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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:38:39 -0700 |
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diff --git a/12012-h/12012-h.htm b/12012-h/12012-h.htm new file mode 100644 index 0000000..6da9951 --- /dev/null +++ b/12012-h/12012-h.htm @@ -0,0 +1,9726 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> + +<html> +<head> + <meta name="generator" content= + "HTML Tidy for Windows (vers 1st January 2004), see www.w3.org"> + <meta http-equiv="Content-Type" content= + "text/html; charset=us-ascii"> + + <title>The Project Gutenberg eBook of Drei Gaugöttinnen, by + E. L. Rochholz.</title> + <style type="text/css"> + /*<![CDATA[ XML blockout */ + <!-- + P { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + H1,H2,H3,H4,H5,H6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + } + HR { width: 33%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + .bigrule { + width: 65%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + } + + .smallrule { + width: 45%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + + BODY{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */ + .note {margin-left: 2em; margin-right: 2em; margin-bottom: 1em;} /* footnote */ + .blkquot {margin-left: 4em; margin-right: 4em;} /* block indent */ + .sidenote {width: 20%; margin-bottom: 1em; padding-left: 2em; font-size: smaller; float: right; clear: right;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem p {margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem p.i2 {margin-left: 2em;} + .poem p.i4 {margin-left: 4em;} + .poem .caesura {vertical-align: -200%;} + + div.content H1, + div.content H2, + div.content H3, + div.content H4, + div.content H5, + div.content H6 { + text-align: left; /* headings in contents right aligned */ + } + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Drei Gaugöttinnen + +Author: E. L. Rochholz + +Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + + + + + +</pre> + + <h1>Drei Gaugöttinnen</h1> + + <h2>Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.</h2> + + <h3>Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben</h3> + + <h4>von</h4> + + <h3>E.L. Rochholz.</h3> + + <h4>1870</h4> + <hr class="bigrule"> + <br> + <a name="Page_Roman_003" id="Page_Roman_003"></a> <a name= + "Vorwort" id="Vorwort"></a> + + <h2>Vorwort.</h2><br> + + <p>Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen + Frauen, deren Namen die nachfolgende Schrift am Titel trägt, + drei nächstverwandte Wesen aus der deutschen + Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den Perioden + seines akademischen Jünglingsalters und während der + ersten Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf + Jagdgängen, Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung + örtlicher Alterthümer nachzog und in andauerndem + Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung den damals + herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss + sei ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden + ergänzen helfe. Während sich ihm letzteres bald als + eine gemüthliche Täuschung erweisen musste, war ihm + darüber doch das Glück beschert, reichliche, + nachhaltige Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich + fesselnde Gewalt einen einmal in uns erwachten Plan auch unter + unerwartet eintretenden Lebensänderungen nicht mehr veralten + lässt. Und so erklärt sich der Ursprung unseres Buches + als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer gereifte und + hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung + der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort + steht: "Was man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht + uns eigentlich nichts an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in + den heimatlichen Thälern der Altmühl und des Mains der + hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und Gertrud begegnete und + nicht lange hernach in den schweizerischen der Aare und des + Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt + wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken, + innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit + ältester Zeit bis auf die Gegenwart herrschend geblieben + ist, dass diese Drei hier nicht etwa die Patrone oder + Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern die Schutzheiligen + <a name="Page_Roman_004" id="Page_Roman_004"></a>ihres + politischen Gaues in einer Periode gewesen waren, als dessen + politische Grenzen noch keineswegs mit denen des Kirchensprengels + zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also + zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung + dieser Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt + ein älterer, als der durch die Kirche veranlasste je hatte + sein können. Und also führte uns die <i>Gauheilige</i> + in rückschreitender Metamorphose auf die + <i>Gaugöttin</i>. Gegen diese Folgerung, die selbst von der + kirchlich approbirten Gestalt der Legende mit historischen + Angaben unterstützt wird, lässt sich mit ferner + versuchten Einwänden nicht weiter mehr aufkommen. Auch + führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste + Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch + ungeschwächt und persönlich fort, so z.B. in der + Normandie, wo nach dem Zeugnisse von Amélie Bosquet die + Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen + einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt + und dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem + gemeinsamen Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen + Punkte bezeichnet.</p> + + <p>Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht + gedachtes Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der + Mensch, so sein Gott. Die dem Germanen eigenthümliche + Auffassung des Eherechtes, welche ihn vor allen + Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem + Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn + (Tac. Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten + bedingt, welche Wächterinnen der züchtigen + Geschlechterliebe, der häuslichen Ordnung, des Fleisses und + Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war es, dass die + Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das Wort + frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis + oder weisen Frau bekleiden und als solche die Geschäfte der + Tempeljungfrau, Priesterin, Heilräthin oder Aerztin + verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer langen + Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch + furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann + geistig überrascht durch das in barbarischer Form + überlieferte römische Kirchenthum. Durch den ersten + Vorgang wurden die Germanengöttinnen kriegerisch <a name= + "Page_Roman_005" id="Page_Roman_005"></a>umgewandelt, + militarisirt, durch den zweiten aber vollends satanisirt, zwei + Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser Buch in + allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und + nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, + sondern ebenso die des Privatlebens wurde dabei mit in die + tiefste Erniedrigung herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche + Tugenden der Heidin ein allerdings nöthigender Grund, sie + später einmal zu Christentugenden zu subtilisiren und eine + Walburg, eine Verena oder Gertrud zu Kirchenheiligen zu erheben; + allein diese Vereinbarung war und blieb eine erzwungene, + innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des + Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als + ob hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, + anstatt dass umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus + nachfolgte und ihn legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber + durfte ein ehefeindlicher Klerus, der dem Cölibat den + übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend zuschrieb und + nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die Himmelsherrin, + auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des + Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die + Frauenwürde verkündenden Mythus durfte der Mönch + kein Recht belassen, sondern musste ihn so weit und so + unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis + heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar + auf einer Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel + unter Segenssprüchen bereitete, als ölschwitzende + Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie auf der andern Seite + zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke brauend, + Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das + aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der + Walburgisnacht. Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin + gewesen, hier eine Frau Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). + Dorten trank der Mensch auf ihren Namen die Minne, sie selbst + reichte dem in den Himmel eingehenden Helden den + Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, + aber nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft + geblieben war (S. 149). So ursprünglich schon steckt in dem + Legenden erzählenden Mönch ein Blumauer, der die + <a name="Page_Roman_006" id="Page_Roman_006"></a>Aeneide + travestirt. Ihm haust da ein spukender Waldteufel, wo in der + fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und Spessarts die + Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die + Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum + Blocksbergsgespenste, die Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, + und zur landverwüstenden Riesin wird die im Firnengolde des + unerreichten Gletschers thronende Verena</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>—auf des gefürchteten Gipfels</p> + + <p>Schneebehangener Scheitel,</p> + + <p>Den mit Geisterreigen</p> + + <p>Kränzten ahnende Völker.</p> + </div> + </div> + + <p>Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe + dafür ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter + dem Widerstreite der Männerwelt, rein aus + Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an die neue + Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des + Lebens, für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle + der Mitmenschen war ihm einst der Himmel zugesagt gewesen, es + hatte ihn durch eigne Seelengrösse erobert und sogar den + Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser Himmelsgenuss + hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische Streben + des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein + frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der + gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein + Mirakel erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht + mehr auf das persönliche Verdienst, sondern auf das + Geheimniss der Gnade angewiesen bleiben. Diesen zweimaligen + Bildungsweg, den das deutsche Weib in der Vorzeit einzuschlagen + hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem germanischen + Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der Mythe + und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung + gebracht. Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck + unsrer Schrift, die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier + Landsleute empfiehlt.</p> + + <p>Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.</p> + + <p><b>E.L.R.</b></p> + <hr class="bigrule"> + <a name="Page_Roman_007" id="Page_Roman_007"></a> <a name= + "Inhalt" id="Inhalt"></a> + + <h2>Inhalt.</h2><br> + + <div class="content"> + <h3><a href="#Vorwort">Vorwort.</a></h3> + + <h3><a href="#Inhalt">Inhalt.</a></h3> + + <h3><a href="#Teil_1">I. Walburg mit drei Aehren, die + Ackergöttin.</a></h3> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4> + + <p>Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen, + Klosterstiftungen, Grabstätten und Reliquien.—Oel, + aus Stein und Bein der Walburgisgruft fliessend; ähnliches + kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und Embleme + Walburgis.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen + Abbildungen und Hymnen.</h4> + + <p>Der Hund, ein Geleitsthier etlicher + Fruchtbarkeitsgöttinnen und Heiligen; verehrt als + saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes + Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und + süsse Hündlein als Zweckspeisen beim + Dreschermahl.—Walburgis Emblem der Aehre und der Garbe, + ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in + dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs + Eulogienbrode.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Walburgistag, des Meien hochgezît.</h4> + + <p>Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den + Tod austragen, den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, + Laubeinkleidung und Ruthenzug.—Maigraf und + Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche und + Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: + sämmtliches als Abbilder eines göttlichen Werbungs- + und Vermählungsmythus, <a name="Page_Roman_008" id= + "Page_Roman_008"></a>welcher im Frühlings- und + Erntevorgang spielt.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4> + + <p>Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der + ungebotenen Gerichte, gezeigt aus den + Weisthümern.—Urkundliche Berechnung der + Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.—Der + Rutscherzins, die Walpersmännchen und + Walperherren.—Aus der mit der Zinspflichtigkeit + verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den + Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_5">Fünfter + Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4> + + <p>Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau. + Thau als Quelle von Leben, Lebensdauer und + Körperschönheit, angewendet als Heilbad, Stärke- + und Minnetrunk.—Bannbeschreitung, Oeschprozession um die + Flurzelgen und Mairitt durch die Saat. Der Mythus vom + Thau-abstreifen in seiner naturgeschichtlichen Begründung. + Thauschlepper und Thaustreicher als zaubernde Butter- und + Milchgewinner. Walburg in den Riesen- und Hexensagen.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_6">Sechster Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4> + + <p>Die westfälische Walburg. Die phallischen + Götzenbilder zu Antwerpen und Emmetsheim, um Kindersegen + angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen Darstellung der + Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in den + Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit. + Etymologische Erklärung des Namens Walburg nach dessen + freundlicher und feindlicher Anwendung.—Schluss: die + Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, Meth, Ael und + Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank.</p> + + <h3><a href="#Teil_2">II. Verena mit dem Kamme, die + Kindsmutter.</a></h3> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena, eine alemannische Gauheilige.</h4> + + <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der + Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von <a name= + "Page_Roman_009" id="Page_Roman_009"></a>der thebaischen + Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. + Verenas Weihkirchen und Altäre in der Schweiz, ihr + Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches + Gedicht: Von sand Verene.</p> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena, die Müllerpatronin.</h4> + + <p>Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre + örtlichen Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als + Ehegöttin. Der in Stein verwandelte Brodkipf und die + unerschöpflichen Mehlsäcke. Wirthschaftsregeln am + Verenentage.</p> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4> + + <p>Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und + Wasserkirchen; die ihr geopferten Mädchen- und + Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und + Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen. + Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von + der Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am + Glärnischgletscher.</p> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena als Frau Venus.</h4> + + <p>Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau + Venus-Vrene des Volksliedes. Die Venus-, Feens- und + Vrenenberge, sowie die Venus- und Vrenenhäuser, + zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen + Namensvertauschung auf den ursprünglichen Mythus.</p> + + <h3><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die + Allerseelenherrin.</a></h3> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_1">Die hl. Gertrud, heidnisch + nach Namen, Legende und Attributen.</a></h4> + + <p>Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, + Schiffes, Stabes, der Spindel und der Mäuse.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_2">Der Gertrudentag mit seinen + Kalenderregeln und Zeitthieren.</a></h4> + + <p>Specht, Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den + Namen der Heiligen und werden in deren Namen berufen als + Lebens- und Todesboten.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_3">Gertrud als + Seelenherrin.</a></h4> + + <p>Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben und erscheinen in + Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde + Menschenseele, sowie als Rachegeist <a name="Page_Roman_010" + id="Page_Roman_010"></a>Abgeschiedner; der ihr geopferte + Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische + Bräuche.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_4">Die Rolle der Maus bei den + Erntebräuchen, die in Mausform gebackenen + Zweckbrode.</a></h4> + + <p>Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den + Ortssagen. Das Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja + und Walküre.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_5">Symbole.</a></h4> + + <p>Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das + Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen + Mäuschen. Das Kalenderzeichen des Gertrudentages.</p> + + <h2><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die + Allerseelenherrin.</a></h2> + + <h3><a href="#Nachtrage">Nachträge.</a></h3> + + <h3><a href="#Wortregister">Wortregister.</a></h3> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 002 --><a name="Page_002" id="Page_002"></a> <a name= + "Teil_1" id="Teil_1"></a> + + <h2>I. Walburg mit drei Aehren,</h2> + + <h3>die Ackergöttin.</h3> + <hr class="smallrule"> + <!-- 003 --><a name="Page_003" id="Page_003"></a> <a name= + "Teil_1_Abschnitt_1" id="Teil_1_Abschnitt_1"></a> + + <h3>Erster Abschnitt.</h3> + + <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4><br> + + <p>Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht + unmittelbar voraus, der heitersten Naturfreude die + verderbenbringende Hexennacht. Hier eine jungfräuliche + Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über + den thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und + umjubelt von der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf + finsterer Berghöhe die entsetzliche Nachtkönigin, Hagel + und Schlossensturm, Misswachs und Seuche brauend, unkeusche + Satanstänze abhaltend, eine Feindin des Wachsthums und der + Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig Stunden, welche + Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter einem und + demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den + Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich + widersprechenden Hälften eines ursprünglich + einheitlichen Wesens aufzuweisen und dieselben zur würdigen + Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu vereinbaren. + Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende nach + deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der + ausschmückenden kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle + und Schauplatz der Legende ist baierisch Franken, zugleich die + Heimat des Verfassers vorliegender Ausarbeitung.</p> + + <p>Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu + berufen hat, sind nachfolgende.</p><!-- 004 --><a name="Page_004" + id="Page_004"></a> + + <p>Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es + Wilibalds Reise nach Jerusalem enthält) schrieb eine + Landsmännin und Zeitgenossin Wilibalds aus ihrer eignen und + der Diakone Erinnerung. Sie heisst die Heidenheimer ungenannte + Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster eingetreten, also + noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst seit Canisius + und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei Falkenstein + Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums commandirte + der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba + etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- + und Gemäldedieb; er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 + die Handschrift im Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist + sie verloren. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichstädt, S. 365. + Dies ist die Hauptquelle für alle übrigen + Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende + Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der + Mönch Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. + Altmühl, einer im J. 888 durch Kaiser Arnulf an das + Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im J. 1309 schrieb der + Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen Wilibalds + und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn + Königin Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem + Stifte Königsfelden aus brieflich angegangen hatte. Der + Bischof überschickt ihr und ihrem Convente das verlangte + Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und Wunderwerke der + <i>seligen</i> Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt in + der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die + fünfte, aber die erste <i>umfassendere</i> Erzählung + der Legende, sagt Gretser X, 906b. Der bischöfliche + Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb 1322. + Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der + Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte + es dem damaligen Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu + Ingolstadt 1608 bei Andrä Angermayer. Auf diese beiden + Schriften stützen sich nachfolgende, <!-- 005 --><a name= + "Page_005" id="Page_005"></a> von uns gleichfalls benutzte + Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars secunda + 287.—Bollandisten tom. 3., 25 Febr.—Gretser, Vitae + Sanctor. tom. X.—Matth. Rader, Bavaria sancta, + 1704.—Alle nennenswerthe weitere Literatur über die + Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs Kirchengesch. 2, + 347 und 356.</p> + + <p>Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu + Cirton oder Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, + hatte bereits bei Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium + gepredigt, als er im Auftrage des Pabstes Gregor II. nach + Thüringen und Baiern kam und in diesem letzteren Lande zu + dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau diejenigen zu + Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt + gründete. Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus + dem Angelsachsenvolke begleitete ihn dahin und übernahm die + Leitung der neuen Stiftungen. Kunigild und ihre Tochter Bertgit + verwendete er als Abtissinnen in Thüringen, Kunitrud und + Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, Lioba nach + Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am + Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen + Fürstenpaares Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, + Wunnibald und Wilibald, war auf ihres Oheims Winfrid Rath durch + Thüringen nach Baiern gereist und hier im Sualafelder Gau + mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser Gau, in dem + sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge des + Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen + Eichstädt, schloss auf einer Seite das Weissenburger Gebiet + mit Gunzenhausen und Eschenbach in sich, auf der andern Seite die + Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte Bruder Wilibald schon + vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in der + Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre + nachher auf der Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. + 741) zum ersten Bischof von Eichstädt eingesetzt worden. + Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute er dann am Hahnenkamm zu + Heidenheim ein gleiches Kloster, <!-- 006 --><a name="Page_006" + id="Page_006"></a> fügte demselben 760 einen Frauenkonvent + in der Benedictinerregel bei und übergab dessen Leitung an + Walburg. Die Stellen zu den neuen Kirchenbauten pflegten die + Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr Reiseross jeweilen + stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt noch für + heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der + Eichstädter Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob + dem Eichstädter Forellenweiher an der Landstrasse im + Weissenburger Walde und heisst Römleins- oder + Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier Römer + getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist + in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, + einem Thore gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, + Nordgau. Alterth. 1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen + liegt zunächst dem Kloster Bergen; als der Heilige hier + heranritt, sprudelte der Quell unter dem Tritt des Rosses aus + einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt seitdem bei keiner + Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg auf einem + der zwei grünen Höhenzüge, die den + Eichstädter Thalkessel umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach + dem Dorfe Titing die Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene + Feldkapelle mit des Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er + das Stift Heilsbronn, nach jener mächtigen "Hails- oder auch + Hagelsquelle" zubenannt, die hier in einen dreikästigen + Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie stand im + vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. + Eben so liess sich die Schwester Walburg im + mittelfränkischen Städtchen Heidenheim beim Ortsbrunnen + nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen heisst. Als + aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im Klostergarten + (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell, an + welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald + erbaute sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift + Auhausen; seine Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen + ist ihm in Tirol beim Dorfe Oswald am Ifinger einer + <!-- 007 --><a name="Page_007" id="Page_007"></a> der drei + "Jungbrunnen" dieses Landes geweiht und er selbst gilt dorten als + ein gewaltiger Wetterherr. Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. + 936.</p> + + <p>Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen + sich die Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater + Luidl. Nach den neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. + Popp, Errichtung der Diöcese Eichstädt, wird von nun an + Folgendes zu gelten haben.</p> + + <p>Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald + 7. Juli 781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, + die beiden ersteren im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess + nachmals Abt Otkar Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte + drinnen die Leiche unverwest und thaufrisch: "totum corpus rore + perfusum cernebatur". Am 21. Sept. 870 tragen zwei zusammen + gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und bleiben hier + freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess Otkar + die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche + benennen. Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den + Sarg berührt und wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf + Krücken voran in die Kirche zu Wilibalds Grab und ruft da: + Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine Schwester kommt! + Darüber lässt er die Krücken fallen und ist + geheilt. Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser + Versetzungsgeschichte streitet indess die weiter gehende + Erzählung von der Theilung der Walburg-Reliquien. Als + nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre Gefährtin + Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus + ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der + Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt + abgegebenen Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte + Monheim getheilt werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu + Eichstädt wiederum aufgrub, zeigten sie sich mit einer + wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei + Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha + tenui madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae + <!-- 008 --><a name="Page_008" id="Page_008"></a> extorqueri + valerent (A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so + ferne von Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so + berühmt gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein + Theil der Reliquien zu Eichstädt, der andere kam nach + Monheim und wurde hier an jedem Jahrestage durch vier + Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in + gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die + Reformation die Klöster des Sprengels der Reihe nach + aufgehoben wurden: Solenhofen, Wülzburg, Baring, Heidenheim, + Monheim, zerstörte der Bildersturm (haereticorum furor, sagt + Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass Wunnibalds Sarg in + Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim spurlos + verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt, + Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf + dessen Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei + später auf dem Walpersberge bei Köln von den Jesuiten + verwahrt worden und alljährlich am 1. Mai im Flurumgang + durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. 302. Wir werden + später darauf noch zurückkommen.</p> + + <p>Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu + Eichstädt nichts anderes mehr als nur das Brustbein + vorhanden. Dasselbe liegt dorten im Altar der Gruftkapelle der + schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten Walburgiskirche. + Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in + seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als + ein auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg + erscheint. Sein Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche + vom benachbarten Pleinfelden ergeben. Durch seine Höhlung + geht der Länge nach eine ebne ungeschliffene Kalksteinplatte + von der Art des nächsten Eichstädterbruches, aufgesetzt + auf zwei kurze Träger aus Sandstein. Diese Bank heisst der + Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt Walburgis + Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und + überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen + Perlen gerinnt und tropfenweise ehedem in einem viereckig + <!-- 009 --><a name="Page_009" id="Page_009"></a> ausgehauenen + Mittelraume sich sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 + († 1625); der spätere Falkenstein, Nordgau. Alterth. + 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die nicht von oben her, + sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, durch silberne + Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale geleitet + werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979) + als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist + durchweg mit Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit + einer von innen silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. + Dies ist das Mirakel des Oelthauens, von der Kirche das + stillicidium genannt. Das Oel ist weiss und hell, geruch- und + geschmacklos und schnell verflüchtigend; unaufgesammelt soll + es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich selber verstocken: + Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; mit Wachs + verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort + und Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine + messingene Eichel, vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, + den Klosterfrauen abgekauft; sie enthielt wohlriechende, in dies + Oel getauchte Baumwolle nebst einem gedruckten + Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten diese + Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen + derlei geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk + des Mieders.</p> + + <p>Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das + Stillicidium begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich + unbetheiligter, in seinen Forschungen sehr genauer Autor, weiss + in seinen Antiquitates Septentr. (Hannoverae 1720) S. 88 noch + nicht anders, als dass dieser Oelfluss erfolge cum die prima + Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen Skribenten + nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser die + Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels + schrieb, folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu + sein: Mit dem 12. Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von + Heidenheim in die Gruft nach Eichstädt übertragen + wurden, beginnt das Oel zu <!-- 010 --><a name="Page_010" id= + "Page_010"></a> fliessen und fliesst fort bis 25. Februar, als + der Heiligen Todestag; alle übrigen Monate, heisst es, + bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel trocken. + Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die + älteste Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die + apostolorum Philippi et Jacobi celebratur usque hodie festum + canonizationis Walpurgae; eodem die omni anno stillicidium + ejusdem sanctae virginis ad potandum administratur (Gretser X, + 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich auf 1. Mai, dessen + altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken begangen + wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der Kirche + zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder + Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag + Walburgis sei, und kümmerte sich nicht weiter darum, dass + das Walburgisfest in verschiednen Gegenden Deutschlands schon + seit alter Zeit zu fünf verschiednen Monaten und Tagen + kirchlich begangen wurde<a name="FNanchor_1_1" id= + "FNanchor_1_1"></a><a href= + "#Footnote_1_1"><sup>[1]</sup></a>.</p> + + <p>Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, + den solennen Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, + liegt in der Eichstädter Oelquelle selbst, die eine + intermittirende ist und ausserdem in früheren Jahrhunderten + viel reichlicher floss als heute. Oftmals bleibt sie sogar ganz + aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher + <!-- 011 --><a name="Page_011" id="Page_011"></a> 1237 sammt + seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die + versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, + das Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch + ist derselbe Fall, da 1713 zum grössten Schrecken des + Klosters vom 15. Februar bis 9. März fast kein Tropfen + Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach einer + alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der + Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts + Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. + Giggenbach beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara + hielt (gedruckt zu Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: + Walburg lasse das Oel in solchem Masse aus ihrem Brustbeine + entquellen, dass man damals ein hohes grosses Glas voll davon im + Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es die + erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben + sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern + müssen, oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! + worauf jenes halbgeleerte Gefäss sich sogleich wieder ganz + mit Oel anfüllte.—Der Eichstädter Bischof Philipp + von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten + Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise + gegen seine Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de + oleo) adferri, et desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. + SS. saec. III. P. II, 306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht + mehr geflossen war und die darob verzagten Eichstädter ihren + Sittenwandel besserten, brach es so reichlich los, dass man ein + Weinlägel von einer halben Pinte, also ein wirkliches Fass, + damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.</p> + + <p>So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. + Fischer) Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure + Menge" Walburgisöl zu Eichstädt, die in alle Gegenden + verschickt und in schweren Krankheiten statt Arzenei verbraucht + wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches Bergöl von grosser + Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei sich + trage, behaupten die Mönche, müsse sich im + <!-- 012 --><a name="Page_012" id="Page_012"></a> Stande der + Gnaden befinden, damit es nicht sogleich verfliege.</p> + + <p>Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem + Tragsteine derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich + nicht verheimlicht. Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der + Märtyrer Asche und Gebein, sondern auch andere den Reliquien + nahegebrachte Dinge sind heilkräftig, und so auch das Oel, + das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren Grabsteinen + herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit + von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von + irme lîbe vlôz; und das Gedicht von Katharinens + Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) fügt erklärend + bei:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>ûz dem sarksteine,</p> + + <p>dâ inne lît diu reine,</p> + + <p>vil heilic ol vlûzet,</p> + + <p>des diu werlt vil genûzet.</p> + + <p>der iht siecheite hat,</p> + + <p>des wirt al ze hant rat,</p> + + <p>als man ez dar an strîchet.</p> + </div> + </div> + + <p>In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden + Steine; der eine lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl + und trug die Inschrift: Brunnen des Oels, 1500; der andere ist + noch im Kirchlein St. Kosmas und Damian, bei Bozen. Aus einer + Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl und wurde + von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für + immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu + treiben begann. Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu + Eichstädt 1309 die Gebeine des hl. Gundacar erhoben wurden, + ergaben sowohl sie wie der Deckel des Steinsarges eine so + reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der damalige Bischof + Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die + Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. + 101. Die von Rom nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. + Quirinus ergaben in dortiger Quirinuskapelle ein Heilöl, das + in kleinen Fläschlein an die Gläubigen verkauft wurde. + Heute steht diese <!-- 013 --><a name="Page_013" id= + "Page_013"></a> "Oelkapelle" noch; einige Quellen + olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man + sammelt jährlich davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, + 196.</p> + + <p>Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich + indessen auf solcherlei Steinöl allein nicht + beschränken mögen. Schon zu Justinians Zeit fliesst Oel + aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von Orosius an meldet eine + Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in Massmanns + Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi + Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber + ergossen. Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. + Sechzehn Heilige und achterlei heilige Jungfrauen zählt + Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 auf, aus deren Gebeinen + nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang, Histor. + theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas + der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. + Mit dem Oel der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um + damit den Dieb zu entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in + seiner Schrift de exorcismo. Gretser X, 907 nennt ferner die hl. + Elisabeth in Thüringen, die Martyrknaben zu Novara und noch + andere, deren Gebein, in Kirchenaltären ausgesetzt, Oel + giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der + Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes + streitende Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen + Faustkampfe Oel habe schwitzen müssen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?</p> + + <p>In cavea Martis num pugil illa fuit?</p> + </div> + </div> + + <p>Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende + Christ mit dem Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit + dem Oele des Gebetes gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht + fassen könne. So sagt Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): + Venimus ad fontem—Unctus es quasi athleta Christi. + Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner 6. + Homilie über den Brief an die Coloss.—Nork, + Realwörtb. 3, 301.</p><!-- 014 --><a name="Page_014" id= + "Page_014"></a> + + <p>Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles + sagen die Acta SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und + besonders häufig Lahme geheilt habe; Gretser fügt bei, + X, 917, es fördere die Geburten, auch lutherische Frauen + hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und + seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards + Hymnen (bei Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders + den Wolfshunger heilt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Hinc quendam fastidiosum</p> + + <p>Fame paene mortuum</p> + + <p>Alloquens per visionem</p> + + <p>Monet, ut de calice</p> + + <p>Ejus biberet; quo facto</p> + + <p>Esuriit solito.</p> + </div> + </div> + + <p>Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden + Füssen lahm, wurde von seiner Mutter Ratila zum + Walburgisgrabe in Monheim getragen und da auf ihr Gebet sogleich + hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die er seine + Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher + Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die + mystische Kraft, welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, + erklärt sich Jac. 5, 14: Ist einer unter euch krank, so rufe + er die Aeltesten der Gemeinde herbei, dieselben sollen über + ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im Namen des + Herrn—und der Herr wird ihn aufrichten.</p> + + <p>Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden + sind (per totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. + Walpurgis reliquiae dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch + in vielen Provinzen das Wunderöl zu haben gewesen. Oel, + Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest Walburgis wurden + zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias + ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit + hergezeigt wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, + Landgräfin von Hessen, geflossen war. Das Glas ging an + Luther über, der wie J. Mathesius erzählt, es einst + seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen + Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in + <!-- 015 --><a name="Page_015" id="Page_015"></a> der Kaiserpfalz + zu Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. + 1720 kamen daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig + Pfarreien am 1. Mai zusammen, um das Walburgisöl + auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) kannte in seiner + Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die dortigen + Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige + hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. + Bolland. 518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.</p> + + <p>Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu + nennen. Im Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die + während der Reformation verwüstet wurde (more + Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt Rader 3, 45) + liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf welchem + Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand einen + Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der + linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser + säulengeschmückte Aufbau mit Perlenfries gehört + den Werken der romanischen Periode an (Bavaria 3, 863). Auf einem + gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist Wunnibald + ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae Walburgis + 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach + und im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken + 1843. Der hl. Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist + dargestellt auf einem Teppich, welcher ursprünglich in der + Eichstädter Kirche aufbewahrt wurde und nun im Münchner + Nationalmuseum ist.—Auf folgenden Stichen erscheint die + Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in der + Hand haltend:</p> + + <p>Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. + 1629.—P. Emil de Novara, capuccino. Breve ristretto della + Sta. principessa Walpurga. Eichst. 1722.—Matth. Rader, + Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt das + Grabmal).—P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen + der hl. Walburgis. Regensb. 1708.</p><!-- 016 --><a name= + "Page_016" id="Page_016"></a> + + <p>Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf + dem Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, + Niedersachsen und Friesen; soweit durch dieselben der hier zu + behandelnde Stoff vervollständigt wird, wird von ihnen im + Einzelnen ferner hier die Rede sein. Eben dieselbe Bemerkung hat + auch von den an vielfachen Orten aufbewahrten und verehrten + Walburgsreliquien zu gelten.</p> + + <p>Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von + Kaufering eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen + Hügel stehend, von Linden beschattet, von einer Mauer + eingefriedet. Der Eintritt führt drei Stufen abwärts, + die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht der + Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur + Pestzeit gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. + Walburg hat jener Pest gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei + heidnischen Ursprungs, man habe hier noch den Götzen + geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.</p> + + <p>Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt + das topographisch-statistische Handbuch des Königreichs + (München 1868) folgende auf: Walbenhof, Einöde bei + Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, Dorf bei Tirschenreuth; Dorf + Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg bei Kunreut; + hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein Maimarkt + abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit + zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) + Walburgskirchen, Dorf bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei + der Stadt Hof; Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. + Aisch; Walpenreuth, Dorf bei Berneck; Walpersberg, Dorf bei + Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei Rosenheim, und zwei + gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei Schwabach; + Walpershof, <!-- 017 --><a name="Page_017" id="Page_017"></a> + Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei Neustadt a.d.W.; + Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei Landshut; + Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf bei + Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, + Dorf bei Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, + Einöde bei Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich + jedoch noch um vieles vermehren, wenn man dabei die mundartlichen + Formen des Namens Walburg mitverwerthet. Er lautet im + Altmühlthale Bürgli, in + altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu + verwechseln mit Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und + Mittelfranken Barbara ist), im tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. + Einer der Hauptberge am oberbaierischen Tegernsee wird 1420 in + einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als Walber + foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.</p> + + <p>Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst + Truchsessen, nunmehr würtembergische Standesherren, theilt + sich in die Linien Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, + Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss ist die beim gleichnamigen + Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich von + Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die + Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten + aufbewahrten Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges + erbeten, jedoch erfolglos. Bolland. 3, 518.</p> + + <p>Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen + mit der Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die + Rede sein wird; 2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei + Biblisheim, unfern der Stadt Hagenau; sie wird im J. 1085 als + Kloster genannt (Trithem. Chron. Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom + Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei erhoben. Neugart, Episc. + Const. 2, 8.</p> + + <p>Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine + Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf + ihrem Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, + 906.</p> + + <p>Der grössere Theil der ältesten Kirchen + Niederdeutschlands ist derselben Heiligen geweiht, so zu + Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, Aldenaerde, + Brügge, <!-- 018 --><a name="Page_018" id="Page_018"></a> + Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später + noch zu handeln sein.</p> + + <p>Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut + Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in + folgenden Kirchen.</p> + + <p>In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. + Ferner zu Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in + der Jesuitenkirche daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom + benachbarten Walpersberg, einem vormaligen Kloster. In Frankreich + zu Attigny und Clugny. Die Acta fundationis monasterii Murensis + (Kloster Muri im Aargau ist 1027 gegründet) nennen bei + Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu dreien malen + Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. Reliquienpartikeln + des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis übersendete + 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an + König Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury + verwahren liess. Ueber diese Reliquien und die der Walburg + gewidmeten Kirchen hat der Jesuite Godefredus Henschenius in + Actis SS. ausführlich berichtet.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_1_1" id= + "Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1">[1]</a> + + <div class="note"> + <p>Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.</p> + + <p>25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu + Eichstädt in der Kathedrale, und zu Antwerpen in der + Basilica.—20. März: Gretser l.c. pag. 907.</p> + + <p>1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach + Eichstädt; gefeiert in der Eichstädt. Kathedrale und + zu Antwerpen in der Basilica. Bollandisten, 25. Febr., tom. + III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. Klosters Rheinau + stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die Feier: + Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller, + Liturgia 4, 768.</p> + + <p>4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu + Eichstädt (Bollandisten ibid. 514b); zu Tornacum, + Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. 522; zu Veurne, in + der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912.</p> + + <p>12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter + Walb.kloster.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_2" id="Teil_1_Abschnitt_2"></a> + + <h3>Zweiter Abschnitt.</h3> + + <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.</h4><br> + + <p>Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit + denen die bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und + Sohn, des Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) + ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch das Eichstädter + Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da zwischen + den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser + Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer + Jungfrau gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die + Acta SS. (saec. 3, tom. II, 291) <!-- 019 --><a name="Page_019" + id="Page_019"></a> und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen + jedoch noch davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die + Nachts an die Thüre des reichen Hofbauern kommend, von den + scharfen Rüden angefallen wird; auf dieses Wort werden sie + zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp († 1320), + habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller Hunde + angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der + Heiligen als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren + Zeit nachweisen. Die Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt + spielt nicht in dieser Stadt, sondern in einem Orte, welcher + römisch Aureatum heisst und schon seit Aventins Zeiten, der + 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit einem + Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den + beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger + Heerstrasse gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die + Eichstädter Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, + und Walburg wird ebenso von Celtes im 2. Buche seiner Oden die + Zierde der Aureatensischen Landschaft geheissen. An den beiden + Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind Votivsteine des + Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der Fortuna + geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach + München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll + röm. Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, + deutlich unterscheidet man noch den Lauf der Römerstrasse. + Als nun der gelehrte Jesuite Gretser 1620 von der + Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an + dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine + Frau vorstellte, zu deren Füssen, von Erde + überschüttet, angeblich ein Hund liegen sollte. Gretser + schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei Steinbilder, eine Frau + darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind seit dem J. + 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele entdeckt + worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der + Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, + aber deutschen Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers + Antiquitat. Septentr. 236, <!-- 020 --><a name="Page_020" id= + "Page_020"></a> und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese + Bildwerke beschrieben. Aber derselbe typische Hund fehlt nun auch + in der Krypta der Heidenheimer Kirche nicht, wo Walburgis + frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair. Sag. 1, S. 132 + beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf den + frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der + Gruft angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild + getragen haben musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier + des Brackenhauptes, dessen herabhängende Ohren von zwei + Jungfrauen mit den Händen berührt werden. Man sagt, + hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund + begraben.</p> + + <p>Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg + führen dasselbe Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss + quadrirt, also genau in Form und Farbe des Hohenzollerschen + Helmkleinods: caput et collum molossi genannt in Speners + Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier nun wirklich + die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der Wahl + derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere + jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn + Heidengöttinnen und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom + Hunde gefolgt. Aller Hunde erster ist Garmr, besagt die Edda von + Odhinns Hund. Grauhunde begleiten die drei Nornen. Die + Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und Frau Frick + haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend + umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die + Pudelmutter (Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter + der Frû Gauden umbellen den Jagdwagen ihrer Mutter als eben + so viele Hündinnen. Colshorn, Märch. u. Sag. no. 75. + Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war + daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die + drei <i>steinernen</i> Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt + von einem Hunde, welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. + Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. 289. 290. Es ist daher kein + Absprung, wenn die <!-- 021 --><a name="Page_021" id= + "Page_021"></a> Sage das überirdische Hündchen auch der + Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege hiefür: + Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das + hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu + Baden-Baden steht gerade über der daselbst sprudelnden + Quelle, neben demselben ist der Hund in Stein gehauen, der das + Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. Baader, Bad. Sag. 131. Aus + diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das Wahrzeichen der Burgen + gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. Sagb. 2, 591), + sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der + Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben + erwähnten Kapelle zu Marienbrunn; derselbe galt da von so + alter Abkunft, dass man, z.B. von der Hundskapelle bei Innsbruck + sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. Zingerle, Tirol. Sitt. + no. 950.</p> + + <p>Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die + Farbensymbolik; als das freundlich-wohlthätige Geleitsthier + der schönen Weissen Frau ist es gleichfalls ein weisses, + aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die des Gewitters + feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der Rost, + der während der Hitze der Hundstage das Getreide + befällt, war dem Römer versinnlicht durch das + Götterpaar des Robigus und der Robigo, die beide den Namen + des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen + Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest + der Rubigalien geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des + Getreidekorns in seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus + der Fruchtscheide durch den Priester zu Rom am Hundsthore + (Catularia porta) rothe Hündchen schlachten und verbrennen + liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und Kornähre + abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die + Ursache des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher + Ovid. Fast. 4, 941:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am + Altar,</p> + + <p>Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.</p> + </div> + </div> + + <p>Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der + <!-- 022 --><a name="Page_022" id="Page_022"></a> Frohnknecht + alljährlich zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde + todtschlagen, zu Leipzig im April und August, in Norddeutschland + zur Fasnacht. J.P. Schmidt, Fastelabendgebräuche. Rostock + 1793, 150. 153. Waren diese für die Landwirthschaft + gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man + das Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. + Deor.), oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu + Niederösterreich wird am 28. Dec. (Kindleinstag) Mehl und + Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das wird das Wind- und + Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer, so + sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu + befürchten. Ein Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus + zum Dache hinaus: "man müsse die Windhunde füttern." + Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das eben + angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden + gebrachte Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde + anwendete, da das Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet + ventus und velter. War der erste Schnee gefallen, ehe Frost und + Sturm die keimende Saat beschädigen konnten, so sagte unsre + Vorzeit: gib den winden brôt, eȥ hat gesnîget. + Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers + Hackelberg in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter + über an der Herdstelle und frass nichts als Asche; zum + Ersatz aber war ein so mildherziges Haus im Frühjahr drauf + mit Milch und Butter reichlich gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. + Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten noch bestimmte + Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von + Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde + (erhalten) jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung + von 1469 verpflichtet die Lehensleute gegen den aufreitenden + Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm traben, denen söllent + sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der Vorstellung + vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten + Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für + jeden geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, + <!-- 023 --><a name="Page_023" id="Page_023"></a> so erhalten die + oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte + Mehlspätzlein, die man in Baiern Nackete Hündlein + heisst; wer aber bei der Arbeit einen Tölpelstreich gemacht + hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; beiderlei Namen sind + Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein wirft man + zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. 2, + 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes + sprang die Vorstellung über auf den Biss der wüthenden + Hunde, hielt aber in beiden Fällen die Kornähre und das + Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht man im Felde zum + ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf + Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und + streicht sie stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie + von tollen Hunden gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. + S. 402. Ein latein. Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, + Augsb. 1751, bringt S. 23 einen also beginnenden Hymnus:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Walburga venit: cedite</p> + + <p>vesane grex, molossi!</p> + + <p>Cedunt, pavent, obmutuit</p> + + <p>os impotens latrandum.</p> + </div> + </div> + + <p>Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod + mit, dass euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben + lautet dieselbe Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein + Hund beisst. Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten + schon die phigalischen Arkadier nach dem Festessen die Hand an + den Brodresten abzuwischen und diese beim Heimgehen einzustecken, + damit ihnen auf dem nächsten Kreuzwege die Hekate mit ihren + Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4, 149 C.). Denn auch + dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea canicida, + canivora genannt war.</p> + + <p>Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt + vor: Um thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu + kuriren, gieb meyische Butter auf ein Stück Brod gestrichen. + Item, schneide einen Meywurm entzwei, mach <!-- 024 --><a name= + "Page_024" id="Page_024"></a> ein Löchlein ins Brod, steck + ihn hinein, kleib es oben mit Brod zu, schmiere Meyenbutter + drüber, lass es aufessen. Dies ist ao. 1591 zweimal probiert + worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll; reissen an + den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt + vor ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man + ihnen eine Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes + immerhin laufen. Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, + lib. XII, 479, geben den Hunden geschabet Silber (Abschabsel + einer Silbermünze) auf Butterbrod, so sollen sie nicht toll + werden.—Die Fortdauer dieses Brauches in + Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das + Festmahl der Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, + Schnitten mit Butter und Honig reichlich bestrichen, und auch dem + Vieh beim ersten Austrieb davon verabreicht, damit es in keinen + bösen Wind komme. Wir werden hievon im fünften Kapitel + unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession von + Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von + Walburg gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem + unbekannten Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex + pervetusto codice" stehen abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. + 803) und erzählen von einem am Wolfshunger leidenden + Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst eines + Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere + Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Sualaveldico in pago</p> + + <p>Fuit quaedam faemina,</p> + + <p>Quae languore fortissimo</p> + + <p>Aegrotare coeperat.</p> + + <p>Namque tam intemperata</p> + + <p>Edendi ingluvies</p> + + <p>Incessit semisanatam,</p> + + <p>Ut nulla edulii</p> + + <p>Abundantia valeret</p> + + <p>A suis saturari,</p> + + <p>Exhaustis jam parentibus,</p> + + <p>Sed fame accrescente</p> + + <p>Anxiata hinc dolore</p> + + <p>Hinc pudore maximo.</p> + + <p>Tandem divinitus tale</p> + + <p>Occurrit consilium.</p> + + <p>Rogat suos se deferri</p> + + <p>Ad Walpurgae gratiam.</p> + + <p>Quo delata, biduanis</p> + + <p>Incumbebat precibus,</p> + + <p>Quibus exorata virgo</p> + + <p>Gradiendi miserae,</p> + + <p>Qua privata diu fuit,</p> + + <p>Sospitatem reddidit.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Bona quaedam monialis,</p><!-- 025 --><a name="Page_025" + id="Page_025"></a> + + <p>Vocato preabytero,</p> + + <p>Benedici panem fecit</p> + + <p>Redditque famelicae.</p> + + <p>Quo gustato nequam illa</p> + + <p>Fames voracissima,</p> + + <p>Virgine sacra favente,</p> + + <p>Coepit se subtrahere,</p> + + <p>Sic paulatim decrescendo,</p> + + <p>Ut prius accreverat.</p> + + <p>Sic crescente fastidio,</p> + + <p>Pro mira esurie,</p> + + <p>Tandem nil aliud cibi</p> + + <p>Praeter solum caseum,</p> + + <p>Nihil de potu gustare</p> + + <p>Nisi tantum lac poterat.</p> + </div> + </div> + + <p>Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die + Bändigung der Hundswuth gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, + das der Aehre, dahin misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur + auf diesen Einzelfall beziehe. So behauptet es die Schrift + Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. Allein die den + winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss nothwendig + auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie + kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das + Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem + Büschel in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. + Ebenso verzeichnet M. Hubers Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 + die Abbildung Mariae als "Nostre Dame de trois épis", mit + drei Aehren in der Hand einem Landmanne erscheinend. Die + Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen der + Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae + Geburt und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. + Haussbuch, Basel 1706, 142. "Wenn der Roggen vor Walburgis + schosset und vor Pfingsten blüht, so wird er vor Jacobi + nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man + diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria + bittet ihren über das sündige Menschengeschlecht + erzürnten Sohn, nicht alle Feldfrucht zumal zerstören + zu wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu + lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein + ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet + man zur Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim + elsäss. Stifte Katzenthal gelegen ist. Ebenso lässt + Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer Wallfahrt im Pinzgauer + Kirchthale <!-- 026 --><a name="Page_026" id="Page_026"></a> + erwählt, mitten aus dem Winterschnee drei Aehrenhalme + hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand + trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer + Kornähre brachen und vereinigten die römischen + Brautpaare und benannten nach demselben den Eheabschluss + stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn, so bedeutet + es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben Doppelsinn + des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der + Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der + Walburgisnacht vom reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, + der Frühlings-Genius der aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem + noch einmal losbrechenden Frostriesen verfolgt, so verbirgt sie + sich in den innersten Fruchtkeim des jungen Saatfeldes. Denn, + sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur entgehen, wenn man + in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem + färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des + Riesen Verfolgung ins Fruchtkorn:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Ein Kornfeld liess da Wodans Macht</p> + + <p>Geschwind erwachsen in einer Nacht.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>In des Ackers Mitte verbarg alsbald</p> + + <p>Wodan den Knaben in Aehrengestalt.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Als Aehre ward er mitten ins Feld,</p> + + <p>In die Aehren mitten als Korn gestellt:</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>"Nun steh hier ohne Furcht und Graus,</p> + + <p>Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!"</p> + </div> + </div> + + <p>Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, + Böhm. Sagb. 1, 44) ist die hl. Walburgis auf der Flucht, + unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern und von Dorf zu + Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause + einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor + den daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie + ein kleines Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein + Bauer, der sie einst auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt + sie als eine Weisse Frau mit langwallendem Haare, eine Krone auf + dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig (golden), in den Händen + trägt sie einen dreieckigen Spiegel <!-- 027 --><a name= + "Page_027" id="Page_027"></a> (der alles Zukünftige zeigt) + und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser Reiter + (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie + auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch + sein Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch + draussen lag). Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu + verstecken. Kaum hatte ihr der Bauer willfahrt, als die Reiter + vorüber brausten. Des andern Morgens fand er in den + heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher + wird die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man + ferner, erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den + Orten Strass und Lind in Untersteiermark neben einem Tannenwalde + zur Zeit des Vollmondes eine Gestalt gehen, die statt des Kopfes + eine feurige (goldne) Garbe trägt. Diese Erscheinungsweise + war in den kleinen Städten des bair. Frankenwaldes am + Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen Volksbelustigung + gewesen.</p> + + <p>Plätze, Strassen und Häuser waren da mit + Birkenreisern besteckt: Den Festumzug eröffnete der Walber, + ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh gewickelter Mann, dem die + Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe zusammengebunden + waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres Handwerkes + begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den Ofen + treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt + dorten nur noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, + den der zum Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: + Bavaria III, 1, 357. In Niederösterreich sind besonders die + Erntetage der hl. Walburg geweiht, sie durchgeht da alle Aecker, + Matten und Gärten und trägt die schon vorhin + erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden + vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem + Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und + auf den Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt + Korn Gold auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der + den Lohjungfern und Moosfräulein nachsetzende + Schimmelreiter, der sie quer über sein Ross legt und die + <!-- 028 --><a name="Page_028" id="Page_028"></a> sich + Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der + französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich + lokalisirt. Um die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem + südfranzös. Dorfe Villemont, hatte der Oberherr der + Provence vergebens geworben, er jagte ihr daher zu Pferde nach, + holte sie ein, warf sie auf sein Ross und sprengte mit seiner + Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen eines + Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals + ereilt und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden + zweimal jährlich im Frühling ihre Reliquien + prozessionsweise um die Fluren getragen in der Voraussetzung, + dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und Reblande + Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem + 10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das + Pfarrdorf Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau + Florina. (Rom feierte vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest + zur Erinnerung an die vergötterte sabinische Nymphe Flora, + die einst im Frühling umherirrend sich dem Zephyr ergab und + daher die Macht über die Blüthen der Bäume und + Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler + Estourgoux, verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu + entrinnen, in der Felseinöde des dortigen + Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier + aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den + gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft + und liess in beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit + Kreuzen gekrönt sind. Unter grossem Zudrange des Volkes + werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der Heiligen aus der + Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens + getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend + aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das + Gewölk vertrieben, sobald jener Umgang von Mazorit heran zu + rücken pflegt. A. SS. Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de + S. Florina, Virg. et Mart.</p> + + <p>Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den + Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen + <!-- 029 --><a name="Page_029" id="Page_029"></a> einer + ursprünglich edleren Vorstellung von gütig gesinnten + und für den Erntewachsthum bemüht gewesenen Geistern. + Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung, emsig das + Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner + Sage bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen + Sack Mehl aus der Mühle heimträgt, auf einen Trupp + Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er grüsst sie:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gott vermîr ich iren danz,</p> + + <p>Gott vermîr ich iren kranz!</p> + </div> + </div> + + <p>Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er + nie des Mehles ledig wird!</p> + + <p>Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden + Gestalten an von Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis + (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209); allein damit verbürgt + er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach + überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als + abgebraucht beim Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf + der Stelle, wo die Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da + wächst im Korn schwarzer Raden, am Baume der Maerentakken + (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, Ndl. Sag. S. 689). + Aber gerade damit wird nur in abergläubischer + Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen + Charakter des Alb und der Elbin gilt, dass sie unter + verschiedenen Namen als Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, + Tremsemutter, Alte, Kornbaby, Kornkind und Kornengel, + Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, geisterhaft auf der + Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des Schutzgeistes + reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur etwas + braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette + Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms + oder Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier + splitternackte Jungfrau bei sich im Schlafgemache. Spricht der + Aberglaube vom Trudenfuss, Flederwisch und Federkiel der Mahr, + von der Schmetterlingsgestalt des Toggeli, nennt man in + Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling + <i>Milchtrut</i>, <!-- 030 --><a name="Page_030" id= + "Page_030"></a> anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. + Wörtb. 62): so wird damit einbekannt, dass statt des + Gespenstes einst eine Valküre galt, die in Schwanenhemd und + Vogelgewand allüberall ihren Schützling umflog, + wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl. + marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in + umgekehrter Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das + Nachtschrättelein die Stallrosse und zöpft ihnen + Schweif und Mähne, dass sie schwitzen; denn es ist + gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener + himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens + heranritt, Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. + Solcher Abkunft dunkel noch eingedenk, schreibt der Volksglaube + vor, gegen den Besuch der Nachtmahr <i>zwei Sicheln</i> gekreuzt + vors Bette zu legen.</p> + + <p>Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei + Jahresernten; das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum + und Erbgut. Die zu Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause + hatten, mussten dahin am 1. Mai einen reichlich geschmückten + Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen, wenn daran die + drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128. + 205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt + <i>drei</i> Aehren vom fremden Acker, damit fliegt ihm dessen + Ernte in seine eigne Scheune. Schönwerth 1, 432.</p> + + <p>Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von + Walburgis Eulogienbroden.</p> + + <p>Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten + Christengemeinden jede zur Kirche mitgebrachte Brod- und + Weinration, die man hier priesterlich einsegnete und zum Schlusse + mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es war ein Liebesmahl + zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen Gesetze und + den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den + religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, + dass Alle vor ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein + ähnlicher Brauch war nun <!-- 031 --><a name="Page_031" id= + "Page_031"></a> auch dem deutschen Heidenthum geläufig + gewesen und dauerte noch lange fort in dem Bruderschaftswesen der + Geldonien, deren angelsächsischer Name + Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für + Alle; Gott, auf dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte + Alle bei ihrem Rechte bewahren. Eine natürliche Folge hievon + war die Pflege und Versorgung derjenigen Vereinsmitglieder, die + unverschuldet in Dürftigkeit geriethen. Die reichlichen + Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den Germanenopfern + nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und ausserdem + war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit + derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering + bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung + weite Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den + allgemeinen Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. + Das Christenthum vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten + der Germanen nicht abzuschaffen, sondern suchte sie dem + kirchlichen Cultus nur anzupassen: "Es ist durchaus nothwendig," + schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die angelsächsischen + Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass man + diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr + einen andern Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen + verlegen, den Festplatz mit grünen Maien umstecken, Thiere + schlachten und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch soll + man nicht ferner zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, sondern + das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der Sättigung + willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten trat + später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in + den Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- + und Festtagen unter dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. + pain béni) überreichlich an Jedermann ausgetheilt + wird. Bevor diese Reduction allgemein durchgesetzt war, gab die + Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung von Speise. So + wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem daselbst + erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, + Fische, <!-- 032 --><a name="Page_032" id="Page_032"></a> und + Bier unter die Wallfahrer <i>als Eulogie</i> ausgetheilt (A. SS. + saec. 3. II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren + Esswaare und Getränk jeder Art in die dortige Kirche + getragen, um daselbst theils aufgeopfert, theils zum eignen + Genusse in Gesellschaft der Andächtigen gebraucht zu werden. + Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre werden + genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der + Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der + Nachdruck der hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch + immer auf dem geweihten Brode. Hierüber hat der unbekannte + Bruder Medinbard verschiedene Lieder gesungen, von denen ein + kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist diese. Ein + blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume + sagen: Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und + die grüne Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und + trage sie zum Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, + überbrachte dahin die Brode und liess sie auf den Altar + legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am Altare, "duae + gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie bereits in + ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, untersuchten + den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich und + das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. + 300). Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden + Hühner. Sie lassen nicht auf die gewöhnlichen + Zinshühner schliessen, von denen in der lex Alam. 22 gesagt + ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der Kirche + zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist + nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, + und als solche galten einst die weissen (Troll, Gesch. von + Winterthur 7, 183) und gelten noch die schwarzen. Letztere werden + noch für heilsame Thiere gehalten (Schönwerth, Oberpf. + Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein und ein schwarzes Huhn + kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. Schmeller Wtb. + 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, allgemeines + Symbol <!-- 033 --><a name="Page_033" id="Page_033"></a> der + Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des Morgens nach der + Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und + Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Puella quaedam ab ipsis</p> + + <p>Heu caeca cunabulis,</p> + + <p>Audita opinione</p> + + <p>Virginis eximiae,</p> + + <p>Desiderio flagravit</p> + + <p>Veniendi maximo.</p> + + <p>Quam quidam in visione</p> + + <p>Nocturna submonuit,</p> + + <p>Oratorium adiret</p> + + <p>Tanti desiderii,</p> + + <p>Oblatas mundas offerret,</p> + + <p>Altari imponeret.</p> + + <p>Quas illatas statim binae</p> + + <p>Gallinae comederent;</p> + + <p>Quibus pastae deservirent</p> + + <p>Matris excubiis.</p> + + <p>Venit, attulit, imponit,</p> + + <p>Preces fudit intimas.</p> + + <p>Astant duae moniales</p> + + <p>Gallinae videlicet,</p> + + <p>Praevisae in visione,</p> + + <p>Quae oblatas colligunt,</p> + + <p>Et requirunt diligenter</p> + + <p>Quae, unde, cur venerit.</p> + + <p>Quibus illa dum exponit</p> + + <p>Singula veraciter,</p> + + <p>Domino propitiante</p> + + <p>Et beata Virgine,</p> + + <p>Incognitum lumen coeli</p> + + <p>Novis hausit oculis.</p> + </div> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_3" id="Teil_1_Abschnitt_3"></a> + + <h3>Dritter Abschnitt.</h3> + + <h4>Walburgistag, des Meien hochgezît.</h4> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Der meie der ist rîche,</p> + + <p>er füeret sicherlîche</p> + + <p>den walt an sîner hende,</p> + + <p>der ist nu niuwes loubes vol:</p> + + <p>der winter hat ein ende.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Neidhart von Reuenthal (1234).</p> + </div> + </div><br> + + <p>Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der + göttlichen Wesen unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die + Volkssitte im Verein mit unsrer älteren Sprachweise + lässt hierüber keinen Zweifel übrig. Die Edda + nennt den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes + Svâsudhr; der Winter dagegen (Vetr) hat den Vindlôni + und Vindsvalr zum Vater, den Windkühl und Windschweller, der + selbst wieder vom feuchten und nassen Vâsadhr abstammt. + Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in + einem Zweikampfe, und dessen scenische Aufführungen + <!-- 034 --><a name="Page_034" id="Page_034"></a> waren ein + Brauch, welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach + Südbaiern und der Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus + dem Walde in den Heimatsort herein abgeholt; dies geschieht + jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch des Winters, der es erst + auf einen förmlichen Kampf ankommen lässt. Deshalb muss + der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lärm + die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und + kommt gewappnet auf den Plan:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>sein panzer was ein grüenes graȥ,</p> + + <p>sein koller darauf ein weisser klee,</p> + + <p>sein halsperg was veyolvar,</p> + + <p>sein bugler wag von rosenbluet.</p> + + <p>er füert in seiner hende</p> + + <p>ein sper, was michel lanc</p> + + <p>vnd was eitel vögelingesang.</p> + </div> + </div> + + <p>A. Keller, Altd. Erzählungen, pg. 85. Dieser Aufzug des + in Laub gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikönigs geschah + auf Walburgis oder 1. Mai und hiess: <i>den Sommer in das Land + reiten</i>.<a name="FNanchor_NACHTRAG_1_22" id= + "FNanchor_NACHTRAG_1_22"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_1_22"><sup>[Nachtrag 1]</sup></a> In + Dänemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den + Jungfrauen des Ortes seine Maigräfin, die Majinde, + erwählte, indem er seinen Blumenkranz von der Schulter ihr + zuwarf; in Thüringen war es der in Pappellaub eingebundne + Graskönig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein Laubgewand + aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder + steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes + bezeichnet, der Pfingstkönig auf die Brautwerbung geritten + und führte die im Busche versteckt, gehaltene Prinzessin im + Triumphe heim; sie heisst in Flandern Pfingstblume, Pinxterbloem, + in England the queen of the May, in der Provence + Rosenmädchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienröslein. An + diesem letzteren Orte trägt am Walburgistage ein Kind einen + bändergeschmückten Maien um, ein anderes mit einem + Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und das Gefolge singt vor den + Häusern:</p><!-- 035 --><a name="Page_035" id= + "Page_035"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Maienröslein, kehr dich dreimal 'rum,</p> + + <p>Lass dich beschauen 'rum und 'num.</p> + + <p>Maienröslein, komm in grünen Wald hinein,</p> + + <p>Wir wollen alle lustig sein;</p> + + <p>So fahren wir vom Maien in die Rosen.</p> + </div> + </div> + + <p>Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, + Brod, Wein, Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder + die Hühner nehme, der Stock keine Trauben, der Baum keine + Nüsse, der Acker keine Frucht mehr trage; denn das + Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen + Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, + 56. Fällt der Nachdruck der scenischen Festaufführung + auf das Vertreiben des Winters, so nennt man dasselbe den Tod + austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise, mit dem + Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust + mit Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der + König einen mit Goldpapier beklebten Rockenstiel als + Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm sein + Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die + Königstochter werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, + statt der Waffe ein Bündel Lichtspäne (Schleissen) in + der Hand tragend, und wird vom erzürnten Vater + niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei + Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die + eine angeführt vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit + Handspiessen bewaffnet, Schneeballen und Eisschollen auswarf, die + andere vom Blumengrafen, der mit Laub und Erstlingsblumen + bekleidet war; sie hielten ein Speerstechen, worin der Sommer den + Winter überwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes + für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung des + Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute + glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte + Feuerkugeln unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm + dies der Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen + Birken- und Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den + warmen Stuben mit Mühe zum Grünen gebracht hatte. + <!-- 036 --><a name="Page_036" id="Page_036"></a> Ein Gastmahl + und Trinkgelage, glänzender als es durch Speerkämpfe + errungen wird, schloss das Turnier. So die Beschreibung bei Olaus + Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik (verdeutscht 1560) 15 + Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt Uhland, + Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer + Mairitt, welchen die Bürger von Soest im J. 1446 + während ihrer Fehde gegen den Bischof von Köln + ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte in + den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht + unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. + Sie zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger + Wald, wo sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und + Brand in die Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und + Vesten, führten Heerden, Güterwagen, selbst + aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder frei + gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der + verfolgenden Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter + dem grünen Maien" nach Hause. Wie hier der grüne Mai, + unter welchem das Kriegsheer einreitet, im Arnsberger Walde + gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste die + Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre + Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die + Ruthen und Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag + oder Ruthenzug heisst. Diese Kadettenzüge sind beschrieben + im <i>Alemann. Kinderlied</i> und <i>Kinderspiel</i>, pg. 490. + Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem zu + derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach + der mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr + erschlagen und ihm die schon erbeutete Rinderheerde wieder + abgejagt worden, oder wornach seine Zwingburg listig erstiegen, + er sammt seiner Mannschaft niedergemacht und so Landschaft und + Ort in einem Wurfe befreit worden sein sollen. Hievon wird im + Abschnitte <i>Maiengeding</i> noch besonders die Rede sein. Der + Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart in der + Eifel, Rheinpfalz <!-- 037 --><a name="Page_037" id= + "Page_037"></a> und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen + Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in + der Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen + Mädchen in öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" + einzeln ausgerufen und dem Höchstbietenden zugeschlagen. Der + Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria IV. 2, 364). Ebenso + werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" ausgeboten und + den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile + daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene + Hüter "Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim + Sittengerichte der Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu + bringen, ein Sittengesetz, das ehmals im ganzen Eifellande + üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. 1, 32). In der + Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen unter + Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen + gleichfalls ins Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht + einzeln ausgerufen. Lynker, Hess. Sag. no. 317<a name= + "FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href= + "#Footnote_2_2"><sup>[2]</sup></a>.</p> + + <p>Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die + Wittwen mit zum Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem + Leben der hl. Bilihildis nachweisen, über deren Zeitalter + freilich sich nur das mit Bestimmtheit sagen lässt, dass ihr + Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts genannt wird. + Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen + einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach + Würzburg gethan worden und sah hier das berühmte + Maispiel mit an, das die gleichfalls noch heidnischen Mainfranken + alljährlich zu begehen pflegten. Dasselbe findet sich + beschrieben in der von Herbelo <!-- 038 --><a name="Page_038" id= + "Page_038"></a> metrisch verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz + Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses + breiten unbeholfenen Berichtes, der ohnedies wie ein + Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre + Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. + Nach altem Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, + hielt das Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im + Frühling zu Ehren der Venus und der Vesta ein Spiel ab, + wobei ohne Mann und nackt getanzt wurde. Sämmtliche Wittwen + unter fünfzig Jahren und alle mannbaren Mädchen traten + mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und + Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar + den Reihen führte, ergötzte sich die andere am Anblick + der Gespielinnen und fühlte sich zu frischem Beginne + angespornt. Das Männervolk machte dabei den Zuschauer. Den + Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die + ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich + unter ihnen die künftige Gattin, und wenn auch noch nicht + vertraut mit ihrem Gemüthe, traf er hier nach ihrer + Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle bei diesem Feste + geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre + Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in + einer Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau + erwählte, die er noch nicht näher als vom blossen + Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er ein heidnisches + Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "<i>König</i>" er + sich selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg + konnten diese Mädchen sich den Titel der + "<i>Königin</i>" beilegen, wenn eben diejenigen Männer, + welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen + worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen + Scherz nachher tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher + die selige Bilihildis, die nicht spielend, sondern allein + kirchlich die Verlobte eines Mannes werden wollte: unter + Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig + Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf + alsdann der Regent <!-- 039 --><a name="Page_039" id= + "Page_039"></a> durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende + machte. So weit Herbelo's Nachricht.</p> + + <p>Der Ehemann, welcher, hier <i>König</i> genannt wird, ist + im heutigen Frühlingsspiele der Maigraf oder + Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut die + Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen + versammeln sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die + zuschauenden Männer ins Mailehen vertheilt zu werden. Sie + sind bemalt und bekränzt, tragen Laubguirlanden, Abends + Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen + Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von + Herbelo wiederholt genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo + ludens; denn diese besteht keineswegs aus nackten, sondern aus + entblössten Tänzerinnen, d.i. aus solchen, die als + Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt + haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den + Reihen treten, ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut + geflochten (Osmunda lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von + der Mönchsphantasie ein züchtiger Frühlingstanz + schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der angebliche + Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die + Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere + Entstehungsquelle, als eben dieses grausame Missverständniss + von Seite des Klerus.</p> + + <p>Doch wir kehren zurück zu den ferneren Volksbräuchen + der Walburgisfeier. In derselben Mainacht werden + glattgeschälte, schmuckbehangene Bäumchen auf die + Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene + das Jahr über klar fliessen, und diese eben so lange wieder + frisch und schön bleibt. Man wählt dazu besonders die + Zweige der Eberesche mit ihren rothen Beeren, davon heisst sie + selber der Wolbermay (Prätorius, Blockesberg, 460). Die + Reime, die man an den Baum hängt oder vor dem Kammerfenster + des Mädchens hersagt, ergehen sich in den gleichen + Sinnbildern:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Grüss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,</p> + + <p>Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.</p> + <!-- 040 --><a name="Page_040" id="Page_040"></a> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Grüss dich Gott durch einen Seidenfaden,</p> + + <p>Gott bewahre dich im finstern Gaden.</p> + </div> + </div><br> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>I lôss sie grüessen durh e höchi + Tanne,</p> + + <p>die Zît isch cho zum Wîben—und zum + Manne,</p> + + <p>I lôss sie grüessen durh es Hämpfeli + Thau:</p> + + <p>i wött, mî Holdi wär mî Frau.</p> + + <p>Rosmeri und Zypresse,</p> + + <p>ass i de nit vergesse;</p> + + <p>Rosmeri und Nägeli drî,</p> + + <p>g'hörsch, i möcht gern bî der + sî!</p> + + <p>bî der sî, wie's Rösli hockt</p> + + <p>am-ene einige Stengel:</p> + + <p>Der Herr ist schön, sî Frau ist schön</p> + + <p>und s' Chind ist wie ne Engel.</p> + </div> + </div> + + <p>Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein + dürrer Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden + Ueberraschung vor das Fenster der Verführten (Bavaria II, + 269), oder ein Strohpopanz, Namens Walburg, wird der Faulen + aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land noch nicht umgegraben + hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen erforscht zur selbigen + Nacht das Mädchen ihre Zukunft aus mehrfachen von Walburg + selbst herrührenden Liebesorakeln. Die Heilige trägt + eine aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der + österreichische Brauch des Fadenziehens, welchen Vernaleken, + Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die Mädchen, welche Lust haben, + ihres Zukünftigen Beschaffenheit vorauszuwissen, setzen sich + Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen feinen + Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher + hinter einem Mariabilde gehangen hat. Während er im Kreise + herum durch die Finger läuft, spricht man stille und mit + geschlossnen Augen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Voaten, i ziech di,</p> + + <p>Walpurga, i bid di,</p> + + <p>zag von main Man</p> + + <p>alle Seiten an.</p> + </div> + </div> + + <p>Wie dabei der Faden sich anfühlt, weich und glatt, hart + und fest, so werden des einstigen Mannes Eigenschaften + <!-- 041 --><a name="Page_041" id="Page_041"></a> sein. Das + oberpfälzer Bauernmädchen schleudert ungesehen ihren + Schuh über den Peuntbaum und horcht, aus welcher Gegend her + wiederholtes Hundegebell herüberschallt; eben daher wird + einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Hunderl, ball, ball,</p> + + <p>ball über neunmal,</p> + + <p>ball über's Land,</p> + + <p>wau mein feins Liab wahnd.</p> + </div> + </div> + + <p>Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der + Hund, Walburgs Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum + Gelingen des Liebeszaubers.</p> + + <p>Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der + mannbaren Mädchen an die jungen Ortsburschen, fand bei den + Moselfranken nicht am 1. Mai, sondern am ersten Sonntag in + Fastnachten statt und hiess daselbst der <i>Valentinstag</i>; es + wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal 24). Eine + Waldhöhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei + stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte + gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein + heiliger Mann, Konrad von Heuwa, zerstörte beide von Grund + aus und liess an der Stelle ein <i>Valentins</i>kirchlein + erbauen. Schöppner, B. Sagb. no. 70. Dies führt uns auf + den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, das eigentl. + Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nördlichen + Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein + vorausbegangner, vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte + Stadtsage Londons erklärt, dass sich am 14. Febr. die + Vögel zu paaren beginnen, und ein gleichfalls alter + Sprachgebrauch nennt darum das Männchen Valentin, das + Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau + zusammen mit dem von Russwurm veröffentlichten Holzkalender + der Inselschweden, in welchem der 1. Mai mit folgender + Kalenderrune verzeichnet steht: ein nach oben gekehrter Halbring, + in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist das Sinnbild des Eies + <!-- 042 --><a name="Page_042" id="Page_042"></a> im Neste der zu + dieser Zeit wieder brütenden Vögel. Alles + überschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke + und anonyme Liebeserklärungen. Es liegt uns ein Bericht des + Londoner Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens + wurden 150,000 Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr + 175,000; Mittag 12,000—bis zum Abend noch einmal weitere + 60,000, so dass an diesem Tage (ausser den vielen + bezüglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) 422,000 + Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend + mehr, als an allen übrigen Tagen des Jahres. Dafür zum + Entgelt erhalten dieses Tages die Briefträger eine besondere + Mahlzeit, bestehend aus Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe + no. 6, 11. Febr. 1860). Auch dabei galt ehemals die Sitte, + Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen und daran die + Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar bleibender + Treue zu knüpfen. Allbekannt ist das dahin zielende + Liebeslied der Hamletischen Ophelia:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Guten Morgen, es ist St. Valentinstag</p> + + <p>so früh vor Sonnenschein,</p> + + <p>ich junge Maid am Fensterschlag</p> + + <p>will euer Valentin sein.</p> + </div> + </div> + + <p>Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind + Landmädchen des festen Glaubens, der erste Mann, den sie am + Morgen dieses Tages erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr + Ehemann, vorausgesetzt, dass er nicht mit ihnen im gleichen Hause + wohne, nicht ihr Anverwandter und kein Verheirateter sei. Daher + stellen sich junge Männer oft schon vor Sonnenaufgang in der + Nähe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre Geliebten + vorüber kommen müssen, und diese wiederum gehen bei + ihren Gängen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch + einem Nichtersehnten aus dem Wege gehen können, oder sitzen + mit zugemachten Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis + sie die Stimme desjenigen hören, den sie gern möchten. + Suchen wir die Erklärung und den Zusammenhang des also + gefeierten <!-- 043 --><a name="Page_043" id="Page_043"></a> + Valentintages sammt den vorausgeschilderten Maibräuchen, so + finden wir dafür den nordischen Natur-Mythus von der + Brautwerbung der Götter. Das in zwei Hälften getrennte + Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich der + winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen. + Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrängen, er ist noch + kinderlos. Da wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), + spröde sträubt sie sich gegen seine Liebe, bis er sie + mit dem Zauberstab des Lichtpfeils gerührt hat. Als sie ihm + darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, entflieht + Uller-Odhin, gehüllt in Pelze und dahinschreitend auf + Schlittschuhen, in den Hochnorden zurück. Dies der + äusserlichste Umriss der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie + erst durch unsere altdeutschen Gottheiten und Stammhelden, und + alle Einzelzüge der späteren Sagen und Bräuche + finden dabei ihr überraschendes Verständniss. Mit der + aufsteigenden Frühlingssonne wird Wuotans, und Frouwas + Hochzeitsfest gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von + Gunther und Sigfried durch Wettspiele erworben, in dieser + wonnigsten Zeit des Jahres grünen und schimmern dann alle + Höhen von den bei der Götterhochzeit abgehaltenen + Festtänzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug + aller Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage + müssten die Hexen den letzten Schnee vom Blocksberge + wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder ebenso an Mariae + Lichtmess müssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, damit + die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch + wachse wie die Sprünge der Tänzer sind. Ob dabei das + Fest auf 14. Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. + Mai, oder gar erst auf Pfingsten angesetzt wird, verschlägt + nichts und ist eine blosse Folge späterer Zeiteintheilung. + In den Volksbräuchen ist noch vielfach die Rechnung nach dem + alten Kalender beibehalten und folglich wird da der 12. Mai als + der frühere erste begangen und der Tag Pancratius hat + übernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man + Lein <!-- 044 --><a name="Page_044" id="Page_044"></a> säen + und dabei recht lange Schritte machen (Thüringen, Hessen); + oder die älteste Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage + (Harz), oder an Lichtmess (Meklenburg) rückwärts vom + Tische springen; oder die Hausfrau muss einige Stücke tanzen + und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); oder man steckt + beim Säen die Harke oder grosse Hollunderzweige senkrecht in + die Erde (Meklenburg, Thüringen)—alles, damit der + Flachs gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. + Aufl. 1, S. 184. Hauptgehalt aller dieser Bräuche aber + bleibt in gleicher Wiederkehr der erneute Wucher des Erdreiches + und die Fruchtbarkeit der neuen Liebesbündnisse. Von der + deutschen Heldensage an bis hinab in das Kindermärchen vom + Dornröschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn die + in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem + Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese + Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, träumerisch + nickende Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende + Nährkraft. Sigfried, von dem gesagt ist, dass wenn er durchs + Kornfeld schritt, die Aehren nur an den Thauschuh seiner + Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des Schnitters. + Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen sie + wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefällt hat. Dies + heisst in der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer + umgebne Burg, nimmt der Schlafenden den Helm vom Haupte, + schneidet ihr mit seinem Schwerte den Panzer, der weder Haken + noch Nesteln hat, von Brust und Armen, worauf sie erwacht, ein + Trinkhorn mit Meth füllt, dem Befreier überreicht und + ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, Rechts- + und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine + andere als dich will ich zum Weibe haben!</p> + + <p>Wohin aber in diesem sagenhaften Göttergewimmel mit + Walburgis? Auch sie, obschon sie unter dem Einflusse der Kirche + eine ehelos lebende Heilige geworden ist, war einst + <!-- 045 --><a name="Page_045" id="Page_045"></a> eine + Schönheitsgöttin gewiesen, von welcher das Glück + der ehelichen Liebe und das Gedeihen der ländlichen Arbeiten + ausgieng. Von ihrer Frauenschönheit berichtet noch eine + oberpfälzische Sage (Schönwerth 1, 389), die alle + Spuren hohen Alterthums an sich trägt. Bekanntlich pflegten + sich Heiden- und Christenpriester gegenseitig in + Religionsdisputationen über die Vorzüge ihrer Himmel + und Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, + dass beide Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum + repertum ankommen liessen. So kommt es zwischen einem Priester + und einem Heidenweibe (Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer + schöner sei, die Heidengöttin Walburg oder die + Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine Hexe + beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklärt aber auf + dessen Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes + leibhaftig bei, er möge sie nur bei der nächsten + Ausfahrt begleiten und sich selber überzeugen. Am bestimmten + Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen Wagen und + fährt durch die Lüfte, bis man Glocken läuten + hört. Da senkt sich der Wagen und man steht in der Mitte + einer prachtvollen, mit einer zahllosen Menge angefüllten + Kirche: In der That wandelte auch die Mutter Gottes leibhaftig + auf dein Altar herum, voll Glanz und Schönheit. Doch dem + Priester schien sie zu üppig und verführerisch, er + sprang auf den Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes + Crucifix mit den Worten unter die Augen: Bist du die Mutter des + Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da erloschen mit einem mal + sämmtliche Lichter, dichte Finsterniss und Stille herrschte, + der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es gegen Tag + gieng, befand er sich im Gemäuer eines Galgens.—Wir + werden dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte + Venus von der Kirche selbst angeben hören; denn allerdings + sind schon die bisher von ihr gemeldeten Züge unkirchlich + genug: der Hund an der Kette und der Flachsfaden auf der Spindel + sind ihre Orakel; ihre nächtlichen Höhenfeuer + leuchtendem Reihentanze der Liebenden <!-- 046 --><a name= + "Page_046" id="Page_046"></a> und diese werden ohne Priester + zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk + der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines + Marterwerkzeuges trägt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem + Bruder Oswald. Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in + goldnem Schuh und trägt eine goldne Krone, sie ist selber + das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes Abbild ist Pindars + "röthlichfüssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die + römische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende + Gerstensaat.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_2_2" id= + "Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2">[2]</a> + + <div class="note"> + <p>Der immer gleichlautende Auskündungsspruch:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Heut zum Lehen,</p> + + <p>Morgen zur Ehe,</p> + + <p>Ueber ein Jahr zu einem Paar—</p> + </div> + </div> + + <p>steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird + dorten dem von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte + unterschoben, welches von Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden + sein soll.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_4" id="Teil_1_Abschnitt_4"></a> + + <h3>Vierter Abschnitt.</h3> + + <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4><br> + + <p>Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier + Jahreszeiten waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), + allgemeine Opferfeste und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu + zweit auf Sommer und Winter verlegt, hiessen die Gerichte + Maigeding und Herbstgeding, nach späterer christlicher + Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den karolingischen + Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends + üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer + (Walburgis), Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). + Ungebotene Gerichte hiessen sie im Gegensatze der vom + Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil erstere in ihrem + Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten Fristtagen + allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung + bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, + sondern auch über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, + somit über Krieg und Frieden, und ihre Aussprüche waren + die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie unsre + Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und + Parlamenten anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil + der Tag <!-- 047 --><a name="Page_047" id="Page_047"></a> sich + aus der Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender + nach Neumond und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften + (Weihnachten bis Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem + angrenzenden Theile der Schweiz Klöpfleinsnächte und + Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und + Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den + heidnischen Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In + gleicher Analogie spricht man von Fasnacht, Rumpelnacht und der + durch die Ortspolizei gewährten Freinacht. So hiess denn + auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch noch Valdborg + aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" pflegt + die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem + 14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch + zu Zweit mit dem Wintergerichte zusammen, erst später auch + mit dem Herbstgerichte zu Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu + Sondernau von 1615 setzt zweimaliges Jahresgericht fest, das + Mertensgericht (11. Nov.) und das Welbermael, Walburgismahlzeit + am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch. Reichs und Rechts 1, + 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen (gedruckt im + Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding da + haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht + tag vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff + sannt Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu + Dietikon und Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, + 78. Dabei blieb Walburgis auch später in den Städten + ein Termin der Aemter-Erneuerung; "jerlichen zu Meyen, wann Statt + und Ampt Räth zusammen schwerend", heisst es im Zuger Recht + 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. Gesellsch. Die + Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach + derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der + täglichen Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund + schlafens underziehen an iren tagarbeiten und das anheben, so der + stock ein blatt überkompt, dass einer ein aug domit bedecken + müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) bis uf + <!-- 048 --><a name="Page_048" id="Page_048"></a> Margaretha (13. + Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im Alterthum hatten die + Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen geendet, die + für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft + nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den + späteren Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und + seine Leute zu beköstigen, den Schöffen Trank und + Speise zu verabreichen und ihnen einen Zinskuchen mit dem + hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg zu verehren. Die + Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. Hier folgt + eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen in + den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, + Scrin. L, I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und + Untergerichtsherr; der obergerichtliche Entscheid stand beim + Landvogt zu Baden, der daher nebst Landschreiber, Weibel und + Substituten mit anwesend sein musste. Das Stift hatte ausser in + Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und Bünzen + dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier + jährlich <i>achtmal</i> wiederholten Gerichtstage für + den Lehensherrn beliefen, zeigt folgendes Aktenstück.</p> + + <blockquote> + Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und + verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38 + Sch.—Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 + Sch.—Durch die HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, + Pfarer vnd Weibel am Nachtmal verzert 3 Gld. 10 + Sch.—für Höuw vnd Haber über Nacht 1 Gld. + 8 Sch.—Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt + an einem Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.—Sinem Diener 1 + Kronen.—Hn. Landschryber Zur Louben an einer Spanischen + Dublon 7 Gld. 1 Pf.—Sinem Substituten 1 Gld.—In die + Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch. + </blockquote> + + <p>Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren + die Bräuche, unter denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins + zu überbringen hatten.</p> + + <p>Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg + <!-- 049 --><a name="Page_049" id="Page_049"></a> am Knütl + alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs + Hellern alter hessischer Münze bezahlt werden. Der + Gemeindemann, der ihn überbrachte, hiess das + Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh Schlag + sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an + der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er + sich, so verdoppelte sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, + am Abend hätte ihn die ganze Gemeinde nicht mehr zu zahlen + vermocht. Vorsichtshalber schickte daher die Gemeinde stets zwei + Abgeordnete zusammen ab. Hatte das Walpertsmännchen seine + sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach Vorschrift hier + drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit + nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es + lebenslänglich zu verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, + so wurde es augenblicklich aus dem Schlosse hinausgeschafft. + Schon an dreihundert Jahre war diese Zinszahlung im Gebrauche und + bestand noch im Anfange dieses Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. + no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der sg. Rutscherzins, welcher, + wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist abzutragen + verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der + Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am + Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe + Schernberg hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann + auf einen breiten Stein unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich + hier um eine weitere Stunde zu spät einstellte, bezahlte ihn + je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). Aber auch dabei kamen dem + Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel zu gut, + welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse + wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein + Gegengeschenk erhielt, welches mit der Zeit für ganze + Gemeinden zu nicht unbeträchtlichen Nutzniessungen sich + gestaltete, lehren folgende Bräuche und Sagen.</p> + + <p>Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, + die jährlich an Walburgis nach altem Rechte hinaus + <!-- 050 --><a name="Page_050" id="Page_050"></a> in den Wald + Wagweide zogen, welcher dem Churfürsten von Mainz + zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen. Gleichzeitig kam dann + sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt in + dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei + Musik, Tanz und Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an + Walburgis Vormittag alle hammerführenden Gewerke der Stadt + in jenen Wald und halten da bei Tanz und Gesang bis tief in die + Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren. Mit Eichlaub + bekränzt singt der heimkehrende Zug:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Willst du mit nach Walpern gehn,</p> + + <p>Willst du mit, so komm!</p> + </div> + </div> + + <p>Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht + daselbst die Schusterzunft den grünen Montag, welcher der + erste ist nach Jacobi. Sie bekränzt nebst ihren + Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern und die + Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für + die Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die + übrigen hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im + Steigerwalde zerstörten, von dem aus die Orte des + Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei + Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, + pflegte man sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es + sollen die zwei Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses + gewesen sein (man benennt es wechselnd bald Dienstberg, bald + Greifenberg), die mit all ihren Kostbarkeiten behängt die + Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens anflehten und + Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die angeblichen + Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die + Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die + städtischen Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und + Landbote v. 1846, enthalten nichts, was dieser Geschichte einer + zerstörten Raubburg aufhelfen könnte, wohl aber dass + der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg. Schwörtages ist, + an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer Bischof + neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof + bestätigte <!-- 051 --><a name="Page_051" id="Page_051"></a> + ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem + Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht + aus dem Filz, den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. + Berlepsch, Chron. d. Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher + pseudohistorischer Sagen von einem gelungenen Kriegszuge der + Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss, oder einer + militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist + einfach der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses + örtliche Holzrechte verbunden waren. In einem niederl. + Volksliede (Uhland in Pfeiffers Germania V.) bringt der Zinsbauer + (wahrscheinlich für die Nutzung überlassener + Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich + der Frau "den kühlen Mai".</p> + + <p>Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, + 37) an den Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell + so reichlich fällt, dass man des Morgens eine Schale Wassers + daraus zu füllen vermag, so ist auch in den deutschen + Lokalgeschichten aus dem Glauben an die Wunderkräftigkeit + des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim Maigerichte bewaffnet + zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann gemeindeweise + zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition + entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische + Unabhängigkeit der Landschaft durch einen glücklichen + Waffenstreich errungen worden sei. Die Maifahrt wird zur + Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und die Schweizersage + trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die + "Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn + zinsen, der Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu + vertreiben und deren Burgen zu brechen; die Ditmarschen datiren + ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, das sie nicht länger + auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die + Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende + ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von + Dahlmann. Das älteste und festete Gebäu im + Ditmarschenlande war die Grafenburg Bocklenburg in der Wolberaue + gelegen. Ihr <!-- 052 --><a name="Page_052" id="Page_052"></a> + älterer Name war Walburg, sagt Dahlmann im Neocorus 1, 565; + ein Eigenthum der Grafen von Stade, in unmittelbarer Nähe + des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch die + aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. + Müllenhoff, Glossar zum Quickborn 1856, S. 315. Der Graf + hatte den reichen Bauern Heine zu Gast geladen, ihn reichlich + bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen, wofür + der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die + Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt + der Tafelmusik musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof + durchlärmen. Solcher Wohlstand reizte die habsüchtige + Gräfin Walburg und sie beredete ihren Gemahl, dass er die + Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren nachgesehen hatte, + gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen + Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten + denn die Bauern eine lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse + hinauf. Auf dem ersten sass eine schöne Dirne, dem Grafen zu + Willen bestimmt; allein in den Säcken des zweiten Wagens + lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor + erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Rühret die Hände,</p> + + <p>Zerschneidet die Gebände!</p> + </div> + </div> + + <p>Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, + zuckten die Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in + das innerste Gemach entsprungen, allein seine zahme Elster kam + schreiend ihm nachgeflogen und verrieth ihn, er wurde aus dem + Verstecke gerissen und erstochen. Die Gräfin sprang aus dem + Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat mit ihrem Tode + dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses + Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher + Fruchtbarkeit gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen + darauf erntete. Auch eine Wallfahrt zum Haupte St. Peters war + daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das dorten ein Bauer aus dem Boden + gepflügt und daheim aufbewahrt hatte, entsprang ihm wieder + und stellte sich in <!-- 053 --><a name="Page_053" id= + "Page_053"></a> die Wallfahrtskirche, wo es heilkräftige + Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter sterken.</p> + + <p>So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre + Burg zur Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen + Gaugräfin und Burgfrau, mit deren Untergang die Steuer der + Leibeignen aufhört und die politische Selbständigkeit + des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und die + hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich + an einem oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur + saatenvertilgenden Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht + wird eine Nachtfahrt auf den Broken. <i>Dreimal</i> des Jahres + müssen die Hexen ihre drei hohen Tagsatzungen abhalten, sagt + Prätorius Blockesberg (1668) 499, und zergrübelt sich + über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so sehr + vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese + Heilige dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre + Abrechnung mit ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag + verschimpfiren.</p> + + <p>Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch + deutlicher der Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut + fällt, theilt W. Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre + 1, 128) mit aus Curickens Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und + aus Temme-Tettau's Ostpreuss. Sag. no. 208. 209. Auf dem + Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig liegt, hatte der + böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die + Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber + und Töchter entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter + Berchta dem Sohne des Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich + aber nachher, sie ihm zu geben. Da kam der Abend, an welchem der + Sitte gemäss ein grosses Feuer auf dem Berge angezündet + und der übliche Reigentanz um das Feuer gehalten wurde. + Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern + Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe + plötzlich zu überfallen. König Hagel, der dem + Tanze des Volkes mit Vergnügen zugesehen hatte, wurde + ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, <!-- 054 --><a name= + "Page_054" id="Page_054"></a> wie hast du mich verrathen! Und + davon soll das nachmals erbaute Danzig seinen Namen erhalten + haben.</p> + + <p>Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier + in der Sage zwischen Bräutigam und Braut getheilt. Damit + diese Beiden, nachdem sie bereits ins Mailehen gegeben sind, ein + Paar werden können, wird der winterliche Tyrann, König + Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer + zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse + Stadt.</p> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_5" id="Teil_1_Abschnitt_5"></a> + + <h3>Fünfter Abschnitt.</h3> + + <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4><br> + + <p>Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische + Kirche täglich die Rorate-Messe singen, die ihren Namen + trägt von der Stelle Jesaia's 45, 8: Rorate, coeli, desuper + et nubes pluant justum; thauet, Himmel, den Gerechten! Wolken, + regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden Segen erhoffte das + Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn + erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und + Johannisnacht. Nur von der ersteren ist hier die Rede.</p> + + <p>Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht + zu Bette und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist + da kein reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist + seine Hoffnung auf eine erkleckliche Jahresernte schon halb + dahin. Selbst wenn ihm im Heumonat darauf noch soviel Futter + wächst, er traut demselben keine Nahrungskraft zu, es hat ja + keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz und Schmalz. Lieber ist + er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als mit einem + doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an + Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr + gebracht. Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg + <!-- 055 --><a name="Page_055" id="Page_055"></a> heisst es vom + Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm + (vgl. Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten + die Festfeuer zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den + drei ersten Maitagen reichlich thauet, so braucht es den ganzen + Monat über keinen mehr. Maienthau macht grüne Au. Oder, + der Bauer rechnet auch in arithmetischer Progression also: Thaut + es im Mai fünfmal, so erwartet man eine Viertelsernte; + zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts eine + volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als + König Gustav III. von Schweden einem ostgothländer + Bauern, der ihm vorgestellt wurde, einen kostbaren Ring zeigte + und ihn über dessen muthmasslichen Werth befragte, meinte + der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel, wie ein + Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai + genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. + Daher trägt die hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe + (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher trägt bei den + Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den Goldschuh + (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3, + no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in + der Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der + Prinzessin Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. + Kuhn, Nordd. Sag. no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo + Regenwasser in grosse Krüge, dass sie sich das ganze Jahr + durch nach Bedürfniss damit behelfen können." Coler, + Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem einzigen + Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen + ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich + hineinschaut. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die + Perlenmuschel hat ihre Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel + selbst, schreibt Konrad von Megenberg im Buch der Natur (Augsb. + bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und piij): sy begeret des + hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. das ist, da + das taw allermeyst fellt, so trinken <!-- 056 --><a name= + "Page_056" id="Page_056"></a> sie das begeret taw in sich und + werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die + margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts + Vierzeilen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Die Rose stand in Thau,</p> + + <p>Es waren Perlen grau;</p> + + <p>Als Sonne sie beschienen,</p> + + <p>Da wurden sie Rubinen.</p> + </div> + </div> + + <p>Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und + Blut; so sagen die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. + Diemer, Deutsche Ged. S. 319-330):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>uon dem leime gab er ime daȥ fleiſch,</p> + + <p>der tow becechenit den ſweihc.</p> + </div> + </div> + + <p>übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie + ein Thau sein, dass es soll blühen wie eine Rose. In das + Fruchtholz des Waldes flüchten beim Weltuntergange die + beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, Leben und + Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue + Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die + Oesch, kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein + Holzwuchs, heisst es; wenn man einen Baum im Maienthau + schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter, der die drei letzten + Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des Morgens + unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang + des Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen + verschwinden. Er liess hierauf die Bäume stehen und sein + Geschlecht blieb in Wohlstand. Wenn die Engel im Himmel weinen, + um Gottes Erbarmen für die Menschen rege zu halten, so + entsteht daraus unser Thau; dies lautet in Grieshabers Deutsch. + Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem firmamente? daȥ + sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain + grôȥ wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain + ȥeher niemer noch niemer her ab, wan daȥ, + sûmeliche maister wèn, daȥ daȥ tov + daruȥ werde. Ein unbethaut bleibender Ort ist ein + verwünschter, wie hier hernach noch des Weiteren zu + berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der Schlacht + gefallen sind, wehklagt <!-- 057 --><a name="Page_057" id= + "Page_057"></a> David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse weder + thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen + erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, + wächst kein Gras; daher in G. Bürgers Romanze:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,</p> + + <p>Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras,</p> + + <p>Das wird von Thau und von Regen nicht nass.</p> + </div> + </div> + + <p>Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein + Schatz (verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem + Wiesenweg, welcher der Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt + kein Thau und Reif behangen. Panzer, BS. 2, pg. 54.</p> + + <p>Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des + Liebreizes und der Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wenns thaut, wirds grön,</p> + + <p>werden alle Jungfern schön.</p> + </div> + </div> + + <p>Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden + Knaben auf der Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren + altersgrauen Gatten Titon mit Thau neu zu beleben. Hellfunkelnder + Thau trieft perlend hernieder und frischgrünende Hyacinthen + sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera umarmt. Mit dem + Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in + seinem Trojan. Krieg—verjüngt Medea Jasons alten + Vater. Die drei Marien gehen zu des Herren Grab durch den Thau + (Uhland, Volksl. 832, 3):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Es giengen drei heilige Frawen</p> + + <p>zu Morgens in dem Tawe.</p> + </div> + </div> + + <p>So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger + Christian von Hameln dem bethauten Anger keine hellere Zier zu + schenken weiss als ihren nackten Fuss darauf:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Her Anger, bitet, daȥ mir swaere sul + bůȥen</p> + + <p>ein wîp, nâch der mîn herȥe + stê;</p> + + <p>sô wünsche ich, daȥ si mit + blôȥen füeȥen</p> + + <p>noch hiure müeȥe ûf iu gê.</p> + </div> + </div> + + <p>Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen + verschiedene kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze + <!-- 058 --><a name="Page_058" id="Page_058"></a> Sonnnenthau + einen nach ihr genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio + genannt. Der Zierbaum, den man im bair. Lechrain in der Mainacht + der Liebsten vors Kammerfenster setzt, muss nebst Aepfeln und + Bändern stets mit einer vollen Rosogliflasche behangen sein. + Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen der zum Johannisfeste + geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen einen + heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156.</p> + + <p>Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, + Parasol und Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen + nicht nur das milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem + Kelche sich sammelnde Wasser als Heilmittel; zehn solcher + Blumenkelche voll Thau stillen Jedem den Durst. Schönwerth, + Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu Saintes + Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen + Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter + sammelt und sie in Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, + Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr frische Rosen im Zimmer zu + haben, legt man Rosenknospen in einen mit Wein gefüllten und + verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und + Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter + jahrelang frisch und schmackhaft zu haben, verordnet die + Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) Blatt 22: vach tawwasser mit + einem reinen neugewaschnen leinentuch, das keg auf einer wisen + hin vnd her, druck es auȥ in ein sauber kandel vnd bayȥ + (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise + schreibt Konr. v. Megenberg, Bl. e<sup>3</sup> gegen Ausschlag + vor: so (der mensch) sich denn wescht mit dem taw vnd darinn + waltz des morgens, ee die Sunn den taw benimpt, so wirt er rein + an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit genaden auf vns + reüdige menschen!</p> + + <p>Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also + mitgetheilt. In einer Höhle des Berges Harder, die vom + Pfarrhause des Dorfes Habchen aus erblickt wird, lebten ehemals + Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand mit <!-- 059 --><a name= + "Page_059" id="Page_059"></a> diesen Erdmännlein in gutem + Einvernehmen und nach altem Brauch stellte man ihnen jedes + Frühjahr einen Krug Maienthau an einen bestimmten Ort, wo + ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie badeten + damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und + Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den + Bauern Honigthau, worauf die Bienenzucht im Thale besonders + gedieh. Nun, nachdem die Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, + hängt ihre Höhle voll milchweisser Steinzapfen, lauter + im Bad verspritzter Maienthau, der sich zu Milch versteinert hat, + und heisst davon das Mondmilchloch.</p> + + <p>In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das + Volk die Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau + des Haberfeldes wälzt: se rouler ce jour-là le matin + dans la rosée, ou se baigner dans une fontaine guerit de + la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore, Coutumes, + mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die + Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, + Myth. Abgl. no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, + "von erfahrnen Leuten berichtet, dass der Maienthau grindichten, + scherbichten Leuten gesund sein soll, wenn sie sich früh + nacket drein wälzen. Die Medici nennen solchen Thau rorem + matutinum in vere, S. Walpurgisthau."—Isländer und + Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten + wundersam zu heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die + Engländer setzten eine Metze Haber oder eine Korngarbe unter + den Nachthimmel und wuschen sich mit dem darauf gefallnen. Thau + gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. Tilbur. pg. 2. Der + Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Das hilft für's Gah,</p> + + <p>für's Bläh,</p> + + <p>für'n U'flat.</p> + </div> + </div> + + <p>Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die + Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. + Panzer, BS. 2, 30. "Morgenthau ist gut für abgehauene + Füsse, gut <!-- 060 --><a name="Page_060" id="Page_060"></a> + für abgehauene Arme, für ausgestochene Augen", so + sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, bestreichen den + Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. + "Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den + Baumblättern liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem + von der Stiefmutter geblendeten Mädchen. Haltrich, + Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt + ein Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist + und bestreicht seine Augen damit, der erhält sein Gesicht + wieder." Grimm, KM. no. 107. Dies ist der im böhmischen + Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen Geblendeten + verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms + KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in + Beisein des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder + am dortigen Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden + war. Act. SS. saec. 3, pars 2, pag. 305.</p> + + <p>Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den + näher rückenden Mai zu vertrösten als auf die Zeit + ihrer gänzlichen Herstellung. Stillschweigend ist also + vorausgesetzt, dass dieser Termin die besonderen Mittel + gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. Da + bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen + Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst + sie mit heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen + Augenentzündung blickt man eine halbe Stunde unbeschrieen in + den Maithau. Gegen den Wolf (fratte Schenkel) sitzt man nackt ins + Feld hinein. Das Rind, das an der Blutschwine, Abzehrung, leidet, + wird in den Thau gestellt, das Zugvieh und das Ross + hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die + Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der + Merz ins Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem + thaugetränkten Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, + im elsäss. Sundgau, eine halbe Stunde entfernt, fliesst im + Orte Helgenbronn neben der dortigen Walburgiskapelle ein + kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und Kinderbrunnen + genannt. <!-- 061 --><a name="Page_061" id="Page_061"></a> Am 1. + Mai kommen die Mütter mit ihren siechen Kindern hieher, um + sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an Johannis, + 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete + Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar + Scheidt, Mayenlob (abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. + 316) beschreibt die allgemeine Sitte ausführlich und + anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die Bresthaften, die ihre + Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai + daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber + darein, wenn sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und + wenn man daher ein Bild des Maien malt, so pflegt man zwei + Eheleute beisammen im Wasserbade abzubilden, oder ein mit + fröhlichen Leuten unter Trommel- und Pfeifenklang dahin + ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende + Gesellen.—König Albrecht hatte 1308 gerade seine + Badefahrt beendet, im Städtchen Baden das Maifest abgehalten + und war auf dem Wege, seine Gemahlin Elisabeth im benachbarten + Rheinfelden abzuholen, als er am linken Reussufer von seinem + Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings erschlagen wurde. + Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die Blutrache. Ihre + Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften enthauptet, auch + nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten Tochter, so + erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und + sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter + den grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir + meinen frommen Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die + typisch gewesene allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage + entstanden, wiederholt sich z.B. in dem Liede vom baier. + Krieg:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>die Teutschen wurden wohlgemut,</p> + + <p>sie giengen in der ketzer plut,</p> + + <p>als wer's ain mayentawe.</p> + </div> + </div> + + <p>Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".</p> + + <p>Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als + bürgerlicher Art. Noch vor etlichen Jahren giengen + <!-- 062 --><a name="Page_062" id="Page_062"></a> Schulmeister + und Chorknaben in der Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt + Heilwag, von Haus zu Haus, und besprengten damit dreimal die + Bewohner unter den Worten:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Heiliwog, Gottesgob,</p> + + <p>Glück ins Hus, Unglück drus!</p> + </div> + </div> + + <p>Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz + lautet dieser Spruch, nach Panzers BS. 2, 301:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>O du guter Walbernthau,</p> + + <p>Bringe mir, so weit ich schau,</p> + + <p>In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein + Schmalz!</p> + </div> + </div> + + <p>Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes + Mädchen, das sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen + ein Bächlein gejagt und da begossen oder getaucht. Beim + Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade darf die Kübelmarie, + "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den Brunnen + springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no. + 747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen + heimkehrt, wird in der Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit + einer Schüssel Wasser begossen. Schönwerth 1, 400. Zu + Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der Dorfhirte alle + übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem + Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. + Reinsberg, Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu + Johannis gegenseitig mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. + 587. Am Himmelfahrts- und Pfingsttage wurde durch jenes Loch des + Kirchengewölbes, durch das die hölzernen Figuren des + Salvators und der Taube emporschwebten, angezündetes Werg + auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. Wiedemanns + Chronik d. St. Hof.</p> + + <p>Diese Züge führen über zum Thau- und + Minnetrinken. Gervasius von Tilbury (ed. Liebrecht, Otia + imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie zu seiner Zeit + in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als Pfingsttrank + galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) nachgewiesen, + dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg + <!-- 063 --><a name="Page_063" id="Page_063"></a> auf dem + öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe + 13. Jahrh. fällt die Meldung von der Waldprozession, welche + das Domkapitel zu Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige + hieb zur Ausschmückung des Doms. Je zwei Tage vorher hatte + es seit 1270 die Seelmesse für den Cleriker Bouteille zu + begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch aufs Pflaster + ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte + Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den + Chorsängern preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des + Groteskkomischen 170. 233. Vielleicht, dass man diesen welschen + Mönchsbrauch aus dem altrömischen Feste der Anna + Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den + Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des + Tiber zog und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So + manchen Schluck da der Trinker nach einander aus dem Weinbecher + thun konnte, auf so viele Lebensjahre hoffte er es zu bringen. + Allein das vom Römerthum unberührt gebliebne + Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die + Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung + in den Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften + "Mark in die Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man + dorten nicht mehr und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, + der am 1. Mai seinen Einzug in die Stadt hielt und sie von den + Bedrängnissen einer langen Belagerung rettete. Allg. Augsb. + Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen Landschaften kennen + ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich auf + dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach + fliesst der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein + so besonders gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden + darnach zu verlangen pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem + Ehlborn fordern, so gilt dies als ein Zeichen ihres nahen Todes, + denn ein solcher Trunk, sagen die Leute, ist gleichsam die letzte + Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem Pfingstborn bei der + Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere Heilkraft zu, + <!-- 064 --><a name="Page_064" id="Page_064"></a> sammelte auf + der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, trank denselben und + wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer Kinder + mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so + trugen sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen + als Trinkgefässe dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, + Hess. Sag. no. 329. Zum Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, + wo Wilibald die Heiden taufte, macht alljährlich die + Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und geniesst + daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten + Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten + Walburgskirche zu holländisch Gröningen entspringt, ist + unversiegbar und der Schatz der Stadt. Bolland. 522. Des + Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder Oswald am Ifinger + in Tirol entspringen liess, ist schon im Vorhergehenden gedacht + worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der über eine + achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster, + niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette + nicht sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine + Felsenspalte in sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. + Sagb. no. 1136. Beim Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben + und Mädchen die Symbole der künftigen Ernte im Orte + umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und Eier und + Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden + folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit + gelben Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume + abgezapfte Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; + jedoch wohin sie beide und die vorhin genannten Maigetränke + zielen, sagen uns einige im Erblassen begriffene Traditionen. Auf + dem Walpersberge bei Dresden sitzt in der Walburgisnacht und zu + beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem Stuhle und vertheilt an + die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser Teufel ist + Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach + beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden + Schlachtjungfrauen bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher + <!-- 065 --><a name="Page_065" id="Page_065"></a> tritt an die + Stelle Walburgis zu dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau + Holle und bietet den Verjüngungstrank. Bei thüringisch + Arnstadt liegt der kräuterreiche Bergwald Walperholz, der + einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster getragen haben + soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und Jagdbuche, + ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn + dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin + gebannt. Sie heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht + umgeht sie jene Buche und ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, + DSagb. no. 587. Damit ist die öl- und älschenkende + Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet; noch dazu + waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier + abgehaltene Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten + Walde. Reynitzsch, Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. + Ausdrücklich erzählt die Walburgislegende (Act. SS. + tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter an + Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und + Speise darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum + gebotenes Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und + kann weder wieder zum Vorschein gebracht, noch die Art seines + Verschwindens ermittelt werden. Doch als die Wallfahrer, wieder + auf der Heimreise begriffen, sich über jenen Verlust + besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in Mitte + ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier + als ein neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein + runder Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen + Stadt Eltmann, er war von drei reichen Nonnen erbaut und konnte + nicht anders eingenommen werden als durch ein blindes Ross, das + man drei Tage hatte dursten lassen; alsdann verrieth es durch + Stampfen den Belagerern die geheime Wasserleitung. Im + benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und Drachensage + lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und + Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der + Erenbürg, eines hohen sattelförmigen Berges beim + oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das urkundlich 1062 genannt + <!-- 066 --><a name="Page_066" id="Page_066"></a> wird und ein + Bestandtheil des karolinger Königshofes Forchheim gewesen + war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen abgegrenzt, an + seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch + berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier + war das Schloss von drei schönen Fräulein, die beim + Trocknen die Wäsche nur in die Luft warfen, so blieb sie + hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel steht eine + Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt + abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon + vor Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht + über die blüthenreiche Landschaft ist reizend; + zahlreiche Wirthe sorgen für unerschöpfliche Libationen + bei den gleichzeitigen Brandopfern der duftenden Bratwürste. + So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch 1. Mos. + 27, 28, in allen Theilen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gott geb dir des Himmels Thau</p> + + <p>Und die Fettigkeit der Au</p> + + <p>Und die Fülle der Halmen</p> + + <p>Und den Most der Palmen.</p> + </div> + </div> + + <p>Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder + fliessenden Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die + darauf gegründeten örtlichen Wasserrechte in + Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen geschmückt wie + ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um den + Ortsbrunnen steckte—haben sich als das Fest der + Bannbeschreitung, der Oeschprozession und des Mairittes hier und + da noch gefristet, und vervollständigen diesen vorliegenden + Abschnitt vom Maienthau nicht nur, sondern schliessen ihn erst + wirklich nachdrucksam ab.</p> + + <p>Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die + Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen + Benennungen der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- + und Fohrumganges vorgenommen. Die ganze männliche + Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt, ist verpflichtet daran + Theil zu nehmen und wird den Tag über auf Gemeindekosten + verpflegt. Die dabei vorkommende <!-- 067 --><a name="Page_067" + id="Page_067"></a> symbolische Gedächtnisschärfung, die + an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen Marksteine mit + Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein stossen) + vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig + bedarf es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den + Knabenpistolen verknallt und welches Weinquantum vom + Männerdurst weggetrunken wird, um dann nach lustigem + Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen, dessen + würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die + städtischen Bürgerschaften pflügten ebenso unter + grossem militärischen Aufwande ihr Gebiet zu umgehen, haben + jedoch seit dem Schlusse des vorigen Jahrhunderts der Kosten + wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. Dagegen haben sich + katholischer Seits zu Stadt und Land die Oeschprozessionen + reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai fallenden + kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den verschiednen + Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien + abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem + Wasser und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter + den bei diesem Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 + vorgeschriebnen Versikeln und Liedern schliesst ein von der + ganzen Gemeinde gesungenes:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Deine milde Hand giebt Segen,</p> + + <p>Giebt uns Sonnenschein und Regen.</p> + </div> + </div> + + <p>So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen + Schwarzwalde abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am + Markustage, 25. Apr. In Tirol glaubt man, diese Prozession sei + älter als das Christenthum selbst, denn schon der Heiland + habe derselben beigewohnt. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 720; und + allerdings findet sie sich unter dem Namen Rogationes schon unter + den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg, Kirchgesch. + 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur Abwehr + des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren + unter dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der + protestantischen Bevölkerung <!-- 068 --><a name="Page_068" + id="Page_068"></a> an der Elbe üblich und durch ein + besonderes Volksgelübde daselbst gestiftet gewesen. Die + dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei halbe Werktage von + aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer Predigt, + durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede + findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, + 282.</p> + + <p>Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der + Mairitt; schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei + Emminghaus, Memorabil. Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch + aus alter Zeit: Up Walpurgis, als men in den meien plach tho + riden na alter zede und gewonte. Die Ankenschnittenprozession zu + luzernisch Beromünster wird bereits in der Urkunde von 1223 + erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am + Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des + Ortes, der Dragonermannschaft und den sich anschliessenden + Wallfahrern zu Pferde abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz + folgen zu Rosse mit, vom Rosse herab wird gepredigt. Der Ritt + geht vom Städtlein weg auf aargauisches Gebiet nach + Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute haftender + Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische + Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde + ins Maul stösst. Diese und ähnliche berittene + Prozessionen sind bereits ausführlich beschrieben in den + <i>Naturmythen</i> (Leipzig 1862) S. 17; nur das mittlerweile neu + gefundene Material wird hier nachgetragen. Der Blutritt in + Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage + nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu + Fusse hat man dabei schon über siebentausend Reiter + gezählt. Franz Sauter, Kloster Weingarten 1857, 35. In den + oberschwäbischen Dörfern findet der Maithauritt am 1. + Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang wieder + heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt + am Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht + unbesucht. Birlinger, Schwäb. Sag. 2, no. 123. + <!-- 069 --><a name="Page_069" id="Page_069"></a> Bei den + Vlamingen heissen die am 1. Mai veranstalteten kirchlichen + Umritte Marienprozessionen, doch fällt derjenige zu + Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover + bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen + Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit + verhängtem Zügel quer über die Felder, indem man + annimmt, dadurch werde die Ernte eine gesegnetere. Ein Bauer, der + sich diesem Herumtraben auf seinem Felde widersetzte, fand + nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. 345. In Anderlecht + ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem Wettjagen der + erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem + Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die + Kirche geführt, da mit einem Rosenkranz geschmückt und + feierlich wieder hinaus geleitet. Reinsberg, Festl. Jahr. 140. + Beim sg. Königsreiten in österreich. Schlesien, wobei + Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der Gemeinde, + geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der + beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das + Kranzreiten nach einem geschmückten Baum, ist aber in + Nietleben bereits zum "Betteln reiten" herabgesunken. Sommer, + Thüring. Saga S. 154. Unsre rechtgläubigen Bauern, + bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der + Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre + Pferde am Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage + uns neue Kleider anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. + Johannes Boem, genannt Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in + Unterfranken, schrieb 1530 De moribus, legibus et ritibus + gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio Scriptor. Wirceburg.) den + Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland betrifft; hier ist + der würzburgische Pfingstritt also beschrieben: Pentecostes + tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos habent + aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum + unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, + totius agri sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut + <!-- 070 --><a name="Page_070" id="Page_070"></a> segetes Deus ab + omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich + zweimal, am 10. Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das + südfranzösische Dorf Villemont das Kirchenfest seiner + Ortsheiligen Solangia und trägt deren Reliquien in + Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld heisst und + den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf welchem + das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem + angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der + Andächtigen, die oft bis auf Fünftausend anwächst, + nicht zu fassen vermag und folglich da und dorten in die Saat + hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon ziemlich hoch + steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, sondern + richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein + Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 + mit eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber + erfolgte an dem Flachsacker eines Geizigen, als der + Eigenthümer hier der Prozession den Durchgang verweigerte; + es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und die Anpflanzung + wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, ad diem + 10. Maii.</p> + + <p>Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten + prozessionsweise zu umreiten und zu durchreiten, stützen + sich auf heidnischen und auf alttestamentlichen Glauben und + wollen Abbilder sein eines den Göttern selbst beigelegten + gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12—Du krönest + das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von + Fett—liess eine Gottheit erblicken, welche das reifende + Kornfeld persönlich beschreitet und mit ihrer Fussspur + ertragsfähig macht, weshalb das Kirchenlied von Nikolaus + Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 jene Worte + nachdrücklich wiederholt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Umkrön das Jahr mit deiner Hand,</p> + + <p>Mit deinen Fussstapfen düng das Land.</p> + </div> + </div> + + <p>Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen + Wenden von besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. + Vorzeit); von dem auf den Bergwiesen striemenweise + <!-- 071 --><a name="Page_071" id="Page_071"></a> fetter und + üppiger wachsenden Grase sagt der Tiroler, hier ist der + fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der Alpgeist mit + schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. + Sag. no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des + ausreitenden Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch + grüne Frucht hinziehenden gelben Streifen vorreifender + Kornähren. Wolf, Hess. Sag. no. 31. 56. Von den über + die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden Hufen des + Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals + denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, + diese haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die + sommerlichen Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird + er sich weniger lagern und die Aehre weniger ins giftige + Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz nahverwandte + landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in + den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der + Kornähren vom Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung + der Blüthen ausschüttelt und verbreitet. Diese + Verbreitung geschieht aber bei der Unregelmässigkeit der + Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele Hülsen + der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun + seit alter Zeit folgende Methode zur künstlichen + Unterstützung der Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten + des Kornackers ziehen zwei Männer ein Seil über der + Höhe des blühenden Getreides hin und streifen damit + gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren + zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die + übrigen aber gegen das Sichlagern gestärkt und der + ausfallende Samenstaub wird in ihnen gleichförmig vertheilt. + So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die aus einer + und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung + entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen + vergöttert, in Kunstgebilden dargestellt und bis auf die + Athene übertragen worden. Unterhalb der Akropolis zu Athen + stand der Thurm der Winde, unter dessen acht Relieffiguren auf + einer seiner acht Seiten der <!-- 072 --><a name="Page_072" id= + "Page_072"></a> Ostwind (Apeliotes), der den gedeihlichen + Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein Genius mit + heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande + einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb + tragend und neben reifenden Früchten eine Kornähre. + Droben auf der Akropolis stand die Athenestatue, die den Beinamen + Pandrosos (Allesbethauende) führte, als eine andere Demeter + verehrt wurde und Aehren in der Hand trug (Welcker, Griech. + Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie nach + demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros + (Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und + den Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon + (Brand und Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten + dem Mehlthau steuern und waren der Athene gewidmet.</p> + + <p>Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und + Mythe unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben.</p> + + <p>Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns + Vermuthung (Weber, Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha + Milch, ableitend, von duh, ziehen, ducere, so dass also im + Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens und + Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch + ton heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und + Bräuche in der Annahme überein, aus dem rechtzeitigen + Abstreifen des am Halme hängenden Morgenthaues lasse sich + Milch und Butter gewinnen, als gediegenes Produkt fertig + herauspressen, und das in diesen Thau getriebene Milchthier + ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612 + verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter + den Himmel zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. + Liebrecht, Gervas. Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im + Oekonom. Kalender besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau + vom schossenden Getreide mit subtilen Tüchern aufzufangen + und diese in Gefässe auszuwinden habe, denn solcher Thau sei + unsres <!-- 073 --><a name="Page_073" id="Page_073"></a> Landes + Manna. Prätorius, Blockesberg S. 559. Grohmann, Böhm. + Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun verstorbenen + Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht seine + Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst + nackt aus und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt + drückte er die thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, + indem er dabei mit den vier Zipfeln umgieng wie beim Melken, und + gab das gewonnene Wasser den Thieren unter die Tränke. Sie + waren dann das ganze Jahr milchreich. Es ist eine von Sachsen bis + nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, abwechselnd um Mai, Ostern + oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen, indem man die + Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf feierlich + abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt + einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den + Preisnamen Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende + Ross den Namen Thaustrauch, weil sie den ersten Thau erfolgreich + weggefegt haben, und werden mit dem am Rennziel auf der Stange + steckenden Blumenmaien oder Brodweck beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. + S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso gilt in Holland + das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische Natur des + Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern + voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum + gehen denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und + erhorchen die Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf + Pfingsten ins Roggenfeld, um in Thau zu baden, mit den hinter + sich her gezogenen Tüchern ihn aufzusammeln, daheim + auszupressen und so die Milch jeder fremden Weidekuh für + sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen + die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt + versammelten Bischöfe erklärten eine letztjährige + Hungersnoth daraus, dass der Teufel den Leuten, welche den + Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren ausgefressen habe: + experimento enim didicimus in anno, quo illa valida fames + irrepsit, <!-- 074 --><a name="Page_074" id="Page_074"></a> + ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces + exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. + Niedlich lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des + gleichen Vortheils zu bedienen suchen und darüber + kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge im Harz in die + Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar machenden + Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick oder + eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. + Damit fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden + sichtbar und konnten tüchtig durchgeprügelt werden. + Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um sich nun gegen die + Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man ihnen auf + folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein + weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes + durch einander geschüttelt liegen, lässt sie vom + Nachtthau benetzt werden und füttert damit sämmtliche + Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. Darstellungen aus dem + Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9. Da auf + ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt + wird, so ist das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. + Mai alle Speisen recht stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der + Schweiz eine dickgestrichene <i>Ankenbrüt</i>, am + Familientische zu essen, allen Hausthieren davon zukommen zu + lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches + Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt + Jac. Sprenger im Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende + Begebenheit. An einem Maitag empfanden mehrere zusammen über + Feld Spazierende grosse Lust, frische Maibutter zu geniessen. Sie + standen zufällig an einem Flusse. Ich will euch solche + besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein wenig. Er gieng + in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf, + rührte mit den Händen rückwärts und es + dauerte nicht lange, so brachte er eine förmliche + Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai machen. Die + Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz <!-- 075 --><a name= + "Page_075" id="Page_075"></a> trefflich schmeckend.—Ein + aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am Maitag + Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe + in seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen + versichert in seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo + questionum (gedruckt bei Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in + der sechsten Frage: Exploratum habemus, maleficas in fluminibus + concitatis hausisse butyrum temporibus. Daher heisst es, in der + Walburgisnacht fliege der Drache um und trage seinen + Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. + Was er nicht weiter schleppen kann, speit er auf die + Schwindgruben; die gelbweissen Algen in Tellergrösse, die + man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt, heissen daher + Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit + demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt + Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen + Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, + obschon dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr + eintragen können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig + nicht aus den Blumen, sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur + Zeit des Siebengestirns auf die Blumen fällt;" und daher + erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die Bauern hätten + am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen, ein + Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet + uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau + im Mai giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird + von einem Engel uns zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. + Gedichten:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Mengmol e Hämpfeli Bluememehl,</p> + + <p>Mengmol e Tröpfli Morgethau.</p> + </div> + </div> + + <p>Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, + so ist sie darum auch so süssschmeckend; denn, sagt + Hebel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme + Rosinli.</p> + </div> + </div> + + <p>Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen + vom <!-- 076 --><a name="Page_076" id="Page_076"></a> Honigtranke + Meth. Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein + Körbchen mit Pflanzen, in der andern einen Strauss + trägt. Im Frühlinge trägt das Volk Honig in die + Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht: + Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! + Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, + 15. Gesang, wird erzählt, wie der ertrunkene + Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht wird. + Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum + Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein + Honigbienchen an, es möchte hinauf in den neunten Himmel + fliegen, wo Gott aus seinem Honigkeller die zu Schaden gekommenen + Kinder salbt. Das Bienchen bringt von dieser Salbe herbei, die + Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die Sprache kehrt auf + seine Zunge zurück.</p> + + <p>Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der + Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur + so weit berührt werden, als dadurch der innerliche Grund + seiner missgestalteten Meinungen an der Hand der bisher + vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung gebracht werden kann.</p> + + <p>Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen + mit dem Wasser des Lebens und heilt damit den alten kranken + König (Grimm KM. 3, S. 178), so taucht dagegen die Hexe am + Walpernabend ihren Finger in sieben Bouteillen, beschmiert sich + damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn, Nordd. Sag. S. + 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und + silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der + Waldwohnung der Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), + oder die nächtlicher Weile vom Ritterschloss Breuerberg in + der Wetterau zum zerstörten Nonnenkloster Erlesberg + hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.—Das Horn, aus + welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in + verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; + selbst das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung + geknüpft <!-- 077 --><a name="Page_077" id="Page_077"></a> + (Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein + Kuhfuss und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. + Mit Fackeln wird Saat und Gras aus dem Boden gezündet, unter + Glockenklang mit Musik und Gesang der Lenz geweckt, doch auch + dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt sich ins + Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das + Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das + Hexenbrennen, und aus dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun + endlich in Ruhe kommenden Besen und Schürgabeln in Flammen + aufgehen zu lassen, macht der Unverstand einen Luftritt der + Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst Verbrennen des + Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das + Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang + begangen wurde, wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden + trug und läutete, "<i>damit das Gras wächst</i>" + (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol. Frickthal + und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das + Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im + tiroler Innthale umgeht am Jörgentage, 24. April, die + russige Prozession die Felder. Mit Kuh- und Hausglocken, mit + Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten Sennenhemde + und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau + tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden + bei ihrer Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit + alle sittlichen Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel + kommen, tritt an die Stelle der rossetummelnden Saatenreiter die + hässliche Bocksreiterei und der teufelsverschworene + Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse die Sichel + angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs + ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. + Gymnas. Ztschr. 1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs + einen Segensspruch veröffentlicht gegen "die Pylweisse om + sent Wolbrygh-obent"; der Besegner giebt dabei dem Stallthiere + eine geweihte Kerze zu verschlucken. "Es wor am Walburgisobende + geschahn, <!-- 078 --><a name="Page_078" id="Page_078"></a> wenn + de Pülewesen osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. + Gryphius, Dornrose 51 (nach Weinholds Schles. Wörtb. 1855, + 10). Mit Heilöl salbt die Schlachtenjungfrau den + wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem Brustbein fliessenden + Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze ausfahrende + Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer + Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen + Hexenöl, und wenn sie darüber im fremden Stalle + betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür den Buckel, + dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs + Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der + Ackergott, ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie + die vollen Garben in der Tenne austreten. Hierauf aber wird die + Trud zum Alp, welcher den Schlafenden auf die Brust tritt, dass + er erstickt, oder, wenn ihr dieser mangelt, die neubelaubten + Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen an Eschen + und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des + Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus + getrieben, dass es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der + jungfräulichen Walküren glich; statt ihrer aber liess + hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in den Stall + schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens abgehetzt + und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von + unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. + Statt die Häuser mit Maien zu schmücken und den + Walbernbaum aufzupflanzen, werden so viele Ruthen auf den + Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die Kinder machen + sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die + Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die + Milchkühe ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. + Ein förmliches Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; + mit knallenden Peitschen werden sie aus der Dorfflur + hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, Hexen-Auspletschen in + der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das + Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das + Hinausblitzen in Deutschböhmen <!-- 079 --><a name= + "Page_079" id="Page_079"></a> (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit + einem tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die + Hausschwelle gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon + drinnen bleibt; dann hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. + Darstell. aus d. Gebiet des Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So + weit erstreckt sich die Umwandlung alles Natürlichen ins + Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des ursprünglich + so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige + Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. + Jahrhundert vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen + gepredigt, so heissen diese doch immer noch schöne + Jungfrauen, die mit brennenden Wachslichtern in den Ställen + die Thiere besorgen, dass des Morgens Wachstropfen in den + Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter schattigen + Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen + dem Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten + Ausdrucke jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame + Abonde, die Königin Habundia, unsre deutsche Göttin + Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es dem Hause Glück und + Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie nun + feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch + schöne Holda, dann eine triefäugige Unholdin; erst eine + thaufrische Walburgis, unter deren Schritt der Acker von Oel + trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, die im peinlichen + Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim Hexentanze in einer + eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, Ztschr. f. + Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung + ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der + Heiligen Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke + 2, 263. 1, 74. 98). Die Serben nennen den Hexenritt na Walporu. + Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 265. Noch bevor diese + Satanisierung der deutschen Götter durch die Kirche genugsam + durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit ihrer + im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In + rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes + zeigen <!-- 080 --><a name="Page_080" id="Page_080"></a> wir nun + die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und + sind damit am Schlusse.</p> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_6" id="Teil_1_Abschnitt_6"></a> + + <h3>Sechster Abschnitt.</h3> + + <h4>Walburg, die Göttin der Zeugung und + Ernährung.</h4><br> + + <p>Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen + unabhängigen Diöcesen und Stifte gab den ersten Anlass, + die Walburgislegende in ihrem Gesammtzusammenhang zu betrachten, + während man sie bis dahin fast nur in ihrer lokalen + vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. Die + Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten + der niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der + oberdeutschen zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. + Walburga Westfalica, eine gewesene Nienheerser oder Herswender + Nonne im Kloster bei Paderborn, die Schwester des dortigen + Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und nebst ihrem Bruder + 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei nur selig + gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei + bereits im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe + jener westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen + Ansehen verholfen. Diesem Vorgeben steht indess in der + Kirchengeschichte Niederdeutschlands alles Mögliche + entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten + Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit + geweiht, dass man daselbst von der Walburgiskirche zu + Gröningen behauptet, sie sei ein Heidentempel der + <i>Göttin</i> Walburg gewesen, und dass man in der + Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die + Stelle zeigt, wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden + sein sollen. Wolf, Ndl. Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. + 522. Die Annahme eines sehr hohen Alters dieser Kirchen wird + zugleich durch ihren Baustil unterstützt; die + <!-- 081 --><a name="Page_081" id="Page_081"></a> zu + Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern + und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum + Nachbardorfe Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in + der dortigen Altstadt gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer + Krypta soll Walburgis auf ihrer Herreise aus England gewohnt und + die Gastfreundschaft der Stadt genossen haben. Je weiter man nun + den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so mehr tritt seine + heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst ihrem + bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen + an. Schon im Harz wird <i>Wilibald</i> ein Hüne genannt + (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um Harlem aber gilt Walburg als + die Heerden weidende und Strandräuber vertilgende Riesin + Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst sie + lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, + ihre Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die + Haare ihres Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland + nach England hinüber. Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine + gleich ungestüme Heidenfrau, menschliches Mass + überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in + Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders + erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in + Beeckmakshire, sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und + die Steine dazu von Dollgellen in der Schürze hergetragen. + Als ihr dabei im Laufen ein Kiesel in den Schuh kam, schleuderte + sie ihn heraus; er fiel auf den Kirchhof von Clowes, drei Meilen + von Dollgellen, da liegt er noch, neun Fuss lang und einen dick. + (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat sich jene + Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus + herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel + II, Figur 1, lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen + ist, sondern ein deren antiken Namen tragendes deutsches + Götterbild. Es ist ein über dem Antwerpner Steenport in + die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes Steinbild, das + noch in seinen ursprünglichen <!-- 082 --><a name="Page_082" + id="Page_082"></a> Umrissen zu erkennen, in seinen Besonderheiten + aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, hebt beide Arme + bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus einander + gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, + urtheilt Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren + Geschichtschreiber Antwerpens überein, unter denen auch der + berühmte Bollandist Papebrochius; dafür spricht ferner + die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt auch, + dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die + Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als + Heilpulver tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu + werden. Davon berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; + Goropius Becanus, Origin. Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, + Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und selbst die Bollandisten + III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt Becanus, welcher + Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr + zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne + weiteres dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den + Anständigsten ist solche alte Unsitte noch im Schwange. Die + Ortslegende, deren Gramaye erwähnt, erzählt, dass der + hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung begann, die heidnische + Anbetung dieser steinernen Walburgis schon vorgefunden und an + ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt habe. + Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur + sehr zähe abgelassen, und daher rühre denn der bei den + dortigen Weibern andauernde schmutzige Brauch, deren + Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens allbekannt sei. + Somit steht der Cult einer vorchristlichen, norddeutschen + Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da sie + phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre + Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen + Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher + die Gottheit doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins + Unendliche fort zu erzeugen. Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem + linken Arme Mann und Weib. Tuisco, der vaterlose Stammgott, + <!-- 083 --><a name="Page_083" id="Page_083"></a> erzeugt aus + sich selbst den Sohn Mannus. Die Ackergöttin Walburg musste + doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und das Samenkorn ein + Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie priapisch, + gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), + welchen Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen + Beifügung benennt, er werde phallisch abgebildet, walte + über Regen und Sonnenschein und stehe den Werken des + Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt ingenti + priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt + Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = + freien, woraus auch Πρίαπος, + selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der altslavischen + Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es ist nun + gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe + Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter + Gebiete, als dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit + der hl. Walburg, wieder findet. In dem zwischen den Städten + Eichstädt und Weissenburg am Ausgänge des grossen + Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim findet sich unter + mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des + dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine + Seite die Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere + die eines Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme + einer stark gebrüsteten Frau; auf der andern ist eine nackte + Figur sitzend dargestellt mit aus einander gespreizten Beinen, + beide Hände am Phallus haltend. Beide Figuren sind an den + Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im vorigen + Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses + Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, + und als der Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier + durchreisend den Stein besah und um ihn für seine + Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter Bischof + wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als <i>Nahrung + des Wirthes</i> in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. + Eichst. 1857, S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses + Bild abwechselnd bald der <!-- 084 --><a name="Page_084" id= + "Page_084"></a> Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald + Priapus genannt. Falkenstein, Nordgau. Alterth. 86. "Der + Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, entspringt in der Kindheit + der Völker aus einer schuldlosen Verehrung des zeugenden + Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit + ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen + Bemerkung, dass schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts + gemeinsam haben mit schlüpfrigen nationalen Sitten. In dem + Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 sagt er: "Unsre + Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu + glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts + anderes als eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein + es ist unglaublich, dass Sittenverderbniss jemals bei irgend + einem Volke die Stifterin religiöser Ceremonien gewesen + wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass dergleichen + Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden + und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit + in dem uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein + derartiger Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre + Reife zu begeistern und kann nur einem ergreisten Gehirne in + abgeklärten, abgefeimten oder moralisch ruinirten Epochen + lächerlich erscheinen."</p> + + <p>Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht + nur in ihrer Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch + die von ihr kommende Frucht, in gleicher Weise künstlich + geformt, zum Genusse dargeboten. Daher weihte man den Gottheiten + des Ackerbaues phallisch geformte Kuchen. Priape, aus Weizenmehl + gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61: Priapus siligneus; IX, + 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal II, 53: membra + virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen Vorfahren + war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria + 1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis + placet); adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis + obscoena et pudenda in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos + saccharatos appellent. Dass solcherlei Kuchen (miches), die + <!-- 085 --><a name="Page_085" id="Page_085"></a> weiblichen + Theile darstellend, vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, + bemerkt Dulaur De divinites generatrices 226 und fügt noch + hinzu: dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, + qui ont la figure du Phallus. Aehnliche Landesbräuche + umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die Augen zu + öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in + bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach + Klärungsweck; dieser Name wird daselbst nicht etwa von + Eierklar abgeleitet, sondern von der Clairon († 1803 zu + Paris), des letzten Ansbacher Markgrafen Hofmaitresse, deren + Lieblingsspeise diese feine Brodgattung gewesen sein soll. Archiv + f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische breite Eierweckel wird + als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das + stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in + den oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung + unterlegt, beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau + hierüber gesungenen Schnaderhüpfeln, in denen das + stuprum variirt wird. Aehnlich ist das obscöne Gebildbrod + der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten + Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, + und dasjenige der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten + Nonnenkräpflein. Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der + in den Cannstatter Grabhügeln aufgefundenen + Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des Belebens und + Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des OA. + Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, + Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in + Niederdeutschland Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche + ähnlich gestaltete Brodfigur wird gewöhnlich nur die + Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, dass ihnen Augen, + Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass + sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus + einander spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, + altbair. Beingrattel, varus oder valgus. Es ist in ihnen, also + die Stellung der beiden vorhin beschriebenen Steinbilder + <!-- 086 --><a name="Page_086" id="Page_086"></a> zu Antwerpen + und Emmetsheim typisch wiederholt. Alle diese Formen sind + symbolische, dem mythischen Zeitalter und den Urvorstellungen der + Menschheit angehörende, und müssen eben darum gegen + unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein des + Naturmenschen noch gänzlich schlummert.</p> + + <p>Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu + erklären und mit den Hauptzügen seines Mythus in + Verbindung zu bringen. Wie der bisher vorgetragene Sagenkreis in + zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes + Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so + führt auch die Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. + Die schönere Seite mache hier den Beginn, weil sie + sprachlich die ergiebigere ist.</p> + + <p>Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine + Vermählung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so + trägt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio, + nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von + Brautjungfern, welche die schwanenweissen Wünschelfrauen, + Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, + Wunschmädchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet + Lust und Liebe, und führt uns sogleich 1) auf Walburgis + Mutter <i>Wunna</i>, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona + mater, und die niederdeutsche Legende eine <i>Frau Guta</i> + bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage + vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt + Wunsch 2) auf den Namen eines der Brüder Walburgis, + Wunnibald: der den Wonnewunsch Gewährende.</p> + + <p>Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten + Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden + Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald + und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, + auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name + knüpft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und + felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd. + Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd. + <!-- 087 --><a name="Page_087" id="Page_087"></a> Wiliburc und + Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische + Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, + Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam + Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis + Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allmächtige + Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. Sämmtliche + Namen in Walburgis' Sippschaft sind also nächstverwandt mit + den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den jenes + Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar + geleitet, ist Walhall, nordisch Valhöll, und der + silbergedeckte Saal darin heisst Valaskiâlf, der Wunschhof, + also eine Wahlburg, eine Burg der Auserwählten. In gleicher + Namensbildung wie Walburg besteht der angelsächsische Name + der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.</p> + + <p>Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des + Gottes stürmische Brautwerbung im Mittwinter (den + Zwölften) voraus, wo die leidenschaftlich Wünschenden + zu Verwünschten, die Liebenden zu Wüthenden, ihre + Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden + (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die + Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin + Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der + auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres + Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal Gefallnen + auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, + sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende + Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten + durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, + ihre Brünne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer. + Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer Rosse herab und + reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber + zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen + Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, + und von ihren Zaubergesängen <!-- 088 --><a name="Page_088" + id="Page_088"></a> verwandelt sich der Nachtthau in Reif und + Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt + umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass + dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein + dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen + auf die Thüren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das + leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt + einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der + Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der + Königin Berta wird eine Königin Gansfuss, Reine + pédauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b + erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. + Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, + dass beiden die Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin + gehören nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu + Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie z.B. eine Frau + Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertrüdingen) + dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS. + l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige + Walküre und der für seinen gelähmten Fuss im Thau + Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. + 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgelähmte nach alemannischem + Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland + die Hexe daustrîker heisst, weil sie in schädigender + Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm + RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens + Walburg in das Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht + mangeln. Walahild heisst eine der Walküren; Walgund ist die + im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene Königstochter; + Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke, + kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), + welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der + Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und + liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen + Südlandes. <!-- 089 --><a name="Page_089" id="Page_089"></a> + Vala wird dorten die böse Stiefmutter genannt im + Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag. 107. + 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die + sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, + schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, + Myth. 421. So viel über den Namen Walburg, insoweit er der + Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der Wünschelburg + wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin, + eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und + Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur + landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, + gleich dem übrigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit + der Viehzucht zu thun und wird darüber zur Göttin der + W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen grossen + Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der + Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde + Jägerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche, + schüttelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer + Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum + Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdgöttin; + dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute + nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In + Mitteldeutschland geht sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues + und Spinnens um; in Süddeutschland erst erscheint sie als + Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterwähnten + Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die + Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die + Mägde auf den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor + ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein thüringischer Bericht, + Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon ältere Notiz + in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend + darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel + lassen, sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. + ungleichfädiges Garn. Die Thüringer geben vor, dann + ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das + Garn."—</p><!-- 090 --><a name="Page_090" id= + "Page_090"></a> + + <p>Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, + darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits + erwähnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene + Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende + Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland + dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen + Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn + (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren + Wunschkinder herauszuschöpfen.</p> + + <p>In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, + Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt + zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der + bezügliche Schimpfname ist Hullsluder. Schönwerth 3, + 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur + Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und + Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle + und Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das + besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. + Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde <i>Verhellen</i>, bei + Müllenhoff 178 <i>Ver-Wellen</i>. Der bierschenkenden Frau + Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist + schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem + Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, + älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier + abgeschlossen.</p> + + <p>Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten + Aehren oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter + zum Opfer stehen lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben + so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der + allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde + des 13. Jahrh. Wûtfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat + ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also + in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen + ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem + <!-- 091 --><a name="Page_091" id="Page_091"></a> man das + <i>Wodelbier</i> als Trankopfer darbrachte. Eben diese heidnische + Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, und + so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende + pg. 74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald + und Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. + Bruder Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe + eine geheiligte Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt + (Zingerle, Sitten no. 936); die Schwester Walburg spendet nebst + solchen Heilquellen das besondere Heilöl: es ist dies die + Nährkraft des unter dem Einflusse des Maienthaues sich + bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne des + Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- + und Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die + Walküre Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in + den Himmel Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses + Trankes? Zum Meth führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach + Ostern, der altbair. Bursche sein Mädchen, es soll sich + dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb. 3, + 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem + häuslichen Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn + es wird aus der grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat + Hörner, sagt er von der Stärke dieses Getränkes, + ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie Getränk. + Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der + Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben + dasselbe zu sagen: der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige + Walküre Oelrun in ihrem Namen ableiten von Alarun, + allwissend durch die um ihr Trinkhorn geschrieben stehenden + Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den Stärketrank + kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in + der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der + Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier + längst in den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole + eingedrungen. Der Skandinavier nennt das <!-- 092 --><a name= + "Page_092" id="Page_092"></a> Bier, das er im Heidenthum den + Alfen opferte (âlfablôt), heute das Engelbier: + Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So braut man seit Altem in + England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, Oeconomia lib. 2, pg. + 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger (Klemm, + Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst + mit dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er + hält dorten somit dieselben Termine ein, die kalendarisch + für das Gedeihen der Kornsaat und kirchlich für das + Fliessen des Walburgisöles gegolten haben.</p> + + <p>Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt + des hier abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, + umschrieben:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Auf den Wald und auf die Wiese,</p> + + <p>Mit dem ersten Morgengrau,</p> + + <p>Träuft ein Quell vom Paradiese,</p> + + <p>Leiser frischer Maienthau.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wenn den Thau die Muschel trinket,</p> + + <p>Wird in ihr ein Perlenstrauss;</p> + + <p>Wenn er in den Eichstamm sinket,</p> + + <p>Werden Honigbienen draus.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Mit dem Thau der Maienglocken</p> + + <p>Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,</p> + + <p>Badet sie die goldnen Locken</p> + + <p>Und sie glänzt vor Himmelslicht.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Selbst ein Auge rothgeweinet</p> + + <p>Labt sich mit den Tropfen gern,</p> + + <p>Bis ihm freundlich nieder scheinet</p> + + <p>Thaugetränkt der Abendstern.</p> + </div> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 094 --><a name="Page_094" id="Page_094"></a> <a name= + "Teil_2" id="Teil_2"></a> + + <h2>II. Verena mit dem Kamme,</h2> + + <h3>die Kindsmutter.</h3> + <hr class="smallrule"> + <!-- 095 --><a name="Page_095" id="Page_095"></a> <a name= + "Teil_2_Abschnitt_1" id="Teil_2_Abschnitt_1"></a> + + <h3>Erster Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena, eine Gauheilige.</h4><br> + + <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der + Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der + Thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer + Bisthums. Verena's Weihkirchen und Altäre in der Schweiz. + Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches + Gedicht <i>von sand Verene</i>.</p> + + <p>Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung + frühzeitig der Kirchenlegende der Thebaischen Legion + einverleibt und gewann dadurch eine Verbriefung ihres eignen + hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang mit der frühesten + schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die Legende + von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in die + Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter + ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten + gestandenen römischen Legion, welche dorten zum + Christenthume übergetreten, dann nach Italien und unter + Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, schliesslich zu + Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer verweigernd, + decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade entronnen, + gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, + unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den + Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben + die ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. + Mauritius zu Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und + Victor zu Solothurn; Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in + <!-- 096 --><a name="Page_096" id="Page_096"></a> Zürich + u.s.w. Die mit dieser Soldatengeschichte ganz äusserlich + vereinbarte Verenenlegende berichtet, entkleidet ihrer + märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.</p> + + <p>Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten + Jahrhunderts, begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie + einige Verwandte hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, + beim Abmarsche der Truppen nach Helvetien, zu Mailand, um sich + hier der Krankenpflege gefangener Christen zu widmen. Als sie + jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode der Ihrigen vernahm, + wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die + Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem + letzteren Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die + christliche Lehre verbreitend, wurde sie vom römischen + Statthalter in den Kerker geworfen, jedoch wieder freigegeben, + als ihr Gebet ihm Genesung von lebensgefährlicher Krankheit + erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger Menschenliebe + schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; begiebt + sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, + dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier + ihre bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines + Priesters Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der + ausserhalb des Ortes in einem Siechenhause sich selbst + überlassnen Aussätzigen; ihnen überbringt sie, was + sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und Wein. Aber + der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung + im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den + Siechen begeben will, tritt ihr argwöhnischer Herr + unversehens hervor und stellt sie zur Rede, der herzugeschlichene + Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie trägt. + Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt + des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. + Für den Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem + Siechenhause und setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber + ihrer Grabstätte ward erst eine kleine Kapelle gebaut, + nachmals wurden ihre <!-- 097 --><a name="Page_097" id= + "Page_097"></a> Gebeine erhoben und in die Zurzacher Stiftskirche + versetzt. An der Hand der Thebaer-Legende, die Anfangs des + vierten Jahrhunderts spielt, wird das Jahr von Verenas Ankunft zu + Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit naiver Zweifellosigkeit + angesetzt.</p> + + <p>Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage + über die geschichtliche Thatsache, dass und wie die + arianischen Burgundionen, denen im J. 443 die Landschaft + Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf und Hochsavoyen, von + Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der dortigen + Römerchristen durch militärische + Massen-Niedermetzelungen zu entledigen versucht hatten. Die + nachmalige Verquickung dieser Legende mit dem hebräischen + und dem antiken Sagenkreise begann der romanisch-katholische + Klerus und setzte der deutsche in römisch-kirchlichem + Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen denjenigen + Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst + das politische und dann das kirchliche Römerthum das + herrschende gewesen war. Daher finden sich die Altäre, + Reliquien und Historien der Thebäer schon von Alters her vor + in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, Regensburg, + Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine solche + Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 + verfasst der Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als + deren Hauptwerk die deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den + Thebäern entweder anhebend oder zu deren Preise endigend. + Dass auch die Schweiz in ihren Stiften Tendenzchroniken dieser + Art im Mittelalter besass, darüber sind Nachweise gegeben in + den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. Vereines 1862, + Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken noch + nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich + nicht zu den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit + diesen zu vereinbaren gewesen wäre, denn was hätte die + phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche nicht + mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf + alemannischem <!-- 098 --><a name="Page_098" id="Page_098"></a> + Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige nur + allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den + übrigen Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich + ausgeschlossen blieb. Die ritterlichen Thebäer wurden, volle + 6666 Mann stark, der stummen Demuth des barmherzigen Weibes + vorgezogen. Recht auffallende örtliche Missverhältnisse + stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des Bisthums Sitten + ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in Wallis) + geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er + lässt am 1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, + Verenas, nicht diese feiern, sondern den hl. Egidius, der als + Einsiedler die Rhonemoräste bewohnt und urbar gemacht hatte. + Das gleiche Missverhältniss findet auch in der Diöcese + Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind + Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen + Weihkirchen, Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber + zugleich auch Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen + war und hier unter Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar + trägt die dortige am linken Ufer der Aare liegende + Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit einer + gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle + versehen, einst der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die + Solothurnische Kirche den Verenentag nicht. Ja nicht einmal + dasjenige Martyrologium; welches für die Zurzacher + Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält + Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft + aus des Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium + erhellt, verbessert von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. + 212 und Anhang S. 16. Diese Thatsachen beweisen, dass Verenas + kirchlicher Cultus überhaupt erst spät in Aufnahme + gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von Kleinburgund, + obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit der + dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich + gleichfalls nicht verschwistert gewesen ist. Sie ist eine + Alemannin, gehört dem Konstanzer Sprengel an und hat erst + diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. + <!-- 099 --><a name="Page_099" id="Page_099"></a> Das Konstanzer + bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei + Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt + die Heilige nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, + sondern gleich anfänglich zu den Alemannen kommen und da + heftig durch den Teufel versucht werden: nam Alemanorum gens + dyabolo subdita; es setzt den Verenatag, 1. Sept., als einen + doppelten Feiertag an und stellt ihm jenen des hl. Egidius + entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag voran, wenn + Verenatag auf einen Sonntag fiele.</p> + + <p>Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus + erstrecken konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels + betrachten. Das Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher + Annahme zu Folge nach gänzlicher Zerstörung + Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr + 600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen + Gebietsausdehnung über einen grossen Theil Alemanniens + begabt wurde, hatte den wahrscheinlichen Zweck, die noch + heidnischen Alemannen für den Christenglauben zu gewinnen. + Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer. Vom Gotthard + reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster + Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach + Süd, zwanzig von Ost nach West, von Kempten bis gegen + Strassburg. Vor der Reformation zählte es 1760 Pfarrkirchen, + 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche; nach der + Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. + Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage + belangreich, weil im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen + sind, finden sich in Jak. Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. + gelieferter Beschreibung genannt, es sind folgende. Thurgau, + Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der Aare, Luzern, + Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und + aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den + Aarequellen; Uri mit Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher + unter dem Bischof von Chur gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, + der nördliche Theil des <!-- 100 --><a name="Page_100" id= + "Page_100"></a> Kant. St. Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft + Rapperswil, der March und Uznach; ausgenommen waren hier Gaster, + Sargans und das Rheinthal, als zu Chur gehörend. Dazu + zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem kleinen + Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft Baden + mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, + die beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, + der untere Theil des österreich. Rheinthals nebst mehreren + vorarlberg. Dekanaten und Gotteshäusern. Dasselbe + zählte in seinem schweizerischen Territorium noch zu Anfang + dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion Kommunikanten, also + mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler, + Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. + Ortskirchen an, in denen die Heilige entweder Patronin war oder + Altäre besass. Im Bisthum Chur folgende: zu Niederurnen und + Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: zu Kleinbasel. (II, 9), zu + Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu thurgauisch Ermatingen + (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57), + Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), + Nesslau (182), Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich + im Thurgau gelegen. Magdenau im St. Gallerlande (97), zum Hl. + Geist in der Stadt St. Gallen (127), Ellikon und Stäfa im + Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug 1869, S. + 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den + deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, + Kapellen, Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser + Kapitel besonders gehandelt werden; einige von ihnen werden des + hohen Alters wegen Heidenkirchen genannt und die Volkssage + (Naturmythen S. 115) berichtet von der Zurzacher, sie sei lange + die einzige weitum auf beiden Ufern des Rheines gewesen, und + daher hätten zu ihren entfernt wohnenden Kirchgängern + selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde + gehört.</p> + + <p>Uebergehend auf die Gründung und frühesten + Schicksale der Zurzacher Stiftskirche, muss voraus bemerkt + werden, <!-- 101 --><a name="Page_101" id="Page_101"></a> dass + die ältesten Stiftsurkunden in mehrfachen + Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren gegangen und + die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind. + Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt + (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise + frühzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der + Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in + den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in + einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten + Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in + welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses + geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist + längst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine + Echtheit untersucht werden können. Zwischen ihr und der + nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl + durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse + Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste + Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach + von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen + verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch + Krieg und Plünderung dergestalt, dass es von den + Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs + Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut + und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert + haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof + Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche + incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang, + Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in + diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift, + Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche + gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig + fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen + aus der ältesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 + zurückgeht, einige werthvolle Ergänzungen, die den + damaligen Ort, seine Lage <!-- 102 --><a name="Page_102" id= + "Page_102"></a> und Umgebung unzweifelhaft richtig + veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen führt + sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen + Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, + damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und + Schicksal unsre Untersuchung hernach überzugehen hat.</p> + + <p>An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine + altrömische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas + und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht. + Allein man liess hier aus Nachlässigkeit das Ewige Licht + ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen sogar + die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer + erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen + Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; + Engelsstimmen erfüllten die Luft mit Gesange, und wenn die + Zurzacher Wächter darüber verwundert dem Orte zueilten, + fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt + von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard + (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines + kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener + Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse + her des gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen + Schritte Lieder singend, nachrückten, die mit Kreuzen und + Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Plötzlich + erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte + über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und + verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der + (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals + eine Beschädigung gezeigt hätte. Dieses Wunder ergriff + den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die + Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und + übergab sie der Ortskirche unter dem Namen + Wîhegaȥȥa, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse + gewesen, welche einst täglich Verena gewandelt war, um den + Kranken ihren Beistand zu leisten.</p><!-- 103 --><a name= + "Page_103" id="Page_103"></a> + + <p>Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. + Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer ursprünglichen + Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die + Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche + erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit + über den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich + über die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher + Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird + unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, + das bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt + worden ist; in diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach + lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen + Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte + <i>Weihegasse</i> eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte + führt, da hinaus trägt Verena den Aussätzigen + Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst + ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine nördlich + vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe, lauter + Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der + römischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses + Kastells hat Ferd. Keller in den Zürch. Antiquar. Mittheill. + 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch + fünfzehn Eichenpfähle von der römischen + Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen + Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse + Mühe, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem + Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des römischen + Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner + kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der + Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo + stabil das österliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher + zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der + religiösen Sodalitäten; derjenige Priester, der dabei + die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt zugleich + der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die + Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision + voraus erblickte, <!-- 104 --><a name="Page_104" id= + "Page_104"></a> so zieht dann die Prozession psalmensingend mit + dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zurück.</p> + + <p>Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach + kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. + 1347 und knüpfen sich hier an den Namen der Königin + Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnkönigs Andreas. + Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in + ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der + Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne + Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der + 11,000 Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und + Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie + nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein geschlagen + silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und + 133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde + es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in + Nothfällen aus der Kirche zu nehmen und in Privathäuser + zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen + Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem + abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein + Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers + Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich mitgetheilt + steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden + vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in + der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der + kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen + Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem + Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465 + verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae. + Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als + 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den + Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im + benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift + entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, + Pfarrkirche, Moritzkapelle <!-- 105 --><a name="Page_105" id= + "Page_105"></a> und Verenagruft wurden ausgeräumt, in + letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der + Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach + Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als + "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und + Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen + Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser + enthielt ein in einem hölzernen Särglein (Schrein) + eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst + Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, + zusammengebacken mit Asche und Kohle.<a name= + "FNanchor_NACHTRAG_2_23" id="FNanchor_NACHTRAG_2_23"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_2_23"><sup>[Nachtrag 2]</sup></a> + Während man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei + dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und + nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden + überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben + unversehrt ein kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und + der Röhrknochen eines Armes; diese drei Stücke wurden + nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen + Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird seitdem für + Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts + vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals + flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt + und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem + Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige + Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen + Helltum und anderes, so geflökt worden, wider gen Zurzach." + Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen + Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene + Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe + mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte + Verzeichniss der verlornen Gegenstände schliesst mit der + Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag mit keim + gut bezalt werden, <i>dess wir beroubt sin worden</i>." Huber + l.c. 93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne + Hand, ist vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild + ein beschlagen Gürteli; Silber von St. Verena + <!-- 106 --><a name="Page_106" id="Page_106"></a> köpfli + (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift + Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in + der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig + genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also + eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. + Huber 1869 eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" + nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze + Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die + gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das + Haller Pfarramt, dies könne man bei so vielerlei + Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch + Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien + ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche + übertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt. + Huber l.c. 131.</p> + + <p>Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen + die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde + 3, 279) zuerst Erwähnung thut und also sich ausdrückt: + ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus + corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene + desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh eine + Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher + Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen + Altar stiftet, erst nur eine <i>selige</i> Jungfrau heisst. + Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern + wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz + kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an + geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren + gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener + Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen + goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein + Bösewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst + das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da + überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich + der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies + gemeinsame Sage erinnert hier <!-- 107 --><a name="Page_107" id= + "Page_107"></a> jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen + vorsätzlich ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im + Bauche des Tafelfisches wieder zum Vorschein kommt. Allein in der + samischen Sage wird er wettweise weggeworfen, um dadurch zu + erweisen, wie das damit leichtsinnig verschleuderte Glück + nur um so gehäufter zum Glückskinde zurückkehren + müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. + Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und + durch die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe + beeinträchtigt; waffenlos steht das Aschenbrödel dem + sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit trifft man eben + auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld wird eine + Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch + schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt + zu werden; schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende + stärker als die arglistigste Bosheit.</p> + + <p>Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss + gewonnen. Die Alemannin Verena ist durch die romanische + Kirchenlegende dem Heiligenkreis der fremdländischen + Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem ersten Grabe erbaute + man dem hl. Moritz und seinen Legionären die Kapelle zur + Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria + geweihte Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre + Reliquien sogar werden mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen + verschwistert, nur vereinbart mit deren Reihe aufbewahrt und + aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die + Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich + gerechtfertigten zu stempeln, indem man sie mit dem + männlichen und dem weiblichen Aufgebote hier der 6666 + Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula + verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser + legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift + Verena den ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie + umgebenden Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es + ursprünglich gewesen, eine in der Wildheit ihrer Waldquellen + und Gebirgsströme einsam fortwaltende <!-- 108 --><a name= + "Page_108" id="Page_108"></a> Naturgöttin. Als solche macht + sie sich in den nachfolgenden Abschnitten geltend.</p> + + <p>Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene + ist enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte + Hoffmann v. F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen + citirt in seinem Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. + Das Gedicht ist seither weder im Auszug noch sonst wie bekannt + gemacht. Auf meinen Wunsch liess es Prof. Franz Pfeiffer in Wien + († 29. Mai 1868) für vorliegende Arbeit diplomatisch + getreu copieren.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="linenum">[106b]</p> + + <p>Von sand verene (roth)</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Verena diu edel meit,</p> + + <p>als, uns daȥ puch von ir ſeit.</p> + + <p>Die was —— ——</p> + + <p>und eȥ quam alſo,</p> + + <p class="linenum">[106c]</p> + + <p>Do der cheiser maximian</p> + + <p>furt mauricium mit im dan</p> + + <p>Her gen deutschen landen,</p> + + <p>ſi begunde nach im belangen</p> + + <p>So ſer, daȥ ſi im fůr nach,</p> + + <p>wanne vil gerne ſi in ſach.</p> + + <p>Verena was ein christenin,</p> + + <p>und do ſi quam ze meilan in,</p> + + <p>Die geuangen christen</p> + + <p>die heimpt ſi an den vristen</p> + + <p>Vnd bechlagt mit in ir not,</p> + + <p>dar zue ſi in helfe pot</p> + + <p>Mit trinchen und mit eȥȥen.</p> + + <p>uerena, die vermeȥȥen,</p> + + <p>Si lie durch nieman daȥ</p> + + <p>durch vorhte noch durch haȥ,</p> + + <p>Swa die christen warn erſlagen</p> + + <p>und auch da ſi warn begraben,</p> + + <p>Die ſtaete sůcht ſi alle tage</p> + + <p>mit weinen vnd mit chlage.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Mit reinem leben was ſi ſus</p> + + <p>pei einem, der hieȥ, maximus.</p> + + <p>Nu wart ir ſchir alda geseit,</p> + + <p>daȥ mauricij ſchar preit</p><!-- 109 --><a name= + "Page_109" id="Page_109"></a> + + <p>Durch got wer erſlagen,</p> + + <p>daȥ begunde die vrowe chlagen</p> + + <p>Vnd wolde nicht leng<sup>r</sup> da bestan,</p> + + <p>ſi fůr ub<sup>r</sup> die alben dan</p> + + <p>Vnd ze einem waȥȥer ſi quam,</p> + + <p>daȥ ist genant aram.</p> + + <p>Alda vant ſi einen man,</p> + + <p>der gevlohen was chomen dan</p> + + <p>Der ſagt ir die rechten maere,</p> + + <p>wie eȥ mauricio ergangen waer.</p> + + <p>Davon wolt ſi nicht furbaȥ,</p> + + <p>in einer chlauſe ſi da ſaȥ</p> + + <p>Mit chlage und mit leide.</p> + + <p>da warn inne reine meide,</p> + + <p>Der leben was alſo gestalt,</p> + + <p>ſi waer iunc oder alt,</p> + + <p>Daȥ ſi anders lebte nicht</p> + + <p>wan chraut, arbaiȥ und anders nicht,</p> + + <p class="linenum">[106d]</p> + + <p>Des lebte ſi daȥ gantz iar;</p> + + <p>daȥ quam auch von ier werch dar</p> + + <p>Vnd des tages ein lutzel brot,</p> + + <p>daȥ man igleicher pot.</p> + + <p>Nu was dapei ein getwerch,</p> + + <p>daȥ verchauft den meiden ir werch</p> + + <p>Vnd chauft in da mit ettewaȥ,</p> + + <p>daȥ die ſamenunge gaȥ</p> + + <p>Anders lebten die vrowen nicht,</p> + + <p>gab man in aber immer icht,</p> + + <p>Des enpiȥȥen ſi nimmer</p> + + <p>und gabens durch got immer.</p> + + <p>Sus was geſtalt ir reines leben.</p> + + <p>got hat verene den geist gegeben,</p> + + <p>Daȥ man vber al daȥ lant</p> + + <p>ir leben vil rein erchant,</p> + + <p>Daȥ man ſei het fur heilic gar,</p> + + <p>daȥ auch ſi was furwar.</p> + + <p>Wan got durch ſei tet wunder</p> + + <p>mit zeihen besunder.</p> + + <p>Auȥſetzig behaft macht ſi slecht,</p> + + <p>plint, chrump macht ſi gerecht.</p> + + <p>Solcher dinge tet ſi vil</p> + + <p>mit got auff daȥ zil,</p> + + <p>Daȥ man sei d<sup>r</sup> meide muet<sup>r</sup> + nant</p> + + <p>weiten uber al daȥ lant.</p><!-- 110 --><a name= + "Page_110" id="Page_110"></a> + + <p>Nu was in der gegent da</p> + + <p>ein richter ſam anderswa,</p> + + <p>Der het got gar verchorn.</p> + + <p>dem was der meide leben zorn,</p> + + <p>Vnd daȥ man ier ſo wol ſprach;</p> + + <p>mit zorn er daȥ an ier rach,</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wan er die vrowen vie,</p> + + <p>dehein gut er ier nie geschehen lie.</p> + + <p>Doch quam zaller zeit zu ir</p> + + <p>ein liechter iungelinch fir<a name="FNanchor_3_3" id= + "FNanchor_3_3"></a><a href= + "#Footnote_3_3"><sup>[3]</sup></a>,</p> + + <p>Der pot ier guten trost,</p> + + <p>ſi wurde ſchir da von erlost.</p> + + <p>Doch vragt ſi in, wer er wer?</p> + + <p>do ſprach er offenwaer,</p> + + <p>Er waer ir mag mauricius,</p> + + <p>und mit der rede alſus</p> + + <p class="linenum">[107a]</p> + + <p>Quamen zu mauricio hin in</p> + + <p>alle die gesellen ſin</p> + + <p>Und grueȥten die vrowen ſchone,</p> + + <p>damit ſchieden ſi davon.</p> + + <p>Nu wart derſelbe richter</p> + + <p>vberladen mit ſichtum ſwer,</p> + + <p>Der gedacht rechte wider,</p> + + <p>er lief hin und viel nider</p> + + <p>Chlagunde für die reinen meit</p> + + <p>und ſeinen ſichtvm er ir chleit.</p> + + <p>Doch pat ſi got umb in,</p> + + <p>der richter gie geſunt hin</p> + + <p>Vnd mit groȥȥer gedult</p> + + <p>bat im vergeben ſein ſchulde.</p> + + <p>Daȥ was yſa getan,</p> + + <p>die magt wart do leidich lan</p> + + <p>Vnd gie zu iern ſwestern wider,</p> + + <p>da ſi got diente ſider.</p> + + <p>Nu quamen die swest<sup>r</sup> auch in not,</p> + + <p>daȥ ſi ninder heten prot</p> + + <p>Vnd groȥȥen hunger liten</p> + + <p>doch mit dultichleichen ſiten.</p> + + <p>Ier werches acht man nicht ein har,</p> + + <p>wan eȥ was ein hunger iar.</p> + + <p>Do verena die not erſach,</p> + + <p>zu got von himel ſi do ſprach:</p> + <!-- 111 --><a name="Page_111" id="Page_111"></a> + + <p>Wan du deiner geſchefte gist</p> + + <p>ier leibnar zu rechter frist,</p> + + <p>Jesu christ, du waiſt wol,</p> + + <p>weȥ dein gesinde leben ſchol.</p> + + <p>Do ſi daȥ vollen geſprach,</p> + + <p>vor der chlause man ligen ſach</p> + + <p>Viertzig ſekche mit mele vol.</p> + + <p>er gedacht ir not da wol,</p> + + <p>Wan daȥ prot wuchs in ier munde,</p> + + <p>daȥ ſi lange vñ manic ſtunde</p> + + <p>Heten da von ier leipnar,</p> + + <p>des lobt got die rein ſchar.</p> + + <p>Nu was verena, die genende,</p> + + <p>chumen an ier lebens ende,</p> + + <p>Vnd do ſi nu ſiech wart,</p> + + <p>ier andacht ſich nie verchart.</p> + + <p class="linenum">[107b]</p> + + <p>Da ſi vercheren ſcholt daȥ leben</p> + + <p>und den geist widergeben,</p> + + <p>Do quam unser vrowe dar</p> + + <p>mit der hymelischen ſchar;</p> + + <p>Vnd do verena ſei erſach,</p> + + <p>zu gotes mueter ſi do ſprach:</p> + + <p>Waȥ gernde han ich,</p> + + <p>daȥ gotes mueter siechet mich?</p> + + <p>Do sprach unser vrowe zu ier:</p> + + <p>verena, volge mir,</p> + + <p>Da hin, da du immer mer</p> + + <p>vreude hast ane ſer.</p> + + <p>Mit der rede ſi verſchied,</p> + + <p>got ir ſele da beriet</p> + + <p>Der ewigen gnaden.</p> + + <p>die vrowe wart begraben</p> + + <p>In der chlause alda,</p> + + <p>die noch haiȥȥet z<sup>r</sup>zyaca,<a name= + "FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href= + "#Footnote_4_4"><sup>[4]</sup></a><a name= + "FNanchor_NACHTRAG_3_24" id= + "FNanchor_NACHTRAG_3_24"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_3_24"><sup>[Nachtrag 3]</sup></a></p> + + <p>Da got wol ſcheinen lie,</p> + + <p>daȥ er ſei minte hie.</p> + + <p>Wand nieman wirt entwert,</p> + + <p>der rechter dinge an ſei gert.</p> + + <p>Nu derhoret got dehein pet ſo gern,</p> + + <p>ſo daȥ wir ſeiner hulden gern,</p> + + <p>Dem gibt er, der die ſůhet,</p> + + <p>vil gern, ſwer ir geruhet</p><!-- 112 --><a name= + "Page_112" id="Page_112"></a> + + <p>Mit hertzen und mit andacht.</p> + + <p>daȥ wir ze hulden in werden pracht,</p> + + <p>Des helf uns maria</p> + + <p>und ir dirne uerena. amen.</p> + </div> + </div> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_3_3" id= + "Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3">[3]</a> + + <div class="note"> + <p>fiér, stark und stolz.</p> + </div><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href= + "#FNanchor_4_4">[4]</a> + + <div class="note"> + <p>zerzyaca: Zurzach.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_2_Abschnitt_2" id="Teil_2_Abschnitt_2"></a> + + <h3>Zweiter Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena, die Müllerpatronin.</h4><br> + + <p>Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre + örtlichen Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als + Ehegöttin, der in Stein verwandelte Brodkipf und die + unerschöpflichen Mehlsäcke. Wirthschaftsregeln am + Verenentage.</p><br> + + <p>Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im + aargauer Surbthale die Mühlsteine schärfen und die + Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren Wahrzeichen: Kamm + und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des + Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige + Wohnstätte an den Strömen zu Koblenz und Zurzach + aufgeschlagen gehabt und gilt hier als die den Gang aller + Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller, Schiffer + und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der + ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz + Mon. 6, 457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem + Seelenheile dem Zurzacher Stifte abzutreten gelobt hatte, befand + sich eine besonders werthvolle Mühle. Als nun den Mann + hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, suchte er + wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte + den Lauf des Mühlebaches, indem er ihn auf seine + Landstücke zog. Allein ohne fremdes Zuthun und ohne dass es + vorher einen Tropfen geregnet hatte, schwoll der Bach + plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg und + trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. + Nun kam <!-- 113 --><a name="Page_113" id="Page_113"></a> Jener + eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, + was er ihr so unklug hatte entfremden wollen.—Ebenso + bändigt sie den Gläubigen zu lieb die verheerenden + Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser stieg einst zur + Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe, dass er + alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch + Gebet und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit + Kreuz und Fahne den Fluthen zu nahen, die über die ganze + Feldbreite hinstürzten. Doch in dem Augenblicke, als man zur + Prozession auszog, trat der Rhein in sein altes Bette + zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren + wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen + bereits entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom + Garbenbinden jenseits des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt + mit dem Weidling umschlug, hielt Verena mit der einen Hand ihr + den Mund zu und führte sie mit der andern wie durch ein + Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. + Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale + wohnte, das nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei + umgewandelt ist, war sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der + Stadt durch den hier gebietenden heidnischen Präfekten + Hirtacus<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href= + "#Footnote_6_6"><sup>[6]</sup></a> und in ihrer Klause durch den + Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen + ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der + Zelle zu sehen ist und die Krallen des Bösen + eingedrückt trägt. Eine friedlichere Wohnstatt + aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner + Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs + Aargau, und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in + dessen Nähe die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend + wütheten eben Seuchen, von den Ausdünstungen eines + Leichenackers <!-- 114 --><a name="Page_114" id="Page_114"></a> + herrührend, den der Strom unterwühlt hatte; aber die + Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen aus dem Boden + bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft und + beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu + führen.<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href= + "#Footnote_5_5"><sup>[5]</sup></a> Auch ihren Mühlstein + wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf einen Wagen + und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber + blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen + oder Stein weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz + zogen ihn die Rosse mühelos, wo er nun neben der Thüre + der Kapelle in der Einsenkung der Mauer hinter einer Vergitterung + aufgestellt ist, geschmückt mit dem Schnitzbilde der + Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch + ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt + geblieben, als 1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle + einäscherte; es hängt voll wächserner Füsse + und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer Kinder + ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und + erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst + über dem Steine zu lesen stand:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Auf diesem Stein hier aus der Aaren</p> + + <p>Die heilig Verena ist gefahren</p> + + <p>Ohne Ruder, Schiff und Schalten,</p> + + <p>Wie solches geglaubt die frommen Alten.</p> + </div> + </div> + + <p>Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, + die auf den Rath der Heiligen die Stüdlerzunft + gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung + sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser + Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen + Landvögten verbrieftes Fährrecht mit der Obliegenheit + zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel + befahrende Schiffe und Güter durch <!-- 115 --><a name= + "Page_115" id="Page_115"></a> die dortigen Strudel (genannt + Laufen) zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher + Stiftskirche hängt daher ein kunstreich geschmiedetes + Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437 + angeführte ahd. Glosse lautet: <i>verenna</i> cymba; was + sonst ahd. verſcif heisst, nhd. Fähre. Graff, + Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: <i>mit ferennu + quamun</i>, navigio venerunt.</p> + + <p>Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch + das Geschäft der Liebesgöttin; somit ist vorerst das + Einheitliche im Wesen dieses Doppelgeschäftes hier + nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen + Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die + Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen + Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die + Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst + griechisch ackern, besäen, besamen; das weibliche Saatfeld + heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der + Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So hat auch + Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei + Theokrit (4, 58) ist + μυλλος cunus; Festkuchen + dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den + grossen Thesmophorien den Göttinnen zu Ehren in Syrakus + umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des griech. + μυλλω (coire) und des Wortspiels + bei Petronius: molere mulierem, drückt unsre eigne Sprache + in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert + die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Ich steh fürwahr nicht aufe,</p> + + <p>Ich lass dich nicht herein;</p> + + <p>Ich hab die Nacht gemalen</p> + + <p>Mit sechs jungen Knaben.</p> + + <p>Davon bin ich so müd.</p> + </div> + </div> + + <p>Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den + Mahlstein drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in + unsern ältesten Sagen der Ort der Liebesabenteuer. Der + Landpfleger Pilatus ist nach dem gleichnamigen ahd. Gedichte + <!-- 116 --><a name="Page_116" id="Page_116"></a> vom rheinischen + König ausserehelich mit der Pyla erzeugt, des Müllers + Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der Grosse erzeugt und + geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin, + Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König + Heinrich III. erbaute Kloster Hirschau in der Nähe jener + Mühle, darin er war geboren worden; sie steht noch und gilt + für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl. + Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, + Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso steht heute noch im + würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der die + eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, + erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins + Chronik berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger + Mark dem Kaiser verkauft und die Kaufsumme daheim mit der + hübschen Müllerin auf der Gretelmühle lustig + verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen Frau + Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes + "Der Müllerin Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu + Augsburg der Name Hahnreimühle für eine der + städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener + grosse Stein, hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, + Ztschr. f. Myth. 3, 31. Als alles Riesengeschlecht im Blute des + erschlagnen Ymir ertrinken musste, rettete sich der einzige + Bergelmir sammt seiner Frau in einem Mühlkasten. Myth. 426. + Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem fortschreitenden + Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. Darum + führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo + und Zeus den Beinamen + μυλευς, bei den + eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue beschworen, der + Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische + Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat + die wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren + Freundinnen zur Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer + Sagenb. 1, 183. In diesem Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, + S. 76) von der Mühle zu verstehen, welche reines Gold und + treue Liebe mahlt:</p><!-- 117 --><a name="Page_117" id= + "Page_117"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Dort niden in jenem Holze</p> + + <p>Leit sich ein Mülen stolz,</p> + + <p>Sie malet uns alle Morgen</p> + + <p>Das Silber, das rothe Gold.</p> + + <p>Dort hoch auf jenem Berge</p> + + <p>Da geht ein Mülenrad,</p> + + <p>Das malet nichts denn Liebe</p> + + <p>Die Nacht bis an den Tag.</p> + </div> + </div> + + <p>Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der + Legende auf, dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem + Mühlsteine machen, wie Verena auf der Aare und der + Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch die Stadtpatronin + Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der + Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt + gemacht haben, denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei + Herrliberg, da wo es urkundlich <i>Im steinin Rad</i> heisst. + Reithard, Sag. a.d. Schweiz.—St. Jakob von Compostella + macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge und landet damit + zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, wird mit + einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und + schwimmt damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria + Sancta 1, 23. Die hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins + Meer versenkt, gieng auf dem Wasser einher, als wäre es + festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt. in der + Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac. + Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. + Brigida ist neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der + innern Klosterpforte aufgestellt und wird bei + Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein + berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die + Flüsse und Seen sind die Adern, durch welche die + älteste Kultur in die Länder floss, und die Mühle + mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter + denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem + Schnee sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der + Franke: Müller und Becken schlagen sich mit Säcken; der + Aargauer: sie putzed (die Himmlischen fegen <!-- 118 --><a name= + "Page_118" id="Page_118"></a> das Korn), sie ritered (sieben es), + der Staub flügt (wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie + schüttid: schütten die Frucht auf, die in dichtem + Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner + Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott + Getreide in den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, + 30. Im Liede von der Himmelsmühle (Uhland, no. 344) + knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas + lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch + zusammen, dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte + gilt und ein in diesem befriedeten Ort begangner Frevel mit dem + Tode bestraft wird. Der Schwabenspiegel bestimmt: diu müle + hat ouch beȥȥer reht danne ander hiuser. swer in der + müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem sol man + hût unde har abslahen. ist eȥ vier schillinge wert, + man sol in henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein + eine besondere Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 + verwiesen hat. Es findet sich nemlich in einem alten Liede + folgende Prüfung erwähnt über Beschaffenheit und + Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere steht am + Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er + rechts, so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; + geht er aber zu Grund, so ists ein Metzenkind.—Der + jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein + <i>schwimmender</i>; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich + erworbene Frucht: die auf dem Felde, in der Mühle und im + Mutterschosse. Bereits sind in der histor. Zeitschrift Argovia 3, + 15 die mehrfachen örtlichen Felsen und erratischen + Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen + Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich + tragen. Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in + Betracht. Jener vorhin erwähnte Felsblock in der Solothurner + Verena-Einsiedelei trägt ein über Faustgrösse + ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der + Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die + Stadt heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt + gleichfalls in dem eben genannten Dorfe Koblenz + <!-- 119 --><a name="Page_119" id="Page_119"></a> vom Kalchofen, + einem ofenförmig gewölbten, isolirten Kalkfelsen am + dortigen linken Rheinufer. Derselbe Glaube herscht im + Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus kirchlich gereicht + hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der + würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine + Sage über zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne + Knaben. Antiquarius des Neckarstroms 1740, 46.</p> + + <p>Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin + hindeutender Zug ist enthalten in dem Schicksale des + Schwesternhauses, das die Heilige zu Solothurn gegründet + hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern konnten ihre + Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern Mangel. Da + geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von + unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus + diesem Mehl gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. + Im alten Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, + heisst es darüber:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Dum panis victus solitus</p> + + <p>exhaustus fuit plenius,</p> + + <p>farris pastus positus</p> + + <p>est ad fores celitus.</p> + </div> + </div> + + <p>Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt + wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an + quadraginta sacci, und Christoph Greuter zu Augsburg hat sie + sogar in Kupfer gestochen; ein Nachstich steht in Richters + Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. Augsb. 1736, 42. Der + Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht (107a) + nacherzählt zu sein:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>vor der clause man ligen sach</p> + + <p>viertzig ſekche mit mele vol.</p> + + <p>er gedacht ir not da wol,</p> + + <p>wan daȥ prot wuchs in ier munde.</p> + </div> + </div> + + <p>Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena + wird durch Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von + Halberstadt gemeldet. Wenn da der Bauer zwischen Weihnachten und + Dreikönig, zur Zeit der Zwölften, <!-- 120 --><a name= + "Page_120" id="Page_120"></a> sein Mehl von der Boitzenburger + Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû Freen und + verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden + ausschütte. Thut er dies folgsam, so findet er die + Säcke wohlgefüllt des andern Tages an derselben + Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name zusammengefallen in den + der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus Wodans + Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die + Spitze der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick + (ein Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden + das Land durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn + l.c. S. 414 und 415 ausdrücklich als um Halberstadt + bestehend bestätigt, und der vierte Abschnitt unsres + vorliegenden Berichtes wird diese auffallende + Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der + aargauischen Gauheiligen erläutern.</p> + + <p>Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche + abgebildet werden, Brod und Wein überbringend. Bereits hat + der spottlustige Nachbarscherz sich dieses Zuges der + Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken bedient. Er + erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der + Aare von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass + auch sämmtliche Kirchenglocken mitverbrannten und man sich + mit einer irdenen behelfen musste, deren Schall denn nicht weit + reichte. Mit dieser musste man läuten, als die hl. Verena + auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom herab gefahren kam. + Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke empor, in + der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr + Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das + tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem + gilt der Spottreim:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wenig Brod und sûre Wî:</p> + + <p>ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî!</p> + </div> + </div> + + <p>Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd + eines Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche + Nahrung abgebrochen, um die benachbart wohnenden Siechen damit zu + speisen. Darüber der Entwendung verdächtigt, + <!-- 121 --><a name="Page_121" id="Page_121"></a> tritt ihr der + argwöhnische Priester plötzlich in den Weg und + untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in + Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, + beides als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher + kommt es, dass die Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und + Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf in der Hand haben. Das + Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste Aufzeichnung + berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form + einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht + nothwendig die des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das + Trockengemässe vor Alters steinern war. Das Zürcher + Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm. 1282 auf einen + in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der + Klostergründer König Ludwig das Mass eines + <i>Kornviertels</i> hatte aushauen lassen. Geschichtsfreund 8, + 19.</p> + + <p>Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der + gleichfalls unbeachteten Gestalt einer andern deutschen + Gauheiligen aufzuzeigen. Es ist dies die Kraichgauer und Tiroler + Heilige Notburga, von deren Cultus Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, + und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 berichten. Auch sie + zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau, pflegte + und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre + mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. + Verena, mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen + Gedächtnisse fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler + Schlosse Rothenburg im untern Innthal und hatte die Schweine zu + füttern. Für jeden Armen sparte sie sich eine + Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein + geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich + die Gabe in Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem + Bauernhofe Eben im Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte + Segen in den gesunknen Hausstand zurück; wollte man sie + jedoch über die Feierabendzeit im Felde fortarbeiten lassen, + so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die Sichel in die + Höhe, <!-- 122 --><a name="Page_122" id="Page_122"></a> + liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen. Sie ist + die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in + ihrem Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren + Leichenwagen spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, + wohin sie wollten. Als sie an den brückenlosen Inn kamen, + wich der Fluss zurück und liess Wagen und Leichengefolge + trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf dem + Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und + errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur + Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige + Magdkammer im Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut + worden. Panzer, BS. 2, no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, + überschwamm sie auf einem schneeweissen Hirschen den Neckar + und verbarg sich in einer Höhle, die beim würtemberger + Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg her + überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih + gespiesst, und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr + Grab. Jetzt noch zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den + Weg, welchen das treue Thier einschlug. Ueber die hl. Rategundis + von bair. Wolfratshausen berichtet Jac. Schmid, Leben hl. Hirten + und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als Dienstmagd auf dem Schlosse + Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und Butter von ihrer + täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des + nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische + Schlossherr sie auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, + verwandelte sich Butter und Milch in ihrer Schürze in einen + Strehl und in warme Lauge.</p> + + <p>Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und + landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den + Verenatag knüpften.</p> + + <p>Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner + Zins-, Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, + S. 76) verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein + Murmotten (Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit + diesem Tage geht <!-- 123 --><a name="Page_123" id= + "Page_123"></a> noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder + auf. In den V Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, + Kulm, Lenzburg und Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit + ihr also auch derselbe Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine + dieser fünf "geschlossnen Zeiten" dauerte acht Tage vor dem + ersten Sonntag vor Verenentag bis acht Tage nach dem auf Verena + nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit hat im J. 1595 + in Folge der Kirchenreformation vier jährliche + Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag + angesetzt. Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.—Das + "Verzeichnuss der Statt Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 + (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 die obrigkeitlichen + Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena und + Martini an.</p> + + <p>Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September + sind unter unserer Landbevölkerung folgende üblich.</p> + + <p>Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, + draejet, löset, umg'heiet, brünnelet—und z'Abig + s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn solch ein + richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der + Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena + schön Wetter war, so erzählen die Bauern im Frickthaler + Dorfe Gansingen, so sassen unsre Leute am Tische und assen ruhig + ihr Vesperbrod; wenn es aber regnete, so hiengen sie den Kornsack + an und standen zum Säen hinaus. Wenns a d'Verena regnet, + muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn aber nit, so chan + er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner Bauer + muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und + sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der + Abendimbiss ist, mit ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am + Kummetkopf. Illustrirte Schweiz 1862, 259.—</p> + + <p>Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem + Tage, heisst es, ist alles Obst reif und der Fruchtstiel + abgetrocknet; ist es aber ein strenger Regentag, so fault das + Obst hernach auf den Hurden.</p><!-- 124 --><a name="Page_124" + id="Page_124"></a> + + <p>A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf + berathet sich, ob er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt + er nicht zu, so ist er daheim geblieben und nicht mit in Rath + gegangen. Vrein am Rain trägt s' Abendbrod heim: das + Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs Feld gebracht, + s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die + Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte + begannen mit 1. Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. + März, giengen sie wieder zu Ende. Heute aber beginnen die + Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und schliessen mit + dem Josephstag, 19. März.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_5_5" id= + "Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5">[5]</a> + + <div class="note"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>A Solodoro igitur</p> + + <p>discedens proficiscitur,</p> + + <p>ubi Rhenus labitur,</p> + + <p>Zurziacham graditur.</p> + </div> + </div> + + <p>Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei + Eberhardus Ratdolt.</p> + </div><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href= + "#FNanchor_6_6">[6]</a> + + <div class="note"> + <p>Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis + inflammavit, sagt die Originallegende; erst später wird + der Name Hirtacus dazu gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt + ihn einfach Richter.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_2_Abschnitt_3" id="Teil_2_Abschnitt_3"></a> + + <h3>Dritter Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4><br> + + <p>Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und + Wasserkirchen; die ihr geopferten Mädchen- und + Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und Waschkrug; + ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. + Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von + der Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnisch + u.s.w.</p> + + <p>Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige + verleiht, und stellen hiefür diejenigen Erzählungen + voran, welche der ältesten zwischen die Jahre 1005 bis 1032 + fallenden Aufzeichnung der Verenalegende (bei Pertz 6, 457) + angehören. Diese von G. Waitz nachgewiesene Zeitbestimmung + gilt namentlich auch für diejenigen Thatsachen, über + welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als + Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen + jener Periode anknüpft.</p> + + <p>Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe + <!-- 125 --><a name="Page_125" id="Page_125"></a> Machthilde + lange kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach + ins Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches + Almosen, und in der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die + Herzogin einen Thronfolger.</p> + + <p>Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte + Gerbirga geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs + Konrad Tochter, und obwohl schon mehrere Töchter, doch noch + keinen Sohn bekommen. Sobald aber die Eltern zum Grabe Verenas + wallten, wurden sie auch mit einem solchen beglückt. Dieser + war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol. Grundriss der + christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht zu + seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.</p> + + <p>Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in + zweiter Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der + Regierung nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, + machten die beiden Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und + übernachteten daselbst im Stifte. Hier träumte + Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich wünschte, + und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser + Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.</p> + + <p>Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in + kinderloser Ehe gelebt, hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und + dann drei Töchter bekommen. Durch die hl. Verena hingegen + erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn diese Heilige + besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben + begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den + Zurzacher Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu + ihnen begeben, die Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so + geringen Theil seines Reichthums opfern, dafür werde er + seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt sehen. Jedoch er + spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns diese + Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die + Unvermögenden und an Mannesart <!-- 126 --><a name= + "Page_126" id="Page_126"></a> die Allerletzten? Darauf wurde sein + Weib vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.</p> + + <p>Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches + Weib geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach + zufiel, entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, + sondern sie liessen sich auch in allerlei Schmähungen + über derlei Pflichtigkeiten aus und machten sich sammt ihren + Kindern zuletzt ganz aus der Gegend fort. Dafür starben er + und sein Weib eines jähen Todes, und seine Nachkommenschaft, + die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an + Gliederlähmung.</p> + + <p>So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der + Legende über den durch Verena gespendeten Ehesegen; nicht + besonders mit erwähnt aber ist, dass derselbe herstammt aus + der in dortiger Stiftskirche fliessenden Heilquelle. Man steigt + zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen hinab und + schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es + wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- + und Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders + dienlich sein; auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld + gesprengt und vertilgt das Ungeziefer. Von diesem Umstande + scheint nachfolgende Ortssage zu handeln, die man der Mittheilung + des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, † zu Heidelberg, + verdankt.</p> + + <p>Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann + bei Nacht in das Städtchen Klingnau hinüber, um eine + Ammenfrau herbeizuholen, deren es im damaligen Dorfe Zurzach noch + keine gab. Der Weg dahin geht stundenweit über den sehr + wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen Felsentreppen ersteigt + man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer einzelnen + Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter + Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. + Wer seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, + muss nach dem Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen + Männer her, die man ein knarrendes Wägelchen über + die Waldwipfel <!-- 127 --><a name="Page_127" id="Page_127"></a> + hinfahren sieht, oder die ledig laufenden Rosse, die sich vom + Begegnenden an das Halstuch binden lassen, dann aber zu einer + Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand mehr zu ihnen + emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst + wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, + dichtes Gebüsch ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er + verirrte und statt nach Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu + deren Mündung in den Rhein gerieth. Denn am andern Morgen + fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz oberhalb des dortigen + Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese Erzählung + scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe + zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in + dem fremden Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn + dafür eben fliesst in der Zurzacher Stiftskirche jener + heilkräftige Brunnen. Die hier hinabsteigenden Wallfahrer + dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich schöpfen, + dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden + Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; + letzteres ein Brauch aus der frühesten Zeit des + Christenthums, dem schon Gregorius von Nazianz das Wort redet. So + heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. Gallen geholt, + gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. Grundriss + (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der + Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein + blindes Eheweib wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der + Nivellerkirche geführt und kommt hier zufällig unter + eine der Kirchenlampen zu stehen, welche trieft und des Weibes + Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus Anlass, der + Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch auf + der Stelle sehend.</p> + + <p>Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender + Wirkung besitzt die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. + Dies ist das Verenabad, das von je her ein Freibad gewesen war, + dessen sich Arme und Presthafte unentgeltlich bedienen konnten. + Vormals lag es unter offnem Himmel; <!-- 128 --><a name= + "Page_128" id="Page_128"></a> nunmehr hat es Einwandung und + Bedachung; in seinem unmittelbar über der Quelle gebauten + Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen Platz, + die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt + werden.</p> + + <p>Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin + durch eine Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht + eine Steinsäule errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten + Figur der Heiligen. Junge Ehefrauen, die sich nach einem Erben + sehnen, verschaffen sich hier des Nachts, wenn das verbrauchte + Wasser abgeflossen ist, durch den Bademeister heimlich Zutritt; + sie senken ein Bein in die Röhre hinab, durch die der + Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind der + sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen + Erfüllung ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter + dieses Frauenbrauches erhellt aus der 1578 zu Basel erschienenen, + von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten "Wahrhaftigen und + fleissigen Beschreibung der uralten Statt und Graveschafft Baden, + sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem Ergöw + gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein + abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, + wann ein unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fůss + in dz loch stosse, da dz wasser herfür quillet, es werde St. + Verena bey Gott erwerben, dz sie fruchtbar werde."—Dass + dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter gewesen, lernt man aus + Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom Teich der Frau + Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie + gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die + neugebornen Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda + gleicht also vollkommen der von den Albanesen verehrten + Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge + deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in + der es gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. + Märch. 1, S. 37. Holda hütet die Seelen der Ungebornen + unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt sie als + Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch + <!-- 129 --><a name="Page_129" id="Page_129"></a> für die + gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein + eingehen können, und nimmt die unmündig wieder + Hinsterbenden abermals zu sich in die kristallne Tiefe. Daher + stammt die allverbreitete, überall lokalisirte Sage von den + Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend + herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. + Schon altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum + Preise der geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; + so um 1260 der Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von + der Mutter Gottes sagt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>du bist der gezeichent brunne,</p> + + <p>darin schein diu lebendiu sunne.</p> + </div> + </div> + + <p>Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim + vom Storch fort:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Storch—Storch—Steine,</p> + + <p>Mit dem langen Beine,</p> + + <p>Mit dem kurzen Knie:</p> + + <p>Jungfrau Marie</p> + + <p>Hat ein Kind gefunden</p> + + <p>In dem goldnen Brunnen.</p> + + <p>Wer solls (aus der Taufe) heben?</p> + + <p>Der Gothe und die Göthen.</p> + </div> + </div> + + <p>Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; + jetzt ziert ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, + als auch in den Fängen und zudem auf jedem Flügel je + ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser macht unfruchtbare + Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer, + Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. + 17 bereits verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich + nachträglich noch folgende aargauische anführen. In der + Stadt Aarau war es bis zum Jahre 1812 obrigkeitlich festgesetzt + gewesen, den Stadtbach alljährlich am Verenatag abschlagen + zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen Brunnenstuben + den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser Kleinkinderbach + noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den abgestellten + Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die + gesammte Stadtjugend unter <!-- 130 --><a name="Page_130" id= + "Page_130"></a> Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben + entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Der Bach chunnt, der Bach chunnt:</p> + + <p>Sind mini Buebe-n-alli gsund?</p> + + <p>Jo jo jo!</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Der Bach ist cho, der Bach ist cho:</p> + + <p>Sind mini Buebe-n-alli do?</p> + + <p>Jo jo jo!</p> + </div> + </div> + + <p>In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus + der dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem + Stinkenden Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse + des Ebenberges; in Oberfrick aus dem altverschütteten + Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus dem Stampfelgraben des + dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die + Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der + übrigen Schweiz gehören folgende: der Waldweiher + Dreibrunnen in der toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik + von Wyl 1, 123); der Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri + im Kt. Zug; der Stempbach in Stans, und der Seltenbach in + luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch bemerkenswerth ist, dass + er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau Saelde + trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550.</p> + + <p>Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den + Bekehrern entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände + erlaubten, in Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der + hl. Remaclus vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er + sich hatte huldigen lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und + macht nun auch jene Weiber fruchtbar, die sich in die Fusstapfe + hinein stellen, welche bei der Quelle Groossbek zu Spaa seinen + Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. Dass dieser vertriebne + Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen sein musste, + erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim + beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen + über die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, + <!-- 131 --><a name="Page_131" id="Page_131"></a> Joh. Hasselberg + 1515, 20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen + folgende Theorie. "Die in Seen und Flüssen hausenden Geister + sind wie des Wassers Ungestüm trügerisch, reizbar und + grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so erscheinen sie, wie + es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt gegebnen feuchten + Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon das + Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends + weibliches Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund + <i>Wasserfrawen</i>. Diese lassen sich an Flüssen und + Quellen blicken, kämmen ihr langes Frauenhaar, reden die + Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die Heiligen und die + Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist, nehmen + insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die + männliche, und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner + Geist sich in Weibesgestalt gezeigt habe."—Die + gegentheilige Anschauung greift aber Platz, wenn die Kirche + Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle tolerant zu + sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit dem + lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren + an Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen + Landschaften die geschichtlich ältesten Christentempel + Wasserkirchen heissen und sind. Die zürcherische dieses + Namens ist rings von den Seewellen umspült und in ihrer + Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind + ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und + Rheinau. Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der + hl. Fridolin an, auf derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar + begraben. Alle diese Orte sind altchristliche Niederlassungen, + theils schon aus der römischen, theils aus der + merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste + Insel, deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war + für einen grossen Theil der Weiler und Höfe am untern + See, war schon zur Zeit der irischen Apostel ein Sitz des + Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am + gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena + geweiht. <!-- 132 --><a name="Page_132" id="Page_132"></a> + Schweiz. Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich + bestand bis zur Reformation das kleine Nonnenkloster der + Schwestern von Konstanz, welches hiess zu <i>St. Verena in + Brunngassen</i>; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker + Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur + Froschau.</p> + + <p>Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die + Schirmvögtin der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies + deutlich aus den ihr kirchlich geopferten Gegenständen, + vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen + Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen + bei besondern kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den + krönleinartigen Kopfschmuck der Tschäppelein, chapelet. + Er besteht aus einem mit Seidenblumen und Goldflintern reich + umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den Scheitel + hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines + Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit + Korallen gestickt; es ist so winzig, dass es oben mittels eines + Seidenfadens über das Haar gebunden werden muss. Ist nun in + der Landschaft von Leuggern, das Kirchspiel genannt, ein + Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach Zurzach zu + wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum + Opfer aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die + Haube gekommen zu sein. Erscheinen dann im Herbste die Züge + der übrigen Wallfahrerinnen, so nehmen sie ein solches + Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während ihres + Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen + häuft sich hier an, dass man die veralteten darunter + alljährlich am Charsamstag abnimmt und in dem Osterfeuer, + das vor der Kirche angezündet wird, mitverbrennt. Etwas + Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in dessen + Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von + Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier + nach alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der + Gemeindebann von Jung und Alt umschritten, so dürfen bei + diesem Männergeschäfte die Mädchen allein sich + nicht mit <!-- 133 --><a name="Page_133" id="Page_133"></a> + anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für die + Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich + Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, + die gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur + Dorfkapelle und überhängen damit die + Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem Verenas + Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei + Fuss hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse + erscheint der Sigrist, setzt den schönsten der geopferten + Kränze der Heiligen aufs Haupt und schmückt mit den + übrigen den Grundstein.</p> + + <p>Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man + überhaupt Kunde hat, ist es gerade ihr Gürtel, der sie + als eine die Ehen und Geburten beschirmende Heilige aufs + deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem ehemaligen + schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit + regulirten Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie + er aus dem entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet + sich aus der Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums + Konstanz, das wirklich bis über den Neckar bei Marbach + reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter (Sigprangender + Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird nach + allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. + Des römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf + in Elsass, ist so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur + Welt geboren worden.</p> + + <p>Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und + dessen Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt + sind.</p> + + <p>Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen + Klingnau an der Aare führt über den Achenberg. Auf der + Hochebene dieses beträchtlichen Bergzuges steht umgeben von + tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter Wirthschaftsgerechtsame, + benachbart eine durch den Bischof Sigismund von Konstanz 1062 + eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter + Gottes. Jeden Samstag wird <!-- 134 --><a name="Page_134" id= + "Page_134"></a> hier Messe gelesen, im Monat Mai eine + Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige + Jahreszeit, des Berges wilde Schönheit mit seiner + erstaunlichen Fernsicht ins Hegau und Klettgau hinüber, die + Wunderthätigkeit des Ortes und der den andächtigen + Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann + zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald + hier zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um + hohe Feuer. Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne + nicht` über eine in Felsen gehauene Treppe zu der Schlucht + beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo die Wegscheide in das + Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen + Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken + daheim ein Krüglein voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle + geht folgende Sage.</p> + + <p>Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. + September als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt + hiess, kam ein wenig bemittelter Mann aus dem Städtchen + Klingnau hier bergan gestiegen in der Absicht, seinen Kindern so + wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie auf jener + berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber, + das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen + Leuten daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen + unsichern Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, + traf hier einen ihn freundlich anredenden Mann und theilte ihm + seine heutige Absicht mit. Der Unbekannte verwies ihn an die + Bergquelle. "Schon mancher Andere, sagte er, hat in deiner Lage + hier die leere Hand in den Wassersprung gesteckt und sie + gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, dass + man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng + der Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier + stand wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei + Händen fassen konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes + Unbekannten Wort, Schau nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu + wunderlich vor; noch <!-- 135 --><a name="Page_135" id= + "Page_135"></a> vor dem Kistchen knieend, wendete er mit + blinzelnder Neugier das Gesicht auf, und ach! da hieng gerade + über seinem Kopfe gewaltig sausend ein umrollender + Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück + nach Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten + verstreut, musste sich daheim zu Bette legen und soll bald + hernach an einem Zehrfieber gestorben sein.</p> + + <p>Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm + schwebt die Müllerpatronin Verena und will in ihrer + Mildthätigkeit nicht gesehen sein. Es ist dies zwar ein + öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe Aargau. Sag. no. + 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet er sich + auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe + Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer + Pfarrkirche Verena die erwählte Patronin sei. Man zeigt + dorten mitten im Felde der Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in + welcher sonst eine Quelle entsprang Namens Goldloch und + Verenaloch. Man schrieb derselben die gleiche befruchtende + Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und die Ortssage + fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit + abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng + aus einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von + Büttisholz einst in der Verabredung hieher gekommen waren, + nach empfangenem Goldstücke schnell sich umzuschauen, + erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach einem + Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich, + dass auch die Quelle versiegt war.</p> + + <p>Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 + herausgegeben, berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer + Jurapasses Schafmatt sei schon in ältester Zeit ein Bad + gewesen zur Erquickung der Reisenden, die über diesen + steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die auf + des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die + Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle + gegenüber entspringe das Verenawasser. Ebenso + <!-- 136 --><a name="Page_136" id="Page_136"></a> hat Gabriel + Walser im Kartenblatte Kanton Basel des Homannischen Atlas an der + Schafmatt bei Oltigen angemerkt: <i>Verenaloch</i>; und es ist + dies dasselbe, dessen die Aargauer Sag. no. 1 mit dem + Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den + Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee + fallen, sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen + trägt, wie schon bemerkt worden, auch der Sprudel im Freibad + zu Baden.</p> + + <p>Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der + Nähe der Stadt Zug, gelegen am Fusse des Kaminstals, einer + Berghöhe an der alten Strasse, die nach Aegeri und weiter + nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein herkömmlicher + Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform gebauten + Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und + meldete, der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer + Bischof Müller in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither + ist noch zweimal eine Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des + vorigen Jahrhunderts wurde der Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach + abgesendet, um im dortigen Stift einen Reliquientheil vom Arme + der Heiligen nebst einem Atteste über der Reliquie Echtheit + in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen diese neu + erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. Sept. + 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle + hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und + Doppelhaken". Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden + verkündigen des Ortes Wunderthätigkeit. Unweit des + Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das St. + Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der + Figur der Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem + benachbarten Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl + haben damit die Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie + der Zugerkalender vom J. 1858, welchem diese Angaben entnommen + sind, ausdrücklich berichtet: "Bist du krank und die + Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen nicht + anschlagen, so muss ich dir sagen, <!-- 137 --><a name="Page_137" + id="Page_137"></a> dass in dieser Kapelle wirksam zu beten ist, + besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich + Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu + hören. Auch wird dir den Sommer hindurch so ein kühler + Spaziergang in der Frühe überaus gut thun. Du bekommst + dadurch Appetit und findest Stärkung für deine schwache + Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins aus + ihrem Krüglein einzuschenken geruht."</p> + + <p>Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden + und Herznach errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu + kirchlichen Ehren gesetzt und haben übereinstimmend die + gleichen Attribute: die Heilige trägt in der einen Hand die + Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein, in der andern + hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf + dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal<a name="FNanchor_7_7" + id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7"><sup>[7]</sup></a> + hat in der Rechten statt des Krügleins zwar den langen + Brodkipf, doch gleich daneben, auf der Flügelthüre + dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, hier + aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's + Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das + nichtlesende Landvolk bestimmt gewesen war und statt der + Heiligennamen deren Figuren oder Symbole in kleinen Holzschnitten + giebt. Hier ist unterm 1. September eine aufrecht stehende Katze + zu sehen, die in den Vorderpfoten den langgezahnten zweireihigen + Haarkamm hält und zu Füssen ein geschnäbeltes + Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen + Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige + menschenfreundliche Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege + Anderer so weit widmete, dass sie sogar den Schmuz der + verlassenen Armuth nicht scheute. Daher hebt das von uns S. 108 + ff. mitgetheilte <!-- 138 --><a name="Page_138" id= + "Page_138"></a> mhd. Gedicht 106a den von ihr geheilten Aussatz + hervor:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>auzſetzig behaft macht ſi ſlecht,</p> + + <p>plint, chrump macht ſi gerecht.</p> + </div> + </div> + + <p>In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender + Triumphwagen Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in + den Mund, bereitete ihnen die Betten, kehrte den Boden, + säuberte die Kleider, wusch alte Erbschäden aus und + zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf solche + Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie + dasjenige in der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte + sein Krüglein mit Lauge und seinen Kamm selber mitzubringen. + Die dortige Verena-Bruderschaft, die durch Papst Urban seit 1625 + neu bestätiget worden, ist nach dem dritten Paragraphen + ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen + Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu + verabreichen.</p> + + <p>Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten + Legendenaufzeichnung gleichfalls mit einer besondern + Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden dasselbe einst an jenem + Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals eine + Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die + man hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe + ihrem verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie + darüber erblindete, erschien ihr nachts die Heilige und + sprach: "Noch ist der Steinkrug vorhanden, der mir diente den + Siechen das Haupt zu baden und den Angesteckten die Kleider zu + waschen, daraus wasche dich gleichfalls." Die Frau suchte und + fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus und bekam + das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe + einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet + worden war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung + gehabt; der Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt + schwangere Weiber, sich auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein + Wassergefäss zu setzen, sie würden sonst zu viel + Töchter gebären. <!-- 139 --><a name="Page_139" id= + "Page_139"></a> Ein Stück von diesem Verenakrüglein hat + nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und + dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher + Stift abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu + dessen allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen + Nachbargemeinden: Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, + Rheinheim, Küssennacht, Dangstetten und Bechtisbohl. In der + Krypta der Stiftskirche steht Verenas steinernes Grabmal, ein von + hohem Alter zeugendes, kunstloses Werk; obenauf liegt in + Lebensgrösse gehauen ihr Bild in Matronenkleidung, doch zum + Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in fliegenden Haaren, es + hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der rechten + einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den + Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus + Menschenliebe sich unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als + bloss kirchlich verehrt, sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden + und heisst die Weisse Frau. Das mitten im Marktflecken stehende + Haus zum Weissen Rössli ist ihr Aufenthalt. Aus dem + Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor hohen + Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt + sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült + sie ihr Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges + kehrt sie auf jenen Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum + Weissen Ross auf die dem Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen + Rosse zu beziehen sein wird, erklärt sich auch aus + nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier Gotteshöfe in + der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, welches auf + vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese + verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von + den 80 Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die + Unterhaltung der dazu gehörenden Antoniuskapelle zu + bestreiten und für den Messpriester den Messwein zu liefern. + Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie sonst im + ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese + Höfe ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital + <!-- 140 --><a name="Page_140" id="Page_140"></a> von Fr. 6259 zu + verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus + geistlicher Hand an den Gemeinderath von Reckingen + übergegangen und hat seit dem Jahre 1854 die gründliche + Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene letztere liegt in + demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen Meierhaus das + Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu + gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das + Gebäude, wird darüber zusehends grösser und ist + mit einem male wieder unsichtbar. Bemerkenswerth ist nun hiebei + der angebliche Umstand, dass Frauen niemals das Füllen + erblicken, wohl aber statt dessen eine weissgekleidete Frau, + welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier Ecken + bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die + Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.</p> + + <p>Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich + beisteht, in Franken auf einem Rosse einher kommt, und + Schwangere, welche nähig sind ("übergehen"), einem + Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen (Wolf, + Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im + Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen + Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit + diese Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden + wurde Ross und Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein + gleiches Rüstpferd lässt die Ortssage von + Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige Dorfgeist in + der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. Aargau. + Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen + Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste + des Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, + das Ludwig der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte + er unmittelbar darauf der Kapelle in Grünthal bei + Vilsbiburg, die davon bis jetzt Sattelkapelle heisst. Holland, + Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, 1860, 6.</p> + + <p>Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die + <!-- 141 --><a name="Page_141" id="Page_141"></a> sagenhafte + Verena sich in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden + Wäldchen, das nach einem tief eingeschnittenen Wasserbette + das Tobelhölzli heisst. Am südlichen Waldrande, hart am + Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt dorten eine + schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich + das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber + unschädliche Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist + freundlich, nur will sie in ihrem Geschäfte nicht + gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa + ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss + einen geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. + Anderwärts heisst sie nach ihrem in der Sonne blitzenden + Kamm das Strähl-Anneli, oder nach ihrem buschigen Grauhaar + das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den verzausten + Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem + Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm + durch die Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die + Spitze der Grashalme niederfliessen. Von allen diesen + Erscheinungsweisen berichten bereits die Aarg. Sag. 1, S. 131. + 240 und die Naturmythen S. 139. Einen Silberkamm und eine + Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus Klingnau im + Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt und + gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. + Murer, Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas + Landsmännin gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen + Geschäfte gewidmet, die Haarpflege zu leiten und den Aussatz + zu heilen; somit besass also einst der Aargau zwei weibliche + Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun zwar unsern + ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige + Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- + und Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, + auch das klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und + sprach sich darüber eben so offenherzig aus, wie die + Verenasage thut. Suidas, der zum Namen Aphrodite bemerkt, dass + die Römer ihre Bildsäule mit einem <!-- 142 --><a name= + "Page_142" id="Page_142"></a> Kamme in der Hand vorstellten, + erzählt hiebei: Als einst die römischen Frauen die + Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die + Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur + Aphrodite, ihnen die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten + sie mit einer Bildsäule, die den Kamm trug.</p> + + <p>Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser + Abschnitt schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und + wirklich in der ihr beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem + ihr folgsamen Mädchen das schöne Haupthaar und zugleich + den schönen Schatz. Am 1. September, als dem kirchlich + gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, deren + Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends + katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur + um Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen + auf ein neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen + Tage ist es in jener Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an + allen Köpfen ihrer Kinder eine gründliche Wäsche + abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf + geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen + Haarwuchs. Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, + so gilt folgender Reim:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Chind, bis ietz still und fîn,</p> + + <p>oder es chunnt Frau Vrin,</p> + + <p>die het ne grosse Striegel</p> + + <p>und zert di kech am Riegel.</p> + </div> + </div> + + <p>Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die + Frau Vrin ist also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners + Bair. Sagenb. no. 1282 die lange Agnes, welche die Leute am Bache + mit Bürste und Stahlkamm behandelt, bis Haut und Haar + abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei weis, der neue + scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei + nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich + anmelden solle, und hiefür hat man folgendes + Sprüchlein:</p><!-- 143 --><a name="Page_143" id= + "Page_143"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Ach mî liebi Jumpfere Vre',</p> + + <p>gsehst, i ha kes Schätzeli meh,</p> + + <p>strähl und wäsch mi doch au nett,</p> + + <p>dass mî Hansli Freud ab mer het!</p> + </div> + </div> + + <p>Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter + dem Namen "Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei + unserm katholischen Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein + giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 folgendes Mittel an, die Warzen + (nicht aber die <i>Wanzen</i>, wie Simrocks Mythologie III, 377 + druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der Dreieinigkeit + über die Warzen und spricht dreimal:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Frene, Frene, dorra weg!</p> + </div> + </div> + + <p>In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise + vorsorgende, geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine + Eigenthümlichkeit des weiblichen Geschlechtes ist. Schon + durch seine besondere, vorempfindende Zartheit ist das + Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt. + Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es + sieh mit schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu + versetzen; weil es eine vorherschende Anlage zu besonnener + praktischer Hilfe hat, so übernimmt es freiwillig das + Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es im Einzelnen mit + grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell + als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als + er zu dulden, zu entbehren, auszudauern vermag in Mühen und + Nachtwachen. So erscheint das Weib allen Völkern + während grosser allgemeiner Leiden als eine heroische, + opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in der + Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete + Welt geworden.</p> + + <p>Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen + Charakterzügen Verenas, wie es dem humanen Geiste der + christlichen Lehre gelang, die zum Märchen gewordne Gestalt + einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur + demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", + <!-- 144 --><a name="Page_144" id="Page_144"></a> wie Gelpke + (Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu + entgöttern und zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche + Spuren der Heidengöttin bleiben hinter dem kirchlichen + Heiligenschein immer noch erkennbar, wie denn Verena noch heute + zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um unter + mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten + Büschen und Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude + nachzuschweifen. Kaum würde man dann die Göttin oder + die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie nicht ihren + alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird sie + wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. + Grimm (Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, + und schon die rohe Härte, mit der sie ungläubigen + Missethätern die Strafe zumisst, lässt ihr und ihrer + Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des Zurzacher + Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte + anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens + vom fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner + Blutsverwandten stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, + Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass ein Weib eigensinnig am + Verenentag daheim bleibt und spinnt, während Alles sich in + die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im + fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen + festgeklammert; ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im + Walde holzte, die Axt in der erstarrten Hand fest. + Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern, der an ihrem + Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch + Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich + dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den + mehrfach von Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich + in den deutschen und rhätischen Alpen finden. Sie trägt + in Bünden, Engadin und an der bairisch-tirolischen Grenze + den Namen <i>Verein</i>, gebildet wie die rhätischen + Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 + Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. + <!-- 145 --><a name="Page_145" id="Page_145"></a> Valzena). Eine + solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, + Herbsttage in Tirol, S. 251), eine andere an der + weitläufigen Eiswüste des Selvretta. Hier hat die + "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern Höhlenwohnungen in der + Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist stets + reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, + Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die + Hirten und staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. + Bünden 1, 140. 258. Bündner VolksBl. 1832, 214). Am + namhaftesten aber ist das bekannte Vrenelisgärtli, jenes + weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des + Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der + angeblichen Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden + Matten in ewige Gletscher verwandelt hat.</p> + + <p>Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf + der schriftl. Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer + in zürch. Lunnern, zu verdanken haben. Bei letztgenanntem + Orte im Bezirk Affoltern liegt am südlichen Fusse des Albis + der unheimliche Türlersee, der tiefste im ganzen + Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an + des Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der + Umgegend gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen + und arbeitsrüstigen Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. + Da begab es sich, dass die Leute von Heferschwil, einem Weiler + der Gemeinde Metmenstetten, wegen einer fruchtbaren Gemarkung am + Jungalbis mit dieser Frau in einen heftigen Eigenthumsstreit + geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in ihrem Stolze sich + weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. Mit + Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht + einen tiefen breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied + so ihr Eigenthum für immer vom Gelände der Gegner. Der + Graben war gezogen bis zum Türlersee, es fehlte nur noch der + letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich über ganz + Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste + einer der fahrenden Schüler <!-- 146 --><a name="Page_146" + id="Page_146"></a> die Frau und entführte sie durch die + Lüfte auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier + auf einer weiten grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum + Aufenthalt an und sprach: "Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten + hat sie darnach so lange Zeiten gehaust, bis dieser schöne + Alpengarten endlich sich in eine weite Firnstrecke verwandelte. + Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in der Hand, zur + Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern eingefassten + Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt.</p> + + <p>Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist + rechtsgeschichtlich seit alter Zeit bekannt und trägt in der + Offnung von Borsikon (Grimm, Weisthümer 1, S. 51) den + auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach einer zweiten hievon + handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch. + Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener + Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte + schwur, sie werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb + oder leid. Durch einen kleinen Berg, der zwischen dem See und dem + Weiler liegt, begann sie den Durchstich mit einer Schaufel, so + gross wie ein Scheunenthor. Da erregte Gott einen gewaltigen + Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst von der Erde + fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli.</p> + + <p>So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive + Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die + Neugebornen hervorholen lässt; der Mühlstein, auf dem + sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte, + Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen + Sprudel, die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der + Rheininsel hervor bohrt—verkünden eine + ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh angelegte Gestalt + später ins Satanische umgeschlagen haben würde, + hätte die Kirche sie nicht frühzeitig noch + christianisirt. Statt der Heiligen besässe man alsdann eine + alles versteinernde Hexe; oder statt der demüthig dienenden + Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die der + Unterschlagung beschuldigt <!-- 147 --><a name="Page_147" id= + "Page_147"></a> entspringt, über die ganze Breite des Thales + setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der + jenseitigen Thalwand eindrückt.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_7_7" id= + "Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7">[7]</a> + + <div class="note"> + <p>In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger + Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler + Dorfschaften: Ueken, Zeihen, Denspüren, Ober- und + Niederasp, schliesslich auch Häner am Schwarzwald, ob + Laufenburg.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_2_Abschnitt_4" id="Teil_2_Abschnitt_4"></a> + + <h3>Vierter Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena als Frau Venus.</h4><br> + + <p>Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau + Venus-Vrene des Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, + die Venus- und Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen + Namensvertauschung zurückgeführt auf den + ursprünglichen Mythus.</p> + + <p>Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt + verstorbnen Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im + aargau. Bezirk Baden, auf dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. + Minnig zu Baden in die Feder diktirt. Der Text kommt demjenigen + am nächsten, welcher einst von Stalder in Entlebuch + gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben + und an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, + 240 veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für + seine Sammlung no. 297 C., und nach dieser Fassung sind hier + unten alle Einzelverse unseres Textes besonders bezeichnet, die + mit jenem Stalderischen übereinstimmen. Was die + Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die + schon von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in + Gödekes Deutsche Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis + zur Vollständigkeit aufgeführt.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Tannhäuser war ein junges Bluet,</p> + + <p>Der wot gross Wunder gschaue,<a name="FNanchor_8_8" id= + "FNanchor_8_8"></a><a href= + "#Footnote_8_8"><sup>[8]</sup></a></p> + + <p>Gieng auf Frau Vrenelis Berg</p> + + <p>Zu selbige schöne Jungfraue.</p> + </div><!-- 148 --><a name="Page_148" id="Page_148"></a> + + <div class="stanza"> + <p>Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,</p> + + <p>Chlopft er an a d'Pforte:</p> + + <p>Frau Vrene, wend er mi inne loh,</p> + + <p>Will halte eu'e Orde!</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>"Tannhäuser, i will der mi Gspile ge</p> + + <p>Zu-m-ene ehliche Wib."<a name="FNanchor_9_9" id= + "FNanchor_9_9"></a><a href= + "#Footnote_9_9"><sup>[9]</sup></a></p> + + <p>Diner Gspilinne begehr ich nit,</p> + + <p>Min Leben ist mer z'lieb.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Diner Gspilinne darf i nüt,</p> + + <p>Es ist mir gar hoch verbotte,</p> + + <p>Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet</p> + + <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Tannhauser sass am Figebaum,</p> + + <p>Drunter er war entschlafe.</p> + + <p>Es chunt em für i sinem Traum,</p> + + <p>Er müess uf Rom wallfahrte.<a name="FNanchor_11_11" + id="FNanchor_11_11"></a><a href= + "#Footnote_11_11"><sup>[11]</sup></a></p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wo er in d'Stadt Rom inne chunt</p> + + <p>Wohl unters höchsti Thor,</p> + + <p>Frogt er dem oberste Priester noh,</p> + + <p>Wo in der Stadt Rom wär.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wo er i d'Chille ie chunt,</p> + + <p>Vor'm Pobst thet er sich gneige:</p> + + <p>Gott grüeze eure Heilige, Pobst,</p> + + <p>Mine Sünd will i eu azeige.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Der Pobst het do en düere-düere Stab,</p> + + <p>Vo Dürri war er gspalte:</p> + + <p>"So wenig de Stab meh z'grüene chunt,</p> + + <p>So wenig magst du Ablass erhalte."<a name="FNanchor_12_12" + id="FNanchor_12_12"></a><a href= + "#Footnote_12_12"><sup>[12]</sup></a></p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Und wenn i nümme z'Gnade chum</p> + + <p>Und nümme mag werde bihalte,</p> + + <p>So gohn i uf Frau Vrenis Berg</p> + + <p>Und leben bîn ihr im Walde.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Es goht nit meh als dritthalb Tag,</p> + + <p>So fieng der Stab a z'gruene,</p> + + <p>Er treit es Laub so grüen wie Gras,</p> + + <p>Darzue drei schöni Blueme.<a name="FNanchor_10_10" + id="FNanchor_10_10"></a><a href= + "#Footnote_10_10"><sup>[10]</sup></a></p> + </div><!-- 149 --><a name="Page_149" id="Page_149"></a> + + <div class="stanza"> + <p>De Pobst schickt sine Botten us,</p> + + <p>Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre;</p> + + <p>Er schickt sie us in alli Land,</p> + + <p>Der Tannhuser blibt verfahre.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg,</p> + + <p>Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse</p> + + <p>Tannhuser soll do usse cho,</p> + + <p>Sine Sünde eigen ehm nochg'losse!</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>"Zun-ech usse cho, das chan i nit,</p> + + <p>Do muess i bliben inne.</p> + + <p>Muess bliben bis am Jüngste Tag,</p> + + <p>Dä gohts mer erst, wies cha und mag!"</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Tannhuser sitzet am steinige Tisch,</p> + + <p>Der Bart wachst ihm drum umme,</p> + + <p>Und wenn er drümal ummen isch,</p> + + <p>So wird der Jüngst Tag bald chumme.</p> + + <p>Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,</p> + + <p>Öb der Bart es drittmol umme goht</p> + + <p>Und der Jüngsti Tag well chumme.</p> + </div> + </div> + + <p>Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an + dessen südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des + Bezirks gewesen war und wo Urkunden ausgefertigt wurden, von + denen jetzt noch einige im dortigen Oberlande vorhanden sind, + heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes Berg und Frau + Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter Jungfrauen. + Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich bis + auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, + und wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich + gehörenden Thiergarten "das Thiergetlied vom Vrenesberg" + genannt. Mittheill. des St. Galler histor. Vereines, Heft 4, 198. + Wie aber kommt die hl. Verena an der Stelle der Venus in das + Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses Liedes, wenn ihm + die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm (Myth. 283. + 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene die + Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die + seither weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung + bestätigt.</p> + + <p>Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen + <!-- 150 --><a name="Page_150" id="Page_150"></a> Liede von + Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war + dem Halbgotte Odhr vermählt und von diesem verlassen worden. + Vordem hatte sie wegen ihres berühmten Halsgeschmeides die + Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber empfieng sie den + neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen + Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne + Thränen nach. Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute + sich auf einer Waldhöhe eine Halle, über deren + Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte hier mit + heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg + heisst die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen + Hilfe schaffend; keine Krankheit ist, die sie nicht zu wenden + wüssten." Da kehrte der die Welt durchreisende Odhr nachmals + wieder zurück und sprach zum Wächter des Berges: "Reiss + auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her, + die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss + schuld, doch geh und frag erst Menglöd, ob sie mich noch + liebt?" Da emfieng sie den Langersehnten mit Küssen und + sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag und Nacht nach dir + blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein lieber + Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die + Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem + Tannhäuserliede sind einstweilen folgende. + Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der Freyja-Vrene + weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei allen + Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die + verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden + heilkundiger, hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am + Thore. Der Wächter (der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn + und führt ihn in den Berg. Draussen lässt er den + dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu grünen + fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun + nicht mehr unterbrochne Glück nach der Länge des + Bartes, der ihm dreimal um den Tisch herumwachsen wird. + Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit ewiger Zeit- + und Liebesdauer, <!-- 151 --><a name="Page_151" id= + "Page_151"></a> befragt er jeden Freitag seine Freyja-Vrene, ob + nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur + Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der + sogleich mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen + Eigennamen, fügen wir ein paar Sagenbruchstücke bei, + die zu dem Kostbarsten gehören, was in der letzten Zeit zu + Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es war + eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss + und hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie + war einmal im Himmel gewesen und da von den Sterblichen um Rath + befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, durchzog sie die + ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, brach sie in + ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch + folgenden Reim:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Frû Frîen</p> + + <p>wolle geren frîen</p> + + <p>un konne keinen krien,</p> + + <p>da feng se an de schrîen.</p> + </div> + </div> + + <p>Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen + von einen Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. + Dieselbe um ihren verschwundnen Gemahl trauernde Göttin + heisst in Wolf's Hess. Sagen no. 12 die Huldgöttin, Frau + Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen + sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre + Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass + diese Holl die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich + durch den aufgefundenen Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, + Mythen 295). Freyja selbst ist die von Paulus Diaconus als + Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa, domina) und + lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven + Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um + Halberstadt und Drübeck als Frû Frîen, Frû + Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. 414. 519. Mit + diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der + Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die + oberdeutschen desselben Wortstammes in <!-- 152 --><a name= + "Page_152" id="Page_152"></a> frî, mulier formosa, + entspricht das alemann. Adverb frein, frîn: pulcher, + venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch + artig, hübsch sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem + allzu stürmischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste + Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch. + Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate + übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der + Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. + Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen; + gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und + geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst + irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr + und Venusgräs, norwegisch Mariagras, weil die Schönheit + das höchste Epithet bleibt, das an Göttinnen + hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass + hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und + Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg + (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe + Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen geläufig + und hat darin ihre Berechtigung, dass beide ursprünglich nur + die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und + Herzensherrin eines älteren Göttersystems gewesen sind, + welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und + Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, + die mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und + Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der + Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine familiäre, + wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die + frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein + und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land + und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der + Liebe und Ehe. So urtheilt über die Vanengötter + überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.</p> + + <p>Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die + <!-- 153 --><a name="Page_153" id="Page_153"></a> + angeführten Namen der Göttin, eddisch Freyja, + langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und Frien, oberdeutsch + Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen einer und + derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des + schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau + Venus im Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des + Mittelalters, in denen die Minnegöttin modisch und gelehrt + die frow Venus und ihr Palast der Venusberg hiess, und seitdem + dann auch die theologische Literatur dieselbe Benennungsweise + nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und Hexengeschichten + übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von der + Omeiss 36, lässt die Hexen in <i>Frau Fenusberg</i> fahren; + schon fünfzig Jahre vor ihm nennt Joh. Nider († 1440) + im Formicarius zum gleichen Zwecke den <i>Venusberg</i>, und nach + hessischen Hexenakten von 1628 regiert im Venusberg <i>Frau + Holda</i>. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der Teufel pflegt + gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit + <i>Kröten</i> zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt + in seiner Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im + Tannhäuserliede selber eine Verdammte, von welcher die + Strophe 4 sagt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet</p> + + <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p> + </div> + </div> + + <p>Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die + öffentlichen Frauenhäuser Venushäuser genannt und + nach der einmal vorhandenen Namensverwechslung zugleich auch + Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier Hamburgs mit einem besondern + Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte angewiesen war, heisst + Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. Zu Basel war die + jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder + Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, + das Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess + beiderlei, Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach + in der Gauchmatt (ed. K. Gödeke, S. 151):</p> + <!-- 154 --><a name="Page_154" id="Page_154"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>zuo Basel in der Malentz gassen</p> + + <p>do hat sich fraw Venus nider glassen.</p> + </div> + </div> + + <p>Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer + sonderbar lautenden Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen + die am Verenatag zu Zurzach begangene Kirchenprozession + einzuhalten hat, geht vom Stift zu der ausserhalb des Ortes beim + Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an einer alten Linde + vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen + ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert + worden. An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten + das schon von der ältesten Legendenaufzeichnung + erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen fünfziger + Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne + Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die + untersten Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft + nun nachmals der Landvogt von Baden zur Eröffnung der + Zurzacher Dult im Flecken einritt, erwartete ihn unter dieser + Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen Tanz um den Baum + thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, + gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile + Albrechts, ihres erschlagnen Vaters, das Kloster + Königsfelden bei Brugg erbaut hatte. Gerbert in seiner + Taphographie thut dieses also entstandenen "Metzentanzes" + ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter + die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte + Königsfelden zunächst. So war Verena die Patronin der + Frauenhäuser und Metzen geworden.</p> + + <p>Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch + nicht aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und + Kaiser Friedrichs hernach wiederholte Approbirung nennt schon die + zwei dortigen Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach + Pfingsten beginnend, die andre mit dem zweiten Montag nach + Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd Dult und Messe + genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem latein. + indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern + aus goth. dulds, ahd. tuld, <!-- 155 --><a name="Page_155" id= + "Page_155"></a> das in den Glossen als ein zur Zeit des Neumonds + begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum + entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die + Zurzacher Dult schon mit einem heidnischen Verenafeste + zusammengefallen sein, wie sie hernach mit dem christlichen Feste + daselbst wirklich und ausschliesslich zusammenhieng. Kirchen und + Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht verliehen; die + Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die Elsasser Abtei + Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname Messe. + Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines + örtlichen Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von + zahlreichen Pilgerzügen besuchten Jahrmarkt. Alle + orientalischen Karavanenzüge gehen von einer Tempelstadt aus + oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des + Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im + Worte Messe der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des + Gottesdienstes vereint liegt.</p> + + <p>Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, + welche häute Venus heissen, ist ursprünglich diese + wirklich zu suchen, und es ist bei unserem gegenwärtigen + Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie hierin das + so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt + hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim + Dorfe Eib an der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt + hier auf dem Schlossberge auf dem Venibuck im Veniloch, Die + Eingebornen nennen diesen Ort Venesberg, allein auf dem + lithograph. neuen Steuerblatte steht er bereits als Venusberg + verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das Adelsgeschlecht der + Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb Regensburg am linken + Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt die Venus vor + einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums + 1860, 88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von + Wolkenstein, heisst urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. + Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein Finisloch, + ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. Lynker, + Hess. Sag. no. 152. <!-- 156 --><a name="Page_156" id= + "Page_156"></a> Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar + führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: + Bechstein, Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen + unmöglich alle dem Latein abgesehen sein können, + empfand schon Fischart, der in seiner Uebersetzung von Bodinus + Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei Breisach + berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt + und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im + deutschen Volksliede den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses + wiederum aus jenem abzuleiten. Hier nun ist die richtige + Ableitung folgende. Aus dem romanischen Worte Fee (fatua), ein + weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, bildet sich der mhd. Name + Feine und aus diesem die Pluralform Feenesleute, wie die + Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 heissen. + Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort, + Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht + ins Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die + Waldgespenster pluralisch Fayer, gälisch Fairys. Wird also + der Quarzfelsen auf der Spitze des Feldberges im Taunus + abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und Venusstein + genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als Feen + dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass + sie Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört + jedoch der Name des Grafen Rudolf von Fenis, ein + Minnesänger, † um 1196; dessen Burg beim Bernerdorfe + Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande gelegen ist; sein + und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, ableitend von + latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der + örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.</p> + + <p>Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. + Vrene, die Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke + zur Venus antikisirt, durch die Kirche zur Patronin der + Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur Mutter der + Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen + Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit + <!-- 157 --><a name="Page_157" id="Page_157"></a> denen sie im + Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem + schattigen Lusthain (im Tann) hausende Gemahl heisst eben so + erklärlich Tannhauser. Auf den bairisch-salzburgischen + Ritter und Minnesänger Tannhuser († um 1266) darf, + obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes + Urban ist (der IV. dieses Namens † 1268), schon deshalb + nicht geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn + auch unter anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. + Belege hiefür giebt Grimm Myth. 888.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_8_8" id= + "Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8">[8]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland C.</p> + </div><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href= + "#FNanchor_9_9">[9]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland A.</p> + </div><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href= + "#FNanchor_10_10">[10]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland B.</p> + </div><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href= + "#FNanchor_11_11">[11]</a> + + <div class="note"> + <p>Nach Uhland C.</p> + </div><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href= + "#FNanchor_12_12">[12]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland A.</p> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 160 --><a name="Page_160" id="Page_160"></a> <a name= + "Teil_3" id="Teil_3"></a> + + <h2>III. Gertrud mit der Maus,</h2> + + <h3>die Allerseelenherrin.</h3><br> + <!-- 161 --><a name="Page_161" id="Page_161"></a> <a name= + "Teil_3_Abschnitt_1" id="Teil_3_Abschnitt_1"></a> + + <p>Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den + heidnischen Namen einer germanischen Walküre und + Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr bezeichnet + sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der + Edda genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden + Schlachtjungfrauen. Das altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, + bezeichnet das Mannweib, virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, + die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt, wie unser jetziges + Wort Trude ebenfalls die den Schläfer auf die Brust tretende + Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, bezeichnet. Der + Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen + Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten + Walküre entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird + im Polyptychon Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen + Frauen genannt; ebendaselbst eine Ermendrudis (Dienerin des + Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen Dienerin), eine + Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah, + verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, + Himildrud bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf + den Wolken tanzen, dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei + Graff 5, 522 übersetzt trutari mit saltator, und jetzt noch + giebt der Volksglaube den Truden das Geschäft, in der + Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu + müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden + spinnende Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie + den Speer gegen Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. + Gertrud, <!-- 162 --><a name="Page_162" id="Page_162"></a> gleich + den Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend + dargestellt, auf einem Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu + Rosse sitzend. Wie die eben genannten Göttinnen mit ihrem + Erscheinen die Menschen zum Anbau des Kornes und Flachses + auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die + Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr + den Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja + sich mit Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen + theilt, so wird Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr + Geleitsthier, die nächtlich wühlende Maus, kündet + mit ihrem Erscheinen nicht bloss die Reife der Saat, sondern auch + Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge dessen versöhnt man + die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man die + Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen + Mäuschen bäckt.</p> + + <p>Dies ist der äusserliche Umriss dieser + heidnisch-christlichen Gestalt.</p> + + <p>Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon + ihre älteste Legende in vielfältigen + Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden sind, + die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger + unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in + Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 + erfolgten Todes: A. SS. sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das + brabanter Stift Nivelles, zwischen Brüssel und dem + hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. Gemahlin Ita um + 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als erster + Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, + gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, + erzählt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen + Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier + längere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent + Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben + geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser + Angabe hinzu, dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer + andern Heiligen desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt + <!-- 163 --><a name="Page_163" id="Page_163"></a> habe. Und so + gilt die hl. Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls + Tochter, welcher man dorten die Klostergründungen und + Vergabungen zu Karleburg und zu Neustadt am Main beilegt, ja man + führt daselbst noch eine dritte hl. Gertrud an, welche eine + Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und nachmalige Gattin des + Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von dem allen + ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen + frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und + dass man aus eben dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das + grösste deutsche Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre + frühzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht ausser + Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig + Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im + Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. + Jahrhundert angehört, und das nach ihr benannte + Gertruidenburg am südlichen Ufer der Maas, das auf ihren + Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine + Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall + treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr + gegründeten Kirchen mit den frühesten Anfängen des + Christenthums in Deutschland zusammen.</p> + + <p>Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In + der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges + Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen + aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, 25. In + holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den + Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches + stabil die Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich + als die Patronin der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied + "Sinte Geerteminne" trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. + Wolf, Ndl. Sag. S. 434. Einen gleichen Stab, aber mit einem + Blumenkranz behangen, trägt Gertrudens hölzernes + Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. Panzer, BS. 2, + no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab, + der Blumenkranz als <!-- 164 --><a name="Page_164" id= + "Page_164"></a> das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte + des Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken + spinnend, an welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid + sind Zauberzeichen eingewoben, zwei, Weihrauchfässer + schwingende Engel umschweben sie. Blunschi's Kalender aus der + Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der Krainische Bauernkalender + bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag, durch zwei + Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine + damit correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim + Namensbüchlein (edd. Strobel) lautet:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>so kumet die liebe sant Geretrud,</p> + + <p>die so entschlief in gottes willen,</p> + + <p>und stulen die ratten und miuse ir spillen</p> + + <p>und trugen sie in ir miuseloch.</p> + </div> + </div> + + <p>Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger + Münster gewesen, auf das sich Schilter in seinen Anmerkungen + zu Könighovens Chronik 571 beruft, war der Strassburger + Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, umschwommen von + Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden + in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe + und der Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; + für jetzt seien die landwirtschaftlichen und + bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, die sich an + den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.</p><a name= + "Teil_3_Abschnitt_2" id="Teil_3_Abschnitt_2"></a> + + <p>Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich + knüpfenden Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am + Katharinentage) der Winter, und mit dem 17. März der + Frühling beginnen soll, so ziehen mit dem letzteren Termin + die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei Lasicz: + Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud + lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am + Gertrudentag lauft die Maus den Rocken hinauf und beisst den + Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2, 71. Mit diesem Tage werden + also die Spinnabende eingestellt und es beginnt die Gartenarbeit, + weshalb die Heilige auch als die erste Gärtnerin + <!-- 165 --><a name="Page_165" id="Page_165"></a> verehrt ist. + Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren + Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden + folgende Sprüche;</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Sünte Katherin</p> + + <p>smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn.</p> + + <p>Sünte Gerderut</p> + + <p>tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.)</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Sankt Gertraud</p> + + <p>führt die Kuh ins Kraut,</p> + + <p>das Ross zum Zug,</p> + + <p>die Bienen zum Flug.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Gerdrut</p> + + <p>geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem + Waldeckischen.)</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Sant Gertrud</p> + + <p>Säit Zibelä und Chrût. + (Schweizerisch.)</p> + </div> + </div> + + <p>Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese + Kalenderregeln, wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke + ausdehnt und diese als im Dienste Gertrudens stehend aufweist. + Alle drei werden von der Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist + gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. Merzafülli, d.i. Fohlen; + Gertrudentag fällt auf 17. März und die Bauernpraktika + sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen + guten Frühling.</p> + + <p>Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und + erzählt von ihm folgendes Märchen, enthalten in + Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, no. 2. Christus und + Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer + brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube + trug. Auf Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die + Backpfanne und thats übers Feuer, doch das Bischen gieng + sogleich hoch auf und füllte das ganze Geschirr. Dieser + Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten male + nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe + Grösse, und als nun zum dritten male dasselbe geschah, + sprach das Weib: Ihr müsset ohne Almosen gehen, + <!-- 166 --><a name="Page_166" id="Page_166"></a> all mein + Gebäcke wird zu gross für euch! Zur Strafe + verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der + noch ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als + sie zum Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie + nach Futter in die Baumrinde.—Dieselbe Sage in deutscher + Version lautet bei Simrock, Myth. 3, 23 also: Christus gieng an + einem Beckerladen vorüber, wo frisches Brod duftete, und + sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu erbitten. + Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren + sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. + Dafür sind diese zusammen als das Siebengestirn an den + Himmel versetzt, der Becker aber ist zum Kukuk geworden. In + Prätorius Weltbeschreibung und darnach in Grimms Myth. 641 + wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur theuern + Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott den + Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei + gerufen: Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen + Raubvogel verwandelt, der unaufhörlich dieses Geschrei + wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt hierüber folgende + Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe ein + Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer + dafür, als man auf des Kindes flache Hand hinzählen + könne. Das Büblein gieng darauf ein und machte sein + hingestrecktes Händchen immer hohler und schmaler. Da die + Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden wollte, + noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu + suchen, so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So + flieg und ruf Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.</p> + + <p>So wird hier der Specht, ursprünglich ein + nahrungsspendender Bote Gottes, ein die Nahrung hartherzig + verweigernder Theuerungsgeist und geht in die Gestalt des + gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über. Daher + heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer + verwünschter Beckerknecht und trage davon sein fahles, + mehlbestaubtes Gefieder. Dies besagen die nachfolgenden + Kindersprüche:</p><!-- 167 --><a name="Page_167" id= + "Page_167"></a> + + <p>Kukuk stahl Weggen.<a name="FNanchor_13_13" id= + "FNanchor_13_13"></a><a href= + "#Footnote_13_13"><sup>[13]</sup></a>—Kukuk, + Beckenknecht!<a name="FNanchor_14_14" id= + "FNanchor_14_14"></a><a href= + "#Footnote_14_14"><sup>[14]</sup></a>—Kukuk, + Speckbub!<a name="FNanchor_15_15" id= + "FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15"><sup>[15]</sup></a>—Kukuk, + schniet Speck up!<a name="FNanchor_16_16" id= + "FNanchor_16_16"></a><a href= + "#Footnote_16_16"><sup>[16]</sup></a>.—Der Gugger uf em + dürre Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.<a name= + "FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href= + "#Footnote_17_17"><sup>[17]</sup></a> Der Sauerklee, Oxalis + acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf + ertönt, heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen + Schweiz Guggerbrod, franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, + romansch paun e caschöl cucu (Butterbrod), und weil seine + säuerlichen Blättchen von den Kindern genascht werden, + auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das Brod, + 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) + heissen Guggichbrödle.</p> + + <p>Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und + Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter + Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und + Speckwähen benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, + weil er nur so lange seinen Ruf ertönen lässt, als die + Brütezeit dauert und er die Eier andrer Vögel + aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die + Reife der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, + in seiner Gier für buntgesprenkelte Eier an und frisst deren + so viele, dass ihm die Stimme verfällt und er nur noch + heiser ruft. Die Sage von der durch ihn erregten Theuerung + knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen + und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die + oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei + langem Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. + 2, no. 285. Er soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am + Himmel steht, in welches jene Beckerin mit ihren Töchtern + verwandelt ist; das ist bis Ende Juni. Die appenzeller + Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne abwärts + gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts + <!-- 168 --><a name="Page_168" id="Page_168"></a> gönd, + schlôt 's ûf. Hält der Vogel diese Frist nicht + mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen Opfer er selber + zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Am achten des Aprils,</p> + + <p>da soll der Kukuk kommen;</p> + + <p>Kommt er am achten nicht,</p> + + <p>so ist er todt oder gefangen.</p> + + <p>Kommt er am zehnten nicht,</p> + + <p>so hängt er gefangen im Zaun.</p> + + <p>Und kommt er am zwanzigsten nicht,</p> + + <p>so ist er gefangen im Korn;</p> + + <p>Und kommt er am dreissigsten nicht,</p> + + <p>so ass ihn der Hirt mit Polenta.</p> + </div> + </div> + + <p>Weil mit des Kukuks zeitgemässem Erscheinen zugleich der + Anbau in der ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in + schwäbisch Mundingen Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. + Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und daraus erklärt sich + vollständig der Schwabenstreich des Städtchens + Haiterbach, welches gegen die verspätete Ankunft des Vogels + Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller + Spruch bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grüene + Haber schnelle (anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden + her, so bringt er in Zürich einen sauern Wein; fliegt er den + Wohnhäusern zu nahe, eine Jahrestheuerung (Gessner's + Thierbuch, Von den Vögeln LXXI). Hält er den richtigen + Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um + Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er + beides bis in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft + ihm der Schwabe zu, in Meiers Kinderreim. no. 87:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Schrei sie mir in Deckelkräbe</p> + + <p>Wie viel Jahr darf ich noch lebe?</p> + </div> + </div> + + <p>Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie + Specht und Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die + Lebensdauer verkündendes Thier ist und im Dienste Gertrudens + gestanden hat;<a name="FNanchor_NACHTRAG_4_25" id= + "FNanchor_NACHTRAG_4_25"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_4_25"><sup>[Nachtrag 4]</sup></a> man ruft + ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f. + Myth. 3, 222):</p><!-- 169 --><a name="Page_169" id= + "Page_169"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Kukuk, Kukuk, Gerderut:</p> + + <p>stäck dîne vêr Hörns herut!</p> + </div> + </div> + + <p>Um so besser stehts um das berufende Kind, je pünktlicher + ihm die Schnecke ihre vier Fühler zeigt; es erkrankt, wird + kreuzlahm, wenn es in die Fühler zwickt. Alemann. Kinderl. + S. 97. Aus Göthes Lied Frühlingsorakel ist die Sitte + allbekannt, nach der Zahl der im April gehörten ersten + Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und der + Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass + man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine + Weissagung ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, + westfälisch der Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs + Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht man:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gugguger im Sessel,</p> + + <p>Gieb mir dein Geld zu lesen,</p> + + <p>Will dein Geld dir wieder geben,</p> + + <p>Sag, wie viel Jahr thu ich leben?</p> + </div> + </div> + + <p>Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. + In Sommers Thüring. Sag. no. 9 kommt in den Zwölften + unter wunderbarem, weit vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die + Luft geflogen, welche die Gestalt einer gewöhnlichen Taube + hat, aber an ihren Füsschen ein kleines Schilfstühlchen + mitträgt, das sie, wenn sie müde wird, auf den Boden + stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berührt die Erde + nie, wo sie aber das Stühlchen hinsetzt, da grünt und + blüht es im folgenden Sommer am schönsten und + fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikönigtages wird die Taube + wieder zur Frau. Hier ist der Frühlingsbote, Kukuk oder + Taube, die ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg + die Göttermutter, die nach Paulus Diaconus Frea heisst und + neben dem Gemahl Gwodan auf dem goldnen Thron in Walhalla sitzt. + Als Frühlingsgöttin steht Freyja-Frigg der grossen + Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai + Vrymänd. Compte rendu, Bruxelles 1843.</p> + + <p>VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, + 243.</p><!-- 170 --><a name="Page_170" id="Page_170"></a> + + <p>Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu + rufen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gugger uf em grüene Ast,</p> + + <p>Du, mi liebe, schüeche Gast:</p> + + <p>Gugg mer doch, bis au so guet,</p> + + <p>Wie mängis Jahr no han i z'guet?</p> + </div> + </div> + + <p>Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und + auf den Sack schlägt, dem geht es das Jahr über nicht + aus, eine Volksmeinung, von welcher der Berner Volksdichter G.J. + Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar also reden + lässt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack</p> + + <p>u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),</p> + + <p>dass i kei Batze by mer ha,</p> + + <p>jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"</p> + + <p>Un Aenni lost und fraglet di:</p> + + <p>Wie mängs Jahr ächt no leben i?</p> + </div> + </div> + + <p>Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der + Zürcher Chirurg Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, + Zürich 1646, 13: "Vnd da der guckguck Fünffe + herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb + anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. + Sie fiel aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum + sterben sich zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht + dran, dann der guckguck hette jhren anders verheissen. Vnd ob es + gleichwol mit jhren auff dem letzten gepfiffen, bliebe sie doch + jmmer auff jhrer meinung und als sie jetz kein wort mehr reden + kondte, streckte sie noch fünft finger auff, andeutende, + dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben + habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"</p> + + <p>Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, + sagt man, der hört auch den Kukuk nicht mehr; was man + verwünschen will, das soll des Kukuks werden, sich zum Kukuk + scheren. Der die Lebensdauer weissagende Vogel wird also damit + zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache bringt den Tod + ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der Trauer + gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem + Glauben <!-- 171 --><a name="Page_171" id="Page_171"></a> + verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet + daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele + Kukuke abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, + und von einem Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, + wird erzählt, dass es nie mehr habe den Kukuksruf hören + können, ohne nicht in heftiges Weinen auszubrechen. + Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. 317. + Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos + Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino + beim Frühlingsbade ertrunken, im nächsten + Frühjahre:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Aelter wird mein Ellenbogen,</p> + + <p>Schwächer wird mein Handgelenke,</p> + + <p>Ja, der ganze Körper zittert,</p> + + <p>Wenn des Kukuks Ruf ich höre!</p> + </div> + </div> + + <p>Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem + ältesten Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk + Zywie und war ein verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum + hunc universi moderatorem transfigurari in cuculum. Myth. 643. + Dasselbe behauptet auch das griech. und römische Alterthum + vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und eine Säule + dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus der + Zeus (Πῖκος ὁ + Ζεύς), und ebenso hatte er nach + altrömischer Mythe die ausgesetzten Zwillingssöhne des + Mars, Romulus und Remus, aufgeässt und hiess davon Picus + Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein Name "der + Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte + Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und + Gefängnisse aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine + Jungen mit ihr zu füttern, lässt er sie von dem Baume + fallen, unter den man ein rothes Tuch breitet. Wer sie dann in + den Mund nimmt, versteht aller Vögel Sprache. Wie Zeus sich + in den Kukuk verwandelt und sich auf den Scepterstab der Here + setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab weissagend gesessen + haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem + Springwurzel, <!-- 172 --><a name="Page_172" id="Page_172"></a> + theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in Gold. + Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens, + der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. + spechtes-hart), welcher der Schauplatz war von Gertrudens + Thätigkeit in Ostfranken, und so heisst das Thier mit + wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.</p> + + <p>Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie + dämonische sind, aus Glücksboten sich in vorahnende + Todesboten verkehren, so geschieht dies vornemlich mit Gertrudens + besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die Seelen der Abgeschiedenen + werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich da entweder in gute + oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche erscheinen sie + hierauf wieder als schädigende oder als bescherende + Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung + nehmen wir nunmehr in Ausführung.</p><a name= + "Teil_3_Abschnitt_3" id="Teil_3_Abschnitt_3"></a> + + <p>Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und + Valfreyja die in der Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben + nach älterem Kirchenglauben die Seelen der Abgeschiedenen + ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu nehmen. Hievon handelt + eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm Myth. 54 citirt: + Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc prima nocte + pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum archangelis, + sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. Erweitert + findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's + niederd. <i>Spegel</i>, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- + und Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de + Seele vth dem Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge + hebben by S. Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke + gemeinlyken vor de Döre der groten Stede gebuwet syn; und + darnâ moth se ůuer dat Leuuer-Meer. Dieser hier das + Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin schon + erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den + Bischof Wilderolf und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in + der Sage von Hattos Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon + <!-- 173 --><a name="Page_173" id="Page_173"></a> später. + Gertrudens Kirche und die von den Geistern darin abgehaltene + Todtenmesse spiegelt sich ab in der Nürnberger Sage von der + Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, an dem dieser + Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe verhehlt + hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe + und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen + nach diesem letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die + Wittwe Imhof vor Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier + aber befiel sie der unheimliche Eindruck, als wären statt + der Gemeinde und Geistlichkeit lauter Verstorbene versammelt. Als + sie nun, um anzufragen, aus ihrem Stuhle trat und eine vor ihr + knieende Jungfrau leise auf die Schulter klopfte, erkannte sie in + dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin Gertraud. Auf deren + Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie ihren Mantel + vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins + Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar + gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. + no. 1147. Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen + Nürnberger Patrizierin geworden, welche über das stumme + Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, allein Auskunft zu geben + vermag, deren Herzenszug aber noch immer die Liebe ist zu dem + ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre + liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde + Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die + Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen.</p> + + <p>Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie + erscheint als Weisse Maus. Müller-Schambach, + Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas. no. 7. 264. + Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche + abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie + sei ein Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu + sterben, zu mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse + einer Maus zusammenschrumpfte und unter einem Glaskästchen + in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. Bechstein + <!-- 174 --><a name="Page_174" id="Page_174"></a> DSagb. no. 212. + Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen Seher Tiresias, + der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und nach + seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork, + Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust + schildert das plötzliche Ende der gespenstischen + Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang ein weisses + Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden + sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen + aufgestellte Feldmauser drei weisse Mäuse fängt und + tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine weisse Maus + quält, dem fressen die übrigen das Korn von der + Schütte. Vor der französ. Invasion 1798 waren im + Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, wo die Schildwache stand, in + jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse Mäuse zu + erblicken, die man für zwölf verwünschte + Rathsherren hielt; so erzählt uns die Bauernfrau Schenker + aus solothurnisch Däniken.—Weisse Mäuse, + berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem + Lande eine Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein + Lager zwischen den Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit + ihnen das Glück des Hauses sterbe. Ein Nest weisser + Mäuse zu finden ist nur Sache eines Sonntagskindes. Auf + Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und lässt + man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das + Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus + zertritt, der führt den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. + Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, von dessen Ausfall man + träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen Tod + drauf erfolgt (Aargau).<a name="FNanchor_18_18" id= + "FNanchor_18_18"></a><a href= + "#Footnote_18_18"><sup>[18]</sup></a> Dem Aberglauben gelten auch + die rothen Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer + in Obermumpf vermochte einem mit offnem Munde Schlafenden als + rothes Mäuschen <!-- 175 --><a name="Page_175" id= + "Page_175"></a> bis ins Herz hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. + 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der niederd. Pfarrer + Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists + nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, + die Seele des Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man + schlafe, aus dem Munde heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen + von in Gestalt der Mäuse auswandernden Seelen wollen wir nun + folgen lassen.</p> + + <p>Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über + der Arbeit entschlafen ist, kommt ein <i>rothes Mäuschen</i> + zum Munde heraus und geht durchs offenstehende Fenster davon. Ein + mit zuschauendes Dienstmädchen rüttelt die Schlafende + von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können. Das + Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach + der vorigen Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. + Nun aber erwachte die Schlafende nicht wieder, sondern blieb + todt. Grimm, DS. 1, S. 335. In Gestalt eines <i>weissen + Mäuschens</i> kommt der Alb durchs Schlüsselloch ins + Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche + vorsorglich schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden + gebreitet hat, legt es nun, da sie ihn stöhnen hört, an + den vier Enden zusammen, thuts in die Schublade der Kommode und + lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben Stunde + war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und + sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der + Sohn, der seit dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten + zufällig den Schlüssel von der Schublade abzog, worin + jenes Tuch lag. Sogleich schlupfte ein weisses Mäuschen + durchs Schlüsselloch und lief zur Thür hinaus. + Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen + wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den + Mund der Leiche gelaufen kam, diese öffnete die Augen und + gehörte wieder dem Leben an. Wolf, Hess. Sag. no. 95. + Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag. no 40. In + gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen + geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat + er das <!-- 176 --><a name="Page_176" id="Page_176"></a> + Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er + statt der Maus ein wunderschönes Mädchen splitternackt + hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. 96. Kuhn, Westfäl. Sag. + no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem Harze seinen + Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus seinem + Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten + Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. + Alsdann wachte der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog + rasch seinen Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er + nie vergeblich, denn sicher hatte er jedesmal durch die Maus + Nachricht erhalten, dass die Knappen falsch gearbeitet oder gar + die Grube verlassen hatten. Pröhle, Harzsagen 1, S. 68. Die + Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der Mittagsrast + einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich einer + Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein + zugelaufen und will hinüber. Der zuschauende Knecht legt + sein entblösstes Schwert wie eine Brücke über den + Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet. + Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die + vorige Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht + sein Schwert weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, + das Thierlein kam herüber, näherte sich dem Schlafenden + und kehrte in seine vorige Herberge ein. Als die Spiessgesellen + den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe begegnet, + antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und + hellig von wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf + dem Wege musste ich zweimal über eine eiserne Brücke. + Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als Wiesel fährt die Seele + eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. Sag. no. 98. Der + Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von Paulus + Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, + dessen Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des + Schlafenden Munde kommt, auf einem Schwerte den Bach + überschleicht, in einen Berg schlieft und rückkehrend + über die nämliche Schwertbrücke in den Mund + <!-- 177 --><a name="Page_177" id="Page_177"></a> des Königs + zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse + mit Eisenbrücken geträumt und im hohlen Berge den Hort + der Ahnen erblickt zu haben. Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. + 433).<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href= + "#Footnote_19_19"><sup>[19]</sup></a> Einige ähnliche Sagen + aus Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. + Die ausfahrende Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, + zumal geflügelter. Aus dem Munde schlafender Hexen bricht + eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. 408), eine Hummel, Wespe, + ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, und Vonbun, + Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden + und umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit + Geister, so können sie sowohl Segens- als auch Rachegeister + werden, den Freund beschützen und den Feindseligen + vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den + Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei + hier wiederum vorangestellt, um zum historisch Wichtigen + emporzuführen. Unser übelverstandner Ausdruck maustodt, + anstatt mhd. murztot, holländ. morsdood, spielt auf Maus und + Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause auf den Tod des + Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird + es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der + Zimmerwand, so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so + betrifft den Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an + seinem Kleide, so stirbt dieser bald. Verlassen sämmtliche + Mäuse mit einem Male das Haus, so ist dies mit Aussterben + bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom. Landolt, + Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:</p> + <!-- 178 --><a name="Page_178" id="Page_178"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Der Aberglaube redt re noh,</p> + + <p>(Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh,</p> + + <p>Glaubt' i's, i müesst mi schäme):</p> + + <p>Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz,</p> + + <p>Geb's i dem Hus en andre Tanz,</p> + + <p>Das heisst, es g'hei bald z'säme.</p> + </div> + </div> + + <p>Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen + Krieges, als sie die Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den + Tod des Feldherrn Carbo, als sie dessen Schuhriemen zerbissen. + Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, 82. Als die + Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons + Götzentempel aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der + Beulenpest und ihre Felder mit dem Mäusefrasse (percussit + inimicos in posteriora. Psalm 77, 66). Nach sieben Monaten + lieferten sie die Arche wieder zurück und übersandten + dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf + goldne Mäuse und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl + der mit der Doppelplage heimgesucht gewesnen philistäischen + Landschaften. 1. Sam. 6, 4. Aehnliche Sühnbilder sind dem + ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der Priesterkönig + Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine + Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot + 2, 141. Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der + phönizischen Ceres zum Sühnopfer gebracht. Welcker, + Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen und im + äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine + Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil + und der Maus dar, sowie auch eine Münze von Metapont die + sechszeilige Gerstenähre zugleich mit der Wanderheuschrecke + und der Maus aufweist. O Heer, Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst + Athene, wie man sie auf Gemmen dargestellt sieht (Tassie no. + 1585), trägt die Maus auf dem Brustharnisch oder auf der + Schulter. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 22. In + allen diesen Sinnbildern ist mithin die Pestseuche an den + Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die + agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus + dargebrachte Opfer an und heben die herschenden Uebel + <!-- 179 --><a name="Page_179" id="Page_179"></a> auf, indem sie + die Mäuse vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber + auch durch die hl. Gertrud gewährt, welche, indem sie die + Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen abwendet. So lange + schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu baierisch + Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die + Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die + allbekannte Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie + die Geschichte von der magischen Pfeife knüpft, mit deren + Tone die Mäuse vertrieben werden, und hiervon noch + später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen Erntenudel + wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner + Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der + Bezauberten Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula + Hamelensis nacherzählt. Als die Stadt Hameln a.d. Weser im + J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und Ratten geplagt war, die + alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem fremden Mann + überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen + Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife + hervor und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den + Hauswinkeln, Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und + folgten ihm zur Weser. Er trat sein Kleid aufschürzend in + den Strom, die Thiere ihm nach und ertranken. Nach verrichteter + Sache begehrte er den bedungenen Lohn. Allein die Bürger + waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am folgenden + Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war + purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und + nun spielte er eine andere, von der gestrigen weit verschiedene + Pfeife. Da liefen ihm binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt + zu, vom vierten bis zum zwölften Altersjahre, die + führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des vor dem + Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem + wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen + weit unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten + erst wieder ans Licht geführt; denn seitdem spricht man in + diesem Lande niedersächsisch.—So <!-- 180 --><a name= + "Page_180" id="Page_180"></a> lassen sich auch in Wolfs Hess. + Sag. no. 14 die Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles + Gewitter, durch einen Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie + ihm aber den Lohn dafür vorenthalten, ist der Ameisen- und + Grillenregen nebst dem Mäuseheere wieder da. Von neuem wird + der Mann berufen, nun kommen jedoch auf seinen Pfiff alle Schafe + und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, und zuletzt alle + Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben verloren.</p> + + <p>Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe + Drancyles-Nouis lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch + Angionini mit dem Erbieten erschien, den Ort von seinen Ratten + und Mäusen zu befreien. Er lockte alle diese Thiere in einen + Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den versprochnen Lohn + vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle Zuchtthiere + des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn + sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. + 392. Die Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die + Mäuse, weil sie Geister sind, nur dem magischen Ton der + Pfeife gehorchen und damit hinweggelockt werden. Wie man mit der + Bastpfeife im Frühling den Fruchtkeim in die Pflanze zu + blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); wie der Seefahrer dem + Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende Maus werde durch + sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du singst mir + alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit + singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich + folgenden Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte + schneidet man ein Pfeifchen und umgeht damit blasend am + Charfreitag das Haus, oder man hängt dem gefangnen Thiere + ein Glöckchen an und lässt es laufen; es springt aus + dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d. + Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben + Zweck hatten die Pfeifchen im Schweife der hölzernen + Spielrösschen und die thönernen, die man an der Stelle + des Schwänzleins in <!-- 181 --><a name="Page_181" id= + "Page_181"></a> die Erntenudel der gebacknen Mäuschen + steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt die + Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch + Weingärten; die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre + Umschrift lautet nach Sauten (Kloster Weingarten, 1857, 48):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.</p> + </div> + </div> + + <p>Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn + Bischof Hatto in seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei + lebendigem Leibe gefressen wird, weil er bei einer Hungersnoth + die Armen unter dem Vorgeben einer Brodvertheilung in eine + Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und der Sterbenden + Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine + Mäuse pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit + bei den Unterthanen wird nebst der eben berührten Sage von + Trithemius in der Hirsauer Chronik 1, 116 erzählt und zur + Unterstützung dieser Begebenheit, wie es scheint, dorten S. + 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über + einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer + am thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg + Güttingen soll sich desselben Frevels schuldig gemacht haben + und ebenso von den Mäusen aufgefressen worden sein. + Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es haben W. Menzel (Odin + 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, 307), und + jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo + Smintheus, S. 78 ff.) über diesen Mythus und dessen + zahlreiche Sagen gehandelt, in der Erklärung desselben aber + sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein zweifelhafter sein. + Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und damit + die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte + Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen + mit Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn + in Gestalt der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der + gemeinsamen Seuche erliegt. Mäuse werden daher Gottes + Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder Seuchenzeit einstellen. + Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den + <!-- 182 --><a name="Page_182" id="Page_182"></a> Irchelberg + flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer + gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. + Zur Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine + stehende Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch + Mäuse gehext habe. Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die + gegen jeden Flausenmacher gebräuchliche Phrase: Mach mir + keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und will sich + nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes + Bürgergeneral, 9. Auftritt.</p> + + <p>Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder + besuchende Seele hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man + mit den Fingern über die Brust des Kindes hinauf tippt, + sprechend:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Kommt ein Mäuschen,</p> + + <p>will ins Häuschen,</p> + + <p>da 'nein, da 'nein!</p> + </div> + </div> + + <p>Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit + verpflichtet zu sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu + sollen. Bei dem Prozesse, welchen die tiroler Gemeinde Stilfs + 1590 gegen die Schädigung der Lutmäuse beim Amte Glurns + anhängig machte, erhielten beide Parteien ihren Procurator, + das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt, für + Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der + Beschluss lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 + Tagen den Landstrich gänzlich zu verlassen, jedoch unter + freiem Geleite gegen Hund, Katze und jeden andern Feind; "wo aber + ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre, oder Jugend + halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein + weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, + Sag. no. 708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu + Autun 1540, welches die Mäuse als Saatenverwüster + anklagen und verurtheilen liess; der Mäuse Anwalt jedoch, + Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des Pariser + Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch + nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen + durch Hunde und Katzen unsicher <!-- 183 --><a name="Page_183" + id="Page_183"></a> seien; füglich auch nicht erscheinen. + Diebolt, Histor. Welt, 1715, S. 1117.</p> + + <p>Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten + Ernteopfern, findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier + geknüpften volksmedizinischen Bräuche, deren + allverbreiteter gleichfalls auf ein Opfer hinausläuft. + Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den Wechselzahn ins + Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen, dessen + Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt + wird.<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href= + "#Footnote_20_20"><sup>[20]</sup></a> In Pforzheim spricht man + (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da hast du einen + hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.—In + Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein + Steindel.—Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen + Zahn, gieb du mir einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. + 34. Im Aargau heisst es (Alemann. Kinderl. S. 338):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Müsli, Müsli, nimm de Zah,</p> + + <p>gim-mer en schöne goldige dra,</p> + + <p>frei en schöne wîsse,</p> + + <p>ass ech's Brod cha bîsse.</p> + </div> + </div> + + <p>Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter + nicht selber verschluckt, hoch gegen Himmel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Seh, liebe Herrgett, en Zah!</p> + + <p>Gieb mer wider en andre dra.—</p> + </div> + </div> + + <p>In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht + beim Schneidezahn:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Se, Mäusle, has du dean Za,</p> + + <p>sez mer derfür en andra na!</p> + </div> + </div> + + <p>Beim Mahlzahn heisst es:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wolf, Wolf, da has en Za,</p> + + <p>gi mer derfür no koen Biberza!</p> + </div> + </div> + + <p>Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. <i>Biber</i> ist + schwäbisch Name des wälschen Hahns (Birlinger, + Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass mir den Zahn + nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein altarabischer + Spruch in <!-- 184 --><a name="Page_184" id="Page_184"></a> + Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den + Schichtzahn gleichfalls der Sonne:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Liebes Kind, nimm deinen Zahn,</p> + + <p>Der dir ausgefallen,</p> + + <p>Wirf ihn zu der Sonn' hinan,</p> + + <p>Sprich mit frohem Lallen:</p> + + <p>Gieb mir einen bessern dran!</p> + + <p>Und du wirst von allen</p> + + <p>Neuen Zähnen keinen Zahn</p> + + <p>Schwarz und schief und stumpf empfahn,</p> + + <p>Sondern jeden wohlgethan.</p> + + <p>Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.</p> + </div> + </div> + + <p>Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, + Lichtalfenheim, zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der + Zahn ist also eine Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste + Milchzahn heisst in Süddeutschland Wölfle (Alemann. + Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden dem zahnenden Kinde + umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht auf den + Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr + zum Opfer fällt.</p> + + <p>In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 + lässt sich die Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald + einen goldnen, bald einen silbernen einsetzen, besiegt darauf + ihres Vaters Feinde, befreit das Land und wird des fremden + Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn wirklich in Gold + gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst anderen dahin + einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten + Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. + Der hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in + Höhlen wohnenden Thieres soll auch dem jungen Menschen zu + Theil werden, wenn er seine Zähne in den Boden säet; + darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die Zähne des + erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen + erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den + Schneidezahn wirft man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, + heisst es; der erste Zahn heisst in Süddeutschland + Wölfle, und wölfen ist <!-- 185 --><a name="Page_185" + id="Page_185"></a> zahnen: Aus Wolfs- und Rosszähnen bestand + die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst umhieng, und + selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den + Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des + Bären und Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als + Amulette getragen zu werden. Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft + 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz bei Plinius überein + HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden zahnenden + Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung + angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen + Zahnschmerz. Weil die Maus Alles benascht, streut man dem + naschenden Kinde heimlich eine gepulverte Maus auf die Speise, + damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. Höchst + auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von + welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen + hat. Das Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von + Angers (Poenitentiale Andegavense) schreiben dem Priester vor, + die Frage an sein Beichtkind zu stellen, ob es von dem + zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen habe: edisti de + liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das Verbot + gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern, + darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den + Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen + Kirchenvisitation strenge Nachforschung hierüber + anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die Unsitte bis heute + fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel gegen + Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden + muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, + welches von Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach + neuerlich angestellter Analyse aus pulverisirten Mäusen. + Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die uns persönlich + umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien + dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus + zu trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch + irreleiten, dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, + welche <!-- 186 --><a name="Page_186" id="Page_186"></a> den Harn + nicht verhalten können, gepulverte Mäuse unter der + Speise zu essen verordnet; denn diese Heilmethode gründet + sich auf ein blosses Wortspiel und steht nicht in entfernter + Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, dämonischen + Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit + Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die + Muskelschwäche am Halse der Harnblase durch eine + eingenommene Maus zu heilen, da latein. musculus beides ist, + Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin nahm nicht bloss + diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran + geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides + ursprünglich unter dem Einflusse der wälschen + Universitäten zu Padua und Montpellier stand. Peter + Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie + des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und + schreibt daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) + wörtlich nach: "Das Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das + Mäusslin, so umb den Hals der Harnblasen herumbliegt, + verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht mehr gehorchen + kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck und + pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist + kumpt durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", + schreibt der Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, + Zürich 1554, Blatt 126b; Johann von Muralt lehrt in seinem + Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: "Wann die junge Kinder so + hart verstopft, also dass jhnen der Leib auflauft, so gib jhnen + ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."</p> + + <p>Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, + Realwörterb. 3, 125, der schon vorhin erwähnten Stelle + l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die dorten enthaltenen + Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen + stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür + bedeutet.</p> + + <p>Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der + Wurzel mûsch, stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn + das indische Gesetzbuch Yajnavalkya III, 214 (übers. + <!-- 187 --><a name="Page_187" id="Page_187"></a> von Stenzler) + zustimmend besagt: "Eine Maus wird der Getraidedieb sein, denn + wie die verschiednen Gegenstände sind, so sind auch die + Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen + Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet + stehlen. Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt + Plautus in den Gefangenen den Schmaruzer sagen. In des Hieron. + Bock Teutscher Speisekammer, 1555, sagt das Vorwort:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Mein frischgebachen brot</p> + + <p>muoss leiden vil der not</p> + + <p>von hunden vnd von katzen,</p> + + <p>von meusen vnd von ratzen,</p> + + <p>zerhülchen's, schliefen drein,</p> + + <p>wolt, sie schwimmen im Rhein!</p> + </div> + </div><a name="Teil_3_Abschnitt_4" id="Teil_3_Abschnitt_4"></a> + + <p>Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit + ältester Zeit für bestimmte Zeitfristen allgemein + beobachtete Ueblichkeiten fest, durch die man dem + schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen glaubte, + indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in + deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in + unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um + Weihnachten und Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre + Julzeit, halten (Volksglauben in der Mark), oder wo nach + oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren Umzug hält, nicht + spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das + Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im + Gedichte von den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: + Dass dich das Mäuslein beisst! denn alles was man in der + Fasnacht spinnt, das fressen die Mäuse (Aargau). Man darf + alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst stehlen sie das + Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach Kuhns + Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, + Scheunenbodenläufer, in Dänemark Tede, die Kleinen. + Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch so fest, dass + der dänische Ortspfarrer Laurids Muns († 1774) + während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern + stets nur Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. + <!-- 188 --><a name="Page_188" id="Page_188"></a> Weihnacht. pg. + 13. Die Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel + übrig bleibt, schüttet man gegen die Kornmäuse in + die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch v. Abgl. 1790. 1, 237. In + Grochwitz bei Torgau bäckt man die Fasnachtsküchlein. + in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit ihr dem + wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier + das Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode + voraus. Dasselbe gilt in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des + Hofbauern die Mehlspeise der gebacknen Mäuschen als + Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils bei Nacht, + theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die + Garben der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser + Nachtarbeit nicht mit zusehen können, so werden auch die + Garben vor ihnen sicher bleiben, jedoch vermehren sich die + Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit flucht. + Bavaria 2, 300.</p> + + <p>Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den + Aehren nach unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den + Mäusen, die hiemit sich begnügen und den Geizigen + heimsuchen mögen. Die Beinchen vom Osterfleischkuchen, + welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, streut man + gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge. + Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt + man vom Schmalz, worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis + zur Ernte auf und salbt damit die Räder des Erntewagens. + Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt der abladende Knecht + den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die Katze + für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die + Scheune kommen. Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl + schüttet man in die Scheunentenne und spricht: + Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide + in Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen + wird in die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der + sie Abladende fragt den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? + Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, erwiedert Jener, so wissen die + Mäuse auch nicht, wo ich <!-- 189 --><a name="Page_189" id= + "Page_189"></a> meine Gerste hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. + 187. In des Albertus Magnus Egypt. Geheimnissen Heft 3, 73 heisst + es: "Wann du das Korn zum ersten einführst, so nimm die + erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine rechte Hand und + sprich:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Da leg ich dem Menschen das Brot</p> + + <p>und allen Mäusen den bittern Tod."</p> + </div> + </div> + + <p>Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht + abzuhalmen, auf dass die Mäuse das Korn nicht fressen. + Schiller, Thier- und Kräuterb. 3, S. 9a.</p> + + <p>Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen + Jahreszeiten in Mausform gebackenen Zweckbrode.</p> + + <p>Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche + Bäuerin junge Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig + und bäckt sie in Butter ab; hinten muss dann der Blattstiel + gleich einem Mausschwänzchen aus der Nudel vorstehen. Die um + dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen grösseren + Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein + thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx + Rumpolts Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in + dieses Mehlmäuslein die Pflanzen Bertram, Borrag und U. + Frauen Blätter. Noch älter ist folgende Notiz in der + Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz + gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie + schôn. seüd sie weich vnd stoss sie in einem morsser. + bestreich ein saluenblat damit vnd deck ein anders daruber, druck + sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch bey einander bleiben. + mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, zeuch es dardurch + vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt von dieser + Nudel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Bachen wir ein Küchelein,</p> + + <p>Meuselein und Streubelein</p> + + <p>Und trinken auch den kühlen Wein,</p> + + <p>Kaku-kaka-nai,</p> + + <p>Dass man fröhlich sei.</p> + </div> + </div> + + <p>In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, + <!-- 190 --><a name="Page_190" id="Page_190"></a> S. 45) heisst + es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar + nid z' verachte,</p> + + <p>Wämmä de Zucker nid spart und wämmä + cha gnueg devu esse.</p> + </div> + </div> + + <p>Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal + wird nach beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel + aufgestellt, aus Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben + Namen wird sie in Altbaiern demjenigen unter den Dreschern + heimlich zugeschoben, auf den der letzte Drischelschlag gefallen + war, und er heisst davon beim Dreschermahl scherzweise der + Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich + schätzt man einen in Arras, Béthune und St. Quentin + einheimischen Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides + bezeichnend, Ratte und Eierkuchen. Ein Steinbild in der + Nürnberger Lorenzokirche mit einer eignen Sage wird für + eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner, Sagb. no. + 641.</p> + + <p>Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen + nicht, wohl aber werden die ihr geweihten Pflanzen und + Wappenthiere in den weiteren Erntebräuchen, besonders beim + Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt man am + Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und + hängt es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, + 399; in Baiern wirft man Frauenschühlein, melilotus, und + Gertrudenkraut gegen Abwendung des Hagelschlags ins + Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen und Gespann + ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt Grimmen + fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen + bespannter Wagen umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. + Temme, Volksag. von Pommern und Rügen 329. Hier ist in des + Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht zu verkennen. Beim + Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei + Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten + Mütterleins, das gebückt am Stabe geht, oder einer + Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich im Spiegel des + dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker + <!-- 191 --><a name="Page_191" id="Page_191"></a> Flur getragen + zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen heran, + von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. + 111. Bei Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in + welchem ein Braukessel mit einem grossen Schatz versenkt liegt; + nächtlich kommt dorten ein Fuder Heu gefahren, von sechs + weissen Mäusen gezogen und vom Schimmelreiter begleitet. + Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. Bechstein, DSagb. + no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, so kennt + solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende + der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des + Grossen Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der + Mainströmung glaubt man dorten nächtlicher Weile + Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;<a name="FNanchor_21_21" + id="FNanchor_21_21"></a><a href= + "#Footnote_21_21"><sup>[21]</sup></a> wo sie zum Gebete + niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die Stelle ewig + unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr daselbst + kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche + Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die + Geburtsschmerzen und fördert die Geburten. Jac. Schmid, + Leben hl. Hirten und Bauern, 3. Th. 52. Der Kinderbringer Storch + ist daher unter ihren Attributen und sitzt an den ihr geweihten + heilkräftigen Quellen. Zingerle, Gertrudenminne S. 50. + Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der Gertrudenkapelle zu + Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum + Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die + Messe und entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. + 207. Während sie auf Schloss Karleburg am Main einen + Frauenconvent gründete, <!-- 192 --><a name="Page_192" id= + "Page_192"></a> wurde ihrem Priester Atalong von Schulknaben die + Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. Kilian unrühmlich + verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser Nachricht + misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, + stellte ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu + Theil gewordenen Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte + Aufzeichnung (bei Ign. Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. + 799), ohne jedoch den Vorgang der Heilung Atalongs zu berichten; + letzteres thut die lebende Sage. Gertrud gieng eines Tages von + der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an dessen + Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb + erschöpft und dürstend in der Einsamkeit stehen, als + plötzlich ein Storch vor ihr aufflog. Zur Stelle entsprang + die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke Augen heilt. Bavaria IV. + 1, 493. Archiv des histor. Vereins von Unterfranken 13, 154.</p> + + <p>Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der + altherkömmlich, weitverbreitet, und langandauernd gewesen + ist: Gertrudis Minne zu trinken.</p> + + <p>Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) + seiner Götter und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, + Abschiedsschmäussen feierlich den ersten oder letzten + Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, um sie auf + Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des + siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. + Nach der Bekehrung trank das unter christlicher Hülle + fortlebende Heidenthum "Krists, Michaels, Marien, Gertruden und + Johannis-minni." Grimms Myth. 53 ff. hat darüber aus unsern + einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. an eine Reihe + Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im + Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne + getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe + zeigt auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und + Gertrudenminne (Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage + scheint diese <!-- 193 --><a name="Page_193" id="Page_193"></a> + kirchliche Sitte nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. + im Kanton Wallis); Gertrudenminne zu trinken war in Holland und + Belgien allgemein üblich gewesen und soll dorten aus Abscheu + vor dem Andenken an den Verräther Gysbrecht abgekommen sein, + dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von Holland, vergeblich + Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. 699. Den + Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu + trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den + Fall, dass der Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück + kehre, sich eine <i>gute Herberge</i> jenseits zu sichern, da der + abgeschiednen Seele ihre erste Nachtruhe eben bei St. Gertrud + angewiesen ist; und darum wurde diese Heilige aus einer + Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das Glas, + aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form + eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht + bloss der weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe + machte, sondern jener weitesten, welche über den Todesstrom + führt und unsern Ausdruck Absegeln für Sterben zur + Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt Deutscher + Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle aus + einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen + sterbend, so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das + schon erwähnte Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud + mit zu Schiffe, und die Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. + 465) berichtet, wie die Schiffer des Klosters Nivelles bei + heiterem Wetter einem wundersam grossen Fahrzeuge begegnen, das + sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer verwandelt und + ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als sie + dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem + schiffähnlichem Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten + den Erinnerungstrank, wie Freyja und ihre Walküren den Asen + den Meth. Ein Nachklang an dieses in Walhall ausgeübte + Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der + Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach + <!-- 194 --><a name="Page_194" id="Page_194"></a> eine andere + Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren + jüngeren Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern + Hollands gewesen war; sie trägt den Beinamen Von Osten, weil + sie unter den Zechliedern der Wirthsgäste das geistliche + Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und öfters + hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, + zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen + Lielta und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, + in das Beginenhaus zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern + Autoren wird sie abwechselnd eine Beata und Sancta genannt.</p> + + <p>Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der + Walküre sind ausser ihrem schon anfangs erklärten + mythischen Namen nachfolgende.</p> + + <p>Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender + Gefolgsgeist, seine Fylgja, lässt sich mit ihm in ein + Ehebündniss ein, schützt ihn mit Gefahr ihres eignen + Lebens vor den feindlichen und den höllischen Waffen, reitet + für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach + dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten + Besitz und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, + welche des Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte + diesem untersagt, sie je um ihren Namen zu befragen. Einst aber + war er Ohrenzeuge, wie ein an der Wiese vorbeigehendes + Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe dieses + Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und + weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer + verlassen. Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins + Feld und sprach: So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, + wird jeder Untermoser gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in + Erfüllung gegangen. Panzer, BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. + no. 42 und 358 ist ein ähnliches Bündniss im Tone der + Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich dem + Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen + Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse + einen Becher Geerdenminne <!-- 195 --><a name="Page_195" id= + "Page_195"></a> zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von + Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch + der Satan konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert + die hl. Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu + Rosse. Dieser Vorfall war später in der Heppener Kirche + künstlich gemalt zu sehen. Mittelhochd. Dichtungen tragen + ähnliches auf die hl. Maria über, die als Schutzgeist + eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache + deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den + Schutzbefohlnen aufs Turnier ziehen und in Gefechten + mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert daraus, dass Maria + hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen Frouwa + getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem + Götterwagen mit zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der + reitenden Walküren gleichfalls das Schlachtross besteigt und + sich ins Schlachtgetümmel mischt; eben dahin sei denn auch + jene Kirche in Vorderditmarschen zu deuten, deren Name ist Unse + leve Fru up dem perde.</p> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_3_Abschnitt_5" id="Teil_3_Abschnitt_5"></a> + + <p>Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, + auf einem gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das + Stellfigürchen einer aus Terracotta geformten Maus nebst + demjenigen eines Hähnchens ausgegraben und beides uns zu + einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der + Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an + römischen Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat + jüngst auch zur Entdeckung eines wohlerhaltnen Brennofens + geführt; man erhob daselbst eherne Legionsadler, + Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4. + Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem + unsrigen ganz gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur + der Maus ist phallisch dargestellt und entspricht dadurch dem + Hahn, dem Symbol der Regenerationskraft. Die Maus trägt eine + Schelle um den Hals gebunden; denn nach Apollodor (Fragmente) + wurde für Sterbende Erz an einander <!-- 196 --><a name= + "Page_196" id="Page_196"></a> geschlagen und die Spartaner + geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu Grabe; "der + Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der Macht + der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das + Krähen des Hahnes das Licht des neuen Tages.</p> + + <p>Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns + durch Hn. Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. + Die Figur ist aus ungesäuertem Teig gebacken und mit + Eierklar glasirt. Die Landleute aus der Umgegend von Oxford + pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen + Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum + Essen bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und + Kamingesimse, finden aber ihr Ende zuletzt doch im + Kindermagen.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_13_13" id= + "Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13">[13]</a> + + <div class="note"> + <p>Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein + Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen + die Zähne nicht mehr. Waitz, Anthropol. der + Naturvölker 4, 165.</p> + </div><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href= + "#FNanchor_14_14">[14]</a> + + <div class="note"> + <p>Firmenich, Völkerstimm. 3, 112.</p> + </div><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href= + "#FNanchor_15_15">[15]</a> + + <div class="note"> + <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p> + </div><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href= + "#FNanchor_16_16">[16]</a> + + <div class="note"> + <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p> + </div><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href= + "#FNanchor_17_17">[17]</a> + + <div class="note"> + <p>Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 285.</p> + </div><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href= + "#FNanchor_18_18">[18]</a> + + <div class="note"> + <p>Alemann. Kinderlied.</p> + </div><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href= + "#FNanchor_19_19">[19]</a> + + <div class="note"> + <p>Harun al Raschid träumte, alle seine Zähne seien + ihm ausgefallen; der Traumdeuter erklärte dies dahin, der + Monarch werde alle seine Verwandten überleben. + Rosenöl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das + Wahrzeichen der indischen Todesgöttin Kali ist der + schwarze Zahn, der alles benagende Zahn der Zeit.</p> + </div><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href= + "#FNanchor_20_20">[20]</a> + + <div class="note"> + <p>In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, + Einsiedeln bei Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. + März der hl. König Guntram abgebildet, schlafend + unter einem Baume neben einem Bächlein. Ueber dieses legt + der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde + gekommene Maus läuft darüber dem Berge zu, der im + Hintergrunde mit offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte + Gebet ruft den hl. Guntram an, weil er seine Schätze den + Armen geschenkt und dafür einen ihm von Gott im Schlafe + gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.</p> + </div><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href= + "#FNanchor_21_21">[21]</a> + + <div class="note"> + <p>Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der + hl. Elisabeth von Thüringen, nachher Dienstmagd auf einem + Hofe bei Kulm in Preussen, überschritt hier die grossen + Teiche, die zwischen ihrer Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden + Sonntag, um rechtzeitig in die Messe nach Kulm kommen zu + können. Noch lange nach ihrem Tode war ihre Fussspur in + jenem Gewässer wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine + Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nächten + auf den Wellen der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen + schimmern, welche hier Königin Berta zurückgelassen. + Aargau. Sag. no. 2. Sämmtliches erinnert an Homers + silberfüssige Thetis und goldenfüssige Hera.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <hr class="bigrule"> + <a name="Nachtrage" id="Nachtrage"></a> + + <h2>Nachträge.</h2><a name="Footnote_NACHTRAG_1_22" id= + "Footnote_NACHTRAG_1_22"></a> <a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_1_22">[Nachtrag 1]</a> + + <div class="note"> + <p>Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele <i>den + Sommer ins Land ritt</i> und in Scheingefechten den Winter + besiegte, hat ihre neueste Vervollständigung gefunden + durch die drei Bildergruppen eines altdeutschen Teppichs auf + der Wartburg, dessen Contouren im Anzeiger des German. Museums + 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen die Berennung und + Vertheidigung einer Burg durch Wilde Männer dar. Aus einem + Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, + um Haupt und Lenden Epheukränze tragend, jeder auf einem + phantastischen adlerklauigen Rosse, dem sg. <i>Wasser-</i> oder + <i>Pfingstvogel</i>. Voraus reitet der Maikönig, kenntlich + durch seine offne Goldkrone mit dem Ornamente der drei stumpfen + Blätter, über welche sein Hirschgeweih emporragt. + Daher heisst er in Oberdeutschland <i>Hirzmontagreiter</i>. + <!-- 197 --><a name="Page_197" id="Page_197"></a> Um die + Hüfte trägt er einen Gürtel von Rosen. Er und + sein Gefolge schiesst mit Pfeil und Speer Rosen in die + gegenüberliegende Burg. Ihre Absicht steht auf den sie + umgebenden Spruchbändern zu lesen.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wol vf alle mine wilden man,</p> + + <p>wir wellent festen und buirge han.</p><br> + + <p>Schiessen alle, nieman lôss abe</p> + + <p>an büte gewinnen, will einer habe.</p> + </div> + </div> + + <p>Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den + ein vor den Sommerreitern her eilender Jüngling mit herbei + getragnen Brettern zu überbrücken strebt. Von den + Zinnen herab kämpfen fünf dicht in Wollenfliesse + gekleidete Männer, die Winterkönige; denn auch sie + tragen Kronen wie der Maikönig und schiessen und + schleudern lauter Lilien. Ihr Burgwart am Söller + stösst ins Rom; das Spruchband über ihnen besagt</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Vnser vesten, die ist wol behůt</p> + + <p>mit gilgen, klewen, rosenbůt.</p> + </div> + </div> + + <p>Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, + von allen Frühlingsthieren belebtem Rasen ein grosses + Lustzelt aufgeschlagen, in welchem die Maikönigin bereits + Platz genommen hat. Auch sie trägt die offne Goldkrone im + wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch gebreitet, + darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei + Gesellschafter bedienen sie.—Schon Friedrich Panzer hat + im zweiten Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des + <i>Wasservogels</i> abbilden lassen, wie er sie auf einem + Wandbilde zu Forchheim im dortigen alten Schlosse, jetzigem + Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss hohe Figur zeigt + einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels agirend. Vor + dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnäbelte + Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver + Ring im Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, + die gleichfalls das dreifache Blätterornament zeigt. Im + Luft hängt ein kurzes krummes Schwert (das sg. + <i>Pfingstschwert</i>), in der Linken <!-- 198 --><a name= + "Page_198" id="Page_198"></a> schwingt er die Lanze, mit der + Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zügel + seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von + Seerosen arabeskenhaft umrankt.</p> + </div><a name="Footnote_NACHTRAG_2_23" id= + "Footnote_NACHTRAG_2_23"></a><a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_2_23">[Nachtrag 2]</a> + + <div class="note"> + <p>Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die Verenareliquien + untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem + Eisensärglein neben Rückgratstrümmern vier + apfelgrosse Lehmkugeln. In den von mir eröffneten und + beschriebnen heidnischen Waldgräbern zu Lunkhofen haben + sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des Leichenbrandes + vorgefunden und werden nun in der aargauer + Alterthümersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.</p> + </div><a name="Footnote_NACHTRAG_3_24" id= + "Footnote_NACHTRAG_3_24"></a><a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_3_24">[Nachtrag 3]</a> + + <div class="note"> + <p>Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach + <i>Zerzyaca</i>. Durch diese Namensform wird die sprachlich + schon sich verrathende späte Entstehung dieses Gedichtes + weiter bestätigt. Es leitet nemlich der Ortsname Certiacum + ab von einem bei Egid Tschudi in der <i>Gallia comata</i> S. + 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwähnten + römischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem <i>Junius + Certus</i> aus dem Voltinianischen Geschlechte von seinem + gleichnamigen Erben gesetzt worden. Dieser Stein ist nachmals + durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, die oft citirte Inschrift + aber längst als unecht erkannt worden.</p> + </div><a name="Footnote_NACHTRAG_4_25" id= + "Footnote_NACHTRAG_4_25"></a><a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_4_25">[Nachtrag 4]</a> + + <div class="note"> + <p>Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht, + gelten mancher Orten gleichmässig als weissagende + Liebesboten. In Deutschböhmen entnimmt man aus dem + Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man bald heiraten werde; der + Specht hat es bestätigt, sagt man dann. Grohmann, Abgl. S. + 70.</p> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 199 --><a name="Page_199" id="Page_199"></a> <a name= + "Wortregister" id="Wortregister"></a> + + <h2>Wortregister.</h2> + + <p><a href="#Letter_a">[A]</a> <a href="#Letter_b">[B]</a> + <a href="#Letter_e">[E]</a> <a href="#Letter_f">[F]</a> <a href= + "#Letter_g">[G]</a> <a href="#Letter_h">[H]</a> <a href= + "#Letter_k">[K]</a> <a href="#Letter_l">[L]</a> <a href= + "#Letter_m">[M]</a> <a href="#Letter_o">[O]</a> <a href= + "#Letter_p">[P]</a> <a href="#Letter_r">[R]</a> <a href= + "#Letter_s">[S]</a> <a href="#Letter_t">[T]</a> <a href= + "#Letter_v">[V]</a> <a href="#Letter_w">[W]</a></p> + <!-- A --><a name="Letter_a" id="Letter_a"></a> Ankenbrüt. + <a href="#Page_074">[1]</a><br> + Ankenschnittenprozession. <a href="#Page_068">[1]</a><br> + Ara, Aarefluss bei Solothurn. <a href="#Page_109">[1]</a><br> + arbaiz, Erbsen. <a href="#Page_109">[1]</a><br> + Aufburg bei Zurzach, röm. Castrum. <a href= + "#Page_103">[1]</a><br> + <br> + <!-- B --><a name="Letter_b" id="Letter_b"></a> Becker und + Beckerin, in Kukuk und Specht verwünscht. <a href= + "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_166">[2]</a><br> + Bilihildis, hl., aus fränkisch Veitshochheim. <a href= + "#Page_037">[1]</a><br> + Brod,<br> + <span style="margin-left: 1em;">den Elementen geopfert. <a href= + "#Page_022">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Erntebrod. <a href= + "#Page_189">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Eulogienbrod. <a href= + "#Page_031">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">gegen Tollwuth. <a href= + "#Page_023">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">gegen Wolfshunger. <a href= + "#Page_024">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">phallische Zweckbrode. <a href= + "#Page_084">[1]</a> <a href="#Page_085">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Brodkipf Verenas und Rategundis, + in einen Kamm verwandelt. <a href="#Page_096">[1]</a> <a href= + "#Page_121">[2]</a> <a href="#Page_122">[3]</a></span><br> + Brunnen Walburgis,<br> + <span style="margin-left: 1em;">im Elsass. <a href= + "#Page_060">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Franken. <a href= + "#Page_006">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Holland. <a href= + "#Page_064">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Tirol. <a href= + "#Page_006">[1]</a></span><br> + Brustbein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br> + Butterschnitte,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Präservativ und + Heilmittel. <a href="#Page_023">[1]</a> <a href= + "#Page_024">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">bei kirchl. Prozessionen. + <a href="#Page_068">[1]</a></span><br> + Buttergewinn, zauberischer. <a href="#Page_074">[1]</a><br> + <br> + <!-- E --><a name="Letter_e" id="Letter_e"></a> Elben in + Mausgestalt. <a href="#Page_187">[1]</a><br> + Emmetsheimer Steinbild phallisch. <a href="#Page_083">[1]</a><br> + Erntebrode. <a href="#Page_189">[1]</a><br> + Ernteopfer. <a href="#Page_188">[1]</a><br> + Eulogienbrod. <a href="#Page_031">[1]</a><br> + <br> + <!-- F --><a name="Letter_f" id="Letter_f"></a> Fadenziehen, ein + Liebesorakel. <a href="#Page_040">[1]</a><br> + Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige. + <a href="#Page_028">[1]</a><br> + <br> + <!-- G --><a name="Letter_g" id="Letter_g"></a> Gertraud von + Osten. <a href="#Page_194">[1]</a><br> + Gertrud,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Verstorbene beherbergend. + <a href="#Page_172">[1]</a> <a href= + "#Page_193">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">zu Rosse. <a href= + "#Page_195">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Waldfrau. <a href= + "#Page_194">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkirchen,</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">niederdeutsche. <a href= + "#Page_163">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">ostfränkische. <a href= + "#Page_191">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkraut. <a href= + "#Page_190">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenminne trinken. <a href= + "#Page_163">[1]</a> <a href="#Page_192">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudentag, Kalenderregeln. + <a href="#Page_164">[1]</a> <a href= + "#Page_165">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenvogel. <a href= + "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_191">[2]</a> <a href= + "#Page_192">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens Fusstapfen in den + Mainwellen. <a href="#Page_191">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Mantel. <a href= + "#Page_191">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Spindel mit den zwei + Mäusen. <a href="#Page_164">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Schiff als Trinkgefäss. + <a href="#Page_163">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Wagen. <a href= + "#Page_163">[1]</a></span><br> + Gnadenstein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br> + <br> + <!-- H --><a name="Letter_h" id="Letter_h"></a> Hagel, ein + König. <a href="#Page_053">[1]</a><br> + Hagelfeierpredigten. <a href="#Page_067">[1]</a><br> + Hagelsquelle. <a href="#Page_006">[1]</a><br> + Heiden- und Schönbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a><br> + Heidenkirchen,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als spätere Walburgskirchen. + <a href="#Page_016">[1]</a> <a href= + "#Page_080">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als spätere Verenakirchen. + <a href="#Page_100">[1]</a></span><br> + <!-- 200 --><a name="Page_200" id="Page_200"></a> Heilquellen + Verena's. <a href="#Page_133">[1]</a><br> + Heilwag. <a href="#Page_063">[1]</a><br> + Helgenbronn. <a href="#Page_060">[1]</a><br> + Holpurga. <a href="#Page_090">[1]</a><br> + Honigfall. <a href="#Page_075">[1]</a><br> + Hund,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Walburgis Gefolgsthier. + <a href="#Page_018">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als das anderer Göttinnen. + <a href="#Page_020">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Speisenname. <a href= + "#Page_023">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">gegen Sturmwind und Kornbrand + geopfert. <a href="#Page_022">[1]</a></span><br> + Hühner, kirchlich geheiligte. <a href= + "#Page_032">[1]</a><br> + <br> + <!-- K --><a name="Letter_k" id="Letter_k"></a> Käsbrunnen. + <a href="#Page_006">[1]</a><br> + Kleinkinderbrunnen. <a href="#Page_060">[1]</a> <a href= + "#Page_128">[2]</a> <a href="#Page_129">[3]</a> <a href= + "#Page_130">[4]</a><br> + Kleinkindersteine. <a href="#Page_118">[1]</a><br> + Klumpfüsse,<br> + <span style="margin-left: 1em;">durch Walburg geheilt. <a href= + "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_014">[2]</a> <a href= + "#Page_088">[3]</a></span><br> + Konstanzer Bisthumsgrenzen. <a href="#Page_099">[1]</a><br> + Kornähre,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Mittel gegen Hundebiss. <a href= + "#Page_023">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Mariae und Walburgis Emblem, + <a href="#Page_025">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">das des hl. Oswald. <a href= + "#Page_090">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Sinnbild von Obereigenthum. + <a href="#Page_030">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">der Truden Zaubergestalt. + <a href="#Page_029">[1]</a></span><br> + Korngarbe, Walburgis Versteck. <a href="#Page_027">[1]</a><br> + Kriemhiltengraben am Jung-Albis. <a href="#Page_146">[1]</a><br> + Kukuk,<br> + <span style="margin-left: 1em;">ein verwünschter Becker. + <a href="#Page_166">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">auf dem Binsenstühlchen + weissagend. <a href="#Page_169">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Lebensorakel. <a href= + "#Page_170">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Theuerungsprophete. <a href= + "#Page_168">[1]</a></span><br> + <br> + <br> + <!-- L --><a name="Letter_l" id="Letter_l"></a> Lehmkugeln,<br> + <span style="margin-left: 1em;">in Heiligengräbern. <a href= + "#Page_105">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Heidengräbern, <i>s. Nachträge</i>.</span><br> + Lebermeer. <a href="#Page_172">[1]</a><br> + <br> + <!-- M --><a name="Letter_m" id="Letter_m"></a> Maibad. <a href= + "#Page_062">[1]</a><br> + Maiengericht, dessen Kostenbetrag. <a href= + "#Page_048">[1]</a><br> + Maienthau,<br> + <span style="margin-left: 1em;">abstreifen. <a href= + "#Page_071">[1]</a> <a href="#Page_073">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">baden im Maienthau. <a href= + "#Page_059">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Maienthau der Erdmännlein. + <a href="#Page_058">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">kosmetisch. <a href= + "#Page_057">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">medicinisch. <a href= + "#Page_058">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">sprichwörtlich. <a href= + "#Page_061">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">zauberisch. <a href= + "#Page_073">[1]</a></span><br> + Maigraf, Maigräfin. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href= + "#Page_038">[2]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s. + Nachträge</i>.</a><br> + Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken. <a href= + "#Page_037">[1]</a><br> + Mairitt. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href= + "#Page_068">[1]</a><br> + Mauritius, Verenas Verwandter. <a href="#Page_110">[1]</a><br> + Maus,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Alb. <a href= + "#Page_174">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">vor Gericht geladen. <a href= + "#Page_182">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Ortsgeist. <a href= + "#Page_173">[1]</a> <a href="#Page_174">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Pestthier. <a href= + "#Page_177">[1]</a> <a href="#Page_182">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Seele wandernd. <a href= + "#Page_174">[1]</a> <a href="#Page_175">[2]</a> <a href= + "#Page_176">[3]</a> <a href="#Page_177">[4]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Sühnbild. <a href= + "#Page_178">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als antikes Stellfigürchen + in Gräbern. <a href="#Page_195">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Gestalt des Zweckbrodes. + <a href="#Page_189">[1]</a> <a href= + "#Page_196">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Stadtwahrzeichen. <a href= + "#Page_173">[1]</a></span><br> + Maus weisse, geheiligt. <a href="#Page_174">[1]</a><br> + Maustrank. <a href="#Page_185">[1]</a><br> + Mausöhrleinkraut. <a href="#Page_190">[1]</a><br> + Mäusegespann. <a href="#Page_190">[1]</a><br> + Mäuse machen. <a href="#Page_182">[1]</a><br> + Metzentanz in Zurzach. <a href="#Page_154">[1]</a><br> + Minnetrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href= + "#Page_063">[2]</a><br> + Mühle als Ort der Liebesabenteuer. <a href= + "#Page_116">[1]</a><br> + Mühlstein,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Rechtsmittel bei der + Abkunftsprobe. <a href="#Page_118">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">schwimmender. <a href= + "#Page_117">[1]</a></span><br> + Müllerbräuche am Verenentage. <a href= + "#Page_112">[1]</a><br> + <br> + <!-- O --><a name="Letter_o" id="Letter_o"></a> Oel,<br> + <span style="margin-left: 1em;">hl., ein Augenmittel. <a href= + "#Page_127">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">aus Heiligenknochen. <a href= + "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_009">[2]</a> <a href= + "#Page_012">[3]</a> <a href="#Page_013">[4]</a> <a href= + "#Page_014">[5]</a> <a href="#Page_015">[6]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">der Walburgishexen. <a href= + "#Page_078">[1]</a></span><br> + <br> + Ortschaften des Namens Walburg. <a href="#Page_016">[1]</a><br> + Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer. <a href= + "#Page_090">[1]</a><br> + Osterbad, reiten ins. <a href="#Page_069">[1]</a><br> + <br> + <!-- P --><a name="Letter_p" id="Letter_p"></a> Pfeife, magisch + wirkende. <a href="#Page_179">[1]</a> <a href= + "#Page_180">[2]</a><br> + Phallische Götterbilder, ihr Zweck. <a href= + "#Page_084">[1]</a><br> + <br> + <!-- 201 --><a name="Page_201" id="Page_201"></a> + <!-- R --><a name="Letter_r" id="Letter_r"></a> Reimsprüche + beim Meienpflanzen. <a href="#Page_039">[1]</a><br> + Richard, Walburgis Vater. <a href="#Page_005">[1]</a> <a href= + "#Page_087">[2]</a><br> + Rimleins- und Römleinsbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a> + <a href="#Page_064">[2]</a><br> + Roggenähre, Mittel gegen tolle Hunde. <a href= + "#Page_023">[1]</a><br> + Ross,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens. <a href= + "#Page_195">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenae. <a href= + "#Page_139">[1]</a></span><br> + Rutscherzins. <a href="#Page_039">[1]</a><br> + <br> + <!-- S --><a name="Letter_s" id="Letter_s"></a> Schnecke, als + Kukuk angerufen. <a href="#Page_169">[1]</a><br> + Schuh,<br> + <span style="margin-left: 1em;">goldner Walburgis. <a href= + "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_055">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schuhwerfen als Liebesorakel. + <a href="#Page_041">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schuhzins am Walberfeste. + <a href="#Page_051">[1]</a></span><br> + Silber geschabtes, gegen die Tollwuth. <a href= + "#Page_024">[1]</a><br> + Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schützend. + <a href="#Page_028">[1]</a> <a href="#Page_070">[2]</a><br> + Sommer,<br> + <span style="margin-left: 1em;">den, ins Land reiten. <a href= + "#Page_034">[1]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s. + Nachträge</i>.</a></span><br> + Specht,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Gertrudenvogel ein + verwünschter Becker. <a href="#Page_166">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">ein verwandelter Gott. <a href= + "#Page_171">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Liebesorakel <a href= + "#Nachtrage"><i>s. Nachträge</i>.</a></span><br> + Spindel,<br> + <span style="margin-left: 1em;">der hl. Walburg. <a href= + "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_040">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">der hl. Gertrud. <a href= + "#Page_164">[1]</a></span><br> + Spinnverbot an Walburgis. <a href="#Page_089">[1]</a><br> + Stärketrunk. <a href="#Page_063">[1]</a><br> + Stillicidium Walburgs. <a href="#Page_009">[1]</a><br> + Storch, Gertrudens Vogel. <a href="#Page_191">[1]</a><br> + Strähl-Anneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br> + <br> + <!-- T --><a name="Letter_t" id="Letter_t"></a> Teufelsstein in + Verenae Einsiedelei. <a href="#Page_113">[1]</a><br> + Thau abstreifen,<br> + <span style="margin-left: 1em;">zu Milch- und Buttergewinn. + <a href="#Page_072">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Mittel gegen Kornbrand. + <a href="#Page_071">[1]</a></span><br> + Thautrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href= + "#Page_063">[2]</a> <a href="#Page_064">[3]</a><br> + Tobel-Vreneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br> + <br> + <!-- V --><a name="Letter_v" id="Letter_v"></a> Valentinstag. + <a href="#Page_041">[1]</a><br> + Venes- und Vrenesberge. <a href="#Page_149">[1]</a><br> + Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen. <a href= + "#Page_156">[1]</a><br> + Venus-Vrene,<br> + <span style="margin-left: 1em;">in dem mundartl. + Tannhäuserliede. <a href="#Page_147">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in den Ritterdichtungen. <a href= + "#Page_153">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Die Venus- und Vrenenhäuser. + <a href="#Page_153">[1]</a></span><br> + Verena,<br> + <span style="margin-left: 1em;">ihre Namensformen.</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Niederdeutsch: Frû + Frêen und Frû Frîen. <a href= + "#Page_120">[1]</a> <a href="#Page_151">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Rhätisch: Vereina. <a href= + "#Page_144">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin. + <a href="#Page_142">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenabad. <a href= + "#Page_127">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Gebirgsriesin. <a href= + "#Page_145">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenagrab, mit den aufgeopferten + Brautkrönlein. <a href="#Page_132">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenaloch:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">zu Baden. <a href= + "#Page_128">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">im Entlebuch. <a href= + "#Page_135">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">auf der Schafmatt im Jura. + <a href="#Page_136">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Müllerpatronin. <a href= + "#Page_112">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schifferpatronin. <a href= + "#Page_112">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenareliquien. <a href= + "#Page_104">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenastift. <a href= + "#Page_101">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenatag als Gerichtstermin; + <a href="#Page_122">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gesundheits- und + Wirthschaftsregeln. <a href="#Page_123">[1]</a> <a href= + "#Page_142">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Weisse Frau. <a href= + "#Page_139">[1]</a></span><br> + Verenae,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Bildsäulen. <a href= + "#Page_133">[1]</a> <a href="#Page_137">[2]</a> <a href= + "#Page_139">[3]</a></span><br> + <br> + <span style="margin-left: 1em;">Dienstross. <a href= + "#Page_139">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Fingerring. <a href= + "#Page_106">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Geburtsgürtel. <a href= + "#Page_133">[1]</a></span><br> + <br> + <span style="margin-left: 1em;">Heilquellen. <a href= + "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_126">[2]</a> <a href= + "#Page_133">[3]</a> <a href="#Page_135">[4]</a> <a href= + "#Page_137">[5]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kamm und Krüglein. <a href= + "#Page_112">[1]</a> <a href="#Page_121">[2]</a> <a href= + "#Page_137">[3]</a> <a href="#Page_141">[4]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Katze. <a href= + "#Page_137">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kapellen und Kirchen i.d. + Schweiz. <a href="#Page_100">[1]</a> <a href= + "#Page_131">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kapelle, ein Römercastrum. + <a href="#Page_103">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kleinkindersteine. <a href= + "#Page_118">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kindersegen bescherend. <a href= + "#Page_124">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">vierzig Mehlsäcke. <a href= + "#Page_111">[1]</a> <a href="#Page_119">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Mühlstein. <a href= + "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_135">[2]</a></span><br> + Vrenelisgärtli, Gletscher am Glärnisch. <a href= + "#Page_145">[1]</a><br> + <br> + <!-- W --><a name="Letter_w" id="Letter_w"></a> Walber,<br> + <span style="margin-left: 1em;">der Führer des + Maienzugs:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in eine Korngarbe gebunden. + <a href="#Page_027">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">ein Bergname. <a href= + "#Page_017">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Riesenname. <a href= + "#Page_088">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walberbaum. <a href= + "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_039">[2]</a> <a href= + "#Page_040">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walbernthau. <a href= + "#Page_062">[1]</a></span><br> + Walburg,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Flur- und Ortsname. <a href= + "#Page_025">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">mundartl. Namensformen. <a href= + "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a></span><br> + <!-- 202 --><a name="Page_202" id="Page_202"></a> <span style= + "margin-left: 1em;">Die Heilige:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">als Nichte Winfrids. <a href= + "#Page_005">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">als Heidengöttin. <a href= + "#Page_080">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">als Riesin. <a href= + "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_088">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">vor dem W. Jäger in die + Korngarbe flüchtend. <a href="#Page_026">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walburga Westfalica. <a href= + "#Page_080">[1]</a></span><br> + Walburgis-kirchen,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Heidenkirchen. <a href= + "#Page_016">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a> <a href= + "#Page_080">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Römercastrum. <a href= + "#Page_081">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Ortskirchen. <a href= + "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_066">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">hl. Quellen. <a href= + "#Page_006">[1]</a> <a href="#Page_064">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Reliquien:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Brustbein, ölschwitzend. + <a href="#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_008">[2]</a> <a href= + "#Page_009">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Stab. <a href= + "#Page_008">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Wittenberg und Köln. + <a href="#Page_014">[1]</a> <a href= + "#Page_017">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">im Auslande. <a href= + "#Page_018">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schönheitswettstreit. + <a href="#Page_045">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Spindel und Goldschuh. <a href= + "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_027">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Steinernes Venusbild. <a href= + "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">phallisch dargestellt. <a href= + "#Page_082">[1]</a> <a href="#Page_084">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Wildgans. <a href= + "#Page_088">[1]</a></span><br> + Walburgistag,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als ungebotne Gerichtszeit. + <a href="#Page_046">[1]</a> <a href= + "#Page_047">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Sage von der auf diesen Zinstag + fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Thüringen. <a href= + "#Page_049">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Unterwalden und Friesland. + <a href="#Page_051">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Ostpreussen. <a href= + "#Page_053">[1]</a></span><br> + Walper,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Anna, als Hexe inquirirt. + <a href="#Page_079">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walperherren, Walpermännchen + und -zins. <a href="#Page_049">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Zug nach Walpern. <a href= + "#Page_050">[1]</a></span><br> + Wasserkirchen. <a href="#Page_131">[1]</a><br> + Wasserfrauen. <a href="#Page_131">[1]</a><br> + Wasservogel, <a href="#Nachtrage"><i>s. + Nachträge</i>.</a><br> + Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne. <a href= + "#Page_183">[1]</a> <a href="#Page_184">[2]</a><br> + Wiborada, die hl. v. Klingnau. <a href="#Page_141">[1]</a><br> + Wîhegazza. <a href="#Page_102">[1]</a><br> + Wilibald,<br> + <span style="margin-left: 1em;">der hl.:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Walburgis Bruder. <a href= + "#Page_005">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">ein Hüne. <a href= + "#Page_081">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Wilibalds-Brunnen und -Ruhe. + <a href="#Page_006">[1]</a></span><br> + Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen. <a href= + "#Page_051">[1]</a><br> + Wolbermai. <a href="#Page_039">[1]</a><br> + Wolbrygabend. <a href="#Page_077">[1]</a><br> + Wolfszahn, Amulett. <a href="#Page_185">[1]</a><br> + Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis. <a href= + "#Page_086">[1]</a><br> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + +***** This file should be named 12012-h.htm or 12012-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/0/1/12012/ + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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