+
+ * * * * *
+
+Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres
+Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung nach
+Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. Leichteres
+finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge heran,
+durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die goldnen
+Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe hervorschossen. Der
+übrige wolkenlose Teil des Himmelszeltes war weiß wie Porzellan.
+Ruckweise Windstöße beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich
+rauschte Regen herab und prasselte durch das grünschimmernde
+Laubwerk. Bald kam die Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten.
+Die Spatzen schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in
+den Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
+Akazienblüten.
+
+»Wie weit mag er nun schon sein!« dachte sie.
+
+Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise.
+
+»Na,« sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, »unsern jungen
+Freund hätten wir glücklich verfrachtet!«
+
+»Wie man mir berichtet hat«, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
+seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: »Und was gibts bei
+Ihnen Neues?«
+
+»Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein bißchen
+aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich aus dem
+Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man soll ihnen daraus
+keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben zarter besaitet als
+unsre.«
+
+»Der arme Leo,« bemerkte Karl, »wie wirds ihm in Paris ergehen?
+Wird er sich dort einleben?«
+
+Frau Bovary seufzte.
+
+»Natürlich!« meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
+»Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich schon,
+versichre ich Ihnen.«
+
+»Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird«, warf Bovary
+ein.
+
+»Gott bewahre!« entgegnete Homais lebhaft. »Aber mit den Wölfen
+wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als Duckmäuser
+verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese Kerlchens im
+Studentenviertel für ein flottes Leben führen! Mit ihren kleinen
+Mädchen! Übrigens sind die Studenten in Paris überall gern
+gesehen. Wenn einer nur ein bißchen gesellige Talente hat, stehen
+ihm die allerbesten Kreise offen. Und es gibt sogar in der
+Vorstadt Saint-Germain feine Damen, die sich Studenten zu Liebsten
+nehmen, und das gibt ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich
+zu verheiraten.«
+
+»Das mag schon sein,« sagte der Arzt, »ich habe nur Angst,
+er ... wird ... dort ...«
+
+»Sehr richtig,« unterbrach ihn der Apotheker, »das ist die
+Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend die
+Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer öffentlichen
+Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, anständig angezogen,
+womöglich ein Ordensbändchen im Knopfloch. Man könnte ihn für
+einen Diplomaten halten. Er spricht Sie an. Sie kommen ins
+Plaudern. Er bietet Ihnen eine Prise an oder hebt Ihnen den Hut
+auf. So wird man intimer. Er nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in
+sein Landhaus ein, macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und
+Teufel bekannt -- und das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder
+verstrickt Sie in gefährliche Abenteuer.«
+
+»So ist es!« gab Karl zu. »Aber ich dachte vor allem an die
+Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der Großstadt
+drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.«
+
+Emma zuckte zusammen.
+
+»Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise«, fuhr der
+Apotheker fort, »und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung des
+ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das Pariser Wasser! An
+das Essen in den Restaurants! Diese starkgewürzten Speisen
+verderben schließlich das Blut. Man mag sagen, was man will, mit
+einer guten Hausmannskost sind sie nicht zu vergleichen. Ich für
+meinen Teil, ich schätze von jeher die bürgerliche Küche. Die ist
+am gesündesten. Als ich stud. pharm. in Rouen war, da habe
+ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren
+Professoren aßen auch da ...«
+
+In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im
+allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern
+auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer bestellten
+Arznei holte.
+
+»Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!« schimpfte er.
+»Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
+Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein
+Hundedasein!«
+
+In der Tür sagte er noch:
+
+»Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?«
+
+»Was denn?«
+
+Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
+
+»Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der Landwirte
+unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. Man munkelt
+wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch schon eine
+Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von großer Bedeutung!
+Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich sehe schon. Justin
+hat die Laterne mit ...«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Der nächste Tag war für Emma ein Tag der Betrübnis. Alles um sie
+herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, verschwommen,
+zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit leisen Klagen
+wie der Winterwind um ein einsames Schloß. Sie verfiel in die
+Träumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er etwas auf immerdar
+verloren hat. Sie empfand die Müdigkeit, die ihn der vollendeten
+Tatsache gegenüber übermannt, den Schmerz, der ihn überkommt, wenn
+eine ihm zur Gewohnheit gewordne Bewegung plötzlich stockt, wenn
+Schwingungen jäh aufhören, die lange in ihm vibriert haben.
+
+Wie damals nach der Rückkehr vom Schlosse Vaubyessard, als die
+wirbelnden Walzermelodien ihr nicht aus dem Sinne wollten, war sie
+voll düsterer Schwermut, in dumpfer Lebensunlust. Leo stand vor
+ihrer Phantasie immer größer, schöner, verführerischer. Wie ein
+Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so hatte er sie doch nicht
+verlassen. Er war da, und an den Wänden ihres Hauses schien sein
+Schatten noch zu haften. Immer wieder schaute sie auf den Teppich,
+über den er so oft gegangen, auf die leeren Stühle, wo er
+gesessen. Draußen kroch das Flüßlein noch immer vorbei mit seinen
+niedlichen Wellen, zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem
+Gestade waren sie so oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um
+die moosigen Steine. Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie
+traulich waren die Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im
+schattigen Garten allein gesessen hatten! Er hatte laut
+vorgelesen, bloßen Kopfes, in einem Korbstuhl sitzend. Der frische
+Wind, der drüben von den Wiesen her wehte, hatte die Blätter des
+Buches bewegt und die violetten Blüten der Glycinen an der Laube
+... Ach, nun war er fort, die einzige Freude ihres Daseins, die
+einzige Hoffnung, daß sich ihr das erträumte Glück noch erfülle!
+Warum hatte sie dieses Glück nicht mit beiden Händen festgehalten,
+in den Schoß genommen, es nicht in die Ferne gelassen? Sie
+verwünschte sich, Leos Geliebte nicht geworden zu sein. Sie
+dürstete nach seinen Lippen. Am liebsten wäre sie ihm
+nachgelaufen, hätte sich in seine Arme geworfen und ihm gesagt:
+»Hier bin ich! Nimm mich!« Aber vor den Hindernissen, die sich der
+Verwirklichung dieses Dranges entgegengestellt hätten, verzagte
+Emma von vornherein, und der Schmerz darüber schürte ihre
+Sehnsucht zu noch heißerer Glut.
+
+Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisationspunkt ihrer
+Bitternisse. Sie flackerte verlockender als ein einsames
+Lagerfeuer, das Wanderer in einer sibirischen Steppe inmitten des
+Schnees angezündet haben. Zu diesem Feuer flüchtete sie, kauerte
+sich daneben nieder und fachte es sorgfältig wieder an, wenn es zu
+verlöschen drohte. Im Umkreise um sich herum suchte sie alles
+mögliche herbei, um diese Flammen zu nähren. Die fernsten
+Erinnerungen und die frischesten Ereignisse, Erlebtes und
+Erträumtes, die wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre
+Sehnsucht nach Sonne, geknickt wie trocknes Gezweig im Wind, ihre
+nutzlose Tugend, ihre getäuschten Illusionen, die Armseligkeit
+ihres Hauswesens, alles das sammelte sie, raffte es zusammen und
+warf es in die Glut, um ihre Trübsal daran zu wärmen.
+
+Mit der Zeit verglomm das Feuer aber doch, sei es, weil ihm die
+Nahrung fehlte, sei es, weil die Überfülle von Brennstoff es
+erstickte. In der Abwesenheit des Geliebten verkam allmählich
+ihre Liebe. Das Ineinemfort tötete den Schmerz, und am Himmel
+ihrer Gefühle verblaßte der erst grellrote Feuerschein und wich
+nach und nach schwarzem Dunkel. Während ihres phantastischen
+Zustandes hatte sich ihr Widerwille gegen den Gatten in
+Schwärmerei für den Geliebten verwandelt, und die Glut ihres
+Hasses hatte ihre zärtliche Sehnsucht gewärmt. Aber nunmehr, da
+ihre stürmische unbefriedigte Leidenschaft zu Asche gebrannt war,
+das keine Hilfe kam und keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht
+um sie herum. In eisiger Kälte stand sie einsam da und erstarrte.
+
+Die schrecklichen Tage von Tostes wiederholten sich nun. Nur
+bildete sie sich ein, noch unglücklicher denn damals zu sein, weil
+sie jetzt ein wirkliches Herzeleid trug und genau wußte, daß es
+nie anders werden könne.
+
+Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich --
+wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu gönnen.
+Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
+vier Wochen für vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer Hände.
+Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaues
+Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den schönsten Schal
+aus und trug ihn über ihrem Hauskleid. Sie schloß die Läden, nahm
+ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem Sofa liegen.
+
+Häufig änderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
+Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Zöpfen, bald einen
+Scheitel.
+
+Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
+kaufte sie sich ein Wörterbuch, eine Grammatik und eine Menge
+Schreibpapier. Dann versuchte sie es mit ernsthafter Lektüre, las
+Geschichtswerke und philosophische Schriften.
+
+Nachts fuhr Karl mitunter in die Höhe, im Glauben, man hole ihn zu
+einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:
+
+»Ich bin gleich fertig!«
+
+Aber es war nur das Knistern des Streichholzes gewesen, mit dem
+sich Emma die Lampe angezündet hatte. Sie wollte lesen. Aber es
+ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen ein ganzer Stoß
+angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie anzufangen, dann
+liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.
+
+Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
+Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
+Manne gegenüber, sie könne ein Weinglas voll Schnaps mit einem
+Zuge leeren, und da Karl so töricht war, es zu bezweifeln, tat sie
+es wirklich.
+
+Bei allen ihren »Extravaganzen« (die Spießbürger von Yonville
+nannten das so!) sah Emma keineswegs unternehmungslustig aus. Im
+Gegenteil. Um ihre Mundwinkel lagerten sich jene gewissen starren
+Falten, die alte Jungfern und verbissene Streber zu haben pflegen.
+Sie war völlig blaß, weiß wie Leinwand; die Haut ihrer Nase
+bildete nach den Flügeln zu Fältchen, und ihre Augen blickten wie
+ins Leere. Seitdem sie an den Schläfen ein paar graue Haare
+entdeckt hatte, nannte sie sich gesprächsweise eine alte Frau.
+
+Oft hatte sie Schwindelanfälle, und eines Tages spuckte sie sogar
+Blut. Aber als sich Karl eifrig um sie bemühte und seine Besorgnis
+verriet, meinte sie:
+
+»Laß mich! Es ist mir alles gleich!«
+
+Karl zog sich in sein Sprechzimmer zurück. Er sank in seinen
+Schreibsessel, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
+weinte -- unter dem phrenologischen Schädel.
+
+Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
+sie zu kommen. Es fand zwischen beiden eine lange Konferenz Emmas
+wegen statt. Welche Maßnahmen sollten getroffen werden? Was
+sollte geschehen? Wo sie jedwede ärztliche Behandlung ablehnte!
+
+»Weißt du, was deiner Frau fehlt?« meinte Frau Bovary schließlich.
+»Eine ordentliche Beschäftigung! Körperliche Arbeit! Wenn sie wie
+so manch andre ihr tägliches Brot selber verdienen müßte, dann
+hätte sie keine Nerven und Launen. Die kommen bloß von den
+überspannten Ideen, die sie sich aus purer Langweile in den Kopf
+setzt.«
+
+»Beschäftigung hat sie doch aber!« erwiderte Karl.
+
+»So! Sie hat Beschäftigung? Was für welche denn? Romane schmökert
+sie, schlechte Bücher, Schriften gegen die Religion, in denen die
+Geistlichen verhöhnt werden mit Redensarten aus dem Voltaire!
+Armer Junge, das führt zu nichts Gutem, und wer kein guter Christ
+ist, mit dem nimmt es mal ein schlechtes Ende!«
+
+Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Das schien
+nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf sich. Auf
+ihrer Heimreise wollte sie in Rouen persönlich zum
+Leihbibliothekar gehen und Emmas Abonnement abbestellen. Wenn der
+Mann trotzdem sein Vergiftungswerk fortsetzte, sollte man da nicht
+das Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?
+
+Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
+steif. In den drei Wochen ihres Beisammenseins hatten sie,
+abgesehen von den häuslichen Anordnungen und den höflichen Formeln
+bei Tisch und abends vor dem Zubettgehen, keine drei Worte
+gewechselt.
+
+Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
+von Yonville. Vom frühen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
+Marktplatz, gleichlaufend mit den Häusern von der Kirche bis zum
+Goldnen Löwen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
+Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespießten Deichseln. Auf der
+andern Seite des Platzes standen Zeltbuden, in denen
+Baumwollenwaren, Decken und Strümpfe feilgeboten wurden, daneben
+Pferdegeschirre und Haufen von bunten Bändern, deren Enden im
+Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und Käsekörben, aus denen
+klebriges Stroh herausragte, lagen allerhand Eisenwaren auf dem
+Pflaster ausgebreitet. Neben Ackergerät gackerten Hühner in
+flachen Körben und steckten ihre Hälse durch die Luftlöcher. Die
+Menge schob sich, ohne zu weichen, gerade nach den Stellen, wo das
+Gedränge schon am dichtesten war. So geriet bisweilen das
+Schaufenster der Apotheke wirklich in Gefahr. An den Markttagen
+ward diese nie leer. Es standen immer eine Menge Leute darin,
+weniger um Arzneien zu kaufen als vielmehr um den Apotheker zu
+konsultieren. Herr Homais war in den benachbarten Ortschaften ein
+berühmter Mann. Seine rücksichtslose Sicherheit fing die Bauern.
+Sie hielten ihn für einen besseren Arzt als alle Doktoren im
+ganzen Lande.
+
+Emma saß an ihrem Fenster, wie so oft. Das Fenster ersetzt in der
+Kleinstadt das Theater und den Korso. Sie belustigte sich über das
+wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in einem Rock von
+grünem Samt, mit gelben Handschuhen; sonderbarerweise trug er dazu
+derbe Gamaschen. Ein Bauersknecht mit gesenktem Kopf und recht
+trübseliger Miene folgte ihm. Beide gingen auf das Bovarysche Haus
+zu.
+
+»Ist der Herr Doktor zu sprechen?« fragte der Herr den
+Apothekergehilfen, der an der Haustüre mit Felicie plauderte. Er
+hielt ihn für den Diener des Arztes. »Melden Sie Herrn Rudolf
+Boulanger von der Hüchette.«
+
+Es war keineswegs Eitelkeit, daß der Ankömmling sein Gut zu seinem
+Namen fügte. Er wollte nur genau angeben, wer er war. Die Hüchette
+war nämlich ein Rittergut in der Nähe von Yonville, das er samt
+zwei Meiereien unlängst gekauft hatte. Er bewirtschaftete es
+selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei anzustrengen. Er war
+Junggeselle und hatte »so mindestens seine fünfzehntausend
+Franken« im Jahr zu verzehren.
+
+Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger überwies
+ihm seinen Knecht, der einen Aderlaß wünsche, weil er am ganzen
+Körper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.
+
+»Das wird mich erleichtern«, wiederholte der Bursche auf alle
+Einwände. Bovary ließ sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
+Schüssel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.
+
+Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz blaß geworden
+war.
+
+»Nur keine Angst, mein Lieber!«
+
+»Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur los!« erwiderte er.
+
+Dabei hielt er mit prahlerischer Gebärde seinen dicken Arm hin.
+Unter dem Stich der Lanzette sprang das Blut hervor und spritzte
+bis zum Spiegel hin.
+
+»Die Schüssel!« rief Karl.
+
+»Donnerwetter!« meinte der Knecht. »Das ist ja der reine
+Springbrunnen! Und wie rot das Blut ist! Das ist ein gutes
+Zeichen, nicht wahr?«
+
+Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
+zurück, daß die Lehne krachte.
+
+»Das hab ich mir gleich gedacht!« bemerkte Bovary, indem er mit
+den Fingern die angestochne Ader zudrückte. »Erst gehts ganz gut,
+dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten Kerlen wie
+dem da!«
+
+Die Schüssel in Justins Händen geriet ins Schwanken. Die Knie
+schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.
+
+»Emma! Emma!« rief der Arzt.
+
+Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.
+
+»Essig!« rief ihr Karl zu. »Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
+einmal!«
+
+In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.
+
+»'s ist weiter nichts!« meinte Boulanger gelassen, der Justin
+aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und lehnte
+ihn mit dem Rücken gegen die Wand.
+
+Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnmächtigen das Halstuch
+aufzuknüpfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich lösen, und so
+berührte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren Fingern den
+Hals des jungen Burschen. Dann goß sie Essig auf ihr
+Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die Schläfen
+und blies dann ein wenig darauf.
+
+Der Knecht war bereits wieder munter, aber Justins Ohnmacht
+dauerte an. Seine Augäpfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
+wie blaue Blumen in Milch.
+
+»Er darf das da nicht sehen!« ordnete Karl an.
+
+Frau Bovary ergriff die Schüssel und setzte sie unter den Tisch.
+Bei diesem Sichbücken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
+Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
+Diele, und je nach der Bewegung Emmas, die sich neigte, die Arme
+ausstreckte und sich dabei in den Hüften ein wenig hin und her
+drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
+Wasserflasche und löste ein paar Stück Zucker in einem Glase.
+
+In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Das Mädchen hatte
+ihn vor Schreck herbeigeholt. Als er seinen Gehilfen wieder bei
+Bewußtsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn herum und
+betrachtete sich ihn von oben bis unten.
+
+»Dummkopf!« brummte er. »Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! Als
+obs wer weiß was wäre! Ein bißchen Aderlaß! Weiter nichts! Und das
+will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn es gilt, von den höchsten
+Bäumen die Nüsse herunterzuholen, da klettert er wie ein
+Eichhörnchen ... Na, tu deinen Mund auf und zeig dich mal in
+deiner Gloria! Das sind ja nette Eigenschaften für einen, der mal
+Apotheker werden will! Ich sage dir: als Apotheker kommt man in
+die schwierigsten Lagen. So zum Beispiel vor Gericht als
+Sachverständiger. Da heißt es kaltblütig sein, hübsch ruhig
+überlegen und ein ganzer Mann sein! Sonst gilt man als
+Schwachmatikus ...«
+
+Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:
+
+»Wer hat dir denn übrigens gesagt, daß du hierher gehen sollst? In
+einem fort belästigst du Herrn und Frau Doktor! Noch dazu an den
+Markttagen, wo du drüben so notwendig gebraucht wirst! Es warten
+zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen habe ich alles stehn
+und liegen lassen. Marsch! Hinüber! Trab! Gib auf die Arzneien
+acht! Ich komme gleich nach!«
+
+Als Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
+fort war, plauderte man noch ein wenig über Ohnmachtanfälle. Frau
+Bovary sagte, sie hätte noch nie einen gehabt.
+
+»Ja, bei Damen kommt so was sehr selten vor!« behauptete
+Boulanger. »Es gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich sind. Da
+hab ich gelegentlich eines Duells erlebt, daß ein Zeuge ohnmächtig
+wurde, als die Pistolen beim Laden knackten.«
+
+»Was mich anbelangt,« erklärte der Apotheker, »mich stört der
+Anblick fremden Blutes ganz und gar nicht. Aber der bloße Gedanke,
+ich selber könne bluten, der macht mich schwindlig, wenn ich nicht
+schnell an was andres denke.«
+
+Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
+ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.
+
+»Nun ists aber alle mit der Einbildung!« sagte er ihm. »Die hat
+mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft«, fügte er hinzu. Bei
+dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen Taler auf
+die Tischecke, grüßte flüchtig und verschwand.
+
+Bald darauf erschien er drüben auf dem andern Ufer des Baches. Das
+war sein Weg nach der Hüchette. Emma sah ihm von einem der
+Hinterfenster nach, wie er über die Wiesen ging, die Pappeln
+entlang, langsam wie einer, der über etwas nachdenkt.
+
+»Allerliebst!« sagte er bei sich. »Wirklich allerliebst, diese
+Doktorsfrau. Schöne Zähne, schwarze Augen, niedliche Füße und
+schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo mag
+sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?«
+
+Rudolf Boulanger war vierunddreißig Jahre alt von roher Gemütsart
+und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit Weibern abgegeben
+und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel ihm. Somit
+beschäftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.
+
+»Ich glaube, er ist mordsblöde. Sie hat ihn satt, zweifelsohne. Er
+hat dreckige Fingernägel und rasiert sich nur aller drei Tage.
+Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie daheim und
+stopft Strümpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach der großen
+Stadt und möchte am liebsten alle Abende auf den Ball. Arme kleine
+Frau! So was schnappt nach Liebe wie ein Karpfen auf dem
+Küchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und sie ist futsch!
+Sicherlich! Das wär was fürs Herze! Scharmant! Aber wie kriegt man
+sie hinterher wieder los?«
+
+Diese Einschränkung des in der Ferne stehenden Genusses erinnerte
+ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine Schauspielerin in
+Rouen, die er aushielt. Er vergegenwärtigte sich ihren Körper,
+dessen er sogar in der Vorstellung überdrüssig war.
+
+»Ja, diese Frau Bovary,« dachte er bei sich, »die ist viel
+hübscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
+Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft für
+Krebse!«
+
+Die Fluren waren menschenleer. Rudolf hörte nichts als das
+taktmäßige Rascheln der Halme, die er beim Gehen streifte, und das
+ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er schaute Emma vor sich, in
+ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie gesehen hatte. Und in der
+Phantasie entkleidete er sie.
+
+»Oh, ich werde sie haben!« rief er aus und zerschlug mit einem
+Schlage seines Spazierstockes eine Erdscholle, die im Wege lag.
+
+Sodann überlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
+fragte sich:
+
+»Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich das zustande?
+Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann das Dienstmädel,
+die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche Klatsch! Ach was!
+Unnütze Zeitvergeudung!«
+
+Nach einer Weile begann er von neuem:
+
+»Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in das Herz dringen! Und wie
+blaß sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schwärmerei!«
+
+Auf der Höhe von Argueil war sein Kriegsplan fertig.
+
+»Ich brauche bloß noch günstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde ein
+paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
+Geflügel. Nötigenfalls lasse ich mich ein bißchen schröpfen. Wir
+müssen gute Freunde werden. Dann lade ich die beiden zu mir ein
+... Teufel noch mal, nächstens ist doch der Landwirtschaftliche
+Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie sehen! Dann heißts:
+Attacke! Und feste drauf! Das ist immer das Beste.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der Landwirte!
+Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von Yonville an ihren
+Haustüren und sprachen von den Dingen, die da kommen sollten. Die
+Stirnseite des Rathauses war mit Efeugirlanden geschmückt. Drüben
+auf einer Wiese war ein großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen
+worden, und mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller,
+der die Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd
+verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy -- in Yonville gab es
+keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
+Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps
+vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen
+als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein Oberkörper
+so steif und starr, daß es aussah, als sei alles Leben in ihm in
+seine beiden Beine gerutscht, die sich parademarschmäßig bewegten.
+Da der Oberst der Bürgergarde und der Hauptmann der Feuerwehr
+eifersüchtig aufeinander waren, wollte jeder den andern
+ausstechen, und so exerzierten beide ihre Mannschaft für sich.
+Abwechselnd sah man die roten Epauletten und die schwarzen
+Schutzleder vorbeimarschieren und wieder abschwenken. Das ging
+immer wieder von neuem an und nahm schier kein Ende!
+
+Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
+gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser
+abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den halboffnen
+Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da schönes Wetter
+war, sahen die gestärkten Häubchen weißer wie Schnee aus, die
+Orden und Medaillen blitzten in der Sonne wie eitel Gold, und die
+bunten Tücher leuchteten buntscheckig aus dem tristen Einerlei der
+schwarzen Röcke und blauen Blusen hervor. Die Pächtersfrauen kamen
+aus den umliegenden Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die
+langen Nadeln heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt
+hatten, damit sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die
+Männer andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher
+darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten.
+
+Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der Landstraße
+heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und Häuser. Überall
+klingelten die Türen, um die Bürgerinnen herauszulassen, die in
+Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze wallten.
+
+Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden Seiten der
+vor dem Rathause errichteten Estrade für die Ehrengäste, erregten
+ganz besonders die allgemeine Bewunderung. Übrigens hatte man an
+den vier Säulen am Rathause so etwas wie vier Stangen
+aufgepflanzt; jede trug eine Art Standarte aus grüner Leinwand.
+Auf der einen las man: HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der
+dritten: INDUSTRIE, der vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT.
+
+Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
+warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau Franz,
+der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres Gasthofes
+stehend, räsonierte sie vor sich hin:
+
+»So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
+Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders
+ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
+wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
+Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra einen
+Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen übrigens? Für
+Kuhjungen und Lumpenpack!«
+
+Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
+Lackschuhen und -- ausnahmsweise (statt des gewohnten Käppchens)
+-- einem Hut von niedriger Form.
+
+»Ihr Diener!« sagte er. »Ich habs eilig!«
+
+Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
+
+»Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst den
+ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im Käse
+...«
+
+»In was für Käse?« unterbrach ihn die Wirtin.
+
+»Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint«, entgegnete Homais.
+»Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im allgemeinen
+meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute freilich muß ich
+in Anbetracht ...«
+
+»Ah! Sie gehen auch hin?« fragte sie in geringschätzigem Tone.
+
+»Gewiß gehe ich hin!« sagte der Apotheker erstaunt. »Ich gehöre ja
+zu den Preisrichtern!«
+
+Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte
+sie lächelnd:
+
+»Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die
+Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?«
+
+»Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch
+Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, beschäftigt
+sich mit den Wechselwirkungen und den Molekularverhältnissen aller
+Körper, die in der Natur vorkommen. Folglich gehört auch die
+Landwirtschaft in das Gebiet meiner Wissenschaft. In der Tat, die
+Zusammensetzung der Düngemittel, die Gärungen der Säfte, die
+Analyse der Gase und die Wirkung der Miasmen .., ich bitte Sie,
+was ist das weiter als pure bare Chemie?«
+
+Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort:
+
+»Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der
+Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
+Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
+die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen
+Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die
+Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des Wassers, die
+Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre Kapillarität! Und
+tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den Grundsätzen der Hygiene
+völlig vertraut sein, um den Bau von Gebäuden, die Unterhaltung
+der Haus- und Arbeitstiere und die Ernährung der Dienstboten
+leiten und kontrollieren zu können. Fernerhin, Frau Franz, muß man
+die Botanik intus haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden
+können, verstehen Sie, die nützlichen von den schädlichen, die
+nutzlosen und die nahrhaften, welche Arten man vertilgen und
+welche man pflegen, welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen
+muß. Kurz und gut, man muß sich in der Wissenschaft auf dem
+Laufenden halten, indem man die Broschüren und die öffentlichen
+Bekanntmachungen liest, und immer auf dem Damme sein, um mit dem
+Fortschritte zu gehen ...«
+
+Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café Français nicht
+aus den Augen. Der Apotheker redete weiter:
+
+»Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie
+hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! Da
+habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine
+Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: »Der Apfelwein.
+Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
+Betrachtungen hierüber.« Ich habe sie der »Rouener Agronomischen
+Gesellschaft« übersandt, die mich daraufhin unter ihre
+Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für Pomologie)
+aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt erschiene ...«
+
+Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas ganz
+andrem in Anspruch genommen war.
+
+»Sehr richtig!« unterbrach er sich selber. »Eine unglaubliche
+Spelunke!«
+
+Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die Maschen
+ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit beiden Händen
+deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem wüster Gesang
+herüberhallte.
+
+»Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!«
+bemerkte sie. »In acht Tagen ist der Rummel alle!«
+
+Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam die
+drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr:
+
+»Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
+ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals
+abgeschnitten. Mit Wechseln!«
+
+»Eine fürchterliche Katastrophe!« rief der Apotheker aus, der für
+alle möglichen Ereignisse immer das passende Begleitwort zur Hand
+hatte.
+
+Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen.
+Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich sie
+Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht ausstehen konnte,
+mißbilligte sie doch das Vorgehen von Lheureux. Sie nannte ihn
+einen Gauner, einen Halsabschneider.
+
+»Da! Sehen Sie!« fügte sie hinzu. »Da geht er! Unter den Hallen!
+Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut auf und
+geht am Arm von Herrn Boulanger.«
+
+»Frau Bovary!« echote Homais. »Ich muß ihr schnell guten Tag
+sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der Tribüne
+vor dem Rathause erwünscht.«
+
+Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte
+weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
+lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei ihn die
+langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde umflatterten, daß
+er wer weiß wieviel Raum einnahm.
+
+Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
+
+Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend und
+in brutalem Tone sagte er zu ihr:
+
+»Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!«
+
+Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen.
+
+»Was soll das heißen?« fragte er sie. Dabei blinzelte er sie im
+Weitergehen von der Seite an.
+
+Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre Gedanken.
+Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die lichte Luft,
+unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen blaßfarbene
+Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre Augen blickten
+geradeaus unter ihren etwas nach oben gebogenen langen Wimpern.
+Obgleich sie völlig geöffnet waren, erschienen sie doch ein wenig
+zugedrückt durch den oberen Teil der Wangen, weil das Blut die
+feine Haut straffte. Durch die Nasenwand schimmerte Rosenrot, und
+zwischen den Lippen glänzte das Perlmutter ihrer spitzen Zähne.
+Den Kopf neigte sie zur einen Schulter.
+
+»Mokiert sie sich über mich?« fragte sich Rudolf.
+
+In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
+ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von
+Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen ins
+Gespräch zu kommen.
+
+»Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- Wir
+haben Ostwind!«
+
+Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux
+bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit einem
+ewigen »Wie meinen?« dazwischenfuhr, wobei er jedesmal den Hut
+lüftete.
+
+Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab
+in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
+
+»Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!«
+
+»Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!« lachte Emma.
+
+»Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?«
+meinte Rudolf. »Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit
+Ihnen ...«
+
+Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
+schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren
+spazieren zu gehen.
+
+Ein paar Gänseblümchen standen am Raine.
+
+»Die niedlichen Dinger da!« sagte er. »Und so viele! Genug Orakel
+für die verliebten Mädels des ganzen Landes!« Ein paar Augenblicke
+später setzte er hinzu: »Soll ich welche pflücken? Was denken Sie
+darüber?«
+
+»Sind Sie denn verliebt?« fragte Emma und hustete ein wenig.
+
+»Wer weiß?« meinte Rudolf.
+
+Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr
+zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am einen
+und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. Häufig mußten
+sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch riechender
+Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und silbernen
+Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
+
+Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach dem
+andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an Pfählen
+gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten Raumes standen die
+Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die ungleich hohen Kruppen in
+einer unordentlichen Richtungslinie. Schläfrige Schweine wühlten
+mit ihren Rüsseln in der Erde. Kälber brüllten, Schafe blökten.
+Kühe lagen hingestreckt, die Bäuche im Grase, die Beine
+eingezogen, kauten gemächlich wieder und zuckten mit ihren
+schwerfälligen Lidern, wenn die sie umschwärmenden Bremsen
+stachen. Pferdeknechte, die Arme entblößt, hielten an
+Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern
+nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Diese
+verhielten sich friedlich und ließen die Köpfe und Mähnen hängen,
+während ihre Füllen in ihrem Schatten ruhten und ab und zu an
+ihnen saugten. Über der wogenden Masse aller dieser Leiber sah man
+von weitem hie und da das Weiß einer Mähne wie eine Springflut im
+Winde aufwehen oder ein spitzes Horn hervorspringen, und überall
+dazwischen die Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der
+Umseilung, etwa hundert Schritte davon entfernt, stand --
+unbeweglich wie aus Bronze gegossen -- ein großer schwarzer Stier
+mit verbundenen Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein
+zerlumptes Kind hielt ihn an einem Stricke.
+
+Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
+besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich
+jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, offenbar
+der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein Buch. Das
+war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr Derozerays, Besitzer
+des Rittergutes La Panville. Als er Rudolf bemerkte, ging er
+lebhaft auf ihn zu und sagte verbindlich-freundlich zu ihm:
+
+»Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?«
+
+Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er jedoch
+außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er:
+
+»Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe lieber
+bei Ihnen!«
+
+Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, was ihn aber
+nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als Mitglied des
+Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, wenn er irgendwo
+durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach blieb er auch vor
+dem oder jenem »Prachtstück« stehen. Frau Bovary bewunderte nichts
+mit. Das beobachtete er, und nun begann er spöttische Bemerkungen
+über die Toiletten der Damen von Yonville loszulassen. Dabei
+entschuldigte er sich, daß er selber auch nicht elegant gehe.
+Seine Kleidung war ein Nebeneinander von Alltäglichkeit und
+Ausgesuchtheit. Der oberflächliche Menschenkenner hält derlei
+meist für das äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die
+bizarr in ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem
+Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder Bewunderung
+davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit gefälteten Manschetten
+bauschte sich im Ausschnitt seiner grauen Flanellweste, wie es dem
+Winde gerade gefiel; seine breitgestreiften Hosen reichten nur bis
+an die Knöchel und ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf
+deren spiegelblanke Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat
+unbekümmert in die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der
+Rocktasche, und der Hut saß ihm schief auf dem Kopfe.
+
+»Ein Bauer wie ich ...«, meinte er.
+
+»Bei dem ist Hopfen und Malz verloren«, scherzte Emma.
+
+»Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen
+Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu beurteilen.«
+
+Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
+des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat.
+
+»Darum verfalle ich der Melancholie ...«, sagte er.
+
+»Sie?« erwiderte Emma erstaunt. »Ich halte Sie gerade für sehr
+lebenslustig.«
+
+»Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die Maske des
+Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich beim Anblick eines
+Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob einem nicht am wohlsten
+wäre, wenn man schliefe, wo die Toten schlafen ...«
+
+»Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!«
+
+»Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich
+niemand.«
+
+Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
+
+Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
+ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen
+schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm sah
+als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war Lestiboudois,
+der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle herbeischaffte.
+Findig, wie er immer war, wo es etwas zu verdienen gab, war er auf
+den Einfall gekommen, aus dem Bundestage seinen Vorteil zu
+schlagen. Und damit hatte er sich nicht verrechnet; er wußte gar
+nicht, wen er zuerst befriedigen sollte. Die Bauern, denen es heiß
+war, rissen sich förmlich um diese Stühle, deren Strohsitze nach
+Weihrauch dufteten. Sie lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung
+gegen die hohen wachsbeklecksten Stuhlrücken.
+
+Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als spräche
+er mit sich selbst.
+
+»Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, wenn
+mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen
+Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ...
+Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre über
+alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles überwunden ...«
+
+»Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert«, wandte
+Emma ein.
+
+»So, finden Sie?«
+
+»Zum mindesten sind Sie frei ...« Sie zögerte. »... und reich!«
+
+»Spotten Sie doch nicht über mich!« bat er.
+
+Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß.
+Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. Aber es
+war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch gar nicht da.
+Der Festausschuß war nun in der größten Verlegenheit. Sollte der
+feierliche Akt beginnen, oder sollte man noch warten?
+
+Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige Mietkutsche
+auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein Kutscher im
+Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche loshieb.
+
+Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
+
+»An die Gewehre!«
+
+Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu.
+
+Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche der
+Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen zuzuknöpfen.
+Aber der Landauer des Herrn Landrats schien die Verwirrung zum
+Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im langsamsten Zotteltrabe
+gerade in dem Moment vor der Vorhalle des Rathauses an, als sich
+Feuerwehr und Bürgergarde in Reih und Glied unter Trommelschlag
+davor aufgestellt hatten.
+
+»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« kommandierte Binet.
+
+»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« der Oberst auf der
+andern Seite.
+
+Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel
+eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
+
+Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer
+silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein
+Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war
+offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
+kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
+halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
+seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den
+Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der
+Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei
+Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche Redensarten.
+
+Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat
+erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht
+gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der Festausschuß,
+der Gemeinderat, die Honoratioren, die Bürgergarde und das
+Publikum. Der Regierungsrat schwenkte seinen kleinen schwarzen
+Dreimaster gegen die Brust und sagte ein paar Begrüßungsworte.
+Währenddem klappte Tüvache in einem fort wie ein Taschenmesser
+zusammen, lächelnd, stotternd, nach Worten suchend. Darauf
+beteuerte er die Königstreue der Yonviller und dankte für die
+ihnen widerfahrene große Ehre.
+
+Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die Pferde
+der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt humpelnd nach dem
+Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von gaffenden Landleuten
+stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller krachte.
+
+Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem
+Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
+Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung
+gestellt worden waren.
+
+Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose
+blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas
+gebräunt waren, buschige Backenbärte, die sich unter hohen steifen
+Halskragen verloren, und weiße, sorglich gebundene Krawatten. Die
+Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale
+Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die
+Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam
+zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte
+mehr als das Leder ihrer derben Stiefel.
+
+Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
+unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge
+dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. Der
+Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle
+rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus der
+Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges
+Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe der
+Estrade dringen konnte.
+
+»Ich finde,« sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
+Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, »man hätte
+zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit irgendeinem
+schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer Nouveauté.
+Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!«
+
+»Gewiß!« meinte Homais. »Aber Sie wissen ja! Der Bürgermeister
+macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er hat nicht viel
+Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen Sinn nun gleich
+gar nicht!«
+
+Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des
+Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer war,
+erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das Schauspiel
+bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem ovalen Tisch, der
+unter der Büste von Majestät stand, und trug sie an eins der
+Fenster.
+
+Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
+
+Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte und
+tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem Sitze. Man
+hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und nun lief sein
+Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er ein paar Zettel
+geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten hatte, begann er:
+
+»Meine Herren!
+
+Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
+eingehe, sei es mir zunächst gestattet, -- und ich bin überzeugt,
+Sie sind insgesamt damit einverstanden! -- sei es mir gestattet,
+sage ich, der Behörden und der Regierung zu gedenken, vor allem,
+meine Herren, Seiner Majestät, unsers allergnädigsten und
+allverehrten Landesherrn, dem jedes Gebiet der öffentlichen und
+privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, der mit sicherer und kluger
+Hand das Staatsschiff durch die unaufhörlichen Gefahren eines
+stürmischen Ozeans lenkt und dabei jedem sein Recht läßt, dem
+Frieden wie dem Kriege, der Industrie, dem Handel, der
+Landwirtschaft, den Künsten und Wissenschaften ...«
+
+»Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück«, sagte Rudolf.
+
+»Warum?« fragte Emma.
+
+In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates
+besonderen Schwung. Er deklamierte:
+
+»Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der
+Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der
+Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
+abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch das
+Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu werden, wo
+Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...«
+
+»Nur weil man mich von unten bemerken könnte«, gab Rudolf zur
+Antwort. »Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
+Und bei meinem schlechten Rufe ...«
+
+»Sie verleumden sich«, warf Emma ein.
+
+»I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.«
+
+»Meine Herren!« fuhr der Redner fort. »Wenn wir unsre Blicke von
+diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
+gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: was
+sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und Künste in
+Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam
+wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue
+Beziehungen, neues Leben. Unsre großen Industriezentren sind von
+neuem in vollster Tätigkeit. Die Religion ist gekräftigt und wärmt
+wieder aller Herzen. Unsre Häfen strotzen, der Staatskredit ist
+fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...«
+
+»Das heißt,« sagte Rudolf, »vom gesellschaftlichen Standpunkt hat
+man vielleicht recht.«
+
+»Wie meinen Sie das?« fragte sie.
+
+»Wissen Sie denn nicht,« erläuterte er, »daß es problematische
+Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie
+den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genüssen. Nichts ist
+ihnen zu toll, zu phantastisch ...«
+
+Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
+sie:
+
+»Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher Kontraste
+verboten!«
+
+»Schöne Freuden!« entgegnete er bitter. »Das Glück liegt wo ganz
+anders!«
+
+»Ach, so findet mans nirgends?«
+
+»Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!« flüsterte er.
+
+»Und das wissen Sie alle gerade am besten,« fuhr der Regierungsrat
+fort, »Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter sind, friedliche
+Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer des Fortschrittes und der
+Ordnung! Sie wissen das, sage ich, daß politische Stürme weit
+furchtbarer sind denn Stürme in der Natur ...«
+
+»Ja, eines Tages begegnet man ihm!« wiederholte Rudolf, »ganz
+unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! Dann
+öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe eine Stimme:
+'Hier ist das Glück!' Und dem Menschen, den Sie da gefunden haben,
+dem müssen Sie aus innerm Drange heraus ihr Leben anvertrauen, ihm
+alles geben, alles opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles
+ist nur Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland
+gesehen ...«
+
+Er blickte Emma an.
+
+»Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
+leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn für
+ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
+geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die Sonne ...«
+
+Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte
+auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er sie
+auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg.
+
+Der Rat sprach immer weiter:
+
+»Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens Leute,
+die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, dieses
+Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile abgetaner
+Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer verkennen.
+Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus als auf dem Lande? Wo
+mehr Opferfreudigkeit in Dingen des Gemeinwohls? Mit einem Worte:
+wo mehr Intelligenz? Meine Herren, ich meine natürlich nicht jene
+oberflächliche Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten,
+nein, ich meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich
+nur mit ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile
+des Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine
+Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor den
+Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...«
+
+»Pflichterfüllung!« wiederholte Rudolf. »Immer und überall die
+Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten
+Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit Wärmbullen
+und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte Litanei vor: 'Die
+Pflicht, die Pflicht!' Der Teufel soll sie holen! Unsre Pflicht
+ist es, alles Große in der Welt mitzufühlen, das Schöne anzubeten
+und sich nicht immer gleich unter alle möglichen
+gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, sich nicht zu Sklaven
+herabwürdigen zu lassen ...«
+
+»Indessen ... indessen ...«, wandte Emma ein.
+
+»Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind
+sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden gibt, der
+Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der Dichtung, der Musik,
+aller Künste, alles Lebens im wahren Sinne?«
+
+»Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten
+und sich ihrer Moral fügen«, meinte Emma.
+
+»So! Das ist dann eben die doppelte Moral,« eiferte er. »Die eine:
+die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem fort ein
+andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im trüben fischt
+und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all der versammelten
+Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, die um uns ist und
+über uns wie die Landschaft, die uns umprangt, und der blaue
+Himmel, der über uns leuchtet ...«
+
+Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
+er weiter:
+
+»Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
+noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? Wer
+schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der Landmann? Er
+und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit seiner
+schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden Furchen sät,
+verdanken wir das Getreide, das dann, von sinnreichen Maschinen zu
+Mehl gemahlen, in die Städte zu den Bäckern kommt, die Brot daraus
+backen für arm und reich! Ist es nicht der Landmann, der auf den
+Weiden die Schafherden hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten
+wir uns anziehen, wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber,
+meine Herren, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht
+jeder von uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen
+Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe ist und
+uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen saftigen Braten für
+unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme nicht zu Ende, wenn
+ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse lückenlos aufzählen
+müßte, mit denen die wohlbebaute Erde wie eine großmütige Mutter
+ihre Kinder überschüttet. Ich nenne nur den Weinstock, den Baum,
+der uns den Apfelwein spendet, und den Raps. Dann haben wir den
+Käse und den Flachs. Meine Herren, vergessen wir den Flachs nicht!
+Der Flachsbau hat in den letzten Jahren einen bedeutenden
+Aufschwung genommen, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit ganz
+besonders hinlenken möchte ...«
+
+Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte
+offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der
+Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit
+aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und wieder
+voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz etwas weiter
+weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um Silbe für Silbe
+ordentlich zu verstehen. Die übrigen Preisrichter nickten
+bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um ihre Zustimmung zu
+erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich auf ihre Gewehre,
+und Binet stand immer noch stramm da im Stillgestanden und mit
+vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. Hören konnte er vielleicht, aber
+sehen nicht, weil ihm die Blende seines Helms bis über die Nase
+reichte. Sein Leutnant, der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte
+einen noch größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend
+auf dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines seidnen
+Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er lächelte wie ein
+artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein schmales blasses
+Gesicht, über das Schweißtropfen rannen, verriet zugleich helle
+Freude und müde Abspannung.
+
+Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In
+allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen Türschwellen.
+Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, ganz versunken in
+das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um den Redner herum
+Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch bereits in einiger
+Entfernung im Winde. Nur einzelne abgerissene Worte drangen
+weiter, von denen das Geräusch hin- und hergerückter Stühle auch
+noch einen Teil verschlang. Noch weiter weg vernahm man dicht
+hinter sich langgedehntes Rindergebrüll oder das Blöken der
+Schafe, die sich einander antworteten. Die Kuhjungen und Hirten
+hatten nämlich ihre Tiere inzwischen bis auf den Markt getrieben,
+wo sie sich nun von Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
+
+Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig zu:
+
+»Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum Rebellen
+machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie nicht verdammt? Die
+edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden von ihr verfolgt
+und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen trotz alledem
+finden, so verbündet sich alles, damit sie einander nicht gehören
+können. Aber sie werden es dennoch versuchen, sie regen ihre
+Flügel, und sie rufen sich. Früher oder später, in sieben Monaten
+oder in sieben Jahren, sind sie doch vereint in ihrer Liebe, weil
+es das Schicksal so will und weil sie füreinander geschaffen sind
+...«
+
+Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, und
+so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem Blicke. Sie
+konnte in seinen Augen die kleinen goldnen Kreislinien sehen, um
+die schwarzen Pupillen herum, und sie roch sogar das leise Parfüm
+in seinem Haar. Wollüstige Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte,
+mit dem sie im Schlosse Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den
+Sinn. Sein Bart hatte genau so geduftet wie dieses Haar, nach
+Vanille und Zitronen. Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um
+den Geruch stärker zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl
+zurücklehnte, fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern
+am Horizonte, die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine
+lange Staubwolke nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war
+Leo so oft zu ihr zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er
+von ihr weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu
+sehen, im Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel
+zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals im
+Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des Vicomte. Und
+Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... Dabei spürte sie
+in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. Die süße Empfindung
+seiner Nähe vermählte sich mit den alten Gelüsten; und wie
+Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten sie diese Gefühle
+zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten ihr die Seele. Ein
+paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um -- stoßweise -- den
+frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die um die Säulen
+geschlungen waren.
+
+Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
+feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem
+Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern des
+Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und die immer noch
+Phrasen dreschende Stimme des Regierungsrates verworren vernahm.
+
+Er predigte:
+
+»Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
+nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten
+Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen
+Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die
+Verbesserung des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung
+der Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese
+Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
+der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt
+wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft
+wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes
+Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine
+Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für Eure
+stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge des
+Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch ermutigt und
+beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden hin recht geben
+wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, die Bürde Eurer
+opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!«
+
+Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr
+Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
+schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, das
+heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
+Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer gefaßt;
+die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft und der
+Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
+beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation
+gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume,
+Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der
+menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen
+Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte.
+Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
+bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies nun
+ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen ungleich
+mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte Derozerays
+allerhand Betrachtungen an.
+
+Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die
+Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom
+Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen
+Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
+eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau
+auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
+gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei.
+
+»Nehmen Sie beispielsweise uns beide!« sagte er. »Warum haben wir
+uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall gefügt? War es
+nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, der uns gegenseitig
+einander zuführte, wie zwei Ströme ineinander fließen, jeder von
+weiter Ferne her?«
+
+Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht.
+
+»Preis für gute Bewirtschaftung ...«, rief unten der Redner.
+
+»Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus
+kam ...«
+
+»Herrn Bizet aus Quincampoix!«
+
+»Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden sollten?«
+
+»Siebzig Franken ...«
+
+»Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
+Ihnen gekommen und hier geblieben ...«
+
+»Für Erfolge im Düngen.«
+
+»... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...«
+
+»Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!«
+
+»... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so völlig
+bezaubert ...«
+
+»Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...«
+
+»... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...«
+
+»... für einen Merino-Schafbock ...«
+
+»Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen vorübergewandelt
+wie ein Schatten!«
+
+»Herrn Belot aus Notre-Dame ...«
+
+»Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
+erinnern?«
+
+»Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den
+Herren Lehérissé und Cüllembourg!«
+
+Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und
+zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei es
+nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß sie
+Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit ihren
+Fingern eine Bewegung. Da rief er aus:
+
+»Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind so
+gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur sehen,
+nur anschauen!«
+
+Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
+des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
+mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße
+Schmetterlingsflügel auf.
+
+»Für die Herstellung von Ölkuchen ...«
+
+Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
+
+»Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
+Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...«
+
+Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas trockne
+Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von selbst
+verschlangen sich ihre Hände.
+
+»Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière für
+vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben Gute eine
+silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!«
+
+Nach einer Weile hört man: »Wo ist Katharine Leroux?«
+
+Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen.
+
+»Geh doch!«
+
+»Ach nein!«
+
+»Brauchst keine Angst zu haben!«
+
+»Nee, ist die dumm!«
+
+»Hier! Hier steckt sie!«
+
+»So mag sie doch vorkommen!« rief der Bürgermeister dazwischen.
+
+Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur
+Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
+aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die Hüften
+eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von einer
+schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter
+Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke langten zwei dürre
+Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der
+Lauge der Wäsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig,
+hart und rissig, daß sie wie schmutzig aussahen, und doch waren
+sie in reinem Wasser tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige
+Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an
+ihrer demütigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig
+Dienste zu empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus
+den Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von
+Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
+nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit Tieren war
+ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum
+ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen,
+der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Röcken, das
+Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das
+erschüttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wußte
+nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie
+begriff nicht, warum man sie nach vorn drängte und warum ihr die
+Preisrichter freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen
+behäbigen Bürgern als ein verkörpertes halbes Säkulum der
+Knechtschaft.
+
+»Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia Elisabeth
+Leroux!« sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrönten
+aus den Händen des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er
+abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte
+er in väterlichem Tone:
+
+»Näher, immer näher!«
+
+»Sind Sie denn taub?« rief Tüvache heftig und sprang von seinem
+Sitze auf.
+
+»Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille im
+Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!« wurde ihr laut
+gesagt.
+
+Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln
+des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte man sie vor
+sich hinmurmeln:
+
+»Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er
+mir dermaleinst eine Messe liest.«
+
+»Selig die Geistesarmen!« meinte der Apotheker, zum Notar gewandt.
+
+Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
+nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder
+seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
+schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das Vieh,
+das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe
+zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.
+
+Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
+den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte
+einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte sich die
+spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
+
+Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe nahmen sie
+Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein
+durch die Wiesen spazieren.
+
+Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung schlecht.
+Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen gar keine
+Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bänke dienten,
+drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. Man aß
+unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen
+perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und den
+Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über dem
+Flusse an einem Herbstmorgen.
+
+Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich völlig
+in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und hörte. Hinter
+ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die
+gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab
+er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das Glas, ohne daß er es
+wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer stärker werdenden Lärmes war
+es in ihm ganz still. Er sann über das nach, was Emma gesagt
+hatte, und über die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte
+ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar
+aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
+Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in
+der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter
+Tage.
+
+Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
+Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der
+letztere beunruhigte sich sehr über die Möglichkeit, daß einmal
+eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen könnte. Aller
+Augenblicke verließ er seine Freunde, um Binet zur größten
+Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskörper waren vorher aus
+übertriebener Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt
+worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzündete
+sich nun schwer, und das Hauptstück, eine Schlange, die sich in
+den Schwanz beißt, versagte vollständig. Ab und zu zischte ein
+dürftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergnügen
+laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der
+Weiber, die im Dunkeln von dreisten Händen angefaßt wurden.
+
+Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
+verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
+Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und
+nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein
+paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch über das
+unbedeckte Haar.
+
+In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom
+Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf
+seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines
+Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach
+den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster.
+
+»Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen«,
+bemerkte der Apotheker. »Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich
+am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche
+vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine
+Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen Sie!«
+
+Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
+anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
+seiner Drehbank.
+
+»Vielleicht täten Sie gut,« mahnte ihn Homais, »wenn Sie einen von
+Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen
+...«
+
+»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« murrte der Steuereinnehmer. »Das
+hätte ja gar keinen Sinn!«
+
+Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
+
+»Wir können völlig beruhigt sein«, sagte er zu ihnen. »Herr Binet
+hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen
+sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen
+stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!«
+
+»Ach ja! Ich habs sehr nötig!« erwiderte Frau Homais, die schon
+immer tüchtig gegähnt hatte. »Aber schön wars doch!«
+
+Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke:
+
+»Wunderschön!«
+
+Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
+
+Zwei Tage darauf stand im »Leuchtturm von Rouen« ein langer
+Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
+hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt.
+
+»Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin wälzt
+sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen Weltmeeres
+unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren
+sengt?«
+
+Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. »Gewiß, die
+Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
+Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!« Bei der
+Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er »das
+martialische Aussehen unsrer Miliz«, die »behenden Dorfschönen,«
+die »kahlköpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der
+unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der
+Trommeln höher schlagen.« Seinen eigenen Namen zählte er unter den
+Preisrichtern als ersten auf und erwähnte in einer Anmerkung
+sogar, daß Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlängst eine
+Denkschrift über den Apfelwein an die Rouener Agronomische
+Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt,
+schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer
+Begeisterung. »Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren
+Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
+Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
+Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand
+gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl
+in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese errichteten großen
+Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende
+herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere Toaste wurden
+ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestät,
+Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr
+Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft,
+Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die
+Künste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den
+Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk
+plötzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
+Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
+sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
+entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß
+auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestört
+hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit.
+Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und
+Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jünger Loyolas!«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines
+Spätnachmittags, erschien er.
+
+»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein
+Fehler!«
+
+Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
+hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein
+Gedankengang war folgender:
+
+»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
+dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten
+wir also noch eine Weile!«
+
+Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß
+wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte.
+
+Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den
+Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall
+des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der
+Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer.
+
+Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine
+ersten Höflichkeitsworte.
+
+»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.«
+
+»Ernstlich?« fragte sie erregt.
+
+»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
+niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht
+wiederkommen.«
+
+»Warum?«
+
+»Erraten Sie es nicht?«
+
+Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot
+wurde und die Augen senkte.
+
+Er begann von neuem:
+
+»Emma!«
+
+»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab.
+
+»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich
+hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser
+Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir entschlüpft,
+und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt
+nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name -- eines
+andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt
+sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an
+Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen
+Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg
+... so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber
+heute ... heute ... ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt
+hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner
+kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt
+sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert
+ist!«
+
+Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie
+sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem
+Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost.
+
+»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort,
+»wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
+wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für
+Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu
+schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem
+Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das
+Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben
+hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß
+da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein
+Unglücklicher stand ...«
+
+Sie schluchzte auf und sah ihn an.
+
+»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie.
+
+»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen
+Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!«
+
+Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche
+her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht
+geschlossen. Er erinnerte sich daran.
+
+»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend,
+»wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.«
+
+Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen.
+Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da
+trat Karl ein.
+
+»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf.
+
+Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
+schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen
+wurde der andre wieder völlig Herr der Situation.
+
+»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...«,
+begann er.
+
+Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau
+habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten.
+
+Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre.
+
+»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein
+guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!«
+
+Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins
+an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in
+sie. Dann erzählte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein
+Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide
+immer noch an Schwindelanfällen.
+
+»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary.
+
+»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
+zusammen. Das ist bequemer für Sie!«
+
+»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!«
+
+Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
+
+»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger
+abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!«
+
+Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie
+sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es
+»komisch« finden.
+
+»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche
+Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht
+richtig von dir!«
+
+»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!«
+
+»Dann mußt du dir eins bestellen!«
+
+Das Reitkleid gab den Ausschlag.
+
+Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe
+ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an.
+
+Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem
+Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder
+und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus
+feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch
+nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen
+entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und
+den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn
+gewartet und war bereit.
+
+Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den
+Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei
+gute Ratschläge.
+
+»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie
+vorsichtig! Sind die Tiere fromm?«
+
+Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der
+Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
+einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen
+zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
+
+»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht
+vorsichtig!«
+
+Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit
+seiner Zeitung.
+
+Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von
+selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an.
+Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig
+eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem
+Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden
+Galoppade.
+
+Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
+Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter.
+
+Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In
+langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die
+Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel
+auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann
+erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von
+Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und
+Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus
+herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie
+da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten,
+glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen,
+verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm
+herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der
+hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt.
+
+Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die
+laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die
+Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den
+Hufen berührt.
+
+Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
+Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der
+Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die
+unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
+keuchten.
+
+Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
+
+»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf.
+
+»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie.
+
+»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
+Beide Tiere gehorchten.
+
+Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen
+sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt,
+bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein
+paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende
+Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie
+ihr linkes Bein berührte.
+
+Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte
+sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden
+Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben
+und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen
+auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise
+krächzend flogen Raben um die Eichen.
+
+Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus,
+den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes
+Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen
+Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem
+schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres
+Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand.
+
+Emma blieb stehen.
+
+»Ich bin müde!« sagte sie.
+
+»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!«
+
+Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue
+Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften
+herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus,
+wie in das Blau des Himmels getaucht.
+
+»Wohin gehen wir denn?«
+
+Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
+biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der
+gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen.
+
+Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
+durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
+schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit
+der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem
+Satze:
+
+»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen
+zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn:
+
+»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!«
+
+Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so
+blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
+schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
+
+»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern
+Pferden!«
+
+Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte:
+
+»Gehen wir zu unsern Pferden!«
+
+Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten
+Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich
+zitternd zurück und stammelte:
+
+»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!«
+
+»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck
+wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern
+aus.
+
+Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an.
+
+»Was hatten Sie denn vorhin?« fragte er. »Was war es? Ich habe Sie
+nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. Sie thronen
+in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar!
+Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre Augen sehen, Ihre
+Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin,
+meine Schwester, mein Schutzengel!«
+
+Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
+sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie
+nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von den
+Bäumen rupften.
+
+»Noch nicht!« bat Rudolf. »Reiten wir noch nicht zurück! Bleiben
+Sie!«
+
+Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen Weihers,
+dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf
+träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer Schritte im
+Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden.
+
+»Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! Ich
+bin toll, daß ich auf Sie höre!«
+
+»Warum? Emma! Emma!«
+
+»Ach, Rudolf!« flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
+anschmiegte.
+
+Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog
+ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer schwellte. Halb
+ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände auf ihr Gesicht
+pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin ...
+
+Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und
+flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub
+und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten Kolibris im
+Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes
+Schweigen. Die Bäume atmeten süße Melancholie.
+
+Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch
+den Körper kreiste.
+
+In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein
+langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie
+schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
+ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ...
+
+Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines
+Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her.
+
+Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im
+weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider
+Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder und
+einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verändert,
+und doch kam es Emma vor, als sei etwas höchst Bedeutsames
+geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von
+Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herüber, um ihre rechte
+Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand Emma im Sattel entzückend
+aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der
+schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft
+geröteten Wangen, -- alles im Abendrot.
+
+Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
+machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.
+
+Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich aus.
+Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen
+sei, tat sie, als hätte sie die Frage überhört. Sie stützte sich
+auf die Ellenbogen und starrte über ihren Teller weg in die
+flackernden Kerzen.
+
+»Emma!«
+
+»Was denn?«
+
+»Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. Er
+hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die
+Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für hundert
+Taler ...« Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar
+Augenblicken fort: »Ich habe gedacht, es sei dir erwünscht, und da
+habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... nein, gleich
+gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!«
+
+Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.
+
+Eine Viertelstunde später fragte sie:
+
+»Gehst du heute abend aus?«
+
+»Ja. Warum denn?«
+
+»Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!«
+
+Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
+schloß sich ein.
+
+Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
+Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine
+Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte.
+Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte über ihr
+Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und
+wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam
+sich wie verklärt vor.
+
+Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen
+Geliebten!«
+
+Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib
+geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die
+fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr
+gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles
+Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit
+breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das
+Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg
+von diesen Höhen, lag der Alltag.
+
+Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
+empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den
+Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene
+Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
+Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
+amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefühl
+befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
+triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit
+wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß ihre
+Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne Wirrungen.
+
+Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich
+ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. Er
+unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen
+an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und
+ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war wiederum im
+Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die Wände waren
+von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man drin nicht
+aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander auf einer
+Streu von trocknem Laub.
+
+Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle Abende.
+Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen
+lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach führte, verbarg.
+Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine
+Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle Tage beklagte.
+
+Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war,
+geriet sie plötzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu
+wollen. Ehe die Yonviller aufständen, konnte sie nach der Hüchette
+gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurückkommen. Dieser
+Plan ließ sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar
+Augenblicke später war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich
+umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs.
+
+Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut
+des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
+höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.
+
+Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte das
+Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als öffnete sich
+ihr alles von selbst. Eine breite Treppe führte auf einen Gang.
+Emma drückte auf die Klinke einer Tür, und da erblickte sie im
+Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie
+frohlockte laut.
+
+»Du? Du!« rief er aus. »Wie hast du das fertig gebracht? Dein Kleid
+ist feucht ...«
+
+»Ich liebe dich!« war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den
+Hals schlang.
+
+Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, kleidete
+sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, rasch an und
+schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf
+dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache führte, aus dem Hause.
+Aber wenn die Planke, die als Steg über das Wasser diente,
+zufällig weggenommen war, mußte sie ein Stück bis zum nächsten
+Steg an den Gartenmauern längs des Baches hingehen. Die bewachsene
+Böschung war steil und glitschig, und so mußte sie sich mit der
+einen Hand an Büscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten,
+um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein über die
+Äcker, ungeachtet, daß ihre zierlichen Schuhe einsanken, daß sie
+oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um
+Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor
+den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden
+Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns
+und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann
+meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
+leibhaftgewordene Frühlingsmorgen.
+
+Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende
+goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen
+fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern
+leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf
+zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz.
+
+Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf,
+kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
+Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in den
+Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
+Zuckerstücken, neben der Wasserflasche.
+
+Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
+vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm
+weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
+neuem in seine Arme.
+
+Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein
+bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wäre.
+
+»Was hast du denn?« fragte sie. »Hast du Schmerzen? Sprich!«
+
+Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begönnen
+unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Allmählich machten Rudolfs Befürchtungen auf Emma Eindruck. Zuerst
+hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an nichts andres
+gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu einer Lebensbedingung
+geworden war, erwachte die Furcht in ihr, es könne ihr etwas davon
+verloren gehen oder man könne sie ihr gar stören. Wenn sie von dem
+Geliebten wieder heimging, hielt sie mit rastlosen Blicken
+Umschau; sie spähte nach allem, was sich im Gesichtskreise regte,
+sie suchte die Häuser des Ortes bis hinauf in die Dachluken ab, ob
+jemand sie beobachte. Sie lauschte auf jedes Geräusch, jeden
+Tritt, jedes Rädergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
+zittriger als das Laub der Pappeln, die sich über ihrem Haupte
+wiegten.
+
+Eines Morgens, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem Male den
+Lauf eines Gewehrs auf sich gerichtet. Es ragte schräg über den
+oberen Rand einer Tonne hervor, die zur Hälfte in einem Graben
+stand und vom Gebüsch verdeckt wurde. Vor Schreck halb ohnmächtig
+ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann aus der Tonne wie
+ein Springteufel aus seinem Kasten. Er trug Wickelgamaschen bis
+an die Knie, und die Mütze hatte er tief ins Gesicht
+hereingezogen, so daß man nur eine rote Nase und bebende Lippen
+sah. Es war der Feuerwehrhauptmann Binet, der auf dem Anstand lag,
+um Wildenten zu schießen.
+
+»Sie hätten schon von weitem rufen sollen!« schrie er ihr zu.
+»Wenn man ein Gewehr sieht, muß man sich bemerkbar machen!«
+
+Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
+zu bemänteln. Es bestand nämlich eine landrätliche Verordnung,
+nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne aus betreiben
+durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte sich also Binet
+einer Übertretung schuldig. Deshalb schwebte er in steter Furcht,
+der Landgendarm könne ihn erwischen, und doch fügte die Aufregung
+seinem Vergnügen einen Reiz mehr zu. Wenn er so einsam in seiner
+Tonne saß, war er stolz auf sein Jagdglück und seine Schlauheit.
+
+Als er erkannte, daß es Frau Bovary war, fiel ihm ein großer Stein
+vom Herzen. Er begann sofort ein Gespräch mit ihr.
+
+»Es ist kalt heute! Ordentlich kalt!«
+
+Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:
+
+»Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?«
+
+»Jawohl!« stotterte sie. »Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
+ist...«
+
+»So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
+seit Morgengrauen hier. Aber das Wetter ist so ruppig, daß man
+auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt ...«
+
+»Adieu, Herr Binet!« unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
+ihm ab.
+
+»Ihr Diener, Frau Bovary!« sagte er trocken und kroch wieder in
+seine Tonne.
+
+Emma bereute es, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
+gelassen zu haben. Zweifellos hegte er allerlei ihr nachteilige
+Vermutungen. Auf eine dümmere Ausrede hätte sie auch wirklich
+nicht verfallen können, denn in ganz Yonville wußte man, daß das
+Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und sonst
+wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg führte einzig und
+allein nach der Hüchette. Somit mußte Binet erraten, wo Emma
+gewesen war. Sicherlich würde er nicht schweigen, sondern es
+ausklatschen! Bis zum Abend marterte sie sich ab, alle möglichen
+Lügen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit seiner
+Jagdtasche vor Augen.
+
+Als Karl nach dem Essen merkte, daß Emma bekümmert war, schlug er
+ihr vor, zur Zerstreuung mit zu »Apothekers« zu gehen.
+
+Die erste Person, die sie schon von draußen in der Apotheke im
+roten Lichte erblickte, war -- ausgerechnet -- der
+Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:
+
+»Ich möchte ein Lot Vitriol.«
+
+»Justin,« schrie der Apotheker, »bring mir mal die Schwefelsäure
+her!« Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
+Zimmer von Frau Homais hinaufgehen wollte.
+
+»Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
+Augenblick herunter. Wärmen Sie sich inzwischen am Ofen ...
+Entschuldigen Sie!« Und zu Bovary sagte er: »Guten Abend, Doktor!«
+Der Apotheker pflegte nämlich diesen Titel mit einer gewissen
+Vorliebe in den Mund zu nehmen, als ob der Glanz, der darauf
+ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen würfe. »Justin, nimm dich
+aber in acht und wirf mir die Mörser nicht um! So! Und nun holst
+du ein paar Stühle aus dem kleinen Zimmer! Aber nicht etwa die
+Fauteuils aus dem Salon! Verstanden?«
+
+Homais wollte selber zu seinen Fauteuils stürzen, aber Binet bat
+noch um ein Lot Zuckersäure.
+
+»Zuckersäure?« fragte der Apotheker eingebildet. »Kenne ich nicht!
+Gibt es nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxalsäure? Also
+Oxalsäure, nicht wahr?«
+
+Der Steuereinnehmer setzte ihm auseinander, daß er nach einem
+selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
+Reinigung von verrostetem Jagdgerät.
+
+Bei dem Wort »Jagd« schrak Emma zusammen.
+
+Der Apotheker versetzte:
+
+»Gewiß! Bei solch schlechtem Wetter braucht man das!«
+
+»Es gibt aber doch Leute, die es nicht anficht!« meinte Binet
+bissig.
+
+Emma bekam keine Luft.
+
+»Und dann möcht ich noch ...«
+
+»Will er denn ewig hier bleiben!« seufzte sie bei sich.
+
+»... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbes Wachs
+und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren meines
+Lederzeugs.«
+
+Der Apotheker wollte gerade das Wachs abschneiden, als seine Frau
+erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, und Athalia
+hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Plüsch überzogene
+Fensterbank. Der Junge lümmelte sich auf einen niedrigen Sessel,
+während sich seine ältere Schwester am Kasten mit den Malzbonbons
+zu schaffen machte, in nächster Nähe von »Papachen«, der mit dem
+Trichter hantierte, die Fläschchen verkorkte, Etiketten darauf
+klebte und dann alles zu einem Paket verpackte. Um ihn herrschte
+Schweigen. Man hörte nichts, als von Zeit zu Zeit das Klappern der
+Gewichte auf der Wage und ein paar leise anordnende Worte, die der
+Apotheker dem Lehrling erteilte.
+
+»Wie gehts Ihrem Töchterchen?« fragte plötzlich Frau Homais.
+
+»Ruhe!« rief ihr Gatte, der den Betrag in das Geschäftsbuch
+eintrug.
+
+»Warum haben Sies nicht mitgebracht?« fragte sie weiter.
+
+»Sst! Sst!« machte Emma und wies mit dem Daumen nach dem
+Apotheker.
+
+Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
+darauf gehört zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stieß Emma
+einen lauten Seufzer aus.
+
+»Bißchen asthmatisch?« bemerkte Frau Homais.
+
+»Ach nein, es ist nur recht heiß hier!« entgegnete Frau Bovary.
+
+Alles das hatte zur Folge, daß die Liebenden tags darauf
+beschlossen, ihre Zusammenkünfte anders einzurichten. Emma schlug
+vor, ihr Hausmädchen ins Vertrauen zu ziehen und durch ein
+Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt es für besser, in
+Yonville irgendein stilles Winkelchen ausfindig zu machen. Er
+versprach, sich darnach umzusehen.
+
+Den ganzen Winter über kam er drei- oder viermal in der Woche bei
+Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schlüssel zur
+Hinterpforte gegeben, während Karl glaubte, er sei verloren
+gegangen. Zum Zeichen, daß er da war, warf Rudolf jedesmal eine
+Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, aber
+oft mußte sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, am
+Kamine zu sitzen und ins Endlose hinein zu plaudern. Emma verging
+beinahe vor Ungeduld und wünschte ihren Mann wer weiß wohin.
+Schließlich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann nahm sie
+ein Buch zur Hand und tat so, als sei das Buch über alle Maßen
+fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief ihr zu, sie solle
+auch schlafen gehn.
+
+»Komm doch, Emma!« rief er. »Es ist schon spät!«
+
+»Gleich! Gleich!« erwiderte sie.
+
+Das Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
+schlief ein. Sie schlüpfte hinaus, mit verhaltenem Atem, lächelnd,
+zitternd, halbnackt.
+
+Rudolf hüllte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, schlang
+die Arme um sie und zog sie wortlos hinter in den Garten, in die
+Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie dereinst so oft mit
+Leo gesessen hatte. Das war an Sommerabenden gewesen. Wie verliebt
+hatten seine Augen geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr
+an ihn.
+
+Durch die kahlen Zweige der Jasminbüsche funkelten die Sterne.
+Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
+Ufer das vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte es sich im
+Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben bekam,
+sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein schwarzes Ungetüm
+auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu erdrücken.
+
+In der Kälte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
+ihr Liebesgestammel um so inbrünstiger. Ihre Augen, die sie
+gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen größer, und in
+der Stille ringsum bekamen ihre ganz leise geflüsterten Worte
+einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und zitterten
+in ihnen tausendfach wider.
+
+Wenn die Nacht regnerisch war, flüchteten sie in Karls
+Sprechzimmer, das zwischen dem Wagenschuppen und dem Pferdestall
+gelegen war. Emma zündete eine Küchenlampe an, die sie hinter den
+Büchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte sichs bequem, als sei
+er zu Hause. Der Anblick der »Bibliothek«, des Schreibtisches, der
+ganzen Einrichtung erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht
+umhin, über Karl allerhand Witze zu machen, was Emma ungern hörte.
+Sie hätte ihn viel lieber ernst sehen mögen, ihretwegen
+theatralischer, wie er es einmal gewesen war, als sie in der
+Pappelallee das Geräusch von näherkommenden Tritten hinter sich zu
+vernehmen wähnten.
+
+»Es kommt jemand!« sagte sie einmal.
+
+Er blies das Licht aus.
+
+»Hast du eine Pistole bei dir?«
+
+»Wozu?«
+
+»Damit du ... dich ... verteidigen kannst!«
+
+»Gegen deinen Mann? Der arme Junge!« Dazu machte er eine Gebärde,
+die etwa sagen sollte: »Der mag mir nur kommen!«
+
+Dieser Mut entzückte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
+urwüchsige Roheit heraushörte und darüber entsetzt war.
+
+Rudolf dachte viel über diese kleine Szene nach.
+
+»Wenn das ihr Ernst war,« sagte er sich, »so war das recht
+lächerlich, sogar häßlich.« Er hatte doch wahrlich keinen Anlaß,
+ihren gutmütigen Mann zu hassen. Sozusagen »von Eifersucht
+verzehrt«, das war er nicht. Überdies hatte ihm Emma ihre
+körperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, der ihm
+ziemlich abgeschmackt erschienen war. Überhaupt fing sie an, recht
+sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit ihr tauschen
+müssen, und sie hatten sich alle beide eine ganze Handvoll Haare
+für einander abgeschnitten, und jetzt wünschte sie sich sogar
+einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen ewiger
+Zusammengehörigkeit. Häufig schwärmte sie ihm von den Abendglocken
+vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie erzählte von ihrer
+seligen Mutter und wollte von der seinigen etwas wissen. Rudolfs
+Mutter war schon zwanzig Jahre tot. Trotzdem tröstete ihn Emma mit
+allerlei Koseworten der Klein-Kindersprache, als ob es gölte, ein
+Wickelkind zu beruhigen. Mehr als einmal hatte sie, zu den Sternen
+aufblickend, ausgerufen:
+
+»Ich glaube fest, da droben, unsre beiden Mütter segnen unsre
+Liebe!«
+
+Aber sie war so hübsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
+noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unzüchtigkeiten war
+ihm, der das Verdorbenste kannte, etwas ganz Neues, das seinen
+Mannesstolz und seine Sinnlichkeit verführerisch umschmeichelte.
+Selbst Emmas Überschwenglichkeiten, so zuwider sie einem
+Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei näherer Betrachtung
+reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so sicher war, daß
+er geliebt wurde, ließ er sich gehen, und allmählich änderte sich
+sein Benehmen.
+
+Nicht mehr wie einst hatte er für sie jene süßen Worte, die Emma
+zu Tränen rührten, nicht mehr die stürmischen Liebkosungen, die
+sie toll gemacht hatten. Und so kam es ihr vor, als ob der Strom
+ihrer eignen großen Liebe, in der sie völlig untergetaucht war,
+niedriger würde; sie sah gleichsam auf den schlammigen Grund. Vor
+dieser Erkenntnis schauderte sie, und darum verdoppelte sie ihre
+Zärtlichkeiten. Rudolf indessen verriet seine Gleichgültigkeit
+immer mehr.
+
+Emma war sich selber nicht klar darüber, ob sie es bereuen müsse,
+sich ihm geschenkt zu haben, oder ob es nicht besser für sie sei,
+wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann sie ihre
+Schwachheit als Schmach zu empfinden, und der Groll darüber
+beeinträchtigte ihr den sinnlichen Genuß. Sie gab sich ihm nicht
+mehr hin, sie ließ sich jedesmal von neuem verführen. Aber er
+meisterte sie, und sie fürchtete sich beinahe vor ihm.
+
+Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach außen ein harmloses
+Gepräge wie nie zuvor. Das war so recht nach Rudolfs Wunsch. So
+war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, als der
+Frühling ins Land kam, waren sie fast wie zwei Eheleute
+zueinander, die ihre Liebesopfer an der gemütlichen Flamme des
+häuslichen Herdes bringen.
+
+Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie alljährlich eine
+Truthenne zur Erinnerung an das geheilte Bein. Mit der Gabe kam,
+wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem er an
+den Korb gebunden war, und las die folgenden Zeilen:
+
+»Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
+und is si so gut wi di früeren. Mir komt sie nämlig ein bissel
+zarter vor sozusagen nich so kombakt, das nächste mal schik ich
+euch zur abwekslung mal einen Han oder wolt ür liber ein par junge
+un schikt mir den Korb zerük, bite un auch di vorgen, ich hab
+Unglük mit der römise gehabt der ihr Dach ist mir neulig nachts
+bei dem grosen Sturm in die Bäume geflogen, die ernte ist diesmal
+nich besonders berümt. Kurz und gut ich weis nicht wan ich zu euch
+zu besuch kome, das ist jez so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe
+weg seit ich allein bin meine arme Emma.«
+
+Hier war ein großer Absatz, als ob der gute Mann seine Feder
+hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu träumen.
+
+»Was mich anbelangt so gehts mir leidlig bis auf den Schnuppen den
+ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo ich war,
+einen neuen Schäfer zu mieten. Den alten hab ich nämlig
+nausgeschmisen wegen seiner Grosen klape. Es is wirklig schrecklig
+mit diesen Gesindel, mausen tat er übrigens auch.
+
+»Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend gekomen
+is und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich vernomen das
+Karl imer feste ze tun hat. Das wundert mich kar nich und den Zan
+hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase Kafee dabehalten. Ich
+fragt in ob er dich auch gesehen hat, da sagte er Nein aber im
+Stale häte er zwei Gäule stehn sehn woraus ich schlise das der
+kurkenhandel bei euch gut geht. Das freut mich sehr meine liben
+Kinder der libe got mög euch ales möglige Glük schenken. Es tut
+mir sör leid das ich mein libes Enkelkind Berta Bovary noch imer
+nich kene. Ich habe für si unter deiner Stube ein Flaumenbäumgen
+geflanzt. Das sol nich angerürt werden auser später um die Flaumen
+für Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen
+si komt krigt si imer welge. Adiö libe Kinder. Ig küse dich libe
+Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
+Baken un verbleibe mit tausen Grüsen euer euch
+
+libender vater
+Theodor Rouault.«
+
+Ein paar Minuten hielt sie das Stück grobes Papier noch nach dem
+Lesen in den Händen. Die Verstöße gegen die Rechtschreibung jagten
+sich in den väterlichen Zeilen nur so, aber Emma ging einzig und
+allein dem lieben Geist darin nach, der wie eine Henne aus einer
+dicken Dornenhecke allenthalben hervorgackerte. Rouault hatte die
+noch nassen Schriftzüge offenbar mit Herdasche getrocknet, denn
+aus dem Briefe rieselte eine Menge grauen Staubes auf das Kleid
+der Leserin. Sie glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich
+zu sehen, wie er sich nach dem Aschekasten bückte. Ach, wie lange
+war es schon her, daß sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah
+sie sich wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie das Ende
+eines Steckens an der großen Flamme des Funken sprühenden
+Ginsterreisigs anbrennen ließ. Und dann dachte sie zurück an
+gewisse sonnendurchglühte Sommerabende, wo die Füllen so hell
+aufwieherten, wenn man in ihre Nähe kam, und dann weggaloppierten.
+Diese drolligen Galoppsprünge! Im Vaterhause, unter ihrem Fenster,
+da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren die Bienen, wenn sie
+in der Sonne ausschwärmten, gegen die Scheiben geflogen wie
+fliegende Goldkugeln. Das war doch eigentlich eine glückliche Zeit
+gewesen! Voller Freiheit! Voller Erwartung und voller Illusionen!
+Nun waren sie alle zerronnen! Bei dem, was sie erlebt, hatte sie
+ihre Seele verbraucht, in allen den verschiedenen Abschnitten
+ihres Daseins, als junges Mädchen, dann als Gattin, zuletzt als
+Geliebte. Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie
+jemand, der auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein Stück von
+seinen Habseligkeiten liegen läßt.
+
+Aber warum war sie denn so unglücklich? Was war Bedeutsames
+geschehen, daß sie mit einem Male aus allen Himmeln gestürzt war?
+Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam als suche sie den
+Anlaß ihres Herzeleids.
+
+Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan des
+Wandbrettes. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hausschuhe hindurch
+spürte sie den weichen Teppich. Es war ein heller Frühlingstag,
+und die Luft war lau.
+
+Da hörte sie, wie ihr Kind draußen laut aufjauchzte.
+
+Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Das Kindermädchen wollte
+sie am Kleide wieder in die Höhe ziehen. Lestiboudois war dabei,
+den Rasen zu scheren. Jedesmal, wenn er in die Nähe des Kindes
+kam, streckte es ihm beide Ärmchen entgegen.
+
+»Bring sie mir mal herein!« rief sie dem Mädchen zu und riß ihr
+Töchterchen hastig an sich, um es zu küssen. »Wie ich dich liebe,
+mein armes Kind! Wie ich dich liebe!«
+
+Als sie bemerkte, daß es am Ohre etwas schmutzig war, klingelte
+sie rasch und ließ sich warmes Wasser bringen. Sie wusch die
+Kleine, zog ihr frische Wäsche und reine Strümpfe an. Dabei tat
+sie tausend Fragen, wie es mit der Gesundheit der Kleinen stehe,
+just als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. Schließlich küßte
+sie sie noch einmal und gab sie tränenden Auges dem Mädchen
+wieder. Felicie war ganz verdutzt über diesen Zärtlichkeitsanfall
+der Mutter.
+
+Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.
+
+»Eine vorübergehende Laune!« tröstete er sich.
+
+Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als
+er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig.
+
+»Schade um die Zeit, mein Liebchen!« meinte er. Und er tat so, als
+merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das Taschentuch,
+das sie herauszog.
+
+Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus welchem
+Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht besser
+gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. Aber Karl
+bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren Gefühlswandel zu
+offenbaren. Wenn der Apotheker nicht zufällig eine solche
+heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre hingebungsvolle Anwandlung
+tatenlos geblieben.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
+Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war,
+verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
+Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit es auf
+der Höhe der Kultur bleibe.
+
+»Was ist denn dabei zu riskieren?« fragte er Frau Bovary. Er
+zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern
+auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken.
+Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende Reklame für den
+Operateur. »Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den
+armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? Bedenken Sie, daß er
+seine Heilung allen Reisenden erzählen würde. Und dann ...« Der
+Apotheker begann zu flüstern und blickte scheu um sich, »... was
+sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darüber in die
+Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird überall
+gelesen ... man spricht davon ... schließlich weiß es die ganze
+Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer
+weiß?«
+
+Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
+keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln,
+und was für eine Befriedigung wäre es für sie, die geistige
+Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine
+Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte mehr als bloß die Liebe
+dieses Mannes.
+
+Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl
+überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Düval,
+und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den
+Händen, in diese Lektüre. Während er sich über Pferdefußbildungen,
+Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie,
+Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen inneren und
+äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen Fußes),
+Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fußleiden, die
+oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich greifen)
+unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Löwen mit
+allen Mitteln der Überredungskunst zur Operation zu bewegen.
+
+»Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren«, sagte er
+zu ihm. »Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim
+Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hühnerauge
+schneiden läßt.«
+
+Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich.
+
+»Im übrigen«, fuhr der Apotheker fort, »kann mirs natürlich ganz
+egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs nur aus purer
+Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte dich gar zu gern von
+deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, von diesem ewigen Hin-
+und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst dagegen sagen, was du
+willst: es stört dich in der Ausübung deines Berufs doch
+erheblich!«
+
+Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach einer
+Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu verstehen, daß
+er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, worüber der
+Bursche albern grinste.
+
+»Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch
+auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten
+ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!«
+
+Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei ihm
+noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
+Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne.
+
+Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine
+Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die
+Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, die
+Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in ihn,
+redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was vollends den
+Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen roten Heller
+kosten. Bovary versprach sogar, Material und Medikamente umsonst
+zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser Generosität. Karl
+pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: »Meine Frau ist doch
+wirklich ein Engel!«
+
+Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen
+Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers eine
+Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an Holz,
+Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart worden.
+
+Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte
+zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß
+hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein nahezu
+geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. Es war
+also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, anders
+ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker Neigung zu einem
+Pferdefuß.
+
+Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein Pferdehuf
+war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke Zehen mit
+schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war der Krüppel von
+früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah ihn unaufhörlich im
+Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte sogar den Anschein, als
+sei sein mißratenes Bein kräftiger denn das gesunde. Offenbar
+hatte sich Hippolyt, von Jugend auf im schweren Dienst, sehr viel
+Geduld und Ausdauer zu eigen gemacht.
+
+An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne durchschnitten
+werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher kann der Varus
+nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, beide Schnitte auf
+einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, einen wichtigen Teil
+zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse waren mangelhaft.
+
+Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die erste
+unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, der es
+unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, Gensoul, der als
+erster eine Oberkiefer-Abtragung ausführte, -- allen diesen hat
+sicherlich nicht so das Herz geklopft und die Hand gezittert, und
+sie waren gewiß nicht so aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt
+unter sein Messer nahm.
+
+Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in einem Lazarett. Auf
+dem Tische lagen Haufen von Scharpie, gewichste Fäden, Binden,
+alles was in der Apotheke an Verbandszeug vorrätig gewesen war.
+Homais hatte das alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die
+Leute zu verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen.
+
+Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. Die Sehne
+war zerschnitten, die Operation beendet.
+
+Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm Bovarys
+Hände und bedeckte sie mit Küssen.
+
+»Erst mal Ruhe!« gebot der Apotheker. »Die Dankbarkeit für deinen
+Wohltäter kannst du ja später bezeigen!«
+
+Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs Neugierigen
+mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich eingebildet hatten,
+Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male laufen wie jeder
+andere. Karl schnallte seinem Patienten das Gehäuse an und begab
+sich sodann nach Haus, wo ihn Emma angstvoll an der Türe
+erwartete. Sie fiel ihm um den Hals.
+
+Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch
+sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst nur
+Sonntags, wenn ein Gast da war.
+
+Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und
+gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke,
+von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen ärztlichen Ruf
+wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe seiner Frau
+immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt und verjüngt,
+gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen leisen Zuneigung
+für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. Flüchtig schoß ihr
+der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber ihre Augen ruhten
+alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte sie erstaunt, daß
+seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich waren.
+
+Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr des
+Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein frisch
+beschriebenes Stück Papier. Es war der Reklame-Aufsatz, den er für
+den »Leuchtturm von Rouen« verfaßt hatte. Er brachte ihn, um ihn
+dem Arzte zum Lesen zu geben.
+
+»Lesen Sie ihn vor!« bat Bovary.
+
+Der Apotheker tat es:
+
+»Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer
+noch immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer
+Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen
+Yonville der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich
+ein Beispiel edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary,
+einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, ...«
+
+»Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!« unterbrach ihn Karl, vor
+Erregung tief atmend.
+
+»Aber durchaus nicht! Wieso denn?«
+
+Er las weiter:
+
+»... hat den verkrüppelten Fuß ...«
+
+Er unterbrach sich selbst:
+
+»Ich habe hier absichtlich den terminus technicus vermieden,
+wissen Sie! In einer Tageszeitung muß alles gemeinverständlich
+sein ... die große Masse ...«
+
+»Sehr richtig!« meinte Bovary. »Bitte fahren Sie fort!«
+
+»Ich wiederhole:
+
+Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte,
+hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain
+operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum Goldnen Löwen
+der verwitweten Frau Franz am Markt. Das aktuelle Ereignis und das
+allgemeine Interesse an der Operation hatten eine derartig große
+Volksmenge angezogen, daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt
+werden mußte. Die Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell.
+Bluterguß trat so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen
+verrieten, daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der
+Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise
+-- wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf --
+nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt
+nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die
+vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave
+Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten Urlaubern
+um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch muntere
+Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen Gelehrten, Ehre
+den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der Menschheit zum
+Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!
+
+Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die
+Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der
+kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach,
+schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
+unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so
+ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.«
+
+Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz verstört
+gelaufen und rief:
+
+»Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!«
+
+Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der
+Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ
+sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und mit
+rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem er
+auf der Treppe begegnete:
+
+»Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?«
+
+Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß das
+Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen die Wand
+geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte.
+
+Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht zu
+verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot sich ein
+gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war unter einer
+derartigen Schwellung verschwunden, daß es aussah, als platze
+demnächst die ganze Haut. Diese war blutunterlaufen und von
+Druckflecken bedeckt, die das famose Gehäuse verursacht hatte.
+Hippolyt hatte von Anfang an über Schmerzen geklagt, aber man
+hatte ihn nicht angehört. Nachdem man nunmehr einsah, daß er im
+Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein paar Stunden Befreiung.
+Aber sowie die Schwellung ein wenig zurückgegangen war, hielten es
+die beiden Heilkünstler für angebracht, das Bein wieder
+einzuschienen und es noch fester einzupressen, um dadurch die
+Wiederherstellung zu beschleunigen.
+
+Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr auszuhalten.
+Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war höchst über das
+verwundert, was sich nunmehr herausstellte. Die schwärzlichblau
+gewordene Schwellung erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz
+voller Blasen war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man
+wurde bedenklich.
+
+Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in die
+kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er wenigstens
+etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, der dort seinen
+Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese Nachbarschaft.
+Nunmehr schaffte man den Kranken in das Billardzimmer. Dort lag
+er wimmernd unter seinen schweren Decken, blaß, unrasiert, mit
+eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte er seinen in Schweiß
+gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen hin und her, wenn ihn
+die Fliegen quälten.
+
+Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
+Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst fehlte
+es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, wenn die
+Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
+herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.
+
+»Wie geht dirs denn?« fragten sie ihn und klopften ihm auf die
+Schulter. »So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist aber
+selber schuld daran!« Er hätte dies oder jenes machen sollen. Sie
+erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere Heilmittel
+wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren Trost meinten
+sie:
+
+»Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie ein
+Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! Und
+besonders gut riechst du auch nicht!«
+
+Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
+selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
+Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend
+stammelte er:
+
+»Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, helfen
+Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!«
+
+Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann verließ
+er ihn.
+
+»Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!« meinte die Löwenwirtin.
+»Sie haben dich schon gerade genug geschunden! Das macht dich bloß
+immer noch schwächer! Da, trink!«
+
+Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule,
+Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine
+Lippen zu bringen wagte.
+
+Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt schlechter
+ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber erklärte
+er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, denn es
+sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich mit dem Himmel
+zu versöhnen.
+
+»Siehst du,« sagte der Priester in väterlichem Tone, »du hast
+deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der
+Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige Abendmahl
+nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung und der
+Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein Seelenheil zu
+sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du dich darum kümmerst.
+Verzweifle indessen nicht! Ich habe große Sünder gekannt, die,
+kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du bist noch nicht so weit,
+das weiß ich wohl!) seine Gnade erfleht haben; sie sind ohne
+Verdammnis gestorben! Hoffen wir, daß auch du uns gleich ihnen ein
+gutes Beispiel gibst! Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir,
+morgens ein Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue
+das! Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das
+versprechen?«
+
+Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger wieder.
+Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen erzählte er den
+beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, die Hippolyt
+allerdings nicht verstand. Aber bei jeder Gelegenheit kam er auf
+religiöse Dinge zu sprechen, wobei er jedesmal eine salbungsvolle
+Miene annahm.
+
+Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht
+lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
+nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde,
+worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt genäht
+halte besser. Er riskiere ja dabei nichts.
+
+Der Apotheker war empört über »diese Pfaffenschliche«, wie er sich
+ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung des
+Hausknechts nur.
+
+»Laßt ihn doch nur in Ruhe!« sagte er zur Löwenwirtin. »Mit euren
+Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!«
+
+Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein anderer
+sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein aus
+Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen
+Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf.
+
+Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der
+chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
+Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue Salben
+und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und schließlich
+antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, als Mutter
+Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser hoffnungslosen Lage
+nicht den Doktor Canivet aus Neufchâtel kommen lassen solle, der
+doch weitberühmt sei.
+
+Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso
+wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht,
+über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das bis an das
+Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann erklärte er, das
+Glied müsse amputiert werden.
+
+Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen »die Esel, die das
+arme Luder so zugerichtet« hätten. Er faßte Homais am Rockknopf
+und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:
+
+»Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
+Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es mit
+ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, Blaseneingriffen!
+Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen
+sollte! Diese Scharlatane wollen bloß immer was zu tun haben. Sie
+erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken
+sie nicht. Wir andern aber, wir sind rückständig. Wir sind keine
+Gelehrten, keine Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben
+unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns
+nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen!
+Klumpfüße gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch
+einem Buckligen seinen Höcker abhobeln wollen!«
+
+Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl zumute, aber
+er verbarg sein Mißbehagen hinter einem verbindlichen Lächeln. Er
+mußte mit Canivet auf gutem Fuße bleiben, dieweil dieser in der
+Yonviller Gegend öfters konsultiert wurde und ihm dabei durch
+Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde hütete er sich, für
+Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze
+Grundsätze sein und opferte seine Würde den ihm wichtigeren
+Interessen seines Geschäfts.
+
+Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausführte, war
+für den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frühzeitig waren die
+Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstraße war voller
+Menschen, die allesamt etwas Trübseliges an sich hatten, als solle
+eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich
+über Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau
+Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen Morgen in
+ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur
+ankäme.
+
+Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber kutschierte.
+Durch die Last seines Körpers war die rechte Feder des Gefährts
+derartig niedergedrückt, daß der Wagenkasten schief stand. Neben
+dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne
+Reisetasche, deren Messingschlösser prächtig funkelten. In starkem
+Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen
+Löwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er
+ging mit in den Stall und überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich
+Hafer geschüttet bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer
+zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im
+Munde der Leute für einen »Pferdejockel«. Aber gerade weil er sich
+darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. Und
+wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten
+Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst seiner
+kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
+
+Homais stellte sich ein.
+
+»Ich rechne auf Ihre Unterstützung!« sagte der Chirurg. »Ist alles
+bereit? Na, dann kanns losgehen!«
+
+Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, um
+einer solchen Operation assistieren zu können. »Als passiver
+Zuschauer«, sagte er, »greift einen so was doppelt an. Meine
+Nerven sind so herunter ...«
+
+»Quatsch!« unterbrach ihn Canivet. »Mir machen Sie vielmehr den
+Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. Übrigens kein
+Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh bis abends in Eurer
+Giftbude. Das muß sich ja schließlich auf die Nerven legen! Gucken
+Sie mich mal an! Tag für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf,
+wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht,
+Flanellhemden gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich
+nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und
+morgen so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als
+Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie
+Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem
+christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich
+mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es
+ist alles bloß Gewohnheit ...«
+
+Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
+Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung in
+diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit
+eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich
+geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über die
+Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein
+Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines
+Handwerk ausübe, der sei ein Heiligtumschänder.
+
+Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais
+gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war dasselbe, das bereits
+bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er
+sich jemanden, der das Bein festhalten könne. Lestiboudois ward
+geholt.
+
+Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel hoch und
+begab sich in das Billardzimmer, während der Apotheker in die
+Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ängstlich
+warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weißer als ihre
+Schürzen.
+
+Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus.
+Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und die Hände
+gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte,
+und starrte vor sich hin. »Welch ein Mißgeschick!« seufzte er.
+»Was für eine große Enttäuschung!« Er hatte doch alle denkbaren
+Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner
+Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! Wenn Hippolyt noch
+stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was sollte er antworten,
+wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe
+einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wußte doch selber keinen,
+so sehr er auch darüber nachsann. Die berühmtesten Chirurgen
+versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie
+werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache
+wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchâtel, bis Rouen und noch
+weiter! Vielleicht würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn
+veröffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in
+den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf
+Schadenersatz klagen.
+
+Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
+tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her
+wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.
+
+Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung
+dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
+hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines
+Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit
+doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!
+
+Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
+
+»Setz dich doch!« sagte sie. »Du machst mich noch ganz verrückt!«
+
+Er tat es.
+
+Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war!
+--, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer
+Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der
+Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich
+alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum
+Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer
+Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den
+Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
+alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich
+gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den
+geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum?
+
+Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein
+herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig.
+Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts
+mehr anzusehen.
+
+Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
+ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis
+dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht
+hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und
+sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte
+unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war!
+
+»Vielleicht war es ein Valgus?« rief Karl plötzlich laut aus. Das
+war das Ergebnis seines Nachsinnens.
+
+Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas
+versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte
+--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen,
+fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt,
+sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch
+himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines
+Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden
+Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die
+ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang
+wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß
+sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt
+einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke
+trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein
+Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
+seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
+daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von
+Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
+ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den
+Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des
+Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild
+entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre
+ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben
+herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden,
+ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den
+Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von
+Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die
+niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der
+vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem
+Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote
+Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu.
+
+In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich
+Karl seiner Frau:
+
+»Gib mir einen Kuß, Geliebte!«
+
+»Laß mich!« wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
+
+»Was hast du denn? Was ist dir?« fragte er betroffen. »Sei doch
+ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe!
+Komm!«
+
+»Weg!« rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem
+Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das
+Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging.
+
+Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach,
+was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
+Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von
+etwas Unheilvollem, Unfaßbarem.
+
+Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine
+Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen
+und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in
+der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
+Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
+seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam
+alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich
+langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich.
+
+»Kann ich das ändern?« rief er einmal ungeduldig aus.
+
+»Ja, wenn du wolltest!«
+
+Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem
+Haar und traumverlorenem Blick.
+
+»Wieso?« fragte er.
+
+Sie seufzte.
+
+»Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg
+von hier ...«
+
+»Ein toller Einfall!« lachte er. »Unmöglich!«
+
+Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm das
+unverständlich, und begann von etwas anderm zu sprechen.
+
+Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
+aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie
+müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch an
+ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.
+
+Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag
+im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
+verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
+verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor,
+seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so schwerfällig,
+seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie nach einem
+Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete
+sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwährend
+träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen
+Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen
+so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen
+Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel mit der Sorgfalt
+eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie eine Unmenge von
+Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne für ihre Wäsche.
+Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und Halsketten. Wenn sie
+ihn erwartete, füllte sie ihre großen blauen Glasvasen mit Rosen
+und schmückte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die
+einen Fürsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit
+Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Küche.
+
+Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
+Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, auf
+dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn herum
+aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die
+Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen.
+
+»Wozu hat man das alles?« fragte der Bursche, indem er mit der
+Hand über einen der Reifröcke strich.
+
+»Hast du sowas noch niegesehen?« Felicie lachte. »Deine Herrin,
+Frau Homais, hat das doch auch!«
+
+»So? Die Frau Homais!« Er sann nach. »Ist sie denn eine Dame wie
+die Frau Doktor?«
+
+Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie war
+drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr Theodor, der
+Diener des Notars, neuerdings den Hof.
+
+»Laß mich in Ruhe!« sagte sie und stellte den Stärketopf beiseite.
+»Scher dich lieber an _deine_ Arbeit! Stoß deine Mandeln!
+Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du dich damit
+befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du
+Knirps, du nichtsnütziger!«
+
+»Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch die
+Schuhe für die Frau Doktor!«
+
+Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
+her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit
+eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein
+her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die
+Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie
+sich.
+
+»Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!« sagte Felicie,
+die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
+anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht mehr
+tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem
+Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl
+wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
+
+So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein aus, das
+Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen müsse. Die Fläche,
+mit der es anlag, war mit Kork überzogen. Es hatte Kugelgelenke
+und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es
+vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den
+Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein
+anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel mußte der Arzt
+auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem
+seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den
+Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des
+Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen
+anderen Weg ein.
+
+Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. Das
+gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr
+über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, die Frauen
+interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig und forderte
+niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle Emmas wurden im
+Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr
+schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem
+Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte Lheureux ihn
+ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber überreichte er ihr eine
+Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so
+und soviel Centimes. Emma war in der gröbsten Verlegenheit. Die
+Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu
+bekommen, Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
+Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des
+Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich gegen Ende Oktober
+einzugehen pflegte.
+
+Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann verlor
+er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, und wenn
+er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er ihr alles wieder
+abnehmen, was er ihr geliefert habe.
+
+»Gut!« meinte Emma. »Holen Sie sichs!«
+
+»Ach was! Das hab ich nur so gesagt!« entgegnete er. »Indessen um
+den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir
+vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!«
+
+»Um Gottes willen!« rief sie aus.
+
+»Warte nur! Dich hab ich!« dachte Lheureux bei sich.
+
+Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
+lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin:
+
+»Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«
+
+Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte
+in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine kleine
+in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
+Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
+Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
+schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe
+hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den
+Schlüssel ein.
+
+Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.
+
+»Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen«, sagte er. »Wollen
+Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...«
+
+»Hier haben Sie Ihr Geld!« unterbrach sie ihn und zählte ihm
+vierzehn Goldstücke in die Hand.
+
+Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen,
+brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
+möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
+
+Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
+dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche
+ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig zu
+sparen, damit sie recht bald ...
+
+»Was ist da weiter dabei?« beruhigte sie sich. »Er wird nicht
+gleich dran denken!«
+
+Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
+Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit
+dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein
+seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster
+die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstraße
+gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren.
+Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke
+erst nach langem Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma
+drang in ihn, und so mußte er sich schließlich fügen. Er fand
+das aufdringlich und höchst rücksichtslos.
+
+Sie hatte wunderliche Einfälle.
+
+»Wenn es Mitternacht schlägt,« bat sie ihn einmal, »mußt du an
+mich denken!«
+
+Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose
+Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen:
+
+»Du liebst mich nicht mehr!«
+
+»Ich dich nicht mehr lieben?«
+
+»Über alles?«
+
+»Natürlich!«
+
+»Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?«
+
+»Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?« brach er
+lachend aus.
+
+Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe
+zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
+mildern suchte.
+
+»Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!« begann sie von
+neuem. »Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen kann!
+Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu
+sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich
+frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen?
+Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht
+wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere als ich, aber
+keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine
+Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So
+schön! So klug und stark!«
+
+Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß es
+ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht
+anders als alle seine früheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit
+fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige
+Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer
+dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein
+vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den nämlichen
+Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefühlsarten
+existieren können. Weil ihm die Lippen liederlicher oder
+käuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflüstert
+hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie
+dieser nur schwach.
+
+»Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,« sagte
+er sich, »sie sind nur ein Mäntelchen für Alltagsempfindungen.«
+
+Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den
+banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau
+zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine Innenwelt,
+seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene
+Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein
+Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten.
+
+Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich
+ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
+dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme
+Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar
+jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und verdarb sie
+gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische Anhänglichkeit zu
+ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig empfand sie
+Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank
+in diesem Rausche.
+
+Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
+äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre
+Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs,
+eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, »um die Spießer zu
+ärgern«, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gänzlich
+geschehen, als man sie eines schönen Tages in einem regelrechten
+Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte
+Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder
+einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich
+nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre
+mißfiel ihr. Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das
+Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die
+»ganze Wirtschaft« nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich
+Bemerkungen darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen
+Auftritt. Felicie war die nähere Veranlassung dazu.
+
+Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, als sie durch
+den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders
+jungen Mannes überrascht. Der Betreffende trug ein braunes
+Halstuch und verschwand bei der Annäherung der alten Dame. Emma
+lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die
+Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer bei seinen
+Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert
+darauf.
+
+»Sie sind wohl aus Hinterpommern?« fragte die junge Frau so
+impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
+konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
+
+»Verlassen Sie mein Haus!« schrie Emma und sprang auf.
+
+»Emma! Mutter!« rief Karl beschwichtigend.
+
+In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. Emma
+stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete.
+
+»So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!« rief sie.
+
+Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte:
+
+»So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres
+vielleicht noch!«
+
+Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
+Verzeihung gebeten würde.
+
+Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien,
+doch nachzugeben. Schließlich sagte sie:
+
+»Meinetwegen!«
+
+In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
+der Würde einer Fürstin.
+
+»Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!«
+
+Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
+den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
+vergraben.
+
+Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte,
+hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weißen
+Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, solle er
+daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere Gartenpforte
+eilen.
+
+Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am
+Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
+der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn
+hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
+überkam sie.
+
+Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das war
+er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den Hof.
+Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
+
+»Sei doch ein bißchen vorsichtiger!« mahnte er.
+
+»Ach, wenn du wüßtest!« Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu
+erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
+übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine
+solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht das
+mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
+
+»So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!«
+
+»Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!« erwiderte
+sie. »Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu
+scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette
+mich!«
+
+Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen,
+glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm.
+
+Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
+kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
+
+»Was soll ich tun? Was willst du?«
+
+»Flieh mit mir!« rief sie. »Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich
+um alles in der Welt!«
+
+Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse
+das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.
+
+»Aber ...«
+
+»Kein Aber, Rudolf!«
+
+»... und dein Kind?«
+
+Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
+
+»Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!«
+
+»Ein Teufelsweib!« dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie
+mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.
+
+Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das
+veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert.
+Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig,
+und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken
+einzulegen, bat.
+
+Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
+täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
+einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im
+Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne.
+Der Gegenwart entrückt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden
+Glückes. Davon schwärmte sie dem Geliebten immer und immer wieder
+vor. An seine Schulter gelehnt, flüsterte sie:
+
+»Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
+Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie
+ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, daß sich
+der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl haben, in einem
+Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weißt
+du, ich zähle die Tage ... Und du?«
+
+Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie besaß
+eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus Lebensfreude,
+Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt und das Symbol
+seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lüste,
+ihre Trübsal, ihre erweiterten Liebeskünste und ihre ewig jungen
+Träume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind
+und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblühte
+ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu
+geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie
+verschleierten ihre Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen
+Nasenflügel weitete und es leise um die Hügel der Mundwinkel
+zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum
+beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler
+habe den Knoten ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus
+wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig
+geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag
+aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser
+geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
+Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem
+Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem
+Manne entzückend und ganz unwiderstehlich.
+
+Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken.
+Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende
+Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein
+weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhängen.
+Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzüge seines Kindes
+zu hören. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es
+vorwärts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule
+heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die
+Schultasche am Arm. Dann mußte das Mädel in eine Pension kommen.
+Das würde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er
+sann nach. Wie wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut
+pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er
+hinreiten und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die
+Sparkasse, später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft
+werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit
+rechnete er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie
+sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch
+würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer
+Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden
+Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei
+Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken
+vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und
+Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft würde
+sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfüllen.
+Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde sich schon
+irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen finden und sie
+glücklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ...
+
+Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
+während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
+Träumereien nach.
+
+Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt,
+auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
+zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
+dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
+plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt hinab, mit
+ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und weißen
+Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie dann durch
+die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumensträuße an.
+Glocken läuteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten
+Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler Wasserstaub auf
+Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu Pyramiden
+aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die unter dem
+Sprühregen lächelten. Und eines Abends erreichten sie ein
+Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und
+zwischen den Hütten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen,
+in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher
+Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und
+träumten in Hängematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit
+wie ihre seidenen Gewänder, und so warm und sternbesät wie die
+süßen Nächte, die sie schauernd genossen ... Das war ein
+unermeßlicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte
+sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge
+der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
+fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung,
+stahlblau und sonnenbeglänzt ...
+
+Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
+laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße
+Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden der
+Apotheke öffnete.
+
+Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
+
+»Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel
+mit einem breiten Kragen.«
+
+»Sie wollen verreisen?« fragte der Händler.
+
+»Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf Sie
+verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!«
+
+Lheureux machte einen Kratzfuß.
+
+»Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ...
+einen handlichen ...«
+
+»Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie man
+sie jetzt meist hat!«
+
+»Und eine Handtasche für das Nachtzeug!«
+
+»Aha,« dachte der Händler, »sie hat sicher Krakeel gehabt!«
+
+»Da!« sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Gürtel
+nestelte. »Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!«
+
+Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wäre
+doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was
+solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er wenigstens die
+Kette nähme.
+
+Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief ihn
+Emma zurück.
+
+»Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den Mantel
+...,« sie tat so, als ob sie sichs überlegte »... den bringen Sie
+auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse
+des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum
+Abholen bereitliegen.«
+
+Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
+Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
+machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post
+bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit das
+Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. In Marseille
+wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise
+ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepäck sollte
+Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß irgendwer Verdacht
+schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde
+niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. »Sie denkt
+vielleicht nicht mehr daran«, sagte er sich.
+
+Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
+zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
+Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er
+eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen
+diesen Verzögerungen schließlich »unwiderruflich« auf Montag den
+4. September einigten.
+
+Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich
+ein.
+
+»Ist alles bereit?« fragte sie ihn.
+
+»Ja.«
+
+Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
+den Rand der Gartenmauer.
+
+»Du bist verstimmt?« fragte Emma.
+
+»Nein. Warum auch?«
+
+Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an.
+
+»Vielleicht weil es nun fortgeht?« fragte sie. »Weil du Dinge, die
+dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich
+verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt
+habe. Du bist mein alles! Und ebenso möchte ich dir alles sein,
+Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich
+lieben!«
+
+»Wie lieb du bist!« sagte er und zog sie an sein Herz.
+
+»Wirklich?« fragte sie in lachender Wollust. »Du liebst mich?
+Schwöre mirs!«
+
+»Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!«
+
+Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des flachen
+Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und
+schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre
+Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen Vorhang.
+Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume des weiten
+Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut
+auch unten im Bache über den Wellen in zahllosen funkelnden
+Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete
+die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle
+Schatten.
+
+Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den kühlen
+Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und
+verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage
+ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie
+der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
+Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
+verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen
+Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen raschelte
+auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs Gesträuch, ein Igel
+oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein reifer Pfirsich von
+selber zur Erde fiel.
+
+»Was für eine wunderbare Nacht!« sagte Rudolf.
+
+»Wir werden noch schönere erleben!« erwiderte Emma. Und wie zu
+sich selbst fuhr sie fort: »Ach, wie herrlich wird unsere Reise
+werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist
+es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte
+zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das Übermaß von Glück!
+Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!«
+
+»Noch ist es Zeit!« rief er aus. »Überleg dirs! Wird es dich auch
+niemals reuen?«
+
+»Niemals!« beteuerte sie leidenschaftlich.
+
+Sie schmiegte sich an ihn.
+
+»Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wüste,
+kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren würde!
+Je länger wir zusammen leben werden, um so inniger und
+vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis
+wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein und eins immerdar ...
+Sprich doch! Antworte mir!«
+
+Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen:
+
+»Ja ... ja ... ja!«
+
+Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein
+kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder:
+
+»Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...«
+
+Es schlug Mitternacht.
+
+»Mitternacht!« sagte sie. »Nun heißt es: morgen! Nur noch ein
+Tag!«
+
+Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
+Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
+fröhlich.
+
+»Hast du die Pässe?« fragte sie.
+
+»Ja.«
+
+»Hast du nichts vergessen?«
+
+»Nein.«
+
+»Weißt du das genau?«
+
+»Ganz genau!«
+
+»Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?«
+
+Er nickte.
+
+»Also morgen auf Wiedersehen!« sagte Emma mit einem letzten Kusse.
+
+Er ging, und sie sah ihm nach.
+
+Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand
+und rief durch die Weiden hindurch:
+
+»Auf morgen!«
+
+Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
+die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie
+ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie eine
+Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich gegen
+einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken.
+
+»Ich bin kein Mann!« rief er aus. »Hol mich der Teufel! Ein
+hübsches Weib wars doch!«
+
+Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn
+noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen diese
+Rührung.
+
+»Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!«
+
+Er gestikulierte heftig.
+
+»Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!«
+
+Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen.
+
+»Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!«
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
+Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
+Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
+wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide
+Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite
+Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, hatte sie
+ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
+
+Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke,
+der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel
+hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin gewesen waren und in
+der er seine »Weiberbriefe« aufbewahrte. Geruch von Moder und
+vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein
+Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf
+einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie einmal Nasenbluten
+bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von
+ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren
+abgestoßen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm
+theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jämmerlich. Wie er sich
+ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie
+zurückzurufen suchte, verschwammen Emmas Züge in seinem
+Gedächtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung
+und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre
+vernichtete.
+
+Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten
+Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
+sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er
+suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
+mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von Papieren
+und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, ein
+Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus.
+Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins
+Scharnier gezwängt und rissen nun beim Herausnehmen ...
+
+Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte
+seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, über
+den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht minder
+variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zärtlich
+geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die wollten
+Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
+bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
+einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
+Erinnerung herauf.
+
+Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
+Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
+in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie
+allesamt auf ein und dasselbe Niveau.
+
+Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine Art
+Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er sie,
+halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und stellte
+diesen in den Schrank zurück.
+
+»Lauter Blödsinn!«
+
+Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein
+Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt
+waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die Freuden des Daseins
+hatten noch gründlicher gewirtschaftet. Die Schüler kritzeln ihre
+Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen.
+
+»Nun aber los!« rief er sich zu.
+
+Er begann zu schreiben:
+
+»Liebe Emma!
+Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...«
+
+»Eigentlich sehr richtig!« dachte er bei sich. »Das ist nur in
+ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...«
+
+»... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? Hast
+Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich
+beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkühn
+und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, an die
+Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet waren
+wir!«
+
+Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflüchten.
+»Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein Vermögen verloren? Ach,
+nein, lieber nicht! Übrigens nützte das nichts. Die Geschichte
+ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, weiß Gott, verdammt
+schwer, so eine Frau wieder vernünftig zu machen!«
+
+Er sann nach, dann schrieb er weiter:
+
+»Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes
+Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So
+aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das
+Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, früher oder später,
+doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären ihrer müde geworden, und
+wer weiß, ob mir nicht der gräßliche Schmerz beschieden gewesen
+wäre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als
+Veranlasser der Deinigen? Die bloße Vorstellung, Dir dieses Leid
+verursachen zu können, martert mich. Liebste Emma, vergiß mich!
+Wir hätten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schön!
+Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir müssen das
+Schicksal anklagen ...«
+
+»Dieses Wort machte immer Eindruck«, sagte er zu sich.
+
+»Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so viele
+gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus Egoismus,
+ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen schwärmerischen
+Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers,
+bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite
+unsrer zukünftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich
+habe zunächst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm
+Höhenglücke behaglich gesonnt, mich in ein Märchenland geträumt
+und mich um keine Folgen gekümmert ...«
+
+»Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... Auch
+egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!«
+
+»... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns überall,
+wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du hättest
+unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und vielleicht
+Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. Beleidigungen, Du!
+Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. Du solltest mein
+Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil
+ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach,
+ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig!
+
+Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht ganz,
+der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie
+mich in ihre Gebete einschließt!«
+
+Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
+Schreibtisch auf und schloß das Fenster.
+
+»So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine
+Aussprache!«
+
+Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
+
+»Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
+weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen,
+Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn
+ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer
+verlorenen Liebe reden, kühl und vernünftig. Adieu!«
+
+Er setzte noch ein »A dieu!« darunter, in zwei Worten geschrieben.
+Das hielt er für sehr geschmackvoll.
+
+»Wie soll ich nun unterzeichnen?« fragte er sich. »Dein
+ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!«
+
+Und er schrieb:
+
+»Dein treuer Freund
+R.«
+
+Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
+
+»Armes Frauchen!« dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit.
+»Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich fehlen
+ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein
+Fehler.«
+
+Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen
+Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen Tropfen
+auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift färbte ihn
+blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem
+Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die
+Hand.
+
+»Paßt eigentlich nicht gerade!« dachte er. »Ach was! Tut nichts!«
+
+Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
+
+Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei
+Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen pflücken, legte
+den Brief unter die Weinblätter am Boden und befahl Gerhard,
+seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau Bovary zu bringen. Auf
+diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten zukommen lassen, je
+nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten oder Wild.
+
+»Wenn sie sich nach mir erkundigt,« instruierte er, »dann
+antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich
+in die Hände! Verstanden? So! Ab!«
+
+Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über die
+Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
+schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville.
+
+Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
+beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche zu
+falten.
+
+»Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,« vermeldete er, »und das
+schickt er hier!«
+
+Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer
+Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah sie
+den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert;
+er begriff nicht, daß ein solches Geschenk jemanden so sehr
+aufregen könne. Dann ging er.
+
+Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie eilte in
+das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin
+tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm die Weinblätter
+heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn und floh hinauf nach
+ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor
+Angst.
+
+Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie
+verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher,
+außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den
+unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
+knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
+Bodentüre stehen.
+
+Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn.
+Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends
+war sie ungestört.
+
+»Ja, hier gehts!« sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf und trat
+in die Bodenkammer.
+
+Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe Schwüle, die
+ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. Sie schleppte
+sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß den Holzladen auf.
+Grelles Licht flutete ihr entgegen.
+
+Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in die
+Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des
+Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser standen
+unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, aus einem der
+Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Geräusch herauf.
+Binet saß an seiner Drehbank.
+
+Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit
+zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je gründlicher
+sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah
+sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an
+sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen
+Hammerschlägen, die immer rascher und unregelmäßiger wurden.
+Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte den Wunsch in sich, daß
+die ganze Welt zusammenstürze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie,
+ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie?
+
+Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das
+Straßenpflaster.
+
+»Mut! Mut!« rief sie sich zu.
+
+Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Körpers
+förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich
+die Fläche des Marktplatzes und hebe sich an den Häusermauern
+empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu
+schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch
+weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume.
+Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den
+wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr
+festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen ... Ohne Unterlaß
+summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bösen
+Geistes ...
+
+In diesem Moment rief Karl:
+
+»Emma! Emma!«
+
+Da kam sie wieder zur Besinnung.
+
+»Wo steckst du denn? Komm doch!«
+
+Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie
+mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend
+fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie.
+
+»Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.«
+
+Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen.
+
+Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
+hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich
+die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat
+sie das und begann die Fäden des Gewebes zu zählen ... Plötzlich
+fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen?
+Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als daß sie imstande
+gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu
+können. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl.
+Sicherlich wußte er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da
+sagte er mit eigentümlicher Betonung:
+
+»Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?«
+
+»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie zitternd.
+
+»Wer mir das gesagt hat?« wiederholte er, ein wenig betroffen von
+dem harten Klang ihrer Frage. »Na, sein Kutscher, dem ich vorhin
+vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder
+er steht im Begriff zu verreisen ...«
+
+Emma schluchzte laut auf.
+
+»Wundert dich das?« fuhr er fort. »Er verdrückt sich doch immer
+mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht
+verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und Junggeselle ist
+... Übrigens ist unser Freund ein Lebenskünstler! Ein alter
+Schäker! Langlois hat mir erzählt ...«
+
+Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade
+hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das
+Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf den
+Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er nahm
+eine der Früchte und biß hinein.
+
+»Ah!« machte er. »Vorzüglich! Koste mal!«
+
+Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
+
+»So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!«
+
+Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.
+
+»Ich bekomm keine Luft!« rief sie und sprang auf. Aber schnell
+beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. »Es
+war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder
+hin und iß!«
+
+Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie
+dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich
+wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und
+legte sie dann auf seinen Teller.
+
+Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den
+Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings langhin zu
+Boden.
+
+Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen
+zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer
+Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl oder
+übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die
+draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
+
+Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des Arztes
+»was los sei«, stürzte herbei. Der Eßtisch war mit allem, was
+darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce,
+die Bestecke, Salz und Öl, alles lag auf dem Fußboden umher. Karl
+hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und
+Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit
+bebenden Händen die Kleider auf.
+
+»Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium holen!«
+sagte Homais.
+
+Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend
+die Augen wieder auf.
+
+»Natürlich!« meinte der Apotheker. »Damit kann man Tote erwecken!«
+
+»Sprich!« bat Karl. »Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl,
+der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr
+einen Kuß!«
+
+Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und wollte sie
+um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte:
+
+»Nicht doch! Niemanden!«
+
+Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett.
+
+Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
+geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos und blaß
+wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, die in zwei
+Ketten langsam auf das Kissen rannen.
+
+Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
+nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich ist.
+
+»Beruhigen Sie sich!« sagte Homais und zupfte den Arzt. »Ich
+glaube, der Paroxysmus ist vorüber.«
+
+»Ja,« erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. »Jetzt scheint
+sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in das alte
+Leiden!«
+
+Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur
+Antwort:
+
+»Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.«
+
+»Höchst merkwürdig!« meinte der Apotheker. »Es ist indessen
+möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt
+gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind.
+Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen
+wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie
+nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher
+gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch
+beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein
+und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens
+weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe
+von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch
+von verbranntem Horn, frischem Brot ...«
+
+»Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!« mahnte Bovary mit
+flüsternder Stimme.
+
+»Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,«
+fuhr der Apotheker fort, »sondern sogar bei Tieren. Zweifellos
+ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze,
+sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum
+wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung
+anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt
+in der Malpalu-Straße -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal
+Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die
+Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit
+angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte
+mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den
+Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist
+höchst merkwürdig, nicht wahr?«
+
+»Gewiß!« sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte.
+
+»Das beweist uns,« fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig
+lächelnd, »daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich
+sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer
+außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen,
+verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien
+zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit
+beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit
+schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter
+nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man
+bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken
+versuchen?«
+
+»Wieso? Womit?«
+
+»Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That
+is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen
+habe.«
+
+Emma erwachte und rief:
+
+»Der Brief? Der Brief?«
+
+Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
+das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung.
+
+In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er
+vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
+unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und
+erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach
+Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mußte
+nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor
+Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl
+war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten ängstigte ihn Emmas
+Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich für nichts, ja, sie
+schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als hätten
+Körper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt.
+
+Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder
+aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen mit
+eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich
+kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar
+Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit wohl,
+daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten
+versuchte.
+
+Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam,
+in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl angeschmiegt,
+lächelte sie in einem fort vor sich hin.
+
+So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
+stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
+über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab
+in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln große Feuer, in
+denen man landwirtschaftliche Überbleibsel verbrannte.
+
+»Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!« warnte Karl und
+geleitete sie behutsam zur Laube hin. »Setz dich hier ein wenig
+auf die Bank! Das wird dir gut tun!«
+
+»Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!« stieß sie mit ersterbender
+Stimme hervor.
+
+Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem da,
+und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald
+hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe,
+bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an
+dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen
+wähnte.
+
+Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien
+vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte
+er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm peinlich gewesen. Dann
+war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mädchen führte, schrecklich
+teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die
+Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte
+Lheureux in lästiger Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas
+Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als
+sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche
+und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer
+Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es
+nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die Sachen
+nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese
+Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht zurück. Herr
+Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher verklagen als sich
+selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mädchen, die
+Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber Felicie vergaß es. Er
+selbst hatte sich um andre Dinge zu kümmern und dachte nicht mehr
+daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen
+Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, daß
+ihm Bovary schließlich einen Wechsel ausstellte, der in sechs
+Monaten fällig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der
+kühne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen
+fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem
+Zinsfuß verschaffen könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen
+Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch
+den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres
+eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits
+anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld
+von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein
+ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im voraus genau, daß
+es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, daß der Arzt die
+Wechsel am Fälligkeitstage nicht einlösen könne und sie
+prolongieren müsse. Auf diese Weise sollte das erst armselige
+Sümmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine
+ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu
+ihm zurückkehren.
+
+Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmäßigen
+Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler Krankenhaus. Der Notar
+Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grümesnil zu.
+Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine
+neue Postverbindung zu eröffnen, die den alten Rumpelkasten des
+Goldnen Löwen unbedingt außer Konkurrenz stellen sollte, indem sie
+schneller führe, billiger wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte
+er den ganzen Handel von Yonville in seine Hände bringen.
+
+Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche
+Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf
+allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
+oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen
+Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch
+ausdenken, was er wollte: überall drohten die größten
+Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere
+unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er vernachlässige
+seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme.
+Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein
+Abbruch geschähe.
+
+Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam
+vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in ihrem
+Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu
+gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt
+verleidet; deshalb mußte seine Jalousie beständig heruntergelassen
+bleiben. Sie bestimmte, daß ihr Reitpferd verkauft werden solle.
+Alles, was ihr früher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie
+kümmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die
+kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte
+sie dem Mädchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit
+ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen
+hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen
+Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage
+wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen,
+die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der
+allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die
+Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die
+Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
+herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
+Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
+ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen die
+Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen über
+das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie das andere mit
+dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterläden.
+
+Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
+sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte
+sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick
+der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes.
+
+Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach
+dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stündlein sei
+gekommen. Während man im Gemach die nötigen Vorbereitungen zu
+dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in
+einen Altar wandelte und den Fußboden mit Blumen bestreute, da war
+es ihr, als überkäme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre
+Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie
+körperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues
+Leben begann ihr. Sie hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen
+Himmel, als verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden
+wie eine Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man
+besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße
+Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor
+überirdischer Lust, öffnete Emma die Lippen, um den Leib des
+Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie
+herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden
+Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
+Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurücksank,
+glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische Harfenklänge zu
+hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit
+grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen
+Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflügeln
+wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ...
+
+Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. Es
+war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab sich
+Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus
+der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in süßer
+Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher
+Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein
+köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus ihrem Herzen der
+eigene Wille wich und der hereindringenden göttlichen Gnade Tür
+und Tor weit öffnete. Es gab also außer dem Erdenglück eine höhere
+Glückseligkeit und über aller Liebe hienieden eine andre
+erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brücke in das
+Ewige! In neuen Illusionen erträumte sie sich über der Erde ein
+Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre
+Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich
+Rosenkränze und trug Amulette. Ihr größter Wunsch war, in ihrem
+Zimmer, zu Häupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit
+Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende küssen.
+
+Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich
+jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr leicht
+in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. Aber er war
+kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen Erscheinungen
+gegenüber. Deshalb wandte er sich an den Buchhändler des
+Erzbischofs und bat ihn, ihm »ein passendes Erbauungsbuch für eine
+gebildete Frauensperson« zu schicken. Mit der größten
+Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen
+Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
+Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften in
+ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,
+Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in
+rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden
+Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
+»Die Herzpostille«, »Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn von
+***, Ritter mehrerer Orden«, »Voltaires Ketzereien zum Gebrauch
+für die Jugend«, usw. usw.
+
+Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
+Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie sich auf
+diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach wirklicher Erbauung.
+Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte sie, die Anmaßungen
+der Polemik stießen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr
+unbekannte Menschen verfolgt wurden, mißfiel ihr. Die Romane, in
+denen profane Dinge durch religiöse Ideen aufgeputzt waren,
+entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie
+verschleierten die Realitäten des Lebens, für deren Brutalität sie
+viel lieber literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie
+weiter, und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann
+wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
+empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren
+imstande sind.
+
+Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens
+begraben; darin ruhte es unberührter und stiller denn eine
+ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser großen
+eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchströmender Duft
+von Zärtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma führen wollte.
+Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren
+Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten
+zugeflüstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie
+der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam
+ihr keine Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem
+leeren Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,
+dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
+ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen
+der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den Szenen
+aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière träumte, aufgegangen
+war, jenen Damen in ihren mit königlicher Anmut getragenen langen
+kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Füßen
+Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten.
+
+Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für die
+Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages
+heimkam, fand er in der Küche drei Gassenjungen, die Suppe aßen.
+Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie
+während der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben.
+Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte,
+regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über
+sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache
+ward voll gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber.
+
+Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,
+abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken und
+ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber die gute
+Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen müde, daß ihr
+der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, daß sie bis nach
+Ostern dablieb, um den Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu
+entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine
+Bratwurst auf dem Tische sehen wollte.
+
+Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
+Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab,
+hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit
+ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau Tüvache, sowie
+die treffliche Frau Homais, die sich regelmäßig zwischen drei und
+fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der über ihre
+Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen.
+Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er
+brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen,
+ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn
+Frau Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht
+stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem
+Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen heftigen
+Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese
+volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den
+Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er plötzlich ganz
+Neues, Außergewöhnliches, und er starrte wie geblendet hin.
+
+Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch seine
+schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die aus ihrem
+Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt
+wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem
+jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschönheit weit
+öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos
+gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die
+zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll,
+daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden
+konnte. Man wußte nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar.
+
+Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr
+Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und stotterte
+irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:
+
+»Du liebst ihn also?« und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fügte
+sie in traurigem Tone hinzu: »Geh! Lauf! Vergnüge dich!«
+
+In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig
+umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich
+darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
+äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie sich
+wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß Frau
+Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag mit ihren
+Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der
+Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schüttelte
+sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die
+andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie
+seltener, zur großen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin
+freundschaftlichst erklärte:
+
+»Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!«
+
+Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde.
+Am liebsten blieb er im Freien, im »Hain«, wie er die Laube
+scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl
+meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Männer eine
+Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie »auf die völlige Genesung
+der gnädigen Frau« tranken.
+
+Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß etwas tiefer,
+vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer
+kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von
+Sektflaschen.
+
+»Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,«
+dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, »dann
+zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen
+ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!«
+
+Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der ganzen
+Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ es
+niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
+
+»Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!«
+
+Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas
+dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner
+Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im
+Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais wunderte sich
+über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb etwas auf den Zahn.
+Der Priester erklärte, er halte die Musik für weniger
+sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die
+letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe unter dem leichten
+Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und für die wahre Moral.
+
+»Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer!« zitierte
+er. »Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragödien Voltaires an! Die
+meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt,
+die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit für das Volk
+sind.«
+
+»Ich habe einmal ein Stück gesehen,« sagte Binet, »es hieß: 'Der
+Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich
+ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt seinen Sohn, der eine
+Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt aber ...«
+
+»Gewiß«, unterbrach ihn Homais, »gibt es schlechte Literatur,
+genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller
+Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das
+dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, würdig der
+abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten
+ließen.«
+
+Der Pfarrer ergriff das Wort:
+
+»Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute
+Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen
+Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, vollgepfropft
+von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen
+Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese Lichtvergeudung, dieser
+Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als daß es
+leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schändliche Gedanken und
+unzüchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die
+Ansicht der kirchlichen Autoritäten.«
+
+Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen seinen
+Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. »Und wenn die Kirche
+das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem
+vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.«
+
+»Jawohl,« eiferte der Apotheker, »man exkommuniziert die
+Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den
+kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
+possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es häufig
+nichts weniger als dezent zuging ...«
+
+Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der
+Apotheker redete immer weiter:
+
+»Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja
+am besten -- von Unanständigkeiten und -- man kann nicht anders
+sagen -- groben Schweinereien ...« Bournisien machte eine
+unwillige Gebärde. »Aber Sie müssen mir doch zugeben, daß das kein
+Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde
+es nie zulassen, daß meine Athalie ...«
+
+»Das sind ja die Protestanten, nicht wir,« rief der Pfarrer
+ungeduldig, »die den Leuten die Bibel überlassen!«
+
+»Das kommt hier nicht in Frage«, erklärte Homais. »Ich wundre mich
+nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
+wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu verdammen
+sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in
+hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das ist doch so,
+nicht, Doktor?«
+
+»Zweifellos!« erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte er
+niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder
+er hatte hierüber überhaupt keine Meinung.
+
+Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
+es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
+
+»Ich habe Geistliche gekannt,« behauptete er, »die in Zivil ins
+Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu
+sehen.«
+
+»Ach was!« wehrte der Pfarrer ab.
+
+»Doch! Ich kenne welche!« Und nochmals sagte er, Silbe für Silbe
+einzeln betonend: »Ich -- ken -- ne -- wel -- che!«
+
+»Na ja,« meinte Bournisien nachgiebig, »die Betreffenden haben da
+aber etwas Unrechtes getan.«
+
+»Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz
+andre Dinge!«
+
+»Herr -- Apo -- the -- ker!« rief der Geistliche mit einem so
+zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und einlenkte:
+
+»Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste
+Fürsprecherin der Kirche ist.«
+
+»Sehr wahr! Sehr wahr!« gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er
+sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch
+ein paar Minuten.
+
+Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:
+
+»Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie
+habens ja mit angehört! Um darauf zurückzukommen: tun Sie das ja,
+führen Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns bloß deshalb wäre,
+um diesen schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich
+einen Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie
+sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
+Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll er
+ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte
+bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen Künstler
+können nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein,
+es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie
+in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete
+Mahlzeit! Auf Wiedersehn!«
+
+Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe
+schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte
+sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu schwach, es
+sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl
+nicht nach, zumal er sich einbildete, daß ihr diese Zerstreuung
+sehr dienlich wäre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor.
+Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz unvermutet dreihundert Franken
+geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht groß, und die
+Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fällig, so daß er
+daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur
+aus Rücksicht auf ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis
+sie seinen Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht
+Uhr fuhren sie mit der Post ab.
+
+Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, aber er
+hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden einsteigen sah,
+jammerte er.
+
+»Glückliche Reise!« sagte er. »Habt ihrs gut!« Und zu Emma
+gewandt, fügte er hinzu: »Sie sehen zum Anbeißen hübsch aus! Sie
+werden in Rouen Furore machen!«
+
+Die Post spannte in Rouen im »Roten Kreuz« am Beauvoisine-Platz
+aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit geräumigen
+Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine
+Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten Einspännern der
+Geschäftsreisenden ihre Haferkörner aufpickten. Es war eine der
+Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone,
+die in den Winternächten im Winde knarren; die Gäste, der Lärm
+und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen
+Tischplatten sind voller großer Kaffeeflecke, die trüben dicken
+Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten
+voller Rotweinspuren. Auf der Straßenseite gibt es ein Café und
+hinten nach dem Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen
+ländlichen Anstrich.
+
+Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wußte
+er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie
+war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klüger. Der
+Kassierer wies ihn in die Direktion. Schließlich rannte er noch
+einmal in den Gasthof zurück, dann wieder an die Kasse. Auf diese
+Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt.
+
+Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
+Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen.
+Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
+nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen noch
+geschlossen.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken
+der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die in
+auffälligen Lettern ausschrien:
+
+LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
+DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
+
+Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den Leuten
+über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten Gesichtern mit
+den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom
+Strome her und blähte ein wenig die Leinwandmarkisen der
+Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen
+eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich Gerüche von Talg, Leder und
+Öl aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der großen Fässer
+lärmigen Gewölben der Karren-Gasse mischten.
+
+Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
+noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang
+durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die
+Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit
+seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so daß er
+sie in einem fort fühlte.
+
+In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß sich
+der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
+hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten Range
+emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor Eitelkeit.
+Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die breiten vergoldeten
+Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen Zügen atmete sie den
+Staubgeruch der Gänge ein, und als sie in ihrer Loge saß, machte
+sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem.
+
+Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen aus ihren
+Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung
+zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres
+Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen die Geschäfte nicht,
+sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das
+waren Grauköpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; weiß in der
+Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene
+Silbermünzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit
+knallroten und grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie
+von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die
+goldenen Knäufe ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die
+Orchesterlampen angezündet, und der Kronleuchter ward von der
+Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
+Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
+die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getöse
+an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, fauchenden
+Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze Schläge mit
+dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hörnerklang. Der
+Vorhang hob sich.
+
+Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
+Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
+Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
+Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten
+Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
+ab. Der Chor singt von neuem.
+
+Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre
+zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als höre
+sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die nebelige Heide
+hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr
+das Verständnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten
+Handlung, während eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um
+alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verfließen. Sie gab
+sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fühlte, wie ihr die
+Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die
+Violinenbogen über ihre Nerven. Sie hätte hundert Augen haben
+mögen, um sich satt sehen zu können an den Dekorationen, Kostümen,
+Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bäumen, an den
+Samtbaretten, Rittermänteln und Degen, an allen diesen
+Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer
+ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem
+Reitknecht in grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie
+allein, und nun kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und
+Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
+von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch Emma
+hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in Liebesarmen!
+
+Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
+schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der
+grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche Gestalt
+war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem
+Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende
+Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man hatte Emma
+erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand von Biarritz
+singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn
+verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann
+einer andern zuliebe sitzen lassen.
+
+Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
+berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar
+fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln über
+den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit und die leichte
+Empfänglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besaß eine schöne
+Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz,
+mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich,
+und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem
+Toreador.
+
+Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er
+schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
+sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald klagte
+er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm aus der
+Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich weit vor, um
+ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in den Plüsch der
+Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmütigen
+Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf begleitet, nicht
+aufhörten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrüchigen im
+Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzücktheiten und
+Herzensängste, die sie unlängst dem Tode so nahe gebracht hatten.
+Die Stimme der Primadonna erschütterte sie wie eine laute
+Verkündung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst
+beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war
+sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte
+nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im
+Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ...
+
+Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte wiederholt
+werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren
+Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und Hoffnungen; und als
+sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, stieß Emma einen lauten
+Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte.
+
+»Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?«
+fragte Bovary.
+
+»Aber nein!« antwortete sie. »Das ist doch ihr Geliebter!«
+
+»Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und der
+andre, der dann kam, hat doch gesagt:
+
+'Nimm, Teure, meine Schwüre an
+Der reinsten, wärmsten Liebe!'
+
+Und sie sagt:
+
+'So sei es denn!'
+
+Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
+Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater,
+nicht wahr?«
+
+Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
+zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden hatte,
+bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er
+gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben.
+Die Musik störe, sie beeinträchtige den Text.
+
+»Was schadet das?« wandte Emma ein. »Nun sei aber still!«
+
+Er lehnte sich an ihren Arm. »Ich möchte gern im Bilde sein. Weißt
+du?«
+
+»Sei doch endlich still!« sagte sie unwillig. »Schweig!«
+
+Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im
+Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte
+ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den
+Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange zur Kirche.
+Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter
+leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich gewesen,
+ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ...
+Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch nicht besudelt
+durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem Ehebruch, auf ein
+festes edles Herz bauen und Tugend, Zärtlichkeit, Sinnenlust und
+Pflichttreue zusammen fühlen dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe
+solcher Glückseligkeit herabgesunken! »Nein, nein!« rief sie
+schmerzlich bei sich aus. »All das große Glück da unten ist doch
+nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder verzweifelten
+Phantasten!« Jetzt erkannte sie, daß die Leidenschaften in der
+Wirklichkeit armselig sind und nur in der Überschwenglichkeit der
+Kunst etwas Großes. Sie versuchte sich zur nüchternen Anschauung
+zu zwingen. Sie wollte in dieser Wiedergabe ihrer eigenen
+Schmerzen nichts mehr sehen als ein plastisches Phantasiegebilde,
+nichts mehr und nichts weniger als eine amüsante Augenweide. Und
+so lächelte sie in Gedanken überlegen-nachsichtig, als im
+Hintergrunde der Bühne hinter einer Samtportiere ein Mann in einem
+schwarzen Mantel erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei
+einer Körperbewegung vom Kopfe fiel.
+
+Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. Edgard
+rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
+schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen entgegen,
+Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im Maße der
+Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie Orgelgebraus. Die Frauen
+des Chors wiederholen die Worte, ein köstliches Echo.
+Gestikulierend stehen sie alle in einer Reihe. Zorn, Rachgier,
+Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen entströmen gleichzeitig
+ihren aufgerissenen Mündern. Der wütende Liebhaber schwingt seinen
+blanken Degen. Der Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden
+Brust auf und nieder, während er mächtigen Schritts in seinen
+sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet.
+
+»Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,« dachte Emma,
+»daß er sie an die Menge so verschwenden kann.« Ihre Anwandlung
+von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner Rolle. Sie
+fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter dieser
+Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen,
+sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes Leben, an dem sie hätte
+teilnehmen können, wenn es der Zufall gefügt hätte. Warum hatten
+sie sich nicht kennen gelernt und sich ineinander verliebt! Sie
+wäre mit ihm durch alle Länder Europas gereist, von Hauptstadt zu
+Hauptstadt, hätte mit ihm Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen
+aufgelesen, die man ihm streute, und seine Bühnenkostüme
+eigenhändig gestickt. Alle Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge,
+hinter vergoldetem Gitter aufmerksam den Sängen seiner Seele
+gelauscht, die einzig und allein ihr gewidmet wären. Von der
+Szene, beim Singen, hätte er zu ihr geschaut ...
+
+Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. Kein
+Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, in
+seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der Liebe, und
+ihm laut zurufen:
+
+»Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir
+gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!«
+
+Der Vorhang fiel.
+
+Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der Fächer machte
+die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge verlassen, aber
+die Gänge waren durch die vielen Menschen versperrt. Sie sank in
+ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen und Atemnot. Da Karl
+fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, eilte er nach dem Büfett,
+um ihr ein Glas Mandelmilch zu holen.
+
+Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das Glas in
+beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er tat, jemanden
+mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er dreiviertel des Inhalts
+einer Dame in ausgeschnittener Toilette über die Schulter. Als sie
+das kühle Naß, das ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie
+laut auf, als ob man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
+Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit.
+Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
+schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas von
+Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich bei
+Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr:
+
+»Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, diese
+Menschheit! Diese Menschheit!« Nach einigem Verschnaufen fügte er
+hinzu: »Und ahnst du, wer mir da oben begegnet ist? Leo!«
+
+»Leo?«
+
+»Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!«
+
+Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt auch
+schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer Ungezwungenheit
+reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau Bovary die
+ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren Willens. Diesen fremden
+Einfluß hatte sie lange nicht empfunden, seit jenem
+Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie voneinander Abschied
+genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und draußen war leiser
+Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch besann sie sich auf
+das, was die jetzige Situation und die Konvenienz erheischten.
+Mit aller Kraft schüttelte sie den alten Bann und die alten
+Erinnerungen von sich ab und begann ein paar hastige Redensarten
+zu stammeln:
+
+»Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?«
+
+»Ruhe!« ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte nämlich
+der dritte Akt begonnen.
+
+»So sind Sie also in Rouen?«
+
+»Ja, gnädige Frau!«
+
+»Und seit wann?«
+
+»Hinaus! Hinaus!«
+
+Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
+
+Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit vorbei. Der
+Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton und seinem
+Diener, das große Duett in D-Dur, alles das spielte sich für sie
+wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, als klänge das Orchester
+nur noch gedämpft, als sängen die Personen ihr weit entrückt. Sie
+dachte zurück an die Spielabende im Hause des Apothekers, an den
+Gang zu der Amme ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an
+die Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
+armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
+und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
+Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von
+neuem ihren Lebenspfad kreuzen?
+
+Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
+Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
+seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte.
+
+»Macht Ihnen denn das Spaß?« fragte er sie, indem er sich über sie
+beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts ihre Wange streifte.
+
+»Nein, nicht besonders!« entgegnete sie leichthin.
+
+Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und
+irgendwo eine Portion Eis zu essen.
+
+»Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!« sagte Bovary. »Sie hat
+aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!«
+
+Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das Spiel
+der Sängerin schien ihr übertrieben.
+
+»Sie schreit zu sehr!« meinte sie, zu Karl gewandt, der aufmerksam
+zuhörte.
+
+»Möglich! Jawohl! Ein wenig!« gab er zur Antwort. Eigentlich
+gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
+immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig.
+
+Leo stöhnte:
+
+»Ist das eine Hitze!«
+
+»Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!« sagte Emma.
+
+»Verträgst dus nicht mehr?« fragte Bovary.
+
+»Ich ersticke! Wir wollen gehen!«
+
+Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
+schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
+Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
+
+Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie versuchte
+mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie die
+Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne das langweilen.
+Darauf erzählte dieser, er müsse sich in Rouen zwei Jahre tüchtig
+auf die Hosen setzen, um sich in die hiesige Rechtspflege
+einzuarbeiten. In der Normandie mache man alles anders als in
+Paris. Dann erkundigte er sich nach der kleinen Berta, nach der
+Familie Homais, nach der Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in
+Karls Gegenwart nicht sagen, und so stockte die Unterhaltung.
+
+Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und
+trällernd:
+
+'O Engel reiner Liebe!'
+
+Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu
+sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im
+Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar
+nichts.
+
+Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
+unterbrach ihn:
+
+»Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich bedaure,
+daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es fing mir grade an
+zu gefallen!«
+
+»Demnächst gibts ja eine Wiederholung!« tröstete ihn Leo.
+
+Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause müßten.
+»Es sei denn,« meinte er, zu Emma gewandt, »du bliebst allein
+hier, mein Herzchen?«
+
+Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner Begehrlichkeit
+bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun lobte er das Finale
+des Sängers. Er sei da köstlich, großartig!
+
+Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
+
+»Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! Es
+wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern du dir auch
+nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!«
+
+Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
+stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff und
+zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
+Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren ließ.
+
+»Es ist mir wirklich nicht recht,« murmelte Bovary, »daß Sie für
+uns Geld ...«
+
+Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
+Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut.
+
+»Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!«
+
+Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben könne.
+Emma indessen sei durch nichts gehindert.
+
+»Es ist nur ...«, stotterte sie, verlegen lächelnd, »... ich weiß
+nicht recht ...«
+
+»Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber reden, wenn
+dus beschlafen hast!« Und zu Leo gewandt, der sie begleitete,
+sagte er: »Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend sind, hoffe ich,
+daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch ansagen!«
+
+Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
+demnächst in Yonville beruflich zu tun habe.
+
+Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
+verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf.
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle fleißig
+besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den Grisetten
+gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick aus. Übrigens war
+er der mäßigste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu
+lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes
+Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von
+wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten,
+aus Ängstlichkeit und weil ihm das wüste Leben zu grob war.
+
+Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden
+des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein Code-Napoléon aus den
+Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmählich verblaßte
+diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien überwucherten sie, ohne
+sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle
+Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der
+Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume.
+
+Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte
+seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt gälte es,
+sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen wollte. Seine
+ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im Verkehr mit
+leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz
+zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht
+schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt abgetreten
+hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berühmten
+Professors mit Orden und Equipage, hätte der arme Adjunkt
+sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen,
+vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fühlte er sich
+überlegen und eines leichten Sieges gewiß. Sicheres Auftreten
+hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als
+im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer
+reichen Frau ihr Tugendwächter. Sie trägt sie alle mit sich wie
+ein Panzerhemd unter ihrem Korsett.
+
+Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
+war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen
+gefolgt, bis er sie im »Roten Kreuz« verschwinden sah. Dann machte
+er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen
+Kriegsplan.
+
+Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof mit
+beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, vor
+nichts zurückzuscheuen.
+
+»Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!« vermeldete ihm ein
+Kellner.
+
+Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.
+
+Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn
+kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm
+mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.
+
+»O, das habe ich erraten«, sagte Leo.
+
+»Wieso?«
+
+Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn hierher
+geleitet.
+
+Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er
+nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
+Gasthöfen nach ihnen zu fragen.
+
+»Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?« fügte er hinzu.
+
+»Ja,« gab sie zur Antwort, »aber ich hätte es lieber nicht tun
+sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen gewöhnen,
+wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...«
+
+»Ja, das kann ich mir denken ...«
+
+»Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.«
+
+Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer
+philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
+Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
+Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.
+
+Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher
+Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
+der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit
+ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich
+zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter
+quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie
+sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so
+stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen
+waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie
+die nackte Wahrheit umschreiben könnten. Emma verheimlichte es,
+daß sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, daß
+er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht
+mehr an die Soupers nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich
+nicht ihrer Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem
+Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte
+nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr
+Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid
+aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des
+alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete
+umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem
+schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
+wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel.
+
+»Ach, verzeihen Sie!« sagte sie. »Es ist unrecht von mir, Sie mit
+meinen ewigen Klagen zu langweilen.«
+
+»Keineswegs!«
+
+»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort und schlug ihre schönen Augen,
+aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, »was ich mir alles
+erträumt habe!«
+
+»Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
+ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais entlang
+geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und
+die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort
+verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthändlers auf dem
+Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen,
+der eine Muse darstellt. Sie trägt eine Tunika, einen
+Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor.
+Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich
+stundenlang davor gestanden ...« Und mit zitternder Stimme fügte
+er hinzu: »Sie sah Ihnen ein wenig ähnlich.«
+
+Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre Lippen
+nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte.
+
+»Und wie oft«, fuhr er fort, »habe ich an Sie Briefe geschrieben
+und hinterher wieder zerrissen.«
+
+Sie antwortete nicht.
+
+»Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir
+wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an der
+nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken
+hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie
+Sie welche zu tragen pflegen ...«
+
+Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
+zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
+Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen
+Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen
+machte.
+
+Endlich sagte sie mit einem Seufzer:
+
+»Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben so wie ich
+führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem
+nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem Bewußtsein
+trösten, sich für etwas zu opfern.«
+
+Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er
+selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas
+aufzugehen, die er nicht befriedigen könne.
+
+»Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein«, behauptete sie.
+
+»Ach ja!« erwiderte er. »Aber für uns Männer gibt es keinen
+solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung ... es
+sei denn vielleicht die des Arztes ...«
+
+Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
+ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. Wie
+schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden.
+Sofort schwärmte Leo für die »Ruhe im Grabe«. Ja, er hätte sogar
+eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt,
+daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit der Seidenstickerei
+legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem,
+wie alles hätte sein können, also nach einem imaginären Zustand,
+änderten sie jetzt in der Erzählung ihre Vergangenheit. Ist doch
+die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefühle breitdrückt.
+
+Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie:
+
+»Warum denn?«
+
+»Warum?« Er zögerte. »Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!«
+
+Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete
+Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn
+der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber war, zerreißt.
+Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus
+ihren Augen wie weggeweht.
+
+Er wartete. Endlich sagte sie:
+
+»Ich hab es immer geahnt ...«
+
+Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
+einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in
+ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich der
+Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem Zimmer,
+ihres ganzen Hauses.
+
+»Und unsere armen Kakteen, was machen die?«
+
+»Sie sind letzten Winter alle erfroren!«
+
+»Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie mir
+gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im
+Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und Sie
+mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...«
+
+»Armer Freund!« sagte sie und reichte ihm ihre Hand.
+
+Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
+tief auf und sagte:
+
+»Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich
+war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen ...
+aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?«
+
+»Doch, fahren Sie nur fort!«
+
+»Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, gerade
+im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen
+Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete
+ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es
+mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen das von mir war.
+Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es
+doch nicht über mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen
+Laden traten, wartete ich draußen auf der Straße und sah Ihnen
+durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und
+das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei
+Frau Tüvache; man öffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener
+Pudel vor der mächtigen Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß
+gefallen war.«
+
+Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon
+her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen,
+erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Unendlich
+viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit
+leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:
+
+»Ja ... So war es ... So war es ... So war es!«
+
+Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den
+Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen
+nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein
+Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, dieses
+Rauschen ströme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre
+Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft,
+Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der zärtlichen Wonne
+des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete sich an den Wänden, und
+halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen
+Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. Durch das oben
+offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein
+Stück des schwarzen Himmels.
+
+Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
+Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder.
+
+»Was ich sagen wollte ...«, begann Leo von neuem.
+
+»Was war es?«
+
+Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
+anzuknüpfen, da fragte sie ihn:
+
+»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse
+anvertraut hat?«
+
+Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe
+sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn
+zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden
+worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt
+hätte.
+
+»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie.
+
+»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der
+Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels
+hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn
+anzufangen?«
+
+»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt ... und
+Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ...
+und Sie werden sie wieder lieben!«
+
+»Nicht so, wie ich Sie liebe!«
+
+»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!«
+
+Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der
+Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder
+lieben könnten, wie ehemals.
+
+Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht.
+Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und
+daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß
+sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu
+liebkosen versuchten.
+
+»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück.
+
+Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
+ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit
+ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein
+Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche
+Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig
+aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut
+seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie
+glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit
+ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr.
+
+»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns
+verplaudert!«
+
+Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
+
+»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein
+armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau
+Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten ...«
+
+Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein.
+
+»So?« fragte Leo.
+
+»Gewiß!«
+
+»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu
+sagen!«
+
+»Was denn?«
+
+»Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht
+heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten ... Hören Sie
+mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn
+nicht ...«
+
+»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!«
+
+»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid
+mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein
+einziges ...«
+
+»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders,
+sagte sie: »Aber nicht hier!«
+
+»Wo Sie wollen!«
+
+Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
+
+»Morgen um elf in der Kathedrale!«
+
+»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren
+Händen. Sie entzog sie ihm.
+
+Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
+ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf
+ihren Nacken.
+
+»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem
+eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals
+immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über
+ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen.
+Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
+
+Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb
+er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
+
+»Auf Wiedersehn morgen!«
+
+Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
+
+Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
+Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle
+beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig
+war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was
+sollte sie tun?
+
+»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen,
+wenn er kommt.«
+
+Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre,
+reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich
+hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes
+Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete
+seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum
+Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil
+sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte.
+
+»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des
+Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war.
+
+Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den
+Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
+Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum
+Notre-Dame-Platze.
+
+Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
+Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg
+auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen
+Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um
+die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte
+Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und
+Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren
+tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein
+Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen
+Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden
+kleine Veilchensträuße.
+
+Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau
+kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der
+Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen
+wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und
+rasch trat er in die Kirche.
+
+Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der
+'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf,
+den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als
+ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo
+in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das
+Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden:
+
+»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die
+Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?«
+
+»Nein!«
+
+Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
+und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging
+abermals bis zum Chor.
+
+Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den
+gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende
+Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte
+Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen
+des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen
+Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan
+hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die
+übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen
+Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine
+silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel
+gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder
+das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den
+hohen Gewölben widerhallten.
+
+Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so
+schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und
+stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten
+Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten,
+in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem
+unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und
+um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler
+neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe
+entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes
+Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die
+Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen
+erscheine.
+
+Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und
+seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit
+Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte
+die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während
+seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ...
+
+Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich
+erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
+Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging
+geradezu eine Tempelschändung.
+
+Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte
+auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen.
+
+Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
+
+»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht
+doch!«
+
+Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der
+Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
+
+Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand
+er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines
+Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
+Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte,
+langweilte er sich.
+
+Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
+Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung
+begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören,
+starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der
+weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe
+Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte.
+
+Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der
+Schweizer rasch auf sie zu:
+
+»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die
+Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?«
+
+»Aber nein!« rief der Adjunkt aus.
+
+»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich
+an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden
+Vorwand.
+
+Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück
+und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen
+Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
+
+»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten
+Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte
+ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist
+vor Freude gestorben ...«
+
+»Weiter!« drängte Leo.
+
+Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
+Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
+Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten
+zeigt, auf eine Grabplatte.
+
+»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr
+von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser
+der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli
+1465.«
+
+Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße
+auf den andern.
+
+»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
+Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und
+Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des
+Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie,
+gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift
+besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen
+will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der
+irdischen Vergänglichkeit!«
+
+Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
+sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
+machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der
+einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite.
+
+Der unermüdliche Cicerone fuhr fort:
+
+»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
+Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois,
+geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche
+Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt
+bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die
+Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und
+Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des
+Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem
+Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.«
+
+Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die
+beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er
+öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
+eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
+
+»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer,
+»das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von
+der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine
+Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier
+sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die
+Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern
+von Lagargouille!«
+
+Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und
+nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die
+Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle
+Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
+
+»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!«
+
+»Danke!« erwiderte Leo.
+
+»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt
+vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte ägyptische
+Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...«
+
+Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
+Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
+durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen,
+den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt
+hatte. Das wäre ihr Tod gewesen.
+
+»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma.
+
+Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
+schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie
+plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen
+eines Stockes hörten. Leo wandte sich um.
+
+»Meine Herrschaften!«
+
+»Was gibts?«
+
+Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
+ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
+gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale.
+
+»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche.
+
+Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
+
+»Hol uns eine Droschke!«
+
+Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten
+allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
+verlegen.
+
+»Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!« Es klang
+wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr
+unschicklich, wissen Sie das?«
+
+»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In _Paris_ macht mans so!«
+
+Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument.
+Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in
+die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
+
+»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der
+Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das
+'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der
+Hölle' an!«
+
+»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher.
+
+»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
+
+Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung.
+
+Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der
+Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte
+vor dem Denkmal Corneilles Halt.
+
+»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren.
+
+Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
+hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
+
+»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme.
+
+Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
+gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
+trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut
+zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee
+dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg
+hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu,
+über die Inseln hinaus.
+
+Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville,
+die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum
+drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
+
+»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend.
+Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt
+Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die
+Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum,
+wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen
+überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte
+die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer
+Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller
+Höhe.
+
+Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
+Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über
+die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden
+und am Hauptfriedhof vorüber.
+
+Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
+Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut
+in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen
+wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich
+hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine
+warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob
+er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe
+vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
+
+Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an
+den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz
+ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der
+immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen
+wie ein Grab.
+
+Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am
+heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine
+bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine
+Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße
+Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen.
+
+Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der
+Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus
+und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
+mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundfünfzig Minuten auf Emma
+gewartet, schließlich aber war er abgefahren.
+
+Es war zwar nicht unbedingt erforderlich, daß sie wieder zu Hause
+sein mußte. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
+zurückzukehren. Karl erwartete sie also, und so fühlte sie jene
+feige Untertänigkeit im Herzen, die für viele Frauen die Strafe
+und zugleich der Preis für den Ehebruch ist.
+
+Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
+einen der zweirädrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. Unterwegs
+trieb sie den Kutscher zu größter Eile an, fragte aller
+Augenblicke nach der Zeit und nach der zurückgelegten
+Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten Häusern
+von Quincampoix ein.
+
+Kaum saß sie drin, so schloß sie auch schon die Augen. Als sie
+erwachte, waren sie schon über den Berg, und von weitem sah sie
+Felicie, die vor dem Hause des Schmiedes auf sie wartete. Hivert
+hielt seine Pferde an, und das Mädchen, das sich bis zum Fenster
+hinaufreckte, flüsterte ihr geheimnisvoll zu:
+
+»Gnädige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! Es
+handelt sich um etwas sehr Dringliches!«
+
+Das Dorf war still wie immer. Vor den Häusern lagen kleine
+dampfende, rosafarbige Haufen. Es war die Zeit des
+Früchteeinmachens, und jedermann in Yonville bereitete sich am
+selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
+besonders großen Haufen dieser ausgekochten Überreste. Man sah,
+daß hier mit für die Allgemeinheit gesorgt wurde.
+
+Emma trat in die Apotheke. Der große Lehnstuhl war umgeworfen, und
+sogar der »Leuchtturm von Rouen« lag am Boden zwischen zwei
+Mörserkeulen. Sie stieß die Tür zur Flur auf und erblickte in der
+Küche -- inmitten von großen braunen Einmachetöpfen voll
+abgebeerter Johannisbeeren und Schüsseln mit geriebenem und
+zerstückeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
+über dem Feuer -- die ganze Familie Homais, groß und klein, alle
+in Schürzen, die bis zum Kinn gingen, Gabeln in den Händen. Der
+Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten Kopfes
+dastand, und schrie ihn eben an:
+
+»Wer hat dir geheißen, was aus dem Kapernaum zu holen?«
+
+»Was ist denn los? Was gibts?« fragte die Eintretende.
+
+»Was los ist?« antwortete der Apotheker. »Ich mache hier
+Johannisbeeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft zu
+dick ist, droht er mir überzukochen. Ich schicke nach einem andern
+Kessel. Da geht dieser Mensch aus Bequemlichkeit, aus Faulheit hin
+und nimmt aus meinem Laboratorium den dort an einem Nagel
+aufgehängten Schlüssel zu meinem Kapernaum!«
+
+Kapernaum nannte er nämlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
+Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
+hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
+und packte. Dieses kleine Gemach betrachtete er nicht als einen
+gewöhnlichen Vorratsraum, sondern als ein wahres Heiligtum, aus
+dem, von seiner Hand hergestellt, alle die verschiedenen Sorten
+von Pillen, Pasten, Säften, Salben und Arzneien hervorgingen, die
+ihn in der ganzen Gegend berühmt machten. Niemand durfte das
+Kapernaum betreten. Das ging soweit, daß er es selbst ausfegte.
+Die Apotheke stand für jedermann offen. Sie war die Stätte, wo er
+würdevoll amtierte. Aber das Kapernaum war der Zufluchtsort, wo
+sich Homais selbst gehörte, wo er sich seinen Liebhabereien und
+Experimenten hingab. Justins Leichtsinn dünkte ihn deshalb eine
+unerhörte Respektlosigkeit, und röter als seine Johannisbeeren,
+wetterte er:
+
+»Natürlich! Ausgerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
+Schlüssel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
+Reservekessel, den ich selber vielleicht niemals in Gebrauch
+genommen hätte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
+auch der geringste Umstand die größte Wichtigkeit! Zum Teufel,
+daran muß man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
+nicht zu Küchenzwecken verwenden! Das wäre gradeso, als wenn man
+sich mit einer Sense rasieren wollte oder als wenn ...«
+
+»Aber so beruhige dich doch!« mahnte Frau Homais.
+
+Und Athalia zupfte ihn am Rock.
+
+»Papachen, Papachen!«
+
+»Laßt mich!« erwiderte der Apotheker. »Zum Donnerwetter, laßt
+mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen eröffnen!
+Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alles! Laß die
+Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
+Gurken in den Arzneibüchsen ein! Zerreiß die Bandagen!«
+
+»Sie hatten mir doch ...«, begann Emma.
+
+»Einen Augenblick! -- Weißt du, mein Junge, was dir hätte
+passieren können? Hast du links in der Ecke auf dem dritten
+Wandbrett nichts stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen Ton
+von dir!«
+
+»Ich ... weiß ... nicht«, stammelte der Lehrling.
+
+»Ah, du weißt nicht! Freilich! Aber ich weiß es! Du hast da eine
+Büchse gesehn, aus blauem Glas, mit einem gelben Deckel, gefüllt
+mit weißem Pulver, und auf dem Schild steht, von mir eigenhändig
+draufgeschrieben: 'Gift! Gift! Gift!' Und weißt du, was da drin
+ist? Ar -- se -- nik! Und so was rührst du an? Nimmst einen
+Kessel, der daneben steht!«
+
+»Daneben!« rief Frau Homais erschrocken und schlug die Hände über
+dem Kopfe zusammen. »Arsenik! Du hättest uns alle miteinander
+vergiften können!«
+
+Die Kinder fingen an zu schreien, als spürten sie bereits die
+schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
+
+»Oder du hättest einen Kranken vergiften können«, fuhr der
+Apotheker fort. »Wolltest du mich gar auf die Anklagebank bringen,
+vor das Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem Schafott sehen?
+Weißt du denn nicht, daß ich mich bei meinen Arbeiten kolossal in
+acht nehmen muß, trotz meiner großen Routine darin? Oft wird mir
+selber angst, wenn ich an meine Verantwortung denke. Denn die
+Regierung sieht uns tüchtig auf die Finger, und die albernen
+Gesetze, denen wir unterstehen, schweben unsereinem faktisch wie
+ein Damoklesschwert fortwährend über dem Haupte!«
+
+Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, was man von ihr
+wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen Sätzen fort:
+
+»So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden sind?
+So dankst du mir die geradezu väterliche Mühe und Sorgfalt, die
+ich an dich verschwendet habe! Wo wärst du denn ohne mich? Wie
+ginge dirs heute? Wer hat dich ernährt, erzogen, gekleidet? Wer
+ermöglicht es dir, daß du eines Tages mit Ehren in die
+Gesellschaft eintreten kannst? Aber um das zu erreichen, mußt du
+noch feste zugreifen, mußt, wie man sagt, Blut schwitzen!
+Fabricando sit faber, age, quod agis!«
+
+Er war dermaßen aufgeregt, daß er Lateinisch sprach. Er hätte
+Chinesisch oder Grönländisch gesprochen, wenn er das gekonnt
+hätte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
+Mensch sein geheimstes Ich ohne Selbstkritik enthüllt, wie das
+Meer, das sich im Sturm an seinem Gestade bis auf den Grund und
+Boden öffnet.
+
+Er predigte immer weiter:
+
+»Ich fange an, es furchtbar zu bereuen, daß ich dich in mein Haus
+genommen habe. Ich hätte besser getan, dich in dem Elend Und dem
+Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du wirst
+niemals zu etwas Besserem zu gebrauchen sein als zum
+Rindviehhüten. Zur Wissenschaft hast du kein bißchen Talent! Du
+kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
+wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und läßt
+dirs über die Maßen wohl gehn!«
+
+Emma wandte sich an Frau Homais:
+
+»Man hat mich hierher gerufen ...«
+
+»Ach, du lieber Gott!« unterbrach die gute Frau sie mit trauriger
+Miene. »Wie soll ichs Ihnen nur beibringen? ... Es ist nämlich ein
+Unglück passiert ...«
+
+Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker überschrie sie:
+
+»Hier! Leer ihn wieder aus! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
+wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!«
+
+Er packte Justin beim Kragen und schüttelte ihn ab. Dabei entfiel
+Justins Tasche ein Buch.
+
+Der Junge bückte sich, aber Homais war schneller als er, hob den
+Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen und
+offenem Mund.
+
+»Liebe und Ehe«, las er vor. »Aha! Großartig! Großartig! Wirklich
+nett! Mit Abbildungen! ... Das ist denn doch ein bißchen starker
+Tobak!«
+
+Frau Homais wollte nach dem Buche greifen.
+
+»Nein, das ist nichts für dich!« wehrte er sie ab.
+
+Die Kinder wollten die Bilder sehn.
+
+»Geht hinaus!« befahl er gebieterisch.
+
+Und sie gingen hinaus.
+
+Eine Weile schritt er zunächst mit großen Schritten auf und ab,
+das Buch halb geöffnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
+außer Atem, mit rotem Kopfe, als ob ihn der Schlag rühren sollte.
+Dann ging er auf den Lehrling los und stellte sich mit
+verschränkten Armen vor ihn hin:
+
+»Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Unglückswurm? Nimm
+dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! Hast
+du denn nicht bedacht, daß dieses schändliche Buch meinen Kindern
+in die Hände fallen konnte, den Samen der Sünde in ihre Sinne
+streuen, die Unschuld Athaliens trüben und Napoleon verderben? Er
+ist kein Kind mehr! Kannst du wenigstens beschwören, daß die
+beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du mir das schwören?«
+
+»Aber so sagen Sie mir doch endlich,« unterbrach ihn Emma, »was
+Sie mir mitzuteilen haben!«
+
+»Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!«
+
+In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
+einem Schlaganfall verschieden. Aus übertriebener Rücksichtnahme
+hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die schreckliche
+Nachricht schonend mitzuteilen.
+
+Homais hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauestens
+überlegt und ausgeklügelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht,
+Zartgefühl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte über seine
+Sprachkunst triumphiert.
+
+Emma verzichtete auf Einzelheiten und verließ die Apotheke, da
+Homais seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, während er
+sich mit seinem Käppchen Luft zufächelte. Allmählich beruhigte er
+sich jedoch und ging in einen väterlicheren Ton über:
+
+»Ich will nicht sagen, daß ich dieses Buch gänzlich ablehne. Der
+Verfasser ist Arzt, und es stehen wissenschaftliche Tatsachen
+darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja die er
+vielleicht kennen muß. Aber das hat ja Zeit! Warte doch
+wenigstens, bis du ein wirklicher Mann bist!«
+
+Als Emma an ihrem Hause klingelte, öffnete Karl, der sie erwartet
+hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
+
+»Meine liebe Emma!«
+
+Er neigte sich zärtlich zu ihr hernieder, um sie zu küssen. Aber
+bei der Berührung ihrer Lippen mußte sie an den andern denken. Da
+fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand über das Gesicht:
+
+»Ja ... ich weiß ... ich weiß ...«
+
+Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter das Ereignis ohne
+jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, daß
+ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod hatte
+ihn in Doudeville auf der Straße, an der Schwelle eines
+Restaurants, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
+einem Liebesmahl teilgenommen hatte.
+
+Emma reichte Karl den Brief zurück. Bei Tisch tat sie aus
+konventionellem Taktgefühl so, als hätte sie keinen Appetit. Als
+er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, während Karl
+unbeweglich und mit betrübter Miene ihr gegenüber dasaß.
+
+Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
+traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
+
+»Ich wollt, ich hätte ihn noch einmal gesehen!«
+
+Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, daß sie etwas entgegnen
+müsse, fragte sie:
+
+»Wie alt war dein Vater eigentlich?«
+
+»Achtundfünfzig!«
+
+»So!«
+
+Das war alles.
+
+Eine Viertelstunde später fing er wieder an:
+
+»Meine arme Mutter! Was soll nun aus ihr werden?«
+
+Emma machte eine Gebärde, daß sie es nicht wisse.
+
+Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, daß sie sehr betrübt sei,
+und er zwang sich infolgedessen gleichfalls zum Schweigen, um
+ihren rührenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
+zusammenraffend, fragte er sie:
+
+»Hast du dich gestern gut amüsiert?«
+
+»Ja!«
+
+Als der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
+gleichfalls. Je länger sie ihn in dieser monotonen Stimmung ansah,
+um so mehr schwand das Mitleid aus ihrem Herzen bis auf den
+letzten Rest. Karl kam ihr erbärmlich, jammervoll, wie eine Null
+vor. Er war wirklich in jeder Beziehung »ein trauriger Kerl«. Wie
+konnte sie ihn nur loswerden? Welch endloser Abend! Etwas
+Betäubendes ergriff sie, wie Opium.
+
+In der Hausflur ward ein schlürfendes Geräusch vernehmbar. Es war
+Hippolyt, der Emmas Gepäck brachte. Es machte ihm viel Mühe, es
+abzulegen.
+
+»Karl denkt schon gar nicht mehr daran«, dachte Emma, als sie den
+armen Teufel sah, dem das rote Haar in die schweißtriefende Stirn
+herabhing.
+
+Bovary zog einen Groschen aus der Westentasche. Er hatte kein
+Gefühl für die Demütigung, die für ihn in der bloßen Anwesenheit
+dieses Krüppels lag. Lief er nicht wie ein leibhaftiger Vorwurf
+der heillosen Unfähigkeit des Arztes herum?
+
+»Ein hübscher Strauß!« sagte er, als er auf dem Kamin Leos
+Veilchen bemerkte.
+
+»Ja!« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe ihn einer armen Frau
+abgekauft.«
+
+Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur Kühlung vor seine von
+Tränen geröteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie riß sie ihm aus
+der Hand und stellte sie in ein Wasserglas.
+
+Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
+weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
+Wirtschaft zu tun.
+
+Am Tage nachher beschäftigten sich die beiden Frauen mit den
+Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem Nähzeug in die Laube
+hinten im Garten am Bachrande.
+
+Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich über seine große
+Liebe zu diesem Mann, die ihm bis dahin gar nicht weiter zum
+Bewußtsein gekommen war. Auch Frau Bovary grübelte über den Toten
+nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst begehrenswert.
+Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit geworden, daß sie nun
+Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann eine dicke Träne über
+ihre Nase und blieb einen Augenblick daran hängen. Dabei nähte sie
+ununterbrochen weiter.
+
+Emma dachte, daß kaum achtundvierzig Stunden vorüber waren, seit
+sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentrückt, ganz
+trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
+kleinsten und allerkleinsten Züge dieses entschwundenen Tages ins
+Gedächtnis zurückzurufen. Aber die Anwesenheit ihres Mannes und
+ihrer Schwiegermutter störte sie. Sie hätte nichts hören und
+nichts sehn mögen, um nicht in ihren Liebesträumereien gestört zu
+werden, die gegen ihren Willen unter den äußeren Eindrücken zu
+verwehen drohten.
+
+Sie trennte das Futter eines Kleides ab, das sie um sich
+ausgebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere und
+Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide Hände in den
+Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
+Überrock, der ihm als Hausanzug diente, bei ihnen und sprach auch
+kein Wort. Berta, die ein weißes Schürzchen umhatte, spielte mit
+ihrer Schaufel im Sande.
+
+Plötzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenhändler, kommen.
+
+Er bot in Anbetracht des »betrüblichen Ereignisses« seine Dienste
+an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu können, aber
+der Händler wich nicht so leicht.
+
+»Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte er, »aber ich muß
+Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten.« Und flüsternd
+fügte er hinzu: »Es ist wegen dieser Sache ... Sie wissen schon
+...«
+
+Karl wurde rot bis über die Ohren.
+
+»Gewiß ... freilich ... natürlich!«
+
+In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
+
+»Könntest du das nicht mal ... meine Liebe ...?«
+
+Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
+Mutter:
+
+»Es ist nichts weiter! Wahrscheinlich irgend eine Kleinigkeit, die
+den Haushalt betrifft.«
+
+Er fürchtete ihre Vorwürfe und wollte nicht, daß sie die Vorgeschichte des Wechsels erführe.
+
+Sobald sie allein waren, beglückwünschte Lheureux Emma in ziemlich
+eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
+gleichgültigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
+seiner Gesundheit, die immer »so lala« sei. Er müßte sich wirklich
+höllisch anstrengen und, was die Leute auch sagten, ihm fehle doch
+die Butter zum Brote.
+
+Emma ließ ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
+entsetzlich.
+
+»Und sind Sie völlig wiederhergestellt?« fuhr er fort. »Ich sag
+Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer schönen Verfassung
+gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir uns auch
+ordentlich einander in die Haare gefahren sind.«
+
+Sie fragte, was das gewesen sei. Karl hatte ihr nämlich die
+Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
+
+»Aber Sie wissen doch! Es handelte sich um Ihre Sachen zur Reise ...«
+
+Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die Hände auf
+den Rücken genommen und sah ihr, lächelnd und leise redend, mit
+einem unerträglichen Blick ins Gesicht. Vermutete er etwas? Emma
+verlor sich in allerlei Befürchtungen. Inzwischen fuhr er fort:
+
+»Aber wir haben uns schließlich geeinigt, und ich bin gekommen,
+ihm ein Arrangement vorzuschlagen ...«
+
+Es handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary ausgestellt hatte,
+zu erneuern. Übrigens könne der Herr Doktor die Sache ganz nach
+seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu ängstigen,
+noch dazu jetzt, wo er gewiß mit Sorgen überhäuft sei.
+
+»Das beste wäre ja, wenn die Schuld jemand anders übernähme. Sie
+zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Das wäre das Bequemste.
+Wir könnten dann unsere kleinen Geschäfte miteinander abmachen.«
+
+Sie begriff nicht recht, aber er sagte nichts weiter. Dann kam er
+auf sein Geschäft zu sprechen und erklärte ihr, sie müsse
+unbedingt etwas nehmen. Er wolle ihr zwölf Meter Barege schicken,
+zu einem neuen schwarzen Kleide.
+
+»Das, was Sie da haben, ist gut fürs Haus. Sie brauchen noch noch
+ein andres für die Besuche. Gleich beim Eintreten habe ich das
+bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein Amerikaner!«
+
+Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
+er nochmals, um Maß zu nehmen, und dann unter allen möglichen
+anderen Vorwänden wieder und wieder, wobei er sich so gefällig und
+dienstbeflissen wie nur möglich stellte. Er stand »gehorsamst zur
+Verfügung«, wie Homais zu sagen pflegte. Dabei flüsterte er Emma
+immer wieder irgendwelche Ratschläge wegen der Generalvollmacht
+zu. Den Wechsel erwähnte er nicht mehr, und Emma dachte auch nicht
+daran. Karl hatte wohl kurz nach ihrer Genesung mit ihr darüber
+gesprochen, aber es war ihr seitdem so viel durch den Kopf
+gegangen, daß sie das vergessen hatte. Sie hütete sich überhaupt,
+Geldinteressen an den Tag zu legen. Frau Bovary wunderte sich
+darüber, aber sie schrieb das der Frömmigkeit zu, die zur Zeit der
+Krankheit in ihr erstanden sei.
+
+Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
+Gatten durch ihren Geschäftssinn in Erstaunen. Man müsse
+Erkundigungen einholen, die Hypotheken prüfen und feststellen, ob
+nicht vielleicht ein Nachlaßkonkurs nötig sei. Sie gebrauchte auf
+gut Glück allerhand juristische Ausdrücke, sprach von Ordnung des
+Nachlasses, Nachlaßverbindlichkeiten, Haftung usw., und übertrieb
+immerfort die Schwierigkeiten der Erbschaftsregelung. Eines Tages
+zeigte sie ihm sogar den Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr
+das Recht übertrug, das Vermögen zu verwalten, Darlehen
+aufzunehmen, Wechsel auszustellen und zu akzeptieren, jederlei
+Zahlung zu leisten und zu empfangen usw.
+
+Lheureux war ihr Lehrmeister.
+
+Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde ausgestellt habe.
+
+»Notar Guillaumin.« Und mit der größten Kaltblütigkeit fügte sie
+hinzu: »Ich habe nur nicht das rechte Vertrauen zur Sache. Die
+Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht müßte man noch einen
+Rechtsanwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein ...
+keinen.«
+
+»Höchstens Leo«, meinte Karl nachdenklich. Aber es sei schwierig,
+sich brieflich zu verständigen.
+
+Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot es
+nochmals an. Keins wollte dem andern an Zuvorkommenheit
+nachstehen. Schließlich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn aus:
+
+»Ich will aber! Ich bitte dich, laß michs machen!«
+
+»Wie gut du bist!« sagte er und küßte sie auf die Stirn.
+
+Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
+und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Es waren drei erlebnisvolle, köstliche, wunderbare wahre
+Flitterwochentage.
+
+Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
+verschlossenen Türen und herabgelassenen Fensterläden, unter
+überallhin gestreuten Blumen und bei Fruchteis, das man ihnen alle
+Morgen in der Frühe brachte.
+
+Abends mieteten sie einen überdeckten Kahn und aßen auf einer der
+Inseln.
+
+Es war die Stunde, da man von den Werften her die Hämmer gegen die
+Schiffswände schlagen hörte. Der Dampf von siedendem Teer stieg
+zwischen den Bäumen empor, und auf dem Strome sah man breite
+ölige, ungleich große Flecken, die im Purpurlichte der Sonne wie
+schwimmende Platten aus Florenzer Bronze glänzten.
+
+Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flußkähnen
+hindurch, und bisweilen streifte ihre Barke die langen Ankertaue.
+Das Geräusch der Stadt, das Rasseln der Wagen, das Stimmengewirr,
+das Bellen der Hunde auf den Schiffen wurde ferner und ferner.
+Emma knüpfte ihre Hutbänder auf.
+
+Sie landeten an »ihrer Insel«. Sie setzten sich in eine Herberge,
+vor deren Tür schwarze Netze hingen, und aßen gebackene Fische,
+Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich ins Gras, küßten
+einander im Schatten der hohen Pappeln und hätten am liebsten wie
+zwei Robinsons immer auf diesem Erdenwinkel leben mögen, der ihnen
+in ihrer Glückseligkeit als das schönste Fleckchen der ganzen Welt
+erschien. Sie sahn die Bäume, den blauen Himmel und das Gras nicht
+zum ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Plätschern
+der Wellen und dem Wind, der durch die Blätter rauschte, aber es
+war ihnen, als hätten sie das alles niemals so genossen, als wäre
+die Natur vorher gar nicht dagewesen oder als wäre sie erst schön,
+seitdem ihr Begehren gestillt war.
+
+Wenn es dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
+von Inseln entlang. Die beiden saßen im Dunkeln auf der Bank unter
+dem hölzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die vierkantigen
+Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen Gabeln,
+taktmäßig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte das Wasser leise
+um das herrenlose Steuer.
+
+Einmal erschien der Mond. Da schwärmten sie natürlich vom stillen
+Nebelglanz über Busch und Tal und seinen Melodien. Und Emma begann
+sogar zu singen:
+
+»Weißt du, eines Abends
+Fuhren wir dahin ...«
+
+Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte über der Flut,
+vom Wind entführt. Wie sanfter Flügelschlag streifte der Sang Leos
+Ohr.
+
+Emma saß an die Rückwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
+offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
+Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
+Fächer ausbreitete, ließ sie schlanker und größer erscheinen. Die
+Hände gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum Himmel empor. Von
+Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der Weiden, an denen der
+Kahn vorüberglitt, und dann tauchte sie plötzlich wieder auf, im
+Lichte des Mondes, wie eine Geistererscheinung.
+
+Leo, der sich ihr zu Füßen am Boden des Fahrzeuges gelagert hatte,
+hob ein Band aus roter Seide auf. Der Bootsmann sah es und meinte:
+
+»Das ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
+spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
+hatten Kuchen und Champagner mit und Waldhörner. Das war ein
+Rummel! Da war einer dabei, ein großer hübscher Mann mit einem
+schwarzen Schnurrbärtchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
+immer: 'Du, erzähl uns mal einen Schwank aus deinem Leben, Adolf!'
+Oder hieß er Rudolf? Ich weiß nicht mehr ...«
+
+Emma fuhr zusammen.
+
+»Ist dir nicht wohl?« fragte Leo und legte ihr die Hand um den
+Nacken.
+
+»Ach nein, es ist nichts! Es ist ein bißchen kühl.«
+
+»Er mochte auch viel Glück bei den Frauen haben«, redete der
+Bootsmann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar eine
+Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die Hände und begann
+von neuem zu rudern.
+
+Endlich kam die Trennungsstunde. Der Abschied war sehr traurig.
+Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
+schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
+Umschläge verwenden. Er wunderte sich über ihre Schlauheit in
+Liebesdingen.
+
+»Und das andre ist doch auch alles in Ordnung, nicht wahr?« fragte
+sie nach dem letzten Kusse.
+
+»Aber gewiß!«
+
+Als er dann allein durch die Straßen heimging, dachte er bei sich:
+
+»Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesens mit ihrer
+Generalvollmacht?«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Leo begann vor seinen Kameraden den Überlegenen zu spielen. Er
+mied ihre Gesellschaft und vernachlässigte seine Akten. Er wartete
+nur immer auf Emmas Briefe, las wieder und wieder in ihnen und
+schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in der
+Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein heißes Begehren
+kühlte sich durch das Getrenntsein nicht ab, im Gegenteil, sein
+Verlangen, sie wiederzusehen, wuchs dermaßen, daß er an einem
+Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.
+
+Als er von der Höhe herab unten im Tale den Kirchturm mit seiner
+sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
+durchschauerte ihn ein sonderbares Gefühl von Eitelkeit und
+Rührung, wie es vielleicht ein Milliardär empfindet, der sein
+Heimatdorf wieder aufsucht.
+
+Er ging um Emmas Haus. In der Küche war Licht. Er wartete, ob
+nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar würde. Es erschien
+nichts.
+
+Als Mutter Franz ihn gewahrte, stieß sie Freudenschreie aus. Sie
+fand ihn »größer und schlanker geworden«, während Artemisia im
+Gegensatze dazu meinte, er sähe »stärker und brauner« aus.
+
+Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
+aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte es nämlich
+»satt bekommen«, immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
+seine Tischzeit ein für allemal auf Punkt fünf Uhr verlegt, was
+ihn indessen nicht hinderte, darüber zu räsonieren, daß der »alte
+Klapperkasten egal zu spät« käme.
+
+Endlich faßte Leo Mut und klingelte an der Haustüre des Arztes.
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer Viertelstunde kam
+sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn wiederzusehen; aber
+weder am Abend noch andern Tags wich er von Emmas Seite. Erst
+nachts kam sie allein mit Leo zusammen, auf dem Wege hinter dem
+Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, wie einst mit dem andern.
+
+Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
+Regenschirm, bei Donner und Blitz.
+
+Die Trennung war ihnen unerträglich.
+
+»Lieber sterben!« sagte Emma.
+
+Sie entwand sich seinen Armen und weinte.
+
+»Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?«
+
+Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
+versprach ihm Emma, sie wolle demnächst Mittel und Wege finden,
+damit sie sich wenigstens einmal jede Woche sehen könnten. Emma
+zweifelte nicht an der Möglichkeit. Sie war überhaupt voller
+Zuversicht. Lheureux hatte ihr für die nächste Zeit Geld in
+Aussicht gestellt.
+
+Sie schaffte ein Paar cremefarbige Stores für ihr Zimmer an.
+Lheureux rühmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen Teppich,
+den der Händler bereitwillig zu besorgen versprach, wobei er
+versicherte, er werde »die Welt nicht kosten«. Lheureux war ihr
+unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie nach ihm,
+und immer ließ er alles stehen und liegen und kam, ohne auch nur
+zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte Frau Rollet
+täglich zum Frühstück und auch außerdem noch häufig kam.
+
+Gegen Anfang des Winters entwickelte Emma plötzlich einen ungemein
+regen Eifer im Musizieren.
+
+Eines Abends spielte sie dasselbe Stück viermal hintereinander,
+ohne über eine bestimmte schwierige Stelle glatt hinwegzukommen.
+Karl, der ihr zuhörte, bemerkte den Fehler nicht und rief:
+
+»Bravo! Ausgezeichnet! Fehlerlos! Spiele nur weiter!«
+
+»Nein, nein! Ich stümpere. Meine Finger sind zu steif geworden.«
+
+Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwas vorzuspielen.
+
+»Meinetwegen! Wenn es dir Spaß macht.«
+
+Karl gab zu, daß sie ein wenig aus der Übung sei. Sie griff
+daneben, blieb stecken, und plötzlich hörte sie auf zu spielen.
+
+»Ach, es geht nicht, ich müßte wieder Stunden nehmen, aber ...«
+Sie biß sich in die Lippen und fügte hinzu: »Zwanzig Franken für
+die Stunde, das ist zu teuer.«
+
+»Allerdings ... ja ...«, sagte Karl und lächelte einfältig, »aber
+es gibt doch auch unbekannte Künstler, die billiger und manchmal
+besser sind als die Berühmtheiten.«
+
+»Such mir einen!« sagte Emma.
+
+Am andern Tag, als er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene an
+und sagte schließlich:
+
+»Was du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
+Barfeuchères, und da hat mir Frau Liégeard erzählt, daß ihre drei
+Töchter für zwölf Groschen die Stunde bei einer ganz
+vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben.«
+
+Emma zuckte mit den Achseln und öffnete fortan nicht mehr das
+Klavier. Aber wenn sie in Karls Gegenwart daran vorbeiging,
+seufzte sie allemal:
+
+»Ach, mein armes Klavier!«
+
+Wenn Besuch da war, erzählte sie jedermann, daß sie die Musik
+aufgegeben und höheren Rücksichten geopfert habe. Dann beklagte
+man sie. Es sei schade. Sie hätte soviel Talent. Man machte ihrem
+Manne geradezu Vorwürfe, und der Apotheker sagte ihm eines Tages:
+
+»Es ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem die
+Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Außerdem sparen Sie,
+wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, später bei der
+musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die Mütter
+sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Das hat schon
+Rousseau gesagt, so neu uns diese Forderung auch anmutet. Aber das
+wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ernährung der Säuglinge
+durch die eigenen Mütter und wie die Schutzpockenimpfung! Davon
+bin ich überzeugt!«
+
+Infolgedessen kam Karl noch einmal gesprächsweise auf diese
+Angelegenheit zurück. Emma erwiderte ärgerlich, daß es besser
+wäre, das Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte sich Bovary.
+Das kam ihm wie die Preisgabe eines Stückes von sich selbst vor.
+Das brave Klavier hatte ihm so oft Vergnügen bereitet und ihn
+einst so stolz und eitel gemacht!
+
+»Wie wäre es denn,« schlug er vor, »wenn du hin und wieder eine
+Stunde nähmst? Das wird uns wohl nicht gleich ruinieren!«
+
+»Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelmäßig erfolgt«, entgegnete
+sie.
+
+Und so kam es schließlich dahin, daß sie von ihrem Gatten die
+Erlaubnis erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
+den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
+habe bedeutende Fortschritte gemacht.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich geräuschlos
+an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe wegen ihres zu
+frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief sie in ihrem Zimmer
+herum, stellte sich ans Fenster und sah auf den Marktplatz hinaus.
+Das Morgengrauen huschte um die Pfeiler der Hallen und um die
+Apotheke, deren Fensterläden noch geschlossen waren. Die großen
+Buchstaben des Ladenschildes ließen sich durch das fahle
+Dämmerlicht erkennen.
+
+Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
+Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und fachte
+der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. Ganz
+allein saß Emma dann in der Küche.
+
+Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst gemächlich
+die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, die in der
+Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster heraussah und ihm
+tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln erteilte, die jeden
+andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die Absätze von Emmas
+Stiefeletten klapperten laut auf dem Pflaster des Hofes.
+
+Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
+angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die
+Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.
+
+Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie allerorts
+Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor den Hoftoren
+standen und warteten. Leute, die sich Plätze vorbestellt hatten,
+ließen meist auf sich warten; ja es kam vor, daß sie noch in ihren
+Betten lagen. Dann rief, schrie und fluchte Hivert, stieg von
+seinem Sitz herunter und pochte mit den Fäusten laut gegen die
+Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind durch die schlecht
+schließenden Wagenfenster.
+
+Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt
+schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten sich
+rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser gefüllten
+Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin bis in den
+Horizont.
+
+Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, wann eine
+Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine Scheune, das
+Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal schloß sie die Augen eine
+Weile, um sich überraschen zu lassen. Aber sie verlor niemals das
+Gefühl für Zeit und Ort.
+
+Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte
+unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch deren
+Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken und
+Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.
+
+Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
+erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das Häusermeer in
+undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich flaches Land in
+eintönigen Linien, bis es weit in der Ferne im fahlen Grau des
+Himmels verschwamm. So aus der Vogelschau sah die ganze Landschaft
+leblos wie ein Gemälde aus. Die vor Anker liegenden Zillen
+drängten sich in einem Winkel zusammen. Der Strom wand sich im
+Bogen um grüne Hügel, und die länglichen Inseln in seinen Fluten
+glichen großen schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen
+Fabrikessen quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in
+der Luft auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich
+das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste
+hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards wuchsen
+aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, und die vom
+Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder schwächer, je nach der
+höheren oder tieferen Lage der Stadtteile. Bisweilen trieb ein
+frischer Windstoß das dunstige Gewölk nach der Sankt
+Katharinen-Höhe hin, an deren steilen Hängen sich die luftige Flut
+geräuschlos brach.
+
+Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
+diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut stürmte
+ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die hundertundzwanzigtausend
+Herzen, die da unten schlugen, den Brodem der Leidenschaften, die
+in ihnen lodern mochten, in einem einzigen Hauche entgegensandten.
+Vor der Gewalt dieses Anblicks wuchs ihre eigene Liebe, und das
+dumpfe Rauschen des Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre
+Stimmung. Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und
+vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
+zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie Einzug hielt.
+
+Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die frische
+Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
+schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
+rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger,
+die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, wo sie
+die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren Familienkutschen
+gemächlich aus.
+
+Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
+Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
+und stieg aus.
+
+In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die
+Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den
+Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit
+niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem
+herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um nicht
+beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre Gassen
+hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen am Ende
+der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt es dort die
+meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. Ein paarmal fuhren
+Karren mit Bühnendekorationen an Emma vorüber. Beschürzte Kellner
+streuten Sand auf das Trottoir, zwischen Kästen mit grünen
+Gewächsen. Es roch nach Absinth, Zigarren und Austern.
+
+Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie erkannte
+ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich unter seinem
+Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm nach dem
+Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, öffnete die Tür
+und trat ein ...
+
+Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne Ende!
+Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von ihrem
+Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber dann war
+das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu Auge, unter dem
+Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der Zärtlichkeit.
+
+Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten des
+Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge herab. Wenn
+sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von diesem Purpurrot
+abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme verschämt hob und ihr
+Gesicht in den Händen verbarg: was hätte Leo Schönres schauen
+können?
+
+Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
+Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
+einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
+alles, was blank im Gemache war, hell auf: die Messingbeschläge an
+der Tür, an den Gardinenhaltern und am Kamin.
+
+Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
+verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles so vor,
+wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die Haarnadeln noch auf
+dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am Donnerstag vorher liegen
+gelassen hatte.
+
+Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen eingelegten
+Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte alles zurecht
+und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den Teller, unter tausend
+süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über den Rand des dünnen
+Kelches auf die Finger perlte, lachte sie lustig auf. Sie waren
+beide in den gegenseitigen Genuß versunken und vergaßen völlig,
+daß sie in einer Mietwohnung hausten. Es war Ihnen, als wären sie
+Jungvermählte und hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder
+zu verlassen brauchten. Sie sagten »unser Zimmer, unser Teppich,
+unsre Stühle,« wie sie »unsre Pantoffeln« sagten, wobei sie die
+meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa Atlas
+mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten Füßen. Wenn
+sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir ihren Beinen
+und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen Zehen.
+
+Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen
+Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese
+entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen,
+dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte
+Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er hatte
+eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
+verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen?
+
+Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
+tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald
+schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
+Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die
+Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
+gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
+Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der »Badenden
+Odaliske«, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen Vrouwen
+der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, die
+spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als alles das:
+sie war sein »Engel«.
+
+Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich seine
+Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz und von
+da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr zu Füßen
+auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah zu ihr empor
+und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu ihm herab und
+flüsterte wie im Rausche:
+
+»O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist etwas
+Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern habe!«
+
+Sie nannte ihn »mein Junge«.
+
+»Mein Junge, liebst du mich?«
+
+Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie
+nicht.
+
+Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus Bronze,
+der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande trug. Er
+machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde schlug, kam
+ihnen alles ernsthaft vor.
+
+Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer wiederholten
+sie:
+
+»Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!«
+
+Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, küßte
+ihn rasch auf die Stirn, und mit einem »Adieu!« stürmte sie die
+Treppe hinunter.
+
+Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße und
+ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. Im Laden
+brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das Klingeln drüben im
+Theater, das dem Personal den Beginn der Vorstellung anzeigte.
+Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit bleichen Gesichtern und
+Frauen in abgetragenen Kleidern im hinteren Eingang des
+Theatergebäudes verschwanden.
+
+Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken
+und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen Brennscheren
+und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu schaffen
+machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, so wäre sie
+unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.
+
+Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an.
+
+Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins »Rote
+Kreuz«. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am Vormittag
+unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und nahm ihren
+Platz ein, unter den bereits ungeduldigen Mitfahrenden. Wo die
+steile Strecke begann, stiegen alle aus. Emma blieb allein im
+Wagen zurück.
+
+Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
+Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites
+Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster
+kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
+flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in Gedanken
+und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind verschlang.
+
+Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
+ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter
+Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
+abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit
+Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in roten
+Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, die an der
+Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. Wenn man ihn
+ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten seine bläulichen
+Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager.
+
+Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:
+
+»Wenns Sommer worden weit und breit,
+Wird heiß das Herze mancher Maid ...«
+
+Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich hinter
+Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.
+
+Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf dem
+nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er fragte
+ihn, wie es seiner Liebsten ginge.
+
+Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch das
+Wagenfenster herein. Er war draußen auf das kotbespritzte
+Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand fest. Sein
+erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er heulte durch
+die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das Schellengeläut
+der Pferde, das Rauschen der Bäume und das Rasseln des Wagens
+tönten in diese Jammerlaute hinein, so daß sie wie aus der Ferne
+zu kommen schienen. Emma war tieferschüttert. Empfindungen
+brausten ihr durch die Seele wie wilder Wirbelsturm durch eine
+Schlucht. Grenzenlose Melancholie ergriff sie.
+
+Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen Wagen
+beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf den
+Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
+Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus.
+
+Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die einen
+schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die Brust
+gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des Nachbars,
+und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je nach den
+Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der Schein der
+Laterne drang durch die schokoladenbraunen Kattunvorhänge und
+bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit blutroten Lichtstreifen.
+Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie fror unter ihren Kleidern.
+Ihre Füße wurden ihr kälter und kälter. Sie fühlte sich
+sterbensunglücklich.
+
+Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer
+Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, aber
+was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte jetzt machen, was
+es wollte.
+
+Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie fragte, ob
+ihr etwas fehle.
+
+»Nein!« antwortete sie.
+
+»Aber du bist so sonderbar heute abend?«
+
+»Ach nein, nicht im geringsten!«
+
+Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
+gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser als
+eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die Streichhölzer
+zurecht, legte ihr ein Buch hin und das Nachthemd und deckte das
+Bett auf.
+
+»Gut!« sagte sie. »Du kannst gehn.«
+
+Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und
+blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.
+
+Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch
+qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
+der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor
+Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre
+Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen befriedigt
+wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich unter
+leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. Seine
+anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie hegte und
+pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, sein Herz zu
+verlieren.
+
+Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:
+
+»Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! Wirst
+es machen wie alle andern!«
+
+»Welche andern?«
+
+»Wie alle Männer, meine ich.«
+
+Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu:
+
+»Ihr seid alle gemein!«
+
+Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch über die
+menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um seine
+Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem
+Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, daß sie vor ihm einen
+andern geliebt habe.
+
+»Nicht wie dich!« fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
+ihres Kindes, daß es »zu nichts gekommen« sei.
+
+Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
+Betreffende jetzt sei.
+
+»Er war Schiffskapitän, mein Lieber!«
+
+Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein
+gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewiß
+vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben sollte?
+
+In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der
+Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, Orden
+und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, das sah
+er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.
+
+Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins
+Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen
+blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in
+schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren.
+Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
+gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die
+Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns
+nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch zweifellos die
+Bitterkeit der Trennung.
+
+Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:
+
+»Ach, wenn wir dort leben könnten!«
+
+»Sind wir denn nicht glücklich?« erwiderte Leo zärtlich und strich
+mit der Hand liebkosend über ihr Haar.
+
+»Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!«
+
+Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie
+bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch
+Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt.
+Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er
+plötzlich:
+
+»Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?«
+
+»Ja!«
+
+»Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen und
+sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.«
+
+Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen:
+
+»Mein Name wird ihr entfallen sein.«
+
+»Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die
+Klavierstunden geben«, meinte Karl.
+
+»Das ist auch möglich!«
+
+Plötzlich sagte Emma:
+
+»Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
+eine bringen.«
+
+Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, wühlte
+in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl sie bat,
+sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe zu machen.
+
+»Ich werde sie schon finden!« beharrte sie.
+
+In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel
+anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß zu stehen
+pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück Papier. Er
+zog es hervor und las:
+
+»Quittung.
+
+Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für
+verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn.
+
+Dankend erhalten
+Friederike Lempereur,
+Musiklehrerin.«
+
+»Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?«
+
+»Wahrscheinlich«, erwiderte Emma, »ist es aus dem Karton mit den
+alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.«
+
+Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lügen.
+Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand
+sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen geradezu zu einem
+Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn sie erzählte, daß sie
+auf der rechten Seite der Straße gegangen sei, konnte man wetten,
+daß es auf der linken gewesen war.
+
+Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich leicht
+gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien begann. Karl
+hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche
+des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging
+hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der
+Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er im »Roten Kreuz«
+angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau
+Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, daß sie das »Rote
+Kreuz« sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche
+und erzählte ihr von seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine
+sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald
+eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale
+so wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen.
+
+Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte,
+so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und
+so hielt es Emma für besser, fortan im »Roten Kreuz« abzusteigen,
+damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der
+Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwöhnten.
+
+Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den
+Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne schwatzen; aber er
+war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage später in ihr Zimmer
+und erklärte, daß er Geld brauche.
+
+Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing zu
+jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
+
+In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel
+bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlängert
+und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine
+Anzahl unbezahlter Rechnungen für die Stores, den Teppich, für
+Möbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstücke, im
+Gesamtbetrag von ungefähr zweitausend Franken.
+
+Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort:
+
+»Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.«
+
+Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in
+Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht
+viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen Pachtgute gehört,
+das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wußte
+genau Bescheid über das Grundstück; er kannte sogar die Anzahl der
+Hektare und die Namen der Nachbarn.
+
+»An Ihrer Stelle«, sagte er, »versuchte ich, es loszuwerden. Sie
+bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!«
+
+Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber
+Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, was
+sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen.
+
+»Sie haben doch die Vollmacht«, antwortete er.
+
+Dieses Wort belebte sie.
+
+»Lassen Sie mir die Rechnung hier!« sagte sie.
+
+»O, das eilt ja nicht!« erwiderte Lheureux.
+
+In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und
+berichtete, es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen
+Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das
+Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste.
+
+»Der Preis ist mir gleichgültig!« rief Emma aus.
+
+Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln lassen.
+Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst
+nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das Geschäft
+mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurück, der
+Käufer habe viertausend Franken geboten.
+
+Emma war hocherfreut.
+
+»Offen gestanden,« fügte der Händler hinzu, »das ist anständig
+bezahlt!«
+
+Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma
+sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
+Lheureux:
+
+»Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes Sümmchen
+gleich wieder aus der Hand geben wollen!«
+
+Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
+Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
+
+»Wie? Wie meinen Sie?« stammelte sie.
+
+»O,« erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, »man kann ja was ganz
+Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie das in einem
+Haushalte so ist.«
+
+Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine
+langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte
+er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
+tausend Franken auf den Tisch.
+
+»Unterschreiben Sie!« sagte er, »und behalten Sie die ganze
+Summe!«
+
+Sie fuhr erschrocken zurück.
+
+»Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,« sagte Lheureux
+frech, »erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?«
+
+Er schrieb unter die Rechnung:
+
+»Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
+bescheinigt
+Lheureux.«
+
+»So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die
+weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist auch der
+letzte Wechsel nicht fällig.«
+
+Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
+Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor ihr
+ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. Lheureux sagte
+noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in Rouen, der die vier
+Wechsel diskontieren wolle. Die überschüssige Summe werde er der
+gnädigen Frau persönlich bringen.
+
+Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
+Freund Vinçard habe »wie üblich« zweihundert Franken für Provision
+und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig eine
+Empfangsbestätigung.
+
+»Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! Das
+Datum!«
+
+Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
+vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
+die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
+
+Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig auf einen
+Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf
+Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon aufklären.
+
+Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um
+ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
+Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend
+unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen
+müssen.
+
+»Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist tausend
+Franken nicht zuviel?«
+
+In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
+Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
+bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen
+davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
+schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer
+Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas
+herausrücke, gab er ihr zur Antwort:
+
+»Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!«
+
+Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
+besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze
+Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks heraus.
+Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, daß sie erst
+viel später bekannt wurde.
+
+Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
+die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu finden.
+
+»Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die
+Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in
+keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Großvaterstuhl!
+Die jungen Leute hatten keine nötig. So war es wenigstens bei
+meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir
+versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und
+Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn
+ich mich so verwöhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte
+Frau, die wahrlich ein bißchen der Pflege nötig hätte ... Da schau
+mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter,
+das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schönen Futterstoff für
+vier Groschen, ja schon für dreie bekommt, der seinen Zweck
+vollkommen erfüllt!«
+
+Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
+
+»Ich finde, es ist nun gut!«
+
+Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
+würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der
+Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr versprochen
+habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ...
+
+»Was?« unterbrach Emma ihre Rede.
+
+»Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!«
+
+Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglücksmensch
+mußte zugeben, daß ihm die Mutter das Ehrenwort abgenötigt hatte.
+Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und händigte
+ihrer Schwiegermutter mit der Gebärde einer Fürstin ein großes
+Schriftstück ein.
+
+»Ich danke dir!« sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
+den Ofen.
+
+Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte
+einen Nervenchok bekommen.
+
+»Ach du mein Gott!« rief Karl aus. »Siehst du, Mutter, es war doch
+nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!«
+
+Sie zuckte mit den Achseln. Das sei alles »bloß Tuerei!«
+
+Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
+und vertrat Emma so nachdrücklich, daß die alte Frau erklärte, sie
+werde abreisen. In der Tat tat sie das andern Tags. Als Karl sie
+noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben überreden wollte,
+erwiderte sie:
+
+»Nein, nein! Du liebst sie mehr als mich, und das ist ja ganz in
+der Ordnung! Wenn es auch dein Nachteil ist. Du wirst ja sehen ...
+Laß dirs wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich wieder --
+sozusagen -- zusetzen!«
+
+Nicht weniger als armer Sünder stand er dann vor Emma, die ihm
+erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mußte
+erst lange bitten, ehe sie sich herabließ, eine neue
+Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
+sie ausstellen sollte.
+
+»Sehr begreiflich!« meinte der Notar. »Ein Mann der Wissenschaft
+darf sich durch die Alltagsdinge nicht ablenken lassen.«
+
+Karl fühlte sich durch diese im väterlichen Tone vorgebrachte
+Weisheit wieder aufgerichtet. Sie bemäntelte seine Schwachheit mit
+der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit höheren Dingen
+beschäftigt.
+
+Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in Leos
+Armen war sie über die Maßen ausgelassen. Sie lachte, weinte,
+sang, tanzte, ließ sich Sorbett heraufbringen und rauchte
+Zigaretten. So überschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
+doch köstlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, daß es in ihrem
+Innern gärte und daß sie sich aus diesem Motiv kopfüber in den
+Strudel des Lebens stürzte. Sie war reizbar, unersättlich,
+wollüstig geworden. Erhobenen Hauptes ging sie mit Leo durch die
+Straßen der Stadt spazieren, ohne die geringste Angst, daß sie ins
+Gerede kommen könnte. So sagte sie wenigstens. Insgeheim
+erzitterte sie freilich mitunter bei dem Gedanken, Rudolf könne
+ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf immerdar von ihm geschieden
+war, so fühlte sie sich doch noch immer in seinem Banne.
+
+Eines Abends kam sie nicht nach Yonville zurück. Karl war außer
+sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre »Mama« nicht
+ins Bett gehen wollte, schluchzte herzzerreißend. Justin wurde auf
+der Poststraße entgegengesandt, und selbst Homais verließ seine
+Apotheke.
+
+Als es elf Uhr schlug, hielt es Karl nicht mehr aus. Er spannte
+seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein Pferd los und
+langte gegen zwei Uhr morgens im »Roten Kreuz« an. Emma war nicht
+da. Er dachte, vielleicht könne der Adjunkt sie gesehen haben,
+aber wo wohnte er? Glücklicherweise fiel ihm die Adresse des
+Notars ein, bei dem Leo in der Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
+
+Es begann zu dämmern. Er erkannte das Wappenschild über der Tür
+und klopfte an. Ohne daß ihm geöffnet ward, erteilte ihm jemand
+die gewünschte Auskunft, nicht ohne auf den nächtlichen Ruhestörer
+zu schimpfen.
+
+Das Haus, in dem der Adjunkt wohnte, besaß weder einen Türklopfer
+noch eine Klingel noch einen Pförtner. Karl schlug mit der Faust
+gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging vorüber. Karl bekam
+Angst und ging davon.
+
+»Ich bin ein Narr!« sagte er zu sich. »Wahrscheinlich haben
+Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!«
+
+Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
+
+»Vielleicht ist sie bei Frau Dübreuil. Die ist vielleicht krank
+... Ach nein, Frau Dübreuil ist ja schon vor einem halben Jahre
+gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?«
+
+Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ließ sich in einem Café das
+Adreßbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von Fräulein
+Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle des Maroquiniers Nummer 74.
+
+Als er in diese Straße einbog, tauchte Emma am andern Ende auf. Er
+stürzte auf sie los und fiel ihr um den Hals.
+
+»Was hat dich denn gestern hier zurückgehalten?« rief er.
+
+»Ich war krank.«
+
+»Was fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?«
+
+Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und antwortete:
+
+»Bei Fräulein Lempereur.«
+
+»Das dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr.«
+
+»Die Mühe kannst du dir nun ersparen. Sie ist übrigens schon
+ausgegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
+kannst dir denken, daß ich mich nicht gar frei fühle, wenn ich
+weiß, daß dich die geringste Verspätung dermaßen aus dem
+Gleichgewicht bringt!«
+
+Das war eine Art Erlaubnis, die sie sich selbst gab, in Zukunft
+mit aller Ruhe über den Strang hauen zu können, wie man zu sagen
+pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den ausgiebigsten Gebrauch
+davon. Sobald sie Lust verspürte, Leo zu sehen, fuhr sie unter
+irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser sie an solchen Tagen
+nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner Kanzlei auf.
+
+Die ersten Male war ihm das eine große Freude, aber allmählich
+verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren diese
+Störungen durchaus nicht angenehm.
+
+»Ach was, komm nur mit!« sagte sie.
+
+Und er verließ ihretwegen seine Arbeit.
+
+Sie sprach den Wunsch aus, er solle sich immer in Schwarz kleiden
+und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er aussähe
+wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er mußte ihr
+seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. Er schämte
+sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, Vorhänge zu
+kaufen, wie sie welche hatte. Als er meinte, die seien sehr teuer,
+sagte sie lachend:
+
+»Ach, hängst du an deinen paar Groschen!«
+
+Jedesmal mußte ihr Leo genau berichten, was er seit dem letzten
+Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein Gedicht, um
+ein Liebesgedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei lag ihm nicht,
+und er schrieb schließlich ein Sonett aus einem alten Almanach ab.
+
+Er tat das keineswegs aus Eitelkeit. Er kannte kein andres
+Bedürfnis, als ihr zu gefallen. Er war in allen Dingen ihrer
+Ansicht und hatte stets denselben Geschmack wie sie. Mit einem
+Worte: sie tauschten allmählich ihre Rollen. Leo wurde der
+feminine Teil in diesem Liebesverhältnisse. Sie verstand auf eine
+Art zu kosen und zu küssen, daß er die Empfindung hatte, als sauge
+sie ihm die Seele aus dem Leibe. Es steckte, im Kerne ihres Wesens
+verborgen, eine eigentümliche, geradezu unkörperliche Verderbnis
+in Emma, eine geheimnisvolle Erbschaft.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig bei
+dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, ihn nun
+auch einmal in Rouen zu besuchen.
+
+»Gern!« gab Homais zur Antwort. »Ich muß sowieso einmal
+ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen
+zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein paar
+Dummheiten loslassen!«
+
+»Aber Mann!« mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren
+Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus.
+
+»Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
+genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? Ja,
+ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die Wissenschaften,
+so sind sie eifersüchtig; und will man sich gelegentlich in
+harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann ists ihnen auch
+wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf
+mich! In allernächster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann
+wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!«
+
+Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen Ausdruck zu
+gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin,
+den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich wie seine Nachbarin,
+Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den
+Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner
+Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu
+imponieren.
+
+Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung in der
+Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, in einen alten
+Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine
+Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der andern. Er
+hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die
+Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß nehmen.
+
+Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
+verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen
+Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
+so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half
+kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das »Grand Café zur
+Normandie«, wo er, bedeckten Hauptes, stolz wie ein Fürst eintrat.
+Er hielt es nämlich für höchst provinzlerhaft, in einem
+öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen.
+
+Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte
+sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei sie
+ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der
+Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
+gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe.
+
+Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der große
+Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, der die Form
+eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen innen vergoldete
+Fächer sich unter der weißen Decke ausbreiteten. Neben ihnen, im
+hellen Sonnenlichte, hinter Glaswänden, sprudelte ein kleiner
+Springbrunnen über einem Marmorbecken. An seinem Rande hockten
+zwischen Brunnenkresse und Spargel drei schläfrige Hummern;
+daneben lagen Wachteln, zu einem Haufen aufgeschichtet.
+
+Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die
+Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so tat der
+Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett mit Rum
+aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien ȟber die
+Weiber«. Am meisten rege ihn eine »schicke« Frau auf, und nichts
+ginge über eine elegante Robe in einem vornehm eingerichteten
+Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da sei viel Fleisch
+»nicht ohne«.
+
+Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und
+schmatzte weiter.
+
+»Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in Rouen«,
+sagte er plötzlich. »Aber schließlich wohnt ja Ihr Liebchen nicht
+allzuweit.« Da Leo errötete, setzte er hinzu: »Na, gestehen Sie
+nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in Yonville ...«
+
+Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches.
+
+»... im Hause Bovary jemanden poussieren ...«
+
+»Aber wen denn?«
+
+»Na, das Dienstmädel!«
+
+Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als alle
+Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er liebe nur
+brünette Frauen.
+
+»Da haben Sie nicht unrecht«, meinte der Apotheker. »Die haben
+mehr Temperament!«
+
+Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die Symptome,
+an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. Er geriet
+sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die Deutschen seien
+schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die Italienerinnen
+leidenschaftlich.
+
+»Und die Negerinnen?« fragte der Adjunkt.
+
+»Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!«
+
+»Gehen wir?« fragte Leo ungeduldig.
+
+»Yes!«
+
+Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen und ihm
+seine Zufriedenheit aussprechen.
+
+Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen Gang
+vor. Er wollte nun endlich allein sein.
+
+»Ich begleite Sie natürlich!« sagte Homais.
+
+Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von seinen
+Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom verwahrlosten
+Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie in die Höhe
+gebracht habe.
+
+Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
+eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten
+Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in Wut. Leo
+versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu beruhigen. Es
+sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie kenne Homais doch.
+Wie habe sie nur glauben können, daß er lieber mit ihm statt mit
+ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar nichts hören und schickte
+sich an, fortzugehen. Er hielt sie zurück, sank vor ihr auf die
+Knie, umschlang sie mit beiden Armen und sah sie mit einem
+rührenden Blick voller Begehrlichkeit und Unterwürfigkeit an.
+
+Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie
+ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck
+in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ ihm
+ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
+Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen.
+
+»Du kommst doch wieder?« fragte Emma.
+
+»Gewiß!«
+
+»Aber wann?«
+
+»Sofort!«
+
+Es war der Apotheker.
+
+»Ein feiner Trick, nicht?« schmunzelte er, als er Leo erblickte.
+
+»Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch
+offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
+Bridoux, einen Bittern genehmigen!«
+
+Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
+lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei.
+
+»Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
+nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
+Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!« Und da
+der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: »Na, da
+begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
+lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.«
+
+Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des Apothekers
+Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung des
+reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, während Homais
+immer wieder in ihn drang:
+
+»Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
+Schritte von hier! Rue Malpalu!«
+
+Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit oder
+Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den Menschen
+mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen Willen
+zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie fanden ihn in
+dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei Burschen
+beaufsichtigte, die das große Rad einer
+Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen
+Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank man
+den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu empfehlen,
+aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er sagte:
+
+»Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
+'Leuchtturm von Rouen'! Dem Redakteur guten Tag sagen. Ich mache
+Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.«
+
+Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den
+Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade
+aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das
+Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung auf! Nun
+suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. Er sei
+eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, feminin, dazu
+knickerig und kleinmütig.
+
+Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter
+machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten
+hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht
+berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.
+
+Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die nichts
+mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm Emma
+schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
+Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
+eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
+erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten
+Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand
+sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. Diese
+Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. Emma kam
+immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher Erregung. Sie
+warf die Kleider ab und riß das Korsett herunter, dessen Schnuren
+ihr um die Hüften schlugen wie zischende Schlangen. Mit nackten
+Füßen lief sie an die Tür und überzeugte sich, daß sie verriegelt
+war. Mit einer hastigen Bewegung entledigte sie sich dann des
+Hemdes -- und bleich, stumm, ernst und von Schauern durchströmt,
+warf sie sich in seine Arme.
+
+Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren
+stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
+lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. Leo fühlte
+es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu trennen.
+
+Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
+Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und des Leids
+schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. Was ihn dereinst
+entzückt hatte, das flößte ihm jetzt Grauen ein.
+
+Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung
+seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
+Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
+auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
+Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt.
+
+Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von ausgesuchten
+Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements der Kleidung und den
+schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte aus ihrem Garten Rosen
+mit, die sie an der Brust trug und ihm ins Gesicht warf. Sie
+sorgte sich um seine Gesundheit und gab ihm gute Ratschläge, wie
+er leben solle. Abergläubisch schenkte sie ihm ein Amulett mit
+einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame Mutter erkundigte sie
+sich nach seinen Freunden und Bekannten.
+
+»Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!«
+
+Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen.
+Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der Nähe
+des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, der dies wohl
+übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab.
+
+»Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was tuts?
+Ich halte ihn nicht!«
+
+Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als gewöhnlich. Als sie
+allein den Boulevard hinschlenderte, bemerkte sie die Mauer ihres
+Klosters. Da setzte sie sich auf eine schattige Bank unter den
+Ulmen. Wie friedsam hatte sie damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht
+nach den jungfräulichen Vorstellungen von der Liebe, die sie sich
+damals aus Büchern erträumt hatte ...
+
+Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
+mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
+... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr vorüber
+... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie alles andre.
+
+»Aber ich liebe ihn doch!« flüsterte sie.
+
+Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen!
+Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam immer
+gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?
+
+Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und
+tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit einem
+Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und Sänger,
+warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil das eine
+Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen! Weil
+alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt immer nur das
+Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genuß den
+Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten Küsse
+hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare Begierde nach
+der Wollust der Götter!
+
+Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
+viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine Ewigkeit
+auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in einer
+Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem kleinen
+Raume ...
+
+Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten
+kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein Mann von
+schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in Rouen schicke ihn
+her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen er die eine
+Seitentasche seines langen grünen Rockes verschlossen hatte,
+steckte sie im Ärmelaufschlag fest und überreichte ihr höflich ein
+Papier. Es war ein Wechsel auf siebenhundert Franken, den sie
+ausgestellt hatte. Lheureux hatte ihn seinem Versprechen entgegen
+an Vinçard weitergegeben.
+
+Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, ließ
+er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und dabei
+hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke auf
+Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig:
+
+»Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?«
+
+»Sagen Sie ihm nur«, gab Emma zur Antwort, »... ich hätte kein
+Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
+acht Tagen!«
+
+Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf erhielt
+sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten Zustellungsurkunde
+starrten ihr mehrfach die Worte »Hareng, Gerichtsvollzieher in
+Büchy« entgegen. Darüber erschrak sie dermaßen, daß sie
+spornstreichs zu Lheureux lief.
+
+Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu.
+
+»Ihr Diener!« begrüßte er sie. »Ich stehe Ihnen sogleich zur
+Verfügung!«
+
+Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, bei
+der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war ein wenig
+verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die Stelle des
+Ladenmädchens und der Köchin.
+
+Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten
+Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der
+Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in
+dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
+Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem
+Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand stand
+ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch andre
+Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In der Tat lieh
+Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank lagen unter
+anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe des alten
+Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café Français hatte inzwischen
+sein Grundstück verkaufen müssen und in Quincampoix einen kleinen
+Kramladen eröffnet. Dort ging er seiner Schwindsucht langsam
+zugrunde, inmitten seiner Talglichte, die weniger gelb waren als
+sein Gesicht.
+
+Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte:
+
+»Na, was gibts Neues?«
+
+Emma hielt ihm die Vorladung hin.
+
+»Hier, lesen Sie!«
+
+»Ja, was geht denn mich das an?«
+
+Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
+ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu.
+
+»Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber das
+Messer an der Kehle!«
+
+»Und was wird jetzt geschehn?«
+
+»Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
+die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!«
+
+Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe
+ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein Mittel
+gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten.
+
+»Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das ist ein
+Bluthund!«
+
+Dann müsse eben Lheureux einspringen.
+
+»Hören Sie mal,« entgegnete er, »mir scheint, daß ich schon genug
+für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!« Er schlug seine Bücher auf:
+»Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. Juni
+hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig Franken
+... am 10. April ...«
+
+Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen.
+
+»Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt hat,
+einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von Ihren
+ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar nicht
+zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar niemand mehr
+hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun haben!«
+
+Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
+Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter »diesen
+Schweinehund, den Vinçard«. Übrigens verfüge er selber über keinen
+roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man zöge ihm das
+Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, könne nichts
+borgen.
+
+Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
+Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich:
+
+»Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...«
+
+Sie unterbrach ihn:
+
+»Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville bekomme
+...«
+
+»Wieso?«
+
+Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch nicht
+gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er:
+
+»Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!«
+
+»Ach, den müssen Sie machen!«
+
+Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. Hierauf
+schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er käme sehr
+schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er schneide sich
+in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er vier Wechsel aus,
+jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit Fälligkeitstagen, die
+je vier Wochen auseinanderlagen.
+
+»Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!« sagte er.
+»Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! Bei mir geht
+alles wie geschmiert!«
+
+Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.
+
+»Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!« meinte er.
+»Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei Groschen und
+angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich drum! Man sagt
+ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist ... Sie könnens sich
+ja denken!«
+
+Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber
+sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war
+bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei Meter
+Brokatstickerei zeigte, einen »Gelegenheitskauf«, wie er sagte.
+
+»Prachtvoll! Nicht?« sagte er. »Man nimmt es jetzt vielfach zu
+Sofabehängen. Das ist hochmodern!«
+
+Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den
+Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma in
+die Hände gedrückt.
+
+»Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...«
+
+»Ach, das eilt ja nicht!« unterbrach er sie und wandte sich einem
+andern Kunden zu.
+
+Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch
+seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke.
+Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach Erledigung aller
+Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von dem Grundstück
+in Barneville -- jährlich sechshundert Franken, die ihm pünktlich
+zugehen würden.
+
+Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten
+Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das häufiger.
+Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: »Ich bitte, es meinem
+Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in dieser Beziehung
+ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr ergebene ...« Hie und da
+liefen Beschwerden ein, die sie unterschlug.
+
+Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
+ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein
+Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. Auf
+ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, den
+Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte
+Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. Sie
+lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
+»Roten Kreuz«, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit dem
+Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, bezahlte sie
+zwei von den vier Wechseln. Die übrigen fünfzehnhundert Franken
+waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue Verpflichtungen ein und
+immer wieder welche.
+
+Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei
+herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
+bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte gar nicht
+mehr daran.
+
+Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten mit
+wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete Wäsche. Und
+die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von Frau Homais in
+zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl gelegentlich eine
+bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm Emma barsch, es sei
+nicht ihre Schuld.
+
+»Warum ist sie so reizbar?« fragte er sich und suchte die
+Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
+Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr körperliches
+Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wäre am
+liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie geküßt.
+
+»Lieber nicht!« sagte er sich. »Es könnte ihr lästig sein!«
+
+Und er ging nicht zu ihr.
+
+Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
+kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische
+Wochenschrift auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen.
+Es war noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große,
+traurige Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte
+Wasser in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er
+brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als Bäumchen
+in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er war schon
+längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte schon wer weiß
+wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das Kind, und es
+verlangte nach der Mutter.
+
+»Ruf Felicie!« sagte Karl. »Du weißt, mein Herzchen, Mama will
+nicht gestört werden!«
+
+Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt war es
+genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde das endlich
+wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, die Hände auf
+dem Rücken.
+
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören.
+Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
+bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der Räucherkerzchen
+an, die sie in Rouen im Laden eines Algeriers gekauft hatte. Um in
+der Nacht nicht immer ihren schnarchenden Mann neben sich zu
+haben, brachte sie es durch allerlei Grimassen so weit, daß er
+sich in den zweiten Stock zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen
+überspannte Bücher, die von Orgien und von Mord und Totschlag
+erzählten. Oft bekam sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf,
+und Karl kam eiligst herunter.
+
+»Ach, geh nur wieder!« sagte sie.
+
+Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs
+durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung ans
+Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den Wind um das
+schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, wünschte sie
+sich die Liebe eines Fürsten ...
+
+Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem Augenblick
+darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm sattküssen
+zu lassen.
+
+Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der
+Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu
+bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was beinahe
+jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu überzeugen, daß sie
+ebensogut in einem einfacheren Gasthofe zusammen kommen könnten.
+Sie wollte jedoch nichts davon hören.
+
+Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes Dutzend
+vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk ihres Vaters. Sie
+bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er gehorchte, obgleich ihm
+dieser Gang sehr peinlich war. Er fürchtete, sich bloßzustellen.
+Als er hinterher noch einmal darüber nachdachte, fand er, daß
+seine Geliebte überhaupt recht seltsam geworden sei und daß es
+vielleicht ratsam wäre, mit ihr zu brechen. Seine Mutter hatte
+übrigens einen langen anonymen Brief bekommen, in der ihr von
+irgendwem mitgeteilt worden war, ihr Sohn »ruiniere sich mit einer
+verheirateten Frau.« Der guten alten Dame stand sofort der
+konventionelle Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene,
+die Teufelin, die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie
+wandte sich brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem
+die Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
+dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die
+Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem er
+zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei seine
+weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das Verhältnis
+abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so doch in seinem,
+des Notars.
+
+Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
+Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
+indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was für
+Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von den
+Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich losließen, wenn
+sie sich am Kamine wärmten. Er sollte demnächst in die erste
+Adjunktenstelle rücken. Es ward also Zeit, ein gesetzter Mensch zu
+werden. Aus diesem Grunde gab er auch das Flötespielen auf. Die
+Tage der Schwärmereien und Phantastereien waren für ihn vorüber!
+Jeder Philister hat in seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und
+wenn der auch nur einen Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist
+jeder der ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender
+Pläne fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach
+einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat sich
+irgendwann einmal der Dichter geregt.
+
+Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung an
+seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik nur in
+gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die
+Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde
+Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht.
+
+Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz sie
+noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
+Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander
+überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der Ehe
+wieder.
+
+Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr die
+Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus Gewohnheit oder
+Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der Sinnengenuß ward
+ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch nach höheren
+Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt und betrogen.
+Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre Entzweiung zur
+Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich aus freien Stücken
+von ihm zu trennen.
+
+Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu überschütten.
+Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer Frau, ihrem Geliebten
+alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben stand vor ihrer
+Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, sondern ein
+Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten Erinnerungen, eine
+Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, das leibhaft gewordne
+Idol ihrer heißesten Gelüste. Allmählich ward ihr dieser imaginäre
+Liebling so vertraut, als ob er wirklich existiere, und sie
+empfand die seltsamsten Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte,
+obgleich sie eigentlich gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er
+war ihr ein Gott, in der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er
+wohnte irgendwo hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer
+Abenteuer, unter Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war
+ihr nahe. Er umarmte und küßte sie ...
+
+Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. Die
+Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr als die wildeste
+Ausschweifung.
+
+Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
+Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie zu
+lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar
+geschlafen.
+
+Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie nahm am
+Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten Strümpfen, eine
+Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster auf dem linken
+Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. Es bildete sich
+eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand sie unter der
+Vorhalle des Theaters, umringt von einem halben Dutzend Masken,
+Bekannten von Leo: Matrosen und Fischerinnen. Man wollte irgendwo
+soupieren. Die Restaurants in der Nähe waren alle überfüllt.
+Schließlich entdeckte man einen bescheidenen Gasthof, in dem sie
+im vierten Stock ein kleines Zimmer bekamen.
+
+Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
+einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der
+medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was für
+eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? An
+ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast alle der
+untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann sie sich zu
+ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und schlug die
+Augen nieder.
+
+Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn glühte,
+ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte ihr über
+die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des Tanzsaals; es
+war ihr, als stampften tausend Füße im Takte um sie herum. Dazu
+betäubte sie der Zigarrenrauch und der Duft des Punsches. Sie
+wurde ohnmächtig. Man trug sie ans Fenster.
+
+Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein
+breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
+graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
+Brücken. Die Laternenlichter verblichen.
+
+Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in
+Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll langer
+Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte in
+eigentümlichen Tönen ...
+
+Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo
+und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr
+eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, sich
+wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
+kristallklaren Äther.
+
+Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ sie den
+Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, durch die
+Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. Sie ging rasch.
+Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach vergaß sie die
+lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das
+Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im
+»Roten Kreuz« angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in
+demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen
+ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von
+Hivert geweckt.
+
+Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der Uhr
+steckte. Emma las:
+
+»Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...« Sie hielt inne.
+»Was für ein Urteil?« Sie besann sich.
+
+Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben worden,
+das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie
+weiter:
+
+»Im Namen des Königs! ...« Sie übersprang einige Zeilen.
+»... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend
+Franken ...« Und unten: »Vorstehende Ausfertigung wird ... zum
+Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...«
+
+Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
+
+»Die sind morgen abgelaufen!« sagte sie sich. »Unsinn! Lheureux
+will mir nur angst machen!«
+
+Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
+den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was sie
+etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der Schuldsumme. Durch
+ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das
+Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen,
+Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Höhe
+angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er
+brauchte es zu neuen Geschäften.
+
+Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.
+
+»Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist wohl ein
+Scherz!«
+
+»Bewahre!«
+
+»Wieso aber?«
+
+Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte:
+
+»Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich
+bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? Für
+nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die höchste Zeit, daß
+ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie doch einsehen!«
+
+Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme.
+
+»Ja, das tut mir leid!« erwiderte der Händler. »Das Gericht hat
+die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist nichts zu
+machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! Übrigens bin ich
+nicht der Kläger, sondern Vinçard.«
+
+»Könnten Sie denn nicht ...«
+
+»Ich kann gar nichts!«
+
+»Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...«
+
+Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei überrascht
+worden ...
+
+»Ist das denn meine Schuld?« fragte Lheureux mit einer höhnischen
+Geste. »Während ich mich hier abplagte, haben Sie herrlich und in
+Freuden gelebt!«
+
+»Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?«
+
+»Das könnte nichts schaden!«
+
+Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so weit,
+daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand berührte.
+
+»Lassen Sie mich zufrieden!« wehrte er ab. »Am Ende wollen Sie
+mich gar noch verführen!«
+
+»Sie sind ein gemeiner Mensch!« rief sie aus.
+
+»Na, na!« lachte er. »Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!«
+
+»Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie sind! Ich
+werde meinem Manne sagen ...«
+
+»Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...«
+
+Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung der Summe
+für das verkaufte Grundstück.
+
+»Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl halten
+wird, der arme gute Mann?«
+
+Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. Lheureux
+lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und her und
+sagte immer wieder:
+
+»Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...«
+
+Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
+Tone:
+
+»'s ist grade kein Vergnügen -- das weiß ich wohl! -- aber es ist
+noch niemand dran gestorben, und da es der einzige Weg ist, der
+Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...«
+
+»Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?« jammerte Emma
+und rang die Hände.
+
+»Na, wenn man Freunde hat wie Sie!«
+
+Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch
+Mark und Bein ging.
+
+»Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...«
+
+»Danke! Habe genug von den alten!«
+
+»Könnte ich nicht was verkaufen?«
+
+»Was denn?« fragte er achselzuckend. »Sie besitzen doch gar
+nichts!« Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in seinen
+Laden hinein: »Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch Nummer
+vierzehn!«
+
+Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen sollte. Sie
+machte einen letzten Versuch.
+
+»Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung
+aufzuhalten?«
+
+»Es ist schon zu spät!« antwortete Lheureux.
+
+»Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel
+der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?«
+
+»Das hätte alles keinen Zweck!«
+
+Er drängte sie sanft dem Ausgange zu.
+
+»Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage Zeit!«
+
+Sie schluchzte.
+
+»Donnerwetter! Gar noch Tränen!«
+
+»Sie bringen mich zur Verzweiflung!« jammerte sie.
+
+»Mir auch egal!«
+
+Er machte die Türe zu.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
+Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie sich
+einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen.
+
+Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen Schädel
+schrieben sie indessen nicht mit in das Sachenverzeichnis. Sie
+erklärten ihn als zur Berufsausübung nötig. Aber in der Küche
+zählten sie die Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in
+ihrem Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
+durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der
+Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward bis in
+die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der Anatomie
+-- den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der
+Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, eine
+weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
+wiederholte immer wieder:
+
+»Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!«
+
+Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:
+
+»Wunderhübsch! Sehr nett!«
+
+Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis,
+wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn
+tauchte, das er in der linken Hand hielt.
+
+Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die
+Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult bemerkte,
+in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er an, daß es
+geöffnet werde.
+
+»Ah! Briefe!« meinte er, geheimnisvoll lächelnd. »Sie erlauben
+wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst noch was
+drinnen steckt!«
+
+Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten Goldstücke
+herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie seine plumpe rote
+Hand mit den molluskenhaften Fettfingern diese Blätter anfaßte,
+bei deren Empfang ihr Herz einst höher geschlagen hatte.
+
+Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag
+gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
+Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände
+zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.
+
+Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
+beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in den
+Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
+Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
+Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
+sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte sie
+kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid mit sich
+selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als unterdrückte.
+
+Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich.
+Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige
+langweilte.
+
+»Ging da nicht oben einer?« fragte Karl.
+
+»Nein!« beschwichtigte sie ihn. »Da war wahrscheinlich ein
+Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.«
+
+Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie
+alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
+meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich
+nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
+beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich zurückzahlen.
+Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie ab.
+
+Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es öffnete
+niemand. Endlich kam er von der Straße her.
+
+»Was führt dich her?«
+
+»Störe ich dich?«
+
+»Nein ... aber ...«
+
+Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man »Damen« bei
+sich empfinge.
+
+»Ich muß dich sprechen!« sagte sie.
+
+Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen.
+
+»Nein! Nicht hier! Bei uns!«
+
+Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.
+
+Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz bleich.
+Dann sagte sie:
+
+»Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!«
+
+Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu:
+
+»Hör mal: ich brauche achttausend Franken!«
+
+»Du bist verrückt!«
+
+»Noch nicht!«
+
+Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und klagte
+ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer Schwiegermutter
+stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater könne ihr wirklich
+nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese unbedingt nötige Summe
+schleunigst verschaffen.
+
+»Wie soll ich das?«
+
+»Du willst bloß nicht!« sagte sie aufgeregt.
+
+Er stellte sich dumm:
+
+»Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird der
+Biedermann schon zufrieden sein!«
+
+»Vielleicht. Schaff sie mir nur!« sagte sie. Dreitausend Franken
+seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf
+seinen Namen aufnehmen.
+
+»Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will dich dafür
+auch recht liebhaben!«
+
+Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, als
+ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er:
+
+»Ich war bei drei Personen ... umsonst!«
+
+Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, ohne zu
+sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor Ungeduld
+mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte:
+
+»Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld
+auftriebe!«
+
+»Wo denn?«
+
+»In eurer Kanzlei!«
+
+Sie sah ihn starr an.
+
+Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen ihren
+sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so stark,
+daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft dieses
+Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe daran war, zu
+erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht ergriff ihn,
+und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug er sich vor
+die Stirn und rief aus:
+
+»Morel kommt ja heute nacht zurück!« Morel war ein Freund von ihm,
+der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. »Der schlägts mir
+nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen vormittag bringen.«
+
+Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
+freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie seine
+Lüge?
+
+Errötend fuhr er fort:
+
+»Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
+warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich
+fort! Entschuldige mich! Lebwohl!«
+
+Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma hatte
+alle Kraft verloren ...
+
+Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
+zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit.
+
+Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne
+strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete
+Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma den
+Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. Die
+Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals wie ein Strom
+aus einer dreibogigen Brücke.
+
+Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in das
+Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr wölbte und
+ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu ihrer grenzenlosen
+Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier strömten die
+Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie schwankte und
+war einer Ohnmacht nahe.
+
+»Vorsehen!« rief eine Stimme aus einem Torwege.
+
+Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
+der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause herauskam. Ein
+Herr in einem Zobelpelz kutschierte ...
+
+»Wer war das doch?« fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. Das
+Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.
+
+»Aber das war doch der Vicomte!«
+
+Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich so
+niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand eines
+Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie grübelte darüber
+nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen war. Vielleicht,
+vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war eine Verlassene, vor
+sich selber und vor andern! Eine Verlorene, vom Geratewohl gegen
+die Klippen des Lebens getrieben ... Und so empfand sie beinahe
+Freude, als sie, am »Roten Kreuz« angelangt, den trefflichen
+Homais traf, der das Aufladen einer großen Kiste voll
+Apothekerwaren in die Post überwachte. In der Hand hielt er, in
+ein Halstuch eingewickelt, sechs Stück Pumpernickel, die er seiner
+Frau mitbringen wollte.
+
+Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der
+Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und
+in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk
+sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten
+Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim
+gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen
+riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden,
+Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit
+nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nämlich abscheulich
+schlechte Zähne.
+
+»Bin entzückt, Sie zu sehen!« rief Homais, bot Emma die Hand und
+half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
+
+Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, nahm
+seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und einer
+napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer
+der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er:
+
+»Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor dieses
+schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren
+und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im
+Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in Barbarei!«
+
+Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er wie
+eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
+
+»Er hat eine skrofulöse Affektion«, dozierte der Apotheker.
+
+Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, als
+sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star,
+Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in
+salbungsvollem Tone:
+
+»Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du
+solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu
+betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.«
+
+Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig
+beschränkt.
+
+Schließlich zog Homais seine Börse.
+
+»Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus und
+vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut
+bekommen!«
+
+Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu
+bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine
+»antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats« könne ihn heilen. Er
+gab ihm seine Adresse:
+
+»Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!«
+
+»So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schönes
+kannst!« rief ihm Hivert zu.
+
+Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück,
+rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge heraus.
+Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und stieß ein
+dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.
+
+Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein
+Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor,
+es so wegzuwerfen.
+
+Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich Homais
+plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:
+
+»Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
+tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!«
+
+Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog,
+lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
+Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und verschlafen
+langte sie in Yonville an.
+
+»Mag nun kommen, was will!« dachte sie beim Aussteigen. »Zu guter
+Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes
+Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...«
+
+Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach.
+Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, das an einem
+der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf
+einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im selben Moment faßte
+ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus
+seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in
+der Volksmenge auf.
+
+»Gnädige Frau! Gnädige Frau!« rief Felicie, die ins Zimmer
+stürzte.
+
+Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der
+Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma überflog
+ihn. Es war die Versteigerungsankündigung.
+
+Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten
+längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
+nach einer Weile:
+
+»An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar
+Guillaumin.«
+
+»Meinst du?«
+
+Diese Frage bedeutete: »Durch dein Verhältnis mit dem Diener
+dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich dieser
+Junggeselle für mich?
+
+»Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!«
+
+Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte
+einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht sähe -- es
+standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie
+zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.
+
+Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war
+grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor
+in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und öffnete
+ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob
+sie ins Haus gehörte, und führte sie in das Eßzimmer.
+
+Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem
+ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wänden hingen
+in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollüstige
+Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schüsselwärmer,
+der Kristallgriff der Türklinke, der Parkettboden, die Möbel,
+alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit.
+
+»So ein Eßzimmer müßte ich haben!« dachte Emma.
+
+Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei
+verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
+andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum Gruße ab
+und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett etwas auf der
+rechten Seite seines kahlen Schädels, über den drei lange blonde
+Haarsträhnen liefen.
+
+Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
+Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser
+Unhöflichkeit.
+
+»Herr Notar,« sagte sie, »ich möchte Sie bitten ...«
+
+»Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!«
+
+Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
+
+Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer
+Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die
+Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
+besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma --
+die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
+von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen
+ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt
+hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf seinen
+Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem
+Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern nicht in
+den Ruf eines Halsabschneiders gerate.
+
+Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen
+Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden
+Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen
+Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer
+Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. Ein sonderbares,
+süßliches und zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen. Als er
+sah, daß Emma nasse Schuhe hatte, sagte er:
+
+»Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
+doch an die Kacheln ... höher!«
+
+Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
+Notar sagte galant:
+
+»Schöne Sachen verderben nie etwas!«
+
+Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber nur
+selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres häuslichen
+Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedürfnissen. Der
+Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen
+abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er
+berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heißen Ofen
+zu dampfen begann.
+
+Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die
+Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die
+Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände bekommen
+habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für eine Dame, ihr
+Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wären die Torfgruben
+von Grümesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen.
+Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die
+sie zweifellos dabei gewonnen hätte.
+
+»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?«
+
+»Das weiß ich selber nicht«, erwiderte sie.
+
+»Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
+sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns schon
+längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
+gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!«
+
+Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und
+behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
+sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
+Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
+spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die Ärmelöffnung
+von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fühlte
+seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
+
+Sie sprang auf und sagte:
+
+»Herr Guillaumin, ich warte ...«
+
+»Worauf?« sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden.
+
+»Auf das Geld!«
+
+»Aber ...« In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu sagen:
+»Na ja ...«
+
+Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und
+keuchte:
+
+»Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!«
+
+Er umschlang ihre Taille.
+
+Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von
+dem Manne los und rief:
+
+»Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich bin
+beklagenswert, aber nicht käuflich!«
+
+Damit eilte sie hinaus.
+
+Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
+schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
+Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel ihm
+ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was hätte
+verleiten können.
+
+»Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!« sagte Emma bei
+sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre
+Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung ihres
+Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick,
+und dieses Gefühl erfüllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem
+Leben war sie hochmütiger und selbstbewußter gewesen und noch nie
+so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie
+hätte alle Männer schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie
+niedertreten mögen. Während sie weitereilte, bleich, zitternd,
+verbittert, irrten ihre tränenreichen Augen den grauen Horizont
+hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Haß hinein.
+
+Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine
+versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte sein!
+Wohin hätte sie fliehen können?
+
+Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
+
+»Gnädige Frau?«
+
+»Es war umsonst!«
+
+Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
+die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen,
+den Felicie nannte, wandte Emma ein:
+
+»Unmöglich! Die tun es nicht!«
+
+»Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!«
+
+»Ich weiß es! Laß mich allein!«
+
+Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf
+lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen:
+
+»Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser.
+In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm
+Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!«
+
+Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos weinen, und
+wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde er ihr
+verzeihen!
+
+»Ja! Er wird mir verzeihen!« murmelte sie in verhaltener Wut. »Er!
+Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich die
+Seine geworden bin! Niemals! Niemals!«
+
+Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen,
+empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, jetzt
+sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch alles
+erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie hatte die
+Zentnerlast seiner Großmut zu tragen!
+
+Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen
+solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu
+war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefügig
+gewesen zu sein, -- da hörte sie den Hufschlag eines Pferdes in
+der Allee. Es war Karl. Er öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war
+weißer als Kalk.
+
+Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustür hinaus
+nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister stand vor der Kirchentür
+und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem
+Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie
+zu Frau Caron, die ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte,
+und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen
+zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte
+Wäsche, so aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen
+sehen konnten.
+
+Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei
+beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz
+fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle
+Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter den
+Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder schnurrten
+und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf
+etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken in sein
+Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, das der Intelligenz nur
+leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein,
+wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales
+Darüberhinaus, das man ersehnen könnte.
+
+»Ah, da ist sie!« sagte Frau Tüvache.
+
+Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu
+verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie,
+das Wort »Taler« zu hören, worauf Frau Caron flüsterte:
+
+»Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.«
+
+»Es scheint so«, meinte die andre.
+
+Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und
+die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
+ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der
+Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich.
+
+»Will sie bei ihm etwas bestellen?« fragte Frau Tüvache.
+
+»Er verkauft doch nie etwas!«
+
+Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die Augen
+weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
+eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich
+erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
+
+»Macht sie ihm gar einen Antrag?« flüsterte Frau Tüvache. Binet
+bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände.
+
+»Nein, das ist doch stark!« zischelte Frau Caron.
+
+In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet gefordert
+haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig
+mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich plötzlich vor ihr
+zurück, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus:
+
+»Frau Bovary, was muten Sie mir zu!«
+
+»Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!« eiferte
+Frau Tüvache.
+
+»Wo ist sie denn mit einem Male hin?« erwiderte die andre.
+
+Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße
+hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof
+abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in allerhand
+Vermutungen.
+
+Emma lief zur alten Frau Rollet.
+
+»Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!«
+
+Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett
+und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu
+und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
+antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad und
+begann zu spinnen.
+
+»Ach, hören Sie auf!« sagte Emma leise. Es war ihr, als höre sie
+noch Binets Drehbank.
+
+»Was mag sie nur haben?« fragte sich Frau Rollet. »Warum ist sie
+hergekommen?«
+
+Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause
+gejagt hatte?
+
+Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen
+Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
+Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
+brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, das
+im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über ihr an
+einem rissigen Deckenbalken hinkroch ...
+
+Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
+... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
+lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
+Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... Tausend
+andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt,
+und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten Erlebnissen.
+
+»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie.
+
+Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle
+des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemächlich
+wieder herein.
+
+»Bald drei Uhr!« sagte sie.
+
+»Schön! Ich danke!«
+
+Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld
+aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie hier
+war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet,
+sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
+
+»Machen Sie recht schnell!«
+
+»Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!«
+
+Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
+war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er
+gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
+zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch.
+Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, um ihrem Manne
+die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter
+schlimm!
+
+Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es schien der
+Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte,
+redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das
+Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein
+Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber plötzlich wieder
+um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch auf einem andern Wege
+nach Hause kommen. Schließlich war sie des Wartens müde. Bange
+Ahnungen quälten sie. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie
+seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert?
+
+Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich
+die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
+Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
+
+»Es war niemand da!«
+
+»Niemand?«
+
+»Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. Alles
+ist auf den Beinen!«
+
+Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
+umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkürlich
+lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden.
+
+Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
+Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein heller
+Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig,
+rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zögerte,
+ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein einziger voller
+Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu
+zwingen!
+
+So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu haben,
+daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so
+verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
+daran, daß sie sich prostituierte.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Auf dem Wege fragte sie sich:
+
+»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?«
+
+Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und
+Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor
+ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf,
+und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen
+Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender
+Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen
+hernieder ins Gras.
+
+Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
+über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
+Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige.
+Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells
+erschien niemand.
+
+Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene
+Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten
+staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
+mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer
+lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die Türklinke legte,
+verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie fürchtete, er möchte nicht
+zu Haus sein, ja, sie wünschte es beinah, und doch war es ihre
+einzige Hoffnung, der letzte Versuch zu ihrer Rettung. Einen
+Augenblick sammelte sie sich noch, dachte an ihre Not, faßte Mut
+und trat ein.
+
+Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims gestemmt, und
+rauchte eine Pfeife.
+
+»Mein Gott, Sie!« rief er aus und sprang rasch auf.
+
+»Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!«
+
+Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus.
+
+»Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.«
+
+»So,« wehrte sie voll Bitternis ab, »das müssen traurige Reize
+sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!«
+
+Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er
+entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er etwas
+Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich durch seine
+Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme und durch
+seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich stellte, als
+schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. Vielleicht glaubte sie ihm
+auch wirklich. Er deutete ein Geheimnis an, von dem die Ehre und
+das Leben eines dritten Menschen abgehangen hätte.
+
+»Das ist ja nun gleichgültig«, sagte sie und sah ihn traurig an.
+»Ich habe schwer gelitten!«
+
+Rudolf meinte philosophisch:
+
+»So ist das Leben!«
+
+»Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer Trennung?«
+fragte sie.
+
+»Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!«
+
+»Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals nicht
+voneinander gegangen wären?«
+
+»Ja! Vielleicht!«
+
+»Glaubst du das?« fragte sie, indem sie aufseufzend ihm näher
+trat. »Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr lieb
+gehabt!«
+
+Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen sie
+mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage der
+Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes kämpfte er
+gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an seine Brust
+und sagte:
+
+»Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben sollte!
+Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war ganz
+verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, du sollst
+alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal sehen mögen!«
+
+In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege
+gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke
+Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
+zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als eine
+verliebte Katze.
+
+»Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja auch und
+entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du mich
+verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast alles, was uns
+Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen wir von neuem beginnen?
+Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! ... So rede doch!«
+
+Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, wie
+eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen Blume.
+
+Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
+Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
+hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
+küßte sie leise und sanft auf die Augenlider.
+
+»Du hast geweint?« fragte er. »Warum?«
+
+Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen Ausbruch
+ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr Schweigen für
+eine letzte Scham und rief aus:
+
+»O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war ein
+Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde dich
+immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!«
+
+Er sank ihr zu Füßen.
+
+»So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir
+dreitausend Franken leihen.«
+
+»Ja ... aber ...«
+
+Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Ausdruck an.
+
+»Du mußt nämlich wissen,« fuhr sie schnell fort, »daß mein Mann
+sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der ist
+flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die Patienten
+bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs meines
+Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald wieder Geld
+haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. Deswegen sollen
+wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in einer Stunde! Ich baue
+auf deine Freundschaft, und deshalb bin zu dir gekommen!«
+
+»Aha!« dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. »Also darum ist sie
+gekommen!« Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
+»Verehrteste, soviel habe ich nicht!«
+
+Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
+sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen
+unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von
+allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine Bitte
+um Geld der hartherzigste und gefährlichste.
+
+Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:
+
+»Du hast sie nicht!« Und mehrere Male wiederholte sie: »Du hast
+sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen
+können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als die
+andern!«
+
+Sie verriet sich und ihre Frauenehre.
+
+Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in Verlegenheit.
+
+»Ach! Du tust mir sehr leid ...«, sagte Emma. »Ja, ungemein!«
+
+Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im
+Gewehrschrank blinkte.
+
+»Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
+Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
+Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!« Sie
+berührte einen, der auf dem Tische lag. »Und trägt keine solche
+Berlocken an der Uhrkette!« Ach, er ließ sich sichtlich nichts
+abgehen. Das bewies allein das Likörschränkchen im Zimmer. »Ja,
+dich selber, dich liebst du! Dich und ein gutes Leben! Du hast ein
+Schloß, Pachthöfe, Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst
+Reisen nach Paris! Und wenn du mir nur _das_ gegeben
+hättest!« Sie sprach immer lauter und nahm seine mit Brillanten
+geschmückten Manschettenknöpfe vom Kamin. »Diesen und andern
+entbehrlichen Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun
+nicht mehr! Ich will nichts davon haben! Behalt alles!« Sie
+schleuderte die beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen
+die Wand. Ein Goldkettchen zerbrach.
+
+»Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles verkauft. Mit
+meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf der Straße hätte
+ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, einen Blick, ein
+einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du bleibst gemütlich in
+deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir nicht schon genug Leid
+zugefügt hättest! Ohne dich -- das weißt du sehr wohl! -- hätte
+ich glücklich sein können! Wer zwang dich dazu? Wolltest du eine
+Wette gewinnen? Und dabei hast du mir eben noch gesagt, daß du
+mich liebtest! Ach, hättest du mich doch lieber davongejagt! Meine
+Hände sind noch warm von deinen Küssen, und hier auf dem Teppich,
+hier auf dieser Stelle hast du gekniet und mir ewige Liebe
+geschworen! Du hast mich immer belogen und betrogen! Mich zwei
+Jahre lang in dem süßen Wahn des herrlichsten Gefühls gelassen!
+Und dann der Plan unsrer Flucht! Erinnerst du dich daran? An
+deinen Brief, deinen Brief! Er hat mir das Herz zerrissen! Und
+heute, wo ich zu diesem Manne zurückkehre, zu ihm, der reich,
+glücklich und frei ist, und ihn um eine Hilfe bitte, die der erste
+beste gewähren würde, wo ich ihn unter Tränen bitte und ihm meine
+ganze Liebe wiederbringe, da stößt er mich zurück, -- weils ihn
+dreitausend Franken kosten könnte!«
+
+»Ich habe sie nicht«, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
+hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
+pflegen.
+
+Sie ging.
+
+Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder
+nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen welken
+Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor dem
+Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so hastig
+wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie völlig
+außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Wie
+sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das still daliegende
+Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, auf den Park, die Höfe
+und die Gärten.
+
+Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch etwas
+andres als das Pochen und Pulsen des Blutes in ihren Adern, das
+ihr aus dem Körper zu springen und wie laute Musik das ganze Land
+rings um sie zu durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen
+kam ihr weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
+erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
+Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und Gedanken
+sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein Feuerwerk.
+Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des Wucherers, ihr
+Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, immer wieder etwas
+andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr ward bange. Da raffte sie
+ihre letzten Kräfte zusammen. Es war nur noch wenig Verstand in
+ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr an die Ursache ihres
+schrecklichen Zustandes, das heißt an die Geldfrage. Sie litt
+einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, wie ihr durch die alten
+Erinnerungen die Seele dahinschwand, so wie zu Tode Verwundete ihr
+Leben mit dem Blute ihrer Wunde hinströmen fühlen.
+
+Die Nacht brach herein. Raben flogen.
+
+Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch die
+Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee zwischen
+den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs
+Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer näher; sie
+bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt
+erkannte sie die Lichter der Häuser, die von ferne durch den Nebel
+schimmerten.
+
+Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen
+Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu
+wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit einem
+beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie
+den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, eilte
+durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke
+stand.
+
+Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Geräusch
+der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging sie durch die
+Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin
+bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine Kerze über dem Herd.
+Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine Schüssel durch die andere
+Tür hinaus.
+
+»So! Man ist bei Tisch. Ich will warten«, sagte sie sich.
+
+Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Küchentüre.
+
+Er kam heraus.
+
+»Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...«
+
+Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das sich vom
+Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch schön vor
+und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte,
+ahnte er doch etwas Schreckliches.
+
+Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das
+Herz rührte:
+
+»Ich will ihn haben! Gib ihn mir!«
+
+Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf den
+Tellern im Eßzimmer.
+
+Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht
+schlafen ließen.
+
+»Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.«
+
+»Nein! Nicht!« Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: »Das
+ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber sagen. Leucht mir
+nur!« Sie trat in den Gang, von dem aus man in das Laboratorium
+gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel mit einem Schildchen:
+»Kapernaum.«
+
+»Justin!« rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
+wegblieb.
+
+»Gehn wir hinauf!« befahl Emma.
+
+Er folgte ihr.
+
+Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, griff
+nach dem dritten Wandbrett -- ihr Gedächtnis führte sie richtig
+--, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit der Hand
+hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers heraus, das sie sich
+schnell in den Mund schüttete.
+
+»Halten Sie ein!« schrie Justin, ihr in die Arme fallend.
+
+»Still! Man könnte kommen!«
+
+Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.
+
+»Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung
+ziehen!«
+
+Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen
+Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die
+Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
+seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was
+nützte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu Homais,
+zu Tüvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Löwen, überallhin. Und
+mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der Gedanke, daß sein
+guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames Vermögen verloren und die
+Zukunft Bertas zerstört sei. Und warum? Keine Erklärung! Er
+wartete bis sechs Uhr abends. Endlich hielt ers nicht mehr aus,
+und da er vermutete, sie sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf
+der Landstraße eine halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er
+wartete noch eine Weile und kehrte dann zurück.
+
+Sie war zu Haus.
+
+»Was ist das für eine Geschichte? Wie ist das gekommen? Erklär es
+mir!«
+
+Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, den
+sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
+gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:
+
+»Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine
+einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!«
+
+»Aber ...«
+
+»Ach, laß mich!«
+
+Sie legte sich lang auf ihr Bett.
+
+Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
+verschwommen ... und schloß die Augen wieder.
+
+Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein,
+sie fühlte noch keine! Sie hörte den Pendelschlag der Uhr, das
+Knistern des Feuers und Karls Atemzüge, der neben ihrem Bett
+stand.
+
+»Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!« dachte sie. »Ich werde
+einschlafen, und dann ist alles vorüber!«
+
+Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.
+
+Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.
+
+»Ich habe Durst! Großen Durst!« seufzte sie.
+
+»Was fehlt dir denn?« fragte Karl und reichte ihr ein Glas.
+
+»Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich ersticke!«
+
+Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich, daß sie kaum noch
+Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.
+
+»Nimms weg!« sagte sie nervös. »Wirfs weg!«
+
+Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag unbeweglich
+da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung erbrechen zu
+müssen. Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte von den Füßen zum
+Herzen hinaufsteigen.
+
+»Ach,« murmelte sie, »jetzt fängt es wohl an?«
+
+»Was sagst du?«
+
+Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her. Fortwährend
+öffnete sie den Mund, als läge etwas Schweres auf ihrer Zunge. Um
+acht Uhr fing das Erbrechen wieder an.
+
+Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen Niederschlag,
+der sich am Porzellan ansetzte.
+
+»Sonderbar! Sonderbar!« wiederholte er.
+
+Aber sie sagte mit fester Stimme:
+
+»Nein, du irrst dich!«
+
+Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die
+Magengegend und drückte da. Sie stieß einen schrillen Schrei aus.
+Er wich erschrocken zurück.
+
+Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schüttelfrost
+überfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das sich ihre
+Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmäßiger Pulsschlag war
+kaum noch fühlbar. Kalte Schweißtropfen rannen über ihr bläulich
+gewordnes Gesicht; etwas wie ein metallischer Ausschlag lag über
+ihren erstarrten Zügen. Die Zähne schlugen ihr klappernd
+aufeinander. Ihre erweiterten Augen blickten ausdruckslos umher.
+Alle Fragen, die man an sie richtete, beantwortete sie nur mit
+Kopfnicken. Zwei- oder dreimal lächelte sie freilich. Allmählich
+wurde das Stöhnen heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr.
+Dabei behauptete sie, daß es ihr besser gehe und daß sie sofort
+aufstehen würde.
+
+Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:
+
+»Mein Gott, ist das gräßlich!«
+
+Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.
+
+»Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte mir!«
+
+Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit, wie Emma keine je
+geschaut hatte.
+
+»Ja ... da ... da ... lies!« stammelte sie mit versagender Stimme.
+
+Er stürzte zum Schreibtisch, riß den Brief auf und las laut:
+
+»Man klage niemanden an ...« Er hielt inne, fuhr sich mit der Hand
+über die Augen und las stumm weiter ...
+
+»Vergiftet!«
+
+Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen:
+
+»Vergiftet! Vergiftet!«
+
+Dann rief er um Hilfe.
+
+Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. Frau Franz
+im Goldenen Löwen erfuhr es. Manche standen aus ihren Betten auf,
+um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze Nacht hindurch war der
+halbe Ort wach.
+
+Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
+im Zimmer umher, wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare
+ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches
+Schauspiel gesehen.
+
+Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
+Larivière zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
+brachte keinen vernünftigen Brief zustande. Schließlich mußte sich
+Hippolyt nach Neufchâtel aufmachen, und Justin ritt auf Bovarys
+Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul lahm und
+halbtot zurück.
+
+Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
+war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
+Augen.
+
+»Ruhe!« sagte der Apotheker. »Es handelt sich einzig und allein
+darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war es für ein
+Gift?«
+
+Karl zeigte den Brief. Es wäre Arsenik gewesen.
+
+»Gut!« versetzte Homais. »Wir müssen eine Analyse machen!«
+
+Er hatte nämlich gelernt, daß man bei allen Vergiftungen eine
+Analyse machen müsse. Bovary hatte in seiner Angst alle
+Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:
+
+»Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!«
+
+Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück, warf sich auf die Diele,
+lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte.
+
+»Weine nicht!« flüsterte sie. »Bald werde ich dich nicht mehr
+quälen!«
+
+»Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?«
+
+»Es mußte sein, mein Lieber!«
+
+»Warst du denn nicht glücklich? Bin ich schuld? Ich habe dir doch
+alles zuliebe getan, was ich konnte!«
+
+»Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!«
+
+Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar. Die süße
+Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fühlte sich bis in den
+tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert, daß er sie
+verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies denn je. Er
+fand keinen Ausweg; er wußte keinen Zusammenhang; er wagte keine
+Frage. Und die Dringlichkeit eines Entschlusses machte ihn
+vollends wirr.
+
+Sie dachte bei sich: »Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen
+Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzähligen,
+qualvollen Sehnsüchten!« Nun haßte sie keinen mehr. Ihre Gedanken
+verschwammen wie in Dämmerung, und von allen Geräuschen der Erde
+hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen Herzens, matt
+und verklungen wie der leise Nachhall einer Symphonie.
+
+»Bring mir die Kleine«, sagte sie und stützte sich leicht auf.
+
+»Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?« fragte Karl.
+
+»Nein, nein!«
+
+Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es hatte ein
+langes Nachthemd an, aus dem die nackten Füße hervorsahen. Es war
+ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt betrachtete es die große
+Unordnung im Zimmer. Geblendet vom Licht der Kerzen, die da und
+dort brannten, zwinkerte es mit den Augen. Offenbar dachte es, es
+sei Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so früh wie heute geweckt
+wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um Geschenke
+zu bekommen. Und so fragte es:
+
+»Wo ist es denn, Mama?« Und da niemand antwortete, redete es
+weiter: »Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!«
+
+Felicie hielt die Kleine übers Bett, die immer noch nach dem Kamin
+hinsah.
+
+»Hat Frau Rollet sie mir genommen?«
+
+Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick
+erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fühle sie den
+ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf der
+Zunge. Berta saß noch auf ihrem Bette.
+
+»Was für große Augen du hast, Mama! Wie blaß du bist! Wie du
+schwitzest!«
+
+Die Mutter sah sie an.
+
+»Ich fürchte mich!« sagte die Kleine und wollte fort.
+
+Emma wollte die Hand des Kindes küssen, aber es sträubte sich.
+
+»Genug! Bringt sie weg!« rief Karl, der im Alkoven schluchzte.
+
+Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
+weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
+etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung. Als Canivet
+endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.
+
+»Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gütig von Ihnen! Es
+geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...«
+
+Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er sich
+ausdrückte, »immer aufs Ganze« ging, verordnete er Emma ein
+ordentliches Brechmittel, um den Magen zunächst einmal völlig zu
+entleeren.
+
+Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preßten sich krampfhaft
+aufeinander. Sie zog die Gliedmaßen ein. Ihr Körper war bedeckt
+mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren Fingern hin
+wie ein dünnes Fädchen, das jeden Augenblick zu zerreißen droht.
+
+Dann begann sie, gräßlich zu schreien. Sie verfluchte und schmähte
+das Gift, flehte, es möge sich beeilen, und stieß mit ihren steif
+gewordnen Armen alles zurück, was Karl ihr zu trinken reichte. Er
+war der völligen Auflösung noch näher als sie. Sein Taschentuch an
+die Lippen gepreßt, stand er vor ihr, stöhnend, weinend, von
+ruckweisem Schluchzen erschüttert und am ganzen Leib durchrüttelt.
+Felicie lief im Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da
+und seufzte tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm
+zur Gewohnheit gewordnen selbstbewußten Haltung, unbehaglich zu
+fühlen.
+
+»Zum Teufel!« murmelte er. »Der Magen ist nun doch leer! Und wenn
+die Ursache beseitigt ist, so ...«
+
+»... muß die Wirkung aufhören!« ergänzte Homais. »Das ist klar!«
+
+»Rettet sie mir nur!« rief Bovary.
+
+Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein
+heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und wollte
+ihr gerade Theriak eingeben, da knallte draußen eine Peitsche.
+Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei bis an die
+Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die Ecke der Hallen.
+Es war Professor Larivière.
+
+Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung
+hervorrufen können. Bovary streckte ihm die Hände entgegen,
+Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein Käppchen ab,
+noch ehe der Arzt eingetreten war.
+
+Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an, das
+heißt, einer Generation philosophischer Praktiker, die heute
+ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und scharfsichtiger
+Jünger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte in der ganzen
+Klinik niemand zu atmen. Seine Schüler verehrten ihn so, daß sie
+ihn, später in ihrer eigenen Praxis, mit möglichster Genauigkeit
+kopierten. So kam es, daß man bei den Ärzten in der Umgegend von
+Rouen allerorts seinen langen Schafspelz und seinen weiten
+schwarzen Gehrock wiederfand. Die offenen Ärmelaufschläge daran
+reichten ein Stück über seine fleischigen Hände, sehr schöne
+Hände, die niemals in Handschuhen steckten, als wollten sie immer
+schnell bereit sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er
+war ein Verächter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
+freidenkend, den Armen ein väterlicher Freund, Pessimist, selbst
+aber edel in Wort und Tat. Man hätte ihn als einen Heiligen
+gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und Verstandes
+gefürchtet hätte wie den Teufel. Sein Blick war schärfer als sein
+Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle
+Heucheleien, Lügen und Ausflüchte hindurch. So ging er seines
+Weges in der schlichten Würde, die ihm das Bewußtsein seiner
+großen Tüchtigkeit, seines materiellen Vermögens und seiner
+vierzigjährigen arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit
+verlieh.
+
+Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon von weitem
+die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem Rücken
+ausgestreckt da. Während er Canivets Bericht scheinbar aufmerksam
+anhörte, strich er sich mit dem Zeigefinger um die Nasenflügel und
+sagte ein paarmal:
+
+»Gut! ... Gut!«
+
+Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
+ihn ängstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
+der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war, konnte eine
+Träne nicht zurückhalten, die ihm auf die Krawatte herablief.
+
+Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.
+
+»Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wär es, wenn man ihr
+ein Senfpflaster auflegte? Ich weiß nichts. Finden Sie doch etwas!
+Sie haben ja schon so viele gerettet!«
+
+Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte ihn
+verstört und flehend an. Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an die
+Brust gesunken.
+
+»Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!« Larivière
+wandte sich ab.
+
+»Sie gehn?«
+
+»Ich komme wieder.«
+
+Larivière ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine Anweisung
+zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge des
+Todeskampfes sein.
+
+Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts fiel
+ihm von jeher schwerer, als sich von berühmten Menschen zu
+trennen. So beschwor er denn Larivière, er möge ihm die hohe Ehre
+erweisen, zum Frühstück sein Gast zu sein.
+
+Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Löwen nach Tauben, zu
+Tüvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum Fleischer
+nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den Vorbereitungen
+zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre Jacke
+zurechtzupfend, sagte:
+
+»Sie müssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
+einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...«
+
+»Die Weingläser!« flüsterte Homais.
+
+»Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
+Wurst und ...«
+
+»Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!«
+
+Er hielt es für angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
+Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben:
+
+»Zuerst äußerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf unerträgliche
+gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, Schlafsucht ...«
+
+»Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?«
+
+»Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich weiß nicht einmal recht,
+wo sie das acidum arsenicum herbekommen hat.«
+
+Justin, der einen Stoß Teller hereinbrachte, begann am ganzen
+Körper zu zittern.
+
+»Was hast du?« fuhr ihn der Apotheker an.
+
+Bei dieser Frage ließ der Bursche alles, was er trug, fallen. Es
+gab ein großes Gekrache.
+
+»Tolpatsch!« schrie Homais. »Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
+Alberner Esel!«
+
+Dann aber beherrschte er sich plötzlich:
+
+»Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
+Professor, und deshalb primo ganz vorsichtig in ein
+Reagenzgläschen ...«
+
+»Dienlicher wäre es gewesen,« sagte der Chirurg, »wenn Sie ihr
+Ihre Finger in den Hals gesteckt hätten.«
+
+Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter
+vier Augen eine energische Belehrung wegen seines Brechmittels
+eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des Klumpfußes so
+hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt sich jetzt
+mäuschenstill. Er lächelte nur unausgesetzt, um seine Zustimmung
+zu markieren.
+
+Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrübliche
+Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung --
+unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berühmten
+Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze Gelehrsamkeit
+aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von Kanthariden,
+Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.
+
+»Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, daß mehrere
+Personen nach dem Genusse von zu stark geräucherter Wurst erkrankt
+und plötzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens ein
+hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten
+Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein
+Aufsatz des berühmten Cadet de Gassicourt!«
+
+Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte sich
+nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte ihn
+auch eigenhändig gemischt, gebrannt und gemahlen.
+
+»Saccharum gefällig, Herr Professor?« fragte er, indem er
+ihm den Zucker anbot.
+
+Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
+war, die Ansicht des Chirurgen über ihre »Konstitution« zu hören.
+
+Als Larivière im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau Homais
+noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres Mannes. Er schlief
+nämlich allabendlich nach Tisch ein. Davon bekäme er dickes Blut.
+
+Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
+nicht verstand, dann ging er zur Türe. Aber die Apotheke war
+voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm nur
+schwer, sie loszuwerden. Da war Tüvache, der seine Frau für
+schwindsüchtig hielt, weil sie öfters in die Asche spuckte; Binet,
+der bisweilen an Heißhunger litt; Frau Caron, die es am ganzen
+Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanfälle hatte; Lestiboudois,
+der rheumatisch war; Frau Franz, die über Magenbeschwerden klagte.
+Endlich brachten ihn die drei Pferde von dannen. Man fand aber
+allgemein, daß er sich nicht besonders liebenswürdig gezeigt habe.
+
+Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
+gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.
+
+Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit
+den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines
+»Pfaffen« war ihm ein Greuel. Er mußte bei einer Soutane immer an
+ein Leichentuch denken, und so verwünschte er jene schon deshalb,
+weil er dieses fürchtete.
+
+Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung
+seiner »Mission«, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, dem
+dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden war, in das
+Bovarysche Haus zurück. Wenn seine Frau nicht völlig dagegen
+gewesen wäre, hätte er sogar seine beiden Knaben mitgenommen,
+damit sie das große Ereignis, das der Tod eines Menschen ist,
+kennen lernten. Es sollte ihnen eine Lehre, ein Beispiel, ein
+ernster Eindruck sein, eine Erinnerung für ihr ganzes weiteres
+Leben.
+
+Sie fanden das Zimmer voll düstrer Feierlichkeit. Auf dem mit
+einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei
+brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine silberne
+Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte. Emmas Kinn war ihr auf
+die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen unnatürlich weit
+offen, und ihre armen Hände tasteten über den Bettüberzug hin, mit
+einer jener rührend-schrecklichen Gebärden, die Sterbenden eigen
+sind. Man hat die Empfindung, als bereiteten sie sich selber ihr
+Totenbett. Karl stand am Fußende des Lagers, ihrem Antlitz
+gegenüber, bleich wie eine Bildsäule, tränenlos, aber mit Augen,
+die rot waren wie glühende Kohlen. Der Priester kniete und
+murmelte leise Worte.
+
+Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
+violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fühlte sie einen
+seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
+die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von
+himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden.
+
+Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie
+den Kopf in die Höhe, wie ein Durstiger, und preßte auf das
+Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
+innigsten Liebeskuß, den sie jemals gegeben hatte. Dann sprach
+der Geistliche das Misereatur und Indulgentiam, tauchte seinen
+rechten Daumen in das Öl und nahm die letzte Ölung vor. Zuerst
+salbte er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so
+heiß gelüstet; dann die Nasenflügel, die so gern die lauen Lüfte
+und die Düfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
+Lügen sich aufgetan, oft hoffärtig gezuckt und in sündigem
+Girren geseufzt hatte; dann die Hände, die sich an vergnüglichen
+Berührungen ergötzt hatten; und endlich die Sohlen der Füße, die
+einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
+liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.
+
+Der Priester trocknete sich die Hände, warf das ölgetränkte Stück
+Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der Sterbenden. Er
+sagte ihr, daß ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu Christi eins
+seien. Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit vertrauen.
+
+Als er mit seiner Tröstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
+geweihte Kerze in die Hand zu drücken, das Symbol der himmlischen
+Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. Aber Emma war
+zu schwach, um die Finger zu schließen, und wenn Bournisien nicht
+rasch wieder zugegriffen hätte, wäre die Kerze zu Boden gefallen.
+
+Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
+Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen, als ob das Sakrament
+sie wieder gesund gemacht hätte.
+
+Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
+ja er gemahnte Bovary daran, daß der Herr zuweilen das Leben
+Sterbender wieder verlängere, wenn er es zum Heil ihrer Seele für
+notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurück, an dem sie schon
+einmal, dem Tode nahe, die letzte Ölung empfangen hatte.
+
+»Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!« dachte er.
+
+Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem Traum
+erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren Spiegel
+und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die Tränen aus
+den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf zurück, stieß einen
+Seufzer aus und sank in das Kissen.
+
+Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat weit
+aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht zu
+verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
+verlöschen. Man hätte glauben können, sie sei schon tot, wenn ihre
+Atmungsorgane nicht so fürchterlich heftig gearbeitet hätten. Es
+war, als schüttle sie ein wilder innerer Sturm, als ringe das
+Leben gewaltig mit dem Tode.
+
+Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
+ein wenig die Beine, während Canivet gleichgültig auf den Markt
+hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
+Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich die
+lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes kniete Karl
+und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff ihre Hände und
+drückte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses zuckte er zusammen, als
+stürze eine Ruine auf ihn.
+
+Je stärker das Röcheln wurde, um so mehr beschleunigte der
+Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
+Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als das dumpfe
+Murmeln der lateinischen Worte, das wie Totengeläut klang.
+
+Plötzlich klapperten draußen auf der Straße Holzschuhe. Ein Stock
+schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine rauhe
+Stimme, und sang:
+
+'Wenns Sommer worden weit und breit,
+Wird heiß das Herze mancher Maid ...'
+
+Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
+elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelöst, ihre
+Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.
+
+'Nanette ging hinaus ins Feld,
+Zu sammeln, was die Sense fällt.
+Als sie sich in der Stoppel bückt,
+Da ist passiert, was sich nicht schickt ...'
+
+»Der Blinde!« schrie sie.
+
+Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges,
+verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das scheußliche
+Gesicht des Unglücklichen sah, wie ein Schreckgespenst aus der
+ewigen Nacht des Jenseits ...
+
+'Der Wind, der war so stark ... O weh!
+Hob ihr die Röckchen in die Höh.'
+
+Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurück. Alle traten hinzu.
+Sie war nicht mehr.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Nach dem Tode eines Menschen sind die Umstehenden immer wie
+betäubt. So schwer ist es, den Hereinbruch des ewigen Nichts zu
+begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl aber, als er
+sah, daß Emma unbeweglich dalag, warf sich über sie und schrie:
+
+»Lebwohl! Lebwohl!«
+
+Homais und Canivet zogen ihn aus dem Zimmer.
+
+»Fassen Sie sich!«
+
+»Ja!« rief er und machte sich von ihnen los. »Ich will vernünftig
+sein! Ich tue ja nichts. Aber lassen Sie mich! Ich muß sie sehen!
+Es ist meine Frau!«
+
+Er weinte.
+
+»Weinen Sie nur!« sagte der Apotheker. »Lassen Sie der Natur
+freien Lauf! Das wird Sie erleichtern!«
+
+Da wurde Karl schwach wie ein Kind und ließ sich in die Große
+Stube im Erdgeschoß hinunterführen. Homais ging bald darnach in
+sein Haus zurück.
+
+Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich bis
+Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden
+Vorübergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne.
+
+»Großartig! Als wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu tun
+hätte! Bedaure! Komm ein andermal!«
+
+Er verschwand schnell in seinem Hause.
+
+Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank für
+Bovary zu brauen und ein Märchen zu ersinnen, um Frau Bovarys
+Vergiftung auf eine möglichst harmlose Weise zu erklären. Er
+wollte einen Artikel für den »Leuchtturm von Rouen« daraus machen.
+Außerdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. Alle
+wollten Genaueres wissen. Nachdem er mehreremals wiederholt hatte,
+Frau Bovary habe bei der Zubereitung von Vanillecreme aus Versehen
+Arsenik statt Zucker genommen, begab er sich abermals zu Bovary.
+
+Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl saß im
+Lehnstuhl am Fenster und starrte mit blödem Blick auf die Dielen.
+
+»Wir müssen die Stunde für die Feierlichkeit festsetzen!« sagte
+der Apotheker.
+
+»Wozu? Für was für eine Feierlichkeit?« Stammelnd und voll Grauen
+fügte er hinzu: »Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie
+dabehalten?«
+
+Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homais die Wasserflasche vom
+Tisch und begoß die Geranien.
+
+»O, ich danke Ihnen!« sagte Karl. »Sie sind sehr gütig ...«
+
+Er wollte noch mehr sagen, aber die Fülle von Erinnerungen, die
+des Apothekers Tun in ihm wachrief, überwältigte ihn. Es waren
+Emmas Blumen!
+
+Homais gab sich Mühe, ihn zu zerstreuen, und begann über die
+Gärtnerei zu plaudern. Die Pflanzen hätten die Feuchtigkeit sehr
+nötig. Karl nickte zustimmend.
+
+»Jetzt werden auch bald schöne Tage kommen ...«
+
+Bovary seufzte.
+
+Der Apotheker wußte nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob
+behutsam eine Scheibengardine beiseite.
+
+»Sehn Sie, da drüben geht der Bürgermeister!«
+
+Karl wiederholte mechanisch:
+
+»Da drüben geht der Bürgermeister!«
+
+Homais wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begräbnis
+zurückzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem
+Entschlusse hierüber.
+
+Karl schloß sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und
+nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er:
+
+»Ich bestimme, daß man meine Frau in ihrem Hochzeitskleid
+begrabe, in weißen Schuhen, einen Kranz auf dem
+Haupte. Das Haar soll man ihr über die Schultern legen.
+Drei Särge: einen aus Eiche, einen aus Mahagoni, einen
+von Blei. Man soll mich nicht trösten wollen! Ich werde
+stark sein. Und über den Sarg soll man ein großes Stück grünen
+Samt breiten. So will ich es! Tut es!«
+
+Man war über Bovarys Romantik arg erstaunt, und der Apotheker ging
+sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen:
+
+»Das mit dem Samt scheint mir übertrieben. Allein die Kosten ...«
+
+»Was geht Sie das an!« schrie Karl. »Lassen Sie mich! Sie haben
+sie nicht geliebt! Gehn Sie!«
+
+Der Priester faßte Karl unter den Arm und führte ihn in den
+Garten. Er sprach von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Gott
+sei gut und weise. Man müsse sich ohne Murren seinem Ratschluß
+unterwerfen. Man müsse ihm sogar dafür danken.
+
+Aber Karl brach in Gotteslästerungen aus.
+
+»Ich verfluche ihn, euren Gott!«
+
+»Der Geist des Aufruhrs steckt noch in Ihnen!« seufzte der
+Priester.
+
+Bovary ließ ihn stehen. Mit großen Schritten ging er die
+Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den
+Zähnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verwünschungen waren.
+Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt.
+
+Es begann zu regnen. Karls Weste stand offen. Nach einer Weile
+fror ihn. Er ging ins Haus zurück und setzte sich an den Herd in
+der Küche.
+
+Um sechs Uhr hörte er Wagengerassel draußen auf dem Markte. Es war
+die Post, die von Rouen zurückkehrte. Er preßte die Stirn gegen
+die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden nacheinander
+ausstiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in das Wohnzimmer, er
+warf sich darauf und schlief ein.
+
+Herr Homais war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug
+dem armen Karl auch nichts nach und kam abends, um Totenwache zu
+halten. Er brachte drei Bücher und ein Notizbuch mit. Er pflegte
+sich Auszüge zu machen.
+
+Bournisien fand sich gleichfalls ein. Zwei hohe Wachskerzen
+brannten am Kopfende des Bettes, das man aus dem Alkoven
+hervorgerückt hatte.
+
+Der Apotheker, dem das Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
+Jeremiaden über die »unglückliche junge Frau«. Der Priester
+unterbrach ihn. Es sei nichts am Platze, als für sie zu beten.
+
+»Immerhin«, versetzte Homais, »sind nur zwei Fälle möglich.
+Entweder ist sie, wie sich die Kirche ausdrückt, selig
+verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie ist als
+Sünderin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier der
+kirchliche Ausdruck? Dann ...«
+
+Bournisien unterbrach ihn und erklärte in mürrischem Tone, man
+müsse in jedem Falle beten.
+
+»Aber sagen Sie mir,« wandte der Apotheker ein, »da Gott stets
+weiß, was uns not tut, wozu dann erst das Gebet?«
+
+»Wozu das Gebet?« wiederholte der Priester. »Ja, sind Sie denn
+kein Christ?«
+
+»Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst die
+Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral geschenkt,
+die ...«
+
+»Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...«
+
+»Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
+Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...«
+
+Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die
+Vorhänge beiseite.
+
+Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. Ihr
+Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren Teil
+ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest in die
+Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in ihren Wimpern,
+und die Augen verschwammen bereits in blassem Schleim, der wie ein
+dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen ihr Netz darüber gesponnen.
+Das Bettuch senkte sich von ihren Brüsten bis zu den Knien und hob
+sich von da an nach ihren Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung,
+ein schweres Etwas, ein ungeheures Gewicht laste auf ihr.
+
+Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang das
+dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne strömte. Von
+Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien geräuschvoll, und Homais
+kritzelte Notizen auf das Papier.
+
+»Lieber Freund,« sagte er, »gehn Sie nun! Dieser Anblick zerreißt
+Ihnen das Herz!«
+
+Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden ihre
+Erörterung von neuem.
+
+»Lesen Sie Voltaire!« sagte der eine. »Lesen Sie Holbach! Die
+Enzyklopädisten!«
+
+»Lesen Sie die 'Briefe einiger portugiesischen Juden'«, sagte der
+andre, »lesen Sie die 'Grundlagen des Christentums' von Nicolas!«
+
+Sie regten sich auf, bekamen rote Köpfe und sprachen gleichzeitig
+ineinander hinein. Bournisien war entrüstet über die Vermessenheit
+des Apothekers, Homais erstaunt über die Beschränktheit des
+Priesters. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen zu
+sagen, da kam plötzlich Karl abermals herein. Eine
+unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mußte immer wieder die
+Treppe hinauf.
+
+Er setzte sich der Toten gegenüber, so daß er ihr voll ins Antlitz
+sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
+Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.
+
+Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
+Wundern des Magnetismus. Er bildete sich ein, er könne sie wieder
+aufwecken, wenn er alle seine Willenskraft konzentriere. Einmal
+beugte er sich sogar über sie und rief ganz leise: »Emma, Emma!«
+
+Er atmete so heftig, daß die Flammen der Kerzen flackerten ...
+
+Bei Tagesanbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte sie
+und brach von neuem in Tränen aus. Ebenso wie der Apotheker
+versuchte sie, ihm wegen des Aufwandes beim Begräbnisse
+Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, daß sie schwieg.
+Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die Stadt zu
+fahren und das Nötige zu besorgen.
+
+Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
+Homais. Felicie saß mit Frau Franz bei der Toten.
+
+Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jedesmal, drückte dem
+Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, die
+nach und nach einen großen Halbkreis um den Kamin bildeten. Alle
+hatten die Köpfe gesenkt. Die Knie aufeinander, schaukelten sie
+mit den Beinen und stießen von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer
+aus. Alle langweilten sich maßlos, aber keinem fiel es ein, wieder
+zu gehen.
+
+Um neun Uhr kam Homais zurück, beladen mit einer Menge Kampfer,
+Benzoe und aromatischen Kräutern. Auch ein Gefäß voll Chlor
+brachte er mit, um die Luft zu desinfizieren. Felicie, die
+Löwenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma herum,
+damit beschäftigt, die letzte Hand ans Totenkleid zu legen. Sie
+zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bis hinab an die
+Atlasschuhe reichte.
+
+Felicie wehklagte:
+
+»Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!«
+
+»Sehn Sie nur!« sagte die Witwe Franz seufzend, »wie reizend sie
+noch immer ausschaut! Man möchte drauf schwören, daß sie gleich
+wieder aufstünde!«
+
+Dann beugten sie sich über sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
+mußten sie den Kopf etwas hochheben. Da quoll schwarze Flüssigkeit
+aus dem Munde hervor, als erbräche sie sich.
+
+»Mein Gott! Das Kleid! Geben Sie acht!« schrie Frau Franz. Und zum
+Apotheker gewandt: »Helfen Sie uns doch! Oder fürchten Sie sich
+vielleicht?«
+
+»Ich mich fürchten?« erwiderte er achselzuckend. »Nein, so was!
+Ich habe in den Spitälern noch ganz andres gesehen und erlebt, als
+ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten uns unsern Punsch im
+Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen nicht. Ich habe
+sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe --, meinen
+Körper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst der
+Wissenschaft noch etwas nützt.«
+
+Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid des
+Apothekers erwiderte er:
+
+»Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch.«
+
+Darauf pries Homais ihn glücklich, weil er nicht darauf gefaßt zu
+sein brauche, eine teure Gefährtin zu verlieren, worauf sich ein
+Disput über das Zölibat entspann.
+
+»Es ist unnatürlich,« sagte der Apotheker, »daß sich ein Mann des
+Weibes enthalten soll. Manche Verbrechen ...«
+
+»Aber, zum Kuckuck!« rief der Priester. »Kann denn ein
+verheirateter Mensch das Beichtgeheimnis wahren?«
+
+Nun griff Homais die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
+zählte ihre guten Wirkungen auf. Er wußte Geschichten von Dieben,
+die auf einmal ehrliche Menschen geworden wären. Sogar Soldaten
+seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer Sünden ledig gesprochen,
+fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein Diener ...«
+
+Sein Partner war eingeschlafen. Als die schwüle Luft im Zimmer
+immer unerträglicher wurde, öffnete der Pfarrer das Fenster. Da
+ward der Apotheker wieder wach.
+
+»Wie wärs mit einer Prise?« fragte er ihn. »Hier! Das hält
+munter!«
+
+In der Ferne bellte irgendwo fortwährend ein Hund.
+
+»Hören Sie, wie der Hund heult?« fragte der Apotheker.
+
+»Man sagt, daß sie die Toten wittern«, sagte der Priester.
+Ȁhnlich ist es bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, wenn im
+Haus ein Mensch stirbt.«
+
+Homais erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er war
+bereits wieder eingeschlafen.
+
+Bournisien, der widerstandsfähiger war, bewegte noch eine Zeitlang
+leise die Lippen. Dann senkte sich allmählich sein Kinn, sein
+dickes schwarzes Buch entfiel ihm, und er begann zu schnarchen.
+
+So saßen sie einander gegenüber, mit vorgestreckten Bäuchen, mit
+ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all ihrem
+Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schwäche. Sie regten
+sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu schlummern
+schien.
+
+Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
+Abschied von ihr zu nehmen.
+
+Das Räucherwerk qualmte noch. Die bläuliche Wolke vermählte sich
+am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Draußen blinkten
+einige Sterne. Die Nacht war mild.
+
+Das Wachs der Kerzen träufelte in langen Tränen herab auf das
+Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. Der
+Lichtschimmer machte ihm die Augen müde.
+
+Über das Atlaskleid huschten Reflexe; es war weiß wie
+Mondenschein. Emma verschwand darunter, und es schien ihm, als
+gehe die Tote in alle die Dinge ringsumher über, als lebe sie nun
+in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem wirbelnden
+Kräuterdufte ...
+
+Und mit einem Male sah er sie wieder in Tostes auf der Gartenbank
+unter dem blühenden Weißdornbusch ... dann in Rouen auf dem Gange
+durch die Straße ... und dann auf der Schwelle ihres Vaterhauses,
+im Gutshofe, in Bertaux ... Es war ihm, als höre er das Jodeln der
+lustigen Burschen, die unter den Apfelbäumen tanzten bei seiner
+Hochzeitsfeier. Wie hatte das Brautgemach nach ihrem Haar
+geduftet! Wie hatte ihr Atlaskleid in seinen Armen geknistert, wie
+sprühende Funken! Dasselbe Kleid! Damals und heute!
+
+Langsam zog sein ganzes einstiges Glück noch einmal an ihm
+vorüber. Er sah sie vor sich in ihren eigentümlichen Bewegungen,
+ihrer Haltung, ihrem Gang. Er hörte den Klang ihrer Stimme. Immer
+wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufhörlich,
+unversiegbar wie die Flut des Meeres am Strande.
+
+Eine gräßliche Neugier überkam ihn. Langsam und klopfenden Herzens
+hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da schrie er vor
+Schrecken laut auf, und die beiden andern Männer erwachten. Sie
+zogen ihn fort und führten ihn hinunter in die Große Stube.
+
+Bald darauf kam Felicie und richtete aus, Bovary wolle vom Haar
+der Toten haben.
+
+»Schneiden Sie ihr welches ab!« befahl der Apotheker.
+
+Da sie sichs nicht getraute, trat er selbst mit der Schere heran.
+Er zitterte so stark, daß er die Haut an der Schläfe an mehreren
+Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und schnitt
+blindlings zwei- oder dreimal zu. Es entstanden ein paar kahle
+Stellen mitten in dem schönen schwarzen Haar der Toten.
+
+Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
+Bücher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jedesmal, wenn
+sie wieder erwachten, warfen sie es sich gegenseitig vor. Der
+Pfarrer besprengte das Zimmer mit Weihwasser, und Homais schüttete
+ein wenig Chlor auf die Dielen.
+
+Felicie hatte für sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
+Branntwein, Käse und ein langes Weißbrot bereitgestellt. Gegen
+vier Uhr früh hielt es der Apotheker nicht mehr aus. Er seufzte:
+
+»Wahrhaftig. Eine Stärkung wäre nicht übel!«
+
+Der Priester hatte durchaus nichts dagegen. Er ging aber erst die
+Messe lesen. Als er wieder zurückkam, aßen und tranken beide,
+wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen warum, verführt
+von der sonderbaren Fröhlichkeit, die den Menschen nach
+überstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten Gläschen klopfte
+der Priester dem Apotheker auf die Schulter und sagte:
+
+»Wir werden uns am Ende noch verstehen!«
+
+In der Hausflur begegneten sie den Leuten, die den Sarg brachten.
+Zwei Stunden lang mußte sich Karl von den Hammerschlägen martern
+lassen, die von den Brettern zu ihm hallten. Dann legte man die
+Tote in den Sarg aus Eichenholz und diesen in die beiden andern.
+Aber da der letzte zu breit war, füllte man die Hohlräume mit Werg
+aus einer Matratze. Als der letzte Deckel zurechtgehobelt und
+vernagelt war, stellte man den Sarg vor die Tür. Das Haus ward
+weit geöffnet, und die Leute von Yonville begannen
+herbeizuströmen.
+
+Der alte Rouault kam an. Als er das Sargtuch sah, wurde er mitten
+auf dem Markte ohnmächtig.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig Stunden
+nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so
+geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich
+geschehen war.
+
+Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. Dann
+sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch noch
+leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut
+aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
+weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst.
+Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte
+Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand.
+
+Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
+schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung.
+Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre
+Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen
+Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.
+
+In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof munter,
+rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich auf einen
+Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich
+wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, daß die Funken
+stoben.
+
+Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die
+Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
+Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie tot.
+Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er riß in
+die Zügel. Da schwand die Erscheinung.
+
+In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
+Tassen Kaffee.
+
+Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender in der
+Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe,
+fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
+Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein
+schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines
+Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte er
+es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle
+Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre Wipfel. Eine
+Herde Schafe trottete friedlich vorüber.
+
+Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
+noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen vorwärts
+gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte
+Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in
+Bovarys Arme.
+
+»Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...«
+
+Der andre antwortete schluchzend:
+
+»Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!«
+
+Der Apotheker zog sie auseinander.
+
+»Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn
+schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man muß
+Philosoph sein!«
+
+Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male
+wiederholte er:
+
+»Ja, ja ... Mut! Mut!«
+
+»Na, wenns sein muß!« sagte Rouault. »Ich hab welchen!
+Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und
+wenns noch so weit wäre!«
+
+Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich
+in Bewegung.
+
+Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die
+drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
+Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
+Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor
+und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
+Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
+Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.
+
+Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
+jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen würde.
+Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg
+und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, daß sie
+dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende war, daß man
+sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde Wut und schwarze
+Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfände er überhaupt
+nichts mehr. Er fühlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber
+alsbald warf er sich vor, eine erbärmliche Kreatur zu sein.
+
+Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas wie
+ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem
+Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes
+aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mühsam
+nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Löwen. Heute hatte
+er sein Bein erster Garnitur angeschnallt.
+
+Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld
+einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem
+andern in der silbernen Schale.
+
+»Schnell weg! Ich leide!« rief Bovary und warf zornig ein
+Fünffrankenstück hinein.
+
+Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
+
+Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das
+nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in der ersten
+Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten
+rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu
+läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing an. Die Sargträger hoben
+die drei Stangen der Bahre in die Höhe. Man verließ die Kirche.
+
+Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
+blaß und taumelnd.
+
+Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
+vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug
+eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, der aus
+den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge anzuschließen.
+
+Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam
+vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die
+Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald
+leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte,
+verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz
+schimmerte immer zwischen den Bäumen.
+
+Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit
+zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende
+Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen unter der
+ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden
+Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein frischer Wind wehte
+herüber. Roggen und Raps grünten, und Tautropfen zitterten auf den
+Dornenhecken am Wege. Allerlei fröhliche Laute erfüllten die Luft:
+das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener
+Straße, das wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines
+Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der klare Himmel
+war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter spielten um
+die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl erkannte im
+Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten
+Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier
+vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem Rückwege zu »ihr«.
+
+Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte
+Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger
+verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie
+eine Schaluppe auf bewegter See.
+
+Endlich war man da.
+
+Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen,
+wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf.
+Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten
+aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und
+ununterbrochen.
+
+Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
+gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
+
+Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll
+wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois
+reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel
+schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
+ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und
+das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein
+Widerhall aus der Ewigkeit.
+
+Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war
+Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie dann
+Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde hinabwarf und
+»Lebe wohl!« rief. Er sandte ihr Küsse und beugte sich über das
+Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte.
+
+Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand
+er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß alles
+überstanden war.
+
+Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an,
+was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er
+berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß sich Tüvache
+nach der Messe »gedrückt« hatte und daß Theodor, der Diener des
+Notars, einen blauen Rock getragen hatte, »als ob nicht ein
+schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da es nun einmal so üblich
+ist, zum Teufel!« So hechelte er alles durch, was er beobachtet
+hatte.
+
+Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht
+verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen.
+
+»Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!«
+
+Der Apotheker antwortete:
+
+»Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus
+Verzweiflung Selbstmord begangen.«
+
+»Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie vorigen
+Sonnabend noch in meinem Laden war!«
+
+»Ich hatte nur keine Zeit,« sagte der Apotheker, »sonst hätte ich
+mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab
+nachgerufen hätte!«
+
+Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
+seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs
+öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, hatte sie
+Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man
+sah, wo die Tränen herabgerollt waren.
+
+Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
+Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
+
+»Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach
+Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals
+tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ...« Er
+stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. »Ach, nun ist
+es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen
+Sohn ... und heute meine Tochter!«
+
+Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
+zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch
+seine Enkelin wollte er nicht sehen.
+
+»Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse sie mir
+ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier,« er
+schlug auf sein Bein, »das werde ich dir nie vergessen. Hab keine
+Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!«
+
+Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, ganz
+wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf
+der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter
+umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie im Feuer unter
+den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete
+die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein
+Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen
+weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ...
+
+Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
+geworden war.
+
+Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und
+plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von
+vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
+Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen
+und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und
+Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
+zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
+
+Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie
+immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«.
+
+Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald
+geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte
+Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
+
+Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
+Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck
+einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und
+geheimnisvoll wie die Nacht.
+
+Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel
+vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich
+über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer
+Kartoffeln stahl.
+
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+
+Am Tage darauf ließ Karl die kleine Berta wieder ins Haus kommen.
+Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei verreist
+und werde ihr hübsche Spielsachen mitbringen. Das Kind tat noch
+ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der Zeit, sprach sie
+nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit des Kindes bereitete Bovary
+Schmerzen. Ganz unerträglich aber waren ihm die Trostreden des
+Apothekers.
+
+Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux ließ seinen
+Strohmann Vinçard abermals vorgehen, und Karl übernahm
+beträchtliche Verpflichtungen, weil er es um keinen Preis zulassen
+wollte, daß von den Möbeln, die ihr gehört hatten, auch nur das
+geringste verkauft würde. Seine Mutter war außer sich darüber. Das
+empörte ihn wiederum maßlos. Er war überhaupt ein ganz andrer
+geworden. So verließ sie das Haus.
+
+Nun fingen alle möglichen Leute an, ihr »Schnittchen« zu machen.
+Fräulein Lempereur forderte für sechs Monate Stundengeld, obgleich
+Emma doch niemals Unterricht bei ihr genommen hatte. Die
+quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt bekommen hatte, war
+nur auf Emmas Bitte hin ausgestellt worden. Der Leihbibliothekar
+verlangte Abonnementsgebühren auf eine Zeit von drei Jahren und
+Frau Rollet Botenlohn für zwanzig Briefe. Als Karl Näheres wissen
+wollte, war sie wenigstens so rücksichtsvoll, zu antworten:
+
+»Ach, ich weiß von nichts! Es waren wohl Rechnungen.«
+
+Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, es sei nun
+zu Ende, aber es meldeten sich immer wieder neue Gläubiger.
+
+Er schickte an seine Patienten Liquidationen aus. Da zeigte man
+ihm die Briefe seiner Frau, und so mußte er sich noch
+entschuldigen.
+
+Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
+Karl hatte einige davon zurückbehalten. Manchmal schloß er sich in
+ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungefähr Emmas
+Figur. Wenn sie aus dem Zimmer ging, hatte er manchmal den
+Eindruck, es sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, ihr
+nachzurufen: »Emma, bleib, bleib!«
+
+Aber zu Pfingsten verließ sie Yonville, zusammen mit dem Diener
+des Notars, wobei sie alles mitnahm, was von Emmas Kleidern noch
+übrig war.
+
+Um diese Zeit gab sich die Witwe Düpuis die Ehre, ihm die
+Vermählung ihres Sohnes Leo Düpuis, Notars zu Yvetot, mit Fräulein
+Leocadia Leboeuf aus Bondeville ganz ergebenst mitzuteilen. In
+Karls Glückwunschbrief kam die Stelle vor:
+
+»Wie hätte sich meine arme Frau darüber gefreut!«
+
+Eines Tages, als Karl ohne bestimmte Absicht durchs Haus irrte,
+kam er in die Dachkammer und spürte plötzlich unter einem seiner
+Pantoffel ein zusammengeknülltes Stück Papier. Er entfaltete es
+und las: »Liebe Emma! Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz
+nicht zertrümmern ...« Es war Rudolfs Brief, der zwischen die
+Kisten gefallen und dort liegen geblieben war, bis ihn der durchs
+Dachfenster wehende Luftzug an die Türe getrieben hatte. Karl
+stand ganz starr da, mit offnem Munde, just auf demselben Platz,
+wo dereinst Emma, bleicher noch als er, aus Verzweiflung in den
+Tod gehen wollte. Am Ende der zweiten Seite stand als Unterschrift
+ein kleines R. Wer war das? Er erinnerte sich der vielen Besuche
+und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulangers, seines plötzlichen
+Ausbleibens und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn er
+ihnen später -- es war zwei- oder dreimal gewesen -- begegnet war.
+Aber der achtungsvolle Ton des Briefes täuschte ihn.
+
+»Das scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu sein!«
+sagte er sich.
+
+Übrigens gehörte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen bis
+auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
+suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem maßlosen
+Schmerze.
+
+»Man mußte sie anbeten!« sagte er bei sich. »Es ist ganz
+natürlich, daß alle Männer sie begehrt haben!« Nunmehr erschien
+sie ihm noch schöner, und es überkam ihn ein beständiges heißes
+Verlangen nach ihr, das ihn trostlos machte und das keine Grenzen
+kannte, weil es nicht mehr zu stillen war.
+
+Um ihr zu gefallen, als lebte sie noch, richtete er sich nach
+ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
+Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
+-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch aus
+ihrem Grabe heraus.
+
+Karl sah sich genötigt, das Silberzeug zu verkaufen, ein Stück
+nach dem andern, dann die Möbel des Salons. Alle Zimmer wurden
+kahl, nur »ihr Zimmer« blieb wie früher. Nach dem Essen pflegte
+Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den Kamin und
+rückte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich gegenüber. Eine
+Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. Berta, neben ihm,
+tuschte Bilderbogen aus.
+
+Es tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
+gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schnüre, die Nähte des Kleidchens
+aufgerissen, denn darum kümmerte sich die Aufwartefrau nicht.
+Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie das Köpfchen graziös
+neigte und ihr die blonden Locken über die rosigen Wangen fielen,
+dann sah sie so reizend aus, daß ihn unendliche Zärtlichkeit
+ergriff, eine Freude, die nach Wehmut schmeckte, wie ungepflegter
+Wein nach Pech. Er besserte ihr Spielzeug aus, machte ihr
+Hampelmänner aus Pappe und flickte sie aufgeplatzten Bäuche ihrer
+Puppen. Wenn seine Augen dabei auf Emmas Arbeitskästchen fielen,
+auf ein Band, das liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel,
+die noch in einer Ritze des Nähtisches steckte, dann verfiel er in
+Träumereien und sah so traurig aus, daß das Kind auch mit traurig
+wurde.
+
+Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
+wo er Krämerlehrling geworden war, und die Kinder des Apothekers
+ließen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater bei der
+jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse auf
+eine Fortsetzung des näheren Verkehrs keinen Wert legte.
+
+Der Blinde, den Homais mit seiner Salbe nicht hatte heilen können,
+war auf die Höhe am Wilhelmswalde zurückgekehrt und erzählte allen
+Reisenden den Mißerfolg des Apothekers. Wenn Homais zur Stadt
+fuhr, versteckte er sich infolgedessen hinter den Vorhängen der
+Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm zu vermeiden. Er haßte ihn,
+und da er ihn zugunsten seines Rufes als Heilkünstler um jeden
+Preis aus dem Wege räumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt.
+Die Art und Weise, wie er das bewerkstelligte, enthüllte ebenso
+seinen Scharfsinn wie seine bis zur Verruchtheit gehende
+Eitelkeit. Sechs Monate hintereinander konnte man im »Leuchtturm
+von Rouen« Nachrichten wie die folgenden lesen:
+
+»Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
+Zweifel auf der Höhe am Wilhelmswalde einen Vagabunden bemerkt
+haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
+belästigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
+gewissermaßen einen Zoll. Leben wir denn noch in den abscheulichen
+Zeiten des Mittelalters, wo es den Landstreichern erlaubt war, auf
+den öffentlichen Plätzen die Lepra und die Skrofeln zur Schau zu
+stellen, die sie von einem der Kreuzzüge mitgebracht hatten?«
+
+Oder:
+
+»Ungeachtet der Gesetze gegen das Landstreichertum werden die
+Zugänge unsrer Großstädte noch unausgesetzt von Bettlerscharen
+heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und das sind
+vielleicht nicht die ungefährlichsten. Aus welchem Grunde duldet
+das eigentlich die Obrigkeit?«
+
+Daneben erfand Homais auch Anekdoten:
+
+»Gestern ist auf der Höhe am Wilhelmswalde ein Pferd durchgegangen
+...«
+
+Es folgte der Bericht eines durch das plötzliche Auftauchen des
+Blinden verursachten Unfalls.
+
+Alles das hatte eine so treffliche Wirkung, daß der Unglückliche
+in Haft genommen wurde. Aber man ließ ihn wieder frei. Er trieb es
+wie vorher. Ebenso Homais. Es begann ein Kampf. Der Apotheker
+blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu lebenslänglichem Aufenthalt in
+ein Krankenhaus gesteckt.
+
+Dieser Erfolg machte ihn immer kühner. Fortan konnte kein Hund
+überfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Prügel
+bekommen, ohne daß er den Vorfall sofort veröffentlicht hätte --,
+geleitet vom Fortschrittsfanatismus und vom Haß gegen die
+Priester.
+
+Er stellte Vergleiche an zwischen den Volksschulen und den von den
+»Ignorantinern« geleiteten, die natürlich zum Nachteil der
+letzteren ausfielen. Anläßlich einer staatlichen Bewilligung von
+hundert Franken für kirchliche Zwecke erinnerte er an die
+Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
+Mißbräuche. Er las den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. Dabei
+wurde er ein gefährlicher Intrigant.
+
+Bald war ihm der Journalismus zu eng; er wollte ein Buch
+Schreiben, ein »Werk«. So verfaßte er eine »Allgemeine Statistik
+von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen Beobachtungen«.
+Die damit verbundenen Studien führten ihn ins volkswirtschaftliche
+Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen Fragen, in die Theorien
+über die Volkserziehung, in das Verkehrswesen und andres mehr. Nun
+begann er sich seiner kleinbürgerlichen Obskurität zu schämen; er
+bekam genialische Anwandlungen.
+
+Seinen Beruf vernachlässigte er dabei keineswegs, im Gegenteil, er
+verfolgte alle neuen Entdeckungen seines Faches. Beispielsweise
+interessierte ihn der große Aufschwung in der Schokoladenindustrie.
+Er war weit und breit der erste, der den Schoka (eine Mischung von
+Kakao und Kaffee) und die Eisenschokolade einführte. Er
+begeisterte sich für die hydro-elektrischen Ketten Pulvermachers
+und trug selbst eine. Wenn er beim Schlafengehen das Hemd
+wechselte, staunte Frau Homais diese goldene Spirale an, die ihn
+umschlang, und entbrannte in verdoppelter Liebe für diesen Mann,
+der wie ein Magier glänzte.
+
+Für Emmas Grabmal hatte er sehr schöne Ideen. Zuerst schlug er
+einen Säulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
+einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
+»künstliche Ruine«. Keinesfalls aber dürfe die Trauerweide fehlen,
+die er für das »traditionelle Symbol« der Trauer hielt.
+
+Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
+Grabsteinfabrikanten etwas Passendes zu suchen. Ein Kunstmaler
+begleitete sie, namens Vaufrylard, ein Freund des Apothekers
+Bridoux. Er riß die ganze Zeit über schlechte Witze. Man
+besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich die
+Zusendung von Kostenanschlägen. Er fuhr dann ein zweitesmal allein
+nach Rouen und entschloß sich zu einem Grabstein, über dem ein
+Genius mit gesenkter Fackel trauert.
+
+Als Inschrift fand Homais nichts schöner als: STA VIATOR!
+Diese Worte schlug er immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in
+sie. Beständig flüsterte er vor sich hin: »Sta viator!«
+Endlich kam er auf: AMABILEM CONJUGEM CALCAS! Das wurde
+angenommen.
+
+Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
+Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre äußere
+Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung fühlte er, wie ihr Bild seinem
+Gedächtnis entwich, während er sich so viel Mühe gab, es zu
+bewahren. Dabei träumte er jede Nacht von ihr. Es war immer
+derselbe Traum: er sah sie und näherte sich ihr, aber sobald er
+sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
+
+Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
+Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
+auf. Bournisien war neuerdings überhaupt unduldsam, ja fanatisch,
+wie Homais behauptete. Er wetterte gegen den Geist des
+Jahrhunderts, und aller vierzehn Tage pflegte er in der Predigt
+vom schrecklichen Ende Voltaires zu erzählen, der im Todeskampfe
+seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie jedermann wisse.
+
+Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht aus den alten Schulden
+heraus. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und so
+stand die Pfändung abermals bevor. Da wandte er sich an seine
+Mutter. Sie schickte ihm eine Bürgschaftserklärung. Aber im
+Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen Emma. Als
+Entgelt für ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, der Felicies
+Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. Darüber
+entzweiten sie sich.
+
+Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Versöhnung.
+Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
+nehmen; sie könne ihr im Haushalt helfen. Karl willigte ein. Aber
+als das Kind abreisen sollte, war er nicht imstande sich von ihm
+zu trennen. Diesmal erfolgte ein endgültiger, völliger Bruch.
+
+Nun hatte er alles verloren, was ihm lieb und wert gewesen war,
+und er schloß sich immer enger an sein Kind an. Aber auch dies
+machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote Flecken
+auf den Wangen.
+
+Ihm gegenüber machte sich in Gesundheit, Glück und Frohsinn die
+Familie des Apothekers breit. Was Homais auch wollte, gelang ihm.
+Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia stickte ihm ein
+neues Käppchen, Irma schnitt Pergamentpapierdeckel für die
+Einmachegläser, und Franklin bewies ihm bereits schlankweg den
+pythagoreischen Lehrsatz. Der Apotheker war der glücklichste Vater
+und der glücklichste Mensch.
+
+Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
+Homais sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient hätte
+er es zur Genüge, meinte er. Erstens hatte er sich während der
+Cholera durch grenzenlosen Opfermut ausgezeichnet. Zweitens hatte
+er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- verschiedene
+gemeinnützige Werke veröffentlicht, beispielsweise die Schrift
+»Der Apfelwein. Seine Herstellung und seine Wirkung«, sodann seine
+»Abhandlung über die Reblaus«, die er dem Ministerium unterbreitet
+hatte, ferner seine statistische Veröffentlichung, ganz abgesehen
+von seiner ehemaligen Prüfungsarbeit. Er zählte sich das alles
+auf. »Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
+Gesellschaften.« In Wirklichkeit war es nur eine einzige.
+
+»Eigentlich müßte es schon genügen,« rief er und warf sich
+selbstbewusst in die Brust, »daß ich mich bei den Feuersbrünsten
+hervorgetan habe!«
+
+Er begann Fühlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der Wahlen
+erwies er dem Landrat heimlich große Dienste. Schließlich
+verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er reichte ein
+Immediatgesuch an Seine Majestät ein, worin er ihn
+alleruntertänigst bat, »ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
+Er nannte ihn »unsern guten König« und verglich ihn mit Heinrich
+dem Vierten.
+
+Jeden Morgen stürzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
+zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Ordenskoller ging so
+weit, daß er in seinem Garten ein Beet in Form des Kreuzes der
+Ehrenlegion anlegen ließ, auf der einen Seite von Geranien
+umsäumt, die das rote Band vorstellten. Oft umkreiste er dieses
+bunte Beet und dachte über die Schwerfälligkeit der Regierung und
+über den Undank der Menschen nach.
+
+Aus Achtung für seine verstorbene Frau, oder weil er aus einer Art
+Sinnlichkeit noch etwas Unerforschtes vor sich haben wollte, hatte
+Karl das geheime Fach des Schreibtisches aus Polisanderholz, den
+Emma benutzt hatte, noch nicht geöffnet. Eines Tages setzte er
+sich endlich davor, drehte den Schlüssel um und zog den Kasten
+heraus. Da lagen sämtliche Briefe Leos. Diesmal war kein Zweifel
+möglich. Er verschlang sie von der ersten bis zur letzten Zeile.
+Dann stöberte er noch in allen Winkeln, allen Möbeln, allen
+Schiebfächern, hinter den Tapeten, schluchzend, stöhnend,
+halbverrückt. Er entdeckte eine Schachtel und stieß sie mit einem
+Fußtritt auf. Rudolfs Bildnis sprang ihm buchstäblich ins Gesicht.
+Es lag neben einem ganzen Bündel von Liebesbriefen.
+
+Bovarys Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. Er
+ging nicht mehr aus, empfing niemanden und weigerte sich sogar,
+seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er
+sich einschließe, um zu trinken. Neugierige aber, die hin und
+nieder den Kopf über die Gartenhecke reckten, sahen zu ihrer
+Überraschung, wie der Menschenscheue in seinem langen Bart und in
+schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging und laut weinte.
+
+An Sommerabenden nahm er sein Töchterchen mit sich hinaus auf den
+Friedhof. Erst spät in der Nacht kamen die beiden zurück, wenn auf
+dem Marktplätze kein Licht mehr schimmerte, außer aus dem Stübchen
+Binets.
+
+Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seines Schmerzes
+nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit ihm teilte.
+Aus diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von »ihr« sprechen
+zu können. Aber die Wirtin hörte nur mit halbem Ohre zu, da auch
+sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte nämlich seine Postverbindung
+zwischen Yonville und Rouen eröffnet, und Hivert, der ob seiner
+Zuverlässigkeit in Kommissionen allenthalben großes Vertrauen
+genoß, verlangte Lohnerhöhung und drohte, »zur Konkurrenz«
+überzugehen.
+
+Eines Tages, als Karl nach Argueil zum Markt gegangen war, um sein
+Pferd, sein letztes Stück Besitz, zu verkaufen, begegnete er
+Rudolf. Als sie einander sahn, wurden sie beide blaß. Rudolf, der
+bei Emmas Tode sein Beileid nur durch seine Visitenkarte bezeigt
+hatte, murmelte zunächst einige Worte der Entschuldigung, dann
+aber faßte er Mut und hatte sogar die Dreistigkeit, -- es war ein
+heißer Augusttag -- Karl zu einem Glas Bier in der nächsten Kneipe
+einzuladen.
+
+Er lümmelte sich Karl gegenüber auf der Tischplatte auf, plauderte
+und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in tausend Träumen
+vor diesem Gesicht, das »sie« geliebt hatte. Es war ihm, als sähe
+er ein Stück von ihr wieder. Das war ihm selber sonderbar. Er
+hätte der andre sein mögen.
+
+Rudolf sprach unausgesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
+Vieh, vom Düngen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
+stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Redensarten. So
+vermied er jedwede Anspielung auf das Einst. Karl hörte ihm gar
+nicht zu. Rudolf nahm das wahr; er ahnte, daß hinter diesem
+zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karls Wangen röteten
+sich mehr und mehr, seine Nasenflügel blähten sich, seine Lippen
+bebten. Einen Augenblick lang sahen Karls Augen in so düsterem
+Groll auf Rudolf, daß dieser erschrak und mitten im Satz
+steckenblieb. Aber alsbald erschien wieder die frühere
+Lebensmüdigkeit auf Karls Gesicht.
+
+»Ich bin Ihnen nicht böse!« sagte er.
+
+Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen Händen und
+wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
+Schmerzen:
+
+»Nein, ich bin Ihnen nicht mehr böse!«
+
+Er fügte ein großes Wort hinzu, das einzige, das er je in seinem
+Leben sprach:
+
+»Das Schicksal ist schuld!«
+
+Rudolf, der dieses Schicksal gelenkt hatte, fand insgeheim, für
+einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutmütig,
+eigentlich sogar komisch und verächtlich.
+
+Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
+Abendsonne leuchtete durch das Gitter, die Weinblätter zeichneten
+ihren Schatten auf den Sand, der Jasmin duftete süß, der Himmel
+war blau, Insekten summten um die blühenden Lilien. Karl atmete
+schwer; das Herz war ihm beklommen und tieftraurig vor unsagbarer
+Liebessehnsucht.
+
+Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
+gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
+
+Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
+zugefallen, sein Mund stand offen. In den Händen hielt er eine
+lange schwarze Haarlocke.
+
+»Papa, komm doch!« rief die Kleine.
+
+Sie glaubte, er wolle mit ihr spaßen, und stieß ihn sacht an. Da
+fiel er zu Boden. Er war tot.
+
+Sechsunddreißig Stunden darnach eilte auf Veranlassung des
+Apothekers Doktor Canivet herbei. Er öffnete die Leiche, fand aber
+nichts.
+
+Als aller Hausrat verkauft war, blieben zwölf und dreiviertel
+Franken übrig, die gerade ausreichten, die Reise der kleinen Berta
+Bovary zu ihrer Großmutter zu bestreiten. Die gute alte Frau starb
+aber noch im selben Jahre, und da der Vater Rouault gelähmt war,
+nahm sich eine Tante des Kindes an. Sie ist arm und schickt Berta,
+damit sie sich das tägliche Brot verdient, in eine
+Baumwollspinnerei.
+
+Seit Bovarys Tode haben sich bereits drei Ärzte nacheinander in
+Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten können.
+Homais hat sie alle aus dem Feld geschlagen. Seine Kurpfuscherei
+hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Behörde duldet ihn,
+und die öffentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
+
+Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
+
+ * * * * *
+
+Die Übertragung des Romans Madame Bovary besorgte Arthur Schurig.
+
+Insel-Verlag. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
+***** This file should be named 15711-8.txt or 15711-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/
+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+*** END: FULL LICENSE ***
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