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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:43:57 -0700
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+The Project Gutenberg eBook, Aladdin und die Wunderlampe, by Ludwig Fulda,
+Illustrated by Max Liebert
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Aladdin und die Wunderlampe
+
+Author: Ludwig Fulda
+
+Release Date: November 30, 2004 [eBook #14221]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE***
+
+
+E-text prepared by Miranda van de Heijning and the Project Gutenberg
+Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 14221-h.htm or 14221-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h/14221-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h.zip)
+
+
+
+
+
+ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE
+
+Tausend und einer Nacht nacherzählt
+
+von
+
+LUDWIG FULDA
+
+Mit Bildern von Max Liebert
+
+Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration: K]
+
+
+
+Kommt, Kinder, faßt mich bei der Hand!
+Ich führ' euch in das Morgenland
+Und in sein Märchenparadies
+Auf einem wohlbekannten Pfade.
+Vor langen, langen Jahren wies
+Ihn die berühmte Schehersade
+Dem argen Sultan Scheherban,
+Sodaß der greuliche Tyrann--
+Weil ihre Kunst, in bunten Bildern
+Ihm eine Zauberwelt zu schildern,
+Unwiderstehlich ihn berauschte--
+Vergessend Speis' und Trank und Ruh',
+Ihr volle tausend Nächte lauschte
+Und eine weitre noch dazu.
+
+Von jenen köstlichen Geschichten,
+Mit denen sie sein Ohr betört,
+Will ich euch eine nun berichten;
+Seid also mäuschenstill und hört:
+
+In einer Hauptstadt fern im Osten,
+So fern, daß nur mit viel Gefahr
+Und ungeheuren Reisekosten
+Man ihr zu nahn imstande war,
+Jedoch so reich an Herrlichkeiten,
+Daß niemand ihresgleichen sah,
+Dort lebte vor geraumen Zeiten
+Ein Bürger namens Mustapha
+Mit seiner Frau und seinem Sohn.
+Sein Brot erwarb er sich als Schneider;
+Sein Handwerk aber trug ihm leider
+Trotz allem Fleiß nur magren Lohn,
+Und knapp war drum bei ihm bemessen
+Das Mittag- wie das Abendessen.
+
+Den Sohn--man hieß ihn Aladdin--
+Konnt' er nur mangelhaft erziehn;
+So ward aus dem ein rechter Flegel,
+Der gut tat, nur solang' er schlief,
+Der schon frühmorgens in der Regel
+Barfüßig auf die Gasse lief,
+Sich dort herumtrieb nach Belieben
+Mit andern kleinen Tagedieben
+Und, bis ihm durch ihr Heer von Sternen
+Den Heimweg zeigen ließ die Nacht,
+Auf jeden Unfug war bedacht,
+Sich aber sträubte, was zu lernen.
+Der Vater hieb den Arm sich lahm,
+Sah schließlich ein, mit solchem Rangen
+Sei nichts Gescheites anzufangen,
+Und wurde krank und starb vor Gram.
+
+Der Bursch, nun fünfzehn Jahr' schon alt,
+Groß, schlank, fast männlich von Gestalt,
+Statt auf die Hosen sich zu setzen
+Für seiner Mutter Unterhalt,
+Fuhr fort, auf öffentlichen Plätzen
+Herumzulungern ohne Ziel
+Und seine Tage zu vergeuden
+In rohen Müßiggängerfreuden,
+In plumpem Spaß und wildem Spiel.
+
+Einst, als er in gewohnter Art
+Sich raufte mit der Gassenjugend,
+Merkt' er, daß eifrig nach ihm lugend
+Ein fremder Mann mit schwarzem Bart
+Und afrikanischen Gewändern
+Ihm scheinbar im Vorüberschlendern
+Sich näherte. Der Fremde blieb
+Dicht vor ihm stehn und sprach: "Vergib,
+Mein junger Freund, und laß mich wissen:
+Wer ist dein Vater?" Aladdin
+Versetzte: "Längst schon hat mir ihn
+Des Todes rauhe Hand entrissen.
+Im Leben hieß er Mustapha."
+Die hellen Tränen rollten da
+Dem Fremdling über beide Wangen:
+"O Glück, daß ich, mein Sohn, dich treffe,"
+Sprach er mit zärtlichem Umfangen;
+"Du bist ja mein geliebter Neffe.
+Dein Vater war mein Bruderherz;
+Ich aber bin ununterbrochen
+Schon auf der Reise hundert Wochen,
+Um ihn zu sehn. Drum hat der Schmerz
+Mich bei der Nachricht übermannt
+Von seinem traurigen Geschicke;
+Hab' ich doch gleich beim ersten Blicke
+Dich an der Ähnlichkeit erkannt!"
+Drauf hieß er ihn die Mutter grüßen
+Und zog ein Beutelchen heraus
+Und gab ihm Geld.
+
+ Auf raschen Füßen
+Lief Aladdin vergnügt nach Haus,
+Um seiner Mutter klipp und klar
+Den ganzen Handel zu erzählen.
+Die Mutter konnt' ihm nicht verhehlen,
+Wie sehr sie drob verwundert war.
+Mit rechten Dingen kaum geschah's!
+Wo war der Oheim hergekommen,
+Da sie doch nie zuvor vernommen
+Von einem Bruder Mustaphas?
+Doch weil das Gelb gar lustig klang,
+Zerbrach sie sich den Kopf nicht lang;
+Und abends wollten beide grad
+Von ihrem kargen Mahle naschen,
+Als jener Mann mit vollen Flaschen
+Und Früchten in die Stube trat,
+Um selber sich zu Gast zu laden.
+Von Rührung überwältigt schier
+Blickt' er sich um, als woll' er hier
+Von neuem sich in Tränen baden,
+Und sagte: "Teure Schwägerin,
+Wohl vierzig Jahre flossen hin,
+Seit ich dies Heimatland verlassen,
+Um in der Fremde Fuß zu fassen
+Und dem erträumten Glücke nach
+Den halben Erdkreis zu durchstreifen;
+Es läßt sich also gut begreifen,
+Daß nie mein Bruder von mir sprach.
+Nun aber endlich heimgekehrt
+Und trostlos, weil an seinem Herd
+Ich ihn lebendig nicht mehr finde,
+Den sehnsuchtsvoll ich suchte--nun
+Will wenigstens ich seinem Kinde,
+Was ich vermag, zuliebe tun."
+
+Zu Aladdin gewandt hierbei,
+Begann er freundlich ihn zu fragen,
+In welchem Handwerk er beschlagen
+Und welcher Zunft beflissen sei.
+Der Bursche schwieg verlegen still;
+Die Mutter aber sprach betrübt:
+"Kein Handwerk hat er je geübt,
+Weil er durchaus nichts lernen will.
+Da hilft kein Warnen und kein Schelten;
+Ich glaube wahrlich, daß noch selten
+Es einen solchen Faulpelz gab.
+Er bringt mich an den Bettelstab,
+Und nächstens weis' ich ihm die Türe.
+Sein Vater würde sich im Grab
+Umdrehn, wenn er davon erführe."
+
+Der Fremdling mahnte drauf den Jungen
+In mildem, väterlichem Ton:
+"Das ist nicht wohlgetan, mein Sohn;
+Doch treibt man etwas nur gezwungen,
+Dann wird es einem leicht vergällt.
+Berufe gibt es viel auf Erden;
+Du mußt nicht grad ein Schneider werden,
+Und wenn kein Handwerk dir gefällt,
+So will ich gerne mich verpflichten,
+Im feinsten städtischen Bazare
+Dir einen Laden einzurichten
+Mit Linnenzeug, mit Seidenware,
+Kostbaren Teppichen und Stoffen,
+Sodaß Gewinn und neuer Kauf
+Dir Wohlstand bringt. Gesteh' mir offen:
+Wie nimmst du diesen Vorschlag auf?"
+Der Schlingel, ohne lang' zu schwanken,
+Erklärte schmunzelnd sich bereit;
+Die Mutter schwamm in Seligkeit,
+Hieß ihn sich tausendmal bedanken
+Und zweifelte nicht länger dran,
+Der unbekannte Biedermann,
+Der gleich ein ganzes Warenlager
+Dem Sohn zu schenken sich erbot,
+Sei niemand anders als ihr Schwager.
+
+Am nächsten Tag ums Morgenrot
+Erschien der neue Oheim wieder,
+Nahm seinen lieben Neffen mit,
+Ging ihm zur Seite Schritt für Schritt
+In den Bazaren auf und nieder,
+hielt an vor einem Kleiderstand
+Und bat ihn, aus dem dichten Schwalle
+Sich auszusuchen ein Gewand,
+Das ihm besonders gut gefalle.
+Freigebig kauft' er ihm dazu
+Noch Turban, Gürtel, Strümpfe, Schuh',
+Bis von dem Scheitel zu den Zehen
+Er einem jungen Prinzen glich.
+"Du sollst nun alle Tage mich
+Begleiten beim Spazierengehen,"
+Sprach sein Beschützer großmutvoll;
+"Denn freien Blick und Welterfahrung
+Braucht, wer ein Kaufmann werden soll.
+Dem Geist wird mühelos die Nahrung
+Geboten, deren er bedarf,
+Wenn klar das Auge sieht und scharf.
+Einsaugen wirst auf unsern Gängen
+Die Bildung du wie Luft und Licht
+Und läufst bei solchem Unterricht
+Niemals Gefahr, dich anzustrengen."
+
+Gesagt, getan. Sie gingen beide
+Von jetzt ab täglich durch die Stadt,
+Und Aladdin, im neuen Kleide
+Stolz wie ein Pfau, ward nimmer satt,
+Sich wißbegierig anzusehn,
+Was ihm sein guter Oheim zeigte.
+Sie wandelten durch weitverzweigte
+Gewölbe, Hallen und Moscheen,
+Betrachteten die schönsten Läden,
+Der Straßen emsiges Gewühl,
+Die Brunnen, draus erquickend kühl
+Das Wasser schoß in Silberfäden,
+Von hohen Palmen überschattet,
+Und drangen durch ein Gittertor,
+Wo freier Zutritt war gestattet,
+zum Prachtpalast des Sultans vor.
+Auch pilgerten sie manchen Tag,
+Die Glieder doppelt rüstig regend,
+Hinaus in die begrünte Gegend,
+Bis fern die Stadt im Rücken lag
+Und zu den Gärten sie gelangten,
+Drin unter üppigem Gerank
+Die wundersamsten Blumen prangten,
+Umspült von Teichen spiegelblank.
+
+[Illustration: Aladdin im Zaubergarten]
+
+
+
+
+2.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem auf solchen Wanderungen
+Manch reizend Fleckchen sich dem Jungen
+Erschlossen, führte sein Begleiter
+Auf nie zuvor betretnem Pfad
+Ihn eines Morgens weit und weiter,
+Aufwärts und abwärts, krumm und grad.
+Bald war kein menschlich Wesen rings
+Und auch kein Haus mehr zu entdecken;
+Doch unaufhaltsam weiter ging's.
+Schon türmte hinter öden Strecken
+Sich des Gebirges steile Mauer;
+Das Tal, von Felsen eingezwängt,
+Ward allgemach zur Schlucht verengt,
+Und endlich, von des Marsches Dauer
+Erschöpft, hätt' Aladdin sich gerne
+Zur Rückkehr wieder umgewandt;
+Sein Oheim aber sprach: "Halt' stand!
+Ist unser Ziel doch nicht mehr ferne.
+Noch ein paar Schritte durch das Tal--
+Was ich sodann dir zeigen werde,
+Das wirst auf der gesamten Erde
+Du nicht erspähn zum zweitenmal."
+
+So setzten ihren Weg sie fort
+Und kamen bis zu einem Ort,
+Den riesenhafte Felsenwälle
+Allseitig schienen zu verrammeln.
+Der Oheim rief: "Wir sind zur Stelle!"
+Er hieß ihn trocknes Reisig sammeln,
+Schlug Feuer, das bald lustig sprühte,
+Warf Räucherwerk aus einer Düte
+Hinein und murmelte dann leise,
+Sobald sich Qualm und Schwefelduft
+Verbreiteten in dichtem Kreise,
+Seltsame Formeln in die Luft.
+
+Da gab's ein Krachen und ein Beben,
+Als stürzten Erd' und Himmel ein;
+zutage trat ein Quaderstein
+Und in der Mitte dran, zum Heben,
+Ein Ring aus Eisen. Aladdin,
+Von Angst geschüttelt, wollte fliehn;
+Der Oheim aber hieb sogleich
+Ihm einen solchen Backenstreich,
+Daß ihm der Kopf geriet ins Wackeln,
+Und sprach: "Mein Sohn, ich bin dir jetzt
+Als zweiter Vater vorgesetzt;
+Kein Sträuben duld' ich und kein Fackeln.
+Gehorch' mir, und du wirst erproben,
+Wie sehr dir's frommt. An diesem Platz
+Liegt ein für dich bestimmter Schatz,
+Der, wenn du glücklich ihn gehoben,
+Dich reicher macht als alle Reichen
+Der ganzen Welt. Den Quaderstein
+Darf niemand außer dir allein
+Berühren; dir nur wird er weichen."
+
+[Illustration: Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel]
+
+Und richtig, als nach bangem Säumen
+Der Bursch am Eisenringe zog,
+Konnt' er den Stein beiseite räumen,
+Obwohl er hundert Zentner wog,
+Und er gewahrte drunter Stufen
+Nebst einer Tür. "In diesen Schacht
+zu steigen bist nur du berufen,"
+Begann der Oheim; "drum gib acht
+Auf alles, was ich nun dafür
+Zu deinem Schutz dir anempfehle.
+Geöffnet findest du die Tür;
+Sie führt in drei gewölbte Säle.
+In jedem stehn vier große Becken
+Voll Gold und Silber; doch laß ab,
+Die Hand nach ihnen auszustrecken.
+Schürz' auch dein Kleid und gürt' es knapp;
+Denn streift es irgendwo die Wände,
+So mußt du deinen Tod erwarten.
+An jenes dritten Saales Ende
+Wird auftun sich vor dir ein Garten,
+Bepflanzt mit Bäumen mannigfalt,
+Ein jeder voll mit Frucht behangen.
+Geh' nur gradaus, dann wirst du bald
+Zu einer Treppe hingelangen;
+Ersteige sie getrost: sie mündet
+Auf eine stattliche Terrasse;
+In einer Nische angezündet
+Steht eine Lampe dort. Die fasse,
+Verlösch' sie, gieß' die Flüssigkeit
+Mitsamt dem Docht heraus, verhülle
+Sie sorgsam unter deinem Kleid
+Und bring' sie mir. Wenn dich die Fülle
+Des Gartens etwa lockt, so pflück'
+Auf deinem Weg hierher zurück
+Dir von den Früchten nach Belieben.
+Und nun, zu deinem eignen Glück
+Befolg', was ich dir vorgeschrieben."
+Er steckte noch für jeden Fall
+Ihm einen Ring an seinen Finger;
+Der werde sich als Hilfebringer
+Bewähren stets und überall.
+
+So stieg denn Aladdin hinunter;
+Die Säle fand er laut Bericht,
+Berührte deren Wände nicht,
+Kam in den Garten, eilte munter
+Hinan die Treppen zur Terrasse,
+Sah Nisch' und Lampe dort, verfuhr
+Streng nach Geheiß, damit er nur
+Vom Auftrag keinen Punkt verpasse,
+Und kehrte, nun er unterm Kleide
+Die Lampe sicher hielt verwahrt,
+Zum Garten um. O Augenweide!
+Denn Früchte von verschiedner Art
+Trug leuchtend jeder Baum zur Schau,
+Teils hell, teils dunkel, weiß und blau,
+Rot, gelblich, violett und grün,
+Und allesamt in buntem Scheine
+Durchsichtig wie von innrem Glühn.
+Es waren lauter Edelsteine.
+Da flammten, funkelten und brannten
+Türkise, Perlen, Diamanten,
+Smaragd, Rubin, Saphir, Topas
+Von gänzlich beispiellosem Werte.
+Doch Aladdin, der unbelehrte,
+Hielt sie für nur gefärbtes Glas.
+Er hätte lieber von den Zweigen
+Sich süße Trauben oder Feigen
+Gepflückt; als Spielzeug aber war
+Der bunte Tand ganz annehmbar.
+Drum nahm er sich von jeder Sorte,
+So viel er in die Taschen zwang,
+Schritt die drei Säle sacht entlang
+Und kam zurück zur Eingangspforte.
+Den Oheim, der mit allen Zeichen
+Der Ungeduld hier Wache stand,
+Bat er, zur Hilf' ihm seine Hand
+Beim Ausstieg aus dem Schacht zu reichen.
+Der aber rief in einem groben
+Befehlerton: "Die Lampe her!"
+"Du sollst sie haben nach Begehr,"
+Sprach Aladdin, "sobald ich oben."
+Der Oheim schrie mit steter Steigrung:
+"Die Lampe!" Doch voll Eigensinn
+Blieb Aladdin bei seiner Weigrung:
+"Wart', bitte, bis ich oben bin."
+Des Oheims Wut ward ungeheuer;
+Schnell goß er Räucherwerk ins Feuer,
+Indem er eine Formel schnaubte.
+Der Quader klappte drauf im Nu
+Dem Aladdin grad überm Haupte
+Wie eines Kastens Deckel zu.--
+
+Wer wird aus diesem Oheim klug?
+Ein Bruder Mustaphas? Behüte!
+Verwandtschaft, Rührung, Herzensgüte
+War samt und sonders Lug und Trug.
+Ein Zaubrer war's, nicht hier geboren,
+Nein, fern in Afrika daheim,
+Und hatte diesen Vogelleim
+Aus gutem Grund sich auserkoren.
+Nachdem er nämlich festgestellt
+Durch Hexerei, daß in der Welt
+Es eine Wunderlampe gebe,
+Die zu der höchsten Macht erhebe,
+Ja, Geister fähig sei zu binden,
+Hatt' er in einem Zauberbuch
+Nach manch vergeblichem Versuch
+Den Ort entdeckt, wo sie zu finden,
+Und so, von Habgier angefacht,
+Flugs auf die Reise sich gemacht.
+Doch weil ihm ein Gesetz verwehrte,
+Selbst in das Schatzgewölb' zu dringen,
+Deswegen war vor allen Dingen
+Er einem Werkzeug auf der Fährte,
+Das ihm dazu geeignet schien.
+Sein Auge fiel auf Aladdin
+Als einen unerfahrnen Knaben;
+Wenn ihm die Lampe der geschafft,
+Dann durch der Zauberformel Kraft
+Wollt' er lebendig ihn begraben,
+Damit er nichts davon verriete.
+
+Und nun? Gescheitert war der Plan,
+Die jahrelange Müh' vertan!
+Statt des Gewinnes eine Niete!
+Vorzeitig hatte ja sein Zorn
+Auf immerdar den Wunderborn
+Mitsamt der Lampe zugeriegelt,
+Und alle seine Kunst und List
+Hätt' ihn kein zweites Mal entsiegelt.
+So, mit sich selbst in argem Zwist,
+Von Grimm gefoltert und von Scham,
+Vermied er's, länger zu verweilen,
+Und reiste wieder tausend Meilen
+Dahin zurück, woher er kam.
+
+
+
+
+3.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer schildert Aladdins Entsetzen,
+Als er sich hilflos, wie ein Fink
+In eines Vogelfängers Netzen,
+Verstrickt sah durch des Zaubrers Wink!
+Vergebens, daß er laut und schrille
+Nach dem vermeinten Oheim rief;
+Mit Bleigewicht bedeckte tief
+Ihn Dunkelheit und Grabesstille.
+Vergebens, daß ihn Furcht und Schauer
+zurück durch die drei Säle trieb;
+Der Zugang zu dem Garten blieb
+Verschlossen wie durch eine Mauer,
+Und nicht imstand, sich zu befrei'n
+Aus diesem schrecklichen Gefängnis,
+Fing in verzweifelter Bedrängnis
+Er an zu weinen und zu Schrei'n,
+Bis endlich vor Entkräftung krank
+Er auf den Boden niedersank.
+
+So, nicht imstand mehr, sich zu regen,
+Lag er entbehrend Speis' und Trank
+Und blickte seinem Tod entgegen
+Zwei Tage lang. Zuletzt am dritten,
+Als er die schwachen Hände hob,
+Um Gottes Beistand zu erbitten,
+Da--ganz von ungefähr--verschob
+An seinem Finger sich der Ring,
+Der ihm vom Zaubrer angesteckt war,
+Und dessen Kraft ihm noch verdeckt war.
+Bevor ein Augenblick verging,
+Erhob auf einmal, fürchterlich
+Von Wuchs und Antlitz und Gebärde,
+Ein Geist sich vor ihm aus der Erde
+Und sagte: "Was begehrst du? Sprich!
+Dein Sklav' bin ich und aller derer,
+Die diesen Ring am Finger tragen."
+
+Zwar fiel vor Schreck und scheuem Zagen
+Dem Aladdin das Sprechen schwerer
+Als je zuvor; doch nur bedacht
+Auf Rettung, gab er schnell dem Geist
+Zur Antwort: "Wer du immer seist,
+Hilf mir, sofern's in deiner Macht,
+Aus diesem schauerlichen Orte!"
+Gesprochen waren kaum die Worte,
+Da fand er sich bei Tageshelle,
+Nachdem er einen Ruck verspürt,
+Im Freien wieder an der Stelle,
+Wohin der Zaubrer ihn geführt.
+Doch zeigte sich kein Quader mehr
+Und keine Tür zum Gruftgemäuer;
+Nur vom erloschnen Reisigfeuer
+Ein Häuflein Asche lag umher.
+
+Zwar froh, jedoch zum Sterben matt
+Und halb verhungert, suchte gierig
+Er nach dem Heimweg in die Stadt.
+Zum Glück war das nicht allzu schwierig.
+Die Felsen halfen eng und dicht
+Ihm auf den schmalen Pfad gelangen,
+Den vor drei Tagen er begangen.
+Die Gärten kamen bald in Sicht,
+Und weit schon grüßten ihn voraus
+Die wohlbekannten Türm' und Dächer.
+Er schleppte, schwach und immer schwächer,
+Sich bis zu seiner Mutter Haus
+Und schlug, sobald er es betreten,
+Ohnmächtig in der Stube hin.
+
+Die Mutter, die von Anbeginn
+Die Zeit mit Weinen und mit Beten
+Verbracht und ihn zuletzt, beraubt
+Jedweder Hoffnung, tot geglaubt,
+War auf das eifrigste bestrebt,
+Ihn wieder zu sich selbst zu bringen;
+Er aber sagte, kaum belebt:
+"Ach, Mutter, hol' vor allen Dingen
+Mir was zu essen her; denn fasten
+Mußt' ich drei Tage ganz und gar."
+Sie gab ihm, was im Hause war,
+Und warnt' ihn, sich zu überhasten,
+Denn was man rasch hinunterwürge,
+Das könne man nicht gut verdau'n,
+Und nur damit er ihr verbürge,
+Langsam und ordentlich zu kau'n,
+Drum solle, während er bei Tisch,
+Ihn keine Frag' und Antwort quälen;
+Er mög' ihr eher nichts erzählen,
+Als bis er gänzlich satt und frisch.
+
+Er folgte diesem guten Rat,
+Indem er so nur Stumm beschäftigt
+Dem Leibeswohl Genüge tat.
+Dann aber, durch das Mahl gekräftigt,
+Beschrieb im kleinen und im großen
+Er nach der Reihe ganz genau,
+Was ihm inzwischen zugestoßen;
+Er wies, als ihm die wackre Frau
+Nicht wollte glauben und drauf schwor,
+Daß er geträumt, an seinem Finger
+Den Ring und zog die bunten Dinger,
+Die er vom Baum gepflückt, hervor.
+Auch sie, weil nirgends noch dergleichen
+Sie je gewahrt und stets verkehrt
+Mit armen Leuten, nie mit reichen,
+Verkannte völlig deren Wert.
+Sie meinte zwar, daß ihr Besitzer
+Sich an dem farbigen Geglitzer
+Erfreuen könnte; doch dies Lob
+Erschien dem Sohne nicht beträchtlich,
+Weshalb er sie beinah verächtlich
+In irdgendeine Lade schob.
+Die mitgebrachte Lampe kam
+Nicht besser weg; zu keinem Zwecke
+Schien tauglich dieser Trödelkram,
+Als um zu rosten in der Ecke.
+
+Zuletzt gestanden sich die Zwei,
+Die Schuld an all dem Unheil trage
+Des falschen Oheims Schurkerei;
+Denn klärlich trat es nun zutage,
+Daß Aladdin von diesem Bösen
+Geweiht war schnödem Untergang
+Und nur durch Zufall ihm gelang,
+Sich lebend aus dem Garn zu lösen.
+Die Mutter ließ zu Schimpf und Schmach
+Des Zaubrers manchen Fluch erschallen;
+Doch waren, noch dieweil sie sprach,
+Dem Sohn die Augen zugefallen.
+Er hatte ja zwei volle Nächte
+Vom Schlaf gemieden zugebracht;
+Drum heischte der schon vor der Nacht
+Heut unbezwinglich seine Rechte.
+Halb zog, halb trug mit treuem Sorgen
+Die Frau den Taumelnden zu Bett;
+Da lag er reglos wie ein Brett
+Und schnarchte bis zum späten Morgen.
+
+Kaum aber war er endlich wach,
+Als auch sein Hunger wiederkehrte
+Und nach dem Frühstück er begehrte.
+Doch seufzend rief die Mutter: "Ach,
+Ich habe keinen Bissen Brot;
+Denn alles, was ich noch besessen,
+Das hast du gestern aufgegessen.
+Wie helfen wir uns aus der Not?
+Ich muß erst wieder näh'n und spinnen,
+Bevor ich was verdienen kann."
+"Nein, Mutter, sorg' dich nicht," begann
+Der Sohn nach einigem Besinnen.
+"Für unsern heutigen Bedarf
+Genügt's, die Lampe zu verkaufen,
+Die gestern ich beiseite warf.
+Ich will mit ihr zum Händler laufen;
+Der wird gewiß mir einen Groschen
+Dafür bezahlen oder zwei."
+
+Die Mutter holte sie herbei
+Und sprach: "Ihr Glanz ist längst erloschen;
+Auch ist von Staub und Rost und Schmutze
+Von oben sie bis unten voll;
+Wenn sie der Händler kaufen soll,
+Ist's ratsam, daß ich erst sie putze."
+So nahm sie Wasser denn und Sand;
+Kaum aber hatte sie zu scheuern
+Begonnen mit geübter Hand,
+Da stieg in einer Ungeheuern
+Und grauenhaften Schreckgestalt,
+Des Zimmers ganzen Raum erfüllend,
+Ein Geist vor ihr herauf, der brüllend
+Mit markerschütternder Gewalt
+Sie anfuhr: "Was ist dein Begehr?
+Um dir zu dienen, komm' ich her.
+Gehorchen muß ich jedermann,
+Der diese Lampe hält in Händen."
+Allein, bevor er Zeit gewann,
+Um seine Rede zu vollenden,
+Fiel, außerstand, sich zu bemeistern,
+Die Mutter um und rang nach Luft.
+
+[Illustration: Das Erscheinen des Geistes]
+
+Doch Aladdin, der in der Gruft
+Gelernt, wie man mit solchen Geistern
+Verfährt, ergriff die Lampe schnell
+Und säumte nicht, ihm zu befehlen:
+"Ein gutes Frühstück schaff' zur Stell'!"
+Der Geist verschwand. Nicht drei zu zählen
+Vermochte man, da kam er wieder
+Mit einer großen Silberplatte
+Und setzte sie behutsam nieder.
+Was irgend man zu wünschen hatte,
+Das bot sich drauf in Fülle dar:
+Zwölf Silberschüsseln, drin ein feines
+Und reiches Mahl enthalten war,
+Zwei Flaschen voll erlesnen Weines,
+Vier Brote von dem besten Mehl,
+Kurzum ein Frühstück ohne Fehl.
+
+Die Mutter lag in Ohnmacht noch,
+Wie sich der Geist bereits empfohlen,
+Und konnt' erst langsam sich erholen,
+Indem den würzigen Duft sie roch.
+Der Sohn erfaßte sie beim Arm
+Und drängte sie, den guten Speisen
+Geziemend Ehre zu erweisen;
+Denn ewig blieben sie nicht warm.
+Sie sprach, verblüfft im höchsten Grade:
+"Woher denn dieser Überfluß?
+Zeigt uns der Sultan seine Gnade?"
+Drauf Aladdin: "Zuerst Genuß,
+Erklärungen dann hinterdrein."
+Und unbedenklich hieb er ein.
+Die Mutter, vor Erstaunen wirr,
+Betrachtete bei jeder Pause,
+Die stattfand zwischen ihrem Schmause,
+Das schöne silberne Geschirr,
+Und als die Zwei gesättigt, lag
+Noch ganz genug in jeder Schüssel
+Für diesen und den nächsten Tag.
+Sie fragte wieder nach dem Schlüssel
+Zu diesem seltsamen Erlebnis,
+Und als der Sohn ihr wahrheitstreu
+Geschildert hatte das Begebnis,
+Versetzte sie voll banger Scheu:
+"Mit Geistern ist nicht gut zu scherzen;
+Drum folg' mir, wirf die Lampe fort
+Und nimm den Druck von meinem Herzen."
+"Nein," rief er, "einen solchen Hort
+Soll, wer ihn einmal hat, behüten.
+Nun ist, was erst ich nicht begriff,
+Mir klar--des falschen Oheims Kniff
+Sowie der Grund von seinem Wüten.
+Durchaus die Lampe wollt' er haben,
+Weil sie versehn mit Wundergaben,
+Und jetzt mit Recht gehört sie mir.
+Ich will sie bergen zwar und Schützen
+Vor unsrer Nachbarn Neid und Gier,
+Im Notfall aber sie benützen,
+Sie und den Ring an meiner Hand.
+Vertrauen darf ich meinem Glücke,
+Weil dieses Schurken arge Tücke
+Sich so zum Guten hat gewandt."
+
+
+
+
+4.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Einmal geht alles auf die Neige,
+Hält man damit auch sparsam Haus,
+Und daß der Hunger dauernd schweige,
+Bewirkt kein noch so fetter Schmaus.
+Die Schüsseln wurden also leer,
+Und Aladdin, dem unterm Gurte
+Bereits der Magen wieder knurrte,
+Nahm von den zwölfen eine her
+Und trug in seines Mantels Falten
+Sie heimlich, um sie feilzuhalten,
+Zum Trödler in der nächsten Gasse;
+Doch als der höchst verschmitzte Greis
+Die Frage tat, um welchen Preis
+Er ihm die Schüssel überlasse,
+Gestand ihm Aladdin gar ehrlich,
+Wieviel sie wert sei, wiss' er nicht.
+Der alte Gauner, der begehrlich
+Geprüft ihr stattliches Gewicht
+Und merkte, daß der junge Fant
+Von seinem Schatze nichts verstand,
+Gab ihm, damit nicht vorm Verkauf
+Er etwas noch davon erfahre,
+Geschwind ein Goldstück für die Ware.
+Mit diesem flog in muntrem Lauf,
+Des Vorteils froh, der ihm erwuchs,
+Der Bursch zum Bäcker und zum Schlächter,
+Dieweil ihm jener schlaue Fuchs
+Nachsah mit leisem Hohngelächter.
+
+In solcher Art allmählich ließ
+Elf Schüsseln, eine nach der andern,
+Wenn ihn die Not von neuem stieß,
+Nichtsahnend er zum Trödler wandern.
+Nun kam ihm bei dem nächsten Fall
+Zu Sinn, die Platte loszuschlagen;
+Nur konnt' er die nicht selber tragen;
+War viel zu schwer doch ihr Metall.
+So bat er, weil er noch nicht klüger
+Geworden, jenen Schelm ins Haus,
+Und schleunig zahlte der Betrüger
+Goldstücker zehn dafür ihm aus.
+
+Die zwölfte Schüssel blieb zurück.
+Nachdem das schöne Geld zerflossen,
+Wollt' er zum Trödler kurz entschlossen
+Verschleppen auch dies letzte Stück.
+Doch mitten auf dem Wege trat
+Ein Goldschmied freundlich ihm entgegen
+Und sagte: "Nicht der Neugier wegen
+Frag' ich, warum den gleichen Pfad
+Ich oft, mein Sohn, dich wandeln sehe.
+Hier wohnt ein Trödler in der Nähe;
+Hast du mit dem dich eingelassen,
+Dann sei gewarnt und sieh dich vor;
+Denn jeden haut er übers Ohr.
+Ich will mich gern damit befassen,
+Zu schätzen, was dir etwa feil,
+Und nimmer würdest du betrogen."
+
+Der Bursche hatte mittlerweil
+Die Schüssel aus dem Kleid gezogen.
+Die sah der Goldschmied ohne Worte
+Von allen Seiten lang sich an
+Mit Kennerblick und fragte dann,
+Ob er schon andre dieser Sorte
+Veräußert hab' und für wieviel.
+"Ein Goldstück hat er mir gegeben,"
+Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben,
+Der Spitzbub kennt nicht Maß noch Ziel,"
+Versetzte jener voll Empörung.
+"Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut
+Und hast in gründlicher Betörung
+Verschleudert ein beträchtlich Gut.
+Für solche Schüssel sondergleichen
+Ein Goldstück! O der Ungebühr!
+Denn achtundsechzig will dafür
+Ich auf dem Fleck dir überreichen."
+
+Von diesem Tag an war das Darben
+Für Sohn und Mutter abgestellt,
+Und übermalt mit Rosenfarben
+Schien die zuvor so graue Welt.
+Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte,
+Ließ Aladdin der Lampe Geist,
+Ob auch der Mutter vor ihm bangte,
+Erscheinen und gebot ihm dreist,
+Ein neues Frühstück anzurichten;
+Pünktlich vollzog der seine Pflichten.
+Die Silberschüsseln und die Platten
+Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war,
+Zum Goldschmied hin, der stets bereit war,
+Den vollen Preis ihm zu erstatten.
+Fortan drum ward es ihnen leicht,
+Bequem zu leben und behaglich;
+Doch weil es leider niemals fraglich,
+Daß Mißgunst hinterm Glücke schleicht
+Und man sich hüten muß vor Neidern,
+Vermieden sie trotz gutem Trunk
+Und gutem Essen jeden Prunk
+In ihrem Haus und ihren Kleidern
+Und hielten hinter sich'rem Schloß
+Dadurch geheim den goldnen Bronnen,
+Der ihnen unversiegbar floß.
+
+Vier Jahre waren so verronnen.
+Zu einem schmucken jungen Manne
+War Aladdin herangereist,
+Gerad und schlank wie eine Tanne.
+Ein winzig Bärtchen, zart geschweift,
+Sproß über seinem Lippenrand,
+Und niemand hätte mehr den Lümmel,
+Der einst in müßigem Getümmel
+Die Zeit vertan, in ihm erkannt.
+Sein Blick war jetzt nicht mehr getrübt
+Von Trägheit, seine Geisteskräfte
+Durch ernsten Umgang eingeübt
+Auf die verschiedensten Geschäfte.
+Der Menschen Treiben insgesamt,
+Ihr Wirken, Trachten, Fürchten, Hoffen
+In jedem Handwerk, jedem Amt
+Lag wie ein Buch nun vor ihm offen.
+Er hatte viel Verkehr gepflegt
+In Wechselstuben, Kaufmannsläden
+Und sich in seinem Tun und Reden
+Ein vornehm Wesen zugelegt.
+Jetzt ward ihm auch von selber kund,
+Was einst er nicht gewagt zu träumen:
+Daß all die Früchte feurig bunt
+Von jenes Zaubergartens Bäumen
+Kein farbig Glas, wie er gedacht,
+Vielmehr die köstlichsten Juwelen.
+Er nahm sich aber wohl in acht,
+Aus Furcht, man könnt' ihn drum bestehlen,
+Es irgend jemand zu erzählen.
+Der Mutter selbst verschwieg er's streng.
+
+Durchwandelnd eines Tags die Straßen,
+Vernahm er ungewohntermaßen
+Ein laut Bumbum und Schnettretteng.
+Zum Schall von Pauken und Trompeten
+Rief öffentlich ein Herold aus,
+Man möge schließen jedes Haus
+Und nicht die Straße mehr betreten.
+Prinzessin Bedrulbudur nämlich,
+Des Sultans Tochter, wolle heute
+Zum Bade gehn, und zwar bequemlich
+Gesichert vorm Gegaff der Leute.
+
+Weil Neugier doppelt heftig loht,
+Wenn ihr begegnet ein Verbot,
+Ward alsogleich durch dies Verfahren
+In Aladdin der Wunsch erweckt,
+Die Sultanstochter unbedeckt
+Von ihrem Schleier zu gewahren.
+Er schlich deshalb auf leichten Sohlen
+Zur Tür des Bades katzenhaft
+Und kauerte sodann verstohlen
+Sich hinter einer Säule Schaft.
+Er hatte noch nicht lang geharrt,
+Als schon mit einem großen Staate
+Von Frauen die Prinzessin nahte.
+Sie nahm, von seiner Gegenwart
+Nichts merkend, gänzlich unbefangen
+Im Vorraum ihren Schleier ab,
+Und Aladdin, drei Schritte knapp
+Entfernt, vermochte nach Verlangen
+Ihr Antlitz hüllenlos zu schaun.
+War auch--die Mutter ausgenommen--
+Bisher von unvermummten Frau'n
+Ihm keine zu Gesicht gekommen,
+So ward mit einem Schlag ihm klar,
+Daß diese hier die schönste war.
+
+[Illustration: Aladdin belauscht die Prinzessin]
+
+Herab in reicher Lockenflut
+Floß ihr kastanienbraunes Haar
+Auf ihrer Augen dunkle Glut
+Ihr Blick war sittsam und voll Güte,
+Die Wangen sanft gerundet, weich
+Und rosenrot wie Pfirsichblüte,
+Die Lippen zwei Korallen gleich.
+Ihr Wuchs und Gang war ohne Tadel,
+Und ihre liebliche Gestalt
+Verriet in Reizen tausendfalt
+Holdseligkeit vereint mit Adel.
+Kein Wunder drum, daß Aladdin,
+Nachdem die Herrliche verschwunden,
+Noch immerdar wie festgebunden
+Und wie verzaubert sich erschien.
+
+Obwohl erstarrt zu Stein und Erz
+Er sich zu rühren nicht vermochte,
+Konnt' er empfinden, wie sein Herz
+In seiner Brust vernehmlich pochte.
+Sogar als er zuletzt gewaltsam
+Sich loszureißen war gewillt,
+Verfolgte dennoch unaufhaltsam
+Ihn auf dem Weg nach Haus ihr Bild.
+
+Der Mutter war's ein leichtes Ding,
+Sein ganz und gar verändert Wesen
+Gleich von der Stirn ihm abzulesen.
+Sie wunderte sich drob und fing
+Ihn auszuforschen an, warum
+Er so zerstreut, verstört und stumm;
+Ob ihm vielleicht zu Kopf gestiegen
+Ein Streit? Ein Ärger? Ein Verdruß?
+Doch er, wie eine harte Nuß,
+Blieb unzugänglich und verschwiegen.
+Auch als am Abend auf den Tisch
+Von ihr ein braungebratner Hase
+Getragen ward und in die Nase
+Der Duft ihm drang verführerisch,
+Schob er, der immer seinen Mann
+Gestanden sonst als guter Esser,
+Hinweg die Gabel und das Messer
+Und rührte keinen Bissen an.
+Da merkte sie, daß an dem Toren
+Heut jedes Mittel war verloren,
+Und beide schwiegen um die Wette.
+Er träumte wachend, seufzte tief
+Und ging zu guter Letzt zu Bette;
+Doch fraglich ist es, ob er schlief.
+
+
+
+
+5.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Am Morgen drauf--am Spinnrad schon
+Saß die besorgte Frau voll trüber
+Gedanken--trat herein ihr Sohn
+Und setzte sich ihr gegenüber.
+"Ach, Mutter," hob er an, "vergib
+Mir nur mein gestriges Betragen;
+Verzeih' mir, daß auf deine Fragen
+Ich dir die Antwort schuldig blieb.
+Doch wenn du mir's mit Recht verübelt,
+Heut will ich offen dir gestehn:
+Ich kann, so viel ich nachgegrübelt,
+Nicht fassen, was mit mir geschehn.
+Ich bin nicht krank, und dennoch lieber
+Hätt' ich den ärgsten Schmerz gefühlt
+Als dieses rätselhafte Fieber,
+Das mir im Innern tobt und wühlt.
+Mit Namen weiß ich's nicht zu nennen
+Und weiß auch nicht, wie man's behebt;
+Du aber wirst's gewiß erkennen,
+Wenn du vernimmst, was ich erlebt."
+Drauf gab er ihr genaue Kunde,
+Wie gestern bei dem Badegang
+Der Sultanstochter ihm gelang,
+Ihr Antlitz aus dem Hintergrunde
+Befreit vom Schleier zu erblicken,
+Und wie dies Bild seit jener Stunde
+Sein herz an unsichtbaren Stricken
+Hinziehe zu der schönen Fee.
+"Kurzum", so schloß er seine Schildrung,
+"Kein Zweifel, für mein tödlich Weh
+Gibt's keine Hilfe, keine Mildrung,
+Es wäre denn, daß unverweilt
+Sie selbst, jawohl, sie selbst mich heilt
+Von allen Nöten und Beschwerden;
+Gefaßt somit ist mein Entschluß:
+Prinzessin Bedrulbudur muß
+Auf immerdar die Meine werden!"
+
+Die Mutter, die von ihrem Spinnen
+Ablassend eifrig zugehört,
+Rief lachend aus: "Bist du von Sinnen?
+Ja, bist so völlig du betört?
+An solch unmögliches Beginnen
+Denkt nur ein ausgemachter Narr."
+"Nein, Mutter," sprach er, "nein, du irrst;
+Zwar wußt' ich, daß du lachen wirst;
+Doch mein Entschluß ist fest und starr.
+Und ob du zehnmal sagst, entglitten
+Sei mir mein sämtlicher Verstand,
+Es bleibt dabei, den Sultan bitten
+Will ich um seiner Tochter Hand."
+
+"Mein Sohn," begann die Mutter ernst,
+"Damit du recht erwägen lernst,
+Wie kindisch deine Reden sind,
+Antworte mir: Wer soll es wagen
+Ihm diese Bitte vorzutragen?"
+"Du selbst!" rief Aladdin geschwind.
+"Ich? Gott behüte mich davor!
+Schon der Gedanke macht mich beben!
+Wie dürftest du dein Aug' erheben
+Zu einem Sultanskind empor?
+Hast du vergessen, daß ein Schneider
+Bescheidnen Rangs dein Vater war,
+All deine Ahnen Hungerleider?
+Und ist, so frag' ich, nicht sogar
+Für unsres Herrschers Schwiegersohn
+Ein Prinz noch von zu niedrem Stande,
+Falls er in seinem Heimatlande
+Nicht Aussicht hat auf einen Thron?"
+
+Sie predigte nur tauben Ohren.
+"Nenn's Wahnwitz, nenn' es Eigensinn;
+Ich hab' es mir einmal geschworen,
+Und nichts erschüttert mich darin.
+Solange mich des Himmels Bau
+Nicht krachend unter seinen Lasten
+Begräbt, werd' ich nicht ruhn und rasten,
+Bis die Prinzessin meine Frau.
+Ja, wenn du mich nicht elend sterben
+Willst sehn bereits am heut'gen Tag,
+Dann mußt du, kost' es, was es mag,
+In meinem Namen um sie werben."
+
+[Illustration: Ein Herold verkündet das Nahen der Prinzessin]
+
+Die Mutter wurde höchst verlegen.
+Ihn zum Verzicht auf seinen Plan
+Durch Überredung zu bewegen,
+Schien hoffnungslos bei solchem Wahn.
+Nochmals versuchte sie's mit Güte:
+"Gott weiß, daß für mein armes Teil
+Ich allezeit mich um dein Heil
+Mit meiner ganzen Kraft bemühte.
+Für dich vollbrächt' ich schlimmsten Falles
+Die schwerste Tat aus eignem Trieb;
+Denn wahrlich, ihrem Kind zulieb
+Tut eine Mutter freudig alles.
+Ja, wenn ein Mädchen dir gefiele,
+zu vornehm weder noch zu reich,
+Nicht säumen würd' ich, sondern gleich
+Dir ebnen deinen Weg zum Ziele,
+In deinem Namen um sie frei'n
+Und meinen Segen dir verleihn.
+Doch nimm nur an von ungefähr,
+Daß ich dir deinen Willen täte,
+Verwegen vor den Sultan träte
+Mit solchem frevelnden Begehr--
+Würd' überhaupt ich vorgelassen?
+Würd' augenblicklich nach Gebühr
+Nicht einer mich beim Arme fassen
+Und mich befördern vor die Tür?
+Nimm aber an, daß mir's gelänge,
+Durch all der Bittenden Gedränge
+Dem Sultan selber mich zu nah'n,
+Und er, der gnädig ist für jeden,
+Wär's auch sein letzter Untertan,
+Gestattete mir frei zu reden--
+Wie dann begründ' ich dein Gesuch?
+Welch ein Verdienst ist dir zu eigen?
+Kann ich auf deinen Namen zeigen
+In irgendeinem Ehrenbuch?
+Kannst du durch eine seltne Leistung,
+Durch eine vielgerühmte Kunst
+Nachsicht verschaffen der Erdreistung,
+zu flehn um diese höchste Gunst?
+Und sei noch dessen eingedenk,
+Daß man vorm Sultan darf erscheinen
+Nicht ohne kostbares Geschenk.
+Du selber wirst wohl kaum vermeinen,
+Es finde sich in deiner Habe
+Ein Kleinod von so hehrem Glanz,
+Daß ich es bieten könnt' als Gabe
+Dem größten Herrn des Morgenlands."
+"Ei, grade wenn ich dies bedenke,"
+Versetzte ruhig Aladdin,
+"Dann wird mir neuer Mut verliehn.
+Ich hätte nichts, was zum Geschenke
+Für einen Sultan gut genug?
+Entsinn' dich doch der hübschen Sachen,
+Die dazumal ich bei mir trug,
+Als ich der Höhle finstrem Rachen
+Entronnen war mit heiler Haut,
+Und die mein Mangel an Erfahrung
+Für bunte Gläser angeschaut.
+Längst aber ward mir Offenbarung;
+Lernt' ich doch von den Juwelieren
+Den Unterschied von falsch und echt.
+Juwelen sind es, nicht zu schlecht,
+Um eine Krone zu verzieren
+Durch auserlesne Farb' und Art.
+Die werden, kann ich dir versprechen,
+Dem Sultan, wenn er sie gewahrt,
+Gewaltig in die Augen stechen,
+Sodaß er überfließt von Gnade."
+
+Die Zauberfrüchte kurz und gut
+Nahm insgesamt er aus der Lade,
+Worin bis heute sie geruht,
+Und ordnete sie mit Bedacht
+In einer schönen alten Vase,
+Die seiner Mutter eine Base
+Einst zum Geburtstag überbracht.
+Ja freilich, von gemeinem Glase
+Kam dieses lautre Feuer nicht,
+Das nun mit stärkerem Gefunkel
+Sie blendete bei Tageslicht
+Als in des Abends halbem Dunkel.
+
+Nachdem an dem erhabnen Schimmer
+Die beiden lange sich geletzt,
+Nahm Aladdin das Wort. "Was jetzt?
+Sag', Mutter, zweifelst du noch immer,
+Daß mein Geschenk der Sultan schätzt?
+Du wirst, so wett' ich, im Palast
+Mit dieser Gabe gut empfangen.
+Sprich, welchen Einwand du noch hast,
+Um mir zu weigern mein Verlangen?"
+
+Zwar konnt' er sie nicht überzeugen;
+Doch weil er wild und wilder bat,
+So wußte sie sich keinen Rat
+Als widerstrebend sich zu beugen.
+"Wohlan, mein Sohn, weil du's verlangst,
+Will ich das Wagnis auf mich nehmen,
+Will trotzend meiner Herzensangst
+Mich zu dem schweren Gang bequemen.
+Nur gib nicht mir die Schuld, wenn später
+Daraus entquillt ein Unglücksborn,
+Und wenn uns in gerechtem Zorn
+Der Fürst bestraft als Missetäter."
+"Warum denn gleich das Ärgste glauben?"
+Erwiderte der Sohn ihr heiter.
+"Und sollt' er wirklich zürnend schnauben,
+Dann hilft gewiß mein Glück mir weiter.
+Die Lampe, die nun schon seit Jahren
+Auf Wunsch uns üppig tränkt und speist,
+Wird mir auch künftig in Gefahren
+Als Beistand senden ihren Geist."
+
+So wußt' er überaus gewandt
+Auch ihren letzten Widerstand
+Mit Gründen aller Art zu brechen,
+Und sie erklärte sich bereit,
+Beim Sultan morgen vorzusprechen,
+Wenn's im Bereich der Möglichkeit.
+
+
+
+
+6.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Vor lauter Ungeduld erweckte
+Bereits vor Tag, bei Dämmerschein
+Der Sohn die Mutter, und sie steckte
+Sich in ihr Feierkleid hinein.
+Die Vase, bis zum Rand gefüllt
+Mit den Juwelen, ward in Linnen
+Von ihr behutsam eingehüllt;
+Ein feines weißes Tuch für innen,
+Ein gröberes als Überzug,
+Sodaß, nachdem sie die vier Enden
+Verknotet mit geschickten Händen,
+Sie das Geschenk als Bündel trug.
+
+Sie machte dergestalt beklommen
+Nach dem Palast sich auf den Weg,
+Und grad als dort sie angekommen,
+Ward aufgetan das Torgeheg'.
+Erst ging hinein der Großvezier
+Mit andern hohen Würdenträgern,
+Lakaien, Reisigen und Jägern;
+Dahinter drängten, zahllos schier,
+In dichtem Schwarm sich all die Leute,
+Die bei des Herrschers Diwan heute
+Drauf rechneten, der Huld von oben
+Abzugewinnen einen Strahl.
+So, gehend halb und halb geschoben,
+Kam sie zum weiten, lichten Saal,
+Worin der Diwan ward gehalten.
+Dort saß der Sultan in Person,
+Umwogt von seines Purpurs Falten,
+Ihr gegenüber auf dem Thron,
+Der Großvezier an seiner Seite,
+Sodann, gewärtig seines Winks,
+Ein äußerst stattliches Geleite
+Von Staatsbeamten rechts und links.
+
+Wer nun der Reihe nach gerufen
+Herantrat an des Thrones Stufen,
+Der legte seine Bittschrift nieder,
+Sprach zur Begründung einen Satz,
+Erhielt Bescheid und mußt' hinwieder
+Dem Nächsten räumen seinen Platz.
+Die Mutter war noch lang' nicht dran;
+Doch ehe sie sich recht besann,
+Verstrich des Diwans kurze Stunde.
+Der Fürst stand auf, entließ die Zahl
+Der Harrenden und schritt im Bunde
+Mit seinem Hofstaat aus dem Saal.
+Der Schwarm verlief sich, und sie ging,
+Da weiteres Bemühn vergeblich,
+Nach Haus, wo sie der Sohn erheblich
+Enttäuscht und mißgestimmt empfing.
+Sein Unmut blieb ihr nicht verborgen;
+Doch fühlte sie sich frei von Schuld,
+Ermahnte sanft ihn zur Geduld
+Und gab ihr Wort, sie werde morgen
+Von neuem hingehn.--Welche Qual!
+Der arme Junge saß auf Kohlen.
+Denn fruchtlos mußte siebenmal
+Sie den Versuch noch wiederholen,
+Stets mit dem nämlichen Verlauf:
+Sie kam und sah den Sultan thronen,
+Recht sprechen, warnen und belohnen,
+Und immer wieder brach er auf,
+Bevor an ihr die Reihe war.
+So hätte dort wohl unabwendlich
+Sie Tag für Tag ein volles Jahr
+Gewartet, wäre sie nicht endlich
+Dem Blick des Herrschers aufgefallen,
+Weil ohne Bittschrift in der Hand
+Sie stets als hinterste von allen
+Dem Thron grad gegenüberstand.
+
+Drum, als der Diwan war beendet
+Am siebten Tag und er sich eben
+In sein Gemach zurückbegeben,
+Sprach er zum Großvezier gewendet:
+"Geraume Zeit bemerk' ich schon,
+Wie täglich, wenn ich Sitzung halte,
+Sich gegenüber meinem Thron
+Erwartend aufstellt eine Alte.
+Sie trägt was in ein Tuch geschlagen
+Und steht so bis zum Schlusse still.
+Kannst du mir künden, was sie will?"
+"Vermutlich will sie sich beklagen,"
+Erwiderte der Großvezier.
+"Du weißt ja, Herr, wie häufig Frauen
+Ein unbedeutend Leid vor dir
+Mit großem Wortschwall wiederkauen.
+Vielleicht hat man zu wenig Mehl
+Ihr auf dem Markte zugewogen,
+Vielleicht beim Wechseln sie betrogen."
+Der Sultan gab ihm drauf Befehl,
+Sie nächstesmal ihm vorzuführen.
+
+Und richtig, tags darauf, sofort
+Nachdem man aufgetan die Türen,
+Stand sie beharrlich wieder dort.
+Der Sultan winkte vor Beginn
+Der Sitzung, als er sie erblickte,
+Dem Großvezier, und dieser nickte
+Zum Obersten der Wache hin.
+Der gab der Mutter flugs ein Zeichen,
+Mit ihm zu gehn, gebot sodann
+Den Vorderen, vor ihr zu weichen,
+Und brachte sie zum Thron heran.
+Dort warf sie sich--weil dies gebührend
+Ihr schien nach allgemeinem Brauch--
+Vorm Sultan nieder auf den Bauch,
+Den Boden mit der Stirn berührend.
+Doch er befahl ihr aufzustehn
+Und sagte: "Gute Frau, tagtäglich
+Hab' ich seither dich unbeweglich
+Dort nah dem Eingang harren sehn.
+Was ist es, sprich, das du begehrst?"
+
+Sie warf sich nochmals nieder erst
+Und hauchte, vor Erregung heiser:
+"Bevor, erhabner Herr und Kaiser,
+Den Anlaß du von mir erfährt,
+Der mich bewog zu diesem Schritte,
+Vernimm die demutsvolle Bitte,
+Daß mein unglaubliches Verlangen
+Du gnädig im voraus verzeihst;
+Denn ich vergehe fast vor Bangen.
+Erscheint ja doch mein Unterfangen
+Sogar mir selber allzu dreist."
+
+Der Sultan, um ihr Mut zu machen,
+Ließ augenblicks den ganzen Hauf
+Des Volks entfernen durch die Wachen
+Und forderte den Hofstaat auf,
+Ihn mit der Frau allein zu lassen;
+zurück blieb nur der Großvezier.
+"Du darfst", so sprach er dann zu ihr,
+"Nunmehr getrost ein Herz dir fassen.
+Was immer dein Begehren sei,
+Dir ist's vorweg, mein Wort zum Pfande,
+Vergeben. Also rede frei!"
+
+Da lösten sich die Zungenbande
+Der Mutter. Ohne weitre Scheu
+Berichtete sie wahrheitstreu,
+Durch welch geheimes Abenteuer
+Sich seiner Tochter Aladdin,
+Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn
+Seitdem verzehre wildes Feuer;
+Wie redlich sie sich unterdessen
+Ihn abzukühlen angestrengt,
+Doch wie von Leidenschaft besessen
+Er sie zu diesem Gang gedrängt.
+Nur seiner Drohung, daß er sterbe,
+Wenn nicht um deren Hand sie werbe,
+Die doch fürwahr, mit ihm verglichen,
+Nicht minder unerreichbar fern
+Als an dem Firmament ein Stern,
+Sei schließlich zögernd sie gewichen.
+
+Der Sultan, keineswegs empört
+Noch spöttisch, äußerte die Frage,
+Nachdem er ruhig zugehört,
+Was in dem Tuch verhüllt sie trage.
+Sogleich entnahm sie wunschgemäß
+Dem Bündel das Geschenk des Sohnes
+Und stellte vor den Fuß des Thrones
+Das vollbeladene Gefäß.
+Der Herrscher, von dem bunten Scheine
+Geblendet, wähnte sich im Traum
+Und traute seinen Augen kaum
+Beim Anblick all der Edelsteine,
+So groß und prächtig, wie noch keine
+Zeit seines Lebens er geschaut,
+Und in Betrachtung ganz versunken
+Saß er ein Weilchen ohne Laut.
+Dann aber rief er freudetrunken:
+"Wie schön! Wie köstlich! Wie vollendet!",
+Nahm jeden einzeln in die Hand
+Und sprach, zum Großvezier gewendet:
+"Sag', ob in meinem ganzen Land
+In allen Ländern dieser Erde
+Man je was gleich Vollkommnes fand?"
+Mit beifallspendender Gebärde
+Gab dies der Großvezier ihm zu,
+Worauf er fortfuhr: "Möchtest du
+Behaupten, daß ich einen Mann,
+Der solcherlei vermag zu schenken,
+Nicht, ohne lang' mich zu bedenken,
+zum Schwiegersohn erwählen kann?"
+
+Der Großvezier war sehr betroffen
+Von diesem Wort. Seit Jahren schon
+Ließ nämlich ihn der Sultan hoffen,
+Er werde seinen eignen Sohn
+Mit der Prinzessin einst vermählen.
+Er sagte drum ins Ohr ihm leise:
+"Ja, Herr, ich kann es nicht verhehlen,
+Daß dies Geschenk von höchstem Preise
+Der Sultanstochter würdig ist;
+Doch gönne mir drei Monat Frist.
+Mein Sohn, den vormals du zum Gatten
+Ihr zu bestimmen hast beehrt,
+Stellt sicher dies Geschenk in Schatten
+Durch eins von doppelt reichem Wert."
+
+Das schien dem Sultan eine Flause;
+Doch gab er seiner Bitte nach,
+Weil er sein Günstling war, und sprach
+Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause
+Zu deinem Sohn und meld' ihm dies:
+Den Antrag, den er stellte, wies
+Ich nicht zurück; drei Monat sind
+Vonnöten aber, eh' zum Gatten
+Ich jemand gebe meinem Kind,
+Um sie geziemend auszustatten.
+Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."
+
+Die Mutter ging nach Haus zurück,
+Und diesmal bebten ihre Glieder
+Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Glück.
+
+
+
+
+7.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer könnte wohl in Worte fassen,
+Wie selig unser junger Held,
+Nachdem die Mutter ihm bestellt,
+Was ihm der Sultan melden lassen!
+O Wonne, daß nach langem Dürsten,
+Nach vielen Nächten ohne Schlaf
+Die Botschaft aus dem Mund des Fürsten
+Sein kühnstes Hoffen übertraf!
+Er tanzte rund herum im Zimmer,
+Schwor in den feurigsten Ergüssen
+Der Mutter Dankbarkeit auf immer
+Und überhäufte sie mit Küssen.
+Drei volle Monat waren freilich
+Als vorgeschriebne Wartezeit
+Für seine Sehnsucht endlos weit.
+Es war darum gewiß verzeihlich,
+Daß ihn des Ziels Erwartung quälte
+Und er beständig nach der Uhr
+Nicht Wochen, Tage, Stunden nur,
+Vielmehr auch die Minuten zählte.--
+Zwei Monat waren abgelaufen,
+Als eines Morgens ahnungslos
+Die Mutter sich, um was zu kaufen,
+Zum Markt begab. Ein laut Getos'
+Der Fröhlichkeit scholl ihr entgegen,
+Als wär' ein Fest herangerückt;
+Mit Blumenkränzen allerwegen
+Ward eilig Haus für Haus geschmückt,
+Und Lämpchen wurden hundertfach
+Hinaufgereicht auf hohe Leitern
+Für Prachtbeleuchtung auf dem Dach.
+Die Straßen wimmelten von Reitern
+Auf edlen, reichgezierten Pferden,
+Und alt und jung war aufgeputzt.
+Die Mutter, ganz und gar verdutzt,
+Vermochte draus nicht klug zu werden.
+Sie fragte drum den ersten besten,
+Weshalb denn heute jedermann
+Sich rüste wie zu großen Festen.
+Der gab zur Antwort: "Schau mal an,
+Das weißt du nicht? Ei, das erzählt sich
+Ja doch die ganze Stadt erfreut;
+Dem Sohn des Großveziers vermählt sich
+Prinzessin Bedrulbudur heut."
+
+Die Gute flog bestürzt nach Haus
+Und rief dem Sohn, der sich zur Stelle
+Befand, entgegen auf der Schwelle:
+"Ach, Ärmster, nun ist alles aus!
+Den Sultan hat sein Wort gereut;
+Denn im Palast ist Hochzeit heut.
+Dort wird mit feierlichem Prunke
+Der Sohn des Großveziers getraut,
+Und die Prinzessin ist die Braut."
+
+Als ob des Blitzes jäher Funke
+Durchzucke seines Lebens Mark,
+Empfand sich Aladdin zerschmettert,
+Blieb standhaft aber doch und stark;
+Und als verzweifelnd er durchblättert
+Seite für Seite sein Gedächtnis
+Nach Mitteln gegen diese Pein,
+Fiel ihm des falschen Freunds Vermächtnis,
+Die Wunderlampe, wieder ein.
+Zur Mutter sprach er drauf entschieden:
+"Der Hochzeit setz' ich einen Damm!
+Laß schaun, wer heute mehr zufrieden,
+Ich oder dieser Bräutigam."
+
+Er tat, was ihm bereits geläufig:
+In seine Kammer eingeschlossen
+Rieb er die Lampe, wie schon häufig,
+Und aus dem Boden aufgeschossen
+Erschien der Geist gleich einem Riesen,
+Ihn fragend: "Was ist dein Geheiß?"
+Drauf Aladdin: "Du hast mit Fleiß
+Mir öfters dienstbar dich erwiesen
+Bei Wünschen, die gering und nichtig.
+Das Werk jedoch, das ich dir nun
+Befehlen will für mich zu tun,
+Ist über alle Maßen wichtig.
+Du sollst mir meine Qualen lindern
+Und drum als unsichtbarer Gast
+Die Hochzeit, die heut im Palast
+Gefeiert werden soll, verhindern.
+Begib dich hin, vom Wind getragen,
+Ergreif' den Bräutigam beim Kragen,
+Entführ' in ein Versteck ihn, sperr'
+Dort fest ihn ein und laß verborgen
+Ihn schmachten bis zum nächsten Morgen."
+Der Geist versetzte fügsam: "Herr,
+Wie du befiehlst," und war verschwunden.
+
+Am Hofe ward mit aller Kraft
+Inzwischen seit den frühsten Stunden
+Für die Vermählung vorgeschafft.
+Mit einem wahrhaft beispiellosen
+Und noch nicht dagewesnen Glanz
+War der Palast verwandelt ganz
+In einen duft'gen Hain voll Rosen.
+Die Tafel funkelte von Gold;
+Prunkteppiche von schwerster Seide
+Bedeckten sorgsam aufgerollt
+Zu wundersamer Augenweide
+Den Marmorboden und die Treppe,
+Und rings mit Perlenschmuck beschwert
+Wog der Prinzessin Hochzeitsschleppe
+Drei Fürstentümer auf an Wert.
+
+Der ganze Hofstaat war beisammen
+Nebst Sendlingen aus aller Welt;
+Den angefachten Opferflammen
+Entstieg der Rauch zum Himmelszelt.
+Grad sollte die Vermählungsfeier
+Beginnen; Festmusik erscholl;
+Schon trat herein in ihrem Schleier
+Die Sultanstochter anmutsvoll
+An ihres hohen Vaters Arm,
+Und in der Würdenträger Schwarm
+Schritt ihr entgegen ihr Verlobter--
+Da plötzlich Nacht und wieder Licht;
+Der Geist erfüllte mit erprobter
+Vollendung seine Dienerpflicht.
+Man sah sich an, man sah sich um,
+Die Augen starr, die Mienen dumm:
+Was war geschehn? Der Bräutigam
+Stand nicht mehr dort, wo er gestanden
+Grad eben, sondern war abhanden,
+Wie fortgewischt von einem Schwamm.
+Man forschte, spähte; doch vergebens.
+Der Großvezier, der schon geglaubt,
+Er sei am Ziele seines Strebens,
+Schien vor Erregung sinnberaubt.
+Der Hofstaat mit betäubtem Hirne
+Begann zu tuscheln, dicht geschart;
+Der Sultan runzelte die Stirne
+Und brummte was in seinen Bart.
+Die Gäste ratlos und befangen,
+Verkrümelten sich allgemach,
+Und über der Prinzessin Wangen
+Herunter floß ein Tränenbach.
+
+Die Feierstimmung war verraucht,
+Verwandelt alle Lust in Wehe.
+Denn da zum Abschluß einer Ehe
+Den Bräutigam man dringend braucht,
+So blieb am Ende keine Wahl,
+Als die Vermählung zu verschieben
+Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl,
+Bis man ihn wieder aufgetrieben.
+Der Sultan flößte seiner Tochter
+Gar zärtlich Tröstung ein und Mut;
+Allein mit Mühe nur vermocht' er
+Zu stillen ihrer Augen Flut,
+Obwohl weit mehr verletzte Scham
+Und schwergekränkter Stolz die Quelle
+Der Tränen war als Herzensgram.
+
+Am nächsten Morgen aber kam
+Der Großvezier in höchster Schnelle
+Zum Sultan, der halb ungeduldig,
+Halb mürrisch ihm entgegensah,
+Und rief: "Mein Sohn ist wieder da!
+Er ist, o glaub' mir, weder schuldig,
+Noch weiß er selbst, was ihm geschah.
+Gebiete drum, daß man die Feier
+Heut rüsten soll zum zweitenmal,
+Und gib dadurch zurück dem Freier,
+Was ihm ein Unstern gestern stahl."
+Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht
+Ihm vorkam, war der Fürst erbötig;
+Denn für sein Ansehn schien ihm nötig,
+Daß alles möglichst ward vertuscht.
+Die Hauptstadt wurde von Trompeten
+Und Pauken abermals durchlärmt,
+Das Hochzeitsessen aufgewärmt
+Und alle Gäste neu gebeten.
+
+Als Aladdin, dem keine Spur
+Von sämtlichen Begebenheiten
+Entgangen war, davon erfuhr,
+Beschloß er, herzhaft fortzuschreiten
+Auf seinem Pfade bis zum Sieg.
+Den Geist beschwor er drum von neuem,
+Und als dem Boden er entstieg,
+Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem
+Gehorsam, was ich dir befohlen,
+Genau vollbracht. Dieselbe Not
+zwingt mich indessen, mein Gebot
+Von gestern dir zu wiederholen.
+Den Sohn des Großveziers entführe
+Heut abermals in gleicher Art,
+Und hinter fest verschlossner Türe
+Halt' ihn bis morgen früh verwahrt!"
+
+Der Geist entfernte sich, die Tat
+Alsbald wie tags zuvor verrichtend;
+Nur diesmal in noch stärkrem Grad
+Als gestern wirkte sie vernichtend.
+Im feierlichsten Augenblick
+Verschwand urplötzlich aus dem Saale
+Durch ein unfaßliches Geschick
+Der Bräutigam zum zweiten Male.
+Vom ganzen Hof und hohen Adel
+Ward er gesucht wie eine Nadel.
+In alle Winkel ward geguckt,
+Gestöbert ward in allen Ecken;
+Er war so wenig zu entdecken,
+Als ob der Boden ihn geschluckt.
+Hiermit begann ein Trauerspiel:
+Prinzessin Bedrulbudur raufte
+Die schönen Haare sich und fiel
+Bewußtlos hin; der Sultan schnaufte
+Vor Ingrimm wie ein wildes Tier;
+Der unglückselige Großvezier
+Wand sich in Krämpfen wie ein Wurm,
+Die Augen rollend rings im Kreise;
+Die Gäste flohen gruppenweise,
+Wie eine Herde vor dem Sturm,
+Und seufzend sprach der Oberkoch
+In tiefem, hoffnungslosem Härmen
+Zum Küchenjungen: "Einmal noch
+Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht wärmen."
+
+
+
+
+8.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Großvezier fand keinen Schlummer
+In dieser Nacht. Am andern Tag
+Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer
+Halb krank er noch im Bette lag,
+Trat aschenfahl und übernächtig
+Sein Sohn herein. Der Vater schrie,
+Vor Jähzorn seiner nicht mehr mächtig:
+"Hinweg mit dir, und laß dich nie
+Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie:
+"Mein Vater, schein' ich so verdächtig,
+Daß du Gehör mir weigern willst?
+Wenn dir bekannt, was unverschuldet
+Ich heut und gestern nacht erduldet,
+So wett' ich, daß dein Groll zerschmilzt.
+Ich wurde beidemal gepackt
+Von unsichtbaren Fäusten, stärker
+Als Menschenhand, und eingesackt
+In einen engen, finstren Kerker,
+Zu schmal, um nieder mich zu legen,
+Ja, selbst um aufrecht mich zu regen;
+Die Tür von außen fest verrammelt
+Und alles Rütteln ohne Zweck!
+So kauert' ich, noch kaum gesammelt
+Vom ersten fürchterlichen Schreck,
+Erneuter Hexerei gewärtig,
+Gefaßt auf meinen Untergang
+Und mit dem Erdendasein fertig,
+Wer weiß, wieviele Stunden lang,
+Bis endlich beidemal die Tür
+Von selber aufsprang. Aber gäbe
+Man tausend Bräute mir dafür,
+Ich möchte nicht, solang' ich lebe,
+Dies noch ein drittes Mal erleiden.
+So sehr mir die Prinzessin teuer,
+Ich will sie lieber dauernd meiden,
+Als dem geheimen Ungeheuer
+Zum Spielball dienen unbeschränkt.
+Ich glaube, Bedrulbudur denkt
+Hierin nicht anders, und sie kann,
+Auch wenn sie liebenswert mich findet,
+Nicht recht vertrauen einem Mann,
+Der unfreiwillig stets verschwindet.
+Drum wünsch' ich, ob du gleich dem bösen
+Verhängnis nicht mit Unrecht grollst,
+Daß du den Sultan bitten sollst,
+Er möge die Verlobung lösen."
+
+Der Großvezier erkannte klar,
+Wenn auch im Innersten bekümmert:
+Sein Lieblingsplan von manchem Jahr
+Lag rettungslos vor ihm zertrümmert,
+Sodaß, wie nun die Sache stand,
+Statt auf ein Wunder noch zu harren,
+Er selber den verfahrnen Karren
+Am besten stecken ließ im Sand.
+Er trug dem Sultan untertänig
+Drum seines Sohnes Bitte vor
+Und fand ein sehr geneigtes Ohr.
+Der Herrscher freute sich nicht wenig,
+Als unverhofft er sie vernahm,
+Daß dem Entschluß, den er im stillen
+Gefaßt um seiner Tochter willen,
+Ihr Bräutigam entgegenkam.
+
+Mit Windeseile flog die Kunde
+Von der Entlobung durch die Stadt,
+War tagelang in aller Munde;
+Doch schließlich schwatzte man sich satt.
+Es wußte ja vom wahren Grunde
+Nur Aladdin allein Bescheid,
+Und da nunmehr sein Weizen blühte,
+Nahm mit beruhigtem Gemüte
+Zum nächsten Schachzug er sich Zeit.
+
+Erst als ein Monat noch entwichen
+Und so, wie vorbestimmt, verstrichen
+Die ganze Frist von dreien, sandte
+Von neuem er die Mutter fort
+Zum Sultan, der sie gleich erkannte
+Und sich an sein gegebnes Wort
+Erinnerte. Mit freiem Mute
+Bat sie den Fürsten auf den Knien,
+Gewähren mög' er Aladdin,
+Was zu versprechen er geruhte,
+Da die bedungne Frist vorbei.
+
+Dem Sultan war die Mahnung peinlich.
+Er hatte ja für unwahrscheinlich
+Gehalten, daß die Schwärmerei
+Des jungen Manns nach so viel Wochen
+Noch immer nicht erloschen sei;
+Denn was er unbedacht versprochen,
+War niemals ernst gemeint gewesen.
+Konnt' er zum Gatten seines Kinds
+Wohl einen Schwiegersohn erlesen,
+Der nicht geboren war als Prinz?
+Und doch vor offener Verneinung
+Sich scheuend, zog im Widerstreit
+Er seinen Großvezier beiseit
+Und fragte leis nach dessen Meinung.
+"Herr," sagte jener gleichfalls leis,
+"Wenn du dein Wort nicht willst verletzen,
+Genügt es, einen solchen Preis
+Für die Prinzessin festzusetzen,
+Daß, wenn des Werbers Überfluß
+An Geld und Gut auch ohnegleichen,
+Trotz allem er die Segel streichen
+Und voll Beschämung abziehn muß."
+
+Der Ratschlag schien dem Sultan schlau;
+Deshalb sich zu der Mutter eilig
+Umwendend sprach er: "Gute Frau,
+Ich gab mein Wort und halt' es heilig.
+Dein Sohn soll keinen Hindernissen
+Begegnen; aber um zu wissen,
+Was er zur Morgengabe beut,
+Und ob er wirklich zur Erringung
+Der hohen Braut kein Opfer scheut,
+Mach' ich ihm eines zur Bedingung:
+Ich fordre, daß er vierzig Becken
+Von schwerstem Gold mir schicken soll,
+Die sämtlich bis zum Rande voll
+Von herrlichen Juwelen stecken,
+Den damals mir geschenkten gleich,
+Die jeden Stein im ganzen Reich
+Weitaus an Schönheit übertrafen,
+Hertragen sollen diese Fracht
+Auf Häupten vierzig schwarze Sklaven
+In reicher, auserlesner Tracht,
+Geführt von vierzig jungen weißen,
+Die noch verschwenderischer gleißen.
+Dies die Bedingung. Wird genau
+Von ihm bestanden diese Probe,
+Dann--höre, daß ich's laut gelobe--
+Wird meine Tochter seine Frau."
+
+Die Mutter schritt bedenklich heim,
+Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer,
+Des Herrschers Fordrung werd' auf immer
+In ihrem Sohne jeden Keim
+Des närrischen Begehrs ersticken.
+Doch als von diesem Trost beseelt
+Sie klipp und klar ihm aufgezählt,
+Was er dem Sultan solle schicken,
+Und sicher dachte, daß erschrocken
+Er sich bequeme zum Verzicht,
+Rief er mit strahlendem Gesicht
+Und überschäumendem Frohlocken:
+"Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt
+Im Glauben, daß durch die Bedingung
+Er mich ins Bockshorn jagen wird.
+Wähnt er, mir fehle zur Bezwingung
+Solch eines Probestücks die Macht?
+Ich könnt' ihm noch ganz andre Launen
+Befriedigen. Er soll erstaunen,
+Und du nicht minder. Gib nur acht!"
+
+Er ging in seine Kammer, rieb
+Die Lampe, bis der Geist erschienen,
+Der unterwürfig ihm zu dienen
+Wie stets bereit war. Er beschrieb
+Des Herrschers Anspruch ihm ausführlich
+Und fragte dann, ob er dies all
+Ihm schaffen könne Knall und Fall.
+Der Geist erwiderte: "Natürlich."
+"Wohlan," sprach Aladdin, "so eile,
+Damit ich flugs den ganzen Tand
+Ihm senden kann."
+
+ Der Geist entschwand
+Und kam nach nicht viel größrer Weile,
+Als während man die Augenlider
+Zuschließt und öffnet, wie geheißen
+Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder,
+Sowie mit vierzig jungen weißen,
+Sodaß der umfangreiche Zug
+Sich auf die Straße mußt' erstrecken,
+Weil Haus und Hof nicht weit genug.
+Ein jeder von den schwarzen trug
+Auf seinem Haupt ein goldnes Becken,
+Und jedes Becken wies in Fülle
+Demanten, Perlen und Berylle,
+Smaragd, Saphir, Topas, Rubin
+Von höchstem Reiz des Farbenspieles
+Und überlegen noch um vieles
+Den Früchten, die sich Aladdin
+Im Zaubergarten einst gepflückt.
+Nachdem das Werk soweit geglückt,
+Rief er die Mutter, die mit starren,
+Weit aufgerissnen Augen gaffte.
+"Schau," sprach er, "muß der Sultan harren?
+Gesteh', daß ich zur Stelle schaffte,
+Was er vorhin sich ausbedang!
+Jetzt aber zögere nicht lang
+Und bringe meine Morgengabe
+Geradeswegs in den Palast,
+Damit an meiner großen Hast
+Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe,
+Mein Herz nach so viel Sturmgebraus
+Zu steuern in der Ehe Hafen."
+
+Die Mutter schritt somit voraus
+Dem wundersamen Zug der Sklaven.
+Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus
+Entströmten gierige Beschauer,
+So daß in Kürze jung und alt
+Zu einer dichten Menschenmauer
+Auf allen Straßen stand geballt.
+Was irgend Beine hatte, lief,
+Was irgend Lungen hatte, rief
+Mit Stimmen, gellend wie Posaunen,
+Man möge kommen, sehn und staunen.
+Einmütig wurde die Verkündung
+Des Urteils allerorten laut,
+Daß in der Stadt seit ihrer Gründung
+Man solchen Aufwand nie geschaut,
+Nie Sklaven edler von Gestalt,
+Von Wuchs und Haltung angetroffen,
+So bunt geschmückt, so mannigfalt
+Bekleidet mit den feinsten Stoffen.
+In schöner Ordnung--denn zur Seite
+Den schwarzen Beckenträgern war
+Jeweils ein weißer als Geleite--
+Hinwandelten sie Paar für Paar.
+Dazu der Edelsteine Glänzen,
+Der vierzigfache Spiegelschein
+Des lautren Goldes--allgemein
+War die Begeistrung ohne Grenzen.
+
+
+
+
+9.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Die Nachricht war gleich einem Blitze
+Gedrungen an der Pförtner Ohr,
+Eh' des Palastes offnem Tor
+Sich näherte des Zuges Spitze.
+Sie sahn den schmucken Vordermann
+Der achtzig Sklaven mit Verbeugung
+Für einen fremden König an
+Und wollten drum zur Ehrbezeugung
+Ihm küssen seines Kleides Saum.
+Doch der erwiderte: "Gebt Raum
+Und bückt euch lieber vor dem Rechten.
+Ich bin nur einer von den Knechten
+In unsres großen Herren Sold."
+So stieg der Zug hinan die Treppen;
+Die Schwarzen hatten arg zu schleppen
+An ihrer schweren Last von Gold,
+Und von den weißen angeleitet
+Betraten sie den lichten Saal
+Des Diwans. Längst schon vorbereitet
+Und überaus gespannt befahl
+Der Sultan, daß man ihnen Platz
+Gewähre. Kunstgerechterweise
+Vor ihm gereiht in halbem Kreise
+Beeilten sie sich, ihren Schatz
+Am Fuß des Thrones aufzustellen,
+Worauf nach wohlversehnem Amt
+Sowohl die Dunklen als die Hellen
+Sich niederwarfen insgesamt.
+
+[Illustration: Die gestörte Hochzeitsfeier]
+
+Die Mutter nahte nun dem Thron
+Und sprach mit vielen Huldigungen:
+"Hier sendet Aladdin, mein Sohn,
+Erhabner, was du dir bedungen.
+Er hofft, es werde dir gefallen
+Und der Prinzessin ebenfalls."
+Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen
+Imstande, mit gerecktem Hals
+Und überzeugt, ihn wolle necken
+Ein Trug der Sinne, blickte bald
+Verwundert auf die vierzig Becken
+Mit ihrem funkelnden Gehalt
+Von größrem Wert als ganze Länder,
+Bald auf die fürstlichen Gewänder
+Der achtzig wohlgestalten Sklaven
+Und sagte laut zum Großvezier:
+"Fürwahr, der Himmel soll mich strafen
+Wenn ein Geschenk wie dieses hier
+Je Sultanstöchtern ward geboten!"
+"So ist es," stimmte jener bei,
+zumal er einsah, daß der Knoten
+Nicht anders mehr zu lösen sei.
+Wie hätte noch der Fürst sein Wort
+Zurückziehn können als Empfänger
+Von solchem beispiellosen Hort?
+Er fragte jetzt sogar nicht länger
+Nach des Bewerbers Rang und Stand
+Und allen andern Eigenschaften;
+Für jeden Vorzug konnt' als Pfand
+Sein ungeheurer Reichtum haften.
+"Geh'," sprach er drum in mildem Ton
+Zur Mutter, "meld' ihm, daß mit warmen
+Gefühlen ich und offnen Armen
+Ihn grüßen will als Schwiegersohn."
+
+So waren jetzt nach hartem Ringen
+Die Schwierigkeiten weggeräumt;
+Sie selber durft' ihm Kunde bringen,
+Daß alles, was er sich erträumt,
+Was für unmöglich ihr gegolten,
+Was als Verrücktheit sie gescholten,
+Und was ihm ihre Zweifelsucht
+Verargt als frevelhaft verstiegen,
+Ihm jetzt als eine reife Frucht
+Bereit war in den Schoß zu fliegen.
+
+Er aber, wenn auch überschwenglich
+Beglückt, ließ keine Zeit entfliehn,
+Um das zu tun, was unumgänglich
+Ihm zu des Werkes Krönung schien.
+Er hieß den Geist von neuem kommen
+Und sprach, als dieser schnell genaht:
+"Bereite mir sofort ein Bad
+Und bring', nachdem ich es genommen,
+Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll,
+Wie sonst es nur ein König trägt."
+Er fühlte drauf alsbald sich machtvoll
+Erfaßt und durch die Luft bewegt.
+Ein schöner Raum, an allen Wänden
+Mit buntem Marmor ausgelegt,
+Empfing ihn; dort bedient, gepflegt
+Von zarten, unsichtbaren Händen,
+Nahm er das Bad in einer lauen,
+Von Wohlgeruch erfüllten Flut.
+Sodann, erquickt und ausgeruht,
+Konnt' er in einem Spiegel schauen,
+Daß er zu seinem Vorteil ganz
+Verwandelt, schöner war und schmucker.
+Statt des bisherigen Gewands,
+Das immer noch den armen Schlucker
+Verraten hatte, fand er Kleider,
+So prächtig, so mit Gold bestickt,
+Daß jeder Prinz und Fürst als Neider
+Nach ihnen hätte hingeblickt.
+
+Sobald er fertig angezogen,
+Erschien der Geist auf seinen Wink,
+Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink!
+Ich habe mittlerweil erwogen,
+Was mir noch fehlt. Ein edles Roß
+Verlang' ich, das an Schönheit alle
+Verdunkelt in des Sultans Stalle;
+Zu diesem ferner einen Troß
+Von Sklaven, jenen gleich zu achten
+An Kleiderprunk und Stattlichkeit,
+Die mein Geschenk dem Sultan brachten;
+Acht Sklavinnen dann zum Geleit
+Für meine Mutter, deren jede
+Ihr ein so köstliches Gewand
+Soll bringen, daß im ganzen Land
+Bald von nichts andrem mehr die Rede.
+Auch einen Beutel mit zehntausend
+Goldstücken brauch' ich noch. Nur schnell
+Ans Werk!"
+
+ Der Geist entschwebte sausend,
+Und alles war im Nu zur Stell'.
+Den Sklavinnen gab Aladdin
+Befehl, zur Mutter hinzueilen
+Und ihr ein Staatskleid anzuziehn.
+Das bare Gold ließ er verteilen
+An feine Sklaven, mit der Weisung,
+Sie sollten's auf der ganzen Länge
+Des Wegs mit voller Hand zur Speisung
+Der Armut werfen in die Menge.
+Er stieg zu Pferd und zog inmitten
+Des Trosses durch die Straßen hin.
+Selbst Kennern kam nicht in den Sinn,
+Daß er noch nie zuvor geritten,
+Weil mit dem feinsten Ebenmaß
+Und Anstand er im Sattel saß.
+
+[Illustration: Aladdin reitet zum Schloß des Sultans]
+
+Vielköpfig, massig, nicht zu zählen,
+Lief wiederum das Volk herbei;
+Betäubend schwang aus allen Kehlen
+Sich Beifallruf und Jubelschrei,
+Besonders wenn, vom Sklaventroß
+Geschnellt, als ungewohnter Segen
+So rechts wie links ein Hagelregen
+Von goldnen Münzen sich ergoß.
+Wer war der Ritter hoch zu Roß?
+Bei Namen konnt' ihn niemand nennen,
+Nicht einmal einer unter zehn,
+Die noch vor kurzem ihn gesehn,
+Den alten Aladdin erkennen.
+Er, jüngst noch dürftig, unansehnlich,
+Sah nun sich selber nicht mehr ähnlich;
+Denn zu der Lampe Wunderkräften
+Gehörte die geheime Macht,
+Dem Glückspilz, den sie hoch gebracht,
+Auch äußern Adel anzuheften.
+So lag am Tage sonnenklar,
+Daß all der Pracht, womit er prunkte,
+Durch sein Verdienst er würdig war.
+Er wurde rasch zum Mittelpunkte
+Für jedes Auge; jauchzend hob
+Zum Himmel ihn des Volkes Lob
+Und gönnte gern ihm dieser Erde
+Vollkommenstes und reichstes Heil.
+
+Bis zum Palasttor mittlerweil
+Gelangt, stieg artig er vom Pferde.
+Die Pförtner bildeten zwei Reihen
+Von Tor zu Tür, um dem Empfang
+Vermehrte Würde zu verleihen;
+Durch diese schritt er sacht entlang,
+Trat in den Saal und vor den Thron.
+Der Sultan, seiner harrend schon,
+War überrascht und höchst erbaut
+Sowohl von seiner Prachtentfaltung
+Wie seinem Wuchs und seiner Haltung,
+Schritt ihm entgegen, zog ihn traut,
+Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken,
+An seine Vaterbrust und ließ,
+Indem er ihn willkommen hieß,
+Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.
+
+"Erlauchter Fürst," sprach Aladdin,
+"Ich danke dir, daß mein Erkühnen,
+Statt es durch harten Spruch zu sühnen,
+So nachsichtsvoll du mir verziehn.
+Ich wüßte nichts, was mich entschuldigt,
+Als daß mein Herz, von holdem Zwang
+Besiegt, in willenlosem Drang
+Der reizenden Prinzessin huldigt,
+Und daß die Liebe, die gewaltsam
+In meinem Innern flammt und loht,
+Nicht enden wird, bis unaufhaltsam
+Mein Leben selbst erlischt im Tod."
+
+"Mein Freund," versetze halb im Scherz
+Der Sultan, "um durch dieses Feuer
+Heillos versengt zu sehn dein Herz,
+Halt' ich fortan dich viel zu teuer.
+Ist dies das Mittel, dich zu töten,
+So weiß ich, was dich heilen soll."
+Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl
+Musik von Zimbeln und von Flöten.
+Er führte drauf ihn liebevoll
+Zum wunderbaren Nebensaal,
+Worin bereits auf goldnen Tellern
+War aufgetischt ein leckres Mahl,
+Das aus den kaiserlichen Kellern
+Versorgt war mit dem besten Wein.
+Der Sultan aß mit ihm allein;
+Der Großvezier und all die Herrn
+Von Rang und von Geblüt umkreisten
+Den vollbesetzen Tisch von fern
+Und mußten zusehn, wie sie speisten.
+
+
+
+
+10.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nach Tische ward an Aladdin
+Vom Sultan väterlich die Frage
+Gerichtet, ob es ihm behage,
+Sogleich die Hochzeit zu vollziehn.
+Er gab zur Antwort: "Herr, du weißt,
+Wie sehr ich nach dem Glück verlange,
+Das die Prinzessin mir verheißt.
+Jedoch damit ich ihrem Range
+Gemäß an unserm Hochzeitstag
+Sogleich in tadellosen Räumen
+Ein neues Heim ihr bieten mag,
+Laß noch für kurze Zeit mich säumen.
+Ein Schloß, versehn mit jeder Zier,
+Will ich errichten. Weise mir
+Drum einen angemessnen Bauplatz."
+Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast
+Die Auswahl. Hier vor dem Palast
+Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz,
+Wo für dein Schloß genügend Raum.
+Nur laß es möglichst rasch erbauen;
+Denn, glaube mir, ich kann es kaum
+Erwarten, euch vermählt zu schauen."
+Nach dem Gelöbnis, daß er sicher
+Den Bau nach Kräften fördern werde,
+Nahm Aladdin mit feierlicher
+Umarmung Abschied, stieg zu Pferde
+Und trabte durch die gleichen Gassen
+Mit dem Gefolg zurück nach Haus,
+Umbrandet wieder von den Massen
+Des Volks mit lautem Jubelbraus.
+
+Daheim kaum angelangt, beschwor
+Den Geist er abermals und sagte:
+"Schon dein bisherig Wirken ragte
+Durch Kraft und Schnelligkeit hervor.
+Doch zu dem ungemeinen Werke,
+Das jetzt mir unentbehrlich ist,
+Bedarf ich deiner ganzen Stärke.
+Du sollst in möglichst kurzer Frist
+Grad gegenüber vom Palaste
+Des Sultans mir ein stolzes Schloß
+Errichten, das vom Erdgeschoß
+Bis zu des Daches Flaggenmaste
+Der Sultanstochter, meiner Frau,
+Trotz ihrem sehr verwöhnten Auge
+Zur künftigen Behausung tauge.
+Welch ein Gestein du für den Bau
+Verwenden willst, ob Marmorquadern,
+Schneeweiß mit feinen schwarzen Adern,
+Ob Jaspis, ob Achat, Lasur,
+Das stell' ich ganz in dein Ermessen;
+Doch sollst du--dies beding' ich nur--
+Nicht einen großen Saal vergessen
+Im obern Stockwerk, der bekrönt
+Von einer Kuppel, an den Wänden
+Durch Gold und Silber sei verschönt.
+Auch soll, um hellstes Licht zu spenden,
+Er vierundzwanzig Fenster zählen;
+Die Rahmen seien alabastern,
+Das Gitter sollst du mit Juwelen
+Von unerreichtem Glanz bepflastern.
+An einem wohlverwahrten Platz
+Befinde ferner sich ein Schatz
+Gemünzten Goldes aufgespeichert,
+Der für mein Lebtag mich bereichert.
+Auch will ich, daß man eine Flucht
+Von Küchen trifft am rechten Orte,
+Nebst Vorratskammern jeder Sorte,
+Und Ställe voll von edler Zucht.
+Ingleichen soll das Lustschloß innen
+Bevölkert sein mit einem Heer
+Von Dienern und von Dienerinnen.--
+Das alles schaff' mir nach Begehr,
+Und wenn du fertig bist, komm wieder."
+
+Als er dem Geiste dies gebot,
+Sank abendlich die Sonne nieder.
+Am andern Tag ums Morgenrot
+Erschien der Geist an seinem Bette:
+"Vollendet ist, was du bestellt;
+Schau," sprach er, "ob es dir gefällt."
+Er trug darauf ihn an die Stätte.
+Wie sehr war Aladdin verwundert!
+Da stand, erbaut in einer Nacht,
+Ein Schloß, wie noch kein halb Jahrhundert
+Voll Menschenarbeit es vollbracht.
+Er glaubte wahrlich nur zu träumen,
+Als ihn der Geist in allen Räumen
+Herumgeleitete. Da war
+Sein Auftrag Punkt für Punkt vollzogen,
+Bei weitem überholt sogar:
+Gewölbe, Säulen, Pfeiler, Bogen
+Von höchster Schönheit, ein Gewimmel
+Von Dienstbeflissnen überall;
+An Silberkrippen in dem Stall
+Die schönsten Rappen, Füchse, Schimmel;
+Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam
+In Küch' und Kammern schon verfacht;
+Der Schatz in sicherem Gewahrsam,
+Von einem Schließer treu bewacht,
+Mit Gold gefüllte Riesensäcke,
+Gehäuft, getürmt bis an die Decke.
+
+Nachdem sich Aladdin das Ganze
+Von Grund aus angesehn, zumal
+Auch noch den großen Kuppelsaal,
+Sprach er, geblendet von dem Glanze,
+zum Geist: "Ich muß dir Beifall zollen;
+Befriedigt wurde musterhaft
+Von dir mein Wünschen und mein Wollen.
+Nun sei nur noch herbeigeschafft
+Ein langer Teppich aus Damast,
+Von feenhaftem Farbenschimmer;
+Du sollst, befehl' ich, vom Palast
+Des Sultans ihn bis an die Zimmer
+Der Herrin dieses Schlosses breiten.
+Ihn soll auf ihrer Wanderung
+Ins neue Heim ihr Fuß beschreiten."
+Der Geist entfernte sich im Schwung,
+Und eh' sich's Aladdin versah,
+Lag der damastne Teppich da.
+Der Geist kam wieder ohne Rast
+Und trug nach Haus ihn unverdrossen,
+Grad als die Pforten am Palast
+Des Sultans wurden aufgeschlossen.
+
+Die Pförtner wunderten sich sehr,
+Als drüben, dicht vor ihren Nasen,
+Wo gestern noch die Stätte leer
+Und nur bewachsen war mit Rasen,
+Ein Wunderbauwerk hoch und hehr
+Sie ragen sahen in die Lüfte.
+Die Nachricht schwirrte mit Gesumm
+Beflügelt im Palast herum;
+Der Hofstaat machte höchst verblüffte
+Gesichter, und der Großvezier
+Lief, als er eine Weile stier
+Den rätselhaften Spuk beglotzt,
+zum Sultan hin und sprach entrüstet:
+"Wer sich mit einem Kunststück brüstet,
+Das jeglicher Erfahrung trotzt,
+Der steht im Bund mit Zauberei!"
+Der Sultan gab zur Antwort: "Ei,
+Man muß nicht gleich das Schlimmste denken.
+Was ist denn weiter auch dabei?
+Ein Mann, der so vermag zu schenken,
+Den drum mein fürstliches Vertrau'n
+Erkor zu meiner Tochter Gatten,
+Der kann sich wohl den Spaß gestatten,
+Ein Schloß in einer Nacht zu bau'n.
+Er gibt als reichster Mann der Welt
+Uns nur ein augenfällig Zeichen,
+Daß man mit sehr viel barem Geld
+So ziemlich alles kann erreichen.
+Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen,
+Und wenn du trachtest, ihn als Frucht
+Von Zauberkünsten hinzustellen,
+So spricht aus dir die Eifersucht."--
+
+Zur Stunde, da sich so die beiden
+Besprachen, war in ihrem Haus
+Die Mutter Aladdins drauf aus,
+Mit jenem Staat sich zu bekleiden,
+Den ihr die Sklavinnen gespendet,
+Und ließ, nachdem durch deren Walten
+Ihr Putz in Bälde war vollendet,
+Von ihnen sich die Schleppe halten
+Auf ihrem Wege zum Palast.
+Auch Aladdin, im Vaterhause
+zum allerletztenmal zu Gast,
+Brach auf nach kurzer Ruhepause.
+Die vielbewährte Wunderlampe
+Nahm er dabei wohlweislich mit,
+Bestieg sein flinkes Pferd und ritt
+Gradaus zu seines Schlosses Rampe.
+
+[Illustration: Der Sultan erblickt das Schloß Aladdins]
+
+Der feierliche Freudenklang
+Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten
+Erscholl der Mutter zum Empfang.
+Von des Palastes Zinnen wehten
+Im Winde fröhlich bunte Fahnen;
+Aus Schalen strömte Balsamduft;
+Der Hofstaat stand auf den Altanen
+Und schwenkte Tücher durch die Luft.
+Die Stadt ward neuerdings geschmückt
+Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern;
+Viel deutlicher war den Gesichtern
+Des Frohsinns Stempel aufgedrückt
+Als beim gestörten Hochzeitsfeste
+Von damals. Die verdutzte Schar
+Des Volks erblickte zwei Paläste,
+Wo tags zuvor nur einer war;
+Zumal bestaunten sie den neuen,
+Und laut bekannte jedermann,
+Er müsse den Vergleich nicht scheuen,
+Ja, steh' dem alten weit voran.
+
+Inzwischen ward, weil sich der Freier
+Ausdrücklich hatte vorbehalten,
+In seinem eignen Schloß die Feier
+Der Hochzeit glänzend zu gestalten,
+Vom Sultan öffentlich erklärt,
+Daß gültig nun zu Recht bestehe
+Prinzessin Bedrulbudurs Ehe
+Mit dem Gemahl, der ihrer wert,
+Und dem sein Vaterherz gewogen;
+Auch wurde der Vertrag vollzogen
+Mit hergebrachter Förmlichkeit.
+Dann leerten einen Freudenbecher
+Die Mutter und der Fürst zuzweit.
+Er selber gab ihr das Geleit
+In der Prinzessin Wohngemächer.
+Dort kam in ihrem reichen Schmuck
+Und ihrer Schönheit holdem Prangen
+Die Braut entgegen ihr gegangen
+Mit einem warmen Händedruck
+Und einem Kuß auf ihre Wangen.
+Sie nahm, bereit zur Überführung
+In ihres Ehegatten Schloß,
+Vom Vater Abschied. Beiden floß
+Ein Tränenstrom herab vor Rührung.
+Und als der Sonne letztes Blinken
+Gewichen war dem Dämmerschein,
+Da formte sich der Zug. Zur Linken
+Schritt ihr die Mutter, hinterdrein
+Die Sklavinnen und Zofen all,
+Voran ein Trupp von Musikanten
+Mit schmetterndem Posaunenschall,
+Zuletzt unzählige Trabanten,
+Lakaien, Pfeifer, Paukenschläger
+Und Knappen, die als Fackelträger
+Dem Zuge Licht zu spenden hatten.
+So schwebte die Gebieterin
+Auf dem damastnen Teppich hin
+Zum kerzenhellen Schloß des Gatten,
+Und all das heitre Volksgewimmel
+Entsandte wie aus einem Mund
+Gebet und Segenswunsch zum Himmel
+Für ihren jungen Ehebund.
+
+
+
+
+11.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Von seiner Dienerschaft umgeben
+Stand Aladdin am Eingangstor
+Und führte mit beglücktem Beben
+Die Braut zum Kuppelsaal empor.
+Sie war beim ersten Anblick schon
+Entzückt von ihm, da beim Vergleiche
+Sie fand, daß nimmer ihm der Sohn
+Des Großveziers das Wasser reiche.
+Und Aladdin? Ach, wer beschriebe,
+Was er im Innersten empfand,
+Wie nun das Traumbild seiner Liebe
+Holdselig leibhaft vor ihm stand!
+Er rief: "Du Herrlichste von allen,
+Vor der das Taggestirn erbleicht,
+Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht
+Verurteilt bin, dir zu mißfallen!"
+"Mein Prinz--denn dieser Name scheint",
+Versetzte sie, "dir zu gebühren--
+Mir hat mein Vater dich zu küren
+Befohlen und mich dir vereint.
+Des Vaters Willen sich zu fügen
+Ist einer guten Tochter Pflicht;
+Doch ich vollzog sie mit Vergnügen;
+Denn wisse, du mißfällst mir nicht."
+
+Mit dieser feinen Antwort scheuchte
+Sie seiner Sorge letzten Rest;
+Und nun begann ein Zauberfest,
+Das ihr viel Staunenswerter deuchte,
+Als was daheim sie je geschaut.
+Die Tafel überschwemmten Rosen,
+Von Diamanten rings betaut;
+Von einer gleichfalls grenzenlosen
+Verschwendung zeugten die Pokale,
+Die Schüsseln, Teller, Gabeln, Messer;
+Sogar die Speisen waren besser
+Als je beim kaiserlichen Mahle.
+Zu Flötenspiel und Lautenklang
+Ertönte, reizend anzuhören,
+Ein doppelstimmiger Gesang
+Von allerliebsten Mädchenchören.
+Nach Schluß des Mahls erschien ein Schwarm
+Von Tänzern und von Tänzerinnen,
+Um einen Reigen zu beginnen.
+Der Schloßherr selbst bot seinen Arm
+Der Herrin, und voll Anmut schwangen
+Nach einem alten Brauch des Lands
+Die Neuvermählten sich im Tanz.
+Die Mitternacht war längst vergangen,
+Da sich im Schloß zu Ende neigte
+Die Lustbarkeit.
+
+ Am Tag darauf,
+Als schon des Sonnenballes Lauf
+Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte,
+Schritt Aladdin mit einem Heere
+Von Dienern auf dem kurzen Pfad
+Hinüber zum Palast und bat
+Den Schwiegervater um die Ehre,
+Sein Schloß in Augenschein zu nehmen.
+Gewiß, der Sultan mochte gern
+Zu dieser Einkehr sich bequemen
+Und ging, begleitet von den Herrn
+Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fuße.
+
+Das Schloß, obwohl er's nun schon oft
+Von seinem Fenster aus mit Muße
+Betrachtet, schien ihm unverhofft
+Noch prächtiger, als er es nah
+Und näher jetzt vor Augen sah.
+Im Innern erst vermochte kaum
+Er sein Entzücken zu bemeistern,
+Und gar der große Kuppelraum
+Schien grenzenlos ihn zu begeistern.
+Er sprach zum Großvezier: "Ein Wunder
+Wie dies hab' ich noch nie gewahrt.
+Hiergegen ist, bei meinem Bart,
+Mein eigener Palast nur Plunder."
+
+Doch als er wieder heimgekehrt,
+Um manchen großen Eindruck reicher.
+Da schlängelte der alte Schleicher
+Von Großvezier sich unbegehrt
+An ihn heran mit dem Vermerk:
+"Wer könnte diesen Bau betrachten,
+Erhabner, ohne für ein Werk
+Der Zauberkunst ihn zu erachten?"
+Der Sultan drauf mit strengem Blick:
+"Das hochzeitliche Mißgeschick,
+Das deinem Sohn so schlecht bekam,
+Kannst du noch immer nicht verschmerzen,
+Bist Aladdin deswegen gram
+Und suchst ihn grundlos anzuschwärzen."
+
+So scheiterte die Lästrung kläglich.
+Der Fürst begab, sobald er wach,
+Vielmehr von jetzt ab sich tagtäglich
+Gleich in sein Lieblingswohngemach,
+Wo freien Ausblick er genoß
+Auf seines Schwiegersohnes Schloß,
+Und ward nicht müd, vom Fenster aus,
+Ganz in Bewunderung vergraben,
+An Form und Schmuck des stolzen Baus
+Das Auge stundenlang zu laben.
+Wer aber dächte, daß nunmehr
+Sich Aladdin daheim verschlossen
+Und ferngehalten vom Verkehr,
+Der hätte gänzlich fehlgeschossen.
+Im Gegenteil, er ward beständig
+Lustwandelnd in der Stadt gesehn,
+Ging zum Gebet in die Moscheen,
+Tat manchen Einkauf eigenhändig,
+War bei den hohen Edelleuten
+Oft zu Besuch, und jedesmal,
+Wenn er mit einer großen Zahl
+Betreßter Diener ausritt, streuten
+Sie Gold umher aus vollen Händen.
+An seines Schlosses Pforten kam
+Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden
+Vollauf beladen Abschied nahm.
+
+Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen,
+Ins Feld hinausstob ungehemmt,
+Ward jedes Dorf auf seinen Wegen
+Von einem Goldstrom überschwemmt.
+Kein Wunder war's, wenn dergestalt
+Ihm der Berühmtheit Rosenwolke
+Das Haupt umspann, und wenn er bald
+Vergöttert ward vom ganzen Volke.
+Er aber wurde drum nicht eitel,
+Nein, zeigte dem bedrohten Staat
+Sich von der Zehe bis zum Scheitel
+Als echten Helden durch die Tat:
+Des Reichs gesamte Grenze stand
+In eines Aufruhrs hellem Brand.
+Der Feldherrn keiner konnt' ihn dämpfen,
+Bis Aladdin, dem Ruf der Not
+Gehorchend, mannhaft sich erbot,
+Auf eigne Faust ihn zu bekämpfen.
+Vom Herrscher an des Heeres Spitze
+Berufen zog er in das Feld,
+Nicht achtend Mühsal, Frost und Hitze!
+Bald war von ihm der Feind umstellt
+Und wurde wie beim Hasenjagen
+Trotz aller seiner Übermacht
+In einer einz'gen großen Schlacht
+Zerstreut und in die Flucht geschlagen.
+Dann führte seine tapfren Krieger
+Er heimwärts im Triumph, das Haupt
+Von einem Ruhmeskranz umlaubt,
+Und hieß nun Aladdin der Sieger.--
+
+In stetem Fluß allmählich reihte
+Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr;
+Er aber ward es kaum gewahr
+An seiner schönen Gattin Seite,
+Geliebt und liebend, hochgeachtet
+Und doch von schlicht bescheidnem Sinn.
+Die Bosheit, die von Urbeginn
+Das Gute zu vernichten trachtet,
+Sollt' aber nach der Gnadenfrist
+Auch ihn mit hartem Streiche treffen.
+
+[Illustration: Der Zauberer befragt die "schwarze Kunst" über Aladdin]
+
+Der Zaubrer, der mit schnöder List
+Ihn einst sich ausgesucht als Neffen,
+Dann heimgewandert und seit Jahren
+In Afrika nun wieder saß,
+Wollt' eines Tages, rein zum Spaß,
+Genaueres davon erfahren,
+Wie Aladdin zugrund gegangen.
+Denn daß der Bursch aus jener Gruft
+Nie mehr, nachdem er drin gefangen,
+Zurückgekehrt zu Licht und Luft,
+War nicht im mindesten ihm fraglich;
+Die Frage, die er noch gespart,
+Galt einzig seiner Todesart.
+Er setzte sich darum behaglich
+An einen Tisch, worauf mit Sand
+Gefüllt ein Viereck sich befand
+In Schachtelform, nahm einen Stift
+Und zog damit nach Zaubrerweise
+Im Sande Linien und Kreise
+Nebst Lettern einer fremden Schrift.
+Berechnend, murmelnd unverständlich,
+Nach Grundsatz, Regel und Gebot
+Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich
+Heraus, daß Aladdin nicht tot,
+Nein, daß er aus der Gruft entsprungen,
+Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen
+Und obendrein als der Gemahl
+Der Sultanstochter herrlich lebe.
+
+Ha, war das tückische Gewebe
+Zerfetzt? Er wurde leichenfahl,
+Krebsrot und wieder kreideblaß
+Und dann vor Mißgunst gelb und gelber.
+"Wie?" rief er aus in Wut und Haß,
+"Der Schatz, den mühsam für mich selber
+Ich ausgespürt mit saurem Schweiß,
+In zähem, jahrelangem Fleiß,
+Der Lampe hohe Wunderkraft
+Ward mir zu meines Forschens Lohne
+Von einem niedren Schneidersohne,
+Von einem Tagedieb entrafft!
+Er, den vermodert ich gewähnt,
+Er darf zu schwelgen sich erfrechen
+Im Reichtum, den er mir entlehnt!
+Doch nur Geduld, ich will mich rächen!"
+Er warf somit am selben Tag
+Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen
+Und galoppierte stracks von hinnen
+Zum Reich, das fern im Osten lag.
+
+
+
+
+12.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem er auf der langen Reise
+Sich und sein Pferd halb tot gehetzt,
+Sich nur an kurzem Schlaf geletzt,
+Sich nur genährt mit knapper Speise,
+Mit kargem Trank erfrischt, gelangte
+Der Zaubrer in des Sultans Reich,
+Und bald vor seinen Augen prangte
+Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich
+Ihm damals kläglich war mißlungen.
+In einem kleinen Gasthaus stieg
+Er ab, um seinen Rachekrieg
+Zu fördern durch Erkundigungen.
+
+Das Wichtigste ward ihm natürlich
+Enthüllt, bevor ein Tag verfloß;
+Denn alle Welt sprach unwillkürlich
+Von Aladdin und seinem Schloß.
+Er ließ zu dem berühmten Bau
+Von seinem Wirt sich hingeleiten,
+Und als er ihn von allen Seiten
+Beschnüffelt hatte ganz genau,
+Da wußt' er, daß dem Aladdin
+Zu einem Werk von solcher Größe
+Nur jene Lampe Kraft verliehn.
+Er gab sich selber Rippenstöße
+Vor Ärger, weil dies Meisterstück
+Ihn völlig erst ermessen lehrte,
+Was ihm entgangen war, und kehrte
+Zu seinem Gasthaus dann zurück.
+
+Wo mochte wohl die Lampe stecken?
+Wenn ihren Aufbewahrungsplatz
+Er fähig wäre zu entdecken,
+Dann könnt' er den ersehnten Schatz
+Von ihm erlisten, Raub um Raub,
+Und von der angemaßten Zinne
+Zurück ihn schmettern in den Staub.
+Er nahm behend wie eine Spinne,
+Die rastlos webt an ihrem Netze,
+Das Zauberviereck wieder vor,
+Und durch die magischen Gesetze,
+Die mit Gekritzel er beschwor
+Und knifflicher Berechnungsart,
+Ward bald unfehlbar ihm verraten:
+Die Lampe war im Schloß verwahrt.
+
+Der Zufall, der verruchten Taten
+Oft beisteht, war auch ihm gewogen.
+Willkommen traf die Nachricht ihn,
+Daß vor drei Tagen Aladdin
+Auf eine große Jagd gezogen
+Und fern sei bis zum Wochenschluß.
+Er trat in eines Klempners Laden
+Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden
+Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muß
+zwölf Lampen haben, nagelneu,
+Von blankem Kupfer." "Meiner Treu,"
+Erwiderte mit breitem Lachen
+Der Klempner--denn er war erfreut,
+Solch glänzendes Geschäft zu machen--
+"Gleich zwölf? So viele hab' ich heut
+zwar nicht auf Lager; doch bis morgen
+Werd' ich die fehlenden besorgen."
+
+Mit einem Korb am Arme kam
+Der Zaubrer wieder tags darauf,
+Verpackte drin den ganzen Kram,
+Gab für den abgeschlossnen Kauf
+Weit höhern Preis als nach Verpflichtung,
+Bewegte dann sich in der Richtung
+Des Schlosses langsam durch die Stadt
+Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen:
+"Hört, hört! Wer alte Lampen hat,
+Kann hier sie gegen neue tauschen."
+Die Leute dachten allgemein:
+"Der Mensch da hat wohl einen Sparren."
+Die Kinder hielten ihn zum Narren
+Und liefen gröhlend hinterdrein.
+Ihn aber konnt' es nicht beirren;
+Er ließ im Korb die Lampen klirren
+Und wiederholte hundertmal
+Aus Leibeskräften sein Gekrähe
+Bis in des Schlosses nächste Nähe.
+
+In ihrem großen Kuppelsaal
+Saß Bedrulbudur. Das Gehöhne
+Der Kinder und die schrillen Töne
+Des Rufers drangen auch zu ihr,
+Und einer Sklavin aufzutragen
+Gebot ihr drum die Wißbegier,
+Sie mög' hinuntergehn und fragen,
+Was dieser wüste Lärm bedeute.
+Die Sklavin ging und lachte hell,
+Da sie zurückkam: "Der Gesell,
+Der dort umringt wird von der Meute,
+Ist ohne Zweifel gänzlich toll.
+Sein Tragkorb ist von einem Haufen
+Der schönsten neuen Lampen voll;
+Er aber will sie nicht verkaufen,
+Nein, will sie tauschen gegen alte."
+
+Auch der Prinzessin Lachen schallte
+Nun laut und klang im Echo nach,
+Bis eine andre Sklavin sprach:
+"Vergib mir, Herrin; doch ich finde,
+Da sich's um alte Lampen dreht
+Und gleich hier neben auf dem Spinde
+Zufällig eine solche steht,
+So könnte man, wenn's dir beliebt,
+Erproben, ob der Kerl tatsächlich
+Für diese da, die schon gebrechlich,
+Uns eine nagelneue gibt."
+
+Dem stimmte die Prinzessin zu.--
+Klang dir im Innern keine Warnung,
+O Bedrulbudur? Ahntest du
+Nicht schmählichen Betrugs Umgarnung?
+Die Wunderlampe war's, die dort
+Unscheinbar stand seit ein paar Tagen,
+Weil Aladdin, der immerfort
+Sie sonst mit sich herumgetragen,
+Aus Furcht, sie könn' in Wald und Feld
+Verloren gehn, nicht auf die Jagd
+Sie mitgenommen. Wer nun fragt,
+Warum aufs Spind er sie gestellt,
+Anstatt sie sorgsam einzuschließen,
+Den darf die Antwort nicht verdrießen,
+Daß hin und wieder ein Versehn
+Wohl jedem unterläuft im Leben,
+Und daß die Allerklügsten eben
+Die dümmsten Fehler oft begehn.
+Die Sklavin nahm die Lampe, trug
+Zum Zaubrer hurtig sie hinunter,
+Hielt ihm sie hin und sagte munter:
+"Wenn diese da dir alt genug,
+Gib eine neue mir zum Tausche."
+Zugreifend voll Begier verschlang
+Er mit den Augen seinen Fang
+In schlecht verhehltem Freudenrausche;
+Dann ließ er unters Kleid ihn wandern.
+Den Korb jedoch mit den zwölf andern
+Wies er der Sklavin vor zur Wahl.
+Sie wählte lachend, und die Rotte
+Begoß ihn mit vermehrtem Spotte.
+
+Doch er, geschmeidig wie ein Aal,
+Entkam durch eine Seitengasse,
+Ließ dort, sobald ihn dieser Schlich
+Geborgen hatte vor der Masse,
+Den angefüllten Korb im Stich
+Und lief davon, sein Gasthaus meidend.
+Was lag ihm noch an seinem Pferd?
+Was lag an andrem Geldeswert?
+Jetzt war nur eins für ihn entscheidend!
+Nachdem er eine halbe Meile
+Vorm Stadttor endlich Halt gemacht,
+Beschloß er, noch für eine Weile
+Sich zu gedulden, bis die Nacht
+Ihm Schutz vor Überrumplung böte.
+Erst als im Westen sich verlor
+Der letzte Schein der Abendröte,
+Zog er die Lampe sacht hervor
+Und rieb sie.
+
+ "Was ist dein Begehr?"
+So rief im nächsten Augenblicke
+Der Geist, an Länge, Breite, Dicke
+Fünfmal so massig wie ein Bär;
+"Die Lampe macht es mir zur Pflicht,
+Daß ich gehorsam dich bediene."
+Der Zaubrer sprach mit Siegermiene:
+"Du sollst das Schloß, das jener Wicht
+Von dir sich hat erbauen lassen,
+Mit seinen sämtlichen Insassen
+Und mir zugleich alsbald von da
+Forttragen durch des Äthers Wellen
+Und an dem Punkt in Afrika,
+Wo ich daheim bin, niederstellen."
+Gehorsam seinem neuen Meister
+Vollzog der Geist noch in der Nacht
+Mit Hilfe seiner Nebengeister
+Den Auftrag.
+
+ Zeitig aufgewacht
+Begab der Sultan sich wie täglich
+Zum Fenster, um in froher Schau
+Zu mustern den erhabnen Bau.
+Sein Staunen aber war unsäglich,
+Als er den leeren Platz erblickte,
+Vom Schloß dagegen keine Spur.
+Er rieb die Augen sich, er zwickte
+Sich in den Arm; dies konnte nur
+Entweder Trug sein oder Traum!
+Doch welche Vorsicht er auch übte,
+Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte
+Den Himmel bis zum fernsten Saum.
+Unzweifelhaft, er träumte nicht!
+Mit steifem, starrem Angesicht
+Stand er und stand wie angewurzelt
+Und murmelte: "Das Schloß ist fort,
+Soviel steht fest. Wär's eingepurzelt,
+So lägen doch die Trümmer dort.
+Der Kuckuck weiß, was hier geschehn!"
+Zum Schluß, wie stets in schweren Fällen,
+Ließ er dem Großvezier bestellen,
+Er wünsche schleunigst ihn zu sehn.
+
+Der Großvezier kam angerannt;
+Der Sultan faßte seine Hand,
+Zog ihn zum Fenster hin und fragte
+Voll Spannung: "Wirst du was gewahr
+Vom Schloß, das gestern hier noch ragte?
+Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar."
+Der Großvezier war höchst betroffen;
+Jedoch er sammelte sich bald.
+"Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen,
+Was mir schon längst für sicher galt,
+Wenngleich du mir nicht beigepflichtet?
+Dies Schloß, ich wiederhol' es frei,
+So schnell verschwunden wie errichtet,
+Es war ein Werk der Zauberei."
+
+Der Sultan, der dem Lästerwort
+Nicht mehr zu widerstehn vermochte,
+Ward kirschrot im Gesicht; er kochte
+Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord!
+Ein Gauner, listig und verlogen,
+Hat an der Nase mich gezogen!
+Wo ist der Schurk', der das gewagt?
+Noch heute soll sein Blut verschäumen!"
+Drauf jener: "Herr, laß uns nur säumen,
+Bis er zurückkehrt von der Jagd."
+"Nichts da! Das wäre zu viel Schonung,"
+Entgegnete der Sultan wild;
+"Vom Henker werd' ihm die Belohnung,
+Mit der man Hochverrat vergilt.
+Geh', schick' ihm dreißig Reiter nach!
+Die sollen unterwegs ihn greifen,
+Verhaften und mit Schimpf und Schmach
+Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"
+
+
+
+
+13.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Auf seinem Rückweg nach der Stadt
+Begriffen, ahnungslos und heiter,
+Traf Aladdin die dreißig Reiter.
+Ihr Hauptmann grüßte höflich glatt,
+Und er, von Heimweh schon beschwingt
+Und in der Meinung, jene wären
+Vorausgesandt zu seinen Ehren,
+Sah sich mit einem Schlag umringt.
+"Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzuklären,"
+Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher,
+Der Unheil meldet, spricht nicht gern.
+Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn,
+Befohlen, dich als Staatsverbrecher
+In Haft zu nehmen und gefangen
+Zu führen vor sein Angesicht."
+"Sag' nur, was hab' ich denn begangen?"
+Rief Aladdin mit heißen Wangen.
+Drauf jener: "Prinz, das weiß ich nicht."
+"Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht,
+Was eures Amts! Ich folg' euch willig,
+Ist's auch gewiß nicht recht und billig,
+Was unverschuldet mir geschieht."
+Er warb vom Pferd geholt, an Armen
+Und Hals mit Ketten fest umschnürt
+Und so zum Schrecken und Erbarmen
+Des Volkes in die Stadt geführt.
+
+Der Liebling aller war in Not!
+Man wußte nicht, aus welchem Grunde,
+Sah nur ihn von Gefahr bedroht
+Und wollte drum, zu raschem Bunde
+Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen.
+Ein Teil ergriff metallne Waffen,
+Ein andrer Steine, Knüttel, Stangen,
+Den Reitern sperrend Weg und Raum;
+Mit ihrem Häftling konnten kaum
+Sie bis in den Palast gelangen.
+
+Der Sultan, der bereits ihr Nah'n
+Erwartet hatte vom Altan,
+Befahl dem Henker, alsogleich
+Dem Schändlichen, der sein Vertrauen
+Getäuscht, mit einem scharfen Streich
+Das Frevlerhaupt herabzuhauen.
+Es ward ihm keine Frist verliehn,
+Sich durch Verteidigung zu retten;
+Der Henker hieß, nachdem die Ketten
+Ihm abgestreift, ihn niederknien,
+Band ihm sodann die Augen zu,
+Erhob das Richtschwert, wie befohlen,
+Um auf des Herrschers Wink im Nu
+zum Streich gewaltig auszuholen.
+
+[Illustration: Aladdins schlimmste Stunde]
+
+Da--was ist das? Was dröhnt und gellt?
+Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend?
+Vom Volke haben viele Tausend
+Im Aufruhr den Palast umstellt.
+Man reißt und rüttelt an den Mauern,
+Man bricht aus ihnen Stein um Stein,
+Und lange kann es nicht mehr dauern,
+Da stürzen sie zertrümmert ein,
+Und alle Tore klaffen splitternd.
+"O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd
+Zum Sultan sich der Großvezier,
+"Schau hin, wie meuterische Horden,
+Vollständig zügellos geworden,
+Gleich einem grimmen Riesentier
+Sich gegen deine Mauern türmen!
+Der Mensch hat auch dein Volk behext,
+Und wenn du diesen Spruch vollstreckst,
+Dann wird es den Palast erstürmen."
+
+Der Sultan fuhr erschreckt zusammen.
+Er merkte wohl, daß durch den Tod
+Prinz Aladdins das Reich in Flammen
+Auflodern würde. Drum gebot
+Er dem verblüfften Henker knapp
+Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen;
+Der nahm die Binde von ihm ab,
+Und den erregten Menschenmassen
+Ward mit Trompetenstoß verkündigt,
+Der Sultan habe kurz und gut,
+Wie sehr auch Aladdin gesündigt,
+Ihn zu begnadigen geruht.
+Dies Wort, voll Beifallslärm umtönt,
+Goß Öl in die erzürnten Wogen;
+Die sämtlichen Empörer zogen
+Nach Haus beschwichtigt und versöhnt.
+
+Doch Aladdin, als er befreit
+Sich sah, hob zum Altan die Hände:
+"Herr," bat er flehentlich, "vollende
+Die Gnade, die du mir geweiht,
+Und sage mir, durch welch Verbrechen
+Verdient' ich solch ein Strafgericht?"
+"Ei, willst du dich noch gar erfrechen,
+Zu tun, als wüßtest du das nicht?
+Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher!
+Dein Stolzes Schloß, wo mag es liegen?
+Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr."
+Als Aladdin emporgestiegen,
+Ließ er ihn durch das Fenster blicken
+Und fragte barsch: "Was siehst du da?"
+Der Ärmste glaubte zu ersticken,
+Als er die leere Stelle sah.
+Versteinert, reglos blieb er stehn,
+War nicht imstande, sich zu sammeln,
+Geschweige denn ein Wort zu stammeln.
+
+"Nun sprich! Kannst du dein Schloß erspähn?"
+So forschte jener streng und hart.
+"Bekenne, wo es hingekommen,
+Und was aus meiner Tochter ward!"
+"Mein Fürst," sprach Aladdin beklommen,
+"Obgleich ich selbst nicht ahnen kann,
+Was mittlerweil sich hier begeben,
+So schwör' ich dir bei meinem Leben,
+Ich habe keinen Teil daran!"
+Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten
+Entschuldigst du dein Bubenstück!
+Gern will ich auf das Schloß verzichten;
+Jedoch mein Kind gib mir zurück!
+Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz
+Dir deinen Kopf herunterschlagen,
+Als wäre der ein Tannenklotz."
+"Herr, eine Frist von vierzig Tagen
+Gewähre mir!" bat Aladdin.
+"Ich werde, sollt' es mir mißlingen,
+Verlornes wiederzuerringen,
+Mich meiner Strafe nicht entziehn."
+Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's;
+Ich will dir diese Frist vergönnen.
+Du würdest doch um keinen Preis
+Dem Rächerarm entrinnen können."
+
+Bekümmert, mit gesenktem Haupt
+Schlich Aladdin wie ausgestoßen
+Von dannen, und dieselben Großen,
+An deren Freundschaft er geglaubt,
+Die gestern noch ihm auf dem Fuß
+Gefolgt, um sich vor ihm zu bücken,
+Vermieden heute seinen Gruß
+Und kehrten lieblos ihm den Rücken.
+Was konnt' er tun? Wohin sich wenden?
+Er lief, im Kopfe wirr und kraus,
+Umher, die Stadt von Haus zu Haus,
+Von Tür zu Tür nach allen Enden
+Durchwandernd, ohne zu verstehn,
+In welcher Absicht, fragte jeden
+Mit abgeriss'nen irren Reden,
+Ob irgendwer sein Schloß gesehn.
+Gar manche wurden übermannt
+Von Mitleid; andre wieder lachten
+Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten,
+Er sei nicht richtig bei Verstand.
+
+Nachdem er so mit müdem Blick
+Drei Tage lang herumgeschlendert,
+Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick
+Sich so bejammernswert geändert,
+Er nicht mehr weilen, sondern trollte
+Sich ohne Plan hinaus aufs Feld.
+Unendlich lag vor ihm die Welt;
+Nur wußt' er nicht, wohin er sollte.
+"Weh mir! Ich ward so bettelarm,
+Daß ich mein traurig Los verfluche!"
+So rief er aus in bittrem Harm.
+"Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche,
+Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr,
+Wo find' ich die Geliebte wieder?
+Weit besser, daß die Augenlider
+Der Tod mir schließt auf immerdar!"
+Er näherte sich einem Fluß
+Und wollt', um seine Qual zu kürzen,
+Sich mit verzweifeltem Entschluß
+Kopfüber in die Fluten stürzen.
+Es war um Sonnenuntergang;
+Der Feuerball mit letztem Blinken
+Schien ihm den Abschiedsgruß zu winken.
+Ein Ruck, ein Anlauf--und er sprang.
+
+Das Ufer war an dieser Stelle
+Besonders steil, und seinen Rand
+Umschloß ein kahles Felsenband
+In rauh zerklüftetem Gefalle,
+Sodaß der lebensmüde Springer
+An einem Felsstück hängen blieb
+Und jener Ring, den er am Finger
+Noch immer trug, daran sich rieb.
+Das war sein Glück; denn alsobald
+Wie aus dem Wasserdunst verdichtet,
+Stand mächtig vor ihm aufgerichtet
+Desselben Geistes Schreckgestalt,
+Der einst ihm in der Gruft erschienen,
+Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht.
+Mir zu gebieten ist dein Recht;
+Sag' an, womit kann ich dir dienen?"
+
+[Illustration: Der Geist führt Aladdin nach Afrika]
+
+Drauf Aladdin: "O Geist, errette
+Zum zweiten Male mich vom Tod
+Und bring', bevor der Morgen loht,
+Mein Schloß zurück zur alten Stätte!"
+Der Geist versetzte: "Dies Gebot
+Verträgt sich nicht mit meinem Walten.
+Ich diene nur dem Ring. Du mußt
+Dich an den Geist der Lampe halten."
+"Nun wohl; jedoch wenn dir bewußt,
+Wo sich zurzeit mein Schloß befindet,"
+Sprach Aladdin, "befehl' ich dir
+Kraft dieses Ringes, der dich bindet:
+Befördre mich sogleich von hier
+Gradaus an seinen neuen Platz!"
+Kaum ausgesprochen war der Satz,
+Da trug beflügelt ihn der Riese
+Nach Afrika, zu jenem Ort,
+Wo nun inmitten einer Wiese
+Das Bauwerk stand, und setzte dort
+Ihn sänftlich nieder auf das Gras.
+
+Zwar blieb es Aladdin verborgen,
+Daß er im Innern Afrikas
+Gelandet war; doch er genas
+Von allen Martern, allen Sorgen,
+Als er den wohlbekannten Bau
+Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer
+Gewahrte, ja sogar die Zimmer
+Dicht vor sich sah, die seiner Frau
+Zur Wohnung dienten; und sie schlief
+Wahrscheinlich dort schon fest und tief.
+Um Lärm und Aufsehn zu vermeiden,
+Hielt er gewaltsam sich zurück,
+Wie schwer's auch war, so nah dem Glück
+Bis morgen früh sich zu bescheiden.
+Er streckte, von der langen Pein
+Ermattet, unter einer Palme
+Sich aus zum Schlummer, und die Halme
+Des Grases wiegten mild ihn ein.
+
+
+
+
+14.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Erweckt von süßen Vogelliedern
+Hob er sich mit gestählten Gliedern
+Vom Lager zeitig, und gelenkt
+Von Sehnsucht fiel zu seiner Freude
+Sein erster Blick auf das Gebäude,
+Das ihm erschien wie neu geschenkt.
+Auch die Prinzessin, die vor Kummer
+Und tausend Ängsten Nacht für Nacht
+In all der Zeit nur wenig Schlummer
+Gefunden hatte, war erwacht.
+Wer aber schildert ihre Wonne,
+Da vor dem Fenster sich im Strahl
+Der eben aufgegangnen Sonne
+Leibhaftig vorfand ihr Gemahl!
+Erst wechselten sie hundertfach
+Kußhände, Grüße, Flüsterworte;
+Dann schlich durch eine kleine Pforte
+Verstohlen er in ihr Gemach.
+
+Versteht sich, daß die Neuvereinten
+Sich herzten, sich im Überschwang
+Umschlungen hielten endlos lang
+Und heiße Freudentränen weinten
+In ihres Wiedersehens Rausch.
+Zuletzt indessen unterbrach
+Der Zärtlichkeiten holden Tausch
+Bedeutsam Aladdin und sprach:
+"Vergib mir, mein geliebtes Weib,
+Ich muß, eh wir einander klagen,
+Was wir erlebt in diesen Tagen,
+Vor allem dich nach dem Verbleib
+Der unscheinbaren Lampe fragen,
+Die, während ich zur Jagd gezogen,
+Im Saale stand auf einem Spind."
+"Ach," seufzte sie, "sei nur gelind!
+Ich selber wurde ja betrogen.
+Längst ahnt mir, daß uns ihretwegen
+Ereilte dieser Schicksalsschlag."
+Drauf Aladdin: "Da sie zu hegen
+Ich töricht unterlassen, lag
+Die Schuld an mir. Doch jetzt erwägen
+Wir besser, was den Schaden heilt.
+Drum sag' mir, wo sie hingeraten."
+
+Sobald sie dies ihm mitgeteilt,
+Rief er: "Ich rieche nun den Braten!
+Den Händler kenn' ich! Dieser Schuft,
+Schon einmal wollt' er mich vernichten."
+Sie fuhr dann fort, ihm zu berichten,
+Wie nachts unmerklich durch die Luft
+Entführt, sie morgens beim Erwachen
+Sich hier in diesem fremden Land
+Befunden, Afrika genannt,
+Und wie der Kerl mit frechem Lachen
+Sich ihr als Schloßherrn vorgestellt.
+Drauf Aladdin mit Zornesfunken
+Im Auge: "Solchen Erzhalunken
+Hat nie zuvor gesehn die Welt.
+Sprich, hast du nicht vielleicht erfahren,
+Wo er die Lampe hält versteckt?"
+Sie gab zur Antwort: "Wohl gewahren
+Konnt' ich, daß unterm Kleid verdeckt
+Er sie beständig bei sich trägt.
+Denn seit ich hier bin, kommt er täglich
+Zu längerem Besuch und legt
+Es darauf ab, mich unerträglich
+Mit ekler Huldigung zu quälen.
+Ja, mehr noch, er verlangte dreist,
+Ich solle zum Gemahl ihn wählen,
+Weil du nicht mehr am Leben seist.
+Mein Vater habe dir im Zorn
+Den Kopf herunterschlagen lassen.
+Dies Lied begann er stets von vorn,
+Obwohl ich glühend ihn zu hassen
+Beteuerte. Der eitle Wahn
+Erfüllt ihn, daß ich auf die Dauer
+Nicht widerstehe, wenn die Trauer
+Um dich allmählich abgetan.
+So hab' ich stets vor seiner List
+Und seiner Schlechtigkeit gezittert
+Bis heute, wo du bei mir bist."
+
+"Ihm soll", rief Aladdin erbittert,
+"Was andres blühen, als er meint.
+Sei nur getrost! Von diesem bösen,
+Ruchlosen, ränkevollen Feind
+Werd' ich uns hoffentlich erlösen.
+Was auch geschieht, mit Zuversicht
+Vertraue mir bis zur Entscheidung,
+Und siehst du später in Verkleidung
+Mich wiederkehren, staune nicht."
+Sobald er seines Schlosses Mauern
+Verlassen, ging er querfeldein
+Und traf in einem Palmenhain
+Nach kurzer Wandrung einen Bauern.
+Er fragte diesen nach dem Wege
+Zur nächsten Stadt, und ob sein Kleid
+Mit ihm zu wechseln er bereit.
+Der Bauer war durchaus nicht träge,
+Für dieses Fremden reiche Tracht
+Sein schäbig Zeug daranzusetzen,
+Und Aladdin, nachdem er sacht
+Geschlüpft war in die alten Fetzen,
+Schritt auf den ihm beschriebnen Pfaden
+Der Stadt entgegen, kam hinein
+Und fragt' in einem Krämerladen,
+Ob ein gewisses Pülverlein
+Zu haben sei. Der Krämer nickte,
+Betonte nur, weil das geflickte
+Gewand des Käufers ein Beweis
+Der Armut schien, den hohen Preis.
+Doch als der Fremde nicht verlegen
+Ein Goldstück aus dem Beutel zog,
+Bracht' er das Pulver ihm und wog
+Ein Lot ihm ab.
+
+ Auf gleichen Wegen
+Kam Aladdin ins Schloß zurück
+Und sprach zu seiner Gattin: "Höre!
+Notwendig für mein Wagestück
+Ist mir dein Beistand. Ich beschwöre
+Dich drum, befolge meinen Rat!
+Wirf dich in deinen schönsten Staat,
+Schmück' mit Geschmeide dich und Spangen,
+Um den Entführer, wenn er naht,
+Mit wärmstem Gruße zu empfangen.
+Damit kein Argwohn ihn beirrt,
+Stell' dich, als ob du mich vergessen,
+Wenn dir's auch noch so sauer wird,
+Und lad' ihn ein zum Abendessen.
+Sobald er dann mit dir in frecher
+Behaglichkeit bei Tische sitzt,
+Laß ihm kredenzen einen Becher,
+Gefüllt mit Wein, in den verschmitzt
+Vorher dies Pulver du gestreut,
+Und bitt' ihn höflich, dir zu Ehren
+In einem Zug ihn auszuleeren.
+Von dieser Bitte hocherfreut
+Wird er den Wein hinuntertrinken
+Und leblos auf den Boden sinken,
+Bevor er noch den Trunk bereut."
+
+Wenn dieses Spiel auch recht verfänglich
+Ihr vorkam, so versprach sie fest,
+Sie werde tun, was unumgänglich.
+Er barg sich für des Tages Rest
+In einem abgelegnen Flügel
+Des Schlosses. Als die fernen Hügel
+Die Dämmerung mit ihrem grauen
+Gewebe langsam überspann,
+Rief Bedrulbudur ihre Frauen,
+Mit deren Beistand sie begann,
+Aufs wunderbarste sich zu schmücken.
+Voll Sorgfalt ward ein herrlich Kleid
+Ihr angelegt und zum Entzücken
+Verziert mit flimmerndem Geschmeid.
+Ihr Gürtel, ihre Spangen waren
+Gleichwie der Reif in ihren Haaren
+Mit Diamanten dicht besetzt;
+Und um den Hals die Perlenkette--
+Welch noch so große Fürstin hätte
+Sich glücklich nicht mit ihr geschätzt?
+Sie sah, nachdem der Putz vollendet,
+Ihr Bild in einem Spiegel an
+Und dachte sich: "Wo lebt ein Mann,
+Der nicht von so viel Reiz geblendet
+Vor mir die Waffen mußte strecken?"
+Sie stieg hierauf zum Kuppelsaal
+Empor, worin schon für das Mahl
+Ein Tischlein stand mit zwei Gedecken.
+
+Sie hatte noch nicht lang' geharrt,
+Als pünktlich zur gewohnten Stunde
+Der Zaubrer eintrat und erstarrt
+Von so viel reichem Schmuck im Bunde
+Mit so viel Schönheit stehen blieb.
+Sie schritt holdselig ihm entgegen,
+Als wäre sein Besuch ihr lieb,
+Und tat, als ob nur seinetwegen
+Sie so verlockend sich und prächtig
+Gekleidet. Zögernd nahm er Platz,
+Noch immer keines Wortes mächtig.
+"Freund, sollte dich der Gegensatz
+In meiner Stimmung Wunder nehmen,"
+Begann sie lächelnd, "So vernimm,
+Ich mag mich jetzt nicht länger grämen.
+Denn daß durch meines Vaters Grimm
+Mein Gatte seinen Tod gefunden,
+Davon hast du mich überzeugt.
+Gesetzt auch, daß ich tiefgebeugt
+Mit unheilbaren Herzenswunden
+Wehklagen wollt' um ihn beständig,
+Er würde doch nicht mehr lebendig.
+Ich gönn' ihm seine Grabesrast,
+Und weil sich meine Fesseln lösten,
+Bin ich entschlossen, mich zu trösten,
+Und lade dich bei mir zu Gast."
+
+[Illustration: Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder]
+
+Der Zaubrer bildete frohlockend
+Sich ein, gewonnen sei das Spiel,
+Sah sich im Geiste schon am Ziel
+Des kühnsten Wunsches, dankte stockend
+Und setzte sich mit ihr zu Tisch.
+Wie dort zu ihm verführerisch
+Nun ihre Blicke sich erhoben,
+Da schien es ihm unzweifelhaft,
+Sie habe sich in ihn vergafft
+Und wolle sich mit ihm verloben.
+Ein üppig Mahl ward aufgetragen,
+Und eine Sklavin reichte Wein.
+Selbst schenkte die Prinzessin ein,
+Goß unbemerkbar ohne Zagen
+Das Pulver in des Gastes Becher
+Und sprach: "Willst du mir frohen Mut
+Bereiten, dann als wackrer Zecher
+Trink' auf mein Wohl dies Rebenblut!"
+"Ja, du Geliebte, du Verehrte,
+Dies auf dein Wohl und unsern Bund!"
+So rief er hochbeglückt und leerte
+Den Becher aus bis auf den Grund.
+Nach einem letzten kurzen Schnaufen
+Fiel er bewußtlos rücklings hin.
+
+Geholt von einer Dienerin
+Kam Aladdin herbeigelaufen.
+Als Bedrulbudur ihn umschlang,
+Sprach er: "Begib dich auf dein Zimmer;
+Denn mancherlei bleibt mir noch immer
+Zu tun, obwohl dir dies gelang."
+Nachdem sie sich entfernt, verlor
+Er keine Zeit. Er riß der Leiche
+Das Kleid auf, zog die wunderreiche
+Geraubte Lampe draus hervor,
+Ließ das entseelte Jammerbild
+Fortschaffen von zwei starken Knechten
+Hinaus ins nächtige Gefild,
+Damit die Geier sein gedächten,
+Wenn sie's gelüstete nach Speise,
+Berief dann in gewohnter Weise
+Den Geist und sagte: "Bring' sofort
+Mein Schloß an seine alte Stelle!"
+Noch nicht vollendet war das Wort,
+Als schon der Geist in Windesschnelle
+Mit fast unmerklichem Vollzug
+Das Bauwerk durch die Lüfte trug.
+
+
+
+
+15.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Sultan, der bis jetzt unendlich
+Um seine Tochter sich gegrämt,
+War vor Verwundrung wie gelähmt
+Als morgens breit und gegenständlich,
+Zurückgekehrt zum alten Platz
+Das Schloß zu ihm herübergrüßte.
+Der Anblick bot ihm für verbüßte
+Betrübnis reichlichen Ersatz.
+Er ließ ein Pferd sich satteln, trabte
+Zum Schloß, verfügte sich geschwind
+Zu seinem lang entbehrten Kind
+Und ihre Zärtlichkeit erlabte
+Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen,
+Welch unglückselige Verkettung
+Sie damals plötzlich ihm entrissen,
+Und welchem Umstand ihre Rettung
+Zu danken sei. Mit knappen Strichen
+Erzählte sie vom fürchterlichen
+Schwarzkünstler, der durch Zaubermacht
+Sie mit dem Schloß entführt bei Nacht;
+Wie von dem Schändlichen bedrückt
+Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen,
+Bis ihrem Gatten es geglückt,
+List gegen List ihm obzusiegen.
+
+Ihr Vater war damit zufrieden,
+Und als nunmehr auch Aladdin
+Ins Zimmer kam, da zog er ihn
+An seine Brust und sprach: "Hienieden
+Ist man dem Irrtum ausgesetzt.
+Vergib mir, wenn aus Übereilung,
+Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt.
+Du brachtest meinen Schmerzen Heilung,
+Indem du mir mein Kind befreit
+Und sie behütet hast vor Schande;
+Dies dank' ich dir für alle Zeit."--
+Gefeiert ward im ganzen Lande
+Die Wiederkehr des jungen Paars.
+Ihr Glück verdüsterte kein Schatten.
+Doch nicht die letzte Prüfung war's,
+Die beide zu bestehen hatten.
+
+Der Zaubrer nämlich, der ein Leben
+Von großer Zähigkeit besaß,
+War durch das Pulver, als dem Fraß
+Der Geier man ihn übergeben,
+In Wahrheit nur betäubt gewesen,
+Von seinem Scheintod aufgewacht
+Am nächsten Tag und bald genesen.
+Er schwor, von Racheglut entfacht
+Und vollgepfropft mit Gift und Geifer,
+Er wolle vor Vergeltungseifer
+Nicht rasten fürder und nicht rosten,
+Und drum begann zum drittenmal
+Er schleunigst über Berg und Tal
+Die Reise nach dem fernen Osten.
+
+Nach einem ganzen Wanderjahr
+Voll Mühe, Drangsal und Gefahr
+Kaum in der Hauptstadt angekommen,
+War er nach einem neuen Kniff
+Umschau zu halten im Begriff.
+Er hörte dort von einer frommen,
+Betagten Wundertäterin
+Erzählen, die Fatime hieß
+Und sich mit schlicht erhabnem Sinn
+Der stillen Andacht überließ
+In einer abgeschiednen Klause.
+Durch Gassen, die man ihm beschrieb,
+Schlich er zu ihrem kleinen Hause
+Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb,
+Drang in ihr ärmlich Zimmer, weckte
+Mit rohem Schütteln die Erschreckte,
+Hielt einen Dolch ihr vor und sprach:
+"Du sollst entseelt sogleich erblassen,
+Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!"
+Sie mußt' ihm ihre Kleider lassen
+Sowie den Schleier und die Haube,
+Nebst dem geweihten Rosenkranz.
+Obwohl dem Räuber sie sich ganz
+Willfährig zeigte, ja, zum Raube
+Hilfreich sogar die Hand ihm bot,
+Stach er sie vorsichtshalber tot.
+
+Sodann vor einem Spiegel schor
+Den Bart sich weg der Halsabschneider,
+Warf sich in seines Opfers Kleider,
+Und als die Sonne stieg empor,
+Trat er verschleiert auf die Gasse.
+Der eine sprach zum andern: "Schau,
+Dort geht einher die fromme Frau,"
+Und eine große Menschenmasse
+Umgab ihn rings voll Dankgefühl
+Und folgte, Segenswünsche hegend,
+Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.--
+Als die Prinzessin das Gewühl,
+Vom Kuppelsaal herunterlugend,
+Wahrnahm und obendrein erfuhr,
+Daß all dies bunte Volk der Spur
+Fatimens folge, deren Tugend
+Und Heiligkeit ihr längst bekannt
+Als der Verehrung Gegenstand
+Und als das Vorbild frommer Sitten,
+Da dachte sie, daß ihr gezieme,
+Die Frau zu sich heraufzubitten.
+Zu der vermeintlichen Fatime
+Kam eine Botin, sie zu holen.
+Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg
+Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen,
+Als er mit ihr den Saal erstieg,
+Und fing, nachdem er ihn betreten,
+Mit solcher Inbrunst an zu beten,
+Daß die Prinzessin sich verneigte
+Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme
+Sie ansprach mit verstellter Stimme,
+Sowie nur hinter Schleiern zeigte
+Sein glattgeschorenes Gesicht,
+Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht
+Und sprach "Laß mich die Gunst begehren,
+Fatime, daß du dauernd weilst
+An unserm Herd und gute Lehren
+Zu frommem Wandel mir erteilst."
+Der abgefeimte Tückebold
+Erklärte gern sich einverstanden;
+Das war es ja, was er gewollt!
+"Ein stilles Zimmer ist vorhanden
+Im Schloß," fuhr die Prinzessin fort
+In ihrer gläubigen Betonung,
+"Und deiner Andacht wirst du dort
+Obliegen können ohne Störung.
+Erst aber mögest du mir ehrlich
+Gestehn, wie dir das Schloß gefällt."
+Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich
+Ist seinesgleichen auf der Welt;
+Und dennoch, trotz der Raumverschwendung
+Und dem Geschmack der Farbenwahl,
+Bedrückt mich, daß in diesem Saal
+Noch etwas mangelt zur Vollendung."
+"Was ist es?" Scheinbar auf ihr Drängen
+Erwiderte der Schuft: "Verzeih',
+Von dieser Kuppel müßt' ein Ei
+Des Vogels Roch herunterhängen."
+Sie fragte, wo man das wohl fände.
+Der Zaubrer drauf: "Gewaltig groß
+Ist dieser Roch und nistet bloß
+Auf Spitzen schroffer Bergeswände."
+Sie dankte für den Rat und führte
+Die falsche Heilige, noch immer
+Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.
+
+[Illustration: Aladdin tötet den verkleideten Zauberer]
+
+Zum Saal zurückgekehrt, verspürte
+Nun die Prinzessin, an der Angel
+Des Zaubrers haftend, jenen Mangel,
+Den nie zuvor sie wahrgenommen.--
+Als Aladdin von einem Ritt
+Heimkommend ihr entgegenschritt,
+War sie so wunderlich beklommen,
+Daß er sie fragte nach dem Grund.
+Sie mußt' ihm ihr Gelüst enthüllen,
+Und er, sobald ihr Wunsch ihm kund,
+Gab ihr sein Wort, ihn zu erfüllen.
+Er ging alsbald in sein Gemach
+Und rieb sie Lampe, die verschlossen
+Jetzt stand in einem sichren Fach.
+Nachdem der Geist emporgeschossen,
+Sprach er: "Dich wiederum zu sputen,
+Befehl' ich dir. Es fehlt uns noch
+Im Saal ein Ei des Vogels Roch.
+Verschaff mir's binnen drei Minuten!"
+
+Kaum war das Wort entflohn, da fing
+Der Geist so furchtbar an zu dröhnen,
+Zu schrei'n, zu wimmern und zu stöhnen,
+Daß Hören ihm und Sehn verging
+Und zitternd er zu Boden sank.
+"Elender," brüllte mit Gepolter
+Der Riese, "spannst du mich zum Dank
+Für meinen Frondienst auf die Folter?
+Befiehlt, ich soll auf meinen Schwingen
+Als Deckenschmuck für seinen Saal
+Dir meinen eignen Vater bringen?
+Sei froh, wenn nicht mein Donnerstrahl
+Dich und dein Schloß in Asche wandelt.
+Ich weiß zu deinem Glück, du hast
+Nicht aus dir selber so gehandelt.
+Dein Todfeind weilt bei dir zu Gast.
+Er ward nicht von dir umgebracht,
+Nein, kam ins Land, um sich zu rächen,
+Ergatterte durch ein Verbrechen
+Der heiligen Fatime Tracht,
+Und deine Frau, von ihm umgarnt,
+Trieb zu dem schändlichen Befehle
+Dich arglos an. Drum sei gewarnt;
+Er will dir meuchlings an die Kehle."
+Sprach's und verschwand. Sofort verfügte
+Sich Aladdin zurück zum Saal,
+Wo seine Gattin sich vergnügte
+Mit einem Ballspiel, und befahl,
+Man mög' ihm gleich Fatime holen.
+
+"Sei mir gegrüßt!" rief Aladdin,
+Als der vermummte Feind erschien;
+"Denn warm hat man dich mir empfohlen.
+Gib, fromme Frau, mir deinen Segen."
+Der Zaubrer kam ihm sacht entgegen,
+Und er bemerkte, wie der Strolch
+Ein Messer unter seinem Kleide
+Heimlich herauszog aus der Scheide.
+Schnell griff er seinen eignen Dolch
+Und bohrte dessen scharfes Erz
+Dem Schurken mitten in das Herz.
+Von seinem Blute ward im Saal
+Der Boden ringsumher gerötet.
+
+"Weh, was begingst du, mein Gemahl?
+Du hast die Heilige getötet!"
+Schrie Bedrulbudur sich verfärbend.
+Er aber sprach voll Seelenruh':
+"Nein, liebe Gattin, komm herzu!
+Hätt' ich gesäumt, so läge sterbend
+Ich selber hier; denn dieser Tote
+Bekam den Lohn, der ihm gebührt:
+Erkenn' ihn, der dich einst entführt
+Und jetzt mit Meuchelmord mir drohte."
+
+So hatte glücklich unser Held
+Sich des Verfolgers nun entledigt,
+Der ihm beharrlich nachgestellt,
+Und ward vom Schicksal reich entschädigt
+Für allen ausgestandnen Harm.
+In der geliebten Tochter Arm
+Entschlief im hohen Greisenalter
+Der Sultan, und sein Schwiegersohn
+Mit seiner Frau stieg als Verwalter
+Des weiten Reiches auf den Thron.
+Sie herrschten als beglückte Leute,
+Umringt von Kind und Kindeskind,
+Und wenn sie nicht gestorben sind,
+So leben sie gewiß noch heute.
+
+[Illustration]
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE***
+
+
+******* This file should be named 14221-8.txt or 14221-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Aladdin und die Wunderlampe, by Ludwig Fulda,
+Illustrated by Max Liebert</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Aladdin und die Wunderlampe</p>
+<p>Author: Ludwig Fulda</p>
+<p>Release Date: November 30, 2004 [eBook #14221]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Miranda van de Heijning<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h1>Aladdin und die Wunderlampe</h1>
+<h2>Tausend und einer Nacht nacherz&#228;hlt</h2>
+<h3>von</h3>
+<h2>Ludwig Fulda</h2>
+<h3><i>Mit Bildern von Max Liebert</i></h3>
+<h3><i>Berlin 1912</i></h3>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_1' id="Page_1"></a><span class='pagenum'>1</span>
+<a name="1"></a>
+<h2>1.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_k.jpg" alt="K"
+title="" /></div>
+<p>Kommt, Kinder, fa&#223;t mich bei der Hand!</p>
+<p>Ich f&#252;hr' euch in das Morgenland</p>
+<p>Und in sein M&#228;rchenparadies</p>
+<p>Auf einem wohlbekannten Pfade.</p>
+<p>Vor langen, langen Jahren wies</p>
+<p>Ihn die ber&#252;hmte Schehersade</p>
+<p>Dem argen Sultan Scheherban,</p>
+<p>Soda&#223; der greuliche Tyrann&#8212;</p>
+<p>Weil ihre Kunst, in bunten Bildern</p>
+<p>Ihm eine Zauberwelt zu schildern,</p>
+<p>Unwiderstehlich ihn berauschte&#8212;</p>
+<p>Vergessend Speis' und Trank und Ruh',</p>
+<p>Ihr volle tausend N&#228;chte lauschte</p>
+<p>Und eine weitre noch dazu.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Von jenen k&#246;stlichen Geschichten,</p>
+<p>Mit denen sie sein Ohr bet&#246;rt,</p>
+<p>Will ich euch eine nun berichten;</p>
+<p>Seid also m&#228;uschenstill und h&#246;rt:</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>In einer Hauptstadt fern im Osten,</p>
+<p>So fern, da&#223; nur mit viel Gefahr</p>
+<p>Und ungeheuren Reisekosten</p>
+<p><a name='Page_2' id="Page_2"></a><span class=
+'pagenum'>2</span>Man ihr zu nahn imstande war,</p>
+<p>Jedoch so reich an Herrlichkeiten,</p>
+<p>Da&#223; niemand ihresgleichen sah,</p>
+<p>Dort lebte vor geraumen Zeiten</p>
+<p>Ein B&#252;rger namens Mustapha</p>
+<p>Mit seiner Frau und seinem Sohn.</p>
+<p>Sein Brot erwarb er sich als Schneider;</p>
+<p>Sein Handwerk aber trug ihm leider</p>
+<p>Trotz allem Flei&#223; nur magren Lohn,</p>
+<p>Und knapp war drum bei ihm bemessen</p>
+<p>Das Mittag- wie das Abendessen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Den Sohn&#8212;man hie&#223; ihn Aladdin&#8212;</p>
+<p>Konnt' er nur mangelhaft erziehn;</p>
+<p>So ward aus dem ein rechter Flegel,</p>
+<p>Der gut tat, nur solang' er schlief,</p>
+<p>Der schon fr&#252;hmorgens in der Regel</p>
+<p>Barf&#252;&#223;ig auf die Gasse lief,</p>
+<p>Sich dort herumtrieb nach Belieben</p>
+<p>Mit andern kleinen Tagedieben</p>
+<p>Und, bis ihm durch ihr Heer von Sternen</p>
+<p>Den Heimweg zeigen lie&#223; die Nacht,</p>
+<p>Auf jeden Unfug war bedacht,</p>
+<p>Sich aber str&#228;ubte, was zu lernen.</p>
+<p>Der Vater hieb den Arm sich lahm,</p>
+<p>Sah schlie&#223;lich ein, mit solchem Rangen</p>
+<p>Sei nichts Gescheites anzufangen,</p>
+<p>Und wurde krank und starb vor Gram.</p>
+</div>
+<div class='stanza'>
+<p><a name='Page_3' id="Page_3"></a><span class=
+'pagenum'>3</span>Der Bursch, nun f&#252;nfzehn Jahr' schon
+alt,</p>
+<p>Gro&#223;, schlank, fast m&#228;nnlich von Gestalt,</p>
+<p>Statt auf die Hosen sich zu setzen</p>
+<p>F&#252;r seiner Mutter Unterhalt,</p>
+<p>Fuhr fort, auf &#246;ffentlichen Pl&#228;tzen</p>
+<p>Herumzulungern ohne Ziel</p>
+<p>Und seine Tage zu vergeuden</p>
+<p>In rohen M&#252;&#223;igg&#228;ngerfreuden,</p>
+<p>In plumpem Spa&#223; und wildem Spiel.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Einst, als er in gewohnter Art</p>
+<p>Sich raufte mit der Gassenjugend,</p>
+<p>Merkt' er, da&#223; eifrig nach ihm lugend</p>
+<p>Ein fremder Mann mit schwarzem Bart</p>
+<p>Und afrikanischen Gew&#228;ndern</p>
+<p>Ihm scheinbar im Vor&#252;berschlendern</p>
+<p>Sich n&#228;herte. Der Fremde blieb</p>
+<p>Dicht vor ihm stehn und sprach: "Vergib,</p>
+<p>Mein junger Freund, und la&#223; mich wissen:</p>
+<p>Wer ist dein Vater?" Aladdin</p>
+<p>Versetzte: "L&#228;ngst schon hat mir ihn</p>
+<p>Des Todes rauhe Hand entrissen.</p>
+<p>Im Leben hie&#223; er Mustapha."</p>
+<p>Die hellen Tr&#228;nen rollten da</p>
+<p>Dem Fremdling &#252;ber beide Wangen:</p>
+<p>"O Gl&#252;ck, da&#223; ich, mein Sohn, dich treffe,"</p>
+<p>Sprach er mit z&#228;rtlichem Umfangen;</p>
+<p>"Du bist ja mein geliebter Neffe.</p>
+<p><a name='Page_4' id="Page_4"></a><span class=
+'pagenum'>4</span>Dein Vater war mein Bruderherz;</p>
+<p>Ich aber bin ununterbrochen</p>
+<p>Schon auf der Reise hundert Wochen,</p>
+<p>Um ihn zu sehn. Drum hat der Schmerz</p>
+<p>Mich bei der Nachricht &#252;bermannt</p>
+<p>Von seinem traurigen Geschicke;</p>
+<p>Hab' ich doch gleich beim ersten Blicke</p>
+<p>Dich an der &#196;hnlichkeit erkannt!"</p>
+<p>Drauf hie&#223; er ihn die Mutter gr&#252;&#223;en</p>
+<p>Und zog ein Beutelchen heraus</p>
+<p>Und gab ihm Geld.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p class="i8">Auf raschen F&#252;&#223;en</p>
+<p>Lief Aladdin vergn&#252;gt nach Haus,</p>
+<p>Um seiner Mutter klipp und klar</p>
+<p>Den ganzen Handel zu erz&#228;hlen.</p>
+<p>Die Mutter konnt' ihm nicht verhehlen,</p>
+<p>Wie sehr sie drob verwundert war.</p>
+<p>Mit rechten Dingen kaum geschah's!</p>
+<p>Wo war der Oheim hergekommen,</p>
+<p>Da sie doch nie zuvor vernommen</p>
+<p>Von einem Bruder Mustaphas?</p>
+<p>Doch weil das Gelb gar lustig klang,</p>
+<p>Zerbrach sie sich den Kopf nicht lang;</p>
+<p>Und abends wollten beide grad</p>
+<p>Von ihrem kargen Mahle naschen,</p>
+<p>Als jener Mann mit vollen Flaschen</p>
+<p>Und Fr&#252;chten in die Stube trat,</p>
+<p><a name='Page_5' id="Page_5"></a><span class=
+'pagenum'>5</span>Um selber sich zu Gast zu laden.</p>
+<p>Von R&#252;hrung &#252;berw&#228;ltigt schier</p>
+<p>Blickt' er sich um, als woll' er hier</p>
+<p>Von neuem sich in Tr&#228;nen baden,</p>
+<p>Und sagte: "Teure Schw&#228;gerin,</p>
+<p>Wohl vierzig Jahre flossen hin,</p>
+<p>Seit ich dies Heimatland verlassen,</p>
+<p>Um in der Fremde Fu&#223; zu fassen</p>
+<p>Und dem ertr&#228;umten Gl&#252;cke nach</p>
+<p>Den halben Erdkreis zu durchstreifen;</p>
+<p>Es l&#228;&#223;t sich also gut begreifen,</p>
+<p>Da&#223; nie mein Bruder von mir sprach.</p>
+<p>Nun aber endlich heimgekehrt</p>
+<p>Und trostlos, weil an seinem Herd</p>
+<p>Ich ihn lebendig nicht mehr finde,</p>
+<p>Den sehnsuchtsvoll ich suchte&#8212;nun</p>
+<p>Will wenigstens ich seinem Kinde,</p>
+<p>Was ich vermag, zuliebe tun."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Zu Aladdin gewandt hierbei,</p>
+<p>Begann er freundlich ihn zu fragen,</p>
+<p>In welchem Handwerk er beschlagen</p>
+<p>Und welcher Zunft beflissen sei.</p>
+<p>Der Bursche schwieg verlegen still;</p>
+<p>Die Mutter aber sprach betr&#252;bt:</p>
+<p>"Kein Handwerk hat er je ge&#252;bt,</p>
+<p>Weil er durchaus nichts lernen will.</p>
+<p>Da hilft kein Warnen und kein Schelten;</p>
+<p><a name='Page_6' id="Page_6"></a><span class=
+'pagenum'>6</span>Ich glaube wahrlich, da&#223; noch selten</p>
+<p>Es einen solchen Faulpelz gab.</p>
+<p>Er bringt mich an den Bettelstab,</p>
+<p>Und n&#228;chstens weis' ich ihm die T&#252;re.</p>
+<p>Sein Vater w&#252;rde sich im Grab</p>
+<p>Umdrehn, wenn er davon erf&#252;hre."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Fremdling mahnte drauf den Jungen</p>
+<p>In mildem, v&#228;terlichem Ton:</p>
+<p>"Das ist nicht wohlgetan, mein Sohn;</p>
+<p>Doch treibt man etwas nur gezwungen,</p>
+<p>Dann wird es einem leicht verg&#228;llt.</p>
+<p>Berufe gibt es viel auf Erden;</p>
+<p>Du mu&#223;t nicht grad ein Schneider werden,</p>
+<p>Und wenn kein Handwerk dir gef&#228;llt,</p>
+<p>So will ich gerne mich verpflichten,</p>
+<p>Im feinsten st&#228;dtischen Bazare</p>
+<p>Dir einen Laden einzurichten</p>
+<p>Mit Linnenzeug, mit Seidenware,</p>
+<p>Kostbaren Teppichen und Stoffen,</p>
+<p>Soda&#223; Gewinn und neuer Kauf</p>
+<p>Dir Wohlstand bringt. Gesteh' mir offen:</p>
+<p>Wie nimmst du diesen Vorschlag auf?"</p>
+<p>Der Schlingel, ohne lang' zu schwanken,</p>
+<p>Erkl&#228;rte schmunzelnd sich bereit;</p>
+<p>Die Mutter schwamm in Seligkeit,</p>
+<p>Hie&#223; ihn sich tausendmal bedanken</p>
+<p>Und zweifelte nicht l&#228;nger dran,</p>
+<p><a name='Page_7' id="Page_7"></a><span class=
+'pagenum'>7</span>Der unbekannte Biedermann,</p>
+<p>Der gleich ein ganzes Warenlager</p>
+<p>Dem Sohn zu schenken sich erbot,</p>
+<p>Sei niemand anders als ihr Schwager.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Am n&#228;chsten Tag ums Morgenrot</p>
+<p>Erschien der neue Oheim wieder,</p>
+<p>Nahm seinen lieben Neffen mit,</p>
+<p>Ging ihm zur Seite Schritt f&#252;r Schritt</p>
+<p>In den Bazaren auf und nieder,</p>
+<p>hielt an vor einem Kleiderstand</p>
+<p>Und bat ihn, aus dem dichten Schwalle</p>
+<p>Sich auszusuchen ein Gewand,</p>
+<p>Das ihm besonders gut gefalle.</p>
+<p>Freigebig kauft' er ihm dazu</p>
+<p>Noch Turban, G&#252;rtel, Str&#252;mpfe, Schuh',</p>
+<p>Bis von dem Scheitel zu den Zehen</p>
+<p>Er einem jungen Prinzen glich.</p>
+<p>"Du sollst nun alle Tage mich</p>
+<p>Begleiten beim Spazierengehen,"</p>
+<p>Sprach sein Besch&#252;tzer gro&#223;mutvoll;</p>
+<p>"Denn freien Blick und Welterfahrung</p>
+<p>Braucht, wer ein Kaufmann werden soll.</p>
+<p>Dem Geist wird m&#252;helos die Nahrung</p>
+<p>Geboten, deren er bedarf,</p>
+<p>Wenn klar das Auge sieht und scharf.</p>
+<p>Einsaugen wirst auf unsern G&#228;ngen</p>
+<p>Die Bildung du wie Luft und Licht</p>
+<p><a name='Page_8' id="Page_8"></a><span class=
+'pagenum'>8</span>Und l&#228;ufst bei solchem Unterricht</p>
+<p>Niemals Gefahr, dich anzustrengen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Gesagt, getan. Sie gingen beide</p>
+<p>Von jetzt ab t&#228;glich durch die Stadt,</p>
+<p>Und Aladdin, im neuen Kleide</p>
+<p>Stolz wie ein Pfau, ward nimmer satt,</p>
+<p>Sich wi&#223;begierig anzusehn,</p>
+<p>Was ihm sein guter Oheim zeigte.</p>
+<p>Sie wandelten durch weitverzweigte</p>
+<p>Gew&#246;lbe, Hallen und Moscheen,</p>
+<p>Betrachteten die sch&#246;nsten L&#228;den,</p>
+<p>Der Stra&#223;en emsiges Gew&#252;hl,</p>
+<p>Die Brunnen, draus erquickend k&#252;hl</p>
+<p>Das Wasser scho&#223; in Silberf&#228;den,</p>
+<p>Von hohen Palmen &#252;berschattet,</p>
+<p>Und drangen durch ein Gittertor,</p>
+<p>Wo freier Zutritt war gestattet,</p>
+<p>zum Prachtpalast des Sultans vor.</p>
+<p>Auch pilgerten sie manchen Tag,</p>
+<p>Die Glieder doppelt r&#252;stig regend,</p>
+<p>Hinaus in die begr&#252;nte Gegend,</p>
+<p>Bis fern die Stadt im R&#252;cken lag</p>
+<p>Und zu den G&#228;rten sie gelangten,</p>
+<p>Drin unter &#252;ppigem Gerank</p>
+<p>Die wundersamsten Blumen prangten,</p>
+<p>Umsp&#252;lt von Teichen spiegelblank.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0009.jpg"><img src=
+"images/a0009.jpg" alt="Aladdin im Zaubergarten" title="Aladdin im Zaubergarten" /></a>
+<p>Aladdin im Zaubergarten</p>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_9' id="Page_9"></a><span class='pagenum'>9</span>
+<a name="2"></a>
+<h2>2.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_n.jpg" alt="N"
+title="" /></div>
+<p>Nachdem auf solchen Wanderungen</p>
+<p>Manch reizend Fleckchen sich dem Jungen</p>
+<p>Erschlossen, f&#252;hrte sein Begleiter</p>
+<p>Auf nie zuvor betretnem Pfad</p>
+<p>Ihn eines Morgens weit und weiter,</p>
+<p>Aufw&#228;rts und abw&#228;rts, krumm und grad.</p>
+<p>Bald war kein menschlich Wesen rings</p>
+<p>Und auch kein Haus mehr zu entdecken;</p>
+<p>Doch unaufhaltsam weiter ging's.</p>
+<p>Schon t&#252;rmte hinter &#246;den Strecken</p>
+<p>Sich des Gebirges steile Mauer;</p>
+<p>Das Tal, von Felsen eingezw&#228;ngt,</p>
+<p>Ward allgemach zur Schlucht verengt,</p>
+<p>Und endlich, von des Marsches Dauer</p>
+<p>Ersch&#246;pft, h&#228;tt' Aladdin sich gerne</p>
+<p>Zur R&#252;ckkehr wieder umgewandt;</p>
+<p>Sein Oheim aber sprach: "Halt' stand!</p>
+<p>Ist unser Ziel doch nicht mehr ferne.</p>
+<p>Noch ein paar Schritte durch das Tal&#8212;</p>
+<p>Was ich sodann dir zeigen werde,</p>
+<p><a name='Page_10' id="Page_10"></a><span class=
+'pagenum'>10</span>Das wirst auf der gesamten Erde</p>
+<p>Du nicht ersp&#228;hn zum zweitenmal."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>So setzten ihren Weg sie fort</p>
+<p>Und kamen bis zu einem Ort,</p>
+<p>Den riesenhafte Felsenw&#228;lle</p>
+<p>Allseitig schienen zu verrammeln.</p>
+<p>Der Oheim rief: "Wir sind zur Stelle!"</p>
+<p>Er hie&#223; ihn trocknes Reisig sammeln,</p>
+<p>Schlug Feuer, das bald lustig spr&#252;hte,</p>
+<p>Warf R&#228;ucherwerk aus einer D&#252;te</p>
+<p>Hinein und murmelte dann leise,</p>
+<p>Sobald sich Qualm und Schwefelduft</p>
+<p>Verbreiteten in dichtem Kreise,</p>
+<p>Seltsame Formeln in die Luft.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Da gab's ein Krachen und ein Beben,</p>
+<p>Als st&#252;rzten Erd' und Himmel ein;</p>
+<p>zutage trat ein Quaderstein</p>
+<p>Und in der Mitte dran, zum Heben,</p>
+<p>Ein Ring aus Eisen. Aladdin,</p>
+<p>Von Angst gesch&#252;ttelt, wollte fliehn;</p>
+<p>Der Oheim aber hieb sogleich</p>
+<p>Ihm einen solchen Backenstreich,</p>
+<p>Da&#223; ihm der Kopf geriet ins Wackeln,</p>
+<p>Und sprach: "Mein Sohn, ich bin dir jetzt</p>
+<p>Als zweiter Vater vorgesetzt;</p>
+<p>Kein Str&#228;uben duld' ich und kein Fackeln.</p>
+<p><a name='Page_12' id="Page_12"></a><span class=
+'pagenum'>12</span>Gehorch' mir, und du wirst erproben,</p>
+<p>Wie sehr dir's frommt. An diesem Platz</p>
+<p>Liegt ein f&#252;r dich bestimmter Schatz,</p>
+<p>Der, wenn du gl&#252;cklich ihn gehoben,</p>
+<p>Dich reicher macht als alle Reichen</p>
+<p>Der ganzen Welt. Den Quaderstein</p>
+<p>Darf niemand au&#223;er dir allein</p>
+<p>Ber&#252;hren; dir nur wird er weichen."</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0011.jpg"><img src=
+"images/a0011.jpg" alt=
+"Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel" title="Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel" /></a>
+<p>Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Und richtig, als nach bangem S&#228;umen</p>
+<p>Der Bursch am Eisenringe zog,</p>
+<p>Konnt' er den Stein beiseite r&#228;umen,</p>
+<p>Obwohl er hundert Zentner wog,</p>
+<p>Und er gewahrte drunter Stufen</p>
+<p>Nebst einer T&#252;r. "In diesen Schacht</p>
+<p>zu steigen bist nur du berufen,"</p>
+<p>Begann der Oheim; "drum gib acht</p>
+<p>Auf alles, was ich nun daf&#252;r</p>
+<p>Zu deinem Schutz dir anempfehle.</p>
+<p>Ge&#246;ffnet findest du die T&#252;r;</p>
+<p>Sie f&#252;hrt in drei gew&#246;lbte S&#228;le.</p>
+<p>In jedem stehn vier gro&#223;e Becken</p>
+<p>Voll Gold und Silber; doch la&#223; ab,</p>
+<p>Die Hand nach ihnen auszustrecken.</p>
+<p>Sch&#252;rz' auch dein Kleid und g&#252;rt' es knapp;</p>
+<p>Denn streift es irgendwo die W&#228;nde,</p>
+<p>So mu&#223;t du deinen Tod erwarten.</p>
+<p>An jenes dritten Saales Ende</p>
+<p><a name='Page_13' id="Page_13"></a><span class=
+'pagenum'>13</span>Wird auftun sich vor dir ein Garten,</p>
+<p>Bepflanzt mit B&#228;umen mannigfalt,</p>
+<p>Ein jeder voll mit Frucht behangen.</p>
+<p>Geh' nur gradaus, dann wirst du bald</p>
+<p>Zu einer Treppe hingelangen;</p>
+<p>Ersteige sie getrost: sie m&#252;ndet</p>
+<p>Auf eine stattliche Terrasse;</p>
+<p>In einer Nische angez&#252;ndet</p>
+<p>Steht eine Lampe dort. Die fasse,</p>
+<p>Verl&#246;sch' sie, gie&#223;' die Fl&#252;ssigkeit</p>
+<p>Mitsamt dem Docht heraus, verh&#252;lle</p>
+<p>Sie sorgsam unter deinem Kleid</p>
+<p>Und bring' sie mir. Wenn dich die F&#252;lle</p>
+<p>Des Gartens etwa lockt, so pfl&#252;ck'</p>
+<p>Auf deinem Weg hierher zur&#252;ck</p>
+<p>Dir von den Fr&#252;chten nach Belieben.</p>
+<p>Und nun, zu deinem eignen Gl&#252;ck</p>
+<p>Befolg', was ich dir vorgeschrieben."</p>
+<p>Er steckte noch f&#252;r jeden Fall</p>
+<p>Ihm einen Ring an seinen Finger;</p>
+<p>Der werde sich als Hilfebringer</p>
+<p>Bew&#228;hren stets und &#252;berall.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>So stieg denn Aladdin hinunter;</p>
+<p>Die S&#228;le fand er laut Bericht,</p>
+<p>Ber&#252;hrte deren W&#228;nde nicht,</p>
+<p>Kam in den Garten, eilte munter</p>
+<p>Hinan die Treppen zur Terrasse,</p>
+<p><a name='Page_14' id="Page_14"></a><span class=
+'pagenum'>14</span>Sah Nisch' und Lampe dort, verfuhr</p>
+<p>Streng nach Gehei&#223;, damit er nur</p>
+<p>Vom Auftrag keinen Punkt verpasse,</p>
+<p>Und kehrte, nun er unterm Kleide</p>
+<p>Die Lampe sicher hielt verwahrt,</p>
+<p>Zum Garten um. O Augenweide!</p>
+<p>Denn Fr&#252;chte von verschiedner Art</p>
+<p>Trug leuchtend jeder Baum zur Schau,</p>
+<p>Teils hell, teils dunkel, wei&#223; und blau,</p>
+<p>Rot, gelblich, violett und gr&#252;n,</p>
+<p>Und allesamt in buntem Scheine</p>
+<p>Durchsichtig wie von innrem Gl&#252;hn.</p>
+<p>Es waren lauter Edelsteine.</p>
+<p>Da flammten, funkelten und brannten</p>
+<p>T&#252;rkise, Perlen, Diamanten,</p>
+<p>Smaragd, Rubin, Saphir, Topas</p>
+<p>Von g&#228;nzlich beispiellosem Werte.</p>
+<p>Doch Aladdin, der unbelehrte,</p>
+<p>Hielt sie f&#252;r nur gef&#228;rbtes Glas.</p>
+<p>Er h&#228;tte lieber von den Zweigen</p>
+<p>Sich s&#252;&#223;e Trauben oder Feigen</p>
+<p>Gepfl&#252;ckt; als Spielzeug aber war</p>
+<p>Der bunte Tand ganz annehmbar.</p>
+<p>Drum nahm er sich von jeder Sorte,</p>
+<p>So viel er in die Taschen zwang,</p>
+<p>Schritt die drei S&#228;le sacht entlang</p>
+<p>Und kam zur&#252;ck zur Eingangspforte.</p>
+<p><a name='Page_15' id="Page_15"></a><span class=
+'pagenum'>15</span>Den Oheim, der mit allen Zeichen</p>
+<p>Der Ungeduld hier Wache stand,</p>
+<p>Bat er, zur Hilf' ihm seine Hand</p>
+<p>Beim Ausstieg aus dem Schacht zu reichen.</p>
+<p>Der aber rief in einem groben</p>
+<p>Befehlerton: "Die Lampe her!"</p>
+<p>"Du sollst sie haben nach Begehr,"</p>
+<p>Sprach Aladdin, "sobald ich oben."</p>
+<p>Der Oheim schrie mit steter Steigrung:</p>
+<p>"Die Lampe!" Doch voll Eigensinn</p>
+<p>Blieb Aladdin bei seiner Weigrung:</p>
+<p>"Wart', bitte, bis ich oben bin."</p>
+<p>Des Oheims Wut ward ungeheuer;</p>
+<p>Schnell go&#223; er R&#228;ucherwerk ins Feuer,</p>
+<p>Indem er eine Formel schnaubte.</p>
+<p>Der Quader klappte drauf im Nu</p>
+<p>Dem Aladdin grad &#252;berm Haupte</p>
+<p>Wie eines Kastens Deckel zu.&#8212;</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Wer wird aus diesem Oheim klug?</p>
+<p>Ein Bruder Mustaphas? Beh&#252;te!</p>
+<p>Verwandtschaft, R&#252;hrung, Herzensg&#252;te</p>
+<p>War samt und sonders Lug und Trug.</p>
+<p>Ein Zaubrer war's, nicht hier geboren,</p>
+<p>Nein, fern in Afrika daheim,</p>
+<p>Und hatte diesen Vogelleim</p>
+<p>Aus gutem Grund sich auserkoren.</p>
+<p>Nachdem er n&#228;mlich festgestellt</p>
+<p><a name='Page_16' id="Page_16"></a><span class=
+'pagenum'>16</span>Durch Hexerei, da&#223; in der Welt</p>
+<p>Es eine Wunderlampe gebe,</p>
+<p>Die zu der h&#246;chsten Macht erhebe,</p>
+<p>Ja, Geister f&#228;hig sei zu binden,</p>
+<p>Hatt' er in einem Zauberbuch</p>
+<p>Nach manch vergeblichem Versuch</p>
+<p>Den Ort entdeckt, wo sie zu finden,</p>
+<p>Und so, von Habgier angefacht,</p>
+<p>Flugs auf die Reise sich gemacht.</p>
+<p>Doch weil ihm ein Gesetz verwehrte,</p>
+<p>Selbst in das Schatzgew&#246;lb' zu dringen,</p>
+<p>Deswegen war vor allen Dingen</p>
+<p>Er einem Werkzeug auf der F&#228;hrte,</p>
+<p>Das ihm dazu geeignet schien.</p>
+<p>Sein Auge fiel auf Aladdin</p>
+<p>Als einen unerfahrnen Knaben;</p>
+<p>Wenn ihm die Lampe der geschafft,</p>
+<p>Dann durch der Zauberformel Kraft</p>
+<p>Wollt' er lebendig ihn begraben,</p>
+<p>Damit er nichts davon verriete.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Und nun? Gescheitert war der Plan,</p>
+<p>Die jahrelange M&#252;h' vertan!</p>
+<p>Statt des Gewinnes eine Niete!</p>
+<p>Vorzeitig hatte ja sein Zorn</p>
+<p>Auf immerdar den Wunderborn</p>
+<p>Mitsamt der Lampe zugeriegelt,</p>
+<p>Und alle seine Kunst und List</p>
+<p><a name='Page_17' id="Page_17"></a><span class=
+'pagenum'>17</span>H&#228;tt' ihn kein zweites Mal entsiegelt.</p>
+<p>So, mit sich selbst in argem Zwist,</p>
+<p>Von Grimm gefoltert und von Scham,</p>
+<p>Vermied er's, l&#228;nger zu verweilen,</p>
+<p>Und reiste wieder tausend Meilen</p>
+<p>Dahin zur&#252;ck, woher er kam.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_18' id="Page_18"></a><span class='pagenum'>18</span>
+<a name="3"></a>
+<h2>3.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_w.jpg" alt="W"
+title="" /></div>
+<p>Wer schildert Aladdins Entsetzen,</p>
+<p>Als er sich hilflos, wie ein Fink</p>
+<p>In eines Vogelf&#228;ngers Netzen,</p>
+<p>Verstrickt sah durch des Zaubrers Wink!</p>
+<p>Vergebens, da&#223; er laut und schrille</p>
+<p>Nach dem vermeinten Oheim rief;</p>
+<p>Mit Bleigewicht bedeckte tief</p>
+<p>Ihn Dunkelheit und Grabesstille.</p>
+<p>Vergebens, da&#223; ihn Furcht und Schauer</p>
+<p>zur&#252;ck durch die drei S&#228;le trieb;</p>
+<p>Der Zugang zu dem Garten blieb</p>
+<p>Verschlossen wie durch eine Mauer,</p>
+<p>Und nicht imstand, sich zu befrei'n</p>
+<p>Aus diesem schrecklichen Gef&#228;ngnis,</p>
+<p>Fing in verzweifelter Bedr&#228;ngnis</p>
+<p>Er an zu weinen und zu Schrei'n,</p>
+<p>Bis endlich vor Entkr&#228;ftung krank</p>
+<p>Er auf den Boden niedersank.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>So, nicht imstand mehr, sich zu regen,</p>
+<p>Lag er entbehrend Speis' und Trank</p>
+<p>Und blickte seinem Tod entgegen</p>
+<p><a name='Page_19' id="Page_19"></a><span class=
+'pagenum'>19</span>Zwei Tage lang. Zuletzt am dritten,</p>
+<p>Als er die schwachen H&#228;nde hob,</p>
+<p>Um Gottes Beistand zu erbitten,</p>
+<p>Da&#8212;ganz von ungef&#228;hr&#8212;verschob</p>
+<p>An seinem Finger sich der Ring,</p>
+<p>Der ihm vom Zaubrer angesteckt war,</p>
+<p>Und dessen Kraft ihm noch verdeckt war.</p>
+<p>Bevor ein Augenblick verging,</p>
+<p>Erhob auf einmal, f&#252;rchterlich</p>
+<p>Von Wuchs und Antlitz und Geb&#228;rde,</p>
+<p>Ein Geist sich vor ihm aus der Erde</p>
+<p>Und sagte: "Was begehrst du? Sprich!</p>
+<p>Dein Sklav' bin ich und aller derer,</p>
+<p>Die diesen Ring am Finger tragen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Zwar fiel vor Schreck und scheuem Zagen</p>
+<p>Dem Aladdin das Sprechen schwerer</p>
+<p>Als je zuvor; doch nur bedacht</p>
+<p>Auf Rettung, gab er schnell dem Geist</p>
+<p>Zur Antwort: "Wer du immer seist,</p>
+<p>Hilf mir, sofern's in deiner Macht,</p>
+<p>Aus diesem schauerlichen Orte!"</p>
+<p>Gesprochen waren kaum die Worte,</p>
+<p>Da fand er sich bei Tageshelle,</p>
+<p>Nachdem er einen Ruck versp&#252;rt,</p>
+<p>Im Freien wieder an der Stelle,</p>
+<p>Wohin der Zaubrer ihn gef&#252;hrt.</p>
+<p>Doch zeigte sich kein Quader mehr</p>
+<p><a name='Page_20' id="Page_20"></a><span class=
+'pagenum'>20</span>Und keine T&#252;r zum Gruftgem&#228;uer;</p>
+<p>Nur vom erloschnen Reisigfeuer</p>
+<p>Ein H&#228;uflein Asche lag umher.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Zwar froh, jedoch zum Sterben matt</p>
+<p>Und halb verhungert, suchte gierig</p>
+<p>Er nach dem Heimweg in die Stadt.</p>
+<p>Zum Gl&#252;ck war das nicht allzu schwierig.</p>
+<p>Die Felsen halfen eng und dicht</p>
+<p>Ihm auf den schmalen Pfad gelangen,</p>
+<p>Den vor drei Tagen er begangen.</p>
+<p>Die G&#228;rten kamen bald in Sicht,</p>
+<p>Und weit schon gr&#252;&#223;ten ihn voraus</p>
+<p>Die wohlbekannten T&#252;rm' und D&#228;cher.</p>
+<p>Er schleppte, schwach und immer schw&#228;cher,</p>
+<p>Sich bis zu seiner Mutter Haus</p>
+<p>Und schlug, sobald er es betreten,</p>
+<p>Ohnm&#228;chtig in der Stube hin.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter, die von Anbeginn</p>
+<p>Die Zeit mit Weinen und mit Beten</p>
+<p>Verbracht und ihn zuletzt, beraubt</p>
+<p>Jedweder Hoffnung, tot geglaubt,</p>
+<p>War auf das eifrigste bestrebt,</p>
+<p>Ihn wieder zu sich selbst zu bringen;</p>
+<p>Er aber sagte, kaum belebt:</p>
+<p>"Ach, Mutter, hol' vor allen Dingen</p>
+<p>Mir was zu essen her; denn fasten</p>
+<p><a name='Page_21' id="Page_21"></a><span class=
+'pagenum'>21</span>Mu&#223;t' ich drei Tage ganz und gar."</p>
+<p>Sie gab ihm, was im Hause war,</p>
+<p>Und warnt' ihn, sich zu &#252;berhasten,</p>
+<p>Denn was man rasch hinunterw&#252;rge,</p>
+<p>Das k&#246;nne man nicht gut verdau'n,</p>
+<p>Und nur damit er ihr verb&#252;rge,</p>
+<p>Langsam und ordentlich zu kau'n,</p>
+<p>Drum solle, w&#228;hrend er bei Tisch,</p>
+<p>Ihn keine Frag' und Antwort qu&#228;len;</p>
+<p>Er m&#246;g' ihr eher nichts erz&#228;hlen,</p>
+<p>Als bis er g&#228;nzlich satt und frisch.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Er folgte diesem guten Rat,</p>
+<p>Indem er so nur Stumm besch&#228;ftigt</p>
+<p>Dem Leibeswohl Gen&#252;ge tat.</p>
+<p>Dann aber, durch das Mahl gekr&#228;ftigt,</p>
+<p>Beschrieb im kleinen und im gro&#223;en</p>
+<p>Er nach der Reihe ganz genau,</p>
+<p>Was ihm inzwischen zugesto&#223;en;</p>
+<p>Er wies, als ihm die wackre Frau</p>
+<p>Nicht wollte glauben und drauf schwor,</p>
+<p>Da&#223; er getr&#228;umt, an seinem Finger</p>
+<p>Den Ring und zog die bunten Dinger,</p>
+<p>Die er vom Baum gepfl&#252;ckt, hervor.</p>
+<p>Auch sie, weil nirgends noch dergleichen</p>
+<p>Sie je gewahrt und stets verkehrt</p>
+<p>Mit armen Leuten, nie mit reichen,</p>
+<p>Verkannte v&#246;llig deren Wert.</p>
+<p><a name='Page_22' id="Page_22"></a><span class=
+'pagenum'>22</span>Sie meinte zwar, da&#223; ihr Besitzer</p>
+<p>Sich an dem farbigen Geglitzer</p>
+<p>Erfreuen k&#246;nnte; doch dies Lob</p>
+<p>Erschien dem Sohne nicht betr&#228;chtlich,</p>
+<p>Weshalb er sie beinah ver&#228;chtlich</p>
+<p>In irdgendeine Lade schob.</p>
+<p>Die mitgebrachte Lampe kam</p>
+<p>Nicht besser weg; zu keinem Zwecke</p>
+<p>Schien tauglich dieser Tr&#246;delkram,</p>
+<p>Als um zu rosten in der Ecke.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Zuletzt gestanden sich die Zwei,</p>
+<p>Die Schuld an all dem Unheil trage</p>
+<p>Des falschen Oheims Schurkerei;</p>
+<p>Denn kl&#228;rlich trat es nun zutage,</p>
+<p>Da&#223; Aladdin von diesem B&#246;sen</p>
+<p>Geweiht war schn&#246;dem Untergang</p>
+<p>Und nur durch Zufall ihm gelang,</p>
+<p>Sich lebend aus dem Garn zu l&#246;sen.</p>
+<p>Die Mutter lie&#223; zu Schimpf und Schmach</p>
+<p>Des Zaubrers manchen Fluch erschallen;</p>
+<p>Doch waren, noch dieweil sie sprach,</p>
+<p>Dem Sohn die Augen zugefallen.</p>
+<p>Er hatte ja zwei volle N&#228;chte</p>
+<p>Vom Schlaf gemieden zugebracht;</p>
+<p>Drum heischte der schon vor der Nacht</p>
+<p>Heut unbezwinglich seine Rechte.</p>
+<p>Halb zog, halb trug mit treuem Sorgen</p>
+<p><a name='Page_24' id="Page_24"></a><span class=
+'pagenum'>24</span>Die Frau den Taumelnden zu Bett;</p>
+<p>Da lag er reglos wie ein Brett</p>
+<p>Und schnarchte bis zum sp&#228;ten Morgen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Kaum aber war er endlich wach,</p>
+<p>Als auch sein Hunger wiederkehrte</p>
+<p>Und nach dem Fr&#252;hst&#252;ck er begehrte.</p>
+<p>Doch seufzend rief die Mutter: "Ach,</p>
+<p>Ich habe keinen Bissen Brot;</p>
+<p>Denn alles, was ich noch besessen,</p>
+<p>Das hast du gestern aufgegessen.</p>
+<p>Wie helfen wir uns aus der Not?</p>
+<p>Ich mu&#223; erst wieder n&#228;h'n und spinnen,</p>
+<p>Bevor ich was verdienen kann."</p>
+<p>"Nein, Mutter, sorg' dich nicht," begann</p>
+<p>Der Sohn nach einigem Besinnen.</p>
+<p>"F&#252;r unsern heutigen Bedarf</p>
+<p>Gen&#252;gt's, die Lampe zu verkaufen,</p>
+<p>Die gestern ich beiseite warf.</p>
+<p>Ich will mit ihr zum H&#228;ndler laufen;</p>
+<p>Der wird gewi&#223; mir einen Groschen</p>
+<p>Daf&#252;r bezahlen oder zwei."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter holte sie herbei</p>
+<p>Und sprach: "Ihr Glanz ist l&#228;ngst erloschen;</p>
+<p>Auch ist von Staub und Rost und Schmutze</p>
+<p>Von oben sie bis unten voll;</p>
+<p>Wenn sie der H&#228;ndler kaufen soll,</p>
+<p><a name='Page_25' id="Page_25"></a><span class=
+'pagenum'>25</span>Ist's ratsam, da&#223; ich erst sie putze."</p>
+<p>So nahm sie Wasser denn und Sand;</p>
+<p>Kaum aber hatte sie zu scheuern</p>
+<p>Begonnen mit ge&#252;bter Hand,</p>
+<p>Da stieg in einer Ungeheuern</p>
+<p>Und grauenhaften Schreckgestalt,</p>
+<p>Des Zimmers ganzen Raum erf&#252;llend,</p>
+<p>Ein Geist vor ihr herauf, der br&#252;llend</p>
+<p>Mit markersch&#252;tternder Gewalt</p>
+<p>Sie anfuhr: "Was ist dein Begehr?</p>
+<p>Um dir zu dienen, komm' ich her.</p>
+<p>Gehorchen mu&#223; ich jedermann,</p>
+<p>Der diese Lampe h&#228;lt in H&#228;nden."</p>
+<p>Allein, bevor er Zeit gewann,</p>
+<p>Um seine Rede zu vollenden,</p>
+<p>Fiel, au&#223;erstand, sich zu bemeistern,</p>
+<p>Die Mutter um und rang nach Luft.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0023.jpg"><img src=
+"images/a0023.jpg" alt="Das Erscheinen des Geistes" title=
+"Das Erscheinen des Geistes" /></a>
+<p>Das Erscheinen des Geistes</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Doch Aladdin, der in der Gruft</p>
+<p>Gelernt, wie man mit solchen Geistern</p>
+<p>Verf&#228;hrt, ergriff die Lampe schnell</p>
+<p>Und s&#228;umte nicht, ihm zu befehlen:</p>
+<p>"Ein gutes Fr&#252;hst&#252;ck schaff' zur Stell'!"</p>
+<p>Der Geist verschwand. Nicht drei zu z&#228;hlen</p>
+<p>Vermochte man, da kam er wieder</p>
+<p>Mit einer gro&#223;en Silberplatte</p>
+<p>Und setzte sie behutsam nieder.</p>
+<p>Was irgend man zu w&#252;nschen hatte,</p>
+<p><a name='Page_26' id="Page_26"></a><span class=
+'pagenum'>26</span>Das bot sich drauf in F&#252;lle dar:</p>
+<p>Zw&#246;lf Silbersch&#252;sseln, drin ein feines</p>
+<p>Und reiches Mahl enthalten war,</p>
+<p>Zwei Flaschen voll erlesnen Weines,</p>
+<p>Vier Brote von dem besten Mehl,</p>
+<p>Kurzum ein Fr&#252;hst&#252;ck ohne Fehl.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter lag in Ohnmacht noch,</p>
+<p>Wie sich der Geist bereits empfohlen,</p>
+<p>Und konnt' erst langsam sich erholen,</p>
+<p>Indem den w&#252;rzigen Duft sie roch.</p>
+<p>Der Sohn erfa&#223;te sie beim Arm</p>
+<p>Und dr&#228;ngte sie, den guten Speisen</p>
+<p>Geziemend Ehre zu erweisen;</p>
+<p>Denn ewig blieben sie nicht warm.</p>
+<p>Sie sprach, verbl&#252;fft im h&#246;chsten Grade:</p>
+<p>"Woher denn dieser &#220;berflu&#223;?</p>
+<p>Zeigt uns der Sultan seine Gnade?"</p>
+<p>Drauf Aladdin: "Zuerst Genu&#223;,</p>
+<p>Erkl&#228;rungen dann hinterdrein."</p>
+<p>Und unbedenklich hieb er ein.</p>
+<p>Die Mutter, vor Erstaunen wirr,</p>
+<p>Betrachtete bei jeder Pause,</p>
+<p>Die stattfand zwischen ihrem Schmause,</p>
+<p>Das sch&#246;ne silberne Geschirr,</p>
+<p>Und als die Zwei ges&#228;ttigt, lag</p>
+<p>Noch ganz genug in jeder Sch&#252;ssel</p>
+<p>F&#252;r diesen und den n&#228;chsten Tag.</p>
+<p><a name='Page_27' id="Page_27"></a><span class=
+'pagenum'>27</span>Sie fragte wieder nach dem Schl&#252;ssel</p>
+<p>Zu diesem seltsamen Erlebnis,</p>
+<p>Und als der Sohn ihr wahrheitstreu</p>
+<p>Geschildert hatte das Begebnis,</p>
+<p>Versetzte sie voll banger Scheu:</p>
+<p>"Mit Geistern ist nicht gut zu scherzen;</p>
+<p>Drum folg' mir, wirf die Lampe fort</p>
+<p>Und nimm den Druck von meinem Herzen."</p>
+<p>"Nein," rief er, "einen solchen Hort</p>
+<p>Soll, wer ihn einmal hat, beh&#252;ten.</p>
+<p>Nun ist, was erst ich nicht begriff,</p>
+<p>Mir klar&#8212;des falschen Oheims Kniff</p>
+<p>Sowie der Grund von seinem W&#252;ten.</p>
+<p>Durchaus die Lampe wollt' er haben,</p>
+<p>Weil sie versehn mit Wundergaben,</p>
+<p>Und jetzt mit Recht geh&#246;rt sie mir.</p>
+<p>Ich will sie bergen zwar und Sch&#252;tzen</p>
+<p>Vor unsrer Nachbarn Neid und Gier,</p>
+<p>Im Notfall aber sie ben&#252;tzen,</p>
+<p>Sie und den Ring an meiner Hand.</p>
+<p>Vertrauen darf ich meinem Gl&#252;cke,</p>
+<p>Weil dieses Schurken arge T&#252;cke</p>
+<p>Sich so zum Guten hat gewandt."</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_28' id="Page_28"></a><span class='pagenum'>28</span>
+<a name="4"></a>
+<h2>4.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_e.jpg" alt="E"
+title="" /></div>
+<p>Einmal geht alles auf die Neige,</p>
+<p>H&#228;lt man damit auch sparsam Haus,</p>
+<p>Und da&#223; der Hunger dauernd schweige,</p>
+<p>Bewirkt kein noch so fetter Schmaus.</p>
+<p>Die Sch&#252;sseln wurden also leer,</p>
+<p>Und Aladdin, dem unterm Gurte</p>
+<p>Bereits der Magen wieder knurrte,</p>
+<p>Nahm von den zw&#246;lfen eine her</p>
+<p>Und trug in seines Mantels Falten</p>
+<p>Sie heimlich, um sie feilzuhalten,</p>
+<p>Zum Tr&#246;dler in der n&#228;chsten Gasse;</p>
+<p>Doch als der h&#246;chst verschmitzte Greis</p>
+<p>Die Frage tat, um welchen Preis</p>
+<p>Er ihm die Sch&#252;ssel &#252;berlasse,</p>
+<p>Gestand ihm Aladdin gar ehrlich,</p>
+<p>Wieviel sie wert sei, wiss' er nicht.</p>
+<p>Der alte Gauner, der begehrlich</p>
+<p>Gepr&#252;ft ihr stattliches Gewicht</p>
+<p>Und merkte, da&#223; der junge Fant</p>
+<p><a name='Page_29' id="Page_29"></a><span class=
+'pagenum'>29</span>Von seinem Schatze nichts verstand,</p>
+<p>Gab ihm, damit nicht vorm Verkauf</p>
+<p>Er etwas noch davon erfahre,</p>
+<p>Geschwind ein Goldst&#252;ck f&#252;r die Ware.</p>
+<p>Mit diesem flog in muntrem Lauf,</p>
+<p>Des Vorteils froh, der ihm erwuchs,</p>
+<p>Der Bursch zum B&#228;cker und zum Schl&#228;chter,</p>
+<p>Dieweil ihm jener schlaue Fuchs</p>
+<p>Nachsah mit leisem Hohngel&#228;chter.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>In solcher Art allm&#228;hlich lie&#223;</p>
+<p>Elf Sch&#252;sseln, eine nach der andern,</p>
+<p>Wenn ihn die Not von neuem stie&#223;,</p>
+<p>Nichtsahnend er zum Tr&#246;dler wandern.</p>
+<p>Nun kam ihm bei dem n&#228;chsten Fall</p>
+<p>Zu Sinn, die Platte loszuschlagen;</p>
+<p>Nur konnt' er die nicht selber tragen;</p>
+<p>War viel zu schwer doch ihr Metall.</p>
+<p>So bat er, weil er noch nicht kl&#252;ger</p>
+<p>Geworden, jenen Schelm ins Haus,</p>
+<p>Und schleunig zahlte der Betr&#252;ger</p>
+<p>Goldst&#252;cker zehn daf&#252;r ihm aus.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die zw&#246;lfte Sch&#252;ssel blieb zur&#252;ck.</p>
+<p>Nachdem das sch&#246;ne Geld zerflossen,</p>
+<p>Wollt' er zum Tr&#246;dler kurz entschlossen</p>
+<p>Verschleppen auch dies letzte St&#252;ck.</p>
+<p>Doch mitten auf dem Wege trat</p>
+<p><a name='Page_30' id="Page_30"></a><span class=
+'pagenum'>30</span>Ein Goldschmied freundlich ihm entgegen</p>
+<p>Und sagte: "Nicht der Neugier wegen</p>
+<p>Frag' ich, warum den gleichen Pfad</p>
+<p>Ich oft, mein Sohn, dich wandeln sehe.</p>
+<p>Hier wohnt ein Tr&#246;dler in der N&#228;he;</p>
+<p>Hast du mit dem dich eingelassen,</p>
+<p>Dann sei gewarnt und sieh dich vor;</p>
+<p>Denn jeden haut er &#252;bers Ohr.</p>
+<p>Ich will mich gern damit befassen,</p>
+<p>Zu sch&#228;tzen, was dir etwa feil,</p>
+<p>Und nimmer w&#252;rdest du betrogen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Bursche hatte mittlerweil</p>
+<p>Die Sch&#252;ssel aus dem Kleid gezogen.</p>
+<p>Die sah der Goldschmied ohne Worte</p>
+<p>Von allen Seiten lang sich an</p>
+<p>Mit Kennerblick und fragte dann,</p>
+<p>Ob er schon andre dieser Sorte</p>
+<p>Ver&#228;u&#223;ert hab' und f&#252;r wieviel.</p>
+<p>"Ein Goldst&#252;ck hat er mir gegeben,"</p>
+<p>Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben,</p>
+<p>Der Spitzbub kennt nicht Ma&#223; noch Ziel,"</p>
+<p>Versetzte jener voll Emp&#246;rung.</p>
+<p>"Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut</p>
+<p>Und hast in gr&#252;ndlicher Bet&#246;rung</p>
+<p>Verschleudert ein betr&#228;chtlich Gut.</p>
+<p>F&#252;r solche Sch&#252;ssel sondergleichen</p>
+<p>Ein Goldst&#252;ck! O der Ungeb&#252;hr!</p>
+<p><a name='Page_31' id="Page_31"></a><span class=
+'pagenum'>31</span>Denn achtundsechzig will daf&#252;r</p>
+<p>Ich auf dem Fleck dir &#252;berreichen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Von diesem Tag an war das Darben</p>
+<p>F&#252;r Sohn und Mutter abgestellt,</p>
+<p>Und &#252;bermalt mit Rosenfarben</p>
+<p>Schien die zuvor so graue Welt.</p>
+<p>Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte,</p>
+<p>Lie&#223; Aladdin der Lampe Geist,</p>
+<p>Ob auch der Mutter vor ihm bangte,</p>
+<p>Erscheinen und gebot ihm dreist,</p>
+<p>Ein neues Fr&#252;hst&#252;ck anzurichten;</p>
+<p>P&#252;nktlich vollzog der seine Pflichten.</p>
+<p>Die Silbersch&#252;sseln und die Platten</p>
+<p>Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war,</p>
+<p>Zum Goldschmied hin, der stets bereit war,</p>
+<p>Den vollen Preis ihm zu erstatten.</p>
+<p>Fortan drum ward es ihnen leicht,</p>
+<p>Bequem zu leben und behaglich;</p>
+<p>Doch weil es leider niemals fraglich,</p>
+<p>Da&#223; Mi&#223;gunst hinterm Gl&#252;cke schleicht</p>
+<p>Und man sich h&#252;ten mu&#223; vor Neidern,</p>
+<p>Vermieden sie trotz gutem Trunk</p>
+<p>Und gutem Essen jeden Prunk</p>
+<p>In ihrem Haus und ihren Kleidern</p>
+<p>Und hielten hinter sich'rem Schlo&#223;</p>
+<p>Dadurch geheim den goldnen Bronnen,</p>
+<p>Der ihnen unversiegbar flo&#223;.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p><a name='Page_32' id="Page_32"></a><span class=
+'pagenum'>32</span>Vier Jahre waren so verronnen.</p>
+<p>Zu einem schmucken jungen Manne</p>
+<p>War Aladdin herangereist,</p>
+<p>Gerad und schlank wie eine Tanne.</p>
+<p>Ein winzig B&#228;rtchen, zart geschweift,</p>
+<p>Spro&#223; &#252;ber seinem Lippenrand,</p>
+<p>Und niemand h&#228;tte mehr den L&#252;mmel,</p>
+<p>Der einst in m&#252;&#223;igem Get&#252;mmel</p>
+<p>Die Zeit vertan, in ihm erkannt.</p>
+<p>Sein Blick war jetzt nicht mehr getr&#252;bt</p>
+<p>Von Tr&#228;gheit, seine Geisteskr&#228;fte</p>
+<p>Durch ernsten Umgang einge&#252;bt</p>
+<p>Auf die verschiedensten Gesch&#228;fte.</p>
+<p>Der Menschen Treiben insgesamt,</p>
+<p>Ihr Wirken, Trachten, F&#252;rchten, Hoffen</p>
+<p>In jedem Handwerk, jedem Amt</p>
+<p>Lag wie ein Buch nun vor ihm offen.</p>
+<p>Er hatte viel Verkehr gepflegt</p>
+<p>In Wechselstuben, Kaufmannsl&#228;den</p>
+<p>Und sich in seinem Tun und Reden</p>
+<p>Ein vornehm Wesen zugelegt.</p>
+<p>Jetzt ward ihm auch von selber kund,</p>
+<p>Was einst er nicht gewagt zu tr&#228;umen:</p>
+<p>Da&#223; all die Fr&#252;chte feurig bunt</p>
+<p>Von jenes Zaubergartens B&#228;umen</p>
+<p>Kein farbig Glas, wie er gedacht,</p>
+<p>Vielmehr die k&#246;stlichsten Juwelen.</p>
+<p>Er nahm sich aber wohl in acht,</p>
+<p><a name='Page_33' id="Page_33"></a><span class=
+'pagenum'>33</span>Aus Furcht, man k&#246;nnt' ihn drum
+bestehlen,</p>
+<p>Es irgend jemand zu erz&#228;hlen.</p>
+<p>Der Mutter selbst verschwieg er's streng.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Durchwandelnd eines Tags die Stra&#223;en,</p>
+<p>Vernahm er ungewohnterma&#223;en</p>
+<p>Ein laut Bumbum und Schnettretteng.</p>
+<p>Zum Schall von Pauken und Trompeten</p>
+<p>Rief &#246;ffentlich ein Herold aus,</p>
+<p>Man m&#246;ge schlie&#223;en jedes Haus</p>
+<p>Und nicht die Stra&#223;e mehr betreten.</p>
+<p>Prinzessin Bedrulbudur n&#228;mlich,</p>
+<p>Des Sultans Tochter, wolle heute</p>
+<p>Zum Bade gehn, und zwar bequemlich</p>
+<p>Gesichert vorm Gegaff der Leute.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Weil Neugier doppelt heftig loht,</p>
+<p>Wenn ihr begegnet ein Verbot,</p>
+<p>Ward alsogleich durch dies Verfahren</p>
+<p>In Aladdin der Wunsch erweckt,</p>
+<p>Die Sultanstochter unbedeckt</p>
+<p>Von ihrem Schleier zu gewahren.</p>
+<p>Er schlich deshalb auf leichten Sohlen</p>
+<p>Zur T&#252;r des Bades katzenhaft</p>
+<p>Und kauerte sodann verstohlen</p>
+<p>Sich hinter einer S&#228;ule Schaft.</p>
+<p>Er hatte noch nicht lang geharrt,</p>
+<p>Als schon mit einem gro&#223;en Staate</p>
+<p><a name='Page_34' id="Page_34"></a><span class=
+'pagenum'>34</span>Von Frauen die Prinzessin nahte.</p>
+<p>Sie nahm, von seiner Gegenwart</p>
+<p>Nichts merkend, g&#228;nzlich unbefangen</p>
+<p>Im Vorraum ihren Schleier ab,</p>
+<p>Und Aladdin, drei Schritte knapp</p>
+<p>Entfernt, vermochte nach Verlangen</p>
+<p>Ihr Antlitz h&#252;llenlos zu schaun.</p>
+<p>War auch&#8212;die Mutter ausgenommen&#8212;</p>
+<p>Bisher von unvermummten Frau'n</p>
+<p>Ihm keine zu Gesicht gekommen,</p>
+<p>So ward mit einem Schlag ihm klar,</p>
+<p>Da&#223; diese hier die sch&#246;nste war.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0035.jpg"><img src=
+"images/a0035.jpg" alt="Aladdin belauscht die Prinzessin"
+title="Aladdin belauscht die Prinzessin" /></a>
+<p>Aladdin belauscht die Prinzessin</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Herab in reicher Lockenflut</p>
+<p>Flo&#223; ihr kastanienbraunes Haar</p>
+<p>Auf ihrer Augen dunkle Glut</p>
+<p>Ihr Blick war sittsam und voll G&#252;te,</p>
+<p>Die Wangen sanft gerundet, weich</p>
+<p>Und rosenrot wie Pfirsichbl&#252;te,</p>
+<p>Die Lippen zwei Korallen gleich.</p>
+<p>Ihr Wuchs und Gang war ohne Tadel,</p>
+<p>Und ihre liebliche Gestalt</p>
+<p>Verriet in Reizen tausendfalt</p>
+<p>Holdseligkeit vereint mit Adel.</p>
+<p>Kein Wunder drum, da&#223; Aladdin,</p>
+<p>Nachdem die Herrliche verschwunden,</p>
+<p>Noch immerdar wie festgebunden</p>
+<p>Und wie verzaubert sich erschien.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p><a name='Page_36' id="Page_36"></a><span class=
+'pagenum'>36</span>Obwohl erstarrt zu Stein und Erz</p>
+<p>Er sich zu r&#252;hren nicht vermochte,</p>
+<p>Konnt' er empfinden, wie sein Herz</p>
+<p>In seiner Brust vernehmlich pochte.</p>
+<p>Sogar als er zuletzt gewaltsam</p>
+<p>Sich loszurei&#223;en war gewillt,</p>
+<p>Verfolgte dennoch unaufhaltsam</p>
+<p>Ihn auf dem Weg nach Haus ihr Bild.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Mutter war's ein leichtes Ding,</p>
+<p>Sein ganz und gar ver&#228;ndert Wesen</p>
+<p>Gleich von der Stirn ihm abzulesen.</p>
+<p>Sie wunderte sich drob und fing</p>
+<p>Ihn auszuforschen an, warum</p>
+<p>Er so zerstreut, verst&#246;rt und stumm;</p>
+<p>Ob ihm vielleicht zu Kopf gestiegen</p>
+<p>Ein Streit? Ein &#196;rger? Ein Verdru&#223;?</p>
+<p>Doch er, wie eine harte Nu&#223;,</p>
+<p>Blieb unzug&#228;nglich und verschwiegen.</p>
+<p>Auch als am Abend auf den Tisch</p>
+<p>Von ihr ein braungebratner Hase</p>
+<p>Getragen ward und in die Nase</p>
+<p>Der Duft ihm drang verf&#252;hrerisch,</p>
+<p>Schob er, der immer seinen Mann</p>
+<p>Gestanden sonst als guter Esser,</p>
+<p>Hinweg die Gabel und das Messer</p>
+<p>Und r&#252;hrte keinen Bissen an.</p>
+<p>Da merkte sie, da&#223; an dem Toren</p>
+<p><a name='Page_37' id="Page_37"></a><span class=
+'pagenum'>37</span>Heut jedes Mittel war verloren,</p>
+<p>Und beide schwiegen um die Wette.</p>
+<p>Er tr&#228;umte wachend, seufzte tief</p>
+<p>Und ging zu guter Letzt zu Bette;</p>
+<p>Doch fraglich ist es, ob er schlief.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_38' id="Page_38"></a><span class='pagenum'>38</span>
+<a name="5"></a>
+<h2>5.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_a.jpg" alt="A"
+title="" /></div>
+<p>Am Morgen drauf&#8212;am Spinnrad schon</p>
+<p>Sa&#223; die besorgte Frau voll tr&#252;ber</p>
+<p>Gedanken&#8212;trat herein ihr Sohn</p>
+<p>Und setzte sich ihr gegen&#252;ber.</p>
+<p>"Ach, Mutter," hob er an, "vergib</p>
+<p>Mir nur mein gestriges Betragen;</p>
+<p>Verzeih' mir, da&#223; auf deine Fragen</p>
+<p>Ich dir die Antwort schuldig blieb.</p>
+<p>Doch wenn du mir's mit Recht ver&#252;belt,</p>
+<p>Heut will ich offen dir gestehn:</p>
+<p>Ich kann, so viel ich nachgegr&#252;belt,</p>
+<p>Nicht fassen, was mit mir geschehn.</p>
+<p>Ich bin nicht krank, und dennoch lieber</p>
+<p>H&#228;tt' ich den &#228;rgsten Schmerz gef&#252;hlt</p>
+<p>Als dieses r&#228;tselhafte Fieber,</p>
+<p>Das mir im Innern tobt und w&#252;hlt.</p>
+<p>Mit Namen wei&#223; ich's nicht zu nennen</p>
+<p>Und wei&#223; auch nicht, wie man's behebt;</p>
+<p>Du aber wirst's gewi&#223; erkennen,</p>
+<p>Wenn du vernimmst, was ich erlebt."</p>
+<p><a name='Page_39' id="Page_39"></a><span class=
+'pagenum'>39</span>Drauf gab er ihr genaue Kunde,</p>
+<p>Wie gestern bei dem Badegang</p>
+<p>Der Sultanstochter ihm gelang,</p>
+<p>Ihr Antlitz aus dem Hintergrunde</p>
+<p>Befreit vom Schleier zu erblicken,</p>
+<p>Und wie dies Bild seit jener Stunde</p>
+<p>Sein herz an unsichtbaren Stricken</p>
+<p>Hinziehe zu der sch&#246;nen Fee.</p>
+<p>"Kurzum", so schlo&#223; er seine Schildrung,</p>
+<p>"Kein Zweifel, f&#252;r mein t&#246;dlich Weh</p>
+<p>Gibt's keine Hilfe, keine Mildrung,</p>
+<p>Es w&#228;re denn, da&#223; unverweilt</p>
+<p>Sie selbst, jawohl, sie selbst mich heilt</p>
+<p>Von allen N&#246;ten und Beschwerden;</p>
+<p>Gefa&#223;t somit ist mein Entschlu&#223;:</p>
+<p>Prinzessin Bedrulbudur mu&#223;</p>
+<p>Auf immerdar die Meine werden!"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter, die von ihrem Spinnen</p>
+<p>Ablassend eifrig zugeh&#246;rt,</p>
+<p>Rief lachend aus: "Bist du von Sinnen?</p>
+<p>Ja, bist so v&#246;llig du bet&#246;rt?</p>
+<p>An solch unm&#246;gliches Beginnen</p>
+<p>Denkt nur ein ausgemachter Narr."</p>
+<p>"Nein, Mutter," sprach er, "nein, du irrst;</p>
+<p>Zwar wu&#223;t' ich, da&#223; du lachen wirst;</p>
+<p>Doch mein Entschlu&#223; ist fest und starr.</p>
+<p>Und ob du zehnmal sagst, entglitten</p>
+<p><a name='Page_40' id="Page_40"></a><span class=
+'pagenum'>40</span>Sei mir mein s&#228;mtlicher Verstand,</p>
+<p>Es bleibt dabei, den Sultan bitten</p>
+<p>Will ich um seiner Tochter Hand."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>"Mein Sohn," begann die Mutter ernst,</p>
+<p>"Damit du recht erw&#228;gen lernst,</p>
+<p>Wie kindisch deine Reden sind,</p>
+<p>Antworte mir: Wer soll es wagen</p>
+<p>Ihm diese Bitte vorzutragen?"</p>
+<p>"Du selbst!" rief Aladdin geschwind.</p>
+<p>"Ich? Gott beh&#252;te mich davor!</p>
+<p>Schon der Gedanke macht mich beben!</p>
+<p>Wie d&#252;rftest du dein Aug' erheben</p>
+<p>Zu einem Sultanskind empor?</p>
+<p>Hast du vergessen, da&#223; ein Schneider</p>
+<p>Bescheidnen Rangs dein Vater war,</p>
+<p>All deine Ahnen Hungerleider?</p>
+<p>Und ist, so frag' ich, nicht sogar</p>
+<p>F&#252;r unsres Herrschers Schwiegersohn</p>
+<p>Ein Prinz noch von zu niedrem Stande,</p>
+<p>Falls er in seinem Heimatlande</p>
+<p>Nicht Aussicht hat auf einen Thron?"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Sie predigte nur tauben Ohren.</p>
+<p>"Nenn's Wahnwitz, nenn' es Eigensinn;</p>
+<p>Ich hab' es mir einmal geschworen,</p>
+<p>Und nichts ersch&#252;ttert mich darin.</p>
+<p>Solange mich des Himmels Bau</p>
+<p><a name='Page_41' id="Page_41"></a><span class=
+'pagenum'>41</span>Nicht krachend unter seinen Lasten</p>
+<p>Begr&#228;bt, werd' ich nicht ruhn und rasten,</p>
+<p>Bis die Prinzessin meine Frau.</p>
+<p>Ja, wenn du mich nicht elend sterben</p>
+<p>Willst sehn bereits am heut'gen Tag,</p>
+<p>Dann mu&#223;t du, kost' es, was es mag,</p>
+<p>In meinem Namen um sie werben."</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0041.jpg"><img src="images/a0041.jpg" alt=
+"Ein Herold verk&#252;ndet das Nahen der Prinzessin" title=
+"Ein Herold verk&#252;ndet das Nahen der Prinzessin" /></a>
+<p>Ein Herold verk&#252;ndet das Nahen der Prinzessin</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter wurde h&#246;chst verlegen.</p>
+<p>Ihn zum Verzicht auf seinen Plan</p>
+<p>Durch &#220;berredung zu bewegen,</p>
+<p>Schien hoffnungslos bei solchem Wahn.</p>
+<p>Nochmals versuchte sie's mit G&#252;te:</p>
+<p>"Gott wei&#223;, da&#223; f&#252;r mein armes Teil</p>
+<p>Ich allezeit mich um dein Heil</p>
+<p>Mit meiner ganzen Kraft bem&#252;hte.</p>
+<p>F&#252;r dich vollbr&#228;cht' ich schlimmsten Falles</p>
+<p>Die schwerste Tat aus eignem Trieb;</p>
+<p>Denn wahrlich, ihrem Kind zulieb</p>
+<p>Tut eine Mutter freudig alles.</p>
+<p>Ja, wenn ein M&#228;dchen dir gefiele,</p>
+<p>zu vornehm weder noch zu reich,</p>
+<p>Nicht s&#228;umen w&#252;rd' ich, sondern gleich</p>
+<p>Dir ebnen deinen Weg zum Ziele,</p>
+<p>In deinem Namen um sie frei'n</p>
+<p>Und meinen Segen dir verleihn.</p>
+<p>Doch nimm nur an von ungef&#228;hr,</p>
+<p>Da&#223; ich dir deinen Willen t&#228;te,</p>
+<p><a name='Page_42' id="Page_42"></a><span class=
+'pagenum'>42</span>Verwegen vor den Sultan tr&#228;te</p>
+<p>Mit solchem frevelnden Begehr&#8212;</p>
+<p>W&#252;rd' &#252;berhaupt ich vorgelassen?</p>
+<p>W&#252;rd' augenblicklich nach Geb&#252;hr</p>
+<p>Nicht einer mich beim Arme fassen</p>
+<p>Und mich bef&#246;rdern vor die T&#252;r?</p>
+<p>Nimm aber an, da&#223; mir's gel&#228;nge,</p>
+<p>Durch all der Bittenden Gedr&#228;nge</p>
+<p>Dem Sultan selber mich zu nah'n,</p>
+<p>Und er, der gn&#228;dig ist f&#252;r jeden,</p>
+<p>W&#228;r's auch sein letzter Untertan,</p>
+<p>Gestattete mir frei zu reden&#8212;</p>
+<p>Wie dann begr&#252;nd' ich dein Gesuch?</p>
+<p>Welch ein Verdienst ist dir zu eigen?</p>
+<p>Kann ich auf deinen Namen zeigen</p>
+<p>In irgendeinem Ehrenbuch?</p>
+<p>Kannst du durch eine seltne Leistung,</p>
+<p>Durch eine vielger&#252;hmte Kunst</p>
+<p>Nachsicht verschaffen der Erdreistung,</p>
+<p>zu flehn um diese h&#246;chste Gunst?</p>
+<p>Und sei noch dessen eingedenk,</p>
+<p>Da&#223; man vorm Sultan darf erscheinen</p>
+<p>Nicht ohne kostbares Geschenk.</p>
+<p>Du selber wirst wohl kaum vermeinen,</p>
+<p>Es finde sich in deiner Habe</p>
+<p>Ein Kleinod von so hehrem Glanz,</p>
+<p>Da&#223; ich es bieten k&#246;nnt' als Gabe</p>
+<p>Dem gr&#246;&#223;ten Herrn des Morgenlands."</p>
+<p><a name='Page_43' id="Page_43"></a><span class=
+'pagenum'>43</span>"Ei, grade wenn ich dies bedenke,"</p>
+<p>Versetzte ruhig Aladdin,</p>
+<p>"Dann wird mir neuer Mut verliehn.</p>
+<p>Ich h&#228;tte nichts, was zum Geschenke</p>
+<p>F&#252;r einen Sultan gut genug?</p>
+<p>Entsinn' dich doch der h&#252;bschen Sachen,</p>
+<p>Die dazumal ich bei mir trug,</p>
+<p>Als ich der H&#246;hle finstrem Rachen</p>
+<p>Entronnen war mit heiler Haut,</p>
+<p>Und die mein Mangel an Erfahrung</p>
+<p>F&#252;r bunte Gl&#228;ser angeschaut.</p>
+<p>L&#228;ngst aber ward mir Offenbarung;</p>
+<p>Lernt' ich doch von den Juwelieren</p>
+<p>Den Unterschied von falsch und echt.</p>
+<p>Juwelen sind es, nicht zu schlecht,</p>
+<p>Um eine Krone zu verzieren</p>
+<p>Durch auserlesne Farb' und Art.</p>
+<p>Die werden, kann ich dir versprechen,</p>
+<p>Dem Sultan, wenn er sie gewahrt,</p>
+<p>Gewaltig in die Augen stechen,</p>
+<p>Soda&#223; er &#252;berflie&#223;t von Gnade."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Zauberfr&#252;chte kurz und gut</p>
+<p>Nahm insgesamt er aus der Lade,</p>
+<p>Worin bis heute sie geruht,</p>
+<p>Und ordnete sie mit Bedacht</p>
+<p>In einer sch&#246;nen alten Vase,</p>
+<p>Die seiner Mutter eine Base</p>
+<p><a name='Page_44' id="Page_44"></a><span class=
+'pagenum'>44</span>Einst zum Geburtstag &#252;berbracht.</p>
+<p>Ja freilich, von gemeinem Glase</p>
+<p>Kam dieses lautre Feuer nicht,</p>
+<p>Das nun mit st&#228;rkerem Gefunkel</p>
+<p>Sie blendete bei Tageslicht</p>
+<p>Als in des Abends halbem Dunkel.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Nachdem an dem erhabnen Schimmer</p>
+<p>Die beiden lange sich geletzt,</p>
+<p>Nahm Aladdin das Wort. "Was jetzt?</p>
+<p>Sag', Mutter, zweifelst du noch immer,</p>
+<p>Da&#223; mein Geschenk der Sultan sch&#228;tzt?</p>
+<p>Du wirst, so wett' ich, im Palast</p>
+<p>Mit dieser Gabe gut empfangen.</p>
+<p>Sprich, welchen Einwand du noch hast,</p>
+<p>Um mir zu weigern mein Verlangen?"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Zwar konnt' er sie nicht &#252;berzeugen;</p>
+<p>Doch weil er wild und wilder bat,</p>
+<p>So wu&#223;te sie sich keinen Rat</p>
+<p>Als widerstrebend sich zu beugen.</p>
+<p>"Wohlan, mein Sohn, weil du's verlangst,</p>
+<p>Will ich das Wagnis auf mich nehmen,</p>
+<p>Will trotzend meiner Herzensangst</p>
+<p>Mich zu dem schweren Gang bequemen.</p>
+<p>Nur gib nicht mir die Schuld, wenn sp&#228;ter</p>
+<p>Daraus entquillt ein Ungl&#252;cksborn,</p>
+<p>Und wenn uns in gerechtem Zorn</p>
+<p><a name='Page_45' id="Page_45"></a><span class=
+'pagenum'>45</span>Der F&#252;rst bestraft als
+Misset&#228;ter."</p>
+<p>"Warum denn gleich das &#196;rgste glauben?"</p>
+<p>Erwiderte der Sohn ihr heiter.</p>
+<p>"Und sollt' er wirklich z&#252;rnend schnauben,</p>
+<p>Dann hilft gewi&#223; mein Gl&#252;ck mir weiter.</p>
+<p>Die Lampe, die nun schon seit Jahren</p>
+<p>Auf Wunsch uns &#252;ppig tr&#228;nkt und speist,</p>
+<p>Wird mir auch k&#252;nftig in Gefahren</p>
+<p>Als Beistand senden ihren Geist."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>So wu&#223;t' er &#252;beraus gewandt</p>
+<p>Auch ihren letzten Widerstand</p>
+<p>Mit Gr&#252;nden aller Art zu brechen,</p>
+<p>Und sie erkl&#228;rte sich bereit,</p>
+<p>Beim Sultan morgen vorzusprechen,</p>
+<p>Wenn's im Bereich der M&#246;glichkeit.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_46' id="Page_46"></a><span class='pagenum'>46</span>
+<a name="6"></a>
+<h2>6.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_v.jpg" alt="V"
+title="" /></div>
+<p>Vor lauter Ungeduld erweckte</p>
+<p>Bereits vor Tag, bei D&#228;mmerschein</p>
+<p>Der Sohn die Mutter, und sie steckte</p>
+<p>Sich in ihr Feierkleid hinein.</p>
+<p>Die Vase, bis zum Rand gef&#252;llt</p>
+<p>Mit den Juwelen, ward in Linnen</p>
+<p>Von ihr behutsam eingeh&#252;llt;</p>
+<p>Ein feines wei&#223;es Tuch f&#252;r innen,</p>
+<p>Ein gr&#246;beres als &#220;berzug,</p>
+<p>Soda&#223;, nachdem sie die vier Enden</p>
+<p>Verknotet mit geschickten H&#228;nden,</p>
+<p>Sie das Geschenk als B&#252;ndel trug.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Sie machte dergestalt beklommen</p>
+<p>Nach dem Palast sich auf den Weg,</p>
+<p>Und grad als dort sie angekommen,</p>
+<p>Ward aufgetan das Torgeheg'.</p>
+<p>Erst ging hinein der Gro&#223;vezier</p>
+<p>Mit andern hohen W&#252;rdentr&#228;gern,</p>
+<p>Lakaien, Reisigen und J&#228;gern;</p>
+<p>Dahinter dr&#228;ngten, zahllos schier,</p>
+<p>In dichtem Schwarm sich all die Leute,</p>
+<p>Die bei des Herrschers Diwan heute</p>
+<p>Drauf rechneten, der Huld von oben</p>
+<p><a name='Page_47' id="Page_47"></a><span class=
+'pagenum'>47</span>Abzugewinnen einen Strahl.</p>
+<p>So, gehend halb und halb geschoben,</p>
+<p>Kam sie zum weiten, lichten Saal,</p>
+<p>Worin der Diwan ward gehalten.</p>
+<p>Dort sa&#223; der Sultan in Person,</p>
+<p>Umwogt von seines Purpurs Falten,</p>
+<p>Ihr gegen&#252;ber auf dem Thron,</p>
+<p>Der Gro&#223;vezier an seiner Seite,</p>
+<p>Sodann, gew&#228;rtig seines Winks,</p>
+<p>Ein &#228;u&#223;erst stattliches Geleite</p>
+<p>Von Staatsbeamten rechts und links.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Wer nun der Reihe nach gerufen</p>
+<p>Herantrat an des Thrones Stufen,</p>
+<p>Der legte seine Bittschrift nieder,</p>
+<p>Sprach zur Begr&#252;ndung einen Satz,</p>
+<p>Erhielt Bescheid und mu&#223;t' hinwieder</p>
+<p>Dem N&#228;chsten r&#228;umen seinen Platz.</p>
+<p>Die Mutter war noch lang' nicht dran;</p>
+<p>Doch ehe sie sich recht besann,</p>
+<p>Verstrich des Diwans kurze Stunde.</p>
+<p>Der F&#252;rst stand auf, entlie&#223; die Zahl</p>
+<p>Der Harrenden und schritt im Bunde</p>
+<p>Mit seinem Hofstaat aus dem Saal.</p>
+<p>Der Schwarm verlief sich, und sie ging,</p>
+<p>Da weiteres Bem&#252;hn vergeblich,</p>
+<p>Nach Haus, wo sie der Sohn erheblich</p>
+<p>Entt&#228;uscht und mi&#223;gestimmt empfing.</p>
+<p><a name='Page_48' id="Page_48"></a><span class=
+'pagenum'>48</span>Sein Unmut blieb ihr nicht verborgen;</p>
+<p>Doch f&#252;hlte sie sich frei von Schuld,</p>
+<p>Ermahnte sanft ihn zur Geduld</p>
+<p>Und gab ihr Wort, sie werde morgen</p>
+<p>Von neuem hingehn.&#8212;Welche Qual!</p>
+<p>Der arme Junge sa&#223; auf Kohlen.</p>
+<p>Denn fruchtlos mu&#223;te siebenmal</p>
+<p>Sie den Versuch noch wiederholen,</p>
+<p>Stets mit dem n&#228;mlichen Verlauf:</p>
+<p>Sie kam und sah den Sultan thronen,</p>
+<p>Recht sprechen, warnen und belohnen,</p>
+<p>Und immer wieder brach er auf,</p>
+<p>Bevor an ihr die Reihe war.</p>
+<p>So h&#228;tte dort wohl unabwendlich</p>
+<p>Sie Tag f&#252;r Tag ein volles Jahr</p>
+<p>Gewartet, w&#228;re sie nicht endlich</p>
+<p>Dem Blick des Herrschers aufgefallen,</p>
+<p>Weil ohne Bittschrift in der Hand</p>
+<p>Sie stets als hinterste von allen</p>
+<p>Dem Thron grad gegen&#252;berstand.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Drum, als der Diwan war beendet</p>
+<p>Am siebten Tag und er sich eben</p>
+<p>In sein Gemach zur&#252;ckbegeben,</p>
+<p>Sprach er zum Gro&#223;vezier gewendet:</p>
+<p>"Geraume Zeit bemerk' ich schon,</p>
+<p>Wie t&#228;glich, wenn ich Sitzung halte,</p>
+<p>Sich gegen&#252;ber meinem Thron</p>
+<p><a name='Page_49' id="Page_49"></a><span class=
+'pagenum'>49</span>Erwartend aufstellt eine Alte.</p>
+<p>Sie tr&#228;gt was in ein Tuch geschlagen</p>
+<p>Und steht so bis zum Schlusse still.</p>
+<p>Kannst du mir k&#252;nden, was sie will?"</p>
+<p>"Vermutlich will sie sich beklagen,"</p>
+<p>Erwiderte der Gro&#223;vezier.</p>
+<p>"Du wei&#223;t ja, Herr, wie h&#228;ufig Frauen</p>
+<p>Ein unbedeutend Leid vor dir</p>
+<p>Mit gro&#223;em Wortschwall wiederkauen.</p>
+<p>Vielleicht hat man zu wenig Mehl</p>
+<p>Ihr auf dem Markte zugewogen,</p>
+<p>Vielleicht beim Wechseln sie betrogen."</p>
+<p>Der Sultan gab ihm drauf Befehl,</p>
+<p>Sie n&#228;chstesmal ihm vorzuf&#252;hren.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Und richtig, tags darauf, sofort</p>
+<p>Nachdem man aufgetan die T&#252;ren,</p>
+<p>Stand sie beharrlich wieder dort.</p>
+<p>Der Sultan winkte vor Beginn</p>
+<p>Der Sitzung, als er sie erblickte,</p>
+<p>Dem Gro&#223;vezier, und dieser nickte</p>
+<p>Zum Obersten der Wache hin.</p>
+<p>Der gab der Mutter flugs ein Zeichen,</p>
+<p>Mit ihm zu gehn, gebot sodann</p>
+<p>Den Vorderen, vor ihr zu weichen,</p>
+<p>Und brachte sie zum Thron heran.</p>
+<p>Dort warf sie sich&#8212;weil dies geb&#252;hrend</p>
+<p>Ihr schien nach allgemeinem Brauch&#8212;</p>
+<p><a name='Page_50' id="Page_50"></a><span class=
+'pagenum'>50</span>Vorm Sultan nieder auf den Bauch,</p>
+<p>Den Boden mit der Stirn ber&#252;hrend.</p>
+<p>Doch er befahl ihr aufzustehn</p>
+<p>Und sagte: "Gute Frau, tagt&#228;glich</p>
+<p>Hab' ich seither dich unbeweglich</p>
+<p>Dort nah dem Eingang harren sehn.</p>
+<p>Was ist es, sprich, das du begehrst?"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Sie warf sich nochmals nieder erst</p>
+<p>Und hauchte, vor Erregung heiser:</p>
+<p>"Bevor, erhabner Herr und Kaiser,</p>
+<p>Den Anla&#223; du von mir erf&#228;hrt,</p>
+<p>Der mich bewog zu diesem Schritte,</p>
+<p>Vernimm die demutsvolle Bitte,</p>
+<p>Da&#223; mein unglaubliches Verlangen</p>
+<p>Du gn&#228;dig im voraus verzeihst;</p>
+<p>Denn ich vergehe fast vor Bangen.</p>
+<p>Erscheint ja doch mein Unterfangen</p>
+<p>Sogar mir selber allzu dreist."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Sultan, um ihr Mut zu machen,</p>
+<p>Lie&#223; augenblicks den ganzen Hauf</p>
+<p>Des Volks entfernen durch die Wachen</p>
+<p>Und forderte den Hofstaat auf,</p>
+<p>Ihn mit der Frau allein zu lassen;</p>
+<p>zur&#252;ck blieb nur der Gro&#223;vezier.</p>
+<p>"Du darfst", so sprach er dann zu ihr,</p>
+<p>"Nunmehr getrost ein Herz dir fassen.</p>
+<p><a name='Page_51' id="Page_51"></a><span class=
+'pagenum'>51</span>Was immer dein Begehren sei,</p>
+<p>Dir ist's vorweg, mein Wort zum Pfande,</p>
+<p>Vergeben. Also rede frei!"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Da l&#246;sten sich die Zungenbande</p>
+<p>Der Mutter. Ohne weitre Scheu</p>
+<p>Berichtete sie wahrheitstreu,</p>
+<p>Durch welch geheimes Abenteuer</p>
+<p>Sich seiner Tochter Aladdin,</p>
+<p>Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn</p>
+<p>Seitdem verzehre wildes Feuer;</p>
+<p>Wie redlich sie sich unterdessen</p>
+<p>Ihn abzuk&#252;hlen angestrengt,</p>
+<p>Doch wie von Leidenschaft besessen</p>
+<p>Er sie zu diesem Gang gedr&#228;ngt.</p>
+<p>Nur seiner Drohung, da&#223; er sterbe,</p>
+<p>Wenn nicht um deren Hand sie werbe,</p>
+<p>Die doch f&#252;rwahr, mit ihm verglichen,</p>
+<p>Nicht minder unerreichbar fern</p>
+<p>Als an dem Firmament ein Stern,</p>
+<p>Sei schlie&#223;lich z&#246;gernd sie gewichen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Sultan, keineswegs emp&#246;rt</p>
+<p>Noch sp&#246;ttisch, &#228;u&#223;erte die Frage,</p>
+<p>Nachdem er ruhig zugeh&#246;rt,</p>
+<p>Was in dem Tuch verh&#252;llt sie trage.</p>
+<p>Sogleich entnahm sie wunschgem&#228;&#223;</p>
+<p>Dem B&#252;ndel das Geschenk des Sohnes</p>
+<p><a name='Page_52' id="Page_52"></a><span class=
+'pagenum'>52</span>Und stellte vor den Fu&#223; des Thrones</p>
+<p>Das vollbeladene Gef&#228;&#223;.</p>
+<p>Der Herrscher, von dem bunten Scheine</p>
+<p>Geblendet, w&#228;hnte sich im Traum</p>
+<p>Und traute seinen Augen kaum</p>
+<p>Beim Anblick all der Edelsteine,</p>
+<p>So gro&#223; und pr&#228;chtig, wie noch keine</p>
+<p>Zeit seines Lebens er geschaut,</p>
+<p>Und in Betrachtung ganz versunken</p>
+<p>Sa&#223; er ein Weilchen ohne Laut.</p>
+<p>Dann aber rief er freudetrunken:</p>
+<p>"Wie sch&#246;n! Wie k&#246;stlich! Wie vollendet!",</p>
+<p>Nahm jeden einzeln in die Hand</p>
+<p>Und sprach, zum Gro&#223;vezier gewendet:</p>
+<p>"Sag', ob in meinem ganzen Land</p>
+<p>In allen L&#228;ndern dieser Erde</p>
+<p>Man je was gleich Vollkommnes fand?"</p>
+<p>Mit beifallspendender Geb&#228;rde</p>
+<p>Gab dies der Gro&#223;vezier ihm zu,</p>
+<p>Worauf er fortfuhr: "M&#246;chtest du</p>
+<p>Behaupten, da&#223; ich einen Mann,</p>
+<p>Der solcherlei vermag zu schenken,</p>
+<p>Nicht, ohne lang' mich zu bedenken,</p>
+<p>zum Schwiegersohn erw&#228;hlen kann?"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Gro&#223;vezier war sehr betroffen</p>
+<p>Von diesem Wort. Seit Jahren schon</p>
+<p>Lie&#223; n&#228;mlich ihn der Sultan hoffen,</p>
+<p><a name='Page_53' id="Page_53"></a><span class=
+'pagenum'>53</span>Er werde seinen eignen Sohn</p>
+<p>Mit der Prinzessin einst verm&#228;hlen.</p>
+<p>Er sagte drum ins Ohr ihm leise:</p>
+<p>"Ja, Herr, ich kann es nicht verhehlen,</p>
+<p>Da&#223; dies Geschenk von h&#246;chstem Preise</p>
+<p>Der Sultanstochter w&#252;rdig ist;</p>
+<p>Doch g&#246;nne mir drei Monat Frist.</p>
+<p>Mein Sohn, den vormals du zum Gatten</p>
+<p>Ihr zu bestimmen hast beehrt,</p>
+<p>Stellt sicher dies Geschenk in Schatten</p>
+<p>Durch eins von doppelt reichem Wert."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Das schien dem Sultan eine Flause;</p>
+<p>Doch gab er seiner Bitte nach,</p>
+<p>Weil er sein G&#252;nstling war, und sprach</p>
+<p>Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause</p>
+<p>Zu deinem Sohn und meld' ihm dies:</p>
+<p>Den Antrag, den er stellte, wies</p>
+<p>Ich nicht zur&#252;ck; drei Monat sind</p>
+<p>Vonn&#246;ten aber, eh' zum Gatten</p>
+<p>Ich jemand gebe meinem Kind,</p>
+<p>Um sie geziemend auszustatten.</p>
+<p>Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter ging nach Haus zur&#252;ck,</p>
+<p>Und diesmal bebten ihre Glieder</p>
+<p>Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Gl&#252;ck.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_54' id="Page_54"></a><span class='pagenum'>54</span>
+<a name="7"></a>
+<h2>7.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_w.jpg" alt="W"
+title="" /></div>
+<p>Wer k&#246;nnte wohl in Worte fassen,</p>
+<p>Wie selig unser junger Held,</p>
+<p>Nachdem die Mutter ihm bestellt,</p>
+<p>Was ihm der Sultan melden lassen!</p>
+<p>O Wonne, da&#223; nach langem D&#252;rsten,</p>
+<p>Nach vielen N&#228;chten ohne Schlaf</p>
+<p>Die Botschaft aus dem Mund des F&#252;rsten</p>
+<p>Sein k&#252;hnstes Hoffen &#252;bertraf!</p>
+<p>Er tanzte rund herum im Zimmer,</p>
+<p>Schwor in den feurigsten Erg&#252;ssen</p>
+<p>Der Mutter Dankbarkeit auf immer</p>
+<p>Und &#252;berh&#228;ufte sie mit K&#252;ssen.</p>
+<p>Drei volle Monat waren freilich</p>
+<p>Als vorgeschriebne Wartezeit</p>
+<p>F&#252;r seine Sehnsucht endlos weit.</p>
+<p>Es war darum gewi&#223; verzeihlich,</p>
+<p>Da&#223; ihn des Ziels Erwartung qu&#228;lte</p>
+<p>Und er best&#228;ndig nach der Uhr</p>
+<p>Nicht Wochen, Tage, Stunden nur,</p>
+<p>Vielmehr auch die Minuten z&#228;hlte.&#8212;</p>
+<p><a name='Page_55' id="Page_55"></a><span class=
+'pagenum'>55</span>Zwei Monat waren abgelaufen,</p>
+<p>Als eines Morgens ahnungslos</p>
+<p>Die Mutter sich, um was zu kaufen,</p>
+<p>Zum Markt begab. Ein laut Getos'</p>
+<p>Der Fr&#246;hlichkeit scholl ihr entgegen,</p>
+<p>Als w&#228;r' ein Fest heranger&#252;ckt;</p>
+<p>Mit Blumenkr&#228;nzen allerwegen</p>
+<p>Ward eilig Haus f&#252;r Haus geschm&#252;ckt,</p>
+<p>Und L&#228;mpchen wurden hundertfach</p>
+<p>Hinaufgereicht auf hohe Leitern</p>
+<p>F&#252;r Prachtbeleuchtung auf dem Dach.</p>
+<p>Die Stra&#223;en wimmelten von Reitern</p>
+<p>Auf edlen, reichgezierten Pferden,</p>
+<p>Und alt und jung war aufgeputzt.</p>
+<p>Die Mutter, ganz und gar verdutzt,</p>
+<p>Vermochte draus nicht klug zu werden.</p>
+<p>Sie fragte drum den ersten besten,</p>
+<p>Weshalb denn heute jedermann</p>
+<p>Sich r&#252;ste wie zu gro&#223;en Festen.</p>
+<p>Der gab zur Antwort: "Schau mal an,</p>
+<p>Das wei&#223;t du nicht? Ei, das erz&#228;hlt sich</p>
+<p>Ja doch die ganze Stadt erfreut;</p>
+<p>Dem Sohn des Gro&#223;veziers verm&#228;hlt sich</p>
+<p>Prinzessin Bedrulbudur heut."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Gute flog best&#252;rzt nach Haus</p>
+<p>Und rief dem Sohn, der sich zur Stelle</p>
+<p><a name='Page_56' id="Page_56"></a><span class=
+'pagenum'>56</span>Befand, entgegen auf der Schwelle:</p>
+<p>"Ach, &#196;rmster, nun ist alles aus!</p>
+<p>Den Sultan hat sein Wort gereut;</p>
+<p>Denn im Palast ist Hochzeit heut.</p>
+<p>Dort wird mit feierlichem Prunke</p>
+<p>Der Sohn des Gro&#223;veziers getraut,</p>
+<p>Und die Prinzessin ist die Braut."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Als ob des Blitzes j&#228;her Funke</p>
+<p>Durchzucke seines Lebens Mark,</p>
+<p>Empfand sich Aladdin zerschmettert,</p>
+<p>Blieb standhaft aber doch und stark;</p>
+<p>Und als verzweifelnd er durchbl&#228;ttert</p>
+<p>Seite f&#252;r Seite sein Ged&#228;chtnis</p>
+<p>Nach Mitteln gegen diese Pein,</p>
+<p>Fiel ihm des falschen Freunds Verm&#228;chtnis,</p>
+<p>Die Wunderlampe, wieder ein.</p>
+<p>Zur Mutter sprach er drauf entschieden:</p>
+<p>"Der Hochzeit setz' ich einen Damm!</p>
+<p>La&#223; schaun, wer heute mehr zufrieden,</p>
+<p>Ich oder dieser Br&#228;utigam."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Er tat, was ihm bereits gel&#228;ufig:</p>
+<p>In seine Kammer eingeschlossen</p>
+<p>Rieb er die Lampe, wie schon h&#228;ufig,</p>
+<p>Und aus dem Boden aufgeschossen</p>
+<p>Erschien der Geist gleich einem Riesen,</p>
+<p><a name='Page_57' id="Page_57"></a><span class=
+'pagenum'>57</span>Ihn fragend: "Was ist dein Gehei&#223;?"</p>
+<p>Drauf Aladdin: "Du hast mit Flei&#223;</p>
+<p>Mir &#246;fters dienstbar dich erwiesen</p>
+<p>Bei W&#252;nschen, die gering und nichtig.</p>
+<p>Das Werk jedoch, das ich dir nun</p>
+<p>Befehlen will f&#252;r mich zu tun,</p>
+<p>Ist &#252;ber alle Ma&#223;en wichtig.</p>
+<p>Du sollst mir meine Qualen lindern</p>
+<p>Und drum als unsichtbarer Gast</p>
+<p>Die Hochzeit, die heut im Palast</p>
+<p>Gefeiert werden soll, verhindern.</p>
+<p>Begib dich hin, vom Wind getragen,</p>
+<p>Ergreif' den Br&#228;utigam beim Kragen,</p>
+<p>Entf&#252;hr' in ein Versteck ihn, sperr'</p>
+<p>Dort fest ihn ein und la&#223; verborgen</p>
+<p>Ihn schmachten bis zum n&#228;chsten Morgen."</p>
+<p>Der Geist versetzte f&#252;gsam: "Herr,</p>
+<p>Wie du befiehlst," und war verschwunden.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Am Hofe ward mit aller Kraft</p>
+<p>Inzwischen seit den fr&#252;hsten Stunden</p>
+<p>F&#252;r die Verm&#228;hlung vorgeschafft.</p>
+<p>Mit einem wahrhaft beispiellosen</p>
+<p>Und noch nicht dagewesnen Glanz</p>
+<p>War der Palast verwandelt ganz</p>
+<p>In einen duft'gen Hain voll Rosen.</p>
+<p>Die Tafel funkelte von Gold;</p>
+<p>Prunkteppiche von schwerster Seide</p>
+<p><a name='Page_58' id="Page_58"></a><span class=
+'pagenum'>58</span>Bedeckten sorgsam aufgerollt</p>
+<p>Zu wundersamer Augenweide</p>
+<p>Den Marmorboden und die Treppe,</p>
+<p>Und rings mit Perlenschmuck beschwert</p>
+<p>Wog der Prinzessin Hochzeitsschleppe</p>
+<p>Drei F&#252;rstent&#252;mer auf an Wert.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der ganze Hofstaat war beisammen</p>
+<p>Nebst Sendlingen aus aller Welt;</p>
+<p>Den angefachten Opferflammen</p>
+<p>Entstieg der Rauch zum Himmelszelt.</p>
+<p>Grad sollte die Verm&#228;hlungsfeier</p>
+<p>Beginnen; Festmusik erscholl;</p>
+<p>Schon trat herein in ihrem Schleier</p>
+<p>Die Sultanstochter anmutsvoll</p>
+<p>An ihres hohen Vaters Arm,</p>
+<p>Und in der W&#252;rdentr&#228;ger Schwarm</p>
+<p>Schritt ihr entgegen ihr Verlobter&#8212;</p>
+<p>Da pl&#246;tzlich Nacht und wieder Licht;</p>
+<p>Der Geist erf&#252;llte mit erprobter</p>
+<p>Vollendung seine Dienerpflicht.</p>
+<p>Man sah sich an, man sah sich um,</p>
+<p>Die Augen starr, die Mienen dumm:</p>
+<p>Was war geschehn? Der Br&#228;utigam</p>
+<p>Stand nicht mehr dort, wo er gestanden</p>
+<p>Grad eben, sondern war abhanden,</p>
+<p>Wie fortgewischt von einem Schwamm.</p>
+<p><a name='Page_59' id="Page_59"></a><span class=
+'pagenum'>59</span>Man forschte, sp&#228;hte; doch vergebens.</p>
+<p>Der Gro&#223;vezier, der schon geglaubt,</p>
+<p>Er sei am Ziele seines Strebens,</p>
+<p>Schien vor Erregung sinnberaubt.</p>
+<p>Der Hofstaat mit bet&#228;ubtem Hirne</p>
+<p>Begann zu tuscheln, dicht geschart;</p>
+<p>Der Sultan runzelte die Stirne</p>
+<p>Und brummte was in seinen Bart.</p>
+<p>Die G&#228;ste ratlos und befangen,</p>
+<p>Verkr&#252;melten sich allgemach,</p>
+<p>Und &#252;ber der Prinzessin Wangen</p>
+<p>Herunter flo&#223; ein Tr&#228;nenbach.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Feierstimmung war verraucht,</p>
+<p>Verwandelt alle Lust in Wehe.</p>
+<p>Denn da zum Abschlu&#223; einer Ehe</p>
+<p>Den Br&#228;utigam man dringend braucht,</p>
+<p>So blieb am Ende keine Wahl,</p>
+<p>Als die Verm&#228;hlung zu verschieben</p>
+<p>Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl,</p>
+<p>Bis man ihn wieder aufgetrieben.</p>
+<p>Der Sultan fl&#246;&#223;te seiner Tochter</p>
+<p>Gar z&#228;rtlich Tr&#246;stung ein und Mut;</p>
+<p>Allein mit M&#252;he nur vermocht' er</p>
+<p>Zu stillen ihrer Augen Flut,</p>
+<p>Obwohl weit mehr verletzte Scham</p>
+<p>Und schwergekr&#228;nkter Stolz die Quelle</p>
+<p>Der Tr&#228;nen war als Herzensgram.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p><a name='Page_60' id="Page_60"></a><span class=
+'pagenum'>60</span>Am n&#228;chsten Morgen aber kam</p>
+<p>Der Gro&#223;vezier in h&#246;chster Schnelle</p>
+<p>Zum Sultan, der halb ungeduldig,</p>
+<p>Halb m&#252;rrisch ihm entgegensah,</p>
+<p>Und rief: "Mein Sohn ist wieder da!</p>
+<p>Er ist, o glaub' mir, weder schuldig,</p>
+<p>Noch wei&#223; er selbst, was ihm geschah.</p>
+<p>Gebiete drum, da&#223; man die Feier</p>
+<p>Heut r&#252;sten soll zum zweitenmal,</p>
+<p>Und gib dadurch zur&#252;ck dem Freier,</p>
+<p>Was ihm ein Unstern gestern stahl."</p>
+<p>Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht</p>
+<p>Ihm vorkam, war der F&#252;rst erb&#246;tig;</p>
+<p>Denn f&#252;r sein Ansehn schien ihm n&#246;tig,</p>
+<p>Da&#223; alles m&#246;glichst ward vertuscht.</p>
+<p>Die Hauptstadt wurde von Trompeten</p>
+<p>Und Pauken abermals durchl&#228;rmt,</p>
+<p>Das Hochzeitsessen aufgew&#228;rmt</p>
+<p>Und alle G&#228;ste neu gebeten.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Als Aladdin, dem keine Spur</p>
+<p>Von s&#228;mtlichen Begebenheiten</p>
+<p>Entgangen war, davon erfuhr,</p>
+<p>Beschlo&#223; er, herzhaft fortzuschreiten</p>
+<p>Auf seinem Pfade bis zum Sieg.</p>
+<p>Den Geist beschwor er drum von neuem,</p>
+<p>Und als dem Boden er entstieg,</p>
+<p>Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem</p>
+<p><a name='Page_61' id="Page_61"></a><span class=
+'pagenum'>61</span>Gehorsam, was ich dir befohlen,</p>
+<p>Genau vollbracht. Dieselbe Not</p>
+<p>zwingt mich indessen, mein Gebot</p>
+<p>Von gestern dir zu wiederholen.</p>
+<p>Den Sohn des Gro&#223;veziers entf&#252;hre</p>
+<p>Heut abermals in gleicher Art,</p>
+<p>Und hinter fest verschlossner T&#252;re</p>
+<p>Halt' ihn bis morgen fr&#252;h verwahrt!"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Geist entfernte sich, die Tat</p>
+<p>Alsbald wie tags zuvor verrichtend;</p>
+<p>Nur diesmal in noch st&#228;rkrem Grad</p>
+<p>Als gestern wirkte sie vernichtend.</p>
+<p>Im feierlichsten Augenblick</p>
+<p>Verschwand urpl&#246;tzlich aus dem Saale</p>
+<p>Durch ein unfa&#223;liches Geschick</p>
+<p>Der Br&#228;utigam zum zweiten Male.</p>
+<p>Vom ganzen Hof und hohen Adel</p>
+<p>Ward er gesucht wie eine Nadel.</p>
+<p>In alle Winkel ward geguckt,</p>
+<p>Gest&#246;bert ward in allen Ecken;</p>
+<p>Er war so wenig zu entdecken,</p>
+<p>Als ob der Boden ihn geschluckt.</p>
+<p>Hiermit begann ein Trauerspiel:</p>
+<p>Prinzessin Bedrulbudur raufte</p>
+<p>Die sch&#246;nen Haare sich und fiel</p>
+<p>Bewu&#223;tlos hin; der Sultan schnaufte</p>
+<p>Vor Ingrimm wie ein wildes Tier;</p>
+<p><a name='Page_62' id="Page_62"></a><span class=
+'pagenum'>62</span>Der ungl&#252;ckselige Gro&#223;vezier</p>
+<p>Wand sich in Kr&#228;mpfen wie ein Wurm,</p>
+<p>Die Augen rollend rings im Kreise;</p>
+<p>Die G&#228;ste flohen gruppenweise,</p>
+<p>Wie eine Herde vor dem Sturm,</p>
+<p>Und seufzend sprach der Oberkoch</p>
+<p>In tiefem, hoffnungslosem H&#228;rmen</p>
+<p>Zum K&#252;chenjungen: "Einmal noch</p>
+<p>Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht w&#228;rmen."</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_63' id="Page_63"></a><span class='pagenum'>63</span>
+<a name="8"></a>
+<h2>8.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_d.jpg" alt="D"
+title="" /></div>
+<p>Der Gro&#223;vezier fand keinen Schlummer</p>
+<p>In dieser Nacht. Am andern Tag</p>
+<p>Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer</p>
+<p>Halb krank er noch im Bette lag,</p>
+<p>Trat aschenfahl und &#252;bern&#228;chtig</p>
+<p>Sein Sohn herein. Der Vater schrie,</p>
+<p>Vor J&#228;hzorn seiner nicht mehr m&#228;chtig:</p>
+<p>"Hinweg mit dir, und la&#223; dich nie</p>
+<p>Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie:</p>
+<p>"Mein Vater, schein' ich so verd&#228;chtig,</p>
+<p>Da&#223; du Geh&#246;r mir weigern willst?</p>
+<p>Wenn dir bekannt, was unverschuldet</p>
+<p>Ich heut und gestern nacht erduldet,</p>
+<p>So wett' ich, da&#223; dein Groll zerschmilzt.</p>
+<p>Ich wurde beidemal gepackt</p>
+<p>Von unsichtbaren F&#228;usten, st&#228;rker</p>
+<p>Als Menschenhand, und eingesackt</p>
+<p>In einen engen, finstren Kerker,</p>
+<p>Zu schmal, um nieder mich zu legen,</p>
+<p>Ja, selbst um aufrecht mich zu regen;</p>
+<p>Die T&#252;r von au&#223;en fest verrammelt</p>
+<p><a name='Page_64' id="Page_64"></a><span class=
+'pagenum'>64</span>Und alles R&#252;tteln ohne Zweck!</p>
+<p>So kauert' ich, noch kaum gesammelt</p>
+<p>Vom ersten f&#252;rchterlichen Schreck,</p>
+<p>Erneuter Hexerei gew&#228;rtig,</p>
+<p>Gefa&#223;t auf meinen Untergang</p>
+<p>Und mit dem Erdendasein fertig,</p>
+<p>Wer wei&#223;, wieviele Stunden lang,</p>
+<p>Bis endlich beidemal die T&#252;r</p>
+<p>Von selber aufsprang. Aber g&#228;be</p>
+<p>Man tausend Br&#228;ute mir daf&#252;r,</p>
+<p>Ich m&#246;chte nicht, solang' ich lebe,</p>
+<p>Dies noch ein drittes Mal erleiden.</p>
+<p>So sehr mir die Prinzessin teuer,</p>
+<p>Ich will sie lieber dauernd meiden,</p>
+<p>Als dem geheimen Ungeheuer</p>
+<p>Zum Spielball dienen unbeschr&#228;nkt.</p>
+<p>Ich glaube, Bedrulbudur denkt</p>
+<p>Hierin nicht anders, und sie kann,</p>
+<p>Auch wenn sie liebenswert mich findet,</p>
+<p>Nicht recht vertrauen einem Mann,</p>
+<p>Der unfreiwillig stets verschwindet.</p>
+<p>Drum w&#252;nsch' ich, ob du gleich dem b&#246;sen</p>
+<p>Verh&#228;ngnis nicht mit Unrecht grollst,</p>
+<p>Da&#223; du den Sultan bitten sollst,</p>
+<p>Er m&#246;ge die Verlobung l&#246;sen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Gro&#223;vezier erkannte klar,</p>
+<p>Wenn auch im Innersten bek&#252;mmert:</p>
+<p><a name='Page_65' id="Page_65"></a><span class=
+'pagenum'>65</span>Sein Lieblingsplan von manchem Jahr</p>
+<p>Lag rettungslos vor ihm zertr&#252;mmert,</p>
+<p>Soda&#223;, wie nun die Sache stand,</p>
+<p>Statt auf ein Wunder noch zu harren,</p>
+<p>Er selber den verfahrnen Karren</p>
+<p>Am besten stecken lie&#223; im Sand.</p>
+<p>Er trug dem Sultan untert&#228;nig</p>
+<p>Drum seines Sohnes Bitte vor</p>
+<p>Und fand ein sehr geneigtes Ohr.</p>
+<p>Der Herrscher freute sich nicht wenig,</p>
+<p>Als unverhofft er sie vernahm,</p>
+<p>Da&#223; dem Entschlu&#223;, den er im stillen</p>
+<p>Gefa&#223;t um seiner Tochter willen,</p>
+<p>Ihr Br&#228;utigam entgegenkam.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Mit Windeseile flog die Kunde</p>
+<p>Von der Entlobung durch die Stadt,</p>
+<p>War tagelang in aller Munde;</p>
+<p>Doch schlie&#223;lich schwatzte man sich satt.</p>
+<p>Es wu&#223;te ja vom wahren Grunde</p>
+<p>Nur Aladdin allein Bescheid,</p>
+<p>Und da nunmehr sein Weizen bl&#252;hte,</p>
+<p>Nahm mit beruhigtem Gem&#252;te</p>
+<p>Zum n&#228;chsten Schachzug er sich Zeit.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Erst als ein Monat noch entwichen</p>
+<p>Und so, wie vorbestimmt, verstrichen</p>
+<p>Die ganze Frist von dreien, sandte</p>
+<p><a name='Page_66' id="Page_66"></a><span class=
+'pagenum'>66</span>Von neuem er die Mutter fort</p>
+<p>Zum Sultan, der sie gleich erkannte</p>
+<p>Und sich an sein gegebnes Wort</p>
+<p>Erinnerte. Mit freiem Mute</p>
+<p>Bat sie den F&#252;rsten auf den Knien,</p>
+<p>Gew&#228;hren m&#246;g' er Aladdin,</p>
+<p>Was zu versprechen er geruhte,</p>
+<p>Da die bedungne Frist vorbei.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Dem Sultan war die Mahnung peinlich.</p>
+<p>Er hatte ja f&#252;r unwahrscheinlich</p>
+<p>Gehalten, da&#223; die Schw&#228;rmerei</p>
+<p>Des jungen Manns nach so viel Wochen</p>
+<p>Noch immer nicht erloschen sei;</p>
+<p>Denn was er unbedacht versprochen,</p>
+<p>War niemals ernst gemeint gewesen.</p>
+<p>Konnt' er zum Gatten seines Kinds</p>
+<p>Wohl einen Schwiegersohn erlesen,</p>
+<p>Der nicht geboren war als Prinz?</p>
+<p>Und doch vor offener Verneinung</p>
+<p>Sich scheuend, zog im Widerstreit</p>
+<p>Er seinen Gro&#223;vezier beiseit</p>
+<p>Und fragte leis nach dessen Meinung.</p>
+<p>"Herr," sagte jener gleichfalls leis,</p>
+<p>"Wenn du dein Wort nicht willst verletzen,</p>
+<p>Gen&#252;gt es, einen solchen Preis</p>
+<p>F&#252;r die Prinzessin festzusetzen,</p>
+<p>Da&#223;, wenn des Werbers &#220;berflu&#223;</p>
+<p><a name='Page_67' id="Page_67"></a><span class=
+'pagenum'>67</span>An Geld und Gut auch ohnegleichen,</p>
+<p>Trotz allem er die Segel streichen</p>
+<p>Und voll Besch&#228;mung abziehn mu&#223;."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Ratschlag schien dem Sultan schlau;</p>
+<p>Deshalb sich zu der Mutter eilig</p>
+<p>Umwendend sprach er: "Gute Frau,</p>
+<p>Ich gab mein Wort und halt' es heilig.</p>
+<p>Dein Sohn soll keinen Hindernissen</p>
+<p>Begegnen; aber um zu wissen,</p>
+<p>Was er zur Morgengabe beut,</p>
+<p>Und ob er wirklich zur Erringung</p>
+<p>Der hohen Braut kein Opfer scheut,</p>
+<p>Mach' ich ihm eines zur Bedingung:</p>
+<p>Ich fordre, da&#223; er vierzig Becken</p>
+<p>Von schwerstem Gold mir schicken soll,</p>
+<p>Die s&#228;mtlich bis zum Rande voll</p>
+<p>Von herrlichen Juwelen stecken,</p>
+<p>Den damals mir geschenkten gleich,</p>
+<p>Die jeden Stein im ganzen Reich</p>
+<p>Weitaus an Sch&#246;nheit &#252;bertrafen,</p>
+<p>Hertragen sollen diese Fracht</p>
+<p>Auf H&#228;upten vierzig schwarze Sklaven</p>
+<p>In reicher, auserlesner Tracht,</p>
+<p>Gef&#252;hrt von vierzig jungen wei&#223;en,</p>
+<p>Die noch verschwenderischer glei&#223;en.</p>
+<p>Dies die Bedingung. Wird genau</p>
+<p>Von ihm bestanden diese Probe,</p>
+<p><a name='Page_68' id="Page_68"></a><span class=
+'pagenum'>68</span>Dann&#8212;h&#246;re, da&#223; ich's laut
+gelobe&#8212;</p>
+<p>Wird meine Tochter seine Frau."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter schritt bedenklich heim,</p>
+<p>Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer,</p>
+<p>Des Herrschers Fordrung werd' auf immer</p>
+<p>In ihrem Sohne jeden Keim</p>
+<p>Des n&#228;rrischen Begehrs ersticken.</p>
+<p>Doch als von diesem Trost beseelt</p>
+<p>Sie klipp und klar ihm aufgez&#228;hlt,</p>
+<p>Was er dem Sultan solle schicken,</p>
+<p>Und sicher dachte, da&#223; erschrocken</p>
+<p>Er sich bequeme zum Verzicht,</p>
+<p>Rief er mit strahlendem Gesicht</p>
+<p>Und &#252;bersch&#228;umendem Frohlocken:</p>
+<p>"Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt</p>
+<p>Im Glauben, da&#223; durch die Bedingung</p>
+<p>Er mich ins Bockshorn jagen wird.</p>
+<p>W&#228;hnt er, mir fehle zur Bezwingung</p>
+<p>Solch eines Probest&#252;cks die Macht?</p>
+<p>Ich k&#246;nnt' ihm noch ganz andre Launen</p>
+<p>Befriedigen. Er soll erstaunen,</p>
+<p>Und du nicht minder. Gib nur acht!"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Er ging in seine Kammer, rieb</p>
+<p>Die Lampe, bis der Geist erschienen,</p>
+<p>Der unterw&#252;rfig ihm zu dienen</p>
+<p><a name='Page_69' id="Page_69"></a><span class=
+'pagenum'>69</span>Wie stets bereit war. Er beschrieb</p>
+<p>Des Herrschers Anspruch ihm ausf&#252;hrlich</p>
+<p>Und fragte dann, ob er dies all</p>
+<p>Ihm schaffen k&#246;nne Knall und Fall.</p>
+<p>Der Geist erwiderte: "Nat&#252;rlich."</p>
+<p>"Wohlan," sprach Aladdin, "so eile,</p>
+<p>Damit ich flugs den ganzen Tand</p>
+<p>Ihm senden kann."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p class='i8'>Der Geist entschwand<br /></p>
+<p>Und kam nach nicht viel gr&#246;&#223;rer Weile,</p>
+<p>Als w&#228;hrend man die Augenlider</p>
+<p>Zuschlie&#223;t und &#246;ffnet, wie gehei&#223;en</p>
+<p>Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder,</p>
+<p>Sowie mit vierzig jungen wei&#223;en,</p>
+<p>Soda&#223; der umfangreiche Zug</p>
+<p>Sich auf die Stra&#223;e mu&#223;t' erstrecken,</p>
+<p>Weil Haus und Hof nicht weit genug.</p>
+<p>Ein jeder von den schwarzen trug</p>
+<p>Auf seinem Haupt ein goldnes Becken,</p>
+<p>Und jedes Becken wies in F&#252;lle</p>
+<p>Demanten, Perlen und Berylle,</p>
+<p>Smaragd, Saphir, Topas, Rubin</p>
+<p>Von h&#246;chstem Reiz des Farbenspieles</p>
+<p>Und &#252;berlegen noch um vieles</p>
+<p>Den Fr&#252;chten, die sich Aladdin</p>
+<p>Im Zaubergarten einst gepfl&#252;ckt.</p>
+<p><a name='Page_70' id="Page_70"></a><span class=
+'pagenum'>70</span>Nachdem das Werk soweit gegl&#252;ckt,</p>
+<p>Rief er die Mutter, die mit starren,</p>
+<p>Weit aufgerissnen Augen gaffte.</p>
+<p>"Schau," sprach er, "mu&#223; der Sultan harren?</p>
+<p>Gesteh', da&#223; ich zur Stelle schaffte,</p>
+<p>Was er vorhin sich ausbedang!</p>
+<p>Jetzt aber z&#246;gere nicht lang</p>
+<p>Und bringe meine Morgengabe</p>
+<p>Geradeswegs in den Palast,</p>
+<p>Damit an meiner gro&#223;en Hast</p>
+<p>Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe,</p>
+<p>Mein Herz nach so viel Sturmgebraus</p>
+<p>Zu steuern in der Ehe Hafen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter schritt somit voraus</p>
+<p>Dem wundersamen Zug der Sklaven.</p>
+<p>Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus</p>
+<p>Entstr&#246;mten gierige Beschauer,</p>
+<p>So da&#223; in K&#252;rze jung und alt</p>
+<p>Zu einer dichten Menschenmauer</p>
+<p>Auf allen Stra&#223;en stand geballt.</p>
+<p>Was irgend Beine hatte, lief,</p>
+<p>Was irgend Lungen hatte, rief</p>
+<p>Mit Stimmen, gellend wie Posaunen,</p>
+<p>Man m&#246;ge kommen, sehn und staunen.</p>
+<p>Einm&#252;tig wurde die Verk&#252;ndung</p>
+<p>Des Urteils allerorten laut,</p>
+<p>Da&#223; in der Stadt seit ihrer Gr&#252;ndung</p>
+<p><a name='Page_71' id="Page_71"></a><span class=
+'pagenum'>71</span>Man solchen Aufwand nie geschaut,</p>
+<p>Nie Sklaven edler von Gestalt,</p>
+<p>Von Wuchs und Haltung angetroffen,</p>
+<p>So bunt geschm&#252;ckt, so mannigfalt</p>
+<p>Bekleidet mit den feinsten Stoffen.</p>
+<p>In sch&#246;ner Ordnung&#8212;denn zur Seite</p>
+<p>Den schwarzen Beckentr&#228;gern war</p>
+<p>Jeweils ein wei&#223;er als Geleite&#8212;</p>
+<p>Hinwandelten sie Paar f&#252;r Paar.</p>
+<p>Dazu der Edelsteine Gl&#228;nzen,</p>
+<p>Der vierzigfache Spiegelschein</p>
+<p>Des lautren Goldes&#8212;allgemein</p>
+<p>War die Begeistrung ohne Grenzen.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_72' id="Page_72"></a><span class='pagenum'>72</span>
+<a name="9"></a>
+<h2>9.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_d.jpg" alt="D"
+title="" /></div>
+<p>Die Nachricht war gleich einem Blitze</p>
+<p>Gedrungen an der Pf&#246;rtner Ohr,</p>
+<p>Eh' des Palastes offnem Tor</p>
+<p>Sich n&#228;herte des Zuges Spitze.</p>
+<p>Sie sahn den schmucken Vordermann</p>
+<p>Der achtzig Sklaven mit Verbeugung</p>
+<p>F&#252;r einen fremden K&#246;nig an</p>
+<p>Und wollten drum zur Ehrbezeugung</p>
+<p>Ihm k&#252;ssen seines Kleides Saum.</p>
+<p>Doch der erwiderte: "Gebt Raum</p>
+<p>Und b&#252;ckt euch lieber vor dem Rechten.</p>
+<p>Ich bin nur einer von den Knechten</p>
+<p>In unsres gro&#223;en Herren Sold."</p>
+<p>So stieg der Zug hinan die Treppen;</p>
+<p>Die Schwarzen hatten arg zu schleppen</p>
+<p>An ihrer schweren Last von Gold,</p>
+<p>Und von den wei&#223;en angeleitet</p>
+<p>Betraten sie den lichten Saal</p>
+<p>Des Diwans. L&#228;ngst schon vorbereitet</p>
+<p>Und &#252;beraus gespannt befahl</p>
+<p>Der Sultan, da&#223; man ihnen Platz</p>
+<p>Gew&#228;hre. Kunstgerechterweise</p>
+<p>Vor ihm gereiht in halbem Kreise</p>
+<p><a name='Page_73' id="Page_73"></a><span class=
+'pagenum'>73</span>Beeilten sie sich, ihren Schatz</p>
+<p>Am Fu&#223; des Thrones aufzustellen,</p>
+<p>Worauf nach wohlversehnem Amt</p>
+<p>Sowohl die Dunklen als die Hellen</p>
+<p>Sich niederwarfen insgesamt.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0073.jpg"><img src=
+"images/a0073.jpg" alt="Die gest&#246;rte Hochzeitsfeier"
+title="Die gest&#246;rte Hochzeitsfeier" /></a>
+<p>Die gest&#246;rte Hochzeitsfeier</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Die Mutter nahte nun dem Thron</p>
+<p>Und sprach mit vielen Huldigungen:</p>
+<p>"Hier sendet Aladdin, mein Sohn,</p>
+<p>Erhabner, was du dir bedungen.</p>
+<p>Er hofft, es werde dir gefallen</p>
+<p>Und der Prinzessin ebenfalls."</p>
+<p>Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen</p>
+<p>Imstande, mit gerecktem Hals</p>
+<p>Und &#252;berzeugt, ihn wolle necken</p>
+<p>Ein Trug der Sinne, blickte bald</p>
+<p>Verwundert auf die vierzig Becken</p>
+<p>Mit ihrem funkelnden Gehalt</p>
+<p>Von gr&#246;&#223;rem Wert als ganze L&#228;nder,</p>
+<p>Bald auf die f&#252;rstlichen Gew&#228;nder</p>
+<p>Der achtzig wohlgestalten Sklaven</p>
+<p>Und sagte laut zum Gro&#223;vezier:</p>
+<p>"F&#252;rwahr, der Himmel soll mich strafen</p>
+<p>Wenn ein Geschenk wie dieses hier</p>
+<p>Je Sultanst&#246;chtern ward geboten!"</p>
+<p>"So ist es," stimmte jener bei,</p>
+<p>zumal er einsah, da&#223; der Knoten</p>
+<p>Nicht anders mehr zu l&#246;sen sei.</p>
+<p><a name='Page_74' id="Page_74"></a><span class=
+'pagenum'>74</span>Wie h&#228;tte noch der F&#252;rst sein Wort</p>
+<p>Zur&#252;ckziehn k&#246;nnen als Empf&#228;nger</p>
+<p>Von solchem beispiellosen Hort?</p>
+<p>Er fragte jetzt sogar nicht l&#228;nger</p>
+<p>Nach des Bewerbers Rang und Stand</p>
+<p>Und allen andern Eigenschaften;</p>
+<p>F&#252;r jeden Vorzug konnt' als Pfand</p>
+<p>Sein ungeheurer Reichtum haften.</p>
+<p>"Geh'," sprach er drum in mildem Ton</p>
+<p>Zur Mutter, "meld' ihm, da&#223; mit warmen</p>
+<p>Gef&#252;hlen ich und offnen Armen</p>
+<p>Ihn gr&#252;&#223;en will als Schwiegersohn."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>So waren jetzt nach hartem Ringen</p>
+<p>Die Schwierigkeiten wegger&#228;umt;</p>
+<p>Sie selber durft' ihm Kunde bringen,</p>
+<p>Da&#223; alles, was er sich ertr&#228;umt,</p>
+<p>Was f&#252;r unm&#246;glich ihr gegolten,</p>
+<p>Was als Verr&#252;cktheit sie gescholten,</p>
+<p>Und was ihm ihre Zweifelsucht</p>
+<p>Verargt als frevelhaft verstiegen,</p>
+<p>Ihm jetzt als eine reife Frucht</p>
+<p>Bereit war in den Scho&#223; zu fliegen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Er aber, wenn auch &#252;berschwenglich</p>
+<p>Begl&#252;ckt, lie&#223; keine Zeit entfliehn,</p>
+<p>Um das zu tun, was unumg&#228;nglich</p>
+<p>Ihm zu des Werkes Kr&#246;nung schien.</p>
+<p><a name='Page_75' id="Page_75"></a><span class=
+'pagenum'>75</span>Er hie&#223; den Geist von neuem kommen</p>
+<p>Und sprach, als dieser schnell genaht:</p>
+<p>"Bereite mir sofort ein Bad</p>
+<p>Und bring', nachdem ich es genommen,</p>
+<p>Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll,</p>
+<p>Wie sonst es nur ein K&#246;nig tr&#228;gt."</p>
+<p>Er f&#252;hlte drauf alsbald sich machtvoll</p>
+<p>Erfa&#223;t und durch die Luft bewegt.</p>
+<p>Ein sch&#246;ner Raum, an allen W&#228;nden</p>
+<p>Mit buntem Marmor ausgelegt,</p>
+<p>Empfing ihn; dort bedient, gepflegt</p>
+<p>Von zarten, unsichtbaren H&#228;nden,</p>
+<p>Nahm er das Bad in einer lauen,</p>
+<p>Von Wohlgeruch erf&#252;llten Flut.</p>
+<p>Sodann, erquickt und ausgeruht,</p>
+<p>Konnt' er in einem Spiegel schauen,</p>
+<p>Da&#223; er zu seinem Vorteil ganz</p>
+<p>Verwandelt, sch&#246;ner war und schmucker.</p>
+<p>Statt des bisherigen Gewands,</p>
+<p>Das immer noch den armen Schlucker</p>
+<p>Verraten hatte, fand er Kleider,</p>
+<p>So pr&#228;chtig, so mit Gold bestickt,</p>
+<p>Da&#223; jeder Prinz und F&#252;rst als Neider</p>
+<p>Nach ihnen h&#228;tte hingeblickt.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Sobald er fertig angezogen,</p>
+<p>Erschien der Geist auf seinen Wink,</p>
+<p>Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink!</p>
+<p><a name='Page_76' id="Page_76"></a><span class=
+'pagenum'>76</span>Ich habe mittlerweil erwogen,</p>
+<p>Was mir noch fehlt. Ein edles Ro&#223;</p>
+<p>Verlang' ich, das an Sch&#246;nheit alle</p>
+<p>Verdunkelt in des Sultans Stalle;</p>
+<p>Zu diesem ferner einen Tro&#223;</p>
+<p>Von Sklaven, jenen gleich zu achten</p>
+<p>An Kleiderprunk und Stattlichkeit,</p>
+<p>Die mein Geschenk dem Sultan brachten;</p>
+<p>Acht Sklavinnen dann zum Geleit</p>
+<p>F&#252;r meine Mutter, deren jede</p>
+<p>Ihr ein so k&#246;stliches Gewand</p>
+<p>Soll bringen, da&#223; im ganzen Land</p>
+<p>Bald von nichts andrem mehr die Rede.</p>
+<p>Auch einen Beutel mit zehntausend</p>
+<p>Goldst&#252;cken brauch' ich noch. Nur schnell</p>
+<p>Ans Werk!"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p class='i8'>Der Geist entschwebte sausend,<br /></p>
+<p>Und alles war im Nu zur Stell'.</p>
+<p>Den Sklavinnen gab Aladdin</p>
+<p>Befehl, zur Mutter hinzueilen</p>
+<p>Und ihr ein Staatskleid anzuziehn.</p>
+<p>Das bare Gold lie&#223; er verteilen</p>
+<p>An feine Sklaven, mit der Weisung,</p>
+<p>Sie sollten's auf der ganzen L&#228;nge</p>
+<p>Des Wegs mit voller Hand zur Speisung</p>
+<p>Der Armut werfen in die Menge.</p>
+<p>Er stieg zu Pferd und zog inmitten</p>
+<p><a name='Page_78' id="Page_78"></a><span class=
+'pagenum'>78</span>Des Trosses durch die Stra&#223;en hin.</p>
+<p>Selbst Kennern kam nicht in den Sinn,</p>
+<p>Da&#223; er noch nie zuvor geritten,</p>
+<p>Weil mit dem feinsten Ebenma&#223;</p>
+<p>Und Anstand er im Sattel sa&#223;.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0077.jpg"><img src=
+"images/a0077.jpg" alt=
+"Aladdin reitet zum Schlo&#223; des Sultans" title="Aladdin reitet zum Schlo&#223; des Sultans" /></a>
+<p>Aladdin reitet zum Schlo&#223; des Sultans</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Vielk&#246;pfig, massig, nicht zu z&#228;hlen,</p>
+<p>Lief wiederum das Volk herbei;</p>
+<p>Bet&#228;ubend schwang aus allen Kehlen</p>
+<p>Sich Beifallruf und Jubelschrei,</p>
+<p>Besonders wenn, vom Sklaventro&#223;</p>
+<p>Geschnellt, als ungewohnter Segen</p>
+<p>So rechts wie links ein Hagelregen</p>
+<p>Von goldnen M&#252;nzen sich ergo&#223;.</p>
+<p>Wer war der Ritter hoch zu Ro&#223;?</p>
+<p>Bei Namen konnt' ihn niemand nennen,</p>
+<p>Nicht einmal einer unter zehn,</p>
+<p>Die noch vor kurzem ihn gesehn,</p>
+<p>Den alten Aladdin erkennen.</p>
+<p>Er, j&#252;ngst noch d&#252;rftig, unansehnlich,</p>
+<p>Sah nun sich selber nicht mehr &#228;hnlich;</p>
+<p>Denn zu der Lampe Wunderkr&#228;ften</p>
+<p>Geh&#246;rte die geheime Macht,</p>
+<p>Dem Gl&#252;ckspilz, den sie hoch gebracht,</p>
+<p>Auch &#228;u&#223;ern Adel anzuheften.</p>
+<p>So lag am Tage sonnenklar,</p>
+<p>Da&#223; all der Pracht, womit er prunkte,</p>
+<p>Durch sein Verdienst er w&#252;rdig war.</p>
+<p><a name='Page_79' id="Page_79"></a><span class=
+'pagenum'>79</span>Er wurde rasch zum Mittelpunkte</p>
+<p>F&#252;r jedes Auge; jauchzend hob</p>
+<p>Zum Himmel ihn des Volkes Lob</p>
+<p>Und g&#246;nnte gern ihm dieser Erde</p>
+<p>Vollkommenstes und reichstes Heil.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Bis zum Palasttor mittlerweil</p>
+<p>Gelangt, stieg artig er vom Pferde.</p>
+<p>Die Pf&#246;rtner bildeten zwei Reihen</p>
+<p>Von Tor zu T&#252;r, um dem Empfang</p>
+<p>Vermehrte W&#252;rde zu verleihen;</p>
+<p>Durch diese schritt er sacht entlang,</p>
+<p>Trat in den Saal und vor den Thron.</p>
+<p>Der Sultan, seiner harrend schon,</p>
+<p>War &#252;berrascht und h&#246;chst erbaut</p>
+<p>Sowohl von seiner Prachtentfaltung</p>
+<p>Wie seinem Wuchs und seiner Haltung,</p>
+<p>Schritt ihm entgegen, zog ihn traut,</p>
+<p>Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken,</p>
+<p>An seine Vaterbrust und lie&#223;,</p>
+<p>Indem er ihn willkommen hie&#223;,</p>
+<p>Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>"Erlauchter F&#252;rst," sprach Aladdin,</p>
+<p>"Ich danke dir, da&#223; mein Erk&#252;hnen,</p>
+<p>Statt es durch harten Spruch zu s&#252;hnen,</p>
+<p>So nachsichtsvoll du mir verziehn.</p>
+<p>Ich w&#252;&#223;te nichts, was mich entschuldigt,</p>
+<p><a name='Page_80' id="Page_80"></a><span class=
+'pagenum'>80</span>Als da&#223; mein Herz, von holdem Zwang</p>
+<p>Besiegt, in willenlosem Drang</p>
+<p>Der reizenden Prinzessin huldigt,</p>
+<p>Und da&#223; die Liebe, die gewaltsam</p>
+<p>In meinem Innern flammt und loht,</p>
+<p>Nicht enden wird, bis unaufhaltsam</p>
+<p>Mein Leben selbst erlischt im Tod."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>"Mein Freund," versetze halb im Scherz</p>
+<p>Der Sultan, "um durch dieses Feuer</p>
+<p>Heillos versengt zu sehn dein Herz,</p>
+<p>Halt' ich fortan dich viel zu teuer.</p>
+<p>Ist dies das Mittel, dich zu t&#246;ten,</p>
+<p>So wei&#223; ich, was dich heilen soll."</p>
+<p>Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl</p>
+<p>Musik von Zimbeln und von Fl&#246;ten.</p>
+<p>Er f&#252;hrte drauf ihn liebevoll</p>
+<p>Zum wunderbaren Nebensaal,</p>
+<p>Worin bereits auf goldnen Tellern</p>
+<p>War aufgetischt ein leckres Mahl,</p>
+<p>Das aus den kaiserlichen Kellern</p>
+<p>Versorgt war mit dem besten Wein.</p>
+<p>Der Sultan a&#223; mit ihm allein;</p>
+<p>Der Gro&#223;vezier und all die Herrn</p>
+<p>Von Rang und von Gebl&#252;t umkreisten</p>
+<p>Den vollbesetzen Tisch von fern</p>
+<p>Und mu&#223;ten zusehn, wie sie speisten.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_81' id="Page_81"></a><span class='pagenum'>81</span>
+<a name="10"></a>
+<h2>10.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_n.jpg" alt="N"
+title="" /></div>
+<p>Nach Tische ward an Aladdin</p>
+<p>Vom Sultan v&#228;terlich die Frage</p>
+<p>Gerichtet, ob es ihm behage,</p>
+<p>Sogleich die Hochzeit zu vollziehn.</p>
+<p>Er gab zur Antwort: "Herr, du wei&#223;t,</p>
+<p>Wie sehr ich nach dem Gl&#252;ck verlange,</p>
+<p>Das die Prinzessin mir verhei&#223;t.</p>
+<p>Jedoch damit ich ihrem Range</p>
+<p>Gem&#228;&#223; an unserm Hochzeitstag</p>
+<p>Sogleich in tadellosen R&#228;umen</p>
+<p>Ein neues Heim ihr bieten mag,</p>
+<p>La&#223; noch f&#252;r kurze Zeit mich s&#228;umen.</p>
+<p>Ein Schlo&#223;, versehn mit jeder Zier,</p>
+<p>Will ich errichten. Weise mir</p>
+<p>Drum einen angemessnen Bauplatz."</p>
+<p>Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast</p>
+<p>Die Auswahl. Hier vor dem Palast</p>
+<p>Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz,</p>
+<p>Wo f&#252;r dein Schlo&#223; gen&#252;gend Raum.</p>
+<p>Nur la&#223; es m&#246;glichst rasch erbauen;</p>
+<p>Denn, glaube mir, ich kann es kaum</p>
+<p>Erwarten, euch verm&#228;hlt zu schauen."</p>
+<p><a name='Page_82' id="Page_82"></a><span class=
+'pagenum'>82</span>Nach dem Gel&#246;bnis, da&#223; er sicher</p>
+<p>Den Bau nach Kr&#228;ften f&#246;rdern werde,</p>
+<p>Nahm Aladdin mit feierlicher</p>
+<p>Umarmung Abschied, stieg zu Pferde</p>
+<p>Und trabte durch die gleichen Gassen</p>
+<p>Mit dem Gefolg zur&#252;ck nach Haus,</p>
+<p>Umbrandet wieder von den Massen</p>
+<p>Des Volks mit lautem Jubelbraus.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Daheim kaum angelangt, beschwor</p>
+<p>Den Geist er abermals und sagte:</p>
+<p>"Schon dein bisherig Wirken ragte</p>
+<p>Durch Kraft und Schnelligkeit hervor.</p>
+<p>Doch zu dem ungemeinen Werke,</p>
+<p>Das jetzt mir unentbehrlich ist,</p>
+<p>Bedarf ich deiner ganzen St&#228;rke.</p>
+<p>Du sollst in m&#246;glichst kurzer Frist</p>
+<p>Grad gegen&#252;ber vom Palaste</p>
+<p>Des Sultans mir ein stolzes Schlo&#223;</p>
+<p>Errichten, das vom Erdgescho&#223;</p>
+<p>Bis zu des Daches Flaggenmaste</p>
+<p>Der Sultanstochter, meiner Frau,</p>
+<p>Trotz ihrem sehr verw&#246;hnten Auge</p>
+<p>Zur k&#252;nftigen Behausung tauge.</p>
+<p>Welch ein Gestein du f&#252;r den Bau</p>
+<p>Verwenden willst, ob Marmorquadern,</p>
+<p>Schneewei&#223; mit feinen schwarzen Adern,</p>
+<p>Ob Jaspis, ob Achat, Lasur,</p>
+<p><a name='Page_83' id="Page_83"></a><span class=
+'pagenum'>83</span>Das stell' ich ganz in dein Ermessen;</p>
+<p>Doch sollst du&#8212;dies beding' ich nur&#8212;</p>
+<p>Nicht einen gro&#223;en Saal vergessen</p>
+<p>Im obern Stockwerk, der bekr&#246;nt</p>
+<p>Von einer Kuppel, an den W&#228;nden</p>
+<p>Durch Gold und Silber sei versch&#246;nt.</p>
+<p>Auch soll, um hellstes Licht zu spenden,</p>
+<p>Er vierundzwanzig Fenster z&#228;hlen;</p>
+<p>Die Rahmen seien alabastern,</p>
+<p>Das Gitter sollst du mit Juwelen</p>
+<p>Von unerreichtem Glanz bepflastern.</p>
+<p>An einem wohlverwahrten Platz</p>
+<p>Befinde ferner sich ein Schatz</p>
+<p>Gem&#252;nzten Goldes aufgespeichert,</p>
+<p>Der f&#252;r mein Lebtag mich bereichert.</p>
+<p>Auch will ich, da&#223; man eine Flucht</p>
+<p>Von K&#252;chen trifft am rechten Orte,</p>
+<p>Nebst Vorratskammern jeder Sorte,</p>
+<p>Und St&#228;lle voll von edler Zucht.</p>
+<p>Ingleichen soll das Lustschlo&#223; innen</p>
+<p>Bev&#246;lkert sein mit einem Heer</p>
+<p>Von Dienern und von Dienerinnen.&#8212;</p>
+<p>Das alles schaff' mir nach Begehr,</p>
+<p>Und wenn du fertig bist, komm wieder."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Als er dem Geiste dies gebot,</p>
+<p>Sank abendlich die Sonne nieder.</p>
+<p>Am andern Tag ums Morgenrot</p>
+<p><a name='Page_84' id="Page_84"></a><span class=
+'pagenum'>84</span>Erschien der Geist an seinem Bette:</p>
+<p>"Vollendet ist, was du bestellt;</p>
+<p>Schau," sprach er, "ob es dir gef&#228;llt."</p>
+<p>Er trug darauf ihn an die St&#228;tte.</p>
+<p>Wie sehr war Aladdin verwundert!</p>
+<p>Da stand, erbaut in einer Nacht,</p>
+<p>Ein Schlo&#223;, wie noch kein halb Jahrhundert</p>
+<p>Voll Menschenarbeit es vollbracht.</p>
+<p>Er glaubte wahrlich nur zu tr&#228;umen,</p>
+<p>Als ihn der Geist in allen R&#228;umen</p>
+<p>Herumgeleitete. Da war</p>
+<p>Sein Auftrag Punkt f&#252;r Punkt vollzogen,</p>
+<p>Bei weitem &#252;berholt sogar:</p>
+<p>Gew&#246;lbe, S&#228;ulen, Pfeiler, Bogen</p>
+<p>Von h&#246;chster Sch&#246;nheit, ein Gewimmel</p>
+<p>Von Dienstbeflissnen &#252;berall;</p>
+<p>An Silberkrippen in dem Stall</p>
+<p>Die sch&#246;nsten Rappen, F&#252;chse, Schimmel;</p>
+<p>Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam</p>
+<p>In K&#252;ch' und Kammern schon verfacht;</p>
+<p>Der Schatz in sicherem Gewahrsam,</p>
+<p>Von einem Schlie&#223;er treu bewacht,</p>
+<p>Mit Gold gef&#252;llte Riesens&#228;cke,</p>
+<p>Geh&#228;uft, get&#252;rmt bis an die Decke.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Nachdem sich Aladdin das Ganze</p>
+<p>Von Grund aus angesehn, zumal</p>
+<p>Auch noch den gro&#223;en Kuppelsaal,</p>
+<p><a name='Page_85' id="Page_85"></a><span class=
+'pagenum'>85</span>Sprach er, geblendet von dem Glanze,</p>
+<p>zum Geist: "Ich mu&#223; dir Beifall zollen;</p>
+<p>Befriedigt wurde musterhaft</p>
+<p>Von dir mein W&#252;nschen und mein Wollen.</p>
+<p>Nun sei nur noch herbeigeschafft</p>
+<p>Ein langer Teppich aus Damast,</p>
+<p>Von feenhaftem Farbenschimmer;</p>
+<p>Du sollst, befehl' ich, vom Palast</p>
+<p>Des Sultans ihn bis an die Zimmer</p>
+<p>Der Herrin dieses Schlosses breiten.</p>
+<p>Ihn soll auf ihrer Wanderung</p>
+<p>Ins neue Heim ihr Fu&#223; beschreiten."</p>
+<p>Der Geist entfernte sich im Schwung,</p>
+<p>Und eh' sich's Aladdin versah,</p>
+<p>Lag der damastne Teppich da.</p>
+<p>Der Geist kam wieder ohne Rast</p>
+<p>Und trug nach Haus ihn unverdrossen,</p>
+<p>Grad als die Pforten am Palast</p>
+<p>Des Sultans wurden aufgeschlossen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Die Pf&#246;rtner wunderten sich sehr,</p>
+<p>Als dr&#252;ben, dicht vor ihren Nasen,</p>
+<p>Wo gestern noch die St&#228;tte leer</p>
+<p>Und nur bewachsen war mit Rasen,</p>
+<p>Ein Wunderbauwerk hoch und hehr</p>
+<p>Sie ragen sahen in die L&#252;fte.</p>
+<p>Die Nachricht schwirrte mit Gesumm</p>
+<p>Befl&#252;gelt im Palast herum;</p>
+<p><a name='Page_86' id="Page_86"></a><span class=
+'pagenum'>86</span>Der Hofstaat machte h&#246;chst
+verbl&#252;ffte</p>
+<p>Gesichter, und der Gro&#223;vezier</p>
+<p>Lief, als er eine Weile stier</p>
+<p>Den r&#228;tselhaften Spuk beglotzt,</p>
+<p>zum Sultan hin und sprach entr&#252;stet:</p>
+<p>"Wer sich mit einem Kunstst&#252;ck br&#252;stet,</p>
+<p>Das jeglicher Erfahrung trotzt,</p>
+<p>Der steht im Bund mit Zauberei!"</p>
+<p>Der Sultan gab zur Antwort: "Ei,</p>
+<p>Man mu&#223; nicht gleich das Schlimmste denken.</p>
+<p>Was ist denn weiter auch dabei?</p>
+<p>Ein Mann, der so vermag zu schenken,</p>
+<p>Den drum mein f&#252;rstliches Vertrau'n</p>
+<p>Erkor zu meiner Tochter Gatten,</p>
+<p>Der kann sich wohl den Spa&#223; gestatten,</p>
+<p>Ein Schlo&#223; in einer Nacht zu bau'n.</p>
+<p>Er gibt als reichster Mann der Welt</p>
+<p>Uns nur ein augenf&#228;llig Zeichen,</p>
+<p>Da&#223; man mit sehr viel barem Geld</p>
+<p>So ziemlich alles kann erreichen.</p>
+<p>Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen,</p>
+<p>Und wenn du trachtest, ihn als Frucht</p>
+<p>Von Zauberk&#252;nsten hinzustellen,</p>
+<p>So spricht aus dir die Eifersucht."&#8212;</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Zur Stunde, da sich so die beiden</p>
+<p>Besprachen, war in ihrem Haus</p>
+<p>Die Mutter Aladdins drauf aus,</p>
+<p><a name='Page_88' id="Page_88"></a><span class=
+'pagenum'>88</span>Mit jenem Staat sich zu bekleiden,</p>
+<p>Den ihr die Sklavinnen gespendet,</p>
+<p>Und lie&#223;, nachdem durch deren Walten</p>
+<p>Ihr Putz in B&#228;lde war vollendet,</p>
+<p>Von ihnen sich die Schleppe halten</p>
+<p>Auf ihrem Wege zum Palast.</p>
+<p>Auch Aladdin, im Vaterhause</p>
+<p>zum allerletztenmal zu Gast,</p>
+<p>Brach auf nach kurzer Ruhepause.</p>
+<p>Die vielbew&#228;hrte Wunderlampe</p>
+<p>Nahm er dabei wohlweislich mit,</p>
+<p>Bestieg sein flinkes Pferd und ritt</p>
+<p>Gradaus zu seines Schlosses Rampe.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0087.jpg"><img src=
+"images/a0087.jpg" alt=
+"Der Sultan erblickt das Schlo&#223; Aladdins" title="Der Sultan erblickt das Schlo&#223; Aladdins" /></a>
+<p>Der Sultan erblickt das Schlo&#223; Aladdins</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der feierliche Freudenklang</p>
+<p>Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten</p>
+<p>Erscholl der Mutter zum Empfang.</p>
+<p>Von des Palastes Zinnen wehten</p>
+<p>Im Winde fr&#246;hlich bunte Fahnen;</p>
+<p>Aus Schalen str&#246;mte Balsamduft;</p>
+<p>Der Hofstaat stand auf den Altanen</p>
+<p>Und schwenkte T&#252;cher durch die Luft.</p>
+<p>Die Stadt ward neuerdings geschm&#252;ckt</p>
+<p>Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern;</p>
+<p>Viel deutlicher war den Gesichtern</p>
+<p>Des Frohsinns Stempel aufgedr&#252;ckt</p>
+<p>Als beim gest&#246;rten Hochzeitsfeste</p>
+<p>Von damals. Die verdutzte Schar</p>
+<p><a name='Page_89' id="Page_89"></a><span class=
+'pagenum'>89</span>Des Volks erblickte zwei Pal&#228;ste,</p>
+<p>Wo tags zuvor nur einer war;</p>
+<p>Zumal bestaunten sie den neuen,</p>
+<p>Und laut bekannte jedermann,</p>
+<p>Er m&#252;sse den Vergleich nicht scheuen,</p>
+<p>Ja, steh' dem alten weit voran.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Inzwischen ward, weil sich der Freier</p>
+<p>Ausdr&#252;cklich hatte vorbehalten,</p>
+<p>In seinem eignen Schlo&#223; die Feier</p>
+<p>Der Hochzeit gl&#228;nzend zu gestalten,</p>
+<p>Vom Sultan &#246;ffentlich erkl&#228;rt,</p>
+<p>Da&#223; g&#252;ltig nun zu Recht bestehe</p>
+<p>Prinzessin Bedrulbudurs Ehe</p>
+<p>Mit dem Gemahl, der ihrer wert,</p>
+<p>Und dem sein Vaterherz gewogen;</p>
+<p>Auch wurde der Vertrag vollzogen</p>
+<p>Mit hergebrachter F&#246;rmlichkeit.</p>
+<p>Dann leerten einen Freudenbecher</p>
+<p>Die Mutter und der F&#252;rst zuzweit.</p>
+<p>Er selber gab ihr das Geleit</p>
+<p>In der Prinzessin Wohngem&#228;cher.</p>
+<p>Dort kam in ihrem reichen Schmuck</p>
+<p>Und ihrer Sch&#246;nheit holdem Prangen</p>
+<p>Die Braut entgegen ihr gegangen</p>
+<p>Mit einem warmen H&#228;ndedruck</p>
+<p>Und einem Ku&#223; auf ihre Wangen.</p>
+<p><a name='Page_90' id="Page_90"></a><span class=
+'pagenum'>90</span>Sie nahm, bereit zur &#220;berf&#252;hrung</p>
+<p>In ihres Ehegatten Schlo&#223;,</p>
+<p>Vom Vater Abschied. Beiden flo&#223;</p>
+<p>Ein Tr&#228;nenstrom herab vor R&#252;hrung.</p>
+<p>Und als der Sonne letztes Blinken</p>
+<p>Gewichen war dem D&#228;mmerschein,</p>
+<p>Da formte sich der Zug. Zur Linken</p>
+<p>Schritt ihr die Mutter, hinterdrein</p>
+<p>Die Sklavinnen und Zofen all,</p>
+<p>Voran ein Trupp von Musikanten</p>
+<p>Mit schmetterndem Posaunenschall,</p>
+<p>Zuletzt unz&#228;hlige Trabanten,</p>
+<p>Lakaien, Pfeifer, Paukenschl&#228;ger</p>
+<p>Und Knappen, die als Fackeltr&#228;ger</p>
+<p>Dem Zuge Licht zu spenden hatten.</p>
+<p>So schwebte die Gebieterin</p>
+<p>Auf dem damastnen Teppich hin</p>
+<p>Zum kerzenhellen Schlo&#223; des Gatten,</p>
+<p>Und all das heitre Volksgewimmel</p>
+<p>Entsandte wie aus einem Mund</p>
+<p>Gebet und Segenswunsch zum Himmel</p>
+<p>F&#252;r ihren jungen Ehebund.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_91' id="Page_91"></a><span class='pagenum'>91</span>
+<a name="11"></a>
+<h2>11.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_v.jpg" alt="V"
+title="" /></div>
+<p>Von seiner Dienerschaft umgeben</p>
+<p>Stand Aladdin am Eingangstor</p>
+<p>Und f&#252;hrte mit begl&#252;cktem Beben</p>
+<p>Die Braut zum Kuppelsaal empor.</p>
+<p>Sie war beim ersten Anblick schon</p>
+<p>Entz&#252;ckt von ihm, da beim Vergleiche</p>
+<p>Sie fand, da&#223; nimmer ihm der Sohn</p>
+<p>Des Gro&#223;veziers das Wasser reiche.</p>
+<p>Und Aladdin? Ach, wer beschriebe,</p>
+<p>Was er im Innersten empfand,</p>
+<p>Wie nun das Traumbild seiner Liebe</p>
+<p>Holdselig leibhaft vor ihm stand!</p>
+<p>Er rief: "Du Herrlichste von allen,</p>
+<p>Vor der das Taggestirn erbleicht,</p>
+<p>Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht</p>
+<p>Verurteilt bin, dir zu mi&#223;fallen!"</p>
+<p>"Mein Prinz&#8212;denn dieser Name scheint",</p>
+<p>Versetzte sie, "dir zu geb&#252;hren&#8212;</p>
+<p>Mir hat mein Vater dich zu k&#252;ren</p>
+<p>Befohlen und mich dir vereint.</p>
+<p><a name='Page_92' id="Page_92"></a><span class=
+'pagenum'>92</span>Des Vaters Willen sich zu f&#252;gen</p>
+<p>Ist einer guten Tochter Pflicht;</p>
+<p>Doch ich vollzog sie mit Vergn&#252;gen;</p>
+<p>Denn wisse, du mi&#223;f&#228;llst mir nicht."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Mit dieser feinen Antwort scheuchte</p>
+<p>Sie seiner Sorge letzten Rest;</p>
+<p>Und nun begann ein Zauberfest,</p>
+<p>Das ihr viel Staunenswerter deuchte,</p>
+<p>Als was daheim sie je geschaut.</p>
+<p>Die Tafel &#252;berschwemmten Rosen,</p>
+<p>Von Diamanten rings betaut;</p>
+<p>Von einer gleichfalls grenzenlosen</p>
+<p>Verschwendung zeugten die Pokale,</p>
+<p>Die Sch&#252;sseln, Teller, Gabeln, Messer;</p>
+<p>Sogar die Speisen waren besser</p>
+<p>Als je beim kaiserlichen Mahle.</p>
+<p>Zu Fl&#246;tenspiel und Lautenklang</p>
+<p>Ert&#246;nte, reizend anzuh&#246;ren,</p>
+<p>Ein doppelstimmiger Gesang</p>
+<p>Von allerliebsten M&#228;dchench&#246;ren.</p>
+<p>Nach Schlu&#223; des Mahls erschien ein Schwarm</p>
+<p>Von T&#228;nzern und von T&#228;nzerinnen,</p>
+<p>Um einen Reigen zu beginnen.</p>
+<p>Der Schlo&#223;herr selbst bot seinen Arm</p>
+<p>Der Herrin, und voll Anmut schwangen</p>
+<p>Nach einem alten Brauch des Lands</p>
+<p>Die Neuverm&#228;hlten sich im Tanz.</p>
+<p><a name='Page_93' id="Page_93"></a><span class=
+'pagenum'>93</span>Die Mitternacht war l&#228;ngst vergangen,</p>
+<p>Da sich im Schlo&#223; zu Ende neigte</p>
+<p>Die Lustbarkeit.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p class='i8'>Am Tag darauf,<br /></p>
+<p>Als schon des Sonnenballes Lauf</p>
+<p>Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte,</p>
+<p>Schritt Aladdin mit einem Heere</p>
+<p>Von Dienern auf dem kurzen Pfad</p>
+<p>Hin&#252;ber zum Palast und bat</p>
+<p>Den Schwiegervater um die Ehre,</p>
+<p>Sein Schlo&#223; in Augenschein zu nehmen.</p>
+<p>Gewi&#223;, der Sultan mochte gern</p>
+<p>Zu dieser Einkehr sich bequemen</p>
+<p>Und ging, begleitet von den Herrn</p>
+<p>Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fu&#223;e.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Das Schlo&#223;, obwohl er's nun schon oft</p>
+<p>Von seinem Fenster aus mit Mu&#223;e</p>
+<p>Betrachtet, schien ihm unverhofft</p>
+<p>Noch pr&#228;chtiger, als er es nah</p>
+<p>Und n&#228;her jetzt vor Augen sah.</p>
+<p>Im Innern erst vermochte kaum</p>
+<p>Er sein Entz&#252;cken zu bemeistern,</p>
+<p>Und gar der gro&#223;e Kuppelraum</p>
+<p>Schien grenzenlos ihn zu begeistern.</p>
+<p>Er sprach zum Gro&#223;vezier: "Ein Wunder</p>
+<p>Wie dies hab' ich noch nie gewahrt.</p>
+<p><a name='Page_94' id="Page_94"></a><span class=
+'pagenum'>94</span>Hiergegen ist, bei meinem Bart,</p>
+<p>Mein eigener Palast nur Plunder."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Doch als er wieder heimgekehrt,</p>
+<p>Um manchen gro&#223;en Eindruck reicher.</p>
+<p>Da schl&#228;ngelte der alte Schleicher</p>
+<p>Von Gro&#223;vezier sich unbegehrt</p>
+<p>An ihn heran mit dem Vermerk:</p>
+<p>"Wer k&#246;nnte diesen Bau betrachten,</p>
+<p>Erhabner, ohne f&#252;r ein Werk</p>
+<p>Der Zauberkunst ihn zu erachten?"</p>
+<p>Der Sultan drauf mit strengem Blick:</p>
+<p>"Das hochzeitliche Mi&#223;geschick,</p>
+<p>Das deinem Sohn so schlecht bekam,</p>
+<p>Kannst du noch immer nicht verschmerzen,</p>
+<p>Bist Aladdin deswegen gram</p>
+<p>Und suchst ihn grundlos anzuschw&#228;rzen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>So scheiterte die L&#228;strung kl&#228;glich.</p>
+<p>Der F&#252;rst begab, sobald er wach,</p>
+<p>Vielmehr von jetzt ab sich tagt&#228;glich</p>
+<p>Gleich in sein Lieblingswohngemach,</p>
+<p>Wo freien Ausblick er geno&#223;</p>
+<p>Auf seines Schwiegersohnes Schlo&#223;,</p>
+<p>Und ward nicht m&#252;d, vom Fenster aus,</p>
+<p>Ganz in Bewunderung vergraben,</p>
+<p>An Form und Schmuck des stolzen Baus</p>
+<p>Das Auge stundenlang zu laben.</p>
+<p><a name='Page_95' id="Page_95"></a><span class=
+'pagenum'>95</span>Wer aber d&#228;chte, da&#223; nunmehr</p>
+<p>Sich Aladdin daheim verschlossen</p>
+<p>Und ferngehalten vom Verkehr,</p>
+<p>Der h&#228;tte g&#228;nzlich fehlgeschossen.</p>
+<p>Im Gegenteil, er ward best&#228;ndig</p>
+<p>Lustwandelnd in der Stadt gesehn,</p>
+<p>Ging zum Gebet in die Moscheen,</p>
+<p>Tat manchen Einkauf eigenh&#228;ndig,</p>
+<p>War bei den hohen Edelleuten</p>
+<p>Oft zu Besuch, und jedesmal,</p>
+<p>Wenn er mit einer gro&#223;en Zahl</p>
+<p>Betre&#223;ter Diener ausritt, streuten</p>
+<p>Sie Gold umher aus vollen H&#228;nden.</p>
+<p>An seines Schlosses Pforten kam</p>
+<p>Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden</p>
+<p>Vollauf beladen Abschied nahm.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen,</p>
+<p>Ins Feld hinausstob ungehemmt,</p>
+<p>Ward jedes Dorf auf seinen Wegen</p>
+<p>Von einem Goldstrom &#252;berschwemmt.</p>
+<p>Kein Wunder war's, wenn dergestalt</p>
+<p>Ihm der Ber&#252;hmtheit Rosenwolke</p>
+<p>Das Haupt umspann, und wenn er bald</p>
+<p>Verg&#246;ttert ward vom ganzen Volke.</p>
+<p>Er aber wurde drum nicht eitel,</p>
+<p>Nein, zeigte dem bedrohten Staat</p>
+<p>Sich von der Zehe bis zum Scheitel</p>
+<p><a name='Page_96' id="Page_96"></a><span class=
+'pagenum'>96</span>Als echten Helden durch die Tat:</p>
+<p>Des Reichs gesamte Grenze stand</p>
+<p>In eines Aufruhrs hellem Brand.</p>
+<p>Der Feldherrn keiner konnt' ihn d&#228;mpfen,</p>
+<p>Bis Aladdin, dem Ruf der Not</p>
+<p>Gehorchend, mannhaft sich erbot,</p>
+<p>Auf eigne Faust ihn zu bek&#228;mpfen.</p>
+<p>Vom Herrscher an des Heeres Spitze</p>
+<p>Berufen zog er in das Feld,</p>
+<p>Nicht achtend M&#252;hsal, Frost und Hitze!</p>
+<p>Bald war von ihm der Feind umstellt</p>
+<p>Und wurde wie beim Hasenjagen</p>
+<p>Trotz aller seiner &#220;bermacht</p>
+<p>In einer einz'gen gro&#223;en Schlacht</p>
+<p>Zerstreut und in die Flucht geschlagen.</p>
+<p>Dann f&#252;hrte seine tapfren Krieger</p>
+<p>Er heimw&#228;rts im Triumph, das Haupt</p>
+<p>Von einem Ruhmeskranz umlaubt,</p>
+<p>Und hie&#223; nun Aladdin der Sieger.&#8212;</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>In stetem Flu&#223; allm&#228;hlich reihte</p>
+<p>Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr;</p>
+<p>Er aber ward es kaum gewahr</p>
+<p>An seiner sch&#246;nen Gattin Seite,</p>
+<p>Geliebt und liebend, hochgeachtet</p>
+<p>Und doch von schlicht bescheidnem Sinn.</p>
+<p>Die Bosheit, die von Urbeginn</p>
+<p>Das Gute zu vernichten trachtet,</p>
+<p><a name='Page_98' id="Page_98"></a><span class=
+'pagenum'>98</span>Sollt' aber nach der Gnadenfrist</p>
+<p>Auch ihn mit hartem Streiche treffen.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0097.jpg"><img src="images/a0097.jpg" alt=
+"Der Zauberer befragt die &quot;schwarze Kunst&quot; &#252;ber Aladdin"
+title="Der Zauberer befragt die &quot;schwarze Kunst&quot; &#252;ber Aladdin" /></a>
+<p>Der Zauberer befragt die "schwarze Kunst" &#252;ber Aladdin</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der Zaubrer, der mit schn&#246;der List</p>
+<p>Ihn einst sich ausgesucht als Neffen,</p>
+<p>Dann heimgewandert und seit Jahren</p>
+<p>In Afrika nun wieder sa&#223;,</p>
+<p>Wollt' eines Tages, rein zum Spa&#223;,</p>
+<p>Genaueres davon erfahren,</p>
+<p>Wie Aladdin zugrund gegangen.</p>
+<p>Denn da&#223; der Bursch aus jener Gruft</p>
+<p>Nie mehr, nachdem er drin gefangen,</p>
+<p>Zur&#252;ckgekehrt zu Licht und Luft,</p>
+<p>War nicht im mindesten ihm fraglich;</p>
+<p>Die Frage, die er noch gespart,</p>
+<p>Galt einzig seiner Todesart.</p>
+<p>Er setzte sich darum behaglich</p>
+<p>An einen Tisch, worauf mit Sand</p>
+<p>Gef&#252;llt ein Viereck sich befand</p>
+<p>In Schachtelform, nahm einen Stift</p>
+<p>Und zog damit nach Zaubrerweise</p>
+<p>Im Sande Linien und Kreise</p>
+<p>Nebst Lettern einer fremden Schrift.</p>
+<p>Berechnend, murmelnd unverst&#228;ndlich,</p>
+<p>Nach Grundsatz, Regel und Gebot</p>
+<p>Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich</p>
+<p>Heraus, da&#223; Aladdin nicht tot,</p>
+<p>Nein, da&#223; er aus der Gruft entsprungen,</p>
+<p><a name='Page_99' id="Page_99"></a><span class=
+'pagenum'>99</span>Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen</p>
+<p>Und obendrein als der Gemahl</p>
+<p>Der Sultanstochter herrlich lebe.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Ha, war das t&#252;ckische Gewebe</p>
+<p>Zerfetzt? Er wurde leichenfahl,</p>
+<p>Krebsrot und wieder kreidebla&#223;</p>
+<p>Und dann vor Mi&#223;gunst gelb und gelber.</p>
+<p>"Wie?" rief er aus in Wut und Ha&#223;,</p>
+<p>"Der Schatz, den m&#252;hsam f&#252;r mich selber</p>
+<p>Ich ausgesp&#252;rt mit saurem Schwei&#223;,</p>
+<p>In z&#228;hem, jahrelangem Flei&#223;,</p>
+<p>Der Lampe hohe Wunderkraft</p>
+<p>Ward mir zu meines Forschens Lohne</p>
+<p>Von einem niedren Schneidersohne,</p>
+<p>Von einem Tagedieb entrafft!</p>
+<p>Er, den vermodert ich gew&#228;hnt,</p>
+<p>Er darf zu schwelgen sich erfrechen</p>
+<p>Im Reichtum, den er mir entlehnt!</p>
+<p>Doch nur Geduld, ich will mich r&#228;chen!"</p>
+<p>Er warf somit am selben Tag</p>
+<p>Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen</p>
+<p>Und galoppierte stracks von hinnen</p>
+<p>Zum Reich, das fern im Osten lag.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_100' id="Page_100"></a><span class=
+'pagenum'>100</span> <a name="12"></a>
+<h2>12.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_n.jpg" alt="N"
+title="" /></div>
+<p>Nachdem er auf der langen Reise</p>
+<p>Sich und sein Pferd halb tot gehetzt,</p>
+<p>Sich nur an kurzem Schlaf geletzt,</p>
+<p>Sich nur gen&#228;hrt mit knapper Speise,</p>
+<p>Mit kargem Trank erfrischt, gelangte</p>
+<p>Der Zaubrer in des Sultans Reich,</p>
+<p>Und bald vor seinen Augen prangte</p>
+<p>Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich</p>
+<p>Ihm damals kl&#228;glich war mi&#223;lungen.</p>
+<p>In einem kleinen Gasthaus stieg</p>
+<p>Er ab, um seinen Rachekrieg</p>
+<p>Zu f&#246;rdern durch Erkundigungen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Das Wichtigste ward ihm nat&#252;rlich</p>
+<p>Enth&#252;llt, bevor ein Tag verflo&#223;;</p>
+<p>Denn alle Welt sprach unwillk&#252;rlich</p>
+<p>Von Aladdin und seinem Schlo&#223;.</p>
+<p>Er lie&#223; zu dem ber&#252;hmten Bau</p>
+<p>Von seinem Wirt sich hingeleiten,</p>
+<p>Und als er ihn von allen Seiten</p>
+<p><a name='Page_101' id="Page_101"></a><span class=
+'pagenum'>101</span>Beschn&#252;ffelt hatte ganz genau,</p>
+<p>Da wu&#223;t' er, da&#223; dem Aladdin</p>
+<p>Zu einem Werk von solcher Gr&#246;&#223;e</p>
+<p>Nur jene Lampe Kraft verliehn.</p>
+<p>Er gab sich selber Rippenst&#246;&#223;e</p>
+<p>Vor &#196;rger, weil dies Meisterst&#252;ck</p>
+<p>Ihn v&#246;llig erst ermessen lehrte,</p>
+<p>Was ihm entgangen war, und kehrte</p>
+<p>Zu seinem Gasthaus dann zur&#252;ck.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Wo mochte wohl die Lampe stecken?</p>
+<p>Wenn ihren Aufbewahrungsplatz</p>
+<p>Er f&#228;hig w&#228;re zu entdecken,</p>
+<p>Dann k&#246;nnt' er den ersehnten Schatz</p>
+<p>Von ihm erlisten, Raub um Raub,</p>
+<p>Und von der angema&#223;ten Zinne</p>
+<p>Zur&#252;ck ihn schmettern in den Staub.</p>
+<p>Er nahm behend wie eine Spinne,</p>
+<p>Die rastlos webt an ihrem Netze,</p>
+<p>Das Zauberviereck wieder vor,</p>
+<p>Und durch die magischen Gesetze,</p>
+<p>Die mit Gekritzel er beschwor</p>
+<p>Und knifflicher Berechnungsart,</p>
+<p>Ward bald unfehlbar ihm verraten:</p>
+<p>Die Lampe war im Schlo&#223; verwahrt.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Zufall, der verruchten Taten</p>
+<p>Oft beisteht, war auch ihm gewogen.</p>
+<p><a name='Page_102' id="Page_102"></a><span class=
+'pagenum'>102</span>Willkommen traf die Nachricht ihn,</p>
+<p>Da&#223; vor drei Tagen Aladdin</p>
+<p>Auf eine gro&#223;e Jagd gezogen</p>
+<p>Und fern sei bis zum Wochenschlu&#223;.</p>
+<p>Er trat in eines Klempners Laden</p>
+<p>Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden</p>
+<p>Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich mu&#223;</p>
+<p>zw&#246;lf Lampen haben, nagelneu,</p>
+<p>Von blankem Kupfer." "Meiner Treu,"</p>
+<p>Erwiderte mit breitem Lachen</p>
+<p>Der Klempner&#8212;denn er war erfreut,</p>
+<p>Solch gl&#228;nzendes Gesch&#228;ft zu machen&#8212;</p>
+<p>"Gleich zw&#246;lf? So viele hab' ich heut</p>
+<p>zwar nicht auf Lager; doch bis morgen</p>
+<p>Werd' ich die fehlenden besorgen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Mit einem Korb am Arme kam</p>
+<p>Der Zaubrer wieder tags darauf,</p>
+<p>Verpackte drin den ganzen Kram,</p>
+<p>Gab f&#252;r den abgeschlossnen Kauf</p>
+<p>Weit h&#246;hern Preis als nach Verpflichtung,</p>
+<p>Bewegte dann sich in der Richtung</p>
+<p>Des Schlosses langsam durch die Stadt</p>
+<p>Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen:</p>
+<p>"H&#246;rt, h&#246;rt! Wer alte Lampen hat,</p>
+<p>Kann hier sie gegen neue tauschen."</p>
+<p>Die Leute dachten allgemein:</p>
+<p>"Der Mensch da hat wohl einen Sparren."</p>
+<p><a name='Page_103' id="Page_103"></a><span class=
+'pagenum'>103</span>Die Kinder hielten ihn zum Narren</p>
+<p>Und liefen gr&#246;hlend hinterdrein.</p>
+<p>Ihn aber konnt' es nicht beirren;</p>
+<p>Er lie&#223; im Korb die Lampen klirren</p>
+<p>Und wiederholte hundertmal</p>
+<p>Aus Leibeskr&#228;ften sein Gekr&#228;he</p>
+<p>Bis in des Schlosses n&#228;chste N&#228;he.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>In ihrem gro&#223;en Kuppelsaal</p>
+<p>Sa&#223; Bedrulbudur. Das Geh&#246;hne</p>
+<p>Der Kinder und die schrillen T&#246;ne</p>
+<p>Des Rufers drangen auch zu ihr,</p>
+<p>Und einer Sklavin aufzutragen</p>
+<p>Gebot ihr drum die Wi&#223;begier,</p>
+<p>Sie m&#246;g' hinuntergehn und fragen,</p>
+<p>Was dieser w&#252;ste L&#228;rm bedeute.</p>
+<p>Die Sklavin ging und lachte hell,</p>
+<p>Da sie zur&#252;ckkam: "Der Gesell,</p>
+<p>Der dort umringt wird von der Meute,</p>
+<p>Ist ohne Zweifel g&#228;nzlich toll.</p>
+<p>Sein Tragkorb ist von einem Haufen</p>
+<p>Der sch&#246;nsten neuen Lampen voll;</p>
+<p>Er aber will sie nicht verkaufen,</p>
+<p>Nein, will sie tauschen gegen alte."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Auch der Prinzessin Lachen schallte</p>
+<p>Nun laut und klang im Echo nach,</p>
+<p><a name='Page_104' id="Page_104"></a><span class=
+'pagenum'>104</span>Bis eine andre Sklavin sprach:</p>
+<p>"Vergib mir, Herrin; doch ich finde,</p>
+<p>Da sich's um alte Lampen dreht</p>
+<p>Und gleich hier neben auf dem Spinde</p>
+<p>Zuf&#228;llig eine solche steht,</p>
+<p>So k&#246;nnte man, wenn's dir beliebt,</p>
+<p>Erproben, ob der Kerl tats&#228;chlich</p>
+<p>F&#252;r diese da, die schon gebrechlich,</p>
+<p>Uns eine nagelneue gibt."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Dem stimmte die Prinzessin zu.&#8212;</p>
+<p>Klang dir im Innern keine Warnung,</p>
+<p>O Bedrulbudur? Ahntest du</p>
+<p>Nicht schm&#228;hlichen Betrugs Umgarnung?</p>
+<p>Die Wunderlampe war's, die dort</p>
+<p>Unscheinbar stand seit ein paar Tagen,</p>
+<p>Weil Aladdin, der immerfort</p>
+<p>Sie sonst mit sich herumgetragen,</p>
+<p>Aus Furcht, sie k&#246;nn' in Wald und Feld</p>
+<p>Verloren gehn, nicht auf die Jagd</p>
+<p>Sie mitgenommen. Wer nun fragt,</p>
+<p>Warum aufs Spind er sie gestellt,</p>
+<p>Anstatt sie sorgsam einzuschlie&#223;en,</p>
+<p>Den darf die Antwort nicht verdrie&#223;en,</p>
+<p>Da&#223; hin und wieder ein Versehn</p>
+<p>Wohl jedem unterl&#228;uft im Leben,</p>
+<p>Und da&#223; die Allerkl&#252;gsten eben</p>
+<p>Die d&#252;mmsten Fehler oft begehn.</p>
+<p><a name='Page_105' id="Page_105"></a><span class=
+'pagenum'>105</span>Die Sklavin nahm die Lampe, trug</p>
+<p>Zum Zaubrer hurtig sie hinunter,</p>
+<p>Hielt ihm sie hin und sagte munter:</p>
+<p>"Wenn diese da dir alt genug,</p>
+<p>Gib eine neue mir zum Tausche."</p>
+<p>Zugreifend voll Begier verschlang</p>
+<p>Er mit den Augen seinen Fang</p>
+<p>In schlecht verhehltem Freudenrausche;</p>
+<p>Dann lie&#223; er unters Kleid ihn wandern.</p>
+<p>Den Korb jedoch mit den zw&#246;lf andern</p>
+<p>Wies er der Sklavin vor zur Wahl.</p>
+<p>Sie w&#228;hlte lachend, und die Rotte</p>
+<p>Bego&#223; ihn mit vermehrtem Spotte.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Doch er, geschmeidig wie ein Aal,</p>
+<p>Entkam durch eine Seitengasse,</p>
+<p>Lie&#223; dort, sobald ihn dieser Schlich</p>
+<p>Geborgen hatte vor der Masse,</p>
+<p>Den angef&#252;llten Korb im Stich</p>
+<p>Und lief davon, sein Gasthaus meidend.</p>
+<p>Was lag ihm noch an seinem Pferd?</p>
+<p>Was lag an andrem Geldeswert?</p>
+<p>Jetzt war nur eins f&#252;r ihn entscheidend!</p>
+<p>Nachdem er eine halbe Meile</p>
+<p>Vorm Stadttor endlich Halt gemacht,</p>
+<p>Beschlo&#223; er, noch f&#252;r eine Weile</p>
+<p>Sich zu gedulden, bis die Nacht</p>
+<p>Ihm Schutz vor &#220;berrumplung b&#246;te.</p>
+<p><a name='Page_106' id="Page_106"></a><span class=
+'pagenum'>106</span>Erst als im Westen sich verlor</p>
+<p>Der letzte Schein der Abendr&#246;te,</p>
+<p>Zog er die Lampe sacht hervor</p>
+<p>Und rieb sie.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p class='i8'>"Was ist dein Begehr?"<br /></p>
+<p>So rief im n&#228;chsten Augenblicke</p>
+<p>Der Geist, an L&#228;nge, Breite, Dicke</p>
+<p>F&#252;nfmal so massig wie ein B&#228;r;</p>
+<p>"Die Lampe macht es mir zur Pflicht,</p>
+<p>Da&#223; ich gehorsam dich bediene."</p>
+<p>Der Zaubrer sprach mit Siegermiene:</p>
+<p>"Du sollst das Schlo&#223;, das jener Wicht</p>
+<p>Von dir sich hat erbauen lassen,</p>
+<p>Mit seinen s&#228;mtlichen Insassen</p>
+<p>Und mir zugleich alsbald von da</p>
+<p>Forttragen durch des &#196;thers Wellen</p>
+<p>Und an dem Punkt in Afrika,</p>
+<p>Wo ich daheim bin, niederstellen."</p>
+<p>Gehorsam seinem neuen Meister</p>
+<p>Vollzog der Geist noch in der Nacht</p>
+<p>Mit Hilfe seiner Nebengeister</p>
+<p>Den Auftrag.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p class='i8'>Zeitig aufgewacht<br /></p>
+<p>Begab der Sultan sich wie t&#228;glich</p>
+<p>Zum Fenster, um in froher Schau</p>
+<p>Zu mustern den erhabnen Bau.</p>
+<p><a name='Page_107' id="Page_107"></a><span class=
+'pagenum'>107</span>Sein Staunen aber war uns&#228;glich,</p>
+<p>Als er den leeren Platz erblickte,</p>
+<p>Vom Schlo&#223; dagegen keine Spur.</p>
+<p>Er rieb die Augen sich, er zwickte</p>
+<p>Sich in den Arm; dies konnte nur</p>
+<p>Entweder Trug sein oder Traum!</p>
+<p>Doch welche Vorsicht er auch &#252;bte,</p>
+<p>Die Sonne schien, kein W&#246;lkchen tr&#252;bte</p>
+<p>Den Himmel bis zum fernsten Saum.</p>
+<p>Unzweifelhaft, er tr&#228;umte nicht!</p>
+<p>Mit steifem, starrem Angesicht</p>
+<p>Stand er und stand wie angewurzelt</p>
+<p>Und murmelte: "Das Schlo&#223; ist fort,</p>
+<p>Soviel steht fest. W&#228;r's eingepurzelt,</p>
+<p>So l&#228;gen doch die Tr&#252;mmer dort.</p>
+<p>Der Kuckuck wei&#223;, was hier geschehn!"</p>
+<p>Zum Schlu&#223;, wie stets in schweren F&#228;llen,</p>
+<p>Lie&#223; er dem Gro&#223;vezier bestellen,</p>
+<p>Er w&#252;nsche schleunigst ihn zu sehn.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Gro&#223;vezier kam angerannt;</p>
+<p>Der Sultan fa&#223;te seine Hand,</p>
+<p>Zog ihn zum Fenster hin und fragte</p>
+<p>Voll Spannung: "Wirst du was gewahr</p>
+<p>Vom Schlo&#223;, das gestern hier noch ragte?</p>
+<p>Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar."</p>
+<p>Der Gro&#223;vezier war h&#246;chst betroffen;</p>
+<p>Jedoch er sammelte sich bald.</p>
+<p><a name='Page_108' id="Page_108"></a><span class=
+'pagenum'>108</span>"Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht
+offen,</p>
+<p>Was mir schon l&#228;ngst f&#252;r sicher galt,</p>
+<p>Wenngleich du mir nicht beigepflichtet?</p>
+<p>Dies Schlo&#223;, ich wiederhol' es frei,</p>
+<p>So schnell verschwunden wie errichtet,</p>
+<p>Es war ein Werk der Zauberei."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Sultan, der dem L&#228;sterwort</p>
+<p>Nicht mehr zu widerstehn vermochte,</p>
+<p>Ward kirschrot im Gesicht; er kochte</p>
+<p>Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord!</p>
+<p>Ein Gauner, listig und verlogen,</p>
+<p>Hat an der Nase mich gezogen!</p>
+<p>Wo ist der Schurk', der das gewagt?</p>
+<p>Noch heute soll sein Blut versch&#228;umen!"</p>
+<p>Drauf jener: "Herr, la&#223; uns nur s&#228;umen,</p>
+<p>Bis er zur&#252;ckkehrt von der Jagd."</p>
+<p>"Nichts da! Das w&#228;re zu viel Schonung,"</p>
+<p>Entgegnete der Sultan wild;</p>
+<p>"Vom Henker werd' ihm die Belohnung,</p>
+<p>Mit der man Hochverrat vergilt.</p>
+<p>Geh', schick' ihm drei&#223;ig Reiter nach!</p>
+<p>Die sollen unterwegs ihn greifen,</p>
+<p>Verhaften und mit Schimpf und Schmach</p>
+<p>Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_109' id="Page_109"></a><span class=
+'pagenum'>109</span> <a name="13"></a>
+<h2>13.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_a.jpg" alt="A"
+title="" /></div>
+<p>Auf seinem R&#252;ckweg nach der Stadt</p>
+<p>Begriffen, ahnungslos und heiter,</p>
+<p>Traf Aladdin die drei&#223;ig Reiter.</p>
+<p>Ihr Hauptmann gr&#252;&#223;te h&#246;flich glatt,</p>
+<p>Und er, von Heimweh schon beschwingt</p>
+<p>Und in der Meinung, jene w&#228;ren</p>
+<p>Vorausgesandt zu seinen Ehren,</p>
+<p>Sah sich mit einem Schlag umringt.</p>
+<p>"Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzukl&#228;ren,"</p>
+<p>Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher,</p>
+<p>Der Unheil meldet, spricht nicht gern.</p>
+<p>Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn,</p>
+<p>Befohlen, dich als Staatsverbrecher</p>
+<p>In Haft zu nehmen und gefangen</p>
+<p>Zu f&#252;hren vor sein Angesicht."</p>
+<p>"Sag' nur, was hab' ich denn begangen?"</p>
+<p>Rief Aladdin mit hei&#223;en Wangen.</p>
+<p>Drauf jener: "Prinz, das wei&#223; ich nicht."</p>
+<p>"Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht,</p>
+<p>Was eures Amts! Ich folg' euch willig,</p>
+<p><a name='Page_110' id="Page_110"></a><span class=
+'pagenum'>110</span>Ist's auch gewi&#223; nicht recht und
+billig,</p>
+<p>Was unverschuldet mir geschieht."</p>
+<p>Er warb vom Pferd geholt, an Armen</p>
+<p>Und Hals mit Ketten fest umschn&#252;rt</p>
+<p>Und so zum Schrecken und Erbarmen</p>
+<p>Des Volkes in die Stadt gef&#252;hrt.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Liebling aller war in Not!</p>
+<p>Man wu&#223;te nicht, aus welchem Grunde,</p>
+<p>Sah nur ihn von Gefahr bedroht</p>
+<p>Und wollte drum, zu raschem Bunde</p>
+<p>Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen.</p>
+<p>Ein Teil ergriff metallne Waffen,</p>
+<p>Ein andrer Steine, Kn&#252;ttel, Stangen,</p>
+<p>Den Reitern sperrend Weg und Raum;</p>
+<p>Mit ihrem H&#228;ftling konnten kaum</p>
+<p>Sie bis in den Palast gelangen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Sultan, der bereits ihr Nah'n</p>
+<p>Erwartet hatte vom Altan,</p>
+<p>Befahl dem Henker, alsogleich</p>
+<p>Dem Sch&#228;ndlichen, der sein Vertrauen</p>
+<p>Get&#228;uscht, mit einem scharfen Streich</p>
+<p>Das Frevlerhaupt herabzuhauen.</p>
+<p>Es ward ihm keine Frist verliehn,</p>
+<p>Sich durch Verteidigung zu retten;</p>
+<p>Der Henker hie&#223;, nachdem die Ketten</p>
+<p>Ihm abgestreift, ihn niederknien,</p>
+<p><a name='Page_112' id="Page_112"></a><span class=
+'pagenum'>112</span>Band ihm sodann die Augen zu,</p>
+<p>Erhob das Richtschwert, wie befohlen,</p>
+<p>Um auf des Herrschers Wink im Nu</p>
+<p>zum Streich gewaltig auszuholen.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0111.jpg"><img src=
+"images/a0111.jpg" alt="Aladdins schlimmste Stunde" title=
+"Aladdins schlimmste Stunde" /></a>
+<p>Aladdins schlimmste Stunde</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Da&#8212;was ist das? Was dr&#246;hnt und gellt?</p>
+<p>Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend?</p>
+<p>Vom Volke haben viele Tausend</p>
+<p>Im Aufruhr den Palast umstellt.</p>
+<p>Man rei&#223;t und r&#252;ttelt an den Mauern,</p>
+<p>Man bricht aus ihnen Stein um Stein,</p>
+<p>Und lange kann es nicht mehr dauern,</p>
+<p>Da st&#252;rzen sie zertr&#252;mmert ein,</p>
+<p>Und alle Tore klaffen splitternd.</p>
+<p>"O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd</p>
+<p>Zum Sultan sich der Gro&#223;vezier,</p>
+<p>"Schau hin, wie meuterische Horden,</p>
+<p>Vollst&#228;ndig z&#252;gellos geworden,</p>
+<p>Gleich einem grimmen Riesentier</p>
+<p>Sich gegen deine Mauern t&#252;rmen!</p>
+<p>Der Mensch hat auch dein Volk behext,</p>
+<p>Und wenn du diesen Spruch vollstreckst,</p>
+<p>Dann wird es den Palast erst&#252;rmen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Sultan fuhr erschreckt zusammen.</p>
+<p>Er merkte wohl, da&#223; durch den Tod</p>
+<p>Prinz Aladdins das Reich in Flammen</p>
+<p>Auflodern w&#252;rde. Drum gebot</p>
+<p><a name='Page_113' id="Page_113"></a><span class=
+'pagenum'>113</span>Er dem verbl&#252;fften Henker knapp</p>
+<p>Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen;</p>
+<p>Der nahm die Binde von ihm ab,</p>
+<p>Und den erregten Menschenmassen</p>
+<p>Ward mit Trompetensto&#223; verk&#252;ndigt,</p>
+<p>Der Sultan habe kurz und gut,</p>
+<p>Wie sehr auch Aladdin ges&#252;ndigt,</p>
+<p>Ihn zu begnadigen geruht.</p>
+<p>Dies Wort, voll Beifallsl&#228;rm umt&#246;nt,</p>
+<p>Go&#223; &#214;l in die erz&#252;rnten Wogen;</p>
+<p>Die s&#228;mtlichen Emp&#246;rer zogen</p>
+<p>Nach Haus beschwichtigt und vers&#246;hnt.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Doch Aladdin, als er befreit</p>
+<p>Sich sah, hob zum Altan die H&#228;nde:</p>
+<p>"Herr," bat er flehentlich, "vollende</p>
+<p>Die Gnade, die du mir geweiht,</p>
+<p>Und sage mir, durch welch Verbrechen</p>
+<p>Verdient' ich solch ein Strafgericht?"</p>
+<p>"Ei, willst du dich noch gar erfrechen,</p>
+<p>Zu tun, als w&#252;&#223;test du das nicht?</p>
+<p>Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher!</p>
+<p>Dein Stolzes Schlo&#223;, wo mag es liegen?</p>
+<p>Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr."</p>
+<p>Als Aladdin emporgestiegen,</p>
+<p>Lie&#223; er ihn durch das Fenster blicken</p>
+<p>Und fragte barsch: "Was siehst du da?"</p>
+<p>Der &#196;rmste glaubte zu ersticken,</p>
+<p><a name='Page_114' id="Page_114"></a><span class=
+'pagenum'>114</span>Als er die leere Stelle sah.</p>
+<p>Versteinert, reglos blieb er stehn,</p>
+<p>War nicht imstande, sich zu sammeln,</p>
+<p>Geschweige denn ein Wort zu stammeln.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>"Nun sprich! Kannst du dein Schlo&#223; ersp&#228;hn?"</p>
+<p>So forschte jener streng und hart.</p>
+<p>"Bekenne, wo es hingekommen,</p>
+<p>Und was aus meiner Tochter ward!"</p>
+<p>"Mein F&#252;rst," sprach Aladdin beklommen,</p>
+<p>"Obgleich ich selbst nicht ahnen kann,</p>
+<p>Was mittlerweil sich hier begeben,</p>
+<p>So schw&#246;r' ich dir bei meinem Leben,</p>
+<p>Ich habe keinen Teil daran!"</p>
+<p>Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten</p>
+<p>Entschuldigst du dein Bubenst&#252;ck!</p>
+<p>Gern will ich auf das Schlo&#223; verzichten;</p>
+<p>Jedoch mein Kind gib mir zur&#252;ck!</p>
+<p>Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz</p>
+<p>Dir deinen Kopf herunterschlagen,</p>
+<p>Als w&#228;re der ein Tannenklotz."</p>
+<p>"Herr, eine Frist von vierzig Tagen</p>
+<p>Gew&#228;hre mir!" bat Aladdin.</p>
+<p>"Ich werde, sollt' es mir mi&#223;lingen,</p>
+<p>Verlornes wiederzuerringen,</p>
+<p>Mich meiner Strafe nicht entziehn."</p>
+<p>Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's;</p>
+<p>Ich will dir diese Frist verg&#246;nnen.</p>
+<p><a name='Page_115' id="Page_115"></a><span class=
+'pagenum'>115</span>Du w&#252;rdest doch um keinen Preis</p>
+<p>Dem R&#228;cherarm entrinnen k&#246;nnen."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Bek&#252;mmert, mit gesenktem Haupt</p>
+<p>Schlich Aladdin wie ausgesto&#223;en</p>
+<p>Von dannen, und dieselben Gro&#223;en,</p>
+<p>An deren Freundschaft er geglaubt,</p>
+<p>Die gestern noch ihm auf dem Fu&#223;</p>
+<p>Gefolgt, um sich vor ihm zu b&#252;cken,</p>
+<p>Vermieden heute seinen Gru&#223;</p>
+<p>Und kehrten lieblos ihm den R&#252;cken.</p>
+<p>Was konnt' er tun? Wohin sich wenden?</p>
+<p>Er lief, im Kopfe wirr und kraus,</p>
+<p>Umher, die Stadt von Haus zu Haus,</p>
+<p>Von T&#252;r zu T&#252;r nach allen Enden</p>
+<p>Durchwandernd, ohne zu verstehn,</p>
+<p>In welcher Absicht, fragte jeden</p>
+<p>Mit abgeriss'nen irren Reden,</p>
+<p>Ob irgendwer sein Schlo&#223; gesehn.</p>
+<p>Gar manche wurden &#252;bermannt</p>
+<p>Von Mitleid; andre wieder lachten</p>
+<p>Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten,</p>
+<p>Er sei nicht richtig bei Verstand.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Nachdem er so mit m&#252;dem Blick</p>
+<p>Drei Tage lang herumgeschlendert,</p>
+<p>Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick</p>
+<p>Sich so bejammernswert ge&#228;ndert,</p>
+<p><a name='Page_116' id="Page_116"></a><span class=
+'pagenum'>116</span>Er nicht mehr weilen, sondern trollte</p>
+<p>Sich ohne Plan hinaus aufs Feld.</p>
+<p>Unendlich lag vor ihm die Welt;</p>
+<p>Nur wu&#223;t' er nicht, wohin er sollte.</p>
+<p>"Weh mir! Ich ward so bettelarm,</p>
+<p>Da&#223; ich mein traurig Los verfluche!"</p>
+<p>So rief er aus in bittrem Harm.</p>
+<p>"Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche,</p>
+<p>Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr,</p>
+<p>Wo find' ich die Geliebte wieder?</p>
+<p>Weit besser, da&#223; die Augenlider</p>
+<p>Der Tod mir schlie&#223;t auf immerdar!"</p>
+<p>Er n&#228;herte sich einem Flu&#223;</p>
+<p>Und wollt', um seine Qual zu k&#252;rzen,</p>
+<p>Sich mit verzweifeltem Entschlu&#223;</p>
+<p>Kopf&#252;ber in die Fluten st&#252;rzen.</p>
+<p>Es war um Sonnenuntergang;</p>
+<p>Der Feuerball mit letztem Blinken</p>
+<p>Schien ihm den Abschiedsgru&#223; zu winken.</p>
+<p>Ein Ruck, ein Anlauf&#8212;und er sprang.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Das Ufer war an dieser Stelle</p>
+<p>Besonders steil, und seinen Rand</p>
+<p>Umschlo&#223; ein kahles Felsenband</p>
+<p>In rauh zerkl&#252;ftetem Gefalle,</p>
+<p>Soda&#223; der lebensm&#252;de Springer</p>
+<p>An einem Felsst&#252;ck h&#228;ngen blieb</p>
+<p>Und jener Ring, den er am Finger</p>
+<p><a name='Page_118' id="Page_118"></a><span class=
+'pagenum'>118</span>Noch immer trug, daran sich rieb.</p>
+<p>Das war sein Gl&#252;ck; denn alsobald</p>
+<p>Wie aus dem Wasserdunst verdichtet,</p>
+<p>Stand m&#228;chtig vor ihm aufgerichtet</p>
+<p>Desselben Geistes Schreckgestalt,</p>
+<p>Der einst ihm in der Gruft erschienen,</p>
+<p>Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht.</p>
+<p>Mir zu gebieten ist dein Recht;</p>
+<p>Sag' an, womit kann ich dir dienen?"</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0117.jpg"><img src=
+"images/a0111.jpg" alt=
+"Der Geist f&#252;hrt Aladdin nach Afrika" title="Der Geist f&#252;hrt Aladdin nach Afrika" /></a>
+<p>Der Geist f&#252;hrt Aladdin nach Afrika</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Drauf Aladdin: "O Geist, errette</p>
+<p>Zum zweiten Male mich vom Tod</p>
+<p>Und bring', bevor der Morgen loht,</p>
+<p>Mein Schlo&#223; zur&#252;ck zur alten St&#228;tte!"</p>
+<p>Der Geist versetzte: "Dies Gebot</p>
+<p>Vertr&#228;gt sich nicht mit meinem Walten.</p>
+<p>Ich diene nur dem Ring. Du mu&#223;t</p>
+<p>Dich an den Geist der Lampe halten."</p>
+<p>"Nun wohl; jedoch wenn dir bewu&#223;t,</p>
+<p>Wo sich zurzeit mein Schlo&#223; befindet,"</p>
+<p>Sprach Aladdin, "befehl' ich dir</p>
+<p>Kraft dieses Ringes, der dich bindet:</p>
+<p>Bef&#246;rdre mich sogleich von hier</p>
+<p>Gradaus an seinen neuen Platz!"</p>
+<p>Kaum ausgesprochen war der Satz,</p>
+<p>Da trug befl&#252;gelt ihn der Riese</p>
+<p>Nach Afrika, zu jenem Ort,</p>
+<p>Wo nun inmitten einer Wiese</p>
+<p><a name='Page_119' id="Page_119"></a><span class=
+'pagenum'>119</span>Das Bauwerk stand, und setzte dort</p>
+<p>Ihn s&#228;nftlich nieder auf das Gras.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Zwar blieb es Aladdin verborgen,</p>
+<p>Da&#223; er im Innern Afrikas</p>
+<p>Gelandet war; doch er genas</p>
+<p>Von allen Martern, allen Sorgen,</p>
+<p>Als er den wohlbekannten Bau</p>
+<p>Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer</p>
+<p>Gewahrte, ja sogar die Zimmer</p>
+<p>Dicht vor sich sah, die seiner Frau</p>
+<p>Zur Wohnung dienten; und sie schlief</p>
+<p>Wahrscheinlich dort schon fest und tief.</p>
+<p>Um L&#228;rm und Aufsehn zu vermeiden,</p>
+<p>Hielt er gewaltsam sich zur&#252;ck,</p>
+<p>Wie schwer's auch war, so nah dem Gl&#252;ck</p>
+<p>Bis morgen fr&#252;h sich zu bescheiden.</p>
+<p>Er streckte, von der langen Pein</p>
+<p>Ermattet, unter einer Palme</p>
+<p>Sich aus zum Schlummer, und die Halme</p>
+<p>Des Grases wiegten mild ihn ein.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_120' id="Page_120"></a><span class=
+'pagenum'>120</span> <a name="14"></a>
+<h2>14.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_e.jpg" alt="E"
+title="" /></div>
+<p>Erweckt von s&#252;&#223;en Vogelliedern</p>
+<p>Hob er sich mit gest&#228;hlten Gliedern</p>
+<p>Vom Lager zeitig, und gelenkt</p>
+<p>Von Sehnsucht fiel zu seiner Freude</p>
+<p>Sein erster Blick auf das Geb&#228;ude,</p>
+<p>Das ihm erschien wie neu geschenkt.</p>
+<p>Auch die Prinzessin, die vor Kummer</p>
+<p>Und tausend &#196;ngsten Nacht f&#252;r Nacht</p>
+<p>In all der Zeit nur wenig Schlummer</p>
+<p>Gefunden hatte, war erwacht.</p>
+<p>Wer aber schildert ihre Wonne,</p>
+<p>Da vor dem Fenster sich im Strahl</p>
+<p>Der eben aufgegangnen Sonne</p>
+<p>Leibhaftig vorfand ihr Gemahl!</p>
+<p>Erst wechselten sie hundertfach</p>
+<p>Ku&#223;h&#228;nde, Gr&#252;&#223;e, Fl&#252;sterworte;</p>
+<p>Dann schlich durch eine kleine Pforte</p>
+<p>Verstohlen er in ihr Gemach.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Versteht sich, da&#223; die Neuvereinten</p>
+<p>Sich herzten, sich im &#220;berschwang</p>
+<p><a name='Page_121' id="Page_121"></a><span class=
+'pagenum'>121</span>Umschlungen hielten endlos lang</p>
+<p>Und hei&#223;e Freudentr&#228;nen weinten</p>
+<p>In ihres Wiedersehens Rausch.</p>
+<p>Zuletzt indessen unterbrach</p>
+<p>Der Z&#228;rtlichkeiten holden Tausch</p>
+<p>Bedeutsam Aladdin und sprach:</p>
+<p>"Vergib mir, mein geliebtes Weib,</p>
+<p>Ich mu&#223;, eh wir einander klagen,</p>
+<p>Was wir erlebt in diesen Tagen,</p>
+<p>Vor allem dich nach dem Verbleib</p>
+<p>Der unscheinbaren Lampe fragen,</p>
+<p>Die, w&#228;hrend ich zur Jagd gezogen,</p>
+<p>Im Saale stand auf einem Spind."</p>
+<p>"Ach," seufzte sie, "sei nur gelind!</p>
+<p>Ich selber wurde ja betrogen.</p>
+<p>L&#228;ngst ahnt mir, da&#223; uns ihretwegen</p>
+<p>Ereilte dieser Schicksalsschlag."</p>
+<p>Drauf Aladdin: "Da sie zu hegen</p>
+<p>Ich t&#246;richt unterlassen, lag</p>
+<p>Die Schuld an mir. Doch jetzt erw&#228;gen</p>
+<p>Wir besser, was den Schaden heilt.</p>
+<p>Drum sag' mir, wo sie hingeraten."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Sobald sie dies ihm mitgeteilt,</p>
+<p>Rief er: "Ich rieche nun den Braten!</p>
+<p>Den H&#228;ndler kenn' ich! Dieser Schuft,</p>
+<p>Schon einmal wollt' er mich vernichten."</p>
+<p>Sie fuhr dann fort, ihm zu berichten,</p>
+<p><a name='Page_122' id="Page_122"></a><span class=
+'pagenum'>122</span>Wie nachts unmerklich durch die Luft</p>
+<p>Entf&#252;hrt, sie morgens beim Erwachen</p>
+<p>Sich hier in diesem fremden Land</p>
+<p>Befunden, Afrika genannt,</p>
+<p>Und wie der Kerl mit frechem Lachen</p>
+<p>Sich ihr als Schlo&#223;herrn vorgestellt.</p>
+<p>Drauf Aladdin mit Zornesfunken</p>
+<p>Im Auge: "Solchen Erzhalunken</p>
+<p>Hat nie zuvor gesehn die Welt.</p>
+<p>Sprich, hast du nicht vielleicht erfahren,</p>
+<p>Wo er die Lampe h&#228;lt versteckt?"</p>
+<p>Sie gab zur Antwort: "Wohl gewahren</p>
+<p>Konnt' ich, da&#223; unterm Kleid verdeckt</p>
+<p>Er sie best&#228;ndig bei sich tr&#228;gt.</p>
+<p>Denn seit ich hier bin, kommt er t&#228;glich</p>
+<p>Zu l&#228;ngerem Besuch und legt</p>
+<p>Es darauf ab, mich unertr&#228;glich</p>
+<p>Mit ekler Huldigung zu qu&#228;len.</p>
+<p>Ja, mehr noch, er verlangte dreist,</p>
+<p>Ich solle zum Gemahl ihn w&#228;hlen,</p>
+<p>Weil du nicht mehr am Leben seist.</p>
+<p>Mein Vater habe dir im Zorn</p>
+<p>Den Kopf herunterschlagen lassen.</p>
+<p>Dies Lied begann er stets von vorn,</p>
+<p>Obwohl ich gl&#252;hend ihn zu hassen</p>
+<p>Beteuerte. Der eitle Wahn</p>
+<p>Erf&#252;llt ihn, da&#223; ich auf die Dauer</p>
+<p>Nicht widerstehe, wenn die Trauer</p>
+<p><a name='Page_123' id="Page_123"></a><span class=
+'pagenum'>123</span>Um dich allm&#228;hlich abgetan.</p>
+<p>So hab' ich stets vor seiner List</p>
+<p>Und seiner Schlechtigkeit gezittert</p>
+<p>Bis heute, wo du bei mir bist."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>"Ihm soll", rief Aladdin erbittert,</p>
+<p>"Was andres bl&#252;hen, als er meint.</p>
+<p>Sei nur getrost! Von diesem b&#246;sen,</p>
+<p>Ruchlosen, r&#228;nkevollen Feind</p>
+<p>Werd' ich uns hoffentlich erl&#246;sen.</p>
+<p>Was auch geschieht, mit Zuversicht</p>
+<p>Vertraue mir bis zur Entscheidung,</p>
+<p>Und siehst du sp&#228;ter in Verkleidung</p>
+<p>Mich wiederkehren, staune nicht."</p>
+<p>Sobald er seines Schlosses Mauern</p>
+<p>Verlassen, ging er querfeldein</p>
+<p>Und traf in einem Palmenhain</p>
+<p>Nach kurzer Wandrung einen Bauern.</p>
+<p>Er fragte diesen nach dem Wege</p>
+<p>Zur n&#228;chsten Stadt, und ob sein Kleid</p>
+<p>Mit ihm zu wechseln er bereit.</p>
+<p>Der Bauer war durchaus nicht tr&#228;ge,</p>
+<p>F&#252;r dieses Fremden reiche Tracht</p>
+<p>Sein sch&#228;big Zeug daranzusetzen,</p>
+<p>Und Aladdin, nachdem er sacht</p>
+<p>Geschl&#252;pft war in die alten Fetzen,</p>
+<p>Schritt auf den ihm beschriebnen Pfaden</p>
+<p>Der Stadt entgegen, kam hinein</p>
+<p><a name='Page_124' id="Page_124"></a><span class=
+'pagenum'>124</span>Und fragt' in einem Kr&#228;merladen,</p>
+<p>Ob ein gewisses P&#252;lverlein</p>
+<p>Zu haben sei. Der Kr&#228;mer nickte,</p>
+<p>Betonte nur, weil das geflickte</p>
+<p>Gewand des K&#228;ufers ein Beweis</p>
+<p>Der Armut schien, den hohen Preis.</p>
+<p>Doch als der Fremde nicht verlegen</p>
+<p>Ein Goldst&#252;ck aus dem Beutel zog,</p>
+<p>Bracht' er das Pulver ihm und wog</p>
+<p>Ein Lot ihm ab.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p class='i8'>Auf gleichen Wegen<br /></p>
+<p>Kam Aladdin ins Schlo&#223; zur&#252;ck</p>
+<p>Und sprach zu seiner Gattin: "H&#246;re!</p>
+<p>Notwendig f&#252;r mein Wagest&#252;ck</p>
+<p>Ist mir dein Beistand. Ich beschw&#246;re</p>
+<p>Dich drum, befolge meinen Rat!</p>
+<p>Wirf dich in deinen sch&#246;nsten Staat,</p>
+<p>Schm&#252;ck' mit Geschmeide dich und Spangen,</p>
+<p>Um den Entf&#252;hrer, wenn er naht,</p>
+<p>Mit w&#228;rmstem Gru&#223;e zu empfangen.</p>
+<p>Damit kein Argwohn ihn beirrt,</p>
+<p>Stell' dich, als ob du mich vergessen,</p>
+<p>Wenn dir's auch noch so sauer wird,</p>
+<p>Und lad' ihn ein zum Abendessen.</p>
+<p>Sobald er dann mit dir in frecher</p>
+<p>Behaglichkeit bei Tische sitzt,</p>
+<p>La&#223; ihm kredenzen einen Becher,</p>
+<p><a name='Page_125' id="Page_125"></a><span class=
+'pagenum'>125</span>Gef&#252;llt mit Wein, in den verschmitzt</p>
+<p>Vorher dies Pulver du gestreut,</p>
+<p>Und bitt' ihn h&#246;flich, dir zu Ehren</p>
+<p>In einem Zug ihn auszuleeren.</p>
+<p>Von dieser Bitte hocherfreut</p>
+<p>Wird er den Wein hinuntertrinken</p>
+<p>Und leblos auf den Boden sinken,</p>
+<p>Bevor er noch den Trunk bereut."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Wenn dieses Spiel auch recht verf&#228;nglich</p>
+<p>Ihr vorkam, so versprach sie fest,</p>
+<p>Sie werde tun, was unumg&#228;nglich.</p>
+<p>Er barg sich f&#252;r des Tages Rest</p>
+<p>In einem abgelegnen Fl&#252;gel</p>
+<p>Des Schlosses. Als die fernen H&#252;gel</p>
+<p>Die D&#228;mmerung mit ihrem grauen</p>
+<p>Gewebe langsam &#252;berspann,</p>
+<p>Rief Bedrulbudur ihre Frauen,</p>
+<p>Mit deren Beistand sie begann,</p>
+<p>Aufs wunderbarste sich zu schm&#252;cken.</p>
+<p>Voll Sorgfalt ward ein herrlich Kleid</p>
+<p>Ihr angelegt und zum Entz&#252;cken</p>
+<p>Verziert mit flimmerndem Geschmeid.</p>
+<p>Ihr G&#252;rtel, ihre Spangen waren</p>
+<p>Gleichwie der Reif in ihren Haaren</p>
+<p>Mit Diamanten dicht besetzt;</p>
+<p>Und um den Hals die Perlenkette&#8212;</p>
+<p>Welch noch so gro&#223;e F&#252;rstin h&#228;tte</p>
+<p><a name='Page_126' id="Page_126"></a><span class=
+'pagenum'>126</span>Sich gl&#252;cklich nicht mit ihr
+gesch&#228;tzt?</p>
+<p>Sie sah, nachdem der Putz vollendet,</p>
+<p>Ihr Bild in einem Spiegel an</p>
+<p>Und dachte sich: "Wo lebt ein Mann,</p>
+<p>Der nicht von so viel Reiz geblendet</p>
+<p>Vor mir die Waffen mu&#223;te strecken?"</p>
+<p>Sie stieg hierauf zum Kuppelsaal</p>
+<p>Empor, worin schon f&#252;r das Mahl</p>
+<p>Ein Tischlein stand mit zwei Gedecken.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Sie hatte noch nicht lang' geharrt,</p>
+<p>Als p&#252;nktlich zur gewohnten Stunde</p>
+<p>Der Zaubrer eintrat und erstarrt</p>
+<p>Von so viel reichem Schmuck im Bunde</p>
+<p>Mit so viel Sch&#246;nheit stehen blieb.</p>
+<p>Sie schritt holdselig ihm entgegen,</p>
+<p>Als w&#228;re sein Besuch ihr lieb,</p>
+<p>Und tat, als ob nur seinetwegen</p>
+<p>Sie so verlockend sich und pr&#228;chtig</p>
+<p>Gekleidet. Z&#246;gernd nahm er Platz,</p>
+<p>Noch immer keines Wortes m&#228;chtig.</p>
+<p>"Freund, sollte dich der Gegensatz</p>
+<p>In meiner Stimmung Wunder nehmen,"</p>
+<p>Begann sie l&#228;chelnd, "So vernimm,</p>
+<p>Ich mag mich jetzt nicht l&#228;nger gr&#228;men.</p>
+<p>Denn da&#223; durch meines Vaters Grimm</p>
+<p>Mein Gatte seinen Tod gefunden,</p>
+<p>Davon hast du mich &#252;berzeugt.</p>
+<p><a name='Page_128' id="Page_128"></a><span class=
+'pagenum'>128</span>Gesetzt auch, da&#223; ich tiefgebeugt</p>
+<p>Mit unheilbaren Herzenswunden</p>
+<p>Wehklagen wollt' um ihn best&#228;ndig,</p>
+<p>Er w&#252;rde doch nicht mehr lebendig.</p>
+<p>Ich g&#246;nn' ihm seine Grabesrast,</p>
+<p>Und weil sich meine Fesseln l&#246;sten,</p>
+<p>Bin ich entschlossen, mich zu tr&#246;sten,</p>
+<p>Und lade dich bei mir zu Gast."</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0127.jpg"><img src=
+"images/a0127.jpg" alt=
+"Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder" title="Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder" /></a>
+<p>Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Der Zaubrer bildete frohlockend</p>
+<p>Sich ein, gewonnen sei das Spiel,</p>
+<p>Sah sich im Geiste schon am Ziel</p>
+<p>Des k&#252;hnsten Wunsches, dankte stockend</p>
+<p>Und setzte sich mit ihr zu Tisch.</p>
+<p>Wie dort zu ihm verf&#252;hrerisch</p>
+<p>Nun ihre Blicke sich erhoben,</p>
+<p>Da schien es ihm unzweifelhaft,</p>
+<p>Sie habe sich in ihn vergafft</p>
+<p>Und wolle sich mit ihm verloben.</p>
+<p>Ein &#252;ppig Mahl ward aufgetragen,</p>
+<p>Und eine Sklavin reichte Wein.</p>
+<p>Selbst schenkte die Prinzessin ein,</p>
+<p>Go&#223; unbemerkbar ohne Zagen</p>
+<p>Das Pulver in des Gastes Becher</p>
+<p>Und sprach: "Willst du mir frohen Mut</p>
+<p>Bereiten, dann als wackrer Zecher</p>
+<p>Trink' auf mein Wohl dies Rebenblut!"</p>
+<p>"Ja, du Geliebte, du Verehrte,</p>
+<p><a name='Page_129' id="Page_129"></a><span class=
+'pagenum'>129</span>Dies auf dein Wohl und unsern Bund!"</p>
+<p>So rief er hochbegl&#252;ckt und leerte</p>
+<p>Den Becher aus bis auf den Grund.</p>
+<p>Nach einem letzten kurzen Schnaufen</p>
+<p>Fiel er bewu&#223;tlos r&#252;cklings hin.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Geholt von einer Dienerin</p>
+<p>Kam Aladdin herbeigelaufen.</p>
+<p>Als Bedrulbudur ihn umschlang,</p>
+<p>Sprach er: "Begib dich auf dein Zimmer;</p>
+<p>Denn mancherlei bleibt mir noch immer</p>
+<p>Zu tun, obwohl dir dies gelang."</p>
+<p>Nachdem sie sich entfernt, verlor</p>
+<p>Er keine Zeit. Er ri&#223; der Leiche</p>
+<p>Das Kleid auf, zog die wunderreiche</p>
+<p>Geraubte Lampe draus hervor,</p>
+<p>Lie&#223; das entseelte Jammerbild</p>
+<p>Fortschaffen von zwei starken Knechten</p>
+<p>Hinaus ins n&#228;chtige Gefild,</p>
+<p>Damit die Geier sein ged&#228;chten,</p>
+<p>Wenn sie's gel&#252;stete nach Speise,</p>
+<p>Berief dann in gewohnter Weise</p>
+<p>Den Geist und sagte: "Bring' sofort</p>
+<p>Mein Schlo&#223; an seine alte Stelle!"</p>
+<p>Noch nicht vollendet war das Wort,</p>
+<p>Als schon der Geist in Windesschnelle</p>
+<p>Mit fast unmerklichem Vollzug</p>
+<p>Das Bauwerk durch die L&#252;fte trug.</p>
+</div>
+</div>
+<hr class='long' />
+<a name='Page_130' id="Page_130"></a><span class=
+'pagenum'>130</span> <a name="15"></a>
+<h2>15.</h2>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<div class='dropcap'><img src="images/letter_d.jpg" alt="D"
+title="" /></div>
+<p>Der Sultan, der bis jetzt unendlich</p>
+<p>Um seine Tochter sich gegr&#228;mt,</p>
+<p>War vor Verwundrung wie gel&#228;hmt</p>
+<p>Als morgens breit und gegenst&#228;ndlich,</p>
+<p>Zur&#252;ckgekehrt zum alten Platz</p>
+<p>Das Schlo&#223; zu ihm her&#252;bergr&#252;&#223;te.</p>
+<p>Der Anblick bot ihm f&#252;r verb&#252;&#223;te</p>
+<p>Betr&#252;bnis reichlichen Ersatz.</p>
+<p>Er lie&#223; ein Pferd sich satteln, trabte</p>
+<p>Zum Schlo&#223;, verf&#252;gte sich geschwind</p>
+<p>Zu seinem lang entbehrten Kind</p>
+<p>Und ihre Z&#228;rtlichkeit erlabte</p>
+<p>Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen,</p>
+<p>Welch ungl&#252;ckselige Verkettung</p>
+<p>Sie damals pl&#246;tzlich ihm entrissen,</p>
+<p>Und welchem Umstand ihre Rettung</p>
+<p>Zu danken sei. Mit knappen Strichen</p>
+<p>Erz&#228;hlte sie vom f&#252;rchterlichen</p>
+<p>Schwarzk&#252;nstler, der durch Zaubermacht</p>
+<p>Sie mit dem Schlo&#223; entf&#252;hrt bei Nacht;</p>
+<p>Wie von dem Sch&#228;ndlichen bedr&#252;ckt</p>
+<p>Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen,</p>
+<p><a name='Page_131' id="Page_131"></a><span class=
+'pagenum'>131</span>Bis ihrem Gatten es gegl&#252;ckt,</p>
+<p>List gegen List ihm obzusiegen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Ihr Vater war damit zufrieden,</p>
+<p>Und als nunmehr auch Aladdin</p>
+<p>Ins Zimmer kam, da zog er ihn</p>
+<p>An seine Brust und sprach: "Hienieden</p>
+<p>Ist man dem Irrtum ausgesetzt.</p>
+<p>Vergib mir, wenn aus &#220;bereilung,</p>
+<p>Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt.</p>
+<p>Du brachtest meinen Schmerzen Heilung,</p>
+<p>Indem du mir mein Kind befreit</p>
+<p>Und sie beh&#252;tet hast vor Schande;</p>
+<p>Dies dank' ich dir f&#252;r alle Zeit."&#8212;</p>
+<p>Gefeiert ward im ganzen Lande</p>
+<p>Die Wiederkehr des jungen Paars.</p>
+<p>Ihr Gl&#252;ck verd&#252;sterte kein Schatten.</p>
+<p>Doch nicht die letzte Pr&#252;fung war's,</p>
+<p>Die beide zu bestehen hatten.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Der Zaubrer n&#228;mlich, der ein Leben</p>
+<p>Von gro&#223;er Z&#228;higkeit besa&#223;,</p>
+<p>War durch das Pulver, als dem Fra&#223;</p>
+<p>Der Geier man ihn &#252;bergeben,</p>
+<p>In Wahrheit nur bet&#228;ubt gewesen,</p>
+<p>Von seinem Scheintod aufgewacht</p>
+<p>Am n&#228;chsten Tag und bald genesen.</p>
+<p>Er schwor, von Racheglut entfacht</p>
+<p><a name='Page_132' id="Page_132"></a><span class=
+'pagenum'>132</span>Und vollgepfropft mit Gift und Geifer,</p>
+<p>Er wolle vor Vergeltungseifer</p>
+<p>Nicht rasten f&#252;rder und nicht rosten,</p>
+<p>Und drum begann zum drittenmal</p>
+<p>Er schleunigst &#252;ber Berg und Tal</p>
+<p>Die Reise nach dem fernen Osten.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Nach einem ganzen Wanderjahr</p>
+<p>Voll M&#252;he, Drangsal und Gefahr</p>
+<p>Kaum in der Hauptstadt angekommen,</p>
+<p>War er nach einem neuen Kniff</p>
+<p>Umschau zu halten im Begriff.</p>
+<p>Er h&#246;rte dort von einer frommen,</p>
+<p>Betagten Wundert&#228;terin</p>
+<p>Erz&#228;hlen, die Fatime hie&#223;</p>
+<p>Und sich mit schlicht erhabnem Sinn</p>
+<p>Der stillen Andacht &#252;berlie&#223;</p>
+<p>In einer abgeschiednen Klause.</p>
+<p>Durch Gassen, die man ihm beschrieb,</p>
+<p>Schlich er zu ihrem kleinen Hause</p>
+<p>Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb,</p>
+<p>Drang in ihr &#228;rmlich Zimmer, weckte</p>
+<p>Mit rohem Sch&#252;tteln die Erschreckte,</p>
+<p>Hielt einen Dolch ihr vor und sprach:</p>
+<p>"Du sollst entseelt sogleich erblassen,</p>
+<p>Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!"</p>
+<p>Sie mu&#223;t' ihm ihre Kleider lassen</p>
+<p>Sowie den Schleier und die Haube,</p>
+<p><a name='Page_133' id="Page_133"></a><span class=
+'pagenum'>133</span>Nebst dem geweihten Rosenkranz.</p>
+<p>Obwohl dem R&#228;uber sie sich ganz</p>
+<p>Willf&#228;hrig zeigte, ja, zum Raube</p>
+<p>Hilfreich sogar die Hand ihm bot,</p>
+<p>Stach er sie vorsichtshalber tot.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Sodann vor einem Spiegel schor</p>
+<p>Den Bart sich weg der Halsabschneider,</p>
+<p>Warf sich in seines Opfers Kleider,</p>
+<p>Und als die Sonne stieg empor,</p>
+<p>Trat er verschleiert auf die Gasse.</p>
+<p>Der eine sprach zum andern: "Schau,</p>
+<p>Dort geht einher die fromme Frau,"</p>
+<p>Und eine gro&#223;e Menschenmasse</p>
+<p>Umgab ihn rings voll Dankgef&#252;hl</p>
+<p>Und folgte, Segensw&#252;nsche hegend,</p>
+<p>Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.&#8212;</p>
+<p>Als die Prinzessin das Gew&#252;hl,</p>
+<p>Vom Kuppelsaal herunterlugend,</p>
+<p>Wahrnahm und obendrein erfuhr,</p>
+<p>Da&#223; all dies bunte Volk der Spur</p>
+<p>Fatimens folge, deren Tugend</p>
+<p>Und Heiligkeit ihr l&#228;ngst bekannt</p>
+<p>Als der Verehrung Gegenstand</p>
+<p>Und als das Vorbild frommer Sitten,</p>
+<p>Da dachte sie, da&#223; ihr gezieme,</p>
+<p>Die Frau zu sich heraufzubitten.</p>
+<p><a name='Page_134' id="Page_134"></a><span class=
+'pagenum'>134</span>Zu der vermeintlichen Fatime</p>
+<p>Kam eine Botin, sie zu holen.</p>
+<p>Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg</p>
+<p>Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen,</p>
+<p>Als er mit ihr den Saal erstieg,</p>
+<p>Und fing, nachdem er ihn betreten,</p>
+<p>Mit solcher Inbrunst an zu beten,</p>
+<p>Da&#223; die Prinzessin sich verneigte</p>
+<p>Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme</p>
+<p>Sie ansprach mit verstellter Stimme,</p>
+<p>Sowie nur hinter Schleiern zeigte</p>
+<p>Sein glattgeschorenes Gesicht,</p>
+<p>Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht</p>
+<p>Und sprach "La&#223; mich die Gunst begehren,</p>
+<p>Fatime, da&#223; du dauernd weilst</p>
+<p>An unserm Herd und gute Lehren</p>
+<p>Zu frommem Wandel mir erteilst."</p>
+<p>Der abgefeimte T&#252;ckebold</p>
+<p>Erkl&#228;rte gern sich einverstanden;</p>
+<p>Das war es ja, was er gewollt!</p>
+<p>"Ein stilles Zimmer ist vorhanden</p>
+<p>Im Schlo&#223;," fuhr die Prinzessin fort</p>
+<p>In ihrer gl&#228;ubigen Betonung,</p>
+<p>"Und deiner Andacht wirst du dort</p>
+<p>Obliegen k&#246;nnen ohne St&#246;rung.</p>
+<p>Erst aber m&#246;gest du mir ehrlich</p>
+<p>Gestehn, wie dir das Schlo&#223; gef&#228;llt."</p>
+<p>Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich</p>
+<p><a name='Page_136' id="Page_136"></a><span class=
+'pagenum'>136</span>Ist seinesgleichen auf der Welt;</p>
+<p>Und dennoch, trotz der Raumverschwendung</p>
+<p>Und dem Geschmack der Farbenwahl,</p>
+<p>Bedr&#252;ckt mich, da&#223; in diesem Saal</p>
+<p>Noch etwas mangelt zur Vollendung."</p>
+<p>"Was ist es?" Scheinbar auf ihr Dr&#228;ngen</p>
+<p>Erwiderte der Schuft: "Verzeih',</p>
+<p>Von dieser Kuppel m&#252;&#223;t' ein Ei</p>
+<p>Des Vogels Roch herunterh&#228;ngen."</p>
+<p>Sie fragte, wo man das wohl f&#228;nde.</p>
+<p>Der Zaubrer drauf: "Gewaltig gro&#223;</p>
+<p>Ist dieser Roch und nistet blo&#223;</p>
+<p>Auf Spitzen schroffer Bergesw&#228;nde."</p>
+<p>Sie dankte f&#252;r den Rat und f&#252;hrte</p>
+<p>Die falsche Heilige, noch immer</p>
+<p>Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.</p>
+</div>
+</div>
+<div class='figure'><a href="images/b0135.jpg"><img src=
+"images/a0135.jpg" alt=
+"Aladdin t&#246;tet den verkleideten Zauberer" title="Aladdin t&#246;tet den verkleideten Zauberer" /></a>
+<p>Aladdin t&#246;tet den verkleideten Zauberer</p>
+</div>
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<p>Zum Saal zur&#252;ckgekehrt, versp&#252;rte</p>
+<p>Nun die Prinzessin, an der Angel</p>
+<p>Des Zaubrers haftend, jenen Mangel,</p>
+<p>Den nie zuvor sie wahrgenommen.&#8212;</p>
+<p>Als Aladdin von einem Ritt</p>
+<p>Heimkommend ihr entgegenschritt,</p>
+<p>War sie so wunderlich beklommen,</p>
+<p>Da&#223; er sie fragte nach dem Grund.</p>
+<p>Sie mu&#223;t' ihm ihr Gel&#252;st enth&#252;llen,</p>
+<p>Und er, sobald ihr Wunsch ihm kund,</p>
+<p>Gab ihr sein Wort, ihn zu erf&#252;llen.</p>
+<p><a name='Page_137' id="Page_137"></a><span class=
+'pagenum'>137</span>Er ging alsbald in sein Gemach</p>
+<p>Und rieb sie Lampe, die verschlossen</p>
+<p>Jetzt stand in einem sichren Fach.</p>
+<p>Nachdem der Geist emporgeschossen,</p>
+<p>Sprach er: "Dich wiederum zu sputen,</p>
+<p>Befehl' ich dir. Es fehlt uns noch</p>
+<p>Im Saal ein Ei des Vogels Roch.</p>
+<p>Verschaff mir's binnen drei Minuten!"</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>Kaum war das Wort entflohn, da fing</p>
+<p>Der Geist so furchtbar an zu dr&#246;hnen,</p>
+<p>Zu schrei'n, zu wimmern und zu st&#246;hnen,</p>
+<p>Da&#223; H&#246;ren ihm und Sehn verging</p>
+<p>Und zitternd er zu Boden sank.</p>
+<p>"Elender," br&#252;llte mit Gepolter</p>
+<p>Der Riese, "spannst du mich zum Dank</p>
+<p>F&#252;r meinen Frondienst auf die Folter?</p>
+<p>Befiehlt, ich soll auf meinen Schwingen</p>
+<p>Als Deckenschmuck f&#252;r seinen Saal</p>
+<p>Dir meinen eignen Vater bringen?</p>
+<p>Sei froh, wenn nicht mein Donnerstrahl</p>
+<p>Dich und dein Schlo&#223; in Asche wandelt.</p>
+<p>Ich wei&#223; zu deinem Gl&#252;ck, du hast</p>
+<p>Nicht aus dir selber so gehandelt.</p>
+<p>Dein Todfeind weilt bei dir zu Gast.</p>
+<p>Er ward nicht von dir umgebracht,</p>
+<p>Nein, kam ins Land, um sich zu r&#228;chen,</p>
+<p>Ergatterte durch ein Verbrechen</p>
+<p><a name='Page_138' id="Page_138"></a><span class=
+'pagenum'>138</span>Der heiligen Fatime Tracht,</p>
+<p>Und deine Frau, von ihm umgarnt,</p>
+<p>Trieb zu dem sch&#228;ndlichen Befehle</p>
+<p>Dich arglos an. Drum sei gewarnt;</p>
+<p>Er will dir meuchlings an die Kehle."</p>
+<p>Sprach's und verschwand. Sofort verf&#252;gte</p>
+<p>Sich Aladdin zur&#252;ck zum Saal,</p>
+<p>Wo seine Gattin sich vergn&#252;gte</p>
+<p>Mit einem Ballspiel, und befahl,</p>
+<p>Man m&#246;g' ihm gleich Fatime holen.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>"Sei mir gegr&#252;&#223;t!" rief Aladdin,</p>
+<p>Als der vermummte Feind erschien;</p>
+<p>"Denn warm hat man dich mir empfohlen.</p>
+<p>Gib, fromme Frau, mir deinen Segen."</p>
+<p>Der Zaubrer kam ihm sacht entgegen,</p>
+<p>Und er bemerkte, wie der Strolch</p>
+<p>Ein Messer unter seinem Kleide</p>
+<p>Heimlich herauszog aus der Scheide.</p>
+<p>Schnell griff er seinen eignen Dolch</p>
+<p>Und bohrte dessen scharfes Erz</p>
+<p>Dem Schurken mitten in das Herz.</p>
+<p>Von seinem Blute ward im Saal</p>
+<p>Der Boden ringsumher ger&#246;tet.</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>"Weh, was begingst du, mein Gemahl?</p>
+<p>Du hast die Heilige get&#246;tet!"</p>
+<p>Schrie Bedrulbudur sich verf&#228;rbend.</p>
+<p><a name='Page_139' id="Page_139"></a><span class=
+'pagenum'>139</span>Er aber sprach voll Seelenruh':</p>
+<p>"Nein, liebe Gattin, komm herzu!</p>
+<p>H&#228;tt' ich ges&#228;umt, so l&#228;ge sterbend</p>
+<p>Ich selber hier; denn dieser Tote</p>
+<p>Bekam den Lohn, der ihm geb&#252;hrt:</p>
+<p>Erkenn' ihn, der dich einst entf&#252;hrt</p>
+<p>Und jetzt mit Meuchelmord mir drohte."</p>
+</div>
+<div class="stanza">
+<p>So hatte gl&#252;cklich unser Held</p>
+<p>Sich des Verfolgers nun entledigt,</p>
+<p>Der ihm beharrlich nachgestellt,</p>
+<p>Und ward vom Schicksal reich entsch&#228;digt</p>
+<p>F&#252;r allen ausgestandnen Harm.</p>
+<p>In der geliebten Tochter Arm</p>
+<p>Entschlief im hohen Greisenalter</p>
+<p>Der Sultan, und sein Schwiegersohn</p>
+<p>Mit seiner Frau stieg als Verwalter</p>
+<p>Des weiten Reiches auf den Thron.</p>
+<p>Sie herrschten als begl&#252;ckte Leute,</p>
+<p>Umringt von Kind und Kindeskind,</p>
+<p>Und wenn sie nicht gestorben sind,</p>
+<p>So leben sie gewi&#223; noch heute.</p>
+</div>
+</div>
+<p class='figure'><a href="images/b0139.jpg">
+<img src="images/a0139.jpg" alt="" title="" /></a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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+works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
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+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
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+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+are filed in directories based on their release date. If you want to
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+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
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+https://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
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@@ -0,0 +1,3961 @@
+The Project Gutenberg eBook, Aladdin und die Wunderlampe, by Ludwig Fulda,
+Illustrated by Max Liebert
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Aladdin und die Wunderlampe
+
+Author: Ludwig Fulda
+
+Release Date: November 30, 2004 [eBook #14221]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII)
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE***
+
+
+E-text prepared by Miranda van de Heijning and the Project Gutenberg
+Online Distributed Proofreading Team
+
+
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+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 14221-h.htm or 14221-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h/14221-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h.zip)
+
+
+
+
+
+ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE
+
+Tausend und einer Nacht nacherzaehlt
+
+von
+
+LUDWIG FULDA
+
+Mit Bildern von Max Liebert
+
+Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration: K]
+
+
+
+Kommt, Kinder, fasst mich bei der Hand!
+Ich fuehr' euch in das Morgenland
+Und in sein Maerchenparadies
+Auf einem wohlbekannten Pfade.
+Vor langen, langen Jahren wies
+Ihn die beruehmte Schehersade
+Dem argen Sultan Scheherban,
+Sodass der greuliche Tyrann--
+Weil ihre Kunst, in bunten Bildern
+Ihm eine Zauberwelt zu schildern,
+Unwiderstehlich ihn berauschte--
+Vergessend Speis' und Trank und Ruh',
+Ihr volle tausend Naechte lauschte
+Und eine weitre noch dazu.
+
+Von jenen koestlichen Geschichten,
+Mit denen sie sein Ohr betoert,
+Will ich euch eine nun berichten;
+Seid also maeuschenstill und hoert:
+
+In einer Hauptstadt fern im Osten,
+So fern, dass nur mit viel Gefahr
+Und ungeheuren Reisekosten
+Man ihr zu nahn imstande war,
+Jedoch so reich an Herrlichkeiten,
+Dass niemand ihresgleichen sah,
+Dort lebte vor geraumen Zeiten
+Ein Buerger namens Mustapha
+Mit seiner Frau und seinem Sohn.
+Sein Brot erwarb er sich als Schneider;
+Sein Handwerk aber trug ihm leider
+Trotz allem Fleiss nur magren Lohn,
+Und knapp war drum bei ihm bemessen
+Das Mittag- wie das Abendessen.
+
+Den Sohn--man hiess ihn Aladdin--
+Konnt' er nur mangelhaft erziehn;
+So ward aus dem ein rechter Flegel,
+Der gut tat, nur solang' er schlief,
+Der schon fruehmorgens in der Regel
+Barfuessig auf die Gasse lief,
+Sich dort herumtrieb nach Belieben
+Mit andern kleinen Tagedieben
+Und, bis ihm durch ihr Heer von Sternen
+Den Heimweg zeigen liess die Nacht,
+Auf jeden Unfug war bedacht,
+Sich aber straeubte, was zu lernen.
+Der Vater hieb den Arm sich lahm,
+Sah schliesslich ein, mit solchem Rangen
+Sei nichts Gescheites anzufangen,
+Und wurde krank und starb vor Gram.
+
+Der Bursch, nun fuenfzehn Jahr' schon alt,
+Gross, schlank, fast maennlich von Gestalt,
+Statt auf die Hosen sich zu setzen
+Fuer seiner Mutter Unterhalt,
+Fuhr fort, auf oeffentlichen Plaetzen
+Herumzulungern ohne Ziel
+Und seine Tage zu vergeuden
+In rohen Muessiggaengerfreuden,
+In plumpem Spass und wildem Spiel.
+
+Einst, als er in gewohnter Art
+Sich raufte mit der Gassenjugend,
+Merkt' er, dass eifrig nach ihm lugend
+Ein fremder Mann mit schwarzem Bart
+Und afrikanischen Gewaendern
+Ihm scheinbar im Vorueberschlendern
+Sich naeherte. Der Fremde blieb
+Dicht vor ihm stehn und sprach: "Vergib,
+Mein junger Freund, und lass mich wissen:
+Wer ist dein Vater?" Aladdin
+Versetzte: "Laengst schon hat mir ihn
+Des Todes rauhe Hand entrissen.
+Im Leben hiess er Mustapha."
+Die hellen Traenen rollten da
+Dem Fremdling ueber beide Wangen:
+"O Glueck, dass ich, mein Sohn, dich treffe,"
+Sprach er mit zaertlichem Umfangen;
+"Du bist ja mein geliebter Neffe.
+Dein Vater war mein Bruderherz;
+Ich aber bin ununterbrochen
+Schon auf der Reise hundert Wochen,
+Um ihn zu sehn. Drum hat der Schmerz
+Mich bei der Nachricht uebermannt
+Von seinem traurigen Geschicke;
+Hab' ich doch gleich beim ersten Blicke
+Dich an der Aehnlichkeit erkannt!"
+Drauf hiess er ihn die Mutter gruessen
+Und zog ein Beutelchen heraus
+Und gab ihm Geld.
+
+ Auf raschen Fuessen
+Lief Aladdin vergnuegt nach Haus,
+Um seiner Mutter klipp und klar
+Den ganzen Handel zu erzaehlen.
+Die Mutter konnt' ihm nicht verhehlen,
+Wie sehr sie drob verwundert war.
+Mit rechten Dingen kaum geschah's!
+Wo war der Oheim hergekommen,
+Da sie doch nie zuvor vernommen
+Von einem Bruder Mustaphas?
+Doch weil das Gelb gar lustig klang,
+Zerbrach sie sich den Kopf nicht lang;
+Und abends wollten beide grad
+Von ihrem kargen Mahle naschen,
+Als jener Mann mit vollen Flaschen
+Und Fruechten in die Stube trat,
+Um selber sich zu Gast zu laden.
+Von Ruehrung ueberwaeltigt schier
+Blickt' er sich um, als woll' er hier
+Von neuem sich in Traenen baden,
+Und sagte: "Teure Schwaegerin,
+Wohl vierzig Jahre flossen hin,
+Seit ich dies Heimatland verlassen,
+Um in der Fremde Fuss zu fassen
+Und dem ertraeumten Gluecke nach
+Den halben Erdkreis zu durchstreifen;
+Es laesst sich also gut begreifen,
+Dass nie mein Bruder von mir sprach.
+Nun aber endlich heimgekehrt
+Und trostlos, weil an seinem Herd
+Ich ihn lebendig nicht mehr finde,
+Den sehnsuchtsvoll ich suchte--nun
+Will wenigstens ich seinem Kinde,
+Was ich vermag, zuliebe tun."
+
+Zu Aladdin gewandt hierbei,
+Begann er freundlich ihn zu fragen,
+In welchem Handwerk er beschlagen
+Und welcher Zunft beflissen sei.
+Der Bursche schwieg verlegen still;
+Die Mutter aber sprach betruebt:
+"Kein Handwerk hat er je geuebt,
+Weil er durchaus nichts lernen will.
+Da hilft kein Warnen und kein Schelten;
+Ich glaube wahrlich, dass noch selten
+Es einen solchen Faulpelz gab.
+Er bringt mich an den Bettelstab,
+Und naechstens weis' ich ihm die Tuere.
+Sein Vater wuerde sich im Grab
+Umdrehn, wenn er davon erfuehre."
+
+Der Fremdling mahnte drauf den Jungen
+In mildem, vaeterlichem Ton:
+"Das ist nicht wohlgetan, mein Sohn;
+Doch treibt man etwas nur gezwungen,
+Dann wird es einem leicht vergaellt.
+Berufe gibt es viel auf Erden;
+Du musst nicht grad ein Schneider werden,
+Und wenn kein Handwerk dir gefaellt,
+So will ich gerne mich verpflichten,
+Im feinsten staedtischen Bazare
+Dir einen Laden einzurichten
+Mit Linnenzeug, mit Seidenware,
+Kostbaren Teppichen und Stoffen,
+Sodass Gewinn und neuer Kauf
+Dir Wohlstand bringt. Gesteh' mir offen:
+Wie nimmst du diesen Vorschlag auf?"
+Der Schlingel, ohne lang' zu schwanken,
+Erklaerte schmunzelnd sich bereit;
+Die Mutter schwamm in Seligkeit,
+Hiess ihn sich tausendmal bedanken
+Und zweifelte nicht laenger dran,
+Der unbekannte Biedermann,
+Der gleich ein ganzes Warenlager
+Dem Sohn zu schenken sich erbot,
+Sei niemand anders als ihr Schwager.
+
+Am naechsten Tag ums Morgenrot
+Erschien der neue Oheim wieder,
+Nahm seinen lieben Neffen mit,
+Ging ihm zur Seite Schritt fuer Schritt
+In den Bazaren auf und nieder,
+hielt an vor einem Kleiderstand
+Und bat ihn, aus dem dichten Schwalle
+Sich auszusuchen ein Gewand,
+Das ihm besonders gut gefalle.
+Freigebig kauft' er ihm dazu
+Noch Turban, Guertel, Struempfe, Schuh',
+Bis von dem Scheitel zu den Zehen
+Er einem jungen Prinzen glich.
+"Du sollst nun alle Tage mich
+Begleiten beim Spazierengehen,"
+Sprach sein Beschuetzer grossmutvoll;
+"Denn freien Blick und Welterfahrung
+Braucht, wer ein Kaufmann werden soll.
+Dem Geist wird muehelos die Nahrung
+Geboten, deren er bedarf,
+Wenn klar das Auge sieht und scharf.
+Einsaugen wirst auf unsern Gaengen
+Die Bildung du wie Luft und Licht
+Und laeufst bei solchem Unterricht
+Niemals Gefahr, dich anzustrengen."
+
+Gesagt, getan. Sie gingen beide
+Von jetzt ab taeglich durch die Stadt,
+Und Aladdin, im neuen Kleide
+Stolz wie ein Pfau, ward nimmer satt,
+Sich wissbegierig anzusehn,
+Was ihm sein guter Oheim zeigte.
+Sie wandelten durch weitverzweigte
+Gewoelbe, Hallen und Moscheen,
+Betrachteten die schoensten Laeden,
+Der Strassen emsiges Gewuehl,
+Die Brunnen, draus erquickend kuehl
+Das Wasser schoss in Silberfaeden,
+Von hohen Palmen ueberschattet,
+Und drangen durch ein Gittertor,
+Wo freier Zutritt war gestattet,
+zum Prachtpalast des Sultans vor.
+Auch pilgerten sie manchen Tag,
+Die Glieder doppelt ruestig regend,
+Hinaus in die begruente Gegend,
+Bis fern die Stadt im Ruecken lag
+Und zu den Gaerten sie gelangten,
+Drin unter ueppigem Gerank
+Die wundersamsten Blumen prangten,
+Umspuelt von Teichen spiegelblank.
+
+[Illustration: Aladdin im Zaubergarten]
+
+
+
+
+2.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem auf solchen Wanderungen
+Manch reizend Fleckchen sich dem Jungen
+Erschlossen, fuehrte sein Begleiter
+Auf nie zuvor betretnem Pfad
+Ihn eines Morgens weit und weiter,
+Aufwaerts und abwaerts, krumm und grad.
+Bald war kein menschlich Wesen rings
+Und auch kein Haus mehr zu entdecken;
+Doch unaufhaltsam weiter ging's.
+Schon tuermte hinter oeden Strecken
+Sich des Gebirges steile Mauer;
+Das Tal, von Felsen eingezwaengt,
+Ward allgemach zur Schlucht verengt,
+Und endlich, von des Marsches Dauer
+Erschoepft, haett' Aladdin sich gerne
+Zur Rueckkehr wieder umgewandt;
+Sein Oheim aber sprach: "Halt' stand!
+Ist unser Ziel doch nicht mehr ferne.
+Noch ein paar Schritte durch das Tal--
+Was ich sodann dir zeigen werde,
+Das wirst auf der gesamten Erde
+Du nicht erspaehn zum zweitenmal."
+
+So setzten ihren Weg sie fort
+Und kamen bis zu einem Ort,
+Den riesenhafte Felsenwaelle
+Allseitig schienen zu verrammeln.
+Der Oheim rief: "Wir sind zur Stelle!"
+Er hiess ihn trocknes Reisig sammeln,
+Schlug Feuer, das bald lustig spruehte,
+Warf Raeucherwerk aus einer Duete
+Hinein und murmelte dann leise,
+Sobald sich Qualm und Schwefelduft
+Verbreiteten in dichtem Kreise,
+Seltsame Formeln in die Luft.
+
+Da gab's ein Krachen und ein Beben,
+Als stuerzten Erd' und Himmel ein;
+zutage trat ein Quaderstein
+Und in der Mitte dran, zum Heben,
+Ein Ring aus Eisen. Aladdin,
+Von Angst geschuettelt, wollte fliehn;
+Der Oheim aber hieb sogleich
+Ihm einen solchen Backenstreich,
+Dass ihm der Kopf geriet ins Wackeln,
+Und sprach: "Mein Sohn, ich bin dir jetzt
+Als zweiter Vater vorgesetzt;
+Kein Straeuben duld' ich und kein Fackeln.
+Gehorch' mir, und du wirst erproben,
+Wie sehr dir's frommt. An diesem Platz
+Liegt ein fuer dich bestimmter Schatz,
+Der, wenn du gluecklich ihn gehoben,
+Dich reicher macht als alle Reichen
+Der ganzen Welt. Den Quaderstein
+Darf niemand ausser dir allein
+Beruehren; dir nur wird er weichen."
+
+[Illustration: Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel]
+
+Und richtig, als nach bangem Saeumen
+Der Bursch am Eisenringe zog,
+Konnt' er den Stein beiseite raeumen,
+Obwohl er hundert Zentner wog,
+Und er gewahrte drunter Stufen
+Nebst einer Tuer. "In diesen Schacht
+zu steigen bist nur du berufen,"
+Begann der Oheim; "drum gib acht
+Auf alles, was ich nun dafuer
+Zu deinem Schutz dir anempfehle.
+Geoeffnet findest du die Tuer;
+Sie fuehrt in drei gewoelbte Saele.
+In jedem stehn vier grosse Becken
+Voll Gold und Silber; doch lass ab,
+Die Hand nach ihnen auszustrecken.
+Schuerz' auch dein Kleid und guert' es knapp;
+Denn streift es irgendwo die Waende,
+So musst du deinen Tod erwarten.
+An jenes dritten Saales Ende
+Wird auftun sich vor dir ein Garten,
+Bepflanzt mit Baeumen mannigfalt,
+Ein jeder voll mit Frucht behangen.
+Geh' nur gradaus, dann wirst du bald
+Zu einer Treppe hingelangen;
+Ersteige sie getrost: sie muendet
+Auf eine stattliche Terrasse;
+In einer Nische angezuendet
+Steht eine Lampe dort. Die fasse,
+Verloesch' sie, giess' die Fluessigkeit
+Mitsamt dem Docht heraus, verhuelle
+Sie sorgsam unter deinem Kleid
+Und bring' sie mir. Wenn dich die Fuelle
+Des Gartens etwa lockt, so pflueck'
+Auf deinem Weg hierher zurueck
+Dir von den Fruechten nach Belieben.
+Und nun, zu deinem eignen Glueck
+Befolg', was ich dir vorgeschrieben."
+Er steckte noch fuer jeden Fall
+Ihm einen Ring an seinen Finger;
+Der werde sich als Hilfebringer
+Bewaehren stets und ueberall.
+
+So stieg denn Aladdin hinunter;
+Die Saele fand er laut Bericht,
+Beruehrte deren Waende nicht,
+Kam in den Garten, eilte munter
+Hinan die Treppen zur Terrasse,
+Sah Nisch' und Lampe dort, verfuhr
+Streng nach Geheiss, damit er nur
+Vom Auftrag keinen Punkt verpasse,
+Und kehrte, nun er unterm Kleide
+Die Lampe sicher hielt verwahrt,
+Zum Garten um. O Augenweide!
+Denn Fruechte von verschiedner Art
+Trug leuchtend jeder Baum zur Schau,
+Teils hell, teils dunkel, weiss und blau,
+Rot, gelblich, violett und gruen,
+Und allesamt in buntem Scheine
+Durchsichtig wie von innrem Gluehn.
+Es waren lauter Edelsteine.
+Da flammten, funkelten und brannten
+Tuerkise, Perlen, Diamanten,
+Smaragd, Rubin, Saphir, Topas
+Von gaenzlich beispiellosem Werte.
+Doch Aladdin, der unbelehrte,
+Hielt sie fuer nur gefaerbtes Glas.
+Er haette lieber von den Zweigen
+Sich suesse Trauben oder Feigen
+Gepflueckt; als Spielzeug aber war
+Der bunte Tand ganz annehmbar.
+Drum nahm er sich von jeder Sorte,
+So viel er in die Taschen zwang,
+Schritt die drei Saele sacht entlang
+Und kam zurueck zur Eingangspforte.
+Den Oheim, der mit allen Zeichen
+Der Ungeduld hier Wache stand,
+Bat er, zur Hilf' ihm seine Hand
+Beim Ausstieg aus dem Schacht zu reichen.
+Der aber rief in einem groben
+Befehlerton: "Die Lampe her!"
+"Du sollst sie haben nach Begehr,"
+Sprach Aladdin, "sobald ich oben."
+Der Oheim schrie mit steter Steigrung:
+"Die Lampe!" Doch voll Eigensinn
+Blieb Aladdin bei seiner Weigrung:
+"Wart', bitte, bis ich oben bin."
+Des Oheims Wut ward ungeheuer;
+Schnell goss er Raeucherwerk ins Feuer,
+Indem er eine Formel schnaubte.
+Der Quader klappte drauf im Nu
+Dem Aladdin grad ueberm Haupte
+Wie eines Kastens Deckel zu.--
+
+Wer wird aus diesem Oheim klug?
+Ein Bruder Mustaphas? Behuete!
+Verwandtschaft, Ruehrung, Herzensguete
+War samt und sonders Lug und Trug.
+Ein Zaubrer war's, nicht hier geboren,
+Nein, fern in Afrika daheim,
+Und hatte diesen Vogelleim
+Aus gutem Grund sich auserkoren.
+Nachdem er naemlich festgestellt
+Durch Hexerei, dass in der Welt
+Es eine Wunderlampe gebe,
+Die zu der hoechsten Macht erhebe,
+Ja, Geister faehig sei zu binden,
+Hatt' er in einem Zauberbuch
+Nach manch vergeblichem Versuch
+Den Ort entdeckt, wo sie zu finden,
+Und so, von Habgier angefacht,
+Flugs auf die Reise sich gemacht.
+Doch weil ihm ein Gesetz verwehrte,
+Selbst in das Schatzgewoelb' zu dringen,
+Deswegen war vor allen Dingen
+Er einem Werkzeug auf der Faehrte,
+Das ihm dazu geeignet schien.
+Sein Auge fiel auf Aladdin
+Als einen unerfahrnen Knaben;
+Wenn ihm die Lampe der geschafft,
+Dann durch der Zauberformel Kraft
+Wollt' er lebendig ihn begraben,
+Damit er nichts davon verriete.
+
+Und nun? Gescheitert war der Plan,
+Die jahrelange Mueh' vertan!
+Statt des Gewinnes eine Niete!
+Vorzeitig hatte ja sein Zorn
+Auf immerdar den Wunderborn
+Mitsamt der Lampe zugeriegelt,
+Und alle seine Kunst und List
+Haett' ihn kein zweites Mal entsiegelt.
+So, mit sich selbst in argem Zwist,
+Von Grimm gefoltert und von Scham,
+Vermied er's, laenger zu verweilen,
+Und reiste wieder tausend Meilen
+Dahin zurueck, woher er kam.
+
+
+
+
+3.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer schildert Aladdins Entsetzen,
+Als er sich hilflos, wie ein Fink
+In eines Vogelfaengers Netzen,
+Verstrickt sah durch des Zaubrers Wink!
+Vergebens, dass er laut und schrille
+Nach dem vermeinten Oheim rief;
+Mit Bleigewicht bedeckte tief
+Ihn Dunkelheit und Grabesstille.
+Vergebens, dass ihn Furcht und Schauer
+zurueck durch die drei Saele trieb;
+Der Zugang zu dem Garten blieb
+Verschlossen wie durch eine Mauer,
+Und nicht imstand, sich zu befrei'n
+Aus diesem schrecklichen Gefaengnis,
+Fing in verzweifelter Bedraengnis
+Er an zu weinen und zu Schrei'n,
+Bis endlich vor Entkraeftung krank
+Er auf den Boden niedersank.
+
+So, nicht imstand mehr, sich zu regen,
+Lag er entbehrend Speis' und Trank
+Und blickte seinem Tod entgegen
+Zwei Tage lang. Zuletzt am dritten,
+Als er die schwachen Haende hob,
+Um Gottes Beistand zu erbitten,
+Da--ganz von ungefaehr--verschob
+An seinem Finger sich der Ring,
+Der ihm vom Zaubrer angesteckt war,
+Und dessen Kraft ihm noch verdeckt war.
+Bevor ein Augenblick verging,
+Erhob auf einmal, fuerchterlich
+Von Wuchs und Antlitz und Gebaerde,
+Ein Geist sich vor ihm aus der Erde
+Und sagte: "Was begehrst du? Sprich!
+Dein Sklav' bin ich und aller derer,
+Die diesen Ring am Finger tragen."
+
+Zwar fiel vor Schreck und scheuem Zagen
+Dem Aladdin das Sprechen schwerer
+Als je zuvor; doch nur bedacht
+Auf Rettung, gab er schnell dem Geist
+Zur Antwort: "Wer du immer seist,
+Hilf mir, sofern's in deiner Macht,
+Aus diesem schauerlichen Orte!"
+Gesprochen waren kaum die Worte,
+Da fand er sich bei Tageshelle,
+Nachdem er einen Ruck verspuert,
+Im Freien wieder an der Stelle,
+Wohin der Zaubrer ihn gefuehrt.
+Doch zeigte sich kein Quader mehr
+Und keine Tuer zum Gruftgemaeuer;
+Nur vom erloschnen Reisigfeuer
+Ein Haeuflein Asche lag umher.
+
+Zwar froh, jedoch zum Sterben matt
+Und halb verhungert, suchte gierig
+Er nach dem Heimweg in die Stadt.
+Zum Glueck war das nicht allzu schwierig.
+Die Felsen halfen eng und dicht
+Ihm auf den schmalen Pfad gelangen,
+Den vor drei Tagen er begangen.
+Die Gaerten kamen bald in Sicht,
+Und weit schon gruessten ihn voraus
+Die wohlbekannten Tuerm' und Daecher.
+Er schleppte, schwach und immer schwaecher,
+Sich bis zu seiner Mutter Haus
+Und schlug, sobald er es betreten,
+Ohnmaechtig in der Stube hin.
+
+Die Mutter, die von Anbeginn
+Die Zeit mit Weinen und mit Beten
+Verbracht und ihn zuletzt, beraubt
+Jedweder Hoffnung, tot geglaubt,
+War auf das eifrigste bestrebt,
+Ihn wieder zu sich selbst zu bringen;
+Er aber sagte, kaum belebt:
+"Ach, Mutter, hol' vor allen Dingen
+Mir was zu essen her; denn fasten
+Musst' ich drei Tage ganz und gar."
+Sie gab ihm, was im Hause war,
+Und warnt' ihn, sich zu ueberhasten,
+Denn was man rasch hinunterwuerge,
+Das koenne man nicht gut verdau'n,
+Und nur damit er ihr verbuerge,
+Langsam und ordentlich zu kau'n,
+Drum solle, waehrend er bei Tisch,
+Ihn keine Frag' und Antwort quaelen;
+Er moeg' ihr eher nichts erzaehlen,
+Als bis er gaenzlich satt und frisch.
+
+Er folgte diesem guten Rat,
+Indem er so nur Stumm beschaeftigt
+Dem Leibeswohl Genuege tat.
+Dann aber, durch das Mahl gekraeftigt,
+Beschrieb im kleinen und im grossen
+Er nach der Reihe ganz genau,
+Was ihm inzwischen zugestossen;
+Er wies, als ihm die wackre Frau
+Nicht wollte glauben und drauf schwor,
+Dass er getraeumt, an seinem Finger
+Den Ring und zog die bunten Dinger,
+Die er vom Baum gepflueckt, hervor.
+Auch sie, weil nirgends noch dergleichen
+Sie je gewahrt und stets verkehrt
+Mit armen Leuten, nie mit reichen,
+Verkannte voellig deren Wert.
+Sie meinte zwar, dass ihr Besitzer
+Sich an dem farbigen Geglitzer
+Erfreuen koennte; doch dies Lob
+Erschien dem Sohne nicht betraechtlich,
+Weshalb er sie beinah veraechtlich
+In irdgendeine Lade schob.
+Die mitgebrachte Lampe kam
+Nicht besser weg; zu keinem Zwecke
+Schien tauglich dieser Troedelkram,
+Als um zu rosten in der Ecke.
+
+Zuletzt gestanden sich die Zwei,
+Die Schuld an all dem Unheil trage
+Des falschen Oheims Schurkerei;
+Denn klaerlich trat es nun zutage,
+Dass Aladdin von diesem Boesen
+Geweiht war schnoedem Untergang
+Und nur durch Zufall ihm gelang,
+Sich lebend aus dem Garn zu loesen.
+Die Mutter liess zu Schimpf und Schmach
+Des Zaubrers manchen Fluch erschallen;
+Doch waren, noch dieweil sie sprach,
+Dem Sohn die Augen zugefallen.
+Er hatte ja zwei volle Naechte
+Vom Schlaf gemieden zugebracht;
+Drum heischte der schon vor der Nacht
+Heut unbezwinglich seine Rechte.
+Halb zog, halb trug mit treuem Sorgen
+Die Frau den Taumelnden zu Bett;
+Da lag er reglos wie ein Brett
+Und schnarchte bis zum spaeten Morgen.
+
+Kaum aber war er endlich wach,
+Als auch sein Hunger wiederkehrte
+Und nach dem Fruehstueck er begehrte.
+Doch seufzend rief die Mutter: "Ach,
+Ich habe keinen Bissen Brot;
+Denn alles, was ich noch besessen,
+Das hast du gestern aufgegessen.
+Wie helfen wir uns aus der Not?
+Ich muss erst wieder naeh'n und spinnen,
+Bevor ich was verdienen kann."
+"Nein, Mutter, sorg' dich nicht," begann
+Der Sohn nach einigem Besinnen.
+"Fuer unsern heutigen Bedarf
+Genuegt's, die Lampe zu verkaufen,
+Die gestern ich beiseite warf.
+Ich will mit ihr zum Haendler laufen;
+Der wird gewiss mir einen Groschen
+Dafuer bezahlen oder zwei."
+
+Die Mutter holte sie herbei
+Und sprach: "Ihr Glanz ist laengst erloschen;
+Auch ist von Staub und Rost und Schmutze
+Von oben sie bis unten voll;
+Wenn sie der Haendler kaufen soll,
+Ist's ratsam, dass ich erst sie putze."
+So nahm sie Wasser denn und Sand;
+Kaum aber hatte sie zu scheuern
+Begonnen mit geuebter Hand,
+Da stieg in einer Ungeheuern
+Und grauenhaften Schreckgestalt,
+Des Zimmers ganzen Raum erfuellend,
+Ein Geist vor ihr herauf, der bruellend
+Mit markerschuetternder Gewalt
+Sie anfuhr: "Was ist dein Begehr?
+Um dir zu dienen, komm' ich her.
+Gehorchen muss ich jedermann,
+Der diese Lampe haelt in Haenden."
+Allein, bevor er Zeit gewann,
+Um seine Rede zu vollenden,
+Fiel, ausserstand, sich zu bemeistern,
+Die Mutter um und rang nach Luft.
+
+[Illustration: Das Erscheinen des Geistes]
+
+Doch Aladdin, der in der Gruft
+Gelernt, wie man mit solchen Geistern
+Verfaehrt, ergriff die Lampe schnell
+Und saeumte nicht, ihm zu befehlen:
+"Ein gutes Fruehstueck schaff' zur Stell'!"
+Der Geist verschwand. Nicht drei zu zaehlen
+Vermochte man, da kam er wieder
+Mit einer grossen Silberplatte
+Und setzte sie behutsam nieder.
+Was irgend man zu wuenschen hatte,
+Das bot sich drauf in Fuelle dar:
+Zwoelf Silberschuesseln, drin ein feines
+Und reiches Mahl enthalten war,
+Zwei Flaschen voll erlesnen Weines,
+Vier Brote von dem besten Mehl,
+Kurzum ein Fruehstueck ohne Fehl.
+
+Die Mutter lag in Ohnmacht noch,
+Wie sich der Geist bereits empfohlen,
+Und konnt' erst langsam sich erholen,
+Indem den wuerzigen Duft sie roch.
+Der Sohn erfasste sie beim Arm
+Und draengte sie, den guten Speisen
+Geziemend Ehre zu erweisen;
+Denn ewig blieben sie nicht warm.
+Sie sprach, verbluefft im hoechsten Grade:
+"Woher denn dieser Ueberfluss?
+Zeigt uns der Sultan seine Gnade?"
+Drauf Aladdin: "Zuerst Genuss,
+Erklaerungen dann hinterdrein."
+Und unbedenklich hieb er ein.
+Die Mutter, vor Erstaunen wirr,
+Betrachtete bei jeder Pause,
+Die stattfand zwischen ihrem Schmause,
+Das schoene silberne Geschirr,
+Und als die Zwei gesaettigt, lag
+Noch ganz genug in jeder Schuessel
+Fuer diesen und den naechsten Tag.
+Sie fragte wieder nach dem Schluessel
+Zu diesem seltsamen Erlebnis,
+Und als der Sohn ihr wahrheitstreu
+Geschildert hatte das Begebnis,
+Versetzte sie voll banger Scheu:
+"Mit Geistern ist nicht gut zu scherzen;
+Drum folg' mir, wirf die Lampe fort
+Und nimm den Druck von meinem Herzen."
+"Nein," rief er, "einen solchen Hort
+Soll, wer ihn einmal hat, behueten.
+Nun ist, was erst ich nicht begriff,
+Mir klar--des falschen Oheims Kniff
+Sowie der Grund von seinem Wueten.
+Durchaus die Lampe wollt' er haben,
+Weil sie versehn mit Wundergaben,
+Und jetzt mit Recht gehoert sie mir.
+Ich will sie bergen zwar und Schuetzen
+Vor unsrer Nachbarn Neid und Gier,
+Im Notfall aber sie benuetzen,
+Sie und den Ring an meiner Hand.
+Vertrauen darf ich meinem Gluecke,
+Weil dieses Schurken arge Tuecke
+Sich so zum Guten hat gewandt."
+
+
+
+
+4.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Einmal geht alles auf die Neige,
+Haelt man damit auch sparsam Haus,
+Und dass der Hunger dauernd schweige,
+Bewirkt kein noch so fetter Schmaus.
+Die Schuesseln wurden also leer,
+Und Aladdin, dem unterm Gurte
+Bereits der Magen wieder knurrte,
+Nahm von den zwoelfen eine her
+Und trug in seines Mantels Falten
+Sie heimlich, um sie feilzuhalten,
+Zum Troedler in der naechsten Gasse;
+Doch als der hoechst verschmitzte Greis
+Die Frage tat, um welchen Preis
+Er ihm die Schuessel ueberlasse,
+Gestand ihm Aladdin gar ehrlich,
+Wieviel sie wert sei, wiss' er nicht.
+Der alte Gauner, der begehrlich
+Geprueft ihr stattliches Gewicht
+Und merkte, dass der junge Fant
+Von seinem Schatze nichts verstand,
+Gab ihm, damit nicht vorm Verkauf
+Er etwas noch davon erfahre,
+Geschwind ein Goldstueck fuer die Ware.
+Mit diesem flog in muntrem Lauf,
+Des Vorteils froh, der ihm erwuchs,
+Der Bursch zum Baecker und zum Schlaechter,
+Dieweil ihm jener schlaue Fuchs
+Nachsah mit leisem Hohngelaechter.
+
+In solcher Art allmaehlich liess
+Elf Schuesseln, eine nach der andern,
+Wenn ihn die Not von neuem stiess,
+Nichtsahnend er zum Troedler wandern.
+Nun kam ihm bei dem naechsten Fall
+Zu Sinn, die Platte loszuschlagen;
+Nur konnt' er die nicht selber tragen;
+War viel zu schwer doch ihr Metall.
+So bat er, weil er noch nicht klueger
+Geworden, jenen Schelm ins Haus,
+Und schleunig zahlte der Betrueger
+Goldstuecker zehn dafuer ihm aus.
+
+Die zwoelfte Schuessel blieb zurueck.
+Nachdem das schoene Geld zerflossen,
+Wollt' er zum Troedler kurz entschlossen
+Verschleppen auch dies letzte Stueck.
+Doch mitten auf dem Wege trat
+Ein Goldschmied freundlich ihm entgegen
+Und sagte: "Nicht der Neugier wegen
+Frag' ich, warum den gleichen Pfad
+Ich oft, mein Sohn, dich wandeln sehe.
+Hier wohnt ein Troedler in der Naehe;
+Hast du mit dem dich eingelassen,
+Dann sei gewarnt und sieh dich vor;
+Denn jeden haut er uebers Ohr.
+Ich will mich gern damit befassen,
+Zu schaetzen, was dir etwa feil,
+Und nimmer wuerdest du betrogen."
+
+Der Bursche hatte mittlerweil
+Die Schuessel aus dem Kleid gezogen.
+Die sah der Goldschmied ohne Worte
+Von allen Seiten lang sich an
+Mit Kennerblick und fragte dann,
+Ob er schon andre dieser Sorte
+Veraeussert hab' und fuer wieviel.
+"Ein Goldstueck hat er mir gegeben,"
+Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben,
+Der Spitzbub kennt nicht Mass noch Ziel,"
+Versetzte jener voll Empoerung.
+"Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut
+Und hast in gruendlicher Betoerung
+Verschleudert ein betraechtlich Gut.
+Fuer solche Schuessel sondergleichen
+Ein Goldstueck! O der Ungebuehr!
+Denn achtundsechzig will dafuer
+Ich auf dem Fleck dir ueberreichen."
+
+Von diesem Tag an war das Darben
+Fuer Sohn und Mutter abgestellt,
+Und uebermalt mit Rosenfarben
+Schien die zuvor so graue Welt.
+Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte,
+Liess Aladdin der Lampe Geist,
+Ob auch der Mutter vor ihm bangte,
+Erscheinen und gebot ihm dreist,
+Ein neues Fruehstueck anzurichten;
+Puenktlich vollzog der seine Pflichten.
+Die Silberschuesseln und die Platten
+Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war,
+Zum Goldschmied hin, der stets bereit war,
+Den vollen Preis ihm zu erstatten.
+Fortan drum ward es ihnen leicht,
+Bequem zu leben und behaglich;
+Doch weil es leider niemals fraglich,
+Dass Missgunst hinterm Gluecke schleicht
+Und man sich hueten muss vor Neidern,
+Vermieden sie trotz gutem Trunk
+Und gutem Essen jeden Prunk
+In ihrem Haus und ihren Kleidern
+Und hielten hinter sich'rem Schloss
+Dadurch geheim den goldnen Bronnen,
+Der ihnen unversiegbar floss.
+
+Vier Jahre waren so verronnen.
+Zu einem schmucken jungen Manne
+War Aladdin herangereist,
+Gerad und schlank wie eine Tanne.
+Ein winzig Baertchen, zart geschweift,
+Spross ueber seinem Lippenrand,
+Und niemand haette mehr den Luemmel,
+Der einst in muessigem Getuemmel
+Die Zeit vertan, in ihm erkannt.
+Sein Blick war jetzt nicht mehr getruebt
+Von Traegheit, seine Geisteskraefte
+Durch ernsten Umgang eingeuebt
+Auf die verschiedensten Geschaefte.
+Der Menschen Treiben insgesamt,
+Ihr Wirken, Trachten, Fuerchten, Hoffen
+In jedem Handwerk, jedem Amt
+Lag wie ein Buch nun vor ihm offen.
+Er hatte viel Verkehr gepflegt
+In Wechselstuben, Kaufmannslaeden
+Und sich in seinem Tun und Reden
+Ein vornehm Wesen zugelegt.
+Jetzt ward ihm auch von selber kund,
+Was einst er nicht gewagt zu traeumen:
+Dass all die Fruechte feurig bunt
+Von jenes Zaubergartens Baeumen
+Kein farbig Glas, wie er gedacht,
+Vielmehr die koestlichsten Juwelen.
+Er nahm sich aber wohl in acht,
+Aus Furcht, man koennt' ihn drum bestehlen,
+Es irgend jemand zu erzaehlen.
+Der Mutter selbst verschwieg er's streng.
+
+Durchwandelnd eines Tags die Strassen,
+Vernahm er ungewohntermassen
+Ein laut Bumbum und Schnettretteng.
+Zum Schall von Pauken und Trompeten
+Rief oeffentlich ein Herold aus,
+Man moege schliessen jedes Haus
+Und nicht die Strasse mehr betreten.
+Prinzessin Bedrulbudur naemlich,
+Des Sultans Tochter, wolle heute
+Zum Bade gehn, und zwar bequemlich
+Gesichert vorm Gegaff der Leute.
+
+Weil Neugier doppelt heftig loht,
+Wenn ihr begegnet ein Verbot,
+Ward alsogleich durch dies Verfahren
+In Aladdin der Wunsch erweckt,
+Die Sultanstochter unbedeckt
+Von ihrem Schleier zu gewahren.
+Er schlich deshalb auf leichten Sohlen
+Zur Tuer des Bades katzenhaft
+Und kauerte sodann verstohlen
+Sich hinter einer Saeule Schaft.
+Er hatte noch nicht lang geharrt,
+Als schon mit einem grossen Staate
+Von Frauen die Prinzessin nahte.
+Sie nahm, von seiner Gegenwart
+Nichts merkend, gaenzlich unbefangen
+Im Vorraum ihren Schleier ab,
+Und Aladdin, drei Schritte knapp
+Entfernt, vermochte nach Verlangen
+Ihr Antlitz huellenlos zu schaun.
+War auch--die Mutter ausgenommen--
+Bisher von unvermummten Frau'n
+Ihm keine zu Gesicht gekommen,
+So ward mit einem Schlag ihm klar,
+Dass diese hier die schoenste war.
+
+[Illustration: Aladdin belauscht die Prinzessin]
+
+Herab in reicher Lockenflut
+Floss ihr kastanienbraunes Haar
+Auf ihrer Augen dunkle Glut
+Ihr Blick war sittsam und voll Guete,
+Die Wangen sanft gerundet, weich
+Und rosenrot wie Pfirsichbluete,
+Die Lippen zwei Korallen gleich.
+Ihr Wuchs und Gang war ohne Tadel,
+Und ihre liebliche Gestalt
+Verriet in Reizen tausendfalt
+Holdseligkeit vereint mit Adel.
+Kein Wunder drum, dass Aladdin,
+Nachdem die Herrliche verschwunden,
+Noch immerdar wie festgebunden
+Und wie verzaubert sich erschien.
+
+Obwohl erstarrt zu Stein und Erz
+Er sich zu ruehren nicht vermochte,
+Konnt' er empfinden, wie sein Herz
+In seiner Brust vernehmlich pochte.
+Sogar als er zuletzt gewaltsam
+Sich loszureissen war gewillt,
+Verfolgte dennoch unaufhaltsam
+Ihn auf dem Weg nach Haus ihr Bild.
+
+Der Mutter war's ein leichtes Ding,
+Sein ganz und gar veraendert Wesen
+Gleich von der Stirn ihm abzulesen.
+Sie wunderte sich drob und fing
+Ihn auszuforschen an, warum
+Er so zerstreut, verstoert und stumm;
+Ob ihm vielleicht zu Kopf gestiegen
+Ein Streit? Ein Aerger? Ein Verdruss?
+Doch er, wie eine harte Nuss,
+Blieb unzugaenglich und verschwiegen.
+Auch als am Abend auf den Tisch
+Von ihr ein braungebratner Hase
+Getragen ward und in die Nase
+Der Duft ihm drang verfuehrerisch,
+Schob er, der immer seinen Mann
+Gestanden sonst als guter Esser,
+Hinweg die Gabel und das Messer
+Und ruehrte keinen Bissen an.
+Da merkte sie, dass an dem Toren
+Heut jedes Mittel war verloren,
+Und beide schwiegen um die Wette.
+Er traeumte wachend, seufzte tief
+Und ging zu guter Letzt zu Bette;
+Doch fraglich ist es, ob er schlief.
+
+
+
+
+5.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Am Morgen drauf--am Spinnrad schon
+Sass die besorgte Frau voll trueber
+Gedanken--trat herein ihr Sohn
+Und setzte sich ihr gegenueber.
+"Ach, Mutter," hob er an, "vergib
+Mir nur mein gestriges Betragen;
+Verzeih' mir, dass auf deine Fragen
+Ich dir die Antwort schuldig blieb.
+Doch wenn du mir's mit Recht veruebelt,
+Heut will ich offen dir gestehn:
+Ich kann, so viel ich nachgegruebelt,
+Nicht fassen, was mit mir geschehn.
+Ich bin nicht krank, und dennoch lieber
+Haett' ich den aergsten Schmerz gefuehlt
+Als dieses raetselhafte Fieber,
+Das mir im Innern tobt und wuehlt.
+Mit Namen weiss ich's nicht zu nennen
+Und weiss auch nicht, wie man's behebt;
+Du aber wirst's gewiss erkennen,
+Wenn du vernimmst, was ich erlebt."
+Drauf gab er ihr genaue Kunde,
+Wie gestern bei dem Badegang
+Der Sultanstochter ihm gelang,
+Ihr Antlitz aus dem Hintergrunde
+Befreit vom Schleier zu erblicken,
+Und wie dies Bild seit jener Stunde
+Sein herz an unsichtbaren Stricken
+Hinziehe zu der schoenen Fee.
+"Kurzum", so schloss er seine Schildrung,
+"Kein Zweifel, fuer mein toedlich Weh
+Gibt's keine Hilfe, keine Mildrung,
+Es waere denn, dass unverweilt
+Sie selbst, jawohl, sie selbst mich heilt
+Von allen Noeten und Beschwerden;
+Gefasst somit ist mein Entschluss:
+Prinzessin Bedrulbudur muss
+Auf immerdar die Meine werden!"
+
+Die Mutter, die von ihrem Spinnen
+Ablassend eifrig zugehoert,
+Rief lachend aus: "Bist du von Sinnen?
+Ja, bist so voellig du betoert?
+An solch unmoegliches Beginnen
+Denkt nur ein ausgemachter Narr."
+"Nein, Mutter," sprach er, "nein, du irrst;
+Zwar wusst' ich, dass du lachen wirst;
+Doch mein Entschluss ist fest und starr.
+Und ob du zehnmal sagst, entglitten
+Sei mir mein saemtlicher Verstand,
+Es bleibt dabei, den Sultan bitten
+Will ich um seiner Tochter Hand."
+
+"Mein Sohn," begann die Mutter ernst,
+"Damit du recht erwaegen lernst,
+Wie kindisch deine Reden sind,
+Antworte mir: Wer soll es wagen
+Ihm diese Bitte vorzutragen?"
+"Du selbst!" rief Aladdin geschwind.
+"Ich? Gott behuete mich davor!
+Schon der Gedanke macht mich beben!
+Wie duerftest du dein Aug' erheben
+Zu einem Sultanskind empor?
+Hast du vergessen, dass ein Schneider
+Bescheidnen Rangs dein Vater war,
+All deine Ahnen Hungerleider?
+Und ist, so frag' ich, nicht sogar
+Fuer unsres Herrschers Schwiegersohn
+Ein Prinz noch von zu niedrem Stande,
+Falls er in seinem Heimatlande
+Nicht Aussicht hat auf einen Thron?"
+
+Sie predigte nur tauben Ohren.
+"Nenn's Wahnwitz, nenn' es Eigensinn;
+Ich hab' es mir einmal geschworen,
+Und nichts erschuettert mich darin.
+Solange mich des Himmels Bau
+Nicht krachend unter seinen Lasten
+Begraebt, werd' ich nicht ruhn und rasten,
+Bis die Prinzessin meine Frau.
+Ja, wenn du mich nicht elend sterben
+Willst sehn bereits am heut'gen Tag,
+Dann musst du, kost' es, was es mag,
+In meinem Namen um sie werben."
+
+[Illustration: Ein Herold verkuendet das Nahen der Prinzessin]
+
+Die Mutter wurde hoechst verlegen.
+Ihn zum Verzicht auf seinen Plan
+Durch Ueberredung zu bewegen,
+Schien hoffnungslos bei solchem Wahn.
+Nochmals versuchte sie's mit Guete:
+"Gott weiss, dass fuer mein armes Teil
+Ich allezeit mich um dein Heil
+Mit meiner ganzen Kraft bemuehte.
+Fuer dich vollbraecht' ich schlimmsten Falles
+Die schwerste Tat aus eignem Trieb;
+Denn wahrlich, ihrem Kind zulieb
+Tut eine Mutter freudig alles.
+Ja, wenn ein Maedchen dir gefiele,
+zu vornehm weder noch zu reich,
+Nicht saeumen wuerd' ich, sondern gleich
+Dir ebnen deinen Weg zum Ziele,
+In deinem Namen um sie frei'n
+Und meinen Segen dir verleihn.
+Doch nimm nur an von ungefaehr,
+Dass ich dir deinen Willen taete,
+Verwegen vor den Sultan traete
+Mit solchem frevelnden Begehr--
+Wuerd' ueberhaupt ich vorgelassen?
+Wuerd' augenblicklich nach Gebuehr
+Nicht einer mich beim Arme fassen
+Und mich befoerdern vor die Tuer?
+Nimm aber an, dass mir's gelaenge,
+Durch all der Bittenden Gedraenge
+Dem Sultan selber mich zu nah'n,
+Und er, der gnaedig ist fuer jeden,
+Waer's auch sein letzter Untertan,
+Gestattete mir frei zu reden--
+Wie dann begruend' ich dein Gesuch?
+Welch ein Verdienst ist dir zu eigen?
+Kann ich auf deinen Namen zeigen
+In irgendeinem Ehrenbuch?
+Kannst du durch eine seltne Leistung,
+Durch eine vielgeruehmte Kunst
+Nachsicht verschaffen der Erdreistung,
+zu flehn um diese hoechste Gunst?
+Und sei noch dessen eingedenk,
+Dass man vorm Sultan darf erscheinen
+Nicht ohne kostbares Geschenk.
+Du selber wirst wohl kaum vermeinen,
+Es finde sich in deiner Habe
+Ein Kleinod von so hehrem Glanz,
+Dass ich es bieten koennt' als Gabe
+Dem groessten Herrn des Morgenlands."
+"Ei, grade wenn ich dies bedenke,"
+Versetzte ruhig Aladdin,
+"Dann wird mir neuer Mut verliehn.
+Ich haette nichts, was zum Geschenke
+Fuer einen Sultan gut genug?
+Entsinn' dich doch der huebschen Sachen,
+Die dazumal ich bei mir trug,
+Als ich der Hoehle finstrem Rachen
+Entronnen war mit heiler Haut,
+Und die mein Mangel an Erfahrung
+Fuer bunte Glaeser angeschaut.
+Laengst aber ward mir Offenbarung;
+Lernt' ich doch von den Juwelieren
+Den Unterschied von falsch und echt.
+Juwelen sind es, nicht zu schlecht,
+Um eine Krone zu verzieren
+Durch auserlesne Farb' und Art.
+Die werden, kann ich dir versprechen,
+Dem Sultan, wenn er sie gewahrt,
+Gewaltig in die Augen stechen,
+Sodass er ueberfliesst von Gnade."
+
+Die Zauberfruechte kurz und gut
+Nahm insgesamt er aus der Lade,
+Worin bis heute sie geruht,
+Und ordnete sie mit Bedacht
+In einer schoenen alten Vase,
+Die seiner Mutter eine Base
+Einst zum Geburtstag ueberbracht.
+Ja freilich, von gemeinem Glase
+Kam dieses lautre Feuer nicht,
+Das nun mit staerkerem Gefunkel
+Sie blendete bei Tageslicht
+Als in des Abends halbem Dunkel.
+
+Nachdem an dem erhabnen Schimmer
+Die beiden lange sich geletzt,
+Nahm Aladdin das Wort. "Was jetzt?
+Sag', Mutter, zweifelst du noch immer,
+Dass mein Geschenk der Sultan schaetzt?
+Du wirst, so wett' ich, im Palast
+Mit dieser Gabe gut empfangen.
+Sprich, welchen Einwand du noch hast,
+Um mir zu weigern mein Verlangen?"
+
+Zwar konnt' er sie nicht ueberzeugen;
+Doch weil er wild und wilder bat,
+So wusste sie sich keinen Rat
+Als widerstrebend sich zu beugen.
+"Wohlan, mein Sohn, weil du's verlangst,
+Will ich das Wagnis auf mich nehmen,
+Will trotzend meiner Herzensangst
+Mich zu dem schweren Gang bequemen.
+Nur gib nicht mir die Schuld, wenn spaeter
+Daraus entquillt ein Ungluecksborn,
+Und wenn uns in gerechtem Zorn
+Der Fuerst bestraft als Missetaeter."
+"Warum denn gleich das Aergste glauben?"
+Erwiderte der Sohn ihr heiter.
+"Und sollt' er wirklich zuernend schnauben,
+Dann hilft gewiss mein Glueck mir weiter.
+Die Lampe, die nun schon seit Jahren
+Auf Wunsch uns ueppig traenkt und speist,
+Wird mir auch kuenftig in Gefahren
+Als Beistand senden ihren Geist."
+
+So wusst' er ueberaus gewandt
+Auch ihren letzten Widerstand
+Mit Gruenden aller Art zu brechen,
+Und sie erklaerte sich bereit,
+Beim Sultan morgen vorzusprechen,
+Wenn's im Bereich der Moeglichkeit.
+
+
+
+
+6.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Vor lauter Ungeduld erweckte
+Bereits vor Tag, bei Daemmerschein
+Der Sohn die Mutter, und sie steckte
+Sich in ihr Feierkleid hinein.
+Die Vase, bis zum Rand gefuellt
+Mit den Juwelen, ward in Linnen
+Von ihr behutsam eingehuellt;
+Ein feines weisses Tuch fuer innen,
+Ein groeberes als Ueberzug,
+Sodass, nachdem sie die vier Enden
+Verknotet mit geschickten Haenden,
+Sie das Geschenk als Buendel trug.
+
+Sie machte dergestalt beklommen
+Nach dem Palast sich auf den Weg,
+Und grad als dort sie angekommen,
+Ward aufgetan das Torgeheg'.
+Erst ging hinein der Grossvezier
+Mit andern hohen Wuerdentraegern,
+Lakaien, Reisigen und Jaegern;
+Dahinter draengten, zahllos schier,
+In dichtem Schwarm sich all die Leute,
+Die bei des Herrschers Diwan heute
+Drauf rechneten, der Huld von oben
+Abzugewinnen einen Strahl.
+So, gehend halb und halb geschoben,
+Kam sie zum weiten, lichten Saal,
+Worin der Diwan ward gehalten.
+Dort sass der Sultan in Person,
+Umwogt von seines Purpurs Falten,
+Ihr gegenueber auf dem Thron,
+Der Grossvezier an seiner Seite,
+Sodann, gewaertig seines Winks,
+Ein aeusserst stattliches Geleite
+Von Staatsbeamten rechts und links.
+
+Wer nun der Reihe nach gerufen
+Herantrat an des Thrones Stufen,
+Der legte seine Bittschrift nieder,
+Sprach zur Begruendung einen Satz,
+Erhielt Bescheid und musst' hinwieder
+Dem Naechsten raeumen seinen Platz.
+Die Mutter war noch lang' nicht dran;
+Doch ehe sie sich recht besann,
+Verstrich des Diwans kurze Stunde.
+Der Fuerst stand auf, entliess die Zahl
+Der Harrenden und schritt im Bunde
+Mit seinem Hofstaat aus dem Saal.
+Der Schwarm verlief sich, und sie ging,
+Da weiteres Bemuehn vergeblich,
+Nach Haus, wo sie der Sohn erheblich
+Enttaeuscht und missgestimmt empfing.
+Sein Unmut blieb ihr nicht verborgen;
+Doch fuehlte sie sich frei von Schuld,
+Ermahnte sanft ihn zur Geduld
+Und gab ihr Wort, sie werde morgen
+Von neuem hingehn.--Welche Qual!
+Der arme Junge sass auf Kohlen.
+Denn fruchtlos musste siebenmal
+Sie den Versuch noch wiederholen,
+Stets mit dem naemlichen Verlauf:
+Sie kam und sah den Sultan thronen,
+Recht sprechen, warnen und belohnen,
+Und immer wieder brach er auf,
+Bevor an ihr die Reihe war.
+So haette dort wohl unabwendlich
+Sie Tag fuer Tag ein volles Jahr
+Gewartet, waere sie nicht endlich
+Dem Blick des Herrschers aufgefallen,
+Weil ohne Bittschrift in der Hand
+Sie stets als hinterste von allen
+Dem Thron grad gegenueberstand.
+
+Drum, als der Diwan war beendet
+Am siebten Tag und er sich eben
+In sein Gemach zurueckbegeben,
+Sprach er zum Grossvezier gewendet:
+"Geraume Zeit bemerk' ich schon,
+Wie taeglich, wenn ich Sitzung halte,
+Sich gegenueber meinem Thron
+Erwartend aufstellt eine Alte.
+Sie traegt was in ein Tuch geschlagen
+Und steht so bis zum Schlusse still.
+Kannst du mir kuenden, was sie will?"
+"Vermutlich will sie sich beklagen,"
+Erwiderte der Grossvezier.
+"Du weisst ja, Herr, wie haeufig Frauen
+Ein unbedeutend Leid vor dir
+Mit grossem Wortschwall wiederkauen.
+Vielleicht hat man zu wenig Mehl
+Ihr auf dem Markte zugewogen,
+Vielleicht beim Wechseln sie betrogen."
+Der Sultan gab ihm drauf Befehl,
+Sie naechstesmal ihm vorzufuehren.
+
+Und richtig, tags darauf, sofort
+Nachdem man aufgetan die Tueren,
+Stand sie beharrlich wieder dort.
+Der Sultan winkte vor Beginn
+Der Sitzung, als er sie erblickte,
+Dem Grossvezier, und dieser nickte
+Zum Obersten der Wache hin.
+Der gab der Mutter flugs ein Zeichen,
+Mit ihm zu gehn, gebot sodann
+Den Vorderen, vor ihr zu weichen,
+Und brachte sie zum Thron heran.
+Dort warf sie sich--weil dies gebuehrend
+Ihr schien nach allgemeinem Brauch--
+Vorm Sultan nieder auf den Bauch,
+Den Boden mit der Stirn beruehrend.
+Doch er befahl ihr aufzustehn
+Und sagte: "Gute Frau, tagtaeglich
+Hab' ich seither dich unbeweglich
+Dort nah dem Eingang harren sehn.
+Was ist es, sprich, das du begehrst?"
+
+Sie warf sich nochmals nieder erst
+Und hauchte, vor Erregung heiser:
+"Bevor, erhabner Herr und Kaiser,
+Den Anlass du von mir erfaehrt,
+Der mich bewog zu diesem Schritte,
+Vernimm die demutsvolle Bitte,
+Dass mein unglaubliches Verlangen
+Du gnaedig im voraus verzeihst;
+Denn ich vergehe fast vor Bangen.
+Erscheint ja doch mein Unterfangen
+Sogar mir selber allzu dreist."
+
+Der Sultan, um ihr Mut zu machen,
+Liess augenblicks den ganzen Hauf
+Des Volks entfernen durch die Wachen
+Und forderte den Hofstaat auf,
+Ihn mit der Frau allein zu lassen;
+zurueck blieb nur der Grossvezier.
+"Du darfst", so sprach er dann zu ihr,
+"Nunmehr getrost ein Herz dir fassen.
+Was immer dein Begehren sei,
+Dir ist's vorweg, mein Wort zum Pfande,
+Vergeben. Also rede frei!"
+
+Da loesten sich die Zungenbande
+Der Mutter. Ohne weitre Scheu
+Berichtete sie wahrheitstreu,
+Durch welch geheimes Abenteuer
+Sich seiner Tochter Aladdin,
+Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn
+Seitdem verzehre wildes Feuer;
+Wie redlich sie sich unterdessen
+Ihn abzukuehlen angestrengt,
+Doch wie von Leidenschaft besessen
+Er sie zu diesem Gang gedraengt.
+Nur seiner Drohung, dass er sterbe,
+Wenn nicht um deren Hand sie werbe,
+Die doch fuerwahr, mit ihm verglichen,
+Nicht minder unerreichbar fern
+Als an dem Firmament ein Stern,
+Sei schliesslich zoegernd sie gewichen.
+
+Der Sultan, keineswegs empoert
+Noch spoettisch, aeusserte die Frage,
+Nachdem er ruhig zugehoert,
+Was in dem Tuch verhuellt sie trage.
+Sogleich entnahm sie wunschgemaess
+Dem Buendel das Geschenk des Sohnes
+Und stellte vor den Fuss des Thrones
+Das vollbeladene Gefaess.
+Der Herrscher, von dem bunten Scheine
+Geblendet, waehnte sich im Traum
+Und traute seinen Augen kaum
+Beim Anblick all der Edelsteine,
+So gross und praechtig, wie noch keine
+Zeit seines Lebens er geschaut,
+Und in Betrachtung ganz versunken
+Sass er ein Weilchen ohne Laut.
+Dann aber rief er freudetrunken:
+"Wie schoen! Wie koestlich! Wie vollendet!",
+Nahm jeden einzeln in die Hand
+Und sprach, zum Grossvezier gewendet:
+"Sag', ob in meinem ganzen Land
+In allen Laendern dieser Erde
+Man je was gleich Vollkommnes fand?"
+Mit beifallspendender Gebaerde
+Gab dies der Grossvezier ihm zu,
+Worauf er fortfuhr: "Moechtest du
+Behaupten, dass ich einen Mann,
+Der solcherlei vermag zu schenken,
+Nicht, ohne lang' mich zu bedenken,
+zum Schwiegersohn erwaehlen kann?"
+
+Der Grossvezier war sehr betroffen
+Von diesem Wort. Seit Jahren schon
+Liess naemlich ihn der Sultan hoffen,
+Er werde seinen eignen Sohn
+Mit der Prinzessin einst vermaehlen.
+Er sagte drum ins Ohr ihm leise:
+"Ja, Herr, ich kann es nicht verhehlen,
+Dass dies Geschenk von hoechstem Preise
+Der Sultanstochter wuerdig ist;
+Doch goenne mir drei Monat Frist.
+Mein Sohn, den vormals du zum Gatten
+Ihr zu bestimmen hast beehrt,
+Stellt sicher dies Geschenk in Schatten
+Durch eins von doppelt reichem Wert."
+
+Das schien dem Sultan eine Flause;
+Doch gab er seiner Bitte nach,
+Weil er sein Guenstling war, und sprach
+Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause
+Zu deinem Sohn und meld' ihm dies:
+Den Antrag, den er stellte, wies
+Ich nicht zurueck; drei Monat sind
+Vonnoeten aber, eh' zum Gatten
+Ich jemand gebe meinem Kind,
+Um sie geziemend auszustatten.
+Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."
+
+Die Mutter ging nach Haus zurueck,
+Und diesmal bebten ihre Glieder
+Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Glueck.
+
+
+
+
+7.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer koennte wohl in Worte fassen,
+Wie selig unser junger Held,
+Nachdem die Mutter ihm bestellt,
+Was ihm der Sultan melden lassen!
+O Wonne, dass nach langem Duersten,
+Nach vielen Naechten ohne Schlaf
+Die Botschaft aus dem Mund des Fuersten
+Sein kuehnstes Hoffen uebertraf!
+Er tanzte rund herum im Zimmer,
+Schwor in den feurigsten Erguessen
+Der Mutter Dankbarkeit auf immer
+Und ueberhaeufte sie mit Kuessen.
+Drei volle Monat waren freilich
+Als vorgeschriebne Wartezeit
+Fuer seine Sehnsucht endlos weit.
+Es war darum gewiss verzeihlich,
+Dass ihn des Ziels Erwartung quaelte
+Und er bestaendig nach der Uhr
+Nicht Wochen, Tage, Stunden nur,
+Vielmehr auch die Minuten zaehlte.--
+Zwei Monat waren abgelaufen,
+Als eines Morgens ahnungslos
+Die Mutter sich, um was zu kaufen,
+Zum Markt begab. Ein laut Getos'
+Der Froehlichkeit scholl ihr entgegen,
+Als waer' ein Fest herangerueckt;
+Mit Blumenkraenzen allerwegen
+Ward eilig Haus fuer Haus geschmueckt,
+Und Laempchen wurden hundertfach
+Hinaufgereicht auf hohe Leitern
+Fuer Prachtbeleuchtung auf dem Dach.
+Die Strassen wimmelten von Reitern
+Auf edlen, reichgezierten Pferden,
+Und alt und jung war aufgeputzt.
+Die Mutter, ganz und gar verdutzt,
+Vermochte draus nicht klug zu werden.
+Sie fragte drum den ersten besten,
+Weshalb denn heute jedermann
+Sich rueste wie zu grossen Festen.
+Der gab zur Antwort: "Schau mal an,
+Das weisst du nicht? Ei, das erzaehlt sich
+Ja doch die ganze Stadt erfreut;
+Dem Sohn des Grossveziers vermaehlt sich
+Prinzessin Bedrulbudur heut."
+
+Die Gute flog bestuerzt nach Haus
+Und rief dem Sohn, der sich zur Stelle
+Befand, entgegen auf der Schwelle:
+"Ach, Aermster, nun ist alles aus!
+Den Sultan hat sein Wort gereut;
+Denn im Palast ist Hochzeit heut.
+Dort wird mit feierlichem Prunke
+Der Sohn des Grossveziers getraut,
+Und die Prinzessin ist die Braut."
+
+Als ob des Blitzes jaeher Funke
+Durchzucke seines Lebens Mark,
+Empfand sich Aladdin zerschmettert,
+Blieb standhaft aber doch und stark;
+Und als verzweifelnd er durchblaettert
+Seite fuer Seite sein Gedaechtnis
+Nach Mitteln gegen diese Pein,
+Fiel ihm des falschen Freunds Vermaechtnis,
+Die Wunderlampe, wieder ein.
+Zur Mutter sprach er drauf entschieden:
+"Der Hochzeit setz' ich einen Damm!
+Lass schaun, wer heute mehr zufrieden,
+Ich oder dieser Braeutigam."
+
+Er tat, was ihm bereits gelaeufig:
+In seine Kammer eingeschlossen
+Rieb er die Lampe, wie schon haeufig,
+Und aus dem Boden aufgeschossen
+Erschien der Geist gleich einem Riesen,
+Ihn fragend: "Was ist dein Geheiss?"
+Drauf Aladdin: "Du hast mit Fleiss
+Mir oefters dienstbar dich erwiesen
+Bei Wuenschen, die gering und nichtig.
+Das Werk jedoch, das ich dir nun
+Befehlen will fuer mich zu tun,
+Ist ueber alle Massen wichtig.
+Du sollst mir meine Qualen lindern
+Und drum als unsichtbarer Gast
+Die Hochzeit, die heut im Palast
+Gefeiert werden soll, verhindern.
+Begib dich hin, vom Wind getragen,
+Ergreif' den Braeutigam beim Kragen,
+Entfuehr' in ein Versteck ihn, sperr'
+Dort fest ihn ein und lass verborgen
+Ihn schmachten bis zum naechsten Morgen."
+Der Geist versetzte fuegsam: "Herr,
+Wie du befiehlst," und war verschwunden.
+
+Am Hofe ward mit aller Kraft
+Inzwischen seit den fruehsten Stunden
+Fuer die Vermaehlung vorgeschafft.
+Mit einem wahrhaft beispiellosen
+Und noch nicht dagewesnen Glanz
+War der Palast verwandelt ganz
+In einen duft'gen Hain voll Rosen.
+Die Tafel funkelte von Gold;
+Prunkteppiche von schwerster Seide
+Bedeckten sorgsam aufgerollt
+Zu wundersamer Augenweide
+Den Marmorboden und die Treppe,
+Und rings mit Perlenschmuck beschwert
+Wog der Prinzessin Hochzeitsschleppe
+Drei Fuerstentuemer auf an Wert.
+
+Der ganze Hofstaat war beisammen
+Nebst Sendlingen aus aller Welt;
+Den angefachten Opferflammen
+Entstieg der Rauch zum Himmelszelt.
+Grad sollte die Vermaehlungsfeier
+Beginnen; Festmusik erscholl;
+Schon trat herein in ihrem Schleier
+Die Sultanstochter anmutsvoll
+An ihres hohen Vaters Arm,
+Und in der Wuerdentraeger Schwarm
+Schritt ihr entgegen ihr Verlobter--
+Da ploetzlich Nacht und wieder Licht;
+Der Geist erfuellte mit erprobter
+Vollendung seine Dienerpflicht.
+Man sah sich an, man sah sich um,
+Die Augen starr, die Mienen dumm:
+Was war geschehn? Der Braeutigam
+Stand nicht mehr dort, wo er gestanden
+Grad eben, sondern war abhanden,
+Wie fortgewischt von einem Schwamm.
+Man forschte, spaehte; doch vergebens.
+Der Grossvezier, der schon geglaubt,
+Er sei am Ziele seines Strebens,
+Schien vor Erregung sinnberaubt.
+Der Hofstaat mit betaeubtem Hirne
+Begann zu tuscheln, dicht geschart;
+Der Sultan runzelte die Stirne
+Und brummte was in seinen Bart.
+Die Gaeste ratlos und befangen,
+Verkruemelten sich allgemach,
+Und ueber der Prinzessin Wangen
+Herunter floss ein Traenenbach.
+
+Die Feierstimmung war verraucht,
+Verwandelt alle Lust in Wehe.
+Denn da zum Abschluss einer Ehe
+Den Braeutigam man dringend braucht,
+So blieb am Ende keine Wahl,
+Als die Vermaehlung zu verschieben
+Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl,
+Bis man ihn wieder aufgetrieben.
+Der Sultan floesste seiner Tochter
+Gar zaertlich Troestung ein und Mut;
+Allein mit Muehe nur vermocht' er
+Zu stillen ihrer Augen Flut,
+Obwohl weit mehr verletzte Scham
+Und schwergekraenkter Stolz die Quelle
+Der Traenen war als Herzensgram.
+
+Am naechsten Morgen aber kam
+Der Grossvezier in hoechster Schnelle
+Zum Sultan, der halb ungeduldig,
+Halb muerrisch ihm entgegensah,
+Und rief: "Mein Sohn ist wieder da!
+Er ist, o glaub' mir, weder schuldig,
+Noch weiss er selbst, was ihm geschah.
+Gebiete drum, dass man die Feier
+Heut ruesten soll zum zweitenmal,
+Und gib dadurch zurueck dem Freier,
+Was ihm ein Unstern gestern stahl."
+Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht
+Ihm vorkam, war der Fuerst erboetig;
+Denn fuer sein Ansehn schien ihm noetig,
+Dass alles moeglichst ward vertuscht.
+Die Hauptstadt wurde von Trompeten
+Und Pauken abermals durchlaermt,
+Das Hochzeitsessen aufgewaermt
+Und alle Gaeste neu gebeten.
+
+Als Aladdin, dem keine Spur
+Von saemtlichen Begebenheiten
+Entgangen war, davon erfuhr,
+Beschloss er, herzhaft fortzuschreiten
+Auf seinem Pfade bis zum Sieg.
+Den Geist beschwor er drum von neuem,
+Und als dem Boden er entstieg,
+Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem
+Gehorsam, was ich dir befohlen,
+Genau vollbracht. Dieselbe Not
+zwingt mich indessen, mein Gebot
+Von gestern dir zu wiederholen.
+Den Sohn des Grossveziers entfuehre
+Heut abermals in gleicher Art,
+Und hinter fest verschlossner Tuere
+Halt' ihn bis morgen frueh verwahrt!"
+
+Der Geist entfernte sich, die Tat
+Alsbald wie tags zuvor verrichtend;
+Nur diesmal in noch staerkrem Grad
+Als gestern wirkte sie vernichtend.
+Im feierlichsten Augenblick
+Verschwand urploetzlich aus dem Saale
+Durch ein unfassliches Geschick
+Der Braeutigam zum zweiten Male.
+Vom ganzen Hof und hohen Adel
+Ward er gesucht wie eine Nadel.
+In alle Winkel ward geguckt,
+Gestoebert ward in allen Ecken;
+Er war so wenig zu entdecken,
+Als ob der Boden ihn geschluckt.
+Hiermit begann ein Trauerspiel:
+Prinzessin Bedrulbudur raufte
+Die schoenen Haare sich und fiel
+Bewusstlos hin; der Sultan schnaufte
+Vor Ingrimm wie ein wildes Tier;
+Der unglueckselige Grossvezier
+Wand sich in Kraempfen wie ein Wurm,
+Die Augen rollend rings im Kreise;
+Die Gaeste flohen gruppenweise,
+Wie eine Herde vor dem Sturm,
+Und seufzend sprach der Oberkoch
+In tiefem, hoffnungslosem Haermen
+Zum Kuechenjungen: "Einmal noch
+Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht waermen."
+
+
+
+
+8.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Grossvezier fand keinen Schlummer
+In dieser Nacht. Am andern Tag
+Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer
+Halb krank er noch im Bette lag,
+Trat aschenfahl und uebernaechtig
+Sein Sohn herein. Der Vater schrie,
+Vor Jaehzorn seiner nicht mehr maechtig:
+"Hinweg mit dir, und lass dich nie
+Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie:
+"Mein Vater, schein' ich so verdaechtig,
+Dass du Gehoer mir weigern willst?
+Wenn dir bekannt, was unverschuldet
+Ich heut und gestern nacht erduldet,
+So wett' ich, dass dein Groll zerschmilzt.
+Ich wurde beidemal gepackt
+Von unsichtbaren Faeusten, staerker
+Als Menschenhand, und eingesackt
+In einen engen, finstren Kerker,
+Zu schmal, um nieder mich zu legen,
+Ja, selbst um aufrecht mich zu regen;
+Die Tuer von aussen fest verrammelt
+Und alles Ruetteln ohne Zweck!
+So kauert' ich, noch kaum gesammelt
+Vom ersten fuerchterlichen Schreck,
+Erneuter Hexerei gewaertig,
+Gefasst auf meinen Untergang
+Und mit dem Erdendasein fertig,
+Wer weiss, wieviele Stunden lang,
+Bis endlich beidemal die Tuer
+Von selber aufsprang. Aber gaebe
+Man tausend Braeute mir dafuer,
+Ich moechte nicht, solang' ich lebe,
+Dies noch ein drittes Mal erleiden.
+So sehr mir die Prinzessin teuer,
+Ich will sie lieber dauernd meiden,
+Als dem geheimen Ungeheuer
+Zum Spielball dienen unbeschraenkt.
+Ich glaube, Bedrulbudur denkt
+Hierin nicht anders, und sie kann,
+Auch wenn sie liebenswert mich findet,
+Nicht recht vertrauen einem Mann,
+Der unfreiwillig stets verschwindet.
+Drum wuensch' ich, ob du gleich dem boesen
+Verhaengnis nicht mit Unrecht grollst,
+Dass du den Sultan bitten sollst,
+Er moege die Verlobung loesen."
+
+Der Grossvezier erkannte klar,
+Wenn auch im Innersten bekuemmert:
+Sein Lieblingsplan von manchem Jahr
+Lag rettungslos vor ihm zertruemmert,
+Sodass, wie nun die Sache stand,
+Statt auf ein Wunder noch zu harren,
+Er selber den verfahrnen Karren
+Am besten stecken liess im Sand.
+Er trug dem Sultan untertaenig
+Drum seines Sohnes Bitte vor
+Und fand ein sehr geneigtes Ohr.
+Der Herrscher freute sich nicht wenig,
+Als unverhofft er sie vernahm,
+Dass dem Entschluss, den er im stillen
+Gefasst um seiner Tochter willen,
+Ihr Braeutigam entgegenkam.
+
+Mit Windeseile flog die Kunde
+Von der Entlobung durch die Stadt,
+War tagelang in aller Munde;
+Doch schliesslich schwatzte man sich satt.
+Es wusste ja vom wahren Grunde
+Nur Aladdin allein Bescheid,
+Und da nunmehr sein Weizen bluehte,
+Nahm mit beruhigtem Gemuete
+Zum naechsten Schachzug er sich Zeit.
+
+Erst als ein Monat noch entwichen
+Und so, wie vorbestimmt, verstrichen
+Die ganze Frist von dreien, sandte
+Von neuem er die Mutter fort
+Zum Sultan, der sie gleich erkannte
+Und sich an sein gegebnes Wort
+Erinnerte. Mit freiem Mute
+Bat sie den Fuersten auf den Knien,
+Gewaehren moeg' er Aladdin,
+Was zu versprechen er geruhte,
+Da die bedungne Frist vorbei.
+
+Dem Sultan war die Mahnung peinlich.
+Er hatte ja fuer unwahrscheinlich
+Gehalten, dass die Schwaermerei
+Des jungen Manns nach so viel Wochen
+Noch immer nicht erloschen sei;
+Denn was er unbedacht versprochen,
+War niemals ernst gemeint gewesen.
+Konnt' er zum Gatten seines Kinds
+Wohl einen Schwiegersohn erlesen,
+Der nicht geboren war als Prinz?
+Und doch vor offener Verneinung
+Sich scheuend, zog im Widerstreit
+Er seinen Grossvezier beiseit
+Und fragte leis nach dessen Meinung.
+"Herr," sagte jener gleichfalls leis,
+"Wenn du dein Wort nicht willst verletzen,
+Genuegt es, einen solchen Preis
+Fuer die Prinzessin festzusetzen,
+Dass, wenn des Werbers Ueberfluss
+An Geld und Gut auch ohnegleichen,
+Trotz allem er die Segel streichen
+Und voll Beschaemung abziehn muss."
+
+Der Ratschlag schien dem Sultan schlau;
+Deshalb sich zu der Mutter eilig
+Umwendend sprach er: "Gute Frau,
+Ich gab mein Wort und halt' es heilig.
+Dein Sohn soll keinen Hindernissen
+Begegnen; aber um zu wissen,
+Was er zur Morgengabe beut,
+Und ob er wirklich zur Erringung
+Der hohen Braut kein Opfer scheut,
+Mach' ich ihm eines zur Bedingung:
+Ich fordre, dass er vierzig Becken
+Von schwerstem Gold mir schicken soll,
+Die saemtlich bis zum Rande voll
+Von herrlichen Juwelen stecken,
+Den damals mir geschenkten gleich,
+Die jeden Stein im ganzen Reich
+Weitaus an Schoenheit uebertrafen,
+Hertragen sollen diese Fracht
+Auf Haeupten vierzig schwarze Sklaven
+In reicher, auserlesner Tracht,
+Gefuehrt von vierzig jungen weissen,
+Die noch verschwenderischer gleissen.
+Dies die Bedingung. Wird genau
+Von ihm bestanden diese Probe,
+Dann--hoere, dass ich's laut gelobe--
+Wird meine Tochter seine Frau."
+
+Die Mutter schritt bedenklich heim,
+Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer,
+Des Herrschers Fordrung werd' auf immer
+In ihrem Sohne jeden Keim
+Des naerrischen Begehrs ersticken.
+Doch als von diesem Trost beseelt
+Sie klipp und klar ihm aufgezaehlt,
+Was er dem Sultan solle schicken,
+Und sicher dachte, dass erschrocken
+Er sich bequeme zum Verzicht,
+Rief er mit strahlendem Gesicht
+Und ueberschaeumendem Frohlocken:
+"Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt
+Im Glauben, dass durch die Bedingung
+Er mich ins Bockshorn jagen wird.
+Waehnt er, mir fehle zur Bezwingung
+Solch eines Probestuecks die Macht?
+Ich koennt' ihm noch ganz andre Launen
+Befriedigen. Er soll erstaunen,
+Und du nicht minder. Gib nur acht!"
+
+Er ging in seine Kammer, rieb
+Die Lampe, bis der Geist erschienen,
+Der unterwuerfig ihm zu dienen
+Wie stets bereit war. Er beschrieb
+Des Herrschers Anspruch ihm ausfuehrlich
+Und fragte dann, ob er dies all
+Ihm schaffen koenne Knall und Fall.
+Der Geist erwiderte: "Natuerlich."
+"Wohlan," sprach Aladdin, "so eile,
+Damit ich flugs den ganzen Tand
+Ihm senden kann."
+
+ Der Geist entschwand
+Und kam nach nicht viel groessrer Weile,
+Als waehrend man die Augenlider
+Zuschliesst und oeffnet, wie geheissen
+Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder,
+Sowie mit vierzig jungen weissen,
+Sodass der umfangreiche Zug
+Sich auf die Strasse musst' erstrecken,
+Weil Haus und Hof nicht weit genug.
+Ein jeder von den schwarzen trug
+Auf seinem Haupt ein goldnes Becken,
+Und jedes Becken wies in Fuelle
+Demanten, Perlen und Berylle,
+Smaragd, Saphir, Topas, Rubin
+Von hoechstem Reiz des Farbenspieles
+Und ueberlegen noch um vieles
+Den Fruechten, die sich Aladdin
+Im Zaubergarten einst gepflueckt.
+Nachdem das Werk soweit geglueckt,
+Rief er die Mutter, die mit starren,
+Weit aufgerissnen Augen gaffte.
+"Schau," sprach er, "muss der Sultan harren?
+Gesteh', dass ich zur Stelle schaffte,
+Was er vorhin sich ausbedang!
+Jetzt aber zoegere nicht lang
+Und bringe meine Morgengabe
+Geradeswegs in den Palast,
+Damit an meiner grossen Hast
+Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe,
+Mein Herz nach so viel Sturmgebraus
+Zu steuern in der Ehe Hafen."
+
+Die Mutter schritt somit voraus
+Dem wundersamen Zug der Sklaven.
+Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus
+Entstroemten gierige Beschauer,
+So dass in Kuerze jung und alt
+Zu einer dichten Menschenmauer
+Auf allen Strassen stand geballt.
+Was irgend Beine hatte, lief,
+Was irgend Lungen hatte, rief
+Mit Stimmen, gellend wie Posaunen,
+Man moege kommen, sehn und staunen.
+Einmuetig wurde die Verkuendung
+Des Urteils allerorten laut,
+Dass in der Stadt seit ihrer Gruendung
+Man solchen Aufwand nie geschaut,
+Nie Sklaven edler von Gestalt,
+Von Wuchs und Haltung angetroffen,
+So bunt geschmueckt, so mannigfalt
+Bekleidet mit den feinsten Stoffen.
+In schoener Ordnung--denn zur Seite
+Den schwarzen Beckentraegern war
+Jeweils ein weisser als Geleite--
+Hinwandelten sie Paar fuer Paar.
+Dazu der Edelsteine Glaenzen,
+Der vierzigfache Spiegelschein
+Des lautren Goldes--allgemein
+War die Begeistrung ohne Grenzen.
+
+
+
+
+9.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Die Nachricht war gleich einem Blitze
+Gedrungen an der Pfoertner Ohr,
+Eh' des Palastes offnem Tor
+Sich naeherte des Zuges Spitze.
+Sie sahn den schmucken Vordermann
+Der achtzig Sklaven mit Verbeugung
+Fuer einen fremden Koenig an
+Und wollten drum zur Ehrbezeugung
+Ihm kuessen seines Kleides Saum.
+Doch der erwiderte: "Gebt Raum
+Und bueckt euch lieber vor dem Rechten.
+Ich bin nur einer von den Knechten
+In unsres grossen Herren Sold."
+So stieg der Zug hinan die Treppen;
+Die Schwarzen hatten arg zu schleppen
+An ihrer schweren Last von Gold,
+Und von den weissen angeleitet
+Betraten sie den lichten Saal
+Des Diwans. Laengst schon vorbereitet
+Und ueberaus gespannt befahl
+Der Sultan, dass man ihnen Platz
+Gewaehre. Kunstgerechterweise
+Vor ihm gereiht in halbem Kreise
+Beeilten sie sich, ihren Schatz
+Am Fuss des Thrones aufzustellen,
+Worauf nach wohlversehnem Amt
+Sowohl die Dunklen als die Hellen
+Sich niederwarfen insgesamt.
+
+[Illustration: Die gestoerte Hochzeitsfeier]
+
+Die Mutter nahte nun dem Thron
+Und sprach mit vielen Huldigungen:
+"Hier sendet Aladdin, mein Sohn,
+Erhabner, was du dir bedungen.
+Er hofft, es werde dir gefallen
+Und der Prinzessin ebenfalls."
+Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen
+Imstande, mit gerecktem Hals
+Und ueberzeugt, ihn wolle necken
+Ein Trug der Sinne, blickte bald
+Verwundert auf die vierzig Becken
+Mit ihrem funkelnden Gehalt
+Von groessrem Wert als ganze Laender,
+Bald auf die fuerstlichen Gewaender
+Der achtzig wohlgestalten Sklaven
+Und sagte laut zum Grossvezier:
+"Fuerwahr, der Himmel soll mich strafen
+Wenn ein Geschenk wie dieses hier
+Je Sultanstoechtern ward geboten!"
+"So ist es," stimmte jener bei,
+zumal er einsah, dass der Knoten
+Nicht anders mehr zu loesen sei.
+Wie haette noch der Fuerst sein Wort
+Zurueckziehn koennen als Empfaenger
+Von solchem beispiellosen Hort?
+Er fragte jetzt sogar nicht laenger
+Nach des Bewerbers Rang und Stand
+Und allen andern Eigenschaften;
+Fuer jeden Vorzug konnt' als Pfand
+Sein ungeheurer Reichtum haften.
+"Geh'," sprach er drum in mildem Ton
+Zur Mutter, "meld' ihm, dass mit warmen
+Gefuehlen ich und offnen Armen
+Ihn gruessen will als Schwiegersohn."
+
+So waren jetzt nach hartem Ringen
+Die Schwierigkeiten weggeraeumt;
+Sie selber durft' ihm Kunde bringen,
+Dass alles, was er sich ertraeumt,
+Was fuer unmoeglich ihr gegolten,
+Was als Verruecktheit sie gescholten,
+Und was ihm ihre Zweifelsucht
+Verargt als frevelhaft verstiegen,
+Ihm jetzt als eine reife Frucht
+Bereit war in den Schoss zu fliegen.
+
+Er aber, wenn auch ueberschwenglich
+Beglueckt, liess keine Zeit entfliehn,
+Um das zu tun, was unumgaenglich
+Ihm zu des Werkes Kroenung schien.
+Er hiess den Geist von neuem kommen
+Und sprach, als dieser schnell genaht:
+"Bereite mir sofort ein Bad
+Und bring', nachdem ich es genommen,
+Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll,
+Wie sonst es nur ein Koenig traegt."
+Er fuehlte drauf alsbald sich machtvoll
+Erfasst und durch die Luft bewegt.
+Ein schoener Raum, an allen Waenden
+Mit buntem Marmor ausgelegt,
+Empfing ihn; dort bedient, gepflegt
+Von zarten, unsichtbaren Haenden,
+Nahm er das Bad in einer lauen,
+Von Wohlgeruch erfuellten Flut.
+Sodann, erquickt und ausgeruht,
+Konnt' er in einem Spiegel schauen,
+Dass er zu seinem Vorteil ganz
+Verwandelt, schoener war und schmucker.
+Statt des bisherigen Gewands,
+Das immer noch den armen Schlucker
+Verraten hatte, fand er Kleider,
+So praechtig, so mit Gold bestickt,
+Dass jeder Prinz und Fuerst als Neider
+Nach ihnen haette hingeblickt.
+
+Sobald er fertig angezogen,
+Erschien der Geist auf seinen Wink,
+Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink!
+Ich habe mittlerweil erwogen,
+Was mir noch fehlt. Ein edles Ross
+Verlang' ich, das an Schoenheit alle
+Verdunkelt in des Sultans Stalle;
+Zu diesem ferner einen Tross
+Von Sklaven, jenen gleich zu achten
+An Kleiderprunk und Stattlichkeit,
+Die mein Geschenk dem Sultan brachten;
+Acht Sklavinnen dann zum Geleit
+Fuer meine Mutter, deren jede
+Ihr ein so koestliches Gewand
+Soll bringen, dass im ganzen Land
+Bald von nichts andrem mehr die Rede.
+Auch einen Beutel mit zehntausend
+Goldstuecken brauch' ich noch. Nur schnell
+Ans Werk!"
+
+ Der Geist entschwebte sausend,
+Und alles war im Nu zur Stell'.
+Den Sklavinnen gab Aladdin
+Befehl, zur Mutter hinzueilen
+Und ihr ein Staatskleid anzuziehn.
+Das bare Gold liess er verteilen
+An feine Sklaven, mit der Weisung,
+Sie sollten's auf der ganzen Laenge
+Des Wegs mit voller Hand zur Speisung
+Der Armut werfen in die Menge.
+Er stieg zu Pferd und zog inmitten
+Des Trosses durch die Strassen hin.
+Selbst Kennern kam nicht in den Sinn,
+Dass er noch nie zuvor geritten,
+Weil mit dem feinsten Ebenmass
+Und Anstand er im Sattel sass.
+
+[Illustration: Aladdin reitet zum Schloss des Sultans]
+
+Vielkoepfig, massig, nicht zu zaehlen,
+Lief wiederum das Volk herbei;
+Betaeubend schwang aus allen Kehlen
+Sich Beifallruf und Jubelschrei,
+Besonders wenn, vom Sklaventross
+Geschnellt, als ungewohnter Segen
+So rechts wie links ein Hagelregen
+Von goldnen Muenzen sich ergoss.
+Wer war der Ritter hoch zu Ross?
+Bei Namen konnt' ihn niemand nennen,
+Nicht einmal einer unter zehn,
+Die noch vor kurzem ihn gesehn,
+Den alten Aladdin erkennen.
+Er, juengst noch duerftig, unansehnlich,
+Sah nun sich selber nicht mehr aehnlich;
+Denn zu der Lampe Wunderkraeften
+Gehoerte die geheime Macht,
+Dem Glueckspilz, den sie hoch gebracht,
+Auch aeussern Adel anzuheften.
+So lag am Tage sonnenklar,
+Dass all der Pracht, womit er prunkte,
+Durch sein Verdienst er wuerdig war.
+Er wurde rasch zum Mittelpunkte
+Fuer jedes Auge; jauchzend hob
+Zum Himmel ihn des Volkes Lob
+Und goennte gern ihm dieser Erde
+Vollkommenstes und reichstes Heil.
+
+Bis zum Palasttor mittlerweil
+Gelangt, stieg artig er vom Pferde.
+Die Pfoertner bildeten zwei Reihen
+Von Tor zu Tuer, um dem Empfang
+Vermehrte Wuerde zu verleihen;
+Durch diese schritt er sacht entlang,
+Trat in den Saal und vor den Thron.
+Der Sultan, seiner harrend schon,
+War ueberrascht und hoechst erbaut
+Sowohl von seiner Prachtentfaltung
+Wie seinem Wuchs und seiner Haltung,
+Schritt ihm entgegen, zog ihn traut,
+Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken,
+An seine Vaterbrust und liess,
+Indem er ihn willkommen hiess,
+Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.
+
+"Erlauchter Fuerst," sprach Aladdin,
+"Ich danke dir, dass mein Erkuehnen,
+Statt es durch harten Spruch zu suehnen,
+So nachsichtsvoll du mir verziehn.
+Ich wuesste nichts, was mich entschuldigt,
+Als dass mein Herz, von holdem Zwang
+Besiegt, in willenlosem Drang
+Der reizenden Prinzessin huldigt,
+Und dass die Liebe, die gewaltsam
+In meinem Innern flammt und loht,
+Nicht enden wird, bis unaufhaltsam
+Mein Leben selbst erlischt im Tod."
+
+"Mein Freund," versetze halb im Scherz
+Der Sultan, "um durch dieses Feuer
+Heillos versengt zu sehn dein Herz,
+Halt' ich fortan dich viel zu teuer.
+Ist dies das Mittel, dich zu toeten,
+So weiss ich, was dich heilen soll."
+Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl
+Musik von Zimbeln und von Floeten.
+Er fuehrte drauf ihn liebevoll
+Zum wunderbaren Nebensaal,
+Worin bereits auf goldnen Tellern
+War aufgetischt ein leckres Mahl,
+Das aus den kaiserlichen Kellern
+Versorgt war mit dem besten Wein.
+Der Sultan ass mit ihm allein;
+Der Grossvezier und all die Herrn
+Von Rang und von Gebluet umkreisten
+Den vollbesetzen Tisch von fern
+Und mussten zusehn, wie sie speisten.
+
+
+
+
+10.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nach Tische ward an Aladdin
+Vom Sultan vaeterlich die Frage
+Gerichtet, ob es ihm behage,
+Sogleich die Hochzeit zu vollziehn.
+Er gab zur Antwort: "Herr, du weisst,
+Wie sehr ich nach dem Glueck verlange,
+Das die Prinzessin mir verheisst.
+Jedoch damit ich ihrem Range
+Gemaess an unserm Hochzeitstag
+Sogleich in tadellosen Raeumen
+Ein neues Heim ihr bieten mag,
+Lass noch fuer kurze Zeit mich saeumen.
+Ein Schloss, versehn mit jeder Zier,
+Will ich errichten. Weise mir
+Drum einen angemessnen Bauplatz."
+Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast
+Die Auswahl. Hier vor dem Palast
+Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz,
+Wo fuer dein Schloss genuegend Raum.
+Nur lass es moeglichst rasch erbauen;
+Denn, glaube mir, ich kann es kaum
+Erwarten, euch vermaehlt zu schauen."
+Nach dem Geloebnis, dass er sicher
+Den Bau nach Kraeften foerdern werde,
+Nahm Aladdin mit feierlicher
+Umarmung Abschied, stieg zu Pferde
+Und trabte durch die gleichen Gassen
+Mit dem Gefolg zurueck nach Haus,
+Umbrandet wieder von den Massen
+Des Volks mit lautem Jubelbraus.
+
+Daheim kaum angelangt, beschwor
+Den Geist er abermals und sagte:
+"Schon dein bisherig Wirken ragte
+Durch Kraft und Schnelligkeit hervor.
+Doch zu dem ungemeinen Werke,
+Das jetzt mir unentbehrlich ist,
+Bedarf ich deiner ganzen Staerke.
+Du sollst in moeglichst kurzer Frist
+Grad gegenueber vom Palaste
+Des Sultans mir ein stolzes Schloss
+Errichten, das vom Erdgeschoss
+Bis zu des Daches Flaggenmaste
+Der Sultanstochter, meiner Frau,
+Trotz ihrem sehr verwoehnten Auge
+Zur kuenftigen Behausung tauge.
+Welch ein Gestein du fuer den Bau
+Verwenden willst, ob Marmorquadern,
+Schneeweiss mit feinen schwarzen Adern,
+Ob Jaspis, ob Achat, Lasur,
+Das stell' ich ganz in dein Ermessen;
+Doch sollst du--dies beding' ich nur--
+Nicht einen grossen Saal vergessen
+Im obern Stockwerk, der bekroent
+Von einer Kuppel, an den Waenden
+Durch Gold und Silber sei verschoent.
+Auch soll, um hellstes Licht zu spenden,
+Er vierundzwanzig Fenster zaehlen;
+Die Rahmen seien alabastern,
+Das Gitter sollst du mit Juwelen
+Von unerreichtem Glanz bepflastern.
+An einem wohlverwahrten Platz
+Befinde ferner sich ein Schatz
+Gemuenzten Goldes aufgespeichert,
+Der fuer mein Lebtag mich bereichert.
+Auch will ich, dass man eine Flucht
+Von Kuechen trifft am rechten Orte,
+Nebst Vorratskammern jeder Sorte,
+Und Staelle voll von edler Zucht.
+Ingleichen soll das Lustschloss innen
+Bevoelkert sein mit einem Heer
+Von Dienern und von Dienerinnen.--
+Das alles schaff' mir nach Begehr,
+Und wenn du fertig bist, komm wieder."
+
+Als er dem Geiste dies gebot,
+Sank abendlich die Sonne nieder.
+Am andern Tag ums Morgenrot
+Erschien der Geist an seinem Bette:
+"Vollendet ist, was du bestellt;
+Schau," sprach er, "ob es dir gefaellt."
+Er trug darauf ihn an die Staette.
+Wie sehr war Aladdin verwundert!
+Da stand, erbaut in einer Nacht,
+Ein Schloss, wie noch kein halb Jahrhundert
+Voll Menschenarbeit es vollbracht.
+Er glaubte wahrlich nur zu traeumen,
+Als ihn der Geist in allen Raeumen
+Herumgeleitete. Da war
+Sein Auftrag Punkt fuer Punkt vollzogen,
+Bei weitem ueberholt sogar:
+Gewoelbe, Saeulen, Pfeiler, Bogen
+Von hoechster Schoenheit, ein Gewimmel
+Von Dienstbeflissnen ueberall;
+An Silberkrippen in dem Stall
+Die schoensten Rappen, Fuechse, Schimmel;
+Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam
+In Kuech' und Kammern schon verfacht;
+Der Schatz in sicherem Gewahrsam,
+Von einem Schliesser treu bewacht,
+Mit Gold gefuellte Riesensaecke,
+Gehaeuft, getuermt bis an die Decke.
+
+Nachdem sich Aladdin das Ganze
+Von Grund aus angesehn, zumal
+Auch noch den grossen Kuppelsaal,
+Sprach er, geblendet von dem Glanze,
+zum Geist: "Ich muss dir Beifall zollen;
+Befriedigt wurde musterhaft
+Von dir mein Wuenschen und mein Wollen.
+Nun sei nur noch herbeigeschafft
+Ein langer Teppich aus Damast,
+Von feenhaftem Farbenschimmer;
+Du sollst, befehl' ich, vom Palast
+Des Sultans ihn bis an die Zimmer
+Der Herrin dieses Schlosses breiten.
+Ihn soll auf ihrer Wanderung
+Ins neue Heim ihr Fuss beschreiten."
+Der Geist entfernte sich im Schwung,
+Und eh' sich's Aladdin versah,
+Lag der damastne Teppich da.
+Der Geist kam wieder ohne Rast
+Und trug nach Haus ihn unverdrossen,
+Grad als die Pforten am Palast
+Des Sultans wurden aufgeschlossen.
+
+Die Pfoertner wunderten sich sehr,
+Als drueben, dicht vor ihren Nasen,
+Wo gestern noch die Staette leer
+Und nur bewachsen war mit Rasen,
+Ein Wunderbauwerk hoch und hehr
+Sie ragen sahen in die Luefte.
+Die Nachricht schwirrte mit Gesumm
+Befluegelt im Palast herum;
+Der Hofstaat machte hoechst verblueffte
+Gesichter, und der Grossvezier
+Lief, als er eine Weile stier
+Den raetselhaften Spuk beglotzt,
+zum Sultan hin und sprach entruestet:
+"Wer sich mit einem Kunststueck bruestet,
+Das jeglicher Erfahrung trotzt,
+Der steht im Bund mit Zauberei!"
+Der Sultan gab zur Antwort: "Ei,
+Man muss nicht gleich das Schlimmste denken.
+Was ist denn weiter auch dabei?
+Ein Mann, der so vermag zu schenken,
+Den drum mein fuerstliches Vertrau'n
+Erkor zu meiner Tochter Gatten,
+Der kann sich wohl den Spass gestatten,
+Ein Schloss in einer Nacht zu bau'n.
+Er gibt als reichster Mann der Welt
+Uns nur ein augenfaellig Zeichen,
+Dass man mit sehr viel barem Geld
+So ziemlich alles kann erreichen.
+Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen,
+Und wenn du trachtest, ihn als Frucht
+Von Zauberkuensten hinzustellen,
+So spricht aus dir die Eifersucht."--
+
+Zur Stunde, da sich so die beiden
+Besprachen, war in ihrem Haus
+Die Mutter Aladdins drauf aus,
+Mit jenem Staat sich zu bekleiden,
+Den ihr die Sklavinnen gespendet,
+Und liess, nachdem durch deren Walten
+Ihr Putz in Baelde war vollendet,
+Von ihnen sich die Schleppe halten
+Auf ihrem Wege zum Palast.
+Auch Aladdin, im Vaterhause
+zum allerletztenmal zu Gast,
+Brach auf nach kurzer Ruhepause.
+Die vielbewaehrte Wunderlampe
+Nahm er dabei wohlweislich mit,
+Bestieg sein flinkes Pferd und ritt
+Gradaus zu seines Schlosses Rampe.
+
+[Illustration: Der Sultan erblickt das Schloss Aladdins]
+
+Der feierliche Freudenklang
+Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten
+Erscholl der Mutter zum Empfang.
+Von des Palastes Zinnen wehten
+Im Winde froehlich bunte Fahnen;
+Aus Schalen stroemte Balsamduft;
+Der Hofstaat stand auf den Altanen
+Und schwenkte Tuecher durch die Luft.
+Die Stadt ward neuerdings geschmueckt
+Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern;
+Viel deutlicher war den Gesichtern
+Des Frohsinns Stempel aufgedrueckt
+Als beim gestoerten Hochzeitsfeste
+Von damals. Die verdutzte Schar
+Des Volks erblickte zwei Palaeste,
+Wo tags zuvor nur einer war;
+Zumal bestaunten sie den neuen,
+Und laut bekannte jedermann,
+Er muesse den Vergleich nicht scheuen,
+Ja, steh' dem alten weit voran.
+
+Inzwischen ward, weil sich der Freier
+Ausdruecklich hatte vorbehalten,
+In seinem eignen Schloss die Feier
+Der Hochzeit glaenzend zu gestalten,
+Vom Sultan oeffentlich erklaert,
+Dass gueltig nun zu Recht bestehe
+Prinzessin Bedrulbudurs Ehe
+Mit dem Gemahl, der ihrer wert,
+Und dem sein Vaterherz gewogen;
+Auch wurde der Vertrag vollzogen
+Mit hergebrachter Foermlichkeit.
+Dann leerten einen Freudenbecher
+Die Mutter und der Fuerst zuzweit.
+Er selber gab ihr das Geleit
+In der Prinzessin Wohngemaecher.
+Dort kam in ihrem reichen Schmuck
+Und ihrer Schoenheit holdem Prangen
+Die Braut entgegen ihr gegangen
+Mit einem warmen Haendedruck
+Und einem Kuss auf ihre Wangen.
+Sie nahm, bereit zur Ueberfuehrung
+In ihres Ehegatten Schloss,
+Vom Vater Abschied. Beiden floss
+Ein Traenenstrom herab vor Ruehrung.
+Und als der Sonne letztes Blinken
+Gewichen war dem Daemmerschein,
+Da formte sich der Zug. Zur Linken
+Schritt ihr die Mutter, hinterdrein
+Die Sklavinnen und Zofen all,
+Voran ein Trupp von Musikanten
+Mit schmetterndem Posaunenschall,
+Zuletzt unzaehlige Trabanten,
+Lakaien, Pfeifer, Paukenschlaeger
+Und Knappen, die als Fackeltraeger
+Dem Zuge Licht zu spenden hatten.
+So schwebte die Gebieterin
+Auf dem damastnen Teppich hin
+Zum kerzenhellen Schloss des Gatten,
+Und all das heitre Volksgewimmel
+Entsandte wie aus einem Mund
+Gebet und Segenswunsch zum Himmel
+Fuer ihren jungen Ehebund.
+
+
+
+
+11.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Von seiner Dienerschaft umgeben
+Stand Aladdin am Eingangstor
+Und fuehrte mit begluecktem Beben
+Die Braut zum Kuppelsaal empor.
+Sie war beim ersten Anblick schon
+Entzueckt von ihm, da beim Vergleiche
+Sie fand, dass nimmer ihm der Sohn
+Des Grossveziers das Wasser reiche.
+Und Aladdin? Ach, wer beschriebe,
+Was er im Innersten empfand,
+Wie nun das Traumbild seiner Liebe
+Holdselig leibhaft vor ihm stand!
+Er rief: "Du Herrlichste von allen,
+Vor der das Taggestirn erbleicht,
+Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht
+Verurteilt bin, dir zu missfallen!"
+"Mein Prinz--denn dieser Name scheint",
+Versetzte sie, "dir zu gebuehren--
+Mir hat mein Vater dich zu kueren
+Befohlen und mich dir vereint.
+Des Vaters Willen sich zu fuegen
+Ist einer guten Tochter Pflicht;
+Doch ich vollzog sie mit Vergnuegen;
+Denn wisse, du missfaellst mir nicht."
+
+Mit dieser feinen Antwort scheuchte
+Sie seiner Sorge letzten Rest;
+Und nun begann ein Zauberfest,
+Das ihr viel Staunenswerter deuchte,
+Als was daheim sie je geschaut.
+Die Tafel ueberschwemmten Rosen,
+Von Diamanten rings betaut;
+Von einer gleichfalls grenzenlosen
+Verschwendung zeugten die Pokale,
+Die Schuesseln, Teller, Gabeln, Messer;
+Sogar die Speisen waren besser
+Als je beim kaiserlichen Mahle.
+Zu Floetenspiel und Lautenklang
+Ertoente, reizend anzuhoeren,
+Ein doppelstimmiger Gesang
+Von allerliebsten Maedchenchoeren.
+Nach Schluss des Mahls erschien ein Schwarm
+Von Taenzern und von Taenzerinnen,
+Um einen Reigen zu beginnen.
+Der Schlossherr selbst bot seinen Arm
+Der Herrin, und voll Anmut schwangen
+Nach einem alten Brauch des Lands
+Die Neuvermaehlten sich im Tanz.
+Die Mitternacht war laengst vergangen,
+Da sich im Schloss zu Ende neigte
+Die Lustbarkeit.
+
+ Am Tag darauf,
+Als schon des Sonnenballes Lauf
+Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte,
+Schritt Aladdin mit einem Heere
+Von Dienern auf dem kurzen Pfad
+Hinueber zum Palast und bat
+Den Schwiegervater um die Ehre,
+Sein Schloss in Augenschein zu nehmen.
+Gewiss, der Sultan mochte gern
+Zu dieser Einkehr sich bequemen
+Und ging, begleitet von den Herrn
+Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fusse.
+
+Das Schloss, obwohl er's nun schon oft
+Von seinem Fenster aus mit Musse
+Betrachtet, schien ihm unverhofft
+Noch praechtiger, als er es nah
+Und naeher jetzt vor Augen sah.
+Im Innern erst vermochte kaum
+Er sein Entzuecken zu bemeistern,
+Und gar der grosse Kuppelraum
+Schien grenzenlos ihn zu begeistern.
+Er sprach zum Grossvezier: "Ein Wunder
+Wie dies hab' ich noch nie gewahrt.
+Hiergegen ist, bei meinem Bart,
+Mein eigener Palast nur Plunder."
+
+Doch als er wieder heimgekehrt,
+Um manchen grossen Eindruck reicher.
+Da schlaengelte der alte Schleicher
+Von Grossvezier sich unbegehrt
+An ihn heran mit dem Vermerk:
+"Wer koennte diesen Bau betrachten,
+Erhabner, ohne fuer ein Werk
+Der Zauberkunst ihn zu erachten?"
+Der Sultan drauf mit strengem Blick:
+"Das hochzeitliche Missgeschick,
+Das deinem Sohn so schlecht bekam,
+Kannst du noch immer nicht verschmerzen,
+Bist Aladdin deswegen gram
+Und suchst ihn grundlos anzuschwaerzen."
+
+So scheiterte die Laestrung klaeglich.
+Der Fuerst begab, sobald er wach,
+Vielmehr von jetzt ab sich tagtaeglich
+Gleich in sein Lieblingswohngemach,
+Wo freien Ausblick er genoss
+Auf seines Schwiegersohnes Schloss,
+Und ward nicht mued, vom Fenster aus,
+Ganz in Bewunderung vergraben,
+An Form und Schmuck des stolzen Baus
+Das Auge stundenlang zu laben.
+Wer aber daechte, dass nunmehr
+Sich Aladdin daheim verschlossen
+Und ferngehalten vom Verkehr,
+Der haette gaenzlich fehlgeschossen.
+Im Gegenteil, er ward bestaendig
+Lustwandelnd in der Stadt gesehn,
+Ging zum Gebet in die Moscheen,
+Tat manchen Einkauf eigenhaendig,
+War bei den hohen Edelleuten
+Oft zu Besuch, und jedesmal,
+Wenn er mit einer grossen Zahl
+Betresster Diener ausritt, streuten
+Sie Gold umher aus vollen Haenden.
+An seines Schlosses Pforten kam
+Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden
+Vollauf beladen Abschied nahm.
+
+Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen,
+Ins Feld hinausstob ungehemmt,
+Ward jedes Dorf auf seinen Wegen
+Von einem Goldstrom ueberschwemmt.
+Kein Wunder war's, wenn dergestalt
+Ihm der Beruehmtheit Rosenwolke
+Das Haupt umspann, und wenn er bald
+Vergoettert ward vom ganzen Volke.
+Er aber wurde drum nicht eitel,
+Nein, zeigte dem bedrohten Staat
+Sich von der Zehe bis zum Scheitel
+Als echten Helden durch die Tat:
+Des Reichs gesamte Grenze stand
+In eines Aufruhrs hellem Brand.
+Der Feldherrn keiner konnt' ihn daempfen,
+Bis Aladdin, dem Ruf der Not
+Gehorchend, mannhaft sich erbot,
+Auf eigne Faust ihn zu bekaempfen.
+Vom Herrscher an des Heeres Spitze
+Berufen zog er in das Feld,
+Nicht achtend Muehsal, Frost und Hitze!
+Bald war von ihm der Feind umstellt
+Und wurde wie beim Hasenjagen
+Trotz aller seiner Uebermacht
+In einer einz'gen grossen Schlacht
+Zerstreut und in die Flucht geschlagen.
+Dann fuehrte seine tapfren Krieger
+Er heimwaerts im Triumph, das Haupt
+Von einem Ruhmeskranz umlaubt,
+Und hiess nun Aladdin der Sieger.--
+
+In stetem Fluss allmaehlich reihte
+Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr;
+Er aber ward es kaum gewahr
+An seiner schoenen Gattin Seite,
+Geliebt und liebend, hochgeachtet
+Und doch von schlicht bescheidnem Sinn.
+Die Bosheit, die von Urbeginn
+Das Gute zu vernichten trachtet,
+Sollt' aber nach der Gnadenfrist
+Auch ihn mit hartem Streiche treffen.
+
+[Illustration: Der Zauberer befragt die "schwarze Kunst" ueber Aladdin]
+
+Der Zaubrer, der mit schnoeder List
+Ihn einst sich ausgesucht als Neffen,
+Dann heimgewandert und seit Jahren
+In Afrika nun wieder sass,
+Wollt' eines Tages, rein zum Spass,
+Genaueres davon erfahren,
+Wie Aladdin zugrund gegangen.
+Denn dass der Bursch aus jener Gruft
+Nie mehr, nachdem er drin gefangen,
+Zurueckgekehrt zu Licht und Luft,
+War nicht im mindesten ihm fraglich;
+Die Frage, die er noch gespart,
+Galt einzig seiner Todesart.
+Er setzte sich darum behaglich
+An einen Tisch, worauf mit Sand
+Gefuellt ein Viereck sich befand
+In Schachtelform, nahm einen Stift
+Und zog damit nach Zaubrerweise
+Im Sande Linien und Kreise
+Nebst Lettern einer fremden Schrift.
+Berechnend, murmelnd unverstaendlich,
+Nach Grundsatz, Regel und Gebot
+Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich
+Heraus, dass Aladdin nicht tot,
+Nein, dass er aus der Gruft entsprungen,
+Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen
+Und obendrein als der Gemahl
+Der Sultanstochter herrlich lebe.
+
+Ha, war das tueckische Gewebe
+Zerfetzt? Er wurde leichenfahl,
+Krebsrot und wieder kreideblass
+Und dann vor Missgunst gelb und gelber.
+"Wie?" rief er aus in Wut und Hass,
+"Der Schatz, den muehsam fuer mich selber
+Ich ausgespuert mit saurem Schweiss,
+In zaehem, jahrelangem Fleiss,
+Der Lampe hohe Wunderkraft
+Ward mir zu meines Forschens Lohne
+Von einem niedren Schneidersohne,
+Von einem Tagedieb entrafft!
+Er, den vermodert ich gewaehnt,
+Er darf zu schwelgen sich erfrechen
+Im Reichtum, den er mir entlehnt!
+Doch nur Geduld, ich will mich raechen!"
+Er warf somit am selben Tag
+Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen
+Und galoppierte stracks von hinnen
+Zum Reich, das fern im Osten lag.
+
+
+
+
+12.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem er auf der langen Reise
+Sich und sein Pferd halb tot gehetzt,
+Sich nur an kurzem Schlaf geletzt,
+Sich nur genaehrt mit knapper Speise,
+Mit kargem Trank erfrischt, gelangte
+Der Zaubrer in des Sultans Reich,
+Und bald vor seinen Augen prangte
+Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich
+Ihm damals klaeglich war misslungen.
+In einem kleinen Gasthaus stieg
+Er ab, um seinen Rachekrieg
+Zu foerdern durch Erkundigungen.
+
+Das Wichtigste ward ihm natuerlich
+Enthuellt, bevor ein Tag verfloss;
+Denn alle Welt sprach unwillkuerlich
+Von Aladdin und seinem Schloss.
+Er liess zu dem beruehmten Bau
+Von seinem Wirt sich hingeleiten,
+Und als er ihn von allen Seiten
+Beschnueffelt hatte ganz genau,
+Da wusst' er, dass dem Aladdin
+Zu einem Werk von solcher Groesse
+Nur jene Lampe Kraft verliehn.
+Er gab sich selber Rippenstoesse
+Vor Aerger, weil dies Meisterstueck
+Ihn voellig erst ermessen lehrte,
+Was ihm entgangen war, und kehrte
+Zu seinem Gasthaus dann zurueck.
+
+Wo mochte wohl die Lampe stecken?
+Wenn ihren Aufbewahrungsplatz
+Er faehig waere zu entdecken,
+Dann koennt' er den ersehnten Schatz
+Von ihm erlisten, Raub um Raub,
+Und von der angemassten Zinne
+Zurueck ihn schmettern in den Staub.
+Er nahm behend wie eine Spinne,
+Die rastlos webt an ihrem Netze,
+Das Zauberviereck wieder vor,
+Und durch die magischen Gesetze,
+Die mit Gekritzel er beschwor
+Und knifflicher Berechnungsart,
+Ward bald unfehlbar ihm verraten:
+Die Lampe war im Schloss verwahrt.
+
+Der Zufall, der verruchten Taten
+Oft beisteht, war auch ihm gewogen.
+Willkommen traf die Nachricht ihn,
+Dass vor drei Tagen Aladdin
+Auf eine grosse Jagd gezogen
+Und fern sei bis zum Wochenschluss.
+Er trat in eines Klempners Laden
+Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden
+Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muss
+zwoelf Lampen haben, nagelneu,
+Von blankem Kupfer." "Meiner Treu,"
+Erwiderte mit breitem Lachen
+Der Klempner--denn er war erfreut,
+Solch glaenzendes Geschaeft zu machen--
+"Gleich zwoelf? So viele hab' ich heut
+zwar nicht auf Lager; doch bis morgen
+Werd' ich die fehlenden besorgen."
+
+Mit einem Korb am Arme kam
+Der Zaubrer wieder tags darauf,
+Verpackte drin den ganzen Kram,
+Gab fuer den abgeschlossnen Kauf
+Weit hoehern Preis als nach Verpflichtung,
+Bewegte dann sich in der Richtung
+Des Schlosses langsam durch die Stadt
+Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen:
+"Hoert, hoert! Wer alte Lampen hat,
+Kann hier sie gegen neue tauschen."
+Die Leute dachten allgemein:
+"Der Mensch da hat wohl einen Sparren."
+Die Kinder hielten ihn zum Narren
+Und liefen groehlend hinterdrein.
+Ihn aber konnt' es nicht beirren;
+Er liess im Korb die Lampen klirren
+Und wiederholte hundertmal
+Aus Leibeskraeften sein Gekraehe
+Bis in des Schlosses naechste Naehe.
+
+In ihrem grossen Kuppelsaal
+Sass Bedrulbudur. Das Gehoehne
+Der Kinder und die schrillen Toene
+Des Rufers drangen auch zu ihr,
+Und einer Sklavin aufzutragen
+Gebot ihr drum die Wissbegier,
+Sie moeg' hinuntergehn und fragen,
+Was dieser wueste Laerm bedeute.
+Die Sklavin ging und lachte hell,
+Da sie zurueckkam: "Der Gesell,
+Der dort umringt wird von der Meute,
+Ist ohne Zweifel gaenzlich toll.
+Sein Tragkorb ist von einem Haufen
+Der schoensten neuen Lampen voll;
+Er aber will sie nicht verkaufen,
+Nein, will sie tauschen gegen alte."
+
+Auch der Prinzessin Lachen schallte
+Nun laut und klang im Echo nach,
+Bis eine andre Sklavin sprach:
+"Vergib mir, Herrin; doch ich finde,
+Da sich's um alte Lampen dreht
+Und gleich hier neben auf dem Spinde
+Zufaellig eine solche steht,
+So koennte man, wenn's dir beliebt,
+Erproben, ob der Kerl tatsaechlich
+Fuer diese da, die schon gebrechlich,
+Uns eine nagelneue gibt."
+
+Dem stimmte die Prinzessin zu.--
+Klang dir im Innern keine Warnung,
+O Bedrulbudur? Ahntest du
+Nicht schmaehlichen Betrugs Umgarnung?
+Die Wunderlampe war's, die dort
+Unscheinbar stand seit ein paar Tagen,
+Weil Aladdin, der immerfort
+Sie sonst mit sich herumgetragen,
+Aus Furcht, sie koenn' in Wald und Feld
+Verloren gehn, nicht auf die Jagd
+Sie mitgenommen. Wer nun fragt,
+Warum aufs Spind er sie gestellt,
+Anstatt sie sorgsam einzuschliessen,
+Den darf die Antwort nicht verdriessen,
+Dass hin und wieder ein Versehn
+Wohl jedem unterlaeuft im Leben,
+Und dass die Allerkluegsten eben
+Die duemmsten Fehler oft begehn.
+Die Sklavin nahm die Lampe, trug
+Zum Zaubrer hurtig sie hinunter,
+Hielt ihm sie hin und sagte munter:
+"Wenn diese da dir alt genug,
+Gib eine neue mir zum Tausche."
+Zugreifend voll Begier verschlang
+Er mit den Augen seinen Fang
+In schlecht verhehltem Freudenrausche;
+Dann liess er unters Kleid ihn wandern.
+Den Korb jedoch mit den zwoelf andern
+Wies er der Sklavin vor zur Wahl.
+Sie waehlte lachend, und die Rotte
+Begoss ihn mit vermehrtem Spotte.
+
+Doch er, geschmeidig wie ein Aal,
+Entkam durch eine Seitengasse,
+Liess dort, sobald ihn dieser Schlich
+Geborgen hatte vor der Masse,
+Den angefuellten Korb im Stich
+Und lief davon, sein Gasthaus meidend.
+Was lag ihm noch an seinem Pferd?
+Was lag an andrem Geldeswert?
+Jetzt war nur eins fuer ihn entscheidend!
+Nachdem er eine halbe Meile
+Vorm Stadttor endlich Halt gemacht,
+Beschloss er, noch fuer eine Weile
+Sich zu gedulden, bis die Nacht
+Ihm Schutz vor Ueberrumplung boete.
+Erst als im Westen sich verlor
+Der letzte Schein der Abendroete,
+Zog er die Lampe sacht hervor
+Und rieb sie.
+
+ "Was ist dein Begehr?"
+So rief im naechsten Augenblicke
+Der Geist, an Laenge, Breite, Dicke
+Fuenfmal so massig wie ein Baer;
+"Die Lampe macht es mir zur Pflicht,
+Dass ich gehorsam dich bediene."
+Der Zaubrer sprach mit Siegermiene:
+"Du sollst das Schloss, das jener Wicht
+Von dir sich hat erbauen lassen,
+Mit seinen saemtlichen Insassen
+Und mir zugleich alsbald von da
+Forttragen durch des Aethers Wellen
+Und an dem Punkt in Afrika,
+Wo ich daheim bin, niederstellen."
+Gehorsam seinem neuen Meister
+Vollzog der Geist noch in der Nacht
+Mit Hilfe seiner Nebengeister
+Den Auftrag.
+
+ Zeitig aufgewacht
+Begab der Sultan sich wie taeglich
+Zum Fenster, um in froher Schau
+Zu mustern den erhabnen Bau.
+Sein Staunen aber war unsaeglich,
+Als er den leeren Platz erblickte,
+Vom Schloss dagegen keine Spur.
+Er rieb die Augen sich, er zwickte
+Sich in den Arm; dies konnte nur
+Entweder Trug sein oder Traum!
+Doch welche Vorsicht er auch uebte,
+Die Sonne schien, kein Woelkchen truebte
+Den Himmel bis zum fernsten Saum.
+Unzweifelhaft, er traeumte nicht!
+Mit steifem, starrem Angesicht
+Stand er und stand wie angewurzelt
+Und murmelte: "Das Schloss ist fort,
+Soviel steht fest. Waer's eingepurzelt,
+So laegen doch die Truemmer dort.
+Der Kuckuck weiss, was hier geschehn!"
+Zum Schluss, wie stets in schweren Faellen,
+Liess er dem Grossvezier bestellen,
+Er wuensche schleunigst ihn zu sehn.
+
+Der Grossvezier kam angerannt;
+Der Sultan fasste seine Hand,
+Zog ihn zum Fenster hin und fragte
+Voll Spannung: "Wirst du was gewahr
+Vom Schloss, das gestern hier noch ragte?
+Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar."
+Der Grossvezier war hoechst betroffen;
+Jedoch er sammelte sich bald.
+"Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen,
+Was mir schon laengst fuer sicher galt,
+Wenngleich du mir nicht beigepflichtet?
+Dies Schloss, ich wiederhol' es frei,
+So schnell verschwunden wie errichtet,
+Es war ein Werk der Zauberei."
+
+Der Sultan, der dem Laesterwort
+Nicht mehr zu widerstehn vermochte,
+Ward kirschrot im Gesicht; er kochte
+Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord!
+Ein Gauner, listig und verlogen,
+Hat an der Nase mich gezogen!
+Wo ist der Schurk', der das gewagt?
+Noch heute soll sein Blut verschaeumen!"
+Drauf jener: "Herr, lass uns nur saeumen,
+Bis er zurueckkehrt von der Jagd."
+"Nichts da! Das waere zu viel Schonung,"
+Entgegnete der Sultan wild;
+"Vom Henker werd' ihm die Belohnung,
+Mit der man Hochverrat vergilt.
+Geh', schick' ihm dreissig Reiter nach!
+Die sollen unterwegs ihn greifen,
+Verhaften und mit Schimpf und Schmach
+Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"
+
+
+
+
+13.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Auf seinem Rueckweg nach der Stadt
+Begriffen, ahnungslos und heiter,
+Traf Aladdin die dreissig Reiter.
+Ihr Hauptmann gruesste hoeflich glatt,
+Und er, von Heimweh schon beschwingt
+Und in der Meinung, jene waeren
+Vorausgesandt zu seinen Ehren,
+Sah sich mit einem Schlag umringt.
+"Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzuklaeren,"
+Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher,
+Der Unheil meldet, spricht nicht gern.
+Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn,
+Befohlen, dich als Staatsverbrecher
+In Haft zu nehmen und gefangen
+Zu fuehren vor sein Angesicht."
+"Sag' nur, was hab' ich denn begangen?"
+Rief Aladdin mit heissen Wangen.
+Drauf jener: "Prinz, das weiss ich nicht."
+"Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht,
+Was eures Amts! Ich folg' euch willig,
+Ist's auch gewiss nicht recht und billig,
+Was unverschuldet mir geschieht."
+Er warb vom Pferd geholt, an Armen
+Und Hals mit Ketten fest umschnuert
+Und so zum Schrecken und Erbarmen
+Des Volkes in die Stadt gefuehrt.
+
+Der Liebling aller war in Not!
+Man wusste nicht, aus welchem Grunde,
+Sah nur ihn von Gefahr bedroht
+Und wollte drum, zu raschem Bunde
+Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen.
+Ein Teil ergriff metallne Waffen,
+Ein andrer Steine, Knuettel, Stangen,
+Den Reitern sperrend Weg und Raum;
+Mit ihrem Haeftling konnten kaum
+Sie bis in den Palast gelangen.
+
+Der Sultan, der bereits ihr Nah'n
+Erwartet hatte vom Altan,
+Befahl dem Henker, alsogleich
+Dem Schaendlichen, der sein Vertrauen
+Getaeuscht, mit einem scharfen Streich
+Das Frevlerhaupt herabzuhauen.
+Es ward ihm keine Frist verliehn,
+Sich durch Verteidigung zu retten;
+Der Henker hiess, nachdem die Ketten
+Ihm abgestreift, ihn niederknien,
+Band ihm sodann die Augen zu,
+Erhob das Richtschwert, wie befohlen,
+Um auf des Herrschers Wink im Nu
+zum Streich gewaltig auszuholen.
+
+[Illustration: Aladdins schlimmste Stunde]
+
+Da--was ist das? Was droehnt und gellt?
+Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend?
+Vom Volke haben viele Tausend
+Im Aufruhr den Palast umstellt.
+Man reisst und ruettelt an den Mauern,
+Man bricht aus ihnen Stein um Stein,
+Und lange kann es nicht mehr dauern,
+Da stuerzen sie zertruemmert ein,
+Und alle Tore klaffen splitternd.
+"O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd
+Zum Sultan sich der Grossvezier,
+"Schau hin, wie meuterische Horden,
+Vollstaendig zuegellos geworden,
+Gleich einem grimmen Riesentier
+Sich gegen deine Mauern tuermen!
+Der Mensch hat auch dein Volk behext,
+Und wenn du diesen Spruch vollstreckst,
+Dann wird es den Palast erstuermen."
+
+Der Sultan fuhr erschreckt zusammen.
+Er merkte wohl, dass durch den Tod
+Prinz Aladdins das Reich in Flammen
+Auflodern wuerde. Drum gebot
+Er dem verbluefften Henker knapp
+Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen;
+Der nahm die Binde von ihm ab,
+Und den erregten Menschenmassen
+Ward mit Trompetenstoss verkuendigt,
+Der Sultan habe kurz und gut,
+Wie sehr auch Aladdin gesuendigt,
+Ihn zu begnadigen geruht.
+Dies Wort, voll Beifallslaerm umtoent,
+Goss Oel in die erzuernten Wogen;
+Die saemtlichen Empoerer zogen
+Nach Haus beschwichtigt und versoehnt.
+
+Doch Aladdin, als er befreit
+Sich sah, hob zum Altan die Haende:
+"Herr," bat er flehentlich, "vollende
+Die Gnade, die du mir geweiht,
+Und sage mir, durch welch Verbrechen
+Verdient' ich solch ein Strafgericht?"
+"Ei, willst du dich noch gar erfrechen,
+Zu tun, als wuesstest du das nicht?
+Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher!
+Dein Stolzes Schloss, wo mag es liegen?
+Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr."
+Als Aladdin emporgestiegen,
+Liess er ihn durch das Fenster blicken
+Und fragte barsch: "Was siehst du da?"
+Der Aermste glaubte zu ersticken,
+Als er die leere Stelle sah.
+Versteinert, reglos blieb er stehn,
+War nicht imstande, sich zu sammeln,
+Geschweige denn ein Wort zu stammeln.
+
+"Nun sprich! Kannst du dein Schloss erspaehn?"
+So forschte jener streng und hart.
+"Bekenne, wo es hingekommen,
+Und was aus meiner Tochter ward!"
+"Mein Fuerst," sprach Aladdin beklommen,
+"Obgleich ich selbst nicht ahnen kann,
+Was mittlerweil sich hier begeben,
+So schwoer' ich dir bei meinem Leben,
+Ich habe keinen Teil daran!"
+Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten
+Entschuldigst du dein Bubenstueck!
+Gern will ich auf das Schloss verzichten;
+Jedoch mein Kind gib mir zurueck!
+Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz
+Dir deinen Kopf herunterschlagen,
+Als waere der ein Tannenklotz."
+"Herr, eine Frist von vierzig Tagen
+Gewaehre mir!" bat Aladdin.
+"Ich werde, sollt' es mir misslingen,
+Verlornes wiederzuerringen,
+Mich meiner Strafe nicht entziehn."
+Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's;
+Ich will dir diese Frist vergoennen.
+Du wuerdest doch um keinen Preis
+Dem Raecherarm entrinnen koennen."
+
+Bekuemmert, mit gesenktem Haupt
+Schlich Aladdin wie ausgestossen
+Von dannen, und dieselben Grossen,
+An deren Freundschaft er geglaubt,
+Die gestern noch ihm auf dem Fuss
+Gefolgt, um sich vor ihm zu buecken,
+Vermieden heute seinen Gruss
+Und kehrten lieblos ihm den Ruecken.
+Was konnt' er tun? Wohin sich wenden?
+Er lief, im Kopfe wirr und kraus,
+Umher, die Stadt von Haus zu Haus,
+Von Tuer zu Tuer nach allen Enden
+Durchwandernd, ohne zu verstehn,
+In welcher Absicht, fragte jeden
+Mit abgeriss'nen irren Reden,
+Ob irgendwer sein Schloss gesehn.
+Gar manche wurden uebermannt
+Von Mitleid; andre wieder lachten
+Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten,
+Er sei nicht richtig bei Verstand.
+
+Nachdem er so mit muedem Blick
+Drei Tage lang herumgeschlendert,
+Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick
+Sich so bejammernswert geaendert,
+Er nicht mehr weilen, sondern trollte
+Sich ohne Plan hinaus aufs Feld.
+Unendlich lag vor ihm die Welt;
+Nur wusst' er nicht, wohin er sollte.
+"Weh mir! Ich ward so bettelarm,
+Dass ich mein traurig Los verfluche!"
+So rief er aus in bittrem Harm.
+"Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche,
+Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr,
+Wo find' ich die Geliebte wieder?
+Weit besser, dass die Augenlider
+Der Tod mir schliesst auf immerdar!"
+Er naeherte sich einem Fluss
+Und wollt', um seine Qual zu kuerzen,
+Sich mit verzweifeltem Entschluss
+Kopfueber in die Fluten stuerzen.
+Es war um Sonnenuntergang;
+Der Feuerball mit letztem Blinken
+Schien ihm den Abschiedsgruss zu winken.
+Ein Ruck, ein Anlauf--und er sprang.
+
+Das Ufer war an dieser Stelle
+Besonders steil, und seinen Rand
+Umschloss ein kahles Felsenband
+In rauh zerklueftetem Gefalle,
+Sodass der lebensmuede Springer
+An einem Felsstueck haengen blieb
+Und jener Ring, den er am Finger
+Noch immer trug, daran sich rieb.
+Das war sein Glueck; denn alsobald
+Wie aus dem Wasserdunst verdichtet,
+Stand maechtig vor ihm aufgerichtet
+Desselben Geistes Schreckgestalt,
+Der einst ihm in der Gruft erschienen,
+Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht.
+Mir zu gebieten ist dein Recht;
+Sag' an, womit kann ich dir dienen?"
+
+[Illustration: Der Geist fuehrt Aladdin nach Afrika]
+
+Drauf Aladdin: "O Geist, errette
+Zum zweiten Male mich vom Tod
+Und bring', bevor der Morgen loht,
+Mein Schloss zurueck zur alten Staette!"
+Der Geist versetzte: "Dies Gebot
+Vertraegt sich nicht mit meinem Walten.
+Ich diene nur dem Ring. Du musst
+Dich an den Geist der Lampe halten."
+"Nun wohl; jedoch wenn dir bewusst,
+Wo sich zurzeit mein Schloss befindet,"
+Sprach Aladdin, "befehl' ich dir
+Kraft dieses Ringes, der dich bindet:
+Befoerdre mich sogleich von hier
+Gradaus an seinen neuen Platz!"
+Kaum ausgesprochen war der Satz,
+Da trug befluegelt ihn der Riese
+Nach Afrika, zu jenem Ort,
+Wo nun inmitten einer Wiese
+Das Bauwerk stand, und setzte dort
+Ihn saenftlich nieder auf das Gras.
+
+Zwar blieb es Aladdin verborgen,
+Dass er im Innern Afrikas
+Gelandet war; doch er genas
+Von allen Martern, allen Sorgen,
+Als er den wohlbekannten Bau
+Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer
+Gewahrte, ja sogar die Zimmer
+Dicht vor sich sah, die seiner Frau
+Zur Wohnung dienten; und sie schlief
+Wahrscheinlich dort schon fest und tief.
+Um Laerm und Aufsehn zu vermeiden,
+Hielt er gewaltsam sich zurueck,
+Wie schwer's auch war, so nah dem Glueck
+Bis morgen frueh sich zu bescheiden.
+Er streckte, von der langen Pein
+Ermattet, unter einer Palme
+Sich aus zum Schlummer, und die Halme
+Des Grases wiegten mild ihn ein.
+
+
+
+
+14.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Erweckt von suessen Vogelliedern
+Hob er sich mit gestaehlten Gliedern
+Vom Lager zeitig, und gelenkt
+Von Sehnsucht fiel zu seiner Freude
+Sein erster Blick auf das Gebaeude,
+Das ihm erschien wie neu geschenkt.
+Auch die Prinzessin, die vor Kummer
+Und tausend Aengsten Nacht fuer Nacht
+In all der Zeit nur wenig Schlummer
+Gefunden hatte, war erwacht.
+Wer aber schildert ihre Wonne,
+Da vor dem Fenster sich im Strahl
+Der eben aufgegangnen Sonne
+Leibhaftig vorfand ihr Gemahl!
+Erst wechselten sie hundertfach
+Kusshaende, Gruesse, Fluesterworte;
+Dann schlich durch eine kleine Pforte
+Verstohlen er in ihr Gemach.
+
+Versteht sich, dass die Neuvereinten
+Sich herzten, sich im Ueberschwang
+Umschlungen hielten endlos lang
+Und heisse Freudentraenen weinten
+In ihres Wiedersehens Rausch.
+Zuletzt indessen unterbrach
+Der Zaertlichkeiten holden Tausch
+Bedeutsam Aladdin und sprach:
+"Vergib mir, mein geliebtes Weib,
+Ich muss, eh wir einander klagen,
+Was wir erlebt in diesen Tagen,
+Vor allem dich nach dem Verbleib
+Der unscheinbaren Lampe fragen,
+Die, waehrend ich zur Jagd gezogen,
+Im Saale stand auf einem Spind."
+"Ach," seufzte sie, "sei nur gelind!
+Ich selber wurde ja betrogen.
+Laengst ahnt mir, dass uns ihretwegen
+Ereilte dieser Schicksalsschlag."
+Drauf Aladdin: "Da sie zu hegen
+Ich toericht unterlassen, lag
+Die Schuld an mir. Doch jetzt erwaegen
+Wir besser, was den Schaden heilt.
+Drum sag' mir, wo sie hingeraten."
+
+Sobald sie dies ihm mitgeteilt,
+Rief er: "Ich rieche nun den Braten!
+Den Haendler kenn' ich! Dieser Schuft,
+Schon einmal wollt' er mich vernichten."
+Sie fuhr dann fort, ihm zu berichten,
+Wie nachts unmerklich durch die Luft
+Entfuehrt, sie morgens beim Erwachen
+Sich hier in diesem fremden Land
+Befunden, Afrika genannt,
+Und wie der Kerl mit frechem Lachen
+Sich ihr als Schlossherrn vorgestellt.
+Drauf Aladdin mit Zornesfunken
+Im Auge: "Solchen Erzhalunken
+Hat nie zuvor gesehn die Welt.
+Sprich, hast du nicht vielleicht erfahren,
+Wo er die Lampe haelt versteckt?"
+Sie gab zur Antwort: "Wohl gewahren
+Konnt' ich, dass unterm Kleid verdeckt
+Er sie bestaendig bei sich traegt.
+Denn seit ich hier bin, kommt er taeglich
+Zu laengerem Besuch und legt
+Es darauf ab, mich unertraeglich
+Mit ekler Huldigung zu quaelen.
+Ja, mehr noch, er verlangte dreist,
+Ich solle zum Gemahl ihn waehlen,
+Weil du nicht mehr am Leben seist.
+Mein Vater habe dir im Zorn
+Den Kopf herunterschlagen lassen.
+Dies Lied begann er stets von vorn,
+Obwohl ich gluehend ihn zu hassen
+Beteuerte. Der eitle Wahn
+Erfuellt ihn, dass ich auf die Dauer
+Nicht widerstehe, wenn die Trauer
+Um dich allmaehlich abgetan.
+So hab' ich stets vor seiner List
+Und seiner Schlechtigkeit gezittert
+Bis heute, wo du bei mir bist."
+
+"Ihm soll", rief Aladdin erbittert,
+"Was andres bluehen, als er meint.
+Sei nur getrost! Von diesem boesen,
+Ruchlosen, raenkevollen Feind
+Werd' ich uns hoffentlich erloesen.
+Was auch geschieht, mit Zuversicht
+Vertraue mir bis zur Entscheidung,
+Und siehst du spaeter in Verkleidung
+Mich wiederkehren, staune nicht."
+Sobald er seines Schlosses Mauern
+Verlassen, ging er querfeldein
+Und traf in einem Palmenhain
+Nach kurzer Wandrung einen Bauern.
+Er fragte diesen nach dem Wege
+Zur naechsten Stadt, und ob sein Kleid
+Mit ihm zu wechseln er bereit.
+Der Bauer war durchaus nicht traege,
+Fuer dieses Fremden reiche Tracht
+Sein schaebig Zeug daranzusetzen,
+Und Aladdin, nachdem er sacht
+Geschluepft war in die alten Fetzen,
+Schritt auf den ihm beschriebnen Pfaden
+Der Stadt entgegen, kam hinein
+Und fragt' in einem Kraemerladen,
+Ob ein gewisses Puelverlein
+Zu haben sei. Der Kraemer nickte,
+Betonte nur, weil das geflickte
+Gewand des Kaeufers ein Beweis
+Der Armut schien, den hohen Preis.
+Doch als der Fremde nicht verlegen
+Ein Goldstueck aus dem Beutel zog,
+Bracht' er das Pulver ihm und wog
+Ein Lot ihm ab.
+
+ Auf gleichen Wegen
+Kam Aladdin ins Schloss zurueck
+Und sprach zu seiner Gattin: "Hoere!
+Notwendig fuer mein Wagestueck
+Ist mir dein Beistand. Ich beschwoere
+Dich drum, befolge meinen Rat!
+Wirf dich in deinen schoensten Staat,
+Schmueck' mit Geschmeide dich und Spangen,
+Um den Entfuehrer, wenn er naht,
+Mit waermstem Grusse zu empfangen.
+Damit kein Argwohn ihn beirrt,
+Stell' dich, als ob du mich vergessen,
+Wenn dir's auch noch so sauer wird,
+Und lad' ihn ein zum Abendessen.
+Sobald er dann mit dir in frecher
+Behaglichkeit bei Tische sitzt,
+Lass ihm kredenzen einen Becher,
+Gefuellt mit Wein, in den verschmitzt
+Vorher dies Pulver du gestreut,
+Und bitt' ihn hoeflich, dir zu Ehren
+In einem Zug ihn auszuleeren.
+Von dieser Bitte hocherfreut
+Wird er den Wein hinuntertrinken
+Und leblos auf den Boden sinken,
+Bevor er noch den Trunk bereut."
+
+Wenn dieses Spiel auch recht verfaenglich
+Ihr vorkam, so versprach sie fest,
+Sie werde tun, was unumgaenglich.
+Er barg sich fuer des Tages Rest
+In einem abgelegnen Fluegel
+Des Schlosses. Als die fernen Huegel
+Die Daemmerung mit ihrem grauen
+Gewebe langsam ueberspann,
+Rief Bedrulbudur ihre Frauen,
+Mit deren Beistand sie begann,
+Aufs wunderbarste sich zu schmuecken.
+Voll Sorgfalt ward ein herrlich Kleid
+Ihr angelegt und zum Entzuecken
+Verziert mit flimmerndem Geschmeid.
+Ihr Guertel, ihre Spangen waren
+Gleichwie der Reif in ihren Haaren
+Mit Diamanten dicht besetzt;
+Und um den Hals die Perlenkette--
+Welch noch so grosse Fuerstin haette
+Sich gluecklich nicht mit ihr geschaetzt?
+Sie sah, nachdem der Putz vollendet,
+Ihr Bild in einem Spiegel an
+Und dachte sich: "Wo lebt ein Mann,
+Der nicht von so viel Reiz geblendet
+Vor mir die Waffen musste strecken?"
+Sie stieg hierauf zum Kuppelsaal
+Empor, worin schon fuer das Mahl
+Ein Tischlein stand mit zwei Gedecken.
+
+Sie hatte noch nicht lang' geharrt,
+Als puenktlich zur gewohnten Stunde
+Der Zaubrer eintrat und erstarrt
+Von so viel reichem Schmuck im Bunde
+Mit so viel Schoenheit stehen blieb.
+Sie schritt holdselig ihm entgegen,
+Als waere sein Besuch ihr lieb,
+Und tat, als ob nur seinetwegen
+Sie so verlockend sich und praechtig
+Gekleidet. Zoegernd nahm er Platz,
+Noch immer keines Wortes maechtig.
+"Freund, sollte dich der Gegensatz
+In meiner Stimmung Wunder nehmen,"
+Begann sie laechelnd, "So vernimm,
+Ich mag mich jetzt nicht laenger graemen.
+Denn dass durch meines Vaters Grimm
+Mein Gatte seinen Tod gefunden,
+Davon hast du mich ueberzeugt.
+Gesetzt auch, dass ich tiefgebeugt
+Mit unheilbaren Herzenswunden
+Wehklagen wollt' um ihn bestaendig,
+Er wuerde doch nicht mehr lebendig.
+Ich goenn' ihm seine Grabesrast,
+Und weil sich meine Fesseln loesten,
+Bin ich entschlossen, mich zu troesten,
+Und lade dich bei mir zu Gast."
+
+[Illustration: Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder]
+
+Der Zaubrer bildete frohlockend
+Sich ein, gewonnen sei das Spiel,
+Sah sich im Geiste schon am Ziel
+Des kuehnsten Wunsches, dankte stockend
+Und setzte sich mit ihr zu Tisch.
+Wie dort zu ihm verfuehrerisch
+Nun ihre Blicke sich erhoben,
+Da schien es ihm unzweifelhaft,
+Sie habe sich in ihn vergafft
+Und wolle sich mit ihm verloben.
+Ein ueppig Mahl ward aufgetragen,
+Und eine Sklavin reichte Wein.
+Selbst schenkte die Prinzessin ein,
+Goss unbemerkbar ohne Zagen
+Das Pulver in des Gastes Becher
+Und sprach: "Willst du mir frohen Mut
+Bereiten, dann als wackrer Zecher
+Trink' auf mein Wohl dies Rebenblut!"
+"Ja, du Geliebte, du Verehrte,
+Dies auf dein Wohl und unsern Bund!"
+So rief er hochbeglueckt und leerte
+Den Becher aus bis auf den Grund.
+Nach einem letzten kurzen Schnaufen
+Fiel er bewusstlos ruecklings hin.
+
+Geholt von einer Dienerin
+Kam Aladdin herbeigelaufen.
+Als Bedrulbudur ihn umschlang,
+Sprach er: "Begib dich auf dein Zimmer;
+Denn mancherlei bleibt mir noch immer
+Zu tun, obwohl dir dies gelang."
+Nachdem sie sich entfernt, verlor
+Er keine Zeit. Er riss der Leiche
+Das Kleid auf, zog die wunderreiche
+Geraubte Lampe draus hervor,
+Liess das entseelte Jammerbild
+Fortschaffen von zwei starken Knechten
+Hinaus ins naechtige Gefild,
+Damit die Geier sein gedaechten,
+Wenn sie's geluestete nach Speise,
+Berief dann in gewohnter Weise
+Den Geist und sagte: "Bring' sofort
+Mein Schloss an seine alte Stelle!"
+Noch nicht vollendet war das Wort,
+Als schon der Geist in Windesschnelle
+Mit fast unmerklichem Vollzug
+Das Bauwerk durch die Luefte trug.
+
+
+
+
+15.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Sultan, der bis jetzt unendlich
+Um seine Tochter sich gegraemt,
+War vor Verwundrung wie gelaehmt
+Als morgens breit und gegenstaendlich,
+Zurueckgekehrt zum alten Platz
+Das Schloss zu ihm heruebergruesste.
+Der Anblick bot ihm fuer verbuesste
+Betruebnis reichlichen Ersatz.
+Er liess ein Pferd sich satteln, trabte
+Zum Schloss, verfuegte sich geschwind
+Zu seinem lang entbehrten Kind
+Und ihre Zaertlichkeit erlabte
+Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen,
+Welch unglueckselige Verkettung
+Sie damals ploetzlich ihm entrissen,
+Und welchem Umstand ihre Rettung
+Zu danken sei. Mit knappen Strichen
+Erzaehlte sie vom fuerchterlichen
+Schwarzkuenstler, der durch Zaubermacht
+Sie mit dem Schloss entfuehrt bei Nacht;
+Wie von dem Schaendlichen bedrueckt
+Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen,
+Bis ihrem Gatten es geglueckt,
+List gegen List ihm obzusiegen.
+
+Ihr Vater war damit zufrieden,
+Und als nunmehr auch Aladdin
+Ins Zimmer kam, da zog er ihn
+An seine Brust und sprach: "Hienieden
+Ist man dem Irrtum ausgesetzt.
+Vergib mir, wenn aus Uebereilung,
+Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt.
+Du brachtest meinen Schmerzen Heilung,
+Indem du mir mein Kind befreit
+Und sie behuetet hast vor Schande;
+Dies dank' ich dir fuer alle Zeit."--
+Gefeiert ward im ganzen Lande
+Die Wiederkehr des jungen Paars.
+Ihr Glueck verduesterte kein Schatten.
+Doch nicht die letzte Pruefung war's,
+Die beide zu bestehen hatten.
+
+Der Zaubrer naemlich, der ein Leben
+Von grosser Zaehigkeit besass,
+War durch das Pulver, als dem Frass
+Der Geier man ihn uebergeben,
+In Wahrheit nur betaeubt gewesen,
+Von seinem Scheintod aufgewacht
+Am naechsten Tag und bald genesen.
+Er schwor, von Racheglut entfacht
+Und vollgepfropft mit Gift und Geifer,
+Er wolle vor Vergeltungseifer
+Nicht rasten fuerder und nicht rosten,
+Und drum begann zum drittenmal
+Er schleunigst ueber Berg und Tal
+Die Reise nach dem fernen Osten.
+
+Nach einem ganzen Wanderjahr
+Voll Muehe, Drangsal und Gefahr
+Kaum in der Hauptstadt angekommen,
+War er nach einem neuen Kniff
+Umschau zu halten im Begriff.
+Er hoerte dort von einer frommen,
+Betagten Wundertaeterin
+Erzaehlen, die Fatime hiess
+Und sich mit schlicht erhabnem Sinn
+Der stillen Andacht ueberliess
+In einer abgeschiednen Klause.
+Durch Gassen, die man ihm beschrieb,
+Schlich er zu ihrem kleinen Hause
+Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb,
+Drang in ihr aermlich Zimmer, weckte
+Mit rohem Schuetteln die Erschreckte,
+Hielt einen Dolch ihr vor und sprach:
+"Du sollst entseelt sogleich erblassen,
+Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!"
+Sie musst' ihm ihre Kleider lassen
+Sowie den Schleier und die Haube,
+Nebst dem geweihten Rosenkranz.
+Obwohl dem Raeuber sie sich ganz
+Willfaehrig zeigte, ja, zum Raube
+Hilfreich sogar die Hand ihm bot,
+Stach er sie vorsichtshalber tot.
+
+Sodann vor einem Spiegel schor
+Den Bart sich weg der Halsabschneider,
+Warf sich in seines Opfers Kleider,
+Und als die Sonne stieg empor,
+Trat er verschleiert auf die Gasse.
+Der eine sprach zum andern: "Schau,
+Dort geht einher die fromme Frau,"
+Und eine grosse Menschenmasse
+Umgab ihn rings voll Dankgefuehl
+Und folgte, Segenswuensche hegend,
+Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.--
+Als die Prinzessin das Gewuehl,
+Vom Kuppelsaal herunterlugend,
+Wahrnahm und obendrein erfuhr,
+Dass all dies bunte Volk der Spur
+Fatimens folge, deren Tugend
+Und Heiligkeit ihr laengst bekannt
+Als der Verehrung Gegenstand
+Und als das Vorbild frommer Sitten,
+Da dachte sie, dass ihr gezieme,
+Die Frau zu sich heraufzubitten.
+Zu der vermeintlichen Fatime
+Kam eine Botin, sie zu holen.
+Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg
+Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen,
+Als er mit ihr den Saal erstieg,
+Und fing, nachdem er ihn betreten,
+Mit solcher Inbrunst an zu beten,
+Dass die Prinzessin sich verneigte
+Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme
+Sie ansprach mit verstellter Stimme,
+Sowie nur hinter Schleiern zeigte
+Sein glattgeschorenes Gesicht,
+Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht
+Und sprach "Lass mich die Gunst begehren,
+Fatime, dass du dauernd weilst
+An unserm Herd und gute Lehren
+Zu frommem Wandel mir erteilst."
+Der abgefeimte Tueckebold
+Erklaerte gern sich einverstanden;
+Das war es ja, was er gewollt!
+"Ein stilles Zimmer ist vorhanden
+Im Schloss," fuhr die Prinzessin fort
+In ihrer glaeubigen Betonung,
+"Und deiner Andacht wirst du dort
+Obliegen koennen ohne Stoerung.
+Erst aber moegest du mir ehrlich
+Gestehn, wie dir das Schloss gefaellt."
+Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich
+Ist seinesgleichen auf der Welt;
+Und dennoch, trotz der Raumverschwendung
+Und dem Geschmack der Farbenwahl,
+Bedrueckt mich, dass in diesem Saal
+Noch etwas mangelt zur Vollendung."
+"Was ist es?" Scheinbar auf ihr Draengen
+Erwiderte der Schuft: "Verzeih',
+Von dieser Kuppel muesst' ein Ei
+Des Vogels Roch herunterhaengen."
+Sie fragte, wo man das wohl faende.
+Der Zaubrer drauf: "Gewaltig gross
+Ist dieser Roch und nistet bloss
+Auf Spitzen schroffer Bergeswaende."
+Sie dankte fuer den Rat und fuehrte
+Die falsche Heilige, noch immer
+Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.
+
+[Illustration: Aladdin toetet den verkleideten Zauberer]
+
+Zum Saal zurueckgekehrt, verspuerte
+Nun die Prinzessin, an der Angel
+Des Zaubrers haftend, jenen Mangel,
+Den nie zuvor sie wahrgenommen.--
+Als Aladdin von einem Ritt
+Heimkommend ihr entgegenschritt,
+War sie so wunderlich beklommen,
+Dass er sie fragte nach dem Grund.
+Sie musst' ihm ihr Geluest enthuellen,
+Und er, sobald ihr Wunsch ihm kund,
+Gab ihr sein Wort, ihn zu erfuellen.
+Er ging alsbald in sein Gemach
+Und rieb sie Lampe, die verschlossen
+Jetzt stand in einem sichren Fach.
+Nachdem der Geist emporgeschossen,
+Sprach er: "Dich wiederum zu sputen,
+Befehl' ich dir. Es fehlt uns noch
+Im Saal ein Ei des Vogels Roch.
+Verschaff mir's binnen drei Minuten!"
+
+Kaum war das Wort entflohn, da fing
+Der Geist so furchtbar an zu droehnen,
+Zu schrei'n, zu wimmern und zu stoehnen,
+Dass Hoeren ihm und Sehn verging
+Und zitternd er zu Boden sank.
+"Elender," bruellte mit Gepolter
+Der Riese, "spannst du mich zum Dank
+Fuer meinen Frondienst auf die Folter?
+Befiehlt, ich soll auf meinen Schwingen
+Als Deckenschmuck fuer seinen Saal
+Dir meinen eignen Vater bringen?
+Sei froh, wenn nicht mein Donnerstrahl
+Dich und dein Schloss in Asche wandelt.
+Ich weiss zu deinem Glueck, du hast
+Nicht aus dir selber so gehandelt.
+Dein Todfeind weilt bei dir zu Gast.
+Er ward nicht von dir umgebracht,
+Nein, kam ins Land, um sich zu raechen,
+Ergatterte durch ein Verbrechen
+Der heiligen Fatime Tracht,
+Und deine Frau, von ihm umgarnt,
+Trieb zu dem schaendlichen Befehle
+Dich arglos an. Drum sei gewarnt;
+Er will dir meuchlings an die Kehle."
+Sprach's und verschwand. Sofort verfuegte
+Sich Aladdin zurueck zum Saal,
+Wo seine Gattin sich vergnuegte
+Mit einem Ballspiel, und befahl,
+Man moeg' ihm gleich Fatime holen.
+
+"Sei mir gegruesst!" rief Aladdin,
+Als der vermummte Feind erschien;
+"Denn warm hat man dich mir empfohlen.
+Gib, fromme Frau, mir deinen Segen."
+Der Zaubrer kam ihm sacht entgegen,
+Und er bemerkte, wie der Strolch
+Ein Messer unter seinem Kleide
+Heimlich herauszog aus der Scheide.
+Schnell griff er seinen eignen Dolch
+Und bohrte dessen scharfes Erz
+Dem Schurken mitten in das Herz.
+Von seinem Blute ward im Saal
+Der Boden ringsumher geroetet.
+
+"Weh, was begingst du, mein Gemahl?
+Du hast die Heilige getoetet!"
+Schrie Bedrulbudur sich verfaerbend.
+Er aber sprach voll Seelenruh':
+"Nein, liebe Gattin, komm herzu!
+Haett' ich gesaeumt, so laege sterbend
+Ich selber hier; denn dieser Tote
+Bekam den Lohn, der ihm gebuehrt:
+Erkenn' ihn, der dich einst entfuehrt
+Und jetzt mit Meuchelmord mir drohte."
+
+So hatte gluecklich unser Held
+Sich des Verfolgers nun entledigt,
+Der ihm beharrlich nachgestellt,
+Und ward vom Schicksal reich entschaedigt
+Fuer allen ausgestandnen Harm.
+In der geliebten Tochter Arm
+Entschlief im hohen Greisenalter
+Der Sultan, und sein Schwiegersohn
+Mit seiner Frau stieg als Verwalter
+Des weiten Reiches auf den Thron.
+Sie herrschten als beglueckte Leute,
+Umringt von Kind und Kindeskind,
+Und wenn sie nicht gestorben sind,
+So leben sie gewiss noch heute.
+
+[Illustration]
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE***
+
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
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+works. See paragraph 1.E below.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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