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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:38:39 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:38:39 -0700
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+ "HTML Tidy for Windows (vers 1st January 2004), see www.w3.org">
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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Drei Gaug&ouml;ttinnen, by
+ E. L. Rochholz.</title>
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Gaugöttinnen
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+Author: E. L. Rochholz
+
+Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
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+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
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+
+ <h1>Drei Gaug&ouml;ttinnen</h1>
+
+ <h2>Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.</h2>
+
+ <h3>Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben</h3>
+
+ <h4>von</h4>
+
+ <h3>E.L. Rochholz.</h3>
+
+ <h4>1870</h4>
+ <hr class="bigrule">
+ <br>
+ <a name="Page_Roman_003" id="Page_Roman_003"></a> <a name=
+ "Vorwort" id="Vorwort"></a>
+
+ <h2>Vorwort.</h2><br>
+
+ <p>Den ersten fr&uuml;hzeitigen Anlass, in den drei heiligen
+ Frauen, deren Namen die nachfolgende Schrift am Titel tr&auml;gt,
+ drei n&auml;chstverwandte Wesen aus der deutschen
+ G&ouml;tterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den Perioden
+ seines akademischen J&uuml;nglingsalters und w&auml;hrend der
+ ersten Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf
+ Jagdg&auml;ngen, Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung
+ &ouml;rtlicher Alterth&uuml;mer nachzog und in andauerndem
+ Verkehre mit der Natur und der Bev&ouml;lkerung den damals
+ herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksged&auml;chtniss
+ sei ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden
+ erg&auml;nzen helfe. W&auml;hrend sich ihm letzteres bald als
+ eine gem&uuml;thliche T&auml;uschung erweisen musste, war ihm
+ dar&uuml;ber doch das Gl&uuml;ck beschert, reichliche,
+ nachhaltige Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich
+ fesselnde Gewalt einen einmal in uns erwachten Plan auch unter
+ unerwartet eintretenden Lebens&auml;nderungen nicht mehr veralten
+ l&auml;sst. Und so erkl&auml;rt sich der Ursprung unseres Buches
+ als eine fr&uuml;h erworbene, in langer Zeitdauer gereifte und
+ hier erst sp&auml;t zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
+ der Art, von welcher bei G&ouml;the (Bd. 44, 193) das runde Wort
+ steht: "Was man nicht gesehen hat, geh&ouml;rt uns nicht und geht
+ uns eigentlich nichts an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in
+ den heimatlichen Th&auml;lern der Altm&uuml;hl und des Mains der
+ hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und Gertrud begegnete und
+ nicht lange hernach in den schweizerischen der Aare und des
+ Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena n&auml;her bekannt
+ wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
+ innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit
+ &auml;ltester Zeit bis auf die Gegenwart herrschend geblieben
+ ist, dass diese Drei hier nicht etwa die Patrone oder
+ Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern die Schutzheiligen
+ <a name="Page_Roman_004" id="Page_Roman_004"></a>ihres
+ politischen Gaues in einer Periode gewesen waren, als dessen
+ politische Grenzen noch keineswegs mit denen des Kirchensprengels
+ zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
+ zeitgen&ouml;ssisch gewesen mit der &auml;ltesten Gaueintheilung
+ dieser Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand &uuml;berhaupt
+ ein &auml;lterer, als der durch die Kirche veranlasste je hatte
+ sein k&ouml;nnen. Und also f&uuml;hrte uns die <i>Gauheilige</i>
+ in r&uuml;ckschreitender Metamorphose auf die
+ <i>Gaug&ouml;ttin</i>. Gegen diese Folgerung, die selbst von der
+ kirchlich approbirten Gestalt der Legende mit historischen
+ Angaben unterst&uuml;tzt wird, l&auml;sst sich mit ferner
+ versuchten Einw&auml;nden nicht weiter mehr aufkommen. Auch
+ f&uuml;hrt ja die Gaug&ouml;ttin ihre bei uns verblasste
+ Herrschaft &uuml;ber Christenmenschen anderw&auml;rts immer noch
+ ungeschw&auml;cht und pers&ouml;nlich fort, so z.B. in der
+ Normandie, wo nach dem Zeugnisse von Am&eacute;lie Bosquet die
+ Aufsicht &uuml;ber das Land den Feen geh&ouml;rt, jede einen
+ einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt
+ und dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem
+ gemeinsamen Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen
+ Punkte bezeichnet.</p>
+
+ <p>Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht
+ gedachtes Idealbild menschlicher Th&auml;tigkeitgewesen. Wie der
+ Mensch, so sein Gott. Die dem Germanen eigenth&uuml;mliche
+ Auffassung des Eherechtes, welche ihn vor allen
+ Kulturv&ouml;lkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
+ Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn
+ (Tac. Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten
+ bedingt, welche W&auml;chterinnen der z&uuml;chtigen
+ Geschlechterliebe, der h&auml;uslichen Ordnung, des Fleisses und
+ Friedens waren. Eine n&auml;chste Folge hievon war es, dass die
+ Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das Wort
+ fr&ocirc;wa, fr&aacute;uja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis
+ oder weisen Frau bekleiden und als solche die Gesch&auml;fte der
+ Tempeljungfrau, Priesterin, Heilr&auml;thin oder Aerztin
+ verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer langen
+ Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
+ furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann
+ geistig &uuml;berrascht durch das in barbarischer Form
+ &uuml;berlieferte r&ouml;mische Kirchenthum. Durch den ersten
+ Vorgang wurden die Germaneng&ouml;ttinnen kriegerisch <a name=
+ "Page_Roman_005" id="Page_Roman_005"></a>umgewandelt,
+ militarisirt, durch den zweiten aber vollends satanisirt, zwei
+ Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser Buch in
+ allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
+ nicht bloss die Richtschnur des &ouml;ffentlichen Glaubens,
+ sondern ebenso die des Privatlebens wurde dabei mit in die
+ tiefste Erniedrigung herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche
+ Tugenden der Heidin ein allerdings n&ouml;thigender Grund, sie
+ sp&auml;ter einmal zu Christentugenden zu subtilisiren und eine
+ Walburg, eine Verena oder Gertrud zu Kirchenheiligen zu erheben;
+ allein diese Vereinbarung war und blieb eine erzwungene,
+ innerlich unwahre, und verf&auml;lschte den sittlichen Kern des
+ Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als
+ ob hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen w&auml;re,
+ anstatt dass umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus
+ nachfolgte und ihn legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber
+ durfte ein ehefeindlicher Klerus, der dem C&ouml;libat den
+ &uuml;bertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend zuschrieb und
+ nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die Himmelsherrin,
+ auf das ganze &uuml;brige Geschlecht aber die Ursache des
+ S&uuml;ndenfalles zu w&auml;lzen fortfuhr, einem solchen, die
+ Frauenw&uuml;rde verk&uuml;ndenden Mythus durfte der M&ouml;nch
+ kein Recht belassen, sondern musste ihn so weit und so
+ unabl&auml;ssig herabw&uuml;rdigen, dass die Folgen davon bis
+ heute den Aberglauben aufzureizen verm&ouml;gen. Wenn daher zwar
+ auf einer Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel
+ unter Segensspr&uuml;chen bereitete, als &ouml;lschwitzende
+ Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie auf der andern Seite
+ zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertr&auml;nke brauend,
+ Seuchen und Misswachs herabbeschw&ouml;rend, Besen salbend, das
+ aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der
+ Walburgisnacht. Dorten war sie die ehestiftende Liebesg&ouml;ttin
+ gewesen, hier eine Frau Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154).
+ Dorten trank der Mensch auf ihren Namen die Minne, sie selbst
+ reichte dem in den Himmel eingehenden Helden den
+ Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische,
+ aber nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft
+ geblieben war (S. 149). So urspr&uuml;nglich schon steckt in dem
+ Legenden erz&auml;hlenden M&ouml;nch ein Blumauer, der die
+ <a name="Page_Roman_006" id="Page_Roman_006"></a>Aeneide
+ travestirt. Ihm haust da ein spukender Waldteufel, wo in der
+ fr&auml;nkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und Spessarts die
+ Haing&ouml;ttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
+ Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin Walburg wird ihm zum
+ Blocksbergsgespenste, die Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau,
+ und zur landverw&uuml;stenden Riesin wird die im Firnengolde des
+ unerreichten Gletschers thronende Verena</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>&mdash;auf des gef&uuml;rchteten Gipfels</p>
+
+ <p>Schneebehangener Scheitel,</p>
+
+ <p>Den mit Geisterreigen</p>
+
+ <p>Kr&auml;nzten ahnende V&ouml;lker.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe
+ daf&uuml;r ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter
+ dem Widerstreite der M&auml;nnerwelt, rein aus
+ Fr&ouml;mmigkeitsbed&uuml;rfniss und Kinderliebe sich an die neue
+ Kirche ergab! F&uuml;r treues Ausharren in den Pr&uuml;fungen des
+ Lebens, f&uuml;r opferbereites, dem&uuml;thiges Dulden zum Wohle
+ der Mitmenschen war ihm einst der Himmel zugesagt gewesen, es
+ hatte ihn durch eigne Seelengr&ouml;sse erobert und sogar den
+ Preis der Verg&ouml;tterung sich erworben. Dieser Himmelsgenuss
+ hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische Streben
+ des Weibes, sich zur W&uuml;rde der Gottheit empor zu heben, ein
+ frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
+ gemeinen Leiblichkeit zur&uuml;ckversetzt, um nun erst durch ein
+ Mirakel erl&ouml;st zu werden. Denn von nun an sollte es nicht
+ mehr auf das pers&ouml;nliche Verdienst, sondern auf das
+ Geheimniss der Gnade angewiesen bleiben. Diesen zweimaligen
+ Bildungsweg, den das deutsche Weib in der Vorzeit einzuschlagen
+ hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem germanischen
+ Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der Mythe
+ und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung
+ gebracht. Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck
+ unsrer Schrift, die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier
+ Landsleute empfiehlt.</p>
+
+ <p>Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.</p>
+
+ <p><b>E.L.R.</b></p>
+ <hr class="bigrule">
+ <a name="Page_Roman_007" id="Page_Roman_007"></a> <a name=
+ "Inhalt" id="Inhalt"></a>
+
+ <h2>Inhalt.</h2><br>
+
+ <div class="content">
+ <h3><a href="#Vorwort">Vorwort.</a></h3>
+
+ <h3><a href="#Inhalt">Inhalt.</a></h3>
+
+ <h3><a href="#Teil_1">I. Walburg mit drei Aehren, die
+ Ackerg&ouml;ttin.</a></h3>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4>
+
+ <p>Walburgs und ihrer drei Br&uuml;der Taufbrunnen,
+ Klosterstiftungen, Grabst&auml;tten und Reliquien.&mdash;Oel,
+ aus Stein und Bein der Walburgisgruft fliessend; &auml;hnliches
+ kirchlich verehrtes Wunder&ouml;l. Abbildungen und Embleme
+ Walburgis.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen
+ Abbildungen und Hymnen.</h4>
+
+ <p>Der Hund, ein Geleitsthier etlicher
+ Fruchtbarkeitsg&ouml;ttinnen und Heiligen; verehrt als
+ saatenfressender Sturmwind und als breigef&uuml;ttertes
+ Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und
+ s&uuml;sse H&uuml;ndlein als Zweckspeisen beim
+ Dreschermahl.&mdash;Walburgis Emblem der Aehre und der Garbe,
+ ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verd&uuml;sterung in
+ dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
+ Eulogienbrode.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Walburgistag, des Meien hochgez&icirc;t.</h4>
+
+ <p>Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den
+ Tod austragen, den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt,
+ Laubeinkleidung und Ruthenzug.&mdash;Maigraf und
+ Maigr&auml;fin. Das Mailehen ausrufen. Nachtspr&uuml;che und
+ Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages:
+ s&auml;mmtliches als Abbilder eines g&ouml;ttlichen Werbungs-
+ und Verm&auml;hlungsmythus, <a name="Page_Roman_008" id=
+ "Page_Roman_008"></a>welcher im Fr&uuml;hlings- und
+ Erntevorgang spielt.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4>
+
+ <p>Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der
+ ungebotenen Gerichte, gezeigt aus den
+ Weisth&uuml;mern.&mdash;Urkundliche Berechnung der
+ Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.&mdash;Der
+ Rutscherzins, die Walpersm&auml;nnchen und
+ Walperherren.&mdash;Aus der mit der Zinspflichtigkeit
+ verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den
+ Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_5">F&uuml;nfter
+ Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4>
+
+ <p>Landwirthschaftliche Erbs&auml;tze &uuml;ber den Maienthau.
+ Thau als Quelle von Leben, Lebensdauer und
+ K&ouml;rpersch&ouml;nheit, angewendet als Heilbad, St&auml;rke-
+ und Minnetrunk.&mdash;Bannbeschreitung, Oeschprozession um die
+ Flurzelgen und Mairitt durch die Saat. Der Mythus vom
+ Thau-abstreifen in seiner naturgeschichtlichen Begr&uuml;ndung.
+ Thauschlepper und Thaustreicher als zaubernde Butter- und
+ Milchgewinner. Walburg in den Riesen- und Hexensagen.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_6">Sechster Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4>
+
+ <p>Die westf&auml;lische Walburg. Die phallischen
+ G&ouml;tzenbilder zu Antwerpen und Emmetsheim, um Kindersegen
+ angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen Darstellung der
+ Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in den
+ Gebildbroden zur Mittwinter- und Fr&uuml;hlingszeit.
+ Etymologische Erkl&auml;rung des Namens Walburg nach dessen
+ freundlicher und feindlicher Anwendung.&mdash;Schluss: die
+ G&ouml;tterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, Meth, Ael und
+ Oel gew&uuml;rzten Unsterblichkeitstrank.</p>
+
+ <h3><a href="#Teil_2">II. Verena mit dem Kamme, die
+ Kindsmutter.</a></h3>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena, eine alemannische Gauheilige.</h4>
+
+ <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der
+ Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von <a name=
+ "Page_Roman_009" id="Page_Roman_009"></a>der thebaischen
+ Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums.
+ Verenas Weihkirchen und Alt&auml;re in der Schweiz, ihr
+ Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches
+ Gedicht: Von sand Verene.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena, die M&uuml;llerpatronin.</h4>
+
+ <p>Ihre Attribute: der schwimmende M&uuml;hlstein; ihre
+ &ouml;rtlichen Kleinkindersteine. Die M&uuml;llerpatronin als
+ Eheg&ouml;ttin. Der in Stein verwandelte Brodkipf und die
+ unersch&ouml;pflichen Mehls&auml;cke. Wirthschaftsregeln am
+ Verenentage.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4>
+
+ <p>Ihre &ouml;rtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und
+ Wasserkirchen; die ihr geopferten M&auml;dchen- und
+ Brautkr&auml;nze; ihr Geburtsg&uuml;rtel, Haarkamm und
+ Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
+ Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachkl&auml;nge von
+ der Gewitterriesin: das Vrenelisg&auml;rtli am
+ Gl&auml;rnischgletscher.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena als Frau Venus.</h4>
+
+ <p>Das Tannh&auml;userlied in aargauischer Version; die Frau
+ Venus-Vrene des Volksliedes. Die Venus-, Feens- und
+ Vrenenberge, sowie die Venus- und Vrenenh&auml;user,
+ zur&uuml;ckgef&uuml;hrt aus ihrer gegenseitigen
+ Namensvertauschung auf den urspr&uuml;nglichen Mythus.</p>
+
+ <h3><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die
+ Allerseelenherrin.</a></h3>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_1">Die hl. Gertrud, heidnisch
+ nach Namen, Legende und Attributen.</a></h4>
+
+ <p>Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens,
+ Schiffes, Stabes, der Spindel und der M&auml;use.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_2">Der Gertrudentag mit seinen
+ Kalenderregeln und Zeitthieren.</a></h4>
+
+ <p>Specht, Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den
+ Namen der Heiligen und werden in deren Namen berufen als
+ Lebens- und Todesboten.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_3">Gertrud als
+ Seelenherrin.</a></h4>
+
+ <p>Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben und erscheinen in
+ Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
+ Menschenseele, sowie als Rachegeist <a name="Page_Roman_010"
+ id="Page_Roman_010"></a>Abgeschiedner; der ihr geopferte
+ Wechselzahn. Einschl&auml;gige volksmedicinische
+ Br&auml;uche.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_4">Die Rolle der Maus bei den
+ Erntebr&auml;uchen, die in Mausform gebackenen
+ Zweckbrode.</a></h4>
+
+ <p>Gertrudens M&auml;usegespann, wiederkehrend in den
+ Ortssagen. Das Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja
+ und Walk&uuml;re.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_5">Symbole.</a></h4>
+
+ <p>Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
+ Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der S&uuml;ssen
+ M&auml;uschen. Das Kalenderzeichen des Gertrudentages.</p>
+
+ <h2><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die
+ Allerseelenherrin.</a></h2>
+
+ <h3><a href="#Nachtrage">Nachtr&auml;ge.</a></h3>
+
+ <h3><a href="#Wortregister">Wortregister.</a></h3>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 002 --><a name="Page_002" id="Page_002"></a> <a name=
+ "Teil_1" id="Teil_1"></a>
+
+ <h2>I. Walburg mit drei Aehren,</h2>
+
+ <h3>die Ackerg&ouml;ttin.</h3>
+ <hr class="smallrule">
+ <!-- 003 --><a name="Page_003" id="Page_003"></a> <a name=
+ "Teil_1_Abschnitt_1" id="Teil_1_Abschnitt_1"></a>
+
+ <h3>Erster Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4><br>
+
+ <p>Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht
+ unmittelbar voraus, der heitersten Naturfreude die
+ verderbenbringende Hexennacht. Hier eine jungfr&auml;uliche
+ Maik&ouml;nigin, aus dem frischen Gr&uuml;n der Haine &uuml;ber
+ den thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und
+ umjubelt von der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf
+ finsterer Bergh&ouml;he die entsetzliche Nachtk&ouml;nigin, Hagel
+ und Schlossensturm, Misswachs und Seuche brauend, unkeusche
+ Satanst&auml;nze abhaltend, eine Feindin des Wachsthums und der
+ Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig Stunden, welche
+ Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter einem und
+ demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
+ Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich
+ widersprechenden H&auml;lften eines urspr&uuml;nglich
+ einheitlichen Wesens aufzuweisen und dieselben zur w&uuml;rdigen
+ Gesammtheit eines germanischen G&ouml;tterbildes zu vereinbaren.
+ Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende nach
+ deren &auml;ltester Aufzeichnung, unter Weglassung der
+ ausschm&uuml;ckenden kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle
+ und Schauplatz der Legende ist baierisch Franken, zugleich die
+ Heimat des Verfassers vorliegender Ausarbeitung.</p>
+
+ <p>Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu
+ berufen hat, sind nachfolgende.</p><!-- 004 --><a name="Page_004"
+ id="Page_004"></a>
+
+ <p>Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es
+ Wilibalds Reise nach Jerusalem enth&auml;lt) schrieb eine
+ Landsm&auml;nnin und Zeitgenossin Wilibalds aus ihrer eignen und
+ der Diakone Erinnerung. Sie heisst die Heidenheimer ungenannte
+ Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster eingetreten, also
+ noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst seit Canisius
+ und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei Falkenstein
+ Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums commandirte
+ der zu Marschal Ney's Armee geh&ouml;rende General Dominik Joba
+ etliche Wochen in Eichst&auml;dt, ber&uuml;chtigt als Inkunabeln-
+ und Gem&auml;ldedieb; er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800
+ die Handschrift im Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist
+ sie verloren. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichst&auml;dt, S. 365.
+ Dies ist die Hauptquelle f&uuml;r alle &uuml;brigen
+ Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die n&auml;chstfolgende
+ Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der
+ M&ouml;nch Wolfhard zu Hasenried, das sp&auml;tere Herrieden a.d.
+ Altm&uuml;hl, einer im J. 888 durch Kaiser Arnulf an das
+ Eichst&auml;dter Bisthum vergabten Abtei. Im J. 1309 schrieb der
+ Bischof von Eichst&auml;dt Philipp von Rathsamhausen Wilibalds
+ und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn
+ K&ouml;nigin Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem
+ Stifte K&ouml;nigsfelden aus brieflich angegangen hatte. Der
+ Bischof &uuml;berschickt ihr und ihrem Convente das verlangte
+ Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und Wunderwerke der
+ <i>seligen</i> Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt in
+ der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die
+ f&uuml;nfte, aber die erste <i>umfassendere</i> Erz&auml;hlung
+ der Legende, sagt Gretser X, 906b. Der bisch&ouml;fliche
+ Verfasser war von Kolmar im Elsass geb&uuml;rtig und starb 1322.
+ Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk &uuml;bersetzte der
+ Eichst&auml;dter Stadtschreiber David W&ouml;rlein und dedicirte
+ es dem damaligen Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu
+ Ingolstadt 1608 bei Andr&auml; Angermayer. Auf diese beiden
+ Schriften st&uuml;tzen sich nachfolgende, <!-- 005 --><a name=
+ "Page_005" id="Page_005"></a> von uns gleichfalls benutzte
+ Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars secunda
+ 287.&mdash;Bollandisten tom. 3., 25 Febr.&mdash;Gretser, Vitae
+ Sanctor. tom. X.&mdash;Matth. Rader, Bavaria sancta,
+ 1704.&mdash;Alle nennenswerthe weitere Literatur &uuml;ber die
+ Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs Kirchengesch. 2,
+ 347 und 356.</p>
+
+ <p>Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu
+ Cirton oder Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire,
+ hatte bereits bei Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium
+ gepredigt, als er im Auftrage des Pabstes Gregor II. nach
+ Th&uuml;ringen und Baiern kam und in diesem letzteren Lande zu
+ dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau diejenigen zu
+ Regensburg, Freising, W&uuml;rzburg und Eichst&auml;dt
+ gr&uuml;ndete. Eine Schaar gebildeter M&auml;nner und Frauen aus
+ dem Angelsachsenvolke begleitete ihn dahin und &uuml;bernahm die
+ Leitung der neuen Stiftungen. Kunigild und ihre Tochter Bertgit
+ verwendete er als Abtissinnen in Th&uuml;ringen, Kunitrud und
+ Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, Lioba nach
+ Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
+ Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angels&auml;chsischen
+ F&uuml;rstenpaares Richard und Wunna, die Schwester von Oswald,
+ Wunnibald und Wilibald, war auf ihres Oheims Winfrid Rath durch
+ Th&uuml;ringen nach Baiern gereist und hier im Sualafelder Gau
+ mit den drei Br&uuml;dern zusammengetroffen. Dieser Gau, in dem
+ sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge des
+ Hahnenkamms in das Altm&uuml;hlthal nach dem jetzigen
+ Eichst&auml;dt, schloss auf einer Seite das Weissenburger Gebiet
+ mit Gunzenhausen und Eschenbach in sich, auf der andern Seite die
+ Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte Bruder Wilibald schon
+ vorher im J. 740 bei Eichst&auml;dt ein Kl&ouml;sterlein in der
+ Regel des hl. Benedict gegr&uuml;ndet und war f&uuml;nf Jahre
+ nachher auf der Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J.
+ 741) zum ersten Bischof von Eichst&auml;dt eingesetzt worden.
+ Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute er dann am Hahnenkamm zu
+ Heidenheim ein gleiches Kloster, <!-- 006 --><a name="Page_006"
+ id="Page_006"></a> f&uuml;gte demselben 760 einen Frauenkonvent
+ in der Benedictinerregel bei und &uuml;bergab dessen Leitung an
+ Walburg. Die Stellen zu den neuen Kirchenbauten pflegten die
+ Geschwister sich da auszuw&auml;hlen, wo ihr Reiseross jeweilen
+ stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt noch f&uuml;r
+ heilkr&auml;ftig gehaltener Quellen z&auml;hlt man in der
+ Eichst&auml;dter Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob
+ dem Eichst&auml;dter Forellenweiher an der Landstrasse im
+ Weissenburger Walde und heisst R&ouml;mleins- oder
+ Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier R&ouml;mer
+ getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
+ in der Fronte bis zur H&ouml;he aufgemauert und mit Quadern,
+ einem Thore gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein,
+ Nordgau. Alterth. 1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen
+ liegt zun&auml;chst dem Kloster Bergen; als der Heilige hier
+ heranritt, sprudelte der Quell unter dem Tritt des Rosses aus
+ einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt seitdem bei keiner
+ Sommerd&uuml;rre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg auf einem
+ der zwei gr&uuml;nen H&ouml;henz&uuml;ge, die den
+ Eichst&auml;dter Thalkessel umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach
+ dem Dorfe Titing die Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene
+ Feldkapelle mit des Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er
+ das Stift Heilsbronn, nach jener m&auml;chtigen "Hails- oder auch
+ Hagelsquelle" zubenannt, die hier in einen dreik&auml;stigen
+ Brunnen gefasst wurde und aus 32 R&ouml;hren sprang; sie stand im
+ vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerst&ouml;rt.
+ Eben so liess sich die Schwester Walburg im
+ mittelfr&auml;nkischen St&auml;dtchen Heidenheim beim Ortsbrunnen
+ nieder, welcher der Sch&ouml;n- und Heidenbrunnen heisst. Als
+ aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im Klostergarten
+ (jetziges Rentamt) auch der K&auml;sbrunnen, ein Hungerquell, an
+ welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald
+ erbaute sich beim Schlosse Hohentr&uuml;dingen das Stift
+ Auhausen; seine Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen
+ ist ihm in Tirol beim Dorfe Oswald am Ifinger einer
+ <!-- 007 --><a name="Page_007" id="Page_007"></a> der drei
+ "Jungbrunnen" dieses Landes geweiht und er selbst gilt dorten als
+ ein gewaltiger Wetterherr. Zingerle, tirol. Sitt. no. 794.
+ 936.</p>
+
+ <p>Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen
+ sich die Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater
+ Luidl. Nach den neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D.
+ Popp, Errichtung der Di&ouml;cese Eichst&auml;dt, wird von nun an
+ Folgendes zu gelten haben.</p>
+
+ <p>Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald
+ 7. Juli 781. Letzterer wurde in der Eichst&auml;dter Kathedrale,
+ die beiden ersteren im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess
+ nachmals Abt Otkar Walburgis Erdgrab er&ouml;ffnen und erblickte
+ drinnen die Leiche unverwest und thaufrisch: "totum corpus rore
+ perfusum cernebatur". Am 21. Sept. 870 tragen zwei zusammen
+ gebundene Rosse den Sarg nach Eichst&auml;dt und bleiben hier
+ freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess Otkar
+ die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche
+ benennen. Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den
+ Sarg ber&uuml;hrt und wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf
+ Kr&uuml;cken voran in die Kirche zu Wilibalds Grab und ruft da:
+ Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine Schwester kommt!
+ Dar&uuml;ber l&auml;sst er die Kr&uuml;cken fallen und ist
+ geheilt. Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser
+ Versetzungsgeschichte streitet indess die weiter gehende
+ Erz&auml;hlung von der Theilung der Walburg-Reliquien. Als
+ n&auml;mlich Walburg gestorben war, hatte ihre Gef&auml;hrtin
+ Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gr&uuml;ndete aus
+ ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
+ Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichst&auml;dt
+ abgegebenen Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte
+ Monheim getheilt werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu
+ Eichst&auml;dt wiederum aufgrub, zeigten sie sich mit einer
+ wundersamen Fl&uuml;ssigkeit &uuml;berzogen, die bei
+ Ber&uuml;hrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha
+ tenui madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae
+ <!-- 008 --><a name="Page_008" id="Page_008"></a> extorqueri
+ valerent (A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so
+ ferne von Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so
+ ber&uuml;hmt gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein
+ Theil der Reliquien zu Eichst&auml;dt, der andere kam nach
+ Monheim und wurde hier an jedem Jahrestage durch vier
+ Stadtr&auml;the in einem silber&uuml;berzogenen S&auml;rglein in
+ gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die
+ Reformation die Kl&ouml;ster des Sprengels der Reihe nach
+ aufgehoben wurden: Solenhofen, W&uuml;lzburg, Baring, Heidenheim,
+ Monheim, zerst&ouml;rte der Bildersturm (haereticorum furor, sagt
+ Rader 3, 48) auch die hl. Gr&uuml;fte, so dass Wunnibalds Sarg in
+ Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim spurlos
+ verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
+ Walburgis dort verwahrt gewesener bisch&ouml;flicher Stab, auf
+ dessen Ber&uuml;hrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei
+ sp&auml;ter auf dem Walpersberge bei K&ouml;ln von den Jesuiten
+ verwahrt worden und allj&auml;hrlich am 1. Mai im Flurumgang
+ durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. 302. Wir werden
+ sp&auml;ter darauf noch zur&uuml;ckkommen.</p>
+
+ <p>Von den K&ouml;rpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu
+ Eichst&auml;dt nichts anderes mehr als nur das Brustbein
+ vorhanden. Dasselbe liegt dorten im Altar der Gruftkapelle der
+ schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten Walburgiskirche.
+ Dieser Altar, ein l&auml;nglichter Steinw&uuml;rfel, ist in
+ seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als
+ ein auf seine Breitseite umgelegter &auml;lterer Steinsarg
+ erscheint. Sein Material ist Sandstein, wie ihn die Br&uuml;che
+ vom benachbarten Pleinfelden ergeben. Durch seine H&ouml;hlung
+ geht der L&auml;nge nach eine ebne ungeschliffene Kalksteinplatte
+ von der Art des n&auml;chsten Eichst&auml;dterbruches, aufgesetzt
+ auf zwei kurze Tr&auml;ger aus Sandstein. Diese Bank heisst der
+ Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fl&auml;che liegt Walburgis
+ Brustbein. Anfangs Oktober f&auml;rbt sie sich blaulicht und
+ &uuml;berl&auml;uft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen
+ Perlen gerinnt und tropfenweise ehedem in einem viereckig
+ <!-- 009 --><a name="Page_009" id="Page_009"></a> ausgehauenen
+ Mittelraume sich sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907
+ (&dagger; 1625); der sp&auml;tere Falkenstein, Nordgau. Alterth.
+ 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die nicht von oben her,
+ sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, durch silberne
+ Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale geleitet
+ werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
+ als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist
+ durchweg mit Silberblech &uuml;berzogen, die Vorderseite wird mit
+ einer von innen silberbeschlagenen Eisenth&uuml;re verschlossen.
+ Dies ist das Mirakel des Oelthauens, von der Kirche das
+ stillicidium genannt. Das Oel ist weiss und hell, geruch- und
+ geschmacklos und schnell verfl&uuml;chtigend; unaufgesammelt soll
+ es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich selber verstocken:
+ Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; mit Wachs
+ verschlossne Glasfl&auml;schlein zum Verkauf umgeleert: An Ort
+ und Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine
+ messingene Eichel, vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben,
+ den Klosterfrauen abgekauft; sie enthielt wohlriechende, in dies
+ Oel getauchte Baumwolle nebst einem gedruckten
+ Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten diese
+ Wolle in schmerzende Z&auml;hne und Ohren steckt. Frauen tragen
+ derlei geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schn&uuml;rwerk
+ des Mieders.</p>
+
+ <p>Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das
+ Stillicidium begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich
+ unbetheiligter, in seinen Forschungen sehr genauer Autor, weiss
+ in seinen Antiquitates Septentr. (Hannoverae 1720) S. 88 noch
+ nicht anders, als dass dieser Oelfluss erfolge cum die prima
+ Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen Skribenten
+ nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser die
+ Geschichte der Eichst&auml;dter Bisch&ouml;fe und dieses Mirakels
+ schrieb, folgende Zeit daf&uuml;r zur Geltung gebracht worden zu
+ sein: Mit dem 12. Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von
+ Heidenheim in die Gruft nach Eichst&auml;dt &uuml;bertragen
+ wurden, beginnt das Oel zu <!-- 010 --><a name="Page_010" id=
+ "Page_010"></a> fliessen und fliesst fort bis 25. Februar, als
+ der Heiligen Todestag; alle &uuml;brigen Monate, heisst es,
+ bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel trocken.
+ Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die
+ &auml;lteste Aufzeichnung der Legende ausdr&uuml;cklich: die
+ apostolorum Philippi et Jacobi celebratur usque hodie festum
+ canonizationis Walpurgae; eodem die omni anno stillicidium
+ ejusdem sanctae virginis ad potandum administratur (Gretser X,
+ 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich auf 1. Mai, dessen
+ altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken begangen
+ wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der Kirche
+ zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
+ Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag
+ Walburgis sei, und k&uuml;mmerte sich nicht weiter darum, dass
+ das Walburgisfest in verschiednen Gegenden Deutschlands schon
+ seit alter Zeit zu f&uuml;nf verschiednen Monaten und Tagen
+ kirchlich begangen wurde<a name="FNanchor_1_1" id=
+ "FNanchor_1_1"></a><a href=
+ "#Footnote_1_1"><sup>[1]</sup></a>.</p>
+
+ <p>Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male n&ouml;thigte,
+ den solennen Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen,
+ liegt in der Eichst&auml;dter Oelquelle selbst, die eine
+ intermittirende ist und ausserdem in fr&uuml;heren Jahrhunderten
+ viel reichlicher floss als heute. Oftmals bleibt sie sogar ganz
+ aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
+ <!-- 011 --><a name="Page_011" id="Page_011"></a> 1237 sammt
+ seinem Domkapitel von der B&uuml;rgerschaft verjagt wurde. Die
+ versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verw&uuml;stet,
+ das Walburgis&ouml;l h&ouml;rte auf zu fliessen. Sicherer jedoch
+ ist derselbe Fall, da 1713 zum gr&ouml;ssten Schrecken des
+ Klosters vom 15. Februar bis 9. M&auml;rz fast kein Tropfen
+ Fl&uuml;ssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach einer
+ alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
+ Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
+ Eichst&auml;dt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos.
+ Giggenbach beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara
+ hielt (gedruckt zu Eichst&auml;dt 1730, 4&deg;), heisst es S. 27:
+ Walburg lasse das Oel in solchem Masse aus ihrem Brustbeine
+ entquellen, dass man damals ein hohes grosses Glas voll davon im
+ Kloster zur&uuml;ck gestellt hatte; zur H&auml;lfte trank es die
+ erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
+ sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern
+ m&uuml;ssen, oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst!
+ worauf jenes halbgeleerte Gef&auml;ss sich sogleich wieder ganz
+ mit Oel anf&uuml;llte.&mdash;Der Eichst&auml;dter Bischof Philipp
+ von Rathsamhausen, Verfasser der dritt&auml;ltesten
+ Walburgislegende, erz&auml;hlt, wie er es selbst becherweise
+ gegen seine Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de
+ oleo) adferri, et desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A.
+ SS. saec. III. P. II, 306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht
+ mehr geflossen war und die darob verzagten Eichst&auml;dter ihren
+ Sittenwandel besserten, brach es so reichlich los, dass man ein
+ Weinl&auml;gel von einer halben Pinte, also ein wirkliches Fass,
+ damit anf&uuml;llen konnte. Ibid. pag. 307.</p>
+
+ <p>So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L.
+ Fischer) Hannover 1794, Bd. 3, 118 &uuml;ber "die ungeheure
+ Menge" Walburgis&ouml;l zu Eichst&auml;dt, die in alle Gegenden
+ verschickt und in schweren Krankheiten statt Arzenei verbraucht
+ wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches Berg&ouml;l von grosser
+ Durchsichtigkeit und sehr fl&uuml;chtig sein; wer es bei sich
+ trage, behaupten die M&ouml;nche, m&uuml;sse sich im
+ <!-- 012 --><a name="Page_012" id="Page_012"></a> Stande der
+ Gnaden befinden, damit es nicht sogleich verfliege.</p>
+
+ <p>Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem
+ Tragsteine derselben quillt, hatte die Kirche urspr&uuml;nglich
+ nicht verheimlicht. Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der
+ M&auml;rtyrer Asche und Gebein, sondern auch andere den Reliquien
+ nahegebrachte Dinge sind heilkr&auml;ftig, und so auch das Oel,
+ das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren Grabsteinen
+ herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erz&auml;hlt Reinfrit
+ von Braunschweig (Grimm, Altd. W&auml;lder 2, 185), wie ole von
+ irme l&icirc;be vl&ocirc;z; und das Gedicht von Katharinens
+ Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) f&uuml;gt erkl&auml;rend
+ bei:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>&ucirc;z dem sarksteine,</p>
+
+ <p>d&acirc; inne l&icirc;t diu reine,</p>
+
+ <p>vil heilic ol vl&ucirc;zet,</p>
+
+ <p>des diu werlt vil gen&ucirc;zet.</p>
+
+ <p>der iht siecheite hat,</p>
+
+ <p>des wirt al ze hant rat,</p>
+
+ <p>als man ez dar an str&icirc;chet.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher &ouml;lspendenden
+ Steine; der eine lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl
+ und trug die Inschrift: Brunnen des Oels, 1500; der andere ist
+ noch im Kirchlein St. Kosmas und Damian, bei Bozen. Aus einer
+ Eintiefe an seiner Oberfl&auml;che quoll Heil&ouml;l und wurde
+ von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete f&uuml;r
+ immer, als der Eigenth&uuml;mer der Kapelle damit Wucher zu
+ treiben begann. Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu
+ Eichst&auml;dt 1309 die Gebeine des hl. Gundacar erhoben wurden,
+ ergaben sowohl sie wie der Deckel des Steinsarges eine so
+ reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der damalige Bischof
+ Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gef&auml;sse f&uuml;r die
+ Kranken anf&uuml;llen liess. Sax, Eichst&auml;dt. Hochstift S.
+ 101. Die von Rom nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl.
+ Quirinus ergaben in dortiger Quirinuskapelle ein Heil&ouml;l, das
+ in kleinen Fl&auml;schlein an die Gl&auml;ubigen verkauft wurde.
+ Heute steht diese <!-- 013 --><a name="Page_013" id=
+ "Page_013"></a> "Oelkapelle" noch; einige Quellen
+ olivengr&uuml;nes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man
+ sammelt j&auml;hrlich davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland,
+ 196.</p>
+
+ <p>Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich
+ indessen auf solcherlei Stein&ouml;l allein nicht
+ beschr&auml;nken m&ouml;gen. Schon zu Justinians Zeit fliesst Oel
+ aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von Orosius an meldet eine
+ Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in Massmanns
+ Kaiserchronik 3, 556 aufgef&uuml;hrt sind, zu Rom sei bei Christi
+ Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber
+ ergossen. Zugleich f&auml;llt damals auch ein Honigregen.
+ Sechzehn Heilige und achterlei heilige Jungfrauen z&auml;hlt
+ Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 auf, aus deren Gebeinen
+ nunmehr wunderth&auml;tiges Oel fliesst. Kaspar Lang, Histor.
+ theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
+ der Erzschelm 4, 42) setzen diese Z&auml;hlung noch weiter fort.
+ Mit dem Oel der hl. Helena einen Kristall zu betr&auml;ufen, um
+ damit den Dieb zu entdecken, r&auml;th Felix Hemmerlin (1454) in
+ seiner Schrift de exorcismo. Gretser X, 907 nennt ferner die hl.
+ Elisabeth in Th&uuml;ringen, die Martyrknaben zu Novara und noch
+ andere, deren Gebein, in Kirchenalt&auml;ren ausgesetzt, Oel
+ giebt, und Rader 3, 41 f&uuml;gt bei, Gleiches stehe der
+ Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes
+ streitende Jungfrau gewesen sei und also in diesem t&auml;glichen
+ Faustkampfe Oel habe schwitzen m&uuml;ssen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?</p>
+
+ <p>In cavea Martis num pugil illa fuit?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Im Stil der Kirchenv&auml;ter wird der mit dem Satan ringende
+ Christ mit dem Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit
+ dem Oele des Gebetes gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht
+ fassen k&ouml;nne. So sagt Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2):
+ Venimus ad fontem&mdash;Unctus es quasi athleta Christi.
+ Denselben Gedanken &auml;ussert auch Chrysostomus in seiner 6.
+ Homilie &uuml;ber den Brief an die Coloss.&mdash;Nork,
+ Realw&ouml;rtb. 3, 301.</p><!-- 014 --><a name="Page_014" id=
+ "Page_014"></a>
+
+ <p>Von der Wunderwirkung des zu Eichst&auml;dt fliessenden Oeles
+ sagen die Acta SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und
+ besonders h&auml;ufig Lahme geheilt habe; Gretser f&uuml;gt bei,
+ X, 917, es f&ouml;rdere die Geburten, auch lutherische Frauen
+ h&auml;tten in Kindesn&ouml;then damit den Versuch gemacht und
+ seien dar&uuml;ber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards
+ Hymnen (bei Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders
+ den Wolfshunger heilt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Hinc quendam fastidiosum</p>
+
+ <p>Fame paene mortuum</p>
+
+ <p>Alloquens per visionem</p>
+
+ <p>Monet, ut de calice</p>
+
+ <p>Ejus biberet; quo facto</p>
+
+ <p>Esuriit solito.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden
+ F&uuml;ssen lahm, wurde von seiner Mutter Ratila zum
+ Walburgisgrabe in Monheim getragen und da auf ihr Gebet sogleich
+ hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die er seine
+ K&ouml;rperkraft wieder erlangt hatte, zu lebensl&auml;nglicher
+ Leibeigenschaft &uuml;bergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die
+ mystische Kraft, welche dem Walburgis&ouml;l beigelegt wurde,
+ erkl&auml;rt sich Jac. 5, 14: Ist einer unter euch krank, so rufe
+ er die Aeltesten der Gemeinde herbei, dieselben sollen &uuml;ber
+ ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im Namen des
+ Herrn&mdash;und der Herr wird ihn aufrichten.</p>
+
+ <p>Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden
+ sind (per totum mundum, ad diversas Francorum provincias S.
+ Walpurgis reliquiae dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch
+ in vielen Provinzen das Wunder&ouml;l zu haben gewesen. Oel,
+ Knochen, f&uuml;nf Z&auml;hne und ein Gewandrest Walburgis wurden
+ zu Wittenberg j&auml;hrlich am Montag nach Misericordias
+ ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit
+ hergezeigt wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth,
+ Landgr&auml;fin von Hessen, geflossen war. Das Glas ging an
+ Luther &uuml;ber, der wie J. Mathesius erz&auml;hlt, es einst
+ seinen Joachimsthaler G&auml;sten zu einem and&auml;chtigen
+ Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in
+ <!-- 015 --><a name="Page_015" id="Page_015"></a> der Kaiserpfalz
+ zu Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J.
+ 1720 kamen daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig
+ Pfarreien am 1. Mai zusammen, um das Walburgis&ouml;l
+ auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) kannte in seiner
+ Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die dortigen
+ Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
+ hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906.
+ Bolland. 518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.</p>
+
+ <p>Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu
+ nennen. Im Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die
+ w&auml;hrend der Reformation verw&uuml;stet wurde (more
+ Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt Rader 3, 45)
+ liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf welchem
+ Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand einen
+ Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
+ linken ein Buch, zu F&uuml;ssen ein Wappenschild. Dieser
+ s&auml;ulengeschm&uuml;ckte Aufbau mit Perlenfries geh&ouml;rt
+ den Werken der romanischen Periode an (Bavaria 3, 863). Auf einem
+ gegen&uuml;ber liegenden &auml;hnlichen Grabstein ist Wunnibald
+ ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae Walburgis
+ 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Br&uuml;gel in Ansbach
+ und im Jahresberichte des histor. Vereins f&uuml;r Mittelfranken
+ 1843. Der hl. Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist
+ dargestellt auf einem Teppich, welcher urspr&uuml;nglich in der
+ Eichst&auml;dter Kirche aufbewahrt wurde und nun im M&uuml;nchner
+ Nationalmuseum ist.&mdash;Auf folgenden Stichen erscheint die
+ Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfl&auml;schlein in der
+ Hand haltend:</p>
+
+ <p>Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst.
+ 1629.&mdash;P. Emil de Novara, capuccino. Breve ristretto della
+ Sta. principessa Walpurga. Eichst. 1722.&mdash;Matth. Rader,
+ Bavaria sancta. M&uuml;nchen 1704 (wiederholt das
+ Grabmal).&mdash;P. Goudin, Unersch&ouml;pflicher Gnadenbrunnen
+ der hl. Walburgis. Regensb. 1708.</p><!-- 016 --><a name=
+ "Page_016" id="Page_016"></a>
+
+ <p>Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf
+ dem Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen,
+ Niedersachsen und Friesen; soweit durch dieselben der hier zu
+ behandelnde Stoff vervollst&auml;ndigt wird, wird von ihnen im
+ Einzelnen ferner hier die Rede sein. Eben dieselbe Bemerkung hat
+ auch von den an vielfachen Orten aufbewahrten und verehrten
+ Walburgsreliquien zu gelten.</p>
+
+ <p>Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von
+ Kaufering eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen
+ H&uuml;gel stehend, von Linden beschattet, von einer Mauer
+ eingefriedet. Der Eintritt f&uuml;hrt drei Stufen abw&auml;rts,
+ die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht der
+ Pestkarren, die R&auml;der sind mit Filz beschlagen, um die zur
+ Pestzeit geh&auml;uften Leichen ger&auml;uschlos abzuf&uuml;hren.
+ Walburg hat jener Pest gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei
+ heidnischen Ursprungs, man habe hier noch den G&ouml;tzen
+ geopfert. Sch&ouml;ppner, Bair. Sagb. no. 889.</p>
+
+ <p>Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, z&auml;hlt
+ das topographisch-statistische Handbuch des K&ouml;nigreichs
+ (M&uuml;nchen 1868) folgende auf: Walbenhof, Ein&ouml;de bei
+ Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, Dorf bei Tirschenreuth; Dorf
+ Walberngr&uuml;n bei Stadtsteinach; Walbertsberg bei Kunreut;
+ hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein Maimarkt
+ abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
+ zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.)
+ Walburgskirchen, Dorf bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei
+ der Stadt Hof; Walburgswinden, Ein&ouml;de bei Neustadt a.d.
+ Aisch; Walpenreuth, Dorf bei Berneck; Walpersberg, Dorf bei
+ Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei Rosenheim, und zwei
+ gleichnamige D&ouml;rfer bei Rottenburg und bei Schwabach;
+ Walpershof, <!-- 017 --><a name="Page_017" id="Page_017"></a>
+ Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei Neustadt a.d.W.;
+ Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei Landshut;
+ Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf bei
+ Erding; W&ouml;lbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut,
+ Dorf bei Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau,
+ Ein&ouml;de bei Neuburg an der Donau. Diese Liste l&auml;sst sich
+ jedoch noch um vieles vermehren, wenn man dabei die mundartlichen
+ Formen des Namens Walburg mitverwerthet. Er lautet im
+ Altm&uuml;hlthale B&uuml;rgli, in
+ altbairisch-oberpf&auml;lzischer Mundart Walberl (nicht zu
+ verwechseln mit Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und
+ Mittelfranken Barbara ist), im tiroler Zillerthal Purgel u.s.w.
+ Einer der Hauptberge am oberbaierischen Tegernsee wird 1420 in
+ einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als Walber
+ foecundissimus begr&uuml;sst. Schneller W&ouml;rtb. 4, 61.</p>
+
+ <p>Das schw&auml;bische Rittergeschlecht von Waldburg, einst
+ Truchsessen, nunmehr w&uuml;rtembergische Standesherren, theilt
+ sich in die Linien Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach,
+ Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss ist die beim gleichnamigen
+ Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, s&uuml;d&ouml;stlich von
+ Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
+ Walburgiskapelle. Von den zu K&ouml;ln bei den Jesuiten
+ aufbewahrten Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges
+ erbeten, jedoch erfolglos. Bolland. 3, 518.</p>
+
+ <p>Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen
+ mit der Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die
+ Rede sein wird; 2) zu Kn&ouml;rsheim bei Maurm&uuml;nster; 3) bei
+ Biblisheim, unfern der Stadt Hagenau; sie wird im J. 1085 als
+ Kloster genannt (Trithem. Chron. Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom
+ Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei erhoben. Neugart, Episc.
+ Const. 2, 8.</p>
+
+ <p>Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
+ Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf
+ ihrem Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser,
+ 906.</p>
+
+ <p>Der gr&ouml;ssere Theil der &auml;ltesten Kirchen
+ Niederdeutschlands ist derselben Heiligen geweiht, so zu
+ Gr&ouml;ningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, Aldenaerde,
+ Br&uuml;gge, <!-- 018 --><a name="Page_018" id="Page_018"></a>
+ Z&uuml;tphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen sp&auml;ter
+ noch zu handeln sein.</p>
+
+ <p>Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut
+ Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in
+ folgenden Kirchen.</p>
+
+ <p>In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs.
+ Ferner zu Mainz in der Gereonskirche zu K&ouml;ln ein Finger, in
+ der Jesuitenkirche daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom
+ benachbarten Walpersberg, einem vormaligen Kloster. In Frankreich
+ zu Attigny und Clugny. Die Acta fundationis monasterii Murensis
+ (Kloster Muri im Aargau ist 1027 gegr&uuml;ndet) nennen bei
+ Herz&auml;hlung der daselbst verwahrten Reliquien zu dreien malen
+ Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. Reliquienpartikeln
+ des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis &uuml;bersendete
+ 1482 der Eichst&auml;dter Bischof Wilhelm von Reichenau an
+ K&ouml;nig Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury
+ verwahren liess. Ueber diese Reliquien und die der Walburg
+ gewidmeten Kirchen hat der Jesuite Godefredus Henschenius in
+ Actis SS. ausf&uuml;hrlich berichtet.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_1_1" id=
+ "Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1">[1]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.</p>
+
+ <p>25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu
+ Eichst&auml;dt in der Kathedrale, und zu Antwerpen in der
+ Basilica.&mdash;20. M&auml;rz: Gretser l.c. pag. 907.</p>
+
+ <p>1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach
+ Eichst&auml;dt; gefeiert in der Eichst&auml;dt. Kathedrale und
+ zu Antwerpen in der Basilica. Bollandisten, 25. Febr., tom.
+ III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. Klosters Rheinau
+ stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die Feier:
+ Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
+ Liturgia 4, 768.</p>
+
+ <p>4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu
+ Eichst&auml;dt (Bollandisten ibid. 514b); zu Tornacum,
+ Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. 522; zu Veurne, in
+ der flandr. Di&ouml;cese Ypern: Gretser X, 912.</p>
+
+ <p>12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichst&auml;dter
+ Walb.kloster.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_2" id="Teil_1_Abschnitt_2"></a>
+
+ <h3>Zweiter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.</h4><br>
+
+ <p>Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit
+ denen die bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und
+ Sohn, des Matth&auml;us Rader Bavaria Sancta (1615)
+ ausgeschm&uuml;ckt haben, ist Bd. 3 auch das Eichst&auml;dter
+ Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da zwischen
+ den And&auml;chtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
+ Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer
+ Jungfrau gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die
+ Acta SS. (saec. 3, tom. II, 291) <!-- 019 --><a name="Page_019"
+ id="Page_019"></a> und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen
+ jedoch noch davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die
+ Nachts an die Th&uuml;re des reichen Hofbauern kommend, von den
+ scharfen R&uuml;den angefallen wird; auf dieses Wort werden sie
+ zahm; und darum, erz&auml;hlt Bischof Philipp (&dagger; 1320),
+ habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller Hunde
+ angerufen. Es l&auml;sst sich indess dieses Attributthier der
+ Heiligen als anderen Ursprunges und aus einer viel fr&uuml;heren
+ Zeit nachweisen. Die Vorgeschichte des Bisthums Eichst&auml;dt
+ spielt nicht in dieser Stadt, sondern in einem Orte, welcher
+ r&ouml;misch Aureatum heisst und schon seit Aventins Zeiten, der
+ 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit einem
+ Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
+ beiden D&ouml;rfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger
+ Heerstrasse gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die
+ Eichst&auml;dter Bisch&ouml;fe Aureatensis ecclesiae episcopi,
+ und Walburg wird ebenso von Celtes im 2. Buche seiner Oden die
+ Zierde der Aureatensischen Landschaft geheissen. An den beiden
+ Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind Votivsteine des
+ Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der Fortuna
+ geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
+ M&uuml;nchen gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll
+ r&ouml;m. Geschirrtr&uuml;mmer und Reste von Brenn&ouml;fen,
+ deutlich unterscheidet man noch den Lauf der R&ouml;merstrasse.
+ Als nun der gelehrte Jesuite Gretser 1620 von der
+ Universit&auml;t Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
+ dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine
+ Frau vorstellte, zu deren F&uuml;ssen, von Erde
+ &uuml;bersch&uuml;ttet, angeblich ein Hund liegen sollte. Gretser
+ schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei Steinbilder, eine Frau
+ darstellend mit dem Hunde zu deren F&uuml;ssen, sind seit dem J.
+ 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele entdeckt
+ worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
+ Nehalennia, eines zwar von R&ouml;merh&auml;nden gemeisselten,
+ aber deutschen G&ouml;tterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers
+ Antiquitat. Septentr. 236, <!-- 020 --><a name="Page_020" id=
+ "Page_020"></a> und in Wolfs Beitr&auml;gen 1, 149 sind diese
+ Bildwerke beschrieben. Aber derselbe typische Hund fehlt nun auch
+ in der Krypta der Heidenheimer Kirche nicht, wo Walburgis
+ fr&uuml;hestes Grab gewesen war. Panzer, bair. Sag. 1, S. 132
+ beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf den
+ fr&uuml;hesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der
+ Gruft angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild
+ getragen haben musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier
+ des Brackenhauptes, dessen herabh&auml;ngende Ohren von zwei
+ Jungfrauen mit den H&auml;nden ber&uuml;hrt werden. Man sagt,
+ hier seien die Abk&ouml;mmlinge des Rittergeschlechtes Hund
+ begraben.</p>
+
+ <p>Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg
+ f&uuml;hren dasselbe Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss
+ quadrirt, also genau in Form und Farbe des Hohenzollerschen
+ Helmkleinods: caput et collum molossi genannt in Speners
+ Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier nun wirklich
+ die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der Wahl
+ derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
+ jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn
+ Heideng&ouml;ttinnen und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom
+ Hunde gefolgt. Aller Hunde erster ist Garmr, besagt die Edda von
+ Odhinns Hund. Grauhunde begleiten die drei Nornen. Die
+ Fruchtbarkeitsg&ouml;ttinnen Frau Harke, Frau Gode und Frau Frick
+ haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
+ umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die
+ Pudelmutter (Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 T&ouml;chter
+ der Fr&ucirc; Gauden umbellen den Jagdwagen ihrer Mutter als eben
+ so viele H&uuml;ndinnen. Colshorn, M&auml;rch. u. Sag. no. 75.
+ Das H&uuml;ndchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
+ daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die
+ drei <i>steinernen</i> Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt
+ von einem Hunde, welcher gleich ihnen zu Stein geworden war.
+ Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. 289. 290. Es ist daher kein
+ Absprung, wenn die <!-- 021 --><a name="Page_021" id=
+ "Page_021"></a> Sage das &uuml;berirdische H&uuml;ndchen auch der
+ Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege hief&uuml;r:
+ Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
+ h&ouml;lzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu
+ Baden-Baden steht gerade &uuml;ber der daselbst sprudelnden
+ Quelle, neben demselben ist der Hund in Stein gehauen, der das
+ Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. Baader, Bad. Sag. 131. Aus
+ diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das Wahrzeichen der Burgen
+ gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. Sagb. 2, 591),
+ sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
+ Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben
+ erw&auml;hnten Kapelle zu Marienbrunn; derselbe galt da von so
+ alter Abkunft, dass man, z.B. von der Hundskapelle bei Innsbruck
+ sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. Zingerle, Tirol. Sitt.
+ no. 950.</p>
+
+ <p>Ueber die Farbe dieses H&uuml;ndchens belehrt uns die
+ Farbensymbolik; als das freundlich-wohlth&auml;tige Geleitsthier
+ der sch&ouml;nen Weissen Frau ist es gleichfalls ein weisses,
+ aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die des Gewitters
+ feuerroth. So erkl&auml;rt es sich in Mythe und Opfer. Der Rost,
+ der w&auml;hrend der Hitze der Hundstage das Getreide
+ bef&auml;llt, war dem R&ouml;mer versinnlicht durch das
+ G&ouml;tterpaar des Robigus und der Robigo, die beide den Namen
+ des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
+ G&ouml;tterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest
+ der Rubigalien geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des
+ Getreidekorns in seiner H&uuml;lse bis zu seinem Heraustreten aus
+ der Fruchtscheide durch den Priester zu Rom am Hundsthore
+ (Catularia porta) rothe H&uuml;ndchen schlachten und verbrennen
+ liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und Korn&auml;hre
+ abzuwehren, weil man den gl&uuml;henden Hundsstern f&uuml;r die
+ Ursache des Getreidebrandes hielt. Erkl&auml;rend sagt daher
+ Ovid. Fast. 4, 941:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>F&uuml;r den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am
+ Altar,</p>
+
+ <p>Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aus &auml;hnlichem Grunde musste in Deutschland der
+ <!-- 022 --><a name="Page_022" id="Page_022"></a> Frohnknecht
+ allj&auml;hrlich zur Zeit der Hundstage die &uuml;beralten Hunde
+ todtschlagen, zu Leipzig im April und August, in Norddeutschland
+ zur Fasnacht. J.P. Schmidt, Fastelabendgebr&auml;uche. Rostock
+ 1793, 150. 153. Waren diese f&uuml;r die Landwirthschaft
+ gef&auml;hrlichen Fristen vor&uuml;ber, so verg&ouml;tterte man
+ das Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat.
+ Deor.), oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu
+ Nieder&ouml;sterreich wird am 28. Dec. (Kindleinstag) Mehl und
+ Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das wird das Wind- und
+ Feuerf&uuml;ttern genannt. Zerf&uuml;hrt der Wind dies Opfer, so
+ sind im n&auml;chsten Jahre keine sch&auml;dlichen St&uuml;rme zu
+ bef&uuml;rchten. Ein Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus
+ zum Dache hinaus: "man m&uuml;sse die Windhunde f&uuml;ttern."
+ Birlinger, Schw&auml;b. Sag. 1, 191 und no. 301. Das eben
+ angef&uuml;hrte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden
+ gebrachte Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde
+ anwendete, da das Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet
+ ventus und velter. War der erste Schnee gefallen, ehe Frost und
+ Sturm die keimende Saat besch&auml;digen konnten, so sagte unsre
+ Vorzeit: gib den winden br&ocirc;t, e&#549; hat gesn&icirc;get.
+ Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. J&auml;gers
+ Hackelberg in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter
+ &uuml;ber an der Herdstelle und frass nichts als Asche; zum
+ Ersatz aber war ein so mildherziges Haus im Fr&uuml;hjahr drauf
+ mit Milch und Butter reichlich gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117.
+ Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten noch bestimmte
+ Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
+ Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde
+ (erhalten) jeder 4 Mietschen (franz&ouml;s. miche). Eine Offnung
+ von 1469 verpflichtet die Lehensleute gegen den aufreitenden
+ Vogt: vnd h&auml;t er zwen wind mit jm traben, denen s&ouml;llent
+ sy geben ain h&ucirc;slaib. So bildet sich aus der Vorstellung
+ vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
+ Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein f&uuml;r
+ jeden geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen,
+ <!-- 023 --><a name="Page_023" id="Page_023"></a> so erhalten die
+ oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte
+ Mehlsp&auml;tzlein, die man in Baiern Nackete H&uuml;ndlein
+ heisst; wer aber bei der Arbeit einen T&ouml;lpelstreich gemacht
+ hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; beiderlei Namen sind
+ Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene H&uuml;ndlein wirft man
+ zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. 2,
+ 516. Von den die Saaten zerw&uuml;hlenden Hunden des Windes
+ sprang die Vorstellung &uuml;ber auf den Biss der w&uuml;thenden
+ Hunde, hielt aber in beiden F&auml;llen die Korn&auml;hre und das
+ Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht man im Felde zum
+ ersten Male Roggen bl&uuml;hen (dies f&auml;llt auf
+ Walburgistag), so nimmt man drei bl&uuml;hende Aehren und
+ streicht sie stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie
+ von tollen Hunden gebissen. Curtze, Waldeck. Volks&uuml;berlief.
+ S. 402. Ein latein. Gebetb&uuml;chlein: Cultus divae Walburgae,
+ Augsb. 1751, bringt S. 23 einen also beginnenden Hymnus:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Walburga venit: cedite</p>
+
+ <p>vesane grex, molossi!</p>
+
+ <p>Cedunt, pavent, obmutuit</p>
+
+ <p>os impotens latrandum.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod
+ mit, dass euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben
+ lautet dieselbe Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein
+ Hund beisst. Birlinger, Schw&auml;b. Sag. 1, no. 706. So pflegten
+ schon die phigalischen Arkadier nach dem Festessen die Hand an
+ den Brodresten abzuwischen und diese beim Heimgehen einzustecken,
+ damit ihnen auf dem n&auml;chsten Kreuzwege die Hekate mit ihren
+ Hunden nichts anhaben konnte (Athen&auml;us 4, 149 C.). Denn auch
+ dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea canicida,
+ canivora genannt war.</p>
+
+ <p>Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt
+ vor: Um th&ouml;richter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu
+ kuriren, gieb meyische Butter auf ein St&uuml;ck Brod gestrichen.
+ Item, schneide einen Meywurm entzwei, mach <!-- 024 --><a name=
+ "Page_024" id="Page_024"></a> ein L&ouml;chlein ins Brod, steck
+ ihn hinein, kleib es oben mit Brod zu, schmiere Meyenbutter
+ dr&uuml;ber, lass es aufessen. Dies ist ao. 1591 zweimal probiert
+ worden an Hunden. Bisweilen werden die K&uuml;he toll; reissen an
+ den Str&auml;ngen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt
+ vor ihnen st&auml;nde und sie erschlagen wollte. Da gebe man
+ ihnen eine Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes
+ immerhin laufen. Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda,
+ lib. XII, 479, geben den Hunden geschabet Silber (Abschabsel
+ einer Silberm&uuml;nze) auf Butterbrod, so sollen sie nicht toll
+ werden.&mdash;Die Fortdauer dieses Brauches in
+ S&uuml;ddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das
+ Festmahl der Ankenschnitten, sg. Ankebr&uuml;t bereitet,
+ Schnitten mit Butter und Honig reichlich bestrichen, und auch dem
+ Vieh beim ersten Austrieb davon verabreicht, damit es in keinen
+ b&ouml;sen Wind komme. Wir werden hievon im f&uuml;nften Kapitel
+ unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession von
+ Berom&uuml;nster noch einmal zu handeln haben. Unter den von
+ Walburg gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem
+ unbekannten Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex
+ pervetusto codice" stehen abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg.
+ 803) und erz&auml;hlen von einem am Wolfshunger leidenden
+ M&auml;dchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst eines
+ Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
+ Nahrung mehr geniesst als K&auml;se und Milch.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Sualaveldico in pago</p>
+
+ <p>Fuit quaedam faemina,</p>
+
+ <p>Quae languore fortissimo</p>
+
+ <p>Aegrotare coeperat.</p>
+
+ <p>Namque tam intemperata</p>
+
+ <p>Edendi ingluvies</p>
+
+ <p>Incessit semisanatam,</p>
+
+ <p>Ut nulla edulii</p>
+
+ <p>Abundantia valeret</p>
+
+ <p>A suis saturari,</p>
+
+ <p>Exhaustis jam parentibus,</p>
+
+ <p>Sed fame accrescente</p>
+
+ <p>Anxiata hinc dolore</p>
+
+ <p>Hinc pudore maximo.</p>
+
+ <p>Tandem divinitus tale</p>
+
+ <p>Occurrit consilium.</p>
+
+ <p>Rogat suos se deferri</p>
+
+ <p>Ad Walpurgae gratiam.</p>
+
+ <p>Quo delata, biduanis</p>
+
+ <p>Incumbebat precibus,</p>
+
+ <p>Quibus exorata virgo</p>
+
+ <p>Gradiendi miserae,</p>
+
+ <p>Qua privata diu fuit,</p>
+
+ <p>Sospitatem reddidit.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Bona quaedam monialis,</p><!-- 025 --><a name="Page_025"
+ id="Page_025"></a>
+
+ <p>Vocato preabytero,</p>
+
+ <p>Benedici panem fecit</p>
+
+ <p>Redditque famelicae.</p>
+
+ <p>Quo gustato nequam illa</p>
+
+ <p>Fames voracissima,</p>
+
+ <p>Virgine sacra favente,</p>
+
+ <p>Coepit se subtrahere,</p>
+
+ <p>Sic paulatim decrescendo,</p>
+
+ <p>Ut prius accreverat.</p>
+
+ <p>Sic crescente fastidio,</p>
+
+ <p>Pro mira esurie,</p>
+
+ <p>Tandem nil aliud cibi</p>
+
+ <p>Praeter solum caseum,</p>
+
+ <p>Nihil de potu gustare</p>
+
+ <p>Nisi tantum lac poterat.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die
+ B&auml;ndigung der Hundswuth gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem,
+ das der Aehre, dahin misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur
+ auf diesen Einzelfall beziehe. So behauptet es die Schrift
+ Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. Allein die den
+ winterlichen Sturmwinden wehrende Maig&ouml;ttin muss nothwendig
+ auch die Korng&ouml;ttin selbst sein und als solche ist sie
+ kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
+ Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem
+ B&uuml;schel in der Hand, welcher Korn&auml;hren bezeichnet.
+ Ebenso verzeichnet M. Hubers Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5
+ die Abbildung Mariae als "Nostre Dame de trois &eacute;pis", mit
+ drei Aehren in der Hand einem Landmanne erscheinend. Die
+ Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden S&auml;tzen der
+ Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird ges&auml;et auf Mariae
+ Geburt und schosset vmb Waldpurgi" K&ouml;nig, Schweiz.
+ Haussbuch, Basel 1706, 142. "Wenn der Roggen vor Walburgis
+ schosset und vor Pfingsten bl&uuml;ht, so wird er vor Jacobi
+ nicht reif." Pr&auml;torius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
+ diese Erbs&auml;tze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria
+ bittet ihren &uuml;ber das s&uuml;ndige Menschengeschlecht
+ erz&uuml;rnten Sohn, nicht alle Feldfrucht zumal zerst&ouml;ren
+ zu wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu
+ lassen, als genug ist f&uuml;r Hund und Katze, d.h. f&uuml;r ein
+ ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet
+ man zur Muttergotteskirche von Dreien&auml;hren, die beim
+ els&auml;ss. Stifte Katzenthal gelegen ist. Ebenso l&auml;sst
+ Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer Wallfahrt im Pinzgauer
+ Kirchthale <!-- 026 --><a name="Page_026" id="Page_026"></a>
+ erw&auml;hlt, mitten aus dem Winterschnee drei Aehrenhalme
+ hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand
+ tr&auml;gt. Kaltenb&auml;ck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer
+ Korn&auml;hre brachen und vereinigten die r&ouml;mischen
+ Brautpaare und benannten nach demselben den Eheabschluss
+ stipulatio. Tr&auml;umt man von geschnittnem Korn, so bedeutet
+ es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben Doppelsinn
+ des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
+ Aehrenb&uuml;schel in Walburgis Hand. Wenn sie in der
+ Walburgisnacht vom reitenden W. J&auml;ger verfolgt wird, sie,
+ der Fr&uuml;hlings-Genius der aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem
+ noch einmal losbrechenden Frostriesen verfolgt, so verbirgt sie
+ sich in den innersten Fruchtkeim des jungen Saatfeldes. Denn,
+ sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur entgehen, wenn man
+ in ein Kornfeld fl&uuml;chtet. So birgt nach dem
+ f&auml;r&ouml;ischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des
+ Riesen Verfolgung ins Fruchtkorn:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Ein Kornfeld liess da Wodans Macht</p>
+
+ <p>Geschwind erwachsen in einer Nacht.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>In des Ackers Mitte verbarg alsbald</p>
+
+ <p>Wodan den Knaben in Aehrengestalt.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Als Aehre ward er mitten ins Feld,</p>
+
+ <p>In die Aehren mitten als Korn gestellt:</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>"Nun steh hier ohne Furcht und Graus,</p>
+
+ <p>Wenn du mich rufst, f&uuml;hr ich dich nach Haus!"</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Neun N&auml;chte vor dem 1. Mai (erz&auml;hlt Grohmann,
+ B&ouml;hm. Sagb. 1, 44) ist die hl. Walburgis auf der Flucht,
+ unaufh&ouml;rlich verfolgt von wilden Geistern und von Dorf zu
+ Dorf ein Versteck suchend. Man l&auml;sst ihr daher im Hause
+ einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor
+ den daher brausenden Feinden gesichert ist. Daf&uuml;r legt sie
+ ein kleines Goldst&uuml;ck auf das Gesimse und flieht weiter. Ein
+ Bauer, der sie einst auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt
+ sie als eine Weisse Frau mit langwallendem Haare, eine Krone auf
+ dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig (golden), in den H&auml;nden
+ tr&auml;gt sie einen dreieckigen Spiegel <!-- 027 --><a name=
+ "Page_027" id="Page_027"></a> (der alles Zuk&uuml;nftige zeigt)
+ und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser Reiter
+ (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
+ auch ein anderer Bauer, welcher Regen f&uuml;rchtend Nachts noch
+ sein Getreide einf&uuml;hrte (das mandelweise aufgeschobert noch
+ draussen lag). Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu
+ verstecken. Kaum hatte ihr der Bauer willfahrt, als die Reiter
+ vor&uuml;ber brausten. Des andern Morgens fand er in den
+ heimgef&uuml;hrten Aehren statt Roggen Goldk&ouml;rner. Daher
+ wird die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man
+ ferner, erz&auml;hlt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den
+ Orten Strass und Lind in Untersteiermark neben einem Tannenwalde
+ zur Zeit des Vollmondes eine Gestalt gehen, die statt des Kopfes
+ eine feurige (goldne) Garbe tr&auml;gt. Diese Erscheinungsweise
+ war in den kleinen St&auml;dten des bair. Frankenwaldes am
+ Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen Volksbelustigung
+ gewesen.</p>
+
+ <p>Pl&auml;tze, Strassen und H&auml;user waren da mit
+ Birkenreisern besteckt: Den Festumzug er&ouml;ffnete der Walber,
+ ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh gewickelter Mann, dem die
+ Aehren in Form einer Krone &uuml;ber dem Kopfe zusammengebunden
+ waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres Handwerkes
+ begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den Ofen
+ treibenden Winter) ihre Hantierung aus&uuml;bend. Heute gilt
+ dorten nur noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum,
+ den der zum Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt:
+ Bavaria III, 1, 357. In Nieder&ouml;sterreich sind besonders die
+ Erntetage der hl. Walburg geweiht, sie durchgeht da alle Aecker,
+ Matten und G&auml;rten und tr&auml;gt die schon vorhin
+ erw&auml;hnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
+ vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
+ Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und
+ auf den Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt
+ Korn Gold auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der
+ den Lohjungfern und Moosfr&auml;ulein nachsetzende
+ Schimmelreiter, der sie quer &uuml;ber sein Ross legt und die
+ <!-- 028 --><a name="Page_028" id="Page_028"></a> sich
+ Str&auml;ubenden in St&uuml;cke reisst, hat sich in der
+ franz&ouml;sischen Legende zweimal verk&ouml;rpert und kirchlich
+ lokalisirt. Um die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem
+ s&uuml;dfranz&ouml;s. Dorfe Villemont, hatte der Oberherr der
+ Provence vergebens geworben, er jagte ihr daher zu Pferde nach,
+ holte sie ein, warf sie auf sein Ross und sprengte mit seiner
+ Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen eines
+ Fl&uuml;sschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals
+ ereilt und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden
+ zweimal j&auml;hrlich im Fr&uuml;hling ihre Reliquien
+ prozessionsweise um die Fluren getragen in der Voraussetzung,
+ dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und Reblande
+ Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
+ 10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das
+ Pfarrdorf Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau
+ Florina. (Rom feierte vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest
+ zur Erinnerung an die verg&ouml;tterte sabinische Nymphe Flora,
+ die einst im Fr&uuml;hling umherirrend sich dem Zephyr ergab und
+ daher die Macht &uuml;ber die Bl&uuml;then der B&auml;ume und
+ Blumen bekam). Florina, ein Bauernm&auml;dchen aus dem Weiler
+ Estourgoux, verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu
+ entrinnen, in der Felsein&ouml;de des dortigen
+ Cousath&auml;lchens, und als ein Versucher sie hier
+ aufsp&uuml;rte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
+ gegen&uuml;berstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft
+ und liess in beiden ihre Fusstapfen zur&uuml;ck, die nun mit
+ Kreuzen gekr&ouml;nt sind. Unter grossem Zudrange des Volkes
+ werden j&auml;hrlich am 1. Mai die Gebeine der Heiligen aus der
+ Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Th&auml;lchens
+ getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
+ aussehen, so hat noch stets ein g&uuml;nstiger Wind das
+ Gew&ouml;lk vertrieben, sobald jener Umgang von Mazorit heran zu
+ r&uuml;cken pflegt. A. SS. Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de
+ S. Florina, Virg. et Mart.</p>
+
+ <p>Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
+ Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Tr&uuml;bungen
+ <!-- 029 --><a name="Page_029" id="Page_029"></a> einer
+ urspr&uuml;nglich edleren Vorstellung von g&uuml;tig gesinnten
+ und f&uuml;r den Erntewachsthum bem&uuml;ht gewesenen Geistern.
+ Sie alle theilen, bei n&auml;herer Untersuchung, emsig das
+ Gesch&auml;ft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenb&uuml;rgner
+ Sage bei M&uuml;ller, S. 382, st&ouml;sst ein Bauer, der seinen
+ Sack Mehl aus der M&uuml;hle heimtr&auml;gt, auf einen Trupp
+ Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er gr&uuml;sst sie:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gott verm&icirc;r ich iren danz,</p>
+
+ <p>Gott verm&icirc;r ich iren kranz!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er
+ nie des Mehles ledig wird!</p>
+
+ <p>Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden
+ Gestalten an von Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis
+ (Sch&ouml;nwerth, Oberpfalz 1, 209); allein damit verb&uuml;rgt
+ er nur, dass man der Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin nach
+ &uuml;berstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als
+ abgebraucht beim Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf
+ der Stelle, wo die Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da
+ w&auml;chst im Korn schwarzer Raden, am Baume der Maerentakken
+ (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, Ndl. Sag. S. 689).
+ Aber gerade damit wird nur in abergl&auml;ubischer
+ Verd&uuml;sterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen
+ Charakter des Alb und der Elbin gilt, dass sie unter
+ verschiedenen Namen als Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme,
+ Tremsemutter, Alte, Kornbaby, Kornkind und Kornengel,
+ Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, geisterhaft auf der
+ Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des Schutzgeistes
+ reinen J&uuml;nglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur etwas
+ braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
+ Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms
+ oder Federflaums eine sch&ouml;ne, bis auf den Schleier
+ splitternackte Jungfrau bei sich im Schlafgemache. Spricht der
+ Aberglaube vom Trudenfuss, Flederwisch und Federkiel der Mahr,
+ von der Schmetterlingsgestalt des Toggeli, nennt man in
+ Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
+ <i>Milchtrut</i>, <!-- 030 --><a name="Page_030" id=
+ "Page_030"></a> anderw&auml;rts Molkendieb (Weinhold, Schles.
+ W&ouml;rtb. 62): so wird damit einbekannt, dass statt des
+ Gespenstes einst eine Valk&uuml;re galt, die in Schwanenhemd und
+ Vogelgewand all&uuml;berall ihren Sch&uuml;tzling umflog,
+ wesshalb noch der F&uuml;nfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
+ marevoet, an die Stubenth&uuml;ren gekreidet wird, zwei in
+ umgekehrter Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das
+ Nachtschr&auml;ttelein die Stallrosse und z&ouml;pft ihnen
+ Schweif und M&auml;hne, dass sie schwitzen; denn es ist
+ gleichfalls nur die l&auml;cherliche Verschrumpfung jener
+ himmlischen Valk&uuml;re, die auf den Thaurossen des Morgens
+ heranritt, Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht.
+ Solcher Abkunft dunkel noch eingedenk, schreibt der Volksglaube
+ vor, gegen den Besuch der Nachtmahr <i>zwei Sicheln</i> gekreuzt
+ vors Bette zu legen.</p>
+
+ <p>Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei
+ Jahresernten; das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum
+ und Erbgut. Die zu Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause
+ hatten, mussten dahin am 1. Mai einen reichlich geschm&uuml;ckten
+ Maibaum &uuml;berbringen und verloren ihr Lehen, wenn daran die
+ drei vorgeschriebnen Korn&auml;hren mangelten: Grimm, RA. 128.
+ 205. 361. Der oberpf&auml;lzer Bilmesschnitter pfl&uuml;ckt
+ <i>drei</i> Aehren vom fremden Acker, damit fliegt ihm dessen
+ Ernte in seine eigne Scheune. Sch&ouml;nwerth 1, 432.</p>
+
+ <p>Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von
+ Walburgis Eulogienbroden.</p>
+
+ <p>Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten
+ Christengemeinden jede zur Kirche mitgebrachte Brod- und
+ Weinration, die man hier priesterlich einsegnete und zum Schlusse
+ mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es war ein Liebesmahl
+ zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen Gesetze und
+ den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
+ religi&ouml;sen Zusammenk&uuml;nften aufzuheben und zu bekennen,
+ dass Alle vor ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein
+ &auml;hnlicher Brauch war nun <!-- 031 --><a name="Page_031" id=
+ "Page_031"></a> auch dem deutschen Heidenthum gel&auml;ufig
+ gewesen und dauerte noch lange fort in dem Bruderschaftswesen der
+ Geldonien, deren angels&auml;chsischer Name
+ Friedensb&uuml;rgschaft hiess. In ihnen stand Einer f&uuml;r
+ Alle; Gott, auf dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte
+ Alle bei ihrem Rechte bewahren. Eine nat&uuml;rliche Folge hievon
+ war die Pflege und Versorgung derjenigen Vereinsmitglieder, die
+ unverschuldet in D&uuml;rftigkeit geriethen. Die reichlichen
+ Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den Germanenopfern
+ nachweisbar verbunden waren, verb&uuml;rgen dies, und ausserdem
+ war es eine Sache der Nothwendigkeit, f&uuml;r die Mahlzeit
+ derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
+ bev&ouml;lkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung
+ weite M&auml;rsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den
+ allgemeinen Versammlungen rechtzeitig einfinden zu k&ouml;nnen.
+ Das Christenthum vermochte daher diese religi&ouml;sen Mahlzeiten
+ der Germanen nicht abzuschaffen, sondern suchte sie dem
+ kirchlichen Cultus nur anzupassen: "Es ist durchaus nothwendig,"
+ schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die angels&auml;chsischen
+ Bisch&ouml;fe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass man
+ diese Feier der Heiden bestehen l&auml;sst, nur muss man ihr
+ einen andern Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen
+ verlegen, den Festplatz mit gr&uuml;nen Maien umstecken, Thiere
+ schlachten und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch soll
+ man nicht ferner zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, sondern
+ das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der S&auml;ttigung
+ willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten trat
+ sp&auml;ter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in
+ den Kirchen der romanischen L&auml;nder an den Ged&auml;chtniss-
+ und Festtagen unter dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz.
+ pain b&eacute;ni) &uuml;berreichlich an Jedermann ausgetheilt
+ wird. Bevor diese Reduction allgemein durchgesetzt war, gab die
+ Kirche ihren Bed&uuml;rftigen jeglicherlei Gattung von Speise. So
+ wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem daselbst
+ erfolgten Begr&auml;bnisse Walburgis Fleisch, Brod, K&auml;se,
+ Fische, <!-- 032 --><a name="Page_032" id="Page_032"></a> und
+ Bier unter die Wallfahrer <i>als Eulogie</i> ausgetheilt (A. SS.
+ saec. 3. II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren
+ Esswaare und Getr&auml;nk jeder Art in die dortige Kirche
+ getragen, um daselbst theils aufgeopfert, theils zum eignen
+ Genusse in Gesellschaft der And&auml;chtigen gebraucht zu werden.
+ Rinder, Schweine, Brods&auml;cke und Trinkgeschirre werden
+ genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
+ Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der
+ Nachdruck der hievon handelnden Erz&auml;hlungen verbleibt jedoch
+ immer auf dem geweihten Brode. Hier&uuml;ber hat der unbekannte
+ Bruder Medinbard verschiedene Lieder gesungen, von denen ein
+ k&uuml;rzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist diese. Ein
+ blindgebornes M&auml;dchen zu Kempten h&ouml;rt Nachts im Traume
+ sagen: Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und
+ die gr&uuml;ne Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und
+ trage sie zum Walburgisgrab in Monheim. Das M&auml;dchen thats,
+ &uuml;berbrachte dahin die Brode und liess sie auf den Altar
+ legen. Da erschienen zwei Klosterh&uuml;hner am Altare, "duae
+ gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie bereits in
+ ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, untersuchten
+ den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich und
+ das M&auml;dchen war dar&uuml;ber sehend geworden (ibid. pag.
+ 300). Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden
+ H&uuml;hner. Sie lassen nicht auf die gew&ouml;hnlichen
+ Zinsh&uuml;hner schliessen, von denen in der lex Alam. 22 gesagt
+ ist, dass die Leibeignen regelm&auml;ssig f&uuml;nfe der Kirche
+ zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
+ nicht der Altar; es m&uuml;ssen vielmehr heilige gewesen sein,
+ und als solche galten einst die weissen (Troll, Gesch. von
+ Winterthur 7, 183) und gelten noch die schwarzen. Letztere werden
+ noch f&uuml;r heilsame Thiere gehalten (Sch&ouml;nwerth, Oberpf.
+ Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein und ein schwarzes Huhn
+ kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. Schmeller Wtb.
+ 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, allgemeines
+ Symbol <!-- 033 --><a name="Page_033" id="Page_033"></a> der
+ Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des Morgens nach der
+ Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Br&auml;utel- und
+ Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Puella quaedam ab ipsis</p>
+
+ <p>Heu caeca cunabulis,</p>
+
+ <p>Audita opinione</p>
+
+ <p>Virginis eximiae,</p>
+
+ <p>Desiderio flagravit</p>
+
+ <p>Veniendi maximo.</p>
+
+ <p>Quam quidam in visione</p>
+
+ <p>Nocturna submonuit,</p>
+
+ <p>Oratorium adiret</p>
+
+ <p>Tanti desiderii,</p>
+
+ <p>Oblatas mundas offerret,</p>
+
+ <p>Altari imponeret.</p>
+
+ <p>Quas illatas statim binae</p>
+
+ <p>Gallinae comederent;</p>
+
+ <p>Quibus pastae deservirent</p>
+
+ <p>Matris excubiis.</p>
+
+ <p>Venit, attulit, imponit,</p>
+
+ <p>Preces fudit intimas.</p>
+
+ <p>Astant duae moniales</p>
+
+ <p>Gallinae videlicet,</p>
+
+ <p>Praevisae in visione,</p>
+
+ <p>Quae oblatas colligunt,</p>
+
+ <p>Et requirunt diligenter</p>
+
+ <p>Quae, unde, cur venerit.</p>
+
+ <p>Quibus illa dum exponit</p>
+
+ <p>Singula veraciter,</p>
+
+ <p>Domino propitiante</p>
+
+ <p>Et beata Virgine,</p>
+
+ <p>Incognitum lumen coeli</p>
+
+ <p>Novis hausit oculis.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_3" id="Teil_1_Abschnitt_3"></a>
+
+ <h3>Dritter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Walburgistag, des Meien hochgez&icirc;t.</h4>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Der meie der ist r&icirc;che,</p>
+
+ <p>er f&uuml;eret sicherl&icirc;che</p>
+
+ <p>den walt an s&icirc;ner hende,</p>
+
+ <p>der ist nu niuwes loubes vol:</p>
+
+ <p>der winter hat ein ende.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Neidhart von Reuenthal (1234).</p>
+ </div>
+ </div><br>
+
+ <p>Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der
+ g&ouml;ttlichen Wesen unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die
+ Volkssitte im Verein mit unsrer &auml;lteren Sprachweise
+ l&auml;sst hier&uuml;ber keinen Zweifel &uuml;brig. Die Edda
+ nennt den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes
+ Sv&acirc;sudhr; der Winter dagegen (Vetr) hat den Vindl&ocirc;ni
+ und Vindsvalr zum Vater, den Windk&uuml;hl und Windschweller, der
+ selbst wieder vom feuchten und nassen V&acirc;sadhr abstammt.
+ Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
+ einem Zweikampfe, und dessen scenische Auff&uuml;hrungen
+ <!-- 034 --><a name="Page_034" id="Page_034"></a> waren ein
+ Brauch, welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach
+ S&uuml;dbaiern und der Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus
+ dem Walde in den Heimatsort herein abgeholt; dies geschieht
+ jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch des Winters, der es erst
+ auf einen f&ouml;rmlichen Kampf ankommen l&auml;sst. Deshalb muss
+ der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem L&auml;rm
+ die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und
+ kommt gewappnet auf den Plan:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>sein panzer was ein gr&uuml;enes gra&#549;,</p>
+
+ <p>sein koller darauf ein weisser klee,</p>
+
+ <p>sein halsperg was veyolvar,</p>
+
+ <p>sein bugler wag von rosenbluet.</p>
+
+ <p>er f&uuml;ert in seiner hende</p>
+
+ <p>ein sper, was michel lanc</p>
+
+ <p>vnd was eitel v&ouml;gelingesang.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>A. Keller, Altd. Erz&auml;hlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des
+ in Laub gekleideten, zu Rosse einziehenden Maik&ouml;nigs geschah
+ auf Walburgis oder 1. Mai und hiess: <i>den Sommer in das Land
+ reiten</i>.<a name="FNanchor_NACHTRAG_1_22" id=
+ "FNanchor_NACHTRAG_1_22"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_1_22"><sup>[Nachtrag 1]</sup></a> In
+ D&auml;nemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den
+ Jungfrauen des Ortes seine Maigr&auml;fin, die Majinde,
+ erw&auml;hlte, indem er seinen Blumenkranz von der Schulter ihr
+ zuwarf; in Th&uuml;ringen war es der in Pappellaub eingebundne
+ Grask&ouml;nig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein Laubgewand
+ aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
+ steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes
+ bezeichnet, der Pfingstk&ouml;nig auf die Brautwerbung geritten
+ und f&uuml;hrte die im Busche versteckt, gehaltene Prinzessin im
+ Triumphe heim; sie heisst in Flandern Pfingstblume, Pinxterbloem,
+ in England the queen of the May, in der Provence
+ Rosenm&auml;dchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienr&ouml;slein. An
+ diesem letzteren Orte tr&auml;gt am Walburgistage ein Kind einen
+ b&auml;ndergeschm&uuml;ckten Maien um, ein anderes mit einem
+ Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und das Gefolge singt vor den
+ H&auml;usern:</p><!-- 035 --><a name="Page_035" id=
+ "Page_035"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Maienr&ouml;slein, kehr dich dreimal 'rum,</p>
+
+ <p>Lass dich beschauen 'rum und 'num.</p>
+
+ <p>Maienr&ouml;slein, komm in gr&uuml;nen Wald hinein,</p>
+
+ <p>Wir wollen alle lustig sein;</p>
+
+ <p>So fahren wir vom Maien in die Rosen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier,
+ Brod, Wein, Oel spenden wollen, angew&uuml;nscht, dass der Marder
+ die H&uuml;hner nehme, der Stock keine Trauben, der Baum keine
+ N&uuml;sse, der Acker keine Frucht mehr trage; denn das
+ Ertr&auml;gniss des Jahres h&auml;ngt von dem kleinen
+ Fr&uuml;hlingsopfer ab. St&ouml;ber, Els&auml;ss. Volksb. 1842,
+ 56. F&auml;llt der Nachdruck der scenischen Festauff&uuml;hrung
+ auf das Vertreiben des Winters, so nennt man dasselbe den Tod
+ austragen, oder wie im b&ouml;hmischen Saazer Kreise, mit dem
+ B&auml;ndertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust
+ mit B&auml;ndern geschm&uuml;ckt hat. Dabei tr&auml;gt der
+ K&ouml;nig einen mit Goldpapier beklebten Rockenstiel als
+ Scepter, zwischen zwei Brauth&uuml;tern folgt ihm sein
+ T&ouml;chterlein. Letztere melden, dass der Tod um die
+ K&ouml;nigstochter werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst,
+ statt der Waffe ein B&uuml;ndel Lichtsp&auml;ne (Schleissen) in
+ der Hand tragend, und wird vom erz&uuml;rnten Vater
+ niedergestochen. In S&uuml;dschweden r&uuml;ckten am 1. Mai zwei
+ Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die St&auml;dte, die
+ eine angef&uuml;hrt vom Winter, der in Pelze geh&uuml;llt, mit
+ Handspiessen bewaffnet, Schneeballen und Eisschollen auswarf, die
+ andere vom Blumengrafen, der mit Laub und Erstlingsblumen
+ bekleidet war; sie hielten ein Speerstechen, worin der Sommer den
+ Winter &uuml;berwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes
+ f&uuml;r den Sieger erkl&auml;rt wurde. War die Witterung des
+ Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
+ gl&uuml;hende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte
+ Feuerkugeln unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm
+ dies der Blumengraf auf seine Ehre und r&uuml;ckte mit frischen
+ Birken- und Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den
+ warmen Stuben mit M&uuml;he zum Gr&uuml;nen gebracht hatte.
+ <!-- 036 --><a name="Page_036" id="Page_036"></a> Ein Gastmahl
+ und Trinkgelage, gl&auml;nzender als es durch Speerk&auml;mpfe
+ errungen wird, schloss das Turnier. So die Beschreibung bei Olaus
+ Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik (verdeutscht 1560) 15
+ Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkw&uuml;rdig (schreibt Uhland,
+ Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westf&auml;lischer
+ Mairitt, welchen die B&uuml;rger von Soest im J. 1446
+ w&auml;hrend ihrer Fehde gegen den Bischof von K&ouml;ln
+ ausf&uuml;hrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte in
+ den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
+ unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten.
+ Sie zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger
+ Wald, wo sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und
+ Brand in die Grafschaft Arnsberg, zerst&ouml;rten D&ouml;rfer und
+ Vesten, f&uuml;hrten Heerden, G&uuml;terwagen, selbst
+ aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder frei
+ gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der
+ verfolgenden Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter
+ dem gr&uuml;nen Maien" nach Hause. Wie hier der gr&uuml;ne Mai,
+ unter welchem das Kriegsheer einreitet, im Arnsberger Walde
+ gehauen wird, so r&uuml;cken am Fr&uuml;hlingsfeste die
+ Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
+ Gemeindew&auml;lder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die
+ Ruthen und St&auml;be, wornach dorten das Maifest der Stabtag
+ oder Ruthenzug heisst. Diese Kadettenz&uuml;ge sind beschrieben
+ im <i>Alemann. Kinderlied</i> und <i>Kinderspiel</i>, pg. 490.
+ H&auml;ufig kn&uuml;pft sich eine Ortssage daran von einem zu
+ derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach
+ der mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr
+ erschlagen und ihm die schon erbeutete Rinderheerde wieder
+ abgejagt worden, oder wornach seine Zwingburg listig erstiegen,
+ er sammt seiner Mannschaft niedergemacht und so Landschaft und
+ Ort in einem Wurfe befreit worden sein sollen. Hievon wird im
+ Abschnitte <i>Maiengeding</i> noch besonders die Rede sein. Der
+ Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart in der
+ Eifel, Rheinpfalz <!-- 037 --><a name="Page_037" id=
+ "Page_037"></a> und Hessen ein Innungsrecht der &ouml;rtlichen
+ Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in
+ der Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsf&auml;higen
+ M&auml;dchen in &ouml;ffentlicher Versammlung zur "Versteigerung"
+ einzeln ausgerufen und dem H&ouml;chstbietenden zugeschlagen. Der
+ Erl&ouml;s ist kein unbedeutender (Bavaria IV. 2, 364). Ebenso
+ werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" ausgeboten und
+ den K&auml;ufern einzeln zugetheilt. Die f&uuml;r beide Theile
+ daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene
+ H&uuml;ter "Sch&uuml;tzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim
+ Sittengerichte der Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu
+ bringen, ein Sittengesetz, das ehmals im ganzen Eifellande
+ &uuml;blich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. 1, 32). In der
+ Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die M&auml;dchen unter
+ Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolensch&uuml;ssen
+ gleichfalls ins Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht
+ einzeln ausgerufen. Lynker, Hess. Sag. no. 317<a name=
+ "FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href=
+ "#Footnote_2_2"><sup>[2]</sup></a>.</p>
+
+ <p>Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die
+ Wittwen mit zum Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem
+ Leben der hl. Bilihildis nachweisen, &uuml;ber deren Zeitalter
+ freilich sich nur das mit Bestimmtheit sagen l&auml;sst, dass ihr
+ Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts genannt wird.
+ Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenm&auml;dchen
+ einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach
+ W&uuml;rzburg gethan worden und sah hier das ber&uuml;hmte
+ Maispiel mit an, das die gleichfalls noch heidnischen Mainfranken
+ allj&auml;hrlich zu begehen pflegten. Dasselbe findet sich
+ beschrieben in der von Herbelo <!-- 038 --><a name="Page_038" id=
+ "Page_038"></a> metrisch verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz
+ Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses
+ breiten unbeholfenen Berichtes, der ohnedies wie ein
+ Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts &uuml;ber unsre
+ Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug.
+ Nach altem Herkommen, das wie eine religi&ouml;se Satzung galt,
+ hielt das Frauengeschlecht der Mainfranken allj&auml;hrlich im
+ Fr&uuml;hling zu Ehren der Venus und der Vesta ein Spiel ab,
+ wobei ohne Mann und nackt getanzt wurde. S&auml;mmtliche Wittwen
+ unter f&uuml;nfzig Jahren und alle mannbaren M&auml;dchen traten
+ mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
+ Laubgewinde in den H&auml;nden tragend. W&auml;hrend eine Schaar
+ den Reihen f&uuml;hrte, erg&ouml;tzte sich die andere am Anblick
+ der Gespielinnen und f&uuml;hlte sich zu frischem Beginne
+ angespornt. Das M&auml;nnervolk machte dabei den Zuschauer. Den
+ Vornehmen erg&ouml;tzte die vornehme Haltung, den Bauern die
+ l&auml;ndliche oder volksth&uuml;mliche. Ein Jeder erlas sich
+ unter ihnen die k&uuml;nftige Gattin, und wenn auch noch nicht
+ vertraut mit ihrem Gem&uuml;the, traf er hier nach ihrer
+ Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle bei diesem Feste
+ geschlossnen Ehevertr&auml;ge hatten das Jahr &uuml;ber ihre
+ Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in
+ einer Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau
+ erw&auml;hlte, die er noch nicht n&auml;her als vom blossen
+ Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er ein heidnisches
+ Herkommen, f&uuml;r dessen Gesetzgeber und "<i>K&ouml;nig</i>" er
+ sich selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg
+ konnten diese M&auml;dchen sich den Titel der
+ "<i>K&ouml;nigin</i>" beilegen, wenn eben diejenigen M&auml;nner,
+ welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
+ worden waren, &uuml;ber dieses Spiel als &uuml;ber einen blossen
+ Scherz nachher tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher
+ die selige Bilihildis, die nicht spielend, sondern allein
+ kirchlich die Verlobte eines Mannes werden wollte: unter
+ Thr&auml;nen bewog sie ihren Vater, beim K&ouml;nig Chlodwig
+ Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf
+ alsdann der Regent <!-- 039 --><a name="Page_039" id=
+ "Page_039"></a> durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende
+ machte. So weit Herbelo's Nachricht.</p>
+
+ <p>Der Ehemann, welcher, hier <i>K&ouml;nig</i> genannt wird, ist
+ im heutigen Fr&uuml;hlingsspiele der Maigraf oder
+ Lauchk&ouml;nig, die von ihm erw&auml;hlte Braut die
+ Maik&ouml;nigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen
+ versammeln sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die
+ zuschauenden M&auml;nner ins Mailehen vertheilt zu werden. Sie
+ sind bemalt und bekr&auml;nzt, tragen Laubguirlanden, Abends
+ Fackeln: lauter Einzelz&uuml;ge unsrer heutigen
+ Fr&uuml;hlingsbr&auml;uche. Damit erledigt sich auch die von
+ Herbelo wiederholt genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo
+ ludens; denn diese besteht keineswegs aus nackten, sondern aus
+ entbl&ouml;ssten T&auml;nzerinnen, d.i. aus solchen, die als
+ Botinnen des Fr&uuml;hlings Frauenmantel und Haube abgelegt
+ haben, hochgesch&uuml;rzt, blossarmig und baarh&auml;uptig in den
+ Reihen treten, ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut
+ geflochten (Osmunda lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von
+ der M&ouml;nchsphantasie ein z&uuml;chtiger Fr&uuml;hlingstanz
+ schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der angebliche
+ Frankenk&ouml;nig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
+ Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere
+ Entstehungsquelle, als eben dieses grausame Missverst&auml;ndniss
+ von Seite des Klerus.</p>
+
+ <p>Doch wir kehren zur&uuml;ck zu den ferneren Volksbr&auml;uchen
+ der Walburgisfeier. In derselben Mainacht werden
+ glattgesch&auml;lte, schmuckbehangene B&auml;umchen auf die
+ Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
+ das Jahr &uuml;ber klar fliessen, und diese eben so lange wieder
+ frisch und sch&ouml;n bleibt. Man w&auml;hlt dazu besonders die
+ Zweige der Eberesche mit ihren rothen Beeren, davon heisst sie
+ selber der Wolbermay (Pr&auml;torius, Blockesberg, 460). Die
+ Reime, die man an den Baum h&auml;ngt oder vor dem Kammerfenster
+ des M&auml;dchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
+ Sinnbildern:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gr&uuml;ss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,</p>
+
+ <p>Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.</p>
+ <!-- 040 --><a name="Page_040" id="Page_040"></a>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Gr&uuml;ss dich Gott durch einen Seidenfaden,</p>
+
+ <p>Gott bewahre dich im finstern Gaden.</p>
+ </div>
+ </div><br>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>I l&ocirc;ss sie gr&uuml;essen durh e h&ouml;chi
+ Tanne,</p>
+
+ <p>die Z&icirc;t isch cho zum W&icirc;ben&mdash;und zum
+ Manne,</p>
+
+ <p>I l&ocirc;ss sie gr&uuml;essen durh es H&auml;mpfeli
+ Thau:</p>
+
+ <p>i w&ouml;tt, m&icirc; Holdi w&auml;r m&icirc; Frau.</p>
+
+ <p>Rosmeri und Zypresse,</p>
+
+ <p>ass i de nit vergesse;</p>
+
+ <p>Rosmeri und N&auml;geli dr&icirc;,</p>
+
+ <p>g'h&ouml;rsch, i m&ouml;cht gern b&icirc; der
+ s&icirc;!</p>
+
+ <p>b&icirc; der s&icirc;, wie's R&ouml;sli hockt</p>
+
+ <p>am-ene einige Stengel:</p>
+
+ <p>Der Herr ist sch&ouml;n, s&icirc; Frau ist sch&ouml;n</p>
+
+ <p>und s' Chind ist wie ne Engel.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein
+ d&uuml;rrer Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden
+ Ueberraschung vor das Fenster der Verf&uuml;hrten (Bavaria II,
+ 269), oder ein Strohpopanz, Namens Walburg, wird der Faulen
+ aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land noch nicht umgegraben
+ hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen erforscht zur selbigen
+ Nacht das M&auml;dchen ihre Zukunft aus mehrfachen von Walburg
+ selbst herr&uuml;hrenden Liebesorakeln. Die Heilige tr&auml;gt
+ eine aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der
+ &ouml;sterreichische Brauch des Fadenziehens, welchen Vernaleken,
+ Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die M&auml;dchen, welche Lust haben,
+ ihres Zuk&uuml;nftigen Beschaffenheit vorauszuwissen, setzen sich
+ Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen feinen
+ Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
+ hinter einem Mariabilde gehangen hat. W&auml;hrend er im Kreise
+ herum durch die Finger l&auml;uft, spricht man stille und mit
+ geschlossnen Augen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Voaten, i ziech di,</p>
+
+ <p>Walpurga, i bid di,</p>
+
+ <p>zag von main Man</p>
+
+ <p>alle Seiten an.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wie dabei der Faden sich anf&uuml;hlt, weich und glatt, hart
+ und fest, so werden des einstigen Mannes Eigenschaften
+ <!-- 041 --><a name="Page_041" id="Page_041"></a> sein. Das
+ oberpf&auml;lzer Bauernm&auml;dchen schleudert ungesehen ihren
+ Schuh &uuml;ber den Peuntbaum und horcht, aus welcher Gegend her
+ wiederholtes Hundegebell her&uuml;berschallt; eben daher wird
+ einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Hunderl, ball, ball,</p>
+
+ <p>ball &uuml;ber neunmal,</p>
+
+ <p>ball &uuml;ber's Land,</p>
+
+ <p>wau mein feins Liab wahnd.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Sch&ouml;nwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der
+ Hund, Walburgs Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum
+ Gelingen des Liebeszaubers.</p>
+
+ <p>Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der
+ mannbaren M&auml;dchen an die jungen Ortsburschen, fand bei den
+ Moselfranken nicht am 1. Mai, sondern am ersten Sonntag in
+ Fastnachten statt und hiess daselbst der <i>Valentinstag</i>; es
+ wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal 24). Eine
+ Waldh&ouml;hle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
+ stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
+ gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein
+ heiliger Mann, Konrad von Heuwa, zerst&ouml;rte beide von Grund
+ aus und liess an der Stelle ein <i>Valentins</i>kirchlein
+ erbauen. Sch&ouml;ppner, B. Sagb. no. 70. Dies f&uuml;hrt uns auf
+ den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, das eigentl.
+ Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im n&ouml;rdlichen
+ Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein
+ vorausbegangner, vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte
+ Stadtsage Londons erkl&auml;rt, dass sich am 14. Febr. die
+ V&ouml;gel zu paaren beginnen, und ein gleichfalls alter
+ Sprachgebrauch nennt darum das M&auml;nnchen Valentin, das
+ Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau
+ zusammen mit dem von Russwurm ver&ouml;ffentlichten Holzkalender
+ der Inselschweden, in welchem der 1. Mai mit folgender
+ Kalenderrune verzeichnet steht: ein nach oben gekehrter Halbring,
+ in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist das Sinnbild des Eies
+ <!-- 042 --><a name="Page_042" id="Page_042"></a> im Neste der zu
+ dieser Zeit wieder br&uuml;tenden V&ouml;gel. Alles
+ &uuml;berschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
+ und anonyme Liebeserkl&auml;rungen. Es liegt uns ein Bericht des
+ Londoner Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens
+ wurden 150,000 Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr
+ 175,000; Mittag 12,000&mdash;bis zum Abend noch einmal weitere
+ 60,000, so dass an diesem Tage (ausser den vielen
+ bez&uuml;glichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) 422,000
+ Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
+ mehr, als an allen &uuml;brigen Tagen des Jahres. Daf&uuml;r zum
+ Entgelt erhalten dieses Tages die Brieftr&auml;ger eine besondere
+ Mahlzeit, bestehend aus Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe
+ no. 6, 11. Febr. 1860). Auch dabei galt ehemals die Sitte,
+ Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen und daran die
+ Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar bleibender
+ Treue zu kn&uuml;pfen. Allbekannt ist das dahin zielende
+ Liebeslied der Hamletischen Ophelia:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Guten Morgen, es ist St. Valentinstag</p>
+
+ <p>so fr&uuml;h vor Sonnenschein,</p>
+
+ <p>ich junge Maid am Fensterschlag</p>
+
+ <p>will euer Valentin sein.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind
+ Landm&auml;dchen des festen Glaubens, der erste Mann, den sie am
+ Morgen dieses Tages erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr
+ Ehemann, vorausgesetzt, dass er nicht mit ihnen im gleichen Hause
+ wohne, nicht ihr Anverwandter und kein Verheirateter sei. Daher
+ stellen sich junge M&auml;nner oft schon vor Sonnenaufgang in der
+ N&auml;he des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre Geliebten
+ vor&uuml;ber kommen m&uuml;ssen, und diese wiederum gehen bei
+ ihren G&auml;ngen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch
+ einem Nichtersehnten aus dem Wege gehen k&ouml;nnen, oder sitzen
+ mit zugemachten Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis
+ sie die Stimme desjenigen h&ouml;ren, den sie gern m&ouml;chten.
+ Suchen wir die Erkl&auml;rung und den Zusammenhang des also
+ gefeierten <!-- 043 --><a name="Page_043" id="Page_043"></a>
+ Valentintages sammt den vorausgeschilderten Maibr&auml;uchen, so
+ finden wir daf&uuml;r den nordischen Natur-Mythus von der
+ Brautwerbung der G&ouml;tter. Das in zwei H&auml;lften getrennte
+ Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich der
+ winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
+ Vergebens will ihn Wali-Odhin verdr&auml;ngen, er ist noch
+ kinderlos. Da wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde),
+ spr&ouml;de str&auml;ubt sie sich gegen seine Liebe, bis er sie
+ mit dem Zauberstab des Lichtpfeils ger&uuml;hrt hat. Als sie ihm
+ darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, entflieht
+ Uller-Odhin, geh&uuml;llt in Pelze und dahinschreitend auf
+ Schlittschuhen, in den Hochnorden zur&uuml;ck. Dies der
+ &auml;usserlichste Umriss der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie
+ erst durch unsere altdeutschen Gottheiten und Stammhelden, und
+ alle Einzelz&uuml;ge der sp&auml;teren Sagen und Br&auml;uche
+ finden dabei ihr &uuml;berraschendes Verst&auml;ndniss. Mit der
+ aufsteigenden Fr&uuml;hlingssonne wird Wuotans, und Frouwas
+ Hochzeitsfest gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von
+ Gunther und Sigfried durch Wettspiele erworben, in dieser
+ wonnigsten Zeit des Jahres gr&uuml;nen und schimmern dann alle
+ H&ouml;hen von den bei der G&ouml;tterhochzeit abgehaltenen
+ Festt&auml;nzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug
+ aller Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage
+ m&uuml;ssten die Hexen den letzten Schnee vom Blocksberge
+ wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder ebenso an Mariae
+ Lichtmess m&uuml;ssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, damit
+ die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
+ wachse wie die Spr&uuml;nge der T&auml;nzer sind. Ob dabei das
+ Fest auf 14. Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12.
+ Mai, oder gar erst auf Pfingsten angesetzt wird, verschl&auml;gt
+ nichts und ist eine blosse Folge sp&auml;terer Zeiteintheilung.
+ In den Volksbr&auml;uchen ist noch vielfach die Rechnung nach dem
+ alten Kalender beibehalten und folglich wird da der 12. Mai als
+ der fr&uuml;here erste begangen und der Tag Pancratius hat
+ &uuml;bernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man
+ Lein <!-- 044 --><a name="Page_044" id="Page_044"></a> s&auml;en
+ und dabei recht lange Schritte machen (Th&uuml;ringen, Hessen);
+ oder die &auml;lteste Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage
+ (Harz), oder an Lichtmess (Meklenburg) r&uuml;ckw&auml;rts vom
+ Tische springen; oder die Hausfrau muss einige St&uuml;cke tanzen
+ und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); oder man steckt
+ beim S&auml;en die Harke oder grosse Hollunderzweige senkrecht in
+ die Erde (Meklenburg, Th&uuml;ringen)&mdash;alles, damit der
+ Flachs gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl.
+ Aufl. 1, S. 184. Hauptgehalt aller dieser Br&auml;uche aber
+ bleibt in gleicher Wiederkehr der erneute Wucher des Erdreiches
+ und die Fruchtbarkeit der neuen Liebesb&uuml;ndnisse. Von der
+ deutschen Heldensage an bis hinab in das Kinderm&auml;rchen vom
+ Dornr&ouml;schen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn die
+ in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
+ Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
+ Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, tr&auml;umerisch
+ nickende Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende
+ N&auml;hrkraft. Sigfried, von dem gesagt ist, dass wenn er durchs
+ Kornfeld schritt, die Aehren nur an den Thauschuh seiner
+ Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des Schnitters.
+ Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen sie
+ wieder zusammen, bis seine Sichel alle gef&auml;llt hat. Dies
+ heisst in der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer
+ umgebne Burg, nimmt der Schlafenden den Helm vom Haupte,
+ schneidet ihr mit seinem Schwerte den Panzer, der weder Haken
+ noch Nesteln hat, von Brust und Armen, worauf sie erwacht, ein
+ Trinkhorn mit Meth f&uuml;llt, dem Befreier &uuml;berreicht und
+ ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, Rechts-
+ und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
+ andere als dich will ich zum Weibe haben!</p>
+
+ <p>Wohin aber in diesem sagenhaften G&ouml;ttergewimmel mit
+ Walburgis? Auch sie, obschon sie unter dem Einflusse der Kirche
+ eine ehelos lebende Heilige geworden ist, war einst
+ <!-- 045 --><a name="Page_045" id="Page_045"></a> eine
+ Sch&ouml;nheitsg&ouml;ttin gewiesen, von welcher das Gl&uuml;ck
+ der ehelichen Liebe und das Gedeihen der l&auml;ndlichen Arbeiten
+ ausgieng. Von ihrer Frauensch&ouml;nheit berichtet noch eine
+ oberpf&auml;lzische Sage (Sch&ouml;nwerth 1, 389), die alle
+ Spuren hohen Alterthums an sich tr&auml;gt. Bekanntlich pflegten
+ sich Heiden- und Christenpriester gegenseitig in
+ Religionsdisputationen &uuml;ber die Vorz&uuml;ge ihrer Himmel
+ und Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit,
+ dass beide Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum
+ repertum ankommen liessen. So kommt es zwischen einem Priester
+ und einem Heidenweibe (Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer
+ sch&ouml;ner sei, die Heideng&ouml;ttin Walburg oder die
+ Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine Hexe
+ beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erkl&auml;rt aber auf
+ dessen Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes
+ leibhaftig bei, er m&ouml;ge sie nur bei der n&auml;chsten
+ Ausfahrt begleiten und sich selber &uuml;berzeugen. Am bestimmten
+ Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen Wagen und
+ f&auml;hrt durch die L&uuml;fte, bis man Glocken l&auml;uten
+ h&ouml;rt. Da senkt sich der Wagen und man steht in der Mitte
+ einer prachtvollen, mit einer zahllosen Menge angef&uuml;llten
+ Kirche: In der That wandelte auch die Mutter Gottes leibhaftig
+ auf dein Altar herum, voll Glanz und Sch&ouml;nheit. Doch dem
+ Priester schien sie zu &uuml;ppig und verf&uuml;hrerisch, er
+ sprang auf den Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes
+ Crucifix mit den Worten unter die Augen: Bist du die Mutter des
+ Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da erloschen mit einem mal
+ s&auml;mmtliche Lichter, dichte Finsterniss und Stille herrschte,
+ der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es gegen Tag
+ gieng, befand er sich im Gem&auml;uer eines Galgens.&mdash;Wir
+ werden dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte
+ Venus von der Kirche selbst angeben h&ouml;ren; denn allerdings
+ sind schon die bisher von ihr gemeldeten Z&uuml;ge unkirchlich
+ genug: der Hund an der Kette und der Flachsfaden auf der Spindel
+ sind ihre Orakel; ihre n&auml;chtlichen H&ouml;henfeuer
+ leuchtendem Reihentanze der Liebenden <!-- 046 --><a name=
+ "Page_046" id="Page_046"></a> und diese werden ohne Priester
+ zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
+ der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
+ Marterwerkzeuges tr&auml;gt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem
+ Bruder Oswald. Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in
+ goldnem Schuh und tr&auml;gt eine goldne Krone, sie ist selber
+ das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes Abbild ist Pindars
+ "r&ouml;thlichf&uuml;ssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
+ r&ouml;mische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
+ Gerstensaat.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_2_2" id=
+ "Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2">[2]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Der immer gleichlautende Ausk&uuml;ndungsspruch:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Heut zum Lehen,</p>
+
+ <p>Morgen zur Ehe,</p>
+
+ <p>Ueber ein Jahr zu einem Paar&mdash;</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird
+ dorten dem von den Kaisern ausge&uuml;bten Ehezwangsrechte
+ unterschoben, welches von Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden
+ sein soll.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_4" id="Teil_1_Abschnitt_4"></a>
+
+ <h3>Vierter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4><br>
+
+ <p>Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier
+ Jahreszeiten waren eben so viele Volksversammlungen (Allding),
+ allgemeine Opferfeste und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu
+ zweit auf Sommer und Winter verlegt, hiessen die Gerichte
+ Maigeding und Herbstgeding, nach sp&auml;terer christlicher
+ Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den karolingischen
+ Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
+ &uuml;blich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer
+ (Walburgis), Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten).
+ Ungebotene Gerichte hiessen sie im Gegensatze der vom
+ Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil erstere in ihrem
+ Zusammentreffen mit gleichm&auml;ssig vorausbestimmten Fristtagen
+ allgemein gewusst waren und keiner vorg&auml;ngigen Ansagung
+ bedurften. Sie entschieden nicht bloss &uuml;ber Mein und Dein,
+ sondern auch &uuml;ber die Idealg&uuml;ter von Freiheit und Ehre,
+ somit &uuml;ber Krieg und Frieden, und ihre Ausspr&uuml;che waren
+ die allgiltigen der Volkssouver&auml;net&auml;t, wie sie unsre
+ Zeit in ihren Landsgemeinden, St&auml;ndeversammlungen und
+ Parlamenten anerkennt. Sie benannten sich nach N&auml;chten, weil
+ der Tag <!-- 047 --><a name="Page_047" id="Page_047"></a> sich
+ aus der Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender
+ nach Neumond und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zw&ouml;lften
+ (Weihnachten bis Dreik&ouml;nig) nennt man in Schwaben und dem
+ angrenzenden Theile der Schweiz Kl&ouml;pfleinsn&auml;chte und
+ Nideln&auml;chte; in Baiern Rauch-, L&ouml;seln&auml;chte und
+ Gennachten; in Deutschb&ouml;hmen Undern&auml;chte; bei den
+ heidnischen Angelsachsen hiessen sie Muttern&auml;chte. In
+ gleicher Analogie spricht man von Fasnacht, Rumpelnacht und der
+ durch die Ortspolizei gew&auml;hrten Freinacht. So hiess denn
+ auch das Maigericht Walburgisnacht, d&auml;nisch noch Valdborg
+ aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" pflegt
+ die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
+ 14. Jahrhundert. Anf&auml;nglich steht das Walburgsgericht noch
+ zu Zweit mit dem Wintergerichte zusammen, erst sp&auml;ter auch
+ mit dem Herbstgerichte zu Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu
+ Sondernau von 1615 setzt zweimaliges Jahresgericht fest, das
+ Mertensgericht (11. Nov.) und das Welbermael, Walburgismahlzeit
+ am 1. Mai. Z&ouml;pfl, Alterth. des Deutsch. Reichs und Rechts 1,
+ 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen (gedruckt im
+ Wetting. Archiv 125): "Wir s&ouml;llend ouch dry rechte geding da
+ haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht
+ tag vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff
+ sannt Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu
+ Dietikon und Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1,
+ 78. Dabei blieb Walburgis auch sp&auml;ter in den St&auml;dten
+ ein Termin der Aemter-Erneuerung; "jerlichen zu Meyen, wann Statt
+ und Ampt R&auml;th zusammen schwerend", heisst es im Zuger Recht
+ 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. Gesellsch. Die
+ Tagl&ouml;hner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
+ derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der
+ t&auml;glichen Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund
+ schlafens underziehen an iren tagarbeiten und das anheben, so der
+ stock ein blatt &uuml;berkompt, dass einer ein aug domit bedecken
+ m&uuml;ge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) bis uf
+ <!-- 048 --><a name="Page_048" id="Page_048"></a> Margaretha (13.
+ Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im Alterthum hatten die
+ Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen geendet, die
+ f&uuml;r die Verk&ouml;stigung der weither gekommenen Mannschaft
+ nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den
+ sp&auml;teren Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und
+ seine Leute zu bek&ouml;stigen, den Sch&ouml;ffen Trank und
+ Speise zu verabreichen und ihnen einen Zinskuchen mit dem
+ hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg zu verehren. Die
+ Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. Hier folgt
+ eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen in
+ den Freien&auml;mtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri,
+ Scrin. L, I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und
+ Untergerichtsherr; der obergerichtliche Entscheid stand beim
+ Landvogt zu Baden, der daher nebst Landschreiber, Weibel und
+ Substituten mit anwesend sein musste. Das Stift hatte ausser in
+ Wolen auch noch in den D&ouml;rfern Muri, Boswil und B&uuml;nzen
+ dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
+ j&auml;hrlich <i>achtmal</i> wiederholten Gerichtstage f&uuml;r
+ den Lehensherrn beliefen, zeigt folgendes Aktenst&uuml;ck.</p>
+
+ <blockquote>
+ Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
+ verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
+ Sch.&mdash;Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10
+ Sch.&mdash;Durch die HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener,
+ Pfarer vnd Weibel am Nachtmal verzert 3 Gld. 10
+ Sch.&mdash;f&uuml;r H&ouml;uw vnd Haber &uuml;ber Nacht 1 Gld.
+ 8 Sch.&mdash;Hrn. Landvogt Br&auml;men v. Z&uuml;rich verehrt
+ an einem Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.&mdash;Sinem Diener 1
+ Kronen.&mdash;Hn. Landschryber Zur Louben an einer Spanischen
+ Dublon 7 Gld. 1 Pf.&mdash;Sinem Substituten 1 Gld.&mdash;In die
+ Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
+ </blockquote>
+
+ <p>Alterth&uuml;mlich und von naiver Umst&auml;ndlichkeit waren
+ die Br&auml;uche, unter denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins
+ zu &uuml;berbringen hatten.</p>
+
+ <p>Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg
+ <!-- 049 --><a name="Page_049" id="Page_049"></a> am Kn&uuml;tl
+ allj&auml;hrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs
+ Hellern alter hessischer M&uuml;nze bezahlt werden. Der
+ Gemeindemann, der ihn &uuml;berbrachte, hiess das
+ Walpertsm&auml;nnlein. Er musste des Morgens fr&uuml;h Schlag
+ sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
+ der Schlossbr&uuml;cke sich niedersetzen. Versp&auml;tete er
+ sich, so verdoppelte sich progressiv mit jeder Stunde der Zins,
+ am Abend h&auml;tte ihn die ganze Gemeinde nicht mehr zu zahlen
+ vermocht. Vorsichtshalber schickte daher die Gemeinde stets zwei
+ Abgeordnete zusammen ab. Hatte das Walpertsm&auml;nnchen seine
+ sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach Vorschrift hier
+ drei Tage lang bewirthet. Schlief es w&auml;hrend dieser Zeit
+ nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es
+ lebensl&auml;nglich zu verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil,
+ so wurde es augenblicklich aus dem Schlosse hinausgeschafft.
+ Schon an dreihundert Jahre war diese Zinszahlung im Gebrauche und
+ bestand noch im Anfange dieses Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag.
+ no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der sg. Rutscherzins, welcher,
+ wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist abzutragen
+ verabs&auml;umt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
+ Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
+ Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe
+ Schernberg hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann f&uuml;r Mann
+ auf einen breiten Stein unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich
+ hier um eine weitere Stunde zu sp&auml;t einstellte, bezahlte ihn
+ je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). Aber auch dabei kamen dem
+ Versp&auml;teten noch mancherlei kleine Hilfsmittel zu gut,
+ welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
+ wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein
+ Gegengeschenk erhielt, welches mit der Zeit f&uuml;r ganze
+ Gemeinden zu nicht unbetr&auml;chtlichen Nutzniessungen sich
+ gestaltete, lehren folgende Br&auml;uche und Sagen.</p>
+
+ <p>Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts,
+ die j&auml;hrlich an Walburgis nach altem Rechte hinaus
+ <!-- 050 --><a name="Page_050" id="Page_050"></a> in den Wald
+ Wagweide zogen, welcher dem Churf&uuml;rsten von Mainz
+ zugeh&ouml;rte, und sich 4 Eichen schlugen. Gleichzeitig kam dann
+ s&auml;mmtliche B&uuml;rgerschaft ihnen dahin nach und hielt in
+ dem f&uuml;rstlichen Schlosse ein dreit&auml;giges Einlager bei
+ Musik, Tanz und Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an
+ Walburgis Vormittag alle hammerf&uuml;hrenden Gewerke der Stadt
+ in jenen Wald und halten da bei Tanz und Gesang bis tief in die
+ Nacht aus, Bier wird f&auml;sserweise mitgefahren. Mit Eichlaub
+ bekr&auml;nzt singt der heimkehrende Zug:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Willst du mit nach Walpern gehn,</p>
+
+ <p>Willst du mit, so komm!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dies nannte man den Gr&uuml;nenmaitag. Aehnlich begeht
+ daselbst die Schusterzunft den gr&uuml;nen Montag, welcher der
+ erste ist nach Jacobi. Sie bekr&auml;nzt nebst ihren
+ Wohnh&auml;usern die Strassen zum Paul, zu den Predigern und die
+ Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf f&uuml;r
+ die Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die
+ &uuml;brigen hammerf&uuml;hrenden Gewerke ein Raubschloss im
+ Steigerwalde zerst&ouml;rten, von dem aus die Orte des
+ Th&uuml;ringerwaldes lange bel&auml;stigt worden waren. Zwei
+ Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschm&uuml;ckt,
+ pflegte man sonst zu Pferde in der Stadt herum zu f&uuml;hren, es
+ sollen die zwei S&ouml;hnlein der Edelfrau jenes Schlosses
+ gewesen sein (man benennt es wechselnd bald Dienstberg, bald
+ Greifenberg), die mit all ihren Kostbarkeiten beh&auml;ngt die
+ Sieger fussf&auml;llig um Schonung ihres Lebens anflehten und
+ Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die angeblichen
+ Raubritter geworden sind, waren urspr&uuml;nglich die
+ Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die
+ st&auml;dtischen Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und
+ Landbote v. 1846, enthalten nichts, was dieser Geschichte einer
+ zerst&ouml;rten Raubburg aufhelfen k&ouml;nnte, wohl aber dass
+ der Gr&uuml;nenmaitag ein Ueberrest des sg. Schw&ouml;rtages ist,
+ an welchem die Handwerker j&auml;hrlich der vom Mainzer Bischof
+ neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof
+ best&auml;tigte <!-- 051 --><a name="Page_051" id="Page_051"></a>
+ ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wof&uuml;r die Schuster dem
+ Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe &uuml;berreichten, gemacht
+ aus dem Filz, den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten.
+ Berlepsch, Chron. d. Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher
+ pseudohistorischer Sagen von einem gelungenen Kriegszuge der
+ B&uuml;rger und Bauern gegen das Herrenschloss, oder einer
+ milit&auml;rischen Execution gegen den Herrschaftswald ist
+ einfach der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses
+ &ouml;rtliche Holzrechte verbunden waren. In einem niederl.
+ Volksliede (Uhland in Pfeiffers Germania V.) bringt der Zinsbauer
+ (wahrscheinlich f&uuml;r die Nutzung &uuml;berlassener
+ L&auml;ndereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
+ der Frau "den k&uuml;hlen Mai".</p>
+
+ <p>Wie sich der Sieg Gideons &uuml;ber die Midianiter (Richter 6,
+ 37) an den Thau kn&uuml;pft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell
+ so reichlich f&auml;llt, dass man des Morgens eine Schale Wassers
+ daraus zu f&uuml;llen vermag, so ist auch in den deutschen
+ Lokalgeschichten aus dem Glauben an die Wunderkr&auml;ftigkeit
+ des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim Maigerichte bewaffnet
+ zu erscheinen, den Walburgiszins Mann f&uuml;r Mann gemeindeweise
+ zu entrichten, die h&auml;ufig sich wiederholende Tradition
+ entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische
+ Unabh&auml;ngigkeit der Landschaft durch einen gl&uuml;cklichen
+ Waffenstreich errungen worden sei. Die Maifahrt wird zur
+ Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und die Schweizersage
+ trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
+ "Walperk&uuml;he" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn
+ zinsen, der Anlass, die V&ouml;gte auf Sarnen und Rozberg zu
+ vertreiben und deren Burgen zu brechen; die Ditmarschen datiren
+ ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, das sie nicht l&auml;nger
+ auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
+ Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
+ ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von
+ Dahlmann. Das &auml;lteste und festete Geb&auml;u im
+ Ditmarschenlande war die Grafenburg Bocklenburg in der Wolberaue
+ gelegen. Ihr <!-- 052 --><a name="Page_052" id="Page_052"></a>
+ &auml;lterer Name war Walburg, sagt Dahlmann im Neocorus 1, 565;
+ ein Eigenthum der Grafen von Stade, in unmittelbarer N&auml;he
+ des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerst&ouml;rung durch die
+ aufst&auml;ndischen Bauern f&auml;llt 15. M&auml;rz 1145.
+ M&uuml;llenhoff, Glossar zum Quickborn 1856, S. 315. Der Graf
+ hatte den reichen Bauern Heine zu Gast geladen, ihn reichlich
+ bewirthen und mit Saitenspiel erg&ouml;tzen lassen, wof&uuml;r
+ der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
+ Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Korns&auml;cke, statt
+ der Tafelmusik musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof
+ durchl&auml;rmen. Solcher Wohlstand reizte die habs&uuml;chtige
+ Gr&auml;fin Walburg und sie beredete ihren Gemahl, dass er die
+ Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren nachgesehen hatte,
+ gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
+ R&uuml;ckst&auml;nden einforderte. Am Martinsabend f&uuml;hrten
+ denn die Bauern eine lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse
+ hinauf. Auf dem ersten sass eine sch&ouml;ne Dirne, dem Grafen zu
+ Willen bestimmt; allein in den S&auml;cken des zweiten Wagens
+ lagen Bewaffnete eingen&auml;ht. Als der Zug das Schlossthor
+ erreicht und gesperrt hatte, ert&ouml;nte das Losungswort:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>R&uuml;hret die H&auml;nde,</p>
+
+ <p>Zerschneidet die Geb&auml;nde!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Korns&auml;cken,
+ zuckten die Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in
+ das innerste Gemach entsprungen, allein seine zahme Elster kam
+ schreiend ihm nachgeflogen und verrieth ihn, er wurde aus dem
+ Verstecke gerissen und erstochen. Die Gr&auml;fin sprang aus dem
+ Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat mit ihrem Tode
+ dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
+ Landst&uuml;ck, f&uuml;gt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher
+ Fruchtbarkeit gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen
+ darauf erntete. Auch eine Wallfahrt zum Haupte St. Peters war
+ daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das dorten ein Bauer aus dem Boden
+ gepfl&uuml;gt und daheim aufbewahrt hatte, entsprang ihm wieder
+ und stellte sich in <!-- 053 --><a name="Page_053" id=
+ "Page_053"></a> die Wallfahrtskirche, wo es heilkr&auml;ftige
+ Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter sterken.</p>
+
+ <p>So wird Walburgs G&ouml;ttermythe zur Kirchenlegende, ihre
+ Burg zur Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen
+ Gaugr&auml;fin und Burgfrau, mit deren Untergang die Steuer der
+ Leibeignen aufh&ouml;rt und die politische Selbst&auml;ndigkeit
+ des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und die
+ hartherzig Zins eintreibende Gr&auml;fin Walburg verwandelt sich
+ an einem oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur
+ saatenvertilgenden Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht
+ wird eine Nachtfahrt auf den Broken. <i>Dreimal</i> des Jahres
+ m&uuml;ssen die Hexen ihre drei hohen Tagsatzungen abhalten, sagt
+ Pr&auml;torius Blockesberg (1668) 499, und zergr&uuml;belt sich
+ &uuml;ber die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so sehr
+ vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese
+ Heilige dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre
+ Abrechnung mit ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag
+ verschimpfiren.</p>
+
+ <p>Eine &auml;hnliche Fr&uuml;hlingssage, bei welcher jedoch noch
+ deutlicher der Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut
+ f&auml;llt, theilt W. Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre
+ 1, 128) mit aus Curickens Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und
+ aus Temme-Tettau's Ostpreuss. Sag. no. 208. 209. Auf dem
+ Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig liegt, hatte der
+ b&ouml;se K&ouml;nig Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
+ Fischer an der Weichselm&uuml;ndung brandschatzte und ihre Weiber
+ und T&ouml;chter entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter
+ Berchta dem Sohne des Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich
+ aber nachher, sie ihm zu geben. Da kam der Abend, an welchem der
+ Sitte gem&auml;ss ein grosses Feuer auf dem Berge angez&uuml;ndet
+ und der &uuml;bliche Reigentanz um das Feuer gehalten wurde.
+ Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
+ J&uuml;nglingen, sich der Burg zu n&auml;hern und dieselbe
+ pl&ouml;tzlich zu &uuml;berfallen. K&ouml;nig Hagel, der dem
+ Tanze des Volkes mit Vergn&uuml;gen zugesehen hatte, wurde
+ ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, <!-- 054 --><a name=
+ "Page_054" id="Page_054"></a> wie hast du mich verrathen! Und
+ davon soll das nachmals erbaute Danzig seinen Namen erhalten
+ haben.</p>
+
+ <p>Der Name der Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin Holda-Berchta ist hier
+ in der Sage zwischen Br&auml;utigam und Braut getheilt. Damit
+ diese Beiden, nachdem sie bereits ins Mailehen gegeben sind, ein
+ Paar werden k&ouml;nnen, wird der winterliche Tyrann, K&ouml;nig
+ Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
+ zerst&ouml;rt. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse
+ Stadt.</p>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_5" id="Teil_1_Abschnitt_5"></a>
+
+ <h3>F&uuml;nfter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4><br>
+
+ <p>Von der Adventzeit bis zu Ostern l&auml;sst die katholische
+ Kirche t&auml;glich die Rorate-Messe singen, die ihren Namen
+ tr&auml;gt von der Stelle Jesaia's 45, 8: Rorate, coeli, desuper
+ et nubes pluant justum; thauet, Himmel, den Gerechten! Wolken,
+ regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden Segen erhoffte das
+ Heidenthum von der Thaug&ouml;ttin selbst und sah ihn
+ erf&uuml;llt mit deren Ankunft in der Walburgis- und
+ Johannisnacht. Nur von der ersteren ist hier die Rede.</p>
+
+ <p>Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht
+ zu Bette und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist
+ da kein reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist
+ seine Hoffnung auf eine erkleckliche Jahresernte schon halb
+ dahin. Selbst wenn ihm im Heumonat darauf noch soviel Futter
+ w&auml;chst, er traut demselben keine Nahrungskraft zu, es hat ja
+ keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz und Schmalz. Lieber ist
+ er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als mit einem
+ doppelten Heuertr&auml;gniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
+ Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr
+ gebracht. Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg
+ <!-- 055 --><a name="Page_055" id="Page_055"></a> heisst es vom
+ Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm
+ (vgl. Wolf, Beitr. 2,367) von den g&ouml;ttlichen M&auml;chten
+ die Festfeuer zur&uuml;ckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den
+ drei ersten Maitagen reichlich thauet, so braucht es den ganzen
+ Monat &uuml;ber keinen mehr. Maienthau macht gr&uuml;ne Au. Oder,
+ der Bauer rechnet auch in arithmetischer Progression also: Thaut
+ es im Mai f&uuml;nfmal, so erwartet man eine Viertelsernte;
+ zehnmal, so giebts eine halbe; f&uuml;nfzehnmal, so giebts eine
+ volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als
+ K&ouml;nig Gustav III. von Schweden einem ostgothl&auml;nder
+ Bauern, der ihm vorgestellt wurde, einen kostbaren Ring zeigte
+ und ihn &uuml;ber dessen muthmasslichen Werth befragte, meinte
+ der Landmann l&auml;chelnd: doch wohl nicht so viel, wie ein
+ Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
+ genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold l&auml;utern.
+ Daher tr&auml;gt die hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe
+ (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher tr&auml;gt bei den
+ Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den Goldschuh
+ (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kinderm&auml;rchen (Grimm 3,
+ no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in
+ der Walburgisnacht im Gew&auml;sser der Bode die goldne Krone der
+ Prinzessin Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf.
+ Kuhn, Nordd. Sag. no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo
+ Regenwasser in grosse Kr&uuml;ge, dass sie sich das ganze Jahr
+ durch nach Bed&uuml;rfniss damit behelfen k&ouml;nnen." Coler,
+ Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem einzigen
+ Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
+ ganze Lebensgeschichte enth&uuml;llen, wenn man ernstlich
+ hineinschaut. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die
+ Perlenmuschel hat ihre Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel
+ selbst, schreibt Konrad von Megenberg im Buch der Natur (Augsb.
+ bei H. Sch&ouml;nsperger 1499, Bl. pj und piij): sy begeret des
+ hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. das ist, da
+ das taw allermeyst fellt, so trinken <!-- 056 --><a name=
+ "Page_056" id="Page_056"></a> sie das begeret taw in sich und
+ werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
+ margariten gar fein. Aehnlich in Fr. R&uuml;ckerts
+ Vierzeilen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Die Rose stand in Thau,</p>
+
+ <p>Es waren Perlen grau;</p>
+
+ <p>Als Sonne sie beschienen,</p>
+
+ <p>Da wurden sie Rubinen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aus Erde und Thau formte der Sch&ouml;pfer Adams Fleisch und
+ Blut; so sagen die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed.
+ Diemer, Deutsche Ged. S. 319-330):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>uon dem leime gab er ime da&#549; flei&#383;ch,</p>
+
+ <p>der tow becechenit den &#383;weihc.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>&uuml;bereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie
+ ein Thau sein, dass es soll bl&uuml;hen wie eine Rose. In das
+ Fruchtholz des Waldes fl&uuml;chten beim Weltuntergange die
+ beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, Leben und
+ Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
+ Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die
+ Oesch, kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein
+ Holzwuchs, heisst es; wenn man einen Baum im Maienthau
+ sch&uuml;ttelt, so stirbt er ab. Der Ritter, der die drei letzten
+ B&auml;ume bei seinem Hause f&auml;llen will, sieht des Morgens
+ unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die &uuml;ber den Untergang
+ des Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen
+ verschwinden. Er liess hierauf die B&auml;ume stehen und sein
+ Geschlecht blieb in Wohlstand. Wenn die Engel im Himmel weinen,
+ um Gottes Erbarmen f&uuml;r die Menschen rege zu halten, so
+ entsteht daraus unser Thau; dies lautet in Grieshabers Deutsch.
+ Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem firmamente? da&#549;
+ sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
+ gr&ocirc;&#549; wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain
+ &#549;eher niemer noch niemer her ab, wan da&#549;,
+ s&ucirc;meliche maister w&egrave;n, da&#549; da&#549; tov
+ daru&#549; werde. Ein unbethaut bleibender Ort ist ein
+ verw&uuml;nschter, wie hier hernach noch des Weiteren zu
+ berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der Schlacht
+ gefallen sind, wehklagt <!-- 057 --><a name="Page_057" id=
+ "Page_057"></a> David: Ihr Berge zu Gilboa, es m&uuml;sse weder
+ thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen H&ouml;hen
+ erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen,
+ w&auml;chst kein Gras; daher in G. B&uuml;rgers Romanze:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,</p>
+
+ <p>Da ist ein Pl&auml;tzchen, da w&auml;chst kein Gras,</p>
+
+ <p>Das wird von Thau und von Regen nicht nass.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein
+ Schatz (verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem
+ Wiesenweg, welcher der Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt
+ kein Thau und Reif behangen. Panzer, BS. 2, pg. 54.</p>
+
+ <p>Maienthau ist eine Quelle der K&ouml;rpersch&ouml;nheit, des
+ Liebreizes und der Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wenns thaut, wirds gr&ouml;n,</p>
+
+ <p>werden alle Jungfern sch&ouml;n.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden
+ Knaben auf der Gasse zu rufen. Eos hat t&auml;glich ihren
+ altersgrauen Gatten Titon mit Thau neu zu beleben. Hellfunkelnder
+ Thau trieft perlend hernieder und frischgr&uuml;nende Hyacinthen
+ sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera umarmt. Mit dem
+ Wasser aus dem Paradiese, erz&auml;hlt Konrad v. W&uuml;rzburg in
+ seinem Trojan. Krieg&mdash;verj&uuml;ngt Medea Jasons alten
+ Vater. Die drei Marien gehen zu des Herren Grab durch den Thau
+ (Uhland, Volksl. 832, 3):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Es giengen drei heilige Frawen</p>
+
+ <p>zu Morgens in dem Tawe.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>So sch&ouml;n ist die Geliebte, dass der Minnes&auml;nger
+ Christian von Hameln dem bethauten Anger keine hellere Zier zu
+ schenken weiss als ihren nackten Fuss darauf:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Her Anger, bitet, da&#549; mir swaere sul
+ b&#367;&#549;en</p>
+
+ <p>ein w&icirc;p, n&acirc;ch der m&icirc;n her&#549;e
+ st&ecirc;;</p>
+
+ <p>s&ocirc; w&uuml;nsche ich, da&#549; si mit
+ bl&ocirc;&#549;en f&uuml;e&#549;en</p>
+
+ <p>noch hiure m&uuml;e&#549;e &ucirc;f iu g&ecirc;.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen
+ verschiedene kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze
+ <!-- 058 --><a name="Page_058" id="Page_058"></a> Sonnnenthau
+ einen nach ihr genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio
+ genannt. Der Zierbaum, den man im bair. Lechrain in der Mainacht
+ der Liebsten vors Kammerfenster setzt, muss nebst Aepfeln und
+ B&auml;ndern stets mit einer vollen Rosogliflasche behangen sein.
+ Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen der zum Johannisfeste
+ geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen einen
+ heilkr&auml;ftigen Thee. Sommer, Th&uuml;ring. Sag. 148. 156.</p>
+
+ <p>Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thausch&uuml;ssel,
+ Parasol und Frauenm&auml;ntelchen genannt, bietet dem Sennen
+ nicht nur das milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem
+ Kelche sich sammelnde Wasser als Heilmittel; zehn solcher
+ Blumenkelche voll Thau stillen Jedem den Durst. Sch&ouml;nwerth,
+ Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rong&eacute; wird zu Saintes
+ Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
+ Morgenr&ouml;the und Sonnenaufgang aromatische Kr&auml;uter
+ sammelt und sie in Oliven&ouml;lflaschen verschliesst. Wolf,
+ Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr frische Rosen im Zimmer zu
+ haben, legt man Rosenknospen in einen mit Wein gef&uuml;llten und
+ verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
+ Wunderb&uuml;chlein, S. 233. Um seltne K&uuml;chenkr&auml;uter
+ jahrelang frisch und schmackhaft zu haben, verordnet die
+ Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) Blatt 22: vach tawwasser mit
+ einem reinen neugewaschnen leinentuch, das keg auf einer wisen
+ hin vnd her, druck es au&#549; in ein sauber kandel vnd bay&#549;
+ (beize) die kre&uuml;ter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise
+ schreibt Konr. v. Megenberg, Bl. e<sup>3</sup> gegen Ausschlag
+ vor: so (der mensch) sich denn wescht mit dem taw vnd darinn
+ waltz des morgens, ee die Sunn den taw benimpt, so wirt er rein
+ an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit genaden auf vns
+ re&uuml;dige menschen!</p>
+
+ <p>Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also
+ mitgetheilt. In einer H&ouml;hle des Berges Harder, die vom
+ Pfarrhause des Dorfes Habchen aus erblickt wird, lebten ehemals
+ Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand mit <!-- 059 --><a name=
+ "Page_059" id="Page_059"></a> diesen Erdm&auml;nnlein in gutem
+ Einvernehmen und nach altem Brauch stellte man ihnen jedes
+ Fr&uuml;hjahr einen Krug Maienthau an einen bestimmten Ort, wo
+ ihn die Zwerge abholten und in die H&ouml;hle trugen. Sie badeten
+ damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
+ Weisszeug; zum Entgelt daf&uuml;r &uuml;berschickten sie den
+ Bauern Honigthau, worauf die Bienenzucht im Thale besonders
+ gedieh. Nun, nachdem die Zwerge ausgewandert oder gestorben sind,
+ h&auml;ngt ihre H&ouml;hle voll milchweisser Steinzapfen, lauter
+ im Bad verspritzter Maienthau, der sich zu Milch versteinert hat,
+ und heisst davon das Mondmilchloch.</p>
+
+ <p>In der Normandie, der Bretagne und den Pyren&auml;en badet das
+ Volk die Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau
+ des Haberfeldes w&auml;lzt: se rouler ce jour-l&agrave; le matin
+ dans la ros&eacute;e, ou se baigner dans une fontaine guerit de
+ la gale et de toutes maladies cutan&eacute;es. De Nore, Coutumes,
+ mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
+ Saalfeldischen M&auml;dchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm,
+ Myth. Abgl. no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62,
+ "von erfahrnen Leuten berichtet, dass der Maienthau grindichten,
+ scherbichten Leuten gesund sein soll, wenn sie sich fr&uuml;h
+ nacket drein w&auml;lzen. Die Medici nennen solchen Thau rorem
+ matutinum in vere, S. Walpurgisthau."&mdash;Isl&auml;nder und
+ Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten
+ wundersam zu heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die
+ Engl&auml;nder setzten eine Metze Haber oder eine Korngarbe unter
+ den Nachthimmel und wuschen sich mit dem darauf gefallnen. Thau
+ gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. Tilbur. pg. 2. Der
+ Altbaier w&auml;scht sich im Maienthau, dazu sprechend:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Das hilft f&uuml;r's Gah,</p>
+
+ <p>f&uuml;r's Bl&auml;h,</p>
+
+ <p>f&uuml;r'n U'flat.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Das Gah ist g&auml;her Tod und fallendes Uebel; Bl&auml;h die
+ Rinderaufgelaufenheit, Stillf&uuml;lli; Unflat der Aussatz.
+ Panzer, BS. 2, 30. "Morgenthau ist gut f&uuml;r abgehauene
+ F&uuml;sse, gut <!-- 060 --><a name="Page_060" id="Page_060"></a>
+ f&uuml;r abgehauene Arme, f&uuml;r ausgestochene Augen", so
+ sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, bestreichen den
+ Verst&uuml;mmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
+ "Benetze deine Augenh&ouml;hlen mit Morgenthau, der auf den
+ Baumbl&auml;ttern liegt", sprechen die drei Schw&auml;ne zu dem
+ von der Stiefmutter geblendeten M&auml;dchen. Haltrich,
+ Siebenb&uuml;rg. M&auml;rch. S. 36. 216. "Heute Nacht f&auml;llt
+ ein Thau, sagt die Kr&auml;he, so wunderheilsam: wer blind ist
+ und bestreicht seine Augen damit, der erh&auml;lt sein Gesicht
+ wieder." Grimm, KM. no. 107. Dies ist der im b&ouml;hmischen
+ M&auml;rchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen Geblendeten
+ verk&uuml;ndete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
+ KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in
+ Beisein des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder
+ am dortigen Grabe Walburgis pl&ouml;tzlich wieder sehend geworden
+ war. Act. SS. saec. 3, pars 2, pag. 305.</p>
+
+ <p>Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den
+ n&auml;her r&uuml;ckenden Mai zu vertr&ouml;sten als auf die Zeit
+ ihrer g&auml;nzlichen Herstellung. Stillschweigend ist also
+ vorausgesetzt, dass dieser Termin die besonderen Mittel
+ gew&auml;hre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. Da
+ bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
+ Halme und Bl&auml;tter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst
+ sie mit heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen
+ Augenentz&uuml;ndung blickt man eine halbe Stunde unbeschrieen in
+ den Maithau. Gegen den Wolf (fratte Schenkel) sitzt man nackt ins
+ Feld hinein. Das Rind, das an der Blutschwine, Abzehrung, leidet,
+ wird in den Thau gestellt, das Zugvieh und das Ross
+ hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
+ Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der
+ Merz ins Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem
+ thaugetr&auml;nkten T&uuml;chlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen,
+ im els&auml;ss. Sundgau, eine halbe Stunde entfernt, fliesst im
+ Orte Helgenbronn neben der dortigen Walburgiskapelle ein
+ kr&auml;ftiger Wasserquell, Helgenbronn und Kinderbrunnen
+ genannt. <!-- 061 --><a name="Page_061" id="Page_061"></a> Am 1.
+ Mai kommen die M&uuml;tter mit ihren siechen Kindern hieher, um
+ sie zu baden; h&auml;ufiger noch geschieht es auch an Johannis,
+ 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
+ Haut w&auml;scht. A. St&ouml;bers briefl. Mittheil. Kaspar
+ Scheidt, Mayenlob (abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S.
+ 316) beschreibt die allgemeine Sitte ausf&uuml;hrlich und
+ anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die Bresthaften, die ihre
+ H&auml;user nicht verlassen k&ouml;nnen, lassen sich im Mai
+ daheim warme B&auml;der zurichten, es fahren die jungen Weiber
+ darein, wenn sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und
+ wenn man daher ein Bild des Maien malt, so pflegt man zwei
+ Eheleute beisammen im Wasserbade abzubilden, oder ein mit
+ fr&ouml;hlichen Leuten unter Trommel- und Pfeifenklang dahin
+ ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
+ Gesellen.&mdash;K&ouml;nig Albrecht hatte 1308 gerade seine
+ Badefahrt beendet, im St&auml;dtchen Baden das Maifest abgehalten
+ und war auf dem Wege, seine Gemahlin Elisabeth im benachbarten
+ Rheinfelden abzuholen, als er am linken Reussufer von seinem
+ Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings erschlagen wurde.
+ Nicht lange, so ergieng gegen die M&ouml;rder die Blutrache. Ihre
+ Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften enthauptet, auch
+ nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten Tochter, so
+ erz&auml;hlt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
+ sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter
+ den grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir
+ meinen frommen Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die
+ typisch gewesene allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage
+ entstanden, wiederholt sich z.B. in dem Liede vom baier.
+ Krieg:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>die Teutschen wurden wohlgemut,</p>
+
+ <p>sie giengen in der ketzer plut,</p>
+
+ <p>als wer's ain mayentawe.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".</p>
+
+ <p>Auch symbolische Maib&auml;der gab es, sowohl kirchlicher als
+ b&uuml;rgerlicher Art. Noch vor etlichen Jahren giengen
+ <!-- 062 --><a name="Page_062" id="Page_062"></a> Schulmeister
+ und Chorknaben in der Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt
+ Heilwag, von Haus zu Haus, und besprengten damit dreimal die
+ Bewohner unter den Worten:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Heiliwog, Gottesgob,</p>
+
+ <p>Gl&uuml;ck ins Hus, Ungl&uuml;ck drus!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>St&ouml;ber, Els&auml;ss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz
+ lautet dieser Spruch, nach Panzers BS. 2, 301:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>O du guter Walbernthau,</p>
+
+ <p>Bringe mir, so weit ich schau,</p>
+
+ <p>In jedem H&auml;lmlein Gras ein Tr&ouml;pflein
+ Schmalz!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes
+ M&auml;dchen, das sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen
+ ein B&auml;chlein gejagt und da begossen oder getaucht. Beim
+ Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade darf die K&uuml;belmarie,
+ "K&uuml;bele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den Brunnen
+ springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
+ 747. 986. Wer zuerst vom Pfl&uuml;gen oder Auss&auml;en
+ heimkehrt, wird in der Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit
+ einer Sch&uuml;ssel Wasser begossen. Sch&ouml;nwerth 1, 400. Zu
+ Wall in B&ouml;hmen bl&auml;st am 1. Mai der Dorfhirte alle
+ &uuml;brigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
+ Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen.
+ Reinsberg, Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu
+ Johannis gegenseitig mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth.
+ 587. Am Himmelfahrts- und Pfingsttage wurde durch jenes Loch des
+ Kirchengew&ouml;lbes, durch das die h&ouml;lzernen Figuren des
+ Salvators und der Taube emporschwebten, angez&uuml;ndetes Werg
+ auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. Wiedemanns
+ Chronik d. St. Hof.</p>
+
+ <p>Diese Z&uuml;ge f&uuml;hren &uuml;ber zum Thau- und
+ Minnetrinken. Gervasius von Tilbury (ed. Liebrecht, Otia
+ imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie zu seiner Zeit
+ in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als Pfingsttrank
+ galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) nachgewiesen,
+ dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg
+ <!-- 063 --><a name="Page_063" id="Page_063"></a> auf dem
+ &ouml;ffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe
+ 13. Jahrh. f&auml;llt die Meldung von der Waldprozession, welche
+ das Domkapitel zu Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige
+ hieb zur Ausschm&uuml;ckung des Doms. Je zwei Tage vorher hatte
+ es seit 1270 die Seelmesse f&uuml;r den Cleriker Bouteille zu
+ begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch aufs Pflaster
+ ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gef&uuml;llte
+ Weinflaschen mit der f&uuml;nften in der Mitte standen, die den
+ Chors&auml;ngern preisgegeben wurden. Fl&ouml;gel, Gesch. des
+ Groteskkomischen 170. 233. Vielleicht, dass man diesen welschen
+ M&ouml;nchsbrauch aus dem altr&ouml;mischen Feste der Anna
+ Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten m&ouml;chte, wo an den
+ Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die l&auml;ndlichen Ufer des
+ Tiber zog und hier Laub- und Schilfh&uuml;tten errichtete. So
+ manchen Schluck da der Trinker nach einander aus dem Weinbecher
+ thun konnte, auf so viele Lebensjahre hoffte er es zu bringen.
+ Allein das vom R&ouml;merthum unber&uuml;hrt gebliebne
+ Skandinavien kennt gleichwohl eine &auml;hnliche Sitte. Die
+ Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung
+ in den Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften
+ "Mark in die Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man
+ dorten nicht mehr und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa,
+ der am 1. Mai seinen Einzug in die Stadt hielt und sie von den
+ Bedr&auml;ngnissen einer langen Belagerung rettete. Allg. Augsb.
+ Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen Landschaften kennen
+ &auml;hnliche Wasser- und Weingelage, die altherk&ouml;mmlich auf
+ dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach
+ fliesst der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein
+ so besonders gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden
+ darnach zu verlangen pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem
+ Ehlborn fordern, so gilt dies als ein Zeichen ihres nahen Todes,
+ denn ein solcher Trunk, sagen die Leute, ist gleichsam die letzte
+ Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem Pfingstborn bei der
+ Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere Heilkraft zu,
+ <!-- 064 --><a name="Page_064" id="Page_064"></a> sammelte auf
+ der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, trank denselben und
+ wusch sich damit, und wenn allj&auml;hrlich die Steinauer Kinder
+ mit ihren Eltern hier heraus zum Fr&uuml;hlingsfeste zogen, so
+ trugen sie eine Menge irdener kleiner Kr&uuml;ge mit, die ihnen
+ als Trinkgef&auml;sse dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker,
+ Hess. Sag. no. 329. Zum Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde,
+ wo Wilibald die Heiden taufte, macht allj&auml;hrlich die
+ Eichst&auml;dter Schuljugend ihren Waldmarsch und geniesst
+ daselbst die f&uuml;r dies Jugendfest altgestifteten
+ Erg&ouml;tzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten
+ Walburgskirche zu holl&auml;ndisch Gr&ouml;ningen entspringt, ist
+ unversiegbar und der Schatz der Stadt. Bolland. 522. Des
+ Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder Oswald am Ifinger
+ in Tirol entspringen liess, ist schon im Vorhergehenden gedacht
+ worden. Damit der Ordelbach zu Eichst&auml;dt, der &uuml;ber eine
+ achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
+ niedergeht, beim Anschwellen im Fr&uuml;hlinge sein Felsenbette
+ nicht sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine
+ Felsenspalte in sein Wasser hinab gegossen. Sch&ouml;ppner, Bair.
+ Sagb. no. 1136. Beim Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben
+ und M&auml;dchen die Symbole der k&uuml;nftigen Ernte im Orte
+ umher, Semmel und Speck an S&auml;bel gespiesst, und Eier und
+ Butter in K&ouml;rbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
+ folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit
+ gelben Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume
+ abgezapfte Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein;
+ jedoch wohin sie beide und die vorhin genannten Maigetr&auml;nke
+ zielen, sagen uns einige im Erblassen begriffene Traditionen. Auf
+ dem Walpersberge bei Dresden sitzt in der Walburgisnacht und zu
+ beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem Stuhle und vertheilt an
+ die Anwesenden Schwerter, um zu k&auml;mpfen. Dieser Teufel ist
+ Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
+ beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden
+ Schlachtjungfrauen bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher
+ <!-- 065 --><a name="Page_065" id="Page_065"></a> tritt an die
+ Stelle Walburgis zu dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau
+ Holle und bietet den Verj&uuml;ngungstrank. Bei th&uuml;ringisch
+ Arnstadt liegt der kr&auml;uterreiche Bergwald Walperholz, der
+ einst auf seiner H&ouml;he ein Walburgiskloster getragen haben
+ soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und Jagdbuche,
+ ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut w&auml;chst, denn
+ dahin ist der Geist einer betr&uuml;gerischen Bierzapferin
+ gebannt. Sie heisst Frau Holle, in altv&auml;terischer Tracht
+ umgeht sie jene Buche und ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein,
+ DSagb. no. 587. Damit ist die &ouml;l- und &auml;lschenkende
+ Walburg als eine thauspendende Walk&uuml;re angedeutet; noch dazu
+ waltet sie in jenem durch das schon erw&auml;hnte, hier
+ abgehaltene Maifest der Arnst&auml;dter bedeutsam gemachten
+ Walde. Reynitzsch, Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben.
+ Ausdr&uuml;cklich erz&auml;hlt die Walburgislegende (Act. SS.
+ tom. 2, pg. 301, cap. V), wie F&uuml;rstent&ouml;chter an
+ Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und
+ Speise darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum
+ gebotenes Trinkgef&auml;ss (hanapp) pl&ouml;tzlich abhanden und
+ kann weder wieder zum Vorschein gebracht, noch die Art seines
+ Verschwindens ermittelt werden. Doch als die Wallfahrer, wieder
+ auf der Heimreise begriffen, sich &uuml;ber jenen Verlust
+ besprachen, stand es pl&ouml;tzlich unversehrt vor ihnen in Mitte
+ ihres Weges. Es wurde ins Kloster zur&uuml;ckgeschickt und hier
+ als ein neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein
+ runder Steinthurm hohen Alters bei der unterfr&auml;nkischen
+ Stadt Eltmann, er war von drei reichen Nonnen erbaut und konnte
+ nicht anders eingenommen werden als durch ein blindes Ross, das
+ man drei Tage hatte dursten lassen; alsdann verrieth es durch
+ Stampfen den Belagerern die geheime Wasserleitung. Im
+ benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und Drachensage
+ lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
+ Walburgisberg sind die volksth&uuml;mlichen Namen der
+ Erenb&uuml;rg, eines hohen sattelf&ouml;rmigen Berges beim
+ oberfr&auml;nkischen Dorfe Wiesentau; das urkundlich 1062 genannt
+ <!-- 066 --><a name="Page_066" id="Page_066"></a> wird und ein
+ Bestandtheil des karolinger K&ouml;nigshofes Forchheim gewesen
+ war. Des Berges Gipfel ist mit Steinw&auml;llen abgegrenzt, an
+ seinem Fusse liegen Grabh&uuml;gel, aus denen man antiquarisch
+ ber&uuml;hmtgewordene kupferne Streit&auml;xte erhoben hat. Hier
+ war das Schloss von drei sch&ouml;nen Fr&auml;ulein, die beim
+ Trocknen die W&auml;sche nur in die Luft warfen, so blieb sie
+ h&auml;ngen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel steht eine
+ Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
+ abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon
+ vor Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht
+ &uuml;ber die bl&uuml;thenreiche Landschaft ist reizend;
+ zahlreiche Wirthe sorgen f&uuml;r unersch&ouml;pfliche Libationen
+ bei den gleichzeitigen Brandopfern der duftenden Bratw&uuml;rste.
+ So erf&uuml;llt sich der alttestamentliche Segensspruch 1. Mos.
+ 27, 28, in allen Theilen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gott geb dir des Himmels Thau</p>
+
+ <p>Und die Fettigkeit der Au</p>
+
+ <p>Und die F&uuml;lle der Halmen</p>
+
+ <p>Und den Most der Palmen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die Festbr&auml;uche beim Sommerempfang, da man zu den wieder
+ fliessenden Brunnquellen in hellen Haufen hinausr&uuml;ckte, die
+ darauf gegr&uuml;ndeten &ouml;rtlichen Wasserrechte in
+ Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen geschm&uuml;ckt wie
+ ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um den
+ Ortsbrunnen steckte&mdash;haben sich als das Fest der
+ Bannbeschreitung, der Oeschprozession und des Mairittes hier und
+ da noch gefristet, und vervollst&auml;ndigen diesen vorliegenden
+ Abschnitt vom Maienthau nicht nur, sondern schliessen ihn erst
+ wirklich nachdrucksam ab.</p>
+
+ <p>Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
+ Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen
+ Benennungen der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur-
+ und Fohrumganges vorgenommen. Die ganze m&auml;nnliche
+ Bev&ouml;lkerung des Ortes, Jung und Alt, ist verpflichtet daran
+ Theil zu nehmen und wird den Tag &uuml;ber auf Gemeindekosten
+ verpflegt. Die dabei vorkommende <!-- 067 --><a name="Page_067"
+ id="Page_067"></a> symbolische Ged&auml;chtnissch&auml;rfung, die
+ an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen Marksteine mit
+ Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein stossen)
+ vorgenommen wird, ist hinl&auml;nglich bekannt; eben so wenig
+ bedarf es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den
+ Knabenpistolen verknallt und welches Weinquantum vom
+ M&auml;nnerdurst weggetrunken wird, um dann nach lustigem
+ Tagwerke dem K&uuml;chleinbackwerk entgegen zu ziehen, dessen
+ w&uuml;rziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die
+ st&auml;dtischen B&uuml;rgerschaften pfl&uuml;gten ebenso unter
+ grossem milit&auml;rischen Aufwande ihr Gebiet zu umgehen, haben
+ jedoch seit dem Schlusse des vorigen Jahrhunderts der Kosten
+ wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. Dagegen haben sich
+ katholischer Seits zu Stadt und Land die Oeschprozessionen
+ reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai fallenden
+ kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den verschiednen
+ Zelgen der Dorfflur errichteten Alt&auml;ren die vier Evangelien
+ abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem
+ Wasser und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter
+ den bei diesem Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805
+ vorgeschriebnen Versikeln und Liedern schliesst ein von der
+ ganzen Gemeinde gesungenes:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Deine milde Hand giebt Segen,</p>
+
+ <p>Giebt uns Sonnenschein und Regen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen
+ Schwarzwalde abgehalten. Anderw&auml;rts geschieht dies schon am
+ Markustage, 25. Apr. In Tirol glaubt man, diese Prozession sei
+ &auml;lter als das Christenthum selbst, denn schon der Heiland
+ habe derselben beigewohnt. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 720; und
+ allerdings findet sie sich unter dem Namen Rogationes schon unter
+ den Karolingern kirchlich eingef&uuml;hrt (Rettberg, Kirchgesch.
+ 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur Abwehr
+ des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittg&auml;nge waren
+ unter dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der
+ protestantischen Bev&ouml;lkerung <!-- 068 --><a name="Page_068"
+ id="Page_068"></a> an der Elbe &uuml;blich und durch ein
+ besonderes Volksgel&uuml;bde daselbst gestiftet gewesen. Die
+ dortigen Lutheraner ruhten j&auml;hrlich drei halbe Werktage von
+ aller Arbeit und begaben sich zur Anh&ouml;rung einer Predigt,
+ durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
+ findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783,
+ 282.</p>
+
+ <p>Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der
+ Mairitt; schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei
+ Emminghaus, Memorabil. Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch
+ aus alter Zeit: Up Walpurgis, als men in den meien plach tho
+ riden na alter zede und gewonte. Die Ankenschnittenprozession zu
+ luzernisch Berom&uuml;nster wird bereits in der Urkunde von 1223
+ erw&auml;hnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
+ Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des
+ Ortes, der Dragonermannschaft und den sich anschliessenden
+ Wallfahrern zu Pferde abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz
+ folgen zu Rosse mit, vom Rosse herab wird gepredigt. Der Ritt
+ geht vom St&auml;dtlein weg auf aargauisches Gebiet nach
+ Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute haftender
+ Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
+ Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde
+ ins Maul st&ouml;sst. Diese und &auml;hnliche berittene
+ Prozessionen sind bereits ausf&uuml;hrlich beschrieben in den
+ <i>Naturmythen</i> (Leipzig 1862) S. 17; nur das mittlerweile neu
+ gefundene Material wird hier nachgetragen. Der Blutritt in
+ Schw&auml;bisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
+ nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu
+ Fusse hat man dabei schon &uuml;ber siebentausend Reiter
+ gez&auml;hlt. Franz Sauter, Kloster Weingarten 1857, 35. In den
+ oberschw&auml;bischen D&ouml;rfern findet der Maithauritt am 1.
+ Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang wieder
+ heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und l&auml;sst
+ am R&uuml;ckwege die bequem gelegnen Wirthsh&auml;user nicht
+ unbesucht. Birlinger, Schw&auml;b. Sag. 2, no. 123.
+ <!-- 069 --><a name="Page_069" id="Page_069"></a> Bei den
+ Vlamingen heissen die am 1. Mai veranstalteten kirchlichen
+ Umritte Marienprozessionen, doch f&auml;llt derjenige zu
+ Anderlecht bei Br&uuml;ssel auf Pfingsten, der in Haeckendover
+ bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
+ Pistolensch&uuml;ssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit
+ verh&auml;ngtem Z&uuml;gel quer &uuml;ber die Felder, indem man
+ annimmt, dadurch werde die Ernte eine gesegnetere. Ein Bauer, der
+ sich diesem Herumtraben auf seinem Felde widersetzte, fand
+ nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. 345. In Anderlecht
+ ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem Wettjagen der
+ erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
+ B&auml;nderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die
+ Kirche gef&uuml;hrt, da mit einem Rosenkranz geschm&uuml;ckt und
+ feierlich wieder hinaus geleitet. Reinsberg, Festl. Jahr. 140.
+ Beim sg. K&ouml;nigsreiten in &ouml;sterreich. Schlesien, wobei
+ Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der Gemeinde,
+ geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
+ beste Wettrenner K&ouml;nig. In Sachsen gilt um Pfingsten das
+ Kranzreiten nach einem geschm&uuml;ckten Baum, ist aber in
+ Nietleben bereits zum "Betteln reiten" herabgesunken. Sommer,
+ Th&uuml;ring. Saga S. 154. Unsre rechtgl&auml;ubigen Bauern,
+ bemerkt &uuml;ber die fr&auml;nkische Bev&ouml;lkerung in der
+ Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre
+ Pferde am Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage
+ uns neue Kleider anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen.
+ Johannes Boem, genannt Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in
+ Unterfranken, schrieb 1530 De moribus, legibus et ritibus
+ gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio Scriptor. Wirceburg.) den
+ Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland betrifft; hier ist
+ der w&uuml;rzburgische Pfingstritt also beschrieben: Pentecostes
+ tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos habent
+ aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
+ unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert,
+ totius agri sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut
+ <!-- 070 --><a name="Page_070" id="Page_070"></a> segetes Deus ab
+ omni injuria et calamitate conservare velit. Allj&auml;hrlich
+ zweimal, am 10. Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das
+ s&uuml;dfranz&ouml;sische Dorf Villemont das Kirchenfest seiner
+ Ortsheiligen Solangia und tr&auml;gt deren Reliquien in
+ Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld heisst und
+ den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf welchem
+ das Gras stets sch&ouml;ner und dichter steht als auf dem
+ angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der
+ And&auml;chtigen, die oft bis auf F&uuml;nftausend anw&auml;chst,
+ nicht zu fassen vermag und folglich da und dorten in die Saat
+ hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon ziemlich hoch
+ steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, sondern
+ richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
+ Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637
+ mit eignen Augen &uuml;berzeugt haben soll. Das Gegentheil aber
+ erfolgte an dem Flachsacker eines Geizigen, als der
+ Eigenth&uuml;mer hier der Prozession den Durchgang verweigerte;
+ es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und die Anpflanzung
+ wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, ad diem
+ 10. Maii.</p>
+
+ <p>Solcherlei Fr&uuml;hlingsbr&auml;uche, die jungen Saaten
+ prozessionsweise zu umreiten und zu durchreiten, st&uuml;tzen
+ sich auf heidnischen und auf alttestamentlichen Glauben und
+ wollen Abbilder sein eines den G&ouml;ttern selbst beigelegten
+ gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12&mdash;Du kr&ouml;nest
+ das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von
+ Fett&mdash;liess eine Gottheit erblicken, welche das reifende
+ Kornfeld pers&ouml;nlich beschreitet und mit ihrer Fussspur
+ ertragsf&auml;hig macht, weshalb das Kirchenlied von Nikolaus
+ Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 jene Worte
+ nachdr&uuml;cklich wiederholt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Umkr&ouml;n das Jahr mit deiner Hand,</p>
+
+ <p>Mit deinen Fussstapfen d&uuml;ng das Land.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen
+ Wenden von besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl.
+ Vorzeit); von dem auf den Bergwiesen striemenweise
+ <!-- 071 --><a name="Page_071" id="Page_071"></a> fetter und
+ &uuml;ppiger wachsenden Grase sagt der Tiroler, hier ist der
+ fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der Alpgeist mit
+ schmalzigen F&uuml;ssen dr&uuml;ber gegangen (Zingerle, Tirol.
+ Sag. no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des
+ ausreitenden Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch
+ gr&uuml;ne Frucht hinziehenden gelben Streifen vorreifender
+ Korn&auml;hren. Wolf, Hess. Sag. no. 31. 56. Von den &uuml;ber
+ die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden Hufen des
+ G&ouml;tterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
+ denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet,
+ diese haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die
+ sommerlichen Strichregen und Windst&ouml;sse zu geben, dann wird
+ er sich weniger lagern und die Aehre weniger ins giftige
+ Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz nahverwandte
+ landwirthschaftliche Erfahrung st&uuml;tzt sich auch der Ritt in
+ den Maienthau. Bekanntlich h&auml;ngt die Befruchtung der
+ Korn&auml;hren vom Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung
+ der Bl&uuml;then aussch&uuml;ttelt und verbreitet. Diese
+ Verbreitung geschieht aber bei der Unregelm&auml;ssigkeit der
+ Bewegung nur unregelm&auml;ssig, daher bleiben viele H&uuml;lsen
+ der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte &uuml;bt nun
+ seit alter Zeit folgende Methode zur k&uuml;nstlichen
+ Unterst&uuml;tzung der Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten
+ des Kornackers ziehen zwei M&auml;nner ein Seil &uuml;ber der
+ H&ouml;he des bl&uuml;henden Getreides hin und streifen damit
+ gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
+ zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die
+ &uuml;brigen aber gegen das Sichlagern gest&auml;rkt und der
+ ausfallende Samenstaub wird in ihnen gleichf&ouml;rmig vertheilt.
+ So wird also Brand und Mutterkorn verh&uuml;tet, die aus einer
+ und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
+ entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen
+ verg&ouml;ttert, in Kunstgebilden dargestellt und bis auf die
+ Athene &uuml;bertragen worden. Unterhalb der Akropolis zu Athen
+ stand der Thurm der Winde, unter dessen acht Relieffiguren auf
+ einer seiner acht Seiten der <!-- 072 --><a name="Page_072" id=
+ "Page_072"></a> Ostwind (Apeliotes), der den gedeihlichen
+ Saatregen mit sich f&uuml;hrt, dargestellt war als ein Genius mit
+ heitrer Miene, gefl&uuml;gelt, mit flatterndem Gewande
+ einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb
+ tragend und neben reifenden Fr&uuml;chten eine Korn&auml;hre.
+ Droben auf der Akropolis stand die Athenestatue, die den Beinamen
+ Pandrosos (Allesbethauende) f&uuml;hrte, als eine andere Demeter
+ verehrt wurde und Aehren in der Hand trug (Welcker, Griech.
+ G&ouml;tterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie nach
+ demjenigen der drei T&ouml;chter des Cekrops, welche Aglauros
+ (Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und
+ den Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon
+ (Brand und Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten
+ dem Mehlthau steuern und waren der Athene gewidmet.</p>
+
+ <p>Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und
+ Mythe unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedr&uuml;ckt haben.</p>
+
+ <p>Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, geh&ouml;rt nach Kuhns
+ Vermuthung (Weber, Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. d&ocirc;ha
+ Milch, ableitend, von duh, ziehen, ducere, so dass also im
+ Vorgange des Thauens das Gesch&auml;ft des Melkens und
+ Milchausdr&uuml;ckens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch
+ ton heisst waschen. Hundertf&auml;ltig stimmen nun Mythen und
+ Br&auml;uche in der Annahme &uuml;berein, aus dem rechtzeitigen
+ Abstreifen des am Halme h&auml;ngenden Morgenthaues lasse sich
+ Milch und Butter gewinnen, als gediegenes Produkt fertig
+ herauspressen, und das in diesen Thau getriebene Milchthier
+ ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
+ verbietet, T&uuml;cher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter
+ den Himmel zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen.
+ Liebrecht, Gervas. Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im
+ Oekonom. Kalender besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau
+ vom schossenden Getreide mit subtilen T&uuml;chern aufzufangen
+ und diese in Gef&auml;sse auszuwinden habe, denn solcher Thau sei
+ unsres <!-- 073 --><a name="Page_073" id="Page_073"></a> Landes
+ Manna. Pr&auml;torius, Blockesberg S. 559. Grohmann, B&ouml;hm.
+ Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun verstorbenen
+ Simanek aus Kaurim. Er schm&uuml;ckte in der Walburgisnacht seine
+ Kuh mit gr&uuml;nen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst
+ nackt aus und f&uuml;hrte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt
+ dr&uuml;ckte er die thaubenetzte Decke in ein Gef&auml;ss aus,
+ indem er dabei mit den vier Zipfeln umgieng wie beim Melken, und
+ gab das gewonnene Wasser den Thieren unter die Tr&auml;nke. Sie
+ waren dann das ganze Jahr milchreich. Es ist eine von Sachsen bis
+ nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, abwechselnd um Mai, Ostern
+ oder Pfingsten, den Fr&uuml;hthau zu gewinnen, indem man die
+ Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf feierlich
+ abstreift. Die am fr&uuml;hesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
+ einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erh&auml;lt den
+ Preisnamen Dauf&auml;jer, Dauschl&ouml;pper, das wettrennende
+ Ross den Namen Thaustrauch, weil sie den ersten Thau erfolgreich
+ weggefegt haben, und werden mit dem am Rennziel auf der Stange
+ steckenden Blumenmaien oder Brodweck beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag.
+ S. 380-88. Westf&auml;l. Sag. 2, S. 165. Ebenso gilt in Holland
+ das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische Natur des
+ Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
+ voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum
+ gehen denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und
+ erhorchen die Zukunft, auf Walburgis in das gr&uuml;ne Korn, auf
+ Pfingsten ins Roggenfeld, um in Thau zu baden, mit den hinter
+ sich her gezogenen T&uuml;chern ihn aufzusammeln, daheim
+ auszupressen und so die Milch jeder fremden Weidekuh f&uuml;r
+ sich zu gewinnen. Sch&ouml;nwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
+ die Hexen in Holstein Daustr&icirc;ker. Die ao. 794 zu Frankfurt
+ versammelten Bisch&ouml;fe erkl&auml;rten eine letztj&auml;hrige
+ Hungersnoth daraus, dass der Teufel den Leuten, welche den
+ Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren ausgefressen habe:
+ experimento enim didicimus in anno, quo illa valida fames
+ irrepsit, <!-- 074 --><a name="Page_074" id="Page_074"></a>
+ ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
+ exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575.
+ Niedlich lauten die Hist&ouml;rchen von den Zwergen, die sich des
+ gleichen Vortheils zu bedienen suchen und dar&uuml;ber
+ kl&auml;glich entdeckt werden. Wenn die Zwerge im Harz in die
+ Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar machenden
+ Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick oder
+ eine lange Stange und fuhren damit oben &uuml;ber das Feld hin.
+ Damit fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden
+ sichtbar und konnten t&uuml;chtig durchgepr&uuml;gelt werden.
+ Pr&ouml;hle, Harzsag. 1, 199. 210. Um sich nun gegen die
+ Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man ihnen auf
+ folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
+ weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes
+ durch einander gesch&uuml;ttelt liegen, l&auml;sst sie vom
+ Nachtthau benetzt werden und f&uuml;ttert damit s&auml;mmtliche
+ Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. Darstellungen aus dem
+ Gebiet des Abgl., Gr&auml;tz bei Kienreich 1801, S. 9. Da auf
+ &auml;hnlich magische Weise auch der Butterraub ausge&uuml;bt
+ wird, so ist das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1.
+ Mai alle Speisen recht stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der
+ Schweiz eine dickgestrichene <i>Ankenbr&uuml;t</i>, am
+ Familientische zu essen, allen Hausthieren davon zukommen zu
+ lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
+ St&uuml;ck zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erz&auml;hlt
+ Jac. Sprenger im Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende
+ Begebenheit. An einem Maitag empfanden mehrere zusammen &uuml;ber
+ Feld Spazierende grosse Lust, frische Maibutter zu geniessen. Sie
+ standen zuf&auml;llig an einem Flusse. Ich will euch solche
+ besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein wenig. Er gieng
+ in den Fluss, setzte sich mit dem R&uuml;cken gegen den Lauf,
+ r&uuml;hrte mit den H&auml;nden r&uuml;ckw&auml;rts und es
+ dauerte nicht lange, so brachte er eine f&ouml;rmliche
+ Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai machen. Die
+ Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz <!-- 075 --><a name=
+ "Page_075" id="Page_075"></a> trefflich schmeckend.&mdash;Ein
+ aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am Maitag
+ Gras h&auml;ufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe
+ in seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen
+ versichert in seinem f&uuml;r Kaiser Max I. verfassten Liber octo
+ questionum (gedruckt bei Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in
+ der sechsten Frage: Exploratum habemus, maleficas in fluminibus
+ concitatis hausisse butyrum temporibus. Daher heisst es, in der
+ Walburgisnacht fliege der Drache um und trage seinen
+ Gl&auml;ubigen Butter und Schmalz aus fremden H&auml;usern zu.
+ Was er nicht weiter schleppen kann, speit er auf die
+ Schwindgruben; die gelbweissen Algen in Tellergr&ouml;sse, die
+ man auf dem D&uuml;ngerhaufen zuweilen erblickt, heissen daher
+ Drachenschmalz. Sch&ouml;nwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
+ demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
+ Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
+ Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste,
+ obschon dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr
+ eintragen k&ouml;nnen, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig
+ nicht aus den Blumen, sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur
+ Zeit des Siebengestirns auf die Blumen f&auml;llt;" und daher
+ erz&auml;hle Galenus, 3. B. de alimentis, die Bauern h&auml;tten
+ am Morgen, wenn sie Honig auf den B&auml;umen kleben gesehen, ein
+ Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
+ uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau
+ im Mai giebt starke Bienenschw&auml;rme. Thau und Honigfall wird
+ von einem Engel uns zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann.
+ Gedichten:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Mengmol e H&auml;mpfeli Bluememehl,</p>
+
+ <p>Mengmol e Tr&ouml;pfli Morgethau.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist,
+ so ist sie darum auch so s&uuml;ssschmeckend; denn, sagt
+ Hebel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>D&ouml;rt oben wachst kei Gras, d&ouml;rt wachse numme
+ Rosinli.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die b&ouml;hmische Haing&ouml;ttin Medulina hat ihren Namen
+ vom <!-- 076 --><a name="Page_076" id="Page_076"></a> Honigtranke
+ Meth. Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein
+ K&ouml;rbchen mit Pflanzen, in der andern einen Strauss
+ tr&auml;gt. Im Fr&uuml;hlinge tr&auml;gt das Volk Honig in die
+ W&auml;lder, stellt ihn auf die Baumst&ouml;cke und spricht:
+ Medulina, da hast du, du giebst es &uuml;bers Jahr wieder!
+ Grohmann, B&ouml;hm. Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala,
+ 15. Gesang, wird erz&auml;hlt, wie der ertrunkene
+ Lemmink&auml;inen von der Mutter wieder ins Leben gebracht wird.
+ Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
+ Sprachverm&ouml;gen verhelfen. Da fleht die Mutter ein
+ Honigbienchen an, es m&ouml;chte hinauf in den neunten Himmel
+ fliegen, wo Gott aus seinem Honigkeller die zu Schaden gekommenen
+ Kinder salbt. Das Bienchen bringt von dieser Salbe herbei, die
+ Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die Sprache kehrt auf
+ seine Zunge zur&uuml;ck.</p>
+
+ <p>Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
+ Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur
+ so weit ber&uuml;hrt werden, als dadurch der innerliche Grund
+ seiner missgestalteten Meinungen an der Hand der bisher
+ vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung gebracht werden kann.</p>
+
+ <p>F&uuml;llt der K&ouml;nigssohn im Zauberschlosse drei Flaschen
+ mit dem Wasser des Lebens und heilt damit den alten kranken
+ K&ouml;nig (Grimm KM. 3, S. 178), so taucht dagegen die Hexe am
+ Walpernabend ihren Finger in sieben Bouteillen, beschmiert sich
+ damit und f&auml;hrt so auf den Blocksberg. Kuhn, Nordd. Sag. S.
+ 192. Dies aber sind urspr&uuml;nglich jene Zinnkannen und
+ silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der
+ Waldwohnung der Erdm&auml;nnchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198),
+ oder die n&auml;chtlicher Weile vom Ritterschloss Breuerberg in
+ der Wetterau zum zerst&ouml;rten Nonnenkloster Erlesberg
+ hin&uuml;ber wandern. Wolf DMS. no. 454.&mdash;Das Horn, aus
+ welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
+ verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht;
+ selbst das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung
+ gekn&uuml;pft <!-- 077 --><a name="Page_077" id="Page_077"></a>
+ (Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein
+ Kuhfuss und sein Inhalt ein seuchentr&auml;chtiger Satanstrank.
+ Mit Fackeln wird Saat und Gras aus dem Boden gez&uuml;ndet, unter
+ Glockenklang mit Musik und Gesang der Lenz geweckt, doch auch
+ dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt sich ins
+ D&auml;monische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
+ Entz&uuml;nden der n&auml;chtlichen Freudenfeuer &uuml;berall das
+ Hexenbrennen, und aus dem lustigen Fr&uuml;hlingsbrauch, die nun
+ endlich in Ruhe kommenden Besen und Sch&uuml;rgabeln in Flammen
+ aufgehen zu lassen, macht der Unverstand einen Luftritt der
+ Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst Verbrennen des
+ Satans in Bocksgestalt. W&auml;hrend noch im J. 1839 das
+ M&auml;rzfest im Bergell unter Trommelschlag und H&ouml;rnerklang
+ begangen wurde, wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden
+ trug und l&auml;utete, "<i>damit das Gras w&auml;chst</i>"
+ (Leonhardi, Rh&auml;tische Sitt. 1844), gilt im kathol. Frickthal
+ und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
+ Reifl&auml;uten im Mai, wie das Gewitterl&auml;uten im Sommer. Im
+ tiroler Innthale umgeht am J&ouml;rgentage, 24. April, die
+ russige Prozession die Felder. Mit Kuh- und Hausglocken, mit
+ Hafen und Pfannen l&auml;rmend, im unfl&auml;tigsten Sennenhemde
+ und mit berusstem Gesichte, Kr&ouml;ten und Eidechsen zur Schau
+ tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden
+ bei ihrer R&uuml;ckkehr ins Dorf daf&uuml;r beschenkt. Und damit
+ alle sittlichen Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel
+ kommen, tritt an die Stelle der rossetummelnden Saatenreiter die
+ h&auml;ssliche Bocksreiterei und der teufelsverschworene
+ Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse die Sichel
+ angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
+ ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der &ouml;sterreich.
+ Gymnas. Ztschr. 1858, 410 aus einer Hds. des Olm&uuml;zer Archivs
+ einen Segensspruch ver&ouml;ffentlicht gegen "die Pylweisse om
+ sent Wolbrygh-obent"; der Besegner giebt dabei dem Stallthiere
+ eine geweihte Kerze zu verschlucken. "Es wor am Walburgisobende
+ geschahn, <!-- 078 --><a name="Page_078" id="Page_078"></a> wenn
+ de P&uuml;lewesen osfaren", schreibt hievon der Schlesier A.
+ Gryphius, Dornrose 51 (nach Weinholds Schles. W&ouml;rtb. 1855,
+ 10). Mit Heil&ouml;l salbt die Schlachtenjungfrau den
+ wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem Brustbein fliessenden
+ Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze ausfahrende
+ Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpf&auml;lzer
+ Sagen Sch&ouml;nwerths 1, 372 ausf&uuml;hrlich besprochnen
+ Hexen&ouml;l, und wenn sie dar&uuml;ber im fremden Stalle
+ betroffen wird, "streicht ihr der Bauer daf&uuml;r den Buckel,
+ dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Th&ocirc;rs
+ Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der
+ Ackergott, ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, l&auml;sst sie
+ die vollen Garben in der Tenne austreten. Hierauf aber wird die
+ Trud zum Alp, welcher den Schlafenden auf die Brust tritt, dass
+ er erstickt, oder, wenn ihr dieser mangelt, die neubelaubten
+ B&auml;ume reitet, dass man alle Verkr&uuml;ppelungen an Eschen
+ und Fichten Trudenpf&ouml;tschen nennt. Das Stallthier wurde des
+ Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus
+ getrieben, dass es zuletzt dem thaum&auml;hnigen Rosse der
+ jungfr&auml;ulichen Walk&uuml;ren glich; statt ihrer aber liess
+ hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in den Stall
+ schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens abgehetzt
+ und voll Schweiss dastehen, nur M&auml;hne und Schweif ist von
+ unbekannter Hand in zierliche Frauenz&ouml;pfchen geflochten.
+ Statt die H&auml;user mit Maien zu schm&uuml;cken und den
+ Walbernbaum aufzupflanzen, werden so viele Ruthen auf den
+ D&uuml;ngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die Kinder machen
+ sich aus Weiden kleine Galgen und &uuml;berspringen sie in die
+ Wette; wer dabei nicht anst&ouml;sst, in dessen Hause werden die
+ Milchk&uuml;he ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224.
+ Ein f&ouml;rmliches Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt;
+ mit knallenden Peitschen werden sie aus der Dorfflur
+ hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, Hexen-Auspletschen in
+ der Oberpfalz (Sch&ouml;nwerth 1, 312), das
+ Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
+ Hinausblitzen in Deutschb&ouml;hmen <!-- 079 --><a name=
+ "Page_079" id="Page_079"></a> (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit
+ einem t&uuml;chtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die
+ Hausschwelle gesetzte Milchsch&uuml;ssel, dass kein Tropfen davon
+ drinnen bleibt; dann h&ouml;rt die Kuh auf, blaue Milch zu geben.
+ Darstell. aus d. Gebiet des Abgl. (Gr&auml;tz 1801) S. 126. So
+ weit erstreckt sich die Umwandlung alles Nat&uuml;rlichen ins
+ Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des urspr&uuml;nglich
+ so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe r&uuml;stige
+ Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13.
+ Jahrhundert vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen
+ gepredigt, so heissen diese doch immer noch sch&ouml;ne
+ Jungfrauen, die mit brennenden Wachslichtern in den St&auml;llen
+ die Thiere besorgen, dass des Morgens Wachstropfen in den
+ M&auml;hnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter schattigen
+ Waldb&auml;umen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen
+ dem Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten
+ Ausdrucke jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame
+ Abonde, die K&ouml;nigin Habundia, unsre deutsche G&ouml;ttin
+ Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es dem Hause Gl&uuml;ck und
+ Vorsput. So anfangs als Allg&uuml;tige verehrt, sind sie nun
+ feindselig und gef&uuml;rchtet; erst eine &uuml;berirdisch
+ sch&ouml;ne Holda, dann eine trief&auml;ugige Unholdin; erst eine
+ thaufrische Walburgis, unter deren Schritt der Acker von Oel
+ trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, die im peinlichen
+ Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim Hexentanze in einer
+ eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, Ztschr. f.
+ Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bev&ouml;lkerung
+ ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der
+ Heiligen Festtag heisst Wolprip&auml;&auml;w (Russwurm, Eibofolke
+ 2, 263. 1, 74. 98). Die Serben nennen den Hexenritt na Walporu.
+ Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 265. Noch bevor diese
+ Satanisierung der deutschen G&ouml;tter durch die Kirche genugsam
+ durchgef&uuml;hrt werden konnte, verwandelten sie sich mit ihrer
+ im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
+ r&uuml;ckw&auml;rtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes
+ zeigen <!-- 080 --><a name="Page_080" id="Page_080"></a> wir nun
+ die J&ouml;ten- und dann die Walk&uuml;rennatur Walburgis und
+ sind damit am Schlusse.</p>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_6" id="Teil_1_Abschnitt_6"></a>
+
+ <h3>Sechster Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Walburg, die G&ouml;ttin der Zeugung und
+ Ern&auml;hrung.</h4><br>
+
+ <p>Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen
+ unabh&auml;ngigen Di&ouml;cesen und Stifte gab den ersten Anlass,
+ die Walburgislegende in ihrem Gesammtzusammenhang zu betrachten,
+ w&auml;hrend man sie bis dahin fast nur in ihrer lokalen
+ vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. Die
+ Ingolst&auml;dter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten
+ der niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der
+ oberdeutschen zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg.
+ Walburga Westfalica, eine gewesene Nienheerser oder Herswender
+ Nonne im Kloster bei Paderborn, die Schwester des dortigen
+ Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und nebst ihrem Bruder
+ 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei nur selig
+ gesprochen worden, dagegen die Eichst&auml;dter Walburg sei
+ bereits im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe
+ jener westf&auml;lischen Namensschwester zu einigem kirchlichen
+ Ansehen verholfen. Diesem Vorgeben steht indess in der
+ Kirchengeschichte Niederdeutschlands alles M&ouml;gliche
+ entgegen. Der gr&ouml;ssere Theil der dortigen alten
+ Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit
+ geweiht, dass man daselbst von der Walburgiskirche zu
+ Gr&ouml;ningen behauptet, sie sei ein Heidentempel der
+ <i>G&ouml;ttin</i> Walburg gewesen, und dass man in der
+ Walburgiskirche zu Veurne (Di&ouml;cese Ypern) sogar noch die
+ Stelle zeigt, wo dieser G&ouml;ttin Menschenopfer gebracht worden
+ sein sollen. Wolf, Ndl. Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c.
+ 522. Die Annahme eines sehr hohen Alters dieser Kirchen wird
+ zugleich durch ihren Baustil unterst&uuml;tzt; die
+ <!-- 081 --><a name="Page_081" id="Page_081"></a> zu
+ Gr&ouml;ningen ist eine Rotunde mit thurm&auml;hnlichen Mauern
+ und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum
+ Nachbardorfe Helgen f&uuml;hren soll. Diejenige zu Antwerpen, in
+ der dortigen Altstadt gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer
+ Krypta soll Walburgis auf ihrer Herreise aus England gewohnt und
+ die Gastfreundschaft der Stadt genossen haben. Je weiter man nun
+ den Walburgiscult nordw&auml;rts verfolgt, um so mehr tritt seine
+ heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst ihrem
+ bisch&ouml;flichen Bruder die vergr&ouml;berte Gestalt der Riesen
+ an. Schon im Harz wird <i>Wilibald</i> ein H&uuml;ne genannt
+ (Pr&ouml;hle, Harzsag. 1, 275); um Harlem aber gilt Walburg als
+ die Heerden weidende und Strandr&auml;uber vertilgende Riesin
+ Walberech. Seer&auml;uber ers&auml;uft sie, Viehdiebe frisst sie
+ lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm,
+ ihre Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die
+ Haare ihres Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland
+ nach England hin&uuml;ber. Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine
+ gleich ungest&uuml;me Heidenfrau, menschliches Mass
+ &uuml;berschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
+ Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
+ erz&auml;hlt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in
+ Beeckmakshire, sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und
+ die Steine dazu von Dollgellen in der Sch&uuml;rze hergetragen.
+ Als ihr dabei im Laufen ein Kiesel in den Schuh kam, schleuderte
+ sie ihn heraus; er fiel auf den Kirchhof von Clowes, drei Meilen
+ von Dollgellen, da liegt er noch, neun Fuss lang und einen dick.
+ (Vulpius) Curiosit&auml;ten Bd. 8, 240. Endlich hat sich jene
+ Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
+ herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beitr&auml;gen 1, Tafel
+ II, Figur 1, lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen
+ ist, sondern ein deren antiken Namen tragendes deutsches
+ G&ouml;tterbild. Es ist ein &uuml;ber dem Antwerpner Steenport in
+ die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes Steinbild, das
+ noch in seinen urspr&uuml;nglichen <!-- 082 --><a name="Page_082"
+ id="Page_082"></a> Umrissen zu erkennen, in seinen Besonderheiten
+ aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, hebt beide Arme
+ bis zur Kopfh&ouml;he anbetend empor und zieht die aus einander
+ gespreizten Beine herauf. Dass es ein G&ouml;tterbild war,
+ urtheilt Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle &auml;lteren
+ Geschichtschreiber Antwerpens &uuml;berein, unter denen auch der
+ ber&uuml;hmte Bollandist Papebrochius; daf&uuml;r spricht ferner
+ die allgemeine Verehrung, deren es genoss, daf&uuml;r zeugt auch,
+ dass unfruchtbare Frauen ihm Kr&auml;nze und Blumen opferten, die
+ Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als
+ Heilpulver tranken, um bald des Muttergl&uuml;ckes theilhaftig zu
+ werden. Davon berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527;
+ Goropius Becanus, Origin. Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye,
+ Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und selbst die Bollandisten
+ III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt Becanus, welcher
+ Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein K&uuml;chengeschirr
+ zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne
+ weiteres dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den
+ Anst&auml;ndigsten ist solche alte Unsitte noch im Schwange. Die
+ Ortslegende, deren Gramaye erw&auml;hnt, erz&auml;hlt, dass der
+ hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung begann, die heidnische
+ Anbetung dieser steinernen Walburgis schon vorgefunden und an
+ ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingef&uuml;hrt habe.
+ Die Heiden h&auml;tten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur
+ sehr z&auml;he abgelassen, und daher r&uuml;hre denn der bei den
+ dortigen Weibern andauernde schmutzige Brauch, deren
+ Hartn&auml;ckigkeit in Sachen des Aberglaubens allbekannt sei.
+ Somit steht der Cult einer vorchristlichen, norddeutschen
+ Walburgis fest, welche in der M&ouml;nchsprache Venus und, da sie
+ phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
+ Hermaphroditengestaltung entspringt aus den urspr&uuml;nglichen
+ Grundbegriffen der eddischen G&ouml;tterlehre, zu Folge welcher
+ die Gottheit doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins
+ Unendliche fort zu erzeugen. Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem
+ linken Arme Mann und Weib. Tuisco, der vaterlose Stammgott,
+ <!-- 083 --><a name="Page_083" id="Page_083"></a> erzeugt aus
+ sich selbst den Sohn Mannus. Die Ackerg&ouml;ttin Walburg musste
+ doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und das Samenkorn ein
+ Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie priapisch,
+ gleich dem m&auml;nnlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Fr&ocirc;),
+ welchen Adam von Bremen Fricco unter der ausdr&uuml;cklichen
+ Beif&uuml;gung benennt, er werde phallisch abgebildet, walte
+ &uuml;ber Regen und Sonnenschein und stehe den Werken des
+ Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt ingenti
+ priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
+ Fricconi. Sein Name gr&uuml;ndet in der Wurzel pr&icirc; =
+ freien, woraus auch &Pi;&rho;&#943;&alpha;&pi;&omicron;&sigmaf;,
+ selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der altslavischen
+ Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es ist nun
+ gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
+ Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichst&auml;dter
+ Gebiete, als dem s&uuml;ddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit
+ der hl. Walburg, wieder findet. In dem zwischen den St&auml;dten
+ Eichst&auml;dt und Weissenburg am Ausg&auml;nge des grossen
+ Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim findet sich unter
+ mehrfachem r&ouml;mischem Grundgem&auml;uer im Garten des
+ dortigen Wirthshauses ein antiker Steinw&uuml;rfel, dessen eine
+ Seite die Grabinschrift einer r&ouml;mischen Ehefrau, die andere
+ die eines Merkuraltares tr&auml;gt. Letztere zeigt die Herme
+ einer stark gebr&uuml;steten Frau; auf der andern ist eine nackte
+ Figur sitzend dargestellt mit aus einander gespreizten Beinen,
+ beide H&auml;nde am Phallus haltend. Beide Figuren sind an den
+ Einzeltheilen vors&auml;tzlich verst&uuml;mmelt. Noch im vorigen
+ Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
+ Steinbild, um dadurch zum Kindersegen bef&auml;higt zu werden,
+ und als der Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier
+ durchreisend den Stein besah und um ihn f&uuml;r seine
+ Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichst&auml;dter Bischof
+ wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als <i>Nahrung
+ des Wirthes</i> in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v.
+ Eichst. 1857, S. 287. Von der M&ouml;nchsweisheit wurde dieses
+ Bild abwechselnd bald der <!-- 084 --><a name="Page_084" id=
+ "Page_084"></a> G&ouml;tze Miplezeth (1 K&ouml;nige 15, 13), bald
+ Priapus genannt. Falkenstein, Nordgau. Alterth. 86. "Der
+ Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, entspringt in der Kindheit
+ der V&ouml;lker aus einer schuldlosen Verehrung des zeugenden
+ Prinzips, die eine sp&auml;tere, ihrer S&uuml;nde bewusste Zeit
+ &auml;ngstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen
+ Bemerkung, dass schl&uuml;pfrige religi&ouml;se Ceremonien nichts
+ gemeinsam haben mit schl&uuml;pfrigen nationalen Sitten. In dem
+ Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 sagt er: "Unsre
+ Vorstellungen &uuml;ber Wohlanst&auml;ndigkeit veranlassen uns zu
+ glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch k&ouml;nne nichts
+ anderes als eine Erfindung der Z&uuml;gellosigkeit sein. Allein
+ es ist unglaublich, dass Sittenverderbniss jemals bei irgend
+ einem Volke die Stifterin religi&ouml;ser Ceremonien gewesen
+ w&auml;re. Im Gegentheile ist es verb&uuml;rgt, dass dergleichen
+ Br&auml;uche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
+ und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit
+ in dem uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein
+ derartiger Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend f&uuml;r ihre
+ Reife zu begeistern und kann nur einem ergreisten Gehirne in
+ abgekl&auml;rten, abgefeimten oder moralisch ruinirten Epochen
+ l&auml;cherlich erscheinen."</p>
+
+ <p>Folgerichtig wurde nun die G&ouml;ttin der Fruchtbarkeit nicht
+ nur in ihrer K&ouml;rpergestalt priapisch gedacht, sondern auch
+ die von ihr kommende Frucht, in gleicher Weise k&uuml;nstlich
+ geformt, zum Genusse dargeboten. Daher weihte man den Gottheiten
+ des Ackerbaues phallisch geformte Kuchen. Priape, aus Weizenmehl
+ gebacken, erw&auml;hnen Martial (XIV, 61: Priapus siligneus; IX,
+ 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal II, 53: membra
+ virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen Vorfahren
+ war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
+ 1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis
+ placet); adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis
+ obscoena et pudenda in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos
+ saccharatos appellent. Dass solcherlei Kuchen (miches), die
+ <!-- 085 --><a name="Page_085" id="Page_085"></a> weiblichen
+ Theile darstellend, vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden,
+ bemerkt Dulaur De divinites generatrices 226 und f&uuml;gt noch
+ hinzu: dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains,
+ qui ont la figure du Phallus. Aehnliche Landesbr&auml;uche
+ umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die Augen zu
+ &ouml;ffnen. Das Milchbrod der fr&auml;nkischen Eierweckchen, in
+ bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach
+ Kl&auml;rungsweck; dieser Name wird daselbst nicht etwa von
+ Eierklar abgeleitet, sondern von der Clairon (&dagger; 1803 zu
+ Paris), des letzten Ansbacher Markgrafen Hofmaitresse, deren
+ Lieblingsspeise diese feine Brodgattung gewesen sein soll. Archiv
+ f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische breite Eierweckel wird
+ als Geschenk nur an M&auml;dchen gegeben, dagegen das
+ stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in
+ den oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung
+ unterlegt, beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau
+ hier&uuml;ber gesungenen Schnaderh&uuml;pfeln, in denen das
+ stuprum variirt wird. Aehnlich ist das obsc&ouml;ne Gebildbrod
+ der Meissner Fummeln, &uuml;ber welche Sch&auml;fer im ersten
+ Theil der deutschen St&auml;dtewahrzeichen 1858 gehandelt hat,
+ und dasjenige der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten
+ Nonnenkr&auml;pflein. Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der
+ in den Cannstatter Grabh&uuml;geln aufgefundenen
+ Fr&ocirc;bildchen, welche das gleiche Symbol des Belebens und
+ Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des OA.
+ Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
+ Klausm&auml;nner, Hanselm&auml;nner, Grittebenze; in
+ Niederdeutschland Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche
+ &auml;hnlich gestaltete Brodfigur wird gew&ouml;hnlich nur die
+ Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, dass ihnen Augen,
+ Br&uuml;ste, Rockkn&ouml;pfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
+ sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus
+ einander spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz,
+ altbair. Beingrattel, varus oder valgus. Es ist in ihnen, also
+ die Stellung der beiden vorhin beschriebenen Steinbilder
+ <!-- 086 --><a name="Page_086" id="Page_086"></a> zu Antwerpen
+ und Emmetsheim typisch wiederholt. Alle diese Formen sind
+ symbolische, dem mythischen Zeitalter und den Urvorstellungen der
+ Menschheit angeh&ouml;rende, und m&uuml;ssen eben darum gegen
+ unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein des
+ Naturmenschen noch g&auml;nzlich schlummert.</p>
+
+ <p>Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu
+ erkl&auml;ren und mit den Hauptz&uuml;gen seines Mythus in
+ Verbindung zu bringen. Wie der bisher vorgetragene Sagenkreis in
+ zwei H&auml;lften sich scheidet, in ein lichtes
+ Fr&uuml;hlingsgebiet und in ein d&auml;monisches Nachtreich, so
+ f&uuml;hrt auch die Etymologie des Namens in diese Doppelwelt.
+ Die sch&ouml;nere Seite mache hier den Beginn, weil sie
+ sprachlich die ergiebigere ist.</p>
+
+ <p>Wenn der liebende Wuotan im Fr&uuml;hlingsbeginne seine
+ Verm&auml;hlung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so
+ tr&auml;gt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio,
+ nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von
+ Brautjungfern, welche die schwanenweissen W&uuml;nschelfrauen,
+ Schwanenjungfrauen sind, nord. &ocirc;skmeyjar,
+ Wunschm&auml;dchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet
+ Lust und Liebe, und f&uuml;hrt uns sogleich 1) auf Walburgis
+ Mutter <i>Wunna</i>, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona
+ mater, und die niederdeutsche Legende eine <i>Frau Guta</i>
+ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
+ vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann f&uuml;hrt
+ Wunsch 2) auf den Namen eines der Br&uuml;der Walburgis,
+ Wunnibald: der den Wonnewunsch Gew&auml;hrende.</p>
+
+ <p>Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten
+ Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden
+ Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald
+ und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut,
+ auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name
+ kn&uuml;pft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und
+ felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd.
+ Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
+ <!-- 087 --><a name="Page_087" id="Page_087"></a> Wiliburc und
+ Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
+ K&ouml;nigstochter Werburga auch Walburg hiess: W&ecirc;rburga,
+ Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam
+ Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis
+ Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allm&auml;chtige
+ Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. S&auml;mmtliche
+ Namen in Walburgis' Sippschaft sind also n&auml;chstverwandt mit
+ den h&ouml;chsten G&ouml;tternamen. Der Himmel nun, in den jenes
+ Liebesheer gefl&uuml;gelter Jungfrauen das G&ouml;tterpaar
+ geleitet, ist Walhall, nordisch Valh&ouml;ll, und der
+ silbergedeckte Saal darin heisst Valaski&acirc;lf, der Wunschhof,
+ also eine Wahlburg, eine Burg der Auserw&auml;hlten. In gleicher
+ Namensbildung wie Walburg besteht der angels&auml;chsische Name
+ der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensb&uuml;rgschaft.</p>
+
+ <p>Allein jenem Wonnemonat der Verm&auml;hlung Odhins geht des
+ Gottes st&uuml;rmische Brautwerbung im Mittwinter (den
+ Zw&ouml;lften) voraus, wo die leidenschaftlich W&uuml;nschenden
+ zu Verw&uuml;nschten, die Liebenden zu W&uuml;thenden, ihre
+ Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexent&auml;nzen werden
+ (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann &auml;ndert sich die
+ Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin
+ Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der
+ auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres
+ Gefolges sind die Walk&uuml;ren, welche die auf dem Wal Gefallnen
+ ausw&auml;hlen und f&uuml;r den Himmel erk&uuml;ren. Die Wolen,
+ sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende
+ Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten
+ durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme,
+ ihre Br&uuml;nne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer.
+ Noch fliesst Thau aus den M&auml;hnen ihrer Rosse herab und
+ reiche Ernten tr&auml;gt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
+ zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
+ Kriegsm&auml;nteln, als fiele ein dichtes Schneegest&ouml;ber,
+ und von ihren Zauberges&auml;ngen <!-- 088 --><a name="Page_088"
+ id="Page_088"></a> verwandelt sich der Nachtthau in Reif und
+ Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, gefl&uuml;gelt
+ umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass
+ dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein
+ dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen
+ auf die Th&uuml;ren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das
+ leichenank&uuml;ndende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt
+ einer weissen Gans (Sch&ouml;nwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
+ Schwanenfuss wird zum G&auml;nsefuss verkr&uuml;ppelt, aus der
+ K&ouml;nigin Berta wird eine K&ouml;nigin Gansfuss, Reine
+ p&eacute;dauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b
+ erkl&auml;ren, warum die hl. Werburg so h&auml;ufig mit der hl.
+ Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin,
+ dass beiden die Wildg&auml;nse gehorsam gewesen seien. Dahin
+ geh&ouml;ren nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu
+ Monheim an Klumpf&uuml;ssigen geschehen, wie z.B. eine Frau
+ Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertr&uuml;dingen)
+ dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS.
+ l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenf&uuml;ssige
+ Walk&uuml;re und der f&uuml;r seinen gel&auml;hmten Fuss im Thau
+ Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv.
+ 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgel&auml;hmte nach alemannischem
+ Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland
+ die Hexe daustr&icirc;ker heisst, weil sie in sch&auml;digender
+ Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm
+ RA. 94. 630. An fr&uuml;hzeitigen Ueberg&auml;ngen des Namens
+ Walburg in das Gebiet des D&auml;monischen kann es daher nicht
+ mangeln. Walahild heisst eine der Walk&uuml;ren; Walgund ist die
+ im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene K&ouml;nigstochter;
+ Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke,
+ kriegsgewaltige K&ouml;nig (im mhd. Gedichte K&ouml;nig Laurin),
+ welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der
+ Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und
+ liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen
+ S&uuml;dlandes. <!-- 089 --><a name="Page_089" id="Page_089"></a>
+ Vala wird dorten die b&ouml;se Stiefmutter genannt im
+ M&auml;rchen von Schneewittchen. Maurer, Isl&auml;nd. Sag. 107.
+ 280. Die niederd. Hexe Valr&icirc;derske ist eine Pferdemahr, die
+ sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient,
+ schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock,
+ Myth. 421. So viel &uuml;ber den Namen Walburg, insoweit er der
+ Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der W&uuml;nschelburg
+ wohnende G&ouml;tterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin,
+ eine leichensammelnde Walk&uuml;re, ein die Fr&uuml;chte und
+ Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur
+ landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden,
+ gleich dem &uuml;brigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit
+ der Viehzucht zu thun und wird dar&uuml;ber zur G&ouml;ttin der
+ W. Jagd. Bei dem 1588 zu N&uuml;rnberg abgehaltenen grossen
+ Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anf&uuml;hrung "der
+ Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde
+ J&auml;gerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche,
+ sch&uuml;ttelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer
+ Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum
+ Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdg&ouml;ttin;
+ dieser aber erwiederte: Bannet das Ungeth&uuml;m, aber nur heute
+ nicht!" Vulpius, Curiosit&auml;ten, Bd. 10, S. 397. In
+ Mitteldeutschland geht sie mit dem Gesch&auml;fte des Flachsbaues
+ und Spinnens um; in S&uuml;ddeutschland erst erscheint sie als
+ Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterw&auml;hnten
+ Gesch&auml;fte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
+ Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die
+ M&auml;gde auf den D&ouml;rfern verstecken ihre Spindeln vor
+ ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein th&uuml;ringischer Bericht,
+ Curiosit&auml;ten, Bd. 2, 472; und eine schon &auml;ltere Notiz
+ in Pr&auml;torius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
+ darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel
+ lassen, sonst machen die Hexen Bratw&uuml;rste daraus, d.h.
+ ungleichf&auml;diges Garn. Die Th&uuml;ringer geben vor, dann
+ ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das
+ Garn."&mdash;</p><!-- 090 --><a name="Page_090" id=
+ "Page_090"></a>
+
+ <p>Das schicksalwebende Wunschm&auml;dchen webt das Eheband,
+ darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits
+ erw&auml;hnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene
+ Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende
+ Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland
+ dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen
+ Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn
+ (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
+ Wunschkinder herauszusch&ouml;pfen.</p>
+
+ <p>In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott,
+ Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt
+ zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der
+ bez&uuml;gliche Schimpfname ist Hullsluder. Sch&ouml;nwerth 3,
+ 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur
+ Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. W&ocirc;d und
+ Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle
+ und Frau Hulle. Was in den Zw&ouml;lften gesponnen wird, das
+ besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle.
+ Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde <i>Verhellen</i>, bei
+ M&uuml;llenhoff 178 <i>Ver-Wellen</i>. Der bierschenkenden Frau
+ Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist
+ schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem
+ Gesch&auml;fte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
+ &auml;lschenkenden Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin werde hier
+ abgeschlossen.</p>
+
+ <p>Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten
+ Aehren oder Aehrenb&uuml;schel des Ackers, welche die Schnitter
+ zum Opfer stehen lassen, bekr&auml;nzt, umbetet, umtanzt und eben
+ so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der
+ allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde
+ des 13. Jahrh. W&ucirc;tfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat
+ ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also
+ in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen
+ ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem
+ <!-- 091 --><a name="Page_091" id="Page_091"></a> man das
+ <i>Wodelbier</i> als Trankopfer darbrachte. Eben diese heidnische
+ Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, und
+ so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende
+ pg. 74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald
+ und Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren.
+ Bruder Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe
+ eine geheiligte Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt
+ (Zingerle, Sitten no. 936); die Schwester Walburg spendet nebst
+ solchen Heilquellen das besondere Heil&ouml;l: es ist dies die
+ N&auml;hrkraft des unter dem Einflusse des Maienthaues sich
+ bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der M&auml;hne des
+ Walk&uuml;renrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens-
+ und Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die
+ Walk&uuml;re Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in
+ den Himmel Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses
+ Trankes? Zum Meth f&uuml;hrt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach
+ Ostern, der altbair. Bursche sein M&auml;dchen, es soll sich
+ dabei sch&ouml;n und stark trinken. Schmeller, W&ouml;rtb. 3,
+ 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem
+ h&auml;uslichen Feste fehlen darf, Alus, das B&auml;rtige, denn
+ es wird aus der grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat
+ H&ouml;rner, sagt er von der St&auml;rke dieses Getr&auml;nkes,
+ ja Gerste bedeutet ihm &uuml;berhaupt so viel wie Getr&auml;nk.
+ Schleicher, Litthau. M&auml;rch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
+ Wirkung des M&uuml;nchner Bockbieres pflegt der Baier eben
+ dasselbe zu sagen: der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige
+ Walk&uuml;re Oelrun in ihrem Namen ableiten von Alarun,
+ allwissend durch die um ihr Trinkhorn geschrieben stehenden
+ Runen, oder von Aelrun, die den G&ouml;ttern den St&auml;rketrank
+ kredenzende, so verschl&auml;gt diese doppelte Etymologie hier in
+ der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
+ Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier
+ l&auml;ngst in den Eigennamen und in die bez&uuml;glichen Symbole
+ eingedrungen. Der Skandinavier nennt das <!-- 092 --><a name=
+ "Page_092" id="Page_092"></a> Bier, das er im Heidenthum den
+ Alfen opferte (&acirc;lfabl&ocirc;t), heute das Engelbier:
+ Engel&ouml;l (Mannhardt, Mythen 326). So braut man seit Altem in
+ England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, Oeconomia lib. 2, pg.
+ 23), in Breslau Sch&ouml;ps, in Wollin Bockh&auml;nger (Klemm,
+ Nahrung, 335), in M&uuml;nchen Bock, dessen Ausschank daselbst
+ mit dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er
+ h&auml;lt dorten somit dieselben Termine ein, die kalendarisch
+ f&uuml;r das Gedeihen der Kornsaat und kirchlich f&uuml;r das
+ Fliessen des Walburgis&ouml;les gegolten haben.</p>
+
+ <p>Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt
+ des hier abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt,
+ umschrieben:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Auf den Wald und auf die Wiese,</p>
+
+ <p>Mit dem ersten Morgengrau,</p>
+
+ <p>Tr&auml;uft ein Quell vom Paradiese,</p>
+
+ <p>Leiser frischer Maienthau.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wenn den Thau die Muschel trinket,</p>
+
+ <p>Wird in ihr ein Perlenstrauss;</p>
+
+ <p>Wenn er in den Eichstamm sinket,</p>
+
+ <p>Werden Honigbienen draus.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Mit dem Thau der Maienglocken</p>
+
+ <p>W&auml;scht die Jungfrau ihr Gesicht,</p>
+
+ <p>Badet sie die goldnen Locken</p>
+
+ <p>Und sie gl&auml;nzt vor Himmelslicht.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Selbst ein Auge rothgeweinet</p>
+
+ <p>Labt sich mit den Tropfen gern,</p>
+
+ <p>Bis ihm freundlich nieder scheinet</p>
+
+ <p>Thaugetr&auml;nkt der Abendstern.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 094 --><a name="Page_094" id="Page_094"></a> <a name=
+ "Teil_2" id="Teil_2"></a>
+
+ <h2>II. Verena mit dem Kamme,</h2>
+
+ <h3>die Kindsmutter.</h3>
+ <hr class="smallrule">
+ <!-- 095 --><a name="Page_095" id="Page_095"></a> <a name=
+ "Teil_2_Abschnitt_1" id="Teil_2_Abschnitt_1"></a>
+
+ <h3>Erster Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena, eine Gauheilige.</h4><br>
+
+ <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der
+ Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der
+ Thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer
+ Bisthums. Verena's Weihkirchen und Alt&auml;re in der Schweiz.
+ Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches
+ Gedicht <i>von sand Verene</i>.</p>
+
+ <p>Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung
+ fr&uuml;hzeitig der Kirchenlegende der Thebaischen Legion
+ einverleibt und gewann dadurch eine Verbriefung ihres eignen
+ hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang mit der fr&uuml;hesten
+ schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die Legende
+ von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in die
+ Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abw&auml;rts weiter
+ ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten
+ gestandenen r&ouml;mischen Legion, welche dorten zum
+ Christenthume &uuml;bergetreten, dann nach Italien und unter
+ Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, schliesslich zu
+ Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer verweigernd,
+ decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade entronnen,
+ gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
+ unerm&uuml;dlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
+ Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben
+ die &auml;ltesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl.
+ Mauritius zu Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und
+ Victor zu Solothurn; Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in
+ <!-- 096 --><a name="Page_096" id="Page_096"></a> Z&uuml;rich
+ u.s.w. Die mit dieser Soldatengeschichte ganz &auml;usserlich
+ vereinbarte Verenenlegende berichtet, entkleidet ihrer
+ m&auml;rchenhaften Zuthaten, ungef&auml;hr Folgendes.</p>
+
+ <p>Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten
+ Jahrhunderts, begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie
+ einige Verwandte hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb,
+ beim Abmarsche der Truppen nach Helvetien, zu Mailand, um sich
+ hier der Krankenpflege gefangener Christen zu widmen. Als sie
+ jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode der Ihrigen vernahm,
+ wanderte sie, um deren Gr&auml;ber zu besuchen, &uuml;ber die
+ Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem
+ letzteren Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die
+ christliche Lehre verbreitend, wurde sie vom r&ouml;mischen
+ Statthalter in den Kerker geworfen, jedoch wieder freigegeben,
+ als ihr Gebet ihm Genesung von lebensgef&auml;hrlicher Krankheit
+ erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkth&auml;tiger Menschenliebe
+ schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; begiebt
+ sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
+ dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier
+ ihre bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines
+ Priesters Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der
+ ausserhalb des Ortes in einem Siechenhause sich selbst
+ &uuml;berlassnen Auss&auml;tzigen; ihnen &uuml;berbringt sie, was
+ sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und Wein. Aber
+ der Knecht jenes Priesters verd&auml;chtigt sie der Veruntreuung
+ im Haushalte. W&auml;hrend sie eines Tages sich wieder zu den
+ Siechen begeben will, tritt ihr argw&ouml;hnischer Herr
+ unversehens hervor und stellt sie zur Rede, der herzugeschlichene
+ Knecht hebt den Deckel vom Kr&uuml;glein, das sie tr&auml;gt.
+ Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
+ des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt.
+ F&uuml;r den Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem
+ Siechenhause und setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber
+ ihrer Grabst&auml;tte ward erst eine kleine Kapelle gebaut,
+ nachmals wurden ihre <!-- 097 --><a name="Page_097" id=
+ "Page_097"></a> Gebeine erhoben und in die Zurzacher Stiftskirche
+ versetzt. An der Hand der Thebaer-Legende, die Anfangs des
+ vierten Jahrhunderts spielt, wird das Jahr von Verenas Ankunft zu
+ Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit naiver Zweifellosigkeit
+ angesetzt.</p>
+
+ <p>Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage
+ &uuml;ber die geschichtliche Thatsache, dass und wie die
+ arianischen Burgundionen, denen im J. 443 die Landschaft
+ Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf und Hochsavoyen, von
+ Reichs wegen einger&auml;umt worden war, sich der dortigen
+ R&ouml;merchristen durch milit&auml;rische
+ Massen-Niedermetzelungen zu entledigen versucht hatten. Die
+ nachmalige Verquickung dieser Legende mit dem hebr&auml;ischen
+ und dem antiken Sagenkreise begann der romanisch-katholische
+ Klerus und setzte der deutsche in r&ouml;misch-kirchlichem
+ Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen denjenigen
+ St&auml;dten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
+ das politische und dann das kirchliche R&ouml;merthum das
+ herrschende gewesen war. Daher finden sich die Alt&auml;re,
+ Reliquien und Historien der Theb&auml;er schon von Alters her vor
+ in Bonn, K&ouml;ln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, Regensburg,
+ Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine solche
+ Legionenstadt der R&ouml;mer gewesen. Seit dem Jahre 1000
+ verfasst der Klerus dieser St&auml;dte die sg. Weltchroniken, als
+ deren Hauptwerk die deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den
+ Theb&auml;ern entweder anhebend oder zu deren Preise endigend.
+ Dass auch die Schweiz in ihren Stiften Tendenzchroniken dieser
+ Art im Mittelalter besass, dar&uuml;ber sind Nachweise gegeben in
+ den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. Vereines 1862,
+ Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken noch
+ nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene urspr&uuml;nglich
+ nicht zu den Theb&auml;ern geh&ouml;rte oder zu schwierig mit
+ diesen zu vereinbaren gewesen w&auml;re, denn was h&auml;tte die
+ phantastische K&uuml;hnheit dieser gelehrten M&ouml;nche nicht
+ mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
+ alemannischem <!-- 098 --><a name="Page_098" id="Page_098"></a>
+ Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige nur
+ allm&auml;hlich kirchliche Anerkennung fand und in den
+ &uuml;brigen Kirchensprengeln unbekannt, ja f&ouml;rmlich
+ ausgeschlossen blieb. Die ritterlichen Theb&auml;er wurden, volle
+ 6666 Mann stark, der stummen Demuth des barmherzigen Weibes
+ vorgezogen. Recht auffallende &ouml;rtliche Missverh&auml;ltnisse
+ stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des Bisthums Sitten
+ ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in Wallis)
+ geschehene Enthauptung der Theb&auml;er gegr&uuml;ndet; allein er
+ l&auml;sst am 1. Sept., als dem kirchlichen Ged&auml;chtnisstage,
+ Verenas, nicht diese feiern, sondern den hl. Egidius, der als
+ Einsiedler die Rhonemor&auml;ste bewohnt und urbar gemacht hatte.
+ Das gleiche Missverh&auml;ltniss findet auch in der Di&ouml;cese
+ Solothurn statt. Die beiden Theb&auml;er Ursus und Victor sind
+ Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen
+ Weihkirchen, Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber
+ zugleich auch Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen
+ war und hier unter Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar
+ tr&auml;gt die dortige am linken Ufer der Aare liegende
+ Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit einer
+ gew&ouml;lbten, von einem Eremiten geh&uuml;teten Kapelle
+ versehen, einst der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die
+ Solothurnische Kirche den Verenentag nicht. Ja nicht einmal
+ dasjenige Martyrologium; welches f&uuml;r die Zurzacher
+ Stiftsherren urspr&uuml;nglich das massgebende war, enth&auml;lt
+ Verenas Namen und Ged&auml;chtnissfest, wie dies unzweifelhaft
+ aus des Minoriten Paulus Schwenger R&ouml;mischem Martyrologium
+ erhellt, verbessert von Pabst Benedictus XIV. C&ouml;ln 1753, S.
+ 212 und Anhang S. 16. Diese Thatsachen beweisen, dass Verenas
+ kirchlicher Cultus &uuml;berhaupt erst sp&auml;t in Aufnahme
+ gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von Kleinburgund,
+ obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit der
+ dorten einheimischen Theb&auml;erlegende urspr&uuml;nglich
+ gleichfalls nicht verschwistert gewesen ist. Sie ist eine
+ Alemannin, geh&ouml;rt dem Konstanzer Sprengel an und hat erst
+ diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
+ <!-- 099 --><a name="Page_099" id="Page_099"></a> Das Konstanzer
+ bisch&ouml;flich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
+ Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) l&auml;sst
+ die Heilige nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen,
+ sondern gleich anf&auml;nglich zu den Alemannen kommen und da
+ heftig durch den Teufel versucht werden: nam Alemanorum gens
+ dyabolo subdita; es setzt den Verenatag, 1. Sept., als einen
+ doppelten Feiertag an und stellt ihm jenen des hl. Egidius
+ entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag voran, wenn
+ Verenatag auf einen Sonntag fiele.</p>
+
+ <p>Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus
+ erstrecken konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels
+ betrachten. Das Konstanzer Bisthum, das herk&ouml;mmlicher
+ Annahme zu Folge nach g&auml;nzlicher Zerst&ouml;rung
+ Vindonissas, des urspr&uuml;nglichen Bischofsitzes, um das Jahr
+ 600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen
+ Gebietsausdehnung &uuml;ber einen grossen Theil Alemanniens
+ begabt wurde, hatte den wahrscheinlichen Zweck, die noch
+ heidnischen Alemannen f&uuml;r den Christenglauben zu gewinnen.
+ Es war das ausgedehnteste aller Bisth&uuml;mer. Vom Gotthard
+ reichte es &uuml;ber den Neckar bei Marbach und zum Kloster
+ Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach
+ S&uuml;d, zwanzig von Ost nach West, von Kempten bis gegen
+ Strassburg. Vor der Reformation z&auml;hlte es 1760 Pfarrkirchen,
+ 350 Kl&ouml;ster, 17,000 Priester und M&ouml;nche; nach der
+ Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
+ Diejenigen von letzteren, die f&uuml;r unsre lokale Frage
+ belangreich, weil im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen
+ sind, finden sich in Jak. Rasslers zu Ende des 16. Jahrh.
+ gelieferter Beschreibung genannt, es sind folgende. Thurgau,
+ Schaffhausen, Z&uuml;richgau, Aargau diesseits der Aare, Luzern,
+ Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
+ aufw&auml;rts &uuml;ber die Seen ins Oberhasle bis zu den
+ Aarequellen; Uri mit Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher
+ unter dem Bischof von Chur gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell,
+ der n&ouml;rdliche Theil des <!-- 100 --><a name="Page_100" id=
+ "Page_100"></a> Kant. St. Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft
+ Rapperswil, der March und Uznach; ausgenommen waren hier Gaster,
+ Sargans und das Rheinthal, als zu Chur geh&ouml;rend. Dazu
+ z&auml;hlte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem kleinen
+ Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft Baden
+ mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. W&uuml;rtemberg,
+ die beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Alg&auml;u,
+ der untere Theil des &ouml;sterreich. Rheinthals nebst mehreren
+ vorarlberg. Dekanaten und Gottesh&auml;usern. Dasselbe
+ z&auml;hlte in seinem schweizerischen Territorium noch zu Anfang
+ dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion Kommunikanten, also
+ mit Ausschluss der Zahl der Kinder. N&uuml;scheler,
+ Gottesh&auml;user der Schweiz, f&uuml;hrt diejenigen schweiz.
+ Ortskirchen an, in denen die Heilige entweder Patronin war oder
+ Alt&auml;re besass. Im Bisthum Chur folgende: zu Niederurnen und
+ Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: zu Kleinbasel. (II, 9), zu
+ G&auml;chlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu thurgauisch Ermatingen
+ (52), zu M&uuml;lheim (55), M&auml;rst&auml;tten (57),
+ Langrickenbach (77), W&auml;rtb&uuml;hl (169), Rickenbach (172),
+ Nesslau (182), Wil (185), Matzingen (212), diese s&auml;mmtlich
+ im Thurgau gelegen. Magdenau im St. Gallerlande (97), zum Hl.
+ Geist in der Stadt St. Gallen (127), Ellikon und St&auml;fa im
+ Kt. Z&uuml;rich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug 1869, S.
+ 69). Von den &uuml;brigen im Aargau, in den Kantonen und den
+ deutschen Nachbarl&auml;ndern der Verena geweihten Kirchen,
+ Kapellen, Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser
+ Kapitel besonders gehandelt werden; einige von ihnen werden des
+ hohen Alters wegen Heidenkirchen genannt und die Volkssage
+ (Naturmythen S. 115) berichtet von der Zurzacher, sie sei lange
+ die einzige weitum auf beiden Ufern des Rheines gewesen, und
+ daher h&auml;tten zu ihren entfernt wohnenden Kirchg&auml;ngern
+ selbst die Erdm&auml;nnchen von Dangstetten im Schwarzwalde
+ geh&ouml;rt.</p>
+
+ <p>Uebergehend auf die Gr&uuml;ndung und fr&uuml;hesten
+ Schicksale der Zurzacher Stiftskirche, muss voraus bemerkt
+ werden, <!-- 101 --><a name="Page_101" id="Page_101"></a> dass
+ die &auml;ltesten Stiftsurkunden in mehrfachen
+ Feuersbr&uuml;nsten und Verw&uuml;stungen verloren gegangen und
+ die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind.
+ Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt
+ (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise
+ fr&uuml;hzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der
+ Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in
+ den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in
+ einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten
+ Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in
+ welchem einst seine Leiche begraben w&uuml;rde; und dieses
+ geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist
+ l&auml;ngst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine
+ Echtheit untersucht werden k&ouml;nnen. Zwischen ihr und der
+ nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl
+ durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse
+ Zeitl&uuml;cke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste
+ Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach
+ von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen
+ verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch
+ Krieg und Pl&uuml;nderung dergestalt, dass es von den
+ M&ouml;nchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs
+ Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut
+ und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umge&auml;ndert
+ haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof
+ Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche
+ incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang,
+ Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in
+ diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift,
+ M&uuml;nsterkirche und Klostergeb&auml;ude abermals in Asche
+ gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so d&uuml;rftig
+ fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen
+ aus der &auml;ltesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005
+ zur&uuml;ckgeht, einige werthvolle Erg&auml;nzungen, die den
+ damaligen Ort, seine Lage <!-- 102 --><a name="Page_102" id=
+ "Page_102"></a> und Umgebung unzweifelhaft richtig
+ veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erz&auml;hlungen f&uuml;hrt
+ sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen
+ Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die M&uuml;nsterkirche,
+ damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und
+ Schicksal unsre Untersuchung hernach &uuml;berzugehen hat.</p>
+
+ <p>An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine
+ altr&ouml;mische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas
+ und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht.
+ Allein man liess hier aus Nachl&auml;ssigkeit das Ewige Licht
+ ausgehen oder vers&auml;umte an den vorgeschriebnen Tagen sogar
+ die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer
+ erf&uuml;llte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen
+ Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm;
+ Engelsstimmen erf&uuml;llten die Luft mit Gesange, und wenn die
+ Zurzacher W&auml;chter dar&uuml;ber verwundert dem Orte zueilten,
+ f&uuml;hlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt
+ von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard
+ (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines
+ kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener
+ Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse
+ her des gleichen Weges strahlende M&auml;nner, im feierlichen
+ Schritte Lieder singend, nachr&uuml;ckten, die mit Kreuzen und
+ Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Pl&ouml;tzlich
+ erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte
+ &uuml;ber das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und
+ verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der
+ (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals
+ eine Besch&auml;digung gezeigt h&auml;tte. Dieses Wunder ergriff
+ den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die
+ Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und
+ &uuml;bergab sie der Ortskirche unter dem Namen
+ W&icirc;hega&#549;&#549;a, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse
+ gewesen, welche einst t&auml;glich Verena gewandelt war, um den
+ Kranken ihren Beistand zu leisten.</p><!-- 103 --><a name=
+ "Page_103" id="Page_103"></a>
+
+ <p>Diese kurze Erz&auml;hlung berichtet, dass schon im 9.
+ Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer urspr&uuml;nglichen
+ Ruhest&auml;tte in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die
+ Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche
+ erhoben wurde, und gew&auml;hrt eben damit volle Sicherheit
+ &uuml;ber den &auml;ltesten Ruheort der Heiligen, nemlich
+ &uuml;ber die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher
+ Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird
+ unterst&uuml;tzt von dem Passionale der W&uuml;rzburger Cartusia,
+ das bis ins 10. Jahrhundert zur&uuml;ckreicht und 1583 gedruckt
+ worden ist; in diesem heisst es: "In der N&auml;he von Zurzach
+ lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen
+ Auss&auml;tzigen und Armen." Die vorhin genannte
+ <i>Weihegasse</i> eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte
+ f&uuml;hrt, da hinaus tr&auml;gt Verena den Auss&auml;tzigen
+ Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst
+ ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine n&ouml;rdlich
+ vom Flecken am hohen Rheinufer liegende H&auml;usergruppe, lauter
+ Ruinentr&uuml;mmer der Vorburg und des Br&uuml;ckenkopfes der
+ r&ouml;mischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses
+ Kastells hat Ferd. Keller in den Z&uuml;rch. Antiquar. Mittheill.
+ 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch
+ f&uuml;nfzehn Eichenpf&auml;hle von der r&ouml;mischen
+ Jochbr&uuml;cke, etliche davon sind beim g&uuml;nstigen
+ Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse
+ M&uuml;he, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem
+ Gusslager von Kalkm&ouml;rtel. Innerhalb des r&ouml;mischen
+ Kastellgrabens liegt der H&uuml;gel Kirchlibuck mit seiner
+ kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der
+ Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo
+ stabil das &ouml;sterliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher
+ zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der
+ religi&ouml;sen Sodalit&auml;ten; derjenige Priester, der dabei
+ die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, tr&auml;gt zugleich
+ der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die
+ Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision
+ voraus erblickte, <!-- 104 --><a name="Page_104" id=
+ "Page_104"></a> so zieht dann die Prozession psalmensingend mit
+ dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zur&uuml;ck.</p>
+
+ <p>Die urkundlichen Nachrichten &uuml;ber specielle, in Zurzach
+ kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J.
+ 1347 und kn&uuml;pfen sich hier an den Namen der K&ouml;nigin
+ Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnk&ouml;nigs Andreas.
+ Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in
+ ihren Brandtr&uuml;mmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der
+ K&ouml;nigin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne
+ Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der
+ 11,000 Jungfrauen; die F&uuml;rstin f&uuml;gt Peters- und
+ Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie
+ nachmals dem Stifte K&ouml;nigsfelden 1357: ein geschlagen
+ silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und
+ 133. Bei dem h&ouml;chst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde
+ es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiens&auml;rglein" in
+ Nothf&auml;llen aus der Kirche zu nehmen und in Privath&auml;user
+ zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen
+ Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem
+ abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein
+ Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers
+ Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 w&ouml;rtlich mitgetheilt
+ steht; es ergiebt f&uuml;r unsere Zwecke: In der runden
+ vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in
+ der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der
+ kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen
+ Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem
+ Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465
+ verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae.
+ Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als
+ 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den
+ Hergang schildert Heinr. K&uuml;ssenberg, seit 1521 Kaplan im
+ benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift
+ entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche,
+ Pfarrkirche, Moritzkapelle <!-- 105 --><a name="Page_105" id=
+ "Page_105"></a> und Verenagruft wurden ausger&auml;umt, in
+ letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der
+ Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach
+ Er&ouml;ffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als
+ "eine kleine Truhe, ein St&uuml;cklein von Verenas Krug und
+ Holztr&uuml;mmer von Verenas Todtenbaum". Ihre &uuml;brigen
+ Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser
+ enthielt ein in einem h&ouml;lzernen S&auml;rglein (Schrein)
+ eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst
+ R&uuml;ckgratstr&uuml;mmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren,
+ zusammengebacken mit Asche und Kohle.<a name=
+ "FNanchor_NACHTRAG_2_23" id="FNanchor_NACHTRAG_2_23"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_2_23"><sup>[Nachtrag 2]</sup></a>
+ W&auml;hrend man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei
+ dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und
+ nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden
+ &uuml;berbracht. Von den vier Reliquienbeh&auml;ltern blieben
+ unversehrt ein kleines vergoldetes S&auml;rglein, ein grosses und
+ der R&ouml;hrknochen eines Armes; diese drei St&uuml;cke wurden
+ nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen
+ Tages zu Zurzach, der R&ouml;hrknochen wird seitdem f&uuml;r
+ Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts
+ vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals
+ fl&uuml;chtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt
+ und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem
+ Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige
+ Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen
+ Helltum und anderes, so gefl&ouml;kt worden, wider gen Zurzach."
+ Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen
+ Stiftsherren bei der Tagsatzung &uuml;ber die erlittene
+ Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchenger&auml;the
+ mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte
+ Verzeichniss der verlornen Gegenst&auml;nde schliesst mit der
+ Betheuerung: "das hochw&uuml;rdig Helthum St. Vrenen mag mit keim
+ gut bezalt werden, <i>dess wir beroubt sin worden</i>." Huber
+ l.c. 93. Unverw&uuml;stet waren allein geblieben: "Eine kupferne
+ Hand, ist verg&uuml;lt, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild
+ ein beschlagen G&uuml;rteli; Silber von St. Verena
+ <!-- 106 --><a name="Page_106" id="Page_106"></a> k&ouml;pfli
+ (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift
+ Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in
+ der vorhin erw&auml;hnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig
+ genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also
+ eben dasselbe Bruchst&uuml;ck, welches der Stiftspropst Joh.
+ Huber 1869 eine kleine "k&ouml;stlich eingefasste Partikel"
+ nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze
+ Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die
+ gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das
+ Haller Pfarramt, dies k&ouml;nne man bei so vielerlei
+ Heilth&uuml;mern in specie nicht eigentlich wissen. Durch
+ Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien
+ ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche
+ &uuml;bertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt.
+ Huber l.c. 131.</p>
+
+ <p>Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen
+ die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgen&ouml;ss. B&uuml;nde
+ 3, 279) zuerst Erw&auml;hnung thut und also sich ausdr&uuml;ckt:
+ ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus
+ corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene
+ desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfr&uuml;h eine
+ Heilige genannt, w&auml;hrend sie 1290, als ihr der Z&uuml;rcher
+ Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen
+ Altar stiftet, erst nur eine <i>selige</i> Jungfrau heisst.
+ Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern
+ wunderth&auml;tigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz
+ kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an
+ geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren
+ gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener
+ Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen
+ goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein
+ B&ouml;sewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst
+ das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da
+ &uuml;berbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich
+ der Ring wieder findet. Diese vielen V&ouml;lkern ohnedies
+ gemeinsame Sage erinnert hier <!-- 107 --><a name="Page_107" id=
+ "Page_107"></a> jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen
+ vors&auml;tzlich ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im
+ Bauche des Tafelfisches wieder zum Vorschein kommt. Allein in der
+ samischen Sage wird er wettweise weggeworfen, um dadurch zu
+ erweisen, wie das damit leichtsinnig verschleuderte Gl&uuml;ck
+ nur um so geh&auml;ufter zum Gl&uuml;ckskinde zur&uuml;ckkehren
+ m&uuml;sse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.
+ Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und
+ durch die T&uuml;cke eines Schalks in ihrem guten Rufe
+ beeintr&auml;chtigt; waffenlos steht das Aschenbr&ouml;del dem
+ sie vernichtenden Ger&uuml;chte ausgesetzt. Damit trifft man eben
+ auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld wird eine
+ Zeit lang dem &auml;ussern Elende preisgegeben, um dadurch
+ schliesslich in ein um so h&ouml;heres Licht empor ger&uuml;ckt
+ zu werden; schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende
+ st&auml;rker als die arglistigste Bosheit.</p>
+
+ <p>Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss
+ gewonnen. Die Alemannin Verena ist durch die romanische
+ Kirchenlegende dem Heiligenkreis der fremdl&auml;ndischen
+ Theb&auml;er zugesellt worden. Ueber ihrem ersten Grabe erbaute
+ man dem hl. Moritz und seinen Legion&auml;ren die Kapelle zur
+ Aufburg, &uuml;ber ihrer sp&auml;teren Gruft die der Maria
+ geweihte Stiftskirche mit den Alt&auml;ren der Theb&auml;er. Ihre
+ Reliquien sogar werden mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen
+ verschwistert, nur vereinbart mit deren Reihe aufbewahrt und
+ aufgez&auml;hlt. Deutlich verr&auml;th sich dadurch die
+ Bem&uuml;hung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich
+ gerechtfertigten zu stempeln, indem man sie mit dem
+ m&auml;nnlichen und dem weiblichen Aufgebote hier der 6666
+ Theb&auml;er und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula
+ verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist z&auml;her als dieser
+ legendenbildende Mechanismus der Kirche. St&uuml;ckweise streift
+ Verena den ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie
+ umgebenden Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es
+ urspr&uuml;nglich gewesen, eine in der Wildheit ihrer Waldquellen
+ und Gebirgsstr&ouml;me einsam fortwaltende <!-- 108 --><a name=
+ "Page_108" id="Page_108"></a> Naturg&ouml;ttin. Als solche macht
+ sie sich in den nachfolgenden Abschnitten geltend.</p>
+
+ <p>Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene
+ ist enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte
+ Hoffmann v. F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen
+ citirt in seinem Berichte &uuml;ber die Wien. Hdss. no. 35. 42.
+ Das Gedicht ist seither weder im Auszug noch sonst wie bekannt
+ gemacht. Auf meinen Wunsch liess es Prof. Franz Pfeiffer in Wien
+ (&dagger; 29. Mai 1868) f&uuml;r vorliegende Arbeit diplomatisch
+ getreu copieren.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="linenum">[106b]</p>
+
+ <p>Von sand verene (roth)</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Verena diu edel meit,</p>
+
+ <p>als, uns da&#549; puch von ir &#383;eit.</p>
+
+ <p>Die was &mdash;&mdash; &mdash;&mdash;</p>
+
+ <p>und e&#549; quam al&#383;o,</p>
+
+ <p class="linenum">[106c]</p>
+
+ <p>Do der cheiser maximian</p>
+
+ <p>furt mauricium mit im dan</p>
+
+ <p>Her gen deutschen landen,</p>
+
+ <p>&#383;i begunde nach im belangen</p>
+
+ <p>So &#383;er, da&#549; &#383;i im f&#367;r nach,</p>
+
+ <p>wanne vil gerne &#383;i in &#383;ach.</p>
+
+ <p>Verena was ein christenin,</p>
+
+ <p>und do &#383;i quam ze meilan in,</p>
+
+ <p>Die geuangen christen</p>
+
+ <p>die heimpt &#383;i an den vristen</p>
+
+ <p>Vnd bechlagt mit in ir not,</p>
+
+ <p>dar zue &#383;i in helfe pot</p>
+
+ <p>Mit trinchen und mit e&#549;&#549;en.</p>
+
+ <p>uerena, die verme&#549;&#549;en,</p>
+
+ <p>Si lie durch nieman da&#549;</p>
+
+ <p>durch vorhte noch durch ha&#549;,</p>
+
+ <p>Swa die christen warn er&#383;lagen</p>
+
+ <p>und auch da &#383;i warn begraben,</p>
+
+ <p>Die &#383;taete s&#367;cht &#383;i alle tage</p>
+
+ <p>mit weinen vnd mit chlage.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Mit reinem leben was &#383;i &#383;us</p>
+
+ <p>pei einem, der hie&#549;, maximus.</p>
+
+ <p>Nu wart ir &#383;chir alda geseit,</p>
+
+ <p>da&#549; mauricij &#383;char preit</p><!-- 109 --><a name=
+ "Page_109" id="Page_109"></a>
+
+ <p>Durch got wer er&#383;lagen,</p>
+
+ <p>da&#549; begunde die vrowe chlagen</p>
+
+ <p>Vnd wolde nicht leng<sup>r</sup> da bestan,</p>
+
+ <p>&#383;i f&#367;r ub<sup>r</sup> die alben dan</p>
+
+ <p>Vnd ze einem wa&#549;&#549;er &#383;i quam,</p>
+
+ <p>da&#549; ist genant aram.</p>
+
+ <p>Alda vant &#383;i einen man,</p>
+
+ <p>der gevlohen was chomen dan</p>
+
+ <p>Der &#383;agt ir die rechten maere,</p>
+
+ <p>wie e&#549; mauricio ergangen waer.</p>
+
+ <p>Davon wolt &#383;i nicht furba&#549;,</p>
+
+ <p>in einer chlau&#383;e &#383;i da &#383;a&#549;</p>
+
+ <p>Mit chlage und mit leide.</p>
+
+ <p>da warn inne reine meide,</p>
+
+ <p>Der leben was al&#383;o gestalt,</p>
+
+ <p>&#383;i waer iunc oder alt,</p>
+
+ <p>Da&#549; &#383;i anders lebte nicht</p>
+
+ <p>wan chraut, arbai&#549; und anders nicht,</p>
+
+ <p class="linenum">[106d]</p>
+
+ <p>Des lebte &#383;i da&#549; gantz iar;</p>
+
+ <p>da&#549; quam auch von ier werch dar</p>
+
+ <p>Vnd des tages ein lutzel brot,</p>
+
+ <p>da&#549; man igleicher pot.</p>
+
+ <p>Nu was dapei ein getwerch,</p>
+
+ <p>da&#549; verchauft den meiden ir werch</p>
+
+ <p>Vnd chauft in da mit ettewa&#549;,</p>
+
+ <p>da&#549; die &#383;amenunge ga&#549;</p>
+
+ <p>Anders lebten die vrowen nicht,</p>
+
+ <p>gab man in aber immer icht,</p>
+
+ <p>Des enpi&#549;&#549;en &#383;i nimmer</p>
+
+ <p>und gabens durch got immer.</p>
+
+ <p>Sus was ge&#383;talt ir reines leben.</p>
+
+ <p>got hat verene den geist gegeben,</p>
+
+ <p>Da&#549; man vber al da&#549; lant</p>
+
+ <p>ir leben vil rein erchant,</p>
+
+ <p>Da&#549; man &#383;ei het fur heilic gar,</p>
+
+ <p>da&#549; auch &#383;i was furwar.</p>
+
+ <p>Wan got durch &#383;ei tet wunder</p>
+
+ <p>mit zeihen besunder.</p>
+
+ <p>Au&#549;&#383;etzig behaft macht &#383;i slecht,</p>
+
+ <p>plint, chrump macht &#383;i gerecht.</p>
+
+ <p>Solcher dinge tet &#383;i vil</p>
+
+ <p>mit got auff da&#549; zil,</p>
+
+ <p>Da&#549; man sei d<sup>r</sup> meide muet<sup>r</sup>
+ nant</p>
+
+ <p>weiten uber al da&#549; lant.</p><!-- 110 --><a name=
+ "Page_110" id="Page_110"></a>
+
+ <p>Nu was in der gegent da</p>
+
+ <p>ein richter &#383;am anderswa,</p>
+
+ <p>Der het got gar verchorn.</p>
+
+ <p>dem was der meide leben zorn,</p>
+
+ <p>Vnd da&#549; man ier &#383;o wol &#383;prach;</p>
+
+ <p>mit zorn er da&#549; an ier rach,</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wan er die vrowen vie,</p>
+
+ <p>dehein gut er ier nie geschehen lie.</p>
+
+ <p>Doch quam zaller zeit zu ir</p>
+
+ <p>ein liechter iungelinch fir<a name="FNanchor_3_3" id=
+ "FNanchor_3_3"></a><a href=
+ "#Footnote_3_3"><sup>[3]</sup></a>,</p>
+
+ <p>Der pot ier guten trost,</p>
+
+ <p>&#383;i wurde &#383;chir da von erlost.</p>
+
+ <p>Doch vragt &#383;i in, wer er wer?</p>
+
+ <p>do &#383;prach er offenwaer,</p>
+
+ <p>Er waer ir mag mauricius,</p>
+
+ <p>und mit der rede al&#383;us</p>
+
+ <p class="linenum">[107a]</p>
+
+ <p>Quamen zu mauricio hin in</p>
+
+ <p>alle die gesellen &#383;in</p>
+
+ <p>Und grue&#549;ten die vrowen &#383;chone,</p>
+
+ <p>damit &#383;chieden &#383;i davon.</p>
+
+ <p>Nu wart der&#383;elbe richter</p>
+
+ <p>vberladen mit &#383;ichtum &#383;wer,</p>
+
+ <p>Der gedacht rechte wider,</p>
+
+ <p>er lief hin und viel nider</p>
+
+ <p>Chlagunde f&uuml;r die reinen meit</p>
+
+ <p>und &#383;einen &#383;ichtvm er ir chleit.</p>
+
+ <p>Doch pat &#383;i got umb in,</p>
+
+ <p>der richter gie ge&#383;unt hin</p>
+
+ <p>Vnd mit gro&#549;&#549;er gedult</p>
+
+ <p>bat im vergeben &#383;ein &#383;chulde.</p>
+
+ <p>Da&#549; was y&#383;a getan,</p>
+
+ <p>die magt wart do leidich lan</p>
+
+ <p>Vnd gie zu iern &#383;western wider,</p>
+
+ <p>da &#383;i got diente &#383;ider.</p>
+
+ <p>Nu quamen die swest<sup>r</sup> auch in not,</p>
+
+ <p>da&#549; &#383;i ninder heten prot</p>
+
+ <p>Vnd gro&#549;&#549;en hunger liten</p>
+
+ <p>doch mit dultichleichen &#383;iten.</p>
+
+ <p>Ier werches acht man nicht ein har,</p>
+
+ <p>wan e&#549; was ein hunger iar.</p>
+
+ <p>Do verena die not er&#383;ach,</p>
+
+ <p>zu got von himel &#383;i do &#383;prach:</p>
+ <!-- 111 --><a name="Page_111" id="Page_111"></a>
+
+ <p>Wan du deiner ge&#383;chefte gist</p>
+
+ <p>ier leibnar zu rechter frist,</p>
+
+ <p>Jesu christ, du wai&#383;t wol,</p>
+
+ <p>we&#549; dein gesinde leben &#383;chol.</p>
+
+ <p>Do &#383;i da&#549; vollen ge&#383;prach,</p>
+
+ <p>vor der chlause man ligen &#383;ach</p>
+
+ <p>Viertzig &#383;ekche mit mele vol.</p>
+
+ <p>er gedacht ir not da wol,</p>
+
+ <p>Wan da&#549; prot wuchs in ier munde,</p>
+
+ <p>da&#549; &#383;i lange v&ntilde; manic &#383;tunde</p>
+
+ <p>Heten da von ier leipnar,</p>
+
+ <p>des lobt got die rein &#383;char.</p>
+
+ <p>Nu was verena, die genende,</p>
+
+ <p>chumen an ier lebens ende,</p>
+
+ <p>Vnd do &#383;i nu &#383;iech wart,</p>
+
+ <p>ier andacht &#383;ich nie verchart.</p>
+
+ <p class="linenum">[107b]</p>
+
+ <p>Da &#383;i vercheren &#383;cholt da&#549; leben</p>
+
+ <p>und den geist widergeben,</p>
+
+ <p>Do quam unser vrowe dar</p>
+
+ <p>mit der hymelischen &#383;char;</p>
+
+ <p>Vnd do verena &#383;ei er&#383;ach,</p>
+
+ <p>zu gotes mueter &#383;i do &#383;prach:</p>
+
+ <p>Wa&#549; gernde han ich,</p>
+
+ <p>da&#549; gotes mueter siechet mich?</p>
+
+ <p>Do sprach unser vrowe zu ier:</p>
+
+ <p>verena, volge mir,</p>
+
+ <p>Da hin, da du immer mer</p>
+
+ <p>vreude hast ane &#383;er.</p>
+
+ <p>Mit der rede &#383;i ver&#383;chied,</p>
+
+ <p>got ir &#383;ele da beriet</p>
+
+ <p>Der ewigen gnaden.</p>
+
+ <p>die vrowe wart begraben</p>
+
+ <p>In der chlause alda,</p>
+
+ <p>die noch hai&#549;&#549;et z<sup>r</sup>zyaca,<a name=
+ "FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href=
+ "#Footnote_4_4"><sup>[4]</sup></a><a name=
+ "FNanchor_NACHTRAG_3_24" id=
+ "FNanchor_NACHTRAG_3_24"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_3_24"><sup>[Nachtrag 3]</sup></a></p>
+
+ <p>Da got wol &#383;cheinen lie,</p>
+
+ <p>da&#549; er &#383;ei minte hie.</p>
+
+ <p>Wand nieman wirt entwert,</p>
+
+ <p>der rechter dinge an &#383;ei gert.</p>
+
+ <p>Nu derhoret got dehein pet &#383;o gern,</p>
+
+ <p>&#383;o da&#549; wir &#383;einer hulden gern,</p>
+
+ <p>Dem gibt er, der die &#383;&#367;het,</p>
+
+ <p>vil gern, &#383;wer ir geruhet</p><!-- 112 --><a name=
+ "Page_112" id="Page_112"></a>
+
+ <p>Mit hertzen und mit andacht.</p>
+
+ <p>da&#549; wir ze hulden in werden pracht,</p>
+
+ <p>Des helf uns maria</p>
+
+ <p>und ir dirne uerena. amen.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_3_3" id=
+ "Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3">[3]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>fi&eacute;r, stark und stolz.</p>
+ </div><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href=
+ "#FNanchor_4_4">[4]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>zerzyaca: Zurzach.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_2_Abschnitt_2" id="Teil_2_Abschnitt_2"></a>
+
+ <h3>Zweiter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena, die M&uuml;llerpatronin.</h4><br>
+
+ <p>Ihre Attribute: der schwimmende M&uuml;hlstein; ihre
+ &ouml;rtlichen Kleinkindersteine; die M&uuml;llerpatronin als
+ Eheg&ouml;ttin, der in Stein verwandelte Brodkipf und die
+ unersch&ouml;pflichen Mehls&auml;cke. Wirthschaftsregeln am
+ Verenentage.</p><br>
+
+ <p>Allj&auml;hrlich am Verenatage lassen die M&uuml;ller im
+ aargauer Surbthale die M&uuml;hlsteine sch&auml;rfen und die
+ M&uuml;hlb&auml;che putzen. Denn Verena, deren Wahrzeichen: Kamm
+ und Kr&uuml;glein, an allen M&uuml;hlen und Banngemarkungen des
+ Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige
+ Wohnst&auml;tte an den Str&ouml;men zu Koblenz und Zurzach
+ aufgeschlagen gehabt und gilt hier als die den Gang aller
+ Wassergewerke beeinflussende Patronin der M&uuml;ller, Schiffer
+ und Fischer. Hief&uuml;r sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
+ &auml;ltesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz
+ Mon. 6, 457. Unter den G&uuml;tern, die ein Mann zu seinem
+ Seelenheile dem Zurzacher Stifte abzutreten gelobt hatte, befand
+ sich eine besonders werthvolle M&uuml;hle. Als nun den Mann
+ hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, suchte er
+ wenigstens noch etwas an ihr zu schm&auml;lern und &auml;nderte
+ den Lauf des M&uuml;hlebaches, indem er ihn auf seine
+ Landst&uuml;cke zog. Allein ohne fremdes Zuthun und ohne dass es
+ vorher einen Tropfen geregnet hatte, schwoll der Bach
+ pl&ouml;tzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg und
+ trat dann wieder in sein urspr&uuml;ngliches Bette zur&uuml;ck.
+ Nun kam <!-- 113 --><a name="Page_113" id="Page_113"></a> Jener
+ eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf,
+ was er ihr so unklug hatte entfremden wollen.&mdash;Ebenso
+ b&auml;ndigt sie den Gl&auml;ubigen zu lieb die verheerenden
+ Str&ouml;me. Beim Anschwellen der Gebirgswasser stieg einst zur
+ Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher H&ouml;he, dass er
+ alle Kornfluren &uuml;berschwemmte. Man suchte Abhilfe durch
+ Gebet und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit
+ Kreuz und Fahne den Fluthen zu nahen, die &uuml;ber die ganze
+ Feldbreite hinst&uuml;rzten. Doch in dem Augenblicke, als man zur
+ Prozession auszog, trat der Rhein in sein altes Bette
+ zur&uuml;ck, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
+ wieder sch&ouml;n aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen
+ bereits entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom
+ Garbenbinden jenseits des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt
+ mit dem Weidling umschlug, hielt Verena mit der einen Hand ihr
+ den Mund zu und f&uuml;hrte sie mit der andern wie durch ein
+ Gew&ouml;lbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
+ W&auml;hrend die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale
+ wohnte, das nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei
+ umgewandelt ist, war sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der
+ Stadt durch den hier gebietenden heidnischen Pr&auml;fekten
+ Hirtacus<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href=
+ "#Footnote_6_6"><sup>[6]</sup></a> und in ihrer Klause durch den
+ Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
+ ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der
+ Zelle zu sehen ist und die Krallen des B&ouml;sen
+ eingedr&uuml;ckt tr&auml;gt. Eine friedlichere Wohnstatt
+ aufsuchend, nahm sie einen M&uuml;hlstein, der an der Solothurner
+ Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs
+ Aargau, und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in
+ dessen N&auml;he die Aare in den Rhein m&uuml;ndet. In der Gegend
+ w&uuml;theten eben Seuchen, von den Ausd&uuml;nstungen eines
+ Leichenackers <!-- 114 --><a name="Page_114" id="Page_114"></a>
+ herr&uuml;hrend, den der Strom unterw&uuml;hlt hatte; aber die
+ Krankheit h&ouml;rte auf, indem Verena Heilquellen aus dem Boden
+ bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft und
+ beeilte sich, eine so wohlth&auml;tige Frau zu sich heim zu
+ f&uuml;hren.<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href=
+ "#Footnote_5_5"><sup>[5]</sup></a> Auch ihren M&uuml;hlstein
+ wollte man nicht zur&uuml;cklassen. Man lud ihn auf einen Wagen
+ und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
+ blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen
+ oder Stein weiter zu schaffen; doch zur&uuml;ck nach Koblenz
+ zogen ihn die Rosse m&uuml;helos, wo er nun neben der Th&uuml;re
+ der Kapelle in der Einsenkung der Mauer hinter einer Vergitterung
+ aufgestellt ist, geschm&uuml;ckt mit dem Schnitzbilde der
+ Heiligen. Man misst ihm &uuml;bernat&uuml;rliche Kraft bei. Auch
+ ist das Gew&ouml;lbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt
+ geblieben, als 1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle
+ ein&auml;scherte; es h&auml;ngt voll w&auml;chserner F&uuml;sse
+ und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer Kinder
+ ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
+ erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst
+ &uuml;ber dem Steine zu lesen stand:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Auf diesem Stein hier aus der Aaren</p>
+
+ <p>Die heilig Verena ist gefahren</p>
+
+ <p>Ohne Ruder, Schiff und Schalten,</p>
+
+ <p>Wie solches geglaubt die frommen Alten.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die Koblenzer sind seitdem bew&auml;hrte Fischer und Fergen,
+ die auf den Rath der Heiligen die St&uuml;dlerzunft
+ gr&uuml;ndeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung
+ s&auml;mmtlicher Z&uuml;nfte mit eingegangen. Dieser
+ Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen
+ Landv&ouml;gten verbrieftes F&auml;hrrecht mit der Obliegenheit
+ zu, s&auml;mmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
+ befahrende Schiffe und G&uuml;ter durch <!-- 115 --><a name=
+ "Page_115" id="Page_115"></a> die dortigen Strudel (genannt
+ Laufen) zu f&uuml;hren. Am Gew&ouml;lbe der Zurzacher
+ Stiftskirche h&auml;ngt daher ein kunstreich geschmiedetes
+ Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437
+ angef&uuml;hrte ahd. Glosse lautet: <i>verenna</i> cymba; was
+ sonst ahd. ver&#383;cif heisst, nhd. F&auml;hre. Graff,
+ Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: <i>mit ferennu
+ quamun</i>, navigio venerunt.</p>
+
+ <p>Allein Verena, die M&uuml;llerpatronin, &uuml;bt zugleich auch
+ das Gesch&auml;ft der Liebesg&ouml;ttin; somit ist vorerst das
+ Einheitliche im Wesen dieses Doppelgesch&auml;ftes hier
+ nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen
+ Cultus zu entbl&ouml;ssen, der im Verenacultus nachklingt. Die
+ Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
+ Beziehungen &uuml;bertragen, die ehliche Verbindung auf die
+ Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst
+ griechisch ackern, bes&auml;en, besamen; das weibliche Saatfeld
+ heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der
+ Ausges&auml;ete (Bachofen, Gr&auml;bersymbolik 204). So hat auch
+ Mahlen und M&uuml;hle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
+ Theokrit (4, 58) ist
+ &mu;&upsilon;&lambda;&lambda;&omicron;&sigmaf; cunus; Festkuchen
+ dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den
+ grossen Thesmophorien den G&ouml;ttinnen zu Ehren in Syrakus
+ umhergetragen. Athen&auml;us XIV, 647 A. Den Sinn des griech.
+ &mu;&upsilon;&lambda;&lambda;&omega; (coire) und des Wortspiels
+ bei Petronius: molere mulierem, dr&uuml;ckt unsre eigne Sprache
+ in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert
+ die M&uuml;llerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Ich steh f&uuml;rwahr nicht aufe,</p>
+
+ <p>Ich lass dich nicht herein;</p>
+
+ <p>Ich hab die Nacht gemalen</p>
+
+ <p>Mit sechs jungen Knaben.</p>
+
+ <p>Davon bin ich so m&uuml;d.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den
+ Mahlstein drehen: Richter 16, 21. Daher ist die M&uuml;hle in
+ unsern &auml;ltesten Sagen der Ort der Liebesabenteuer. Der
+ Landpfleger Pilatus ist nach dem gleichnamigen ahd. Gedichte
+ <!-- 116 --><a name="Page_116" id="Page_116"></a> vom rheinischen
+ K&ouml;nig ausserehelich mit der Pyla erzeugt, des M&uuml;llers
+ Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der Grosse erzeugt und
+ geboren auf der Reism&uuml;hle am bair. W&uuml;rmsee. Aretin,
+ Bair. Sag. 1803. Sch&ouml;ppner, Sagenb. no. 22. K&ouml;nig
+ Heinrich III. erbaute Kloster Hirschau in der N&auml;he jener
+ M&uuml;hle, darin er war geboren worden; sie steht noch und gilt
+ f&uuml;r eines der &auml;ltesten Geb&auml;ude in Hirschau. Vgl.
+ Sch&ouml;nhuth, Burgen W&uuml;rtembergs 1, 88. Meier,
+ Schw&auml;b. Sag. S. 336. Ebenso steht heute noch im
+ w&uuml;rtemberger Schussenthale die Grieslem&uuml;hle, in der die
+ eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
+ erzogen worden. Birlinger, Schw&auml;b. Sag. no. 340. Aventins
+ Chronik berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger
+ Mark dem Kaiser verkauft und die Kaufsumme daheim mit der
+ h&uuml;bschen M&uuml;llerin auf der Gretelm&uuml;hle lustig
+ verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen Frau
+ M&uuml;llerin erz&auml;hlt alles Volkslied bis auf G&ouml;thes
+ "Der M&uuml;llerin Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu
+ Augsburg der Name Hahnreim&uuml;hle f&uuml;r eine der
+ st&auml;dtischen M&uuml;hlen. Im M&uuml;hlgraben liegt jener
+ grosse Stein, hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf,
+ Ztschr. f. Myth. 3, 31. Als alles Riesengeschlecht im Blute des
+ erschlagnen Ymir ertrinken musste, rettete sich der einzige
+ Bergelmir sammt seiner Frau in einem M&uuml;hlkasten. Myth. 426.
+ Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem fortschreitenden
+ Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. Darum
+ f&uuml;hren selbst die alles verleihenden Lichtg&ouml;tter Apollo
+ und Zeus den Beinamen
+ &mu;&upsilon;&lambda;&epsilon;&upsilon;&sigmaf;, bei den
+ eleusinischen G&ouml;ttinnen wird ehliche Treue beschworen, der
+ Ceres legifera opfert die br&auml;utliche Dido, der r&ouml;mische
+ Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat
+ die wendische Braut zu sitzen, w&auml;hrend sie von ihren
+ Freundinnen zur Hochzeit geschm&uuml;ckt wird. Haupt, Lausitzer
+ Sagenb. 1, 183. In diesem Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1,
+ S. 76) von der M&uuml;hle zu verstehen, welche reines Gold und
+ treue Liebe mahlt:</p><!-- 117 --><a name="Page_117" id=
+ "Page_117"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Dort niden in jenem Holze</p>
+
+ <p>Leit sich ein M&uuml;len stolz,</p>
+
+ <p>Sie malet uns alle Morgen</p>
+
+ <p>Das Silber, das rothe Gold.</p>
+
+ <p>Dort hoch auf jenem Berge</p>
+
+ <p>Da geht ein M&uuml;lenrad,</p>
+
+ <p>Das malet nichts denn Liebe</p>
+
+ <p>Die Nacht bis an den Tag.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Damit h&ouml;rt denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der
+ Legende auf, dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem
+ M&uuml;hlsteine machen, wie Verena auf der Aare und der
+ W&uuml;stenheilige Antonius auf der Wolga. Auch die Stadtpatronin
+ Z&uuml;richs, zugleich die angebliche Gef&auml;hrtin der
+ Theb&auml;er, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt
+ gemacht haben, denn ihr M&uuml;hlstein lag einst am Seeufer bei
+ Herrliberg, da wo es urkundlich <i>Im steinin Rad</i> heisst.
+ Reithard, Sag. a.d. Schweiz.&mdash;St. Jakob von Compostella
+ macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge und landet damit
+ zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, wird mit
+ einem M&uuml;hlstein am Halse in die G&uuml;nz gest&uuml;rzt und
+ schwimmt damit in diesem reissenden Gew&auml;sser. Rader, Bavaria
+ Sancta 1, 23. Die hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins
+ Meer versenkt, gieng auf dem Wasser einher, als w&auml;re es
+ festes Feld. Sie wird allj&auml;hrlich am 1. Okt. in der
+ Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
+ Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der M&uuml;hlstein der hl.
+ Brigida ist neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der
+ innern Klosterpforte aufgestellt und wird bei
+ Krankheitsf&auml;llen als wunderth&auml;tiger Heilstein
+ ber&uuml;hrt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die
+ Fl&uuml;sse und Seen sind die Adern, durch welche die
+ &auml;lteste Kultur in die L&auml;nder floss, und die M&uuml;hle
+ mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
+ denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem
+ Schnee sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der
+ Franke: M&uuml;ller und Becken schlagen sich mit S&auml;cken; der
+ Aargauer: sie putzed (die Himmlischen fegen <!-- 118 --><a name=
+ "Page_118" id="Page_118"></a> das Korn), sie ritered (sieben es),
+ der Staub fl&uuml;gt (wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie
+ sch&uuml;ttid: sch&uuml;tten die Frucht auf, die in dichtem
+ Strome aus der Worfelm&uuml;hle schiesst. Nach K&auml;rntner
+ Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott
+ Getreide in den Kasten sch&uuml;ttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3,
+ 30. Im Liede von der Himmelsm&uuml;hle (Uhland, no. 344)
+ kn&uuml;pft Matth&auml;us die Korns&auml;cke auf, Lukas
+ l&auml;sst reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch
+ zusammen, dass die M&uuml;hle im alten Rechte als Freist&auml;tte
+ gilt und ein in diesem befriedeten Ort begangner Frevel mit dem
+ Tode bestraft wird. Der Schwabenspiegel bestimmt: diu m&uuml;le
+ hat ouch be&#549;&#549;er reht danne ander hiuser. swer in der
+ m&uuml;le stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem sol man
+ h&ucirc;t unde har abslahen. ist e&#549; vier schillinge wert,
+ man sol in henken. Und eben daher stand auch dem M&uuml;hlstein
+ eine besondere Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935
+ verwiesen hat. Es findet sich nemlich in einem alten Liede
+ folgende Pr&uuml;fung erw&auml;hnt &uuml;ber Beschaffenheit und
+ Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere steht am
+ Ufer des Rheins, ein M&uuml;hlstein wird gerollt; f&auml;llt er
+ rechts, so tr&auml;gt sie einen Knaben, links, ein M&auml;dchen;
+ geht er aber zu Grund, so ists ein Metzenkind.&mdash;Der
+ jungfr&auml;ulichen Verena M&uuml;hlstein aber ist ein
+ <i>schwimmender</i>; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich
+ erworbene Frucht: die auf dem Felde, in der M&uuml;hle und im
+ Mutterschosse. Bereits sind in der histor. Zeitschrift Argovia 3,
+ 15 die mehrfachen &ouml;rtlichen Felsen und erratischen
+ Bl&ouml;cke des Aargaus aufgez&auml;hlt, welche den Namen
+ Kleinkindersteine und eine dem gem&auml;sse Ortstradition an sich
+ tragen. Hier kommen nur die auf Verena bez&uuml;glichen in
+ Betracht. Jener vorhin erw&auml;hnte Felsblock in der Solothurner
+ Verena-Einsiedelei tr&auml;gt ein &uuml;ber Faustgr&ouml;sse
+ ausgerundetes Loch, das man f&uuml;r die Spuren der Hacke der
+ Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern f&uuml;r die
+ Stadt heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt
+ gleichfalls in dem eben genannten Dorfe Koblenz
+ <!-- 119 --><a name="Page_119" id="Page_119"></a> vom Kalchofen,
+ einem ofenf&ouml;rmig gew&ouml;lbten, isolirten Kalkfelsen am
+ dortigen linken Rheinufer. Derselbe Glaube herscht im
+ Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus kirchlich gereicht
+ hatte. Eine Felsh&ouml;hle beim Bergschlosse Teck auf der
+ w&uuml;rtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine
+ Sage &uuml;ber zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne
+ Knaben. Antiquarius des Neckarstroms 1740, 46.</p>
+
+ <p>Ein fernerer auf die Korn- und M&uuml;hleng&ouml;ttin
+ hindeutender Zug ist enthalten in dem Schicksale des
+ Schwesternhauses, das die Heilige zu Solothurn gegr&uuml;ndet
+ hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern konnten ihre
+ Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern Mangel. Da
+ geschah es, dass eines Morgens eine Reihe S&auml;ckchen Mehl von
+ unbekannter Hand vor die Th&uuml;re gestellt wurden und die aus
+ diesem Mehl gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen.
+ Im alten Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte,
+ heisst es dar&uuml;ber:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Dum panis victus solitus</p>
+
+ <p>exhaustus fuit plenius,</p>
+
+ <p>farris pastus positus</p>
+
+ <p>est ad fores celitus.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
+ wunders&uuml;chtig die bestimmte Zahl dieser S&auml;cke an
+ quadraginta sacci, und Christoph Greuter zu Augsburg hat sie
+ sogar in Kupfer gestochen; ein Nachstich steht in Richters
+ Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. Augsb. 1736, 42. Der
+ Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht (107a)
+ nacherz&auml;hlt zu sein:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>vor der clause man ligen sach</p>
+
+ <p>viertzig &#383;ekche mit mele vol.</p>
+
+ <p>er gedacht ir not da wol,</p>
+
+ <p>wan da&#549; prot wuchs in ier munde.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena
+ wird durch Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von
+ Halberstadt gemeldet. Wenn da der Bauer zwischen Weihnachten und
+ Dreik&ouml;nig, zur Zeit der Zw&ouml;lften, <!-- 120 --><a name=
+ "Page_120" id="Page_120"></a> sein Mehl von der Boitzenburger
+ M&uuml;hle heimf&auml;hrt, so begegnet ihm Fr&ucirc; Freen und
+ verlangt, dass er die S&auml;cke &ouml;ffne und ihren Hunden
+ aussch&uuml;tte. Thut er dies folgsam, so findet er die
+ S&auml;cke wohlgef&uuml;llt des andern Tages an derselben
+ Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name zusammengefallen in den
+ der Heideng&ouml;ttin Fr&ecirc;a (wie Paulus Diaconus Wodans
+ Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zw&ouml;lften sich an die
+ Spitze der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick
+ (ein Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zw&ouml;lf Jagdhunden
+ das Land durchst&uuml;rmt. Der Name Fr&ecirc;ne wird von Kuhn
+ l.c. S. 414 und 415 ausdr&uuml;cklich als um Halberstadt
+ bestehend best&auml;tigt, und der vierte Abschnitt unsres
+ vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
+ Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der
+ aargauischen Gauheiligen erl&auml;utern.</p>
+
+ <p>Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche
+ abgebildet werden, Brod und Wein &uuml;berbringend. Bereits hat
+ der spottlustige Nachbarscherz sich dieses Zuges der
+ Verenalegende zu seinen &ouml;rtlichen Schw&auml;nken bedient. Er
+ erz&auml;hlt, wie einst das kleine St&auml;dtchen Klingnau an der
+ Aare von einer Feuersbrunst so ganz zerst&ouml;rt worden, dass
+ auch s&auml;mmtliche Kirchenglocken mitverbrannten und man sich
+ mit einer irdenen behelfen musste, deren Schall denn nicht weit
+ reichte. Mit dieser musste man l&auml;uten, als die hl. Verena
+ auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom herab gefahren kam.
+ Kling au! rief man &auml;rgerlich zur stummen Glocke empor, in
+ der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
+ Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
+ t&auml;gliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem
+ gilt der Spottreim:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wenig Brod und s&ucirc;re W&icirc;:</p>
+
+ <p>ach Gott, wer m&ouml;cht' au z'Klinglau s&icirc;!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd
+ eines Priesters in Zurzach habe sich Verena die t&auml;gliche
+ Nahrung abgebrochen, um die benachbart wohnenden Siechen damit zu
+ speisen. Dar&uuml;ber der Entwendung verd&auml;chtigt,
+ <!-- 121 --><a name="Page_121" id="Page_121"></a> tritt ihr der
+ argw&ouml;hnische Priester pl&ouml;tzlich in den Weg und
+ untersucht. Doch der Wein in ihrem Kr&uuml;glein ist nun in
+ Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt,
+ beides als zur Reinigung der Auss&auml;tzigen dienend. Daher
+ kommt es, dass die Bilds&auml;ulen Verenas bald Waschkanne und
+ Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf in der Hand haben. Das
+ Kr&uuml;glein der Heiligen ist, wie die &auml;lteste Aufzeichnung
+ berichtet, urspr&uuml;nglich steinern gewesen und hatte die Form
+ einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht
+ nothwendig die des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das
+ Trockengem&auml;sse vor Alters steinern war. Das Z&uuml;rcher
+ Frauenm&uuml;nsterstift berief sich 10. Christm. 1282 auf einen
+ in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
+ Klostergr&uuml;nder K&ouml;nig Ludwig das Mass eines
+ <i>Kornviertels</i> hatte aushauen lassen. Geschichtsfreund 8,
+ 19.</p>
+
+ <p>Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der
+ gleichfalls unbeachteten Gestalt einer andern deutschen
+ Gauheiligen aufzuzeigen. Es ist dies die Kraichgauer und Tiroler
+ Heilige Notburga, von deren Cultus Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587,
+ und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 berichten. Auch sie
+ z&auml;hmte wilde Str&ouml;me, lehrte Acker- und Weinbau, pflegte
+ und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
+ mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl.
+ Verena, mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen
+ Ged&auml;chtnisse fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler
+ Schlosse Rothenburg im untern Innthal und hatte die Schweine zu
+ f&uuml;ttern. F&uuml;r jeden Armen sparte sie sich eine
+ Sch&uuml;rze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
+ geiziger Sp&auml;her sie dar&uuml;ber anhielt, verwandelte sich
+ die Gabe in Hobelscheiten und in Sautr&auml;nke. Als sie auf dem
+ Bauernhofe Eben im Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte
+ Segen in den gesunknen Hausstand zur&uuml;ck; wollte man sie
+ jedoch &uuml;ber die Feierabendzeit im Felde fortarbeiten lassen,
+ so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die Sichel in die
+ H&ouml;he, <!-- 122 --><a name="Page_122" id="Page_122"></a>
+ liess sie aus und diese blieb in der Luft h&auml;ngen. Sie ist
+ die Patronin der Dienstm&auml;gde geworden, wie sie selbst in
+ ihrem Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren
+ Leichenwagen spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen,
+ wohin sie wollten. Als sie an den br&uuml;ckenlosen Inn kamen,
+ wich der Fluss zur&uuml;ck und liess Wagen und Leichengefolge
+ trocknen Fusses hin&uuml;berschreiten. Jenseits auf dem
+ Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
+ errichtete eine Kapelle &uuml;ber dem Grabe, die seit 1434 zur
+ Wallfahrtskirche vergr&ouml;ssert wurde. Auch ihre ehemalige
+ Magdkammer im Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut
+ worden. Panzer, BS. 2, no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam,
+ &uuml;berschwamm sie auf einem schneeweissen Hirschen den Neckar
+ und verbarg sich in einer H&ouml;hle, die beim w&uuml;rtemberger
+ Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg her
+ &uuml;berbrachte ihr der Hirsch t&auml;glich das Brod, ans Geweih
+ gespiesst, und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr
+ Grab. Jetzt noch zeigen die Kraichgauer &uuml;bers Feld hin den
+ Weg, welchen das treue Thier einschlug. Ueber die hl. Rategundis
+ von bair. Wolfratshausen berichtet Jac. Schmid, Leben hl. Hirten
+ und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als Dienstmagd auf dem Schlosse
+ Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und Butter von ihrer
+ t&auml;glichen Kost sich abgespart und den Auss&auml;tzigen des
+ n&auml;chsten Siechenhauses zugetragen; als der argw&ouml;hnische
+ Schlossherr sie auf dem Wege dahin betraf und untersuchte,
+ verwandelte sich Butter und Milch in ihrer Sch&uuml;rze in einen
+ Strehl und in warme Lauge.</p>
+
+ <p>Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
+ landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
+ Verenatag kn&uuml;pften.</p>
+
+ <p>Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner
+ Zins-, Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing,
+ S. 76) verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein
+ Murmotten (Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit
+ diesem Tage geht <!-- 123 --><a name="Page_123" id=
+ "Page_123"></a> noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder
+ auf. In den V Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau,
+ Kulm, Lenzburg und Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit
+ ihr also auch derselbe Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine
+ dieser f&uuml;nf "geschlossnen Zeiten" dauerte acht Tage vor dem
+ ersten Sonntag vor Verenentag bis acht Tage nach dem auf Verena
+ n&auml;chstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit hat im J. 1595
+ in Folge der Kirchenreformation vier j&auml;hrliche
+ Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag
+ angesetzt. Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.&mdash;Das
+ "Verzeichnuss der Statt Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688
+ (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 die obrigkeitlichen
+ Visitationen der Weinkeller allj&auml;hrlich auf Verena und
+ Martini an.</p>
+
+ <p>Von den Bauernregeln &uuml;ber die Witterung am 1. September
+ sind unter unserer Landbev&ouml;lkerung folgende &uuml;blich.</p>
+
+ <p>Wenn's Vreneli z'morndes s'Chr&uuml;egli &ucirc;sleert,
+ draejet, l&ouml;set, umg'heiet, br&uuml;nnelet&mdash;und z'Abig
+ s'Chitteli wider tr&ouml;chnet, denn isch guet; denn solch ein
+ richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
+ Keimung des Samens besonders g&uuml;nstig. Wenn es an Verena
+ sch&ouml;n Wetter war, so erz&auml;hlen die Bauern im Frickthaler
+ Dorfe Gansingen, so sassen unsre Leute am Tische und assen ruhig
+ ihr Vesperbrod; wenn es aber regnete, so hiengen sie den Kornsack
+ an und standen zum S&auml;en hinaus. Wenns a d'Verena regnet,
+ muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn aber nit, so chan
+ er's fr&ouml;lich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner Bauer
+ muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
+ sein Brods&auml;cklein, das Zimmis-ch&ouml;rbli, worin der
+ Abendimbiss ist, mit ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am
+ Kummetkopf. Illustrirte Schweiz 1862, 259.&mdash;</p>
+
+ <p>Verenatag g&uuml;nnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem
+ Tage, heisst es, ist alles Obst reif und der Fruchtstiel
+ abgetrocknet; ist es aber ein strenger Regentag, so fault das
+ Obst hernach auf den Hurden.</p><!-- 124 --><a name="Page_124"
+ id="Page_124"></a>
+
+ <p>A d'Vrenetag got der Chabis uf e R&ocirc;t; der Krautskopf
+ berathet sich, ob er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt
+ er nicht zu, so ist er daheim geblieben und nicht mit in Rath
+ gegangen. Vrein am Rain tr&auml;gt s' Abendbrod heim: das
+ Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs Feld gebracht,
+ s' Vreneli z&uuml;ndt a, und s' Mareili l&ouml;scht ab: die
+ Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesn&auml;chte
+ begannen mit 1. Sept.; mit Mariae Verk&uuml;ndigung, 25.
+ M&auml;rz, giengen sie wieder zu Ende. Heute aber beginnen die
+ Lichtarbeiten gew&ouml;hnlich erst mit 2. Nov. und schliessen mit
+ dem Josephstag, 19. M&auml;rz.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_5_5" id=
+ "Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5">[5]</a>
+
+ <div class="note">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>A Solodoro igitur</p>
+
+ <p>discedens proficiscitur,</p>
+
+ <p>ubi Rhenus labitur,</p>
+
+ <p>Zurziacham graditur.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei
+ Eberhardus Ratdolt.</p>
+ </div><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href=
+ "#FNanchor_6_6">[6]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis
+ inflammavit, sagt die Originallegende; erst sp&auml;ter wird
+ der Name Hirtacus dazu gef&uuml;gt. Auch das mhd. Gedicht nennt
+ ihn einfach Richter.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_2_Abschnitt_3" id="Teil_2_Abschnitt_3"></a>
+
+ <h3>Dritter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4><br>
+
+ <p>Ihre &ouml;rtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und
+ Wasserkirchen; die ihr geopferten M&auml;dchen- und
+ Brautkr&auml;nze; ihr Geburtsg&uuml;rtel, Haarkamm und Waschkrug;
+ ihre &ouml;rtlichen und kirchlichen Heilquellen.
+ Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachkl&auml;nge von
+ der Gewitterriesin: das Vrenelisg&auml;rtli am Gl&auml;rnisch
+ u.s.w.</p>
+
+ <p>Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige
+ verleiht, und stellen hief&uuml;r diejenigen Erz&auml;hlungen
+ voran, welche der &auml;ltesten zwischen die Jahre 1005 bis 1032
+ fallenden Aufzeichnung der Verenalegende (bei Pertz 6, 457)
+ angeh&ouml;ren. Diese von G. Waitz nachgewiesene Zeitbestimmung
+ gilt namentlich auch f&uuml;r diejenigen Thatsachen, &uuml;ber
+ welche der Verfasser jener Bruchst&uuml;cke entweder als
+ Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen
+ jener Periode ankn&uuml;pft.</p>
+
+ <p>Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe
+ <!-- 125 --><a name="Page_125" id="Page_125"></a> Machthilde
+ lange kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach
+ ins Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches
+ Almosen, und in der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die
+ Herzogin einen Thronfolger.</p>
+
+ <p>Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte
+ Gerbirga geehlichet, des vorhin erw&auml;hnten Burgundenherzogs
+ Konrad Tochter, und obwohl schon mehrere T&ouml;chter, doch noch
+ keinen Sohn bekommen. Sobald aber die Eltern zum Grabe Verenas
+ wallten, wurden sie auch mit einem solchen begl&uuml;ckt. Dieser
+ war, wie Casp. Lang beif&uuml;gt (Histor. theol. Grundriss der
+ christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht zu
+ seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.</p>
+
+ <p>Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in
+ zweiter Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der
+ Regierung nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen,
+ machten die beiden Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und
+ &uuml;bernachteten daselbst im Stifte. Hier tr&auml;umte
+ Reginlinda von der Empf&auml;ngniss, die sie sich w&uuml;nschte,
+ und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser
+ Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.</p>
+
+ <p>Eine adelige Frau im Elsass hatte fr&uuml;herhin in
+ kinderloser Ehe gelebt, hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und
+ dann drei T&ouml;chter bekommen. Durch die hl. Verena hingegen
+ erhielt sie erst noch Zwillingss&ouml;hne, denn diese Heilige
+ besonders ist es, welche die Eltern mit M&auml;dchen und Knaben
+ begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf &ouml;fters von den
+ Zurzacher Stiftsherren eingeladen worden, er m&ouml;chte sich zu
+ ihnen begeben, die Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so
+ geringen Theil seines Reichthums opfern, daf&uuml;r werde er
+ seinen Wunsch nach S&ouml;hnen erf&uuml;llt sehen. Jedoch er
+ spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns diese
+ Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die
+ Unverm&ouml;genden und an Mannesart <!-- 126 --><a name=
+ "Page_126" id="Page_126"></a> die Allerletzten? Darauf wurde sein
+ Weib vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.</p>
+
+ <p>Ein H&ouml;riger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches
+ Weib geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach
+ zufiel, entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins,
+ sondern sie liessen sich auch in allerlei Schm&auml;hungen
+ &uuml;ber derlei Pflichtigkeiten aus und machten sich sammt ihren
+ Kindern zuletzt ganz aus der Gegend fort. Daf&uuml;r starben er
+ und sein Weib eines j&auml;hen Todes, und seine Nachkommenschaft,
+ die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchg&auml;ngig an
+ Gliederl&auml;hmung.</p>
+
+ <p>So viel erz&auml;hlen die &auml;ltesten Aufzeichnungen der
+ Legende &uuml;ber den durch Verena gespendeten Ehesegen; nicht
+ besonders mit erw&auml;hnt aber ist, dass derselbe herstammt aus
+ der in dortiger Stiftskirche fliessenden Heilquelle. Man steigt
+ zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen hinab und
+ sch&ouml;pft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es
+ wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut-
+ und Augen&uuml;bel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders
+ dienlich sein; auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld
+ gesprengt und vertilgt das Ungeziefer. Von diesem Umstande
+ scheint nachfolgende Ortssage zu handeln, die man der Mittheilung
+ des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, &dagger; zu Heidelberg,
+ verdankt.</p>
+
+ <p>Eine Zurzacher Frau war W&ouml;chnerin und schickte ihren Mann
+ bei Nacht in das St&auml;dtchen Klingnau hin&uuml;ber, um eine
+ Ammenfrau herbeizuholen, deren es im damaligen Dorfe Zurzach noch
+ keine gab. Der Weg dahin geht stundenweit &uuml;ber den sehr
+ wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen Felsentreppen ersteigt
+ man die letzte H&ouml;he zum Rothen Kreuz, einer einzelnen
+ Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter
+ Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gef&uuml;rchteter Spukort.
+ Wer seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun vers&auml;umt hat,
+ muss nach dem Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen
+ M&auml;nner her, die man ein knarrendes W&auml;gelchen &uuml;ber
+ die Waldwipfel <!-- 127 --><a name="Page_127" id="Page_127"></a>
+ hinfahren sieht, oder die ledig laufenden Rosse, die sich vom
+ Begegnenden an das Halstuch binden lassen, dann aber zu einer
+ Gr&ouml;sse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand mehr zu ihnen
+ emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst
+ wohlbekannte H&ouml;he erreichte, soll, wie man berichtet,
+ dichtes Geb&uuml;sch ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er
+ verirrte und statt nach Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu
+ deren M&uuml;ndung in den Rhein gerieth. Denn am andern Morgen
+ fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz oberhalb des dortigen
+ Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese Erz&auml;hlung
+ scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtsh&uuml;lfe
+ zun&auml;chst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in
+ dem fremden Aarthale zu Klingnau h&auml;tte suchen sollen. Denn
+ daf&uuml;r eben fliesst in der Zurzacher Stiftskirche jener
+ heilkr&auml;ftige Brunnen. Die hier hinabsteigenden Wallfahrer
+ d&uuml;rfen sich einen Krug voll unentgeltlich sch&ouml;pfen,
+ dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden
+ Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augen&uuml;bel an;
+ letzteres ein Brauch aus der fr&uuml;hesten Zeit des
+ Christenthums, dem schon Gregorius von Nazianz das Wort redet. So
+ heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. Gallen geholt,
+ gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. Grundriss
+ (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der
+ Gertrudislegende erz&auml;hlt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein
+ blindes Eheweib wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der
+ Nivellerkirche gef&uuml;hrt und kommt hier zuf&auml;llig unter
+ eine der Kirchenlampen zu stehen, welche trieft und des Weibes
+ Mantel besch&uuml;ttet. Die Umstehenden nehmen daraus Anlass, der
+ Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch auf
+ der Stelle sehend.</p>
+
+ <p>Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender
+ Wirkung besitzt die Heilige in den B&auml;dern der Stadt Baden.
+ Dies ist das Verenabad, das von je her ein Freibad gewesen war,
+ dessen sich Arme und Presthafte unentgeltlich bedienen konnten.
+ Vormals lag es unter offnem Himmel; <!-- 128 --><a name=
+ "Page_128" id="Page_128"></a> nunmehr hat es Einwandung und
+ Bedachung; in seinem unmittelbar &uuml;ber der Quelle gebauten
+ Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen Platz,
+ die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt
+ werden.</p>
+
+ <p>Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin
+ durch eine Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht
+ eine Steins&auml;ule errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten
+ Figur der Heiligen. Junge Ehefrauen, die sich nach einem Erben
+ sehnen, verschaffen sich hier des Nachts, wenn das verbrauchte
+ Wasser abgeflossen ist, durch den Bademeister heimlich Zutritt;
+ sie senken ein Bein in die R&ouml;hre hinab, durch die der
+ Sprudel emporwallt, lassen es recht durchw&auml;rmen und sind der
+ sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen
+ Erf&uuml;llung ihrer m&uuml;tterlichen W&uuml;nsche. Das Alter
+ dieses Frauenbrauches erhellt aus der 1578 zu Basel erschienenen,
+ von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten "Wahrhaftigen und
+ fleissigen Beschreibung der uralten Statt und Graveschafft Baden,
+ sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem Erg&ouml;w
+ gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein
+ abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil,
+ wann ein unfruchtbare Fraw darinnen bade, v&ntilde; ein f&#367;ss
+ in dz loch stosse, da dz wasser herf&uuml;r quillet, es werde St.
+ Verena bey Gott erwerben, dz sie fruchtbar werde."&mdash;Dass
+ dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter gewesen, lernt man aus
+ Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom Teich der Frau
+ Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie
+ gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die
+ neugebornen Kinder." Diese m&uuml;tterliche G&ouml;ttin Holda
+ gleicht also vollkommen der von den Albanesen verehrten
+ Geburtsg&ouml;ttin Ora, einem W&uuml;nschelweibe, verm&ouml;ge
+ deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in
+ der es gew&uuml;nscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes.
+ M&auml;rch. 1, S. 37. Holda h&uuml;tet die Seelen der Ungebornen
+ unter dem Spiegel der Brunnen, &uuml;bergiebt sie als
+ Fr&ouml;schlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch
+ <!-- 129 --><a name="Page_129" id="Page_129"></a> f&uuml;r die
+ geb&auml;renden M&uuml;tter, damit sie ins leibliche Dasein
+ eingehen k&ouml;nnen, und nimmt die unm&uuml;ndig wieder
+ Hinsterbenden abermals zu sich in die kristallne Tiefe. Daher
+ stammt die allverbreitete, &uuml;berall lokalisirte Sage von den
+ Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend
+ herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgen&auml;hrt werden.
+ Schon altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum
+ Preise der geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau;
+ so um 1260 der Dominikanerm&ouml;nch Eberhart von Sax, der von
+ der Mutter Gottes sagt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>du bist der gezeichent brunne,</p>
+
+ <p>darin schein diu lebendiu sunne.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Und Nachkl&auml;nge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim
+ vom Storch fort:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Storch&mdash;Storch&mdash;Steine,</p>
+
+ <p>Mit dem langen Beine,</p>
+
+ <p>Mit dem kurzen Knie:</p>
+
+ <p>Jungfrau Marie</p>
+
+ <p>Hat ein Kind gefunden</p>
+
+ <p>In dem goldnen Brunnen.</p>
+
+ <p>Wer solls (aus der Taufe) heben?</p>
+
+ <p>Der Gothe und die G&ouml;then.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild;
+ jetzt ziert ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel,
+ als auch in den F&auml;ngen und zudem auf jedem Fl&uuml;gel je
+ ein Wickelkind tr&auml;gt. Dieses Wasser macht unfruchtbare
+ Frauen zu gesegneten Kindsm&uuml;ttern. Sch&auml;fer,
+ St&auml;dtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S.
+ 17 bereits verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich
+ nachtr&auml;glich noch folgende aargauische anf&uuml;hren. In der
+ Stadt Aarau war es bis zum Jahre 1812 obrigkeitlich festgesetzt
+ gewesen, den Stadtbach allj&auml;hrlich am Verenatag abschlagen
+ zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen Brunnenstuben
+ den S&auml;uglingsvorrath holte, so steht dieser Kleinkinderbach
+ noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den abgestellten
+ Bach eines Abends wieder anlaufen l&auml;sst, zieht ihm die
+ gesammte Stadtjugend unter <!-- 130 --><a name="Page_130" id=
+ "Page_130"></a> Fackelschein mit laubumflochtnen St&auml;ben
+ entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Bach chunnt, der Bach chunnt:</p>
+
+ <p>Sind mini Buebe-n-alli gsund?</p>
+
+ <p>Jo jo jo!</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Bach ist cho, der Bach ist cho:</p>
+
+ <p>Sind mini Buebe-n-alli do?</p>
+
+ <p>Jo jo jo!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus
+ der dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem
+ Stinkenden Br&uuml;nnli (&uuml;ber Gipslager ablaufend), am Fusse
+ des Ebenberges; in Oberfrick aus dem altversch&uuml;tteten
+ Spagenbrunn, im Dorfe K&uuml;ttigen aus dem Stampfelgraben des
+ dortigen M&uuml;hlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die
+ Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der
+ &uuml;brigen Schweiz geh&ouml;ren folgende: der Waldweiher
+ Dreibrunnen in der toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik
+ von Wyl 1, 123); der Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri
+ im Kt. Zug; der Stempbach in Stans, und der Seltenbach in
+ luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch bemerkenswerth ist, dass
+ er den Namen der deutschen Gl&uuml;cksg&ouml;ttin Frau Saelde
+ tr&auml;gt. L&uuml;tolf, F&uuml;nfort. Sag, S, 550.</p>
+
+ <p>Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den
+ Bekehrern entweder diabolisirt oder, wenn es die Umst&auml;nde
+ erlaubten, in Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der
+ hl. Remaclus vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er
+ sich hatte huldigen lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und
+ macht nun auch jene Weiber fruchtbar, die sich in die Fusstapfe
+ hinein stellen, welche bei der Quelle Groossbek zu Spaa seinen
+ Namen tr&auml;gt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. Dass dieser vertriebne
+ Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen sein musste,
+ erkl&auml;rt uns die Kirche ausdr&uuml;cklich. Abt Tritheim
+ beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen
+ &uuml;ber die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim,
+ <!-- 131 --><a name="Page_131" id="Page_131"></a> Joh. Hasselberg
+ 1515, 20. Sept.) und entwickelt dabei &uuml;ber die Wassernixen
+ folgende Theorie. "Die in Seen und Fl&uuml;ssen hausenden Geister
+ sind wie des Wassers Ungest&uuml;m tr&uuml;gerisch, reizbar und
+ grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so erscheinen sie, wie
+ es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt gegebnen feuchten
+ Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon das
+ Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends
+ weibliches Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund
+ <i>Wasserfrawen</i>. Diese lassen sich an Fl&uuml;ssen und
+ Quellen blicken, k&auml;mmen ihr langes Frauenhaar, reden die
+ Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die Heiligen und die
+ Engel jedoch, deren Gem&uuml;thszustand unwandelbar ist, nehmen
+ insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die
+ m&auml;nnliche, und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner
+ Geist sich in Weibesgestalt gezeigt habe."&mdash;Die
+ gegentheilige Anschauung greift aber Platz, wenn die Kirche
+ Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle tolerant zu
+ sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit dem
+ lieben Gott ins Gesicht; und daher r&uuml;hrt es, dass in unsren
+ an Quellen, Str&ouml;men und Seen so reichen oberdeutschen
+ Landschaften die geschichtlich &auml;ltesten Christentempel
+ Wasserkirchen heissen und sind. Die z&uuml;rcherische dieses
+ Namens ist rings von den Seewellen umsp&uuml;lt und in ihrer
+ Unterkirche fliesst das Heiligbr&uuml;nnlein. Wasserkirchen sind
+ ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und
+ Rheinau. Auf der Rheininsel zu S&auml;ckingen siedelt sich der
+ hl. Fridolin an, auf derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar
+ begraben. Alle diese Orte sind altchristliche Niederlassungen,
+ theils schon aus der r&ouml;mischen, theils aus der
+ merowingischen Periode. Ufnau, des Z&uuml;rchersees gr&ouml;sste
+ Insel, deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war
+ f&uuml;r einen grossen Theil der Weiler und H&ouml;fe am untern
+ See, war schon zur Zeit der irischen Apostel ein Sitz des
+ Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am
+ gegen&uuml;berliegenden Ufer zu St&auml;fa war der hl. Verena
+ geweiht. <!-- 132 --><a name="Page_132" id="Page_132"></a>
+ Schweiz. Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Z&uuml;rich
+ bestand bis zur Reformation das kleine Nonnenkloster der
+ Schwestern von Konstanz, welches hiess zu <i>St. Verena in
+ Brunngassen</i>; es wurde 1551 von dem ber&uuml;hmten Buchdrucker
+ Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur
+ Froschau.</p>
+
+ <p>Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die
+ Schirmv&ouml;gtin der Eheb&uuml;ndnisse sein, und wir sehen dies
+ deutlich aus den ihr kirchlich geopferten Gegenst&auml;nden,
+ vornemlich den Brautkr&ouml;nlein. Die katholischen
+ Landm&auml;dchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen
+ bei besondern kirchlichen oder weltlichen Festanl&auml;ssen den
+ kr&ouml;nleinartigen Kopfschmuck der Tsch&auml;ppelein, chapelet.
+ Er besteht aus einem mit Seidenblumen und Goldflintern reich
+ umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft &uuml;ber den Scheitel
+ hin w&ouml;lbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines
+ Sammtk&auml;ppchen, oben napff&ouml;rmig abgerundet und mit
+ Korallen gestickt; es ist so winzig, dass es oben mittels eines
+ Seidenfadens &uuml;ber das Haar gebunden werden muss. Ist nun in
+ der Landschaft von Leuggern, das Kirchspiel genannt, ein
+ M&auml;dchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach Zurzach zu
+ wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tsch&auml;ppelein zum
+ Opfer aufzuh&auml;ngen; es ist ein Dank daf&uuml;r, unter die
+ Haube gekommen zu sein. Erscheinen dann im Herbste die Z&uuml;ge
+ der &uuml;brigen Wallfahrerinnen, so nehmen sie ein solches
+ Brautkr&auml;nzchen vom Gitter und setzen es w&auml;hrend ihres
+ Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von K&auml;ppchen
+ h&auml;uft sich hier an, dass man die veralteten darunter
+ allj&auml;hrlich am Charsamstag abnimmt und in dem Osterfeuer,
+ das vor der Kirche angez&uuml;ndet wird, mitverbrennt. Etwas
+ Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in dessen
+ Kapelle jener M&uuml;hlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von
+ Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier
+ nach alter Gepflogenheit allj&auml;hrlich im Fr&uuml;hling der
+ Gemeindebann von Jung und Alt umschritten, so d&uuml;rfen bei
+ diesem M&auml;nnergesch&auml;fte die M&auml;dchen allein sich
+ nicht mit <!-- 133 --><a name="Page_133" id="Page_133"></a>
+ anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen f&uuml;r die
+ Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich
+ Feldblumen und flechten in die Wette Kr&auml;nze daraus ins Haar,
+ die gleichfalls Sch&auml;ppeli heissen, tragen diese zur
+ Dorfkapelle und &uuml;berh&auml;ngen damit die
+ Horizontalst&auml;be des Eisengitters, hinter welchem Verenas
+ M&uuml;hlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei
+ Fuss hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse
+ erscheint der Sigrist, setzt den sch&ouml;nsten der geopferten
+ Kr&auml;nze der Heiligen aufs Haupt und schm&uuml;ckt mit den
+ &uuml;brigen den Grundstein.</p>
+
+ <p>Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man
+ &uuml;berhaupt Kunde hat, ist es gerade ihr G&uuml;rtel, der sie
+ als eine die Ehen und Geburten beschirmende Heilige aufs
+ deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem ehemaligen
+ schw&auml;bischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit
+ regulirten Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie
+ er aus dem entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet
+ sich aus der Gr&ouml;sse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums
+ Konstanz, das wirklich bis &uuml;ber den Neckar bei Marbach
+ reichte. Dieser G&uuml;rtel, schreibt Richter (Sigprangender
+ Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird nach
+ allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht.
+ Des r&ouml;mischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf
+ in Elsass, ist so durch Verenas vielverm&ouml;genden Beistand zur
+ Welt geboren worden.</p>
+
+ <p>Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und
+ dessen Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt
+ sind.</p>
+
+ <p>Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das St&auml;dtchen
+ Klingnau an der Aare f&uuml;hrt &uuml;ber den Achenberg. Auf der
+ Hochebene dieses betr&auml;chtlichen Bergzuges steht umgeben von
+ tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter Wirthschaftsgerechtsame,
+ benachbart eine durch den Bischof Sigismund von Konstanz 1062
+ eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter
+ Gottes. Jeden Samstag wird <!-- 134 --><a name="Page_134" id=
+ "Page_134"></a> hier Messe gelesen, im Monat Mai eine
+ Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die g&uuml;nstige
+ Jahreszeit, des Berges wilde Sch&ouml;nheit mit seiner
+ erstaunlichen Fernsicht ins Hegau und Klettgau hin&uuml;ber, die
+ Wunderth&auml;tigkeit des Ortes und der den and&auml;chtigen
+ Besuchern gew&auml;hrte p&auml;pstliche Ablass f&uuml;hrt alsdann
+ zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald
+ hier zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um
+ hohe Feuer. Doch kein Wallfahrer verl&auml;sst den Berg, ohne
+ nicht` &uuml;ber eine in Felsen gehauene Treppe zu der Schlucht
+ beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo die Wegscheide in das
+ Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderth&auml;tigen
+ Verenabr&uuml;nnlein und l&auml;sst auch f&uuml;r seine Kranken
+ daheim ein Kr&uuml;glein voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle
+ geht folgende Sage.</p>
+
+ <p>Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1.
+ September als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt
+ hiess, kam ein wenig bemittelter Mann aus dem St&auml;dtchen
+ Klingnau hier bergan gestiegen in der Absicht, seinen Kindern so
+ wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie auf jener
+ ber&uuml;hmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,
+ das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen
+ Leuten daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen
+ unsichern Betrachtungen erreichte er das Verenabr&uuml;nnlein,
+ traf hier einen ihn freundlich anredenden Mann und theilte ihm
+ seine heutige Absicht mit. Der Unbekannte verwies ihn an die
+ Bergquelle. "Schon mancher Andere, sagte er, hat in deiner Lage
+ hier die leere Hand in den Wassersprung gesteckt und sie
+ gef&uuml;llt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, dass
+ man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng
+ der Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier
+ stand wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei
+ H&auml;nden fassen konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes
+ Unbekannten Wort, Schau nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu
+ wunderlich vor; noch <!-- 135 --><a name="Page_135" id=
+ "Page_135"></a> vor dem Kistchen knieend, wendete er mit
+ blinzelnder Neugier das Gesicht auf, und ach! da hieng gerade
+ &uuml;ber seinem Kopfe gewaltig sausend ein umrollender
+ M&uuml;hlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zur&uuml;ck
+ nach Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten
+ verstreut, musste sich daheim zu Bette legen und soll bald
+ hernach an einem Zehrfieber gestorben sein.</p>
+
+ <p>Was soll hier dieser M&uuml;hlstein wohl besagen? Hinter ihm
+ schwebt die M&uuml;llerpatronin Verena und will in ihrer
+ Mildth&auml;tigkeit nicht gesehen sein. Es ist dies zwar ein
+ &ouml;fters sich wiederholender Sagenzug, siehe Aargau. Sag. no.
+ 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet er sich
+ auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe
+ B&uuml;ttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer
+ Pfarrkirche Verena die erw&auml;hlte Patronin sei. Man zeigt
+ dorten mitten im Felde der Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in
+ welcher sonst eine Quelle entsprang Namens Goldloch und
+ Verenaloch. Man schrieb derselben die gleiche befruchtende
+ Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und die Ortssage
+ f&uuml;gt bei, wer ehemals in der Abendd&auml;mmerung mit
+ abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng
+ aus einer weiblichen ein Goldst&uuml;ck. Als nun Knaben von
+ B&uuml;ttisholz einst in der Verabredung hieher gekommen waren,
+ nach empfangenem Goldst&uuml;cke schnell sich umzuschauen,
+ erblickten sie eine sch&ouml;ne Jungfrau, die nach einem
+ Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,
+ dass auch die Quelle versiegt war.</p>
+
+ <p>F&auml;si, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766
+ herausgegeben, berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer
+ Jurapasses Schafmatt sei schon in &auml;ltester Zeit ein Bad
+ gewesen zur Erquickung der Reisenden, die &uuml;ber diesen
+ steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die auf
+ des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die
+ Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle
+ gegen&uuml;ber entspringe das Verenawasser. Ebenso
+ <!-- 136 --><a name="Page_136" id="Page_136"></a> hat Gabriel
+ Walser im Kartenblatte Kanton Basel des Homannischen Atlas an der
+ Schafmatt bei Oltigen angemerkt: <i>Verenaloch</i>; und es ist
+ dies dasselbe, dessen die Aargauer Sag. no. 1 mit dem
+ Beif&uuml;gen gedenken, dass die aus dem Elsass &uuml;ber den
+ Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee
+ fallen, sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen
+ tr&auml;gt, wie schon bemerkt worden, auch der Sprudel im Freibad
+ zu Baden.</p>
+
+ <p>Hier ist auch jene Verenakapelle zu erw&auml;hnen in der
+ N&auml;he der Stadt Zug, gelegen am Fusse des Kaminstals, einer
+ Bergh&ouml;he an der alten Strasse, die nach Aegeri und weiter
+ nach Einsiedeln f&uuml;hrt; auch hier ist ein herk&ouml;mmlicher
+ Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform gebauten
+ Kirchleins war fr&uuml;herhin eine Inschrift angebracht und
+ meldete, der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer
+ Bischof M&uuml;ller in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither
+ ist noch zweimal eine Renovirung n&ouml;thig gewesen. Anfangs des
+ vorigen Jahrhunderts wurde der Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach
+ abgesendet, um im dortigen Stift einen Reliquientheil vom Arme
+ der Heiligen nebst einem Atteste &uuml;ber der Reliquie Echtheit
+ in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen diese neu
+ erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. Sept.
+ 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle
+ hinausgetragen "unter dem Knallen der M&ouml;rser und
+ Doppelhaken". Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenw&auml;nden
+ verk&uuml;ndigen des Ortes Wunderth&auml;tigkeit. Unweit des
+ Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das St.
+ Verenabr&uuml;nneli, der Brunnenstock geschm&uuml;ckt mit der
+ Figur der Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem
+ benachbarten Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl
+ haben damit die Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgeh&ouml;rt, wie
+ der Zugerkalender vom J. 1858, welchem diese Angaben entnommen
+ sind, ausdr&uuml;cklich berichtet: "Bist du krank und die
+ G&uuml;tterli (Arzneigl&auml;schen) des Doktors wollen nicht
+ anschlagen, so muss ich dir sagen, <!-- 137 --><a name="Page_137"
+ id="Page_137"></a> dass in dieser Kapelle wirksam zu beten ist,
+ besonders am Verenentage selbst. Da hast du allj&auml;hrlich
+ Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu
+ h&ouml;ren. Auch wird dir den Sommer hindurch so ein k&uuml;hler
+ Spaziergang in der Fr&uuml;he &uuml;beraus gut thun. Du bekommst
+ dadurch Appetit und findest St&auml;rkung f&uuml;r deine schwache
+ Leber im nahen R&ouml;thelberg, sofern dir Verena nicht eins aus
+ ihrem Kr&uuml;glein einzuschenken geruht."</p>
+
+ <p>Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden
+ und Herznach errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu
+ kirchlichen Ehren gesetzt und haben &uuml;bereinstimmend die
+ gleichen Attribute: die Heilige tr&auml;gt in der einen Hand die
+ Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkr&uuml;glein, in der andern
+ h&auml;lt sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf
+ dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal<a name="FNanchor_7_7"
+ id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7"><sup>[7]</sup></a>
+ hat in der Rechten statt des Kr&uuml;gleins zwar den langen
+ Brodkipf, doch gleich daneben, auf der Fl&uuml;gelth&uuml;re
+ dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, hier
+ aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's
+ Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der f&uuml;r das
+ nichtlesende Landvolk bestimmt gewesen war und statt der
+ Heiligennamen deren Figuren oder Symbole in kleinen Holzschnitten
+ giebt. Hier ist unterm 1. September eine aufrecht stehende Katze
+ zu sehen, die in den Vorderpfoten den langgezahnten zweireihigen
+ Haarkamm h&auml;lt und zu F&uuml;ssen ein geschn&auml;beltes
+ Giessk&auml;nnlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen
+ Verenas hat die &auml;ltere Legende auf eine opferwillige
+ menschenfreundliche Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege
+ Anderer so weit widmete, dass sie sogar den Schmuz der
+ verlassenen Armuth nicht scheute. Daher hebt das von uns S. 108
+ ff. mitgetheilte <!-- 138 --><a name="Page_138" id=
+ "Page_138"></a> mhd. Gedicht 106a den von ihr geheilten Aussatz
+ hervor:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>auz&#383;etzig behaft macht &#383;i &#383;lecht,</p>
+
+ <p>plint, chrump macht &#383;i gerecht.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In diesem Sinne erz&auml;hlt dann auch Richter, Sigprangender
+ Triumphwagen Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in
+ den Mund, bereitete ihnen die Betten, kehrte den Boden,
+ s&auml;uberte die Kleider, wusch alte Erbsch&auml;den aus und
+ zwagete die mit Siechthum beladenen H&auml;upter." Auf solche
+ Anschauung hin wurden nachmals die "Armenb&auml;der", wie
+ dasjenige in der Stadt Baden, gegr&uuml;ndet, jeder Gast hatte
+ sein Kr&uuml;glein mit Lauge und seinen Kamm selber mitzubringen.
+ Die dortige Verena-Bruderschaft, die durch Papst Urban seit 1625
+ neu best&auml;tiget worden, ist nach dem dritten Paragraphen
+ ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen
+ Almosen und bestimmte j&auml;hrliche Spendm&auml;hler zu
+ verabreichen.</p>
+
+ <p>Das Steinkr&uuml;glein Verenas wird in der &auml;ltesten
+ Legendenaufzeichnung gleichfalls mit einer besondern
+ Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden dasselbe einst an jenem
+ Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals eine
+ R&ouml;merstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die
+ man hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe
+ ihrem verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie
+ dar&uuml;ber erblindete, erschien ihr nachts die Heilige und
+ sprach: "Noch ist der Steinkrug vorhanden, der mir diente den
+ Siechen das Haupt zu baden und den Angesteckten die Kleider zu
+ waschen, daraus wasche dich gleichfalls." Die Frau suchte und
+ fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus und bekam
+ das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gew&auml;hrte dasselbe
+ einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet
+ worden war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung
+ gehabt; der Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt
+ schwangere Weiber, sich auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein
+ Wassergef&auml;ss zu setzen, sie w&uuml;rden sonst zu viel
+ T&ouml;chter geb&auml;ren. <!-- 139 --><a name="Page_139" id=
+ "Page_139"></a> Ein St&uuml;ck von diesem Verenakr&uuml;glein hat
+ nachmals der F&uuml;rstabt von St. Blasien erworben und
+ daf&uuml;r den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher
+ Stift abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu
+ dessen allgemeiner Abl&ouml;sung, in folgenden acht badischen
+ Nachbargemeinden: Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen,
+ Rheinheim, K&uuml;ssennacht, Dangstetten und Bechtisbohl. In der
+ Krypta der Stiftskirche steht Verenas steinernes Grabmal, ein von
+ hohem Alter zeugendes, kunstloses Werk; obenauf liegt in
+ Lebensgr&ouml;sse gehauen ihr Bild in Matronenkleidung, doch zum
+ Zeichen bewahrter Jungfr&auml;ulichkeit in fliegenden Haaren, es
+ h&auml;lt in der Linken den zweireihigen Kamm, in der rechten
+ einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den
+ Niedrigkeitsdiensten der Bade- und W&auml;schermagd aus
+ Menschenliebe sich unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als
+ bloss kirchlich verehrt, sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden
+ und heisst die Weisse Frau. Das mitten im Marktflecken stehende
+ Haus zum Weissen R&ouml;ssli ist ihr Aufenthalt. Aus dem
+ Vorh&ouml;flein desselben schreitet um Mitternacht vor hohen
+ Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt
+ sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier sp&uuml;lt
+ sie ihr Weisszeug aufs sorgf&auml;ltigste, und stolzen Ganges
+ kehrt sie auf jenen Vorhof zur&uuml;ck. Dass dieser Hausname zum
+ Weissen Ross auf die dem Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen
+ Rosse zu beziehen sein wird, erkl&auml;rt sich auch aus
+ nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier Gottesh&ouml;fe in
+ der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, welches auf
+ vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wof&uuml;r diese
+ verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von
+ den 80 Juchart haltenden G&uuml;tern zu entrichten, die
+ Unterhaltung der dazu geh&ouml;renden Antoniuskapelle zu
+ bestreiten und f&uuml;r den Messpriester den Messwein zu liefern.
+ Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie sonst im
+ ganzen Lande gesetzlich abgel&ouml;st worden ist, haben diese
+ H&ouml;fe ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital
+ <!-- 140 --><a name="Page_140" id="Page_140"></a> von Fr. 6259 zu
+ verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus
+ geistlicher Hand an den Gemeinderath von Reckingen
+ &uuml;bergegangen und hat seit dem Jahre 1854 die gr&uuml;ndliche
+ Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene letztere liegt in
+ demjenigen Hofe, der nach seinem vierst&ouml;ckigen Meierhaus das
+ Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erz&auml;hlt man, kommt zu
+ gewissen Zeiten des Nachts ein F&uuml;llen gelaufen, umtrabt das
+ Geb&auml;ude, wird dar&uuml;ber zusehends gr&ouml;sser und ist
+ mit einem male wieder unsichtbar. Bemerkenswerth ist nun hiebei
+ der angebliche Umstand, dass Frauen niemals das F&uuml;llen
+ erblicken, wohl aber statt dessen eine weissgekleidete Frau,
+ welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier Ecken
+ bed&auml;chtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die
+ Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.</p>
+
+ <p>Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich
+ beisteht, in Franken auf einem Rosse einher kommt, und
+ Schwangere, welche n&auml;hig sind ("&uuml;bergehen"), einem
+ Schimmel Haber aus ihrer Sch&uuml;rze zu geben pflegen (Wolf,
+ Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im
+ Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen
+ Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit
+ diese Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster K&ouml;nigsfelden
+ wurde Ross und Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein
+ gleiches R&uuml;stpferd l&auml;sst die Ortssage von
+ Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige Dorfgeist in
+ der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. Aargau.
+ Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen
+ Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste
+ des Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross,
+ das Ludwig der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte
+ er unmittelbar darauf der Kapelle in Gr&uuml;nthal bei
+ Vilsbiburg, die davon bis jetzt Sattelkapelle heisst. Holland,
+ Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, 1860, 6.</p>
+
+ <p>Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die
+ <!-- 141 --><a name="Page_141" id="Page_141"></a> sagenhafte
+ Verena sich in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden
+ W&auml;ldchen, das nach einem tief eingeschnittenen Wasserbette
+ das Tobelh&ouml;lzli heisst. Am s&uuml;dlichen Waldrande, hart am
+ Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt dorten eine
+ sch&ouml;ne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich
+ das Haar k&auml;mmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber
+ unsch&auml;dliche Nachmittagslamm. Auch das M&uuml;tterlein ist
+ freundlich, nur will sie in ihrem Gesch&auml;fte nicht
+ gest&ouml;rt und von den Vor&uuml;bergehenden nicht etwa
+ ausgelacht sein, sonst setzt es f&uuml;r den Sp&ouml;tter gewiss
+ einen geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli.
+ Anderw&auml;rts heisst sie nach ihrem in der Sonne blitzenden
+ Kamm das Str&auml;hl-Anneli, oder nach ihrem buschigen Grauhaar
+ das Heuel-M&uuml;tterli, denn Heuel bezeichnet den verzausten
+ Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem
+ Liebreize nackter Jungfrauensch&ouml;nheit, zieht einen Goldkamm
+ durch die Locken und l&auml;sst ihr gelbes Ringelhaar bis auf die
+ Spitze der Grashalme niederfliessen. Von allen diesen
+ Erscheinungsweisen berichten bereits die Aarg. Sag. 1, S. 131.
+ 240 und die Naturmythen S. 139. Einen Silberkamm und eine
+ Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus Klingnau im
+ Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt und
+ gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar.
+ Murer, Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas
+ Landsm&auml;nnin gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen
+ Gesch&auml;fte gewidmet, die Haarpflege zu leiten und den Aussatz
+ zu heilen; somit besass also einst der Aargau zwei weibliche
+ Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun zwar unsern
+ &auml;sthetischen Begriffen geradezu, eine so widerw&auml;rtige
+ Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Sch&ouml;nheits-
+ und Liebesg&ouml;ttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber,
+ auch das klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und
+ sprach sich dar&uuml;ber eben so offenherzig aus, wie die
+ Verenasage thut. Suidas, der zum Namen Aphrodite bemerkt, dass
+ die R&ouml;mer ihre Bilds&auml;ule mit einem <!-- 142 --><a name=
+ "Page_142" id="Page_142"></a> Kamme in der Hand vorstellten,
+ erz&auml;hlt hiebei: Als einst die r&ouml;mischen Frauen die
+ Kr&auml;tze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die
+ K&auml;mme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur
+ Aphrodite, ihnen die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten
+ sie mit einer Bilds&auml;ule, die den Kamm trug.</p>
+
+ <p>Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser
+ Abschnitt schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und
+ wirklich in der ihr beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem
+ ihr folgsamen M&auml;dchen das sch&ouml;ne Haupthaar und zugleich
+ den sch&ouml;nen Schatz. Am 1. September, als dem kirchlich
+ gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, deren
+ Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends
+ katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur
+ um Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen
+ auf ein neues vor Krankheit gesch&uuml;tzt zu haben. Am gleichen
+ Tage ist es in jener Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an
+ allen K&ouml;pfen ihrer Kinder eine gr&uuml;ndliche W&auml;sche
+ abh&auml;lt, dem j&uuml;ngsten M&auml;dchen wird der erste Zopf
+ geflochten; das beh&uuml;tet vor Kopfweh und giebt einen feinen
+ Haarwuchs. H&auml;lt sich das Kind widerwillig unter dem Kamme,
+ so gilt folgender Reim:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Chind, bis ietz still und f&icirc;n,</p>
+
+ <p>oder es chunnt Frau Vrin,</p>
+
+ <p>die het ne grosse Striegel</p>
+
+ <p>und zert di kech am Riegel.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarb&uuml;schel. Die
+ Frau Vrin ist also hier eine Drohgestalt, wie in Sch&ouml;ppners
+ Bair. Sagenb. no. 1282 die lange Agnes, welche die Leute am Bache
+ mit B&uuml;rste und Stahlkamm behandelt, bis Haut und Haar
+ abgeht. Man macht dem kleinen M&auml;dchen dabei weis, der neue
+ scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei
+ nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich
+ anmelden solle, und hief&uuml;r hat man folgendes
+ Spr&uuml;chlein:</p><!-- 143 --><a name="Page_143" id=
+ "Page_143"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Ach m&icirc; liebi Jumpfere Vre',</p>
+
+ <p>gsehst, i ha kes Sch&auml;tzeli meh,</p>
+
+ <p>str&auml;hl und w&auml;sch mi doch au nett,</p>
+
+ <p>dass m&icirc; Hansli Freud ab mer het!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter
+ dem Namen "Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei
+ unserm katholischen Landvolke verbreitetes Zauberb&uuml;chlein
+ giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 folgendes Mittel an, die Warzen
+ (nicht aber die <i>Wanzen</i>, wie Simrocks Mythologie III, 377
+ druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der Dreieinigkeit
+ &uuml;ber die Warzen und spricht dreimal:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Frene, Frene, dorra weg!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise
+ vorsorgende, geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine
+ Eigenth&uuml;mlichkeit des weiblichen Geschlechtes ist. Schon
+ durch seine besondere, vorempfindende Zartheit ist das
+ Frauengem&uuml;th von hingebender Menschenliebe erf&uuml;llt.
+ Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es
+ sieh mit schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu
+ versetzen; weil es eine vorherschende Anlage zu besonnener
+ praktischer Hilfe hat, so &uuml;bernimmt es freiwillig das
+ Gesch&auml;ft der Krankenpflege und vollzieht es im Einzelnen mit
+ gr&ouml;sserem Gl&uuml;cke als der Mann, da es weniger schnell
+ als er in Dienstleistungen erm&uuml;det, mehr und l&auml;nger als
+ er zu dulden, zu entbehren, auszudauern vermag in M&uuml;hen und
+ Nachtwachen. So erscheint das Weib allen V&ouml;lkern
+ w&auml;hrend grosser allgemeiner Leiden als eine heroische,
+ opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in der
+ Kunstdarstellung der Rettungsengel f&uuml;r die schmerzbehaftete
+ Welt geworden.</p>
+
+ <p>Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen
+ Charakterz&uuml;gen Verenas, wie es dem humanen Geiste der
+ christlichen Lehre gelang, die zum M&auml;rchen gewordne Gestalt
+ einer heidnischen Hilfs- und Heilg&ouml;ttin allm&auml;hlich "zur
+ dem&uuml;thigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester",
+ <!-- 144 --><a name="Page_144" id="Page_144"></a> wie Gelpke
+ (Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu
+ entg&ouml;ttern und zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche
+ Spuren der Heideng&ouml;ttin bleiben hinter dem kirchlichen
+ Heiligenschein immer noch erkennbar, wie denn Verena noch heute
+ zuweilen den ihr geweihten Altar verl&auml;sst, um unter
+ mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten
+ B&uuml;schen und Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude
+ nachzuschweifen. Kaum w&uuml;rde man dann die G&ouml;ttin oder
+ die Heilige noch in ihr vermuthen, tr&uuml;ge sie nicht ihren
+ alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird sie
+ wieder ein "alt heidnisch Wasserg&ouml;tzli", wie der Berner H.R.
+ Grimm (Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat,
+ und schon die rohe H&auml;rte, mit der sie ungl&auml;ubigen
+ Misseth&auml;tern die Strafe zumisst, l&auml;sst ihr und ihrer
+ Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des Zurzacher
+ Priesters sie f&auml;lschlich der Veruntreuung im Haushalte
+ anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens
+ vom fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner
+ Blutsverwandten stirbt hin ohne Siechthum, L&auml;hmung,
+ Blindheit und Tobsucht. Daf&uuml;r, dass ein Weib eigensinnig am
+ Verenentag daheim bleibt und spinnt, w&auml;hrend Alles sich in
+ die Kirche begiebt, wird sie von den R&uuml;ckkehrenden im
+ fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den H&auml;nden
+ festgeklammert; ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im
+ Walde holzte, die Axt in der erstarrten Hand fest.
+ Gleichf&uuml;rchterlich bestraft sie den Bauern, der an ihrem
+ Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch
+ Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich
+ dreingreifender K&ouml;rperst&auml;rke herscht besonders in den
+ mehrfach von Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich
+ in den deutschen und rh&auml;tischen Alpen finden. Sie tr&auml;gt
+ in B&uuml;nden, Engadin und an der bairisch-tirolischen Grenze
+ den Namen <i>Verein</i>, gebildet wie die rh&auml;tischen
+ Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139
+ Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Pr&auml;tigau (urkdl.
+ <!-- 145 --><a name="Page_145" id="Page_145"></a> Valzena). Eine
+ solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub,
+ Herbsttage in Tirol, S. 251), eine andere an der
+ weitl&auml;ufigen Eisw&uuml;ste des Selvretta. Hier hat die
+ "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern H&ouml;hlenwohnungen in der
+ Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist stets
+ reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,
+ Holz oder Stein in sich; es l&auml;sst nichts drinnen, sagen die
+ Hirten und staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v.
+ B&uuml;nden 1, 140. 258. B&uuml;ndner VolksBl. 1832, 214). Am
+ namhaftesten aber ist das bekannte Vrenelisg&auml;rtli, jenes
+ weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des
+ Gl&auml;rnisch, 9,353 Fuss &uuml;ber Meer, das sich wegen der
+ angeblichen Ausschweifungen des Sennenvolkes aus bl&uuml;henden
+ Matten in ewige Gletscher verwandelt hat.</p>
+
+ <p>Nachfolgende eigenth&uuml;mliche Sage hier&uuml;ber beruht auf
+ der schriftl. Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer
+ in z&uuml;rch. Lunnern, zu verdanken haben. Bei letztgenanntem
+ Orte im Bezirk Affoltern liegt am s&uuml;dlichen Fusse des Albis
+ der unheimliche T&uuml;rlersee, der tiefste im ganzen
+ Z&uuml;rcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an
+ des Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der
+ Umgegend geh&ouml;rte in der Vorzeit einer starken, herrischen
+ und arbeitsr&uuml;stigen Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess.
+ Da begab es sich, dass die Leute von Heferschwil, einem Weiler
+ der Gemeinde Metmenstetten, wegen einer fruchtbaren Gemarkung am
+ Jungalbis mit dieser Frau in einen heftigen Eigenthumsstreit
+ geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in ihrem Stolze sich
+ weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. Mit
+ H&uuml;lfe fahrender Sch&uuml;ler zog sie in einer einzigen Nacht
+ einen tiefen breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied
+ so ihr Eigenthum f&uuml;r immer vom Gel&auml;nde der Gegner. Der
+ Graben war gezogen bis zum T&uuml;rlersee, es fehlte nur noch der
+ letzte Spatenstich, so w&uuml;rden die Wasser sich &uuml;ber ganz
+ Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste
+ einer der fahrenden Sch&uuml;ler <!-- 146 --><a name="Page_146"
+ id="Page_146"></a> die Frau und entf&uuml;hrte sie durch die
+ L&uuml;fte auf die Westseite des Gl&auml;rnisch, setzte sie hier
+ auf einer weiten gr&uuml;nenden Berghalde ab, wies ihr diese zum
+ Aufenthalt an und sprach: "Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten
+ hat sie darnach so lange Zeiten gehaust, bis dieser sch&ouml;ne
+ Alpengarten endlich sich in eine weite Firnstrecke verwandelte.
+ Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in der Hand, zur
+ Eiss&auml;ule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern eingefassten
+ Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt her&uuml;berblinkt.</p>
+
+ <p>Dieser eben erw&auml;hnte Graben am Jungalbis ist
+ rechtsgeschichtlich seit alter Zeit bekannt und tr&auml;gt in der
+ Offnung von Borsikon (Grimm, Weisth&uuml;mer 1, S. 51) den
+ auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach einer zweiten hievon
+ handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Z&uuml;rch.
+ Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener
+ Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erz&uuml;rnte
+ schwur, sie werde den T&uuml;rlersee abgraben, seis nun Gott lieb
+ oder leid. Durch einen kleinen Berg, der zwischen dem See und dem
+ Weiler liegt, begann sie den Durchstich mit einer Schaufel, so
+ gross wie ein Scheunenthor. Da erregte Gott einen gewaltigen
+ Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst von der Erde
+ fortriss bis auf den Gl&auml;rnisch in Vrenelis G&auml;rtli.</p>
+
+ <p>So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive
+ Steinzeit zur&uuml;ck. Der erratische Block, aus dem Verena die
+ Neugebornen hervorholen l&auml;sst; der M&uuml;hlstein, auf dem
+ sie wilde Str&ouml;me bef&auml;hrt; die Felskl&uuml;fte,
+ Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen
+ Sprudel, die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der
+ Rheininsel hervor bohrt&mdash;verk&uuml;nden eine
+ urspr&uuml;ngliche Riesenjungfrau, deren roh angelegte Gestalt
+ sp&auml;ter ins Satanische umgeschlagen haben w&uuml;rde,
+ h&auml;tte die Kirche sie nicht fr&uuml;hzeitig noch
+ christianisirt. Statt der Heiligen bes&auml;sse man alsdann eine
+ alles versteinernde Hexe; oder statt der dem&uuml;thig dienenden
+ Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die der
+ Unterschlagung beschuldigt <!-- 147 --><a name="Page_147" id=
+ "Page_147"></a> entspringt, &uuml;ber die ganze Breite des Thales
+ setzt und ihre Fussspur dr&uuml;ben in die Felsenplatte der
+ jenseitigen Thalwand eindr&uuml;ckt.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_7_7" id=
+ "Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7">[7]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
+ Pfarrkirche, waren pfarrgen&ouml;ssisch die Frickthaler
+ Dorfschaften: Ueken, Zeihen, Densp&uuml;ren, Ober- und
+ Niederasp, schliesslich auch H&auml;ner am Schwarzwald, ob
+ Laufenburg.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_2_Abschnitt_4" id="Teil_2_Abschnitt_4"></a>
+
+ <h3>Vierter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena als Frau Venus.</h4><br>
+
+ <p>Das Tannh&auml;userlied in aargauischer Version; die Frau
+ Venus-Vrene des Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge,
+ die Venus- und Vrenenh&auml;user, aus ihrer gegenseitigen
+ Namensvertauschung zur&uuml;ckgef&uuml;hrt auf den
+ urspr&uuml;nglichen Mythus.</p>
+
+ <p>Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt
+ verstorbnen Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im
+ aargau. Bezirk Baden, auf dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al.
+ Minnig zu Baden in die Feder diktirt. Der Text kommt demjenigen
+ am n&auml;chsten, welcher einst von Stalder in Entlebuch
+ gleichfalls nach m&uuml;ndlicher Ueberlieferung aufgeschrieben
+ und an Lassberg &uuml;bergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832,
+ 240 ver&ouml;ffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland f&uuml;r
+ seine Sammlung no. 297 C., und nach dieser Fassung sind hier
+ unten alle Einzelverse unseres Textes besonders bezeichnet, die
+ mit jenem Stalderischen &uuml;bereinstimmen. Was die
+ Literaturgeschichte des Tannh&auml;user-Liedes betrifft, die
+ schon von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in
+ G&ouml;dekes Deutsche Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis
+ zur Vollst&auml;ndigkeit aufgef&uuml;hrt.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Tannh&auml;user war ein junges Bluet,</p>
+
+ <p>Der wot gross Wunder gschaue,<a name="FNanchor_8_8" id=
+ "FNanchor_8_8"></a><a href=
+ "#Footnote_8_8"><sup>[8]</sup></a></p>
+
+ <p>Gieng auf Frau Vrenelis Berg</p>
+
+ <p>Zu selbige sch&ouml;ne Jungfraue.</p>
+ </div><!-- 148 --><a name="Page_148" id="Page_148"></a>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,</p>
+
+ <p>Chlopft er an a d'Pforte:</p>
+
+ <p>Frau Vrene, wend er mi inne loh,</p>
+
+ <p>Will halte eu'e Orde!</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>"Tannh&auml;user, i will der mi Gspile ge</p>
+
+ <p>Zu-m-ene ehliche Wib."<a name="FNanchor_9_9" id=
+ "FNanchor_9_9"></a><a href=
+ "#Footnote_9_9"><sup>[9]</sup></a></p>
+
+ <p>Diner Gspilinne begehr ich nit,</p>
+
+ <p>Min Leben ist mer z'lieb.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Diner Gspilinne darf i n&uuml;t,</p>
+
+ <p>Es ist mir gar hoch verbotte,</p>
+
+ <p>Sie ist ob em G&uuml;rtel Milch und Bluet</p>
+
+ <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Tannhauser sass am Figebaum,</p>
+
+ <p>Drunter er war entschlafe.</p>
+
+ <p>Es chunt em f&uuml;r i sinem Traum,</p>
+
+ <p>Er m&uuml;ess uf Rom wallfahrte.<a name="FNanchor_11_11"
+ id="FNanchor_11_11"></a><a href=
+ "#Footnote_11_11"><sup>[11]</sup></a></p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wo er in d'Stadt Rom inne chunt</p>
+
+ <p>Wohl unters h&ouml;chsti Thor,</p>
+
+ <p>Frogt er dem oberste Priester noh,</p>
+
+ <p>Wo in der Stadt Rom w&auml;r.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wo er i d'Chille ie chunt,</p>
+
+ <p>Vor'm Pobst thet er sich gneige:</p>
+
+ <p>Gott gr&uuml;eze eure Heilige, Pobst,</p>
+
+ <p>Mine S&uuml;nd will i eu azeige.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Pobst het do en d&uuml;ere-d&uuml;ere Stab,</p>
+
+ <p>Vo D&uuml;rri war er gspalte:</p>
+
+ <p>"So wenig de Stab meh z'gr&uuml;ene chunt,</p>
+
+ <p>So wenig magst du Ablass erhalte."<a name="FNanchor_12_12"
+ id="FNanchor_12_12"></a><a href=
+ "#Footnote_12_12"><sup>[12]</sup></a></p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Und wenn i n&uuml;mme z'Gnade chum</p>
+
+ <p>Und n&uuml;mme mag werde bihalte,</p>
+
+ <p>So gohn i uf Frau Vrenis Berg</p>
+
+ <p>Und leben b&icirc;n ihr im Walde.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Es goht nit meh als dritthalb Tag,</p>
+
+ <p>So fieng der Stab a z'gruene,</p>
+
+ <p>Er treit es Laub so gr&uuml;en wie Gras,</p>
+
+ <p>Darzue drei sch&ouml;ni Blueme.<a name="FNanchor_10_10"
+ id="FNanchor_10_10"></a><a href=
+ "#Footnote_10_10"><sup>[10]</sup></a></p>
+ </div><!-- 149 --><a name="Page_149" id="Page_149"></a>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>De Pobst schickt sine Botten us,</p>
+
+ <p>Sie w&uuml;sset ehn niene meh z'gwahre;</p>
+
+ <p>Er schickt sie us in alli Land,</p>
+
+ <p>Der Tannhuser blibt verfahre.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Sie ch&ouml;mmet uf Frau Vrenelis Berg,</p>
+
+ <p>Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse</p>
+
+ <p>Tannhuser soll do usse cho,</p>
+
+ <p>Sine S&uuml;nde eigen ehm nochg'losse!</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>"Zun-ech usse cho, das chan i nit,</p>
+
+ <p>Do muess i bliben inne.</p>
+
+ <p>Muess bliben bis am J&uuml;ngste Tag,</p>
+
+ <p>D&auml; gohts mer erst, wies cha und mag!"</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Tannhuser sitzet am steinige Tisch,</p>
+
+ <p>Der Bart wachst ihm drum umme,</p>
+
+ <p>Und wenn er dr&uuml;mal ummen isch,</p>
+
+ <p>So wird der J&uuml;ngst Tag bald chumme.</p>
+
+ <p>Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,</p>
+
+ <p>&Ouml;b der Bart es drittmol umme goht</p>
+
+ <p>Und der J&uuml;ngsti Tag well chumme.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner H&uuml;gel, an
+ dessen s&uuml;dlichem Fusse vormals die Gerichtsst&auml;tte des
+ Bezirks gewesen war und wo Urkunden ausgefertigt wurden, von
+ denen jetzt noch einige im dortigen Oberlande vorhanden sind,
+ heisst im Munde &auml;lterer Leute der Frau Vrenes Berg und Frau
+ Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter Jungfrauen.
+ Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich bis
+ auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannh&auml;userlied,
+ und wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich
+ geh&ouml;renden Thiergarten "das Thiergetlied vom Vrenesberg"
+ genannt. Mittheill. des St. Galler histor. Vereines, Heft 4, 198.
+ Wie aber kommt die hl. Verena an der Stelle der Venus in das
+ Tannh&auml;userlied und was ist der Sinn dieses Liedes, wenn ihm
+ die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm (Myth. 283.
+ 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene die
+ G&ouml;ttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die
+ seither weiter vorger&uuml;ckte Sagen- und Sprachforschung
+ best&auml;tigt.</p>
+
+ <p>Die echte G&ouml;ttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen
+ <!-- 150 --><a name="Page_150" id="Page_150"></a> Liede von
+ Fi&ouml;lsvinnr und erz&auml;hlt also. Die G&ouml;ttin Freyja war
+ dem Halbgotte Odhr verm&auml;hlt und von diesem verlassen worden.
+ Vordem hatte sie wegen ihres ber&uuml;hmten Halsgeschmeides die
+ Schmuckfrohe geheissen, Mengl&ouml;d; nun aber empfieng sie den
+ neuen Namen die Thr&auml;nensch&ouml;ne, denn um den verlornen
+ Gemahl durchsuchte sie alle L&auml;nder und weinte ihm goldne
+ Thr&auml;nen nach. Sie mied der M&auml;nner Gemeinschaft; erbaute
+ sich auf einer Waldh&ouml;he eine Halle, &uuml;ber deren
+ Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte hier mit
+ heilkundigen M&auml;dchen eintr&auml;chtig zusammen. "Hilfeberg
+ heisst die H&ouml;he, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen
+ Hilfe schaffend; keine Krankheit ist, die sie nicht zu wenden
+ w&uuml;ssten." Da kehrte der die Welt durchreisende Odhr nachmals
+ wieder zur&uuml;ck und sprach zum W&auml;chter des Berges: "Reiss
+ auf die Th&uuml;re, W&auml;chter! auf kalten Wegen komm ich her,
+ die Schicksalsschwestern sind an meiner langen S&auml;umniss
+ schuld, doch geh und frag erst Mengl&ouml;d, ob sie mich noch
+ liebt?" Da emfieng sie den Langersehnten mit K&uuml;ssen und
+ sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag und Nacht nach dir
+ blickend, endlich hat sich mein Sehnen erf&uuml;llt; mein lieber
+ Freund ist gekommen, nun sind wir beide fr&ouml;hlich!" Die
+ Verwandtschaftsz&uuml;ge zwischen diesem Mythus und dem
+ Tannh&auml;userliede sind einstweilen folgende.
+ Odhr-Tannh&auml;user wandert aus dein Waldberge der Freyja-Vrene
+ weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei allen
+ Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
+ verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden
+ heilkundiger, hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am
+ Thore. Der W&auml;chter (der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn
+ und f&uuml;hrt ihn in den Berg. Draussen l&auml;sst er den
+ d&uuml;rren Wanderstab liegen, der sogleich an zu gr&uuml;nen
+ f&auml;ngt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun
+ nicht mehr unterbrochne Gl&uuml;ck nach der L&auml;nge des
+ Bartes, der ihm dreimal um den Tisch herumwachsen wird.
+ Entz&uuml;ckt &uuml;ber diese doppelte Unendlichkeit ewiger Zeit-
+ und Liebesdauer, <!-- 151 --><a name="Page_151" id=
+ "Page_151"></a> befragt er jeden Freitag seine Freyja-Vrene, ob
+ nun noch ein j&uuml;ngster Tag gedenkbar sein k&ouml;nne. Zur
+ Bekr&auml;ftigung dieser gegebnen Erkl&auml;rung sowohl als der
+ sogleich mitzutheilenden Etymologie der bez&uuml;glichen
+ Eigennamen, f&uuml;gen wir ein paar Sagenbruchst&uuml;cke bei,
+ die zu dem Kostbarsten geh&ouml;ren, was in der letzten Zeit zu
+ Tage kam. Pr&ouml;hle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es war
+ eine Frau, die wohnte im Walde auf einem k&ouml;niglichen Schloss
+ und hiess Fr&ucirc; Fr&ecirc;en und Fr&ucirc; Fr&icirc;en. Sie
+ war einmal im Himmel gewesen und da von den Sterblichen um Rath
+ befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, durchzog sie die
+ ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, brach sie in
+ ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
+ folgenden Reim:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Fr&ucirc; Fr&icirc;en</p>
+
+ <p>wolle geren fr&icirc;en</p>
+
+ <p>un konne keinen krien,</p>
+
+ <p>da feng se an de schr&icirc;en.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen
+ von einen Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen.
+ Dieselbe um ihren verschwundnen Gemahl trauernde G&ouml;ttin
+ heisst in Wolf's Hess. Sagen no. 12 die Huldg&ouml;ttin, Frau
+ Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen
+ sieht; da hat Frau Holl &uuml;ber ihren Mann so bittre
+ Thr&auml;nen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass
+ diese Holl die G&ouml;ttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich
+ durch den aufgefundenen Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt,
+ Mythen 295). Freyja selbst ist die von Paulus Diaconus als
+ Gemahlin Wodans genannte Fr&ecirc;a (ahd. Frouwa, domina) und
+ lebt in den nieders&auml;chs. Sagen bald unter den diminutiven
+ Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um
+ Halberstadt und Dr&uuml;beck als Fr&ucirc; Fr&icirc;en, Fr&ucirc;
+ Fr&ecirc;en fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. 414. 519. Mit
+ diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
+ Sch&ouml;nheits- und Liebesg&ouml;ttin stehen nun die
+ oberdeutschen desselben Wortstammes in <!-- 152 --><a name=
+ "Page_152" id="Page_152"></a> fr&icirc;, mulier formosa,
+ entspricht das alemann. Adverb frein, fr&icirc;n: pulcher,
+ venustus. "Bis mer h&uuml;bsch fr&icirc;n", sei mir h&uuml;bsch
+ artig, h&uuml;bsch sittsam, sagt das Berner M&auml;dchen zu einem
+ allzu st&uuml;rmischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste
+ L&uuml;t", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch.
+ Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Sch&ouml;nheitspr&auml;dikate
+ &uuml;bereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der
+ Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Sch&ouml;ne.
+ Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen;
+ gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und
+ geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst
+ irl&auml;ndisch Freyjuh&acirc;r, d&auml;nisch Fru&ecirc;h&acirc;r
+ und Venusgr&auml;s, norwegisch Mariagras, weil die Sch&ouml;nheit
+ das h&ouml;chste Epithet bleibt, das an G&ouml;ttinnen
+ hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass
+ hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
+ Figuren der G&ouml;ttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg
+ (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe
+ Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen gel&auml;ufig
+ und hat darin ihre Berechtigung, dass beide urspr&uuml;nglich nur
+ die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und
+ Herzensherrin eines &auml;lteren G&ouml;ttersystems gewesen sind,
+ welches vor der Trennung der nordischen G&ouml;tter in Asen und
+ Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke,
+ die mit dem Gemahl als Windsbraut einherst&uuml;rmt und
+ Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der
+ Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine famili&auml;re,
+ wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die
+ fr&uuml;here Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein
+ und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land
+ und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der
+ Liebe und Ehe. So urtheilt &uuml;ber die Vaneng&ouml;tter
+ &uuml;berhaupt Weinhold D. Frauen, 30.</p>
+
+ <p>Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die
+ <!-- 153 --><a name="Page_153" id="Page_153"></a>
+ angef&uuml;hrten Namen der G&ouml;ttin, eddisch Freyja,
+ langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und Frien, oberdeutsch
+ Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen einer und
+ derselben G&ouml;ttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
+ schweiz. Tannh&auml;userliedes im hochd. Liedtexte eine Frau
+ Venus im Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des
+ Mittelalters, in denen die Minneg&ouml;ttin modisch und gelehrt
+ die frow Venus und ihr Palast der Venusberg hiess, und seitdem
+ dann auch die theologische Literatur dieselbe Benennungsweise
+ nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und Hexengeschichten
+ &uuml;bertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von der
+ Omeiss 36, l&auml;sst die Hexen in <i>Frau Fenusberg</i> fahren;
+ schon f&uuml;nfzig Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (&dagger; 1440)
+ im Formicarius zum gleichen Zwecke den <i>Venusberg</i>, und nach
+ hessischen Hexenakten von 1628 regiert im Venusberg <i>Frau
+ Holda</i>. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der Teufel pflegt
+ gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
+ <i>Kr&ouml;ten</i> zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt
+ in seiner Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im
+ Tannh&auml;userliede selber eine Verdammte, von welcher die
+ Strophe 4 sagt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Sie ist ob em G&uuml;rtel Milch und Bluet</p>
+
+ <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die
+ &ouml;ffentlichen Frauenh&auml;user Venush&auml;user genannt und
+ nach der einmal vorhandenen Namensverwechslung zugleich auch
+ Vrenenh&auml;user. Ein Stadtquartier Hamburgs mit einem besondern
+ H&uuml;gel, das den Dirnen zum Wohnorte angewiesen war, heisst
+ Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. Zu Basel war die
+ jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
+ Auss&auml;tzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies,
+ das Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess
+ beiderlei, Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach
+ in der Gauchmatt (ed. K. G&ouml;deke, S. 151):</p>
+ <!-- 154 --><a name="Page_154" id="Page_154"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>zuo Basel in der Malentz gassen</p>
+
+ <p>do hat sich fraw Venus nider glassen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Auch dieser Umstand dient uns zur Erkl&auml;rung einer
+ sonderbar lautenden Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen
+ die am Verenatag zu Zurzach begangene Kirchenprozession
+ einzuhalten hat, geht vom Stift zu der ausserhalb des Ortes beim
+ Rhein liegenden Moritzkapelle und f&uuml;hrt an einer alten Linde
+ vorbei, deren zerkl&uuml;fteter Stamm mit Ziegelsteinen
+ ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert
+ worden. An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten
+ das schon von der &auml;ltesten Legendenaufzeichnung
+ erw&auml;hnte Siechenhaus, das erst in diesen f&uuml;nfziger
+ Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
+ Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die
+ untersten Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft
+ nun nachmals der Landvogt von Baden zur Er&ouml;ffnung der
+ Zurzacher Dult im Flecken einritt, erwartete ihn unter dieser
+ Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen Tanz um den Baum
+ thun musste. Daf&uuml;r erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
+ gestiftet von jener K&ouml;nigin Agnes, die zum Seelenheile
+ Albrechts, ihres erschlagnen Vaters, das Kloster
+ K&ouml;nigsfelden bei Brugg erbaut hatte. Gerbert in seiner
+ Taphographie thut dieses also entstandenen "Metzentanzes"
+ ebenfalls Erw&auml;hnung, verlegt ihn aber f&auml;lschlich unter
+ die Linde des St&auml;dtchens Brugg, also dem Stifte
+ K&ouml;nigsfelden zun&auml;chst. So war Verena die Patronin der
+ Frauenh&auml;user und Metzen geworden.</p>
+
+ <p>Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrm&auml;rkte ist noch
+ nicht aufgehellt; Kaiser Sigismunds Best&auml;tigungsbrief und
+ Kaiser Friedrichs hernach wiederholte Approbirung nennt schon die
+ zwei dortigen Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach
+ Pfingsten beginnend, die andre mit dem zweiten Montag nach
+ Bartholom&auml;itag. Sie werden abwechselnd Dult und Messe
+ genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem latein.
+ indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
+ aus goth. dulds, ahd. tuld, <!-- 155 --><a name="Page_155" id=
+ "Page_155"></a> das in den Glossen als ein zur Zeit des Neumonds
+ begangenes Fest &uuml;bersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
+ entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit k&ouml;nnte die
+ Zurzacher Dult schon mit einem heidnischen Verenafeste
+ zusammengefallen sein, wie sie hernach mit dem christlichen Feste
+ daselbst wirklich und ausschliesslich zusammenhieng. Kirchen und
+ Kl&ouml;stern wurde fr&uuml;hzeitig das Marktrecht verliehen; die
+ Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die Elsasser Abtei
+ Selz seit 982, und daher r&uuml;hrt der andere Marktname Messe.
+ Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines
+ &ouml;rtlichen Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von
+ zahlreichen Pilgerz&uuml;gen besuchten Jahrmarkt. Alle
+ orientalischen Karavanenz&uuml;ge gehen von einer Tempelstadt aus
+ oder enden bei einer solchen; alle Jahrm&auml;rkte des
+ Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im
+ Worte Messe der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des
+ Gottesdienstes vereint liegt.</p>
+
+ <p>Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen,
+ welche h&auml;ute Venus heissen, ist urspr&uuml;nglich diese
+ wirklich zu suchen, und es ist bei unserem gegenw&auml;rtigen
+ Zwecke keineswegs &uuml;berfl&uuml;ssig zu zeigen, wie hierin das
+ so vielfach wiederkehrende Wortmissverst&auml;ndniss sich erzeugt
+ hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Tr&uuml;dinger beim
+ Dorfe Eib an der Rezat, n&auml;chst der Stadt Ansbach; er wohnt
+ hier auf dem Schlossberge auf dem Venibuck im Veniloch, Die
+ Eingebornen nennen diesen Ort Venesberg, allein auf dem
+ lithograph. neuen Steuerblatte steht er bereits als Venusberg
+ verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das Adelsgeschlecht der
+ Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb Regensburg am linken
+ Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt die Venus vor
+ einem gr&uuml;nen H&uuml;gel stehend. Anz. des German. Museums
+ 1860, 88. Das s&auml;chs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von
+ Wolkenstein, heisst urkundl. Fenigs- und Feinigsberg.
+ Gr&auml;sse, Sag. v. Tannh&auml;user, 18. Ein Finisloch,
+ ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. Lynker,
+ Hess. Sag. no. 152. <!-- 156 --><a name="Page_156" id=
+ "Page_156"></a> Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
+ f&uuml;hrt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf:
+ Bechstein, Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen
+ unm&ouml;glich alle dem Latein abgesehen sein k&ouml;nnen,
+ empfand schon Fischart, der in seiner Uebersetzung von Bodinus
+ D&auml;monomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei Breisach
+ berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
+ und herumtr&auml;gt; allein, f&uuml;gt er bei, man pflegt im
+ deutschen Volksliede den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses
+ wiederum aus jenem abzuleiten. Hier nun ist die richtige
+ Ableitung folgende. Aus dem romanischen Worte Fee (fatua), ein
+ weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, bildet sich der mhd. Name
+ Feine und aus diesem die Pluralform Feenesleute, wie die
+ Erdm&auml;nnchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 heissen.
+ Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatl&auml;nder Patois fort,
+ Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht
+ ins Rh&auml;tische &uuml;ber, denn im Kt. Glarus heissen die
+ Waldgespenster pluralisch Fayer, g&auml;lisch Fairys. Wird also
+ der Quarzfelsen auf der Spitze des Feldberges im Taunus
+ abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und Venusstein
+ genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als Feen
+ dorthin verw&uuml;nschten b&ouml;sen Geister bezeichnet und dass
+ sie Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe geh&ouml;rt
+ jedoch der Name des Grafen Rudolf von Fenis, ein
+ Minnes&auml;nger, &dagger; um 1196; dessen Burg beim Bernerdorfe
+ Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande gelegen ist; sein
+ und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, ableitend von
+ latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
+ &ouml;rtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.</p>
+
+ <p>Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend.
+ Vrene, die Liebesg&ouml;ttin, wird vom h&ouml;fischen Geschmacke
+ zur Venus antikisirt, durch die Kirche zur Patronin der
+ Siechenh&auml;user, durch die Zeitsitte zur Mutter der
+ Frauenh&auml;user erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
+ Spracheinfluss zur K&ouml;nigin der Feen gemacht, mit
+ <!-- 157 --><a name="Page_157" id="Page_157"></a> denen sie im
+ Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesg&ouml;ttin in ihrem
+ schattigen Lusthain (im Tann) hausende Gemahl heisst eben so
+ erkl&auml;rlich Tannhauser. Auf den bairisch-salzburgischen
+ Ritter und Minnes&auml;nger Tannhuser (&dagger; um 1266) darf,
+ obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
+ Urban ist (der IV. dieses Namens &dagger; 1268), schon deshalb
+ nicht geschlossen werden, weil sich die Tannh&auml;usersage, wenn
+ auch unter anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt.
+ Belege hief&uuml;r giebt Grimm Myth. 888.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_8_8" id=
+ "Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8">[8]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland C.</p>
+ </div><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href=
+ "#FNanchor_9_9">[9]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland A.</p>
+ </div><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href=
+ "#FNanchor_10_10">[10]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland B.</p>
+ </div><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href=
+ "#FNanchor_11_11">[11]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Nach Uhland C.</p>
+ </div><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href=
+ "#FNanchor_12_12">[12]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland A.</p>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 160 --><a name="Page_160" id="Page_160"></a> <a name=
+ "Teil_3" id="Teil_3"></a>
+
+ <h2>III. Gertrud mit der Maus,</h2>
+
+ <h3>die Allerseelenherrin.</h3><br>
+ <!-- 161 --><a name="Page_161" id="Page_161"></a> <a name=
+ "Teil_3_Abschnitt_1" id="Teil_3_Abschnitt_1"></a>
+
+ <p>Die heilige Gertrud, ahd. K&ecirc;redr&ucirc;d, tr&auml;gt den
+ heidnischen Namen einer germanischen Walk&uuml;re und
+ Speerjungfrau. Der mythologische Name Thr&ucirc;dhr bezeichnet
+ sowohl Th&ocirc;rs und Sifs Tochter, als auch eine der von der
+ Edda genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden
+ Schlachtjungfrauen. Das altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh,
+ bezeichnet das Mannweib, virago; Gertrud also ist eine Jungfrau,
+ die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt, wie unser jetziges
+ Wort Trude ebenfalls die den Schl&auml;fer auf die Brust tretende
+ Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, bezeichnet. Der
+ Trude ist daher der f&uuml;nfeckige Trudenfuss eigen, dessen
+ Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengefl&uuml;gelten
+ Walk&uuml;re entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird
+ im Polyptychon Irminonis (sec. 8) unter den fr&auml;nkischen
+ Frauen genannt; ebendaselbst eine Ermendrudis (Dienerin des
+ Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen Dienerin), eine
+ Electrudis (ahd. Alahtr&ucirc;d), die das Heiligthum, alah,
+ verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud,
+ Himildrud bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf
+ den Wolken tanzen, dass Regen f&auml;llt; eine ahd. Glosse bei
+ Graff 5, 522 &uuml;bersetzt trutari mit saltator, und jetzt noch
+ giebt der Volksglaube den Truden das Gesch&auml;ft, in der
+ Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu
+ m&uuml;ssen. Da die Walk&uuml;re zugleich die den Lebensfaden
+ spinnende Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie
+ den Speer gegen Rockenstab und Spindel, und so wird die hl.
+ Gertrud, <!-- 162 --><a name="Page_162" id="Page_162"></a> gleich
+ den G&ouml;ttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend
+ dargestellt, auf einem Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu
+ Rosse sitzend. Wie die eben genannten G&ouml;ttinnen mit ihrem
+ Erscheinen die Menschen zum Anbau des Kornes und Flachses
+ auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die
+ Fr&uuml;hlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr
+ den Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja
+ sich mit Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen
+ theilt, so wird Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr
+ Geleitsthier, die n&auml;chtlich w&uuml;hlende Maus, k&uuml;ndet
+ mit ihrem Erscheinen nicht bloss die Reife der Saat, sondern auch
+ Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge dessen vers&ouml;hnt man
+ die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man die
+ Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der S&uuml;ssen
+ M&auml;uschen b&auml;ckt.</p>
+
+ <p>Dies ist der &auml;usserliche Umriss dieser
+ heidnisch-christlichen Gestalt.</p>
+
+ <p>Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon
+ ihre &auml;lteste Legende in vielf&auml;ltigen
+ Widerspr&uuml;chen, die aus der Bem&uuml;hung entstanden sind,
+ die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger
+ unterzubringen. Ihr &auml;ltester Biograph ist ein M&ouml;nch in
+ Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658
+ erfolgten Todes: A. SS. sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das
+ brabanter Stift Nivelles, zwischen Br&uuml;ssel und dem
+ hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. Gemahlin Ita um
+ 640 gegr&uuml;ndet und wird von deren Tochter Gertrud als erster
+ Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung,
+ gleichfalls ein Niveller M&ouml;nch im 10. Jahrhundert,
+ erz&auml;hlt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen
+ Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier
+ l&auml;ngere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent
+ Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben
+ gef&uuml;hrt habe. Allein die Benediktiner f&uuml;gen dieser
+ Angabe hinzu, dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer
+ andern Heiligen desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt
+ <!-- 163 --><a name="Page_163" id="Page_163"></a> habe. Und so
+ gilt die hl. Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls
+ Tochter, welcher man dorten die Klostergr&uuml;ndungen und
+ Vergabungen zu Karleburg und zu Neustadt am Main beilegt, ja man
+ f&uuml;hrt daselbst noch eine dritte hl. Gertrud an, welche eine
+ Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und nachmalige Gattin des
+ K&ouml;nigs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von dem allen
+ ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen
+ fr&uuml;hzeitig eine volksth&uuml;mliche Verehrung genoss, und
+ dass man aus eben dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das
+ gr&ouml;sste deutsche Kaiserhaus ankn&uuml;pfte. Auch ihre
+ fr&uuml;hzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht ausser
+ Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig
+ Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im
+ Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8.
+ Jahrhundert angeh&ouml;rt, und das nach ihr benannte
+ Gertruidenburg am s&uuml;dlichen Ufer der Maas, das auf ihren
+ Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine
+ Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall
+ treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr
+ gegr&uuml;ndeten Kirchen mit den fr&uuml;hesten Anf&auml;ngen des
+ Christenthums in Deutschland zusammen.</p>
+
+ <p>Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In
+ der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderth&auml;tiges
+ Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen
+ aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, 25. In
+ holl&auml;ndischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den
+ Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches
+ stabil die Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich
+ als die Patronin der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied
+ "Sinte Geerteminne" trinken, um dadurch gute Herberge zu finden.
+ Wolf, Ndl. Sag. S. 434. Einen gleichen Stab, aber mit einem
+ Blumenkranz behangen, tr&auml;gt Gertrudens h&ouml;lzernes
+ Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. Panzer, BS. 2,
+ no. 246. Dieser Stab wird sich sp&auml;ter als ein Rockenstab,
+ der Blumenkranz als <!-- 164 --><a name="Page_164" id=
+ "Page_164"></a> das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte
+ des Gertrudenbuches, K&ouml;ln 1506, ist sie abgebildet am Rocken
+ spinnend, an welchem drei M&auml;use hinauflaufen; in ihr Kleid
+ sind Zauberzeichen eingewoben, zwei, Weihrauchf&auml;sser
+ schwingende Engel umschweben sie. Blunschi's Kalender aus der
+ Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der Krainische Bauernkalender
+ bezeichnen den 17. M&auml;rz, als den Gertrudentag, durch zwei
+ M&auml;uslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine
+ damit correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim
+ Namensb&uuml;chlein (edd. Strobel) lautet:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>so kumet die liebe sant Geretrud,</p>
+
+ <p>die so entschlief in gottes willen,</p>
+
+ <p>und stulen die ratten und miuse ir spillen</p>
+
+ <p>und trugen sie in ir miuseloch.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Auf einem Gem&auml;lde, das vordem im Strassburger
+ M&uuml;nster gewesen, auf das sich Schilter in seinen Anmerkungen
+ zu K&ouml;nighovens Chronik 571 beruft, war der Strassburger
+ Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, umschwommen von
+ M&auml;usen und &uuml;berragt von St. Gertrud. Von diesen beiden
+ in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe
+ und der Maus, wird nachher ausf&uuml;hrlicher die Rede sein;
+ f&uuml;r jetzt seien die landwirtschaftlichen und
+ b&uuml;rgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, die sich an
+ den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.</p><a name=
+ "Teil_3_Abschnitt_2" id="Teil_3_Abschnitt_2"></a>
+
+ <p>Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. M&auml;rz) sich
+ kn&uuml;pfenden Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am
+ Katharinentage) der Winter, und mit dem 17. M&auml;rz der
+ Fr&uuml;hling beginnen soll, so ziehen mit dem letzteren Termin
+ die Hausm&auml;use aufs Feld. Davon heisst es bei Lasicz:
+ Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud
+ lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am
+ Gertrudentag lauft die Maus den Rocken hinauf und beisst den
+ Faden ab. Schmeller, W&ouml;rtb. 2, 71. Mit diesem Tage werden
+ also die Spinnabende eingestellt und es beginnt die Gartenarbeit,
+ weshalb die Heilige auch als die erste G&auml;rtnerin
+ <!-- 165 --><a name="Page_165" id="Page_165"></a> verehrt ist.
+ Die Fr&uuml;hlingsw&auml;rme kommt, die Bienen nehmen ihren
+ Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden
+ folgende Spr&uuml;che;</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>S&uuml;nte Katherin</p>
+
+ <p>smitt den ersten St&ecirc;n in 'nen Rh&icirc;n.</p>
+
+ <p>S&uuml;nte Gerderut</p>
+
+ <p>t&uuml;ht ne wi'er herut. (Aus K&ouml;ln.)</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Sankt Gertraud</p>
+
+ <p>f&uuml;hrt die Kuh ins Kraut,</p>
+
+ <p>das Ross zum Zug,</p>
+
+ <p>die Bienen zum Flug.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Gerdrut</p>
+
+ <p>geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem
+ Waldeckischen.)</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Sant Gertrud</p>
+
+ <p>S&auml;it Zibel&auml; und Chr&ucirc;t.
+ (Schweizerisch.)</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese
+ Kalenderregeln, wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke
+ ausdehnt und diese als im Dienste Gertrudens stehend aufweist.
+ Alle drei werden von der Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist
+ gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. Merzaf&uuml;lli, d.i. Fohlen;
+ Gertrudentag f&auml;llt auf 17. M&auml;rz und die Bauernpraktika
+ sagt: Schreit der Kukuk fr&uuml;h im M&auml;rz, so giebts einen
+ guten Fr&uuml;hling.</p>
+
+ <p>Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und
+ erz&auml;hlt von ihm folgendes M&auml;rchen, enthalten in
+ Asbj&ouml;rnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, no. 2. Christus und
+ Petrus erscheinen reisem&uuml;de und hungrig bei einer
+ brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube
+ trug. Auf Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die
+ Backpfanne und thats &uuml;bers Feuer, doch das Bischen gieng
+ sogleich hoch auf und f&uuml;llte das ganze Geschirr. Dieser
+ Kuchen war ihr f&uuml;r ein Almosen zu gross; zum zweiten male
+ nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe
+ Gr&ouml;sse, und als nun zum dritten male dasselbe geschah,
+ sprach das Weib: Ihr m&uuml;sset ohne Almosen gehen,
+ <!-- 166 --><a name="Page_166" id="Page_166"></a> all mein
+ Geb&auml;cke wird zu gross f&uuml;r euch! Zur Strafe
+ verw&uuml;nschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der
+ noch ihre rothe Haube tr&auml;gt und kohlschwarz ist wie sie, als
+ sie zum Schornstein hinausfuhr. Best&auml;ndig hungernd hackt sie
+ nach Futter in die Baumrinde.&mdash;Dieselbe Sage in deutscher
+ Version lautet bei Simrock, Myth. 3, 23 also: Christus gieng an
+ einem Beckerladen vor&uuml;ber, wo frisches Brod duftete, und
+ sandte einen der J&uuml;nger hin, um ein St&uuml;ck zu erbitten.
+ Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren
+ sechs T&ouml;chtern von ferne stand, gab es heimlich her.
+ Daf&uuml;r sind diese zusammen als das Siebengestirn an den
+ Himmel versetzt, der Becker aber ist zum Kukuk geworden. In
+ Pr&auml;torius Weltbeschreibung und darnach in Grimms Myth. 641
+ wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur theuern
+ Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott den
+ Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei
+ gerufen: Guck! guck! (ei sieh!) Daf&uuml;r ist er in einen
+ Raubvogel verwandelt, der unaufh&ouml;rlich dieses Geschrei
+ wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt hier&uuml;ber folgende
+ Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe ein
+ Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer
+ daf&uuml;r, als man auf des Kindes flache Hand hinz&auml;hlen
+ k&ouml;nne. Das B&uuml;blein gieng darauf ein und machte sein
+ hingestrecktes H&auml;ndchen immer hohler und schmaler. Da die
+ Alte nun in ihrem Z&auml;hlen gar nicht fertig werden wollte,
+ noch ein Pl&auml;tzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu
+ suchen, so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So
+ flieg und ruf Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.</p>
+
+ <p>So wird hier der Specht, urspr&uuml;nglich ein
+ nahrungsspendender Bote Gottes, ein die Nahrung hartherzig
+ verweigernder Theuerungsgeist und geht in die Gestalt des
+ gleichfalls eigenn&uuml;tzig gefassten Kukuk &uuml;ber. Daher
+ heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer
+ verw&uuml;nschter Beckerknecht und trage davon sein fahles,
+ mehlbestaubtes Gefieder. Dies besagen die nachfolgenden
+ Kinderspr&uuml;che:</p><!-- 167 --><a name="Page_167" id=
+ "Page_167"></a>
+
+ <p>Kukuk stahl Weggen.<a name="FNanchor_13_13" id=
+ "FNanchor_13_13"></a><a href=
+ "#Footnote_13_13"><sup>[13]</sup></a>&mdash;Kukuk,
+ Beckenknecht!<a name="FNanchor_14_14" id=
+ "FNanchor_14_14"></a><a href=
+ "#Footnote_14_14"><sup>[14]</sup></a>&mdash;Kukuk,
+ Speckbub!<a name="FNanchor_15_15" id=
+ "FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15"><sup>[15]</sup></a>&mdash;Kukuk,
+ schniet Speck up!<a name="FNanchor_16_16" id=
+ "FNanchor_16_16"></a><a href=
+ "#Footnote_16_16"><sup>[16]</sup></a>.&mdash;Der Gugger uf em
+ d&uuml;rre Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.<a name=
+ "FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href=
+ "#Footnote_17_17"><sup>[17]</sup></a> Der Sauerklee, Oxalis
+ acetosella, der zur nemlichen Zeit bl&uuml;ht, da des Kukuks Ruf
+ ert&ouml;nt, heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen
+ Schweiz Guggerbrod, franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo,
+ romansch paun e casch&ouml;l cucu (Butterbrod), und weil seine
+ s&auml;uerlichen Bl&auml;ttchen von den Kindern genascht werden,
+ auch Herrgottens&uuml;pple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das Brod,
+ 1868, 6. Auch die s&uuml;ssen Keime des Habermarks (Tragopogon)
+ heissen Guggichbr&ouml;dle.</p>
+
+ <p>Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und
+ Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter
+ Fastenzeit um Ostern b&auml;ckt, mit Speckw&uuml;rfeln belegt und
+ Speckw&auml;hen benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt,
+ weil er nur so lange seinen Ruf ert&ouml;nen l&auml;sst, als die
+ Br&uuml;tezeit dauert und er die Eier andrer V&ouml;gel
+ auss&auml;uft. Ist diese Zeit vor&uuml;ber und es beginnt die
+ Reife der Fr&uuml;hkirschen, so sieht er auch diese, heisst es,
+ in seiner Gier f&uuml;r buntgesprenkelte Eier an und frisst deren
+ so viele, dass ihm die Stimme verf&auml;llt und er nur noch
+ heiser ruft. Die Sage von der durch ihn erregten Theuerung
+ kn&uuml;pft sich an sein zeitweilen versp&auml;tetes Erscheinen
+ und an sein &uuml;ber die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die
+ oberfr&auml;nkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei
+ langem Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS.
+ 2, no. 285. Er soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am
+ Himmel steht, in welches jene Beckerin mit ihren T&ouml;chtern
+ verwandelt ist; das ist bis Ende Juni. Die appenzeller
+ Bauernregel sagt hier&uuml;ber: Wenn d'Henne abw&auml;rts
+ g&ouml;nd, schl&ocirc;t s'Brod ab, wenn s'&ucirc;fw&auml;rts
+ <!-- 168 --><a name="Page_168" id="Page_168"></a> g&ouml;nd,
+ schl&ocirc;t 's &ucirc;f. H&auml;lt der Vogel diese Frist nicht
+ mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen Opfer er selber
+ zuerst wird; hievon erz&auml;hlt folgender venetianer Spruch:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Am achten des Aprils,</p>
+
+ <p>da soll der Kukuk kommen;</p>
+
+ <p>Kommt er am achten nicht,</p>
+
+ <p>so ist er todt oder gefangen.</p>
+
+ <p>Kommt er am zehnten nicht,</p>
+
+ <p>so h&auml;ngt er gefangen im Zaun.</p>
+
+ <p>Und kommt er am zwanzigsten nicht,</p>
+
+ <p>so ist er gefangen im Korn;</p>
+
+ <p>Und kommt er am dreissigsten nicht,</p>
+
+ <p>so ass ihn der Hirt mit Polenta.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Weil mit des Kukuks zeitgem&auml;ssem Erscheinen zugleich der
+ Anbau in der ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in
+ schw&auml;bisch Mundingen Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl.
+ Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und daraus erkl&auml;rt sich
+ vollst&auml;ndig der Schwabenstreich des St&auml;dtchens
+ Haiterbach, welches gegen die versp&auml;tete Ankunft des Vogels
+ Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller
+ Spruch bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger gr&uuml;ene
+ Haber schnelle (anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden
+ her, so bringt er in Z&uuml;rich einen sauern Wein; fliegt er den
+ Wohnh&auml;usern zu nahe, eine Jahrestheuerung (Gessner's
+ Thierbuch, Von den V&ouml;geln LXXI). H&auml;lt er den richtigen
+ Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um
+ Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er
+ beides bis in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft
+ ihm der Schwabe zu, in Meiers Kinderreim. no. 87:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Schrei sie mir in Deckelkr&auml;be</p>
+
+ <p>Wie viel Jahr darf ich noch lebe?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie
+ Specht und Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die
+ Lebensdauer verk&uuml;ndendes Thier ist und im Dienste Gertrudens
+ gestanden hat;<a name="FNanchor_NACHTRAG_4_25" id=
+ "FNanchor_NACHTRAG_4_25"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_4_25"><sup>[Nachtrag 4]</sup></a> man ruft
+ ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f.
+ Myth. 3, 222):</p><!-- 169 --><a name="Page_169" id=
+ "Page_169"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Kukuk, Kukuk, Gerderut:</p>
+
+ <p>st&auml;ck d&icirc;ne v&ecirc;r H&ouml;rns herut!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Um so besser stehts um das berufende Kind, je p&uuml;nktlicher
+ ihm die Schnecke ihre vier F&uuml;hler zeigt; es erkrankt, wird
+ kreuzlahm, wenn es in die F&uuml;hler zwickt. Alemann. Kinderl.
+ S. 97. Aus G&ouml;thes Lied Fr&uuml;hlingsorakel ist die Sitte
+ allbekannt, nach der Zahl der im April geh&ouml;rten ersten
+ Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und der
+ Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass
+ man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine
+ Weissagung ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel,
+ westf&auml;lisch der Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs
+ Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht man:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gugguger im Sessel,</p>
+
+ <p>Gieb mir dein Geld zu lesen,</p>
+
+ <p>Will dein Geld dir wieder geben,</p>
+
+ <p>Sag, wie viel Jahr thu ich leben?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118.
+ In Sommers Th&uuml;ring. Sag. no. 9 kommt in den Zw&ouml;lften
+ unter wunderbarem, weit vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die
+ Luft geflogen, welche die Gestalt einer gew&ouml;hnlichen Taube
+ hat, aber an ihren F&uuml;sschen ein kleines Schilfst&uuml;hlchen
+ mittr&auml;gt, das sie, wenn sie m&uuml;de wird, auf den Boden
+ stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst ber&uuml;hrt die Erde
+ nie, wo sie aber das St&uuml;hlchen hinsetzt, da gr&uuml;nt und
+ bl&uuml;ht es im folgenden Sommer am sch&ouml;nsten und
+ fruchtbarsten. Am Morgen des Dreik&ouml;nigtages wird die Taube
+ wieder zur Frau. Hier ist der Fr&uuml;hlingsbote, Kukuk oder
+ Taube, die ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg
+ die G&ouml;ttermutter, die nach Paulus Diaconus Frea heisst und
+ neben dem Gemahl Gwodan auf dem goldnen Thron in Walhalla sitzt.
+ Als Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin steht Freyja-Frigg der grossen
+ Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai
+ Vrym&auml;nd. Compte rendu, Bruxelles 1843.</p>
+
+ <p>VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2,
+ 243.</p><!-- 170 --><a name="Page_170" id="Page_170"></a>
+
+ <p>Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu
+ rufen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gugger uf em gr&uuml;ene Ast,</p>
+
+ <p>Du, mi liebe, sch&uuml;eche Gast:</p>
+
+ <p>Gugg mer doch, bis au so guet,</p>
+
+ <p>Wie m&auml;ngis Jahr no han i z'guet?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wer w&auml;hrend dem ungerades Geld bei sich tr&auml;gt und
+ auf den Sack schl&auml;gt, dem geht es das Jahr &uuml;ber nicht
+ aus, eine Volksmeinung, von welcher der Berner Volksdichter G.J.
+ Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar also reden
+ l&auml;sst:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Hans gh&ouml;rt di z'erst, er gryft i Sack</p>
+
+ <p>u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),</p>
+
+ <p>dass i kei Batze by mer ha,</p>
+
+ <p>jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"</p>
+
+ <p>Un Aenni lost und fraglet di:</p>
+
+ <p>Wie m&auml;ngs Jahr &auml;cht no leben i?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der
+ Z&uuml;rcher Chirurg Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbes&auml;gnen,
+ Z&uuml;rich 1646, 13: "Vnd da der guckguck F&uuml;nffe
+ herf&uuml;r geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb
+ anders nichts, dann das sy noch f&uuml;nff jahre zu leben hette.
+ Sie fiel aber bald in eine schw&auml;re krankheit und da sie zum
+ sterben sich zuzer&uuml;sten vermanet worden, wolte sie nicht
+ dran, dann der guckguck hette jhren anders verheissen. Vnd ob es
+ gleichwol mit jhren auff dem letzten gepfiffen, bliebe sie doch
+ jmmer auff jhrer meinung und als sie jetz kein wort mehr reden
+ kondte, streckte sie noch f&uuml;nft finger auff, andeutende,
+ dass sie, nach des guckgucks gesang noch f&uuml;nff jahr zu leben
+ habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"</p>
+
+ <p>Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht,
+ sagt man, der h&ouml;rt auch den Kukuk nicht mehr; was man
+ verw&uuml;nschen will, das soll des Kukuks werden, sich zum Kukuk
+ scheren. Der die Lebensdauer weissagende Vogel wird also damit
+ zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache bringt den Tod
+ ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der Trauer
+ gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem
+ Glauben <!-- 171 --><a name="Page_171" id="Page_171"></a>
+ verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet
+ daher auf den h&ouml;lzernen Grabkreuzen in Serbien so viele
+ Kukuke abgebildet, als Angeh&ouml;rige um einen Todten trauern,
+ und von einem Serbenm&auml;dchen, dem der Bruder gestorben war,
+ wird erz&auml;hlt, dass es nie mehr habe den Kukuksruf h&ouml;ren
+ k&ouml;nnen, ohne nicht in heftiges Weinen auszubrechen.
+ Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. 317.
+ Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos
+ Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino
+ beim Fr&uuml;hlingsbade ertrunken, im n&auml;chsten
+ Fr&uuml;hjahre:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Aelter wird mein Ellenbogen,</p>
+
+ <p>Schw&auml;cher wird mein Handgelenke,</p>
+
+ <p>Ja, der ganze K&ouml;rper zittert,</p>
+
+ <p>Wenn des Kukuks Ruf ich h&ouml;re!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem
+ &auml;ltesten Mythus &uuml;berein. Altpolnisch hiess der Kukuk
+ Zywie und war ein verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum
+ hunc universi moderatorem transfigurari in cuculum. Myth. 643.
+ Dasselbe behauptet auch das griech. und r&ouml;mische Alterthum
+ vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und eine S&auml;ule
+ dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus der
+ Zeus (&Pi;&#8150;&kappa;&omicron;&sigmaf; &#8001;
+ &Zeta;&epsilon;&#8059;&sigmaf;), und ebenso hatte er nach
+ altr&ouml;mischer Mythe die ausgesetzten Zwillingss&ouml;hne des
+ Mars, Romulus und Remus, aufge&auml;sst und hiess davon Picus
+ Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein Name "der
+ Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die ber&uuml;hmte
+ Springwurzel, vor welcher die Th&uuml;ren der Schatzkammern und
+ Gef&auml;ngnisse aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine
+ Jungen mit ihr zu f&uuml;ttern, l&auml;sst er sie von dem Baume
+ fallen, unter den man ein rothes Tuch breitet. Wer sie dann in
+ den Mund nimmt, versteht aller V&ouml;gel Sprache. Wie Zeus sich
+ in den Kukuk verwandelt und sich auf den Scepterstab der Here
+ setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab weissagend gesessen
+ haben; dieser Stab selbst wird theils zur erl&ouml;sendem
+ Springwurzel, <!-- 172 --><a name="Page_172" id="Page_172"></a>
+ theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in Gold.
+ Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,
+ der sp&auml;hende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl.
+ spechtes-hart), welcher der Schauplatz war von Gertrudens
+ Th&auml;tigkeit in Ostfranken, und so heisst das Thier mit
+ wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.</p>
+
+ <p>Wie diese eben beschriebnen Fr&uuml;hlingsthiere, weil sie
+ d&auml;monische sind, aus Gl&uuml;cksboten sich in vorahnende
+ Todesboten verkehren, so geschieht dies vornemlich mit Gertrudens
+ besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die Seelen der Abgeschiedenen
+ werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich da entweder in gute
+ oder in b&ouml;se Elbe zu verwandeln; als solche erscheinen sie
+ hierauf wieder als sch&auml;digende oder als bescherende
+ M&auml;use. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung
+ nehmen wir nunmehr in Ausf&uuml;hrung.</p><a name=
+ "Teil_3_Abschnitt_3" id="Teil_3_Abschnitt_3"></a>
+
+ <p>Wie Holda-Berchta die unm&uuml;ndig Verstorbenen, und
+ Valfreyja die in der Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben
+ nach &auml;lterem Kirchenglauben die Seelen der Abgeschiedenen
+ ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu nehmen. Hievon handelt
+ eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm Myth. 54 citirt:
+ Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc prima nocte
+ pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum archangelis,
+ sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. Erweitert
+ findet sich dieser merkw&uuml;rdige Glaubenszug in Nik. Gryse's
+ niederd. <i>Spegel</i>, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier-
+ und Kr&auml;uterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de
+ Seele vth dem Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge
+ hebben by S. Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke
+ gemeinlyken vor de D&ouml;re der groten Stede gebuwet syn; und
+ darn&acirc; moth se &#367;uer dat Leuuer-Meer. Dieser hier das
+ Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin schon
+ erw&auml;hnten M&uuml;nstergem&auml;lde dargestellt, das den
+ Bischof Wilderolf und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in
+ der Sage von Hattos M&auml;usethurm zum Rheinstrom. Hievon
+ <!-- 173 --><a name="Page_173" id="Page_173"></a> sp&auml;ter.
+ Gertrudens Kirche und die von den Geistern darin abgehaltene
+ Todtenmesse spiegelt sich ab in der N&uuml;rnberger Sage von der
+ Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, an dem dieser
+ Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe verhehlt
+ hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe
+ und auch Gertraud &uuml;berlebte ihn nicht lange. Drei Wochen
+ nach diesem letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die
+ Wittwe Imhof vor Tag in die Fr&uuml;hmesse nach St. Lorenz, hier
+ aber befiel sie der unheimliche Eindruck, als w&auml;ren statt
+ der Gemeinde und Geistlichkeit lauter Verstorbene versammelt. Als
+ sie nun, um anzufragen, aus ihrem Stuhle trat und eine vor ihr
+ knieende Jungfrau leise auf die Schulter klopfte, erkannte sie in
+ dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin Gertraud. Auf deren
+ Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie ihren Mantel
+ vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins
+ Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar
+ gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Sch&ouml;ppner, Sagb.
+ no. 1147. Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen
+ N&uuml;rnberger Patrizierin geworden, welche &uuml;ber das stumme
+ Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, allein Auskunft zu geben
+ vermag, deren Herzenszug aber noch immer die Liebe ist zu dem
+ ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walk&uuml;re
+ liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde
+ Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die
+ Abgeschiedenen die Gestalt von M&auml;usen annehmen.</p>
+
+ <p>Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie
+ erscheint als Weisse Maus. M&uuml;ller-Schambach,
+ Nieders&auml;chs. Sag. S. 269; dazu ebendas. no. 7. 264.
+ L&uuml;becks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche
+ abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie
+ sei ein Weib gewesen, die &uuml;ber dem Wunsche, niemals zu
+ sterben, zu mehrhundertj&auml;hrigem Alter kam, zur Gr&ouml;sse
+ einer Maus zusammenschrumpfte und unter einem Glask&auml;stchen
+ in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. Bechstein
+ <!-- 174 --><a name="Page_174" id="Page_174"></a> DSagb. no. 212.
+ Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen Seher Tiresias,
+ der f&uuml;nf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und nach
+ seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,
+ Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im G&ouml;the'schen Faust
+ schildert das pl&ouml;tzliche Ende der gespenstischen
+ T&auml;nzerin: "Mitten im Gesange sprang ein weisses
+ M&auml;uschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden
+ sich folgende S&auml;tze. Wenn der von Gemeinde wegen
+ aufgestellte Feldmauser drei weisse M&auml;use f&auml;ngt und
+ t&ouml;dtet, so kommt er in die H&ouml;lle. Wer eine weisse Maus
+ qu&auml;lt, dem fressen die &uuml;brigen das Korn von der
+ Sch&uuml;tte. Vor der franz&ouml;s. Invasion 1798 waren im
+ Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, wo die Schildwache stand, in
+ jeder Nacht auf Himmelfahrt zw&ouml;lf weisse M&auml;use zu
+ erblicken, die man f&uuml;r zw&ouml;lf verw&uuml;nschte
+ Rathsherren hielt; so erz&auml;hlt uns die Bauernfrau Schenker
+ aus solothurnisch D&auml;niken.&mdash;Weisse M&auml;use,
+ berichtet V. Grohman &uuml;ber B&ouml;hmen, geniessen in diesem
+ Lande eine Art religi&ouml;ser Verehrung, man macht ihnen ein
+ Lager zwischen den Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit
+ ihnen das Gl&uuml;ck des Hauses sterbe. Ein Nest weisser
+ M&auml;use zu finden ist nur Sache eines Sonntagskindes. Auf
+ Schloss Drazic werden sie eigens gez&uuml;chtet, und l&auml;sst
+ man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so sch&uuml;ttet da das
+ Getreide um die H&auml;lfte mehr als sonst. Wer eine Maus
+ zertritt, der f&uuml;hrt den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol.
+ Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, von dessen Ausfall man
+ tr&auml;umt, um so n&auml;her verwandt der Freund, dessen Tod
+ drauf erfolgt (Aargau).<a name="FNanchor_18_18" id=
+ "FNanchor_18_18"></a><a href=
+ "#Footnote_18_18"><sup>[18]</sup></a> Dem Aberglauben gelten auch
+ die rothen M&auml;use in einem &auml;hnlichen Sinne. Der Zauberer
+ in Obermumpf vermochte einem mit offnem Munde Schlafenden als
+ rothes M&auml;uschen <!-- 175 --><a name="Page_175" id=
+ "Page_175"></a> bis ins Herz hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag.
+ 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der niederd. Pfarrer
+ M&auml;nnling in seinen Curiosit&auml;ten, Frkf. 1713: "Ists
+ nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden l&auml;sst,
+ die Seele des Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man
+ schlafe, aus dem Munde heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen
+ von in Gestalt der M&auml;use auswandernden Seelen wollen wir nun
+ folgen lassen.</p>
+
+ <p>Einer th&uuml;ringer Magd, die in der Gesindestube &uuml;ber
+ der Arbeit entschlafen ist, kommt ein <i>rothes M&auml;uschen</i>
+ zum Munde heraus und geht durchs offenstehende Fenster davon. Ein
+ mit zuschauendes Dienstm&auml;dchen r&uuml;ttelt die Schlafende
+ von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu k&ouml;nnen. Das
+ M&auml;uschen kehrte hierauf zur&uuml;ck, suchte hin und her nach
+ der vorigen Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt.
+ Nun aber erwachte die Schlafende nicht wieder, sondern blieb
+ todt. Grimm, DS. 1, S. 335. In Gestalt eines <i>weissen
+ M&auml;uschens</i> kommt der Alb durchs Schl&uuml;sselloch ins
+ Schlafzimmer und dr&uuml;ckt den Sohn. Die Mutter, welche
+ vorsorglich schon ein Tuch &uuml;ber die Brust des Schlafenden
+ gebreitet hat, legt es nun, da sie ihn st&ouml;hnen h&ouml;rt, an
+ den vier Enden zusammen, thuts in die Schublade der Kommode und
+ l&auml;sst den Schl&uuml;ssel dran stecken. In derselben Stunde
+ war im Nachbarorte ein M&auml;dchen pl&ouml;tzlich gestorben und
+ sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der
+ Sohn, der seit dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten
+ zuf&auml;llig den Schl&uuml;ssel von der Schublade abzog, worin
+ jenes Tuch lag. Sogleich schlupfte ein weisses M&auml;uschen
+ durchs Schl&uuml;sselloch und lief zur Th&uuml;r hinaus.
+ Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen
+ wollen, als ein M&auml;uschen zur Th&uuml;re herein und in den
+ Mund der Leiche gelaufen kam, diese &ouml;ffnete die Augen und
+ geh&ouml;rte wieder dem Leben an. Wolf, Hess. Sag. no. 95.
+ Dieselbe Begebenheit in Sommers Th&uuml;ring. Sag. no 40. In
+ gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen
+ geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat
+ er das <!-- 176 --><a name="Page_176" id="Page_176"></a>
+ Schl&uuml;sselloch der Kammerth&uuml;re verstopft, so sieht er
+ statt der Maus ein wundersch&ouml;nes M&auml;dchen splitternackt
+ hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. 96. Kuhn, Westf&auml;l. Sag.
+ no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem Harze seinen
+ Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus seinem
+ Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten
+ Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zur&uuml;ck.
+ Alsdann wachte der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog
+ rasch seinen Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er
+ nie vergeblich, denn sicher hatte er jedesmal durch die Maus
+ Nachricht erhalten, dass die Knappen falsch gearbeitet oder gar
+ die Grube verlassen hatten. Pr&ouml;hle, Harzsagen 1, S. 68. Die
+ Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der Mittagsrast
+ einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich einer
+ Wiesel, aus seinem Munde dem n&auml;chsten B&auml;chlein
+ zugelaufen und will hin&uuml;ber. Der zuschauende Knecht legt
+ sein entbl&ouml;sstes Schwert wie eine Br&uuml;cke &uuml;ber den
+ Graben, das Thierlein geht dar&uuml;ber hin und verschwindet.
+ Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die
+ vorige Br&uuml;cke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht
+ sein Schwert weggethan. Also br&uuml;ckte dieser ihr abermals,
+ das Thierlein kam her&uuml;ber, n&auml;herte sich dem Schlafenden
+ und kehrte in seine vorige Herberge ein. Als die Spiessgesellen
+ den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe begegnet,
+ antwortete er: Mir tr&auml;umte, ich w&auml;re gar m&uuml;d und
+ hellig von wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf
+ dem Wege musste ich zweimal &uuml;ber eine eiserne Br&uuml;cke.
+ Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als Wiesel f&auml;hrt die Seele
+ eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. Sag. no. 98. Der
+ Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von Paulus
+ Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenk&ouml;nig Guntram,
+ dessen Seele in eines Schl&auml;ngleins Gestalt aus des
+ Schlafenden Munde kommt, auf einem Schwerte den Bach
+ &uuml;berschleicht, in einen Berg schlieft und r&uuml;ckkehrend
+ &uuml;ber die n&auml;mliche Schwertbr&uuml;cke in den Mund
+ <!-- 177 --><a name="Page_177" id="Page_177"></a> des K&ouml;nigs
+ zur&uuml;ck geht. Der Erwachende erz&auml;hlt, vom grossen Flusse
+ mit Eisenbr&uuml;cken getr&auml;umt und im hohlen Berge den Hort
+ der Ahnen erblickt zu haben. Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no.
+ 433).<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href=
+ "#Footnote_19_19"><sup>[19]</sup></a> Einige &auml;hnliche Sagen
+ aus B&ouml;hmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22.
+ Die ausfahrende Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an,
+ zumal gefl&uuml;gelter. Aus dem Munde schlafender Hexen bricht
+ eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. 408), eine Hummel, Wespe,
+ ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, und Vonbun,
+ Beitr&auml;ge 2, 83. So viel von den M&auml;usen als ausfahrenden
+ und umwandernden Menschenseelen. Sind die M&auml;use damit
+ Geister, so k&ouml;nnen sie sowohl Segens- als auch Rachegeister
+ werden, den Freund besch&uuml;tzen und den Feindseligen
+ vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen &uuml;berhaupt den
+ V&ouml;lkern allgemein zum Omen. Das Gleichg&uuml;ltigere sei
+ hier wiederum vorangestellt, um zum historisch Wichtigen
+ emporzuf&uuml;hren. Unser &uuml;belverstandner Ausdruck maustodt,
+ anstatt mhd. murztot, holl&auml;nd. morsdood, spielt auf Maus und
+ Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause auf den Tod des
+ Hausherrn gedeutet wird. Tr&auml;umt man von M&auml;usen, so wird
+ es n&auml;chstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der
+ Zimmerwand, so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so
+ betrifft den Schl&auml;fer schon am Morgen Unheil; nagt sie an
+ seinem Kleide, so stirbt dieser bald. Verlassen s&auml;mmtliche
+ M&auml;use mit einem Male das Haus, so ist dies mit Aussterben
+ bedroht; man sagt: viel M&uuml;s, wenig L&uuml;t. Salom. Landolt,
+ Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:</p>
+ <!-- 178 --><a name="Page_178" id="Page_178"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Aberglaube redt re noh,</p>
+
+ <p>(Me cha zwar uf das G'schw&auml;tz nid goh,</p>
+
+ <p>Glaubt' i's, i m&uuml;esst mi sch&auml;me):</p>
+
+ <p>Verl&ouml;i die Fr&uuml;ndi d'Wohnig ganz,</p>
+
+ <p>Geb's i dem Hus en andre Tanz,</p>
+
+ <p>Das heisst, es g'hei bald z's&auml;me.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>M&auml;use verk&uuml;ndeten den Ausbruch des marsischen
+ Krieges, als sie die Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den
+ Tod des Feldherrn Carbo, als sie dessen Schuhriemen zerbissen.
+ Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, 82. Als die
+ Philist&auml;er die Bundeslade geraubt und in Dagons
+ G&ouml;tzentempel aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der
+ Beulenpest und ihre Felder mit dem M&auml;usefrasse (percussit
+ inimicos in posteriora. Psalm 77, 66). Nach sieben Monaten
+ lieferten sie die Arche wieder zur&uuml;ck und &uuml;bersandten
+ dazu in einem K&auml;stlein als S&uuml;hnkleinode f&uuml;nf
+ goldne M&auml;use und f&uuml;nf goldne Aerse, beides nach er Zahl
+ der mit der Doppelplage heimgesucht gewesnen philist&auml;ischen
+ Landschaften. 1. Sam. 6, 4. Aehnliche S&uuml;hnbilder sind dem
+ ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der Priesterk&ouml;nig
+ Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt daf&uuml;r eine
+ Bilds&auml;ule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot
+ 2, 141. Vergoldete Aehren und goldne M&auml;use wurden der
+ ph&ouml;nizischen Ceres zum S&uuml;hnopfer gebracht. Welcker,
+ Griech. G&ouml;tterl. 1, 484. Im kretensischen und im
+ &auml;olischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine
+ Feldmaus, M&uuml;nzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil
+ und der Maus dar, sowie auch eine M&uuml;nze von Metapont die
+ sechszeilige Gersten&auml;hre zugleich mit der Wanderheuschrecke
+ und der Maus aufweist. O Heer, Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst
+ Athene, wie man sie auf Gemmen dargestellt sieht (Tassie no.
+ 1585), tr&auml;gt die Maus auf dem Brustharnisch oder auf der
+ Schulter. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 22. In
+ allen diesen Sinnbildern ist mithin die Pestseuche an den
+ Misswachs, dieser an den M&auml;usefrass gekn&uuml;pft, und die
+ agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus
+ dargebrachte Opfer an und heben die herschenden Uebel
+ <!-- 179 --><a name="Page_179" id="Page_179"></a> auf, indem sie
+ die M&auml;use vertilgen. Dieselbe Abh&uuml;lfe wird nun aber
+ auch durch die hl. Gertrud gew&auml;hrt, welche, indem sie die
+ M&auml;useplage aufhebt, zugleich die Seuchen abwendet. So lange
+ schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu baierisch
+ Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die
+ Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin geh&ouml;rt die
+ allbekannte Sage vom Rattenf&auml;nger zu Hameln. Da sich an sie
+ die Geschichte von der magischen Pfeife kn&uuml;pft, mit deren
+ Tone die M&auml;use vertrieben werden, und hiervon noch
+ sp&auml;ter bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen Erntenudel
+ wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner
+ Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der
+ Bezauberten Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula
+ Hamelensis nacherz&auml;hlt. Als die Stadt Hameln a.d. Weser im
+ J. 1284 mit einem Haufen M&auml;use und Ratten geplagt war, die
+ alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem fremden Mann
+ &uuml;berein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen
+ Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife
+ hervor und sowie er darauf spielte, kamen die M&auml;use aus den
+ Hauswinkeln, D&auml;chern und Dachrinnen zu Haufen hervor und
+ folgten ihm zur Weser. Er trat sein Kleid aufsch&uuml;rzend in
+ den Strom, die Thiere ihm nach und ertranken. Nach verrichteter
+ Sache begehrte er den bedungenen Lohn. Allein die B&uuml;rger
+ waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am folgenden
+ Mittag wieder, diesmal in J&auml;gertracht, sein Hut war
+ purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender L&auml;nge, und
+ nun spielte er eine andere, von der gestrigen weit verschiedene
+ Pfeife. Da liefen ihm binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt
+ zu, vom vierten bis zum zw&ouml;lften Altersjahre, die
+ f&uuml;hrte er, 130 an der Zahl, in eine H&ouml;hle des vor dem
+ Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem
+ wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen
+ weit unter der Erde fort his nach Siebenb&uuml;rgen und dorten
+ erst wieder ans Licht gef&uuml;hrt; denn seitdem spricht man in
+ diesem Lande nieders&auml;chsisch.&mdash;So <!-- 180 --><a name=
+ "Page_180" id="Page_180"></a> lassen sich auch in Wolfs Hess.
+ Sag. no. 14 die Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles
+ Gewitter, durch einen Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie
+ ihm aber den Lohn daf&uuml;r vorenthalten, ist der Ameisen- und
+ Grillenregen nebst dem M&auml;useheere wieder da. Von neuem wird
+ der Mann berufen, nun kommen jedoch auf seinen Pfiff alle Schafe
+ und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, und zuletzt alle
+ Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben verloren.</p>
+
+ <p>Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe
+ Drancyles-Nouis lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der M&ouml;nch
+ Angionini mit dem Erbieten erschien, den Ort von seinen Ratten
+ und M&auml;usen zu befreien. Er lockte alle diese Thiere in einen
+ Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den versprochnen Lohn
+ vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle Zuchtthiere
+ des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und G&auml;nse, um ihn
+ sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag.
+ 392. Die Uebereinstimmung dieser Erz&auml;hlungen lehrt, dass die
+ M&auml;use, weil sie Geister sind, nur dem magischen Ton der
+ Pfeife gehorchen und damit hinweggelockt werden. Wie man mit der
+ Bastpfeife im Fr&uuml;hling den Fruchtkeim in die Pflanze zu
+ blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); wie der Seefahrer dem
+ Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende Maus werde durch
+ sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du singst mir
+ alle M&auml;use aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit
+ singenden Kinde. Zur Vertreibung der M&auml;use bedient man sich
+ folgenden Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte
+ schneidet man ein Pfeifchen und umgeht damit blasend am
+ Charfreitag das Haus, oder man h&auml;ngt dem gefangnen Thiere
+ ein Gl&ouml;ckchen an und l&auml;sst es laufen; es springt aus
+ dem Hause und alle &uuml;brigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.
+ M&auml;use, S. 26. Abergl. aus B&ouml;hmen S. 62. 66. Denselben
+ Zweck hatten die Pfeifchen im Schweife der h&ouml;lzernen
+ Spielr&ouml;sschen und die th&ouml;nernen, die man an der Stelle
+ des Schw&auml;nzleins in <!-- 181 --><a name="Page_181" id=
+ "Page_181"></a> die Erntenudel der gebacknen M&auml;uschen
+ steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt die
+ Umschrift an der grossen Abteiglocke in w&uuml;rtembergisch
+ Weing&auml;rten; die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre
+ Umschrift lautet nach Sauten (Kloster Weingarten, 1857, 48):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn
+ Bischof Hatto in seinem Thurm zu Bingen von den M&auml;usen bei
+ lebendigem Leibe gefressen wird, weil er bei einer Hungersnoth
+ die Armen unter dem Vorgeben einer Brodvertheilung in eine
+ Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und der Sterbenden
+ Geschrei mit den Worten verh&ouml;hnte: H&ouml;ret, wie meine
+ M&auml;use pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit
+ bei den Unterthanen wird nebst der eben ber&uuml;hrten Sage von
+ Trithemius in der Hirsauer Chronik 1, 116 erz&auml;hlt und zur
+ Unterst&uuml;tzung dieser Begebenheit, wie es scheint, dorten S.
+ 140 ein &auml;hnlicher Fall vom J. 995 hinzugef&uuml;gt &uuml;ber
+ einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer
+ am thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg
+ G&uuml;ttingen soll sich desselben Frevels schuldig gemacht haben
+ und ebenso von den M&auml;usen aufgefressen worden sein.
+ Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es haben W. Menzel (Odin
+ 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, 307), und
+ j&uuml;ngsthin besonders ausf&uuml;hrlich Grohmann (Apollo
+ Smintheus, S. 78 ff.) &uuml;ber diesen Mythus und dessen
+ zahlreiche Sagen gehandelt, in der Erkl&auml;rung desselben aber
+ sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein zweifelhafter sein.
+ Der Erntegott schickt Undankbaren die M&auml;useplage und damit
+ die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorr&auml;the besorgte
+ Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen
+ mit Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn
+ in Gestalt der M&auml;use bis in seine Wasserburg, wo er der
+ gemeinsamen Seuche erliegt. M&auml;use werden daher Gottes
+ Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder Seuchenzeit einstellen.
+ Das Br&uuml;derpaar, das sich vor der Pest auf den
+ <!-- 182 --><a name="Page_182" id="Page_182"></a> Irchelberg
+ fl&uuml;chtet, erw&uuml;rgt sich da in der Hungersnoth um einer
+ gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117.
+ Zur Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine
+ stehende Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch
+ M&auml;use gehext habe. Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die
+ gegen jeden Flausenmacher gebr&auml;uchliche Phrase: Mach mir
+ keine M&auml;use. "Die Festung macht M&auml;use und will sich
+ nicht ergeben", heisst es ebenso in G&ouml;thes
+ B&uuml;rgergeneral, 9. Auftritt.</p>
+
+ <p>Die den K&ouml;rper in Mausgestalt verlassende und wieder
+ besuchende Seele hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man
+ mit den Fingern &uuml;ber die Brust des Kindes hinauf tippt,
+ sprechend:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Kommt ein M&auml;uschen,</p>
+
+ <p>will ins H&auml;uschen,</p>
+
+ <p>da 'nein, da 'nein!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit
+ verpflichtet zu sein, den M&auml;usen Recht und Gericht halten zu
+ sollen. Bei dem Prozesse, welchen die tiroler Gemeinde Stilfs
+ 1590 gegen die Sch&auml;digung der Lutm&auml;use beim Amte Glurns
+ anh&auml;ngig machte, erhielten beide Parteien ihren Procurator,
+ das Gericht war mit eilf namhaften M&auml;nnern besetzt, f&uuml;r
+ Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgeh&ouml;rt und der
+ Beschluss lautete: Die Lutm&auml;use seien gehalten binnen 14
+ Tagen den Landstrich g&auml;nzlich zu verlassen, jedoch unter
+ freiem Geleite gegen Hund, Katze und jeden andern Feind; "wo aber
+ ains oder mehr der Tierlein schwanger w&auml;re, oder Jugend
+ halber nicht fortkommen m&ouml;chte, dieselben sollen ein
+ weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle,
+ Sag. no. 708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu
+ Autun 1540, welches die M&auml;use als Saatenverw&uuml;ster
+ anklagen und verurtheilen liess; der M&auml;use Anwalt jedoch,
+ Barthol. Cassan&auml;us, nachmaliger Pr&auml;sident des Pariser
+ Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch
+ nicht dreimal vorgeladen und k&ouml;nnten, so lange die Strassen
+ durch Hunde und Katzen unsicher <!-- 183 --><a name="Page_183"
+ id="Page_183"></a> seien; f&uuml;glich auch nicht erscheinen.
+ Diebolt, Histor. Welt, 1715, S. 1117.</p>
+
+ <p>Von hier aus &uuml;bergehend zu den der Kornmaus dargebrachten
+ Ernteopfern, findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier
+ gekn&uuml;pften volksmedizinischen Br&auml;uche, deren
+ allverbreiteter gleichfalls auf ein Opfer hinausl&auml;uft.
+ Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den Wechselzahn ins
+ Mausloch und verlangt daf&uuml;r von der Maus einen neuen, dessen
+ Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt
+ wird.<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href=
+ "#Footnote_20_20"><sup>[20]</sup></a> In Pforzheim spricht man
+ (Grimm, Abgl. no. 631): M&auml;uschen, da hast du einen
+ h&ouml;lzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.&mdash;In
+ Schlesien: M&auml;usel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein
+ Steindel.&mdash;M&auml;uschen, ich geb dir einen kn&ouml;chernen
+ Zahn, gieb du mir einen eisernen. Kuhn, Westf&auml;l. Sag. 2, S.
+ 34. Im Aargau heisst es (Alemann. Kinderl. S. 338):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>M&uuml;sli, M&uuml;sli, nimm de Zah,</p>
+
+ <p>gim-mer en sch&ouml;ne goldige dra,</p>
+
+ <p>frei en sch&ouml;ne w&icirc;sse,</p>
+
+ <p>ass ech's Brod cha b&icirc;sse.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter
+ nicht selber verschluckt, hoch gegen Himmel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Seh, liebe Herrgett, en Zah!</p>
+
+ <p>Gieb mer wider en andre dra.&mdash;</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In W&uuml;rtemberg wirft es ihn &uuml;ber sich und spricht
+ beim Schneidezahn:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Se, M&auml;usle, has du dean Za,</p>
+
+ <p>sez mer derf&uuml;r en andra na!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Beim Mahlzahn heisst es:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wolf, Wolf, da has en Za,</p>
+
+ <p>gi mer derf&uuml;r no koen Biberza!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Birlinger, Schw&auml;b. Sag, 1, no. 570. <i>Biber</i> ist
+ schw&auml;bisch Name des w&auml;lschen Hahns (Birlinger,
+ Schw&auml;b. W&ouml;rtb. 61) und bedeutet hier: lass mir den Zahn
+ nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein altarabischer
+ Spruch in <!-- 184 --><a name="Page_184" id="Page_184"></a>
+ R&uuml;ckerts Morgenl&auml;nd. Sagen 2, 264 opfert den
+ Schichtzahn gleichfalls der Sonne:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Liebes Kind, nimm deinen Zahn,</p>
+
+ <p>Der dir ausgefallen,</p>
+
+ <p>Wirf ihn zu der Sonn' hinan,</p>
+
+ <p>Sprich mit frohem Lallen:</p>
+
+ <p>Gieb mir einen bessern dran!</p>
+
+ <p>Und du wirst von allen</p>
+
+ <p>Neuen Z&auml;hnen keinen Zahn</p>
+
+ <p>Schwarz und schief und stumpf empfahn,</p>
+
+ <p>Sondern jeden wohlgethan.</p>
+
+ <p>Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dem Sonnengotte Freyr ward von den G&ouml;ttern die Sonne,
+ Lichtalfenheim, zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der
+ Zahn ist also eine Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste
+ Milchzahn heisst in S&uuml;ddeutschland W&ouml;lfle (Alemann.
+ Kinderlied, S. 337), Wolfsz&auml;hne werden dem zahnenden Kinde
+ umgehangen, vielleicht in altheidnischer R&uuml;cksicht auf den
+ Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr
+ zum Opfer f&auml;llt.</p>
+
+ <p>In Hahns Griechisch-albanes. M&auml;rchen no. 10 und 101
+ l&auml;sst sich die Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald
+ einen goldnen, bald einen silbernen einsetzen, besiegt darauf
+ ihres Vaters Feinde, befreit das Land und wird des fremden
+ Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn wirklich in Gold
+ gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst anderen dahin
+ einschl&auml;gigen Br&auml;uchen des Alterthums im eben genannten
+ Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen.
+ Der hellfunkelnde, unverw&uuml;stliche Zahn des im Boden oder in
+ H&ouml;hlen wohnenden Thieres soll auch dem jungen Menschen zu
+ Theil werden, wenn er seine Z&auml;hne in den Boden s&auml;et;
+ darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die Z&auml;hne des
+ erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen
+ erwachsen die Stammv&auml;ter des kadmeischen Thebens. Den
+ Schneidezahn wirft man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe,
+ heisst es; der erste Zahn heisst in S&uuml;ddeutschland
+ W&ouml;lfle, und w&ouml;lfen ist <!-- 185 --><a name="Page_185"
+ id="Page_185"></a> zahnen: Aus Wolfs- und Rossz&auml;hnen bestand
+ die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst umhieng, und
+ selbst unter den Fundst&uuml;cken, die man seit 1857 aus den
+ Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Z&auml;hne des
+ B&auml;ren und Wolfes, durchbohrt, um an Schn&uuml;ren als
+ Amulette getragen zu werden. Z&uuml;rch. Antiq. Mitthll. 12, Heft
+ 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz bei Plinius &uuml;berein
+ HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfz&auml;hne werden zahnenden
+ Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Erm&uuml;dung
+ angeh&auml;ngt, ausgerissene Maulwurfsz&auml;hne gegen
+ Zahnschmerz. Weil die Maus Alles benascht, streut man dem
+ naschenden Kinde heimlich eine gepulverte Maus auf die Speise,
+ damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. H&ouml;chst
+ auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von
+ welchem die &auml;lteste und die neueste Zeit zu erz&auml;hlen
+ hat. Das P&ouml;nitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von
+ Angers (Poenitentiale Andegavense) schreiben dem Priester vor,
+ die Frage an sein Beichtkind zu stellen, ob es von dem
+ zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen habe: edisti de
+ liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das Verbot
+ gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,
+ darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den
+ Bisch&ouml;fen aufgetragen, bei der j&auml;hrlichen
+ Kirchenvisitation strenge Nachforschung hier&uuml;ber
+ anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die Unsitte bis heute
+ fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel gegen
+ Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden
+ muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel,
+ welches von Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach
+ neuerlich angestellter Analyse aus pulverisirten M&auml;usen.
+ Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die uns pers&ouml;nlich
+ umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettn&auml;sser seien
+ dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus
+ zu trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch
+ irreleiten, dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern,
+ welche <!-- 186 --><a name="Page_186" id="Page_186"></a> den Harn
+ nicht verhalten k&ouml;nnen, gepulverte M&auml;use unter der
+ Speise zu essen verordnet; denn diese Heilmethode gr&uuml;ndet
+ sich auf ein blosses Wortspiel und steht nicht in entfernter
+ Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, d&auml;monischen
+ Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit
+ Gleichem zu vertreiben, schl&auml;gt nemlich Plinius vor, die
+ Muskelschw&auml;che am Halse der Harnblase durch eine
+ eingenommene Maus zu heilen, da latein. musculus beides ist,
+ Muskel und M&auml;uslein. Die deutsche Medicin nahm nicht bloss
+ diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran
+ gekn&uuml;pfte Heilmethode an, um so mehr, als beides
+ urspr&uuml;nglich unter dem Einflusse der w&auml;lschen
+ Universit&auml;ten zu Padua und Montpellier stand. Peter
+ Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie
+ des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und
+ schreibt daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127)
+ w&ouml;rtlich nach: "Das Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das
+ M&auml;usslin, so umb den Hals der Harnblasen herumbliegt,
+ verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht mehr gehorchen
+ kann." Die sp&auml;teren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck und
+ pflanzen den daran gekn&uuml;pften Aberglauben fort. "Der Geist
+ kumpt durch die m&uuml;ssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn",
+ schreibt der Z&uuml;rcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen,
+ Z&uuml;rich 1554, Blatt 126b; Johann von Muralt lehrt in seinem
+ Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: "Wann die junge Kinder so
+ hart verstopft, also dass jhnen der Leib auflauft, so gib jhnen
+ ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."</p>
+
+ <p>Ein &auml;hnliches Wortspiel scheint nach Nork,
+ Realw&ouml;rterb. 3, 125, der schon vorhin erw&auml;hnten Stelle
+ l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die dorten enthaltenen
+ Stichw&ouml;rter Pestbeule und Maus im Hebr&auml;ischen
+ stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschw&uuml;r
+ bedeutet.</p>
+
+ <p>Der Name Maus, sanskrit m&ucirc;scha, abgeleitet von der
+ Wurzel m&ucirc;sch, stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn
+ das indische Gesetzbuch Yajnavalkya III, 214 (&uuml;bers.
+ <!-- 187 --><a name="Page_187" id="Page_187"></a> von Stenzler)
+ zustimmend besagt: "Eine Maus wird der Getraidedieb sein, denn
+ wie die verschiednen Gegenst&auml;nde sind, so sind auch die
+ Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort beh&auml;lt diesen
+ Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet
+ stehlen. Quasi mures semper edimus alienum cibum, l&auml;sst
+ Plautus in den Gefangenen den Schmaruzer sagen. In des Hieron.
+ Bock Teutscher Speisekammer, 1555, sagt das Vorwort:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Mein frischgebachen brot</p>
+
+ <p>muoss leiden vil der not</p>
+
+ <p>von hunden vnd von katzen,</p>
+
+ <p>von meusen vnd von ratzen,</p>
+
+ <p>zerh&uuml;lchen's, schliefen drein,</p>
+
+ <p>wolt, sie schwimmen im Rhein!</p>
+ </div>
+ </div><a name="Teil_3_Abschnitt_4" id="Teil_3_Abschnitt_4"></a>
+
+ <p>Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit
+ &auml;ltester Zeit f&uuml;r bestimmte Zeitfristen allgemein
+ beobachtete Ueblichkeiten fest, durch die man dem
+ sch&auml;dlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen glaubte,
+ indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in
+ deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in
+ unseren Fasnachts- und Erntebr&auml;uchen. Man darf um
+ Weihnachten und Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre
+ Julzeit, halten (Volksglauben in der Mark), oder wo nach
+ oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren Umzug h&auml;lt, nicht
+ spinnen, sonst zerzausen die M&auml;use den Flachs. Das
+ M&auml;uslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im
+ Gedichte von den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet:
+ Dass dich das M&auml;uslein beisst! denn alles was man in der
+ Fasnacht spinnt, das fressen die M&auml;use (Aargau). Man darf
+ alsdann die M&auml;use auch nicht bereden, sonst stehlen sie das
+ Korn von der Sch&uuml;tte. Anstatt Maus sagt man dann (nach Kuhns
+ Nordd. Sag. pg. 411) B&ouml;nl&ouml;per,
+ Scheunenbodenl&auml;ufer, in D&auml;nemark Tede, die Kleinen.
+ Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch so fest, dass
+ der d&auml;nische Ortspfarrer Laurids Muns (&dagger; 1774)
+ w&auml;hrend der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern
+ stets nur Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing.
+ <!-- 188 --><a name="Page_188" id="Page_188"></a> Weihnacht. pg.
+ 13. Die Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel
+ &uuml;brig bleibt, sch&uuml;ttet man gegen die Kornm&auml;use in
+ die Mausl&ouml;cher. H.L. Fischer, Buch v. Abgl. 1790. 1, 237. In
+ Grochwitz bei Torgau b&auml;ckt man die Fasnachtsk&uuml;chlein.
+ in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit ihr dem
+ w&uuml;hlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier
+ das Gedeihen der k&uuml;nftigen Ernte mit einem Opferbrode
+ voraus. Dasselbe gilt in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des
+ Hofbauern die Mehlspeise der gebacknen M&auml;uschen als
+ Fasnachtsgericht aufgesetzt; daf&uuml;r hat es theils bei Nacht,
+ theils schon vor Sonnenaufgang die Strohb&auml;nder f&uuml;r die
+ Garben der Ernte vorauszuflechten; da die M&auml;use dieser
+ Nachtarbeit nicht mit zusehen k&ouml;nnen, so werden auch die
+ Garben vor ihnen sicher bleiben, jedoch vermehren sich die
+ M&auml;use, wenn man ihnen &uuml;ber dieser Arbeit flucht.
+ Bavaria 2, 300.</p>
+
+ <p>Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den
+ Aehren nach unten gekehrt in die Tenne; dies geh&ouml;rt den
+ M&auml;usen, die hiemit sich begn&uuml;gen und den Geizigen
+ heimsuchen m&ouml;gen. Die Beinchen vom Osterfleischkuchen,
+ welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, streut man
+ gegen das W&uuml;hlen des Maulwurfs in dessen frische G&auml;nge.
+ Grohmann, B&ouml;hm. Abgl. S. 58. In b&ouml;hmisch Raudnitz hebt
+ man vom Schmalz, worin man die Fasnachtskrapfen b&auml;ckt, bis
+ zur Ernte auf und salbt damit die R&auml;der des Erntewagens.
+ Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt der abladende Knecht
+ den Fuhrmann: Was f&auml;hrst du? Dieser antwortet: Die Katze
+ f&uuml;r die M&auml;use. Alsdann werden keine M&auml;use in die
+ Scheune kommen. Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl
+ sch&uuml;ttet man in die Scheunentenne und spricht:
+ M&auml;uschen, esst diese Br&ouml;ckchen und lasset das Getreide
+ in Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen
+ wird in die erste Scheunengarbe ein K&auml;se gebunden und der
+ sie Abladende fragt den Fuhrmann Wann haben wir Christtag?
+ Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, erwiedert Jener, so wissen die
+ M&auml;use auch nicht, wo ich <!-- 189 --><a name="Page_189" id=
+ "Page_189"></a> meine Gerste hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S.
+ 187. In des Albertus Magnus Egypt. Geheimnissen Heft 3, 73 heisst
+ es: "Wann du das Korn zum ersten einf&uuml;hrst, so nimm die
+ erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine rechte Hand und
+ sprich:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Da leg ich dem Menschen das Brot</p>
+
+ <p>und allen M&auml;usen den bittern Tod."</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht
+ abzuhalmen, auf dass die M&auml;use das Korn nicht fressen.
+ Schiller, Thier- und Kr&auml;uterb. 3, S. 9a.</p>
+
+ <p>Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen
+ Jahreszeiten in Mausform gebackenen Zweckbrode.</p>
+
+ <p>Mit erstem Fr&uuml;hlingsbeginn nimmt die oberdeutsche
+ B&auml;uerin junge Salbeibl&auml;tter, wickelt sie in Eierteig
+ und b&auml;ckt sie in Butter ab; hinten muss dann der Blattstiel
+ gleich einem Mausschw&auml;nzchen aus der Nudel vorstehen. Die um
+ dieselbe Zeit f&uuml;r den Marktverkauf gebackenen gr&ouml;sseren
+ Brodnudeln haben eben dieses Schw&auml;nzchen, doch ist es ein
+ th&ouml;nernes, damit die Kinder darauf pfeifen k&ouml;nnen. Marx
+ Rumpolts Kochbuch von 1581, Bl. 167b w&auml;hlt zur Einlage in
+ dieses Mehlm&auml;uslein die Pflanzen Bertram, Borrag und U.
+ Frauen Bl&auml;tter. Noch &auml;lter ist folgende Notiz in der
+ Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz
+ gebachen von Salvey. nim d&uuml;r leutzbiren vnd mach sie
+ sch&ocirc;n. se&uuml;d sie weich vnd stoss sie in einem morsser.
+ bestreich ein saluenblat damit vnd deck ein anders daruber, druck
+ sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch bey einander bleiben.
+ mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, zeuch es dardurch
+ vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt von dieser
+ Nudel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Bachen wir ein K&uuml;chelein,</p>
+
+ <p>Meuselein und Streubelein</p>
+
+ <p>Und trinken auch den k&uuml;hlen Wein,</p>
+
+ <p>Kaku-kaka-nai,</p>
+
+ <p>Dass man fr&ouml;hlich sei.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In A. Corrodi's Z&uuml;rcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860,
+ <!-- 190 --><a name="Page_190" id="Page_190"></a> S. 45) heisst
+ es von der st&auml;dtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>M&uuml;sli, weischt, du k&auml;nnsch es ja wol, sind gar
+ nid z' verachte,</p>
+
+ <p>W&auml;mm&auml; de Zucker nid spart und w&auml;mm&auml;
+ cha gnueg devu esse.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal
+ wird nach beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die M&uuml;slinudel
+ aufgestellt, aus Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben
+ Namen wird sie in Altbaiern demjenigen unter den Dreschern
+ heimlich zugeschoben, auf den der letzte Drischelschlag gefallen
+ war, und er heisst davon beim Dreschermahl scherzweise der
+ Maush&uuml;ter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich
+ sch&auml;tzt man einen in Arras, B&eacute;thune und St. Quentin
+ einheimischen K&auml;se-Pfannkuchen Namens Ratons, beides
+ bezeichnend, Ratte und Eierkuchen. Ein Steinbild in der
+ N&uuml;rnberger Lorenzokirche mit einer eignen Sage wird f&uuml;r
+ eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Sch&ouml;ppner, Sagb. no.
+ 641.</p>
+
+ <p>Gertruds Name verr&auml;th sich zwar bei diesen Erntespeisen
+ nicht, wohl aber werden die ihr geweihten Pflanzen und
+ Wappenthiere in den weiteren Erntebr&auml;uchen, besonders beim
+ Heuschnitt erw&auml;hnt. In Schwaben sammelt man am
+ Himmelfahrtstage Maus&ouml;hrleinkraut, gnaphalium dioicum, und
+ h&auml;ngt es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2,
+ 399; in Baiern wirft man Frauensch&uuml;hlein, melilotus, und
+ Gertrudenkraut gegen Abwendung des Hagelschlags ins
+ Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen und Gespann
+ ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt Grimmen
+ f&auml;hrt in der Walburgisnacht ein mit vier M&auml;usen
+ bespannter Wagen umher, dessen Kutscher hahnenf&uuml;ssig ist.
+ Temme, Volksag. von Pommern und R&uuml;gen 329. Hier ist in des
+ Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht zu verkennen. Beim
+ Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei
+ K&ouml;penick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten
+ M&uuml;tterleins, das geb&uuml;ckt am Stabe geht, oder einer
+ Prinzessin, die ihr Haar k&auml;mmend sich im Spiegel des
+ dortigen Sees beschaut und dreimal um die K&ouml;penicker
+ <!-- 191 --><a name="Page_191" id="Page_191"></a> Flur getragen
+ zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen heran,
+ von vier kleinen M&auml;usen gezogen. Kuhn, M&auml;rk. Sag. no.
+ 111. Bei Marne in S&uuml;dditmarschen fliesst der Geldsot, in
+ welchem ein Braukessel mit einem grossen Schatz versenkt liegt;
+ n&auml;chtlich kommt dorten ein Fuder Heu gefahren, von sechs
+ weissen M&auml;usen gezogen und vom Schimmelreiter begleitet.
+ Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. Bechstein, DSagb.
+ no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, so kennt
+ solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende
+ der Rh&ouml;n- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des
+ Grossen Tochter gilt. In den gekr&auml;uselten Wellen der
+ Mainstr&ouml;mung glaubt man dorten n&auml;chtlicher Weile
+ Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;<a name="FNanchor_21_21"
+ id="FNanchor_21_21"></a><a href=
+ "#Footnote_21_21"><sup>[21]</sup></a> wo sie zum Gebete
+ niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die Stelle ewig
+ unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr daselbst
+ kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgeh&auml;ngt, welche
+ M&uuml;tter zu werden w&uuml;nschen. Das Gebet zu ihr lindert die
+ Geburtsschmerzen und f&ouml;rdert die Geburten. Jac. Schmid,
+ Leben hl. Hirten und Bauern, 3. Th. 52. Der Kinderbringer Storch
+ ist daher unter ihren Attributen und sitzt an den ihr geweihten
+ heilkr&auml;ftigen Quellen. Zingerle, Gertrudenminne S. 50.
+ Sch&ouml;ppner, Bair. Sagb. n. 976. In der Gertrudenkapelle zu
+ Bamberg h&ouml;rte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum
+ Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die
+ Messe und entgieng dar&uuml;ber dem Tode. Sch&ouml;ppner, no.
+ 207. W&auml;hrend sie auf Schloss Karleburg am Main einen
+ Frauenconvent gr&uuml;ndete, <!-- 192 --><a name="Page_192" id=
+ "Page_192"></a> wurde ihrem Priester Atalong von Schulknaben die
+ Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. Kilian unr&uuml;hmlich
+ verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser Nachricht
+ misstraute, so liess ihn daf&uuml;r der Heilige erblinden,
+ stellte ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu
+ Theil gewordenen Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte
+ Aufzeichnung (bei Ign. Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg.
+ 799), ohne jedoch den Vorgang der Heilung Atalongs zu berichten;
+ letzteres thut die lebende Sage. Gertrud gieng eines Tages von
+ der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an dessen
+ Kl&ouml;sterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb
+ ersch&ouml;pft und d&uuml;rstend in der Einsamkeit stehen, als
+ pl&ouml;tzlich ein Storch vor ihr aufflog. Zur Stelle entsprang
+ die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke Augen heilt. Bavaria IV.
+ 1, 493. Archiv des histor. Vereins von Unterfranken 13, 154.</p>
+
+ <p>Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der
+ altherk&ouml;mmlich, weitverbreitet, und langandauernd gewesen
+ ist: Gertrudis Minne zu trinken.</p>
+
+ <p>Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria)
+ seiner G&ouml;tter und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten,
+ Abschiedsschm&auml;ussen feierlich den ersten oder letzten
+ Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, um sie auf
+ Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten H&auml;lfte des
+ siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban.
+ Nach der Bekehrung trank das unter christlicher H&uuml;lle
+ fortlebende Heidenthum "Krists, Michaels, Marien, Gertruden und
+ Johannis-minni." Grimms Myth. 53 ff. hat dar&uuml;ber aus unsern
+ einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. an eine Reihe
+ Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im
+ Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne
+ getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe
+ zeigt auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und
+ Gertrudenminne (Wiener Jahrb&uuml;cher 1862). Heut zu Tage
+ scheint diese <!-- 193 --><a name="Page_193" id="Page_193"></a>
+ kirchliche Sitte nur, noch f&uuml;r Johannis zu gelten (so z.B.
+ im Kanton Wallis); Gertrudenminne zu trinken war in Holland und
+ Belgien allgemein &uuml;blich gewesen und soll dorten aus Abscheu
+ vor dem Andenken an den Verr&auml;ther Gysbrecht abgekommen sein,
+ dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von Holland, vergeblich
+ Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. 699. Den
+ Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu
+ trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man f&uuml;r den
+ Fall, dass der Scheidende von seiner Reise nicht mehr zur&uuml;ck
+ kehre, sich eine <i>gute Herberge</i> jenseits zu sichern, da der
+ abgeschiednen Seele ihre erste Nachtruhe eben bei St. Gertrud
+ angewiesen ist; und darum wurde diese Heilige aus einer
+ Seelenherrin sp&auml;ter eine Patronin der Reisenden. Das Glas,
+ aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form
+ eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht
+ bloss der weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe
+ machte, sondern jener weitesten, welche &uuml;ber den Todesstrom
+ f&uuml;hrt und unsern Ausdruck Absegeln f&uuml;r Sterben zur
+ Folge hat. Von dieser Seelen&uuml;berfahrt handelt Deutscher
+ Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle aus
+ einer Einsiedler Handschrift angef&uuml;hrt: "wenn die menschen
+ sterbend, so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das
+ schon erw&auml;hnte Strassburger Kirchengem&auml;lde St. Gertrud
+ mit zu Schiffe, und die Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag.
+ 465) berichtet, wie die Schiffer des Klosters Nivelles bei
+ heiterem Wetter einem wundersam grossen Fahrzeuge begegnen, das
+ sich rasch in ein st&uuml;rmendes Meerungeheuer verwandelt und
+ ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als sie
+ dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem
+ schiff&auml;hnlichem Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten
+ den Erinnerungstrank, wie Freyja und ihre Walk&uuml;ren den Asen
+ den Meth. Ein Nachklang an dieses in Walhall ausge&uuml;bte
+ Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der
+ Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach
+ <!-- 194 --><a name="Page_194" id="Page_194"></a> eine andere
+ Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren
+ j&uuml;ngeren Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthsh&auml;usern
+ Hollands gewesen war; sie tr&auml;gt den Beinamen Von Osten, weil
+ sie unter den Zechliedern der Wirthsg&auml;ste das geistliche
+ Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und &ouml;fters
+ hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,
+ zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen
+ Lielta und Diewardis, die gleichfalls Dienstm&auml;dchen gewesen,
+ in das Beginenhaus zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern
+ Autoren wird sie abwechselnd eine Beata und Sancta genannt.</p>
+
+ <p>Die in der Figur Gertruds enthaltenen Z&uuml;ge der
+ Walk&uuml;re sind ausser ihrem schon anfangs erkl&auml;rten
+ mythischen Namen nachfolgende.</p>
+
+ <p>Sie ist des von ihr erw&auml;hlten Mannes sch&uuml;tzender
+ Gefolgsgeist, seine Fylgja, l&auml;sst sich mit ihm in ein
+ Eheb&uuml;ndniss ein, sch&uuml;tzt ihn mit Gefahr ihres eignen
+ Lebens vor den feindlichen und den h&ouml;llischen Waffen, reitet
+ f&uuml;r ihn ins Gefecht und hinterl&auml;sst ihm, wenn sie nach
+ dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten
+ Besitz und t&uuml;chtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau,
+ welche des Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte
+ diesem untersagt, sie je um ihren Namen zu befragen. Einst aber
+ war er Ohrenzeuge, wie ein an der Wiese vorbeigehendes
+ Waldfr&auml;ulein im Gespr&auml;che mit seinem Weibe dieses
+ Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und
+ weinend musste sie hierauf Mann und Kinder f&uuml;r immer
+ verlassen. Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins
+ Feld und sprach: So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt,
+ wird jeder Untermoser gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in
+ Erf&uuml;llung gegangen. Panzer, BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag.
+ no. 42 und 358 ist ein &auml;hnliches B&uuml;ndniss im Tone der
+ Ritterzeit erz&auml;hlt. Riddert von Berkhof hatte sich dem
+ Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen
+ Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse
+ einen Becher Geerdenminne <!-- 195 --><a name="Page_195" id=
+ "Page_195"></a> zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von
+ Heppener entgegen, wo der B&ouml;se bereits seiner wartete; doch
+ der Satan konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert
+ die hl. Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu
+ Rosse. Dieser Vorfall war sp&auml;ter in der Heppener Kirche
+ k&uuml;nstlich gemalt zu sehen. Mittelhochd. Dichtungen tragen
+ &auml;hnliches auf die hl. Maria &uuml;ber, die als Schutzgeist
+ eines Gef&auml;hrdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache
+ deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder f&uuml;r den
+ Schutzbefohlnen aufs Turnier ziehen und in Gefechten
+ mitk&auml;mpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert daraus, dass Maria
+ hier an die urspr&uuml;ngliche Stelle der kriegerischen Frouwa
+ getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem
+ G&ouml;tterwagen mit zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der
+ reitenden Walk&uuml;ren gleichfalls das Schlachtross besteigt und
+ sich ins Schlachtget&uuml;mmel mischt; eben dahin sei denn auch
+ jene Kirche in Vorderditmarschen zu deuten, deren Name ist Unse
+ leve Fru up dem perde.</p>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_3_Abschnitt_5" id="Teil_3_Abschnitt_5"></a>
+
+ <p>Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart,
+ auf einem gallor&ouml;mischen Grabfelde zu Rheinzabern das
+ Stellfig&uuml;rchen einer aus Terracotta geformten Maus nebst
+ demjenigen eines H&auml;hnchens ausgegraben und beides uns zu
+ einem h&ouml;chst sch&auml;tzbaren Andenken &uuml;bersendet. Der
+ Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an
+ r&ouml;mischen Alterth&uuml;mern in der ganzen Rheinpfalz, hat
+ j&uuml;ngst auch zur Entdeckung eines wohlerhaltnen Brennofens
+ gef&uuml;hrt; man erhob daselbst eherne Legionsadler,
+ Broncefig&uuml;rchen, Meilensteine, M&uuml;nzen aus dem 4.
+ Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem
+ unsrigen ganz gleiches H&auml;hnchen aus Glas gefunden. Die Figur
+ der Maus ist phallisch dargestellt und entspricht dadurch dem
+ Hahn, dem Symbol der Regenerationskraft. Die Maus tr&auml;gt eine
+ Schelle um den Hals gebunden; denn nach Apollodor (Fragmente)
+ wurde f&uuml;r Sterbende Erz an einander <!-- 196 --><a name=
+ "Page_196" id="Page_196"></a> geschlagen und die Spartaner
+ geleiteten ihre K&ouml;nige unter Glockenton zu Grabe; "der
+ Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der Macht
+ der D&auml;monen." Creuzer 4, 401. Ebenso verk&uuml;ndet das
+ Kr&auml;hen des Hahnes das Licht des neuen Tages.</p>
+
+ <p>Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns
+ durch Hn. Hermann Brunnhofer aus Oxford &uuml;berbracht worden.
+ Die Figur ist aus unges&auml;uertem Teig gebacken und mit
+ Eierklar glasirt. Die Landleute aus der Umgegend von Oxford
+ pflegen derlei Brodfig&uuml;rchen auf den dortigen
+ Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum
+ Essen bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Th&uuml;r- und
+ Kamingesimse, finden aber ihr Ende zuletzt doch im
+ Kindermagen.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_13_13" id=
+ "Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13">[13]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein
+ Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen
+ die Z&auml;hne nicht mehr. Waitz, Anthropol. der
+ Naturv&ouml;lker 4, 165.</p>
+ </div><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href=
+ "#FNanchor_14_14">[14]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Firmenich, V&ouml;lkerstimm. 3, 112.</p>
+ </div><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href=
+ "#FNanchor_15_15">[15]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p>
+ </div><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href=
+ "#FNanchor_16_16">[16]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p>
+ </div><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href=
+ "#FNanchor_17_17">[17]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Curtze, Waldecker Volks&uuml;berlief. S. 285.</p>
+ </div><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href=
+ "#FNanchor_18_18">[18]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Alemann. Kinderlied.</p>
+ </div><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href=
+ "#FNanchor_19_19">[19]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Harun al Raschid tr&auml;umte, alle seine Z&auml;hne seien
+ ihm ausgefallen; der Traumdeuter erkl&auml;rte dies dahin, der
+ Monarch werde alle seine Verwandten &uuml;berleben.
+ Rosen&ouml;l, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das
+ Wahrzeichen der indischen Todesg&ouml;ttin Kali ist der
+ schwarze Zahn, der alles benagende Zahn der Zeit.</p>
+ </div><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href=
+ "#FNanchor_20_20">[20]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr,
+ Einsiedeln bei Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28.
+ M&auml;rz der hl. K&ouml;nig Guntram abgebildet, schlafend
+ unter einem Baume neben einem B&auml;chlein. Ueber dieses legt
+ der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde
+ gekommene Maus l&auml;uft dar&uuml;ber dem Berge zu, der im
+ Hintergrunde mit offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte
+ Gebet ruft den hl. Guntram an, weil er seine Sch&auml;tze den
+ Armen geschenkt und daf&uuml;r einen ihm von Gott im Schlafe
+ gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.</p>
+ </div><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href=
+ "#FNanchor_21_21">[21]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der
+ hl. Elisabeth von Th&uuml;ringen, nachher Dienstmagd auf einem
+ Hofe bei Kulm in Preussen, &uuml;berschritt hier die grossen
+ Teiche, die zwischen ihrer Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden
+ Sonntag, um rechtzeitig in die Messe nach Kulm kommen zu
+ k&ouml;nnen. Noch lange nach ihrem Tode war ihre Fussspur in
+ jenem Gew&auml;sser wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine
+ Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen N&auml;chten
+ auf den Wellen der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen
+ schimmern, welche hier K&ouml;nigin Berta zur&uuml;ckgelassen.
+ Aargau. Sag. no. 2. S&auml;mmtliches erinnert an Homers
+ silberf&uuml;ssige Thetis und goldenf&uuml;ssige Hera.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <hr class="bigrule">
+ <a name="Nachtrage" id="Nachtrage"></a>
+
+ <h2>Nachtr&auml;ge.</h2><a name="Footnote_NACHTRAG_1_22" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_1_22"></a> <a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_1_22">[Nachtrag 1]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele <i>den
+ Sommer ins Land ritt</i> und in Scheingefechten den Winter
+ besiegte, hat ihre neueste Vervollst&auml;ndigung gefunden
+ durch die drei Bildergruppen eines altdeutschen Teppichs auf
+ der Wartburg, dessen Contouren im Anzeiger des German. Museums
+ 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen die Berennung und
+ Vertheidigung einer Burg durch Wilde M&auml;nner dar. Aus einem
+ Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend,
+ um Haupt und Lenden Epheukr&auml;nze tragend, jeder auf einem
+ phantastischen adlerklauigen Rosse, dem sg. <i>Wasser-</i> oder
+ <i>Pfingstvogel</i>. Voraus reitet der Maik&ouml;nig, kenntlich
+ durch seine offne Goldkrone mit dem Ornamente der drei stumpfen
+ Bl&auml;tter, &uuml;ber welche sein Hirschgeweih emporragt.
+ Daher heisst er in Oberdeutschland <i>Hirzmontagreiter</i>.
+ <!-- 197 --><a name="Page_197" id="Page_197"></a> Um die
+ H&uuml;fte tr&auml;gt er einen G&uuml;rtel von Rosen. Er und
+ sein Gefolge schiesst mit Pfeil und Speer Rosen in die
+ gegen&uuml;berliegende Burg. Ihre Absicht steht auf den sie
+ umgebenden Spruchb&auml;ndern zu lesen.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wol vf alle mine wilden man,</p>
+
+ <p>wir wellent festen und buirge han.</p><br>
+
+ <p>Schiessen alle, nieman l&ocirc;ss abe</p>
+
+ <p>an b&uuml;te gewinnen, will einer habe.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den
+ ein vor den Sommerreitern her eilender J&uuml;ngling mit herbei
+ getragnen Brettern zu &uuml;berbr&uuml;cken strebt. Von den
+ Zinnen herab k&auml;mpfen f&uuml;nf dicht in Wollenfliesse
+ gekleidete M&auml;nner, die Winterk&ouml;nige; denn auch sie
+ tragen Kronen wie der Maik&ouml;nig und schiessen und
+ schleudern lauter Lilien. Ihr Burgwart am S&ouml;ller
+ st&ouml;sst ins Rom; das Spruchband &uuml;ber ihnen besagt</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Vnser vesten, die ist wol beh&#367;t</p>
+
+ <p>mit gilgen, klewen, rosenb&#367;t.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem,
+ von allen Fr&uuml;hlingsthieren belebtem Rasen ein grosses
+ Lustzelt aufgeschlagen, in welchem die Maik&ouml;nigin bereits
+ Platz genommen hat. Auch sie tr&auml;gt die offne Goldkrone im
+ wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch gebreitet,
+ darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei
+ Gesellschafter bedienen sie.&mdash;Schon Friedrich Panzer hat
+ im zweiten Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des
+ <i>Wasservogels</i> abbilden lassen, wie er sie auf einem
+ Wandbilde zu Forchheim im dortigen alten Schlosse, jetzigem
+ Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss hohe Figur zeigt
+ einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels agirend. Vor
+ dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschn&auml;belte
+ Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver
+ Ring im Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist,
+ die gleichfalls das dreifache Bl&auml;tterornament zeigt. Im
+ Luft h&auml;ngt ein kurzes krummes Schwert (das sg.
+ <i>Pfingstschwert</i>), in der Linken <!-- 198 --><a name=
+ "Page_198" id="Page_198"></a> schwingt er die Lanze, mit der
+ Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Z&uuml;gel
+ seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von
+ Seerosen arabeskenhaft umrankt.</p>
+ </div><a name="Footnote_NACHTRAG_2_23" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_2_23"></a><a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_2_23">[Nachtrag 2]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die Verenareliquien
+ untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem
+ Eisens&auml;rglein neben R&uuml;ckgratstr&uuml;mmern vier
+ apfelgrosse Lehmkugeln. In den von mir er&ouml;ffneten und
+ beschriebnen heidnischen Waldgr&auml;bern zu Lunkhofen haben
+ sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des Leichenbrandes
+ vorgefunden und werden nun in der aargauer
+ Alterth&uuml;mersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.</p>
+ </div><a name="Footnote_NACHTRAG_3_24" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_3_24"></a><a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_3_24">[Nachtrag 3]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach
+ <i>Zerzyaca</i>. Durch diese Namensform wird die sprachlich
+ schon sich verrathende sp&auml;te Entstehung dieses Gedichtes
+ weiter best&auml;tigt. Es leitet nemlich der Ortsname Certiacum
+ ab von einem bei Egid Tschudi in der <i>Gallia comata</i> S.
+ 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erw&auml;hnten
+ r&ouml;mischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem <i>Junius
+ Certus</i> aus dem Voltinianischen Geschlechte von seinem
+ gleichnamigen Erben gesetzt worden. Dieser Stein ist nachmals
+ durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, die oft citirte Inschrift
+ aber l&auml;ngst als unecht erkannt worden.</p>
+ </div><a name="Footnote_NACHTRAG_4_25" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_4_25"></a><a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_4_25">[Nachtrag 4]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht,
+ gelten mancher Orten gleichm&auml;ssig als weissagende
+ Liebesboten. In Deutschb&ouml;hmen entnimmt man aus dem
+ Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man bald heiraten werde; der
+ Specht hat es best&auml;tigt, sagt man dann. Grohmann, Abgl. S.
+ 70.</p>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 199 --><a name="Page_199" id="Page_199"></a> <a name=
+ "Wortregister" id="Wortregister"></a>
+
+ <h2>Wortregister.</h2>
+
+ <p><a href="#Letter_a">[A]</a> <a href="#Letter_b">[B]</a>
+ <a href="#Letter_e">[E]</a> <a href="#Letter_f">[F]</a> <a href=
+ "#Letter_g">[G]</a> <a href="#Letter_h">[H]</a> <a href=
+ "#Letter_k">[K]</a> <a href="#Letter_l">[L]</a> <a href=
+ "#Letter_m">[M]</a> <a href="#Letter_o">[O]</a> <a href=
+ "#Letter_p">[P]</a> <a href="#Letter_r">[R]</a> <a href=
+ "#Letter_s">[S]</a> <a href="#Letter_t">[T]</a> <a href=
+ "#Letter_v">[V]</a> <a href="#Letter_w">[W]</a></p>
+ <!-- A --><a name="Letter_a" id="Letter_a"></a> Ankenbr&uuml;t.
+ <a href="#Page_074">[1]</a><br>
+ Ankenschnittenprozession. <a href="#Page_068">[1]</a><br>
+ Ara, Aarefluss bei Solothurn. <a href="#Page_109">[1]</a><br>
+ arbaiz, Erbsen. <a href="#Page_109">[1]</a><br>
+ Aufburg bei Zurzach, r&ouml;m. Castrum. <a href=
+ "#Page_103">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- B --><a name="Letter_b" id="Letter_b"></a> Becker und
+ Beckerin, in Kukuk und Specht verw&uuml;nscht. <a href=
+ "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_166">[2]</a><br>
+ Bilihildis, hl., aus fr&auml;nkisch Veitshochheim. <a href=
+ "#Page_037">[1]</a><br>
+ Brod,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">den Elementen geopfert. <a href=
+ "#Page_022">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Erntebrod. <a href=
+ "#Page_189">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Eulogienbrod. <a href=
+ "#Page_031">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">gegen Tollwuth. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">gegen Wolfshunger. <a href=
+ "#Page_024">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">phallische Zweckbrode. <a href=
+ "#Page_084">[1]</a> <a href="#Page_085">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Brodkipf Verenas und Rategundis,
+ in einen Kamm verwandelt. <a href="#Page_096">[1]</a> <a href=
+ "#Page_121">[2]</a> <a href="#Page_122">[3]</a></span><br>
+ Brunnen Walburgis,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">im Elsass. <a href=
+ "#Page_060">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Franken. <a href=
+ "#Page_006">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Holland. <a href=
+ "#Page_064">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Tirol. <a href=
+ "#Page_006">[1]</a></span><br>
+ Brustbein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br>
+ Butterschnitte,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Pr&auml;servativ und
+ Heilmittel. <a href="#Page_023">[1]</a> <a href=
+ "#Page_024">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">bei kirchl. Prozessionen.
+ <a href="#Page_068">[1]</a></span><br>
+ Buttergewinn, zauberischer. <a href="#Page_074">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- E --><a name="Letter_e" id="Letter_e"></a> Elben in
+ Mausgestalt. <a href="#Page_187">[1]</a><br>
+ Emmetsheimer Steinbild phallisch. <a href="#Page_083">[1]</a><br>
+ Erntebrode. <a href="#Page_189">[1]</a><br>
+ Ernteopfer. <a href="#Page_188">[1]</a><br>
+ Eulogienbrod. <a href="#Page_031">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- F --><a name="Letter_f" id="Letter_f"></a> Fadenziehen, ein
+ Liebesorakel. <a href="#Page_040">[1]</a><br>
+ Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige.
+ <a href="#Page_028">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- G --><a name="Letter_g" id="Letter_g"></a> Gertraud von
+ Osten. <a href="#Page_194">[1]</a><br>
+ Gertrud,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verstorbene beherbergend.
+ <a href="#Page_172">[1]</a> <a href=
+ "#Page_193">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">zu Rosse. <a href=
+ "#Page_195">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Waldfrau. <a href=
+ "#Page_194">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkirchen,</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">niederdeutsche. <a href=
+ "#Page_163">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">ostfr&auml;nkische. <a href=
+ "#Page_191">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkraut. <a href=
+ "#Page_190">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenminne trinken. <a href=
+ "#Page_163">[1]</a> <a href="#Page_192">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudentag, Kalenderregeln.
+ <a href="#Page_164">[1]</a> <a href=
+ "#Page_165">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenvogel. <a href=
+ "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_191">[2]</a> <a href=
+ "#Page_192">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens Fusstapfen in den
+ Mainwellen. <a href="#Page_191">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Mantel. <a href=
+ "#Page_191">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Spindel mit den zwei
+ M&auml;usen. <a href="#Page_164">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Schiff als Trinkgef&auml;ss.
+ <a href="#Page_163">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Wagen. <a href=
+ "#Page_163">[1]</a></span><br>
+ Gnadenstein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- H --><a name="Letter_h" id="Letter_h"></a> Hagel, ein
+ K&ouml;nig. <a href="#Page_053">[1]</a><br>
+ Hagelfeierpredigten. <a href="#Page_067">[1]</a><br>
+ Hagelsquelle. <a href="#Page_006">[1]</a><br>
+ Heiden- und Sch&ouml;nbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a><br>
+ Heidenkirchen,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als sp&auml;tere Walburgskirchen.
+ <a href="#Page_016">[1]</a> <a href=
+ "#Page_080">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als sp&auml;tere Verenakirchen.
+ <a href="#Page_100">[1]</a></span><br>
+ <!-- 200 --><a name="Page_200" id="Page_200"></a> Heilquellen
+ Verena's. <a href="#Page_133">[1]</a><br>
+ Heilwag. <a href="#Page_063">[1]</a><br>
+ Helgenbronn. <a href="#Page_060">[1]</a><br>
+ Holpurga. <a href="#Page_090">[1]</a><br>
+ Honigfall. <a href="#Page_075">[1]</a><br>
+ Hund,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Walburgis Gefolgsthier.
+ <a href="#Page_018">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als das anderer G&ouml;ttinnen.
+ <a href="#Page_020">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Speisenname. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">gegen Sturmwind und Kornbrand
+ geopfert. <a href="#Page_022">[1]</a></span><br>
+ H&uuml;hner, kirchlich geheiligte. <a href=
+ "#Page_032">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- K --><a name="Letter_k" id="Letter_k"></a> K&auml;sbrunnen.
+ <a href="#Page_006">[1]</a><br>
+ Kleinkinderbrunnen. <a href="#Page_060">[1]</a> <a href=
+ "#Page_128">[2]</a> <a href="#Page_129">[3]</a> <a href=
+ "#Page_130">[4]</a><br>
+ Kleinkindersteine. <a href="#Page_118">[1]</a><br>
+ Klumpf&uuml;sse,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">durch Walburg geheilt. <a href=
+ "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_014">[2]</a> <a href=
+ "#Page_088">[3]</a></span><br>
+ Konstanzer Bisthumsgrenzen. <a href="#Page_099">[1]</a><br>
+ Korn&auml;hre,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Mittel gegen Hundebiss. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Mariae und Walburgis Emblem,
+ <a href="#Page_025">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">das des hl. Oswald. <a href=
+ "#Page_090">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Sinnbild von Obereigenthum.
+ <a href="#Page_030">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der Truden Zaubergestalt.
+ <a href="#Page_029">[1]</a></span><br>
+ Korngarbe, Walburgis Versteck. <a href="#Page_027">[1]</a><br>
+ Kriemhiltengraben am Jung-Albis. <a href="#Page_146">[1]</a><br>
+ Kukuk,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">ein verw&uuml;nschter Becker.
+ <a href="#Page_166">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">auf dem Binsenst&uuml;hlchen
+ weissagend. <a href="#Page_169">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Lebensorakel. <a href=
+ "#Page_170">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Theuerungsprophete. <a href=
+ "#Page_168">[1]</a></span><br>
+ <br>
+ <br>
+ <!-- L --><a name="Letter_l" id="Letter_l"></a> Lehmkugeln,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Heiligengr&auml;bern. <a href=
+ "#Page_105">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Heidengr&auml;bern, <i>s. Nachtr&auml;ge</i>.</span><br>
+ Lebermeer. <a href="#Page_172">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- M --><a name="Letter_m" id="Letter_m"></a> Maibad. <a href=
+ "#Page_062">[1]</a><br>
+ Maiengericht, dessen Kostenbetrag. <a href=
+ "#Page_048">[1]</a><br>
+ Maienthau,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">abstreifen. <a href=
+ "#Page_071">[1]</a> <a href="#Page_073">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">baden im Maienthau. <a href=
+ "#Page_059">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Maienthau der Erdm&auml;nnlein.
+ <a href="#Page_058">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">kosmetisch. <a href=
+ "#Page_057">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">medicinisch. <a href=
+ "#Page_058">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">sprichw&ouml;rtlich. <a href=
+ "#Page_061">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">zauberisch. <a href=
+ "#Page_073">[1]</a></span><br>
+ Maigraf, Maigr&auml;fin. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href=
+ "#Page_038">[2]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s.
+ Nachtr&auml;ge</i>.</a><br>
+ Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken. <a href=
+ "#Page_037">[1]</a><br>
+ Mairitt. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href=
+ "#Page_068">[1]</a><br>
+ Mauritius, Verenas Verwandter. <a href="#Page_110">[1]</a><br>
+ Maus,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Alb. <a href=
+ "#Page_174">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">vor Gericht geladen. <a href=
+ "#Page_182">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Ortsgeist. <a href=
+ "#Page_173">[1]</a> <a href="#Page_174">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Pestthier. <a href=
+ "#Page_177">[1]</a> <a href="#Page_182">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Seele wandernd. <a href=
+ "#Page_174">[1]</a> <a href="#Page_175">[2]</a> <a href=
+ "#Page_176">[3]</a> <a href="#Page_177">[4]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als S&uuml;hnbild. <a href=
+ "#Page_178">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als antikes Stellfig&uuml;rchen
+ in Gr&auml;bern. <a href="#Page_195">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Gestalt des Zweckbrodes.
+ <a href="#Page_189">[1]</a> <a href=
+ "#Page_196">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Stadtwahrzeichen. <a href=
+ "#Page_173">[1]</a></span><br>
+ Maus weisse, geheiligt. <a href="#Page_174">[1]</a><br>
+ Maustrank. <a href="#Page_185">[1]</a><br>
+ Maus&ouml;hrleinkraut. <a href="#Page_190">[1]</a><br>
+ M&auml;usegespann. <a href="#Page_190">[1]</a><br>
+ M&auml;use machen. <a href="#Page_182">[1]</a><br>
+ Metzentanz in Zurzach. <a href="#Page_154">[1]</a><br>
+ Minnetrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href=
+ "#Page_063">[2]</a><br>
+ M&uuml;hle als Ort der Liebesabenteuer. <a href=
+ "#Page_116">[1]</a><br>
+ M&uuml;hlstein,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Rechtsmittel bei der
+ Abkunftsprobe. <a href="#Page_118">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">schwimmender. <a href=
+ "#Page_117">[1]</a></span><br>
+ M&uuml;llerbr&auml;uche am Verenentage. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- O --><a name="Letter_o" id="Letter_o"></a> Oel,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">hl., ein Augenmittel. <a href=
+ "#Page_127">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">aus Heiligenknochen. <a href=
+ "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_009">[2]</a> <a href=
+ "#Page_012">[3]</a> <a href="#Page_013">[4]</a> <a href=
+ "#Page_014">[5]</a> <a href="#Page_015">[6]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der Walburgishexen. <a href=
+ "#Page_078">[1]</a></span><br>
+ <br>
+ Ortschaften des Namens Walburg. <a href="#Page_016">[1]</a><br>
+ Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer. <a href=
+ "#Page_090">[1]</a><br>
+ Osterbad, reiten ins. <a href="#Page_069">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- P --><a name="Letter_p" id="Letter_p"></a> Pfeife, magisch
+ wirkende. <a href="#Page_179">[1]</a> <a href=
+ "#Page_180">[2]</a><br>
+ Phallische G&ouml;tterbilder, ihr Zweck. <a href=
+ "#Page_084">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- 201 --><a name="Page_201" id="Page_201"></a>
+ <!-- R --><a name="Letter_r" id="Letter_r"></a> Reimspr&uuml;che
+ beim Meienpflanzen. <a href="#Page_039">[1]</a><br>
+ Richard, Walburgis Vater. <a href="#Page_005">[1]</a> <a href=
+ "#Page_087">[2]</a><br>
+ Rimleins- und R&ouml;mleinsbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a>
+ <a href="#Page_064">[2]</a><br>
+ Roggen&auml;hre, Mittel gegen tolle Hunde. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a><br>
+ Ross,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens. <a href=
+ "#Page_195">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenae. <a href=
+ "#Page_139">[1]</a></span><br>
+ Rutscherzins. <a href="#Page_039">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- S --><a name="Letter_s" id="Letter_s"></a> Schnecke, als
+ Kukuk angerufen. <a href="#Page_169">[1]</a><br>
+ Schuh,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">goldner Walburgis. <a href=
+ "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_055">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Schuhwerfen als Liebesorakel.
+ <a href="#Page_041">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Schuhzins am Walberfeste.
+ <a href="#Page_051">[1]</a></span><br>
+ Silber geschabtes, gegen die Tollwuth. <a href=
+ "#Page_024">[1]</a><br>
+ Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau sch&uuml;tzend.
+ <a href="#Page_028">[1]</a> <a href="#Page_070">[2]</a><br>
+ Sommer,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">den, ins Land reiten. <a href=
+ "#Page_034">[1]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s.
+ Nachtr&auml;ge</i>.</a></span><br>
+ Specht,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Gertrudenvogel ein
+ verw&uuml;nschter Becker. <a href="#Page_166">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">ein verwandelter Gott. <a href=
+ "#Page_171">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Liebesorakel <a href=
+ "#Nachtrage"><i>s. Nachtr&auml;ge</i>.</a></span><br>
+ Spindel,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der hl. Walburg. <a href=
+ "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_040">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der hl. Gertrud. <a href=
+ "#Page_164">[1]</a></span><br>
+ Spinnverbot an Walburgis. <a href="#Page_089">[1]</a><br>
+ St&auml;rketrunk. <a href="#Page_063">[1]</a><br>
+ Stillicidium Walburgs. <a href="#Page_009">[1]</a><br>
+ Storch, Gertrudens Vogel. <a href="#Page_191">[1]</a><br>
+ Str&auml;hl-Anneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- T --><a name="Letter_t" id="Letter_t"></a> Teufelsstein in
+ Verenae Einsiedelei. <a href="#Page_113">[1]</a><br>
+ Thau abstreifen,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">zu Milch- und Buttergewinn.
+ <a href="#Page_072">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Mittel gegen Kornbrand.
+ <a href="#Page_071">[1]</a></span><br>
+ Thautrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href=
+ "#Page_063">[2]</a> <a href="#Page_064">[3]</a><br>
+ Tobel-Vreneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- V --><a name="Letter_v" id="Letter_v"></a> Valentinstag.
+ <a href="#Page_041">[1]</a><br>
+ Venes- und Vrenesberge. <a href="#Page_149">[1]</a><br>
+ Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen. <a href=
+ "#Page_156">[1]</a><br>
+ Venus-Vrene,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in dem mundartl.
+ Tannh&auml;userliede. <a href="#Page_147">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in den Ritterdichtungen. <a href=
+ "#Page_153">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Die Venus- und Vrenenh&auml;user.
+ <a href="#Page_153">[1]</a></span><br>
+ Verena,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">ihre Namensformen.</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Niederdeutsch: Fr&ucirc;
+ Fr&ecirc;en und Fr&ucirc; Fr&icirc;en. <a href=
+ "#Page_120">[1]</a> <a href="#Page_151">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Rh&auml;tisch: Vereina. <a href=
+ "#Page_144">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin.
+ <a href="#Page_142">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenabad. <a href=
+ "#Page_127">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Gebirgsriesin. <a href=
+ "#Page_145">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenagrab, mit den aufgeopferten
+ Brautkr&ouml;nlein. <a href="#Page_132">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenaloch:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">zu Baden. <a href=
+ "#Page_128">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">im Entlebuch. <a href=
+ "#Page_135">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">auf der Schafmatt im Jura.
+ <a href="#Page_136">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">M&uuml;llerpatronin. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Schifferpatronin. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenareliquien. <a href=
+ "#Page_104">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenastift. <a href=
+ "#Page_101">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenatag als Gerichtstermin;
+ <a href="#Page_122">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gesundheits- und
+ Wirthschaftsregeln. <a href="#Page_123">[1]</a> <a href=
+ "#Page_142">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Weisse Frau. <a href=
+ "#Page_139">[1]</a></span><br>
+ Verenae,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Bilds&auml;ulen. <a href=
+ "#Page_133">[1]</a> <a href="#Page_137">[2]</a> <a href=
+ "#Page_139">[3]</a></span><br>
+ <br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Dienstross. <a href=
+ "#Page_139">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Fingerring. <a href=
+ "#Page_106">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Geburtsg&uuml;rtel. <a href=
+ "#Page_133">[1]</a></span><br>
+ <br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Heilquellen. <a href=
+ "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_126">[2]</a> <a href=
+ "#Page_133">[3]</a> <a href="#Page_135">[4]</a> <a href=
+ "#Page_137">[5]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kamm und Kr&uuml;glein. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a> <a href="#Page_121">[2]</a> <a href=
+ "#Page_137">[3]</a> <a href="#Page_141">[4]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Katze. <a href=
+ "#Page_137">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kapellen und Kirchen i.d.
+ Schweiz. <a href="#Page_100">[1]</a> <a href=
+ "#Page_131">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kapelle, ein R&ouml;mercastrum.
+ <a href="#Page_103">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kleinkindersteine. <a href=
+ "#Page_118">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kindersegen bescherend. <a href=
+ "#Page_124">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">vierzig Mehls&auml;cke. <a href=
+ "#Page_111">[1]</a> <a href="#Page_119">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">M&uuml;hlstein. <a href=
+ "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_135">[2]</a></span><br>
+ Vrenelisg&auml;rtli, Gletscher am Gl&auml;rnisch. <a href=
+ "#Page_145">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- W --><a name="Letter_w" id="Letter_w"></a> Walber,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der F&uuml;hrer des
+ Maienzugs:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in eine Korngarbe gebunden.
+ <a href="#Page_027">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">ein Bergname. <a href=
+ "#Page_017">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Riesenname. <a href=
+ "#Page_088">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walberbaum. <a href=
+ "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_039">[2]</a> <a href=
+ "#Page_040">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walbernthau. <a href=
+ "#Page_062">[1]</a></span><br>
+ Walburg,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Flur- und Ortsname. <a href=
+ "#Page_025">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">mundartl. Namensformen. <a href=
+ "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a></span><br>
+ <!-- 202 --><a name="Page_202" id="Page_202"></a> <span style=
+ "margin-left: 1em;">Die Heilige:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">als Nichte Winfrids. <a href=
+ "#Page_005">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">als Heideng&ouml;ttin. <a href=
+ "#Page_080">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">als Riesin. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_088">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">vor dem W. J&auml;ger in die
+ Korngarbe fl&uuml;chtend. <a href="#Page_026">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walburga Westfalica. <a href=
+ "#Page_080">[1]</a></span><br>
+ Walburgis-kirchen,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Heidenkirchen. <a href=
+ "#Page_016">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a> <a href=
+ "#Page_080">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als R&ouml;mercastrum. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Ortskirchen. <a href=
+ "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_066">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">hl. Quellen. <a href=
+ "#Page_006">[1]</a> <a href="#Page_064">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Reliquien:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Brustbein, &ouml;lschwitzend.
+ <a href="#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_008">[2]</a> <a href=
+ "#Page_009">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Stab. <a href=
+ "#Page_008">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Wittenberg und K&ouml;ln.
+ <a href="#Page_014">[1]</a> <a href=
+ "#Page_017">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">im Auslande. <a href=
+ "#Page_018">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Sch&ouml;nheitswettstreit.
+ <a href="#Page_045">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Spindel und Goldschuh. <a href=
+ "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_027">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Steinernes Venusbild. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">phallisch dargestellt. <a href=
+ "#Page_082">[1]</a> <a href="#Page_084">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Wildgans. <a href=
+ "#Page_088">[1]</a></span><br>
+ Walburgistag,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als ungebotne Gerichtszeit.
+ <a href="#Page_046">[1]</a> <a href=
+ "#Page_047">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Sage von der auf diesen Zinstag
+ fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Th&uuml;ringen. <a href=
+ "#Page_049">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Unterwalden und Friesland.
+ <a href="#Page_051">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Ostpreussen. <a href=
+ "#Page_053">[1]</a></span><br>
+ Walper,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Anna, als Hexe inquirirt.
+ <a href="#Page_079">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walperherren, Walperm&auml;nnchen
+ und -zins. <a href="#Page_049">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Zug nach Walpern. <a href=
+ "#Page_050">[1]</a></span><br>
+ Wasserkirchen. <a href="#Page_131">[1]</a><br>
+ Wasserfrauen. <a href="#Page_131">[1]</a><br>
+ Wasservogel, <a href="#Nachtrage"><i>s.
+ Nachtr&auml;ge</i>.</a><br>
+ Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne. <a href=
+ "#Page_183">[1]</a> <a href="#Page_184">[2]</a><br>
+ Wiborada, die hl. v. Klingnau. <a href="#Page_141">[1]</a><br>
+ W&icirc;hegazza. <a href="#Page_102">[1]</a><br>
+ Wilibald,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der hl.:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Walburgis Bruder. <a href=
+ "#Page_005">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">ein H&uuml;ne. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Wilibalds-Brunnen und -Ruhe.
+ <a href="#Page_006">[1]</a></span><br>
+ Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen. <a href=
+ "#Page_051">[1]</a><br>
+ Wolbermai. <a href="#Page_039">[1]</a><br>
+ Wolbrygabend. <a href="#Page_077">[1]</a><br>
+ Wolfszahn, Amulett. <a href="#Page_185">[1]</a><br>
+ Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis. <a href=
+ "#Page_086">[1]</a><br>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
+
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+
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
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+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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+new filenames and etext numbers.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
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+search system you may utilize the following addresses and just
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+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
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+
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