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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:33:52 -0700
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+The Project Gutenberg eBook of Was die Grossmutter gelehrt hat, by
+Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Was die Grossmutter gelehrt hat
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: October 29, 2011 [EBook #9861]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: October 25, 2003
+Last Updated: July 27, 2023
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Delphine Lettau
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT
+HAT ***
+
+
+
+
+Was die Großmutter gelehrt hat
+
+Erzählung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Der Kummer der alten Waschkäthe
+
+
+Die alte Waschkäthe saß in ihrem Stübchen im einsamen Berghüttchen und
+schaute nachdenklich auf ihre gekrümmten Hände, die sie vor sich auf
+die Knie gelegt hatte. Bis der letzte Abendschein hinter den fernen
+Waldhöhen verglommen war, hatte sie fleißig an ihrem Spinnrad
+gearbeitet. Jetzt hatte sie es ein wenig beiseite gerückt, die Hände
+mußten müde sein, die so gekrümmt und abgearbeitet aussahen. Die Alte
+seufzte auf und sagte vor sich hin: “Ja, wenn ich noch könnte wie
+früher!” Sie meinte wohl arbeiten, denn das hatte sie tapfer ihr Leben
+lang getan. Nun war sie alt geworden, und die früher so rüstige und
+unermüdliche Waschfrau konnte gar nichts mehr tun, als ein wenig
+spinnen, und das trug sehr wenig ein. Dennoch hatte sie sich schon
+seit ein paar Jahren auf diese Weise durchgebracht und noch dazu ihr
+Enkelkind erhalten, das bei ihr lebte und noch nicht viel verdienen
+konnte. Es hatte zwar auch seine kleinen Einnahmen, denn es war ein
+flinkes und geschicktes Kind.
+
+Heute erfüllte die Großmutter aber noch ein besonderer Kummer, der ihr
+schon seit dem frühen Morgen das Herz schwer gemacht hatte. Ihr
+Enkelkind, das fröhliche Trini, das sie von klein auf erzogen hatte,
+war zwölf Jahre alt geworden. Es sollte im Frühling aus der Schule
+entlassen werden und dann in einen Dienst gehen. Heute früh nun war
+der ferne Vetter unten aus dem Reußtal heraufgekommen und hatte der
+alten Kusine den Vorschlag gemacht, das Kind ihm anzuvertrauen. Er
+hatte zwar selbst nicht viel und konnte nichts geben, aber es war dort
+unten ein guter Verdienst zu finden. Denn die neue Fabrik, die an der
+wasserreichen Reuß erbaut worden war, brauchte viele Arbeitskräfte.
+Dort konnte das Trini die Woche über ein schönes Stück Geld verdienen,
+und daneben konnte es die nötige Arbeit in seinem Haus verrichten,
+dafür wollte er es beherbergen. Da seine Frau kränklich war und sie
+keine Magd anstellen konnten, so war ihnen das Kind erwünscht, denn
+sie wußten, daß es groß und kräftig und sehr geschickt war.
+
+Die Großmutter hatte schweigend zugehört, aber in ihrem Herzen hatten
+die Worte einen großen Kampf entfacht. Der Vetter wünschte auch, daß
+das Kind schon im Herbst herunterkomme, das halbe Schuljahr könne
+schon abgekürzt werden, es wisse genug und könne dann gleich etwas
+verdienen. Außerdem hätte seine Frau es im Winter besonders nötig.
+Die Großmutter hatte noch immer nichts gesagt. Jetzt, als der Vetter
+drängte und gleich das Jawort haben wollte, sagte sie, er müsse ihr
+ein wenig Zeit lassen. Vor dem Herbst wollte sie sich noch nicht
+entscheiden. Sie sehe den Vorteil des Kindes wohl ein, aber sie müsse
+sich das alles erst noch überlegen und dann auch mit dem Kinde reden.
+Der Vetter war nicht recht zufrieden, er hätte gern gleich alles
+festgemacht und den Tag bestimmt, wann das Trini herunterkommen sollte.
+Er meinte, mit dem Kind sei doch nichts zu reden, das besitze noch
+keine Vernunft und kenne seinen eigenen Vorteil nicht. Aber die
+Großmutter blieb standhaft. Im Herbst möge er noch einmal kommen,
+dann solle er bestimmt eine Antwort haben. Wenn sie dann
+einverstanden sei, so könne er dann das Kind gleich selbst mitnehmen,
+für den Augenblick könne sie nichts weiter sagen. Dabei blieb sie.
+Der Vetter sah, daß da nichts zu machen war. Er ermahnte nochmals die
+alte Kusine, des Kindes Vorteil nicht außer acht zu lassen. Es sei ja
+doch auch ihr eigener Vorteil, wenn das Kind etwas einnehme und sie
+nachher auch unterstützen könne. Dann ging er.
+
+Schon den ganzen Tag während der Arbeit dachte die Großmutter nach
+über die Worte des Vetters, aber sie konnte keinen Entschluß fassen.
+Jetzt in der Dämmerung überlegte sie in Ruhe, und sie mußte ein
+paarmal tief aufseufzen dabei. Der Vetter hatte recht, es war ein
+großer Vorteil für das Kind, daß es in seinem Haus wohnen konnte, um
+von da aus in der Fabrik einen sicheren Verdienst zu finden. Sie
+selbst wußte keinen vorteilhafteren Weg für das Kind, sie wußte
+eigentlich gar keinen. Rings herum waren nur kleine Güter, die die
+Leute alle selbst bebauten und die an der Hilfe ihrer eigenen Kinder
+genug hatten. Wer eine Magd anstellte, wie es unten im Pfarrhaus oder
+im Amtshaus oder in dem neuen Wirtshaus die Frauen taten, da mußten es
+ältere Mädchen sein. Es waren kräftige, erwachsene Personen, die in
+Küche und Garten zu arbeiten wußten.
+
+Auch die Goldäpfelbäuerin auf dem großen, obstreichen Hof hatte immer
+eine Magd, aber auch eine große, starke, die ihr in allem helfen
+konnte. Trotzdem konnte auch die nie lange bei der Bäuerin bleiben.
+Wenn ihr also nicht einmal eine erwachsene Person die Arbeit recht
+machen konnte, was wäre dann ein Kind wie das Trini für sie. Daß das
+Kind aber im Frühjahr, wenn es nun aus der Schule entlassen wurde,
+eine Arbeit suchen mußte, das sah die Großmutter wohl ein. Seit sie
+nicht mehr wie früher als Wäscherin auf die Arbeit gehen konnte,
+sondern nur mühsam mit ihren gekrümmten Fingern am Spinnrad arbeitete,
+war sie kaum in der Lage, sich und das Kind zu erhalten. Und mit
+jedem Tage konnte es schwerer für sie werden. Und doch, sich von dem
+Kind trennen zu müssen, das kam der Großmutter als das Allerschwerste
+vor, das sie erleben konnte.
+
+Würde die neue Aufgabe für das junge Kind nicht zu schwer sein? Die
+Alte wußte wohl, wie es bei dem Vetter war. Er selbst hatte eine rohe
+und unfreundliche Art und war meistens unwirsch. Seine Frau war immer
+krank und daher auch nicht gut gelaunt. Sie saß meistens freudlos und
+wie abgestumpft in ihrer Ofenecke und sagte kein Wort. Nun war es so
+schlimm mit ihr geworden, daß der Mann daran denken mußte, eine Hilfe
+ins Haus zu holen. Da hätte dann das Kind die Geschäfte im Haus alle
+allein zu besorgen und konnte dann erst zur Arbeit in die Fabrik gehen.
+War nun für all die Arbeit das Kind nicht noch zu jung? Und wurde
+es ihm nicht zu schwer fallen, von der Großmutter weg, die es so lieb
+hatte, in ein ganz fremdes Haus zu gehen. Würde sie es ertragen, nie
+ein Wort der Liebe und des Trostes zu hören? Daran war ihr liebes
+Trineli nicht gewohnt.
+
+Der Großmutter trat jener Tag vor Augen, als es ihr ins Haus gebracht
+worden war, ein kleines, hilfloses Ding, das niemand brauchen konnte
+und das niemand pflegen wollte. Damals hatte sie noch rüstige Hände
+und gute Kräfte, und wenn sie auch von früh bis spät tätig sein mußte,
+sie tat es gern. Die Waschkäthe hatte drei Kinder gehabt, zwei Söhne
+und eine Tochter. Ihr Mann war an einem hitzigen Fieber gestorben,
+als die Kinder alle drei noch ganz klein waren. Da mußte die Käthe
+viel arbeiten, damit die Kleinen etwas zum Anziehen hatten und keinen
+Mangel litten. Tag und Nacht war sie bei der Arbeit, und jedermann
+ringsum rief sie zur Hilfe bei der großen Wäsche. Denn man wußte,
+keine arbeitete so gut wie die Käthe, die wegen dieser Tätigkeit
+überall nur die Waschkäthe hieß. Als ihre Söhne groß waren, bekamen
+sie Lust, in die Ferne zu wandern, und gingen miteinander nach Amerika.
+Die Tochter verheiratete sich und zog ins Tal hinab. Aber nicht
+viel mehr als ein Jahr später starb sie plötzlich noch ganz jung. Das
+betrübte ihren Mann so sehr, daß er es daheim nicht mehr aushalten
+konnte. Er brachte das ganz kleine Trineli zur Großmutter hinauf und
+sagte: “Da, Mutter, nimm du das Kind, ich weiß nichts damit anzufangen.
+Ich muß fort, es hält mich nichts mehr hier.” Dann ging er zu den
+Schwägern nach Amerika.
+
+Von dem Tag an hatte die Waschkäthe eine neue Sorge, aber auch eine
+neue, große Freude nach vielem Kummer und Leid. Das kleine Trineli
+entwickelte sich schnell und lohnte der guten Großmutter ihre Mühe und
+Arbeit mit einer ungewöhnlichen Liebe und Anhänglichkeit. Sie hatten
+viele lustige Stunden miteinander, denn das Kind war immer so
+beweglich und lebendig wie ein munteres Fischlein im Wasser. Mit
+jedem Jahre wurde es der Großmutter lieber und unentbehrlicher.
+
+Alle diese vergangenen Tage stiegen nun in der Dämmerung vor der alten
+Waschkäthe auf, und der Gedanke, das Kind so weit und vielleicht für
+alle Zeit von sich zu schicken, machte ihr das Herz immer schwerer.
+Aber sie kannte einen Tröster, der ihr schon in vielen trüben Stunden
+geholfen und auch manches gefürchtete Leid gemildert hatte. Den
+wollte sie doch nicht vergessen. Lieber, als so die schweren Gedanken
+hin- und herzuwälzen in ihrem Innern, wollte sie jetzt die ganze Sache
+dem lieben Gott übergeben. Mußte es sein und mußte sie dieses Leid
+der Trennung ertragen, so hatte doch der liebe Gott seine schützende
+Hand dabei. Es konnte ja alles zum Besten des Kindes geschehen, und
+sein Wohl ging ihr noch über das eigene. Als die Großmutter dies
+alles überlegt hatte, faltete sie still die Hände und sagte andächtig
+vor sich hin:
+
+“Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich’s gebühret,
+Wenn er dich so, wie er es will,
+Und nicht wie du willst führet.
+Kommt dann zum Ziel der dunkle Lauf,
+Tust du den Mund mit Freuden auf,
+Zu loben und zu danken.”
+
+
+
+
+2. Kapitel
+
+In den Erdbeeren
+
+
+Während die alte Käthe so gedankenverloren erst an ihrem Spinnrad und
+dann in der Dämmerung saß, ging es oben am Sonnenrain ziemlich laut zu.
+Hier wuchs jedes Jahr eine Fülle der schönsten, saftigsten Erdbeeren.
+Wenn sie reif waren, schien es oft, als ob ein großer, dunkelroter
+Teppich vom Sonnenrain herunterhinge, der in der Sonne glühte. Der
+Platz war den Kindern von Hochtannen, wie das kleine, aus zerstreuten
+Häusern bestehende Bergdörfchen hieß, wohlbekannt. Sie wußten auch
+recht gut, daß, wenn man die Beeren ausreifen ließ, ein schöner Gewinn
+damit zu erzielen war. Denn diese ungewöhnlich großen, saftigen
+Beeren wurden überall gern gekauft. So gaben die Kinder selbst acht
+aufeinander, daß nicht etwa die einen zu früh die Beeren holten, bevor
+sie die rechte Reife erlangt hatten. Erscholl aber an einem schönen
+Junitag unter den Schulkindern der Ruf: “Sie sind reif am Sonnenrain!
+Sie sind reif!”, dann stürzte noch an demselben Abend die ganze Schar
+hinaus zum Sonnenrain. Jedes Kind hatte einen Korb in der Hand, und
+sie liefen, so schnell sie konnten, denn jedes wollte zuerst auf dem
+Platz sein und die schönsten und reifsten Beeren finden.
+
+Die mitgebrachten Körbe, Kratten genannt, hatten alle dieselbe Form,
+aber verschiedene Größen. Sie hatten die Form von Zylinderhüten, mit
+dem Unterschied, daß bei diesen die Öffnung unten ist, wo der Kopf
+hineingesteckt wird, bei jenen aber oben, wo die Erdbeeren
+hineingeworfen werden. Wenn dann die Dämmerung gekommen war und man
+die Beeren nicht mehr sehen konnte, wurde die Arbeit beendet. Dann
+deckte man die Kratten mit großen Blättern zu und befestigte zwei
+hölzerne Stäbchen kreuzweise darüber, damit der Wind die Blätter nicht
+entführe. Nun stimmte man das Erdbeerlied an, und voller Fröhlichkeit
+zog die ganze Schar heimwärts. Alle sangen aus vollen Kehlen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen,
+Erdbeeren mit Stielen,
+Jetzt trägt man sie heim die vielen,
+Erdbeeren an Ästen,
+Die meinen sind die besten!
+
+
+Am schnellsten und am fleißigsten aber von allen war die Enkelin der
+alten Waschkäthe, das lustige Trini. Immer wußte es, wo die schönsten
+Beeren standen und wo noch am wenigsten gepflückt worden war. Dann
+schoß es dahin und rupfte mit einer Gewandtheit, daß kein anderes Kind
+schneller war und die Langsamen in seiner Nähe gar nichts erwischten.
+Auf einen kleinen Stoß kam es dem Trini dabei auch nicht an, wenn ihm
+eine schöne Stelle besonders ins Auge fiel, wo schon ein anderes Kind
+Beeren sammelte. Niemals aß es von den Früchten, bis sein Kratten so
+voll war, daß es eben noch die hölzernen Stäbchen über den Blättern
+festmachen konnte, ohne die zarten Früchte zusammen zu drücken. Erst
+dann kamen noch einige der süßduftenden Beeren in den Mund und
+schmeckten herrlich nach der harten Arbeit. Vorher hätten sie aber
+dem Trini gar nicht geschmeckt, denn es war ihm, als gehörten sie alle
+der Großmutter, bis keine einzige Beere mehr in den Kratten hineinging.
+
+Das Trini strengte sich sehr an, für seine liebe Großmutter auch etwas
+zu tun. Es fühlte wohl, wie aufopfernd und gut sie zu ihm war und wie
+hart sie immer noch arbeitete, damit sie beide keinen Mangel leiden
+mußten. Es hatte auch sein Leben lang nie andere, als liebevolle
+Worte von ihr gehört. Und wie oft hatte es gespürt, daß sie viel
+lieber sich selbst als ihm etwas versagte. Dafür hing es auch mit dem
+ganzen Herzen an der Großmutter, und mit ungeheurer Freude sah es die
+Beerenzeit wieder kommen. Dann konnte es täglich seinen vollen
+Kratten heimbringen oder ihn dahin tragen, wohin er bestellt war, um
+dann ein schönes Geldstück zu verdienen. Das war für die Großmutter
+eine große Einnahme, die freilich nur eine kurze Zeit dauerte. Viel
+brachten aber nur die allergrößten Kratten ein, und diese hatten das
+Trini und das kleine, bleiche Maneli. Dieses konnte aber niemals
+seinen Kratten auch nur zur Hälfte füllen. Das Maneli, das eigentlich
+Marianne hieß, war mit Trini im gleichen Alter. Beide saßen auf
+derselben Schulbank, aber sie sahen sehr verschieden aus. Trini war
+groß und stark und hatte feste, runde Arme und rote Backen. Es
+fürchtete sich vor den größten Buben in der Schule nicht, denn es
+wußte sich zu wehren.
+
+Das Maneli aber war schmal, blaß und sehr schüchtern. Es war ärmlich
+gekleidet und sah aus, als bekomme es nie genug zu essen. Das stimmte
+wohl auch, denn es hatte noch fünf kleinere Geschwister und seine
+Mutter war oft krank. Der Vater, der ein Tagelöhner war, brachte
+nicht immer so viel heim, daß es zu allem langte. Eben jetzt, da die
+Dämmerung heranrückte, hatte Trini das kraftlose Maneli mit einem
+heftigen Stoß auf die Seite geschoben. Denn es stand noch an einer
+Stelle, die mit besonders großen Beeren bedeckt war, und Trini wollte
+schnell seinen Kratten damit vollfüllen. Es gelang ihm auch, und vor
+allen anderen rief es jetzt siegesgewiß: “Voll! Fertig! Heim! Heim!”
+Nun riefen auch die anderen: “Heim! Heim!” und schon hatte sich das
+Trini mit seinem vollen, schön verpackten Kratten hingestellt, um den
+Zug anzuführen. Mit heller Stimme begann es zu singen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Als die Schar singend und jauchzend die ersten Häuser erreicht hatte,
+stoben die Kinder plötzlich alle auseinander, die einen aufwärts, die
+anderen abwärts. Das Trini lief mit allen Kräften den Berg hinauf, es
+hatte noch einen ziemlich langen Weg zu machen. Das Häuschen der
+Großmutter stand hoch oben und war das höchste von ganz Hochtannen.
+Jetzt kam das Trini am Hof der Goldäpfelbäuerin vorbei. Sie schaute
+eben über die Hecke, die den Hof umschloß, und als sie das Kind so
+vorbeirennen sah, rief sie ihm zu: “Komm doch einmal hierher und zeig
+mir deine Beeren!”
+
+Das Trini war in seinem Eifer schon ein gutes Stück über die Stelle
+hinaus, wo die Bäuerin stand, aber es kam schnell zurück, denn die
+Aussicht, die Beeren gleich verkaufen zu können, kam ihm sehr gelegen.
+
+“Hast du auch etwas Rechtes? Zeig her!” fuhr die Bäuerin fort, als
+das Trini an der Hecke stand und seinen Kratten zu ihr emporhob. “Ich
+kaufe sonst keine solche Ware, es wächst Besseres auf meinem Hof.
+Aber man sagt, eingekocht sei das Zeug gut gegen allerhand Übel. So
+gib’s her! Was geben sie dir unten im Wirtshaus für die Beeren?”
+
+“Einen Franken”, antwortete das Trini.
+
+“So, das ist auch genug für solches Beerenzeug. Aber du mußt’s haben,
+um deiner Großmutter willen, das ist eine brave Frau, die viel
+arbeitet. Du bringst ihr doch das Geld heim und machst keinen
+Firlefanz damit?”
+
+“Nein, das tue ich nicht”, entgegnete das Trini. Es sah die Bäuerin
+mit Augen an, die denen einer kleinen, wilden Katze nicht unähnlich
+waren, denn es ärgerte sich über diesen Verdacht. Die Bäuerin lachte
+und sprach:
+
+“Nur nicht gleich so aufgebracht, so etwas kommt auch vor. Aber komm,
+wir wollen wieder gut Freund sein! Da, das ist der Franken für die
+Großmutter, und wenn ich dir noch einen Münze für dich gebe, so wird’s
+dir auch nicht leid sein. So, jetzt lauf wieder!”
+
+Das Trini dankte hocherfreut und lief davon, hörte auch nicht zu
+rennen auf, bis es oben beim Häuschen angekommen war. Jetzt stürmte
+es in die kleine Stube hinein, wo es fast dunkel geworden war. Nur
+ein letzter, lichter Streifen am Abendhimmel schimmerte noch in das
+Fenster hinein, dort wo die Großmutter saß. Das Trini stürzte zu ihr
+hin und erzählte so eifrig von seinen Erlebnissen, daß immer das
+zweite Wort vor dem ersten heraus wollte. Es dauerte ziemlich lange,
+bis die Großmutter verstanden hatte, daß die Erdbeeren schon verkauft
+seien und ein ganzer Franken und noch ein Geldstück dazu dafür bezahlt
+worden war. Auch den mußte die Großmutter nehmen, das Trini wollte
+kein Geld behalten, denn es sollte alles der Großmutter gehören. Daß
+sie heute noch ein Geldstück über das Gewöhnliche hinaus bekam, machte
+dem Trini eine besondere Freude.
+
+“Ja, Großmutter, und siehst du”, fuhr das Trini immer noch halb außer
+Atem fort, “ich war vor allen anderen zuerst fertig und hatte doch den
+Kratten so voll wie kein anderes Kind. Das Maneli hatte seinen nicht
+halb voll. Es machte auch furchtbar langsam, und wenn es an einem
+guten Platz war, an den ich auch kam, so hatte ich schon wieder alles
+weggerupft, ehe es nur eine Handvoll erwischen konnte.”
+
+Die Großmutter hatte sich sehr über die guten Nachrichten und auch
+über den reichlichen Gewinn des Kindes gefreut. Aber jetzt sagte sie
+ernsthaft: “Aber Trineli, du stößt doch nicht etwa das Maneli weg,
+wenn es einen guten Platz gefunden hat, so daß du dann die Beeren
+bekommst? Das wäre nicht recht.”
+
+“Doch, freilich, das tue ich schon, das tut man immer, Großmutter”,
+versicherte das Trini. “Es muß jedes sehen, daß es die meisten und
+die schönsten erwischt. Daher geht es dann natürlich immer so rauh zu.”
+
+“Nein, nein, das mußt du mit dem kleinen, schwachen Maneli nicht mehr
+tun”, mahnte die Großmutter. “Siehst du, es kann nicht neben dir
+aufkommen, es ist kraftlos und kann sich nicht wehren, und seine
+Mutter hätte die Beeren nötig. Sie weiß gewiß manchmal nicht, wo sie
+für alle die kleinen Kinder Brot hernehmen soll. Tue das nicht mehr,
+Trineli, laß das arme Kleine ein andermal auch zu seinen Beeren kommen.
+Aber jetzt setz dich zu mir her”, fuhr die Großmutter in einem
+anderen Ton fort, “ich habe etwas mit dir zu reden, du bist vernünftig
+genug, um es zu verstehen.”
+
+Neugierig setzte sich das Kind hin, denn es war noch nie vorgekommen,
+daß die Großmutter es so ernst anblickte, um mit ihm zu reden.
+
+“Trineli”, fing sie jetzt bedächtig an, “wir müssen daran denken, was
+du für Arbeit tun könntest, wenn du nun im Frühling aus der Schule
+kommst. Der Vetter aus dem Reußtal ist heute morgen hier gewesen. Im
+Herbst könntest du zu ihm hinunterkommen und dir dort in der Fabrik
+etwas verdienen. Vielleicht würde es dein Glück sein. Du könntest
+von einem Jahr zum anderen weiterkommen und so deinen Weg machen. Was
+meinst du dazu?”
+
+“Lieber will ich sterben!” rief das Trini zornig.
+
+“Mußt nicht so unbedacht reden, Trineli”, mahnte die Großmutter
+freundlich. “Sieh, der Vetter will etwas für dich tun. Er meint es
+gut, wir wollen ihn nicht böse machen, wir wollen noch miteinander
+über die Sache nachdenken.”
+
+“Und wenn der Vetter käme und mich tausendmal töten wollte, so ginge
+ich doch nicht!” rief das Trini, und man konnte sehen, wie es immer
+wütender wurde.
+
+“Wir wollen jetzt nichts weiter sagen. Wenn es für dich gut ist, so
+wird es so sein müssen, Trineli, und dann wollen wir’s annehmen und
+denken: ‘Der liebe Gott schickt’s, es muß gut sein’.”
+
+Die Großmutter wollte damit das Gespräch beenden, aber das Kind fing
+plötzlich an, bitterlich zu weinen. Die Tränen stürzten ihm wie Bäche
+aus den Augen, und unter heftigem Schluchzen stieß es hervor:
+“Großmutter, wer soll dir dann Holz und Wasser bringen, wenn es kalt
+wird? Was willst du denn machen, wenn du wieder im kalten Winter
+nicht aufstehen kannst, und es ist kein Mensch bei dir und zündet
+Feuer an und macht dir ein wenig Kaffee und bringt ihn dir? Und du
+bist ganz allein und kannst nichts machen, und wenn du rufst, so kommt
+kein Mensch. Ich gehe nicht, Großmutter, ich kann nicht gehen! Ich
+kann nicht!”
+
+“Komm, Trineli, komm”, sagte beschwichtigend die Alte, die einen
+solchen Ausbruch nicht erwartet hatte, “komm, wir müssen nun unser
+Abendbrot essen, und dann wollen wir beten und zu Bett gehen. Über
+Nacht hat der liebe Gott auch schon manches anders gemacht, als es am
+Abend vorher war.”
+
+Aber das Trini mit seiner heftigen Gemütsart war nicht so schnell
+wieder im Gleichgewicht. Es konnte keinen Bissen hinunterbringen, und
+bis tief in die Nacht hinein hörte die Großmutter sein Schluchzen und
+Weinen. Das war ein neuer Kummer für die alte Waschkäthe. Sie hatte
+nicht geglaubt, daß das Kind sich so über den Vorschlag des Vetters
+aufregen würde.
+
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Dem Trini wird etwas Neues verständlich
+
+
+Mehrere sonnige Tage waren seit dem leidvollen Abend vergangen. Die
+Großmutter sagte kein Wort mehr von der drohenden Trennung. Sie
+vergaß sie freilich nie und hatte manchen schweren Augenblick zu
+ertragen, wenn wieder deutlich vor ihr stand, was ja kommen mußte.
+Aber sie wollte nicht mehr davon mit dem Kind reden. Sie hatte ihre
+Sache dem lieben Gott anvertraut. Und deshalb konnte sie sich im
+stillen immer wieder an der Zuversicht festhalten, wenn das Schwere
+kommen müßte, so werde er es für das Kind zum Guten wenden. Als nun
+die Großmutter gar nichts mehr sagte und alles wieder wie vorher war,
+die Sonne schien und die Vögel wie immer lustig pfiffen, da dachte das
+Trini, die Gefahr sei vorüber. Es glaubte, der liebe Gott habe
+wirklich, wie die Großmutter gesagt, über Nacht etwas geändert, und
+die alte Fröhlichkeit kehrte in Trinis Herz zurück. Jeden Abend, wenn
+die Kinder über die Wiesen liefen, hörte man allen anderen voraus
+Trinis helle Stimme erschallen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Der Sonnenrain war nun ganz abgeerntet, und man mußte weiterliegende
+Plätze aufsuchen. Da gab es noch ergiebige Stellen oben beim Wald und
+hinten bei der Mühle, und vor allem war noch die Kornhalde da. Dort
+waren ganze Schätze von Erdbeeren zu finden, das wußten die Kinder
+alle. Aber die wenigsten trauten sich dort hinaufzugehen. Da mußte
+man um das große Kornfeld herum an der Hecke bis zu dem schmalen
+Grasstreifen hinaufsteigen, der zwischen dem Korn und dem großen
+Moosfelsen lag. Dort, wo die Sonne den ganzen Tag heiß brannte,
+schossen die Erdbeeren schon fast rot aus dem Boden und wurden wie
+Kirschen so groß.
+
+Aber der Kornbauer, dem das große Feld gehörte, konnte es nicht leiden,
+daß die Kinder dort Beeren suchten. Denn er behauptete, sie
+zerstampften ihm das Korn, und hier und da mochte es auch geschehen
+sein. Wenn er deshalb die Beerensuchenden dort oben traf, jagte er
+sie augenblicklich mit den größten Drohungen davon. Und nicht selten
+folgte den Drohungen gleich die Erfüllung, denn das Mittel dazu trug
+er immer bei sich, das war seine feste knochige Hand. So wagten es
+nur die Allerkühnsten, an diesem Streifzug teilzunehmen, und zu denen
+gehörte auch das Trini. Eben heute sollte die Unternehmung
+stattfinden, denn schon seit dem frühen Morgen schimmerte es oben am
+Moosfelsen wie feuriges Gold und blitzte und flammte ins Tal hinab.
+Das Trini war zuerst auf dem Platz, von wo man aufbrechen wollte. Es
+hatte seinen großen Kratten an einer langen Schnur um den Hals
+gebunden, damit es nachher immer mit beiden Händen zugleich rupfen und
+die Beeren hineinwerfen konnte. Das ging genau doppelt so schnell wie
+bei denen, die mit der linken Hand den Kratten festhalten mußten.
+Jetzt kamen die Buben gelaufen, die mit wollten. Mädchen kamen keine,
+sie fürchteten sich alle. Nun ging es vorwärts. Aber heute durfte
+unterwegs nicht wie sonst geschwatzt und gelacht werden, denn man
+wollte nicht, daß der Bauer etwas von der Unternehmung bemerkte.
+Sorgsam schritt eines hinter dem anderen die Hecke entlang, denn die
+Furcht hatte sie gelehrt, das Korn zu schonen.
+
+Nun waren sie alle oben, und welch eine wundervolle Ernte lag vor
+ihnen ausgebreitet! Dunkelrot glühten die großen Beeren zwischen
+allen Halmen durch, über alle Blätter hinaus. Es war ein
+überquellender Reichtum, man konnte nur so in die Fülle hineinfahren.
+Mit blitzenden Augen begann auch das Trini zu pflücken, und bevor die
+anderen nur probiert hatten, wie die Beeren schmeckten, hatte es schon
+den halben Kratten gefüllt. Mit beiden Händen faßte es immer zu nach
+allen Seiten hin, denn da guckten ja immer noch schönere und noch
+größere hervor. Aber plötzlich ertönte eine wütende Stimme:
+
+“Ihr Feldratten, seid ihr schon wieder da?” Da stand der kräftige
+Bauer mit den knochigen Händen vor ihnen und hob seine Faust in die
+Höhe. “Macht, daß ihr auf der Stelle fortkommt und ich keines mehr
+sehe, oder...” Wie der Wind waren die Buben alle davongelaufen und
+verschwunden. Aber beharrlich rupfte das Trini noch ein, zwei, drei
+Beeren weg. Jetzt nur noch die drei großen--nur noch jene zwei--das
+Trini konnte sich nicht trennen, die Beeren reuten es gar zu sehr.
+
+“Jetzt weiß ich, wer das Korn zerstampft und so frech ist wie eine
+Schärmaus. Mach, daß du den Fleck räumst, und komm mir nicht noch
+einmal ans Korn!” drohte der Bauer zornig.
+
+“Ich habe gewiß nie das Korn zerstampft, keine Ähre”, versicherte das
+Trini, immer noch rupfend, “ich wollte ja nur die Beeren holen.”
+
+“Ich kenne dich wohl”, brummte der Bauer. “Pack dich, oder ich nehme
+dich bei den Ohren und schüttle dich, daß du meinst, du hättest deren
+vier am Kopf!”
+
+Der Bauer kam heran. Jetzt schoß das Trini auf und davon. Von seiner
+inneren Entrüstung getrieben, daß es alle die schönen Beeren hatte
+stehenlassen müssen und doch nie Korn zerstampft hatte, flog es
+beinahe, bis es daheim war. Geladen wie eine kleine Kanone, stürzte
+es auf die Großmutter los und rief: “Nein, nie habe ich das Korn
+zerstampft, keine Ähre ausgerissen und nur die Beeren genommen. Jetzt
+fressen sie die Schnecken, und ich wollte auch, der liebe Gott ließe
+dem Bauer zur Strafe vier Ohren an den Kopf wachsen, denn ich habe ihm
+nichts Böses getan.”
+
+“He, he, Trineli, was kommt dir denn in den Sinn?” sagte mahnend die
+Großmutter. “Komm, setz dich zu mir nieder, es ist Feierabend. Ein
+Licht zünden wir heute nicht an, der Mond scheint hell genug zum
+Abendessen. Komm, erzähl mir alles, wie es zugegangen ist.”
+
+Daß die Großmutter anhören wollte, was es zu berichten und zu klagen
+hatte, besänftigte das Trini schon ein wenig. Es setzte sich hin und
+berichtete gern, was es erlebt hatte. Es versicherte, daß es keiner
+Ähre etwas zuleide tun wollte, nur die Beeren nehmen, die jetzt von
+den Würmern und Schnecken verdorben würden. Als es zu des Bauern
+Drohung von den vier Ohren kam, mußte es noch einmal rufen: “Nicht
+wahr, Großmutter, wenn ihm zur Strafe jetzt vier Ohren anwachsen
+würden, das hätte er verdient. Denn ich habe ihm gar nichts getan und
+nie, nie ein Korn zerstampft!”
+
+“Trineli”, sagte jetzt die Großmutter, “wir wollen dem Bauer seine
+zwei Ohren lassen, aber wir wollen etwas von ihm profitieren. Siehst
+du, man kann alles brauchen und seinen Gewinn davon haben. Und wäre
+es ein ungerechtes Wort, es kommt nur darauf an, von wem wir die Worte
+nehmen. Wenn einer kommt und uns ohne Grund etwas Böses tut oder sagt,
+so wie dir heute der Bauer, und es tut uns recht weh, dann müssen wir
+ein wenig weiter denken und fragen: ‘Haben wir nicht doch so etwas
+verdient?’ Dann kommt uns auf einmal in den Sinn, daß wir einmal einem
+anderen recht weh getan haben, der es leiden mußte und sich nicht
+wehren konnte. Und nun haben wir erfahren, wie’s tut, und es wird uns
+leid darum sein. Wir wollen es nicht mehr tun und wieder bei den
+anderen gutmachen, wenn wir es können. Das ist dann genau das, was
+der liebe Gott mit uns gewollt hat, darum hat er den Ungerechten so
+böse Worte uns sagen lassen. Siehst du wohl, Trineli? Dann können
+wir aber auch nicht mehr so böse gegen den sein, der das getan hat.
+Denn wir wissen, der liebe Gott hat ihn gebraucht, wie ich meinen
+Besen brauche, wenn ich die Stube schön sauber und rein fegen will.
+So macht der liebe Gott uns das Herz wieder sauber und in Ordnung, und
+wir haben den Gewinn. Denn es wird uns dann wohl und leicht, wie es
+uns vorher nie gewesen ist. Hast du gut zugehört, Trineli, und willst
+du daran denken, was ich dir gesagt habe?”
+
+Das Trineli hatte wirklich aufmerksam zugehört, und über den Worten
+der Großmutter war sein Zorn gegen den Bauern ganz vergangen. Jetzt
+kamen ihm seine schönen Erdbeeren wieder in den Sinn. Es holte sie
+schnell herbei, damit die Großmutter noch im Mondschein die
+Prachtbeeren bewundern konnte. Wenn auch der Kratten nur halb so voll
+war wie gewöhnlich, so hatte sie doch außerordentliche Freude und
+sagte immer wieder, solche Wunderbeeren habe sie noch nie gesehen.
+Das Trini wollte schnell noch damit zur Goldäpfelbäuerin hinunter,
+aber die Großmutter sagte, so spät kaufe die Bäuerin keine Beeren mehr.
+Am nächsten Morgen solle es seine Beeren zum Wirtshaus hinuntertragen.
+
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Noch eine zornige Rede und was daraus folgt
+
+
+Der Juli ging seinem Ende entgegen und mit ihm die schöne
+Erdbeerenzeit. Nur oben beim Wald über Hochtannen war noch eine späte,
+kräftige Sorte der Beeren zu finden, die besonders gut bezahlt wurden.
+Denn jetzt reisten viele Fremde über den Berg, und unten im
+Wirtshaus an der großen Straße machten sie meistens Halt. Die
+seltenen Beeren kamen dann der Wirtin sehr gelegen. Aber man brauchte
+viel Zeit, die Kratten auch nur halb zu füllen, und man mußte genau
+wissen, wo die vereinzelten Beeren wuchsen. Aber wer fröhlichen Mutes
+war wie das Trini, dem machte das keine schweren Gedanken. An einem
+warmen Sommerabend lief es mit freudestrahlendem Gesicht den Berg
+hinauf, dem Tannenwald zu. Es wußte, daß nun die letzten, würzigen
+Beeren dort oben die rechte Reife erlangt hatten. Auch das Maneli und
+noch einige andere Kinder kannten den Platz, aber den meisten war der
+Weg zu weit und die Suche zu mühsam.
+
+Nur das Maneli kam mit seinem großen Kratten hinter dem Trini her,
+blieb aber weit zurück. Denn wie ein Reh die steilen Höhen
+hinaufspringen, konnte nur das Trini, dem an Kraft und Behendigkeit
+nicht ein einziges Mädchen seines Alters gleichkam. Oben gab es viel
+Arbeit. Die Beeren waren reif und schön und dufteten herrlich, aber
+sie mußten erst gesucht werden. In einem sonnigen Winkel standen
+einige der rot schimmernden Büsche dicht beieinander, und dann konnte
+man wieder vergebens danach suchen. Trini spähte in alle Löcher
+hinein, kletterte jeden Erdhügel hinauf, zog alle Grasbüschel
+auseinander, und wo noch ein rotes Beerlein herausguckte, wurde es
+schnell gepflückt. Trini hörte auch nicht auf zu klettern und zu
+suchen und zu rupfen, bis die Dämmerung hereinbrach und aller
+Tätigkeit ein Ende machte.
+
+Aber dem Trini mußte das nicht leid tun. Es schaute stolz auf seinen
+Kratten. Denn auch diesmal, gegen seine eigene Erwartung, war er
+gefüllt bis obenan. Es hatte nur noch Blätter und Stäbchen darauf zu
+befestigen, denn nicht eine der kostbaren Beeren durfte herausrollen.
+Jetzt sauste das Trini wie der Wind den Berg hinab. Zum Wirtshaus zu
+laufen, dazu war’s zu spät, aber bis zu der Goldäpfelbäuerin konnte es
+schon noch kommen. Die wollte gewiß diese letzten schönen Beeren noch
+haben, und dann konnte es der Großmutter gleich noch den
+außergewöhnlichen Gewinn heimbringen. Immer eiliger wurde sein
+Schritt.
+
+Still und traurig hinter ihm her ging das Maneli. Man konnte wohl
+sehen, daß es an seinem Kratten nicht schwer zu tragen hatte. Es
+mußte ein anderer Grund sein, warum es so langsam und niedergedrückt
+daherkam.
+
+Die Goldäpfelbäuerin hatte eben Ärger gehabt. Die junge Magd, die
+trotzig neben ihr an dem Gemüsebeet stand, hatte ihr alle jungen
+Setzlinge weggeschwemmt. Es war ihr zu mühsam vorgekommen, den zarten
+Pflänzchen sorgfältig, jedem einzeln mit der Gießkanne Wasser zu geben,
+wie die Bäuerin ihr befohlen hatte. Mit dem großen Kübel hatte sie
+den ganzen Wasserguß über das Beet geschüttet. In der Bäuerin kochte
+der Zorn auf wie heiße Milch, die überlaufen will, als sie die
+Zerstörung sah. Da kam das Trini hergelaufen. “Guten Abend!” rief es
+noch außer Atem, “seht die schönen Beeren. Es sind die letzten,
+wollen Sie sie?”
+
+“Ich brauche nichts”, rief die Bäuerin zornig. “Mach, daß du
+fortkommst, ich habe keine Zeit für dich.” “Wenn Sie sie nur ansehen
+wollten, sie würden ihnen gefallen”, meinte das Trini. “Habe ich dir
+nicht gesagt, daß ich nichts will? Mach, daß du gehst”, wiederholte
+die Frau. Aber das Trini blieb immer noch stehen. Es dachte: Wenn
+die Bäuerin nur Zeit hätte, die Beeren anzusehen, dann würde ihr schon
+die Lust kommen, sie zu behalten.
+
+Jetzt aber kochte es über in der Bäuerin, denn ihr Zorn hatte schon
+lange einen Ausweg gesucht. Daß sie ihn nicht an der trotzigen Magd
+ausließ, dafür mochte die Frau ihre Gründe haben.
+
+“Hast du Harz an den Sohlen?” rief sie grimmig, “oder guckst du nach
+den reifen Äpfeln aus, damit du weißt, welchen Baum ihr zuerst wieder
+schütteln wollt, wie ihr es immer macht, du und das andere Lumpenvolk?”
+
+Das konnte aber das Trini nicht auf sich sitzen lassen, so etwas hatte
+es nie getan.
+
+“Ich habe nie, nie die Bäume geschüttelt und nicht einen einzigen
+Apfel...”
+
+“Du wirst nicht besser sein als alle anderen!” unterbrach die Bäuerin.
+“Ich will kein Wort mehr hören, dort geht’s hinaus!”
+
+Damit erhob die Frau so rasch und drohend ihren Arm, daß es dem Trini
+nicht mehr sicher zumute war. Es rannte aus dem Garten und um die
+Hecke herum. Aber hier konnte es nicht mehr weiter. Auch sein Blut
+war wegen der ungerechten Anschuldigung in Wallung geraten. Es setzte
+sich auf den Boden hin, es mußte sich Luft machen.
+
+“Nein, das habe ich nicht getan”, rief es aufgeregt. “Ich habe nie
+die Äpfelbäume geschüttelt, nie! Aber die Bäuerin ist nur ein Besen,
+ja, sie ist nur ein Besen, das hat die Großmutter gesagt, und der
+liebe Gott will nur etwas herausfegen mit ihr. Aber ich habe gar
+nichts gemacht, ich habe nichts Böses getan.” Hier hielt das Trini auf
+einmal inne. Denn plötzlich stieg die Frage in ihm auf, was denn wohl
+der liebe Gott habe ausfegen wollen in seinem Herzen, wenn es doch
+nichts Unrechtes getan hatte. Nun wurde das Trini ganz still und
+nachdenklich. Nach einer Weile stand es langsam auf. Es sah gar
+nicht mehr aufgebracht aus. Halblaut sagte es noch: “Ja, es ist wahr,
+das war doch nicht recht.” Dem Trini war beim Nachdenken auf einmal
+eingefallen, daß es heute wieder mehrmals das Maneli auf die Seite
+gestoßen und sich schnell über die Beeren hergemacht hatte, die das
+Maneli auch gern eingesammelt hätte. Es war aber immer still auf die
+Seite gewichen, das Trini war ja viel stärker und flinker. So
+leistete ihm das Maneli niemals Widerstand.
+
+Nun wollte das Trini sein Unrecht wieder gutmachen und dem Maneli
+schnell noch ein wenig von seinen Beeren abtreten. Es lief immer
+eiliger, aber nicht bergan, der Wohnung der Großmutter zu, sondern
+querfeldein eine ganze Strecke weit. Bei einem elenden, kleinen
+Häuschen, an dem die alten Fensterscheiben halb oder ganz zerbrochen
+und mit Papier verklebt waren, blieb es stehen und holte ein wenig
+Atem. Es war jetzt dunkel geworden. Durch die zerbrochenen Scheiben
+schimmerte ein dünnes Lichtlein. Auf einmal hörte das Trini ein
+leises Schluchzen ganz in seiner Nähe. Es schaute sich um. Auf einem
+Holzblock vor dem Häuschen saß ganz unbeweglich eine kleine Gestalt,
+den Kopf auf die Arme gelegt. Trini trat hinzu.
+
+“Was hast du, Maneli?” fragte es erstaunt, als es die kleine Gestalt
+erkannt hatte, “warum weinst du so?”
+
+Das Maneli hob den Kopf und sah so traurig aus, wie Trini es noch nie
+gesehen hatte.
+
+“Ich darf nicht hinein”, sagte es schluchzend, “die Mutter ist krank
+und schon zu Mittag hatten wir fast nichts mehr zu essen. Dann sagte
+sie, für den Abend bringe ich, will’s Gott, etwas heim, wenn ich in
+die Beeren gehe und sie dann gleich ins Wirtshaus trage. Ich würde
+dann ein Schwarzbrot mitbringen, meinte die Mutter. Aber sieh, Trini,
+nur die habe ich.” Damit hob das Maneli seinen Kratten in die Höhe und
+Trini guckte hinein. Es war fast gar nichts darin, kaum der Boden des
+Korbes war bedeckt. Das Trini fühlte seinen schweren Kratten am Arm.
+Es war ihm, als werde er immer schwerer und drücke es nicht nur am Arm,
+sondern auch auf dem Herzen. Auf einmal riß es Stäbchen und Blätter
+weg, kehrte seinen Kratten um und schüttete den ganzen, reichen Inhalt
+in Manelis leeren Korb, so daß dieser bis oben hin voll war und noch
+übrig blieb von den Beeren. Diese legte das Trini schnell auf die
+Blätter am Boden und sagte: “Nimm die auch noch hinein. Gute Nacht.”
+Und fort rannte es in hohen Sprüngen.
+
+“Trini! Trini! Danke tausendmal!” rief ihm das Maneli aus allen
+Kräften nach, dann stürzte es in die Hütte hinein. Jetzt hielt das
+Trini auf einmal an und kam zurück gerannt. Es wollte sehen, was die
+Mutter beim Anblick von Manelis Kratten sagen wurde, der ja den ganzen
+Sommer lang nie so voll gewesen war. Durch die zerbrochenen Scheiben
+an dem niedrigen Häuschen konnte es alles sehen, was drinnen vorging.
+Die bleiche Mutter stand, von den kleinen Kindern umringt, am Tisch
+und schaute auf die Beeren im Kratten und auf den Teller daneben, der
+auch noch ganz voll war. Sie schlug ihre Hände zusammen und sagte
+immer wieder zu dem Maneli, das freudestrahlend zu ihr aufschaute:
+“Wie ist es möglich, Kind? Wie ist es nur möglich?”
+
+“Vom Trini, vom Trini!” wiederholte das Maneli drei-, viermal, “es hat
+sie mir alle gegeben, alle! Und denk, Mutter, für diese Menge gibt
+die Wirtin jetzt zwei ganze Franken.”
+
+“Gott vergelt’s dem Kind und ersetz es ihm und der Großmutter
+hundertfach, was es heute für uns getan hat. Er weiß allein, wie ich
+mich die ganze Nacht hindurch gesorgt habe, wo ich am Morgen Brot für
+euch nehme. Und nun haben wir ja für einige Tage genug.”
+
+Die bleiche Frau hatte bei diesen Worten die Hände gefaltet, als danke
+sie im stillen noch für die große Wohltat. Jetzt schoß das Trini
+davon mit einer Freude im Herzen, wie es in seinem ganzen Leben noch
+keine empfunden hatte. Die Großmutter hatte wohl recht gehabt, daß
+man am Ende den Gewinn davon habe, und daß es einem so wohl werde wie
+noch nie, wenn man es recht verstehe, was der liebe Gott ausfegen
+wolle. Nun machte es noch neue Pläne in seinem Herzen: Bald konnte
+man auch in die Heidelbeeren gehen und in die Brombeeren. Und es
+wollte jedesmal, wenn es seinen Kratten gefüllt hatte, noch dem Maneli
+den seinigen füllen helfen. Wenn nicht beide voll wurden, so wollte
+es immer mit ihm teilen. Denn das Trini hatte sich über die Worte der
+armen, kranken Mutter mehr gefreut, als über den eigenen vollen
+Kratten. Als es dann endlich heimkam und nun aufgeregt seine
+Erlebnisse erzählte und zuletzt der Großmutter den ganz leeren Kratten
+vorwies, sagte es bittend: “Nicht wahr, du bist nicht böse mit mir,
+Großmutter, daß ich kein einziges Beerlein heimbringe. Du wirst sie
+gewiß alle dem Maneli und seiner kranken Mutter gönnen?”
+
+Da lobte die Großmutter das Kind und sagte, was es getan habe, freue
+sie mehr, als wenn es ihr zwei ganze Kratten voll nach Haus gebracht
+hätte. So gut wie heute abend dem Trini seine Kartoffelsuppe
+schmeckte, hatte ihm noch kein Essen geschmeckt. Denn es dachte immer
+daran, wie nun das Maneli noch sein Schwarzbrot hatte heimbringen
+können, wie jedes sein Stück bekomme und es gewiß jetzt eben fröhlich
+verspeiste.
+
+
+
+
+5. Kapitel
+
+Wie es mit dem Vetter geht
+
+
+Schon war der letzte Sommermonat, der warme August da. Auf allen
+Bäumen glänzten die Äpfel rotgolden und kündeten den Herbst an. Der
+Vetter hatte nie wieder etwas von sich hören lassen. In der alten
+Käthe stieg manchmal die freudige Hoffnung auf, er habe sein Vorhaben
+geändert und denke nicht mehr an das Kind. Dann wurde es ihr so
+leicht ums Herz, als seien ihr alle Sorgen abgenommen, als könnte
+sonst kommen, was da wollte. Hunger und Mangel und Entbehrung aller
+Art werde sie ertragen, wenn sie nur das Kind nicht weggeben müßte.
+Das Trini war fröhlich wie ein Vogel vom Morgen bis zum Abend, es
+hatte den Vetter und seinen Wunsch schon lange vergessen.
+
+Da trat eines Morgens ein junger Bursch bei der Waschkäthe ein und
+sagte, er komme aus dem Reußtal und habe ihrem Vetter versprochen, ihr
+eine Bestellung auszurichten. Der Vetter lasse ihr sagen, sie solle
+die Kleider und alles für das Kind bereithalten, er hole es ab, sobald
+er wegen seines Geschäfts über den Berg müsse. Mit dem Vormund des
+Kindes wolle er dann schon alles in Ordnung bringen, was die Schule
+und den Lohn und das übrige betreffe. Der Großmutter wurde es vor
+Schrecken ganz schwarz vor den Augen, sie mußte sich schnell setzen,
+um sich nur wieder ein wenig zu fassen. So war denn plötzlich
+gekommen, was sie freilich immer im stillen befürchtet, aber doch
+immer in so weiter, unsicherer Ferne gesehen hatte. Nun war es da,
+denn daß der Vormund gleich einwilligen und dem Vetter das Kind
+übergeben würde, dessen war sie sicher. Sie konnte ja für keinen
+Verdienst sorgen. Sie wußte nicht einmal, wie lange sie sich selbst
+noch durchbringen konnte. Vielleicht fielen sie beide der Gemeinde
+zur Last. Der Vetter aber konnte einen so guten Verdienst in Aussicht
+stellen und für die Versorgung des Kindes für alle Zukunft garantieren.
+Es mußte sein, das sah sie deutlich vor sich. Die alte Käthe hatte
+schon viel Schweres erlebt. Aber das Weggeben dieses Kindes, das ihre
+ganze Freude und Stütze war, kam ihr vor, als wolle man ihr eines
+ihrer Glieder abreißen, ohne das sie nicht mehr fortleben könnte.
+
+Sie überdachte nun, wie sie dem Kind die Sache beibringen sollte.
+Aber wenn sie sich vorstellte, in welchen Jammer es das erstemal
+ausgebrochen war, als sie darüber geredet hatte, so hatte sie nicht
+den Mut, es wieder und nun mit Bestimmtheit zu tun. Zuletzt dachte
+sie, das beste sei, gar nicht über die Sache zu reden. Ein kurzer
+Kampf, wenn der Vetter komme, sei noch am leichtesten zu ertragen.
+Und inzwischen habe das Kind doch noch ungetrübte Tage. Aber von dem
+Morgen an lag ein solcher Kummer auf dem Gesicht der Großmutter, daß
+es dem Trini manchmal ganz bange wurde und es immer wieder fragte:
+“Großmutter, was hast du denn? Ich will alle Nächte durch Brombeeren
+suchen, wenn du dich sorgst, wir können nicht mehr leben, weil du
+nicht mehr so viel tun kannst. Ich brauche nicht zu schlafen, ich
+kann es schon aushalten, sieh nur, sieh!” Und das Trini streckte seine
+zwei festen Arme der Großmutter als Beweis entgegen, daß sie sich
+nicht zu sorgen brauche. Aber es vermehrte nur ihren Kummer. Denn
+sie sah ja nur zu gut, wie groß und stark das Kind geworden und daß es
+wirklich zu einer ganz anderen Arbeit fähig war als zu der, die es
+jetzt verrichtete. Doch am Abend, wenn sie wieder still in der
+Dämmerung saß und auf alle vergangenen Zeiten und auf so manche
+schwere Not zurückschaute, aus der ihr der liebe Gott so väterlich
+geholfen hatte, dann konnte sie mit Vertrauen sagen:
+
+“Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich’s gebühret.”
+
+
+So saß sie wieder am Fenster, wo noch der Abendschein hereinschimmerte,
+und wartete auf das Kind, um dann Licht zu machen und das Abendessen
+zu bereiten. Da hörte sie jemand auf ihr Häuschen zukommen. Das war
+nicht das Kind, es waren schwere, feste Tritte. Jetzt kam’s--es mußte
+der Vetter sein. Der Großmutter wollte das Herz stillstehen. Nun
+ging die Tür auf, und mit festem Schritt, einen großen Korb am Arm,
+trat die Goldäpfelbäuerin herein und fragte: “Wo sind Sie denn, Käthe?
+Man kann Sie ja gar nicht sehen. Guten Abend wünsch’ ich Ihnen!” Die
+Alte war schnell aufgestanden, hatte ihr Lichtlein angezündet und
+schüttelte jetzt ihrem Besuch die Hand. Auf dem Tisch stand nun der
+Korb, und im Schimmer des kleinen Lichts glänzten viele herrliche
+Goldäpfel, von denen der ganze Hof seinen Namen hatte. “Ich habe
+Ihnen ein wenig Äpfel gebracht, die Bäume haben dies Jahr schön
+getragen”, sagte die Bäuerin wieder, “was Sie nicht selbst brauchen,
+wird das Kind nehmen, wo ist es?”
+
+Die Käthe berichtete, Trini sei mit den anderen Kindern noch einmal in
+die Brombeeren zum Wald hinauf gegangen, es werde aber nun mit dem
+Beerenlesen bald ein Ende haben. “Das wird’s”, bestätigte die Bäuerin.
+“Es ist mir aber gerade recht, daß das Kind weg ist, ich möchte noch
+etwas mit Ihnen reden.” Die Käthe holte ihre Stühle herbei, und als
+die beiden nun voreinander am Tisch saßen, der große Apfelkorb
+zwischen ihnen, fing die Bäuerin wieder an: “Ich habe da vor kurzem
+etwas mit Ihrem Kind gehabt, es wird Ihnen wohl davon erzählt haben.
+Ich war ein wenig in Zorn geraten, denn die junge Magd hatte mir das
+ganze Kohlrübenbeet verdorben und war dazu noch unverschämt. So sind
+sie heutzutage. Und sagt man ihnen ein einziges Wort, das sie nicht
+gern hören, gleich werfen sie einem den Sack vor die Tür, und es heißt:
+Suchen Sie sich eine andere Magd. Aber immer mit neuen Leuten
+wirtschaften, ist keine Freude. Ich war also sehr ärgerlich, als das
+Kind ankam, und ich habe es beschimpft. Da hörte ich aber etwas, das
+hat mir gefallen, ich mußte zu mir sagen: Die alte Käthe hat das Kind
+etwas Gutes gelehrt. Mit einem Mädchen, das so denkt, mußte gut
+auszukommen sein. Und als ich mir alles so recht überdacht hatte,
+faßte ich einen Entschluß. Darüber möchte ich jetzt mit Ihnen reden.
+
+“Das Kind ist freilich noch jung, aber es ist groß und stark, und
+gelehrig sieht es auch aus. Die paar Schulmonate bis zum Frühling
+haben auch nicht mehr viel zu sagen, und so dachte ich, wenn es Ihnen
+recht wäre, wollte ich das Kind zu mir nehmen. Den Winter über hätte
+ich Zeit, es einzuarbeiten, und bis zum nächsten Sommer würde es eine
+ordentliche Magd für mich. Sie müssen sich aber nicht sorgen, Käthe.
+Ich weiß schon, daß jetzt die Zeit da ist, da das Kind anfangen muß,
+für Sie zu arbeiten und etwas Ordentliches zu verdienen. Ich gebe ihm
+gleich den ganzen Lohn, den die Mägde hatten, und jede Woche noch ein
+Brot dazu, denn das Kind ist mir das wert. Dazu haben Sie den Vorteil,
+daß es Ihnen nicht genommen wird. Es ist flink, es kann, wenn
+Feierabend ist, heim zu Ihnen. Und am Morgen schickt ihr mir’s wieder.
+Am Sonntag darf es schon vom Mittag an bei Ihnen bleiben. Warum
+fangen Sie denn an zu weinen, Käthe? Das Kind soll es gut haben bei
+mir, und Sie sollen auch nicht zu kurz kommen. Korn und Obst habe ich
+auf dem Hof und Milch im Stall. Ein Säcklein Mehl und eine Flasche
+Milch soll das Kind jeden Sonntag auch heimbringen, und außerdem gibt
+es das Jahr hindurch noch manches andere, da können Sie sicher sein.”
+
+“Sagt nur nichts mehr, es ist ja mehr als genug”, konnte hier endlich
+die alte Käthe hervorbringen, “ich weine ja nur vor Freude, vor lauter
+Freude. Sie wissen ja nicht, von welchem Kummer Sie mich befreit
+haben, und welche Wohltat Sie an mir tun.”
+
+Und nun erzählte die Alte der Bäuerin, wie sie sich schon den ganzen
+Sommer über gesorgt hätte und nun jeden Augenblick den Vetter erwarte.
+Das habe sie dem Kind gar nicht sagen dürfen, weil sie sich vor
+seinem großen Jammer fürchtete. Eben als die Großmutter fertig
+erzählt hatte, kam das Trini hereingesprungen. Beim Anblick der
+goldenen Äpfel auf dem Tisch und der Bäuerin, die daran saß, stand es
+plötzlich still und schaute mit größter Verwunderung um sich.
+
+“Komm, gib mir die Hand, Trini”, sagte die Bäuerin. “Da du meine
+Bäume nie geschüttelt hast, mußt du mit der Großmutter ein paar Äpfel
+davon haben.”
+
+Über Trinis Gesicht ging ein freudiges Lächeln. So hatte es die
+Bäuerin doch noch vernommen, daß es das nicht getan hatte, das
+erfreute sein Herz. Es kam eilig herbei, der Frau die Hand zu reichen.
+“Was meinst du?” fuhr die Bäuerin fort, “wie gefiele es dir bei mir
+auf dem Hof, wolltest du brav mit mir arbeiten?”
+
+Das Trini schaute immer verwunderter einmal auf die Bäuerin und dann
+wieder auf die Großmutter. Diese konnte nicht mehr schweigen in ihrer
+Freude: “Trineli, denk nur, denk nur, wie es jetzt kommt”, rief sie
+aus, “du kommst nicht ins Reußtal, du sollst nicht von mir fort.
+Jeden Tag darfst du zu der guten Frau hinunter auf den Goldäpfelhof
+und am Abend wieder heim. Ach, was ist das für eine Erlösung aus der
+großen Sorge. Dank ihr, Trineli, dank ihr!”
+
+“So danke ich vielmals. Und ich will gern arbeiten bei Ihnen, was Sie
+nur wollen”, sagte das Trini, das erst jetzt das Angebot der Bäuerin
+zu würdigen wußte.
+
+“So ist’s recht”, schloß die Bäuerin, “die Sache ist abgemacht. Das
+Beerenlesen hat jetzt ein Ende, und das Apfel- und Birnenlesen fängt
+an. Das ist gerade die rechte Zeit, um bei mir mit der Arbeit
+anzufangen. Am Montag schicken Sie mir das Kind, Käthe, und geben ihm
+Ihren Segen mit. Und nun auf Wiedersehen.”
+
+Sobald die Tür sich hinter der Bäuerin schloß, fing die Großmutter an,
+laut zu loben und zu danken, daß der liebe Gott alle ihre Sorge in
+solche Freude und Hilfe verwandelt hatte. Das Trini jauchzte laut auf:
+“Juchhe, nun muß ich nie von dir fort, Großmutter! Ich will schon
+tüchtig arbeiten, dann behält mich gewiß die Bäuerin ihr Leben lang.”
+
+Jetzt mußte es aber die goldenen Äpfel noch aus der Nähe betrachten.
+Auf einmal sagte es: “Großmutter, darf ich nicht dem Maneli noch
+geschwind die Hälfte bringen? Ich habe jetzt immer mit ihm geteilt.”
+
+“Ja, ja”, nickte beifällig die Alte, das war ihr gerade recht, daß
+auch der armen Nachbarin etwas von ihrem großen Glück zugute komme.
+“Lauf nur gleich, Trineli, und nimm auch mehr als die Hälfte. Es sind
+so viele, die sich an den Äpfeln freuen werden, geh schnell!”
+
+Trini stürzte fort, und ein ungeheures Freudengeschrei brach bei der
+Kinderschar aus, als es die Äpfel auf den Tisch hinschüttete. Sie
+rollten da und dorthin und der süße Apfelduft durchströmte die ganze
+Stube.
+
+Am Montag, als das Trini unter den Bäumen des Goldäpfelhofes schon
+eifrig bei seiner Arbeit war, trat der Vetter bei der alten Käthe ein.
+Jetzt hatte sie keinen Schrecken mehr. Sie sagte ihm, wo das Kind
+bei der Arbeit sei und daß es dort bleiben werde. Aber so schnell
+ließ sich der Vetter nicht von seinem Plan abbringen, denn er hatte
+fest vor, das Kind mitzunehmen. Er lief gleich zum Vormund und sagte
+ihm, daß das Kind in der Fabrik viel mehr verdienen könne als bei der
+Bäuerin. Aber der Vormund lächelte nur schlau, denn die
+Goldäpfelbäuerin war auch bei ihm gewesen. Sie wußte schon, was sie
+zu tun hatte, wenn sie das Kind behalten wollte. Er sagte, wenn das
+Kind fort sei, sorge niemand für die alte Frau. Solange es aber bei
+der Bäuerin sei, wären sie beide versorgt und könnten ohne fremde
+Hilfe gut leben. Und so sei beschlossen worden, daß das Kind bei der
+Bäuerin bleibe.
+
+Dem Trini geht es mit jedem Tag besser auf dem Goldäpfelhof. Jetzt
+kennt es schon alle Arbeit, und die Bäuerin mag das flinke, immer
+frohe Trini so gern, als wäre es ihr eigenes Kind. Die Großmutter
+sorgt auch dafür, daß das Kind nie vergaß, wer zu ihm redet, wenn es
+ertragen soll, was weh tut. Denn sie weiß wohl, wie es zu dem guten
+Platz bei der Bäuerin gekommen ist.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Was die Großmutter gelehrt hat,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT
+HAT ***
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
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+or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg™ and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org.
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation’s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact.
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
+widespread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate.
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic
+works
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org.
+
+This website includes information about Project Gutenberg™,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Was die Grossmutter gelehrt hat, by
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+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
+at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
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+</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Was die Grossmutter gelehrt hat</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Johanna Spyri</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 29, 2011 [EBook #9861]<br>
+Release Date: February, 2006<br>
+First Posted: October 25, 2003<br>
+Last Updated: July 27, 2023</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
+<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Delphine Lettau</div>
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT
+HAT ***</div>
+
+
+
+<h1>Was die Großmutter gelehrt hat</h1>
+
+<p class="center p2">Erzählung</p>
+
+<p class="center big">Johanna Spyri</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="1_Kapitel">1. Kapitel<br><span class="small">Der Kummer der alten Waschkäthe</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Die alte Waschkäthe saß in ihrem Stübchen im einsamen Berghüttchen und
+schaute nachdenklich auf ihre gekrümmten Hände, die sie vor sich auf
+die Knie gelegt hatte. Bis der letzte Abendschein hinter den fernen
+Waldhöhen verglommen war, hatte sie fleißig an ihrem Spinnrad
+gearbeitet. Jetzt hatte sie es ein wenig beiseite gerückt, die Hände
+mußten müde sein, die so gekrümmt und abgearbeitet aussahen. Die Alte
+seufzte auf und sagte vor sich hin: “Ja, wenn ich noch könnte wie
+früher!” Sie meinte wohl arbeiten, denn das hatte sie tapfer ihr Leben
+lang getan. Nun war sie alt geworden, und die früher so rüstige und
+unermüdliche Waschfrau konnte gar nichts mehr tun, als ein wenig
+spinnen, und das trug sehr wenig ein. Dennoch hatte sie sich schon
+seit ein paar Jahren auf diese Weise durchgebracht und noch dazu ihr
+Enkelkind erhalten, das bei ihr lebte und noch nicht viel verdienen
+konnte. Es hatte zwar auch seine kleinen Einnahmen, denn es war ein
+flinkes und geschicktes Kind.</p>
+
+<p>Heute erfüllte die Großmutter aber noch ein besonderer Kummer, der ihr
+schon seit dem frühen Morgen das Herz schwer gemacht hatte. Ihr
+Enkelkind, das fröhliche Trini, das sie von klein auf erzogen hatte,
+war zwölf Jahre alt geworden. Es sollte im Frühling aus der Schule
+entlassen werden und dann in einen Dienst gehen. Heute früh nun war
+der ferne Vetter unten aus dem Reußtal heraufgekommen und hatte der
+alten Kusine den Vorschlag gemacht, das Kind ihm anzuvertrauen. Er
+hatte zwar selbst nicht viel und konnte nichts geben, aber es war dort
+unten ein guter Verdienst zu finden. Denn die neue Fabrik, die an der
+wasserreichen Reuß erbaut worden war, brauchte viele Arbeitskräfte.
+Dort konnte das Trini die Woche über ein schönes Stück Geld verdienen,
+und daneben konnte es die nötige Arbeit in seinem Haus verrichten,
+dafür wollte er es beherbergen. Da seine Frau kränklich war und sie
+keine Magd anstellen konnten, so war ihnen das Kind erwünscht, denn
+sie wußten, daß es groß und kräftig und sehr geschickt war.</p>
+
+<p>Die Großmutter hatte schweigend zugehört, aber in ihrem Herzen hatten
+die Worte einen großen Kampf entfacht. Der Vetter wünschte auch, daß
+das Kind schon im Herbst herunterkomme, das halbe Schuljahr könne
+schon abgekürzt werden, es wisse genug und könne dann gleich etwas
+verdienen. Außerdem hätte seine Frau es im Winter besonders nötig.
+Die Großmutter hatte noch immer nichts gesagt. Jetzt, als der Vetter
+drängte und gleich das Jawort haben wollte, sagte sie, er müsse ihr
+ein wenig Zeit lassen. Vor dem Herbst wollte sie sich noch nicht
+entscheiden. Sie sehe den Vorteil des Kindes wohl ein, aber sie müsse
+sich das alles erst noch überlegen und dann auch mit dem Kinde reden.
+Der Vetter war nicht recht zufrieden, er hätte gern gleich alles
+festgemacht und den Tag bestimmt, wann das Trini herunterkommen sollte.
+Er meinte, mit dem Kind sei doch nichts zu reden, das besitze noch
+keine Vernunft und kenne seinen eigenen Vorteil nicht. Aber die
+Großmutter blieb standhaft. Im Herbst möge er noch einmal kommen,
+dann solle er bestimmt eine Antwort haben. Wenn sie dann
+einverstanden sei, so könne er dann das Kind gleich selbst mitnehmen,
+für den Augenblick könne sie nichts weiter sagen. Dabei blieb sie.
+Der Vetter sah, daß da nichts zu machen war. Er ermahnte nochmals die
+alte Kusine, des Kindes Vorteil nicht außer acht zu lassen. Es sei ja
+doch auch ihr eigener Vorteil, wenn das Kind etwas einnehme und sie
+nachher auch unterstützen könne. Dann ging er.</p>
+
+<p>Schon den ganzen Tag während der Arbeit dachte die Großmutter nach
+über die Worte des Vetters, aber sie konnte keinen Entschluß fassen.
+Jetzt in der Dämmerung überlegte sie in Ruhe, und sie mußte ein
+paarmal tief aufseufzen dabei. Der Vetter hatte recht, es war ein
+großer Vorteil für das Kind, daß es in seinem Haus wohnen konnte, um
+von da aus in der Fabrik einen sicheren Verdienst zu finden. Sie
+selbst wußte keinen vorteilhafteren Weg für das Kind, sie wußte
+eigentlich gar keinen. Rings herum waren nur kleine Güter, die die
+Leute alle selbst bebauten und die an der Hilfe ihrer eigenen Kinder
+genug hatten. Wer eine Magd anstellte, wie es unten im Pfarrhaus oder
+im Amtshaus oder in dem neuen Wirtshaus die Frauen taten, da mußten es
+ältere Mädchen sein. Es waren kräftige, erwachsene Personen, die in
+Küche und Garten zu arbeiten wußten.</p>
+
+<p>Auch die Goldäpfelbäuerin auf dem großen, obstreichen Hof hatte immer
+eine Magd, aber auch eine große, starke, die ihr in allem helfen
+konnte. Trotzdem konnte auch die nie lange bei der Bäuerin bleiben.
+Wenn ihr also nicht einmal eine erwachsene Person die Arbeit recht
+machen konnte, was wäre dann ein Kind wie das Trini für sie. Daß das
+Kind aber im Frühjahr, wenn es nun aus der Schule entlassen wurde,
+eine Arbeit suchen mußte, das sah die Großmutter wohl ein. Seit sie
+nicht mehr wie früher als Wäscherin auf die Arbeit gehen konnte,
+sondern nur mühsam mit ihren gekrümmten Fingern am Spinnrad arbeitete,
+war sie kaum in der Lage, sich und das Kind zu erhalten. Und mit
+jedem Tage konnte es schwerer für sie werden. Und doch, sich von dem
+Kind trennen zu müssen, das kam der Großmutter als das Allerschwerste
+vor, das sie erleben konnte.</p>
+
+<p>Würde die neue Aufgabe für das junge Kind nicht zu schwer sein? Die
+Alte wußte wohl, wie es bei dem Vetter war. Er selbst hatte eine rohe
+und unfreundliche Art und war meistens unwirsch. Seine Frau war immer
+krank und daher auch nicht gut gelaunt. Sie saß meistens freudlos und
+wie abgestumpft in ihrer Ofenecke und sagte kein Wort. Nun war es so
+schlimm mit ihr geworden, daß der Mann daran denken mußte, eine Hilfe
+ins Haus zu holen. Da hätte dann das Kind die Geschäfte im Haus alle
+allein zu besorgen und konnte dann erst zur Arbeit in die Fabrik gehen.
+War nun für all die Arbeit das Kind nicht noch zu jung? Und wurde
+es ihm nicht zu schwer fallen, von der Großmutter weg, die es so lieb
+hatte, in ein ganz fremdes Haus zu gehen. Würde sie es ertragen, nie
+ein Wort der Liebe und des Trostes zu hören? Daran war ihr liebes
+Trineli nicht gewohnt.</p>
+
+<p>Der Großmutter trat jener Tag vor Augen, als es ihr ins Haus gebracht
+worden war, ein kleines, hilfloses Ding, das niemand brauchen konnte
+und das niemand pflegen wollte. Damals hatte sie noch rüstige Hände
+und gute Kräfte, und wenn sie auch von früh bis spät tätig sein mußte,
+sie tat es gern. Die Waschkäthe hatte drei Kinder gehabt, zwei Söhne
+und eine Tochter. Ihr Mann war an einem hitzigen Fieber gestorben,
+als die Kinder alle drei noch ganz klein waren. Da mußte die Käthe
+viel arbeiten, damit die Kleinen etwas zum Anziehen hatten und keinen
+Mangel litten. Tag und Nacht war sie bei der Arbeit, und jedermann
+ringsum rief sie zur Hilfe bei der großen Wäsche. Denn man wußte,
+keine arbeitete so gut wie die Käthe, die wegen dieser Tätigkeit
+überall nur die Waschkäthe hieß. Als ihre Söhne groß waren, bekamen
+sie Lust, in die Ferne zu wandern, und gingen miteinander nach Amerika.
+Die Tochter verheiratete sich und zog ins Tal hinab. Aber nicht
+viel mehr als ein Jahr später starb sie plötzlich noch ganz jung. Das
+betrübte ihren Mann so sehr, daß er es daheim nicht mehr aushalten
+konnte. Er brachte das ganz kleine Trineli zur Großmutter hinauf und
+sagte: “Da, Mutter, nimm du das Kind, ich weiß nichts damit anzufangen.
+Ich muß fort, es hält mich nichts mehr hier.” Dann ging er zu den
+Schwägern nach Amerika.</p>
+
+<p>Von dem Tag an hatte die Waschkäthe eine neue Sorge, aber auch eine
+neue, große Freude nach vielem Kummer und Leid. Das kleine Trineli
+entwickelte sich schnell und lohnte der guten Großmutter ihre Mühe und
+Arbeit mit einer ungewöhnlichen Liebe und Anhänglichkeit. Sie hatten
+viele lustige Stunden miteinander, denn das Kind war immer so
+beweglich und lebendig wie ein munteres Fischlein im Wasser. Mit
+jedem Jahre wurde es der Großmutter lieber und unentbehrlicher.</p>
+
+<p>Alle diese vergangenen Tage stiegen nun in der Dämmerung vor der alten
+Waschkäthe auf, und der Gedanke, das Kind so weit und vielleicht für
+alle Zeit von sich zu schicken, machte ihr das Herz immer schwerer.
+Aber sie kannte einen Tröster, der ihr schon in vielen trüben Stunden
+geholfen und auch manches gefürchtete Leid gemildert hatte. Den
+wollte sie doch nicht vergessen. Lieber, als so die schweren Gedanken
+hin- und herzuwälzen in ihrem Innern, wollte sie jetzt die ganze Sache
+dem lieben Gott übergeben. Mußte es sein und mußte sie dieses Leid
+der Trennung ertragen, so hatte doch der liebe Gott seine schützende
+Hand dabei. Es konnte ja alles zum Besten des Kindes geschehen, und
+sein Wohl ging ihr noch über das eigene. Als die Großmutter dies
+alles überlegt hatte, faltete sie still die Hände und sagte andächtig
+vor sich hin:</p>
+
+<p class="poetry">“Drum, meine Seele, sei du still<br>
+Zu Gott, wie sich’s gebühret,<br>
+Wenn er dich so, wie er es will,<br>
+Und nicht wie du willst führet.<br>
+Kommt dann zum Ziel der dunkle Lauf,<br>
+Tust du den Mund mit Freuden auf,<br>
+Zu loben und zu danken.”</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">In den Erdbeeren</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Während die alte Käthe so gedankenverloren erst an ihrem Spinnrad und
+dann in der Dämmerung saß, ging es oben am Sonnenrain ziemlich laut zu.
+Hier wuchs jedes Jahr eine Fülle der schönsten, saftigsten Erdbeeren.
+Wenn sie reif waren, schien es oft, als ob ein großer, dunkelroter
+Teppich vom Sonnenrain herunterhinge, der in der Sonne glühte. Der
+Platz war den Kindern von Hochtannen, wie das kleine, aus zerstreuten
+Häusern bestehende Bergdörfchen hieß, wohlbekannt. Sie wußten auch
+recht gut, daß, wenn man die Beeren ausreifen ließ, ein schöner Gewinn
+damit zu erzielen war. Denn diese ungewöhnlich großen, saftigen
+Beeren wurden überall gern gekauft. So gaben die Kinder selbst acht
+aufeinander, daß nicht etwa die einen zu früh die Beeren holten, bevor
+sie die rechte Reife erlangt hatten. Erscholl aber an einem schönen
+Junitag unter den Schulkindern der Ruf: “Sie sind reif am Sonnenrain!
+Sie sind reif!”, dann stürzte noch an demselben Abend die ganze Schar
+hinaus zum Sonnenrain. Jedes Kind hatte einen Korb in der Hand, und
+sie liefen, so schnell sie konnten, denn jedes wollte zuerst auf dem
+Platz sein und die schönsten und reifsten Beeren finden.</p>
+
+<p>Die mitgebrachten Körbe, Kratten genannt, hatten alle dieselbe Form,
+aber verschiedene Größen. Sie hatten die Form von Zylinderhüten, mit
+dem Unterschied, daß bei diesen die Öffnung unten ist, wo der Kopf
+hineingesteckt wird, bei jenen aber oben, wo die Erdbeeren
+hineingeworfen werden. Wenn dann die Dämmerung gekommen war und man
+die Beeren nicht mehr sehen konnte, wurde die Arbeit beendet. Dann
+deckte man die Kratten mit großen Blättern zu und befestigte zwei
+hölzerne Stäbchen kreuzweise darüber, damit der Wind die Blätter nicht
+entführe. Nun stimmte man das Erdbeerlied an, und voller Fröhlichkeit
+zog die ganze Schar heimwärts. Alle sangen aus vollen Kehlen:</p>
+
+<p class="poetry">Erdbeeren rollen,<br>
+Die Kratten all, die vollen,<br>
+Erdbeeren mit Stielen,<br>
+Jetzt trägt man sie heim die vielen,<br>
+Erdbeeren an Ästen,<br>
+Die meinen sind die besten!</p>
+
+
+<p>Am schnellsten und am fleißigsten aber von allen war die Enkelin der
+alten Waschkäthe, das lustige Trini. Immer wußte es, wo die schönsten
+Beeren standen und wo noch am wenigsten gepflückt worden war. Dann
+schoß es dahin und rupfte mit einer Gewandtheit, daß kein anderes Kind
+schneller war und die Langsamen in seiner Nähe gar nichts erwischten.
+Auf einen kleinen Stoß kam es dem Trini dabei auch nicht an, wenn ihm
+eine schöne Stelle besonders ins Auge fiel, wo schon ein anderes Kind
+Beeren sammelte. Niemals aß es von den Früchten, bis sein Kratten so
+voll war, daß es eben noch die hölzernen Stäbchen über den Blättern
+festmachen konnte, ohne die zarten Früchte zusammen zu drücken. Erst
+dann kamen noch einige der süßduftenden Beeren in den Mund und
+schmeckten herrlich nach der harten Arbeit. Vorher hätten sie aber
+dem Trini gar nicht geschmeckt, denn es war ihm, als gehörten sie alle
+der Großmutter, bis keine einzige Beere mehr in den Kratten hineinging.</p>
+
+<p>Das Trini strengte sich sehr an, für seine liebe Großmutter auch etwas
+zu tun. Es fühlte wohl, wie aufopfernd und gut sie zu ihm war und wie
+hart sie immer noch arbeitete, damit sie beide keinen Mangel leiden
+mußten. Es hatte auch sein Leben lang nie andere, als liebevolle
+Worte von ihr gehört. Und wie oft hatte es gespürt, daß sie viel
+lieber sich selbst als ihm etwas versagte. Dafür hing es auch mit dem
+ganzen Herzen an der Großmutter, und mit ungeheurer Freude sah es die
+Beerenzeit wieder kommen. Dann konnte es täglich seinen vollen
+Kratten heimbringen oder ihn dahin tragen, wohin er bestellt war, um
+dann ein schönes Geldstück zu verdienen. Das war für die Großmutter
+eine große Einnahme, die freilich nur eine kurze Zeit dauerte. Viel
+brachten aber nur die allergrößten Kratten ein, und diese hatten das
+Trini und das kleine, bleiche Maneli. Dieses konnte aber niemals
+seinen Kratten auch nur zur Hälfte füllen. Das Maneli, das eigentlich
+Marianne hieß, war mit Trini im gleichen Alter. Beide saßen auf
+derselben Schulbank, aber sie sahen sehr verschieden aus. Trini war
+groß und stark und hatte feste, runde Arme und rote Backen. Es
+fürchtete sich vor den größten Buben in der Schule nicht, denn es
+wußte sich zu wehren.</p>
+
+<p>Das Maneli aber war schmal, blaß und sehr schüchtern. Es war ärmlich
+gekleidet und sah aus, als bekomme es nie genug zu essen. Das stimmte
+wohl auch, denn es hatte noch fünf kleinere Geschwister und seine
+Mutter war oft krank. Der Vater, der ein Tagelöhner war, brachte
+nicht immer so viel heim, daß es zu allem langte. Eben jetzt, da die
+Dämmerung heranrückte, hatte Trini das kraftlose Maneli mit einem
+heftigen Stoß auf die Seite geschoben. Denn es stand noch an einer
+Stelle, die mit besonders großen Beeren bedeckt war, und Trini wollte
+schnell seinen Kratten damit vollfüllen. Es gelang ihm auch, und vor
+allen anderen rief es jetzt siegesgewiß: “Voll! Fertig! Heim! Heim!”
+Nun riefen auch die anderen: “Heim! Heim!” und schon hatte sich das
+Trini mit seinem vollen, schön verpackten Kratten hingestellt, um den
+Zug anzuführen. Mit heller Stimme begann es zu singen:</p>
+
+<p class="poetry">Erdbeeren rollen,<br>
+Die Kratten all, die vollen...</p>
+
+
+<p>Als die Schar singend und jauchzend die ersten Häuser erreicht hatte,
+stoben die Kinder plötzlich alle auseinander, die einen aufwärts, die
+anderen abwärts. Das Trini lief mit allen Kräften den Berg hinauf, es
+hatte noch einen ziemlich langen Weg zu machen. Das Häuschen der
+Großmutter stand hoch oben und war das höchste von ganz Hochtannen.
+Jetzt kam das Trini am Hof der Goldäpfelbäuerin vorbei. Sie schaute
+eben über die Hecke, die den Hof umschloß, und als sie das Kind so
+vorbeirennen sah, rief sie ihm zu: “Komm doch einmal hierher und zeig
+mir deine Beeren!”</p>
+
+<p>Das Trini war in seinem Eifer schon ein gutes Stück über die Stelle
+hinaus, wo die Bäuerin stand, aber es kam schnell zurück, denn die
+Aussicht, die Beeren gleich verkaufen zu können, kam ihm sehr gelegen.</p>
+
+<p>“Hast du auch etwas Rechtes? Zeig her!” fuhr die Bäuerin fort, als
+das Trini an der Hecke stand und seinen Kratten zu ihr emporhob. “Ich
+kaufe sonst keine solche Ware, es wächst Besseres auf meinem Hof.
+Aber man sagt, eingekocht sei das Zeug gut gegen allerhand Übel. So
+gib’s her! Was geben sie dir unten im Wirtshaus für die Beeren?”</p>
+
+<p>“Einen Franken”, antwortete das Trini.</p>
+
+<p>“So, das ist auch genug für solches Beerenzeug. Aber du mußt’s haben,
+um deiner Großmutter willen, das ist eine brave Frau, die viel
+arbeitet. Du bringst ihr doch das Geld heim und machst keinen
+Firlefanz damit?”</p>
+
+<p>“Nein, das tue ich nicht”, entgegnete das Trini. Es sah die Bäuerin
+mit Augen an, die denen einer kleinen, wilden Katze nicht unähnlich
+waren, denn es ärgerte sich über diesen Verdacht. Die Bäuerin lachte
+und sprach:</p>
+
+<p>“Nur nicht gleich so aufgebracht, so etwas kommt auch vor. Aber komm,
+wir wollen wieder gut Freund sein! Da, das ist der Franken für die
+Großmutter, und wenn ich dir noch einen Münze für dich gebe, so wird’s
+dir auch nicht leid sein. So, jetzt lauf wieder!”</p>
+
+<p>Das Trini dankte hocherfreut und lief davon, hörte auch nicht zu
+rennen auf, bis es oben beim Häuschen angekommen war. Jetzt stürmte
+es in die kleine Stube hinein, wo es fast dunkel geworden war. Nur
+ein letzter, lichter Streifen am Abendhimmel schimmerte noch in das
+Fenster hinein, dort wo die Großmutter saß. Das Trini stürzte zu ihr
+hin und erzählte so eifrig von seinen Erlebnissen, daß immer das
+zweite Wort vor dem ersten heraus wollte. Es dauerte ziemlich lange,
+bis die Großmutter verstanden hatte, daß die Erdbeeren schon verkauft
+seien und ein ganzer Franken und noch ein Geldstück dazu dafür bezahlt
+worden war. Auch den mußte die Großmutter nehmen, das Trini wollte
+kein Geld behalten, denn es sollte alles der Großmutter gehören. Daß
+sie heute noch ein Geldstück über das Gewöhnliche hinaus bekam, machte
+dem Trini eine besondere Freude.</p>
+
+<p>“Ja, Großmutter, und siehst du”, fuhr das Trini immer noch halb außer
+Atem fort, “ich war vor allen anderen zuerst fertig und hatte doch den
+Kratten so voll wie kein anderes Kind. Das Maneli hatte seinen nicht
+halb voll. Es machte auch furchtbar langsam, und wenn es an einem
+guten Platz war, an den ich auch kam, so hatte ich schon wieder alles
+weggerupft, ehe es nur eine Handvoll erwischen konnte.”</p>
+
+<p>Die Großmutter hatte sich sehr über die guten Nachrichten und auch
+über den reichlichen Gewinn des Kindes gefreut. Aber jetzt sagte sie
+ernsthaft: “Aber Trineli, du stößt doch nicht etwa das Maneli weg,
+wenn es einen guten Platz gefunden hat, so daß du dann die Beeren
+bekommst? Das wäre nicht recht.”</p>
+
+<p>“Doch, freilich, das tue ich schon, das tut man immer, Großmutter”,
+versicherte das Trini. “Es muß jedes sehen, daß es die meisten und
+die schönsten erwischt. Daher geht es dann natürlich immer so rauh zu.”</p>
+
+<p>“Nein, nein, das mußt du mit dem kleinen, schwachen Maneli nicht mehr
+tun”, mahnte die Großmutter. “Siehst du, es kann nicht neben dir
+aufkommen, es ist kraftlos und kann sich nicht wehren, und seine
+Mutter hätte die Beeren nötig. Sie weiß gewiß manchmal nicht, wo sie
+für alle die kleinen Kinder Brot hernehmen soll. Tue das nicht mehr,
+Trineli, laß das arme Kleine ein andermal auch zu seinen Beeren kommen.
+Aber jetzt setz dich zu mir her”, fuhr die Großmutter in einem
+anderen Ton fort, “ich habe etwas mit dir zu reden, du bist vernünftig
+genug, um es zu verstehen.”</p>
+
+<p>Neugierig setzte sich das Kind hin, denn es war noch nie vorgekommen,
+daß die Großmutter es so ernst anblickte, um mit ihm zu reden.</p>
+
+<p>“Trineli”, fing sie jetzt bedächtig an, “wir müssen daran denken, was
+du für Arbeit tun könntest, wenn du nun im Frühling aus der Schule
+kommst. Der Vetter aus dem Reußtal ist heute morgen hier gewesen. Im
+Herbst könntest du zu ihm hinunterkommen und dir dort in der Fabrik
+etwas verdienen. Vielleicht würde es dein Glück sein. Du könntest
+von einem Jahr zum anderen weiterkommen und so deinen Weg machen. Was
+meinst du dazu?”</p>
+
+<p>“Lieber will ich sterben!” rief das Trini zornig.</p>
+
+<p>“Mußt nicht so unbedacht reden, Trineli”, mahnte die Großmutter
+freundlich. “Sieh, der Vetter will etwas für dich tun. Er meint es
+gut, wir wollen ihn nicht böse machen, wir wollen noch miteinander
+über die Sache nachdenken.”</p>
+
+<p>“Und wenn der Vetter käme und mich tausendmal töten wollte, so ginge
+ich doch nicht!” rief das Trini, und man konnte sehen, wie es immer
+wütender wurde.</p>
+
+<p>“Wir wollen jetzt nichts weiter sagen. Wenn es für dich gut ist, so
+wird es so sein müssen, Trineli, und dann wollen wir’s annehmen und
+denken: ‘Der liebe Gott schickt’s, es muß gut sein’.”</p>
+
+<p>Die Großmutter wollte damit das Gespräch beenden, aber das Kind fing
+plötzlich an, bitterlich zu weinen. Die Tränen stürzten ihm wie Bäche
+aus den Augen, und unter heftigem Schluchzen stieß es hervor:
+“Großmutter, wer soll dir dann Holz und Wasser bringen, wenn es kalt
+wird? Was willst du denn machen, wenn du wieder im kalten Winter
+nicht aufstehen kannst, und es ist kein Mensch bei dir und zündet
+Feuer an und macht dir ein wenig Kaffee und bringt ihn dir? Und du
+bist ganz allein und kannst nichts machen, und wenn du rufst, so kommt
+kein Mensch. Ich gehe nicht, Großmutter, ich kann nicht gehen! Ich
+kann nicht!”</p>
+
+<p>“Komm, Trineli, komm”, sagte beschwichtigend die Alte, die einen
+solchen Ausbruch nicht erwartet hatte, “komm, wir müssen nun unser
+Abendbrot essen, und dann wollen wir beten und zu Bett gehen. Über
+Nacht hat der liebe Gott auch schon manches anders gemacht, als es am
+Abend vorher war.”</p>
+
+<p>Aber das Trini mit seiner heftigen Gemütsart war nicht so schnell
+wieder im Gleichgewicht. Es konnte keinen Bissen hinunterbringen, und
+bis tief in die Nacht hinein hörte die Großmutter sein Schluchzen und
+Weinen. Das war ein neuer Kummer für die alte Waschkäthe. Sie hatte
+nicht geglaubt, daß das Kind sich so über den Vorschlag des Vetters
+aufregen würde.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Dem Trini wird etwas Neues verständlich</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Mehrere sonnige Tage waren seit dem leidvollen Abend vergangen. Die
+Großmutter sagte kein Wort mehr von der drohenden Trennung. Sie
+vergaß sie freilich nie und hatte manchen schweren Augenblick zu
+ertragen, wenn wieder deutlich vor ihr stand, was ja kommen mußte.
+Aber sie wollte nicht mehr davon mit dem Kind reden. Sie hatte ihre
+Sache dem lieben Gott anvertraut. Und deshalb konnte sie sich im
+stillen immer wieder an der Zuversicht festhalten, wenn das Schwere
+kommen müßte, so werde er es für das Kind zum Guten wenden. Als nun
+die Großmutter gar nichts mehr sagte und alles wieder wie vorher war,
+die Sonne schien und die Vögel wie immer lustig pfiffen, da dachte das
+Trini, die Gefahr sei vorüber. Es glaubte, der liebe Gott habe
+wirklich, wie die Großmutter gesagt, über Nacht etwas geändert, und
+die alte Fröhlichkeit kehrte in Trinis Herz zurück. Jeden Abend, wenn
+die Kinder über die Wiesen liefen, hörte man allen anderen voraus
+Trinis helle Stimme erschallen:</p>
+
+<p class="poetry">Erdbeeren rollen,<br>
+Die Kratten all, die vollen...</p>
+
+
+<p>Der Sonnenrain war nun ganz abgeerntet, und man mußte weiterliegende
+Plätze aufsuchen. Da gab es noch ergiebige Stellen oben beim Wald und
+hinten bei der Mühle, und vor allem war noch die Kornhalde da. Dort
+waren ganze Schätze von Erdbeeren zu finden, das wußten die Kinder
+alle. Aber die wenigsten trauten sich dort hinaufzugehen. Da mußte
+man um das große Kornfeld herum an der Hecke bis zu dem schmalen
+Grasstreifen hinaufsteigen, der zwischen dem Korn und dem großen
+Moosfelsen lag. Dort, wo die Sonne den ganzen Tag heiß brannte,
+schossen die Erdbeeren schon fast rot aus dem Boden und wurden wie
+Kirschen so groß.</p>
+
+<p>Aber der Kornbauer, dem das große Feld gehörte, konnte es nicht leiden,
+daß die Kinder dort Beeren suchten. Denn er behauptete, sie
+zerstampften ihm das Korn, und hier und da mochte es auch geschehen
+sein. Wenn er deshalb die Beerensuchenden dort oben traf, jagte er
+sie augenblicklich mit den größten Drohungen davon. Und nicht selten
+folgte den Drohungen gleich die Erfüllung, denn das Mittel dazu trug
+er immer bei sich, das war seine feste knochige Hand. So wagten es
+nur die Allerkühnsten, an diesem Streifzug teilzunehmen, und zu denen
+gehörte auch das Trini. Eben heute sollte die Unternehmung
+stattfinden, denn schon seit dem frühen Morgen schimmerte es oben am
+Moosfelsen wie feuriges Gold und blitzte und flammte ins Tal hinab.
+Das Trini war zuerst auf dem Platz, von wo man aufbrechen wollte. Es
+hatte seinen großen Kratten an einer langen Schnur um den Hals
+gebunden, damit es nachher immer mit beiden Händen zugleich rupfen und
+die Beeren hineinwerfen konnte. Das ging genau doppelt so schnell wie
+bei denen, die mit der linken Hand den Kratten festhalten mußten.
+Jetzt kamen die Buben gelaufen, die mit wollten. Mädchen kamen keine,
+sie fürchteten sich alle. Nun ging es vorwärts. Aber heute durfte
+unterwegs nicht wie sonst geschwatzt und gelacht werden, denn man
+wollte nicht, daß der Bauer etwas von der Unternehmung bemerkte.
+Sorgsam schritt eines hinter dem anderen die Hecke entlang, denn die
+Furcht hatte sie gelehrt, das Korn zu schonen.</p>
+
+<p>Nun waren sie alle oben, und welch eine wundervolle Ernte lag vor
+ihnen ausgebreitet! Dunkelrot glühten die großen Beeren zwischen
+allen Halmen durch, über alle Blätter hinaus. Es war ein
+überquellender Reichtum, man konnte nur so in die Fülle hineinfahren.
+Mit blitzenden Augen begann auch das Trini zu pflücken, und bevor die
+anderen nur probiert hatten, wie die Beeren schmeckten, hatte es schon
+den halben Kratten gefüllt. Mit beiden Händen faßte es immer zu nach
+allen Seiten hin, denn da guckten ja immer noch schönere und noch
+größere hervor. Aber plötzlich ertönte eine wütende Stimme:</p>
+
+<p>“Ihr Feldratten, seid ihr schon wieder da?” Da stand der kräftige
+Bauer mit den knochigen Händen vor ihnen und hob seine Faust in die
+Höhe. “Macht, daß ihr auf der Stelle fortkommt und ich keines mehr
+sehe, oder...” Wie der Wind waren die Buben alle davongelaufen und
+verschwunden. Aber beharrlich rupfte das Trini noch ein, zwei, drei
+Beeren weg. Jetzt nur noch die drei großen—nur noch jene zwei—das
+Trini konnte sich nicht trennen, die Beeren reuten es gar zu sehr.</p>
+
+<p>“Jetzt weiß ich, wer das Korn zerstampft und so frech ist wie eine
+Schärmaus. Mach, daß du den Fleck räumst, und komm mir nicht noch
+einmal ans Korn!” drohte der Bauer zornig.</p>
+
+<p>“Ich habe gewiß nie das Korn zerstampft, keine Ähre”, versicherte das
+Trini, immer noch rupfend, “ich wollte ja nur die Beeren holen.”</p>
+
+<p>“Ich kenne dich wohl”, brummte der Bauer. “Pack dich, oder ich nehme
+dich bei den Ohren und schüttle dich, daß du meinst, du hättest deren
+vier am Kopf!”</p>
+
+<p>Der Bauer kam heran. Jetzt schoß das Trini auf und davon. Von seiner
+inneren Entrüstung getrieben, daß es alle die schönen Beeren hatte
+stehenlassen müssen und doch nie Korn zerstampft hatte, flog es
+beinahe, bis es daheim war. Geladen wie eine kleine Kanone, stürzte
+es auf die Großmutter los und rief: “Nein, nie habe ich das Korn
+zerstampft, keine Ähre ausgerissen und nur die Beeren genommen. Jetzt
+fressen sie die Schnecken, und ich wollte auch, der liebe Gott ließe
+dem Bauer zur Strafe vier Ohren an den Kopf wachsen, denn ich habe ihm
+nichts Böses getan.”</p>
+
+<p>“He, he, Trineli, was kommt dir denn in den Sinn?” sagte mahnend die
+Großmutter. “Komm, setz dich zu mir nieder, es ist Feierabend. Ein
+Licht zünden wir heute nicht an, der Mond scheint hell genug zum
+Abendessen. Komm, erzähl mir alles, wie es zugegangen ist.”</p>
+
+<p>Daß die Großmutter anhören wollte, was es zu berichten und zu klagen
+hatte, besänftigte das Trini schon ein wenig. Es setzte sich hin und
+berichtete gern, was es erlebt hatte. Es versicherte, daß es keiner
+Ähre etwas zuleide tun wollte, nur die Beeren nehmen, die jetzt von
+den Würmern und Schnecken verdorben würden. Als es zu des Bauern
+Drohung von den vier Ohren kam, mußte es noch einmal rufen: “Nicht
+wahr, Großmutter, wenn ihm zur Strafe jetzt vier Ohren anwachsen
+würden, das hätte er verdient. Denn ich habe ihm gar nichts getan und
+nie, nie ein Korn zerstampft!”</p>
+
+<p>“Trineli”, sagte jetzt die Großmutter, “wir wollen dem Bauer seine
+zwei Ohren lassen, aber wir wollen etwas von ihm profitieren. Siehst
+du, man kann alles brauchen und seinen Gewinn davon haben. Und wäre
+es ein ungerechtes Wort, es kommt nur darauf an, von wem wir die Worte
+nehmen. Wenn einer kommt und uns ohne Grund etwas Böses tut oder sagt,
+so wie dir heute der Bauer, und es tut uns recht weh, dann müssen wir
+ein wenig weiter denken und fragen: ‘Haben wir nicht doch so etwas
+verdient?’ Dann kommt uns auf einmal in den Sinn, daß wir einmal einem
+anderen recht weh getan haben, der es leiden mußte und sich nicht
+wehren konnte. Und nun haben wir erfahren, wie’s tut, und es wird uns
+leid darum sein. Wir wollen es nicht mehr tun und wieder bei den
+anderen gutmachen, wenn wir es können. Das ist dann genau das, was
+der liebe Gott mit uns gewollt hat, darum hat er den Ungerechten so
+böse Worte uns sagen lassen. Siehst du wohl, Trineli? Dann können
+wir aber auch nicht mehr so böse gegen den sein, der das getan hat.
+Denn wir wissen, der liebe Gott hat ihn gebraucht, wie ich meinen
+Besen brauche, wenn ich die Stube schön sauber und rein fegen will.
+So macht der liebe Gott uns das Herz wieder sauber und in Ordnung, und
+wir haben den Gewinn. Denn es wird uns dann wohl und leicht, wie es
+uns vorher nie gewesen ist. Hast du gut zugehört, Trineli, und willst
+du daran denken, was ich dir gesagt habe?”</p>
+
+<p>Das Trineli hatte wirklich aufmerksam zugehört, und über den Worten
+der Großmutter war sein Zorn gegen den Bauern ganz vergangen. Jetzt
+kamen ihm seine schönen Erdbeeren wieder in den Sinn. Es holte sie
+schnell herbei, damit die Großmutter noch im Mondschein die
+Prachtbeeren bewundern konnte. Wenn auch der Kratten nur halb so voll
+war wie gewöhnlich, so hatte sie doch außerordentliche Freude und
+sagte immer wieder, solche Wunderbeeren habe sie noch nie gesehen.
+Das Trini wollte schnell noch damit zur Goldäpfelbäuerin hinunter,
+aber die Großmutter sagte, so spät kaufe die Bäuerin keine Beeren mehr.
+Am nächsten Morgen solle es seine Beeren zum Wirtshaus hinuntertragen.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Noch eine zornige Rede und was daraus folgt</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Der Juli ging seinem Ende entgegen und mit ihm die schöne
+Erdbeerenzeit. Nur oben beim Wald über Hochtannen war noch eine späte,
+kräftige Sorte der Beeren zu finden, die besonders gut bezahlt wurden.
+Denn jetzt reisten viele Fremde über den Berg, und unten im
+Wirtshaus an der großen Straße machten sie meistens Halt. Die
+seltenen Beeren kamen dann der Wirtin sehr gelegen. Aber man brauchte
+viel Zeit, die Kratten auch nur halb zu füllen, und man mußte genau
+wissen, wo die vereinzelten Beeren wuchsen. Aber wer fröhlichen Mutes
+war wie das Trini, dem machte das keine schweren Gedanken. An einem
+warmen Sommerabend lief es mit freudestrahlendem Gesicht den Berg
+hinauf, dem Tannenwald zu. Es wußte, daß nun die letzten, würzigen
+Beeren dort oben die rechte Reife erlangt hatten. Auch das Maneli und
+noch einige andere Kinder kannten den Platz, aber den meisten war der
+Weg zu weit und die Suche zu mühsam.</p>
+
+<p>Nur das Maneli kam mit seinem großen Kratten hinter dem Trini her,
+blieb aber weit zurück. Denn wie ein Reh die steilen Höhen
+hinaufspringen, konnte nur das Trini, dem an Kraft und Behendigkeit
+nicht ein einziges Mädchen seines Alters gleichkam. Oben gab es viel
+Arbeit. Die Beeren waren reif und schön und dufteten herrlich, aber
+sie mußten erst gesucht werden. In einem sonnigen Winkel standen
+einige der rot schimmernden Büsche dicht beieinander, und dann konnte
+man wieder vergebens danach suchen. Trini spähte in alle Löcher
+hinein, kletterte jeden Erdhügel hinauf, zog alle Grasbüschel
+auseinander, und wo noch ein rotes Beerlein herausguckte, wurde es
+schnell gepflückt. Trini hörte auch nicht auf zu klettern und zu
+suchen und zu rupfen, bis die Dämmerung hereinbrach und aller
+Tätigkeit ein Ende machte.</p>
+
+<p>Aber dem Trini mußte das nicht leid tun. Es schaute stolz auf seinen
+Kratten. Denn auch diesmal, gegen seine eigene Erwartung, war er
+gefüllt bis obenan. Es hatte nur noch Blätter und Stäbchen darauf zu
+befestigen, denn nicht eine der kostbaren Beeren durfte herausrollen.
+Jetzt sauste das Trini wie der Wind den Berg hinab. Zum Wirtshaus zu
+laufen, dazu war’s zu spät, aber bis zu der Goldäpfelbäuerin konnte es
+schon noch kommen. Die wollte gewiß diese letzten schönen Beeren noch
+haben, und dann konnte es der Großmutter gleich noch den
+außergewöhnlichen Gewinn heimbringen. Immer eiliger wurde sein
+Schritt.</p>
+
+<p>Still und traurig hinter ihm her ging das Maneli. Man konnte wohl
+sehen, daß es an seinem Kratten nicht schwer zu tragen hatte. Es
+mußte ein anderer Grund sein, warum es so langsam und niedergedrückt
+daherkam.</p>
+
+<p>Die Goldäpfelbäuerin hatte eben Ärger gehabt. Die junge Magd, die
+trotzig neben ihr an dem Gemüsebeet stand, hatte ihr alle jungen
+Setzlinge weggeschwemmt. Es war ihr zu mühsam vorgekommen, den zarten
+Pflänzchen sorgfältig, jedem einzeln mit der Gießkanne Wasser zu geben,
+wie die Bäuerin ihr befohlen hatte. Mit dem großen Kübel hatte sie
+den ganzen Wasserguß über das Beet geschüttet. In der Bäuerin kochte
+der Zorn auf wie heiße Milch, die überlaufen will, als sie die
+Zerstörung sah. Da kam das Trini hergelaufen. “Guten Abend!” rief es
+noch außer Atem, “seht die schönen Beeren. Es sind die letzten,
+wollen Sie sie?”</p>
+
+<p>“Ich brauche nichts”, rief die Bäuerin zornig. “Mach, daß du
+fortkommst, ich habe keine Zeit für dich.” “Wenn Sie sie nur ansehen
+wollten, sie würden ihnen gefallen”, meinte das Trini. “Habe ich dir
+nicht gesagt, daß ich nichts will? Mach, daß du gehst”, wiederholte
+die Frau. Aber das Trini blieb immer noch stehen. Es dachte: Wenn
+die Bäuerin nur Zeit hätte, die Beeren anzusehen, dann würde ihr schon
+die Lust kommen, sie zu behalten.</p>
+
+<p>Jetzt aber kochte es über in der Bäuerin, denn ihr Zorn hatte schon
+lange einen Ausweg gesucht. Daß sie ihn nicht an der trotzigen Magd
+ausließ, dafür mochte die Frau ihre Gründe haben.</p>
+
+<p>“Hast du Harz an den Sohlen?” rief sie grimmig, “oder guckst du nach
+den reifen Äpfeln aus, damit du weißt, welchen Baum ihr zuerst wieder
+schütteln wollt, wie ihr es immer macht, du und das andere Lumpenvolk?”</p>
+
+<p>Das konnte aber das Trini nicht auf sich sitzen lassen, so etwas hatte
+es nie getan.</p>
+
+<p>“Ich habe nie, nie die Bäume geschüttelt und nicht einen einzigen
+Apfel...”</p>
+
+<p>“Du wirst nicht besser sein als alle anderen!” unterbrach die Bäuerin.
+“Ich will kein Wort mehr hören, dort geht’s hinaus!”</p>
+
+<p>Damit erhob die Frau so rasch und drohend ihren Arm, daß es dem Trini
+nicht mehr sicher zumute war. Es rannte aus dem Garten und um die
+Hecke herum. Aber hier konnte es nicht mehr weiter. Auch sein Blut
+war wegen der ungerechten Anschuldigung in Wallung geraten. Es setzte
+sich auf den Boden hin, es mußte sich Luft machen.</p>
+
+<p>“Nein, das habe ich nicht getan”, rief es aufgeregt. “Ich habe nie
+die Äpfelbäume geschüttelt, nie! Aber die Bäuerin ist nur ein Besen,
+ja, sie ist nur ein Besen, das hat die Großmutter gesagt, und der
+liebe Gott will nur etwas herausfegen mit ihr. Aber ich habe gar
+nichts gemacht, ich habe nichts Böses getan.” Hier hielt das Trini auf
+einmal inne. Denn plötzlich stieg die Frage in ihm auf, was denn wohl
+der liebe Gott habe ausfegen wollen in seinem Herzen, wenn es doch
+nichts Unrechtes getan hatte. Nun wurde das Trini ganz still und
+nachdenklich. Nach einer Weile stand es langsam auf. Es sah gar
+nicht mehr aufgebracht aus. Halblaut sagte es noch: “Ja, es ist wahr,
+das war doch nicht recht.” Dem Trini war beim Nachdenken auf einmal
+eingefallen, daß es heute wieder mehrmals das Maneli auf die Seite
+gestoßen und sich schnell über die Beeren hergemacht hatte, die das
+Maneli auch gern eingesammelt hätte. Es war aber immer still auf die
+Seite gewichen, das Trini war ja viel stärker und flinker. So
+leistete ihm das Maneli niemals Widerstand.</p>
+
+<p>Nun wollte das Trini sein Unrecht wieder gutmachen und dem Maneli
+schnell noch ein wenig von seinen Beeren abtreten. Es lief immer
+eiliger, aber nicht bergan, der Wohnung der Großmutter zu, sondern
+querfeldein eine ganze Strecke weit. Bei einem elenden, kleinen
+Häuschen, an dem die alten Fensterscheiben halb oder ganz zerbrochen
+und mit Papier verklebt waren, blieb es stehen und holte ein wenig
+Atem. Es war jetzt dunkel geworden. Durch die zerbrochenen Scheiben
+schimmerte ein dünnes Lichtlein. Auf einmal hörte das Trini ein
+leises Schluchzen ganz in seiner Nähe. Es schaute sich um. Auf einem
+Holzblock vor dem Häuschen saß ganz unbeweglich eine kleine Gestalt,
+den Kopf auf die Arme gelegt. Trini trat hinzu.</p>
+
+<p>“Was hast du, Maneli?” fragte es erstaunt, als es die kleine Gestalt
+erkannt hatte, “warum weinst du so?”</p>
+
+<p>Das Maneli hob den Kopf und sah so traurig aus, wie Trini es noch nie
+gesehen hatte.</p>
+
+<p>“Ich darf nicht hinein”, sagte es schluchzend, “die Mutter ist krank
+und schon zu Mittag hatten wir fast nichts mehr zu essen. Dann sagte
+sie, für den Abend bringe ich, will’s Gott, etwas heim, wenn ich in
+die Beeren gehe und sie dann gleich ins Wirtshaus trage. Ich würde
+dann ein Schwarzbrot mitbringen, meinte die Mutter. Aber sieh, Trini,
+nur die habe ich.” Damit hob das Maneli seinen Kratten in die Höhe und
+Trini guckte hinein. Es war fast gar nichts darin, kaum der Boden des
+Korbes war bedeckt. Das Trini fühlte seinen schweren Kratten am Arm.
+Es war ihm, als werde er immer schwerer und drücke es nicht nur am Arm,
+sondern auch auf dem Herzen. Auf einmal riß es Stäbchen und Blätter
+weg, kehrte seinen Kratten um und schüttete den ganzen, reichen Inhalt
+in Manelis leeren Korb, so daß dieser bis oben hin voll war und noch
+übrig blieb von den Beeren. Diese legte das Trini schnell auf die
+Blätter am Boden und sagte: “Nimm die auch noch hinein. Gute Nacht.”
+Und fort rannte es in hohen Sprüngen.</p>
+
+<p>“Trini! Trini! Danke tausendmal!” rief ihm das Maneli aus allen
+Kräften nach, dann stürzte es in die Hütte hinein. Jetzt hielt das
+Trini auf einmal an und kam zurück gerannt. Es wollte sehen, was die
+Mutter beim Anblick von Manelis Kratten sagen wurde, der ja den ganzen
+Sommer lang nie so voll gewesen war. Durch die zerbrochenen Scheiben
+an dem niedrigen Häuschen konnte es alles sehen, was drinnen vorging.
+Die bleiche Mutter stand, von den kleinen Kindern umringt, am Tisch
+und schaute auf die Beeren im Kratten und auf den Teller daneben, der
+auch noch ganz voll war. Sie schlug ihre Hände zusammen und sagte
+immer wieder zu dem Maneli, das freudestrahlend zu ihr aufschaute:
+“Wie ist es möglich, Kind? Wie ist es nur möglich?”</p>
+
+<p>“Vom Trini, vom Trini!” wiederholte das Maneli drei-, viermal, “es hat
+sie mir alle gegeben, alle! Und denk, Mutter, für diese Menge gibt
+die Wirtin jetzt zwei ganze Franken.”</p>
+
+<p>“Gott vergelt’s dem Kind und ersetz es ihm und der Großmutter
+hundertfach, was es heute für uns getan hat. Er weiß allein, wie ich
+mich die ganze Nacht hindurch gesorgt habe, wo ich am Morgen Brot für
+euch nehme. Und nun haben wir ja für einige Tage genug.”</p>
+
+<p>Die bleiche Frau hatte bei diesen Worten die Hände gefaltet, als danke
+sie im stillen noch für die große Wohltat. Jetzt schoß das Trini
+davon mit einer Freude im Herzen, wie es in seinem ganzen Leben noch
+keine empfunden hatte. Die Großmutter hatte wohl recht gehabt, daß
+man am Ende den Gewinn davon habe, und daß es einem so wohl werde wie
+noch nie, wenn man es recht verstehe, was der liebe Gott ausfegen
+wolle. Nun machte es noch neue Pläne in seinem Herzen: Bald konnte
+man auch in die Heidelbeeren gehen und in die Brombeeren. Und es
+wollte jedesmal, wenn es seinen Kratten gefüllt hatte, noch dem Maneli
+den seinigen füllen helfen. Wenn nicht beide voll wurden, so wollte
+es immer mit ihm teilen. Denn das Trini hatte sich über die Worte der
+armen, kranken Mutter mehr gefreut, als über den eigenen vollen
+Kratten. Als es dann endlich heimkam und nun aufgeregt seine
+Erlebnisse erzählte und zuletzt der Großmutter den ganz leeren Kratten
+vorwies, sagte es bittend: “Nicht wahr, du bist nicht böse mit mir,
+Großmutter, daß ich kein einziges Beerlein heimbringe. Du wirst sie
+gewiß alle dem Maneli und seiner kranken Mutter gönnen?”</p>
+
+<p>Da lobte die Großmutter das Kind und sagte, was es getan habe, freue
+sie mehr, als wenn es ihr zwei ganze Kratten voll nach Haus gebracht
+hätte. So gut wie heute abend dem Trini seine Kartoffelsuppe
+schmeckte, hatte ihm noch kein Essen geschmeckt. Denn es dachte immer
+daran, wie nun das Maneli noch sein Schwarzbrot hatte heimbringen
+können, wie jedes sein Stück bekomme und es gewiß jetzt eben fröhlich
+verspeiste.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="5_Kapitel">5. Kapitel<br><span class="small">Wie es mit dem Vetter geht</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Schon war der letzte Sommermonat, der warme August da. Auf allen
+Bäumen glänzten die Äpfel rotgolden und kündeten den Herbst an. Der
+Vetter hatte nie wieder etwas von sich hören lassen. In der alten
+Käthe stieg manchmal die freudige Hoffnung auf, er habe sein Vorhaben
+geändert und denke nicht mehr an das Kind. Dann wurde es ihr so
+leicht ums Herz, als seien ihr alle Sorgen abgenommen, als könnte
+sonst kommen, was da wollte. Hunger und Mangel und Entbehrung aller
+Art werde sie ertragen, wenn sie nur das Kind nicht weggeben müßte.
+Das Trini war fröhlich wie ein Vogel vom Morgen bis zum Abend, es
+hatte den Vetter und seinen Wunsch schon lange vergessen.</p>
+
+<p>Da trat eines Morgens ein junger Bursch bei der Waschkäthe ein und
+sagte, er komme aus dem Reußtal und habe ihrem Vetter versprochen, ihr
+eine Bestellung auszurichten. Der Vetter lasse ihr sagen, sie solle
+die Kleider und alles für das Kind bereithalten, er hole es ab, sobald
+er wegen seines Geschäfts über den Berg müsse. Mit dem Vormund des
+Kindes wolle er dann schon alles in Ordnung bringen, was die Schule
+und den Lohn und das übrige betreffe. Der Großmutter wurde es vor
+Schrecken ganz schwarz vor den Augen, sie mußte sich schnell setzen,
+um sich nur wieder ein wenig zu fassen. So war denn plötzlich
+gekommen, was sie freilich immer im stillen befürchtet, aber doch
+immer in so weiter, unsicherer Ferne gesehen hatte. Nun war es da,
+denn daß der Vormund gleich einwilligen und dem Vetter das Kind
+übergeben würde, dessen war sie sicher. Sie konnte ja für keinen
+Verdienst sorgen. Sie wußte nicht einmal, wie lange sie sich selbst
+noch durchbringen konnte. Vielleicht fielen sie beide der Gemeinde
+zur Last. Der Vetter aber konnte einen so guten Verdienst in Aussicht
+stellen und für die Versorgung des Kindes für alle Zukunft garantieren.
+Es mußte sein, das sah sie deutlich vor sich. Die alte Käthe hatte
+schon viel Schweres erlebt. Aber das Weggeben dieses Kindes, das ihre
+ganze Freude und Stütze war, kam ihr vor, als wolle man ihr eines
+ihrer Glieder abreißen, ohne das sie nicht mehr fortleben könnte.</p>
+
+<p>Sie überdachte nun, wie sie dem Kind die Sache beibringen sollte.
+Aber wenn sie sich vorstellte, in welchen Jammer es das erstemal
+ausgebrochen war, als sie darüber geredet hatte, so hatte sie nicht
+den Mut, es wieder und nun mit Bestimmtheit zu tun. Zuletzt dachte
+sie, das beste sei, gar nicht über die Sache zu reden. Ein kurzer
+Kampf, wenn der Vetter komme, sei noch am leichtesten zu ertragen.
+Und inzwischen habe das Kind doch noch ungetrübte Tage. Aber von dem
+Morgen an lag ein solcher Kummer auf dem Gesicht der Großmutter, daß
+es dem Trini manchmal ganz bange wurde und es immer wieder fragte:
+“Großmutter, was hast du denn? Ich will alle Nächte durch Brombeeren
+suchen, wenn du dich sorgst, wir können nicht mehr leben, weil du
+nicht mehr so viel tun kannst. Ich brauche nicht zu schlafen, ich
+kann es schon aushalten, sieh nur, sieh!” Und das Trini streckte seine
+zwei festen Arme der Großmutter als Beweis entgegen, daß sie sich
+nicht zu sorgen brauche. Aber es vermehrte nur ihren Kummer. Denn
+sie sah ja nur zu gut, wie groß und stark das Kind geworden und daß es
+wirklich zu einer ganz anderen Arbeit fähig war als zu der, die es
+jetzt verrichtete. Doch am Abend, wenn sie wieder still in der
+Dämmerung saß und auf alle vergangenen Zeiten und auf so manche
+schwere Not zurückschaute, aus der ihr der liebe Gott so väterlich
+geholfen hatte, dann konnte sie mit Vertrauen sagen:</p>
+
+<p class="poetry">“Drum, meine Seele, sei du still<br>
+Zu Gott, wie sich’s gebühret.”</p>
+
+
+<p>So saß sie wieder am Fenster, wo noch der Abendschein hereinschimmerte,
+und wartete auf das Kind, um dann Licht zu machen und das Abendessen
+zu bereiten. Da hörte sie jemand auf ihr Häuschen zukommen. Das war
+nicht das Kind, es waren schwere, feste Tritte. Jetzt kam’s—es mußte
+der Vetter sein. Der Großmutter wollte das Herz stillstehen. Nun
+ging die Tür auf, und mit festem Schritt, einen großen Korb am Arm,
+trat die Goldäpfelbäuerin herein und fragte: “Wo sind Sie denn, Käthe?
+Man kann Sie ja gar nicht sehen. Guten Abend wünsch’ ich Ihnen!” Die
+Alte war schnell aufgestanden, hatte ihr Lichtlein angezündet und
+schüttelte jetzt ihrem Besuch die Hand. Auf dem Tisch stand nun der
+Korb, und im Schimmer des kleinen Lichts glänzten viele herrliche
+Goldäpfel, von denen der ganze Hof seinen Namen hatte. “Ich habe
+Ihnen ein wenig Äpfel gebracht, die Bäume haben dies Jahr schön
+getragen”, sagte die Bäuerin wieder, “was Sie nicht selbst brauchen,
+wird das Kind nehmen, wo ist es?”</p>
+
+<p>Die Käthe berichtete, Trini sei mit den anderen Kindern noch einmal in
+die Brombeeren zum Wald hinauf gegangen, es werde aber nun mit dem
+Beerenlesen bald ein Ende haben. “Das wird’s”, bestätigte die Bäuerin.
+“Es ist mir aber gerade recht, daß das Kind weg ist, ich möchte noch
+etwas mit Ihnen reden.” Die Käthe holte ihre Stühle herbei, und als
+die beiden nun voreinander am Tisch saßen, der große Apfelkorb
+zwischen ihnen, fing die Bäuerin wieder an: “Ich habe da vor kurzem
+etwas mit Ihrem Kind gehabt, es wird Ihnen wohl davon erzählt haben.
+Ich war ein wenig in Zorn geraten, denn die junge Magd hatte mir das
+ganze Kohlrübenbeet verdorben und war dazu noch unverschämt. So sind
+sie heutzutage. Und sagt man ihnen ein einziges Wort, das sie nicht
+gern hören, gleich werfen sie einem den Sack vor die Tür, und es heißt:
+Suchen Sie sich eine andere Magd. Aber immer mit neuen Leuten
+wirtschaften, ist keine Freude. Ich war also sehr ärgerlich, als das
+Kind ankam, und ich habe es beschimpft. Da hörte ich aber etwas, das
+hat mir gefallen, ich mußte zu mir sagen: Die alte Käthe hat das Kind
+etwas Gutes gelehrt. Mit einem Mädchen, das so denkt, mußte gut
+auszukommen sein. Und als ich mir alles so recht überdacht hatte,
+faßte ich einen Entschluß. Darüber möchte ich jetzt mit Ihnen reden.</p>
+
+<p>“Das Kind ist freilich noch jung, aber es ist groß und stark, und
+gelehrig sieht es auch aus. Die paar Schulmonate bis zum Frühling
+haben auch nicht mehr viel zu sagen, und so dachte ich, wenn es Ihnen
+recht wäre, wollte ich das Kind zu mir nehmen. Den Winter über hätte
+ich Zeit, es einzuarbeiten, und bis zum nächsten Sommer würde es eine
+ordentliche Magd für mich. Sie müssen sich aber nicht sorgen, Käthe.
+Ich weiß schon, daß jetzt die Zeit da ist, da das Kind anfangen muß,
+für Sie zu arbeiten und etwas Ordentliches zu verdienen. Ich gebe ihm
+gleich den ganzen Lohn, den die Mägde hatten, und jede Woche noch ein
+Brot dazu, denn das Kind ist mir das wert. Dazu haben Sie den Vorteil,
+daß es Ihnen nicht genommen wird. Es ist flink, es kann, wenn
+Feierabend ist, heim zu Ihnen. Und am Morgen schickt ihr mir’s wieder.
+Am Sonntag darf es schon vom Mittag an bei Ihnen bleiben. Warum
+fangen Sie denn an zu weinen, Käthe? Das Kind soll es gut haben bei
+mir, und Sie sollen auch nicht zu kurz kommen. Korn und Obst habe ich
+auf dem Hof und Milch im Stall. Ein Säcklein Mehl und eine Flasche
+Milch soll das Kind jeden Sonntag auch heimbringen, und außerdem gibt
+es das Jahr hindurch noch manches andere, da können Sie sicher sein.”</p>
+
+<p>“Sagt nur nichts mehr, es ist ja mehr als genug”, konnte hier endlich
+die alte Käthe hervorbringen, “ich weine ja nur vor Freude, vor lauter
+Freude. Sie wissen ja nicht, von welchem Kummer Sie mich befreit
+haben, und welche Wohltat Sie an mir tun.”</p>
+
+<p>Und nun erzählte die Alte der Bäuerin, wie sie sich schon den ganzen
+Sommer über gesorgt hätte und nun jeden Augenblick den Vetter erwarte.
+Das habe sie dem Kind gar nicht sagen dürfen, weil sie sich vor
+seinem großen Jammer fürchtete. Eben als die Großmutter fertig
+erzählt hatte, kam das Trini hereingesprungen. Beim Anblick der
+goldenen Äpfel auf dem Tisch und der Bäuerin, die daran saß, stand es
+plötzlich still und schaute mit größter Verwunderung um sich.</p>
+
+<p>“Komm, gib mir die Hand, Trini”, sagte die Bäuerin. “Da du meine
+Bäume nie geschüttelt hast, mußt du mit der Großmutter ein paar Äpfel
+davon haben.”</p>
+
+<p>Über Trinis Gesicht ging ein freudiges Lächeln. So hatte es die
+Bäuerin doch noch vernommen, daß es das nicht getan hatte, das
+erfreute sein Herz. Es kam eilig herbei, der Frau die Hand zu reichen.
+“Was meinst du?” fuhr die Bäuerin fort, “wie gefiele es dir bei mir
+auf dem Hof, wolltest du brav mit mir arbeiten?”</p>
+
+<p>Das Trini schaute immer verwunderter einmal auf die Bäuerin und dann
+wieder auf die Großmutter. Diese konnte nicht mehr schweigen in ihrer
+Freude: “Trineli, denk nur, denk nur, wie es jetzt kommt”, rief sie
+aus, “du kommst nicht ins Reußtal, du sollst nicht von mir fort.
+Jeden Tag darfst du zu der guten Frau hinunter auf den Goldäpfelhof
+und am Abend wieder heim. Ach, was ist das für eine Erlösung aus der
+großen Sorge. Dank ihr, Trineli, dank ihr!”</p>
+
+<p>“So danke ich vielmals. Und ich will gern arbeiten bei Ihnen, was Sie
+nur wollen”, sagte das Trini, das erst jetzt das Angebot der Bäuerin
+zu würdigen wußte.</p>
+
+<p>“So ist’s recht”, schloß die Bäuerin, “die Sache ist abgemacht. Das
+Beerenlesen hat jetzt ein Ende, und das Apfel- und Birnenlesen fängt
+an. Das ist gerade die rechte Zeit, um bei mir mit der Arbeit
+anzufangen. Am Montag schicken Sie mir das Kind, Käthe, und geben ihm
+Ihren Segen mit. Und nun auf Wiedersehen.”</p>
+
+<p>Sobald die Tür sich hinter der Bäuerin schloß, fing die Großmutter an,
+laut zu loben und zu danken, daß der liebe Gott alle ihre Sorge in
+solche Freude und Hilfe verwandelt hatte. Das Trini jauchzte laut auf:
+“Juchhe, nun muß ich nie von dir fort, Großmutter! Ich will schon
+tüchtig arbeiten, dann behält mich gewiß die Bäuerin ihr Leben lang.”</p>
+
+<p>Jetzt mußte es aber die goldenen Äpfel noch aus der Nähe betrachten.
+Auf einmal sagte es: “Großmutter, darf ich nicht dem Maneli noch
+geschwind die Hälfte bringen? Ich habe jetzt immer mit ihm geteilt.”</p>
+
+<p>“Ja, ja”, nickte beifällig die Alte, das war ihr gerade recht, daß
+auch der armen Nachbarin etwas von ihrem großen Glück zugute komme.
+“Lauf nur gleich, Trineli, und nimm auch mehr als die Hälfte. Es sind
+so viele, die sich an den Äpfeln freuen werden, geh schnell!”</p>
+
+<p>Trini stürzte fort, und ein ungeheures Freudengeschrei brach bei der
+Kinderschar aus, als es die Äpfel auf den Tisch hinschüttete. Sie
+rollten da und dorthin und der süße Apfelduft durchströmte die ganze
+Stube.</p>
+
+<p>Am Montag, als das Trini unter den Bäumen des Goldäpfelhofes schon
+eifrig bei seiner Arbeit war, trat der Vetter bei der alten Käthe ein.
+Jetzt hatte sie keinen Schrecken mehr. Sie sagte ihm, wo das Kind
+bei der Arbeit sei und daß es dort bleiben werde. Aber so schnell
+ließ sich der Vetter nicht von seinem Plan abbringen, denn er hatte
+fest vor, das Kind mitzunehmen. Er lief gleich zum Vormund und sagte
+ihm, daß das Kind in der Fabrik viel mehr verdienen könne als bei der
+Bäuerin. Aber der Vormund lächelte nur schlau, denn die
+Goldäpfelbäuerin war auch bei ihm gewesen. Sie wußte schon, was sie
+zu tun hatte, wenn sie das Kind behalten wollte. Er sagte, wenn das
+Kind fort sei, sorge niemand für die alte Frau. Solange es aber bei
+der Bäuerin sei, wären sie beide versorgt und könnten ohne fremde
+Hilfe gut leben. Und so sei beschlossen worden, daß das Kind bei der
+Bäuerin bleibe.</p>
+
+<p>Dem Trini geht es mit jedem Tag besser auf dem Goldäpfelhof. Jetzt
+kennt es schon alle Arbeit, und die Bäuerin mag das flinke, immer
+frohe Trini so gern, als wäre es ihr eigenes Kind. Die Großmutter
+sorgt auch dafür, daß das Kind nie vergaß, wer zu ihm redet, wenn es
+ertragen soll, was weh tut. Denn sie weiß wohl, wie es zu dem guten
+Platz bei der Bäuerin gekommen ist.</p>
+
+
+<p>Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Was die Großmutter gelehrt hat,
+von Johanna Spyri.
+</p>
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT
+HAT ***</div>
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+
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
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+or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
+Defect you cause.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;’s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state’s laws.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
+public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+
+</div>
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+The Project Gutenberg EBook of Was die Grossmutter gelehrt hat, by Johanna Spyri
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Was die Grossmutter gelehrt hat
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9861]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT HAT ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Was die Grossmutter gelehrt hat
+
+Erzaehlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Der Kummer der alten Waschkaethe
+
+
+Die alte Waschkaethe sass in ihrem Stuebchen im einsamen Berghuettchen und
+schaute nachdenklich auf ihre gekruemmten Haende, die sie vor sich auf
+die Knie gelegt hatte. Bis der letzte Abendschein hinter den fernen
+Waldhoehen verglommen war, hatte sie fleissig an ihrem Spinnrad
+gearbeitet. Jetzt hatte sie es ein wenig beiseite gerueckt, die Haende
+mussten muede sein, die so gekruemmt und abgearbeitet aussahen. Die Alte
+seufzte auf und sagte vor sich hin: "Ja, wenn ich noch koennte wie
+frueher!" Sie meinte wohl arbeiten, denn das hatte sie tapfer ihr Leben
+lang getan. Nun war sie alt geworden, und die frueher so ruestige und
+unermuedliche Waschfrau konnte gar nichts mehr tun, als ein wenig
+spinnen, und das trug sehr wenig ein. Dennoch hatte sie sich schon
+seit ein paar Jahren auf diese Weise durchgebracht und noch dazu ihr
+Enkelkind erhalten, das bei ihr lebte und noch nicht viel verdienen
+konnte. Es hatte zwar auch seine kleinen Einnahmen, denn es war ein
+flinkes und geschicktes Kind.
+
+Heute erfuellte die Grossmutter aber noch ein besonderer Kummer, der ihr
+schon seit dem fruehen Morgen das Herz schwer gemacht hatte. Ihr
+Enkelkind, das froehliche Trini, das sie von klein auf erzogen hatte,
+war zwoelf Jahre alt geworden. Es sollte im Fruehling aus der Schule
+entlassen werden und dann in einen Dienst gehen. Heute frueh nun war
+der ferne Vetter unten aus dem Reusstal heraufgekommen und hatte der
+alten Kusine den Vorschlag gemacht, das Kind ihm anzuvertrauen. Er
+hatte zwar selbst nicht viel und konnte nichts geben, aber es war dort
+unten ein guter Verdienst zu finden. Denn die neue Fabrik, die an der
+wasserreichen Reuss erbaut worden war, brauchte viele Arbeitskraefte.
+Dort konnte das Trini die Woche ueber ein schoenes Stueck Geld verdienen,
+und daneben konnte es die noetige Arbeit in seinem Haus verrichten,
+dafuer wollte er es beherbergen. Da seine Frau kraenklich war und sie
+keine Magd anstellen konnten, so war ihnen das Kind erwuenscht, denn
+sie wussten, dass es gross und kraeftig und sehr geschickt war.
+
+Die Grossmutter halte schweigend zugehoert, aber in ihrem Herzen hatten
+die Worte einen grossen Kampf entfacht. Der Vetter wuenschte auch, dass
+das Kind schon im Herbst herunterkomme, das halbe Schuljahr koenne
+schon abgekuerzt werden, es wisse genug und koenne dann gleich etwas
+verdienen. Ausserdem haette seine Frau es im Winter besonders noetig.
+Die Grossmutter hatte noch immer nichts gesagt. Jetzt, als der Vetter
+draengte und gleich das Jawort haben wollte, sagte sie, er muesse ihr
+ein wenig Zeit lassen. Vor dem Herbst wollte sie sich noch nicht
+entscheiden. Sie sehe den Vorteil des Kindes wohl ein, aber sie muesse
+sich das alles erst noch ueberlegen und dann auch mit dem Kinde reden.
+Der Vetter war nicht recht zufrieden, er haette gern gleich alles
+festgemacht und den Tag bestimmt, wann das Trini herunterkommen sollte.
+Er meinte, mit dem Kind sei doch nichts zu reden, das besitze noch
+keine Vernunft und kenne seinen eigenen Vorteil nicht. Aber die
+Grossmutter blieb standhaft. Im Herbst moege er noch einmal kommen,
+dann solle er bestimmt eine Antwort haben. Wenn sie dann
+einverstanden sei, so koenne er dann das Kind gleich selbst mitnehmen,
+fuer den Augenblick koenne sie nichts weiter sagen. Dabei blieb sie.
+Der Vetter sah, dass da nichts zu machen war. Er ermahnte nochmals die
+alte Kusine, des Kindes Vorteil nicht ausser acht zu lassen. Es sei ja
+doch auch ihr eigener Vorteil, wenn das Kind etwas einnehme und sie
+nachher auch unterstuetzen koenne. Dann ging er.
+
+Schon den ganzen Tag waehrend der Arbeit dachte die Grossmutter nach
+ueber die Worte des Vetters, aber sie konnte keinen Entschluss fassen.
+Jetzt in der Daemmerung ueberlegte sie in Ruhe, und sie musste ein
+paarmal tief aufseufzen dabei. Der Vetter hatte recht, es war ein
+grosser Vorteil fuer das Kind, dass es in seinem Haus wohnen konnte, um
+von da aus in der Fabrik einen sicheren Verdienst zu finden. Sie
+selbst wusste keinen vorteilhafteren Weg fuer das Kind, sie wusste
+eigentlich gar keinen. Rings herum waren nur kleine Gueter, die die
+Leute alle selbst bebauten und die an der Hilfe ihrer eigenen Kinder
+genug hatten. Wer eine Magd anstellte, wie es unten im Pfarrhaus oder
+im Amtshaus oder in dem neuen Wirtshaus die Frauen taten, da mussten es
+aeltere Maedchen sein. Es waren kraeftige, erwachsene Personen, die in
+Kueche und Garten zu arbeiten wussten.
+
+Auch die Goldaepfelbaeuerin auf dem grossen, obstreichen Hof hatte immer
+eine Magd, aber auch eine grosse, starke, die ihr in allem helfen
+konnte. Trotzdem konnte auch die nie lange bei der Baeuerin bleiben.
+Wenn ihr also nicht einmal eine erwachsene Person die Arbeit recht
+machen konnte, was waere dann ein Kind wie das Trini fuer sie. Dass das
+Kind aber im Fruehjahr, wenn es nun aus der Schule entlassen wurde,
+eine Arbeit suchen musste, das sah die Grossmutter wohl ein. Seit sie
+nicht mehr wie frueher als Waescherin auf die Arbeit gehen konnte,
+sondern nur muehsam mit ihren gekruemmten Fingern am Spinnrad arbeitete,
+war sie kaum in der Lage, sich und das Kind zu erhalten. Und mit
+jedem Tage konnte es schwerer fuer sie werden. Und doch, sich von dem
+Kind trennen zu muessen, das kam der Grossmutter als das Allerschwerste
+vor, das sie erleben konnte.
+
+Wuerde die neue Aufgabe fuer das junge Kind nicht zu schwer sein? Die
+Alte wusste wohl, wie es bei dem Vetter war. Er selbst hatte eine rohe
+und unfreundliche Art und war meistens unwirsch. Seine Frau war immer
+krank und daher auch nicht gut gelaunt. Sie sass meistens freudlos und
+wie abgestumpft in ihrer Ofenecke und sagte kein Wort. Nun war es so
+schlimm mit ihr geworden, dass der Mann daran denken musste, eine Hilfe
+ins Haus zu holen. Da haette dann das Kind die Geschaefte im Haus alle
+allein zu besorgen und konnte dann erst zur Arbeit in die Fabrik gehen.
+War nun fuer all die Arbeit das Kind nicht noch zu jung? Und wurde
+es ihm nicht zu schwer fallen, von der Grossmutter weg, die es so lieb
+hatte, in ein ganz fremdes Haus zu gehen. Wuerde sie es ertragen, nie
+ein Wort der Liebe und des Trostes zu hoeren? Daran war ihr liebes
+Trineli nicht gewohnt.
+
+Der Grossmutter trat jener Tag vor Augen, als es ihr ins Haus gebracht
+worden war, ein kleines, hilfloses Ding, das niemand brauchen konnte
+und das niemand pflegen wollte. Damals hatte sie noch ruestige Haende
+und gute Kraefte, und wenn sie auch von frueh bis spaet taetig sein musste,
+sie tat es gern. Die Waschkaethe hatte drei Kinder gehabt, zwei Soehne
+und eine Tochter. Ihr Mann war an einem hitzigen Fieber gestorben,
+als die Kinder alle drei noch ganz klein waren. Da musste die Kaethe
+viel arbeiten, damit die Kleinen etwas zum Anziehen hatten und keinen
+Mangel litten. Tag und Nacht war sie bei der Arbeit, und jedermann
+ringsum rief sie zur Hilfe bei der grossen Waesche. Denn man wusste,
+keine arbeitete so gut wie die Kaethe, die wegen dieser Taetigkeit
+ueberall nur die Waschkaethe hiess. Als ihre Soehne gross waren, bekamen
+sie Lust, in die Ferne zu wandern, und gingen miteinander nach Amerika.
+Die Tochter verheiratete sich und zog ins Tal hinab. Aber nicht
+viel mehr als ein Jahr spaeter starb sie ploetzlich noch ganz jung. Das
+betruebte ihren Mann so sehr, dass er es daheim nicht mehr aushalten
+konnte. Er brachte das ganz kleine Trineli zur Grossmutter hinauf und
+sagte: "Da, Mutter, nimm du das Kind, ich weiss nichts damit anzufangen.
+Ich muss fort, es haelt mich nichts mehr hier." Dann ging er zu den
+Schwaegern nach Amerika.
+
+Von dem Tag an hatte die Waschkaethe eine neue Sorge, aber auch eine
+neue, grosse Freude nach vielem Kummer und Leid. Das kleine Trineli
+entwickelte sich schnell und lohnte der guten Grossmutter ihre Muehe und
+Arbeit mit einer ungewoehnlichen Liebe und Anhaenglichkeit. Sie hatten
+viele lustige Stunden miteinander, denn das Kind war immer so
+beweglich und lebendig wie ein munteres Fischlein im Wasser. Mit
+jedem Jahre wurde es der Grossmutter lieber und unentbehrlicher.
+
+Alle diese vergangenen Tage stiegen nun in der Daemmerung vor der alten
+Waschkaethe auf, und der Gedanke, das Kind so weit und vielleicht fuer
+alle Zeit von sich zu schicken, machte ihr das Herz immer schwerer.
+Aber sie kannte einen Troester, der ihr schon in vielen trueben Stunden
+geholfen und auch manches gefuerchtete Leid gemildert hatte. Den
+wollte sie doch nicht vergessen. Lieber, als so die schweren Gedanken
+hin- und herzuwaelzen in ihrem Innern, wollte sie jetzt die ganze Sache
+dem lieben Gott uebergeben. Musste es sein und musste sie dieses Leid
+der Trennung ertragen, so hatte doch der liebe Gott seine schuetzende
+Hand dabei. Es konnte ja alles zum Besten des Kindes geschehen, und
+sein Wohl ging ihr noch ueber das eigene. Als die Grossmutter dies
+alles ueberlegt hatte, faltete sie still die Haende und sagte andaechtig
+vor sich hin:
+
+"Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich's gebuehret,
+Wenn er dich so, wie er es will,
+Und nicht wie du willst fuehret.
+Kommt dann zum Ziel der dunkle Lauf,
+Tust du den Mund mit Freuden auf,
+Zu loben und zu danken."
+
+
+
+2. Kapitel
+
+In den Erdbeeren
+
+
+Waehrend die alte Kaethe so gedankenverloren erst an ihrem Spinnrad und
+dann in der Daemmerung sass, ging es oben am Sonnenrain ziemlich laut zu.
+Hier wuchs jedes Jahr eine Fuelle der schoensten, saftigsten Erdbeeren.
+Wenn sie reif waren, schien es oft, als ob ein grosser, dunkelroter
+Teppich vom Sonnenrain herunterhinge, der in der Sonne gluehte. Der
+Platz war den Kindern von Hochtannen, wie das kleine, aus zerstreuten
+Haeusern bestehende Bergdoerfchen hiess, wohlbekannt. Sie wussten auch
+recht gut, dass, wenn man die Beeren ausreifen liess, ein schoener Gewinn
+damit zu erzielen war. Denn diese ungewoehnlich grossen, saftigen
+Beeren wurden ueberall gern gekauft. So gaben die Kinder selbst acht
+aufeinander, dass nicht etwa die einen zu frueh die Beeren holten, bevor
+sie die rechte Reife erlangt hatten. Erscholl aber an einem schoenen
+Junitag unter den Schulkindern der Ruf: "Sie sind reif am Sonnenrain!
+Sie sind reif!", dann stuerzte noch an demselben Abend die ganze Schar
+hinaus zum Sonnenrain. Jedes Kind hatte einen Korb in der Hand, und
+sie liefen, so schnell sie konnten, denn jedes wollte zuerst auf dem
+Platz sein und die schoensten und reifsten Beeren finden.
+
+Die mitgebrachten, Koerbe, Kratten genannt, hatten alle dieselbe Form,
+aber verschiedene Groessen. Sie hatten die Form von Zylinderhueten, mit
+dem Unterschied, dass bei diesen die Oeffnung unten ist, wo der Kopf
+hineingesteckt wird, bei jenen aber oben, wo die Erdbeeren
+hineingeworfen werden. Wenn dann die Daemmerung gekommen war und man
+die Beeren nicht mehr sehen konnte, wurde die Arbeit beendet. Dann
+deckte man die Kratten mit grossen Blaettern zu und befestigte zwei
+hoelzerne Staebchen kreuzweise darueber, damit der Wind die Blaetter nicht
+entfuehre. Nun stimmte man das Erdbeerlied an, und voller Froehlichkeit
+zog die ganze Schar heimwaerts. Alle sangen aus vollen Kehlen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen,
+Erdbeeren mit Stielen,
+Jetzt traegt man sie heim die vielen,
+Erdbeeren an Aesten,
+Die meinen sind die besten!
+
+
+Am schnellsten und am fleissigsten aber von allen war die Enkelin der
+alten Waschkaethe, das lustige Trini. Immer wusste es, wo die schoensten
+Beeren standen und wo noch am wenigsten gepflueckt worden war. Dann
+schoss es dahin und rupfte mit einer Gewandtheit, dass kein anderes Kind
+schneller war und die Langsamen in seiner Naehe gar nichts erwischten.
+Auf einen kleinen Stoss kam es dem Trini dabei auch nicht an, wenn ihm
+eine schoene Stelle besonders ins Auge fiel, wo schon ein anderes Kind
+Beeren sammelte. Niemals ass es von den Fruechten, bis sein Kratten so
+voll war, dass es eben noch die hoelzernen Staebchen ueber den Blaettern
+festmachen konnte, ohne die zarten Fruechte zusammen zu druecken. Erst
+dann kamen noch einige der suessduftenden Beeren in den Mund und
+schmeckten herrlich nach der harten Arbeit. Vorher haetten sie aber
+dem Trini gar nicht geschmeckt, denn es war ihm, als gehoerten sie alle
+der Grossmutter, bis keine einzige Beere mehr in den Kratten hineinging.
+
+Das Trini strengte sich sehr an, fuer seine liebe Grossmutter auch etwas
+zu tun. Es fuehlte wohl, wie aufopfernd und gut sie zu ihm war und wie
+hart sie immer noch arbeitete, damit sie beide keinen Mangel leiden
+mussten. Es hatte auch sein Leben lang nie andere, als liebevolle
+Worte von ihr gehoert. Und wie oft hatte es gespuert, dass sie viel
+lieber sich selbst als ihm etwas versagte. Dafuer hing es auch mit dem
+ganzen Herzen an der Grossmutter, und mit ungeheurer Freude sah es die
+Beerenzeit wieder kommen. Dann konnte es taeglich seinen vollen
+Kratten heimbringen oder ihn dahin tragen, wohin er bestellt war, um
+dann ein schoenes Geldstueck zu verdienen. Das war fuer die Grossmutter
+eine grosse Einnahme, die freilich nur eine kurze Zeit dauerte. Viel
+brachten aber nur die allergroessten Kratten ein, und diese hatten das
+Trini und das kleine, bleiche Maneli. Dieses konnte aber niemals
+seinen Kratten auch nur zur Haelfte fuellen. Das Maneli, das eigentlich
+Marianne hiess, war mit Trini im gleichen Alter. Beide sassen auf
+derselben Schulbank, aber sie sahen sehr verschieden aus. Trini war
+gross und stark und hatte feste, runde Arme und rote Backen. Es
+fuerchtete sich vor den groessten Buben in der Schule nicht, denn es
+wusste sich zu wehren.
+
+Das Maneli aber war schmal, blass und sehr schuechtern. Es war aermlich
+gekleidet und sah aus, als bekomme es nie genug zu essen, Das stimmte
+wohl auch, denn es hatte noch fuenf kleinere Geschwister und seine
+Mutter war oft krank. Der Vater, der ein Tageloehner war, brachte
+nicht immer so viel heim, dass es zu allem langte. Eben jetzt, da die
+Daemmerung heranrueckte, hatte Trini das kraftlose Maneli mit einem
+heftigen Stoss auf die Seite geschoben. Denn es stand noch an einer
+Stelle, die mit besonders grossen Beeren bedeckt war, und Trini wollte
+schnell seinen Kratten damit vollfuellen. Es gelang ihm auch, und vor
+allen anderen rief es jetzt siegesgewiss: "Voll! Fertig! Heim! Heim!"
+Nun riefen auch die anderen: "Heim! Heim!" und schon hatte sich das
+Trini mit seinem vollen, schoen verpackten Kratten hingestellt, um den
+Zug anzufuehren. Mit heller Stimme begann es zu singen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Als die Schar singend und jauchzend die ersten Haeuser erreicht hatte,
+stoben die Kinder ploetzlich alle auseinander, die einen aufwaerts, die
+anderen abwaerts. Das Trini lief mit allen Kraeften den Berg hinauf, es
+hatte noch einen ziemlich langen Weg zu machen. Das Haeuschen der
+Grossmutter stand hoch oben und war das hoechste von ganz Hochtannen.
+Jetzt kam das Trini am Hof der Goldaepfelbaeuerin vorbei. Sie schaute
+eben ueber die Hecke, die den Hof umschloss, und als sie das Kind so
+vorbeirennen sah, rief sie ihm zu: "Komm doch einmal hierher und zeig
+mir deine Beeren!"
+
+Das Trini war in seinem Eifer schon ein gutes Stueck ueber die Stelle
+hinaus, wo die Baeuerin stand, aber es kam schnell zurueck, denn die
+Aussicht, die Beeren gleich verkaufen zu koennen, kam ihm sehr gelegen.
+
+"Hast du auch etwas Rechtes? Zeig her!" fuhr die Baeuerin fort, als
+das Trini an der Hecke stand und seinen Kratten zu ihr emporhob. "Ich
+kaufe sonst keine solche Ware, es waechst Besseres auf meinem Hof.
+Aber man sagt, eingekocht sei das Zeug gut gegen allerhand Uebel. So
+gib's her! Was geben sie dir unten im Wirtshaus fuer die Beeren?"
+
+"Einen Franken", antwortete das Trini.
+
+"So, das ist auch genug fuer solches Beerenzeug. Aber du musst's haben,
+um deiner Grossmutter willen, das ist eine brave Frau, die viel
+arbeitet. Du bringst ihr doch das Geld heim und machst keinen
+Firlefanz damit?"
+
+"Nein, das tue ich nicht", entgegnete das Trini. Es sah die Baeuerin
+mit Augen an, die denen einer kleinen, wilden Katze nicht unaehnlich
+waren, denn es aergerte sich ueber diesen Verdacht. Die Baeuerin lachte
+und sprach:
+
+"Nur nicht gleich so aufgebracht, so etwas kommt auch vor. Aber komm,
+wir wollen wieder gut Freund sein! Da, das ist der Franken fuer die
+Grossmutter, und wenn ich dir noch einen Muenze fuer dich gebe, so wird's
+dir auch nicht leid sein. So, jetzt lauf wieder!"
+
+Das Trini dankte hocherfreut und lief davon, hoerte auch nicht zu
+rennen auf, bis es oben beim Haeuschen angekommen war. Jetzt stuermte
+es in die kleine Stube hinein, wo es fast dunkel geworden war. Nur
+ein letzter, lichter Streifen am Abendhimmel schimmerte noch in das
+Fenster hinein, dort wo die Grossmutter sass. Das Trini stuerzte zu ihr
+hin und erzaehlte so eifrig von seinen Erlebnissen, dass immer das
+zweite Wort vor dem ersten heraus wollte. Es dauerte ziemlich lange,
+bis die Grossmutter verstanden hatte, dass die Erdbeeren schon verkauft
+seien und ein ganzer Franken und noch ein Geldstueck dazu dafuer bezahlt
+worden war. Auch den musste die Grossmutter nehmen, das Trini wollte
+kein Geld behalten, denn es sollte alles der Grossmutter gehoeren. Dass
+sie heute noch ein Geldstueck ueber das Gewoehnliche hinaus bekam, machte
+dem Trini eine besondere Freude.
+
+"Ja, Grossmutter, und siehst du", fuhr das Trini immer noch halb ausser
+Atem fort, "ich war vor allen anderen zuerst fertig und hatte doch den
+Kratten so voll wie kein anderes Kind. Das Maneli hatte seinen nicht
+halb voll. Es machte auch furchtbar langsam, und wenn es an einem
+guten Platz war, an den ich auch kam, so hatte ich schon wieder alles
+weggerupft, ehe es nur eine Handvoll erwischen konnte."
+
+Die Grossmutter hatte sich sehr ueber die guten Nachrichten und auch
+ueber den reichlichen Gewinn des Kindes gefreut. Aber jetzt sagte sie
+ernsthaft: "Aber Trineli, du stoesst doch nicht etwa das Maneli weg,
+wenn es einen guten Platz gefunden hat, so dass du dann die Beeren
+bekommst? Das waere nicht recht."
+
+"Doch, freilich, das tue ich schon, das tut man immer, Grossmutter",
+versicherte das Trini. "Es muss jedes sehen, dass es die meisten und
+die schoensten erwischt. Daher geht es dann natuerlich immer so rauh zu."
+
+"Nein, nein, das musst du mit dem kleinen, schwachen Maneli nicht mehr
+tun", mahnte die Grossmutter. "Siehst du, es kann nicht neben dir
+aufkommen, es ist kraftlos und kann sich nicht wehren, und seine
+Mutter haette die Beeren noetig. Sie weiss gewiss manchmal nicht, wo sie
+fuer alle die kleinen Kinder Brot hernehmen soll. Tue das nicht mehr,
+Trineli, lass das arme Kleine ein andermal auch zu seinen Beeren kommen.
+Aber jetzt setz dich zu mir her", fuhr die Grossmutter in einem
+anderen Ton fort, "ich habe etwas mit dir zu reden, du bist vernuenftig
+genug, um es zu verstehen."
+
+Neugierig setzte sich das Kind hin, denn es war noch nie vorgekommen,
+dass die Grossmutter es so ernst anblickte, um mit ihm zu reden.
+
+"Trineli", fing sie jetzt bedaechtig an, "wir muessen daran denken, was
+du fuer Arbeit tun koenntest, wenn du nun im Fruehling aus der Schule
+kommst. Der Vetter aus dem Reusstal ist heute morgen hier gewesen. Im
+Herbst koenntest du zu ihm hinunterkommen und dir dort in der Fabrik
+etwas verdienen. Vielleicht wuerde es dein Glueck sein. Du koenntest
+von einem Jahr zum anderen weiterkommen und so deinen Weg machen. Was
+meinst du dazu?"
+
+"Lieber will ich sterben!" rief das Trini zornig.
+
+"Musst nicht so unbedacht reden, Trineli", mahnte die Grossmutter
+freundlich. "Sieh, der Vetter will etwas fuer dich tun. Er meint es
+gut, wir wollen ihn nicht boese machen, wir wollen noch miteinander
+ueber die Sache nachdenken."
+
+"Und wenn der Vetter kaeme und mich tausendmal toeten wollte, so ginge
+ich doch nicht!" rief das Trini, und man konnte sehen, wie es immer
+wuetender wurde.
+
+"Wir wollen jetzt nichts weiter sagen. Wenn es fuer dich gut ist, so
+wird es so sein muessen, Trineli, und dann wollen wir's annehmen und
+denken: 'Der liebe Gott schickt's, es muss gut sein'."
+
+Die Grossmutter wollte damit das Gespraech beenden, aber das Kind fing
+ploetzlich an, bitterlich zu weinen. Die Traenen stuerzten ihm wie Baeche
+aus den Augen, und unter heftigem Schluchzen stiess es hervor:
+"Grossmutter, wer soll dir dann Holz und Wasser bringen, wenn es kalt
+wird? Was willst du denn machen, wenn du wieder im kalten Winter
+nicht aufstehen kannst, und es ist kein Mensch bei dir und zuendet
+Feuer an und macht dir ein wenig Kaffee und bringt ihn dir? Und du
+bist ganz allein und kannst nichts machen, und wenn du rufst, so kommt
+kein Mensch. Ich gehe nicht, Grossmutter, ich kann nicht gehen! Ich
+kann nicht!"
+
+"Komm, Trineli, komm", sagte beschwichtigend die Alte, die einen
+solchen Ausbruch nicht erwartet hatte, "komm, wir muessen nun unser
+Abendbrot essen, und dann wollen wir beten und zu Bett gehen. Ueber
+Nacht hat der liebe Gott auch schon manches anders gemacht, als es am
+Abend vorher war."
+
+Aber das Trini mit seiner heftigen Gemuetsart war nicht so schnell
+wieder im Gleichgewicht. Es konnte keinen Bissen hinunterbringen, und
+bis tief in die Nacht hinein hoerte die Grossmutter sein Schluchzen und
+Weinen. Das war ein neuer Kummer fuer die alte Waschkaethe. Sie hatte
+nicht geglaubt, dass das Kind sich so ueber den Vorschlag des Vetters
+aufregen wuerde.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Dem Trini wird etwas Neues verstaendlich
+
+
+Mehrere sonnige Tage waren seit dem leidvollen Abend vergangen. Die
+Grossmutter sagte kein Wort mehr von der drohenden Trennung. Sie
+vergass sie freilich nie und hatte manchen schweren Augenblick zu
+ertragen, wenn wieder deutlich vor ihr stand, was ja kommen musste.
+Aber sie wollte nicht mehr davon mit dem Kind reden. Sie hatte ihre
+Sache dem lieben Gott anvertraut. Und deshalb konnte sie sich im
+stillen immer wieder an der Zuversicht festhalten, wenn das Schwere
+kommen muesste, so werde er es fuer das Kind zum Guten wenden. Als nun
+die Grossmutter gar nichts mehr sagte und alles wieder wie vorher war,
+die Sonne schien und die Voegel wie immer lustig pfiffen, da dachte das
+Trini, die Gefahr sei vorueber. Es glaubte, der liebe Gott habe
+wirklich, wie die Grossmutter gesagt, ueber Nacht etwas geaendert, und
+die alte Froehlichkeit kehrte in Trinis Herz zurueck. Jeden Abend, wenn
+die Kinder ueber die Wiesen liefen, hoerte man allen anderen voraus
+Trinis helle Stimme erschallen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Der Sonnenrain war nun ganz abgeerntet, und man musste weiterliegende
+Plaetze aufsuchen. Da gab es noch ergiebige Stellen oben beim Wald und
+hinten bei der Muehle, und vor allem war noch die Kornhalde da. Dort
+waren ganze Schaetze von Erdbeeren zu finden, das wussten die Kinder
+alle. Aber die wenigsten trauten sich dort hinaufzugehen. Da musste
+man um das grosse Kornfeld herum an der Hecke bis zu dem schmalen
+Grasstreifen hinaufsteigen, der zwischen dem Korn und dem grossen
+Moosfelsen lag. Dort, wo die Sonne den ganzen Tag heiss brannte,
+schossen die Erdbeeren schon fast rot aus dem Boden und wurden wie
+Kirschen so gross.
+
+Aber der Kornbauer, dem das grosse Feld gehoerte, konnte es nicht leiden,
+dass die Kinder dort Beeren suchten. Denn er behauptete, sie
+zerstampften ihm das Korn, und hier und da mochte es auch geschehen
+sein. Wenn er deshalb die Beerensuchenden dort oben traf, jagte er
+sie augenblicklich mit den groessten Drohungen davon. Und nicht selten
+folgte den Drohungen gleich die Erfuellung, denn das Mittel dazu trug
+er immer bei sich, das war seine feste knochige Hand. So wagten es
+nur die Allerkuehnsten, an diesem Streifzug teilzunehmen, und zu denen
+gehoerte auch das Trini. Eben heute sollte die Unternehmung
+stattfinden, denn schon seit dem fruehen Morgen schimmerte es oben am
+Moosfelsen wie feuriges Gold und blitzte und flammte ins Tal hinab.
+Das Trini war zuerst auf dem Platz, von wo man aufbrechen wollte. Es
+hatte seinen grossen Kratten an einer langen Schnur um den Hals
+gebunden, damit es nachher immer mit beiden Haenden zugleich rupfen und
+die Beeren hineinwerfen konnte. Das ging genau doppelt so schnell wie
+bei denen, die mit der linken Hand den Kratten festhalten mussten.
+Jetzt kamen die Buben gelaufen, die mit wollten. Maedchen kamen keine,
+sie fuerchteten sich alle. Nun ging es vorwaerts. Aber heute durfte
+unterwegs nicht wie sonst geschwatzt und gelacht werden, denn man
+wollte nicht, dass der Bauer etwas von der Unternehmung bemerkte.
+Sorgsam schritt eines hinter dem anderen die Hecke entlang, denn die
+Furcht hatte sie gelehrt, das Korn zu schonen.
+
+Nun waren sie alle oben, und welch eine wundervolle Ernte lag vor
+ihnen ausgebreitet! Dunkelrot gluehten die grossen Beeren zwischen
+allen Halmen durch, ueber alle Blaetter hinaus. Es war ein
+ueberquellender Reichtum, man konnte nur so in die Fuelle hineinfahren.
+Mit blitzenden Augen begann auch das Trini zu pfluecken, und bevor die
+anderen nur probiert hatten, wie die Beeren schmeckten, hatte es schon
+den halben Kratten gefuellt. Mit beiden Haenden fasste es immer zu nach
+allen Seiten hin, denn da guckten ja immer noch schoenere und noch
+groessere hervor. Aber ploetzlich ertoente eine wuetende Stimme:
+
+"Ihr Feldratten, seid ihr schon wieder da?" Da stand der kraeftige
+Bauer mit den knochigen Haenden vor ihnen und hob seine Faust in die
+Hoehe. "Macht, dass ihr auf der Stelle fortkommt und ich keines mehr
+sehe, oder..." Wie der Wind waren die Buben alle davongelaufen und
+verschwunden. Aber beharrlich rupfte das Trini noch ein, zwei, drei
+Beeren weg. Jetzt nur noch die drei grossen--nur noch jene zwei--das
+Trini konnte sich nicht trennen, die Beeren reuten es gar zu sehr.
+
+"Jetzt weiss ich, wer das Korn zerstampft und so frech ist wie eine
+Schaermaus. Mach, dass du den Fleck raeumst, und komm mir nicht noch
+einmal ans Korn!" drohte der Bauer zornig.
+
+"Ich habe gewiss nie das Korn zerstampft, keine Aehre", versicherte das
+Trini, immer noch rupfend, "ich wollte ja nur die Beeren holen."
+
+"Ich kenne dich wohl", brummte der Bauer. "Pack dich, oder ich nehme
+dich bei den Ohren und schuettle dich, dass du meinst, du haettest deren
+vier am Kopf!"
+
+Der Bauer kam heran. Jetzt schoss das Trini auf und davon. Von seiner
+inneren Entruestung getrieben, dass es alle die schoenen Beeren hatte
+stehenlassen muessen und doch nie Korn zerstampft hatte, flog es
+beinahe, bis es daheim war. Geladen wie eine kleine Kanone, stuerzte
+es auf die Grossmutter los und rief: "Nein, nie habe ich das Korn
+zerstampft, keine Aehre ausgerissen und nur die Beeren genommen. Jetzt
+fressen sie die Schnecken, und ich wollte auch, der liebe Gott liesse
+dem Bauer zur Strafe vier Ohren an den Kopf wachsen, denn ich habe ihm
+nichts Boeses getan."
+
+"He, he, Trineli, was kommt dir denn in den Sinn?" sagte mahnend die
+Grossmutter. "Komm, setz dich zu mir nieder, es ist Feierabend. Ein
+Licht zuenden wir heute nicht an, der Mond scheint hell genug zum
+Abendessen. Komm, erzaehl mir alles, wie es zugegangen ist."
+
+Dass die Grossmutter anhoeren wollte, was es zu berichten und zu klagen
+hatte, besaenftigte das Trini schon ein wenig. Es setzte sich hin und
+berichtete gern, was es erlebt hatte. Es versicherte, dass es keiner
+Aehre etwas zuleide tun wollte, nur die Beeren nehmen, die jetzt von
+den Wuermern und Schnecken verdorben wuerden. Als es zu des Bauern
+Drohung von den vier Ohren kam, musste es noch einmal rufen: "Nicht
+wahr, Grossmutter, wenn ihm zur Strafe jetzt vier Ohren anwachsen
+wuerden, das haette er verdient. Denn ich habe ihm gar nichts getan und
+nie, nie ein Korn zerstampft!"
+
+"Trineli", sagte jetzt die Grossmutter, "wir wollen dem Bauer seine
+zwei Ohren lassen, aber wir wollen etwas von ihm profitieren. Siehst
+du, man kann alles brauchen und seinen Gewinn davon haben. Und waere
+es ein ungerechtes Wort, es kommt nur darauf an, von wem wir die Worte
+nehmen. Wenn einer kommt und uns ohne Grund etwas Boeses tut oder sagt,
+so wie dir heute der Bauer, und es tut uns recht weh, dann muessen wir
+ein wenig weiter denken und fragen: 'Haben wir nicht doch so etwas
+verdient?' Dann kommt uns auf einmal in den Sinn, dass wir einmal einem
+anderen recht weh getan haben, der es leiden musste und sich nicht
+wehren konnte. Und nun haben wir erfahren, wie's tut, und es wird uns
+leid darum sein. Wir wollen es nicht mehr tun und wieder bei den
+anderen gutmachen, wenn wir es koennen. Das ist dann genau das, was
+der liebe Gott mit uns gewollt hat, darum hat er den Ungerechten so
+boese Worte uns sagen lassen. Siehst du wohl, Trineli? Dann koennen
+wir aber auch nicht mehr so boese gegen den sein, der das getan hat.
+Denn wir wissen, der liebe Gott hat ihn gebraucht, wie ich meinen
+Besen brauche, wenn ich die Stube schoen sauber und rein fegen will.
+So macht der liebe Gott uns das Herz wieder sauber und in Ordnung, und
+wir haben den Gewinn. Denn es wird uns dann wohl und leicht, wie es
+uns vorher nie gewesen ist. Hast du gut zugehoert, Trineli, und willst
+du daran denken, was ich dir gesagt habe?"
+
+Das Trineli hatte wirklich aufmerksam zugehoert, und ueber den Worten
+der Grossmutter war sein Zorn gegen den Bauern ganz vergangen. Jetzt
+kamen ihm seine schoenen Erdbeeren wieder in den Sinn. Es holte sie
+schnell herbei, damit die Grossmutter noch im Mondschein die
+Prachtbeeren bewundern konnte. Wenn auch der Kratten nur halb so voll
+war wie gewoehnlich, so hatte sie doch ausserordentliche Freude und
+sagte immer wieder, solche Wunderbeeren habe sie noch nie gesehen.
+Das Trini wollte schnell noch damit zur Goldaepfelbaeuerin hinunter,
+aber die Grossmutter sagte, so spaet kaufe die Baeuerin keine Beeren mehr.
+Am naechsten Morgen solle es seine Beeren zum Wirtshaus hinuntertragen.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Noch eine zornige Rede und was daraus folgt
+
+
+Der Juli ging seinem Ende entgegen und mit ihm die schoene
+Erdbeerenzeit. Nur oben beim Wald ueber Hochtannen war noch eine spaete,
+kraeftige Sorte der Beeren zu finden, die besonders gut bezahlt wurden.
+Denn jetzt reisten viele Fremde ueber den Berg, und unten im
+Wirtshaus an der grossen Strasse machten sie meistens Halt. Die
+seltenen Beeren kamen dann der Wirtin sehr gelegen. Aber man brauchte
+viel Zeit, die Kratten auch nur halb zu fuellen, und man musste genau
+wissen, wo die vereinzelten Beeren wuchsen. Aber wer froehlichen Mutes
+war wie das Trini, dem machte das keine schweren Gedanken. An einem
+warmen Sommerabend lief es mit freudestrahlendem Gesicht den Berg
+hinauf, dem Tannenwald zu. Es wusste, dass nun die letzten, wuerzigen
+Beeren dort oben die rechte Reife erlangt hatten. Auch das Maneli und
+noch einige andere Kinder kannten den Platz, aber den meisten war der
+Weg zu weit und die Suche zu muehsam.
+
+Nur das Maneli kam mit seinem grossen Kratten hinter dem Trini her,
+blieb aber weit zurueck. Denn wie ein Reh die steilen Hoehen
+hinaufspringen, konnte nur das Trini, dem an Kraft und Behendigkeit
+nicht ein einziges Maedchen seines Alters gleichkam. Oben gab es viel
+Arbeit. Die Beeren waren reif und schoen und dufteten herrlich, aber
+sie mussten erst gesucht werden. In einem sonnigen Winkel standen
+einige der rot schimmernden Buesche dicht beieinander, und dann konnte
+man wieder vergebens danach suchen. Trini spaehte in alle Loecher
+hinein, kletterte jeden Erdhuegel hinauf, zog alle Grasbueschel
+auseinander, und wo noch ein rotes Beerlein herausguckte, wurde es
+schnell gepflueckt. Trini hoerte auch nicht auf zu klettern und zu
+suchen und zu rupfen, bis die Daemmerung hereinbrach und aller
+Taetigkeit ein Ende machte.
+
+Aber dem Trini musste das nicht leid tun. Es schaute stolz auf seinen
+Kratten. Denn auch diesmal, gegen seine eigene Erwartung, war er
+gefuellt bis obenan. Es hatte nur noch Blaetter und Staebchen darauf zu
+befestigen, denn nicht eine der kostbaren Beeren durfte herausrollen.
+Jetzt sauste das Trini wie der Wind den Berg hinab. Zum Wirtshaus zu
+laufen, dazu war's zu spaet, aber bis zu der Goldaepfelbaeuerin konnte es
+schon noch kommen. Die wollte gewiss diese letzten schoenen Beeren noch
+haben, und dann konnte es der Grossmutter gleich noch den
+aussergewoehnlichen Gewinn heimbringen. Immer eiliger wurde sein
+Schritt.
+
+Still und traurig hinter ihm her ging das Maneli. Man konnte wohl
+sehen, dass es an seinem Kratten nicht schwer zu tragen hatte. Es
+musste ein anderer Grund sein, warum es so langsam und niedergedrueckt
+daherkam.
+
+Die Goldaepfelbaeuerin hatte eben Aerger gehabt. Die junge Magd, die
+trotzig neben ihr an dem Gemuesebeet stand, hatte ihr alle jungen
+Setzlinge weggeschwemmt. Es war ihr zu muehsam vorgekommen, den zarten
+Pflaenzchen sorgfaeltig, jedem einzeln mit der Giesskanne Wasser zu geben,
+wie die Baeuerin ihr befohlen hatte. Mit dem grossen Kuebel hatte sie
+den ganzen Wasserguss ueber das Beet geschuettet. In der Baeuerin kochte
+der Zorn auf wie heisse Milch, die ueberlaufen will, als sie die
+Zerstoerung sah. Da kam das Trini hergelaufen. "Guten Abend!" rief es
+noch ausser Atem, "seht die schoenen Beeren. Es sind die letzten,
+wollen Sie sie?"
+
+"Ich brauche nichts", rief die Baeuerin zornig. "Mach, dass du
+fortkommst, ich habe keine Zeit fuer dich." "Wenn Sie sie nur ansehen
+wollten, sie wuerden ihnen gefallen", meinte das Trini. "Habe ich dir
+nicht gesagt, dass ich nichts will? Mach, dass du gehst", wiederholte
+die Frau. Aber das Trini blieb immer noch stehen. Es dachte: Wenn
+die Baeuerin nur Zeit haette, die Beeren anzusehen, dann wuerde ihr schon
+die Lust kommen, sie zu behalten.
+
+Jetzt aber kochte es ueber in der Baeuerin, denn ihr Zorn hatte schon
+lange einen Ausweg gesucht. Dass sie ihn nicht an der trotzigen Magd
+ausliess, dafuer mochte die Frau ihre Gruende haben.
+
+"Hast du Harz an den Sohlen?" rief sie grimmig, "oder guckst du nach
+den reifen Aepfeln aus, damit du weisst, welchen Baum ihr zuerst wieder
+schuetteln wollt, wie ihr es immer macht, du und das andere Lumpenvolk?"
+
+Das konnte aber das Trini nicht auf sich sitzen lassen, so etwas hatte
+es nie getan.
+
+"Ich habe nie, nie die Baeume geschuettelt und nicht einen einzigen
+Apfel..."
+
+"Du wirst nicht besser sein als alle anderen!" unterbrach die Baeuerin.
+"Ich will kein Wort mehr hoeren, dort geht's hinaus!"
+
+Damit erhob die Frau so rasch und drohend ihren Arm, dass es dem Trini
+nicht mehr sicher zumute war. Es rannte aus dem Garten und um die
+Hecke herum. Aber hier konnte es nicht mehr weiter. Auch sein Blut
+war wegen der ungerechten Anschuldigung in Wallung geraten. Es setzte
+sich auf den Boden hin, es musste sich Luft machen.
+
+"Nein, das habe ich nicht getan", rief es aufgeregt. "Ich habe nie
+die Aepfelbaeume geschuettelt, nie! Aber die Baeuerin ist nur ein Besen,
+ja, sie ist nur ein Besen, das hat die Grossmutter gesagt, und der
+liebe Gott will nur etwas herausfegen mit ihr. Aber ich habe gar
+nichts gemacht, ich habe nichts Boeses getan." Hier hielt das Trini auf
+einmal inne. Denn ploetzlich stieg die Frage in ihm auf, was denn wohl
+der liebe Gott habe ausfegen wollen in seinem Herzen, wenn es doch
+nichts Unrechtes getan hatte. Nun wurde das Trini ganz still und
+nachdenklich. Nach einer Weile stand es langsam auf. Es sah gar
+nicht mehr aufgebracht aus. Halblaut sagte es noch: "Ja, es ist wahr,
+das war doch nicht recht." Dem Trini war beim Nachdenken auf einmal
+eingefallen, dass es heute wieder mehrmals das Maneli auf die Seite
+gestossen und sich schnell ueber die Beeren hergemacht hatte, die das
+Maneli auch gern eingesammelt haette. Es war aber immer still auf die
+Seite gewichen, das Trini war ja viel staerker und flinker. So
+leistete ihm das Maneli niemals Widerstand.
+
+Nun wollte das Trini sein Unrecht wieder gutmachen und dem Maneli
+schnell noch ein wenig von seinen Beeren abtreten. Es lief immer
+eiliger, aber nicht bergan, der Wohnung der Grossmutter zu, sondern
+querfeldein eine ganze Strecke weit. Bei einem elenden, kleinen
+Haeuschen, an dem die alten Fensterscheiben halb oder ganz zerbrochen
+und mit Papier verklebt waren, blieb es stehen und holte ein wenig
+Atem. Es war jetzt dunkel geworden. Durch die zerbrochenen Scheiben
+schimmerte ein duennes Lichtlein. Auf einmal hoerte das Trini ein
+leises Schluchzen ganz in seiner Naehe. Es schaute sich um. Auf einem
+Holzblock vor dem Haeuschen sass ganz unbeweglich eine kleine Gestalt,
+den Kopf auf die Arme gelegt. Trini trat hinzu.
+
+"Was hast du, Maneli?" fragte es erstaunt, als es die kleine Gestalt
+erkannt hatte, "warum weinst du so?"
+
+Das Maneli hob den Kopf und sah so traurig aus, wie Trini es noch nie
+gesehen hatte.
+
+"Ich darf nicht hinein", sagte es schluchzend, "die Mutter ist krank
+und schon zu Mittag hatten wir fast nichts mehr zu essen. Dann sagte
+sie, fuer den Abend bringe ich, will's Gott, etwas heim, wenn ich in
+die Beeren gehe und sie dann gleich ins Wirtshaus trage. Ich wuerde
+dann ein Schwarzbrot mitbringen, meinte die Mutter. Aber sieh, Trini,
+nur die habe ich." Damit hob das Maneli seinen Kratten in die Hoehe und
+Trini guckte hinein. Es war fast gar nichts darin, kaum der Boden des
+Korbes war bedeckt. Das Trini fuehlte seinen schweren Kratten am Arm.
+Es war ihm, als werde er immer schwerer und druecke es nicht nur am Arm,
+sondern auch auf dem Herzen. Auf einmal riss es Staebchen und Blaetter
+weg, kehrte seinen Kratten um und schuettete den ganzen, reichen Inhalt
+in Manelis leeren Korb, so dass dieser bis oben hin voll war und noch
+uebrig blieb von den Beeren. Diese legte das Trini schnell auf die
+Blaetter am Boden und sagte: "Nimm die auch noch hinein. Gute Nacht."
+Und fort rannte es in hohen Spruengen.
+
+"Trini! Trini! Danke tausendmal!" rief ihm das Maneli aus allen
+Kraeften nach, dann stuerzte es in die Huette hinein. Jetzt hielt das
+Trini auf einmal an und kam zurueck gerannt. Es wollte sehen, was die
+Mutter beim Anblick von Manelis Kratten sagen wurde, der ja den ganzen
+Sommer lang nie so voll gewesen war. Durch die zerbrochenen Scheiben
+an dem niedrigen Haeuschen konnte es alles sehen, was drinnen vorging.
+Die bleiche Mutter stand, von den kleinen Kindern umringt, am Tisch
+und schaute auf die Beeren im Kratten und auf den Teller daneben, der
+auch noch ganz voll war. Sie schlug ihre Haende zusammen und sagte
+immer wieder zu dem Maneli, das freudestrahlend zu ihr aufschaute:
+"Wie ist es moeglich, Kind? Wie ist es nur moeglich?"
+
+"Vom Trini, vom Trini!" wiederholte das Maneli drei-, viermal, "es hat
+sie mir alle gegeben, alle! Und denk, Mutter, fuer diese Menge gibt
+die Wirtin jetzt zwei ganze Franken."
+
+"Gott vergelt's dem Kind und ersetz es ihm und der Grossmutter
+hundertfach, was es heute fuer uns getan hat. Er weiss allein, wie ich
+mich die ganze Nacht hindurch gesorgt habe, wo ich am Morgen Brot fuer
+euch nehme. Und nun haben wir ja fuer einige Tage genug."
+
+Die bleiche Frau hatte bei diesen Worten die Haende gefaltet, als danke
+sie im stillen noch fuer die grosse Wohltat. Jetzt schoss das Trini
+davon mit einer Freude im Herzen, wie es in seinem ganzen Leben noch
+keine empfunden hatte. Die Grossmutter hatte wohl recht gehabt, dass
+man am Ende den Gewinn davon habe, und dass es einem so wohl werde wie
+noch nie, wenn man es recht verstehe, was der liebe Gott ausfegen
+wolle. Nun machte es noch neue Plaene in seinem Herzen: Bald konnte
+man auch in die Heidelbeeren gehen und in die Brombeeren. Und es
+wollte jedesmal, wenn es seinen Kratten gefuellt hatte, noch dem Maneli
+den seinigen fuellen helfen. Wenn nicht beide voll wurden, so wollte
+es immer mit ihm teilen. Denn das Trini hatte sich ueber die Worte der
+armen, kranken Mutter mehr gefreut, als ueber den eigenen vollen
+Kratten. Als es dann endlich heimkam und nun aufgeregt seine
+Erlebnisse erzaehlte und zuletzt der Grossmutter den ganz leeren Kratten
+vorwies, sagte es bittend: "Nicht wahr, du bist nicht boese mit mir,
+Grossmutter, dass ich kein einziges Beerlein heimbringe. Du wirst sie
+gewiss alle dem Maneli und seiner kranken Mutter goennen?"
+
+Da lobte die Grossmutter das Kind und sagte, was es getan habe, freue
+sie mehr, als wenn es ihr zwei ganze Kratten voll nach Haus gebracht
+haette. So gut wie heute abend dem Trini seine Kartoffelsuppe
+schmeckte, hatte ihm noch kein Essen geschmeckt. Denn es dachte immer
+daran, wie nun das Maneli noch sein Schwarzbrot hatte heimbringen
+koennen, wie jedes sein Stueck bekomme und es gewiss jetzt eben froehlich
+verspeiste.
+
+
+
+5. Kapitel
+
+Wie es mit dem Vetter geht
+
+
+Schon war der letzte Sommermonat, der warme August da. Auf allen
+Baeumen glaenzten die Aepfel rotgolden und kuendeten den Herbst an. Der
+Vetter hatte nie wieder etwas von sich hoeren lassen. In der alten
+Kaethe stieg manchmal die freudige Hoffnung auf, er habe sein Vorhaben
+geaendert und denke nicht mehr an das Kind. Dann wurde es ihr so
+leicht ums Herz, als seien ihr alle Sorgen abgenommen, als koennte
+sonst kommen, was da wollte. Hunger und Mangel und Entbehrung aller
+Art werde sie ertragen, wenn sie nur das Kind nicht weggeben muesste.
+Das Trini war froehlich wie ein Vogel vom Morgen bis zum Abend, es
+hatte den Vetter und seinen Wunsch schon lange vergessen.
+
+Da trat eines Morgens ein junger Bursch bei der Waschkaethe ein und
+sagte, er komme aus dem Reusstal und habe ihrem Vetter versprochen, ihr
+eine Bestellung auszurichten. Der Vetter lasse ihr sagen, sie solle
+die Kleider und alles fuer das Kind bereithalten, er hole es ab, sobald
+er wegen seines Geschaefts ueber den Berg muesse. Mit dem Vormund des
+Kindes wolle er dann schon alles in Ordnung bringen, was die Schule
+und den Lohn und das uebrige betreffe. Der Grossmutter wurde es vor
+Schrecken ganz schwarz vor den Augen, sie musste sich schnell setzen,
+um sich nur wieder ein wenig zu fassen. So war denn ploetzlich
+gekommen, was sie freilich immer im stillen befuerchtet, aber doch
+immer in so weiter, unsicherer Ferne gesehen hatte. Nun war es da,
+denn dass der Vormund gleich einwilligen und dem Vetter das Kind
+uebergeben wuerde, dessen war sie sicher. Sie konnte ja fuer keinen
+Verdienst sorgen. Sie wusste nicht einmal, wie lange sie sich selbst
+noch durchbringen konnte. Vielleicht fielen sie beide der Gemeinde
+zur Last. Der Vetter aber konnte einen so guten Verdienst in Aussicht
+stellen und fuer die Versorgung des Kindes fuer alle Zukunft garantieren.
+Es musste sein, das sah sie deutlich vor sich. Die alte Kaethe hatte
+schon viel Schweres erlebt. Aber das Weggeben dieses Kindes, das ihre
+ganze Freude und Stuetze war, kam ihr vor, als wolle man ihr eines
+ihrer Glieder abreissen, ohne das sie nicht mehr fortleben koennte.
+
+Sie ueberdachte nun, wie sie dem Kind die Sache beibringen sollte.
+Aber wenn sie sich vorstellte, in welchen Jammer es das erstemal
+ausgebrochen war, als sie darueber geredet hatte, so hatte sie nicht
+den Mut, es wieder und nun mit Bestimmtheit zu tun. Zuletzt dachte
+sie, das beste sei, gar nicht ueber die Sache zu reden. Ein kurzer
+Kampf, wenn der Vetter komme, sei noch am leichtesten zu ertragen.
+Und inzwischen habe das Kind doch noch ungetruebte Tage. Aber von dem
+Morgen an lag ein solcher Kummer auf dem Gesicht der Grossmutter, dass
+es dem Trini manchmal ganz bange wurde und es immer wieder fragte:
+"Grossmutter, was hast du denn? Ich will alle Naechte durch Brombeeren
+suchen, wenn du dich sorgst, wir koennen nicht mehr leben, weil du
+nicht mehr so viel tun kannst. Ich brauche nicht zu schlafen, ich
+kann es schon aushalten, sieh nur, sieh!" Und das Trini streckte seine
+zwei festen Arme der Grossmutter als Beweis entgegen, dass sie sich
+nicht zu sorgen brauche. Aber es vermehrte nur ihren Kummer. Denn
+sie sah ja nur zu gut, wie gross und stark das Kind geworden und dass es
+wirklich zu einer ganz anderen Arbeit faehig war als zu der, die es
+jetzt verrichtete. Doch am Abend, wenn sie wieder still in der
+Daemmerung sass und auf alle vergangenen Zeiten und auf so manche
+schwere Not zurueckschaute, aus der ihr der liebe Gott so vaeterlich
+geholfen hatte, dann konnte sie mit Vertrauen sagen:
+
+"Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich's gebuehret."
+
+
+So sass sie wieder am Fenster, wo noch der Abendschein hereinschimmerte,
+und wartete auf das Kind, um dann Licht zu machen und das Abendessen
+zu bereiten. Da hoerte sie jemand auf ihr Haeuschen zukommen. Das war
+nicht das Kind, es waren schwere, feste Tritte. Jetzt kam's--es musste
+der Vetter sein. Der Grossmutter wollte das Herz stillstehen. Nun
+ging die Tuer auf, und mit festem Schritt, einen grossen Korb am Arm,
+trat die Goldaepfelbaeuerin herein und fragte: "Wo sind Sie denn, Kaethe?
+Man kann Sie ja gar nicht sehen. Guten Abend wuensch' ich Ihnen!" Die
+Alte war schnell aufgestanden, hatte ihr Lichtlein angezuendet und
+schuettelte jetzt ihrem Besuch die Hand. Auf dem Tisch stand nun der
+Korb, und im Schimmer des kleinen Lichts glaenzten viele herrliche
+Goldaepfel, von denen der ganze Hof seinen Namen hatte. "Ich habe
+Ihnen ein wenig Aepfel gebracht, die Baeume haben dies Jahr schoen
+getragen", sagte die Baeuerin wieder, "was Sie nicht selbst brauchen,
+wird das Kind nehmen, wo ist es?"
+
+Die Kaethe berichtete, Trini sei mit den anderen Kindern noch einmal in
+die Brombeeren zum Wald hinauf gegangen, es werde aber nun mit dem
+Beerenlesen bald ein Ende haben. "Das wird's", bestaetigte die Baeuerin.
+"Es ist mir aber gerade recht, dass das Kind weg ist, ich moechte noch
+etwas mit Ihnen reden." Die Kaethe holte ihre Stuehle herbei, und als
+die beiden nun voreinander am Tisch sassen, der grosse Apfelkorb
+zwischen ihnen, fing die Baeuerin wieder an: "Ich habe da vor kurzem
+etwas mit Ihrem Kind gehabt, es wird Ihnen wohl davon erzaehlt haben.
+Ich war ein wenig in Zorn geraten, denn die junge Magd hatte mir das
+ganze Kohlruebenbeet verdorben und war dazu noch unverschaemt. So sind
+sie heutzutage. Und sagt man ihnen ein einziges Wort, das sie nicht
+gern hoeren, gleich werfen sie einem den Sack vor die Tuer, und es heisst:
+Suchen Sie sich eine andere Magd. Aber immer mit neuen Leuten
+wirtschaften, ist keine Freude. Ich war also sehr aergerlich, als das
+Kind ankam, und ich habe es beschimpft. Da hoerte ich aber etwas, das
+hat mir gefallen, ich musste zu mir sagen: Die alte Kaethe hat das Kind
+etwas Gutes gelehrt. Mit einem Maedchen, das so denkt, musste gut
+auszukommen sein. Und als ich mir alles so recht ueberdacht hatte,
+fasste ich einen Entschluss. Darueber moechte ich jetzt mit Ihnen reden.
+
+"Das Kind ist freilich noch jung, aber es ist gross und stark, und
+gelehrig sieht es auch aus. Die paar Schulmonate bis zum Fruehling
+haben auch nicht mehr viel zu sagen, und so dachte ich, wenn es Ihnen
+recht waere, wollte ich das Kind zu mir nehmen. Den Winter ueber haette
+ich Zeit, es einzuarbeiten, und bis zum naechsten Sommer wuerde es eine
+ordentliche Magd fuer mich. Sie muessen sich aber nicht sorgen, Kaethe.
+Ich weiss schon, dass jetzt die Zeit da ist, da das Kind anfangen muss,
+fuer Sie zu arbeiten und etwas Ordentliches zu verdienen. Ich gebe ihm
+gleich den ganzen Lohn, den die Maegde hatten, und jede Woche noch ein
+Brot dazu, denn das Kind ist mir das wert. Dazu haben Sie den Vorteil,
+dass es Ihnen nicht genommen wird. Es ist flink, es kann, wenn
+Feierabend ist, heim zu Ihnen. Und am Morgen schickt ihr mir's wieder.
+Am Sonntag darf es schon vom Mittag an bei Ihnen bleiben. Warum
+fangen Sie denn an zu weinen, Kaethe? Das Kind soll es gut haben bei
+mir, und Sie sollen auch nicht zu kurz kommen. Korn und Obst habe ich
+auf dem Hof und Milch im Stall. Ein Saecklein Mehl und eine Flasche
+Milch soll das Kind jeden Sonntag auch heimbringen, und ausserdem gibt
+es das Jahr hindurch noch manches andere, da koennen Sie sicher sein."
+
+"Sagt nur nichts mehr, es ist ja mehr als genug", konnte hier endlich
+die alte Kaethe hervorbringen, "ich weine ja nur vor Freude, vor lauter
+Freude. Sie wissen ja nicht, von welchem Kummer Sie mich befreit
+haben, und welche Wohltat Sie an mir tun."
+
+Und nun erzaehlte die Alte der Baeuerin, wie sie sich schon den ganzen
+Sommer ueber gesorgt haette und nun jeden Augenblick den Vetter erwarte.
+Das habe sie dem Kind gar nicht sagen duerfen, weil sie sich vor
+seinem grossen Jammer fuerchtete. Eben als die Grossmutter fertig
+erzaehlt hatte, kam das Trini hereingesprungen. Beim Anblick der
+goldenen Aepfel auf dem Tisch und der Baeuerin, die daran sass, stand es
+ploetzlich still und schaute mit groesster Verwunderung um sich.
+
+"Komm, gib mir die Hand, Trini", sagte die Baeuerin. "Da du meine
+Baeume nie geschuettelt hast, musst du mit der Grossmutter ein paar Aepfel
+davon haben."
+
+Ueber Trinis Gesicht ging ein freudiges Laecheln. So hatte es die
+Baeuerin doch noch vernommen, dass es das nicht getan hatte, das
+erfreute sein Herz. Es kam eilig herbei, der Frau die Hand zu reichen.
+"Was meinst du?" fuhr die Baeuerin fort, "wie gefiele es dir bei mir
+auf dem Hof, wolltest du brav mit mir arbeiten?"
+
+Das Trini schaute immer verwunderter einmal auf die Baeuerin und dann
+wieder auf die Grossmutter. Diese konnte nicht mehr schweigen in ihrer
+Freude: "Trineli, denk nur, denk nur, wie es jetzt kommt", rief sie
+aus, "du kommst nicht ins Reusstal, du sollst nicht von mir fort.
+Jeden Tag darfst du zu der guten Frau hinunter auf den Goldaepfelhof
+und am Abend wieder heim. Ach, was ist das fuer eine Erloesung aus der
+grossen Sorge. Dank ihr, Trineli, dank ihr!"
+
+"So danke ich vielmals. Und ich will gern arbeiten bei Ihnen, was Sie
+nur wollen", sagte das Trini, das erst jetzt das Angebot der Baeuerin
+zu wuerdigen wusste.
+
+"So ist's recht", schloss die Baeuerin, "die Sache ist abgemacht. Das
+Beerenlesen hat jetzt ein Ende, und das Apfel- und Birnenlesen faengt
+an. Das ist gerade die rechte Zeit, um bei mir mit der Arbeit
+anzufangen. Am Montag schicken Sie mir das Kind, Kaethe, und geben ihm
+Ihren Segen mit. Und nun auf Wiedersehen."
+
+Sobald die Tuer sich hinter der Baeuerin schloss, fing die Grossmutter an,
+laut zu loben und zu danken, dass der liebe Gott alle ihre Sorge in
+solche Freude und Hilfe verwandelt hatte. Das Trini jauchzte laut auf:
+"Juchhe, nun muss ich nie von dir fort, Grossmutter! Ich will schon
+tuechtig arbeiten, dann behaelt mich gewiss die Baeuerin ihr Leben lang."
+
+Jetzt musste es aber die goldenen Aepfel noch aus der Naehe betrachten.
+Auf einmal sagte es: "Grossmutter, darf ich nicht dem Maneli noch
+geschwind die Haelfte bringen? Ich habe jetzt immer mit ihm geteilt."
+
+"Ja, ja", nickte beifaellig die Alte, das war ihr gerade recht, dass
+auch der armen Nachbarin etwas von ihrem grossen Glueck zugute komme.
+"Lauf nur gleich, Trineli, und nimm auch mehr als die Haelfte. Es sind
+so viele, die sich an den Aepfeln freuen werden, geh schnell!"
+
+Trini stuerzte fort, und ein ungeheures Freudengeschrei brach bei der
+Kinderschar aus, als es die Aepfel auf den Tisch hinschuettete. Sie
+rollten da und dorthin und der suesse Apfelduft durchstroemte die ganze
+Stube.
+
+Am Montag, als das Trini unter den Baeumen des Goldaepfelhofes schon
+eifrig bei seiner Arbeit war, trat der Vetter bei der alten Kaethe ein.
+Jetzt hatte sie keinen Schrecken mehr. Sie sagte ihm, wo das Kind
+bei der Arbeit sei und dass es dort bleiben werde. Aber so schnell
+liess sich der Vetter nicht von seinem Plan abbringen, denn er hatte
+fest vor, das Kind mitzunehmen. Er lief gleich zum Vormund und sagte
+ihm, dass das Kind in der Fabrik viel mehr verdienen koenne als bei der
+Baeuerin. Aber der Vormund laechelte nur schlau, denn die
+Goldaepfelbaeuerin war auch bei ihm gewesen. Sie wusste schon, was sie
+zu tun hatte, wenn sie das Kind behalten wollte. Er sagte, wenn das
+Kind fort sei, sorge niemand fuer die alte Frau. Solange es aber bei
+der Baeuerin sei, waeren sie beide versorgt und koennten ohne fremde
+Hilfe gut leben. Und so sei beschlossen worden, dass das Kind bei der
+Baeuerin bleibe.
+
+Dem Trini geht es mit jedem Tag besser auf dem Goldaepfelhof Jetzt
+kennt es schon alle Arbeit, und die Baeuerin mag das flinke, immer
+frohe Trini so gern, als waere es ihr eigenes Kind. Die Grossmutter
+sorgt auch dafuer, dass das Kind nie vergass, wer zu ihm redet, wenn es
+ertragen soll, was weh tut. Denn sie weiss wohl, wie es zu dem guten
+Platz bei der Baeuerin gekommen ist.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Was die Grossmutter gelehrt hat,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT HAT ***
+
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+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
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+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+91 or 90
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
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+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
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+The Project Gutenberg EBook of Was die Grossmutter gelehrt hat, by Johanna Spyri
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+Title: Was die Grossmutter gelehrt hat
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9861]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT HAT ***
+
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+E-text prepared by Delphine Lettau
+
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+
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+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
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+This is the 8-bit version.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
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+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
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+
+
+
+
+Was die Gromutter gelehrt hat
+
+Erzhlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Der Kummer der alten Waschkthe
+
+
+Die alte Waschkthe sa in ihrem Stbchen im einsamen Berghttchen und
+schaute nachdenklich auf ihre gekrmmten Hnde, die sie vor sich auf
+die Knie gelegt hatte. Bis der letzte Abendschein hinter den fernen
+Waldhhen verglommen war, hatte sie fleiig an ihrem Spinnrad
+gearbeitet. Jetzt hatte sie es ein wenig beiseite gerckt, die Hnde
+muten mde sein, die so gekrmmt und abgearbeitet aussahen. Die Alte
+seufzte auf und sagte vor sich hin: "Ja, wenn ich noch knnte wie
+frher!" Sie meinte wohl arbeiten, denn das hatte sie tapfer ihr Leben
+lang getan. Nun war sie alt geworden, und die frher so rstige und
+unermdliche Waschfrau konnte gar nichts mehr tun, als ein wenig
+spinnen, und das trug sehr wenig ein. Dennoch hatte sie sich schon
+seit ein paar Jahren auf diese Weise durchgebracht und noch dazu ihr
+Enkelkind erhalten, das bei ihr lebte und noch nicht viel verdienen
+konnte. Es hatte zwar auch seine kleinen Einnahmen, denn es war ein
+flinkes und geschicktes Kind.
+
+Heute erfllte die Gromutter aber noch ein besonderer Kummer, der ihr
+schon seit dem frhen Morgen das Herz schwer gemacht hatte. Ihr
+Enkelkind, das frhliche Trini, das sie von klein auf erzogen hatte,
+war zwlf Jahre alt geworden. Es sollte im Frhling aus der Schule
+entlassen werden und dann in einen Dienst gehen. Heute frh nun war
+der ferne Vetter unten aus dem Reutal heraufgekommen und hatte der
+alten Kusine den Vorschlag gemacht, das Kind ihm anzuvertrauen. Er
+hatte zwar selbst nicht viel und konnte nichts geben, aber es war dort
+unten ein guter Verdienst zu finden. Denn die neue Fabrik, die an der
+wasserreichen Reu erbaut worden war, brauchte viele Arbeitskrfte.
+Dort konnte das Trini die Woche ber ein schnes Stck Geld verdienen,
+und daneben konnte es die ntige Arbeit in seinem Haus verrichten,
+dafr wollte er es beherbergen. Da seine Frau krnklich war und sie
+keine Magd anstellen konnten, so war ihnen das Kind erwnscht, denn
+sie wuten, da es gro und krftig und sehr geschickt war.
+
+Die Gromutter halte schweigend zugehrt, aber in ihrem Herzen hatten
+die Worte einen groen Kampf entfacht. Der Vetter wnschte auch, da
+das Kind schon im Herbst herunterkomme, das halbe Schuljahr knne
+schon abgekrzt werden, es wisse genug und knne dann gleich etwas
+verdienen. Auerdem htte seine Frau es im Winter besonders ntig.
+Die Gromutter hatte noch immer nichts gesagt. Jetzt, als der Vetter
+drngte und gleich das Jawort haben wollte, sagte sie, er msse ihr
+ein wenig Zeit lassen. Vor dem Herbst wollte sie sich noch nicht
+entscheiden. Sie sehe den Vorteil des Kindes wohl ein, aber sie msse
+sich das alles erst noch berlegen und dann auch mit dem Kinde reden.
+Der Vetter war nicht recht zufrieden, er htte gern gleich alles
+festgemacht und den Tag bestimmt, wann das Trini herunterkommen sollte.
+Er meinte, mit dem Kind sei doch nichts zu reden, das besitze noch
+keine Vernunft und kenne seinen eigenen Vorteil nicht. Aber die
+Gromutter blieb standhaft. Im Herbst mge er noch einmal kommen,
+dann solle er bestimmt eine Antwort haben. Wenn sie dann
+einverstanden sei, so knne er dann das Kind gleich selbst mitnehmen,
+fr den Augenblick knne sie nichts weiter sagen. Dabei blieb sie.
+Der Vetter sah, da da nichts zu machen war. Er ermahnte nochmals die
+alte Kusine, des Kindes Vorteil nicht auer acht zu lassen. Es sei ja
+doch auch ihr eigener Vorteil, wenn das Kind etwas einnehme und sie
+nachher auch untersttzen knne. Dann ging er.
+
+Schon den ganzen Tag whrend der Arbeit dachte die Gromutter nach
+ber die Worte des Vetters, aber sie konnte keinen Entschlu fassen.
+Jetzt in der Dmmerung berlegte sie in Ruhe, und sie mute ein
+paarmal tief aufseufzen dabei. Der Vetter hatte recht, es war ein
+groer Vorteil fr das Kind, da es in seinem Haus wohnen konnte, um
+von da aus in der Fabrik einen sicheren Verdienst zu finden. Sie
+selbst wute keinen vorteilhafteren Weg fr das Kind, sie wute
+eigentlich gar keinen. Rings herum waren nur kleine Gter, die die
+Leute alle selbst bebauten und die an der Hilfe ihrer eigenen Kinder
+genug hatten. Wer eine Magd anstellte, wie es unten im Pfarrhaus oder
+im Amtshaus oder in dem neuen Wirtshaus die Frauen taten, da muten es
+ltere Mdchen sein. Es waren krftige, erwachsene Personen, die in
+Kche und Garten zu arbeiten wuten.
+
+Auch die Goldpfelbuerin auf dem groen, obstreichen Hof hatte immer
+eine Magd, aber auch eine groe, starke, die ihr in allem helfen
+konnte. Trotzdem konnte auch die nie lange bei der Buerin bleiben.
+Wenn ihr also nicht einmal eine erwachsene Person die Arbeit recht
+machen konnte, was wre dann ein Kind wie das Trini fr sie. Da das
+Kind aber im Frhjahr, wenn es nun aus der Schule entlassen wurde,
+eine Arbeit suchen mute, das sah die Gromutter wohl ein. Seit sie
+nicht mehr wie frher als Wscherin auf die Arbeit gehen konnte,
+sondern nur mhsam mit ihren gekrmmten Fingern am Spinnrad arbeitete,
+war sie kaum in der Lage, sich und das Kind zu erhalten. Und mit
+jedem Tage konnte es schwerer fr sie werden. Und doch, sich von dem
+Kind trennen zu mssen, das kam der Gromutter als das Allerschwerste
+vor, das sie erleben konnte.
+
+Wrde die neue Aufgabe fr das junge Kind nicht zu schwer sein? Die
+Alte wute wohl, wie es bei dem Vetter war. Er selbst hatte eine rohe
+und unfreundliche Art und war meistens unwirsch. Seine Frau war immer
+krank und daher auch nicht gut gelaunt. Sie sa meistens freudlos und
+wie abgestumpft in ihrer Ofenecke und sagte kein Wort. Nun war es so
+schlimm mit ihr geworden, da der Mann daran denken mute, eine Hilfe
+ins Haus zu holen. Da htte dann das Kind die Geschfte im Haus alle
+allein zu besorgen und konnte dann erst zur Arbeit in die Fabrik gehen.
+War nun fr all die Arbeit das Kind nicht noch zu jung? Und wurde
+es ihm nicht zu schwer fallen, von der Gromutter weg, die es so lieb
+hatte, in ein ganz fremdes Haus zu gehen. Wrde sie es ertragen, nie
+ein Wort der Liebe und des Trostes zu hren? Daran war ihr liebes
+Trineli nicht gewohnt.
+
+Der Gromutter trat jener Tag vor Augen, als es ihr ins Haus gebracht
+worden war, ein kleines, hilfloses Ding, das niemand brauchen konnte
+und das niemand pflegen wollte. Damals hatte sie noch rstige Hnde
+und gute Krfte, und wenn sie auch von frh bis spt ttig sein mute,
+sie tat es gern. Die Waschkthe hatte drei Kinder gehabt, zwei Shne
+und eine Tochter. Ihr Mann war an einem hitzigen Fieber gestorben,
+als die Kinder alle drei noch ganz klein waren. Da mute die Kthe
+viel arbeiten, damit die Kleinen etwas zum Anziehen hatten und keinen
+Mangel litten. Tag und Nacht war sie bei der Arbeit, und jedermann
+ringsum rief sie zur Hilfe bei der groen Wsche. Denn man wute,
+keine arbeitete so gut wie die Kthe, die wegen dieser Ttigkeit
+berall nur die Waschkthe hie. Als ihre Shne gro waren, bekamen
+sie Lust, in die Ferne zu wandern, und gingen miteinander nach Amerika.
+Die Tochter verheiratete sich und zog ins Tal hinab. Aber nicht
+viel mehr als ein Jahr spter starb sie pltzlich noch ganz jung. Das
+betrbte ihren Mann so sehr, da er es daheim nicht mehr aushalten
+konnte. Er brachte das ganz kleine Trineli zur Gromutter hinauf und
+sagte: "Da, Mutter, nimm du das Kind, ich wei nichts damit anzufangen.
+Ich mu fort, es hlt mich nichts mehr hier." Dann ging er zu den
+Schwgern nach Amerika.
+
+Von dem Tag an hatte die Waschkthe eine neue Sorge, aber auch eine
+neue, groe Freude nach vielem Kummer und Leid. Das kleine Trineli
+entwickelte sich schnell und lohnte der guten Gromutter ihre Mhe und
+Arbeit mit einer ungewhnlichen Liebe und Anhnglichkeit. Sie hatten
+viele lustige Stunden miteinander, denn das Kind war immer so
+beweglich und lebendig wie ein munteres Fischlein im Wasser. Mit
+jedem Jahre wurde es der Gromutter lieber und unentbehrlicher.
+
+Alle diese vergangenen Tage stiegen nun in der Dmmerung vor der alten
+Waschkthe auf, und der Gedanke, das Kind so weit und vielleicht fr
+alle Zeit von sich zu schicken, machte ihr das Herz immer schwerer.
+Aber sie kannte einen Trster, der ihr schon in vielen trben Stunden
+geholfen und auch manches gefrchtete Leid gemildert hatte. Den
+wollte sie doch nicht vergessen. Lieber, als so die schweren Gedanken
+hin- und herzuwlzen in ihrem Innern, wollte sie jetzt die ganze Sache
+dem lieben Gott bergeben. Mute es sein und mute sie dieses Leid
+der Trennung ertragen, so hatte doch der liebe Gott seine schtzende
+Hand dabei. Es konnte ja alles zum Besten des Kindes geschehen, und
+sein Wohl ging ihr noch ber das eigene. Als die Gromutter dies
+alles berlegt hatte, faltete sie still die Hnde und sagte andchtig
+vor sich hin:
+
+"Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich's gebhret,
+Wenn er dich so, wie er es will,
+Und nicht wie du willst fhret.
+Kommt dann zum Ziel der dunkle Lauf,
+Tust du den Mund mit Freuden auf,
+Zu loben und zu danken."
+
+
+
+2. Kapitel
+
+In den Erdbeeren
+
+
+Whrend die alte Kthe so gedankenverloren erst an ihrem Spinnrad und
+dann in der Dmmerung sa, ging es oben am Sonnenrain ziemlich laut zu.
+Hier wuchs jedes Jahr eine Flle der schnsten, saftigsten Erdbeeren.
+Wenn sie reif waren, schien es oft, als ob ein groer, dunkelroter
+Teppich vom Sonnenrain herunterhinge, der in der Sonne glhte. Der
+Platz war den Kindern von Hochtannen, wie das kleine, aus zerstreuten
+Husern bestehende Bergdrfchen hie, wohlbekannt. Sie wuten auch
+recht gut, da, wenn man die Beeren ausreifen lie, ein schner Gewinn
+damit zu erzielen war. Denn diese ungewhnlich groen, saftigen
+Beeren wurden berall gern gekauft. So gaben die Kinder selbst acht
+aufeinander, da nicht etwa die einen zu frh die Beeren holten, bevor
+sie die rechte Reife erlangt hatten. Erscholl aber an einem schnen
+Junitag unter den Schulkindern der Ruf: "Sie sind reif am Sonnenrain!
+Sie sind reif!", dann strzte noch an demselben Abend die ganze Schar
+hinaus zum Sonnenrain. Jedes Kind hatte einen Korb in der Hand, und
+sie liefen, so schnell sie konnten, denn jedes wollte zuerst auf dem
+Platz sein und die schnsten und reifsten Beeren finden.
+
+Die mitgebrachten, Krbe, Kratten genannt, hatten alle dieselbe Form,
+aber verschiedene Gren. Sie hatten die Form von Zylinderhten, mit
+dem Unterschied, da bei diesen die ffnung unten ist, wo der Kopf
+hineingesteckt wird, bei jenen aber oben, wo die Erdbeeren
+hineingeworfen werden. Wenn dann die Dmmerung gekommen war und man
+die Beeren nicht mehr sehen konnte, wurde die Arbeit beendet. Dann
+deckte man die Kratten mit groen Blttern zu und befestigte zwei
+hlzerne Stbchen kreuzweise darber, damit der Wind die Bltter nicht
+entfhre. Nun stimmte man das Erdbeerlied an, und voller Frhlichkeit
+zog die ganze Schar heimwrts. Alle sangen aus vollen Kehlen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen,
+Erdbeeren mit Stielen,
+Jetzt trgt man sie heim die vielen,
+Erdbeeren an sten,
+Die meinen sind die besten!
+
+
+Am schnellsten und am fleiigsten aber von allen war die Enkelin der
+alten Waschkthe, das lustige Trini. Immer wute es, wo die schnsten
+Beeren standen und wo noch am wenigsten gepflckt worden war. Dann
+scho es dahin und rupfte mit einer Gewandtheit, da kein anderes Kind
+schneller war und die Langsamen in seiner Nhe gar nichts erwischten.
+Auf einen kleinen Sto kam es dem Trini dabei auch nicht an, wenn ihm
+eine schne Stelle besonders ins Auge fiel, wo schon ein anderes Kind
+Beeren sammelte. Niemals a es von den Frchten, bis sein Kratten so
+voll war, da es eben noch die hlzernen Stbchen ber den Blttern
+festmachen konnte, ohne die zarten Frchte zusammen zu drcken. Erst
+dann kamen noch einige der sduftenden Beeren in den Mund und
+schmeckten herrlich nach der harten Arbeit. Vorher htten sie aber
+dem Trini gar nicht geschmeckt, denn es war ihm, als gehrten sie alle
+der Gromutter, bis keine einzige Beere mehr in den Kratten hineinging.
+
+Das Trini strengte sich sehr an, fr seine liebe Gromutter auch etwas
+zu tun. Es fhlte wohl, wie aufopfernd und gut sie zu ihm war und wie
+hart sie immer noch arbeitete, damit sie beide keinen Mangel leiden
+muten. Es hatte auch sein Leben lang nie andere, als liebevolle
+Worte von ihr gehrt. Und wie oft hatte es gesprt, da sie viel
+lieber sich selbst als ihm etwas versagte. Dafr hing es auch mit dem
+ganzen Herzen an der Gromutter, und mit ungeheurer Freude sah es die
+Beerenzeit wieder kommen. Dann konnte es tglich seinen vollen
+Kratten heimbringen oder ihn dahin tragen, wohin er bestellt war, um
+dann ein schnes Geldstck zu verdienen. Das war fr die Gromutter
+eine groe Einnahme, die freilich nur eine kurze Zeit dauerte. Viel
+brachten aber nur die allergrten Kratten ein, und diese hatten das
+Trini und das kleine, bleiche Maneli. Dieses konnte aber niemals
+seinen Kratten auch nur zur Hlfte fllen. Das Maneli, das eigentlich
+Marianne hie, war mit Trini im gleichen Alter. Beide saen auf
+derselben Schulbank, aber sie sahen sehr verschieden aus. Trini war
+gro und stark und hatte feste, runde Arme und rote Backen. Es
+frchtete sich vor den grten Buben in der Schule nicht, denn es
+wute sich zu wehren.
+
+Das Maneli aber war schmal, bla und sehr schchtern. Es war rmlich
+gekleidet und sah aus, als bekomme es nie genug zu essen, Das stimmte
+wohl auch, denn es hatte noch fnf kleinere Geschwister und seine
+Mutter war oft krank. Der Vater, der ein Tagelhner war, brachte
+nicht immer so viel heim, da es zu allem langte. Eben jetzt, da die
+Dmmerung heranrckte, hatte Trini das kraftlose Maneli mit einem
+heftigen Sto auf die Seite geschoben. Denn es stand noch an einer
+Stelle, die mit besonders groen Beeren bedeckt war, und Trini wollte
+schnell seinen Kratten damit vollfllen. Es gelang ihm auch, und vor
+allen anderen rief es jetzt siegesgewi: "Voll! Fertig! Heim! Heim!"
+Nun riefen auch die anderen: "Heim! Heim!" und schon hatte sich das
+Trini mit seinem vollen, schn verpackten Kratten hingestellt, um den
+Zug anzufhren. Mit heller Stimme begann es zu singen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Als die Schar singend und jauchzend die ersten Huser erreicht hatte,
+stoben die Kinder pltzlich alle auseinander, die einen aufwrts, die
+anderen abwrts. Das Trini lief mit allen Krften den Berg hinauf, es
+hatte noch einen ziemlich langen Weg zu machen. Das Huschen der
+Gromutter stand hoch oben und war das hchste von ganz Hochtannen.
+Jetzt kam das Trini am Hof der Goldpfelbuerin vorbei. Sie schaute
+eben ber die Hecke, die den Hof umschlo, und als sie das Kind so
+vorbeirennen sah, rief sie ihm zu: "Komm doch einmal hierher und zeig
+mir deine Beeren!"
+
+Das Trini war in seinem Eifer schon ein gutes Stck ber die Stelle
+hinaus, wo die Buerin stand, aber es kam schnell zurck, denn die
+Aussicht, die Beeren gleich verkaufen zu knnen, kam ihm sehr gelegen.
+
+"Hast du auch etwas Rechtes? Zeig her!" fuhr die Buerin fort, als
+das Trini an der Hecke stand und seinen Kratten zu ihr emporhob. "Ich
+kaufe sonst keine solche Ware, es wchst Besseres auf meinem Hof.
+Aber man sagt, eingekocht sei das Zeug gut gegen allerhand bel. So
+gib's her! Was geben sie dir unten im Wirtshaus fr die Beeren?"
+
+"Einen Franken", antwortete das Trini.
+
+"So, das ist auch genug fr solches Beerenzeug. Aber du mut's haben,
+um deiner Gromutter willen, das ist eine brave Frau, die viel
+arbeitet. Du bringst ihr doch das Geld heim und machst keinen
+Firlefanz damit?"
+
+"Nein, das tue ich nicht", entgegnete das Trini. Es sah die Buerin
+mit Augen an, die denen einer kleinen, wilden Katze nicht unhnlich
+waren, denn es rgerte sich ber diesen Verdacht. Die Buerin lachte
+und sprach:
+
+"Nur nicht gleich so aufgebracht, so etwas kommt auch vor. Aber komm,
+wir wollen wieder gut Freund sein! Da, das ist der Franken fr die
+Gromutter, und wenn ich dir noch einen Mnze fr dich gebe, so wird's
+dir auch nicht leid sein. So, jetzt lauf wieder!"
+
+Das Trini dankte hocherfreut und lief davon, hrte auch nicht zu
+rennen auf, bis es oben beim Huschen angekommen war. Jetzt strmte
+es in die kleine Stube hinein, wo es fast dunkel geworden war. Nur
+ein letzter, lichter Streifen am Abendhimmel schimmerte noch in das
+Fenster hinein, dort wo die Gromutter sa. Das Trini strzte zu ihr
+hin und erzhlte so eifrig von seinen Erlebnissen, da immer das
+zweite Wort vor dem ersten heraus wollte. Es dauerte ziemlich lange,
+bis die Gromutter verstanden hatte, da die Erdbeeren schon verkauft
+seien und ein ganzer Franken und noch ein Geldstck dazu dafr bezahlt
+worden war. Auch den mute die Gromutter nehmen, das Trini wollte
+kein Geld behalten, denn es sollte alles der Gromutter gehren. Da
+sie heute noch ein Geldstck ber das Gewhnliche hinaus bekam, machte
+dem Trini eine besondere Freude.
+
+"Ja, Gromutter, und siehst du", fuhr das Trini immer noch halb auer
+Atem fort, "ich war vor allen anderen zuerst fertig und hatte doch den
+Kratten so voll wie kein anderes Kind. Das Maneli hatte seinen nicht
+halb voll. Es machte auch furchtbar langsam, und wenn es an einem
+guten Platz war, an den ich auch kam, so hatte ich schon wieder alles
+weggerupft, ehe es nur eine Handvoll erwischen konnte."
+
+Die Gromutter hatte sich sehr ber die guten Nachrichten und auch
+ber den reichlichen Gewinn des Kindes gefreut. Aber jetzt sagte sie
+ernsthaft: "Aber Trineli, du stt doch nicht etwa das Maneli weg,
+wenn es einen guten Platz gefunden hat, so da du dann die Beeren
+bekommst? Das wre nicht recht."
+
+"Doch, freilich, das tue ich schon, das tut man immer, Gromutter",
+versicherte das Trini. "Es mu jedes sehen, da es die meisten und
+die schnsten erwischt. Daher geht es dann natrlich immer so rauh zu."
+
+"Nein, nein, das mut du mit dem kleinen, schwachen Maneli nicht mehr
+tun", mahnte die Gromutter. "Siehst du, es kann nicht neben dir
+aufkommen, es ist kraftlos und kann sich nicht wehren, und seine
+Mutter htte die Beeren ntig. Sie wei gewi manchmal nicht, wo sie
+fr alle die kleinen Kinder Brot hernehmen soll. Tue das nicht mehr,
+Trineli, la das arme Kleine ein andermal auch zu seinen Beeren kommen.
+Aber jetzt setz dich zu mir her", fuhr die Gromutter in einem
+anderen Ton fort, "ich habe etwas mit dir zu reden, du bist vernnftig
+genug, um es zu verstehen."
+
+Neugierig setzte sich das Kind hin, denn es war noch nie vorgekommen,
+da die Gromutter es so ernst anblickte, um mit ihm zu reden.
+
+"Trineli", fing sie jetzt bedchtig an, "wir mssen daran denken, was
+du fr Arbeit tun knntest, wenn du nun im Frhling aus der Schule
+kommst. Der Vetter aus dem Reutal ist heute morgen hier gewesen. Im
+Herbst knntest du zu ihm hinunterkommen und dir dort in der Fabrik
+etwas verdienen. Vielleicht wrde es dein Glck sein. Du knntest
+von einem Jahr zum anderen weiterkommen und so deinen Weg machen. Was
+meinst du dazu?"
+
+"Lieber will ich sterben!" rief das Trini zornig.
+
+"Mut nicht so unbedacht reden, Trineli", mahnte die Gromutter
+freundlich. "Sieh, der Vetter will etwas fr dich tun. Er meint es
+gut, wir wollen ihn nicht bse machen, wir wollen noch miteinander
+ber die Sache nachdenken."
+
+"Und wenn der Vetter kme und mich tausendmal tten wollte, so ginge
+ich doch nicht!" rief das Trini, und man konnte sehen, wie es immer
+wtender wurde.
+
+"Wir wollen jetzt nichts weiter sagen. Wenn es fr dich gut ist, so
+wird es so sein mssen, Trineli, und dann wollen wir's annehmen und
+denken: 'Der liebe Gott schickt's, es mu gut sein'."
+
+Die Gromutter wollte damit das Gesprch beenden, aber das Kind fing
+pltzlich an, bitterlich zu weinen. Die Trnen strzten ihm wie Bche
+aus den Augen, und unter heftigem Schluchzen stie es hervor:
+"Gromutter, wer soll dir dann Holz und Wasser bringen, wenn es kalt
+wird? Was willst du denn machen, wenn du wieder im kalten Winter
+nicht aufstehen kannst, und es ist kein Mensch bei dir und zndet
+Feuer an und macht dir ein wenig Kaffee und bringt ihn dir? Und du
+bist ganz allein und kannst nichts machen, und wenn du rufst, so kommt
+kein Mensch. Ich gehe nicht, Gromutter, ich kann nicht gehen! Ich
+kann nicht!"
+
+"Komm, Trineli, komm", sagte beschwichtigend die Alte, die einen
+solchen Ausbruch nicht erwartet hatte, "komm, wir mssen nun unser
+Abendbrot essen, und dann wollen wir beten und zu Bett gehen. ber
+Nacht hat der liebe Gott auch schon manches anders gemacht, als es am
+Abend vorher war."
+
+Aber das Trini mit seiner heftigen Gemtsart war nicht so schnell
+wieder im Gleichgewicht. Es konnte keinen Bissen hinunterbringen, und
+bis tief in die Nacht hinein hrte die Gromutter sein Schluchzen und
+Weinen. Das war ein neuer Kummer fr die alte Waschkthe. Sie hatte
+nicht geglaubt, da das Kind sich so ber den Vorschlag des Vetters
+aufregen wrde.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Dem Trini wird etwas Neues verstndlich
+
+
+Mehrere sonnige Tage waren seit dem leidvollen Abend vergangen. Die
+Gromutter sagte kein Wort mehr von der drohenden Trennung. Sie
+verga sie freilich nie und hatte manchen schweren Augenblick zu
+ertragen, wenn wieder deutlich vor ihr stand, was ja kommen mute.
+Aber sie wollte nicht mehr davon mit dem Kind reden. Sie hatte ihre
+Sache dem lieben Gott anvertraut. Und deshalb konnte sie sich im
+stillen immer wieder an der Zuversicht festhalten, wenn das Schwere
+kommen mte, so werde er es fr das Kind zum Guten wenden. Als nun
+die Gromutter gar nichts mehr sagte und alles wieder wie vorher war,
+die Sonne schien und die Vgel wie immer lustig pfiffen, da dachte das
+Trini, die Gefahr sei vorber. Es glaubte, der liebe Gott habe
+wirklich, wie die Gromutter gesagt, ber Nacht etwas gendert, und
+die alte Frhlichkeit kehrte in Trinis Herz zurck. Jeden Abend, wenn
+die Kinder ber die Wiesen liefen, hrte man allen anderen voraus
+Trinis helle Stimme erschallen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Der Sonnenrain war nun ganz abgeerntet, und man mute weiterliegende
+Pltze aufsuchen. Da gab es noch ergiebige Stellen oben beim Wald und
+hinten bei der Mhle, und vor allem war noch die Kornhalde da. Dort
+waren ganze Schtze von Erdbeeren zu finden, das wuten die Kinder
+alle. Aber die wenigsten trauten sich dort hinaufzugehen. Da mute
+man um das groe Kornfeld herum an der Hecke bis zu dem schmalen
+Grasstreifen hinaufsteigen, der zwischen dem Korn und dem groen
+Moosfelsen lag. Dort, wo die Sonne den ganzen Tag hei brannte,
+schossen die Erdbeeren schon fast rot aus dem Boden und wurden wie
+Kirschen so gro.
+
+Aber der Kornbauer, dem das groe Feld gehrte, konnte es nicht leiden,
+da die Kinder dort Beeren suchten. Denn er behauptete, sie
+zerstampften ihm das Korn, und hier und da mochte es auch geschehen
+sein. Wenn er deshalb die Beerensuchenden dort oben traf, jagte er
+sie augenblicklich mit den grten Drohungen davon. Und nicht selten
+folgte den Drohungen gleich die Erfllung, denn das Mittel dazu trug
+er immer bei sich, das war seine feste knochige Hand. So wagten es
+nur die Allerkhnsten, an diesem Streifzug teilzunehmen, und zu denen
+gehrte auch das Trini. Eben heute sollte die Unternehmung
+stattfinden, denn schon seit dem frhen Morgen schimmerte es oben am
+Moosfelsen wie feuriges Gold und blitzte und flammte ins Tal hinab.
+Das Trini war zuerst auf dem Platz, von wo man aufbrechen wollte. Es
+hatte seinen groen Kratten an einer langen Schnur um den Hals
+gebunden, damit es nachher immer mit beiden Hnden zugleich rupfen und
+die Beeren hineinwerfen konnte. Das ging genau doppelt so schnell wie
+bei denen, die mit der linken Hand den Kratten festhalten muten.
+Jetzt kamen die Buben gelaufen, die mit wollten. Mdchen kamen keine,
+sie frchteten sich alle. Nun ging es vorwrts. Aber heute durfte
+unterwegs nicht wie sonst geschwatzt und gelacht werden, denn man
+wollte nicht, da der Bauer etwas von der Unternehmung bemerkte.
+Sorgsam schritt eines hinter dem anderen die Hecke entlang, denn die
+Furcht hatte sie gelehrt, das Korn zu schonen.
+
+Nun waren sie alle oben, und welch eine wundervolle Ernte lag vor
+ihnen ausgebreitet! Dunkelrot glhten die groen Beeren zwischen
+allen Halmen durch, ber alle Bltter hinaus. Es war ein
+berquellender Reichtum, man konnte nur so in die Flle hineinfahren.
+Mit blitzenden Augen begann auch das Trini zu pflcken, und bevor die
+anderen nur probiert hatten, wie die Beeren schmeckten, hatte es schon
+den halben Kratten gefllt. Mit beiden Hnden fate es immer zu nach
+allen Seiten hin, denn da guckten ja immer noch schnere und noch
+grere hervor. Aber pltzlich ertnte eine wtende Stimme:
+
+"Ihr Feldratten, seid ihr schon wieder da?" Da stand der krftige
+Bauer mit den knochigen Hnden vor ihnen und hob seine Faust in die
+Hhe. "Macht, da ihr auf der Stelle fortkommt und ich keines mehr
+sehe, oder..." Wie der Wind waren die Buben alle davongelaufen und
+verschwunden. Aber beharrlich rupfte das Trini noch ein, zwei, drei
+Beeren weg. Jetzt nur noch die drei groen--nur noch jene zwei--das
+Trini konnte sich nicht trennen, die Beeren reuten es gar zu sehr.
+
+"Jetzt wei ich, wer das Korn zerstampft und so frech ist wie eine
+Schrmaus. Mach, da du den Fleck rumst, und komm mir nicht noch
+einmal ans Korn!" drohte der Bauer zornig.
+
+"Ich habe gewi nie das Korn zerstampft, keine hre", versicherte das
+Trini, immer noch rupfend, "ich wollte ja nur die Beeren holen."
+
+"Ich kenne dich wohl", brummte der Bauer. "Pack dich, oder ich nehme
+dich bei den Ohren und schttle dich, da du meinst, du httest deren
+vier am Kopf!"
+
+Der Bauer kam heran. Jetzt scho das Trini auf und davon. Von seiner
+inneren Entrstung getrieben, da es alle die schnen Beeren hatte
+stehenlassen mssen und doch nie Korn zerstampft hatte, flog es
+beinahe, bis es daheim war. Geladen wie eine kleine Kanone, strzte
+es auf die Gromutter los und rief: "Nein, nie habe ich das Korn
+zerstampft, keine hre ausgerissen und nur die Beeren genommen. Jetzt
+fressen sie die Schnecken, und ich wollte auch, der liebe Gott liee
+dem Bauer zur Strafe vier Ohren an den Kopf wachsen, denn ich habe ihm
+nichts Bses getan."
+
+"He, he, Trineli, was kommt dir denn in den Sinn?" sagte mahnend die
+Gromutter. "Komm, setz dich zu mir nieder, es ist Feierabend. Ein
+Licht znden wir heute nicht an, der Mond scheint hell genug zum
+Abendessen. Komm, erzhl mir alles, wie es zugegangen ist."
+
+Da die Gromutter anhren wollte, was es zu berichten und zu klagen
+hatte, besnftigte das Trini schon ein wenig. Es setzte sich hin und
+berichtete gern, was es erlebt hatte. Es versicherte, da es keiner
+hre etwas zuleide tun wollte, nur die Beeren nehmen, die jetzt von
+den Wrmern und Schnecken verdorben wrden. Als es zu des Bauern
+Drohung von den vier Ohren kam, mute es noch einmal rufen: "Nicht
+wahr, Gromutter, wenn ihm zur Strafe jetzt vier Ohren anwachsen
+wrden, das htte er verdient. Denn ich habe ihm gar nichts getan und
+nie, nie ein Korn zerstampft!"
+
+"Trineli", sagte jetzt die Gromutter, "wir wollen dem Bauer seine
+zwei Ohren lassen, aber wir wollen etwas von ihm profitieren. Siehst
+du, man kann alles brauchen und seinen Gewinn davon haben. Und wre
+es ein ungerechtes Wort, es kommt nur darauf an, von wem wir die Worte
+nehmen. Wenn einer kommt und uns ohne Grund etwas Bses tut oder sagt,
+so wie dir heute der Bauer, und es tut uns recht weh, dann mssen wir
+ein wenig weiter denken und fragen: 'Haben wir nicht doch so etwas
+verdient?' Dann kommt uns auf einmal in den Sinn, da wir einmal einem
+anderen recht weh getan haben, der es leiden mute und sich nicht
+wehren konnte. Und nun haben wir erfahren, wie's tut, und es wird uns
+leid darum sein. Wir wollen es nicht mehr tun und wieder bei den
+anderen gutmachen, wenn wir es knnen. Das ist dann genau das, was
+der liebe Gott mit uns gewollt hat, darum hat er den Ungerechten so
+bse Worte uns sagen lassen. Siehst du wohl, Trineli? Dann knnen
+wir aber auch nicht mehr so bse gegen den sein, der das getan hat.
+Denn wir wissen, der liebe Gott hat ihn gebraucht, wie ich meinen
+Besen brauche, wenn ich die Stube schn sauber und rein fegen will.
+So macht der liebe Gott uns das Herz wieder sauber und in Ordnung, und
+wir haben den Gewinn. Denn es wird uns dann wohl und leicht, wie es
+uns vorher nie gewesen ist. Hast du gut zugehrt, Trineli, und willst
+du daran denken, was ich dir gesagt habe?"
+
+Das Trineli hatte wirklich aufmerksam zugehrt, und ber den Worten
+der Gromutter war sein Zorn gegen den Bauern ganz vergangen. Jetzt
+kamen ihm seine schnen Erdbeeren wieder in den Sinn. Es holte sie
+schnell herbei, damit die Gromutter noch im Mondschein die
+Prachtbeeren bewundern konnte. Wenn auch der Kratten nur halb so voll
+war wie gewhnlich, so hatte sie doch auerordentliche Freude und
+sagte immer wieder, solche Wunderbeeren habe sie noch nie gesehen.
+Das Trini wollte schnell noch damit zur Goldpfelbuerin hinunter,
+aber die Gromutter sagte, so spt kaufe die Buerin keine Beeren mehr.
+Am nchsten Morgen solle es seine Beeren zum Wirtshaus hinuntertragen.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Noch eine zornige Rede und was daraus folgt
+
+
+Der Juli ging seinem Ende entgegen und mit ihm die schne
+Erdbeerenzeit. Nur oben beim Wald ber Hochtannen war noch eine spte,
+krftige Sorte der Beeren zu finden, die besonders gut bezahlt wurden.
+Denn jetzt reisten viele Fremde ber den Berg, und unten im
+Wirtshaus an der groen Strae machten sie meistens Halt. Die
+seltenen Beeren kamen dann der Wirtin sehr gelegen. Aber man brauchte
+viel Zeit, die Kratten auch nur halb zu fllen, und man mute genau
+wissen, wo die vereinzelten Beeren wuchsen. Aber wer frhlichen Mutes
+war wie das Trini, dem machte das keine schweren Gedanken. An einem
+warmen Sommerabend lief es mit freudestrahlendem Gesicht den Berg
+hinauf, dem Tannenwald zu. Es wute, da nun die letzten, wrzigen
+Beeren dort oben die rechte Reife erlangt hatten. Auch das Maneli und
+noch einige andere Kinder kannten den Platz, aber den meisten war der
+Weg zu weit und die Suche zu mhsam.
+
+Nur das Maneli kam mit seinem groen Kratten hinter dem Trini her,
+blieb aber weit zurck. Denn wie ein Reh die steilen Hhen
+hinaufspringen, konnte nur das Trini, dem an Kraft und Behendigkeit
+nicht ein einziges Mdchen seines Alters gleichkam. Oben gab es viel
+Arbeit. Die Beeren waren reif und schn und dufteten herrlich, aber
+sie muten erst gesucht werden. In einem sonnigen Winkel standen
+einige der rot schimmernden Bsche dicht beieinander, und dann konnte
+man wieder vergebens danach suchen. Trini sphte in alle Lcher
+hinein, kletterte jeden Erdhgel hinauf, zog alle Grasbschel
+auseinander, und wo noch ein rotes Beerlein herausguckte, wurde es
+schnell gepflckt. Trini hrte auch nicht auf zu klettern und zu
+suchen und zu rupfen, bis die Dmmerung hereinbrach und aller
+Ttigkeit ein Ende machte.
+
+Aber dem Trini mute das nicht leid tun. Es schaute stolz auf seinen
+Kratten. Denn auch diesmal, gegen seine eigene Erwartung, war er
+gefllt bis obenan. Es hatte nur noch Bltter und Stbchen darauf zu
+befestigen, denn nicht eine der kostbaren Beeren durfte herausrollen.
+Jetzt sauste das Trini wie der Wind den Berg hinab. Zum Wirtshaus zu
+laufen, dazu war's zu spt, aber bis zu der Goldpfelbuerin konnte es
+schon noch kommen. Die wollte gewi diese letzten schnen Beeren noch
+haben, und dann konnte es der Gromutter gleich noch den
+auergewhnlichen Gewinn heimbringen. Immer eiliger wurde sein
+Schritt.
+
+Still und traurig hinter ihm her ging das Maneli. Man konnte wohl
+sehen, da es an seinem Kratten nicht schwer zu tragen hatte. Es
+mute ein anderer Grund sein, warum es so langsam und niedergedrckt
+daherkam.
+
+Die Goldpfelbuerin hatte eben rger gehabt. Die junge Magd, die
+trotzig neben ihr an dem Gemsebeet stand, hatte ihr alle jungen
+Setzlinge weggeschwemmt. Es war ihr zu mhsam vorgekommen, den zarten
+Pflnzchen sorgfltig, jedem einzeln mit der Giekanne Wasser zu geben,
+wie die Buerin ihr befohlen hatte. Mit dem groen Kbel hatte sie
+den ganzen Wassergu ber das Beet geschttet. In der Buerin kochte
+der Zorn auf wie heie Milch, die berlaufen will, als sie die
+Zerstrung sah. Da kam das Trini hergelaufen. "Guten Abend!" rief es
+noch auer Atem, "seht die schnen Beeren. Es sind die letzten,
+wollen Sie sie?"
+
+"Ich brauche nichts", rief die Buerin zornig. "Mach, da du
+fortkommst, ich habe keine Zeit fr dich." "Wenn Sie sie nur ansehen
+wollten, sie wrden ihnen gefallen", meinte das Trini. "Habe ich dir
+nicht gesagt, da ich nichts will? Mach, da du gehst", wiederholte
+die Frau. Aber das Trini blieb immer noch stehen. Es dachte: Wenn
+die Buerin nur Zeit htte, die Beeren anzusehen, dann wrde ihr schon
+die Lust kommen, sie zu behalten.
+
+Jetzt aber kochte es ber in der Buerin, denn ihr Zorn hatte schon
+lange einen Ausweg gesucht. Da sie ihn nicht an der trotzigen Magd
+auslie, dafr mochte die Frau ihre Grnde haben.
+
+"Hast du Harz an den Sohlen?" rief sie grimmig, "oder guckst du nach
+den reifen pfeln aus, damit du weit, welchen Baum ihr zuerst wieder
+schtteln wollt, wie ihr es immer macht, du und das andere Lumpenvolk?"
+
+Das konnte aber das Trini nicht auf sich sitzen lassen, so etwas hatte
+es nie getan.
+
+"Ich habe nie, nie die Bume geschttelt und nicht einen einzigen
+Apfel..."
+
+"Du wirst nicht besser sein als alle anderen!" unterbrach die Buerin.
+"Ich will kein Wort mehr hren, dort geht's hinaus!"
+
+Damit erhob die Frau so rasch und drohend ihren Arm, da es dem Trini
+nicht mehr sicher zumute war. Es rannte aus dem Garten und um die
+Hecke herum. Aber hier konnte es nicht mehr weiter. Auch sein Blut
+war wegen der ungerechten Anschuldigung in Wallung geraten. Es setzte
+sich auf den Boden hin, es mute sich Luft machen.
+
+"Nein, das habe ich nicht getan", rief es aufgeregt. "Ich habe nie
+die pfelbume geschttelt, nie! Aber die Buerin ist nur ein Besen,
+ja, sie ist nur ein Besen, das hat die Gromutter gesagt, und der
+liebe Gott will nur etwas herausfegen mit ihr. Aber ich habe gar
+nichts gemacht, ich habe nichts Bses getan." Hier hielt das Trini auf
+einmal inne. Denn pltzlich stieg die Frage in ihm auf, was denn wohl
+der liebe Gott habe ausfegen wollen in seinem Herzen, wenn es doch
+nichts Unrechtes getan hatte. Nun wurde das Trini ganz still und
+nachdenklich. Nach einer Weile stand es langsam auf. Es sah gar
+nicht mehr aufgebracht aus. Halblaut sagte es noch: "Ja, es ist wahr,
+das war doch nicht recht." Dem Trini war beim Nachdenken auf einmal
+eingefallen, da es heute wieder mehrmals das Maneli auf die Seite
+gestoen und sich schnell ber die Beeren hergemacht hatte, die das
+Maneli auch gern eingesammelt htte. Es war aber immer still auf die
+Seite gewichen, das Trini war ja viel strker und flinker. So
+leistete ihm das Maneli niemals Widerstand.
+
+Nun wollte das Trini sein Unrecht wieder gutmachen und dem Maneli
+schnell noch ein wenig von seinen Beeren abtreten. Es lief immer
+eiliger, aber nicht bergan, der Wohnung der Gromutter zu, sondern
+querfeldein eine ganze Strecke weit. Bei einem elenden, kleinen
+Huschen, an dem die alten Fensterscheiben halb oder ganz zerbrochen
+und mit Papier verklebt waren, blieb es stehen und holte ein wenig
+Atem. Es war jetzt dunkel geworden. Durch die zerbrochenen Scheiben
+schimmerte ein dnnes Lichtlein. Auf einmal hrte das Trini ein
+leises Schluchzen ganz in seiner Nhe. Es schaute sich um. Auf einem
+Holzblock vor dem Huschen sa ganz unbeweglich eine kleine Gestalt,
+den Kopf auf die Arme gelegt. Trini trat hinzu.
+
+"Was hast du, Maneli?" fragte es erstaunt, als es die kleine Gestalt
+erkannt hatte, "warum weinst du so?"
+
+Das Maneli hob den Kopf und sah so traurig aus, wie Trini es noch nie
+gesehen hatte.
+
+"Ich darf nicht hinein", sagte es schluchzend, "die Mutter ist krank
+und schon zu Mittag hatten wir fast nichts mehr zu essen. Dann sagte
+sie, fr den Abend bringe ich, will's Gott, etwas heim, wenn ich in
+die Beeren gehe und sie dann gleich ins Wirtshaus trage. Ich wrde
+dann ein Schwarzbrot mitbringen, meinte die Mutter. Aber sieh, Trini,
+nur die habe ich." Damit hob das Maneli seinen Kratten in die Hhe und
+Trini guckte hinein. Es war fast gar nichts darin, kaum der Boden des
+Korbes war bedeckt. Das Trini fhlte seinen schweren Kratten am Arm.
+Es war ihm, als werde er immer schwerer und drcke es nicht nur am Arm,
+sondern auch auf dem Herzen. Auf einmal ri es Stbchen und Bltter
+weg, kehrte seinen Kratten um und schttete den ganzen, reichen Inhalt
+in Manelis leeren Korb, so da dieser bis oben hin voll war und noch
+brig blieb von den Beeren. Diese legte das Trini schnell auf die
+Bltter am Boden und sagte: "Nimm die auch noch hinein. Gute Nacht."
+Und fort rannte es in hohen Sprngen.
+
+"Trini! Trini! Danke tausendmal!" rief ihm das Maneli aus allen
+Krften nach, dann strzte es in die Htte hinein. Jetzt hielt das
+Trini auf einmal an und kam zurck gerannt. Es wollte sehen, was die
+Mutter beim Anblick von Manelis Kratten sagen wurde, der ja den ganzen
+Sommer lang nie so voll gewesen war. Durch die zerbrochenen Scheiben
+an dem niedrigen Huschen konnte es alles sehen, was drinnen vorging.
+Die bleiche Mutter stand, von den kleinen Kindern umringt, am Tisch
+und schaute auf die Beeren im Kratten und auf den Teller daneben, der
+auch noch ganz voll war. Sie schlug ihre Hnde zusammen und sagte
+immer wieder zu dem Maneli, das freudestrahlend zu ihr aufschaute:
+"Wie ist es mglich, Kind? Wie ist es nur mglich?"
+
+"Vom Trini, vom Trini!" wiederholte das Maneli drei-, viermal, "es hat
+sie mir alle gegeben, alle! Und denk, Mutter, fr diese Menge gibt
+die Wirtin jetzt zwei ganze Franken."
+
+"Gott vergelt's dem Kind und ersetz es ihm und der Gromutter
+hundertfach, was es heute fr uns getan hat. Er wei allein, wie ich
+mich die ganze Nacht hindurch gesorgt habe, wo ich am Morgen Brot fr
+euch nehme. Und nun haben wir ja fr einige Tage genug."
+
+Die bleiche Frau hatte bei diesen Worten die Hnde gefaltet, als danke
+sie im stillen noch fr die groe Wohltat. Jetzt scho das Trini
+davon mit einer Freude im Herzen, wie es in seinem ganzen Leben noch
+keine empfunden hatte. Die Gromutter hatte wohl recht gehabt, da
+man am Ende den Gewinn davon habe, und da es einem so wohl werde wie
+noch nie, wenn man es recht verstehe, was der liebe Gott ausfegen
+wolle. Nun machte es noch neue Plne in seinem Herzen: Bald konnte
+man auch in die Heidelbeeren gehen und in die Brombeeren. Und es
+wollte jedesmal, wenn es seinen Kratten gefllt hatte, noch dem Maneli
+den seinigen fllen helfen. Wenn nicht beide voll wurden, so wollte
+es immer mit ihm teilen. Denn das Trini hatte sich ber die Worte der
+armen, kranken Mutter mehr gefreut, als ber den eigenen vollen
+Kratten. Als es dann endlich heimkam und nun aufgeregt seine
+Erlebnisse erzhlte und zuletzt der Gromutter den ganz leeren Kratten
+vorwies, sagte es bittend: "Nicht wahr, du bist nicht bse mit mir,
+Gromutter, da ich kein einziges Beerlein heimbringe. Du wirst sie
+gewi alle dem Maneli und seiner kranken Mutter gnnen?"
+
+Da lobte die Gromutter das Kind und sagte, was es getan habe, freue
+sie mehr, als wenn es ihr zwei ganze Kratten voll nach Haus gebracht
+htte. So gut wie heute abend dem Trini seine Kartoffelsuppe
+schmeckte, hatte ihm noch kein Essen geschmeckt. Denn es dachte immer
+daran, wie nun das Maneli noch sein Schwarzbrot hatte heimbringen
+knnen, wie jedes sein Stck bekomme und es gewi jetzt eben frhlich
+verspeiste.
+
+
+
+5. Kapitel
+
+Wie es mit dem Vetter geht
+
+
+Schon war der letzte Sommermonat, der warme August da. Auf allen
+Bumen glnzten die pfel rotgolden und kndeten den Herbst an. Der
+Vetter hatte nie wieder etwas von sich hren lassen. In der alten
+Kthe stieg manchmal die freudige Hoffnung auf, er habe sein Vorhaben
+gendert und denke nicht mehr an das Kind. Dann wurde es ihr so
+leicht ums Herz, als seien ihr alle Sorgen abgenommen, als knnte
+sonst kommen, was da wollte. Hunger und Mangel und Entbehrung aller
+Art werde sie ertragen, wenn sie nur das Kind nicht weggeben mte.
+Das Trini war frhlich wie ein Vogel vom Morgen bis zum Abend, es
+hatte den Vetter und seinen Wunsch schon lange vergessen.
+
+Da trat eines Morgens ein junger Bursch bei der Waschkthe ein und
+sagte, er komme aus dem Reutal und habe ihrem Vetter versprochen, ihr
+eine Bestellung auszurichten. Der Vetter lasse ihr sagen, sie solle
+die Kleider und alles fr das Kind bereithalten, er hole es ab, sobald
+er wegen seines Geschfts ber den Berg msse. Mit dem Vormund des
+Kindes wolle er dann schon alles in Ordnung bringen, was die Schule
+und den Lohn und das brige betreffe. Der Gromutter wurde es vor
+Schrecken ganz schwarz vor den Augen, sie mute sich schnell setzen,
+um sich nur wieder ein wenig zu fassen. So war denn pltzlich
+gekommen, was sie freilich immer im stillen befrchtet, aber doch
+immer in so weiter, unsicherer Ferne gesehen hatte. Nun war es da,
+denn da der Vormund gleich einwilligen und dem Vetter das Kind
+bergeben wrde, dessen war sie sicher. Sie konnte ja fr keinen
+Verdienst sorgen. Sie wute nicht einmal, wie lange sie sich selbst
+noch durchbringen konnte. Vielleicht fielen sie beide der Gemeinde
+zur Last. Der Vetter aber konnte einen so guten Verdienst in Aussicht
+stellen und fr die Versorgung des Kindes fr alle Zukunft garantieren.
+Es mute sein, das sah sie deutlich vor sich. Die alte Kthe hatte
+schon viel Schweres erlebt. Aber das Weggeben dieses Kindes, das ihre
+ganze Freude und Sttze war, kam ihr vor, als wolle man ihr eines
+ihrer Glieder abreien, ohne das sie nicht mehr fortleben knnte.
+
+Sie berdachte nun, wie sie dem Kind die Sache beibringen sollte.
+Aber wenn sie sich vorstellte, in welchen Jammer es das erstemal
+ausgebrochen war, als sie darber geredet hatte, so hatte sie nicht
+den Mut, es wieder und nun mit Bestimmtheit zu tun. Zuletzt dachte
+sie, das beste sei, gar nicht ber die Sache zu reden. Ein kurzer
+Kampf, wenn der Vetter komme, sei noch am leichtesten zu ertragen.
+Und inzwischen habe das Kind doch noch ungetrbte Tage. Aber von dem
+Morgen an lag ein solcher Kummer auf dem Gesicht der Gromutter, da
+es dem Trini manchmal ganz bange wurde und es immer wieder fragte:
+"Gromutter, was hast du denn? Ich will alle Nchte durch Brombeeren
+suchen, wenn du dich sorgst, wir knnen nicht mehr leben, weil du
+nicht mehr so viel tun kannst. Ich brauche nicht zu schlafen, ich
+kann es schon aushalten, sieh nur, sieh!" Und das Trini streckte seine
+zwei festen Arme der Gromutter als Beweis entgegen, da sie sich
+nicht zu sorgen brauche. Aber es vermehrte nur ihren Kummer. Denn
+sie sah ja nur zu gut, wie gro und stark das Kind geworden und da es
+wirklich zu einer ganz anderen Arbeit fhig war als zu der, die es
+jetzt verrichtete. Doch am Abend, wenn sie wieder still in der
+Dmmerung sa und auf alle vergangenen Zeiten und auf so manche
+schwere Not zurckschaute, aus der ihr der liebe Gott so vterlich
+geholfen hatte, dann konnte sie mit Vertrauen sagen:
+
+"Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich's gebhret."
+
+
+So sa sie wieder am Fenster, wo noch der Abendschein hereinschimmerte,
+und wartete auf das Kind, um dann Licht zu machen und das Abendessen
+zu bereiten. Da hrte sie jemand auf ihr Huschen zukommen. Das war
+nicht das Kind, es waren schwere, feste Tritte. Jetzt kam's--es mute
+der Vetter sein. Der Gromutter wollte das Herz stillstehen. Nun
+ging die Tr auf, und mit festem Schritt, einen groen Korb am Arm,
+trat die Goldpfelbuerin herein und fragte: "Wo sind Sie denn, Kthe?
+Man kann Sie ja gar nicht sehen. Guten Abend wnsch' ich Ihnen!" Die
+Alte war schnell aufgestanden, hatte ihr Lichtlein angezndet und
+schttelte jetzt ihrem Besuch die Hand. Auf dem Tisch stand nun der
+Korb, und im Schimmer des kleinen Lichts glnzten viele herrliche
+Goldpfel, von denen der ganze Hof seinen Namen hatte. "Ich habe
+Ihnen ein wenig pfel gebracht, die Bume haben dies Jahr schn
+getragen", sagte die Buerin wieder, "was Sie nicht selbst brauchen,
+wird das Kind nehmen, wo ist es?"
+
+Die Kthe berichtete, Trini sei mit den anderen Kindern noch einmal in
+die Brombeeren zum Wald hinauf gegangen, es werde aber nun mit dem
+Beerenlesen bald ein Ende haben. "Das wird's", besttigte die Buerin.
+"Es ist mir aber gerade recht, da das Kind weg ist, ich mchte noch
+etwas mit Ihnen reden." Die Kthe holte ihre Sthle herbei, und als
+die beiden nun voreinander am Tisch saen, der groe Apfelkorb
+zwischen ihnen, fing die Buerin wieder an: "Ich habe da vor kurzem
+etwas mit Ihrem Kind gehabt, es wird Ihnen wohl davon erzhlt haben.
+Ich war ein wenig in Zorn geraten, denn die junge Magd hatte mir das
+ganze Kohlrbenbeet verdorben und war dazu noch unverschmt. So sind
+sie heutzutage. Und sagt man ihnen ein einziges Wort, das sie nicht
+gern hren, gleich werfen sie einem den Sack vor die Tr, und es heit:
+Suchen Sie sich eine andere Magd. Aber immer mit neuen Leuten
+wirtschaften, ist keine Freude. Ich war also sehr rgerlich, als das
+Kind ankam, und ich habe es beschimpft. Da hrte ich aber etwas, das
+hat mir gefallen, ich mute zu mir sagen: Die alte Kthe hat das Kind
+etwas Gutes gelehrt. Mit einem Mdchen, das so denkt, mute gut
+auszukommen sein. Und als ich mir alles so recht berdacht hatte,
+fate ich einen Entschlu. Darber mchte ich jetzt mit Ihnen reden.
+
+"Das Kind ist freilich noch jung, aber es ist gro und stark, und
+gelehrig sieht es auch aus. Die paar Schulmonate bis zum Frhling
+haben auch nicht mehr viel zu sagen, und so dachte ich, wenn es Ihnen
+recht wre, wollte ich das Kind zu mir nehmen. Den Winter ber htte
+ich Zeit, es einzuarbeiten, und bis zum nchsten Sommer wrde es eine
+ordentliche Magd fr mich. Sie mssen sich aber nicht sorgen, Kthe.
+Ich wei schon, da jetzt die Zeit da ist, da das Kind anfangen mu,
+fr Sie zu arbeiten und etwas Ordentliches zu verdienen. Ich gebe ihm
+gleich den ganzen Lohn, den die Mgde hatten, und jede Woche noch ein
+Brot dazu, denn das Kind ist mir das wert. Dazu haben Sie den Vorteil,
+da es Ihnen nicht genommen wird. Es ist flink, es kann, wenn
+Feierabend ist, heim zu Ihnen. Und am Morgen schickt ihr mir's wieder.
+Am Sonntag darf es schon vom Mittag an bei Ihnen bleiben. Warum
+fangen Sie denn an zu weinen, Kthe? Das Kind soll es gut haben bei
+mir, und Sie sollen auch nicht zu kurz kommen. Korn und Obst habe ich
+auf dem Hof und Milch im Stall. Ein Scklein Mehl und eine Flasche
+Milch soll das Kind jeden Sonntag auch heimbringen, und auerdem gibt
+es das Jahr hindurch noch manches andere, da knnen Sie sicher sein."
+
+"Sagt nur nichts mehr, es ist ja mehr als genug", konnte hier endlich
+die alte Kthe hervorbringen, "ich weine ja nur vor Freude, vor lauter
+Freude. Sie wissen ja nicht, von welchem Kummer Sie mich befreit
+haben, und welche Wohltat Sie an mir tun."
+
+Und nun erzhlte die Alte der Buerin, wie sie sich schon den ganzen
+Sommer ber gesorgt htte und nun jeden Augenblick den Vetter erwarte.
+Das habe sie dem Kind gar nicht sagen drfen, weil sie sich vor
+seinem groen Jammer frchtete. Eben als die Gromutter fertig
+erzhlt hatte, kam das Trini hereingesprungen. Beim Anblick der
+goldenen pfel auf dem Tisch und der Buerin, die daran sa, stand es
+pltzlich still und schaute mit grter Verwunderung um sich.
+
+"Komm, gib mir die Hand, Trini", sagte die Buerin. "Da du meine
+Bume nie geschttelt hast, mut du mit der Gromutter ein paar pfel
+davon haben."
+
+ber Trinis Gesicht ging ein freudiges Lcheln. So hatte es die
+Buerin doch noch vernommen, da es das nicht getan hatte, das
+erfreute sein Herz. Es kam eilig herbei, der Frau die Hand zu reichen.
+"Was meinst du?" fuhr die Buerin fort, "wie gefiele es dir bei mir
+auf dem Hof, wolltest du brav mit mir arbeiten?"
+
+Das Trini schaute immer verwunderter einmal auf die Buerin und dann
+wieder auf die Gromutter. Diese konnte nicht mehr schweigen in ihrer
+Freude: "Trineli, denk nur, denk nur, wie es jetzt kommt", rief sie
+aus, "du kommst nicht ins Reutal, du sollst nicht von mir fort.
+Jeden Tag darfst du zu der guten Frau hinunter auf den Goldpfelhof
+und am Abend wieder heim. Ach, was ist das fr eine Erlsung aus der
+groen Sorge. Dank ihr, Trineli, dank ihr!"
+
+"So danke ich vielmals. Und ich will gern arbeiten bei Ihnen, was Sie
+nur wollen", sagte das Trini, das erst jetzt das Angebot der Buerin
+zu wrdigen wute.
+
+"So ist's recht", schlo die Buerin, "die Sache ist abgemacht. Das
+Beerenlesen hat jetzt ein Ende, und das Apfel- und Birnenlesen fngt
+an. Das ist gerade die rechte Zeit, um bei mir mit der Arbeit
+anzufangen. Am Montag schicken Sie mir das Kind, Kthe, und geben ihm
+Ihren Segen mit. Und nun auf Wiedersehen."
+
+Sobald die Tr sich hinter der Buerin schlo, fing die Gromutter an,
+laut zu loben und zu danken, da der liebe Gott alle ihre Sorge in
+solche Freude und Hilfe verwandelt hatte. Das Trini jauchzte laut auf:
+"Juchhe, nun mu ich nie von dir fort, Gromutter! Ich will schon
+tchtig arbeiten, dann behlt mich gewi die Buerin ihr Leben lang."
+
+Jetzt mute es aber die goldenen pfel noch aus der Nhe betrachten.
+Auf einmal sagte es: "Gromutter, darf ich nicht dem Maneli noch
+geschwind die Hlfte bringen? Ich habe jetzt immer mit ihm geteilt."
+
+"Ja, ja", nickte beifllig die Alte, das war ihr gerade recht, da
+auch der armen Nachbarin etwas von ihrem groen Glck zugute komme.
+"Lauf nur gleich, Trineli, und nimm auch mehr als die Hlfte. Es sind
+so viele, die sich an den pfeln freuen werden, geh schnell!"
+
+Trini strzte fort, und ein ungeheures Freudengeschrei brach bei der
+Kinderschar aus, als es die pfel auf den Tisch hinschttete. Sie
+rollten da und dorthin und der se Apfelduft durchstrmte die ganze
+Stube.
+
+Am Montag, als das Trini unter den Bumen des Goldpfelhofes schon
+eifrig bei seiner Arbeit war, trat der Vetter bei der alten Kthe ein.
+Jetzt hatte sie keinen Schrecken mehr. Sie sagte ihm, wo das Kind
+bei der Arbeit sei und da es dort bleiben werde. Aber so schnell
+lie sich der Vetter nicht von seinem Plan abbringen, denn er hatte
+fest vor, das Kind mitzunehmen. Er lief gleich zum Vormund und sagte
+ihm, da das Kind in der Fabrik viel mehr verdienen knne als bei der
+Buerin. Aber der Vormund lchelte nur schlau, denn die
+Goldpfelbuerin war auch bei ihm gewesen. Sie wute schon, was sie
+zu tun hatte, wenn sie das Kind behalten wollte. Er sagte, wenn das
+Kind fort sei, sorge niemand fr die alte Frau. Solange es aber bei
+der Buerin sei, wren sie beide versorgt und knnten ohne fremde
+Hilfe gut leben. Und so sei beschlossen worden, da das Kind bei der
+Buerin bleibe.
+
+Dem Trini geht es mit jedem Tag besser auf dem Goldpfelhof Jetzt
+kennt es schon alle Arbeit, und die Buerin mag das flinke, immer
+frohe Trini so gern, als wre es ihr eigenes Kind. Die Gromutter
+sorgt auch dafr, da das Kind nie verga, wer zu ihm redet, wenn es
+ertragen soll, was weh tut. Denn sie wei wohl, wie es zu dem guten
+Platz bei der Buerin gekommen ist.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Was die Gromutter gelehrt hat,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT HAT ***
+
+This file should be named 8wgsm10.txt or 8wgsm10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8wgsm11.txt
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+
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+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
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+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+
+
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+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
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+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
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+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
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+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
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+you can always email directly to:
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+(Three Pages)
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+ or other equivalent proprietary form).
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+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
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+in machine readable form.
+
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+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/8wgsm10.zip b/old/8wgsm10.zip
new file mode 100644
index 0000000..3a31281
--- /dev/null
+++ b/old/8wgsm10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/9861-8.txt b/old/9861-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..8700a9b
--- /dev/null
+++ b/old/9861-8.txt
@@ -0,0 +1,1354 @@
+Project Gutenberg's Was die Grossmutter gelehrt hat, by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Was die Grossmutter gelehrt hat
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9861]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: October 25, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT HAT ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Was die Gromutter gelehrt hat
+
+Erzhlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Der Kummer der alten Waschkthe
+
+
+Die alte Waschkthe sa in ihrem Stbchen im einsamen Berghttchen und
+schaute nachdenklich auf ihre gekrmmten Hnde, die sie vor sich auf
+die Knie gelegt hatte. Bis der letzte Abendschein hinter den fernen
+Waldhhen verglommen war, hatte sie fleiig an ihrem Spinnrad
+gearbeitet. Jetzt hatte sie es ein wenig beiseite gerckt, die Hnde
+muten mde sein, die so gekrmmt und abgearbeitet aussahen. Die Alte
+seufzte auf und sagte vor sich hin: "Ja, wenn ich noch knnte wie
+frher!" Sie meinte wohl arbeiten, denn das hatte sie tapfer ihr Leben
+lang getan. Nun war sie alt geworden, und die frher so rstige und
+unermdliche Waschfrau konnte gar nichts mehr tun, als ein wenig
+spinnen, und das trug sehr wenig ein. Dennoch hatte sie sich schon
+seit ein paar Jahren auf diese Weise durchgebracht und noch dazu ihr
+Enkelkind erhalten, das bei ihr lebte und noch nicht viel verdienen
+konnte. Es hatte zwar auch seine kleinen Einnahmen, denn es war ein
+flinkes und geschicktes Kind.
+
+Heute erfllte die Gromutter aber noch ein besonderer Kummer, der ihr
+schon seit dem frhen Morgen das Herz schwer gemacht hatte. Ihr
+Enkelkind, das frhliche Trini, das sie von klein auf erzogen hatte,
+war zwlf Jahre alt geworden. Es sollte im Frhling aus der Schule
+entlassen werden und dann in einen Dienst gehen. Heute frh nun war
+der ferne Vetter unten aus dem Reutal heraufgekommen und hatte der
+alten Kusine den Vorschlag gemacht, das Kind ihm anzuvertrauen. Er
+hatte zwar selbst nicht viel und konnte nichts geben, aber es war dort
+unten ein guter Verdienst zu finden. Denn die neue Fabrik, die an der
+wasserreichen Reu erbaut worden war, brauchte viele Arbeitskrfte.
+Dort konnte das Trini die Woche ber ein schnes Stck Geld verdienen,
+und daneben konnte es die ntige Arbeit in seinem Haus verrichten,
+dafr wollte er es beherbergen. Da seine Frau krnklich war und sie
+keine Magd anstellen konnten, so war ihnen das Kind erwnscht, denn
+sie wuten, da es gro und krftig und sehr geschickt war.
+
+Die Gromutter halte schweigend zugehrt, aber in ihrem Herzen hatten
+die Worte einen groen Kampf entfacht. Der Vetter wnschte auch, da
+das Kind schon im Herbst herunterkomme, das halbe Schuljahr knne
+schon abgekrzt werden, es wisse genug und knne dann gleich etwas
+verdienen. Auerdem htte seine Frau es im Winter besonders ntig.
+Die Gromutter hatte noch immer nichts gesagt. Jetzt, als der Vetter
+drngte und gleich das Jawort haben wollte, sagte sie, er msse ihr
+ein wenig Zeit lassen. Vor dem Herbst wollte sie sich noch nicht
+entscheiden. Sie sehe den Vorteil des Kindes wohl ein, aber sie msse
+sich das alles erst noch berlegen und dann auch mit dem Kinde reden.
+Der Vetter war nicht recht zufrieden, er htte gern gleich alles
+festgemacht und den Tag bestimmt, wann das Trini herunterkommen sollte.
+Er meinte, mit dem Kind sei doch nichts zu reden, das besitze noch
+keine Vernunft und kenne seinen eigenen Vorteil nicht. Aber die
+Gromutter blieb standhaft. Im Herbst mge er noch einmal kommen,
+dann solle er bestimmt eine Antwort haben. Wenn sie dann
+einverstanden sei, so knne er dann das Kind gleich selbst mitnehmen,
+fr den Augenblick knne sie nichts weiter sagen. Dabei blieb sie.
+Der Vetter sah, da da nichts zu machen war. Er ermahnte nochmals die
+alte Kusine, des Kindes Vorteil nicht auer acht zu lassen. Es sei ja
+doch auch ihr eigener Vorteil, wenn das Kind etwas einnehme und sie
+nachher auch untersttzen knne. Dann ging er.
+
+Schon den ganzen Tag whrend der Arbeit dachte die Gromutter nach
+ber die Worte des Vetters, aber sie konnte keinen Entschlu fassen.
+Jetzt in der Dmmerung berlegte sie in Ruhe, und sie mute ein
+paarmal tief aufseufzen dabei. Der Vetter hatte recht, es war ein
+groer Vorteil fr das Kind, da es in seinem Haus wohnen konnte, um
+von da aus in der Fabrik einen sicheren Verdienst zu finden. Sie
+selbst wute keinen vorteilhafteren Weg fr das Kind, sie wute
+eigentlich gar keinen. Rings herum waren nur kleine Gter, die die
+Leute alle selbst bebauten und die an der Hilfe ihrer eigenen Kinder
+genug hatten. Wer eine Magd anstellte, wie es unten im Pfarrhaus oder
+im Amtshaus oder in dem neuen Wirtshaus die Frauen taten, da muten es
+ltere Mdchen sein. Es waren krftige, erwachsene Personen, die in
+Kche und Garten zu arbeiten wuten.
+
+Auch die Goldpfelbuerin auf dem groen, obstreichen Hof hatte immer
+eine Magd, aber auch eine groe, starke, die ihr in allem helfen
+konnte. Trotzdem konnte auch die nie lange bei der Buerin bleiben.
+Wenn ihr also nicht einmal eine erwachsene Person die Arbeit recht
+machen konnte, was wre dann ein Kind wie das Trini fr sie. Da das
+Kind aber im Frhjahr, wenn es nun aus der Schule entlassen wurde,
+eine Arbeit suchen mute, das sah die Gromutter wohl ein. Seit sie
+nicht mehr wie frher als Wscherin auf die Arbeit gehen konnte,
+sondern nur mhsam mit ihren gekrmmten Fingern am Spinnrad arbeitete,
+war sie kaum in der Lage, sich und das Kind zu erhalten. Und mit
+jedem Tage konnte es schwerer fr sie werden. Und doch, sich von dem
+Kind trennen zu mssen, das kam der Gromutter als das Allerschwerste
+vor, das sie erleben konnte.
+
+Wrde die neue Aufgabe fr das junge Kind nicht zu schwer sein? Die
+Alte wute wohl, wie es bei dem Vetter war. Er selbst hatte eine rohe
+und unfreundliche Art und war meistens unwirsch. Seine Frau war immer
+krank und daher auch nicht gut gelaunt. Sie sa meistens freudlos und
+wie abgestumpft in ihrer Ofenecke und sagte kein Wort. Nun war es so
+schlimm mit ihr geworden, da der Mann daran denken mute, eine Hilfe
+ins Haus zu holen. Da htte dann das Kind die Geschfte im Haus alle
+allein zu besorgen und konnte dann erst zur Arbeit in die Fabrik gehen.
+War nun fr all die Arbeit das Kind nicht noch zu jung? Und wurde
+es ihm nicht zu schwer fallen, von der Gromutter weg, die es so lieb
+hatte, in ein ganz fremdes Haus zu gehen. Wrde sie es ertragen, nie
+ein Wort der Liebe und des Trostes zu hren? Daran war ihr liebes
+Trineli nicht gewohnt.
+
+Der Gromutter trat jener Tag vor Augen, als es ihr ins Haus gebracht
+worden war, ein kleines, hilfloses Ding, das niemand brauchen konnte
+und das niemand pflegen wollte. Damals hatte sie noch rstige Hnde
+und gute Krfte, und wenn sie auch von frh bis spt ttig sein mute,
+sie tat es gern. Die Waschkthe hatte drei Kinder gehabt, zwei Shne
+und eine Tochter. Ihr Mann war an einem hitzigen Fieber gestorben,
+als die Kinder alle drei noch ganz klein waren. Da mute die Kthe
+viel arbeiten, damit die Kleinen etwas zum Anziehen hatten und keinen
+Mangel litten. Tag und Nacht war sie bei der Arbeit, und jedermann
+ringsum rief sie zur Hilfe bei der groen Wsche. Denn man wute,
+keine arbeitete so gut wie die Kthe, die wegen dieser Ttigkeit
+berall nur die Waschkthe hie. Als ihre Shne gro waren, bekamen
+sie Lust, in die Ferne zu wandern, und gingen miteinander nach Amerika.
+Die Tochter verheiratete sich und zog ins Tal hinab. Aber nicht
+viel mehr als ein Jahr spter starb sie pltzlich noch ganz jung. Das
+betrbte ihren Mann so sehr, da er es daheim nicht mehr aushalten
+konnte. Er brachte das ganz kleine Trineli zur Gromutter hinauf und
+sagte: "Da, Mutter, nimm du das Kind, ich wei nichts damit anzufangen.
+Ich mu fort, es hlt mich nichts mehr hier." Dann ging er zu den
+Schwgern nach Amerika.
+
+Von dem Tag an hatte die Waschkthe eine neue Sorge, aber auch eine
+neue, groe Freude nach vielem Kummer und Leid. Das kleine Trineli
+entwickelte sich schnell und lohnte der guten Gromutter ihre Mhe und
+Arbeit mit einer ungewhnlichen Liebe und Anhnglichkeit. Sie hatten
+viele lustige Stunden miteinander, denn das Kind war immer so
+beweglich und lebendig wie ein munteres Fischlein im Wasser. Mit
+jedem Jahre wurde es der Gromutter lieber und unentbehrlicher.
+
+Alle diese vergangenen Tage stiegen nun in der Dmmerung vor der alten
+Waschkthe auf, und der Gedanke, das Kind so weit und vielleicht fr
+alle Zeit von sich zu schicken, machte ihr das Herz immer schwerer.
+Aber sie kannte einen Trster, der ihr schon in vielen trben Stunden
+geholfen und auch manches gefrchtete Leid gemildert hatte. Den
+wollte sie doch nicht vergessen. Lieber, als so die schweren Gedanken
+hin- und herzuwlzen in ihrem Innern, wollte sie jetzt die ganze Sache
+dem lieben Gott bergeben. Mute es sein und mute sie dieses Leid
+der Trennung ertragen, so hatte doch der liebe Gott seine schtzende
+Hand dabei. Es konnte ja alles zum Besten des Kindes geschehen, und
+sein Wohl ging ihr noch ber das eigene. Als die Gromutter dies
+alles berlegt hatte, faltete sie still die Hnde und sagte andchtig
+vor sich hin:
+
+"Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich's gebhret,
+Wenn er dich so, wie er es will,
+Und nicht wie du willst fhret.
+Kommt dann zum Ziel der dunkle Lauf,
+Tust du den Mund mit Freuden auf,
+Zu loben und zu danken."
+
+
+
+2. Kapitel
+
+In den Erdbeeren
+
+
+Whrend die alte Kthe so gedankenverloren erst an ihrem Spinnrad und
+dann in der Dmmerung sa, ging es oben am Sonnenrain ziemlich laut zu.
+Hier wuchs jedes Jahr eine Flle der schnsten, saftigsten Erdbeeren.
+Wenn sie reif waren, schien es oft, als ob ein groer, dunkelroter
+Teppich vom Sonnenrain herunterhinge, der in der Sonne glhte. Der
+Platz war den Kindern von Hochtannen, wie das kleine, aus zerstreuten
+Husern bestehende Bergdrfchen hie, wohlbekannt. Sie wuten auch
+recht gut, da, wenn man die Beeren ausreifen lie, ein schner Gewinn
+damit zu erzielen war. Denn diese ungewhnlich groen, saftigen
+Beeren wurden berall gern gekauft. So gaben die Kinder selbst acht
+aufeinander, da nicht etwa die einen zu frh die Beeren holten, bevor
+sie die rechte Reife erlangt hatten. Erscholl aber an einem schnen
+Junitag unter den Schulkindern der Ruf: "Sie sind reif am Sonnenrain!
+Sie sind reif!", dann strzte noch an demselben Abend die ganze Schar
+hinaus zum Sonnenrain. Jedes Kind hatte einen Korb in der Hand, und
+sie liefen, so schnell sie konnten, denn jedes wollte zuerst auf dem
+Platz sein und die schnsten und reifsten Beeren finden.
+
+Die mitgebrachten, Krbe, Kratten genannt, hatten alle dieselbe Form,
+aber verschiedene Gren. Sie hatten die Form von Zylinderhten, mit
+dem Unterschied, da bei diesen die ffnung unten ist, wo der Kopf
+hineingesteckt wird, bei jenen aber oben, wo die Erdbeeren
+hineingeworfen werden. Wenn dann die Dmmerung gekommen war und man
+die Beeren nicht mehr sehen konnte, wurde die Arbeit beendet. Dann
+deckte man die Kratten mit groen Blttern zu und befestigte zwei
+hlzerne Stbchen kreuzweise darber, damit der Wind die Bltter nicht
+entfhre. Nun stimmte man das Erdbeerlied an, und voller Frhlichkeit
+zog die ganze Schar heimwrts. Alle sangen aus vollen Kehlen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen,
+Erdbeeren mit Stielen,
+Jetzt trgt man sie heim die vielen,
+Erdbeeren an sten,
+Die meinen sind die besten!
+
+
+Am schnellsten und am fleiigsten aber von allen war die Enkelin der
+alten Waschkthe, das lustige Trini. Immer wute es, wo die schnsten
+Beeren standen und wo noch am wenigsten gepflckt worden war. Dann
+scho es dahin und rupfte mit einer Gewandtheit, da kein anderes Kind
+schneller war und die Langsamen in seiner Nhe gar nichts erwischten.
+Auf einen kleinen Sto kam es dem Trini dabei auch nicht an, wenn ihm
+eine schne Stelle besonders ins Auge fiel, wo schon ein anderes Kind
+Beeren sammelte. Niemals a es von den Frchten, bis sein Kratten so
+voll war, da es eben noch die hlzernen Stbchen ber den Blttern
+festmachen konnte, ohne die zarten Frchte zusammen zu drcken. Erst
+dann kamen noch einige der sduftenden Beeren in den Mund und
+schmeckten herrlich nach der harten Arbeit. Vorher htten sie aber
+dem Trini gar nicht geschmeckt, denn es war ihm, als gehrten sie alle
+der Gromutter, bis keine einzige Beere mehr in den Kratten hineinging.
+
+Das Trini strengte sich sehr an, fr seine liebe Gromutter auch etwas
+zu tun. Es fhlte wohl, wie aufopfernd und gut sie zu ihm war und wie
+hart sie immer noch arbeitete, damit sie beide keinen Mangel leiden
+muten. Es hatte auch sein Leben lang nie andere, als liebevolle
+Worte von ihr gehrt. Und wie oft hatte es gesprt, da sie viel
+lieber sich selbst als ihm etwas versagte. Dafr hing es auch mit dem
+ganzen Herzen an der Gromutter, und mit ungeheurer Freude sah es die
+Beerenzeit wieder kommen. Dann konnte es tglich seinen vollen
+Kratten heimbringen oder ihn dahin tragen, wohin er bestellt war, um
+dann ein schnes Geldstck zu verdienen. Das war fr die Gromutter
+eine groe Einnahme, die freilich nur eine kurze Zeit dauerte. Viel
+brachten aber nur die allergrten Kratten ein, und diese hatten das
+Trini und das kleine, bleiche Maneli. Dieses konnte aber niemals
+seinen Kratten auch nur zur Hlfte fllen. Das Maneli, das eigentlich
+Marianne hie, war mit Trini im gleichen Alter. Beide saen auf
+derselben Schulbank, aber sie sahen sehr verschieden aus. Trini war
+gro und stark und hatte feste, runde Arme und rote Backen. Es
+frchtete sich vor den grten Buben in der Schule nicht, denn es
+wute sich zu wehren.
+
+Das Maneli aber war schmal, bla und sehr schchtern. Es war rmlich
+gekleidet und sah aus, als bekomme es nie genug zu essen, Das stimmte
+wohl auch, denn es hatte noch fnf kleinere Geschwister und seine
+Mutter war oft krank. Der Vater, der ein Tagelhner war, brachte
+nicht immer so viel heim, da es zu allem langte. Eben jetzt, da die
+Dmmerung heranrckte, hatte Trini das kraftlose Maneli mit einem
+heftigen Sto auf die Seite geschoben. Denn es stand noch an einer
+Stelle, die mit besonders groen Beeren bedeckt war, und Trini wollte
+schnell seinen Kratten damit vollfllen. Es gelang ihm auch, und vor
+allen anderen rief es jetzt siegesgewi: "Voll! Fertig! Heim! Heim!"
+Nun riefen auch die anderen: "Heim! Heim!" und schon hatte sich das
+Trini mit seinem vollen, schn verpackten Kratten hingestellt, um den
+Zug anzufhren. Mit heller Stimme begann es zu singen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Als die Schar singend und jauchzend die ersten Huser erreicht hatte,
+stoben die Kinder pltzlich alle auseinander, die einen aufwrts, die
+anderen abwrts. Das Trini lief mit allen Krften den Berg hinauf, es
+hatte noch einen ziemlich langen Weg zu machen. Das Huschen der
+Gromutter stand hoch oben und war das hchste von ganz Hochtannen.
+Jetzt kam das Trini am Hof der Goldpfelbuerin vorbei. Sie schaute
+eben ber die Hecke, die den Hof umschlo, und als sie das Kind so
+vorbeirennen sah, rief sie ihm zu: "Komm doch einmal hierher und zeig
+mir deine Beeren!"
+
+Das Trini war in seinem Eifer schon ein gutes Stck ber die Stelle
+hinaus, wo die Buerin stand, aber es kam schnell zurck, denn die
+Aussicht, die Beeren gleich verkaufen zu knnen, kam ihm sehr gelegen.
+
+"Hast du auch etwas Rechtes? Zeig her!" fuhr die Buerin fort, als
+das Trini an der Hecke stand und seinen Kratten zu ihr emporhob. "Ich
+kaufe sonst keine solche Ware, es wchst Besseres auf meinem Hof.
+Aber man sagt, eingekocht sei das Zeug gut gegen allerhand bel. So
+gib's her! Was geben sie dir unten im Wirtshaus fr die Beeren?"
+
+"Einen Franken", antwortete das Trini.
+
+"So, das ist auch genug fr solches Beerenzeug. Aber du mut's haben,
+um deiner Gromutter willen, das ist eine brave Frau, die viel
+arbeitet. Du bringst ihr doch das Geld heim und machst keinen
+Firlefanz damit?"
+
+"Nein, das tue ich nicht", entgegnete das Trini. Es sah die Buerin
+mit Augen an, die denen einer kleinen, wilden Katze nicht unhnlich
+waren, denn es rgerte sich ber diesen Verdacht. Die Buerin lachte
+und sprach:
+
+"Nur nicht gleich so aufgebracht, so etwas kommt auch vor. Aber komm,
+wir wollen wieder gut Freund sein! Da, das ist der Franken fr die
+Gromutter, und wenn ich dir noch einen Mnze fr dich gebe, so wird's
+dir auch nicht leid sein. So, jetzt lauf wieder!"
+
+Das Trini dankte hocherfreut und lief davon, hrte auch nicht zu
+rennen auf, bis es oben beim Huschen angekommen war. Jetzt strmte
+es in die kleine Stube hinein, wo es fast dunkel geworden war. Nur
+ein letzter, lichter Streifen am Abendhimmel schimmerte noch in das
+Fenster hinein, dort wo die Gromutter sa. Das Trini strzte zu ihr
+hin und erzhlte so eifrig von seinen Erlebnissen, da immer das
+zweite Wort vor dem ersten heraus wollte. Es dauerte ziemlich lange,
+bis die Gromutter verstanden hatte, da die Erdbeeren schon verkauft
+seien und ein ganzer Franken und noch ein Geldstck dazu dafr bezahlt
+worden war. Auch den mute die Gromutter nehmen, das Trini wollte
+kein Geld behalten, denn es sollte alles der Gromutter gehren. Da
+sie heute noch ein Geldstck ber das Gewhnliche hinaus bekam, machte
+dem Trini eine besondere Freude.
+
+"Ja, Gromutter, und siehst du", fuhr das Trini immer noch halb auer
+Atem fort, "ich war vor allen anderen zuerst fertig und hatte doch den
+Kratten so voll wie kein anderes Kind. Das Maneli hatte seinen nicht
+halb voll. Es machte auch furchtbar langsam, und wenn es an einem
+guten Platz war, an den ich auch kam, so hatte ich schon wieder alles
+weggerupft, ehe es nur eine Handvoll erwischen konnte."
+
+Die Gromutter hatte sich sehr ber die guten Nachrichten und auch
+ber den reichlichen Gewinn des Kindes gefreut. Aber jetzt sagte sie
+ernsthaft: "Aber Trineli, du stt doch nicht etwa das Maneli weg,
+wenn es einen guten Platz gefunden hat, so da du dann die Beeren
+bekommst? Das wre nicht recht."
+
+"Doch, freilich, das tue ich schon, das tut man immer, Gromutter",
+versicherte das Trini. "Es mu jedes sehen, da es die meisten und
+die schnsten erwischt. Daher geht es dann natrlich immer so rauh zu."
+
+"Nein, nein, das mut du mit dem kleinen, schwachen Maneli nicht mehr
+tun", mahnte die Gromutter. "Siehst du, es kann nicht neben dir
+aufkommen, es ist kraftlos und kann sich nicht wehren, und seine
+Mutter htte die Beeren ntig. Sie wei gewi manchmal nicht, wo sie
+fr alle die kleinen Kinder Brot hernehmen soll. Tue das nicht mehr,
+Trineli, la das arme Kleine ein andermal auch zu seinen Beeren kommen.
+Aber jetzt setz dich zu mir her", fuhr die Gromutter in einem
+anderen Ton fort, "ich habe etwas mit dir zu reden, du bist vernnftig
+genug, um es zu verstehen."
+
+Neugierig setzte sich das Kind hin, denn es war noch nie vorgekommen,
+da die Gromutter es so ernst anblickte, um mit ihm zu reden.
+
+"Trineli", fing sie jetzt bedchtig an, "wir mssen daran denken, was
+du fr Arbeit tun knntest, wenn du nun im Frhling aus der Schule
+kommst. Der Vetter aus dem Reutal ist heute morgen hier gewesen. Im
+Herbst knntest du zu ihm hinunterkommen und dir dort in der Fabrik
+etwas verdienen. Vielleicht wrde es dein Glck sein. Du knntest
+von einem Jahr zum anderen weiterkommen und so deinen Weg machen. Was
+meinst du dazu?"
+
+"Lieber will ich sterben!" rief das Trini zornig.
+
+"Mut nicht so unbedacht reden, Trineli", mahnte die Gromutter
+freundlich. "Sieh, der Vetter will etwas fr dich tun. Er meint es
+gut, wir wollen ihn nicht bse machen, wir wollen noch miteinander
+ber die Sache nachdenken."
+
+"Und wenn der Vetter kme und mich tausendmal tten wollte, so ginge
+ich doch nicht!" rief das Trini, und man konnte sehen, wie es immer
+wtender wurde.
+
+"Wir wollen jetzt nichts weiter sagen. Wenn es fr dich gut ist, so
+wird es so sein mssen, Trineli, und dann wollen wir's annehmen und
+denken: 'Der liebe Gott schickt's, es mu gut sein'."
+
+Die Gromutter wollte damit das Gesprch beenden, aber das Kind fing
+pltzlich an, bitterlich zu weinen. Die Trnen strzten ihm wie Bche
+aus den Augen, und unter heftigem Schluchzen stie es hervor:
+"Gromutter, wer soll dir dann Holz und Wasser bringen, wenn es kalt
+wird? Was willst du denn machen, wenn du wieder im kalten Winter
+nicht aufstehen kannst, und es ist kein Mensch bei dir und zndet
+Feuer an und macht dir ein wenig Kaffee und bringt ihn dir? Und du
+bist ganz allein und kannst nichts machen, und wenn du rufst, so kommt
+kein Mensch. Ich gehe nicht, Gromutter, ich kann nicht gehen! Ich
+kann nicht!"
+
+"Komm, Trineli, komm", sagte beschwichtigend die Alte, die einen
+solchen Ausbruch nicht erwartet hatte, "komm, wir mssen nun unser
+Abendbrot essen, und dann wollen wir beten und zu Bett gehen. ber
+Nacht hat der liebe Gott auch schon manches anders gemacht, als es am
+Abend vorher war."
+
+Aber das Trini mit seiner heftigen Gemtsart war nicht so schnell
+wieder im Gleichgewicht. Es konnte keinen Bissen hinunterbringen, und
+bis tief in die Nacht hinein hrte die Gromutter sein Schluchzen und
+Weinen. Das war ein neuer Kummer fr die alte Waschkthe. Sie hatte
+nicht geglaubt, da das Kind sich so ber den Vorschlag des Vetters
+aufregen wrde.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Dem Trini wird etwas Neues verstndlich
+
+
+Mehrere sonnige Tage waren seit dem leidvollen Abend vergangen. Die
+Gromutter sagte kein Wort mehr von der drohenden Trennung. Sie
+verga sie freilich nie und hatte manchen schweren Augenblick zu
+ertragen, wenn wieder deutlich vor ihr stand, was ja kommen mute.
+Aber sie wollte nicht mehr davon mit dem Kind reden. Sie hatte ihre
+Sache dem lieben Gott anvertraut. Und deshalb konnte sie sich im
+stillen immer wieder an der Zuversicht festhalten, wenn das Schwere
+kommen mte, so werde er es fr das Kind zum Guten wenden. Als nun
+die Gromutter gar nichts mehr sagte und alles wieder wie vorher war,
+die Sonne schien und die Vgel wie immer lustig pfiffen, da dachte das
+Trini, die Gefahr sei vorber. Es glaubte, der liebe Gott habe
+wirklich, wie die Gromutter gesagt, ber Nacht etwas gendert, und
+die alte Frhlichkeit kehrte in Trinis Herz zurck. Jeden Abend, wenn
+die Kinder ber die Wiesen liefen, hrte man allen anderen voraus
+Trinis helle Stimme erschallen:
+
+Erdbeeren rollen,
+Die Kratten all, die vollen...
+
+
+Der Sonnenrain war nun ganz abgeerntet, und man mute weiterliegende
+Pltze aufsuchen. Da gab es noch ergiebige Stellen oben beim Wald und
+hinten bei der Mhle, und vor allem war noch die Kornhalde da. Dort
+waren ganze Schtze von Erdbeeren zu finden, das wuten die Kinder
+alle. Aber die wenigsten trauten sich dort hinaufzugehen. Da mute
+man um das groe Kornfeld herum an der Hecke bis zu dem schmalen
+Grasstreifen hinaufsteigen, der zwischen dem Korn und dem groen
+Moosfelsen lag. Dort, wo die Sonne den ganzen Tag hei brannte,
+schossen die Erdbeeren schon fast rot aus dem Boden und wurden wie
+Kirschen so gro.
+
+Aber der Kornbauer, dem das groe Feld gehrte, konnte es nicht leiden,
+da die Kinder dort Beeren suchten. Denn er behauptete, sie
+zerstampften ihm das Korn, und hier und da mochte es auch geschehen
+sein. Wenn er deshalb die Beerensuchenden dort oben traf, jagte er
+sie augenblicklich mit den grten Drohungen davon. Und nicht selten
+folgte den Drohungen gleich die Erfllung, denn das Mittel dazu trug
+er immer bei sich, das war seine feste knochige Hand. So wagten es
+nur die Allerkhnsten, an diesem Streifzug teilzunehmen, und zu denen
+gehrte auch das Trini. Eben heute sollte die Unternehmung
+stattfinden, denn schon seit dem frhen Morgen schimmerte es oben am
+Moosfelsen wie feuriges Gold und blitzte und flammte ins Tal hinab.
+Das Trini war zuerst auf dem Platz, von wo man aufbrechen wollte. Es
+hatte seinen groen Kratten an einer langen Schnur um den Hals
+gebunden, damit es nachher immer mit beiden Hnden zugleich rupfen und
+die Beeren hineinwerfen konnte. Das ging genau doppelt so schnell wie
+bei denen, die mit der linken Hand den Kratten festhalten muten.
+Jetzt kamen die Buben gelaufen, die mit wollten. Mdchen kamen keine,
+sie frchteten sich alle. Nun ging es vorwrts. Aber heute durfte
+unterwegs nicht wie sonst geschwatzt und gelacht werden, denn man
+wollte nicht, da der Bauer etwas von der Unternehmung bemerkte.
+Sorgsam schritt eines hinter dem anderen die Hecke entlang, denn die
+Furcht hatte sie gelehrt, das Korn zu schonen.
+
+Nun waren sie alle oben, und welch eine wundervolle Ernte lag vor
+ihnen ausgebreitet! Dunkelrot glhten die groen Beeren zwischen
+allen Halmen durch, ber alle Bltter hinaus. Es war ein
+berquellender Reichtum, man konnte nur so in die Flle hineinfahren.
+Mit blitzenden Augen begann auch das Trini zu pflcken, und bevor die
+anderen nur probiert hatten, wie die Beeren schmeckten, hatte es schon
+den halben Kratten gefllt. Mit beiden Hnden fate es immer zu nach
+allen Seiten hin, denn da guckten ja immer noch schnere und noch
+grere hervor. Aber pltzlich ertnte eine wtende Stimme:
+
+"Ihr Feldratten, seid ihr schon wieder da?" Da stand der krftige
+Bauer mit den knochigen Hnden vor ihnen und hob seine Faust in die
+Hhe. "Macht, da ihr auf der Stelle fortkommt und ich keines mehr
+sehe, oder..." Wie der Wind waren die Buben alle davongelaufen und
+verschwunden. Aber beharrlich rupfte das Trini noch ein, zwei, drei
+Beeren weg. Jetzt nur noch die drei groen--nur noch jene zwei--das
+Trini konnte sich nicht trennen, die Beeren reuten es gar zu sehr.
+
+"Jetzt wei ich, wer das Korn zerstampft und so frech ist wie eine
+Schrmaus. Mach, da du den Fleck rumst, und komm mir nicht noch
+einmal ans Korn!" drohte der Bauer zornig.
+
+"Ich habe gewi nie das Korn zerstampft, keine hre", versicherte das
+Trini, immer noch rupfend, "ich wollte ja nur die Beeren holen."
+
+"Ich kenne dich wohl", brummte der Bauer. "Pack dich, oder ich nehme
+dich bei den Ohren und schttle dich, da du meinst, du httest deren
+vier am Kopf!"
+
+Der Bauer kam heran. Jetzt scho das Trini auf und davon. Von seiner
+inneren Entrstung getrieben, da es alle die schnen Beeren hatte
+stehenlassen mssen und doch nie Korn zerstampft hatte, flog es
+beinahe, bis es daheim war. Geladen wie eine kleine Kanone, strzte
+es auf die Gromutter los und rief: "Nein, nie habe ich das Korn
+zerstampft, keine hre ausgerissen und nur die Beeren genommen. Jetzt
+fressen sie die Schnecken, und ich wollte auch, der liebe Gott liee
+dem Bauer zur Strafe vier Ohren an den Kopf wachsen, denn ich habe ihm
+nichts Bses getan."
+
+"He, he, Trineli, was kommt dir denn in den Sinn?" sagte mahnend die
+Gromutter. "Komm, setz dich zu mir nieder, es ist Feierabend. Ein
+Licht znden wir heute nicht an, der Mond scheint hell genug zum
+Abendessen. Komm, erzhl mir alles, wie es zugegangen ist."
+
+Da die Gromutter anhren wollte, was es zu berichten und zu klagen
+hatte, besnftigte das Trini schon ein wenig. Es setzte sich hin und
+berichtete gern, was es erlebt hatte. Es versicherte, da es keiner
+hre etwas zuleide tun wollte, nur die Beeren nehmen, die jetzt von
+den Wrmern und Schnecken verdorben wrden. Als es zu des Bauern
+Drohung von den vier Ohren kam, mute es noch einmal rufen: "Nicht
+wahr, Gromutter, wenn ihm zur Strafe jetzt vier Ohren anwachsen
+wrden, das htte er verdient. Denn ich habe ihm gar nichts getan und
+nie, nie ein Korn zerstampft!"
+
+"Trineli", sagte jetzt die Gromutter, "wir wollen dem Bauer seine
+zwei Ohren lassen, aber wir wollen etwas von ihm profitieren. Siehst
+du, man kann alles brauchen und seinen Gewinn davon haben. Und wre
+es ein ungerechtes Wort, es kommt nur darauf an, von wem wir die Worte
+nehmen. Wenn einer kommt und uns ohne Grund etwas Bses tut oder sagt,
+so wie dir heute der Bauer, und es tut uns recht weh, dann mssen wir
+ein wenig weiter denken und fragen: 'Haben wir nicht doch so etwas
+verdient?' Dann kommt uns auf einmal in den Sinn, da wir einmal einem
+anderen recht weh getan haben, der es leiden mute und sich nicht
+wehren konnte. Und nun haben wir erfahren, wie's tut, und es wird uns
+leid darum sein. Wir wollen es nicht mehr tun und wieder bei den
+anderen gutmachen, wenn wir es knnen. Das ist dann genau das, was
+der liebe Gott mit uns gewollt hat, darum hat er den Ungerechten so
+bse Worte uns sagen lassen. Siehst du wohl, Trineli? Dann knnen
+wir aber auch nicht mehr so bse gegen den sein, der das getan hat.
+Denn wir wissen, der liebe Gott hat ihn gebraucht, wie ich meinen
+Besen brauche, wenn ich die Stube schn sauber und rein fegen will.
+So macht der liebe Gott uns das Herz wieder sauber und in Ordnung, und
+wir haben den Gewinn. Denn es wird uns dann wohl und leicht, wie es
+uns vorher nie gewesen ist. Hast du gut zugehrt, Trineli, und willst
+du daran denken, was ich dir gesagt habe?"
+
+Das Trineli hatte wirklich aufmerksam zugehrt, und ber den Worten
+der Gromutter war sein Zorn gegen den Bauern ganz vergangen. Jetzt
+kamen ihm seine schnen Erdbeeren wieder in den Sinn. Es holte sie
+schnell herbei, damit die Gromutter noch im Mondschein die
+Prachtbeeren bewundern konnte. Wenn auch der Kratten nur halb so voll
+war wie gewhnlich, so hatte sie doch auerordentliche Freude und
+sagte immer wieder, solche Wunderbeeren habe sie noch nie gesehen.
+Das Trini wollte schnell noch damit zur Goldpfelbuerin hinunter,
+aber die Gromutter sagte, so spt kaufe die Buerin keine Beeren mehr.
+Am nchsten Morgen solle es seine Beeren zum Wirtshaus hinuntertragen.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Noch eine zornige Rede und was daraus folgt
+
+
+Der Juli ging seinem Ende entgegen und mit ihm die schne
+Erdbeerenzeit. Nur oben beim Wald ber Hochtannen war noch eine spte,
+krftige Sorte der Beeren zu finden, die besonders gut bezahlt wurden.
+Denn jetzt reisten viele Fremde ber den Berg, und unten im
+Wirtshaus an der groen Strae machten sie meistens Halt. Die
+seltenen Beeren kamen dann der Wirtin sehr gelegen. Aber man brauchte
+viel Zeit, die Kratten auch nur halb zu fllen, und man mute genau
+wissen, wo die vereinzelten Beeren wuchsen. Aber wer frhlichen Mutes
+war wie das Trini, dem machte das keine schweren Gedanken. An einem
+warmen Sommerabend lief es mit freudestrahlendem Gesicht den Berg
+hinauf, dem Tannenwald zu. Es wute, da nun die letzten, wrzigen
+Beeren dort oben die rechte Reife erlangt hatten. Auch das Maneli und
+noch einige andere Kinder kannten den Platz, aber den meisten war der
+Weg zu weit und die Suche zu mhsam.
+
+Nur das Maneli kam mit seinem groen Kratten hinter dem Trini her,
+blieb aber weit zurck. Denn wie ein Reh die steilen Hhen
+hinaufspringen, konnte nur das Trini, dem an Kraft und Behendigkeit
+nicht ein einziges Mdchen seines Alters gleichkam. Oben gab es viel
+Arbeit. Die Beeren waren reif und schn und dufteten herrlich, aber
+sie muten erst gesucht werden. In einem sonnigen Winkel standen
+einige der rot schimmernden Bsche dicht beieinander, und dann konnte
+man wieder vergebens danach suchen. Trini sphte in alle Lcher
+hinein, kletterte jeden Erdhgel hinauf, zog alle Grasbschel
+auseinander, und wo noch ein rotes Beerlein herausguckte, wurde es
+schnell gepflckt. Trini hrte auch nicht auf zu klettern und zu
+suchen und zu rupfen, bis die Dmmerung hereinbrach und aller
+Ttigkeit ein Ende machte.
+
+Aber dem Trini mute das nicht leid tun. Es schaute stolz auf seinen
+Kratten. Denn auch diesmal, gegen seine eigene Erwartung, war er
+gefllt bis obenan. Es hatte nur noch Bltter und Stbchen darauf zu
+befestigen, denn nicht eine der kostbaren Beeren durfte herausrollen.
+Jetzt sauste das Trini wie der Wind den Berg hinab. Zum Wirtshaus zu
+laufen, dazu war's zu spt, aber bis zu der Goldpfelbuerin konnte es
+schon noch kommen. Die wollte gewi diese letzten schnen Beeren noch
+haben, und dann konnte es der Gromutter gleich noch den
+auergewhnlichen Gewinn heimbringen. Immer eiliger wurde sein
+Schritt.
+
+Still und traurig hinter ihm her ging das Maneli. Man konnte wohl
+sehen, da es an seinem Kratten nicht schwer zu tragen hatte. Es
+mute ein anderer Grund sein, warum es so langsam und niedergedrckt
+daherkam.
+
+Die Goldpfelbuerin hatte eben rger gehabt. Die junge Magd, die
+trotzig neben ihr an dem Gemsebeet stand, hatte ihr alle jungen
+Setzlinge weggeschwemmt. Es war ihr zu mhsam vorgekommen, den zarten
+Pflnzchen sorgfltig, jedem einzeln mit der Giekanne Wasser zu geben,
+wie die Buerin ihr befohlen hatte. Mit dem groen Kbel hatte sie
+den ganzen Wassergu ber das Beet geschttet. In der Buerin kochte
+der Zorn auf wie heie Milch, die berlaufen will, als sie die
+Zerstrung sah. Da kam das Trini hergelaufen. "Guten Abend!" rief es
+noch auer Atem, "seht die schnen Beeren. Es sind die letzten,
+wollen Sie sie?"
+
+"Ich brauche nichts", rief die Buerin zornig. "Mach, da du
+fortkommst, ich habe keine Zeit fr dich." "Wenn Sie sie nur ansehen
+wollten, sie wrden ihnen gefallen", meinte das Trini. "Habe ich dir
+nicht gesagt, da ich nichts will? Mach, da du gehst", wiederholte
+die Frau. Aber das Trini blieb immer noch stehen. Es dachte: Wenn
+die Buerin nur Zeit htte, die Beeren anzusehen, dann wrde ihr schon
+die Lust kommen, sie zu behalten.
+
+Jetzt aber kochte es ber in der Buerin, denn ihr Zorn hatte schon
+lange einen Ausweg gesucht. Da sie ihn nicht an der trotzigen Magd
+auslie, dafr mochte die Frau ihre Grnde haben.
+
+"Hast du Harz an den Sohlen?" rief sie grimmig, "oder guckst du nach
+den reifen pfeln aus, damit du weit, welchen Baum ihr zuerst wieder
+schtteln wollt, wie ihr es immer macht, du und das andere Lumpenvolk?"
+
+Das konnte aber das Trini nicht auf sich sitzen lassen, so etwas hatte
+es nie getan.
+
+"Ich habe nie, nie die Bume geschttelt und nicht einen einzigen
+Apfel..."
+
+"Du wirst nicht besser sein als alle anderen!" unterbrach die Buerin.
+"Ich will kein Wort mehr hren, dort geht's hinaus!"
+
+Damit erhob die Frau so rasch und drohend ihren Arm, da es dem Trini
+nicht mehr sicher zumute war. Es rannte aus dem Garten und um die
+Hecke herum. Aber hier konnte es nicht mehr weiter. Auch sein Blut
+war wegen der ungerechten Anschuldigung in Wallung geraten. Es setzte
+sich auf den Boden hin, es mute sich Luft machen.
+
+"Nein, das habe ich nicht getan", rief es aufgeregt. "Ich habe nie
+die pfelbume geschttelt, nie! Aber die Buerin ist nur ein Besen,
+ja, sie ist nur ein Besen, das hat die Gromutter gesagt, und der
+liebe Gott will nur etwas herausfegen mit ihr. Aber ich habe gar
+nichts gemacht, ich habe nichts Bses getan." Hier hielt das Trini auf
+einmal inne. Denn pltzlich stieg die Frage in ihm auf, was denn wohl
+der liebe Gott habe ausfegen wollen in seinem Herzen, wenn es doch
+nichts Unrechtes getan hatte. Nun wurde das Trini ganz still und
+nachdenklich. Nach einer Weile stand es langsam auf. Es sah gar
+nicht mehr aufgebracht aus. Halblaut sagte es noch: "Ja, es ist wahr,
+das war doch nicht recht." Dem Trini war beim Nachdenken auf einmal
+eingefallen, da es heute wieder mehrmals das Maneli auf die Seite
+gestoen und sich schnell ber die Beeren hergemacht hatte, die das
+Maneli auch gern eingesammelt htte. Es war aber immer still auf die
+Seite gewichen, das Trini war ja viel strker und flinker. So
+leistete ihm das Maneli niemals Widerstand.
+
+Nun wollte das Trini sein Unrecht wieder gutmachen und dem Maneli
+schnell noch ein wenig von seinen Beeren abtreten. Es lief immer
+eiliger, aber nicht bergan, der Wohnung der Gromutter zu, sondern
+querfeldein eine ganze Strecke weit. Bei einem elenden, kleinen
+Huschen, an dem die alten Fensterscheiben halb oder ganz zerbrochen
+und mit Papier verklebt waren, blieb es stehen und holte ein wenig
+Atem. Es war jetzt dunkel geworden. Durch die zerbrochenen Scheiben
+schimmerte ein dnnes Lichtlein. Auf einmal hrte das Trini ein
+leises Schluchzen ganz in seiner Nhe. Es schaute sich um. Auf einem
+Holzblock vor dem Huschen sa ganz unbeweglich eine kleine Gestalt,
+den Kopf auf die Arme gelegt. Trini trat hinzu.
+
+"Was hast du, Maneli?" fragte es erstaunt, als es die kleine Gestalt
+erkannt hatte, "warum weinst du so?"
+
+Das Maneli hob den Kopf und sah so traurig aus, wie Trini es noch nie
+gesehen hatte.
+
+"Ich darf nicht hinein", sagte es schluchzend, "die Mutter ist krank
+und schon zu Mittag hatten wir fast nichts mehr zu essen. Dann sagte
+sie, fr den Abend bringe ich, will's Gott, etwas heim, wenn ich in
+die Beeren gehe und sie dann gleich ins Wirtshaus trage. Ich wrde
+dann ein Schwarzbrot mitbringen, meinte die Mutter. Aber sieh, Trini,
+nur die habe ich." Damit hob das Maneli seinen Kratten in die Hhe und
+Trini guckte hinein. Es war fast gar nichts darin, kaum der Boden des
+Korbes war bedeckt. Das Trini fhlte seinen schweren Kratten am Arm.
+Es war ihm, als werde er immer schwerer und drcke es nicht nur am Arm,
+sondern auch auf dem Herzen. Auf einmal ri es Stbchen und Bltter
+weg, kehrte seinen Kratten um und schttete den ganzen, reichen Inhalt
+in Manelis leeren Korb, so da dieser bis oben hin voll war und noch
+brig blieb von den Beeren. Diese legte das Trini schnell auf die
+Bltter am Boden und sagte: "Nimm die auch noch hinein. Gute Nacht."
+Und fort rannte es in hohen Sprngen.
+
+"Trini! Trini! Danke tausendmal!" rief ihm das Maneli aus allen
+Krften nach, dann strzte es in die Htte hinein. Jetzt hielt das
+Trini auf einmal an und kam zurck gerannt. Es wollte sehen, was die
+Mutter beim Anblick von Manelis Kratten sagen wurde, der ja den ganzen
+Sommer lang nie so voll gewesen war. Durch die zerbrochenen Scheiben
+an dem niedrigen Huschen konnte es alles sehen, was drinnen vorging.
+Die bleiche Mutter stand, von den kleinen Kindern umringt, am Tisch
+und schaute auf die Beeren im Kratten und auf den Teller daneben, der
+auch noch ganz voll war. Sie schlug ihre Hnde zusammen und sagte
+immer wieder zu dem Maneli, das freudestrahlend zu ihr aufschaute:
+"Wie ist es mglich, Kind? Wie ist es nur mglich?"
+
+"Vom Trini, vom Trini!" wiederholte das Maneli drei-, viermal, "es hat
+sie mir alle gegeben, alle! Und denk, Mutter, fr diese Menge gibt
+die Wirtin jetzt zwei ganze Franken."
+
+"Gott vergelt's dem Kind und ersetz es ihm und der Gromutter
+hundertfach, was es heute fr uns getan hat. Er wei allein, wie ich
+mich die ganze Nacht hindurch gesorgt habe, wo ich am Morgen Brot fr
+euch nehme. Und nun haben wir ja fr einige Tage genug."
+
+Die bleiche Frau hatte bei diesen Worten die Hnde gefaltet, als danke
+sie im stillen noch fr die groe Wohltat. Jetzt scho das Trini
+davon mit einer Freude im Herzen, wie es in seinem ganzen Leben noch
+keine empfunden hatte. Die Gromutter hatte wohl recht gehabt, da
+man am Ende den Gewinn davon habe, und da es einem so wohl werde wie
+noch nie, wenn man es recht verstehe, was der liebe Gott ausfegen
+wolle. Nun machte es noch neue Plne in seinem Herzen: Bald konnte
+man auch in die Heidelbeeren gehen und in die Brombeeren. Und es
+wollte jedesmal, wenn es seinen Kratten gefllt hatte, noch dem Maneli
+den seinigen fllen helfen. Wenn nicht beide voll wurden, so wollte
+es immer mit ihm teilen. Denn das Trini hatte sich ber die Worte der
+armen, kranken Mutter mehr gefreut, als ber den eigenen vollen
+Kratten. Als es dann endlich heimkam und nun aufgeregt seine
+Erlebnisse erzhlte und zuletzt der Gromutter den ganz leeren Kratten
+vorwies, sagte es bittend: "Nicht wahr, du bist nicht bse mit mir,
+Gromutter, da ich kein einziges Beerlein heimbringe. Du wirst sie
+gewi alle dem Maneli und seiner kranken Mutter gnnen?"
+
+Da lobte die Gromutter das Kind und sagte, was es getan habe, freue
+sie mehr, als wenn es ihr zwei ganze Kratten voll nach Haus gebracht
+htte. So gut wie heute abend dem Trini seine Kartoffelsuppe
+schmeckte, hatte ihm noch kein Essen geschmeckt. Denn es dachte immer
+daran, wie nun das Maneli noch sein Schwarzbrot hatte heimbringen
+knnen, wie jedes sein Stck bekomme und es gewi jetzt eben frhlich
+verspeiste.
+
+
+
+5. Kapitel
+
+Wie es mit dem Vetter geht
+
+
+Schon war der letzte Sommermonat, der warme August da. Auf allen
+Bumen glnzten die pfel rotgolden und kndeten den Herbst an. Der
+Vetter hatte nie wieder etwas von sich hren lassen. In der alten
+Kthe stieg manchmal die freudige Hoffnung auf, er habe sein Vorhaben
+gendert und denke nicht mehr an das Kind. Dann wurde es ihr so
+leicht ums Herz, als seien ihr alle Sorgen abgenommen, als knnte
+sonst kommen, was da wollte. Hunger und Mangel und Entbehrung aller
+Art werde sie ertragen, wenn sie nur das Kind nicht weggeben mte.
+Das Trini war frhlich wie ein Vogel vom Morgen bis zum Abend, es
+hatte den Vetter und seinen Wunsch schon lange vergessen.
+
+Da trat eines Morgens ein junger Bursch bei der Waschkthe ein und
+sagte, er komme aus dem Reutal und habe ihrem Vetter versprochen, ihr
+eine Bestellung auszurichten. Der Vetter lasse ihr sagen, sie solle
+die Kleider und alles fr das Kind bereithalten, er hole es ab, sobald
+er wegen seines Geschfts ber den Berg msse. Mit dem Vormund des
+Kindes wolle er dann schon alles in Ordnung bringen, was die Schule
+und den Lohn und das brige betreffe. Der Gromutter wurde es vor
+Schrecken ganz schwarz vor den Augen, sie mute sich schnell setzen,
+um sich nur wieder ein wenig zu fassen. So war denn pltzlich
+gekommen, was sie freilich immer im stillen befrchtet, aber doch
+immer in so weiter, unsicherer Ferne gesehen hatte. Nun war es da,
+denn da der Vormund gleich einwilligen und dem Vetter das Kind
+bergeben wrde, dessen war sie sicher. Sie konnte ja fr keinen
+Verdienst sorgen. Sie wute nicht einmal, wie lange sie sich selbst
+noch durchbringen konnte. Vielleicht fielen sie beide der Gemeinde
+zur Last. Der Vetter aber konnte einen so guten Verdienst in Aussicht
+stellen und fr die Versorgung des Kindes fr alle Zukunft garantieren.
+Es mute sein, das sah sie deutlich vor sich. Die alte Kthe hatte
+schon viel Schweres erlebt. Aber das Weggeben dieses Kindes, das ihre
+ganze Freude und Sttze war, kam ihr vor, als wolle man ihr eines
+ihrer Glieder abreien, ohne das sie nicht mehr fortleben knnte.
+
+Sie berdachte nun, wie sie dem Kind die Sache beibringen sollte.
+Aber wenn sie sich vorstellte, in welchen Jammer es das erstemal
+ausgebrochen war, als sie darber geredet hatte, so hatte sie nicht
+den Mut, es wieder und nun mit Bestimmtheit zu tun. Zuletzt dachte
+sie, das beste sei, gar nicht ber die Sache zu reden. Ein kurzer
+Kampf, wenn der Vetter komme, sei noch am leichtesten zu ertragen.
+Und inzwischen habe das Kind doch noch ungetrbte Tage. Aber von dem
+Morgen an lag ein solcher Kummer auf dem Gesicht der Gromutter, da
+es dem Trini manchmal ganz bange wurde und es immer wieder fragte:
+"Gromutter, was hast du denn? Ich will alle Nchte durch Brombeeren
+suchen, wenn du dich sorgst, wir knnen nicht mehr leben, weil du
+nicht mehr so viel tun kannst. Ich brauche nicht zu schlafen, ich
+kann es schon aushalten, sieh nur, sieh!" Und das Trini streckte seine
+zwei festen Arme der Gromutter als Beweis entgegen, da sie sich
+nicht zu sorgen brauche. Aber es vermehrte nur ihren Kummer. Denn
+sie sah ja nur zu gut, wie gro und stark das Kind geworden und da es
+wirklich zu einer ganz anderen Arbeit fhig war als zu der, die es
+jetzt verrichtete. Doch am Abend, wenn sie wieder still in der
+Dmmerung sa und auf alle vergangenen Zeiten und auf so manche
+schwere Not zurckschaute, aus der ihr der liebe Gott so vterlich
+geholfen hatte, dann konnte sie mit Vertrauen sagen:
+
+"Drum, meine Seele, sei du still
+Zu Gott, wie sich's gebhret."
+
+
+So sa sie wieder am Fenster, wo noch der Abendschein hereinschimmerte,
+und wartete auf das Kind, um dann Licht zu machen und das Abendessen
+zu bereiten. Da hrte sie jemand auf ihr Huschen zukommen. Das war
+nicht das Kind, es waren schwere, feste Tritte. Jetzt kam's--es mute
+der Vetter sein. Der Gromutter wollte das Herz stillstehen. Nun
+ging die Tr auf, und mit festem Schritt, einen groen Korb am Arm,
+trat die Goldpfelbuerin herein und fragte: "Wo sind Sie denn, Kthe?
+Man kann Sie ja gar nicht sehen. Guten Abend wnsch' ich Ihnen!" Die
+Alte war schnell aufgestanden, hatte ihr Lichtlein angezndet und
+schttelte jetzt ihrem Besuch die Hand. Auf dem Tisch stand nun der
+Korb, und im Schimmer des kleinen Lichts glnzten viele herrliche
+Goldpfel, von denen der ganze Hof seinen Namen hatte. "Ich habe
+Ihnen ein wenig pfel gebracht, die Bume haben dies Jahr schn
+getragen", sagte die Buerin wieder, "was Sie nicht selbst brauchen,
+wird das Kind nehmen, wo ist es?"
+
+Die Kthe berichtete, Trini sei mit den anderen Kindern noch einmal in
+die Brombeeren zum Wald hinauf gegangen, es werde aber nun mit dem
+Beerenlesen bald ein Ende haben. "Das wird's", besttigte die Buerin.
+"Es ist mir aber gerade recht, da das Kind weg ist, ich mchte noch
+etwas mit Ihnen reden." Die Kthe holte ihre Sthle herbei, und als
+die beiden nun voreinander am Tisch saen, der groe Apfelkorb
+zwischen ihnen, fing die Buerin wieder an: "Ich habe da vor kurzem
+etwas mit Ihrem Kind gehabt, es wird Ihnen wohl davon erzhlt haben.
+Ich war ein wenig in Zorn geraten, denn die junge Magd hatte mir das
+ganze Kohlrbenbeet verdorben und war dazu noch unverschmt. So sind
+sie heutzutage. Und sagt man ihnen ein einziges Wort, das sie nicht
+gern hren, gleich werfen sie einem den Sack vor die Tr, und es heit:
+Suchen Sie sich eine andere Magd. Aber immer mit neuen Leuten
+wirtschaften, ist keine Freude. Ich war also sehr rgerlich, als das
+Kind ankam, und ich habe es beschimpft. Da hrte ich aber etwas, das
+hat mir gefallen, ich mute zu mir sagen: Die alte Kthe hat das Kind
+etwas Gutes gelehrt. Mit einem Mdchen, das so denkt, mute gut
+auszukommen sein. Und als ich mir alles so recht berdacht hatte,
+fate ich einen Entschlu. Darber mchte ich jetzt mit Ihnen reden.
+
+"Das Kind ist freilich noch jung, aber es ist gro und stark, und
+gelehrig sieht es auch aus. Die paar Schulmonate bis zum Frhling
+haben auch nicht mehr viel zu sagen, und so dachte ich, wenn es Ihnen
+recht wre, wollte ich das Kind zu mir nehmen. Den Winter ber htte
+ich Zeit, es einzuarbeiten, und bis zum nchsten Sommer wrde es eine
+ordentliche Magd fr mich. Sie mssen sich aber nicht sorgen, Kthe.
+Ich wei schon, da jetzt die Zeit da ist, da das Kind anfangen mu,
+fr Sie zu arbeiten und etwas Ordentliches zu verdienen. Ich gebe ihm
+gleich den ganzen Lohn, den die Mgde hatten, und jede Woche noch ein
+Brot dazu, denn das Kind ist mir das wert. Dazu haben Sie den Vorteil,
+da es Ihnen nicht genommen wird. Es ist flink, es kann, wenn
+Feierabend ist, heim zu Ihnen. Und am Morgen schickt ihr mir's wieder.
+Am Sonntag darf es schon vom Mittag an bei Ihnen bleiben. Warum
+fangen Sie denn an zu weinen, Kthe? Das Kind soll es gut haben bei
+mir, und Sie sollen auch nicht zu kurz kommen. Korn und Obst habe ich
+auf dem Hof und Milch im Stall. Ein Scklein Mehl und eine Flasche
+Milch soll das Kind jeden Sonntag auch heimbringen, und auerdem gibt
+es das Jahr hindurch noch manches andere, da knnen Sie sicher sein."
+
+"Sagt nur nichts mehr, es ist ja mehr als genug", konnte hier endlich
+die alte Kthe hervorbringen, "ich weine ja nur vor Freude, vor lauter
+Freude. Sie wissen ja nicht, von welchem Kummer Sie mich befreit
+haben, und welche Wohltat Sie an mir tun."
+
+Und nun erzhlte die Alte der Buerin, wie sie sich schon den ganzen
+Sommer ber gesorgt htte und nun jeden Augenblick den Vetter erwarte.
+Das habe sie dem Kind gar nicht sagen drfen, weil sie sich vor
+seinem groen Jammer frchtete. Eben als die Gromutter fertig
+erzhlt hatte, kam das Trini hereingesprungen. Beim Anblick der
+goldenen pfel auf dem Tisch und der Buerin, die daran sa, stand es
+pltzlich still und schaute mit grter Verwunderung um sich.
+
+"Komm, gib mir die Hand, Trini", sagte die Buerin. "Da du meine
+Bume nie geschttelt hast, mut du mit der Gromutter ein paar pfel
+davon haben."
+
+ber Trinis Gesicht ging ein freudiges Lcheln. So hatte es die
+Buerin doch noch vernommen, da es das nicht getan hatte, das
+erfreute sein Herz. Es kam eilig herbei, der Frau die Hand zu reichen.
+"Was meinst du?" fuhr die Buerin fort, "wie gefiele es dir bei mir
+auf dem Hof, wolltest du brav mit mir arbeiten?"
+
+Das Trini schaute immer verwunderter einmal auf die Buerin und dann
+wieder auf die Gromutter. Diese konnte nicht mehr schweigen in ihrer
+Freude: "Trineli, denk nur, denk nur, wie es jetzt kommt", rief sie
+aus, "du kommst nicht ins Reutal, du sollst nicht von mir fort.
+Jeden Tag darfst du zu der guten Frau hinunter auf den Goldpfelhof
+und am Abend wieder heim. Ach, was ist das fr eine Erlsung aus der
+groen Sorge. Dank ihr, Trineli, dank ihr!"
+
+"So danke ich vielmals. Und ich will gern arbeiten bei Ihnen, was Sie
+nur wollen", sagte das Trini, das erst jetzt das Angebot der Buerin
+zu wrdigen wute.
+
+"So ist's recht", schlo die Buerin, "die Sache ist abgemacht. Das
+Beerenlesen hat jetzt ein Ende, und das Apfel- und Birnenlesen fngt
+an. Das ist gerade die rechte Zeit, um bei mir mit der Arbeit
+anzufangen. Am Montag schicken Sie mir das Kind, Kthe, und geben ihm
+Ihren Segen mit. Und nun auf Wiedersehen."
+
+Sobald die Tr sich hinter der Buerin schlo, fing die Gromutter an,
+laut zu loben und zu danken, da der liebe Gott alle ihre Sorge in
+solche Freude und Hilfe verwandelt hatte. Das Trini jauchzte laut auf:
+"Juchhe, nun mu ich nie von dir fort, Gromutter! Ich will schon
+tchtig arbeiten, dann behlt mich gewi die Buerin ihr Leben lang."
+
+Jetzt mute es aber die goldenen pfel noch aus der Nhe betrachten.
+Auf einmal sagte es: "Gromutter, darf ich nicht dem Maneli noch
+geschwind die Hlfte bringen? Ich habe jetzt immer mit ihm geteilt."
+
+"Ja, ja", nickte beifllig die Alte, das war ihr gerade recht, da
+auch der armen Nachbarin etwas von ihrem groen Glck zugute komme.
+"Lauf nur gleich, Trineli, und nimm auch mehr als die Hlfte. Es sind
+so viele, die sich an den pfeln freuen werden, geh schnell!"
+
+Trini strzte fort, und ein ungeheures Freudengeschrei brach bei der
+Kinderschar aus, als es die pfel auf den Tisch hinschttete. Sie
+rollten da und dorthin und der se Apfelduft durchstrmte die ganze
+Stube.
+
+Am Montag, als das Trini unter den Bumen des Goldpfelhofes schon
+eifrig bei seiner Arbeit war, trat der Vetter bei der alten Kthe ein.
+Jetzt hatte sie keinen Schrecken mehr. Sie sagte ihm, wo das Kind
+bei der Arbeit sei und da es dort bleiben werde. Aber so schnell
+lie sich der Vetter nicht von seinem Plan abbringen, denn er hatte
+fest vor, das Kind mitzunehmen. Er lief gleich zum Vormund und sagte
+ihm, da das Kind in der Fabrik viel mehr verdienen knne als bei der
+Buerin. Aber der Vormund lchelte nur schlau, denn die
+Goldpfelbuerin war auch bei ihm gewesen. Sie wute schon, was sie
+zu tun hatte, wenn sie das Kind behalten wollte. Er sagte, wenn das
+Kind fort sei, sorge niemand fr die alte Frau. Solange es aber bei
+der Buerin sei, wren sie beide versorgt und knnten ohne fremde
+Hilfe gut leben. Und so sei beschlossen worden, da das Kind bei der
+Buerin bleibe.
+
+Dem Trini geht es mit jedem Tag besser auf dem Goldpfelhof Jetzt
+kennt es schon alle Arbeit, und die Buerin mag das flinke, immer
+frohe Trini so gern, als wre es ihr eigenes Kind. Die Gromutter
+sorgt auch dafr, da das Kind nie verga, wer zu ihm redet, wenn es
+ertragen soll, was weh tut. Denn sie wei wohl, wie es zu dem guten
+Platz bei der Buerin gekommen ist.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Was die Gromutter gelehrt hat,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Was die Grossmutter gelehrt hat, by Johanna Spyri
+
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+Literary Archive Foundation
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+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+ways including including checks, online payments and credit card
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+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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