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+The Project Gutenberg eBook, Aladdin und die Wunderlampe, by Ludwig Fulda,
+Illustrated by Max Liebert
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
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+
+Title: Aladdin und die Wunderlampe
+
+Author: Ludwig Fulda
+
+Release Date: November 30, 2004 [eBook #14221]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII)
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE***
+
+
+E-text prepared by Miranda van de Heijning and the Project Gutenberg
+Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 14221-h.htm or 14221-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h/14221-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/2/2/14221/14221-h.zip)
+
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+
+
+ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE
+
+Tausend und einer Nacht nacherzaehlt
+
+von
+
+LUDWIG FULDA
+
+Mit Bildern von Max Liebert
+
+Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912
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+[Illustration: K]
+
+
+
+Kommt, Kinder, fasst mich bei der Hand!
+Ich fuehr' euch in das Morgenland
+Und in sein Maerchenparadies
+Auf einem wohlbekannten Pfade.
+Vor langen, langen Jahren wies
+Ihn die beruehmte Schehersade
+Dem argen Sultan Scheherban,
+Sodass der greuliche Tyrann--
+Weil ihre Kunst, in bunten Bildern
+Ihm eine Zauberwelt zu schildern,
+Unwiderstehlich ihn berauschte--
+Vergessend Speis' und Trank und Ruh',
+Ihr volle tausend Naechte lauschte
+Und eine weitre noch dazu.
+
+Von jenen koestlichen Geschichten,
+Mit denen sie sein Ohr betoert,
+Will ich euch eine nun berichten;
+Seid also maeuschenstill und hoert:
+
+In einer Hauptstadt fern im Osten,
+So fern, dass nur mit viel Gefahr
+Und ungeheuren Reisekosten
+Man ihr zu nahn imstande war,
+Jedoch so reich an Herrlichkeiten,
+Dass niemand ihresgleichen sah,
+Dort lebte vor geraumen Zeiten
+Ein Buerger namens Mustapha
+Mit seiner Frau und seinem Sohn.
+Sein Brot erwarb er sich als Schneider;
+Sein Handwerk aber trug ihm leider
+Trotz allem Fleiss nur magren Lohn,
+Und knapp war drum bei ihm bemessen
+Das Mittag- wie das Abendessen.
+
+Den Sohn--man hiess ihn Aladdin--
+Konnt' er nur mangelhaft erziehn;
+So ward aus dem ein rechter Flegel,
+Der gut tat, nur solang' er schlief,
+Der schon fruehmorgens in der Regel
+Barfuessig auf die Gasse lief,
+Sich dort herumtrieb nach Belieben
+Mit andern kleinen Tagedieben
+Und, bis ihm durch ihr Heer von Sternen
+Den Heimweg zeigen liess die Nacht,
+Auf jeden Unfug war bedacht,
+Sich aber straeubte, was zu lernen.
+Der Vater hieb den Arm sich lahm,
+Sah schliesslich ein, mit solchem Rangen
+Sei nichts Gescheites anzufangen,
+Und wurde krank und starb vor Gram.
+
+Der Bursch, nun fuenfzehn Jahr' schon alt,
+Gross, schlank, fast maennlich von Gestalt,
+Statt auf die Hosen sich zu setzen
+Fuer seiner Mutter Unterhalt,
+Fuhr fort, auf oeffentlichen Plaetzen
+Herumzulungern ohne Ziel
+Und seine Tage zu vergeuden
+In rohen Muessiggaengerfreuden,
+In plumpem Spass und wildem Spiel.
+
+Einst, als er in gewohnter Art
+Sich raufte mit der Gassenjugend,
+Merkt' er, dass eifrig nach ihm lugend
+Ein fremder Mann mit schwarzem Bart
+Und afrikanischen Gewaendern
+Ihm scheinbar im Vorueberschlendern
+Sich naeherte. Der Fremde blieb
+Dicht vor ihm stehn und sprach: "Vergib,
+Mein junger Freund, und lass mich wissen:
+Wer ist dein Vater?" Aladdin
+Versetzte: "Laengst schon hat mir ihn
+Des Todes rauhe Hand entrissen.
+Im Leben hiess er Mustapha."
+Die hellen Traenen rollten da
+Dem Fremdling ueber beide Wangen:
+"O Glueck, dass ich, mein Sohn, dich treffe,"
+Sprach er mit zaertlichem Umfangen;
+"Du bist ja mein geliebter Neffe.
+Dein Vater war mein Bruderherz;
+Ich aber bin ununterbrochen
+Schon auf der Reise hundert Wochen,
+Um ihn zu sehn. Drum hat der Schmerz
+Mich bei der Nachricht uebermannt
+Von seinem traurigen Geschicke;
+Hab' ich doch gleich beim ersten Blicke
+Dich an der Aehnlichkeit erkannt!"
+Drauf hiess er ihn die Mutter gruessen
+Und zog ein Beutelchen heraus
+Und gab ihm Geld.
+
+ Auf raschen Fuessen
+Lief Aladdin vergnuegt nach Haus,
+Um seiner Mutter klipp und klar
+Den ganzen Handel zu erzaehlen.
+Die Mutter konnt' ihm nicht verhehlen,
+Wie sehr sie drob verwundert war.
+Mit rechten Dingen kaum geschah's!
+Wo war der Oheim hergekommen,
+Da sie doch nie zuvor vernommen
+Von einem Bruder Mustaphas?
+Doch weil das Gelb gar lustig klang,
+Zerbrach sie sich den Kopf nicht lang;
+Und abends wollten beide grad
+Von ihrem kargen Mahle naschen,
+Als jener Mann mit vollen Flaschen
+Und Fruechten in die Stube trat,
+Um selber sich zu Gast zu laden.
+Von Ruehrung ueberwaeltigt schier
+Blickt' er sich um, als woll' er hier
+Von neuem sich in Traenen baden,
+Und sagte: "Teure Schwaegerin,
+Wohl vierzig Jahre flossen hin,
+Seit ich dies Heimatland verlassen,
+Um in der Fremde Fuss zu fassen
+Und dem ertraeumten Gluecke nach
+Den halben Erdkreis zu durchstreifen;
+Es laesst sich also gut begreifen,
+Dass nie mein Bruder von mir sprach.
+Nun aber endlich heimgekehrt
+Und trostlos, weil an seinem Herd
+Ich ihn lebendig nicht mehr finde,
+Den sehnsuchtsvoll ich suchte--nun
+Will wenigstens ich seinem Kinde,
+Was ich vermag, zuliebe tun."
+
+Zu Aladdin gewandt hierbei,
+Begann er freundlich ihn zu fragen,
+In welchem Handwerk er beschlagen
+Und welcher Zunft beflissen sei.
+Der Bursche schwieg verlegen still;
+Die Mutter aber sprach betruebt:
+"Kein Handwerk hat er je geuebt,
+Weil er durchaus nichts lernen will.
+Da hilft kein Warnen und kein Schelten;
+Ich glaube wahrlich, dass noch selten
+Es einen solchen Faulpelz gab.
+Er bringt mich an den Bettelstab,
+Und naechstens weis' ich ihm die Tuere.
+Sein Vater wuerde sich im Grab
+Umdrehn, wenn er davon erfuehre."
+
+Der Fremdling mahnte drauf den Jungen
+In mildem, vaeterlichem Ton:
+"Das ist nicht wohlgetan, mein Sohn;
+Doch treibt man etwas nur gezwungen,
+Dann wird es einem leicht vergaellt.
+Berufe gibt es viel auf Erden;
+Du musst nicht grad ein Schneider werden,
+Und wenn kein Handwerk dir gefaellt,
+So will ich gerne mich verpflichten,
+Im feinsten staedtischen Bazare
+Dir einen Laden einzurichten
+Mit Linnenzeug, mit Seidenware,
+Kostbaren Teppichen und Stoffen,
+Sodass Gewinn und neuer Kauf
+Dir Wohlstand bringt. Gesteh' mir offen:
+Wie nimmst du diesen Vorschlag auf?"
+Der Schlingel, ohne lang' zu schwanken,
+Erklaerte schmunzelnd sich bereit;
+Die Mutter schwamm in Seligkeit,
+Hiess ihn sich tausendmal bedanken
+Und zweifelte nicht laenger dran,
+Der unbekannte Biedermann,
+Der gleich ein ganzes Warenlager
+Dem Sohn zu schenken sich erbot,
+Sei niemand anders als ihr Schwager.
+
+Am naechsten Tag ums Morgenrot
+Erschien der neue Oheim wieder,
+Nahm seinen lieben Neffen mit,
+Ging ihm zur Seite Schritt fuer Schritt
+In den Bazaren auf und nieder,
+hielt an vor einem Kleiderstand
+Und bat ihn, aus dem dichten Schwalle
+Sich auszusuchen ein Gewand,
+Das ihm besonders gut gefalle.
+Freigebig kauft' er ihm dazu
+Noch Turban, Guertel, Struempfe, Schuh',
+Bis von dem Scheitel zu den Zehen
+Er einem jungen Prinzen glich.
+"Du sollst nun alle Tage mich
+Begleiten beim Spazierengehen,"
+Sprach sein Beschuetzer grossmutvoll;
+"Denn freien Blick und Welterfahrung
+Braucht, wer ein Kaufmann werden soll.
+Dem Geist wird muehelos die Nahrung
+Geboten, deren er bedarf,
+Wenn klar das Auge sieht und scharf.
+Einsaugen wirst auf unsern Gaengen
+Die Bildung du wie Luft und Licht
+Und laeufst bei solchem Unterricht
+Niemals Gefahr, dich anzustrengen."
+
+Gesagt, getan. Sie gingen beide
+Von jetzt ab taeglich durch die Stadt,
+Und Aladdin, im neuen Kleide
+Stolz wie ein Pfau, ward nimmer satt,
+Sich wissbegierig anzusehn,
+Was ihm sein guter Oheim zeigte.
+Sie wandelten durch weitverzweigte
+Gewoelbe, Hallen und Moscheen,
+Betrachteten die schoensten Laeden,
+Der Strassen emsiges Gewuehl,
+Die Brunnen, draus erquickend kuehl
+Das Wasser schoss in Silberfaeden,
+Von hohen Palmen ueberschattet,
+Und drangen durch ein Gittertor,
+Wo freier Zutritt war gestattet,
+zum Prachtpalast des Sultans vor.
+Auch pilgerten sie manchen Tag,
+Die Glieder doppelt ruestig regend,
+Hinaus in die begruente Gegend,
+Bis fern die Stadt im Ruecken lag
+Und zu den Gaerten sie gelangten,
+Drin unter ueppigem Gerank
+Die wundersamsten Blumen prangten,
+Umspuelt von Teichen spiegelblank.
+
+[Illustration: Aladdin im Zaubergarten]
+
+
+
+
+2.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem auf solchen Wanderungen
+Manch reizend Fleckchen sich dem Jungen
+Erschlossen, fuehrte sein Begleiter
+Auf nie zuvor betretnem Pfad
+Ihn eines Morgens weit und weiter,
+Aufwaerts und abwaerts, krumm und grad.
+Bald war kein menschlich Wesen rings
+Und auch kein Haus mehr zu entdecken;
+Doch unaufhaltsam weiter ging's.
+Schon tuermte hinter oeden Strecken
+Sich des Gebirges steile Mauer;
+Das Tal, von Felsen eingezwaengt,
+Ward allgemach zur Schlucht verengt,
+Und endlich, von des Marsches Dauer
+Erschoepft, haett' Aladdin sich gerne
+Zur Rueckkehr wieder umgewandt;
+Sein Oheim aber sprach: "Halt' stand!
+Ist unser Ziel doch nicht mehr ferne.
+Noch ein paar Schritte durch das Tal--
+Was ich sodann dir zeigen werde,
+Das wirst auf der gesamten Erde
+Du nicht erspaehn zum zweitenmal."
+
+So setzten ihren Weg sie fort
+Und kamen bis zu einem Ort,
+Den riesenhafte Felsenwaelle
+Allseitig schienen zu verrammeln.
+Der Oheim rief: "Wir sind zur Stelle!"
+Er hiess ihn trocknes Reisig sammeln,
+Schlug Feuer, das bald lustig spruehte,
+Warf Raeucherwerk aus einer Duete
+Hinein und murmelte dann leise,
+Sobald sich Qualm und Schwefelduft
+Verbreiteten in dichtem Kreise,
+Seltsame Formeln in die Luft.
+
+Da gab's ein Krachen und ein Beben,
+Als stuerzten Erd' und Himmel ein;
+zutage trat ein Quaderstein
+Und in der Mitte dran, zum Heben,
+Ein Ring aus Eisen. Aladdin,
+Von Angst geschuettelt, wollte fliehn;
+Der Oheim aber hieb sogleich
+Ihm einen solchen Backenstreich,
+Dass ihm der Kopf geriet ins Wackeln,
+Und sprach: "Mein Sohn, ich bin dir jetzt
+Als zweiter Vater vorgesetzt;
+Kein Straeuben duld' ich und kein Fackeln.
+Gehorch' mir, und du wirst erproben,
+Wie sehr dir's frommt. An diesem Platz
+Liegt ein fuer dich bestimmter Schatz,
+Der, wenn du gluecklich ihn gehoben,
+Dich reicher macht als alle Reichen
+Der ganzen Welt. Den Quaderstein
+Darf niemand ausser dir allein
+Beruehren; dir nur wird er weichen."
+
+[Illustration: Aladdins Oheim murmelt eine Zauberformel]
+
+Und richtig, als nach bangem Saeumen
+Der Bursch am Eisenringe zog,
+Konnt' er den Stein beiseite raeumen,
+Obwohl er hundert Zentner wog,
+Und er gewahrte drunter Stufen
+Nebst einer Tuer. "In diesen Schacht
+zu steigen bist nur du berufen,"
+Begann der Oheim; "drum gib acht
+Auf alles, was ich nun dafuer
+Zu deinem Schutz dir anempfehle.
+Geoeffnet findest du die Tuer;
+Sie fuehrt in drei gewoelbte Saele.
+In jedem stehn vier grosse Becken
+Voll Gold und Silber; doch lass ab,
+Die Hand nach ihnen auszustrecken.
+Schuerz' auch dein Kleid und guert' es knapp;
+Denn streift es irgendwo die Waende,
+So musst du deinen Tod erwarten.
+An jenes dritten Saales Ende
+Wird auftun sich vor dir ein Garten,
+Bepflanzt mit Baeumen mannigfalt,
+Ein jeder voll mit Frucht behangen.
+Geh' nur gradaus, dann wirst du bald
+Zu einer Treppe hingelangen;
+Ersteige sie getrost: sie muendet
+Auf eine stattliche Terrasse;
+In einer Nische angezuendet
+Steht eine Lampe dort. Die fasse,
+Verloesch' sie, giess' die Fluessigkeit
+Mitsamt dem Docht heraus, verhuelle
+Sie sorgsam unter deinem Kleid
+Und bring' sie mir. Wenn dich die Fuelle
+Des Gartens etwa lockt, so pflueck'
+Auf deinem Weg hierher zurueck
+Dir von den Fruechten nach Belieben.
+Und nun, zu deinem eignen Glueck
+Befolg', was ich dir vorgeschrieben."
+Er steckte noch fuer jeden Fall
+Ihm einen Ring an seinen Finger;
+Der werde sich als Hilfebringer
+Bewaehren stets und ueberall.
+
+So stieg denn Aladdin hinunter;
+Die Saele fand er laut Bericht,
+Beruehrte deren Waende nicht,
+Kam in den Garten, eilte munter
+Hinan die Treppen zur Terrasse,
+Sah Nisch' und Lampe dort, verfuhr
+Streng nach Geheiss, damit er nur
+Vom Auftrag keinen Punkt verpasse,
+Und kehrte, nun er unterm Kleide
+Die Lampe sicher hielt verwahrt,
+Zum Garten um. O Augenweide!
+Denn Fruechte von verschiedner Art
+Trug leuchtend jeder Baum zur Schau,
+Teils hell, teils dunkel, weiss und blau,
+Rot, gelblich, violett und gruen,
+Und allesamt in buntem Scheine
+Durchsichtig wie von innrem Gluehn.
+Es waren lauter Edelsteine.
+Da flammten, funkelten und brannten
+Tuerkise, Perlen, Diamanten,
+Smaragd, Rubin, Saphir, Topas
+Von gaenzlich beispiellosem Werte.
+Doch Aladdin, der unbelehrte,
+Hielt sie fuer nur gefaerbtes Glas.
+Er haette lieber von den Zweigen
+Sich suesse Trauben oder Feigen
+Gepflueckt; als Spielzeug aber war
+Der bunte Tand ganz annehmbar.
+Drum nahm er sich von jeder Sorte,
+So viel er in die Taschen zwang,
+Schritt die drei Saele sacht entlang
+Und kam zurueck zur Eingangspforte.
+Den Oheim, der mit allen Zeichen
+Der Ungeduld hier Wache stand,
+Bat er, zur Hilf' ihm seine Hand
+Beim Ausstieg aus dem Schacht zu reichen.
+Der aber rief in einem groben
+Befehlerton: "Die Lampe her!"
+"Du sollst sie haben nach Begehr,"
+Sprach Aladdin, "sobald ich oben."
+Der Oheim schrie mit steter Steigrung:
+"Die Lampe!" Doch voll Eigensinn
+Blieb Aladdin bei seiner Weigrung:
+"Wart', bitte, bis ich oben bin."
+Des Oheims Wut ward ungeheuer;
+Schnell goss er Raeucherwerk ins Feuer,
+Indem er eine Formel schnaubte.
+Der Quader klappte drauf im Nu
+Dem Aladdin grad ueberm Haupte
+Wie eines Kastens Deckel zu.--
+
+Wer wird aus diesem Oheim klug?
+Ein Bruder Mustaphas? Behuete!
+Verwandtschaft, Ruehrung, Herzensguete
+War samt und sonders Lug und Trug.
+Ein Zaubrer war's, nicht hier geboren,
+Nein, fern in Afrika daheim,
+Und hatte diesen Vogelleim
+Aus gutem Grund sich auserkoren.
+Nachdem er naemlich festgestellt
+Durch Hexerei, dass in der Welt
+Es eine Wunderlampe gebe,
+Die zu der hoechsten Macht erhebe,
+Ja, Geister faehig sei zu binden,
+Hatt' er in einem Zauberbuch
+Nach manch vergeblichem Versuch
+Den Ort entdeckt, wo sie zu finden,
+Und so, von Habgier angefacht,
+Flugs auf die Reise sich gemacht.
+Doch weil ihm ein Gesetz verwehrte,
+Selbst in das Schatzgewoelb' zu dringen,
+Deswegen war vor allen Dingen
+Er einem Werkzeug auf der Faehrte,
+Das ihm dazu geeignet schien.
+Sein Auge fiel auf Aladdin
+Als einen unerfahrnen Knaben;
+Wenn ihm die Lampe der geschafft,
+Dann durch der Zauberformel Kraft
+Wollt' er lebendig ihn begraben,
+Damit er nichts davon verriete.
+
+Und nun? Gescheitert war der Plan,
+Die jahrelange Mueh' vertan!
+Statt des Gewinnes eine Niete!
+Vorzeitig hatte ja sein Zorn
+Auf immerdar den Wunderborn
+Mitsamt der Lampe zugeriegelt,
+Und alle seine Kunst und List
+Haett' ihn kein zweites Mal entsiegelt.
+So, mit sich selbst in argem Zwist,
+Von Grimm gefoltert und von Scham,
+Vermied er's, laenger zu verweilen,
+Und reiste wieder tausend Meilen
+Dahin zurueck, woher er kam.
+
+
+
+
+3.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer schildert Aladdins Entsetzen,
+Als er sich hilflos, wie ein Fink
+In eines Vogelfaengers Netzen,
+Verstrickt sah durch des Zaubrers Wink!
+Vergebens, dass er laut und schrille
+Nach dem vermeinten Oheim rief;
+Mit Bleigewicht bedeckte tief
+Ihn Dunkelheit und Grabesstille.
+Vergebens, dass ihn Furcht und Schauer
+zurueck durch die drei Saele trieb;
+Der Zugang zu dem Garten blieb
+Verschlossen wie durch eine Mauer,
+Und nicht imstand, sich zu befrei'n
+Aus diesem schrecklichen Gefaengnis,
+Fing in verzweifelter Bedraengnis
+Er an zu weinen und zu Schrei'n,
+Bis endlich vor Entkraeftung krank
+Er auf den Boden niedersank.
+
+So, nicht imstand mehr, sich zu regen,
+Lag er entbehrend Speis' und Trank
+Und blickte seinem Tod entgegen
+Zwei Tage lang. Zuletzt am dritten,
+Als er die schwachen Haende hob,
+Um Gottes Beistand zu erbitten,
+Da--ganz von ungefaehr--verschob
+An seinem Finger sich der Ring,
+Der ihm vom Zaubrer angesteckt war,
+Und dessen Kraft ihm noch verdeckt war.
+Bevor ein Augenblick verging,
+Erhob auf einmal, fuerchterlich
+Von Wuchs und Antlitz und Gebaerde,
+Ein Geist sich vor ihm aus der Erde
+Und sagte: "Was begehrst du? Sprich!
+Dein Sklav' bin ich und aller derer,
+Die diesen Ring am Finger tragen."
+
+Zwar fiel vor Schreck und scheuem Zagen
+Dem Aladdin das Sprechen schwerer
+Als je zuvor; doch nur bedacht
+Auf Rettung, gab er schnell dem Geist
+Zur Antwort: "Wer du immer seist,
+Hilf mir, sofern's in deiner Macht,
+Aus diesem schauerlichen Orte!"
+Gesprochen waren kaum die Worte,
+Da fand er sich bei Tageshelle,
+Nachdem er einen Ruck verspuert,
+Im Freien wieder an der Stelle,
+Wohin der Zaubrer ihn gefuehrt.
+Doch zeigte sich kein Quader mehr
+Und keine Tuer zum Gruftgemaeuer;
+Nur vom erloschnen Reisigfeuer
+Ein Haeuflein Asche lag umher.
+
+Zwar froh, jedoch zum Sterben matt
+Und halb verhungert, suchte gierig
+Er nach dem Heimweg in die Stadt.
+Zum Glueck war das nicht allzu schwierig.
+Die Felsen halfen eng und dicht
+Ihm auf den schmalen Pfad gelangen,
+Den vor drei Tagen er begangen.
+Die Gaerten kamen bald in Sicht,
+Und weit schon gruessten ihn voraus
+Die wohlbekannten Tuerm' und Daecher.
+Er schleppte, schwach und immer schwaecher,
+Sich bis zu seiner Mutter Haus
+Und schlug, sobald er es betreten,
+Ohnmaechtig in der Stube hin.
+
+Die Mutter, die von Anbeginn
+Die Zeit mit Weinen und mit Beten
+Verbracht und ihn zuletzt, beraubt
+Jedweder Hoffnung, tot geglaubt,
+War auf das eifrigste bestrebt,
+Ihn wieder zu sich selbst zu bringen;
+Er aber sagte, kaum belebt:
+"Ach, Mutter, hol' vor allen Dingen
+Mir was zu essen her; denn fasten
+Musst' ich drei Tage ganz und gar."
+Sie gab ihm, was im Hause war,
+Und warnt' ihn, sich zu ueberhasten,
+Denn was man rasch hinunterwuerge,
+Das koenne man nicht gut verdau'n,
+Und nur damit er ihr verbuerge,
+Langsam und ordentlich zu kau'n,
+Drum solle, waehrend er bei Tisch,
+Ihn keine Frag' und Antwort quaelen;
+Er moeg' ihr eher nichts erzaehlen,
+Als bis er gaenzlich satt und frisch.
+
+Er folgte diesem guten Rat,
+Indem er so nur Stumm beschaeftigt
+Dem Leibeswohl Genuege tat.
+Dann aber, durch das Mahl gekraeftigt,
+Beschrieb im kleinen und im grossen
+Er nach der Reihe ganz genau,
+Was ihm inzwischen zugestossen;
+Er wies, als ihm die wackre Frau
+Nicht wollte glauben und drauf schwor,
+Dass er getraeumt, an seinem Finger
+Den Ring und zog die bunten Dinger,
+Die er vom Baum gepflueckt, hervor.
+Auch sie, weil nirgends noch dergleichen
+Sie je gewahrt und stets verkehrt
+Mit armen Leuten, nie mit reichen,
+Verkannte voellig deren Wert.
+Sie meinte zwar, dass ihr Besitzer
+Sich an dem farbigen Geglitzer
+Erfreuen koennte; doch dies Lob
+Erschien dem Sohne nicht betraechtlich,
+Weshalb er sie beinah veraechtlich
+In irdgendeine Lade schob.
+Die mitgebrachte Lampe kam
+Nicht besser weg; zu keinem Zwecke
+Schien tauglich dieser Troedelkram,
+Als um zu rosten in der Ecke.
+
+Zuletzt gestanden sich die Zwei,
+Die Schuld an all dem Unheil trage
+Des falschen Oheims Schurkerei;
+Denn klaerlich trat es nun zutage,
+Dass Aladdin von diesem Boesen
+Geweiht war schnoedem Untergang
+Und nur durch Zufall ihm gelang,
+Sich lebend aus dem Garn zu loesen.
+Die Mutter liess zu Schimpf und Schmach
+Des Zaubrers manchen Fluch erschallen;
+Doch waren, noch dieweil sie sprach,
+Dem Sohn die Augen zugefallen.
+Er hatte ja zwei volle Naechte
+Vom Schlaf gemieden zugebracht;
+Drum heischte der schon vor der Nacht
+Heut unbezwinglich seine Rechte.
+Halb zog, halb trug mit treuem Sorgen
+Die Frau den Taumelnden zu Bett;
+Da lag er reglos wie ein Brett
+Und schnarchte bis zum spaeten Morgen.
+
+Kaum aber war er endlich wach,
+Als auch sein Hunger wiederkehrte
+Und nach dem Fruehstueck er begehrte.
+Doch seufzend rief die Mutter: "Ach,
+Ich habe keinen Bissen Brot;
+Denn alles, was ich noch besessen,
+Das hast du gestern aufgegessen.
+Wie helfen wir uns aus der Not?
+Ich muss erst wieder naeh'n und spinnen,
+Bevor ich was verdienen kann."
+"Nein, Mutter, sorg' dich nicht," begann
+Der Sohn nach einigem Besinnen.
+"Fuer unsern heutigen Bedarf
+Genuegt's, die Lampe zu verkaufen,
+Die gestern ich beiseite warf.
+Ich will mit ihr zum Haendler laufen;
+Der wird gewiss mir einen Groschen
+Dafuer bezahlen oder zwei."
+
+Die Mutter holte sie herbei
+Und sprach: "Ihr Glanz ist laengst erloschen;
+Auch ist von Staub und Rost und Schmutze
+Von oben sie bis unten voll;
+Wenn sie der Haendler kaufen soll,
+Ist's ratsam, dass ich erst sie putze."
+So nahm sie Wasser denn und Sand;
+Kaum aber hatte sie zu scheuern
+Begonnen mit geuebter Hand,
+Da stieg in einer Ungeheuern
+Und grauenhaften Schreckgestalt,
+Des Zimmers ganzen Raum erfuellend,
+Ein Geist vor ihr herauf, der bruellend
+Mit markerschuetternder Gewalt
+Sie anfuhr: "Was ist dein Begehr?
+Um dir zu dienen, komm' ich her.
+Gehorchen muss ich jedermann,
+Der diese Lampe haelt in Haenden."
+Allein, bevor er Zeit gewann,
+Um seine Rede zu vollenden,
+Fiel, ausserstand, sich zu bemeistern,
+Die Mutter um und rang nach Luft.
+
+[Illustration: Das Erscheinen des Geistes]
+
+Doch Aladdin, der in der Gruft
+Gelernt, wie man mit solchen Geistern
+Verfaehrt, ergriff die Lampe schnell
+Und saeumte nicht, ihm zu befehlen:
+"Ein gutes Fruehstueck schaff' zur Stell'!"
+Der Geist verschwand. Nicht drei zu zaehlen
+Vermochte man, da kam er wieder
+Mit einer grossen Silberplatte
+Und setzte sie behutsam nieder.
+Was irgend man zu wuenschen hatte,
+Das bot sich drauf in Fuelle dar:
+Zwoelf Silberschuesseln, drin ein feines
+Und reiches Mahl enthalten war,
+Zwei Flaschen voll erlesnen Weines,
+Vier Brote von dem besten Mehl,
+Kurzum ein Fruehstueck ohne Fehl.
+
+Die Mutter lag in Ohnmacht noch,
+Wie sich der Geist bereits empfohlen,
+Und konnt' erst langsam sich erholen,
+Indem den wuerzigen Duft sie roch.
+Der Sohn erfasste sie beim Arm
+Und draengte sie, den guten Speisen
+Geziemend Ehre zu erweisen;
+Denn ewig blieben sie nicht warm.
+Sie sprach, verbluefft im hoechsten Grade:
+"Woher denn dieser Ueberfluss?
+Zeigt uns der Sultan seine Gnade?"
+Drauf Aladdin: "Zuerst Genuss,
+Erklaerungen dann hinterdrein."
+Und unbedenklich hieb er ein.
+Die Mutter, vor Erstaunen wirr,
+Betrachtete bei jeder Pause,
+Die stattfand zwischen ihrem Schmause,
+Das schoene silberne Geschirr,
+Und als die Zwei gesaettigt, lag
+Noch ganz genug in jeder Schuessel
+Fuer diesen und den naechsten Tag.
+Sie fragte wieder nach dem Schluessel
+Zu diesem seltsamen Erlebnis,
+Und als der Sohn ihr wahrheitstreu
+Geschildert hatte das Begebnis,
+Versetzte sie voll banger Scheu:
+"Mit Geistern ist nicht gut zu scherzen;
+Drum folg' mir, wirf die Lampe fort
+Und nimm den Druck von meinem Herzen."
+"Nein," rief er, "einen solchen Hort
+Soll, wer ihn einmal hat, behueten.
+Nun ist, was erst ich nicht begriff,
+Mir klar--des falschen Oheims Kniff
+Sowie der Grund von seinem Wueten.
+Durchaus die Lampe wollt' er haben,
+Weil sie versehn mit Wundergaben,
+Und jetzt mit Recht gehoert sie mir.
+Ich will sie bergen zwar und Schuetzen
+Vor unsrer Nachbarn Neid und Gier,
+Im Notfall aber sie benuetzen,
+Sie und den Ring an meiner Hand.
+Vertrauen darf ich meinem Gluecke,
+Weil dieses Schurken arge Tuecke
+Sich so zum Guten hat gewandt."
+
+
+
+
+4.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Einmal geht alles auf die Neige,
+Haelt man damit auch sparsam Haus,
+Und dass der Hunger dauernd schweige,
+Bewirkt kein noch so fetter Schmaus.
+Die Schuesseln wurden also leer,
+Und Aladdin, dem unterm Gurte
+Bereits der Magen wieder knurrte,
+Nahm von den zwoelfen eine her
+Und trug in seines Mantels Falten
+Sie heimlich, um sie feilzuhalten,
+Zum Troedler in der naechsten Gasse;
+Doch als der hoechst verschmitzte Greis
+Die Frage tat, um welchen Preis
+Er ihm die Schuessel ueberlasse,
+Gestand ihm Aladdin gar ehrlich,
+Wieviel sie wert sei, wiss' er nicht.
+Der alte Gauner, der begehrlich
+Geprueft ihr stattliches Gewicht
+Und merkte, dass der junge Fant
+Von seinem Schatze nichts verstand,
+Gab ihm, damit nicht vorm Verkauf
+Er etwas noch davon erfahre,
+Geschwind ein Goldstueck fuer die Ware.
+Mit diesem flog in muntrem Lauf,
+Des Vorteils froh, der ihm erwuchs,
+Der Bursch zum Baecker und zum Schlaechter,
+Dieweil ihm jener schlaue Fuchs
+Nachsah mit leisem Hohngelaechter.
+
+In solcher Art allmaehlich liess
+Elf Schuesseln, eine nach der andern,
+Wenn ihn die Not von neuem stiess,
+Nichtsahnend er zum Troedler wandern.
+Nun kam ihm bei dem naechsten Fall
+Zu Sinn, die Platte loszuschlagen;
+Nur konnt' er die nicht selber tragen;
+War viel zu schwer doch ihr Metall.
+So bat er, weil er noch nicht klueger
+Geworden, jenen Schelm ins Haus,
+Und schleunig zahlte der Betrueger
+Goldstuecker zehn dafuer ihm aus.
+
+Die zwoelfte Schuessel blieb zurueck.
+Nachdem das schoene Geld zerflossen,
+Wollt' er zum Troedler kurz entschlossen
+Verschleppen auch dies letzte Stueck.
+Doch mitten auf dem Wege trat
+Ein Goldschmied freundlich ihm entgegen
+Und sagte: "Nicht der Neugier wegen
+Frag' ich, warum den gleichen Pfad
+Ich oft, mein Sohn, dich wandeln sehe.
+Hier wohnt ein Troedler in der Naehe;
+Hast du mit dem dich eingelassen,
+Dann sei gewarnt und sieh dich vor;
+Denn jeden haut er uebers Ohr.
+Ich will mich gern damit befassen,
+Zu schaetzen, was dir etwa feil,
+Und nimmer wuerdest du betrogen."
+
+Der Bursche hatte mittlerweil
+Die Schuessel aus dem Kleid gezogen.
+Die sah der Goldschmied ohne Worte
+Von allen Seiten lang sich an
+Mit Kennerblick und fragte dann,
+Ob er schon andre dieser Sorte
+Veraeussert hab' und fuer wieviel.
+"Ein Goldstueck hat er mir gegeben,"
+Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben,
+Der Spitzbub kennt nicht Mass noch Ziel,"
+Versetzte jener voll Empoerung.
+"Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut
+Und hast in gruendlicher Betoerung
+Verschleudert ein betraechtlich Gut.
+Fuer solche Schuessel sondergleichen
+Ein Goldstueck! O der Ungebuehr!
+Denn achtundsechzig will dafuer
+Ich auf dem Fleck dir ueberreichen."
+
+Von diesem Tag an war das Darben
+Fuer Sohn und Mutter abgestellt,
+Und uebermalt mit Rosenfarben
+Schien die zuvor so graue Welt.
+Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte,
+Liess Aladdin der Lampe Geist,
+Ob auch der Mutter vor ihm bangte,
+Erscheinen und gebot ihm dreist,
+Ein neues Fruehstueck anzurichten;
+Puenktlich vollzog der seine Pflichten.
+Die Silberschuesseln und die Platten
+Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war,
+Zum Goldschmied hin, der stets bereit war,
+Den vollen Preis ihm zu erstatten.
+Fortan drum ward es ihnen leicht,
+Bequem zu leben und behaglich;
+Doch weil es leider niemals fraglich,
+Dass Missgunst hinterm Gluecke schleicht
+Und man sich hueten muss vor Neidern,
+Vermieden sie trotz gutem Trunk
+Und gutem Essen jeden Prunk
+In ihrem Haus und ihren Kleidern
+Und hielten hinter sich'rem Schloss
+Dadurch geheim den goldnen Bronnen,
+Der ihnen unversiegbar floss.
+
+Vier Jahre waren so verronnen.
+Zu einem schmucken jungen Manne
+War Aladdin herangereist,
+Gerad und schlank wie eine Tanne.
+Ein winzig Baertchen, zart geschweift,
+Spross ueber seinem Lippenrand,
+Und niemand haette mehr den Luemmel,
+Der einst in muessigem Getuemmel
+Die Zeit vertan, in ihm erkannt.
+Sein Blick war jetzt nicht mehr getruebt
+Von Traegheit, seine Geisteskraefte
+Durch ernsten Umgang eingeuebt
+Auf die verschiedensten Geschaefte.
+Der Menschen Treiben insgesamt,
+Ihr Wirken, Trachten, Fuerchten, Hoffen
+In jedem Handwerk, jedem Amt
+Lag wie ein Buch nun vor ihm offen.
+Er hatte viel Verkehr gepflegt
+In Wechselstuben, Kaufmannslaeden
+Und sich in seinem Tun und Reden
+Ein vornehm Wesen zugelegt.
+Jetzt ward ihm auch von selber kund,
+Was einst er nicht gewagt zu traeumen:
+Dass all die Fruechte feurig bunt
+Von jenes Zaubergartens Baeumen
+Kein farbig Glas, wie er gedacht,
+Vielmehr die koestlichsten Juwelen.
+Er nahm sich aber wohl in acht,
+Aus Furcht, man koennt' ihn drum bestehlen,
+Es irgend jemand zu erzaehlen.
+Der Mutter selbst verschwieg er's streng.
+
+Durchwandelnd eines Tags die Strassen,
+Vernahm er ungewohntermassen
+Ein laut Bumbum und Schnettretteng.
+Zum Schall von Pauken und Trompeten
+Rief oeffentlich ein Herold aus,
+Man moege schliessen jedes Haus
+Und nicht die Strasse mehr betreten.
+Prinzessin Bedrulbudur naemlich,
+Des Sultans Tochter, wolle heute
+Zum Bade gehn, und zwar bequemlich
+Gesichert vorm Gegaff der Leute.
+
+Weil Neugier doppelt heftig loht,
+Wenn ihr begegnet ein Verbot,
+Ward alsogleich durch dies Verfahren
+In Aladdin der Wunsch erweckt,
+Die Sultanstochter unbedeckt
+Von ihrem Schleier zu gewahren.
+Er schlich deshalb auf leichten Sohlen
+Zur Tuer des Bades katzenhaft
+Und kauerte sodann verstohlen
+Sich hinter einer Saeule Schaft.
+Er hatte noch nicht lang geharrt,
+Als schon mit einem grossen Staate
+Von Frauen die Prinzessin nahte.
+Sie nahm, von seiner Gegenwart
+Nichts merkend, gaenzlich unbefangen
+Im Vorraum ihren Schleier ab,
+Und Aladdin, drei Schritte knapp
+Entfernt, vermochte nach Verlangen
+Ihr Antlitz huellenlos zu schaun.
+War auch--die Mutter ausgenommen--
+Bisher von unvermummten Frau'n
+Ihm keine zu Gesicht gekommen,
+So ward mit einem Schlag ihm klar,
+Dass diese hier die schoenste war.
+
+[Illustration: Aladdin belauscht die Prinzessin]
+
+Herab in reicher Lockenflut
+Floss ihr kastanienbraunes Haar
+Auf ihrer Augen dunkle Glut
+Ihr Blick war sittsam und voll Guete,
+Die Wangen sanft gerundet, weich
+Und rosenrot wie Pfirsichbluete,
+Die Lippen zwei Korallen gleich.
+Ihr Wuchs und Gang war ohne Tadel,
+Und ihre liebliche Gestalt
+Verriet in Reizen tausendfalt
+Holdseligkeit vereint mit Adel.
+Kein Wunder drum, dass Aladdin,
+Nachdem die Herrliche verschwunden,
+Noch immerdar wie festgebunden
+Und wie verzaubert sich erschien.
+
+Obwohl erstarrt zu Stein und Erz
+Er sich zu ruehren nicht vermochte,
+Konnt' er empfinden, wie sein Herz
+In seiner Brust vernehmlich pochte.
+Sogar als er zuletzt gewaltsam
+Sich loszureissen war gewillt,
+Verfolgte dennoch unaufhaltsam
+Ihn auf dem Weg nach Haus ihr Bild.
+
+Der Mutter war's ein leichtes Ding,
+Sein ganz und gar veraendert Wesen
+Gleich von der Stirn ihm abzulesen.
+Sie wunderte sich drob und fing
+Ihn auszuforschen an, warum
+Er so zerstreut, verstoert und stumm;
+Ob ihm vielleicht zu Kopf gestiegen
+Ein Streit? Ein Aerger? Ein Verdruss?
+Doch er, wie eine harte Nuss,
+Blieb unzugaenglich und verschwiegen.
+Auch als am Abend auf den Tisch
+Von ihr ein braungebratner Hase
+Getragen ward und in die Nase
+Der Duft ihm drang verfuehrerisch,
+Schob er, der immer seinen Mann
+Gestanden sonst als guter Esser,
+Hinweg die Gabel und das Messer
+Und ruehrte keinen Bissen an.
+Da merkte sie, dass an dem Toren
+Heut jedes Mittel war verloren,
+Und beide schwiegen um die Wette.
+Er traeumte wachend, seufzte tief
+Und ging zu guter Letzt zu Bette;
+Doch fraglich ist es, ob er schlief.
+
+
+
+
+5.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Am Morgen drauf--am Spinnrad schon
+Sass die besorgte Frau voll trueber
+Gedanken--trat herein ihr Sohn
+Und setzte sich ihr gegenueber.
+"Ach, Mutter," hob er an, "vergib
+Mir nur mein gestriges Betragen;
+Verzeih' mir, dass auf deine Fragen
+Ich dir die Antwort schuldig blieb.
+Doch wenn du mir's mit Recht veruebelt,
+Heut will ich offen dir gestehn:
+Ich kann, so viel ich nachgegruebelt,
+Nicht fassen, was mit mir geschehn.
+Ich bin nicht krank, und dennoch lieber
+Haett' ich den aergsten Schmerz gefuehlt
+Als dieses raetselhafte Fieber,
+Das mir im Innern tobt und wuehlt.
+Mit Namen weiss ich's nicht zu nennen
+Und weiss auch nicht, wie man's behebt;
+Du aber wirst's gewiss erkennen,
+Wenn du vernimmst, was ich erlebt."
+Drauf gab er ihr genaue Kunde,
+Wie gestern bei dem Badegang
+Der Sultanstochter ihm gelang,
+Ihr Antlitz aus dem Hintergrunde
+Befreit vom Schleier zu erblicken,
+Und wie dies Bild seit jener Stunde
+Sein herz an unsichtbaren Stricken
+Hinziehe zu der schoenen Fee.
+"Kurzum", so schloss er seine Schildrung,
+"Kein Zweifel, fuer mein toedlich Weh
+Gibt's keine Hilfe, keine Mildrung,
+Es waere denn, dass unverweilt
+Sie selbst, jawohl, sie selbst mich heilt
+Von allen Noeten und Beschwerden;
+Gefasst somit ist mein Entschluss:
+Prinzessin Bedrulbudur muss
+Auf immerdar die Meine werden!"
+
+Die Mutter, die von ihrem Spinnen
+Ablassend eifrig zugehoert,
+Rief lachend aus: "Bist du von Sinnen?
+Ja, bist so voellig du betoert?
+An solch unmoegliches Beginnen
+Denkt nur ein ausgemachter Narr."
+"Nein, Mutter," sprach er, "nein, du irrst;
+Zwar wusst' ich, dass du lachen wirst;
+Doch mein Entschluss ist fest und starr.
+Und ob du zehnmal sagst, entglitten
+Sei mir mein saemtlicher Verstand,
+Es bleibt dabei, den Sultan bitten
+Will ich um seiner Tochter Hand."
+
+"Mein Sohn," begann die Mutter ernst,
+"Damit du recht erwaegen lernst,
+Wie kindisch deine Reden sind,
+Antworte mir: Wer soll es wagen
+Ihm diese Bitte vorzutragen?"
+"Du selbst!" rief Aladdin geschwind.
+"Ich? Gott behuete mich davor!
+Schon der Gedanke macht mich beben!
+Wie duerftest du dein Aug' erheben
+Zu einem Sultanskind empor?
+Hast du vergessen, dass ein Schneider
+Bescheidnen Rangs dein Vater war,
+All deine Ahnen Hungerleider?
+Und ist, so frag' ich, nicht sogar
+Fuer unsres Herrschers Schwiegersohn
+Ein Prinz noch von zu niedrem Stande,
+Falls er in seinem Heimatlande
+Nicht Aussicht hat auf einen Thron?"
+
+Sie predigte nur tauben Ohren.
+"Nenn's Wahnwitz, nenn' es Eigensinn;
+Ich hab' es mir einmal geschworen,
+Und nichts erschuettert mich darin.
+Solange mich des Himmels Bau
+Nicht krachend unter seinen Lasten
+Begraebt, werd' ich nicht ruhn und rasten,
+Bis die Prinzessin meine Frau.
+Ja, wenn du mich nicht elend sterben
+Willst sehn bereits am heut'gen Tag,
+Dann musst du, kost' es, was es mag,
+In meinem Namen um sie werben."
+
+[Illustration: Ein Herold verkuendet das Nahen der Prinzessin]
+
+Die Mutter wurde hoechst verlegen.
+Ihn zum Verzicht auf seinen Plan
+Durch Ueberredung zu bewegen,
+Schien hoffnungslos bei solchem Wahn.
+Nochmals versuchte sie's mit Guete:
+"Gott weiss, dass fuer mein armes Teil
+Ich allezeit mich um dein Heil
+Mit meiner ganzen Kraft bemuehte.
+Fuer dich vollbraecht' ich schlimmsten Falles
+Die schwerste Tat aus eignem Trieb;
+Denn wahrlich, ihrem Kind zulieb
+Tut eine Mutter freudig alles.
+Ja, wenn ein Maedchen dir gefiele,
+zu vornehm weder noch zu reich,
+Nicht saeumen wuerd' ich, sondern gleich
+Dir ebnen deinen Weg zum Ziele,
+In deinem Namen um sie frei'n
+Und meinen Segen dir verleihn.
+Doch nimm nur an von ungefaehr,
+Dass ich dir deinen Willen taete,
+Verwegen vor den Sultan traete
+Mit solchem frevelnden Begehr--
+Wuerd' ueberhaupt ich vorgelassen?
+Wuerd' augenblicklich nach Gebuehr
+Nicht einer mich beim Arme fassen
+Und mich befoerdern vor die Tuer?
+Nimm aber an, dass mir's gelaenge,
+Durch all der Bittenden Gedraenge
+Dem Sultan selber mich zu nah'n,
+Und er, der gnaedig ist fuer jeden,
+Waer's auch sein letzter Untertan,
+Gestattete mir frei zu reden--
+Wie dann begruend' ich dein Gesuch?
+Welch ein Verdienst ist dir zu eigen?
+Kann ich auf deinen Namen zeigen
+In irgendeinem Ehrenbuch?
+Kannst du durch eine seltne Leistung,
+Durch eine vielgeruehmte Kunst
+Nachsicht verschaffen der Erdreistung,
+zu flehn um diese hoechste Gunst?
+Und sei noch dessen eingedenk,
+Dass man vorm Sultan darf erscheinen
+Nicht ohne kostbares Geschenk.
+Du selber wirst wohl kaum vermeinen,
+Es finde sich in deiner Habe
+Ein Kleinod von so hehrem Glanz,
+Dass ich es bieten koennt' als Gabe
+Dem groessten Herrn des Morgenlands."
+"Ei, grade wenn ich dies bedenke,"
+Versetzte ruhig Aladdin,
+"Dann wird mir neuer Mut verliehn.
+Ich haette nichts, was zum Geschenke
+Fuer einen Sultan gut genug?
+Entsinn' dich doch der huebschen Sachen,
+Die dazumal ich bei mir trug,
+Als ich der Hoehle finstrem Rachen
+Entronnen war mit heiler Haut,
+Und die mein Mangel an Erfahrung
+Fuer bunte Glaeser angeschaut.
+Laengst aber ward mir Offenbarung;
+Lernt' ich doch von den Juwelieren
+Den Unterschied von falsch und echt.
+Juwelen sind es, nicht zu schlecht,
+Um eine Krone zu verzieren
+Durch auserlesne Farb' und Art.
+Die werden, kann ich dir versprechen,
+Dem Sultan, wenn er sie gewahrt,
+Gewaltig in die Augen stechen,
+Sodass er ueberfliesst von Gnade."
+
+Die Zauberfruechte kurz und gut
+Nahm insgesamt er aus der Lade,
+Worin bis heute sie geruht,
+Und ordnete sie mit Bedacht
+In einer schoenen alten Vase,
+Die seiner Mutter eine Base
+Einst zum Geburtstag ueberbracht.
+Ja freilich, von gemeinem Glase
+Kam dieses lautre Feuer nicht,
+Das nun mit staerkerem Gefunkel
+Sie blendete bei Tageslicht
+Als in des Abends halbem Dunkel.
+
+Nachdem an dem erhabnen Schimmer
+Die beiden lange sich geletzt,
+Nahm Aladdin das Wort. "Was jetzt?
+Sag', Mutter, zweifelst du noch immer,
+Dass mein Geschenk der Sultan schaetzt?
+Du wirst, so wett' ich, im Palast
+Mit dieser Gabe gut empfangen.
+Sprich, welchen Einwand du noch hast,
+Um mir zu weigern mein Verlangen?"
+
+Zwar konnt' er sie nicht ueberzeugen;
+Doch weil er wild und wilder bat,
+So wusste sie sich keinen Rat
+Als widerstrebend sich zu beugen.
+"Wohlan, mein Sohn, weil du's verlangst,
+Will ich das Wagnis auf mich nehmen,
+Will trotzend meiner Herzensangst
+Mich zu dem schweren Gang bequemen.
+Nur gib nicht mir die Schuld, wenn spaeter
+Daraus entquillt ein Ungluecksborn,
+Und wenn uns in gerechtem Zorn
+Der Fuerst bestraft als Missetaeter."
+"Warum denn gleich das Aergste glauben?"
+Erwiderte der Sohn ihr heiter.
+"Und sollt' er wirklich zuernend schnauben,
+Dann hilft gewiss mein Glueck mir weiter.
+Die Lampe, die nun schon seit Jahren
+Auf Wunsch uns ueppig traenkt und speist,
+Wird mir auch kuenftig in Gefahren
+Als Beistand senden ihren Geist."
+
+So wusst' er ueberaus gewandt
+Auch ihren letzten Widerstand
+Mit Gruenden aller Art zu brechen,
+Und sie erklaerte sich bereit,
+Beim Sultan morgen vorzusprechen,
+Wenn's im Bereich der Moeglichkeit.
+
+
+
+
+6.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Vor lauter Ungeduld erweckte
+Bereits vor Tag, bei Daemmerschein
+Der Sohn die Mutter, und sie steckte
+Sich in ihr Feierkleid hinein.
+Die Vase, bis zum Rand gefuellt
+Mit den Juwelen, ward in Linnen
+Von ihr behutsam eingehuellt;
+Ein feines weisses Tuch fuer innen,
+Ein groeberes als Ueberzug,
+Sodass, nachdem sie die vier Enden
+Verknotet mit geschickten Haenden,
+Sie das Geschenk als Buendel trug.
+
+Sie machte dergestalt beklommen
+Nach dem Palast sich auf den Weg,
+Und grad als dort sie angekommen,
+Ward aufgetan das Torgeheg'.
+Erst ging hinein der Grossvezier
+Mit andern hohen Wuerdentraegern,
+Lakaien, Reisigen und Jaegern;
+Dahinter draengten, zahllos schier,
+In dichtem Schwarm sich all die Leute,
+Die bei des Herrschers Diwan heute
+Drauf rechneten, der Huld von oben
+Abzugewinnen einen Strahl.
+So, gehend halb und halb geschoben,
+Kam sie zum weiten, lichten Saal,
+Worin der Diwan ward gehalten.
+Dort sass der Sultan in Person,
+Umwogt von seines Purpurs Falten,
+Ihr gegenueber auf dem Thron,
+Der Grossvezier an seiner Seite,
+Sodann, gewaertig seines Winks,
+Ein aeusserst stattliches Geleite
+Von Staatsbeamten rechts und links.
+
+Wer nun der Reihe nach gerufen
+Herantrat an des Thrones Stufen,
+Der legte seine Bittschrift nieder,
+Sprach zur Begruendung einen Satz,
+Erhielt Bescheid und musst' hinwieder
+Dem Naechsten raeumen seinen Platz.
+Die Mutter war noch lang' nicht dran;
+Doch ehe sie sich recht besann,
+Verstrich des Diwans kurze Stunde.
+Der Fuerst stand auf, entliess die Zahl
+Der Harrenden und schritt im Bunde
+Mit seinem Hofstaat aus dem Saal.
+Der Schwarm verlief sich, und sie ging,
+Da weiteres Bemuehn vergeblich,
+Nach Haus, wo sie der Sohn erheblich
+Enttaeuscht und missgestimmt empfing.
+Sein Unmut blieb ihr nicht verborgen;
+Doch fuehlte sie sich frei von Schuld,
+Ermahnte sanft ihn zur Geduld
+Und gab ihr Wort, sie werde morgen
+Von neuem hingehn.--Welche Qual!
+Der arme Junge sass auf Kohlen.
+Denn fruchtlos musste siebenmal
+Sie den Versuch noch wiederholen,
+Stets mit dem naemlichen Verlauf:
+Sie kam und sah den Sultan thronen,
+Recht sprechen, warnen und belohnen,
+Und immer wieder brach er auf,
+Bevor an ihr die Reihe war.
+So haette dort wohl unabwendlich
+Sie Tag fuer Tag ein volles Jahr
+Gewartet, waere sie nicht endlich
+Dem Blick des Herrschers aufgefallen,
+Weil ohne Bittschrift in der Hand
+Sie stets als hinterste von allen
+Dem Thron grad gegenueberstand.
+
+Drum, als der Diwan war beendet
+Am siebten Tag und er sich eben
+In sein Gemach zurueckbegeben,
+Sprach er zum Grossvezier gewendet:
+"Geraume Zeit bemerk' ich schon,
+Wie taeglich, wenn ich Sitzung halte,
+Sich gegenueber meinem Thron
+Erwartend aufstellt eine Alte.
+Sie traegt was in ein Tuch geschlagen
+Und steht so bis zum Schlusse still.
+Kannst du mir kuenden, was sie will?"
+"Vermutlich will sie sich beklagen,"
+Erwiderte der Grossvezier.
+"Du weisst ja, Herr, wie haeufig Frauen
+Ein unbedeutend Leid vor dir
+Mit grossem Wortschwall wiederkauen.
+Vielleicht hat man zu wenig Mehl
+Ihr auf dem Markte zugewogen,
+Vielleicht beim Wechseln sie betrogen."
+Der Sultan gab ihm drauf Befehl,
+Sie naechstesmal ihm vorzufuehren.
+
+Und richtig, tags darauf, sofort
+Nachdem man aufgetan die Tueren,
+Stand sie beharrlich wieder dort.
+Der Sultan winkte vor Beginn
+Der Sitzung, als er sie erblickte,
+Dem Grossvezier, und dieser nickte
+Zum Obersten der Wache hin.
+Der gab der Mutter flugs ein Zeichen,
+Mit ihm zu gehn, gebot sodann
+Den Vorderen, vor ihr zu weichen,
+Und brachte sie zum Thron heran.
+Dort warf sie sich--weil dies gebuehrend
+Ihr schien nach allgemeinem Brauch--
+Vorm Sultan nieder auf den Bauch,
+Den Boden mit der Stirn beruehrend.
+Doch er befahl ihr aufzustehn
+Und sagte: "Gute Frau, tagtaeglich
+Hab' ich seither dich unbeweglich
+Dort nah dem Eingang harren sehn.
+Was ist es, sprich, das du begehrst?"
+
+Sie warf sich nochmals nieder erst
+Und hauchte, vor Erregung heiser:
+"Bevor, erhabner Herr und Kaiser,
+Den Anlass du von mir erfaehrt,
+Der mich bewog zu diesem Schritte,
+Vernimm die demutsvolle Bitte,
+Dass mein unglaubliches Verlangen
+Du gnaedig im voraus verzeihst;
+Denn ich vergehe fast vor Bangen.
+Erscheint ja doch mein Unterfangen
+Sogar mir selber allzu dreist."
+
+Der Sultan, um ihr Mut zu machen,
+Liess augenblicks den ganzen Hauf
+Des Volks entfernen durch die Wachen
+Und forderte den Hofstaat auf,
+Ihn mit der Frau allein zu lassen;
+zurueck blieb nur der Grossvezier.
+"Du darfst", so sprach er dann zu ihr,
+"Nunmehr getrost ein Herz dir fassen.
+Was immer dein Begehren sei,
+Dir ist's vorweg, mein Wort zum Pfande,
+Vergeben. Also rede frei!"
+
+Da loesten sich die Zungenbande
+Der Mutter. Ohne weitre Scheu
+Berichtete sie wahrheitstreu,
+Durch welch geheimes Abenteuer
+Sich seiner Tochter Aladdin,
+Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn
+Seitdem verzehre wildes Feuer;
+Wie redlich sie sich unterdessen
+Ihn abzukuehlen angestrengt,
+Doch wie von Leidenschaft besessen
+Er sie zu diesem Gang gedraengt.
+Nur seiner Drohung, dass er sterbe,
+Wenn nicht um deren Hand sie werbe,
+Die doch fuerwahr, mit ihm verglichen,
+Nicht minder unerreichbar fern
+Als an dem Firmament ein Stern,
+Sei schliesslich zoegernd sie gewichen.
+
+Der Sultan, keineswegs empoert
+Noch spoettisch, aeusserte die Frage,
+Nachdem er ruhig zugehoert,
+Was in dem Tuch verhuellt sie trage.
+Sogleich entnahm sie wunschgemaess
+Dem Buendel das Geschenk des Sohnes
+Und stellte vor den Fuss des Thrones
+Das vollbeladene Gefaess.
+Der Herrscher, von dem bunten Scheine
+Geblendet, waehnte sich im Traum
+Und traute seinen Augen kaum
+Beim Anblick all der Edelsteine,
+So gross und praechtig, wie noch keine
+Zeit seines Lebens er geschaut,
+Und in Betrachtung ganz versunken
+Sass er ein Weilchen ohne Laut.
+Dann aber rief er freudetrunken:
+"Wie schoen! Wie koestlich! Wie vollendet!",
+Nahm jeden einzeln in die Hand
+Und sprach, zum Grossvezier gewendet:
+"Sag', ob in meinem ganzen Land
+In allen Laendern dieser Erde
+Man je was gleich Vollkommnes fand?"
+Mit beifallspendender Gebaerde
+Gab dies der Grossvezier ihm zu,
+Worauf er fortfuhr: "Moechtest du
+Behaupten, dass ich einen Mann,
+Der solcherlei vermag zu schenken,
+Nicht, ohne lang' mich zu bedenken,
+zum Schwiegersohn erwaehlen kann?"
+
+Der Grossvezier war sehr betroffen
+Von diesem Wort. Seit Jahren schon
+Liess naemlich ihn der Sultan hoffen,
+Er werde seinen eignen Sohn
+Mit der Prinzessin einst vermaehlen.
+Er sagte drum ins Ohr ihm leise:
+"Ja, Herr, ich kann es nicht verhehlen,
+Dass dies Geschenk von hoechstem Preise
+Der Sultanstochter wuerdig ist;
+Doch goenne mir drei Monat Frist.
+Mein Sohn, den vormals du zum Gatten
+Ihr zu bestimmen hast beehrt,
+Stellt sicher dies Geschenk in Schatten
+Durch eins von doppelt reichem Wert."
+
+Das schien dem Sultan eine Flause;
+Doch gab er seiner Bitte nach,
+Weil er sein Guenstling war, und sprach
+Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause
+Zu deinem Sohn und meld' ihm dies:
+Den Antrag, den er stellte, wies
+Ich nicht zurueck; drei Monat sind
+Vonnoeten aber, eh' zum Gatten
+Ich jemand gebe meinem Kind,
+Um sie geziemend auszustatten.
+Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."
+
+Die Mutter ging nach Haus zurueck,
+Und diesmal bebten ihre Glieder
+Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Glueck.
+
+
+
+
+7.
+
+
+[Illustration: W]
+
+Wer koennte wohl in Worte fassen,
+Wie selig unser junger Held,
+Nachdem die Mutter ihm bestellt,
+Was ihm der Sultan melden lassen!
+O Wonne, dass nach langem Duersten,
+Nach vielen Naechten ohne Schlaf
+Die Botschaft aus dem Mund des Fuersten
+Sein kuehnstes Hoffen uebertraf!
+Er tanzte rund herum im Zimmer,
+Schwor in den feurigsten Erguessen
+Der Mutter Dankbarkeit auf immer
+Und ueberhaeufte sie mit Kuessen.
+Drei volle Monat waren freilich
+Als vorgeschriebne Wartezeit
+Fuer seine Sehnsucht endlos weit.
+Es war darum gewiss verzeihlich,
+Dass ihn des Ziels Erwartung quaelte
+Und er bestaendig nach der Uhr
+Nicht Wochen, Tage, Stunden nur,
+Vielmehr auch die Minuten zaehlte.--
+Zwei Monat waren abgelaufen,
+Als eines Morgens ahnungslos
+Die Mutter sich, um was zu kaufen,
+Zum Markt begab. Ein laut Getos'
+Der Froehlichkeit scholl ihr entgegen,
+Als waer' ein Fest herangerueckt;
+Mit Blumenkraenzen allerwegen
+Ward eilig Haus fuer Haus geschmueckt,
+Und Laempchen wurden hundertfach
+Hinaufgereicht auf hohe Leitern
+Fuer Prachtbeleuchtung auf dem Dach.
+Die Strassen wimmelten von Reitern
+Auf edlen, reichgezierten Pferden,
+Und alt und jung war aufgeputzt.
+Die Mutter, ganz und gar verdutzt,
+Vermochte draus nicht klug zu werden.
+Sie fragte drum den ersten besten,
+Weshalb denn heute jedermann
+Sich rueste wie zu grossen Festen.
+Der gab zur Antwort: "Schau mal an,
+Das weisst du nicht? Ei, das erzaehlt sich
+Ja doch die ganze Stadt erfreut;
+Dem Sohn des Grossveziers vermaehlt sich
+Prinzessin Bedrulbudur heut."
+
+Die Gute flog bestuerzt nach Haus
+Und rief dem Sohn, der sich zur Stelle
+Befand, entgegen auf der Schwelle:
+"Ach, Aermster, nun ist alles aus!
+Den Sultan hat sein Wort gereut;
+Denn im Palast ist Hochzeit heut.
+Dort wird mit feierlichem Prunke
+Der Sohn des Grossveziers getraut,
+Und die Prinzessin ist die Braut."
+
+Als ob des Blitzes jaeher Funke
+Durchzucke seines Lebens Mark,
+Empfand sich Aladdin zerschmettert,
+Blieb standhaft aber doch und stark;
+Und als verzweifelnd er durchblaettert
+Seite fuer Seite sein Gedaechtnis
+Nach Mitteln gegen diese Pein,
+Fiel ihm des falschen Freunds Vermaechtnis,
+Die Wunderlampe, wieder ein.
+Zur Mutter sprach er drauf entschieden:
+"Der Hochzeit setz' ich einen Damm!
+Lass schaun, wer heute mehr zufrieden,
+Ich oder dieser Braeutigam."
+
+Er tat, was ihm bereits gelaeufig:
+In seine Kammer eingeschlossen
+Rieb er die Lampe, wie schon haeufig,
+Und aus dem Boden aufgeschossen
+Erschien der Geist gleich einem Riesen,
+Ihn fragend: "Was ist dein Geheiss?"
+Drauf Aladdin: "Du hast mit Fleiss
+Mir oefters dienstbar dich erwiesen
+Bei Wuenschen, die gering und nichtig.
+Das Werk jedoch, das ich dir nun
+Befehlen will fuer mich zu tun,
+Ist ueber alle Massen wichtig.
+Du sollst mir meine Qualen lindern
+Und drum als unsichtbarer Gast
+Die Hochzeit, die heut im Palast
+Gefeiert werden soll, verhindern.
+Begib dich hin, vom Wind getragen,
+Ergreif' den Braeutigam beim Kragen,
+Entfuehr' in ein Versteck ihn, sperr'
+Dort fest ihn ein und lass verborgen
+Ihn schmachten bis zum naechsten Morgen."
+Der Geist versetzte fuegsam: "Herr,
+Wie du befiehlst," und war verschwunden.
+
+Am Hofe ward mit aller Kraft
+Inzwischen seit den fruehsten Stunden
+Fuer die Vermaehlung vorgeschafft.
+Mit einem wahrhaft beispiellosen
+Und noch nicht dagewesnen Glanz
+War der Palast verwandelt ganz
+In einen duft'gen Hain voll Rosen.
+Die Tafel funkelte von Gold;
+Prunkteppiche von schwerster Seide
+Bedeckten sorgsam aufgerollt
+Zu wundersamer Augenweide
+Den Marmorboden und die Treppe,
+Und rings mit Perlenschmuck beschwert
+Wog der Prinzessin Hochzeitsschleppe
+Drei Fuerstentuemer auf an Wert.
+
+Der ganze Hofstaat war beisammen
+Nebst Sendlingen aus aller Welt;
+Den angefachten Opferflammen
+Entstieg der Rauch zum Himmelszelt.
+Grad sollte die Vermaehlungsfeier
+Beginnen; Festmusik erscholl;
+Schon trat herein in ihrem Schleier
+Die Sultanstochter anmutsvoll
+An ihres hohen Vaters Arm,
+Und in der Wuerdentraeger Schwarm
+Schritt ihr entgegen ihr Verlobter--
+Da ploetzlich Nacht und wieder Licht;
+Der Geist erfuellte mit erprobter
+Vollendung seine Dienerpflicht.
+Man sah sich an, man sah sich um,
+Die Augen starr, die Mienen dumm:
+Was war geschehn? Der Braeutigam
+Stand nicht mehr dort, wo er gestanden
+Grad eben, sondern war abhanden,
+Wie fortgewischt von einem Schwamm.
+Man forschte, spaehte; doch vergebens.
+Der Grossvezier, der schon geglaubt,
+Er sei am Ziele seines Strebens,
+Schien vor Erregung sinnberaubt.
+Der Hofstaat mit betaeubtem Hirne
+Begann zu tuscheln, dicht geschart;
+Der Sultan runzelte die Stirne
+Und brummte was in seinen Bart.
+Die Gaeste ratlos und befangen,
+Verkruemelten sich allgemach,
+Und ueber der Prinzessin Wangen
+Herunter floss ein Traenenbach.
+
+Die Feierstimmung war verraucht,
+Verwandelt alle Lust in Wehe.
+Denn da zum Abschluss einer Ehe
+Den Braeutigam man dringend braucht,
+So blieb am Ende keine Wahl,
+Als die Vermaehlung zu verschieben
+Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl,
+Bis man ihn wieder aufgetrieben.
+Der Sultan floesste seiner Tochter
+Gar zaertlich Troestung ein und Mut;
+Allein mit Muehe nur vermocht' er
+Zu stillen ihrer Augen Flut,
+Obwohl weit mehr verletzte Scham
+Und schwergekraenkter Stolz die Quelle
+Der Traenen war als Herzensgram.
+
+Am naechsten Morgen aber kam
+Der Grossvezier in hoechster Schnelle
+Zum Sultan, der halb ungeduldig,
+Halb muerrisch ihm entgegensah,
+Und rief: "Mein Sohn ist wieder da!
+Er ist, o glaub' mir, weder schuldig,
+Noch weiss er selbst, was ihm geschah.
+Gebiete drum, dass man die Feier
+Heut ruesten soll zum zweitenmal,
+Und gib dadurch zurueck dem Freier,
+Was ihm ein Unstern gestern stahl."
+Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht
+Ihm vorkam, war der Fuerst erboetig;
+Denn fuer sein Ansehn schien ihm noetig,
+Dass alles moeglichst ward vertuscht.
+Die Hauptstadt wurde von Trompeten
+Und Pauken abermals durchlaermt,
+Das Hochzeitsessen aufgewaermt
+Und alle Gaeste neu gebeten.
+
+Als Aladdin, dem keine Spur
+Von saemtlichen Begebenheiten
+Entgangen war, davon erfuhr,
+Beschloss er, herzhaft fortzuschreiten
+Auf seinem Pfade bis zum Sieg.
+Den Geist beschwor er drum von neuem,
+Und als dem Boden er entstieg,
+Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem
+Gehorsam, was ich dir befohlen,
+Genau vollbracht. Dieselbe Not
+zwingt mich indessen, mein Gebot
+Von gestern dir zu wiederholen.
+Den Sohn des Grossveziers entfuehre
+Heut abermals in gleicher Art,
+Und hinter fest verschlossner Tuere
+Halt' ihn bis morgen frueh verwahrt!"
+
+Der Geist entfernte sich, die Tat
+Alsbald wie tags zuvor verrichtend;
+Nur diesmal in noch staerkrem Grad
+Als gestern wirkte sie vernichtend.
+Im feierlichsten Augenblick
+Verschwand urploetzlich aus dem Saale
+Durch ein unfassliches Geschick
+Der Braeutigam zum zweiten Male.
+Vom ganzen Hof und hohen Adel
+Ward er gesucht wie eine Nadel.
+In alle Winkel ward geguckt,
+Gestoebert ward in allen Ecken;
+Er war so wenig zu entdecken,
+Als ob der Boden ihn geschluckt.
+Hiermit begann ein Trauerspiel:
+Prinzessin Bedrulbudur raufte
+Die schoenen Haare sich und fiel
+Bewusstlos hin; der Sultan schnaufte
+Vor Ingrimm wie ein wildes Tier;
+Der unglueckselige Grossvezier
+Wand sich in Kraempfen wie ein Wurm,
+Die Augen rollend rings im Kreise;
+Die Gaeste flohen gruppenweise,
+Wie eine Herde vor dem Sturm,
+Und seufzend sprach der Oberkoch
+In tiefem, hoffnungslosem Haermen
+Zum Kuechenjungen: "Einmal noch
+Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht waermen."
+
+
+
+
+8.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Grossvezier fand keinen Schlummer
+In dieser Nacht. Am andern Tag
+Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer
+Halb krank er noch im Bette lag,
+Trat aschenfahl und uebernaechtig
+Sein Sohn herein. Der Vater schrie,
+Vor Jaehzorn seiner nicht mehr maechtig:
+"Hinweg mit dir, und lass dich nie
+Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie:
+"Mein Vater, schein' ich so verdaechtig,
+Dass du Gehoer mir weigern willst?
+Wenn dir bekannt, was unverschuldet
+Ich heut und gestern nacht erduldet,
+So wett' ich, dass dein Groll zerschmilzt.
+Ich wurde beidemal gepackt
+Von unsichtbaren Faeusten, staerker
+Als Menschenhand, und eingesackt
+In einen engen, finstren Kerker,
+Zu schmal, um nieder mich zu legen,
+Ja, selbst um aufrecht mich zu regen;
+Die Tuer von aussen fest verrammelt
+Und alles Ruetteln ohne Zweck!
+So kauert' ich, noch kaum gesammelt
+Vom ersten fuerchterlichen Schreck,
+Erneuter Hexerei gewaertig,
+Gefasst auf meinen Untergang
+Und mit dem Erdendasein fertig,
+Wer weiss, wieviele Stunden lang,
+Bis endlich beidemal die Tuer
+Von selber aufsprang. Aber gaebe
+Man tausend Braeute mir dafuer,
+Ich moechte nicht, solang' ich lebe,
+Dies noch ein drittes Mal erleiden.
+So sehr mir die Prinzessin teuer,
+Ich will sie lieber dauernd meiden,
+Als dem geheimen Ungeheuer
+Zum Spielball dienen unbeschraenkt.
+Ich glaube, Bedrulbudur denkt
+Hierin nicht anders, und sie kann,
+Auch wenn sie liebenswert mich findet,
+Nicht recht vertrauen einem Mann,
+Der unfreiwillig stets verschwindet.
+Drum wuensch' ich, ob du gleich dem boesen
+Verhaengnis nicht mit Unrecht grollst,
+Dass du den Sultan bitten sollst,
+Er moege die Verlobung loesen."
+
+Der Grossvezier erkannte klar,
+Wenn auch im Innersten bekuemmert:
+Sein Lieblingsplan von manchem Jahr
+Lag rettungslos vor ihm zertruemmert,
+Sodass, wie nun die Sache stand,
+Statt auf ein Wunder noch zu harren,
+Er selber den verfahrnen Karren
+Am besten stecken liess im Sand.
+Er trug dem Sultan untertaenig
+Drum seines Sohnes Bitte vor
+Und fand ein sehr geneigtes Ohr.
+Der Herrscher freute sich nicht wenig,
+Als unverhofft er sie vernahm,
+Dass dem Entschluss, den er im stillen
+Gefasst um seiner Tochter willen,
+Ihr Braeutigam entgegenkam.
+
+Mit Windeseile flog die Kunde
+Von der Entlobung durch die Stadt,
+War tagelang in aller Munde;
+Doch schliesslich schwatzte man sich satt.
+Es wusste ja vom wahren Grunde
+Nur Aladdin allein Bescheid,
+Und da nunmehr sein Weizen bluehte,
+Nahm mit beruhigtem Gemuete
+Zum naechsten Schachzug er sich Zeit.
+
+Erst als ein Monat noch entwichen
+Und so, wie vorbestimmt, verstrichen
+Die ganze Frist von dreien, sandte
+Von neuem er die Mutter fort
+Zum Sultan, der sie gleich erkannte
+Und sich an sein gegebnes Wort
+Erinnerte. Mit freiem Mute
+Bat sie den Fuersten auf den Knien,
+Gewaehren moeg' er Aladdin,
+Was zu versprechen er geruhte,
+Da die bedungne Frist vorbei.
+
+Dem Sultan war die Mahnung peinlich.
+Er hatte ja fuer unwahrscheinlich
+Gehalten, dass die Schwaermerei
+Des jungen Manns nach so viel Wochen
+Noch immer nicht erloschen sei;
+Denn was er unbedacht versprochen,
+War niemals ernst gemeint gewesen.
+Konnt' er zum Gatten seines Kinds
+Wohl einen Schwiegersohn erlesen,
+Der nicht geboren war als Prinz?
+Und doch vor offener Verneinung
+Sich scheuend, zog im Widerstreit
+Er seinen Grossvezier beiseit
+Und fragte leis nach dessen Meinung.
+"Herr," sagte jener gleichfalls leis,
+"Wenn du dein Wort nicht willst verletzen,
+Genuegt es, einen solchen Preis
+Fuer die Prinzessin festzusetzen,
+Dass, wenn des Werbers Ueberfluss
+An Geld und Gut auch ohnegleichen,
+Trotz allem er die Segel streichen
+Und voll Beschaemung abziehn muss."
+
+Der Ratschlag schien dem Sultan schlau;
+Deshalb sich zu der Mutter eilig
+Umwendend sprach er: "Gute Frau,
+Ich gab mein Wort und halt' es heilig.
+Dein Sohn soll keinen Hindernissen
+Begegnen; aber um zu wissen,
+Was er zur Morgengabe beut,
+Und ob er wirklich zur Erringung
+Der hohen Braut kein Opfer scheut,
+Mach' ich ihm eines zur Bedingung:
+Ich fordre, dass er vierzig Becken
+Von schwerstem Gold mir schicken soll,
+Die saemtlich bis zum Rande voll
+Von herrlichen Juwelen stecken,
+Den damals mir geschenkten gleich,
+Die jeden Stein im ganzen Reich
+Weitaus an Schoenheit uebertrafen,
+Hertragen sollen diese Fracht
+Auf Haeupten vierzig schwarze Sklaven
+In reicher, auserlesner Tracht,
+Gefuehrt von vierzig jungen weissen,
+Die noch verschwenderischer gleissen.
+Dies die Bedingung. Wird genau
+Von ihm bestanden diese Probe,
+Dann--hoere, dass ich's laut gelobe--
+Wird meine Tochter seine Frau."
+
+Die Mutter schritt bedenklich heim,
+Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer,
+Des Herrschers Fordrung werd' auf immer
+In ihrem Sohne jeden Keim
+Des naerrischen Begehrs ersticken.
+Doch als von diesem Trost beseelt
+Sie klipp und klar ihm aufgezaehlt,
+Was er dem Sultan solle schicken,
+Und sicher dachte, dass erschrocken
+Er sich bequeme zum Verzicht,
+Rief er mit strahlendem Gesicht
+Und ueberschaeumendem Frohlocken:
+"Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt
+Im Glauben, dass durch die Bedingung
+Er mich ins Bockshorn jagen wird.
+Waehnt er, mir fehle zur Bezwingung
+Solch eines Probestuecks die Macht?
+Ich koennt' ihm noch ganz andre Launen
+Befriedigen. Er soll erstaunen,
+Und du nicht minder. Gib nur acht!"
+
+Er ging in seine Kammer, rieb
+Die Lampe, bis der Geist erschienen,
+Der unterwuerfig ihm zu dienen
+Wie stets bereit war. Er beschrieb
+Des Herrschers Anspruch ihm ausfuehrlich
+Und fragte dann, ob er dies all
+Ihm schaffen koenne Knall und Fall.
+Der Geist erwiderte: "Natuerlich."
+"Wohlan," sprach Aladdin, "so eile,
+Damit ich flugs den ganzen Tand
+Ihm senden kann."
+
+ Der Geist entschwand
+Und kam nach nicht viel groessrer Weile,
+Als waehrend man die Augenlider
+Zuschliesst und oeffnet, wie geheissen
+Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder,
+Sowie mit vierzig jungen weissen,
+Sodass der umfangreiche Zug
+Sich auf die Strasse musst' erstrecken,
+Weil Haus und Hof nicht weit genug.
+Ein jeder von den schwarzen trug
+Auf seinem Haupt ein goldnes Becken,
+Und jedes Becken wies in Fuelle
+Demanten, Perlen und Berylle,
+Smaragd, Saphir, Topas, Rubin
+Von hoechstem Reiz des Farbenspieles
+Und ueberlegen noch um vieles
+Den Fruechten, die sich Aladdin
+Im Zaubergarten einst gepflueckt.
+Nachdem das Werk soweit geglueckt,
+Rief er die Mutter, die mit starren,
+Weit aufgerissnen Augen gaffte.
+"Schau," sprach er, "muss der Sultan harren?
+Gesteh', dass ich zur Stelle schaffte,
+Was er vorhin sich ausbedang!
+Jetzt aber zoegere nicht lang
+Und bringe meine Morgengabe
+Geradeswegs in den Palast,
+Damit an meiner grossen Hast
+Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe,
+Mein Herz nach so viel Sturmgebraus
+Zu steuern in der Ehe Hafen."
+
+Die Mutter schritt somit voraus
+Dem wundersamen Zug der Sklaven.
+Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus
+Entstroemten gierige Beschauer,
+So dass in Kuerze jung und alt
+Zu einer dichten Menschenmauer
+Auf allen Strassen stand geballt.
+Was irgend Beine hatte, lief,
+Was irgend Lungen hatte, rief
+Mit Stimmen, gellend wie Posaunen,
+Man moege kommen, sehn und staunen.
+Einmuetig wurde die Verkuendung
+Des Urteils allerorten laut,
+Dass in der Stadt seit ihrer Gruendung
+Man solchen Aufwand nie geschaut,
+Nie Sklaven edler von Gestalt,
+Von Wuchs und Haltung angetroffen,
+So bunt geschmueckt, so mannigfalt
+Bekleidet mit den feinsten Stoffen.
+In schoener Ordnung--denn zur Seite
+Den schwarzen Beckentraegern war
+Jeweils ein weisser als Geleite--
+Hinwandelten sie Paar fuer Paar.
+Dazu der Edelsteine Glaenzen,
+Der vierzigfache Spiegelschein
+Des lautren Goldes--allgemein
+War die Begeistrung ohne Grenzen.
+
+
+
+
+9.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Die Nachricht war gleich einem Blitze
+Gedrungen an der Pfoertner Ohr,
+Eh' des Palastes offnem Tor
+Sich naeherte des Zuges Spitze.
+Sie sahn den schmucken Vordermann
+Der achtzig Sklaven mit Verbeugung
+Fuer einen fremden Koenig an
+Und wollten drum zur Ehrbezeugung
+Ihm kuessen seines Kleides Saum.
+Doch der erwiderte: "Gebt Raum
+Und bueckt euch lieber vor dem Rechten.
+Ich bin nur einer von den Knechten
+In unsres grossen Herren Sold."
+So stieg der Zug hinan die Treppen;
+Die Schwarzen hatten arg zu schleppen
+An ihrer schweren Last von Gold,
+Und von den weissen angeleitet
+Betraten sie den lichten Saal
+Des Diwans. Laengst schon vorbereitet
+Und ueberaus gespannt befahl
+Der Sultan, dass man ihnen Platz
+Gewaehre. Kunstgerechterweise
+Vor ihm gereiht in halbem Kreise
+Beeilten sie sich, ihren Schatz
+Am Fuss des Thrones aufzustellen,
+Worauf nach wohlversehnem Amt
+Sowohl die Dunklen als die Hellen
+Sich niederwarfen insgesamt.
+
+[Illustration: Die gestoerte Hochzeitsfeier]
+
+Die Mutter nahte nun dem Thron
+Und sprach mit vielen Huldigungen:
+"Hier sendet Aladdin, mein Sohn,
+Erhabner, was du dir bedungen.
+Er hofft, es werde dir gefallen
+Und der Prinzessin ebenfalls."
+Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen
+Imstande, mit gerecktem Hals
+Und ueberzeugt, ihn wolle necken
+Ein Trug der Sinne, blickte bald
+Verwundert auf die vierzig Becken
+Mit ihrem funkelnden Gehalt
+Von groessrem Wert als ganze Laender,
+Bald auf die fuerstlichen Gewaender
+Der achtzig wohlgestalten Sklaven
+Und sagte laut zum Grossvezier:
+"Fuerwahr, der Himmel soll mich strafen
+Wenn ein Geschenk wie dieses hier
+Je Sultanstoechtern ward geboten!"
+"So ist es," stimmte jener bei,
+zumal er einsah, dass der Knoten
+Nicht anders mehr zu loesen sei.
+Wie haette noch der Fuerst sein Wort
+Zurueckziehn koennen als Empfaenger
+Von solchem beispiellosen Hort?
+Er fragte jetzt sogar nicht laenger
+Nach des Bewerbers Rang und Stand
+Und allen andern Eigenschaften;
+Fuer jeden Vorzug konnt' als Pfand
+Sein ungeheurer Reichtum haften.
+"Geh'," sprach er drum in mildem Ton
+Zur Mutter, "meld' ihm, dass mit warmen
+Gefuehlen ich und offnen Armen
+Ihn gruessen will als Schwiegersohn."
+
+So waren jetzt nach hartem Ringen
+Die Schwierigkeiten weggeraeumt;
+Sie selber durft' ihm Kunde bringen,
+Dass alles, was er sich ertraeumt,
+Was fuer unmoeglich ihr gegolten,
+Was als Verruecktheit sie gescholten,
+Und was ihm ihre Zweifelsucht
+Verargt als frevelhaft verstiegen,
+Ihm jetzt als eine reife Frucht
+Bereit war in den Schoss zu fliegen.
+
+Er aber, wenn auch ueberschwenglich
+Beglueckt, liess keine Zeit entfliehn,
+Um das zu tun, was unumgaenglich
+Ihm zu des Werkes Kroenung schien.
+Er hiess den Geist von neuem kommen
+Und sprach, als dieser schnell genaht:
+"Bereite mir sofort ein Bad
+Und bring', nachdem ich es genommen,
+Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll,
+Wie sonst es nur ein Koenig traegt."
+Er fuehlte drauf alsbald sich machtvoll
+Erfasst und durch die Luft bewegt.
+Ein schoener Raum, an allen Waenden
+Mit buntem Marmor ausgelegt,
+Empfing ihn; dort bedient, gepflegt
+Von zarten, unsichtbaren Haenden,
+Nahm er das Bad in einer lauen,
+Von Wohlgeruch erfuellten Flut.
+Sodann, erquickt und ausgeruht,
+Konnt' er in einem Spiegel schauen,
+Dass er zu seinem Vorteil ganz
+Verwandelt, schoener war und schmucker.
+Statt des bisherigen Gewands,
+Das immer noch den armen Schlucker
+Verraten hatte, fand er Kleider,
+So praechtig, so mit Gold bestickt,
+Dass jeder Prinz und Fuerst als Neider
+Nach ihnen haette hingeblickt.
+
+Sobald er fertig angezogen,
+Erschien der Geist auf seinen Wink,
+Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink!
+Ich habe mittlerweil erwogen,
+Was mir noch fehlt. Ein edles Ross
+Verlang' ich, das an Schoenheit alle
+Verdunkelt in des Sultans Stalle;
+Zu diesem ferner einen Tross
+Von Sklaven, jenen gleich zu achten
+An Kleiderprunk und Stattlichkeit,
+Die mein Geschenk dem Sultan brachten;
+Acht Sklavinnen dann zum Geleit
+Fuer meine Mutter, deren jede
+Ihr ein so koestliches Gewand
+Soll bringen, dass im ganzen Land
+Bald von nichts andrem mehr die Rede.
+Auch einen Beutel mit zehntausend
+Goldstuecken brauch' ich noch. Nur schnell
+Ans Werk!"
+
+ Der Geist entschwebte sausend,
+Und alles war im Nu zur Stell'.
+Den Sklavinnen gab Aladdin
+Befehl, zur Mutter hinzueilen
+Und ihr ein Staatskleid anzuziehn.
+Das bare Gold liess er verteilen
+An feine Sklaven, mit der Weisung,
+Sie sollten's auf der ganzen Laenge
+Des Wegs mit voller Hand zur Speisung
+Der Armut werfen in die Menge.
+Er stieg zu Pferd und zog inmitten
+Des Trosses durch die Strassen hin.
+Selbst Kennern kam nicht in den Sinn,
+Dass er noch nie zuvor geritten,
+Weil mit dem feinsten Ebenmass
+Und Anstand er im Sattel sass.
+
+[Illustration: Aladdin reitet zum Schloss des Sultans]
+
+Vielkoepfig, massig, nicht zu zaehlen,
+Lief wiederum das Volk herbei;
+Betaeubend schwang aus allen Kehlen
+Sich Beifallruf und Jubelschrei,
+Besonders wenn, vom Sklaventross
+Geschnellt, als ungewohnter Segen
+So rechts wie links ein Hagelregen
+Von goldnen Muenzen sich ergoss.
+Wer war der Ritter hoch zu Ross?
+Bei Namen konnt' ihn niemand nennen,
+Nicht einmal einer unter zehn,
+Die noch vor kurzem ihn gesehn,
+Den alten Aladdin erkennen.
+Er, juengst noch duerftig, unansehnlich,
+Sah nun sich selber nicht mehr aehnlich;
+Denn zu der Lampe Wunderkraeften
+Gehoerte die geheime Macht,
+Dem Glueckspilz, den sie hoch gebracht,
+Auch aeussern Adel anzuheften.
+So lag am Tage sonnenklar,
+Dass all der Pracht, womit er prunkte,
+Durch sein Verdienst er wuerdig war.
+Er wurde rasch zum Mittelpunkte
+Fuer jedes Auge; jauchzend hob
+Zum Himmel ihn des Volkes Lob
+Und goennte gern ihm dieser Erde
+Vollkommenstes und reichstes Heil.
+
+Bis zum Palasttor mittlerweil
+Gelangt, stieg artig er vom Pferde.
+Die Pfoertner bildeten zwei Reihen
+Von Tor zu Tuer, um dem Empfang
+Vermehrte Wuerde zu verleihen;
+Durch diese schritt er sacht entlang,
+Trat in den Saal und vor den Thron.
+Der Sultan, seiner harrend schon,
+War ueberrascht und hoechst erbaut
+Sowohl von seiner Prachtentfaltung
+Wie seinem Wuchs und seiner Haltung,
+Schritt ihm entgegen, zog ihn traut,
+Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken,
+An seine Vaterbrust und liess,
+Indem er ihn willkommen hiess,
+Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.
+
+"Erlauchter Fuerst," sprach Aladdin,
+"Ich danke dir, dass mein Erkuehnen,
+Statt es durch harten Spruch zu suehnen,
+So nachsichtsvoll du mir verziehn.
+Ich wuesste nichts, was mich entschuldigt,
+Als dass mein Herz, von holdem Zwang
+Besiegt, in willenlosem Drang
+Der reizenden Prinzessin huldigt,
+Und dass die Liebe, die gewaltsam
+In meinem Innern flammt und loht,
+Nicht enden wird, bis unaufhaltsam
+Mein Leben selbst erlischt im Tod."
+
+"Mein Freund," versetze halb im Scherz
+Der Sultan, "um durch dieses Feuer
+Heillos versengt zu sehn dein Herz,
+Halt' ich fortan dich viel zu teuer.
+Ist dies das Mittel, dich zu toeten,
+So weiss ich, was dich heilen soll."
+Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl
+Musik von Zimbeln und von Floeten.
+Er fuehrte drauf ihn liebevoll
+Zum wunderbaren Nebensaal,
+Worin bereits auf goldnen Tellern
+War aufgetischt ein leckres Mahl,
+Das aus den kaiserlichen Kellern
+Versorgt war mit dem besten Wein.
+Der Sultan ass mit ihm allein;
+Der Grossvezier und all die Herrn
+Von Rang und von Gebluet umkreisten
+Den vollbesetzen Tisch von fern
+Und mussten zusehn, wie sie speisten.
+
+
+
+
+10.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nach Tische ward an Aladdin
+Vom Sultan vaeterlich die Frage
+Gerichtet, ob es ihm behage,
+Sogleich die Hochzeit zu vollziehn.
+Er gab zur Antwort: "Herr, du weisst,
+Wie sehr ich nach dem Glueck verlange,
+Das die Prinzessin mir verheisst.
+Jedoch damit ich ihrem Range
+Gemaess an unserm Hochzeitstag
+Sogleich in tadellosen Raeumen
+Ein neues Heim ihr bieten mag,
+Lass noch fuer kurze Zeit mich saeumen.
+Ein Schloss, versehn mit jeder Zier,
+Will ich errichten. Weise mir
+Drum einen angemessnen Bauplatz."
+Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast
+Die Auswahl. Hier vor dem Palast
+Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz,
+Wo fuer dein Schloss genuegend Raum.
+Nur lass es moeglichst rasch erbauen;
+Denn, glaube mir, ich kann es kaum
+Erwarten, euch vermaehlt zu schauen."
+Nach dem Geloebnis, dass er sicher
+Den Bau nach Kraeften foerdern werde,
+Nahm Aladdin mit feierlicher
+Umarmung Abschied, stieg zu Pferde
+Und trabte durch die gleichen Gassen
+Mit dem Gefolg zurueck nach Haus,
+Umbrandet wieder von den Massen
+Des Volks mit lautem Jubelbraus.
+
+Daheim kaum angelangt, beschwor
+Den Geist er abermals und sagte:
+"Schon dein bisherig Wirken ragte
+Durch Kraft und Schnelligkeit hervor.
+Doch zu dem ungemeinen Werke,
+Das jetzt mir unentbehrlich ist,
+Bedarf ich deiner ganzen Staerke.
+Du sollst in moeglichst kurzer Frist
+Grad gegenueber vom Palaste
+Des Sultans mir ein stolzes Schloss
+Errichten, das vom Erdgeschoss
+Bis zu des Daches Flaggenmaste
+Der Sultanstochter, meiner Frau,
+Trotz ihrem sehr verwoehnten Auge
+Zur kuenftigen Behausung tauge.
+Welch ein Gestein du fuer den Bau
+Verwenden willst, ob Marmorquadern,
+Schneeweiss mit feinen schwarzen Adern,
+Ob Jaspis, ob Achat, Lasur,
+Das stell' ich ganz in dein Ermessen;
+Doch sollst du--dies beding' ich nur--
+Nicht einen grossen Saal vergessen
+Im obern Stockwerk, der bekroent
+Von einer Kuppel, an den Waenden
+Durch Gold und Silber sei verschoent.
+Auch soll, um hellstes Licht zu spenden,
+Er vierundzwanzig Fenster zaehlen;
+Die Rahmen seien alabastern,
+Das Gitter sollst du mit Juwelen
+Von unerreichtem Glanz bepflastern.
+An einem wohlverwahrten Platz
+Befinde ferner sich ein Schatz
+Gemuenzten Goldes aufgespeichert,
+Der fuer mein Lebtag mich bereichert.
+Auch will ich, dass man eine Flucht
+Von Kuechen trifft am rechten Orte,
+Nebst Vorratskammern jeder Sorte,
+Und Staelle voll von edler Zucht.
+Ingleichen soll das Lustschloss innen
+Bevoelkert sein mit einem Heer
+Von Dienern und von Dienerinnen.--
+Das alles schaff' mir nach Begehr,
+Und wenn du fertig bist, komm wieder."
+
+Als er dem Geiste dies gebot,
+Sank abendlich die Sonne nieder.
+Am andern Tag ums Morgenrot
+Erschien der Geist an seinem Bette:
+"Vollendet ist, was du bestellt;
+Schau," sprach er, "ob es dir gefaellt."
+Er trug darauf ihn an die Staette.
+Wie sehr war Aladdin verwundert!
+Da stand, erbaut in einer Nacht,
+Ein Schloss, wie noch kein halb Jahrhundert
+Voll Menschenarbeit es vollbracht.
+Er glaubte wahrlich nur zu traeumen,
+Als ihn der Geist in allen Raeumen
+Herumgeleitete. Da war
+Sein Auftrag Punkt fuer Punkt vollzogen,
+Bei weitem ueberholt sogar:
+Gewoelbe, Saeulen, Pfeiler, Bogen
+Von hoechster Schoenheit, ein Gewimmel
+Von Dienstbeflissnen ueberall;
+An Silberkrippen in dem Stall
+Die schoensten Rappen, Fuechse, Schimmel;
+Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam
+In Kuech' und Kammern schon verfacht;
+Der Schatz in sicherem Gewahrsam,
+Von einem Schliesser treu bewacht,
+Mit Gold gefuellte Riesensaecke,
+Gehaeuft, getuermt bis an die Decke.
+
+Nachdem sich Aladdin das Ganze
+Von Grund aus angesehn, zumal
+Auch noch den grossen Kuppelsaal,
+Sprach er, geblendet von dem Glanze,
+zum Geist: "Ich muss dir Beifall zollen;
+Befriedigt wurde musterhaft
+Von dir mein Wuenschen und mein Wollen.
+Nun sei nur noch herbeigeschafft
+Ein langer Teppich aus Damast,
+Von feenhaftem Farbenschimmer;
+Du sollst, befehl' ich, vom Palast
+Des Sultans ihn bis an die Zimmer
+Der Herrin dieses Schlosses breiten.
+Ihn soll auf ihrer Wanderung
+Ins neue Heim ihr Fuss beschreiten."
+Der Geist entfernte sich im Schwung,
+Und eh' sich's Aladdin versah,
+Lag der damastne Teppich da.
+Der Geist kam wieder ohne Rast
+Und trug nach Haus ihn unverdrossen,
+Grad als die Pforten am Palast
+Des Sultans wurden aufgeschlossen.
+
+Die Pfoertner wunderten sich sehr,
+Als drueben, dicht vor ihren Nasen,
+Wo gestern noch die Staette leer
+Und nur bewachsen war mit Rasen,
+Ein Wunderbauwerk hoch und hehr
+Sie ragen sahen in die Luefte.
+Die Nachricht schwirrte mit Gesumm
+Befluegelt im Palast herum;
+Der Hofstaat machte hoechst verblueffte
+Gesichter, und der Grossvezier
+Lief, als er eine Weile stier
+Den raetselhaften Spuk beglotzt,
+zum Sultan hin und sprach entruestet:
+"Wer sich mit einem Kunststueck bruestet,
+Das jeglicher Erfahrung trotzt,
+Der steht im Bund mit Zauberei!"
+Der Sultan gab zur Antwort: "Ei,
+Man muss nicht gleich das Schlimmste denken.
+Was ist denn weiter auch dabei?
+Ein Mann, der so vermag zu schenken,
+Den drum mein fuerstliches Vertrau'n
+Erkor zu meiner Tochter Gatten,
+Der kann sich wohl den Spass gestatten,
+Ein Schloss in einer Nacht zu bau'n.
+Er gibt als reichster Mann der Welt
+Uns nur ein augenfaellig Zeichen,
+Dass man mit sehr viel barem Geld
+So ziemlich alles kann erreichen.
+Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen,
+Und wenn du trachtest, ihn als Frucht
+Von Zauberkuensten hinzustellen,
+So spricht aus dir die Eifersucht."--
+
+Zur Stunde, da sich so die beiden
+Besprachen, war in ihrem Haus
+Die Mutter Aladdins drauf aus,
+Mit jenem Staat sich zu bekleiden,
+Den ihr die Sklavinnen gespendet,
+Und liess, nachdem durch deren Walten
+Ihr Putz in Baelde war vollendet,
+Von ihnen sich die Schleppe halten
+Auf ihrem Wege zum Palast.
+Auch Aladdin, im Vaterhause
+zum allerletztenmal zu Gast,
+Brach auf nach kurzer Ruhepause.
+Die vielbewaehrte Wunderlampe
+Nahm er dabei wohlweislich mit,
+Bestieg sein flinkes Pferd und ritt
+Gradaus zu seines Schlosses Rampe.
+
+[Illustration: Der Sultan erblickt das Schloss Aladdins]
+
+Der feierliche Freudenklang
+Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten
+Erscholl der Mutter zum Empfang.
+Von des Palastes Zinnen wehten
+Im Winde froehlich bunte Fahnen;
+Aus Schalen stroemte Balsamduft;
+Der Hofstaat stand auf den Altanen
+Und schwenkte Tuecher durch die Luft.
+Die Stadt ward neuerdings geschmueckt
+Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern;
+Viel deutlicher war den Gesichtern
+Des Frohsinns Stempel aufgedrueckt
+Als beim gestoerten Hochzeitsfeste
+Von damals. Die verdutzte Schar
+Des Volks erblickte zwei Palaeste,
+Wo tags zuvor nur einer war;
+Zumal bestaunten sie den neuen,
+Und laut bekannte jedermann,
+Er muesse den Vergleich nicht scheuen,
+Ja, steh' dem alten weit voran.
+
+Inzwischen ward, weil sich der Freier
+Ausdruecklich hatte vorbehalten,
+In seinem eignen Schloss die Feier
+Der Hochzeit glaenzend zu gestalten,
+Vom Sultan oeffentlich erklaert,
+Dass gueltig nun zu Recht bestehe
+Prinzessin Bedrulbudurs Ehe
+Mit dem Gemahl, der ihrer wert,
+Und dem sein Vaterherz gewogen;
+Auch wurde der Vertrag vollzogen
+Mit hergebrachter Foermlichkeit.
+Dann leerten einen Freudenbecher
+Die Mutter und der Fuerst zuzweit.
+Er selber gab ihr das Geleit
+In der Prinzessin Wohngemaecher.
+Dort kam in ihrem reichen Schmuck
+Und ihrer Schoenheit holdem Prangen
+Die Braut entgegen ihr gegangen
+Mit einem warmen Haendedruck
+Und einem Kuss auf ihre Wangen.
+Sie nahm, bereit zur Ueberfuehrung
+In ihres Ehegatten Schloss,
+Vom Vater Abschied. Beiden floss
+Ein Traenenstrom herab vor Ruehrung.
+Und als der Sonne letztes Blinken
+Gewichen war dem Daemmerschein,
+Da formte sich der Zug. Zur Linken
+Schritt ihr die Mutter, hinterdrein
+Die Sklavinnen und Zofen all,
+Voran ein Trupp von Musikanten
+Mit schmetterndem Posaunenschall,
+Zuletzt unzaehlige Trabanten,
+Lakaien, Pfeifer, Paukenschlaeger
+Und Knappen, die als Fackeltraeger
+Dem Zuge Licht zu spenden hatten.
+So schwebte die Gebieterin
+Auf dem damastnen Teppich hin
+Zum kerzenhellen Schloss des Gatten,
+Und all das heitre Volksgewimmel
+Entsandte wie aus einem Mund
+Gebet und Segenswunsch zum Himmel
+Fuer ihren jungen Ehebund.
+
+
+
+
+11.
+
+
+[Illustration: V]
+
+Von seiner Dienerschaft umgeben
+Stand Aladdin am Eingangstor
+Und fuehrte mit begluecktem Beben
+Die Braut zum Kuppelsaal empor.
+Sie war beim ersten Anblick schon
+Entzueckt von ihm, da beim Vergleiche
+Sie fand, dass nimmer ihm der Sohn
+Des Grossveziers das Wasser reiche.
+Und Aladdin? Ach, wer beschriebe,
+Was er im Innersten empfand,
+Wie nun das Traumbild seiner Liebe
+Holdselig leibhaft vor ihm stand!
+Er rief: "Du Herrlichste von allen,
+Vor der das Taggestirn erbleicht,
+Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht
+Verurteilt bin, dir zu missfallen!"
+"Mein Prinz--denn dieser Name scheint",
+Versetzte sie, "dir zu gebuehren--
+Mir hat mein Vater dich zu kueren
+Befohlen und mich dir vereint.
+Des Vaters Willen sich zu fuegen
+Ist einer guten Tochter Pflicht;
+Doch ich vollzog sie mit Vergnuegen;
+Denn wisse, du missfaellst mir nicht."
+
+Mit dieser feinen Antwort scheuchte
+Sie seiner Sorge letzten Rest;
+Und nun begann ein Zauberfest,
+Das ihr viel Staunenswerter deuchte,
+Als was daheim sie je geschaut.
+Die Tafel ueberschwemmten Rosen,
+Von Diamanten rings betaut;
+Von einer gleichfalls grenzenlosen
+Verschwendung zeugten die Pokale,
+Die Schuesseln, Teller, Gabeln, Messer;
+Sogar die Speisen waren besser
+Als je beim kaiserlichen Mahle.
+Zu Floetenspiel und Lautenklang
+Ertoente, reizend anzuhoeren,
+Ein doppelstimmiger Gesang
+Von allerliebsten Maedchenchoeren.
+Nach Schluss des Mahls erschien ein Schwarm
+Von Taenzern und von Taenzerinnen,
+Um einen Reigen zu beginnen.
+Der Schlossherr selbst bot seinen Arm
+Der Herrin, und voll Anmut schwangen
+Nach einem alten Brauch des Lands
+Die Neuvermaehlten sich im Tanz.
+Die Mitternacht war laengst vergangen,
+Da sich im Schloss zu Ende neigte
+Die Lustbarkeit.
+
+ Am Tag darauf,
+Als schon des Sonnenballes Lauf
+Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte,
+Schritt Aladdin mit einem Heere
+Von Dienern auf dem kurzen Pfad
+Hinueber zum Palast und bat
+Den Schwiegervater um die Ehre,
+Sein Schloss in Augenschein zu nehmen.
+Gewiss, der Sultan mochte gern
+Zu dieser Einkehr sich bequemen
+Und ging, begleitet von den Herrn
+Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fusse.
+
+Das Schloss, obwohl er's nun schon oft
+Von seinem Fenster aus mit Musse
+Betrachtet, schien ihm unverhofft
+Noch praechtiger, als er es nah
+Und naeher jetzt vor Augen sah.
+Im Innern erst vermochte kaum
+Er sein Entzuecken zu bemeistern,
+Und gar der grosse Kuppelraum
+Schien grenzenlos ihn zu begeistern.
+Er sprach zum Grossvezier: "Ein Wunder
+Wie dies hab' ich noch nie gewahrt.
+Hiergegen ist, bei meinem Bart,
+Mein eigener Palast nur Plunder."
+
+Doch als er wieder heimgekehrt,
+Um manchen grossen Eindruck reicher.
+Da schlaengelte der alte Schleicher
+Von Grossvezier sich unbegehrt
+An ihn heran mit dem Vermerk:
+"Wer koennte diesen Bau betrachten,
+Erhabner, ohne fuer ein Werk
+Der Zauberkunst ihn zu erachten?"
+Der Sultan drauf mit strengem Blick:
+"Das hochzeitliche Missgeschick,
+Das deinem Sohn so schlecht bekam,
+Kannst du noch immer nicht verschmerzen,
+Bist Aladdin deswegen gram
+Und suchst ihn grundlos anzuschwaerzen."
+
+So scheiterte die Laestrung klaeglich.
+Der Fuerst begab, sobald er wach,
+Vielmehr von jetzt ab sich tagtaeglich
+Gleich in sein Lieblingswohngemach,
+Wo freien Ausblick er genoss
+Auf seines Schwiegersohnes Schloss,
+Und ward nicht mued, vom Fenster aus,
+Ganz in Bewunderung vergraben,
+An Form und Schmuck des stolzen Baus
+Das Auge stundenlang zu laben.
+Wer aber daechte, dass nunmehr
+Sich Aladdin daheim verschlossen
+Und ferngehalten vom Verkehr,
+Der haette gaenzlich fehlgeschossen.
+Im Gegenteil, er ward bestaendig
+Lustwandelnd in der Stadt gesehn,
+Ging zum Gebet in die Moscheen,
+Tat manchen Einkauf eigenhaendig,
+War bei den hohen Edelleuten
+Oft zu Besuch, und jedesmal,
+Wenn er mit einer grossen Zahl
+Betresster Diener ausritt, streuten
+Sie Gold umher aus vollen Haenden.
+An seines Schlosses Pforten kam
+Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden
+Vollauf beladen Abschied nahm.
+
+Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen,
+Ins Feld hinausstob ungehemmt,
+Ward jedes Dorf auf seinen Wegen
+Von einem Goldstrom ueberschwemmt.
+Kein Wunder war's, wenn dergestalt
+Ihm der Beruehmtheit Rosenwolke
+Das Haupt umspann, und wenn er bald
+Vergoettert ward vom ganzen Volke.
+Er aber wurde drum nicht eitel,
+Nein, zeigte dem bedrohten Staat
+Sich von der Zehe bis zum Scheitel
+Als echten Helden durch die Tat:
+Des Reichs gesamte Grenze stand
+In eines Aufruhrs hellem Brand.
+Der Feldherrn keiner konnt' ihn daempfen,
+Bis Aladdin, dem Ruf der Not
+Gehorchend, mannhaft sich erbot,
+Auf eigne Faust ihn zu bekaempfen.
+Vom Herrscher an des Heeres Spitze
+Berufen zog er in das Feld,
+Nicht achtend Muehsal, Frost und Hitze!
+Bald war von ihm der Feind umstellt
+Und wurde wie beim Hasenjagen
+Trotz aller seiner Uebermacht
+In einer einz'gen grossen Schlacht
+Zerstreut und in die Flucht geschlagen.
+Dann fuehrte seine tapfren Krieger
+Er heimwaerts im Triumph, das Haupt
+Von einem Ruhmeskranz umlaubt,
+Und hiess nun Aladdin der Sieger.--
+
+In stetem Fluss allmaehlich reihte
+Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr;
+Er aber ward es kaum gewahr
+An seiner schoenen Gattin Seite,
+Geliebt und liebend, hochgeachtet
+Und doch von schlicht bescheidnem Sinn.
+Die Bosheit, die von Urbeginn
+Das Gute zu vernichten trachtet,
+Sollt' aber nach der Gnadenfrist
+Auch ihn mit hartem Streiche treffen.
+
+[Illustration: Der Zauberer befragt die "schwarze Kunst" ueber Aladdin]
+
+Der Zaubrer, der mit schnoeder List
+Ihn einst sich ausgesucht als Neffen,
+Dann heimgewandert und seit Jahren
+In Afrika nun wieder sass,
+Wollt' eines Tages, rein zum Spass,
+Genaueres davon erfahren,
+Wie Aladdin zugrund gegangen.
+Denn dass der Bursch aus jener Gruft
+Nie mehr, nachdem er drin gefangen,
+Zurueckgekehrt zu Licht und Luft,
+War nicht im mindesten ihm fraglich;
+Die Frage, die er noch gespart,
+Galt einzig seiner Todesart.
+Er setzte sich darum behaglich
+An einen Tisch, worauf mit Sand
+Gefuellt ein Viereck sich befand
+In Schachtelform, nahm einen Stift
+Und zog damit nach Zaubrerweise
+Im Sande Linien und Kreise
+Nebst Lettern einer fremden Schrift.
+Berechnend, murmelnd unverstaendlich,
+Nach Grundsatz, Regel und Gebot
+Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich
+Heraus, dass Aladdin nicht tot,
+Nein, dass er aus der Gruft entsprungen,
+Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen
+Und obendrein als der Gemahl
+Der Sultanstochter herrlich lebe.
+
+Ha, war das tueckische Gewebe
+Zerfetzt? Er wurde leichenfahl,
+Krebsrot und wieder kreideblass
+Und dann vor Missgunst gelb und gelber.
+"Wie?" rief er aus in Wut und Hass,
+"Der Schatz, den muehsam fuer mich selber
+Ich ausgespuert mit saurem Schweiss,
+In zaehem, jahrelangem Fleiss,
+Der Lampe hohe Wunderkraft
+Ward mir zu meines Forschens Lohne
+Von einem niedren Schneidersohne,
+Von einem Tagedieb entrafft!
+Er, den vermodert ich gewaehnt,
+Er darf zu schwelgen sich erfrechen
+Im Reichtum, den er mir entlehnt!
+Doch nur Geduld, ich will mich raechen!"
+Er warf somit am selben Tag
+Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen
+Und galoppierte stracks von hinnen
+Zum Reich, das fern im Osten lag.
+
+
+
+
+12.
+
+
+[Illustration: N]
+
+Nachdem er auf der langen Reise
+Sich und sein Pferd halb tot gehetzt,
+Sich nur an kurzem Schlaf geletzt,
+Sich nur genaehrt mit knapper Speise,
+Mit kargem Trank erfrischt, gelangte
+Der Zaubrer in des Sultans Reich,
+Und bald vor seinen Augen prangte
+Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich
+Ihm damals klaeglich war misslungen.
+In einem kleinen Gasthaus stieg
+Er ab, um seinen Rachekrieg
+Zu foerdern durch Erkundigungen.
+
+Das Wichtigste ward ihm natuerlich
+Enthuellt, bevor ein Tag verfloss;
+Denn alle Welt sprach unwillkuerlich
+Von Aladdin und seinem Schloss.
+Er liess zu dem beruehmten Bau
+Von seinem Wirt sich hingeleiten,
+Und als er ihn von allen Seiten
+Beschnueffelt hatte ganz genau,
+Da wusst' er, dass dem Aladdin
+Zu einem Werk von solcher Groesse
+Nur jene Lampe Kraft verliehn.
+Er gab sich selber Rippenstoesse
+Vor Aerger, weil dies Meisterstueck
+Ihn voellig erst ermessen lehrte,
+Was ihm entgangen war, und kehrte
+Zu seinem Gasthaus dann zurueck.
+
+Wo mochte wohl die Lampe stecken?
+Wenn ihren Aufbewahrungsplatz
+Er faehig waere zu entdecken,
+Dann koennt' er den ersehnten Schatz
+Von ihm erlisten, Raub um Raub,
+Und von der angemassten Zinne
+Zurueck ihn schmettern in den Staub.
+Er nahm behend wie eine Spinne,
+Die rastlos webt an ihrem Netze,
+Das Zauberviereck wieder vor,
+Und durch die magischen Gesetze,
+Die mit Gekritzel er beschwor
+Und knifflicher Berechnungsart,
+Ward bald unfehlbar ihm verraten:
+Die Lampe war im Schloss verwahrt.
+
+Der Zufall, der verruchten Taten
+Oft beisteht, war auch ihm gewogen.
+Willkommen traf die Nachricht ihn,
+Dass vor drei Tagen Aladdin
+Auf eine grosse Jagd gezogen
+Und fern sei bis zum Wochenschluss.
+Er trat in eines Klempners Laden
+Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden
+Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muss
+zwoelf Lampen haben, nagelneu,
+Von blankem Kupfer." "Meiner Treu,"
+Erwiderte mit breitem Lachen
+Der Klempner--denn er war erfreut,
+Solch glaenzendes Geschaeft zu machen--
+"Gleich zwoelf? So viele hab' ich heut
+zwar nicht auf Lager; doch bis morgen
+Werd' ich die fehlenden besorgen."
+
+Mit einem Korb am Arme kam
+Der Zaubrer wieder tags darauf,
+Verpackte drin den ganzen Kram,
+Gab fuer den abgeschlossnen Kauf
+Weit hoehern Preis als nach Verpflichtung,
+Bewegte dann sich in der Richtung
+Des Schlosses langsam durch die Stadt
+Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen:
+"Hoert, hoert! Wer alte Lampen hat,
+Kann hier sie gegen neue tauschen."
+Die Leute dachten allgemein:
+"Der Mensch da hat wohl einen Sparren."
+Die Kinder hielten ihn zum Narren
+Und liefen groehlend hinterdrein.
+Ihn aber konnt' es nicht beirren;
+Er liess im Korb die Lampen klirren
+Und wiederholte hundertmal
+Aus Leibeskraeften sein Gekraehe
+Bis in des Schlosses naechste Naehe.
+
+In ihrem grossen Kuppelsaal
+Sass Bedrulbudur. Das Gehoehne
+Der Kinder und die schrillen Toene
+Des Rufers drangen auch zu ihr,
+Und einer Sklavin aufzutragen
+Gebot ihr drum die Wissbegier,
+Sie moeg' hinuntergehn und fragen,
+Was dieser wueste Laerm bedeute.
+Die Sklavin ging und lachte hell,
+Da sie zurueckkam: "Der Gesell,
+Der dort umringt wird von der Meute,
+Ist ohne Zweifel gaenzlich toll.
+Sein Tragkorb ist von einem Haufen
+Der schoensten neuen Lampen voll;
+Er aber will sie nicht verkaufen,
+Nein, will sie tauschen gegen alte."
+
+Auch der Prinzessin Lachen schallte
+Nun laut und klang im Echo nach,
+Bis eine andre Sklavin sprach:
+"Vergib mir, Herrin; doch ich finde,
+Da sich's um alte Lampen dreht
+Und gleich hier neben auf dem Spinde
+Zufaellig eine solche steht,
+So koennte man, wenn's dir beliebt,
+Erproben, ob der Kerl tatsaechlich
+Fuer diese da, die schon gebrechlich,
+Uns eine nagelneue gibt."
+
+Dem stimmte die Prinzessin zu.--
+Klang dir im Innern keine Warnung,
+O Bedrulbudur? Ahntest du
+Nicht schmaehlichen Betrugs Umgarnung?
+Die Wunderlampe war's, die dort
+Unscheinbar stand seit ein paar Tagen,
+Weil Aladdin, der immerfort
+Sie sonst mit sich herumgetragen,
+Aus Furcht, sie koenn' in Wald und Feld
+Verloren gehn, nicht auf die Jagd
+Sie mitgenommen. Wer nun fragt,
+Warum aufs Spind er sie gestellt,
+Anstatt sie sorgsam einzuschliessen,
+Den darf die Antwort nicht verdriessen,
+Dass hin und wieder ein Versehn
+Wohl jedem unterlaeuft im Leben,
+Und dass die Allerkluegsten eben
+Die duemmsten Fehler oft begehn.
+Die Sklavin nahm die Lampe, trug
+Zum Zaubrer hurtig sie hinunter,
+Hielt ihm sie hin und sagte munter:
+"Wenn diese da dir alt genug,
+Gib eine neue mir zum Tausche."
+Zugreifend voll Begier verschlang
+Er mit den Augen seinen Fang
+In schlecht verhehltem Freudenrausche;
+Dann liess er unters Kleid ihn wandern.
+Den Korb jedoch mit den zwoelf andern
+Wies er der Sklavin vor zur Wahl.
+Sie waehlte lachend, und die Rotte
+Begoss ihn mit vermehrtem Spotte.
+
+Doch er, geschmeidig wie ein Aal,
+Entkam durch eine Seitengasse,
+Liess dort, sobald ihn dieser Schlich
+Geborgen hatte vor der Masse,
+Den angefuellten Korb im Stich
+Und lief davon, sein Gasthaus meidend.
+Was lag ihm noch an seinem Pferd?
+Was lag an andrem Geldeswert?
+Jetzt war nur eins fuer ihn entscheidend!
+Nachdem er eine halbe Meile
+Vorm Stadttor endlich Halt gemacht,
+Beschloss er, noch fuer eine Weile
+Sich zu gedulden, bis die Nacht
+Ihm Schutz vor Ueberrumplung boete.
+Erst als im Westen sich verlor
+Der letzte Schein der Abendroete,
+Zog er die Lampe sacht hervor
+Und rieb sie.
+
+ "Was ist dein Begehr?"
+So rief im naechsten Augenblicke
+Der Geist, an Laenge, Breite, Dicke
+Fuenfmal so massig wie ein Baer;
+"Die Lampe macht es mir zur Pflicht,
+Dass ich gehorsam dich bediene."
+Der Zaubrer sprach mit Siegermiene:
+"Du sollst das Schloss, das jener Wicht
+Von dir sich hat erbauen lassen,
+Mit seinen saemtlichen Insassen
+Und mir zugleich alsbald von da
+Forttragen durch des Aethers Wellen
+Und an dem Punkt in Afrika,
+Wo ich daheim bin, niederstellen."
+Gehorsam seinem neuen Meister
+Vollzog der Geist noch in der Nacht
+Mit Hilfe seiner Nebengeister
+Den Auftrag.
+
+ Zeitig aufgewacht
+Begab der Sultan sich wie taeglich
+Zum Fenster, um in froher Schau
+Zu mustern den erhabnen Bau.
+Sein Staunen aber war unsaeglich,
+Als er den leeren Platz erblickte,
+Vom Schloss dagegen keine Spur.
+Er rieb die Augen sich, er zwickte
+Sich in den Arm; dies konnte nur
+Entweder Trug sein oder Traum!
+Doch welche Vorsicht er auch uebte,
+Die Sonne schien, kein Woelkchen truebte
+Den Himmel bis zum fernsten Saum.
+Unzweifelhaft, er traeumte nicht!
+Mit steifem, starrem Angesicht
+Stand er und stand wie angewurzelt
+Und murmelte: "Das Schloss ist fort,
+Soviel steht fest. Waer's eingepurzelt,
+So laegen doch die Truemmer dort.
+Der Kuckuck weiss, was hier geschehn!"
+Zum Schluss, wie stets in schweren Faellen,
+Liess er dem Grossvezier bestellen,
+Er wuensche schleunigst ihn zu sehn.
+
+Der Grossvezier kam angerannt;
+Der Sultan fasste seine Hand,
+Zog ihn zum Fenster hin und fragte
+Voll Spannung: "Wirst du was gewahr
+Vom Schloss, das gestern hier noch ragte?
+Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar."
+Der Grossvezier war hoechst betroffen;
+Jedoch er sammelte sich bald.
+"Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen,
+Was mir schon laengst fuer sicher galt,
+Wenngleich du mir nicht beigepflichtet?
+Dies Schloss, ich wiederhol' es frei,
+So schnell verschwunden wie errichtet,
+Es war ein Werk der Zauberei."
+
+Der Sultan, der dem Laesterwort
+Nicht mehr zu widerstehn vermochte,
+Ward kirschrot im Gesicht; er kochte
+Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord!
+Ein Gauner, listig und verlogen,
+Hat an der Nase mich gezogen!
+Wo ist der Schurk', der das gewagt?
+Noch heute soll sein Blut verschaeumen!"
+Drauf jener: "Herr, lass uns nur saeumen,
+Bis er zurueckkehrt von der Jagd."
+"Nichts da! Das waere zu viel Schonung,"
+Entgegnete der Sultan wild;
+"Vom Henker werd' ihm die Belohnung,
+Mit der man Hochverrat vergilt.
+Geh', schick' ihm dreissig Reiter nach!
+Die sollen unterwegs ihn greifen,
+Verhaften und mit Schimpf und Schmach
+Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"
+
+
+
+
+13.
+
+
+[Illustration: A]
+
+Auf seinem Rueckweg nach der Stadt
+Begriffen, ahnungslos und heiter,
+Traf Aladdin die dreissig Reiter.
+Ihr Hauptmann gruesste hoeflich glatt,
+Und er, von Heimweh schon beschwingt
+Und in der Meinung, jene waeren
+Vorausgesandt zu seinen Ehren,
+Sah sich mit einem Schlag umringt.
+"Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzuklaeren,"
+Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher,
+Der Unheil meldet, spricht nicht gern.
+Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn,
+Befohlen, dich als Staatsverbrecher
+In Haft zu nehmen und gefangen
+Zu fuehren vor sein Angesicht."
+"Sag' nur, was hab' ich denn begangen?"
+Rief Aladdin mit heissen Wangen.
+Drauf jener: "Prinz, das weiss ich nicht."
+"Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht,
+Was eures Amts! Ich folg' euch willig,
+Ist's auch gewiss nicht recht und billig,
+Was unverschuldet mir geschieht."
+Er warb vom Pferd geholt, an Armen
+Und Hals mit Ketten fest umschnuert
+Und so zum Schrecken und Erbarmen
+Des Volkes in die Stadt gefuehrt.
+
+Der Liebling aller war in Not!
+Man wusste nicht, aus welchem Grunde,
+Sah nur ihn von Gefahr bedroht
+Und wollte drum, zu raschem Bunde
+Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen.
+Ein Teil ergriff metallne Waffen,
+Ein andrer Steine, Knuettel, Stangen,
+Den Reitern sperrend Weg und Raum;
+Mit ihrem Haeftling konnten kaum
+Sie bis in den Palast gelangen.
+
+Der Sultan, der bereits ihr Nah'n
+Erwartet hatte vom Altan,
+Befahl dem Henker, alsogleich
+Dem Schaendlichen, der sein Vertrauen
+Getaeuscht, mit einem scharfen Streich
+Das Frevlerhaupt herabzuhauen.
+Es ward ihm keine Frist verliehn,
+Sich durch Verteidigung zu retten;
+Der Henker hiess, nachdem die Ketten
+Ihm abgestreift, ihn niederknien,
+Band ihm sodann die Augen zu,
+Erhob das Richtschwert, wie befohlen,
+Um auf des Herrschers Wink im Nu
+zum Streich gewaltig auszuholen.
+
+[Illustration: Aladdins schlimmste Stunde]
+
+Da--was ist das? Was droehnt und gellt?
+Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend?
+Vom Volke haben viele Tausend
+Im Aufruhr den Palast umstellt.
+Man reisst und ruettelt an den Mauern,
+Man bricht aus ihnen Stein um Stein,
+Und lange kann es nicht mehr dauern,
+Da stuerzen sie zertruemmert ein,
+Und alle Tore klaffen splitternd.
+"O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd
+Zum Sultan sich der Grossvezier,
+"Schau hin, wie meuterische Horden,
+Vollstaendig zuegellos geworden,
+Gleich einem grimmen Riesentier
+Sich gegen deine Mauern tuermen!
+Der Mensch hat auch dein Volk behext,
+Und wenn du diesen Spruch vollstreckst,
+Dann wird es den Palast erstuermen."
+
+Der Sultan fuhr erschreckt zusammen.
+Er merkte wohl, dass durch den Tod
+Prinz Aladdins das Reich in Flammen
+Auflodern wuerde. Drum gebot
+Er dem verbluefften Henker knapp
+Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen;
+Der nahm die Binde von ihm ab,
+Und den erregten Menschenmassen
+Ward mit Trompetenstoss verkuendigt,
+Der Sultan habe kurz und gut,
+Wie sehr auch Aladdin gesuendigt,
+Ihn zu begnadigen geruht.
+Dies Wort, voll Beifallslaerm umtoent,
+Goss Oel in die erzuernten Wogen;
+Die saemtlichen Empoerer zogen
+Nach Haus beschwichtigt und versoehnt.
+
+Doch Aladdin, als er befreit
+Sich sah, hob zum Altan die Haende:
+"Herr," bat er flehentlich, "vollende
+Die Gnade, die du mir geweiht,
+Und sage mir, durch welch Verbrechen
+Verdient' ich solch ein Strafgericht?"
+"Ei, willst du dich noch gar erfrechen,
+Zu tun, als wuesstest du das nicht?
+Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher!
+Dein Stolzes Schloss, wo mag es liegen?
+Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr."
+Als Aladdin emporgestiegen,
+Liess er ihn durch das Fenster blicken
+Und fragte barsch: "Was siehst du da?"
+Der Aermste glaubte zu ersticken,
+Als er die leere Stelle sah.
+Versteinert, reglos blieb er stehn,
+War nicht imstande, sich zu sammeln,
+Geschweige denn ein Wort zu stammeln.
+
+"Nun sprich! Kannst du dein Schloss erspaehn?"
+So forschte jener streng und hart.
+"Bekenne, wo es hingekommen,
+Und was aus meiner Tochter ward!"
+"Mein Fuerst," sprach Aladdin beklommen,
+"Obgleich ich selbst nicht ahnen kann,
+Was mittlerweil sich hier begeben,
+So schwoer' ich dir bei meinem Leben,
+Ich habe keinen Teil daran!"
+Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten
+Entschuldigst du dein Bubenstueck!
+Gern will ich auf das Schloss verzichten;
+Jedoch mein Kind gib mir zurueck!
+Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz
+Dir deinen Kopf herunterschlagen,
+Als waere der ein Tannenklotz."
+"Herr, eine Frist von vierzig Tagen
+Gewaehre mir!" bat Aladdin.
+"Ich werde, sollt' es mir misslingen,
+Verlornes wiederzuerringen,
+Mich meiner Strafe nicht entziehn."
+Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's;
+Ich will dir diese Frist vergoennen.
+Du wuerdest doch um keinen Preis
+Dem Raecherarm entrinnen koennen."
+
+Bekuemmert, mit gesenktem Haupt
+Schlich Aladdin wie ausgestossen
+Von dannen, und dieselben Grossen,
+An deren Freundschaft er geglaubt,
+Die gestern noch ihm auf dem Fuss
+Gefolgt, um sich vor ihm zu buecken,
+Vermieden heute seinen Gruss
+Und kehrten lieblos ihm den Ruecken.
+Was konnt' er tun? Wohin sich wenden?
+Er lief, im Kopfe wirr und kraus,
+Umher, die Stadt von Haus zu Haus,
+Von Tuer zu Tuer nach allen Enden
+Durchwandernd, ohne zu verstehn,
+In welcher Absicht, fragte jeden
+Mit abgeriss'nen irren Reden,
+Ob irgendwer sein Schloss gesehn.
+Gar manche wurden uebermannt
+Von Mitleid; andre wieder lachten
+Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten,
+Er sei nicht richtig bei Verstand.
+
+Nachdem er so mit muedem Blick
+Drei Tage lang herumgeschlendert,
+Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick
+Sich so bejammernswert geaendert,
+Er nicht mehr weilen, sondern trollte
+Sich ohne Plan hinaus aufs Feld.
+Unendlich lag vor ihm die Welt;
+Nur wusst' er nicht, wohin er sollte.
+"Weh mir! Ich ward so bettelarm,
+Dass ich mein traurig Los verfluche!"
+So rief er aus in bittrem Harm.
+"Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche,
+Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr,
+Wo find' ich die Geliebte wieder?
+Weit besser, dass die Augenlider
+Der Tod mir schliesst auf immerdar!"
+Er naeherte sich einem Fluss
+Und wollt', um seine Qual zu kuerzen,
+Sich mit verzweifeltem Entschluss
+Kopfueber in die Fluten stuerzen.
+Es war um Sonnenuntergang;
+Der Feuerball mit letztem Blinken
+Schien ihm den Abschiedsgruss zu winken.
+Ein Ruck, ein Anlauf--und er sprang.
+
+Das Ufer war an dieser Stelle
+Besonders steil, und seinen Rand
+Umschloss ein kahles Felsenband
+In rauh zerklueftetem Gefalle,
+Sodass der lebensmuede Springer
+An einem Felsstueck haengen blieb
+Und jener Ring, den er am Finger
+Noch immer trug, daran sich rieb.
+Das war sein Glueck; denn alsobald
+Wie aus dem Wasserdunst verdichtet,
+Stand maechtig vor ihm aufgerichtet
+Desselben Geistes Schreckgestalt,
+Der einst ihm in der Gruft erschienen,
+Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht.
+Mir zu gebieten ist dein Recht;
+Sag' an, womit kann ich dir dienen?"
+
+[Illustration: Der Geist fuehrt Aladdin nach Afrika]
+
+Drauf Aladdin: "O Geist, errette
+Zum zweiten Male mich vom Tod
+Und bring', bevor der Morgen loht,
+Mein Schloss zurueck zur alten Staette!"
+Der Geist versetzte: "Dies Gebot
+Vertraegt sich nicht mit meinem Walten.
+Ich diene nur dem Ring. Du musst
+Dich an den Geist der Lampe halten."
+"Nun wohl; jedoch wenn dir bewusst,
+Wo sich zurzeit mein Schloss befindet,"
+Sprach Aladdin, "befehl' ich dir
+Kraft dieses Ringes, der dich bindet:
+Befoerdre mich sogleich von hier
+Gradaus an seinen neuen Platz!"
+Kaum ausgesprochen war der Satz,
+Da trug befluegelt ihn der Riese
+Nach Afrika, zu jenem Ort,
+Wo nun inmitten einer Wiese
+Das Bauwerk stand, und setzte dort
+Ihn saenftlich nieder auf das Gras.
+
+Zwar blieb es Aladdin verborgen,
+Dass er im Innern Afrikas
+Gelandet war; doch er genas
+Von allen Martern, allen Sorgen,
+Als er den wohlbekannten Bau
+Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer
+Gewahrte, ja sogar die Zimmer
+Dicht vor sich sah, die seiner Frau
+Zur Wohnung dienten; und sie schlief
+Wahrscheinlich dort schon fest und tief.
+Um Laerm und Aufsehn zu vermeiden,
+Hielt er gewaltsam sich zurueck,
+Wie schwer's auch war, so nah dem Glueck
+Bis morgen frueh sich zu bescheiden.
+Er streckte, von der langen Pein
+Ermattet, unter einer Palme
+Sich aus zum Schlummer, und die Halme
+Des Grases wiegten mild ihn ein.
+
+
+
+
+14.
+
+
+[Illustration: E]
+
+Erweckt von suessen Vogelliedern
+Hob er sich mit gestaehlten Gliedern
+Vom Lager zeitig, und gelenkt
+Von Sehnsucht fiel zu seiner Freude
+Sein erster Blick auf das Gebaeude,
+Das ihm erschien wie neu geschenkt.
+Auch die Prinzessin, die vor Kummer
+Und tausend Aengsten Nacht fuer Nacht
+In all der Zeit nur wenig Schlummer
+Gefunden hatte, war erwacht.
+Wer aber schildert ihre Wonne,
+Da vor dem Fenster sich im Strahl
+Der eben aufgegangnen Sonne
+Leibhaftig vorfand ihr Gemahl!
+Erst wechselten sie hundertfach
+Kusshaende, Gruesse, Fluesterworte;
+Dann schlich durch eine kleine Pforte
+Verstohlen er in ihr Gemach.
+
+Versteht sich, dass die Neuvereinten
+Sich herzten, sich im Ueberschwang
+Umschlungen hielten endlos lang
+Und heisse Freudentraenen weinten
+In ihres Wiedersehens Rausch.
+Zuletzt indessen unterbrach
+Der Zaertlichkeiten holden Tausch
+Bedeutsam Aladdin und sprach:
+"Vergib mir, mein geliebtes Weib,
+Ich muss, eh wir einander klagen,
+Was wir erlebt in diesen Tagen,
+Vor allem dich nach dem Verbleib
+Der unscheinbaren Lampe fragen,
+Die, waehrend ich zur Jagd gezogen,
+Im Saale stand auf einem Spind."
+"Ach," seufzte sie, "sei nur gelind!
+Ich selber wurde ja betrogen.
+Laengst ahnt mir, dass uns ihretwegen
+Ereilte dieser Schicksalsschlag."
+Drauf Aladdin: "Da sie zu hegen
+Ich toericht unterlassen, lag
+Die Schuld an mir. Doch jetzt erwaegen
+Wir besser, was den Schaden heilt.
+Drum sag' mir, wo sie hingeraten."
+
+Sobald sie dies ihm mitgeteilt,
+Rief er: "Ich rieche nun den Braten!
+Den Haendler kenn' ich! Dieser Schuft,
+Schon einmal wollt' er mich vernichten."
+Sie fuhr dann fort, ihm zu berichten,
+Wie nachts unmerklich durch die Luft
+Entfuehrt, sie morgens beim Erwachen
+Sich hier in diesem fremden Land
+Befunden, Afrika genannt,
+Und wie der Kerl mit frechem Lachen
+Sich ihr als Schlossherrn vorgestellt.
+Drauf Aladdin mit Zornesfunken
+Im Auge: "Solchen Erzhalunken
+Hat nie zuvor gesehn die Welt.
+Sprich, hast du nicht vielleicht erfahren,
+Wo er die Lampe haelt versteckt?"
+Sie gab zur Antwort: "Wohl gewahren
+Konnt' ich, dass unterm Kleid verdeckt
+Er sie bestaendig bei sich traegt.
+Denn seit ich hier bin, kommt er taeglich
+Zu laengerem Besuch und legt
+Es darauf ab, mich unertraeglich
+Mit ekler Huldigung zu quaelen.
+Ja, mehr noch, er verlangte dreist,
+Ich solle zum Gemahl ihn waehlen,
+Weil du nicht mehr am Leben seist.
+Mein Vater habe dir im Zorn
+Den Kopf herunterschlagen lassen.
+Dies Lied begann er stets von vorn,
+Obwohl ich gluehend ihn zu hassen
+Beteuerte. Der eitle Wahn
+Erfuellt ihn, dass ich auf die Dauer
+Nicht widerstehe, wenn die Trauer
+Um dich allmaehlich abgetan.
+So hab' ich stets vor seiner List
+Und seiner Schlechtigkeit gezittert
+Bis heute, wo du bei mir bist."
+
+"Ihm soll", rief Aladdin erbittert,
+"Was andres bluehen, als er meint.
+Sei nur getrost! Von diesem boesen,
+Ruchlosen, raenkevollen Feind
+Werd' ich uns hoffentlich erloesen.
+Was auch geschieht, mit Zuversicht
+Vertraue mir bis zur Entscheidung,
+Und siehst du spaeter in Verkleidung
+Mich wiederkehren, staune nicht."
+Sobald er seines Schlosses Mauern
+Verlassen, ging er querfeldein
+Und traf in einem Palmenhain
+Nach kurzer Wandrung einen Bauern.
+Er fragte diesen nach dem Wege
+Zur naechsten Stadt, und ob sein Kleid
+Mit ihm zu wechseln er bereit.
+Der Bauer war durchaus nicht traege,
+Fuer dieses Fremden reiche Tracht
+Sein schaebig Zeug daranzusetzen,
+Und Aladdin, nachdem er sacht
+Geschluepft war in die alten Fetzen,
+Schritt auf den ihm beschriebnen Pfaden
+Der Stadt entgegen, kam hinein
+Und fragt' in einem Kraemerladen,
+Ob ein gewisses Puelverlein
+Zu haben sei. Der Kraemer nickte,
+Betonte nur, weil das geflickte
+Gewand des Kaeufers ein Beweis
+Der Armut schien, den hohen Preis.
+Doch als der Fremde nicht verlegen
+Ein Goldstueck aus dem Beutel zog,
+Bracht' er das Pulver ihm und wog
+Ein Lot ihm ab.
+
+ Auf gleichen Wegen
+Kam Aladdin ins Schloss zurueck
+Und sprach zu seiner Gattin: "Hoere!
+Notwendig fuer mein Wagestueck
+Ist mir dein Beistand. Ich beschwoere
+Dich drum, befolge meinen Rat!
+Wirf dich in deinen schoensten Staat,
+Schmueck' mit Geschmeide dich und Spangen,
+Um den Entfuehrer, wenn er naht,
+Mit waermstem Grusse zu empfangen.
+Damit kein Argwohn ihn beirrt,
+Stell' dich, als ob du mich vergessen,
+Wenn dir's auch noch so sauer wird,
+Und lad' ihn ein zum Abendessen.
+Sobald er dann mit dir in frecher
+Behaglichkeit bei Tische sitzt,
+Lass ihm kredenzen einen Becher,
+Gefuellt mit Wein, in den verschmitzt
+Vorher dies Pulver du gestreut,
+Und bitt' ihn hoeflich, dir zu Ehren
+In einem Zug ihn auszuleeren.
+Von dieser Bitte hocherfreut
+Wird er den Wein hinuntertrinken
+Und leblos auf den Boden sinken,
+Bevor er noch den Trunk bereut."
+
+Wenn dieses Spiel auch recht verfaenglich
+Ihr vorkam, so versprach sie fest,
+Sie werde tun, was unumgaenglich.
+Er barg sich fuer des Tages Rest
+In einem abgelegnen Fluegel
+Des Schlosses. Als die fernen Huegel
+Die Daemmerung mit ihrem grauen
+Gewebe langsam ueberspann,
+Rief Bedrulbudur ihre Frauen,
+Mit deren Beistand sie begann,
+Aufs wunderbarste sich zu schmuecken.
+Voll Sorgfalt ward ein herrlich Kleid
+Ihr angelegt und zum Entzuecken
+Verziert mit flimmerndem Geschmeid.
+Ihr Guertel, ihre Spangen waren
+Gleichwie der Reif in ihren Haaren
+Mit Diamanten dicht besetzt;
+Und um den Hals die Perlenkette--
+Welch noch so grosse Fuerstin haette
+Sich gluecklich nicht mit ihr geschaetzt?
+Sie sah, nachdem der Putz vollendet,
+Ihr Bild in einem Spiegel an
+Und dachte sich: "Wo lebt ein Mann,
+Der nicht von so viel Reiz geblendet
+Vor mir die Waffen musste strecken?"
+Sie stieg hierauf zum Kuppelsaal
+Empor, worin schon fuer das Mahl
+Ein Tischlein stand mit zwei Gedecken.
+
+Sie hatte noch nicht lang' geharrt,
+Als puenktlich zur gewohnten Stunde
+Der Zaubrer eintrat und erstarrt
+Von so viel reichem Schmuck im Bunde
+Mit so viel Schoenheit stehen blieb.
+Sie schritt holdselig ihm entgegen,
+Als waere sein Besuch ihr lieb,
+Und tat, als ob nur seinetwegen
+Sie so verlockend sich und praechtig
+Gekleidet. Zoegernd nahm er Platz,
+Noch immer keines Wortes maechtig.
+"Freund, sollte dich der Gegensatz
+In meiner Stimmung Wunder nehmen,"
+Begann sie laechelnd, "So vernimm,
+Ich mag mich jetzt nicht laenger graemen.
+Denn dass durch meines Vaters Grimm
+Mein Gatte seinen Tod gefunden,
+Davon hast du mich ueberzeugt.
+Gesetzt auch, dass ich tiefgebeugt
+Mit unheilbaren Herzenswunden
+Wehklagen wollt' um ihn bestaendig,
+Er wuerde doch nicht mehr lebendig.
+Ich goenn' ihm seine Grabesrast,
+Und weil sich meine Fesseln loesten,
+Bin ich entschlossen, mich zu troesten,
+Und lade dich bei mir zu Gast."
+
+[Illustration: Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder]
+
+Der Zaubrer bildete frohlockend
+Sich ein, gewonnen sei das Spiel,
+Sah sich im Geiste schon am Ziel
+Des kuehnsten Wunsches, dankte stockend
+Und setzte sich mit ihr zu Tisch.
+Wie dort zu ihm verfuehrerisch
+Nun ihre Blicke sich erhoben,
+Da schien es ihm unzweifelhaft,
+Sie habe sich in ihn vergafft
+Und wolle sich mit ihm verloben.
+Ein ueppig Mahl ward aufgetragen,
+Und eine Sklavin reichte Wein.
+Selbst schenkte die Prinzessin ein,
+Goss unbemerkbar ohne Zagen
+Das Pulver in des Gastes Becher
+Und sprach: "Willst du mir frohen Mut
+Bereiten, dann als wackrer Zecher
+Trink' auf mein Wohl dies Rebenblut!"
+"Ja, du Geliebte, du Verehrte,
+Dies auf dein Wohl und unsern Bund!"
+So rief er hochbeglueckt und leerte
+Den Becher aus bis auf den Grund.
+Nach einem letzten kurzen Schnaufen
+Fiel er bewusstlos ruecklings hin.
+
+Geholt von einer Dienerin
+Kam Aladdin herbeigelaufen.
+Als Bedrulbudur ihn umschlang,
+Sprach er: "Begib dich auf dein Zimmer;
+Denn mancherlei bleibt mir noch immer
+Zu tun, obwohl dir dies gelang."
+Nachdem sie sich entfernt, verlor
+Er keine Zeit. Er riss der Leiche
+Das Kleid auf, zog die wunderreiche
+Geraubte Lampe draus hervor,
+Liess das entseelte Jammerbild
+Fortschaffen von zwei starken Knechten
+Hinaus ins naechtige Gefild,
+Damit die Geier sein gedaechten,
+Wenn sie's geluestete nach Speise,
+Berief dann in gewohnter Weise
+Den Geist und sagte: "Bring' sofort
+Mein Schloss an seine alte Stelle!"
+Noch nicht vollendet war das Wort,
+Als schon der Geist in Windesschnelle
+Mit fast unmerklichem Vollzug
+Das Bauwerk durch die Luefte trug.
+
+
+
+
+15.
+
+
+[Illustration: D]
+
+Der Sultan, der bis jetzt unendlich
+Um seine Tochter sich gegraemt,
+War vor Verwundrung wie gelaehmt
+Als morgens breit und gegenstaendlich,
+Zurueckgekehrt zum alten Platz
+Das Schloss zu ihm heruebergruesste.
+Der Anblick bot ihm fuer verbuesste
+Betruebnis reichlichen Ersatz.
+Er liess ein Pferd sich satteln, trabte
+Zum Schloss, verfuegte sich geschwind
+Zu seinem lang entbehrten Kind
+Und ihre Zaertlichkeit erlabte
+Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen,
+Welch unglueckselige Verkettung
+Sie damals ploetzlich ihm entrissen,
+Und welchem Umstand ihre Rettung
+Zu danken sei. Mit knappen Strichen
+Erzaehlte sie vom fuerchterlichen
+Schwarzkuenstler, der durch Zaubermacht
+Sie mit dem Schloss entfuehrt bei Nacht;
+Wie von dem Schaendlichen bedrueckt
+Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen,
+Bis ihrem Gatten es geglueckt,
+List gegen List ihm obzusiegen.
+
+Ihr Vater war damit zufrieden,
+Und als nunmehr auch Aladdin
+Ins Zimmer kam, da zog er ihn
+An seine Brust und sprach: "Hienieden
+Ist man dem Irrtum ausgesetzt.
+Vergib mir, wenn aus Uebereilung,
+Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt.
+Du brachtest meinen Schmerzen Heilung,
+Indem du mir mein Kind befreit
+Und sie behuetet hast vor Schande;
+Dies dank' ich dir fuer alle Zeit."--
+Gefeiert ward im ganzen Lande
+Die Wiederkehr des jungen Paars.
+Ihr Glueck verduesterte kein Schatten.
+Doch nicht die letzte Pruefung war's,
+Die beide zu bestehen hatten.
+
+Der Zaubrer naemlich, der ein Leben
+Von grosser Zaehigkeit besass,
+War durch das Pulver, als dem Frass
+Der Geier man ihn uebergeben,
+In Wahrheit nur betaeubt gewesen,
+Von seinem Scheintod aufgewacht
+Am naechsten Tag und bald genesen.
+Er schwor, von Racheglut entfacht
+Und vollgepfropft mit Gift und Geifer,
+Er wolle vor Vergeltungseifer
+Nicht rasten fuerder und nicht rosten,
+Und drum begann zum drittenmal
+Er schleunigst ueber Berg und Tal
+Die Reise nach dem fernen Osten.
+
+Nach einem ganzen Wanderjahr
+Voll Muehe, Drangsal und Gefahr
+Kaum in der Hauptstadt angekommen,
+War er nach einem neuen Kniff
+Umschau zu halten im Begriff.
+Er hoerte dort von einer frommen,
+Betagten Wundertaeterin
+Erzaehlen, die Fatime hiess
+Und sich mit schlicht erhabnem Sinn
+Der stillen Andacht ueberliess
+In einer abgeschiednen Klause.
+Durch Gassen, die man ihm beschrieb,
+Schlich er zu ihrem kleinen Hause
+Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb,
+Drang in ihr aermlich Zimmer, weckte
+Mit rohem Schuetteln die Erschreckte,
+Hielt einen Dolch ihr vor und sprach:
+"Du sollst entseelt sogleich erblassen,
+Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!"
+Sie musst' ihm ihre Kleider lassen
+Sowie den Schleier und die Haube,
+Nebst dem geweihten Rosenkranz.
+Obwohl dem Raeuber sie sich ganz
+Willfaehrig zeigte, ja, zum Raube
+Hilfreich sogar die Hand ihm bot,
+Stach er sie vorsichtshalber tot.
+
+Sodann vor einem Spiegel schor
+Den Bart sich weg der Halsabschneider,
+Warf sich in seines Opfers Kleider,
+Und als die Sonne stieg empor,
+Trat er verschleiert auf die Gasse.
+Der eine sprach zum andern: "Schau,
+Dort geht einher die fromme Frau,"
+Und eine grosse Menschenmasse
+Umgab ihn rings voll Dankgefuehl
+Und folgte, Segenswuensche hegend,
+Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.--
+Als die Prinzessin das Gewuehl,
+Vom Kuppelsaal herunterlugend,
+Wahrnahm und obendrein erfuhr,
+Dass all dies bunte Volk der Spur
+Fatimens folge, deren Tugend
+Und Heiligkeit ihr laengst bekannt
+Als der Verehrung Gegenstand
+Und als das Vorbild frommer Sitten,
+Da dachte sie, dass ihr gezieme,
+Die Frau zu sich heraufzubitten.
+Zu der vermeintlichen Fatime
+Kam eine Botin, sie zu holen.
+Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg
+Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen,
+Als er mit ihr den Saal erstieg,
+Und fing, nachdem er ihn betreten,
+Mit solcher Inbrunst an zu beten,
+Dass die Prinzessin sich verneigte
+Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme
+Sie ansprach mit verstellter Stimme,
+Sowie nur hinter Schleiern zeigte
+Sein glattgeschorenes Gesicht,
+Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht
+Und sprach "Lass mich die Gunst begehren,
+Fatime, dass du dauernd weilst
+An unserm Herd und gute Lehren
+Zu frommem Wandel mir erteilst."
+Der abgefeimte Tueckebold
+Erklaerte gern sich einverstanden;
+Das war es ja, was er gewollt!
+"Ein stilles Zimmer ist vorhanden
+Im Schloss," fuhr die Prinzessin fort
+In ihrer glaeubigen Betonung,
+"Und deiner Andacht wirst du dort
+Obliegen koennen ohne Stoerung.
+Erst aber moegest du mir ehrlich
+Gestehn, wie dir das Schloss gefaellt."
+Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich
+Ist seinesgleichen auf der Welt;
+Und dennoch, trotz der Raumverschwendung
+Und dem Geschmack der Farbenwahl,
+Bedrueckt mich, dass in diesem Saal
+Noch etwas mangelt zur Vollendung."
+"Was ist es?" Scheinbar auf ihr Draengen
+Erwiderte der Schuft: "Verzeih',
+Von dieser Kuppel muesst' ein Ei
+Des Vogels Roch herunterhaengen."
+Sie fragte, wo man das wohl faende.
+Der Zaubrer drauf: "Gewaltig gross
+Ist dieser Roch und nistet bloss
+Auf Spitzen schroffer Bergeswaende."
+Sie dankte fuer den Rat und fuehrte
+Die falsche Heilige, noch immer
+Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.
+
+[Illustration: Aladdin toetet den verkleideten Zauberer]
+
+Zum Saal zurueckgekehrt, verspuerte
+Nun die Prinzessin, an der Angel
+Des Zaubrers haftend, jenen Mangel,
+Den nie zuvor sie wahrgenommen.--
+Als Aladdin von einem Ritt
+Heimkommend ihr entgegenschritt,
+War sie so wunderlich beklommen,
+Dass er sie fragte nach dem Grund.
+Sie musst' ihm ihr Geluest enthuellen,
+Und er, sobald ihr Wunsch ihm kund,
+Gab ihr sein Wort, ihn zu erfuellen.
+Er ging alsbald in sein Gemach
+Und rieb sie Lampe, die verschlossen
+Jetzt stand in einem sichren Fach.
+Nachdem der Geist emporgeschossen,
+Sprach er: "Dich wiederum zu sputen,
+Befehl' ich dir. Es fehlt uns noch
+Im Saal ein Ei des Vogels Roch.
+Verschaff mir's binnen drei Minuten!"
+
+Kaum war das Wort entflohn, da fing
+Der Geist so furchtbar an zu droehnen,
+Zu schrei'n, zu wimmern und zu stoehnen,
+Dass Hoeren ihm und Sehn verging
+Und zitternd er zu Boden sank.
+"Elender," bruellte mit Gepolter
+Der Riese, "spannst du mich zum Dank
+Fuer meinen Frondienst auf die Folter?
+Befiehlt, ich soll auf meinen Schwingen
+Als Deckenschmuck fuer seinen Saal
+Dir meinen eignen Vater bringen?
+Sei froh, wenn nicht mein Donnerstrahl
+Dich und dein Schloss in Asche wandelt.
+Ich weiss zu deinem Glueck, du hast
+Nicht aus dir selber so gehandelt.
+Dein Todfeind weilt bei dir zu Gast.
+Er ward nicht von dir umgebracht,
+Nein, kam ins Land, um sich zu raechen,
+Ergatterte durch ein Verbrechen
+Der heiligen Fatime Tracht,
+Und deine Frau, von ihm umgarnt,
+Trieb zu dem schaendlichen Befehle
+Dich arglos an. Drum sei gewarnt;
+Er will dir meuchlings an die Kehle."
+Sprach's und verschwand. Sofort verfuegte
+Sich Aladdin zurueck zum Saal,
+Wo seine Gattin sich vergnuegte
+Mit einem Ballspiel, und befahl,
+Man moeg' ihm gleich Fatime holen.
+
+"Sei mir gegruesst!" rief Aladdin,
+Als der vermummte Feind erschien;
+"Denn warm hat man dich mir empfohlen.
+Gib, fromme Frau, mir deinen Segen."
+Der Zaubrer kam ihm sacht entgegen,
+Und er bemerkte, wie der Strolch
+Ein Messer unter seinem Kleide
+Heimlich herauszog aus der Scheide.
+Schnell griff er seinen eignen Dolch
+Und bohrte dessen scharfes Erz
+Dem Schurken mitten in das Herz.
+Von seinem Blute ward im Saal
+Der Boden ringsumher geroetet.
+
+"Weh, was begingst du, mein Gemahl?
+Du hast die Heilige getoetet!"
+Schrie Bedrulbudur sich verfaerbend.
+Er aber sprach voll Seelenruh':
+"Nein, liebe Gattin, komm herzu!
+Haett' ich gesaeumt, so laege sterbend
+Ich selber hier; denn dieser Tote
+Bekam den Lohn, der ihm gebuehrt:
+Erkenn' ihn, der dich einst entfuehrt
+Und jetzt mit Meuchelmord mir drohte."
+
+So hatte gluecklich unser Held
+Sich des Verfolgers nun entledigt,
+Der ihm beharrlich nachgestellt,
+Und ward vom Schicksal reich entschaedigt
+Fuer allen ausgestandnen Harm.
+In der geliebten Tochter Arm
+Entschlief im hohen Greisenalter
+Der Sultan, und sein Schwiegersohn
+Mit seiner Frau stieg als Verwalter
+Des weiten Reiches auf den Thron.
+Sie herrschten als beglueckte Leute,
+Umringt von Kind und Kindeskind,
+Und wenn sie nicht gestorben sind,
+So leben sie gewiss noch heute.
+
+[Illustration]
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALADDIN UND DIE WUNDERLAMPE***
+
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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